
        
                                Jakob Wassermann
                             Christian Wahnschaffe
                              Roman in zwei Bänden
                                   Erster Band:
                                      Eva
                          Crammon ohne Furcht und Tadel
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Crammon, ein Wanderer auf Wegen des Behagens und Vergnügens, war seit seinen
Jünglingsjahren beständig unterwegs, von einer Hauptstadt Europas zur andern,
von einem Landsitz seiner Freunde zum andern.
    Er stammte aus einem österreichischen Geschlecht, das in Mähren begütert
war. Mit seinem vollen Namen hiess er Bernhard Gervasius Crammon von Weissenfels.
    In Wien besass er ein schön eingerichtetes kleines Haus. Zwei ehelose alte
Damen betreuten es, Fräulein Aglaja und Fräulein Konstantine. Es waren entfernte
Verwandte von ihm, aber er hing an ihnen, wie an leiblichen Schwestern. Sie
ihrerseits liebten ihn mit nicht geringerer Zärtlichkeit.
    Eines Nachmittags im Mai sassen sie beide am offenen Fenster und blickten
sehnsüchtig die Strasse hinab. Er hatte seine Ankunft brieflich gemeldet, und es
war schon der vierte Tag, dass sie ihn vergeblich erwarteten. Sooft ein Wagen um
die Ecke bog, streckten sie gleichzeitig die Hälse über das Sims.
    Als es dämmerte, schlossen sie das Fenster und seufzten. Konstantine fasste
Aglaja unter den Arm, und so gingen sie durch die geschmückten Räume, die in
blinkende Bereitschaft gesetzt waren.
    Sie betrachteten sinnend die Gegenstände, die an ihn gemahnten und von denen
ihm jeder einzelne teuer war, weil ihn ein Erlebnis oder eine Erinnerung damit
verband.
    Da war der ziselierte Pokal aus dem fünfzehnten Jahrhundert, den ihm der
Marquis d'Autichamps geschenkt hatte; da die Achatschale, Vermächtnis der Gräfin
Ortenburg; da waren die farbigen Kupferstiche aus dem Nachlass der Herzogin von
Kingsborough; da die kostbare Schreibtischgarnitur, die er vom alten Baron
Regamei bekommen; da die Tanagrafigürchen, die ihm Felix Imhof aus Griechenland
mitgebracht, da sein Porträt, welches der englische Maler Lavery im Auftrag von
Sir Macnamara angefertigt hatte.
    Sie kannten diese Dinge genau und schätzten sie. Vor dem Bildnis blieben sie
stehen, wie sie gern zu tun pflegten.
    Es zeigte ein vollwangiges Gesicht von einigermassen strengem, ja finsterm
Ausdruck. Aber der Ausdruck musste täuschen, denn um die glattrasierten Lippen
zuckten verräterische Lichter von Weltlust, Spott und Schelmerei.
    Am Abend erhielten die beiden Damen ein Telegramm des Inhalts, dass Crammon
die geplante Heimreise um vier Wochen verschieben müsse. Sie zündeten kein Licht
mehr an und gingen traurig zu Bett.
 
                                       2
Es geschah, dass Crammon mit einigen Freunden in Baden-Baden soupierte. Da er aus
Schottland kam, wo er bei dem berühmten Forellenfischer Macpherson gewesen war
und eine lange Eisenbahnfahrt hinter sich hatte, legte er sich nach dem Essen
ermüdet auf ein Sofa und schlief ein.
    Die Freunde unterhielten sich eine Weile, bis Crammons lautes Schnarchen
ihre Aufmerksamkeit auf ihn lenkte; sie beschlossen, sich einen Scherz mit ihm
zu machen.
    Einer ging hin, rüttelte den Schläfer an der Schulter und fragte, als
Crammon die Augen aufschlug: »Sag mal, Bernhard, was ist eigentlich mit Lord
James Darlington los? Wo ist er? Warum hört man nichts von ihm?«
    Crammon, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, antwortete mit klarer Stimme
und feierlichem Ernst: »Lord James befindet sich auf seiner Jacht im Ligurischen
Meerbusen, zwischen Livorno und Nizza. Wieviel Uhr habt ihr? Drei Uhr nachts -
da nimmt er die nervenberuhigenden Pulver, die ihm der Doktor Magliano, sein
italienischer Arzt, zubereitet und verordnet hat.«
    Damit legte er sich auf die andre Seite und schlief weiter.
    »Er flunkert,« sagte einer aus der Gesellschaft, der Crammon nur
oberflächlich kannte. Die andern erklärten dem Zweifler, dass Crammon niemals
flunkere, und sie sprachen leise, um den Schlummernden nicht zu stören.
 
                                       3
Einmal war Crammon auf einem Gut in Ungarn als Gast und verabredete sich mit
mehreren jungen Leuten, die auf einem andern Gut weilten, zu einem Gelage in der
nahegelegenen Stadt. Der Morgen graute, als sie auseinandergingen; mit
benommenem Sinn schritt Crammon allein dahin und sehnte sich nach dem Bett, das
noch eine halbe Stunde Wegs von ihm entfernt war. Zufällig geriet er auf den
Viehmarkt, wo eine Menge Bauern versammelt waren, die ihre Ochsen, Kühe und
Kälber aus den Dörfern hereingetrieben hatten.
    Im Gewühle musste er stehenbleiben und hörte, wie ein Stier zum Verkauf
ausgeboten wurde. »Fünfzig Kronen zum ersten!« rief der Auktionar, und die
Bauern schwiegen und überlegten.
    Fünfzig Kronen für einen ganzen Stier? Nicht übel, dachte Crammon in seiner
Halbtrunkenheit und bot sogleich fünf Kronen mehr. Die Bauern machten ihm
respektvoll Platz, einer schlug noch um eine Krone auf, er überbot um zwei
Kronen, zum ersten, zum zweiten, zum dritten, niemand bot höher, der Stier wurde
Crammon zugesprochen.
    Ein stattliches Vieh, sagte er sich und war mit seinem Kauf zufrieden.
    Als es aber zum Zahlen kam, erfuhr er, dass die achtundfünfzig Kronen der
Preis für den Zentner waren, und da das Tier zwölfeinhalb Zentner wog, sollte er
siebenhundertfünfundzwanzig Kronen erlegen.
    Er weigerte sich und schimpfte; es entstand ein Geschrei, kein Einspruch
half, der Stier war sein Eigentum. Da er nicht Geld genug bei sich hatte, musste
er einen Knecht mieten, der ihn mit dem erhandelten Vieh auf das Gut begleitete.
    Er schritt verdrossen voran, dann folgte der Knecht, der wieder an einem
Strick das Vieh hinter sich her zog, das bösartig bockte.
    Der Gutsherr, sein Gastfreund, half ihm aus der Verlegenheit und kaufte ihm
den Stier ab, wurde aber vor Lachen über die Geschichte beinahe krank.
 
                                       4
Crammon liebte das Teater und alles, was mit dem Teater zusammenhing. Als die
grosse Wolter starb, schloss er sich acht Tage lang in seinem Hause ein und
trauerte wie über einen persönlichen Verlust.
    Während eines Aufentaltes in Berlin drang der junge Ruhm Edgar Lorms zu
ihm. Er sah ihn als Hamlet, und als er das Teater verliess, umarmte er auf der
Strasse einen wildfremden Mann und rief: »Ich bin glücklich.« Es entstand ein
kleiner Zusammenlauf von Menschen.
    Er hatte drei Tage in Berlin bleiben gewollt und blieb drei Monate. Seine
Beziehungen machten es ihm leicht, Edgar Lorm kennenzulernen. Er überhäufte ihn
mit Geschenken, kostbaren Dosen, schönen Büchern und seltenen Leckerbissen.
    Jeden Morgen, wenn sich Edgar Lorm vom Schlaf erhob, fand sich Crammon ein
und schaute still versunken zu, wie sich der Schauspieler wusch, rasierte und
seine Leibesübungen machte. Er bewunderte seinen schlanken Wuchs, seine edlen
Gebärden, seine sprechende Mimik und die Vollkommenheit seiner Stimme.
    Er schrieb Briefe für ihn, fertigte Agenten ab und hielt ihm lästige
Verehrer und Verehrerinnen vom Hals. Er stellte Zeitungskritiker zur Rede und
schleuderte im Teater giftige Blicke, wenn der Beifall nach seiner Meinung zu
lau war. »Das Pack hat zu rasen,« sagte er, und bei der Szene in Richard dem
Zweiten, wo der König von den Mauern der Burg herunter zu den Lords spricht,
besonders bei der Stelle: Herab, herab komm' ich wie Phaeton, geriet er in
solchen Entusiasmus, dass seine Freundin, die Prinzessin Uchnina, die mit ihm in
der Loge sass, ihren Fächer vor das Gesicht hielt, um sich den Augen des
Publikums zu entziehen.
    Für ihn war Lorm der königliche Richard, der schwermütige Hamlet, der
liebende Romeo und Fiesko der Rebell. Er glaubte dem Schauspieler, ganz und gar;
er nahm ihn wörtlich, ganz und gar. Er erfüllte ihn mit dem Geiste
Beaumarchais', mit der Beredsamkeit des Mark Anton, mit dem Sarkasmus Mephistos
und mit der Dämonie Franz Moors. Als er sich von ihm trennen musste, verbarg er
seinen Kummer nicht, und aus der Ferne schrieb er ihm von Zeit zu Zeit eine
überschwengliche Epistel.
    Der Schauspieler nahm diese Anbetung als einen Tribut entgegen, der sich von
den Durchschnittshuldigungen, von denen er satt zu werden begann, wesentlich
unterschied.
 
                                       5
Lola Hesekiel, die gefeierte Schönheit, hatte Crammon ihr Glück zu verdanken.
Crammon hatte sie erzogen, Crammon hatte ihr Platz und Anerkennung in der Welt
verschafft.
    Als sie noch ein unerhebliches kleines Mädchen war, machte Crammon mit ihr
eine Reise nach Sylt. Dort trafen sie Franz Lotar von Westemach, Crammons
Freund. Lola verliebte sich in den hübschen jungen Aristokraten, und eines
Abends, nach einer zärtlichen Stunde, gestand sie Crammon ihre Liebe zu dem
andern. Da erhob sich Crammon vom Lager, kleidete sich an, ging in das Zimmer
Franz Lotars und brachte den Schüchternen, schüchtern Lächelnden herüber.
»Meine Kinder,« sagte er gütig, »ich gebe euch zusammen, seid glücklich
miteinander, geniesst eure Jugend.« Mit diesen Worten liess er die beiden allein,
die lange Zeit nicht wussten, wie sie sich in die ungewöhnliche Lage schicken
sollten.
 
                                       6
Eine sonderbare Begebenheit war die mit der Gräfin Ortenburg und der
Achatschale.
    Die Gräfin Ortenburg, eine siebzigjährige Matrone, lebte zurückgezogen auf
ihrem Schloss bei Bregenz. Crammon, der eine grosse Zuneigung für alte Damen von
Würde und Welt hegte, besuchte sie fast jedes Jahr einmal, um sie zu erheitern
und mit ihr von der Vergangenheit zu plaudern.
    Die Gräfin war ihm für diese Anhänglichkeit dankbar und hatte beschlossen,
ihn zu belohnen. Eines Tages zeigte sie ihm eine goldmontierte Achatschale, ein
altes Erbstück der Familie, und sagte, die Schale sei ihm nach ihrem Tode
zugedacht, die testamentarische Verfügung sei bereits getroffen.
    Crammon wurde vor Freude rot und küsste der Gräfin zärtlich die Hand. Bei
jedem Besuch verlangte er die Schale zu sehen, weidete sich an dem Anblick und
genoss den Besitz im voraus.
    Die Gräfin starb; Crammon wurde alsbald, wie zu erwarten war, von dem
Vermächtnis benachrichtigt. Die Schale wurde ihm zugesendet, sie war höchst
behutsam in einer Kiste verpackt. Als er sie aber aus den Hüllen befreit hatte,
sah er zu seiner Bestürzung, dass er betrogen worden war. Was er in Händen hielt,
war eine Imitation, geschickt und genau angefertigt, jedoch aus falschem
Material; nur die Fassung war aus Gold nachgeahmt.
    Erbittert ging er mit sich zu Rate. Wen durfte er beschuldigen? Wodurch
konnte er beweisen, dass die echte Schale überhaupt vorhanden war?
    Die Erben der Gräfin waren drei Neffen gleichen Namens. Der älteste von
ihnen, Graf Leopold, war verrufen als ein geldgieriger Mensch, der sich und
andern nicht das Brot gönnte. War der es, der ihm den Streich gespielt, so war
die Schale längst vertan.
    Leicht bot sich ein Vorwand, den Grafen Leopold in Salzburg zu besuchen. Er
zeichnete sich durch Frömmigkeit aus und war Gnadenperson am bischöflichen Hof.
Crammon glaubte in seinen Augen einen Schimmer von Verlegenheit zu entdecken. Er
hielt Umschau wie ein Luchs; vergeblich.
    Nun aber kannte er alle bedeutenden Antiquare auf dem Kontinent und begab
sich auf die Suche. Zweieinhalb Monate lang reiste er von Stadt zu Stadt, ging
von Händler zu Händler, fragte, forschte, spähte. Die gefälschte Schale hatte er
stets bei sich und wies sie vor; den Händlern waren solche von einem Gegenstand
besessene Liebhaber vertraute Erscheinungen; sie antworteten bereitwillig und
schickten ihn dahin und dortin.
    Er verzweifelte schon, da wurde ihm in Aachen ein Brüsseler Händler genannt,
der die Schale erworben haben sollte. Es hatte seine Richtigkeit, in Brüssel
fand er die Schale. Crammon erfuhr den Namen des Verkäufers; es war ein Mann,
von dem er wusste, dass er in geschäftlicher Verbindung mit dem Grafen Leopold
stand. Der Händler forderte zwanzigtausend Franken für die Schale. Crammon
erlegte sofort tausend Franken und sagte, den Rest werde er in acht Tagen
bezahlen und die Schale dann mitnehmen. Zu feilschen unterliess er, und er
bemerkte wohl die Verwunderung des Händlers darüber; aber er dachte in seiner
Bosheit: der Dieb ist in der Schlinge, weshalb ihm die Schurkerei verbilligen?
    Zwei Tage später trat er in das Zimmer des Grafen, begleitet von einem
Hoteldiener, der das Kistchen mit der falschen Schale auf den Tisch stellte und
verschwand. Der Graf sass allein beim Frühstück; er erhob sich und runzelte die
Brauen.
    Crammon öffnete schweigend das Kistchen, nahm die falsche Schale heraus,
putzte sie eine Weile sorgfältig mit dem Taschentuch, behielt sie dann in der
Hand und machte ein bekümmertes Gesicht.
    »Was solls?« fragte der Graf erbleichend.
    Crammon erzählte, wie er zufällig bei einem Händler in Brüssel die Schale
aufgefunden habe, die seines Wissens jahrhundertelang im Besitz der gräflichen
Familie gewesen sei. Es habe nicht erst der wehmütigen Erinnerung an seine
verehrte hingegangene Freundin bedurft, um ihn zu bewegen, das kostbare Stück
wieder für den Ortenburgschen Tresor zu retten und in Sicherheit zu bringen. Er
erachte es für ein wahres Glück, dass er es sei, der von dieser pietätlosen
Verschacherung zuerst Kenntnis gewonnen; was für ein Skandal hätte gedroht, wenn
ein derartiges Verfahren von müssigen Mäulern aufgeschnappt worden wäre. Er habe
dem Antiquar zwanzigtausend Franken gezahlt, die Quittung vorzulegen sei er
bereit, hier sei die Schale, er erstatte sie dem Haus Ortenburg treulich zurück,
der Graf habe seinerseits nichts weiter zu tun, als eine Anweisung auf die Bank
zu schreiben.
    Nichts von dem Testament, keine Silbe von dem Vermächtnis, kein Sterbenswort
darüber, dass man ihm eine Schale, wennschon die falsche, gegeben hatte. Der Graf
verstand. Er sah die falsche Schale an, die auf dem Tisch lag, und erkannte sie
als die falsche. Er hatte nicht den Mut zu Einwänden. Er schluckte seinen Grimm
hinunter. Er setzte sich hin und füllte einen Scheck aus. Seine Kinnbacken
schlotterten in stiller Wut. Crammon strahlte. Die falsche Schale liess er, wo
sie war, fuhr am selbigen Tag nach Brüssel und holte sich die echte.
 
                                       7
Drei Dinge hasste Crammon aus Herzensgrund: Zeitungen, allgemeine Bildung und
Steuern. Namentlich, was die Steuerpflicht betraf, konnte er nicht einsehen, dass
auch seine Person ihr unterworfen sein sollte.
    Einst war er vorgeladen worden, um seine Einnahmen zu bekennen. Er sagte, er
befinde sich den grössten Teil des Jahres auf den Schlössern und Gütern seiner
Freunde als Gast.
    Der Beamte hielt ihm entgegen, dass er doch ein recht luxuriöses Leben führe
und daher irgendwelche festen Einkünfte haben müsse.
    »Gewiss,« log Crammon zynisch, »diese Einkünfte bestehen aus dürftigen
Spielgewinsten in mehreren internationalen Badeorten. Ein derartiger Erwerb
unterliegt meines Wissens keiner Besteuerung.«
    Der Beamte staunte und schüttelte den Kopf; dann verliess er das Zimmer, um
sich über den Fall mit seinem Vorgesetzten zu beraten. Crammon sah sich allein.
Wutbebend hielt er Umschau, nahm ein Bündel Akten aus einem Regal und schob sie
hinter den Ständer an die Mauer, wo sie aller Voraussicht nach im Laufe der
Jahre vermodern mussten und in ungesetzlicher Verborgenheit als Spender von
Steuerbefreiungen wirksam waren.
    Sooft er sich dieser Untat erinnerte, überliess er sich einem sanften und
erquickenden Gelächter.
 
                                       8
Die Prinzessin Uchnina hatte Crammon auf einem der Esterhazyschen Schlösser in
Ungarn kennengelernt. Schon zu jener Zeit hatte ihre ungebundene Lebensführung
Anstoss erregt, später hatte sich ihre Familie deswegen von ihr losgesagt.
    In einem Hotel in Kairo begegnete er ihr wieder. Da sie reich war, musste er
nicht fürchten, ausgebeutet zu werden. Er hatte für die blutsaugerischen Frauen
nicht viel übrig, und die Herrschaft über seine Sinne hatte er noch nie
verloren. Es gab keine Leidenschaft, die ihn verhindern konnte, um zehn Uhr im
Bett zu liegen und zehn Stunden zu schlafen wie ein Bär.
    Die Uchnina lachte gern, Crammon bot ihr Stoff dazu, er war zufrieden, wenn
sie sich amüsierte. Er wünschte nicht, dass man übermässig verliebt in ihn sei,
sondern er legte Wert auf eine anständige Behandlung und kameradschaftliche
Leichtigkeit. Ihn verlangte nicht nach Liebe mit den üblichen Zutaten von
Romantik und Unruhe, von Eifersucht und Sklaverei, sondern er wollte geniessen,
und zwar möglichst greif- und spürbar geniessen. Er machte sich weniger aus der
Flamme als aus dem Braten, der darauf zubereitet wurde; er fragte nicht viel
nach der Seele, sondern hielt sich allezeit an den Leib.
    Auf dem Schiff, das ihn und die Prinzessin nach Brindisi brachte, befand
sich eine strohblonde Dänin mit Augen wie Kornblumen. Er ging zu der Einsamen
und wusste sie zu bestricken. Sie fuhren zu dreien nach Neapel, dort hatte die
Dänin ihr Zimmer näher bei dem Crammons als die Prinzessin. Die Prinzessin aber
lachte.
    Sie kamen nach Florenz. Vor dem Baptisterium traf Crammon eine traurige
junge Person, und als er sie genauer anschaute, entdeckte er, dass es eine
Badebekanntschaft aus Ostende war, die Tochter eines Mainzer Fabrikanten. Sie
hatte vor kurzem geheiratet, aber ihr Mann hatte in Monte Carlo ihre Mitgift
verspielt und war nach Amerika entflohen. Crammon führte sie zu seinen
Gefährtinnen und gab sie, der Dänin wegen, die argwöhnisch war und alles für
sich allein haben wollte, für seine Cousine aus. Nicht lange, so entstand auch
Zank zwischen den beiden, und Crammon war vollauf beschäftigt, Frieden und
Versöhnlichkeit zu predigen.
    Die Prinzessin lachte.
    Crammon sagte: »Ich will doch sehen, wie viele man auf einmal beisammen
haben kann, ohne dass sie sich einander die Köpfe abbeissen.« Er wettete um
hundert Mark mit der Prinzessin, dass er es bis auf fünf bringen werde, sie
natürlich ausgenommen.
    Im Mailänder Bahnhof wurde er mit hellen Freudenbezeigungen von einem
reizenden Wesen begrüsst; es war eine Artistin, die vor Jahren einen seiner
Freunde ruiniert hatte. Sie war nach Petersburg engagiert und war im Begriff,
die Reise anzutreten. Sie gefiel Crammon so gut, dass er die Dänin und die
Mainzerin über ihr vernachlässigte. Obwohl er es an List nicht fehlen liess,
mehrten sich die Zeichen, die eine Palastrevolution verkündigten. Sie brach in
München aus. Harte Worte wurden gewechselt, Tränen wurden vergossen, Koffer
wurden gepackt, und sie stoben nach allen Himmelsrichtungen auseinander: die
Dänin nach Norden, die Mainzerin nach Westen, die Artistin nach Osten.
    Crammon war betrübt; er hatte seine Wette verloren. Die kleine Prinzessin
lachte. Sie blieb noch bei ihm, bis eine andre Lockung stärker war, dann
feierten sie vergnügten Abschied.
 
                                       9
Als junger Mann von dreiundzwanzig Jahren war Crammon einmal beim Grafen
Sinsheim zur Jagd eingeladen. Unter den Gästen befand sich ein Herr von
Febronius, der ihm durch seine Schweigsamkeit auffiel, und nicht minder dadurch,
dass er häufig Crammons Nähe suchte, während er sich von der übrigen Gesellschaft
absonderte.
    Eines Tages forderte ihn Herr von Febronius mit ungewöhnlicher Dringlichkeit
auf, er möge ihn besuchen.
    Herr von Febronius war Besitzer eines ausgedehnten Majorats an der
schlesisch-polnischen Grenze. Er war der Letzte seines Stammes und Namens, und
alle Welt wusste, dass er darüber unglücklich war. Vor neun Jahren hatte er ein
Mädchen aus einer Breslauer Bürgerfamilie geheiratet, und trotz des
Altersunterschiedes waren sie einander noch mit grosser Liebe zugetan; die Frau
war dreissig, der Mann um die Fünfzig. Aber die Ehe war kinderlos, und dass dieses
sich jemals ändern würde, war nicht zu hoffen.
    Crammon versprach zu kommen, und einige Wochen später, an einem Maiabend,
traf er auf dem Gut ein. Herr von Febronius war entzückt, ihn bei sich zu sehen,
die Frau aber, die hübsch und fein war, zeigte ein auffallend frostiges
Benehmen, und wenn sie Crammon ansehen musste, wechselte sie immer kaum merklich
die Farbe.
    Am andern Morgen führte ihn Herr von Febronius durch das ganze Gut, durch
den Park, die Felder und Wälder, die Ställe und Meiereien. Es war ein kleines
Königreich, und Crammon äusserte Bewunderung. Aber Herr von Febronius seufzte. Er
sagte, der Segen sei ihm vergällt, jedes Stück Vieh schaue ihn mit
vorwurfsvollen Augen an, all das Land und das Gedeihen darauf sei ihm nichts
wert, er habe den Tod über sein Geschlecht gebracht, die Fruchtbarkeit der Natur
beschäme ihn bloss, da er selbst, da sein Blut zur Unfruchtbarkeit verdammt sei.
    Hiermit schwieg er und ging stumm an Crammons Seite weiter, dem allerlei
verwegene und kitzlige Gedanken durch den Kopf flogen.
    Nach dem Mittagessen sassen sie mit Frau von Febronius auf der Terrasse, da
wurde der Gutsherr hinausgerufen, kehrte aber nach kurzer Zeit zurück, ein
Telegramm in der Hand, und sagte, er habe eine wichtige Nachricht erhalten, die
ihn zwinge, zu verreisen. Crammon erhob sich in einer Art, die ausdrückte, dass
dann seines Bleibens natürlich nicht länger wäre. Aber Herr von Febronius bat
ihn fast erschrocken, er möge doch seiner Frau Gesellschaft leisten, es handle
sich höchstens um zwei Tage, sie werde ihm sicherlich Dank dafür wissen.
    Bei diesen hervorgestammelten Worten erblasste er. Frau von Febronius hatte
ihr Gesicht über den Stickrahmen gebeugt, und Crammon sah, wie ihre Finger
zitterten. Da wusste er genug. Er reichte dem Mann die Hand und wusste auch, dass
sie sich im Leben nicht mehr begegnen würden und begegnen durften.
    Allein mit der Frau, fand er sie scheuer, als er erwartet hatte. Ihre
Gebärde war Widerstreben, ihr Blick Angst, wenn seine Sprache kühner wurde,
loderten Scham und Empörung in ihren Augen. Sie floh seine Nähe, suchte sie
wieder, am Abend wandelten sie im Park, da beschwor sie ihn, am andern Tag zu
reisen, und sie gingen in die Kutscherwohnung, um den Wagen zu bestellen. Wie
sie ihn so willig sah, veränderte sich ihr Wesen, Qual und Härte schmolzen. Nach
Mitternacht kam sie plötzlich in sein Zimmer, abwehrend und mit sich ringend,
trotzig und gedemütigt, in der ersten Hingabe noch bitter, in der Zärtlichkeit
fremd.
    Früh am Morgen stand der Wagen vor dem Haus, der ihn zur Bahnstation
brachte.
    Die wunderbare Nacht schwand aus seiner Erinnerung wie tausend andre, minder
wunderbare, zuvor; das seelenhafte Erlebnis mischte sich mit tausend andern
nachher, die nicht so schmerzlichen Duft hatten.
 
                                       10
Sechzehn Jahre später führte ihn der Zufall wieder in jene Gegend.
    Er erkundigte sich nach Herrn von Febronius und erfuhr, dass dieser schon
seit zehn Jahren tot sei. Sein Charakter habe sich in den letzten Jahren seines
Lebens durchaus verändert. Er sei zum Verschwender geworden, die greuliche
Misswirtschaft, die er auf dem Gute habe eintreten lassen, habe seine
Verhältnisse zerrüttet, Betrüger und falsche Freunde hätten ausschliessliche
Macht über ihn gewonnen, und die Frau, die mit ihrer einzigen Tochter noch auf
dem Gut lebe, könne sich nur mit Mühe dort halten; bedrängt von wucherischen
Gläubigem und einer anwachsenden Schuldenlast, habe sie keine frohe Stunde mehr,
der völlige Ruin sei nur noch eine Frage der Zeit.
    Crammon fuhr hinüber nach Klein-Deussen; so hiess das Gut. Er liess sich unter
einem falschen Namen melden, Frau von Febronius kam. Sie war noch immer
reizvoll; die Haare waren noch braun, die Züge eigentümlich unalt, doch war
etwas Erschrecktes und Misstrauisches an ihr.
    Sie fragte, woher sie die Ehre habe, von ihm gekannt zu sein. Crammon
betrachtete sie eine Weile, auch sie blickte ihn aufmerksam an; auf einmal stiess
sie einen Schrei aus und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Nachdem sie ihre
Bewegung niedergerungen hatte, reichte sie ihm die Hand, dann ging sie aus dem
Zimmer und kehrte nach einigen Minuten mit einem jungen Mädchen von grosser Anmut
zurück.
    »Das ist sie,« sagte Frau von Febronius.
    Das Mädchen lächelte. Ihre Lippen wölbten sich dabei, als schmolle sie, und
ihre Zähne zeigten die glitzernde Feuchtigkeit von Muscheln, an denen noch
Meerwasser haftet.
    Sie sprach von dem schönen Tag und dass sie in der Sonne gelegen. Die
gebrochene Altstimme überraschte bei einem so jugendlichen Geschöpf. In ihren
weitgeschnittenen braunen Augen strahlte unbändige Lust.
    Crammon sagte geschmeichelt zu sich selbst: Wenn unser Herrgott ein
Frauenzimmer aus mir gemacht hätte, wäre ich vielleicht so geworden. Er fragte
nach ihrem Namen. Sie hiess Lätizia.
    Frau von Febronius hing mit jedem Blick an ihr.
    Lätizia brachte einen Fruchtkorb voll gelber Birnen und sah darauf nieder,
begehrlich und der Begehrlichkeit spottend bewusst.
    Sie schnitt eine Birne auf; es war ein Wurm drinnen, da ekelte ihr, und sie
beklagte sich bitter.
    Crammon fragte sie, was sie am meisten liebe; sie antwortete: »Schmuck.«
    Die Mutter warf ihr vor, dass sie einen kostbaren Ring erst unlängst verloren
habe. »Sie achtet nicht, was sie hat,« sagte Frau von Febronius.
    »Gebt mir nur etwas zu lieben,« erwiderte Lätizia und streichelte eine weisse
Katze, die schnurrend auf ihren Schoss sprang, »dann werd ichs schon festalten.«
    Beim Abschied versprach Crammon zu schreiben, und Lätizia versprach, ihm ihr
Bild zu schicken.
    Ein paar Wochen später teilte ihm Frau von Febronius mit, dass sie Lätizia
nach Weimar zu ihrer Schwester, der Gräfin Brainitz, gebracht habe.
 
                                       11
Als Crammon vierzig Jahre alt wurde, erhielt er von sieben Freunden, die ihre
Namen daruntergesetzt hatten, ein mit kunstvollen Lettern in der Art und Weise
eines Diploms verfertigtes Schriftstück, das folgenden Wortlaut hatte:
    Crammon! Du Freund der Freunde, Verehrer der Frauen, Verächter des Weibes,
Feind der Ehe, Muster der Weltleute, Verteidiger des Herkommens, Hort des Adels,
Gast aller Edlen, Finder des Echten, Schmecker des Guten, Volksfreund und
Menschenhasser, Langschläfer und Rebell, Bernhard Gervasius, heil dir!
    Leuchtend in stolzer Genugtuung hing Crammon das schöngerahmte Pergament an
der Wand neben seinem Bett auf. Sodann machte er in Begleitung seiner beiden
Hausdamen eine Promenade in den Prater.
    Fräulein Aglaja ging rechts von ihm, Fräulein Konstantine links, beide waren
sonntäglich, wenn auch nach einer veralteten Mode, gekleidet, und ihre Gesichter
waren die glücklichsten, die man sehen konnte.
 
                                 Christiansruh
                                       1
Die Vierzig seien eine kritische Zeit für einen Mann, fand Crammon; da halte er
inneres Gericht; er ziehe die Summe seines Daseins und finde Rechenfehler über
Rechenfehler.
    Die moralischen Beschwerden beeinflussten seine Haltung und Führung nur
wenig. Der Lebensappetit wuchs, und das Alleinsein war ihm noch lästiger als
früher. Es kam, wenn er allein war, etwas über ihn, was er die Melancholie des
halbierten Zustands nannte.
    In Paris wurde er von diesem Schicksal betroffen. Er hatte sich mit Felix
Imhof und Franz Lotar von Westernach verabredet. Beide liessen ihn im Stich.
Imhof war durch eins seiner Börsen- und Gründergeschäfte in Frankfurt
zurückgehalten worden und hatte telegraphiert, er wolle später kommen. Franz
Lotar war mit seinem Bruder Konrad und dem Grafen Prosper Madruzzi in der
Schweiz geblieben.
    Aus Verdruss brachte Crammon fast den grössten Teil des Tages im Bett zu.
Entweder las er unwürdige Schmöker, oder er maulte laut vor sich hin. Aus
Verdruss liess er sich vierzehn Paar Stiefel machen bei den drei oder vier
Meistern der Zunft, die nur für Auserwählte arbeiten und ohne bedeutende
Empfehlung sich zu keinem neuen Kunden entschliessen.
    Er hätte den September bei der Familie Wahnschaffe auf deren Gut im Odenwald
verbringen sollen. Den jungen Wolfgang Wahnschaffe hatte er im letzten Sommer
während des Tennisturniers in Homburg kennengelernt und seine Einladung
angenommen. Aus Verdruss über die beiden Treulosen sagte er ab.
    Eines Abends traf er auf dem Montmartre den Maler Weikhardt, den er aus
München kannte. Sie gingen eine Weile miteinander, und Weikhardt ermunterte
Crammon, ihn in ein nahegelegenes Saalteater zu begleiten, es trete dort, seit
einer Woche etwa, eine blutjunge Tänzerin auf; mehrere seiner französischen
Kollegen hätten ihm dringend geraten, hinzugehen.
    Crammon war einverstanden.
    Weikhardt führte ihn durch ein Gewirr verdächtiger Gässchen zu einem Haus,
das nicht minder verdächtig aussah. Es war das Teater Sapajou. Ein phantastisch
gekleideter Knabe öffnete ihnen die Tür eines mässig grossen, halbverdunkelten
Raums mit purpurroten Wänden und einer Holzgalerie. Ungefähr fünfzig Menschen,
meist Maler und Literaten mit ihren Frauen, sassen einer winzigen Bühne
gegenüber. Die Vorstellung hatte schon begonnen.
    Zwei Geigen und eine Klarinette machten Musik.
    Und Crammon sah Eva Sorel tanzen.
 
                                       2
Nun grollte er Franz Lotar und Felix Imhof nicht mehr; er war froh, dass sie
nicht da waren.
    Er fürchtete sich, einem seiner vielen Pariser Bekannten zu begegnen, und
schlich mit gesenkten Augen durch die Strassen. Es war ihm widerwärtig, zu
denken, dass er mit ihnen von Eva Sorel hätte reden müssen und dass sie dann eine
gleichgültige oder neugierige Miene zeigen würden, ohne zu fühlen, was er
fühlte.
    Den Maler Weikhardt mied er, denn sein Anblick riss ihn aus der Illusion, dass
er, Crammon, Eva Sorel entdeckt habe und dass sie vorläufig nur in seinem
Bewusstsein als das Wunder lebte, das er in ihr sah.
    Er ging umher wie ein verkannter Reicher und bekümmert wie ein Geizhals, der
seinen Schatz von Dieben belauert weiss. Alle, die ein geschwätziges Entzücken
aus dem Teater Sapajou in die Welt hinaustrugen, waren Diebe in seinen Augen,
denn sie drohten die Schar der Dummen und Banalen hinter sich her zu ziehen, die
das Grosse in den Staub schleifen, indem sie es zur Mode machen.
    Es war sein Traum, die Tänzerin auf eine verlassene Insel im Ozean zu
entführen. Er hätte sich dann begnügt, sie anzubeten, ohne ihr mit einem Wunsch
zu nahen.
    So wie er für Lorm, den Schauspieler, Beifall verlangt hatte, hasste er den
Beifall, den die Tänzerin gewann. Nicht weil sie ein Weib war, nicht aus
Männereifersucht. Er betrachtete sie gar nicht wie ein Weib. Sie war ihm als
Wesen die Erfüllung dunkler Ahnungen und Gesichte; sie war das Leichte im
Gegensatz zum Schweren, das in ihm und allen andern lastete; das Schwebende im
Gegensatz zum Kriechenden, das Geheimnis im Gegensatz zum Wissen, die Figur im
Gegensatz zum Wirrsal.
    Er sagte: »Dieses berühmte zwanzigste Jahrhundert, so jung es ist, geht mir
auf die Nerven, die Menschheit wälzt sich wie ein hässlicher, plumper Wurm über
die Erde. Sie will von ihrer Wurmhaftigkeit befreit werden, und in ihrer
Sehnsucht nach Entpuppung entsteht in ihr die Lust zu hüpfen. Es ist der Gipfel
barbarischer Komik.«
    Das Leben, das er führte, war ihm als herausfordernde Störung seiner
schweisstriefenden Mitmenschen wohl bewusst. Er schwärmte von Zeiten, in denen die
herrschende Klasse wirklich geherrscht, wo ein geistlicher Fürst unter den
Angestellten seines Hofstaats einen Kapaunenstopfer gehabt und irgendein
unbedeutender Reichsgraf eine Armee besoldet hatte, die aus einem General, sechs
Obersten, vier Trommlern und zwei Gemeinen bestand.
    Dass ihn die Tänzerin aus der Zeit riss, ganz anders noch als der Komödiant,
das war es, was er ihr dankte.
    Er schuf sich ein Idol, denn es kamen die Jahre, wo er dessen bedurfte, ein
satter Gieriger, lüstern nach Vogelflug.
 
                                       3
Eva Sorel hatte eine Gesellschafterin und Behüterin, Susanne Rappard; einen
hässlichen Irrwisch, schwarz gekleidet und zerstreut. Sie war aus der unbekannten
Vergangenheit Evas mit aufgetaucht, und sie rieb sich noch die Finsternis aus
den Augen, als sich für die achtzehnjährige Eva die Lichtbahn öffnete. Sie
spielte vortrefflich Klavier und war dadurch die Helferin Evas bei deren
Übungen.
    Crammon hatte ihr einige Artigkeiten erwiesen, und der Ton, mit dem er über
ihre Herrin sprach, gewann ihm ihre Sympatie. Sie bewog Eva, ihn zu empfangen.
»Bringen Sie ihr Blumen,« raunte sie ihm zu, »das mag sie gern.«
    Eva und Susanne Rappard bewohnten zwei Zimmer in einem kleinen Hotel.
Crammon brachte Rosen in solcher Menge, dass die muffigen Korridore stundenlang
voll Duft waren.
    Eintretend gewahrte er Eva vor dem Spiegel, auf einem Armstuhl. Susanne
kämmte ihr die Haare, die die Farbe des Honigs hatten.
    Auf dem Teppich kniete ein junger Mensch, siebzehn Jahre alt, sehr blass, mit
Tränenspuren im Gesicht. Er hatte ihr erklärt, dass er sie liebe. Er mochte nicht
aufstehen, auch als der Fremde kam; seine unglückliche Leidenschaft machte ihn
blind.
    Crammon blieb an der Tür stehen.
    »Susanne, du tust mir weh,« sagte Eva. Susanne warf den Kamm erschrocken auf
den Boden.
    Eva streckte Crammon die Hand entgegen. Er ging hin und beugte sich nieder,
um die Hand zu küssen.
    »Der Arme,« sagte sie lächelnd und deutete auf den Knaben, »er quält sich
so, er ist so töricht.«
    Der Knabe presste die Stirn an die Lehne ihres Sessels. »Ich werde mich
töten,« flüsterte er. Da schlug Eva die Hände zusammen und näherte ihr Gesicht,
das spöttische Betrübnis zeigte, dem des Knaben.
    Welche Bewegung! musste Crammon denken; wie durchgebildet, wie zart, wie neu!
Und wie sich das Augenlid hob und der Stern des Auges energischesten Glanz
aufwies und in der Neigung des Kopfes das Kinn ein wenig sank und ein
unerwartetes Lächeln in den Mienen war, halb darbend, halb süss, halb
verschlagen, halb kindlich.
    »Wo ist mein Goldreif, Susanne?« fragte Eva und stand auf.
    Susanne antwortete, sie habe ihn auf den Tisch gelegt. Sie suchte dort
umsonst, sie flatterte hin und her, ein schwarzer Riesenfalter, machte Laden auf
und wieder zu, schüttelte den Kopf und drückte besinnend die Hand an die Stirn,
endlich fand sich der Reif unter dem geschlossenen Klavierdeckel, neben einigen
Hundertfrankscheinen.
    »So ist es immer,« seufzte Eva und steckte den Reif ins Haar, »wir finden
alles, aber wir müssen lange suchen.«
    »Was für eine Art Französisch sprechen Sie eigentlich?« fragte Crammon, der
vollkommen Pariserisch sprach.
    »Ich weiss nicht,« erwiderte sie; »vielleicht ein spanisches, ich bin lange
in Spanien gewesen, vielleicht ein deutsches. Ich bin in Deutschland geboren und
habe bis zu meinem zwölften Jahr dort gelebt.« Ihr Blick verdunkelte sich ein
wenig.
 
                                       4
Der verliebte Knabe war fortgegangen, Eva schien ihn vergessen zu haben, kein
Schatten war in ihrem braunblassen Gesicht. Sie setzte sich wieder, und nach
einigen Worten und Fragen erzählte sie Crammon ein Erlebnis, das sie gehabt.
    Der Grund, weshalb sie es erzählte, lag in Verbindung von Gedanken, die sie
nicht äusserte. Ihre Blicke ruhten still im Unbegrenzten, für ihre Augen gab es
eigentlich keine Wände, und niemand konnte behaupten, dass sie ihn ansah, sie
schaute bloss.
    Susanne Rappard sass im Ofenwinkel, das Kinn auf die Arme gestützt, während
die Finger über die zerfurchten Wangen hinauf sich in die leicht ergrauten Haare
gewühlt hatten.
    In Arles in der Provence war häufig ein junger Mönch zu Eva Sorel gekommen,
Bruder Leotade. Er war nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, kräftig, von
südländischem Gepräge, ziemlich schweigsam.
    Er liebte das Land, er kannte die alten Burgen. Einmal sprach er von einem
Turm, der, eine Meile von der Stadt entfernt, auf einem Felsenhügel stand; er
rühmte den Ausblick, den man von der Höhe des Turmes genoss, mit Worten, die Eva
begierig machten. Bruder Leotade wollte sie führen; sie verabredeten den Tag und
die Stunde.
    Der Turm hatte eine verschlossene eiserne Tür, der Schlüssel war bei einem
Weinbauern verwahrt. Es war spät am Nachmittag, als sie sich auf den Weg
begaben, aber es war noch heiss auf der baumlosen Strasse. Vor Einbruch der Nacht
wollten sie zurück sein, deshalb wanderten sie rasch, doch als sie zum Turm
kamen, war die Sonne bereits hinter die Hügel gesunken.
    Bruder Leotade öffnete die eiserne Tür, und man sah eine enggewundene
Steintreppe. Sie waren schon mehrere Stufen hinaufgestiegen, da kehrte der Mönch
plötzlich um, sperrte die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche seiner
Kutte. Eva fragte ihn, weshalb er dies täte; er entgegnete, es geschehe der
Sicherheit halber.
    Es war dunkel in dem Turmgewölbe, und Eva sah die Augen des Mönches
verderblich blitzen. Sie liess ihn vorangehen, aber auf einem Treppenabsatz
wandte er sich und griff nach ihr. Er war stumm; sie spürte seine Finger. Sie
entglitt ihm, ebenfalls stumm, und lief wieder voraus, so schnell sie konnte.
Sie hörte keine Schritte hinter sich im Dunkeln; die Treppe schien unendlich.
Sie lief empor, der Atem verging, sie lechzte nach dem Licht. Da leuchtete die
grüne Himmelsglocke in den Schacht, der Kreis, je mehr sie stieg, erweiterte
sich bis zum Scharlach des Westens, und als sie auf der letzten Stufe angelangt
war, als sie auf die Plattform trat, aus dem Moder in die Balsamkühle, in die
hundertfache Farbenpracht von Luft und Erde, schien die Gefahr überstanden.
    Sie wartete und bewachte das schwarze Treppenloch. Der Mönch kam nicht
herauf. Seine tückische Verborgenheit spannte ihre Nerven qualvoll. Die kurze
Dämmerung schwand; es wurde Abend, es wurde Nacht; kein Schritt, kein Laut. Spät
erst fiel ihr ein, dass sie rufen konnte; sie rief ins Land hinab, aber sie sah,
dass die Gegend öde war und ohne menschliche Wohnungen. Und als ihr schwacher
Schrei verklungen war, zeigte sich die Gestalt des Bruders Leotade über der
Treppe.
    Der Ausdruck seines Gesichts flösste ihr noch grösseres Entsetzen ein als
vorher. Er murmelte etwas und streckte die Arme nach ihr aus. Sie prallte
zurück, mit den Händen hinter sich tastend. Er folgte ihr, sie schwang sich auf
die Brüstung, kauerte sich in die Zinne, hielt sich am äussersten Rand der Mauer,
Haupt und Schulter über dem Abgrund schon. Der Wind erfasste den Schleier, den
sie um den Kopf trug und liess ihn wehen wie eine Fahne. Der Mönch blieb stehen,
ihr Auge bannte ihn. Sein Blick war ununterbrochen auf sie geheftet, doch wagte
er sich nicht zu rühren, denn ihre Miene verkündete ihren Entschluss: bei der
ersten Bewegung, die er gegen sie machte, gab es für sie nur noch den Sturz in
die Tiefe.
    Trotzdem loderte in seinen Augen das wütendste Verlangen.
    Stunde auf Stunde verfloss. Der Mönch stand da wie aus Erz, und sie kauerte
auf der Zinne mit wehendem Schleier und sonst regungslos und hielt ihn fest im
Auge gleich einem Wolf. Der Himmel bedeckte sich mit Sternen; von Zeit zu Zeit
sandte sie einen sekundenschnellen Blick hinauf ins Firmament. So nah war sie
dem ewigen Feuer nie gewesen; sie hörte die Millionen Welten melodisch in ihrer
Bahn schwingen; mit gelähmten Gliedern flog sie; die Hände, die um den Stein
geklammert waren, trugen die diamantene Decke des Kosmos, und da unten war die
Kreatur, erfüllt von ihrer Leidenschaft, die blinde Kreatur, einem Gott
verdungen, den sie belog.
    Allmählich erhellte sich der Rand des Himmels, und Vögel flatterten auf. Da
warf sich Bruder Leotade zur Erde und fing an laut zu beten. Und je lichter der
Osten wurde, je lauter betete er. Auf dem Bauche kroch er zur Treppe hin, dann
richtete er sich auf und verschwand.
    Sie sah ihn unten aus der Pforte treten, und mit dem ersten Schein der Sonne
verlor er sich zwischen den Weinbergen. Eva lag noch lange matt und betäubt
unten im Gras, bevor sie fähig war, zur Stadt zu gehen.
    »Es hätte sein können,« so schloss sie ihre Erzählung, »dass mir einer vom
Sirius her zugeschaut hat, einer, der bald kommt und vielleicht mein Freund sein
wird.« Sie lächelte.
    »Vom Sirius?« liess sich Susannes Stimme vernehmen; »und woher wird er Perlen
haben und Diademe? Und welche Kronen wird er dir anbieten, welche Provinzen? Wir
wollen uns nicht mit Habenichtsen einlassen, nicht einmal, wenn sie vom Himmel
kommen.«
    »Still, du Sancho Pansa,« wehrte Eva ab; »er muss wunderbar lachen können,
das ist alles, was ich verlange. Er muss lachen können wie jener junge
Eseltreiber in Cordova, erinnerst du dich? Er muss so lachen können, dass ich
meinen Ehrgeiz vergesse.«
    Da ist eine Tugend, die nicht um Pfennige betteln geht, dachte Crammon und
beschloss, auf der Hut zu sein und sich beizeiten in Sicherheit zu bringen. Denn
in seiner Brust verspürte er ein neues, unbekanntes, trauriges Brennen, und er
wusste, dass er keineswegs imstande war, zu lachen wie die jungen Eseltreiber in
Cordova; keineswegs so, dass eine Ehrgeizige ihren Ehrgeiz vergass.
 
                                       5
Felix Imhof kam und mit ihm Wolfgang Wahnschaffe, ein hochaufgeschossener junger
Mann von zweiundzwanzig Jahren. Er trat mit der Eleganz auf, die ihm seine fast
unbeschränkten Mittel erlaubten. Sein Vater war einer der grossen
Maschinenindustriellen Deutschlands.
    Crammons Absage hatte ihn verdrossen, und er wollte sich seiner versichern.
Es war die Art der Wahnschaffes, dass sie gerade das am stärksten begehrten, was
sich ihnen entzog.
    Sie gingen ins Teater Sapajou, und Felix Imhof fand die Tänzerin
unvergleichlich. Sofort spritzten Pläne aus seinem Hirn wie Funken aus glühendem
Eisen, das man hämmert. Er wollte eine Akademie der Tanzkunst gründen, einen
Impresario zu einer Reise durch Europa dingen, eine Pantomime verfassen, alles
womöglich zwischen morgen und übermorgen.
    Sie sassen zusammen und tranken viel; zuerst Wein, dann Sekt, dann Ale, dann
Whisky, dann Kaffee, dann wieder Wein. Auf Imhof übte das Zechen nicht die
mindeste Wirkung; er war schon im nüchternen Zustand so wie andre Menschen, wenn
sie berauscht sind.
    Er schwärmte von Gauguin, von Schiller, von Balzac und entwickelte das
Projekt einer Menschenzuchtschule; die erlesensten Exemplare von Männern und
Weibern sollten verheiratet werden und ein arkadisches Geschlecht erzeugen.
    Dazwischen zitierte er Verse von Keats und Stellen aus Rabelais, mischte
Schnäpse auf zehnerlei Arten und erzählte ein Dutzend saftige Anekdoten aus
seiner Lebemannserfahrung. Sein Mund mit den sinnlichen Lippen barst von
Superlativen, seine hervorquellenden Negeraugen sprühten Geist und Laune, und
der hagere, sehnige Körper litt, wenn er für einige Minuten zur Unbeweglichkeit
verurteilt war.
    Den beiden andern fielen vor Müdigkeit die Augen zu, er aber wurde immer
munterer, immer lärmender, fuchtelte mit den Händen, schlug auf den Tisch,
schlürfte begeistert die verräucherte Luft ein und lachte mit dem Bass eines
Riesen.
    So ging es fünf Nächte hintereinander, da wurde es Crammon zu viel, und er
beschloss abzureisen. Wolfgang Wahnschaffe hatte ihn aufgefordert, ihn zur Jagd
nach Waldleiningen zu begleiten.
    Es war vormittags um elf Uhr, als Felix Imhof zu Crammon kam. In der Mitte
des Zimmers stand der grosse Reisekoffer mit offenem Deckel. Wäsche, Kleider,
Bücher, Schuhe, Krawatten waren auf dem Boden verstreut wie aus einer
Feuersbrunst gerettete Habseligkeiten. Vor den Fenstern wogten gelbflammend die
Baumwipfel des Parks Monceau.
    Crammon sass nackt, nur mit ein Paar langen Strümpfen an den Beinen, in einem
Lehnstuhl. Er hatte nackt gefrühstückt und schaute düster vor sich hin. Der
viereckige, gotische Kopf und der breitgebaute, muskulöse Rumpf waren wie aus
Bronze.
    Felix Imhof hatte den Tag zuvor die Bekanntschaft Cardillacs gemacht, des
Pariser Börsenkönigs, und war jetzt wieder auf dem Weg zu ihm. Er wollte sich an
einer der Unternehmungen Cardillacs mit zwei Millionen beteiligen und fragte
Crammon im Vorübergehen, ob er nicht auch Lust habe, eine Summe zu wagen; eine
Kleinigkeit genüge, fünfzigtausend Franken; unter den Händen des Zauberers
verdoppelten sie sich in drei Tagen, dann habe man den Genuss von Einsatz und
Erwartung gehabt.
    Er sagte: »Dieser Cardillac ist ein Phänomen. Der Mann hat als Laufbursche
in einem Bahnhofshotel begonnen, jetzt ist er Hauptaktionär von siebenunddreissig
Aktiengesellschaften, Gründer der spanisch-französischen Bank, Besitzer der
Zinkminen von La Nere, Gebieter eines ganzen Stocks von Zeitungen und Herr eines
Vermögens von Hunderten von Millionen.«
    Crammon erhob sich, zog aus dem Kleiderhaufen auf dem Boden einen
violettfarbenen Schlafrock und hüllte sich fröstelnd darein. Nun sah er aus wie
ein Kardinal.
    »Ist dir vielleicht zufällig bekannt,« fragte er schläfrig sinnend, »oder
hast du einmal gesehen, wie die jungen Eseltreiber in Cordova lachen?«
    Imhofs Gesicht wurde vor Erstaunen dumm. Er wusste nichts zu antworten.
    Crammon nahm einen faustgrossen Pfirsich von einem Teller und biss hinein. Der
Saft träufelte ihm aus den Mundwinkeln.
    »Es wird nichts andres übrigbleiben, ich werde selbst nach Cordova gehen
müssen,« sagte er und seufzte bekümmert.
 
                                       6
Wolfgang Wahnschaffe erzählte unterwegs von seinen Angehörigen; von Judit,
seiner Schwester, von seinem älteren Bruder Christian; von seiner Mutter, die
die schönsten Perlen in Europa besass; »in ihrem Schmuck sieht sie aus wie eine
indische Göttin,« sagte er; von seinem Vater, den er einen liebenswürdigen Mann
mit Hintergründen nannte.
    Crammon hätte gern Einleuchtenderes erfahren über das Leben und die
Vorgeschichte einer dieser reichgewordenen Bürgerfamilien, die der alten
Aristokratie den Rang abliefen. Es interessierte ihn als ein Stück Neuland, eine
Welt, die noch in Knospen stand und die zu fürchten war.
    Sein schlaues Fragen brachte ihn nicht weiter, aber etwas andres kam zutage.
Da war ein Bruder, dem der Bruder im Wege war; versteckte Bitterkeit über
unbegreifliche Bevorzugung; Zweifel, Kritik und Spott; ein Wort der Mutter, das
sie zu einem Fremden gesprochen: »Sie kennen meinen Sohn Christian nicht, das
Schönste, was unser Herrgott je erschaffen hat?«
    Billig, fand Wolfgang, billig, ein Pferd im Stall zu rühmen, das man nicht
zum Derby schickt, weil man es für zu edel und kostbar dazu hält. Warum denn
billig? fragte Crammon, belustigt von dem feudalen Gleichnis, warum Stall, warum
Derby, was er damit sagen wolle?
    Nun, damit sei ein Bursche gemeint, der noch nichts bewiesen, nichts
geleistet habe mit seinen dreiundzwanzig Jahren; dürftig durchs Examen
geschlüpft sei; kein Lumen, in keiner Beziehung. Ausgezeichnet gewachsen, das
müsse ihm der Neid lassen; elegant im Auftreten, ein Gesicht wie Milch und Blut,
wie man so sage; von bestrickendem Wesen, ohne allen Zweifel, so bestrickend,
dass kein Mann und kein Weib ihm widerstehen könne; aber kalt wie eine
Hundeschnauze und glatt wie ein Fisch; und masslos verwöhnt, masslos hochmütig,
als ob die ganze Welt eigens für ihn gemacht sei.
    »Sie werden ihm schon auch hereinfallen,« schloss Wolfgang; »alle fallen
herein.« Das klang beinahe nach Hass.
    Es war ein regnerischer Oktoberabend, als sie in Waldleiningen eintrafen.
Das Haus war voller Gäste.
 
                                       7
Schneller als er selbst gedacht haben mochte, erfüllte sich Wolfgangs
Vorhersage: schon am dritten Tage waren Crammon und Christian Wahnschaffe ein
Herz und eine Seele; die Gespräche, die sie führten, hatten einen Ton der
Vertraulichkeit, als kennten sie sich seit Jahren. Der Altersunterschied von
beinahe zwei Dezennien schien einfach nicht vorhanden.
    Crammon erinnerte Wolfgang lachend an seine Prophezeiung und fügte hinzu:
»Ich wünsche, dass mir nie Übleres verkündet und das Angenehme stets so prompt
verwirklicht wird.« Bei diesen Worten spuckte er zuerst nach rechts, dann nach
links; er war abergläubisch wie ein altes Weib.
    Wolfgang machte ein Gesicht, als wolle er sagen: ich war darauf gefasst;
konnte es anders kommen?
    Crammon hatte in Christian ein verzärteltes Muttersöhnchen zu sehen
erwartet; statt dessen sah er einen durch und durch gesunden, blonden jungen
Atleten, der ihn um andertalb Kopflängen überragte, sich seiner Kraft und
Schönheit ohne eine Spur von Eitelkeit bewusst war und von froher Laune strahlte.
Es erwies sich als wahr: alle machten ihm den Hof, von seiner Mutter an bis zum
letzten Stallburschen, aber er nahm es hin wie schönes Wetter, unbefangen, ganz
leicht, verbindlich, ohne sich zu binden.
    Crammon liebte Jünglinge, wenn sie so elastisch waren wie Panterkatzen und
ihre Heiterkeit die Stimmung der übrigen Menschen verwandelte wie ein köstliches
Aroma die Luft einer Krankenstube. Sie erschienen ihm als hochbegnadete Wesen,
denen man alles aus dem Weg zu räumen hat, was ihre segensreiche Mission hemmen
könnte, und denen er nicht zu imponieren, sondern von denen er zu lernen bemüht
war.
    Nur in England und bei Engländern hatte er diese Achtung vor der Jugend, vor
dem werdenden Mann gefunden, die ihm längst Grundsatz und Lebensregel war. Er
sagte sich, dass das Klima eines gepflegten Verständnisses für ein solches
Menschenwesen das geeignetste wäre, und schmiedete insgeheim seine Pläne. Er
dachte an eine Kavalierstour im Stil des achtzehnten Jahrhunderts, bei der er
die Rolle des Mentors zu übernehmen hätte.
    Indessen unterhielt er sich mit Christian über die Jagd, das
Forellenfischen, über die verschiedenen Arten der Zubereitung von Wildbret, über
die Vorzüge der einen Jahreszeit vor der andern, über die zahlreichen Reize des
weiblichen Geschlechts und über lächerliche Eigenschaften gemeinsamer Bekannten;
immer mit tiefsinniger Miene und erschöpfender Gründlichkeit.
    Sooft er Christian betrachtete, musste er denken: was für Augen, was für
Zähne, was für Kiefer, was für Beine! Da hat die Natur ihr edelstes Material
hergegeben, ebenso auf Dauer wie auf Wohlgefälligkeit berechnet; ein Meister hat
die einzelnen Partien zusammengesetzt; wäre man ein schlechter Kerl, man könnte
platzen vor Neid.
    Bei einem Auftritt, der ihn entzückte, trieb es ihn, sein Entzücken den
andern Zuschauern mitzuteilen. Der Vorfall trug sich im Hof zu, wo sich früh am
Morgen die Jagdgesellschaft versammelt hatte. Die Hunde sollten gekoppelt
werden, Christian stand allein in der Mitte von dreiundzwanzig Rüden, die mit
ohrenbetäubendem Gebell und Gekläff um ihn herum und an ihm emporsprangen; er
schwang die kurzstielige Peitsche und liess sie über ihre Köpfe sausen; die Tiere
wurden immer wilder, der zudringlichsten musste er sich mit den Ellbogen
erwehren, der Förster wollte ihm zu Hilfe kommen und schrie in die tobende Schar
hinein, Christian winkte ihn lachend zurück, sein verstellter Zorn, alle seine
Bewegungen reizten die Hunde; einer, dessen Maul von Schaum troff, schnappte
nach ihm, hing mit den Zähnen an seiner Schulter, da schrien die Herumstehenden
auf, am lautesten Judit; Christian aber stiess einen kurzen, scharfen Pfiff
durch die Zähne, seine Arme sanken, sein Blick hielt zwei, drei der Tiere fest,
und alle hörten plötzlich auf zu lärmen, nur die vordersten gaben ein demütiges
Gewinsel von sich.
    Frau Wahnschaffe trat blassen Gesichts zu ihrem Sohn und fragte, ob er
verletzt sei. Er war nicht verletzt; die Joppe zeigte einen langen Riss, das war
alles.
    »Er muss irgendwie gefeit sein,« sagte am Abend nach dem Souper Frau
Wahnschaffe zu Crammon, mit dem sie sich in eine stille Ecke zurückgezogen
hatte; »das ist mein einziger Trost, denn seine Tollkühnheit macht mir manchmal
Angst. Sie nehmen ja Interesse an ihm, ich habe es mit Vergnügen bemerkt, Herr
von Crammon. Lenken Sie ihn doch ein wenig in die Bahn der Vernunft.«
    Sie sprach mit hohler Stimme und unbeweglichem Gesicht; ihre Augen blickten
starr an den Menschen vorüber. Sie kannte keine Sorgen, hatte sie nie
kennengelernt; vielleicht hatte sie auch über die Sorgen andrer niemals
nachgedacht; trotzdem hatte noch kein Mensch diese Frau lächeln gesehen; die
vollständige Regungslosigkeit, die in ihrem Dasein herrschte, hatte die
Bewegungen der Seele auf einen toten Punkt gebracht. Nur in dem Gedanken an
Christian bekam ihr Wesen einen Hauch von Wärme; nur wenn sie von ihm sprechen
konnte, wurde sie beredt.
    Crammon antwortete: »Gnädigste Frau, einen Burschen wie Ihren Christian
überlässt man am besten seinem Stern, da ist er in sicherer Hut.«
    Frau Wahnschaffe nickte, obwohl ihr das Saloppe an Crammons Ausdrucksweise
missfiel. Sie erzählte, dass Christian, als er noch ein Knabe gewesen, einst zu
den Holzfällern in den Forst gegangen sei. Eine mächtige Tanne sei angehauen
worden, die Knechte liefen zurück zum Ende des Seils, und wie der Baum schon
wankte, gewahrten sie den Knaben. Sie schrien ihm entsetzt zu, sie versuchten
dem Fall des Baumes eine andre Richtung zu geben, es war jedoch zu spät, und
während einige aus Leibeskräften am Strick zerrten und in ihrem Schreck wie von
Sinnen warm, rannten ein paar mit aufgehobenen und deutenden Armen in den Kreis
der Gefahr, ihnen voran der Aufseher. Ruhig stand der Knabe da, ahnungslos sah
er in die Höhe; den Aufseher traf der stürzende Stamm und zerschmetterte ihn; um
Christian hingegen legten sich sanft die Zweige, wie wenn sie ihn nur streicheln
wollten, und als die Tanne auf der Erde lag, stand er inmitten der Krone, als
hätte er sich hineingestellt, unberührt und ohne Staunen. Die es mitangesehen,
sagten, es sei um eines Haares Breite gegangen.
    Crammon wurde aber das Bild nicht los, dessen Zeuge er selbst gewesen: den
übermütigen Peitschenschwinger unter der entfesselten Hundemeute. Mich dünkt,
überlegte er, den Finger an der Nase, ich kann es mir schenken, die jungen
Eseltreiber in Cordova lachen zu sehen.
 
                                       8
Es gab eine Weinstube im Schloss zu Waldleiningen, worin sich gemütlich kneipen
liess. Dort tranken Crammon und Christian eines Abends Bruderschaft. Und als sie
die Flasche Liebfrauenmilch geleert hatten, sagte Crammon, es sei eine schöne
Nacht, man könnte noch ein wenig im Park spazierengehen. Christian wars
zufrieden.
    Sie gingen im Mondschein über die Kieswege; Busch und Baum schwammen in
silbrigem Duft.
    »Nebelglanz und Herbstesfäden, alles, wie's im Buch steht,« sagte Crammon.
    »In welchem Buch?« erkundigte sich Christian.
    »Na, im Gedichtbuch, mein ich.«
    »Liest du denn Gedichte?« fragte Christian neugierig.
    »Hin und wieder mal,« antwortete Crammon, »wenn mirs in der Prosa nicht mehr
gefällt. Da zahl ich dann dem Weltgeist meine Schulden ab.«
    Sie setzten sich auf eine Bank unter eine mächtige Platane. Christian
schaute eine Weile schweigend vor sich hin, dann richtete er unvermittelt die
Frage an Crammon: »Sag mal, Bernhard, was ist das eigentlich, wovon die meisten
Leute so viel Aufhebens machen: der Ernst des Lebens -?«
    Crammon lachte leise vor sich hin. »Nur Geduld, mein Lieber, nur Geduld,«
antwortete er, »das wirst du schon erfahren.«
    Er lachte wieder und faltete behäbig die Hände über dem Bauch; dennoch bekam
die schöne Nacht, die schöne Landschaft einen Schleier von Schwermut.
 
                                       9
Christian wünschte, dass Crammon mit ihm und Alfred Meerholz, dem Sohn des
Generals, zum Wintersport nach St. Moritz fahre; aber Crammon musste zu Konrad
von Westernachs Hochzeit nach Wien. So verabredeten sie ein Zusammentreffen in
Wiesbaden, wohin im Frühjahr auch Frau Wahnschaffe und Judit gingen.
    Frau Richberta verbrachte den Januar und Februar gewöhnlich in dem
Würzburger Stammhaus der Familie; sie hatte viele Gäste dort, und die Langeweile
der Provinzstadt war nicht fühlbar. Wolfgang hatte bis jetzt in Würzburg die
Staatswissenschaften studiert; aber mit Abschluss des Semesters sollte er nach
Berlin, um das Examen zu machen und dann ins Auswärtige Amt einzutreten. Judit
sagte spöttisch zu ihm: »Du bist der geborene Diplomat der neuen Schule; wenn du
das Zimmer betrittst, wagt niemand mehr zu scherzen. Höchste Zeit, dass du deinen
Wirkungskreis vergrösserst.« Er antwortete: »Gewiss; ich werde einem Würdigeren
Platz machen, der es besser versteht, euch zu amüsieren.« Und Judit darauf: »Du
bist bitter, aber du sprichst wahr.«
    Als Christian im April nach Wiesbaden kam, stellte ihn seine Mutter der
Gräfin Brainitz und ihrer Nichte Lätizia von Febronius vor. Die Gräfin befand
sich zur Kur in Wiesbaden; manche Leute sagten aber, ihr eigentlicher Zweck sei,
für Lätizia eine passende Partie unter den reichen jungen Männern des Landes zu
suchen. Sie hatte es verstanden, die schwer zugängliche und misstrauische Frau
Richberta für sich einzunehmen; Judit war von Lätizias Anmut ganz bezaubert.
    Christian begleitete die jungen Damen auf ihren Promenaden und
Spazierritten; die Gräfin sagte zu Lätizia: »In den Mann würde ich mich
verlieben an deiner Stelle.« Worauf Lätizia mit ihrem innigsten Augenaufschlag
erwiderte: »Ich an Ihrer Stelle, Tante, würde davor die grösste Angst haben.«
    Crammon kam in übler Laune an. Wenn einer seiner Freunde sich so weit
vergass, zu heiraten, wurde er von einer schleichenden Misantropie erfasst, die
sein Gemüt wochenlang verdüsterte.
    Er wunderte sich, als ihm Christian von den neuen Bekannten erzählte, er
wunderte sich über die Fügung, die ihn selbst so unerwartet in Lätizias
Lebenskreis führte. Es war ihm nicht recht geheuer zumute.
    Über die Gräfin Brainitz zeigte er sich wenig entzückt. Vertraut mit der
Genealogie und der Geschichte der toten und lebenden Mitglieder aller adligen
Familien des Kontinents und der Inseln, wusste er auch über sie genauen Bescheid.
»Sie ist in ihrer Jugend Schauspielerin gewesen,« berichtete er, »eine jener
beliebten Naiven, die durch hervorstechende Blondheit und rührend-verlegenes
Zupfen am Schürzensaum die Gemüter poesievoll stimmen. Damit hat sie seinerzeit
auch den Grafen Brainitz erobert, einen geistesschwachen Podagristen. Sie hatte
ihn für reich gehalten, später erwies es sich, dass er gänzlich verschuldet war
und vom Chef des gräflichen Hauses ein Jahresgehalt bezog, das nach seinem Tode
auf die Witwe übergegangen ist.«
    Jetzt war sie nicht mehr blond, sondern hatte weisse Haare, strähnig und
metallisch schimmernd wie gesponnenes Glas; früh weiss allerdings, denn sie war
kaum älter als fünfzig. Sie war wohlbeleibt; ihr Körper hatte eine besondere Art
von gedrechselter Rundheit; auch ihr Apfelgesicht war vollkommen rund und glatt;
es leuchtete von einer gesunden Röte, und jeder einzelne Teil darin, die Nase,
der Mund, das Kinn, die Stirn, zeichnete sich durch eine gewisse Zierlichkeit
und Harmlosigkeit aus.
    Von der ersten Sekunde an lag sie mit Crammon im Streit. Über alles, was er
sagte, schlug sie entsetzt die Hände zusammen, alles, was er tat, erboste sie.
Mit weiblichem Instinkt witterte sie in ihm den Widersacher ihrer listigen
Projekte, und er sah in ihr die Erzfeindin, die das Netz knüpfte, in welchem
wieder einmal ein Freund gefangen werden sollte.
    Sie hatte ihn zu Tisch gebeten; Lätizia hatte es gewünscht. Sie sagte: »Wenn
Sie ihn auch sonst nicht leiden mögen, Tantchen, als Tischgenosse wird er sicher
Ihren Beifall finden, denn da hat er manche Ähnlichkeit mit Ihnen.« Aber die
Abneigung Crammons gegen die Gräfin beraubte ihn sogar der Esslust, was wieder
die Gräfin nicht eben versöhnlich stimmte. Sie selbst ass drei Eier in
Mayonnaise, eine halbe Ente, ein gewaltiges Stück Lendenbraten, vier Portionen
Schaumtorte, einen Teller Kirschen und verschiedene Kleinigkeiten als
Zeitvertreib und Füllsel. Crammon war bestürzt.
    Nach jedem einzelnen Gang wusch sie sich mit grosser Sorgsamkeit die Hände,
und als das Mahl zu Ende war, zog sie sogleich wieder die schneeweissen
Handschuhe über ihre runden Händchen.
    »Alle Menschen sind Schweine,« sagte sie »alles was von Menschen kommt, ist
schmutzig; ich schütze mich, wie ich kann.«
    Lätizia sass mit dem ihr eigenen zart-schelmischen Lächeln dabei, und ihre
blosse Gegenwart verlieh dem Gewöhnlichen um sie her einen Hauch von Romantik.
 
                                       10
Klein-Deussen war unter den Hammer gekommen, und Frau von Febronius hatte sich,
völlig mittellos, zu einer jüngeren Schwester begeben, die in Stargard in
Pommern lebte. Ihrer Tochter Lätizia hatte sie das Schauspiel des letzten
Zusammenbruchs ersparen wollen, darum hatte sie sie zur Gräfin nach Weimar
geschickt.
    Alle drei Schwestern waren Witwen; die in Stargard hatte den Amtsrichter
Stojentin zum Mann gehabt. Sie lebte von der staatlichen Pension und den Zinsen
des kleinen Vermögens, das sie in die Ehe gebracht. Sie hatte zwei Söhne, die
sich zigeunerhaft in der Welt herumtrieben, ihre Arbeitsscheu mit Philosophie
verbrämten und immer, wenn ihnen das Wasser an den Hals stieg, sich an die
Gräfin-Tante wandten.
    Die Gräfin-Tante liess sich jedesmal erbitten; sie handhabten den Briefstil,
der auf sie wirkte, mit grosser Geschicklichkeit. »Sie werden sich schon die
Hörner abstossen,« sagte die Gräfin; darauf wartete sie nun seit Jahren mit
heiterer Zuversicht und schickte ihnen bisweilen Nahrungsmittel und kleine
Geldsummen.
    Lätizia war auf so einfache Weise nicht zu helfen. Als sie ankam, besass sie
drei Kleider, denen sie entwachsen war, und an Wäsche nur das Notdürftige. Die
Gräfin bestellte Toiletten aus Wien und stattete sie aus wie eine reiche Erbin.
    Lätizia hielt still und liess sich schmücken. Aus den Augen der Menschen
erfuhr sie, dass sie reizend war. Die Gräfin-Tante sagte: »Du bist zu etwas
Grossem bestimmt, mein Engel,« nahm ihren Kopf zwischen ihre behandschuhten Hände
und küsste sie knallend auf die porzellanklare Stirn.
    Sie begnügte sich nicht mit dem, was sie getan. Sie wollte Fundamente
schaffen, dem anmutigen Geschöpf mit Erheblichem dienen. Da fiel ihr der Wald
von Heiligenkreuz ein.
    Am Nordhange des Rhöngebirges lag ein Forstareal von zehn bis zwölf
Quadratkilometer Fläche, um welches der verstorbene Graf länger als zwei
Jahrzehnte mit seinem Vetter, dem Majoratsherrn, prozessiert hatte. Der Prozess
lief noch immer, er hatte Unsummen verschlungen, und die Aussicht, dass ihn die
Gräfin gewann, war gering. Trotzdem fühlte sie sich als künftige Eigentümerin
des Waldes und hielt ihren Besitztitel im voraus für so sicher, dass sie sich
entschloss, den Wald als Mitgift und Morgengabe Lätizia zu schenken und die
Schenkung urkundlich festzulegen.
    Eines Abends trat sie mit einem beschriebenen Bogen Papier in der Hand in
Lätizias Schlafzimmer. Über einem Spitzennachtkleid trug sie einen schweren
Zobelpelz und auf dem Kopf eine helmähnliche Gummihaube, welche sie vor den
Bazillen schützen sollte, die nach ihrer Ansicht, nicht anders als Fledermäuse,
in der Dunkelheit herumschwirrten.
    »Nimm dies, mein Kind, und lies es,« sagte sie bewegt und reichte Lätizia
das Schriftstück, kraft dessen der Wald von Heiligenkreuz nach Beendigung des
schwebenden Rechtsstreites dem Fräulein von Febronius gehören sollte.
    Lätizia kannte die Umstände; sie wusste, was von dem Stück Papier zu halten
sei; sie wusste aber auch, dass die Gräfin sie nicht zu täuschen beabsichtigte,
sondern dass sie überzeugt war, etwas Wichtiges für sie zu tun, und so besass sie
Geist und Takt genug, eine herzliche Freude zu zeigen. Die Wange an den
mächtigen Busen der Gräfin lehnend, flüsterte sie mit ihrer rührenden Stimme:
»Sie sind unaussprechlich gütig, Tante. Überhaupt muss ich Ihnen ein Geständnis
machen.«
    »Was denn, Liebchen?«
    »Ich finde das Leben wunderbar schön.«
    »Siehst du, das ist recht, Liebchen,« sagte die Gräfin, »wenn man jung ist,
muss jeder Tag wie ein frischer Veilchenstrauss sein. Bei mir wenigstens war es
so.«
    Lätizia antwortete: »Ich glaube, bei mir wird es immer so bleiben.«
 
                                       11
In der Nähe von Königstein im Taunus besassen Wahnschaffes ein kleines Schloss,
das Frau Richberta Christiansruh genannt hatte und das eigentlich Christians
Besitz war. Christian hatte sich gegen die Bezeichnung gewehrt; er war damals
noch ein Knabe gewesen. »Für mich ist keine Ruhe not,« hatte er gesagt. Seine
Mutter hatte erwidert: »Einmal vielleicht wird dir Ruhe not sein.«
    Frau Richberta lud die Gräfin ein, den Mai auf Christiansruh zu verbringen.
Es war eine liebliche Gegend; das Entzücken der Gräfin äusserte sich lärmend.
    Crammon kam natürlich auch. Mit Argusaugen beobachtete er die Gräfin, und
dass er Christian und Lätizia häufig im Gespräch sah, erregte sein Missbehagen.
    Er sass am Fischteich, die kurze englische Pfeife im Mund, und sagte: »Wir
müssen nach Paris; du weisst, so war die Abrede. Ich habe dir Eva Sorel
versprochen. Wenn du nicht schnellere Beine hast als ihr Ruhm, wirst du das
Nachsehen haben.«
    »Es hat Zeit,« entgegnete Christian lachend, indem er eine Reuse aus dem
Wasser hob.
    »Nur die Faulenzer haben Zeit,« fuhr Crammon brummig fort; »und Faulenzerei
ist es, einem achtzehnjährigen Gänschen den Kopf zu verdrehen und sich am Ende
noch von ihr hereinlegen zu lassen. Diese jungen Mädchen von Stande sind zu
nichts nutz auf der Welt, ausser, wenn sie Geld haben, für arme Schlucker, die
nach dem Kirchgang ihren Gläubigern das Maul stopfen wollen; ihre Manipulationen
sind nicht so harmlos, wie es den Anschein hat, besonders wenn sie in Begleitung
von Patronessen auftreten, die mit Kupplerinnen eine so verdammte Ähnlichkeit
haben wie meine Westenknöpfe mit meinen Hosenknöpfen.«
    »Gib dich zufrieden, Bernhard,« beschwichtigte Christian den Erzürnten, »es
ist nichts zu fürchten.«
    Er liess sich im Moos nieder und dachte an Adda Castillo, die schöne
Löwenbändigerin, die er in Frankfurt kennengelernt. Sie hatte ihm gesagt, sie
werde im Juni in Paris sein, und bis dahin wollte er warten. Sie gefiel ihm, sie
war so wild und kalt.
    Aber auch Lätizia gefiel ihm; sie war so feucht und zart. Feucht nannte er
das Tauige an ihr, den Glanz ihrer Augen, das Entschlüpfende ihres Wesens.
Täglich in der Frühe hörte er sie von seinem Turmzimmer aus trillern wie eine
Lerche.
    Er sagte: »Morgen fahren wir mit dem Auto hinüber, Bernhard, um Adda
Castillo mit ihren Löwen zu sehen.«
    »Ausgezeichnet,« antwortete Crammon, »Löwen, das ist eine Sache für meines
Vaters Sohn.« Und er schlug Christian kameradschaftlich derb auf den Schenkel.
 
                                       12
Judit fuhr mit Lätizia nach Homburg, und sie gingen in die Modeläden. Die
Reiche kaufte, was ihr nur irgend Lust erregte, und von Zeit zu Zeit wandte sie
sich an die Freundin mit den Worten: »Willst du das? Würde dich das freuen?
Probier's doch mal an! Steht dir reizend!« Auf einmal sah sich Lätizia mit
Geschenken überhäuft, und wenn sie sich nur mit einer Miene sträubte, war Judit
gekränkt.
    Dann gingen sie über den Markt; Lätizia war nach Kirschen genäschig; als sie
zu der Öbstlerin trat, kam ihr Judit zuvor, begann mit dem Weibe zu feilschen,
weil ihr die Kirschen zu teuer erschienen, und da das Weib auf dem Preis
beharrte, zog Judit die Freundin herrschsüchtig mit sich fort.
    Sie fragte Lätizia: »Wie findest du meinen Bruder Christian? Ist er nett mit
dir?« Sie ermunterte die Offenherzige, gab ihr Ratschläge und wusste von den
vielen Abenteuern zu erzählen, die Christian mit Frauen gehabt. Die Freunde
Christians hatten sie oft mit Berichten darüber unterhalten.
    Als aber Lätizia, durch so unverstellten Anteil in Sicherheit gewiegt, ihr
Gefühl für Christian errötend bekannte, stumm und dankbar, mit
niedergeschlagenen Augen, mit süssen halben Worten, verzog Judit spöttisch den
Mund, warf den Kopf in den Nacken, und ihre Miene zeigte den ganzen Hochmut
einer Familie, die sich ein Geschlecht von Königen dünkte.
    Lätizia spürte, dass sie sich hatte fangen lassen. Sie nahm sich nun besser
in acht, und es hätte der Warnungen Crammons nicht bedurft.
    Crammon gab ihr weise Lehren. Er suchte ihr einen heilsamen Schrecken vor
den Frischlingen einzuflössen, um sie für die älteren Jahrgänge empfänglich zu
stimmen, die allein einem Weibe Schirm und Verlass böten. Er war durchaus nicht
so fein und so listig, wie er es zu sein glaubte.
    Bei all seiner jesuitischen Zwecksucht fühlte er, dass ihm an diesem Geschöpf
ein Etwas naheging, wogegen keine Verstellung half. Unbequemes Spiel der
Gedanken! Sollten Ammenmärchen von der Blutmahnung wahr werden? Dann fort aus
dem verhexten Kreis!
    Lätizia lachte ihn aus. Sie sagte: »Ich lache bloss, weil ich lachen will,
Crammon, und weil heute der Himmel so blau ist, verstehen Sie?«
    »O Nymphe,« seufzte Crammon; »ich bin ein armer Sünder.« Und er schlich von
dannen.
 
                                       13
Frau Richberta hatte beschlossen, ein Frühlingsfest zu veranstalten. Es sollte
aller Prunk dabei aufgeboten werden, der bei solchen Gelegenheiten im Hause
Wahnschaffe herkömmlich war, und Beratungen fanden statt, an denen der Majordom,
die Wirtschaftsdame, die Gesellschafterin und die Gräfin teilnahmen. Frau
Richberta leitete die Sitzungen mit der Miene eines Femrichters; die Gräfin
interessierte sich hauptsächlich für das, was es zu essen und zu trinken geben
würde.
    »Ach, Herzensengel,« sagte sie zu Lätizia, »es sind fünfundsiebzig Hummern
bestellt worden, und aus den Kellern haben sie zweihundert Flaschen Sekt
heraufgebracht. Ich bin ganz bouleversiert, Liebchen, ich glaube, seit meiner
Hochzeit war ich nicht so bouleversiert.«
    Lätizia stand schlank da und lächelte. Für sie waren sogar diese Worte der
Gräfin Musik. Sie hätte die Tage beflügeln mögen, die sie noch vom Fest
trennten; sie zitterte, wenn eine Wolke über das Firmament zog.
    Oft wusste sie nicht, wie sie den Jubel in ihrem Innern dämpfen sollte. Wie
herrlich, dachte sie, dass man fühlt, was man fühlt, und dass das, was ist, auch
wirklich ist. Kein Gedicht eines Dichters, kein Bild eines Malers konnte mit den
Eingebungen ihrer Phantasie wetteifern, die jedes Geschehen vergoldete und
keiner Enttäuschung zugänglich war. Alles war Reichtum, alles Geschenk.
    Sie machte keinen Unterschied zwischen Traum und wirklichem Erlebnis. Sie
bereitete sich vor, zu träumen, wie andre Menschen sich zu einem Spaziergang
anschicken, und das Unbestimmte und Gesetzlose in den Traumbegebenheiten
erschien ihr durchaus natürlich.
    Eines Tages erzählte sie von einem Buch, das sie gelesen. »Es ist
überirdisch schön,« sagte sie. Sie schilderte die Menschen, den Schauplatz, die
ergreifenden Vorgänge mit solcher Eindringlichkeit und Begeisterung, dass alle,
die es hörten, begierig wurden, das Buch kennenzulernen. Aber sie wusste weder
den Titel noch den Verfasser anzugeben. Sie besann sich und grübelte; man
fragte: »Wo ist das Buch? Woher hast du es? Wann hast du es gelesen?« »Gestern,«
antwortete sie; »es muss da sein,« sagte sie stockend. »So bring es doch,« wurde
sie aufgefordert. Und als sie nun wieder sich besann und ratlos vor sich
hinschaute, sagte Judit zu ihr: »Vielleicht hast dus nur geträumt.« Da schlug
sie langsam die Augen nieder, kreuzte mit einer unnachahmlichen Gebärde die Arme
über der Brust und antwortete wie eine Schuldige: »Ja, mir scheint, ich habs nur
geträumt.«
    Christian fragte Crammon: »Glaubst du, dass es Komödie ist?«
    »Keine Komödie, aber doch ein Weibertrick,« antwortete Crammon; »der liebe
Gott hat dieses Geschlecht mit mancherlei Blendwerk ausgerüstet, womit sie uns
aus dem Gleichgewicht bringen.«
    Lätizia bekam zum Fest ein Kleid aus weisser Seide, ein Tanzkleidchen mit
vielen feinen Fältchen im Rock und einer dunkelblauen Schärpe um die Hüften. Sie
sah aus darin, als ginge sie in Milchschaum. Wenn sie in den Spiegel schaute,
lächelte sie erregt, als könne sie dem Bild nicht trauen. Die Gräfin lief hinter
ihr her und sagte: »Liebchen, gib nur acht auf dich;« aber Lätizia wusste nicht,
was sie meinte.
    Ein wenig trunken sprach sie mit Männern, Frauen und Mädchen. Sie hatte die
Menschen immer geliebt, doch heute erschienen ihr alle unwiderstehlich. Als sie
Judit vor dem lichtübergossenen Pavillon traf, drückte sie ihr die Hände und
flüsterte: »Kann es schöner sein? Ich fürchte mich, dass die Nacht zu Ende geht.«
 
                                       14
Auf der Wiese vor dem künstlichen Wasserfall spielte Christian mit einigen
jungen Mädchen ein Fangspiel nach Art der Kinder. Sie lachten unaufhörlich,
Jünglinge standen im Kreis herum und sahen halb spöttisch, halb belustigt zu.
    Im Laub der Bäume hingen elektrische Birnen aus grünem Glas; sie waren so
gut versteckt, dass der Rasen durch seine eigne Farbe beleuchtet schien.
    Christian gab sich dem Spiel mit einer Lässigkeit hin, die seine
Partnerinnen reizte. Sie wollten es wichtiger genommen haben und ärgerten sich,
dass er sie trotzdem so mühelos erhaschte. Die junge Meerholz war dabei, Sidonie
von Gröben, das schöne Fräulein von Einsiedel.
    Da kam auch Lätizia hinzu. Sie stellte sich in die Mitte des Platzes, liess
Christian ganz nahe kommen und entwischte flinker, als er berechnet hatte. Er
wandte sich zu den andern, doch immer wieder flatterte Lätizia vor ihm her.
Glaubte er sie zu fassen, so war sie schon wieder sprungweit weg. Einmal hatte
er sie an die Taxushecke getrieben, da schlüpfte sie ins Laub und war
verschwunden. Ihre Bewegungen, ihr Laufen, ihr Umkehren, ihre fröhliche
Leidenschaft hatten etwas Fesselndes; sie lockte mit kleinen, lachenden Rufen
aus dem Busch wie ein Vogel. Nun lauerte er ihr auf, und die Zuschauer wurden
neugierig.
    Als sie wieder zum Vorschein kam, tat er, wie wenn er ihrer nicht achte,
aber plötzlich lief er mit wunderbarer Schnelligkeit zum Rand des Wasserbeckens,
wo sie stand. Sie aber war noch schneller, und da die andern Fluchtwege
versperrt waren, sprang sie auf den Felsen, sprang jauchzend von Stein zu Stein,
ohne sich umzusehen und ohne mit den Händen nachzuhelfen. Ihr Kleid mit den
feinen Falten und offenen Ärmeln flog, und als Christian sie verfolgte,
klatschten sie unten Beifall.
    Es war dunkel hier oben, Lätizias Schuhe wurden vom Wasser benetzt, ihr Fuss
stockte, aber bevor Christian sie erreicht hatte, schwang sie sich noch auf
einen mächtigen Block zwischen zwei Tannen, wie um sich dort zu verteidigen oder
noch weiter zu klettern. Doch auf dem schlüpfrigen Moos glitt sie aus; sie
schrie leise, denn sie wusste, jetzt hatte er sie gefangen.
    Er hatte sie gefangen, aufgefangen und hielt sie in seinen Armen. Sie blieb
ganz still, bemüht, den erregten Atem zur Ruhe zu bringen. Auch Christians Atem
ging heftig, und es wunderte ihn nur, dass das Mädchen so still blieb. Er fühlte
ihre schöne Gestalt und zog sie ein wenig näher zu sich, mit jenem unterdrückten
Lachen, das kalt und übermütig klang. Mondlicht fiel durchs Gezweig und machte
sein Gesicht ausserordentlich schön. Lätizia sah seine grossen weissen Zähne
glitzern, sie machte sich von ihm los und schlang den linken Arm um den Stamm
der Tanne.
    Da war nun alles, wonach sie sich gesehnt hatte. Da war Gefahr und
Begehrtsein, Mondnacht und Wildnis, ferne Musik und heimliches Beisammensein.
Aber ihr Blut war ruhig, sie war noch ein Kind.
    Wie Christian das an den Baum geschmiegte Mädchen anschaute, mit ihren
verwirrten Haaren, den brennenden Wangen, den feuchten Augen und feuchten
Lippen, mass er die Linie ihres Körpers, schmeckte er schon die Kühle ihrer Haut,
roch er ihren unschuldigen Atem. Er zögerte nicht mehr, sich der Beute zu
bemächtigen. Da gab es kein Bedenken.
    Er griff nach ihrer Hand; plötzlich gewahrte er eine Kröte, die mit
ekelhafter Langsamkeit über Lätizias weisses Kleid kroch, erst über den unteren
Saum, dann gegen die Hüfte empor. Er erblasste und kehrte sich ab. »Die andern
warten vielleicht, wir müssen zurück,« sagte er und fing an über die Felsen
hinunterzugehen.
    Mit starren Augen sah ihm Lätizia nach. Das feurige Gefühl von sich selbst
als einem Märchenwesen, Diana oder Melusine, wurde zum Schmerz, und sie brach in
Tränen aus. Sie wusste das Geschehene auf keine Weise zu deuten, und ihr Kummer
hielt so lange an, bis sie sich durch irgendeine reizvolle Verknüpfung das
Unverständliche doppelt unverständlich, aber für ihr Gemüt tröstlich gemacht
hatte. Da trocknete sie ihr Gesicht ab und lächelte wieder.
    Die Kröte hüpfte lautlos ins Moos, als Lätizia sich erhob.
 
                                       15
Am Nachmittag vor Crammons und Christians Abreise wütete ein schweres Gewitter.
Beide gingen im oberen Korridor des Schlosses auf und ab und sprachen über ihre
Pläne. In einer Pause zwischen zwei Donnerschlägen sagte Crammon aufhorchend:
»Was für ein sonderbares Geräusch? Hörst du's nicht?«
    »Ja, ich höre,« entgegnete Christian, und sie folgten dem Laut.
    Am Ende des Flurs lag der Spiegelsaal, dessen Tür bloss angelehnt war.
Crammon öffnete den Spalt ein wenig weiter, spähte hinein und lachte gurrend.
Auch Christian spähte hinein, über Crammons Kopf hinweg, auch er lachte.
    Auf dem blankgewichsten Parkett des Saales, der von Möbeln nur einige an die
Wand gelehnte Sessel und Polsterbänke entielt, stand Lätizia mit blauen
Pantöffelchen an den Füssen und einem blassblauen Gewand bekleidet und spielte mit
einem Ball. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck von Entrückteit; die
ununterbrochenen Blitze, die alle Spiegel gelb flammen machten, verliehen dem
Spiel etwas Geisterhaftes.
    Bald warf sie den Ball senkrecht in die Luft, bald an die Wand zwischen die
Spiegel und fing ihn wieder, lächelnd. Bisweilen liess sie ihn auf den Boden
fallen und breitete, bis er wieder in Brustöhe sprang, die Arme aus oder
klatschte leise in die Hände. Sie drehte sich, beugte sich, warf den Kopf
zurück, trat einen Schritt vor, flüsterte etwas, immer lächelnd, ganz
hingegeben. Nachdem die beiden einige Zeit heimlich zugeschaut, zog Crammon
Christian von der Tür fort, denn die Blitze machten ihn nervös. Er hasste
Gewitter und hatte deshalb den Korridor zum Aufentalt gewählt, wo man weniger
davon sah. Nun zündete er seine kurze Pfeife an und fragte mürrisch: »Begreifst
du diese Jungfrau?«
    Christian blieb die Antwort schuldig. Etwas lockte ihn zurück an die
Schwelle des Saals, in dem Lätizia einsam Ball spielte, aber da erinnerte er
sich der Kröte auf ihrem weissen Kleid, und ein Widerwille regte sich in ihm.
 
                                       16
Er liebte nicht die Erinnerung an unangenehme Vorfälle.
    Er liebte es auch nicht, von Vergangenem zu sprechen, gleichviel, ob es
angenehm war, davon zu sprechen oder nicht. Er kehrte nicht gern um auf einem
Weg, den er ging, und wo Umkehr notwendig war, wurde er bald müde.
    Er liebte nicht Menschen, die geistig angestrengte Züge hatten, oder solche,
die von Büchern und Wissenschaft redeten. Er liebte nicht bleiche, hektische,
krampfhafte Menschen und solche, die viel stritten und ihr Recht behaupteten.
Fand er bei jemand eine der seinen entgegengesetzte Meinung, so lächelte er
höflich, als ob er auf einmal derselben Meinung wäre. Es war ihm auch peinlich,
wenn man ihn um seine Meinung geradezu befragte, und ehe er sich auf ein Wort
verpflichtete, schreckte er nicht davor zurück, sich unwissend zu stellen.
    War er in grossen Städten gezwungen, durch die Proletarierviertel und
Armenquartiere zu fahren oder zu reiten, so beschleunigte er die
Geschwindigkeit, presste die Lippen zusammen, sparte den Atem, und vor Unmut
bekamen seine Augen einen grünlichen Glanz.
    Eines Tages hatte ein bettelnder Krüppel auf der Strasse seinen Mantel mit
Fingern angefasst. Als er nach Hause kam, schenkte er den Mantel seinem Diener.
Schon als Kind hatte er sich geweigert, an Orten vorüberzugehen, wo zerlumpte
Leute sassen, und wenn jemand von Elend und Not erzählte, hatte er das Zimmer
verlassen, voll Abneigung gegen den Erzähler.
    Er liebte nicht, von Funktionen des Leibes zu sprechen oder zu hören, von
Schlaf, Hunger oder Durst. Der Anblick eines schlafenden Menschen war ihm
widerwärtig. Er liebte nicht, Abschied zu nehmen oder solche, die lange
fortgewesen waren, umständlich zu begrüssen. Er liebte Kirchenglocken nicht,
Betende nicht und nichts, was mit Frömmigkeit zu schaffen hatte. Selbst dem
gemässigten Protestantismus seines Vaters stand er ohne Verständnis gegenüber.
    Es war keine Forderung, die er auszudrücken wusste, aber instinktiv ertrug er
nur die Gesellschaft von gut angezogenen, sorglosen und klar übersehbaren
Menschen. Wo er Geheimnisse spürte, verborgene Leiden, ein verdunkeltes Gemüt,
Hang zu Grübeleien und äussere oder innere Kämpfe, wurde er frostig unnahbar und
mied den Betreffenden. Daher sagte Frau Richberta: »Christian ist ein
Sonnenmensch und kann bloss im Sonnenlicht gedeihen.« Sie hatte von früh an einen
Kultus daraus gemacht, alles Trübe, Verzerrte und Schmerzliche von ihm
fernzuhalten.
    Auf ihrem Schreibtisch lag, nach einem Gipsabguss in Marmor gearbeitet,
Christians Hand; eine grosse, nervige, feingegliederte, zu packen fähige,
geschonte und ruhige Hand.
 
                                       17
Auf der Fahrt zwischen Hanau und Frankfurt ereignete sich das Automobilunglück,
dem Alfred Meerholz' junges Leben zum Opfer fiel. Christian, der den Wagen
lenkte, blieb, wie damals beim Fällen des Baumes, auf wunderbare Weise
unversehrt.
    Crammon hatte Christian und Alfred bis Hanau begleitet. Dort wollte er
Klementine von Westernach besuchen und am Abend mit der Eisenbahn nach Frankfurt
fahren. Den Chauffeur, der Einkäufe machen sollte, hatte Christian schon tags
zuvor nach Frankfurt geschickt.
    Gleich zu Anfang nahm Christian ein schnelles Tempo, und als die Strasse
gegen Abend fast menschenleer und ohne Hindernisse dalag, steigerte er die
Geschwindigkeit. Alfred Meerholz bestärkte ihn darin; der junge Mensch glühte im
Rausch der Bewegung. Christian lächelte, und lächelnd liess er die Maschine
rasen.
    Die Alleebäume sahen aus wie springende Tiere auf einer Momentphotographie,
das weisse Band der Strasse rollte schimmernd heran und wurde vom sausenden
Gefährt verschlungen, der gerötete Himmel und die Hügel am Horizont schienen in
Kreisen zu schwingen, die Luft siedete in den Ohren, der Körper bebte und
verlangte noch wilder hingerissen zu werden über die Erde, die ihre glatte
Rundheit lockend offenbarte.
    Da tauchte ein schwarzer Punkt im weissen Schimmer der Chaussee auf.
Christian gab ein Signal. Der Punkt wurde rasch zur Menschengestalt. Die Sirene
gellte. Die Gestalt wich nicht. Christian packte das Lenkrad fester. Alfred
Meerholz erhob sich im Sitz und schrie. Die Bremse konnte nicht mehr genügen.
Christian riss das Rad herum; es war eine kleine Drehung zuviel: ein Ruck, ein
Anprall, ein Krachen; das Geächz eines zusammenbrechenden Baumes, helles Zischen
im Kessel, Aufprasseln einer Flamme, Klirren von Eisenteilen, und alles war
vorüber.
    Einen Augenblick lag Christian betäubt. Dann erhob er sich, fühlte an Arm
und Leib herab; er konnte denken, konnte gehen. »All right«, sagte er vor sich
hin.
    Nun erblickte er den Körper seines Freundes. Mit zerschmetterter Hirnschale
lag der junge Mensch unter den Trümmern der Karosserie. Ein kleiner roter
Blutbach rann über den weissen Strassenstaub. Ein paar Schritte entfernt stand
stumpfsinnig erstaunt der Betrunkene, der nicht ausgewichen war.
    Schon eilten von allen Seiten Leute herzu. In der Nähe war ein Hotel.
Christian antwortete einsilbig auf die vielen Fragen. Man versicherte sich des
Betrunkenen. Ein Arzt kam, der die Leiche des jungen Meerholz untersuchte. Der
Körper wurde auf eine Bahre gelegt und in das Hotel getragen. Christian
telegraphierte erst an den General Meerholz, dann an Crammon.
    Sein Reisekoffer hatte keinen Schaden genommen. Während er sich umkleidete,
erschienen Polizeibeamte, die seine Erklärungen protokollierten. Dann ging er in
den Speisesaal und bestellte zum Essen eine Flasche Bocksbeutel. Einige Leute an
andern Tischen betrachteten ihn neugierig.
    Von den Speisen nippte er bloss, die Flasche trank er allmählich leer.
    Er sah sich im dunklen Gewächshaus stehen, Lätizia erwartend; und wie sie
gekommen war, von ihrer Erregung beseelt. »Christian, mein Herr und mein
Gebieter,« hatte sie schmachtend und scherzhaft geflüstert. »Lass eine kleine
Kröte aus Gold machen,« hatte er zu ihr gesagt, »und trag sie um den Hals, damit
der böse Zauber weicht.«
    Ihr Kuss brannte noch auf seinen Lippen.
    Um elf Uhr abends kam Crammon, der Getreue. »Ich bitte dich. Lieber, ordne,
was zu ordnen ist,« sagte Christian, »ich will die Nacht hier nicht verbringen.
Adda Castillo wird schon ungeduldig sein.« Er reichte ihm die Brieftasche.
    Die Romantische, dachte Christian, schenkt, ohne zu wissen, was sie schenkt,
und wem; weiss nicht, wie lang das Leben ist. Aber ihr Kuss brannte auf seinen
Lippen; er konnte es nicht vergessen.
    Crammon kehrte zurück. »Erledigt,« sagte er geschäftsmässig, »das Auto ist in
einer Viertelstunde bereit. Nun lass uns noch dem armen Alfred ein Lebewohl
sagen.«
    Christian folgte ihm. Ein Hausdiener führte sie in eine düster erleuchtete
Kofferkammer, wo der Leichnam bis zum Morgen untergebracht war. Ein weisses Tuch
war um den Kopf geschlungen. Neben den Füssen kauerte eine Katze mit geflecktem
Fell.
    Crammon faltete still die Hände. Christian spürte einen kühlen Hauch um die
Wangen, innen in seiner Brust bewegte sich nichts. Als sie ins Freie traten,
sagte er: »Wir müssen in Frankfurt einen neuen Wagen kaufen. Wenn wir zu Mittag
wieder hier sind, ists Zeit genug, früher kann der General nicht kommen.«
    Crammon nickte. Ein verwunderter Blick flog zu dem Jüngling hinüber, ein
Blick, der zu fragen schien: aus was für einem Stoff bist du gemacht?
    Der Feine, Edle, Stolze, Eisesluft war um ihn, die unendliche gläserne
Klarheit wie auf Bergen, bevor es dämmert.
 
                  Der Globus auf den Fingerspitzen einer Elfe
                                       1
Crammon hatte recht behalten: zehn Monate hatten genügt, um die Augen einer Welt
auf die Tänzerin Eva Sorel zu lenken. In den grossen Zeitungen stand ihr Name
unter den Zelebritäten, ihre Kunst galt als hohe Blüte der Epoche.
    Es lagen ihr alle zu Füssen, deren geistig-unruhigem Verlangen sie eine
Gestalt dargeboten hatte. Die Vorläufer der gehetzten Menschheit schöpften Atem
und blickten zu ihr empor. Die Anbeter der Form und die Verkünder eines neuen
Rhytmus warben um ein Lächeln ihres Mundes.
    Sie blieb gelassen und gegen sich selber streng. Der Lärm des Beifalls
ermüdete sie manchmal. Von den Verheissungen gieriger Unternehmer bedrängt,
verspürte sie nicht selten ein leises Grauen. Ihr innerer Blick, gegen ein
unerreichbares Ziel gekehrt, trübte sich vor Leichtzufriedenen, die Dank
stammelten. Diese, schien es ihr, wollten sie betrügen. Und sie flüchtete zu
Susanne Rappard und liess sich schelten.
    »Wir sind ausgezogen, die Welt zu erobern,« sagte Susanne; »sie gibt sich
dir fast ohne Kampf, warum triumphierst du nicht?«
    »Was meine Hände halten und was meine Augen fassen, gibt mir noch keinen
Grund zu triumphieren,« erwiderte Eva.
    Susanne jammerte: »Närrin, iss dich satt, da du doch gehungert hast.«
    »Sei still,« wehrte Eva ab, »was weisst du von meinem Hunger.«
    Ihre Schwelle wurde belagert, doch sie empfing nur wenige, die sie
sorgfältig auswählte. Sie lebte in einer Blumenwelt. Jean Cardillac hatte ihr
ein entzückendes Hotel eingerichtet, dessen Gartenterrasse ein tropisches
Paradies war. Wenn sie dort am Abend sass oder lag, unter dem gemilderten
Lampenschein, von leise plaudernden Freunden umgeben, deren absichtslosester
Blick eine Huldigung war, schien sie dem Bereich des Willens und der Sinne
entrückt und weilte nur noch als schöner Leib im gegenwärtigen Raum.
    Die ihr jede Verwandlung zutrauten, erstaunten doch über eine plötzliche,
deren Ursache ein Unbekannter und Unscheinbarer war. Der junge Fürst Alexis
Wiguniewski hatte ihn bei ihr eingeführt. Er hiess Iwan Michailowitsch Becker. Er
war klein und hässlich, hatte tiefliegende Sarmatenaugen, Lippen, die wie
geschwollen aussahen, und schwarzes Bartgestrüpp an Kinn und Wangen. Susanne
fürchtete ihn.
    Es war eine Nacht im Dezember, der Schnee lag vor den Fenstern, da hatte
Iwan Michailowitsch Becker acht Stunden lang in dem kleinen Zimmer, wo die
italienischen Teppiche hingen, mit Eva Sorel gesprochen. Im Zimmer daneben ging
Susanne fröstelnd auf und ab, gewärtig, einen Hilferuf der Herrin zu vernehmen;
sie hatte einen alten Schal um die Schultern geworfen, von Zeit zu Zeit zog sie
eine Krachmandel aus der Tasche, zerbiss sie und spuckte die Schale in den Kamin.
    In dieser Nacht ging Eva nicht schlafen, auch nicht, als der Russe sie
verlassen hatte. Sie trat ins Schlafgemach, liess ihre Haare aus Reif und Kämmen
fallen, so dass sie Haupt und Leib umhüllten, während sie auf einem niederen
Sessel sass und das glühende Gesicht zwischen den flachen Händen hielt. Susanne,
die gekommen war, um ihr beim Entkleiden zu helfen, kauerte neben ihr auf dem
Boden und wartete auf ein Wort.
    Endlich brach die junge Herrin das Schweigen. »Lies mir den
dreiunddreissigsten Gesang der Hölle vor,« bat sie.
    Susanne holte zwei Kerzen und das Buch. Die Kerzen stellte sie auf den
Teppich, das Buch legte sie auf Evas Knie, und so las sie eintönig und klagend,
aber mit klarer Stimme, die gegen den Schluss, dort namentlich, wo von den
erstarrten und gefrorenen Tränen die Rede ist, sicherer und gehobener wurde.
    »Lo pianto stesso li pianger non lascia; / E'l duol che truova 'n sugli
occhi rintroppo / Si volve in entro a far crescer l'ambascia: / Che le lagrime
prime fanno groppo / E, sicome visiere di cristallo /Riempion sotto 'l ciglio
tutto 'l coppo« /.
    Als sie fertig war, erschrak sie vor der leuchtenden Nässe in Evas Augen.
    Eva erhob sich, beugte den Kopf in den Nacken zurück, und mit geschlossenen
Augen sagte sie: »Die Verdammnis will ich tanzen. Die Verdammnis in der Hölle
und die Erlösung.«
    Da schlang Susanne die Arme um Evas Knie und presste die Wange an die
bronzegelbe Seide des Gewands. »Du kannst alles, was du willst,« murmelte sie
liebkosend.
    Seit dieser Nacht erfüllte sie ein drängenderes Feuer, und ihr Tanz hatte
Linien, wo die Schönheit an den Schmerz grenzt. Es gab verzückte Propheten, die
behaupteten, sie tanze das neue Jahrhundert, den Untergang der alten Ideen, die
kommende Revolution.
 
                                       2
Als Crammon sie wiedersah, zwang ihn die erlesene Bestimmteit der grossen Dame,
mit der sie auftrat, zu schweigender Anerkennung. Und wieder begann das unruhige
Brennen in seiner Brust.
    Er sprach mit ihr von Christian Wahnschaffe; eines Abends brachte er ihn
mit. In Christians Gesicht war Strahlendes; Adda Castillo hatte es mit ihrer
Leidenschaft durchtränkt. Eva spürte den Hauch einer andern Frau an ihm; ihre
Miene verriet spöttische Neugier. Ein paar Sekunden lang standen der Jüngling
und die Tänzerin einander gegenüber wie zwei Statuen auf Postamenten.
    Ob er mirs jemals danken wird, was ich da für ihn getan habe, dachte
Crammon. Er reichte Susanne den Arm und ging mit ihr im Bildersaal auf und ab.
    »Hoffentlich ist er ein Prinz, Ihr blonder deutscher Freund,« sagte Susanne
sorgenvoll.
    »Ein Prinz, der inkognito dieses Jammertal bereist,« antwortete Crammon.
»Ihr habt euch prächtig verändert,« fuhr er, sich umblickend fort und blähte die
Nasenflügel, »ich bin zufrieden mit euch. Ihr seid klug und versteht euch auf
das Weltgetriebe.«
    Susanne blieb stehen und erzählte von dem, was sie beunruhigte. Sie erzählte
von Iwan Michailowitsch Becker. Wie er von Zeit zu Zeit komme und stundenlang
währende Gespräche mit Eva führe; wie sie jedesmal danach die Nacht ausser Bett
zubringe, auf keine Frage antworte und mit glänzenden Augen starr vor sich
hinschaue. Wer wolle dem wunderbaren Kind eine Laune verwehren? Diese aber könne
einen gefährlichen Weg nehmen; eine so zart schwingende Seele dürfe nicht von
den täppischen Händen eines hergelaufenen Finsterlings roh mit Gewichten
beschwert werden. »Was raten Sie zu tun, Herr von Crammon?« schloss Susanne.
    »Ich werde nachdenken,« sagte Crammon, sein glattes Kinn reibend, »ich werde
nachdenken.« Er setzte sich in eine Ecke, stützte den Kopf in die Hand und
dachte nach.
    Eva plauderte mit Christian. Bisweilen lachte sie über seine Bemerkungen,
bisweilen schien sie fremd berührt und staunte. Auch wo sie des besseren Urteils
sicher war, staunte sie und wollte lernen. Mit Wohlgefallen betrachtete sie
seine Gestalt, und einmal bat sie ihn, er möge ihr einen Gegenstand holen, der
auf dem Tische lag, eine Dose aus Onyx, gefüllt mit Halbedelsteinen. Sie wollte
sehen, wie er ging und sich bewegte, wie er nach der Dose griff und sie ihr gab.
Sie schüttete die Steine in ihren Schoss und spielte mit ihnen, liess sie durch
die Finger gleiten und sagte lächelnd zu Christian, er hätte ein Tänzer werden
sollen.
    Er erwiderte naiv, er tanze im allgemeinen nicht gern, aber mit ihr zu
tanzen, würde ihn reizen. Da lachte sie wieder belustigt, versprach ihm jedoch,
sie wolle mit ihm tanzen. Zwischen ihren Fingern blitzten die Steine, und ein
Zucken ihres Mundes verriet Unmut und Stolz, aber auch Mitleid mit diesem
Unwissenden.
    Als sie lachte, wurde Christian verlegen, und als sie schwieg, fürchtete er
sich vor ihren Gedanken. Er hatte in naher Stunde eine Verabredung mit Adda
Castillo, er versäumte die Zeit, trotzdem er eine eifersüchtige Szene zu
fürchten hatte. Eva erschien ihm so unbekannt als erforschenswert, alles an ihr,
Ton, Gebärde, Antlitz und Wort erschien ihm so völlig neu, dass er sich nicht
loszureissen vermochte und seine dunkelblauen Augen mit einer Art von
Dringlichkeit an ihr hingen. Auch als ihre Freunde kamen, Cardillac,
Wiguniewski, der Marquis d'Autichamps, blieb er.
    Eva aber hatte einen Namen für ihn gefunden. Sie nannte ihn Eidolon.
Eidolon, rief sie ihn, mit dem Klang spielend, wie sie mit den bunten Steinen in
ihrem Schoss gespielt hatte.
 
                                       3
Eines Nachts betrat Crammon ein Kaffeehaus an einem der äusseren Boulevards, »le
pauvre Job«, spähte eine Weile durch den Raum und setzte sich dann unfern von
einem Tisch nieder, an welchem mehrere junge Leute von fremdem Aussehen sich
leise in einer fremden Sprache unterhielten.
    Es war eine Gesellschaft von russischen Flüchtlingen, deren
Zusammenkunftsort er ausgeforscht hatte. Ihr Haupt war Iwan Michailowitsch
Becker. Indem er sich stellte, als läse er in einer Zeitung, beobachtete Crammon
mit Aufmerksamkeit diesen Mann, den er nach einer Photographie erkannte, welche
ihm Fürst Wiguniewski gezeigt. Er hatte ein so fanatisches Gesicht nie gesehen.
Er verglich es mit einem schwelenden Feuer, das Hitze und Qualm um sich
verbreitet.
    Man hatte ihm erzählt, dass Iwan Becker sieben Jahre in Gefängnissen und fünf
Jahre in Sibirien geschmachtet habe, dass Tausende und aber Tausende junger
Menschen seines Volks ihm schrankenlos ergeben seien und es nur eines Winks von
ihm bedürfe, damit sie sich opferten mit Leib und Seele.
    Da hausen sie im lichtesten Bezirk der bewohnten Erde und brüten ihre Greuel
aus, dachte Crammon böse.
    Crammon war ein Gegner des Umsturzes, obwohl er es, wenn seine
Bequemlichkeit nicht gefährdet war, ganz gern sah, dass der kleine Mann dem
satten Bürger etwas am Zeug flickte. Er war ein Freund des kleinen Mannes; er
war dem Volk leutselig zugeneigt. Doch achtete er das Herkommen, widersetzte
sich dem Bruch der Gerechtsame und verehrte seinen Monarchen. Jede Neuerung im
Staatsleben erfüllte ihn mit unheilvollen Ahnungen, und er seufzte über die
Schwäche der Regierenden, die sich von nichtswürdigen Parlamenten das Steuer
entwinden liessen.
    Es war etwas Drohendes an der Peripherie seiner Welt; Lampen wurden vom
Sturmwind ausgeblasen, und was dann, wenn der Lichterglanz völlig verlosch?
Illumination war das wesentlich Beruhigende des Lebens.
    Breit und ernst sass er da, im Gefühl seiner Überlegenheit und seiner guten
Taten. Er hatte beschlossen, als Vertreter der Ordnung dem Rebellen ins Gewissen
zu reden, falls sich ein geeigneter Anlass bot. dabei quälte ihn nicht so sehr
die Furcht um den Bestand des Zarentrons als die Sorge um Eva Sorel. Es war
notwendig, die Tänzerin aus den Netzen des Menschen zu befreien.
    Die Fügung begünstigte sein Vorhaben. Einer nach dem andern entfernte sich
vom Tisch drüben, und schliesslich blieb Iwan Becker allein. Crammon nahm sein
Glas Absint, ging hinüber und stellte sich dem Russen vor, wobei er sich auf
seine Bekanntschaft mit dem Fürsten Wiguniewski berief.
    Becker wies stumm auf einen Stuhl.
    Getreu seiner leutseligen Veranlagung, machte Crammon durchaus den
Liebenswürdigen, der sich in jede menschliche Abnormität zu schicken weiss. In
unverfänglichen Windungen näherte er sich seinem Ziel; das giftige Gestrüpp
politischer Temen streifte er kaum; dass im europäischen Westen die private
Freiheit auserwählter Personen unangetastet bleiben müsse und man
gezwungenermassen Gewalt gegen Gewalt setzen werde, liess er nur zart in der
Andeutung. Aber es war ein Mahnruf. Iwan Michailowitsch Becker lächelte
nachsichtig.
    »Wenn der ganze Himmel von den Feuersbrünsten lodert, die euer heiliges
Russland verheeren,« sagte Crammon patetisch, und seine Mundlinien senkten sich
in rechten Winkeln gegen das eckige Kinn, »wir werden, was uns heilig ist, zu
schützen wissen. Caliban ist eine imposante Bestie; vergreift er sich an Ariel,
so mag ers bereuen.«
    Wieder lächelte Iwan Michailowitsch, sonderbar weich und mild, was seinem
hässlichen, auffallend grossräumigen Gesicht einen frauenhaften Ausdruck verlieh.
Er lauschte wie um sich belehren zu lassen.
    Hierdurch ermutigt, fuhr Crammon fort: »Was hat Ariel zu schaffen mit eurem
Jammer? Er schaut zurück im Schreiten, ob man die Spuren seiner Füsse küsst, und
fordert Freude und Ruhm, nicht Blut und Gewalt.«
    »Ariels Füsse tanzen über offene Gräber,« sagte Iwan Michailowitsch mit
leiser Stimme.
    »Eure Toten sind gut aufgehoben, mit den Lebendigen werden wir fertig,«
erwiderte Crammon.
    »Wir kommen,« sagte Iwan Michailowitsch noch leiser, »wir kommen.« Dies
klang rätselhaft.
    Halb ängstlich, halb verächtlich blickte ihn Crammon an. Nach einer langen
Pause liess er sich obenhin vernehmen: »Ich treffe das Herzass auf zwölf Schritt
Entfernung unter fünf Schüssen viermal.«
    Iwan Michailowitsch nickte. »Ich nicht,« antwortete er fast demütig und
zeigte seine rechte Hand, die er sonst geschickt zu verbergen wusste. Sie war
verkrüppelt.
    »Was ist mit Ihrer Hand geschehen?« fragte Crammon erschrocken.
    »In dem unterirdischen Kerker zu Kasan, worin ich lag, hat mich ein Aufseher
zu hart an die Fessel geschmiedet,« murmelte Iwan Michailowitsch.
    Crammon schwieg; aber Iwan Michailowitsch fuhr fort: »Sie werden auch
bemerkt haben, dass mir das Sprechen Schwierigkeiten bereitet. Ich habe zu lange
einsam gelebt, in der Schneewüste, in einer Hütte aus Holz, in eisiger Kälte.
Ich war der Worte entwöhnt. Ich litt, doch das ist auch nur ein Wort: Leiden.
Was könnte man sagen, wie sich verständlich machen? Mein Körper war nur noch ein
Gerüst, ein Überbleibsel; mein Herz, das wuchs und schwoll, ja, was könnte man
da sagen? Es war so gross, so blutrot, so schwer, dass es mir gleichsam zur Last
wurde während der fürchterlichen Flucht, zu der ich mich endlich entschloss. Aber
Gott hat mich beschützt.« Und er wiederholte leise: »Gott hat mich beschützt.«
    In Crammons Kopf verwirrten sich die Begriffe. Dieser Mann mit der sanften
Stimme und den schüchternen Augen eines Mädchens, war das der mordgierige
Revolutionär und Barrikadenheld, auf den er gefasst gewesen? Er wunderte sich und
schwieg beklommen.
    »Lassen Sie uns aufbrechen, es ist spät,« sagte Iwan Michailowitsch, erhob
sich, warf eine Münze auf den Tisch und trat an Crammons Seite auf die Strasse.
Er begann wieder, zögernd und scheu: »Ich will mir kein Urteil anmassen, aber ich
verstehe die Menschen hier nicht. So selbstgewiss und vernünftig; sie ist ja der
vollendete Wahnsinn, diese Art Vernunft. Das Tier ist klüger, das von seiner
Stätte flieht, wenn es ein Erdbeben spürt. Noch etwas, Monsieur. Ein Wort noch
über das Wesen, das Sie so ausdrücklich in Ihren Schutz nehmen. Ariel ist
moralisch nicht belastbar. Niemand denkt daran, es zu tun. Da ist nur Linie, nur
Gebärde, nur Schönheit. Meinen Sie nicht, dass die dunklere Farbe und tiefere
Kraft, die das Wissen um übermenschliche Leiden gibt, diese Kunst über die
Interessensphäre müssiger Schmecker hinausheben kann? Wir brauchen Herolde, die
über den Idiomen der Völker stehen; da sind Möglichkeiten, von denen man nur mit
Verzweiflung im Herzen träumen kann.« Er nickte einen Gruss und ging.
    Crammon war es wie einem, der in leichtem Sommeranzug fröhlich ausgezogen
ist und, von einem Platzregen überrascht, nass und verdrossen heimkehrt. Die
Uhren schlugen zwei. Eine Sängerin von der Komischen Oper erwartete ihn seit
Mitternacht; er trug ihren Wohnungsschlüssel in der Tasche. Als er über die
Seinebrücke schritt, ergriff er den Schlüssel und schleuderte ihn in einem
Anfall heftigen Missmuts ins Wasser.
    »Süsser Ariel,« sprach er vor sich hin, »ich küsse die Spuren deiner Füsse.«
 
                                       4
Adda Castillo merkte, dass Christian sich von ihr abwandte. Sie hatte es nicht
erwartet, nicht nach so kurzer Zeit. Als sie ihn erkalten sah, wuchs ihre Liebe.
Da wuchs auch seine Gleichgültigkeit, und ihr leidenschaftliches Herz büsste die
Ruhe gänzlich ein.
    Sie war an Wechsel gewöhnt, war viel geliebt worden, trotz ihrer Jugend,
hatte viele geliebt und Treue nie gefordert, noch gehalten. Aber dieser Mann war
ihr mehr, als andre gewesen waren.
    Sie wusste, an wen sie ihn verlor; sie hatte die Tänzerin gesehen. Christian,
zur Rede gestellt, gab offen zu, was sie bloss als Verdacht geäussert hatte, um
beschwichtigt zu werden. Sie verglich. Sie fand, dass sie schöner sei als Eva
Sorel, ebenmässiger, rassiger, feuriger; ihre Freunde bestätigten es. Dennoch
spürte sie, dass dort ein Vorteil war, gegen den sie unterlag, den weder sie noch
einer ihrer Schmeichler benennen konnte; um so mehr fühlte sie sich beleidigt.
    Sie schmückte sich, sie trieb kokette Spiele, sie entfaltete alle Seiten
ihres wilden und hinreissenden Temperaments; es war umsonst. Da schwor sie Rache,
ballte die Fäuste, stampfte auf den Boden; sie bettelte, lag auf den Knien vor
ihm und schluchzte. Eines war so töricht wie das andre. Er wunderte sich und
fragte gelassen: »Warum entwürdigst du dich so?«
    Eines Tages teilte er ihr mit, dass sie auseinander gehen müssten. Sie wurde
kreideweiss und zitterte. Plötzlich riss sie einen Revolver aus ihrem Täschchen,
zielte auf ihn und drückte zweimal ab. Er hörte die Kugeln an seinem Kopf
vorüberzischen, die eine links, die andre rechts. Sie schlugen in den
Wandspiegel und zertrümmerten ihn; die Scherben fielen klirrend zu Boden.
    Leute Christians stürzten an die Tür. Christian ging hinaus und erklärte den
Vorfall harmlos als die Folge einer Unvorsichtigkeit. Zurückgekehrt, sah er Adda
Castillo auf dem Sofa liegen, das Gesicht in Kissen vergraben. Keine Miene von
ihm zeigte Schrecken über die Gefahr, der er entgangen war. Wie lästig dies
alles und wie banal, dachte er. Er nahm Hut und Stock und verliess das Zimmer.
    Erst lange nachher erhob sich Adda Castillo, schritt zum Spiegel und
schauderte leicht zusammen, als sie nur noch ein Stück davon in einer Ecke des
Rahmens stecken sah. Doch ordnete sie vor der Scherbe ihr kohlschwarzes Haar.
    Ein paar Tage später kam sie zu Christian, zu einer letzten Unterredung von
fünf Minuten, wie sie ihm auf einer Karte geschrieben hatte. Am selben Abend
sollte die Abschiedsvorstellung für Paris sein, und sie bat ihn, er möge in den
Zirkus gehen. Er zögerte mit der Antwort; ihre glühenden Augen in dem
wachsbleichen Antlitz waren wie in Todesangst auf ihn geheftet. Ihm ward
unbehaglich, aber in einer Regung von Mitleid sagte er zu.
    Crammon begleitete ihn. Sie kamen gerade, als Adda Castillos Nummer begann;
der Wagen mit den Löwen wurde in die Arena geschoben. Ihre Plätze waren ganz
vorn. »Sie sind mir schon ein wenig langweilig, die guten Löwen,« räsonierte
Crammon und hielt sein Lorgnon an die Nase, um die Leute zu mustern.
    Adda Castillo im scharlachroten Trikot, die schwarzen Haare gelöst, Wangen
und Lippen geschminkt, betrat den Käfig, in welchem sich fünf Löwen, eine Mutter
mit ihren vier Jungen, befanden. Mochte sein, dass etwas im Wesen der Bändigerin
die Tiere reizte; Teddy, der jüngste Löwe, stellte sich gegen seine Mutter,
brummte gewaltig und erhob die Tatze gegen sie. Adda Castillo stiess ihren Pfiff
aus und machte eine Gebärde, um die beiden auseinanderzutreiben. Teddy duckte
sich und fauchte.
    In diesem Moment drehte sich Adda Castillo, anstatt das Raubtier im Blick zu
behalten, dem Publikum zu und durchsuchte mit funkelnden Augen die vordersten
Reihen. Da sprang ihr Teddy an die Schulter und warf sie zu Boden. Ein Schrei
aus vielen Kehlen ertönte, die Menschen erhoben sich, viele flüchteten, viele
blickten gebannt und bleich in den Zwinger.
    Nun geschah es, dass Trilby, die Mutter der jungen Löwen, mit einem riesigen
Satz hinzusprang, nicht etwa, um die Herrin ebenfalls anzugreifen, sondern um
sie zu retten. Mit furchtbaren Prankenhieben schlug sie Teddy beiseite und
stellte sich schützend über das auf dem Boden liegende, aus zahlreichen Wunden
blutende Mädchen. Aber die jungen Löwen, blutlüstern, warfen sich auf die
Mutter, schlugen auf sie ein und bissen sie in den Rücken und in die Flanken, so
dass sie sich heulend in einen Winkel zurückzog und das Mädchen seinem Schicksal
überliess.
    Mittlerweile waren die Wärter mit Spiessen und langen Gabeln herbeigeeilt; zu
spät. Die jungen Löwen hatten sich in den Körper Adda Castillos verbissen und
ihn vollkommen zerfleischt. Erst als man auf die zerfetzten Leichenteile
Formaldehyd spritzte, liessen sie davon ab.
    Mitleids- und Angstrufe, Weinen und Händeringen von Frauen, Gewühl an den
Ausgängen und Lärm der Helfer, ein Clown, der wie erfroren auf einer Trommel
stand, ein Pferd, welches aus der Manege rannte, der Anblick des verstümmelten,
zerrissenen, blutüberströmten Frauenkörpers mit den bunten, bluttriefenden
Kleiderfetzen, es drang als Zusammenhang und Folge kaum recht in Christians
Bewusstsein. Es war Wirrsal und Spuk. Er gab keinen Laut von sich, und sein
Gesicht war blass. Sein Gesicht war sehr blass.
    Während sie im Auto zu Jean Cardillac fuhren, bei dem sie zum Souper geladen
waren, sagte Crammon: »Ich möchte nicht zwischen den Kinnladen eines Löwen
enden, bei Gott nicht. Es ist ein grausamer Tod, ein jämmerlicher Tod.« Er
seufzte und schielte verstohlen zu Christian hinüber.
    Christian liess den Wagen halten und bat Crammon, ihn bei Cardillac zu
entschuldigen. »Was hast du vor?« fragte Crammon erstaunt.
    Er wolle allein sein, antwortete Christian, er wolle ein wenig allein sein.
    Crammon konnte sich nicht fassen. »Allein? Du? Wozu denn?« Aber Christian
war bereits unter den Menschen verschwunden.
    »Allein sein! Verrückte Idee,« brummte Crammon kopfschüttelnd, und er befahl
dem Lenker, weiterzufahren. Er stülpte den Mantelkragen hinauf und weihte der
unglücklichen Adda Castillo ein letztes Gedenken, ohne den Freund schuldig zu
finden und ohne ihn zu tadeln.
 
                                       5
»Eidolon ist nicht so heiter wie sonst,« sagte Eva zu Christian; »was ist
geschehen? Eidolon darf nicht traurig sein.«
    Er schüttelte lächelnd den Kopf. Sie aber hatte von dem Vorfall im Zirkus
gehört; sie wusste auch um Christians Beziehung zu Adda Castillo.
    »Ich habe schlecht geträumt,« sagte er und erzählte.
    »Es hat mir geträumt, ich war auf dem Bahnhof und wollte abreisen. Viele
Züge kamen und fuhren in rasender Eile vorüber. Ich wollte fragen, was es
bedeuten solle, und wie ich mich umdrehte, sah ich hinter mir, in einem weiten
Halbkreis, eine unglaubliche Menge Leute stehen. Alle diese Leute schauten mich
an, und wie ich mich ihnen näherte, wichen sie alle auf einmal langsam und stumm
zurück, mit vorgestreckten Armen. Rings im Kreis wichen sie alle ganz langsam
und stumm zurück. O, es war hässlich.«
    Sie strich mit der Hand über seine Stirn, um das Hässliche fortzuwischen. Da
erkannte sie die Macht ihrer Berührung und erschrak über ihr Bild in seinem
Auge.
    Als sie von der Bühne herab, sich verneigend und von Blumen überschüttet,
seinem antastenden Blick begegnete, fühlte sie, dass Knechtschaft drohte. Als sie
an seinem Arm zur Tafel schritt und das entzückte Raunen der Menschen vernahm,
das ihnen beiden galt, schien sie sich wie das Opfer einer Verschwörung, und in
jeder Gebärde war Zögern. Als Crammon, sich selbst verleugnend, überschwenglich
von ihm sprach, Susanne sogar bei den nächtlichen Unterhaltungen von seiner
hohen Abkunft phantasierte, als Cardillac unruhig wurde und Cornelius Ermelang,
der junge deutsche Poet, der sie anbetete wie ein überirdisches Wesen, mit
scheuen Augen fragte, da zerriss sie das unbequeme Gewebe, gab sich kalt und
wurde unnahbar.
    Sie wies Susanne zurecht, sie verspottete Crammon, sie lachte über Jean
Cardillac, sie beugte scherzend das Knie vor dem Dichter, sie verwirrte ihren
ganzen aufgeregten Hofstaat von Malern, Politikern, Journalisten und Dandies mit
ihrer unfassbaren Mimik und Beweglichkeit und sagte, Eidolon sei nur ein
Trugbild, Eidolon sei ein Symbol.
    Christian verstand dies nicht. Auch ihr Entfliehen nicht, und dann das
Umkehren und Locken. Es war etwas andres als Koketterie, etwas Tieferes als
blosses Spiel. Eine leidenschaftliche Gebärde, die er entstehen sah, wurde
plötzlich verweisend, eine freudige fremd. Sie an ein gesagtes Wort zu binden,
war vergeblich; da legte sie die Fingerspitzen gegeneinander, drehte den Kopf
und schaute aus den Augenwinkeln kühl und listig zur Erde.
    Einmal hatte er sie in die Enge getrieben, aber sie rief nach Susanne,
lehnte sich auf deren Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
    Ein andermal sprach er, um zu erproben, wie sie es aufnähme, von seiner
Abreise nach England; sie raffte mit anmutig gebogenen Händen das Kleid und sah
ihre Füsse an.
    Ein andermal wieder warf er ihr vor, in dem heiteren und leichten Ton
allerdings, der zwischen ihnen herrschte, dass sie ihn narre. Sie kreuzte die
Arme und lächelte rätselhaft, fromm und wild zugleich; da sah sie aus wie aus
einer byzantinischen Mosaik hervorgetreten.
    Er wusste, mit welcher Freiheit sie lebte. Warum, so fragte er sich, bleibt
mir versagt, was sie andern gewährt, die geringer sind?
    Er suchte den Beweggrund zu erforschen, der sie leitete; aber ihm fehlten
die Hilfsmittel dazu.
    Er wusste nichts von dem geistigen Feuer der Tänzerin. Er hielt die Tänzerin
für ein Weib gleich allen andern Weibern. Er sah nicht, dass bei ihr nur Neigen
und Vorübergleiten sein durfte, was bei allen andern höchste Daseinsform und
höchster Einsatz war. Ihm entging noch die Gestalt, verwischte sich der Kontur
in seinem flimmernden Wechsel. Aus der sinnlichen Region einer Besessenen wie
Adda Castillo kommend, atmete er hier eine geläuterte, unschwüle Luft, die ihn
berauschte, aber auch ängstigte, die den Herzschlag beschleunigte, aber den
Blick schärfte.
    Es war alles voll Schicksal: wenn sie neben ihm ging; wenn sie im Bois Seite
an Seite ritten; wenn sie in der Dämmerung beisammen sassen und er ihre helle
Kinderstimme vernahm; wenn sie im Palmengarten ihre kleinen Affen neckte; wenn
sie dem Klavierspiel Susannes lauschte und dabei die bunten Edelsteine von einer
Hand in die andre rinnen liess.
    Als er sie eines Abends verlassen hatte, begegnete ihm Jean Cardillac im
Torweg. Sie grüssten einander, dann blieb Christian unwillkürlich stehen und sah
dem Manne nach, dessen Riesengestalt einen Riesenschatten auf die Stufen warf.
Lauter unsichtbare kleine Sklaven folgten im Schutz dieses Schattens, und sie
trugen die Schätze, die er Eva zu Füssen legte.
    Zwangvolle Entschlossenheit kam über ihn. Sich mit dem Schatten zu messen,
schien wichtig. Er kehrte um, die Diener liessen ihn passieren. Cardillac und Eva
waren im Gemäldesaal, Eva auf einer Ottomane zusammengekauert, zusammengerollt,
fast wie eine Schlange; unweit von beiden sass, glutäugig und regungslos, Susanne
in einem niedrigen Sessel.
    »Sie haben versprochen, Eva, mit mir zum Rennen nach Longchamps zu fahren,«
sagte Christian, unter der Tür verharrend, um anzuzeigen, dass er sonst nichts
begehre.
    »Ja, Eidolon. Wozu die Mahnung?« antwortete Eva, ohne sich zu rühren, doch
mit errötenden Wangen.
    »Mit mir ganz allein -?«
    »Ja, Eidolon, mit Ihnen allein.«
    »Ich musste plötzlich an meinen Traum denken, wie der Zug nicht hielt, in den
ich einsteigen wollte.«
    Sie lachte über den naiv-liebenswürdigen Ausdruck in seinen Worten; ihr
Blick wurde sanft, und sie legte den Kopf auf das Kissen. Dann sah sie Cardillac
an, der sich schweigend erhob.
    »Gute Nacht,« sagte Christian und ging.
    Nun war in diesen Tagen Sir Denis Lay eingetroffen, von Crammon erwartet und
mit Entusiasmus begrüsst. »Er ist der einzige lebende Mann, der dir ebenbürtig
ist und dir in meinem Herzen den Rang streitig macht,« sagte Crammon zu
Christian.
    Sir Denis war der zweite Sohn von Lord Stainwood, berühmter Schüler von
Oxford, wo er Neuerungen geschaffen hatte, die den Gesprächsstoff der
vereinigten Königreiche ausmachten, Parteien gebildet hatte, in deren Kampf es
um geheiligte Institutionen ging; Schütze, Jäger, Fischer, Seemann, Boxer,
Ringkämpfer und gelehrter Philolog, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, reich,
lebensprühend, mit einer Legende von tollen Streichen und einer Glorie von
Vornehmheit und Eleganz umgeben, die letzte, üppigste, edelste Blüte Englands.
    Christian erkannte seine Vorzüge ohne Neid und wurde rasch sein Freund. An
einem Abend hatte er Cardillac, Crammon, Wiguniewski, Sir Denis Lay, die
Herzogin von Marivaux und Eva Sorel als Gäste bei sich. Da geschah es, dass Eva
die Zusage brach, die sie ihm gegeben, vor der ganzen Tischgesellschaft, und mit
leichtem Wort.
    Sir Denis hatte den Wunsch geäussert, sie in seinem Wagen nach Longchamps
bringen zu dürfen. Eva bemerkte Christians wartenden Blick, in dem noch
Sicherheit war. Sie hielt eine Traube in der Hand, und als sie sie auf den
Kristallteller legte, hatte sie den Verrat begangen. Christian erblasste. Er
fühlte, dass es keiner Erinnerung bedurfte; sie hatte gewählt, er trat schweigend
zurück.
    Eva langte wieder nach der Traube; sie zwischen flachen Händen emporhebend,
sagte sie mit ihrem traumhaft begeisterten Lächeln, das Christian nun herzlos
erschien: »Du schöne Frucht, ich will dich lassen, bis mich nach dir hungert.«
    Crammon ergriff sein Glas und rief: »Wer für die Herrin ist, erweist ihr die
Reverenz.«
    Alle tranken Eva zu, Christian mit gesenkten Blicken.
 
                                       6
Am andern Abend, nach ihrer Vorstellung, hatte Eva einige Freunde zu sich
beschieden. Sie hatte in einer neuen Pantomime, den »Dryaden«, die tragende
Rolle getanzt und einen grossen Triumph gefeiert. In einer Wolke von Blumen kam
sie nach Hause. Später brachte ein Diener einen Korb, der gehäuft voll von
Briefen und Karten war.
    Sie sank Susanne in die Arme und seufzte, freudig und erschöpft. Alle Poren
glühten an ihr.
    Crammon sagte: »Vielleicht gibt es Schurken, die so etwas nicht empfinden,
aber für mich ist es herrlich, ein Menschenwesen auf dem Gipfel des Daseins zu
sehen.«
    Für dieses Wort überreichte ihm Eva mit graziöser Ehrerbietung eine rote
Rose. Und das Brennen in seiner Brust wurde immer ärger.
    Es war vereinbart worden, dass Christian und Sir Denis Lay miteinander
Florett fechten sollten. Eva hatte darum gebeten; sie versprach sich Genuss und
Belehrung von dem Anblick, den die beiden schön gewachsenen Menschen dabei
bieten mussten.
    Die Vorbereitungen waren beendigt; in dem Rundraum, wo die Teppiche hingen,
traten Christian und Sir Denis einander gegenüber. Eva klatschte in die Hände,
und sie nahmen ihre Positionen ein. Man hörte eine Weile nur die gedämpften,
raschen, rhytmischen Sprungschritte, das leise Klirren der Degen. Eva stand
hochaufgerichtet, ganz Auge, die Bewegungen mit Blicken trinkend. Christians
Körper war schlanker und elastischer als der des Engländers, dieser wieder
zeigte mehr Kraft und Freiheit. Sie waren wie Brüder, der eine in einem rauhen
Klima aufgewachsen, der andre in einem milden; der eine auf sich selbst gestellt
und von weit zurückreichender Zucht getragen, der andre von Zärtlichkeit
umhorcht und ohne innere Führung. Dort war alles Saft, hier alles Schmelz, aber
an Männlichkeit und Feuer gaben sie einander nichts nach.
    Crammon war im siebenten Himmel der Begeisterung.
    Als der Kampf beinahe zu Ende war, erschien Cornelius Ermelang und in seiner
Begleitung Iwan Michailowitsch Becker. Eva hatte Ermelang aufgefordert, eine
Dichtung vorzulesen; er und Becker waren einander seit langem bekannt, und da er
den Russen im Torweg auf und ab schreitend getroffen, hatte er ihn einfach mit
heraufgenommen. Es war das erstemal, dass Iwan Becker sich den andern Freunden
Evas zeigte.
    Beide setzten sich still abseits.
    Christian und Sir Denis hatten sich umgekleidet, und nun sollte Ermelang
lesen. Susanne setzte sich in Beckers Nähe und beobachtete ihn mit aufmerksamer
Miene.
    Cornelius Ermelang war ein schwächlicher Mensch, fast abschreckend hässlich.
Er hatte eine steile Stirn, wasserblaue Augen mit verschleiertem Blick, eine
kraftlos hängende Unterlippe und ein gelbliches, unscheinbares Stückchen Bart am
untersten Ende des Kinns. Seine Stimme war ausserordentlich sanft und leise; sie
hatte etwas Singendes wie die eines Predigers.
    »Sankt Franziskus Nachfolge,« hiess das Gedicht; sein Inhalt schloss sich der
überlieferten Schrift an.
    Einstmals weilte Sankt Franziskus in dem Kloster der Portiunkula mit Bruder
Masseo von Marignano, der sehr heilig war und schön und verständig von Gott zu
reden wusste. Darum liebte ihn Sankt Franziskus sehr. Eines Tages nun kehrte
Sankt Franziskus aus dem Walde zurück, wo er gebetet hatte, und gerade, wie er
aus dem Wald treten wollte, kam ihm Bruder Masseo entgegen und sprach: »Warum
dir? Warum dir? Warum dir?« Sankt Franziskus antwortete: »Was willst du denn
eigentlich sagen?« Bruder Masseo erwiderte: »Ich frage, warum alle Welt dir
nachläuft, und warum jedermann dich sehen will und auf dich horchen und dir
gehorchen; du bist kein schöner Mann, du bist nicht gelehrt, nicht von edler
Abkunft; was ist es denn, dass alle Welt dir nachläuft?« Wie das Sankt Franziskus
hörte, ward er sehr froh im Gemüte, und er hob sein Antlitz gegen den Himmel und
blieb lange unbeweglich stehen, denn sein Geist war zu Gott erhoben. Als er aber
wieder zu sich kam, warf er sich auf die Knie, pries und dankte Gott, wandte
sich dann voller Inbrunst zu Bruder Masseo und sprach: »Willst du wissen, warum
mir? willst du wissen, warum mir? willst du wissen, warum mir? warum mir alle
nachfolgen? Das hat mir der Blick des allmächtigen Gottes ersehen, der
allerorten auf Guten und Bösen weilt. Denn seine heiligen Augen sahen unter den
Sündern keinen, der elender war denn ich, keinen, der untüchtiger war denn ich,
keinen, der ein grösserer Sünder war denn ich; und um das wundersame Werk zu
vollbringen, das er sich vorgenommen, fand er kein Geschöpf auf Erden, das
armseliger war denn ich. Darum hat er mich auserwählt, um die Welt zu beschämen
mit ihrem Adel und ihrem Stolz und ihrer Stärke und ihrer Schönheit und ihrer
Weisheit; auf dass da kund werde, dass alle Kraft und alles Gute von ihm ausgehet
und nicht von der Kreatur, und niemand sich vor seinem Angesicht rühme. Wer sich
aber rühmt, rühme sich in dem Herrn.« Da erschrak Bruder Masseo über diese
Antwort, die so demütig war und mit so viel Inbrunst gesprochen.
    In dem Gedicht ging dann Bruder Masseo in den Wald, aus welchem Sankt
Franziskus gekommen, und es war ein orgelndes Brausen in den Baumwipfeln, das
ihm vernehmlicher zu der Frage wurde: Willst du wissen, warum? willst du wissen,
warum? Und er warf sich zur Erde, auf Wurzeln und Steine, er küsste Wurzeln und
Steine und rief aus: »Ich weiss warum, ich weiss warum.«
 
                                       7
Die Strophen hatten eine süsse Ekstase; ein gedämpftes Hinrinnen war ihnen eigen,
mit Reimen, die gleichsam versteckt waren.
    »Es ist schön,« sagte Sir Denis Lay, der die deutsche Sprache vollkommen
beherrschte.
    Crammon sagte: »Es ist wie alte Glasmalerei.«
    »Was mir am meisten gefällt,« fuhr Sir Denis fort, »ist, dass einem die Figur
des Franziskus nahetritt und dass er jenes Bezaubernde hat, das ihm vor allen
Heiligen zugeschrieben wurde, die Cortesia.«
    »Die Cortesia? Was ist darunter zu verstehen?« fragte Fürst Wiguniewski.
»Höflichkeit? Fromme Höflichkeit?«
    Eva erhob sich. »Das ist es,« sagte sie, »das.« Und sie machte mit beiden
Händen eine entzückende Gebärde. Alle sahen sie an. Sie fügte hinzu: »Geben, was
mein ist, und nehmen, zum Scheine nur, was des andern ist. Das ist Cortesia.«
    Christian hatte sich während dieses Gesprächs aus dem Kreis entfernt.
Widerwille zeigte sich in seinem Gesicht. Auch während der Vorlesung hatte er es
kaum ertragen, auf seinem Stuhle ruhig sitzen zu müssen. Er wusste nicht, was es
war, das sich in ihm aufbäumte, ihn im höchsten Grad reizte. Hohn und Trotz
erfüllten ihn und drängten ihn zu einer Kundgebung. Mit verstellter
Gleichgültigkeit rief er Sir Denis Lay zu sich und begann mit ihm von dem
Vollblutengst zu sprechen, den Sir Denis zu verkaufen und den Christian zu
besitzen wünschte. Er hatte vierzigtausend Franken schon geboten, jetzt bot er
fünfundvierzigtausend, so laut, dass es alle hören konnten. Crammon trat wie ein
Wächter an seine Seite.
    »Eidolon!« rief plötzlich Eva.
    Christian blickte zu ihr hinüber, schuldbewusst. Sie standen Aug in Auge. Die
andern schwiegen betroffen.
    »Er ist unter Brüdern soviel wert,« murmelte Christian, ohne den Blick von
Eva zu lassen.
    »Komm, Susanne,« wandte sich Eva zu ihrer Dienerin, und um ihren Mund zuckte
es spöttisch und bitter, »komm. Er versteht zu fechten, und er versteht, Rosse
zu erhandeln. Von Cortesia versteht er nichts. Gute Nacht, meine Herren.« Sie
verbeugte sich und schlüpfte durch den grünen Türvorhang.
    Bestürzt brach die Gesellschaft auf.
    In ihrem Gemach angelangt, warf sich Eva auf einen Sessel und schlug
erbittert die Hände vor das Gesicht. Susanne kauerte sich neben ihr auf den
Boden und sah sie wartend und suchend an. Als eine Viertelstunde verflossen war,
erhob sie sich, löste die Spangen aus Evas Haar und begann sie zu kämmen.
    Eva liess es geschehen. Sie gedachte des Meisters und seiner Lehre.
 
                                       8
Die Lehre des Meisters war: Erziehe deinen Leib zur Furcht vor dem Geist; was du
ihm über die Notdurft gewährst, macht dich zu seiner Sklavin. Sei nie die
Verführte, verführe du, dann bleibt dir immer der Weg bekannt. Sei allen ein
Geheimnis, sonst wirst du dir gemein; nur dem Werk gib dich hin, Leidenschaften
der Sinne verwüsten das Herz. Was ein Mensch vom andern wirklich empfängt, ist
niemals die Fülle der Stunde und der Seele, sondern ein Bodensatz, der erst spät
und unmerkbar befruchtet wird.
    Als sie im Alter von zwölf Jahren, von Gauklern beschwatzt und von ihrem
Schicksal gerufen, die Heimat verliess, das weltentlegene fränkische Städtchen,
war es noch weit bis zum Meister hin, aber der Weg war vorbestimmt.
    Sie verlor sich nie. Sie glitt über Bedrängnisse und Erniedrigungen hinweg,
wie die Gemse über Abgründe und Geröll. Wer sie unter den Mitgliedern der
wandernden Truppe sah, hielt sie für ein geraubtes Kind von vornehmer Geburt.
dabei war sie die Tochter eines unbekannten Musikers, der Daniel Notaft hiess,
und einer Dienstmagd; mit dem Vater war sie nur durch ein Traumgefühl von
Mitleid und Verehrung verbunden, die Mutter hatte sie niemals gesehen und deren
missklingenden Namen hatte sie abgeworfen.
    In Zelten und Scheunen zu nächtigen, war sie gewohnt. In Orten am Meer hatte
sie oft zwischen Klippen geschlafen, eingehüllt in eine Decke. Sie kannte den
Nachtimmel, seine Wolken und seine Sterne. Sie war unter Tieren gelegen, Eseln
und Hunden, im Stroh, und war auf der gebrechlichen, mit Menschen bepackten
Karre bei Regen oder Schneegestöber über die Landstrassen gefahren. Es war eine
Romantik, die im Widerspruch zum Zeitalter stand.
    Sie hatte ihre teatralischen Kostüme nähen und täglich unter der Fuchtel
des Oberhaupts der Gesellschaft ihre anstrengenden Übungen machen müssen. Aber
sie lernte auch die fremde Sprache und kaufte auf Jahrmärkten heimlich die
Bücher der Poeten, die in dieser Sprache gedichtet hatten. Heimlich las sie,
manchmal auf herausgerissenen Seiten, die sich leicht verbergen liessen,
Beranger, Musset, Victor Hugo und Verlaine.
    Sie ging auf dem hohen Seil, das ohne Schutznetz über einen Dorfplatz von
First zu First der Häuser gespannt war, und ging so sicher wie auf Breitern. Sie
war die Partnerin eines dressierten Tanzbären und trat mit fünf Pudeln auf, die
Purzelbäume machten. Sie turnte am Trapez, und ihre grosse Nummer war, sich in
Karriere von einem Pferd aufs andre zu schwingen. Hierbei stellte der
Leierkastendreher die Musik ein, um die Zuschauer zu verständigen, dass
Ungewöhnliches geschah. Sie trug den Sammelteller am Strick entlang und nötigte
manchen, durch einen Blick nur, in die Tasche zu greifen, der sich tückisch
davonstehlen wollte.
    Sie beklagte sich nicht nur nicht, sondern sie nahm die vielfachen
Obliegenheiten aus eigenem Antrieb auf sich. Es war ihr bewusst, dass alles dies
nur Schule war und Vorbereitung. Sie hatte die Gabe zu warten, in niedriger
Sphäre sich innerlich schaffend zu gedulden.
    In einigen Dörfern und kleinen Städten an der Rhone geschah es, dass sie
unter dem Publikum häufig einen Mann bemerkte, der sich an zwei Krücken mühselig
fortschleppte. Er folgte der Truppe von Ort zu Ort, und da seine ganze
Aufmerksamkeit jedesmal bloss auf Eva gerichtet war, litt es keinen Zweifel, dass
er es um ihretwillen tat.
    Es war in der Nähe von Lyon, als sie, nach zweijährigen Wanderzügen, am
Typhus erkrankte. Ihre Leute mussten sie ins Hospital bringen, sie konnten nicht
warten, der Führer wollte nach gemessener Zeit zurückkehren und sie holen. Als
er kam, war sie erst im Beginn der Genesung; plötzlich tauchte neben ihrem Bett
der Mann mit den Krücken auf. Er winkte den Gauklerchef beiseite; man sah an den
Mienen, dass es sich bei dem Gespräch um Geld handelte. Aus dem Händedruck ihres
bisherigen Herrn spürte Eva, dass sie ihn zum letzten Male sah.
 
                                       9
Lukas Anselm Rappard hiess der mit den Krücken. Er wurde Evas Retter und
Erwecker; er lehrte sie ihre Kunst, er nahm sie in seine Obhut, und diese Obhut
war von tyrannischer Art. Er gab sie erst wieder frei, als sie geworden war,
wozu er sie hatte formen wollen.
    Seit langem hatte er sich in Toledo zur Ruhe gesetzt, weil drei oder vier
Gemälde dort waren, denen nah zu sein er die Weltabgeschiedenheit nicht scheute.
Dann auch, weil die spanische Sonne ihn am meisten durchwärmte, und weil das
Volk ihm gefiel.
    Ungeachtet seines Gebrechens reiste er alljährlich nach Norden an die See.
Er reiste wie die Altvordern, langsam von Ort zu Ort. Seine Schwester Susanne
war seine stete Begleiterin.
    Auf der Rückkehr war er diesmal zufällig von Evas Auftreten Zeuge geworden.
Die dörflichen Jahrmärkte dieser Gegend hatten ihn schon oft verlockt. Da fand
er unversehens, was ihn reizte, ein Werk zu schaffen. Es war ein
Bildhauergelüst; die Form schwebte ihm vor, der Stoff war gegeben; der Anblick
des Lebens entzündete Ideen, die zu gestalten er bereits verzichtet hatte.
    Anfangs nannte er es eine Laune; als er sich in die Aufgabe versenkt hatte,
wurde es zur Leidenschaft eines Pygmalion.
    Er mochte vierzig Jahre zählen oder etwas mehr. Sein bartloses Gesicht war
derbknochig, bäurisch-brutal. Je genauer man es aber betrachtete, je geistiger
erschien es. Die grüngrauen Augen, tief in starken Höhlen liegend, hatten eine
Blickgewalt, die überraschte, ja erschreckte.
    Der merkwürdige Mann hatte eine merkwürdige Herkunft und ein merkwürdiges
Schicksal. Sein Vater war ein holländischer Sänger gewesen, seine Mutter eine
Dalmatinerin; sie waren beide nach Kurland verschlagen worden und während einer
Epidemie fast zu gleicher Zeit gestorben. Die Geschwister waren schon als Kinder
in die Ballettschule des Rigaer Teaters gekommen. Lukas Anselm gab zu grossen
Hoffnungen Anlass. Durch eine unvergleichliche Elastizität und Leichtigkeit
stellte er alles in den Schatten, was man bisher an jungen Tänzern gesehen
hatte. Mit siebzehn Jahren entfesselte er das Publikum der Mailänder Skala durch
seine Wirbel und Sprünge zu einer selten gehörten Beifallsraserei. Seine Wirkung
erschien unzeitgemäss, verspätet oder verfrüht. Seine ganze Person hatte etwas
Befremdendes, Überpflanztes, und bald wurde er auch an sich irre oder an den
Elementen, die ihn trugen. Mit zwanzig Jahren wurde er von einer krankhaften
Schwermut erfasst.
    Da begab es sich, als er in Petersburg gastierte, dass sich eine junge und
jungverheiratete Dame vom Hof in ihn verliebte. Sie bewog ihn dazu, sie eines
Nachts in ihrer Villa ausserhalb der Stadt zu besuchen. Jedoch ihr Gatte war
hiervon benachrichtigt worden; er schützte eine Reise vor, um die Frau in
Sicherheit zu wiegen, drang mit mehreren Dienern in ihr Schlafgemach, riss den
Liebhaber von ihrer Seite, liess ihn von seinen Leuten blutig peitschen, sodann
binden und nackt in den Schnee hinaustragen. Hier, im Schnee, bei strenger
Kälte, musste der Unglückliche bis zum Morgen, sechs Stunden lang, liegen.
    Gefährliche Krankheit und unheilbare Lähmung waren die Folgen der Gewalttat.
Susanne pflegte ihn und verliess ihn nicht eine Stunde. Sie hatte ihn stets
bewundert und geliebt, jetzt vergötterte sie ihn. Ein kleines Vermögen hatte er
bereits erworben, es vermehrte sich durch eine Erbschaft von mütterlicher Seite.
So war er in den Stand gesetzt, unabhängig zu leben.
    Ein neuer Mensch wuchs in ihm. Die Krüppelhaftigkeit verlieh seinem Gehirn
jene Schwungkraft, die vordem sein Körper besessen hatte. Auf wunderlichem Weg
durchmass er die Weite modernen Daseins von einem Endpunkt bis zum andern und
spannte, über Schmerz, Enttäuschung und Verzicht, den Bogen vom Sinnlichen zum
Geistigen. In seiner Verwandlung vom Tänzer zum Krüppel schien ihm eine tiefe
Bedeutung zu liegen; er forschte nach der Idee und nach dem Gesetz, und das
schroffe Widerspiel von äusserer Ruhe und innerer Bewegung, von innerer Ruhe und
äusserer Bewegung dünkte ihm wichtig zur Erklärung der Menschheit und der Zeit.
    Mit zweiundzwanzig Jahren lernte er Lateinisch, Griechisch und Sanskrit. Er
trieb die Studien eines Schülers und hörte Vorlesungen an deutschen
Universitäten. Der fremdartige Student, der mühsam an Stöcken humpelte, bildete
häufig den Gegenstand neugieriger Nachfrage. Als er dreissig alt war, reiste er
in Susannes Begleitung nach Indien und lebte vier Jahre lang in Delhi und in
Benares. Er verkehrte mit gelehrten Brahmanen und wurde von ihnen in Mysterien
eingeweiht, die kein Europäer vor ihm erfahren. Eines Tages stand er einem
sagenhaften tibetanischen Lama gegenüber, der achtzig Jahre lang in einer Höhle
im Gebirg gelebt und den die ewige Finsternis blind, die ewige Einsamkeit zum
Heiligen gemacht hatte. Der Anblick des Hundertjährigen erschütterte ihn, zum
erstenmal in seinem Leben, bis zu Tränen. Er verstand nun Heiligkeit und glaubte
an Heiligkeit. Und dieser Heilige tanzte. Beim Sonnenaufgang tanzte er, die
blinden Augen dem Gestirn zukehrend.
    Er sah die religiösen Feste in den Tempelsiedlungen am Ganges und fühlte die
Nichtigkeit des Lebens und die Gleichgültigkeit des Todes, wenn die Pestleichen
zu Hunderten und aber Hunderten den Fluss hinunterschwammen. Er liess sich in die
Urwälder und die Dschungeln tragen und sah überall Tod und Leben so ineinander
verstrickt, dass eines Art und Züge des andern annahm, Verwesung die der Geburt,
Fäulnis die der Zeugung. Man erzählte ihm von der Marmorstadt eines Rajahs, in
der nur Tänzerinnen lebten, die von Fakiren unterrichtet wurden; wenn die Zeit
kam, wo sie verblühten und ihre Gelenke die Kraft einbüssten, wurden sie getötet.
Sie hatten das Gelübde der Keuschheit abgelegt, und wenn sie es brachen, wurden
sie getötet. Er ging hin, doch erhielt er keinen Einlass. In der Nacht sah er
Feuer auf den Dächern und hörte die Gesänge der jungfräulichen Tänzerinnen.
Bisweilen glaubte er auch einen Todesschrei zu hören.
    Diese Nacht mit den Feuern und den Gesängen, den geahnten Tänzen und dem
ungewissen Schrei speicherte neue Energien in ihm auf.
 
                                       10
Er brachte Eva nach Toledo. Er hatte dort ein Haus gemietet, in welchem, wie es
hiess, einst der Maler Greco gewohnt hatte.
    Das Gebäude war ein grauer Würfel, im Innern ziemlich öde. Es lebten Katzen
darin, Eulen, Fledermäuse und Ratten.
    Mehrere Räume waren angefüllt mit Büchern; die Bücher wurden Evas stumme
Freunde in den Jahren, die nun kamen und in denen sie fast keinen andern
Menschen sah als Rappard und Susanne.
    In diesem Hause lernte sie die Einsamkeit kennen, die Arbeit und die völlige
Hingebung an eine Idee.
    Sie betrat es mit der Furcht vor ihm, der sie durch seinen Willen
hergezwungen. Seine Sprache und sein Wesen schüchterten sie so ein, dass sie
Angstvorstellungen hatte, wenn sie an ihn dachte. Sie zu beschwichtigen, war
Susanne eifrig bemüht.
    Susanne erzählte vom Bruder, abends und nachts, wenn Eva mit einem bis zur
Verzweiflung erschöpften Körper dalag, vor Erschöpfung nicht schlafen konnte.
Sie war nicht verweichlicht, das Leben bei der Truppe hatte sie an die härtesten
Anstrengungen gewöhnt, aber dieser unaufhörliche Drill, diese eintönige Plage
der ersten Monate, in der alles wüst und schmerzlich war, ohne Lockung, ohne
Licht, ohne Begreifen fast, machte sie krank und liess sie ihre Glieder hassen.
    Susanne beschwor sie mit dumpfer Stimme; Susanne streichelte ihre Arme und
Beine; Susanne trug sie ins Bett und las ihr vor. Und sie schilderte ihn, der in
ihren Augen ein Zauberer war, ein ungekrönter König, an dessen Blick und
Atemhauch sie hing und aus dessen Vergangenheit sie Szenen und Worte wiedergab,
weitschweifig und wirr oft, zuweilen auch so packend und bildvoll, dass Eva das
Glück der Fügung zu ahnen begann, welches ihn auf ihren Weg geführt.
    Dann kam ein Tag, wo er zu ihr redete. »Glaubst du dich zur Tänzerin
geboren?« - »Ich glaube es.« Und er sprach zu ihr über den Tanz. Das schwankende
Gefühl wurde fest. Sie spürte den leichter und leichter werdenden Körper. Als er
sie verliess, schaute sie mit Augen, in denen schon der Ehrgeiz flammte.
    Er hatte sie gelehrt, mit aufgereckten Armen zu stehen, und kein Muskel
durfte zittern; sich auf den Fussspitzen zu halten, dass der Scheitel einen
hängenden spitzen Pfeil berührte; mit nackten Füssen bestimmte Figuren zwischen
aufgespiessten Nadeln zu gehen, und wenn jede Wendung den Gliedern eingefleischt
war, mit verbundenen Augen die Gefahr zu meiden; sich um einen vertikal
gespannten Strick zu wirbeln und ohne Hilfe der Arme auf hohen Stelzen zu
schreiten.
    
    Sie hatte vergessen müssen, wie sie bisher gegangen, geschritten, gelaufen,
gestanden war, und sie musste lernen, zu gehen, zu schreiten, zu laufen, zu
stehen. Es musste neu werden, wie er sagte; Glieder, Knöchel und Gelenke mussten
sich zu neuen Funktionen entschliessen, so wie ein Mensch, der im Strassenschmutz
gelegen ist, neue Kleider anzieht. »Tanzen heisst Neusein,« sagte er, »in jedem
Augenblick frisch aus Gottes und seiner Engel Hand.«
    Er weihte sie ein in den Sinn und das Gesetz aller Bewegung, in die Struktur
und den Rhytmus jeglicher Gebärde.
    Er schuf die Gebärde mit ihr. Er dichtete um jede Gebärde ein Erlebnis. Er
zeigte ihr, was Flucht war, was Verfolgung, was Abschied, was Begrüssung; was
Erwartung, was Triumph; was Freude, was Angst. Es gab keine Regung eines
Fingers, an der nicht der ganze Körper teilzunehmen hatte; Spiel der Augen und
der Mienen kam so wenig in Frage, dass man das Gesicht getrost verhüllen konnte,
ohne dass der Ausdruck litt.
    Er schälte alles aus dem Überflüssigen; er forderte den Extrakt.
    »Kannst du trinken? So trinke.« Es war falsch. »Phrase; so hat der Mensch
nicht getrunken, der noch nie einen Trinkenden gesehen hat.«
    »Kannst du beten? Kannst du pflücken, die Sense schwingen, Körner sammeln,
einen Ring darreichen, einen Schleier binden? Gib das Bild davon! Stell es dar!«
Sie konnte es nicht. Er lehrte es sie.
    Wenn sie sich in die Wirklichkeit verirrte, schäumte er vor Zorn. »Die
Wirklichkeit ist ein Vieh!« schrie er und schleuderte eine seiner Krücken an die
Wand, »die Wirklichkeit ist ein Mörder!«
    Er erklärte ihr an Statuen und vor den Gemälden grosser Künstler die
wesentliche und geadelte Linie und wie das Gedachte und Erbaute wieder mit der
Natur und ihrer Unmittelbarkeit in Harmonie gebracht war.
    Er sprach über die Musik als Helferin. »Du brauchst die Melodie nicht, kaum
den Ton. Wichtig ist allein die geteilte Zeit, das hörbar abgesetzte Mass, das
die heftige, wilde, leidenschaftliche oder die sanfte, getragene, liebliche
Bewegung leitet und eindämmt. Hierzu genügt ein Tamburin oder eine Wasserpfeife.
Alles übrige ist Schwindel und Trübung. Hüte dich vor Poesie, die nicht aus
deiner Leistung kommt.«
    Er ging des Nachts mit ihr in Schenken und Tanzlokale, wo Mädchen aus dem
Volk ihre kunstlosen und aufgeregten Tänze vorführten. Er entüllte den Kern
davon und liess sie einen Bolero, einen Fandango, eine Tarantella tanzen, die nun
wie geschliffene Edelsteine wirkten.
    Er rekonstruierte die alten Waffentänze für sie, die Pyrrhiche und die
Karpeia; den Tanz der Musen auf dem Helikon um den Altar des Zeus; den Tanz der
Artemis mit ihren Gespielinnen; den Geranostanz von Delos, welcher den Weg des
Teseus durch das Labyrint nachahmte; den Tanz, den die Mädchen von Karyai zu
Ehren der Artemis von Karyai tanzten, wobei sie einen kurzen Chiton und ein
korbartiges Weidengeflecht auf dem Haupte trugen; den Keltertanz, der durch die
Schale des Hieron überliefert ist und bei welchem alle bei der Weinlese und beim
Keltern vorkommenden Handlungen dargestellt werden. Er zeigte ihr Abbildungen
der Francoisvase, der geometrischen Vase vom Dipylon, vieler Reliefs und
Terrakotten und liess sie die Figuren studieren, die eine hinreissende Anmut und
einen unvergleichlichen Schwung der Bewegung hatten. Er verschafte ihr die
Musik dazu, die er mit Susannes Hilfe aus alten Notenschriften auszog und den
Tänzen anpasste.
    Von da an führte er sie höher; veranlasste sie, selbst zu erfinden, selbst zu
fühlen und das Gefühl zu formen; löste den hypnotisch aufs Technische oder nur
Schöne gebannten Blick, machte ihre Sinne frei, liess sie das Feld übersehen, auf
dem sie wirken sollte, den tauben, blinden Schwarm und Haufen; flösste ihr die
Liebe zu den unsterblichen Werken ein und wappnete ihr Herz gegen die niedrige
Verführung, gegen das Spiel ohne höchsten Einsatz, das Tun ohne Mass, das Sein
ohne Gewicht.
    Erst als sie von ihm ging, fasste sie ihn ganz.
    Er gab ihr Susanne mit, als er sie reif fand, sich der Welt zu zeigen,
ausserdem Empfehlungen, die den Anfangsweg ebneten. Er wollte einsam leben. Für
die Pflege, deren er bedurfte, hatte Susanne einen jungen Kastilier abgerichtet.
Ob er in Toledo bleiben oder einen andern Wohnsitz wählen würde, sagte er nicht.
Seit sie ihn verlassen, hatte weder Eva noch Susanne von ihm gehört; Briefe und
Nachrichten hatte er sich verbeten.
 
                                       11
Susanne sass oft in der Nacht in einem finstern Winkel und nannte aus tiefem
Brüten heraus seinen Namen. Ihre Gedanken drehten sich um die Wiedervereinigung
mit ihm. Der Dienst bei Eva war bloss eine gewaltsame Unterbrechung des Lebens an
seiner Seite.
    Sie liebte Eva; aber sie liebte sie als Lukas Anselms Werk und Werkzeug.
Wenn Eva Ruhm gewann, so war es für Lukas Anselm; wenn sie Schätze sammelte, es
war für Lukas Anselm; wenn sie mächtig wurde, für Lukas Anselm wurde sie's. Die
sich Eva nahten und sich ihr unterwarfen, waren Kreaturen Lukas Anselms, seine
Hörige und Sendlinge.
    Ach, dachte sie, als sie nach dem Auftritt mit Christian Wahnschaffe in Evas
Gemach ihr zu Füssen kauerte, wie so oft, und ihre Knie umklammert hielt, ach, er
hat ihr eine unwiderstehliche Seele eingehaucht, er hat sie schön und strahlend
gemacht.
    Aber es war auch eine abergläubische Befürchtung in ihr. Insgeheim zitterte
sie davor, dass diese unwiderstehliche Seele plötzlich einmal aus Evas Körper
entweichen, die strahlende Schönheit schwinden würde, und dass dann nichts
übrigblieb als eine leere, tote Hülle. Geschah es, dann wusste sie, dass Lukas
Anselm nicht mehr war.
    Darum freute sie sich, wenn Überschwang und Ausgelassenheit, Glanz und
Tumult in Evas Leben herrschten, und wurde niedergeschlagen und von schlimmen
Ahnungen geplagt, wenn die Schöne sich zurückzog und still und allein blieb. So
lang Eva tanzte, so lang Eva liebte, so lang sie Feste feierte und sich
schmückte, brauchte Susanne nicht um den Bruder zu bangen, und darum sass sie da
und blies in die Flamme, aus welcher Lukas Anselm zu ihr redete.
    »Hast du den Engländer gewählt, so musst du deswegen dem Deutschen nicht den
Laufpass geben,« sprach sie. »Nimm den einen, und den andern kannst du noch
schmachten lassen. Man weiss nicht, wie die Dinge sich verändern. Es sind viele
da; sie steigen, sie fallen. Mit Cardillac gehts auch bergab; man munkelt
allerlei.«
    »Eidolon,« flüsterte Eva hinter den Händen, die ihr Gesicht verbargen.
    »Wie denn?« sagte Susanne ärgerlich, »erst höhnst du ihn, dann rufst du ihn.
Wer wird daraus klug?«
    Mit einem Ruck schnellte Eva empor. »Du sollst mir nicht von ihm sprechen,
du sollst ihn mir nicht preisen, Kupplerin,« rief sie mit glühenden Wangen, und
der spöttisch leichte Ton, in dem sie immer mit Susanne redete, wurde drohend.
    »Golpes para besos,« murmelte Susanne spanisch, »Schläge für Küsse.« Sie
stand auf, um Evas Haar weiterzukämmen und für die Nacht zu flechten.
    Am andern Tag kam Crammon. »Ich habe einen gefunden, dessen Lachen die
Eseltreiber in Cordova schamrot macht,« begann er mit komischer Feierlichkeit;
»aus welchem Grund wird er verworfen?«
    Sein Herz blutete, aber er warb für den Freund. Wie sehr er Denis Lay auch
bewunderte und liebte, Christian stand ihm näher; Christian war sein Fund, auf
den er eitel war, Christian war sein Held.
    Eva sah ihn mit blitzenden Augen an und entgegnete:
    »Es ist wahr, er versteht zu lachen wie jener Eseltreiber in Cordova, aber
er hat auch nicht mehr Herzensbildung als der Eseltreiber in Cordova, und das,
mein Lieber, ist mir zu wenig.«
    »Und was soll nun aus uns werden?« seufzte Crammon.
    »Ihr könnt mit mir nach England gehen,« antwortete Eva heiter. »Ich tanze im
Teater Seiner Majestät. Eidolon soll mein Page sein, soll Ehrfurcht lernen und
nicht um Pferde feilschen, wenn man mir schöne Gedichte vorliest. Sagen Sie es
ihm.«
    Abermals seufzte Crammon, griff nach ihrer Hand und küsste andächtig die
Fingerspitzen. »Ich will es ausrichten, süsser Ariel,« entgegnete er.
 
                                       12
Cardillac fiel in Ungnade bei Eva; damit verlor er den letzten Halt. Die Gefahr,
mit der er verwegen gespielt, umstrickte ihn; der Abgrund zog ihn hinunter.
    Den äusseren Anstoss zu seinem Sturz gab ein junger Ingenieur, der einen
Wassermesser erfunden hatte. Cardillac hatte ihn durch grossartige Versprechungen
überredet, ihm die Nutzbarmachung der Erfindung zu überlassen. Es dauerte nicht
lange, so erkannte der Ingenieur, dass er betrogen und um den Ertrag seiner
Arbeit gebracht war. Er sammelte in der Stille Material gegen den Spekulanten,
deckte seine betrügerischen Geschäfte auf und überreichte bei Gericht eine Reihe
vernichtender Anklagen. Obwohl ihm Cardillac schliesslich fünfmalhunderttausend
Franken anbieten liess, wenn er die Klagen zurückziehe, weigerte sich der
hartnäckige Verfolger.
    Andre Umstände kamen hinzu; die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten. An
einem einzigen Vormittag fielen die Kurse seiner Papiere um Hunderte von
Franken. Dreihundert Millionen wurden in zweimal vierundzwanzig Stunden
verloren. Die Ernte des Baissiers war gekommen. Zahllose Existenzen gerieten mit
der Geschwindigkeit eines Lawinensturzes ins Elend, achtzehnhundert
Kleingewerbetreibende büssten ihr ganzes Hab und Gut ein, siebenundzwanzig
bedeutende Firmen mussten den Konkurs anmelden, Senatoren und Abgeordnete des
Parlaments wurden in den Strudel gerissen, und unter den Angriffen der
Opposition wankte die Regierung.
    Felix Imhof kam nach Paris, um aus dem Zusammenbruch zu retten, was noch zu
retten war. Der empfindliche Verlust, den er erlitten hatte, hinderte ihn nicht
an entzückten Äusserungen über das imposante Schauspiel, welches der Untergang
Cardillacs der Welt darbot.
    Crammon sagte: »Ich war keusch wie Joseph, als mich diese Potiphar verführen
wollte.« Er deutete mit dem Zeigefinger kichernd auf Imhof und rieb sich
selbstzufrieden die Hände.
    Am darauffolgenden Abend ging Imhof mit den Freunden zu Eva Sorel. Sie hatte
das Palais verlassen, das ihr Cardillac eingerichtet, und ein schönes Haus an
der Chaussee d'Antin gemietet.
    Imhof sprach von der besonderen Tragik moderner Schicksale, und als ein
Beispiel erzählte er, wie Cardillac drei Tage vor seinem Sturz im Hauptquartier
seiner erbittertsten Gegner erschienen sei, nämlich in der Bank von Paris. Der
Verwaltungsrat der Bank war vollzählig versammelt. Mit gefalteten Händen, mit
tränenüberströmtem Gesicht flehte der gehetzte Mann um ein Darlehn von zwölf
Millionen Franken. Es war ein drastisches Zeichen seiner Naivität, von denen
Hilfe zu verlangen, die er seit Jahr und Tag an der Börse geschröpft, deren
Verluste er eingeheimst und die er mit dem neuen Darlehn noch weiter bekämpfen
wollte.
    Christian hörte zerstreut zu. Er stand Arm in Arm mit Crammon vor einem
chinesischen Wandschirm; ihnen gegenüber sass Eva, eigentümlich verträumt, und
dicht neben ihr Sir Denis Lay. Auch andre waren anwesend, aber ihnen schenkte
Christian keine Aufmerksamkeit.
    Auf einmal entstand an der Tür eine Bewegung. »Cardillac,« flüsterte jemand.
Alle blickten hin.
    In der Tat war es Cardillac, der eingetreten war. Seine Stiefel waren
beschmutzt, Kragen und Krawatte in einer Unordnung, als habe er sie schon eine
Woche lang am Leib. Er hatte die Fäuste zusammengedrückt, seine Augen wanderten
unstet von Gesicht zu Gesicht.
    Eva und Sir Denis blieben ruhig sitzen. Eva stützte den Fuss auf den Rand
eines kupfernen, mit weissen Lilien gefüllten Gefässes. Auch die andern rührten
sich nicht. Nur Christian machte, unwillkürlich, ein paar Schritte auf Cardillac
zu.
    Cardillac gewahrte ihn. Er ergriff ihn am Ärmel des Fracks und zog ihn zur
Tür des Nebenraums. Sie waren kaum über die Schwelle gelangt, als Cardillac
gepressten Tones flüsterte: »Ich muss zweitausend Franken haben, sonst bin ich
verloren. Strecken Sie mir zweitausend Franken vor, Monsieur, retten Sie mich,
ich habe Frau und Kind.«
    Frau und Kind, dachte Christian erstaunt, wie geht das zu, kein Mensch hat
davon gewusst. Und weshalb wendet er sich gerade an mich? Da ist Wiguniewski, da
ist d'Autichamps, da sind viele, die er besser kennt.
    »Ich muss in einer halben Stunde am Ostbahnhof sein,« hörte er Cardillac
sagen. Er griff nach seiner Brieftasche.
    Frau und Kind, fuhr es ihm durch den Kopf, und der heftige Widerwille gegen
Bettler erwachte in ihm; was hab ich damit zu schaffen? Er nahm die Geldnoten
heraus. Zweitausend Franken, dachte er, und erinnerte sich der Millionensummen,
die man gewohnt war, in Verbindung mit dem Namen des Mannes zu nennen, der
bettelnd vor ihm stand.
    »Ich danke Ihnen,« vernahm er Cardillacs Stimme wie durch eine Wand.
    Mit gesenktem Kopf schritt Cardillac an ihm vorüber; im andern Zimmer hatten
sich indessen zwei fremde Männer eingefunden. In der offenen Doppeltür hinter
ihnen standen die Diener mit verlegenen Gesichtern. Es waren Polizeibeamte. Sie
suchten Cardillac, sie waren ihm bis ins Haus gefolgt.
    Cardillac, sie erblickend und was sie hergeführt erratend, prallte gurgelnd
zurück. Seine rechte Hand verschwand in der Rocktasche; mit einem Sprung waren
die beiden Leute neben ihm und hatten seine Arme gepackt. Es gab ein kurzes,
lautloses Ringen; plötzlich war er gefesselt.
    Eva hatte sich erhoben. Ihre Gäste scharten sich um sie. Sie lehnte sich an
Susannes Schulter und drehte den Kopf zur Seite, als graue ihr ein wenig. Aber
sie lächelte noch, wenngleich mit entfärbten Wangen.
    »Er ist grandios, auch in diesem Moment grandios,« sagte Imhof leise, zu
Crammon gewendet.
    Christian starrte auf Cardillacs mächtigen Rücken; wie der Rücken eines
Ochsen, der zur Schlachtbank gezogen wird, musste er denken. Die zwei Männer, in
deren Mitte der Gefesselte ging, hatten fettglänzende Nacken und darüber am
Hinterkopf schlecht abgeschnittene, unsaubere Haare.
    Ein übler Geschmack im Gaumen quälte Christian. Er rief einen der Diener und
verlangte ein Glas Sekt.
    Cardillacs Worte: »Ich habe Frau und Kind« wollten ihm nicht aus dem Sinn.
Im Gegenteil, sie klangen immer greller, und da fragte auf einmal eine zweite
Stimme, neugierig, einfältig: wie mögen sie aussehen, diese Frau, dieses Kind?
Wo mögen sie sein? Was wird mit ihnen geschehen?
    Es war störend und peinigend wie Zahnschmerz.
 
                                       13
In der Grafschaft Devonshire, südlich von Exeter, hatte Sir Denis Lay seinen
Landsitz. Das Herrenhaus lag inmitten eines Parks mit uralten Bäumen, tiefgrünen
Rasenplätzen, kleinen Seen, in deren Spiegel der Himmel ruhte, und Blumenbeeten,
denen das mildeste Klima der Erde alle Kraft entlockte.
    »Wir sind in der Nähe des Golfstroms,« sagte Crammon erklärend zu Eva und
Christian, die gleich ihm Sir Denis Gäste waren, und er machte ein Gesicht, als
ob er nur um der Freunde willen den Golfstrom eigenhändig aus dem Busen von
Mexiko an die englische Küste geleitet hätte.
    Mit einer Miene schwesterlicher Zärtlichkeit ging Eva stundenlang zwischen
den eben erblühten Veilchen umher. Weite Flächen strahlten blau; es war im März.
    Mehrere junge Lords und Ladies wurden erwartet, aber erst am dritten Tag.
    Auf einem Spaziergang waren die vier vom Regen überrascht worden und kehrten
nass zurück. Als sie sich umgekleidet hatten, trafen sie im Biblioteksraum
wieder zusammen und nahmen hier den Tee. Es war eine grosse Halle, deren Wände
mit dunkler Eiche getäfelt waren; mächtige Balken trugen die Decke. In halber
Höhe lief eine Galerie mit geschnitztem Geländer, und an einer Schmalwand sah
man zwischen den Bogenfenstern die vergoldeten Pfeifen einer Orgel.
    Es dämmerte, und der Regen rauschte. Eva hatte ein Album mit Kopien
Holbeinscher Bilder vor sich; langsam schlug sie Blatt um Blatt um. Christian
und Crammon spielten Schach. Sir Denis schaute ihnen eine Weile zu, dann setzte
er sich an die Orgel und begann zu spielen.
    Eva liess die Blätter ruhen und lauschte.
    »Die Partie ist verloren,« sagte Christian, stand auf und ging die Treppen
zur Galerie empor. Er lehnte sich über die Brüstung und blickte hinunter. Auf
einem Vorbau des Geländers lag, wie ein Ei in einem Becher, ein Erdglobus in
metallenem Gestell.
    »Was ist es, was spielen Sie?« fragte Eva, als Sir Denis eine Pause machte.
    Sir Denis wandte sich um. »Ich habe eine Stelle aus dem Hohen Lied zu
komponieren versucht,« antwortete er. Er begann wieder und sang mit
wohllautender Stimme: »Erhebe dich, du Schöne, und komm mit mir, der Winter ist
vorüber.«
    Der Klang der Orgel erregte in Christian ein Gefühl von Hass. Sein Auge
umfasste die Gestalt Evas; in einem meergrünen Kleid, schlank, fern und fremd,
sass sie dort drunten, und wie er sie anschaute, vermischte sich mit dem Hass
gegen die Musik ein andres Gefühl, ein wehes, lastvolles, und sein Herz fing
heftig an zu schlagen.
    »Erhebe dich, du Schöne, und komm mit mir,« sang Sir Denis. Crammon brummte
die Melodie leise mit. Eva sah empor und begegnete dem Blick Christians; in
ihrem Gesicht war ein rätselhafter Ausdruck von Hoheit und von Liebe.
    Christian nahm den Globus aus dem Gestell, um mit ihm zu spielen. Er liess
ihn, als sei es ein Gummiball, auf der flachen Brüstung zwischen seinen Händen
hin und her rollen. Aber da entglitt ihm die Kugel, stürzte in die Tiefe und
rollte auf dem Boden weiter, gerade vor Evas Füsse.
    Sir Denis kam herbei, auch Crammon; Christian stieg die Treppe von der
Galerie herunter.
    Eva hob die Kugel auf und ging mit ihr Christian entgegen; er nahm sie, aber
sie griff gleich wieder danach. Und sie hielt sie so, dass sie auf den
Fingerspitzen ihrer rechten Hand lag. Die Linke hielt sie mit gespreizten
Fingern daneben, der Kopf war vorgebeugt, die Lippen warm geöffnet.
    »Das ist also die Welt,« sagte sie; »das ist eure Welt! Das Blaue ist der
Ozean und das Schmutzige, Gelbe, das sind die Länder. Wie hässlich die Länder!
Wie unförmlich! Wie ein Käse, an dem die Mäuse geknabbert haben! Pfui! O Welt,
was alles auf dir kriecht! was alles auf dir geschieht! Das also bist du, Welt,
so halt ich dich, so trag ich dich. Das gefällt mir.«
    Die drei jungen Leute, obschon sie lächelten, verspürten einen leisen
Schauder. Sie konnten auf dieser kleinen runden Erdkugel nicht mehr aufrecht
stehen, sie stürzten vor dem Atemhauch der Tänzerin in die schwarze,
unermessliche Tiefe des Kosmos.
    Und Christian sah, dass Sir Denis ihn anschaute, mit einem Entschluss ringend.
Plötzlich ging der Baronet auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Christian gab
ihm seine Hand, dem bevorzugten Rivalen, gegen den sich sein heimlichstes Gefühl
doch im Vorteil wusste; denn zwischen Evas Antlitz und dem bunten Globus glaubte
er ein geisterhaftes Figürchen wahrzunehmen, das sie mit bannendem Blick umfing,
ein winziges Ebenbild seiner selbst, Eidolon.
    Im Sommer wollten sie nach Exeterhall zurückkehren, um den Hirsch zu Pferde
zu jagen, wie es dort Herrenbrauch war. Aber im Sommer war schon alles anders;
im Sommer war Sir Denis schon von der runden Kugel geglitten.
 
                                       14
Eines Tages, es war in London, kam Crammon zu Christian, setzte sich vertraulich
zu ihm und sagte: »Ich reise ab.«
    »Wohin willst du reisen?« fragte Christian erstaunt.
    »In den Norden, Lachse zu fischen,« antwortete Crammon, »ich komme wieder zu
dir, oder du kommst zu mir.«
    »Aber warum reist du denn?«
    »Mein Leben geht vor die Hunde, wenn ich dieses Weib noch länger sehen muss,
ohne sie zu besitzen. Tat's all.«
    Christian schaute Crammon flammend an und unterdrückte eine Gebärde zorniger
Eifersucht. Dann wurde seine Miene wieder freundlich-spöttisch.
    Und Crammon reiste.
    Eva Sorel war die unbestrittene Beherrscherin der Londoner Modemonate. Alles
war voll von ihrem Namen; die Frauen trugen Hüte à la Eva Sorel, die Männer
Krawatten mit ihren Lieblingsfarben. Die umworbensten Grössen der Zeit sahen sich
neben ihr in den Schatten gestellt, sogar der Negerboxer Jackson. Sie konnte den
Ruhm in vollen Zügen schlürfen und das Gold mit Eimern schöpfen.
 
                                       15
Der Mai in London war sehr heiss. Sir Denis und Christian verabredeten den Plan
zu einer nächtlichen Fahrt auf der Temse. Sie mieteten die Dampfjacht
»Aldebaran«, bestellten ein köstliches Mahl auf dem Schiff, und Sir Denis
schickte Einladungen an Freunde und Bekannte.
    Vierzehn Herren und Damen der vornehmen Londoner Gesellschaft nahmen an der
Partie teil. Die Jacht wartete am Landungsplatz vor dem Parlamentsgebäude, und
kurz vor Mitternacht kamen die Gäste, alle in Abendkleidern. Es war der Sohn des
russischen Botschafters dabei, der Honorable James Wheely, der Bruder des
Ministers, der Graf und die Gräfin von Westmoreland, Eva Sorel, Fürst
Wiguniewski und andre.
    Punkt zwölf Uhr lichtete der »Aldebaran« die Anker, und die Musikkapelle,
die aus erwählten Künstlern des Drury-Lane-Teaters bestand, fing an zu spielen.
    Als die Jacht auf ihrem Weg flussaufwärts die Eisenbahnbrücke von Battersea
erreicht hatte, sah man am linken Ufer, von einer Reihe trüber Strassenlaternen
beleuchtet, eine unabsehbare Menschenmenge, Männer und Weiber, Kopf an Kopf,
Tausende und Tausende.
    Es waren streikende Arbeiter von den Hafendocks. Warum sie hier standen, so
schweigend, so drohend im Schweigen, war keinem auf dem Schiff bekannt. Es
mochte eine stumme Demonstration sein.
    Sir Denis Lay, der viel Champagner getrunken hatte, trat an die Reling des
Schiffes, und in seinem Übermut rief er ein dreimaliges Cheer hinüber. Kein Laut
antwortete ihm. Wie eine Mauer stand die gedrängte Masse, und in den düsteren
Gesichtern, die sich dem blendend erleuchteten Dampfer zukehrten, bewegte sich
keine Miene.
    Da sagte Sir Denis zu Christian, der neben ihn getreten war: »Wir wollen zu
ihnen hinüberschwimmen, wir beide. Wer zuerst ans Ufer gelangt, ist Sieger und
soll sie fragen, diese Leute, worauf sie warten, warum sie nicht in ihre Löcher
kriechen, so spät in der Nacht.«
    »Hinüber zu denen?« antwortete Christian und schüttelte den Kopf. Man
forderte von ihm, er solle schleimiges Gewürm mit seinen Händen greifen und eine
Trophäe daraus machen.
    »Dann tu ichs allein,« rief Sir Denis und warf Frack und Weste auf das Deck.
    Er war als vorzüglicher Schwimmer berühmt; die Gesellschaft nahm daher den
Einfall als eine jener bizarren Launen hin, die an dem jungen Edelmann nicht
überraschten. Nur Eva suchte ihn zurückzuhalten; sie näherte sich ihm und legte
warnend die Hand auf seinen Arm. Vergeblich; schon schickte er sich an, mit
einem Kopfsprung über das Geländer in den Fluss zu springen. Da kam noch der
Kapitän, packte ihn an der Schulter und bat ihn, so üblen Scherz zu unterlassen,
da die Temse bei aller scheinbaren Unbewegteit eine starke und gefährliche
Strömung habe. Jedoch Sir Denis riss sich los, eilte auf das Promenadendeck, und
einige Sekunden später flog sein schlanker Körper in die schwarze Flut.
    Niemand dachte an Unheil. Der Schwimmer kam in mächtigen Stössen vorwärts,
und die Zuschauer an Bord waren sicher, dass er das Ufer von Chelsea mit
Leichtigkeit gewinnen würde. Auf einmal aber sah man ihn, der vom Licht eines
Scheinwerfers am Ufer ziemlich gut beleuchtet war, die Hände über den Kopf
werfen. Gleichzeitig rief er gellend um Hilfe. Ohne sich zu besinnen, sprang
darauf ein Cellist von der mitgenommenen Musikkapelle mitsamt seinen Kleidern
über Bord, um dem offenbar Ertrinkenden beizustehen. Unglücklicherweise war die
durch die Ebbe verursachte Strömung um diese Stunde besonders heftig; sowohl Sir
Denis als auch der Musiker wurden von ihr fortgerissen. Beide verschwanden in
den Wellen.
    Da wich die Betäubung von Christian, und ehe noch einer ihn hindern konnte,
sprang er ebenfalls ins Wasser. Er vernahm einen Aufschrei; er fühlte, dass es
Eva war, die schrie. Die Herren und Damen auf dem Schiff eilten ratlos hin und
her. Christian konnte die Leiber der Gesunkenen nicht mehr wahrnehmen. Das
Wasser staute sich und hemmte seine Bewegungen. Jähe Schwäche überfiel ihn, doch
Angst hatte er nicht. Den Kopf hebend, sah er die stumme Menge der Arbeiter,
Gesichter von Männern und Weibern, andre Antlitze, als er sie je geschaut;
obwohl der Blick, den er auf sie heftete, nur sekundenkurz war, war er fast
sicher, dass alle ihre finstere Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wäre, dass sie auf
ihn harrten, auf ihn ganz allein, die Tausende und Tausende. Die Schwäche nahm
zu, sie hatte ihre Ursache im Herzen, das schwer und schwerer wurde. Aber da
wurde er von einem Rettungsboot erreicht.
    Um drei Uhr morgens, als es dämmerte, fand man die Leichen von Sir Denis und
dem Musiker zwischen zwei Balken am Pfeiler einer Brücke. Sie lagen nun auf
Deck, und Christian konnte sie betrachten. Die Gäste hatten das Schiff
verlassen; auch Eva war gegangen, Fürst Wiguniewski hatte die Erschütterte
weggeführt.
    Die Matrosen hatten sich zur Ruhe gelegt. Das Deck war leer, Christian sass
allein bei den Leichen.
    Die Sonne ging auf, das Wasser des Stroms begann zu glühen, das Pflaster in
den verödeten Strassen und die Mauern und Fenster der Häuser färbten sich mit
Röte. Möwen flogen schreiend um den Schlot.
    Christian sass allein bei den Leichen, in einen alten Mantel gehüllt, den ihm
der Kapitän gegeben. Unverwandt schaute er in das Gesicht des toten Gefährten,
das gedunsen und hässlich war.
 
                                       16
Nördlich vom Loch Lommond wanderten Christian und Crammon; sie jagten Schnepfen
und Wildenten. Das Land war rauh; unfern brüllte die See, am Himmel zogen vom
Sturm zerfetzte Wolken hin.
    »Mein Vater wird sich nicht freuen,« sagte Christian, »in den letzten zehn
Monaten hab ich zweimalhundertachtzigtausend Mark gebraucht.«
    »Deine Mutter wirds ihn zu verschmerzen lehren,« antwortete Crammon. »Du
bist ja volljährig, kannst fünfmal soviel brauchen, ohne dass dich einer hindern
darf.«
    »Was wohl die kleine Lätizia treiben mag,« sagte Christian, warf den Kopf
hoch und atmete die salzige Luft tief in die Lungen.
    Crammon antwortete: »Ich denke auch bisweilen an das Kind. Man sollte sie
der alten Gimpelfängerin nicht lassen.«
    Ihr Kuss brannte längst nicht mehr auf Christians Lippen; sie hatten seitdem
andre Flammen gespürt. Wie lachende Putten auf einem Gemälde gaukelten die
schönen Gesichter um ihn her. Freilich, manche unter ihnen lachten jetzt nimmer.
    Dunkelgekleidet war Eva zwischen weissen Säulen hervorgetreten, als er sich
von ihr verabschiedet hatte. Er sah es noch, sah ihr braunblasses Gesicht, die
unsäglich schlanke Hand, die beredteste Hand der Welt. Sie hatte ihn mit dem
scherzenden Du angeredet, wie sie oft zu tun pflegte, in der Sprache ihrer
deutschen Heimat, die in ihrem Munde eindringlicher und melodischer klang als in
irgendeinem Munde sonst.
    »Wo gehst du hin, Eidolon?« hatte sie sorglos gefragt.
    Er machte eine unbestimmte Bewegung. Er hielt offenbar dafür, dass es ihr
gleichgültig war, wohin er ging.
    »Man verlässt mich also, ohne um Urlaub zu bitten?« sagte sie und legte beide
Hände auf seine Schultern. »Aber es ist vielleicht gut, dass du gehst. Du machst
mich irre. Ich fange an, an dich zu denken, und das will ich nicht.«
    »Warum nicht?«
    »Ich will es nicht. Was brauchst du Gründe?«
    Da stieg Sir Denis Lays gedunsenes Totengesicht vor ihnen auf, vor ihm und
vor ihr, und sie schauten beide hin.
    »Wann werden wir uns wiedersehen?« hatte er nach einer Weile zu fragen
gewagt.
    »Es hängt von dir ab,« hatte sie erwidert. »Lass mich immer wissen, wo du
bist, damit ich dich rufen kann. Unsinn, ich werde dich natürlich nicht rufen.
Aber es könnte doch sein, dass mich eine Laune ergreift und ich dich haben will,
dich und keinen andern. Nur musst du lernen -,« sie unterbrach sich und lächelte.
    »Was? Was muss ich lernen?«
    »Sprich mit deinem Freund Crammon. Er kann dir sagen, was du lernen sollst.«
Nach diesen Worten war sie weggegangen.
    Das Meer brüllte wie eine Herde von Büffeln. Christian blieb stehen und
wandte sich an Crammon. »Hör mal, Bernhard, da ist eine Sache, die mir
wunderlich im Sinn herumgeht. Als ich zuletzt mit Eva redete, sagte sie, ich
müsste etwas lernen, wenn ich sie wiedersehen wollte. Und als ich sie fragte, was
sie meinte, sagte sie, du könntest mir Auskunft darüber geben. Was ist es denn?
Was soll ich denn lernen?«
    Crammon antwortete ernstaft: »Ja, siehst du, mein Schatz, das ist nicht so
einfach. Manche wollen ein Beefsteak durchgebraten, manche wollen es roh; manche
wollen es halb roh und halb gebraten, und wenn man nun den Geschmack nicht kennt
und es in der Weise aufträgt, wie es einem selber am besten schmeckt, so
riskiert man eine Blamage und steht da als ein Tropf. Es ist nicht einfach mit
den Menschen.«
    »Ich verstehe dich nicht, Bernhard.«
    »Tut nichts, mein Lieber, tut nichts. Zerbrich dir nicht den schönen Kopf
und gehn wir weiter. Die verdammte Gegend macht einen schwermütig.«
    Sie gingen weiter, Christian mit einer ungekannten Traurigkeit im Herzen.
 
                           Auf jedem Pfahl eine Eule
                                       1
Lätizia sehnte sich.
    Sie fuhr mit der Gräfin-Tante in den Süden der Schweiz und lustwandelte
staunend zu Füssen blauer Gletscher; sie lag am Ufer des Genfer Sees und träumte
oder las Gedichte; von Bewunderern umringt, schritt sie lächelnd über die
Promenaden der Kurorte; ihrer Jugend und ihres Schatzes von Gefühlen
entusiastisch bewusst, genoss sie den Tag und den Abend, Bild und Buch, Duft und
Ton, alles, was zu geniessen war; aber sie sehnte sich.
    Viele kamen und redeten von Liebe, offen und verhohlen; und sie liebte;
nicht eben den, der sprach, sondern das Wort, den Ausdruck, die Verheissung. Traf
sie ein entzückter Blick, so war sie entzückt; Zwanzigjährigen und
Sechzigjährigen schenkte sie ihr Ohr mit gleicher Geduld.
    Doch sehnte sie sich.
    Die Gräfin-Tante sagte: »Von den Aristokraten lass die Finger, Liebchen; sie
sind ungebildet und voller Dünkel. Sie machen keinen Unterschied zwischen einem
Weib und einem Pferd. Sie nageln dein junges Herz an einen Stammbaum, und wenn
du die Gnade nicht zu würdigen weisst, bist du zeitlebens eine Deklassierte.
Haben sie kein Geld, so sind sie zu dumm, welches zu verdienen, haben sie es, so
verstehen sie nicht, es auf vernünftige Weise auszugeben. Lass die Finger von
ihnen, es sind keine richtigen Menschen.«
    Die Gräfin hatte schlechte Erfahrungen mit der Aristokratie gemacht. Sie
sagte: »Du kannst dir denken, Liebchen, dass man es weit getrieben hat, wenn ich
so reden muss.«
    Lätizia sass auf dem Bettrand und betrachtete ihren seidenen Strumpf, der ein
Loch hatte. Und sie sehnte sich.
    Judit schrieb: »Wir erwarten dich und die Gräfin, wenn wir in unser Haus
bei Frankfurt übersiedeln. Es ist ein feenhaftes Schloss, das uns Papa gebaut
hat, und soll künftig der Familiensitz sein. Es liegt im Schwanheimer Wald, und
mit dem Auto ist man in zehn Minuten in der Stadt. Die Leute, die es sehen, sind
begeistert; Felix Imhof sagt, es erinnere an den Palast des Minotaurus. Es hat
vierunddreissig Fremdenzimmer, eine fünfzig Meter lange Wandelhalle mit Säulen
und Nischen und eine Bibliotek, die nach dem Muster der Peterskuppel in Rom
angelegt ist und mehr als zwanzigtausend nagelneue Bücher entält. Wer soll die
alle lesen?«
    »Ich freue mich auf die Bücher,« sagte Lätizia und presste die Hand auf ihr
Herz.
    Sie hatte eine kleine Kröte aus Gold machen lassen; die trug sie aber nicht
am Halse, sondern bewahrte sie in einem Schächtelchen aus Saffianleder auf und
betrachtete sie oft, lieblich grübelnd.
    In Schwetzingen machten sie die Bekanntschaft eines jungen Argentiniers von
deutscher Abkunft. Er studierte in Heidelberg die Rechte, doch gestand er
freimütig, dass er nur nach Europa gegangen sei, um sich eine deutsche Frau zu
holen. Am Mittag sagte er es, am Abend gab er Lätizia zu verstehen, dass eben sie
das Ziel seiner Wünsche sei.
    Er hiess Stephan Gunderam, hatte eine olivenfarbene Haut, glühende Augen und
tiefschwarze Haare, die in der Mitte des Kopfes gescheitelt waren. Lätizia war
von seiner Erscheinung fasziniert, die Gräfin vom Gerücht seines Reichtums. Sie
zog Erkundigungen ein, und es erwies sich, dass die Fama nicht übertrieben hatte.
Der Gunderamsche Landbesitz am Rio Plata war grösser als das Grossherzogtum Baden.
    »Liebchen, das ist ein Mann für dich,« sagte die Gräfin; doch als sie
bedachte, dass sie sich von Lätizia werde trennen müssen, fing sie an zu weinen
und verlor für einen ganzen Vormittag den Appetit.
    Stephan Gunderam erzählte von dem fernen, fremden Land, von seinen Eltern,
seinen Brüdern, seinen Knechten, seinen Viehherden, seinen Häusern. Er sagte,
die Frau, die er heimführe, werde eine Königin sein. Er war so stark, dass er ein
Hufeisen biegen und einen fingerdicken Strick zerreissen konnte. Aber er
fürchtete sich vor Spinnen, glaubte an Vorbedeutungen und litt häufig an
Migräne; da lag er dann drei Tage im Bett und trank Warmbier mit Eidotter und
Milch, ein Mittel, das ihm eine alte Mulattin geraten hatte.
    Er verliebte sich dermassen in Lätizia, dass er bleich wurde, wenn er sie sah.
Als er bei der Gräfin um sie anhielt, zerdrückte er in seiner Erregung ein
Figürchen aus Meissener Porzellan, das auf dem Tisch stand.
    Die Gräfin sagte, sie müsse erst an Frau von Febronius, ihre Schwester,
schreiben. Sie war würdevoll und gemessen, obgleich sie nach ihrer noch
unvergessenen Gewohnheit der sentimentalen Naiven am liebsten in die dicken,
runden Händchen gepatscht hätte. Sie erkundigte sich, wie es mit der
Reinlichkeit in Argentinien bestellt sei und wie mit den Tafelfreuden. Damit es
nicht den Anschein habe, als müsse man Lätizia ihrem Bewerber auf Gnade und
Ungnade überliefern, brachte die Gräfin das Gespräch auf den Wald von
Heiligenkreuz, der eine zwar nicht gesicherte, doch respektable Morgengabe
darstelle. Stephan Gunderam antwortete etwas ungeduldig, er lege hierauf kein
Gewicht; Land, Wald und Geld habe er für seine Person genug. Und er knirschte
leidenschaftlich mit den Zähnen, so dass die Gräfin Angst bekam.
    »Um so besser,« sagte die Gräfin zu Lätizia, »um so besser; er ist
grossmütig, er ist uneigennützig. Der Wald von Heiligenkreuz bleibt dir nach wie
vor, mein Engel. Man weiss nicht, wie das Schicksal sich wendet; ein guter
Feldherr denkt an die Reserven.«
    »Lassen Sie mir ein wenig Zeit zur Entscheidung, Tante,« bat Lätizia, »ich
kann mich an den Gedanken, zu heiraten, noch nicht gewöhnen. Ich bin so jung;
heiraten, das heisst am hellichten Tag die Fensterläden schliessen.« Die
Heftigkeit von Stephan Gunderams Gefühl stimmte sie dankbar und weich; sooft
seine Tigeraugen auf sie gerichtet waren, überlief sie ein wohltuendes Rieseln.
Aber sie zauderte und zauderte; schliesslich, von der Gräfin und von ihm
bedrängt, wollte sie drei Monate Frist haben.
    In einem Brief vertraute sie sich Judit Wahnschaffe an. Judit antwortete,
sie möge doch den Argentinier auffordern, dass er für einige Zeit als Gast in das
Frankfurter Schloss mitkomme. Dies dünkte Lätizia ein Ausweg. Als Postskriptum
hatte Judit ihrem Brief die Mitteilung hinzugefügt, dass sie sich mit Felix
Imhof verlobt habe.
    Man hatte eine Verabredung mit Stephan Gunderam. Lätizia liess sich von der
Jungfer die Stiefel zuknöpfen; währenddem las sie in einem Band Lenauscher
Gedichte.
    »Du musst dich eilen,« mahnte die Gräfin, »er wartet schon seit drei Uhr; du
weisst, wie pünktlich er ist.«
    Lätizia hörte kaum. Sie las: »Sahst du ein Glück vorübergehn, das nie sich
wiederfindet, so blicke nur in einen Strom, wo alles wogt und schwindet.«
    »Du musst dich eilen, Liebchen,« mahnte die Gräfin.
    Lätizia aber sehnte sich sehr.
 
                                       2
In einer Stadt am Rhein mussten Christian und Crammon Station machen. Die
Maschine des Wagens war schadhaft geworden, und der Lenker brauchte zur
Ausbesserung einen ganzen Tag.
    Sie verliessen die Strassen der Stadt, es war ein schöner Septemberabend, und
schweigend wanderten sie am Ufer des Stromes entlang. Als es dunkel wurde, kamen
sie, fast ohne es zu wollen, in einen Biergarten, der am Wasser lag. Die Tische
und Bänke, in die Erde festgerammt, standen unter dichtbelaubten Bäumen und
waren von einigen hundert Menschen, Bürgern, Arbeitern und Studenten, besetzt.
    »Lass uns eine Weile rasten und dem Volk zusehen,« sagte Crammon. Und sie
fanden einen Tisch nahe dem Eingang, wo noch Platz war. Eine Kellnerin stellte
zwei Krüge Bier vor sie hin.
    Kellerluft war unter den Bäumen, von den Ausdünstungen der Menschen erfüllt.
Die spärlichen Lampen hatten irisierende Nebelringe. Am Nachbartisch sassen
Studenten mit roten Kappen und Bändern; sie hatten fette, gedunsene Gesichter
und freche Stimmen. Einer schlug mit einem Stock dreimal auf den Tisch, dann
begannen sie zu singen.
    Crammon riss die Augen auf, und seine Lippen zuckten sarkastisch. Er sagte:
»So denk ich mir eigentlich die Indianer, Sioux oder Irokesen.« Christian
antwortete nicht. Er hatte die Ellbogen an den Leib gedrückt und die Schultern
etwas hochgezogen. Auch an den übrigen Tischen herrschte ziemlich viel Lärm.
»Wir wollen doch wieder gehen,« sprach Christian nach einer Weile, »mir ist
unbehaglich.«
    »Ja, siehst du, mein Lieber, das ist das Volk,« belehrte ihn Crammon mit
einer Mischung von Hochmut und Spott; »so singt es, so saust es, so riecht es.
Und ruhig fliesset der Rhein. Prosit, Durchlaucht.« Unter fremden Menschen nannte
er Christian immer Durchlaucht und freute sich, wenn er dadurch eine
ehrfürchtige Neugier bei Zuhörern erregte. Wirklich sahen einige Männer an ihrem
Tisch betroffen nach ihnen und flüsterten untereinander.
    Ein junges Mädchen mit blonden, um den Kopf geschlungenen Zöpfen war in den
Garten getreten. Sie blieb am Eingang stehen und schaute suchend über die
Tische. Die Studenten lachten; einer rief sie herzu. Sie zögerte verlegen, doch
ging sie hin. »Wen suchst du, hübsches Kind?« fragte ein Fuchs. Das Mädchen
schwieg. »In die Kanne für deinen Vorwitz,« rief ein älteres Semester, »mir
geziemt die Frage.« Der Fuchs grinste und trank in langen Schlucken. »Was
begehrst du, Mägdlein?« erkundigte sich das ältere Semester mit kollernder
Bierstimme; »sollst etwa deinen Vater holen, ist er im Masskrug
steckengeblieben?« Das Mädchen nickte errötend. Nach ihrem Namen gefragt,
antwortete sie, sie heisse Katarina Zöllner, nach dem Beruf des Vaters gefragt,
antwortete sie, er sei Schiffer; sie sprach zwar leise, doch so, dass Christian
und Crammon sie deutlich verstehen konnten. Er sei Schiffer und müsse um drei
Uhr morgens schon gegen Köln fahren. »Gegen Köln,« lallte der Frager, »gegen
Köln; so gib mir einen Kuss, und ich schaff ihn dir herbei.«
    Das Mädchen bebte zurück. Die Kommilitionen fanden die Forderung berechtigt
und johlten Beifall. »Zier dich nicht, Katarina,« sagte das ältere Semester,
stand auf, fasste sie brutal um die Hüften und küsste sie trotz ihres
erschrockenen Sträubens.
    »Mir auch,« riefen die andern, »mir auch!« Schon war das Mädchen einem
zweiten überliefert; dem riss sie ein dritter aus dem Arm; dem ein vierter,
fünfter, sechster. Sie konnte nicht rufen, kaum atmen. Ihr Widerstand wurde
schwächer, das Gelächter und Gebrüll ärger. Der Nachbartisch wollte nicht das
Zusehen haben; »her zu mir,« meldete sich die Stimme eines dicken Kerls mit
Warzen im Gesicht, und Gleichgesinnte wieherten. Als der letzte Student fertig
war, packte jener das Mädchen, küsste es, warf es dem Nebenmann zu; immer mehr
standen auf, streckten die Arme vor und verlangten die wehrlose Beute. Es
geschah nichts, als dass sie sie küssten, aber es war eine ansteckende wüste Gier.
Sogar die Weiber johlten und kreischten vergnügt, indes die Studenten, zufrieden
mit ihrer Heldentat, aus rauhen Kehlen »Sassa geschmauset« sangen. »Sassa
geschmauset, lasst uns nicht rappelköpfig sein.«
    Der Körper des Mädchens, eine leblose Masse, wirbelte willenlos von Arm zu
Arm. Christian und Crammon hatten sich erhoben. Sie schauten in das Gewühl unter
den Baumkronen, vernahmen das Geschrei, das Gelächter, die Zurufe, sahen das
Mädchen schon weit entfernt, die Hände, die nach ihr griffen, ihr Gesicht mit
den geschlossenen, jetzt wieder entsetzt offenen Augen. Endlich trat einer
hinzu, der Mitleid hatte, ein junger Arbeiter, und schlug dem, der sie gerade
küsste, die Faust auf die Nase; zwei andre fielen über ihn her, es entstand eine
Rauferei, das Mädchen, mit letzten Kräften, taumelte gegen den Zaun, wo Gras
wuchs. Ihr Haar war aufgelöst, ihre blaue Bluse zerrissen, dass man die nackte
Brust gewahrte, ihr Gesicht voll hässlicher Flecken. Sie suchte sich aufrecht zu
halten, nach einigem Umsichtasten brach sie zusammen; und nun kamen Besonnene,
die ihr beistanden und einander fragten, was mit ihr zu tun sei.
    Christian und Crammon gingen am Ufer des Stroms zur Stadt. Die Studenten
hatten einen neuen Kantus begonnen, der misstönig durch den Abend schallte und
allmählich in der Ferne verklang.
 
                                       3
Mitten in der Nacht verliess Christian sein Lager, zog einen seidenen Schlafrock
an und ging in Crammons Zimmer. Dort machte er Licht, setzte sich an Crammons
Bett und rüttelte den laut Schnarchenden an der Schulter. Es war ein Ringen mit
dem Schlafe selbst, und er wandte den Blick ab, um das verstörte, vertierte
Gesicht nicht zu sehen.
    Endlich, nach vielem Brummen und Stöhnen, öffnete Crammon die Augen. »Was
willst du?« murrte er böse: »was geisterst du?«
    »Ich möchte dich etwas fragen, Bernhard,« sagte Christian.
    Crammon wurde immer zorniger. »Es ist ja närrisch, einem Menschen die
wohlverdiente Ruhe zu verkürzen. Bist du mondsüchtig geworden oder hast du
Leibweh? So frage, aber mach schnell.«
    »Glaubst du, dass ich richtig lebe, so wie ich lebe?« fragte Christian. »Sei
einmal ganz ehrlich und antworte mir darauf.«
    »Meiner Treu, er ist mondsüchtig,« entfuhr es Crammon entsetzt, »er redet
irre. Man muss einen Doktor rufen lassen.« Er schickte sich an, auf den Knopf des
elektischen Läutewerks zu drücken.
    »Lass das,« wehrte ihm Christian, unmutig lächelnd, »lass das, und bemüh dich
lieber, zu überlegen, was ich sage. Reib dir die Augen, wenn du noch nicht
munter bist; zu schlafen bleibt dir Zeit genug. Ist es, Hand aufs Herz,
Bernhard, deine Ansicht, dass ich ganz richtig lebe?«
    »Wie, um Himmels willen, kommst du auf solche Verrückteiten, lieber
Wahnschaffe, genannt Christian -?«
    »Scherze nicht, Bernhard,« antwortete Christian stirnrunzelnd, »es ist jetzt
nicht an dem. Glaubst du, dass ich bei Eva hätte bleiben sollen?«
    »Unsinn,« sagte Crammon; »sie hätte dich betrogen, sie hätte mich betrogen.
Sie würde den Kaiser betrügen und vor unserm Herrgott doch unschuldig dastehen.
Mit ihr kann man nicht rechnen, mit ihr kann man nicht sein, sie ist bloss für
die Augen da. Auch das mit dem Eseltreiber in Cordova war Betrug. Gib dich
zufrieden und lass mich schlafen.«
    Christian erwiderte sinnend: »Ich verstehe nicht, was du sagst, und du
verstehst nicht, was ich meine. Seit wir sie verlassen haben, ist mir manchmal,
wie wenn ich bucklig geworden wäre. Ohne Spass, Bernhard; ich steh auf, es
befällt mich ein Schrecken, und ich recke mich gerade, so hoch ich kann. Ich
weiss, dass ich richtig gewachsen bin, und doch ist mir so, als hätt ich einen
Buckel.«
    »Vollkommen übergeschnappt,« murmelte Crammon.
    
    »Und nun sag mir, Bernhard,« fuhr Christian unbeirrt fort, und sein klares,
offenes Gesicht bekam einen Ausdruck unbeschreiblicher Kälte, »hätten wir nicht
der Schifferstochter helfen sollen, du und ich? Oder wenn es dir lästig war,
hätt ich es nicht sollen? Sag mir das.«
    »Was für eine Schifferstochter, zum Teufel?«
    »Bist du so vergesslich? Das Mädchen in dem Biergarten mein ich. Sie nannte
doch ihren Namen, Katarina Zöllner, erinnerst du dich nicht? Und sagte, sie sei
die Tochter eines Schiffers. Sie haben sie schauderhaft zugerichtet.«
    »Sollt ich meine Haut zu Markte tragen für eine Schifferstochter?« versetzte
Crammon wütend. »Die Leute mögen sich nach ihrer Fasson vergnügen, was gehts
mich an, was gehts dich an? Bist du den wilden Bestien in die Pranken gefallen,
als sie Adda Castillo zerfleischt haben? Und das ist weit schlimmer, als von
hundert schmierigen Mäulern abgeschmatzt zu werden. Sei kein Schwachkopf, mein
Lieber, und lass mich schlafen.«
    »Ich bin neugierig,« sagte Christian.
    »Neugierig? Worauf denn?«
    »Ich will hingehen in das Haus, wo sie wohnt, und sehen, was mit ihr ist.
Ich will, dass du mitgehst. Steh auf und geh mit.«
    Vor Erstaunen riss Crammon den Mund auf. »Hingehen?« stotterte er, »jetzt? in
der Nacht? Hast du deine fünf Sinne beisammen?«
    »Ich wusste, dass du schimpfen würdest,« erwiderte Christian mit leiser Stimme
und lächelte zerstreut, »aber mich plagt die Neugier so, dass ich mich in meinem
Bett von einer Seite auf die andre wälze.« In der Tat hatte sein Gesicht einen
lüsternen und erwartungsvollen Zug, der Crammon vollständig fremd war. Er fuhr
fort: »Ich möchte sehen, was sie tut, was mit ihr geschieht, wies in ihrer Stube
aussieht. Man muss das wissen, man ist ja ganz dumm, was diese Sorte Menschen
betrifft. Komm nur mit, Bernhard,« schmeichelte er.
    Crammon seufzte, Crammon entrüstete sich, Crammon verwies auf seinen
gebrechlichen Körperzustand und die Notwendigkeit des Schlummers für seinen
müden Geist; schliesslich jedoch, da Christian allen Einwänden ein
empfindungsloses Schweigen entgegensetzte und er ihn nicht allein in einen wer
weiss wie gefährlichen und verruchten Stadtteil gehen lassen wollte, fügte er
sich und stieg verdrossen aus dem Bett.
    Christian nahm ein Bad und vollendete seinen Anzug mit gewohnter Sorgfalt.
Vor dem Verlassen des Hotels schlugen sie das Einwohnerverzeichnis nach und
fanden die Wohnung des Schiffers darin angegeben. Sie stiegen in einen Wagen und
fuhren hin. Es war halb fünf Uhr morgens, als der Wagen vor einer Baracke am
Stromufer hielt. In den Fenstern war Licht.
    Crammon begriff noch immer nicht. Er hatte schon den rostigen Glockenzug in
der Hand, da fragte sein ratloser Blick zum letztenmal. Christian schenkte dem
Zaudernden keine Beachtung. Ein abgehärmt aussehendes Weib erschien in der Tür.
Crammon musste sprechen, und widerwillig sagte er, sie kämen, um sich nach dem
Befinden der Tochter zu erkundigen. Das Weib glaubte, ihre Tochter habe in
Heimlichkeit vornehme Herren zu Freunden; sie trat betroffen zurück und liess die
beiden ein.
 
                                       4
Was Crammon sah und was Christian sah, war nicht dasselbe.
    Crammon sah eine düster erleuchtete Stube mit alten Spinden, die verräuchert
waren, mit einer Bettstatt, in deren rotkariertem groben Linnen das Mädchen
Katarina lag, mit einer Wiege, in der ein wimmernder Säugling lag, mit
aufgehängter Wäsche am Ofen, mit einem Tisch, an dem der Schiffer sass und eine
Mehlsuppe löffelte, mit einer Bank, auf welcher ein junger Bursche schlief, und
mit vielen hässlichen, schmutzigen Gegenständen ausserdem.
    Für Christian war es wie ein Traum vom Fallen. Auch er sah den Schiffer, das
abgehärmte Weib, den schlafenden Burschen, den Säugling in der Wiege und das
Mädchen, dessen verglaste Augen und verkrampfte Züge ihn übrigens sofort an den
Beweggrund seines Hierseins gemahnten; aber er sah es, wie man Bilder sieht,
während man in einen Schacht hinuntergleitet; Bilder, die beständig
wiederkehrten und von andern abgelöst wurden, die sich von oben her
dazwischenschoben.
    So sah er Eva Sorel, die einem ihrer Äffchen eine Walnuss reichte.
    Jetzt erhob sich der Schiffer und nahm seine Kappe ab. Und Christian sah Sir
Denis Lay und den Grafen von Westmoreland, die einander begrüssten und sich die
weissbehandschuhten Hände reichten; ein nichtssagender Vorgang, der aber etwas
Grelles und Schneidendes hatte.
    Jetzt erwachte der Bursche auf der Bank, rekelte sich, gab sich einen Ruck
und starrte finster erstaunt auf die Fremden, indes die von ihrem abscheulichen
Erlebnis hingeworfene Katarina den Kopf herüberwandte und erschrocken das
Deckbett bis an das Kinn zog. Da sah Christian das anmutige Bild der im leeren,
von Blitzen durchflammten Saal ballspielenden Lätizia wieder, und jedes Ding,
auf das sein Auge fiel, hatte Bezug auf ein andres aus der andern Welt.
    Die Neugier, die ihn hergetrieben, nährte noch das lüsterne Lächeln auf
seinen Lippen. Aber sein Blick suchte Hilfe bei Crammon, und er empfand das
Unschickliche seines stummen, dummen Dastehens, das Zwecklose und Törichte des
nächtlichen Ausflugs überhaupt. Kaum erträglich erschien ihm der Aufentalt in
dem niedrigen Raum, der Geruch mangelhaft gepflegter Körper und jahrelang
getragener Kleider.
    Bis zum letzten Augenblick hatte er sich vorgestellt, dass er mit dem Mädchen
sprechen würde. Aber gerade dies erwies sich als unausführbar. Er getraute sich
nicht einmal, den Kopf in die Richtung zu wenden, wo sie lag. dabei war ihm
beständig gegenwärtig, wie er sie dort draussen gesehen hatte, wegtaumelnd von
den Biertischen, mit aufgelöstem Haar und zerrissener Bluse.
    Wenn er die Worte überlegte, die er ihr sagen könnte, dünkte ihn jedes
einzelne besonders überflüssig und gemein.
    Der Schiffer sah ihn an, das Weib sah ihn an, der Bursche sah ihn an,
letzterer mit tückisch verkniffenen Augen, als bereite er sich zu
handgreiflicher Beleidigung vor, und nun trat auch noch ein alter Mann aus einem
Verschlag hervor, wo Kartoffeln aufgehäuft waren, und heftete trübe Blicke auf
ihn. In der Bedrängnis, in die ihn dies peinigende Anschauen versetzte, machte
er ein paar Schritte gegen das Bett Katarinas. Die hatte ihr Gesicht zur Wand
gekehrt, lag regungslos da. In einem Anfall zorniger Verzweiflung griff er in
die Taschen, erst in die linke, dann in die rechte, fand nichts, wusste auch
nicht recht, was er suchte, spürte dabei den Diamantring am Finger, der ein
Geschenk seiner Mutter war, zog ihn hastig herunter und warf ihn auf das Bett,
mitten zwischen die Hände des Mädchens, wie einer, der sich loskaufen will.
    Katarina bewegte den Kopf, erblickte den herrlichen Ring, und Verachtung
und Bestürzung, Lust und Furcht wechselten in ihren Zügen; sie hob den Blick,
senkte ihn wieder und wurde bleich. Ihr Gesicht war nicht schön; es war durch
die Empfindungen entstellt, deren Beute sie in den kürzlich verflossenen Stunden
gewesen war. Aus einem Grund, der ihm selbst rätselhaft war, musste Christian
plötzlich lachen, heiter und herzlich lachen; zugleich drehte er sich
gebieterisch nach Crammon um und forderte ihn durch eine Gebärde zum Gehen auf.
    Crammon hatte indes die Peinlichkeit der Situation auf seine praktische
Weise zu lösen beschlossen. Er richtete ein paar Worte an den Schiffer, der in
seinem kölnischen Platt antwortete, dann nahm er aus der Brieftasche zwei
Scheine und legte sie auf den Tisch. Der Schiffer betrachtete die Scheine, die
Hände des Weibes langten danach, Crammon schritt zur Tür.
    Fünf Minuten, nachdem sie das Haus betreten hatten, verliessen sie es wieder,
und zwar schnell, mit Schritten von Flüchtenden.
    Während sie im Wagen über das holperige Pflaster fuhren, sagte Crammon
mürrisch: »Du bist deinem Zahlmeister hundert Mark schuldig. Das andre, was
nicht Bargeld ist, will ich verschmerzen. Oder kannst du mir den verlorenen
Schlaf bezahlen?«
    »Ich verehre dir den chinesischen Apfel aus ambrafarbenem Elfenbein dafür,
der dich bei dem Händler in Antwerpen so begeistert hat,« erwiderte Christian.
    »Tu das, mein Sohn,« sagte Crammon, »aber spute dich, sonst bekomme ich aus
Wut über diese Geschichte ein Gallenfieber.«
    Aber als er am Mittag ausgeschlafen hatte, betrachtete Crammon das
Vorgefallene mit der philosophischen Milde, deren er unter Umständen fähig war,
und nachdem sie köstlich gefrühstückt hatten, sagte er, indem er die kleine
Pfeife stopfte: »Solche Extravaganzen im Stile Harun al Raschids führen zu
nichts, mein Lieber. Diese dunklen Tiefen kannst du nicht ergründen. Wozu in
unbekanntem Revier jagen, da das bekannte noch so viele Reize hat? Sieh deinen
ergebenen Diener an, der vor dir sitzt, eine wahre Fundgrube von Rätseln und
Geheimnissen. Deshalb sagt auch der Dichter so treffend: Was wissen wir von
Sternen, Wasser und Wind? Was von den Toten, die unter der Erde sind? Was von
Vater und Mutter, Weib und Kind? Das Herz ist gefrässig, das Auge blind.«
    Christian lächelte kühl. Verse, dachte er geringschätzig, Verse ...
 
                                       5
Als sie in dem neuen Prachtbau am Schwanheimer Forst eintrafen, fanden sie
dortselbst grosse Unruhe und eine Menge Gäste. Lätizia war noch nicht gekommen,
Felix Imhof wurde stündlich erwartet, Lieferanten und Postboten kamen und gingen
ununterbrochen, es war ein Treiben wie in einem Bienenstock.
    Frau Richberta begrüsste Christian mit gehaltener Würde, obwohl die Freude
ihren Augen einen Phosphorglanz verlieh. Judit sah angegriffen aus und nahm von
dem zurückgekehrten Bruder wenig Notiz. Nur einmal, am Abend, stürzte sie ihm
plötzlich in die Arme und gab einen sonderbar wilden Laut von sich, der eine
sinnliche Ungeduld, verborgene Begierden, deren Beute das kalte und ehrgeizige
Mädchen allzu lange gewesen war, verräterisch kundgab.
    Unangenehm berührt, machte sich Christian von ihr los.
    Er ging mit Crammon auf die Jagd, oder sie fuhren in die benachbarten
Städte. Nirgends hielt es Christian, er wollte immer weiter, immer woanders hin.
Auch sein Blick wurde unstet; wenn sie durch die Strassen schritten, schaute er
verstohlen in die Fenster von Wohnungen und in die Flure von Häusern.
    Eines Nachts sassen sie in einem Weinkeller zu Mainz und tranken Bernkastler
Doktor, dreissigjährig und von seltener Blume. Crammon, Kenner durch und durch,
füllte mit verliebter Miene sein Glas stets aufs neue. »Sublim,« sagte er und
steckte ein dickbestrichenes Kaviarbrot in den Mund; »sublim. Das sind die
Wirklichkeiten des Lebens. Das sind meine Altäre, meine Erbauungsschriften,
meine Reliquien, meine stillen Andachten. Die unsterbliche Seele ruht, und
hinter mir im Staub liegt das Erhabene.«
    »Sprich wie ein ordentlicher Mensch,« sagte Christian.
    Aber der Weinselige fuhr unbeirrt fort: »Ich habe genossen das irdische
Glück. Das hab ich, Bruderherz, das hab ich, in Hütten und Palästen, im Süden
und im Norden, zu Wasser und zu Land. Nur die letzte Erfüllung ward mir nicht. O
Ariel, warum hast du mich verstossen?«
    Er seufzte und zog ein kleines, kostbar gebundenes Album aus der
Brusttasche, das er immer bei sich trug. Es entielt zwölf schöne Photographien
der Tänzerin Eva Sorel. »Sie ist wie ein Knabe,« sagte er, dem Anblick der
Bildnisse hingegeben, »ein schlanker, spröder, schneller Knabe. Sie steht an der
Grenze des Geschlechts, die Zweideutige, Zweigestaltige, wo Männer verrückt
werden, wenn sie an Fleisch und Blut nur denken. Du schlüpfrige Eidechse, du
liebesnüchterne Amazone! Graut dir nicht auch ein wenig, Christian, rieselts dir
nicht kühl in den Adern, wenn du sie in deinen Armen dir vorstellst, auf einem
Bett mit ihr, Brust an Brust? Mir graut. Da ist etwas von Widernatur darin und
von Schändung. Wem sie die Lippen reicht, der ist verloren. Das haben wir ja
erlebt.«
    Christian verspürte auf einmal Sehnsucht, in einem Wald zu sein, in einem
stillen, finstern Wald. Es graute ihm, aber in andrer Weise, als Crammon meinte.
Er sah ihn an und hatte Mühe, zu begreifen, dass da ein vertrauter Mensch vor ihm
sass, dessen Antlitz und Gestalt er schon tausendmal ohne nachzudenken gesehen
hatte.
    »Alle sind Dirnen, mein süsser Ariel,« begann Crammon wieder, das letzte Bild
betrachtend, auf dem Eva mit dem Traubenkorb tanzend dargestellt war, »alle,
alle, alle sind Dirnen, unzüchtige und wilde oder furchtsame und geheime, nur du
bist rein; Vestalin du, Halbgespenstchen; Spinnenwesen, das an seinem
selbstgesponnenen Faden durch die Lüfte steuert. Lass uns trinken, Freund, wir
sind aus Dreck gemacht und müssen Feuer als Medizin nehmen.«
    Er trank das Glas leer, stützte den Kopf in die Hand und verfiel in
melancholisches Sinnen.
    Plötzlich sagte Christian: »Ich glaube, Bernhard, wir müssen uns trennen.«
    Crammon starrte ihn an, wie wenn er nicht recht gehört hätte.
    »Ich glaube, wir müssen uns trennen,« wiederholte Christian mit leiser
Stimme und einem unbestimmten Lächeln; »wir sind nicht mehr für einander, glaube
ich. Geh du deiner Wege, ich will meine gehen.«
    Crammons Gesicht wurde vor Zorn und Erstaunen dunkelrot. Er schlug mit der
Faust auf den Tisch und knirschte: »Was fällt dir ein? Gibst mir den Laufpass wie
einem Dienstboten? Mir?« Er erhob sich, nahm Hut und Mantel und ging.
    Christian blieb noch lange in Gedanken sitzen, das unbestimmte Lächeln auf
den Lippen.
    Am folgenden Tag beim Erwachen, als Christian nach seinem Diener läutete,
trat an Stelle des Dieners Crammon mit einem tiefen Bückling ins Zimmer. Über
dem linken Arm trug er die gebürsteten Kleider, in der rechten Hand die
gereinigten Schuhe. Im Ton des Dieners wünschte er guten Morgen, legte dann die
Kleider auf einen Stuhl, stellte die Stiefel auf den Boden, fragte, ob das Bad
gerichtet werden solle und was der gnädige Herr zum Frühstück befehle, alles mit
vollkommenem Ernst, mit einem traurigen Ernst beinahe und einer Anmut innerhalb
der gespielten Rolle, die Wohlgefallen erweckte.
    Christian musste lachen. Er streckte Crammon die Hand entgegen. Das Spiel
fortsetzend, trat Crammon einen Schritt zurück und verbeugte sich verlegen. Dann
zog er die Vorhänge auf, öffnete ein Fenster, brachte das frische Hemd, die
Strümpfe, die Krawatte, lispelte noch einige Fragen und ging, um nach einer
Weile mit dem Frühstückstablett wiederzukehren. Nachdem er den Tisch gedeckt und
Teller und Tassen geordnet hatte, stand er mit geschlossenen Hacken und
vorgeneigtem Haupt; endlich, als Christian abermals lachte, veränderte sich der
Ausdruck seiner Züge, und er fragte, halb spöttisch, halb trotzig: »Willst du
noch immer behaupten, dass du mich entbehren kannst?«
    »Mit dir kann man nicht rechten, Bernhard,« antwortete Christian.
    »Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, von der Tafel aufzustehen, wenn
erst die Suppe serviert ist,« sagte Crammon; »kommt meine Zeit, so troll ich
mich von selber. Fortschicken lass ich mich nicht.«
    »Bleib, Bernhard,« versetzte Christian beschämt, »bleib nur bei mir.« Und
sie reichten sich die Hände.
    Es wollte aber Christian scheinen, dass aus dem Freund nun wirklich ein
Diener geworden sei, ein Mensch jedenfalls, gegen den er nicht mehr verpflichtet
war, sich aufzuschliessen, an den ihn kein inneres Band mehr knüpfte, ein
Begleiter nur.
    Von da an herrschten Scherz und oberflächliche Tändelei in ihren Gesprächen
ausschliesslich, und Crammon merkte nicht oder übersah es mit Fleiss, dass seine
Beziehung zu Christian verwandelt war.
 
                                       6
Die Ankunft des Argentiniers verursachte Aufsehen unter den Gästen des Hauses
Wahnschaffe. Er hatte fremdartige Gewohnheiten. Den Damen, die er begrüsste,
drückte er mit solcher Lebhaftigkeit die Hand, dass sie einen Schrei
unterdrückten. Wenn er eine Treppe herabkam, blieb er vor den letzten Stufen
stehen, schwang sich wie ein Akrobat über das Geländer und ging dann weiter, als
ob dies die natürlichste Sache von der Welt wäre. Der Gräfin hatte er ein
kleines, löwengelbes Hündchen geschenkt, und sooft er diesem Hündchen begegnete,
zwickte er es ins Ohr, bis es entsetzlich zu quietschen begann. Aber er tat es
nicht mit Lustigkeit und Lachen, sondern trocken und geschäftsmässig.
    Von den zahlreichen Koffern, die er mitgebracht, war einer der grössten als
Reiseapoteke eingerichtet. Es befanden sich darin, festgeschraubt in Behältern,
alle möglichen Mixturen, Pulver und Medikamente; Dosen, Tuben, Schachteln und
Gläser, und wenn jemand über eine Unpässlichkeit klagte, wusste er sogleich ein
Mittel aus dem grossen Koffer dagegen und empfahl es dringlich.
    Felix Imhof hatte brennendes Interesse für ihn gefasst. Wo er seiner habhaft
werden konnte, zog er ihn beiseite und fragte ihn aus, nach seiner Heimat, nach
seinen Plänen und Geschäften, nach seinem Aussen-und seinem Innenleben.
    Dies ertrug die eifersüchtige Judit nicht. Sie machte ihrem Verlobten
Szenen und warf Lätizia vor, dass sie Stephan Gunderam nicht zu fesseln wisse.
    Lätizia wunderte sich mit grossen Augen. Sie fragte unschuldig-kokett: »Was
kann man denn dazu tun?«
    »Man muss wissen, was ihnen Vergnügen macht,« erwiderte Judit zynisch.
    Sie hasste den Argentinier, doch wenn sie allein mit ihm war, suchte sie ihn
zu umgarnen. Wäre es möglich gewesen, ihn Lätizia abspenstig zu machen, sie
hätte es ohne Skrupel getan, aus blosser Unersättlichkeit.
    Ihre Augen glitzerten in beständiger, heimlicher Begierde. Sie ging mit
Imhof, Lätizia und Stephan Gunderam ins Teater, als Edgar Lorm in der Jüdin von
Toledo gastierte. Der Beifall, mit dem der Schauspieler überschüttet wurde,
wühlte ihre ganze Seele auf, und sie begehrte. Was aber begehrte sie? Den Mann?
den Künstler? seine Kunst? seinen Ruhm? Sie hätte es nicht zu sagen vermocht.
    Sie wartete ungeduldig auf Crammon, von dem sie wusste, dass er mit Edgar Lorm
befreundet war. Crammon sollte den Schauspieler ins Haus bringen. Sie war
gewohnt, dass jeder kam, nach dem sie die Angel warf. Sie bissen an, sie wurden
serviert, und man tat sich, je nach ihrem Wohlgeschmack, gütlich an ihnen. Der
Verbrauch an Menschen war gross.
    Aber Crammon und Christian kehrten erst zurück, als Lorms Gastspiel schon zu
Ende war. Judit geriet in schlechte Laune und quälte ihre Umgebung grundlos.
Wäre ihr Wunsch erfüllt worden, so hätte sich ihr flackerndes und immer neue
Nahrung aufgreifendes Gemüt vielleicht beruhigt, doch nun verrannte sie sich
eigensinnig in den Gedanken an das, was ihr entgangen war.
 
                                       7
Christian und Crammon waren eine Woche lang bei Klementine und Franz Lotar von
Westernach in der Steiermark. Klementine hatte Crammon des Bruders wegen
gerufen, der vor einiger Zeit tief verstört von einem Aufentalt in Ungarn
zurückgekommen war.
    Crammon und Franz Lotar waren alte Freunde. Der diplomatische Beruf hatte
den offenen und schmiegsamen Menschen zurückhaltend und spröde gemacht; er nahm
den Beruf ernst, obwohl er ihn nicht liebte. Eine hypochondrische
Gemütsverfassung hatte sich schon frühzeitig in ihm entwickelt.
    Christian fasste Sympatie für ihn. Wenn er ihn so trüb vor sich hinstarren
sah, fühlte er sich versucht, ihn zu fragen. Klementine, in ihrer leer
plaudernden Manier, gab Crammon Verhaltungsmassregeln, zu denen dieser die
Achseln zuckte.
    Sie sagte, sie habe an ihren Vetter, den Baron Ebergeny, geschrieben, auf
dessen Gut in Syrmien Franz Lotar als Gast geweilt hatte. Der Baron aber, ein
halber Bauer, hatte ihr keine Aufklärung von Belang zu geben vermocht; er hatte
nur angedeutet, dass er und Franz Lotar an einem der letzten Tage von dessen
Anwesenheit bei einem Scheunenbrand in Orasje, einem Dorf in der Nähe des Guts,
zugegen gewesen, und dass bei diesem Brand viele Menschen ums Leben gekommen
seien.
    Aus Franz Lotar selbst war nichts herauszubringen. Er schwieg beharrlich.
Je mehr sich die Schwester um ihn bemühte, je finsterer schloss er sich zu.
Mochte sein, dass Crammon eines Blickes, eines Tones fähig war, der sein
erstarrtes Inneres traf und es löste; an einem Abend geschah das Unerwartete. Es
erwies sich, dass eben jener Scheunenbrand die Ursache der krankhaften
Melancholie geworden war.
    Klementine hatte sich nach ihrer Gepflogenheit bald zur Ruhe begeben.
Crammon, Christian und Franz Lotar sassen stumm beieinander. Plötzlich, kein
äusserer Vorgang bot den Anlass hierzu, bedeckte Franz Lotar das Gesicht mit den
Händen, und ein Schluchzen brach aus seiner Brust. Crammon beschwichtigte ihn,
streichelte ihm über die Haare, ergriff ihn bei den Händen; umsonst, das
Schluchzen wurde zu einem Weinkrampf, der den Körper in Stössen erschütterte.
    Christian sass unbeweglich da. Es wurde ihm bitter in der Kehle, denn er
spürte das Triftige und die Seelenwahrheit in dem Ausbruch von Schmerz mit
unerwarteter Stärke.
    Jäh, wie der Krampf begonnen, endete er. Franz Lotar erhob sich, ging mit
seinen ziehenden Schritten auf und ab und sagte: »Ihr sollt hören, was da war.«
Danach setzte er sich wieder und erzählte.
    Im Dorf Orasje stand eine abendliche Tanzunterhaltung bevor. Es gab keinen
Saal, und wie in solchen Fällen üblich, wurde die grosse gedielte Scheune eines
Bauern hergerichtet. Zahlreiche Lampen wurden aufgehängt und die Holzwände mit
Laub und Blumen geschmückt. Dem Brauch gemäss erhielten die ringsum auf den
Gütern wohnenden Herrenfamilien Einladungen zu dem Fest; ein reitender Bote
überbrachte sie mündlich und feierlich.
    Franz Lotar bat seinen Vetter, den Ball der Bauern mit ihm zu besuchen.
Seit langem war ihm viel Rühmens gemacht worden von dem Bilde, das sich dabei
entfaltete; die schneeweissen Gewänder der Männer, die derb und malerisch bunten
der Frauen, die nationalen Tänze, die urtümliche Musik, all dies versprach
Vergnügen und Kenntnis neuer Sitten.
    Sie wollten erst zu einer späten Stunde hinüberfahren, wenn das Tanzen schon
begonnen hatte; Bekannte aus ihrem Kreis, zwei junge Komtessen und deren Bruder,
hatten die Absicht gehabt, sich ihnen anzuschliessen; sie gingen aber dann vor
ihnen hin, weil die jungen Damen am Ball teilnehmen und keinen Tanz versäumen
mochten. Die ältere von ihnen, Komtesse Irene, verehrte Franz Lotar herzlich
und seit langem.
    Einige Tage vor dem Ball waren die Mädchen von Orasje mit den Burschen in
Zwistigkeiten geraten. Beim Kirchgang hatte ein Bursche einer siebzehnjährigen
Schönen, die ihn ihre Abneigung zu deutlich hatte merken lassen, eine lebendige
Maus auf die entblösste Schulter gesetzt. Schreiend lief das Mädchen zu den
Gefährtinnen, die sich um sie scharten und eine aus ihrer Mitte an die Burschen
schickten mit dem Verlangen, der Missetäter solle Abbitte leisten.
    Dies wurde verweigert; unter Lachen und Spott, aber die Mädchen wollten den
mutwilligen Streich nicht leicht nehmen, sie wiederholten ihre Forderung
schroffer, und als sie zum zweitenmal abgewiesen wurden, fassten sie den
Beschluss, die Burschen von Gradiste zum Ball einzuladen, mit denen die von
Orasje seit vielen Jahren in Feindschaft lebten. Sie wussten, welche Beleidigung
sie damit den ihren zufügten, aber sie bestanden darauf, die Übermütigen zu
bestrafen, und obwohl sie gewarnt wurden, auch von ihren Müttern und Vätern,
obwohl stumme und laute Drohungen aller Art ihnen hätten Furcht einflössen
müssen, verblieben sie bei ihrem Willen.
    Die Burschen von Gradiste natürlich jubelten und triumphierten über den
billigen Sieg; am Abend des Tanzfestes waren sie vollzählig und schön angetan
zur Stelle, brachten sogar ihre eigne Musikkapelle mit. Von den jungen Männern
von Orasje aber erschien nicht ein einziger. Sie zogen in der Dämmerung
unheimlich still durch die Strassen des Dorfs und waren dann für eine Weile
verschwunden.
    Die Alten von Orasje, die Verheirateten, sassen im Hof an Tischen,
plauderten, nicht so aufgeräumt wie sonst an solchen Abenden, denn sie spürten
die rachebrütende Stimmung ihrer Söhne und fürchteten sie, tranken Wein und
lauschten der Musik. In der Scheunenhalle waren über dreihundert junge Menschen
versammelt; die Luft war schwül, und die Tanzenden waren in Schweiss gebadet.
Plötzlich, während eines Csardas, wurden die beiden Scheunentore zu gleicher
Zeit von aussen zugeschlagen. Die es sahen und hörten, hielten im Tanzen inne.
Nun schallte ein widrig-starkes Geräusch in die grellen und jubelnden Töne der
Instrumente; es war der Klang von Hämmern, und eine einzelne Stimme rief gellend
angstvoll: »Man nagelt die Türen zu!«
    Die Musik schwieg. Die Atmosphäre war in einem Augenblick erstickend
geworden. Alle starrten versteinert gegen die Türen; ihr Blut gerann bei dem
fürchterlichen Pochen der Hämmer. Auch lautes Hin-und Widerreden drang von
draussen herein; die Alten erhoben Einspruch, das Streiten wurde zum Lärm, zum
wüsten Geschrei, zu einem anwachsenden Heulen, und da begann es auf einmal zu
knistern und zu prasseln; vom Schlagen der Hämmer war eine Lampe
heruntergefallen, das Petroleum hatte sich entzündet, und die mürbe Bretterdiele
hatte wie Zunder Feuer gefangen, das nicht mehr zu ersticken war.
    Da war es mit jeder menschlichen Besonnenheit und Haltung zu Ende. Im Nu
verwandelten sich die Hunderte in wilde Tiere. Die Burschen warfen sich in
rasender Kraft gegen die verschlossenen und vernagelten Tore. Aber die waren aus
dickem Eichenholz gezimmert und spotteten der Anstrengung. Die Mädchen stiessen
irrsinnige Schreie aus, und da der Rauch durch die Fugen und die sternartig
ausgesägten Fensterlöcher nicht abziehen konnte, umhüllten sie mit den Röcken
ihre Köpfe. Andre schleuderten sich wimmernd zu Boden, und wenn sie von den Hin-
und Hertobenden getreten wurden, wanden sie sich in Zuckungen und streckten die
Arme über sich. Das trockene Fachwerk stand rasch in lichterlohen Flammen.
Hochofenhitze verbreitete sich. Einzelne rissen sich die Kleider vom Leib,
Mädchen wie Burschen, und in der Todesangst und Todesqual umschlangen sie sich
und raubten, im düstersten Taumel, dem hinschwindenden Leben noch einen Fetzen
Fleischeslust.
    Diese umschlungenen Paare sah Franz Lotar später mit eignen Augen als
verkohlte Überreste zwischen den rauchenden Trümmern. Er langte mit seinem
Vetter an, als das Entsetzliche bereits vorüber war. Den Flammenschein hatten
sie schon von weitem bemerkt und ihre Pferde zur Eile getrieben. Von den
umliegenden Dörfern strömten Scharen von Menschen herzu; Hilfe konnte jedoch
nicht mehr geleistet werden, die Scheune war in einem Zeitraum von fünf Minuten
niedergebrannt, und alle darin Eingesperrten, mit Ausnahme von fünf oder sechs,
hatten den Tod gefunden.
    Unter den Opfern befanden sich auch die Komtesse Irene, ihre Schwester und
ihr Bruder. Wie schrecklich dies auch war, für Franz Lotar fügte es dem
Schrecken des Ganzen nur wenig hinzu. Das Bild der Trümmerstätte, der Anblick
der rauchenden Leichen, der Geruch davon, Geruch von Blut und versengten Haaren
und verbrannten Kleidern, die glattäutigen, gefleckten Dorfhunde, die gierig
knurrend um den heissen Herd voll gekochten Fleisches schlichen, die medusisch
entstellten Züge der Erstickten, die unter den Körpern der Verkohlten unversehrt
lagen, der stumme und der laute Schmerz der Mütter, Väter und Brüder, die
syrmische Nacht mit Qualm bis an den gestirnten Himmel, das alles schlug ihn
nieder wie mit Knütteln, und eine schwarze Verzweiflung nistete sich unlöslich
in seinem Gemüte ein.
    Dass er sich endlich hatte aussprechen können, war Erleichterung. Er sass am
Fenster und blickte ins Dunkel hinaus.
    Crammon, Gewölk auf der zerfurchten Stirn, sagte: »Sie können nur mit der
Peitsche im Zaum gehalten werden. Was ich bedaure, ist die Abschaffung der
Folter. Unsre milde Gesetzgebung soll der Teufel holen.« Damit ging er hin und
küsste Franz Lotar auf die Backe.
    Christian hatte eine Empfindung von Kälte und Starrheit im Rücken.
    Für den nächsten Morgen war die Abreise bestimmt. Crammon trat ins Zimmer zu
Christian, der so in Gedanken verloren war, dass er den Gruss des Freundes nicht
erwiderte. »Was treibst du, Mensch!« rief Crammon aus und musterte ihn; »hast du
in den Spiegel geschaut?«
    Christian war in diesen Tagen ohne seinen Diener, sonst hätte der Missgriff
nicht geschehen können: er trug zu einem lichtgrauen Anzug einen Schlips von
derselben Farbe.
    »Ich bin sehr zerstreut heute,« sagte Christian mit halbem Lächeln und band
den Schlips wieder auf, um ihn durch einen andern zu ersetzen. Er brauchte
hierzu dreimal soviel Zeit wie gewöhnlich. Crammon schritt ungeduldig auf und
ab.
 
                                       8
Sobald Christian seinen gegenwärtigen Zustand überdenken wollte, ergriff ihn
Verwirrung.
    Es war in seiner Brust ein leerer Raum, in den von aussen nichts einströmen
konnte; er war von einem zu engen Panzer umschnürt, der ihn an freier
Beweglichkeit hinderte. Er trachtete danach, den leeren Raum zu füllen und den
Panzer zu sprengen.
    Seine Mutter sagte besorgt: »Du hast ein hageres Gesicht bekommen,
Christian; fehlt dir etwas?« Er versicherte, dass ihm nicht das geringste fehle.
Aber sie war nicht beruhigt. »Was ist mit Christian los?« erkundigte sie sich
bei Crammon, »er ist so still und blass.«
    Crammon antwortete: »Gnädigste Frau, so ist eben seine Form. Es sind die
Erlebnisse, die sein Gesicht zurechtgeschnjetzt haben. Ist es nicht edler und
stolzer geworden? Fürchten Sie nichts, er geht fest und verlässlich seinen Weg.
Und solange ich da bin, wird ihm nichts Übles geschehen.«
    Frau Richberta, im Zweifel noch und in ihrer matten Art gerührt, reichte ihm
die Hand.
    Crammon sagte zu Christian: »Die Gräfin hat einen Fang gemacht. Ein
überseeisches Exemplar; so musste es kommen.«
    »Gefällt dir der Mann?« fragte Christian unsicher.
    »Da sei Gott vor, dass ich Schlechtes von ihm denken sollte,« entgegnete
Crammon heuchlerisch; »er ist von so weit her und geht wieder so weit fort, dass
er mir unbedingt sympatisch ist. Nimmt er das Kind, die Lätizia, mit, so
begleiten sie meine Segenswünsche. Ob es ihr zum Heil gereichen wird, darüber
kann ich mir den Kopf nicht zerbrechen. So grosse Entfernungen haben auf jeden
Fall etwas Kalmierendes. Argentinien, Rio de la Plata, ich bitte dich; es sind
so unbekannte Gegenden, dass sie für mich ebensogut auf dem Mond liegen könnten.«
    Christian lachte, aber dabei zerfloss die vor ihm stehende Gestalt Crammons
zu einem Nebel, und was er noch hatte sagen wollen, unterdrückte er.
    Dreiundzwanzig Fremdenzimmer waren besetzt; Leute kamen an, Leute reisten
ab. Kaum hatte man ein Gesicht festgehalten, so entschwand es wieder. Damen und
Herren, die sich gestern kennengelernt hatten, bewegten sich heute mit freier
Vertraulichkeit gegeneinander und sagten sich am nächsten Tag Lebewohl für
immer. Ein Herr von Wedderkampf, Geschäftsfreund des Herrn Wahnschaffe, hatte
seine vier Töchter im Gefolge. Das Fräulein von Einsiedel traf Anstalten, den
ganzen Winter zu bleiben, da ihre Eltern im Scheidungsprozess lagen. Wolfgang,
der die Ferien zu Hause verlebte, hatte drei Studienfreunde mitgebracht.
    Diese alle waren gehobener Laune, schmiedeten umständliche Pläne, sich die
Zeit zu vertreiben, schrieben Briefe, empfingen Briefe, tafelten, liebelten,
musizierten, waren aufgeregt und neugierig, witzig und vergnügungssüchtig,
spannen ihre Geschäfte von draussen weiter und gaben sich den Anschein der
Freundlichkeit, der Harmlosigkeit und der Sorglosigkeit.
    Livrierte Diener liefen treppauf, treppab, Glockensignale ertönten,
Automobile tuteten, Tische wurden gedeckt, Lampen strahlten, Geschmeide
funkelte, hinter jener Tür wurde geschäkert, hinter dieser medisiert, in der
Halle mit den schönen Marmorsäulen sassen lächelnde Paare; es war eine Welt, die
sich wohl unterschied von den modernen Zufallszirkeln an Orten, wo man zahlt;
voll verbindlichen Lebens, voll von heimlichen Einverständnissen und geselligen
Reizen.
    Lätizia war mit ihrer Tante für eine Woche nach München gefahren. Erst am
dritten Tag nach Christians Ankunft kehrte sie zurück. Christian war froh, sie
zu sehen. Aber er konnte sich nicht zu einem Gespräch mit ihr entschliessen.
 
                                       9
Eines Morgens sass er mit seinem Vater beim Frühstück. Er wunderte sich, wie
fremd ihm dieser Mann mit den weissen, gescheitelten Haaren war, mit dem elegant
geschnittenen, in der Mitte geteilten Bart und der rosigen Färbung des Gesichts.
    Herr Wahnschaffe behandelte ihn mit grosser Höflichkeit. Er erkundigte sich
nach den Beziehungen, die Christian in England angeknüpft, und versah die kargen
Antworten des Sohnes mit lehrhaften Bemerkungen über Personen und Verhältnisse.
»Es ist gut, wenn wir Deutsche dort drüben Boden gewinnen,« sagte er, »es ist
nützlich und notwendig.«
    Er sprach über die drohenden politischen Wolken und äusserte sich
missbilligend über die Haltung Deutschlands beim Abschluss des Marokkovertrags. Da
Christian hiezu teilnahmslos und unwissend schwieg, wurde er sichtlich kühler,
nahm die Zeitung und begann zu lesen.
    Wie fremd er mir ist, dachte Christian und suchte einen Vorwand, aufzustehen
und fortzugehen. Da trat Wolfgang an den Tisch und sprach von den Ergebnissen
des Rennens in Baden-Baden. Seine Stimme war Christian nicht angenehm, und er
ging weg.
    Es geschah, dass er mit Judit in der Bibliotek sass und sie ihn neckend über
Lätizia zur Rede stellte. Lätizia und Crammon traten plaudernd herein. Felix
Imhof gesellte sich zu ihnen, Lätizia nahm ein Buch, und man merkte, dass sie
bemüht war, nicht in die Richtung zu blicken, wo Christian war. Dann verliessen
alle drei den Raum wieder. Judit sagte: »Sie begeht vielleicht eine Dummheit.«
Und sie lauschte erblassend, weil sie ein Kompliment aufgefangen hatte, das
Imhof Lätizia gemacht. »Warum bist du so still?« wandte sie sich stirnrunzelnd
an den Bruder und legte die Hände gefaltet auf seine Schulter; »wir sind alle
lustig und guter Dinge, aber du bist ganz verändert. Bist du denn nicht gern
wieder bei uns? Ist es nicht schön zu Hause? Und wenns dir nicht gefällt, kannst
du nicht jede Stunde wieder gehen? Warum bist du verstimmt?«
    »Ich weiss nichts davon; ich bin nicht verstimmt,« antwortete Christian, »man
kann ja nicht immer lachen.«
    »Bis zu meiner Hochzeit wirst du doch bleiben,« fuhr Judit mit
hochgezogenen Brauen fort; »ich wäre dir sonst ewig gram.« Und als Christian
nickte, sagte sie freundlich drängend: »Sprich doch einmal mit mir, du
Unliebenswürdiger. Frag mich doch etwas.«
    Christian lächelte. »Also will ich dich etwas fragen,« versetzte er; »bist
du zufrieden, Judit? ist dein Herz zufrieden?«
    »So mit der Tür ins Haus zu fallen,« lachte Judit; »du warst nie so plump.«
Kopf und Leib vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien, spreizte sie die Finger
aus und sagte: »Wir Wahnschaffes können nicht zufrieden sein. Es ist alles so
wenig, was man hat, es ist so viel, was man nicht hat. Ich fürchte, es wird eine
rechte Fru Ilsebill aus mir. Oder ich fürcht es nicht, nein; ich freue mich
darauf, den Fischer immer wieder zum Fisch an die See zu schicken, immer wieder.
Da weiss man doch dann, was er wagt.«
    Christian betrachtete seine schöne Schwester, und er hörte ihre verwegenen
Worte. Alles erschien ihm verwegen an ihr. Die Gebärde, die Worte, der helle
Kehlton der Stimme und der Glanz ihrer Augen. Es fiel ihm ein, dass er eines
Abends neben Eva Sorel gesessen war, so nahe, wie er jetzt neben Judit sass. Er
hatte mit stummem Entzücken ihre Hände angesehen, da hatte sie die linke Hand
gegen das Licht gehalten, und obgleich die Durchleuchtung des rosig glühenden
Fleisches die vollendete Form noch edler hervortreten liess, hatte man doch die
dunklen Schatten des Knochengefüges darin bemerkt. Und Eva hatte gesagt: »Sieh,
Eidolon, der Kern weiss nichts von Schönheit.«
    Christian stand auf und fragte, beinah traurig: »Wenn du weisst, was er wagt,
weisst du darum schon, was du gewinnst?«
    Judit blickte verwundert zu ihm empor, und ihr Gesicht verfinsterte sich.
 
                                       10
Es geschah dann, dass er ins Zimmer seiner Mutter kam und sie nicht darin fand.
Er näherte sich der Tür, die zu ihrem Schlafgemach führte, und pochte. Als keine
Antwort erfolgte, öffnete er. Sie war auch in diesem Zimmer nicht. Sich
umschauend, gewahrte er ein braunes Seidenkleid, mit Spitzen geschmückt, das
Frau Richberta gehörte und das über einem Rohrmodell hing. Einen Augenblick
hatte er den Eindruck, als stehe die Mutter vor ihm, jedoch ohne Kopf.
    Er verfiel in Sinnen, und sein Gedanke war, genau wie dem Vater gegenüber:
wie fremd ist sie mir. Das Kleid, das nur Hülle über einem Rohrgeflecht war,
wurde ihm zu einem Bild der Mutter, an welchem er sie besser erkannte als am
lebendigen Leib.
    Das Undurchdringliche und Unaufschliessbare; die starre Haltung, die
hoffnungslose Miene, das trübe Auge, die brüchige Stimme ohne Hall, das Wesen
ohne Freude. Sie, in deren Haus sich alle vergnügten, deren ganzes Tun und Sein
anscheinend nur darauf abzielte, andern die Gelegenheit zum Vergnügen zu
bereiten, ermangelte ganz und gar der Freude.
    Aber sie hatte die schönsten Perlen, die es in Europa gab, und jedermann
wusste, würdigte und rühmte dies.
    Die Selbsttäuschung Christians ging so weit, dass er im Begriffe war, das
Kleid über dem Gestell anzureden, vertraulicher vielleicht, als er je die Mutter
angeredet hatte. Eine Frage drängte sich ihm auf die Lippen, ein zartes,
heiteres Wort. Da vernahm er ihre Schritte, wandte sich um und erschrak. Er
glaubte eine Doppelgängerin zu sehen.
    Sie wunderte sich nicht, dass sie ihn hier traf. Sie wunderte sich selten.
Sie setzte sich auf einen Stuhl und starrte leer vor sich hin.
    Sie sprach über Imhof, der einen seiner Freunde im Hause eingeführt hatte,
einen Juden. Sie äusserte sich missbilligend über den Verkehr mit Juden im
allgemeinen. Auch Wahnschaffe, sie nannte ihren Gatten stets so, sei derselben
Meinung.
    Sie missbilligte Judits Verlobung. »Auch Wahnschaffe ist im Grunde gegen
diese Ehe,« sagte sie; »doch ein Vorwand, den Bewerber abzuweisen, bot sich
schwer. Wenn Judit einmal will, - du weisst es ja, du kennst sie. Ich fürchte,
ihr Hauptbestreben war dabei, ihrer Freundin Lätizia zuvorzukommen.«
    Christian blickte überrascht empor. Frau Richberta beachtete es nicht und
fuhr fort: »Imhof erscheint mir bei allen seinen guten Eigenschaften nicht
verlässlich. Er ist ein Hazardeur, ein unruhiger Kopf, ein wetterwendischer
Charakter. Von den zehn Millionen, die ihm sein Adoptivvater hinterlassen hat,
sind schon fünf oder sechs verspielt und vertan. Wie beurteilst denn du ihn?«
    »Ich habe noch nicht über ihn nachgedacht,« antwortete Christian, den dieses
Gespräch zu langweilen begann.
    »Auch ist er ja von dunkler Herkunft. Er war ein Findelkind, und der alte
Martin Imhof, den Wahnschaffe übrigens kannte und der einer der ersten
Düsseldorfer Patrizierfamilien angehörte, soll ihn unter merkwürdigen Umständen
zu sich genommen haben. Er war Junggeselle, Misantrop, wie es heisst, stand
schliesslich allein in der Welt und liebte das Zufallskind abgöttisch. Wusstest du
das nicht?«
    »Ich habe davon reden gehört,« sagte Christian.
    »Nun erzähle mir etwas von dir, mein Sohn,« bat Frau Richberta mit
veränderter Miene und dem Lächeln einer Leidenden.
    Aber Christian schwieg. Seine Welt und der Mutter Welt, er sah keine Brücke
mehr dazwischen. Und während diese Erkenntnis über ihn kam, wurde ihm noch etwas
andres klar. Auch zwischen der Welt, in der er wissentlich lebte, und einer
zweiten, die hinter ihr lag, nebelhaft und drohend, lockend und schrecklich, die
er nicht begriff, nicht kannte, kaum ahnte, die bloss ein im Blitzesleuchten
aufgetauchtes Gesicht war, ein Traum, ein flüchtiger Schauder, gab es keine
Brücke.
    Er küsste der Mutter die Hand und eilte hinweg.
 
                                       11
Trotz rieselnden Regens ging er, in der Dämmerung, mit Lätizia durch den Park.
Sie wanderten den Pfad von den Gewächshäusern bis zum Pavillon oftmals auf und
ab und hörten vom Hause her Klavierspiel. Es war das Fräulein von Einsiedel,
welches spielte.
    Im Anfang hatte das Gespräch lange Pausen. Nimm mich, nimm mich, flehte
etwas in Lätizia, und Christian, der es wohl verstand, hatte sein hochmütiges
Lächeln, wagte aber nicht, sie anzublicken.
    »Musik von weitem hab ich gern,« sagte Lätizia; »und Sie, Christian, mögen
Sie es nicht?«
    Er zog seinen Regenmantel fester zu und antwortete: »Ich mache mir nichts
aus Musik.«
    »Dann haben Sie ein schlechtes Herz, ein hartes wenigstens.«
    »Möglich, dass ich ein schlechtes Herz habe; ein hartes ganz gewiss.«
    Lätizia fragte errötend: »Was lieben Sie eigentlich? Von Dingen, meine ich.
Was für Dinge lieben Sie?« Der schelmische Ausdruck ihres Gesichts gab doch dem
Ernste Raum, der in der Frage entalten war.
    »Was ich liebe?« wiederholte er gedehnt, »von Dingen liebe? Ich weiss es
nicht. Liebt man Dinge? Dinge braucht man, das ist alles.«
    »O nein,« rief Lätizia, und ihre tiefe Stimme erzeugte eine eigentümliche
Wärme in Christian, »o nein. Dinge sind da zum Lieben. Zum Beispiel Blumen und
Sterne. Das sind Dinge zum Lieben. Hör ich ein schönes Lied, seh ich ein schönes
Bild, so ruft es gleich in mir: mein! mein! meine Sache!«
    »Auch wenn ein Vogel plötzlich aus der Luft fällt?« wandte Christian
zaudernd ein, »herunterfällt und stirbt, wie es manchmal geschieht -? Auch wenn
ein erschossenes Reh vor Ihnen liegt?«
    Lätizia verstummte und schaute ihn ängstlich an. Unendlich wohltuend
berührte ihn der Blick ihres Auges. Nimm mich, nimm mich, flehte es von ihr zu
ihm. »Das sind ja keine Dinge, das sind Wesen,« sagte sie leise.
    »Ihre Sache, das glaub ich,« fuhr er fort, und seine Stimme klang sanfter
als bisher. »Ihre Sache ist alles, was duftet und was glänzt, was schmückt und
was ergötzt. Das ist Ihre Sache, Lätizia. Was ist aber meine Sache?« Er blieb
stehen. »Ja, was ist meine Sache?« fragte er noch einmal mit einem Ausdruck
innerlicher Not, der erschütternd auf Lätizia wirkte. Sie hatte ein solches
Wort, in solchem Ton gesprochen, nicht von ihm erwartet.
    Du hast mich einst geküsst, erinnerte ihn ihr Blick, denk daran, du hast mich
geküsst.
    »Wann wird Hochzeit sein?« fragte er jetzt und zwinkerte ein bisschen mit den
Lidern.
    »Ich weiss es nicht genau, vorläufig sind wir noch gar nicht formell
verlobt,« erwiderte Lätizia lachend. »Er hat erklärt, dass ich seine Frau werden
müsste, und dagegen gibts keinen Widerspruch bei ihm. Zu Weihnachten kommt meine
Mutter nach Heidelberg, und dann wird die Hochzeit sein. Ich freue mich auf die
Meerfahrt und auf das fremde Land.« Nimm mich, nimm mich doch, flehte es
ungestüm aus ihren leuchtenden Augen, nimm mich, ich sehne mich. »Wie gefällt
Ihnen Stephan?« erkundigte sie sich mit koketter Drehung des Hauptes.
    Er blieb die Antwort schuldig. »Es beobachtet uns jemand vom Hause her,«
sagte er leise.
    Lätizia flüsterte: »Er gönnt mich nicht dem Erdboden und der Luft.« Da es
stärker zu regnen anfing, lenkten sie ihre Schritte gegen das Haus. Und
Christian fühlte, dass er sie liebte.
    Eine Stunde später betrat er den Spielsalon. Imhof, Crammon, Wolfgang und
Stephan Gunderam sassen um einen runden Tisch und spielten Poker. Jeder verhielt
sich nach seiner Art; Imhof überlegen und viel redend; Crammon zerstreut und
düster; Wolfgang misstrauisch und erregt. Gunderam zuckte mit keiner Miene; dem
Spiel überliefert, sass er da, wie ein Schläfer dem Schlaf. Er hatte beständig
gewonnen, ein Berg von Scheinen und Goldstücken war vor ihm aufgehäuft.
    Crammon und Imhof rückten auseinander, damit Christian zwischen ihnen Platz
nehmen sollte. Da sprang Stephan Gunderam von seinem Stuhl empor. Die Karten in
der Hand haltend, starrte er Christian mit hassendem Blick an.
    Christian betrachtete ihn mit Verwunderung. Als sich die andern drei,
einigermassen erschrocken, gleichfalls erheben wollten, liess sich Gunderam wieder
auf seinen Stuhl sinken und sagte barsch und finster: »Spielen wir weiter. Ich
bitte um vier neue Karten.«
    Christian entfernte sich von dem Tisch. Er fühlte, dass er Lätizia liebte.
Sein ganzes Herz liebte sie, zärtlich und sehnsüchtig.
 
                                       12
Ein entlassener Arbeiter hatte eines Abends dem aus der Stadt zurückkehrenden
Automobil des Herrn Albrecht Wahnschaffe aufgelauert. Als der Wagen am Parktor
langsamer fuhr, hatte der Mensch aus meuchlerischem Hinterhalt, von Gebüschen
gedeckt, einen Revolver auf den ehemaligen Broterrn abgedrückt.
    Der Schuss streifte nur den Arm des Überfallenen. Die Verletzung war leicht,
doch Albrecht Wahnschaffe hütete mehrere Tage lang das Bett. Nach verübter Tat
war der Verbrecher im Dunkel des Abends entflohen; erst am andern Morgen gelang
es der Polizei, ihn festzunehmen.
    Dieses Ereignis, so unbeträchtlich seine Folgen waren, hatte das fröhliche
Treiben im Hause Wahnschaffe für eine Weile gestört. Einige Personen reisten ab;
so Herr von Wedderkampf, der zu seinen Töchtern sagte, der Boden unter den Füssen
sei ihm hier zu heiss.
    Aber am dritten Abend wurde schon wieder getanzt.
    Christian wunderte sich darüber. Er wunderte sich über das rasche Vergessen.
Er wunderte sich über den Gleichmut der Mutter, über die Unbekümmerteit von
Bruder und Schwester.
    Er wollte den Namen jenes Arbeiters erfahren, aber niemand wusste ihn. Der
eine sagte, er heisse Müller, der andre sagte, er heisse Schmidt. Er wunderte sich
darüber. Auch der Beweggrund, der den Mann zu seiner Tat getrieben, war keinem
genau bekannt. Der eine sagte, es sei Rachsucht gewesen, Frucht systematisch
geschürten Klassenhasses; der andre sagte, nur ein Irrsinniger sei zu solcher
Tat fähig.
    Mochte es sich so verhalten oder so, der Schuss aus dem Hinterhalt, von einem
Unbekannten abgefeuert, aus unbekannter Ursache geplant, war für Christian nicht
ganz dasselbe, was er für alle andern war, die rings um ihn lebten und sich nach
wie vor vergnügten, jeder nach seiner Art. Er war für ihn ein Anlass zum
Nachdenken, einem zwar ziel- und fruchtlosen, aber ernsten und sonderbar
leidenden Nachdenken.
    Er hätte gern den Mann gesehen. Er hätte gern sein Gesicht gesehen.
    Crammon sagte: »Wieder ein Fall, wo sich sonnenklar erweist, dass man mit der
Abschaffung der Folter nichts erreicht hat, als dass die Kanaille frech geworden
ist. O, was war so ein spanischer Stiefel oder eine Daumenschraube, was waren
das für herrliche Erfindungen der Humanität und Disziplin!«
    Christian besuchte seinen Vater, der in einem Lehnstuhl sass, mit verbundenem
Arm, die breit auseinandergefaltete Kreuzzeitung vor sich. Herr Wahnschaffe
sagte: »Ich hoffe, dass ihr euch in keiner Weise Zwang auferlegt, du und deine
Freunde. Ich wäre untröstlich, wenn ich schuld wäre, dass die Laune meiner Gäste
nur um einen Hauch sich trübt.«
    Christian wunderte sich über diese Höflichkeit, diese vornehme Gemessenheit,
diese liebenswürdige Rücksicht.
 
                                       13
Im tiefen Wald, unter Ruinen, forderte Stephan Gunderam von Lätizia die
Entscheidung über sein Schicksal.
    Man hatte in grosser Gesellschaft einen Ausflug unternommen, Lätizia und ihr
Anbeter waren zurückgeblieben, und so war es geschehen.
    Ringsum ragten alte Stämme und uraltes Gemäuer, über den Baumwipfeln spannte
sich der blassblaue Herbstimmel, im dürren Laub lag auf den Knien ein Mann und
schwor mit Anwendung erhabener und massloser Worte seine ewige Liebe. Dem allen
vermochte Lätizia nicht zu widerstehen.
    Stephan Gunderam sagte: »Verweigern Sie mir Ihre Hand, so bleibt mir nur die
Kugel übrig. Sie ist für diesen Zweck schon längst bereit. Beim Leben meines
Vaters, ich spreche wahr.«
    Wer, so weich und so verführbar wie Lätizia, mag Blutschuld auf sich laden?
Und sie gab ihr Ja. Sie dachte an keine Fessel, sie dachte nicht an das
Unverbrüchliche eines solchen Entschlusses, sie dachte nicht an die Zeit und an
das Spiel der Folgen, sie dachte nicht an den, dem ihre Seele zu eigen war; sie
dachte nur an den Augenblick und dass da ein Mensch war, welcher erhabene und
masslose Worte zu ihr sagte.
    Stephan Gunderam sprang auf, riss sie in seine Arme und stammelte: »Von nun
an bis in die Ewigkeit gehörst du mir. Dein Atem, dein Gedanke, dein Traum mir,
nur mir! Vergiss das nicht! Vergiss es nie!«
    »Lass mich los, du Schrecklicher,« sagte Lätizia mit einem Schauer des
Entzückens. Sie fühlte sich von einer Welle von Romantik lustvoll getragen. Ihre
Nerven gerieten in Schwingung, der Blick flimmerte und brach; zum erstenmal
regte sich Verlangen des Blutes. Leise aufschreiend glitt sie aus Gunderams
Armen.
    Schon auf dem Heimweg konnte das Paar die Glückwünsche der Gesellschaft
entgegennehmen. Crammon schlich still beiseite; als Christian kam und Lätizia
die Hand reichte, war in ihren Augen eine unruhige Erwartung, etwas phantastisch
Freudiges, das Christian durchaus nicht begriff. Er konnte durchaus nicht
ergründen, was sich hinter dieser Miene verbarg. Er konnte nicht erraten, dass
sie dem, welchem sie soeben ihr Leben anvertraut hatte, den Atem, den Gedanken
und den Traum, sich treulos schon jetzt entzog, und dass sie dies ihm, Christian,
auf ihre Weise, die eine unschuldige und törichte Weise war, zu verstehen gab.
    Er liebte sie, von Stunde zu Stunde wuchs seine Liebe. Er empfand es fast
wie ein inneres Gesetz, dass er sie lieben sollte; ein Auftrag, der ihm befahl:
an diese wende dein Selbst; eine Botschaft, die ihm ausrichtete: in dieser finde
dich.
    Er glaubte Evas Stimme zu vernehmen: Von mir war der Weg zu ihr; hab ich
dich fühlen gelehrt, so gib dort dein Gefühl, wo ein Herz in Bereitschaft ist;
dort forme, dort werde, dort wirke; lass es nicht vergehen, lass es nicht sinken
und verglühen.
    So oder ähnlich sprach die Stimme.
 
                                       14
Crammon, der Verhärtete, hatte einen Traum, worin ihm jemand Vorwürfe machte,
dass er untätig zuschaue, während man sein Fleisch und Blut an einen
argentinischen Viehzüchter verkuppele.
    Infolgedessen ging er zur Gräfin und fragte sie, ob sie wirklich gesonnen
sei, das unmündige Kind in die Länder der Wilden zu schicken. »Ist Ihnen nicht
bange, wenn Sie daran denken, wie verlassen das Kind in diesen äusserst südlichen
Regionen dastehen wird?« fragte er und rieb die Hände rollend umeinander, was
ihm das Aussehen eines alten Wucherers verlieh.
    »Was fällt Ihnen ein, Herr von Crammon?« erwiderte die Gräfin entrüstet,
»mit welcher Befugnis stellen Sie mich zur Rede? Wissen Sie vielleicht einen
besseren Freier, einen, der reicher, vornehmer, repräsentabler ist? Meinen Sie,
nur in Europa könne man glücklich sein? Ich habe mir die Leute genau angesehen,
denn sie sind uns ja schockweise nachgelaufen, in Interlaken, in Aix-les-Bains,
in Genf, in Zürich und in Baden-Baden; Alte und Junge, Franzosen, Russen,
Deutsche und Engländer, Grafen und Millionäre. Dass wir nicht von vornherein auf
das Exotische versessen waren, wird Ihnen Ihr Freund Christian bezeugen, der
sich wahrscheinlich zu gut für uns gedünkt hat. Kummer genug, dass ich mein
Liebchen über den Ozean lassen muss, Sie sollten mir nicht auch noch das Herz
schwer machen.«
    Aber Crammon war nicht zu rühren. »Überlegen Sie sich die Sache noch einmal
genau,« sagte er, »es ist ein verantwortungsvoller Schritt. Bedenken Sie, dass es
dort Giftschlangen geben soll, deren Biss innerhalb fünf Sekunden tötet. Ich habe
von Stürmen gelesen, die die stärksten Bäume mit den Wurzeln ausreissen und neun
Stock hohe Häuser umwerfen. Gewisse Volksstämme, die sogenannten Feuerländer,
huldigen noch dem Kannibalismus, soviel ich weiss. Ferner existiert eine Gattung
Ameisen daselbst, die auch den Menschen überfällt und ihn mit Stumpf und Stiel
verzehrt. Die Hitze im Sommer soll nicht zu ertragen sein, die Kälte im Winter
desgleichen. Es ist eine unwirtliche Gegend, Gräfin, eine schmutzige Gegend mit
gefährlichen Einwohnern; überlegen Sie sich die Sache noch einmal.«
    Die Gräfin war bestürzt. Der Wirkung seiner Worte froh, entfernte sich
Crammon erhobenen Hauptes.
    Am Abend, Lätizia lag schon zu Bett, ging die Gräfin mit unter der Brust
gekreuzten Armen im Zimmer des jungen Mädchens auf und ab. Ihr Gewissen war
beschwert, sie wusste aber nicht recht, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Sie
hatte den ganzen Nachmittag Briefe und Verlobungsanzeigen geschrieben und war
jetzt müde. Puck, das Löwenhündchen, sass im Nebenzimmer auf einem seidenen
Kissen und kläffte bisweilen grundlos.
    Lätizia schaute mit feuchtglänzenden, schwelgerischen Augen in den
dämmernden Raum über sich. Man hätte ihre Haut mit einer Nadel ritzen können,
sie hätte es nicht gespürt.
    Endlich überwand sich die Gräfin. Sie nahm einen Stuhl, setzte sich an das
Bett und ergriff die Hand Lätizias. »Ist es wahr, Liebchen,« fing sie an, »ist
es wahr, was Herr von Crammon berichtet, hat dir Stephan auch davon gesprochen,
von den giftigen Schlangen, den Menschenfressern, den Orkanen, den wilden
Ameisen und der schauerlichen Hitze und Kälte, wovon das Land heimgesucht sein
soll, in das du gehst? Wenn es sich so verhält, möchte ich dich bitten, den
Schritt, den du unternimmst, noch einmal gründlich in Erwägung zu ziehen.«
    Lätizia lachte, tieftönig und herzlich. »Wie, Tante, jetzt kriegen Sie es
mit der Angst?« rief sie aus; »jetzt, wo ich mir schon die ganze Zukunft
ausgemalt habe? Crammon hat sich einen unpassenden Scherz mit Ihnen erlaubt, das
ist alles. Stephan sagt niemals eine Lüge, und seiner Schilderung nach ist
Argentinien das Paradies auf Erden. Hören Sie nur, Tantchen,« sagte sie
geheimnisvoll, rückte an den Rand ihres Lagers und sah die Gräfin zutraulich und
entzückt an, »Pfirsiche gibt es dort, so gross wie Kinderköpfe, schmackhafter als
man sichs träumt, und in solcher Menge, dass man die, die man nicht essen und
verkaufen kann, zu Hügeln aufschichtet und verbrennt. Wildbret jeder Art,
Tantchen, köstlich und in Zubereitungen, die hier ganz unbekannt sind; Fische,
Geflügel, Honig, die seltensten Gemüse, alles, was man nur will und was das Herz
begehrt.«
    Die Miene der Gräfin hellte sich auf. Sie streichelte Lätizia über den Arm
und sagte: »Dann freilich; wenn dem so ist, dann freilich ...«
    Lätizia aber fuhr fort: »Hab ich mich einmal eingelebt und die Verhältnisse
kennengelernt, so schreib ich Ihnen, Tante, und Sie müssen zu uns kommen. Da
werden Sie dann ein Haus für sich bewohnen, eine reizende Villa, die von Blumen
überwachsen ist. Die Vorratskammern sollen jeden Tag frisch gefüllt werden, und
neben Ihrem Schlafzimmer wird ein marmornes Badebecken sein; sooft Sie Lust
haben, können Sie sich darin ausstrecken, und schwarze Sklavinnen werden zu
Ihrer Bedienung bereit stehen.«
    »Gewiss, Liebchen,« antwortete die Gräfin mit verklärtem Gesicht, »denn
Paradies oder nicht Paradies, das eine wird wohl unter allen Umständen
zutreffen: schmutzig wird es sein, und Schmutz, du weisst es ja, Schmutz ist für
mich fast so arg wie Giftschlangen und Menschenfresser.«
    »Haben Sie keine Sorge, Tantchen,« sagte Lätizia, »wir werden dort ein
herrliches Leben führen.«
    Die Gräfin war beruhigt und umarmte Lätizia mit überströmendem Dank.
 
                                       15
Um dem Trubel auf Wahnschaffeburg, wie das neue Haus genannt wurde, zu
entfliehen, gingen Christian und Crammon für einige Tage nach Christiansruh.
Kaum aber hatten sie sich dort eingerichtet, so kamen auch Judit und deren
Gesellschafterin, Lätizia und das Fräulein von Einsiedel.
    Die Gräfin und Stephan Gunderam waren nach Heidelberg gefahren, wo sie Frau
von Febronius erwarteten; Lätizia sollte ihnen erst eine Woche später folgen.
Felix Imhof war nach Leipzig gerufen worden, wo er an der Gründung einer grossen
Verlagsgesellschaft beteiligt war. Nach seiner Rückkehr sollte auf
Wahnschaffeburg die Hochzeit stattfinden.
    Judit sagte, sie wolle die letzten Stunden der Freiheit geniessen; Lätizia
zum Mittun zu bewegen, hatte es nicht vieler Überredung bedurft; das Fräulein
von Einsiedel und die Gesellschafterin wurden als Garden betrachtet, und so
hatten die vier Christian und Crammon mit Lärm und Lachen überrascht.
    Das Wetter war schön, wenngleich schon kalt; sie verbrachten die meiste Zeit
im Freien, gingen in den Wäldern spazieren, spielten Golf, veranstalteten
Picknicks, und die Abende verflogen mit heiterem Plaudern. Einmal las Crammon
aus dem Torquato Tasso vor, und er ahmte dabei den Tonfall und Rhytmus Edgar
Lorms so täuschend nach, dass Judit erregt wurde und nicht genug hören konnte.
Ihn reizte nichts andres als eben diese Nachahmung; Lätizia genoss die Verse wie
trunken machenden Wein; das Fräulein von Einsiedel, das seit Jahren um eine
verlorene Liebe trauerte, kämpfte bei manchen Stellen mit den Tränen; Judit
hingegen erblickte in einem Zauberspiegel ein vergöttertes Bild, und als der
Vortrag zu Ende war, brachte sie das Gespräch auf Edgar Lorm und bat Crammon, er
möge ihr von ihm erzählen.
    Crammon willfahrte ihr. Er erzählte von der romantischen Freundschaft des
Schauspielers mit einem König; von seiner ersten Ehe mit einer rotaarigen
Jüdin, die er sehr geliebt und die ihn eines Tages verlassen hatte und nach
Amerika geflohen sei; wie er ihr gefolgt sei, erst hinüber, dann drüben von Ort
zu Ort und alle seine Versuche, sie wiederzugewinnen, fehlgeschlagen seien; wie
er, zurückgekehrt, in Gefahr gewesen, sich zu verlieren, sein Talent zu
zersplittern; wie er, einsam und unstet, bald da, bald dort festen Fuss zu fassen
bestrebt war; wie er Verträge gebrochen habe, von den Bühnenleitern in Acht und
Bann getan, vom Publikum als gefährlicher Irrwisch nur gerade geduldet worden
sei; wie aber endlich sein Genie alle Widrigkeiten und die Mängel seiner Natur
selbst besiegt habe und er nun als strahlendstes Gestirn am Himmel der Kunst
glänze.
    Als Crammon schwieg, trat Judit auf ihn zu, streichelte ihm Kinn und Wangen
und sagte: »Das war hübsch, Crammon, dafür dürfen Sie sich etwas ausbitten.«
    Da lachte Crammon sein lautestes Lachen im tiefsten Bass und antwortete:
»Dann bitt ich mir aus, dass die vier Damen morgen in der Frühe nach
Wahnschaffeburg zurückkehren und uns beide, meinen Freund Christian und mich,
noch ein wenig in Frieden gegeneinander schweigen lassen. Nicht wahr, Christian,
mein Engel, wir schweigen gern? Wir beschweigen die Geheimnisse der Welt.«
    »O ungalanter Bär!« wurde da gerufen; »o Verräter, o herzloser Intrigant!«
Aber es war bloss eine Scheinempörung, denn die Rückfahrt war für den nächsten
Tag ohnehin beschlossen.
    Christian erhob sich und sagte: »Bernhard hat nicht unrecht, wenn er
behauptet, dass wir schweigen wollen. So schön es mit euch ist, ihr schönen
Mädchen, aber ihr seid so unruhig, ihr seid gar zu munter.« Er hatte scherzend
gesprochen, jetzt strich er mit der Hand über die Stirn, weil sich seine
Empfindung in Ernst verwandelt hatte.
    Alle schauten ihn an. Er sah eigentümlich stolz aus. Lätizia schlug das
Herz. Als sein Blick auf sie fiel, senkte sie den ihren, und sie errötete tief.
Sie liebte alles, was er war, alles, was hinter ihm war, alles, was er erlebt
hatte, alle Frauen, die er geliebt hatte, alle Menschen, von denen er kam und zu
denen er ging.
    Plötzlich fiel ihr die goldene Kröte ein; sie hatte das kleine Schmuckstück
mitgenommen, und sie fasste den Vorsatz, es ihm heute noch zu bringen. Aber hiezu
musste sie ihn allein treffen.
 
                                       16
Es sollte in der Nacht sein, das war ihr Wunsch, und sie gab ihm ein Zeichen. Es
gelang ihr, ihm von den andern unbemerkt zuzuflüstern, dass sie in der Nacht zu
ihm kommen und ihm etwas bringen wolle; er möge sie erwarten.
    Er sah sie wortlos an. Viele waren schon zu ihm gekommen, in der Nacht; das
Versprechen keiner hatte ihn so entflammt. Als sie von ihm weghuschte, bebten
seine Lippen.
    Nach Mitternacht, alle schliefen im Hause, verliess sie ihr Zimmer und stieg
in das obere Stockwerk hinauf, in welchem Christian mehrere Gemächer bewohnte.
Sie ging leise, ohne sonderliche Ängstlichkeit. Den Kopf spähend vorgeneigt,
raffte sie mit den Händen die Schleppe des weissseidenen Übergewands, das sie
trug. Der durchsichtige Stoff glich mehr einem Schimmer auf der Haut, einem
Perlenschimmer, als einer Hülle. Nur um Brust und Leib lag er in Verdopplung;
den Schritt behinderte ein um die Knie geschlungenes Atlasband, und sie musste,
sich selbst zum Spott, während die Pulse stürmisch klopften, vorsichtig trippeln
wie die Geishas, die sie auf dem Teater gesehen hatte.
    Als Christian die Tür hinter ihr geschlossen hatte, lehnte sie sich daran;
die Beine verweigerten ihr den Dienst.
    Er fasste sie zart an beiden Handgelenken, hauchte einen Kuss auf ihre Stirn
und fragte lächelnd: »Was wolltest du mir denn bringen, Lätizia? Ich bin
gespannt.«
    Da wurde sie inne, dass sie die goldene Kröte vergessen hatte. Noch kurz
bevor sie aus ihrem Zimmer gegangen war, hatte sie sie bereit gelegt,
desungeachtet hatte sie sie vergessen. »Nein, wie dumm,« entschlüpfte es ihr,
und sie sah beschämt auf ihre schwarzen Samtschuhe nieder, »wie dumm! Ich hab
mir eine kleine Kröte aus Gold machen lassen, die wollt ich dir bringen.«
    Er stutzte. Er erinnerte sich der Worte, die er ihr vor vielen Monaten
gesagt. Die verflossene Zeit war dreifach lang. Er wunderte sich, wie es hatte
sein können, dass ihn eine Kröte so geschreckt. Wohl hörte er sich selbst: »Lass
dir eine kleine Kröte aus Gold machen, damit der böse Zauber weicht.« Aber die
Mahnung besass heute keine Gültigkeit mehr, der Zauber war auch ohne Talisman
gebrochen.
    Wie er nun das Mädchen so vor sich stehen sah, zitternd und trunken,
zitterte auch er und ward trunken. Viele waren schon gekommen, in der Nacht;
keine so unschuldig und so schuldig dabei, keine so entschlossen und so betört
zugleich. Er kannte die Gebärden, ihr stummes Schmachten, das erloschene und
wieder aufflammende Auge an ihnen, das halbe Nein und halbe Ja, ihr Anklammern
und Wegstossen, ihre Seufzer, ihre wunderbaren Tränen, die wie warmer, salziger
Tau schmeckten, er kannte es an vielen. Und es neuerdings zu erfahren und zu
spüren, drängten ihn die Sinne mit aller Macht.
    Aber es war etwas dawider. Es war ein braunblasses Gesicht dawider, das ihn
mit Augen von unbeschreiblicher Klarheit anschaute. Es war ein blutüberströmtes
Gesicht dawider, an dem die schwarzen Haare klebten, und es war ein vom Wasser
aufgedunsenes Gesicht dawider, das vordem schön gewesen war. Es war ein Gesicht
dawider voll Hass und Scham, das auf schlechtem Linnen ruhte, und ein anderes, in
einer Kofferkammer, mit einer weissen Binde umkleidet. Es waren Gesichter von
Männern und Weibern dawider, Tausende und Tausende, am Ufer eines Stroms, und
andre Gesichter, verkohlte und zertretene in einer Scheune, die er so genau wie
in Wirklichkeit durch die Augen eines Ergriffenen gesehen.
    Es war sein Herz dawider. Es war die Liebe dawider, die er für Lätizia
empfand.
    Er wurde ein wenig bleicher, und in seinen Fingerspitzen war Kälte. Da fasste
er Lätizia bei der Hand und führte sie in die Mitte des Zimmers. Sie schaute
sich zaghaft um, doch jeder Blick galt ihm, von dem sie erfüllt war. Sie fragte
nach den Bildern, die an der Wand hingen, bewunderte die Ähnlichkeit seines
Porträts, welches sich darunter befand, wollte wissen, was eine kleine Skulptur
vorstellte, die er in Paris gekauft hatte; ein Mann und ein Weib, aus Felsen
sich lösend, strebten elementar gegeneinander.
    Ihre tiefe Stimme hatte sinnlicheren Klang denn je. Indem er ihr antwortete,
kam ihm von neuem die Versuchung an, die warme, rosige, blutdurchpulste Wölbung
der Schulter, die einer frischen Frucht glich, mit den Lippen zu berühren. Aber
es rief in ihm, unüberhörbar: einmal nicht! nur ein einziges Mal nicht!
    Es war schwer, aber er gehorchte.
    Lätizia wusste nicht, was mit ihr geschah. Sie schauerte zusammen und bat
ihn, das Fenster zuzumachen. Aber als das Fenster zugemacht war, fröstelte sie
noch stärker. Sie sah ihn von der Seite an. Sein Gesicht erschien ihr hochmütig
und fremd. Sie hatten sich auf den Diwan gesetzt, und es war ein Schweigen
entstanden. Warum hab ich nur die kleine goldene Kröte vergessen? dachte
Lätizia, das ist an allem schuld; und instinktiv rückte sie ein wenig von seiner
Seite weg.
    »Vielleicht wirst du es später verstehen, Lätizia,« sagte er und erhob sich.
Gleich darauf liess er sich vor ihr auf den Boden nieder, nahm ihre beiden kühlen
Hände und legte sie an seine Wangen.
    »Nein, ich verstehe es nicht,« flüsterte Lätizia und lächelte mit nassen
Augen, »werde es nie verstehen.«
    »Doch, du wirst; einmal wirst du es verstehen.«
    »Nie,« beteuerte sie leidenschaftlich, »nie.« Alles verwirrte sich in ihr.
Sie dachte an Blumen und Sterne, an Bilder und Träume. Sie dachte, wie er es
gesagt, an Vögel, die aus der Luft fallen und sterben, und an ein Reh, das
erschossen vor ihren Füssen lag. Sie dachte an Wege, die sie gehen würde, an
Fahrten auf dem Meer, an Schmuck und an köstliche Gewänder. Aber es hatte kein
Bindendes für sie, es löste sich alles wieder zu Stücken. Es riss in ihrem Innern
eine Kette, und sie hatte das Bedürfnis, sich hinzulegen und einige Zeit zu
weinen. Nicht lange; wenn dann das Weinen vorüber war, konnte es sein, dass sie
sich wieder auf den morgigen Tag freute und auf Stephan Gunderam und auf die
Hochzeit mit ihm.
    »Gute Nacht, Christian,« sagte sie und bot ihm die Hand wie nach harmlosem
Plaudern. Die Gegenstände im Zimmer hatten ein andres Aussehen. Auf dem Tisch
stand eine geschliffene Schale mit Herbstzeitlosen; die weissen Stengel glichen
den Fühlarmen eines Polypen. Die Nacht vor den Fenstern war nicht mehr dieselbe
Nacht wie vordem. Man war auf eine eigne Art ganz frei, auf eine trotzige und
rachsüchtige Art.
    Christian war überrascht von ihrer Haltung und Gebärde. War sie als Mädchen
zu ihm gekommen, so ging sie fort als Frau, ohne dass er sie angerührt hatte.
»Ich will nachdenken,« sagte sie und nickte ihm mit einem grossen, dunklen Blick
zu, »ich wills verstehen lernen.«
    So ging sie; ging in ihr reiches, armes, abenteuerliches, schweres,
tändelndes Leben hinein.
    Christian lauschte ihrem Schritt, der hinter der geschlossenen Tür schnell
verklang. Er stand regungslos, mit tief gesenktem Kopf. Es war, auch für ihn,
nicht mehr dieselbe Nacht wie vordem. Ungeachtet seines Gehorsams gegen die
Stimme nagte der Zweifel an ihm, ob, was er getan, recht oder unrecht war, gut
oder schlecht.
 
                                       17
Eines Tages erhielt Christian einen Brief, der die Unterschrift von Iwan
Michailowitsch Becker trug. Becker teilte ihm mit, dass er sich vorübergehend in
Frankfurt aufhalte und dass eine gemeinsame Freundin ihm nahegelegt habe,
Christian Wahnschaffe zu besuchen. Dies unterlasse er aber aus erwogenen
Gründen. Wenn Christian Wahnschaffes Gesinnung derart sei, wie die gemeinsame
Freundin vorauszusetzen scheine, möge er um eine Abendstunde zu ihm kommen.
    Der Name Evas war nicht genannt; er sprach nur von der gemeinsamen Freundin;
zweimal. Strasse und Haus, wo Becker wohnte, waren angegeben.
    Christians erste Regung war, der Aufforderung nicht zu folgen. Er sagte
sich, dass er mit Iwan Becker nichts zu schaffen habe. Der Russe war ihm
unsympatisch gewesen; seine Beziehung zu Eva Sorel hatte er missbilligt und
hochmütig übersehen. Sooft er sich seines hässlichen Gesichts, seines
schleichenden Ganges, seiner stummen, düsteren Gegenwart erinnerte, überkam ihn
ein Unbehagen. Was konnte er jetzt von ihm wollen? Weshalb dieser Ruf, in dem
Drohendes war?
    Nachdem er vergeblich versucht hatte, sich des Nachdenkens hierüber zu
entschlagen, zeigte er Crammon den Brief, in der geheimen Erwartung, dass Crammon
ihm widerraten werde, zu Becker zu gehen. Crammon las, zuckte die Achseln, sagte
aber nichts. Crammon war in übler Laune, Crammon war verletzt; er spürte seit
einiger Zeit schon, dass ihn Christian von seinem Vertrauen ausschloss. Ausserdem
dachte er an Eva Sorel mehr, als seiner Seelenruhe förderlich war. Er machte
Fräulein von Einsiedel den Hof; das Fräulein war nicht taub gegen sein Werben,
aber dieser Erfolg konnte Crammon das Gleichgewicht nicht zurückgeben, und der
Brief riss die Wunde von neuem auf.
    Mit Entschluss beendete Christian sein Schwanken und machte sich auf den Weg
zu Becker. Das Haus lag in der Vorstadt; er musste vier Stiegen einer
Mietskaserne erklimmen. Er bemühte sich, nirgends anzustreifen, nicht an der
Mauer, nicht am Geländer. Als er vor der Tür die Glocke zog, war sein Gesicht
blass von Beklommenheit und Widerwillen.
    Wie leidend er aussieht, dachte Christian, als er in dem armselig möblierten
Zimmer Iwan Becker gegenübersass. Er fragte sich, ob dieser Zug des Leidens neu
sei oder ob er ihn früher bloss nicht wahrgenommen habe. Als Becker das Wort an
ihn richtete, antwortete er verlegen und ungeschickt.
    »Madame Sorel geht im Frühjahr nach Petersburg,« sagte Iwan Michailowitsch;
»sie hat einen Vertrag unterzeichnet, der sie für drei Monate an das Kaiserliche
Teater verpflichtet.«
    Christian gab Befriedigung zu erkennen. »Bleiben Sie lange hier?« erkundigte
er sich höflich.
    »Ich weiss es nicht,« war die Antwort, »ich warte auf eine Nachricht und
fahre dann zu meinen Freunden in die Schweiz.«
    »Mein letztes Gespräch mit Madame Sorel drehte sich ausschliesslich um Sie,«
fuhr er fort und sah Christian aus seinen tiefliegenden Augen aufmerksam an.
    »Um mich? Ah ...« machte Christian mit konventionellem Lächeln.
    »Sie bestand darauf, dass ich mich mit Ihnen in Verbindung setzen solle. Sie
sagte, es läge ihr daran. Einen Grund nannte sie nicht. Sie nennt ja niemals
Gründe. Sie verlangte auch, dass ich ihr Bericht erstatte. dabei habe ich nicht
einmal einen Auftrag für Sie. Sie sagte nur immer: Es hängt etwas für mich davon
ab und für ihn vielleicht sehr viel. Sie sehen, ich bin ein willenloses
Werkzeug. Ich hoffe, dass Sie mir wegen der Belästigung nicht zürnen.«
    »Durchaus nicht,« erwiderte Christian beengt. »Ich kann mir freilich nicht
denken, was ihr vorschwebt.« Verwundert fügte er hinzu: »Sie ist sehr
eigenartig.«
    »Ja, sehr!« Iwan Becker lächelte, wobei die Feuchtigkeit seiner dicken
Lippen unangenehm bemerkbar wurde. »Sie ist ein entusiastischer Mensch. Eine
Frau von bedeutender Anlage. Sie hat grosse Macht über andre Menschen, und sie
ist entschlossen, sich dieser Macht zu bedienen.«
    Eine Pause entstand.
    »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?« fragte Christian konventionell.
    Becker sah ihn an. »Nein,« antwortete er kalt, »ich wüsste nicht.« Er wandte
den Blick gegen das Fenster, vor dem man Fabrikschlöte sah, Rauch und trübe
Luft, welche Schnee verkündete. Über seine Knie war eine Decke gebreitet, da der
Raum nicht geheizt war; unter der Decke war seine verkrüppelte rechte Hand
versteckt. Eine Bewegung des Beins verschob die Decke, und die Hand kam zum
Vorschein. Christian wusste, was es damit für eine Bewandtnis hatte: Crammon
hatte ihm von seiner Begegnung und dem Gespräch mit Becker erzählt, damals in
Paris schon. Er hatte es mit Gleichgültigkeit vernommen und, wo er konnte, es
vermieden, sein Augenmerk auf diese Hand zu richten.
    Er betrachtete sie jetzt; er stand auf, und mit einer Gebärde von Freiheit
und Versicherung, die selbst Becker, der ihn doch nur oberflächlich kannte, an
ihm in Erstaunen setzte, reichte er seine Hand dar. Iwan Michailowitsch gab ihm
die Linke; Christian hielt sie und drückte sie stark und lange. Dann ging er,
ohne ein Wort zu sprechen.
 
                                       18
Aber am andern Tag kam er wieder.
    Iwan Michailowitsch erzählte ihm die Geschichte seines Lebens. Er bot ihm in
einfacher Weise Gastfreundschaft, kochte Tee, und sogar die Stube war geheizt.
Er erzählte abgerissen, mit halbgeschlossenen Augen und krankhaftem, kränklichem
Lächeln, ohne rechten Zusammenhang, bald aus seiner Jugend, bald aus den
Spätjahren. Es war immer dasselbe: Unterdrückung, Not, Verfolgung, Leiden;
Leiden ohne Zahl. Zermalmte Herzen, wohin man ging und sah, vernichtetes Glück,
zerstörte Schicksale. Die Eltern in Armut umgekommen, die Geschwister
verschollen, die Freunde im Krieg gefallen oder in der Verbannung gestorben; ein
Leben ohne Halt, ohne Licht, ohne Ruhe, ohne Aufblick; eine Welt voll Hass und
Bosheit, Grausamkeit und Finsternis.
    Christian sass und lauschte bis in die späte Nacht.
    Sie trafen sich im Kaffeehaus, in einem hässlichen Lokal, das zu betreten
Christian vordem nicht vermocht hätte, und sassen bis in die späte Nacht. Oft
schweigend, in einem Schweigen, das Christian quälte und bis zu einem kaum
erträglichen Grad spannte. Aber seine Miene war sanft.
    Sie gingen miteinander am Fluss, durch Strassen und Anlagen, im Schnee. Iwan
Michailowitsch sprach von Puschkin, von Belinski, von Bakunin und Herzen, vom
Zaren Alexander dem Ersten und der Legende seiner Entrückung, von den Bauern,
dem dumpfen, armen Volke. Er sprach von den ungezählten Märtyrern verwehten
Namens, Männern und Frauen, deren Tun und Leiden ans Herz der Menschheit pochte
und deren Blut, so drückte er sich aus, wie die Röte den Aufgang der Sonne, den
Anbruch neuer Zeit verkündete.
    Christian verschwand vom Hause, und niemand wusste, wohin er ging.
    Einmal sagte Iwan Michailowitsch: »Man hat mir berichtet, dass ein Arbeiter
einen Mordanfall auf Ihren Vater gemacht hat. Der Mann ist gestern zu sieben
Jahren Zuchtaus verurteilt worden.«
    »Ja, es ist wahr,« antwortete Christian; »wie war nur sein Name? Ich habe
den Namen vergessen.«
    Es erwies sich, dass der Mann weder Schmidt noch Müller hiess, sondern
Roderich Kroll. Iwan Michailowitsch wusste den Namen. »Eine Frau und fünf kleine
Kinder sind da, leben im grössten Elend,« sagte er. »Haben Sie einmal eine
Viertelminute lang versucht, sich vorzustellen, was es bedeutet: im Elend leben?
Haben Sie Phantasie genug, sich nur eine Viertelminute eines solchen Daseins
auszumalen? Haben Sie einmal das Gesicht eines Menschen, der hungert, angesehen?
Da ist ein Weib, fünf Kinder hat sie geboren; liebt ihre Kinder genau so, wie
Ihre Mutter Sie und Ihre Geschwister liebt. Schön; die Schubladen sind leer; der
Herd ist kalt; die Betten sind ins Pfandhaus gewandert; die Kleider und Schuhe
sind zerrissen. Die Kinder, jedes ist ein Mensch wie Sie und ich, jedes hat
genau dieselbe Anwartschaft auf Zufriedenheit, auf Brot, auf ruhigen Schlaf und
auf gesunde Luft wie Sie und Herr von Crammon und zahllose andre, die gar nie
darüber nachdenken, dass sie im Besitz all dieser Dinge sind. Schön; nicht nur,
dass man sich anstellt, als sehe und wisse man nichts davon; nicht nur, dass man
es unbequem findet, wenn man daran erinnert wird; sondern man verlangt auch von
diesen Wesen, dass sie still sein sollen, dass sie ihren Hunger, ihre Notdurft,
die Kälte, die Krankheit, den Raub an ihrem Besitz und die freche
Ungerechtigkeit als etwas Selbstverständliches und Unvermeidliches hinnehmen und
ertragen sollen. Haben Sie das schon einmal überlegt?«
    »Ich habe es, scheint mir, noch nie überlegt,« erwiderte Christian leise.
    »Dieser Mann,« fuhr Iwan Michailowitsch fort, »dieser Roderich Kroll, wurde,
soviel ich erfahren habe, planmässig zum Äussersten getrieben. Er war gläubiger
Anhänger der sozialistischen Teorien und sogar den Leuten seiner eignen Partei
wegen seiner extremen Anschauungen und der heftigen Propaganda dafür ein wenig
zur Last. Man hat ihm den Boden unter den Füssen abgegraben. Man hat ihn durch
die kleinlichsten Ränke erbittert und zum Äussersten gedrängt. Man wollte ihn
unschädlich machen und zum Schweigen bringen. Aber sagen Sie mir: gibt es ein
Extrem auf dieser Seite, das so unbillig, so herausfordernd, so verwerflich sein
könnte, wie es das Extrem auf der andern Seite, der Übermut, der Luxus, die
Schwelgerei, die Fühllosigkeit und sinnlose Verschwendung an jedem Tag und zu
jeder Stunde wirklich ist? Nicht einmal den Namen des Menschen haben Sie
gewusst!«
    Christian blieb stehen. Der Wind blies ihm den Schnee ins Gesicht und nässte
Stirn und Wangen. »Was soll ich tun, Iwan Michailowitsch?« fragte er langsam.
    Auch Iwan Michailowitsch blieb stehen. »Was soll ich tun!« rief er. »So
fragen alle. So fragte auch Fürst Jakowlew Grusin, einer unsrer Grossherren,
Adelsmarschall im Nowgoroder Kreis. Nachdem er seine Bauern ausgesogen, seine
Pächter geplündert, seine Beamten nach Sibirien gebracht, nachdem er Mädchen
geschändet, Frauen verführt, seine eignen Söhne zur Verzweiflung getrieben, sein
Leben lang gefressen, gesoffen, gehurt und Verbrechen auf Verbrechen gehäuft
hatte, ging er in seinem vierundsiebzigsten Jahr ins Kloster und schrie Tag und
Tag aus seiner Zelle: Was soll ich tun? Herrgott und du, mein Heiland, was soll
ich tun? Da konnte ihm natürlich niemand antworten. Und so hörte ich auch einen
andern vor sich hin fragen, dessen Seele aber rein und weiss war. Er schritt zum
Tode, ein Siebzehnjähriger; neun Mann, Gewehr bei Fuss, standen im
Festungsgraben; er taumelte heran, und seine unschuldige Seele fragte laut: Was
soll ich tun, Vater im Himmel, was soll ich tun?«
    Iwan Michailowitsch ging weiter; Christian folgte ihm. »Wir Armen, wir
entsetzlich Armen,« sagte Iwan Becker, »was sollen wir tun?«
 
                                       19
Judits Hochzeit sollte mit grossem Pomp gefeiert werden.
    Schon zum Polterabend waren mehr als zweihundert auswärtige Gäste geladen;
die Auffahrt der Wagen und Automobile nahm kein Ende.
    Es kamen die Kohlen- und Eisenbarone der ganzen Provinz; hohe Militärs und
Verwaltungsbeamte mit ihren Damen; die Spitzen des Frankfurter Patriziats und
der Finanz; Mitglieder des Darmstädter und Karlsruher Hofs und weiter gereiste
Fremde. Ein Tenor aus Berlin, eine berühmte Liedersängerin, ein Wiener Komiker,
ein Zauberkünstler und ein Taschenspieler waren engagiert worden, um für die
Unterhaltung zu sorgen.
    Die im Speisesaal hufeisenförmig aufgestellte, von Gold, Silber und
geschliffenem Glas strahlende Tafel hatte dreihundertdreissig Gedecke.
    In der marmornen Wandelhalle und ihren Nebenräumen wogte die festliche
Menge. Bei den Toiletten der Damen herrschte Gelb und Rosa vor, die jungen
Mädchen waren zumeist in Weiss. Nackte Schultern leuchteten hinter Perlen- und
Diamantengefunkel; das strenge Schwarz und Weiss an Männern dämmte energisch das
Schwimmende des Farbenbildes.
    Christian ging mit Randolph von Stettner auf und ab, einem jungen Offizier,
der bei den Bonner Husaren stand. Sie waren Freunde aus der Knabenzeit her,
hatten sich ein paar Jahre nicht gesehen und tauschten Erinnerungen aus.
Randolph von Stettner sagte, dass er in seinem Beruf nicht sonderlich glücklich
sei; er hätte lieber studiert; seine grosse Neigung war die Chemie, als Soldat
fühlte er sich nicht an seinem Platze. »Aber es nützt nichts, wider den Stachel
zu löken,« schloss er seufzend, »man muss in die Kette beissen und still sein.«
    Christians Blick fiel auf Lätizia, die inmitten eines dichtgedrängten
Kreises von Herren stand. Auf ihrer Stirn war Vergessen; sie wusste nichts vom
vorigen Tag und nichts vom morgigen. So in der Stunde gelöst, gab es keine ausser
ihr.
    Ein Diener trat zu Christian und reichte ihm eine Karte. Die Stirn des
Dieners hatte bedenkliche Falten; die Karte war nicht ganz sauber. Christian las
die geschriebenen Worte auf der Karte: »I.M. Becker muss Sie sogleich sprechen.«
Er entschuldigte sich hastig bei Stettner und ging hinaus.
    Iwan Michailowitsch stand unbeweglich in der Vorhalle. Neuangekommene Gäste,
denen Diener Mäntel und Hüte abnahmen, schritten achtlos an ihm vorüber, die
Männer tänzelnd und sprungbereit, die Frauen mit erregten Blicken den Spiegel zu
einer letzten Musterung suchend.
    Iwan Michailowitsch trug einen langen, grauen, nassen Mantel, der abgeschabt
war; das Gesicht mit dem pechschwarzen Rahmenbart war totenbleich. Christian zog
ihn in einen leeren Teil des Raumes, wo sie ungestört waren.
    »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihnen die Festesfreude trübe,« begann
Iwan Michailowitsch, »aber ich hatte keine Wahl. Heute nachmittag erhielt ich
einen polizeilichen Ausweisungsbefehl. Ich muss binnen zwölf Stunden Stadt und
Land verlassen haben. Ich wollte Sie um die Gefälligkeit ersuchen, dieses
Heftchen in Obhut zu nehmen und es zu bewahren, bis es Ihnen von mir selbst oder
einem zweifellos beglaubigten Freund wieder abgefordert wird.« Er schaute sich
um, zog schnell ein dünnes blaues Heft aus der Tasche und gab es Christian, der
es ebenso schnell, mechanisch, in der Brusttasche des Fracks verschwinden liess.
    »Es entält Aufzeichnungen in russischer Sprache,« fuhr Iwan Michailowitsch
fort; »sie haben Wert nur für mich allein, aber man darf sie nicht bei mir
finden. Da man mich aus dem Lande weist, muss ich auch darauf gefasst sein, dass
man sich an meiner Person und meinem Eigentum vergreift.«
    »Wollen Sie nicht in meinem Zimmer ruhen?« fragte Christian schüchtern;
»wollen Sie nicht etwas essen oder trinken?«
    Iwan Michailowitsch schüttelte den Kopf. Im Saal drinnen spielten die
Streichinstrumente eine einschmeichelnde Melodie von Puccini.
    »Wollen Sie nicht wenigstens Ihren Mantel trocknen?« fragte Christian
wieder. Die einschmeichelnde Musik, der von ihm gewusste Prunk im Saale, die
Heiterkeit, das Lachen, die Fülle der Schönheit und des Glückes, alles das
bildete einen so schneidenden Gegensatz zur Erscheinung des Menschen im nassen
Mantel, mit dem totenbleichen Gesicht und den krankhaft flammenden Augen, dass er
den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, dazwischen zu stehen, fühllos und die
vollkommene, fürchterliche Fremdheit beider Welten kennend.
    »Sie haben viel für meinen Mantel übrig,« entgegnete Iwan Michailowitsch
lächelnd; »was nützt es ihm? Er wird ja doch wieder nass.«
    »Ich hätte Lust, mit Ihnen, so wie Sie hier sind, in den Saal zu gehen,«
sagte Christian und lächelte ebenfalls.
    Iwan Michailowitsch zuckte die Achseln, und seine Miene verfinsterte sich.
    »Ich weiss nicht, warum mich die Lust ankommt,« murmelte Christian, »ich weiss
nicht, was mich daran reizt. Ich stehe da vor Ihnen und habe unrecht. Wenn ich
schweige, wenn ich rede, mit meinem blossen Atem schon habe ich unrecht. Wir
sollten nicht hinter der Wand und im Domestikenwinkel miteinander sprechen. Sie
fordern etwas von mir, Iwan Michailowitsch, ist es nicht so? Sie fordern etwas;
nennen Sie Ihre Forderung.«
    Diese Worte verrieten eine bis in den Grund gehende Verwirrung des Gefühls.
Sie bebten vor Sehnsucht nach einem Anderssein und Anderswerden. Iwan Becker
begriff es inspirativ. Wenn er anfangs geargwöhnt hatte, dass eine Herrenlaune
oder, im besseren Fall, der törichte und gedankenlose Trotz eines flüchtig
erglühten Proselyten den schönen, reichen, stolzen Menschen zu solcher Äusserung
getrieben, so erkannte er jetzt seinen Irrtum. Er begriff vor allem, dass er um
Hilfe gerufen wurde, und zwar in einem der entscheidenden Augenblicke, deren es
in jedem Leben nur wenige gibt.
    »Was sollte ich denn von Ihnen fordern, Christian Wahnschaffe?« fragte er
ernst, »doch nicht, dass Sie mich zu den Ihren schleppen, und dass ich das als
eine Tat von Ihnen zu betrachten hätte, als eine Überwindung?«
    »Nicht als eine Tat, sondern ganz einfach, dass ich mich zu Ihnen bekenne,«
erwiderte Christian mit gesenkten Augen.
    »Überlegen Sie doch, welche Figur ich dabei abgeben würde, ich mit meinem
Kittel, widerwillig und demonstrativ im Reich der Sphären, wie wir uns in
Russland ausdrücken. Ihnen würde man verzeihen; man würde Sie der Extravaganz
beschuldigen, man würde Sie auslachen, und man würde darüber hinwegsehen. Aber
was geschähe mir? Wenn Sie mich auch vor Beleidigungen schützen könnten, das
Demütigende der Situation wäre kaum zu überbieten. Und welchen Zweck sollte eine
so prahlerische Handlung haben? Was versprechen Sie sich Gutes davon, Gutes für
mich, für Sie, für die andern? Ich könnte keinem etwas anhaben, keinen
überreden, keinen überzeugen. Und nicht einmal Sie selbst wären überzeugt.«
    Er schwieg einige Sekunden und sah Christian mit einem gütigen und starken
Blick an. Dann fuhr er fort: »Wär ich im Gesellschaftsanzug hierhergekommen, so
wäre dieses Gespräch wesenlos. Und damit ist es auch erledigt. Sein Gegenstand
ist zu klein. Warum, Christian Wahnschaffe, warum soll ich meinen Kittel und
meinen nassen Mantel hinein zu Euren Fräcken tragen? Gehen Sie doch einmal
dortin mit mir, wo Ihr Frack ein Frevel und ein Makel ist und mein grober
nasser Mantel noch ein Prunkgewand und Vorzug. Ich kenne ein solches Haus; gehen
Sie mit mir.«
    Christian, ohne ein Wort zu erwidern, rief einen der Diener herbei, liess
sich seinen Pelz reichen und folgte Iwan Michailowitsch ins Freie. Derselbe
Diener stürzte ihm voraus, in die Garage hinüber; sie hatten nur wenige Minuten
zu warten, und als der Wagen anfuhr, liess Christian Iwan Michailowitsch den
Vortritt, befragte ihn um das Ziel, nahm an seiner Seite Platz, und der Wagen
setzte sich in Bewegung.
 
                                       20
Iwan Michailowitsch Becker hatte die Familie des mit Zuchtaus bestraften
Arbeiters Roderich Kroll schon zweimal besucht. Sein Interesse an den Leuten war
nur ein mittelbares, durch jenes hervorgerufen, das er für Christian Wahnschaffe
gefasst hatte. Es war in Christian Wahnschaffe etwas, das ihn bewegte; gleich
nach dem ersten Gespräch, das sie miteinander gehabt, hatte er lange über ihn
nachgedacht, über seine Person und seine bestrickenden Eigenschaften sowohl wie
über seine Lebensumstände und das soziale Erdreich, aus dem er hervorgewachsen
war. Da der Name des Grossindustriellen Wahnschaffe so eng mit dem Roderich
Krolls und seinem Prozess verknüpft war, der ziemlich viel Lärm gemacht hatte,
war seine Aufmerksamkeit auf natürlichem Weg dortin gewendet worden. Er hatte
möglicherweise schon vorher den Schritt erwogen, der jetzt zur Ausführung kam.
Denn für ihn stand es unerschütterlich fest, dass viele Menschen besser wären und
gerechter handeln würden, wenn sie nur sehen könnten oder wenn man ihnen die
Gelegenheit verschaffen würde, zu sehen.
    Frau Kroll hatte mit ihren fünf Kindern in dem Mansardenloch einer von
vielen Hunderten von Menschen bewohnten Mietskaserne am äussersten Rande der
Stadt Zuflucht gefunden. Sie hatte vordem eine der zahlreichen Arbeiterwohnungen
innegehabt, die Albrecht Wahnschaffe bei seinen Fabriken hatte bauen lassen; aus
diesem Heim war sie vertrieben worden, und sie war in die Stadt gezogen.
    Die Mansarde beherbergte ausser ihr und ihren Kindern, von denen das älteste
zwölf Jahre zählte, noch drei Bettgeher: einen Lumpensammler, einen Orgeldreher
und einen beständig betrunkenen Vagabunden. Es war ein Raum von zwanzig
Quadratmeter Fläche; die Bettgeher lagen auf schmutzigen Strohsäcken, die fünf
Kinder auf zwei eng aneinandergeschobenen zerrissenen Matratzen, Frau Kroll im
Winkel zwischen Dach und Fussboden auf einem Wollhaartuch und einem Bündel alter
Kleider.
    An diesem Tag war der Hausverwalter dreimal erschienen, um die Miete
einzufordern. Beim drittenmal hatte er, da sie nicht zahlen konnte, gedroht, sie
am Abend auf die Strasse zu setzen. Eine Viertelstunde vor Christians und Iwan
Beckers Ankunft war er in Begleitung des Pförtners und eines andern Untergebenen
in den halbfinstern, übelriechenden Raum getreten und hatte sogleich Anstalten
getroffen, seine Drohung auszuführen. Sein Gesicht machte eher den Eindruck der
Gutmütigkeit als den der Härte; er tat sich etwas zugute auf den Humor, mit dem
er seine amtlichen Verrichtungen würzte; das Schreien und Jammern beirrte ihn
nicht im geringsten. Er sagte: »Hurtig, Kinder, hurtig;« oder: »Marsch, an die
Gewehre, keine Lamentos, keine Zärtlichkeiten, keine Kniefälle; Zeit ist Geld,
Geschwindigkeit ist halbe Arbeit.«
    Wie immer bei solchem Anlass gerieten alle nahe wohnenden Parteien in
Bewegung und drängten sich auf dem Flur. Ein Weib mit gelben Haaren, im Hemde;
ein andres im scharlachroten Schlafrock; ein Krüppel ohne Beine; ein Greis mit
langem Bart; Kinder, die sich rauften; ein geschminktes Frauenzimmer mit einem
Hut so gross wie ein Wagenrad, ein andres, das eine brennende Kerze trug, während
ein Mann, der von der Strasse mit ihr gekommen war, sich erschrocken ins Dunkel
zu drücken bemüht war.
    Dazwischen schallte das Weinen der Krollschen Kinder, das tonlose Bitten der
Frau, die mit verstörten Blicken zuschaute, wie die Gehilfen des Exekutors ihre
Habseligkeiten auf einen Haufen warfen. Der Vagabund fluchte, der Orgeldreher
schleppte seinen Strohsack zur Tür, der Hausverwalter knipste mit den Fingern
und sagte: »Hurtig, Kinder, mein Abendessen wird kalt, keine Lamentos, keine
Zärtlichkeiten, hurtig, hurtig.«
 
                                       21
Da traten Christian und Iwan Becker ein. Sie zwängten sich durch Gaffende,
Christian im kostbaren Pelz. Der Verwalter blieb mit offenem Munde stehen. Seine
Kreaturen rissen mechanisch die Kappen herunter. Iwan Michailowitsch wollte die
Tür schliessen, aber das Frauenzimmer mit dem grossen Hut stand auf der Schwelle
und wich nicht. »Die Tür sollte man zumachen,« sagte er zum Verwalter, und
dieser ging hin und machte die Tür zu, wobei er die geschminkte Person einfach
zurückstiess. Iwan Michailowitsch fragte, ob die Frau mit ihren Kindern delogiert
werden solle. Der Verwalter antwortete, sie könne die Miete nicht zahlen, man
habe bis heute, weit über die Frist, Nachsicht gehabt, länger gehe es nicht an,
ohne dass die Ordnung litte und schlechtes Beispiel gegeben würde. Iwan
Michailowitsch sagte, er verstehe; zu Christian gewandt, wiederholte er, als ob
er Worte einer fremden Sprache übersetze: »Sie kann den Zins nicht bezahlen.«
Draussen ertönte ein Pfiff, und ein Frauenzimmer kreischte. Der Verwalter öffnete
die Tür, schrie etwas hinaus und warf sie wieder ins Schloss, worauf Ruhe
eintrat.
    Frau Kroll kauerte zwischen ihren Kindern, die Ellbogen in den Schoss
gewühlt. Sie hatte eine robuste Figur und ein knochiges Gesicht, fahl wie
Brotteig und mit zentimetertiefen Gramfalten. Es sah totenkopfähnlich aus. Die
Kinder starrten sie angstvoll an; zwei waren völlig unbekleidet, und der eine
der nackten Körper war von Krätze bedeckt. Ob er etwas für die Leute tun wolle,
erkundigte sich der Verwalter in biederem Ton bei Iwan Becker; Christian wagte
er nicht einmal anzureden. »Ich denke, wir werden etwas für sie tun können,«
versetzte Becker und kehrte sich Christian zu.
    Christian hörte; Christian sah. Er nickte ein paarmal, was wie furchtsamer
Übereifer wirkte.
    Sein Blick fiel auf einen Waschkrug mit abgebrochenem Henkel; der Krug
zeigte ein grünes Muster, eine banale Arabeske, die sich ihm einprägte. Dann
wurde er von dem schief aufgestellten Fenster im Dach beunruhigt und dem
Schneerand in der Rille. Dann gewahrte er einen einzelnen Stiefel mit einer
dicken Kotkruste an der Sohle. Dann fesselte ein Strick seine Beachtung, der von
einem Balken herabhing; dann die kleine Petroleumlampe, mit geschwärztem
Zylinder. Nur Dinge, an denen sich sein Auge festsaugte. Aber die Dinge gingen
in ihn über, und er verwandelte sich in sie. Er war selbst der Krug mit
abgebrochenem Henkel und der grünen Bemalung, selbst das Fenster mit dem
Schneerand darunter, selbst der Stiefel mit der Kotkruste, selbst der Strick,
der vom Balken hing, selbst das Lämpchen mit dem berussten Zylinder. Er wurde in
einem Schmelzfeuer umgeformt, Gestalt wechselte mit Gestalt, und obwohl er auch
die Vorgänge spürte, die Menschen, diese Bettler, dieses Weib, die Kinder, Iwan
Michailowitsch, den Verwalter und diejenigen, die draussen vor der Tür standen,
war es sein innigstes Bemühen, sie noch von sich abzuhalten, eine kleine Weile
noch, ehe sie mit ihrer Qual, ihrer Verzweiflung, ihrer Besessenheit, ihrer
Grausamkeit über ihn stürzten: wilde Hunde über ein Stück Fleisch.
    Ein Seufzer entrang sich ihm, ein verstörtes, wieder zurückfliehendes
Lächeln trat auf seine Lippen. Eines der Kinder, ein vierjähriger Knabe mit
einem unkenntlichen Fetzen angetan, schritt zu ihm, schaute an ihm empor wie an
einem Turm. Zugleich waren die Augen aller andern auf ihn geheftet; er glaubte
es wenigstens. Seine Brust wurde ein feuergefülltes Becken, getragen und in die
Höhe gehoben von den mageren Armen des Knaben. Im Nu hatte er die Hand voller
Goldstücke, machte eine Geste, die das Kind ermutigte, die offenen Hände ihm
entgegenzustrecken, legte die Goldstücke hinein, von denen die kleinen Hände nur
wenige fassen konnten, so dass sie, zum starren Erstaunen der Zuschauer, auf den
Boden rollten.
    Danach riss er die Brieftasche heraus, leerte sie mit nervösen Fingern bis
auf den letzten Schein, sah sich um, trat auf das Weib zu, empfand eine gewisse
Verachtung gegen sein hohes Dastehen, indes jene unten kauerte, kniete nieder,
kniete nieder und liess alle Geldscheine in ihren Schoss fallen. Er wusste nicht,
wieviel Geld es war; später stellte es sich heraus, dass es
viertausendsechshundert Mark waren. Er erhob sich wieder, ergriff Iwan Becker am
Arm, und sein Blick wurde von diesem verstanden.
    Es herrschte atemlose Stille, als sie gingen. Der Verwalter und seine Leute,
die drei Bettgeher, die fünf Kinder, alle waren wie versteinert. Das Weib
schaute mit stieren Augen den Reichtum in ihrem Schosse an. Sie stiess einen
Schrei aus und verlor das Bewusstsein. Der Knabe spielte mit den Goldstücken, die
leise klirrten, so wie nur Gold klirrt, melodisch und ohne Härte.
    Auf der Strasse unten sagte Iwan Michailowitsch zu Christian: »Dass Sie vor
ihr niedergekniet sind, das war es, das ganz allein. Das andre, darin liegt
etwas wie Verhängnis und Bitterkeit für mich. Aber dass Sie hingekniet sind -
das, ja das!« Mit jäher Bewegung ergriff er Christians Kopf, stellte sich auf
die Zehen und küsste ihn, mit einem Hauch nur, auf die Stirn. Danach murmelte er
ein Abschiedswort und eilte die Strasse hinunter, ohne des wartenden Automobils
zu achten.
    Christian gab seinem Chauffeur die Weisung, ihn nach Christiansruh
hinauszufahren. Zwei Stunden später war er dort; in tiefer Ruhe, denn Ruhe war
ihm not. Die Seinen liess er telephonisch benachrichtigen, dass unvorhergesehene
Ereignisse ihn verhindert hätten, bis zum Schluss des Abends zu bleiben, dass er
aber bei Judits Trauung bestimmt anwesend sein würde. Er begab sich in das
entlegenste Zimmer des Hauses und blieb die Nacht über wach.
 
                                       22
Sechs Wochen nach Judit heiratete Lätizia. Die Hochzeit fand aber, Stephan
Gunderams Wunsch entsprechend, in der Stille statt. Bei dem einfachen Mahl in
einem Heidelberger Hotel waren als Gäste Frau von Febronius, die Gräfin, die
beiden Neffen Ottomar und Reinhold und ein argentinischer Freund Stephans
anwesend, ein grober Riese, der für ein Jahr nach Deutschland geschickt worden
war, um sich Schliff anzueignen.
    Ottomar trug ein selbstverfertigtes Gedicht zum Preis seiner schönen Cousine
vor. Reinhold sprach einen Toast im Stil der Tischreden Martin Luters. Stephan
Gunderam zeigte wenig Verständnis für die literarische Geistigkeit seiner neuen
Verwandten.
    Frau von Febronius war still, auch beim Abschied. Die Gräfin weinte sich die
Augen aus dem Kopf. Sie versah Lätizia mit allerlei Regeln und Ratschlägen, aber
das Schwierigste hatte sie sich, aus Feigheit, bis zuletzt aufgehoben. Sie zog
Lätizia in ihr Zimmer und, bleich und rot in einem, war sie bestrebt, der
Sorglosen einen Begriff von der Physiologie des ehelichen Lebens zu geben. Aber
auch jetzt versagte ihr der Mut, und sobald sie auf den Kern des Gegenstandes
dringen wollte, begann sie zu stottern und sich zu verwirren.
    Lätizia amüsierte sich.
    Stephan Gunderam hatte Eile fortzukommen, wie jemand, der einen Raub in
Sicherheit bringen will.
    Frau von Febronius sagte zu ihrer Schwester: »Es ahnt mir nichts Gutes von
dieser Heirat, obwohl das Kind den Eindruck einer Glücklichen macht. Ihre Natur
ist es, die sie gegen das Unglück wappnet; das ist die wunderbare Mitgift, die
sie hat.« Da sagte die Gräfin mit gefalteten Händen und tränenverhängten Augen:
»Wenn ich gesündigt habe, lieber Gott, so vergib es mir.«
    Lätizia überstand die Seereise vortrefflich. Sie hielt sich mit ihrem Gatten
einige Tage in Buenos Aires auf und lernte dort viele Leute kennen. Bekannte
Stephans betrachteten sie mit teilnahmsvoller Neugier. Alles war anziehend und
merkwürdig, Menschen, Häuser, Tiere, Pflanzen, Erde und Himmel. Am anziehendsten
und merkwürdigsten aber war ihr noch immer die eifersüchtige Tyrannei des
Mannes, dem sie vermählt war, obwohl sich bisweilen ein Tropfen Furcht in ihr
Gefühl mischte. Aber sie scherzte die Anfechtung vor sich selbst hinweg.
    Eines frühen Morgens stand eine feste, schwere Kutsche mit zwei kleinen,
flinken Pferden bereit, um sie auf das dreissig Meilen entfernte Gut zu bringen.
Mit Proviant reichlich versehen, verliessen sie in schneller Fahrt die Stadt.
Nach ein paar Stunden hörte die gebahnte Chaussee auf, etwa wie ein Bach
versiegt, und die Ebene der Pampas dehnte sich bis an die Grenzen des Horizonts
ohne Weg noch Weiser.
    Oder doch; die Strasse, welcher die Pferde zu folgen hatten, war links und
rechts durch mannshohe Pfähle bezeichnet, die in Abständen von ungefähr zwanzig
Metern in den Grasboden geschlagen waren. In dieser Zeile liefen die Tiere ruhig
hin; der Neger auf dem Bock brauchte sie nicht anzufeuern; die eintönige und
gefahrlose Fahrt erlaubte ihm zu schlafen.
    Es gab keine Station; Futterrasten wurden, wenn die Tiere dessen bedurften
und Wasser in der Nähe war, unter freiem Himmel gemacht. Kein Haus, kein Baum,
kein Mensch zeigte sich von morgens bis abends. Lätizia verspürte Bangigkeit.
    Sie hatte längst aufgehört zu sprechen oder Stephan zum Sprechen zu
ermuntern. Er schlief wie sein Kutscher.
    Als die Sonne hinter weisslichen Wolkenschleiern gesunken war, richtete sie
sich auf und blickte suchend über die unendliche Grasfläche. Noch immer ragten
die hohen Holzpfähle in ermüdender Regelmässigkeit zu beiden Seiten der
ungebahnten Strasse.
    Doch siehe, auf einem der Pfähle sass ein graubrauner Vogel, geduckt und
unbeweglich, mit riesigen, runden Glühkohlenaugen.
    »Was ist das für ein Vogel?« fragte sie.
    Stephan Gunderam schreckte empor. »Eine Eule ist es,« antwortete er; »kennst
du Eulen nicht? Bald wirst du mehr von ihnen sehen. Jeden Abend, wenn es dunkel
wird, hocken sie auf den Pfählen. Schau hin, es fängt schon an, auf jedem Pfahl
sitzt eine.«
    Lätizia schaute hin, und wirklich, auf jedem Pfahl, hüben wie drüben, so
weit der Blick reichte, auf jedem Pfahl sass mit riesigen, kreisrunden
Glühkohlenaugen feierlich träg und schwer eine Eule.
 
                           Eh der Silberstrick reisst
                                       1
Das Fräulein von Einsiedel nahm die zärtliche Tändelei mit Crammon ernst. Als
Crammon dies merkte, wurde er kalt und war darauf bedacht, sich die drohende
Unbequemlichkeit vom Halse zu schaffen.
    Sie schickte ihm durch ihre Jungfer dringliche kleine Briefchen; er
beantwortete sie nicht. Sie ersuchte ihn um ein Stelldichein, er versprach zu
kommen und kam nicht. Vorwurfsvoll fragte sie nach dem Grund; er schlug die
Augen nieder und antwortete betrübt: »Ich habe mich in der Stunde geirrt, liebe
Freundin. Mein Geist ist seit einiger Zeit in einem Zustand von Abwesenheit. In
der Frühe wache ich manchmal auf und denke, es ist noch Abend. Ich setze mich zu
Tisch und vergesse zu essen. Ich brauche eine Kur, ich muss einen Arzt
konsultieren. Haben Sie Nachsicht mit mir, Elise.«
    Aber Elise wollte nicht verstehen. Sie gehörte, nach Crammons bedauerndem
Tadel, zu denen, die aus einem Kuss und aus einer Nacht alle Folgerungen ziehen,
welche einem Mann unter Umständen lästig fallen.
    Crammon sagte zu sich selbst: »Sei robust, Bernhard Gervasius. Lass dich von
deiner angeborenen Delikatesse nicht zum Schwächling machen. Hier ist eine
Mausefalle, der Speck riecht meilenweit. So ein hübsches und gutes Kind und so
verblendet! Als ob nicht ein kurzes Vergnügen einem langen Jammer vorzuziehen
wäre.«
    Und er packte für alle Fälle seine Koffer.
 
                                       2
Crammon hatte erfahren, wo Christian an Judits Polterabend hingegangen und wer
sein Begleiter gewesen war. Der Chauffeur hatte geplaudert, darauf hatte Crammon
in seiner brüderlichen Besorgnis Nachforschungen gehalten, und die unbestimmten
Gerüchte, die bis nach Wahnschaffeburg gedrungen waren, hatten sich bestätigt.
    Eines Morgens, sie waren in Christiansruh alle beide, trat Crammon in
Christians Zimmer und sagte: »Ich muss endlich reden. Der Kummer nagt an mir.
Schäm dich, Christian. Schäm dich deiner Heimlichkeit. Gesellst dich zu
landesflüchtigen Aufwieglern und Bombenschleuderern und verwirrst armes
unschuldiges Volk durch hirnlose Generosität. Wohin soll das führen?«
    Christian lächelte und schwieg.
    »Wie kannst du dich nur so blossstellen!« rief Crammon, »dich, deine Familie,
deine Freunde! Ein Wort im Vertrauen, lieber Schatz: wenn du dir etwa
einbildest, du hättest dem Weibe aus ihrem Jammer geholfen, zu dem dich der
russische Desperado geschleppt hat, befindest du dich auf dem Holzweg. Die
Illusion kann ich dir glücklicherweise rauben.«
    »Hast du etwas über sie gehört?« erkundigte sich Christian mit
überraschender Gleichgültigkeit in Ton und Miene.
    Crammon dehnte sich aus und erzählte saftig breit: »Allerdings. Ich war
sogar mit der hohen Polizei in Verhandlung und habe dir Unannehmlichkeiten
erspart. Die Frau hätte verhaftet und das Geld konfisziert werden sollen. Dies
habe ich zum Glück verhindert. Denn obgleich ich der Meinung bin, dass Ordnung
sein muss im Staate, so halt ich es doch nicht für wünschenswert, dass die
Obrigkeit ihre Nase in unsere Privatangelegenheiten steckt. Sie soll ihre
Pflicht tun, dass es uns wohlergehe auf Erden, mehr wird nicht von ihr verlangt.
Soviel hievon. Über deinen Schützling kann ich dir wenig Erfreuliches mitteilen.
Das Gelichter dort in dem Haus war ausser Rand und Band über den Goldregen. Sie
sind alle um sie herumgelegen und haben gebettelt, und einige haben gestohlen,
und es gab Streit, und einer stiess einem ein Messer in die Gedärme, und die
rabiate Frau schlug mit der Ofenschaufel um sich, und die Wache musste
einschreiten. Dann ist die Frau in ein anderes Quartier gezogen, hat allerlei
Krimskrams gekauft, Möbel, Betten, Kleider, Küchengeschirr und sogar eine
Schwarzwälderuhr. So eine Schwarzwälderuhr, musst du wissen, ist ein Greuel. Es
kommt immerfort ein Kuckuck heraus und schreit. Ich bin einmal bei Leuten zu
Gast gewesen, die hatten drei von der Sorte; kaum war ich eingeschlafen, so
krächzte das Vieh. Zum Verrücktwerden; dabei ganz reizende Menschen sonst. Was
das Krollsche Eheweib betrifft, so ist seit deiner Schenkung kein Funken
Verstand mehr in ihr. Das Geld hat sie in einer Schatulle, die trägt sie Tag und
Nacht mit herum und lässt sie nicht aus den Augen. Sie spielt in der Lotterie,
kauft sich Zehnpfennigromane, die Kinder verludern genau so wie früher, das
Hauswesen verkommt genau so wie früher, bloss dass der scheussliche Kuckuck dazu
brüllt. Was hast du also geleistet? Wo ist der Segen? Das Volk verträgt keine
plötzlichen Glücksfälle. Du kennst das Volk nicht, du weisst nichts von ihm, also
lass es ungeschoren.«
    Christian schaute durchs Fenster in den bewölkten Himmel. Dann kehrte sein
Blick zu Crammon zurück. Er sah, wie wenn er es noch nie gesehen hätte, dass
Crammon ziemlich fette Wangen und ein in weiches Fleisch gebettetes Kinn mit
einem Grübchen besass. Er konnte sich nicht entschliessen, ihm zu antworten. Er
lächelte und schlug die Beine übereinander.
    Die schönen Beine, dachte Crammon mit einem Seufzer, die prachtvollen Beine.
 
                                       3
Ein paar Tage später kam Crammon wieder, um Christian auf den Zahn zu fühlen.
    »Du gefällst mir nicht, mein Lieber,« fing er an, »ich müsste lügen, wenn ich
sagen sollte, dass du mir gefällst. Heute ist es eine Woche, dass wir uns auf
dieser Villegiatur mopsen. Zugegeben, es ist ein reizender Landaufentalt, im
Frühling und im Sommer, in lustiger Gesellschaft, wenn man Feste im Park feiern
kann und die Städte vor Langweile sieden. Aber jetzt, mitten im Winter, ohne
Orgien, ohne Turbulenz, ohne Damen, was für einen Zweck hat es? Warum
verkriechst du dich? Warum lässt du den Kopf hängen? Worauf wartest du? Was hast
du vor?«
    »Du fragst so viel, Bernhard,« erwiderte Christian; »du solltest nicht so
viel fragen. Es ist hier so gut wie anderswo. Sag mir einen Ort, wo es besser
ist.«
    Crammon schöpfte Hoffnung, und im Vorgefühl gemeinsamer Genüsse verklärten
sich seine Mienen. »Einen Ort, wo es besser ist? Mein Engel, jedes
Eisenbahnkupee ist besser. Das schmierige Antichambre der Madame Simchowitz in
Mannheim ist besser. Immerhin, wir können uns einigen. Ich unterbreite dir einen
exzellenten Plan. Zunächst Palermo; Conca d'oro, der Monte Pellegrino,
Sizilianerinnen auf dem Kirchgang, lüstern hinter Tugendschleiern äugend. Von
dort machen wir einen süssen Abstecher nach Neapel. Magnet: Fräulein Ivonne. Die
schwärzesten Haare, die weissesten Zähne, die vollendetsten kleinen Füsse Europas;
die Gegenden dazwischen - sublim. Hierauf depeschieren wir an Prosper Madruzzi,
der im Palazzo venezia Trübsal bläst und nur darauf wartet, uns in die
erlauchten Zirkel der römischen Hochwelt einzuführen. Da hat man nur mit
Contessas, Marchesas und Principessas zu tun; die Originale aller fünf
Kontinente wimmeln durcheinander wie in einem wunderbaren Irrenhaus;
fischblütige Amerikanerinnen treiben Unfug mit heissblütigen Lazzaronis, die
märchenhafte Namen und geschmacklose Seidenstrümpfe haben; jede Hundehütte
erhebt Anspruch, eine Kuriosität zu sein, vor jedem Steinhaufen kannst du deine
Bildung bereichern, und auf Schritt und Tritt stolperst du über gigantische
Meisterwerke der Kunst.«
    Christian schüttelte den Kopf. »Es lockt mich nicht,« sagte er.
    »Also einen andern Vorschlag,« fuhr Crammon fort; »geh mit mir nach Wien. Es
ist das eine Stadt, die deine Beachtung verdient. Hast du schon einmal vom
Messias gehört? Der Messias ist eine Persönlichkeit, mit welcher die Juden ihre
Zeitrechnung abzuschliessen gedenken, und wenn er kommt, begrüssen sie ihn mit
Zimbeln und Schalmeien. So wird ein Fremder von Distinktion in Wien empfangen.
Wer sich ein bisschen geheimnisvoll gibt, mit Trinkgeldern nicht kargt und hie
und da einem, der zu vertraulich wird, einen Nasenstüber versetzt, vor dem liegt
die Gesellschaft auf dem Bauch. Es herrscht eine angenehme Sorte Schlamperei,
die alles erlaubt, was verboten ist. Die Weiblichkeit ohne Konkurrenz; das
Rindfleisch bei Sacher unvergleichlich; der Walzer, wo immer ein Musikant und
eine Geige sich zusammentun, elektrisierend; eine Fahrt zum Lustäuschen, ich
bitte, ausdrücklich Lustäuschen, ein Traum. Wahrhaftig, ich sehne mich. Ich
sehne mich nach der schmeichelnden Luft, nach Backhühnern und Rahmstrudel, nach
meinem Retiro mit den Möbeln aus der Maria-Teresia-Zeit und nach meinen beiden
lieben Damen. Raff dich auf und komm mit.«
    Christian schüttelte den Kopf. »Nichts für mich,« sagte er.
    Da stieg die Röte der Entrüstung in Crammons Gesicht, und seine Augen
blitzten. »Nichts für dich? Schön. Den Harem des Grosssultans kann ich dir nicht
zur Verfügung stellen, die Gärten des Propheten auch nicht. So überlass ich dich
denn deinem Schicksal und zieh von dannen.«
    Christian lachte, denn er glaubte nicht daran. Aber am andern Tag nahm
Crammon mit allen Merkmalen tiefen Grames Abschied und reiste.
 
                                       4
Christian blieb in Christiansruh. Es trat starker Schneefall ein; das Jahr ging
zu Ende.
    Er nahm keine Besuche an; Briefe und Aufforderungen von Freunden
beantwortete er nicht. Das Weihnachtsfest hätte er bei den Eltern in
Wahnschaffeburg verbringen sollen; er liess sich entschuldigen.
    Da Christiansruh, seit er majorenn geworden, völlig in seinen Besitz
übergegangen war, befanden sich dort alle Kunstgegenstände die ihm gehörten, die
Plastiken, Bilder, Miniaturen und die Dosensammlung. Er war spezieller Liebhaber
von Dosen.
    Die Händler schickten ihm ihre Kataloge; wenn bedeutende Auktionen
stattfanden, hatte er seinen Vertrauensmann dabei. Diesem gab er die Aufträge
telegraphisch, und es kam dann: ein Becher aus Bergkristall, ein Service aus
echtem Meissner, eine Kohlenzeichnung von Van Gogh. Besah er das Erworbene, so
war er enttäuscht. Es war nicht so selten und nicht so kostbar, wie er erwartet
hatte.
    So kaufte er eine Bibel aus dem sechzehnten Jahrhundert, auf Pergament
gedruckt, mit farbigen Initialen innen und silbernen Beschlägen am Deckel. Sie
hatte vierzehntausend Mark gekostet und entielt das Exlibris des Kurfürsten
August von Sachsen. Er durchblätterte sie neugierig, ohne der Worte zu achten,
die ihm fremd waren und nichts besagten. Nur das Bewusstsein der Seltenheit und
Kostbarkeit ergötzte ihn; aber er wünschte sich Selteneres und Kostbareres als
dieses Buch.
    Jeden Morgen fütterte er die Vögel. Mit einem Körbchen voll Brosamen trat er
aus dem Portal, und sie flogen von allen Seiten herbei, da sie ihn und seine
Stunde kannten. Sie waren hungrig, und er schaute zu, wie sie emsig pickten.
Hierbei vergass er, was er sich wünschte.
    Einmal ging er in Jagdausrüstung fort und schoss einen Hasen. Als das Tier
mit gebrochenen Augen vor ihm lag, konnte er es nicht anrühren. Er, der schon so
viele Tiere gejagt und getötet hatte, verspürte Abneigung gegen dieses Tun und
liess die Beute liegen, um die er bald die Raben schreien hörte.
    Die meisten Wege führten ihn durchs Dorf, das eine Viertelstunde vom
Christiansruher Park entfernt lag. Am Ende des Dorfes stand an der Landstrasse
das Försterhaus. Einige Male war ihm dort am Fenster das Gesicht eines jungen
Menschen aufgefallen. Er glaubte sich der Züge zu erinnern; es musste Amadeus
sein, der Sohn des Försters Voss. Als sechsjähriger Knabe war er bisweilen in das
Försterhaus gekommen; Christiansruh war erst später gebaut worden, und sein
Vater hatte hier eine Jagd gepachtet und sich, jeweils ein paar Tage nur, im
Försterhaus einquartiert. Da war Amadeus Christians Spielgefährte gewesen.
    Das Gesicht, welches ihm nun diese Kinderzeit zurückrief, war entfärbt und
hohlwangig; es hatte dünne, gerade Lippen, und der Kopf war von schlichtem,
weissblondem Haar bedeckt. Die stark geschliffenen Gläser einer Brille liessen es
wegen der Lichtreflexe augenlos erscheinen.
    Christian wunderte sich, dass der junge Mensch Tag für Tag stundenlang am
Fenster sass und unbeweglich durch die Scheiben auf die Strasse starrte. Ein
Geheimnis rührte ihn deutlich an; eine Kraft aus der Tiefe langte nach ihm.
    Eines Tages begegnete ihm der Schulze am Parktor. Grüssend blieb Christian
stehen. »Lebt der Förster Voss noch?« fragte er.
    »Nein, der Förster ist vor drei Jahren gestorben,« antwortete der Schulze.
»Aber seine Witwe wohnt noch im Hause; man hat ihr zwei Stuben überlassen; der
jetzige Förster ist unverheiratet, und die Frau stört ihn nicht. Sie erkundigen
sich wohl des Amadeus halber, der jetzt plötzlich da ist, kein Mensch weiss,
warum -?«
    »Was ist's mit ihm?« forschte Christian.
    »Er war zum Geistlichen bestimmt und kam aufs katolische Seminar nach
Bamberg. Man hat immer nur das Beste über ihn gehört, seine Lehrer lobten ihn
über den grünen Klee. Stipendien wurden ihm verschafft, und man dachte wunder
was aus ihm werden würde. Im vorigen Winter wurde er von seinen Oberen für eine
Hofmeisterstelle an den Bankdirektor und Geheimrat Ribbeck empfohlen. Sie werden
den Namen wohl gehört haben; ein grosses Tier, der Geheimrat. Die zwei Knaben,
die Voss erziehen sollte, leben auf Halbertsroda, einem Gut in Oberfranken; die
Eltern waren nur selten bei ihren Kindern. Soll übrigens eine unglückliche Ehe
sein. Alles schien in schönster Ordnung, und man dachte, dem Amadeus gehe nichts
ab, bei seinen natürlichen Gaben und mit solchen Beschützern. Auf einmal kommt
er mit Sack und Pack hier an, rührt sich nicht aus der Stube, kümmert sich um
keine Seele, schaut in kein Buch, fällt seiner alten Mutter zur Last, und wenn
man ihn anreden will, knurrt er wie ein böser Hund. Es müssen sich dort in
Halbertsroda tolle Sachen ereignet haben. Näheres ist nicht zu erfahren, nur hin
und wieder brodelt was auf, ein Gerücht oder ein Verdacht, als obs mit der
Geheimrätin was gegeben hätte.«
    »Hatte der Förster nicht noch einen Sohn?« unterbrach Christian den
Geschwätzigen. Es war die dämmernde Erinnerung an ein Kindererlebnis in ihm
erwacht.
    »Ganz recht,« sagte der Schulze, »er hatte noch einen Sohn. Dietrich hiess er
und war taubstumm.«
    »Ja, er war taubstumm,« sagte Christian.
    »Er ist mit vierzehn Jahren verstorben,« fuhr der Schulze fort. »Eines
unaufgeklärten Todes eigentlich. Am Abend des Sedanfestes war es, da ging er
hinaus, um sich die Scheiterbrände anzusehen, und am andern Morgen fanden wir
seine Leiche im Fischteich.«
    »War er ertrunken?«
    »Er muss wohl ertrunken sein,« antwortete der Schulze.
    Christian nickte ihm zu und ging langsam durchs Tor dem Hause entgegen.
 
                                       5
Lätizia war mit ihrem Mann im Opernhaus zu Buenos Aires. Man gab eine Operette,
die schal war wie die Tümpel der Pampas.
    In der Nachbarloge sass ein hübscher junger Mann, und Lätizia konnte nicht
umhin, seine huldigenden Blicke bisweilen zu bemerken. Da fühlte sie sich hart
am Arm gepackt. Es war Stephan, der ihr wortlos befahl, ihm zu folgen.
    Draussen im verdunkelten Korridor näherte er sein bläulichweisses Gesicht
ihrem Ohr und zischte: »Blinzelst du noch ein einziges Mal zu dem Laffen
hinüber, so stoss ich dir meinen Dolch in die Brust. Richte dich danach.
Hierzulande macht man in solchen Fällen kurzen Prozess.«
    Sie traten wieder in die Loge. Stephan lächelte mit glitzernden Zähnen wie
ein Torero und steckte ein Stück Schokolade in den Mund. Lätizia sah ihn von der
Seite an und dachte neugierig darüber nach, ob er wirklich einen Dolch bei sich
trug.
    Als sie in der Nacht auf die Estanzia zurückfuhren, erdrückte sie Stephan
beinahe mit seinen Liebkosungen. Sie wehrte ihn ab und bat: »Zeig mir den Dolch,
Stephan; gib ihn mir, ich will ihn sehen.«
    »Was für einen Dolch, du Närrin?« fragte er verwundert.
    
    »Den Dolch, den du mir ins Herz stossen wolltest.«
    »Lass das nur sein,« entgegnete er dumpf; »jetzt ist nicht die Zeit, von Mord
und Dolch zu reden.«
    Aber Lätizia bestand eigensinnig darauf, sie wolle den Dolch sehen. Da liess
er von ihr und verfiel in düsteres Schweigen.
    Und Lätizia sah, dass sie mit ihm spielen konnte. Sein düsteres Schweigen
schreckte sie nicht mehr, der grosse Schädel nicht auf seinem Stiernacken, der
lippenlose Mund nicht, das entfärbte Gesicht nicht, die ausserordentlich kleinen
Hände bei solcher Kraft nicht. Sie wusste, dass sie mit ihm spielen konnte.
    Grosse Glühwürmer flogen durch die Luft und sassen allentalben im Gras. Als
der Wagen vor der Villa hielt, deutete Lätizia mit Rufen des Entzückens um sich.
Es war ein Funkenregen; die leuchtenden Tiere umschwirrten die Fenster, das
Dach, die Pflanzengewinde und waren sogar in den Flur gedrungen.
    Lätizia blieb vor der finsteren Stiege stehen, betrachtete das phosphorische
Geflimmer und fragte ängstlich, mit einer kaum vernehmlichen Selbstverspottung
in der tiefen Stimme: »Sag, Stephan, mein Lieber, können sie nicht das Haus in
Brand setzen?«
    Der Neger Scipio, der mit der Lampe aus einer Tür trat, hörte es und
grinste.
 
                                       6
Am Dreikönigstag kam Randolph von Stettner mit mehreren Freunden nach
Christiansruh. Sie hatten telephonisch angefragt, und Christian hatte
Gesellschaft so lange entbehrt, dass er sie gern aufnahm und bewirtete. Randolph
zu sehen, war ihm stets angenehm. In seiner Begleitung fanden sich zwei
Kameraden, ein Baron Forbach und ein Hauptmann von Griesingen, ferner ein junger
Privatdozent, Doktor Leonrod, der bei den Bonner Husaren sein Jahr abdiente und
ebenfalls in Uniform war. Christian kannte ihn von den Kommersabenden der
Borussen her.
    Es gab ein köstliches Mahl, und danach gab es köstliche Zigarren und
Schnäpse.
    »Ich sehe zu meiner Beruhigung, dass du die Leiblichkeit noch nicht
verachtest,« sagte Randolph von Stettner zu Christian.
    Hauptmann von Griesingen seufzte: »Wer könnte sie verachten, da sie uns so
hart zusetzt und so verführerisch umgaukelt. Was ist nicht alles begehrenswert!
Frauen, Pferde, Weine; Macht, Ruhm, Geld und Liebe. Ein Juwelenhändler in
Frankfurt, David Markuse, hat jetzt einen Diamanten erworben und bietet ihn zum
Kauf an, der über eine halbe Million kosten soll. Danach gelüstet mich zwar
nicht, aber die Dinge sind doch da und werden besessen und geben Glück.«
    »Es ist der Diamant Ignifer,« bemerkte Doktor Leonrod, »ein wahrer
Abenteurer unter den Edelsteinen.«
    »Ignifer, ein Name, der einem Diamanten ansteht,« sagte Randolph von
Stettner; »aber warum sprechen Sie mit soviel Beziehung von ihm? Was
unterscheidet ihn von seinesgleichen, die Höhe des Preises ausgenommen? Hat er
so ungewöhnliche Schicksale gehabt?«
    »Durchaus,« antwortete Doktor Leonrod, »durchaus ungewöhnliche. Ich weiss
zufällig Genaueres über ihn, da ich mich, in meiner Eigenschaft als Mineraloge,
manchmal auch für Edelsteine interessiere.«
    »Also erzählen Sie!« riefen die jungen Offiziere.
    »Der Käufer des Ignifer würde nicht wenig Mut beweisen,« fing Doktor Leonrod
an; »denn der Stein ist von Verhängnis umwittert. Seine erste Besitzerin war
nachweislich Madame de Montespan; sie ist gleich hernach von ihrem Herrn
verstossen worden. Dann war er Eigentum der Königin Marie Antoinette. Er wog
damals fünfundneunzig Karat. Während der Revolution wurde er gestohlen und kam,
entzweigespalten, erst fünfzig Jahre später wieder zum Vorschein; er wog nur
noch sechzig Karat. Es erwarb ihn ein Engländer, Tomas Horst, der durch Mord
endete. Die Erben verkauften ihn nach Amerika; die Dame, die ihn trug, eine Mrs.
Melmcoast, wurde auf einem Ball von einem Tobsüchtigen erdrosselt. Darauf kaufte
ihn ein Fürst Alexander Tschernitscheff, brachte ihn nach Russland und lieh ihn
seiner Geliebten, einer Schauspielerin. Sie wurde von einem andern Liebhaber auf
offener Szene erschossen, der Fürst selbst fiel durch die Kugel eines
Nihilisten. Nun gelangte der Stein nach Paris, und der Sultan Abdul Hamid liess
ihn für seine Favoritin kaufen. Die Favoritin wurde vergiftet, das Ende des
Sultans ist bekannt. Nach der türkischen Revolution wanderte der Ignifer wieder
nach Westen, dann abermals nach Osten, denn der neue Besitzer, Tavernier war
sein Name, reiste nach Indien und kam bei einem Schiffbruch in der Nähe von
Singapore ums Leben. Man glaubte eine Zeitlang, dass der Diamant mit ihm
verlorengegangen sei. Es war ein Irrtum; der Stein war in einem Bankhaus in
Kalkutta deponiert, und jetzt ist er wieder in Europa und wieder feil.«
    »Er muss einen bösen Geist beherbergen,« sagte Randolph von Stettner, »und
ich gestehe, es verlangt mich nicht nach ihm. Ich bin ja nichts weniger als
abergläubisch, sind aber die Tatsachen so aufdringlich, wie in diesem Fall, dann
wird die erleuchtetste Skepsis zuschanden.«
    »Was tut das, wenn der Stein schön ist, wenn er unvergleichlich schön ist!«
sagte Christian mit einem trotzigen und in sich gekehrten Ausdruck. Er blieb
wortkarg, auch als sich die Unterhaltung andern Gegenständen zuwandte.
    Am nächsten Mittag befahl er, dass das Auto vorfahre. Er fuhr nach Frankfurt
in die Hochstrasse, wo das Geschäft des Juwelenhändlers David Markuse war.
 
                                       7
Herr Markuse kannte Christian.
    Ignifer war in einem Kassenschrank verwahrt, der in einem feuer- und
einbruchssicheren Gewölbe stand. Herr Markuse nahm ihn aus einem schwierig zu
öffnenden Behälter, legte ihn auf die grüne Bespannung des Tischs und trat
zurück, indem er Christian ansah.
    Christian blickte stumm in das konzentrierte Strahlenfeuerwerk. Sein Gedanke
war: Da ist das Seltenste und Kostbarste; Selteneres und Kostbareres gibt es
nicht. Dass er den Diamanten haben müsse, beschloss er sogleich.
    Die Farbe des Steins war etwas zitronengelblich. Er war als reich
facettierte Briolette geschliffen. In einem Viertel der Höhe war eine Rille
eingearbeitet, so dass ihn eine Frau an einer Schnur oder dünnen Kette am Hals
tragen konnte.
    Herr Markuse hob ihn auf ein weisses Blatt und behauchte ihn. »Er ist vom
zweiten Wasser,« sagte er, »aber er hat weder Asche, noch Rost, noch Knoten. Sie
sehen keine Adern an ihm, keine Sprünge und Cracks; keine Federn, Wolken und
Körner und nicht die Spur von Stroh. Er ist ein Wunder der Natur.«
    Fünfhundertfünfzigtausend Mark war der Preis. Christian stellte sein
Anerbieten dagegen. Herr Markuse sah auf die Uhr. »Ich war einer Dame im Wort
geblieben,« erklärte er; »die Zeit ist jedoch um.« Sie einigten sich auf
fünfhundertzwanzigtausend Mark. Die Hälfte sollte bar, der Rest in zwei
verschieden befristeten Wechseln bezahlt werden. »Der Name Wahnschaffe ist
genügende Garantie,« sagte der Händler.
    Christian wog den Diamanten in der Hand und legte ihn wieder hin.
    David Markuse lächelte. »Bei meinem Geschäft lernt man Menschen beurteilen,«
sagte er ohne Vertraulichkeit. »Sie kaufen in einer tieferen Absicht, die Ihnen
vielleicht selbst nicht bekannt ist. Die Seele des Diamanten hat Sie verführt.
Denn der Diamant hat eine Seele.« »Meinen Sie wirklich?« Christian wunderte
sich.
    »Ich weiss es. Es gibt Menschen, die alle Scham verlieren, wenn sie so eines
Steins ansichtig werden. Die Nasenflügel beben, die Wangen werden fahl, die
Finger greifen unsicher, die Pupillen vergrössern sich, jede Bewegung ist ein
Selbstverrat. Andre wieder werden eingeschüchtert oder betäubt oder traurig. Man
gewinnt merkwürdige Einblicke. Masken fallen. Der Diamant macht die Menschen
durchsichtig.«
    Die indiskrete Wendung des Gesprächs missfiel Christian. Aber er hatte schon
oft die Wahrnehmung gemacht, dass etwas in seinem Wesen sein musste, das andre zur
Mitteilsamkeit und zu Eröffnungen aufforderte. Er erhob sich und versprach, am
Abend wiederzukommen.
    »Die Dame, von der ich sprach, war gestern hier,« fuhr Herr Markuse fort,
ihn zur Tür begleitend; »eine wunderbare Dame. Als sie hereinkam, dachte ich:
Geht man so? Ist es möglich, so zu gehen? Nun, ich erfuhr bald, dass sie eine
berühmte Tänzerin ist. Sie wohnte im Palastotel und hatte, auf der Reise von
Paris nach Russland, einen Tag Aufentalt genommen, um den Ignifer zu sehen. Ich
zeigte ihr den Diamanten. Sie stand wenigstens fünf Minuten regungslos, und ihr
Gesicht hatte dabei einen Ausdruck - wäre es nicht ein grosser Teil meines
Vermögens, ich hätte sie gebeten, das Juwel zu behalten. Solche Momente sind
freilich nicht eben häufig in diesem Beruf. Sie wollte heute wiederkommen, aber,
wie gesagt, die Zeit ist um.«
    »Und Sie wissen nicht ihren Namen?« fragte Christian befangen.
    »Doch; Eva Sorel ist der Name. Haben Sie von ihr gehört?«
    Das Blut schoss Christian ins Gesicht. Er liess die Klinke los, die er gefasst
hielt. »Eva Sorel ist hier?« murmelte er. Rasch nahm er sich wieder zusammen und
öffnete die Tür zu einem leeren Zimmer, dessen Fussboden ein roter Teppich
bedeckte, während an den Wänden Ebenholzschränke standen. Fast zu gleicher Zeit
wurde die gegenüberliegende Tür aufgerissen, und an der Spitze einer Gruppe von
vier Herren trat Eva Sorel auf die Schwelle.
    Christian blieb stehen.
    »Eidolon!« rief Eva aus. Sie faltete die Hände mit jener nur ihr allein
eignen entusiastischen und beglückten Gebärde.
 
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Die Herren, die mit ihr waren, kannte Christian nicht. Gesichtsschnitt und
Kleidung bezeichneten sie als Fremde. An überraschende Vorgänge im täglichen
Leben der Tänzerin gewöhnt, betrachteten sie Christian mit kühler Neugier.
    Eva war in grauem Maulwurfspelz von Kopf bis zu den Füssen. An der Pelzkappe
war eine Agraffe mit einem vollendet schönen Rubin und einer Reiherfeder
befestigt. Unter der Kappe quoll das honigfarbene Haar in seiner Fülle hervor.
Das Gesicht war von der Winterluft aufs zarteste gerötet.
    Mit ein paar stürmischen Schritten stand sie vor Christian, und ihre
weissbehandschuhten Hände griffen nach seinen beiden. Ihr grossflammender Blick
scheuchte Bewusstsein, Freude, Gegenwartsgefühl ins Innerste. Auf seinen Zügen
malte sich Furcht. Wie ein Spielball, den man schleudert, fand er sich wehrlos
und wartete auf das Ziel.
    »Du hast den Ignifer gekauft?« war ihr erstes Wort. Da er schwieg, wandte
sie sich mit einem Aufziehen der Brauen an David Markuse.
    Der Juwelenhändler verneigte sich und sagte: »Ich glaubte nicht mehr auf Sie
rechnen zu dürfen, Madame. Es tut mir herzlich leid.«
    »Es ist wahr, ich habe zu lange gezaudert,« antwortete Eva in ihrem
melodischen Deutsch von merkbar fremdem Tonfall. Sich wieder zu Christian
kehrend, fuhr sie fort: »Vielleicht macht es keinen Unterschied, Eidolon, ob du
ihn hast oder ob ich ihn habe. Er ist wie ein Herz, das der Ehrgeiz in Kristall
verwandelt hat. Aber du bist ja nicht ehrgeizig; wärst du es, so hätten wir uns
hier getroffen wie zwei Vögel, die vom Gewitter in das nämliche Felsenloch
gewirbelt werden. Die Kostbarkeit macht mir fast ein Gespenst aus ihm, und
schenken dürfte ihn mir keiner, der nicht weiss, was er bedeutet. Und wer sollte
wissen? Sie schenken Ware, das ist alles.«
    David Markuse schaute sie voll Bewunderung an und nickte.
    »Es heisst, dass er Unglück über die bringt, die ihn besitzen,« sagte
Christian leise.
    »Willst du dich an ihm versuchen, Eidolon, und es auf eine Probe ankommen
lassen? Den Dämon herausfordern, der etwas gegen dich vermag? Vielleicht rächt
er sich nur an Unwürdigen, die ihn erschlichen haben. Auch mich hat er gelockt.
Sein Name hat mich neidisch gemacht; als ich ihn hielt, war er wie der Nabel des
Buddha; man kann die Gedanken nicht mehr von ihm reissen, wenn man ihn gesehen
hat.«
    Da sie merkte, dass die Gegenwart von Zeugen Christian befangen machte, fasste
sie ihn am Arm und zog ihn in eine Fensternische hinter Gardinen.
    »Sicher bringt er Unglück über Menschen,« wiederholte Christian mechanisch.
»Wie kann ich ihn behalten, da Sie, Eva, sich ihn gewünscht haben?«
    »Behalt ihn nur und entzaubre ihn,« versetzte Eva und lachte. Da er ernst
blieb, leistete sie für das Lachen Abbitte durch eine Geste, mit der sie
gleichsam etwas Leichtes aus der Hand warf. Sie betrachtete ihn schweigend. In
dem scharfen Schneelicht am Fenster waren ihre Augen grün wie Malachit. »Was
tust du?« fragte sie, »du blickst so einsam.«
    »Ich lebe seit einiger Zeit ziemlich allein,« antwortete Christian, dessen
Äusserungen immer trocken und präzis waren; »auch Crammon hat mich verlassen.«
    »Iwan Becker hat mir von dir geschrieben,« sagte Eva mit gedämpfter Stimme.
»Den Brief hab ich geküsst. Ich hab ihn auf meiner Brust getragen und die Worte
manchmal vor mich hin gestammelt. Gibt es eine Auferweckung? Kann die Seele aus
der Finsternis herauswachsen wie eine Blume aus der Wurzel? Aber da stehst du
und rührst dich nicht, Hochmütiger! Sprich, die Zeit ist kurz.«
    »Wozu sprechen?« wehrte Christian ab.
    Obgleich sein Blick unsehend starr blieb, entging es ihm nicht, dass Evas
Gesicht verändert war. Ein neuer Zug von Strenge lag darin; gesteigerter Wille
durchdrang die Muskulatur bis in das Heben und Senken der langen Wimpern.
Erfahrung von Menschen und Dingen hatte ihm Leuchtkraft verliehen; die
unbegrenzte Herrschaft über sie einen Hauch von Fürstlichkeit.
    »Ich hatte nicht vergessen, dass du in dieser Stadt wohnst,« begann sie
wieder, »aber in den gehetzten Stunden war für dich kein Platz. Sie zählen meine
Schritte und lauern auf das Ende von meinem Schlaf. Ein Gefängnis sollt ich mir
verlangen oder einen selbstlosen Freund, der mich zwingt, sparsam mit mir zu
sein. Als ich in Lissabon war, schenkte mir die Königin einen herrlichen grossen
Hund, der mir so ergeben war, dass ich es in allen Gliedern spürte; eine Woche
darauf lag er vergiftet an der Gartenpforte. Ich hätte Trauer um ihn tragen
mögen. Wie stumm und wachsam er war, und wie er lieben konnte.« Sie zog frierend
die Schultern hinauf, liess sie wieder fallen, und mit Hast in der Stimme fuhr
sie fort: »Ich werde dich rufen. Wirst du kommen, wenn ich dich rufe? Wirst du
bereit sein?«
    »Ich werde kommen,« antwortete Christian einfach, aber sein Herz klopfte.
    »Fühlst du noch für mich? Unverändert? Unveränderlich?« Ihr Blick hatte ein
unbeschreibliches Empor, und der vom Geiste her bewegte Körper schlüpfte aus
einer Hülle.
    Er beugte nur das Haupt.
    »Und wie steht es mit der Cortesia?« Sie trat näher, so nah, dass Christian
ihren Atem roch. »Er lächelt,« rief sie, und ihre Lippen wichen von den Zähnen,
»statt ein einziges Mal in die Knie zu sinken und zu rasen oder zu jubeln,
lächelt er! Gib acht, du mit deinem Lächeln, dass ich nicht Lust bekomme, es
auszulöschen.« Sie riss von der Rechten den Handschuh und reichte Christian die
entblösste Hand, die er gehorsam mit den Lippen berührte. »So gilt es, Eidolon,«
sagte sie heiter und mit einem Ausdruck von Verführung, »und du bist bereit.
Messieurs,« wandte sie sich, aus der Nische tretend, an die Herren ihres
Geleits, die sich, je zu zweien, flüsternd unterhielten, »nous sommes bien
pressés.«
    Sie grüsste den Juwelenhändler mit einem kleinen Neigen der Reiherfeder, und
die vier Herren liessen die Flinkschreitende an sich vorüber, um ihr geräuschlos
und ehrerbietig zu folgen.
 
                                       9
Als Christian durchs Dorf ging und Amadeus Voss am Fenster sah, blieb er stehen.
    Voss erhob sich plötzlich und öffnete das Fenster, worauf Christian sich
näherte.
    Es war Tauwetter; von den Dachrinnen tropfte das Wasser. Christian empfand
die leichtbewegte, nasse Luft als etwas Wehtuendes.
    Vossens Augen hinter den starkgeschliffenen Gläsern glitzerten gelb. »Wir
sollten uns kennen,« sagte er. »Obzwar, es ist lange her, seit wir draussen im
Hag mitsammen Brombeeren pflückten. Sehr lange.« Er kicherte ein wenig.
    Christian hatte beschlossen, das Gespräch auf Amadeus' taubstummen Bruder zu
bringen. Da lag ein Geschehnis im Nebel der Vergangenheit, worüber er sich keine
Klarheit verschaffen konnte, soviel er auch grübelte.
    »Man zerbricht sich wohl den Kopf über mich?« fragte Voss im Ton eines
Menschen, der wissen möchte, was andre über ihn sprechen; »ich bin, scheint mir,
ein Stein des Anstosses. Finden Sie nicht?«
    »Ich masse mir kein Urteil an,« erwiderte Christian ablehnend.
    »Mit welcher Miene Sie das sagen,« murmelte Voss und schaute Christian von
oben bis unten an; »wie hochmütig Sie sind. Warum sind Sie stehengeblieben, wenn
nicht aus Neugier?«
    Christian zuckte die Achseln. »Erinnern Sie sich an eine Geschichte, die
damals passiert ist, als ich hier im Försterhaus mit meinem Vater wohnte?«
fragte er sanft und höflich.
    »Was für eine Geschichte? Ich weiss von nichts. Oder warten Sie - meinen Sie
vielleicht die Geschichte mit dem Schwein? Als da drüben im Wirtshaus das
Schwein geschlachtet wurde, und ich -«
    »Ganz richtig, die Geschichte mit dem Schwein war es,« sagte Christian, matt
lächelnd. Kaum hatte er es ausgesprochen, so traten Schauplatz und Handlung mit
ungemeiner Deutlichkeit vor seinen Geist.
    Er war mit Amadeus und dem taubstummen Dietrich unterm Tor gestanden. Da
hatte das Schwein angefangen zu schreien. Im selben Moment reckte Amadeus die
Arme empor und hielt sie konvulsivisch zitternd in die Luft. Das gellende,
minutenlang dauernde Todesgeschrei des Tieres war auch für Christian neu und
schaurig, und es lockte ihn an den Ort, von wo es kam. Er lief hin und sah das
blitzende Messer, den erhobenen, dann sinkenden Arm des Schlächters, das Zappeln
der kurzen borstigen Beine und den Körper des Opfers, der sich zuckend hin und
her drehte. Amadeus, Schaum vor den Lippen, war ihm nachgetaumelt, und
hindeutend röchelte er: »Das Blut!« Und Christian sah das Blut auf der Erde, das
Blut am Messer, das Blut auf der weissen Schürze des Mannes. Was dann weiter
geschehen war, wusste er nicht mehr. Amadeus Voss aber wusste es.
    Er sagte: »Ich wurde von einem fürchterlichen Krampf befallen, als das
Schwein schrie. Viele Stunden lag ich steif wie ein Stock. Meine Eltern waren in
Sorge, denn solche Zufälle hatten sich bei mir nie gezeigt. Was Ihnen
vorschwebt, ist wahrscheinlich die Art und Weise, wie Sie mich in meiner
Zerrüttung aufzumuntern oder zu beschämen trachteten. Sie stiegen in die
Blutlache und stampften darin herum, dass das Blut aufsprjetzte. Mein taubstummer
Bruder merkte aber, dass dadurch meine Aufregung nur vermehrt wurde; er stammelte
und hob bittend die Hände gegen Sie, während bereits meine Mutter aus dem Haus
stürzte. Da schlugen Sie ihn mit der Faust ins Gesicht.«
    »Es ist wahr, ich schlug ihn mit der Faust ins Gesicht,« sagte Christian,
der erblasst war.
    »Warum nur? Warum haben Sie ihn geschlagen? Seit jener Zeit sind wir ja nie
mehr zusammen gewesen, haben uns nur von fern gesehen, das heisst ich Sie, nicht
Sie mich. Sie waren viel zu vornehm, gingen immer mit Ihrem Engländer spazieren.
Warum haben Sie Dietrich geschlagen? Er hatte ja eine stille Verehrung für Sie,
ist Ihnen überall nachgelaufen, entsinnen Sie sich nicht? Oft haben wir darüber
gelacht. Seit dem Tag war er verändert, auffallend sogar.«
    »Ich glaube, ich habe ihn gehasst,« antwortete Christian sinnend. »Ich habe
ihn gehasst, weil er nicht hören und nicht sprechen konnte. Ich hielt es für
Bosheit.«
    »Seltsam. Für Bosheit hielten Sie das? Seltsam.«
    Sie schwiegen beide. Christian fasste nach seinem Hut und schickte sich an zu
gehen. Da sagte Voss, indem er die Arme auf das Sims stützte und sich aus dem
Fenster beugte: »In der Zeitung steht, dass Sie einen Diamanten für mehr als eine
halbe Million Mark gekauft haben. Ist das richtig?«
    »Es ist richtig,« entgegnete Christian.
    »Einen einzigen Diamanten für mehr als eine halbe Million? Ich dachte, es
ist Journalistenlatein. Könnt ich den Diamanten einmal sehen, würden Sie ihn mir
zeigen?« Sein Gesicht hatte etwas so Aufgerissenes und Lechzendes, zugleich auch
Hohnvolles, dass Christian stutzte.
    »Gern, wenn Sie zu mir hinaufkommen wollen,« antwortete er, beschloss aber,
sich verleugnen zu lassen, wenn Voss wirklich kommen sollte.
    Das Geheimnis rührte ihn an, die Tiefe tat sich auf, ein Arm langte nach
ihm.
 
                                       10
In einer Nacht erwachte Lätizia und vernahm schlürfende, rennende Schritte, Atem
von Gehetzten, Wispern und heisere Flüche, bald nah, bald ferner. Sie richtete
sich empor und lauschte. Ihr Schlafgemach war gegen das Freie offen, die Tür
führte zu dem Rundaltan, der das ganze Stockwerk des Hauses umgab.
    Da näherten sich die eiligen Schritte; sie sah Gestalten, die sich von der
Dunkelheit dunkler abhoben und schnell vorüberhuschten: eine, zwei, drei, nach
kurzer Weile eine vierte. Sie ängstigte sich, aber rufen mochte sie nicht.
Stephan, der im Nebenzimmer lag, aus dem Schlaf zu stören, war ein Wagnis für
sie wie für jeden; er konnte dann brüllen wie ein Stier und in Zuckungen
verfallen wie ein Hampelmann.
    Lätizia lachte und schauderte bei dem Gedanken.
    Sie bekämpfte ihre Furcht, stand auf, warf ein Nachtgewand um und trat
beherzt auf den Altan. In diesem Augenblick zerteilten sich dichte Wolken vor
dem Mond. Durch das unvermutete Licht in Bestürzung versetzt, hielten die vier
Gestalten in ihrem Lauf inne, purzelten gegeneinander und sahen sich keuchend
an.
    Lätizia sah vor sich den alten Gottlieb Gunderam und seine drei Söhne,
Riccardo, Paolo und Demetrios, die Brüder ihres Mannes. Es herrschte zwischen
Vater und Söhnen ein unstillbares Misstrauen. Sie belauerten und bezichtigten
einander. Wenn bares Geld im Hause war, getraute sich der Alte nicht zu Bett,
und jeder von den Brüdern verdächtigte den andern, dass er den Vater berauben
wolle. Lätizia wusste davon. Aber dass sie in ihrer stummen Wut und Tücke einander
in der Nacht jagten, einander um den Altan des Hauses jagten, jeder Verfolger
und zugleich Verfolgter, voll Angst vor dem, der hinter ihm, voll Hass gegen den,
der vor ihm lief, das war ihr neu. Sie lachte und schauderte.
    Der Alte schlich zuerst hinweg. Er schlurfte in sein Zimmer und warf sich in
Kleidern aufs Bett. Neben der Bettstatt standen zwei grosse Reisekoffer, bepackt
und verschlossen. Sie standen seit zwanzig Jahren da. Seit zwanzig Jahren fasste
er täglich den Entschluss, abzureisen, sich in das Familienhaus in Buenos Aires
zu flüchten oder gar in die Staaten, wenn ihm des Haders mit seinem Weibe und
später mit den Söhnen zuviel wurde. Er hatte sich niemals auch nur eine Stunde
Wegs von der Estanzia entfernt. Aber die Koffer standen bereit.
    Geduckt und still verliessen auch die Brüder den Altan. Während Lätizia am
Geländer stehend in den Mond schaute, hörte sie die rasselnden Töne eines
Grammophons. Riccardo hatte das Instrument unlängst in der Stadt gekauft, und es
kam oft vor, dass er es mitten in der Nacht ankurbelte.
    Lätizia machte ein paar Schritte und spähte in das Zimmer, wo die drei
Brüder mit finstern Gesichtern um den Tisch sassen und Poker spielten. Das
Grammophon quiekte einen ordinären Walzer aus seinem Messingrachen.
    Da lachte Lätizia und schauderte.
 
                                       11
Ob er wohl kommt? dachte Christian. In leicht umdüsterter Spannung verflossen
ihm zwei Tage.
    Er hatte nach Waldleiningen gewollt, um nach seinen Pferden zu sehen.
Manchmal waren ihm ihre feurigen und frommen Augen gegenwärtig, ihre samtene
Haut, die reizvolle Nervosität, mit der sie zwischen Gelassenheit und Unruhe
vibrierten. Der moschusartige Geruch der Ställe lockte ihn sinnlich.
    Das schottische Vollblut, das er von Sir Denis Lay gekauft, sollte bei den
Frühjahrsrennen laufen. Man benachrichtigte ihn, das edle Tier falle seit
einigen Wochen ab. Ihm schien, es entbehre seine zärtliche Hand. Trotzdem fuhr
er nicht nach Waldleiningen.
    Am dritten Tag liess Amadeus Voss durch den Obergärtner fragen, ob er
Christian gegen Abend besuchen könne. Da ging Christian am Nachmittag ins
Försterhaus hinunter, um die vierte Stunde etwa, und klopfte bei der Wohnung der
Witwe Voss an.
    Misstrauisches Erstaunen lag in Vossens Blick. Mit dem Instinkt der
unterdrückten Klasse spürte er, dass Christian ihn von seinem Haus fernhalten
wollte. Aber Christian war sich über seinen Beweggrund nicht so sehr im klaren,
wie Amadeus Voss argwöhnte. Christian witterte Gefahr, sie zog ihn magisch an,
und ihr entgegenzugehen, trieb es ihn halb unbewusst.
    In dem schmucklosen, aber sauberen und wohlgeordneten Raum sich umschauend,
sah Christian an der getünchten Wand über dem Bette mehrere Zettel angeklebt,
auf denen, in grossen Buchstaben geschrieben, Sprüche aus der Bibel standen. So
dieser: »Er ward gequält und misshandelt, doch tat er seinen Mund nicht auf, dem
Lamm gleich, das man zur Schlachtbank führt; und wie das Schaf verstummt vor
seinem Scherer, so tat er den Mund nicht auf.« Und der: »Es kommt der Tag der
Angst und des Zertretens und der Verwirrung vor dem Herrn, dem Weltenherrscher,
im Schautale; man zerstört die Mauern, dass das Getöse bis zum Gebirg hin
schallt.« Und dieser: »So sprach der Herr zu mir: Geh und stell einen Wächter
aus, der sehe und anzeige. Und ich rief wie ein Löwe auf seiner Wache: Herr, ich
stand den ganzen Tag da, auf meiner Wache war ich die ganze Nacht. Und der Herr
sprach: Nur noch ein Jahr, wie die Jahre eines Taglöhners, so wird ein Ende
haben Kedars Herrlichkeit.« Ferner der: »O dass du kalt oder warm wärest! So
aber, da du lau und weder warm noch kalt bist, werde ich dich aus meinem Munde
speien. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist zu ihm spricht.«
    Christian heftete einen langen Blick voll Neugier auf Amadeus Voss. »Sie sind
fromm?« fragte er mit Vorsicht in der Stimme und nicht ganz ohne die spöttische
Regung, die der Weltmann bei diesem Begriff empfindet.
    »Antwort ich nein oder ja, es würde Ihnen gleich wenig bedeuten,« versetzte
Voss stirnrunzelnd. »Sind Sie gekommen, um mich auszuholen? Was soll die Frage?
Haben wir etwas miteinander gemein, was in dem Wort verschlossen wäre? Amadeus
Voss und Christian Wahnschaffe, das sind Polaritäten. Welches Gleichnis wär
imstande, unsre Unterschiede zu malen? Meine Jugend, Ihre Jugend! Dass das auf
derselben Erde möglich ist!«
    »War denn Ihre Jugend besonders hart?« fragte Christian naiv.
    Voss lachte kurz und mass Christian von der Seite. »Wissen Sie, was Kosttage
sind? Nein; natürlich nicht. Man bekommt seine Mahlzeiten bei fremden Leuten,
die einen aus Guterzigkeit füttern. Jeden Tag der Woche bei einer andern
Familie, jede Woche die Reihe um. Dafür hat man sich fügsam zu erweisen und muss
bescheiden sein. Selbst wenn einen vor einer Speise ekelt, muss man so tun, als
wärens Leckerbissen. Lacht der Grossvater, muss man mitlachen, macht der Onkel
einen Witz, muss man grinsen, ist die Tochter des Hauses unverschämt, muss man
schweigen. Jeder Gruss, der erwidert wird, ist Gnade; der abgetragene Mantel mit
zerschlissenem Futter, den man zu Beginn des Winters geschenkt kriegt,
verpflichtet zu ewiger Dankbarkeit. Man kennt alle schlechten Launen von allen,
die am Tische sitzen, alle schäbigen Gesinnungen, alle Phrasen und
heuchlerischen Mienen und muss sich für die bestimmte Stunde eines jeden Tages
eine bestimmte Art von Verstellung zurechtlegen. Das sind Kosttage.«
    Er erhob sich, ging auf und ab und setzte sich wieder. »Der Teufel ist mir
frühzeitig erschienen,« sagte er dumpf; »vielleicht hab ich ein gewisses
Kindheitserlebnis schwerer genommen als andre, vielleicht hat es mich tiefer
vergiftet. Man kann es nicht vergessen, es gräbt sich ein, wenn der betrunkene
Vater die Mutter schlägt. Jeden Sonnabend, so regelmässig wie das Amen im Gebet.
Man kann das Bild nicht aus dem Hirn radieren.«
    Christian verwandte keinen Blick von Amadeus' Gesicht.
    Mit leiser Stimme und starrem Blick erzählte Voss: »In einer Nacht, vor
Ostern, ich war etwa acht Jahre alt, schlug er sie wieder. Ich stürzte in den
Hof und schrie den Nachbar um Hilfe an. Da sah ich am Fenster, dort an diesem
Fenster, meine Mutter stehen und verzweifelt die Hände ringen. Sie war nackt.«
Noch leiser, kaum hörbar, fügte er hinzu: »Wer darf die eigne Mutter nackend
sehen?«
    Wieder stand er auf und ging umher. Er war so voll von sich selbst und
seinen Dingen, dass er auch nur mit sich selber sprach. »Zweierlei hat mir schon
als Kind zu denken gegeben,« fuhr er fort. »Erstens die vielen armen Leute, die
wegen unbedeutender Holzdiebstähle von meinem Vater angezeigt wurden und dann
ins Gefängnis kamen. Oft hörte ich, wie ein altes Weiblein oder ein
verschmierter, verhungerter Bub um Erbarmen bettelte. Es gab aber kein Erbarmen.
Natürlich, er war Förster, er musste so verfahren. Zweitens die vielen reichen
Leute, die gerade hier in der Gegend leben, auf Schlössern und Gütern und
Jagden, und denen nichts verwehrt ist, wozu Gelüst und Übermut sie treibt.
Dazwischen steht man wie zwischen zwei Walzen, die einen mit der Zeit zermalmen
müssen.«
    Er schaute eine Weile leer vor sich hin. »Was halten Sie von einem
Denunzianten?« fragte er plötzlich.
    »Nichts Gutes,« antwortete Christian gezwungen lächelnd.
    »Hören Sie zu: Im Seminar hatte ich einen Kollegen namens Dippel. Es war ein
mässig begabter, aber anständiger und pflichteifriger Mensch. Sein Vater war
Bahnwärter, also einer von den ganz Armen, und der Sohn war sein Stolz und seine
einzige Hoffnung. Nun war Dippel mit einem akademischen Maler bekannt geworden,
und als er eines Tages in dessen Wohnung kam, entdeckte er ein Album mit
weiblichen Aktphotographien. Er sah sie an und immer wieder an und bat
schliesslich den Maler, er möge ihm das Album leihen. Dippel lag in meinem
Schlafsaal; ich war Stubenältester und merkte bald die lüsterne Aufregung und
das Getue um Dippel herum, denn er hatte sich einigen andern anvertraut. Es war
wie eine brandige Wunde. Ich ging der Sache nach, und sie mussten mir das
Machwerk ausliefern, da half nichts. Ich machte die Meldung, Dippel wurde
vorgenommen, peinlich verhört und mit Schimpf und Schande davongejagt. Am
nächsten Tag fanden wir ihn an einem Apfelbaum im Garten erhängt.«
    Christians Gesicht überzog sich mit Röte. Abstossender als die Erzählung
selbst war der Ton von Gleichmut, mit dem sie vorgetragen wurde.
    Amadeus Voss fuhr fort: »Sie finden es niederträchtig, was ich da getan habe.
Aber nach den Grundsätzen, die man uns eingeprägt hatte, war es meine
Schuldigkeit. Ich war sechzehn Jahre alt. Ich stak in einem finstern Loch. Ich
wollte hinauf, hinaus. Mir geschah wie einem, der in einem Menschengedränge
gequetscht wird und nicht sehen kann, was es draussen irgendwo zu sehen gibt.
Eine qualmige Ungeduld war in mir; Platz, Platz, schrie es in mir. So mags denen
zumute sein, die auf der ewig finstern Hälfte des Mondes wohnen. Ich hatte
Furcht vor der Macht des Bösen. Alles, was ich von Menschen erfuhr, war mehr
oder weniger böse. In meiner Brust schwankten die Wagschalen; da gibt es
Stunden, wo man ebensogut morden wie am Kreuz sterben könnte. Es war Welt, nach
der ich verlangte. Ich habe viel gebetet in jener Zeit, viel in frommen
Schriften gelesen, strenge Bussübungen abgehalten. Spät nachts, wenn alles
schlief, fand mich unser Pater noch mit dem Zilizium um den Leib in Andacht
versunken. In der Messe und beim Chorgesang durchströmte mich eine Inbrunst,
beispiellos. Aber dann waren einmal die Strassen der Stadt beflaggt, oder ich sah
geschmückte Weiber, oder ich stand am Bahnhof, und ein Luxuszug hielt und
verhöhnte mich. Oder ich sah einen Menschen, der sich aus dem Fenster gestürzt
hatte, mit versprjetztem Gehirn liegen, da rief es: Bruder, Bruder; da stand der
Böse auf, der Leibhaftige, und ich wollte ihn fassen. Ja, leibhaftig ist das
Übel und bloss das Übel; die Ungerechtigkeit, die Dummheit, die Lüge, alles,
wovor einem graut bis in die Nieren, und was man selber werden muss, wenn man
nicht mit dem silbernen Löffel im Mund geboren ist. Um mich in ein Stück Licht
zu retten, lernte ich die Orgel spielen. Aber es fruchtete wenig. Was macht das
aus, Orgelspiel? Was sind Gedichte und schöne Bilder und schöne Bauten und
philosophische Werke und die ganze verzierte Welt da draussen? Ich kann zu mir
nicht kommen. Zwischen mir und mir ist etwas, ja, was ist es? Eine Wand aus
glühendem Glas ist es. Manche sind verflucht von Anfang an. Frag ich mich: was
müsste denn geschehen, damit der Fluch nicht mehr wirkt? so heisst die Antwort:
Ungeheuerliches müsste geschehen, Ungeheuerliches. So stehen die Dinge.«
    »Wie denn Ungeheuerliches, was meinen Sie damit?« fragte Christian
betroffen.
    »Man müsste einen Menschen erleben,« antwortete Amadeus Voss, »einen Menschen
.« In der hereinsinkenden Dämmerung nahm sich sein Gesicht steinfahl aus. Es war
ein wohlgebildetes Gesicht, lang, schmal, geistig, leidenschaftlich leidend. Die
Gläser der Brille funkelten im letzten Tageslicht, und auf den weisslichen Haaren
war ein Schimmer wie auf Geschmeide.
    »Werden Sie im Dorf hier bleiben?« erkundigte sich Christian, nicht aus
Wissbegier, sondern aus Not; das Schweigen war ziemlich quälend; »Sie waren bei
Geheimrat Ribbeck, kehren Sie nicht zurück zu ihm?«
    Voss zuckte zusammen. »Zurück? Da ist kein Zurück,« murmelte er. »Kennen Sie
den Geheimrat? Nun, ich kenne ihn selber kaum. Ich habe ihn bloss zweimal
gesehen. Das erstemal, als er ins Seminar kam, um mich für seine Knaben zu
engagieren. Wenn ich an ihn denke, habe ich ein Bild von etwas Fettem und
Gefrorenem. Die Wahl fiel gleich auf mich; ich stand bei meinen Oberen hoch in
Gunst, und man wollte mir die Wege ebnen. Ja, und das zweitemal sah ich ihn, als
er in einer Nacht im Dezember mit einem Polizeikommissar auf Halbertsroda
erschien, um mich an die Luft zu befördern. Sehen Sie mich nicht so erschrocken
an, es hatte keine Folgen weiter, man hat sich gehütet.«
    Er verstummte. Christian erhob sich. Voss forderte ihn nicht zu längerem
Verweilen auf; er begleitete ihn bis an die Tür. Dort sagte er mit veränderter
Stimme: »Was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch? Sie sitzen vor einem und
schweigen, und man spricht und macht Geständnisse. Wie geht das zu?«
    »Wenn Sie bereuen, will ich alles vergessen haben,« antwortete Christian in
seiner schmiegsamen und höflichen Weise, die immer etwas Zweideutiges hatte.
    Voss liess den Kopf sinken. »Kommen Sie doch wieder herein, wenn Sie
vorübergehen,« bat er leise. »Vielleicht erzähl ich Ihnen dann,« er wies mit dem
Daumen über die Schulter, »erzähl Ihnen von dort.«
    »Ich werde kommen,« sagte Christian.
 
                                       12
Albrecht Wahnschaffe ging ins Schlafgemach seiner Frau, die zu Bette lag. Es war
ein mächtiges Himmelbett mit gedrehten Holzsäulen; zu beiden Seiten an der Wand
hingen kostbare Gobelins, welche mytologische Szenen darstellten. Eine Decke
aus blauem Damast verhüllte Frau Richbertas majestätische Gestalt.
    Herr Wahnschaffe küsste galant die Hand, die sie ihm mit müder Gebärde
hinstreckte und liess sich in einen Sessel gleiten. »Ich muss mit dir über
Christian sprechen,« begann er, »sein Treiben beunruhigt mich seit einiger Zeit.
Es ist des Planlosen zuviel. Jetzt wieder dieser Kauf des Diamanten. Dergleichen
wirkt herausfordernd. Ich bin verstimmt darüber.«
    Frau Richberta verzog die Stirn und erwiderte: »Ich sehe durchaus keinen
Grund zur Beunruhigung. Es gibt viele Söhne aus reichem Hause, die ihr Leben in
derselben Weise verbringen wie Christian. Sie gleichen edlen Pflanzen, die dem
Schmuck dienen. Sie bezeugen, meiner Ansicht nach, den Hochstand einer
Entwicklung; sie betrachten sich selbst als Ausgezeichnete, und das mit vollem
Recht. Sie sind durch Geburt und Vermögen der Mühe des Berufs entoben. Ihr
Wesen ist aristokratische Unberührteit und Distanz.«
    Albrecht Wahnschaffe beugte sich vor, und mit seinen schlanken, weissen
Fingern spielend, denen kein Alter anhaftete, sagte er: »Verzeih, ich bin nicht
ganz deiner Meinung. Ich bin der Meinung, dass innerhalb der sozialen Welt jeder
einzelne eine Funktion zu übernehmen hat, durch die er der Gesamteit nützt. In
dieser Anschauung bin ich erzogen, und es ist mir unmöglich, sie zugunsten
Christians zu verleugnen. Die Leichterzigkeit in seiner Geldgebarung würde ich
hinnehmen, obschon der Verbrauch der letzten Monate das ihm zugemessene Budget
um ein Erkleckliches übersteigt. Ich notiere es; das Haus Wahnschaffe wird durch
derartige Kapriolen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Was mich stutzig
macht, ist die Mittelpunktslosigkeit dieses Daseins und hauptsächlich der
kundgegebene Mangel jedes Ehrgeizes.«
    Frau Richberta sah den Gatten unter schlaff gesenkten Lidern hervor kühl an.
Es erregte ihren Groll, dass er Christian, den zur Rast, zum Spiel, zur Lust und
zur Schönheit Geschaffenen, in seine wirbelnden Kreise ziehen wollte, und sie
antwortete ungeduldig: »Hast du ihn bis jetzt gewähren lassen, so sieh auch
weiter zu. Alle müssen nicht schwitzen. Es ist so unappetitlich, das Tun und die
Geschäfte. Ich habe dir zwei Söhne geboren, einen für dich, einen für mich. Von
deinem kannst du fordern, was du magst, und er soll erfüllen, was er kann. An
meinen will ich nur denken und mich freuen, dass er da ist. Wenn mich etwas
besorgt macht, ist es der Umstand, dass sich Christian seit seiner englischen
Reise mehr und mehr von uns zurückzieht. Von uns und, wie ich höre, auch von
allen Freunden. Ich hoffe, dass es keine Bedeutung hat. Vielleicht steckt eine
Frau dahinter, und das geht ja vorüber. Tragödien sind in dieser Beziehung nicht
sein Fall. Aber das Sprechen greift mich an, Albrecht. Wenn du noch Argumente
vorbringen willst, tu es bitte ein andermal.«
    Sie wandte den Kopf und schloss erschöpft die Augen. Albrecht Wahnschaffe
erhob sich, küsste mit derselben galanten Bewegung wie beim Beginn des Gesprächs
ihre Hand und ging.
    Ich habe dir zwei Söhne geboren, einen für dich, einen für mich; dieses Wort
erbitterte ihn gegen die Frau, die ihm sonst unantastbar war wie ein höheres
Element. Warum habe ich dies alles aufgebaut? fragte er sich, als er langsam die
prachtvollen Räume durchmass.
    Es war schwer für ihn, sich Christian zu nähern, schwerer als einem Minister
oder einem umworbenen Fremdling. Er konnte sich zwischen Bitte und Befehl nicht
entscheiden. Der Autorität war er nicht sicher, des freundschaftlichen
Einverständnisses noch weniger. Aber in den Tagen, wo er sich in das Würzburger
Stammhaus begab, um Ruhe und Erholung zu suchen, schickte er eine Botschaft an
Christian und bat ihn zu einer Unterredung.
 
                                       13
Crammon schrieb an Christian:
    Ehrenvoller! Allergeschätztester! Mit hoher Genugtuung vernehme ich, dass Ew.
Liebden sich reuig zum Gotte Dionysos bekehrt und zum Zeichen davon an seinem
Altare einen Edelstein niedergelegt haben, dessen Preis den Philistern im Lande
Zähneklappern erregt und ihre lahme Verdauung unwillkommen befördert. Der
treulich Unterfertigte hingegen hat bei der guten Kunde in seiner einsamen
Kemenate einen heidnischen Freudentanz vollführt, indes seine bestürzten
Palastdamen bereits telephonische Gespräche mit Psychiatern einleiteten. So ist
die Welt, des Verständnisses bar, grosser Betrachtung nicht fähig.
    Meine Tage sind unhold. Ich bin in amouröse Geschehnisse verstrickt, die
mich nicht vergnügen und die auf der Gegenseite Beteiligten enttäuschen.
Bisweilen sitze ich an meinem lieblichen Kaminfeuer und lese mit geschlossenen
Augen im Buche der Erinnerung. Eine Flasche goldgelben Kognaks leistet mir
Gesellschaft, und während ich mein Herz mit künstlicher Wärme nähre, versinken
die oberen Regionen in das kalte Mysterium des Stumpfsinns. Meine Geisteskräfte
bewegen sich in absteigender Linie; meine Mannheit lässt zu wünschen übrig. Vor
Jahren kannte ich in Paris einen Schachspieler, einen blöden alten Deutschen,
der mit jedem Partner verlor und nach jeder verlorenen Partie wehklagend
ausrief, so dass das ganze Cafe de la Regence es hören konnte: Wo sind die
Zeiten, da ich Zuckertorten schlug; Zuckertort, will ich dir erklären, war ein
berühmter Meister auf Caissas Feldern. Die Nutzanwendung setzt mich in
Verlegenheit. Es gab einen römischen Kaiser, der in einer einzigen Nacht
hundertvierzig germanische Jungfrauen um etwas ärmer gemacht hat, was ihn selbst
schwerlich bereichert hat. Ich glaube, Maxentius hiess der Mann. Soll ich sagen:
Wo sind die Zeiten, da ich Maxentiussen schlug -? Es wäre verworfene Prahlerei.
    Schade, dass du nicht Zuschauer sein kannst, wenn ich mich des Morgens vom
Lager erhebe. Würde dieses Schauspiel einmal von Sachverständigen geprüft und
von Laien genossen, man würde sich dazu drängen wie weiland zu den Levers der
Könige Frankreichs. Der Adel des Landes würde mir seine Reverenz erweisen, und
schöne Damen würden mich kitzeln, damit ein Strahl der Heiterkeit in mein
Antlitz käme. Du jugendgesegneter Freund und Gespiele meiner Träume, wisse also:
die Augenblicke, in denen man das von der eignen Leiblichkeit angenehm
durchwärmte Linnen verlässt, um zehn oder elf Stunden lang Unfug zu treiben, sind
von nicht zu überbietender Kläglichkeit. Ich sitze an Bettes Rand und beschaue
meine Dessous mit innerlich lärmender Wut. Ich sammle traurig die Reste meines
Ichs und knüpfe dort den Faden wieder an, wo ihn Morpheus gestern abgeschnitten
hat. Meine Seele ist ringsherum verstreut und rollt in Kügelchen davon wie das
Quecksilber aus einem zerbrochenen Termometer. Erst die Opferdämpfe aus dem
Teekessel, der Duft von Schinken und einer schlüsselblumenfarbigen Eierspeise
geben mich der Erde zurück, und sanfte Worte, ausgesprochen von den sanften
Lippen der besorgten Hausverwalterinnen, versöhnen mich wieder mit meinem
Schicksal.
    Der alte Regamei ist gestorben. Den Grafen Sinsheim hat der Schlag gerührt.
Meine Freundin Lady Constance Canningham, eine Dame der höchsten Aristokratie,
hat einen amerikanischen Dollarnobody geheiratet. Die Besten gehn dahin, der
Baum des Lebens blättert ab. Auf der Reise hierher habe ich mich in München
aufgehalten und war drei Tage Gast des jungen Imhofschen Ehepaares. Deine
Schwester Judit macht Figur. Sie wird von den Malern gemalt, von den Bildhauern
gemeisselt und von den Dichtern besungen. Jedoch ihre Ambitionen fliegen höher;
sie wünscht sich brennend für ihre Wäsche, die Livree und die vier Autos eine
kleine neunzackige Krone und liebäugelt mit allem, was vom Hofe kommt und zu
Hofe geht. Der gute Felix hinwiederum, Demokrat, der er ist, umgibt sich mit
Unternehmern, Spekulanten, Polarforschern, Afrikareisenden und Schöngeistern
beiderlei Geschlechts, und so ist das Haus ein Gemisch von Guildhall,
Effektenbörse, Rabulistenversammlung und Jockeiklub. Nachdem ich eines Abends
solches eine Weile mit angesehen, zog ich mir ein hübsches Kind in eine
schummerige Ecke und bat sie, mir den Puls zu fühlen. Es geschah, und mein
leidendes Gemüt ward beschwichtigt.
    Von unserem süssen Ariel höre ich, dass er in Warschau die Polen und in Moskau
die Moskowiter in Champagnerstimmung versetzt. In letzterer Stadt sollen ihr die
Studenten einen Fackelzug gebracht und die Offiziere die Strasse von ihrer
Wohnung ins Teater trotz Eis und Schnee mit Zentifolien gepflastert haben. Auch
heisst es, dass der Grossfürst Kyrill Alexandrowitsch, der Menschenschlächter, wie
ihn viele dort nennen, aus Liebe zu ihr halb toll geworden ist und das Unterste
zu oberst kehrt, um ihrer habhaft zu werden. Wie ruft doch die Königin im
Hamlet: O halt ein, halt ein! Verrat nur könnte solche Liebe sein. In
unergründlicher Wehmut denk ichs, o Ariel, dass auch mich dein Atem einst
gestreift hat. Nicht mehr als dies, aber es genügt. Le moulin n'y est plus, mais
le vent y est encore.
    Und hiemit, Herzensbruder und harmvoll Entbehrter, Gott befohlen und gib
einmal ein Lebenszeichen deinem sehnsüchtigen Bernhard Gervasius C.v.W.
    Christian legte den Brief, als er ihn gelesen hatte, lächelnd beiseite.
 
                                       14
Auf dem Hügelrücken über dem Dorf begegneten Christian und Amadeus Voss einander
unversehens.
    »Die ganze Woche hab ich auf Sie gewartet,« sagte Voss.
    »Ich wäre heute zu Ihnen gekommen,« antwortete Christian. »Wollen Sie mich
ein Stück begleiten?«
    Amadeus Voss kehrte um und ging mit Christian. Sie stiegen zur Höhe hinan und
wandten sich dann gegen den Wald. Schweigend gingen sie Seite an Seite. Die
Sonne schien durchs Gezweig, alles war überronnen, Schneereste lagen auf dürrem
Laub, der Boden war schlüpfrig, auf der Fahrstrasse floss das Wasser in tiefen
Gleisen. Als sie den Wald verliessen, sahen sie die Sonne untergehen, der Himmel
war grün und rosa, und als sie zu den ersten Häusern von Heftrich kamen,
dämmerte es schon. Sie hatten auf dem ganzen Weg keine Silbe miteinander
gesprochen. Anfangs hatten Vossens Schritte wider die Christians getrotzt; er
hatte nicht so lange Beine und musste von Zeit zu Zeit ausholen; später hatte
sich ein Rhytmus eingestellt, der wie ein Vorklang von Gesprächen war.
    »Ich habe Hunger,« sagte Amadeus Voss, »dort drüben ist ein Wirtshaus, gehen
wir hin.«
    Sie betraten die Wirtsstube, die leer war. Sie setzten sich an den Tisch zum
Ofen, denn draussen war es wieder kalt geworden. Ein Mädchen zündete die Lampe an
und brachte, was sie bestellten. Christian, in einer Furcht, die ihn überfiel
und die Neugier vertrieb, dachte: was wird nun kommen, und schaute Voss
aufmerksam an.
    »Neulich hab ich in einem alten Buch eine moralische Geschichte gelesen,«
sagte Amadeus Voss; er stocherte sich mit einem zugespitzten Streichholz die
Zähne, was Christian bis zum Zittern nervös machte; »ein König sieht, dass in
seinem Reiche die Menschen und Zustände immer schlechter werden, da fragt er
vier Philosophen um den Grund. Die Philosophen beratschlagen, gehen zu den vier
Toren der Stadt, und an jedes Tor schrieb einer von ihnen die Ursachen hin. Der
erste schrieb: Macht ist hier Recht, deshalb hat das Land kein Gesetz; Tag ist
Nacht, darum hat das Land keine Strasse; Flucht ist der Kampf, darum ist keine
Ehre im Lande. Der zweite schrieb: Eins ist zwei, darum hat das Land keine
Wahrheit; Freund ist Feind, deshalb fehlt dem Land die Treue; schlecht ist gut,
deshalb gibt es keine Frömmigkeit. Der dritte schrieb: Die Schnecke will ein
Adler sein, und Diebe haben die Gewalt. Der vierte schrieb: Der Wille ist unser
Ratgeber; er rät übel. Der Heller fällt das Urteil, daher wird schlimm regiert.
Gott ist tot, darum ist das Land mit Sünden angefüllt.«
    Er warf das Streichholz fort und stützte den Kopf in die Hand. »In demselben
Buch steht noch eine andre Geschichte,« fuhr er fort, »vielleicht spüren Sie
einen Zusammenhang. In der Mitte von Rom öffnete sich eines Tags die Erde, und
ein gähnender Schlund entstand. Als die Götter befragt wurden, antworteten sie:
dieser Schlund wird sich erst schliessen, wenn jemand freiwillig hineingesprungen
ist. Keiner konnte dazu beredet werden, endlich aber meldete sich ein Jüngling
und sagte: wenn ihr mich ein Jahr lang nach meinem Gefallen leben lasst, so will
ich mich, ist das Jahr um, freiwillig und freudig in den Abgrund stürzen. Es
wurde beschlossen, dass ihm nichts verboten sein sollte, und er benutzte ihr
Eigentum und ihre Weiber nach Gutdünken und in völliger Freiheit. Sie sehnten
den Augenblick herbei, wo sie seiner los sein würden, und als das Jahr vorüber
war, kam er auf edlem Ross einher und stürzte sich mit einem Sprung in den
Abgrund, der sich sogleich hinter ihm schloss.«
    Christian zuckte die Achseln. »Was soll das?« fragte er unmutig. »Wollten
Sie mir alte Geschichten erzählen? Ich verstehe nichts davon.«
    »Sie sind schwerfällig,« erwiderte Voss und lachte leise vor sich hin, »ein
schwerfälliger Geist. Haben Sie nie das Bedürfnis gehabt, sich ins Gleichnis zu
retten? Das Gleichnis ist eine schmerzstillende Medizin.«
    
    »Ich weiss nicht, was Sie damit meinen,« sagte Christian, und Voss lachte
wieder leise.
    »Gehen wir,« sagte Christian; er erhob sich.
    »Gut, gehen wir,« pflichtete Voss mit verbissener Miene bei. Sie brachen auf.
 
                                       15
Die Abendluft war unbewegt, der Himmel von Sternen besät, die kalt glänzten.
Kein Laut störte die Stille, als sie das Dorf im Rücken hatten.
    »Wie lange waren Sie im Ribbeckschen Hause?« fragte Christian plötzlich.
    »Zehn Monate lang,« antwortete Amadeus Voss; »als ich nach Halbertsroda kam,
lag das Land in Eis und Schnee; als ich ging, lag es wieder in Eis und Schnee.
Dazwischen war ein Frühling, ein Sommer und ein Herbst.«
    Er blieb stehen und schaute einem Tier nach, das in der Dunkelheit über den
Pfad sprang und in einer Ackerfurche verschwand. Nun begann er zu sprechen,
anfangs stossweise, trocken, dann lebhaft, stürmisch, schliesslich atemlos. Sie
gerieten vom Weg ab und merkten es nicht; es wurde spät, sie beachteten es
nicht.
    Voss erzählte:
    »Ich hatte ein ähnliches Haus nie gesehen. Die Teppiche, Bilder, Tapeten,
das Silbergeschirr, die zahlreiche Dienerschaft, alles war mir neu. Ich hatte
solche Speisen nie gegessen, in solchen Betten nie geschlafen. Ich kam aus vier
kahlen Wänden mit einer Bettstatt, einem eisernen Ofen, einem Waschtisch, einem
Bücherbrett und einem Kruzifix.
    Meine beiden Zöglinge waren elf und dreizehn Jahre alt. Der ältere war blond
und hager, der jüngere brünett und untersetzt. Die Haare hingen ihnen wie Mähnen
bis auf die Schultern. Sie zeigten mir von der ersten Stunde an einen höhnischen
Widerstand. Die Geheimrätin sah ich anfangs gar nicht; erst nach einer Woche
liess sie mich vor sich. Sie machte den Eindruck eines jungen Mädchens. Sie hatte
rostrotes Haar und ein bleiches, verschüchtertes, unentwickeltes Gesicht. Sie
behandelte mich mit einer Geringschätzung, auf die ich nicht gefasst war und die
mir das Blut in die Schläfen trieb. Ich bekam meine Mahlzeiten besonders, durfte
nicht am Tisch essen und wurde von den Dienstleuten wie ihresgleichen behandelt.
Das wurmte mich bitter. Wenn die Geheimrätin im Garten war und ich grüssend
vorbeiging, dankte sie kaum, ahnungslos und unverschämt in der Verachtung eines
Menschen, den sie bezahlte. Ich war Luft für sie.
    Das ist geschlechteralt, diese Sünde an meiner Seele. Ihr Sünder an meiner
Seele, warum habt ihr mich darben lassen? Warum hab ich entbehren müssen, indes
ihr geschwelgt habt? Wie soll denn ein Hungriger die Prüfungen bestehen, die ihm
der Verführer auferlegt, der Leibhaftige? Glauben Sie, man spürt es nicht, wenn
ihr prasst? Alles Tun, Gutes und Böses, rinnt durch alle Natur. Wenn die Traube
auf Madeira wieder blüht, rührt sich weit über Meer und Land der Wein im Fasse,
der aus ihr gepresst worden ist, und es hebt eine neue Gärung an.
    Eines Morgens sperrten sich die Knaben in ihrem Zimmer ein und weigerten
sich, zum Unterricht zu kommen. Während ich an der Klinke rüttelte, äfften sie
mich drinnen. Im Korridor standen die Dienstleute und lachten über meine
Ohnmacht. Da ging ich zum Gärtner, holte mir eine Axt und schlug mit drei Hieben
die Türfüllung durch. Eine Minute später war ich im Zimmer. Die Burschen sahen
mich verdutzt an und merkten endlich, dass mit mir nicht zu spassen war. Der Lärm
hatte die Geheimrätin herbeigelockt. Sie schaut die zerbrochene Tür an, sie
schaut mich an; den Blick werd ich nie vergessen. Sie liess mich nicht aus den
Augen, auch während sie mit ihren Kindern sprach, mindestens zehn Minuten lang.
Was wagst du? wer bist du? fragte der Blick. Als sie hinausging, gewahrte sie
das Beil an der Tür, hielt einen Moment inne, und ich sah sie frösteln. Da wusste
ich: der Wetterhahn hat sich gedreht. Aber es kam mir auch zum Bewusstsein, dass
ein Weib vor mir gestanden war.
    Die Neckereien meiner Zöglinge hatten damit kein Ende. Im Gegenteil, sie
taten mir zuleide, was sie konnten. Nur verfuhren sie heimlich und waren nicht
zu fassen. Ich fand Steine und Nadeln in meinem Bett, Tintenflecke in meinen
Büchern und einen unheilbaren Riss in dem besten Anzug, den ich mitgebracht. Sie
machten sich bei andern über mich lustig, verleumdeten mich bei ihrer Mutter und
warfen einander infame Blicke zu, wenn ich sie zur Rede stellte. Was sie taten,
waren keine gewöhnlichen Streiche dummer Jungen, dazu waren sie viel zu
verzärtelt und raffiniert. Sie hüteten sich vor jedem Luftzug, liessen die Räume
überheizen, dass einem schwindlig wurde, und dachten ausschliesslich an ihr
Wohlleben. Einmal rauften sie miteinander, der jüngere biss den Bruder in den
Finger. Da legte sich dieser drei Tage lang ins Bett, und der Arzt musste kommen.
Auch hierbei war nicht bloss Wehleidigkeit im Spiel, sondern eine abgründige
Bosheit und Rachsucht. Sie betrachteten mich als einen tief unter sich Stehenden
und liessen mich bei jeder Gelegenheit meine abhängige Lage fühlen. Schlimm war
mir manchmal zumute, aber es war mein Vorsatz, mich in Geduld zu üben.
    Eines Abends betrat ich den Salon, es war über die Schlafensstunde hinaus,
die ich für die Knaben festgesetzt hatte. Die Geheimrätin sass auf dem Teppich,
die Buben kauerten rechts und links von ihr; sie zeigte ihnen Bilder in einem
Buch. Ihr Haar war aufgelöst, was ich unpassend fand, und umhüllte in seiner
rötlichen Pracht sie mitsamt den Knaben wie ein Brokatmantel. Die Buben
fixierten mich mit grünen, bösen Augen. Ich befahl ihnen, sie sollten
augenblicklich zu Bett gehen. Es muss etwas in meinem Ton gewesen sein, was sie
erschreckte und zum Gehorsam zwang. Ohne Widerrede erhoben sie sich und gingen.
    Adeline war auf dem Teppich sitzengeblieben. Ich werde sie einfach Adeline
nennen, wie ich es später in unserm Verkehr ja auch tat. Sie schaute mich wieder
so an wie bei der Szene mit dem Beil. Man kann nicht bleicher sein, als sie es
ohnehin war, aber ihre Haut wurde durchscheinend wie Glimmer. Sie stand auf,
ging zum Tisch, nahm einen Gegenstand in die Hand und legte ihn wieder hin.
dabei schwebte ein spöttisches Lächeln auf ihren Lippen. Dieses Lächeln ging mir
durch und durch. Überhaupt, die ganze Frau ging mir durch und durch. Sie werden
mich missverstehen; schadet nichts. Verstehen Sie es nicht, so nützen keine
Erklärungen. Die Eisdecke über mir brach, und ich konnte sehen, was oberhalb
war.«
    »Ich glaube, ich verstehe Sie,« sagte Christian.
    »Auf meine Frage, ob sie wünsche, dass ich ihr Haus verlassen solle,
erwiderte sie frostig, da mich der Geheimrat engagiert, müsse sie sich fügen.
Ich hielt ihr entgegen, dass ich unter dem Druck ihrer Abneigung Erspriessliches
nicht zu leisten vermöge. Mit einem Seitenblick antwortete sie, es liesse sich
wohl eine Manier finden, wie man zusammen wirken könne, und sie wolle darüber
nachdenken. Seit diesem Abend ass ich am Tisch mit ihr und den Knaben, und sie
behandelte mich, wenn auch nicht freundlich, so doch mit Achtung. Eines Abends,
spät schon, liess sie mich rufen und bat mich, ihr etwas vorzulesen. Sie reichte
mir das Buch, aus dem ich lesen sollte. Es war irgendein Moderoman, und nachdem
ich ein paar Seiten gelesen hatte, warf ich das Buch auf den Tisch und sagte,
mir werde übel von solchem Zeug. Sie nickte und antwortete, ich spräche nur eine
Empfindung aus, die sie sich nicht habe eingestehen wollen, und sie danke mir
für meine Offenheit. Da holte ich meine Bibel und las ihr aus dem Buch der
Richter die Geschichte Simsons vor. Ich muss ihr naiv erschienen sein, denn als
ich fertig war, lächelte sie wieder spöttisch vor sich hin. Dann fragte sie
mich: Meinen Sie nicht, dass man gar kein Held in Juda zu sein braucht, um
Simsons Schicksal zu teilen? Oder dass es ein besonderes Kunststück ist, zu
vollbringen, was Delila vollbracht hat? Darauf sagte ich, mir fehle die
Erfahrung in solchen Dingen, und sie lachte.
    Ein Wort gab das andere, und ich kam endlich dahin, dass ich ihr die
Verwahrlosung ihrer Kinder vorwarf, die Niedrigkeit und das Verletzende alles
dessen, was ich bis jetzt in dem Hause gesehen und erlebt. Ich wählte
absichtlich die schärfsten Worte und erwartete, dass sie zornig aufbrausen und
mir die Tür weisen würde, aber sie blieb ruhig und ersuchte mich, ihr meine
Ideen zu entwickeln. Das tat ich nun mit vielem Feuer, und sie hörte mir
wohlgefällig zu. Ein paarmal sah ich sie aufatmen und sich ein wenig recken und
die Augen schliessen. Sie stritt mit mir, sie stimmte mir zu, verteidigte ihre
Position und gab zuletzt alles wieder preis. Ich sagte ihr, die Liebe, die sie
für ihre Söhne zu empfinden glaube, sei eigentlich ein Hass und beruhe auf
Selbstvergiftung und Blutlüge; in ihrer Seele sei noch ein andres Leben und eine
andre Liebe, die lasse sie freventlich verdorren und absterben. Dies muss sie
nicht richtig aufgefasst haben, denn sie schaute mich gross an und gebot mir
plötzlich zu gehen. Als ich schon vor der Tür war, hörte ich ein Schluchzen, ich
öffnete die Tür wieder und sah, dass sie die Hände vor das Gesicht geschlagen
dasass. Ich wollte zurück zu ihr, aber sie winkte mir heftig ab, und ich ging.
    Ich hatte nie vorher eine Frau weinen gesehen, ausser meine Mutter. Wie mir
zumute war, darüber will ich schweigen. Hätte ich eine Schwester gehabt, wäre
ich mit einer Schwester aufgewachsen, so hätte ich vielleicht anders gehandelt
und empfunden. So war Adeline das erste Weib, das mir Aug in Auge
gegenüberstand.
    Ein paar Tage später fragte sie mich, ob ich Hoffnung hätte aus ihren Söhnen
Menschen in meinem Verstand zu machen. Sie habe sich alles überlegt, was ich ihr
vorgehalten, und sei zu der Einsicht gelangt, dass es so nicht weitergehen könne.
Ich antwortete, es sei noch nicht zu spät; darauf sagte sie, ich möge retten,
was noch zu retten sei, und um mich in meinem Werk nicht zu behindern, habe sie
sich entschlossen, für einige Monate zu verreisen. Am dritten Tag reiste sie
weg, ohne Abschied von den Knaben zu nehmen, schrieb ihnen aber dann aus Dresden
einen Brief.
    Ich zog mit den Knaben auf ein Jagdhaus, das zwei Stunden von Halbertsroda
entfernt einsam im Wald lag. Es gehörte zum Ribbeckschen Besitz, und Adeline
hatte es mir als Zufluchtsstätte angewiesen. Ich richtete mich mit den Knaben
dort ein und nahm sie in Zucht. Mein Vorhaben galt mir als Prüfung meiner
Herzens- und Geistesgewalt. Vielleicht griff ich fehl; vielleicht war ich
geblendet durch die lange Dunkelheit unter der Eisdecke; vielleicht hat mich
selber das Beil verführt. Manchmal ward mir bang, wenn ich der Worte eingedenk
war: Warum gehst du beständig zu wechseln deinen Weg? Fürwahr, du wirst von
Ägypten getäuscht werden, wie du von Assyrien bist getäuscht worden.
    Ein alter tauber Diener kochte für uns, und die leckeren, üppigen Mahlzeiten
hörten auf. Sie mussten beten, einmal in der Woche fasten, auf harten
Lagerstellen schlafen und des Morgens um fünf Uhr aufstehen. Ich brach ihren
Trotz auf alle Weise, ihre dumpfe Trägheit, ihre Lüsternheit, ihre Ränke. Spiele
waren nicht erlaubt; der Tag hatte seine eiserne Ordnung. Ich schreckte vor
keiner grausamen Massregel zurück. Ich züchtigte sie. Ich schlug sie bei der
geringsten Widersetzlichkeit mit der Peitsche. Ich lehrte sie den Schmerz. Nackt
mussten sie vor mir liegen, mit den blutigen Striemen auf der Haut, da sprach ich
ihnen vom Martyrium der Heiligen. Ich führte ein Tagebuch, damit Adeline
erfahren könne, was geschehen war. Sie fuhren zusammen, wenn sie von weitem
meine Stimme hörten; sie zitterten, wenn ich den Kopf erhob. Einmal überraschte
ich sie am Abend, als sie beieinander in einem Bette lagen und ganz leise
flüsterten. Da riss ich sie aus den Kissen, schreiend flohen sie aus dem Hause
vor mir, im Hemde rannten sie in den Wald, ich ihnen nach, zwei Hunde hinter
mir, der Regen über und um uns, endlich stürzten sie nieder, umklammerten meine
Knie und flehten um Gnade. Am schwersten war es, sie zur Beichte zu bringen;
aber ich war stärker als das Böse in ihnen und zwang sie zum Bekenntnis. Es
waren schlimme Stunden, die ich nur ertrug, weil ich es Adeline in meinem Innern
gelobt hatte.
    Sie gingen in sich. Sie wurden zahm und still. Sie krochen in die Winkel und
weinten. Als Adeline zurückkehrte, ging ich mit ihnen nach Halbertsroda, und sie
war von der Verwandlung betroffen. Die Knaben stürzten ihrer Mutter in die Arme,
klagten mich aber nicht an, auch als ich sie mit ihr allein liess. Ich hatte
ihnen gedroht, sobald sie sich aufsässig oder ungehorsam zeigten, müssten sie
wieder aufs Jagdhaus. Einen oder zwei Tage der Woche brachten wir ohnehin dort
zu. Späterhin mieden sie die Mutter, sowie auch Adeline gegen sie gleichgültiger
wurde, da das weichliche, schwüle, überzärtelte Element nicht mehr wirksam war,
das sie ehedem zueinander getrieben.
    Adeline suchte meine Nähe, mein Gespräch, beobachtete mich, war
herablassend, ermüdet, zerstreut und unruhig. Sie schmückte sich wie für Gäste
und liess sich dreimal täglich frisieren. Im übrigen unterwarf sie sich meinen
Verfügungen. Es gibt Menschen, abgebrauchte, wurmstichige, schwelende Seelen,
die vor dem erhobenen Beil in des andern Arm auf die Knie fallen, während sie
nur Spott haben für die, die das Knie vor ihnen beugen. Ich war oft bestürzt von
ihrer Vornehmheit und Verschlossenheit, dachte, da ist für dich kein Raum, dann
schoss wieder ein Blick aus ihren Augen, der mich vergessen liess, woher ich kam
und was ich vor ihr war. Es schien mir alles möglich bei ihr. Sie konnte in der
Nacht das Haus anzünden, weil sie sich darin langweilte und der Frass an ihrer
Lebenswurzel vor keinem edleren Affekt mehr haltmachte, und sie konnte vor dem
Spiegel stehen, vom Mittag bis zum Abend, und beobachten, wie eine Furche auf
der Stirn sich vertiefte. Alles schien möglich. Steht doch geschrieben: Welcher
Mensch weiss, was in dem Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm
ist.
    Meine Anfechtungen begannen damit, dass sie eines Abends im Gespräch achtlos
ihre Hand auf meine legte und sie hastig zurückzog. Da waren die Dinge, die mir
vor Augen lagen, entrückt. Ich war der Knecht von Einbildungen und Begierden
geworden in der Zeit von einem Gedanken bis zum andern.
    Sie forderte mich auf, ihr von meinem Leben zu erzählen. Ich liess mich
fangen und erzählte.
    Einmal begegnete ich ihr im Flur, als es dämmerte; sie blieb stehen und
heftete einen durchbohrenden Blick auf mich. Dann lachte sie leise und ging
weiter. Ich schwankte; der Schweiss perlte auf meiner Stirn.
    Es war mir schwer im Herzen, wenn ich allein war. Gestalten waren da, die
das Zimmer in Flammen setzten. Mein Gebetbuch, mein Rosenkranz wurden vor mir
verborgen, und ich fand sie nicht. Immerfort schrie es in mir: Einmal nur!
Einmal nur geniessen! Einmal nur! Aber dann erschienen die Dämonen und
misshandelten mich; alle Muskeln, Adern und Nerven an meinem Leibe wurden
zerfetzt. Tut an mir, was euch Gott gestattet, sagte ich, denn mein Herz ist
bereit. Während des Schlafs schleuderte es mich aus meinem Bett, und bewusstlos
stiess ich meinen Kopf gegen die Wände. Acht Tage fastete ich bei Brot und
Wasser, aber es half nichts. Einmal hatte ich mich niedergesetzt, um zu lesen,
da stand ein riesiger Affe neben mir und blätterte in dem Buch, in dem ich las.
Jede Nacht hatte ich eine verführerische Vision von Adeline; sie trat an mein
Lager und sagte: Geliebter, ich bin's. Dann stand ich auf und rannte sinnlos
umher. Aber sie folgte mir und flüsterte mir zu: Ich will dich zum Herrn machen,
und du sollst Geld in Hülle und Fülle haben. Wenn ich sie jedoch anfasste, zeigte
sie mir ihren Widerwillen, und es kamen schwebende Schatten, die sie zum
Beistand aufgerufen, ein Notar mit Feder und Schreibzeug, ein Schlosser mit
glühendem Hammer, ein Maurer mit der Kelle, ein Offizier mit blanker Klinge,
eine Frau mit geschminktem Gesicht.
    So übel war es mit mir bestellt, dass ich das furchtbare Wirkliche, das sich
indessen begab, erst nach und nach begriff. Eines Morgens kam Adeline in das
Zimmer, wo ich die Knaben unterrichtete, setzte sich an den Tisch und hörte zu.
dabei zog sie einen Ring mit einer schönen, grossen Perle vom Finger, spielte
sinnend mit ihm, stand auf, trat zum Fenster, sah dem Schneefall draussen zu und
verliess dann das Zimmer wieder, um in den Garten zu gehen. Ich konnte nicht mehr
atmen, nicht mehr sehen, ein unerträglicher Druck war auf meiner Brust, und ich
musste für eine Weile hinaus und Luft schöpfen. Als ich zurückkehrte, sah ich in
den Augen meiner Zöglinge einen besonders bösartigen Ausdruck; ich achtete nicht
darauf; von Zeit zu Zeit bäumten sie sich auf gegen ihren Meister, aber ich
kümmerte mich nicht darum. In geduckter Haltung sassen sie da, ich fragte ihnen
den Katechismus ab, und sie antworteten hauchend und mit Blicken voller Furcht.
Es mochten zehn Minuten verflossen sein, da kam Adeline, sagte, sie habe den
Ring liegen lassen, ob ich ihn nicht gesehen habe. Ich verneinte. Darauf begann
sie zu suchen, ich suchte ebenfalls, sie rief die Zofe und den Diener, die das
ganze Zimmer durchstöberten, aber der Ring war verschwunden. Adeline und ihre
Leute musterten mich verwundert, denn ich stand und konnte mich nicht rühren.
Ich spürte sofort in allen Fibern, dass ich dem Verdacht ausgesetzt war. Sie
suchten im Flur und auf den Stiegen, dann im Garten auf dem frischgefallenen
Schnee, schliesslich wieder im Zimmer, da Adeline bestimmt behauptete, sie habe
den Ring abgestreift und auf dem Tisch vergessen, was ich auch bestätigte,
obwohl ich ihn nicht auf dem Tisch gesehen und sie und ihr Tun nur wie im
Halbschlaf wahrgenommen hatte. Alle Worte, die sie mit den Leuten wechselte,
schienen mir gegen mich gerichtet, in den Mienen der Leute glaubte ich Argwohn
zu lesen, ich wurde blass und rot, rief die Knaben, die sich beim Beginn des
Alarms entfernt hatten, und forschte sie aus. Sie sagten, man solle in ihrem
Zimmer Nachschau halten und sahen mich beide tückisch an. Ich bitte, auch mein
Zimmer zu durchsuchen, sagte ich zu Adeline. Sie machte eine abwehrende
Handbewegung, dann äusserte sie entschuldigend, der Ring sei ihr besonders wert,
sie vermisse ihn ungern. Mittlerweile war der Gutsverwalter eingetreten, der an
jenem Tag zufällig auf Halbertsroda übernachtet hatte; er grüsste mich nicht,
sondern mass mich schweigend und finster. Da packte es mich; ich sah mich
schutzlos dem Argwohn überliefert, und ich sagte zu mir: du hast vielleicht den
Ring wirklich gestohlen. Der Sturz von meinem vorigen Seelenzustand in diesen
gemeinen und hässlichen war mir so unerwartet, dass ich ein Gelächter ausstiess und
nun erst recht darauf bestand, dass man mein Zimmer, meine Sachen und mich selber
durchsuche. Der Gutsverwalter sprach leise mit Adeline; sie blickte ihn
entgeistert an und ging hinaus. Ich leerte vor dem Verwalter meine Taschen, dann
folgte er mir in mein Zimmer, ich setzte mich ans Fenster, er zog Schublade um
Schublade aus der Kommode, öffnete den Schrank, der Diener, das Stubenmädchen,
die beiden Knaben standen unter der Tür, da liess der Verwalter einen dumpfen
Laut hören und hielt in der Hand den Ring mit der Perle empor. Ich hatte es
einen Moment zuvor völlig klar gewusst, dass er den Ring bei mir finden würde, ich
hatte es von den Gesichtern der Knaben abgelesen. Deshalb blieb ich auch
unbeweglich sitzen, während alle einander anschauten und dann mit dem Verwalter
hinweggingen. Ich versperrte sogleich die Tür und schritt auf und ab, auf und
ab, vierundzwanzig Stunden hindurch. Als die Nacht vorüber war, herrschte in
meinem Innern eine feierliche Ruhe. Ich liess Adeline fragen, ob ich mit ihr
sprechen könne. Sie empfing mich nicht. Mich schriftlich zu rechtfertigen,
verschmähte ich. Meine Unschuld beteuern hiess so viel wie mich erniedrigen. Ich
war nun ganz rein und kalt. Ich erfuhr an dem Tage, dass dem Verwalter längst
Gerüchte von entsetzlichen Misshandlungen zugetragen worden waren, die die Knaben
zu erdulden, und dass diese ihre Mutter des ehebrecherischen Einverständnisses
mit mir geziehen hätten. Der Verwalter war ein paarmal heimlich gekommen, hatte
das Gesinde verhört, und an jenem Morgen, an dem der Ringdiebstahl vorfiel,
hatte er die Knaben in sein Zimmer geführt, ihnen geboten, sich zu entkleiden
und an ihrem Körper die frischen und alten Spuren meiner Züchtigungen
wahrgenommen. Da ihm auch ihre sonstige Verfassung Besorgnis einflösste,
telegraphierte er dem Geheimrat, der dann in der Nacht mit einer Polizeiperson
ankam. Ich vermute, dass Adeline den Anschlag mit dem Ring durchschaut hatte,
denn es war davon nicht weiter die Rede. Der Kommissar trat drohend gegen mich
auf und sprach von bösen Folgen, aber ich machte keinen Versuch, zu beschönigen
oder zu erklären, was ich getan. Ich verliess Halbertsroda mitten in der Nacht.
Adeline habe ich nicht mehr gesehen. Sie soll in ein Sanatorium geschafft worden
sein. Drei Wochen waren vorüber, da erhielt ich eines Tages ein kleines
Schächtelchen mit der Post, und als ich es öffnete, lag der Ring mit der Perle
darin. Im Hof des Försterhauses ist ein alter Ziehbrunnen. Ich bin zu dem
Brunnen gegangen und habe den Ring hinunter in die Tiefe geworfen.
    So, und nun wissen Sie, was mir dort geschehen ist, in der oberen Welt, im
Hause des Geheimrats Ribbeck.«
 
                                       16
Sie mussten noch eine Weile marschieren, ehe sie zum Parktor von Christiansruh
kamen. Als Voss sich verabschieden wollte, sagte Christian: »Sie werden müde
sein, wozu sollen Sie noch den Weg ins Dorf machen. Übernachten Sie bei mir.«
    »Wenn es ohne Unbequemlichkeit für Sie sein kann, nehme ich es an,«
erwiderte Voss.
    Sie gingen ins Haus und betraten die Halle, die erleuchtet war. Amadeus Voss
schaute staunend um sich. Sie gingen die Treppe hinauf, in das Speisezimmer, das
im Louis-Quinze-Stil eingerichtet war. Christian führte seinen Gast dann durch
andre Räume in das Gemach, das er für ihn bestimmt hatte. Von Raum zu Raum
staunte Amadeus Voss mehr. »Das ist noch ein ander Ding als in Halbertsroda,«
murmelte er; »es ist ein Unterschied wie zwischen Festtag und Alltag.«
    Schweigend sassen sie bei Tisch einander gegenüber. Dann gingen sie in die
Bibliotek. Ein Diener servierte den schwarzen Kaffee auf silberner Platte. Voss
stand an einen Pfeiler gelehnt, die Hände auf dem Rücken und starrte in die
Luft. Als der Diener sich entfernt hatte, sagte er: »Haben Sie einmal von der
telchinischen Seuche gehört? Es ist eine Krankheit, die der Neid der Telchinen
ausgebrütet hat, der in Menschen verwandelten Hunde des Aktäon, und diese
Krankheit wendet sich verderblich gegen alles in ihrem Umkreis. Ein Jüngling
namens Eutelides erblickte seine eigne Schönheit mit neidischem Auge in einer
Quelle, und die Schönheit welkte hin in Krankheit.«
    Christian sah still vor sich nieder.
    »Es gibt eine Sage von einem Edelmann in Polen,« fuhr Amadeus fort; »dieser
Edelmann wohnte am Weichselufer einsam in einem weissen Hause, und alle Nachbarn
flohen seine Nähe, weil sein neidischer Blick Unglück über sie brachte, die
Herden tötete, die Scheunen in Brand steckte, die Kinder mit Aussatz bedeckte.
Einst wurde ein schönes Mädchen von Wölfen verfolgt und flüchtete in sein weisses
Haus. Er verliebte sich in sie und heiratete sie. Weil aber das Übel, das von
ihm ausging, auch sie überfiel, riss er sich die Augen aus und vergrub die
glänzenden Kristalle an der Gartenmauer. Nun war er genesen, aber die
vergrabenen Augen gewannen sogar unter der Erde neue Kraft, und ein alter
Diener, der sie aus dem Boden grub, wurde von ihnen getötet.«
    Auf einem niedrigen Sessel sitzend, hatte Christian die Arme um seine Knie
geschlungen und schaute zu Voss empor.
    »Man muss von Zeit zu Zeit die Augen entsühnen,« sagte Amadeus Voss. »Drüben
im Dorfe Nettersheim liegt eine Magd im Sterben, ein armes Ding, unsäglich
verlassen; in einem Verschlag neben dem Stall liegt sie, und die Bauern glauben
nicht an ihren nahen Tod, halten sie für arbeitsscheu. Zu der bin ich ein
paarmal gegangen, um meine Augen zu entsühnen.«
    Sie schwiegen lange, und als die Uhr in dem hohen gotischen Gehäuse zum
Mitternachtsschlag aushob, gingen sie in ihre Zimmer.
 
                                       17
Dem Ruf seines Vaters folgend, fuhr Christian nach Würzburg.
    Die Begrüssung war höflich von seiten beider. »Ich hoffe, dass ich dich nicht
inkommodiert habe,« sagte Albrecht Wahnschaffe.
    »Ich stehe zu deiner Verfügung,« antwortete Christian kühl.
    Sie machten einen Spaziergang über das Glacis, redeten aber wenig
miteinander. Die Dobermannhündin, Freia geheissen, die beständige Begleiterin
Albrecht Wahnschaffes, trottete zwischen ihnen. Es überraschte Albrecht
Wahnschaffe, zu bemerken, dass Christians Züge Veränderungen von innen her
aufwiesen.
    Abends, beim Tee, sagte er mit einer ritterlichen Geste: »Du bist zu einer
ungewöhnlichen Erwerbung zu beglückwünschen. Es schlingt sich ja ein ganzer
Legendenkranz um diesen Diamanten. Die Sache hat Staub aufgewirbelt, man wundert
sich allgemein. Mit einigem Recht, scheint mir, da du weder ein englischer
Herzog noch ein indischer Prinz bist. Ist es wirklich ein so begehrenswertes
Stück?«
    »Ein wundervolles Stück,« bestätigte Christian. Plötzlich kamen ihm Vossens
Worte in den Sinn: man muss die Augen entsühnen.
    Albrecht Wahnschaffe nickte. »Ich zweifle nicht,« sagte er; »ich verstehe
solche Passionen, obgleich ich als Kaufmann die Brachlegung eines so erheblichen
Kapitals missbilligen muss. Es ist eine Exzentrizität. Der Weltzustand ist immer
gefährdet, wenn Männer aus dem Bürgertum exzentrisch werden. Über einen gewissen
Punkt möchte ich deine Betrachtung anregen. Alle Privilegien, deren du dich
erfreust, und sie sind nicht gering, wie du zugeben musst, alle Erleichterungen
des Daseins, alle Möglichkeiten zur Befriedigung deiner Launen und
Leidenschaften, die gesellschaftliche Gipfelstellung, die du einnimmst, das
alles beruht auf Arbeit. Ich brauche nicht hinzuzufügen: auf der Arbeit deines
Vaters.«
    Aus einer Ecke des Gemachs hatte sich die Hündin Freia erhoben. Sie trat zu
Christian und legte schmeichelnd den Kopf auf seinen Schenkel. Albrecht
Wahnschaffe, in einer leichten Regung von Eifersucht, gab dem Tier einen Klaps
auf die Flanke.
    Er fuhr fort: »Ein solches Ausmass von Arbeit bedeutet natürlich Verzicht auf
allen Linien. Man ist Pflugschar, die aufreisst und rostet. Man ist Brennstoff,
der Helligkeit gibt und verzehrt wird. Ehe, Familie, Freundschaft, Kunst, Natur,
sie existierten kaum für mich. Ich habe gelebt wie der Bergmann im Stollen. Und
welchen Dank hatte ich? Unsre Volksbetrüger füttern ihren Anhang mit dem frechen
Märchen, als seien wir die Vampire, die das Blut der Unterdrückten trinken. Sie
wissen nichts, die Brunnenvergifter, oder wollen nichts wissen von den
Erschütterungen, Leiden und Entbehrungen, an die der friedliche Lohnsklave mit
keiner Ahnung hinreicht.«
    Freia schmiegte sich dichter an Christian, leckte seine Hand und warb
demütig um seinen Blick. Die stumme Zärtlichkeit des Tieres tat ihm wohl. Er
runzelte die Stirn und sagte lakonisch: »Wenn es so ist und du es so empfindest,
warum immerfort arbeiten?«
    »Es gibt auch eine Pflicht, du Weichgebetteter, es gibt eine Treue gegen die
Sache,« erwiderte Albrecht Wahnschaffe, und seine blassblauen Augen zürnten.
»Jeder Bauer hängt an dem Stück Erdreich, dem er seine Sorge weiht. Als ich
anfing, war unser Land noch ein armes Land. Heute ist es ein reiches Land. Ich
will nicht behaupten, dass meine Leistung dem Ganzen gegenüber hoch in Betracht
kommt; aber sie ist einzurechnen. Sie ist ein Symptom unsres Aufschwungs, unsrer
jungen Macht, unsres wirtschaftlichen Gedeihens. Wir stehen nun auch unter den
grossen Völkern und haben einen Leib und ein Gesicht.«
    »Was du sagst, ist gewiss richtig,« versetzte Christian, »leider fehlt mir
der Sinn dafür. Ich bin in dieser Hinsicht entschieden mangelhaft organisiert.«
    »Fünfundzwanzig Jahre früher, und dein Los wäre gewesen, ein Brotverdiener
zu sein,« sprach Albrecht Wahnschaffe weiter, ohne auf den Einwand zu achten;
»heute bist du Nachfahr und Erbe. Deine Generation blickt in eine verwandelte
Welt und Zeit. Wir haben euch Flügel an die Schultern geheftet, und ihr habt
vergessen, wie beschwerlich das Kriechen ist.«
    Christian, im dunklen Verlangen nach der Wärme eines Körpers, nahm den Kopf
der Hündin zwischen seine Hände, die mit dankbarem Knurrlaut sich erhob und die
Vorderpfoten gegen seine Schultern stemmte. Mit einem Lächeln, das noch dem
Spiel mit dem Tier galt, sagte er: »Keiner verschmäht, was ihm in den Schoss
fällt. Ich habe freilich nie gefragt, woher es kommt und wohin es soll. Man
könnte gewiss auch anders leben. Vielleicht werde ich noch einmal anders leben.
Es müsste sich ja dann zeigen, ob man ein andrer wird und wie man wird, wenn die
Behelfe fehlen, die Flügel, von denen du sprichst.« Sein Gesicht war ernst
geworden.
    Albrecht Wahnschaffe fühlte sich auf einmal ziemlich ratlos vor diesem
schönen, stolzen, fremden Menschen, der sein Sohn war. Um seine Verlegenheit zu
verbergen, antwortete er hastig: »Anders leben, das ist es; genau das meine ich.
In der Überzeugung, dass dir ein Dasein auf die Dauer zur Last werden muss, das
nur eine Kette von Nichtigkeiten ist, wollte ich dir vorschlagen, eine deinen
Kräften und Gaben würdigere Bahn zu betreten. Wie wäre es mit der diplomatischen
Karriere? Wolfgang fühlt sich ungemein befriedigt über die Möglichkeiten, die
sich ihm dabei bieten. Es ist auch für dich noch nicht zu spät. Die versäumte
Zeit lässt sich einbringen. Der Name, den du trägst, wiegt jeden Adelstitel auf.
Du verbleibst in einer Region, die dir gemäss ist; du hast grosse Mittel, die
persönliche Eignung und ausserordentliche Beziehungen; das übrige vollzieht sich
automatisch.«
    Christian schüttelte den Kopf. »Du irrst dich, Vater,« sagte er leise, aber
bestimmt, »ich habe nicht die Fähigkeit dazu, auch nicht die geringste Lust.«
    »Dacht ich mir,« entgegnete Albrecht Wahnschaffe lebhaft; »also nichts mehr
davon. Mein zweiter Vorschlag, mir selbst sympatischer, möchte dich zur
Mitarbeit in der Firma ermuntern. Der leitende Gedanke ist, eine repräsentative
Stellung für dich zu schaffen, entweder im inneren oder im äusseren Dienst.
Wählst du das letztere, so könntest du deinen Aufentalt im Ausland wählen, in
Japan, in den Vereinigten Staaten. Weitgehende Vollmachten würden dir erlauben,
unabhängig aufzutreten. Du übernimmst Verantwortungen, die in keiner Weise
drückend wären, und geniesst die Vorrechte eines Botschafters. Es bedarf nur
deiner Einwilligung, das andere ist meine Sorge.«
    Christian erhob sich von seinem Stuhl. »Ich bitte dich herzlich, Vater,
dieses Tema fallen zu lassen,« sagte er. Seine Miene war kalt, sein Blick
gesenkt.
    Auch Albrecht Wahnschaffe stand auf. »Sei nicht zu rasch, Christian,« mahnte
er. »Ich kann dir nicht verhehlen, dass mich deine endgültige Weigerung
empfindlich träfe. Ich habe auf dich gerechnet.« Er sah Christian fest an.
Christian schwieg.
    Nach einer Weile fragte er: »Wann warst du zum letztenmal auf den Werken
draussen?«
    »Es muss drei oder vier Jahre her sein,« antwortete Christian.
    »Es war um Pfingsten vor drei Jahren, wenn ich mich recht entsinne,« sagte
Albrecht Wahnschaffe, wie immer ein wenig eitel auf sein selten trügendes
Gedächtnis; »du hattest mit deinem Vetter Teo Friesen eine Vergnügungsfahrt in
den Harz verabredet, und Teo wollte einen Abstecher zu den Fabriken machen. Er
hatte von unsern neuen Wohlfahrtseinrichtungen gehört und interessierte sich
dafür. Ihr habt euch aber dann doch nicht aufgehalten, scheint mir.«
    »Nein. Ich hatte es Teo ausgeredet. Wir hatten noch einen weiten Weg, und
ich wollte ins Quartier kommen.«
    Christian erinnerte sich jetzt genau. Es war Abend geworden, als das Auto
langsam durch die Strassen der Maschinenstadt fuhr. Er hatte sich dem Wunsch
seines Vetters gefügt, aber plötzlich war der Widerwille gegen diese Welt aus
Rauch und Staub und Schweiss und Eisen erwacht; er hatte den Wagen nicht
verlassen gewollt und dem Lenker befohlen, das Tempo zu beschleunigen.
    Gleichwohl erinnerte er sich des Höllengesangs, zu dem Stahlschlag und
Radgesurr sich verbündeten; er hörte noch das Donnern, Pfeifen, Zischen,
Kreischen und Fauchen; sah noch das Vorüberziehen von Schmieden, Walzen, Pumpen,
Dampfhämmern, Gebläsen, Hochöfen, Schmelzöfen, Giessereien, Kesselhäusern; die
Tausende geschwärzter Gesichter; ein menschenähnliches Geschlecht, aus Kohle
gemacht, behaucht von Weiss- und Rotgluten; elektrische Nebelmonde, die durch den
Raum tanzten; Totenkarren gleichende Fahrzeuge, von einer violetten Dämmerung
verschlungen; die Wohnstätten in einem Schein von Behäbigkeit und einem Sein von
unergründlicher Traurigkeit, die Badehäuser, Lesehallen, Vereinshäuser, Krippen,
Spitäler, Säuglingsheime, Warenhäuser, Kirchen und Kinoteater. Dies Gepräge von
Zwang und Fron, von Pferch und Aufputz, von Hässlichem, Allerhässlichstem auf
Erden, das überschminkt, von Drohendem, das gefesselt und erstickt war.
    Vetter Friesen erschöpfte sich in staunenden Ausrufen; Christian hatte erst
wieder frei aufgeatmet, als der Wagen über die Landstrasse raste, in panischer
Flucht vor dem lodernden Grauen.
    »Und seitdem warst du nicht mehr dort?« fragte Albrecht Wahnschaffe.
    »Seitdem nicht mehr.«
    Sie standen eine Weile schweigend voreinander. Albrecht Wahnschaffe ergriff
die Hündin Freia beim Halsband und sagte mit merklicher Überwindung: »Geh mit
dir zu Rate, du hast Zeit; ich dränge dich nicht; ich werde warten. Wenn du die
Umstände erwägst und dich selber prüfst, wirst du zu der Einsicht gelangen, dass
ich dein Glück im Auge habe. Antworte mir also jetzt nicht, und wenn du mit dir
im reinen bist, lass mich deinen Entschluss wissen.«
    »Ich bitte um die Erlaubnis mich zurückziehen zu dürfen,« sagte Christian.
Albrecht Wahnschaffe nickte, Christian verbeugte sich und ging.
    Am andern Morgen fuhr er wieder nach Christiansruh.
 
                                       18
In einer Nebenstrasse des belebtesten Viertels von Buenos Aires stand ein Haus,
das der Familie Gunderam gehörte. Die Eltern Gottfried Gunderams hatten es
gekauft, als sie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nach Argentinien gekommen
waren. Damals war es billig gewesen; die Entwicklung der Stadt hatte inzwischen
ein Objekt von hohem Wert aus ihm gemacht. Gottfried Gunderam erhielt
verlockende Angebote, nicht bloss von Privatleuten, sondern auch von der
Gemeinde, die das baufällige Haus niederreissen lassen wollte, um an seiner
Stelle einen modernen Mietspalast zu errichten.
    Aber Gottfried Gunderam blieb gegen alle Versuchungen taub. »Das Haus, in
dem meine Mutter ihr Leben beschlossen hat, kommt nicht in fremde Hände, solang
ich noch einen Atemzug in mir habe,« erklärte er.
    Diese Hartnäckigkeit beruhte nicht so sehr auf kindlicher Pietät als
vielmehr auf einem Aberglauben, der so stark war, dass er sogar seine Geldgier
zum Schweigen brachte. Er fürchtete, die Mutter werde aus dem Grab aufstehen und
sich an ihm rächen, wenn er das Stammhaus der Familie veräusserte und zerstören
liess. Gedeihen, Reichtum, gute Ernten und hohes Alter hingen nach seiner Meinung
davon ab. Kein Unberufener durfte das Haus betreten.
    Das Haus wurde von den Söhnen und Verwandten spöttischerweise der Escurial
genannt; aber Gottfried Gunderam nahm von dem Spott keine Notiz und hatte sich
allmählich daran gewöhnt, das Haus ebenfalls und in allem Ernst den Escurial zu
nennen.
    Einst, lange vor seiner Reise nach Deutschland, hatte Stephan dem Alten in
einer Stunde, wo er getrunken hatte und bei guter Laune war, das Versprechen
abgelistet, dass er den Escurial bekommen sollte, wenn er heiraten würde. Als er
nun Lätizia heimgeführt hatte, rechnete er mit diesem Versprechen. Er wollte
sich in Buenos Aires als Advokat niederlassen und die verlotterte Ruine, den
Escurial, in einen behaglichen Wohnsitz verwandeln.
    Er erinnerte den Vater an seine Zusage. Jedoch der Alte leugnete sie ihm
rundweg ab. »Kannst du mirs schwarz auf weiss zeigen?« fragte er augenzwinkernd;
»kannst dus nicht? Was willst du dann von mir? Was bist du für ein
Rechtsgelehrter, wenn du ohne schwarz auf weiss eine Forderung realisieren
willst?«
    Stephan schwieg; er begnügte sich damit, den Alten von Zeit zu Zeit zu
mahnen, kalt, metodisch und ruhig.
    Der Alte sagte: »Das Weib, das du dir genommen hast, ist nicht nach meinem
Geschmack. Sie passt nicht in unsre Verhältnisse. Sie ist eine Bücherleserin,
pfui Teufel; ein weisshäutiges Püppchen ohne Rasse. Sie soll zufrieden sein mit
dem, was sie hat. So dumm bin ich nicht, dass ich mich euretwegen in Unkosten
stürze. Den Escurial zum Wohnen einzurichten, ist ein teurer Spass, und Geld hab
ich keins, absolut keins.«
    Stephan schätzte das Barvermögen seines Vaters auf vier bis fünf Millionen
Franken. »Du bist mir mein Erbteil schuldig,« erwiderte er.
    »Ich bin dir einen Stoss in die Zähne schuldig,« gab der Alte grimmig zurück.
    »Ist das dein letztes Wort?«
    Der böse Greis antwortete: »Mein letztes Wort sag ich noch lange nicht. Noch
mindestens ein Dutzend Jahre nicht. Aber wir wollen einen Vergleich schliessen,
denn ich lebe mit den Meinen gern in Frieden. So höre: Wenn dein Weib
niederkommt und einen Jungen auf die Welt bringt, sollt ihr den Escurial haben
und fünzigtausend Pesos obendrein.«
    »Gib mirs schriftlich, damit ichs schwarz auf weiss habe.«
    Der Alte lachte trocken. »Bravo,« rief er und kniff die Augen zusammen,
»jetzt bist du klug, ein kluger Rechtsgelehrter. Man sieht doch wenigstens, dass
die Tausende nicht umsonst verstudiert sind.« Und mit auffallender Willigkeit
setzte er sich an den Schreibtisch und verfasste die geforderte Erklärung.
    Ein paar Wochen später sagte Stephan zu Lätizia: »Wir fahren heute in die
Stadt, ich will dir den Escurial zeigen.«
    Die einzige Bewohnerin des Escurial war eine neunzigjährige Mulattin, und um
sie aus ihrer Höhle zu locken, musste man Steine ins Fenster werfen. Dann
erschien sie, krumm, halb blind, in Lumpen gehüllt und mit einem gelben Auswuchs
auf der Stirn.
    Die Strasse war vor einem Jahrhundert um einen Meter tiefer gelegt worden,
deshalb war es nötig, dass vom Tor des Hauses eine Leiter herabgelassen wurde;
die mussten Stephan und Lätizia erklimmen. Innen war alles verfault und
vermodert, die Möbel und die Dielen. In den Ecken ballten sich Spinnweben wie
Wolken, und fette, haarige Spinnen glotzten hervor. Die Tapeten hingen in Fetzen
von den Wänden, die Fensterscheiben waren zerbrochen, die Kamine eingestürzt.
    Aber in einem Raum, dem Sterbezimmer der Stammutter, stand ein Tisch mit
schöner Intarsia, ein antikes Stück aus einem Sieneser Kloster. Die Intarsia
zeigte zwei Engel, die Palmenzweige gegeneinander neigten, und zwischen ihnen
kauernd einen Adler. Auf dem Tisch lagen alle Juwelen, die die Verstorbene
besessen; Broschen, Ketten, Ohrgehänge, Ringe und Armbänder lagen hier seit Jahr
und Tag, von dickem Staub bedeckt und durch den gespenstischen Ruf des alten
Hauses besser geschützt als durch die vergitterten Fenster.
    Lätizia war erschrocken und dachte: Hier soll ich wohnen, wo vielleicht
Geister in der Nacht erscheinen, um sich zu schmücken?
    Jedoch als Stephan ihr seine Umbau- und Erneuerungspläne auseinandersetzte,
wurde sie froh, und gleich verwandelten sich die Räume, in denen Verwesung
herrschte, in einladende Gemächer, zierliche Boudoirs, helle, kühle Säle mit
hohen Fenstern und Treppenaufgänge mit Teppichen und Estraden.
    »Es liegt nur an dir, uns zu einem glücklichen und schönen Heim
baldmöglichst zu verhelfen,« sagte Stephan; »ich für meine Person tue meine
Pflicht; von dir kann man dasselbe nicht behaupten.«
    Lätizia schlug die Augen nieder; sie kannte die Bedingung des alten
Gunderam.
    Von Frist zu Frist musste sie ihre fehlgeschlagene Hoffnung bekennen. Der
Escurial lag nach wie vor im Totenschlaf, und Stephans Gesicht wurde immer
finsterer. Er schickte sie in die Kirche, dass sie beten solle; er streute
gemahlene Walnüsse auf ihr Bett; er gab ihr Knochenpulver, in Wein gelöst, zu
trinken; er liess eine Frau kommen, die wirksamer Sprüche mächtig war, und
Lätizia musste sich vor ihr entkleiden und ihren Leib, um den sieben brennende
Kerzen aufgestellt waren, der zauberkräftigen Beschwörung unterwerfen. Und sie
ging in die Kirche und betete, obwohl sie an das Gebet nicht glaubte, keine
Andacht verspürte und von Gott nichts wusste. Sie erschauerte bei dem Gemurmel
der italienischen Hexe, obwohl sie sich, wenn alles vorbei war, über das
Kauderwelsch und den Hokuspokus lustig machte.
    Sie zeugte im Geiste das Bild des Kindes, das ihr der Leib versagte. Sie sah
es, unbestimmten Geschlechts, aber vollkommen in der Schönheit. Es blickte sie
mit sanften Rehaugen an. Es hatte die Züge eines Raffaelschen Engels und die
zarte Seele einer Ode von Hölderlin. Es war zu grossen Dingen erkoren, und ein
schwindelnder Lebensaufstieg stand ihm bevor. Der Gedanke an dies Traumwesen
erfüllte sie mit schwärmerischen Empfindungen, und sie wunderte sich über
Stephans Zorn und wachsende Ungeduld. Sie wunderte sich und war sich keiner
Schuld bewusst.
    Stephans Mutter, Donna Barbara, wie sie genannt wurde, sagte zu ihrem Sohn:
»Ich habe deinem Vater acht geschenkt; acht lebendige Menschen. Drei sind
gestorben, vier sind Männer geworden, deine Schwester Esmeralda will ich gar
nicht zählen. Warum ist jene unfruchtbar? Züchtige sie, mein Sohn, schlage sie.«
    Da griff Stephan zähneknirschend nach seinem Ochsenziemer.
 
                                       19
Es war Abend und Christian ging ins Försterhaus. Schon war ihm der Weg
selbstverständlich; über das Zwangvolle, das ihn hintrieb, gab er sich keine
Rechenschaft.
    Amadeus Voss sass bei der Lampe und las in einem abgegriffenen Buch. Durch die
zweite Tür im Zimmer entuschte ein Schatten, seine Mutter.
    Nach einer Weile fragte Voss: »Wollen Sie morgen mit mir nach Nettersheim
gehen?«
    »Was soll ich dort?« fragte Christian zurück.
    Voss wandte sich ganz zu ihm; seine Brillengläser flimmerten ins Dunkel
hinein. »Vielleicht ist sie schon tot,« murmelte er.
    Er trommelte mit den Fingern auf seinen Knien. Da Christian schwieg, begann
er von der Magd Walpurga zu erzählen, die beim Grossbauern Borsche, seinem Onkel,
in Diensten stand.
    »Sie ist im Dorf geboren, eine Häuslerstochter. Mit fünfzehn Jahren ging sie
in die Stadt. Sie hatte viel gehört von dem schönen Leben in der Stadt und
glaubte es wunder wie weit zu bringen. Sie kam in verschiedene Häuser, zuletzt
zu einem Kaufmann; da war ein Sohn, der verführte sie, und wie es zu geschehen
pflegt, man jagte sie davon. So ist es eben, dass diejenigen, die ohnehin die
Opfer sind, auch noch die Strafe erleiden müssen.
    Sie gebar ein Kind; das Kind starb. Mit ihr selber aber ging es tiefer und
tiefer herab. Sie fiel einem Mädchenhändler als Beute zu, der brachte sie in ein
Bordell, dort war ihres Bleibens nicht lange, danach wurde sie Strassendirne. Es
war in Bochum und in Elberfeld, wo sie diesen Beruf ausübte, und es war ihr
nicht wohl dabei, und sie kam ins Elend. Eines Tages wurde sie von Heimweh
erfasst, sie raffte ihre letzte Kraft zusammen und kehrte ins Dorf zurück,
bettelarm und krank am Körper, doch gewillt, sich ihr Brot zu erarbeiten,
gleichviel um welchen Lohn und durch welche Plage.
    Aber niemand wollte sie nehmen. Ihre Eltern waren tot, Verwandte hatte sie
keine, so war sie der Gemeinde zur Last, und man liess es sie entgelten. Eines
Sonntags geschah es, dass der Geistliche von der Kanzel herab gegen sie wetterte.
Zwar nannte er ihren Namen nicht, aber er sprach vom Lotterleben und vom
Sündenpfuhl und von der Heimsuchung und von der Strafe und wie der Zorn des
Herrn sich so sichtbar an einem Beispiel erfüllt habe, das vor aller Augen
stehe. Da war sie gebrandmarkt und der öffentlichen Verachtung preisgegeben und
beschloss, ihrem Dasein ein Ende zu machen. An einem Abend, als der Grossbauer
Borsche vom Wirtshaus heimging, sah er eine Frauensperson in grässlichen
Zuckungen mitten auf der Strasse liegen. Es war Walpurga, die Stadture, wie sie
im Dorf allgemein geheissen wurde. Kein Mensch war in der Nähe; der Bauer hob sie
auf seinen breiten Rücken und trug sie in seinen Hof. Sie hatte von vielen
Zündhölzern den Phosphor abgeschabt und gegessen, und das bekannte sie. Da liess
ihr der Bauer Milch reichen, sie erholte sich und durfte auf dem Hof bleiben.
    Manchen Tag konnte sie arbeiten und sich aufs Feld schleppen, manchen wieder
nicht, da verkroch sie sich in einen Winkel und streckte sich hin. Die Knechte,
so viel ihrer waren, betrachteten ihren Leib als herrenloses Gut, und dagegen
half kein Sträuben. Erst als der Bauer zornig dazwischenfuhr, wurde es besser.
Sie war erst dreiundzwanzig Jahre alt und hatte trotz Krankheit und erlittenen
Elends ein blühendes Aussehen bewahrt; ihre Wangen waren immer gerötet, ihre
Augen glänzten frisch. Und wenn sie nun nicht zur Arbeit ging wie die andern
Mägde, so zogen diese über sie her und hiessen sie ein betrügerisches Mensch.
    Vor zwei Wochen kam ich auf einer Wanderung nach Nettersheim und kehrte bei
Borsches ein. Sie bewillkommten mich freundlich, denn da sie mich als künftigen
Geistlichen ansehen, gelte ich etwas bei ihnen. Sie redeten auch von Walpurga;
der Bauer erzählte mir ihre Geschichte und bat, ich möge doch einmal zu ihr
gehen und ihm sagen, ob ich ihre Krankheit für Verstellung halte. Auf meinen
Einwand, weshalb er nicht den Arzt zu Rate ziehe, erwiderte er, der Doktor aus
Heftrich sei bei ihr gewesen, habe jedoch nichts ausfindig machen können.
Hierauf ging ich zu ihr. Sie lag im Stall, durch eine Bretterwand vom Vieh
getrennt, vor der Erdbodenkälte durch eine Schicht Streu geschützt, eingehüllt
in eine alte Pferdedecke. Ihre gesunden Farben und ihre volle Gestalt täuschten
mich nicht, und ich sagte zum Bauern: Die glimmt nur noch so hin. Er und die
Bäuerin schienen mir zu glauben, aber als ich sie aufforderte, die Kranke
anständig unterzubringen und zu verpflegen, zuckten sie die Achseln und meinten,
wärmer als im Stall sei es nirgends, und wer solle sich um ein so gemiedenes und
armseliges Weibermensch gross kümmern und in Unbequemlichkeiten stürzen?
    Am dritten Tag ging ich wieder hinüber und dann jeden andern Tag. Meine
Gedanken konnten sich nicht mehr von ihr losreissen. In meinem ganzen Leben hat
mir kein Mensch so ins Herz gegriffen. Sie konnte jetzt nicht mehr aufstehen,
das sahen sogar die Böswilligsten. Ich sass bei ihr im dunstigen Verschlag, auf
einer Holzbank neben der Streustelle. Mit jedem Mal wurde sie froher, wenn ich
kam. Unterwegs pflückte ich Feldblumen, die hielt sie in den gefalteten Händen
über der Brust fest. Man hatte ihr gesagt, wer ich sei, und allmählich hatte sie
eine Menge Fragen an mich zu stellen. Sie wollte wissen, ob es ein ewiges Leben
und eine ewige Seligkeit gebe. Sie wollte wissen, ob Christus auch für sie am
Kreuz gestorben sei. Sie hatte Angst vor den Qualen des Fegefeuers und sagte,
wenn es so schlimm sei wie alles, was sie unter den Menschen erfahren, jammere
sie ihr unsterbliches Teil. Darin war keine Schmähung und keine Klage; sie
wollte bloss wissen.
    Und was konnte ich antworten? Dass Christus auch für sie das Kreuz auf sich
genommen, versicherte ich ihr. Das übrige Fragen liess mich stumm. Man ist so
stumm und wild, wenn ein lebendiges Herz nach Wahrheit verlangt, und der
gefrorene Christ da drinnen möchte auftauen zu neuem Tag und neuer Sonne. Sie
verbrennen im Fegefeuer und fragen, wann es sie umfangen wird. Im Schwarzen
sehen sie die Schwärze nicht, mitten in Flammen nicht den Brand. Wo ist Satans
wahres Reich, hier oder dort? Und wo dort, auf welchem Stern, der noch
verfluchter wäre? Man stösst den Armen aus dem Wege, steht geschrieben, sämtlich
verkriechen müssen sich die Bedrängten des Landes; aus Städten röcheln
Sterbende, die Seele tödlich Verwundeter schreit, und doch stellt Gott das
Unrecht nicht ein. Und es steht geschrieben, dass der Herr zu Satan sprach: Woher
kommst du? Und Satan antwortete: Vom Herumziehen auf der Erde und vom Aufspüren
auf der Erde.
    Sie bat mich, ihr Absolution von ihren Sünden zu geben, und sie beichtete
mir ihre Sünden. Aber nichts von dem, was ihr sündig war, erschien mir sündig.
Ich sah die Ödnis und Verlassenheit; die öden Stuben sah ich, die schaurigen
Wände, die Strassen bei der Nacht mit flackernden Laternen, die einsamen Menschen
mit ihren Augen ohne Gnade, und des Wortes gedachte ich: Man bricht im Dunkel in
die Häuser, bei Tage sperren sie sich ein und kennen nicht das Licht. Das sah
ich, das dachte ich, und ich sprach sie frei von Schuld, auf mein Gewissen. Ich
sprach sie frei und verhiess ihr das Paradies. Da lächelte sie mich an, bat mich
um meine Hand und küsste sie, eh ich es hindern konnte. Das war gestern.«
    Amadeus schwieg. »Das war gestern,« wiederholte er nach langem Sinnen, »und
heute bin ich nicht hingegangen aus Furcht vor ihrem Sterben. Sie ist vielleicht
schon tot.«
    »Wenn Sie jetzt noch gehen wollen, ich bin bereit,« sagte Christian
schüchtern. »Es ist nur eine Stunde Wegs, ich begleite Sie.«
    »So gehen wir also,« erwiderte Voss aufatmend und erhob sich.
 
                                       20
Eine Stunde später waren sie im Hof des Grossbauern. Die Stalltür war offen.
Knechte und Mägde standen davor. Ein alter Knecht hielt eine Laterne hoch im
Arm, und alle schauten hinein in den Holzverschlag. Ihre Gesichter in dem
bewegten und ungenügenden Licht zeigten eine verwunderte Andacht. Drinnen auf
der Streu lag der Leichnam der Walpurga mit Wangen wie Rosen. Nichts in dem
Antlitz erinnerte an den Tod, alles an einen friedlichen Schlaf.
    Auf der Holzbank brannte in einem Leuchter eine Kerze. Sie war nah am
Verlöschen.
    Amadeus Voss schritt durch die Gruppe der Knechte und Mägde hindurch und
kniete zu Füssen der Leiche nieder. Der alte Knecht, der die Laterne hielt,
flüsterte etwas, da knieten auch die Knechte und Mägde auf den Boden und
falteten die Hände.
    Eine Kuh blökte laut, dann hörte man nur das Klingeln der Glocken am Hals
der beunruhigten Rinder. Die Dunkelheit im Stall, das Antlitz der Toten, das wie
ein gemaltes Bild war, die vom Licht der Laterne gelb beglühten Gesichter der
Knienden mit ihren stumpfen Stirnen und hartgeschlossenen Lippen; das alles sah
Christian mit aufgelockertem Gefühl.
    Er war im Hof stehengeblieben, in der Finsternis.
    Als Amadeus Voss wieder zu Christian hinausgetreten war, kam der Schreiner
des Dorfs, um an der Toten das Mass für den Sarg zu nehmen. Sie begaben sich auf
den Heimweg, ohne miteinander zu sprechen.
    Mitten im Gehen hielt Christian plötzlich inne. Es war bei einem Wegweiser;
er umklammerte den Pfahl mit beiden Händen, legte den Kopf zurück und blickte
mit tiefer Gespannteit in die ziehenden Nachtwolken. Da hörte er Amadeus Voss
sagen: »Wärs möglich? Wärs möglich?«
    Christian wandte ihm das Gesicht zu.
    »Mir wird in Ihrer Nähe ganz eigen, Christian Wahnschaffe,« sagte Voss tonlos
und gepresst; dann murmelte er vor sich hin: »Wärs möglich? Könnte das
Ungeheuerliche geschehen?«
    Christian schwieg, und sie gingen weiter.
 
                                       21
Crammon hatte Gäste. Nicht bei sich zu Hause, dort verboten sich gewisse
Zusammenkünfte durch die respektable und unschuldige Nähe der beiden alten
Fräuleins Aglaja und Konstantine von selbst. Es wäre kummervoll und eine nicht
zu verwindende Enttäuschung für die guten Damen gewesen, die von der
Tugendhaftigkeit ihres Gebieters und Beschützers so überzeugt waren wie von des
Kaisers Majestät.
    In früheren Jahren hatte es allerdings bisweilen geschienen, als wandle der
Angebetete nicht immer auf einwandfreien Pfaden. Man hatte ein Auge zugedrückt.
Jetzt aber, so gesetzt und sonor, wie er sich gab, wagte sich kein Zweifel mehr
an ihn.
    Crammon hatte seine Gäste in den Sonderraum eines vornehmen Hotels geladen,
in welchem er bekannt und hoch geehrt war. Die Gesellschaft setzte sich zusammen
aus einigen jungen Männern von Adel, gegen die er Verpflichtungen hatte, und,
was den weiblichen Teil betraf, aus einem Vierteldutzend Schönheiten, gerade so
unterhaltsam, so elegant und so willig, als es für den Zweck wünschenswert war.
Crammon nannte sie seine Freundinnen, aber es war etwas Schläfriges und
Verdriessliches in der Art, wie er sie behandelte; er gab ihnen einfach zu
verstehen, dass er nur der geschäftliche Leiter der Partie und mit seinem Herzen
ganz und gar nicht bei der Sache sei.
    In der Tat war niemand zugegen, für den er nicht Gleichgültigkeit empfunden
hätte. Am sympatischsten war ihm der alte Klavierspieler mit den langen grauen
Locken, der immer die Augen schloss und träumerisch lächelte, wenn er ein
melancholisches oder schmachtendes Stück vortrug, genau wie vor zwanzig Jahren,
als Crammon noch ein Himmelstürmer gewesen war. Er steckte ihm Süssigkeiten und
Zigaretten zu und klopfte ihm manchmal liebreich auf die Schulter.
    Die Tafel bog sich unter der Last der Speisen und der Weine. Man streute
Pfeffer in den Sekt, um den Durst zu steigern. Die Herren vergnügten sich beim
Kirschenessen damit, dass sie die Kerne in die Halsausschnitte der Damen warfen,
diesen wieder gelang immer besser der Versuch, das Gesetz der Erdanziehung zu
umgehen; ihre reizenden Schuhe und in Seide und Spitzen raschelnden Beine waren
an Orten zur Schau gestellt, wo man vordem ehrbar und vertikal gelebt hatte. Die
beweglichste unter ihnen, eine beliebte Soubrette, erstieg die Plattform des
Flügels, und begleitet von dem graugelockten Künstler schmetterte sie das
Couplet der letzten Mode in den Raum.
    Die jungen Leute sangen die wiederkehrende Endstrophe mit.
    Crammon klatschte mit je zwei Fingern Beifall. »Es zwickt mich etwas,« sagte
er leise in den Lärm hinein. Er stand auf und verliess das Zimmer.
    Im Korridor lehnte einsam und etwas müde der Oberkellner Ferdinand an einem
Spiegelrahmen. Eine zarte Vertraulichkeit von zwei Dezennien verband Crammon mit
diesem Mann, der nie in seinem Leben indiskret gewesen war, so viele Geheimnisse
er auch schon erlauscht hatte.
    »Böse Zeiten, Ferdinand, die Welt liegt im argen,« sagte Crammon.
    »Man muss es nehmen, wie es kommt, Herr von Crammon,« tröstete der Würdige
und überreichte die Rechnung.
    Crammon seufzte. Er gab Auftrag, den Herrschaften, falls sie nach ihm
fragten, zu melden, dass er sich unpässlich gefühlt habe und nach Hause gegangen
sei.
    »Es zwickt mich etwas,« sagte er, als er auf der Strasse ging. Wieder einmal
beschloss er zu reisen.
    Er sehnte sich nach dem Freund. Ihm schien, er habe keinen Freund gehabt
ausser jenem, der ihn von sich gestossen.
    Er sehnte sich nach Ariel. Ihm schien, er habe nie ein Weib besessen, weil
die seiner nicht geachtet, die ihm Inbegriff von Genius und Anmut war.
    An der Treppe vor der Wohnungstür stand Fräulein Aglaja. Sie hatte ihn
kommen gehört und war vor die Tür geeilt. Crammon erschrak, denn es war spät in
der Nacht.
    »Es ist eine Dame im Salon,« flüsterte Fräulein Aglaja; »seit acht Uhr
abends sitzt sie da und wartet. Sie hat uns so flehentlich gebeten, bleiben zu
dürfen, dass wir nicht das Herz hatten, sie wegzuschicken. Es ist eine noble
Dame, ein liebes Gesicht -«
    »Hat sie ihren Namen genannt?« fragte Crammon mit unheildrohenden Falten auf
der Stirn.
    »Das wohl nicht -«
    »Leute, die meine Wohnung betreten, haben ihren Namen zu nennen,« brauste
Crammon auf; »bin ich ein Bahnhof? Bin ich eine Wärmestube? Gehen Sie hinein und
fragen Sie, wer sie ist. Ich bleibe indessen hier.«
    Nach ein paar Minuten kam das Fräulein zurück und sagte in mitleidigem Ton:
»Sie schläft. Sie ist im Sessel eingeschlafen. Sie können sie aber sehen; ich
habe die Tür ein wenig offen gelassen.«
    Auf den Fussspitzen schlich Crammon über den Flur und spähte in das
erleuchtete Zimmer. Er erkannte die Schlafende sogleich. Es war Elise von
Einsiedel. Sie schlummerte mit zurückgelehntem und zur Seite geneigtem Kopf. Ihr
Gesicht war blass, die Augen waren dunkel umrändert, der linke Arm hing schlaff
herab.
    In Hut und Mantel stand Crammon, düster blickend. »Unseliges Kind,« murmelte
er.
    Mit aller Vorsicht, deren er fähig war, schloss er die Tür, dann zog er
Fräulein Aglaja zur Treppe hinaus und sagte: »Die Anwesenheit einer Dame
verbietet mir selbstverständlich, in meinem Hause zu übernachten. Ein Bett für
mich wird sich irgendwo finden. Ich hoffe, Sie billigen meinen Entschluss.«
    Von soviel Sittenstrenge und Entaltsamkeit hingerissen, sah ihn Fräulein
Aglaja wortlos an. Crammon fuhr fort: »Morgen mit dem frühesten packen Sie meine
Koffer und bringen sie mir um halb elf Uhr zum Ostendexpress. Konstantine mag Sie
begleiten, damit ich von euch beiden Abschied nehmen kann. Die Dame drinnen soll
bleiben, solang es ihr gefällt. Bewirten Sie sie; erfüllen Sie ihr jeden Wunsch;
sie hat Kummer und bedarf der Schonung. Wenn sie sich nach mir erkundigt, sagen
Sie, ich sei wegen dringlicher Geschäfte abgereist.«
    Hiermit ging er die Treppe hinunter. Bestürzt und wehmütig blickte ihm
Fräulein Aglaja nach. »Gute Nacht, Aglaja,« rief er vom Hausflur aus noch einmal
zurück. Dann fiel das Tor ins Schloss.
 
                                       22
Es war in den letzten Tagen des April, als Christian eine Depesche Eva Sorels
erhielt. Der Wortlaut war: Eva Sorel wird vom dritten bis zum zwanzigsten Mai im
Hotel Adlon in Berlin sein und erwartet Christian Wahnschaffe dort mit
Bestimmteit.
    Christian las die Zeilen mehrere Male. In seinem innern und in seinem äussern
Leben hatte sich alles zu einem Wendepunkt vorbereitetet. Er wusste, dass dieser
Ruf eine Entscheidung für ihn bedeutete, deren Art und Tragweite ihm jedoch
unbekannt war.
    Seit einigen Wochen war eine Unruhe in ihm, die in der Nacht zu
stundenlanger Schlaflosigkeit wuchs. An manchen Tagen hatte er das Auto kommen
lassen, um in eine der nahen Städte zu fahren. Wenn der Wagen auf halbem Wege
war, befahl er dem Chauffeur, umzukehren.
    Er war nach Waldleiningen gegangen und hatte seine Pferde geliebkost und mit
seinen Hunden gespielt. Da hatte ihn das Gefühl eines Schülers überfallen, der
sich durch lügenhafte Entschuldigungen Freiheit verschafft, und seine Lust an
den Tieren war dahin gewesen. Seinen Lieblingshund, eine herrliche graue Dogge,
umschlang er beim Abschied, und während sie einander in die Augen blickten,
schien Christian, der entlaufene Schüler, sagen zu wollen: Ich muss erst meine
Prüfung ablegen, worauf der Hund antwortete: Ich begreife, du musst fort.
    Auch Sir Denis Lays Vollblut, das sich wieder erholt hatte, sagte mit
zärtlicher Drehung des überschlanken Halses: Ich begreife, du musst fort.
    Dass das Vollblut beim Rennen in Baden-Baden laufen sollte, war ausgemacht;
der irische Jockei war voll Zuversicht. Aber am Tage, nachdem Christian
Waldleiningen verlassen hatte, wurde ihm mitgeteilt, das Tier sei wieder
anfällig geworden. Christian dachte: Sicher hab ich ihm mit meiner Liebe zu
stark zugesetzt; es entbehrt nun die Hand, die ihm so schöngetan; wie einsam muss
es sich fühlen ohne die Hand, die es liebte.
    Mit Anbruch des Frühlings waren täglich Gäste aus den Städten nach
Christiansruh gekommen. Doch Christian hatte selten jemand empfangen. Einen
allein ertrug er schwer. Wenn es zwei waren, gaben sie einander Rede und Antwort
und erleichterten ihm das Schweigen.
    Eines Tages kamen Konrad von Westernach und Graf Prosper Madruzzi mit Grüssen
von Crammon. Sie befanden sich auf einer Reise nach Holland. Christian lud sie
zum Essen, war aber äusserst wortkarg. Konrad von Westernach sagte später in
seiner derben Art zu Graf Prosper: »Was für ein wunderliches Lächeln der Mensch
an sich hat; man weiss nicht, ist er ein bisschen albern oder macht er sich über
einen lustig.«
    »Es ist wahr,« bestätigte der Graf, »man weiss nie, wie man mit ihm dran
ist.«
 
                                       23
Christian hatte dem Diener Befehle wegen der Reise erteilt und war in die
Treibhäuser gegangen, wo die Gärtner arbeiteten. Inzwischen war die Dämmerung
eingebrochen. Tagsüber hatte es geregnet, jetzt tropften nur noch die Bäume. Das
junge Grün hob sich leuchtend gegen die Abendröte ab; die Fenster des schönen
Hauses waren in Gold getaucht.
    »Herr Voss ist in der Bibliotek,« meldete der älteste Diener.
    Christian hatte Amadeus Voss aufgefordert, er möge sich der Bibliotek nach
seinem Gefallen bedienen, ohne Rücksicht, ob er selbst zu Hause war oder nicht.
Die Dienstleute waren entsprechend unterrichtet. Voss hatte sich erboten, einen
Katalog anzufertigen; bis jetzt hatte er keine Anstalten dazu getroffen; er
stöberte bloss, und wenn ihn ein Buch interessierte, fing er an zu lesen und
vergass die Zeit.
    Auch im Biblioteksaal lag die Abendröte. Voss war gerade beschäftigt, eine
Menge Bücher, fünfzig oder sechzig, die er aus den Regalen genommen, auf dem
grossen Eichentisch in Stössen aufzuschichten.
    »Wozu tun Sie das, Amadeus?« fragte Christian zerstreut.
    »Die möchte ich mit Ihrer Erlaubnis sämtlich verbrennen,« antwortete Amadeus
Voss.
    Christian wunderte sich. »Warum denn?« fragte er.
    »Weil mich nach einem Autodafe gelüstet. Es ist nichtsnutziger und
verworfener Kram, die Pest eitler und träger Gehirne. Spüren Sie nicht das Gift
davon in der Atmosphäre?«
    »Nein, ich spüre nichts,« erwiderte Christian, dessen Zerstreuteit zunahm,
»aber verbrennen Sie sie nur, wenn es Ihnen Freude macht,« fügte er hinzu.
    Amadeus Voss, der seit drei Uhr nachmittags in der Bibliotek war, hatte hier
etwas Merkwürdiges erlebt. Beim Herumsuchen in den Regalen hatte er in einem von
ihnen ein Paket zusammengebundener Briefe entdeckt; es war vermutlich durch
Zufall hinter die Bücher geraten und dort vergessen worden. Er hatte ein paar
Zeilen des zu oberst liegenden Briefes gelesen; aus den ersten Worten schon
hauchte ihm die Glut einer Seele entgegen. Da hatte er sich nicht entalten
können, das Paket aufzuschnüren; er war mit den Briefen in einen Winkel
geschlichen und hatte sie der Reihe nach mit fiebernden Blicken durchflogen.
    Einige waren datiert; das Datum war zwei Jahre alt. Unterschrieben waren sie
nur mit einem F. Eine solche Fülle der Liebe, der Hingebung, der Vergötterung,
der Entselbstung lag in jedem Ausdruck, in jeder Wendung, in jedem Bild, ein so
wilder und zugleich geistig duftender Strom von Zärtlichkeit, Schmerz, Glück und
Sehnsucht, dass Amadeus Voss aus einer Schein- und Schattenwelt in eine wirkliche
schlüpfte, in der doch alles wieder nur gedichtet und ihm hingestellt war als
betrügerische Lockung.
    Und diese unbekannte F., dieses beredte, glänzende, ergriffene und für ihn
namenlose Wesen, wo war sie jetzt? Was hatte sie mit ihrer Liebe gemacht?
Zwischen manchen Blättern lagen gepresste Blumen; war die Hand schon verwelkt,
die sie gepflückt? Und was hatte er aus dieser Liebe gemacht, der demütig
Umworbene, der achtlose Verschwender? Dem damals Zwanzigjährigen war doch nur
Zeitvertreib gewesen, was dies erfüllte Herz als Schicksal traf, und er hatte es
zertreten und verbraucht, ein Reicher, der nicht zählt und rechnet.
    Je weiter er las, je tiefer bohrte sich der Stachel in Amadeus' Brust. Die
Telchinen bekamen Gewalt über ihn. Er wurde abwechselnd blass und rot. Seine
Finger zitterten; sein Gaumen vertrocknete; in seinem Kopf stach es wie mit
Nadeln. Wäre Christian jetzt eingetreten, er hätte sich in schäumendem Hass auf
ihn geworfen, um ihn zu würgen oder die Kehle zu durchbeissen. Hier war das
Unerringbare, das ewig verschlossene Tor, vor das der Dämon ihn hingeschmettert.
    Dumpf brütend sass er lange; dann, nach scheuem Umherblicken, steckte er die
Briefe in seine Tasche. Und dann erwachte die Begierde, etwas zu zerstören, zu
vernichten; er wählte Bücher als die Opfer dazu und wartete mit zurückgedrängter
Erregung auf Christians Kommen.
 
                                       24
»Es ist fast lauter zeitgenössischer Schund,« sagte er trocken und wies auf die
Bücher. »Geschichten wie aufgedröseltes Garn; verworren, ohne Anfang, ohne Ende.
Liest man eine Seite, so kennt man tausend. Sittenschilderungen mit dem Behagen
am Kleinen und Gemeinen. Die Gefühle wuchern wie Unkraut, und der Stil ist so
lärmend, dass einem Hören und Sehen vergeht. Liebe, Liebe und wieder Liebe. Oder
Elend, Elend und wieder Elend. Da sind auch Historien und Memoiren; der pure
Klatsch. Gedichte; schale Reimereien von Leuten, die sich aufplustern. Eine
Popularphilosophie; selbstgerechtes Geschwätz; ein überzeugter Pfaff ist mir
lieber. Was soll das alles? Lesen ist gut; wenn der Geist mich aufnimmt, ist es
gut, sich zu vergessen und zu verlieren. Aber der Ungeist hat keine Ehrlichkeit
und keine Phantasie; er ist ein Dieb und ein Schwindler.«
    »Verbrennen Sie sie nur,« wiederholte Christian und setzte sich abseits.
    Amadeus Voss ging zu dem Marmorkamin, der so gross war, dass ein Mann bequem
sein Lager darin aufschlagen konnte, und öffnete das geschmiedete Gitter. Dann
trug er die Bücher Stapel um Stapel hinüber und warf sie auf die steinernen
Platten. Als er alle hineingeworfen hatte, zündete er die Blätter eines Buches
an und schaute mit gesenktem Kopf zu, wie sich die Flamme verbreitete.
    »Sie wissen, Amadeus, dass ich Christiansruh verlasse,« wandte sich Christian
an ihn. Es war jetzt völlig dunkel geworden.
    Voss nickte.
    »Ich weiss nicht, auf wie lange,« fuhr Christian fort, »es kann lange dauern,
bis ich zurückkomme.«
    Amadeus Voss schwieg.
    »Was wollen Sie beginnen, Amadeus?« fragte Christian.
    Voss zuckte die Achseln. Unwillkürlich drückte er die Hand an die Brust,
dortin, wo die Briefe der Unbekannten waren.
    »Es ist eng und düster im Forstaus,« sagte Christian. »Wollen Sie nicht in
Christiansruh wohnen? Wenn Sie wünschen, ordne ich alles heute noch an.«
    »Machen Sie mich nicht durch Almosen zum Bettler, Christian Wahnschaffe,«
antwortete Voss. »Und wenn Sie mir das ganze Haus schenken, mit allen seinen
Gärten und Wäldern, so bin ich eben um das Haus und die Gärten und Wälder
ärmer.«
    »Das versteh ich nicht,« sagte Christian.
    Voss ging auf und ab. Der Teppich dämpfte seine starken Schritte.
    »Sie sind viel zu leidenschaftlich, Amadeus,« sagte Christian.
    Amadeus blieb vor einem in die Nische gebauten Pult stehen. Auf diesem lag
die alte Bibel, die Christian gekauft. Sie war aufgeschlagen. Die Flamme von den
brennenden Büchern loderte so hell, dass er die Worte lesen konnte. Er las eine
Weile still, dann nahm er das Buch, ging zum Kamin, setzte sich Christian
gegenüber und las laut:
    »Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und lass dein Herz guter Dinge sein
und folge den Gelüsten deines Herzens und den Blicken deiner Augen. Aber wisse,
dass dich Gott über dieses alles zu Gericht ziehen wird.«
    Die Stimme, sonst fast ohne Hebung, tönte bei dem Worte Gott wie eine
Glocke.
    »Gedenke an Gott in deiner Jugend, ehe kommen die Tage des Unglücks und die
Jahre, von denen du sagen wirst: sie gefallen mir nicht. Eh verdunkeln Sonne und
Tageslicht und Mond und Sterne und wiederkehren die Wolken nach dem Regen. Eh
die Hüter des Hauses zittern, und sich krümmen die Stärksten, und die Mühlen
stillstehen, weil es menschenleer geworden, und es denen dunkel wird, die durch
die Fenster sehen. Eh verschlossen bleiben die Strassentüren und man erwacht beim
Laut eines Vogels und verstummen die Töchter des Gesangs. Eh verachtet wird der
Mandelbaum, und lästig wird die Zikade, und die Kapern dahin sind, und der
Mensch in sein ewiges Haus geht. Eh der Silberstrick reisst, und die goldene
Ölflasche verrinnt, und der Eimer am Born zerbrochen und das Rad am Brunnen
zertrümmert wird ...«
    Er hielt inne. Christian, der kaum zuzuhören schien, hatte sich erhoben und
war dicht an das Gitter des Kamins getreten. Nun kauerte er sich mit
untergeschlagenen Beinen nieder und schaute mit einem Ausdruck heiteren Staunens
in die Flammen.
    »Schön ist das Feuer,« sagte er leise.
    Amadeus Voss starrte ihn sprachlos an. Plötzlich sagte er: »Lassen Sie mich
mit Ihnen gehen, Christian Wahnschaffe.«
    Christian wandte den Blick nicht vom Feuer.
    »Lassen Sie mich mit Ihnen gehen,« sagte Voss dringlicher; »es ist möglich,
dass Sie mich brauchen, gewiss aber ist, dass ich ohne Sie verloren bin. In mir ist
die Finsternis, in mir ist der Teufel. Sie allein können ihn bannen. Warum es so
ist, weiss ich nicht; dass es so ist, weiss ich. Lassen Sie mich mit Ihnen gehen.«
    Christian erwiderte: »Gut, Amadeus, Sie sollen bei mir bleiben. Ich will
einen haben, der bei mir bleibt.«
    Amadeus erbleichte, und seine Lippen bebten.
    Christian sagte: »Schön ist das Feuer.«
    »Es frisst das Unreine und ist rein,« murmelte Amadeus Voss.
 
                                Die nackten Füsse
                                       1
Die Gräfin Brainitz fuhr mit ihrer Gesellschafterin, dem Fräulein Stöhr, in der
Welt herum.
    Sie war bei einer uralten Fürstin Neukirch in Berchtesgaden zu Gast,
langweilte sich dort und ging nach Venedig, Ravenna und Florenz. Mit dem
Baedeker und dem Cicerone ausgerüstet, besah sie sich die Galerien, die Kirchen,
die Basiliken, die Palazzi, die Grabmäler, die Monumente und setzte das Fräulein
Stöhr durch ihre Unermüdlichkeit in Verzweiflung.
    Sie zankte mit den Gondolieri um das Fahrgeld, mit den Kellnern um das
Trinkgeld, mit den Geschäftsleuten um die Preise der Waren. Jede Münze hielt sie
für falsch und berührte aus Angst vor Schmutz und Ansteckung keine Türklinke,
keinen Stuhl, keine Zeitung und keines Menschen Hand. Sie wusch sich
ununterbrochen, kreischte ununterbrochen und erregte durch ihren Appetit
Aufsehen an der Table d'hote.
    Mit Groll im Herzen schied sie aus dem Land der Wunder und des kleinen
Betrugs. Sie besuchte ihre Neffen in Berlin, die Brüder Stojentin, die sich
hochentzückt zeigten, sie zu sehen und bei Austern und Champagner eine Anleihe
von tausend Mark bei ihr machten. Dann fuhr sie zu ihren Schwestern Hilde
Stojentin und Else von Febronius nach Stargard.
    Sie amüsierte sich über die Damen von Stargard, von denen ihr jede einen
Hofknicks schuldig zu sein glaubte. Bei den Kaffeekränzchen tronte sie in der
Mitte eines Kanapees, welches einen getüpfelten Kattunbezug hatte. Da erzählte
sie der andächtig lauschenden Runde Geschichten aus der grossen Welt. Sie waren
manchmal so gewagt, dass die Amtsrichterswitwe ihre gräfliche Schwester warnend
in den Arm zwickte.
    Frau von Febronius kränkelte seit Beginn des Winters. Durch eine
unvorsichtige Schlittenfahrt zog sie sich eine Brustfellentzündung zu, die
alsbald eine Wendung zum Schlimmen nahm. Die Gräfin, welche Krankheiten nicht
nur für sich fürchtete, sondern auch an andern hasste, wurde unruhig und sprach
von Abreise.
    »Als mein seliger Mann sein Ende kommen sah, schickte er mich nach Mentone,«
sagte sie zu Fräulein Stöhr; »so dumm und verständnislos er sonst war, nicht
dümmer und verständnisloser übrigens als alle Männer, in diesem Punkt zeigte er
ein lobenswertes Zartgefühl. Ich bin nun einmal nicht für den Anblick von Leiden
geschaffen. Das Karitative liegt mir nicht.«
    Fräulein Stöhr machte ihre geistlichen Augen, mit Blick nach oben. Sie
kannte ihre Gebieterin zur Genüge, um zu wissen, dass die Geschichte von dem
sterbenden Grafen und der Verschickung nach Mentone ein Erzeugnis der
Einbildungskraft war. Sie sagte: »Der Mensch sollte sich beizeiten an den
Todesgedanken gewöhnen, Frau Gräfin.«
    Die Gräfin erwiderte entrüstet: »Liebe Stöhr, sparen Sie sich die
Brahminenweisheit für Zeiten der Not. Geistliche Tröstungen sind nicht mein
Fall. Ihre Aufgabe ist es nicht, mir Wahrheiten zu predigen, sondern mich
angenehm zu täuschen.«
    Eines Abends verlangte Frau von Febronius nach der Gräfin. Die Gräfin ging
zu ihr, in Hut und Schleier, mit dicken Wollhandschuhen, angstbleich. Seufzend
setzte sie sich an das Bett der Schwester und mass die Entfernung daraufhin ab,
dass sie ausser dem Atembereich der Kranken blieb.
    Frau von Febronius lächelte nachsichtig. Die Krankheit hatte die
Sorgenfurchen und die Alltagstraurigkeit aus ihren Zügen gewischt, und in den
weissen Kissen ähnelte sie auffallend ihrer Tochter Lätizia. »Verzeih die
Belästigung, Marion, aber ich muss mit dir reden,« begann sie; »ich habe etwas
auf dem Herzen, es beschwert mich, und ich muss es einem Menschen anvertrauen,
damit es einer weiss, der mich kennt, und es nicht mit mir ins Grab geht.«
    »Ich beschwöre dich, Elschen, mein gutes, armes Kind, sprich nicht von Grab
und solchen Sachen,« rief die Gräfin weinerlich; »da schmeckt mir eine Woche
lang kein Bissen mehr. Folge mir, wirf die Arzneiflaschen aus dem Fenster, und
jag die Quacksalber zum Teufel, so bist du übermorgen gesund. Ich flehe dich an,
lass auch das Beichten sein; es ist ja grässlich, woran einen das erinnert.«
    Frau von Febronius fuhr fort: »Es nützt nichts, Marion, es muss heraus. Ich
wende mich an dich, weil du Lätizia soviel Liebe erwiesen hast und weil Hilde,
so verständig und treu sie ist, mich doch nicht recht begreifen würde. Sie denkt
zu bürgerlich dazu.«
    Nun erzählte sie flüsternd die Geschichte von Lätizias Geburt. Wie ihr Mann
durch ein frühes Leiden der Hoffnung auf Nachkommenschaft beraubt worden; wie er
sich trotzdem nach einem Sohn, einem Kind überhaupt gesehnt, und wie dieser
Wunsch schliesslich alle Bedenken verscheucht, alle andern Empfindungen dermassen
zurückgedrängt habe, dass ein Fremder, für den er Sympatie gefasst, von ihm
erwählt wurde, das Geschlecht fortzupflanzen. Wie er sie, die Frau, die er mehr
als alles geliebt, hiezu überredet und sie nach langem Kampfe endlich in das
unerhört Sonderbare gewilligt; wie aber, als das Kind dagewesen, eine wachsende
Melancholie sich des Mannes bemächtigt habe und zu einem unheilbaren Übel
geworden sei, unter dessen Gewalt er sein Haus, sein Vermögen, sich selbst
zugrunde gerichtet. Von dem Glück, das ihm sein Wahn vorgemalt, habe er nichts
verspürt; im Gegenteil, er habe Lätizia stets eine verächtliche Abneigung fühlen
lassen und sei ihr aus dem Weg gegangen, wo er es gekonnt.
    »Mich wundert das gar nicht,« bemerkte die Gräfin; »du warst ungewöhnlich
naiv, Liebchen, wenn es dich gewundert hat. Kuckuckskind ist Kuckuckskind; auf
welche Manier es ins Nest kommt, spielt keine Rolle. Immerhin, es ist eine
märchenhafte Begebenheit, und ich sehe, dass ich dich unterschätzt habe und dass
dus hinter den Ohren hast. Und wer ist der Vater des Kindes? Wer hat meinen
süssen Engel in die Welt gesetzt? Der Mann ist unter allen Umständen zu loben.«
    Frau von Febronius nannte den Namen. Da schrie die Gräfin auf und fuhr von
ihrem Sitz empor wie gestochen. »Crammon? Bernhard von Crammon?« Sie schlug die
Hände zusammen. »Ist das wahr? Träumst du nicht? Überleg dirs, Liebchen; du
fieberst. Ach ja, du delirierst. Trink einen Schluck Wasser, tu mir den
Gefallen, und dann denk einmal genau nach und rede keinen Unsinn mehr.«
    Erstaunt sah Frau von Febronius die Schwester an. »Kennst du ihn denn?«
fragte sie.
    »Ja, ich kenne ihn,« antwortete die Gräfin erbittert, »ich kenne ihn. Und
sag mir das eine: weiss er es, dieser ... dieser Mensch? Hat er es immer gewusst?«
    »Er weiss es. Er hat Lätizia vor zwei Jahren in Klein-Deussen gesehen,
seitdem weiss er es. Aber du tust ja, als sei er der Gottseibeiuns, Marion. Hast
du Zank mit ihm gehabt, oder was war sonst? Wie du nur alles übertreibst!«
    Die Gräfin ging erregt hin und her. »Er weiss es, das Scheusal,« murmelte
sie; »er hat es gewusst, der Bösewicht. Und solche Verstellung! Solche Heuchelei!
Warte nur, Scheusal, das werd ich dir eintränken; warte nur, Bösewicht, ich
werde dich zu finden wissen!« Sich an die Schwester kehrend, sagte sie laut:
»Entschuldige, Elschen, aber das Temperament ist wieder einmal mit mir
durchgegangen. Du hast recht, der Name hat einen verjährten Zorn in mir
wachgerüttelt. Ich koche, ich kann nichts andres sagen als: ich koche. Gewiss war
der Mann in seiner Jugend ein Ehrenmann und Kavalier, da du dich in so verwegene
Dinge mit ihm eingelassen hast. Was er heute ist, will ich nicht näher
untersuchen. Verschwiegen ist er noch immer, darüber kannst du beruhigt sein; es
gibt aber eine Grenze für die Verschwiegenheit, behaupte ich, und wo die
überschritten wird, schütteln die honetten Leute den Kopf, und die Tugend sieht
aus wie Niedertracht. Voilà.«
    »Was du da vorbringst, ist mir rätselhaft,« antwortete Frau von Febronius
müde, »und ich habe auch keine Lust, es zu ergründen. Ich wollte dir ein
Geheimnis mitteilen, das mich bedrückt hat. Bewahre es bei dir, und mache nur
dann Gebrauch davon, wenn du durch seine Eröffnung ein Unglück verhüten oder
Lätizia einen Dienst erweisen kannst. Zwar seh ich nicht, wie es dazu kommen
soll, aber der Gedanke tröstet mich, dass ausser mir und jenem Mann noch ein
Mensch um das Geschehene weiss.«
    Die Gräfin schaute ihre kranke Schwester sinnend an. »Dein Leben war
eigentlich gar nicht lustig, Elschen,« sagte sie.
    »Nein; lustig war es gerade nicht,« antwortete Frau von Febronius.
    In den nächsten Tagen erholte sich Frau von Febronius ein wenig. Dann trat
ein Rückfall ein, der keine Hoffnung mehr liess. Mitte März starb sie.
    Zu dieser Zeit hatte die Gräfin schon längst das Weite gesucht. Ihr Tun und
Treiben war planlos und vielfältig wie je, aber ihre stets gehegte
Lieblingsvorstellung war: Crammon zu treffen, mit dem neuen Wissen ihm
gegenüberzutreten, Rache an ihm zu üben, ihn herauszufordern und
niederzuschmettern, kurz, über ihn zu triumphieren. Bisweilen, wenn sie allein
war oder auch im Beisein von Fräulein Stöhr, die sich darüber erstaunt zeigte,
furchte sich plötzlich die kindliche Stirn der Gräfin, ihre kleinen Fäuste
ballten sich, ihr glattgescheuertes Gesicht wurde krebsrot, und ihre
Vergissmeinnichtaugen blitzten kampfdurstig.
 
                                       2
Es war drei Uhr nachts, als Felix Imhof eine Gesellschaft in der Leopoldstrasse
verliess, wo hoch gespielt worden war. Er hatte einige tausend Mark gewonnen, und
in seiner Manteltasche klirrten Goldstücke, die er achtlos hineingeschüttet
hatte.
    Er hatte auch viel getrunken; sein Kopf war schwer, bei den ersten Schritten
in der frischen Luft taumelte er.
    Heimzugehen hatte er trotzdem noch keine Lust; so trat er in ein Kaffeehaus,
in welchem Künstler verkehrten. Er erwartete noch einige Leute zu finden, mit
denen er schwatzen und streiten konnte. Der gelebte Tag war ihm noch nicht voll
genug; es sollte noch mehr Leben hinein.
    In dem verräucherten Lokal sassen nur zwei Menschen, der Maler Weikhardt, der
vor kurzem aus Paris zurückgekehrt war, und ein andrer Maler, der ziemlich
verlumpt aussah und trübsinnig auf die Tischplatte stierte.
    Felix Imhof setzte sich zu ihnen, bestellte Kognak, schenkte den beiden ein,
vermochte jedoch zu seinem Ärger kein Gespräch in Gang zu bringen. Er erhob sich
und forderte Weikhardt auf, ihn zu begleiten. »Na, Sie oller Farbenreiber,«
wandte er sich verächtlich-jovial an den Verlumpten, »bei Ihnen scheint der
Spiritus ausgebrannt zu sein.«
    Der Angeredete rührte sich nicht. Weikhardt zuckte die Achseln und sagte
leise: »Nichts zu beissen, kein Bett zum Schlafen.«
    Felix Imhof griff in die Manteltasche und warf ein paar Goldstücke auf den
Tisch. Der Maler blickte empor, dann raffte er die Goldstücke zusammen.
»Hundertsechzig Mark,« sagte er gelassen; »wird am Ersten zurückgezahlt.«
    Imhof lachte dröhnend.
    »Er glaubt daran,« bemerkte Weikhardt gutmütig, als sie auf die Strasse
traten; »wenn er nicht felsenfest daran glaubte, hätte er das Geld nicht
genommen. Es sind noch elf Tage bis zum Ersten; eine Menge Platz für
Illusionen.«
    »Mag sein, dass er daran glaubt,« erwiderte Imhof mit seinem trunkenen
Lachen, »mag sein. Er glaubt ja auch, dass er existiert, und ist doch bloss ein
trauriger Kadaver. Ihr Maler, o ihr Maler!« rief er tobend in die stille Nacht,
»ihr spürt ja nicht das Leben. Malt mir doch das Leben, ihr Maler! Ihr hockt
noch am Spinnrocken statt am gewaltigen Schwungrad mit sechzehntausend
Pferdekräften. Malt mir doch meine Zeit! meine ungeheure Daseinswollust! Riecht,
schmeckt, greift, schaut den Koloss! Lasst mich den grossen Rhytmus fühlen,
gestaltet mir meine grandiosen Träume, bestätigt mich, bejaht mich, schafft mir
Leben!«
    Weikhardt sagte lakonisch: »Dergleichen hab ich oft gehört zwischen
Mitternacht und Morgengrauen. Wenn der Hahn kräht, gibt man sich wieder
zufrieden, und jeder Gaul zieht den Karren, vor den er gespannt wird.«
    Imhof blieb stehen, legte Weikhardt etwas teatralisch die Hand auf die
Schulter und sah ihn mit seinen pechschwarzen, blutunterlaufenen Augen starr an.
»Ich mache eine Bestellung bei Ihnen, Weikhardt,« sagte er. »Sie haben Talent;
Sie sind der einzige hier, der von der Palette los kann. Porträtieren Sie mich.
Es mag kosten, was es will, zwanzigtausend, fünfzigtausend, ganz gleich. Es mag
dauern, solange es will, zwei Monate oder zwei Jahre. Aber mich müssen Sie mir
zeigen, mich, mich. Abstrahieren Sie von dieser Geiernase, von dieser
Habsburgerlippe, von diesen Gorillaarmen und Spinnenbeinen, von diesem Frack und
diesem Chapeau claque und geben Sie die Idee davon. Ich pfeife auf meine
zufällige Visage, die aussieht, als ob ein boshafter Töpfermeister dran
herumgepfuscht hätte. Geben Sie meinen Ehrgeiz, meine Unruhe, meine innere
Farbigkeit, mein Tempo, meinen Hunger, meine Zeitaftigkeit. Aber beeilen Sie
sich. Ich verbrenne schnell. In ein paar Jahren bin ich hin. Meine Seele ist wie
Zunder. Photographieren Sie diesen Prozess mit dem göttlichen Objektiv der Kunst,
und ich bezahle Sie mediceisch. Aber ich muss die Flamme sehen, den Aufstieg, den
Untergang, die Zuckungen, alles will ich sehen, und wenn darüber die ganze
Tradition seit Raffael und Rubens in Fetzen ginge.«
    »Sie sind ein kühner Mann,« sagte Weikhardt trocken; »haben Sie Geduld mit
uns und mässigen Sie die Bewunderung für das Jahrhundert. Ich lasse mich nicht
von der Zeit übertölpeln. Die ehrfürchtigen Schauder vor der Geschwindigkeit und
vor der Maschine kenn ich nicht, von denen viele unsrer jungen Leute jetzt
befallen sind wie von einer neuartigen Epilepsie. Ich empfinde nun einmal keine
Andacht vor Siebenmeilenstiefeln, D-Zügen, Dreadnoughts und aufgebauschten
Impressionen; ich suche mir meine Götter woanders; und Ihr Maler, scheint mir,
bin ich nicht. Sie waren wieder unterwegs, waren verreist?«
    »Ich bin immer unterwegs,« versetzte Felix Imhof. »Eigentlich doll, so ein
Leben. Hören Sie, wie ich die letzten fünf Tage verbracht habe. Montag abends
fuhr ich nach Leipzig. Früh neun Uhr Verhandlung mit einigen Schriftstellern
wegen Gründung einer neuen Revue. Prachtvolle Kerle, lauter Frondeure und
Jakobiner. Dann Besichtigung einer Majolikenausstellung. Schöne Dinge gekauft.
Mittags nach Hamburg; im Coupe zwei Romane und ein Drama in Handschrift gelesen;
junges Genie, wird riesiges Aufsehen machen. Abends Sitzung der Ostafrikanischen
Gesellschaft, bis spät in die Nacht gekneipt, zwei Stunden geschlafen, dann nach
Oldenburg zu einem alten Herrenfest der Offiziere meines ehemaligen Regiments;
viel geredet, getrunken, getanzt, wenn auch ohne Damen. Sechs Uhr morgens nach
Quackenbruck, schäbiges Land- und Moorstädtchen, wo kleines Offiziersrennen
gelaufen wurde. Ich wurde um einen Kopf geschlagen. Im zweiräderigen Jagdwagen
zur Bahn; am andern Morgen Berlin; Geschäfte im Auswärtigen Amt erledigt,
Agenten empfangen, in der Klinik einer merkwürdigen Operation beigewohnt, nach
Johannistal, wo ein neuer Flugapparat probiert wurde, abends im Deutschen
Teater bei einer fabelhaften Aufführung von Peer Gynt; die Nacht mit den
Schauspielern durchgezecht; am Morgen nach Dresden, Konferenz mit zwei
amerikanischen Freunden, und heute wieder hier. Die nächste Woche wird nicht
viel anders sein, die übernächste auch nicht. Ich sollte mehr schlafen. Das ist
das einzige.« Er fuchtelte mit seinem dicken Bambusrohr in der Luft herum.
    »Es kann einem angst und bang werden,« sagte Weikhardt, dessen Phlegma
augenscheinlicher wurde, da es sich im Gegensatz zur Exaltation seines
Begleiters gefiel; »und Ihre Frau? Was sagt die zu Ihrem Leben? Jemand hat sie
mir neulich gezeigt; sie sieht nicht so aus, als liesse sie sich ohne weiteres an
die Mauer drücken.«
    Imhof blieb wieder stehen. Mit gespreizten Beinen stand er da, bog den
Oberleib nach vorn, stützte sich auf den Stock und lachte. »Meine Frau!« rief
er, »wie das klingt! Ich habe also eine Frau. Ehrenwort, lieber Freund, wenn Sie
mich nicht daran erinnert hätten, ich hätt es rein vergessen diese Nacht. Nicht
als obs an ihr läge, gewiss nicht. Judit Imhof, geborene Wahnschaffe, alle
Achtung. Aber es liegt, weiss der Deibel, woraus liegt ... na, an dieser
gottverfluchten Hetzjagd vielleicht. Sie haben recht, an die Mauer drücken, nee,
das gibts nicht bei ihr. Die schafft sich Raum, so -« er beschrieb mit dem Stock
einen weiten Kreis - »und da drinnen residiert sie, kühl bis in die
Fingerspitzen, gespannt wie ein Drahtseil. Eine grossartige Natur; energisch; mit
einem starken Sinn für das Dekorative. Respekt, mein Lieber.«
    Weikhardt wusste hierauf nichts zu sagen. Die Mischung von Prahlerei und
Ironie, von Zynismus und Rausch entwaffnete und ermüdete ihn. Sie waren an einer
Seitengasse angelangt, die gegen den Englischen Garten führte und in der das
Häuschen stand, das der Maler bewohnte. Er wollte sich verabschieden, da fragte
Imhof, der noch immer nicht allein sein mochte: »Haben Sie was auf der
Staffelei?«
    Weikhardt zögerte mit der Antwort; dies genügte, um Imhof zum Mitgehen zu
veranlassen. Der Himmel wurde weiss.
    Felix Imhof rezitierte leise vor sich hin: »Wo am letzten Rastort Reiter /
Und geschmückter Züge Leiter / Spähen nach erreichten Zinnen: / Stillen Wanderer
ihr Dürsten / Bieten Wasserträgerinnen / Ihm den Krug und grüssen heiter /
Niemand kennt den frühern Fürsten.«
    Weikhardt, der Imhof in der Kenntnis und Liebe des Dichters Stephan George
nichts nachgab, fuhr im selben zärtlichen Tonfall fort: »Lachend dankbar. Kein
Erbittern / Ist in ihm, doch flieht er weiter /Scheu, weil Seine Hoheit bricht.
/ Jede Nähe macht ihn zittern, / Und er fürchtet fast das Licht.«
    Sie betraten das Atelier; Weikhardt zündete die Lampe an und liess ihren
Schein auf ein nicht ganz vollendetes Bild fallen. Es war eine Kreuzabnahme.
    »Altmodisch, was?« fragte Weikhardt mit schlauem Lächeln. Er war blass
geworden.
    Imhof schaute. So wie er, Liebhaber im innersten Grund, verstand keiner
sonst zu schauen. Die Maler wussten es.
    Das Gemälde, an die Visionskraft und den Pinsel Grecos gemahnend, war bizarr
im Aufbau, inbrünstig in der Bewegung und von ekstatischer Leidenschaft erfüllt;
die Formensprache eines alten Meisters, in der es sich ausdrückte, war nur
Schein. Es hatte etwas Hingeschleudertes und Brennendes. Die Figuren, ohne
Veraltetes und Phrase, sahen aus wie Wolken, die Wolken wie Architektur, Dinge
waren kaum noch da. Ein Chaos, das zu Sinn und Ordnung erst in der gesammelten
Empfindung des Beschauers gedieh.
    Felix Imhof schlang die Hände ineinander und murmelte: »So etwas können,
grosser Gott, so etwas können!«
    Weikhardt senkte den Kopf. Er legte diesem Wort geringe Bedeutung bei. Vor
ein paar Tagen war er einmal vor der Leinwand gestanden und hatte sich
eingebildet, neben ihm stehe ein Bauer; ein alter Bauer oder sonst ein Mann aus
dem Volk. Und es hatte ihm möglich geschienen, dass dieser Bauer, dieser einfache
Mensch, der nichts von Kunst verstand, niederkniete, um zu beten. Nicht etwa aus
Frömmigkeit, sondern weil er von der Sache selbst bis zur Bestürzung überwältigt
wurde.
    Beinahe schroff wandte sich Imhof an den Maler und sagte: »Das Bild gehört
mir. Unter allen Umständen. Es ist mein Bild. Ich muss es haben. Gute Nacht.« Mit
seinem schiefsitzenden Zylinder und dem übernächtigen, verwüsteten Gesicht war
er eine Gestalt zum Erschrecken.
    Endlich ging er nach Hause.
    Am andern Tag meldete ihm Crammon seine Ankunft. Crammon war gekommen, weil
Edgar Lorm ein Gastspiel in München gab.
 
                                       3
Christian dachte darüber nach, wie er Amadeus Voss zu Geld verhelfen sollte, ohne
ihn zu demütigen. Da es nun beschlossene Sache war, dass sie zusammen reisten,
musste Voss eine Ausstattung haben. Er besass nichts, als was er auf dem Leibe
trug.
    Amadeus Voss begriff. Die soziale Kluft gähnte zwischen ihnen; beide schauten
ratlos hinein, der eine hüben, der andre drüben.
    Voss verhöhnte im stillen die Schwäche des andern, liebte ihn zugleich für
seine edle Scham; liebte ihn mit seinem knechtischen, abgewandten, zertretenen,
von Jugend auf beleidigten Gefühl; schauderte bei der Aussicht, mit leeren
Händen und enttäuschten Hoffnungen wieder im Försterhaus sitzen, an lockenden
Bildern verbluten zu sollen. Was wird er tun? Wie wird er die Schwierigkeit
überwinden? grübelte er und beobachtete Christian mit Hass.
    Die Zeit drängte.
    Am letzten Nachmittag sagte Christian: »Ich langweile mich, wir wollen ein
Spiel machen.« Er nahm aus einer Schublade ein Paket französischer Karten.
    »Ich habe in meinem Leben keine Karte in der Hand gehabt,« antwortete Voss.
    »Schadet nichts,« meinte Christian, »Sie müssen nur die Farben
unterscheiden, Rot und Schwarz. Ich halte die Bank. Setzen Sie auf eine Farbe.
Wenn Sie auf Rot gesetzt haben und ich schlage Rot auf, so haben Sie gewonnen.
Wieviel wollen Sie setzen? Machen wir den Anfang mit einem Taler.«
    »Gut, hier ist ein Taler,« sagte Voss und legte das Geldstück auf den Tisch.
Christian mischte und zog ab. Voss gewann.
    »Setzen Sie die zwei Taler,« gebot Christian; »Neulinge haben Glück.«
    Voss gewann auch die zwei Taler. Er setzte weiter, ein paarmal verlor er,
aber schliesslich hatte er dreissig Taler gewonnen.
    »Übernehmen Sie jetzt die Bank,« schlug Christian vor und freute sich
heimlich, dass seine List den gewünschten Verlauf nahm.
    Er setzte zehn Taler und verlor. Er setzte fünfzehn, dann zwanzig, dann
dreissig und verlor. Er setzte hundert Mark, zweihundert, fünfhundert, immer
höher und verlor. Vossens Wangen röteten sich hektisch, wurden kreideweiss; seine
Hände bebten, seine Zähne klapperten. Es packte ihn die Angst vor einem Wechsel
des Glücks, aber er war nicht fähig zu sprechen und um Einhalt zu bitten. Die
Scheine häuften sich vor ihm; nach einer halben Stunde hatte er über viertausend
Mark gewonnen.
    Christian hatte die Karten vorher markiert, in einer Art, die von einem
Unerfahrenen nicht bemerkt werden konnte. Er wusste immer genau, welche Farbe Voss
aufschlagen würde, aber das Sonderbare war, dass er bisweilen vergass, nach dem
Zeichen zu sehen und dass dann Voss trotzdem gewann.
    Christian erhob sich. »Wir haben Eile,« sagte er, »Sie müssen sich für die
Reise versorgen, Amadeus.«
    Voss war betäubt von dem Umschwung, den sein Leben in wenigen Minuten
erfahren. Glomm in seinem Innern ein Funken von Argwohn, so kehrte er den Sinn
ab, um sich in masslose Träume zu stürzen.
    Das Auto brachte sie nach Wiesbaden, und Voss kaufte unter Christians
Beistand Kleider, Wäsche, Mäntel, Stiefel, Hüte, Handschuhe, Schlipse,
Toilentteartikel und Koffer. Er staunte und war stumm.
    Um zehn Uhr abends sassen sie im Schlafwagen. »Wer bin ich nun?« fragte
Amadeus Voss. »Was stell ich vor?« Er sah sich mit einem neugierigen und heftigen
Blick um und strich die gelben Haare aus der Stirn. »Geben Sie mir ein Amt und
einen Titel, Christian Wahnschaffe, damit ich weiss, wer ich bin.«
    Christian mass den Erregten mit ruhigen Augen. »Warum sollen Sie heute ein
andrer sein als gestern?« entgegnete er verwundert.
 
                                       4
Eva Sorel zog durch die Länder: ein Komet mit glänzendem Schweif.
    Ihr Tag war von Menschen bevölkert. Die allseitigen Forderungen zu gewähren
oder nur zu prüfen, verlangte die Geschmeidigkeit eines erfahrenen Praktikers.
Hierin leistete Monsieur Chinard, der Impresario, Dankenswertes. Nur Susanne
Rappard behandelte ihn mit Unlust. Sie nannte ihn einen Figaro pris à la
retraite.
    Ausser ihm stand ein Reisemarschall und ein Sekretär im Sold der Tänzerin.
    Mehrere ihrer Anbeter folgten ihr seit Monaten von Stadt zu Stadt. Fürst
Wiguniewski; Mr. Bradshaw, ein Amerikaner in mittleren Jahren; der Marquis
Vicenti Tavera von der spanischen Botschaft in Petersburg; Herr Distelberg, ein
jüdischer Fabrikant aus Wien; Boto von Tüngen, ein Hannoveraner, blutjung,
Student im dritten Semester.
    Diese wie auch andre, die sich gelegentlich einfanden, vernachlässigten
ihren Beruf, ihre Freunde, ihre Familie. Sie brauchten die Luft, in der Eva
atmete, um selber atmen zu können. Sie hatten die Geduld von Bittstellern und
den Optimismus von Kindern. Sie neideten einander ihre Vorzüge, ihr Wissen, ihre
witzigen Einfälle. Jeder vermerkte es mit Schadenfreude, wenn sich der Rivale
eine Blösse gab. Sie warben mit Eifer um die Gunst Susannes und machten ihr
kostbare Geschenke, damit sie ihnen berichten sollte, was die Herrin gesprochen
und getan, wie sie geschlafen, in welcher Laune sie aufgewacht und wann sie
empfangen würde.
    Seit Graf Maidanoff in Evas Lebenskreis getreten war, hatte sich
Niedergeschlagenheit ihrer aller bemächtigt. Sie wussten, wie jeder es wusste, wer
sich hinter dem Pseudonym verbarg. Gegen den Gewaltigen und Gefürchteten konnte
keiner hoffen zu bestehen.
    Eva tröstete sie lächelnd. Sie wogen nichts in ihren Augen. »Wie geht es
meinen Kammerherren?« erkundigte sie sich bei Susanne; »was treiben meine
Zeitvertreiber?«
    Sie war aber nicht mehr ganz so leicht im Gemüt wie vordem.
 
                                       5
Es war in Trouville gewesen, wo sie den Grafen Maidanoff kennenlernte. Als sie
ihm auf der Strandpromenade vorgestellt wurde, stand ein weitgebogener Kreis von
mondänen Zuschauern regungslos. Behutsames Murmeln mischte sich mit dem Rauschen
des Meeres.
    Sie kam nach Hause und packte Susanne bei den Schultern. »Lass mich nicht
wieder fortgehen,« sprach sie hauchend und blass, »ich mag nicht mehr in diese
Augen schauen, ich will dem Manne nicht mehr begegnen.«
    Susanne erschöpfte sich in Versprechungen, ohne noch zu wissen, wem das
Entsetzen galt. »Elle est un peu folle,« sagte sie zu Monsieur Labourdemont, dem
Sekretär, »mais ce grain de folie est le meilleur de l'art.«
    Am andern Tag stattete Graf Maidanoff seinen Besuch ab und musste empfangen
werden.
    Die konventionelle Huldigung, auf die er durch seine Geburt Anspruch hatte,
erwiderte er mit einer persönlichen, die aufrichtig war.
    Seine Sprache war breit und schwer; er schien die Worte zu verachten, deren
er sich mit einiger Anstrengung bediente. Manchmal hielt er mitten in einem Satz
inne und runzelte die Stirn, belästigt. Zwischen seinen Brauen befanden sich
zwei senkrechte Einkerbungen, die das Gesicht dauernd verfinsterten. Sein
Lächeln begann mit einem Fletschen der Lippen und endete in dem dürren,
farblosen Bart wie eine Muskellähmung.
    Er steuerte auf ein vorgesetztes Ziel ohne Umschweife los. Gewöhnlich war es
das Amt seiner Kreaturen, solche Beziehungen einzuleiten; in diesem besonderen
Fall wollte er dem Gegenstand seiner Wünsche, indem er selbst warb, einen Beweis
von Gnade geben.
    Die anfängliche Beklommenheit der Tänzerin hatte ihm behagt; die Furcht war
das Sympatische an den Menschen; aber Evas aufschlusslose Kälte bei seinen
höflichen Vorschlägen beirrte ihn. Er spähte leer, schien gelangweilt und bat um
die Erlaubnis, eine Zigarette anzünden zu dürfen.
    Er sprach von Paris, von einer Sängerin an der Grossen Oper, dann verstummte
er und sass da wie ein Mensch, der eine Ewigkeit lang Zeit hat. Als er sich erhob
und Abschied nahm, sah er aus, als schlafe er gehend.
    Mit verschränkten Armen wanderte Eva bis zum Abend im Zimmer umher. In der
Nacht griff sie nach Büchern, die sie nicht las, dachte an Dinge, die ihr
gleichgültig waren, rief Susanne, um sie zu quälen, schrieb einen Brief an Iwan
Becker, den sie wieder zerriss, warf schliesslich den Mantel über und ging trotz
des stürmischen Regens auf die Terrasse.
    Maidanoff wiederholte seinen Besuch. Mit Zarteit bedeutete ihm Eva, als das
Gespräch den Punkt erreichte, wo sie es musste, dass er sich in seinen Erwartungen
täuschte. Er sah sie mit trägen, schrägen Blicken an und entschloss sich zu
seinem Lächeln. Die Lippen fletschten, in der Lähmung endete es. Was für ein
Unsinn, schien ein missmutiges Verziehen der Stirn sagen zu wollen.
    Plötzlich öffnete er die Augen weit. Es wirkte unheimlich. Eva lauschte mit
vorgestrecktem Kopf, ihre Finger spreizten sich.
    Er sagte: »Sie haben die schönsten Hände, die ich an Frauen kenne. Wenn man
sie gesehen hat, wünscht man sie auch zu spüren.«
    Drei Stunden später verliess sie Trouville, von Susanne und Monsieur
Labourdemont begleitet, und fuhr nach Brüssel, wo sich Iwan Becker aufhielt.
 
                                       6
Becker wohnte in einem einsamen Vorstadtaus, das in einem verwilderten Garten
stand. Er empfing sie in einem unordentlichen Zimmer, das so gross wie ein Saal
war. Auf dem Tisch brannten zwei Kerzen.
    Er sah abgemagert aus. Er ging ruhelos umher, auch nachdem er Eva begrüsst
hatte.
    Sie sprach mit einiger Hast von ihrer bevorstehenden Gastspielreise nach
Russland und fragte, ob er Aufträge für sie habe. Er verneinte.
    »Der Grossfürst war bei mir,« sagte sie dann und blickte ihn erwartungsvoll
an.
    Er nickte. Nach einer Weile setzte er sich und begann: »Ich will Ihnen einen
Traum erzählen, den ich hatte. Oder nein, es war kein Traum, denn ich lag mit
wachen Augen, es war eine Halluzination. Hören Sie.
    Um eine reichgedeckte Tafel sassen fünf oder sechs junge Weiber. Sie waren in
Gesellschaftstoilette, tief entblösst, lachten ausgelassen und tranken Sekt. Mit
ihren frivolen Wortspielen und verführerischen Gebärden wandten sie sich an
einen, der am oberen Ende der Tafel sass. Der aber hatte keine Gestalt; er war
wie ein Kloss oder ein Stück Lehm. Die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe
kamen, und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anredete.
Mitten auf dem blendend weissen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine Leiche.
Der Körper war mit Früchten bedeckt, und aus der Brust ragte, zwischen
Pfirsichen und Trauben, der Griff eines Messers heraus. Durch die Fugen des
Tisches rann Blut und tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.
    Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob sich
der Gestaltlose, packte eine der Frauen, zog sie an sich und forderte Musik. Und
während rauschende Musik erschallte, dehnte sich der Kloss und wuchs; er bekam
einen Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und die Augen sprachen: ich
begehre, ich begehre. Das Weib, das er hielt, wurde zusehends bleicher, sie
suchte sich aus seiner Umklammerung zu befreien, ihm jedoch wuchsen spindeldürre
Arme, mit denen er sie still und gewalttätig an sich presste, immer stärker, so
stark, dass sie zu röcheln begann, dass ihr Gesicht blau wurde, dass ihr Leib in
der Mitte einknickte. Schliesslich lag sie ihm entseelt in den Armen, und es
schien nichts mehr von ihr übrig als das Kleid. Da richtete der Tote, der mit
dem Messer in der Brust unter Früchten und Konfekt begraben war, den Kopf in die
Höhe und sagte mit geschlossenen Augen: Gib sie mir wieder.
    Auf einmal strömten viele Menschen in den Raum, Bauern, Fabrikarbeiter,
Soldaten, ärmlich gekleidete Frauen, Juden und Jüdinnen. Ein alter Mann mit
weissem Bart sagte zu dem Kloss: Gib mir meine Tochter wieder. Mehrere, die hinter
ihm standen, schrien gleichfalls, wie ausser sich: Gib uns unsre Töchter wieder,
unsre Bräute, unsre Schwestern. Einige Bauern drängten sich vor; mit bekümmerten
Mienen beugten sie sich zur Erde und riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsre
Wälder. Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, unsere
Söhne. Der Kloss wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber eine immer
deutlichere Gestalt. Das Angesicht, die Hände und die Kleider waren braun, wie
mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge erweckten nicht die
geringste Vorstellung von seinem Wesen, und ebendieser Umstand trieb die
Verzweiflung aller auf den Gipfel. Sie riefen ununterbrochen: Unsre Brüder!
Unsre Söhne! Unsre Schwestern! Unsre Länder! Unsre Wälder, du in Ewigkeit
Verfluchter!«
    Eva schwieg.
    Iwan Becker stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile sagte er: »Eines
steht fest: Er ist der Anlass von so viel Tränen, dass der See, den sie gesammelt
bilden würden, tiefer wäre, als der Kreml hoch ist; aber das Blut, das er
vergossen hat, wäre ein Meer, in dem man ganz Moskau versenken könnte.«
    Er stand auf, machte ein paar Schritte, setzte sich wieder und fuhr fort:
»Er ist der Schöpfer und Usurpator eines beispiellosen Schreckensregiments.
Unsre lebendigen Seelen sind seine Opfer. Wo eine lebendige Seele bei uns ist,
wird sie sein Opfer. Sechstausendachtundert Intellektuelle wurden in den
letzten zwölf Monaten deportiert. Wo sein Fuss hintritt, ist der Tod. Seinen Weg
bezeichnen Leichenfelder und Trümmer. Diese Ausdrücke sind nicht bildlich zu
nehmen, sondern ganz und gar wörtlich. Er hat die Organisation des vereinigten
Adels geschaffen, die das Land unter Druck hält, ein modernes Folterinstrument
grössten Stils. Die Pogrome, die finnischen Mordexpeditionen, die Misshandlungen
in den Gefängnissen, die Greueltaten der Schwarzen Hundert, alles sein Werk. Er
verschwendet unermessliche Summen aus dem Staatsschatz, er begnadigt Schuldige
und verdammt Schuldlose; er erdrosselt den Geist und löscht das Licht aus. Er
darf es. Niemand verwehrt es ihm. Er ist allmächtig. Er ist der Gegner Gottes.
Ich beuge mich vor ihm.«
    Eva blickte überrascht empor, doch Becker bemerkte es nicht. »Es gibt
niemand, der ihn kennt. Niemand vermag ihn zu durchschauen. Ich glaube, er ist
satt. Vielleicht sind es nur noch Reize der Epidermis, die auf ihn wirken. Es
wird erzählt, dass er manchmal zwei schöne nackte Frauen miteinander kämpfen
lässt. Sie haben Dolche und müssen einander zerfleischen. Davor muss man sich
beugen.«
    »Ich verstehe nicht,« flüsterte Eva mit weiten Augen. »Warum beugen?«
    Becker schüttelte abwehrend den Kopf, und seine eintönige Stimme erfüllte
wieder den Raum. »Ihm ist alles käuflich zwischen Himmel und Erde. Käuflich die
Freundschaft, die Liebe, die öffentliche Meinung, die Langmut des Volkes, die
Justiz, die Kirche, der Krieg und der Frieden. Befehl und Gewalt kommen zuerst,
das versteht sich von selbst; aber was Befehl und Gewalt nicht zustande bringen,
wird gekauft. Es scheint freilich, dass Befehl und Gewalt manches zustande
bringen, woran gewöhnliche Sterbliche scheitern würden. Auf einer Bärenjagd im
Kaukasus war sein Liebling und Günstling, der Fürst Fjodor Szilaghin, schwer
erkrankt. Mit hohem Fieber wurde er in eine Tscherkessenhütte getragen. Dieser
Fürst Szilaghin, nebenbei, ist ein Mensch von verderbtestem Typus, zwanzig Jahre
alt, eine weibische, aber trotzdem erstaunliche Schönheit. Infolge einer Wette
ging er einmal eine Nacht lang als Kokotte verkleidet in den Strassen und
Vergnügungslokalen Petersburgs herum und brachte allerlei Schmuck und Juwelen,
die man ihm seiner Schönheit wegen geschenkt hatte, zu den Freunden, unter
anderm ein kostbares Smaragdarmband. Der also wurde im Gebirge krank. Ein
reitender Bote ward in den nächsten Ort geschickt und schleppte auf seinem Pferd
einen alten unwissenden Landarzt herauf. Der Grossfürst, indem er auf den in
Delirien sich bäumenden Szilaghin wies, sagte zu dem Alten: Stirbt mir dieser,
so stirbst auch du. Rette ihn, damit du am Leben bleibst. Der Doktor flösste dem
Fiebernden von Stunde zu Stunde eine Medizin ein; in der Zwischenzeit kniete er
zitternd und betend am Lager. Die Fügung wollte es, dass Szilaghin gegen Morgen
das Bewusstsein wiedererlangte und dann allmählich genas. Sein Gebieter war
überzeugt, dass das unerbittliche Entweder-Oder, vor welches er den alten Arzt
gestellt, geheime Kräfte in ihm entbunden und eine Art Wunderheilung bewirkt
habe. Er macht nicht Halt vor der Natur.«
    Evas Züge belebten sich hastig. Sie erhob sich, trat ans Fenster und öffnete
es. Der Sturmwind schüttelte die Bäume. Ein zerzauster Ruysdaelscher
Wolkenhimmel, vom verborgenen Mond schwach erhellt, wölbte sich über dem Dunkel.
Ohne sich umzudrehen sprach sie: »Sie sagen, niemand kann ihn durchschauen. Es
ist aber nichts zu durchschauen. Er ist wie ein Abgrund, offen und finster.«
    »Mag sein, dass Sie recht haben und dass er wie ein Abgrund ist,« antwortete
Iwan Becker leise, »aber wer wird den Mut haben, hinunterzusteigen?«
    Ein Schweigen entstand. »So sprechen Sie es aus, Iwan Becker, sprechen Sie
es endlich aus!« rief Eva in die Nacht hinein, zum offenen Fenster hinaus. Jede
Faser an ihr, von den Haarspitzen bis zum Kleidsaum, der den Boden streifte, war
angehaltenes Lauschen.
    Aber Becker erwiderte nichts. Er wurde nur furchtbar bleich.
    Eva kehrte sich um. »Soll ich mich in seine Arme stürzen, um eine neue
Ordnung in der Welt zu machen?« fragte sie dann ruhig und stolz; »soll ich seine
ungeheuerliche Meinung von dem, was käuflich ist, noch um einen Grad, um so viel
eben, wie ich mich selbst einschätze, herunterschrauben? Oder glaubt man, ich
könnte ihn dazu bringen, die Schlachtbank mit dem Beichtstuhl zu vertauschen,
das Henkerbeil mit einer Flöte?«
    »Ich habe nicht davon geredet, ich werde nicht davon reden,« sagte Iwan
Michailowitsch mit feierlich erhobener Hand.
    »Ein Weib vermag viel,« fuhr Eva fort; »sie kann sich verschenken, sie kann
sich wegwerfen, sie kann sich feilbieten, sie kann ihre Gleichgültigkeit
überschminken, ihren Hass verleugnen; gegen das Grauen vermag sie nichts. Das
Grauen reisst die Brust auseinander. Zeigen Sie mir einen Weg. Machen Sie mich
unempfindlich gegen das Grauen, und ich will den Tiger an die Kette legen.«
    »Ich weiss keinen Weg,« antwortete Iwan Michailowitsch; »ich weiss keinen, mir
selber graut vor ihm. Der ewige Gott möge Sie erleuchten.«
    Die Einsamkeit des Zimmers, des Hauses, des sturmdurchpflügten Gartens war
herunterdonnerndes Geröll.
 
                                       7
Ihre Freunde beobachteten die Entwicklung gespannt. Dass sie Maidanoff ernstlich
Widerstand leisten werde, erwartete keiner. Als es dennoch so schien, bewunderte
man nur die Finesse. Paris prophezeite ihr die glänzendste Zukunft. Ihr Tun und
Lassen war Mittelpunkt der öffentlichen Neugier und füllte Zeitungsspalten.
    Als sie nach Russland kam, hatten die Behörden und Geschäftsstellen Befehle
erhalten. Eine Königin hätte nicht subtiler behandelt werden können. Die
palastartigen Räume eines Hotels waren vorbereitet und geschmückt. Sklavendemut
umgab sie.
    Bei dem ersten Besuch des Grossfürsten bat sie ihn, den Zwang aufzuheben, der
sie zur Schuldnerin machte. Er verschlang ihre Worte mit einem frostigen Lauern
im Gesicht, zog aber keine Folgen daraus. Sie empörte sich gegen diese Trägheit
einer Willensrichtung, dieses taube Ohr, das gierig lauschte.
    Seine Menschenverachtung hatte etwas Zermalmendes. Sie äusserte sich wie
Schläfrigkeit. Mensch, du klebriger Schleim, wirf dich hin und vergeh, sprachen
seine trägen Augen.
    In seiner Gegenwart waren Evas Gedanken bisweilen so laut, dass sie
fürchtete, man könne sie hören.
    Sie wagte es, mit ihm zu rechten. Ein junges Mädchen, Wera Scheschkow, hatte
den Stadtauptmann erschossen. Sie hatte den Mut, diese Tat zu preisen. Er
antwortete glatt und entschlüpfte gefühllos. Sie forderte ihn stärker heraus.
Ihr erzogener Körper schwang im Rhytmus der Bitterkeit und Erschütterung. Sie
war hineingeschmolzen in Schmerz, Zorn und Anteil.
    Er betrachtete sie, wie man eine Edelkatze anschaut, deren Spiel entzückt.
Er sagte: »Sie sind ausserordentlich, Madame. Ich wüsste nicht, welchen Ihrer
Wünsche ich unerfüllt lassen könnte um den Preis, Sie zu besitzen.« Er sagte es
mit seiner tiefen Stimme, die heiser klang; er hatte auch eine hohe, die an das
Kreischen rostiger Angeln erinnerte.
    Evas Schultern zitterten. In seiner eisigen Selbsterrlichkeit spiegelte
sich nichts mehr von ihrem Wesen; daran zerschellte es.
    Zweimal sah sie ihn sich verändern und aufzucken. Das erstemal, als sie sich
zu ihrer deutschen Abkunft bekannte. Eingefleischter Hass erfüllte ihn gegen
alles Deutsche und alle Deutschen. In seinen Mienen lag böser Hohn; er entschloss
sich, ihr nicht zu glauben und liess das Tema fallen.
    Das zweitemal war es, als sie von Iwan Michailowitsch Becker sprach. Es
zwang sie; sie musste ihn heraufbeschwören. Der Name war ein Arkanum.
    Da schoss ein peitschender Blick aus den trägen Augen. Die zwei senkrechten
Einkerbungen zwischen den Brauen verlängerten sich wie die Fühler eines Insekts;
eine plötzlich querlaufende bildete ein düsteres Kreuz mit ihnen. Das Gesicht
wurde fahl.
    Susanne war ungeduldig; sie trieb und lockte. »Was besinnst du dich?« sagte
sie eines späten Abends zu ihrer Herrin. »So nah dem Gipfel gibt es kein Zurück.
Unsre Träume in Toledo; wir dachten wunder, wie frech sie seien. Die
Wirklichkeit beschämt uns. Greif zu. Niemals werden deine süssen kleinen Füsse
Grösseres ertanzen.«
    Eva ging mit federnden Knien im Kreis über den Teppich. »Sei still,« sagte
sie gedankenvoll und drohend, »du weisst nicht, wozu du rätst.«
    Auf dem Kaminbord hockend, verfolgte Susanne mit ihren glanzlosen
Pflaumenaugen die Unschlüssige. »Bist du bange?« fragte sie mit gerunzelter
Stirn.
    »Ich glaube, ich bin bange,« entgegnete Eva.
    »Erinnerst du dich an den Bildhauer, den wir im Winter besuchten? Es war in
Meudon. Er zeigte uns seine Skulpturen, und ihr spracht über die Kunst. Er
sagte: Ich darf nicht bangen vor dem Marmor, der Marmor muss bangen vor mir.
Beinahe hättest du ihn geküsst für dieses Wort. Sei nicht bange, du bist die
Stärkere.«
    Eva blieb stehen. »Cette maladie, qu'on appelle la sagesse!« seufzte sie.
    Da ging Susanne zum Flügel und begann mit eckigen und flattrigen Bewegungen
eine Chopinsche Polonäse zu spielen. Eva hörte eine Weile zu, dann trat sie
hinter die Spielerin, tippte ihr mit einem Finger auf die Schulter und sagte,
als Susanne die Hände ruhen liess, mit dunkel gurrender Stimme: »Wenn es denn
sein muss, so will ich erst einen Liebessommer haben, wie noch keiner gewesen ist
auf Erden. Sprich nicht, Susanne, spiel weiter und sprich nicht.«
    Susanne sah auf und schüttelte verwundert den Kopf.
 
                                       8
An dem Tag, an welchem Eva zum letztenmal in Petersburg auftrat, flog durch die
Entzündung einer Mine der Hauptpavillon der landwirtschaftlichen Ausstellung in
die Luft.
    Der Anschlag hatte der Person des Grossfürsten gegolten. Sein Besuch war
erwartet, die Reihenfolge in der Besichtigung der Gebäude vorher festgesetzt
worden. Sein Automobil erlitt jedoch eine Panne, und durch diesen Zufall war er
mit seinem Hofstaat einige Minuten nach der peinlich fixierten Zeit
eingetroffen.
    In dem Augenblick, als er seinen Fuss auf die Treppe des Pavillons setzte,
ertönte fürchterliches Krachen. Der Himmel verschwand unter Qualm und
aufschiessenden Trümmern. Einige Industrielle und hohe Beamte, die dem
Grossfürsten beflissen vorausgeeilt waren, sowie zehn oder zwölf Arbeiter fanden
den Tod. Im Umkreis von einem Kilometer wurden durch den Luftdruck an allen
Häusern die Fensterscheiben zerschmettert.
    Der Grossfürst stand eine Weile regungslos. Ohne Neugier und ohne Schrecken,
mit unsäglich düsterer Miene aber betrachtete er die Verwüstung. Als er sich zum
Gehen wandte, wichen die herzugeströmten Menschenmassen lautlos zurück; es
bildete sich eine Gasse lautlosen Volks, die er mit den Säerschritten seiner
abnorm langen Beine finster und säbelklirrend durchmass.
    Als Abschiedsvorstellung hatte Eva die Rolle des gefesselten und dann
befreiten Echos in dem Ballett Pans Erwachen gewählt. Sie hatte damit stets
Begeisterung hervorgerufen, aber einen Triumph wie dieses Mal hatte sie nie
gefeiert.
    Es war ein Tanz der Freiheit und der Erlösung, der unmittelbar auf die
Nerven des dichtgefüllten Hauses wirkte und Spannungen milderte, die vom Tag her
kamen. Der bacchantische Trotz, die feurige Angst der Verfolgten, die Umkehr,
der heroische Entschluss, der Schmerz über das erste Unterliegen, das Spiel mit
der Rachefackel, der Jubel über die aufdämmernde Morgenröte, dies alles hatte
aktuelle Beredsamkeit.
    Zweitausendfünfhundert Menschen sassen nach dem Fallen des Vorhangs
versteinert. Da richteten sich zahllose Augenpaare nach der Loge des
Grossfürsten. Sie blickten hin und sahen in seine trägen Augen, die niemals
blickten. Sie erfassten seine Schmächtigkeit und die unproportionierte Länge
seines Körpers, seinen sehnigen Vogelhals über dem Uniformkragen, seinen dürren
Bart, die höckerige Stirn, an der nichts Hautähnliches war, die Atmosphäre, die
sich vor ihm herwälzte und die er hinter sich liess, ein in Millionen Atome
zerstäubter Tod; und mittendrin die trägen Augen.
    Dann brach der Beifall los. Vornehme Damen wanden sich in Konvulsionen;
Greise mit zahnlosen Mündern schrien wie Knaben; blasierte Teatergänger stiegen
auf die Sitze und winkten aufgeregt. Als Eva vor die Rampe trat, verstummte der
Lärm, und zehn Sekunden lang war es so still, dass man nur das Röcheln aus
Brustkästen und das Knistern von Kleidern vernahm.
    Sie schaute in das blendende Meer von Gesichtern. Die Falten ihres weissen
griechischen Gewands erinnerten an Marmor. Von neuem begann der Sturm, die
Zurufe, das Tücherschwenken. An die Brüstung der Galerie drängte sich ein
Mädchen, streckte die Arme aus und rief mit einer schluchzenden Stimme, die
alles übertönte: »Du hast uns begriffen, Seelchen!«
    Eva verstand die russischen Worte nicht, aber es war nicht nötig, die Worte
zu verstehen. Sie schaute hinauf und empfing den Sinn.
 
                                       9
Um Mitternacht erschien sie, einer Zusage getreu, im Palast des Fürsten Fjodor
Szilaghin.
    Respektvolles Murmeln und Verstummen entstand, als man ihrer ansichtig
wurde. Träger erlauchter Namen, die schönsten Frauen des Hofes und der
Gesellschaft, hohe Offiziere und die fremden Gesandten waren versammelt. Einige
Herren hatten sich bereits um sie geschart, da trat Fjodor Szilaghin auf sie zu,
führte ihre Hand ehrerbietig an die Lippen und löste sie geschmeidig plaudernd
aus der Gruppe.
    Sie ging durch mehrere Säle an seiner Seite; er war darauf bedacht, sie an
sich zu fesseln, und es gelang ihm, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
    Kein Hauch von Banalität war an ihm. Bewegungen und Worte waren mit
äusserster Kaltblütigkeit und Feinheit auf den Effekt berechnet. Die Augen waren
beim Sprechen schmachtend niedergeschlagen, und die allen Russen eigne
Leichtigkeit und Fülle der Rede hatte bei ihm ausserdem etwas unablässig
Schillerndes. Ein anmassendes und fast zynisches Bewusstsein davon, dass er schön,
geistreich, apart, umworben, mysteriös war, verliess ihn nie. Seine Brauen waren
gefärbt, seine Lippen geschminkt. Das stumpfe Schwarz des üppig-glatten Haares
hob die durchleuchtete Blässe des bartlosen Gesichtes faszinierend.
    »Ich muss es rühmen, Madame,« sagte er mit einer Stimme von unergründlicher
Falschheit, »ich muss es rühmen, dass Ihre Kunst für uns Slawen nicht das westlich
Überzüchtete hat wie bei den meisten Sternen des Auslands. Sie gibt sich wie die
Natur selbst. Es müsste belehrend sein, den Weg zu kennen, auf dem Sie, von einer
andern Seite her, zu den nämlichen Gesetzen und Formen gelangt sind, auf denen
sowohl unsre nationalen Tänze als auch unsre modernen orchestrischen
Bestrebungen beruhen. Von diesen wissen Sie doch zweifellos?«
    »Ich weiss davon,« antwortete Eva, »und was ich gesehen habe, ist
ungewöhnlich; es hat Kraft, Charakter und Schwärmerei.«
    »Schwärmerei, gewiss, und vielleicht noch etwas mehr: Raserei,« sagte der
junge Fürst mit beziehungsvollem Lächeln. »Ohne Raserei wird nichts Grosses in
der Welt geschaffen. Glauben Sie nicht, dass sogar Christus ein Rasender war? Was
mich betrifft, ich kann mich mit der allgemein angenommenen Figur des sanften
und harmonisch ausgeglichenen Christus nicht befreunden.«
    »Es ist ein neuer Gesichtspunkt, man müsste darüber nachdenken,« versetzte
Eva freundlich gelassen.
    »Wie es auch sei, bei uns ist alles noch im Werden, der Tanz und die
Religion,« fuhr Fjodor Szilaghin fort. »Diese beiden in einem Atem zu nennen,
entält für mich keine Blasphemie; sie haben etwas Verwandtes, wie eine rote
Rose und eine weisse Rose. Verzeihen Sie den vorwitzigen Exkurs. Wenn ich sage,
wir sind Werdende, so heisst das, dass wir im Guten und im Bösen ohne Grenzen
sind. Ein Russe kann den grausamsten Mord begehen und gleich hernach Tränen
vergiessen beim Anhören eines schwermütigen Gesangs. Er ist jeder Wildheit,
Zügellosigkeit und Schändlichkeit fähig, aber auch der Hochherzigkeit und
Selbstverleugnung, und kein Wandel kann schneller und schrecklicher sein als der
vom Hass zur Liebe bei ihm, von Liebe zum Hass, vom Glück zur Verzweiflung, von
der Treue zum Verrat, von der Furcht zur Tollkühnheit. Man vertraue ihm und gebe
sich ihm hin; man wird in ihm das gefügigste, grossmütigste und zärtlichste Wesen
finden. Man enttäusche und misshandle ihn, - er stürzt in Finsternis und verliert
sich in Finsternis. Er kann geben, geben, geben, ohne Ende, ohne Besinnung, bis
zur Entäusserung, bis zur Phrenesie, und erst wenn er in die unterste Tiefe der
Hoffnungslosigkeit geschleudert ist, erwacht die Bestie, und er zertrümmert
alles um sich her.« Der Fürst blieb stehen. »Ist es indiskret, zu fragen, wo Sie
den Mai verbringen werden, Madame? Man sagte mir, Sie wollten an die See,«
unterbrach er sich in verändertem Ton und blickte Eva erwartungsvoll an.
    Diese war von der Frage betroffen wie von einem Überfall.
    Sie hatten die für die Gäste bestimmten Räume unversehens verlassen und
befanden sich in den ausgedehnten Glashäusern des Wintergartens. Nach allen
Seiten führten labyrintische, von Pflanzen überwucherte Wege. Ein dämmeriges
Licht herrschte, und da, wo sie standen, in einer etwas teatralischen
Einsamkeit, hauchten Tausende von gespenstisch gefleckten Orchideenblüten ihren
beklemmenden Duft aus.
    Eva hatte Sinn und Hinweis der Worte Szilaghins erfasst, so geschickt und
deutbar sie auch gewählt waren. Das Eidechsenschlüpfrige seines Geistes lockte
sie, sich mit ihm zu messen, trotzdem es sie drohend anrührte. Spiel mit Spiel
vergeltend, hüllte sie sich in ein Lächeln, das undurchdringlich war wie
Szilaghins Stirn und grosspupillige Augen und antwortete: »Ja, ich gehe nach
Heist am Meer. Ich will ruhen. Das Leben in diesem Land der verkappten Rasenden
hat mich müde gemacht. Was ich leider entbehren musste, Fürst, war ein Mentor und
Seelenkundiger wie Sie.«
    Plötzlich liess sich Szilaghin auf ein Knie nieder und sagte leise: »Mein
Herr und Freund bittet durch mich um die Gnade, dort, wohin Sie gehen, in Ihrer
Nähe sein zu dürfen. Er besteht auf keiner Zeit, er fügt sich Ihrem Geheiss. Ich
kenne nicht den Grad und die Ursache Ihres Schwankens, schöne Eva, aber welches
Unterpfand fordern Sie denn, welche Bürgschaft für die Aufrichtigkeit eines
Gefühls, das keine Probe zu scheuen hat und kein Opfer scheuen will?«
    »Stehen Sie auf, Fürst,« befahl Eva, indem sie einen Schritt zurücktrat und
die Arme zart, in widerwilliger Vertraulichkeit gegen ihn ausstreckte; »Sie sind
zu verschwenderisch mit sich selbst in diesem Augenblick. Stehen Sie auf.«
    »Nicht, ehe Sie mich ermächtigen, der Überbringer guter Botschaft zu sein.
Ihr Entschluss wiegt schwer. Wolken sammeln sich und warten auf den Wind, der sie
vertreibt. Prozessionen ziehen aus, um das Verhängnis abzuwenden durch Gebete.
Ich bin nur ein Einzelner, zufällig Beauftragter. Darf ich jetzt aufstehen?«
    Eva schloss die ausgebreiteten Arme über der Brust und wich bis in ein grünes
Lianengehänge zurück. Nun spürte sie des Schicksals gewaltigen und unverstellten
Ernst. »Stehen Sie auf,« sagte sie mit gesenktem Kopf, und zweimal wechselten
Glut und Blässe auf ihren Wangen.
    Szilaghin erhob sich, lächelte schnellatmend und führte abermals ihre Hand,
in schweigender Ehrfurcht, an seine Lippen. Dann geleitete er sie, wie vorher
geschmeidig plaudernd, zu den übrigen Gästen zurück.
    Zwölf Stunden später war es, als Christian das Telegramm erhielt, das ihn
nach Berlin rief.
 
                                       10
Edgar Lorm machte volle Häuser in München. Der Zulauf war so gross, dass er sein
Gastspiel verlängern musste.
    Crammon bezeigte sein Vergnügen darüber und blähte sich auf. Er wandelte
umher wie die Amme dieses Ruhmes.
    Eines Tages war er bei einer literarischen Dame zum Tee, da entstand in
einer Ecke ein Gekicher, das seiner Person galt. Er war sehr erheitert, als er
erfuhr, dass die wispernde Gesellschaft, die sich dort zusammengefunden, des
festen Glaubens war, er kopiere Lorm als Misantrop.
    Felix Imhof hörte davon und wollte bersten vor Lachen. »Nicht zu leugnen,
der Gedanke hat etwas Bestechendes, wenn man dich nicht kennt,« sagte er zu
Crammon. »Wahrscheinlich liegt ja die Sache umgekehrt, und du hast Lorm in der
Rolle das Modell abgegeben.«
    Diese Deutung war schmeichelhafter. Crammon schmunzelte dankbar. Unbewusst
vertiefte er die Züge von Weltfeindlichkeit in seinem feisten Domherrengesicht.
Als sich Lorm im Kostüm des Alcest photographieren liess, pflanzte sich Crammon
hinter dem Apparat auf und verwandte keinen Blick von der statuenreifen
Erscheinung des Schauspielers.
    Seine Absicht war, zu lernen. Die Rolle, welche ihm in dem Stück zugeteilt
war, das täglich von neun Uhr morgens bis elf Uhr abends gespielt wurde, begann
seine Unzufriedenheit zu erregen. Er wünschte sich eine minder episodenhafte. Es
schien ihm, dass man den Direktor des Teaters veranlassen könne, eine
Umbesetzung vorzunehmen. Er sprach es auch Lorm gegenüber aus. Denn der
Schauspieler war ihm nicht mehr, wie in den Jahren der Jugend, Krone und
Leuchtpunkt menschlicher Existenz und Gefäss ihrer edelsten Bewegung, sondern
Mittel zum Zweck. Man hatte von ihm zu lernen, seine wahren Gefühle bis zur
völligen Unbemerkbarkeit zu verbergen; alle Kräfte für den Augenblick zu
sammeln, in welchem das Stichwort fiel; mit sich selber hauszuhalten; eine
glaubwürdige Maske mit Bravour zu tragen und sich in jeder Situation eines guten
Abgangs zu versichern.
    Er sagte: »Ich habe mich mit meinen Partnern immer leidlich vertragen. Ich
kann behaupten, dass ich ein gefälliger Kollege war und immer in den Hintergrund
geschlichen bin, wenn sie an der Rampe ihren Monolog oder ihre grosse Szene
hatten. Aber zwei von ihnen, der erste Liebhaber und die Heroine, haben meine
Gutmütigkeit entschieden missbraucht. Sie haben mich nach und nach aus der
Komödie verdrängt. Zu ihrem eignen Schaden; die Intrige hätte famos werden
können; seit man mich hinter die Kulissen geschickt hat, droht sie im Sand zu
verlaufen. So etwas wurmt einen.«
    Edgar Lorm lächelte. »Da scheint mir eher der Dichter gesündigt zu haben als
jene beiden,« antwortete er. »Es ist sicher ein Fehler im Bau der Handlung. Auf
eine Figur wie Sie verzichtet ein erfahrener Teatermann nicht ohne weiteres.«
    »Prosit,« sagte Crammon und hob sein Glas. Sie sassen, spät nachts, im
Ratskeller.
    »Man muss auch die Entwicklung abwarten,« fuhr Lorm fort, den die Charade
ergötzte; »es gibt, namentlich bei guten Autoren, manchmal unerwartete
Wendungen. Schimpfen darf man erst, wenn der Vorhang gefallen ist.«
    Crammon murmelte verdrossen: »Die Zeit wird lang. Ich will demnächst mal
wieder auf die Bühne und sehen, in welchem Akt wir sind. Kann sein, dass ich mir
ein Extempore leiste.«
    »Für welches Fach sind Sie eigentlich engagiert?« erkundigte sich Lorm;
»Bonvivant? Charakter? Heldenväter?«
    Crammon zuckte die Achseln. Sie sahen einander ernstaft an. Um den
schmallippigen Mund des Schauspielers blitzte gute Laune. »Seit wann haben wir
uns nicht mehr gesehen, mein Vortrefflicher?« sagte er und schlang vertraulich
den Arm um Crammons Schulter; »es mögen Jahre sein. Bis vor kurzem hatte ich
einen Sekretär, der mir jeden Brief von Ihnen abends auf das Kopfkissen legte.
Er wollte damit sagen: Sieh mal, Edgar Lorm, die Menschen sind doch kein so
miserables Pack, wie du immer behauptest. Na, er war ein Idealist, aufgewachsen
bei Zichorienkaffee, Kartoffeln und Hering. So was findet man zuweilen. Mein
guter Crammon, Sie haben Fett angesetzt indessen. Wie rund und behäbig Sie
wohnen in der prallen Haut da. Ich bin mager geblieben und zehre von meinem
Blut.«
    »Das Fett ist nur Attrappe,« versetzte Crammon melancholisch.
 
                                       11
Judit Imhof ging an allen Gastspielabenden Lorms ins Teater. Sie ging aber
nicht mit ihrem Mann und Crammon; die beiden störten sie; für Crammon hatte sie
ausserdem wenig Sympatie; wenn er ihr nicht gerade spasshaft erschien, fand sie
ihn unleidlich.
    Sie nahm einen Platz im Parkett, und im Zwischenakt winkte sie gnädig und
gelassen Crammon und Felix zu, die in einer Loge sassen. Um die Verwunderung der
Bekannten kümmerte sie sich nicht. War jemand so vermessen, sie nach dem Grund
ihres Alleinseins zu fragen, so antwortete sie: »Imhof mag es nicht, wenn einem
andern etwas missfällt, was ihn begeistert, und so gehen wir getrennte Wege.«
    »Missfällt Ihnen denn Lorm?« fragte der oder die Neugierige unfehlbar weiter.
Worauf sie entgegnete: »Ich habe nicht viel übrig für ihn. Es ist wahr, er
zwingt mir Interesse ab, doch das trag ich ihm nach. Ich begreife nicht, dass man
so viel Aufhebens von ihm macht.«
    Eines Tages wurde sie von einer Dame aus ihrem Kreis gefragt, ob sie sich in
der Ehe glücklich fühle. »Ich weiss es nicht,« erwiderte sie lachend; »ich kann
mir unter dem, was die Menschen Glück nennen, nichts Rechtes vorstellen.« Warum
sie dann geheiratet habe? forschte die Dame. »Sehr einfach,« antwortete sie;
»junges Mädchen zu sein, war mir ein so unerfreulicher Zustand, dass ich
getrachtet habe, ihn so bald wie möglich zu beendigen.« So liebe sie also ihren
Mann nicht? »Gott, Liebe,« versetzte sie, »Liebe. Mir scheint, mit dem Wort wird
viel Unfug getrieben. Ich glaube, die meisten Leute flunkern bloss, wenn sie von
Liebe reden, und legen sich nur deshalb so ins Zeug, weil keiner zugeben will,
dass nichts dahinter steckt. Es ist wie mit des Königs neuen Kleidern im Märchen;
alle tun ungeheuer wichtig und entzückt, derweil ist der König im jämmerlichsten
Neglige.«
    Ein andermal wurde sie gefragt, ob sie sich ein Kind wünsche. »Pfui!« rief
sie aus, »ein Kind! Frass für die Würmer.«
    Als einst in Gesellschaft die Rede auf Schmerzempfindlichkeit kam, sagte
sie, sie könne jede körperliche Marter erdulden, ohne mit der Wimper zu zucken.
Es wurde bezweifelt. Sie verschafte sich eine lange goldene Nadel und befahl
einem Herrn, ihr die Nadel durch den ganzen Arm zu stechen. Als der
Aufgeforderte sich erschrocken weigerte, ersuchte sie einen andern darum, der
gröbere Nerven hatte, und der ihr willfahrte. Und wirklich regte sich kein
Muskel in ihrem Gesicht. Das Blut ergoss sich in einem dicken Bach; sie lächelte.
    Felix Imhof konnte bei geringem Anlass weinen; manchmal schon bei Migräne.
Dies verachtete sie an ihm.
    Der Schauspieler ging ihr nahe. Sie wehrte sich vergeblich; er hielt sie im
Bann, immer fester, immer unlösbarer. Sie grübelte. Waren es die Verwandlungen,
die sie reizten?
    Wie geschliffener Stahl, biegsam und elegant, war sein Körper, der den
Vierzigjährigen zum Epheben machte. Wie Stahlschlag seine Stimme, in der die
Worte als Funkengewirbel aufprasselten. Unter seinen Schritten wurde die
Bretterbühne zur Palästra; da klebte nichts, da winselte und kroch nichts; alles
war Anspannung, Fortgang, Verve, Rhytmus, Sturmtakt. Nichts innere Belastung,
alles Fanfare. Sie gab Felix recht, als er sagte: »In diesem Menschen ist mehr
Inhalt unsrer Zeit als in sämtlichen Journalen, Leitartikeln, Broschüren und
dickleibigen Wälzern, die seit zwanzig Jahren die Druckerpresse verlassen haben.
Er hat das Wort zum Herrscher gekrönt.«
    Sie war ungeduldig nach der persönlichen Bekanntschaft mit Lorm. Crammon
machte den Vermittler. Lorm kam ins Haus. Die Hässlichkeit seines Gesichts
überraschte sie. Sie verübelte ihm die unbedeutende Stulpnase und die niedrige
Stirn. Der Zauber wurde dadurch nicht gebrochen. Sie wollte es übersehen und
übersah es. Es war eine Verwandlung mehr. Sie traute ihm unendliche zu.
    Er zeigte sich als Feinschmecker mit Resten jener Gier, die Emporkömmlingen
eigen ist. Tafelgenüsse verführten ihn zu Ausbrüchen lärmender Fröhlichkeit. Bei
Sekt und Austern urteilte er wohlwollend über Feinde.
    Er war so launenhaft, dass der Umgang mit ihm anstrengte. Ein Schatten
veränderte seine Stimmung. Niemand trat ihm entgegen, und der Mangel an
Widerstand hatte einen leeren Raum um ihn erzeugt, der beinahe wie Einsamkeit
aussah. Er hielt es selbst für Einsamkeit und gefiel sich schmerzlich darin.
    Er sprach nur in Monologen. Er hörte nur sich zu. Aber es lag Unschuld darin
wie bei einem Wilden. Wenn andre redeten, verschwand er in einer Versenkung, und
seine Augen bekamen einen Steinglanz, ohne dass der noch anwesende Teil von ihm
an Artigkeit einbüsste. Doch hatte diese Artigkeit nicht selten etwas belastet
Automatisches. Ergriff er dann wieder das Wort, so entzückte er durch Witz,
Paradoxie und meisterhaft erzählte Anekdoten.
    Unterhaltung mit Frauen vermied er. Schönheit und kokette Künste machten
keinen Eindruck auf ihn. Wenn man ihn anschwärmte, wurde seine Miene
höflich-aufmerksam und er dachte etwas Respektloses. Er erlebte keine Abenteuer,
an seinen Namen hingen sich keine pikanten Gerüchte. Ausserhalb des Teaters
führte er das Leben eines Privatmannes von bescheidenen Gewohnheiten.
    Mit kühlem Spürsinn tastete sich Judit an den Klippen seines Wesens
entlang. Sie, die ohne allen Schwung war, vollkommen nüchtern, bloss Nützliches
gewahrend, bloss an Zweckmässiges denkend, von Jugend auf eingeschnürt in Formen
und nichts anderes schätzend als Äusseres: Gewänder, Geschmeide, Prunk, Titel,
Namen, war in einem Zeitraum von drei Tagen so von ihm besessen, dass sie mit
Elektrizität geladen schien. Es war vornehmlich Äusseres, wovon sie fasziniert
war: sein Auge, seine Stimme, sein Ruhm; aber es war auch ein Inneres: die
Illusion vom Schauspieler.
    Sie wusste, was sie tat; sie berechnete jeden Schritt.
    Eines Tages klagte Lorm über die Ordnungslosigkeit in seiner Existenz, die
heillose Verwirtschaftung seines Erworbenen. Es war bei Tisch; die andern gingen
mit Redensarten darüber hinweg; Judit nahm das Tema auf, als es ihr später
gelang, mit ihm allein zu sprechen. Sie liess sich die Personen schildern, die er
verantwortlich gemacht und drückte Zweifel an deren Vertrauenswürdigkeit aus.
Sie verwarf Einrichtungen, die er getroffen, gab Ratschläge, die er billigte,
warf ihm Versäumnisse vor, deren er sich schuldig bekannte. »Ich schwimme in
Geld und ersticke in Schulden,« seufzte er; »in zwanzig Jahren werde ich ein
alter Mann und ein armer Teufel sein.«
    Ihre praktische Umsicht erfüllte ihn mit naiver Bewunderung. Er sagte: »Ich
habe bisweilen gehört, dass es solche Frauen wie Sie geben soll, ich habe aber
nie an ihre Existenz geglaubt. Ich weiss nur von leeren Ansprüchen und
blümeranten Gefühlen.«
    »Sie sind ungerecht,« versetzte sie lächelnd, »jede Frau hat ein Gebiet, wo
sie sich bewährt; die Welt kümmert sich bloss nicht darum. Zur Welt stehen wir
meistens in einem falschen Verhältnis.«
    »Dies ist klug,« sagte Lorm befriedigt. Er war ein Geizhals im Lob.
    Gern liess er sich nun von ihr in Gespräche über seine kleinen Sorgen und
Nöte ziehen. Er hatte ausführliche Verhöre zu bestehen, denen er sich geduldig
unterwarf. Er brachte ihr die Rechnungen seiner Lieferanten. »Man beutet Ihre
Unerfahrenheit aus; Sie werden betrogen,« war Judits Urteil. Er war beschämt.
    »Haben Sie Geld ausgeliehen?« fragte sie. Es verhielt sich so. Er hatte
zahllosen Schmarotzern seit Jahr und Tag beträchtliche Summen geborgt. Judit
zuckte die Achseln und bemerkte: »Sie hätten Ihr Geld ebensogut zum Fenster
hinauswerfen können.«
    Lorm antwortete: »Es ist so lästig, wenn sie kommen und bitten; ihre
Gesichter sind mir unappetitlich; ich gebe ihnen, was sie verlangen, nur um sie
loszuwerden.«
    
    Dergestalt bewegten sich ihre Unterhaltungen ausschliesslich im Kreis der
gewöhnlichsten Alltagsdinge. Aber gerade dies und nichts andres entbehrte und
brauchte Edgar Lorm. Es war für ihn so neu und so ergreifend wie für einen nach
Poesie und Leidenschaft hungernden Bürger die Entdeckung einer schwärmerisch
entrückten Seele.
    Judit hatte einen Traum. Sie lag nackt bei einem grossen, schlüpfrigen,
eiskalten Fisch. Sie lag bei ihm, weil er ihr gefiel, und sie schmiegte sich eng
an ihn an. Auf einmal aber begann sie, ihn zu schlagen, denn seine kühlen,
feuchten, schlüpfrigen, silbern glänzenden und am Rücken opalisierenden Schuppen
flössten ihr eine hexenhafte Wut ein. Sie schlug und schlug, bis ihr die
Besinnung schwand und sie erschöpft aufwachte.
    Man unternahm eines Nachmittags einen Ausflug ins Isartal: Crammon, Felix,
ein junger Freund Imhofs, Lorm und Judit. In einem Wirtsgarten war Kaffee
getrunken worden; der Rückweg führte durch den Wald, man ging paarweise, Lorm
und Judit waren die letzten. »Ich habe meine goldene Tabatiere verloren,« sagte
Lorm plötzlich, in die Tasche fassend, »ich muss das Stück Wegs noch einmal
gehen. Im Ort drüben hatte ich sie noch.« Es war eine Kostbarkeit, auf die er
besonderen Wert legte, ein Geschenk des Königs, dem er in seiner Jugend in
überschwänglicher Freundschaft verbunden gewesen, und ihm unersetzlich als
Erinnerungszeichen.
    Judit nickte. »Ich werde hier warten,« antwortete sie; »den Weg dreimal zu
machen, bin ich zu müde.«
    Er entfernte sich, Judit blieb stehen, den Kopf an einen Baum gelehnt, und
sann. Ihre Stirn faltete sich, ihr Auge blickte bohrend. Es war still im Wald;
die Luft regte sich nicht, kein Vogel schrie, kein Tier liess Zweige knistern.
Die Zeit verging; keineswegs von Ungeduld getrieben, nur von ihren Gedanken, die
heftig und bestimmt waren, verliess sie endlich ihren Platz und wanderte langsam
in die Richtung, aus der Lorm kommen musste. Als sie eine Weile gegangen war, sah
sie im Moos etwas Goldenes blitzen. Es war die Tabatiere, und sie hob sie ruhig
auf.
    Lorm kam verstimmt zurück; er schwieg, und als er an ihrer Seite weiter
schritt, reichte sie ihm die Dose auf der offenen Hand. Er machte eine Gebärde
freudiger Überraschung, und sie musste ihm berichten, wo sie die Tabatiere
gefunden hatte.
    Danach schien er eine Weile mit sich zu kämpfen. Auf einmal sagte er: »Mit
Ihnen wäre das Leben leichter zu leben.«
    Judit erwiderte lächelnd: »Sie sprechen davon wie von etwas
Unerreichbarem.«
    »Ich glaube, es ist unerreichbar,« murmelte er mit gesenktem Kopf.
    »Wenn Sie an meine Ehe denken,« versetzte Judit, immerfort lächelnd, »so
halte ich das Wort für übertrieben und den Ausweg für einfach.«
    »Ich denke nicht an Ihre Ehe. Ich denke an Ihren Reichtum.«
    »Wollen Sie sich deutlicher erklären?«
    »Soll geschehen.« Er suchte mit den Blicken in der Runde und trat an einen
Baum. »Sehen Sie den kleinen Käfer da? Sehen Sie, wie er sich plagt, um in die
Höhe zu kommen? Er hat wahrscheinlich schon ein ganz anständiges Stück Arbeit
geleistet heute. Seit Sonnenaufgang mag er schon krabbeln, und wenn er oben ist,
hat er was vollbracht. Nehm ich ihn aber jetzt zwischen meine Finger und hebe
ihn hinauf, dann ist ihm sogar der Pfad, den er sich selber gebahnt hat, nichts
mehr wert. So ist das mit dem Käfer, und so ist es mit mir.«
    Judit überlegte. »Vergleiche müssen hinken, das ist ihr Vorrecht,« sagte
sie spöttisch. »Ich begreife nicht, dass man einen Menschen verwirft, bloss weil
er nicht mit leeren Händen zu einem kommt. Ein lächerlicher Einfall.«
    »Zwischen einer Hand, die leer ist, und einer, die über unermessliche Schätze
gebietet, ist ein Unterschied,« antwortete Lorm ernst. »Ich habe mich aus der
Armut emporgedient. Sie ahnen nicht einmal, was das ist: Armut. Alles, was ich
bin und habe, verdanke ich unmittelbar meinem Körper, meinem Kopf, meinem
Gehirn. Sie sind von Geburt an und durch Geburt daran gewöhnt, die Körper, Köpfe
und Gehirne andrer Menschen zu kaufen. Und wenn Sie noch tausendmal mehr Sinn
und Auge für die Wirklichkeit und vernünftige Lebensführung hätten, als Sie
haben, Sie wissen nichts und können nichts wissen von dem sittlichen und höchst
achtunggebietenden Gesetz, das Leistung und Entgelt gegeneinander sichert. Ihre
Hilfsmittel geben Ihnen immer die Macht, dieses Gesetz zu ignorieren und eine
Willkür dafür zu schaffen. Ihr Reichtum wäre mir eine Lähmung, ein Hohn, ein
Gespenst.«
    Er sah sie mit zurückgeworfenem Kopf an.
    »So ist also unser Fall hoffnungslos?« fragte Judit trotzig und blass.
    »Da ich nicht erwarten kann und darf, dass Sie verzichten und Millionen im
Stich lassen, um sich einem Komödianten zugesellen, ist er allerdings
hoffnungslos.«
    »Gehen wir,« sagte Judit, ohne Farbe im Gesicht, »die andern werden uns
vermissen. Ich will nicht Anlass zum Gerede geben.«
    Sie schritten rasch und stumm weiter. Der Wald öffnete sich, unter schwarzer
Wolkenwand hing die glutbebende Sonnenkugel. In rasendem Zorn starrte Judit
hinein. Zum erstenmal war ihr Wille an einen stärkeren Willen geraten. Vor Zorn
füllten sich ihre Augen mit Nässe. Vor Zorn stiess sie ein Gelächter aus, das
nichts Melodisches hatte. Als Lorm sie betroffen anschaute, wandte sie sich ab
und biss die Zähne in die Lippe.
    »Ich bin imstande und tus,« sprach sie im Zorn zu sich selbst. Dann wurde es
trotziger Entschluss: ich tus, ich tus.
 
                                       12
Wie er es erwartet hatte, fand Christian, als er mit Amadeus Voss nach Berlin
kam, viele Menschen und viel Tumult um Eva. Kaum konnte er zu ihr dringen. »Ich
bin müde, Eidolon,« rief sie ihm entgegen, »führ mich fort.«
    Dann wieder, als sie sich aus einem Schwarm von Bedrängern gelöst hatte:
»Wie gut, dass du da bist, Eidolon, ich habe mit Schmerzen auf dich gewartet.
Morgen reisen wir.«
    Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Es war davon die Rede, dass
sie in dem holländischen Seebad, das ihr nächstes Ziel war, allein und
zurückgezogen leben wollte, doch Christian hatte bereits ein Dutzend Personen
gesprochen, die dort Quartier bestellt hatten, und er zweifelte an dem Ernst
ihrer Absichten. Die Menschen waren ihr unentbehrlich, und wenn sie schwieg,
mussten wenigstens andre um sie reden; wenn sie ruhig lag, musste Bewegung um sie
sein.
    Als sie vor ihm stand, durchdrang ihn der Wohlgeruch ihres Körpers wie ein
Schrecken. Er blickte verwirrt vor sich nieder. Unter der Heftigkeit einer
aufrauschenden Blutwelle verlor sein Pulsschlag den Rhytmus.
    Er hatte ihr Gesicht vergessen, ebenso wie die erstaunliche Wahrheit ihrer
Gebärde, ihr unmittelbares Wort, ihre Hingerissenheit und ihr Hingerissensein,
ihre ganze machtvolle, zarte, blühende, blendende Gegenwart. Alles war ihr zu
Willen, die Elemente sogar. Wenn sie auf die Strasse trat, strahlte die Sonne
reiner, war die Luft linder. Sie verwandelte das gehetzte Treiben um sich in
einen gehorsam flutenden Strom.
    Susanne sagte zu Christian: »Wir sollen hier tanzen; man macht uns Anträge;
aber die Preussen gefallen uns nicht. Es sind engherzige Leute. Sie sparen ihr
sauer verdientes Geld für Kanonen und Kasernen. Ich habe noch kein wirkliches
Gesicht gesehen. Ein Mann sieht aus wie der andre, eine Frau wie die andre.
Wahrscheinlich werden sie von Maschinen erzeugt, fünftausend im Tag, gleich
ausgewachsen und fertig angezogen wie Jasons Geharnischte.«
    »Eva selbst ist eine Deutsche,« wies Christian die Hämische zurecht.
    »Bah, wenn der Genius aus dem Himmel verstossen wird, stürzt er blind auf die
Erde und kann sich sein Asyl nicht wählen. Wo ist Herr von Crammon?« unterbrach
sie sich, »warum besucht er uns nicht? Und wen haben Sie statt seiner
mitgebracht?« Sie deutete mit dem Kinn auf Amadeus Voss, der steif und befangen
in einer Ecke stand; die grossen Brillengläser machten ihn einem Uhu ähnlich.
»Wer ist dieser?«
    Wer ist dieser? fragten auch Wiguniewskis und des Marques Tavera verwunderte
Miene. Amadeus Voss war bis zu einem peinigenden Grad Neuling. Der stiere
Ausdruck seiner Züge hatte bisweilen etwas so Albernes, dass Christian sich
seiner schämte und die andern über ihn lachten.
    Voss trieb sich in den Strassen herum, zwängte sich durch Menschengewühl,
stand vor Auslagen und den Spiegelglasscheiben der Kaffeehäuser, kaufte
Zeitungen und Flugblätter, redete fremde Leute an, aber er vermochte nichts in
sich zu beschwichtigen. Er sah nur immer das Gesicht der Tänzerin vor sich;
aufreizend und geziert; die Bewegung, mit der sie eine Frucht zerschnitt, einen
der Freunde begrüsste, zu einem sich beugte, mit der sie sich auf einen Stuhl
niederliess oder von ihm erhob, mit der sie an einer Blume roch, alle Bewegungen
der Lider, der Lippen, des Halses, der Schultern, der Hüften, der Beine. Er fand
sie aufreizend und geziert, aber sie waren seinem Gehirn eingeätzt wie einer
photographischen Platte.
    Eines Abends betrat er Christians Zimmer, sandfahl.
    »Wer ist eigentlich Eva Sorel?« fing er mit Ingrimm und Verbissenheit an.
»Woher kommt sie? Wem gehört sie? Was sollen wir bei ihr? Erzählen Sie mir etwas
über sie. Klären Sie mich auf.« Er warf sich in einen Sessel und starrte
Christian an.
    Da Christian schwieg, nicht gefasst auf diese Sturzflut von Fragen, fuhr er
fort: »Sie haben mich in eine neue Haut gesteckt, aber der alte Mensch krümmt
sich darin. Ist es ein Maskenball, auf dem ich mich befinde? So sagen Sie mir
wenigstens, was die Figuren vorstellen. Ich bin auch maskiert, aber schlecht,
scheint es. Ich hoffe von Ihnen, dass Sie die Fehler an meiner Maskerade
ausbessern.«
    »Sie sind nicht schlechter maskiert als ich und als die übrigen, Amadeus,«
antwortete Christian mit besänftigendem Lächeln.
    Voss stützte den Kopf auf die Arme. »Also eine Tänzerin ist sie, eine
Tänzerin,« murmelte er gedankenvoll. »Für mein Gefühl hatte das Wort und der
Begriff von jeher etwas Unzüchtiges. Wie ist es möglich, damit andre
Vorstellungen zu verbinden als solche, die einem die Schamröte in die Wangen
treiben?« Er schaute jäh empor und fragte mit stechendem Blick: »Ist sie Ihre
Geliebte?«
    Christian erbleichte. »Was Sie aus dem Gleichgewicht bringt, Amadeus,« sagte
er, »glaub ich zu verstehen. Aber da Sie nun einmal mit mir gegangen sind,
müssen Sie auch bei mir aushalten. Ich weiss nicht, wie lange wir mit all diesen
Leuten beisammen sein werden, auch wozu wir hier sind, kann ich Ihnen so genau
nicht sagen. Über Eva Sorel fragen Sie mich nicht. Kein Wort von ihr, im Lob
nicht und im Tadel nicht.«
    Voss verstummte.
 
                                       13
Christian, Amadeus Voss, Mr. Bradshaw, der Marques Tavera und Fürst Wiguniewski
fuhren im Auto, Eva benutzte die Bahn.
    Aber sie vertrug Eisenbahnfahrten ebenso schlecht wie lange Autofahrten. In
der Nacht lag sie schlaflos auf dem Bett, eingehüllt in Seide, das Gesicht in
seidene Kissen geschmiegt. Susanne kauerte vor ihr, reichte ihr bald eine
Parfümflasche, bald ein Buch, bald eine Süssigkeit, bald ein Glas eisgekühlte
Limonade. Ein Prickeln war in ihren Gliedern, das sie nicht ruhen liess, auf
ihrer Brust lag der Alp, ihre Stirn zuckte zwischen Denken und Phantasien,
zwischen Wollen und Überdruss am Wollen. Der Gesang der Räder auf den Schienen
zerschnitt ihre Nerven, das Vorbeigleiten der nie so schwarz gewesenen Nacht
reizte wie ein ins Unendliche auseinandergeflossenes Wahngebilde; sie sah
Landschaften, in denen Bosheit war, Wälder, die tückisch den Weg versperrten,
verwunschene Häuser und verstörte Menschen.
    »Die Zeit ist ein Quälgeist,« hauchte sie; »ich möchte, dass sie vor mir
stünde, und ich könnte zusehen, wie man sie peitscht.«
    Susanne neigte sich über sie und schaute sie aufmerksam an.
    »Was erhoffst du eigentlich von ihm?« flüsterte sie auf einmal in zärtlichem
Ton, »was bedeutet das Spiel mit ihm? Er ist der Banalste von allen. Ich habe
aus seinem Mund noch nie ein Wort von Schliff und Geist gehört. Weiss er, was du
bist? Nicht im Traum. Seine Träume sind gewiss so leer wie sein Kopf. Dein Tanzen
gilt ihm ungefähr soviel wie einem mittleren Bürger die Sprünge einer
Provinzballerine. Die Nationen liegen dir zu Füssen, während er sich zu seinem
überheblichen Lächeln entschliesst. Du hast der Welt eine neue Gattung Glück
geschenkt, und dieser deutsche Selbstgewiss steht ahnungslos und ungebildet.«
    Eva sagte: »Wenn es zu düster ist an der Nordsee, fahren wir ans Meer nach
Süden.«
    »Man möchte ihm in die Ohren schreien: Auf die Knie mit dir! Bete an!«
ereiferte sich Susanne. »Doch eher käme die Vendomesäule ins Wanken. Warum wankt
er nie? Ich habe ihm geschildert, wie wir in Russland auf Händen getragen worden
sind, was für ein Taumel das war, was für Feste, was für Eruptionen von
Begeisterung. Er machte ein Gesicht dazu, als läse man ihm eine mässig
interessante Nachricht aus der Zeitung vor. Ich sprach vom Grossfürsten; runzle
nicht die Stirn, ich konnte nicht anders, ich wäre sonst erstickt. Der
Dschingiskhan an der Kette, ein Schauspiel, bei dem jedes Herz höher schlägt;
eine eiserne Barbarenseele zerschmolzen, das passiert nicht alle Tage. Fünfzig
Millionen zitternde Sklaven, und das übrige nach dem Wort: Sonne stehe still zu
Gideon und Mond im Tale Ajalon. Dichter könnten es nicht schöner dichten.
Hättest du zugehört, wie ich ihm zu Leibe gerückt bin, du wärst erstaunt gewesen
über mein Talent, Goldfäden auf Sackleinwand zu sticken. Vergebliche Mühe. Er
blieb bei regelmässigem Atem wie eine Uhr. Ein paarmal schien mir, er zucke
zusammen, aber es war eine Fliege schuld, die ihn an der Nase kitzelte.«
    »Ob die Toiletten aus Paris schon in Heist sein werden?« fragte Eva. Das
lange Oval ihres Gesichtes dehnte sich, die Lippen kniffen sich ein wenig ein,
die weissen Zähne blitzten hervor wie frisch geschälte Mandeln.
    »Warum hast du dich ihm verweigert?« fuhr Susanne fort; »was man besitzt,
hat man schon besessen, aufgeschobene Lust wird Last. Sie sollen die Sprossen
deiner Leiter sein, weiter nichts. Alle Seligkeit der Nächte für dich; beim
ersten Hahnenschrei mögen sie sich trollen. Wodurch verdient gerade er einen
Vorrang? Weil du die Laune hattest, ein Götzenbildchen aus ihm zu schnitzen?
Wozu hast du ihn gerufen? Ich habe Angst. Du wirst eine Dummheit machen.«
    Eva schwieg. Ihre Zungenspitze zeigte sich zwischen den Lippen, ihre Augen
schlossen sich listig. Diese Miene zu verstehen glaubend, sagte Susanne: »Es ist
wahr, er besitzt den wunderbaren Diamanten, um den du Tränen geweint hast; es
ist wahr. Aber du brauchst nur zu befehlen, und man wird dir die Schuhe mit
solchen Steinen garnieren.«
    »Wann hätte ich je um einen Diamanten geweint, du Lügnerin?« fragte Eva
gleichgültig. Sie richtete sich empor; ganz in durchsichtige, wehende,
blütenleichte Stoffe gehüllt, glich sie einem Geist, der aus dem Nichts
entstanden ist. »Wann hätte ich je um einen Diamanten geweint?« wiederholte sie
und fasste Susannes Schulter an.
    »Du hast es erzählt, mir selbst erzählt.«
    »Ein besseres Argument hast du nicht?« Eva lachte; das Lachen war ihre
sinnlichste Äusserung, wie das Lächeln ihre geistigste war.
    Susanne faltete die Hände und sagte ergeben: »Volvedme del otro lado, que de
este ya estoy tostado,« was ein spanischer Stossseufzer war: Legt mich auf die
andre Seite, denn auf dieser bin ich schon geröstet.
 
                                       14
Das Haus, das Eva bewohnte, lag unfern vom Strand. Es war ein alter Herrensitz;
Wilhelm von Oranien hatte es erbaut; bis vor wenigen Jahren hatte es der
verstorbenen Herzogin von Leuchtenberg gehört.
    In den von mächtigen Quadern umschlossenen Räumen fühlte sich Eva wohl. Bei
Tag und Nacht vernahm sie das langgezogene Rauschen des Meeres. Sooft sie ein
Buch aufschlug, um zu lesen, liess sie es alsbald wieder sinken und lauschte.
    Sie schritt durch die Zimmer mit den alten Möbeln und dunklen Gemälden,
froh, sich selbst zu besitzen und ohne Qual den erwartend, der dann kam. Sie
begrüsste ihn mit halbgeschlossenen Augen und mit dem Lächeln einer, die sich
ergeben hat.
    Susanne übte auf einem Klavier mit sordinierten Saiten. Wenn sie ihr Pensum
beendigt hatte, verkroch sie sich und blieb verschwunden.
    Christian und Amadeus Voss hatten sich in einer benachbarten Villa
eingemietet, Voss im Erdgeschoss, Christian oben. Voss, da Christian ihn nicht
forderte und hielt, ging am Morgen fort und kehrte am Abend, auch spät in der
Nacht, zurück. Wo er gewesen war, was er gesehen und erlebt, darüber schwieg er.
    »Einen Menschen wie mich, darf man nicht von der Kette nehmen,« sagte er am
Morgen des dritten Tages zu Christian, während sie frühstückten. »Ich schlafe
einen andern Schlaf, ich atme einen andern Atem. Meine Seele rast irgendwo
herum, ich bin auf der Jagd nach ihr. Erst muss ich sie eingefangen haben, dann
werd ich vielleicht wissen, was mit mir los ist.«
    »Wir sind heute abend zum Souper bei Eva Sorel gebeten,« sagte Christian,
ohne aufzublicken.
    Voss machte eine ironische Verbeugung. »Dies Souper sieht für mich verdammt
nach Gnadenbrot aus,« erwiderte er bissig. »Spür ich doch den Widerstand gegen
mich und die Fremdheit in Fleisch und Knochen. Es ist eine ziemlich überflüssige
Komödie. Was soll ich dort? Fast alle reden französisch. Ich bin ein
Kleinstädter, ich bin ein Dörfler, und die Lächerlichkeit, die mir anhaftet, ist
schlimmer, als wenn ich ein Mörder und Brandstifter wäre. Vielleicht entschliess
ich mich zu Mord und Brandstiftung, um nicht mehr lächerrlich zu sein; wer weiss.«
Er öffnete den Mund zum Lachen, es kam aber kein Ton heraus.
    »Mich wundert es, Amadeus, dass Sie mit Ihren Gedanken nicht von dem einen
Punkt loskommen,« sagte Christian. »Glauben Sie wirklich, dass es ein so
wichtiger Punkt ist, der allein den Ausschlag gibt? Niemand kümmert sich darum,
ob Sie reich oder arm sind. Da Sie in meiner Gesellschaft auftreten, geniessen
Sie volle Gleichberechtigung, und es wäre einfach schlechter Ton, wenn irgendwer
dagegen verstossen würde. Die Gefühle, die Sie äussern, erzeugen Sie in sich
selber, und, wie mir scheint, mit einer Art von Freude. Es macht Ihnen Freude,
sich zu quälen, und dann rächen Sie sich an den andern. Ich hoffe, Sie nehmen
mir meine Offenheit nicht übel.«
    Amadeus Voss grinste. »Man möchte Ihnen manchmal die Wange tätscheln wie ein
Schulmeister,« antwortete er geduckt; »das haben Sie brav gemacht, Christian
Wahnschaffe, möchte man sagen. Ja ja, es war entschieden brav; brav geladen,
brav geschossen, bloss schlecht gezielt. Um mich zu treffen, müssen Sie besser
zielen. Eines ist wahr, die Krankheit sitzt in mir; viel zu tief, als dass sie
durch ein paar billige Weisheitssprüche zu heilen wäre. Wenn mir dieser
russische Fürst oder dieser spanische Legationsrat die Hand reicht, ist mir
zumute, als hätt ich Banknoten gefälscht und die Sache könnte jeden Moment
entdeckt werden. Wenn diese Dame an mir vorübergeht, mit ihrem unbeschreiblichen
Duft und dem Rauschen von Gewändern, da schwindelt mir, als hing ich
sechshundert Meter hoch über einem Abgrund, und alles in mir krümmt sich und
stöhnt vor Niedrigkeit und Zertretenheit. Es krümmt sich, es krümmt sich, wie
soll ichs ändern? In diesem Zeichen bin ich nun einmal geboren. Es ist nicht
meine Welt, es kann nicht meine werden. Die Unteren müssen verbluten, die Oberen
finden es in der Ordnung so. Ich gehöre zu den Unteren, zu denen, welchen man
zuruft: Poche nur, du trüber Geist, zu denen, die man riecht wie faules Fleisch,
die man meidet, die mit ewig eiternder Wunde herumgehen; zu denen gehöre ich,
das ist mein Gesetz, und darüber haben Sie keine Macht, dagegen hilft keine
Übereinkunft. Es ist nicht meine Welt, Wahnschaffe, und wenn Sie nicht wollen,
dass ich den Verstand verliere und Unheil anrichte, so führen Sie mich tunlichst
bald wieder aus ihr heraus oder schicken Sie mich fort.«
    Christian, mit den Fingerspitzen über die Stirn streichend, sagte: »Geduld,
Amadeus. Ich glaube, es ist auch meine Welt nicht mehr. Lassen Sie mir noch ein
wenig Zeit, ich muss mir das alles erst zurechtlegen.«
    Vossens Blick war saugend auf Christians Hand und Lippen geheftet. Die Worte
waren ruhig hingesprochen, beinahe kühl, dennoch war etwas schwer Ringendes in
ihnen, ein Ausdruck, der Voss bezwang. »Dass man dieses Weib verlässt, wenn man
einmal bei ihr ist, will mir nicht einleuchten,« murmelte er mit tückischem
Lauern um den Mund; »es sei denn, sie setzt einen vor die Tür.«
    Christian konnte sich einer Bewegung des Widerwillens nicht entalten. »Auf
heute abend also,« beendete er das Gespräch und ging.
    Eine Stunde später sah Amadeus Voss Christian und Eva am Strand. Er kam von
den Dünen her, sie gingen unten, über den Schaum der letzten Wellen. Er blieb
stehen, deckte die Hand über die Brille und schaute aufs Meer hinaus, als
gewahre er weit draussen ein Segel. Jene sahen ihn nicht. In einem Gleichschritt,
wie ihn das bewährte Einverständnis der Körper verleiht, wanderten sie dahin.
Nach einer Weile blieben auch sie stehen, eng beieinander, und waren wie zwei
dunkle, schlanke Säulen ins Lichtgrau von Luft und Wasser geschnitten.
    Voss warf sich in das klirrende Gras und wühlte die Stirn in den Sand. So lag
er viele Stunden lang.
    Es kam der Abend. Das grosse Ereignis war, dass Eva unter ihren Gästen mit dem
Diamanten Ignifer im Haar erschien. Sie trug ihn in einem kunstvoll gearbeiteten
Platingestell, und er leuchtete über ihrem Haupt, abgelöst und radial entbrannt,
eine geisterhafte Flamme.
    Sie fühlte ihn mit jedem Herzschlag; er war ein Teil von ihr, ihre
Rechtfertigung, ihre Krone. Er war nicht mehr Schmuck; er war ein aufstrahlendes
und alle sofort überzeugendes Sinnbild.
    Einige Sekunden lang herrschte ein fast bestürztes Schweigen. Die schöne
Beatrix Vanleer, eine belgische Bildhauerin, schrie vor Erstaunen und
Bewunderung laut auf.
    Da verschwand das zart-trunkene Lächeln aus Evas Gesicht, und ihre Augäpfel
drehten sich in die Winkel. Ihr Blick war auf Amadeus Voss gefallen. Dessen
Gesicht war bläulichweiss.
    Der Mund war halb offen wie bei einem Blöden, der Kopf brutal vorgestreckt,
die herabhängenden Arme zuckten. Er trat langsam näher, die Augen stier auf den
unsäglich glühenden Edelstein gerichtet. Die rechts und links von ihm standen
machten ihm erschrocken Platz. Eva wendete das Gesicht von ihm und wich zwei
Schritte zurück, Susanne tauchte neben ihr auf und breitete schützend die Arme
aus, im selben Moment ging Christian auf Amadeus Voss zu, ergriff ihn bei der
Hand und zog den stumm Gehorchenden aus dem Kreis.
    Christians Haltung und Miene hatten etwas unmittelbar Beruhigendes für alle
Anwesenden, und es begann auch, wie wenn nichts geschehen wäre, ein lebhaftes
und angeregtes Gespräch.
    Voss und Christian standen auf dem steinernen Balkon. In tiefen Zügen atmete
Voss die Salzluft ein. Er fragte heiser: »Ist das der Ignifer?«
    Christian nickte. Er horchte gegen das Meer. Die Wogen donnerten wie von
einem Berg stürzende Blöcke.
    »Nun hab ich das Geschlecht begriffen,« murmelte Voss, und der Krampf in
seinem Gesicht löste sich unter dem Einfluss von Christians Nähe. »Ich habe Mann
und Weib begriffen. In diesem Diamanten sind eure Tränen und eure Schauder
eingeschlossen, eure Wollust und eure Finsternis. Loskauf, Blendwerk, unseliges
Blendwerk; Fetisch, verfluchter Fetisch! Wie ich eure Nächte spüre, Wahnschaffe,
wie ich alles weiss und sehe von Ihnen und ihr, seit ich dies gleissende Mineral
erblickt habe, das der Herr aus Schleim geschaffen hat wie mich und euch beide.
Es ist ohne Schmerz; irdisch und ganz und gar ohne Schmerz, rein geglüht und
gnadenlos. Mein Gott, mein Gott, und ich, und ich!«
    Der ihm unverständliche Ausbruch erschütterte Christian. Seine Gewalt fegte
den Unwillen hinweg, den die schamlose Beredsamkeit Vossens in ihm entfacht
hatte. Er horchte gegen das Meer.
    Voss raffte sich zusammen. Er trat an die Brüstung und sagte auffallend
gefasst: »Sie haben mir heute Geduld angeraten. Was wollten Sie damit? Es hat so
allgemein und vieldeutig geklungen wie das meiste, was ich von Ihnen zu hören
bekomme. Von Geduld zu reden, ist auf jeden Fall bequem. Es ist ein Luxus, den
Sie sich gestatten, ein Luxus wie jeder andere, nur weniger kostspielig. Kein
hassenswerteres und verächtlicheres Wort als Geduld. Es ist ein Lügenwort. Genau
besehen, heisst es Feigheit, Trägheit. Was haben Sie denn vor?«
    Christian gab keine Antwort, oder vielmehr, er nahm seine Antwort als
gegeben an und stellte nach geraumer Weile und aus versunkenem Sinnen die Frage:
»Glauben Sie, dass es etwas nützt?«
    »Ich verstehe nicht ...« sagte Voss und sah ihn an. »Was: nützen, wie:
nützen?«
    Aber Christian äusserte sich nicht weiter darüber.
    Voss wollte nach Hause gehen, doch Christian bat ihn, zu bleiben. Sie kehrten
zurück und gingen mit den andern in den Speisesaal.
 
                                       15
Das Souper war zu Ende, die Tischgesellschaft begab sich in den Salon.
    Die Unterhaltung wurde zuerst französisch geführt, dann, Mr. Bradshaw
zuliebe, der diese Sprache nicht beherrschte, deutsch.
    Der Amerikaner lenkte das Gespräch auf die aussterbenden Völkerschaften der
neuen Welt und die Tragik ihres Untergangs. Von Eva aufgefordert, erzählte er
ein Erlebnis, das er bei den Navajosindianern gehabt.
    Der Stamm der Navajos hatte sich dem Christentum und den damit verbundenen
Zivilisationsbestrebungen am längsten widersetzt. Um sie gefügig zu machen,
verbot ihnen die Bundesregierung den Jahrtausende alten Yabe-Chi-Tanz, die
feierlichste Übung ihres Kultus. Der Kommissär, der den Befehl auszuführen hatte
und in dessen Begleitung sich Mr. Bradshaw befand, erteilte auf die flehentliche
Bitte der Häuptlinge die Erlaubnis zur Abhaltung eines letzten Tanzes. Um
Mitternacht, beim Schein der Lagerfeuer und Holzfackeln, traten die
grellgeputzten und -bemalten Sänger und Tänzer auf. Die Sänger sangen ihre
Lieder, die die Schicksale dreier Helden schilderten, welche in die Gewalt eines
feindlichen Stammes geraten und durch den Gott Ya befreit worden sind. Der Gott
lehrt sie, auf dem Blitz zu reiten; sie flüchten in die Höhle der Grizzlybären
und von dort in das Reich der Schmetterlingskönigin. Die Tänze stellten die
sagenhafte Begebenheit sinnlich dar. Während nun die Felsengebirge von den
Gesängen widerhallten und die fratzenhaften Tänze in der Purpurglut sich zum
Ausdruck der Verzweiflung steigerten, brach ein gewaltiges Unwetter los.
Wolkenbrüche stürzten herab, die binnen einer Viertelstunde die ausgetrockneten
Flussläufe mit brüllenden Fluten füllten; die Feuer verloschen, die Medizinmänner
beteten mit erhobenen Armen, und die Sänger und Tänzer, im Glauben, der Gott sei
ergrimmt, weil sie bereit gewesen waren, auf den heiligen Tanz zu verzichten,
suchten in schmerzlicher Wildheit freiwillig den Tod in den rasenden Gewässern,
die ihre Leichname hinunter in die Ebene trugen.
    Als Mr. Bradshaw schwieg, sagte Eva: »Götter sind rachsüchtig; die
friedlichsten noch verteidigen ihren Sitz.«
    »Eine heidnische Anschauung das,« liess sich scharf und herausfordernd die
Stimme Amadeus Voss' vernehmen; »es gibt keine Götter. Götzen gibt es,
allerdings, und Götzen soll man zerschlagen.« Er schaute sich trotzig um und
fügte schleppend hinzu: »Denn der Herr sprach: es kann mich der Mensch nicht
ansehen und dann noch leben.«
    Man lächelte. Der Marques Tavera hatte nicht verstanden und wandte sich an
Wiguniewski; dieser flüsterte ihm ein paar französische Worte zu, und nun
lächelte auch der Marques, mitleidig und boshaft.
    Voss erhob sich mit zerquältem Gesicht. Die Heiterkeit in allen Mienen war
eine Züchtigung für ihn. Aus den glitzernden Brillengläsern schoss ein giftiger
Blick in die Richtung, wo Eva sass, und verstört sagte er: »An der gleichen
Stelle der Schrift heisst es auch: Lege deinen Schmuck ab, Volk Israel, und ich
will sehen, was ich aus dir mache. Da ist kein Platz für Deutung.«
    Er kann die Augen nicht entsühnen, dachte Christian und wich dem auf ihn
gerichteten Blick Evas aus.
    Amadeus Voss verliess die Gesellschaft. Auf der Strasse rannte er mit den
Händen an den Schläfen wie gehetzt. Der steife englische Hut war in den Nacken
zurückgeschoben. In seinem Zimmer angelangt, öffnete er den Reisekoffer und nahm
ein Paket Briefe heraus. Es waren die gestohlenen Briefe der unbekannten F. Er
setzte sich zur Lampe und las mit gespannter Aufmerksamkeit und brennender
Stirn. Es war nicht die erste Nacht, die er dieser Beschäftigung widmete.
    Als Eva mit Christian allein war, fragte sie: »Warum bist du mit diesem Mann
gekommen?«
    Er hob sie lachend auf seine Arme und trug sie durch viele Räume, erst durch
erhellte, dann durch dunkle.
    »Das Meer schreit,« stammelte ihr Mund an seinem Ohr.
    Er wünschte, alle andern Laute möchten sterben ausser dem Donnern des Meeres
und der sinnlich jungen Stimme an seinem Ohr. Er wünschte, er hätte damit die
Unruhe ersticken können, die ihn mitten in Umarmungen überfiel und ihn, wenn das
Bewusstsein wiederkehrte, nach neuen Umarmungen durstig machte.
    Der heisse, schlanke Leib loderte an ihm empor, und er vernahm die Klage
einer fremden Stimme: Was sollen wir tun?
    »Warum bist du mit diesem Mann gekommen?« fragte Eva in tiefer Nacht,
zwischen Schlaf und Schlaf, zwischen Umarmung und Umarmung, glühend und
ermattet. »Ich ertrag ihn nicht. Seine Stirn ist immer nass von Schweiss. Er ist
aus einer finstern Welt.«
    Im Zimmer herrschte bläuliche Dämmerung, hervorgebracht von einem blauen
Licht in blauer Schale, und vor den Fenstern war bläuliche Dunkelheit.
    »Weshalb antwortest du nicht?« drängte sie und richtete sich auf, das
bleiche Gesicht in einer braunen Wildnis von Haaren.
    Er wusste keine Antwort. Er fürchtete das Ungenügende einer jeden wie auch
den Widerspruch, den sie finden würde.
    »Was ists mit diesem Voss, was ists mit dir, Lieber?« rief Eva, zog ihn an
sich, klammerte sich an ihn und küsste seine Augen, als wolle sie sie austrinken.
    »Ich will ihn bitten, deine Nähe zu meiden,« sagte Christian, und er sah auf
einmal sich und Voss auf dem Bauernhof in Nettersheim, sah die knienden Knechte
und Mägde, die alte, rostige Laterne, die tote Magd und den Schreiner, der das
Mass zum Sarg nahm.
    »Sag mir, was du an ihm hast,« flüsterte Eva; »plötzlich ist mir: ich spür
dich nicht. Wo bist du, Lieber? Sprich mit mir, mein Freund.«
    »Du hättest mich damals in Paris nehmen sollen,« sagte Christian leise und
legte die Wange auf ihre Brust; »damals, als ich mit Crammon zu dir kam.«
    »Sprich nur,« versetzte Eva hauchend, sehr bemüht, ihren Schrecken zu
verbergen, »sprich nur.«
    Ihre Augen glänzten feucht, ihre Haut glich weissleuchtendem Atlas; ihr
Gesicht hatte im Zwielicht eine vergeistigte Magerkeit; die beherrschte Anmut
der Gebärde unterwarf die Stunde; das Lächeln war tiefsinnig täuschendes Spiel;
alles war Spiel, Spiegelung, Entrückung, unerwartete Zauberei. Christian schaute
sie an.
    »Erinnerst du dich an ein Wort, das du mir einmal sagtest?« sprach er. »Du
sagtest, Liebe ist eine Kunst wie die Musik und die Poesie, und wer sie anders
versteht, der findet keine Gnade. Hab ichs richtig behalten?«
    »Sprich nur, sprich, mein Liebling.«
    Er hielt sie in den Armen, und das Leben ihres Körpers, die Wärme, das
Blutwissen und die ihm begegnende Bewegung erleichterten ihm die Rede. »Nun
sieh,« fuhr er bedächtig fort und liebkoste ihre Hand, »ich habe Frauen nur
genossen. Nur genossen, nichts weiter. Ich wusste nichts von Liebe, die Kunst
ist. Ich habe es leicht gehabt mit ihnen. Sie beteten mich an, da war keine
Mühe. Sie legten mir keine Hindernisse in den Weg, und ich bin über sie
hinweggegangen. Man hat mir keine Aufgaben gestellt, sie waren froh, wenn ich
nur mit ihnen zufrieden war. Aber du, Eva, du bist mit mir nicht zufrieden. Du
siehst mich an und prüfst und lässt mich nicht aus den Augen. Du bleibst wachsam,
ob wir auch noch so tief hinuntersinken, dortin, wo man nicht mehr weiss und
denkt; du bleibst wachsam, weil du mit mir nicht zufrieden bist. Ist das nun ein
Irrtum, ein falsches Gefühl?«
    »Es ist so spät in der Nacht,« sagte Eva, beugte den Kopf aufs Kissen zurück
und schloss die Augen. Sie lauschte dem verlorenen Nachhall seiner Stimme und war
vor Beklommenheit fast ohne Atem.
 
                                       16
Es war in einer andern Nacht. Sie hatten viel gescherzt und einander heitere
Dinge erzählt, und endlich waren sie müde geworden.
    Da sah Christian in der Dunkelheit vor den Fenstern die Gestalt seines
Vaters, daneben die Hündin Freia. Der Vater hatte den Schritt eines einsamen
Mannes. Niemals war Christian diese Einsamkeit so augenscheinlich gewesen. Das
Tier war sein einziger Gefährte. Er hatte Umschau gehalten nach einem andern
Gefährten, doch keiner hatte ihn begleiten gewollt.
    Wie ist das möglich? dachte Christian.
    Seine Sinne verloren sich in eine Art von Halbschlummer, während er Evas
schönen Körper hielt, der glatt und kühl wie Elfenbein war. In diesem
Halbschlummer, oder was es war, tauchten sein Bruder, seine Schwester, seine
Mutter auf, und um jeden von ihnen war dieselbe Einsamkeit und Verlassenheit.
    Wie ist das möglich? dachte Christian, ihr Leben ist zum Ersticken voll von
Menschen.
    Aber ist denn nicht auch dein Leben zum Ersticken voll von Menschen,
antwortete er sich, und fühlst du nicht auch diese Einsamkeit und Verlassenheit?
Woher kommt das? Was ist schuld?
    Nun senkte sich ein dunkler Gegenstand über ihn. Es war ein Mantel; ein
nasser triefender Mantel. Gleichzeitig rief ihm jemand zu: Steh auf, Christian,
steh auf! Er vermochte nicht aufzustehen, die elfenbeinernen Arme liessen ihn
nicht los.
    Auf einmal gewahrte er Lätizia. Sie fragte nur das eine Wort: warum? Es
dünkte ihm, während er schlief oder vielleicht auch nicht schlief, dass er sich
für Lätizia hätte entscheiden sollen, die verurteilt war, mit ihren Träumen (und
nur von Träumen lebte sie, von Einbildungen und Fiktionen) das Opfer der
gemeinen Wirklichkeit zu werden. Ihm dünkte, als spräche Lätizia, auf Eva
weisend: Was willst du bei dieser? Sie weiss nichts von dir, sie lebt und webt
für sich. Sie ist ehrgeizig, bei ihr kannst du nicht Hilfe finden in deinem
Leiden. Denn nur um dein Leiden zu vergessen und zu betäuben, verschwendest du
dich an sie.
    Christian erstaunte darüber, dass Lätizia so weise war. Er war fast geneigt,
ihre Weisheit zu belächeln. Gleichwohl wusste er nun, dass er litt. Es war ein
Leiden von unergründlicher Beschaffenheit, das von Tag zu Tag, von Stunde zu
Stunde grösser wurde wie eine um sich fressende Wunde.
    Sein Kopf lag auf der Schulter seiner Geliebten; ihre kleinen Brüste ragten
aus violetten Schatten empor und hatten einen zitternden Kontur. Er fühlte ihre
Schönheit durch und durch, ihre Seltsamkeit, ihre Leichtigkeit. Er fühlte, dass
er sie mit allen Gedanken und bis in die letzten Adern liebte, aber dass er
trotzdem keine Hilfe bei ihr finden konnte.
    Abermals rief es: Steh auf, Christian, steh auf! Er vermochte nicht
aufzustehen. Er liebte dieses Weib und fürchtete sich vor dem Leben ohne sie.
    Die Morgendämmerung meldete sich schon, als ihm Eva das Gesicht zuwandte.
»Wo bist du?« fragte sie; »wo schaust du hin?«
    Er antwortete: »Ich bin bei dir.
    Bis in deine letzten Gedanken?
    Ich weiss nicht, ob bis in die letzten Gedanken. Ich kenne meine letzten
Gedanken nicht.
    Ich will dich aber ganz. Mit jedem Atemzug. Ich habe dich nicht ganz.«
    »Und du,« fragte Christian ausweichend, »bist du denn ganz bei mir? «
    Sie antwortete leidenschaftlich und mit herrschsüchtigem Lächeln, indem sie
sich über ihn warf: »Du gehörst mir mehr, als ich dir gehöre.
    Warum?
    Erschrickst du? Bist du geizig mit dir? Ja, du gehörst mir mehr. Ich habe
dich entzaubert. Ich habe deine steinerne Seele aufgeweicht.«
    »Meine Seele aufgeweicht ...« wiederholte Christian verwundert.
    »Gewiss, Liebling, weisst du nicht, dass ich eine Zauberin bin? Ich habe Gewalt
über den Fisch im Wasser, das Pferd auf der Erde, den Geier in der Luft und die
unsichtbaren Daevas, wie es in der persischen Schrift heisst. Ich kann mit dir
machen, was ich will, und du musst dich fügen.«
    »Das ist wahr,« bekannte Christian.
    »Aber deine Seele schaut mich nicht an,« fuhr Eva, ihn umschlingend, fort,
»es ist eine fremde Seele, eine dunkle, feindliche, unbekannte.«
    »Vielleicht missbrauchst du die Gewalt, die du über sie hast, und sie wehrt
sich.«
    »Sie soll gehorchen, nichts weiter.«
    »Vielleicht ist sie deiner nicht ganz sicher.«
    »Ich kann ihr nur die Sicherheit der Stunde geben. Die Stunde selbst liegt
in ihrer Macht.«
    »Was hast du vor?«
    »Frag mich nicht. Lass mich nicht aus deinen Gedanken, nicht eine Sekunde
lang aus deinem Gefühl, sonst haben wir uns verloren. Halt mich fest mit deiner
ganzen Kraft.«
    Christian antwortete: »Es kommt mir vor, als sollt ich wissen, was du
meinst. Aber ich will es nicht wissen. Sieh mal, ich ... du ... es ist alles zu
gering;« er schüttelte den Kopf, »alles zu gering.«
    »Was willst du damit sagen: alles zu gering?« rief Eva erschrocken. Sie
hatte beide Hände um seine Rechte gepresst und sah gespannt in sein Gesicht.
    »Alles zu gering,« beharrte Christian, als fände er keine andern Worte.
    Er überdachte das Gehörte und Gesagte noch einmal mit der ihm eignen Skepsis
und Hartnäckigkeit, dann stand er auf und sagte der Freundin gute Nacht.
 
                                       17
Edgar Lorm spielte in Karlsruhe. Es war an einem Abend, wo er das Tempo gejagt
und seinem Hass gegen Rolle, Stück, Partner und Publikum so deutlichen Ausdruck
verliehen hatte, dass nach dem letzten Akt gezischt worden war.
    »Ich bin ein armes Luder,« sagte er zu den Kollegen, mit denen er in einem
Restaurant zur Nacht speiste. »Ein Komödiant ist ein armes Luder.« Er sah sie
alle, die Reihe um, verächtlich an und schmatzte mit den Lippen.
    »Man stand in besserem Einklang mit sich selbst in jenen Zeiten, da man
unsereinen noch als Wäschedieb fürchtete und die kleinen Kinder mit unsern Namen
schreckte. Findet ihr nicht? Oder ist euch wohl in euerm Stall?«
    Die Runde schwieg ehrfürchtig, denn er war der berühmte Gast, der volle
Häuser machte und vor dem der Direktor und die Rezensenten krochen.
    Staub wirbelte in den Strassen, Sommerstaub, als er in sein Hotel ging. Wie
öde mir ist, dachte er und schüttelte sich. Aber sein Schritt war leicht und
frei wie der eines jungen Jägers.
    Als er seinen Schlüssel in Empfang genommen hatte und sich zur Treppe
wandte, stand plötzlich Judit Imhof vor ihm. Er zuckte auf und zurück.
    »Ich bin bereit, arm zu sein,« sagte sie, fast ohne die Lippen zu bewegen.
    »Sie haben hier Geschäfte, gnädige Frau?« fragte Lorm mit Heller, kalter
Stimme. »Jedenfalls erwarten Sie den Herrn Gemahl -?«
    »Ich habe niemand erwartet als Sie und bin allein,« antwortete Judit, und
ihre Augen blitzten.
    Er besann sich mit verkniffenem Gesicht, das ihn alt und hässlich machte.
Eine Gebärde lud sie ein, ihm zu folgen, und sie traten in das leere Lesezimmer.
Eine einzige Flamme brannte über dem mit Zeitungen bedeckten Tisch. Sie liessen
sich in zwei Ledersesseln nieder. Judit fingerte nervös an ihrem goldenen
Handtäschchen. Sie war im Reisekleid und hatte ermüdete Züge.
    »Vor allem: was ist noch zu verhindern an Tollheiten?« begann Lorm das
Gespräch.
    »Nichts,« erwiderte Judit frostig. »Wenn die Bedingung, die Sie gestellt
haben, nur ein Abschreckungsmittel war und Sie sich feig von ihr lossagen im
Moment, wo sie erfüllt wird, dann habe ich mich natürlich getäuscht, und ich
habe hier nichts mehr zu suchen. Mich mit wohlmeinenden Reden zu verschonen,
darf ich Sie ja um der Sache willen bitten, die mir ernst war.«
    »Scharf, Frau Judit, und bitter, doch allzu ungestüm,« versetzte Lorm mit
ruhiger Ironie. »Ich bin ein abgebrühter Mann, reichlich bei Jahren, und habe
zuviel erlebt, um noch mit Romeohitze selbst die köstlichsten Überraschungen,
die eine Frau für mich bereit hält, zu begrüssen. Lassen Sie uns über das, was
Sie getan haben, wie zwei gute Freunde sprechen, und vertagen Sie das Urteil
über mein Verhalten.«
    Judit hatte an ihren Vater geschrieben und ihm mitgeteilt, er möge über die
jährliche Rente, die er ihr bei ihrer Verheiratung ausgesetzt, anderweitig
verfügen; sie habe den Entschluss gefasst, sich von Felix Imhof scheiden zu lassen
und folge einem Manne, dessen ausdrücklicher Wunsch es sei, dass sie auf ihr
Vermögen verzichte. Zugleich hatte sie eine notariell beglaubigte Erklärung
abgefasst, die sie bei sich trug, um sie Lorm zu zeigen, und die sie dann erst an
ihren Vater schicken wollte. So berichtete sie mit Gelassenheit. Felix hatte bei
ihrer Abreise von ihrem Vorhaben noch nichts gewusst. Sie hatte einen Brief für
ihn seinem Diener übergeben, das war alles. »Auseinandersetzungen in einer
solchen Situation haben keinen Zweck,« sagte sie; »einem Mann, den man verlässt,
die Gründe zu nennen, warum man ihn verlässt, das wäre so töricht, als wollte man
den Zeiger auf dem Zifferblatt zurückdrehen, damit eine vergangene Stunde
wiederkommt. Er weiss, wo ich bin und was ich will, das genügt. Im übrigen ist es
keine Affäre für ihn; besser gesagt, es gibt so viele Affären in seinem Leben,
dass eine mehr oder weniger nichts ausmacht.«
    Lorm sass da, den Kopf weit vorgebeugt, das Kinn auf den Perlmuttergriff
seines Stocks gestützt. Seine sorgfältig gescheitelten, noch ziemlich dichten,
braunen Haare glänzten von Öl; seine Brauen waren zusammengezogen, in den Falten
um die Nase und den zerarbeiteten Mund lag Freudlosigkeit.
    Ein Kellner erschien in der Tür und verschwand wieder.
    »Sie wissen nicht, was Sie auf sich nehmen wollen, Judit,« sagte Edgar Lorm
und wippte leise mit den Füssen.
    »So entdecken Sie es mir, dass ich mich danach einrichte,« entgegnete Judit
leichtsinnig.
    »Ich bin ein Komödiant,« sagte er beinahe drohend.
    »Das weiss ich.«
    Er legte den Stock auf den Tisch und verschränkte die Finger. »Ich bin ein
Komödiant,« wiederholte er, und sein Gesicht wurde maskenhaft; »als solcher bin
ich genötigt, die menschliche Natur in ihren extremsten Äusserungen vorzuführen.
Das Bestechende beruht in einer auf den engsten Kreis projizierten
Leidenschaftlichkeit und Konsequenz, die sich im wirklichen Leben niemals oder
nur sehr selten finden. Es ereignet sich daher immer wieder, und diese Täuschung
scheint ein verhängnisvolles Gesetz zu sein, dass man meine Person, diesen hier
sitzenden Edgar Lorm, mit einem Rahmen umgibt, ungefähr so passend wie ein
gotisches Kirchenfenster für eine Miniatur. Die weitere Folge ist, dass mir die
Befestigungen und Vernietungen gegen die bürgerliche Existenz fehlen und alle
Versuche, mich in ein harmonisches Verhältnis zu ihr zu bringen, kläglich
scheitern. Ich zapple unter einer luftleeren Glasglocke. Was ich mache, ist
aufgetriebener Schaum. Es soll Menschen mit einem Doppelleben geben; ich habe
ein halbiertes, ein gevierteiltes, im Grunde ein erloschenes. Ich verabscheue
diesen Beruf. Ich übe ihn aus, weil ich keinen andern habe. Ich möchte
Bibliotekar sein, in Diensten eines grossen Herrn, der mich ungeschoren liesse;
oder Besitzer eines Meierhofs in einem Schweizer Tal. Ich rede nicht von dem,
was beim Teater nebenher läuft, an Eklem und Abstossendem; von dem Narrenzug der
Lügen und Eitelkeiten. Auch müssen Sie nicht glauben, dass ich das übliche
Klagelied des verwöhnten Mimen absingen will, das aus Selbstüberschätzung und
koketter Sucht nach Widerspruch gebraut ist. Mein Leiden liegt etwas tiefer. Der
Krankheitserreger, wenn ich so sagen darf, ist das Wort. Mein Leiden stammt vom
Wort. Es hat einen mörderischen Vergiftungs- und Entseelungsprozess in mir
verursacht. Was für ein Wort? werden Sie fragen. Nun, das Wort zwischen Mensch
und Mensch, zwischen Mann und Weib, zwischen Freund und Freund, zwischen mir und
der Welt. Dasselbe Wort, das zu äussern Ihnen natürlich ist, bei mir ist es schon
durch alle Register der Sprache und alle Temperaturen des Geistes gegangen. Sie
gebrauchen es wie der Bauer die Sense, wie der Schneider die Nadel, wie ein
Soldat seine Waffe. Für mich ist es ein Requisit, ein Scheinding, eine Molluske,
ein Schalleffekt, ein tausendfach veränderliches Etwas ohne Umriss und ohne Kern.
Ich schreie es, flüstre es, stammle es, krächze es, flöte es, treibe es auf,
fülle das sinnlose mit Sinn, werde vom erhabenen zu Boden gedrückt: seit
fünfundzwanzig Jahren. Es hat mich zerrieben; es hat mir den Gaumen gesprengt
und den Brustkasten ausgehöhlt. Es ist, wenn auch noch so wahr, zuletzt doch
unwahr; für mich unwahr. Es tyrannisiert mich, es martert mich, es flackert
durch Wände und erinnert an Ohnmacht und unbelohnte Hingabe; es verwandelt mich
in eine hilflose Puppe. Kann ich je sprechen: ich liebe, ohne mich bis in die
Eingeweide zu schämen? Was bedeutet es nicht alles dies: ich liebe! Was hat es
mir nicht alles bedeuten müssen! Immer wieder sieht der vorschriftsmässig
beleuchtete Pappendeckel vom Zuschauerraum wie eine echte Krone aus. Ich bin,
genau betrachtet, ein verzweifelter Mensch. Ich bin ein Mensch, der Schiffbruch
gelitten hat am Wort. Es klingt wunderlich, aber es ist so. Vielleicht ist der
Schauspieler der verzweifelte Mensch schlechtin.«
    Judit sah ziemlich verständnislos drein. »Wir werden uns, vermute ich,
einander mit Worten wenig quälen,« sagte sie, nur um etwas zu sagen.
    Edgar Lorm fand aber die Bemerkung sein und nickte ihr dankbar zu. »Das wäre
allerdings ein Zustand, aufs innigste zu wünschen,« entgegnete er in seiner
prinzlichen Weise; »denn sehen Sie: Wort und Gefühl, das sind Geschwister. Was
zu sagen mich widert, empfinde ich auch verfilzt und schmacklos. Man müsste stumm
sein wie das Schicksal. Möglich, dass ich für die wirklichen Erlebnisse schon
verdorben bin; ausgelaugt. Ich habe verdammt geringes Zutrauen zu mir und
bemitleide die Hand, die sich meiner annimmt. Na, wie dem immer sei,« schloss er
und schnellte elastisch auf, »auch ich bin bereit.«
    Er streckte ihr die Rechte hin wie einem Kameraden. Entzückt von der
Lebhaftigkeit und ritterlichen Anmut der Bewegung, schlug Judit lächelnd ein.
    »Wo sind Sie abgestiegen?« fragte er.
    »Hier im Hause.«
    Unbefangen plaudernd begleitete er sie bis an ihr Zimmer.
 
                                       18
Am andern Nachmittag erschien plötzlich Felix Imhof im Hotel. Er schickte Judit
seine Karte und wartete in der Halle, das dünne Spazierstöckchen im Auf- und
Abgehen nachlässig schlenkernd, die Negerlippen zum Pfeifen gespitzt, das Hirn
beladen mit Gedanken an Geschäfte, Spekulationen, Kurszettel, hundert
Beziehungen und hundert Verabredungen. Aber sooft er an dem grossen Glasfenster
vorüberkam, warf er neugierige und lachende Blicke auf die Strasse, wo sich zwei
Knaben balgten.
    Bisweilen nur verfinsterte sich sein Gesicht, und ein Krampf überflog es.
    Der Boy meldete, die gnädige Frau lasse bitten.
    Judit empfing ihn verwundert. Er begann sofort mit Eifer auf sie
einzureden. »Ich habe in Liverpool zu tun und wollte dich noch mal sehen,« sagte
er. »Es sind so viele Leute gekommen, die Anliegen an dich hatten; du wurdest
eingeladen, man hat telephoniert, die Modistin war da, es kamen Briefe, ich
wusste mir nicht zu helfen. Ich kann doch nicht jedem auf die Nase binden: meine
Frau hat sich soeben französisch empfohlen für immer. Da ist dies und jenes; du
musst mich informieren, sonst gibts Verwirrung.«
    Sie sprachen eine Weile über die Belanglosigkeiten, von denen er behauptete,
dass sie ihn hergeführt. »Heute morgen war ich noch in Audienz beim Regenten,«
erzählte er; »er hat mir gestern den persönlichen Adel verliehen.«
    Judit errötete und hatte den Ausdruck einer Hypnotisierten, die sich an den
Wachzustand erinnert.
    Felix Imhof beklopfte mit dem Stöckchen seine klassisch gebügelte Hose.
»Verzeih die Kritik,« sagte er, »aber meines Erachtens war die Sache besser
anzupacken, als wie du sie behandelt hast. So Knall und Fall das Weite zu
suchen, nee, das war nicht das Richtige. Eigentlich ein bisschen unter dem
Niveau. Eigentlich nicht ganz fair.«
    »Unvermeidliches muss schnell geschehen,« erwiderte Judit achselzuckend;
»übrigens hat ja deine Seelenruhe nicht besonders darunter gelitten, wie ich
merke.«
    »Bah, Seelenruhe; das kommt gar nicht in Frage.« Er stand, nach seiner
Gewohnheit, mit gegrätschten Beinen, wiegte sich und betrachtete seine
glänzenden Lackstiefel. »Seelenruhe, was hat das damit zu schaffen? Aber wir
sind ja Leute von Kultur. Ich bin kein Tiger, ich bin kein Philister. Welche
Menschlichkeit fände mich unzugänglich? Du kennst mich eben nicht. Was mich
freilich nicht erstaunt, denn wie und wo und wann hätten wir uns kennenlernen
sollen? Die Ehe gab uns keine Gelegenheit dazu. Wir müssen das nachholen.
Gestatte mir, diesen Wunsch in mein neues Junggesellenleben hinüberzuretten.
Versprich mir, dass du mich künftig nicht so planvoll meiden wirst wie während
der acht Monate unsres Zusammenlebens.«
    »Wenn dir daran liegt, mit Vergnügen, lieber Freund,« antwortete Judit
gutgelaunt.
    So schieden sie voneinander.
    Eine Stunde später sass Felix Imhof im Eisenbahnzug. Er starrte mit
hervorquellenden Augen in die Landschaft, bis es finster wurde. Ihn verlangte
nach Gesprächen, nach Wortgefechten, nach Entladungen. Mit verzogener Stirn
musterte er die fremden Menschen, die nichts von ihm wussten, nichts von seiner
Fülle, seinen umwälzenden Ideen, seinen weitgreifenden Plänen.
    In Düsseldorf verliess er den Zug. Er hatte sich in letzter Minute hiezu
entschlossen. Sein Handgepäck gab er zur Aufbewahrung, dann ging er durch
mitternächtig düstere, alte Strassen, mit gebauschtem Mantel, hager.
    Vor einem uralten Gebäude blieb er stehen. In diesem hatte er seine Jugend
verlebt. Alle Fenster waren schwarz. »Hallo, Junge!« schrie er zu einem Fenster
hinauf, hinter welchem er einst geschlafen hatte. Es echote von den Mauern.
»Hallo, Junge, du Ohnename, wo kommst du eigentlich her?« sprach er. Er pflegte
oft von sich zu sagen: »Ich bin von dunkler Geburt wie Caspar Hauser.«
    Aber ihn drückte kein Geheimnis, nicht einmal das der unbekannten Herkunft.
Er war ein Geheimnisloser, ein Aufgerissener, ganz neunzehnhundertfünf.
    Er betrat ein Haus, zu dem er den Weg wusste seit den Gymnasialzeiten. In
einem Saal, dessen Wände mit verschmierten Spiegeln bedeckt waren, befanden sich
fünfzehn bis zwanzig halbentkleidete Mädchen. Er setzte sich in Hut und Mantel
ans Klavier und spielte dilettantenhaft rauschend.
    »Mädels, ich habe einen Zorn in mir,« sagte er. Und die Mädchen trieben
Schabernack mit ihm, indes er spielte. Sie hingen ihm einen purpurroten Schal um
die Schultern und tanzten um ihn herum.
    »Ich hab einen Zorn in mir, Mädels, ich muss ihn hinunterspülen,« sagte er
und liess Sekt auftragen, dass sich der Tisch bog.
    Die Türen wurden versperrt. Die Mädchen jauchzten.
    »Tut etwas, um meinen Gram zu mildern, Mädels,« forderte er sie auf, stellte
ihrer ein halbes Dutzend in eine Reihe, befahl ihnen, den Mund zu öffnen und
steckte jeder einen Hundertmarkschein, wie eine Zigarette gerollt, zwischen die
Zähne. Sie erstickten ihn schier mit Liebkosungen.
    Und er trank, bis er die Besinnung verlor.
 
                                       19
Christian konnte nicht sein ohne Eva. Wenn er sie für kurze Zeit verliess, wurde
es dunkel um ihn.
    Von ihm zu ihr war alles wie Abschiednehmen. Ging er an ihrer Seite, so war
es wie zum letztenmal. Jedes Händereichen und Tauschen von Blicken hatte den
Schmelz und Schmerz des letzten Mals.
    Demgemäss war auch seine Liebe zu ihr beschaffen. Es war eine anklammernde,
darbietende, geduldige, nicht selten sogar gehorsame Liebe.
    Es drückte sich in der Art aus, wie er ihr den Mantel hielt, in den sie
schlüpfte; wie er ihr das Glas gab, aus dem sie zu trinken verlangte; wie er ihr
den Arm zur Stütze liess, wenn sie müde war; wie er auf sie wartete, wenn sie
später an einen Ort kam als er.
    Sie spürte es oft, und sie fragte ihn. Er wusste nicht darauf zu antworten.
Er hätte vielleicht seine Empfindung des Abschieds ungefähr umschreiben können,
aber was dann kommen sollte, nach dem Abschied, hätte er nicht zu sagen
vermocht.
    Es war ihm auch klar, dass es sich nicht allein um den Abschied von ihr
handelte, sondern von allem, was ihm bisher teuer, angenehm und unentbehrlich
gewesen war. Aber sonst begriff er nichts, hatte keinen Plan und grübelte auch
nicht über einen.
    Er war so ohne Begehrlichkeit und Forderung, dass sich Eva zu hundert
Wünschen hinreissen liess und zornig wurde, wenn keiner unerfüllt blieb. Sie
wollte aufs Meer; er mietete eine Jacht, und sie fuhren vierzehn Tage lang auf
dem Atlantischen Ozean umher. Sie hatte Sehnsucht nach Paris, und er fuhr mit
ihr im Auto nach Paris. Sie speisten bei Foyot in der Rue de Tournon, wohin sie
ihre Freunde, Schriftsteller, Maler, Musiker bestellt hatte, und am andern Tag
kehrten sie zurück. Es wurde von einem Schloss in der Normandie gesprochen, das
wie ein Traum vom frühen Mittelalter sei. Sie wollte es sehen, bei Mondschein
wollte sie es sehen, und die Reise wurde angetreten, als es Vollmond war und auf
wolkenlose Nächte gehofft werden konnte. Dann lockte die Katedrale von Rouen;
dann die berühmte Rosenzucht, die ein Baron Zerkaulen in der Nähe von Gent
besass; dann ein Ausflug in die Ardennen; dann ein Sonnenuntergang an der
Zuidersee; dann ein Spazierritt im Park von Richmond; dann ein Rembrandt im
Haag; dann ein festlicher Umzug in Antwerpen.
    »Wirst du niemals müde?« fragte Christian eines Tages mit seinem
unbestimmten Lächeln, das wie Falschheit wirkte.
    Eva antwortete: »Die Welt ist gross, die Jugend ist kurz. Das Schöne will zu
mir, für mich ist es da, ohne mich stirbt es. Seit ich den Ignifer besitze, ist
mein Hunger gar nicht mehr zu stillen. Er leuchtet über meine Erde und macht mir
alle Wege leicht. Du siehst nun, was du getan hast, Lieber.«
    »Hüte dich vor dem Ignifer,« sagte Christian mit demselben, scheinbar
verschlagenen Lächeln.
    »Fjodor Szilaghin ist angekommen,« sagte Eva, und ihre Lider senkten sich
schwer.
    »Es sind ja so viele da,« erwiderte Christian; »ich kenne die meisten
nicht.«
    »Du siehst keinen, aber alle sehen dich,« sagte Eva. »Alle staunen dir nach.
Alle fragen: Wer mag der Schlanke, Vornehme sein, mit den weissen Zähnen und
blauen Augen, wer mag es sein? Hörst du nicht das Gewisper? Sie machen mich
eitel.«
    »Was wissen sie von mir? Lass sie doch.«
    »Die Frauen erbleichen, wenn du kommst. Gestern sah ich auf der Promenade
eine junge Blumenverkäuferin, eine Flamin. Sie schaute dir nach, und dann fing
sie an zu singen. Hast dus nicht gehört?«
    »Nein. Was war es für ein Lied?«
    Eva verdeckte die Augen mit der Hand und sang leise, mit halb leidvollem,
halb schalkhaftem Ausdruck um den Mund: »Où sont nos amoureuses? /Elles sont au
tombeau / Dans un séjour plus beau /Elles sont heureuses / Elles sont près des
anges / Au fond du ciel bleu / Où elles chantent les louanges /De la Mère de
Dieu. / Es griff mir an die Seele, und ich hasste dich eine Minute lang. Wieviel
Empfindung strömt aus Menschenherzen und findet kein Gefäss!«
    Plötzlich erhob sie sich: »Fjodor Szilaghin ist da,« sagte sie mit
brennendem Blick.
    Christian ging zum Fenster. »Es regnet,« sagte er.
    Da verliess Eva das Zimmer, indem sie mit erstickter Stimme sang: »Où sont
nos amoureuses? / Elles sont au tombeau.«
    Am Abend gingen sie den Strand hinab. »Ich habe das Fräulein Gamaleja
gesehen,« erzählte Eva. »Fjodor Szilaghin hat sie mir vorgestellt. Sie ist seine
Geliebte. Eine Tatarin. Schön wie eine Giftschlange. Seltsam wie unbekannte
Landschaften, die man träumt. Sie mass mich, und wir rangen heimlich miteinander.
Wir sprachen von Marie Bashkirtseff und ihrem Tagebuch. Sie meinte, solche Wesen
müssten bei der Geburt erdrosselt werden. Aber ich seh dirs an, mein armer
Freund, dass du nicht weisst, wer Marie Bashkirtseff war. Nun, eine von den
Frauen, die um ein Jahrhundert zu früh gelebt haben und die erfrieren müssen wie
Blumen im Februar.«
    Christian schwieg. Er dachte an die Gesichter der toten Fischer, die er in
der Nacht zuvor gesehen.
    »Fräulein Gamaleja brachte mir aus London Grüsse vom Grossfürsten,« fuhr Eva
fort. »Er wird in einer Woche hier sein.«
    Christian schwieg. Zwölf Frauen und neunzehn Kinder waren um die Leichen der
Fischer herumgestanden, alle dürftig gekleidet, alle in eisigen Schmerz
versunken.
    Als sie weiter gingen und sich vom Lärm der Wogen entfernten, sagte Eva:
»Warum lachst du nicht? Hast du das Lachen verlernt?« Es war wie ein Aufschrei.
    Christian schwieg.
    »Morgen ist Jahrmarkt in Dudzeele,« sagte Eva hastig und griff nach ihrem
Schleier, der in der Luft wehte, »komm mit mir nach Dudzeele. Pulcinell spielt.
Wir wollen lachen, Christian, wir wollen lachen.«
    »In der letzten Nacht war ein Sturm,« berichtete Christian; »du weisst es,
wir waren ja lange in den Dünen oben. Gegen Morgen bin ich noch einmal an den
Strand gegangen, denn ich konnte nicht schlafen. Gerade als ich kam, trugen sie
die angeschwemmten Leichen von den Fischern weg. Drei Boote waren in der Nacht
zerschellt, ganz nah vom Molo, man hatte ihnen keine Hilfe bringen können.
Sieben Männer trugen sie auf Bahren in die Totenkammer. Einige Leute gingen mit,
lauter armes Volk, und da ging ich auch mit. Dort in der Totenkammer brannte
eine Laterne, und wie sie die nassen Leichen hinlegten, sammelte sich eine Menge
Wasser an. Über die Gesichter der Ertrunkenen waren die Mäntel gebreitet, und
von den Frauen sah ich nur eine einzige weinen. Sie war so hässlich wie ein
morscher Baumstrunk, aber als sie weinte, war alle Hässlichkeit verschwunden.
Warum soll ich lachen, Eva? warum soll ich lachen? Ich muss an die Fischer
denken, die Tag um Tag auf dem Meere draussen ihr Brot verdienen. Warum soll ich
da lachen? Gerade heute?«
    Eva drückte ihren Schleier mit beiden Händen an die Wangen.
    Im Ton der Unerheblichkeit, den er nie steigerte, fuhr Christian fort:
»Gestern zeigten sie mir in einer Bar, Wiguniewski und Boto Tüngen, einen
fünfzigjährigen Mann, einen ehemaligen Opernsänger, der berühmt gewesen war und
viel Geld verdient hatte. Er war den Tag vorher auf der Strasse
zusammengebrochen, und zwar aus Hunger. In seiner Tasche befanden sich aber
zwanzig Franken. Als man ihn fragte, weshalb er seinen Hunger nicht gestillt
habe mit Hilfe dieser zwanzig Franken, antwortete er, das Geld habe er als
Reisevorschuss erhalten; er sei in einem Kabarett in Havre engagiert; nach
monatelangen Bemühungen sei es ihm gelungen, den Posten zu bekommen, doch koste
die Fahrt bis Havre fünfunddreissig Franken, und seit sechs Tagen war er
unaufhörlich unterwegs gewesen, um die fehlenden fünfzehn Franken
zusammenzuscharren. Jeder Versuchung, die zwanzig Franken anzutasten, die er bei
sich getragen, habe er widerstanden, denn er habe genau gewusst, dass sein Leben,
wenn er nur einen einzigen Centime davon nahm, endgültig zerstört sei. An jenem
Tag war auch der Termin verstrichen, an dem er in Havre hätte sein müssen, und
er ging später zu dem Agenten und gab ihm das Geld zurück. Den Mann haben sie
mir gezeigt. Er sass mit aufgestützten Armen bei einer leeren Tasse. Als ich mich
zu ihm setzen wollte, war er schon fort. Er war auch nicht mehr zu finden. Warum
soll ich lachen, Eva, während ich an so etwas denken muss? Verlang nicht von mir,
gerade heute, dass ich lachen soll.«
    Eva sagte nichts. Aber als sie zu Hause waren, stürzte sie wie ausser sich in
seine Arme und rief: »Ich will dich küssen.«
    Sie küsste ihn und biss ihn dabei so heftig in die Lippe, dass das Blut
hervorquoll.
    »Geh jetzt,« sagte sie mit fortweisender Gebärde, »geh. Und morgen, vergiss
es nicht, wollen wir zum Jahrmarkt nach Dudzeele.«
 
                                       20
Sie fuhren zum Jahrmarkt und drängten sich bis zu dem kleinen Marionettenteater
durch. Die Bänke waren von Kindern dicht besetzt; um die Bankreihen standen Kopf
an Kopf die Erwachsenen. Vom Hafen herüber zogen die Gerüche von Maschinenöl,
Leder und gesalzenem Hering, in der Luft widerhallten die Misstöne von allerlei
Musik und die Stimmen der Ausrufer.
    Christian bahnte eine Gasse für Eva; die Leute machten halb widerwillig,
halb verwundert Platz. Mit heiterer Spannung verfolgte Eva das Spiel. Seit
Kinderzeiten liebte sie solche Schaustellungen, und auf die Jahre der
Verschollenheit warfen sie einen reizvoll-schwermütigen Glanz.
    Der Pulcinell, in der Rolle des geprellten Bauernfängers, musste erkennen,
dass keine Schlauheit gegen den Zauber guter Feen etwas vermag. Seine Einfalt war
zu witzig und seine Niederlage zu wohlverdient, um Mitleid zu erwecken. Der
Regen von Prügeln, unter dem er endete, war ein befriedigender Sieg der Moral.
    Eva klatschte in die Hände und freute sich wie die Kleinsten. »Lachst du
nicht, Christian?« fragte sie.
    Und Christian lachte. Nicht so sehr über die Albernheiten des Schelms, als
weil ihn Evas Lachen bezwang.
    Als der Vorhang sich über die kleine Bühne gesenkt hatte, liessen sie sich
vom Strom der Lustbarkeiten weiter tragen. Es bildete sich aber hinter ihnen ein
Schwanz von Nachläufern; Gewisper ging von Mund zu Mund, und einer machte den
andern auf Eva aufmerksam. Insbesondere ein paar junge Mädchen waren hartnäckig
in der Verfolgung der apart gekleideten Fremden. Eva trug einen Hut mit Rosen
und einen seidenen Mantel, der blau war wie das Meer in der Sonne.
    Eines der jungen Mädchen hatte sich einen Fliederstrauss verschafft, und auf
dem Platz vor einer Schenke überreichte sie ihn der Verehrten mit zierlichem
Knicks. Eva dankte ihr und neigte das Gesicht über die Blumen, da schlossen fünf
oder sechs Mädchen einen Ring um sie, fassten sich bei den Händen und drehten
sich im Kreise, wobei sie eine übermütige Melodie trällerten.
    »Nun bin ich gefangen,« rief Eva munter zu Christian hinüber, der ausserhalb
des Kreises geblieben war und sich die spöttischen Blicke der Mädchen gefallen
lassen musste.
    »Nun bist du gefangen,« antwortete er und suchte Verständigung mit der
Fröhlichkeit der Zuschauer.
    An der Treppe, die zur Schenke führte, stand ein betrunkener Mensch, der mit
unerklärlichem Ingrimm beobachtete, was zwischen Eva und den Mädchen geschah.
Zuerst erging er sich in wüsten Beschimpfungen, und als sich niemand darum
kümmerte, geriet er in tätliche Wut. Er hob einen faustgrossen Stein vom Boden
auf und schleuderte ihn gegen die Gruppe der Mädchen. Diese schrien erschrocken;
einige duckten sich, einige wichen hastig aus. Der Stein fuhr hart am Arm
derjenigen vorüber, die die Blumen gespendet hatte, und traf im Niederfallen
Evas beide Füsse.
    Eva verfärbte sich und presste die Lippen aufeinander. Ein paar Männer
stürzten auf den Betrunkenen los, der mit drohend erhobenem Arm in die Schenke
taumelte. Auch Christian lief zu der Treppe hin, kehrte aber auf halbem Weg um,
denn sich Evas anzunehmen, schien wichtiger. Die Mädchen hatten sich um sie
geschart, befragten, beklagten sie, er schob sie beiseite.
    »Kannst du gehen?« fragte er. Sie bejahte mit angestrengt beherrschter
Miene, hinkte aber, als sie zu gehen versuchte. Da hob er sie auf den Arm und
trug sie zum Auto, das in geringer Entfernung hielt. Die Mädchen waren
nachgelaufen und winkten beim Abschied mit Tüchern; aus der Schenke drang
Geschrei.
    »Pulcinell ist rabiat geworden,« sagte Eva lächelnd und verbiss ihren
Schmerz. »Es ist nichts, Liebling,« flüsterte sie nach einer Weile, »es vergeht;
sei unbesorgt.« Sie fuhren mit hundert Kilometer Geschwindigkeit.
    Eine halbe Stunde später sass sie in einem Zimmer der Villa in einem
Fauteuil, und Christian kniete vor ihr und hielt ihre beiden nackten Füsse in
seinen Händen.
    Susanne war angstverstört herbeigelaufen, hatte Ratschläge gestammelt, von
denen einer dem andern widersprach, hatte die Leute zusammengerufen und
aufgeregt nach dem Arzt verlangt, hatte der Herrin Schuhe und Strümpfe
abgerissen und mit weiten Augen voll Entsetzen die roten Flecke betrachtet, die
von dem Steinwurf herrührten. Schliesslich hatte Eva sie zur Ruhe verwiesen und
aus dem Zimmer geschickt.
    »Es tut fast nicht mehr weh,« sagte Eva und schmiegte die nackten Füsse
wohlig in Christians trocken-kühle Hände.
    Die Zofe brachte ein Becken mit Wasser und zwei Tücher für Umschläge.
    Christian hielt und betrachtete die beiden nackten Füsse, diese herrlichen
Werkzeuge, vergleichbar den Händen eines grossen Malers oder den Schwingen eines
weit- und hochfliegenden Vogels. Indem er sich noch an der Form erfreute, der
Klarheit der Muskulatur, der vollendeten Wölbung, den rosigen Zehen und
durchsichtigen Nägeln, kam eine innere Aufmerksamkeit über ihn, und es sprach
jemand: Da kniest du, Christian, da kniest du. Ja, ich knie, antwortete er im
stillen und nicht ohne eine gewisse Bestürzung, warum sollt ich nicht? Er
begegnete den Blicken Evas, und der lustvolle Glanz in ihren Augen vermehrte
seine Bestürzung.
    Eva sagte: »Deine Hände sind gute Doktoren, und dass du vor mir kniest, ist
wunderbar, mein süsser Freund.«
    Die Dämmerung war eingebrochen; vor den Fenstern, zwischen leise bebenden
Gardinen, strahlte der Abendstern.
    »Was findest du so wunderbar daran, dass ich knie?« fragte Christan stockend.
    Eva schüttelte den Kopf. »Ich liebe es eben,« erwiderte sie, und ihre
halbgelösten Haare fielen auf die Schultern. »Ich liebe es eben,« wiederholte
sie, legte die Hände auf seinen Scheitel und drückte sein Haupt tiefer hinab.
»Ich liebe es eben.«
    Da kniest du ja, hörte Christian abermals. Und er sah einen Waschkrug mit
abgebrochenem Henkel; und ein schiefes Fenster mit einem Schneerand in der
Rille; und einen einzelnen Stiefel mit einer Kotkruste an der Sohle und einen
Strick, der von einem Balken herunterhing, und eine Petroleumlampe mit
geschwärztem Zylinder. Nur Dinge, niedrige und armselige Dinge.
    »Sind es viele, vor denen du schon gekniet hast wie einer, der anbetet?«
fragte Eva.
    Er antwortete nicht, und ihre nackten Füsse wurden schwer in seinen Händen.
Die sinnliche Empfindung, die sie ihm durch ihre Wärme, ihre Glätte, ihre
triebartige Beweglichkeit eingeflösst hatten, verschwand und machte einem Gefühl
Platz, das aus Furcht, Scham und Trauer gemischt war. Diese menschenhaften
Gebilde, diese Füsse einer Tänzerin, Glieder einer geliebten Frau, das Seltenste
und Kostbarste der Welt, schienen ihm auf einmal hässlich und abstossend, und jene
niedrigen und armseligen Dinge, der Krug mit dem abgebrochenen Henkel und der
grünen Bemalung, das schiefe Fenster mit dem Schneerand, der Stiefel mit der
Kotkruste, der Strick, der vom Balken hing, und das Lämpchen mit dem berussten
Zylinder waren dagegen schön und verehrenswert.
    »Sprich, sind es viele, vor denen du gekniet hast?« vernahm er Evas beinahe
angstvoll zärtliche Stimme, und ihm dünkte, Iwan Becker antwortete für ihn: »Dass
Sie vor ihr niedergekniet sind, das war es, das allein. Das andre, darin lag
Verhängnis und Bitterkeit. Aber dass Sie hingekniet sind, das, ja das.«
    Er atmete tief, mit geschlossenen Augen und war bleich. Und jetzt erlebte er
deutlicher, näher und wahrer jene Stunde des Schicksals. Er spürte den Kuss
Beckers auf seiner Stirn, und er begriff den Sinn davon. Er begriff die
fieberhaften Verwandlungen des bösen Gewissens, dass er selbst zum Krug, zum
Fenster, zum Stiefel, zum Strick und zum Lämpchen geworden war, bloss um zu
fliehen und Zeit zu gewinnen; und dass er, im Wechsel von Gestalt zu Gestalt, die
Menschen wohl gesehen und gehört, den Bettler, das Weib, Iwan Michailowitsch,
die kranken, halbnackten Kinder, dass es aber dabei sein innigstes Bemühen
gewesen, sie noch von sich abzuhalten, eine kleine Weile noch, ehe sie mit ihrer
Qual, ihrer Verzweiflung, ihrer Besessenheit und ihrer Grausamkeit über ihn
stürzten wie die wilden Hunde über ein Stück Fleisch.
    Die Frist war verstrichen. Er erhob sich mit einem Ausdruck von Eile und
Festigkeit. »Entlasse mich, Eva,« sprach er zu ihr; »schick mich fort. Es ist
besser, du schickst mich fort, als dass ich mich losringen muss, Schritt um
Schritt, Riss um Riss. Ich kann nicht bei dir bleiben, ich kann für dich nicht
sein.« In diesem Augenblick fühlte er die Liebe zu ihr wie einen Flammensturm,
und er hätte sein Herz dafür ausgerissen, wenn er das Gesagte wieder ungesagt
hätte machen können.
    Eva schnellte pfeilrasch auf. Regungslos stand sie da und packte mit den
Händen Strähne ihres Haars.
    Er trat ans Fenster. Er erblickte den ganzen Raum des Himmels vor sich, den
Abendstern und das bewegte Meer. Und er wusste, dass dies alles täuschte, dieser
Frieden, dieser blitzende Stern, die leicht phosphoreszierende Flut, dass es nur
ein Gewand war, ein bemalter Vorhang, und dass man sich nicht davon beruhigen
lassen durfte. Dahinter war Schrecken und Furchtbarkeit, dahinter war
unergründlicher Schmerz. Er begriff, er begriff.
    Er begriff die Tausende und Tausende am Ufer des Stroms, ihr finsteres
Schweigen. Er begriff die Tochter des Schiffers, die geschändeten Leibes auf
schlechtem Linnen lag. Er begriff den Todeswillen Adda Castillos. Er begriff
Jean Cardillacs trübsinniges Herumirren und seinen Kummer über Weib und Kind. Er
begriff den siebzigjährigen Wollüstling, der hinter Klostergittern schrie: Was
soll ich tun, Herrgott, und du, mein Heiland, was soll ich tun? Er begriff den
taubstummen Dietrich, der sich ertränkt hatte; er begriff Beckers Hinweis auf
den nassen Mantel und Franz Lotars Entsetzen über die Leichname, die sich
umschlungen hielten; er begriff Amadeus Vossens lechzenden Hunger und das Wort
vom Silberstrick und von der Ölflasche. Er begriff den versteinerten Gram der
Fischerweiber, und er begriff den Opernsänger mit seinen zwanzig Franken in der
Tasche.
    Er begriff, er begriff.
    »Christian,« rief Eva mit einem Ton, als spähe sie in die Finsternis.
    »Es ist Abend geworden,« sagte Christian bebend.
    »Christian!« rief Eva.
    Er gewahrte plötzlich Amadeus Voss, der draussen aus dem Dunkel von Bäumen
trat und auf ihn gewartet zu haben schien, denn er machte lebhafte Zeichen gegen
das Fenster. Mit hastigem Gruss verliess er das Zimmer.
    Sie schaute ihm nach, ohne sich zu rühren.
    Ein wenig später ging sie, die noch schmerzenden Füsse vergessend, in ihr
Ankleidegemach, öffnete die Schmuckkassette, nahm den Ignifer heraus und
betrachtete ihn lange und mit grübelndem Ernst.
    Dann steckte sie den Stein ins Haar und trat vor den Spiegel: kühl am Leibe,
blassen Gesichts, ruhigen Auges. Sie verschränkte die Arme und blieb im
Anschauen verloren.
 
                                       21
Christian und Amadeus gingen über den Damm gegen Duinbergen.
    »Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, Wahnschaffe,« begann Amadeus Voss;
»ich habe gespielt. Ich habe drüben in Ostende beim Roulett gespielt.«
    »Man hat mir davon erzählt,« antwortete Christian zerstreut. »Natürlich
haben Sie verloren?«
    »Der Teufel ist mir erschienen,« sagte Amadeus dumpf.
    »Wieviel haben Sie verloren?« fragte Christian.
    »Sie denken vielleicht an irgendeinen verfeinerten Teufel, eine
Halluzination, ein poetisches Gehirnprodukt,« fuhr Amadeus in seiner atemlosen
und sonderbar feindseligen Weise fort. »Nein, nein, es war ein richtiger,
altmodischer Teufel mit Bockskopf und Klauenfüssen. Er sprach zu mir: Nimm von
ihrem Überfluss; umkleide dich mit dem Panzer, der unempfindlich macht; lass dich
nicht einschüchtern, lass dich nicht vom Hauch ihrer frechgeschmückten Welt in
die wolkige Enge deiner Qualen treiben. Und mit seinen kundigen Fingern lenkte
er die kleine hüpfende Kugel für mich. Das Licht der Lampen schrie, von den
Wangen der Weiber fiel die Schminke ab, über zitternde Bärte rann der Geifer
schmutziger Habgier. Ich gewann, Christian Wahnschaffe, ich gewann. Zehntausend,
zwölftausend, ich weiss nicht mehr, wieviel. So ein Tausendfrankschein sieht aus
wie ein verwaschener Fahnenfetzen. Blendende Säle, Treppen, Gärten, weissgedeckte
Tische, Champagnerkübel, Austernplatten, ich ziehe Luft in die Lungen, ich lebe,
ich bin Herr. Wildfremde Bursche beglückwünschen mich, schenken mir die Ehre
ihrer Gesellschaft, tafeln mit mir, gesiebte Leute, adrette Leute, ehrenwerte
Leute. Im Hotel de la Plage verwandelte sich mein bocksfüssiger Teufel endlich in
ein würdiges Symbol; er wurde zu einer Spinne mit einem ungeheuren Ei zwischen
den Füssen, und daran saugte er, unersättlich. Gallerte, die anschwillt, um vor
Wonne zu platzen.«
    »Ich glaube, Sie sollten zu Bett gehen und sich ausschlafen,« sagte
Christian trocken. »Wieviel haben Sie also schliesslich verspielt?«
    »Ja, ich bin ein wenig übernächtig,« gestand Amadeus Voss. »Wieviel ich
verspielt habe? Vierzehntausend sind es ungefähr. Der Fürst Wiguniewski hat mir
das Geld vorgeschossen. Er meinte, Sie würden es ihm schon zurückgeben. Ein
vornehmer Mann; alle Achtung. Kein Muskel zuckt in seinem Gesicht, wenn er
höflich ist; nichts an ihm verrät, dass er den Proletarier wittert.«
    »Ich werde die Angelegenheit mit ihm regeln,« sagte Christian.
    »Es genügt nicht, Wahnschaffe, es genügt nicht,« antwortete Voss mit bebender
Stimme.
    »Warum genügt es nicht?«
    »Ich muss weiterspielen. Ich muss es hereinbringen. Ich will Ihr Schuldner
nicht sein.«
    »Sie werden es immer tiefer werden, Amadeus. Aber ich möchte Sie nicht
hindern, wenn Sie sich entschliessen, eine Grenze zu bestimmen.«
    Amadeus Voss stiess ein Gelächter aus. »Ich wusste, dass Sie grossmütig sein
würden, Christian Wahnschaffe. Nur immer weiter hinein den Stachel in die Wunde,
nur immer weiter.«
    »Ich verstehe Sie nicht, Amadeus,« sagte Christian ruhig. »Fordern Sie Geld
von mir, soviel Sie wollen; aber es wäre mir lieber, Sie forderten es nicht für
diesen Zweck.«
    »Grossmütig gesprochen, wahrhaft grossmütig,« höhnte Voss. »Wie aber, wenn mir
gerade daran liegt, keine Grenze einzuhalten? Wenn mir daran liegt, die
bettelhafte Scham loszuwerden und mich als Räuber zu erklären? Würden Sie mich
verleugnen?«
    »Ich weiss nicht, was ich tun würde,« entgegnete Christian. »Ich würde Sie
vielleicht zu überzeugen suchen, dass Sie unbillig handeln.«
    Diese nüchternen und einfachen Worte machten sichtlich Eindruck auf Amadeus
Voss. Er senkte den Kopf, und nach einer Weile sagte er: »Es ist herzzermalmend,
dies Warten, bis die kleine Kugel zu hüpfen aufhört und der Femrichter den
Spruch verkündet. Das verwaschene Tausendfrankfähnchen knistert heran, oder ein
runder Turm von Goldstücken kommt auf einer Schaufel gefahren. Ich habe mir eine
Zahl in den Kopf gesetzt. Ich teile acht Buchstaben in drei und fünf. Ein
Vorname, ein Zuname. Einmal gewann ich siebzehnhundert auf einen Coup damit, ein
andermal dreitausend. Sie dürfen mich nicht im Stich lassen, Wahnschaffe. Auch
ich habe eine Seele. Drei und fünf, das ist mein Problem. Ich werde die Bank
sprengen. Ich werde dreimal, zehnmal hintereinander die Bank sprengen. Es ist
möglich, es kann also geschehn. Würde drei und fünf einem Wolkenbruch von Gold
widerstehen? Würde Danae den Perseus von sich weisen, oder würde sie verlangen,
dass er ihr zuerst das Haupt der Gorgo bringt?«
    Er verstummte jäh, da Christian den Arm um seine Schulter legte, eine
Vertraulichkeit, die ihm so neu und unerwartet war, dass er tief aufatmete wie
ein Kind im Schlaf. »Denken Sie doch an das Vergangene, Amadeus,« sagte
Christian; »denken Sie doch an Ihre Worte, wie Sie zu mir sagten: Es ist
möglich, dass Sie mich brauchen, gewiss aber ist, dass ich ohne Sie verloren bin.
Haben Sie schon vergessen? Hast du es schon vergessen, Amadeus?«
    Amadeus fuhr zusammen unter dem Du. Er ergriff plötzlich, stehenbleibend,
Christians Hände und stotterte: »Um Gottes willen, so hat noch keiner ... so hat
keiner noch zu mir geredet.«
    »Du darfst es nicht vergessen, Amadeus,« sagte Christian leise.
    Schwäche befiel Amadeus Voss. Er schaute sich mit unsteten Augen um und sah
hinter sich einen niedern Betonpflock zum Befestigen der Schiffsseile. Er setzte
sich auf den Stein und wühlte das Gesicht in die Hände. Dann begann er, durch
die Hände hervor: »Sieh mal, Bruder, ich bin ein verprügelter Hund. Das bin ich
und nichts sonst. Mir ist, als ob ich zu lange an einer kalten, harten,
getünchten Kirchenwand gestanden hätte. Es ist mir stets eine Kälte in Mark und
Bein sitzengeblieben, und ich will mich durch dieses fatale Gefühl nicht
unterkriegen lassen. Ich denke oft, ich möchte einmal bei einem Weibe sein. Ich
kann nicht leben ohne Liebe. Und ich lebe doch immerfort ohne Liebe, Tag für
Tag. Immerfort ohne Liebe. Die verdammte Mauer ist mir zu kalt, ich kann, ich
mag, ich will nicht ohne Liebe leben. Ich bin nur ein Mensch, und ich muss zu
einem Weibe, sonst erfriere ich oder ich versteinere, oder ich bin verdonnert.
Ich bin ein Christ, und als Christ ist es schwer, zu einem Weib zu gehen, wenn
man ein gewisses Bild im Herzen hat. Hilf mir zu einem Weibe, Bruder, ich bitte
dich darum.«
    Christian blickte auf das dunkle Meer hinaus. Wie ist da zu helfen? dachte
er und empfand die ganze Kälte der Welt und die Verworrenheit der menschlichen
Dinge.
    Während er so stand und sann, vernahm er, aus der Ferne, von den Dünen
herschallend, einen Schrei, wie ihn ein Mensch in höchster Bedrängnis, ja in
Todesnot ausstösst. Auch Amadeus Voss erhob den Kopf und lauschte. Sie sahen
einander an.
    »Wir wollen hingehen,« schlug Christian vor.
    Sie gingen der Richtung nach, aber der Damm war verödet, ebenso der Strand
und die Dünen. Noch dreimal hörten sie den Schrei, dumpfer, dann wieder heller,
näher, dann wieder ferner; ihr Suchen, Lauschen und schnelles Wandern war
vergeblich. Als sie den Rückweg antraten, sagte Voss: »Es war kein
Menschenschrei. Es war ein Etwas in der Natur, ein Zeichen. Es war ein
Geisterruf. Das kommt vor, und nicht so selten, wie man denkt. Es ruft uns
irgendwohin. Einer von uns zweien ist gerufen worden.«
    »Mag sein,« erwiderte Christian lächelnd, dessen Sinn für Wirklichkeit
solche Deutungen nur im Scherz zuliess.
 
                                       22
Auf der Reise nach Schottland, zu Macpherson, hielt sich Crammon einen Tag in
Frankfurt auf. Er benachrichtigte Christians Mutter, die ihn freundlich dringend
zu sich bat.
    Es war Ende Juni. Sie sassen auf einem von Geissblatt überwucherten Balkon des
Hauses beim Tee. Frau Richberta hatte befohlen, jeden andern Besuch abzuweisen.
Das Gespräch plätscherte eine Weile in oberflächlichen Wendungen hin, von vielen
Pausen unterbrochen. Nur von Christian wollte Frau Richberta etwas erfahren,
denn sie hatte, seit er Christiansruh verlassen, nichts mehr von ihm gehört und
hoffte, durch Crammon eine Kunde zu erhalten. Aber Judits Scheidung und ihre
bevorstehende Wiederverheiratung mit Edgar Lorm, Ereignisse, die zu berühren ihr
Stolz sich sträubte und über die sie doch nicht völlig schweigen durfte, weil
sie einen Mitwisser und Kronzeugen vor sich hatte, mussten vorher wenigstens
erwähnt werden.
    Sie fand die Anknüpfung nicht, und Crammon, übelwollend und in knorrigem
Trotz, obgleich äusserlich glatt, erkannte ihre Verlegenheit, ohne ihr
entgegenzukommen.
    »Warum wohnen Sie im Hotel, Herr von Crammon?« fragte sie; »Wahnschaffeburg
hat ein Anrecht auf Sie, und es ist nicht hübsch, dass Sie uns links liegen
lassen.«
    »Gönnen Sie einem alten Landstreicher seine Freiheit, gnädigste Frau,«
antwortete Crammon; »ausserdem würde es mir Herzweh machen, wenn ich diesem
Zauberschloss nach vierundzwanzig Stunden schon den Rücken kehren müsste.«
    Frau Richberta knabberte an einem Biskuit. »Alles besser als Hotel,«
versetzte sie; »Hotel ist immer ein bisschen trübselig; je luxuriöser, je
trübseliger eigentlich. Und das Vornehmste ist es auch nicht. Tür an Tür mit
irgendeinem, ich bitte Sie. Und die Geräusche. Aber schliesslich, was ist
heutzutage noch vornehm. Das kommt aus der Mode.« Sie seufzte. Jetzt glaubte sie
die Brücke schlagen zu können und gab sich einen Ruck. »Was sagen Sie übrigens
zu Judit?« fuhr sie mit gleichmässig hohler Stimme fort. »Eine beklagenswerte
Verirrung. Schon die Ehe mit Imhof war ja keine first-class-Angelegenheit und
hat mir nie gefallen wollen; aber das! Ich kann keinem meiner Bekannten in die
Augen sehen. Dieses Kind, von dem man bloss fürchten musste, dass es zu hoch hinaus
wollte, dessen Prätensionen gar keine Zügelung vertrugen, wirst sich einem
Komödianten an den Hals. Und zu all dem Peinlichen noch die Extravaganz mit dem
Vermögensverzicht. Unfasslich. Mit rechten Dingen geht das nicht zu, Herr von
Crammon. Hat sie sich denn klargemacht, was es bedeutet, von einer mehr oder
weniger beschränkten Gage leben zu müssen? Unfasslich.«
    »Seien Sie beruhigt, gnädigste Frau,« antwortete Crammon, »Edgar Lorm ist
ein Mann von fürstlichem Einkommen; ein grosser Künstler.«
    »Ach, Künstler,« unterbrach ihn Frau Richberta ziemlich ungeduldig und mit
geringschätziger Geste, »das sagt mir nichts. Ja, man bezahlt sie; man bezahlt
sie bisweilen sehr gut. Aber es sind lusche Leute. Fortwährend auf der Kippe.
Ich bin nicht für die Kippe. Es ist ja jetzt üblich, viel Geschichten mit ihnen
zu machen, sogar in unsern Kreisen. Ich habe das nie begriffen. Judit wird ihre
Torheit bitter zu büssen haben, und für mich und Wahnschaffe ist es eine schwere
Enttäuschung.« Sie seufzte wieder und streifte Crammon mit einem scheuen
Seitenblick, bevor sie anscheinend gleich gültig fragte: »Hatten Sie in der
letzten Zeit Brief von Christian?«
    Crammon verneinte.
    »Wir sind seit zwei Monaten ohne jede Nachricht,« fügte Frau Wahnschaffe
hinzu. Ein abermaliger scheuer Blick auf Crammon belehrte sie, dass er ihr den
gewünschten Aufschluss nicht geben konnte. Er war in diesem Moment nicht genug
Herr seines Mienenspiels, um zu verbergen, was sein geheimer Kummer seit langem
war.
    Ein Pfau stolzierte unter dem Balkon vorüber, öffnete sein Rad, das in der
Sonne prachtvoll leuchtete, und schrie widerwärtig.
    »Man hat mir erzählt, er sei mit dem Sohn des Försters abgereist,« sagte
Crammon und zog die Brauen so weit in die Höhe, dass sein Gesicht einer
mittelalterlichen Teufelsfratze glich. »Wohin er gegangen ist, darüber könnte
ich nur Vermutungen äussern. Ich halte mich hierzu nicht für befugt, gnädigste
Frau. Möglich, dass sich unsre Pfade kreuzen. Wir haben uns im besten
Einvernehmen getrennt. Möglich, dass wir uns genau so wiederfinden.«
    »Mit dem Sohn des Försters, davon weiss ich,« murmelte Frau Richberta.
»Seltsam immerhin. Es ist eine Beziehung neuesten Datums, wie?«
    »Allerneuesten Datums, jawohl. Ich kann mir keinen Vers darauf machen. Ein
Försterssohn ist ja an sich nichts Besorgniserregendes, aber man müsste doch
wissen, was für eine Art Attraktion da im Spiele ist.«
    »Ich habe manchmal schlimme Gedanken,« sagte Frau Wahnschaffe leise, und die
Haut um ihre Nase wurde fahl. Sie beugte sich jäh nach vorn, und in ihren sonst
so leeren Augen entstand eine düstere und angstvolle Glut, die Crammons Meinung
über die innere Beschaffenheit der Frau auf einmal veränderte.
    »Herr von Crammon,« begann sie mit einer heiser, ja krächzend klingenden
Stimme, »Sie sind Christians Freund. Sie haben mich glauben gemacht, dass Sie es
sind. So handeln Sie auch als Freund. Gehen Sie zu ihm; ich erwarte es von
Ihnen; säumen Sie nicht.«
    »Was an mir liegt, soll geschehen,« erwiderte Crammon. »Es war ohnehin meine
Absicht, ihn aufzusuchen. Ich gehe für zehn Tage nach Dumbarton, von dort dann
zu ihm. Ich werde ihn finden. Grund zur Beängstigung ist nicht vorhanden,
gnädigste Frau. Noch immer bin ich der Meinung, dass Christian unter dem Schutz
einer besondern Gotteit steht, aber ich gebe zu, man muss von Zeit zu Zeit
Nachschau halten, ob der betreffende Engel seinen Posten auch ordentlich
versieht.«
    »In jedem Fall werden Sie mir schreiben,« sagte Frau Wahnschaffe, und
Crammon versprach es. Sie nickte ihm zu, als er sich verabschiedete, die Glut in
ihren Augen erlosch, und alleingeblieben versank sie in stumpfes Brüten.
    Crammon verbrachte den Abend mit einigen Bekannten in der Stadt. Er kam spät
ins Hotel und sass noch eine Weile in der Halle, unbeweglich, unnahbar und aus
dem Anblick Vorübergehender schweigsamen Menschenhass nährend. Dann musterte er
die Tafel, auf welcher in kleinen Blättchen die Namen der Gäste geschrieben
standen. Was tun die Leute hier? fragte er sich; wie wichtig das aussieht:
Rentier Max Ostertag nebst Gattin; warum gerade Ostertag? warum Max? warum nebst
Gattin?
    Erbittert ging er die Treppe zu seinem Zimmer empor. Erbittert und weltmüde
wanderte er in dem langen Korridor auf und ab. Vor sechs oder sieben Türen links
und rechts standen je zwei Paar Stiefel, ein Paar Herrenstiefel, ein Paar
Damenstiefel. Dieses Gepaartsein der Stiefel erregte allmählich seine Wut. Er
erblickte darin eine prahlerische und schamlose Zurschaustellung ehelicher
Begebenheiten. Denn das Eheliche und offiziell Gestattete erkannte er am Bau und
Wuchs der Stiefel. Er glaubte ihnen eine missgelaunte und überlang dauernde
Zusammengehörigkeit anzumerken, eine breite, von der Wucht der Renten
verursachte Getretenheit, eine niedrige Gesinnung, einen selbstgerechten Dünkel.
    Er vermochte dem Anreiz nicht zu widerstehen, Verwirrung unter ihnen
anzurichten. Er spähte umher, ob ihn niemand belausche, nahm ein Paar
Männerstiefel, gesellte es zu den Frauenstiefeln an einer andern Tür und fuhr in
dieser Tätigkeit fort, bis kein Paar seine frühere Gesellschaft mehr hatte.
Sodann begab er sich zur Ruhe mit der angenehmen Empfindung, die etwa den
Verfasser eines Lustspiels erfüllen mag, wenn es ihm gelungen ist, seine Figuren
in unwahrscheinliche und kaum entwirrbare Verknüpfungen zu bringen.
    In der Frühe wurde er durch den Lärm heftigen und endlosen Wortwechsels
aufgeweckt, der aus dem Korridor hereinschallte. Er hob den Kopf, horchte
befriedigt, schmunzelte träg, dehnte sich, gähnte geräuschvoll und genoss das
Stimmengezeter wie eine erbauliche Morgenmusik.
 
                                       23
Als Christian am Tag nach der nächtlichen Wanderung zu Eva kam, fand er zu
seiner Überraschung viele Menschen bei ihr, Russen, Engländer, Franzosen,
Belgier. Bis zu diesem Tag hatte sie sich der Geselligkeit fast ganz entzogen
oder sich ihr nur in Stunden gewidmet, die zwischen ihr und Christian vorher
vereinbart waren. Die unerwartete Veränderung machte ihn selbst zum Gast, indem
sie ihn zugleich aus dem Mittelpunkt an die Peripherie schob.
    Es wurde von der Ankunft des Grafen Maidanoff gesprochen, und ein
allgemeiner Austausch von Mutmassungen war im Zug, sowohl über die Dauer seines
Aufentalts wie auch über den Zweck. Politische Kulissen wurden mit bewusster
Heuchelei aufgestellt: Besuch beim König, Besprechung mit Ministern. Er hatte
zuerst im Hotel Lettoral in Knocke gewohnt, war aber alsbald in die weitläufige
und prachtvolle Villa Herzynka übersiedelt, die sein Günstling und Freund Fjodor
Szilaghin gemietet hatte.
    Szilaghin erschien bald nach Christian. Wiguniewski, offensichtlich hierzu
beauftragt, machte sie miteinander bekannt.
    »Ich sehe morgen abend einige Freunde bei mir,« sagte Szilaghin mit der ihm
eigenen Artigkeit eines grossen Komödianten, »ich hoffe, Sie erweisen mir die
Ehre zu kommen.« Er musterte Christian kalt, und Christians Nerven spannten sich
gepeinigt unter diesem Blick. Er verbeugte sich und beschloss, nicht hinzugehen.
    Eva war im Balkonzimmer und posierte der Bildhauerin Beatrix Vanleer. Diese
sass mit einem Zeichenblock vor ihr und entwarf Skizzen. Währenddessen plauderte
Eva lebhaft mit einigen Herren. Sie reichte Christian die Hand zum Kuss. Seinen
fragenden Blick beachtete sie nicht.
    In einem zimtfarbenen Kleid mit hoher Frisur, die von einem Elfenbeindiadem
gekrönt war, erschien sie ihm ausserordentlich fremd. Ihr Gesicht war wie aus
Email. Im Kinn drückte sich Feindseliges aus. Zarte Vibrationen der
Schläfenmuskeln berührten wie Anzeichen inneren Sturms. Aber diese Wahrnehmung
verflüchtigte sich wieder. Hauptsächlich war es eine lähmende Kälte, die um sie
strömte.
    Als die Bildhauerin fertig war, ging Eva im Gespräch mit einer jungen
Fürstin Helfersdorff auf und ab. Sie führte sie auf den Balkon, der in Sonne
gebadet lag, dann in ihr Boudoir, in welchem sie sich aufzuhalten liebte, wenn
sie las oder von ihren Übungen ruhte. Er folgte den beiden Frauen gequält. Er
fühlte, dass er sich demütigte. Er fühlte es zum erstenmal in seinem Leben. Aber
es schlug ihn nicht so nieder, wie es, vielleicht vor einer Stunde noch, der
Gedanke an die Möglichkeit einer Demütigung getan hätte.
    Der Marques Tavera trat zu ihm. Auf der Schwelle des Boudoirs stehend,
sprachen sie nichtige Dinge. Christian hörte, wie Eva der jungen Fürstin
erzählte, dass sie in einer Woche nach Hamburg fahren werde; der Norddeutsche
Lloyd feiere gelegentlich des Stapellaufs eines Riesendampfers ein Fest, und man
habe sie eingeladen, zu tanzen. »Ich freue mich eigentlich darauf,« fügte sie
heiter hinzu; »den Deutschen bin ich immer noch ein blosser Name. Sie werden mich
examinieren und mir endlich sagen, was ich kann und wohin ich gehöre.«
    Die junge Dame blickte die Tänzerin begeistert an. Christian dachte: ich muss
sogleich mit ihr sprechen. In jedem Wort, das Eva sprach, fühlte er etwas
Feindseliges und Spöttisches gegen sich. Er liess Tavera stehen und trat in das
Gemach. Die Entschiedenheit seiner Bewegung nötigte Eva, ihn anzuschauen. Sie
lächelte verwundert; ein kaum merkliches Achselzucken drückte Befremden und
Tadel aus.
    Der Marques Tavera hatte sich an die Fürstin gewandt, und als die beiden
sich anschickten, das Zimmer zu verlassen, schien Eva ihnen folgen zu wollen.
Eine Geste Christians, die sie, von der Tür zurückblickend, wahrnahm, bestimmte
sie, zu bleiben. Christian schloss die Tür, und Evas Miene wurde immer
verwunderter. Aber er spürte, dass diese Verwunderung Komödie war. Er geriet in
Verlegenheit und wusste nicht, was er sagen sollte.
    Eva ging auf und ab und betastete hie und da einen Gegenstand. »Nun?« fragte
sie und sah ihn kalt an.
    »Dieser Szilaghin ist mir unerträglich,« murmelte Christian mit gesenktem
Blick. »Ich erinnere mich, ich sah einmal in einem Aquarium ein
regenbogenfarbiges Meertier, wunderschön, aber zugleich grauenhaft. Ich konnte
das Bild nicht los werden. Ich hatte immerfort Lust wieder hinzugehen und
immerfort dasselbe hässliche Grauen.«
    »O lala,« sagte Eva; weiter nichts. In dem leisen Ausruf lag
Geringschätzung, Ungeduld und Neugier. Dann blieb sie stehen. »Ich liebe nicht,
dass man mich arretiert,« sagte sie hart. »Ich liebe nicht, dass man mich unter
meinen Gästen abfängt, um mir Dinge mitzuteilen, die uninteressant sind.
Verzeih, aber es interessiert mich nicht, welchen Eindruck Fjodor Szilaghin auf
dich macht; oder genauer gesagt: es interessiert mich nicht mehr.«
    Christian schaute sie stumm an. Er erschien sich geschlagen, gezüchtigt und
wurde leichenblass. Das Gefühl der Demütigung wuchs wie ein Fieber. »Er hat mich
für morgen in sein Haus gebeten,« stammelte er. »Ich wollte dir nur sagen, dass
ich nicht gehen werde.«
    »Du wirst gehen,« entgegnete Eva rasch; »ich bitte dich, zu gehen.« Seinem
erstaunt fragenden Blick ausweichend, fuhr sie fort: »Maidanoff wird dort sein.
Ich wünsche, dass du ihn siehst.«
    »Aus welchem Grund?«
    »Du sollst wissen, wozu ich greife, was ich tue, wohin ich gehe. Kannst du
in Gesichtern lesen? Ich glaube nicht. Immerhin, komm nur.«
    »Was hast du beschlossen?« fragte er schwerfällig und scheu.
    Sie schüttelte sich vor Ungeduld. »Nichts, was nicht schon längst
beschlossen war,« antwortete sie mit einer klirrend hellen Stimme; »dachtest du
denn, ich wollte unsern schönen wilden Mai aus spinnen bis zu einem trübseligen
November? Die Deutlichkeit von gestern hättest du dir schenken können. Der Traum
war zu Ende, und für dich keinen Augenblick früher als für mich. Das musstest du
wissen, und wenn du es nicht gewusst hast, musstest du dich benehmen, als wüsstest
dus. Ein Mann von Geschmack und Welt wirst nicht die Karten auf den Tisch,
während der Partner den letzten Einsatz wagt. Du verdienst nicht einen ehrlichen
Abschied, wie ich ihn dir gebe. Ich hätte dich an die Paradekette legen und dich
aushungern sollen wie die dummen, kleinen Bestien, die mir beständig vorwinseln,
dass sie bereit sind, sich für mich zu ruinieren. Sie nennen es ihre
Leidenschaft; ein Feuer wie jedes andre, aber ich möchte mir nicht einmal die
Kerze daran anzünden, wenn ich Licht brauche, um mir die Schuhe aufzuschnüren.«
    Sie hatte die Arme verschränkt, lachte leise und schritt zur Tür.
    »Du hast mich missverstanden,« sagte Christian bestürzt, »du missverstehst
mich gänzlich.« Er trat ihr mit schwach erhobenen Händen in den Weg. »Begreifst
du denn nicht? Hätt ich nur die Worte, ... aber ich liebe dich ja. Ich kann mir
ja das Leben ohne dich noch gar nicht vorstellen. Trotzdem, wie soll ichs nur
sagen, mir ist wie einem, der ungeheure Summen schuldig ist und fortwährend
darum gequält und gemahnt wird und nicht weiss, womit er zahlen soll und wem er
zahlen soll. Versteh mich doch recht, ich war übereilt, aber ich dachte, du
könntest mir helfen.«
    Es war ein Schrei aus der Not, aber Eva hörte ihn nicht und wollte ihn nicht
hören. Sie hatte ihr Gefühl im höchsten Bogen ausgespannt; als er brach, war ihr
jede Tiefe zu gering, in die sie die Trümmer schleuderte. Sie hatte keine Ohren
mehr; sie hatte keine Augen mehr. Sie hatte über ihr Schicksal schon
entschieden; und fürchtete sich vor dem Schritt nach vorn, der Schritt zurück
ging gegen ihren Stolz und gegen ihr Blut. Eine souveräne Geste schnitt
Christian die Rede ab. »Genug,« sagte sie. »Von allem Hässlichen, was es zwischen
Menschen gibt, sind Auseinandersetzungen über ein Gefühl das Hässlichste. Ich
habe keinen Sinn für Hypochondrien, und mich langweilen Epiloge. Was deine
Gläubiger betrifft, so sieh zu, dass du sie kennenlernst und bezahlst. Es ist
peinlich, mit rückständigen Rechnungen zu wirtschaften.«
    Damit verliess sie das Zimmer.
    Christian blieb stehen, senkte langsam den Kopf und bedeckte das Gesicht mit
den Händen.
 
                                       24
Am andern Tag erhielt Christian eine Depesche von Crammon, worin ihm dieser für
die Mitte der Woche seine Ankunft meldete. Er starrte versonnen auf das Papier
und musste sich das Bild Crammons erst Zug für Zug aus der Erinnerung
zusammensetzen. Gleich darauf vergass er es wieder.
    Bei Fjodor Szilaghin hatten sich ungefähr zwanzig Personen eingefunden: acht
oder zehn Russen, darunter Wiguniewski, die Brüder Maelbeek, junge, belgische
Aristokraten, ein französischer Linienschiffskapitän, der Marques Tavera, Mr.
Bradshaw, die Fürstin Helfersdorff und ihre Mutter, eine sehr gewöhnlich
aussehende Dame, Beatrix Vanleer und Sinaide Gamaleja.
    Christian kam später als alle andern, und Szilaghin begrüsste ihn auf einem
Sessel halb sitzend, halb liegend; ein junger Wolf kauerte auf seinen Knien, und
auf der Armlehne des Sessels stand ein grüner Papagei, von jener Art, die man
Kurika nennt. Er entschuldigte sich lächelnd bei Christian, als er ihm die Hand
reichte und wies mit einer Miene auf die Tiere, als sei es unmöglich, sich ihrer
zu entledigen.
    Aus Wiguniewskis Erzählungen wusste Christian, dass Szilaghin solche
Schaustellungen liebte. In Oxford war er mit einem Adler an der Kette im Boot
gefahren, in der Nacht und allein, in Rom hatte er einst einen Palazzo gemietet
und die Hefe der Stadt, Bettler, Krüppel, Dirnen und Zuhälter, zu einem Ball
geladen. Die Prahlerei darin war unverkennbar, aber als er vor ihm stand und ihn
mit seinen Tieren sah, hatte Christian nicht nur den Eindruck eines krankhaften
Übermuts, sondern auch den der Verzweiflung. Nachhaltige Beklommenheit
bemächtigte sich seiner.
    Die Beleuchtung in den Räumen war auffallend spärlich und düster. Da ein
Gewitter heraufzog und wegen der schwülen Hitze die Fenster weit geöffnet waren,
streute jedes Aufzucken eines Blitzes unerwartete Helligkeit aus.
    Von einigen Gästen aufgefordert, setzte sich Sinaide Gamaleja mit einer
Laute unter einen Strauch hochstämmiger Soleil-d'or-Rosen und begann ein
russisches Lied zu singen. Um ihre Schultern war ein golddurchwirktes Tuch
gebreitet, ein Diamantband schmückte ihr mattschwarzes Haar. Sie war von
schmächtigem Wuchs; sie hatte breite Backenknochen, einen breiten Mund und
stumpfglühende, weitlidrige Augen.
    Der graugelbe Wolf auf Szilaghins Knien erhob den Kopf und äugte schläfrig
zwinkernd zu der Sängerin hin; die Melodie hatte einen Traum von der
heimatlichen Steppe in ihm erweckt. Auch der Papagei rührte sich; ein
unverständliches Wort krächzend, liess er das schwelgerisch gefärbte Gefieder
seines Halses schimmern. Szilaghin mahnte ihn mit dem Finger zur Ruhe; gehorsam
duckte der Sittig den Kopf in die Federn, die ein Windhauch aufblies. Ein alter
Russe, der sehr geschwätzig war, redete eifrig zu Szilaghin; er überhörte ihn
voll Verachtung und sang bei der zweiten Strophe das Lied mit.
    Seine Stimme war wohlklingend, ein tiefer, dunkler Bariton. Christian aber
dünkte es ein verworfener Wohlklang, so verworfen wie die halbverdeckten,
grollenden, schwermütigen, von Menschenverachtung erfüllten Augen, wie das
edelgeschnittene, wächserne Gesicht, das für achtzehnjährig gelten konnte, indes
die Erfahrungen eines bösen Greises in ihm wohnten, wie die reptilhaft lange,
blasse, entnervte Hand, wie das süssliche, müde und geistreiche Lächeln.
    Wiguniewski, die Maelbeeks, der Kapitän und Tavera hatten sich im Raum
nebenan zum Bakkarat gesetzt. In den Pausen des Gesangs vernahm man das Klirren
von Gold und das Aufschlagen der Karten. Die fremden Geräusche erregten den
Kurika; er vergass die empfangene Warnung und stiess wieder sein misstönendes
Gekrächz aus. Sinaide Gamaleja warf ihm einen zornigen Blick zu; eine Sekunde
lang krampfte sich ihre Hand über den Saiten.
    Da richtete sich Szilaghin auf, packte das Tier mit der einen Hand bei den
Füssen, mit der andern beim Kopf und drehte dem entsetzt aufkreischenden,
schauerlich sich sträubenden Vogel den Hals rund um seine Achse. Die grüne
Leiche schleuderte er mit einer Miene von Ekel auf den Boden und intonierte
gleichmütig die dritte Strophe des Liedes.
    In Sinaida Gamalejas Augen flammte es befriedigt. Der alte Russe, der mit
seinem endlosen Geschwätz die Bildhauerin heimgesucht hatte, schwieg plötzlich.
Der Wolf gähnte, und um seine gute Gesinnung zu erhärten, drückte er die Lefzen
schmeichelnd auf den Arm seines Herrn.
    Christian schaute auf den getöteten Vogel hinab, der mit zerzaustem Gefieder
dalag und in einem über den Estrich hinlohenden Blitz wie ein phantastisch
grosser Smaragd funkelte. Auf einmal wurde ihm das tote Tier zu einem Siegel all
des Verworfenen, Eitlen, Lügenhaften, Aufgeputzten und Gefährlichen, das er um
sich sah und spürte. Er heftete einen Blick auf Szilaghin, einen Blick auf die
Gamaleja und ihre Laute, einen Blick auf den schwatzhaften Alten, einen Blick
auf die Spieler und wandte sich ab. Eine Schärfe war in seiner Kehle, ein
Brennen in seinen Augen. Er machte ein paar Schritte gegen das nächste Fenster;
draussen rauschte das Laub der Bäume und Donner rollten. Da erhob sich in ihm die
Frage: wo kommt all dieses Böse her? Wo kommt es her, und warum ist es so
schwer, es von sich zu tun?
    Es trieb ihn davon. Die Nacht, der Regen, das nahende Gewitter lockten. Der
Wunsch erwachte in ihm, sich zu verlieren, im Finstern, im Sturm, fern von
Menschen. Er fürchtete sich vor aufsteigenden Tränen, zum erstenmal seit er
denken konnte; denn so lange er ein bewusstes Leben führte, hatte er nie geweint.
Sein ganzer Körper war durchtobt von einer Erschütterung ohnegleichen, die er
noch immer, mit dem Aufgebot aller Kräfte, zu verbergen imstande war. Gerade als
er nach der Türklinke greifen wollte, wurde von einem Lakaien die Tür geöffnet,
und Maidanoff und Eva erschienen auf der Schwelle. Christian blieb stehen. Aus
seinem Gesicht wich jede Spur von Farbe.
    In die Gesellschaft kam lebhafte Bewegung. Szilaghin sprang auf und eilte
den Ankömmlingen entgegen. Maidanoffs verwitterte Hagerkeit bot einen grellen
und düstern Gegensatz zu Evas freudig blühendem Ebenmass. Sie trug ein Kleid, das
fast nur Hauch war, tief ausgeschnitten, an den Schultern mit Perlenschnüren
befestigt. Ihre Haut hatte einen fliessenden Goldglanz, Hals, Arme, Rumpf und
Beine spielten in durchpulstem Leben.
    Für Christian war sie Erscheinung ganz. Er starrte sie an; indes sein Name
mit andern Namen genannt wurde, die Maidanoff neu waren, starrte er sie an wie
ein unergründliches und verhängnisvolles Gebilde. Es war ihm so eisig ums Herz,
so ungeheuerlich verlassen; so wild und so stumm; die aufgelockerte Brust konnte
die Spannung nicht mehr ertragen; schon massen ihn Blicke: eine fehlende Hemmung,
und das Aufstöhnen aus verworrenstem Schmerz, das draussen vier leere Wände und
zwei blöd-erstaunte Diener aus dem Mund des Fliehenden hörten, hätte ihn drinnen
lächerrlich gemacht und erniedrigt.
    Es regnete in Strömen, als er aus dem Haus trat; aber ohne nach seinem Wagen
zu rufen, ging er die Strasse hinab.
 
                                       25
Nach einem Verlust von achtundzwanzigtausend Franken, soviel hatte er nach und
nach von Mr. Bradshaw und Fürst Wigunieswki erhalten, stand Amadeus Voss vom
Spieltisch auf und wankte ins Freie. Als trübes Ziel schwebte ihm vor, Christian
zu unterrichten, damit er innerhalb vierundzwanzig Stunden die Schuld begleichen
konnte.
    Er ging aufs Telegraphenamt und schickte eine Depesche an Christian ab.
    Dann stand er unter einer blühenden Kastanie und stammelte: »Bruder,
Bruder.«
    Als ein Weib des Weges kam, schloss er sich ihr an. Doch plötzlich stiess er
ein Gelächter aus, schwenkte in eine Seitengasse ab und ging allein weiter.
    Er ging und ging und ging, sechs Stunden lang, bis zwei Uhr morgens, da war
er in Heist. Sein Gehirn zog sich zu einem Klumpen zusammen, in dem kein Licht
und kein Gedanke mehr war.
    Grauschwarze Wellenhügel, die sich wälzten, zeigten sich ihm als Leiber von
Frauen. Die Wolken, die in der heissen Nacht gegen Norden zogen, waren Mäntel
über begehrenswerten Formen. Er sehnte sich dumpf über die Länder hin, in denen
Liebe war, woran er keinen Teil hatte.
    Am Gartentor der Villa stehend, starrte er zu den Fenstern von Christians
Zimmern hinauf. Sie waren offen und beleuchtet. »Bruder,« murmelte er, »Bruder.«
Da trat Christian an ein Fenster. Der Anblick seiner Gestalt flösste Voss
besinnungslosen Hass ein. »Hüte dich, Wahnschaffe!« schrie er.
    Christian ging vom Fenster weg und kam alsbald aus dem Tor. Amadeus
erwartete ihn mit geballten Fäusten. Aber als Christian näher kam, wandte er
sich um und flüchtete, Christian schaute ihm nach, die Strasse hinunter. Amadeus'
Gang verlangsamte sich, und er folgte ihm.
    Nachdem Voss eine Weile planlos herumgeirrt war, verspürte er quälenden
Durst. An einer Matrosenkneipe vorübergehend, hielt er inne, überlegte und ging
dann hinein. Er liess sich einen Grog geben, berührte ihn aber nicht. Fünf oder
sechs Männer sassen an mehreren Tischen. Drei schliefen, die übrigen stierten
betrunken. Der Wirt, eine feiste Galgenphysiognomie, tronte hinter dem
Schenktisch und musterte den späten Gast mit der eleganten Kleidung und dem
unnatürlich bleichen und verstörten Gesicht. Einer, dems an den Kragen geht, war
das Ende seiner Betrachtung, und er gab dem Schankmädchen, einer
schwarzhaarigen, schmutzigen Wallonin, einen Wink, dass sie sich zu ihm setzen
solle.
    Sie setzte sich in freche Nähe und begann ein Gespräch. Er verstand sie
nicht. Sie lachte gemein und legte die Hand auf sein Knie. Ihre Brüste bewegten
sich hinter dünnen bunten Fetzen wie Tiere. Alles roch nach Tierheit an ihr. Ihm
schwindelte. Mordlust regte sich.
    Er griff in die Tasche und holte alles Geld hervor, das er noch besass. Es
waren siebzig Franken, drei Goldstücke und fünf Silberstücke. »Hexenzahl,«
murmelte er und verfärbte sich noch mehr; »drei und fünf; E.V.A. Hexendrei,
Hexengold.«
    Die Wallonin schaute begehrlich zu. Ihre Blicke liebkosten das Geld. Der
Wirt wälzte sich heran, ein Geschäft witternd.
    »Tu deine Kleider von dir, und du sollst alles haben,« sagte Amadeus Voss.
    Sie blickte auf seinen Mund. Der Wirt sprach deutsch und übersetzte ihr die
Worte. Sie lachte grell und deutete einwilligend gegen die Türe. Amadeus
schüttelte den Kopf. »Nein; jetzt; hier,« versteifte er sich. Das Mädchen wandte
sich an den Patron, und sie beratschlagten flüsternd. Aus ihren Gebärden war zu
entnehmen, dass sie sich aus den ringsum sitzenden Schnarchern und Betrunkenen
nichts machten. Das Mädchen verschwand hinter einem braunen Vorhang, der ehemals
gelb gewesen war. Der Wirt strich die siebzig Franken vom Tisch, schlich von
Fenster zu Fenster, um zu prüfen, ob die roten Tücher keinen Spalt freiliessen
und stellte sich dann als Wache an die Tür.
    Amadeus sass wie in siedendem Wasser. Wenige Minuten verflossen, da wurde der
braune Vorhang beiseite geschoben, und die Wallonin trat nackt hervor. Die
Matrosen schauten auf. Einer erhob sich und gestikulierte. Einer begann toll zu
lachen. Die Wallonin stand mit gesenkten Augen, trotzig, gleichgültig und rieb
einen Fuss am andern. Sie war ziemlich dick, ohne jeden Reiz und hatte zerstörte
Formen.
    Aber für Amadeus Voss musste es eine überirdische Erscheinung sein, denn er
schaute sie entgeistert an. Seine Arme waren aufgestützt und vorgestreckt, die
Finger krallenartig eingezogen, um den Mund zuckte es. Die Fischer sowie der
Wirt sahen jetzt nicht mehr das Mädchen, sondern nur ihn. Sie empfanden Furcht;
der Anblick war so ungewöhnlich für sie, dass sie das Öffnen der Tür unbeachtet
liessen. Zu spät stiess der Wirt einen leisen Warnpfiff aus, der Eintretende, es
war Christian, gewahrte noch die Nackte, als sie eilig hinter den Vorhang
schlüpfte.
    Er ging auf Amadeus zu, jedoch dieser nahm keine Notiz von ihm. Unbeweglich
starrte er auf die Stelle, wo die Wallonin gestanden war.
    Christian legte die Hand auf seine Schulter. Nun erst riss Amadeus den Blick
los, kehrte ihn langsam, wie fragend Christian zu, und seinem zuckenden Mund
entrangen sich seltsam die Worte: »Est Deus in nobis agitante callescimus illo.«
    Dann brach er nieder, fiel mit der Stirn auf die verschränkten Arme, über
Nacken und Rücken lief ein Zittern.
    Der Patron murrte.
    »Komm, Amadeus,« sagte Christian ruhig.
    Die betrunkenen Fischer glotzten.
    Amadeus richtete sich auf und tastete wie ein Blinder nach Christians Hand.
    »Komm, Amadeus,« sagte Christian, und seine Stimme schien tiefen Eindruck
auf Voss zu machen, denn er folgte ihm ohne Widerspruch. Der Wirt wie auch die
Fischer drängten ihnen nach bis auf die Gasse.
    Der Wirt sagte zu den Fischern: »Das sind nun Herren. Wie schlecht unsre
Welt regiert wird, erkennt man daraus, dass Herren sich so aufführen.«
    »Es wird schon Tag,« sagte einer der Fischer und wies auf einen
Purpurstreifen am östlichen Himmel.
    Auch Amadeus und Christian schauten in den purpurgesäumten Osten. »Est Deus
in nobis agitante callescimus illo,« sagte Amadeus.
 
                               Karen Engelschall
                                       1
Crammon kam am festgesetzten Tag zur festgesetzten Stunde. Er hatte sich
vorbereitet, zu weilen und Feste zu feiern. Damit war es nichts. Eva war mit den
Ihren schon im Aufbruch begriffen. Maidanoff war nach Paris gereist, um dort auf
Eva zu warten.
    Man hatte Crammon von der neuen Beziehung seines Abgotts unterrichtet. Er
war alsbald auf dem laufenden über alles, was vorgefallen war; auch dass zwischen
Christian und Eva ein Zerwürfnis stattgefunden haben musste. Um so mehr wunderte
es ihn, als er Christian entschlossen sah, Eva nach Hamburg zu folgen.
    Nach wenigen Worten schon, die er mit Christian gewechselt, fiel ihm die
Veränderung des Freundes auf. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte
teilnehmend: »Hast du mir nichts anzuvertrauen?«
    Er verbrachte einen Abend mit Wiguniewski. »Es ist nicht möglich, ihr müsst
euch irren,« sagte er, »oder die Welt ist auf den Kopf gestellt, und ich weiss
nicht mehr, was ein Mann und was ein Weib ist.«
    »Ich hatte von Anfang an keine besondere Vorliebe für Wahnschaffe,« bekannte
Wiguniewski. »Er war und ist mir zu undurchsichtig, zu versteckt, zu verwöhnt,
zu kühl, zu kalt, zu deutsch, wenn Sie wollen. Trotzdem habe ich von Anfang an
gewusst: der ist für Eva Sorel wie geschaffen. Wenn man die beiden Menschen
beieinander sah, empfand man eine spirituelle Freude; dasselbe Vergnügen, das
eine schöne Komposition erregt, überhaupt alles Sinnvolle und Harmonische.«
    Crammon nickte. »Er hat ja eine merkwürdige Gewalt über die Weiber,« sagte
er; »ich habe jetzt wieder ein Beispiel davon erlebt, das um so verblüffender
ist, als es sich bloss um sein Bild handelt. Ich lernte da bei Ashburnhams in
Yorkshire, wo ich zu Gast war, eine junge Wienerin kennen, Bankierstöchterchen,
recht hässlich, wenn ich aufrichtig sein soll, aber mit einem besondern Tick,
einem besondern Charme, einem besondern Witz; auch das Gestaltchen nicht übel,
obschon dürftig, ausnehmend dürftig. Sie heisst Johanna Schöntag, aber der Name
tut ja nichts zur Sache; ich nannte sie bloss Rumpelstilzchen, das passte zu ihr.
Der Teufel mag wissen, wie sie in die Gesellschaft dort geraten war; ich glaube,
ihre Schwester, ein rotaariges Frauenzimmer, wie aus einem Rubens entsprungen,
hat einen kleinen Attache bei einer kleinen Gesandtschaft geheiratet, Rumänien
oder Bulgarien oder so was. Das Grosskapital sucht Mäntelchen für seine Töchter.
Na, gleichviel, dieses Rumpelstilzchen und ich, wir verbündeten uns in der
nebligen Langeweile von Lord und Lady Ashburnhams Heim zu gegenseitiger
Aufheiterung. Eines Tages zeig ich dem Mädel Christians Bild. Ich besitze eine
Miniature von ihm, die ich in Paris von Maitre Gaston Villiers habe machen
lassen. Sie sieht das Bild an; ihr lustiges Gesicht wird ernst; sie versinkt,
sie schweigt, sie gibt es mir stumm zurück. Ein paar Tage später verlangt sie es
noch einmal zu sehen; derselbe Effekt. Sie befragt mich über den Menschen, ich,
nicht faul, erzähle das Blaue vom Himmel herunter, unter anderm auch, dass ich
Christian hier treffen würde, und da erklärt sie, sie wolle ihn kennenlernen,
ich müsse ihr dazu verhelfen. Es ist sonst ein sprödes Geschöpf, schwer
einzufädeln, schlau und argwöhnisch, was Hunderten gefällt, darüber rümpft sie
die Nase, die übrigens das Hässlichste an ihr ist. Die Bitte war mir unerwartet
und, offen gestanden, auch nicht ganz bequem. Man muss aufpassen, dass man nicht
die falschen Menschen zueinander bringt, das gibt bloss Scherereien. Ich spreche:
davor schütze mich der Allgütige und Allweise; ich ermahne sie sanft, sich eines
Bessern zu besinnen; ich male ihr die Gefahr in den schwärzesten Farben, aber
sie will nicht hören, sie lacht mich aus, sie heisst mich einen Quäker und
entwickelt mir sofort einen listigen Feldzugsplan. Um Zeit sei sie nicht
verlegen, zu Hause müsse sie erst im November sein, sie habe also sieben Wochen
vor sich und werde sich auf die niederländischen Galerien ausreden, was ja eine
gebildete Sache sei; über eine Gardedame oder Reisebegleiterin verfüge sie
ohnehin, die Schwester werde sie nötigenfalls ins Komplott ziehen, die sei in
solchen Dingen grossherzig. Das alles legte sie mir mit einer Pfiffigkeit dar,
dass ich schwach wurde und mich zu ihrem Mitverschworenen machte. Nun, seit
gestern ist sie hier, sitzt im Hotel de la Plage, ein bisschen ängstlich wie ein
aus dem Nest gefallener Vogel, ist unzufrieden mit sich, hat moralische
Anwandlungen, und ich meinerseits weiss nicht, was ich mit ihr beginnen soll. Auf
derlei Scherze geht mir der Christian jetzt nicht ein, das hab ich mir zu spät
überlegt, und ich muss es dem Mädel klarmachen. Aber alles das nur nebenbei,
Fürst. Eine Randglosse. Ich will Sie nicht aus dem Konzept gebracht haben.«
    Wiguniewski hatte die Erzählung mit geringer Teilnahme angehört. Er begann
wieder: »Die verflossenen Monate gaben uns allen, wie gesagt, ein unvergessliches
Erlebnis. Wir sahen ein freies Paar, das eine höhere Legitimität schuf als jede
vorhandene. Auf einmal wird das schöne Schauspiel zur abgegriffenen
Boulevardkomödie. Durch seine Schuld. Ein solches Verhältnis hat seinen
organischen und natürlichen Abschluss; ein Mensch von Witterung weiss es und
handelt danach. Statt dessen lässt er es zu peinlichen Szenen kommen; er sucht
Begegnungen, die ihn demütigen und lächerrlich machen. Er wartet, wenn sie nicht
zu Hause ist, in ihren Zimmern, bis sie zurückkehrt und erträgt es, dass sie mit
einem Kopfnicken an ihm vorübergeht, ohne sich um ihn zu kümmern. So sass er
einmal die ganze Nacht und starrte in ein Buch. Er lässt es sich gefallen, dass
die Rappard von oben herab mit ihm redet; er setzt sich darüber hinweg, dass man
die Blumen und Früchte, die er täglich schickt, täglich refüsiert. Was ist das?
Was bedeutet das?«
    »Kummer bedeutet es, grossen Kummer für mich,« seufzte Crammon,
»unbegreiflich ist es.«
    »Vorgestern hatte sie Gäste,« fuhr Wiguniewski fort; »wie zum Hohn wurde ihm
ein Platz am untersten Ende der Tafel angewiesen; ich kannte seine Tischnachbarn
nicht einmal. Es scheint sie bis zur Grausamkeit zu erbittern, dass er sich
diesen Demütigungen nicht entzieht; und ihn seinerseits scheint etwas
Unerklärliches daran zu reizen. Er nahm den Platz ein und sass die ganze Zeit
schweigend. Nachher kam es dann zu einem eigentümlichen Auftritt. Man stand oder
sass in Gruppen beisammen; er hielt sich wenige Schritte von Eva entfernt und
liess kein Auge von ihr. Sein Gesicht hatte einen grüblerischen Ausdruck, wie er
sie so unablässig beobachtete. Sie trug an dem Abend den Ignifer, sein Geschenk,
und sah aus wie Diana mit einem brennenden Stern auf dem Haupt.«
    »Das haben Sie gut gesagt, Fürst,« warf Crammon ein, »exzellent.«
    »Das Gespräch berührte in zehn Wendungen zwanzig Gegenstände, ohne flach zu
werden; Sie wissen ja, wie meisterhaft sie es versteht, die Konversation in
Zucht zu halten. Zuletzt spricht man von flämischer Literatur, jemand nennt den
Namen Verhaeren, und sie zitiert einige Zeilen aus einem Gedicht, das Die Freude
heisst. Die Worte lauten ungefähr: Mein Dasein ist in allem, was ringsum lebt;
Wiesen, Wege und Bäume, Quellen und Schatten, ihr werdet ich, seit ich euch ganz
gefühlt. Man murmelt beifällig, sie geht zu einem Büchergestell und nimmt ein
Buch heraus; es waren eben die Gedichte Verhaerens. Sie blättert, schlägt die
Seite mit den betreffenden Versen auf, wendet sich plötzlich zu Wahnschaffe,
reicht ihm das Buch und bittet oder befiehlt, er solle das Gedicht vorlesen. Er
zögert einen Augenblick, dann gehorcht er. Dieses Lesen wirkte auf alle zugleich
lächerrlich und quälend. Er las wie ein Schüler, mit halblauter Stimme,
stotternd, eintönig und als sei der Inhalt über seinen Begriff. Es war für ihn
selbst lächerrlich und quälend, denn während die verzückten Strophen in seinem
Mund den Charakter einer langweiligen Zeitungsnotiz annahmen, wurde er
abwechselnd blass und rot, und als er fertig war, legte er das Buch hin und
verliess, ohne einen von uns anzuschauen, das Zimmer. Eva aber sagte, zu uns
gewendet, wie wenn nichts geschehen wäre: es sind wundervolle Verse, nicht wahr?
dabei zitterten ihre Lippen vor Zorn. Was wollte sie mit alldem? Wollte sie uns
beweisen, dass er unfähig ist, so schön und zart Empfundenes mitzuempfinden?
Wollte sie ihn beschämen, ihn für einen Mangel seiner Natur strafen und
öffentlich blossstellen, oder war es nur eine ungeduldige Laune, der Ärger über
sein stummes Dasein, seine stummen, forschenden Blicke? Fräulein Vanleer sagte
mir später: er hätte lesen müssen wie ein Gott, dann hätte sie ihm verziehen.
Was verziehen? fragte ich. Sie lächelte und gab mir zur Antwort: ihre eigne
Treulosigkeit. Darin ist vielleicht etwas Richtiges. Sie sollten ihn aus diesem
schlimmen Zirkel reissen, Herr von Crammon.«
    »Ich werde tun, was in meinen Kräften steht,« sagte Crammon mit einer
gramvollen Mundfalte. Er wischte sich die Stirn. »Ich weiss freilich nicht, wie
weit mein Einfluss noch reicht. Es wäre Prahlerei, wollte ich mich verbürgen. Es
ist mir auch Unterbracht worden, er verkehre in allerlei verrufenen Lokalen,
gehe mit gemeinem Volk um, wahrhaftig, ich könnte heulen, wenn ich daran denke.
Diese Blüte der Gentlemanschaft, dieser Stolz meiner fortgeschrittenen Jahre,
dieser aus Tausenden Gesiebte! Leider Gottes hatte er bereits damals, als ich
ihn verliess, gewisse konfuse Anwandlungen, aber ich schrieb sie auf das
Schuldkonto jenes verdächtigen Subjekts, jenes Iwan Becker.«
    »Sprechen Sie nicht von ihm, sprechen Sie nicht von Becker,« unterbrach
Wiguniewski scharf, »jedenfalls nicht in dieser Weise, ich bitte ausdrücklich:
nicht in dieser Weise.«
    Crammon riss die Augen auf, und seine Zungenspitze wurde sichtbar wie eine
rote Schnecke, die aus ihrem Gehäuse lugt. Er würgte sein Missbehagen hinunter
und zuckte die Achseln.
    Wiguniewski sagte: »Sie geben mir immerhin einen Fingerzeig. Ich habe das
nie in Betracht gezogen. Ich sehe nun manches in anderm Licht. Im übrigen ist es
wahr, dass Wahnschaffe mit bedenklichen Leuten zu tun hat. Der bedenklichste von
allen ist dieser Amadeus Voss, dieser Spieler und Heuchler. Wie darf man da an
Iwan Becker denken; das hat gar keinen Sinn. Becker mag einen Weg gewiesen
haben; es lässt sich annehmen, gewisse Vorgänge werden dadurch verständlich. Wenn
etwas Unheilvolles vor sich geht, so kommt es von jenem Voss; vor ihm retten Sie
Ihren Freund.«
    »Ich habe den Burschen noch nicht zu Gesicht gekriegt,« murmelte Crammon;
»was Sie mir da sagen, Fürst, trifft mich nicht ganz unvorbereitet, aber ich
danke Ihnen trotzdem. Wehe dem Halunken; ich will nie wieder einen anständigen
Tropfen aus einem Glase trinken, wenn er mir straflos entwischt. Ich will nie
wieder nach einem verführerischen Busen blinzeln, wenn ich diesen Hundesohn
nicht zu einem übelriechenden Brei zermalme. Das walte Gott.«
    Wiguniewski brach auf und überliess Crammon seinen rachsüchtigen Plänen.
 
                                       2
Die Sonne des Spätseptembermorgens lag vergoldend über Meer und Land, als
Crammon in Christians Zimmer trat. Christian sass an einem rundbogigen
Schreibtisch. Die hellblauen Stofftapeten leuchteten; Tische und Stühle waren
von hundert Gegenständen bedeckt; alles deutete auf Abreise.
    »Lass dich nicht stören, Sweeteart, ich habe Zeit,« sagte Crammon, säuberte
einen Sessel, setzte sich und zündete seine Pfeife an.
    Aber Christian legte die Feder weg. »Ich weiss nicht, was das ist mit mir,«
sagte er ärgerlich, ohne Crammon anzuschauen, »ich bringe nicht zwei vernünftige
Sätze aufs Papier. Und wenn ich mirs vorher noch so gut ausdenke, es hilft
nichts, es klingt steif und albern. Geht das andern auch so?«
    Crammon antwortete: »Es gibt schon welche, die sich darauf verstehen. Vor
allem muss man eine gewisse Frechheit haben. Du darfst dich nie fragen: ist das
richtig? stimmt das? hat es Hand und Fuss? Sondern einfach los. Je skrupelloser,
je zweckmässiger. Die am besten schreiben, sind oft die dümmsten Kerle. An wen
willst du denn schreiben? Eilt es denn so? Briefschreiben kann man immer
verschieben.«
    »Ja, es eilt. Diesmal eilts,« versetzte Christian. »Stettner hat mir
geschrieben. Ich werde nicht klug aus dem, was er schreibt. Er teilt mir mit,
dass er den Dienst quittiert und nach Amerika geht, und dass er mich vorher noch
einmal sprechen möchte. Am fünfzehnten Oktober schifft er sich in Hamburg ein.
Nun trifft sichs ja ganz gut, dass ich um diese Zeit in Hamburg bin, und das will
ich ihn wissen lassen.«
    »Da seh ich weiter keine Schwierigkeit,« sagte Crammon ernst; »du schreibst:
ich bin dann und dann dort und dort und hoffe oder wünsche oder erwarte et
cetera. Dein treuer oder ergebener oder dich grüssender et cetera. Er quittiert
also? Und aus welchem Grund? Gleich nach Amerika? Da ist was faul.«
    »Er hat eine Duellaffäre gehabt. Er hat eine Forderung abgelehnt. Das ist
alles, was er als Grund anführt, und dass die Verhältnisse sich so gestaltet
hätten, dass er in der neuen Welt eine neue Existenz bauen müsse. Mich berührt
das ziemlich nah. Ich hab ihn immer gern gehabt. Ich will ihn sehen.«
    »Ich wäre auch neugierig, zu wissen, was da vorgegangen ist,« sagte Crammon.
»Der gute Stettner sieht mir nicht aus wie einer, der leichterdings kneift und
seine Ehre aufs Spiel setzt. Er war als Offizier exemplarisch. Eine
verdriessliche Geschichte, scheint es. Aber sie verschafft dir einen Vorwand für
Hamburg, wie ich merke.«
    Christian stutzte. »Warum Vorwand?« fragte er ein wenig verlegen, »ich
brauche keinen Vorwand.«
    Crammon beugte den Kopf weit ins Zimmer hinein und legte das Kinn auf die
Elfenbeinkrücke seines Stockes. Die Pfeife sass im Mundwinkel, kunstvoll, und
rührte sich nicht bei den Sprechbewegungen der Muskeln. »Du wirst doch nicht
behaupten wollen, mein süsser Schatz, dass du es sonst mit reinem Gewissen
tätest,« begann er wie ein Beichtvater, der einem ungeständigen Verbrecher mit
sorgfältig ausgearbeiteten Argumenten zu Leibe rückt; »du wirst doch deinem
alten Spiessgesellen und Bruder im Geiste nicht einen blauen Dunst vormachen
wollen? Man ist dem Freund einiges schuldig. Man darf nicht vergessen, unter
welchen Auspizien und Verheissungen man in die Welt getreten ist und was für
Bürgschaften der geleistet hat, stille Bürgschaften, Herzensbürgschaften, der
der Urheber und Regisseur eines glänzenden Einzugs war. Sogar Sokrates, dieser
Stänkerer und Bösewicht, erinnerte sich seiner Schulden, noch dazu auf dem
Totenbett. Es war die Angelegenheit mit dem Hahn, mit irgendeinem Hahn; kann
auch sein, dass das Beispiel gar nicht stimmt; nimms nicht so genau, die alten
Griechen waren mir immer odios. Was aber unbedingt stimmt, ist, dass du mir
missfällst und allen andern, die dich lieben, missfällst. Es zerreisst mir das
Herz, dich am Pranger und Leute, die einen Zuchtengst nicht von einer
Schindmähre unterscheiden können, über dich die Achseln zucken zu sehen. Ich
halt es nicht aus. Lass uns lieber einen Streit anfangen und uns bei fünf Schritt
Distanz und zehnmaligem Kugelwechsel schiessen. Wie geht denn das zu mit dir? Was
ist denn geschehen? Hast du aufgehört, Skalpe zu sammeln und lässt dich selber
skalpieren? Die Hasen, die gejagt werden, und die Hunde, die jagen, das ist
zweierlei Kreatur. Ich begreife alle Menschlichkeiten, aber nichts, was gegen
die göttliche Ordnung geht. Es geht gegen die göttliche Ordnung, dass du auf dem
Stuhl, den man dir vor die Tür gestellt, sitzen bleibst. Früher warst dus, der
ihnen zeigen musste, wo der Zimmermann das Loch gemacht hat, früher warst dus,
hinter dem sie gewinselt und geächzt haben, und so soll es auch sein. Ich hatte
einen Onkel, einen philosophischen Kopf, der pflegte zu sagen: einem
Frauenzimmer, einem Advokaten und einem Ofen muss man den Rücken kehren, wenn sie
am hitzigsten sind. So hab ichs immer gehalten und habe dadurch meine Gemütsruhe
und mein Renommee bewahrt. Freilich, du hast einen Milderungsgrund; ich fühle es
nach; ein solches Weib gibt es nur einmal in einem Jahrhundert, und wem sie
zufällt, der verliert wahrscheinlich ein bisschen den Verstand; aber das gilt
nicht für dich, mein lieber Christian; für dich ist die Fülle; die Gnaden hast
du auszuteilen; auf deiner Tafel muss der Honig jeden Morgen frisch sein. Und
jetzt sage mir, was du zu tun gedenkst.«
    Christian hatte die langatmige, wenn auch weise und gehaltvolle Rede mit
grosser Geduld angehört. Manchmal blitzte es zornig oder spöttisch in seinen
Augen, dann senkte er sie wieder und schien verlegen. Manchmal erfasste er den
Sinn, manchmal dachte er an ganz andre Dinge. Es kostete ihm Mühe, sich
klarzumachen, kraft welchen Rechtes sich dieser ihm fremd vorkommende Mensch in
sein Leben mischte und seine Beschlüsse zu beeinflussen versuchte; dann empfand
er wieder eine gewisse Zärtlichkeit für Crammon, und er erinnerte sich an
gemeinsame Erlebnisse und Gespräche. Aber alles war so fern und so anders als
die Gegenwart.
    Er schaute zum Fenster hinaus, das den Blick bis an den Horizont freigab, wo
Meer und Himmel sich berührten. Weit draussen schwamm eine kleine Wolke wie ein
weisses, rundes Kissen. Dieselbe Zärtlichkeit, die er für Crammon gespürt, fühlte
er jetzt für die kleine weisse Wolke.
    Wie nun Crammon vor ihm sass und auf eine Antwort wartete, fiel ihm die
Geschichte mit dem Ring ein, die ihm Amadeus Voss erzählt hatte, und er begann:
»Ein armer Seminarist, der bei den Kindern eines Bankdirektors als Hofmeister
angestellt war, geriet eines Tages in den Verdacht, einen kostbaren Ring
gestohlen zu haben. Der Betreffende hat es mir selbst berichtet, und aus seinen
Worten ging deutlich hervor, dass der Ring, als er ihn an der Hand der Frau
gesehen, der er gehörte, seine Begehrlichkeit gereizt hatte. Ausserdem liebte er
diese Frau und hätte wahrscheinlich gern ein Andenken an sie gehabt. Aber an dem
Verschwinden des Ringes war er unschuldig, und einige Zeit, nachdem er das Haus
verlassen hatte, wurde ihm seine Unschuld auch eklatant bestätigt; die Frau
schickte ihm nämlich den Ring, er sollte ihn als Geschenk behalten. Es hätte für
ihn in seiner Armut viel bedeutet; aber er ging hin und warf den Ring in einen
Brunnen, in einen offenen Ziehbrunnen. Das Kostbarste, was er je in seinem Leben
besessen, warf er ohne Zögern und Überlegung in einen Brunnen, dieser Mensch.«
    »Na ja, ganz gut, obzwar ... ich weiss nicht recht, was deine Fabel soll,«
sagte Crammon unzufrieden und schob die Pfeife aus dem rechten Mundwinkel in den
linken; »was hat denn nun der dumme Teufel von dem Ring gehabt? Was für eine
Verrückteit, eine Sache, die einem auf so zarte und diskrete Manier zukommt, in
einen Brunnen zu schmeissen? Warum denn gleich in einen Brunnen? Hätte nicht eine
Truhe oder Schublade denselben Dienst geleistet, wo man ihn gelegentlich hätte
wiederfinden können? Es ist läppisch.«
    In der Art, wie Crammon dasass, die Beine übereinanderschlug und die grauen
Seidenstrümpfe zeigte, war etwas so Sicheres und Sattes, es gemahnte so sehr an
ein Tier, das in der Sonne liegt und verdaut, dass Christians Widerwille gegen
seine Worte schwand und er nur noch jene leichte, fast mitleidige Zärtlichkeit
fühlte. Er sagte: »Es ist so schwer zu verzichten. Man kann davon sprechen und
es sich vorstellen; man kann es wollen und kann glauben, man sei dazu befähigt,
aber wenn dann der Augenblick da ist, wo verzichtet werden soll, ist es schwer,
ja fast unmöglich, auch nur auf das Geringste zu verzichten.«
    »Ja, warum willst du denn verzichten?« murmelte Crammon ungehalten. »Was
heisst denn das: verzichten? Wozu soll es denn führen?«
    Christian sagte vor sich hin: »Ich glaube, man muss den Ring in den Brunnen
werfen.«
    »Wenn du damit meinst, dass du dir die wunderbare Queen Mab aus dem Sinn
schlagen willst, dann kann ich nur sagen: der Herr segne deinen Vorsatz,«
antwortete Crammon.
    »Man hält sich fest und klammert sich an, weil man sich vor dem Schritt ins
Unbekannte fürchtet,« sprach Christian vor sich hin.
    Crammon schwieg einige Minuten mit hochgefalteter Stirn. Dann räusperte er
sich und fragte: »Hast du mal was von Homöopatie gehört? Ich will dir erklären,
was man darunter versteht. Homöopatie ist Heilung durch Gleichartiges. Wenn du
dir z.B. den Magen verdorben hast, und ich verabreiche dir eine Mixtur, durch
die deine Eingeweide noch heftiger turbuliert werden, so dass man gleichsam den
Teufel mit Beelzebub austreibt: das ist eine homöopatische Kur. Capito?«
    »Du willst mich also kurieren? Und wovon? Womit?« fragte Christian lächelnd.
    Crammon rückte seinen Stuhl näher zu Christian, legte ihm die Hände auf die
Knie, und flüsterte listig: »Ich habe was für dich, mein Engel. Ich habe einen
exquisiten Fund gemacht. Es steht dir eine weibliche Person ins Haus, wie die
Kartenschlägerinnen sagen. Jemand sehnt sich nach dir. Jemand ist ganz weg von
dir. Jemand stirbt vor Ungeduld, dich kennenzulernen. Mal was ganz andres; ein
neuer Typ, was Prickelndes, Komisches, Zwittriges, Empfindliches,
Sichmauserndes, Eckiges, Kleines, Hässliches, aber merkwürdig Reizvolles. Aus der
Bürgerwelt, wo sie am fettesten ist, zappelt aber mit Händen und Füssen gegen das
Los, die Perle im Schweinekoben zu sein. Da hast du Beschäftigung, da gibt es
Dressur, Ablenkung, Auffrischung. Nicht für lange, ein Ferienvergnügen, schätz
ich, aber lehrreich und im Sinne der Homöopatie unfehlbar wirksam. Sieh mal:
Ariel, das ist das Wunder, das ist der Stern, das ist die Himmelsspeise; damit
leben kann man nicht, tägliches Brot ist es nicht. Steig herunter, mein Sohn,
von der Warte, wo du nach dem miraculum coeli haschst, das dir einmal am Busen
flammte; vergiss es, steig herunter und nimm wieder mit den Sterblichen vorlieb.
Heute abend um sieben im Speisesaal des Hotel de la Plage, wenn ich bitten darf.
Abgemacht?«
    Christian lachte und erhob sich. Auf dem Tisch stand in einer Vase ein
Strauss weisser Nelken. Er zog eine Blüte heraus und steckte sie Crammon lachend
ins Knopfloch.
    »Abgemacht oder nicht?« fragte Crammon streng.
    »Nein, mein Lieber, daraus wird nichts,« antwortete Christian, noch mehr
lachend, »behalt nur deinen Fund für dich.«
    Crammons Stirnadern schwollen. »Ich hab dich aber versprochen, und du darfst
mich nicht im Stich lassen,« erboste er sich. »Eine solche Behandlung verdien
ich nicht nach all den Fusstritten, mit denen du mich ohnehin seit langem
regaliert hast. Einem hergelaufenen Kerl räumst du Vorrechte ein, über die alle
Welt den Kopf schüttelt, und den erprobten Freund stösst du herzlos zurück; das
erbittert, das kränkt, da regt sich die Galle, da bin ich mit meinem Einmaleins
am Ende.«
    »Beruhige dich, Bernhard,« sagte Christian und bückte sich, um ein paar
Nelken vom Boden aufzuklauben, die aus dem Strauss gefallen waren. Und während er
die Blumen in die Vase steckte, sah er Amadeus Vossens weisses, von innen
verblutetes, durch Gier und Entbehrung gelähmtes Gesicht, hingekehrt zu der
nackten, fetten, mürrischen Wallonin. »Ich begreife deine Hartnäckigkeit nicht,«
fuhr er fort; »gib dich doch zufrieden. Weisst du nicht, dass ich Unglück über die
bringe, die mich lieben?«
    Crammon stutzte. Trotz Christians zweideutigem Lächeln hatte er eine
Anwandlung abergläubischer Furcht. »Blödsinn,« brummte er. Er stand auf, griff
nach seinem Hut und wollte, unbelehrbar, eine Zusage für das Zusammensein am
Abend erpressen, da pochte es an der Tür, und Amadeus Voss trat ein.
    »Verzeihung,« stotterte er und warf einen scheuen Blick auf Crammon, der
sich in feindselige Positur setzte, »ich möchte dich nur fragen, Christian, wann
wir reisen. Soll gepackt werden oder nicht? Man muss doch wissen, woran man ist.«
    Wie der Lümmel sich zu reden erfrecht, dachte Crammon wütend, und konnte
sich kaum zu einer Grimasse der Höflichkeit entschliessen, als Christian,
ziemlich verlegen, sie einander vorstellte.
    Amadeus verbeugte sich wie ein Schulamtskandidat. Die Augen hinter der
Brille waren wie Saugringe einer Luftpumpe auf Crammon geheftet, der ihm von der
ersten Sekunde an widerwärtig war. Aber er hielt es für ratsam, es nicht nur zu
verbergen, sondern er spielte auch den Unterwürfigen. Sein Hass war so
augenblicklich und heftig, dass er Angst hatte, ihn zu früh zu zeigen und sich
damit der Mittel zu seiner Befriedigung zu entblössen.
    Crammon suchte Angriffspunkte; er behandelte Voss über die Achsel, sah ihn an
wie ein Bündel Kleider, das an der Wand hängt, antwortete nicht und hörte nicht,
wenn er sprach, zog seinen Besuch absichtlich in die Länge und kümmerte sich
nicht um Christians Nervosität. Voss berief sich auf den Schulamtskandidaten,
nickte, stimmte überein, scheuerte mit der Sohle des einen Stiefels die Spitze
des andern, hob den Stock auf, den Crammon fallen liess, und da er entschlossen
schien, Crammon das Feld nicht zu überlassen, hatte dieser endlich Mitleid mit
der stumm verwunderten und gequälten Miene Christians; er winkte ihm mit der
behandschuhten Linken einen Gruss zu und entfernte sich, von Grimm aufgeschwollen
wie ein Frosch. Sachte mein lieber B.v.C., sprach er zu sich selbst, bewahre
deine Würde, tritt nicht in den Schmutz, getröste dich des Herrn, denn sein ist
die Rache. Und er versetzte einem kleinen Hund, der ihm in den Weg lief, mit dem
Fuss einen Nasenstüber, dass das Tier heulend in einen Kellerschacht floh.
    Christian und Voss standen eine Weile stumm einander gegenüber, der Tisch war
zwischen ihnen. Voss zog Nelken aus der Vase und zerkrümelte die Kelche mit
seinen dünnen Fingern. »Das also war Herr von Crammon,« murmelte er; »ich weiss
nicht, warum mich so lächert; aber ich kann mir nicht helfen, mich lächert in
einem fort.« Er feixte in sich hinein.
    »Wir fahren morgen,« sagte Christian, hielt das Taschentuch vor den Mund und
atmete das zarte Parfüm ein, das eine Fülle zarter und halbverblasster
Erinnerungsbilder in ihm erzeugte.
    Voss nahm eine Blüte, riss sie mitten durch, blickte gespannt auf die Teile
und sagte: »Faser bei Faser, Körnchen an Körnchen. Ich hab das Schlaraffen- und
Schmarotzerdasein satt. Ich will Menschenkörper aufschneiden, Leichen sezieren.
Man lernt vielleicht dabei, wo die Schwäche und die Gemeinheit ihren Sitz haben.
Das Leben an seiner Mündung suchen, den Tod an seiner Wurzel. Es steckt sicher
das Talent zu einem Anatomen in mir. Einst wollt ich ein grosser Prediger werden,
ein Savonarola. Aber es ist ein waghalsiges Unternehmen heutzutage. Besser, sich
an die Leiber zu machen; die Geister bringen einen zur Verzweiflung.«
    »Ich glaube, man muss arbeiten,« antwortete Christian leise; »gleichviel was
immer, man muss arbeiten.« Er wandte sich zum Fenster. Die weisse, runde Wolke war
verschwunden, das silberne Meer hatte sie aufgesogen.
    »Bist du nun so weit?« höhnte Voss; »ich weiss es längst. Der Weg zur Hölle
ist mit Arbeit gepflastert. Bloss in der Hölle kannst du reingebrannt werden.
Gut, dass du endlich so weit bist.«
 
                                       3
Crammon und Johanna Schöntag sassen in der Halle des Hotels. Sie hatten soupiert.
Johannas Gesellschafterin, Fräulein Grabmeier, hatte sich bereits zurückgezogen.
    »Sie müssen sich gedulden, Rumpelstilzchen,« sagte Crammon; »er hat leider
noch nicht angebissen, der Köder schwimmt noch.«
    »Ich werde mich gedulden, gnädiger Herr,« erwiderte Johanna mit brüchiger
Knabenstimme, und ein lustiges Blitzen flog über ihr kleines Gesicht, in dem
sich Anmut und Hässlichkeit seltsam vereinigten; »es fällt mir auch gar nicht
schwer, denn schliesslich geht bei mir alles schief. Erfüllt sich
unerwarteterweise einmal etwas, worauf ich mich gefreut habe, so bin ich
sterbensunglücklich, weil es doch ganz anders ist, als ich mirs vorgestellt hab.
Es kann mir daher nichts Besseres widerfahren, als dass meine Wünsche unerfüllt
bleiben.«
    »Ein problematisches Menschenkind,« sagte Crammon verwundert.
    Johanna seufzte komisch. »Ich rate Ihnen, mein lieber Gönner, sich meiner
postwendend zu entledigen,« fuhr sie fort und reckte das magere Hälschen mit
absichtlich bizarrer Eckigkeit aller Bewegungen; »ich bin ein Verkehrshindernis,
ich bin das personifizierte böse Omen. Bei meiner Geburt ist eine Dame namens
Kassandra erschienen, und was für unerquickliche Sachen von der erzählt werden,
weiss ja jeder Gebildete. Erinnern Sie sich, wie wir in Ashburnhill nach der
Scheibe geschossen haben und ich ins Schwarze traf? Alle waren starr, Sie auch,
am meisten ich selber. Es war nämlich der frechste Zufall, den man sich denken
kann. Das Gewehr war losgegangen, eh ich gezielt hatte. Durch solche kleine und
wertlose Geschenke will sich das Schicksal bei mir beliebt machen und mich
einschläfern. Aber mich schläfert man nicht ein. Ha, eine Nonne, eine Nonne,«
unterbrach sie sich bestürzt und sah mit weitaufgerissenen Augen in den Garten,
wo eine Ursulinerin vorüberging; sie schlug die Arme kreuzweis übereinander und
zählte mit erstaunlicher Zungengeläufigkeit: »Sieben, sechs, fünf, vier, drei,
zwei, eins.« Dann lachte sie und zeigte zwei Reihen wunderbarer Zähne.
    »Ist das der Brauch, wenn eine Nonne erscheint?« erkundigte sich Crammon
fachmännisch angeregt.
    »Die rituelle Vorschrift, jawohl. Aber sie war verschwunden, bevor ich bei
eins war, und das bedeutet nichts Gutes. Übrigens, Herr Baron, Ihre sportliche
Terminologie ist mir suspekt. Was heisst das: er hat nicht angebissen, der Köder
schwimmt noch? Ich bitte sich zu menagieren. Ich bin eine schutzlose Reisende
und auf Ihre delikateste Ritterlichkeit angewiesen. Wenn Sie mein ohnehin trübes
Selbstbewusstsein durch Reminiszenzen an die Forellenfischerei erschüttern,
telephonier ich an die Schlafwagengesellschaft um zwei Betten nach Wien. Für
mich und Fräulein Grabmeier natürlich.«
    Sie liebte gewagte Anspielungen, denen sie dann unbefangen entschlüpfen
konnte. Crammon brach in verspätetes Gelächter aus, und diese Verspätung seiner
Heiterkeit erregte wieder Johannas Heiterkeit.
    Sie war wachsam, nichts entging ihrem aufmerkenden Blick; Wesen und Treiben
der Menschen interessierte sie brennend. Sie beugte sich zu Crammon, sie
tuschelten, er musste erzählen, wenn ein Gesicht oder eine Figur aus andern
hervortrat. Die Chronik internationaler Lebensläufe und Begebenheiten, die er
magistral beherrschte, war unerschöpflich; liess ihn das Gedächtnis einmal im
Stich, so erfand und dichtete er ein bisschen. Erbstreitigkeiten, Familienzwiste,
illegitime Herkunft, Ehebrüche, Verschwägerungen, alles war ihm geläufig.
Johanna hörte lächelnd zu. Sie lugte nach allen Tischen, hielt jede
ungewöhnliche Erscheinung fest; eine Glosse, ein spitzbübisches Verziehen des
Mundes, und irgendeine Albernheit oder Seltsamkeit eines dieser unbewussten
Schauspieler und Schauspielerinnen der grossen Welt und der Halbwelt war
aufgespiesst wie ein Käfer auf einem Pappendeckel.
    Plötzlich wurden die beweglichen Pupillen ihrer graublauen Augen grösser, die
Lippen bildeten einen Bogen kindlichen Entzückens. »Wer ist das?« flüsterte sie
und wies mit dem Kinn gegen ein Portal, dem Crammon den Rücken zukehrte. Im
selben Moment wusste sie, wer es war, hätte es auch ohne das allgemeine
Köpfeheben und Dämpfen der Gespräche gewusst.
    Crammon wandte sich um und gewahrte Eva in einer Gruppe von Herren und
Damen. Er erhob sich, wartete bis ihr Blick die Richtung zu ihm einschlug und
verbeugte sich tief. Eva stutzte; sie hatte ihn seit den Tagen Sir Denis Lays
nicht gesehen; sie besann sich, nickte fremd, erkannte ihn dann, stiess mit einer
unvergleichlichen Bewegung des Fusses die Rockschleppe zurück und ging, sprechend
ehe sie noch sprach, lebhaft auf ihn zu.
    Auch Johanna hatte sich erhoben. Das Gestaltchen fiel Eva auf; sie gab
Crammon zu verstehen, dass er Pflichten habe und dass sie eine Annäherung der
Unbekannten nicht ablehnen würde, auf deren Gesicht Begeisterung und Verehrung
so deutlich und rührend zu lesen waren. Crammon stellte Johanna vor, durchaus
zeremoniös; Johanna knixte erblassend und errötend; sie erschien sich so
nebensächlich, dass sie in Scham ertrank; da riss sie die drei gelben Rosen, die
in ihrem Gürtel steckten, heraus und reichte sie Eva mit schüchtern und jäh
hingedehntem Arm, und dieser Elan gefiel Eva; sie spürte seine Einmaligkeit und
Wahrheit und wusste also auch, was er wert war.
 
                                       4
Christian und Amadeus Voss gingen in Antwerpen über den Quai Kockerill.
    Ein grosser Amerikadampfer lag, stumm und leer noch, am Molo. Die
Zwischendeckspassagiere warteten an seinen Flanken auf die Stunde, wo sie Einlass
finden würden. Es waren polnische Bauern, russische Juden, Männer, Weiber,
Greise, Greisinnen, Säuglinge, Kinder; hingekauert auf die Steinfliesen, auf
ihre schmutzigen Bündel gekauert; schmutzig selber, verwahrlost, müde,
teilnahmslos brütend, ein trauriger Wirrwarr von Leibern und Fetzen. Man hörte
reden, schreien, lachen, singen, fluchen, ein trauriger Wirrwarr von
menschlichen Lauten.
    Der gewaltige Sonnenball rollte blutrot und zitternd auf dem Wasser.
    Christian und Amadeus blieben stehen. Nach einer Weile gingen sie weiter,
doch Christian wollte zurückkehren, und sie kehrten zurück. Bei einem
Strassenübergang vor dem Lager der Auswanderer sperrten zehn oder zwölf von Eseln
gezogene Karren den Weg. Die Karren sahen aus wie halbierte Fässer auf Rädern
und waren beladen mit geräucherten Makrelen.
    »Kauft Makrelen,« riefen die Karrenführer, »kauft Makrelen!« Und sie
knallten mit den Peitschen.
    Einige Auswanderer kamen herüber, glotzten hungrig, berieten sich mit
andern, die schon nach Münzen in ihren Taschen suchten, bis endlich
Entschlossene sich zum Kauf anschickten.
    Da sagte Christian zu Voss: »Wir wollen die Fische kaufen und sie austeilen.
Was meinst du?«
    Amadeus Voss erwiderte verdrossen: »Tu nach deinem Belieben. Grosse Herren
müssen ihren Spass haben.« Es war ihm unbehaglich in der entstehenden
Menschenansammlung.
    Christian wandte sich an einen der Händler. Er hatte Mühe, sich mit seinem
korrekten Französisch verständlich zu machen. Nach und nach gelang es; der Mann
rief die andern Händler herzu; aufgeregtes Schwatzen und Gestikulieren erfolgte;
Summen wurden genannt, erwogen, verworfen. Es war für Christian zu langweilig
und zeitraubend; er schlug den höchsten Preis, der beraten wurde, noch um ein
Erhebliches auf, nahm die Brieftasche und reichte sie Amadeus, damit er die
Leute bezahle. Dann sagte er zu der um ihn anwachsenden Schar der Auswanderer
auf deutsch: »Die Fische gehören euch.«
    Ein paar unter ihnen fassten seine Worte und erklärten sie den übrigen.
Zaghaft wagten sie sich vor. Ein leberkrankes Weib, zitronengelb im Gesicht, war
die erste, die zupackte. Bald kamen Hunderte, von allen Seiten kamen sie mit
Körben, Töpfen, Netzen, Säcken. Das Gedränge wurde von mehreren Alten in Ordnung
gewandelt. Einer, im Kaftan, mit wallendem weissen Bart, bückte sich vor
Christian dreimal fast bis zur Erde.
    Zum Zweck gerechter Verteilung tätig einzugreifen trieb es Christian in
einer Anwandlung von Übermut. Er streifte die Ärmel auf und warf mit seinen
verwöhnten Händen die fetten und stark riechenden Fische in die Gefässe. Lachend
beschmutzte er sich mit den Fischen. Auch die Händler lachten, und müssige
Zuschauer lachten. Sie hielten ihn für einen verrückten jungen Engländer, der
sich darin gefiel, die Strasse zu ergötzen. Plötzlich ekelte ihm vor dem Geruch
der Fische und mehr noch vor dem Geruch der Menschen. Er roch die Kleider und
den Atem, ihn widerten ihre Zähne und ihre Finger, ihr Haar und ihre Schuhe; er
dachte sich in Zwangsangst ihre Körper ohne die Gewänder und schauderte vor
ihrem Fleisch. Da liess er es sein und ging im Schutz der Dämmerung davon.
    Seine Hände rochen nach geräucherten Fischen. Als er durch die Strassen ging,
die von dem Geschehenen nichts wussten, war der Abend leer.
    Amadeus Voss hatte sich aus dem Staub gemacht. Er wartete vor dem Hotel. Dort
hatte sich das Automobilgeschwader eingefunden, das Eva auf der Reise nach
Deutschland folgte. Auch Crammon und Johanna Schöntag waren dabei.
 
                                       5
Im Oktober begann es heiss zu werden am Rio de la Plata. Man konnte tagsüber das
Zimmer nicht verlassen; wenn die Fenster geöffnet wurden, wälzte sich Feuer
herein. Einmal wurde Lätizia ohnmächtig, als sie der gepressten Luft Zufuhr
verschaffen wollte und einen der Holzläden aufstiess.
    Der einzige Ort, wo gegen Abend Schattenkühle herrschte, war die Palmenallee
am Strom. Während der kurzdauernden Dämmerung stahl sich Lätizia bisweilen mit
ihrer jungen Schwägerin Esmeralda heimlich hinüber. Der Weg führte an den
Ranchos vorbei, den armseligen Erdlöchern, in denen die eingeborenen Arbeiter
hausten.
    Einst sah Lätizia, dass die Rancholeute in Festtagsgewändern lustig zechten.
Auf ihre Frage nach dem Grund erfuhr sie, ein Kind sei gestorben. »Sie feiern
immer ein Freudenfest, wenn jemand stirbt,« sagte Esmeralda. Lätizia antwortete:
»Wie traurig muss ihr Leben sein, wenn sie den Tod so lieben.«
    Die Palmenallee war verbotenes Gebiet; lichtscheues Volk trieb sich dort
herum, und mit der Dunkelheit wurden die Büsche lebendig. Vor kurzem hatte die
berittene Polizei einen spanischen Matrosen dingfest gemacht, der in Galveston
gemordet hatte. Lätizia träumte von ihm. In ihrem Traum war er ein Verbrecher
aus Eifersucht und von schöner Tragik umwittert.
    Eines Abends war sie in der Allee einem jungen Marineoffizier begegnet, der
auf einer Nachbarestanzia zu Gast war. Lätizia tauschte Blicke mit ihm, und er
suchte von da an Wege zu ihr. Aber man war eine Gefangene, bewacht wie eine
Türkin im Harem. Lätizia fasste den Vorsatz, ihre Wächter zu betrügen; sie
verliebte sich in den jungen Offizier, machte ihn zu einer Heldengestalt und
begann sich nach ihm zu sehnen.
    Die Hitze nahm zu. Lätizia konnte nachts nicht schlafen. Moskitos schwirrten
süsslich, und sie wimmerte vor sich hin wie ein kleines Kind. Bei Tag schloss sie
sich in ihrem Zimmer ein, warf alle Kleider von sich und legte sich auf die
steinernen Fliesen.
    Einst lag sie so, bäuchlings und mit wagrecht ausgestreckten Armen. Ich bin
verwunschen, dachte sie, ich bin eine verwunschene Prinzessin in einem
verwunschenen Schloss.
    Da pochte es an der Tür, und Stephans Stimme rief sie an. Sie erhob faul den
Kopf und spähte zwischen den schwergewordenen Lidern an ihrem nackten Körper
herab. Wie langweilig er ist, dachte sie; es ist so langweilig, immer nur mit
einem zu sein, ich will auch andre haben. Sie antwortete nicht, liess den Kopf
wieder sinken und rieb die glühende Wange an der heissen Haut des Oberarms.
    Es gefiel dem Haremswächter draussen, um Einlass zu betteln. Aber Lätizia
machte nicht auf.
    Nach einiger Zeit hörte sie Lärm im Hof, Gelächter, Peitschenknallen,
Detonation von Geschossen und gellendes Geschrei von Tieren. Erschrocken sprang
sie auf, schlüpfte in den Seidenschlafrock, öffnete die Altantür und spähte
hinunter.
    Stephan hatte mittels einer Zündschnur zwei Katzen an den Schwänzen
zusammengebunden. Leicht explodierende Feuerwerkskörper hingen an der Fessel.
Als die aufzischenden Raketen ihr Fell versengten und die weiterglimmende Schnur
ihnen Wunden ins Fleisch brannte, überschlugen sich die Tiere vor Schmerz und
quiekten kläglich. Stephan hetzte und verfolgte sie, die Brüder, über das
Altangelände gebeugt, wieherten vor Wonne, und als stumme und ernste Zuschauer
standen zwei Indianer am Tor.
    Dass die neugierige Lätizia ihre Tür öffnen würde, hatte Stephan berechnet
und erwartet; ein halb Dutzend Sätze und er war oben. Esmeralda, mit ihm im
Verständnis, stellte sich der flüchtenden Lätizia tückisch entgegen und hinderte
sie am Schliessen der Tür. Weiss vor Zorn stürmte er mit erhobener Faust über die
Schwelle. Sie brach in die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
    »Warum schlägst du mich?« wimmerte sie entsetzt staunend. Er hatte sie gar
nicht geschlagen.
    Der Wüterich knirschte: »Damit du gehorchen lernst.«
    Sie schluchzte. »Hüte dich; du tust zweien was zuleide.«
    »Gift und Verdammnis, was sprichst du?« Er stierte bestürzt auf die kauernd
Weinende.
    »Du tust zweien was zuleide.« Lätizia freute sich, dass sie ihn foppen konnte
und weinte, nur noch aus Mitleid mit sich.
    »Weib, ist das wahr?« fragte er. Lätizia lugte verstohlen zwischen ihren
Fingern durch und dachte spöttisch: grosse Oper, letzter Akt, gleich wird der
Gouverneur erscheinen. Sie nickte schmerzlich und beschloss, ihn mit dem
Schiffsoffizier zu betrügen.
    Stephan stiess ein Triumphgebrüll aus, tanzte um sie herum, warf sich zu ihr
nieder, küsste ihre Arme, ihre Schultern, ihren Nacken. An den Fenstern und Türen
erschienen Donna Barbara, Esmeralda, die Brüder, das Gesinde. Er hob Lätizia auf
seine starken Schultern und trug sie über den Rundaltan. Man solle ein Festmal
richten, schrie er, einen Ochsen schlachten und Sekt aufs Eis stellen.
    Lätizia hatte keine Gewissensbisse. Sie freute sich, dass sie ihn gefoppt
hatte.
    Als der alte Gunderam die Ursache des häuslichen Jubels erfuhr, kicherte er
und sprach zu sich selbst: »Angeschmiert, mein schlauer Rechtsgelehrter; den
Escurial kriegst du doch nicht, trotz deinem Schwarzaufweiss, noch lange nicht,
und wenn sie Drillinge wirst.« Er striegelte seinen eisengrauen Bart mit einem
unappetitlichen Kämmchen, dem die Hälfte der Zähne ausgebrochen war, und goss zur
Kühlung Kölnisches Wasser auf seinen Kopf, bis die Haare trieften, die ihm noch
reichlich wuchsen.
    Es erwies sich aber, dass die Notlüge, deren sich Lätizia bedient hatte, ohne
ihr Wissen eine Wahrheit war. Einige Tage später wusste sie es. Sie wunderte sich
still und heimlich. Jeden Morgen trat sie vor den Spiegel und betrachtete sich
respektvoll und mit einem leisen Grauen. Sie fand sich unverändert, grübelte
eine Weile elegisch und warf sich eine Kusshand zu.
    Da man sich scheute, ihr einen Wunsch zu versagen, durfte sie einen Ball
besuchen, den Sennor und Sennora Küchelbäcker veranstalteten. Dort lernte sie
den Schiffsleutnant Friedrich Pestel kennen.
 
                                       6
Felix Imhof und der Maler Weikhardt trafen sich in der Ausstellung der Münchener
Sezession. Sie wanderten eine Weile durch die Räume und besahen die Bilder.
Danach gingen sie auf die Terrasse und setzten sich an einen Tisch, der die
Aussicht auf den englischen Garten gewährte.
    Es war eine frühe Nachmittagsstunde; der Öl- und Terpentingeruch aus den
Sälen mischte sich mit dem Sonnen- und Pflanzengeruch von draussen.
    Imhof warf seine langen Beine übereinander und gähnte affektiert. »Werde
jetzt diesem vortrefflichen Kunst- und Kulturzentrum einige Monate den Rücken
kehren,« sagte er. »Fahre mit dem Staatssekretär für die Kolonien nach Südwest.
Will mal sehen, wies da unten zugeht; bisschen den Leuten auf die Finger gucken;
bisschen Neuland erforschen, bisschen jagen.«
    Weikhardt war ganz in sich versunken, in seine Bedrängnisse, Misshelligkeiten
und Kämpfe und sprach daher nur von sich. »Ich soll für die alte Gräfin
Matuschka den Luini-Zyklus in der Brera kopieren,« berichtete er; »sie hat ein
paar leere Wände in ihrem galizischen Schloss, für die will sie Tapeten haben.
Aber die Person ist filzig wie ein Rettich, und es ist ein widerliches
Feilschen.«
    Auch Imhof blieb in seinem Geleise. »Habe in letzter Zeit viel Stanhope
gelesen,« sagte er; »kolossaler Kerl. Durch und durch modern; Reporter und
Konquistador. Felsenbrecher nannten ihn die Schwarzen, bula matari. Nach so was
wässert einem der Mund. Imponiert mir scheusslich, der Mann.«
    Weikhardt fuhr fort: »Was hilfts, ich muss den Auftrag übernehmen; es ist
Mattäi am letzten bei mir. Aber ich freu mich auf die alten Italiener. Es gibt
da in Mailand eine Beweinung Christi von Tintoretto; anbetungswürdig. Ich bin
jetzt einem Geheimnis auf der Spur. Ich mache Dinge, die gut wirken werden.
Neulich hatte ich ein Bild fertig, eine einfache Landschaft, und ging damit zu
einem Bekannten, der einen ziemlich vornehmen Raum hat, wo wir es aufhingen.
Graue Wandverkleidung, Möbel schwarz mit Gold. Der Mann ist reich, er wollte das
Bild kaufen. Ich hatte aber ein solches Aufleuchten von Mut, als es ihm gefiel,
als es da hing in dem zarten, melancholischen Frieden dieser
Farbenzusammenstellung, dass es mir unmöglich war, von Geld zu reden, und so hab
ichs ihm geschenkt. Er hat es angenommen, ohne viele Worte. Er sagte nur immer:
die Sache ist verdammt gut.«
    »Es wird mich auf andre Gedanken bringen, so ne kleine Sprjetztour in die
südliche Hemisphäre,« sagte Imhof. »Ich logiere ja momentan nicht in Fortunas
Schoss. Geht mir sogar ganz ausgesprochen rotzig. Mein bestes Pferd ist
zuschanden geritten; mein Lieblingshund ist krepiert; meine Frau ist auf und
davon, meine Freunde meiden mich, weiss nicht warum; meine Geschäfte gehen den
Krebsgang, alle Spekulationen schlagen fehl. Aber schliesslich, was tuts. Ich
sage mir: Kopf hoch, Junge; da ist die grosse, schöne Welt, da ist das reiche,
wundervolle Leben; beklagst du dich, so verdienst du was um die Ohren. Mein
Butterbrot ist in den Dreck gefallen; bon, streich ich mir ein frisches. Wer in
den Krieg zieht, muss auf eine Blessur gefasst sein. Die Hauptsache ist, dass man
zur Fahne steht. Die Hauptsache ist der Glaube, der richtige Köhlerglaube.«
    Wer zuerst dem Partner sich zuwenden, zuerst des andern Stimme hören würde,
war noch fraglich. Weikhardt, düster vor sich hinblickend, ergriff wieder das
Wort. »Dieses stumme Alleinsein in einem Atelier mit hundert verunglückten
Schmieragen und den Gespenstern von hunderttausend verzweifelten Stunden! Ich
hätte jetzt Gelegenheit, zu heiraten, und werde es auch tun. Das Mädchen hat
zwar kein Geld, aber sie hat Herz. Sie fürchtet sich nicht vor meiner Armut und
versteht die Donquichotterie, die das Leben eines Künstlers ausmacht. Sie stammt
aus einer protestantischen Familie mit freigeistiger Überlieferung, hat sich
aber vor zwei Jahren zum Katolizismus bekehrt. Als ich sie kennenlernte, war
ich voll Misstrauen und suchte alle möglichen Gründe dafür, nur nicht den
einfachen und menschlichen. Es ist sehr schwer, das Einfache und Menschliche zu
sehen, und noch viel schwerer, es zu tun, ausserordentlich schwer. Nach und nach
begriff ich, was das heisst: zu glauben; ich begriff, was an jedem Glauben heilig
ist. Der Glaube selbst ist heilig, nicht das, was geglaubt wird. Gleichgültig,
woran man glaubt, an ein Buch, an ein Tier, an einen Menschen, an einen Stern,
an Gott; gleichgültig, es muss nur der Glaube sein, der unverrückbare,
unbezwingliche Glaube; Sie haben ganz recht: der Köhlerglaube.«
    Sie hatten sich doch in einem Wort gefunden. »Wann bekomme ich mein Bild,
die Kreuzabnahme?« erkundigte sich Imhof.
    Weikhardt antwortete nicht darauf. Sein hübsches, glattes, jungenhaftes
Gesicht bekam, je länger er sprach, immer mehr Ähnlichkeit mit dem eines
zänkischen alten Mannes. Doch seine Stimme blieb sanft und langsam und sein
Wesen phlegmatisch. »Die heutige Menschheit hat den Glauben verloren,« fuhr er
fort; »der Glaube ist ausgeronnen wie das Wasser aus einem zersprungenen Glas.
Die Zeit wird von der Maschine tyrannisiert; es ist eine Pöbelherrschaft
sondergleichen. Wer rettet mich vor der Maschine, vor dem Betrieb? Das goldene
Kalb hat die Tollwut bekommen. Der Geist macht Kotau vor dem Warenhaus.
Vielleicht rettet mich das I.N.R.I. vor dem M.W. Machen wir, heisst die Parole,
m.w. Wir machen Christentum, wir machen Renaissance, wir machen Eiweiss, wir
machen Kultur, brav und folgsam unter staatlicher Kontrolle, und wenns nicht
ganz das Echte ist, ists doch brauchbar. Alles wendet sich ans Äussere, alles
wird Ausdruck, Linie, Schnörkel, Gebärde, Maske; alles wird an die Mauer geklebt
und blendend beleuchtet, alles ist das Neueste, bis das Allerneueste in Funktion
tritt: die Seele flieht, die Güte hört auf, die Form zerbricht, die Ehrfurcht
stirbt. Graut Ihnen nicht auch ein wenig vor dem Geschlecht, das jetzt
heranwächst? Es ist eine Luft wie vor der Sintflut.«
    »Male Maler, schimpfe nicht,« sagte Imhof mild.
    »Freilich,« gab Weikhardt etwas beschämt zu, »wir wissen ja nicht, worauf
alles abzielt. Aber es gibt doch Symptome, die einem wenig Hoffnung lassen,
typische Fälle gewissermassen. Haben Sie von dem Selbstmord des
Deutschamerikaners Scharnitzer gehört? Er war in Künstlerkreisen ziemlich
bekannt, ging selber in die Ateliers und kaufte, was ihm gefiel, ohne zu
handeln. Manchmal kam er mit seiner achtzehnjährigen Tochter, einem engelschönen
Geschöpf; Sybil hiess sie, und für sie kaufte er auch die Bilder; sie liebte
besonders Stilleben und Blumenstücke. Der Mann hatte in Kalifornien durch
Holzhandel viele Millionen verdient und sich dann hierher zurückgezogen, in die
alte Heimat, um dem Mädchen eine Atmosphäre von Bildung und Ruhe zu schaffen.
Sybil war sein einziger Gedanke, seine Hoffnung, sein Idol, seine ganze Welt. Er
war nur kurz verheiratet gewesen, die Frau war ihm durchgegangen, wie es heisst
mit einem Mulatten, und auf dieses Kind hatte er nun alles gesetzt, was ihm,
nach einem Leben fieberhafter Arbeit, an Gefühl und Vertrauen und Zukunft
geblieben war. Er sah ein erlesenes Wesen in ihr, eine kleine Heilige, und so
erscheint sie auch, ausserordentlich fein, stolz, äterisch; man würde nicht
wagen, mit einem Finger nach ihr zu greifen. Eine wohltuende Harmonie ging von
dem Beisammensein der beiden aus, namentlich der Vater machte einen glücklichen
Eindruck; um so verblüffender war dann der selbstgewählte Tod des Mannes.
Niemand ahnte den Grund, man dachte an Sinnesverwirrung, aber er hatte einen
Brief an einen amerikanischen Freund hinterlassen, der die Motive erklärte.
Eines Tages war er krank und musste das Bett hüten. Sybil hatte ein paar
Gefährtinnen zum Tee geladen, und die jungen Mädchen befanden sich drei oder
vier Räume vom Zimmer des Kranken entfernt. Alle Türen waren offen bis auf die
letzte, und auch die war nur angelehnt, so dass das Geplauder der Mädchen zu ihm
herüberklang, in unbestimmten Lauten, und ohne dass er die Worte verstehen
konnte. Da erfasste ihn die Neugier, zu erfahren, wovon sie sich unterhielten. Er
erhob sich, warf einen Schlafrock über, ging leise durch die Zimmer und blieb
vor der letzten Türe lauschend stehen. Das Gespräch drehte sich um
Zukunftsdinge, um künftiges Glück, um Liebe und Ehe. Jede entwickelte ihre
Ansichten, endlich kam die Reihe an Sybil, die sich sträubte und sich erst
äusserte, als man sie lebhaft bedrängte. Da sagte sie, aus Gefühlen mache sie
sich überhaupt nichts; Gefühle seien ihr nur lästig; sie kenne weder Sehnsucht
noch Liebe; nicht einmal Dankbarkeit vermöge sie zu empfinden; von einer Heirat
erwarte sie lediglich die Befreiung von einem unbequemen Joch; der Mann, dem sie
ihre Hand reiche, müsse ihr alle Genüsse des Lebens bieten können, grenzenlosen
Luxus, gesellschaftliche Stellung und sich im übrigen völlig von ihr beherrschen
lassen; das sei ihr Programm und so werde sie es durchführen. Die andern Mädchen
schwiegen, keine antwortete. Der heimliche Lauscher aber war von der Stunde an
vergiftet. Dieser Zynismus, vorgebracht von einer reinen, seelenhaften Stimme,
von einem Wesen, das er anbetete und für ein Wunder an Poesie und Gemütstiefe
hielt, an das er alles verschwendet hatte, was er besass, stürzte ihn in eine
unheilbare Schwermut, in der er dann auch seinem Leben ein Ende machte.«
    »Mein Lieber, der Mann war kein Holzhändler!« rief Imhof und streckte den
Arm in die Luft; »das lass ich mir nicht einreden; der Mann war ein Lyriker.«
    »Möglich, dass er ein Lyriker war, möglich,« entgegnete Weikhardt
schmunzelnd; »was ändert das? Mich zwingts zur Bewunderung, wenn einer die
Konsequenzen aus dem Zusammenbruch seiner Ideale zieht. Es ist besser als bula
matari, glauben Sie mir. Die meisten ziehen überhaupt keine Konsequenzen, sie
passen sich immerfort an, und dadurch werden sie so gemein und so steril.« Sein
Blick verfinsterte sich wieder, und halb für sich fügte er hinzu: »Ich träume
manchmal von einem, der nicht steigt, der nicht fällt, von einem, der da
wandelt, unteilbar, unveränderlich, unerschrocken und ohne Anpassung.
Vollständig ohne Anpassung; von so einem träum ich manchmal.«
    Imhof sprang auf und schüttelte seine Kleider zurecht. »Genug geschwatzt,«
schnarrte er in dem Offizierston, den er in seinen starken Momenten anzunehmen
liebte; »mit Schwatzen wirds nicht besser.« Er schob seinen Arm in den
Weikhardts, und während sie die Terrasse verliessen, auf der inzwischen auch
andre Gäste aufgetaucht waren, rezitierte er in demselben schnarrenden
Leutnantston laut und ungeniert die Hölderlinschen Verse: »Und Waffen wider
alle, die atmen, trägt / In seinem ewigbangen Stolze der Mensch; im Zwist /
Verzehrt er sich und seines Friedens / Blume, die zärtliche, blüht nicht lange.«
 
                                       7
Am ersten Abend in Hamburg nahm Crammon eine Loge im Schauspielhaus und lud
Christian, Johanna Schöntag und Herrn Livholm, einen der Direktoren des Lloyd,
ein. Diesen hatte er im Hotel kennen gelernt, wo er Eva einen Begrüssungsbesuch
abgestattet hatte; da er ihm gefallen hatte und er auch eine leidliche Figur
machte, hatte er sich seiner bemächtigt, um, wie er es nannte, mittelst eines
neutralen Strohmanns harmlose Luft zu erzeugen.
    »Es ist im Gesellschaftlichen wie in der Kochkunst,« pflegte er zu sagen;
»zwischen zwei schwere, füllige Gerichte muss immer ein schaumiges und den Gaumen
bloss oberflächlich reizendes placiert werden; sonst hat die Sache keinen Stil.«
    Es wurde ein mittelmässiges Lustspiel gegeben. Christian langweilte sich,
Crammon hielt sich für verpflichtet, eine herablassende und gedämpfte Heiterkeit
zu zeigen und versetzte Christian dann und wann einen leichten Stoss in den
Rücken, um ihn gleichfalls zu einer Kundgebung von Teilnahme zu ermuntern;
Johanna war die einzige, die sich amüsierte, und zwar über einen Darsteller, der
eine ernstafte Rolle zu spielen hatte, aber so albern und gespreizt redete, dass
sie bei seinem Auftreten jedesmal ihr Spitzentaschentuch vor den Mund presste, um
ihre Lachlust zu bändigen.
    Christian streifte bisweilen das Mädchen mit einem fremden Blick von der
Seite. Sie war ihm weder besonders angenehm, noch besonders unangenehm; er wusste
nicht, was er aus ihr machen sollte. Diese Empfindung hatte sich nicht
verändert, seit er sie, in Evas Gesellschaft, auf der Reise zum erstenmal
gesehen.
    Sie spürte seinen fremden Blick, und in der untern Partie ihres Gesichts
drückte sich, ohne dass ihr Übermut beeinträchtigt wurde, Enttäuschung auf
äusserst zarte Weise aus.
    Wie hilfesuchend wandte sie sich zu Crammon: »Der Mann ist doch furchtbar
komisch, nein?« flüsterte sie, in ihrer charakteristischen Art eine fragende
Negation an den Schluss einer Behauptung setzend.
    »Der Mann ist unbedingt sehenswert,« stimmte Crammon artig zu.
    Da ging die Logentür auf, und Voss trat ins Halbdunkel; in Smoking und
Lackschuhen, der Vorschrift entsprechend. Aber niemand hatte ihn erwartet,
niemand hatte ihn aufgefordert. Alle sahen ihn erstaunt an; er grüsste, blieb
ruhig und ohne Verlegenheit stehen und richtete seine Aufmerksamkeit auf die
Bühne.
    Crammon schaute Christian an; Christian zuckte die Achseln. Nach einer Weile
erhob sich Crammon und wies mit sarkastischer Höflichkeit auf seinen Platz. Voss
schüttelte freundlich ablehnend den Kopf, verfiel aber dann sogleich wieder in
die Untertänigkeit des Schulamtskandidaten. Er stammelte: »Ich war im Parkett,
schaute herauf; dachte mir: besuchst sie einfach, es macht ja nichts.« Plötzlich
ging Crammon hinaus, und man hörte ihn mit dem Logendiener schreien. Johanna war
ernst geworden und blickte zerstreut in den Zuschauerraum; Christian hatte in
stummer Abwehr die Schultern ein wenig zusammengedrückt; die Leute auf den
Nachbarsitzen wurden ungehalten über den Lärm, den Crammon verübte; Herr Livholm
spürte nur, dass die Atmosphäre von Korrekteit gestört war; Amadeus Voss allein
zeigte Unempfindlichkeit.
    Er stand hinter Johanna und dachte: die Haare dieses Frauenzimmers haben
einen Geruch, dass einem schwindlig wird. Nachdem der Zwischenaktsvorhang
gefallen war, entfernte er sich und kam nicht wieder.
    In später Nacht, als er Christian für sich hatte, spie Crammon Wut. »Ich
knalle ihn nieder wie einen tollen Hund, wenn er dergleichen noch einmal wagt.
Was denkt sich der Mensch? Was sind das für Manieren? Wo ist er aufgewachsen,
dieser bebrillte Galgenvogel? Mein ahnungsvolles Gemüt! Ich habe Personen mit
Brille immer misstraut. Warum jagst du ihn nicht zum Teufel? Ich bin im Verlauf
meines sündenbeladenen Lebens mit mancherlei Existenzen aneinandergeraten; ich
kenne die Creme, ich kenne den Abschaum; aber so ein Bursche ist mir nie
begegnet. Beim Zeus, nie! Ich muss Brom nehmen, sonst kann ich nicht schlafen.«
    »Ich glaube, du bist ungerecht, Bernhard,« antwortete Christian mit
niedergeschlagenen Augen. Sein Gesicht war streng, verschlossen und kalt.
 
                                       8
Amadeus Voss legte Christian folgenden Plan vor: er wollte nach Berlin, als
Hospitant die Universität besuchen und für das medizinische Examen arbeiten.
    Christian nickte billigend und sagte, er werde in Kürze ebenfalls nach
Berlin kommen. Voss ging im Zimmer auf und ab; er fragte brüsk: »Wovon soll ich
leben? Soll ich Akten kopieren? Soll ich mich um Stipendien bewerben? Wenn du
mir deine Gunst entziehen willst, so gesteh es offen; durch den Dreck zu waten,
hab ich ja gelernt. Der neue wird nicht zäher sein als der alte.«
    Christian war überrascht. Vor einer Woche, in Holland noch, hatte er Amadeus
zehntausend Franken geschenkt. »Wieviel brauchst du?« fragte er.
    »Kost, Logis, Kleidung, Bücher ...« zählte Voss auf, und seine Miene war die
eines Fordernden, der nur aus Rücksicht den Bittsteller spielt. »Ich werde mich
billig einrichten.«
    »Ich lasse dir monatlich zweitausend Mark anweisen,« sagte Christian mit
einem Ausdruck von Widerwillen. Das freche Verlangen nach Geld peinigte ihn.
Besitz lastete wie ein Berg auf ihm; er konnte die Arme nicht freibekommen, die
Brust nicht heben, das Gewicht wurde schwerer und schwerer.
    In einer Chrysolitschale auf dem Tisch lag eine Krawattennadel mit einer
grossen, schwarzen Perle. Voss, dessen Hände immer Beschäftigung suchten, griff
nach ihr, nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie gegen das
Licht. »Willst du sie haben?« fragte Christian. »Nimm sie nur,« überredete er
den Zaudernden, »ich mag sie ohnehin nicht.«
    Voss trat vor den Spiegel und steckte die Nadel schweigend, mit einem
eigentümlichen Lächeln in seinen Schlips.
    Als Christian allein war, stand er lange nachdenkend; dann setzte er sich
hin und schrieb an seinen Verwalter nach Christiansruh. »Geehrter Herr
Borkowski,« schrieb er in seiner steilen Schrift und seinem nicht minder
ungelenken Stil, »ich habe mich entschlossen, Christiansruh zu verkaufen, und
zwar samt allen Mobilien und Kunstgegenständen, samt dem Park, den Forsten und
Ökonomien. Ich beauftrage Sie hiermit, einen verlässlichen und tüchtigen Agenten
ausfindig zu machen, der mir etwaige günstige Offerten telegraphisch mitteilen
soll. Sie kennen sich ja unter den Leuten aus und brauchen bloss einmal nach
Frankfurt hinüberzufahren. Seien Sie so freundlich, die Angelegenheit in
möglichster Stille zu erledigen. Inserate in Zeitungen müssen unterbleiben.«
    Hierauf schrieb er einen zweiten Brief an den Aufseher des Rennstalls in
Waldleiningen. Diesen abzufassen, kostete mehr Überwindung als der erste, denn
er sah fortwährend die sanften und feurigen Augen der edlen Tiere auf sich
gerichtet. Er schrieb: - »Geehrter Herr Schaller, ich habe mich entschlossen,
meinen Rennstall aufzulösen. Die Tiere sollen ehestens zur Auktion gebracht oder
unter der Hand an Liebhaber abgegeben werden. Letzteres wäre mir natürlich
angenehmer, was ich auch von Ihnen voraussetze. Baron Deidinger auf
Deidingshausen hat sich seinerzeit sehr für Columbus und für Lovely
interessiert. Ziehen Sie mal Erkundigungen ein. Admirable und Windsbraut könnte
man dem Fürsten Pless oder Herrn von Stratmann anbieten. Sir Denis Lays
Exzelsior lassen Sie nach Baden-Baden schaffen und einstweilen im Stall des
Grafen Treuberg versorgen. Ich möchte nicht, dass er allein in Waldleiningen
bleibt.«
    Als er die Briefe versiegelt hatte, atmete er auf. Er läutete dem Diener und
gab ihm die Briefe zur Beförderung. Der Diener hatte sich schon zum Gehen
gewandt, da rief ihn Christian zurück. »Ich muss Ihnen leider Ihre Stelle
kündigen, Wilhelm,« sagte er; »ich will mich von jetzt an alleinbehelfen.«
    Der Mann traute seinen Ohren nicht. Er war seit drei Jahren in Christians
Diensten und ihm aufrichtig zugetan.
    »Leider, es muss sein,« sagte Christian, blickte an ihm vorüber und lächelte
fast genau so eigentümlich wie Amadeus Voss, als er vor dem Spiegel die
Perlennadel in seinen Schlips gesteckt hatte.
 
                                       9
Crammon behauptete, Amadeus Voss mache Johanna Schöntag den Hof. Johanna schlug
unwillig mit dem Handschuh nach ihm. »Ich gratuliere zu der Eroberung,
Rumpelstilzchen,« neckte Crammon. »Ein Werwolf an der Leine, das ist schon was;
damit kann man sich sehen lassen. Ich bin aber auch für einen Maulkorb. Nicht
wahr, Christian, mein Herzchen, wir sind für einen Maulkorb?«
    »Maulkorb? Ich weiss nicht,« antwortete Christian. »Wenn es am Reden
hinderte. Viele reden zu viel.«
    Crammon biss sich auf die Lippen. Die Zurechtweisung dünkte ihn hart. Da war
irgendwo ein Stein in den Daunen verborgen, auf denen er lag und schlemmte; es
tat weh. Er suchte den Stein, aber die Weichheit der Daunen beruhigte ihn
wieder, und er vergass den Schmerz.
    »Ich sass im Frühstücksraum und wartete auf Madame Sorel,« erzählte Johanna
mit einer Stimme, die in jeder Hebung und Schattierung um Christians Ohr warb;
»da kam Herr Voss herein und ging geradeswegs auf mich zu. Ich dachte: böser
Mann; was will der böse Mann von mir? Er fragte mich, wie wenn wir seit Jahren
dick befreundet wären, ob ich mit ihm nach Sankt Pauli gehen wolle, der berühmte
Wanderpastor Jakobsen hielte eine Predigt dort. Ich musste ihm ins Gesicht
lachen, da war er ganz beleidigt. Und heute nachmittag, als ich das Hotel
verliess, stand er auf einmal wie aus dem Boden geschossen wieder vor mir und lud
mich zu einer Spazierfahrt im Hafen ein; er habe ein Motorboot gemietet und
suche Gesellschaft. Er war wieder genau so grimmig vertraulich, und als er
wegging, genau so beleidigt. Und das, Onkelchen, nennen Sie den Hof machen? Ich
hatte eher das Gefühl, er wollte mich verschleppen und umbringen. Aber
vielleicht ist das seine Manier.« Sie lachte.
    »Jedenfalls sind Sie die einzige, die er so schmeichelhaft auszeichnet,«
fuhr Crammon fort zu sticheln.
    »Oder die einzige, die er für seinesgleichen hält,« antwortete Johanna mit
kindlich verzogener Stirn.
    Christians Gedanke war: warum lacht sie so oft? Warum sind ihre Hände so
plump und rot? Johanna spürte sein Missfallen und war gelähmt. Gleichwohl fühlte
sich Christian durch eine verborgene Kraft angezogen.
    Weshalb sich sträuben? Weshalb so viel Umstände machen? dachte er, als
Johanna sich erhob und er mit verdeckten Blicken ihre graziöse Gestalt mass, die
noch die Biegsamkeit sinnlicher Unreife hatte; als er den Ansatz ihres schlanken
Nackens gewahrte, in dem sich zugleich Schwäche des Willens und Feinheit der
Rasse ausdrückte. Er kannte diese Zeichen. Er hatte sie stets zu deuten und zu
nutzen verstanden.
    Crammon, massig in einen Klubsessel gegossen, sprach mit Emphase von dem
morgigen Tanzabend Evas, der die ganze Stadt mit Erwartung erfüllte. Christian
und Johanna aber sahen plötzlich einander.
    »Kommst du mit?« wandte sich Christian lässig und gelangweilt an Crammon.
    »Ja, mein Schatz, lass uns tafeln!« rief Crammon. Er nannte Hamburg das
Paradies des heiligen Bernhard, über den er, als über seinen Schutzpatron und
Namensgeber, Spezialforschungen angestellt hatte, und der nach seiner Meinung
ein gewaltiger Fresser gewesen, zu Tours in Frankreich anno Domini.
    Ein banges, verschlagenes Weiberlächeln spielte um Johannas Lippen. Als sie
den beiden voranschritt, war Bedrückteit und zugleich humoristische Auflehnung
gegen das Bedrückte und Unfreie in den Bewegungen ihres eckig-zierlichen
Körpers.
 
                                       10
Amadeus Voss wusste, dass er niemandes Sympatien hatte; niemandes ausser
Christians. Und diesen beargwöhnte er; er zählte, wog und haderte. In der Angst
vor Verstellung und Verrat heuchelte und verriet er selbst. Nichts diente ihm,
nichts überzeugte ihn, nichts versöhnte ihn. Dass Christians Blick und Gegenwart
eine bändigende Wirkung auf ihn hatte, verzieh er ihm am wenigsten. Seine
Erbitterung stöhnte aus Träumen.
    Er las in der Schrift: Ein Hausvater pflanzte einen Weinberg; umgab ihn mit
einem Zaun; liess darin eine Kelter graben und einen Wachtturm bauen; und
vermietete ihn an Weingärtner und reisete ausser Landes. Da nun die Zeit der
Früchte gekommen war, schickte er seine Knechte zu den Weingärtnern, um die
Früchte in Empfang zu nehmen. Die Weingärtner aber fielen über seine Knechte
her, schlugen den einen, töteten den andern und steinigten den dritten. Noch
einmal schickte er andre Knechte, und zwar mehr als zuvor; und sie behandelten
diese auf gleiche Art. Zuletzt aber schickte er seinen Sohn zu ihnen und sprach:
vor meinem Sohn werden sie doch wohl Ehrfurcht haben. Als aber die Weingärtner
den Sohn sahen, sagten sie: »Dieser ist der Erbe! Auf, lasst uns ihn töten.« Sie
packten ihn, schleppten ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.
    Manchmal wich er stundenlang nicht von Christians Seite, studierte seine
Gesten, seine Mienen, und jede Wahrnehmung trieb ihm die fressende Glut ins
Gehirn. Dieses ist der Erbe! Dann floh er, zerstörte sich, zerrieb sich, und
Schuldgefühl steigerte sich bis zur Zerknirschung. Er kehrte zurück, und sein
Wesen war Beichte: ich kann nur bei dir gedeihen. Ihm schien, es müsse gehört
werden wie ein Schrei. Es wurde nicht gehört, und der Bruder wurde wieder zum
Feind. So schwankte er auf und ab, von der Finsternis durch Feuer und Qualm in
die Finsternis.
    Er litt unter seiner Befangenheit und unter seiner Aufdringlichkeit. Mitten
in dem Luxus und Überfluss, in die er durch einen märchenhaften Glückswechsel
versetzt war, litt er unter der Erinnerung an seine frühere Armut, spürte er
noch, wie sie ihn geknebelt und gewürgt hatte, bäumte sich noch gegen sie auf.
Er griff nicht hin, schloss die Augen, schauderte vor Begierde und Gewissensqual.
Die Bildseite des Gewebes wollte er nicht betrachten; er drehte es um und
grübelte finster nach dem Sinn der wirr verknüpften Fäden. Da war keine
Beziehung, die er nicht verdächtigt, kein heiteres Gespräch andrer, in dem er
nicht einen Stachel für sich gefunden, kein Gesicht, das nicht seinen Hass
vermehrt, keine Schönheit, die ihm nicht ihr Widerspiel gezeigt hätte. Alles
wurde Gift, alles Fäulnis, Blüte ward Unkraut, Sammet Nessus, Licht ein
Schwelen, Kitzel eine Wunde; an jeder Mauer stand das mene tekel upharsim
flammend.
    Er gab sich nicht, wurde nicht weich. Neid glomm weiter, auch wenn das
Begehrte errungen war. Was ihn jemals erniedrigt hatte, reizte die Rachlust bei
jedem Darandenken. Züchtigungen, die er vom Vater erfahren, verzerrten dessen
Bild im Grab; Mitschüler im Seminar hatten ihm einst Pfeffer in den Kaffee
geschüttet; er konnte es nicht vergessen; nicht vergessen die Miene Adeline
Ribbecks, als sie ihm nach dem ersten Monat den Gehalt im geschlossenen Kuvert
überreicht; Unglimpf und Missachtung von Hunderten, die sich an ihm und nur an
ihm schadlos gehalten für die Bedrückungen, welchen sie selbst ausgesetzt waren.
Er konnte es nicht verwinden, dem Schicksal nicht verzeihen; die eingeätzten
Male brannten frisch.
    Dann wieder warf er sich hin, betend, bettelnd, der Verzeihung seinerseits
bedürftig. Von religiösen Skrupeln gefoltert, von Reue geplagt, verlangte ihn
nach ausgelöschtem Bewusstsein, sprach er Verdammung über sich, verdammte er sich
zur Askese.
    Und Askese schleuderte ihn in die Ausschweifung, die wahllos war, wüst,
unsinnig, mit unsinnigem Verprassen von Geld. Er konnte die Erregungen des
Spiels nicht mehr missen und geriet in die Hände von Bauernfängern, in verrufene
Lasterhöhlen, äffte dort den reichen Kavalier, den Aristokraten im Inkognito,
denn es trieb ihn, die Maske zu erproben und sich ihre Verächtlichkeit zu
beweisen. Da man ihn in einer Rolle ernst zu nehmen schien, die ihn selber mit
Scham und Verzweiflung erfüllte, verschmerzte er die hohen Verluste und übersah
die plumpen Betrügereien. Eines Abends drang Polizei in das Lokal, wo er war; er
konnte nur mit knapper Not entwischen. Ein Individuum heftete sich an seine
Fersen, spiegelte ihm Gefahren vor, drohte mit Anzeige und erpresste ihm ein
Schweiggeld.
    Er wurde die Beute von Kokotten. Er kaufte ihnen Schmuck und Kleider und
veranstaltete nächtliche Gelage. Sie waren Verworfene in seinen Augen, die er
benutzte wie ein Durstiger aus der Pfütze trinkt, wenn er reines Wasser nicht
bekommen kann. Und er gab es ihnen brutal zu verstehen; er zahlte dafür, dass sie
es ertrugen, und sie wunderten sich, wehrten sich nur gegen den infamsten
Schimpf, machten sich lustig über Züge von Muckertum, die erzählt wurden. Mit
einer, die jung und hübsch war, hatte er eine Stunde allein verbracht; er hatte
sich dabei die Augen verbunden und war plötzlich wie von Furien gejagt
davongestürzt.
    Dreimal hatte er den Tag seiner Abreise festgesetzt, dreimal ihn verschoben.
Das Bild Johannas war zu Evas Bild getreten. Beide tobten in seinem Hirn. Beide
waren in unerreichbarer Welt. Die Hässliche schien ihm verwandt, möglicherweise
war sie zu umstricken; die Schöne war wie gellender Hohn seiner Existenz. Er
hatte nun von ihrer Kunst so viel gehört und in Zeitungen gelesen, dass er
beschloss, den Abend ihrer Vorstellung abzuwarten, um, wie er zu Christian
äusserte, sich ein Urteil zu bilden und nicht länger der Gefoppte von
Verblendeten und frechen Schmeichlern zu sein.
    Es war teatre paré. Er sass neben Christian in dem reichgeschmückten und
festlich beleuchteten Saal, in welchem fürstliche Personen, die Familien der
Senatoren, die Spitzen der Behörden und der Handelswelt und Abgesandte aus allen
Gauen und Städten Deutschlands zu sehen waren. Christian hatte Plätze dicht
hinter dem Orchester genommen; Crammon, als Kenner perspektivischer Wirkungen,
hatte die erste Reihe des Balkons vorgezogen; Johanna und Boto von Tüngen
waren seine Nachbarn; er hatte ihnen eindringlich erklärt, dass in der Tiefe des
Teaters das Spiel der Beine und der Füsse durch die Rampenlinie schädlich
abgeschnitten würde, während es hier, in mittlerer Höhe, harmonisch zum Ganzen
fliesse.
    Amadeus Voss blieb in seiner vorgefassten Starrheit. Er sträubte sich nicht
etwa, spürte nicht ein Mächtiges, dem er trotzen musste; er war und blieb kalt,
trüb und blöde. Da flog im abgeteilten Raum ein Wesen vogelhaft, der Schwere
wunderbar entledigt; da offenbarte sich ein Rhytmus, der Bewegung in Gesang
verwandelte; da brachen die Ketten seelischer Bindung, Gefühl war Bild, Handlung
Mytos, Schreiten Sieg über die Materie; seine Miene aber drückte aus: wozu
dient mir das? Wozu dient euch das? Von geschlechtlichem Ingrimm erfüllt, sah er
nur eine aufreizende Schaustellung, und als das Gewitter des Beifalls losbrach,
bleckte er die Zähne.
    Das letzte Stück war eine Art Tanz-Proverbe, ein lieblicher Scherz, den sie
zu einer Musik von Delibes erfunden und ausgearbeitet hatte. Der Inhalt bestand
in nichts andrem, als dass ein Pierrot einen Kreisel schlägt und, seinen
launenvollen Lauf lenkend und regelnd, in immer neuen Stellungen, Sprüngen und
Wendungen den Widerstrebenden und endlich Erschöpften einem Loch zutreibt, in
dem er spurlos verschwindet. Der nichtige Vorgang war durch den Wechsel und
durch den Reichtum der Positionen mit solchem Leben erfüllt, funkelnder Übermut
und die rascheste Grazie, die je auf Brettern sich ihren Eingebungen überlassen,
hatten ihn derart zu einem Kunstgebilde erhöht, dass das Zuschauen atemloses
Staunen wurde und der Dank eine Raserei.
    Im Foyer stürzte Crammon auf Christian zu und zog ihn durch Menschenmassen
in einen halbfinstern Gang und hinter die Bühne. Amadeus Voss, von Crammon nicht
beachtet, folgte beiden mürrisch und gedankenlos. Der Anblick von Kulissen,
papiernen Felsen und Bäumen, aufgerollten Prospekten, Beleuchtungsmaschinen,
Flaschenzügen und hin- und herrennenden Arbeitern schürte dumpf-feindselige
Neugier.
    Erregte Menschen drängten sich in Evas Garderobe. Sie sass, im
schwarzundweissgewürfelten Pierrotkleid noch, die zierliche, silberne Peitsche,
mit der sie den Kreisel getrieben, in der Hand, unter Blumen, die zu einem Berg
um sie gehäuft waren. Vor ihr kniete Johanna Schöntag und schaute mit
heissschimmernden Augen zu ihr auf. Susanne Rappard reichte der Herrin ein Glas
Sekt; dann begann sie mit den ungerufenen Gästen in einem Kauderwelsch aus fünf
bis sechs Idiomen zu verhandeln und ihnen begreiflich zu machen, dass sie im Wege
seien. Aber jeder wollte einen Blick, ein Wort, ein Lächeln Evas erobern.
    Neben der Garderobe, abgetrennt von ihr durch eine falsche Wand mit einem
türlosen Eingang, befand sich ein schmaler Ankleideraum, der ausser den Kostümen
der Tänzerin nur einen grossen Stehspiegel entielt. Mehr beiseite geschoben, als
von eignem Antrieb bestimmt, sah sich Voss unvermerkt in diesem Gemach allein,
und als er es einmal betreten hatte, wuchs seine Kühnheit; er wagte noch ein
paar Schritte.
    
    Er schaute sich um und starrte auf die Gewänder, die da lagen und hingen;
auf die glitzernden Seidenstoffe, die roten, grünen, blauen, weissen und gelben
Tücher und Schleier, auf die duftigen Gewebe aus Gaze, Battist und Tüll. Da war
das durchsichtige Gespinst und der schwere Brokat; da glänzte ein Kleid wie
pures Gold, dort war ein silberdurchwirktes und ein mit Pailletten behängtes;
eins sah aus wie von Rosenblättern gemacht, eines war wie ein Netz aus
Glasfäden, dieses wie weisser Schaum, jenes wie ein violetter Stein. Und da
standen zierliche Schuhe, der Reihe nach; Schuhe aus Maroquin, aus Seide und aus
Bast; da waren Strümpfe in allen Farben, und Bänder und Spitzen und allerlei
antiker Schmuck. Die Luft war von einem Geruch erfüllt, der seine Sinne
aufregte; es roch nach Salben und kostbarem Öl, nach Frauenhaut und Frauenhaar.
Seine Pulse klopften, sein Gesicht wurde grau; mechanisch streckte er den Arm
aus und griff nach einem kunstvoll bemalten spanischen Schal; er zerknüllte ihn
in den Händen, zornig, gierig, fassungslos und grub Mund und Nase hinein, an
allen Gliedern zitternd.
    Da gewahrte ihn Susanne Rappard und deutete befremdet hinein. Eva wurde
aufmerksam, schob Johanna sanft von sich weg, erhob sich und schritt auf die
Schwelle. Als sie den Verzückten, besessen Versunkenen erblickte, war ihr, als
geschähe Unflätiges, und sie stiess einen leisen, kurzen Schrei aus. Amadeus Voss
zuckte, liess das Tuch fallen und schaute sie wild und schuldbewusst an. Mit einem
Ausdruck lachender, unsäglich tiefer Verachtung, einem monatealten Abscheu, hob
Eva die silberne Peitsche und schlug ihn ins Gesicht, das nun jede Spur von
Farbe verlor und sich zu wollüstigem Schrecken verkrampfte.
    In dem bestürzten Schweigen ging Christian auf Eva zu, nahm der Erstaunten
die Peitsche aus der Hand und sagte mit einer Stimme, die sich kaum von der
unterschied, mit welcher er sonst redete: »Das nicht, Eva; das sollst du nicht
tun.« Er hielt die Peitsche an beiden Enden und bog sie so lange, bis das zarte
Metall brach. Dann warf er sie zu Boden.
    Sie sahen einander an. In Evas Zügen loderte noch der Abscheu; nun kam das
Erstaunen über Christians Vermessenheit. Christian dachte: sie ist schön; und er
liebte sie. Er liebte sie in dem schwarzundweissgewürfelten Pierrotkostüm mit den
grossen, schwarzen Samtknöpfen und der Kegelmütze auf den Haaren, von der eine
Quaste leichtsinnig baumelte; er liebte sie, unvergleichlich schien sie ihm, und
sein Blut schrie nach ihr wie in den Nächten, aus denen sie ihn verstossen hatte.
Aber er fragte sich auch: warum ist sie böse geworden? Da fühlte er ein
sonderbares Mitleid, eine sonderbare Befreiung, und er lächelte. Es dünkte
allen, die es beobachteten, ein wenig albern, dieses Lächeln.
    Amadeus Voss las in der Schrift: Was reibt ihr auf mein Volk und zermalmt das
Gesicht der Armen? Weil stolz sind die Töchter Zions und einhergehen mit
hochaufgereckten Hälsen und geschminkten Augen, und mit tändelnden Schritten
daherkommen, und Spangen an ihren Füssen tragen, so wird der Herr den Scheitel
der Töchter Zions kahl machen und entblössen ihre Scham. Und wird allen Schmuck
beseitigen, den Schimmer der Fusskettchen, die kleinen Sonnen und die kleinen
Monde, die Ohrgehänge, Armbänder und die Schleier, den Kopfputz, die Gürtel, die
Riechfläschchen, die Amulette, die Fingerringe, die Oberkleider und Mäntel, die
weiten Gewänder und die Beutel, die Spiegel, Hemden und Kopfbinden. Und statt
Balsamduft wird Modergeruch sein, statt Gürtel Stricke, statt Haargeflecht
Kahlheit, statt eines weiten Mantels ein enger Sack, und statt der Schönheit
Brandnarben. Fallen werden deine Männer durch das Schwert und deine Helden im
Kriege. Wehklagen werden dann und trauern deine Tore, und beraubt wird jene auf
der Erde sitzen.
    Am selben Abend fuhr er nach Berlin.
 
                                       11
Lorm und Judit bewohnten eine prunkvolle Etage im Berliner Tiergartenviertel.
    Edgar Lorm blühte auf. Ordnung und Regel beherrschten sein Leben. Mit
kindlicher Ruhmredigkeit sprach er von seinem Heim. Sein Direktor und Freund,
der Doktor Emanuel Herbst, beglückwünschte ihn zu der Verjüngung, die an ihm
bemerkbar wurde.
    Menschen, die ihm seit langem etwas galten, führte er Judit vor. Sie
äusserte sich über die meisten mit liebloser Schärfe. Ihr Wahnschaffescher
Hochmut verscheuchte Gutmeinende. Aus Bequemlichkeit unterwarf sich Lorm, der
Vielumworbene, ihrem Urteil.
    Nur Emanuel Herbst gab er ihr nicht preis. Als Judit über ihn spottete,
über seinen wackligen Gang, seine Hässlichkeit, seine lächerrlich dünne Stimme,
seine geschmacklosen Kalauer, erwiderte er ernst: »Ich kenne Herbst seit mehr
als zwanzig Jahren. Was dich an ihm stört, ist mir genau so lieb wie die
Eigenschaften, die ich an ihm schätzen gelernt habe und von denen du noch nichts
weisst.«
    »Er ist sicher ein Ausbund von Tugend,« versetzte Judit, »aber er langweilt
mich über die Massen.«
    Lorm sagte: »Man muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass die andern Menschen
nicht immer zu unserm Vergnügen da sind. Du stehst zu einseitig auf dem Luxus-
und Verbrauchsstandpunkt. Es gibt an Männern eine Qualität, die ich höher
anschlage als Schönheit und aristokratische Manieren: das ist Verlässlichkeit.
Die Leute, mit denen man in meinem Beruf zu tun hat, entziehen sich den
bürgerlichen Pflichten, namentlich der Pflicht, ein gegebenes Wort zu halten,
mit einer Ruhe und Frivolität, die einem den Ekel bis an den Hals treibt. Da ist
es mir unendlich wertvoll und ich kann es Herbst nicht genug danken, dass das
Verhältnis zwischen uns ohne den Schatten eines Misstrauens und jedes Ja und Nein
so gültig und unumstösslich ist wie ein geschriebener Vertrag.«
    Judit erkannte, dass sie Herbst gegenüber ihre Taktik ändern musste. Sie
spielte die Liebenswürdige und Bekehrte und warb geschmeidig um Gunst. Der kluge
Doktor Herbst durchschaute sie, liess es sie jedoch nicht merken und behandelte
sie mit ritterlicher Artigkeit, die altmodisch wirkte und hinter der er seine
Vorbehalte verbarg.
    Manchmal sass sie abends in Gesellschaft der beiden Männer und beteiligte
sich an Fachgesprächen über Dichter und Teaterstücke, Komödianten und
Komödiantinnen, Erfolge und Misserfolge. Während sie aufmerksam schien oder eine
Frage einwarf, dachte sie an die Schneiderin, an die Köchin, an die
Wochenrechnung, an das frühere, versunkene, völlig andersgeartete Leben, und
ihre Augen blickten hart.
    Es kam vor, dass sie mit erbitterter Miene durch die Zimmer ging und sich an
allen Dingen feindselig mass. Da hasste sie die vielen Spiegel, deren Lorm
bedurfte, die vorgestern gekauften Teppiche, die prunkvollen Möbel und Gemälde,
die zahllosen Bibelots, Photographien, Schmuckgeräte, Bücher und pietätvoll
bewahrten Erinnerungsstücke.
    Sie hatte nie in Häusern gewohnt, wo Mietsparteien über den Köpfen und unter
den Füssen durch ihr widrig-unbekanntes Dasein störten. Erbittert lauschte sie
den Geräuschen und dünkte sich zu einer Kasernenexistenz erniedrigt.
    Es war nicht ihr Element, jeden Morgen zu warten, bis sich der Herr vom
Lager erhob; zu sorgen, dass beim Frühstück nichts mangelte; beiseite zu stehen,
bis der Barbier, der Masseur, der Chauffeur, der Teaterdiener, die Sekretärin
ihre Weisungen erhalten und abgefertigt waren; wieder zu warten, bis er müde,
verstimmt und ausgehungert von der Probe kam, und ihm beim Essen zuzusehen, das
er lecker und reich zu haben wünschte, und das er hinunterschlang wie einen
Frass; ihm Lärm und Besuch fernzuhalten, wenn er memorierte; von Fremden ans
Telephon gefordert zu werden, Auskünfte zu erteilen, Einladungen abzusagen,
Lästige fortzuschicken, Ungeduldige zu vertrösten. Es war nicht ihr Element,
aber sie bezwang sich, so wie sie sich bezwungen hatte, als man ihr die Nadel
durch den Arm gestochen hatte.
    Emanuel Herbst, scharfer Beobachter und beinahe gelehrter Kenner der
menschlichen Natur, zergliederte für sich im stillen das Verhältnis zwischen den
beiden Gatten. Er sagte sich: Lorm hält ihr nicht, was sie sich von ihm
versprochen hat, so viel ist klar; sie hat geglaubt, ihn schälen zu können, wie
man eine Zwiebel schält, so dass sie beständig etwas Überraschendes und Neues in
die Hand bekam, hinreichend, sie für alles zu entschädigen, was sie aufgegeben
hat. Sie wird bald begreifen, dass ihre Rechnung falsch war; denn Lorm bleibt
derselbe; Lorm bleibt sich selber gleich; ihn kann man nicht schälen. Er trägt
nur Kostüme, er schminkt sich nur. Eben dies Vermögen, leere Gefässe immer wieder
mit schönem Inhalt zu füllen und selbst nichts weiter zu sein als bescheidener
Diener seiner Sache, macht sie ihm zum Vorwurf, und je mehr er in ihren Augen
schuldig wird, je mehr Macht wird sie über ihn gewinnen. Denn er ist müde. Ohne
Zweifel ist er der Bezwungenen müde, der Anbeter und Lobhudler, der Süssigkeiten
und Erleichterungen des täglichen Lebens, und es verlangt den grenzenlos
Verwöhnten, ohne dass er es weiss, nach Ketten und nach einem Wärter.
    Dies Ergebnis seines Nachdenkens erfüllte Emanuel Herbst mit Sorge.
    Judit aber erinnerte sich ihres Traumes. Wie sie bei dem Fisch gelegen,
weil es ihr so gefiel, und wie sie ihn geschlagen, von Wut erfasst über seine
kühlen, feuchten, schlüpfrigen Schuppen, die am Rücken opalisierten.
    Und sie lag bei dem Fisch und schlug ihn, der ihr untertänig und mehr und
mehr zu eigen wurde.
    Ihre beständige Angst war: ich bin arm, verarmt, abhängig und ungesichert.
Der Gedanke quälte sie dermassen, dass sie ihn einmal gegen die Hausdame
aussprach. Erstaunt antwortete diese: »Aber der gnädige Herr gibt Ihnen ja neben
Ihrem Nadelgeld monatlich zweitausend Mark für die Wirtschaft, wie können Sie
sich da solchen Einbildungen überlassen?«
    Judit schaute sie misstrauisch an. Sie war misstrauisch gegen alle Leute, die
sie bezahlte. Wenn sie von Geld redeten, glaubte sie sich schon bestohlen.
    Eines Tages kündigte ihr die Köchin; es war die vierte, seit der Haushalt
bestand. Vom abgezählten Zucker fehlten zwölf Würfel, deren Verbrauch nicht
nachzuweisen war. Es gab einen hässlichen Streit, und Judit bekam Dinge zu
hören, die ihr noch niemand zu sagen gewagt hatte.
    Die Sekretärin verlegte einen Schlüssel. Als er endlich gefunden war,
stürzte Judit zu der Schublade, die er aufschloss, und sah nach, ob von dem
Briefpapier, den Bleistiften und Stahlfedern nichts abhanden gekommen sei.
    Die Hausdame hatte zwanzig Meter Leinwand gekauft. Judit fand den Preis zu
hoch. Sie fuhr selbst in das Geschäft, der Wagen kostete mehr als sie hoffen
konnte zu ersparen, und feilschte mit einem Kommis so lange um Ermässigung, bis
man ihr nachgab. Am Abend erzählte sie Lorm triumphierend davon. Er versäumte
es, sie zu loben; beleidigt stand sie vom Tisch auf, sperrte sich in ihrem
Zimmer ein und legte sich ins Bett. Immer wenn sie Grund zu haben glaubte, ihm
zu zürnen, legte sie sich ins Bett.
    Lorm kam an ihre Türe, pochte leise, bat, sie möge ihm öffnen. Sie liess ihn
eine Weile stehen, damit er Zeit habe, zu bereuen, dann öffnete sie. Sie musste
ihre Heldentat noch einmal erzählen, und er hörte mit reizender Neugier zu; dann
sagte er: »Du bist ein Juwel« und liebkoste ihre Hand und ihre Wange.
    Es konnte aber geschehen, dass sie für Gegenstände, nach denen sie begehrte,
Summen ausgab, die in unsinnigem Missverhältnis zu den mühseligen kleinen
Sparkünsten standen. Sie sah einen Hut, ein Kleid, einen Schmuck in einer
Auslage, konnte sich von dem Anblick nicht mehr losreissen, ging in das Geschäft
und erlegte, ohne zu feilschen, den geforderten Preis.
    Eines Tages besuchte sie eine Auktion und kam gerade dazu, wie eine
Alt-Wiener Konfektschale ausgeboten wurde, eines jener Stücke, die, obwohl
äusserlich unansehnlich, das Entzücken der Sammler sind. Zuerst reizte sie der
Gegenstand gar nicht, dann aber erregten die hohen Gebote ihre Aufmerksamkeit,
und sie begann selbst zu bieten. Sie entflammte sich, bot und überbot und schlug
endlich die Mitbewerber aus dem Feld.
    Erhjetzt kam sie nach Hause und stürmte in Lorms Arbeitszimmer. Emanuel
Herbst befand sich bei Lorm; sie sassen beide am Kamin und pflogen eine
vertrauliche Unterhaltung. Judit übersah Herbsts Anwesenheit; sie blieb dicht
vor Lorm stehen, packte die Porzellanschale aus der Hülle und sagte: »Da sieh
mal, Edgar, was ich Herrliches erwischt habe.«
    Es war schon Abend, Lorm hatte aber noch kein Licht angezündet, denn er
liebte die Dämmerung und liebte, wenn es dunkel wurde, den Schein des
Kaminfeuers, der hier allerdings nur eine grossstädtische Nachahmung von
Holzfeuer war. Beleuchtet von der gesättigt roten, schwimmenden Reflexglut nahm
sich Judit in ihrer Freude und Bewegteit wundervoll aus.
    Lorm griff nach der Schale, betrachtete sie mit höflichem Interesse, drehte
sie um und um, warf die Lippen ein wenig auf und sagte: »Hübsch.« Herbsts
Gesicht, wie der Mond, zeigte zahllose ironische Falten und Fältchen.
    Judit wurde böse. »Hübsch? Siehst du nicht, dass es eine kleine Zauberei
ist, ein süsser Traum? das Pikanteste und Rarste? Die Kenner waren ausser sich.
Weisst du, was es gekostet hat? Achtzehnhundert Mark; dabei waren sechs oder
sieben wütende Konkurrenten hinter mir her. Hübsch!« Sie lachte hart. »Gib mirs
wieder, du fasst es ja so roh an.«
    »Beruhige dich, mein Schatz, es ist ja wirklich eine subtile Sache,«
erwiderte Lorm sanft.
    Aber Judit war gekränkt, mehr durch Herbsts stummen Spott als durch Lorms
Unverständnis. Sie warf den Kopf zurück, rauschte aus dem Zimmer und knallte die
Türe hinter sich zu. Im Zorn waren ihre Manieren manchmal ein bisschen
gewöhnlich.
    Die Männer schwiegen eine Weile. Dann sagte Lorm, betreten und mit
entschuldigendem Lächeln: »Süsser Traum ... achtzehnhundert Mark ... na ja.
Kindisches Geschöpf.«
    Emanuel Herbst scheuerte mit der Zunge den Raum zwischen Lippen und Zähnen,
was ihm Ähnlichkeit mit einem steinalten Säugling verlieh. Er sagte: »Du
solltest ihr gelegentlich klarmachen, dass achtzehnhundert Mark
eintausendachtundertmal eine Mark sind.«
    »Sie kommt nicht so weit, denn sie fängt mit den Pfennigen an,« antwortete
Lorm. »Ein Mensch, der beständig auf dem Meer gelebt hat und plötzlich auf einen
kleinen Binnensee versetzt wird, findet sich in den Massen und Entfernungen
schwer zurecht. Es sind wunderliche Wesen, die Frauen.« Er seufzte lächelnd.
»Direktor, ein Schnäpschen?«
    Doktor Herbst wiegte sorgenvoll den Cäsarenkopf. »Warum denn wunderlich? Sie
sind so oder so, und man muss sie so oder so behandeln. Man darf sich nicht über
das Material täuschen, das man in der Hand hat. Zum Exempel: ein Hufeisen ist
kein Birkenholz; obschon es aussieht wie ein Bogen, kannst du es nicht biegen,
mit aller Kraft nicht. Bindest du eine Sehne dran, so bleibt sie schlaff, und
der Pfeil schnellt nicht ab. Na, schenk ein das Schnäpschen.«
    »Dafür macht man aus einem Hufeisen unter Umständen den besten
Damaszenerstahl,« gab Lorm heiter zurück und schenkte ein.
    »Bravo. Gut repliziert. Geschmeidig wie Kardinal Richelieu. Dein Wohl.«
    »Machst du mich zu Richelieu, so ernenn ich dich zu meinem Pater Joseph.
Famose Rolle übrigens. Dein Wohl, graue Eminenz.«
 
                                       12
Crammon und Johanna Schöntag wollten zu Hagenbeck nach Stellingen fahren, und
Crammon bat Christian um das Auto. Sie stiegen gerade in den Wagen, als
Christian aus dem Hotel trat. »Warum kommst du nicht mit?« fragte Crammon. »Hast
du was Besseres vor? Komm doch mit, es ist lustiger zu dreien.«
    Christian wollte ablehnen, da bemerkte er Johannas dringlich auffordernden
Blick. Sie konnte viel Wunsch in ihre Augen legen, hinüberziehenden Wunsch, und
man wurde widerstandslos. Er sagte: »Gut, ich fahre mit,« und setzte sich neben
Johanna. Aber er blieb den ganzen Weg schweigsam.
    Es war ein sonniger Oktobertag.
    Sie wanderten durch den Park, und Johanna machte drollige Bemerkungen über
die Tiere. Bei einem Seehund blieb sie stehen und rief: »Er sieht aus wie der
Direktor Livholm. Nein?« Mit einem Waschbären sprach sie wie mit einem geringen
Mann aus dem Volk und warf ihm Zuckerstücke hin. Die Kamele erklärte sie für
unglaubwürdig; sie verstellten sich nur, weil sie in den Naturgeschichtsbüchern
so beschrieben seien. »Beinah so hässlich, wie ich selber,« fügte sie hinzu; und
mit einem Verziehen des Mundes: »Aber nützlicher; wenigstens hab ich in der
Schule gelernt, dass ihr Magen eine Wassersparkasse ist. Wunderbar, was es alles
gibt auf der Welt.«
    Weshalb spricht sie stets verächtlich von sich? dachte Christian. Sie beugte
den Nacken über eine Steinbrüstung, und da rührte ihn dieser Nacken. Er erschien
ihm wie ein Gefäss von armen und verletzten Dingen.
    Crammon sagte: »Mit Tieren ist es eine eigne Sache. Die Gelehrten behaupten,
sie hätten eine Menge Instinkt. Was ist aber Instinkt? Ich finde sie meistens
grenzenlos dumm. Auf dem Gutshof, wo ich meine Kindheit verbrachte, hatten wir
ein Ross, ein dickes, blödes, lammfrohes Ross. Es hatte nur ein einziges Laster:
es war sehr kitzlich. Bei strenger Strafe war uns, mir und meinen
Spielgefährten, verboten worden, es zu kitzeln. Der Erfolg war natürlich, dass
uns beständig der Kitzel quälte, es zu kitzeln. Wir waren fünf, ich und vier aus
der Nachbarschaft, fünf Kerle nicht höher als die Tischbeine. Jeder verschafte
sich ein Filzhütchen, und darauf befestigte er eine Hahnenfeder. Und als das Ross
glotzend vor dem Stall stand, gingen wir hin, einer hinterm andern, und
marschierten mit unsern Federn auf dem Kopf unter dem Bauch des dummen Viehs
durch. Die Federn kitzelten es aber so schrecklich, dass es mit allen Vieren
ausschlug und einen förmlichen Negertanz verübte. Noch heute ist es mir ein
Rätsel, dass wir mit heiler Haut davon gekommen sind; aber es war nett, es war
erbaulich, und vom sogenannten Instinkt war weit und breit nichts zu merken.«
    Sie gingen ins Affenhaus. Viele Leute standen um eine kleine Tribüne, auf
der ein zierliches junges Äffchen unter der Leitung eines Wärters seine
Kunststücke zeigte. »Affen sind mir ein Greuel,« sagte Crammon; »sie belästigen
meine Erinnerung. Ich soll mich ihnen verwandt fühlen, die Wissenschaft fordert
es, aber man hat ja schliesslich seinen Stolz. Nein, ich erkenne sie nicht an,
diese teuflischen Atavismen.« Er kehrte um und verliess den Raum, um draussen zu
warten.
    Johanna, bei Christian allein, übertrieb in ihrer Schüchternheit eine
Wallung von Mut; sie zog ihn am Arm vor die Tribüne des Äffchens. Sie war
berückt, ihre Freude war kindlich. »Wie lieb, wie süss, wie arm!« rief sie aus.
Christian schlug eine Wärme entgegen, der er sich hingab, weil er ihrer
bedurfte, und die brüchige Stimme des Mädchens erregte in ihm Sinnlichkeit und
Angst. Sie stand dicht an seiner Seite; er spürte ihr Erbeben, diese ihm so
wohlbekannte Wirkung einer in ihm verborgenen erotischen Macht, und was sonst in
ihm drängte, wurde stumm.
    Er nahm ihre Hand in seine; sie widerstrebte nicht, ihre Züge spannten sich
schmerzlich.
    Da geschah es, dass das Äffchen in seinen possierlichen Sprüngen stutzte und
den lichtlosen Tierblick erschrocken auf die Zuschauer heftete. Eine scheue
Wahrnehmung hatte ihm Furcht eingeflösst; es war wie Denken und Sichbesinnen. Als
es die vielen Gesichter erblickte, schien sich das Nebelhafte des Bildes in
seinem Auge zu Umrissen zu klären; es sah vielleicht eine Sekunde lang die Welt
und den Menschen, und damit verband sich ein ungeheuerliches Entsetzen. Es
zitterte am Leibe, wie wenn es geschüttelt würde; es stiess einen gellenden Pfiff
aus, der Jammer und Grauen entielt; es flüchtete, und als der Wärter nach ihm
griff, sprang es vom Podium und suchte mit verkrampften Bewegungen ein Versteck;
seine Augen glitzerten von Tränen, die Zähne klapperten, und trotz des
bestialischen Gepräges dieser Äusserungen waren sie zugleich so menschlich und
seelenhaft, dass nur wenige Unempfindliche zu lachen wagten.
    Christian wehte etwas an von einer fremden Sphäre, von Erde, Wald und
Einsamkeit. Seine Brust weitete sich und zog sich dann zusammen. »Gehen wir,«
sagte er, und seine eigne Stimme klang ihm nicht angenehm.
    Johanna lauschte zu ihm empor. Alles in ihr war Lauschen, Spannung,
Unterwerfung.
 
                                       13
Randolph von Stettner war angekommen. Er hatte noch einige Tage vor sich bis zur
Abfahrt des Schiffes und wollte nach Lübeck, um von einer dort verheirateten
Schwester Abschied zu nehmen. Christian zögerte, zu versprechen, dass ihn
Stettner bei seiner Rückkehr noch in Hamburg finden würde; erst nach langem
Drängen des Freundes sagte er es zu.
    Sie assen am Abend in Christians Zimmer und unterhielten sich über
Verhältnisse in der Heimat, über gemeinsame Erinnerungen. Christian, einsilbig
wie immer, wunderte sich im stillen, wie fern das alles war.
    Als der Kellner abgedeckt hatte, erzählte Stettner, was ihn zu dem Entschluss
getrieben, über den Ozean zu gehen. Während er sprach, schaute er mit dem
gleichen Blick und Ausdruck fortwährend auf das Tischtuch.
    »Es ist mir in den letzten Jahren eng geworden in des Königs Rock; du weisst
es. Ausser den gemessen voneinander liegenden Stationen des Avancements sah ich
kein Ziel. Es gibt welche, die setzen ihre Hoffnung auf Krieg. Schliesslich,
Krieg: da könnte man sich bewähren und erweisen. Aber wer wird darauf warten?
Andre nützen ihre Beziehungen aus; andre angeln nach einer vorteilhaften Heirat;
andre verlieren sich im Sport und im Jeu. Für mich waren das keine Ziele. Der
Dienst befriedigte mich in keiner Weise. Ich erschien mir im Grunde als ein
Müssiggänger, der anspruchsvoll auf fremde Kosten lebt.
    Sieh mal: Man steht auf dem Kasernenhof; es regnet; der Sand glänzt feucht;
die paar armseligen Bäume triefen; die Mannschaft wartet auf das Kommando mit
der Wachsamkeit dressierter Hunde; das Wasser läuft von ihren Monturen herunter,
der Wachtmeister brüllt, die Unteroffiziere knirschen vor Eifer und Wut; du aber
denkst beständig, mit der Eintönigkeit, mit der die Regentropfen auf deine Mütze
fallen: was wird heute abend sein? Was wird morgen früh sein? Was wird morgen
abend sein? Das Jahr liegt vor dir wie eine aufgeweichte Landstrasse. Du denkst
an deine öde Stube mit den drei Dutzend Büchern, den nichtssagenden Bildern an
den Wänden und dem Teppich, der von Fusstritten abgeschürft ist; du denkst an den
Rapport und an die Kantinenrechnung und an die Stallinspektion und an den
nächsten Offiziersball, wo du mit den namenlos prätenziösen Frauen der
Vorgesetzten tödlich langweilige Konversation wirst machen müssen; denkst es im
Kreis herum, immer dasselbe Nichtige, Unfrohe, Graue, Regnerische; ist das zu
ertragen?
    Ich legte mir eines Tages die Frage vor: was leistest du eigentlich und was
wird dir dafür gewährt? Die Antwort war: die Leistung ist, von einem
menschlichen und geistigen Gesichtspunkt aus betrachtet, gleich null. Gewährt
wurde mir dafür ein Privileg, vielmehr eine Summe von Privilegien, die zusammen
eine hohe soziale Rangstufe ausmachten, allerdings um den Preis des vollkommenen
Verzichts auf Persönlichkeit. Ich hatte nach oben hin zu gehorchen, nach unten
hin zu befehlen, weiter nichts. dabei war die Befehlsmacht bedingt durch die
Gehorsamspflicht. Jeder, ob er nun über oder unter mir stand, hatte dieselbe
Aufgabe: nach oben zu gehorchen, nach unten zu befehlen. Man war einfach ein
Schaltapparat in einer komplizierten Leitung. Nur die Untersten, die grosse Masse
hatte ausschliesslich zu gehorchen; die Verantwortungen nach oben hin verloren
sich irgendwo ins Ungewisse. Das Gebäude der militärischen Organisation hat ja
trotz seiner Primitivität letzten Endes eine sehr geheimnisvolle Struktur;
zwischen der Willkür einzelner und der unbegreiflichen, erschütternden
Unterwerfung der Masse bewegen sich die Glieder nach ehernem Gesetz, und wer da
versagt oder sich auflehnt, wird zermalmt.
    Viele behaupten, dass dieser Zwang sittliche Wirkungen ausübe und zu einem
höheren Grad von Freiheit erziehe. Ich selbst war lange der Ansicht. Ich konnte
sie auf die Dauer nicht aufrechtalten. Ich fühlte das Versagen kommen, die
Auflehnung gärte mir im Blut. Ich nahm mich zusammen; ich bekämpfte Zweifel und
Kritik in mir; es war umsonst. Es ging nicht mehr. Die Sicherheit im Befehlen
schwand, und gleichzeitig fiel mir der Gehorsam schwer. Ein quälender Zustand.
Ich sah über mir lauter unerbittliche Götzen und unter mir lauter wehrlose
Opfer. Ich selbst war Götze und Opfer in einem, unerbittlich und wehrlos
zugleich. Wo mein Pflichten- und Tätigkeitskreis begann, hörte die Menschheit
auf, so schien es mir. Mein Leben erschien mir nicht als ein Teil des
allgemeinen Lebens, sondern als eine durch die Formeln Befehl und Gehorsam
bewirkte fossile Versteinerung.
    Das konnte natürlich nicht verborgen bleiben. Die Kameraden rückten von mir
ab. Ich wurde beobachtet, und man misstraute mir. Ehe ich Zeit gewann, die Dinge
zu reinlichem Austrag zu bringen, kam mir ein Ereignis zu Hilfe, das mir die
Entscheidung abzwang. Ein Regimentskamerad, Rittmeister von Otto, war mit der
Tochter eines Gerichtspräsidenten verlobt. Die Hochzeit, die schon festgesetzt
war, konnte nicht stattfinden; er musste wegen einer leichten Erkrankung der
Lunge Urlaub nehmen und ging nach dem Süden, um sich auszuheilen. Etwa vier
Wochen nach seiner Abreise war Kaisergeburtstagfeier, und unter den geladenen
Damen befand sich auch die Braut des Rittmeisters. Alle waren an diesem Abend in
ziemlich ausgelassener Stimmung; besonders übermütig war aber ein lieber Freund
von mir, Georg Mattershausen, der eben an dem Tag zum Oberleutnant befördert
worden war, ein harmloser, frischer, freundlicher Mensch. Die Braut des
Rittmeisters, die seine Tischnachbarin gewesen war, hatte sich von seiner
Lustigkeit mitreissen lassen, und auf dem nächtlichen Heimweg, während er kurze
Zeit mit ihr allein war, bat er sie um einen Kuss. Sie schlug ihm die Bitte ab,
da wollte er sie mit Gewalt küssen. Nun begegnete sie seiner Zudringlichkeit mit
Ernst, er kam zur Vernunft, bat herzlich um Verzeihung, und noch vor der Tür des
elterlichen Hauses versprach das Mädchen feierlich, mit keinem Menschen über das
Vorgefallene zu sprechen. Als aber ihr Verlobter zurückgekehrt war, siebzehn
Wochen später, wurde sie von Gewissensbissen geplagt, und sie glaubte ihm
bekennen zu müssen, was sich zwischen ihr und Mattershausen begeben. Die Folge
davon war eine Forderung. Die Bedingungen waren ausserordentlich schwer: zehn
Schritt Distanz, gezogene Pistolen, eine halbe Minute Zielzeit, abwechselndes
Schiessen bis zur Kampfunfähigkeit eines der Gegner. Ich war Mattershausens
Sekundant. Von Otto, der Beleidigte und Fordernde, hatte den ersten Schuss; er
zielte sorgfältig nach dem Kopf des Gegners, ich sah es. Die Kugel ging am Ohr
vorbei. Als Mattershausen schoss, versagte die Waffe. Der Versager gilt als
Schuss, es wurden neue Pistolen genommen, von Otto zielte wieder mit grosser
Genauigkeit, diesmal nach der Mitte des Körpers, und nun traf er Mattershausen
ins Herz. Der Tod trat sofort ein.
    Findest du die Strafe für eine Unbesonnenheit und ein jugendliches
Überschäumen nicht ein wenig hart? Ich fand sie ungewöhnlich hart. Ich fand, dass
an dem jungen Menschen ein Verbrechen begangen worden war. Die Kaste, die
fossile Kaste hatte einen Mord verlangt. Es war zwei Tage nachher, im Kasino,
als ich diese meine Meinung unverhohlen äusserte. Man war befremdet. Es wurde
schroff repliziert. Man fragte: Hätten Sie denn in einem solchen Fall nicht
gefordert? Ich antwortete: Ich glaube nicht, dass ich gefordert hätte, bestimmt
nicht; nun und nimmer könne ich einen Ehrbegriff guteissen, der in krankhafter
Übersteigerung ein Menschenleben wegen einer Bagatelle vernichtet; wenn sich
schon das junge Mädchen bemüssigt gesehen habe, ihr allzu zartes Gewissen zu
erleichtern und die gelobte Verschwiegenheit zu brechen, hätte ich weiter kein
Wesens daraus gemacht und das Geschehene geschehen und vergessen sein lassen.
Darüber war man empört; ich sah Kopfschütteln, unwillige Mienen, ratlose
Gesichter, bedeutsames Blickewechseln. Aber ich war einmal im Zug;
Mattershausens schmähliches Ende war mir verdammt nahgegangen, ich wollte mir
den Groll von der Seele reden. Wäre ich an Mattershausens Stelle gewesen, fuhr
ich fort, ich hätte es ruhig abgelehnt, mich zu schlagen, was auch immer die
Folgen gewesen wären. Das Wort fiel wie ein Keulenschlag, und es entstand ein
peinliches Schweigen. Ich glaube, Sie hätten sich doch eines Bessern besonnen,
lenkte der rangälteste Major ein, ich glaube nicht, dass Sie alle Folgen auf sich
genommen hätten. Gewiss, alle Folgen, beharrte ich. Da erhob sich Rittmeister von
Otto, der am Nebentisch sass, und fragte frostig: Auch das Odium der Feigheit?
Ich erhob mich ebenfalls und antwortete: Unter diesen Umständen
selbstverständlich auch das Odium der Feigheit. Rittmeister von Otto lächelte
verzerrt und sagte mit einer Betonung, die nicht zu missdeuten war: Dann begreife
ich nicht, dass Sie sich mit Offizieren Seiner Majestät an denselben Tisch
setzen. Sprachs, grüsste steif und ging hinaus.
    Damit waren die Würfel gefallen. Man war nicht neugierig, was ich tun würde,
man zweifelte gar nicht daran, dass mir nur eines zu tun übrigblieb. Aber ich war
entschlossen, bis zum logischen Ende zu gehen. Der Befehlsgötze, diesmal
Ehrenkodex genannt, hatte sein Diktum erlassen; ich war entschlossen, ihm den
Gehorsam zu verweigern und die Folgen auf mich zu nehmen. Als ich am Abend nach
Hause kam, warteten schon zwei Kameraden auf mich, um mir ihren Beistand
anzubieten. Ich lehnte höflich ab. Sie schauten mich an, als wäre ich verrückt
geworden, und entfernten sich mit etwas lächerlicher Eile.
    Es kam dann, was kommen musste. Dass ich in derselben Luft nicht länger atmen
konnte, nach all dem, wirst du verstehen. Man schlägt nicht ungestraft den
gültigen Anschauungen ins Gesicht. Ich hatte mich vor Schimpf zu wahren und
erfuhr, was Ächtung ist. Ächtung ist etwas sehr Schlimmes, und man hat selten
Phantasie genug, sie sich vorher in ihrer ganzen Abscheulichkeit auszumalen. Ich
sah, dass in meinem Vaterland kein Platz mehr für mich war. Der Ausweg ergab sich
von selbst.«
    Christian hatte den Bericht mit unbewegter Miene angehört. Er stand auf,
ging ein paarmal durch das Zimmer, setzte sich dann wieder und sagte: »Mich
dünkt, du hast das Richtige getan. Es ist schade, dass du von uns weggehst, aber
es ist das Richtige.«
    Stettner blickte empor. Wie sonderbar das klang: das Richtige. Eine Frage
schwebte ihm auf den Lippen, aber sie verbot sich; der Ausdruck in Christians
Gesicht wurde plötzlich konventionell; er fürchtete die Frage und sperrte sich
zu.
 
                                       14
Christian, die beiden Brüder Maelbeck, die aus Holland mitgereist waren, Boto
von Tüngen, ein russischer Staatsrat namens Koch und Crammon sassen beim
Mittagessen im Speisesaal.
    Das Gespräch drehte sich um einen an einer Prostituierten verübten Mord. Den
Täter hatte die Polizei bereits dingfest gemacht. Es war ein Mann, der einst der
guten Gesellschaft angehört hatte, aber nach und nach verkommen war. In einer
Matrosenherberge hatte er das Mädchen erdrosselt und beraubt.
    Nun hatten alle Prostituierten der Stadt einhellig beschlossen, der ihrem
Beruf zum Opfer gefallenen Kollegin im Angesicht der Welt die letzte Ehre zu
erweisen und ihrem Sarg zum Grab zu folgen. Darin erblickten die anständigen
Bürger eine Herausforderung; es wurde Einspruch erhoben, aber die Behörde hatte
keinen Rechtstitel, gegen die Veranstaltung einzuschreiten.
    »Man müsste sichs ansehen,« sagte Crammon, »ein solches Schauspiel ist ein
Verdauungsschläfchen wert.«
    »Dann wäre keine Zeit zu verlieren,« bemerkte der ältere Maelbeck und
schaute auf die Uhr; »punkt drei versammeln sich die Leidtragenden vor dem
Trauerhaus.« Er lächelte; die Worte Leidtragende und Trauerhaus sollten witzig
klingen.
    Christian erklärte, mitgehen zu wollen; das Auto brachte sie an einen
Strassenzugang, der durch Polizei abgesperrt war. Sie verliessen den Wagen, Herr
von Tüngen verhandelte mit dem Polizeioffizier, und sie durften passieren.
    Eine dichte Menschenmenge umgab sie alsbald, Matrosen, Fischer, Arbeiter,
Zuhälter, Weiber und Kinder, lauter geringes Volk. In den Häusern waren die
Fenster Kopf bei Kopf besetzt. Die Maelbecks und Staatsrat Koch blieben stehen
und riefen Tüngen, der sich zu ihnen gesellte. Christian ging weiter. Ihr
Verhalten berührte ihn aus irgendeinem Grunde nicht angenehm. Die Art der
Neugier, von der er sie erfüllt wusste, war ihm plötzlich nicht angenehm. Auch er
empfand Neugier, aber sie war nicht von derselben Beschaffenheit, so schien es
ihm wenigstens.
    Crammon blieb an seiner Seite. Das Gewühl wurde beängstigend. »Wohin gehst
du denn?« fragte Crammon mürrisch; »es hat ja keinen Zweck, weiterzugehen; lass
uns einfach warten.«
    Christian schüttelte den Kopf.
    »Genug. Hier wird Posten gefasst. Hier stehe ich,« entschied Crammon und
trennte sich von Christian.
    Christian schob sich bis in die Nähe des alten, schmutzigen Hauses, vor
dessen Toreinfahrt der Leichenwagen stand. Es war ein nebliger Tag; der schwarze
Wagen wirkte wie ein Loch im Grau der Luft. Er wollte noch ein paar Schritte
weiter gehen, aber mehrere Burschen verhinderten ihn durch absichtliche
Unbeweglichkeit daran. Sie drehten die Köpfe und musterten ihn. Sie witterten
seine Welt. Ihre Kleidung war von frecher und billiger Eleganz; Blick und Miene
machten ihr Gewerbe erkennbar. Einer war von riesenhaftem Wuchs. Er überragte
Christian noch um Stirnhöhe; seine Brauen waren zusammengewachsen. Am
Zeigefinger der linken Hand trug er einen Siegelring mit einem Karneol.
    Uneingeschüchtert sah sich Christian um. Er sah Hunderte von Mädchen,
Aberhunderte; alle Altersklassen zwischen sechzehn und fünfzig; alle Abstufungen
zwischen Frische und Fäulnis, alle Grade zwischen Luxus und Elend.
    Es waren die gekommen, die auf bewegter Bahn den Zenit überschritten hatten,
und die, die noch am Anfang standen, kaum den Kinderschuhen entwachsen,
leichtsinnig, sanguinisch, gefallsüchtig und schon mit allem Schlamm der
Grossstadt vertraut. Sie waren da von allen Strassen, allen Nationen, allen
Gesellschaftsklassen; aus umfriedeter Jugend und aus verlorener; aus tieferer
Verworfenheit gestiegen, aus der Höhe gestürzt; solche, die sich als Parias
fühlten, mit dem Hass des Parias in den Mienen, und andere, die einen gewissen
Standesstolz zur Schau trugen und sich absonderten; die ausgehaltene Kokotte,
das Mädchen mit dem behördlichen Schein, die von ihrer Gefängnisluft gebleichte
Bordellbewohnerin, die aufgetakelte Kasernierte und Nachtwandrerin, die kranke,
vertierte Vettel, die unsichere Novize mit Überbleibseln von Selbstbesinnung und
Erinnerung an Reinheit und Harmlosigkeit.
    Er sah sorgenvolle Gesichter und zynische, liebliche und verrohte,
gleichgültige und verstörte, gierige und sanfte, gepflegte und verwahrloste,
bemalte und fahle, die seltsam nackt wirkten.
    Er kannte sie aus vielen Gassen und Häusern vieler Städte, wie jeder Mann
sie kennt. Er kannte den Typus, die Prägung, die eingelernte Gebärde und den
Blick, diesen harten, starren, stumpfen, saugenden, taglosen Blick. Aber er
hatte sie nie anders gesehen, als ihrem Zweck überliefert, hinter den Gittern
des Berufs, verstellt, einzeln und einzeln ausgelöscht, unter dem Fluch des
Geschlechts. Sie von all dem abgeschnitten vor sich zu haben, viele Hunderte,
sie ohne den Reiz und Anhauch trüber Sexualität als Menschen zu erblicken, das
riss ihm eine Wolke von den Augen weg.
    Er dachte: ich muss noch Auftrag geben, das Jagdhaus zu verkaufen und die
Rüden.
    Der Sarg wurde aus dem Hause getragen. Er war hoch bedeckt mit Blumen und
Kränzen. Goldbedruckte Schleifen flatterten herab. Christian spürte Neugier, zu
lesen, was auf den Schleifen stand, aber es war nicht möglich. Der Sarg hatte
kleine, gedrechselte, versilberte Füsse, die Tiertatzen ähnlich sahen; jedoch war
durch irgendeinen Zufall einer abgebrochen. Das berührte Christian als etwas
entsetzlich Armseliges, er wusste selbst nicht, weshalb. Hinter dem Sarg schritt
ein altes Weib, das eher ärgerlich und verdrossen als bekümmert aussah. An ihrem
schwarzen Kleid war unter der Achsel die Naht gerissen. Auch dies war
entsetzlich armselig.
    Der Leichenwagen setzte sich in Bewegung, sechs Männer mit brennenden Kerzen
voraus. Das Geplauder und Stimmengewirr verstummt. Die Dirnen, in Reihen sich
ordnend, folgten dem Wagen. Christian blieb stehen, an die Mauer gedrückt und
liess alle vorbeiziehen. Nach einer Viertelstunde war die Strasse verödet. Die
Fenster in den Häusern schlossen sich. Er stand ganz allein in der Strasse, im
Nebel.
    Als er weiterging, dachte er: ich habe meinem Vater die Ringsammlung in
Verwahrung gegeben; es sind über viertausend Ringe, seltene und kostbare Stücke;
auch sie könnte man verkaufen. Wozu brauch ich sie, dachte er; ich brauche sie
nicht, ich will sie verkaufen.
    Er ging und ging, und ohne dass es ihm recht zu Bewusstsein kam, verfloss
Stunde auf Stunde. Es wurde Abend, die Lichter glommen irisierend aus dem Nebel.
Alles war feucht, sogar die Handschuhe, die er trug.
    Er dachte an den fehlenden Silberfuss am Sarg der ermordeten Dirne und an das
alte Weib mit der gesprungenen Naht unter der Achsel.
    Er schritt über eine der grossen Elbbrücken und ging dann am Ufer entlang.
Die Gegend war einsam. Unter einem Gaskandelaber blieb er stehen, schaute eine
Weile ins Wasser, zog dann die Brieftasche heraus, entnahm ihr einen
Hundertmarkschein und betrachtete ihn aufmerksam. Er betrachtete ihn bald von
der einen, bald von der andern Seite, schüttelte ein wenig den Kopf und warf ihn
mit einer Gebärde des Ekels ins Wasser. Er nahm einen zweiten und machte es
ebenso. Es waren zweiundzwanzig Hundertmarkscheine in den Fächern des
Portefeuilles. Er nahm einen nach dem andern heraus und liess sie, mit einem
Ausdruck von Ekel und Zerstreuteit mehr aus den Händen gleiten als dass er sie
warf.
    Er sah sie, von den Lichtern des Gaskandelabers eine Strecke weit
beleuchtet, auf dem schwärzlichen Wasser davonschwimmen.
    Er lächelte und ging weiter.
 
                                       15
Als er ins Hotel kam, verspürte er ein heftiges Bedürfnis nach Wärme. Er betrat
nacheinander den Lesesaal, den Konversationssaal, den Speisesaal; trotzdem in
allen Räumen ziemlich stark geheizt war, genügte ihm die Wärme nicht. Er gab der
Feuchtigkeit schuld, in der er so lange gewandert war.
    Er fuhr mit dem Lift in das Stockwerk, wo seine Zimmer lagen. Er wechselte
den Anzug, hüllte sich in eine Decke und setzte sich dicht vor den Heizapparat,
in welchem der Dampf zischte und wie ein gefangenes Tier an den Ventilen lärmte.
    Es wurde ihm noch immer nicht warm. Da merkte er endlich, dass das Frösteln
nicht von der Feuchtigkeit und vom Nebel herrührte, sondern eine innere Ursache
hatte.
    Gegen elf Uhr erhob er sich und ging in den Korridor. Die stuckverkleideten
Wände des Flurs waren in grosse Felder mit goldenen Randleisten abgeteilt; den
Boden entlang lief ein Teppich, der aus Stücken zusammengefügt war und die
Schritte dämpfte. Christian empfand Abneigung gegen die auf Täuschung berechnete
Scheinpracht. Er näherte sich der Mauer, befühlte prüfend eine der Goldleisten
und zuckte geringschätzig die Achseln.
    Auf dem Teppich blinkte ein Schlüsselchen, von dem der Bart abgebrochen war.
Er bückte sich, hob es auf und steckte es in die Tasche.
    Am Ende des langen Korridors lagen Evas Gemächer. Ein paarmal war er schon
an den Türen vorübergegangen; als er jetzt wieder hinkam, hörte er die Töne
eines Klaviers. Es wurden nur einzelne Tasten leise angeschlagen. Nach kurzem
Besinnen öffnete er die Doppeltüre, klopfte und trat ein.
    Susanne Rappard war allein im Zimmer. Sie sass im Pelz am Klavier. Auf dem
Notenständer lag ein Buch, in dem sie las; ihre Finger huschten dabei
gespenstisch rasch über die Tasten und schlugen nur bisweilen, wie aus Versehen,
eine an. Sie wandte den Kopf und fragte unwirsch: »Was wünschen Sie, Monsieur?«
    Christian antwortete: »Ich möchte Madame sprechen, wenn es noch möglich ist.
Ich möchte sie etwas fragen.«
    »Jetzt? in der Nacht?« wunderte sich Susanne. »Wir sind müde. Wir sind jeden
Abend müde in diesem hyperboräischen Klima, wo man die Sonne nur vom Hörensagen
kennt. Der Nebel greift uns an. Gott sei Dank, in vier Tagen haben wir unsre
dritte und letzte Vorstellung, dann verlassen wir das Graue und begeben uns
wieder ins Blaue. Gott sei Dank. Wir sehnen uns nach Paris.«
    »Ich wäre sehr froh, wenn ich Madame noch sehen könnte,« sagte Christian.
    Susanne schüttelte den Kopf. »Sie haben eine merkwürdige Geduld, Monsieur,«
entgegnete sie boshaft. »Ich hätte nicht vermutet, dass Sie so romantisch
veranlagt sind. Sie fahren schlecht mit dem, was Sie tun; glauben Sie mir, denn
ich weiss es. Übrigens können Sie es ja versuchen. Gehen Sie hinein. Ce petit
laideron est chez elle, demoiselle Schöntag. Sie versieht das Hofnarrenamt und
findet alles in der Welt komisch, sogar sich selbst. Auch das wird ja bald ein
Ende haben.«
    Man hörte Stimmen und helles Lachen. Die Tür zu Evas Gemächern ging auf, und
Eva und Johanna traten auf die Schwelle. Eva trug ein einfaches, weisses Gewand
ohne andern Schmuck als einen grossen Chrysopras, mit dem es auf der linken
Schulter befestigt war. Ihre Haut leuchtete wie Bernstein, die Bewegung der
Nasenflügel verriet geheime Reizbarkeit. Die schöne Frau und die hässliche
nebeneinander: jede weiblich wissend, die eine, dass sie schön, die andre, dass
sie hässlich war; die eine blutendstes, gefährlichstes, umwittertstes Leben,
Bewusstsein, Adel, Freiheit; die andere Anbetung, sehnsüchtiges Emporlangen nach
diesem Leben und dieser Freiheit.
    Johanna hatte den Arm um Eva gelegt, zart und behutsam. Sie bog den Kopf,
bis ihre Wange Evas blosse Schulter berührte und sagte mit ihrem bizarren
Lächeln: »Wie gut, wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss'.«
    Sie hatten Christian noch nicht bemerkt; erst eine Gebärde Susannes machte
sie aufmerksam. Christian stand im Schatten an der Tür. Johanna erblasste, ein
scheuer Blick ging von Eva zu Christian; sie liess den Arm von Eva, beugte sich
rasch, küsste Evas Hand, flüsterte ein »Gutenacht« und ging, an Christian
vorüber, hinaus.
    Obwohl Christians Augen gesenkt waren, hielt er Evas Erscheinung umfasst. Er
sah die Füsse, die er einst nackt in seinen Händen gehalten, er sah hinter dem
dünnen Stoff die wundervollen festen Brüste, er sah die Arme, die sich um ihn
geschlungen, die vollendet schönen Hände, deren Liebkosungen er erfahren, von
deren Feinheit und Glätte alles, was an ihm Haut und Leib war, noch wusste; er
sah sie da vor sich, ganz nah, hoffnungslos unerreichbar, und es war letzte
Lockung, letzter Verzicht.
    »Monsieur hat ein Anliegen,« sagte Susanne Rappard spöttisch und stand auf,
um zu gehen.
    »Bleib nur,« befahl Eva und hatte für Christian einen Blick wie für einen
Lakaien.
    »Ich wollte dich fragen,« begann Christian leise, »was der Name Eidolon
bedeutet, mit dem du mich früher gerufen hast. Ich komme damit ein wenig spät,
es ist albern, ich weiss es,« er lächelte verlegen, »aber es quält mich, sooft
ich darüber nachdenke, und ich hatte mir vorgenommen, dich um Aufklärung zu
bitten.«
    Susanne lachte heimlich im Winkel, denn die Frage klang in ihrer Verspätung
und grundlosen Dringlichkeit in der Tat recht einfältig. Auch Eva schien
ergötzt, verbarg es aber; sie blickte ihre Hände an und antwortete: »Es ist
schwer zu sagen, was es bedeutet. Ein Ding, das man opfert, oder einen Gott, dem
man opfert, ein schöner, heiterer Genius. Eines von beiden, vielleicht auch
beides zugleich. Wozu daran erinnern? Es gibt keinen Eidolon mehr. Er ist mir
zerschlagen worden, und man soll mir nicht die Scherben zeigen. Scherben sind
hässlich.«
    Sie schauderte ein wenig, ihr Blick funkelte, und sie wandte sich zu
Susanne. »Lass mich morgen schlafen, bis ich von selbst erwache,« sagte sie. »Ich
träume jetzt so schlecht in der Nacht, erst frühmorgens finde ich Ruhe.«
 
                                       16
Als Christian wieder über den Korridor ging, fiel sein Blick auf eine Gestalt,
die unbeweglich im Halbdunkel stand. Er erkannte Johanna, und er sah, es musste
so sein, dass sie hier stand und auf ihn wartete.
    Sie schaute ihn nicht an; sie schaute zu Boden. Erst da er vor sie hintrat,
hob sie die Augen, blickte aber schüchtern an ihm vorbei. Ihre Lippen zuckten.
Ein Warum war es, das darauf zuckte. Sie war unterrichtet von allem, was
zwischen Christian und Eva vorgefallen war. Dass die beiden einmal zueinander
gehört hatten, war ein entusiastischer Gedanke für sie; was jetzt sich
abspielte, eben noch war sie fliehende Zeugin gewesen, dünkte ihr schimpflich,
und sie begriff es nicht.
    Phantasievoll und sensitiv, liebte sie die Stolzen und litt, wenn Stolz und
Würde fielen. An einem idealisierten Begriff von Vornehmheit hing ihr ganzes
Herz; missverstand sie ihn zugunsten äusserlicher Formen und Moden, so litt sie
doppelt durch diesen Zwiespalt, dem sie nicht gewachsen war, und der sie der
Frivolität überlieferte.
    »Es ist spät,« flüsterte sie scheu; es war keine Aussage, es war ein
Rettungsversuch. Drei Signale gab es, die sie aufhorchen gemacht hatten,
jedesmal, wenn von Christian die Rede gewesen war: der Elegante, der Hochmütige,
der Eroberer aller Herzen. Das rief, das rührte auf; das war eine Vereinigung
von Vorzügen, um die Tage eines Jahres mit Begierden zu füllen.
    Sie war Crammon ins Abenteuer gefolgt, obgleich sie schon eine Stunde,
nachdem sie ihn kennengelernt, von ihm gesagt hatte: »Er ist ein Gebirge von
Komik.« Sie war ihm gefolgt wie eine Sklavin, die sich auf den Sklavenmarkt
führen lässt, in der Hoffnung, das Auge des Khalifen auf sich zu ziehen.
    Aber sie glaubte an keine Kraft in sich. Sie zerstückte ihre Leidenschaften
in kleine Gelüste, freiwillig und mit Fleiss; und litt wieder; und lachte über
sich. Zum Raub fehlte der Mut; Naschhaftigkeit ersetzte den Schwung des
Geniessens. Und sie mokierte sich über ihre verunglückte Natur; und litt.
    Da stand er nun vor ihr. Sie erschrak und wunderte sich, trotzdem sie ihm
aufgelauert hatte. Sie wollte ihn verwegen finden, weil er nicht wich; da es
nicht gelang, wurde sie sich gleich Auswurf. »Es ist spät,« flüsterte sie,
nickte ihm grüssend zu und öffnete die Tür ihres Zimmers.
    Christian bat stumm, mit einer Miene, die unwiderstehlich war. Er schritt
hinter der Zitternden über die Schwelle. Ihr Gesicht wurde hart, aber sie konnte
nicht Komödie spielen. In ihren Augen war fliessende Hingebung, bevor noch das
Blut davon wusste. Die Blässe, die ihr Gesicht überstrahlte, liess es in einer
neuen Anmut schwimmen. Nichts Hässliches war mehr darin; die stürmische
Erwartung, genommen zu werden, straffte die gebrochenen Linien und sammelte die
sonst unharmonisch verstreuten Teile von Weichheit, Sanftmut und Zärtlichkeit.
    Ihrer sinnlichen Wirkung war sie ziemlich sicher; sie hatte das Fluidum an
manchen erprobt, denen man Halbes gab, um Halbes zu empfangen. Man hatte sich
irgendwie betäuben müssen und hatte mit falschem Geld bezahlt, ohne den Ernst
der Forderungen anzuerkennen: ein stillschweigendes Übereinkommen innerhalb
ihrer Gesellschaftsschicht. Hier bewährte sich die Übung nicht mehr. Nichts war
lässlich, alles streng; der Nacht, die ihr entgegentrat, ergab sie sich, ohne an
Zukunft und Verantwortung zu denken.
 
                                       17
Stephan Gunderam musste nach Montevideo reisen. Es gab dort einen deutschen Arzt,
dem eine geschickte Behandlung nervöser Zustände nachgerühmt wurde. Der
stiernackige Riese litt an Schlaflosigkeit und nächtlichen Wahnbildern. Ausserdem
fand in Montevideo eine Regatta statt, und er hatte schon grosse Summen beim
Totalisateur gesetzt.
    Er ernannte Demetrios und Esmeralda zu Aufsichtspersonen über Lätizia. Er
sagte zu ihnen: »Wenn der Frau etwas passiert, oder wenn sie sich Ungehöriges
zuschulden kommen lässt, schlag ich euch die Knochen im Leib entzwei.« Demetrios
grinste, Esmeralda verlangte eine Schachtel langues de chat als Mitbringsel und
Belohnung.
    Der Abschied zwischen den Gatten war rührend. Stephan biss Lätizia ins
Ohrläppchen und sagte dumpf: »Bleib mir treu.«
    Alsbald ging Lätizia daran, ihre Wächter mild zu stimmen. Sie schenkte
Demetrios hundert Pesos und Esmeralda ein goldnes Armband. Sie stand in geheimem
Briefwechsel mit dem Schiffsleutnant Friedrich Pestel; ein Indianerknabe, dessen
Verschwiegenheit und Willfährigkeit sie sicher sein durfte, war der Bote. In
acht Tagen sollte Pestels Schiff nach Kapstadt auslaufen, also war nicht mehr
viel Zeit zu verlieren; erst im nächsten Winter, im Mai, glaubte er wieder in
Argentinien sein zu können. Lätizia liebte ihn sehr.
    Zwei Meilen von der Estanzia entfernt, lag mitten in den Pampas eine
Sternwarte. Ein reicher Viehzüchter, ein Deutscher, hatte sie erbaut, und ein
deutscher Professor hauste dann mit zwei Assistenten und beobachtete Nacht für
Nacht das Firmament. Lätizia hatte schon oft den Wunsch geäussert, die Sternwarte
zu besuchen; Stephan hatte es ihr stets verweigert. Jetzt wollte sie es tun und
Friedrich Pestel dort treffen. Sie sehnte sich nach einer Aussprache mit ihm.
    Die Sternwarte als Zufluchtsort für Liebende: es war eine Vorstellung für
Lätizia, die sie beglückte und jedem Wagnis geneigt machte. Tag und Stunde
wurden verabredet, die Umstände begünstigten sie; Riccardo und Paolo waren auf
die Jagd geritten, Demetrios war von seinem Vater auf eine nördlich gelegene
Farm geschickt worden, die Alten schliefen; nur Esmeralda musste noch getäuscht
werden. Zum Glück hatte sie Kopfschmerz, und es gelang Lätizia, sie zu
überreden, dass sie sich zu Bett begab. Die Dämmerung war nahe, da zog Lätizia
ein helles, duftiges Kleid an, in welchem sie auch reiten konnte; trotz ihrer
Schwangerschaft trug sie kein Bedenken dagegen; dann verliess sie, scheinbar
harmlos wandelnd, die Estanzia und ging zur Palmenallee, wo der Indianerknabe,
der sie begleiten sollte, mit zwei Ponnies auf sie wartete.
    Es war schön, in die unendliche Ebene hinauszureiten. Im Westen stand noch
rötlicher Dunst, in dem, zart wie Ahnung, Umrisse einer Hügelkette schwammen.
Die Erde litt unter Trockenheit; es hatte lange nicht geregnet, und überall
zeigten sich Risse und Sprünge. Hunderte von Barreras, Heuschreckenfallen, waren
in den Feldern aufgestellt, und die zwei bis drei Meter breiten Gruben daneben
waren voll von den Insekten.
    Als sie zur Sternwarte kamen, war es dunkel geworden. Das Gebäude glich
einem orientalischen Betaus. Auf einem länglichen Ziegelunterbau erhob sich
eine mächtige Kuppel aus Eisenkonstruktion, deren oberer Teil um eine bewegliche
Achse rotieren konnte. Die Fensterläden waren geschlossen, und man sah nirgends
Licht. Friedrich Pestel stand am Tor; sein Reittier hatte er an einen Pfahl
gebunden. Er berichtete, dass der Professor und die beiden Assistenten seit einer
Woche abwesend seien; sie könnten aber in das Observatorium hinauf; der
Pförtner, ein alter, fieberkranker Mulatte, den er aus dem Schlaf geklopft, habe
ihm die Schlüssel gegeben.
    Der Indianerknabe zündete die Laterne an, die am Sattelzeug seines Ponnies
hing, Pestel nahm sie und ging Lätizia voran, erst durch einen öden Steinflur,
dann über eine Holzstiege, dann über eine eiserne Wendeltreppe. »Das Glück ist
uns hold,« sagte er; »nächste Woche ist eine Sonnenfinsternis; es kommen
Astronomen aus Europa in Buenos-Aires an, und der Professor ist mit seinen
Assistenten hinübergefahren, sie zu empfangen.«
    Lätizias Herz schlug erregt. In dem hochgewölbten Observatorium verlor sich
das Licht der Laterne kraftlos. Das grosse Teleskop warf einen furchteinflössenden
Schatten; die Zirkel, Winkel und Messinstrumente auf dem langen Tisch und der
photographische Apparat auf dem Stativ sahen aus wie Tiergerippe; die Karten an
den Wänden, mit mysteriösen Zeichen und Linien bedeckt, liessen an Zauberkünste
denken. Der ganze Raum gemahnte an die Höhle eines Zauberers.
    Ein kindlich neugieriges und befriedigtes Lächeln wich nicht von Lätizias
Lippen. Einer solchen Stunde bedurfte ihre verschmachtete Phantasie. Sie vergass
Stephan und seine Eifersucht, die ewig streitenden Brüder, den bösen Alten, die
zänkische Donna Barbara, die tückische Esmeralda, das Haus, in dem sie
gefangengehalten wurde, sie vergass es völlig, und es gab nur noch diesen Raum
mit den Zaubergeräten, diesen Abend, das trübe Flämmchen in der Laterne, und den
reizenden jungen Mann, der sie bald küssen würde. Sie hoffte es wenigstens.
    Aber Pestel war verlegen. Er trat an das Teleskop, schraubte die blitzende
Messingkapsel ab und sagte: »Wir wollen die Sterne anschauen.« Er schaute
hinein, dann forderte er Lätizia auf, hineinzuschauen. Lätizia sah milchigen
Qualm und aufzuckendes, hüpfendes Feuer. »Sind das die Sterne?« fragte sie mit
koketter Melancholie in der Stimme.
    Da erzählte Pestel von den Sternen. Sie hörte mit strahlenden Augen zu,
obwohl es sie nicht im geringsten interessierte, zu wissen, wieviel Millionen
Meilen der Sirius oder der Aldebaran von der Erde entfernt waren und was es mit
dem geheimnisvollen Kohlensack des südlichen Himmels für eine Bewandtnis hatte.
    »Ach,« hauchte sie bloss. Nachsicht und träumerische Skepsis lagen in dem
Ach.
    Der Schiffsleutnant, von Kosmos und Unendlichkeit sich abwendend, sprach von
sich, von seinem Leben, von Lätizia, von dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht,
und dass er nur an sie denke, Tag und Nacht nur an sie.
    Lätizia blieb mäuschenstill, um ihn nicht aus der Bahn zu bringen und die
süsse Spannung, die in ihr war, nicht zu stören.
    Als gewissenhafter Charakter, der er war, hatte Pestel seinen Zukunftsplan
bereits entworfen. Wenn er in sechs Monaten wiederkehrte, sollten der Scheidung
und neuen Ehe die Wege geebnet werden. An Flucht denke er nur für den äussersten
Notfall.
    Er sagte, er sei arm; ein kleines Kapital bloss sei für ihn in Stuttgart
deponiert. Er war ein Schwabe. Er war treuherzig und genau.
    »Ach,« hauchte Lätizia wieder, halb erstaunt, halb betrübt. »Es macht
nichts,« sagte sie entschlossen, »ich bin reich. Ich habe einen grossen Wald.
Meine Tante, die Gräfin Brainitz, hat ihn mir als Heiratsgut geschenkt.«
    »Einen Wald? Wo denn?« fragte Pestel lächelnd.
    »In Deutschland. Bei Heiligenkreuz in der Rhön. Er ist so gross wie eine
Stadt, und wenn man ihn verkauft, kann man viel Geld dafür bekommen. Ich bin nie
dort gewesen, aber jemand hat mir erzählt, dass ein riesiges Erzlager in ihm
verborgen sei. Man müsste es finden und ausbeuten, dann wäre man noch viel
reicher, als wenn man den Wald verkaufte.« Dies war eine Phantasie Lätizias,
Ausgeburt eines wünschenden Traums, der in ihr Festigkeit und Gestalt gewonnen
hatte, seit sie hier in Argentinien Leibeigene war. Sie log nicht; sie wusste
selbst nicht mehr, dass sie es erfunden hatte; sie wünschte, und damit war
Wirklichkeit entstanden.
    »Es wäre ein unfassliches Glück,« antwortete Friedrich Pestel nachdenklich.
    Die Worte rührten Lätizia. Sie begann zu schluchzen und warf sich ihm an die
Brust. Ihr junges Leben dünkte ihr hart; sie sah es hässlich und von Gefahren
umstellt. Nichts von dem, was sie erwartet, war in Erfüllung gegangen; es waren
Seifenblasen gewesen, die im Wind zerplatzten. Ihre Tränen kamen aus der
Erkenntnis davon und aus der Angst vor den Menschen und vor dem Schicksal. Sie
sehnte sich nach starken Armen, die ihr Schutz und Sicherheit boten.
    Pestel umfing sie erschüttert und wagte einen Kuss auf ihre Stirn. Sie
schluchzte noch heftiger, da küsste er sie auf den Mund. Sie lächelte. Er wolle
sie bis an seinen Tod lieben, stammelte er; niemals sei ihm eine Frau wie sie
begegnet, nie habe er Ähnliches empfunden.
    Sie gestand ihm, dass sie von dem Mann, an den sie unliebend gekettet war,
guter Hoffnung sei. Pestel drückte sie innig an seine Brust und sagte: »Das Kind
ist Blut von deinem Blut und ich will es wie mein eignes ansehen.«
    Die Zeit drängte zum Aufbruch. Sich bei den Händen haltend, gingen sie die
Treppen hinunter. Mit dem Versprechen, einander täglich zu schreiben, schieden
sie.
    Ich will mit ihm auf ein Schiff gehn und fliehen, wenn er von Afrika
zurückkehrt, beschloss Lätizia, als sie durch die kühle Pampasnacht langsam der
Estanzia zuritt; alles andere ist hässlich und langweilig. Wär es nur bald, wär
nur alles schon vorüber, dachte sie mit Sorge und Herzweh. Und die Neugier regte
sich in ihr, wie sich Pestel benehmen, wie er der Schwierigkeiten und
Hindernisse Herr werden würde. Sie glaubte an ihn und begann schon zarte und
verführerische Bilder der Zukunft zu malen.
    In der Estanzia hatte man sie vermisst, und Leute waren ausgeschickt worden,
sie zu suchen. Auf Umwegen schlich sie ins Haus und in ihr Zimmer und kam dann
mit unschuldiger Miene zum Vorschein.
 
                                       18
Stettner war zurückgekehrt; das Schiff, mit dem er fuhr, sollte am selben Abend
die Anker lichten. Er hatte noch einige Geschäfte in der Stadt zu besorgen;
Christian und Crammon warteten auf ihn, um ihm das Abschiedsgeleit zu geben.
    Crammon sagte: »Ein Husarenrittmeister, der mir plötzlich in Jackett und
Stehkragen entgegentritt - ich kann mir nicht helfen, es hat etwas
Verzweifeltes. Es macht mir ein Gefühl, als müsst ich ihm immerfort mein Beileid
ausdrücken. Schliesslich ist es doch Deklassierung. Ich liebe nicht
Deklassierung. Die Unterschiede der Stände sind eine gottgewollte Institution;
wer sich daran vergreift, leidet Schaden an seiner Seele. Einen Beruf schmeisst
man nicht fort wie einen faulen Apfel. Es sind heikle Dinge; der gemeine
Verstand setzt sich darüber hinweg, der höhere behandelt sie mit Ehrfurcht. Was
sucht er denn bei den Yankees, was kann ihm da Gutes blühen?«
    »Er ist seiner Neigung nach Chemiker und hat viel in dem Fach studiert; das
wird ihm helfen,« antwortete Christian.
    »Bah, danach fragen die Yankees nicht. Man stellt ihn irgendwohin, wo tags
zuvor einer an Auszehrung krepiert ist, und wenn er da nicht klein beigibt, wird
er langsam gevierteilt oder gerädert. Mit dem Stolz in der Mannesbrust ist's
vorüber. Es ist ein Land für Diebe, Kellner und Renegaten. Musste es denn sein,
musste es so weit kommen?«
    »Ich glaube, ja,« entgegnete Christian.
    Eine Stunde später waren sie mit Stettner am Hafen. Es wurde noch Ladung und
Gepäck verstaut, und sie wanderten, Stettner zwischen Christian und Crammon, in
einer schmalen Gasse auf und ab, die aus Baumwollballen, Kisten, Fässern und
Körben gebildet war. Von den hohen Masten gossen die Bogenlampen übermässiges
Licht; Lärm von Karren, Kranen, Motoren, Glocken, Ausrufern und Bootsführern
durchtoste den Nebel. Der Asphalt war nass; einen Himmel gab es nicht.
    »Vergesst mich nicht ganz, ihr im alten Lande hier,« sagte Stettner. Es
entstand ein Schweigen.
    »Ich weiss nicht, obs uns fürder so wohl bleiben wird im alten Lande,« begann
Crammon, der jetzt manchmal pessimistische Anwandlungen und Gesichte hatte;
»bislang ists uns ja leidlich gut ergangen. Küche und Keller waren wohlbestellt,
wir hatten nicht zu klagen; auch für die höheren Bedürfnisse war gesorgt. Aber
die Zeiten werden schlechter, und täusch ich mich nicht, so zieht sich allerlei
politisches Gewölk am Horizont zusammen. Sich mit guter Miene aus dem Staub zu
machen, ist daher kein so übler Gedanke von Ihnen, mein lieber Stettner, und ich
hoffe nur, dass Sie sich da drüben einen Sitzplatz sichern, von dem aus Sie das
Schauspiel unsres Debakle in aller Ruhe geniessen können. Und wenn die Wellen
ganz hoch gehen, dann denken Sie auch unser und lassen Sie eine Messe für uns
lesen, d.h. für mich, denn dieser da ist ja ausgestossen aus dem Schoss der
heiligen Kirche.«
    Stettner lächelte zu diesen Reden, wurde jedoch gleich wieder ernst. »Ja,
mir scheint, man ist hier ziemlich in der Mausefalle,« erwiderte er. »Ich fühl
mich Deutscher wie noch nie, gerade jetzt, wo ich gehe, wahrscheinlich für immer
gehe. Aber es ist etwas Schmerzliches um das Gefühl; mir ist, als sollt ich von
einem zum andern laufen und warnen. Wovor warnen, warum warnen, das kann ich
nicht sagen.«
    Crammon versetzte gewichtig: »Meine alte Aglaia schrieb mir neulich, sie
habe eine ganze Nacht lang von schwarzen Katzen geträumt. Sie ist ein tiefes
Wesen, ein prophetisches Gemüt, und so ein Traum von ihr bedeutet Schlimmes. Es
ist denkbar, dass ich in ein Kloster gehe, es liegt im Bereich der Möglichkeiten.
Lache nicht, Christian, lache nicht, darling, du kennst mich noch nicht.«
    Es war Christian gar nicht eingefallen, zu lachen.
    Stettner blieb stehen und reichte beiden die Hand. »Leben Sie wohl,
Crammon,« sagte er herzlich, »Dank für das Geleit. Leb wohl, Christian, leb
wohl.« Er drückte Christians Hand fest und lange, dann riss er sich los, eilte
gegen die Schiffsbrücke und verlor sich im Gewühl.
    »Ein netter Kerl,« murmelte Crammon, »schade um den netten Kerl.«
    Als sie zum Auto kamen, sagte Christian: »Ich möchte noch ein wenig gehen,
zu Fuss ins Hotel zurück oder wohin immer. Gehst du mit, Bernhard?«
    Crammon antwortete: »Wenn dus wünschest, bon; um mitzugehen bin ich da.«
    Christian schickte den Wagen weg. Es war ihm eigentümlich zumute; er hatte
die Empfindung, dass ein Schicksal auf ihn warte.
    »Ariels Tage hier sind nun gezählt,« sagte Crammon. »Mich meinerseits ruft
die Pflicht. Ich will bei meinen beiden Damen nach dem Rechten schauen; dann muss
ich zu Franz Lotar in die Steiermark; Auerhahn, du weisst; dann hab ich dem
jungen Sinsheim versprochen, nach Sankt Moritz zu kommen. Und du? Was sind deine
Pläne?«
    Ein gewaltiges Monument erhob sich vor ihnen. »Der Herr von Bismarck,« sagte
Crammon anerkennend. »Ich möchte nicht das ganze Jahr versteinert dastehen und
fürchterliche Musterung halten. Also, was planst du, Herzchen?«
    »Ich fahre morgen oder übermorgen nach Berlin.«
    »Nach Berlin? Was suchst du denn um Gottes willen in Berlin?«
    »Ich will arbeiten.«
    Crammon blieb stehen, machte den Mund auf und vergass ihn wieder zu
schliessen. »Arbeiten?« keuchte er fassungslos und war mit zwei Sprüngen wieder
an Christians Seite. »Arbeiten? Was denn, wie denn, du Unglückseliger?«
    »Ich will Vorlesungen an der Universität hören. Ich will es mit der Medizin
versuchen.«
    Crammon schüttelte entsetzt den Kopf. »Arbeiten ... Vorlesungen ... Medizin
... heilige Gnade! du hörst es, Ewiger! Als ob nicht genug Schweiss in der Welt
wäre, nicht genug Stümperei, nicht genug Afterweisheit, nicht genug Streberei
und Handlangerei. Das kann doch dein Ernst nicht sein.«
    »Du übertreibst, Bernhard, wie immer,« antwortete Christian lächelnd. »Lass
doch das Jammern. Es ist ja etwas Einfaches und Selbstverständliches, was ich
tue. Auch probier ich's ja nur mal erst; ich weiss ja noch gar nicht, ob ichs
können werde. Aber probieren muss ichs, daran kannst du nichts ändern.«
    Crammon erhob die Hand mit gestrecktem Zeigefinger und sagte feierlich
düster: »Du wandelst einen schlimmen Pfad, Christian, glaube mir, einen
verderblichen Pfad. Mir ahnt Grässliches, schon lange, lange schon. Der Schlaf
meiner Nächte ist bitter geworden deinetwegen; der Gram nagt an mir, meine Ruh
ist hin. Wie soll ich im Schneegebirge den Auerhahn schiessen, wenn ich dich bei
den Pharisäern weiss? Wie soll ich ein Rakett schwingen und einen Angelhaken
schleudern, wenn mein innres Auge dich über schmierige Folianten gebeugt und an
brestaften Leibern herumstochern sieht? Mir wird kein Wein mehr heiter im Glase
perlen, mir wird kein Mädchen mehr freundlich blicken, mir wird keine süsse Birne
mehr schmecken.«
    »Doch, doch, Bernhard,« lachte Christian. »Ich hoffe sogar, dass du manchmal
zu mir kommen wirst, um dich zu überzeugen, dass du mich nicht ganz zu verwerfen
brauchst.«
    Crammon seufzte. »Ich muss wohl,« erwiderte er, »muss wohl kommen, und das
bald, sonst wird der böse Geist übermächtig in dir, und das verhüte Gott.«
 
                                       19
Johanna erzählte Eva, der vergötterten Freundin, von ihrem Leben. Für Eva war es
unerwarteter Ausblick in die graue Niederung der Bourgeoisie. Abstossend klang
der Bericht, doch war es Reiz, der Verschmachtenden, der Fliehenden Asyl zu
gewähren.
    Auch sie selbst erschien sich bisweilen wie eine Fliehende. Aber sie hatte
ihre Bollwerke. Die Zeit wehte sie kalt an, und wenn ihr vor den geschäftigen
Marionetten graute, deren Drähte sie zog, fühlte sie sich härter werden. Sie
betrachtete es wie eine Ruhepause im Rasen ihres Schicksals, als sie dem
ergebenen Mädchen Freundschaft schenkte.
    Sie duzten einander. Susanne Rappard murrte. Sie machte die Augen auf, und
Eifersucht entwickelte Gaben einer Spionin. Sie begann zu merken, was zwischen
Christian und Johanna im Werke war.
    Bei der Mittagstafel hatte es lustiges Gelächter gegegeben. Johanna hatte
eine Anzahl wollener Zipfelmützen gekauft, hatte sie sorgfältig in weisses Papier
gepackt, hatte witzige Verschen darauf geschrieben und jedem von Evas Trabanten
ein solches Päckchen zum Besteck gelegt. Niemand war der Urheberin gram. Bei
aller Spottsucht und Querköpfigkeit war ihr etwas Liebliches eigen, das rasch
versöhnte.
    »Wie übermütig du heute bist, Rumpelstilzchen,« sagte Eva. Auch sie bediente
sich des Necknamens. Das Wort, nicht ganz leicht bezwungen, klang entzückend aus
ihrem Mund.
    »Übermut kommt vor den Tränen,« antwortete Johanna, sich abergläubischer
Befürchtung so ungehemmt überlassend wie bisher dem Scherz.
    Ein reicher Schiffsreeder hatte Eva eingeladen, seine Gemäldesammlung zu
besichtigen. Er wohnte vor der Stadt. Sie fuhr im Auto mit Johanna hin.
    Arm in Arm standen sie vor den Bildern. Da war etwas Geläutertes um beide.
Johanna liebte dies ebensosehr, wie wenn sie Gedichte miteinander lasen, Wange
an Wange fast. In entselbsteter Anbetung ausgelöscht, vergass sie, was hinter ihr
lag, das ängstliche, klebende, streberische Dasein der Börsianerfamilie; was vor
ihr lag, Druck und Zwang, gewiesener, unfroher Weg.
    Jede Bewegung offenbarte Schmelz des Gefühls und Zärtlichkeit.
    Auf der Rückfahrt war sie blass. »Dir ist kalt,« sagte Eva und umhüllte sie
mit einem Schal.
    Johanna ergriff dankbar Evas Hand. »So ists gut, so sollte es immer sein.
Ich brauche jemand, der mirs sagt, wenn mir warm oder kalt ist.«
    Dieser melancholische Witz berührte Eva tief. »Was duckst du dich so?« rief
sie, »warum verkriechst du dich? warum wendest du die Augen von dir und wagst
nicht, dich zu freuen?«
    Johanna antwortete: »Weisst du nicht, dass ich eine Jüdin bin?«
    »Nun?« gab Eva verwundert zurück; »ausserordentliche Menschen, die ich kenne,
sind Juden. Die stolzesten, feurigsten, weisesten.«
    Johanna schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Im Mittelalter mussten die Juden
gelbe Flecke auf den Kleidern tragen. Ich trage den gelben Fleck in der Seele.«
    Eva kleidete sich für die Teestunde um, und Susanne Rappard half ihr. »Was
gibt es Neues bei uns, Susanne?« fragte Eva und löste die Spangen aus ihrem
Haar.
    Susanne Rappard antwortete: »Das Gute ist nicht neu, das Neue nicht gut.
Dein hässliches Hofnärrchen hat ein Liebesverständnis mit Monsieur Wahnschaffe.
Sie treiben es ziemlich geheim, aber man tuschelt bereits. Ich begreife nur ihn
nicht. Er ist schnell genügsam geworden. Ich habs ja immer gesagt, es fehlt ihm
an Geist, es fehlt ihm an Herz; nun sieht man, dass ihm auch die Augen fehlen.«
    Eva war dunkel errötet. Jetzt wurde sie bleich. »Das ist Lüge,« sagte sie.
    Trocken versetzte Susanne: »Es ist die Wahrheit. Frag sie selbst. Ich glaube
nicht, dass sie leugnen wird.«
    Kurz darauf schlüpfte Johanna ins Zimmer. Sie trug ein einfaches, schwarzes
Samtkleid, das ihre Gestalt reizend machte. Eva sass noch vor dem Spiegel.
Susanne frisierte sie; sie hatte ein Buch in der Hand, las darin und schaute
nicht empor.
    Auf einem Sessel neben dem Toilettentisch lag eine geöffnete
Schmuckkassette. Johanna stand davor, blickte lächelnd hinein und entnahm ihr
zaghaft eine schön geschnittene Kamee, die sie sich spielend an die Brust
steckte; dann ein Edelsteindiadem, das sie entzückt betrachtete und auf ihrem
Haar befestigte; dann ein paar Ringe, die sie einen um den andern über ihre
Finger schob; dann ein goldenes, mit Perlen besetztes Armband, das sie auf dem
Ärmel anbrachte. So geschmückt, trat sie, halb mutlos, halb selbstverspottend
lächelnd, vor Eva hin.
    Eva kehrte langsam die Augen vom Buch ab, sah Johanna an und fragte: »Ist es
wahr?« Und nach einigen Sekunden leiser, mit grösser aufgeschlagenen Augen noch
einmal: »Ist es wahr?«
    Johanna stutzte, verlor die Farbe aus den Wangen, ahnte, wusste, begann zu
zittern.
    Da erhob sich Eva, ging dicht zu ihr hin, löste die Agraffe von des Mädchens
Brust, das Diadem aus dem Haar, zog die Ringe von den Fingern, das Armband vom
Arm und legte alles in die Kassette zurück. Danach setzte sie sich wieder hin,
nahm das Buch wieder zur Hand und sagte: »Mach fertig, Susanne, ich will noch
ein wenig ruhen.«
    Johanna stockte der Atem. Sie sah aus wie eine Geschlagene. Eine zarte Blüte
des Herzens war für immer geknickt; ihr Hinwelken hauchte Miasmen aus. Fast
ohnmächtig verliess sie das Zimmer.
    Wie zur Besiegelung eines beendeten Lebensabschnittes und Drohung schwereren
Unheils empfing sie zwei Stunden später eine Depesche ihrer Mutter, die sie in
dringlichster Form, mit dem Hinweis auf eine geschehene Katastrophe, nach Hause
rief. Fräulein Grabmeier packte sogleich die Koffer. Der Zug ging um fünf Uhr
morgens.
    Von Mitternacht an sass Johanna in Christians Zimmer und wartete auf ihn. Sie
hatte das Licht nicht angezündet und sass in der Dunkelheit am Tisch, den Kopf
auf die Hand gestützt, regungslos und mit starrem Blick.
 
                                       20
In ihren Gesprächen waren Christian und Crammon immer tiefer in die Gassen des
Hafenviertels gelangt. »Lass uns umkehren und einen Ausweg suchen,« riet Crammon,
»hier ist nicht gut sein. Es ist eine verdammte Gegend, will mich dünken.«
    Er sah sich spähend um, auch Christian sah sich um. Als sie ein paar
Schritte weitergegangen waren, sahen sie einen Mann bäuchlings auf dem Pflaster
liegen. Er machte krampfhafte Bewegungen, krächzte lästerliche Flüche und ballte
die Faust gegen eine rotverhängte, beleuchtete Glastür, zu welcher von der Gasse
ein paar Stufen hinunterführten.
    Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein zweiter Mensch flog heraus; eine
Schachtel, ein Regenschirm und ein steifer Hut wurden ihm nachgeworfen. Er
stolperte mit um sich greifenden Armen über die Stufen herauf, stürzte neben den
ersten hin und blieb mit stieren Augen sitzen.
    Christian und Crammon schauten durch die offene Tür in die Kaschemme. In
dunstigem Halblicht hockten zwanzig bis dreissig Menschen beieinander. Das
eintönige Greinen eines Weibes war hörbar, bald in schrillen, bald in dumpfen
Tönen.
    Die Glastür wurde zugeknallt.
    »Ich will mal sehen, was da vorgeht,« sagte Christian und stieg die Stufen
hinunter. Crammon konnte nur noch einen erschrockenen Warnruf ausstossen; nach
kurzem Zögern folgte er. Eine Fuselwolke schlug ihm entgegen, als er hinter
Christian in den unterirdischen Raum trat.
    An Tischen und auf dem Boden kauerten Männer und Weiber; in jeder Ecke lagen
einige im Knäuel, schlafend oder betrunken. Die auf die Ankömmlinge gerichteten
Augen blinkten gläsern. Die Gesichter hatten Ähnlichkeit mit Lehmklumpen. Der
Raum mit den schmutzigen Tischen, Gläsern, Flaschen hatte ein Kolorit von
Scharlach und Gelb. Zwei handfeste Kerle standen am Ausschank.
    Das Weib, dessen Greinen bis auf die Strasse gedrungen war, sass mit
blutüberströmtem Gesicht auf einer Wandbank und gab immerfort die flennenden,
viehisch monotonen Laute von sich. Vor ihr stand mit gegrätschten Beinen, anders
konnte er sich nicht aufrecht halten, der riesige Mensch, den Christian beim
Leichenbegängnis der Dirne gesehen hatte, der mit den zusammengewachsenen Brauen
und dem Karneol am Zeigefinger. »Et jibt wat aus der Armenkasse, wart nur,«
schrie er heiser, im plattesten Berliner Jargon, »dir wer'k uf'n Drab bringen.
Krist eens ufs Hauptjebäude. Denn kannste dein Kopp in Mond suchen.«
    Auf der Schwelle einer offenen Tür im Hintergrund stand ein beleibter Mann
mit zahllosen Anhängseln auf der karierten Weste. Eine dicke Zigarre starrte ihm
aus gelben Zähnen; er schaute dem Vorgang mit überlegener Ruhe zu. Es war der
Besitzer des Lokals. Als er die beiden Fremden erblickte, zog er die Stirn in
die Höhe. Er hielt sie zuerst für Detektivs und eilte auf sie zu. Dann sah er,
dass er sich getäuscht hatte, und wunderte sich. »Kommen Sie in mein Bureau,
meine Herren,« sagte er mit einer feisten Stimme und ohne die Zigarre aus dem
Munde zu tun, »kommen Sie nach hinten, ich setze Ihnen einen guten Tropfen vor.«
Er zog Christian am Arm nach sich. Ein Weib mit einem gelben Kopftuch richtete
sich vom Boden auf, streckte Christian die Hände flehend hin und bat um einen
Groschen. Christian fuhr zurück wie vor Gewürm.
    Ein Alter wollte den mit dem Karneol verhindern, das blutüberströmte
Frauenzimmer weiter zu misshandeln. Er nannte ihn Meseckekarl, schmeichelnd und
furchtsam. Aber Meseckekarl hieb ihm die Faust unters Kinn, dass er röchelnd
wankte. Da murrten einige, doch keiner wagte sich gegen den Goliat. »Er will
Pinke von ihr,« raunte der Besitzer Christian zu, »sie soll noch mal auf die
Gasse und Lemlem bringen. Man kann da vorläufig nichts machen.«
    Er packte mit der andern Hand auch Crammon am Ärmel und zog beide durch die
Tür in einen finstern Flur. »Die Herren wollen sich wohl in meinem Lokal
interessieren?« forschte er unruhig. Er klinkte eine Tür auf und zwang sie
einzutreten. Der Raum, in den sie kamen, zeigte einen geschmacklosen Luxus von
Plüschmöbeln, Sofas, Sesseln, goldgerahmten Bildern und Portieren. Er hatte etwa
fünf Meter im Geviert; alles stand dicht beieinander wie in einem Magazin;
gekreuzte Schwerter hingen über einem Bukett aus Pfauenfedern, darüber eine
violette Studentenmütze. Zwischen zwei Fenstern stand ein Schreibtisch mit
geneigten Pulten, von Geschäftsbüchern bedeckt; an einem Pult schrieb ein
schattenhaft magerer Mensch, wachsgelb im Gesicht. Er erschrak, als der Wirt ins
Zimmer trat und beugte sich eifriger über seine Arbeit.
    »Ich muss die Herren in Verwahrsam halten,« sagte der Wirt, »es könnte sonst
'n Malheur passieren. Wenn sich die Kanallje draussen beruhigt hat, können Sie ja
unser Museum genauer in Augenschein nehmen. Sind wohl zugereist, die Herren?« Er
langte auf ein Regal und holte eine Flasche herunter. »Dreiundneunziger Kognak,«
fistelte er, »edelste Marke; die Herren müssen kosten. Ich liefere per Flasche
und im Dutzend. 'n ochsig guter Tropfen. Kosten die Herren doch.«
    Crammon schaute Christian an, dessen Gesicht ohne Regung von Unruhe war. Er
ging mit düsterer Stirn an den Tisch und nippte geistesabwesend von dem
Kognakglas, das der Wirt eingeschenkt hatte. Kognak war immerhin eine Zuflucht.
    Indessen drang von draussen entsetzlicher Lärm herein. »Mir scheint, es gibt
Senge,« sagte der Wirt, lauschte einen Moment und verschwand dann. Der Lärm
schwoll an, aber plötzlich wurde es wieder still. Da sagte der Schreiber, ohne
sein wachsgelbes Gesicht vom Pult zu heben: »Kein Mensch kann das aushalten. So
ist es Nacht für Nacht. Und in den Büchern hier steht, was dabei verdient wird.
Hunderttausende. Er ist ein Millionär, der Mann; Hillebohm rafft Millionen
zusammen, ohne Erbarmen, ohne Erbarmen. Kein Mensch kann das mitansehen.«
    Es klang wie die Worte eines Wahnsinnigen.
    »Sollen wir uns hier einsperren lassen?« fragte Crammon entrüstet; »was ist
das für eine Unverschämteit?«
    Christian öffnete die Tür, Crammon zog aus seiner hinteren Beinkleidtasche
den Browning, den er stets bei sich trug. Sie schritten über den Flur zurück und
blieben am Eingang zur Kaschemme stehen. Meseckekarl war verschwunden; man hatte
ihn mit vereinten Kräften ins Freie befördert. Das Frauenzimmer, von dem er Geld
erpressen gewollt, wusch sich mit einem nassen Tuch das Gesicht ab. »Sei nur
stille, Karen,« tröstete sie jener Alte, der vorhin geschlagen worden war, »sei
nur stille, 's wird schon wieder werden.« Sie hörte nicht auf ihn und sah
tückisch und böse aus.
    Auf ihrem Kopf loderte ein Gewirr von gelben Haaren, hoch wie ein Helm,
verstrickt wie Tabaksfäden. Während sie geblutet, hatte sie mit dem Handrücken
häufig über die Augen gewischt und dabei die Haare mit Blut besudelt.
    »Jetzt geh mal nach Hause,« gebot ihr der Wirt. »Wasch dir deine
Vorderflossen ab und geh und grüss Gott, wenn du 'n siehst. Mach nich so lang,
sonst kommt er wieder, dein Bräutigam, und es setzt neue Bimse.«
    Sie rührte sich nicht. »Nu, mach schon, Karen,« keifte ein Weib, »mach
schon. Willst dir denn noch mal vertobacken lassen?«
    Sie rührte sich nicht. Schwer atmend schaute sie jäh zu Christian auf.
    »Kommen Sie mit uns,« sagte Christian unerwartet. Von der Schank herüber
schmetterte ein Gelächter. Crammon legte Christian in verzweifelter Mahnung die
Hand auf die Schulter.
    »Kommen Sie mit uns,« wiederholte Christian ruhig, »wir werden Sie nach
Hause führen.«
    Dutzende von verglasten Augen stierten höhnisch. »Dübel, Dübel, Dübel, so
wat Feines,« meckerte eine Stimme. Eine zweite fiel ein im Tonfall, wie man
Verse skandiert: »Wenn det nich jut for die Wanzen is, denn weiss ich nich, was
besser is. Besinn dir nich, Karen Engelschall; flink auf die Beene, Droomtute.«
    Karen erhob sich. Sie hatte den scheuen und finstern Blick noch nicht von
Christian gewandt. Seine Schönheit machte einen verblüffenden Eindruck auf sie.
Ein schiefes, zynisches Lächeln, das furchtsam wurde, glitt über ihre vollen
Lippen.
    Sie war ziemlich gross. Sie hatte üppige Schultern und eine starke Brust; sie
war schwanger, vielleicht in der Mitte der Zeit; man sah es deutlich, als sie
stand. Sie trug ein dunkelgrünes Kleid mit grünschillernden Knöpfen und unter
dem Hals eine grellrote Seidenschleife, auf der eine Brosche befestigt war, ein
venetianischer Gondelkopf aus Silber mit eingelegten Granatsteinen und der
Inschrift: Ricordo di Venezia. Ihre Schuhe waren plump und kotig. Der Hut, ein
Lacklederhut mit einem Büschel roter Gummikirschen, lag neben ihr auf der Bank.
Sie griff danach. Es war ein sonderbarer Raubtiergriff.
    Christian sah die Seidenschleife mit der silbernen Brosche an, auf der
Ricordo di Venezia stand.
    Crammon suchte Rückendeckung, denn es kamen neue Gäste, Individuen mit
verdächtigen Gesichtern. Er hatte begonnen, sich ins Unvermeidliche,
Unbegreifliche zu fügen, und war entschlossen, seinen Mann zu stellen. Innerlich
knirschte er über die Abwesenheit obrigkeitlicher Organe. No my dear, redete er
vor sich hin, aus dieser Hölle kommen wir lebendig nicht mehr heraus. Und er
dachte an sein Hotelbett, an sein köstliches Bad mit wohlriechenden Essenzen, an
das leckere Frühstück, an eine Schachtel mit Lindt-Schokolade, die auf seinem
Nachttisch auf ihn wartete; er dachte an junge Mädchen, die nach frischer Wäsche
rochen, überhaupt an angenehme Gerüche, an Ariels Lächeln, an Rumpelstilzchens
Heiterkeit, an den Expresszug, der ihn nach Wien bringen sollte; an alles das
dachte er, wie wenn seine letzte Stunde gekommen wäre.
    Zwei Matrosen schleppten zwischen sich ein Mädchen die Treppe herunter, das
vor Betrunkenheit fahl und steif war. Als sie unten waren, schmissen sie es roh
auf die Erde. Das Geschöpf röchelte und hatte einen geisterhaft wollüstigen, ja
lasziven Ausdruck im Gesicht. Sie blieb steif wie eine Latte liegen. Die
Matrosen fragten herausfordernd nach dem Meseckekarl. Es schien, dass sie ihn
draussen getroffen und von ihm aufgestachelt worden waren. Sie wollten den Wirt
provozieren. Der eine hatte eine breite Schramme auf der Stirn; des andern Arme
waren nackt und bis zu den Schultern hinauf über und über blau tätowiert. Man
sah als Zeichnung eine Schlange, ein beflügeltes Rad, einen Anker, einen
Totenschädel, einen Phallus, eine Wage, einen Fisch und noch vieles.
    Beide massen Christian und Crammon frech blickend. Der Tätowierte deutete auf
den Revolver, den Crammon in der gesenkten Hand hielt und sagte: »Steck nur die
Pixtaule wieder ein, sonst sollste mit Vergissmeinnicht handeln.«
    Der andre stellte sich so dicht vor Christian hin, dass dieser erbleichte.
Gemeinheit hatte ihn noch niemals angetastet, Schimpf und Unflat nie bespritzt.
Vor Verachtung und Ekel überlief es ihn heiss. Dies konnte zur Umkehr nötigen. Es
war schlimmer als die Vision des Bösen im Hause Szilaghins.
    Das Gemeine konnte zur Umkehr zwingen.
    Wie er aber dem Menschen in die Augen sah, merkte er, dass diese seinen Blick
nicht ertrugen. Sie zuckten, flatterten, entflohen. Die Wahrnehmung verlieh ihm
Mut und das Gefühl einer innern Kraft, deren Tragweite noch unbestimmt war.
    »Ruhe im Glied,« fuhr der Wirt die beiden Matrosen an, »nu soll Ruhe sein.
Ihr wollt mir woll die Pollezei uf' n Hals hetzen; det fehlte mir noch. Ruhig,
Ede; hast woll 'n kleenen Lütiti. Die Deern mag mit die Kavaliers fortgehn, die
Herren zahlen ihre Zeche: zwee Glas fin Schampanje; eene Mark un fumfzig und
damit Gott befohlen.«
    Crammon legte ein Zweimarkstück auf den Tisch. Karen Engelschall hatte den
Hut auf das Haar gesteckt und wandte sich zur Treppe. Christian und Crammon
folgten, der Wirt begleitete sie mit sarkastischen Verbeugungen, die beiden
Atleten vom Schanktisch bildeten obendrein Schutzgarde. Ein paar Halbbetrunkene
sangen in der Melodie des Torgauer Marsches: »Fritze Weber / Hat'n Kleber / An
de Zunge / An de Lunge / An de Leber.«
    Die Gasse war menschenleer. Karen spähte hinauf, hinunter und schien
unschlüssig, wohin sie ihre Schritte lenken sollte. Crammon fragte sie, wo sie
wohne. Ohne ihn anzuschauen erwiderte sie barsch, sie wolle nicht nach Haus.
»Wohin dürfen wir Sie sonst bringen?« fragte Crammon weiter, sich zu Geduld und
Rücksicht überwindend. Sie zuckte die Achseln. »Ist mir ganz egal,« sagte sie;
dann nach einer Weile, mit Trotz: »Ich brauch Sie ja gar nicht.«
    Sie gingen in der Richtung gegen den Hafen, Karen zwischen Christian und
Crammon. Einen Augenblick blieb sie stehen und murmelte mit schaudernder Angst:
»Dass ich bloss nicht ihm in die Hände laufe; bloss das nicht.«
    »Machen Sie uns also einen Vorschlag,« redete ihr Crammon zu. Er wäre am
liebsten auf und davon gegangen, aber um Christians willen, um Christian mit
heiler Haut aus dem schlimmen Abenteuer zu ziehen, tat er sich Gewalt an und
spielte den Menschenfreundlichen.
    Karen Engelschall antwortete nicht und ging rascher, da sie unter einer
Laterne eine Gestalt gewahrte. Bis sie aus deren Blickbereich war, flog ihr Atem
in rasender Furcht. Man hörte es.
    »Sollen wir Ihnen Geld geben?« fuhr Crammon zu fragen fort.
    Sie entgegnete zornig: »Ich brauche nicht Ihr Geld. Will kein Geld.« Sie
schielte verstohlen zu Christian hinüber, und ihr Gesicht wurde tückisch und
verschlossen.
    Crammon verliess den Platz an ihrer Seite, ging zu Christian und sagte
französisch: »Es ist am besten, wir führen sie in irgendein Hafengastaus, wo
sie ein Zimmer und ein Bett bekommt. Wir können ja eine Summe für sie erlegen,
damit man sie eine Zeitlang behält. Dann mag sie sich selber helfen.«
    »Ganz recht, das wird am besten sein,« antwortete Christian, und als habe er
nicht die Sprache für sie, fügte er hinzu: »Sag es ihr.«
    Karen war stehengeblieben; sie zog wie frierend die Schultern hinauf und
sagte mit einer vom Trinken heiseren Stimme: »Lasst mich doch in Frieden. Was
schwatzt ihr da? Ich geh nicht einen Schritt mehr. Bin zu müd. Kümmert euch
nicht um mich.« Sie lehnte sich an die Mauer eines Hauses, wobei sich der
Lacklederhut mit den Gummikirschen in die Stirn schob. Reizloseres,
Verwüsteteres als der Anblick, den sie darbot, war kaum zu denken.
    »Hängt dort nicht ein Gastausschild?« fragte Crammon und wies auf eine
beleuchtete Tafel am Ende der Strasse.
    Christian, der ungemein scharfe Augen hatte, sah hin und antwortete: »Ja.
König von Griechenland steht darauf. Geh, bitte, hin und erkundige dich.«
    »Liebliche Gegend,« murrte Crammon, »liebliches Geschäft. Ich büsse meine
Sünden.« Er ging.
    Christian blieb schweigend bei der Dirne stehen. Karen schaute stumm und
verdrossen zur Erde. Ihre Finger nestelten an der Seidenschleife. Christian
lauschte auf den Schlag von Turmuhren. Es schlug zwei. Endlich zeigte sich
Crammon wieder auf der Strasse. Er winkte von weitem und rief: »Ready.«
    Jetzt sprach Christian das Mädchen zum erstenmal an. »Es ist eine Unterkunft
für Sie gefunden,« sagte er ein wenig näselnd und blinzelte stark, was er sonst
niemals tat. Seine eigne Stimme klang ihm ausserordentlich unsympatisch. »Sie
können dort einige Tage bleiben.«
    Sie sah ihn mit hassvoll funkelnden Augen an; eine unsägliche Neugier, keine
Neugier guter Art, brannte in dem Blick, dann senkte sie die Augen wieder.
Christian fuhr gezwungen fort: »Ich denke, Sie werden da in Sicherheit sein vor
dem Menschen. Ruhen Sie sich aus. Vielleicht sind Sie krank. Man kann ja einen
Arzt benachrichtigen.«
    Sie lachte leise und höhnisch. Ihr Atem roch nach Schnaps.
    Crammon rief abermals: »Ready!«
    »Nun, so kommen Sie,« sagte Christian, seinen Widerwillen nur mit Mühe
beherrschend.
    Seine Stimme und seine Worte machten denselben verblüffenden Eindruck auf
Karen wie vorher seine Schönheit. Sie schickte sich in einer Weise zum Gehen an,
als würde sie von hinten geschoben.
    Ein verschlafener Pförtner in Pantoffeln stand an der Tür des Gastauses.
Seine demütige Höflichkeit bewies, dass Crammon verstanden hatte, ihn zu
behandeln. »Nummer vierzehn im zweiten Stock ist frei,« sagte er.
    »Schicken Sie morgen jemand in Ihr Logis und lassen Sie Ihre Sachen holen,«
riet Crammon dem Mädchen.
    Sie schien nicht zu hören. Ohne Gruss, ohne Blick, ohne Dank stieg sie, von
dem Pförtner geführt, die mit einem schmutzigroten Teppich belegte Treppe
hinauf. Die Gummikirschen auf dem Hut klapperten leise gegen das Leder. Die
plumpe Gestalt verlor sich in der Schwärze.
    Crammon atmete auf. »Jetzt um jeden Preis vier Räder!« ächzte er. An einer
Strassenecke fanden sie einen Wagen.
 
                                       21
Als Christian sein Zimmer betrat und das elektrische Licht aufflammte, wunderte
er sich, Johanna am Tisch sitzen zu sehen. Sie schützte die geblendeten Augen
mit der Hand. Er blieb an der Türe stehen. Die gerunzelte Stirn glättete sich
wieder, als er die unsägliche Blässe in Johannas Gesicht bemerkte.
    »Ich muss reisen,« hauchte Johanna, »ich habe ein Telegramm bekommen, ich muss
sofort nach Wien.«
    »Auch ich reise ab,« antwortete Christian.
    Eine Weile herrschte Schweigen. Dann begann Johanna: »Seh ich dich wieder?
Kann ich dich wieder sehn? Darf ichs?« In den bescheidenen Fragen verriet sich
die Zerrissenheit ihres Innern. Sie lächelte geduldig und verzichtend.
    »Ich werde in Berlin sein,« erwiderte Christian. »Willst du wissen, wo, ich
selbst weiss es noch nicht, so wendest du dich am besten an Crammon. Crammon ist
leicht erreichbar. Seine Damen in Wien schicken ihm alle Briefe.«
    »Wenn du wünschest, kann ich nach Berlin kommen,« sagte Johanna mit
demselben geduldigen und verzichtenden Lächeln. »Ich habe dort Verwandte. Aber
ich glaube, du wünschst es nicht.« Dann, nach einer Pause, während der sich der
Blick ihrer sanften Augen ziellos verlor: »Soll also Schluss sein?« Sie hielt den
Atem an und war gespannt wie die Sehne am Bogen.
    Christian trat an den Tisch und stützte den Zeigefinger einer Hand auf die
Platte. Mit gesenktem Kopf sagte er langsam: »Fordere jetzt nicht Entscheidungen
von mir. Ich kann sie nicht geben. Ich möchte dir nicht weh tun. Ich möchte
nicht, dass sich etwas wiederholt, was schon so oft dagewesen ist in meinem
Leben. Treibt es dich, so komm, und achte nicht auf mich dabei. Denke nicht, dass
ich vorhabe, dich im Stich zu lassen; es ist nur momentan eine kritische Zeit.
Mehr kann ich dir nicht sagen.«
    Aus diesen Worten konnte Johanna nichts für sich entnehmen als
Hoffnungsloses. Dennoch tönte etwas hinter ihnen, das ihren egoistischen Schmerz
linderte. Mit der ihr eignen schlanken Bewegung streckte sie Christian den Arm
hin, und in damenhaft starrer Haltung, matt lächelnd, sagte sie: »Also, auf
Wiedersehn - vielleicht.«
 
                                       22
Als das junge Mädchen fortgegangen war, legte sich Christian auf die Ottomane,
verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und so lag er, bis der Morgen anbrach.
Das Licht hatte er nicht verlöscht. Die Augen fielen ihm nicht zu.
    Er sah die ausgetretenen Treppen, die zur Kaschemme führten, und den von
vielen Füssen beschmutzten Teppich auf der Treppe des kleinen Hafengastofs; er
sah die Laterne in der verödeten Gasse und die bunt karierte Weste des Wirtes
mit den klappernden Anhängseln; er sah die Kognakflasche auf dem Regal und das
grüne Umhangtuch eines der betrunkenen Weiber, er sah die tätowierten Zeichen
auf den nackten Armen des Matrosen: den Anker, das beflügelte Rad, den Phallus,
den Fisch, die Schlange; er sah die Gummikirschen auf dem Lacklederhut der
Prostituierten, die silberne Brosche mit den eingelegten Granatsteinen und der
albernen Devise: Ricordo di Venezia.
    Je länger er lag und an diese Dinge dachte, ein je gewisseres Gefühl von
Befreiung und Freiheit weckten sie in ihm, je mehr schienen sie ihm geeignet,
ihn von andern Dingen zu erlösen, die er bisher geliebt hatte, den seltenen, und
kostbaren Dingen, die er ausschliesslich und ergebnislos geliebt hatte; auch von
den Menschen, zu denen sie alle in Beziehung standen, und mit denen er zu keinem
Ergebnis gelangt war.
    Wie er so lag und schaute, lebte er in den armseligen und gemeinen Dingen
drin; alle ergebnislosen Beschäftigungen und Beziehungen verloren ihre
Wichtigkeit in seinen Augen, und der Gedanke an Eva hörte auf, ihn zu quälen und
zu ergebnisloser Erniedrigung zu verführen.
    Das strahlende und königliche Wesen lockte ihn nicht mehr, wenn er an das
blutüberströmte Gesicht der Dirne dachte, denn diesem gegenüber empfand er eine
Art von Neugier, die mehr und mehr sein ganzes Inneres ausfüllte, so dass nichts
daneben Platz hatte.
    Als der Tag graute, schlief er ein, aber nach einer Stunde erwachte er
wieder, erhob sich, wusch das Gesicht mit kaltem Wasser, dann verliess er das
Hotel, nahm einen Wagen und liess sich in das Hafengastaus zum König von
Griechenland fahren.
    Der Nachtportier war noch auf seinem Posten. Er erkannte den frühen Gast
wieder und geleitete ihn mit unangenehmem Eifer über zwei Stiegen bis an das
Zimmer von Karen Engelschall.
    Christian pochte; es blieb drinnen still. »Gehen Sie nur hinein, mein Herr,«
sagte der Portier; »Schlüssel ist keiner da, und der Riegel funktioniert nicht.
Es passiert so allerlei, und da ist es besser für uns, wenn die Türen
unverschlossen bleiben müssen.«
    Christian trat ein. Es war ein Raum mit hässlichen braunen Möbeln, einem
dunkelroten Plüschsofa, einem runden Toilettespiegel mit einem Sprung in der
Mitte, einer elektrischen Birne mit weissem Sturz an einem Messingstab und einem
Öldruckbild des Kaisers an der Wand. Alles war voll Staub, abgegriffen,
abgetreten, abgesessen, armselig und gemein.
    Karen Engelschall lag im Bett und schlief. Sie lag auf dem Rücken; das
verwilderte Haargestrüpp glich einem Bündel Stroh; das Gesicht war blass und
etwas gedunsen. Auf der Stirn und der rechten Wange waren frische Narben. Die
volle, aber schlaffe Brust quoll über der Decke heraus.
    Der alte heftige Widerwille gegen schlafende Menschen regte sich in
Christian; er wurde dessen Herr und betrachtete das Gesicht. Er sann darüber
nach, aus welchem Stande sie hervorgegangen sein mochte, ob sie eine Fischers-
oder Schifferstochter war, eine Kleinbürgerin, eine Proletarierin, eine Bäuerin.
Dies beschäftigte seine Neugier eine Weile, dann fiel ihm die unsägliche
Verstörung der Züge auf. Es war ein Gesicht ohne Böses, ohne Gutes, wie es da
schlafend lag, aber zerrissen wie von unerhört quälenden Träumen. Da dachte
Christian an den Karneol an der Hand des Menschen, der sie geschlagen; der
widerlichrote Stein, der an ein Insekt oder an ein Stück rohes Fleisch
erinnerte, wurde ihm ausserordentlich gegenwärtig.
    Er machte eine Bewegung und stiess an einen Stuhl; von dem Geräusch erwachte
Karen Engelschall. Sie schlug die Lider auf, und Furcht und Entsetzen brannten
in ihren Augen, als sie die Gestalt im Zimmer gewahrte; die Züge verzerrten sich
furienhaft, der Mund öffnete sich hohl zu einem Schrei. Dann sah sie, wer der
Eindringling war; sie hatte sich halb aufgerichtet; sie fiel in die Kissen
zurück und seufzte erleichtert. Ihr Blick bekam wieder das Störrische, ihr
Gesicht den Ausdruck erzwungener Fügsamkeit. Sie lauerte; sie wusste sich den
Besuch nicht zu deuten; sie schien sich zu wundern und überlegte. Sie zog die
Decke bis ans Kinn und lächelte halb geschmeichelt, halb schal.
    Unwillkürlich forschten Christians Blicke nach der grellroten Schleife und
der silbernen Brosche. Die Kleider des Mädchens waren unordentlich über einen
Stuhl geworfen. Der Hut mit den Gummikirschen lag auf dem Tisch.
    »Warum stehen Sie?« fragte Karen Engelschall mit heiserer Stimme, »setzen
Sie sich doch.« Wieder wie in der Nacht war sie von seiner Schönheit und
Vornehmheit verblüfft. Er ist ein Baron oder ein Graf, überlegte sie und
lächelte das schale Lächeln. Sie war ausgeschlafen und fühlte sich ziemlich
wohl.
    »Sie können nicht lang in diesem Haus bleiben,« begann Christian mit
höflichem Ton; »ich habe darüber nachgedacht, was man für Sie tun könnte. Ihr
Zustand fordert eine gewisse Schonung. Sie dürfen sich den Misshandlungen jenes
Menschen nicht mehr aussetzen. Es wäre am besten, wenn Sie die Stadt verliessen.«
    Karen Engelschall lachte kurz. »Die Stadt verlassen? Wie soll ich denn das
machen? Unsereins muss bleiben, wo es hingestellt wird.«
    »Hat er irgendein Anrecht auf Sie?« fragte Christian.
    »Anrecht? Wieso? Wie meinen Sie das? Ach so. Nein, nein. Es ist nur so, wie
es eben bei unserm Geschäft ist. Man hat den zum Schutz, dem man das Geld gibt,
und vor dem nehmen sich die andern in acht. Wenn er stark ist und viele Freunde
hat, geschieht einem nichts. Schlechte Kerle sind sie alle, aber man darf nicht
gross wählen, sie sitzen einem ganz eklig auf der Pfanne. Man hat Tag und Nacht
keine Ruh; das Fleisch wird müd, sag ich Ihnen.«
    »Das kann ich mir denken,« erwiderte Christian und blickte eine Sekunde lang
in Karens runde, unschimmernde Augen; »deswegen wollte ich mich Ihnen zur
Verfügung stellen. Ich reise heute oder morgen von hier ab und bleibe
wahrscheinlich einige Monate in Berlin. Ich bin bereit, Sie mit mir zu nehmen.
Sie dürften aber Ihren Entschluss nicht verzögern, denn ich habe vorläufig keine
Adresse dort, das heisst, ich weiss noch nicht, wo ich wohnen werde, und wenn man
ein solches Vorhaben verschiebt, wird es meistens nie ausgeführt. Momentan sind
Sie für Ihren Verfolger so gut wie verschwunden, und diese Gelegenheit scheint
mir günstig. Sie brauchen Ihre Sachen nicht zu holen; ich werde Ihnen, was Sie
nötig haben, dort verschaffen.«
    Diese mit Freundlichkeit gesprochenen Worte übten nicht die Wirkung, die
Christian erwartet hatte. Karen Engelschall fasste das Einfache und Offene darin
nicht. Höhnischer Verdacht stieg in ihr auf; sie wusste von Sittenaposteln und
Heilspredigern, die in der Welt der Dirnen im allgemeinen so gefürchtet waren,
wie die Sendlinge der Polizei; aber bei schärferem Hinsehen verriet ihr ein
Instinkt, dass sie mit solchem Argwohn fehlging. Schwerfällig tastend, verirrte
sie sich in andre Vermutungen, romanhaftere, dachte an ein Komplott, an
Verschleppung, an ein Schicksal, das noch unerträglicher sein konnte als das
unter der Botmässigkeit ihres bisherigen Peinigers. Darüber grübelte sie in Hast
und Groll mit verdüsterten Mienen, verkrampfter Faust, aus Furcht in Hoffnung,
aus Hoffnung in Misstrauen gerissen, dabei, wie schon gestern, von etwas
bezwungen, dem man sich nicht entziehen konnte, so viel man sich auch sträubte,
dem man unter allen Umständen gehorchen musste.
    »Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« fragte sie und heftete einen
durchdringenden Blick auf ihn.
    Christian besann sich, um jedes Wort zu erwägen und entgegnete: »Nichts
anderes, als was ich Ihnen gesagt habe.«
    Sie schwieg und starrte auf ihre Hände. »Meine Mutter lebt in Berlin,«
murmelte sie. »Soll ich am Ende zu der gehen? Ich möchte nicht.«
    »Sie sollen zu mir gehen,« sagte Christian fest, beinahe hart. Seine Brust
füllte sich mit Atem und leerte sich wie ein Blasebalg über Schmiedefeuer. Das
Wort war gesprochen.
    Karen schaute ihn abermals an. Jetzt war ihr Blick ernst und nüchtern. »Was
soll ich bei Ihnen denn?« fragte sie.
    Christian antwortete zögernd: »Darüber bin ich noch nicht schlüssig
geworden. Ich muss es erst überlegen.«
    Karen faltete die Hände. »Aber wer Sie sind, muss ich doch wissen.«
    Er nannte seinen Namen.
    »Ich bin ein schwangeres Weib,« fuhr sie mit finsterm Gesicht fort, und zum
erstenmal zitterte ihre Stimme; »ein Strassenmädchen, das schwanger ist. Wissen
Sie das? Das Miserabelste und Ludrigste, was es in der Welt gibt; wissen Sie
das?«
    »Ich weiss es,« sagte Christian und schlug die Augen nieder.
    »Was wollen Sie also mit mir anfangen, so ein feiner Herr, wie Sie sind?
Warum interessieren Sie sich für so eine?« drängte sie.
    »Ich kann Ihnen das jetzt nicht erklären,« erwiderte Christian befangen.
    »Was soll ich also tun? Mit Ihnen gehen, sagen Sie? Gleich?«
    »Wenn es Ihnen recht ist, werde ich Sie um zwei Uhr mittags abholen, und wir
fahren zum Bahnhof.«
    »Und Sie genieren sich mit mir gar nicht?«
    »Nein, ich geniere mich nicht.«
    »In meinem Aufzug? Und wenn die Leute mit Fingern auf das Mensch weisen, das
mit dem eleganten Herrn geht?«
    »Es ist gleichgültig, was die Leute tun.«
    »Schön; so will ich warten.« Sie kreuzte die Arme über der Brust, starrte
zur Decke des Zimmers empor und rührte sich nicht mehr. Christian erhob sich,
nickte und ging. Auch als er fort war, blieb Karen unbeweglich. Eine tiefe Falte
grub sich in ihre Stirn; die frischen Narben leuchteten auf der fahlen Haut wie
Brandmale; ein dumpfes, animalisches Staunen machte die Augen leichenhaft
glanzlos.
 
                                       23
Als Christian durch die Halle des Hotels schritt, erblickte er Crammon, der
traurig in einem Sessel sass. Christian blieb stehen und reichte ihm lächelnd die
Hand. »Hast du gut geschlafen, Bernhard?« fragte er.
    »Ach, wenns vom Schlafen abhinge,« versetzte Crammon; »der Schlaf lässt nie
was zu wünschen übrig. Das Wachen ists, worans hapert. Man wird alt. Die
Vergnügungen halten nicht mehr recht vor. Die Freuden werden fadenscheinig. Man
rechnet auf Dank und Liebe und hat nur Kummer und Enttäuschung. Ich glaube, ein
Kloster wär für mich wirklich das Passendste. Demnächst werde ich das Projekt in
die Nähe rücken.«
    »Nein, Bernhard,« gab Christian lachend zur Antwort, »im Kloster würdest du
eine üble Figur machen. Fort mit den schwarzen Gedanken; lass uns lieber
frühstücken.«
    »All right, lass uns frühstücken.« Crammon erhob sich. »Hast du eine Ahnung,
weshalb das Rumpelstilzchen plötzlich bei Nacht und Nebel abgedampft ist? Ich
höre, sie hat eine unangenehme Nachricht vom Hause erhalten; aber das ist doch
noch kein Grund, ohne ein Sterbenswort auf und davon zu gehen. Jedenfalls ist es
schnöde gehandelt. In wenigen Stunden wird uns auch Ariel verloren sein. Die
Gemächer oben starren von Koffern und Schachteln, Monsieur Chinard vergeht vor
Wichtigkeit. Nur schwarzes Gewölk grinst einen noch an, der bunte Regenbogen ist
dahin. Exzellent, dieser Kaviar übrigens. Ich werde mich in die Heimlichkeiten
des Privatlebens zurückziehen. Vielleicht miete ich mir einen Sekretär oder eine
appetitliche und diskrete Sekretärin und fange an, meine Memoiren zu diktieren.
Du, mein Lieber, scheinst guter Laune; du blickst so fröhlich, wie schon lange
nicht.«
    »Ja, mir geht es ausgezeichnet,« sagte Christian und zeigte beim Lächeln
seine grossen, blendendweissen Zähne; »ausgezeichnet,« wiederholte er und streckte
dem überraschten Freund abermals die Hand entgegen.
    »Hast du dich also endlich damit abgefunden?« forschte Crammon
augenzwinkernd und deutete mit dem Daumen ausdrucksvoll nach oben.
    Christian erriet. »Vollkommen,« sagte er heiter, »die Krankheit ist
überstanden.«
    »Bravo, bravo.« Und Crammon, behaglich schmausend, philosophierte: »Wär es
anders, so wärs betrüblich. Ich muss es immer wieder betonen: Ariel gehört nun
einmal zu den Sternen. Es gibt segensvolle Sterne und gibt verhängnisvolle
Sterne. Einige sind von guten Geistern bewohnt, einige von Dämonen Das wissen
wir seit urältesten Zeiten. Sie sollen ihre Affären untereinander schlichten.
Kommt es zu Kollisionen und Katastrophen, so ist es eben eine kosmische
Angelegenheit, die uns Sterbliche nicht weiter zu kümmern hat. Schliesslich bist
du ja auch nur ein Sterblicher, wenn auch ein auserwählter; hast sogar eine
Reise in die seligen Jagdgründe tun dürfen. Aber was zu viel ist, ist zu viel.
Die Konkurrenz mit moskowitischen Autokraten kannst du nicht aufnehmen. Den
Drachen vermag Siegfried am Ende noch zu besiegen; wenn Luzifer selber auf hohem
Ross feuerschnaubend dahersprengt, trägt er nur seine schöne Haut zu Markte.
Erfreulich und weise, dass du die Finger davon lässt. Auf eine genussreiche
Zukunft, mein Engel!«
    Christian ging aus Büfett, wo herrliches Obst zum Verkauf lag. Er wusste, ein
wie entzückter Liebhaber seltener Früchte Crammon war. Er nahm einen
geflochtenen Korb und legte in die Mitte eine Ananas, die er aufschnitt, so dass
ihr goldnes Fleisch feuchtschimmernd lockte; darum im Kreis vier Kalvilleäpfel
von reinster Oberfläche, gelblich leuchtende, sechs grosse französische
Pfirsiche, flaumig und von elastischer Weichheit wie Muskulatur, und sieben
enorme Dolden kalifornischer Trauben. Nachdem er die Früchte sachverständig
angeordnet, trug er den Korb zu Crammon und überreichte ihn dem Beglückten mit
scherzender Feierlichkeit.
    Sie trennten sich dann, aber als Crammon am späten Nachmittag ins Hotel
zurückkehrte, erfuhr er zu seiner Bestürzung, dass Christian abgereist sei.
    Er konnte sich nicht fassen. Er erschien sich als das Opfer einer
unheimlichen Kabale. »Sie lassen mich alle im Stich,« murmelte er zornig vor
sich hin; »sie wollen sich über mich lustig machen. Es ist eine wahre Epidemie.
Du hast abgewirtschaftet, Bernhard Gervasius, du bist ihnen im Wege, es ist aus
mit dir, geh in deine Klause und betraure dein Leben.«
    Er befahl seinem Diener zu packen und Plätze für den Zug nach Wien zu
besorgen. Dann stellte er das Körbchen mit den Früchten auf den Tisch und
pflückte betrübt sinnend Beere um Beere von den Trauben.
 
                                       24
In dem stillen kleinen Haus mit den Möbeln aus der Maria-Teresia-Zeit vergass er
das Erlittene wieder. Ein Idyll hob an.
    Er begleitete seine beiden frommen Damen in die Kirche, und aus Rücksicht
und Gefälligkeit für sie betete er manchmal selbst. Herr, vergib meinen Feinden
und führe mich nicht in Versuchung, war sein Hauptgebet. An sonnigen
Nachmittagen kam der Fiaker, um die drei zur Fahrt in den Prater abzuholen. Am
Abend wurde der Speisezettel für den folgenden Tag festgesetzt, wobei die
nationalen und altüberkommenen Gerichte bevorzugt wurden. Dann las er Fräulein
Aglaia und Fräulein Constantine, die lautlos andächtig zuhörten, klassische
Gedichte vor, einen Gesang aus Klopstocks Messias, oder den Spaziergang von
Schiller, oder Rückerts Makamen; noch immer ahmte er Stimme und Tonfall Edgar
Lorms täuschend nach. Auch erzählte er unverfängliche Anekdoten aus seiner
Vergangenheit, die er ausschmückte und veredelte, so dass sie jedem Töchteralbum
Ehre gemacht hätten.
    Erst wenn sich die beiden Damen zur Ruhe begeben hatten, zündete er die
englische Pfeife an, schenkte ein Glas Kognak ein, hielt ruhige Rückschau und
Selbstschau oder vertiefte sich in den Genuss der Schätze seines kleinen Museums,
der in vielen Jahren zusammengetragenen Kostbarkeiten.
    Kurz vor dem verabredeten Stelldichein mit Franz Lotar von Westernach
erhielt er einen Alarmbrief von Christians Mutter.
    Frau Richberta teilte ihm mit, dass Christian Weisung gegeben habe, seine
sämtlichen Liegenschaften zu verkaufen, Christiansruh, Waldleiningen, das
Jagdhaus, die Pferde, die Hunde, die Automobile, die Sammlungen, sogar die
kostbare Ringsammlung. Das Unfassliche sei bereits im Wege, und man habe nicht
die geringste Andeutung eines Grundes. Sie befinde sich in ratloser Verzweiflung
und bitte Crammon um Aufschluss, bitte ihn, nach Wahnschaffeburg zu kommen. Ob er
über Christians Schritt, über Christians Tun unterrichtet sei, was sich denn um
Gottes willen mit ihm ereignet habe? Man könne keine Nachricht erhalten, seit
Wochen sei er wie verschollen, man tappe im Finstern. Die Familie wünsche
natürlich nicht, dass der Besitz in fremde Hände überginge, und werde alles an
sich bringen, obschon es sich widrig anlasse, den frechen Überbietungen,
Advokaten- und Agentenmanövern, die der von Christian beauftragte Verwalter ins
Werk gesetzt, wirksam zu begegnen. Aber allem voran stehe die Sorge um
Christian; sie erwarte, dass Crammon ihr in ihrer Not beistehen und die hohe
Meinung rechtfertigen werde, die sie von seiner Freundschaft für Christian und
Anhänglichkeit an das Haus gefasst.
    Crammon las die Zeilen noch einmal, die vom Verkauf von Christiansruh und
der Sammlungen handelten. Er schüttelte lange den Kopf, drückte das Kinn in die
Hand, und zwei dicke Tränen rollten über seine Backen.
 
                                 Zweiter Band:
                                      Rut
                              Gespräche in der Nacht
                                       1
Als Wolfgang zum Weihnachtsurlaub nach Hause reiste, konnte er seinen Vater zu
dessen neuer Würde beglückwünschen. Albrecht Wahnschaffe war Geheimrat geworden.
    Er fand das Haus verändert, still und langweilig. Einem kurzen Gespräch mit
dem Vater entnahm er, dass man über Christian in Sorge und Aufregung war. Er
horchte begierig, doch gelang es ihm nicht. Genaueres zu erfahren.
    Dass Christian seinen Besitz veräussert, wurde ihm von Fremden hinterbracht.
Er wusste nicht, was es zu bedeuten hatte.
    Die Mutter sprach er nur ein einziges Mal. Sie erschien ihm krankhaft und
behandelte ihn mit verletzender Gleichgültigkeit.
    Gerüchte schwirrten. Der Haushofmeister berichtete ihm, dass Herr von Crammon
ein paar Tage in Wahnschaffeburg und mit der gnädigen Frau stets allein gewesen
sei. Sie hätten ein seitenlanges Telegramm nach Berlin geschickt, worin
irgendeiner Person eine hohe Abfindungssumme angeboten wurde, vierzig- oder
fünfzigtausend Mark. Die Depesche sei nicht an die Person selbst gegangen,
sondern an einen Mittelsmann. Der Bescheid scheine ungünstig gelautet zu haben,
denn danach habe Herr von Crammon geäussert, er wolle selbst nach Berlin reisen.
    Wolfgang entschloss sich, an Crammon zu schreiben. Sein Brief blieb
unbeantwortet.
    Da er sich im Grunde für Christians Treiben wenig interessierte, verzichtete
er auf weitere Nachforschungen. Anfang Januar kehrte er nach Berlin zurück. Am
Benehmen seiner Bekannten merkte er alsbald, dass man etwas gegen ihn auf dem
Herzen hatte. Es war eine unbestimmte, lauernde Neugier in manchen Blicken. Er
war ohne besonderen Spürsinn; es kam ihm nur darauf an, für tadellos zu gelten
und diejenigen nicht vor den Kopf zu stossen, die auf seine Karriere Einfluss
hatten. Er war den Anschauungen der Kreise, in denen er lebte, so geschmeidig
ergeben, dass ihn der Gedanke zittern machte, man könne ihn eines Verstosses oder
einer Entgleisung bezichtigen. Deshalb hatte sein Wesen etwas Wachsames und
stets Beunruhigtes. Deshalb hütete er sich sorgfältig, eine eigne Meinung
auszusprechen, und vergewisserte sich, dass das, was er sagte, die Ansicht der
Majorität und der Massgebenden war.
    In einer Gesellschaft nahm er wahr, dass mehrere junge Leute in seiner Nähe
lebhaft tuschelten. Als er zu ihnen trat, schwiegen sie. Es war auffällig. Er
zog einen von ihnen beiseite und befragte ihn brüsk. Es war ein gewisser
Sassheimer, der Sohn eines Mainzer Grossindustriellen. Er hätte keine bessere Wahl
treffen können, denn Sassheimer beneidete ihn, und zwischen seiner Familie und
dem Hause Wahnschaffe bestand eine alte Eifersucht.
    »Es war von Ihrem Bruder die Rede,« sagte er; »was ist denn da eigentlich
los? Sind ja tolle Geschichten, die man munkelt. Bei uns zu Hause und hier in
Berlin. Was ist denn nun wirklich daran? Sie müssen es doch wissen.«
    Wolfgang errötete. »Was soll denn los sein?« antwortete er betreten. »Ich
weiss nichts. Christian und ich stehen nicht in Verbindung.«
    »Es heisst, er hat sich an ein liederliches Frauenzimmer gehängt,« fuhr
Sassheimer fort, »letzte Kategorie, eine ganz gemeine Strassendirne. Dagegen müsste
man doch etwas tun. Das kann doch Ihre Familie nicht auf sich sitzen lassen.«
    »Davon ist mir nicht das mindeste bekannt,« stotterte Wolfgang und errötete
immer tiefer. »Es ist auch unwahrscheinlich. Christian ist der exklusivste
Mensch, den man sich vorstellen kann. Wer verbreitet denn solche Albernheiten?«
    »Man spricht überall davon,« sagte Sassheimer boshaft; »sonderbar, dass Sie
der einzige sind, der keine Ahnung hat. Er soll auch mit seinen sämtlichen
Freunden gebrochen haben. Warum gehen Sie denn nicht zu ihm? Er ist ja in
Berlin. So was lässt sich ja schliesslich auf gütlichem Weg beilegen, ehe der
Skandal zu gross wird.«
    »Ich werde mich sofort erkundigen,« sagte Wolfgang und richtete sich
kerzengerade auf; »ich werde der Sache nachgehen, und wenn es sich herausstellt,
dass das Gerede auf Verleumdung beruht, werde ich die Verbreiter zur Rechenschaft
fordern.«
    »Ja, das scheint mir das richtige,« bemerkte Sassheimer kühl.
    Wolfgang verliess die Gesellschaft. Der ganze Hass gegen Christian wurde
wieder neu in seiner Brust. Erst war er der Leuchtende und Allesüberstrahlende
gewesen; jetzt drohte gar noch Schimpf von ihm und Gefahr im heiligsten
Lebenskreis.
    Der Hass würgte ihn.
 
                                       2
Die geschäftlichen Besprechungen und Audienzen waren vorüber; die Züge des
Geheimrats Wahnschaffe zeigten Müdigkeit. Als letzter hatte ihn ein Japaner
verlassen, Beauftragter des Kriegsministeriums in Tokio. Einer der
Fabrikdirektoren war bei der Unterredung, die weittragend und politisch
bedeutsam war, zugegen gewesen. Er wollte sich entfernen; der Geheimrat hielt
ihn durch eine Geste zurück.
    »Haben Sie schon einen Ingenieur nach Glasgow designiert?« fragte er. Er
vermied es, dem Mann ins Gesicht zu blicken. Was ihn an den Leuten seiner
Umgebung immer störte, war ein bestimmter Ausdruck, den sie wie eine geistige
Uniform trugen, ein Ausdruck der Gier nach Macht, Besitz und Erfolg. Er kannte
fast keine andern Gesichter mehr.
    Der Direktor nannte einen Namen.
    Der Geheimrat nickte. »Es geht wunderlich mit den Engländern,« sagte er;
»sie werden nach und nach völlig abhängig von uns. Nicht nur, dass sie diesen Typ
Maschinen nicht mehr herstellen können, sondern wir müssen ihnen auch noch die
Sachverständigen liefern, die sie ihnen erklären und in Betrieb setzen. Wer
hätte das vor zehn Jahren gedacht.«
    »Sie geben ihre Unterlegenheit in diesem Punkt offen zu,« antwortete der
Direktor. »Einer der Herren aus Birmingham, die wir neulich auf die Werke
führten, äusserte sich ziemlich betroffen über unsere unaufhaltsamen
Fortschritte. Es sei ein Phänomen, meinte er. Ich erwiderte ihm, es sei durchaus
nicht so erstaunlich, wie er glaube, die Sache sei im Grunde recht einfach: wir
kennten nicht die englische Einrichtung des Weekend und hätten infolgedessen
fünf bis sechs Arbeitsstunden mehr.«
    »Und gab er sich damit zufrieden?«
    »Er fragte: Sind Sie wirklich der Ansicht, dass diese fünf bis sechs Stunden
genügt hätten, uns den Rang abzulaufen? Ich sagte, er möge nur jährlich
zweitausend Stunden in das entsprechende Leistungsquantum umrechnen. Da
schüttelte er den Kopf und erwiderte, wir seien ja ungemein tüchtig und fleissig,
niemand bezweifle es, aber genau betrachtet sei es doch eine kleinliche und
unfaire Konkurrenz.«
    Der Geheimrat zuckte die Achseln. »Ja, so sind sie; unfair, das ist immer
ihr letztes Wort. Damit denken sie uns zu schlagen.«
    »Sie wollen uns nicht besonders wohl,« sagte der Direktor.
    »Nein, Wohlwollen ist wenig da,« bestätigte der Geheimrat. Er nickte dem
Direktor zu, dieser verbeugte sich und ging.
    Der Geheimrat lehnte sich in den Sessel zurück, blickte müd über die
Schriftstücke, die auf dem riesigen Diplomatenschreibtisch verstreut lagen, und
deckte die weisse Hand über die Augen. Es war seine Art, zu ruhen und sich zu
sammeln. Dann drückte er auf einen der zahlreichen elektrischen Knöpfe am Bord
des Tisches. »Wartet noch jemand?« fragte er den eintretenden Diener.
    Dieser überreichte eine Karte: »Der Herr kommt aus Berlin und sagt, er sei
von Herrn Geheimrat bestellt.«
    Auf der Karte stand: Willibald Girke, Privatdetektiv, Teilhaber der Firma
Girke & Graurock, C, Puttbuser Strasse 2.
 
                                       3
»Was wissen Sie Neues zu melden, Herr Girke?« fragte der Geheimrat.
    Ein schneller Seitenblick, und der Geheimrat sah auch in diesem Gesicht die
ihm so wohlbekannte und so verächtliche Gier nach Macht, Besitz und Erfolg,
diese vor nichts, vor keiner Erniedrigung und keiner Scheusslichkeit
zurückschreckende Entschlossenheit.
    »Ihre schriftlichen Berichte haben mich nicht befriedigt; ich bat Sie
hierher, um gewisse Modalitäten Ihres Auftrags zu umgrenzen.« Die geschäftliche
Phrase verdeckte die Unsicherheit und die Scham des Geheimrats.
    Girke nahm Platz. »Wir waren indessen bemüht,« antwortete er berlinerisch
schnarrend. »Material liegt in Menge vor. Wenn Herr Geheimrat gestatten, möchte
ich sogleich damit aufwarten.« Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und
blätterte.
    Seine Ohren waren ausserordentlich gross und abstehend. Diese Tatsache
berührte wie ein Beispiel von Anpassung eines Organs an den Erwerb und die
Umstände. Seine Sprache war überstürzt. Er spie die Sätze aus und verschluckte
Bestandteile von ihnen. Von Zeit zu Zeit sah er nervös auf die Uhr, wobei seine
Augen unschlüssig glotzten. Er machte den Eindruck eines von der Grossstadt
Betrunkenen, eines Menschen, der nicht schlafen und sich nicht sattessen kann
aus Mangel an Zeit und dessen Züge zerrissen sind von angestrengtem Lauern auf
Telephonsignale, Briefe, Depeschen und Zeitungen.
    Er begann eilig und monoton: »Die Herrschaftswohnung am Kronprinzenufer ist
beibehalten worden. Doch ist es nicht klar, ob Ihr Herr Sohn noch als Partei zu
betrachten ist. Er hat während des verflossenen Monats im ganzen nur viermal
dort genächtigt. Es ist wahrscheinlich, dass er sie dem stud. med. Amadeus Voss
überlassen hat. Mit dieser Persönlichkeit beschäftigen wir uns fortdauernd, wie
Herr Geheimrat es gewünscht haben. Der Aufwand, den der junge Mann treibt, ist
in Anbetracht seiner Herkunft und notorischen Armut ungewöhnlich. Freilich
wissen wir ja, aus welcher Quelle die Mittel fliessen. Dass er an der Universität
inskribiert ist, hat seine Richtigkeit, ebenso wie Ihr Herr Sohn.«
    »Lassen wir diesen Voss zunächst aus dem Spiel,« unterbrach der Geheimrat,
noch immer unter der Last von Unsicherheit und Scham, den gewandten Sprecher.
»Sie schrieben mir, dass mein Sohn nach und nach eine ganze Reihe von Wohnungen
innehatte. Ich möchte darüber aufgeklärt werden; auch wo er sich gegenwärtig
eingemietet hat.«
    Girke blätterte. »Soll sogleich geschehen, Herr Geheimrat. Unsere
Erkundigungen bilden eine lückenlose Kette. Vom Kronprinzenufer zog er mit der
Frauensperson, über die wir nun ausführliche und verlässliche Daten gesammelt
haben, in die Bernauer Strasse nächst dem Stettiner Bahnhof. Von da in die
Fehrbelliner Strasse 16. Von da in die Jablonskistrasse 3. Von da in die
Gaudystrasse, dicht am Exerzierplatz. Von da endlich in die Stolpische Strasse,
Ecke Driesener Strasse. Das Auffallende ist nicht bloss der häufige
Wohnungswechsel an sich, sondern vielmehr die beständige Verschlechterung, ja,
man kann ruhig sagen, die Proletarisierung der Wohnungsgelegenheit. Wie wenn ein
geheimer Plan obgewaltet hätte, irgendeine bestimmte Absicht.«
    »Und Stolpische Strasse, dabei ist es vorläufig verblieben?«
    »dabei ist es seit fünf Wochen, seit dem zwanzigsten Februar, verblieben.
Allerdings sind es zwei Wohnungen, die er in dem Hause gemietet hat, die eine
für sich, die andre für die Person.«
    »Diese Stolpische Strasse liegt weit im Norden der Stadt?«
    »So ziemlich äusserster Norden. Westlich und noch weiter nördlich ist
unverbauter Grund; östlich führt die Wisbyer und Gustav-Adolf-Strasse nach
Weissensee. Ringsherum sind Fabriken. Es ist eine ungesunde, unsichere und
hässliche Gegend. Das Haus steht ungefähr sechs Jahre, befindet sich aber schon
in einem deplorabeln Zustand. Im Vordertrakt sitzen fünfundvierzig Parteien, im
Hofgebäude neunundfünfzig, meist Arbeiter, kleine Händler, zugezogenes Volk,
Aftermieter, Bettgeher, auch allerlei anrüchige Existenzen. Im dritten Stock des
Vorderhauses bewohnt die mehrmals erwähnte Frauensperson, Karen Engelschall,
zwei Zimmer mit Küche; möbliert. Die Möbel sind Eigentum einer Witwe Spindler.
Als monatliche Quote werden achtzig Mark pränumerando gezahlt. Die Dame kocht
nicht selbst, hat aber eine Bedienerin, ein junges Mädchen, Isolde Schirmacher,
Tochter eines Schneiders. Ihr Herr Sohn wohnt im Hoftrakt, erdgeschössig, bei
einem gewissen Gisevius, Nachtaufseher in den Borsigwerken. Die Wohnung besteht
aus einem dürftig eingerichteten Hauptzimmer, und einer daran schliessenden,
einfenstrigen Kammer, in welcher nur ein Kanapee zum Schlafen untergebracht
ist.«
    Die Augen des Geheimrats öffneten sich unter der Wirkung eines Schreckens,
den er nicht bemeistern konnte. »Was, um Himmels willen, hat das zu bedeuten?«
kam es von seinen Lippen.
    »Ein vollkommenes Rätsel, Herr Geheimrat. Ein solcher Fall ist in meiner
Praxis ein Novum. Es bleibt nur für Mutmassungen Spielraum; ausserdem Hoffnung,
dass die Ereignisse Aufhellung bringen.«
    Der Geheimrat, sich fassend, lehnte den Zuspruch kaltverächtlich ab.
»Welcher Art sind die Erhebungen über das Frauenzimmer?« fragte er amtlich
zurückhaltend; »zu welchen Resultaten haben sie geführt?«
    »Ich wollte eben damit dienen, Herr Geheimrat. Wir haben Einblick gewonnen.
Die Antezedenzien sind ans Licht gebracht. Es war zum Teil recht schwierige
Arbeit; wir mussten Organe an Ort und Stelle schicken. Stand und Beruf, auch Name
des Vaters sind nicht nachweisbar, da uneheliche Geburt stattgefunden hat. Die
Mutter ist Friesin, wohnte im Oldenburgschen, wo sie Wirtschafterin auf einem
kleinen Gut war, lebte dann mit einem pensionierten Steuerrendanten; nach dessen
Tod hatte sie einen Parfümerieladen in Hannover. Das Geschäft reüssierte nicht.
Im Jahre 1895 wurde sie wegen Betrug und Unterschlagung zu drei Monaten
Gefängnis verurteilt, die sie in Cleve verbüsste. Danach verliert sich ihre Spur
bis zum Jahre 1900, wo sie in Berlin auftauchte; zuerst in Rixdorf, Treptower
Strasse, dann Brüsseler Strasse hinter dem Virchowschen Krankenhaus als
Zimmervermieterin, jetzt Zionskirchplatz. Stand mehrmals im Verdacht der
Kuppelei, wurde aber wegen mangelnder Beweise ausser Verfolgung gesetzt. Ist als
Kunststopferin gemeldet; in Wirklichkeit ernährt sie sich durch Wahrsagen und
Kartenschlagen, was ein ganz einträgliches Gewerbe zu sein scheint, nach ihrer
Lebensführung zu schliessen. Sie hat nur zwei Kinder, jene Karen, und einen etwa
sechsundzwanzigjährigen Sohn Niels Heinrich, der ein polizeibekannter Tunichtgut
ist und mit den Gesetzen in beständigem Konflikt liegt. Die Tochter Karen nun
hat sich schon in frühem Mädchenalter einem schlechten Wandel ergeben.
Wahrscheinlich ist sie von der Mutter dazu erzogen worden. Als sie siebzehn
Jahre alt war, soll ein holländischer Kapitän der Mutter fünfhundert Gulden
bezahlt und das Mädchen entführt haben. Sie hat zwei aussereheliche Kinder
geboren, eines 1897 in Kiel, eines 1901 in Königsberg. Beide starben kurz nach
der Geburt. Ausser in den genannten Orten lebte sie in Bremen, Schleswig,
Hannover, Kuxhaven, Stettin, Aachen, Rotterdam, Elberfeld und Hamburg, fast
überall unter Polizeiaufsicht. Zwischen 1898 und 99 liess sich ihr Aufentalt
nicht ermitteln. Es scheint, dass damals in ihren Umständen eine vorübergehende
Besserung eingetreten war; eine Auskunft lautet, sie sei mit einem dänischen
Maler nach Nordfrankreich gegangen, in eine kleine Stadt: Wassigny. Aus Hamburg,
wo sie allmählich immer tiefer gesunken war, wurde sie durch den Herrn Sohn in
der Weise weggebracht, die ich in meinem Bericht vom vierzehnten Februar die
Ehre hatte zu schildern.«
    Girke schöpfte Atem. Seine Leistung, architektonisch aufgetürmt, flösste ihm
selbst Respekt ein. Er genoss Gliederung und Gruppierung und warf einen Blick des
Triumphes auf den Geheimrat. Er bemerkte nicht dessen versteinertes Gesicht und
fuhr sieghaft fort: »Als sie nach Berlin kam, suchte sie ihre Mutter auf. Es
entspann sich ein reger Verkehr. Die Mutter erschien sowohl im Hause
Kronprinzenufer wie in allen übrigen Wohnungen. Auch der Bruder Niels Heinrich
sprach vor, zweimal Fehrbelliner Strasse, einmal Gaudystrasse, fünfmal Stolpische
Strasse. Sie hatten Auseinandersetzungen, die von Mal zu Mal lärmender wurden. Am
elften dieses, nachmittags fünf Uhr, verliess Niels Heinrich die Wohnung im Zorn,
stiess Drohungen aus und randalierte in der Schnapsbudicke von Kersting,
Schievelbeiner Strasse. Am zwölften kam er mit Ihrem Herrn Sohn aus dem Haus, und
sie gingen zusammen bis zur Lotringer Strasse. Dort gab Ihr Herr Sohn dem
Menschen Geld. Am sechzehnten schlenderte er vor dem Haus Kronprinzenufer bis in
die Abendstunden auf und ab. Als Ihr Herr Sohn mit dem stud. med. Voss auf die
Strasse kam, trat er zu ihnen, und nach einem kurzen Gespräch gab ihm Ihr Herr
Sohn abermals Geld, mehrere Goldstücke und einen Schein. Ihr Herr Sohn und der
stud. med. Voss gingen bis zum grossen Stern miteinander, und während der ganzen
Zeit redete der stud. med. Voss auf Ihren Herrn Sohn heftig und aufgeregt ein.
Worum es sich handelte, war nicht zu ergründen; unser Vertrauensmann konnte
nicht nahe genug heran, ich selbst war an dem Tage anderweitig beschäftigt. Die
Parteien in dem Haus Kronprinzenufer versichern glaubwürdig, dass der stud. med
sich häufig aggressiv und masslos gegen Ihren Herrn Sohn auslässt.«
    Der Geheimrat war weiss bis in die Lippen. Den innern Sturm zu verbergen,
erhob er sich und trat aus Fenster.
    Grundfesten wankten. Der Gipfel des Daseins, auf dem man stand, hüllte sich
in schwärzlichen Dunst, so wie draussen alles bedeckt war von Rauch und Qualm,
die der Wind aus Schlöten niederschlug. Chaotische Geräusche der Arbeit, der
Maschinen brodelten in der Luft. Auf Simsen und Dächern lag rissiger Schnee.
    Was war zu tun? Das Gesetz bot im Notfall Handhaben. Entmündigung nahm den
Schimpf nicht weg. Man musste einschreiten, dämmen, verhüten, vertuschen.
    Endlich rangen sich wieder Worte aus der geschnürten Kehle. »Hat er sonst
irgendwie auffälligen Verkehr?«
    »Nicht dass ich wüsste,« antwortete Girke. »Bei allerlei kleinen Leuten,
jawohl; im Hause und auf der Strasse. Er besucht regelmässig die Vorlesungen und
scheint auch zu Hause zu arbeiten. Mit den Studenten pflegt er keinen Umgang,
wenigstens bis in die letzte Zeit nicht. Doch wird uns gemeldet, dass man seiner
Person in diesen Kreisen eine gewisse Aufmerksamkeit schenkt. Vor zwei Tagen
erhielt er den Besuch eines Herrn von Tüngen, der im Hotel de Rome abgestiegen
ist. Ob sich daraus Weiterungen ergeben haben, kann ich noch nicht beurteilen.«
    Der Geheimrat sagte mit umwölkter Stirn: »Der liegende Besitz meines Sohnes
ist von mir angekauft worden. Die Gesamtkaufsumme, dreizehneinhalb Millionen
Mark, wurden an die Deutsche Bank überwiesen. Es gibt leider keine legale
Möglichkeit für mich, über die Verwendung des Geldes auf dem laufenden zu
bleiben, zu erfahren, ob grössere Beträge über den Zinsendienst hinaus entnommen
und an wen sie bezahlt werden. Es wäre wichtig, darüber Klarheit zu gewinnen.«
    Bei der Nennung der Millionenziffer verspürte Girke einen
Ehrfurchtsschauder. Er duckte den Kopf, im Mund sammelte sich Speichel.
»Zweifellos steht dem Herrn Sohn neben diesen dreizehneinhalb Millionen noch die
Nutzniessung der jährlichen Revenue zu?«
    Der Geheimrat nickte. »Sie wird von der Firma ausbezahlt, und zwar seit
November in Vierteljahrsraten an die Filiale der Dresdner Bank.«
    »Ich frage natürlich nur, um die Verhältnisse überblicken zu können. Bei so
unbegrenzten Mitteln ist die Lebensführung des Herrn Sohnes höchst sonderbar,
mehr als sonderbar. Er nimmt seine Mahlzeiten meist in geringen Gast- und
Speisehäusern und bedient sich niemals eines Autos oder einer Droschke, sogar
der billigen öffentlichen Vehikel selten; er legt ziemlich lange Strecken zu Fuss
zurück, bei Tag wie auch am Abend.«
    Bei dieser Mitteilung stutzte der Geheimrat. Sie machte einen tieferen
Eindruck auf ihn als alles, was der Detektiv sonst vorgebracht hatte.
    »Ich werde die Wünsche des Herrn Geheimrats in jeder Beziehung
berücksichtigen,« sagte Girke; »was den letzten Punkt betrifft, so ist es nicht
leicht, aber ich werde trachten: Herr Geheimrat werden mit Girke und Graurock
zufrieden sein.«
    Damit war die Unterredung zu Ende.
 
                                       4
Im Verfluss eines unterbewussten, durch eine Folge von Tagen sich hinziehenden
Grübelns musste der Geheimrat an einen Vorfall denken, der sich in Aix-les-Bains
abgespielt hatte, als Christian vierzehn Jahre alt war.
    Albrecht Wahnschaffe hatte die Bekanntschaft einer Marchesa Barlotti
gemacht, einer geistreichen alten Dame, die einst eine berühmte Sängerin gewesen
und nun, im Alter, von gerazu faszinierender Hässlichkeit war. Eines Tages war
sie Albrecht Wahnschaffe in Begleitung Christians auf der Promenade begegnet,
und die Schönheit des Knaben hatte sie dermassen entzückt, dass sie ihn herzlich,
in grosser, freier Manier aufforderte, sie zu besuchen. An Stelle Christians, der
erblasst war, hatte der Vater zugesagt und gleich die Stunde bestimmt. Christian
aber, durch die abschreckende Erscheinung der Marchesa in nicht zu brechenden
Widerwillen versetzt, weigerte sich ruhig und kalt, das Versprechen des Vaters
zu erfüllen. Keine Zurede, keine Bitte, kein Befehl vermochte ihn zum Gehorsam
zu bewegen. Da war Albrecht Wahnschaffe von einem jener Anfälle von Jähzorn
übermannt worden, die ihn zum Berserker machten, trunken und schwindlig; kaum
einmal in zehn Jahren kam es so weit, und wenn die Wut vorüber war, fand er sich
in einem Zustand wie nach schwerer Krankheit. Er war auf Christian zugegangen,
in schäumender Raserei, und hatte ihn mit dem Stock geschlagen. Einen zweiten
Hieb führte er nicht. Der Arm lahmte vor dem Ausdruck im Gesicht des Knaben.
Alles war Eis darin, flammend bleiches Eis; eine Hoheit, eine tödliche
Verachtung, vor welcher der Zorn zerbrach wie Glas an Granit. Mich züchtigen?
fragte seine eisig erstaunte Miene, mich zwingen?
    Der bestürzte, beschämte, vernichtete Vater hatte erkannt, dass man diesen
Menschen nicht zwingen könne und nicht zwingen dürfe, niemals, unter keinen
Umständen und zu nichts in der Welt.
    Der Vorfall wurde ihm jetzt wieder gegenwärtig und war die Ursache, dass er
seinen Entschluss, Gewalt anzuwenden, ein für allemal aufgab.
    Auf einen vor Monaten geschriebenen Brief, Christian solle kommen, sich
erklären, die Seinen drückender Unwissenheit und Ratlosigkeit entreissen, die
Mutter insbesondere, die ungebührlich leide, hatte er lakonisch geantwortet, es
habe keinen Zweck, zu kommen, er könne nichts erklären, zur Sorge sei kein
Grund, er befinde sich wohl und in ausgezeichneter Stimmung und man möge ihn nur
getrost sich selber überlassen.
    Was war der Sinn von dem, was er tat? Wo der Schlüssel für das Verständnis?
Gab es, im Zeitalter der alles durchdringenden Wissenschaft mystische
Verwandlung der Identität?
    Er sah Christian, wie er zu Fuss lange Wege in den Strassen ging, am Abend;
wie er in geringen Gastäusern einkehrte und geringe Mahlzeiten zu sich nahm.
Was war der Sinn davon? Er stellte sich vor, dass er ihm auf einem solchen Gang
begegnete, er stellte sich die konventionell höfliche Miene vor, die stolz und
kühl blickenden Augen, die weissen, festen Zähne, die bei seinem konventionell
höflichen Lächeln sichtbar wurden, und schon bei der Ausmalung des
Einandergegenüberstehens ergriff ihn Furcht.
    Aber vielleicht musste es sein; vielleicht musste er zu ihm gehen. Vielleicht
hatte das Geschehene gar nicht den finstern Ernst, den die Ferne gab. Vielleicht
entpuppte es sich als mühelos zu lösende Verwirrung.
    Der Gedanke wühlte sich ins Hirn und die Furcht wuchs. Wenn er ihn erstickt
zu haben wähnte, tauchte er noch quälender auf, in Träumen, in schlaflosen
Nächten, im Tumult der Geschäfte, im Gespräch mit Menschen, an jedem Ort, zu
jeder Zeit, wochenlang, monatelang.
 
                                       5
Wahnschaffeburg, erbaut für Glanz und Feste, war verödet. Die Gesellschaftsräume
und die Fremdenzimmer standen leer. Amerikanische Gäste hatten sich angemeldet,
Frau Richberta hatte ihnen absagen lassen.
    Der Geheimrat schickte ihr Leckerbissen und Blumen aus den Treibhäusern. Sie
hatte keinen Blick dafür. Letargisch lag sie im Fauteuil oder in ihrem
Prunkbett. Die Fenster waren verhängt, auch bei Tag. Abends und nachts war die
elektrische Lampe verschleiert.
    Erinnerungen an Christians Kindheit waren ihre Zuflucht. Sie genoss es
wieder, wie er, als fünfjähriger Knabe noch, bei ihr im Bett gelegen; am frühen
Morgen hatte die Wärterin den Jauchzenden, vom Schlummer rosig Behauchten
gebracht. Die zwitschernde Stimme, die goldblonden Locken, die beweglich
greifenden Hände, die mutwillig blitzenden tiefblauen Augen, wie nah, wie weit!
Sie genoss es wieder, wie er nach der Perlenkette gelangt, wenn sie im Schmuck
sein Zimmer betreten hatte; wie ihm kleine Mädchen einen Kranz von Sweet-peas
aufs Haupt gelegt, ihn huldigend umringt hatten; wie er mit zwei Hunden über die
Parkwege gestürmt und vor einer Bronzestatue, einem antiken Adoranten, herrlich
stutzend stehengeblieben war; wie er, später dann, als Jüngling, im Mainzer
Karneval auf einem Blumenwagen inmitten der schönsten Frauen den silbernen Pokal
lächelnd gegen die Zuschauer erhoben hatte.
    Unvergesslich jede Gebärde, jeder Blick, der leichte Gang, die gereckte
Gestalt, die dunkle Stimme, die Erwartung seines Kommens, das Glück seines
Daseins, das Entzücken, das ihm aus den Mienen der Menschen zuflog.
    Die Welt entielt nur ihn.
    Sie las die wenigen Briefe, die er ihr geschrieben und die sie in einem
Ebenholzschrein aufbewahrt hatte wie Reliquien; nüchterne, bedeutungslose
Mitteilungen, für sie Formeln von bindender Kraft. Zehn, zwölf Zeilen aus Paris,
San Sebastian, Rom, Viareggio, Korfu, der Insel Wight; einst hatte sie die
Schönheit der Erde daraus getrunken; sobald er nicht mehr dort geweilt, waren es
gleichgültige Lokalitäten.
    Sie hatte ihren Schoss geliebt, weil er ihn geboren; jetzt hasste sie ihn
dafür, dass sie ihn verloren. Aber wie und warum sie ihn verloren, war
unergründbar. Und sie grübelte Tag und Nacht.
    Niemand konnte ihr Aufschluss geben. Kein Gedanke brachte eine Spur von
Licht. Sie stand vor einer Mauer und stierte sie verzweifelt an. Sie lauschte
und hörte keine Stimme von drüben. Alles, was man ihr sagte, erschien ihr
lächerrlich und lügenhaft.
    In ihrem Schlafzimmer hing ein Porträt Christians, das ihn als
Zwanzigjährigen zeigte; ein schwedischer Maler hatte es vor drei Jahren gemalt.
Es war sehr ähnlich, und sie liebte es abgöttisch. Eines Nachts nahm sie es von
dem roten Seil an der Wand und stellte es auf den Tisch neben die Lampe, deren
Vorhang sie zurückschlug. Sie kauerte sich in den Sessel, stützte den Kopf auf
beide Arme und sah das Bild unverwandt, mit fordernder Inbrunst an.
    Sie befragte es. Es gab keine Antwort. Sie bebte vor Begier, den gemalten
Kopf zu packen. Aber das Gesicht auf der Leinwand lächelte in der zweideutigen
und abwehrenden Art, die ihm eigen war. Sie wünschte, sie könnte weinen. Doch
war es ihr nicht gegeben, zu weinen; sie war zu hart und ungerührt durch das
Leben gegangen.
    Am Morgen fand sie die Zofe noch immer vor Christians Bild sitzen. Das Bild
neben der brennenden Lampe lächelte zweideutig und fremd.
 
                                       6
Johanna Schöntag schrieb an Christian: »Zwei Monate sind vergangen, seit ich von
dir weg bin. In dieser Zeit hat das Unglück mich und die Meinen verschwenderisch
bedacht. Mein Vater hat sich selbst den Tod gegeben; das war die traurige
Ursache, weshalb man mich gerufen hatte. Tollkühne Spekulationen haben ihn ins
Unabsehbare verstrickt, er konnte sich nicht mehr zurechtfinden, sah sich von
einem Tag auf den andern zum Bettler geworden und entschloss sich, den Kampfplatz
zu verlassen. Alle Verbindlichkeiten sind auf anständige Weise gelöst, der gute
Name ist gerettet, und man sagt uns zum Trost, dass er zu früh den Kopf verloren
und sich übereilt hat. Wir sind aber in einer wenig beneidenswerten Lage, das
Leben zeigt mir sein hässlichstes Gesicht. Solche Verwandlungen gibt es sonst nur
in schlechten Teaterstücken. Ich bin noch sehr verwirrt. Ich weiss noch nicht,
wie mir geschieht. Ich beneide Menschen, die Vorsätze haben, ganz zu schweigen
von denen, die ausserdem noch die Kraft besitzen, sie auszuführen. Wirst du mir
schreiben? Hast du mich schon vergessen? Darf ich überhaupt noch danach fragen?«
    Den Brief schickte sie an Crammon mit der Bitte, ihn zu befördern. Crammon
schrieb ihr: »Mein liebes Rumpelstilzchen, hoffentlich verhallt Ihre Stimme
nicht in der Wüste. Es haben sich malheureuse Dinge ereignet. Der Edle, an den
Sie sich wenden, verleugnet sich selbst, seine Vergangenheit und alle, die ihn
lieben. Gott der Herr hat seinen Sinn verdunkelt; wir sind um seine Rettung
bemüht. Möge Ihre Mitilfe von guten Folgen begleitet sein!«
    Die Worte erschreckten sie; sie wusste sie nicht zu deuten. Sie hatte Zeit,
darüber nachzudenken, denn es vergingen Wochen, bis sie auf den Brief an
Christian eine Antwort erhielt, und diese Antwort war schlimmer als keine: sie
stammte nicht von Christian selbst, sondern von Amadeus Voss. Sie lautete:
»Hochgeschätztes Fräulein! Bei der Ordnung der Papiere, die mein Freund
Christian Wahnschaffe in der Wohnung zurückgelassen hat, welche ich an seiner
Statt übernommen habe, fiel mir unter andern Schriftstücken auch Ihr Schreiben
an ihn in die Hände. Da fast alle Briefe, die er in den letzten Monaten
empfangen hat, mit ganz vereinzelten Ausnahmen unerledigt geblieben sind, fehle
ich wohl in der Vermutung nicht, dass ein gleiches auch bei Ihrem der Fall ist.
Das begangene Versäumnis ungeschehen zu machen, darf ich mir nicht einbilden;
wer bin ich auch? Was bin ich für Sie? Vielleicht erinnern Sie sich meiner kaum.
Hingegen erinnere ich mich Ihrer sehr genau und bedaure es ständig. Ihnen meine
Ergebenheit und Sympatie nicht merkbarer zu Füssen gelegt zu haben. Aber ich bin
von Natur furchtsam, und die Angst, meine Gefühle zurückgewiesen oder
missverstanden zu sehen, ist geradezu ein schleichendes Übel in mir. Fassen Sie
es also nicht als eine Zudringlichkeit auf, dass ich für meinen Freund
Wahnschaffe zur Feder greife; es schmerzte mich einfach, wenn ich mir Ihre
Ungewissheit und Ihr vergebliches Warten vorstellte, und ich beschloss, dem ein
Ende zu machen, wenigstens soweit es in meinen Kräften stand. Ich glaube,
versichern zu dürfen, dass Christian Wahnschaffe Ihnen gegenüber nicht so
schuldig ist, wie es scheinen muss, oder er ist vor sämtlichen Menschen, die ihm
früher nahe gewesen sind, im selben Masse schuldig. Von Nachlässigkeit und
Pflichtverletzung zu sprechen, wäre anmasslich von mir und objektiv unzutreffend.
Er ist aus seiner Haut geschlüpft, und die Münze, mit der er heute zahlt, ist
auf einem andern Prägestock geprägt als die, mit der er vordem gezahlt hat. Ob
es eine bessere oder schlechtere Münze ist, das zu entscheiden, ist nicht meines
Amtes. Er hat, wie man zu sagen pflegt, die Schiffe hinter sich verbrannt. Was
er tut, bildet das Entsetzen moralischer Abc-Schützen, auch von mir gestehe ich,
dass ich um Erklärungen verlegen bin, aber man muss Geduld haben, die himmlische
Vorsicht wird es zum besten lenken. Wir alle essen das Brot des Abgrunds, jedem
schmeckt es bitter. In Anbetracht der durchaus ungewöhnlichen Umstände bitte
ich, es zu entschuldigen, dass ich, gleichsam als alter ego, mich in die
Angelegenheit eines andern mische, um sie zu meiner eignen zu machen. Es
geschieht nach reiflicher Überlegung, und was Ihnen zunächst vielleicht Vorwitz
und tadelnswerte Bemächtigung fremden Geheimnisses dünkt, hat seinen Beweggrund
nur in der Sorge um Ihre Seelenruhe. Zum Schluss möchte ich noch mein
aufrichtiges und tiefempfundenes Mitgefühl zur Kenntnis geben; Sie sind von
schweren Schicksalsschlägen heimgesucht worden; Gott in seiner Gnade wird gewiss
wieder Licht auf Ihren Weg senden.«
    Johanna las diesen Brief unzählige Male, und jedesmal wurde sie bleich vor
Scham; jedesmal war sie den Tränen nah, so preisgegeben und beleidigt erschien
sie sich. Dann wühlte sie von neuem und immer von neuem in den künstlich
stilisierten Sätzen; erschrocken, verzagt, schmerzlich neugierig fragte sie
sich: was muss vorgegangen sein, damit er, Christian Wahnschaffe, derselbe
Christian, den ich kenne, dem ich unermessenes Menschenvertrauen geschenkt, der
Zarte, Verschwiegene, Korrekte, was muss vorgegangen sein, damit er mich und mein
Verborgenstes hinwerfen konnte, als Beute hinwerfen einem, dem Verräterei und
Muckertum auf die Stirn gezeichnet ist?
    In ihrer Erregung ging sie in Crammons Wohnung; Crammon war längst nicht
mehr in Wien. Sie erfragte seinen Aufentaltsort; man vermochte keinen
zuverlässigen Bescheid zu geben; Fräulein Aglaia nannte ein Hotel in Berlin,
Fräulein Constantine das gräflich Vjetztumsche Schloss Königseck in der
Sächsischen Schweiz. Sie schrieb dahin und dortin; zerriss beide Briefe wieder;
sann und erwog; wurde von Beschämung und Zweifeln herumgejagt; fasste einen
Entschluss und schrieb an Amadeus Voss, malte weiträumige Zeilen in ihrer
lapidaren, stelzensteilen Schrift, die linke Hand zornig verkrampft, die Stirne
gefaltet, mit den kleinen Zähnen an der Lippe nagend; schrieb einen
spöttisch-knappen Dank, dass er sich ihretwegen bemüht, ignorierte geringschätzig
die verübte Indiskretion, verbiss ihren Widerwillen, der einer Blutsabwehr in
Vorahnung entsprang, und ersuchte in ein paar ungeduldigen Wendungen um
klarverständliche Auskunft über Christian Wahnschaffe, da man sie die
Entzifferung von Charaden und geistlichen Anspielungen noch nicht gelehrt habe.
Sie könne sich zwar mit einem solchen Verlangen auf kein Recht stützen, weise
auch jede Unterstellung eines mehr als freundschaftlichen Interesses für
Christian entschieden zurück, doch sei dieses stark genug, ihre dringende
Erkundigung zu begründen.
    Vier Tage später kam die Antwort von Voss. Mit Herzklopfen hielt sie den
Brief in der Hand, legte ihn uneröffnet in eine Lade, und erst am Abend, als sie
sich in ihrem Zimmer eingesperrt hatte, brach sie ihn auf. Sie las:
    »Sehr geehrtes Fräulein! Es wundert mich, dass ein Gerücht noch nicht bis zu
Ihnen gelangt ist, das hier bereits die Spatzen von den Dächern pfeifen. Alle
Welt raunt, schnüffelt und staunt, niemand traut seinen Ohren. Um Sie nicht mit
unnötigen Umschweifen zu belästigen, gehe ich sogleich zu den Tatsachen über.
Wie Ihnen bekannt sein wird, reiste ich ungefähr eine Woche vor Christian
Wahnschaffe von Hamburg ab, mietete in Berlin für ihn und mich eine komfortable
Wohnung, denn da wir beide beschlossen hatten, uns dem medizinischen Studium zu
widmen, durfte ich annehmen, dass wir bis auf ferneres und solange wir uns
gegenseitig vertrugen, gemeinsamen Haushalt führen würden. Ich wartete auf ihn,
er kam endlich, aber er kam nicht allein. Er brachte eine Frau mit. Hier stock
ich im Wort. Ich wähle die Bezeichnung Frau, weil mir die Rücksicht gegen Sie
verbietet, eine andre zu wählen. Doch wie soll ich es anfangen, Ihnen die
Sachlage auseinanderzusetzen, wenn ich wie die Katze um den heissen Brei
schleiche; die Wahrheit kann ja nicht verborgen bleiben. Die Person heisst Karen
Engelschall; er hat sie im Hamburger Hafen- und Dirnenviertel als vollständig
Verkommene aufgefischt; sie steht auf der untersten Stufe der Menschheit; sie
hat ein rohes Aussehen, abstossende Manieren und befindet sich momentan dicht vor
ihrer Niederkunft. Sie war in den Händen eines gewalttätigen Kerls, der sie
misshandelte und barbarisch zurichtete, und wenn sie an den nur denkt, schlottert
sie vor Grausen und Angst. Sie mag dreissig bis zweiunddreissig Jahre zählen,
wirkt aber älter; ein Blick in ihr Gesicht genügt, und man weiss, dass es mit
allen Lastern und aller Schande des Lebens vertraut ist.
    Mein Fräulein, Ihr Auge darf nicht innehalten, wie es vielleicht täte, stünd
ich vor Ihnen und wendete mich mitfühlend ab. Die niedergeschriebenen Worte sind
schonungslos, und Ihre Phantasie, bisher bewahrt vor solchen Bildern, schliesst
vielleicht mich Unschuldigen in den schlimmen Zirkel ein. Ich muss es dulden;
wenn das Zünglein an der Wage zur Ruhe gekommen ist, werden Sie gerechter
prüfen. Obiges ist nur als Einleitung zu betrachten; ich fahre fort und halte
mich an die Folge.
    Er kam mit seinen Kisten und Koffern, aber ohne Diener. Er hatte den Diener
entlassen. Gegen mich zeigte er sich von besonderer Freundlichkeit, und im
allgemeinen war er weitaus heiterer, als wie ich ihn verlassen hatte. Für jene
Karen wurden zwei Zimmer bereitet, eins zum Schlafen, eins zum Wohnen. Drei
Zimmer waren für ihn, die zwei übrigen für mich. Ich war auf eine solche Zugabe
zu unserm Beisammensein nicht gefasst; ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er
gab mir ein paar notdürftige Aufklärungen. Eigentlich Rede stand er mir nicht.
Diese Weltmannsglätte, wie zuwider sie mir ist, was für eine verzweifelte
Ähnlichkeit sie mit Verschlagenheit und Falschheit hat! Schweigen und Lächeln
sind keine Argumente, damit überzeugt man nicht, damit betrügt man nur. Wir
Niedriggebornen kennen solches nicht und verschmähen die feige Flucht unter die
Maske der Unverbindlichkeit. Das Weib erschien zu den Mahlzeiten, sass klobig da,
zupfte am Tischtuch, stellte einfältige Fragen, klapperte mit dem Besteck und
schaufelte die Speisen mit dem Messer. Wenn Wahnschaffe sie ansah, benahm sie
sich wie eine, die bei einem Diebstahl ertappt wird. Ich war bestürzt. Ich
dachte mir: er ist nicht bei Trost. Sein Wesen gegen sie war von einer
Zuvorkommenheit, dass ich mich des Verdachts nicht erwehren konnte, sie habe sich
übernatürlicher Mittel bedient, um ihn fügsam zu machen. Aber wie: fügsam? Die
Gewissheit, dass sie seine Mätresse nicht war, erlangte ich bald; wie hätte man
auch dergleichen vermuten dürfen; ich hatte den Gedanken von Anfang an
verworfen. Also wie: fügsam? Doch nur durch Teufelskünste. Glauben Sie nicht,
dass ich fasle, mein Fräulein. Ich habe in geisterhaften Stunden tief in das
Räderwerk der Schöpfung geblickt. Die menschliche Seele, arm und reich, hat
unendliche Fähigkeiten und Verwandlungen. Die Sterne leuchten über uns, und wir
kennen sie nicht, kennen nicht ihre Einflüsse und Gewalt. Die Klüfte der Erde
sind zugeschlossen, nur die Ahnung bleibt, dass herrschsüchtige Dämonen sind.
Hierüber werden wir uns sicherlich noch einmal Aug in Auge verständigen; nehmen
Sie diese Prophezeiung als einen Beweis für das Behauptete.
    Ich fahre fort. Ich fühlte mich nicht mehr heimlich in den schönen Zimmern.
In der Nacht stand ich oft im Finstern und lauschte gegen die Räume hinüber, in
denen die beiden hausten. Ich überwand meine Scheu und suchte die Gesellschaft
des Weibes, wenn sie allein war. Sie war auf eine unangenehme Weise schwatzhaft.
Ich sparte nicht mit meiner Verachtung. In seiner Gegenwart war sie blöde.
Äusserlich gesehen, unterwirft sie ihn durch ihre Unterwürfigkeit. Ihre
grenzenlose Verelendung hat Eindruck auf sein von Weltglanz übersättigtes Auge
gemacht. Ich ging daran, nach einer verführerischen Eigenschaft an ihr zu
forschen, nach irgendeinem Zug verlorener oder verwüsteter Schönheit, nach
irgendeinem, wenn auch noch so unscheinbaren Reiz, einem verbrecherischen sogar,
einem perversen. Ich dachte dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wenn ich mich
gläubig und zustimmend stellte; ich war wachsam und bereit zu jedem Zugeständnis
an eine Seelenwandlung, an ein Phänomen der Busse und Abkehr. Aber was fand ich?
Ich fand eine rohe, befleckte, störrische, tierähnliche, plumptappende, formlose
Kreatur.
    Mich schauderte. Zu nah war noch die Zeit, da ich mich mit aller
Leidenschaft selbst aus dem Schlamm befreit hatte; zu schwer hatte ich gelitten
bei denen, die der Herr aus seinem Angesicht verwiesen hat; zu viele
Mitternächte lagen hinter mir, wo es ums letzte ging; zu laut hatte ich
geschrien unter den Malsteinen der Sünde; zu verrucht war mir dies Weib, viel zu
verrucht, um zusehen zu können, wie sie schlangenschlüpfrig hinüberglitt in die
Trägheitsmitte, ausruhend vom Übel und sich sammelnd zu neuem Übel. Ich wollte
weg, das war kein Schauspiel für mich, oder mein Geist wäre wieder zu Gift
geworden, mein Herz wieder das eiternde Stück Fleisch, das ich mir und der
Menschheit zur Last trug. Ich erklärte Wahnschaffe, dass ich weg, dass ich ihm
Platz machen wollte; er aber antwortete, ich möge bleiben, es gefalle ihm
ohnehin nicht in dem Haus, er seinerseits wolle gehen. Ich dachte: aha, dich
gelüstet nach deinen Palästen, dir ists zu gering dahier; aber zu meiner und
andrer Leute Verwunderung zog er in ein weit geringeres Quartier; blieb dort
bloss eine Woche, wählte abermals ein geringeres, und so noch zweimal, bis er
endlich mit dem Weibe in den Norden der Stadt übersiedelte, in eine
menschenüberfüllte Zinskaserne, wo er jetzt noch wohnt, er im Hinterhaus, sie im
Vorderhaus. Wüsst ichs nicht, und Sie sagten mirs und zeigten mirs, ich lachte
Ihnen ins Gesicht. Die Witwe Engelschall, die Mutter der Karen, war wütend, als
sie es hörte; die habe ich kennengelernt; wie soll ich sie Ihnen schildern, ohne
dass mir der Gaumen ausdorrt vor Ekel. Der Bruder, ein Lump und Auswurf, stellte
Wahnschaffe und stiess Drohungen aus. Gelichter wimmelt um und um. Dort arbeitet
er für die Vorlesungen; dort schläft er in einem finstern Loch, auf einem alten
Ledersofa, der verhätschelte Liebling, Muster und Vorbild seiner Kaste, der
Geniesser, der Verführer, der Adonis und Krösus! Schreit Ihnen meine Stimme?
Gellen die Worte aus dem bleichen Papier heraus? Erstarren Ihnen die Begriffe?
So kommen Sie doch, kommen Sie, das Wunder zu bestaunen, die Mönchwerdung, die
neue Eremitage, das düstere Possenspiel. Kommen Sie, wir bedürfen Ihrer
vielleicht; brauchen die Herzen, die vordem für ihn geglüht haben. Die Augen aus
der Jenseitwelt der Freuden werden die Spiegel sein, in denen er sich besinnend
wiedererkennt.
    Triumphiere ich? Ich wollt es nicht. Knirscht es in mir? Es könnte sein. Bin
ich es doch, der den Weg bereitet hat, ich, den die Sündenträume wie ein Aussatz
der Seele bis zum heutigen Tag zu unseliger Unrast verdammen. Er wirft sein Gut
fort. Er lässt Millionen, die frische Millionen hecken, auf der Bank liegen, ohne
sich um sie zu kümmern. Er lebt ohne Luxus, ohne Zeitvertreib, ohne elegante
Gesellschaft, ohne Teater, ohne Autos, ohne Spiel und Spielerei, ohne Liebe und
Liebelei, ohne geehrt, bewundert, verwöhnt zu werden. Ich warte auf die Stunde,
wo er lachend erklärt, der Opiumrausch sei zu Ende. Solang die Millionen auf der
Bank hecken und im Hintergrund Herr Vater und Frau Mutter mit der gefüllten
Geldkiste bereitstehen, ist nichts Ernstliches zu fürchten. Seine Kleider, seine
Wäsche, seine Schuhe, seine Krawatten, seine Schmuck- und Toilettengegenstände
befinden sich zum grössten Teil noch hier in der Wohnung, die ich wieder allein
bewohne. Bisweilen kommt er, wechselt den Anzug, nimmt ein Bad. In seiner
Erscheinung hat sich nichts geändert; er sieht immer aus, als gings zum
Frühstück bei einem Minister oder zum Stelldichein mit einer Herzogin. Er ist
nicht melancholisch, nicht gedankenvoll, nicht hohlwangig; er ist, wie er stets
gewesen, genau so hochmütig, so nüchtern, so unbedeutend, so prinzenhaft, nur
ist alles leichter, was er tut, entschiedener, was er sagt, und er lacht öfter.
    Damals hat er nicht gelacht, als ich ihm die Finsternis und die Schrecken
malte, damals auf seinem Schloss, ehe er zu der Tänzerin reiste. Damals hat er
gelauscht; Tag und Nacht gelauscht, gefragt, gelauscht. Rührte sich das Erbarmen
in seinem Busen? Mitnichten. Er ist ja nicht einmal ein Christ; sein Gemüt ist
ohne den Gottesfunken; er weiss nichts von Gott, für ihn gilt das Wort aus dem
Korinterbrief: Der sinnliche Mensch nimmt nicht auf, was vom Geiste Gottes
kommt, ihm ist es Torheit, und er vermag es nicht zu fassen, weil es nur im
Geiste gefasst werden kann. Ich hatte ihn auferwecken gewollt; ich redete mit
Feuerzungen aus der untersten Tiefe. Aber er war stärker; er riss mich ins
Verderben und lockte mich zu den Saturnalien, und ich vergass mein himmlisches
Heil um irdischer Lust willen. Er war mir wie ein Schatten gewesen, jetzt bin
ich selber zum Schatten geworden, und er schmäht das Heilige, indem er es äfft.
Was weiss er vom Beil und vom Ring? Ich aber weiss vom Beil und vom Ring. Was weiss
er von den Zeichen und Symbolen, die in der Trübnis der Sinne zu Fackeln werden?
Ihm ist alles wirklich, ihm ist es da: der Nagel und das Brett, die Glocke und
der Messstab, der Stein und die Wurzel, die Kelle und der Hammer, für ihn ist es
da, für mich ist es nicht da. Rom und Galiläa stehen auf und ringen
gegeneinander. Was von ihm ausgeht, ist Qual, was mich zu ihm treibt, ist Qual;
als wären wir, verbrüdert und verwachsen, aus demselbigen Schoss gekrochen und
könnten nun keiner den andern finden noch verstehen.
    Warum ist er bei dem Weibe? Was erwartet er von dem Weibe? Er spricht von
ihr mit einer neugierigen Spannung. Das ist es, diese unheimliche, verwegene,
nimmersatte Neugier! Da ist der Hebel. Gelüstete ihn vordem nach den Palästen,
so gelüstet ihn jetzt nach den Pferchen; warens ehemals die Grafen und die
Sängerinnen, die Kavaliere und die perlenbehängten Kokotten, so sinds jetzt die
Schnapsbrüder und die Spitalsweiber, die Zuhälter und die Huren. Gelüst ists,
Gelüst, kein Tempelgang, kein Aufblick, keine Weihe; Gelüst nach dem Nagel und
dem Brett, nach der Glocke und dem Messstab, dem Stein und der Wurzel, der Kelle
und dem Hammer, Gelüst nach dem, worin die Kraft liegt, wovon das Leiden
ausgeht, worin das Wissen ruht. Ich habe seine Blicke glänzen gesehen, als ich
vom Sterben einer Verworfenen sprach, und vom Ertrinkungstod eines taubstummen
Knaben, meines leiblichen Bruders, an dem er schuldig war; und vom Selbstmord
eines andern, den ich in meiner zertretenen Jugend ins Grab gebracht; ich sah
ihn bei seinen Juwelen und seinen Gemälden und seinem Silbergeschirr und den
Blumen seiner Häuser und seinen kostbaren Büchern, und wie alles anfing, ihm
nicht mehr zu schmecken, und wie er hungrig aufhorchte bei den Wehklagen aus
Kerkern und wie der Angstschlaf über ihn kam. Und nun spielt er mit den Armen
und den Dingen der Armen und wandelt vorüber und sammelt an und ergötzt sich,
und greift nach dem und greift nach jenem, und will wissen, was drinnen ist und
was es bedeutet, und bleibt derselbe, der er war. Darin ist kein Heil, wie denn
geschrieben steht: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, und in keines
Menschen Herz gekommen, hat Gott denen, die ihn lieben, bereitet.
    Warum aber folgt ihm das Weib? Warum schlägt sie die Unsummen aus, die ihr
die Familie bereits angeboten hat, wenn sie ihn verlässt? Warum kehrt sie
widerspruchslos in die früheren Bezirke zurück, da sie doch nach seinem Gold,
seinen Edelsteinen, seinen Landhäusern und Gärten, seiner Macht und seiner
Freiheit lechzt und lechzen muss? Was hält sie, worauf wartet sie, welches
Satanswerk ist da im Zuge? Es geschah an einem der letztvergangenen Tage, dass
ich bei greulichem Schneetreiben mit ihm nach Hause ging. Er hatte mir einen
Brief seines Freundes Crammon zu lesen gegeben, ein larmoyantes Geschreibsel,
wie man es eher einem Blaustrumpf als einem Mann von Vernunft zumuten möchte;
wir stritten darüber, d.h. er nahm es nicht ernst, während ich mich in Zorn
redete; er erzählte mir dann, dass am Tag zuvor der Baron von Tüngen bei ihm
gewesen sei; das ist auch einer von den früheren Kumpanen; vielleicht erinnern
Sie sich seiner, er gehörte zu denen, die um die Eva Sorel scharwenzelten, so
ein rotblonder, gezierter Modenfex; der also sei gekommen, nachdem er lang nach
ihm gesucht, sei von mittags bis abends bei ihm gesessen und habe allerlei
geredet; dass er mit seinem Leben unzufrieden sei und sich nach einem andern
Leben sehne, dass er nicht wisse, was er beginnen solle und bisweilen eine
unerträgliche Traurigkeit über ihn hereinbreche, dass er immer schon eine starke
Sympatie für Wahnschaffe empfunden und nur nicht gewagt habe, ihm
näherzutreten, und dass er nichts andres wünsche, als manchmal eine Stunde in
seiner Gesellschaft zubringen zu dürfen. Das alles berichtete mir Wahnschaffe
halb verlegen, halb verwundert, ich konnte aber nicht klug daraus werden und
sagte, das sei wahrscheinlich einer von den übergeschnappten Müssiggängern, die
den Appetit verloren haben und ihren Gaumen mit einer gepfefferten Speise reizen
wollen. Er nahm mir die Grobheit nicht übel, sondern erwiderte bloss, er wolle
nicht vorschnell urteilen. Bei unserm Ziel angelangt, ging ich mit ihm in die
Wohnung der Karen Engelschall hinauf, denn, ärgerlich, wie ich war, mochte ich
ihn jetzt nicht verlassen, wo er mich wieder einmal durch seine eiskalte
Nüchternheit geschlagen hatte. Als wir den schmalen Vorraum passiert hatten,
hörten wir aus der Küche die kreischende Stimme der Karen und dazu das Geräusch
von Holzhacken. Wir machten die Küchentür auf; das schwangere Weib kniete auf
der Erde beim Herd und spaltete Holz mit einer Hacke. Auf einem Stuhl an der
Wand lehnte mit käseweissem Gesicht und geschlossenen Augen das junge Mädchen,
das sie zur Bedienung hat, eine gewisse Isolde Schirmacher. Die war von einem
Unwohlsein befallen worden, vielleicht war es sogar eine Art epileptischer
Krampf; sie sass mit starren Gliedern, den Kopf hintüber gebeugt. Offenbar hatte
sie vorher die Scheite gehackt, und als das Übel kam, hatte ihr Karen die Arbeit
abgenommen. Aber der Zustand des Mädchens schien ihr weiter keine Sorge zu
verursachen; sie spaltete das Holz mit der Hacke, bemerkte dabei gar nicht, dass
wir auf der Schwelle standen, und führte lästerliche Reden, die sich auf ihre
Schwangerschaft bezogen: sie möge nicht wieder so einen Balg haben, ihr graule
davor, erdrosseln müsse man es, bevor es noch den ersten Piepser ausgestossen
habe, und dergleichen Unflätigkeiten die Menge. Die Feder sträubt sich, sie
wiederzugeben. Da ging Wahnschaffe hin und hob die Isolde Schirmacher von ihrem
Stuhl auf und trug sie, als wärs überhaupt keine Last, in die Kammer nebenan und
legte sie aufs Bett. Hierauf kam er zurück, sagte zu Karen: lass das doch, Karen,
und nahm ihr die Hacke aus der Hand und schichtete die gehauenen Scheite
aufeinander. Das Weib war erschrocken, sie liess alles geschehen und schwieg, wie
wenn ihr die Sprache erstorben wäre. Das also habe ich mitangesehen, und aus
diesem Momentbild können Sie schon entnehmen, was für eine Person das ist und
wie Wahnschaffe mit ihr verfährt und mit ihr haust.
    Es ist kein Frieden mehr in mir. Aus einer unsichtbaren Wunde am Leib der
Welt rieselt Blut. Ich rufe nach einem Gefäss, um es aufzufangen, aber niemand
bringt mir ein Gefäss. Oder ist in mir selber die Krankheit und die Wunde? Gibt
es eine Sehnsucht des Schattens nach seinem Körper? Ist es denkbar, dass das
Unmögliche sich ereignet und der, der es erfleht, erschluchzt, auf Knien
erträumt und erstammelt hat, spürt nichts davon? Mein Fräulein, das Verhängnis
liegt darin: ich habe nun gelernt, die Frucht vom Aas zu unterscheiden, das
Bittre vom Süssen, das Duftende vom Stinkenden, was wohltut von dem was wehtut.
Andrerseits weiss ich, seit ich es erforsche, wie Glieder in den Gelenken sitzen,
wie Wirbel sich auf Wirbel baut, Muskel sich um Muskel flicht, Gewebe auf Gewebe
wächst, die Adern pulsen, das Hirn gelagert ist. Ich kann die Zauberuhr öffnen
und in die ewig erstarrte Mechanik greifen, ein wundervoller Schauder. Da ist
Ausgleich; ich zahle an der finstern Pforte des Daseins immer wieder das
Einlassgeld für die lichten Regionen. Neulich hatte ich ein Gesicht: Sie standen
vor einem jungen Leichnam an meiner Seite und verlangten, ich solle das Herz
herausschneiden, das den Tod des Leibes um ein weniges überlebt hatte und unter
meinem Messer zuckte.
    Dies wollte ich Ihnen noch mitteilen, und damit bin ich am Schlusse.«
    Johanna blieb über dem Brief die Nacht hindurch und bis in den Morgen
sitzen. Vor den Fenstern heulte der Märzsturm. Ihr hübsches Mädchenzimmer mit
der weissseidenen Wandbespannung und den weisslackierten Möbeln, morgen sollte sie
es für immer verlassen, war ihr bereits jetzt entschmückt und geraubt.
 
                                       7
Auf den roten Samtsofas des Restaurants lagen Tote und Verwundete. Man hatte sie
in Eile hereingeschaft, Leute waren um sie bemüht. Durch offene Türen wehte
eisige Luft, untermischt mit Schnee. Auf der Strasse krachten noch vereinzelte
Schüsse, Reiter galoppierten vorüber, eine Militärpatrouille tauchte auf und
verschwand. Gäste standen in Gruppen an den Fenstern; ein deutscher Kellner
sagte: »An der Newa hat man Kanonen auffahren lassen.« Ein Herr im Pelz trat
hastig ein und rief, Kronstadt stehe in Flammen.
    In einem der Säle, die den Veranstaltungen geschlossener Zirkel dienten,
befand sich eine glänzende Gesellschaft, vom General Tutschkoff geladen, einem
der Freunde des Grossfürsten Cyrill. Es waren da: Lord und Lady Elmster, der Carl
von Somerset, Graf und Gräfin Finkenrode, Herren von der deutschen und der
österreichischen Botschaft, der Marquis du Caille, die Fürsten Tolstoi,
Trubetzkoi, Szilaghin mit ihren Damen.
    Der Grossfürst und Eva Sorel waren spät gekommen. Das Diner war zu Ende, die
gemeinsame Unterhaltung hatte aufgehört; es flüsterten nur Paare miteinander,
der Grossfürst, zwischen Lady Elmster und der Fürstin Trubetzkoi sitzend,
schlief. Dies pflegte sich, auch im angeregten Kreise, häufig zu ereignen. Man
wusste es und hatte sich daran gewöhnt.
    Er schlief, steif und ohne Lässigkeit zurückgelehnt. Die Lider zuckten von
Zeit zu Zeit, die Falte auf der Stirn war durch ihre Tiefe schwarz, der farblose
Bart sah aus wie Farren an Baumrinde. Der Argwohn lag nahe, er stelle sich
schlafend, um ungestört lauschen zu können; dem widersprach eine Entblössung in
den Zügen, die von der Willensaufhebung des Schlummers herrührte und dem Gesicht
einen lemurischen Ausdruck verlieh.
    An seiner überlangen, hagern Hand, die auf dem Tischtuch ruhte und bisweilen
zuckte wie die Lider, funkelte ein haselnussgrosser Solitär.
    Der Versammelten hatte sich Unruhe bemächtigt. Beim Knattern einer
Gewehrsalve erhob sich die junge Gräfin Finkenrode und blickte bestürzt nach der
Tür. Szilaghin trat zu ihr; lächelnd beschwichtigte er sie.
    Ein Offizier der Garde erschien und flüsterte Tutschkoff eine Meldung zu.
    Eva und Wiguniewski sassen abseits vor einem hohen Wandspiegel, der die
Gestalten beider und einen Teil des Raums fahl wiederholte.
    Wiguniewski sagte: »Leider sind die Nachrichten verbürgt. Niemand konnte
darauf gefasst sein.«
    »Es wurde mir mitgeteilt, er halte sich in Petersburg auf,« antwortete Eva.
»In einer deutschen Zeitung las ich sogar, er sei in Moskau verhaftet worden.
Übrigens, wo sind Ihre Beweise? Einen Iwan Becker auf blosses Hörensagen zu
verdammen, das wäre ebensolche Felonie als die ist, deren Sie ihn bezichtigen.«
    Wiguniewski zog einen Brief aus der Tasche, sah sich vorsichtig um,
entfaltete ihn und sagte: »Dies schreibt er aus Nizza an einen Freund, der auch
mein Freund ist. Ich glaube, danach ist kein Zweifel mehr erlaubt.« Er
übersetzte, während er leise vorlas, die russischen Worte, vielfach stockend,
ins Französische: »Ich bin nicht mehr, der ich war. Eure Vermutungen sind nicht
unbegründet, die Gerüchte haben nicht gelogen. Verkünde und bestätige du es
allen, die ihre Erwartung auf mich gesetzt, ihr Vertrauen zu mir an bestimmte
Bedingungen geknüpft haben. Es liegt eine furchtbare Zeit hinter mir. Ich konnte
nicht mehr weiter auf dem Weg, auf dem ich ging. Ihr habt euch in mir getäuscht,
mich hat ein Wahnbild getäuscht. In einem Fall wie dem meinen erfordert es
grössere Kraft und grösseren Mut, ein aufrichtiges Bekenntnis abzulegen und denen,
deren Herz und Glauben man besessen hat, den Schmerz der Absage zuzufügen, als
aufs Schafott zu steigen und sein Leben zu opfern. Ich hätte freudig den Tod auf
mich genommen für die Ideen, denen ich bisher alle Gedanken und Gefühle
gewidmet; ihr wisst es; ich hatte ja schon meine Ruhe, mein Vermögen, meine
Jugend und meine Freiheit für sie hingegeben; nun aber, da ich diese Ideen als
verderbliche Irrlehren erkannt habe, darf ich nicht eine Stunde länger für sie
einstehen. Ich fürchte nicht eure Beschuldigungen und eure Verachtung; ich folge
meinem innern Licht und meinem innern Gott. Drei Wahrheiten sind es, die mich
bei meiner Ein- und Umkehr geleitet haben: Es ist Sünde, zu widerstreben; es ist
Sünde, zum Widerstand zu überreden; es ist Sünde, Menschenblut zu vergiessen. Ich
weiss, was mir droht. Ich weiss, welche Einsamkeit mich umgeben wird. Ich bin auf
alle Verfolgungen vorbereitet. Tut, wie ihr müsst, ich tue, was ich muss.«
    Nach einer langen Pause sagte Eva: »Das ist er; das ist seine Stimme; das
ist die Glocke, bei deren Ton man aufhorcht. Ich glaube ihm, ich glaube an ihn.«
Sie warf einen düstern Blick auf das Gesicht des Schläfers an der
hellerleuchteten Tafel.
    Wiguniewski knüllte den Brief zusammen. In seinem spitz hervorstechenden
Kinn drückte sich Bitterkeit aus, als er entgegnete: »Seine drei Wahrheiten sind
so gut wie drei Divisionen Kosaken. Sie genügen, die Kerker diesseits und
jenseits des Ural zu füllen, unsre Jugend zu entmannen, unsre Hoffnungen zu
begraben. Jede einzelne ist eine Nagaika, die hunderttausend auferstandene
Geister zu Boden schmettert. Felonie? Es ist schlimmer. Es ist die Tragödie
dieses ganzen Landes. Drei Wahrheiten,« er lachte mit verpressten Zähnen und
einem Tierlaut, »drei Wahrheiten, und ein Blutbad beginnt, gegen das der
betlehemitische Kindermord und die Bartolomäusnacht harmlose Spässe waren.
Sehen Sie mich nur an, ich weine nicht. Ich lache. Wozu weinen? Ich werde nach
Hause gehen und den Popen rufen und ihm diesen Wisch da geben und Amulette
daraus verfertigen lassen und sie austeilen an die, die auf Erlösung warten.
Vielleicht genügt es ihnen.«
    Evas Züge wurden hart. Sie sah noch immer in das Gesicht des Schläfers,
zwangvoll gebunden. Um den äussern Rand ihrer Lippen spielte ein morbides
Lächeln. Die Haut der Wangen schimmerte opalhaft. »Weshalb sollte er nicht tun,
was ihm der Geist befiehlt?« fragte sie und wendete einen Moment lang die
diademgekrönte Stirn dem Fürsten zu. »Ist es nicht besser, dass einer zur
Erscheinung gelangt, als dass vielen Hunderttausenden in die triste
Mittelmässigkeit gewünschter Lebensformen geholfen wird? Er sagt es ja so schön:
ich folge meinem innern Licht und meinem innern Gott. Wer kann das? Wer darf
das? Jetzt versteh ich auch ein Wort von ihm,« bohrender schaute sie in das
Gesicht des Schläfers, »davor muss man sich beugen. Das also hat er im Sinn
gehabt. Über diese eure Erde hier gehen wunderbare Pflüge, Fürst. In ihrem
zerrissenen Leib dampft eine Finsternis, in die man sich stürzen möchte, um neu
geboren zu werden. Da ist Atem, da ist Chaos, da donnern die Elemente, der
schrecklichste Traum ist eine Wirklichkeit, die Wirklichkeit wie ein Epos aus
der Vorwelt. Solches Leben ahnt ich früher nur aus dem Marmor heraus, wo
namenlose Leiden geronnen und ewig geworden waren. Mir ist, als schaut ich von
fünf Jahrhunderten her zurück, von den Sternen herunter und alles wäre Vision.«
Sie sagte dies mit bebender Stimme und einer inbrünstigen Schwermut.
    Wiguniewski, der beständiger Zeuge der Wandlung gewesen war, die sich in den
letzten Monaten mit ihr ereignet hatte, war von ihrer Rede nicht befremdet.
Seine Augen waren nun ebenfalls auf den Schläfer gerichtet. Tiefatmend sagte er:
»Gestern nacht hat sich ein neunzehnjähriger Student, Semjon Markowitsch,
nachdem er von Beckers Abfall erfahren hatte, in seinem Zimmer erschossen. Ich
bin hingegangen und habe den Toten gesehen. Wenn Sie, Eva, den Toten gesehen
hätten, würden Sie nicht so sprechen. Wenigstens nicht ganz so. Haben Sie einmal
einen neunzehnjährigen Jüngling tot im Sarge liegen sehen, mit einer kleinen,
schwarzen Schusswunde in der Schläfe, lieblich und unschuldig von Angesicht wie
ein Mädchen, und doch mit diesem unbeschreiblichen Schmerz, dieser
entschlossenen Verzweiflung über einen Verlust ohne Mass?«
    Er schwieg; ein Schauder flog über Evas Schultern, aber sie lächelte wie in
einem Fieber, das sie besessen und enterzt erscheinen liess. Der Fürst fuhr
trocken fort: »Dieser Brief, er mag ja viel Verführerisches haben. Warum sollte
ein Mann wie Iwan Becker seinen Treubruch nicht mit einigem Aufwand von
plausibler Psychologie schmackhaft machen können? Dass er nicht in bewusster
Heuchelei und niedriger Zwecksucht handelt, billige ich ihm ohne weiteres zu.
Aber er wäre nicht der echte Russe, der er ist, der weiche, trübe, fanatische,
sich selbst zerfleischende Mensch, wenn seine Transformation nicht alle
verhängnisvollen Folgen eines geplanten und systematisch betriebenen Verrats mit
sich brächte. Er meint dem zu dienen, was er seine Erweckung nennt, und aus
Schwäche und Blindheit, in verwirrtem Sinn und moralischer Peinigungswut gerät
er der Bestie in die Krallen, die an allen Ecken und Enden Europas
vernichtungslüstern und erbarmungslos lauert. Wenn ich die Dinge so beurteile,
habe ich noch mild geurteilt. So viel wissen wir bereits, dass er zum Synod in
Beziehung getreten ist und eifrig mit dem geheimen Kabinett korrespondiert. Hier
in Moskau, in Kiew, in Odessa sind rasch hintereinander Verhaftungen vorgenommen
worden, die auf ihn zurückgeführt werden müssen. Wie die Dinge liegen, kann nur
er das Material geliefert haben; man hätte es sonst nicht gewagt. Das sind
unbestreitbare Tatsachen; sie sprechen für sich selbst.«
    Eva hatte die rechte Hand mit gespreizten Fingern gegen die Brust gedrückt
und starrte fasziniert in die Luft, von einem Bild getroffen, das den grellsten
Wechsel der Empfindungen zwischen Grauen und Entzücken verursachte. Die Lippen
bewegten sich zu einer Frage, doch sie entielt sich ihrer.
    Sie sah Wiguniewski gross und ernst an und flüsterte: »Ich habe auf einmal
eine so brennende Sehnsucht, ja wonach? Auf einen Berg zu steigen, hoch in Eis
und Schnee hinein; oder mit einem Schiff in unbekannte Meere zu fahren; oder mit
einem Aeroplan zu fliegen; nein, es ist das: ich möchte in einen Wald gehen, zu
einer einsamen Kapelle, mich hinwerfen und beten. Wollen Sie eine Wallfahrt mit
mir machen, Fürst? Zu einem fernen Kloster in der Steppe?«
    Wiguniewski wunderte sich. Es war Leidenschaft und Trauer in den Worten,
aber auch herausfordernder Trotz, der ihn verletzte. Ehe er sich zu einer
Antwort sammeln konnte, näherten sich der Marquis du Caille und Fürst Szilaghin.
    Der Schläfer öffnete die Augen, die träg blickten.
 
                                       8
In Edgar Lorms Studierzimmer waren der Teaterschneider und der Perückenmacher.
Er hielt zu Hause eine Kostümprobe ab für die Rolle des Petrucchio. »Die Zähmung
einer Widerspenstigen« sollte demnächst in neuer Fassung und Besetzung gespielt
werden; er liebte das Stück und freute sich auf die Darstellung der
heiter-impetuosen Figur.
    Judit, die in ihrem verzärtelt ausgeschmückten Gemach sass, auf einem
niedrigen Schemel, die Hände um die Knie geschlungen, hörte seine schmetternde
Stimme durch drei geschlossene Türen. Er zankte mit den Leuten. Lieferanten und
Subalterne entfachten stets seinen cholerischen Ärger. Er war schwer
zufriedenzustellen; wie von sich selbst, verlangte er auch von allen andern die
höchste Anspannung und gewissenhafte Arbeit.
    Judit langweilte sich. Sie zog eine Lade, die mit farbigen Seidenbändern
gefüllt war, aus einer Biedermeierkommode, wühlte darin, probierte dies und
jenes Band auf ihrem Haar, wobei sie sich mit gefurchter Stirn im Spiegel
beschaute, dann war sie der Beschäftigung überdrüssig, liess die Lade, wo sie
war, die Bänder auf dem Boden verstreut liegen und erhob sich.
    Sie schritt durch die Zimmer, klopfte an Lorms Tür und trat ein. Sie war
überrascht von seinem Anblick. In dem spitzenbesetzten Samtwams, den
Faltenhosen, den langschaftigen Stiefeln, dem Hut mit breiter Krämpe und
geschwungener Feder, unter dem die braunen Haare der Perücke hervorquollen und
bis auf die Schultern fielen, sah er wie ein Sieger aus, schön, verwegen,
hinreissend; wie er stand und sich bewegte, das war schon Spiel und Übertragung;
die ganze Welt war sein Teater.
    Der Schneider und der Perückenmacher standen vor ihm, stramm wie Soldaten,
und lächelten bewundernd.
    Auch Judit lächelte. Das Unerwartete, ihn wieder neu zu finden, verwandelt,
stimmte sie dankbar. Sie schmiegte sich an ihn und berührte mit den
Fingerspitzen seine Wange; seine Augen, noch durchleuchtet vom Fluidum der
erdichteten Gestalt, fragten nach ihrem Begehren. Er war gewohnt, dass sie ein
Begehren hatte, wenn sie sich zur Liebkosung herbeiliess. Sie bog mit dem Arm
seinen Kopf zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich möchte, dass du mir was
schenkst, Edgar.«
    Er lachte, halb verlegen, halb belustigt. Da ihm das gutmütig-zwinkernde
Zuschauen der beiden fremden Leute peinlich war, hängte er sich in sie ein und
führte sie in die Bibliotek. »Was soll ich dir denn schenken, Kind?« fragte er,
und der kühne Ausdruck, der ihm zugleich mit dem Kostüm des Bezähmers Petrucchio
andre Natur geworden war, verblasste.
    »Irgend etwas, was du willst,« antwortete Judit, »irgend etwas
Merkwürdiges, was mir Freude macht, was du gern hast, irgend etwas.«
    Er schmatzte mit den Lippen, sah lustig aus und bereits fügsam, schaute sich
im Zimmer um, griff nach einigen Gegenständen, schob das Kinn vor und besann
sich, zeigte die Skala der Mimik von komischer Ratlosigkeit zu besorgtem
Diensteifer, schlug sich endlich, graziös und spitzbübisch, mit der flachen Hand
auf die Stirn und rief: »Ich habs.« Er öffnete ein Schränkchen, langte hinein
und reichte Judit mit einer Verbeugung ein Nürnberger Ei, eine Uhr in einem
durchbrochenen Gehäuse aus Altgold von kunstvoller Filigranarbeit.
    »Ach wie nett,« sagte Judit und wog die Uhr auf der offenen Hand.
    Lorm sagte: »Nun sieh dir mal das Ding gut an, ich will indes die Bursche
drinnen fortschicken.« Mit flinkem Tänzerschritt verliess er das Zimmer.
    Judit setzte sich an den grossen Eichentisch, nahm die Uhr aus der Kapsel,
betrachtete eine Weile die eingravierten Ornamente, drehte sie um und um, suchte
nach dem Scharnier, drückte auf einen Knopf und schaute, nachdem sich die ovalen
Schalen aufgetan, neugierig in das alte, leblose Räderwerk. Ich will es
auseinandernehmen, beschloss sie, aber nicht jetzt, heut abend will ichs tun; ich
will sehen, was drin ist. Und sie freute sich auf den Abend, wenn sie allein
sein und die Uhr zerlegen würde.
    Aber das Geschenk, so reizend es war, genügte ihr nicht. Als Lorm wieder
hereinkam, umgekleidet, Privatmann, Ehemann, glattrasierter Herr, ohne einen
Nachschimmer von Petrucchio, hielt sie ihm das Uhrgehäuse entgegen und bat, oder
befahl vielmehr, denn nun war er ja wieder der, den sie kannte: »Das musst du mir
mit Goldstücken füllen, Edgar; ich will es voller Goldstücke haben.«
    Ich will, ich will haben; immer: ich will haben.
    Lorm stutzte: er schämte sich für sie und senkte den Kopf. In einem
Schreibtischfach hatte er etwa fünfzig Goldstücke liegen; er füllte die Kapsel
und gab sie ihr. »Dein Bruder Wolfgang war heute hier, während du ausgefahren
warst,« sagte er. »Er sass eine Stunde lang bei mir. Ein unergiebiger junger
Mann. Die Art, wie er nicht mit sich ins reine kam, wofür er mich eigentlich
nehmen sollte, war recht amüsant. Jeder Zoll ein Referendar.«
    »Was wollte er denn?« fragte Judit.
    »Mit dir sprechen; Christians wegen mit dir beraten. Er will zu dem Zweck
wiederkommen.«
    Judit erhob sich. Sie war fahl im Gesicht, und ihre Augen glitzerten. Ihr
Wissen über Christians verändertes Leben stammte aus einem Gespräch mit Crammon
während dessen Aufentalt in Berlin, aus Briefen einer früheren Freundin und aus
mittelbarer Kunde von dem, was im Elternhaus vorging. Schon bei der ersten
Mitteilung war sie von einem Zorn erfasst worden, der nachwirkend an ihr frass, so
dass sie bisweilen, wenn sie allein war, die Zähne knirschte und auf den Boden
stampfte. Und was sie weiterhin zu hören bekam, schon der Gedanke an seine
Person, versetzte sie in dieselbe Erbitterung. Hätte sie nicht die Gabe gehabt,
sich zum Vergessen zwingen, das Vergessen sich gebieten zu können, und zwar mit
solchem Erfolg, dass das Unangenehme schliesslich gar nicht mehr vorhanden war, so
hätte sie sich im Kampf dagegen aufgerieben und vergiftet. Jede Erinnerung
beschwor die Wut von neuem, und sie grollte dem, der sie erinnerte.
    Lorm wusste und fürchtete es. Seine Witterung verriet ihm, dass etwas im Spiel
war wie Angst vor dem Zerrbild; denn dass sich Judit als eine Gefallene, von
sozialer Höhe freiwillig Herabgestiegene innerlich empfand, verhehlte er sich
nicht; er dachte zu bescheiden von sich selbst, um es übelzunehmen. Zu zittern
vor der Meinung der Menschen, war ihr eingefleischt; obgleich sie sich nicht
mehr von den Elementen getragen sah, die vordem ihr aristokratisches Gefühl
genährt hatten, war ihr Wesen noch in ihnen verwurzelt, und im neuen Bezirk
erschien sie sich entwürdigt.
    Aber das alles konnte die Ausbrüche nicht erklären, welchen sie sich
überliess, sobald nur Christians Name genannt wurde.
    »Er soll nicht wiederkommen,« fauchte sie in der Haltung einer gereizten
Katze, »ich will nichts hören von dem Menschen. Hab ich dirs nicht schon
zwanzigmal gesagt, ich will nichts hören? Was bist du denn für ein Schwächling,
dass du dich überhaupt einlässt? Hast du ihm nicht sagen können: Sie will nicht,
sie kann nichts davon hören? Lass den Wagen kommen und fahr auf der Stelle zu ihm
hin; verbiete ihm, mein Haus zu betreten, verbiete ihm, mir zu schreiben. Oder
nein, ich schreibe selbst, du bist ja zu feig; ich schreibe ihm: Deine Besuche,
mein lieber Wolfgang, sind mir angenehm, obwohl ich nicht weiss, was wir uns auf
einmal zu sagen haben sollten; komm, sooft du magst, aber von dem Menschen
sprich mir nicht, niemals, unter keiner Bedingung.«
    Lorm wagte eine Einrede. »Ich begreife nicht,« sagte er sanft und überlegen,
»was macht dich so masslos? In niemandes Augen ist dein Bruder Christian ein
Verbrecher, höchstens ein Narr. Wem schadet er? Was hat er dir zuleid getan?
Warst du nicht besonders vertraut mit ihm? Du betontest es immer sehr, wenn du
von ihm sprachst: Mein Bruder. Ich begreife nicht.«
    Da wurde Judit vollends zur Megäre: »Natürlich,« höhnte sie rüd, »du! Geht
dir denn etwas nah? Begreifst du denn überhaupt etwas ausser von Schminktöpfen
und bunten alten Fetzen? Ahnst du denn, was das war: Christian Wahnschaffe? Was
das bedeutet hat? Du steckst ja viel zu tief in deiner Lügen- und Phrasenwelt.
Wie solltest du begreifen!«
    Lorm trat einen Schritt zu ihr. Er sah sie mitleidig an. Sie wich zurück und
schlug abwehrend mit der Hand in die Luft.
    Und sie schlug; schlug den Fisch.
 
                                       9
Karen Engelschall sagte: »Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Vor dem Abend
kommt er heute nicht mehr. Und wenn, so sind Sie eben ein Bekannter von mir.«
    Sie blickte Girke lauernd an. Hochschwangern Leibes sass sie am Fenster,
breit, entschlossen nach Art gewisser Weiber, denen das Sitzen Genuss und
Eroberung ist. Sie nähte an einem Kinderhemdchen.
    »Übrigens, zu reden haben wir ja nicht viel,« fuhr sie fort, und in ihrer
Miene war schadenfrohe Genugtuung. »Was wäre noch zu reden? Sie sagen, man will
sechzigtausend geben, wenn ich von der Bildfläche verschwinde? Na ja,
sechzigtausend ist ja ganz schön. Aber wenn ich warte, gehen die Herrschaften
noch weiter in die Höhe. Auf einmal ist man wer. Ich will mirs überlegen. Kommen
Sie nächste Woche wieder.«
    »Sie sollten es wirklich überlegen,« antwortete Girke amtlich, »denken Sie
an die Zukunft. Es ist vielleicht der Haupttreffer. Nicht im Traum hätten Sie
vor einem halben Jahr dran geglaubt. Zinsengenuss: prachtvoll. Das Ziel. Solche
Aussicht zu verscherzen, wäre frivol.«
    Mit tückischem Lächeln beugte sich Karen tiefer über ihre Arbeit. In einem
unbestimmten Wohlgefühl presste sie die Knie aneinander und drückte die Augen zu.
Dann schaute sie empor, wischte den gelben, übergestülpten Haarwust aus der
Stirn und sagte: »Ich müsste dümmer sein, liess ich mich fangen. Meinen Sie, ich
weiss nicht, wie reich er ist? Wenn er bieten wollte, um mich los zu sein, wär
das Gebotene von euch bloss ein lausiger Bettel. Warum soll ich schlechte
Geschäfte machen? Da wär ich ja rein auf den Kopf gefallen. Sie haben recht, der
Haupttreffer ist es ja, aber anders als Sie denken. Abwarten und Tee trinken.
Kann sein, dass es die falsche Rechnung ist, dann hab ich mir den Schaden selber
zuzuschreiben.«
    Girke rückte unbehaglich auf seinem Stuhl. Er schaute auf die Uhr und liess
von da den notizenlüsternen Blick über das Zimmer mit den ordinären Möbeln,
Tapeten, Deckchen und Teppichen schweifen.
    »Eins kann ich Ihnen zum Trost sagen und sag es Ihnen, weil es an der
Geschichte nicht viel ändert,« begann Karen Engelschall wieder; »nämlich, dass
seine Leute auf dem Holzweg sind, wenn sie glauben, um meinetwillen wär es mit
ihm so wie es ist, und dass sie ihn behalten hätten, wär ich ihm nicht in die
Quere gekommen. Ich könnte euch ja leicht einen blauen Dunst vormachen und so
tun, als hätte er mir zuliebe sein Leben umgekrempelt. Wozu aber? Das muss ja ein
neugeborenes Kind kapieren, dass es bei ihm nicht mit rechten Dingen zugeht.
Warum soll ich Ihnen also eine Komödie vorspielen, wo ich doch dasitze und mir
das Hirn zerdenke.«
    »Sehr wahr,« sagte Girke, den ihre Offenheit überraschte, »ich verstehe
vollkommen; Ihre Worte interessieren mich ungemein. Ich habe immer behauptet,
man könnte am ehesten bei Ihnen auf Unterstützung rechnen. Sie würden mir einen
wesentlichen Dienst leisten, wenn Sie mir einige Fragen beantworten wollten.
Eine Hand wäscht die andere; ich meinerseits würde Sie dann gegebenenfalls auch
nicht im Stiche lassen.«
    Karen kicherte in sich hinein. »Glaubs schon,« erwiderte sie, »so 'n bisschen
herumspionieren und dann hingehn und trätschen. Das passte Ihnen gerade. Nee,
nee, so was tut sie nicht, absolut nicht. Fragen Sie doch weiter herum, da
könnten Sie schon verschiedenes hören. Da gibts schon welche, die reden könnten.
Da ist zum Beispiel sein Freund, der Voss; wenden Sie sich mal an den.« Ihre
Augen funkelten, als sie den Namen aussprach. »Der gehabt sich, wie wenn er die
Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, und behandelt einen so niederträchtig, dass
man ihm am liebsten die Faust unter die Nase stossen möchte. Den fragen Sie mal,
an wen das Geld gehängt wird. An mich nicht, aber der Voss kann Ihnen schon
sagen, an wen.«
    »Beileibe, das überschätzen Sie wohl,« warf Girke sachverständig hin; »dass
die in Rede stehende Persönlichkeit die Wurzel des Übels ist, leidet keinen
Zweifel. Aber wie die Verhältnisse liegen, würde selbst das Zehnfache der
Gelder, die von diesem gierigen Rachen verschlungen werden, nicht in Betracht
kommen. In dem Punkte kann ich Sie durchaus beruhigen. Es müssen noch andre
unbekannte Blutsauger existieren.«
    »Is mir total schleierhaft, was Sie da quasseln, lieber Mann,« versetzte
Karen, und ihre gelben, kleinen, bösen Zähne wurden sichtbar. »Wollen Sie
nachschauen, ob was im Schrank steckt? oder in der Matratze? Ist Ihnen die
Wohnung vielleicht zu fein? Oder trag ich Ihnen zu schöne Kleider, zu teuren
Schmuck? Oder haben Sie schon das Loch drüben bei Gisevius besichtigt, wo er
schläft, der elegante Herr? Kolossaler Luxus, was sagen Sie dazu? Sogar die
Mäuse finden's ungemütlich; ich hab neulich, wie ich drüben war, eine krepiert
im Winkel liegen sehen. Einem normalen Menschen grault vor Mäusen; ihm macht das
nichts aus. Ist doch jammervoll bei einem, der so grossartig gelebt hat. Man hört
ja Wunder davon, es muss ja gewesen sein wie beim Kaiser. Hat Schlösser gehabt,
Jagden gehabt, Automobile gehabt, die schönsten Weiber gehabt. Sind ihm alle nur
so zugeflogen, die Weiber. Nie Sorgen, nie einen Kummer, nie ein Wölkchen, alles
im Überfluss, Geld, Kleider, Essen, Trinken, Freunde, Diener, alles im Überfluss;
und nun bei Gisevius, wo die Mäuse krepieren.«
    Ihre Augen waren brennend auf Girke gerichtet, aber möglicherweise sah sie
ihn gar nicht mehr. Sie schien auch nicht mit ihm zu sprechen, diesem
Unbekannten, dessen zweckhafte Wissbegier sie gleichgültig liess, sondern sie
verschafte sich Luft, indem sie den Krampf des einsamen Schweigens brach. Die
Hände öffneten sich wie Muschelschalen und blieben geöffnet; das Kinderhemdchen
glitt auf den Boden. Ihre Zunge war entfesselt; Worte stürzten hervor, im
Grübeln entstanden, im Grübeln zerrieben, im Tage und Nächte währenden Hinbrüten
einander vertraut geworden; die Stimme hatte Metall, im Gesicht strafften sich
erschöpfte Muskeln.
    Girke lauschte gespannt und führte in Gedanken Protokoll. Er merkte, dass
sich jetzt sogar sein Fragen erübrigt hatte; die Maschine, von einem heimlichen
Feuer geschürt, war von selbst in Schwung geraten.
    Karen fuhr fort: »Er kommt, setzt sich hin und schaut. Setzt sich hin,
schlägt ein Buch auf und studiert. Legt das Buch weg und schaut. Schaut mich an,
als wär ich eben vom Wind ins Zimmer hereingeweht worden. Wenn er nur nicht
wieder mit seinem Fragen anfängt, denk' ich. Ich sage: Heut ist grosser Lärm auf
der Strasse. Ich sage: Die Isolde hat geschwollene Hände, man muss eine Salbe
kaufen. Meine Mutter war da, sag ich, und hat erzählt, am Alexanderplatz bekäm
man billiges Linnen für 'ne Steppdecke. Er nickt. Ich stell das Wasser zum
Kaffee auf. Er sagt, am Morgen sei ihm ein räudiger Köter stundenlang
nachgelaufen; er hätte ihm was zu fressen gegeben. Er wäre bei einer Versammlung
in Moabit gewesen und hätte mit ein paar Leuten gesprochen. Alles nur so halb,
wie einer, der sich geniert. Schon gut, denk ich, bloss nicht fragen. Aber seine
Augen kriegen schon das Gewisse, und er fragt, ob die Zeit bald käme,« sie
deutete brutal auf ihren Leib; »ob ich mich freue; wie es früher gewesen sei, ob
ich mich da auch gefreut hätte; ob ich das möchte, ob ich jenes möchte. Bringt
mit; bringt Äpfel mit, bringt Kuchen und Schokolade mit; ein Umhangtuch; ein
Pelzchen für den Hals. Sieh mal, Karen, das hab ich dir mitgebracht, und küsst
mir die Hand. Ja, küsst mir die Hand, als wär ich Gott weiss wer, als wüsst er
nicht, wer ich bin. Küsst man einer wie mir die Hand?«
    Sie fragte es bleich, mit verzerrten Zügen; der Strohhelm von Haaren wuchs
in die Höhe. Girkes Augen wurden zu zwei blöden Kugeln. »Äusserst merkwürdig,«
murmelte er, »höchst interessant.«
    Karen achtete nicht auf ihn. »Wie gehts dir, Karen?« äffte sie; »entbehrst
du was? Was sollt ich entbehren? Einen Fussläufer für mein Bett, sag ich in der
Verzweiflung; ein paar Kretonvorhänge für die Kammer; roten, sag ich, roten
Kreton, weil mirs eben einfällt. Manchmal gehen wir zusammen; zum Humboldtain,
zum Oranienburger Tor. Er denkt vor sich hin; lächelt, schweigt. Die Leute
glotzen; es kribbelt mich. Ich möchte sie anschreien: Da ist er, der noble Herr;
er geht mit mir, der noble Herr, ihr könnts ruhig glauben; und da bin ich, das
Mensch mit nem dicken Bauch und geh mit ihm; fein, was? feinfein; sehts euch nur
genau an, das kuriose Paar. Manchmal kommt er mit dem Voss, und sie reden im
Zimmer nebenan; das heisst, der andre redet; der verstehts, ein Pfarrer möchte
neidisch werden. Einmal war er mit nem Baron da, so nem jungen, blonden
Menschen; na, das war ne schöne Geschichte; der hatte nen Weinkrampf, heulte
stundenlang wie 'n kleines Kind. Der Christian sagte nichts dazu, setzte sich
bloss hin zu ihm. Was er sich denkt, weiss man ja nie. Manchmal wandert er im
Zimmer auf und ab, steht am Fenster, schaut hinaus. Geht fort, ich weiss nicht
wohin; kommt, ich weiss nicht woher. Mutter sagt, er ist einfältig. Sie legts
darauf an, ihn zu stellen. Riecht sie Moos, ist sie wie ne Klette. Hätt sie mir
bloss nicht Niels Heinrich auf den Hals gehetzt. Der wird immer unverschämter;
angst und bang ist mir, wenn ich ihn auf der Treppe höre. Auf der Treppe
krakeelt er schon. Letzten Montag kommt er, verlangt Draht. Hab keinen Draht,
sag ich, geh du in die Arbeit. Er hat auf Monteur gelernt, kann verdienen, aber
die Tagdieberei schmeckt ihm besser. Er sagt, ich solle mein Maul halten, sonst
könnt ich mir mal die fünf Jauerschen angucken. Indem kommt Christian herein;
Niels Heinrich spiesst ihn mit den Augen an die Wand. Mir schlottern die Beine,
ich zieh Christian beiseit, sag ihm: er will Draht. Versteht er nicht. Geld, sag
ich. Da gab er mir Geld, hundert Emm, drehte sich um und ging hinaus. Der andre
ihm nach. Ich dachte, er will Streit anfangen. Es war aber nichts. Nur eklig
wars. Der Schreck blieb mir im Halse sitzen.«
    Sie schwieg und atmete keuchend.
    »Dass Niels Heinrich ihn mit Anforderungen verfolgt, ist durch eine Reihe von
Tatsachen erwiesen,« glaubte Girke einschalten zu sollen.
    Karen hörte es kaum. Ihr Gesicht wurde immer finsterer. Sie legte die Hände
auf die Brust, erhob sich schwerfällig und sah sich im Zimmer um. Die Füsse waren
einwärts gebogen, der Leib vorgestreckt. »Kommt, geht; kommt, geht,« grollte sie
mit einer Stimme, die langsam bis zum Kreischen hinanstieg. »So ists, so
bleibts. Wenn er bloss wenigstens nicht fragen wollte! Da wird einem kalt und
heiss. Wie Leibesdurchsuchung ist es. Kennen Sie Leibesdurchsuchung? Alles wird
rum- und rumgedreht, alles befingert; schauderhaft. Ich sollte mirs doch wohl
sein lassen in den vier Wänden; was gibts denn Besseres? Ist eins so
herumgeschmissen worden in der Welt wie 'n verrecktes Aas, da muss er ja seinem
Herrgott danken, wenns mal so weit ist, und er kann verschnaufen. Aber sitzen
und warten und immer erzählen, wie's da war und wie's dort war, und was da
geschah und was dort geschah, das halt ich nicht aus, das ist zu viel, da
springt mir die Hirnschale entzwei.« Ihre Faust dröhnte gegen ihre Schläfe. Ein
Tier kam zum Vorschein, ein Tier mit der Hässlichkeit des zerstörten und
verstörten Menschen, eine bösartige Wilde, aufgeweckt und nicht mehr zu
bändigen.
    Girke erhob sich bestürzt und schob für alle Fälle, als Schutz und Waffe,
den Stuhl zwischen sich und das Weib. Er sagte: »Ich will nicht länger stören.
Ich bitte, meinen Vorschlag in reifliche Erwägung zu ziehen. Ich werde
gelegentlich wieder vorsprechen.« Er ging mit einem Gefühl von Bedrohung im
Rücken.
    Karen nahm nicht einmal wahr, dass sie sich allein im Zimmer befand. Sie
grübelte. Ihre Gedankenarbeit war primitiv. Zwei Ungewissheiten quälten sie bis
zur Krankhaftigkeit und Wut; die eine: wodurch Christian getrieben wurde, sie
auszuforschen, immer von neuem, immer mit derselben Geduld, derselben
Freundlichkeit, derselben Neugier; die andre, was für ein unerklärlicher Zwang
es war, in welchem sie antwortete, Rede stand, erzählte und Rechenschaft gab.
    Jedesmal geschah es, dass sie sich am Anfang sträubte und dann dem Zwang
erlag; dass sie den Blick von der eignen Vergangenheit zuerst voll Entsetzen
abwandte, dann aber hinschauen musste, von unerbittlicher Gewalt befehligt,
hinschauen musste, und alles Erlebte, Verschwundene, Wüste, Dumpfe, Finstere,
Gefährliche wurde ihr in einer Art, die sie fürchtete, zum gegenwärtigen Bild.
Es war ihr eigenes Leben und schien doch das Leben einer andern, die ihr glich
und wieder nicht glich. Es war, als finge alles von vorne an, doppelt wüst,
grauenhaft, finster und gefährlich, und man wisse dabei jedes Tages trostloses
Ende.
    Dinge von ehedem waren noch an ihrem Ort; schrecklich tauchten Stuben auf,
Betten, Wände; tauchten Städte auf, Strassen, Strassenecken, Destillen, Korridore
in Amtsgebäuden; tauchten Menschen auf, Worte, Stunden, Nächte, Tränen, Schreie;
alle Ängste, alle Erniedrigungen, alle Verbrechen, aller Hohn, alles Gelächter;
alles kam wieder, stand da, kroch ins Innere, riss ins Vergangene zurück.
    Die Einbildung war die: man befand sich in einem unabsehbar langen Schacht,
durch den man schon einmal gegangen war; man wurde gepackt mit dem Befehl,
umzukehren und etwas zu holen, was man vergessen hatte; man wehrte sich
verzweifelt; man setzte alles daran, es nicht zu tun; umsonst; man musste
umkehren und das Vergessene holen und wusste dabei gar nicht, was es war. Wie man
nun so ging, kam einem von der andern Seite jemand entgegen; dieser Jemand war
man selbst; man hätte an eine Spiegelung glauben können, aber die andre war
gleichsam zerfetzt: sie hatte eine aufgerissene Brust, aus welcher blutig
entblösst das Herz leuchtete.
    Was war das? Was bedeutete es?
    Sie fiel auf den Stuhl nieder; ächzend schlug sie die Hände vors Gesicht. Er
sollte es wenigstens bezahlen, der Peiniger, er sollte es teuer bezahlen.
    Die einbrechende Dunkelheit verlöschte ihre Gestalt.
 
                                       10
Amadeus Voss sprach zu Christian: »Ich will dir sagen, wie dir zumute ist. Dir
ist zumute wie einem, der sich gegen die Kälte abhärten will und plötzlich seine
Kleider abwirft. Es ist dir wie einem zumute, der nie Schnaps getrunken, nicht
einmal gerochen hat und mir nichts dir nichts eine ganze Flasche Fusel in den
Schlund giesst. Du frierst in der Kälte; du taumelst, weil dich das Gesöff
umwirft. Aber das ist nicht das Ärgste. Das Ärgste ist, dass dir heimlich graut.
Wie könnte es auch anders sein? Die Elemente, aus denen du gemacht bist, haben
eine Gewalt wider deinen Willen. Es graut dir, und du gestehst es dir nicht ein.
Fasst du nicht hundert Dinge mit deinen Händen an, schmutzige Dinge, gemeine
Dinge, hässliche Dinge, die früher überhaupt nicht in deinen Gesichtskreis
gekommen sind? Dann sitzt du da und beschaust dir deine Fingernägel, die immer
noch für den Salon poliert sind. Beschaust sie mit Ekel und wagst nicht nach dem
Wasserglas zu langen, das unreine Lippen berührt haben, schwielige Fäuste
gehalten haben. Ja, deine Hände sind es, die dir am meisten leid tun; und was
hat das Ganze für einen Zweck, wenn einem seine Hände leid tun? Liegst du denn
in diesem Bett wirklich? Auf diesem Sofa wirklich?«
    »Ich glaube ja, Amadeus.«
    »Ich glaube nein. Und wenn es kalt ist in der Nacht, schürst du Feuer an, in
diesem Ofen, du, wirklich?«
    »Wer denn sonst? Ich habe es gelernt.«
    »Und zündest die Petroleumlampe an, du, dem das Licht in Sälen auf einen
Druck an eine Wand gehorchte, du, wirklich? Du bist es nicht wirklich. Die
rauchgeschwärzte Decke da, pfui Teufel! Was für eine Unruhe muss in dir sein, wie
muss dich der Abscheu schütteln. Kannst du denn schlafen? Und ist das Erwachen
nicht gespensterhaft? Gehst in deinen feinen Kleidern unters Volk; jeder merkt,
dass sie nicht von einem billigen Schneider stammen und dass die Bügelfalte nicht
von der letzten Weihnacht ist; da grinsen die Leute und kommen sich vor wie
betrogen, denn der grösste Betrüger ist in ihren Augen der Reiche, der den Armen
mimt. Sie nehmen dich nicht ernst, und wenn du dein ganzes Vermögen in die Spree
wirfst; sie nehmen dich nicht ernst, und wenn du in Lumpen vor ihnen
herumspazierst. Du erbitterst sie nur, sie halten es für Gaukelei und Spleen. Du
kennst sie nicht. Du kennst nicht ihre Verwahrlosung, du weisst nicht, was sie
entbehrt haben, seit Generationen entbehren mussten und wie sie dich dafür
hassen. Du kennst nicht ihre Geschäfte, ihre Gedanken, ihre Sprache, und sie
werden niemals begreifen, dass einer freiwillig auf etwas verzichten sollte, was
ihr blutiges Wünschen und Hoffen ist, der Inbegriff ihrer Träume, ihr Neid und
ihr Groll. Zehn Jahre, zwanzig Jahre, dreissig Jahre lang arbeiten sie, um nur
Atem zu haben und den Magen zu füllen, und sie sollen dir glauben, dass du nichts
weiter verlangst als Atem und Speise, du, für den sie bisher namenlose Tragtiere
waren, für den sie ihre Söhne in die Fabriken und in die Bergwerke, ihre Töchter
auf die Strasse und in die Krankenhäuser schickten, für den sie ihre Lungen mit
Quecksilber und Eisenstaub zerstören liessen, für den sie sich geopfert haben zu
Hunderttausenden in den täglichen stummen, heissen Schlachten, die das
Proletariat dem Kapital liefert, geopfert als Heizer und Maurer, als Weber und
Schmiede, als Glasbläser und Maschinenbauer, geknechtete Söldner in deinem
Dienst? Was tust du denn? Mit welchen Seelenkräften rechnest du denn? Mit
welchem Zeitverlauf? Du bist ein Spieler, immer nur Spieler, und noch dazu
einer, der vorläufig bloss Marken einsetzt, ohne zu wissen, ob er sie auslösen
wird können.«
    »Alles, was du sagst, ist wahr,« antwortete Christian.
    »Nun? und?«
    »Es kann nichts an dem ändern, was ich tue.«
    »Noch keine Woche ist es her, da hat dir so gegraut vor diesem Loch hier,
dass du ins Hotel Westminster gegangen bist, um dort zu schlafen.«
    »Es ist wahr, Amadeus. Woher weisst dus?«
    »Woher ichs weiss, tut nichts zur Sache. Willst du deine Seele ersticken im
Grauen? Sieh zu, dass dir ein Ausweg bleibt. Diese Engelschalls, Mutter und Sohn,
werden dir das Leben zur Hölle machen. Fällst du in ihre Netze, so bist du
schlimmer dran, als wenn ein armer Teufel in die Hände von Wucherern gerät. Ich
denke, du bist dir über dieses Gelichter einigermassen klar. Was sie bezwecken,
begreift ein kleines Kind. Lass dich warnen. Sie und andre, je mehr du mit ihnen
lebst, je mehr werden sie dich zur Verzweiflung bringen.«
    »Ich fürchte mich nicht, Amadeus,« sagte Christian. »Eines versteh ich
nicht,« fügte er leise hinzu; »dass gerade du mich von dem abhalten willst, was
ich als richtig und notwendig erkannt habe, gerade du.«
    Leidenschaftlich ausbrechend erwiderte Voss: »Hast du mir das Brett gelegt,
auf dem ich ans Ufer kommen sollte, warum willst dus wieder in den Abgrund
stossen, bevor ich am Ufer bin? Sei, was du bist! Verwandle dich nicht in einen
Schatten vor meinen Augen! Zieh das Brett nicht fort, sonst weiss ich nicht, was
aus uns beiden wird.«
    Sein Gesicht verzerrte sich abschreckend, seine geballten Hände zitterten.
 
                                       11
In seiner beständig wachsenden Bedrückung und Verwirrung, von Feindseligen,
Ungläubigen, Spottenden und düster Begehrenden umgeben, erschien Christian das
Antlitz Iwan Beckers wie eine schöne Vision. Da wusste er, dass er auf Becker in
irgendeinem Sinn wartete und dass er seiner bedurfte.
    Er war mit einer Last beladen, und es schien ihm, dass es keinen Menschen
ausser Becker gab, der ihm diese Last abnehmen konnte. Bisweilen zweifelte er,
aber sooft er sich der Worte, der Stimme Beckers erinnerte, der Stunden, die er
mit ihm verbracht, jener Stunden des Aufgangs und Anfangs, zwischen Finsternis
und Dämmerung, wurde er wieder zuversichtlich.
    Für ihn war Becker der Mensch mit dem Menschenwort und dem Menschenauge; der
Mensch, der einen Abgrund in sich trug, in den man alles werfen konnte, was
bedrückte, was niederhielt und hemmte.
    Immer deutlicher wurde dieses Bild: der Mensch mit dem Abgrund im Innern,
einem umgestülpten Himmel gleich, in den die quälenden und schweren Dinge
versanken und unsichtbar wurden.
    Er telegraphierte an Fürst Wiguniewski und bat um Mitteilung, wo Becker sich
aufhielt. Die Antwort war, nach aller Wahrscheinlichkeit befinde er sich in
Genf.
    Christian traf Anstalten, in die Schweiz zu fahren.
 
                                       12
Karen gebar einen Knaben.
    Des Morgens um sechs Uhr rief sie Isolde Schirmacher, die die Hebamme holte.
Als sie allein war, schrie sie so markerschütternd, dass ein junges Mädchen aus
der Nachbarwohnung herbeistürzte, um zu sehen, was ihr fehlte. Dieses Mädchen
war die Tochter eines jüdischen Agenten, Stadtreisenden für eine Zwirnfabrik;
Rut Hofmann war ihr Name. Sie war etwa sechzehn Jahre alt, hatte tiefgraue
Augen und aschblondes Haar, das lose bis zur Schulter hing, wo es gleichmässig
abgeschnitten war und kleine Versuche machte, sich zu ringeln.
    Die Schirmacher hatte in der Eile die Wohnungstür offengelassen, und Rut
Hofmann konnte ins Zimmer gelangen. Ihr blasses Gesicht wurde noch blasser beim
Anblick der schreienden und sich krümmenden Karen; sie hatte niemals eine
Kreisende gesehen, trotzdem packte sie das leidende Weib bei den Händen, hielt
sie ununterbrochen fest und redete ihr herzlich und mit erstickter Stimme zu,
bis die berufene Helferin eintraf.
    Als Christian kam, stand eine Wiege mit einer unsäglich hässlichen, in Kissen
gebetteten Kreatur neben Karens Bett. Karen stillte das Kind an der Brust. Von
Mutterglück war nichts an ihr zu bemerken. In der Art, wie sie den Säugling
behandelte, lag finstere Geringschätzung. Wenn er greinte, musste ihn Isolde
Schirmacher auf den Arm nehmen. Geruch von Windelwäsche erfüllte die Zimmer.
    Am zweiten Tag erhob sich Karen und ging wieder herum. Als Christian am
Abend kam, war die Witwe Engelschall und Rut Hofmann da. Die Witwe Engelschall
sagte, sie wolle das Kind zu sich nehmen. Karen schwieg und warf einen unsichern
Blick auf Christian. Die Witwe Engelschall sagte laut: »Fünftausend Mark für die
Verpflegung, und alles ist in schönster Ordnung. Die Hauptsache ist, dass du Ruhe
hast, und Ruhe hast du dann.«
    »Von mir aus kannst du tun, was du willst,« erwiderte Karen mürrisch.
    »Was meinen Sie, Herr Christian?« wandte sich die Witwe Engelschall an
diesen.
    Christian antwortete: »Das Kind soll bei seiner Mutter bleiben, scheint
mir.«
    Karen lachte trocken; auch die Witwe Engelschall lachte. Rut Hofmann erhob
sich. Christian fragte sie höflich, ob sie ein Anliegen habe. Sie schüttelte den
Kopf, dass die Haare sich nach rechts und links bewegten. Plötzlich reichte sie
ihm die Hand. Es dünkte Christian, als kenne er sie seit langem.
    Er hatte Karen mitgeteilt, dass er verreisen wolle; doch verschob er den Tag
der Abreise um eine Woche.
 
                                       13
Das Haus ging zur Ruhe. Rolläden schnarrten auf der Strasse. Burschen pfiffen
gellend. Das Tor fiel dröhnend ins Schloss. Von hundert Schritten oben und unten
zitterten die Wände. Im Hof wurde eine Kiste zugehämmert. Irgendwo sang eine
Stimme misstönend. Aus Bierwirtschaften und Destillen drang Lärm herauf. Über der
Decke war wieherndes Gelächter.
    Christian öffnete das Fenster. Es war warm. Gruppen von Arbeitern kamen aus
der Malmöer Strasse und verteilten sich. An der Ecke war ein Grünzeuggeschäft;
davor stand ein altes Weib mit einem Korb ohne Deckel. In dem Korb lag
schmutziges Gemüse und ein totes Huhn mit blutigem Hals. Christian sah es, weil
der Schein einer Laterne darauf fiel.
    »Für viertausend nimmt sie das Kind,« sagte Karen.
    Christian warf einen verstohlenen Blick in die Wiege. Die Kreatur zog ihn
an, stiess ihn ab. »Behalt es nur,« sagte er.
    Aus der Nachbarwohnung schallten dumpfe Laute. Der Agent Hofmann war
heimgekehrt. Er sprach; eine Knabenstimme antwortete hell.
    Die Uhr tickte. Die verworrenen Lebensäusserungen des Hauses erstarben zu
einem Summen.
    Karen setzte sich an den Tisch und reihte Glasperlen auf eine Schnur. Ihr
Haar war in der letzten Zeit noch struppiger und gelber geworden; ihre Züge aber
hatten straffere Modellierung als früher. Das Gesicht, ohne entstellende
Gedunsenheit, war schmaler und zeigte reinere Farben.
    Sie sah Christian an, und einen Moment lang hatte sie ein fast irres Gefühl:
sie sehnte sich nach Sehnsucht. Es war wie das Erglimmen eines Funkens in einem
erloschenen Kohlenmeiler.
    Der Funke glomm auf und verglomm wieder.
    »Du wolltest mir von Hilde Karstens und deinem Ziehvater erzählen, Karen,«
bat Christian; »du hast es versprochen.«
    »Lass mich um Gottes willen! Es ist zu lang her, ich kann mich nicht
erinnern.« Sie wimmerte die Worte fast. Den Kopf zwischen den Händen, stützte
sie die Arme auf die Knie. Immer sass sie, wie man in Kneipen sitzt, prahlerisch
lasziv.
    Es vergingen Minuten. Christian setzte sich an den Tisch, ihr gegenüber.
»Ich wills weggeben, das Bankert,« sagte sie trotzig. »Ich kanns nicht ansehen.
Rück heraus mit den Viertausend, damit es weg ist. Ich kanns und kanns nicht
ansehen.«
    »Es geht zugrunde; es wird krank und stirbt,« sagte Christian.
    Ein halb gemeines, halb düsteres Grinsen flog über ihre Züge. Dann wurde das
Gesicht fahl: da war es wieder, das unheimliche Spiegelwesen; weiter kam es,
vom Ende des Schachtes. Da sie schauderte, glaubte Christian, ihr sei kalt. Er
holte einen Schal und umhüllte sie damit. Seine Bewegungen hierbei hatten etwas
ganz besonders Ritterliches. Karen verlangte eine Zigarette. Sie rauchte mit
geübten Gesten; auch in der Art, wie sie die Zigarette hielt, den Rauch in der
offenen Mundhöhle wälzte oder aus gespitzten Lippen blies, lag etwas Laszives.
    Wieder verrann Zeit. Sichtlich rang sie mit einem Geständnis. Ihre hadernden
Finger zerdrückten eine der Glasperlen auf dem Tisch.
    Auf einmal begann sie: »Viele werden überhaupt nicht geboren. Vielleicht
hätte man die lieb. Vielleicht werden bloss die schlechten aufgeweckt, und die
guten sind einem nicht vergönnt, weil man selber zu schlecht ist. Wie ich klein
war, trug ein Junge sieben Kätzchen in einem Sack zum Weiher. Ich stand dabei,
wie er sie ins Wasser schüttete. Sie zappelten erbärmlich und wollten aufs
Trockene. Tauchten auf und unter, wollten ans Land. Aber jedem, das aus dem
Wasser tauchte, versetzte der Junge eins mit nem Baumast über den Kopf. Sechs
ersoffen, und bloss das hässlichste kroch unter einen Busch und kam davon. Die
andern, die waren zierlich und hübsch, die ersoffen.«
    »Du blutest ja,« sagte Christian. Sie hatte sich beim Zerdrücken der
Glasperle verletzt. Christian wischte das Blut mit seinem Taschentuch ab. Sie
liess ihn gewähren; ihr Blick klammerte sich an herzudringende und wieder
zurückweichende Bilder. Christian wagte kaum zu atmen vor Spannung. Um seine
Lippen schwebte das eigentümlich zweideutige Lächeln, das immer über den Grad
seiner Teilnahme täuschen wollte.
    Er sagte leise: »Jetzt hast du was Bestimmtes im Sinn, Karen.«
    »Ja, ich hab was im Sinn,« gab sie zu und wurde entsetzlich bleich. »Du
wolltest es ja wissen, das mit Hilde Karstens und dem Drechsler. Der Drechsler
war der, mit dem meine Mutter damals lebte. Hilde war fünfzehn, ich dreizehn.
Wir steckten Tag und Nacht beisammen, einmal sogar nachts auf den Dünen, als die
Sturmflut kam. Die Mannsleute waren scharf hinter ihr her; sie war ein feines
Ding. Aber sie lachte alle aus. Sie sagte: Wenn ich achtzehn bin, will ich
heiraten, einen, der was ist und was kann; bis dahin lasst mich zufrieden. Bei
dem Tanzfest im Hösinger Krug war ich nicht dabei, musste Mutter helfen beim
Fischepökeln. Da passierte das Unglück. Wie Hilde Karstens allein bis an die
Heidegräber gekommen ist, konnt ich nie erfahren. Möglich, sie ist gutwillig mit
dem Steuermannsmaat gegangen. Ein Steuermannsmaat wars; weiter wusste man nichts
von ihm; im Krug war er zum erstenmal, nachher natürlich liess er sich nimmer
blicken. Bei den Heidegräbern muss er ihr Gewalt angetan haben, sonst wär sie
nicht ins Meer gegangen. Ich kannte Hilde Karstens; da gabs bei ihr keinen Spass.
Am Abend schwemmten die Wellen ihre Leiche an den Strand. Ich war dabei. Ich
warf mich hin und krallte meine Finger ins nasse tote Haar. Sie rissen mich weg,
ich warf mich wieder hin. Drei Männer mussten mich fortbringen. Mutter sperrte
mich ein, und ich sollte Linsen lesen. Aber ich sprang aus dem Fenster und
rannte zu Hildes Haus; es hiess, sie sei schon begraben. Ich rannte auf den
Kirchhof und suchte das Grab. Der Totengräber wies es mir; im Kirchhofswinkel
war sie verscharrt. Sie suchten mich die ganze Nacht und fanden mich auf dem
Grab und zerrten mich heim, das halbe Dorf hinter mir her. Weil ich mich aber
vom Linsenlesen davongemacht hatte, schlug mich meine Mutter mit einem
Schaufelstiel, dass die Haut vom Fleische sprang und dass ich das Schreien vergass.
Und wie ich dalag und mich nicht rühren konnte, ging sie zum Schullehrer, und
sie schrieben einen Brief an die Gutsherrschaft, ob ich nicht als Jungmagd
eintreten könnte. Da kam der Drechsler in die Küche, wo ich lag, und er war
betrunken wie 'n Igel und sah mich am Herde liegen, und guckte und guckte. Dann
hob er mich auf und trug mich in die Kammer.«
    Sie stockte, sah sich um wie in einem fremden Raum, mass Christian wild wie
einen fremden Menschen, der droht.
    »Er riss mir die Kleider herunter, die Röcke, das Leibchen, das Hemd, alles
riss er mir vom Leibe, und seine Hände zitterten, und in seinen Augen war ein
Funkeln, wie wenn Spiritus brennt. Wie ich nun nackend vor ihm lag, da
streichelte er mich mit seinen zitternden Händen, den Hals und die Schultern und
die Brust und den Bauch und die Schenkel streichelte er: immerfort, immerfort;
mir war, als müsst ich ihm das Hirn aus dem Schädel kratzen, aber machen konnt
ich nichts die Glieder waren mir gelähmt, der Kopf bleischwer. Und wenn ich so
alt werde wie ein Baum, das Gesicht von dem Drechsler, wie er so mit mir
verfuhr, werd ich nicht vergessen. Das kann eins nicht vergessen, das ist nicht
menschenmöglich. Und sobald ich mich erst regen konnte, taumelte er in die Ecke
und schlug lang hin, und in der Kammer wars finster.« Sie atmete tief auf. »So
war das. So hats angefangen.«
    Christian wandte nicht für eines Gedankens Dauer die Augen von ihr.
    Sie fuhr fort: »Deern, was blickst du frech! sagten nachher die Leute. Na
ja, ich blickte eben frech. Konnt es nicht jedem an die Nase binden, warum. Der
Pastor salbaderte mir was vor von Schandfleck und Inmichgehen. Hat mich einen
Lacher gekostet. Als ich aufs Gut in Dienst kam, gönnten sie mir kaum das
Fressen. Musste Kinder warten, Wasser schleppen, Stiefel putzen, Stuben räumen,
die Madam bedienen. Ein Inspektor war da, der lauerte mir auf. Ein Kerl mit
Triefaugen und ner Hasenscharte. Mal komme ich nachts in meine Kammer, steht er
vor mir, fasst mich an. Ich nehm einen Steinkrug und zerschlag ihn an seinem
Kopf. Er brüllt wie 'n Stier, alles rennt herbei, Knechte, Mägde, die Madam, der
Herr, alles schreit durcheinander, der Mensch lügt ihnen was, auf der Stelle
marschierst, hiess es. Weshalb denn nicht, dacht ich, schnürte mein Bündel und
ging noch in selbiger Nacht. Ging und schlich am andern Abend zurück; Unterkunft
hatt ich keine; schlich um den Hof und das Haus, nicht müde, nicht hungrig,
wollte bloss vergelten, was sie mir angetan. Feuer machen wollt ich, alles
anzünden, vergelten das Unrecht. Traute mich aber nicht, trieb mich drei Tage
herum in der Gegend, nachts immer wieder dortin; konnte nicht schlafen, konnte
einfach nicht, sah nur das Feuer, das ich anzünden wollte, Haus und Ställe
lichterloh, wie das Vieh verbrannte, das Heu flackte, die Balken rauchten, die
Hunde an der Kette zerrten. Hörte schon das Gewinsel von ihnen, von den Kindern,
die mich so geplagt, der Madam, die im Seidenkleid unterm Christbaum gestanden
und alle beschenkt hatte, bloss mich nicht. Ei ja doch, drei Äpfel und ne
Handvoll Nüsse hatt ich gekriegt und dann: hinaus mit dir und wasch die Strümpfe
von Anne-Marie. Schliesslich fiel ich doch von Kräften, wie ich da so
herumflunderte und die Gelegenheit suchte. Der Gendarm griff mich auf und wollt
mich ins Verhör nehmen, aber ich brach ihm zusammen, da konnt er lang fragen.
Hätt ich doch das Feuer gelegt damals, alles wär anders gekommen, und ich hätte
nicht mit dem Kapitän gehen müssen, als die Mutter mich wieder unter die Fuchtel
bekam. Bloss wegen dem blauen Samtkleid und den schäbigen Lackschuhen hab ich
mich von ihm beschwatzen lassen, und was er heimlich mit der Mutter zu
verhandeln hatte, da hört ich gar nicht erst hin.«
    Sie schob mit dem ganzen Körper den Stuhl ein wenig zurück, beugte sich weit
vor und stützte die Stirn auf den Rand des Tisches. »O je,« sagte sie in
grauenhafter Versunkenheit, »o je! wenn ich das Feuer gelegt hätte, hätt ich
nicht so viel hinunterwürgen müssen! Hätt ichs nur getan! Gut wärs gewesen!«
    Lautlos schaute Christian auf sie nieder. Dann drückte er die Hand vor die
Augen, und die Blässe des Gesichts strömte auf die Hand über.
 
                                       14
Während der Fahrt zwischen Basel und Genf erfuhr Christian durch Mitreisende von
einem Attentat, das in Lausanne auf Iwan Michailowitsch Becker verübt worden
war. Eine Studentin, Sonja Granoffska, hatte einen Revolverschuss gegen ihn
abgefeuert.
    Christian wusste nichts von den Begebenheiten, die dem zugrunde lagen. Er las
weder Zeitungen, noch kümmerte er sich um öffentliche Vorgänge. Doch fragte er
jetzt, und man erzählte ihm, wovon alle Welt sprach.
    Der Pariser Matin hatte eine Reihe aufsehenerregender Artikel gebracht, die
von sämtlichen europäischen Blättern nachgedruckt und glossiert wurden. Sie
rührten von einem gewissen Jegor Ulitsch her und bestanden in Entüllungen über
die russische Revolution, das revolutionäre Auslandskomitee und die Partei der
Terroristen. Der Kreis, den sie zogen, war so weit, dass sie in dem Prozess gegen
den Arbeiterdelegierten Trotzki, der zu dieser Zeit in Petersburg stattfand, das
Anklagematerial verstärkten und zur Verurteilung wesentlich beitrugen.
    Jegor Ulitsch blieb im Dunkeln. Die Eingeweihten behaupteten, er existiere
in Wirklichkeit gar nicht, sondern der Name sei die Maske eines Verräters. Der
Gaulois und das Genfer Journal erschienen mit geharnischten Angriffen gegen den
Unbekannten. Ulitsch blieb die Antwort nicht schuldig. Zu seiner Rechtfertigung
veröffentlichte er Briefe und geheime Dokumente, die für mehrere Führer der
Freiheitsbewegung verhängnisvoll wurden.
    Mit wachsender Bestimmteit wurde Becker als Verfasser der Matin-Artikel
genannt. Auch die Zeitungen wiesen darauf hin und hatten täglich Neues über ihn
zu berichten: dass er während des Streiks der Marseiller Hafenarbeiter im Gewande
eines russischen Popen bei einer Versammlung erschienen sei; dass er an die Zarin
einen demütigen Brief gerichtet habe; dass er als ein Geächteter von Land zu Land
fliehe; dass es ihm gelungen sei, zwischen der russischen Polizei und den im Exil
lebenden Russen zu vermitteln, und dass infolgedessen die vor dem Zarentron
zitternden und ihm in allem sklavisch gefügigen Westmächte sich entschlossen
hätten, ihr drakonisches Überwachungssystem zu mildern.
    Sein Gesicht war rätselhaft. Es war ein doppeltes, ein vielfaches. Seine
Figur, das blosse Wissen um sein Dasein und Wirken beunruhigten.
    Und Christian suchte ihn. Er suchte ihn in Genf, in Lausanne, in Nizza, in
Marseille, zuletzt führten ihn die Spuren nach Zürich. Dort traf er zufällig den
Staatsrat Koch, der ihn mit mehreren Russen bekannt machte. Diese gaben ihm
Beckers Adresse.
 
                                       15
»Ich habe Sie nicht aus den Augen verloren,« sagte Becker; »Alexander
Wiguniewski schrieb mir von Ihnen und dass Sie sich veränderte Umstände
geschaffen hätten. Seine Andeutungen klangen konfus. Ich beauftragte Freunde in
Berlin, sich nach Ihnen zu erkundigen. Da hörte ich dann Genaueres.«
    Sie sassen in einer Weinstube im Limmatviertel. Sie waren die einzigen Gäste.
Von der verräucherten Decke hing ein Hirschgeweih herab, an dem die Glühbirnen
malerisch befestigt waren.
    Becker trug eine hochgeschlossene dunkle Litewka. Er sah ärmlich und leidend
aus. Sein Wesen hatte eine unbezeichenbare Flüchtigkeit. Manchmal breitete sich
eine traurige Ruhe über seine Züge, ähnlich der Ruhe über den Wellen, wenn ein
Schiff versunken ist. In Momenten des Schweigens vergrösserte sich sein Gesicht,
und er blickte vor sich hin, in eine Leere aussen, in eine Flamme innen.
    »Stehen Sie noch in Verbindung mit Wiguniewski und den ... andern?«
erkundigte sich Christian mit einer zarten Entschuldigung im Blick für sein sich
gleichbleibendes unpersönliches Benehmen.
    Becker schüttelte den Kopf. »Die früheren Freunde haben sich von mir
abgewandt,« erwiderte er. »Innerlich bin ich noch immer mit ihnen verwachsen,
aber ich teile ihre Anschauungen nicht mehr.«
    »Muss man denn unbedingt die Anschauungen seiner Freunde teilen?« warf
Christian ein.
    »Insofern sie sich auf das Lebensziel beziehen, gewiss. Es hängt auch von dem
Grad der Liebe ab. Ich habe versucht, sie für mich zu gewinnen, doch fehlte mir
die dazu nötige Spannkraft. Sie verstehen es einfach nicht. Und jetzt meldet
sich das Bedürfnis, einen Menschen aufzurütteln und zu erwecken, nur dann bei
mir, wenn er seine Torheit in polemische Form kleidet oder wenn ich mich ihm so
nahe fühle, dass jede Dissonanz mir den Frieden raubt und das Herz bedrückt.«
    Christian achtete weniger auf den Sinn der Worte als auf den ihn
bezaubernden Tonfall, die Weichheit der Stimme, den eindringlichen und trotzdem
verlorenen Blick, die krankhaft leidenden Züge. Er dachte: Alles, was sie über
ihn sprechen, ist Lüge. Vertrauen erfüllte ihn.
 
                                       16
In einer Nacht, als sie auf der Strasse gingen, sprach Becker von Eva Sorel. »Sie
hat eine ausserordentliche Situation erlangt,« sagte er. »Einige Leute behaupten,
sie regiere Russland und beeinflusse entscheidend die europäische Diplomatie. Sie
entfaltet beispiellosen Luxus; der Grossfürst hat ihr das berühmte Palais des
Herzogs Biron geschenkt; unheilvolles Andenken, der Mann und das Haus. Sie
empfängt die Minister und die fremden Gesandten wie eine gekrönte Herrscherin.
In Paris und London rechnet man mit ihr; man verhandelt mit ihr, zieht sie zu
Rat. Man wird noch viel von ihr hören. Sie ist ehrgeizig über jeden Begriff.«
    »Dass sie hoch steigen würde, war vorauszusehen,« bemerkte Christian leise.
Von seinen Angelegenheiten, von dem, was ihn zu Becker geführt, zu sprechen,
drängte es ihn mehr und mehr. Aber er fand nicht das Wort.
    Becker fuhr fort: »Ihre Seele musste das Mass verlieren, von dem ihr Körper
bis zur Grausamkeit tyrannisiert wird. Es ist ein natürlicher Ausgleich. Sie
will Macht, Einblick, Aufdeckung, Mitwisserschaft. Sie spielt mit
Menschenschicksalen, mit Völkerschicksalen. Einst sagte sie mir: Die ganze Welt
ist nur ein einziges Herz. Nun, man kann dieses Herz, die ganze Menschheit auch
in sich zerstören. Der Ehrgeiz ist nur eine andre Form der Verzweiflung; sie muss
mit ihm an die Grenze gehen, an die äusserste Grenze. Dort werde ich dann sein,
dort werden viele sein, die den Kreis nach der entgegengesetzten Seite
zurückgelegt haben, und wir werden uns die Hände reichen.«
    Sie waren am Ufer des Sees; er knöpfte den Mantel zu und schlug den Kragen
auf. »Ich sah sie in Paris über die Galerie eines alten Hauses schreiten,«
flüsterte er; »in jeder Hand einen Kandelaber, an jedem Kandelaber zwei
brennende Kerzen. Die Flammen rauchten braun; ein weisser Schleier flog ihr über
die Schulter; ich hatte ein Gefühl der Leichtigkeit wie nie zuvor. Ich sah sie,
als sie noch im Sapajou auftrat, hinter der Bühne auf der Erde liegen und mit
unbeschreiblicher Aufmerksamkeit eine Spinne beobachten, die zwischen den Fugen
zweier Bretter ein kompliziertes Netz spann; sie hob den Arm und befahl mir,
stillzustehen, und so lag sie und sah der Spinne zu. Da wusste ich, was sie von
der Spinne lernte und was für eine Kraft der Hingabe in ihr war. Ohne dass ich es
recht spürte, zog sie mich in ihren brennenden Ring; der unstillbare Durst in
ihr nach Gebild und Werk, nach Entüllung und immer neuem Gesicht belehrte mich,
den sie ihren Lehrer hiess. Ja, die Welt ist ein einziges Herz, und wir dienen
alle einem einzigen Gott. Ich bin zu ihm verurteilt und bin zu mir verurteilt.«
    
    Wie könnt ichs ihm nur sagen? dachte Christian unruhig. Er fand nicht das
Wort.
    »Ich stand neulich einmal in einer Kapelle,« erzählte Becker, »in die
Betrachtung eines wundertätigen Muttergottesbildes versunken und dachte über den
einfachen Glauben des Volkes nach. Ein paar kranke Frauen, Männer und Greise
lagen auf den Knien, schlugen das Kreuz und beugten sich bis zur Erde. Ich
vertiefte mich in die Züge des heiligen Bildes, und allmählich fing das
Geheimnis seiner Kraft an, mir klar zu werden. Das war kein blosses Stück Holz,
kein blosses Gemälde. Viele Jahrhunderte hindurch hatte das Bild die Ströme
leidenschaftlicher Anbetung und Verehrung, die aus den Herzen der Mühseligen und
Beladenen aufstiegen, in sich hineingezogen; es musste sich erfüllt haben mit der
Kraft, die von ihm auf die Gläubigen überging und sich in ihm wiederspiegelte.
Es war zu einem lebendigen Organ, zu einem Berührungspunkt zwischen den Menschen
und Gott geworden. Von diesem Gedanken ergriffen, schaute ich die Greise, die
Frauen, die Kinder wieder an, wie sie im Staub knieten, ich sah die Züge des
Bildes sich mitleidig beleben, und da kniete ich ebenfalls nieder und betete
an.«
    Christian schwieg. Dergleichen mitzufühlen, war ihm nicht gegeben. Aber die
Sprache Beckers, der ekstatische Ausdruck, der grosse, glühende Blick liessen ihn
nicht aus dem Bann, und in der Erregung, die sich seiner bemächtigte, erschien
ihm sein Vorhaben als durchführbar.
    In einem unwirtlichen Hotelzimmer allein, überraschte er sich, ruhlos auf
und ab gehend, bei einem inneren Zwiegespräch mit Iwan Becker, und er
entwickelte dabei eine Beredsamkeit, die ihm sonst, Aug in Auge gegen Menschen,
versagt war.
    »Hören Sie mich an. Vielleicht können Sie es begreifen. Ich besitze an
vierzehn Millionen. Und das ist nicht alles. Es strömt immerfort frisches Geld
hinzu. Täglich, stündlich strömt Geld herzu, und ich kann nichts dagegen tun. Es
ist nicht allein zweckloses Geld, sondern es ist auch hinderliches Geld. Es ist
mir überall im Weg. Alles, was ich unternehme, bekommt ein schiefes Licht durch
das Geld. Es ist nicht wie etwas, was mir gehört, sondern wie etwas, was ich
schuldig bin, und jeder Mensch, mit dem ich rede, erklärt mir auf irgendeine
Weise, dass ich es schuldig bin, ihm oder einem andern oder allen zusammen.
Begreifen Sie das?«
    Christian hatte das Gefühl, in einem freundlichen, ungezwungen überzeugenden
Ton zu dem Iwan Becker seiner Einbildung zu sprechen, und es schien ihm, dass
Iwan Becker durchaus billige und begreife, was er sagte. Er öffnete das Fenster
und gewahrte Sterne.
    »Teil ichs aus, so richt ich Unheil an,« fuhr er fort und ging wieder umher,
ohne doch einen Laut von sich zu geben; »das hat sich schon gezeigt. Der Grund
liegt wahrscheinlich in mir. Ich bin der Mensch nicht, der Gutes oder Nützliches
damit stiften kann. Was ist denn gut oder nützlich? Ich weiss es nicht. Ich weiss
nur, was für mich angenehm oder unangenehm ist. Es ist unangenehm, dass ich auf
Schritt und Tritt von den Leuten daran erinnert werde: du hast ja die Millionen
hinter dir, kannst jeden Tag Schluss machen, wenn du es satt hast, und nach Hause
gehen. Deshalb bleiben mir die Sachen nicht in der Hand; deshalb ist kein fester
Boden unter mir; deshalb kann ich nicht ganz so leben, wie ich leben will;
deshalb kann ich an mir selbst nicht froh werden. Nehmen Sie mir vorläufig die
Millionen ab, Iwan Michailowitsch, Sie können damit anfangen, was Sie wollen.
Ist es nötig, so gehen wir zu einem Notar und lassen eine Urkunde anfertigen.
Teilen Sie sie aus, wenn Sie wollen, speisen Sie Hungrige, helfen Sie
Notleidenden, ich kann es nicht, mir ist es zuwider, ich will es los sein.
Lassen Sie Bücher drucken, bauen Sie Häuser für die Armen, vergraben Sie es,
verschwenden Sie es, es ist mir gleich, ich will es los sein. Bei mir ist es
doch nur so, dass ich ein Maul stopfe, das dann die Zähne nach mir bleckt.«
    Wie er in dieser Art in seinem Innern redete, erheiterten sich seine Züge.
Die glatte Stirn, die tiefblauen Augen, die grossflächigen, etwas blassen Wangen,
die frischen Lippen mit der glattrasierten Haut ringsum, alles war von
Heiterkeit übergossen.
    Es dünkte ihm möglich, dass er auch zu Becker selbst, wenn schon nicht genau
so, doch ähnlich sprechen könne, wenn er am andern Tag zu ihm ging.
 
                                       17
Man kam durch einen kleinen Vorplatz in ein dürftig möbliertes Zimmer. In dem
Vorplatz hielten sich einige junge Leute auf. Einer wechselte mit Becker ein
paar Worte, dann gingen sie fort.
    »Es ist meine Schutzgarde,« sagte Becker mit schwachem Lächeln; »aber sie
misstrauen mir wie alle andern. Es ist ihnen befohlen worden, mich nicht aus den
Augen zu verlieren. Haben Sie nicht bemerkt, dass man uns auch auf der Gasse
beständig gefolgt ist?«
    Christian verneinte.
    »Als jenes unglückliche Geschöpf in Lausanne den Revolver auf mich
richtete,« fuhr Becker fröstelnd fort, »riefen mir ihre Lippen das Wort Verräter
zu. Ich sah in die schwarze Mündung und erwartete den Tod. Sie traf mich nicht,
aber seit diesem Augenblick fürchte ich mich vor dem Tod. Am Abend kamen viele
meiner Freunde zu mir und beschworen mich, ich solle mich rechtfertigen. Ich
erwiderte ihnen: Wenn ich euch denn als Verräter gelten soll, so nehmt den
Begriff in seiner ganzen Furchtbarkeit, in seiner ganzen Hölle. Sie verstanden
mich nicht. Es ist das Geheiss an mich ergangen, dass ich mich zerstören soll,
auslöschen und zerstören. Den Scheiterhaufen bauen und mich darauf verbrennen.
Mein Leiden ausdehnen, dass es alle ergreift, die in meine Nähe kommen.
Vergessen, was ich getan; auf Hoffnung verzichten; niedrig werden, gemieden
werden, ausgestossen sein, Grundsätze verleugnen, Fesseln sprengen, sich beugen
vor dem bösen Prinzip, Schmerz ertragen, Schmerz verursachen, den Boden
umpflügen und zerreissen, wenn auch herrliche Saat verdirbt. Verräter: das ist
nichts. Ich irre umher und hungere nach mir selbst. Ich entferne mich von mir,
schreie nach mir, bin durch und durch Opfer. Es ist unvergleichlich mehr Schmerz
in der Welt seitdem; die Seelen steigen zum Urquell nieder, um sich mit den
Verdammten zu verbrüdern.«
    Er presste die Hände ineinander und sah aus wie ein Verrückter. »Mein Körper
sucht die Erde, die Tiefe, die Befleckung, die Nacht,« begann er wieder; »das
Innere in mir öffnet sich wie etwas Wundes; ich spüre Verstrickung,
Schicksalswucht, Zeitangst; ich bete um Gebete; ich bin ein Schemen in dem
Geisterzug jammernder Kreaturen; der Schmerz, der die Atmosphäre füllt, zermalmt
mich; mea culpa, mea maxima culpa!«
    Die Empfindung des Peinlichen wuchs zur Beklommenheit in Christian. Er
schaute bloss.
    Auf einmal erschallte mehrmaliges Pochen an der Vorplatztür. Becker fuhr
zusammen und horchte auf. Das Pochen wiederholte sich heftiger und rascher.
    »Also doch,« murmelte Becker bestürzt; »ich muss fort; verzeihen Sie, ich muss
sogleich fort. Man wartet auf mich im Auto. Bleiben Sie noch ein paar Minuten
hier, ich bitte Sie.« Er griff nach einer Reisetasche, die auf dem Bett stand,
sah sich mit irren Blicken um, presste die verkrüppelte Rechte an seinen Rock und
murmelte hastig: »Leihen Sie mir fünfhundert Franken. Ich habe mittag mein
letztes Goldstück ausgegeben. Zürnen Sie mir nicht, ich bin in schrecklicher
Eile.«
    Christian zog mechanisch die Brieftasche heraus und reichte Becker fünf
Scheine. Becker stammelte einen Dank, ein Lebewohl und stürzte hinaus.
    In einem Zustand der Betäubung verliess Christian eine Viertelstunde später
das Haus. Er irrte lang in der Landschaft über der Stadt herum, auf den
Berghöhen; mit dem Nachtzug kehrte er nach Berlin zurück.
    Während der ganzen Dauer der vielstündigen Fahrt fühlte er sich körperlich
elend.
 
                                       18
Er fand in seiner Wohnung Bettelbriefe vor; einen von seinem früheren Diener;
einen von einem Verein für Obdachlose; einen von einem Musiker, den er in
Frankfurt flüchtig gekannt.
    Es war ein Bankausweis da mit dem Ersuchen, ein beiliegendes Dokument mit
seiner Unterschrift zu versehen.
    Am nächsten Tag verlangte Amadeus Voss sechstausend Mark, die Witwe
Engelschall, unter lautem Jammern, dass man ihr Mobiliar pfänden werde, wenn sie
einen Wechsel nicht einlösen könne, dreitausend.
    Er gab und gab, und es widerte ihn vor der Gabe. Im Hörsaal kamen sie, die
Fremdesten, Gleichgültigsten, im Speisehaus, wo immer er sich sehen liess,
sprachen von ihren Bedrängnissen, waren verlegen oder unverschämt, baten oder
forderten.
    Er gab und gab; sah kein Ende, keine Rettung, fühlte die Schwere von
Gewichten auf sich, gab und gab.
    In allen Augen war die Erwartung; er kleidete sich schlechter; er schränkte
seine Bedürfnisse aufs äusserste ein; vergeblich, das Geld wälzte sich hinter ihm
her, rollende Lava, und verbrannte alles, was er anrührte. Er gab und gab, und
sie forderten und forderten.
    
    Da schrieb er an seinen Vater. »Nimm das Geld von mir,« schrieb er. Er war
sich der Sonderbarkeit und Neuartigkeit seines Begehrens bewusst, denn er
stattete es mit einer Reihe klar überlegter Gründe und Überredungsformeln aus.
»Stelle dir vor, ich sei ausgewandert und verschollen; oder ich lebte irgendwo
unter einem andern Namen; oder es wäre, durch meine oder deine Schuld, zum
endgültigen Bruch zwischen uns gekommen, du hättest mich auf Pflichtteil
gesetzt, der Stolz verbiete mir, auch davon Gebrauch zu machen, ich wollte auf
eignen Füssen stehen und mich von meiner Hände Arbeit ernähren. Stelle dir vor,
ich hätte alles vertan und die Kapitalien, die ich noch zu erwarten habe, wären
auf Jahre hinaus mit Beschlag belegt. Oder stelle dir vor, du seist selbst
verarmt und wärst gezwungen, mir die Mittel zu entziehen. Ich will ohne die
Mittel leben. Es macht mir keine Freude mehr, mit den Mitteln zu leben. Ich
glaube, man kann das keinem erklären, der die Mittel noch hat und nie ohne sie
gewesen ist. Erweise mir den Gefallen und verfüge erstens über die Summen, die
ich auf der Bank liegen habe, zweitens über die, die mir nach der bisher
üblichen Ordnung zugeflossen sind. Alles ist ja dein unbestreitbares Eigentum.
Du hast mir bei unserm vorjährigen Gespräch sehr deutlich zu verstehen gegeben,
dass ich nur von der Frucht deiner Arbeit zehre.«
    Dann kam der Vorschlag, auf den er bereits in dem auserdachten und nicht
verwirklichten Gespräch mit Iwan Becker angespielt. »Widerstrebt es dir, eine
persönliche oder geschäftliche Nutzniessung aus dem zu ziehen, was ich
zurückerstatte und zurückweise, so lass Waisenhäuser dafür bauen,
Findelanstalten, Spitäler, Invalidenheime, Biblioteken; es gibt ja so viele
Notleidende, und man kann ihr Elend lindern. Ich bin dazu nicht imstande; mich
interessiert es nicht; es ist mir sogar ein unangenehmer Gedanke. Dass hierin ein
Mangel meines Charakters zutage tritt, leugne ich nicht, und falls du dich zu
einer derartigen Verwendung entschliessen solltest, tu es nicht in meinem Namen.«
    Zum Schluss hiess es: »Ich weiss nicht, ob du Wert darauf legst, dass ich mit
freundschaftlichem Gefühl deiner gedenke. Vielleicht hast du mich innerlich
schon verworfen und dich von mir losgesagt. Soll noch ein Band fortbestehen, so
kann es nur sein, wenn du mir in dieser, einerseits so schwierigen, andrerseits
so einfachen Sache deine Hilfe nicht verweigerst.«
    Der Brief blieb ohne Antwort, aber es kam einige Tage, nachdem er
abgeschickt war, der Pastor Werner zu Christian, ein Freund der Familie
Wahnschaffe. Er kam im Auftrag des Geheimrats, wie auch aus eignem Trieb.
Christian kannte ihn seit seinen Kindertagen.
 
                                       19
Des Pastors aufmerksamer Blick musterte den Raum, die ärmlichen, hässlichen
Möbel, die mit rührseligen Bildern bedruckten Rollgardinen an den Fenstern, die
kahlen getünchten Wände, die trübe kleine Lampe, die rissigen Dielenbretter, das
abgewetzte Leder des Sofas mit den abgewetzten Porzellannägeln, den Schrank,
dessen Tür einen klaffenden Riss zeigte und auf dem eine Gipsfigur stand. Eine
stumme, flammende Verwunderung malte sich in seinem Gesicht.
    Die Gipsfigur, Garibaldi im Kalabreser, hatte Christian unlängst einem
herumziehenden italienischen Händler abgekauft.
    »Ich habe Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Herr Vater selbstverständlich bereit
ist, Ihren Wunsch zu erfüllen,« sagte Pastor Werner. »Etwas andres bleibt ihm ja
kaum übrig. Dass er ausserdem in Sorge um Sie schwebt und Ihre Handlungsweise
vollkommen unbegreiflich findet, brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen.«
    Ein wenig ungeduldig antwortete Christian: »Schon vor Monaten habe ich
ausdrücklich versichert, dass kein Anlass zur Sorge ist, nicht der mindeste.«
    »Nach Ihrem nunmehr kundgegebenen Vorhaben erstreckt sich eine naheliegende
Beängstigung nichtsdestoweniger auf Ihre Existenzfrage,« warf Pastor Werner
sanft ein. »Haben Sie denn einen Beruf ergriffen, der Sie hinlänglich
sicherstellt?«
    Christian erwiderte, er bereite sich für einen solchen Beruf vor, das sei ja
seinem Vater bekannt; ob er Talent dafür habe und sein Auskommen finden würde,
könne er freilich nicht sagen.
    »Und so lange Sie das Auskommen nicht finden, wovon wollen Sie sich
ernähren?« fragte der Pastor. »Ich kann Ihnen nur die Worte wiederholen, die mir
Ihr Vater bei unsrer letzten Unterredung zurief: Will er betteln? Mildtätige
Gaben in Anspruch nehmen? Hungern? Sich dem Zufall anvertrauen und schlechten
Freunden? Schleichwege gehen? Zu Unerlaubtem greifen? Und zuletzt doch als
reuiger Narr zurückverlangen nach dem, was er von sich geworfen hat? Ich habe
Ihren Vater erinnerlichermassen nie in solcher Verfassung gesehen und nie Reden
von solcher Leidenschaftlichkeit von ihm gehört.«
    »Mein Vater mag sich beruhigen,« erwiderte Christian; »nichts von dem, was
er fürchtet, wird geschehen. Auch nichts von dem, was er möglicherweise hofft:
das Zurückverlangen nämlich. Daran ist so wenig zu denken, wie dass der Vogel
wieder zum Ei wird oder das Feuer zum Holzscheit.«
    »Hatten Sie denn von vornherein im Sinn, sich aller pekuniären Stützen
vollständig zu berauben?« forschte Pastor Werner vorsichtig.
    »Nein,« erwiderte Christian zögernd, »das wohl nicht. Ich bin dem nicht
gewachsen; jetzt noch nicht. Man muss das erst lernen. Es ist schwer; etwas so
Schweres muss man lernen. Das Leben in der Grossstadt würde zu viel Fatales und
Störendes mit sich bringen. Auch habe ich gewisse Verbindlichkeiten übernommen.
Es gibt einige Menschen, die in einer bestimmten Weise auf mich gerechnet haben,
ich weiss nicht, wie weit sie imstande sind, mit mir zu gehen. Ich habe ja
überhaupt kein Programm; was sollt ich denn mit einem Programm anfangen? Es
handelt sich darum, dass ich endlich einmal in eine klare und vernünftige
Situation komme und die dummen Quälereien los bin. Ich will mir den Überfluss vom
Halse schaffen; Überfluss ist, was ich nicht ganz unbedingt und nach strenger
Prüfung für mich und jene paar Menschen zum Leben brauche. Jedes Brauchen aber
lässt sich meiner Meinung nach vermindern, und so lange vermindern, bis aus dem,
was man entbehrt, ein Gewinn wird.«
    »Versteh ich Sie also recht,« sagte der Pastor, »so ist Ihre Absicht, einen
Teil Ihres Vermögens zur Sicherung gegen die nackte Notdurft zu behalten?«
    Christian setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Ja,«
sagte er leise, »ja. Aber das ist eben der Punkt, über den ich nicht ins reine
komme. Ich kann nicht ergründen, wo da die Grenze zwischen Recht und Willkür
liegt. Ich war leider an Verhältnisse gewöhnt, die mich mit der Zeit unfähig
gemacht haben, diese neuen Umstände praktisch zu beurteilen. Es fehlt mir der
Massstab für das, was entbehrlich und was notwendig ist, mehr gegen die andern
als gegen mich. Sie haben mich richtig verstanden, Herr Pastor; ich möchte einen
Teil behalten, aber nur einen sehr geringen Teil. Mit mir selber um eine Ziffer
feilschen, das mag ich nicht. Sie hat ohnehin etwas Lächerliches und Armseliges,
die ganze Geldfrage, und wird von dem eigentlich Wichtigen nur so
nachgeschleift. Ein Kapital festlegen und die Zinsen abschöpfen, wären sie auch
noch so klein, das ist mir unleidlich zu denken; da ist man schon wieder ein
Rentner, schon wieder in der gepolsterten Welt. Aber was sonst? Sie sind ein
erfahrener Mann, Herr Pastor; raten Sie mir.«
    Der Pastor sann. Bisweilen schaute er Christian forschend an, dann liess er
die Augen wieder sinken und sann. »Ich bin ziemlich betroffen von Ihren Worten,«
gestand er endlich. »Ich muss sagen, dass mich vieles daran überrascht, ja fast
alles. Mich dünkt, ich gewinne jetzt einigen Einblick. Sie fordern Rat von mir.
Nun ja.« Er sann wieder, heftete wieder einen Blick auf Christian: »Sie
verzichten demnach auf Ihr Vermögen; Sie verzichten auf die jährlichen
Einkünfte, die Ihnen die Familie, die Firma bisher ausbezahlt hat. Schön. Man
wird diesen Verzicht anerkennen. Dass Sie niemals wieder die Hand danach
ausstrecken werden, will ich gern glauben; die Art, wie Sie sich binden, ist
verpflichtender als ein feierliches Gelöbnis. Sie haben mit der früheren
Existenz abgeschlossen. Man wird dies auf der andern Seite drüben respektieren,
ohne allen Zweifel. Ich verstehe die innere Pein, die Ihnen die Frage
verursacht, welchen Spielraum Sie sich für Ihren persönlichen, leiblichen Bedarf
gewähren sollen, für die Zeit des Anfangs, die bitter sein wird und voll
Überwindungen. Ich verstehe es; es ist ein Problem der Schamhaftigkeit; es setzt
sich in Widerspruch zu Ihrer Gebärde, zu Ihrem Gefühl. Ich verstehe es.«
    Christian nickte. Der Pastor fuhr mit etwas erhobener Stimme fort: »Hören
Sie mich an. Was ich vorzubringen habe, ist heikel. Es ist beinahe wie ein
Spiel, beinah wie eine List. Ich bin, wie Sie vielleicht wissen, Seelsorger des
Zuchtauses in Hanau. Ich betreue verlorene und von der Gesellschaft verstossene
Menschen. Ich beschäftige mich mit ihnen, ich kenne die Triebfedern ihrer
Handlungen, ich kenne die Finsternis ihrer Herzen, ich kenne ihre eingefrorene
Sehnsucht. Nach meiner Erfahrung darf ich behaupten, es gibt keinen einzigen
unter ihnen, der nicht, in eine höheren Sinn, zu retten ist, keinen einzigen,
den das einfache ernste erfüllte Wort nicht irgendwo in seinem Innern trifft.
Dann wacht der göttliche Funke auf, und das ist schön. Ich diene dieser Aufgabe
mit meiner ganzen Kraft, und bei einzelnen ist die Besserung und Umwandlung so
weit gediehen, dass sie wie Neugeschaffene in das bürgerliche Leben zurückgekehrt
sind und jeder Versuchung tapfer standhielten. Freilich hängt der Erfolg häufig
davon ab, wie man sie vor der Not behüten kann. Hier fehlt fast alles. Von
Gutmeinenden wird manche Hilfe geleistet; auch der Staat steuert bei, wennschon
in seiner kargen Manier; es ist zu wenig. Wie wäre es nun, wenn Sie von dem
Vermögen, das Sie Ihrem Vater überweisen, es ist ja sehr bedeutend, ein Kapital
ablösen würden, deren Zinsen für entlassene Sträflinge verwendet werden? Zucken
Sie nicht zurück; hören Sie mich zu Ende. Dieses Kapital bestünde in sicheren
Papieren, sagen wir in der Höhe von dreimalhunderttausend Mark; das genügt; das
sind annähernd fünfzehntausend Mark Interessen, das genügt, damit lässt sich
herrlich viel ausrichten. Die Papiere anzutasten und zu veräussern, seitab vom
Zinsendienst und ohne Verklausulierung, ist Ihnen allein erlaubt. Sie nehmen
davon monatlich oder vierteljährlich eine von Ihnen selbst zu bestimmende Summe,
von der Sie Ihre Lebensbedürfnisse bestreiten. Die Zinsen zu beziehen und in
nachzuweisender Art zu verwenden, steht nur mir und meinen Amtsnachfolgern zu.
Das alles müsste rechtskräftig festgelegt werden. Der Zweck, leicht einzusehen,
ist ein doppelter. Erstens die Werktätigkeit, das grosse gute Schaffen; dann die
natürliche Hemmung für Sie: jede überflüssige und unbesonnene Ausgabe gefährdet
ein Schicksal; jede Entaltsamkeit, die Sie üben, setzt sich um in Glück, in ein
Stückchen Menschenglück. Das gibt den Richtungspunkt, den Damm, die sittliche
Linie. Es ist ein selbsttätiger moralischer Mechanismus sozusagen. Bei der von
Ihnen erstrebten Unabhängigkeit handelt es sich um zwei, drei Jahre, schätze
ich; bis dahin können Sie bei der Lebenshaltung, die Sie sich vorgesetzt haben,
wohl kaum mehr als ein Zehntel des Kapitals verbraucht haben. Auch das ist
natürlich wieder ein Problem für Sie, aber eines, dünkt mich, das Sie locken
müsste, sich daran zu erproben. Sie brauchen nicht an das humane Ziel zu denken.
Ich weiss ja jetzt, Sie haben es auch in dem Brief an Ihren Vater ausgedrückt,
dass Sie derlei aus mir unzugänglichen Gründen abgeneigt sind. Ich könnte Ihnen
aber Dinge mitteilen und von Fügungen erzählen, die Sie erkennen liessen, wie da
die feinsten Blutfasern des Menschengeschlechts Gift einsaugen, und wie heilig
dringend es ist, dies Seelenerdreich umzupflügen. Könnten Sie nur einmal einen
der Genesenen, der Freiheit und Hoffnung Wiedergeschenkten von Angesicht zu
Angesicht sehen, der Augenschein belehrt und befeuert ja wundersam, so wären Sie
auch in Ihrem Gemüt für meine Sache gewonnen.«
    »Sie überschätzen mich, Herr Pastor,« sagte Christian mit seinem
unbestimmten Lächeln; »es ist immer dasselbe: alle überschätzen mich in dieser
Beziehung, alle beurteilen mich falsch. Aber denken Sie nicht weiter darüber
nach und fragen Sie nicht, es spielt ja keine Rolle.«
    »Und was haben Sie auf meinen Vorschlag zu antworten?«
    Christian liess den Kopf sinken. Er sagte: »Sie legen mir da eine hübsche
Schlinge. Lassen Sie mich das einmal überdenken. Ich zehre also gewissermassen
von meiner eignen Wohltat. Was für ein abscheuliches Wort das ist: Wohltat.
Indem ich davon zehre, verringere ich sie natürlich. Und Sie sind der Meinung,
dass das erzieherisch auf mich wirken und mir mein Vorhaben erleichtern müsste -?«
    »Ja, so ungefähr dachte ich, da Sie doch nun diesen Weg eingeschlagen
haben.«
    »Wenn ich Sie dann enttäusche, haben Sie auf jeden Fall Ihre Bescheidenheit
zu bereuen,« fuhr Christian mit einem eigentümlichen Ausdruck von Spott fort;
»Sie könnten ja das Doppelte, das Dreifache verlangen, und vielleicht würde ich
mich nicht weigern, ganz sicher nicht; denn ob die Millionen, die ich nicht
haben will, in diese oder jene Tasche fliessen, kann mir ziemlich gleichgültig
sein. Warum tun Sie das nicht, da Sie doch dann weniger riskieren würden?«
    »Stellen Sie die Frage aus Misstrauen gegen meine Sache?«
    »Ich weiss es nicht; aber antworten Sie mir.«
    »Ich habe Ihnen ja meine Berechnung auseinandergesetzt. Was ich fordern darf
und kann, ergibt sich aus dem Einblick in die Verhältnisse. Auf der einen Seite
ist die Not und die Dringlichkeit zu erwägen, auf der andern Seite gebieten mir
Rücksichten, eben diese Linie zu beobachten und die Gelegenheit nicht in einer
Weise auszunützen, die mir von Böswilligen oder Ränkesüchtigen zum Vorwurf
gemacht werden könnte.«
    »Und Sie meinen,« fuhr Christian advokatisch zäh zu fragen fort, »dass es mir
etwas bedeutet, dass es mich locken soll, wenn Sie irgendeinem Sträfling, den Sie
für gebessert halten, am Ende seiner Strafzeit fünfzig oder hundert oder
zweihundert Mark in die Hand drücken, damit er sein Leben von vorne beginnt? Das
bedeutet mir nicht das mindeste. Ich kenne ja die Leute gar nicht. Ich weiss
nichts von ihnen, weiss nicht, wie sie aussehen, was sie tun, wie sie reden, wie
sie riechen, was sie mit dem Geld anfangen, ob es ihnen überhaupt zu etwas
dient; das weiss ich alles nicht, und deshalb bedeutet es mir nichts.«
    »Nun ja,« gab Pastor Werner ein wenig bestürzt zu, »nun ja; aber ich kenne
sie, ich.«
    Christian lächelte wieder. »Wir beide sind sehr verschiedene Menschen, Herr
Pastor,« sagte er; »wir denken verschieden und handeln verschieden.« Plötzlich
blickte er empor. »Alle diese Einwände verfolgen durchaus nicht den Zweck, Ihnen
Schwierigkeiten zu bereiten. Im Gegenteil. Sie bitten mich um Hilfe, Sie
persönlich, und ich helfe Ihnen, Ihnen persönlich. Dafür leisten Sie mir den
Dienst, dass Sie meinen Sparmeister machen und mir ein Exempel aufstellen, an dem
ich lernen kann. Ich hoffe, Sie werden keinen Grund zur Klage haben.«
    »So sind Sie einverstanden, und ich darf die nötigen Formalitäten in die
Wege leiten?« fragte der Pastor, halb noch zweifelnd, halb erfreut.
    Christian nickte. »Tun Sie es nur,« entgegnete er; »ordnen Sie es so, wie es
Ihnen am besten scheint. Es ist ja alles viel zu gering.«
    »Was meinen Sie damit: viel zu gering?« forschte der Pastor, so wie einst
Eva unter Lachen und Betroffenheit nach dem Sinn derselben Worte geforscht
hatte; »schon vorhin äusserten Sie, die Geldfrage werde von dem eigentlich
Wichtigen nur so nachgeschleift. Was ist das eigentlich Wichtige in Ihren
Augen?«
    »Ich kann Ihnen das nicht erklären, Herr Pastor. Ich empfinde nur, dass es zu
gering ist. Der Anfang ist es, weiter nichts, und alle überschätzen es so
masslos, alle nehmen es so schwer. Das Schwere kommt erst. Das Schwere ist: das,
was man weggegeben hat, wieder hereinzubringen, auf andre Art wieder
hereinzubringen, und mehr noch, so dass man den Verlust gar nicht spürt.«
    »Sonderbar,« murmelte der Pastor, »sonderbar. Wenn man Sie so hört, könnte
man glauben, Sie sprechen von einer Sportleistung oder von einem
Tauschgeschäft.«
    Christian lachte.
    Der Pastor näherte sich ihm und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Mit
ernstem Blick fragte er: »Wo ist die Frau, die Sie ... zu sich genommen haben?«
    Christian antwortete mit einer hinaus- und hinaufdeutenden Geste.
    Dem Pastor kam ein Gedanke, der ihm seltsam und neu dünkte. »Leben Sie denn
nicht mit ihr?« fragte er flüsternd, »leben Sie nicht in Gemeinschaft mit ihr?«
    »Nein, das nicht,« erwiderte Christian stirnrunzelnd, »das nicht.«
    Der Pastor liess den Arm fallen. Ein langes Schweigen trat ein. Dann begann
er: »Ihr Vater ist geradezu erschüttert durch eine Empfindung, die wohl ein Mann
hat, der mehrere geliebte Personen von derselben Krankheit ergriffen sieht. Er
möchte verbergen, was in ihm vorgeht, aber es gelingt ihm nicht. Zu einer Zeit,
wo er für Sie noch gar nicht zu fürchten hatte, sprach er einmal mit mir von
Ihrer Schwester Judit. Er gebrauchte das Wort Selbsterniedrigung. Er sprach von
einem perversen Trieb zur Selbsterniedrigung.«
    Christian machte eine lebhafte Bewegung. »Judit,« sagte er, »ach die. Sie
trumpft auf, sie trotzt. Da ist keine Erniedrigung. Sie will wissen, was sie
wagen darf und was andre für sie wagen und wie es dann ausgeht. Sie hat es mir
ja selbst gestanden. Sie stürzt sich ins Wasser und ist beleidigt, wenn es nass
ist; sie geht ins Feuer und hofft, es wird nicht brennen. Nachher hasst sie das
Wasser und das Feuer. Nein, damit hab ich nichts zu schaffen.«
    »So kalterzig? Der Bruder?« sagte Pastor Werner vorwurfsvoll. »Doch wie dem
auch sei, Ihr Vater ist durch die neuerliche Erfahrung an Ihnen im Kern
getroffen. Sein Wirken ist ihm von innen her geleugnet. Die Frucht eines
arbeitsreichen Lebens erkennt er als angefault. Jedes nur ersinnliche Gelingen
ward ihm; was ist es nun? Das Blut erhebt sich wider ihn. Seine Hand war
gesegnet; es ist ihm, als verdorrte sie. Der Reichtum trug ihn auf einen
weitbemerkten Gipfel; oben ist er einsam, und der ihn am freudigsten begrüssen
sollte, wendet sich ab und gibt ihm ein Gefühl zu kosten, für das er keinen
andern Namen hat als Schimpf und Schande.«
    Christian blieb still, ja sichtlich gleichgültig. Der Pastor fuhr fort:
»Bedenken Sie das Soziale unsrer Welt. Es haftet ihm ja bei aller äussern Roheit
und Gewaltsamkeit auch etwas unendlich Zartes und Ehrwürdiges an. Man könnte es
einem Baum vergleichen, tief in der Erde, breit in der Luft, mit vielen Ästen
und Zweigen, Blüten und Knospen. Es ist ein Gewordenes, von Gott Stammendes, und
man soll es nicht missachten.«
    »Wozu sagen Sie mir das, Herr Pastor?« fragte Christian ablehnend.
    »Ihr Vater leidet. Gehen Sie zu ihm, eröffnen Sie sich ihm. Der Sohn zum
Vater, es ist Pflicht.«
    Christian schüttelte den Kopf. »Nein,« erwiderte er, »ich kann nicht.«
    »Und Ihre Mutter? Von ihr zu reden, dachte ich, könnte ich mir sparen. Einer
Mahnung in bezug auf die Mutter, dachte ich, bedarf es kaum. Sie wartet. Ihr Tag
ist ein einziges Warten.«
    Christian schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht,« sagte er.
    Das Kinn in die hohle Hand gelegt, blickte der Pastor trüb zu Boden. Er ging
mit zwiespältigem Gefühl.
 
                                       20
Es verlangte Crammon nach einem Freund. Der verlorene war unersetzlich. Die
Hoffnung, ihn zurückzugewinnen, glomm noch, aber der unbewohnte Raum in der
Brust hauchte Kälte aus. Ihn einstweilen mit einem Logiergast zu versehen,
empfahl sich aus Gründen der Stimulierung.
    Die nächste Anwartschaft besass Franz Lotar von Westernach. Ein Zusammensein
in Franz Lotars Landhaus in der Steiermark war brieflich schon vereinbart. Mit
Beginn des Frühjahrs reiste Crammon hin. Die schöne Miss Herkinson, die er im
Auto von Spa bis Nürnberg begleitet hatte, liess er im Stich.
    Im Speisewagen sagte er zu einem Bekannten, den ihm der Zufall in den Weg
geführt: »Ich vertrage den Lärm nicht mehr, den junge Leute um sich verbreiten.
Ich bin jetzt für das Abgeklärte. Das fünfte Dezennium fordert mildere Sitten.
Sie meinen: Kiebitz. Na ja, Kiebitz, das ist auch nur ein Wort. Der eine bleibt
noch Kiebitz, wenn er eine unbescholtene Jungfrau verführt oder wenn sich seine
Tante mit Blausäure vergiftet, der andre ist im Spiele, wenn die Leute auf der
Insel Madagaskar von der Pest hingerafft werden. Alles ist relativ.«
    Crammon traf Franz Lotar in einem seelischen Konflikt. Seine Schwester
Clementine wollte ihn verheiraten. Er gestand es Crammon halb lachend, halb
ratlos. Sie hatte ein Mädchen aus einer der ersten Familien im Auge und
versprach sich von der Verbindung einen heilsamen Einfluss auf des Bruders
Karriere sowohl, als auch auf seine schwankende und tatenscheue Lebenshaltung.
Die Präliminarien waren bereits eingeleitet, die Eltern der jungen Dame zeigten
sich dem Plan geneigt.
    Crammon sagte; »Lass dich nicht übers Ohr hauen, lieber Sohn. Die Sache wird
ein schändliches Ende nehmen. Die betreffende Person kenne ich. Sie ist ein
Vampir. Das Geschlecht, aus dem sie stammt, gehörte im Mittelalter zu den
berüchtigtsten Raubrittern. Später hatten sie reichsgerichtliche Prozesse wegen
Misshandlung ihrer Bauern. Danach kannst du dir deine Zukunft ausmalen.«
    Franz Lotar amüsierte sich, denn Crammons Zorn darüber, dass man ihm nun
auch diesen Menschen rauben wollte, noch dazu auf die alte geistlose Manier, war
dämonisch und überschritt die Grenzen der Wohlanständigkeit. Er begegnete
Clementine mit hasserfülltem Schweigen, und wenn er mit ihr in Streit geriet,
hatte er einen Ton wie ein gereizter Hund.
    Franz Lotars Unentschlossenheit und Angst vor Veränderung ersparten Crammon
weitere Kämpfe. Eines Tages teilte er seiner enttäuschten Schwester einfach mit,
er sei auf einen so wichtigen Schritt durchaus nicht vorbereitet und bitte sie,
die Verhandlungen abzubrechen.
    Diese Wendung befriedigte Crammon zwar, aber sie beruhigte ihn nicht. Er
wollte vorbeugen, dass sich ein ähnliches Attentat nicht wiederhole. Hiezu
erschien es ihm als das beste, Clementine selbst zu verheiraten. Es war
schwierig. Sie war nicht mehr ganz jung, hatte viel erlebt, kannte die Welt,
besass klaren Blick, scharfen Verstand; man musste vorsichtig sein. Crammon hielt
Umschau im Geiste. Seine Wahl fiel endlich auf einen Mann von beträchtlichem
Reichtum, vornehmer Abkunft und tadellosem Ruf, den Cavaliere Morini. Er hatte
ihn vor Jahren bei Freunden in Triest flüchtig kennengelernt.
    Er begann, sich häufig zu Clementine zu setzen. Duftige kleine Erzählungen
von Eheglück, Sehnsucht, gemütlichem Hausstand flossen ihm von den Lippen. Er
merkte, dass der Boden empfänglich war. Er liess beiläufige Bemerkungen fallen
über seine vertraute Freundschaft mit einer ungemein wichtigen und fähigen
Persönlichkeit des Auslands. In kunstreicher Steigerung wurde aus dem braven
Cavaliere Morini eine eklatante Figur. Sodann schrieb er an Morini, erkundigte
sich nach seinem Befinden, erinnerte ihn an gemeinsam verlebte Stunden, log ihm
Wehmut und Wiedersehensverlangen vor, fragte nach seinen Reiseplänen, und als
die Korrespondenz einmal im Gange war, fand sich der Anlass bald, von Clementine
zu sprechen und ihre vorzüglichen Eigenschaften zu rühmen.
    Morini biss an. Er schrieb, er werde im Mai in Wien sein und sich freuen,
Crammon dort zu treffen; der Freiin von Westernach ebenfalls zu begegnen, wage
er kaum zu hoffen. Alter Idiot, dachte Crammon, und überredete Franz Lotar und
Clementine, dass sie zu gegebener Zeit nach Wien kämen. Alles glückte: Morini
gefiel Clementine, Clementine gefiel Morini; Crammon sagte zu ihr: er ist ganz
bezaubert von Ihnen, und zu ihm: Sie haben einen unverlöschlichen Eindruck auf
sie gemacht. Vierzehn Tage später war Verlobung. Clementine lebte auf. Sie war
voll Dankbarkeit gegen Crammon. Was Crammon, nicht in reinster Absicht, begonnen
hatte, wurde für sie zum reinsten Segen.
    Crammon spendete sich die verdiente Anerkennung. Es war ein Werk, so gut wie
irgendeines. Er sagte: »Seid fruchtbar und mehret euch. Euern Erstgebornen will
ich aus der Taufe heben. Ein solennes Festmahl bei dieser Gelegenheit versteht
sich am Rande.«
    Er sagte ferner: »In den Büchern der Geschichte wird man mich Bernhard den
Stifter heissen. Vielleicht bin ich der Urahn eines berühmten Geschlechts, eines
Geschlechts von Königen vielleicht; wer kann das wissen. So werden meine späten
Enkel, der Herr nehme sie in seinen Schutz, wenigstens Grund zur Pietät haben.«
    Aber es war dies nur täuschendes Feuerwerk der Laune. Sein Geist war
angenagt vom Wurm der Zweifelsucht. Er sah schwarz in die Zukunft. Er weissagte
Krieg und Umsturz. Er hatte keine Freude an sich und seinen Taten. Wenn er im
Bette lag und das Licht verlöscht hatte, fühlte er sich von einer Rotte von
Übeln umschlichen, und sie waren uneins unter sich, welches ihn zuerst
zerfleischen sollte. Dann drückte er die Augen zu und seufzte schwer.
    Fräulein Aglaia, die seinen gepressten Gemütszustand ahnte, riet ihm, sich
fleissiger des Gebets zu bedienen. Er war ihr dankbar für den Rat und versprach,
ihn zu befolgen.
 
                                       21
Der süsslich girrende Walzer hob an. Amadeus Voss bestellte Sekt. »Trinken Sie,
Lucile,« sagte er, »trinken Sie, Ingeborg, das Leben ist kurz, das Fleisch will
seine Lust, was nachher kommt, ist höllisches Entsetzen.« Er lehnte sich im
Sessel zurück und verkniff den Mund.
    Die beiden, im extravaganten Berliner Kokottenstil gekleideten Dramen
kicherten. »Er ist doch gar zu verrückt, unser Doktorchen,« sagte die eine. »Was
phantasiert er denn da wieder? Ists unanständig oder gruselig? Man weiss nie
recht.«
    Die andre bemerkte abschätzig: »Hat pikfein diniert, raucht ne Henry Clay,
befindet sich in entzückender Gesellschaft und schwatzt von höllischem
Entsetzen. Dazu brauchen Sie doch uns nicht und das Esplanade auch nicht. Pfui,
solch Ausdruck überhaupt. Ermannen Sie sich, Mensch! Seien Sie 'n bisschen
liebenswürdig, bisschen normal, bisschen hopsassa.«
    Sie lachten beide. Voss blinzelte gelangweilt. Der süsslich girrende Walzer
schloss mit unerwartetem Lärm. Nackte Hälse und Schultern, verblühte
Jünglingsgesichter und verweste Greisengesichter verschwammen im Tabaksqualm zu
perlmuttrigem Geflimmer. Von der Strasse kamen Hotelgäste, die halb fremd, halb
gierig in den Lichtüberfluss starrten; zuletzt ein junges Mädchen, das bei der
Drehtür stehenblieb. Amadeus Voss sprang empor. Er hatte Johanna Schöntag
erkannt.
    Er ging auf sie zu und verbeugte sich. Sie, überrumpelt, grüsste mit
voreiligem Lächeln, das sie bedauerte. Er stellte Fragen. Sie zuckte in der
Taille zusammen, als breche dort etwas. Kalt mass sie ihn, erinnerte sich eines
früheren Schauders, schauderte wieder. Ihr Gesicht war noch unschöner geworden,
die Anmut über dem ganzen Wesen bezwingender.
    Sie sagte, sie sei seit zwei Tagen in Berlin; im Hotel wohne sie noch bis
morgen, dann ziehe sie zu ihrer Cousine, die im Tiergarten wohne.
    »Also reiche Verwandte?« warf Voss taktlos ein. Er lächelte gönnerhaft und
fragte, wie lange sie in dieser aufregenden Stadt zu bleiben gedenke.
    Wahrscheinlich den ganzen Herbst und Winter über, antwortete sie. Aufregend?
davon spüre sie nichts; ermüdend und trivial, das ja.
    Ob er das Vergnügen haben werde, sie bald zu sehen? Wahnschaffe, wüsste er,
dass sie hier sei, liesse sichs gewiss nicht nehmen, sie aufzusuchen.
    Er sprach mit einer zudringlichen, anscheinend frischgelernten Artigkeit und
Weltkälte. Johanna zog sich innerlich zurück. Als er Christians Namen nannte,
erblasste sie und spähte hilfesuchend gegen die Treppe. In der Bedrängnis fiel
ihr das Verschen ein, zu dem sie bisweilen in peinlichen Umständen ihre Zuflucht
nahm: Wenn doch einer käme und mich mitnähme. Da lächelte sie. »Ja, ich will
Christian sehen,« sagte sie plötzlich mit Freiheit, und in den Worten lag das
mutige Bekenntnis: Deswegen bin ich gekommen.
    »Und ich? Was geschieht mit mir?« fragte Voss. »Mich werden Sie links liegen
lassen? Kann ich Ihnen nicht irgendwie behilflich sein? Wollen Sie nicht mal
einen kleinen Spaziergang mit mir machen? Es gibt ja allerlei zu besprechen ...«
    »Nicht dass ich wüsste,« antwortete Johanna mit dem ängstlichen Stirnrunzeln
der in die Enge Getriebenen, die sich nicht zu wehren vermag. Um den Lästigen
auf gute Manier loszuwerden, versprach sie, ihm zu schreiben. Kaum hatte sie es
gesagt, so fühlte sie sich unglücklich darüber; jedes Versprechen hatte etwas
Bindendes für sie; sie empfand sich schon wieder als Opfer, und die unheimliche
Gespannteit, die ihr der Mensch erregte, lähmte ihren Willen und reizte sie
krankhaft.
    Voss fuhr im Auto nach Hause. Es war in ihm nur ein einziger, wühlender,
flackernder Gedanke: war sie Christians Geliebte gewesen oder nicht? Diese Frage
hatte für ihn eine alles bestimmende Wichtigkeit erlangt seit dem Augenblick, wo
er Johanna vor sich gesehen hatte. Es war eine Frage um Besitz und Entbehrung,
um Wahrheit und Betrug. Er knüpfte Schlussfolgerungen daran, die seine Sinne
entzündeten, Möglichkeiten, bei denen es um das Entweder-Oder des Lebens ging.
Er stellte sich Johannas Züge vor und studierte in ihnen wie in einer
Geheimschrift. Er sammelte sich zu Argumenten, Zergliederungen und Kunststücken
verschlagener Rabulistik. Da trat eine in seinen verdüsterten Kreis, die freche
Verschlingungen und Verkettungen verursachte und alle Entscheidungen zu einem
Punkte trieb. Er spürte, dass sich Stürme ankündigten, wie er sie noch nie
erlebt.
    Als er am andern Morgen aus dem Bad kam und sich zum Frühstück setzen
wollte, sagte seine Aufwärterin zu ihm: »Das Fräulein Engelschall ist da; sie
sitzt drüben im Salon.«
    Hastig trank er die Schokolade und ging hinüber. Karen sass an dem runden
Tisch und schaute Photographien an, die dort herumlagen; sie hatten alle
Christian gehört; es waren Bilder von Freunden und Freundinnen, Landschaften und
Häusern, Hunden und Pferden.
    Karen trug ein einfaches Kostüm, Rock und Jacke, dunkelblau; die weizengelbe
Haarwildnis verschwand unter einem grauen Filzhut, den ein seidenes Band
schmückte. Das Gesicht war hager, die Hautfarbe fahl, der Ausdruck finster.
    Sie ersparte sich einleitende Wendungen und begann: »Ich komme, weil ich Sie
fragen will, ob Sie schon davon wissen. Es könnte ja sein, dass er es Ihnen
vorher gesagt hat. Mir hat ers erst gestern gesagt. Sie wissen also nichts? Na,
verhüten hätten Sies auch nicht können. Er hat sein ganzes Geld weggegeben. Das
ganze Geld, alles, was er hatte, hat er seinem Vater gegeben. Auch das übrige,
was ihm jährlich zusteht, ich weiss nicht, wieviel Hunderttausende es sind, will
er nicht mehr haben. Auf ein bisschen was hat er sich noch Anspruch vorbehalten.
Es reicht gerade zum Nichtverhungern, scheint mir. Wenn ich ihn recht verstanden
habe, kann er auch darüber nicht mal frei verfügen. So wie es mit ihm ist, gibts
kein Zurück. Das ist bei ihm, wie wenn der Messner die Glocke geläutet hat; da
kann man auch keinen Ton mehr fortnehmen. Man möchte schreien; man möcht sich
direkt hinlegen und schreien. Ich sag zu ihm: Mensch, was hast du getan! Drauf
macht er ein Gesicht, als wundere er sich, dass man sich über so was aufregen
könnte. Nun frag ich Sie: Geht das denn überhaupt? Darf das denn sein? Wird das
denn zugelassen?«
    Amadeus Voss sprach kein Wort. Sein Gesicht war weiss. Hinter den
Brillengläsern loderten gelbe Funken. Ein paarmal strich er mit der Hand über
den Mund.
    Karen erhob sich und ging auf und ab. »So is es nun,« stiess sie hervor und
liess den Blick mit ingrimmiger Befriedigung durch das Prunkzimmer schweifen;
»erst auf dem Bocke droben, dann im Drecke drunten. So gehts. Ich für meinen
Teil könnte ja jetzt meinen Schnitt machen. Wenns bloss nicht schon zu spät ist.
Vielleicht ists schon zu spät, vielleicht hab ich mirs zu lang überlegt. Man
wird ja sehen. Was soll ich schliesslich mit dem Gelde. Warten ist vielleicht
immer noch das bessere Geschäft.« Sie trat an die andre Seite des Tisches und
gewahrte unter den Photographien eine, die sie vorhin nicht gesehen. Es war ein
Bild der Frau Richberta Wahnschaffe und zeigte sie im Gesellschaftskleid,
geschmückt mit ihrer berühmten Perlenschnur, die, doppelt geschlungen, bis über
die Brust herabhing.
    Karen griff nach dem Bilde, betrachtete es mit hochgezogener Stirn und
sagte: »Wer ist denn die? Sie sieht ihm ähnlich. Wahrscheinlich ists seine
Mutter? Ists seine Mutter?« Voss antwortete nicht, nickte nur. Sie fuhr gierig
und erstaunt fort: »Die Perlen! Solche Perlen! Dass so was möglich ist! Echte
Perlen? Gibts das denn? Die müssen ja wie die Kinderfäuste sein.« Ihre blassen
Augen glitzerten heiss, ihre kleinen bösen Unterzähne rieben die Lippe. »Darf ich
mirs behalten?« fragte sie. Voss gab keine Antwort. Sie sah sich hastig um,
schlug die Photographie in ein Stück Zeitungspapier und schob sie unter ihre
Jacke. »Herrgott, Mann, so reden Sie doch einen Ton!« schrie sie Voss brutal an;
»Sie haben sich ja zum Erbarmen. Denken Sie denn, mir greift das nicht an die
Nieren? Mir doch zu allererst. Sie stehen aber doch auch auf Ihren zwei Beinen
wie ein Weibermensch, und die muss oft noch damit arbeiten.« Sie lachte zynisch,
warf noch einen Blick auf Voss und durch das Zimmer und ging.
    Voss sass noch eine Weile regungslos, strich noch ein paarmal mit der Hand
über den Mund, dann sprang er auf und eilte in das Schlafzimmer. Er trat an den
Spiegeltisch, auf welchem die Toilettengegenstände lagen, die Christian
zurückgelassen hatte, eine kostbare, goldene Garnitur: Bürsten, Kämme, Flaschen
mit goldenen Kapseln, goldene Dosen und Behälter mit Salben und Rasierpuder.
Alle diese Dinge raffte Voss in grösster Hast zusammen und warf sie in einen
kleinen Lederkoffer, den er verschloss und im Kasten versperrte. Hierauf kehrte
er in den Salon zurück und wanderte mit verschränkten Armen auf und ab, wobei
sein Gesicht mehr und mehr verfiel.
    Stehenbleibend, bekreuzigte er sich und sprach: »Führe uns nicht in
Versuchung und erlöse uns von dem Übel.«
 
                                       22
An der Station hielt ein altertümlicher Landauer; Boto von Tüngen stieg ein.
Er hüllte seine Füsse in Decken, denn der Abend war kühl, die Fahrt zum
Herrenhaus lang. Schnurgerade schnitt die Strasse in die tellerflache Mark.
    Boto sass starr aufrecht im Wagen und dachte an die bevorstehende
Auseinandersetzung mit dem Freiherrn, seinem Grossvater, der ihn berufen hatte.
Herr von Grunow-Reckenhausen auf Reckenhausen war der Senior der Familie,
oberster Schiedsrichter in allen Streitfällen, letzte Instanz. Sein Urteil und
Gebot waren so unwidersprechlich wie die des Königs; Söhne, Schwiegersöhne und
Enkel zitterten vor ihm.
    Die Familie war weitverzweigt; ihre Mitglieder sassen in der Regierung und im
Reichstag, waren hohe Offiziere, Gutsherren, Industriemagnaten, Stiftsdamen,
Landräte und Gerichtspräsidenten. Der alte Freiherr hatte sich seit Bismarcks
Tod vom öffentlichen Leben zurückgezogen.
    Schwarz und verfallen stand das Herrenhaus inmitten eines vernachlässigten
Parkes. Zwei edle Doggen traten knurrend aus der Eingangshalle, die von offenen
Kerzen erleuchtet war. Auch der unwohnliche Saal, in dem Boto und der alte
Freiherr beim Abendessen einander gegenüber sassen, war von Kerzen erleuchtet.
Alles mutete ein wenig gespenstisch an in dem Hause, die rissigen Tapeten, der
gesprungene staubgraue Stuck der Plafonds, der verwelkte Blumenstrauss auf dem
Tisch, das Porzellan aus dem achtzehnten Jahrhundert, die beiden Hunde, die zu
Füssen des Freiherrn lagen, und nicht zuletzt dieser selbst; sein kleiner Kopf
und sein längliches, mageres, boshaftes Gesicht erinnerten an späte Bildnisse
des grossen Friedrich.
    Sie blieben in dem Saal. Der Freiherr setzte sich in einen Lehnstuhl am
Kamin. Der eisgraue, schweigsame Diener warf Scheite aufs Feuer, räumte die
Tafel ab und verschwand.
    »Du gehst also ab Ersten nach Stockholm,« begann der alte Freiherr und
wickelte sich ächzend in einen schottischen Schal; »ich habe unserm Gesandten
dort geschrieben; sein Vater war Studienkamerad und Korpsbruder von mir, er wird
sich deiner annehmen. Wenn du nach Berlin zurückkommst, gib sofort beim
Staatssekretär deine Karte ab. Bringe ihm meine Empfehlungen. Er kennt mich gut.
Wir sind Anno siebzig zusammen im Feld gestanden.«
    Boto räusperte sich. Der alte Freiherr wünschte und erwartete jedoch keine
Einrede. Er fuhr fort: »Mit deiner Mutter bin ich übereingekommen, dass wir deine
Verlobung in den nächsten Tage offiziell mitteilen. Die Geschichte zieht sich
nun schon lang genug hin. Nächsten Winter heiratet ihr. Du kannst von Glück
sagen, mein Junge. Sophie Aurore Bevern, abgesehen davon, dass sie dir ein
kleines Fürstentum an Landbesitz und eine Million Taler in die Ehe bringt, ist
auch eine Schönheit ersten Ranges und ein Weib von Rasse. Sapperment ja; so was
verdienst du gar nicht und weisst es auch nicht zu schätzen, scheint mir.«
    »Sophie Aurore steht mir unendlich nah; ich liebe sie sehr,« erwiderte Boto
befangen.
    »Was ziehst du denn dabei für 'n Gesicht wie die Katze, wenns donnert?«
ergrimmte der Freiherr. »Solch Lavendelblütengeschwätz will gar nichts heissen.
Ob du sie liebst oder nicht liebst, steht nicht zur Debatte, und ich hab dich
auch nicht danach gefragt. Fragen könnt ich dich höchstens nach deiner
bisherigen Aufführung, und auch da würdest du am besten tun, in sieben Sprachen
zu schweigen, wie der selige Schleiermacher gesagt hat. Da hast du dich an so ne
Tänzerin gehängt, hast ein Vermögen verplempert, den Zeitpunkt für den Eintritt
in die Karriere nahezu verpasst: schön; versteh ich; das sind Tollheiten, man war
auch mal jung; die Hörner müssen abgestossen werden. Aber das andre, dass du dich
in Proletarierkreisen herumtreibst, die Nächte Gott weiss wo verlungerst,
Versammlungen der Heilsarmee besuchst, na, das geht denn doch über die
Hutschnur. Ich hatte gedacht, ich könnte das lassen, doch du pumpst einem ja die
Galle aus der Leber. Was ich wollte, ist: dir die Richtlinie geben und eine
klipp und klare Antwort hören.«
    »Gut; so antworte ich, dass ich weder nach Stockholm gehen noch Sophie Aurore
heiraten kann.«
    Den Freiherrn schleuderte es förmlich empor. »Was -? Du-? Wie-?« Er lallte
nur.
    »Ich bin bereits verheiratet.«
    »Du bist ... bereits ... bist bereits ...« Fahlgrün im Gesicht stierte der
Greis seinen Enkel an und sank wieder in den Sessel.
    »Ich habe ein Mädchen geheiratet, das ich vor drei Jahren verführt habe, die
Tochter der Mietsfrau von damals. Wie es so geht: nach einer durchzechten Nacht
kam ich stumpfsinnigangeheitert nach Hause; sie war schon auf dem Weg in die
Arbeit, sie nähte in einem Modesalon. Da zog ich sie in mein Zimmer. Als sie ein
Kind zur Welt brachte, war ich schon längst über alle Berge, hatte sie längst
vergessen. Die Eltern verstiessen sie, das Kind kam zu fremden Leuten und starb,
sie selber fiel von Stufe zu Stufe. Der gewöhnliche Weg. Durch eine
unausweichliche Fügung traf ich sie vor zwei Monaten wieder und erfuhr das ganze
Elend, das sie durchlitten hatte. Meine Lebensanschauungen hatten sich
inzwischen vollkommen geändert, hauptsächlich infolge der Begegnung mit einem
... besondern Menschen; ich tat meine Pflicht. Ich habe alles verscherzt, ich
weiss es, meine Zukunft, mein Glück, die Liebe meiner Mutter und meiner Braut,
die Vorteile meiner Geburt, die Achtung meiner Standesgenossen, aber ich konnte
nicht anders handeln.«
    Die ruhige und feste Sprache des jungen Mannes hatte den Freiherrn steinern
unbeweglich gemacht. Die buschigen Brauen bewölkten die Augen, der verbissene
Mund war eine Höhle zwischen Nase und Kinn. »Soso,« sagte er nach einer Weile
mit pfeifender Stimme, »soso. Ein fait accompli; noch dazu eins von so
niederträchtiger Art. Soso. Nun, ich habe keine Lust, mich mit einem
gottverdammten Narren weiter einzulassen. Man wird die nötigen Schritte tun. Man
wird dir die Hilfsquellen abschneiden und dich hinter Schloss und Riegel setzen.
Es gibt ja noch Irrenhäuser in Preussen, und man hat noch einiges dreinzureden.
Ein Boto Tüngen, der sich in der Gosse wälzt; nettes Spektakel; heulen die
Judenblätter nicht bereits Triumph? Na, sie werden schon. Dass wir von heute an
geschiedene Leute sind, versteht sich von selbst. Rücksicht erwarte unter keinen
Umständen. Leider muss ich dich diese Nacht noch in meinem Hause dulden. Die
Pferde sind zu müd für die Fahrt zur Station.«
    
    Boto hatte sich erhoben. Er strich ein paarmal über seine steilen roten
Haare. Das von Sommersprossen bedeckte Gesicht war kränklich blass. »Ich kann ja
zu Fuss gehen,« sagte er, hörte aber, dass es regnete, und erschrak bei dem
Gedanken an den weiten Weg. Dann sagte er: »Bist du denn deiner Sache so ganz
sicher? Bist du denn alles dessen so sicher, was du hast und was du tust und was
du sprichst? Ich leugne nicht, dass mich deine Drohungen ängstigen. Ich weiss, du
wirst versuchen, sie auszuführen. Meine Überzeugung kann dadurch nicht
beeinflusst werden.«
    Der Freiherr streckte gebieterisch den Arm gegen die Tür.
    In dem Zimmer, das für ihn bereitet war, setzte sich Boto an den Tisch und
schrieb beim Licht einer Kerze mit fliegender Hand: »Lieber Wahnschaffe, das
Schwere ist getan. Mein Grossvater sass so stark, so felsenhaft vor mir; ich
empfing sein Verdikt als schlotternder Schwächling. Gefühl, das loderndste, wird
Lüge vor diesen Unerschütterlichen, Vorurteile werden Befugnisse, der Druck der
Kaste Bestimmung. Dieser Mut, zu existieren! Diese eisernen Stirnen und Seelen!
Und ich dagegen! In mir hat unser Geschlecht sein Absurdum gebildet. Verlorener
Sohn vom Kopf bis zu den Füssen. Ich las irgendwo von irgendwem, dass er durch
seine Ohnmacht Gott überwand. Konnte diese lieblose Landschaft, diese starre,
norddeutsche Welt im Widerspiel zu diesem Torquemada des Herkommens etwas andres
hervorbringen als einen Hysteriker der Auflehnung wie mich? Meine Kindheit,
meine Knabenjugend, meine Jünglingsjahre, das sind aneinandergereihte Zeilen
eines herzlosen Traktats über die Kunst, etwas zu gelten, was man nicht ist, und
etwas zu erreichen, was der Mühe nicht verlohnt. Ich wusste so wenig von mir
selbst wie der Kern in der Nuss etwas von der Nuss weiss. Ich faulenzte und soff
und spielte, und machte wie alle um mich her aus der Zeit eine Hure, die mir
gefällig sein musste, oder sie war mir lästig. Man war blind, man war taub, man
war fühllos. Aber es ist ein Verbrechen, sehend, hörend und fühlend zu werden.
Sophie Aurore begegnete mir; ich lernte lieben, doch ich lernte es mangelhaft,
denn ich war ja ein Mensch mit verkrüppelten Sinnen. Da es üblich ist, sich
auszutoben, wie der Fachausdruck lautet, bevor man sich mit einem Wesen ewig
verbindet, das einem zu heilig sein sollte, um sein Bild und Andenken durch den
Sumpf schmutziger Laster zu schleifen, so folgte ich dem Brauch. Aber der im
Ungeist waltende Schicksalszwang führte mich in den Bezirk Eva Sorels. Ich
erfuhr zum erstenmal, was ein Weib ist und was es bedeuten kann. Ich begriff
Sophie, ich fühlte, was ich ihr sein musste. Da sah ich Sie, Christian. Erinnern
Sie sich der Szene, als Sie Eva und den andern die französischen Verse vorlasen?
Die Art, wie Sie es taten, zwang mich tagelang, an Sie zu denken. Erinnern Sie
sich, wie Sie in Hamburg die silberne Peitsche zerbrachen, mit der Eva Ihren
Freund ins Gesicht schlug? Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich blieb auf
Ihrer Spur, ich ergriff jede Gelegenheit, mich Ihnen zu nähern; Sie merkten es
nicht. Als Sie abgereist waren, suchte ich Sie; man sagte mir, Sie seien in
Berlin, ich suchte dort, ich fand Sie endlich, und unter welchen Umständen! Mein
Gemüt war so übervoll; ich konnte über das, was mich zu Ihnen getrieben hatte,
dies ganz Dunkle, unerklärlich Magnetische, weder damals noch später sprechen.
Heute musste es sein, denn das Wort, das ich an Sie richte, gibt mir wieder
Kraft. Ich bedarf des Trostes. Ich liebe Sophie Aurore, ich werde sie bis zum
letzten Blutstropfen lieben; der Absagebrief, den ich ihr geschrieben habe, war
das Bitterste von allem Bittern in meinem unnützen und verfehlten Leben. Sie hat
ihn nicht beantwortet. Ich habe ein Schicksal zerbrochen, ein Herz zertreten,
aber ein andres Schicksal gerettet, ein andres Herz vor der Verzweiflung
bewahrt. Habe ich recht gehandelt? Sich für eine Sache, einen Menschen zu opfern
war immer eine inhaltsleere Redensart für mich; seit ich Sie kenne, hat der
Gedanke eine Bedeutung, und eine sehr ernste. Ihnen klingt ja das alles fremd
und vielleicht sogar unsympatisch; Sie grübeln nicht und geben sich keine
Rechenschaft; das ist das Unfassliche. Dennoch weiss ich keinen andern, den ich
besser als mein eignes Gewissen fragen könnte: Habe ich recht gehandelt?«
 
                                       23
Der Vorplatz musste unversperrt gewesen sein; Isolde Schirmacher war zuletzt
hinausgegangen. Es hatte eben zu dämmern begonnen, als die Zimmertür geöffnet
wurde und Niels Heinrich eintrat.
    Karen blieb sitzen. Sie sah nach ihm hin. Sie wollte sprechen, aber das Wort
versickerte in der Kehle.
    Sein Gesicht hatte den frech ekelnden Ausdruck wie immer. Um die flache,
beständig schnuppernde Nase war es ein bisschen gelb. Er trug eine blaue Mütze,
weite Hosen und einen gelben Schal um den Hals.
    Schnuppernd schaute er sich im Zimmer um. Er schloss das linke Auge und
spuckte.
    Endlich murmelte Karen: »Was willst du?«
    Er zuckte die Achseln und entblösste die verwahrlosten Zähne. Einer, im
Mundeck, hatte eine grosse Goldplombe; sie war sichtlich neu.
    »Was solls denn sein?« fragte Karen angstvoll. Ihr war jetzt oft so
angstvoll.
    Wieder sah man die kariösen Vorderzähne. Es konnte ein Lächeln vorstellen.
Er ging auf die Kommode zu und zog eine Lade heraus. Er wühlte in Wäsche, ohne
sich zu übereilen. Hemden, Krausen, Strümpfe, Binden warf er auf die Erde. Dann
kam die zweite Lade, dann die dritte. Den grössten Teil ihres Inhalts warf er auf
die Erde. Dann ging er zum Schrank. Er war verschlossen. Die Hand ausstreckend,
heischte er beredt. Die Verwüstung auf dem Boden betrachtend, fasste sich Karen
nicht sogleich. In ihrem dumpfen Innern flammte eine Halluzination von erneuter
Verarmung auf. Niels Heinrich war nur Vorbote. Sie versuchte zu schreien, denn
sie fürchtete sich vor ihm. Er machte eine Grimasse und bewegte nur leicht die
Hand um ihre Achse. Die Gebärde musste eine Gewalt haben: Karen langte in ihre
Tasche und reichte den Schlüssel hinüber.
    Er riss die Schranktür auf, beschaute prüfend den Inhalt, zerrte Schachteln
hervor, die er kaltblütig umstülpte, schmiss die Gewänder auf den Boden wie
vorhin die Wäsche, entdeckte im Winkel eine Holzschatulle, holte ein Messer
heraus, sprengte den Deckel. Es war eine goldene Brosche darin, ferner die
Brosche mit dem Ricordo di Venezia und ein silbernes Kettchen. Alle drei
Gegenstände steckte er in die Tasche. Dann ging er ins Nebenzimmer; Karen hörte
ihn Lärm machen; sie starrte ausdruckslos in die Luft. Nach einigen Minuten kam
er zurück; es war mittlerweile dunkel geworden; drinnen brannte auf dem
Nachttisch eine Kerze, die er angezündet. Im Vorbeigehen warf er einen
verächtlichen Blick auf die Wiege. Die Tür liess er offen.
    Karen musterte in dem aus dem Nebenzimmer fallenden Halblicht ihre
umherverstreuten Habseligkeiten. Plötzlich griff sie in ihre Bluse, holte die
Photographie der Frau Richberta Wahnschaffe hervor und starrte mit vertieften,
vor Aufmerksamkeit verfinsterten Blicken darauf nieder.
    Sie sah nur die Perlen.
 
                                       24
Als Niels Heinrich die Treppe herunterkam, stand Rut Hofmann am Tor. Sie
wartete auf ihren Bruder, der über die Strasse gegangen war, um Brot zu kaufen.
Er hinkte ein wenig, und sie konnte sich der Angst, dass ihm etwas zustossen
könne, selten entschlagen.
    Sie blickte auf das im Laternenlicht glitzernde Pflaster, auf den Schein von
Lampen aus den Stockwerken und höher hinauf, wo sie die Sterne zu suchen gewohnt
war, auf undeutliche, rötlich glühende Wolken.
    Niels Heinrich blieb stehen. Rut schlug die grossen grauen Augen zu ihm auf.
Er mass das Figürchen von oben bis unten, die dichten Haare mit den Lockenenden,
das ärmliche Flanellkleid, die schmutzigen und zertretenen Schuhe und zuletzt
das klare, blasse, von einem ungeheuer fremden Leben durchflutete Gesicht. Sein
Blick frass sich ein, fiel tobend über sie her, riss ihr das Gewand von den
Schultern, und sie, schaudernd wie sie noch nie geschaudert, von etwas
Unbekanntem eiskalt bis ins Mark getroffen, wandte sich und schritt langsam
gegen die Treppe, auf der sie benommen ein paar Stufen hinaufging.
    Niels Heinrich schaute ihr nach. »Judenschickse,« murmelte er durch die
Zähne. Der Anruf des heimkehrenden Gisevius weckte ihn aus seinem Brüten. Er
zündete eine Zigarre an, schob die blaue Mütze in den Nacken und schlenderte aus
dem Tor.
 
                                       25
Ende Mai brachte Lätizia Zwillinge zur Welt, zwei Mädchen. Stephan fand, dass
dies viel Weiblichkeit auf einmal sei. Trotzdem wurden Feste gefeiert. Haus und
Garten wurden illuminiert, die Nachbarn zu Gast geladen, das Volk umsonst
gespeist. Musik spielte, man tanzte und jubelte, die Brüder betranken und
prügelten sich, es ging hoch her.
    Lätizia lag in einem reichen Bett unter einem himmelblauen Baldachin. Von
Zeit zu Zeit verlangte sie die Zwillinge zu sehen. Jedes ruhte appetitlich in
einem Steckkissen. Sie waren einander mysteriös ähnlich. Die Amme, Eleuteria
war ihr wohlklingender Name, brachte beide herbei, eins auf dem linken, eins auf
dem rechten Arm. Eins hatte ein rotes Bändchen an die Schulter geheftet, eines
ein grünes, damit man sie unterscheiden konnte. Das rotbebänderte sollte
Georgette heissen, das grünbebänderte Christina. So wünschte es Lätizia. Stephan
aber wünschte, dass jedes ausserdem noch eine Reihe von glänzendern und
schwungvollern Namen erhalten sollte; er stöberte unermüdlich in allen ihm
erreichbaren Schmökern und Folianten herum und kam schliesslich mit einer
gewählten Blütenlese zu Lätizia: Honorata, Friedegund, Reinilda, Roswita,
Portiunkula, Symphorosa, Sigolina, Amalberga. Lätizia lachte Tränen; sie deutete
auf die hässliche Amme und sagte: »So schön wie Eleuteria klingt doch keiner.
Ich bleibe bei Georgette und Christina.« Wobei Christina schon jetzt ihr
erklärter Liebling war.
    Sie sah so reizend auf ihrem Lager aus, dass die Leute wie zu einer
Schaustellung kamen, um sie zu bewundern. Es waren lauter ungebildete und
einfältige Menschen, und Lätizia langweilte sich. Manchmal spielte sie mit
Esmeralda Schach; das Mädchen, trunken von Neugier, richtete Fragen über Fragen
an Lätizia; sie war während der Stunden der Entbindung zu einem Klumpen geballt
vor der Altantür gelegen, und ihre unreife und lüsterne Phantasie war erfüllt
von grausiglockenden Bildern. Lätizia spürte es, und sie sagte: »Geh wieder
fort, du; ich mag dich heut nicht leiden.«
    Sie erschien sich von Gott geliebt und von Engeln gesegnet. Sie war stolz
darauf, dass sie die war, die sie war: Lätizia, ein seltsames Wesen, auserkoren
zu seltsamen Erlebnissen. Sie war sich selber neu in jedem Betracht. Sie liebte
sich, aber es war keine Eigenliebe, kein eitles Genügen; es war etwas anders,
das mit Dankbarkeit und Freude einer Beschenkten zusammenhing.
    Dass sie nun zwei Kinder besass, wirkliche Kinder mit Augen, Händchen und
Füsschen, Kreaturen, welche zu zappeln und zu schreien vermochten, die man
anziehen und ausziehen, füttern und herzen konnte, das erfüllte sie nicht so
sehr mit Glück als die Erwartung, die sich an die knüpfte, das rätselhafte
Unbekannte in ihnen, das rätselhafte Sein und Werden.
    So lag sie da; schön, zierlich, heiter lag sie da und gab sich ihren Träumen
hin.
    Indessen fanden zwischen Stephan und dem alten Gunderam Kämpfe statt, bei
denen es sich um den Escurial handelte. »Dein Schwarz-auf-Weiss gilt nicht,«
höhnte der Alte, »zwei Mädchen sind noch kein Junge, die Masse macht es nicht;
zwei Hennen sind auch noch kein Hahn.« Stephan schrie, er lasse sich nicht
betrügen, er habe ein angestammtes Recht, er werde prozessieren, er werde es
öffentlich verkündigen, wie man ihm mitspiele. Der Alte, die Hände auf die
Hüften gestemmt, hatte nur ein Feixen zur Antwort. Es war Streit am Morgen, es
war Streit am Mittag, es war Streit am Abend. Der Alte verschloss seine Tür und
liess die seit zwanzig Jahren gepackten Reisekoffer aufeinanderstapeln, fertig
zum Transport. Stephan zerschlug Schüsseln und Gläser, warf Stühle
durcheinander, stiess Drohungen aus, ritt Pferde zuschanden, bekam Konvulsionen,
schickte zum Arzt und liess sich Morphiumeinspritzungen verschreiben.
    Es bildeten sich Parteien. Der Alte hetzte seine Frau auf, Stephan die
Brüder; die Brüder machten die Dienstleute rebellisch, mit denen wieder Donna
Barbara zeterte. Der Unfrieden wuchs. In der Nacht rumorte es gespensterhaft.
Einmal erschallte aus einem Zimmer ein Schuss, alles stürzte ins Freie, nur
Stephan fehlte. Er lag mit dem rauchenden Revolver im Bett und ächzte. Er hatte
gegen sein Herz gezielt und eine Arzneiflasche getroffen. Die Scherben schwammen
in einer gelben Flüssigkeit auf dem Boden. Der Alte sagte: »Dass ein schlechter
Rechtsgelehrter auch ein schlechter Schütze ist, wundert mich nicht; aber so
miserabel zu zielen, dazu gehört schon eine verfluchte Bosheit.« Da konnte sich
sogar Donna Barbara nicht entalten zu bemerken: »Niederträchtig geredet wie ein
Gunderam.« Und das Ehepaar stritt weiter bis zum Tagesgrauen.
    Stephan verfiel dem Laster des Morphiumgenusses immer mehr. War er nüchtern,
so peinigte er Tiere und Menschen. Die Brüder lehnten sich gegen die
Beschimpfungen auf, mit denen er sie überhäufte, verschworen sich eines Tages
und schlugen ihn, dass er brüllte wie ein Büffel. Lätizia kam ihm zu Hilfe, rief
Knechte herbei und lieferte der Rotte eine regelrechte Schlacht. »Bleib bei
mir,« jammerte Stephan, und sie musste sich zu ihm setzen und ihm Trost spenden
aus der Fülle ihrer Verachtung. Er verlangte, sie solle ihm Gedichte vorlesen;
sie willfahrte ihm und las Gedichte vor. Nicht gerade solche, die sie liebte,
sondern Gedichte von Baumbach, Julius Wolff und Frieda Schanz. In der
Hausbibliotek, die aus vierzehn bis sechzehn Bänden bestand, gab es eine
verschmierte deutsche Antologie; daraus las sie vor. Stephan sagte: »Herrliche
Worte,« und weinte.
    Zu andrer Zeit aber begegnete er ihr mit Geringschätzung und Kälte, denn
letzten Endes erschien sie ihm als die Schuldige an dem Misslingen seiner Pläne.
Lätizia nahm es gleichgültig hin; ihr Entschluss war gefasst. Das Grauen vor dem
Haus und seinen Bewohnern, der Familie und ihrem Treiben, dem ganzen Land und
seiner Luft verlieh ihr Willenskrast. Wenn Stephan sie küssen wollte, erbleichte
sie und sah ihn an, als habe er den Verstand verloren. Dann wütete er und drohte
mit dem Ziemer. Sie hatte gelernt auf eine Weise zu lächeln, hie ihn bändigte
und seiner Sicherheit beraubte.
    Friedrich Pestel war seit sechs Wochen in Buenos-Aires. Sie schrieb ihm,
empfing seine Briefe heimlich. Der Indianerknabe, der sie einst zur Sternwarte
begleitet, war ihr treuer und verschlagener Bote. Sie versprach, ihn mit nach
Europa zu nehmen, was sein sehnlicher Wunsch war. Auch Eleuteria, die Amme,
wünschte sich dies und beteuerte ihre Ergebenheit, als Lätizia sie vorsichtig
ins Vertrauen zog. Alle Einzelheiten der Flucht wurden mit Friedrich Pestel
verabredet; am Tag der Abfahrt des portugiesischen Dampfers »Dom Pedro« sollte
Lätizia in Buenos-Aires sein. Mittel und Wege zu finden, um die Zwillinge
hinzuschaffen, bedurfte eines verwickelten Listengespinstes. Sie ersann einen
Roman.
    Es lebte in der Hauptstadt ein kinderloses altes Ehepaar, Don und Donna
Herzales. Der Mann war ein Bruder Donna Barbaras; sein grosses Vermögen musste
nach seinem Tode den Gunderamschen Kindern zufallen. Aber da es vom
schmutzigsten Geiz besessene Leute waren, blieb zu fürchten, dass sie in einer
Laune oder einer zornigen Regung den Blutsverwandten die Erbschaft entziehen
könnten. Sie hatten an die Gunderams seit vielen Jahren nicht geschrieben; die
Beziehung beschränkte sich auf ehrerbietige Besuche, die Stephan und die Brüder
ihnen je zuweilen abstatteten. Lätizia wusste dies. Nun fälschte sie einen Brief,
den die Donna Herzales an sie richtete und worin die Bitte ausgedrückt war, die
junge Mutter möge mit den Zwillingen in die Stadt kommen und ein paar Tage bei
Onkel und Tante wohnen; doch solle sie ohne den Gatten erscheinen, damit man sie
besser kennenlerne; Stephan könne nach einer Woche nachkommen und sie holen.
    Dieses Sendschreiben, von Lätizia mit geschickt verstellter Hand verfertigt
und mit der regulären Post eintreffend, verursachte grosse Aufregung in der
Familie Gunderam. In feierlicher Beratung wurde das Für und Wider erwogen;
Habgier und Angst siegten über die Bedenken. Der Alte diktierte Lätizia eine
demütig-dankbare Antwort in die Feder; sie durfte ihre Ankunft für den von ihr
selbst bestimmten Tag zusagen.
    Es gelang ihr, den Brief verschwinden zu lassen.
    An dem bedeutungsvollen Morgen schlug ihr das Herz wie eine Weckuhr. Die
rumpelige Kutsche fuhr vor; Eleuteria stieg ein; die in weissen Kissengebirgen
schlummernden Zwillinge wurden ihr gereicht. Stephan ging musternd um den Wagen
herum, prüfte die Bespannung, beklopfte gnädig die Pferde; der Indianerknabe
brachte das Handgepäck, verstaute es und kletterte stoisch gelassen auf den
Bock; Don Gottfried, Donna Barbara, die Brüder, Esmeralda standen in ernster
Gruppe: alles wartete auf Lätizia. Es dauerte fünf Minuten, es dauerte zehn
Minuten, es dauerte zwanzig Minuten, Lätizia kam nicht. Stephan murrte, Don
Gottfried sah höhnisch in die Luft, Donna Barbara blickte wütend zu den Fenstern
empor. Endlich erschien sie.
    Sie hatte zuletzt noch ihr Handtäschchen verlegt, worin sich ihr ganzer
Schmuck befand. Sie besass sonst nichts. Geld hatte sie keins.
    Sie lächelte strahlend, reichte jedem die Hand, liess sich von ihrem Gatten
auf das Kinn küssen, nahm Platz und rief mit ihrer umflorten, gedehnten, ein
wenig klagenden Stimme: »Vergesst mich nicht und grüsst den Pater Teodor!« Pater
Teodor war ein Kapuziner, der manchmal auf der Estanzia vorsprach, um zu
betteln. Seiner zu gedenken, in diesem Augenblick, war der reine Mutwille.
    Die winterliche Sonne verbarg sich in Nebeln. Lätizia dachte: wo ich
hinfahre, wird Sommer sein.
    Vierundzwanzig Stunden später stand sie mit Friedrich Pestel auf Deck des
»Dom Pedro« und schaute beglückt auf das schwindende Land zurück.
 
                                       26
Der Fuhrmann brüllte, aber es war schon zu spät: den hinkenden Knaben traf noch
eine Ecke des mit einer Ladung Eisenschienen daherratternden Wagens, und er
wurde niedergestossen. Rasch sammelten sich Menschen; ein behelmter Schutzmann
schuf sich Bahn.
    Christian war eben aus der Driesener Strasse eingebogen, als er den Knaben
liegen sah. Er näherte sich der Stelle, einige Frauen machten ihm willig Platz.
Wie er sich zu dem Knaben niederbeugte, sah er, dass er nur betäubt war; er regte
sich bereits und schlug die Augen auf. Er schien auch nicht verletzt zu sein. Er
blickte ängstlich um sich und fragte nach dem Geld, das er vor dem Fall in der
Hand gehalten hatte. Es waren zwanzig oder dreissig Nickelmünzen gewesen; sie
waren im Strassenkot verstreut.
    Christian half ihm beim Aufstehen, und mit seinem weissen Taschentuch wischte
er das besudelte Gesicht ab. Von grösserer Wichtigkeit war es aber dem Knaben,
das Geld wiederzubekommen; er konnte sich nicht bücken, kaum recht stehen.
Christian sagte: »Hab nur Geduld, bis der Wagen weg ist,« und er machte dem
Fuhrmann bemerklich, er solle fahren. Der Fuhrmann war noch in ein hitziges
Zwiegespräch mit dem Schutzmann verwickelt, aber als dieser merkte, dass kein
Unheil weiter geschehen sei, bedeutete er ihm gleichfalls zu fahren, schrieb
jedoch seinen Namen auf und den des Knaben. Der Knabe war Michael Hofmann, Ruts
Bruder.
    Nun bückte sich Christian und klaubte die Münzen aus dem Kot. Die Zuschauer
wunderten sich über den gutgekleideten Herrn, der auf dem schmutzigen Pflaster
kniete, um verlorene Nickelmünzen aufzusammeln. Einige kannten ihn. Sie sagten:
»Es ist der, wo im Quergebäude bei Gisevius wohnt.«
    Jetzt erst lief Rut herbei, die von Niels Heinrich Engelschall vom Torweg
verscheucht worden war. Sie hatte auf der Treppe gewartet, bis sie nichts mehr
von ihm sah, dann war sie wieder heruntergekommen, hatte Geschrei auf der Strasse
gehört, hatte gedacht, es hinge mit dem Menschen zusammen, der sie so wild und
frech angestarrt, hatte noch gezögert, bis endlich Ahnung sie ins Freie trieb.
    Sie machte nicht viel Wesens, verhehlte ihren Schrecken; die Stimme, mit der
sie den Bruder ausfragte, klang heiter. Sie sprach ein vollendet reines Deutsch,
mit einem Zwitscherton in der Kehle und ausserordentlich rasch.
    Als er die Münzen aufgeklaubt hatte, sagte Christian: »Nun wollen wir
nachzählen, ob nichts fehlt.« Den Knaben am Arm führend, ging er mit ihm über
die Strasse und ins Haus. Rut hatte auf der andern Seite die Hand des Bruders
gefasst, und so stiegen sie die Treppen hinauf. Sie betraten ein Zimmer, das
durch seine Grösse leer erschien, obwohl es zwei Betten, einen Tisch und einen
Schrank entielt. Es war das einzige Zimmer der Wohnung, daneben war die Küche.
    Michael setzte sich aufs Bett; er war noch benommen von dem Sturz; er mochte
vierzehn Jahre zählen, aber seine gespannten Züge mit den leidenschaftlichen
Augen hatten die Reife eines Zwanzigjährigen.
    Christian legte die Münzen auf den Tisch; sie klapperten kaum, so umkrustet
von Schmutz waren sie. Rut sah Christian an, sie schüttelte mitleidig den Kopf,
eilte in die Küche, kam mit einem nassen Tuch zurück und kniete nieder, seine
Beinkleider abzuwischen, die über und über voll Kot waren. Er wehrte ihr, sie
achtete es nicht, und als er zurückwich, rutschte sie auf den Knien nach. Nun
liess er es geschehen und stand ein wenig töricht da, während sie behend und
fleissig putzte.
    Auf einmal erhob sie das Gesicht zu ihm. Sein Blick hatte auf den vielen
Büchern geweilt, mit denen der Tisch bedeckt war; er fragte: »Sind das Ihre
Bücher?«
    Sie erwiderte: »Freilich sind es meine Bücher.« Und sie sah ihn an; sah ihn
an mit einem erstaunlichen Blick voll Kühnheit und wissender Freundschaft. Indem
in seinen Zügen der alte hochmütige Ausdruck brach, mit dem sich zu schützen
seine Art war, stutzte er über eine Wahrnehmung, die ihn zornig machte gegen
sich selbst, weil sie ihm wie Widersinn und Unnatur erschien, ihm Furcht
einflösste wie vor etwas Bösem und Unheimlichem in seinem Auge: ihm dünkte
nämlich, er gewahre ein blutiges Mal auf der Stirn des Mädchens.
    Er kehrte den Blick erschrocken ab, scheute sich, ihn wieder hinzuwenden,
aber als er sich dann bezwang und wieder niederschaute, war nichts mehr zu
sehen. Da atmete er auf und äusserte Unzufriedenheit mit sich durch ein Runzeln
der Brauen.
 
                                       27
Acht Tage erst schwamm der »Dom Pedro« auf der hohen See, da erkannte Lätizia zu
ihrem Leidwesen, dass Friedrich Pestel doch nicht der rechte Mann für sie sei.
    Es verlangte sie nach einem Mann, der Phantasie besass und eine schwungvolle
Seele. Im Anblick des unendlichen Meeres und des nächtlichen Sternenhimmels war
ein niemals ganz verblasstes Sehnsuchtsbild wieder lebendig geworden, und sie
sagte es Pestel offen und ehrlich, sie könne mit ihm nicht glücklich werden.
Pestel war wie aus den Wolken gefallen. Er schwieg und wurde melancholisch.
    Es befand sich ein österreichischer Ingenieur an Bord, der in Peru eine
Eisenbahn gebaut hatte und nun in die Heimat zurückkehrte. Sein verwegenes
Aussehen und seine heitere Erzählergabe gefielen Lätizia, und obwohl es des
Schiffsgesellschaft wegen, die sie mit Pestel verheiratet glaubte, nicht anging,
dass sie es ihn zu deutlich merken liess, konnte der Ingenieur, der ein beherzter
Abenteurer war und wenig mehr, nicht lange darüber im Zweifel bleiben.
    Trotz seines echten Schmerzes machte sich Friedrich Pestel Vorwürfe, dass er
für Lätizia, die Amme und die Zwillinge die teuren Überfahrtsbillette erster
Kabine und für den Indianerknaben zweiter Kabine aus seiner Tasche bezahlt
hatte. Ausserdem hatte er noch vor der Abreise in aller Hast einige Toiletten und
Wäsche für die Frau gekauft, die er aus der Drangsal entführt und mit der einen
Lebensbund zu schliessen er fest überzeugt gewesen war.
    Der Indianerknabe war seekrank und litt bereits an Heimweh. Lätizia
versprach ihm, dass sie ihn von Genua aus wieder zurückschicken werde.
    Unter den Passagieren, die ein lebhaftes Augenmerk auf Lätizia gerichtet
hatten, war auch ein amerikanischer Journalist, der mehrere Monate in Brasilien
gewesen war. Er war witzig, verfertigte Gelegenheitsgedichte, leitete
Gesellschaftsspiele und Tanzunterhaltungen, und er gefiel Lätizia fast eben so
sehr wie der Ingenieur. Zwischen den beiden gab es alsbald eifersüchtige
Plänkeleien, und sie waren einander im Wege.
    Eines Abends sassen sie als die letzten Gäste in der Bar, beide mochten nicht
schlafen gehen, und sie beschlossen, um eine Flasche Claret zu würfeln.
    Sie würfelten, und der Österreicher verlor.
    Die Flasche kam, der Amerikaner schenkte ein, sie tranken, lehnten sich
zurück, rauchten, sahen einander bisweilen forschend an, schwiegen.
    Auf einmal sagte der Yankee durch die Zähne, zwischen denen er seine kurze
Pfeife hielt: »Nettes Weib.«
    »Reizend,« erwiderte der Ingenieur.
    »Hat viel Humor für eine Deutsche.«
    Der Ingenieur blies bedächtig Kringeln. »Durch und durch entzückend,« sagte
er.
    Sie schwiegen wieder. Dann begann der Amerikaner: »Ist eigentlich Nonsens,
dass wir uns gegenseitig die Jagd verderben sollen. Meinen Sie nicht? Würfeln wir
lieber.«
    »Gut, würfeln wir,« stimmte der Ingenieur bei. Er ergriff den Becher,
schüttelte ihn, stürzte ihn, die Würfel klapperten auf dem Marmor. »Achtzehn,«
sagte der Ingenieur, beinahe erstaunt über sein Glück.
    Der andre sammelte die Würfel wieder, schüttelte ebenfalls den Becher, liess
aber die Würfel phlegmatisch auf die Tischplattegleiten. »Achtzehn,« sagte er
seelenruhig, doch konnte auch er seine Verwunderung, die gegründeter war, nicht
ganz verbergen.
    Sie waren ziemlich ratlos. Sie hüteten sich, das Spiel zu wiederholen. Sie
leerten die Flasche und trennten sich unter Höflichkeitsbezeigungen.
    Lätizia lag in ihrem Bett, mit weitoffenen Augen und lauschte auf das Pochen
der Maschinen, das leise Krachen der Schiffswände, das leise Summen Eleuterias,
die in der Nachbarkabine die Zwillinge beruhigte. Sie dachte an Genua, das schon
nahe Ziel der Fahrt, und es traten reichgeschmückte Edelleute vor ihren Geist,
romantische Verschwörer im Stil Fieskos, fackelbeleuchtete Gässchen und
Begebenheiten der Liebe und Leidenschaft. Das Leben erschien ihr herrlich bunt,
die Zukunft wie ein goldenes Tor.
 
                                       28
Das Kind war weggebracht.
    Christian fragte, wo es sei. Karen zuckte störrisch die Achseln. Christian
ging zum Zionskirchplatz, in die Wohnung der Witwe Engelschall. Die Witwe
Engelschall sagte kurz und barsch: »Ich habs in sichere Verwahrung jebracht.
Kümmern Sie sich nicht weiter. Was kümmern Sie sich überhaupt? Ist ja nicht
Ihres.«
    Christian sagte: »Sie werden mir aber doch angeben können, wo es ist?«
    Die Witwe Engelschall erwiderte unverschämt: »Uf keenen Fall. Nischt zu
löten an de hölzerne Badewanne. Das Wurm hats sehr gut, und zahlen werden Sie
doch hoffentlich ooch n bisschen was an seine Nährmutter. Das is Ihre Pflicht, da
können Sie sich nicht drumrumdrücken.«
    Christian blickte wortlos in das fette Mondgesicht, das auf einem dreifachen
Kinn ruhte und aus dem ihm die Stimme eines alten Seemanns entgegengrollte. Dann
nahm er wahr, wie sich diese schwitzende Fleischmasse zu Freundlichkeit
verzerrte. Auf die Glastür deutend, die das sogenannte Berliner Zimmer, in
welchem er stand, von den übrigen Räumen trennte, sagte die Witwe Engelschall in
süsslichem Hochdeutsch, ob er nicht nähertreten wolle, ob sie ihm nicht ein
Schälchen Kaffee vorsetzen dürfe; Baumkuchen und Kaffee, wer wolle das
verschmähen? Auch erwarte sie eine Baronin, die fahre extra aus Küstrin herein,
eine vornehme Dame; die fahre herein, um sich in einer verwickelten
Familienangelegenheit Rats zu erholen. Man sei ja auch nicht von gestern, man
habe auch seinen Verkehr, wisse wohl umzugehen mit Leuten von Stande, er möge
ihr doch die Ehre schenken.
    In dem düstern Gelass standen mehrere mit abgegriffenen Zeitschriften,
Witzblättern und Büchern bedeckte Tische wie im Wartezimmer eines Zahnarztes. An
den fetten Fingern der Witwe Engelschall starrten Ringe mit bunten Steinen. Sie
trug eine rote Seidenbluse und einen schwarzen Rock, der durch einen Gürtel mit
einer Silberschnalle, massiv wie eine Türklinke, festgehalten war.
    Als Christian am Abend zu Karen kam, sass sie am Ofen, die Wange in die Hand
gestützt. Christian hatte ihr zwei Apfelsinen mitgebracht, die legte er ihr in
den Schoss. Sie rührte sich nicht, dankte nicht. Er dachte, es sei ihr vielleicht
doch nach ihrem Kind bang, und wagte das lange Schweigen nicht zu stören.
    Plötzlich sagte sie: »Heut sinds sieben Jahre, dass Adam Larsen starb.«
    »Ich weiss nichts von Adam Larsen,« antwortete Christian. Da sie stillblieb,
wiederholte er: »Ich weiss nichts von Adam Larsen. Willst du mir nicht sagen, was
es war mit ihm?«
    Sie schüttelte den Kopf. Unter seinem Blick sich duckend, starrte sie wie
sprungbereit an die Mauer. Christian trug einen Stuhl herbei, setzte sich dicht
vor Karen und drängte: »Was war es denn mit Adam Larsen?«
    Atem häufte sich in ihrer Brust. »Es war meine einzige gute Zeit mit ihm,«
murmelte sie, »meine einzige schöne Zeit. Fünftalb Monate.«
    Sie grub; grub es hervor; es wollte zutage, sehnte sich aus dem Schacht
heraus. »Bei meinem zweiten Kind wars,« fing sie an; »wir fuhren von Memel nach
Königsberg, ich, Matilde Sorge und ihr Bräutigam. Na ja, Bräutigam, man hiess es
eben so. Unterwegs merkte ich, dass die Bescherung kam. Sie rieten mir, ich solle
aussteigen. Eine Station vor Königsberg stieg ich aus, Matilde blieb bei mir
und schimpfte, der Bräutigam fuhr in die Stadt. Es war Abend, im März, kalt und
nass. Matilde wusste ein Wirtshaus am Bahnhof, wo sie bekannt war; sie dachte,
wir könnten da unterkommen, die Not war schon gross. Aber es war Messe, alles
besetzt. Um eine Dachkammer bettelten wir; der Wirt schaute mich an, sah gleich,
was los war, denn ich lehnte scheppernd an der Wand, schrie, wir sollten zum
Teufel reiten, mit solchen Sachen wollte er nichts zu tun haben. Im Hof war 'n
Leiterwagen; da legt ich mich drauf; hätte nicht weiter gekonnt, und wenn sie
die Hunde auf mich gehetzt hätten. Der Bauer kam, schimpfte, Matilde quatschte
ne Weile mit ihm, da fuhr er denn. Er fuhr stadtwärts; Matilde ging daneben.
Mir wurde, ich weiss nicht wie. Ich dachte: tot sein, nur mal endlich tot sein!
Die Räder holperten auf den Steinen. Ich schrie und schrie. Der Bauer sagte, er
mache das nicht länger. Wir waren schon in der Vorstadt. Sie zerrten mich vom
Wagen herunter, stützten mich, 'n junger Mensch kam daher und half, der Regen
fiel wie aus Eimern, ich konnte nicht mehr, um Gottes willen nur hinein in
irgendein Loch, und wenns 'n Keller war. Am Eck war ne Singspielhalle, so für
Arbeiter und geringes Volk, da schleppten sie mich durch den Flur in eine
Kammer, rückten zwei Bänke aneinander, legten mich drauf. Alles war voller
bunter Fetzen von den Damen, die aufs Podium gingen; auf der einen Seite war die
Schankstube, auf der andern der Teatersaal; die Musik schallte heraus, das
Händeklatschen, Brüllen und Lachen; ein paar flittrig aufgetakelte Frauenzimmer
stellten sich um mich rum, kreischten, zeterten, verlangten dies und das. Kurz,
was soll ich davon noch viel schwatzen: das Kind kam auf die Welt, aber es war
tot. Auch einen Schutzmann hatten sie geholt, und nen Doktor hatten sie geholt,
aber wer sich meiner annahm und nicht mehr von mir weggehen wollte, das war der
junge Mensch, den wir auf der Strasse getroffen, und das eben war Adam Larsen.«
    »Er half dir dann auch weiter? Ihr seid dann zusammengeblieben?« fragte
Christian gespannt.
    Karen fuhr fort: »Er war 'n Maler, 'n Kunstmaler. In Jütland war er zu
Hause. Ein weissblonder, magerer Mensch. Damals hatte ich genau solche Haarfarbe
wie er. In Königsberg lebte ne Vatersschwester von ihm, die hatte ihn ein paar
Wochen aufgenommen, denn es ging ihm schlecht. Aber gerade in der Zeit, wo ich
im Heim lag, sie hatten mich in ein Heim geschafft, kriegte er die Nachricht von
Kopenhagen, dass er ein Staatsstipendium bekommen sollte, zweitausend Taler für
zwei Jahre. Da fragte er mich, ob ich mit ihm gehen möge; er wolle ins Belgische
hinüber, da wohne irgendwo an der französischen Grenze ein berühmter grosser
Maler, bei dem wolle er mit einigen andern arbeiten, die schon dort seien. Er
sagte, er hätte mich gern. Ich sagte, das sei ja recht schön, aber ob er denn
nicht wisse, mit wem er sich einlasse. Er sagte, er wolle gar nichts wissen, und
ich möchte bloss Vertrauen zu ihm haben. Ich dachte, das ist mal einer, der das
Herz auf dem rechten Flecke hat, und hatte ihn auch gleich gern. Ich hatte noch
keinen gern gehabt. Es war der erste, und es war auch der letzte. Und so ging
ich denn mit ihm. Der Maler wohnte in einem Dörfchen, ich glaube, es war schon
im Französischen, und wir zogen nicht weit davon in einen andern Ort, der hiess
Wassigny. Da mietete Larsen ein kleines Haus. Und jeden Morgen fuhr er mit dem
Rad hinüber zu seinem Maler, und wenn schlecht Wetter war, ging er zu Fuss. Es
war ne halbe Stunde Wegs. Und jeden Abend kam er zurück, und wir kochten und
brieten uns was und machten Tee und plauderten zusammen. Und er wusste nicht
genug zu schwärmen von dem Land, wieviel Spass es ihm mache, das alles zu malen,
die Äcker und die Bäume und die Bauersleute und die Bergwerksleute und das
Wasser und den Himmel, und was weiss ich noch alles. Davon begriff ich ja nichts.
Ich begriff bloss, dass mir war wie in meinem Leben nicht. Ich glaubte mirs nicht,
wenn ich aufwachte; ich glaubte mirs nicht, wenn mich die Leute freundlich
grüssten. In der Nähe vom Ort war ein Weiher, auf dem schwammen Seerosen, und
dort war ich oft, ich hatte so was nie gesehen, aber ich sahs und glaubte mirs
nicht. Ich wusste auch: lang kann das nicht dauern, unmöglich kann das lang so
bleiben. Und richtig, im August, da legte sich Adam Larsen eines Tages hin; er
hatte Fieber, es wurde immer ärger, und nach sechs Tagen starb er. Da war alles
ans. Da war alles aus.«
    Ihre Hände warm in die Haare gewühlt. Zum drittenmal sagte sie: »Da war
alles aus.«
    »Und dann?« flüsterte Christian.
    Sie schaute ihn an, und jeder Muskel bebte in ihrem Gesicht. »Dann? Ja, was
dann war, dann! dann!«
    »Konntest du dich denn nicht noch weiter zurechtfinden, ohne ... ohne ...«
stammelte Christian, erschrak aber vor der entsetzlichen, fahlen Wut in ihrem
Gesicht. Sie ballte die Faust und schrie noch lauter, dass es von den Mauern
zurückgellte: »Ja dann! Was dann erst kam! Dann!«
    Sie schauderte von oben bis unten. »Rühr mich nicht an,« sagte sie
zusammenfahrend.
    Aber Christian hatte sie gar nicht angerührt.
    »Geh jetzt,« sagte sie, »ich bin müd, will schlafen.« Sie erhob sich.
    Er stand bei der einen Tür, Karen bei der andern. Karen, mit gesenktem Kopf,
sagte dumpf: »Dass ich du zu dir sage ... Warum ist denn das nur? So was
Verrücktes: Du ...!« Hass und Furcht drückten sich in ihren Mienen aus.
    Und als sie allein war, drinnen an ihrem Bett, betrachtete sie tief
versunken das Bild der Frau mit den Perlen. Einmal drehte sie den Kopf und
schaute wild gegen die Tür, dortin, wo Christian gestanden war.
    Das »Dann« ging Christian nicht aus dem Sinn.
 
                                       29
Zwei Jahre arbeitete nun Weikhardt an der Kreuzabnahme. Er konnte das Bild nicht
vollenden. Was ihm nicht gelang, durch keine Bemühung, keine Vertiefung, in
keiner Einsamkeit, trotz allen Suchens nicht, das war der Ausdruck des Christus.
    Er konnte diesen Ausdruck nicht gestalten: das Erbarmen und den Schmerz.
    Unzählige Male hatte er das Gesicht von der Leinwand gekratzt; er hatte
Modelle gehabt; er hatte Stunden und Tage vor den Gemälden der alten Meister
zugebracht; er hatte Hunderte von Skizzen und Studien hingeworfen; er hatte
probiert und probiert: umsonst; es gelang nicht.
    Im Frühjahr hatte er geheiratet, Helene Falkenhaus, das Mädchen, von welchem
er einst zu Imhof gesprochen. Sie führten eine stille Ehe; Mittel waren wenig
da, sie mussten sich in allem bescheiden. Helene ertrug jegliche Beschränkung
ohne Murren. Ihre Frömmigkeit, die sich bisweilen zu einer harrenden Inbrunst
steigerte, half ihr, dass sie dem Mann das Gefühl der Last und Verantwortung
nehmen konnte.
    Sie hatte Verständnis für die Kunst, höheres Gefühl sogar. Er zeigte ihr
seine Entwürfe; manches fand sie schön; manches schien ihr nahe an das zu
reichen, was sie als seine Vision ahnte, doch räumte sie ihm ein, dass es das
Letzte noch nicht sei. Es war Erbarmen und Schmerz, doch es war nicht Christi
Erbarmen und Schmerz.
    Da kam die polnische Gräfin nach München, für die er den Luini-Zyklus in der
Brera kopiert hatte. Eines Abends gab sie eine Gesellschaft, zu der sie
Weikhardt einlud, und unter den vielen Menschen sah er Sybil Scharnitzer wieder.
Vor Jahren war sie ihm im Atelier eines Modemalers gezeigt worden; von
Schmeichlern und Bewunderern dicht umdrängt, hatte sie ihm damals nur einen
allgemeinen Eindruck ihrer Schönheit hinterlassen.
    Nun geriet er in eine magische Erregung. Es war da ein Band zwischen ihr und
seinem Werk. Er spürte es; er spürte, dass er sie brauchte. Er näherte sich ihr,
und seine beschwingte Beredsamkeit fesselte sie. Schlau steuerte er auf ein
vorgesetztes Ziel los. Ihre Miene, ihre Gebärde, den erschütternd seelenvollen
Blick in sich einsaugend, wurde ihm alsbald klar, was er von ihr erwartete und
was sie ihm geben konnte. In diesem Auge, wenn es feucht und gross aufgeschlagen
war, formten sich die überirdischen Züge, die er bisher nur ungenau erschaut. Er
bat sie, sie möge ihm sitzen. Sie besann sich, dann willigte sie ein.
    Sie kam. Er liess sie Hals und Schultern entblössen und hüllte ihren Oberleib
in ein schwarzes venetianisches Spitzentuch. Zehn Minuten lang wandte er,
regungslos vor der Staffelei stehend, nicht den Blick von ihr. Kaum dass seine
Wimpern zuckten. Dann zog er mit Kohle die Linien des Christushauptes. Sybil war
erstaunt. Nach einer Stunde dankte er ihr; es war das erste Wort. Er bat sie,
wiederzukommen. Im gleichen Erstaunen wie zu Anfang deutete sie auf die
Leinwand. Er lächelte verschmitzt und sagte, das seien Umwege, weiter nichts,
sie möge Geduld haben.
    Als sie fort war, trat Helene ein. Er hatte ihr erzählt, was er versuchte;
seine Zuversicht hatte ihre Zweifel nicht beschwichtigt. Sie wusste über Sybil
Scharnitzer Bescheid, auch hatte sie sie am Abend bei der Gräfin mit der Kälte
der Frau gegen die Frau beobachtet. Sie schaute die Kohlenskizze an und sagte
lange nichts. Endlich, unter seinem fragenden Blick, bemerkte sie, zu Boden
sehend: »Ob wohl jemals ein Modell solche Verkleidung gewählt hat?«
    Weikhardt, schon wieder in seinem gewöhnlichen Phlegma, entgegnete: »Es wird
wohl auch wenig Menschen geben, die diesen Griff hinter die Kulissen kapieren.
Maler nun schon gar nicht. Ich seh es bereits, wie sie sich bekreuzigen und
geifern.«
    »Daran liegt wohl nichts,« sagte Helene; »aber was meinst du mit dem Griff
hinter die Kulissen?«
    »Ich meine die Kulissen des lieben Gottes.«
    Helene dachte nach. Seine Worte hatten sie verletzt. Sie sagte: »Ich könnte
dich sehr gut begreifen, wäre Sybils Gesicht ein wahres Gesicht. Aber du weisst
ja selbst, wer sie ist und was sie ist. Du weisst ja, dass hinter der wundervollen
Hülle das absolute Nichts ist. Und darin, in solch betrügerischem Spiegel,
erblickst du das Tiefste der Welt, den Heiland, dein Bild des Heilands? Ist es
nicht, wie wenn du dich der Lüge verschrieben hättest?«
    »Nein, Frau,« antwortete Weikhardt, »nein. Da hast du zu kurzen Sinn. Es
hängt alles viel mehr zusammen als du denkst. Alles ist viel mehr als du denkst,
ein Körper, ein Element, ein Strom. Das seelenlose Nichts in Sybil Scharnitzers
Brust ist doch auch wieder Abglanz; mir, mir persönlich ist es Wesen. Täuscht
mich eine Form, so muss ich der Form danken, dass sie mich den Inhalt träumen
lässt. Der Traum ist das Grössere. Kann ein Grashalm Lüge sein? Kann eine Muschel
Lüge sein? Und siehst du, wenn ich stark genug wäre, unschuldig genug,
hingegeben genug, so müsst ich auch im Grashalm und in der Muschel Christi
Erbarmen und Schmerz finden können. Das ist alles nur Zufall, und ists kein
Zufall, so ists Schickung.«
    Die junge Frau widersprach nicht.
 
                                       30
Das »Dann« liess Christian keine Ruhe.
    Er hatte tagsüber viel gearbeitet; erst um sieben Uhr war er aus dem
Physiologischen Institut gekommen, hatte in einer Speisewirtschaft in der
Lotringer Strasse frugal gegessen, war zu Fuss in die Stolpische Strasse gegangen,
und hier hatte er sich ermüdet aufs Sofa gelegt und war eingeschlummert.
    Als er aufwachte, war es tiefe Nacht. Im Hause regte sich nichts mehr. Er
zündete Licht an und schaute auf die Uhr. Es war halb zwölf. Eine Weile besann
er sich, dann beschloss er, zu Karen hinüberzugehen. Er war sicher, sie noch wach
zu finden; es kam vor, dass sie noch um zwei Uhr Licht hatte. Sie beschäftigte
sich seit einiger Zeit mit Stickereien. Sie sagte, sie wolle etwas verdienen.
Bisher war es brotlose Arbeit gewesen. Sie mühte sich auch nicht sonderlich um
Verwertung.
    Er ging über den finstern Hof und stieg im Vorderhaus die drei finstern
Stiegen hinaus. Am Gangfenster des dritten Stockes blieb er stehen. Das Fenster
war offen; die Nacht war schwül. Seitlich, durch einen Schlund zwischen den
toten Mauern zweier Häuser, schwarzangestrichenen Ziegelmauern, ragten Schlöte
in die Finsternis. Sie begannen auf der Erde und wuchsen über die Dächer. Oben
trugen sie Blitzableiternadeln, und aus manchen qualmte Rauch, der von Feuerglut
durchbebt war. Unten war schwarzer Boden, weites Blachfeld mit Bretterzäunen,
aufgeschichteten Balken, verstreuten niederen Hütten, Sandgruben, Mörtelgruben,
und alles lag still und düster.
    Links von der Stiege war die Tür zur Hofmannschen Wohnung. Als er mit seinem
Schlüssel die Tür zu Karens Wohnung aufgesperrt hatte, blickte er noch einmal
auf jene Tür zurück; er glaubte sich gerufen; es war Täuschung.
    Karen lag im Bett. »Was solls denn sein so spät in der Nacht?« murrte sie;
»man möchte doch auch seinen Frieden haben.«
    »Verzeih,« sagte er höflich, »verzeih, dass ich dich störe; ich dachte, wir
könnten noch ein wenig plaudern.«
    »Möchte wissen, zu was das soll, das Quasseln in die Nacht hinein.« Sie mass
ihn geärgert und lachte durch die Nase.
    Er setzte sich auf den Rand des Bettes. »Du musst mir erzählen, Karen, was
nach Adam Larsens Tod geschehen ist,« sagte er. »Es geht mir nicht aus dem Kopf,
wie du sagtest: was dann war ... Natürlich man kann sichs ja ungefähr
vorstellen. Ich habe ja jetzt Einblick genug in dein Leben, um es ungefähr zu
erraten ...« ...«
    »Nein, das kannst du nicht erraten,« fiel sie geringschätzigen Tones ein,
»das kannst du dir nicht vorstellen. Da könnt ich Gift drauf nehmen.«
    »Um so mehr möcht ich, dass du einmal davon sprichst,« drängte er, »du hast
gewiss nie davon gesprochen.«
    Sie schwieg feindselig. Da wurde ihm plötzlich klar, dass ein beharrlicher
Instinkt in ihr sich weigerte, ihn in ihre Welt aufzunehmen, und dass alles, was
er bisher getan hatte, nicht hinreichte, das Misstrauen zu besiegen, das ihr in
Blut und Nieren sass. Diese Erkenntnis machte ihn traurig und ratlos.
    »Hab mich heut schon um sieben ins Bett gelegt,« sagte sie mit blinzelndem
Blick; »es war mir nicht gut. Ich glaube, ich werde krank.«
    Christian sah sie an. Er konnte nicht verhindern, dass sein Auge den
beunruhigt drängenden Ausdruck behielt.
    Karen drückte die Lider zusammen. »Quälen, quälen, quälen,« stöhnte sie.
    Erschrocken sagte Christian: »Nicht quälen ... verzeih. Ich gehe ja.«
    »Bleib nur.« Sie legte die Wange auf die gefalteten Hände und zog unter der
Decke die Knie an den Leib. Ein derber, aber nicht unangenehmer Haut- und
Haargeruch strömte von ihr aus.
    Es sei ja so gewöhnlich, stiess sie müd und leer vor sich hin, in das Kissen
hinein; nicht anders als bei andern. Die so täten, als sei es anders, die lögen
einfach. Freilich, viele, um sich interessant zu machen, erfänden allerlei
Romane, das könne sie aber nicht. Dazu läge ihr zu wenig am Interessanten. Nein,
es sei immer dasselbe. So ganz gemein, ganz schauderhaft gemein, von A bis Z
verdreckt. Er solle jetzt nur dableiben. Er solle sich nur wieder hinsetzen. Sie
wolle ja erzählen. Herrgott, wenn es denn absolut sein müsse, wolle sie
erzählen, obwohl sie nicht wisse, wo sie anfangen solle, es gebe gar keinen
Anfang, es sei gar nichts Bestimmtes, nicht die Spur von einem Roman.
    Christian setzte sich wieder. »Als Adam Larsen starb, hattest du da nicht
einen Weg?« fragte er. »War unter seinen Freunden oder Verwandten keiner, der
sich um dich kümmerte und dir half?«
    Sie lachte höhnisch. »Ja, Kuchen,« erwiderte sie. »Da bist du glatt auf dem
Holzweg. Seine Kollegen wussten kaum was von mir. Zum Begräbnis kam sein Bruder,
dem durft ich überhaupt nicht vor die Augen treten. Das war so einer von der
Gilde der Ehrsamen, ne goldne Uhrkette auf der Weste und zwanzig Pfennig für die
Bedienung. Fremdes Land wars, die Sprache kannt ich nicht, da musst ich zusehn,
dass ich raus machte. An Geld hatte ich so dreissig Franken, mit denen wollt ich
mich durchschlagen; war bloss die Frage, wohin. Arbeit zu kriegen, hatte ich ein
paarmal versucht. Aber was sollt ich denn arbeiten? Hatte ja nie was gelernt.
Als Magd in Stellung gehn? Wieder Stiefel putzen und Stuben scheuern? Danke
gehorsamst. Hatte jetzt Besseres gekostet; dachte: wirst dich schon
herausbeissen. Übrigens war mir alles ganz egal geworden; was lag denn schon an
mir? In Aachen wurde ich Kellnerin. Schöne Sache, Kellnerin. Davon kann man
keinem einen Begriff geben. Die Müdigkeit für einzige zwei Beine! Die
Niedertracht für einzige zwei Ohren! Der miserabelste Frass, lauter Abfall; ein
Bett wie für einen Hund; Zumutungen, dass man die Tollwut kriegen kann. Da wird
man empfänglich für allerlei schwindelhaftes Gerede. Ging in ein Haus. Blieb
vier Monate, ging in ein anderes. Hatte Schulden; man hat da auf einmal
Schulden, weiss kaum, wofür. Kost, Logis, Kleider, alles wird dreifach
angerechnet, jeder Schnaufer muss bezahlt werden. Man denkt bloss noch: heraus,
sonst passiert was Schreckliches. Erscheint so 'n Bürschchen, der Kamm ist ihm
geschwollen, schmeisst mit Goldstücken um sich, löst einen aus, man geht mit ihm,
bereuts am dritten Tag, eines schönen Morgens klopfts an die Tür: Was los? Die
Polizei. Das Bürschchen wird hopp genommen, man hat noch seine Mühe, sich rein
zu waschen. Was jetzt? Man sucht ein Dach, man sucht ein Bett, man sucht ne
Ansprache, man will was Warmes und was für den Durst; gezeichnet ist man einmal,
kein Mensch traut einem mehr, hinten schiebts, vorne ziehts, und so kommt man
herunter, Schritt für Schritt, Tag für Tag, man merkt es kaum, und schliesslich
ist man unten.«
    Sie rollte sich noch mehr zusammen im Schutz der Decke, und mit dumpferer
Stimme fuhr sie fort: »Das spricht sich so: unten. Aber erstens hat es
eigentlich kein Aufhören; unter dem Unten ist immer ein noch tieferes Unten; und
zweitens: wie es beschaffen ist, das Unten, dafür gibts keine Worte. Das kann
sich keiner ausdenken, ders nicht erlebt hat; das kann und kann sich keiner
ausdenken, vom Sehen nicht und vom Wissen nicht. Da bewohnst du ne Bude, fünfmal
so teuer, als es nach Recht und Billigkeit sein dürfte; selbstredend, du bist ja
Freigut, da kann sich jeder die Zähne wetzen. Obs nun ein Salon ist oder ein
Schweineloch, dir graut schon, wenn du bloss die Tür aufmachst. Es gehört ja
nicht dir, es gehört ja jedem, der Unrat von jedem wird da abgestreift, und du
kennst sie alle und erinnerst dich an alle. Was hat es denn noch auf sich, dass
man sich ins Bett legt und mal wieder schlafen möchte? Es wird doch ein neuer
Tag. Und dann die schmierigen Kaffeehäuser; ewig dieselben Gesichter, ewig
dasselbe Gelichter. Und dann die Strasse, was man so den Rayon heisst. Immer und
ewig bei der Nacht. Kennst ein jedes Fenster, jeden Rinnstein, jede Laterne;
gaffst und drehst dich und grinst und schneidest Grimassen, und spannst den
Schirm auf, wenns regnet, und gehst herum und stehst herum und lugst nach dem
Poli aus und schmeisst dich an jeden Kerl, ob er zertretene Absätze hat oder im
Pelze stolziert, und versprichst ihm das Blaue vom Himmel, und möchtest ihm die
Leber auskratzen, wenn er dich stehn lässt und ins Gesicht speien, wenn er sich
herablässt. Das ist es eben. Das ist das Hauptkapitel. Jammer und Sorgen, na ja,
das haben viele. Was man hingegen von den Menschen erfährt, - du, ich sage dir!«
    Diese letzten Worte waren ein Aufschrei, ärger noch als bei dem »Dann«, das
Christian nicht hatte vergessen können. Er sass kerzengerade. Er sah über den
Lampenzylinder hinweg an eine bestimmte Stelle der Wand, unbeweglich.
    Karen redete gegen die Erde zu: »Da ist das Kuppelweib, das einen begaunert
und bewuchert, hinten und vorn. Da ist der Hauswirt, der 'n Gesicht macht, als
wolle er einem einen Fusstritt versetzen, wenn man ihm am hellen Tag begegnet,
und der an die Tür geschlichen kommt, wenns schummert. Da ist der Kaufmann, der
dir die Ware aufschlägt und so tut, als wärs Gnade, dass er dir den Pofel für
schönes Geld verkauft. Da ist der Schutzmann, der dir wegen jeden Fussbreit Weg
Masematten macht und drauf lauert, dass du ihm nen Taler heimlich zusteckst,
sonst schindet er dich und du kriegst Strafzettel, dass es bloss so knallt. Da ist
der Kneipjee, bei dem du in der Kreide sitzt, der dich kujoniert, wenn du keinen
Kies hast und jampelt und feixt, wenn er was in deiner Tasche wittert. Vom Lude
will ich gar nicht reden; den musst du haben, ob du magst oder nicht, sonst bist
du elend ausgeliefert, und wenn er ins Zuchtaus gewandert ist, musst du nen
andern nehmen. Alle haben sie das Messer lose am Hosengürtel, aber schlimmer als
der Meseckekarl war keiner. Und was die Marterhölle ist, eine ärgere kanns auf
der Welt und ausser der Welt nicht geben, das ist die Kundschaft, das ist das
Geschäft. Die Feinen und die Ordinären, die Jungen und die Alten, die
Knickerigen und die Splendiden, wie sie da sind, sind sie nicht besser als das
Aas auf dem Müllhaufen. Da sieht man, was Heuchelei ist und Schurkerei, da
zeigen sie sich, die Schmutzseelen, mit ihrer Angst und ihrer Verlogenheit und
ihrer Gier und ihrer Gemeinheit. Was sie drinnen haben, das kommt heraus. Es
kommt heraus, sag ich dir, denn da schämt sich keiner. Das brauchen sie nicht
mehr. Und was du vor dir hast, ist der Mensch ohne Scham. Und was du
kennenlernst, ist das arme scheussliche Fleisch. Willst du wissen, wie? Trink mal
ne Jauchengrube leer, dann weisst du, wie. Obs einer ist, der sein Weib im
Kindbett zuschanden schlägt, oder einer, der seine Kinder hungern lässt; ein
verlotterter Student oder ein geschasster Offizier, ein furchtsamer Pfaff oder
der Bürger mit nem dicken Bierbauch; es ist immer das nämliche: der Mensch ohne
Scham und das arme scheussliche Fleisch.«
    Sie lachte mit erquältem Hohn und fuhr fort: »Den Meseckekarl lernt ich
kennen, als ich aus dem Krankenhaus kam. Damals hatt ich niemand. Vorher war ich
drei Wochen im Gefängnis wegen dem Lumpen, dem Sergeantenmax. Hatt es der schon
bös getrieben, gegen den Meseckekarl war er ein dösiges Lamm. Da tauchte im Cafe
Nachtigall so 'n junger Mensch auf, ein Gymnasiast oder so was, der schmiss eine
Pulle Sekt um die andre, jeden Tag. Und grab mich hatt er sich ausgesucht, grade
mit mir wollt er immer gehn. Und die blauen Lappen flogen nur so. Man wusste
gleich, dass die Geschichte faul war, und der Meseckekarl nahm ihn beiseite und
sagte ihm auf den Kopf zu: Das Geld ist aus deines Vaters Kasse, das Geld ist
gestohlenes Geld. Das räumte er auch ein und schlotterte dabei. Aber der
Meseckekarl liess nicht locker und unterwies ihn, wie er mehr herschaffen könnte,
und er und der zerrissene Woldemar versprachen ihm, sie wollten ihn in die
Opiumstube führen, das sei das Schönste überhaupt, die reine Zauberbude. Und wie
der junge Mensch bei mir war des Nachts, da fing er an, gottserbärmlich zu
flennen und zu winseln; da tat er mir leid, weil ich wusste, das nimmt ein böses
Ende, und das sagt ich ihm auch, aber nicht eben freundlich. Da zog er Geld aus
seinen Taschen, so viel hatt ich nie beisammengesehn, lauter gestohlenes Geld,
und mir schwindelte vor den Augen, und ich sagte, er solle es fortnehmen; aber
er wollte, ich sollt es nehmen, sollte mir was kaufen und tun damit, wozu ich
Lust hätte. Ich zitterte an Armen und Beinen und sagte, er solle es um Himmels
willen nach Hause tragen; da heulte er wieder zum Steinerweichen und lag auf den
Knien da und fasste mich um, und auf einmal stand der Meseckekarl im Zimmer; er
hatte sich nebenan versteckt gehalten und hatte alles mit angehört, und ich hatt
es nicht geahnt. Aber der junge Mensch, sein Gesicht war wie ein Stück Bimsstein
so grau, der sah mich an und sah mich an und glaubte, ich hätte den Meseckekarl
versteckt; aber der, glücklicherweise, stiess mich an die Schläfe, dass ich
dachte, die Luft wäre lauter Blut und Glut, und zuletzt gab er mir einen
Fusstritt, dass ich in die Ecke flog und liegenblieb. Da musste der junge Mensch
doch sehen, dass ich unschuldig war. Den Jungen, Adalbert nannt er sich, den
packte Meseckekarl und ging mit ihm davon. Adalbert sagte nichts und deutete
nichts, er ging folgsam mit. Und am andern Tag kam er nicht, am dritten Tag
nicht, er kam und kam nicht wieder. Da fragte ich den Meseckekarl: Was hast du
mit dem Adalbert angestellt? Da sagte er: Auf ein Schiff Hab ich ihn gebracht,
damit er nach Übersee kommt. Ei ja doch, dacht ich, Übersee, hat sich was. Und
ich fragt ihn wieder: Was hast du mit dem Adalbert angestellt? Da sagte er, wenn
ich nicht schwiege, würd er mich zu nem Knochenbukett verhauen. Da schwieg ich.
Es is ja möglich, dass der Adalbert auf ein Schiff gegangen is, es is ja möglich.
Gehört hat man nichts mehr von ihm. Ich machte mir auch nicht viel draus. Es kam
ja jeden Tag was andres. Musst mich meiner Haut wehren. Den Tag rumbringen, die
Nacht rumbringen. Es war immer das nämliche, immer das nämliche.«
    Sie richtete sich auf und packte Christian mit eisernem Griff am Arm. Ihre
Augen starrten ihn funkelnd an, und durch die zusammengebissenen Zähne zischte
sie: »Aber das wusst ich alles nicht so. Wenn man drinnen steckt, weiss mans nicht
so. Dass das kein menschlich Leben ist, spürt man nicht so. Dass man verdammt und
siebenmal verdammt ist, man wills nicht sehn, man wills nicht denken. Warum hast
du mich weggenommen? Warum hat das denn sein müssen?«
    Christian antwortete nicht. Er hörte die Luft sausen.
    Nach einer Weile liess sie ihn los, oder vielmehr, sie stiess seinen Arm fort,
und er erhob sich. Sie fiel aufs Bett zurück. Christian dachte: alles vergebens.
Die Bangigkeit, die er empfunden, wuchs zu einem Gefühl der Verzweiflung.
Vergebens, sauste es in der Luft, vergebens, vergebens, vergebens.
    Da sagte Karen mit einer hellen Stimme, die er noch nie an ihr gehört:
»Deiner Mutter Perlenhalsband möcht ich haben.«
    »Wie?« fragte Christian verwundert. Er glaubte, nicht recht verstanden zu
haben.
    Und Karen wieder, mit einem fast kindischen Ton: »Deiner Mutter
Perlenhalsband möcht ich haben.« Sie faselte, und sie wusste, dass sie faselte.
Nicht eine Sekunde lang hielt sie die Erfüllung eines solchen Begehrens für
möglich.
    Christian trat aus Bett. »Wie kommst du denn darauf?« flüsterte er. »Was
soll denn das? Was meinst du denn?«
    »Nie noch hab ich mir etwas so gewünscht,« sagte Karen, regungslos liegend,
mit derselben hellen Stimme; »nie noch. Wenigstens sehen möcht ichs mal. Wie so
was aussieht. Wenigstens mal in der Hand halten. Obs das wirklich gibt. Geh doch
hin zu ihr und verlangs. Fahr hin zu ihr und sag: Die Karen möcht dein
Perlenhalsband mal sehen. Vielleicht borgt sie dirs.« Sie lachte irr.
»Vielleicht gibt sie dirs für ne Weile. Dann, scheint mir,« sie schlug die Augen
in die Höhe, und eine neue Flamme war in ihnen, »dann, scheint mir, könnt es
anders sein zwischen uns.«
    »Wer hat dir davon gesprochen?« fragte Christian wie im Traum; »woher weisst
du von der Perlenschnur meiner Mutter?«
    Sie riss die Schublade ihres Nachttischchens auf und holte das Bild hervor.
Christian machte eine heftige Bewegung danach, obgleich sie es ihm ohnedies
hatte reichen gewollt. »Der Boss hat mirs geschenkt,« sagte sie.
    Christian sah das Bild an und legte es schweigend wieder weg.
    »Ja, das wünsch ich mir,« begann Karen abermals, und alles war nun irr in
ihrem Gesicht, kindisch und begehrlich irr, trotzig und herausfordernd irr: der
Glanz in den Augen, das Lächeln, das Lachen; »bloss das wünsch ich mir. Mit der
Zunge würd ichs schmecken. In mein Fleisch hinein würd ichs vergraben. Keiner
dürft es wissen, keinem würd ichs zeigen. Deiner Mutter Perlenhalsband, ja, das
wünsch ich mir, das möcht ich haben; für ne Weile wenigstens.«
    Nichts andres hätte Christian so zu innerst treffen können wie dies irre
Stammeln, dies irre unsinnige Fordern. Er stand am Fenster, blickte in die Nacht
hinaus und sagte langsam und bedächtig: »Gut, du sollst es haben.«
    Karen erwiderte nichts. Sie streckte sich aus und schloss die Augen. Sie nahm
seine Worte nicht ernst. Als er ging, höhnte sie stumm; höhnte ihn, höhnte sich.
    Am andern Morgen fuhr Christian mit der Untergrundbahn zum Anhalter Bahnhof
und löste eine Karte dritter Klasse nach Frankfurt. In der Hand trug er eine
kleine Reisetasche.
 
                                       31
»So zieh mal los mit die Kenntnisse,« sagte Niels Heinrich Engelschall zu seiner
Mutter, der wahrsagenden Witwe.
    Sie befanden sich im Allerheiligsten. Von der Decke hing an einer schwarzen
Schnur mit gebreiteten Flügeln eine ausgestopfte Fledermaus herab. In ihre
Augenhöhlen waren dunkle Glaskugeln eingesetzt, die glühten. Auf dem Tisch, der
mit Karten bedeckt war, stand ein Totenkopf.
    Es war Sonntagabend, und Niels Heinrich kam aus der Kneipe. Er machte hier
nur Station, denn er wollte ins Strandschlösschen hinaus, zum Tanz. Er trug einen
schwarzen Jackettanzug mit einer blau und weiss karierten Leinenweste. Auf dem
Kopf sass ein steifer, englischer Hut; er war weit in den Nacken geschoben, so
dass man noch den durchgezogenen Scheitel in der Mitte des Schädels sah. Unter
der linken Achsel war ein dünnes Spazierstöckchen eingeklemmt. Er wippte mit dem
Stuhl, auf den er sich breit gelümmelt hatte. »So zeig mal die Künste und
prophezei mal was,« sagte er, und schleuderte ein Fünfmarkstück auf den Tisch.
    In seinen verlebten Augen lag der mineralische Schimmer einer unbestimmten
Gier.
    Die Witwe Engelschall hatte stets Angst vor ihm. Sie mischte ihre Karten.
»Biste bei Kasse, mein Jungchen?« schmeichelte sie; »recht so; heb ab, und nu
wolln wa mal sehn, was de dir einjebrockt hast.«
    Niels Heinrich wippte. In der Kehle brannte es wie Feuer, seit vielen Tagen
schon. Er war seiner Zähne überdrüssig und seiner Finger. Er hätte irgend etwas
packen mögen, mit der Faust umschliessen und zerdrücken. Etwas, das glatt und
warm war; etwas, das Leben hatte und um das Leben bettelte. Es war in ihm ein
lüsterner Hass gegen die Dinge, gegen die Wege, gegen die Stunden.
    »Der Fufzicher bei 's rote Ass, «hörte er die Mutter sagen, »Schellenkönig
deckt Eichelbub; bedeutet nischt Gutes. Der Zwanziger dazwischen und die graue
Frau -« ihr Gesicht zeigte Bestürzung, »wirst mir doch nischt anstellen,
Jungchen, wirst doch nich?«
    »Quatsch nich, Liese, «fuhr sie Niels Heinrich an, »da lachen ja die
Hühner.« Er runzelte die Stirn und warf anscheinend gleichgültig hin: »Sieh mal
zu, ob nischt drinsteht von ner Judenschickse.«
    Die Witwe Engelschall schüttelte erstaunt den Kopf. »Nee, Jungchen, nee,«
sagte sie und legte noch Karten auf, »von ner Judenschickse? Nee. Grünzehn und
Herzdame: das könnte der Geldbriefträger sind. J, Jott stärke! Da jehn jleich
drei Damens miteinander; in der Liebe, da haste immer 'n Dussel jehabt. Apropos,
heute hat die rote Hedwig nach dir jefragt; ob de abends in die Lehmkute kommst,
wollt se wissen.«
    Niels Heinrich antwortete: »Ick hab se doch erst rausjeschmissen; 'n
Jedächtnis wie ne Bierstrippe; so wat lebt nich. «Er lehnte sich wieder zurück
und wippte. »Also, wenn du mir nischt Anjenehmes zu verkündijen hast, denn nehm
ick meine fünf Märker wieder zu mir.«
    »Kommt schon, mein Jungchen, kommt schon, nur Geduld,« besänftigte die Witwe
Engelschall und mischte wieder. »Det mit der Judenschickse wern wa schon
kriejen, nur Jeduld, wern wa schon kriejen.«
    Niels Heinrich starrte in die Luft. Er sah, und wohin er sah, war es
dasselbe seit vielen Tagen: einen jungen, glatten Hals; zwei junge, glatte
Schultern, zwei junge, glatte Brüste, fremd alles, von fremder Rasse, von
fremdem, süssem, schaurigsüssem Blut durchströmt, und wenn man nicht hingreifen
konnte, hingreifen und riechen und schmecken, so krepierte man. Er erhob sich,
zwang sich zu schlappen Gebärden. »Lass nur man,« sagte er, »is ja doch allens
Schwindel. Das Trinkjeld kannste dir meinswejen behalten.« Er strich mit seinem
Spazierstöckchen über die Karten hin, warf sie durcheinander und ging.
    Die Witwe Engelschall, alleingeblieben, schüttelte den Kopf. Der Ehrgeiz des
Berufs regte sich in ihr; sie mischte und legte von neuem. »Wern wa schon
kriejen,« murmelte sie, »wern wa schon kriejen« ...
 
                                Rut und Johanna
                                       1
Es war im Hotel Fratazza in San Martino di Castrozza, als Crammon und die Gräfin
Brainitz einander nach Jahren wieder trafen.
    Die Gräfin sass auf dem Balkon vor ihrem Zimmer, und während sie an einer
slawonischen Bauerndecke stickte und bisweilen mit sattem Blick die
Dolomitenblöcke des Gebirges, die Waldhänge und Wege durchstreifte, fuhr ein
staubbedecktes Automobil am Portal vor, welchem zwei Herren und zwei Damen in
der modischen Reiseverpuppung entstiegen. Die Herren entledigten sich ihrer
Brillen und verhandelten mit dem Hoteldirektor.
    »Sehen Sie doch mal hinunter, Stöhr,« wandte sich die Gräfin an ihre
Gesellschafterin; »sehen Sie doch: der Dicke mit dem Schauspielergesicht, der
kommt mir bekannt vor -« Da kehrte Crammon sein Gesicht nach oben und grüsste;
die Gräfin stiess einen kleinen Schrei aus.
    Abends, im Speisesaal, konnte Crammon nicht umhin, an den Tisch der Gräfin
zu treten, sich nach ihrem Befinden, der Dauer ihres Aufentalts und dergleichen
mehr zu erkundigen; die Gräfin schnitt seine höflichen Floskeln derb ab und
sagte: »Herr von Crammon, ich habe mit Ihnen ein Wort unter vier Augen zu
sprechen. Ich bin froh, dass sich endlich die Gelegenheit findet, ich habe lang
genug darauf gewartet. Wann passt es Ihnen?«
    »Ich bin Ihr gehorsamer Diener, Gräfin,« antwortete Crammon mit schlecht
verhehltem Unmut; »ich werde mir erlauben, Ihnen morgen gegen elf meinen Besuch
zu machen.«
    Zehn Minuten nach elf des andern Tages liess er sich bei der Gräfin melden.
Trotz des energischen Tones, mit dem sie ihn zum Tete-a-tete gefordert hatte,
empfand er weder Neugier noch Besorgnis.
    Die Gräfin deutete auf einen Stuhl, setzte sich ihrem Gast gegenüber und
nahm eine richterliche Miene an. Sie sagte: »Meine gute Schwester, deren Sie
sich wohl erinnern dürften, Herr von Crammon, ist vor nunmehr andertalb Jahren
nach schwerem Leiden in eine bessere Welt abberufen worden. Ich durfte ihr die
Augen zudrücken; in ihrer letzten Stunde hat sie mir gebeichtet.«
    Die Teilnahme, welche Crammon zeigte, war von so unverschämter
Nachlässigkeit, dass die Gräfin schneidend hinzufügte: »Meine Schwester Else,
Herr von Crammon, die Mutter Lätizias. Was haben Sie mir darauf zu sagen?«
    Crammon nickte versonnen. »Also ist sie auch von hinnen,« seufzte er; »die
Gute! Das ist jetzt an die zwanzig Jahre her, Gräfin. Es war eine herrliche
Zeit. Man war jung; was liegt nicht alles in dem Wort! Erinnern Sie mich nicht,
Gräfin, erinnern Sie mich nicht. Auch das Schöne muss sterben, das Menschen und
Götter bezwinget, nicht die eherne Brust rührt es des ewigen Zeus.«
    »Lassen Sie doch die Poesie aus dem Spiel,« versetzte die Gräfin ärgerlich.
»Sie werden mich nicht mehr hinters Licht führen wie damals. Damals hat es Ihnen
behagt, und es war Ihnen bequem, die Maske des Verschwiegenen aufzusetzen, und
eine gewisse Virtuosität darin ist Ihnen nicht abzusprechen. Aber ich will Ihnen
etwas sagen. Man kann so diskret sein wie eine Mumie; das hindert nicht, dass es
Situationen gibt, wo man einer Regung des Herzens zu folgen hat, sofern man
nämlich mit dem Artikel Herz überhaupt versehen ist. Ein Räuspern würde genügen;
ein Lippenverziehen; ein feuchter Schimmer in den Augen. Nichts von alledem war
bei Ihnen der Fall. Statt dessen haben Sie es seelenruhig geschehen lassen, dass
das beklagenswerte Wesen, Ihre Tochter, Ihr Fleisch und Blut, einem tobsüchtigen
Verbrecher ausgeliefert wurde, einem Tiger in Menschengestalt.«
    Gemessen und würdig antwortete Crammon: »Wollen Sie die Gnade haben, Gräfin,
sich meine wohlgemeinte Warnung ins Gedächtnis zu rufen? Wie ich zu Ihnen kam,
spät in der Nacht, gefoltert von meinem Gewissen, und Vorstellungen erhob,
gewichtigen Einspruch erhob?«
    »Ach was, Warnung; Münchhauseniaden haben Sie mir aufgetischt. Betrogen
haben Sie mich.«
    »Ein starker Ausdruck, Gräfin.«
    »Von dem ich nicht ein Jota zurücknehme.«
    »Schade. Na ja. Also das mit dem feuchten Schimmer in den Augen, das ging
nicht, Gräfin, das ging absolut nicht, dazu fehlt mir das Talent. Die kleine
Lätizia war mir ja recht sympatisch, sogar ungewöhnlich sympatisch, aber rein
menschlich, sehen Sie. Vatergefühle dürfen Sie von mir nicht erwarten. Offen und
ehrlich, Gräfin: Vatergefühle halte ich für Schwindel. Eine Mutter, das ist
etwas, da spricht die Natur. Aber ein Vater ist ein mehr oder minder
unglücklicher Zufall. Nehmen wir mal an, Sie hätten es gegen mich auf einen
dramatischen Coup abgesehen. Die Tür dort öffnet sich und herein kommt ein
junger Herr oder eine junge Dame, ausgerüstet mit den erforderlichen Dokumenten
und Indizien; Sie werden zugeben, dass sich wider einen normalen Mann von
dreiundvierzig Jahren Dokumente und Indizien wie Sand am Meer finden lassen;
dieser junge Herr oder die junge Dame also offeriert sich mir als Sohn
beziehungsweise Tochter; ja, glauben Sie, dass ich auf einmal gerührt sein würde?
dass da auf einmal das Vatergefühl emporschiessen würde, mir nichts, dir nichts,
wie der Dotter, wenn man auf ein rohes Ei tritt? Im Gegenteil. Ich würde sagen:
Mein Herr, beziehungsweise mein Fräulein, Ihre Bekanntschaft gereicht mir zur
Ehre, in allem übrigen aber kann ich Ihnen vorläufig nicht dienen. Es wäre ja
auch der Gipfel der Ungemütlichkeit, wenn man beständig darauf gefasst sein
müsste, dass einem zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alte unbezahlte Rechnungen in
lebender Form präsentiert werden. Wo käme man da hin? Besjetzt der Sprössling
Takt, sei er nun männlichen oder weiblichen Geschlechts, so wird er sich einen
solchen Schritt ohnedies reiflich überlegen und nicht durch unzeitgemässe
Zudringlichkeit einem Mann lästig fallen, der gerade damit beschäftigt ist, die
unterste Neige des Freudenbechers nach geniessbaren Überbleibseln zu
durchforschen. Die Entstehung der liebreizenden Lätizia, meine verehrte Gräfin,
war mit so besonderen Umständen verknüpft und ging so offensichtlich unter
Einmischung höherer Mächte vor sich, dass mein eigenes Zutun und meine
unbedeutende Person daneben kaum in Betracht kam. Als ich das junge Mädchen
kennenlernte, hatte ich ein Gefühl wie ein Wanderer, der einmal einen
Kirschenkern an einer Wegstelle eingegraben hat, ohne sich viel dabei zu denken,
und nach Jahren, da er wieder dieselbe Strasse zieht, von einem Kirschbaum
überrascht wird. Eine erfreuliche, aber auch eine natürliche Angelegenheit. Soll
er deshalb ein unbescheidenes Triumphgeschrei ausstossen? Soll er überall in der
Nachbarschaft herumgehen und sagen: Mein Kirschbaum! seht mal, was für ein
gewaltiger Bursche ich bin-? Oder soll er beim Eigentümer des betreffenden
Grundstücks den Kirschbaum für sich beanspruchen, ihn entwurzeln, vielleicht gar
bei Nacht und Nebel stehlen, um ihn irgendwohin zu befördern, er weiss selbst
nicht wohin? Der Mann wäre doch ein Einfaltspinsel, Gräfin, ein Maniak, ein
Phantast.«
    »Ich habe nur wenig Gemüt bei Ihnen vermutet, Herr von Crammon,« antwortete
die Gräfin erbittert, »aber so wenig doch nicht. Ich muss gestehen, da fehlen mir
die Begriffe. Ist das nun die Anschauung von allen Männern, sagen Sie mir, oder
sind Sie in dieser Beziehung ein Unikum? Es wäre tröstlicher für mich, wenn Sie
ein Unikum wären, denn ich müsste ja sonst auf die Menschheit traurige Schlüsse
ziehen.«
    »Da sei Gott vor, gnädigste Gräfin, dass mich die Schuld träfe, ein so
respektables Geistes- und Seelengleichgewicht wie das Ihre zu zerstören, da sei
Gott vor,« versetzte Crammon mit Eifer. »Nehmen Sie mich ruhig für eine
Ausnahme. Ich bin es. Die meisten Leute, die ich kenne, sind stolz auf ihre
Erzeugnisse, ob es nun Gedichte sind oder neue Westenmoden oder eine bisher noch
nicht dagewesene Art, eine Gansleber zuzubereiten. Sie können gar nicht genug
kriegen an Autorenruhm; wenn man sie von weitem sieht, muss man schon anfangen,
Komplimente zu drechseln, und das Verlogenste schlucken sie mit einer Gier
hinunter, dass man sich für sie schämt. Aber kein Koch, kein Dichter und kein
Schneider kann so von Urheberbewusstsein geschwellt sein wie ein landläufiger
bürgerlicher Vater. Dagegen ist ein Büffel eine feinnervige Kreatur. Mein ganzer
Hass gegen die Institution der Familie rührt davon her, dass mir mal einer, dessen
Hahnreischaft notorisch war, auf die Frage, wie er denn bei seiner und seiner
Gemahlin brünetten Beschaffenheit zu zwei so hochblonden Knaben komme, ganz
frech antwortete, seine Vorfahren seien Normannen gewesen. Normannen, ich bitte
Sie! Und der Bursche war ein Jude aus Prag. Normannen!«
    Die Gräfin schüttelte den Kopf. »Sie erzählen wieder einmal Geschichten,«
sagte sie, »und ich bin nicht für Geschichten, für die Ihrigen schon gar nicht.
Sie lehnen also jede Verantwortung ab? Sie betrachten Lätizia als eine Fremde
und verleugnen das süsse Engelskind? Ist das der langen Rede kurzer Sinn?«
    »Durchaus nicht, Gräfin. Ich bin zu jeder freundschaftlichen Annäherung
bereit. Bloss darf man mich nicht festnageln und mir eine blümerante moralische
Verpflichtung aufreden wollen. Meine Natur ist ihrer Hauptrichtung nach
gelassen, aber in einem solchen Fall werde ich expeditiv. Doch versäumen wir die
Zeit nicht mit Teorien; erzählen Sie mir, worin das Unglück der kleinen Lätizia
besteht.«
    Den Abscheu, den ihr Crammon einflösste, unterdrückend, berichtete die
Gräfin, dass sie vor vier Wochen plötzlich ein Telegramm Lätizias aus Genua
erhalten habe. Die Depesche habe gelautet: »Schicke mir Geld oder komme selbst
so rasch du kannst. Sie sei sofort hingefahren und habe das Kind in einer
erbarmungswürdigen Lage angetroffen. Von allen Mitteln entblösst, derart, dass sie
ihren Schmuck habe versetzen müssen, um nur das Leben im Hotel bestreiten zu
können; von der argentinischen Amme, die sie herübergebracht, tyrannisiert und
hintergangen; die Zwillinge leidend, das eine an einem Darmkatarrh, das andere
an einer Augenentzündung -«
    »Zwillinge, sagen Sie? Zwillinge?« unterbrach Crammon bestürzt.
    »Jawohl, so ist es, Sie sind Grossvater von Zwillingen,« erwiderte die Gräfin
mit malitiöser Genugtuung.
    »Wundersam sind die Fügungen des Herrn,« murmelte Crammon, und seine Augen
wurden ein wenig blöde, »Grossvater von Zwillingen ... Das ist ein starkes Stück.
Aber weiter, Gräfin. Die Sache steht ja allerdings nicht humoristisch aus. Warum
hat sie denn ihren Gatten verlassen? Und warum sind Sie nicht bei ihr
geblieben?«
    »Sie werden alles hören. Der Mensch hat sie misshandelt, hat sich tätlich an
ihr vergriffen. Sie ist unter eine Bande von Säufern, Räubern, Giftmischern,
Pferdedieben, Falschem und Ehrabschneidern geraten. Man hat ihr das Haus zum
Kerker gemacht; man hat sie Hunger leiden lassen; man hat sie an Leib und Seele
gequält und grausam bedroht; sie war ihres Lebens nicht sicher; wilde Tiere hat
man abgerichtet, um sie zu schrecken; entsprungene Sträflinge wurden gedungen,
die ihr auflauerten; Angst und Entsetzen brachten sie an den Rand des Grabes. Es
war die Hölle. Ohne die Dazwischenkunft und edelmütige Hilfe eines deutschen
Kapitäns, der ihr sein Schiff zur Heimreise anbot, wäre sie elend zugrunde
gegangen. Leider hatte ich nicht Gelegenheit, dem selbstlosen Retter zu danken;
er war, als ich nach Genua kam, bereits abgereist. Aber Lätizia hat mir seine
Adresse gegeben, und ich werde ihm schreiben.«
    »Sehr bedauerlich, das alles, und ich hatte auch nie etwas andres erwartet,«
sagte Crammon. »Ich hatte es geahnt, und ich hatte es prophezeit. Dieser Stephan
Gunderam war mir von Anfang an odios wie ein Schaubudenbesitzer mit einer
Blechtrompete. Ich hätte dem Individuum nicht einmal meinen alten Regenschirm
anvertraut, wieviel weniger dieses junge Mädchen, dem alle Welt so köstliche
Eigenschaften nachrühmt. Trotzdem missbillige ich ihre Flucht. Waren die
Verhältnisse bezeugtermassen unerträglich, so hätte sie den rechtlichen und
gesetzlichen Weg einschlagen müssen. Die Ehe ist ein Sakrament. Erst
hineinspringen, als wär's der garantierte siebente Himmel, und kaum, dass man die
Unannehmlichkeit, die doch für einen Menschen mit der minimalsten Grütze am Tage
lag, zu schmecken bekommen hat, davonlaufen und mit zwei unterstands- und
sprachlosen Erdenbürgern übers grosse Wasser wieder nach Hause dampfen, das ist
weder folgerichtig noch nutzbringend. Dem kann ich keinen Beifall zollen.«
    Entrüstet erwiderte die Gräfin: »Also nach Ihrer Meinung hätte das Kind sich
lieber sollen zu Tode foltern lassen?«
    »Pardon, ich habe nur gesagt, was ich an ihrer Handlungsweise für falsch
halte. Was sie hätte tun müssen, darüber steht mir kein Urteil zu. Den von der
Kirche gesegneten Bund zu brechen und herd- und landflüchtig zu werden, halte
ich für falsch. Es ist gottlos und führt zum Verderben. Und als Sie nun bei ihr
waren, was geschah dann? Wozu hat sie sich entschlossen? Wo befindet sie sich
jetzt?«
    »In Paris.«
    »In Paris? Ei! Zu welchem Ende denn?«
    »Sie will sich erholen. Ich gönn es ihr. Sie braucht es.«
    »Ich zweifle nicht, Gräfin, aber der Übergang scheint mir ein wenig
unvermittelt. Und hat sie Ihre Gesellschaft geradezu verschmäht, oder haben Sie
persönlich keine Vorliebe für Erholungsreisen nach Paris?«
    Die Gräfin wurde verlegen. Sie runzelte die Brauen; ihre hochroten Bäckchen
glänzten heiss. »Sie hatte im Hotel die Bekanntschaft eines Vicomte
Seignan-Castreul gemacht,« erzählte sie stockend; »er war mit seiner Schwester
dort. Sie luden Lätizia ein, sie solle mit ihnen nach Paris und dann auf ihr
Schloss in der Bretagne kommen. Das Kind, in Tränen aufgelöst, sagte zu mir:
Tante, ich möchte so gern, und ich kann doch nicht, ich habe ja keinen Pfennig
Geld. Das zerriss mir das Herz, und ich raffte zusammen, was möglich war:
fünftausend Franken im ganzen. Das liebe Geschöpf dankte mir innig und reiste
mit dem Vicomte und der Vicomtesse ab, nachdem sie mir versprochen hatte, dass
wir uns im Oktober in Baden-Baden treffen würden.«
    »Und die Zwillinge, wo sind die unterdessen?«
    »Die hat sie natürlich mitgenommen. Die Zwillinge, die argentinische Amme,
eine englische Nurse und eine Zofe.«
    »Ihre Generosität hoch in Ehren, Gräfin, aber der Vicomte samt der
Vicomtesse gefällt mir nicht.«
    Die Gräfin schluchzte plötzlich laut. »Mir auch nicht,« rief sie, das
Gesicht in die Hände drückend, »mir ja auch nicht. Wenn nur da nicht wieder
neues Unglück für das Kind daraus entspringt. Aber was sollt ich tun? Kann man
ihr denn widerstehen? Ich war ja so froh, sie wieder zu haben; ich hatte das
Gefühl, als wäre sie mir auferstanden. Nein, der Vicomte war mir nicht im
mindesten sympatisch. Ein dämonischer Charakter.«
    »Dämonische Charaktere sind immer Schwindler, Gräfin,« sagte Crammon
trocken. »Ein anständiger Mensch ist nie dämonisch. Es ist überhaupt ein
Schwindelwort.«
    »Herr von Crammon,« erwiderte die Gräfin entschlossen, »von Ihnen erwarte
ich aber jetzt, dass Sie sich als ein Charakter benehmen, ein Charakter im
schönen Sinn des Wortes. Kommen Sie nach Baden-Baden, wenn Lätizia da ist.
Kümmern Sie sich um die, die Ihnen die Nächste im Leben ist. Machen Sie Ihr
Unrecht und Ihr Versäumnis wieder gut ...«
    »Um aller Heiligen willen, das nicht,« wehrte sich Crammon voll Schrecken;
»Erkennungsszene, Rührung, Einander-in-die-Arme-Stürzen, Zerknirschung,
Taschentuch; nur das nicht! Alles, was Sie wollen, nur das nicht.«
    »Keine Ausreden, Herr von Crammon, es ist Ihre Pflicht!« Die Gräfin hatte
sich erhoben und blickte majestätisch. Es half Crammon nichts, dass er sich wand
und drehte, dass er bat und beschwor, die Gräfin entliess ihn erst, als er sein
Ehrenwort gegeben hatte, dass er Ende Oktober, spätestens Anfang November in
Baden-Baden sein werde.
    Als die Gräfin allein war, schritt sie noch eine Weile pustend und erhitzt
auf und ab, dann rief sie ihre Gesellschafterin. »Schicken Sie mir den Kellner,
Stöhr,« ächzte sie, »mir ist schwach vor Hunger.«
    Das Fräulein vollzog den Befehl.
 
                                       2
Als Frau Richberta Wahnschaffe, während einer ihrer seltenen Ausfahrten, eines
Tages im Elektromobil gegen Schwanheim fuhr, bemerkte sie am Eingang zum
Poloplatz eine Gruppe von jungen Leuten; unter diesen war einer, der sie so
lebhaft an Christian erinnerte, ein Schlanker, edel sich Bewegender, ihr ein so
täuschendes Gefühl von Christians Nähe gab, dass sie dem Lenker zu halten gebot
und mit matter Stimme ihre Begleitdame ersuchte, sie möchte hinübergehen und
sich erkundigen, wer der junge Mensch sei.
    Die Dame gehorchte; Frau Richberta, den: Gruppe zugewandt, harrte
regungslos. Man erteilte der Botin bereitwillig Auskunft; sie kam zurück und
meldete: »Der Herr ist ein Engländer, Frau Geheimrat; er heisst Antony Potter.«
    »So; ach so,« sagte Frau Wahnschaffe; weiter nichts. Und ihr Interesse war
geschwunden.
    Am gleichen Abend wurde ihr ein Brief überreicht, der mit der Eilpost
angelangt war. Sie erkannte Christians Handschrift. Vor ihren Augen tanzte alles
durcheinander. Das erste, was sie lesen konnte, war der Name eines kleinen
Frankfurter Hotels vom dritten Rang. Nach und nach festigte sich ihr Blick, und
sie las: »Liebe Mutter, ich bitte dich, mir morgen im Lauf des Vormittags eine
Unterredung zu gewähren. Heute ist es zu spät, als dass ich noch kommen könnte;
ich bin den ganzen Tag gereist und daher zu müde. Wenn ich nichts weiter höre,
bin ich um zehn Uhr draussen. Dass wir allein sein werden, hoffe ich
zuversichtlich.«
    Der einzige Gedanke der Frau war: Endlich. Sie sagte es laut vor sich hin:
»Endlich«.
    Sie schaute auf die Uhr: es war zehn. Noch zwölf Stunden! Wie sollte sie
diese zwölf Stunden hinbringen? Das ganze vergangene Leben schien ihr kürzer zu
sein als diese vor ihr liegenden zwölf Stunden.
    Sie ging hinunter; ging durch die leeren Säle, in denen es dunkel war, durch
die Marmorhalle mit den Wandsäulen, den riesigen Speisesaal mit den Spiegeln, in
denen der Rest des Sommerabends verglomm; sie ging in den Park und hörte eine
Nachtigall schlagen. Sterne blitzten auf, ein Brunnen rauschte, von weiter
tönte Musik. Zurückgekehrt, fand sie, dass erst fünfzig Minuten verflossen waren.
Ein Ausdruck von Wut entstellte ihr kaltes und starres Gesicht. Sie erwog, ob
sie nicht in die Stadt fahren solle, in das kleine Hotel dritten Ranges; sie
verwarf den Plan wieder: er schlief ja, er war von der Reise ermüdet. Aber warum
ist er dort? fragte sie sich, in dem geringen Hause, unter fremden und geringen
Leuten?
    Sie setzte sich in einen Lehnstuhl, und was nun in ihr vorging, war ein
erbitterter Zweikampf mit der trägen Zeit, von jetzt bis Mitternacht, von
Mitternacht bis zum ersten Grauen des Tages, vom ersten Grauen bis zum Frührot,
vom Frührot zum erwachten Morgen, vom Morgen bis zur zehnten Stunde.
 
                                       3
Wo Johanna Schöntag den Fuss hinsetzte, wurde ihr Liebe entgegengebracht. Auch
die Verwandten, bei denen sie wohnte, behandelten sie mit zärtlicher Achtung.
Sie gewann dadurch nicht in ihren eignen Augen, sie verlor. Ihre rabulistische
Erwägung war: wenn ich diesen gefalle, was kann dann viel an mir sein?
    Sie sagte: »Es gibt nichts Witzigeres als die Tatsache, dass ich in dieser
Stadt lebe, in der alle Menschen so mutig, Ich sagen. Ich bin ja das direkte
Gegenteil von Ich.«
    Nichts war wert, getan zu werden, nicht einmal, was im Innersten täglich
drängte: den Weg zu Christian zu suchen. Sie wartete auf den Zwang; der wollte
nicht kommen. Sie verspielte sich. Da sass sie still in einer Ecke und liess ihre
klugen Augen über Gegenstände und Gesichter schweifen; und sie dachte: hätte der
mit dem Vollbart die Nase von dem mit der Glatze, so sähe er vielleicht wie ein
Mensch aus. Oder: warum sind sechs Rosetten an der Leiste über dem Türstock,
warum nicht fünf, warum nicht sieben? Damit quälte sie sich; die falsch
plazierte Nase und die Rosettenzahl wurden Weltverbesserungsprobleme; auf einmal
lachte sie dann und errötete, wenn sich Blicke auf sie richteten.
    Jede Nacht, bevor sie entschlummerte, fiel ihr Amadeus Voss ein und dass sie
versprochen hatte, ihm zu schreiben. Morgen, dachte sie und ergriff die Flucht
in den Schlaf. Sein Brief lastete in ihrem Gedächtnis als das Peinvollste, was
ihr je geschehen. Bisweilen tauchten Worte daraus auf, die sie unruhig machten:
z.B. das von der Sehnsucht des Schattens nach seinem Körper, für sie ein
rätselhaftes und lockendes Wort. Alle Stimmen von aussen warnten. Die Warnung
erhöhte den Reiz. Man genoss die Furcht, indem man sie wachsen liess. Eine
lebhafte Verwirrung im ganzen, Ding im Spiegel von Spiegeln her. Endlich schrieb
sie doch; der Pfeil schnellte von der Sehne.
    Sie trafen sich am Kurfürstenplatz und gingen durch die Kastanienallee gegen
Charlottenburg. Um die Zeit zu begrenzen, sagte Johanna, sie müsse in einer
Stunde wieder zu Hause sein. Aber der Weg, den sie nahmen, raubte ihr die
Hoffnung auf ein knapp befristetes Zusammensein; sie ergab sich. Um ihre
Beklommenheit zu verhehlen, glossierte sie Bäume, Häuser, Denkmäler, Tiere und
Menschen; Voss bewahrte trockenen Ernst. Da wandte sie sich ungeduldig zu ihm:
»Nun, Herr Hofmeister, wollen Sie sich nicht ein wenig mit dem artigen kleinen
Schüler unterhalten, den Sie spazieren führen?«
    Aber Voss hatte kein Verständnis für den bangen Humor in dieser
Zurechtweisung. Er sagte: »Sie haben leichtes Spiel mit mir; Sie brauchen bloss
zu spotten, und ich komme schon zu Fall. An so viel Schlüpfrigkeit muss ich mich
erst gewöhnen. Es ist ein schlechtes Fluidum zwischen uns. Sie sehen mich immer
so prüfend an, als hätte ich ein Loch im Ärmel oder einen Schmutzfleck auf dem
Kragen. Ich hatte mir vorgenommen, mit Ihnen wie mit einem Kameraden zu reden.
Es geht nicht. Sie sind eine junge Dame, und das ist etwas, wofür ich
rettungslos verloren bin.«
    Johanna antwortete sarkastisch, es beruhige sie immerhin, dass wenigstens
ihre Person und Gegenwart ihm Rücksichten auferlegten, deren sie sich vorher
nicht von ihm zu erfreuen gehabt. Voss stutzte und erriet, was sie im Sinn hatte,
erst aus ihrer verächtlichen Miene. Er senkte den Kopf, schritt eine Weile
schweigend, dann sammelte sich Erbitterung in seinem Gesicht. Johanna, geradeaus
sehend, spürte die Gefahr; sie hätte sie von sich abwenden können; eine
liebenswürdige Phrase, und er hatte sich nicht vorgewagt, das wusste sie. Aber
sie verschmähte es, sie wollte ihm trotzen und sagte frech, sie sei durchaus
nicht gekränkt darüber, dass sie ihn enttäusche, sie hätte in der Beziehung keine
Ambition. Voss nahm auch dieses hin, duckte sich noch tiefer zum Angriff; da
fragte Johanna in harmlosem Ton, ob er noch Christian Wahnschaffes Wohnung
innehabe und, auch jetzt noch, Verwalter aller Briefangelegenheiten seines
Freundes sei?
    Nein, erwiderte Voss auffallend sachlich, er sei von dort ausgezogen, seine
Mittel erlaubten ihm derartigen Aufwand nicht mehr; da ihm das mokante
Lippenverziehen Johannas bewies, dass ihr die Verhältnisse nicht unbekannt waren,
fügte er gelassen hinzu, er wolle lieber sagen, die Wahnschaffesche Geldquelle
sei versiegt. Er hause in einer Studentenbude in der Ansbacher Strasse und habe
sich somit wieder in der Armut eingerichtet. So arm freilich finde er sich noch
nicht, dass er sich das Vergnügen verweigern müsse, einen Gast zu empfangen. Ob
er sie einladen dürfe, den Tee bei ihm zu nehmen. Weshalb sie darüber lache?
Natürlich, er habe vergessen: junge Dame. Ob er sie dann wenigstens in einer
Konditorei bewirten dürfe?
    Alles das erregte Johannas Spott und Ungeduld.
    Es war Sonntag, trübes Wetter; der Abend dunkelte bereits. Aus den Pavillons
in Wirtsgärten rauschte Musik. Viele Soldaten begegneten ihnen, jeder mit seinem
Mädchen. Johanna spannte den Schirm auf und ging müde. »Es regnet ja nicht,«
sagte Voss. Sie antwortete: »Ich tu es bloss, damit ich nicht an den Regen zu
denken brauche.« Der eigentliche Grund war, dass sie ihn vermittels des
aufgespannten Schirmes ein bisschen weiter von sich weghalten konnte. »Wann
treffen Sie Christian?« fragte sie plötzlich mit hoher Stimme, nach rechts
hinüber, wo niemand war, »sehen Sie ihn oft?« Gleich bereute sie die Frage, mit
der sie sich in den Augen des Lauernden eine Blösse gegeben zu haben glaubte.
    Aber Voss hatte gar nicht gehört. »Sie tragen mir noch immer die Geschichte
mit dem Brief nach,« fing er an; »können es nicht verzeihen, dass ich mich in Ihr
Geheimnis eingeschlichen habe. Was ich Ihnen zum Ausgleich gegeben, das ahnen
Sie nicht. Dass ich mein Innerstes vor Ihnen aufgerissen habe, daran verschwenden
Sie keinen Gedanken. Es ist Ihnen wohl kaum klar geworden, dass alles, was ich
Ihnen über Christian Wahnschaffe schrieb, Konfessionen über mich waren, wie sie
selten ein Mensch dem andern macht. Auf Umwegen allerdings, aber was wissen Sie
vom Umweg. Ich habe wahrscheinlich Ihre Fassungskraft und Ihren guten Willen
überschätzt.«
    »Wahrscheinlich,« gab Johanna zurück; »aber auch meine Gutmütigkeit; denn
Sie sind wieder einmal hervorragend grob. Sie hätten ja recht mit dem, was Sie
sagen, wenn Sie nicht eines ausser acht liessen, nämlich, dass eine Basis von
Sympatie da sein muss, wenn solche Forderungen erfüllt werden sollen.«
    »Sympatie!« höhnte Voss; »damit locken Sie keinen Hund vom Ofen. Was Sie so
heissen, ist bürgerliches Spülwasser. Lau, flau, grau. Zur echten wieder gehört
so viel Aufmerksamkeit des Herzens, dass der, der sie empfindet, ihren Namen
verschweigt, weil er zu gemein geworden ist. Ich habe ja nicht auf Sympatie
gerechnet. Eine solche Distanz wie die von mir zu Ihnen lässt sich nicht durch
ein Allerweltsbindemittel beseitigen. Ihre Kälte, Ihre Fremdheit, Ihre Ironie,
glauben Sie, ich hätte nichts davon gewittert? Glauben Sie, ich bin der
Dickhäuter, der unbekümmert in eine Rosenhecke hineinsteigt, weil er im voraus
weiss, dass ihm die Stacheln nichts anhaben können? O nein, Fräulein. Jeder
einzelne Dorn rjetzt meine Haut. Ich sage Ihnen das nur, damit Sie künftig
wissen, was Sie tun. Jeder einzelne Dorn rjetzt schmerzhaft die Haut. Es war mir
von Anfang an klar, und ich habe es doch auf mich genommen. Ich habe mich
eingesetzt mit allem, so wie ich hier bin und stehe, habe mich zusammengerafft
von oben bis unten und mich hingeworfen vor Sie, ohne zu überlegen, was daraus
entstehen würde. Ich wollte mich einmal dem Fatum ganz und gar in die Hände
geben.«
    »Ich muss umkehren,« sagte Johanna und klappte ihren Schirm zu, »ich muss
einen Wagen nehmen. Wo sind wir denn?«
    »Ansbacher Strasse, Ecke Augsburger Strasse. Im dritten Hause dort, dritten
Stock, wohne ich. Kommen Sie für eine Stunde zu mir. Lassen Sie es ein Zeichen
sein, dass ich ein gleichgestellter Mensch in Ihren Augen bin. Sie können sich
nicht vorstellen, was für mich davon abhängt. Es ist ein greulich ödes Loch,
aber wenn Sie die Schwelle überschreiten, wird es für mich fortan ein Raum sein,
in dem man atmen kann. Zu betteln ist meine Art sonst nicht; diesmal bettle ich.
Der Argwohn, den Sie hegen, ist begründet: ja, ich habe es planmässig betrieben,
Sie so weit zu bringen; es war meine geheime Absicht, aber nicht erst seit
heute, sondern seit Wochen, ich weiss gar nicht mehr, seit wie lange. Jedes
andere Misstrauen weise ich zurück.«
    Er stammelte die Worte und zerhackte sie. Johanna sah hilflos zu Boden. Sie
war zu schwach, der leidenschaftlichen Beredsamkeit des Menschen zu widerstehen,
so abstossend und beängstigend diese auch auf sie wirkte. Zudem lag eine
gruselige Verlockung darin, sich vorzuwagen, ins Feuer zu langen, den Brand zu
schüren, sich in Gefahr zu stürzen und zuzusehen, was geschah. Das Leben war so
leer; man musste etwas zu naschen, etwas zu erwarten, etwas zu fürchten haben.
Näher an die Abgründe heran, die bittern Dünste schmecken, nur über die letzten
Schranken nicht hinaus. Einstweilen Zeit zu gewinnen, war geboten. »Nicht
heute,« sagte sie mit verschleiertem Ausdruck, »ein andermal. Nächste Woche.
Nein, drängen Sie mich nicht. Vielleicht Ende dieser Woche. Vielleicht Freitag.
Wozu es soll, ist mir zwar unklar, aber es mag sein, Freitag will ich kommen.«
    »Abgemacht also; Freitag um die gleiche Stunde.« Er forderte ihre Hand; sie
reichte sie zaghaft, fühlte sie voll Widerwillen umschlossen. Ihr Blick aber war
fest, beinahe herausfordernd.
 
                                       4
Als Christian eintrat, stand Frau Richberta säulenhaft in der Mitte des Zimmers.
Ihre Arme waren unterhalb der Brust leicht verschränkt. Es ging eine Welle von
Blässe über sie, die sie spürte wie etwas Nasses. Christian näherte sich ihr,
sie wandte das Gesicht und schaute aus den Augenwinkeln zu ihm, versuchte zu
sprechen, doch kamen ihre Lippen bloss zu nervösem Zucken. Christian verlor die
Unbefangenheit, die aus seinem Nichtdenken stammte; was ihn hergeführt, erschien
ihm auf einmal ungeheuerlich. Stumm blieb er stehen.
    »Wirst du längere Zeit hier bleiben?« fragte Frau Richberta mit einer rauhen
Kehlstimme; »ich denke doch. Ich habe dein Zimmer richten lassen. Du findest
alles in bester Ordnung vor. Dass du die Nacht in einem Hotel verbracht hast, war
eine übertriebene Rücksicht von dir. Kennst du deine Mutter nicht gut genug, um
zu wissen, dass das Haus immer bereit ist, dich zu empfangen?«
    »Es tut mir leid, Mutter,« antwortete Christian, »aber mein Aufentalt ist
nur nach Stunden bemessen. Ich kann und darf nicht bleiben. Ich muss mit dem
Fünfuhrzug wieder nach Berlin zurück. Es tut mir leid.«
    Jetzt drehte Frau Wahnschaffe das Gesicht Christian zu, mit solcher
Langsamkeit, dass die Bewegung marionettenhaft wirkte. »Es tut dir leid; sieh
da,« murmelte sie, »ich hätte kaum so viel erwartet. Aber alles ist gerichtet,
Christian; dein Bett, die Schränke, alles ist instand. Du warst ja lange nicht
da. Ich habe dich lange nicht gesehen. Lass mich nachdenken: andertalb Jahre
wenigstens. Pastor Werner hat mir von dir erzählt. Ich goutierte es nicht. Er
war zwei-, dreimal bei mir; ich konnte seine Berichte immer nur in kleinen Dosen
anhören. Ich glaubte, der Mann habe Halluzinationen gehabt. dabei drückte er
sich immer sehr vorsichtig aus. Ich sagte: Unsinn, Herr Pastor, so etwas tut man
doch nicht. Du weisst ja, Christian, in gewissen Dingen bin ich begriffsstutzig.
Nun, wie siehst du aus, mein Sohn ...? Du bist verändert. Kleidest du dich jetzt
anders, sag mal? Warum kleidest du dich denn anders als früher? Sonderbar.
Verkehrst du denn nicht mehr in guter Gesellschaft? Und was da der Pastor
gefabelt hat von freiwilliger Armut, von Entbehrungen, die du auf dich nehmen
willst, von ... mein Gott, ich weiss nicht mehr wovon noch, sag mal, hat das
wirklich einen ernsten Hintergrund? Ich verstehe es nämlich nicht.«
    Christian sagte: »Möchtest du dich nicht ein wenig zu mir setzen, Mutter? Du
stehst so da, man kann dabei nicht ordentlich sprechen.«
    »Gut, Christian, setzen wir uns und sprich. Es ist nett von dir, dass du es
so sagst.«
    Sie nahmen auf dem Sofa nebeneinander Platz, und Christian fuhr fort: »Ich
bin zweifellos in deiner Schuld, Mutter. Ich hätte nicht warten sollen, bis du
durch Fremde erfährst, was ich beschlossen und getan habe. Ich sehe jetzt, dass
das unsre Verständigung erschwert. Es ist so unangenehm und umständlich, über
sich selbst zu reden; doch muss es vielleicht sein, denn was die andern Leute
erzählen, ist meistens grundfalsch. Ich dachte manchmal daran, dir zu schreiben;
es ging nicht; schon im Gedanken an das Schreiben wurde jedes Wort schief und
unwahr. Ganz ohne Anlass herzukommen und Erklärungen zu geben, fühlte ich kein
Bedürfnis. Es schien mir, es müsste so viel Vertrauen vorrätig sein, dass ich mich
und meine Handlungsweise nicht ausführlich zu rechtfertigen brauchte. Besser,
dachte ich mir, ist Bruch und Loslösung, weil nicht gesprochen wurde, als
unzeitiges Beschwatzen und dann doch Bruch und Loslösung, weil man nicht
verstanden worden und zu viel Überflüssiges gesagt worden ist.«
    »Du sprichst von Bruch und Loslösung,« erwiderte Frau Wahnschaffe
starrblickend, »sprichst so, als drohte sie erst; seelenruhig, als wärs eine
Strafe für Kinder und du längst damit im klaren. Gut, Christian, gut, Bruch und
Loslösung möge sein, du wirst mich zu stolz finden, deinen Sinn und Entschluss zu
beeinflussen; ich bin die Mutter nicht, die von ihrem Sohn Anhänglichkeit als
Almosen nimmt, die Frau nicht, die in deine Welt greifen will, und der Mensch
nicht, der um ein verweigertes Recht prozessiert. Was mir zusammenbricht,
braucht dich nicht aufzuhalten, aber gib mir wenigstens ein Wort, an das ich
mich klammern kann im Alleinsein und beständigen Grübeln und Fragen. Die Luft
antwortet nicht, das eigne Hirn nicht, die Menschen nicht; erkläre du also, was
du eigentlich tust und warum du es tust. Du bist nun da, endlich da, ich kann
dich sehen und kann dich hören, erkläre also.«
    Die eintönig und hohl hingesprochene Rede berührte Christian stark, minder
durch das Ausgedrückte als durch Haltung und Gebärde der Mutter, den strengen,
verlorenen Blick, durch das, was an Gram zu spüren war und an Kälte vorgetäuscht
wurde. Das traf ihn und riss Verschlossenes auf. Er sagte: »Mutter, es ist nicht
leicht, das Leben zu erklären, das man lebt, und die Ereignisse, die ihre
Notwendigkeit von unbestimmter Zeit her in sich tragen. Wenn ich die ganze
Vergangenheit durchsuche, kann ich doch nicht sagen, wo es begonnen hat, wann
und womit. Wen das Licht blendet, der will an einen Ort, wo es dunkel ist; wer
übersättigt ist, dem ekelt vor der Speise; wer sich nie an eine Sache hingegeben
hat, der fühlt sich beschämt und möchte sich bewähren. Aber das erklärt das
Wesentliche nicht. Sieh mal, Mutter: die Welt, wie ich sie nach und nach
kennengelernt habe, ich meine die von Menschen stammenden Einrichtungen, darin
liegt ein grosses, dem gewöhnlichen Gedankengang unfassbares Unrecht. Worin
eigentlich dieses Unrecht besteht, kann ich nicht formulieren. Kein Mensch kann
es einem sagen, nicht der glückliche, nicht der elende, nicht der gelehrte,
nicht der simple. Es ist einfach da, und man begegnet ihm auf Schritt und Tritt.
Es hilft nichts, darüber nachzudenken; man muss, wie ein Schwimmer, der seine
Kleider von sich wirft, ins Element hinein und muss hinuntertauchen bis auf den
untersten Grund, um zu erforschen, wo die Wurzel und der Ursprung ist. Danach
kann einen eine Sehnsucht ergreifen, die alle andern Interessen und Bestrebungen
verdrängt und einen nicht mehr los lässt. Es ist ein Gefühl, das ich dir nicht
schildern kann, Mutter, auch nicht, wenn ich von jetzt bis in die Nacht zu dir
reden würde. Es geht durch und durch, durch den ganzen Menschen, durch die ganze
Existenz, und will man sich ihm entziehen, so wird es nur um so heftiger.«
    Er erhob sich unter dem Druck einer neuartigen Erregung, die sich seiner
bemächtigte, und fuhr etwas raschersprechend fort: »Nicht im Unterschied von arm
und reich besteht das Unrecht. Nicht in der Willkür hier, im Erleiden dort.
Nicht in dem. Sieh mal, wir alle sind in der Anschauung aufgewachsen, dass das
Verbrechen seine Sühne findet, dass auf Schuld Strafe folgt, dass jede Tat ihren
Lohn bereits in sich trägt, mit einem Wort, dass eine Gerechtigkeit vorhanden
ist, die, wenn nicht vor unsern Augen, so doch über unsern Köpfen alles
ausgleicht, ordnet und vergilt. Das aber ist nicht wahr. Ich glaube nicht an
Gerechtigkeit. Es gibt keine Gerechtigkeit. Es ist nicht möglich, dass es eine
gibt, sonst wäre das Leben, das die Menschen führen, nicht so wie es ist. Und
wenn es nun keine Gerechtigkeit gibt, von der die Menschen gewohnt sind zu
sprechen und auf die sie sich verlassen, wenn unter ihnen ein Unrecht geschieht,
so muss im Leben der Menschen selbst die Quelle des Unrechts verborgen sein, und
man muss ausfindig machen können, wo sie steckt. Man kann es aber nicht ausfindig
machen von aussen; man muss innen sein, innen und drunten. Siehst du, das ist es.
Jetzt begreifst du vielleicht.«
    Ein unermessliches Erstaunen malte sich in den Zügen der Frau. Sie hatte
dergleichen nie vernommen, noch war sie darauf gefasst gewesen, es je zu
vernehmen, am wenigsten von ihm, dem Schönen, Festtäglichen, aller Niedrigkeit
Entrückten, als der er noch immer durch ihre abgekehrten Vorstellungen wandelte.
Sie wollte antworten, ja glaubte schon zu antworten: Deines Amtes ist so etwas
zuletzt, denn dafür bist du nicht geboren und kannst du nicht sein. Schon hatten
die verzweifelten Worte ihr Gesicht mit Verzweiflung überdüstert, da sah sie ihn
an und sah, dass er wohl entrückt war, aber nicht der Sphäre, die sie hasste, mied
und für ihn fürchtete, sondern ihr, ihr selbst, ihrer Welt, seiner Welt, sich
selbst. Sie sah einen fast Unbekannten in einem geistergleichen Schimmer; Ahnung
umzuckte ihre gefrorene Seele; die Sehnsucht, von der er gesprochen, obschon ihr
sogar im Worte fremd, war in der Ahnung drinnen; Angst vor völliger Einbusse
seiner Liebe liess Jahre hinter ihr als versäumte Jahre erscheinen; scheu sagte
sie: »Du hast angedeutet, ein besonderer Anlass habe dich hergeführt; was ist es
denn?«
    Christian setzte sich wieder. »Es ist etwas sehr Heikles,« entgegnete er.
»Ich habe die Reise angetreten, ohne mir Rechenschaft zu geben, wie heikel es
ist. Erst jetzt wird es mir bewusst. Deine Perlenschnur ist die Ursache, weshalb
ich komme. Das Weib, das ich zu mir genommen habe, Karen Engelschall, du weisst
ja von ihr, wünscht sich deine Perlenschnur, Mutter. Und ich, ich habe
versprochen, sie ihr zu bringen. Eines ist so seltsam wie das andre. Wenn man es
so rundweg sagt, klingt es wie Sinnesverwirrung.« Er lächelte; er lachte; doch
sein Gesicht war bleich geworden.
    Frau Wahnschaffe sprach nur seinen Namen aus: »Christian.« Sonst nichts;
leise, gedehnt, tonlos, mit lang hingezischtem S.
    Christian fuhr fort: »Ich sagte, ich hätte sie zu mir genommen ... das ist
aber nicht die richtige Bezeichnung. Es war ja geradezu ein kritischer Moment
für mich, als ich sie fand. Viele haben sich gewundert, dass ich ihr nicht eine
angenehme, luxuriöse Existenz geschaffen habe, als es noch in meiner Macht
stand. Aber damit hätte ich nichts erreicht. Ich hätte den Zweck ganz und gar
verfehlt. Und sie selbst war ja weit entfernt davon, es zu verlangen. Wären ihre
Angehörigen nicht, die sie beständig hetzen und aufstacheln, so würde sie sich
ganz zufrieden fühlen. Man schwatzt ihr zu viel vor. Natürlich versteht sie
nicht, was ich will; oft betrachtet sie mich wie einen Feind; soll man darüber
erstaunen, nach einem solchen Leben? Mutter, du kannst mir getrost glauben, wenn
ich dir versichere, ein solches Leben kann durch alle Perlen der Welt nicht
vergessen gemacht werden.«
    Er sprach unzusammenhängend und äusserst nervös; die Finger spielten
umeinander, die Stirne faltete, entfaltete sich, das Gesagte und zu Sagende
peinigte ihn, der eben erst gewonnene Eindruck in das Ungeheuerliche seines
Begehrens, die eben erst emporgetauchte Möglichkeit, dass er damit abgewiesen
werden könne, jagte ihm das Blut zum Herzen. Da Frau Richberta laut- und
regungslos blieb und ein greisenhafter Verfall ihrer Züge im Lauf von wenigen
Minuten vor sich ging, trieb ihn der Schrecken wieder zu Worten. »Eine
Ausgestossene, eine Verachtete, das ist sie freilich, oder war es vielmehr, aber
darüber zu rechten, ist nicht erlaubt. Durch Zufall ist ihr dein Bild mit der
Perlenkette in die Hand gekommen. Vielleicht war ihr, als stündest du in Person
vor ihr, und da empfand sie, was Ausgestossensein und Verachtetsein ist. Du und
sie: das durfte vielleicht nicht sein. Und die Perlen an dir, die konnten in
ihren Augen alles ausgleichen, das packte sie wie Wahnsinn. Übrigens will sie
die Kette nicht behalten, und ich würde auch nicht zugeben, dass sie sie behält.
Ich bürge dafür, insofern dir eine Bürgschaft ohne andere Unterlagen als mein
Wort etwas gilt. Ich liefere dir die Perlen wieder ab, und du magst selbst die
Frist bestimmen, nach der es zu geschehen hat. Nur darfst du mich in dieser
Verlegenheit nicht im Stich lassen.«
    »Du törichter Sohn,« sagte Frau Wahnschaffe tiefaufatmend.
    Christian schaute zu Boden.
    »Du törichter Sohn,« sagte Frau Richberta abermals, und ihre Lippen bebten.
    »Warum sagst du das?« flüsterte Christian betroffen.
    Frau Richberta erhob sich und winkte ihm mit matter Geste; er folgte ihr in
das Schlafgemach. Sie nahm aus einer Schatulle einen Schlüssel und öffnete damit
die wuchtige Stahltür des in die Mauer gebauten Tresors. Er entielt ihren
Juwelenschatz: Diademe, Agraffen, Armbänder, Broschen, Spangen, Ringe, Nadeln
und Edelsteingehänge. Sie griff nach der Perlenkette, und als sie sie in der
Hand hielt, schleifte das untere Ende der Schnur den Boden. Die Perlen waren von
beinahe vollkommener Gleichmässigkeit und seltener Grösse. Frau Richberta sagte:
»Diese Perlen, Christian, sind für mich mehr gewesen, als gewöhnlich Schmuck für
eine Frau ist. Dein Vater hat sie mir nach deiner Geburt geschenkt. Ich trug sie
stets im Gefühl eines Dankes, der sich um dich bewegte. Ich schäme mich nicht,
es zu gestehen. Innerhalb des Ringes, auf den sie gereiht sind, standen nur wir
beide, du und ich. Seitdem du so wunderliche Wege gingst, habe ich sie nicht
mehr berührt und angeschaut; ich glaube, sie sind krank geworden; sie sind so
gelb, und einige haben keinen Glanz. Dachtest du im Ernst, ich könnte dir etwas
verweigern, worum du bittest, sei es, was es sei? Es ist wahr, deine Wege sind
allzu wunderlich für mich. Das Hirn verschwimmt mir zu Nebel, wenn ichs fassen
will; ich bin wie blind und lahm. Heute hat eine Stimme für dich gesprochen; ich
will sie nicht verlieren; sonst klagten sie nur. In mir schaudert alles, doch
fang ich wieder an, dich zu sehen. Wenn du bittest, muss ich geben, und du musst
es wissen und weisst es auch; wüsstest dus nicht, wärst du nicht gekommen. So
nimm.« Sie wandte sich ab, und während sich ihr Gesicht krampfhaft zusammenzog,
reichte sie ihm mit ausgestrecktem Arm die Perlenkette. »Dein Vater darf es nie
erfahren,« murmelte sie. »Wenn du die Perlen wiederbringen willst, dann bring
sie womöglich selber; für wen sie bestimmt sind, will ich nicht denken, tu mit
ihnen, als wären sie dein Eigentum.«
    Eigentum; Christian lauschte dem Wort nach; es drang nicht in ihn ein, es
fiel vor ihm nieder und versank wie ein Stein im Wasser. Es hatte seinen Sinn
für ihn verloren. Auch schaute er die Perlen an, als ob sie Spielzeug seien;
gleichgültig; verwundert, dass er sich deswegen so bemüht, so viel deswegen hatte
reden müssen. Ihre Kostbarkeit, der Millionenwert, war ihm kein Bewusstsein mehr,
sondern nur Erinnerung an Gehörtes. Darum empfand er den Besitz oder die
Überlassung nicht als Bürde; die Art, wie er die Kette in eine Schachtel
verpackte, die Frau Richberta hervorgesucht, hatte etwas zerstreut
Geschäftsmässiges und sein Dank eine Förmlichkeit, die das Vergessen aller
Hindernisse bewies, die er am Anfang aufgetürmt gesehen.
    Er blieb noch eine Stunde bei der Mutter, sprach aber nur wenig, und die
Umgebung, die Zimmer mit ihrem Reichtum, die Luft des Hauses, die Stille, die
Feierlichkeit, die Trägheit, die Leerheit und Entlegenheit, all das schien ihn
zu beunruhigen. Frau Richberta merkte es nicht; sie redete, schwieg, redete,
schwieg, und in ihren Augen irrte die Angst vor der vergehenden Zeit; als
Christian aufstand, um sich zu verabschieden, wurde ihr Gesicht fahl, nur mit
höchster Anstrengung beherrschte sie sich; dann aber, allein, griff sie nach
einem Halt, umklammerte eine der geschnitzten Säulen an ihrem Bett, tat einen
Schrei - und plötzlich lächelte sie.
    Es konnte ein Wahn sein, der das Lächeln erzeugte, es konnte eine mit
Blitzgewalt aufgeflammte Erkenntnis sein.
 
                                       5
Nach seiner Rückkehr aus Afrika war Felix Imhof ein nahezu ruinierter Mann.
Missglückte Minenspekulationen hatten den grössten Teil seines Vermögens
verschlungen. Doch seiner Haltung tat dies keine Einbusse.
    Steter Aufentalt in Luft und Sonne hatte ihm die Haut schwärzlich gebräunt.
Seine Freunde aus der Boheme nannten ihn den Abessinierfürsten. Er war noch
hagerer geworden, seine Augen quollen noch gieriger aus den Höhlen, sein Lachen
und Reden war noch lärmender, sein Lebenstempo noch überstürzter. Fragte man ihn
nach seinem Befinden, so antwortete er: »Für zwei Jahre habe ich noch Puste,
dann heissts: Zieh Kitt, Junge.«
    Er hatte eine Wohnung in München und eine in Berlin, aber seine verwickelten
und zahlreichen Geschäfte führten ihn jede Woche in eine andre Stadt.
    Politische Freunde beredeten ihn, sich an der Gründung einer grossen
linksliberalen Zeitung zu beteiligen. Er sagte zu. Das Schlagwort vom Teater
der Massen tauchte auf; er setzte einen Ehrgeiz darein, unter denen genannt zu
werden, die für die neue Heilsidee wirkten. In dem von ihm finanzierten Verlag
veranstaltete er eine Ausgabe klassischer Dichter und Schriftsteller, die durch
erlesene Wahl und geschmackvollen Prunk Epoche machte. Er erhielt täglich
zwanzig bis dreissig Telegramme, verschickte fünfzig bis sechzig, beschäftigte
drei Schreibmaschinendamen und litt darunter, dass man das Telephon entbehren
musste, während man im Auto oder im Schnellzug sass. Er entdeckte die Eignung
eines verschollenen Quattrocentisten für den modernen Kunstmarkt und trieb mit
Hilfe literarischer Reklame die Preise für die früher wenig beachteten Bilder zu
schwindelhafter Höhe. Bei einer Emission amerikanischer Werte gewann er
viermalhunderttausend Mark; gleich hernach verlor er doppelt so viel bei einem
Einkauf rumänischen Holzes.
    Im Dampfbad entwarf er die Skizze zu einem komischen Heldengedicht; nachts
zwischen drei und fünf diktierte er abwechselnd die Übersetzung eines Romans von
Lesage und einen nationalökonomischen Essay; er unterhielt einen schriftlichen
Meinungsaustausch mit dem Haupt einer teosophischen Vereinigung, zechte wie ein
Korpsstudent, gab Geld mit vollen Händen aus, unterstützte junge Talente, war
beständig auf der Fährte nach neuen Erfindungen und machte förmlich Jagd auf
Leute, die mit dergleichen umgingen, Ingenieure, Luftschiffer, Chemiker. Eines
seiner kühnsten Projekte war die Fundierung einer Aktiengesellschaft, die die
verborgenen Kohlenlager der Antarktis ausbeuten sollte. Den Zweiflern
versicherte er, dass es sich dabei um Milliardengewinn handle und die
Schwierigkeiten belanglos seien.
    Eines Tages lernte er einen Techniker namens Schlehdorn kennen, ein nicht
ganz vertrauenswürdiges Individuum, dessen Herabgekommenheit er gutmütig
übersah. Wie beiläufig erwähnte der Mann des Übelstands, unter welchem die
deutsche Schiffahrt leide, indem alle Gläser für die Fensterverschalungen aus
Belgien und Frankreich bezogen werden müssten, da das Verfahren zu ihrer
Herstellung streng bewahrtes Geheimnis einiger dortiger Fabriken sei. Wem es
gelinge, es sich zu verschaffen, der sei für sein Leben geborgen. Imhof
schnappte nach dem Köder. Er liess sich von dem Mann über die Wege und
Möglichkeiten unterrichten, vereinbarte eine Chiffernschrift für Depeschen mit
ihm und gab reichlich Geld. Die Telegramme lauteten hoffnungsvoll; allerdings
verlangte Schlehdorn immer grössere Beträge; er erklärte es mit der
Notwendigkeit, Personen von Einfluss bestechen zu müssen; doch Imhof entielt
sich des Argwohns; er wollte sehen, wohin das Unternehmen führte. Da bekam er
ein Telegramm Schlehdorns, worin er aufgefordert wurde, sofort mit
fünfzigtausend Franken nach Andenne zu kommen, das Geschäft sei so gut wie
perfekt. Er steckte fünfzigtausend Franken und seinen Revolver zu sich und
reiste. Schlehdorn erwartete ihn, es war spät abends, und geleitete ihn in ein
verdächtig aussehendes Gastaus. Das Zimmer lag am Ende eines langen Flurs, und
als er es betrat, wusste Imhof, woran er war. Er hatte sich noch nicht recht
darin umgesehen, als zwei elegant gekleidete Herren mit Aktentaschen erschienen.
Man setzte sich um den runden Tisch; Schlehdorn legte Papiere vor sich hin und
blickte einen seiner Komplizen bedeutend an, der gerade die Aktentasche öffnen
wollte, als Imhof aufsprang, sich mit dem Rücken gegen die Wand stellte, seinen
Revolver zog und kaltblütig sagte: »Meine Herren, geben Sie sich keine Mühe; der
Kaufschilling erliegt bei meinem Brüsseler Bankier, das Manöver ist zu simpel,
das Lokal zu verräterisch. Keine Hand rührt sich! Sonst können Sie sich morgen
beim Schneider das Loch im Anzug flicken lassen.« Diese Entschlossenheit rettete
ihn. Die drei Burschen sahen eingeschüchtert zu, wie er nach seinem Reisekoffer
griff und sich entfernte. Natürlich suchten sie dann auch ihrerseits mit grosser
Schnelligkeit das Weite.
    Dieses Erlebnis, das er scherzhaft einen Ausflug in die Kolportage nannte,
übte eine lähmende Nachwirkung auf Imhof. Durch einen für seine inneren
Spannungen geringfügigen Anlass wurden Erscheinungen von Überdruss und Müdigkeit
ausgelöst, die sich häuften und in der Folge bemerkbar wurden. Sein Zynismus
steigerte sich zur Wildheit, um plötzlich ins Sentimentale umzubrechen. »Gebt
mir ein Gärtchen, zwei Stübchen, einen Hund und eine Kuh, und ich pfeife auf die
grosse Hure Babylon,« perorierte er verlogen. Eine heftige Krankheit warf ihn
nieder; teatralisch traf er letzte Verfügungen, rief Freunde herbei zu letzten
Gesprächen. Als er genesen war, gab er ein Fest, von dem drei Wochen lang ganz
München sprach und das ihn sechzigtausend Mark kostete.
    Bei diesem Fest lernte er Sybil Scharnitzer kennen und verliebte sich in
sie. Es war wie eine Explosion. Er gebärdete sich wie ein Verrückter; er sagte,
für dieses Frauenzimmer sei er zu jedem Verbrechen fähig. Man fragte Sybil, wie
er ihr gefalle; lakonisch antwortete sie: »I don't like niggers.«
    Das Wort wurde ihm hinterbracht, dreimal; von dreien, die es gehört. Der
Stachel fuhr tief. In der Nacht stellte er sich vor den Spiegel, lachte bitter
und zerschlug das Glas mit der Faust, die dann blutete.
    Sybils Bild verfolgte ihn. Er ging überall hin, wo er sicher war, sie zu
treffen. In des Mädchens Gegenwart wurde er zum Knaben, verlor die Sprache,
errötete, erblasste, machte sich zum Gespött der Zeugen. Eines Abends wagte er
es, in scheuester Art von seinem Gefühl zu ihr zu reden. Sie sah ihn kalt an.
Der Blick sagte: I don't like niggers. Hart, selbstisch, verbohrt, amerikanisch.
    I don't like niggers. Das Wort wurde seine Erinnye. Als er vier Wochen
später in Geschäften nach Paris fuhr, sah er in einem Kabarett eine junge
Negerin, die einen Schlangentanz vorführte. Es reizte ihn rachsüchtig, sich ihr
zu nähern. Galt die Rache nicht dem unempfindlichen Wesen, das ihn ohne Gnade
zurückgestossen, so richtete sie sich gegen ihn selbst. Es war die trotzige Wut
der Lüste. Er prahlte mit der Beziehung zu der Schwarzen, zeigte sich öffentlich
mit ihr. Was ihn dann weitertrieb, von Ausschweifung zu Ausschweifung, war die
Angst vor dem leeren Raum, der Übergriff an der Grenze, wo die innerste Natur
Schicksalserfüllung verlangt.
    Und das Schicksal erfüllte sich.
 
                                       6
»Du lügst ja!« schrie Karen auf, als ihr Christian die Kassette reichte. Er
hatte nicht einmal gesprochen, aber seine Gebärde verhiess das Unglaubwürdigste.
Darum schrie sie, um sich vor verfrühter Freude zu wahren: »Du lügst ja!«
    Unbeschreibliche Gier, mit der sie das Schloss öffnete, den Deckel hob! Unter
ihrer Haut flüchtete das Blut. In der Kehle würgte es. Da lagen die Perlen, da
strahlten sie milchig, mit lila und rosigen Tinten. »Die Tür zu, sperr die Tür
zu,« fauchte sie, kam seiner Langsamkeit zuvor, stürzte hin, einen Stuhl
umstossend, und drehte den Schlüssel zweimal. Dann stand sie und presste die Hände
an den Kopf. Dann eilte sie wieder zur Kassette.
    Schüchtern befühlte sie die Perlen mit den Fingerspitzen. Ein doppelter
Schrecken: erstens waren sie warm wie lebendes Fleisch; zweitens wollte ihr
dünken, dass der Griff trotz ihrer Zaghaftigkeit zu grob gewesen sei. Sie heftete
auf Christian einen Blick, ängstlich wie das Flattern eines flugkranken Vogels.
Plötzlich packte sie mit beiden Händen brutal seine Linke, riss sie zu sich,
beugte sich nieder und drückte ihren Mund darauf.
    »Lass das, Karen,« stotterte Christian betroffen, konnte aber seine Hand aus
der eisernen Umklammerung nicht lösen. Länger denn eine Minute blieb sie so,
gebückt, mit gebogenen Knien, über seine Hand hingeworfen, und unter dem grauen
Stoff sah er ihren Rücken zittern. »Sei vernünftig, Karen,« redete er ihr zu,
und redete sich selber zu, dass es keine Erschütterung sei, die sich seiner
bemächtigte, keine Tiefe einer Seele, in die er schaute; »was tust du, Karen?
Lass das doch!«
    Sie liess ihn, und er ging. Hinter ihm schloss sie wieder die Tür.
Sonderbarerweise entledigte sie sich nun der Schuhe und näherte sich auf
Strümpfen dem Schatz in der Kassette. Ohne den Augenschein wagte sie noch immer
nicht zu glauben. Es waren furchtsam aneinandergesetzte Gebärden, mit denen sie
die Schnur aus dem Behältnis nahm. Bei jedem Klirren seufzte sie und sah sich
um. Die unerwartete Länge der Kette erregte ihre Bestürzung, ebenso wie die
unerwartete Schwere. Zärtlich liess sie sie auf den Boden niedergleiten, folgte
mit den Knien, mit dem Rumpf, mit dem ganzen Körper, lag zuletzt bäuchlings, mit
Lippen, Atem und Auge dem glitzernd Herrlichen so nah wie möglich. Zählte;
zählte wieder; irrte sich; einmal zählte sie hundertdreiunddreissig, das andere
Mal hundertsiebenunddreissig; verzichtete auf das Zählen; besah einzelne Kugeln;
behauchte sie; befeuchtete den Zeigefinger und tastete; horchte auf ein Geräusch
im Flur; vertiefte sich wieder grenzenlos ins Schauen; versetzte sich in Räume,
wo das zauberische Gebilde schon geleuchtet haben mochte, in Frauen, an deren
Hals es gehangen haben mochte, in Begebenheiten, in die es verstrickt gewesen
sein mochte; spürte Schauer über sich rieseln, kämpfte mit dem Gelüst, es selber
um den Hals zu tun, was wie Vermessenheit war, dann aber doch ausführbar schien;
erhob sich leise, nahm die Kette mit zwei Händen auf, schlüpfte in den weiten
Ring, reckte sich, fühlte sich verwandelt, ging auf Zehen vor den Spiegel und
spähte aus Spalten zwischen den Lidern: es war! es war da! sie und es zugleich!
wie die Frau auf dem Bild! Perlen hingen um sie herum, Perlen!
    So war der Abend, so war die Nacht. Kein Schlaf. Die Perlen im Bett, neben
ihr, dicht an der Brust, warm an der Haut. Fühlen, immer wieder fühlen, dass sie
da waren; auf Stimmen im Haus lauschen, die wie Drohung von Raub beunruhigten;
Licht anzünden und sehen; schon hatten einzelne Perlen Gesichter, hatten Münder,
die erzählten, unterschieden sich von andern durch blassere Färbung oder
leiseres Karmin, gaben sich vertrauter oder fremder; aber alle zusammen waren
das schimmernde Wunder, das neue Leben.
    So war auch der Tag und so die andere Nacht. Dass Krankheit im Körper wühlte,
wusste sie; sie hatte den Ausbruch erwartet, doch war es kein tobendes
Hervorbrechen, sondern ein tückisches Glimmen; langsam wurde Teil um Teil
erfasst, und die freie Beweglichkeit war zu Ende. Sie wusste auch, dass es keine
gewöhnliche Krankheit war, von der man sich nach ein paar Tagen erholt; sie
empfand es als einen Prozess von Reife, der zum Fall der Frucht führt,
Zusammenschluss feindlicher Kräfte, die vorher zerstreut und in verschiedenen
Zeiten gewütet hatten. Das gelebte Leben brachte die Rechnung zum Vorschein, das
war es; ein Arzt im Hamburger Spital hatte es ihr vor Monaten prophezeit. Nun
war es an dem. Sie machte nicht viel Aufhebens von ihrem Zustand, blieb einfach
im Bette liegen; Schmerzen hatte sie nicht, Fieber nur wenig.
    Das Liegen machte sie nicht ungeduldig; sie war froh über den Zwang. Eine
bessere Manier, die Perlen zu bewachen und zu hüten gab es nicht. Da konnte
kommen, wer wollte, sie hatte ihren Schatz am Leibe, an der Brust oder im Schoss,
war seiner sicher in jeder Minute, mit jeder Regung, und niemand merkte etwas
davon. Sie malte sich aus, was sie sagen, was sie tun würden, wenn sie ihnen
zeigte, was sie heimlich besass, wenn sie einen von denen rufen würde, die
unwissend an der Tür draussen vorübergingen, Stiege hinauf, Stiege hinunter, oder
einen von der Strasse, vom Wirtshaus, von der Destille, einen Kerl, der sich die
ganze Woche lang schinden musste, ein Weib, das sich für drei Mark verkaufte,
oder eines, das sieben Kinder zu füttern hatte. Sie blickte in verschwiegenem
Triumph durch das Fenster über die Fensterreihen jenseits der Strasse; da hausten
lauter solche, die das Elend drosselte und in denen der Kummer winselte. Da
krochen sie in den Stockwerken herum wie die Ameisen, von der Kellerwohnung bis
in die Mansarde hinauf, und ahnten nichts von Karens Perlen. Karens Perlen; wie
das klang, wie das sang! was das Wort entielt, wie es blinkerte und zwinkerte!
Karens Perlen ...
    Aber die Verhehlung wurde Beschwer. Man genoss es nicht so, wie man es hätte
geniessen können, wenn noch ein Mensch daran teilgenommen hätte; zwei Augen zum
mindesten brauchte man noch ausser den eigenen. Sie dachte an Isolde Schumacher;
aber die war zu schwatzhaft und zu blöde. Sie dachte an Gisevius' Weib, dann an
die Näherin vom vierten Stock, dann an die Kammecke, die den Trödlerladen unten
hatte, dann an Amadeus Voss.
    Zuletzt verfiel sie auf Rut Hofmann, und diese dünkte ihr am
ungefährlichsten, der wollte sie die Perlen zeigen.
    Unter dem Vorwand, das Mädchen solle ihr von der Apoteke etwas mitbringen,
schickte sie zu Hofmanns hinüber, und Rut kam, um zu fragen, was sie besorgen
solle. Da wartete Karen, bis die Schirmacher das Zimmer verlassen hatte, dann
richtete sie sich im Bett auf und bedeutete dem Mädchen, es möge den Riegel an
der Tür vorschieben. Dann sagte sie: »Kommen Sie mal her,« und zog die Bettdecke
zurück, da lagen die Perlen in einem dichten Haufen auf dem Linnen. »Sehen Sie
sich das mal an,« sagte sie, »das sind echte Perlen und sind mein, aber wenn Sie
mit jemand drüber reden, dann gnade Ihnen Gott, dann sollen Sie Karen
Engelschall kennenlernen.«
    Rut staunte. Sie staunte nicht weiberhaft-begehrlich, sondern wie ein
Mensch von Phantasie über ein ausserordentliches Naturspiel. Ihr frisches Gesicht
hatte eine Gespannteit, die nur freudige Elemente entielt. »Woher haben Sie
das?« fragte sie naiv; »das ist ja wundervoll. Ich hab so was nie gesehn.
Gehören sie Ihnen, alle die Perlen? Mein Gott, davon liest man ja nur in
Tausendundeine Nacht.« Sie kniete am Bett nieder, stellte ihre Hände zu beiden
Seiten des Perlenhaufens flach auf und lächelte. Die Hängelampe brannte; in dem
ziemlich düstern Licht hatten die Perlen einen purpurn flaumigen Glanz und
schienen durch rotierendes Blut gemeinsam beseelt.
    Karen ärgerte sich, war aber fast so glücklich, wie sie sich eingebildet
hatte, in der Überraschung eines Beschauers zu sein. »Dumme Frage, ob sie mir
gehören,« zürnte sie; »meinen Sie vielleicht, ich hätt sie gestohlen? Es sind
seiner Mutter Perlen,« fügte sie geheimnisvoll hinzu, den Kopf zu Ruts Ohr
neigend, wobei sie einen Augenblick stutzte über den reinen Duft, einen Duft wie
Gras und feuchte Erde im Februar, der von dem Mädchen ausströmte; »seiner Mutter
Perlen, und mir hat er sie gebracht.« Sie wusste nicht, einen wie ergriffenen Ton
ihre Stimme hatte, als sie von Christian sprach; Rut horchte auf bei dem Ton;
allerlei Zweifeln und Raten nahm ein Ende.
    »Was fehlt Ihnen denn?« fragte sie und erhob sich.
    »Weiss nicht, was mir fehlt,« antwortete Karen, die Perlen wieder zudeckend;
»vielleicht gar nichts. Ich liege eben. Manchmal tut einem das Liegen gut.«
    »Ist denn jemand bei Ihnen in der Nacht? Es kann ja sein, dass Sie etwas
brauchen; ist da jemand bei Ihnen?«
    »Gott, ich brauche nie was,« versetzte Karen möglichst gleichgültig; »und
wenn, ich kann doch aus dem Bett steigen und mirs holen; so schlecht geht mirs
nicht, dass ich das nicht könnte.« Aus ihren Zügen verschwand das Rohe und machte
einem Ausdruck unbeholfener Verwunderung Platz, als sie hastig fortfuhr: »Er hat
mir angeboten, dass er die Nacht über in der Wohnung bleiben will. Er will auf
dem Sofa schlafen, damit ich ihn wecken kann, wenn mir nicht gut ist. Das mache
ihm gar nichts aus, sagte er, er wolle es gern tun. Er sitzt schon immer den
ganzen Abend dort am Tisch und studiert in seinen Büchern. Wozu studiert er denn
so viel? Hat er denn das nötig, so einer? Aber was sagen Sie dazu, dass er da
schlafen will und aufpassen? Ist das nicht närrisch?«
    »Gar nicht närrisch,« versetzte Rut, »das kann ich durchaus nicht finden.
Ich wollte Ihnen eigentlich dasselbe vorschlagen. Herr Christian und ich könnten
ja abwechseln. Eine Nacht er, eine Nacht ich. Ich kann ja auch dabei arbeiten.
Ich meine nur, im Fall es nötig werden sollte. Einen kranken Menschen in der
Nacht allein zu lassen, das geht nicht an.« Sie schüttelte den Kopf, und ihre
aschblonden Haare bewegten sich nach rechts und links.
    »Was ihr für komische Menschen seid,« sagte Karen und schob den gelben
Haarwust bis an die Augen herab, »wahrhaftig, komische Menschen.« Sie tat, als
suche sie etwas auf dem Bett, und ihre Augen, die sich zu blicken weigerten,
flohen in ängstlicher Eile.
    Rut beschloss, mit Christian über die Nachtwachen zu sprechen.
 
                                       7
Sie sprach mit ihm, aber Christian schlug es ihr ab. Er sagte, es bedürfe der
Nachtwachen nicht. Es widerstrebte ihm, sie mit einer solchen Aufgabe zu
betrauen. Obgleich sie ihn durch die Klarheit und Reife ihres Wesens in
Erstaunen setzte, sah er doch ein Kind in ihr, das um so mehr geschont werden
musste, als es sich selbst nicht schonte.
    Das spürte Rut; gegen jeden andern hätte sie sich aufgelehnt; ihm fügte sie
sich.
    Sie hatte viel über ihn nachgedacht. Sie war zu ganz bestimmten Schlüssen
gelangt, die nicht weit von der Wahrheit entfernt waren. Wohl hatte sie dies und
jenes reden gehört, im Hause und von Karen Engelschall, aber Augenschein und
Instinkt hatten sie besser belehrt. Was allen rätselhaft war, schien ihr
selbstverständlich. Sie wunderte sich niemals über das Seltene; sie wunderte
sich nur über das Gemeine.
    Karen hatte ihr anfangs tiefen Schrecken eingeflösst; die traurigen
Verhältnisse, in denen sie selbst seit früher Jugend gelebt, hatten sie mit
vielen hässlichen Erscheinungen der sozialen Welt fortwährend in Berührung
gebracht; ein so böses und verwildertes Weib war ihr trotzdem noch nie begegnet.
Sie musste jedesmal einen Widerstand überwinden, bevor sie ihr nahte.
    Aber es geschah, dass sie einst ins Zimmer trat, den Morgen nach der
Entbindung, bei der sie geholfen, und dass Christian da war; sie sah, wie er dem
Weibe auf einem irdenen Untersatz ein Glas Rotwein aus Bett brachte. Er lächelte
verlegen, und seine Handreichung war ziemlich ungeschickt. Da hatte sie alles
begriffen; da wusste sie, woher er kam und woher das Weib kam und was sie
zueinander geführt und warum sie beisammen waren. Dies Wissen dünkte ihr so
schön, dass sie dunkelrot wurde und schnell das Zimmer verliess, um nicht vor
Freude zu lachen oder sonst etwas Anstosserregendes zu tun.
    Seitdem betrachtete sie Karen Engelschall nicht mehr mit Scheu oder Abscheu,
sondern mit einer natürlichen, wenigstens ihr natürlichen Empfindung von
Schwesterlichkeit.
    Dann kam das mit den Perlen. Von dem Gehänge, das ihr das Weib fieberhaft
verzückt zeigte, ahnte sie den Wert bloss aus den behutsam tastenden Fingern und
dem kranken Leuchten der Augen. Sie war aber am stärksten nicht von den Perlen
betroffen, nicht von Karen, von Karens grauenvollem Glück, sondern von
Christians Handlungsweise, die sie erraten hatte.
    Eines Sonntag Abends, als Isolde Schirmacher mit einem Gesellen ihres Vaters
ausgegangen war, läutete Christian an der Hofmannschen Wohnung und bat Rut, sie
möge von der öffentlichen Sprechstelle in der Bornholmer Strasse einem Arzt
telephonieren; Karen befinde sich schlechter; ohne über Schmerzen zu klagen,
liege sie still und erschöpft. Rut eilte gleich selbst zu dem ihr bekannten
Doktor Voltolini in der Gleimstrasse und brachte ihn. Er untersuchte Karen,
machte aus seiner Unsicherheit gegenüber den Symptomen keinen Hehl und gab
einige allgemeine Ratschläge. Nachher sassen Rut und Christian am Bett. Karen
blickte mit weit offenen Augen in die Höhe. Ihr Mienenspiel veränderte sich
beständig. Ihr Atem ging regelmässig, aber hastig. Bisweilen seufzte sie.
Bisweilen huschte ein schneller Blick in die Richtung, wo Christian sass, über
ihn hinweg, an ihm vorbei. Ein paarmal starrte sie Rut durchdringend an.
    Am andern Tag kam Christian zu Rut. Sie war allein. Sie war meist allein.
Mit der Feder in der Hand öffnete sie die Zimmertür, die verriegelt war, da sie
unmittelbar ins Treppenhaus führte. Ihr Blick war in einer anziehenden,
geistigen Art verwirrt, doch auf Christians Frage, ob er störe, erwiderte sie
mit einem Nein von beruhigender Entschiedenheit.
    Er bot ihr die Hand; sie gab die ihre mit einem leichten Schwung, jungenhaft
frisch.
    Sie war gesprächig. Es war alles flink an ihr: Gang, Auge, Sprache,
Entschluss und Tat.
    »Ich muss sehen, wie Sie hausen,« erklärte sie und kam an einem der nächsten
Vormittage zu ihm ins Quergebäude; ein bisschen atemlos, denn sie war nach ihrer
Gewohnheit die Treppen herabgerannt, immer zwei Stufen auf einmal. Ungeniert
musterte sie den Raum, verbarg einen tiefen Ernst hinter munterer Beweglichkeit,
setzte sich harmlos auf die Tischkante, zog aus der Tasche einen Apfel und biss
hinein. Sie sagte, sie habe wegen Karen mit einer ihr bekannten Assistentin an
der Poliklinik gesprochen; sie wolle kommen und Karen untersuchen.
    Christian dankte ihr. »Ich glaube, dass da Ärzte nicht viel helfen können,«
sagte er.
    »Warum nicht?«
    »Ich kann es nicht begründen. Die Natur geht einen so logischen Weg in
allem, was Karen betrifft.«
    »Vielleicht haben Sie recht,« antwortete Rut, »aber das lässt auf wenig
Vertrauen zur ärztlichen Wissenschaft schliessen. Ist es so? Weshalb studieren
Sie dann Medizin?«
    »Reiner Zufall. Von hundert Türen ins Freie eine, auf die einer wies. Es
schien mir, man könnte da am ehesten gebraucht werden. Man hat zu tun, ein Ziel
ist gegeben. Was drum und dran hängt: - Menschen; es sind eben Menschen.«
Triftigeres, das er hätte erwidern können und in ihm wühlte, war noch nicht reif
für das Wort; darum hielt er sich im Banalen.
    »Ja, Menschen,« sagte Rut und blickte ihn forschend an. Nach einer Pause
fügte sie hinzu: »Sie müssen vieles wissen. In Ihnen muss vieles sein.«
    »Wie -? Wie meinen Sie das: vieles sein?«
    Sie war der erste Mensch, in dessen Gesellschaft er sich von dem Zwang zur
Verstellung und Vorsicht ganz frei fühlte. Da war ein reines Element,
aufgeschlossen, entusiastisch, mitlebend, mitschwingend; der Instinkt eines
jungen Tieres, das sicher schreitet. Die Lebensäusserungen waren wie Dank und von
unwiderstehlicher Intensität. Aus Steinen wuchsen ihr Seelen zu. Sie war
befreundet mit Wegen, Türen, Zäunen, Laternen, Ladenschildern. Sie vergass nicht,
Worte nicht, Bilder nicht. Die Ungeduld, Empfundenes zu sagen, der Mut zum
eigenen Herzen gab der Atmosphäre um sie einen bestimmten Charakter wie
kräftiger Pflanzengeruch.
    Erlebtes kam ihr einfach vor; es hatte sein Gesetz. Die Sterne diktierten
das Schicksal; das Blut war der Strom, in dem es rann; der Geist formte,
leuchtete, reinigte.
    Sie sprach vom Vater.
    David Hofmann, Typus des jüdischen Kleinbürgers aus dem Osten des Reichs,
war Handelsmann gewesen, hatte ein Geschäft errichtet, war zugrunde gegangen,
hatte den Wohnsitz verändert, um von vorn anzufangen, hatte durch unermüdliche
Tätigkeit ein paar tausend Mark erübrigt und sich mit einem Betrüger verbunden,
der ihn um sein Erspartes gebracht, hatte in Armut und Verschuldung abermals von
neuem begonnen. Sein Fleiss war bienenhaft, seine Geduld nicht zu erschüttern. Er
zog von Breslau nach Posen, von Posen nach Stettin, von Stettin nach Lodz, von
Lodz nach Königsberg, wanderte im Winter über Land, von Dorf zu Dorf, von
Gutshof zu Gutshof, sah die Frau hinsiechen und sterben, das jüngste Kind
hinsiechen und sterben, und setzte schliesslich die letzte Hoffnung auf die
Millionenstadt. Vor andertalb Jahren war er mit Rut und Michael nach Berlin
gekommen, und auch hier war er Tag und Nacht auf den Beinen. Mit erschöpftem
Geist und geschwächtem Körper log er sich Aufschwung und krönenden Lohn für den
Abend seines Lebens vor, aber das Gelingen blieb aus, und in den Stunden des
Überblicks meldete sich Verzweiflung.
    Sie sprach vom Bruder.
    Michael war verschlossen; ein Knabe, der nie lachte. Er hatte keinen Freund,
suchte keine Zerstreuungen, vermied die Gesellschaft von Menschen, litt an
seinem Judentum, krampfte sich zusammen unter dem Hass, dem er überall zu
begegnen wähnte, liess jeden Zuspruch an sich abprallen, fand jede Tätigkeit
zwecklos. Vormittags lag er stundenlang auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf
verschränkt, rauchte Zigaretten. Dann schlenderte er ins Kostaus, wo er mit dem
Vater zu Mittag ass, dann kehrte er heim, trieb sich im Hof und auf den Gängen
herum oder an Fabrikstoren, an Zäunen, vor den Wirtschaften, stand mit
eingedrücktem Hut und hochgezogenen Schultern beobachtend, ging wieder nach
Hause, rekelte sich auf Stühlen, brütete stumpf, rauchte, verkroch sich scheu,
wenn Rut kam und sich zur Arbeit setzte, wenn der Vater kam und über Müdigkeit
seufzte.
    Seine Augen mit ihrem wie aus Brunnen emportauchenden Blick waren
brombeerbraun, und wie bei Rut waren die Sterne gegen das Weisse ausserordentlich
scharf abgehoben.
    Rut erzählte: »Neulich kam ich gerade dazu, als ihn ein halbes Dutzend
Rangen verfolgte und ihm Jud, Jud, hepp, hepp nachschrie. Er schlich mit
gekrümmtem Rücken und gesenktem Kopf. Sein Gesicht war käseweiss. Bei jedem
Schmähwort zuckte er zusammen. Ich nahm ihn bei der Hand, er stiess mich zurück.
Abends, als der Vater darüber klagte, dass ihm ein Geschäft misslungen sei, fuhr
Michael auf und sagte: Was willst du? Was willst du denn in so einer Welt? Sie
ist ja zum Anspeien zu schlecht. Lass uns doch einfach verhungern. Wozu die ganze
Quälerei? Der Vater war bestürzt und konnte ihm nichts antworten. Der Vater
glaubt sich von Michael gehasst, weil es ihm nicht gelungen ist, uns vor der Not
zu bewahren. Es nützt nichts, es ihm auszureden, er fühlt sich schuldig, fühlt
sich schuldig vor uns, seinen Kindern, und das ist hart, härter als Not.«
    Sie hielt es für ihre Pflicht, den Wankenden, der sich mit Selbstvorwürfen
peinigte, Hoffnungen zu geben. Sie tröstete ihn durch ihre holde Heiterkeit.
Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, dass sie unscheinbar wurden, war Lust für
sie.
    Als siebenjähriges Kind hatte sie die Mutter in der Todeskrankheit gepflegt.
Sie hatte Magddienste verrichtet und am Herd gekocht, als sie noch kaum zu den
Topfdeckeln reichen konnte. Sie hatte den Bruder betreut, Botengänge getan,
Gläubiger vertröstet, von Gerichtsvollziehern den Pfändungsaufschub erwirkt,
hatte Kunden geworben, fällige Gelder einkassiert, bei jedem Domizilwechsel die
Menschen freundlich gestimmt, von denen man abhängig war, in jeder neuen Wohnung
die Ordnung hergestellt; sie hatte Wäsche ausgebessert, Kleider instand
gehalten, Sorgen verscheucht, Widrigkeiten vergessen gemacht, in trüben Stunden
Frohsinn verbreitet, und wo Bitterkeit bis an den Rand des Daseins stieg, noch
Süsses gefunden.
    Christian fragte, was sie arbeite. Sie erwiderte, sie bereite sich für die
Matura vor. Sie hatte einen Freiplatz im Gymnasium. Um den Vater zu entlasten,
dessen Verdienst täglich knapper wurde, erteilte sie Stunden. Den Abend dem Tag,
die Nacht dem Abend zuzulegen, kostete sie nicht einmal einen Entschluss. Fünf
Stunden Schlaf erfrischten und erneuerten sie vollkommen. Am Morgen bereitete
sie das Frühstück, räumte das Zimmer und die Küche auf und trat dann ihren
Pflichten- und Arbeitsweg in einem Tempo und mit einer Miene an, die glauben
machten, sie begebe sich auf eine Vergnügungsreise. Das Mittagessen hatte sie in
der Tasche. War es zu frugal, so lief sie um die Vesperzeit geschwind zu einem
Automaten.
    Eines Abends kam sie von einer Ausspeisehalle, wo sie zweimal wöchentlich
eine halbe Stunde Hilfsdienst leistete, und erzählte Christian von den Menschen,
die sie dort zu sehen gewohnt war, den Vernichteten der Grossstadt. Sie ahmte
Gesten nach, ahmte Mienen nach, gab Bruchstücke erlauschter Gespräche wieder,
malte die Gier, den Ekel, die Verachtung, die Scham; es war unerhört beobachtet.
Christian begleitete sie das nächste Mal. Er sah wenig, fast nichts. Er sah
Leute in defekten Kleidern, die eine karg bemessene Mahlzeit freudlos
hinunterschlangen, Brotrinden in die Suppen tunkten und verstohlen den letzten
leergegessenen Löffel noch einmal ableckten; hagere Gesichter, trübe Augen,
Stirnen, wie mit der hydraulischen Presse eingedrückt, und über dem Ganzen
nüchterne Ruhe wie über stillstehenden Maschinen. Er war gequält, als hätte man
ihm einen Brief in einer unbekannten Sprache gegeben, und er fing an zu
begreifen, dass er nicht sehen und fühlen konnte.
    Obgleich er sich in keiner Weise auffällig bemerkbar machte und auf den
ersten Blick nicht anders wirkte als ein beliebiger Mensch von der Strasse, ging
eine gewisse Bewegung durch den Saal, nicht länger als drei Sekunden dauernd.
Die Welle flutete auch über Rut hinweg; sie schöpfte gerade Gemüse aus einem
riesigen Kessel in hundertzwanzig in vierfachem Kreis aufgestellte Teller; sie
schaute verwundert empor; ihr Blick blieb auf dem vornehmen, fast lächerrlich
höflichen Gesicht Christians haften, und sie empfand Schrecken; mystisch
empfänglich spürte sie die Ausstrahlung einer Kraft, die ungenützt im Luftraum,
vergraben in einer Seele lag. Sie neigte das Haupt über den dampfenden Kessel,
dass die vorfallenden Haare die Wangen verdeckten, und indes sie fortfuhr, Gemüse
zu schöpfen, dachte sie an ihre Schützlinge, an die vielen, die zu einer Stunde
dieses Tages oder des nächsten oder des dritten auf sie harrten, Leidende,
Verstrickte, Niedergebrochene, denen sie etwas zu sein und zu geben glühend
bemüht war, und denen sie doch niemals sein und geben konnte, was sich ihr unter
der drei Sekunden dauernden Wellenbewegung als das wunderbar Mögliche unerwartet
offenbart hatte.
    Man müsste knien, dachte sie in einer ihr sonst fremden Überschwenglichkeit,
knien und sich tief sammeln, tief, tief versenken ...
    Die hundertzwanzig Blechteller waren gefüllt.
    Ihre Schützlinge; da gab es ein junges Mädchen in einer Blindenanstalt; dem
las sie an Sonntagabenden vor. Da gab es ein Obdachlosenasyl in der Ackerstrasse;
in diesem hielt sie Musterung unter den Verwahrlosesten und warb um Hilfe bei
Männern und Frauen, an deren Türen zu klopfen ihr für solchen Zweck erlaubt
worden war. In einer Moabiter Wärmestube hatte sie ein Weib mit einem Kind an
der Brust getroffen, beide einen Schritt vom Hungertod; sie hatte sie gerettet,
der Frau Arbeit und Unterkunft verschafft, das Kind in ein Säuglingsheim
gebracht. Sie liess sich daran nicht genügen; sie trachtete nach menschlicher
Beziehung, suchte Vertrauen zu gewinnen, besorgte Korrespondenzen, griff
vermittelnd in schwierige Lebensverhältnisse, und so hatte sie aus jenem Weib,
einer zwanzigjährigen Heimatlosen, eine ihr fanatisch ergebene Freundin gemacht.
    Sie wusste so viele Namen von Gefährdeten, so viele Häuser, wo die Not
herrschte; einmal erregten bei einer sozialdemokratischen Frauenversammlung
abseits kauernde Kinder ihr Interesse; das andre Mal kam sie in die Wohnung
eines streikenden Arbeiters; einmal war sie dabei, als man eine Selbstmörderin
aus dem Spreekanal zog und eilte zu den Angehörigen; das andre Mal war sie
zwischen einer Unterrichtsstunde und einem Gang in die Charité am verschmierten
Marmortisch eines Winkelcafés zu finden, wo sie sich mit einen relegierten
Studenten namens Jacoby verabredet hatte, der in schlechter Gesellschaft und in
Mangel zu verkommen drohte. Sie disputierte mit ihm, stritt über seinen Glauben,
seine Prinzipien, seine Freunde, überredete ihn zu neuem Mut, zu neuen
Versuchen.
    In der Parallelstrasse zur Stolpischen, Czernikauer Strasse, wohnte ein
Maschinenschlosser namens Heinzen mit seiner Familie, der durch einen
Betriebsunfall in der Fabrik beide Beine verloren und infolge des erlittenen
Nervenchoks auch eine allgemeine Lähmung zurückbehalten hatte. Er lag meist in
einem krampfähnlichen Zustand, und eines Tages hatte ein Hausgenosse, der ihn
besuchte, die Wahrnehmung gemacht, dass das Gliederreissen, von dem er geplagt
war, eine unmittelbare Linderung erfuhr, sobald ihn Heinzen an irgendeiner
Stelle seines Körpers mit der Hand anrührte. Dies hatte sich wie Lauffeuer
verbreitet; man sprach von magnetischer Wunderheilung, und es kam eine Menge
brestafter Leute, die bei Heinzen Genesung zu finden hofften. Er nahm kein
Geld; die Gläubigen, deren Zahl sich täglich vermehrte, brachten seiner Frau
Naturalien oder sonstige Geschenke.
    Rut hatte davon gehört. Sie war bei Heinzen gewesen. Erfüllt von Gesehenem,
schilderte sie Christian ihre Eindrücke in ihrer lebhaften Art.
    Christian sah sie verwundert an. »Rut, kleine Rut,« sagte er
kopfschüttelnd, »das sind so schwere Dinge. Hat man einmal angefangen, sich
damit zu beschäftigen, so reicht das Leben nicht mehr für sie. Ich dachte immer,
wenn man nur einen einzigen Menschen ganz ausschöpfte, wüsste man viel und könnte
sich zufrieden geben. Aber es ist wie das Meer. Können Sie überhaupt sein, ohne
eine Minute lang nicht daran zu denken? Und wie kommt es dann, dass Sie immer so
aufgeräumt sind? Ich versteh es nicht.«
    Mit glänzenden Augen blickte Rut vor sich hin; plötzlich erhob sie sich,
nahm vom Bücherbrett ein schmales gelbes Buch, blätterte drin und las mit
kindlicher Betonung vor: »Die Freude der Fische. Tschuang-Tse und Hui-Tse
standen auf einer Brücke, die über den Hao führt. Tschuang-Tse sagte: Sieh, wie
die Elritzen umherschnellen! Das ist die Freude der Fische. Du bist kein Fisch,
sagte Hui-Tse, wie willst du wissen, worin die Freude der Fische besteht? Ich
bin nicht wie du, bestätigte Hui-Tse, und weiss dich nicht. Aber das weiss ich,
dass du kein Fisch bist, so kannst du die Fische nicht wissen. Tschuang-Tse
antwortete: Kehren wir zu deiner Frage zurück. Du fragtest mich, wie kannst du
wissen, worin die Freude der Fische besteht? Im Grunde wusstest du, dass ich es
weiss, und fragtest doch. Gleichviel. Ich weiss es aus meiner Freude über dem
Wasser.«
    Christian dachte über das Gleichnis nach.
    »Wissen Sie es nicht auch, Sie, gerade Sie, aus Ihrer Freude über dem
Wasser?« fragte Rut, den Kopf vorbeugend, um seinen Blick zu erhaschen.
    Christian lächelte unsicher.
    »Wollen Sie nicht morgen mit mir zu Heinzens gehen?« fragte Rut.
    Er nickte und lächelte abermals; er begriff plötzlich, was für ein
Menschenwesen da neben ihm sass.
 
                                       8
Um zwei Uhr nachts erhob sich Christian vom Tisch, in Karens Stube, und klappte
seine Bücher zu. Er ging zum Sofa, um sich in Kleidern hinzulegen. Karen hatte
gegen Abend starkes Fieber bekommen. Die Ärztin, an welche Rut sich gewendet,
war mittags dagewesen. Sie hatte von Knochentuberkulose gesprochen.
    Auf einem hölzernen Sessel am Ofen lag zusammengerollt eine kleine weisse
Katze. Sie war vor wenigen Tagen zugelaufen und hatte sich heimisch gemacht, da
niemand sie vertrieb. Christian hatte von jeher einen Widerwillen gegen Katzen
gehabt, er blieb einen Augenblick stehen und besann sich, ob er sie nicht aus
dem Zimmer jagen solle. Sie betrachtend dachte er aber an andres.
    Rut, kleine Rut, ging es ihm durch den Kopf.
    Karen schlief schwer. In ihrem vom Lampenschein nicht mehr gestreiften
Gesicht waren die Muskeln straff gespannt. Ein Traum wütete hinter der
verfalteten Stirn. Im Munde sammelte sich ein furchtbarer Schrei.
    Der Traum: sie stand vor einer Scheune, die hoch oben eine Luke hatte. Ein
Mann und ein Weib waren eben dort verschwunden. Man wusste sofort, zu welchem
Zweck. Zwei Burschen standen im Dunkel, halb unsichtbar. Die Träumende spürte
erbost, dass sie lüstern waren, lüstern horchten. Sie selbst war von jenem
sinnlichen Neid und Hass gequält, mit dem man Liebesfreuden andrer beobachtet.
Das Blut kitzelte, das Herz schlug stark. Da schien die Scheune sich zu drehen,
oder man wechselte unmerkbar den Platz. Die Scheune war offen; es fehlte einfach
eine Wand. Aber nicht oben lag das Paar, wie man erwartet, sondern in der Tiefe.
Der Mann war in Kleidern und bewegte sich in der Wollust, gleichmässig wie eine
Maschine; von dem Weib sah man nur schwarze Strümpfe im Stroh. Etwas unnennbar
Ekles strömte von ihnen aus, erhitzte, süssliche Luft; die halb unsichtbaren
Burschen, vom Veitstanz ergriffen, warfen sich aufeinander. Die Träumende wurde
ihrer Grenzen beraubt; sie war nicht mehr Karen, sie war der sinnliche Dunst,
sie war das Weib unter dem Mann, sie verirrte sich ins Stroh, ins braunrote
Licht, in die schwarzen Strümpfe; sie lag da, und ihr Leib schwoll auf, schwoll
und schwoll zu einer gallertigen, graugelben Kugel, schwoll bis an das Dach der
Scheune, die Kugel wurde durchsichtig, und in ihrem Innern sah man Eidechsen,
Kröten, kleine rötliche Pferde, auf denen winzige Reiter sassen, Soldaten,
Spinnen, Würmer, ein entsetzliches Gewimmel. Die ekle Gier, von der alles
durchdrungen war, verwandelte sich in eine erstickende Qual; die Kugel
zersprang, eine Leiche flatterte umher wie verbranntes Papier, ein weisser
Schatten dehnte sich aus, Karen schrie grässlich und fuhr, erwacht, aus den Knien
empor.
    Ihre erste Bewegung war der Griff nach den Perlen.
    Christian trat an ihr Bett.
    Verstört murmelte sie: »Du bist noch da? Was tust du denn?«
    Er reichte ihr Wasser. »Mir hat geträumt,« sagte sie und nippte mit
zitternden Lippen am Glas. Schon zerfielen die Elemente des Traums und entzogen
sich dem Wort; im gleichen Mass nahm das Gefühl seiner Schrecklichkeit zu. In der
Tiefe des Bewusstseins zuckte Todesfurcht.
    »Mir hat geträumt,« wiederholte sie schlotternd. Nach einer Weile fragte
sie: »Warum bist du noch wach, so spät? Was hast du denn den ganzen Tag gemacht,
dass du in die Nacht hinein schuften musst? Warum schuftest du dich so, sag mir?«
    Er schüttelte den Kopf. Rut, kleine Rut, ging es ihm durch den Sinn. »War
nicht deine Mutter heute bei dir?« fragte er und glättete das Kissen.
    »Sag mir doch, was hast du den ganzen Tag über gemacht?« beharrte sie.
    »Vormittag war ich in der Vorlesung.« - »Und dann?«
    »Dann bin ich zu Boto Tüngen gegangen, er hatte dringend mit mir zu
sprechen.« - »Und dann?« - »Dann bin ich mit Lamprecht und Jacoby bei einer
Gerichtsverhandlung gewesen. Ein Dienstmädchen aus der Kurfürstenstrasse hat ihr
Kind nach der Geburt erdrosselt.« - »Haben sie sie eingelocht?« - »Fünf Jahre
Zuchtaus. Ich habe sie in der Zelle gesehen. Der Verteidiger hat uns zu ihr
geführt. Lamprecht hat mit ihr gesprochen. Sie war wie irrsinnig. Sie sah mich
immerfort an.« - »Und dann, wo warst du dann?« - »Dann hab ich Amadeus Voss
getroffen. Er hat mir geschrieben.« - »Hat er Geld verlangt?« - »Nein; er hat
verlangt, dass ich kommen soll, wenn Johanna Schöntag bei ihm ist.« - »Wer ist
das?« - »Eine Freundin von früher.« - »Was will sie von dir?« - »Ich weiss es
nicht.« - »Und dann?« - »Dann bin ich über Moabit und Plötzensee nach Hause
gegangen.« - »Zu Fuss? Den weiten Weg? Und dann?« - »Dann war ich ja hier.« -
»Aber nicht lange, und dann?« - »Dann war ich drüben bei Rut.« - »Was tust du
immerfort bei der Jüdin?« murmelte Karen mit finsterm Gesicht. »Gib mir deine
Hand,« stiess sie plötzlich rauh hervor, streckte ihre Rechte hin und krampfte
die Linke um die Perlen unter der Decke. An der Linken hatte sie sich verletzt.
Als die Witwe Engelschall dagewesen war, hatte sich Karen mit den eigenen
Fingernägeln verwundet, so angstvoll hatte sie nach dem versteckten Schmuck
gegriffen.
    
    Die Witwe Engelschall hatte ein erpresserisches Schriftstück an den
Geheimrat Wahnschaffe abgefasst und es Karen vorgelesen. Die Sache war die: Niels
Heinrich hatte im Baubureau zweitausend Mark unterschlagen, die mussten beschafft
werden, sonst drohte Anzeige. In dem Brief an den Geheimrat wurden unverschämt
zehntausend gefordert. Da Karen die Absendung des Schreibens verhindern gewollt,
hatte die Witwe Engelschall randaliert.
    Es war fast gut, dass man krank war. Doch weshalb gab er ihr nicht seine
Hand?
    Die kleine Katze war vom Stuhl gesprungen; mit emporgerichtetem Schwanz
stand sie vor Christians Füssen, zwinkerte leise miauend empor, schien
unschlüssig, fasste plötzlich Mut und sprang auf seine Knie. Einen Moment lang
kämpfte er noch mit dem Widerwillen, dann reizte ihn das weisse Fell, die
graziöse Bewegung, er berührte schüchtern Kopf und Rücken des Tierchens, beugte
sich herab zu ihm und lächelte. Die kleine Katze gefiel ihm.
    »Wo hast du mein Kind hingetan?« hatte Karen ihre Mutter gefragt. Die
Antwort war schepperndes Gelächter gewesen. Wüsste er, dass sie nach dem Kind
gefragt, er hätte sie vielleicht freundlich angeschaut. Aber sie konnte es nicht
sagen. Auch war ihr bang, als sie sich des Gelächters erinnerte.
    Eine Weile noch hielt sie stumm die Hand hin, dann liess sie sie fallen,
streifte die Decke zurück und kroch aus dem Bett. Sie wimmerte seltsam. Auf dem
Bettrand sitzend, gegenüber Christian, starrte sie eisig und wimmerte. Man
konnte die Worte kaum hören: »Er gibt einem nicht die Hand«; sie blies sie nur
so hin. Barfuss, im langen Hemd, gebückten Rückens ging sie bis zum Ofen, kauerte
sich dort in den Winkel, steckte den Kopf zwischen die Arme und heulte laut auf.
    Erstaunt und erstaunter verfolgte Christian ihr Gehaben. Die kleine Katze
hatte sich in seine Hand geschmiegt, und mit ihrem rosigen Schnäuzchen stiess sie
schnurrend gegen seine Brust. Dies erregte eine Freude in ihm, wie er sie lange
nicht gefühlt, und er wünschte heimlich, mit dem Tierchen allein zu sein, um mit
ihm zu spielen. Zugleich aber entsetzte ihn Karens Tun; er stand auf, ohne das
Kätzchen von sich zu lassen, ging hin und kniete nieder und fragte Karen, was
ihr sei, und bat sie, sich doch wieder ins Bett zu legen. Doch Karen achtete
nicht auf seine Worte. Sie krümmte sich verzweifelt und hörte nicht auf zu
heulen.
    Es war das Chaos, das da heulte.
 
                                       9
Zu den Kumpanen Niels Heinrich Engelschalls gehörte Joachim Heinzen, der Sohn
des verunglückten Metallarbeiters, ein höchst einfältiger Mensch. Sein wahlloser
Hang zum weiblichen Geschlecht gab ihn bösartigen Scherzen preis, und da infolge
der Lächerlichkeit, die ihm anhaftete, sich jedes Frauenzimmer hütete, in seiner
Gesellschaft gesehen zu werden, erfasste ihn nach und nach eine stille Wut, die
den Umgang mit ihm gefährlich machte, obwohl er im allgemeinen ziemlich gutmütig
war.
    Neben einigen andern Weibern hatte die rote Hedwig sein Gefallen erregt. Er
schlich ihr im Dunkeln nach, und in den Kneipen setzte er sich an einen Tisch in
ihrer Nähe und stierte sie an. Sie wies seine Annäherungsversuche höhnisch
zurück, auch als er einen Vermittler mit Geldversprechungen zu ihr schickte.
Solange sie in vertrauten Beziehungen zu Niels Heinrich Engelschall stand, wagte
er nichts weiter zu unternehmen, und sein Interesse schien sogar abgekühlt, aber
nachdem ihr dieser den Laufpass gegeben hatte, fing er wieder an, ihr
nachzustellen. Seine Mühe war so fruchtlos wie vorher.
    Da kam ihm Niels Heinrich selber zu Hilfe. Er erbot sich, ihm die rote
Hedwig zu verschaffen, wenn er ihm einen blauen Lappen zahlen wolle. Joachim
Heinzen zögerte, eine so grosse Summe aufzuwenden. Sie wurden in dem Sinne
handelseins, dass er vorläufig die Hälfte des Kuppelpreises entrichtete, die
andre Hälfte sollte in Raten gezahlt werden. Die rote Hedwig, durch Niels
Heinrich in Angst gesetzt, war ihm wohl ein paarmal zu Willen, aber er fand
nicht das erhoffte Vergnügen bei ihr, denn seit dem Bruch mit dem früheren
Liebhaber betrank sie sich täglich und führte wüste Szenen auf. Er behauptete,
Niels Heinrich habe ihn übers Ohr gehauen, weigerte sich, die Raten zu zahlen,
und forderte auch die fünfzig Mark zurück. Sie gerieten in Streit.
    Niels Heinrich fürchtete den Dummkopf nicht, und es wäre ihm ein leichtes
gewesen, sich ihn vom Halse zu schaffen, aber da er unbeschränkte Herrschaft
über ihn besass und ihn bei verschiedenen Gelegenheiten für nützlich befunden
hatte, wollte er es nicht bis aufs äusserste kommen lassen und traf Anstalten,
ihn zu begütigen. Er zeichnete ihn schmeichelhaft aus, erlaubte ihm, in der
Kneipe an seiner Seite zu sitzen, und ergriff bei Spöttereien und Händeln seine
Partei. In seinem Hirn entstand Verworfenes und zog mit zielvoller Langsamkeit
Kreis um Kreis. Finstere Pläne beschäftigten ihn, waren aber noch ohne festen
Umkreis. Er erwählte sich eine Kreatur und war sich über ihre Verwendung noch
nicht im klaren; er sah bloss die Brauchbarkeit zu jedem, auch zum
schrecklichsten Dienst und dabei einen gewissen Grad von Unschuld. Vielleicht
gewann ein Vorhaben, mit dem seine Gedanken nur zynisch und bildlos gespielt,
erst in dem Sklavenblick des geistesschwachen Individuums Greifbarkeit;
vielleicht entzündete ihn dies, flösste ihm Mut ein und machte seine Phantasie,
die am Abgrund des Menschlichen hing, ausschweifend.
    Er sagte zu Joachim, mit der roten Hedwig sei nichts los; die sei eine
abgetakelte Schraube, ein verpestetes Aas. Da könne er ganz andre haben, wenn er
nur die Augen auftun wolle. Ha, da gäbe es welche, nach denen müsse man sich die
Finger lecken; ein Graf könne sich gratulieren. Da gäbe es welche, da und da,
und dort und dort, solche und solche, sein, pikfein, namentlich von Leibesart.
Na wo denn? wer denn? schnappte der armselige Kerl. Da wisse er zum Beispiel
eine Jüdin, erklärte Niels Heinrich mit Feixen, Donnerlittken, wei Backe; die
müsse man sehen. Wie 'n geschältes Ei. Stramm auf den Beinen. So und so; nicht
zu fett, nicht zu mager; Augen wie die Irländerin im Kientopp, Haare wie der
geschniegelte Schwanz von nem Vollblut, das zum Start geht; alles übrige
direktemang zum Reinbeissen. »Nanu wirds Dag,« antwortete Joachim Heinzen
verblüfft, »Junge, Junge.«
    Es verursachte Niels Heinrich ein düsteres Behagen, dem Menschen immer
wieder von der Jüdin zu erzählen. Er erfüllte ihn damit; er reizte ihn auf
damit. Er richtete die unflätigen Begierden des Idioten auf ein Wesen, das
dieser noch nicht einmal erblickt hatte. Ausserdem malte er sie für sich selbst,
steigerte sich, hetzte sich, machte sich selber ungeduldig, hielt sich selber
zum besten, um im Zorn über das Unerreichbare die stechen Geburten seiner
Einbildung auf die Möglichkeit der Verwirklichung zu prüfen. Er nahm Joachim in
die Stolpische Strasse mit, und sie lauerten gemeinsam auf Ruts Heimkehr. Da
zeigte er ihm das Mädchen, und sie gingen hinter ihr bis zur Stiege. Rut war
tief geängstigt.
    Es fügte sich dann, dass sie von einer Studentin, die in der Czernikauer
Strasse wohnte, auf die merkwürdigen Heilerfolge des alten Heinzen aufmerksam
gemacht wurde; aber als sie hinging, wusste sie nicht, dass Joachim Heinzen der
eine ihrer Verfolger war, erkannte ihn auch nicht, als sie ihn im Zimmer
gewahrte. Sie war nur beunruhigt durch sein entgeistertes Glotzen.
    Aufgeregt meldete Joachim seinem Beschützer, dass er die Jüdin, die er
bereits wie seine Leibeigene betrachtete, bei seinem Vater gesehen. »Na, Junge,
so 'n Dussel,« sagte Niels Heinrich kalt. Über die Wunderkuren des alten Heinzen
hatte er sich schon früher mit giftigem Hohn geäussert. So tat er auch jetzt und
fügte hinzu, wenn die Jüdin bei Vater Heinzen gewesen sei, habe es nur den
Grund, dass sie ein Auge auf Joachim geworfen habe; das leide nicht den mindesten
Zweifel. Joachim grinste. In der Spelunke »Zum grünen Hund«, wo sie
nächtlicherweile verkehrten, hatte Niels Heinrich mit überlegter Berechnung
dafür gesorgt, dass die vermeintlich in Sicht stehende Liebschaft des Idioten von
vielen besprochen und glossiert wurde. Dass man ihn hänselte, merkte Joachim
nicht. Er zog Niels Heinrich beiseite und fragte, wie er sich der Jüdin am
schnellsten nähern könne; Niels Heinrich schaute ihn spöttisch an und sagte, der
Zeitpunkt sei noch zu verschieben, solches müsse schlau eingefädelt werden; die
Jüdin sei misstrauisch und überdies eins von den neumodischen studierten
Menschern, der dürfe man nicht so klatrig kommen, das müsse mit Eleganz
gedeichselt werden. Aber der einfältige Mensch liess nicht nach. Er sagte, er
wolle zu ihr in die Wohnung gehen und sie für Sonntag zum Ball bei Knotze
einladen. Niels Heinrich schlug eine Lache auf. »Du hast woll 't jrosse Traller?«
versetzte er; »verrückt und drei macht neune.« Sein Gesicht verfärbte sich, dann
lachte er von neuem und sagte: »Minne, mach Licht, oder ick sterbe im Dustern.«
    »Warten und aufpassen,« sagte er; »die Judenschickse wird in den nächsten
Tagen wieder bei Vater Heinzen vorkommen; da leg ich zehn gegen eins für. Ich
stell nen Spion auf Posten, und du bleib hübsch zu Hause und sieh zu, dass du die
richtige Zeit nicht verbummelst.«
    Er schlug ihm die Hand auf die Schulter; er stand da wie ein Pfahl, eng,
dürr, spitz. Auf dem Damm gegen Weissensee schmetterten die Räder eines
Schnellzugs auf den Schienen.
 
                                       10
Rut und Christian traten in eine schlechtbeleuchtete, schlechtriechende Stube.
Die Tür zu dem kleinen Vorraum stand offen, ebenso die in ein anstossendes Zimmer
führende, da sich ziemlich viele Leute im Wohnzimmer befanden. Unbekümmert um
die fremden Menschen sass Mutter Heinzen an einem runden, mit zahllosen
Gegenständen, Feilen, Schachteln, Tintenzeug, sogar ein Paar Schuhen bedeckten
Tisch und schälte Kartoffeln. Im Hintergrund, an einem zweiten Tisch, der schmal
und massiv war wie eine Hobelbank, waren Joachim Heinzen und ein Lehrling damit
beschäftigt, mit Handmaschinen Metallkapseln zu stanzen. Der alte Heinzen lag in
einem Korbsessel; der untere Teil seines Körpers war in ein gefranstes schwarzes
Tuch gehüllt, das den Blicken die Verstümmelung entzog. Das Gesicht,
zurückgelehnt, hager und fast regungslos, mit dicken, violett entzündeten
Lidern, einem schütteren Bart und einer scharfen, geraden Nase, zeigte keine
innere Beteiligung an den Vorgängen, die sich um ihn abspielten.
    Einige tuschelnde Weiber standen ihm zunächst. Etwas abseits bildeten ein
Unteroffizier, ein Metzgergeselle mit blutiger Schürze und aufgestreiften
Ärmeln, ein Mädchen von der Heilsarmee mit einer blauen Brille und ein
Lohndiener in einer Phantasieuniform eine Gruppe. Hinter Christian und Rut
erschien ein Mensch, dessen Kopf mit weissen Binden umwickelt war, die nur einen
Spalt für die Augen freiliessen, ferner ein furchtsam aussehender Mann, der an
Krücken ging, und ein Weib, dessen Gesicht von ekelhaftem Schorf bedeckt war.
Andre Gestalten wurden nach und nach auf dem Vorplatz sichtbar.
    Niemand traute sich noch in die Nähe des Wundertäters, da drängte sich
hastig und keuchend eine Frau ins Zimmer, die ein drei- bis vierjähriges Kind
auf dem Arm trug. Das Kind war bleigrau im Gesicht, hatte die Augen in die
Winkel verkrampft, und Hals und Glieder waren widernatürlich verdreht. Da die
Frau am ganzen Leib bebte und nicht wusste, wohin sie sich wenden sollte, nahm
ihr Rut das Kind ab und trug es zum alten Heinzen hin. Die Leute machten ihr
willig Platz. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck strahlenden Wohlwollens.
    Joachim Heinzen stand auf, indes der Lehrling eine Partie fertiger Kapseln
in einen mit Sägespänen gefüllten Korb warf und diesen schüttelte. Die Hände in
die Hüften gestemmt, trat Joachim dicht an den Stuhl seines Vaters heran und
verschlang Rut mit den Blicken. Sein Mund war offen, der Kopf vorgestreckt,
alles an ihm verriet höchste Erregung. Rut hielt dem alten Heinzen das Kind hin
und sagte etwas, was wegen des Geklappers der Kapseln unverständlich blieb. Da
winkte Joachim drohend zurück, und der Lehrling stellte den Korb zu Boden.
    Der alte Heinzen schlug die Augen auf und erhob den rechten Arm. Das war die
Heilgebärde, und ein Schweigen entstand, dass man ein Zündholz hätte fallen hören
können. Christian beobachtete, mit welcher Hingebung, welcher liebevollen
Bewegung Rut das epileptische Kind dem siechen Mann entgegenhielt; da
durchzuckte es ihn, und er fragte sich bestürzt: Glaubt sie denn daran? Ist es
möglich, daran zu glauben? In dem Mass, wie seine Bestürzung zunahm, wuchs die
Ahnung von etwas Unbekanntem und Unfassbarem; wie oft in Situationen, die eine
aussergewöhnliche Empfindung in ihm hervorriefen, musste er sich einer heimlichen
Lachlust erwehren, und er schaute verlegen zu Boden.
    Auf einmal liess Heinzen den aufgehobenen Arm wieder fallen. Er schien
beirrt. Er rückte mit Kopf und Schultern und sagte mit matter Stimme: »Es geht
nicht heute. Es ist einer da und nimmt mir die Kraft. Es geht nicht.«
    Diese Worte machten tiefen Eindruck auf alle. Die Augen begannen zu suchen.
Sie glitten von einem zum andern. Köpfe wandten sich, Pupillen liefen unruhig.
Es verging keine Minute, da hatten sich die Blicke aller im Zimmer befindlichen
Menschen auf Christian gerichtet. Sogar die kartoffelschälende Mutter Heinzen
war aufgestanden und starrte ihn an.
    Christian hatte Heinzens Worte gehört. Was forderten die Augen der Menschen?
Was bedeutete das? Fragten sie? Wünschten sie? Zürnten sie? War etwas an ihm
oder in ihm, das sie beleidigte und störte? Doch schienen sie eher scheu und
verwundert als gegen ihn eingenommen zu sein. Das zweideutige Lächeln schwebte
um seine Lippen, seiner Stummheit altes Siegel; indem er wie um Hilfe bittend
emporschaute, begegnete er dem Blick Ruts, und in diesem lag leuchtendes
Verstehen und jene silberne, geistige Liebe, die alle ihre Lebensäusserungen
durchdrang.
    Die Mutter des Kindes stiess einen Schrei aus. »Wie denn, nimmt dir die
Kraft?« schrie sie entsetzt; »besinn dir doch. Mann; um Jottes willen, besinn
dir doch!«
    »Kanns nicht anders sagen,« murmelte Heinzen, »es ist einer da und nimmt mir
die Kraft.«
    »Und hat er denn die Kraft?« rief das Mädchen von der Heilsarmee in
gellendem Ton.
    »Das weiss ich nicht,« antwortete Heinzen gedrückt; »möglich, aber ich weiss
es nicht.«
    Christian trat langsam zu Rut heran, die noch immer das Kind im Arm hielt,
beugte sich und schaute auf das leblose Wesen nieder. In diesem Moment löste
sich der epileptische Krampf; Schaum perlte aus dem Mund, ein leises Weinen
wurde vernehmbar.
    Die Bewegung der Gemüter ergab ein Atemholen wie aus einer einzigen Brust.
    In das Schweigen drang Lärm von draussen. Man hatte schon vorher Gelächter
und Schimpfen gehört, es verstärkte sich jetzt, und an der Tür zeigten sich
Niels Heinrich Engelschall und die rote Hedwig.
    Er zerrte die Person ins Zimmer, die betrunken schwankte, mit den Armen
fuchtelte und schrill lachte. Von Niels Heinrich vorwärts geschoben, tastete sie
mit ausgespreizten Fingern nach einer Stütze; die Menschen, nach denen sie
griff, wichen unwillig zurück; Niels Heinrich packte sie an den Schultern und
bugsierte sie zu Joachim Heinzen hin, wobei er kicherte; es hörte sich an wie
das Gackern eines Huhns. Joachim erschrak und musterte die megärenhaft
Aussehende düster und blöde. Sie schlang die Arme schlickernd um seinen Hals,
hing sich an ihn und lallte; ihr weitrandiger, schwarzer Hut, auf dem eine grüne
Feder wie ein Segel gehisst war, fiel in den Nacken. Joachim suchte sie
abzuschütteln, heftete dabei die blöde aufgerissenen Augen auf Rut, und da sie
ihn immer fester umschlang, stiess er sie so roh gegen die Brust, dass sie mit
einem Schmerzenslaut zu Boden stürzte und in einer schamlosen Stellung liegen
blieb.
    Leute eilten schimpfend und protestierend herzu. Einige bückten sich zu der
Betrunkenen, die sogleich wieder zu schlickern und zu lallen anfing. Einige
ballten die Fäuste gegen Joachim. Mutter Heinzen mischte sich beschwichtigend in
den Tumult; Rut flüchtete zu Christian und ergriff seine Hand. Da geschah das
Unheimliche, dass Joachim Heinzen sie beim Arm fasste und sie, über die Breite
eines Schrittes ungefähr, zu sich herüberriss. Entweder war es schwachsinnige
Eifersucht oder der naiv-brutale Versuch, ihr zu erklären, dass er sich aus der
roten Hedwig nichts mache und an dem Auftritt mit ihr schuldlos sei. Mit
gläsernen Augen stierte er Rut an; geiles Grinsen war in seinem Gesicht. Rut
schrie leise, hielt die flache Hand empor und wand sich ein wenig; ihre Lider
waren gesenkt, und dies rührte Christian, der ruhig auf den Burschen zutrat und
ruhig zu ihm sagte: »Lassen Sie sie los.« Joachim zögerte. »Lassen Sie sie los,«
sagte Christian, ohne die Stimme merklich zu erheben. Da liess er sie los und
schnaufte.
    Niels Heinrich schien sich ausnehmend gut zu unterhalten. Er machte die
Leute, die nicht um die niedergestürzte Trunkenboldin beschäftigt waren, auf die
beiden aufmerksam, stiess sein gackerndes Lachen aus und war bemüht, den Idioten
anzueifern. »Uf de Beene, Joachim,« rief er ihm zu; »nimm se dir se denn se!
feste mang.« Während er aber lachte und hetzte, blieben seine Brauen
zusammengezogen, und der obere Teil seines Gesichts war in Finsternis geradezu
erstarrt. Er hatte sich in der letzten Zeit ein schmales Kinnbärtchen stehen
lassen, das eine rötliche Farbe hatte; es stieg beim Sprechen und Lachen steif
auf und ab und verlieh dem Kopf etwas Wachsfigurenhaftes.
    Als er sah, dass Christian der lümmelhaften Zudringlichkeit des Burschen
Einhalt tat, pflanzte er sich vor ihm auf und sagte mit frecher, schneidender
Stimme: »Morjen. Wir kennen uns, sollt ich meenen.«
    »Gewiss, wir kennen uns,« antwortete Christian artig.
    »Morjen hab ich Ihnen jewünscht,« sagte Niels Heinrich mit unverschämtem
Hohn. Das Knebelbärtchen zuckte. Die Finsternis breitete sich von oben her über
das ganze Gesicht.
    »Guten Abend,« sagte Christian artig.
    Niels Heinrich rieb die Zähne. »Morjen!« brüllte er in weisser Wut. Alle im
Zimmer Anwesenden fuhren zusammen und hörten auf zu sprechen.
    Christian blickte ihn schweigend an. Dann kehrte er sich gelassen zu Rut
und sagte: »Wir wollen gehen, kleine Rut.« Er liess ihr mit einer
Weltmannsverbeugung den Vortritt; auch grüsste er die Nächststehenden höflich. Es
war, als entferne er sich aus einem Salon.
    Niels Heinrich starrte ihm mit vorgebeugtem Oberkörper nach, streckte die
geballte Faust aus und machte eine Geste wie beim Drehen eines Schraubenziehers.
 
                                       11
»Hatten Sie Furcht?« fragte Christian auf der Strasse.
    »Ein wenig,« antwortete Rut. Sie lächelte, aber sie zitterte noch.
    Sie schlugen nicht den Heimweg ein. Sie gingen, in entgegengesetzter
Richtung, durch viele Strassen. Christian ging schnell, und Rut hatte Mühe, an
seiner Seite zu bleiben. Es wehte scharfer Wind; sie trug nur ein ärmliches
Mäntelchen, das sich blähte.
    »Ist Ihnen kalt?« fragte Christian. Sie verneinte. Eine Wolke gelber Blätter
wirbelte vor ihnen auf. Christian ging und ging.
    »Die Sterne scheinen ja,« sagte er, einen flüchtigen Blick zum Himmel
werfend.
    Sie gelangten in eine öde breite Strasse, durch deren Mitte sich eine Schnur
von Bogenlampen bis in die Unendlichkeit zog. Die Häuser sahen unbewohnt aus.
    Sie gingen und gingen.
    »Sagen Sie etwas,« bat Rut, »erzählen Sie mir etwas von sich. Nur einmal,
nur heute.«
    »Von mir ist nichts Gutes zu erzählen,« antwortete er in den Wind hinein.
    »Gut oder nicht gut, ich werd es dann wenigstens wissen.«
    »Aber was denn?«
    »Irgend etwas.«
    »Ich muss suchen; ich habe kein Gedächtnis für das, was ich erlebt habe.«
Aber da erinnerte er sich schon einer Nacht, die er versunken geglaubt. Das
damals Geschehene wurde hell in Drohung. Es hing auf geheimnisvolle Art mit Rut
zusammen. Bedürfnis zu bekennen überfiel ihn wie Hunger.
    »Nicht suchen,« sagte Rut, »das, was Ihnen entgegenkommt.«
    Er mässigte seinen Schritt. Arm an Worten, stellte er das Faktum vorläufig
nüchtern in sich fest.
    Lächelnd drängte Rut: »Fangen Sie nur an. Das erste Wort ist das
schwerste.«
    »Ja, das erste Wort ist das schwerste,« stimmte er zu.
    »Ist es lange her, das, woran Sie denken?«
    »Es ist wahr, ich denke an etwas Bestimmtes. Sie sahen gut.« Er wunderte
sich schwerfällig. »Es ist vier Jahre her. Ich machte mit zwei Freunden eine
Autotour nach Süditalien.« Er stotterte; die Worte waren lahm. Ruts unfassbar
süsszwingender Blick jagte sie aus Verstecken heraus. Allmählich flossen sie
williger.
    Er und die Freunde waren also an einem schönen Maiabend nach Aquapendente
gekommen, einer Stadt tief in den Abruzzen. Eigentlich hatten sie bis Viterbo
gelangen wollen, aber das Felsennest gefiel den Begleitern Christians, und sie
bestimmten ihn, zu bleiben. Er zögerte lange; »ich wollte ja nur immer rasen und
rasen,« sagte er. Als sie vor dem Albergo hielten und die Freunde auf ihn
einredeten, war ihm der Gedanke unangenehm, in dem schmutzigen Haus übernachten
zu sollen. Da schritt von der hohen Kirchentreppe gegenüber ein junges Mädchen
herunter, so lieblich, so majestätisch, wie er wenige vorher gesehen hatte; nun
mochte er selbst nicht weiter. Der Wirt, gefragt, wer das Mädchen sei, nannte,
mit Achtung in der Stimme, den Namen. Es war die Tochter eines Steinmetzen
namens Pratti. Christian sagte, er müsse sie bringen; er solle ein Souper
bereiten und Angiolina Pratti dazu bitten. Das lehnte der Wirt ab. Christian
forderte ihn auf, den Vater herzubringen. Er antwortete, er wolle ihn bringen.
Die Freunde suchten Christian sein Vorhaben auszureden und sagten, die Frauen
dieses Landes seien scheu und stolz und sie zu gewinnen sei unter Umständen
nicht leicht; man müsse es jedenfalls zarter anfassen als er im Begriff sei, es
zu tun. Christian lachte sie aus, sie stritten hin und her, schliesslich wurde er
trotzig und sagte, er wolle etwas zustande bringen, was sie für vollkommen
unmöglich halten würden, und dazu brauche es weder Kunst noch Geschicklichkeit
noch Mühe, sondern einfach die Kenntnis des Charakters dieser Leute. Der Vater
des Mädchens machte seine Aufwartung; es war ein weisshaariger, weissbärtiger Mann
von noblen Manieren. Christian geht ihm entgegen und redet ihn an. Es würde ihm
und seinen Freunden Vergnügen bereiten, in Gesellschaft von Signorina Pratti zu
soupieren, sagt er. Pratti runzelt die Stirn und antwortet, das Anliegen
befremde ihn; er habe nicht die Ehre, die Herren zu kennen. Christian fasst ihn
scharf ins Auge und fragt: Um welchen Preis würden Sie Ihre Tochter Angiolina
heute abend um acht Uhr nackt zu uns ins Zimmer und an unsern Tisch führen?
Pratti zuckt zurück; er keucht; er schaut ihn mit rollenden Augen an; die
Freunde horchen erschrocken auf; Christian sagt zu dem Alten: wir sind
anständige junge Leute; Sie können sich auf unsere Verschwiegenheit verlassen;
wir wollen nichts weiter als Angiolinas Schönheit bewundern. Pratti geht mit
aufgehobenen Armen wild auf ihn los. Er war darauf vorbereitet. Er sagt: Um
welchen Preis also? Fünftausend? Der Italiener stutzt. Er sagt: Zehntausend? und
nimmt aus der Brieftasche zehn Scheine. Pratti wird bleich und schwankt.
Christian sagt: Zwölftausend? Er merkt an des andern Miene, es ist ein
unermesslicher Schatz für ihn; er hat ein Leben lang gearbeitet und nie so viel
beisammen gehabt. Das macht Christian noch toller, und er bietet
fünfzehntausend. Pratti öffnet die Lippen und seufzt: O Signor! Es klang so, dass
es Christian hätte nah gehen sollen; »aber mir ging nichts nahe damals,« sagte
er. Er wusste nur, dass er seinen Willen durchgesetzt hatte. Der Mann nahm das
Geld und taumelte hinaus. Am Abend setzten sich die jungen Leute mit einiger
Spannung an die hübsch hergerichtete Tafel des Wirts. Altes Silbergeschirr und
geschliffene Gläser waren aufgetragen, Rosen standen in kupfernen Gefässen, dicke
Wachskerzen waren angezündet, der Raum hatte Ähnlichkeit mit dem Saal in einem
Schloss. Es wurde acht; es wurde viertel neun; die Unterhaltung stockte; alle
blickten nach der Tür; Christian befiehlt dem Patron, dass er erst wieder
eintreten solle, wenn er gerufen würde, denn er wollte ja kein öffentliches
Spektakel geben; endlich um halb neun erscheint der alte Pratti und hält auf
seinen Armen die Tochter. Sie ist in einen Mantel gehüllt. Er bedeutet den
jungen Leuten durch einen Blick, die Türen zu schliessen. Sie tun es. Er streift
den Mantel ab, und sie sehen die wunderbare Angiolina nackt. Ihre Hände und ihre
Füsse sind mit Stricken zusammengebunden. Er setzt sie auf den Sessel, der leer
neben Christian steht. Ihre Augen sind geschlossen. Sie schläft. Aber es ist
kein natürlicher Schlaf; sie ist betäubt worden, wahrscheinlich mit Mohnsaft.
Pratti macht eine tiefe Verbeugung und geht. Die drei Freunde schauen den
gefesselten herrlichen Körper an, das leicht geneigte Haupt, das rosige Gesicht,
die frei hängenden Haare; mit Triumph und Übermut wars vorbei. Einer geht ins
Schlafzimmer und bringt einen bunten Schal, den schlägt er um das Mädchen, und
Christian weiss es ihm Dank. In aller Hast verzehrten sie etwas von den kalten
Schüsseln, der Wein blieb unberührt. Dann gingen sie hinunter, bezahlten den
Wirt, riefen den Chauffeur und fuhren noch in der Nacht die Strasse nach Rom
weiter. Keiner redete während der Fahrt. Auch später sprach keiner mehr von
Angiolina Pratti. Es war für Christian schwer, das Bild loszuwerden: in dem Saal
das Mädchen allein unter Rosen und brennenden Kerzen, gefesselt und betäubt.
Allmählich gelang es doch; es kamen ja viele neue. »Vorhin, als wir das Haus
verliessen, ist es so frisch gewesen wie am Tag von Aquapendente,« sagte er; »ich
musste immer daran denken, ich weiss nicht, warum.«
    »Wie seltsam,« flüsterte Rut.
    Sie gingen und gingen.
    »Wohin gehn wir denn?« fragte Rut.
    Christian sah sie an. »Was ist seltsam? Dass ich es Ihnen erzählt habe?
Eigentlich war mir, als sei es überflüssig, als wüssten Sie es ohnehin.«
    »Ja,« gestand sie schüchtern, »oft steh ich in Ihnen drin, fast wie in einer
Flamme.«
    »Sie haben Mut, dass Sie so etwas sagen.« Er liebte nicht solch hohe Worte,
aber dieses bewegte ihn.
    »Sie sollen sich nicht schämen,« flüsterte sie.
    Er antwortete: »Könnt ich sprechen wie ein richtiger Mensch, mir bliebe
vieles erspart.«
    »Erspart? Was denn erspart? Möchten Sie sich sparen? Dann wären Sie es
nicht. Nicht ums Sparen handelt sichs. Verschwenden ist notwendig, alles
hinverschwenden, masslos.«
    »Wie haben Sie urteilen gelernt, Rut? Sehen und fühlen und wissen, und den
Mut, woher haben Sie den?«
    »Ich möchte Ihnen auch etwas erzählen,« sagte Rut.
    »Ja, erzählen Sie mir etwas von sich.«
    »Von mir? Ich glaube nicht, dass ich es kann. Ich will Ihnen von jemand
erzählen, der mir sehr nahe steht. Von einer Schwester. Keiner leiblichen
Schwester, ich habe ja keine. Ich sagte vorhin seltsam, weil mir diese Angiolina
Pratti auch wie eine Schwester ist. Es sind auf einmal drei Schwestern da:
Angiolina, ich und die, von der ich Ihnen erzählen will. Es ist eine ziemlich
traurige Geschichte. Das heisst am Anfang, das Ende ist nicht mehr ganz so
traurig. Ach, das Leben ist so wunderbar, so erschütternd wunderbar, so reich
und so gewaltig!«
    »Rut, kleine Rut,« sagte Christian.
    Sie erzählte. »Ein Mädchen, ein Kind war es. Lebte mit ihren Eltern in
Slonsk, weit im Osten. Es ist jetzt fünf Jahre her, dass die Sache passierte. Der
Vater, sehr arm, war als zweiter Buchhalter in einer Spinnerei angestellt, aber
er wurde so gering entlohnt, dass er kaum die Miete für die elende Wohnung
aufbringen konnte. Die Mutter hatte schon lang gekränkelt; Kummer überall das
Misslingen zehrte ihre letzten Kräfte auf, und im Winter starb sie. Die Leute
waren die einzigen Juden in Slonsk, und um die Leiche zu bestatten, musste sie
nach Inowrazlaw geführt werden, wo der nächste jüdische Friedhof war. Eisenbahn
fährt da keine, also blieb nur ein Fuhrwerk. Morgens um sieben Uhr, Ende
Dezember wars, kam ein Leiterwagen, und der Sarg mit der Leiche der Mutter wurde
daraufgelegt. Der Vater, der Bruder und das Mädchen folgten dem Wagen zu Fuss.
Das Mädchen war damals elf Jahre alt, der Bruder achteinhalb. Es schneite in
dicken Flocken, die Landstrasse war unterm Schnee verschwunden, man kannte den
Weg nur an den Bäumen rechts und links. Als sie aufbrachen, war es noch finster,
und als es Tag wurde, gab es nur zwittriges Licht. Das Mädchen war
unbeschreiblich traurig, und die Traurigkeit wurde mit jedem Schritt grösser. Wie
es nun vollends Tag geworden war, so ein scheinhafter Nebeltag, flogen von allen
Seiten Krähen herbei. Vermutlich wurden sie durch den Leichnam im Sarg
angelockt; das Mädchen hatte nie so viele gesehen; es schien, wie wenn sie aus
dem Himmel stürzten; mit grossen schwarzen Flügeln flogen sie voran und wieder
zurück und krächzten unheimlich in die dicke, kalte Stille. Da wurde die
Traurigkeit so arg, dass das Mädchen zu sterben wünschte. Sie blieb ein wenig
zurück; Vater und Bruder merkten es nicht im Schneegestöber; der Fuhrmann
schritt vorn bei den Pferden. Sie ging über einen Acker auf ein Gehölz zu, und
dort setzte sie sich hin und beschloss zu sterben. Die Sinne dämmerten bald ein;
da kam ein alter Bauer, der Holz aufgelesen hatte, aus dem Wald, und wie er sie
gewahrte, schon regungslos und halb schlafend, stand er zuerst eine Weile, dann
machte er sich daran, ihr alles, was sie anhatte, vom Leibe zu ziehn, den
Mantel, die Schuhe, das Kleid, die Strümpfe und schliesslich auch das Hemd. Die
Bauern sind dort sehr arm. Sie konnte sich nicht wehren, sie spürte, was ihr
geschah, nur wie im tiefen Traum, und als er aus den Sachen ein Bündel gemacht
hatte, liess er sie für tot im Schnee liegen und humpelte gegen die Strasse. Er
marschierte eine Weile und traf den Leiterwagen mit dem Sarg und den zwei
Männern und dem Knaben. Der Wagen war stehengeblieben, denn sie hatten das
Mädchen vermisst. Am Chausseerand ragte ein Christuskreuz empor, und das war das
erste, was den Bauern stutzig machte. Es erschien ihm nicht als ein Zufall, dass
da ein Christus stand, neben dem Wagen mit dem Sarg. Er hat es später bekannt.
Er sah die Hunderte von Krähen, die wild und hungrig krächzten, da erschrak er.
Er sah, wie der Vater verzweifelt war und sich anschickte umzukehren und nach
allen Himmelsrichtungen auslugte und in den Nebel hineinschrie; da schlug ihm
das Gewissen. Er fiel vor dem Kreuz auf die Knie und betete. Der Vater fragte
ihn, ob er nicht ein Kind gesehen hätte; da deutete er und wollte sich
davonmachen und lief über die Felder, aber es trieb gerade dortin, wo er das
Mädchen beraubt und verlassen hatte. Er hob den Körper auf seine Arme, wickelte
ihn in seinen Mantel und drückte ihn an seine Brust. Der Vater war ihm gefolgt
und nahm ihm das Mädchen ab, fragte nicht, warum es so nackt und bloss sei, und
sie rieben die Haut so lange mit Schnee, bis die Erstarrte wieder die Augen
aufschlug. Da küsste der Bauer das Mädchen auf die Stirn und machte ein Kreuz
über ihr, einer Jüdin. Der Vater zankte deswegen mit ihm, aber der Bauer sagte:
Verzeih mir, Bruder, und küsste ihm die Hand. Von der Zeit an ist eine
Traurigkeit solcher Art nie mehr über das Mädchen gekommen. An den Moment, wo
sie der alte Bauer in seinen Mantel wickelte und sie an seine Brust drückte, hat
sie nur eine ferne Erinnerung behalten, aber ich glaube, da ist sie zum
zweitenmal geboren worden, besser und stärker als das erstemal.«
    »Rut, kleine Rut, « sagte Christian.
    »Vielleicht ist auch jene Angiolina, meine andre Schwester, aus dem
vorübergehenden Tod zu einem froheren Leben aufgewacht.«
    Christian antwortete nicht. Wie sie so neben ihm ging, fühlte er, es ging
ein Licht an seiner Seite.
    An einer Ecke der öden Strasse flammte ein Auslagenfenster. Sie traten hin,
mit gleicher Wendung und wie auf Beschluss. Der Laden innen war leer und schon
versperrt, im Fenster lag ein kostbarer Prunkpelz aus Zobel, verlockend
ausgebreitet, ein Sinnbild des Reichtums, der Wärme und des Schmuckes. Christian
schaute Rut an, und er sah ihr ärmliches Mäntelchen, in dem sie fröstelte. Und
er sah, dass sie arm war. Und es wurde ihm bewusst, dass auch er arm war; genau wie
sie, unabänderlich. Da lächelte er; es dünkte ihm sinnvoll, und er verspürte
eine Freude, die etwas Listiges und Entzücktes hatte.
 
                                       12
Der erste Besuch Johanna Schöntags bei Voss verlief banal. Indem sie die junge
Dame vergessen zu machen suchte, war sie es erst recht. Um ihre Beklommenheit zu
verbergen, gab sie sich halb kapriziös, halb kritisch. Sie war erheitert
darüber, dass ein Schaukelstuhl im Zimmer stand; »wie bei Grossmama,« sagte sie;
»man wird gleich anachronistisch angeheimelt;« dann setzte sie sich hinein,
schaukelte sich, zog kandierte Früchte aus ihrem Perltäschchen und liess sie auf
der Zunge zergehn, was ihr einen komisch schmollenden Ausdruck verlieh.
    Auf dem gedeckten Tisch standen die Teekanne, zwei Tassen und mehrere Teller
mit Bäckereien. In Vossens Wesen war Aufzeigen, dass man auch mit geringen
Mitteln Zufriedenstellendes bieten könne. Johanna ergötzte sich. Sie dachte:
wenn er mir jetzt ein Photographiealbum mit Bildern aus seiner Kinderzeit
bringt, platze ich heraus. dabei klopfte ihr das Herz in ganz andern
Befürchtungen.
    Voss sprach von seiner Einsamkeit. Er deutete auf gewisse Erfahrungen hin,
die ihn menschenscheu gemacht hätten. Es gäbe Leute, denen es vom Schicksal
bestimmt zu sein scheine, in allem Schiffbruch zu leiden, woran sie mit dem
Herzen beteiligt seien. Die müssten für Umkrustung sorgen. Nun, er umkruste sich.
Einen Freund habe er niemals besessen; die Illusion von Freundschaft wohl. Die
Haltlosigkeit einer Sehnsucht einsehen zu müssen, sei bitterer als die
Unzulänglichkeit eines Menschen.
    Johannas heimliche Furcht wuchs, als sie ihn sentimental werden hörte. Sie
sagte: »Dieser Schaukelstuhl ist das Erfreulichste, was mir seit langem
vorgekommen ist. Er erzeugt so eine angenehme Seekrankheit in mir. Wird die
Partei, die unter Ihnen wohnt, nicht glauben, Sie sind Vater geworden und wiegen
Ihr Neugeborenes?« Sie lachte, verliess den Stuhl, trank Tee, knabberte Backwerk,
dann nahm sie jäh Abschied.
    Voss knirschte. Die Hand war ihm leer geblieben. Allein am Tisch, formte er
aus einem Stück weichen Kuchens eine Mädchenfigur und durchstach sie mit der
Schlipsnadel, die ihm Christian geschenkt. Im Zimmer war noch das Aroma von
einem Frauenkörper, von Frauenkleidern, Frauenhaar. Er schnupperte. Er setzte
den leeren Schaukelstuhl in Bewegung und redete mit einer unsichtbaren Person,
die drinnen lehnte und sich seinen Blicken kokett entzog. Eine Zeitlang
arbeitete er, hierauf verlor er die Lust, und seine Gedanken beschäftigten sich
mit Schlingenknüpfung.
    Dass er wirklich einsam war, erwies alles, was er tat und sann. Seine Seele
strömte giftige Dämpfe aus.
    Er öffnete ein Schubfach seines Schreibtischs, holte die Briefe der
unbekannten F. hervor, die er sich einst in Christiansruh angeeignet, durchlas
sie, griff zu Papier und Feder und begann, sie abzuschreiben. Er kopierte sie
wortgetreu vom ersten bis zum letzten; an Stelle des Namens Christian setzte er
Punkte, so oft er vorkam; es waren dreiundzwanzig Briefe, und als er fertig war,
dämmerte der Morgen. Nun schlief er ein paar Stunden, und nachdem er sich
erhoben hatte, schrieb er an Johanna: »Eine Scharade: wer ist F. und wer der
Dieb und Räuber, der sich mit einem solchen Schatz an Überschwang und Hingabe
aus dem Staub gemacht hat? Vielleicht ist es nur ein Gedichtetes von mir, Abfall
meiner kranken Einbildung? Raten Sie einmal. Will hier ein Phantasiebild Ersatz
bieten für die kraftlose Wirklichkeit, oder ist das unerhört Seltene doch
Ereignis gewesen? Nach meinem Dafürhalten lassen Farbe und Ton, ein gewisses
unsagbares Etwas, auf das letztere schliessen. Wo wäre der Mann, der solchen
Schmerz und solchen Jubel erfinden könnte? Wer wäre kühn genug, die
Schamlosigkeit der Sinne mit einer vegetabilischen Unschuld zu verquicken? Ihm
gegenüber wären eure bestauntesten Poeten nur Flickschneider. Ich habe nie was
übrig gehabt für die Dichter. Sie verfälschen den Augenschein und sind letzten
Endes doch Rationalisten, unter deren Händen die Träume platt und durchsichtig
werden. Es gibt eine Wahrheit des Wortes, die penetrant ist wie blühend Fleisch.
Hier ist sie. Anzubetendes Wunder; Neid aller Darbenden. Leben ist es, und da es
Leben ist, wo sind die Lebendigen, die es erzeugt haben? Eine ist verloren, sie
hat sich wahrscheinlich in ihrer eigenen Glut verbrannt, die wunderbare
Schreiberin; noch ihr Schatten trägt das Stigma des Untergangs. Aber der
ekstatische Griffel zeichnet das Gesicht dessen, an den sie sich gewandt; ich
kenne ihn, wir kennen ihn. Er steht am Armesünderpförtchen und bietet eine
Schuldenzahlung an, zu deren Empfang sich niemand melden will. So zu lieben, wie
jene geliebt hat, ist Gottesdienst; so geliebt werden und es nicht würdigen, es
vergessen, es zu Makulatur und zu Staub einer Bibliotek werden lassen, ist
Sünde, nicht auszutilgen. Wenn einer, den der Herr verwöhnte, die Engelsspeise
aus seinem Munde speit, bleiben für die Stiefkinder des Schicksals nur aasige
Brocken. Aber man weiss doch: es ist ein Unbedingtes, nicht ganz aussichtslos ist
der Schrei in der Not des Blutes. Kommen Sie bald. Ich habe viel zu sagen und zu
fragen. Ich war vermauert gestern. Das Glück Ihrer Gegenwart machte mich
stumpfsinnig. Ich warte auf Sie. Ich werde jeden Tag um fünf Uhr zu Hause sein
und drei Stunden lang auf Sie warten. Das zwingt Sie, muss Sie zwingen. Wann
wollen Sie Wahnschaffe sehen? Ich werde es ihm ausrichten und ihn bestellen.«
    Die nämliche Bestürzung wie vor Monaten, als ihr Voss an Christians Statt
geschrieben, befiel Johanna auch diesmal. Sie glaubte zuerst an Mystifikation.
Als sie die Briefe las, wurde sie von ihrer Echteit überzeugt und ergriffen.
Vossens Andeutungen liessen ihr über die Herkunft keinen Zweifel Er hatte sich
also abermals eines fremden Geheimnisses bemächtigt, um es auszubeuten; die
Beweggründe? unerklärlich. Ihn um keinen Preis mehr sehen! sagte sie sich. Sie
fror beim Gedanken an ihn. Der krankhaft erhitzte Hass gegen Christian, der in
all seinen Kundgebungen lag, machte sie wieder schwankend. Es gab Augenblicke,
wo ihr die Vorstellung schmeichelte, sie könne Christian vor einer drohenden
Gefahr beschützen. Aber stärker und stärker lockte dieser Mensch selbst. Da war
ein Wille. Unheimlicher Kitzel, einen Willen über sich zu spüren, wohin konnte
einen das treiben!
    O Rumpelstilzchen, sprach sie zu sich, als sie gegen Entschluss und Instinkt
das Haus in der Ansbacher Strasse wieder betrat, mir scheint, du rennst in dein
Verderben. Aber immerhin, verdirb nur; dann ist wenigstens etwas geschehen.
    Sie brachte ihm die Briefe zurück. Sie fragte kalt, was er mit ihnen
beabsichtigt habe. Seine Antwort, das habe er ihr ja geschrieben, überhörte sie.
Platz zu nehmen, weigerte sie sich. Voss bemühte sich um ein Tema. Er ging wie
eine Schildwache vor ihr auf und ab. Sie machte im stillen ihre kaustischen
Glossen über ihn, bemerkte Nachlässigkeiten seines Anzugs, fand die Art
lächerrlich, wie er sich mit einem kleinen Schwung umdrehte oder wie er sich
plötzlich die Hände rieb. Alles erschien ihr albern und komisch an ihm; ein
Schulmeister, war ihr spöttisches Urteil, ein Schulmeister, der ein bisschen
übergeschnappt ist.
    Er sagte, er habe sich entschlossen, nach Zehlendorf zu ziehen; er habe da
draussen ein ruhiges Giebelzimmer in einer Villa gefunden. Es verlange ihn nach
Baum und Feld, wenigstens nach dem Geruch davon. Man fahre morgens zu den
Vorlesungen, am Nachmittag zurück, und lasse es sich auf die Dauer nicht ganz so
durchführen, so habe man doch das Bewusstsein eines Asyls ausserhalb dieses
steinernen Pandämoniums, das nach missbrauchtem Geist und nach Tinte schmecke. In
vierzehn Tagen werde er übersiedeln.
    »Um so besser,« entschlüpfte es Johanna.
    »Wie meinen Sie das, um so besser?« fragte er mit einem Katzenblick. Dann
lachte er; es klang wie Scherbenklirren. »Ach so,« sagte er und blieb stehen;
»denken Sie denn wirklich, dass die Entfernung etwas ändert? Sie werden kommen,
ich versichere Ihnen, Sie werden kommen, und nicht bloss, wenn ich nach Ihnen
rufe; aus eignem Antrieb werden Sie kommen. Klammern Sie sich also nicht an eine
trügerische Hoffnung, mein Fräulein.«
    Johanna schwieg verdutzt. Diese Unverschämteit brachte sie aus der Fassung.
Voss lachte wieder und nahm von dem Eindruck seiner Worte keine Notiz. Er fing
an, von seinem Studienweg zu sprechen. Er habe jetzt zwei Semester hinter sich
und sei so weit wie andre mit sechs. Die Professoren hätten ihm ein famoses
Prognostiken gestellt. Was an der Medizin erlernbar sei, müsste man überhaupt als
Kinderspiel bezeichnen; ein normal geratener Kopf könne es bei einigem Fleiss in
andertalb Jahren bewältigen. Hernach freilich scheide sich die Strasse; da heisse
es: hie Handwerker, Dilettanten, Professionisten, Scharlatane, hie Hirne,
Geister, Pioniere, Illustrissimi. Anfangs habe ihn die Chirurgie interessiert,
aber der Reiz habe sich verflüchtigt; es sei die reine Metzgerei. Er verschmähe
es, all sein Sach auf Messer und Säge zu stellen und sich, wo das Abenteuer der
Praxis beginne, dem Diktum irgendeines zünftigen Diagnostikers zu unterwerfen,
so dass das ganze Problem darauf hinauslaufe, ob der Schlächter zum Henker werde
oder nicht. Was ihn jedoch über die Massen anziehe, das sei die höhere
Psychiatrie. Da balle sich Mysterium auf Mysterium; unerforschte, ja unentdeckte
Kontinente dehnten sich aus; Massenepidemien der Seelen; heute kaum betretenes
Revier; Krankheiten der Geschlechter, der Völker von der Wurzel auf; eine wahre
Gespensterjagd zwischen Himmel und Hölle; Nachweis von Zusammenhängen über die
Jahrtausende hinweg wie auch von Individuum zu Individuum, die das ganze Gebäude
der Wissenschaft ins Wanken bringen müssten.
    Weiter kann man die Ruhmredigkeit unmöglich treiben, dachte Johanna
angewidert. Seine Stimme, die beständig vom Diskant bis zum Bass lief und dann
umbrach wie ein unflügger Vogel, der sich zwischen zwei Mauern stösst, tat ihr
körperlich weh. Sie sagte etwas höflich Beipflichtendes und reichte ihm die
Hand, auch das mit Unlust.
    »Bleiben Sie!« herrschte er sie an.
    Sie warf den Kopf zurück und schaute ihn erstaunt an.
    »Bleiben Sie,« bat er nun. »Jedesmal gehen Sie so fort, dass man sich, wenn
Sie draussen sind, vor Verzweiflung am Fensterkreuz aufhängen möchte.«
    Johanna verfärbte sich, und auf ihrer niederen Stirn entstanden kindliche
Falten. »So sagen Sie mir doch: was wollen Sie von mir?« flehte sie.
    »Eine Frage von hervorragender ... na, nennen wir es Treuherzigkeit,
verehrtes Fräulein. Was ich will, liegt klar am Tage. Oder haben Sie sich über
Mangel an Deutlichkeit zu beklagen? Bin ich ein so leisetreterischer Werber? Ich
dachte eher, Sie machten mir mein Ungestüm zum Vorwurf. Das hätte Berechtigung.
Ich kann aber nicht spielen. Ich verstehe mich nicht aufs Einfädeln. Ich zupfe
nicht Margeritenblätter, die orakeln. Ich habe nicht gelernt, Wortfallen zu
legen und Blickangeln zu werfen und Süssigkeiten zu schwatzen und auf den Busch
zu klopfen. Könnt ichs, würde es mich vielleicht sicherer ans Ziel bringen. Aber
ich habe keine Zeit dazu. Ich habe keine Zeit mehr, Fräulein Johanna; ich stehe
auf dem katastrophalen Punkt, wo es heisst: entweder - oder.«
    »Ihre Offenheit lässt nichts zu wünschen übrig,« erwiderte Johanna und
blickte kühl und fest in die Gläser seiner Brille. So verharrte sie mehrere
Sekunden, dann fragte sie gezwungen lächelnd, mit verhehlter Bangigkeit und
verhehlter Neugier: »Und warum soll gerade ich Ihr Entweder - Oder entscheiden?
Welche meiner Eigenschaften sind es denn, die Ihre Aufmerksamkeit auf mich
gelenkt haben? Welcher Tugend oder welchem Laster Hab ich die Ehre zu danken?«
Sie schloss wartend die Augen bis auf einen dunklen Spalt, was ihren Zügen eine
schmelzende Anmut verlieh. Gefährliche Koketterie, die sie trieb, am Abgrund;
sie wusste es.
    Aber für Amadeus Voss war sie, wie sie sich gab, und er starrte ihr berückt
ins Gesicht. »Darf ich aufrichtig sein?« fragte er.
    »Sie erschrecken mich. Gibt es noch eine Steigerung?«
    »Es ist die Rasse, sehen Sie. Wohlgemerkt, dieselbe Rasse, die ... na, ich
drücke mich noch mild aus, wenn ich sage, dass ich die Juden immer gehasst habe.
Einen Juden nur riechen, das hiess bei mir: eine Ladung Sprengstoff in die
Nerven. Da steht uraltes Verbrechen auf, zweitausendjährige Schuld. Der
Gekreuzigte seufzt über Länder und Zeiten hinweg an mein Ohr; noch gegen die
Edelsten eures Stammes wehrt sich mein Blut. Mag sein, dass ich das Werkzeug
fortgeerbter Lüge bin; mag sein, dass man zum Pfaffen wird, wenn zum Priester die
Liebe fehlt; dass Brüder aufwachen in Feinden, ohne dass mans merkt; dass Kain und
Abel sich am Jüngsten Tag die Hände reichen. Aber es ist mir nun einmal in Hirn
und Herz gebrannt, dass ich hassen muss, wenn meine Wurzeln in der Erde, dort, wo
ich nicht hinreichen kann, durch das freche Wachsen fremder Sämlinge verkümmert
werden. Und wenn einer, indem er sich als Hausgenoss und Nachbar aufdrängt, mich
mit dem ganzen Vorbehalt der inneren Fremde anredet, soll ich das nicht spüren
und ihm nicht mit gleicher Münze zahlen? So wars bis jetzt. Ich kannte keine
jüdische Frau. Ich behaupte nicht, dass mein Gefühl sich im wesentlichen geändert
hat. Wär es so, ich würde weniger leiden. O, Sie haben recht, mich wegen dieses
Wortes zu verachten. Ich bin auf viel Verachtung von Ihnen gefasst. Das alles
gehört zu meinem Leiden. Als ich Sie das erstemal sah, musste ich an die Tochter
des Jephta denken. Sie entsinnen sich vielleicht, sie wurde von ihrem Vater
geopfert, weil sie zufällig die erste war, die ihn willkommen hiess, als er
heimkehrte. Er hatte ein Gelöbnis abgelegt. Da kam seine Tochter ihm entgegen
mit Pauken und mit Reigentanz, sagt die Schrift. Die erste, die einem das
Willkommen bietet, zu opfern, darin liegt ein tiefer Gedanke. Sie muss sehr
zierlich gewesen sein, die Tochter des Jephta. Erfahren in allerlei Träumen.
Waghalsig sogar, was Träume betrifft. Verwöhnt, zu keiner Tat mehr fähig, alle
Begeisterung und alle Initiative in einer süssen, lüsternen Sehnsucht
untergetaucht. Langer Reichtum, von Vorahnen aufgehäuft, hat sie enterzt. Sie
liebt die Musik, liebt alles, was den Sinnen schmeichelt, zarte Seide, zartes
Wort; auch aufregende Dinge liebt sie, nur verpflichten dürfen sie nicht, binden
nicht; Grauen und Angst; ein kleiner Rausch; Sichversuchenlassen, das Schicksal
herausfordern, dem Tiger im Zwinger die Hand durchs Gitter strecken.
Phantasiespiele. Aber alles an ihr ist so sein, so im Übergang, unklar, ob zur
Blüte, ob zum Moder; sie ist so empfindlich, so widerstandslos, so müde, sie
weiss so viel, sie wünscht so viel, der eine Wunsch macht immer den andern
kraftlos; Geschlechterinzucht hat ihr Blut zum Gerinnen gebracht, und wenn sie
lacht, hat ihr Gesicht einen schmerzlichen Zug. Und eines Tages kehrt der
Richter Jephta heim und muss sie opfern. Ich stelle mir vor, dass er danach
wahnsinnig geworden ist.«
    Johannas Gesicht zeigte eine schreckliche Blässe. »Das war, scheint mir,
eine Lektion in der höheren Psychiatrie,« sagte sie mit mühseligem Spott.
    Voss schwieg.
    »Nun, leben Sie wohl, gelehrter Mann.« Sie schritt zur Tür.
    Voss folgte ihr. »Wann kommen Sie wieder?« fragte er leise.
    Sie schüttelte den Kopf.
    »Wann kommen Sie wieder?«
    »Quälen Sie mich nicht.«
    »Übermorgen wird Wahnschaffe hier sein. Werden Sie kommen?«
    »Ich weiss es nicht.«
    »Johanna! Werden Sie kommen?« Er stand mit aufgehobenen Händen vor ihr;
Schläfen- und Wangenmuskeln bebten.
    »Ich weiss es nicht.« Sie ging.
    Er aber wusste, dass sie kommen würde.
 
                                       13
In einer Pause während der Generalprobe wandelten Lorm und Emanuel Herbst im
Foyer auf und ab. Sie sprachen über Lorms Rolle. »Etwas weniger Zurückhaltung,
mein Lieber,« näselte Emanuel Herbst; »bei der Entdeckung des Betrugs im zweiten
Akt und der Szene mit dem Bruder hatte ich stärkere Akzente erwartet. Sonst ist
nichts zu erinnern.«
    »Gut, ich werde noch Kulissenschmalz auflegen,« sagte Lorm trocken.
    Viele der geladenen Gäste ergingen sich gleichfalls in dem gebogenen
Längsraum. Bewundernde Blicke folgten Lorm. Ein junges Mädchen näherte sich mit
einer Entschlossenheit, in der noch Kampf mit dem Entschluss lag. Sie überreichte
Lorm einen Nelkenstrauss. Stumm zog sie sich wieder zurück, erschreckt von der
eignen Kühnheit.
    »Schönen Dank!« rief ihr Lorm freundlich zu und steckte die Nase in die
Blumen.
    »Na, du glücklicher Prasser, wie schmecken die gebrochenen Herzen?«
erkundigte sich Emanuel Herbst spottend; »zu jedem Frühstück eines, wie? Oder
mehr? Da kommt einen alten Knaben wie mich die Wehmut an.«
    »Es ist des Guten zuviel,« sagte Lorm; »die armen Dinger übernehmen sich.
Schon des Morgens früh stehen welche an der Haustür und unterhandeln mit dem
Pförtner; wenn der Chauffeur kommt, umflattern sie den. Manche wissen Bescheid,
wie ich den Tag verbringe, und tauchen immer dort auf, wo man sie nicht vermuten
sollte, zum Beispiel vorm Laden des Altändlers oder auf der Treppe beim
Photographen. Von einer hat man mir erzählt, dass sie nächtelang vor dem Haus
promeniert hat. Eine andre reiste mir auf meinen Gastspielreisen in jede Stadt
nach. Dann die unseligen Briefe. Was da an Gefühl verschwendet, was da
gebeichtet wird, in was für verwickelte Lebensverhältnisse man eingreisen soll;
diese naiven Voraussetzungen! Man könnte sich den Teufel drum scheren, aber die
Sache hat ja auch ihre sehr ernste Seite. Denn sieh mal, alle diese jungen
Geschöpfe stecken Kapital in ein verlorenes Unternehmen, wenn ich mich so
jobberhaft ausdrücken darf. Das muss sich rächen. Kluge Leute sagen, es ist
gleichgültig, wofür die Jugend erglüht, wenn sie nur überhaupt erglüht. Stimmt
aber nicht. Für einen Schauspieler soll eine anständige Jugend nicht erglühen.
Versteh mich recht, ich will damit unsern Stand nicht verkleinern; er hat seine
Meriten, ohne Frage; ich will mich auch selber nicht einen krummen Hund heissen.
Ich bin, was ich bin. Ich weiss Bescheid. Jene wissen es nicht. Sie wollen, dass
ich sei, was ich vorstelle, und das ist der Gipfel der Absurdität. Nein, eine
anständige Jugend vergöttert nicht den Schauspieler, dieses Zerrbild des
Helden.«
    »Na, na, na,« machte Emanuel Herbst ironisch begütigend; »du bist zu streng,
du siehst zu schwarz. Ich kenne ein paar immerhin recht erhebliche Personen, die
dir einen Ehrenplatz unter den Sterblichen einräumen, von den Unsterblichen will
ich mit Rücksicht auf deine üble Laune nicht reden. In deinen luziden
Augenblicken bist du auch stolz darauf; was ich billige und in Ordnung finde.
Wie verhält sich denn deine Frau zu solchen Hypochondrien? Wäscht sie dir nicht
manchmal gehörig den Kopf?«
    »Mich dünkt,« erwiderte Lorm mit unbewegtem Gesicht, »mich dünkt, Judit hat
ihre Enttäuschung schon hinter sich. Sie würde sich in dem Prozess nicht zu
deinem Anwalt hergeben. Ich glaube, da sind meine Lehren und Überzeugungen auf
fruchtbaren Boden gefallen.«
    Emanuel Herbst wiegte den Kopf und schob bedenklich die Lippen vor. Lorms
Ton erregte seine Besorgnis. »Was macht sie eigentlich?« forschte er; »ich habe
sie lange nicht gesehen. Ich hörte, sie sei krank gewesen?«
    »Was sie macht, ist schwer zu sagen,« versetzte Lorm. »Krank? Nein. Krank
war sie nicht, obschon sie viel zu Bett war. Sie hat da so ein paar kleine
Bürgersfrauen, die ihr den Hof machen, ihr all ihre Zeit widmen und die sie
fabelhaft dressiert hat. Sie behauptet, ihre Schlankheit geht verloren, und so
hat sie sich von einem Modedoktor eine Hungerkur verschreiben lassen, die sie
gläubig befolgt. Im übrigen ist mein Haus in bestem Zustand; tip-top; warum
nicht? Wird ja zweimal wöchentlich bis in die letzten Winkel gescheuert. Bisschen
mühsam, das. Die Küche ist vorzüglich; im Keller hab ich wieder einen
prachtvollen Tropfen: Grand Puy Lacoste. Musst mal mitalten. Prima Ware.«
    »Schön, mein Lieber, schön, werde mitalten,« sagte Emanuel Herbst. Die
Sorge war mit jedem Worte Lorms drückender geworden. Er kannte diese Kälte an
ihm, hinter welcher die scheueste Verletzlichkeit wohnte; diese prinzliche
Glätte, unter der schmerzhafte Wunden lange bluteten, dies Zwiegeschlechtliche,
Unbestimmte, das zwischen Seelenkrankheit und Askese war. Er hatte Angst vor
Zerstörung, Angst vor dem Wurm in der edlen Frucht.
    Der Spielleiter gab das Zeichen zum Wiederbeginn, und alsbald schmetterte
von der Bühne die Stimme aus Stahl über gebannte Menschen.
 
                                       14
Johanna kam.
    Sie hatte mit Bedacht die Stunde weit hinausgeschoben, um nicht mit Voss auf
Christian warten zu müssen, den sie heute endlich treffen sollte. Als sie Voss
allein fand, stutzte sie verächtlich. Verstimmung machte ihr Gesicht alt und
spitz.
    Draussen war es nasskalt. Sie setzte sich an den Ofen und legte die Hände an
die Kacheln; des Mantels entledigte sie sich nicht; es war ein Tuchmantel mit
Pelzbesatz und grossen Knöpfen, in dem sie kindlich mager und verkrochen aussah.
Auch den Schleier schlug sie nicht auf, der von dem breitrandigen Hut straff ans
Kinn gezogen war und die Farblosigkeit des Gesichts verstärkte.
    »Sie haben mich belogen,« sagte sie hart; »es war ein Köder. Sie wussten im
voraus, dass er nicht da sein würde.«
    Voss antwortete: »Damit erklären Sie mir also rundweg, dass ich mich nur als
Mittel zum Zweck zu betrachten habe. Was versprechen Sie sich eigentlich von
einer Begegnung mit ihm? Wozu soll das dienen? Erinnerungen auffrischen? Eine
Aussprache herbeiführen? Nein, ich weiss schon, Sie sind nicht für Aussprache;
Sie wünschen sich eine spannende Situation, aber mit der Möglichkeit, sich im
Notfall gleich wieder losschrauben zu können. Sehr schlau. Ich soll die Wand
sein; ich soll die Gelegenheit geben. Sehr schlau. Warum gehen Sie denn nicht
einfach zu ihm hin? Natürlich, ein solcher Schritt wäre zu verpflichtend; es
könnte aussehen, als ob; man wüsste schliesslich doch nicht, wie so etwas
aufgefasst würde. Ergötzliche Feigheit. Wo's genehm ist, lyrische Mimose, wo's
anders genehm ist, Nackendruck auf einen Wehrlosen.«
    »Das ist unerträglich,« rief Johanna und stand auf. »Glauben Sie, dass mich
mein Hiersein nicht viel mehr kompromittiert, besonders in meinen eigenen Augen,
als alles, was ich sonst tun könnte?«
    »Beruhigen Sie sich,« sagte Voss erschrocken und fasste nach ihrem Arm. Sie
wich zurück; in der Furcht vor seiner Berührung sank sie wieder auf den Stuhl.
»Beruhigen Sie sich,« wiederholte Voss, »er hat mir fest zugesagt, zu kommen. Er
hat eine Menge Geschäfte jetzt, hat mit allerlei Leuten zu schaffen und ist
fortwährend unterwegs.«
    Johanna vollzog an sich Gedankenfoltern. Darin besass sie Fertigkeit und
Erfahrung. Sie freute sich, wenn es ihr übel erging; sie freute sich, wenn ihre
Hoffnungen fehlschlugen; sie freute sich, wenn sie beleidigt und misskannt wurde.
Sie freute sich, wenn der seidene Strumpf zerriss, in den sie des Morgens beim
Aufstehen schlüpfte; wenn sie beim Schreiben einen Tintenklecks aufs Papier
machte; wenn sie auf der Reise den Zug versäumte; wenn eine Sache, die sie für
teures Geld gekauft hatte, sich als wertlos erwies. Es war eine hämische, eine
gassenjungenhafte Freude, wie sie jemand empfindet, der das Fiasko eines
gehassten Nebenbuhlers mitansieht.
    Deshalb lächelte sie auch jetzt vor sich hin. »Ich bin ein reizendes Wesen;
nein?« sagte sie bizarr und blickte empor.
    Voss war verblüfft.
    »Erzählen Sie mir von ihm,« sagte sie, halb trotzig, halb resigniert und
drückte wieder die Hände an die Kacheln.
    Amadeus' Blick fiel auf ihre Hände, die blau vor Kälte waren. »Sie frieren,«
murmelte er, »Sie frieren immer.«
    »Ja, ich friere viel. Es fehlt mir Sonne.«
    »Von Findelkindern heisst es, sie könnten sich nie recht erwärmen. Aber Sie
sind doch keins. Im Gegenteil, ich stelle mir vor, dass Ihre Kindheit eine
Brutstätte der Betreuung war. Gewiss hat man die Zimmer überheizt und nachts die
Wärmflasche ins Bett getan und Sanatogen und Arsenik verschrieben. Doch Ihre
Seele fror immer ärger, je mehr man ihr von der Materie aus beizukommen suchte.
Dem Leibe nach sind Sie kein Findelkind, da liegt eine unanzweifelbare
bürgerliche Deszendenz vor; nur Ihre Seele, die ist wahrscheinlich eine
Findelseele. Solche gibt es. Es flattern sehnsüchtig Seelen im Weltraum,
beständig zwischen Paradies und Hölle auf und ab, und die Frage ist, ob ihnen
ein Engel oder ein Dämon ihr irdisches Asyl anweist. Die meisten geraten in den
falschen Körper; aus lauter Ungeduld nach einer sterblichen Hülle fallen sie
einem Dämon in die Klauen und bleiben ihm zeitlebens tributpflichtig. Das sind
die Findelseelen.«
    »Sie schwatzen Unsinn,« sagte Johanna; »erzählen Sie mir lieber von ihm.«
    »Von ihm? Ich sagte ja schon: er ist vielseitig verstrickt. Das Weib, die
Karen, ist krank; der wird schwerlich wieder aufzuhelfen sein. Vergeltung,
Vergeltung. Lasterschuld wird eingefordert. Taumeln sollen sie und irre werden
von dem Schwerte, das ich unter sie senden will, heisst es. Nun, er pflegt sie.
Er wacht in den Nächten und pflegt sie. Eine andre wohnt im Hause, ein jüdisches
Mädchen, mit der zieht er herum, besucht allerlei Leute, spielt den
Vorstadteiligen, bloss dass er nicht predigt. Predigen ist ja seine Sache nicht,
er ist stumm, und das ist ein Segen. Noch nie war ich einer Frau so nah
gesessen,« fuhr er im selben Tonfall fort, wie um zu verhindern, dass sie ihn
unterbrach, »noch nie einer, bei der man fühlt: es ist gut, dass sie existiert.
Man hat ein so verdammtes Bedürfnis nach Reinheit, so ein grässliches Verlangen
nach einem Menschenauge. Zu wissen: so schaut dich keine andre an wie die -,
Herrgott, Herrgott! Dass einmal der Fluch deiner Verlassenheit zunichte wird -
Mensch! Mensch! Was ists denn gar so viel? Was will man denn? Nur nicht in der
Wut hinsiechen und am Durst krepieren. Einmal den Kopf in einen Weiberschoss
graben und nichts mehr spüren als die geliebte Nacht, und wenn oben Schweigen
ist, ein paar Hände im Haar und ein Wort, einen Hauch, und erlöst sein -
Herrgott!« Seine Stimme war leise geworden, zuletzt verlor sie sich in ein
Geflüster.
    »Nicht ... nicht ... nicht,« flehte Johanna, fast ebenso leise; »erzählen
Sie weiter von ihm,« bat sie hastig; »er lebt also wirklich in vollkommener
Armut? Man spricht so viel darüber. Vorige Woche war ich irgendwo eingeladen,
und es war von nichts anderm die Rede. Frech und dumm, wie sie ja alle sind,
diese seit vergangenem Montag Arrivierten, übertrafen sie sich in schlechten
Witzen oder bedauerten die Familie oder sprachen gar von Betrug. Mir ekelte.
Eines frag ich Sie: warum habe ich von Ihnen noch kein herzliches Wort über ihn
gehört? Warum nichts als Geifer und Entstellung? Sie müssen ihn kennen. Es ist
unmöglich, dass Sie die Meinung von ihm haben, mit der Sie sich vor mir, und
jedenfalls auch vor andern, wichtig zu machen belieben. An Freundschaft zwischen
uns beiden ist ja nicht im entferntesten zu denken, wenn Sie in diesem Punkt
nicht wahrhaftig gegen mich sind. Also?«
    Voss schwieg lange. Erst wischte er mit dem Taschentuch seine feuchte Stirn
ab, dann stützte er, weit vorgebeugt sitzend, das Kinn auf die verschränkten
Hände und starrte hinter den abgeblendeten Brillengläsern lauschend in die Höhe.
»Freundschaft,« murmelte er sarkastisch, »Freundschaft. Das nenn ich Wasser in
den Wein schütten, eh er gekeltert ist.« Nach einer Weile fing er wieder an:
»Ich bin nicht zum Richter über ihn bestellt. Im Beginn unsres Verkehrs wurde
mir die Erlaubnis erteilt, ihn auf dem Piedestal zu bestaunen. Der Lump kniete
im Dreck und verdrehte die Augen zum Halbgott. Ich schürte dann mein Feuerchen
an, und es gab einigen Qualm. Wollt ichs abstreiten, dass er mir in die innerste
Natur gegriffen hat, ich wär ein Lügner. Er ist bisweilen meiner schlechten und
gemeinen Instinkte in einer Weise Herr geworden, dass ich mich, war ich dann
allein, einfach hinwerfen musste und flennen. Aber um ihn häufte sich Liebe und
um mich Hass. Wo er ging und stand, sprosste Liebe, und wo immer ich mit Fingern
hinrührte, wuchs Hass. Um ihn Licht und Schönheit und erschlossene Herzen, um
mich Schwärze und Niedrigkeit und verrammelte Wege. Er von allen Genien behütet,
ich mit Satan im Kampf und in meiner Finsternis zu Gott schreiend, der mich
verwarf. Ja, verwarf, ausstiess und brandmarkte; und immer mehr, immer
erbarmungsloser, je grösser die Zerknirschung wurde, je bussfertiger ich mich an
den Pranger stellte, je heisser ich meine Wurzeln aus der Erde grub. Da geschah
es denn, dass er mich als den Bruder erkannte. Es war eine unvergessliche Nacht,
und unvergessliche Worte haben wir getauscht. Aber um ihn blieb die Liebe, um
mich der Hass. Er nahm meine Flamme und trug sie zu Menschen, und um ihn war
Liebe, um mich Hass. Er machte sich zum Bettler und beschenkte mich mit
Hunderttausenden; um ihn war Liebe, um mich Hass. Halten Sie mich für so
borniert, dass ich nicht ermessen kann, was er getan hat und wie schwer es wiegt?
Schleicht doch das Bewusstsein davon in meinen Schlaf und macht ihn so
fürchterlich, so wund-offen, dass ich wie in brennendem Unkraut liege, ächzend,
ohne Himmel und Aufklang. Wer könnte denn so ein geschlagener Selbstverräter
sein und die Wahrheit nicht sehen und hören wollen, wenn sie lodert und braust?
Aber der Bruder, mein Fräulein, der Bruder! Als er noch schwelgte, war es
leicht. Nun geht er hin und leistet Verzicht und lebt in Entbehrung und Gestank
und pflegt eine luetische Dirne und lässt sich zum Abschaum herab, und was ist
die Folge? Liebe häuft sich wie ein Berg. Das muss man erfahren haben, das muss
man gesehen haben, wenn er in einen Raum tritt und sich die Blicke an ihn hängen
und ihn zärtlich betasten und jeder sich schöner und besser glaubt, nur weil er
da ist. Ist das Zauberei? Mich zermalmt der Berg von Liebe in meiner Klamm.«
    Er trocknete sich abermals die Stirn. Johanna, ihr dämmerten erst jetzt
Erkenntnisse über ihn, sah ihn aufmerksam an.
    »Die die Bestimmung haben, tun bloss den letzten Schritt,« fuhr Amadeus Voss
fort; »unsereins bleibt beim vorletzten stehen, und das ist unser Fegefeuer.
Vielleicht hätte Judas Ischariot dasselbe vermocht wie der Meister, aber der
Meister war ihm zuvorgekommen; das machte ihn zum Verbrecher. Er war allein; des
Rätsels Lösung ist, dass er allein war. Vorhin las ich in einem Buch, ehe Sie
kamen: die Hochzeit des heiligen Franziskus mit der Frau Armut. Kennen Sie es?
Weh dem, der allein ist, heisst es dort; wenn er fällt, hat er nicht den, der ihm
hülfe aufzustehen.«
    Das Buch lag auf dem Tisch. Er nahm es und sagte: »Der heilige Franziskus
ist aus der Stadt gegangen und trifft zwei arme Greise; die fragt er, ob sie ihm
sagen könnten, wo die Frau Armut wohnt. Ich will Ihnen vorlesen, was die beiden
Greise antworten.«
    Er las: »Wir sind hier seit langer Zeit, und oft haben wir sie dieses Weges
ziehen sehen. Manchmal war sie geleitet von vielen, und oftmals kehrte sie
zurück, allein, ohne jegliches Geleite, nackt, ohne jeglichen Schmuck noch
Kleid, nur von einem Wölkchen umgeben. Und sie weinte sehr bitterlich und sagte:
Die Söhne meiner Mutter haben gekämpft wider mich. Und wir sagten: Hab Geduld,
denn die gut sind, lieben dich. Und nun sagen wir dir: Steig auf den grossen
Berg, den der Herr ihr zur Wohnstätte gegeben hat in den heiligen Bergen, denn
Gott liebt ihn mehr als alle Wohnstätten Jakobs. Die Riesen konnten nicht nahm
seinen Pfaden, und die Adler konnten seinen Gipfel nicht erstiegen. Willst du zu
ihr gehen, so zieh aus die prächtigen Kleider, und leg zur Erde jede Schwere und
Gelegenheit zur Sünde; denn bist du nicht von diesen Dingen bloss, so wirst du
nicht aufsteigen zu ihr, die in solcher Höhe weilt. Aber da sie gütig ist, sehen
sie die mühelos, die sie lieben, und die sie suchen, finden sie mühelos. Bruder,
gedenke ihrer, denn diejenigen, die sich ihr hingeben, sind sicher. Nimm treue
Gesellen, auf dass, wenn du auf den Berg steigst, du dich mit ihnen beraten
könnest und sie deine Helfer seien. Denn wehe dem, der allem ist. Wenn er fällt,
hat er nicht den, der ihm hülfe aufzustehen.«
    Seine Art zu lesen peinigte Johanna. Es war ein Fanatismus darin, vor
welchem ihr nur auf Halbtöne gestimmtes Gemüt zurückschreckte.
    »Weh dem, der allein ist,« sagte Voss. Er kniete vor Johanna nieder. Er
zitterte an allen Gliedern. »Johanna,« stiess er hervor, »Ihre Hand, bloss Ihre
Hand; Mitleid! Ihre Hand!«
    Fast willenlos, mehr bestürzt als gehorsam, reichte sie ihm die Hand, auf
die er mit furchtbarer Leidenschaftlichkeit seine Lippen drückte. Was er tat,
erschien ihr im Zusammenhang mit dem Bisherigen blasphemisch und verzweifelt,
aber sie wagte nicht, ihm die Hand zu entziehen.
    Wachen Ohrs hörte sie ein Geräusch. »Es kommt jemand,« hauchte sie. Voss
stand auf. Es klopfte. Christian trat ein.
    Er begrüsste die beiden freundlich. Seine Ruhe stach beinahe tönend von
Amadeus' Verstörteit ab. Es gelang Voss nicht, sich zu sammeln. Während
Christian sich an den Tisch setzte, wo von der Lampe der volle Schein auf sein
Gesicht fiel, und bald Johanna, bald Amadeus anschaute, ging dieser erregt im
Zimmer auf und ab und sagte: »Wir haben vom heiligen Franziskus gesprochen,
Fräulein Johanna und ich.«
    Christian wunderte sich ablehnend.
    »Ich weiss von ihm nichts,« sagte er; »ich erinnere mich nur, in Paris, bei
Eva Sorel, habe ich Verse lesen hören, die von ihm handelten. Alle waren damals
entzückt, aber ich mochte das Gedicht nicht. Aus welchem Grund, erinnere ich
mich nicht mehr, ich weiss nur, dass Eva darüber zornig war.« Er lächelte. »Warum
habt ihr denn von Sankt Franziskus gesprochen?«
    »Wir haben von seiner Armut gesprochen,« antwortete Voss, »von seiner
Hochzeit mit der Frau Armut, wie es in der Legende heisst. Wir sind
übereingekommen, so etwas dürfe nicht in die Wirklichkeit umgesetzt werden,
sonst würde Lüge und Missverständnis daraus ...«
    »Wir sind in nichts übereingekommen,« unterbrach ihn Johanna trocken; »ich
bin keine Stütze für Meinungen.«
    »Gleichviel,« fuhr Voss etwas gedrückt fort, »es ist eine Vision, eine
Leidvision von religiös Ergriffenen. Nur auf dem Boden des Christentums lässt
sich diese Armut denken, die heilige Armut. Wer sich des unterfängt und in einer
verbildeten Welt, in verbildeten Zuständen, wo Armut mit Schmutz, Verworfenheit
und Deklassierung identisch ist, den übermächtigen Lebensstrom nach rückwärts
lenken will, der stiftet nur Unheil und fordert die Menschheit heraus.«
    »Das mag schon stimmen,« sagte Christian, »aber man muss tun, was man für
richtig findet.«
    »Bequem, sich immer hinter das Persönliche zu verschanzen, wenn vom
Allgemeinen die Rede ist,« grollte Voss.
    Johanna erhob sich, um sich zu verabschieden, und Christian schickte sich
an, mit ihr zu gehen, denn ihretwegen war er gekommen. Voss sagte, er wolle sie
bis zum Nollendorfplatz begleiten; dort trennte er sich auch von ihnen.
    »Für uns ist es schwer, zu reden,« sagte Christian; »ich glaube, ich habe
dir viel abzubitten, Johanna.«
    »Bah,« machte Johanna, »was liegt an mir. Es ist schon verwunden. Wenn ich
mir trauen darf, ist es sogar verschmerzt.«
    »Und wie lebst du?«
    »Schlecht und recht.«
    »Du hast doch nichts dagegen, dass ich beim Du bleibe? Oder stört es dich?
Willst du nicht einmal zu mir kommen? Abends bin ich gewöhnlich zu Hause. Wir
sitzen dann beisammen und plaudern.«
    »Gut, ich werde kommen,« sagte Johanna, die ihre Befangenheit bei dem freien
und einfachen Ton Christians schwinden fühlte.
    So lange sie an seiner Seite ging und er seine einfachen Fragen an sie
richtete und einfache Dinge sagte, war das Geschehene selbstverständlich und das
Gegenwärtige geordnet. Aber als sie wieder allein war, missfiel sie sich wie
vorher; das nächste Ziel war so vernunftlos wie das fernste, und Welt und Dasein
atmeten Traurigkeit aus.
    Zwei Tage nachher ging sie in Christians Wohnung. Die Frau des
Nachtaufsehers Gisevius liess sie ins Zimmer eintreten. Frierend und von dem Raum
beklommen, in dem sie ihn nicht denken konnte, wartete sie über eine Stunde
vergeblich auf ihn. Sie hörte das Haus. Es kroch und raunte um sie herum. Es war
wie eine schmutzige Schachtel voll Insekten. Sie schrieb ein paar Worte auf
einen Zettel und ging wieder. Frau Gisevius riet ihr, sie solle doch oben bei
Karen Engelschall nachsehen oder bei Hofmanns. Dazu konnte sie sich nicht
entschliessen. »Ich komme wieder,« sagte sie.
    Als sie auf die Strasse trat, erblickte sie Amadeus Voss. Er begrüsste sie
stumm, machte ein Gesicht, wie wenn es zwischen ihnen verabredet wäre, dass sie
sich hier treffen würden, und ging an ihrer Seite weiter.
    »Ich liebe Sie, Johanna,« sagte er.
    Sie antwortete nicht, blickte geradeaus, ging rascher, dann langsamer, dann
rascher.
    »Ich liebe Sie, Johanna,« sagte Amadeus Voss. Seine Zähne schlugen
aufeinander.
 
                                       15
Auf der Alabasterplatte des Kamins brannten Kerzen in silbernen
Renaissanceleuchtern. Auch das grellere Licht der brennenden Scheite blieb auf
die Nähe beschränkt und verbrauchte seine Kraft, indem es die Gestalten von Eva
und Cornelius Ermelang in Glut setzte. Bis zu den Porphyrsäulen an den Wänden
und den goldverzierten Kassetten an der Decke drang es kaum noch hin; in den
hohen Spiegeln zuckte rotes Flimmern, und die purpurnen Damastvorhänge über den
riesigen Fenstern, den Raum patetischer schliessend als die mächtigen
Flügeltüren, saugten die Reste der Helligkeit ohne Strahlung auf.
    Der weisse Spitzenüberwurf, den die Tänzerin trug - Kenner behaupteten, jeder
Quadratzoll daran ergebe das Jahreseinkommen eines Gouverneurs -, war auf der
dem Feuer zugewendeten Seite belebt wie ein phantastisches Pastell.
    »Sie hatten viel Nachsicht mit mir, Sie waren oft vergeblich hier,« sagte
Eva; »ich fürchtete, Sie würden wieder abreisen, ohne dass ich Sie gesehen hätte.
Aber Susanne wird Ihnen ja geschildert haben, wie meine Tage verlaufen. Menschen
und Ereignisse wirbeln, ich habe Mühe, ein Bewusstsein von mir zu behalten.
Freunde werden mir entfremdet, Gesichter wechseln, und ich merk es nicht; ein
verrücktes Leben.«
    »Und dass Sie mich trotzdem gerufen haben,« flüsterte Ermelang; »dass ich das
Glück geniessen darf, bei Ihnen zu sein. Nun erst habe ich alles erreicht, was
mir der Aufentalt in Russland versprochen hatte. Wie soll ich Ihnen danken? Ich
habe bloss meine armen Worte.« Er blickte sie mit seinen wasserblauen Augen
gerührt und begeistert an. Das mit den armen Worten war wiederkehrende Figur bei
ihm; aber ungeachtet seiner gekünstelten Wendungen war die Empfindung echt; ja,
es war immer ein wenig zu viel Empfindung, zu viel Ergriffenheit in seiner Rede,
es machte manchmal den Eindruck, dass er im Grunde gar nicht so weich und
erschüttert war und sich im Notfall auch einzuschränken wisse.
    »Was tut man nicht einem Dichter zuliebe,« versetzte Eva mit artiger
Gebärde; »es ist die reine Zwecksucht. Ich werbe um mein Bild in Ihrem Geist.
Von antiken und modernen Tyrannen weiss man, dass die einzigen Menschen, mit denen
sie behutsam umgingen, die Poeten waren.«
    Ermelang sagte: »Ein Wesen wie Sie existiert so elementar, dass das Bild von
ihm geringfügig dagegen ist, wie der Schatten eines Dings, wenn die Sonne im
Zenit steht.«
    »Subtil; aber Bild muss sein. Ich habe solches Vertrauen zu Ihrem Auge, dass
ich von Ihnen erfahren möchte, ob ich wirklich so verändert bin, wie einige
versichern, die mich in meiner Pariser Zeit kannten. Ich lache sie aus, doch
daneben ist noch eine kleine Rebellion der Eitelkeit, Angst vor Vergehen und
Verblühen. Sagen Sie nichts, Widerspruch wäre trivial. Erzählen Sie mir vor
allem, wie Sie nach Russland gekommen sind, was Sie gesehen, gehört, erlebt
haben.«
    »Ich habe wenig erlebt. Im ganzen war es eine Impression, so unvergesslich,
dass das einzelne bedeutungslos wurde. Gewisse Bedrängnisse hatten mir Paris
verleidet, und die Fürstin Walujeff bot mir eine Zufluchtsstätte auf ihrem Gut
in der Nähe von Petersburg. Jetzt muss ich wieder nach dem Westen, nach Europa,
wie sie hier spöttisch sagen; der Spott hat recht. Ich verlasse meine seelische
Heimat, Menschen, die mir nah waren, ohne dass ich sie kannte, eine Einsamkeit
voll Melodie und Ahnung, um zurückzukehren in sinnloses Getöse, in Verwirrung
und Isolierung. Ich war bei Tolstoi, bei Pobjedonoszew; ich habe den Jahrmarkt
in Nischni-Nowgorod besucht und bin in der Troika durch die Steppe gefahren; um
Menschen und Landschaft ist ein Hauch von Unschuld und kommender Zeit, von
Dunkelheit und von Kraft.«
    Eva hatte zerstreut zugehört. Die Hymnen ambulanter Literaten und Beobachter
über Russland begannen sie ernstlich zu langweilen. Sie verzog ein wenig die
Lippe. »Ja, es ist eine besondere Welt,« warf sie hin und streckte ihre schönen
Hände aus, um sie an der Glut zu wärmen.
    Das hatte sie früher nie gehabt, dünkte es Ermelang, dies Versinkenlassen
eines, mit dem sie gerade sprach.
    Er fühlte, dass seine Worte keine Freundlichkeit bei ihr fanden, wurde
verlegen und schwieg. Er schaute sie an, heimlich, mit dem inneren Auge, das
streng war, und er sah die Veränderung, von der sie gesprochen; er empfing das
Bild, das sie gefordert.
    Die Schmalheit des Ovals hatte eine Willenslinie, die von Güte nichts mehr
besass, von Heiterkeit nur noch wenig. Den Mund härtete Entschlossenheit.
Verluste waren verzeichnet; um die Schläfen und unter den Lidern lagerten
Schatten. Der Körper verriet herrische Bändigung, gerade in seinen Lockerungen
jetzt, dem unvergleichlichen Gedehntsein und Ruhen wie bei wilden Katzen. Dass
sie erstaunlich gearbeitet hatte, war Ermelang bekannt; man hatte ihm gesagt,
dass sie sechs, sieben Stunden täglich ihren Übungen widmete wie in der Zeit der
Lehre. Es bestätigte sich ihm in der Art, wie die Glieder und Gelenke satt von
Rhytmus und Bewegung waren und mit dieser Fülle lässig spielten.
    Aber nichts Tröstliches ging davon aus, keine Freiheit. Ermelang gedachte
der Stimmen, die sie unstillbarer Machtgier bezichtigten, gefährlicher
politischer Umtriebe, verhängnisvoller Konspirationen, des Einflusses auf
gewisse Geheimverträge, die die Völker zu beunruhigen drohten, bei denen es sich
um die Entfaltung einer äusserst verschlagenen journalistischen Hetze und um
Werbungen und Parteiungen grössten Stils handelte. Es war, wie wenn im Erdinnern
ein Kohlenlager in Brand gerät, auf dem ein Kontinent noch arglos atmet.
    Misstrauische erklärten sie für eine verkappte Spionin im Solde Deutschlands;
doch genoss sie die Freundschaft der französischen und der englischen Diplomaten.
Beschöniger sagten, sie werde nur benutzt, um die Pläne und Wege des Grossfürsten
Cyrill zu decken; ihre Anhänger behaupteten, dass sie seine Absichten durchkreuze
und sich nur zum Schein zu seinem Werkzeug mache. Der Adel war ihr abgeneigt;
der Hof fürchtete sie; das niedere Volk, aufgestachelt durch Popen und
Sektierer, sah in ihr das Unglück des Landes; bei einer Revolte in Iwanowa hatte
man sie öffentlich als Hexe ausgerufen und ihren Namen unter feierlichen
Zeremonien verflucht. Erst gestern war ihm von einer Deputation Mohilewscher
Bauern erzählt worden - er hatte sie dann auf dem Fischmarkt gesehen - die in
Zarskoje Selo beim Zaren gewesen und in den Klagen über die Hungersnot, von der
ihre Provinz heimgesucht war, abergläubisch verstockt auf den sprichwörtlich
gewordenen Prunk der fremden Tänzerin hingewiesen habe. Der Zar habe nichts zu
erwidern gewusst und still zu Boden geschaut.
    All dies hing an ihr. Zu deuten blieb da nichts. Betrachtete er ihre schönen
Hände, die in der Kaminglut schwammen, jeder Finger war ein zarter Leib, so ward
ihm bang.
    »Ist es wahr,« fragte er mit scheuem Lächeln, »dass Sie in der Schlüsselburg
waren, dreimal nacheinander?«
    »Es ist wahr. Hat man es übelgenommen?«
    »Man hat sich jedenfalls gewundert. Die Kerkertüren haben sich noch niemals
einem Fremden geöffnet; der Russe lernt sie nur kennen, wenn sie sich hinter ihm
schliessen. Man hat sich gewundert; niemand begreift, was Sie dazu trieb. Viele
vermuten, Sie hätten bloss Dimitri Schelkow sehen wollen, der auf den Grossfürsten
geschossen hat. Sagen Sie mir den Grund; ich möchte den Schwätzern antworten.«
    »Den Schwätzern muss nicht geantwortet werden,« entgegnete Eva. »Ich fürchte
sie nicht und brauche keinen Verteidiger gegen sie. Ich weiss nicht, warum ich
hinging. Möglich, dass ich Schelkow sehen wollte. Er hat mich beschimpft. Er hat
sich die Mühe genommen, ein Flugblatt gegen mich zu verbreiten. Fünf seiner
Freunde sind dafür nach Sibirien geschickt worden, sechzehn-, siebzehnjährige
Knaben. Die Mutter eines von ihnen schrieb mir einen flehentlichen Brief; ich
sollte ihn retten. Ich habe es versucht; es war umsonst. Vielleicht wollte ich
wirklich Dimitri Schelkow sehen; es heisst von ihm, er habe Iwan Becker den Tod
geschworen.«
    »Schelkow ist einer der reinsten Menschen der Welt,« warf Ermelang leise
ein; »um ihn zu Geständnissen zu zwingen, hat man ihn gepeitscht.«
    Eva schwieg.
    »Gepeitscht,« wiederholte Ermelang; »diesen. Und es gibt noch Worte, es gibt
noch Lachen, es scheint noch die Sonne.«
    »Vielleicht wollte ich es sehen, wie sich ein Mensch unter Knutenhieben
windet,« begann Eva wieder. »Vielleicht war es mir wichtig als ein Reiz. Ich muss
mich nähren. Das Ungewöhnliche ist meine Speise. Eine Zuckung, ein originelles
Kauern, und die Phantasie ist befriedigt. Aber ich habe ihn gar nicht gesehen,«
fuhr sie mit dunklerer Stimme fort und blickte angestrengt an eine Stelle der
Wand; »ich habe andere gesehen, solche, die zehn, zwölf, fünfzehn Jahre in einem
finstern Steinloch zugebracht hatten. Einst hatten sie sich in der grossen Welt
bewegt, hatten ihren Geist mit edlen Dingen beschäftigt. Jetzt hockten sie in
Fetzen auf Fetzen und drückten die Augen zu, weil sie das Licht der kleinen
Laterne nicht aushalten konnten. Sie hatten verlernt zu blicken, verlernt zu
gehen, verlernt zu sprechen. Es roch nach Verwesung in ihrer Nähe; jede ihrer
Gebärden hatte einen sanften Wahnsinn. Aber auch um sie war es mir nicht zu tun.
Um Frauen war es mir zu tun. Ich sah Frauen, eingekerkerte Frauen, um einer
Überzeugung willen der Liebe, dem Leben, der Mutterschaft, der Hingabe entrissen
und zum langsamen Foltertod verurteilt. Nicht einmal verurteilt, sondern
vergessen. Viele sind einfach vergessen worden, und wenn die Freunde
Gerechtigkeit verlangen, droht ihnen Gleiches. Ich sah eine, die als junges
Mädchen gekommen war und nun als Greisin im Sterben lag. Ich sah Natalie Elkan,
die in Kiew von einem Gendarmerieoberst vergewaltigt worden war und den Unhold
mit seinem eignen Säbel erstochen hatte. Ich sah Sophie Fleming, die sich mit
einem Stück Eisendraht geblendet hatte, weil man ihren Bruder vor ihren Augen
gehängt hatte. Wissen Sie, was sie sagte, als ich zu ihr ins Verliess trat? Sie
steckte die Nase in die Luft und sagte: O, so riecht eine Dame. Da wusste ich auf
einmal etwas von Frauen. Ich umschlang sie und küsste sie und raunte ihr ins Ohr,
ob ich ihr Gift bringen sollte. Aber sie verneinte.«
    Eva erhob sich und schritt auf und ab. »Menschen,« sagte sie; »ja, und es
gibt Worte, es gibt Lachen, und es scheint die Sonne. Dies ist ein Saal,
angefüllt mit Kostbarkeiten. Auf der Treppe stehen die Lakaien. Fünfzig Schritte
von hier ist das Prunkbett, in dem ich schlafe. Alles mein. Was ich anrühre:
mein; was ich anschaue: mein. Ich könnte den ganzen Erdball fordern, wenn sie
ihn zu vergeben hätten; dann würf ich ihn wie eine Billardkugel in einen Tümpel,
dass er nicht mehr im Sternenraum wäre mit seinem Schmutz und seiner Qual. Wie
ich hasse! Wohin nur mit all dem Hass! Wo ist Erlösung von ihm? Ich glaube nicht
mehr, nicht an die Kunst, nicht an Dichter, nicht an mich; ich hasse nur noch,
zerstöre nur noch; ich bin verloren.«
    »Wunderbare Eva!« rief Ermelang mit gefalteten Händen. »Denken Sie daran,
wie vielen Sie viel gegeben haben.«
    »Ich bin verloren,« sagte Eva und blieb stehen, »ich fühls, ich bin
verloren.«
    »Weshalb verloren? Sie spielen mit sich selbst.«
    Sie schüttelte den Kopf und flüsterte die Verse aus dem Inferno: »O Simon
mago, o miseri seguacci, /Che le cose di Dio, che di bontate / Debbon essere
spose e voi rapaci / Per oro e per argento adulterate.«
    Ermelang fügte sinnend hinzu: »Fatto v'avete Dio d'oro e d'argento: / E che
altro è da voi agl'idolatre, / non ch'egli uno, e voi n'orate cento.«
    »Was ist da draussen?« fragte Eva und lauschte. Man hörte grollende Stimmen
von der Strasse, dazwischen Rufe, Pfiffe. Auch Ermelang horchte, dann ging er an
ein Fenster, hob die Draperie und schaute hinaus.
    Vor dem Palast, auf der breiten, schneebedeckten Strasse stand eine
Ansammlung von fünfzig oder sechzig Muschiks, in ihrer Tracht mit den
Lammfellhüten und den langen Mänteln deutlich zu erkennen. Sie standen
schweigend und blickten zu den Fenstern empor; sie hatten eine Menge Volks nach
sich gezogen, Weiber und Männer, und diese gestikulierten gehässig und schienen
die Muschiks aufzureizen.
    »Ich glaube, es sind die Bauern aus Mohilew,« sagte Ermelang ein wenig
ängstlich; »ich habe sie gestern durch die Stadt ziehen sehen.«
    Eva trat neben ihn, warf einen flüchtigen Blick hinab und kehrte wieder in
die Mitte des Saals zurück. Sie lächelte verächtlich. Da kam Susanne Rappard
hastig herein und sagte mit Zeichen des Schreckens: »Leute sind unten. Pierre
ist zu ihnen hinausgegangen, zu fragen, was sie wollen. Sie wollen mit dir
sprechen. Sie bitten demütig, zu dir gelassen zu werden. Was soll man dem
Gesindel antworten? Ich habe zur Polizei telefoniert. Mein Gott, was für ein
Land, was für ein abscheuliches Land!«
    »Gib ihnen Geld, Susanne,« sagte Eva mit gesenkten Augen; »es sind sehr arme
Leute, gib ihnen alles Geld, das im Hause ist.«
    »Unsinn!« rief Susanne entsetzt, »das nächste Mal werden sie das Tor
einschlagen und plündern.«
    »Tu, was ich dir befehle,« erwiderte Eva; »geh zu Monsieur Labourdemont; er
soll dir geben, was er an barem Gelbe hat, und bring es ihnen hinaus. Oder
jemand, der mit ihnen sprechen kann, soll es tun und ihnen sagen, ich sei schon
zu Bett, ich könne sie nicht empfangen. Und lass noch einmal an die Polizei
telefonieren, dass es überflüssig ist, einzuschreiten; hörst du, was ich dir
befehle?«
    »Ich höre,« sagte Susanne und ging.
    Die Menge unten hatte sich vermehrt, der Lärm wuchs, Betrunkene johlten. Nur
die Bauern blieben still. Der Älteste war bis an den Rand des Gehsteigs
getreten. Auf seiner Mütze lag eine kleine weisse Schneekuppel; auch in seinem
Bart hing Schnee und Eis. Pierre, der Pförtner, hatte sich in seiner
silberstrotzenden Livree vor ihm aufgepflanzt und mass ihn mit Hochmut. Der Bauer
verbeugte sich tief, während er mit ihm sprach.
    »Leben Sie wohl, lieber Freund,« wandte sich Eva an Ermelang; »ich bin müde.
Bewahren Sie diese Stunde in Ihrem Gedächtnis, aber vergessen Sie sie, wenn Sie
mit andern über mich reden. Das Innerste ist nur für einen. Gute Nacht.«
    Als Ermelang aus dem Tor des Palastes trat, tauchte am Ende der Strasse eine
Abteilung berittener Polizei auf. Die Volksmenge verschwand mit geschulter
Geschwindigkeit. Eine Minute später, und keiner war mehr zu sehen. Die Bauern
aber wichen nicht von der Stelle. Ob ihnen Geld verabreicht wurde, wie Eva
befohlen, erfuhr Ermelang nicht. Er mochte nicht das Schauspiel roher Gewalt
abwarten, das sich ihm beim Anrücken der Berittenen bieten würde.
 
                                       16
Rut beeilte sich, nach Hause zu kommen. Am Sonntagnachmittag pflegte der Vater
ein paar Stunden mit ihr zu verbringen. Sie war überrascht, als sie ihn nicht zu
Hause fand. Ein Brief lag auf dem Tisch. »An meine Kinder,« stand auf dem
Umschlag geschrieben.
    Der Brief lautete: »Geliebte Tochter, mein lieber Sohn! Ich muss euch
verlassen. Wann ich euch wiedersehen werde, weiss nur ein Höherer. Mein Entschluss
ist fest, ich habe lange um ihn gerungen. Ich bin dem Lebenskampf unter den
Umständen, die ihr kennt, nicht mehr gewachsen. Um in Berlin vorwärtszukommen,
braucht man eiserne Fäuste und eine eiserne Stirn. Ich bin nicht mehr in dem
Alter, wo man brutal über Hindernisse hinwegschreitet. Brotlosigkeit droht.
Statt euer Ernährer zu sein, steht mir das Schreckgespenst vor Augen, dir, meine
Rut, zur Last zu fallen, die ohnehin Übermenschliches leistet. Meinem Dasein
ein Ende zu machen, ist mir letztin oft verlockend erschienen. Die Religion
sowohl wie die Rücksicht auf das Andenken, das mir in euch bleiben würde, haben
mich daran verhindert. Es hat sich ein Mann gefunden, ein Glaubensgenosse, der
mir zuredete, mit ihm nach Amerika auszuwandern; er hat sich bereit erklärt, mir
das Geld für die Überfahrt vorzustrecken. Er ist hoffnungsvoll und verspricht
sich Gelingen. Vielleicht wendet sich das Schicksal endlich doch zu meinen
Gunsten; vielleicht nötige ich ihm durch das Opfer, das ich bringe, indem ich
euch im Unsicheren und in der Bedrängnis lasse, Erbarmen ab. Dann wird mein
erstes sein, euch zu mir zu rufen, darauf könnt ihr bauen. Ich sehe keinen
andern Weg, mich vor dem Untergang zu retten. Nur weil ich deine Seelenstärke
kenne, liebe Rut, nur weil ich die unerschütterliche Zuversicht habe, dass ein
guter Engel über dir wacht, greife ich zu dem, was mir so bitter ist und so
schwer fällt. Ich will nicht denken, darf nicht denken; ihr Unmündigen
schutzlos, mittellos, ohne Freunde, ohne Verwandte, Gott wird mirs verzeihen und
euch behüten. Keinen Abschied weiter. Es muss sein. Sobald Gutes von mir zu
melden ist, schreibe ich. Gib dann auch du sogleich Nachricht. Eingeschlossen
fünfzig Mark für das, was vorderhand nötig ist. Mehr kann ich nicht entbehren.
Die Miete per November ist bezahlt. Schuster Rösike hat noch sechs Mark fünfzig
zu bekommen. Es umarmt euch aus treuem Herzen euer sehr unglücklicher Vater.«
    Rut weinte.
    Nach einer Stunde, während der sie still sitzen geblieben war, klopfte es an
der Tür. Im Glauben, es sei Michael, öffnete sie. Wenn es doch Christian
Wahnschaffe wäre, dachte sie in dem Bedürfnis nach freier Mitteilung und hatte
Furcht vor dem Bruder.
    Es war weder Michael noch Christian. Vor ihr stand ein ärmlich gekleidetes
Kind, ein Mädchen mit einem Hund an der Seite, einem Metzgerhund, gross wie ein
Kalb, mit abscheulich glattem, glänzendem Fell, das schwarz und weiss gefleckt
war.
    Rut liess die Klinke nicht los, als sie nach dem Begehr des Mädchens fragte,
das ebensogut zwölf wie zwanzig Jahre alt sein konnte. Der Hund starrte böse.
    Das Mädchen reichte ihr schweigend einen Zettel. Er war schmierig und mit
rohen Schriftzügen bedeckt. Rut dachte erschrocken: Heute kommt alles Schlimme
geschrieben. Sie hatte aber noch nicht gelesen, was auf dem Zettel stand; sie
fühlte nur, dass es Schlimmes bedeutete.
    Sie schaute einen Augenblick gegen das Gangfenster, das ein Rahmen für ein
Bündel schwarzer Fabrikschlöte war. Der unheimliche Hund knurrte ein wenig.
    Auf dem Zettel standen, schwer zu entziffern, diese Worte: »Sie müssen auf
der Stelle hinkommen zu einem, mit dems übel steht. Er hat ein Gift im Leibe,
das bringt ihn um, und er muss Ihnen ein Geständnis machen, vor er abkratzt. Er
liegt in der hinteren Stube bei Adelens Aufentalt, was eine Weinkneipe ist,
Prenzlauer Allee 112, Hofgebäude links, Kellerstiege. Kommen Sie gleich mit das
Mädchen. Der liebe Gott wirds vergelten. Bitte aus Herzensgrund um Gottes
willen.«
    So der Zettel.
    »Was ist denn los? Was soll ich denn?« hauchte Rut.
    Das Mädchen, als sei es stumm, zuckte die Achseln und wies auf den Zettel.
    Voll Ahnung, voll innerer Warnung, voll von dem Schmerz über den Brief und
die Flucht des Vaters, voll Grauen vor dem Metzgerhund stammelte Rut
unschlüssig und immer wieder den Zettel betrachtend: »Ich weiss nicht ... ich muss
auf Michael warten ... wer ist es denn? Warum nennt er seinen Namen nicht?«
    Das Mädchen zuckte die Achseln.
    Es dünkte Rut, dass sie den Hilferuf nicht überhören dürfe. Die
blutunterlaufenen Augen des Hundes waren auf sie gerichtet. Niemals hatte sie
ein so nacktes Tier gesehen. Sie griff sich mit der Hand an die Stirn und
sammelte sich bedrängt. Sie kehrte ins Zimmer zurück und schaute sich bestürzt
um, denn es schien ihr sehr einsam und kahl. Sie schlüpfte in ihr Mäntelchen und
setzte den Hut auf. Ein Lächeln huschte über die Züge, wie aus Freude, dass sie
sich entschlossen hatte. Sie durchflog noch einmal den Zettel. »Bitte aus
Herzensgrund um Gottes willen.« Es war klar, was man zu tun hatte.
    Den Brief des Vaters hielt sie eine Weile unschlüssig in der Hand, dann
legte sie ihn zusammengefaltet auf den Tisch, wo ihre Bücher und Schreibhefte in
einiger Unordnung verstreut waren. Sie schloss die Bücher, die offen waren, und
schichtete sie aufeinander. Der Hund war lautlos ins Zimmer getrabt und folgte
ihr, als sie es verliess. An der Tür hing eine kleine Schiefertafel und, an eine
Schnur gebunden, ein Griffel. Rut schrieb auf die Tafel: »Ich komme bald
zurück. Bin in die Prenzlauer Allee gegangen. Warte jedenfalls auf mich. Habe
Wichtiges mit dir zu sprechen.« Sie sperrte ab und versteckte den Schlüssel
unter der Strohmatte.
    Das Mädchen bewahrte eine schläfrige Gleichgültigkeit.
    Rut besann sich am Treppenabsatz, dann pochte sie an Karens Tür. Wenn
Christian bei Karen war, konnte sie ihm noch ein paar Worte sagen. Aber es kam
niemand, um ihr zu öffnen. Karen schläft, dachte sie, und verzichtete darauf, zu
läuten. Als sie hinter dem Mädchen und dem nackten Hund die Treppe
hinunterstieg, wurden ihr die neuen Verantwortungen und neuen Aufgaben ihres
Lebens bewusst. Aber das Wirre zerteilte sich, und das Schwere verlor seine
Gewichte in ihrem jungen und mutigen Herzen.
    Im Hausflur zögerte sie ein letztes Mal. Doch gab sie es auf, bei Gisevius
nachzusehen, ob Christian dort nicht sei, da sich im Hof zwei alte Weiber mit
unflätigen Ausdrücken beschimpften.
    Es regnete. Der Sonntagnachmittag in der Stolpischen Strasse, mit
Novemberhimmel und Arbeitsstille, bleichen Gasflammen in die Dämmerung gestickt
und brummendem Lärm aus Wirtshäusern, war in gespenstischer Nüchternheit
entfaltet.
    »Gehen wir also,« sagte Rut zu dem Mädchen.
    Der nackte Hund trabte zwischen ihnen auf dem nassen Pflaster.
 
                                       17
Crammon hatte an die Gräfin Brainitz geschrieben: »Da ich mein Wort verpfändet
habe, werde ich kommen. Doch ersuche ich Sie um die Gefälligkeit, Lätizia
entsprechend vorzubereiten. Je näher der fatale Zeitpunkt rückt, je
unbehaglicher wird mir zumute. Es ist eine harte Busse, die Sie mir auferlegt
haben. Lieber wollte ich zum Berg Ararat wallfahrten, um einige Jahre als
Einsiedler dort zuzubringen und nach den Überresten der Arche Noah zu forschen.
Gewiss, ich war ein skrupelloser Vertilger wohlschmeckender Dinge, aber dieses
hab ich nicht verdient. Was zuviel ist, ist zuviel.«
    Die Gräfin antwortete, sie wolle ihm nach besten Kräften beistehen, damit
die Peinlichkeit der Begegnung für ihn gemildert werde. Sie habe nichts dawider,
dass das Kind sich an ihrem Herzen erst ausweine, bevor es einem Vater
gegenübertrete, der sich mit solchen Klauseln und Ängsten zu dieser Würde
bekenne. »Im übrigen, mein Herr,« schloss sie, »wir harren Ihrer. Lätizia ist aus
Paris zurückgekehrt, bezaubernder als je. Alle Welt liegt ihr zu Füssen. Ich
hoffe, Sie werden davon keine Ausnahme machen.«
    »Dass dich der Satan beisse,« fluchte Crammon und packte seine Koffer.
    Als er in der Villa Ophelia ankam, so hiess das Landhaus der Gräfin, wurde
ihm mitgeteilt, die Damen seien im Teater. Man führte ihn in das für ihn
hergerichtete Zimmer; er wusch sich und warf sich in den Abendanzug, dann ging
er in den Salon hinab, stemmte die Hände in die Taschen wie ein frierender
Landstreicher und liess sich übellaunig in einen Sessel fallen. Er hörte den
Regen plätschern, und aus einem der Räume drang das Weinen eines Säuglings. Aha,
das ist der Enkel, dachte Crammon moros, das Zwillingshalbe; wer schützt mich
schliesslich davor, dass man es mir auf die Knie legt und mich auffordert, es zu
bewundern, oder zu streicheln, oder gar zu küssen? Wer, sage ich, behütet mich
vor einer derartigen Attacke im Gartenlaubenstil? Dieser Gräfin ist manches
zuzutrauen. So eine sentimentale Naive, die den Übergang in das ältere Fach
nicht finden kann, ist zu allem fähig. Was gibt es Verdriesslicheres auf der Welt
als ein kleines Kind? Es ist kein Mensch, es ist kein Tier; es riecht nach
Kuheuter und Puder und macht sich durch widrige Geräusche unleidlich; es
stochert mit seinen Gliedmassen älteren Personen ins Gesicht, und wenn es nun
noch zwei sind, wenn diese sämtlichen Unannehmlichkeiten in Verdopplung
auftreten, dann ist man wehrlos ausgeliefert und muss billigerweise fragen: Was
hast du, Bernhard Crammon, damit zu schaffen, du, den die Fortpflanzung des
Menschengeschlechts lediglich im negativen Sinn interessiert?
    Eine höhnische Lache besiegelte das Selbstgespräch Crammons. Da vernahm er
heiter redende Stimmen, und Lätizia und die Gräfin traten ein.
    Er erhob sich und war Kavalier, von einer süssen Freundlichkeit und dem
Anstand der grossen Welt.
    Sein Erstaunen über Lätizias Erscheinung verhehlte er nicht. Die
österreichische Freude an schöner Weiblichkeit, ein angeborener Trieb zu
huldigen, brach durch die Nebel egoistischer Verstimmung. Er fand, dass ihn
entweder sein Gedächtnis im Stich gelassen habe, oder dass sie, seit er sie
zuletzt in Wahnschaffeburg gesehen, zu einer bewundernswerten Entpuppung gelangt
sei. Freilich, junge Mädchen, jeder Reise fern, waren das Ziel seines Augenmerks
nie gewesen. Frauen, mit denen er sich liebevoll beschäftigte, mussten wissend
und verantwortlich sein; das erleichterte die Verantwortung.
    Die Gräfin ergriff nach der Begrüssung das Wort. »Liebe Kinder, jetzt muss ich
euch für eine halbe Stunde allein lassen,« sagte sie mit ihrer norddeutschen
Zungenfertigkeit in allen Lebenslagen; »ich gehe mir die Hände waschen. So ein
Teater ist eine schmuddlige Sache. Alles daran ist schmuddlig: die
Sammetpolster, das Publikum, die Komödianten und das Stück. Mich überkommt
jedesmal Sehnsucht nach Wasser und Seife. Ihr könnt die Zeit benutzen, euch ein
bisschen auszusprechen; nachher soupieren wir.«
    Sie rauschte hinaus, nicht ohne Crammon einen starken Blick zuzuwerfen.
    Crammon fragte sinnend: »Wissen möchte ich, weshalb sich dieses Gebäude
Villa Ophelia nennt. Es gibt so viel Unerklärliches im Leben; dies gehört dazu.«
    Lätizia lachte. Sie betrachtete ihn mit einer Mischung von Ironie und Scheu.
Wie sie vor ihm stand, in ihrem Kostüm aus hellgelber, weicher Seide, Hals und
Büste in einem feuchten Elfenbeinglanz, hatte Crammon einige Mühe, sich noch
weiterhin bemitleidenswert zu finden. Lätizia näherte sich ihm einen Schritt und
sagte schelmisch gefühlvoll: »Also mein Papa. Wer hätte das gedacht! Es muss
unangenehm für dich gewesen sein, als sich eine vergessene alte Sünde plötzlich
in einen lebendigen jungen Menschen verwandelte.«
    Crammon, während ein Rest von Düsterkeit blieb, kicherte. Er nahm ihre Hand
zwischen seine beiden und drückte sie warm. »Ich sehe, wir verstehen uns,« sagte
er, »und das beruhigt mich. Wovor ich mich gefürchtet habe, waren Ausbrüche,
Tränen, und was bei solchen Anlässen sonst noch üblich ist. Nun, du hast
Vernunft, das ist nett. Damit aber dem Zeremoniell Genüge geschehe, empfange den
väterlichen Kuss von mir. Einen Kuss auf die Stirn. Es ist schicklich.«
    Lätizia neigte den Kopf, und er küsste sie auf den Haaransatz. Sie sagte:
»Wir haben also jetzt ein süsses Geheimnis miteinander? Wie soll ich dich vor
Menschen nennen? Onkel? Onkel Crammon? Onkel Bernhard? Oder ganz einfach
Bernhard?«
    »Ich denke, ganz einfach Bernhard,« erwiderte Crammon. »Selbstverständlich
bist du nach wie vor die rechtmässige Tochter des verstorbenen Herrn von
Febronius und seiner rechtmässig angetrauten, ebenfalls verstorbenen Gattin.
Unsere Situation erfordert einen besonders feinen Takt, von beiden Seiten.«
    »Gewiss,« pflichtete Lätizia bei und setzte sich. »Wenn ich mir vorstelle,
von welchen Gefahren man belauert ist. Hätte ich nun nichts gewusst und mich in
dich verliebt! Entsetzlich. Übrigens merke ich, dass ich gar keinen Respekt vor
dir habe, ich spüre etwas Schwesterliches; du gefällst mir ganz gut; wirst du
damit vorliebnehmen? Oder findest du mich pietätlos?«
    »Es ist vollkommen ausreichend,« sagte Crammon. »Ich kann dir überhaupt in
diesem Punkt eine ökonomische Gebarung nicht dringend genug aus Herz legen. Die
meisten Menschen gehen mit ihren Gefühlen um wie die Aschantiweiber mit
Glasperlen; fortwährend klappern sie damit und kommen gar nicht auf den
Gedanken, was für ordinärer Plunder es ist. Aber das nur nebenbei. Wir müssen
für unsern Verkehr eine Art Programm entwerfen. Dies scheint mir wichtig, um
jede Einmengung Unberufener zu verhindern. Ich bin natürlich jederzeit bereit,
dir mit Rat und Tat beizustehen. Du kannst auf meine Freundschaft, auf meine ...
gebrauchen wir das odiose Wort, väterliche Freundschaft unbedingt zählen.«
    Der in Gravität und Sorglichkeit gehüllte Eifer, mit dem Crammon darauf
ausging, sich Entlastungen zu verschaffen, ergötzte Lätizia. In einer gewissen
Hypokrisie war sie die würdige Tochter dieses Vaters: unter anmutigem
Mienenspiel und unschuldig tuender Gelehrigkeit verbarg sie allerlei Mokantes
und Eigensinniges. Sie entgegnete: »Es liegt kein Grund vor, dass wir unsre
Freiheit beschränken sollten. Wir wollen einander nicht im Wege stehen und
einander nichts schuldig sein. Jeder hat das Recht auf das Vertrauen des andern
und die Pflicht, ihn gewähren zu lassen. Ich hoffe, das passt dir.«
    »Du bist eine sehr entschlossene Person, und ich habe dich für eine
Schwärmerin gehalten, für ein Spinnwebchen. Haben dich die Viehzüchter dort im
Feuerland so gewjetzt? Ja, es passt mir, es passt mir ausgezeichnet.«
    »Ich habe so viel vor mir,« fuhr Lätizia mit begehrlich leuchtenden Augen
fort; »ich weiss gar nicht, wie ich mit allem fertig werden soll. Menschen,
Länder, Städte, Kunstwerke; ich habe so viel Zeit versäumt und werde schon
einundzwanzig Jahre alt. Tantchen wünscht, dass ich bei ihr bleibe, aber das ist
unmöglich. Am ersten Dezember werd ich in München erwartet, am zehnten in Meran.
In Paris war es göttlich. Ach Paris! Die Leute waren entzückend lieb mit mir;
alle wollten mich haben.«
    »Glaub ich, glaub ich,« sagte Crammon und rieb sich das Kinn; »wie hat denn
das Abenteuer mit dem Vicomte geendet, von dem mir die Gräfin erzählte?«
    »So? Hat sie dir davon erzählt?« fragte Lätizia errötend, »das war
indiskret.« Einen Moment lang zeigte sich ein Ausdruck von Kummer und Beschämung
in ihrem Gesicht; aber schlimme Erlebnisse, traten sie schon in ihr Bewusstsein,
vermochten es doch nicht zu verdunkeln. Gleich darauf lachten ihre Augen wieder,
die Erinnerung an das Trübe war verwischt. »Morgen wollen wir Auto fahren;
willst du, Bernhard? Willst du?« drängte sie ungestüm und streckte die Hände
nach ihm aus; »du musst auch den kleinen Baron Rehmer einladen, der im Grand
Hotel wohnt; Stanislaus Rehmer; Pole, Bildhauer. Er wird mich modellieren, und
ich werde Polnisch sprechen lernen. Ein scharmanter Mensch.«
    »Erkläre mir nur eines,« fiel ihr Crammon ins Wort, »erkläre mir: was geht
in Argentinien vor? Was hat der blauhäutige Bandit, in dem du einst die Essenz
männlicher Tugenden erblicktest, gegen dich unternommen? Du bildest dir doch
nicht etwa ein, er lässt es sich ruhig gefallen, dass du mit seinen beiden
Sprösslingen das Weite gesucht hast? Was mich betrifft, ich hätte ja nicht einmal
ein Butterbrot, viel weniger mein Bett mit ihm teilen mögen, aber du warst
andrer Meinung, und das Gesetz kümmert sich um Geschmackswandlungen nicht.«
    »Er hat die Scheidungsklage eingereicht; ich auch,« sagte Lätizia. »Es sind
schon eine Menge Akten vollgeschrieben. Die Kinder behalte ich, denn er hat mich
durch Misshandlungen zur Flucht gezwungen. Ich mache mir nicht die mindeste Sorge
darüber.«
    »Zahlt er dir eine Apanage?«
    »Bis jetzt nicht einen Pfennig.«
    »Wovon lebst du also? Wie ich sehe und höre, lebst du auf grossem Fuss. Woher
kommen die Mittel? Wer bestreitet den Aufwand? Oder ist das alles nur Schaum?
Machst du Schulden?«
    Lätizia zuckte die Achseln. »Ich weiss nicht recht,« gab sie befangen zur
Antwort; »manchmal ist Geld da, manchmal nicht. Tantchen hat ein paar
niederländische Bilder verkauft, die sie hatte. Man kann doch nicht immerfort
nachrechnen wie ein Krämer. Warum sprichst du von diesen abscheulichen Dingen?«
In ihrer Stimme war ein so aufrichtiger Schmerz und Vorwurf, dass Crammon wie ein
Sünder zu Boden blickte und, von ihrem Liebreiz gefangen, den Mut verlor, sie
noch weiter mit den groben Wirklichkeiten zu belästigen. Auch erschien jetzt die
Gräfin im Zimmer. Sie hatte blendend weisse Handschuhe an, und ihr Gesicht
glänzte von frischer Sauberkeit wie Porzellan. Auf dem Arm trug sie Puck, das
Löwenhündchen, das gealtert war und in einem marastischen Schlummer lag.
    »Kinder, es ist serviert,« rief sie mit jener Munterkeit, die auf
Bühnenerinnerungen beruhte.
 
                                       18
Karen war des Glaubens, Christian erwarte von ihr, dass sie sich um ihr Kind
kümmere. Sie hatte insgeheim ihrer Mutter geschrieben; die Witwe Engelschall
antwortete nicht.
    Christian hatte von dem Kind nicht einmal gesprochen. Er war nicht darauf
gefasst, bei Karen Fügsamkeit zu finden; ihr ganzes Verhalten gab nichts davon zu
erkennen.
    Aber in ihrem Bett grübelte sie, ob Christian es erwarte, und was mit dem
Kind geschehen sein mochte. Ein glasiges Klirren war bisweilen hörbar. Es kam
von den Perlen. Sie langte nach ihnen, vergewisserte sich, dass sie da waren.
Dann breitete sich ein verschlagen-wohliges Lächeln über ihre Züge.
    Christian war seit drei Tagen nicht aus den Kleidern gekommen. Er schlief im
Sofawinkel ein. Seit dem Morgen war formlose Unruhe in ihm.
    Isolde Schirmacher, die die Suppe für Karen brachte, weckte ihn durch
geräuschvolles Eintreten. Er stellte Stühle zurecht, räumte Bücher vom Tisch,
legte die karierte Decke darauf und öffnete ein Fenster. »Heute ist Sonntag,«
sagte er.
    »Ich mag keine Suppe,« murrte Karen.
    »Wenn ich aber un hab se extra für Sie jekocht,« sagte Isolde Schirmacher
weinerlich; »un Schweinsfrikassee ausserdem. Sie mögen immer alles nich.«
    »Friss dein Zeug selber,« erwiderte Karen und sah gehässig in die Luft.
    Die Schirmacher trug die Suppe wieder hinaus.
    »Mach doch das Fenster zu,« wimmerte Karen; »wozu denn immer das Fenster
spannweit auf; es ist einem ja kalt.«
    Christian schloss das Fenster.
    »Möcht bloss wissen, warum sie die Suppe hinausgetragen hat,« begann Karen
nach einer Weile; »das wär ihr gerade recht, wenn sie sich allemal meine Portion
in den Wanst stopfen könnte. Ich Hab Hunger.«
    Christian ging in die Küche und holte selbst die Suppe. Er setzte sich aus
Bett und hielt den Teller in beiden Händen, während sie ihn langsam auslöffelte.
»Heiss,« ächzte sie und stemmte den Hinterkopf gegen das Kissen; »mach das
Fenster auf, dass 'n bisschen Luft reinkommt.«
    Er öffnete das Fenster. Karen sah ihm mit dumpf staunendem Blick nach. Seine
Geduld war ihr unergründlich, und es reizte sie, ihn so weit zu bringen, dass er
aufmuckte und sie zurechtwies.
    In der Nacht verlangte sie zwanzig Dinge und widerrief, was sie eben
verlangt, in erbittertem Ton zwanzigmal. Er blieb immer gleich freundlich. Es
machte sie rasend; sie hätte schreien mögen. »Herrgott, was bist du denn für ein
Mensch?« kreischte sie ihm ins Gesicht und schüttelte die Fäuste.
    Christian fand demgegenüber kein Wort.
    Um zwei Uhr kam Doktor Voltolini. Die Assistentin, die Karen auf Ruts Bitte
untersucht, hatte zu regelmässigen Besuchen nicht Zeit, und da sie Voltolini
kannte, hatte sie es befürwortet, dass er die Behandlung fortsetze.
    Karen verweigerte fast auf alle seine Fragen die Antwort. Ihr Hass gegen
Ärzte ging auf Erfahrungen zurück, die sie als Prostituierte gesammelt.
    »Ich weiss nicht recht, wie ich mich stellen soll,« sagte Doktor Voltolini zu
Christian, der ihn bis zur Stiege begleitete; »es ist ein unbegreiflicher Trotz
in ihr; wär es nicht, um Ihnen gefällig zu sein, ich hätte schon längst
verzichtet.« Er hatte eine tiefe Sympatie für Christian gefasst und beobachtete
ihn oft mit erregter Verwunderung. Christian bemerkte es nicht.
    Er machte Karen Vorwürfe.
    »Ei was,« fertigte sie ihn ab, »die Doktoren sind Schwindler und
Beutelschneider; sie spekulieren bloss auf die Dummheit der Leute. Ich will
nicht, dass er mich anrührt. Ich will nicht, dass er mir den Kopf auf die Brust
legt, damit ich seine Glatze riechen kann, oder an mir herumklopft hinten und
vorn und 'ne Visage aufsetzt wie 'n Scharfrichter. Zum Leben brauch ich ihn
nicht und zum Sterben erst, recht nicht.«
    Christian schwieg.
    Karen kauerte sich zusammen; sie hatte Schmerzen heute. Eine Säge wurde
zwischen ihren Rippen hin und her gezogen. Sie fuhr fort: »Möcht bloss wissen,
warum du dich auf die Medizin versteifst. Erklär mir das doch. Ich Hab dich nie
nach was gefragt, aber das möcht ich wissen. Was freut dich denn an der
Doktorei? Was kann dir denn das sein?«
    Christian war überrascht von dem dringenden Ton und dem Glanz in ihren
Augen. Mit schwerfälligen Argumenten suchte er sie zu belehren. Er sprach wie zu
einer ihm Gleichgestellten, mit Achtung und Artigkeit. Karens Augen wurden
glänzender und glänzender. Sie verstand nicht ganz den Sinn seiner Rede, aber
sie hatte den Kopf weit aus dem Bett gebeugt und lauschte atemlos.
    Christian sagte, dass es nicht die Medizin gewesen sei, die ihn angelockt,
sondern die Betätigung mit Menschen. Da sei es naheliegend gewesen, etwas zu
wählen, wobei ihm gewisse schon erworbene Kenntnisse den Weg abkürzen konnten.
Zur Zeit, als er sich dazu entschlossen, habe er noch praktische Pläne und
Vorstellungen gehabt; die habe er jetzt nicht mehr. Er habe geglaubt, es könne
ihm zur Bestreitung seiner Lebensbedürfnisse dienen; er sehe aber jetzt, dass er
sich getäuscht habe, und dass er unfähig sei, mit geistiger oder seiner Hände
Arbeit Geld zu verdienen. Dass er zu dieser Einsicht gelangt, sei noch nicht
lange her. Er habe neulich den Studenten Jacoby in dessen Wohnung besucht und
ihn nicht angetroffen; da sei gerade das Kind der Mietsfrau von einer Leiter
gestürzt und regungslos liegengeblieben. Er habe es ins Zimmer getragen, mit
Spiritus eingerieben, das Herz behorcht und sei eine Weile bei ihm gesessen. Als
es dann wieder munter geworden und er sich zum Gehen angeschickt, habe ihm die
Mutter ein Zweimarkstück in die Hand drücken gewollt. Er habe Mühe gehabt, der
Frau nicht ins Gesicht zu lachen. Weshalb er sich geschämt, sei schliesslich
nicht einzusehen, aber er habe sich dermassen geschämt, dass ihm schwindlig
geworden sei. Und dann habe er sich gesagt: Das kannst du nicht, das kannst du
nun und nimmermehr.
    Während er dies erzählte, wurde ihm bewusst, dass er sich gegen Karen zum
erstenmal über sich äusserte. Es fiel ihm nicht schwer; der Grund lag in der
feierlichen Aufmerksamkeit, mit der sie ihm zuhörte und die ihr Gesicht
veränderte. Es verjüngte sich. Ein Wohlgefühl durchflutete ihn, eine eigene,
sogar über die Haut sich ausbreitende Freude. Er hatte eine solche Freude noch
nicht kennengelernt. Es war ein neues Gefühl.
    Mit freierem Ausdruck fuhr er fort zu sprechen, gelöster und offener noch;
das Studium an sich sei ihm gleichgültig; es sei für ihn ein Mittel zu etwas
anderm. Wohin es ihn führen werde, wisse er nicht; was die Zukunft anlange, habe
sich in letzter Zeit seine Unklarheit vermehrt. Er habe, wie gesagt, etwas
Bestimmtes von sich erwartet, nämlich, dass er in einen Beruf würde treten können
wie die meisten jungen Leute; aber er habe sich in seiner Erwartung getäuscht.
Trotzdem wisse er, dass er im wesentlichen nicht fehlgegangen sei; er übe sich;
jeder Tag bereichere ihn; er käme jetzt den Menschen ganz anders nahe; es werde
aller Flitter und Aufputz von ihnen genommen. So ein Krankensaal, so ein
Wartezimmer in der Klinik, so ein Betäubter auf dem Operationstisch, so ein
Spital mit Hunderten von Leidenden, da gebe es keinen Betrug mehr, da packe
einen die Wahrheit an, da begreife man vieles, was man vorher nicht begriffen,
da könne man in der Welt lesen wie in einem Buch. Brustkranke Kinder, skrofulöse
Kinder, Kinder, die mit grossen Augen in den Tod schauen, wer das nicht gesehen
habe, der lebe gar nicht richtig. Und wo sie alle herkamen und wo sie alle
hingingen, und was sie zueinander redeten, die Mütter, die Väter, dies Gewimmel,
und jeder einzelne wieder für sich wunderbar interessant. Grausiges schrecke ihn
nicht mehr, keine Wunde, keine aufgeschnittene Brust; er sei schon kalt; sei
sogar willens, sich für den Dienst in den ostpreussischen Leprabaracken zu
melden; es zwinge ihn hinunter, immer weiter hinunter in die Menschheit; er
könne nicht satt werden; nur hinunter, hinunter, es gebe ja immer noch
Grässlicheres, noch grössere Qual, und das müsse er in sich hineintun, sonst habe
er keinen Frieden. Später werde er noch andre Wege finden; an den Kranken, wie
gesagt, übe er sich nur; die Leiber seien eins, die Seelen seien ein zweites;
immer wenn etwas Heimliches und Verborgenes sich für ihn entschleiert habe,
werde ihm leicht ums Herz.
    Die Arme auf den Bettrand gestützt, vorgebeugt wie über eine Brüstung, mit
gierigem Staunen starrte ihn Karen an. Sie verstand und verstand auch nicht,
verstand den Sinn und nicht die Worte, jetzt wieder die Worte und nicht den
Sinn; nickte, grübelte, verzog den Mund, lachte lautlos, wie irr, hielt den Atem
zurück, ahnte ihn, ahnte Christian, diesen noblen, schönen fremden Menschen, der
ihr bis zur Stunde rätselhaft gewesen, ahnte ihn, wusste ihn und kam sich vor wie
in Schmiedeglut. Dass man schweigen musste, dass man zugeriegelt war, dass alles wie
Klotz und Stein in einem lag, dass man nicht die Worte hatte, nicht ein einziges,
dass man nicht einmal sagen konnte: du Mensch, komm her! Er war ja von Fleisch
wie sie, und alles Fleisch an ihr war aufgelockert: sie spürte Dank, wie sie
sonst Verzweiflung, Müdigkeit, Schimpf und Hass gespürt, spürte Dank als
aufschiessende, durch eine Wildnis schlagende Flamme, ein Drängen, ein wehes
Jubeln, und doch wieder Verzweiflung dann. Dass man so zu war, so entsetzlich zu!
    Mit befremdender Eile ging Christian fort. Karen rief Isolde Schirmacher
herein und gab ihr Urlaub bis zum Abend. Sie stand auf und zog sich an. Langsam,
mühsam; sie konnte sich kaum auf den Beinen halten; das Zimmer tanzte, der Tisch
hing an der Decke, der Ofen war verkehrt. Aber mit jedem Schritt trat sie
sicherer auf, wenngleich die Luft in den Ohren gestockt war. Die Perlenkette
vergrub sie im Mieder. Sie wankte die Stiege hinunter; alles war ihr bunt. Für
ihn etwas tun! Der Gedanke trieb vorwärts. Sie wollte sich zu einer Droschke
schleppen und auf den Zionskirchplatz fahren. Wo ist das Kind? Wo hast dus
hingebracht? Und wenn die Alte Geschichten machte, dann ihr an die Gurgel und so
lange gedrosselt, bis sie Farbe bekannte.
    Für ihn etwas tun! Ihm beweisen, dass es eine Karen gab, von der er noch
nicht wusste.
    Und sie kroch an den Häusern entlang.
    Als sie von einem Schutzmann und einem Arbeiter unter Aufsehen und
Zusammenlauf von Neugierigen wieder nach Hause gebracht wurde, mehr getragen als
geführt, kehrte Christian eben zurück. Er nahm sie bestürzt in Empfang. Sie war
bleich wie Kalk. Man legte sie aufs Bett. Da die Schirmacher nicht da war,
klopfte Christian an die Tür der Hofmannschen Wohnung, damit Rut ihm helfe,
Karen zu entkleiden. Sein Blick fiel auf die Schiefertafel, und er las, was Rut
für ihren Bruder aufgeschrieben hatte.
    Die formlose Unruhe, die während des ganzen Tags auf ihm gelastet, wälzte
sich wuchtiger in sein Gemüt.
 
                                       19
Nun war es so weit gekommen mit Johanna: sie hatte sich dem hingegeben, den sie
verachtete. Endlich hatte sie gültige Beweise gegen sich selbst und brauchte
keine Stimme mehr zu fürchten, die sie in Schutz nahm, keine Hoffnung mehr, die
ihr riet, sich zu bewahren. Es war überflüssig geworden, den armen Leib zu
schonen, nicht länger notwendig, die kleinen Prunk- und Ehrgeizlügen
weiterzuspinnen; man war demaskiert; man war, in einem ganz andern Sinn, als die
Moralisten ihrer Welt es verstanden, entehrt. Man war grauenhaft entehrt; man
war für Zeit und Ewigkeit entehrt. Man war gebrandmarkt.
    Nun hatte es seine Richtigkeit mit einem. Nun war alles in Ordnung.
    Amadeus Voss war, als er ihr in der Stolpischen Strasse aufgelauert, nicht
mehr von ihrer Seite gewichen und hatte von Zeit zu Zeit mit manischer
Eintönigkeit wiederholt: »Ich liebe Sie, Johanna.« Sie hatte nichts entgegnet.
Die Lippen verpresst, die Augen gesenkt, war sie gegangen, gegangen, länger als
eine Stunde. Furcht vor Menschenblicken und Menschennähe hatte sie abgehalten,
in eine Tramway zu steigen. Ausserdem war er es, der den Weg wählte und stumm
befahl. In der Wichmannstrasse war er vor einem kleinen Café stehengeblieben. Er
fragte nicht, forderte sie nicht auf, er ging einfach hinein und erwartete, dass
sie ihm folgen werde. Sie folgte ihm.
    In einem halbdunklen Winkel sassen sie einander gegenüber. Er nahm einen
Bleistift aus der Tasche und zeichnete Hieroglyphen auf die weisse Tischplatte.
Das beklemmende Schweigen hatte beinahe eine halbe Stunde gedauert; endlich
sagte er: »Nimmt man das Wort Liebe bloss in den Mund, so macht man sich schon
einer gemeinen Trivialität schuldig. Es ist breitgewalkt wie ein Fladen und
schmeckt nach Roman. Man schlüpft in andrer Leute Hemd. Im Gefühl ist es einzig,
beispiellos, sonderbar, wunderbar, das nie dagewesene Abenteuer, der Traum der
Träume; spricht man es aus, ists eine Vokabel aus dem Lesebuch. Aber wie sich
verständigen, wenn es einem den Hals zuschnürt und einen so durchschüttert, dass
man seine Tage wie ein Narr verbringt? Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt
geworden und habe nichts von der wohltätigen Behexung erfahren. Keine Hand hat
sich nach mir ausgestreckt, kein Auge hat mich angeschaut, kein gutes Wort hat
mich getroffen, und alle, die ich in dieser mir lästerlichen Besessenheit wusste,
hab ich mit meinem Hass bespien. Als ich ein Knabe war, gab es kleine erotische
Kameradschaften unter uns; jeder Junge hatte sein Mädchen, mit dem er tändelte
und allerhand Dummheiten trieb. Ich schloss mich davon aus. Ich hasste. Wenn sie
am Sonntagnachmittag vors Dorf spazierten, ging ich dem einen oder andern
Pärchen heimlich nach, und liessen sie sich irgendwo nieder, um zu plaudern und
zu schäkern, so beobachtete ich sie aus gedecktem Hinterhalt mit Wut und
Erbitterung. Sie haben ja ziemlich viel Scharfsinn, und so können Sie sich
leicht ausmalen, wie mir zumute war, und wie mir später zumute war, und wie mir
immer zumute war, bis auf den heutigen Tag. Sehnsucht, na ja, das ist auch so
ein ausgelaugter Begriff. Ich habe bisweilen dahin und dortin gelangt in der
Verworrenheit und feigen Gier, bin erzittert, wenn mich ein Weiberärmel
streifte, war der Hanswurst von einer, die es darauf anlegte, dass ich auf den
Leim kroch, hab mir das Blut vergiften lassen von der Tänzerin, unseligen
Andenkens, hab in der Gosse gefischt und mich mit dem Abhub besudelt, bloss um
die Natur zum Schweigen zu bringen, die erbarmungslose Natur, die ein Erbteil
des Bösen ist, das Werk Satans.«
    Er hatte den Blick nicht vom Tische erhoben, und die Hieroglyphen bedeckten
die halbe Platte. »Ich will nichts versprechen mit meiner sogenannten Liebe,«
fuhr er fort, und sein herabgebeugtes Gesicht zog sich schmerzhaft zusammen,
»ich weiss nicht, wohin sie mich führt, und diejenige, die sich entschliesst, mir
zu gehören. Mir zu gehören, wie das klingt; schauerlich, nicht wahr? Ich weiss
nur, dass die Betreffende sich um mein Seelenheil verdient machen würde, mich
erlösen würde von der Folterbank. Sie werden antworten: Was kümmert mich Ihr
Seelenheil? Was scheren mich die Folterqualen eines verlorenen Sünders? Gut,
reden wir davon nicht. Aber denken Sie einmal nach, ob Sie das noch sonstwo auf
dem Erdball gewinnen können, einen Menschen ganz und gar, einen Menschen mit
Haut und Haar? Mir ist jeder Schritt und jeder Hauch von Ihnen grenzenlos teuer;
die Wimpern Ihrer Augen und der Saum von Ihrem Rock entalten für mich das
gleiche Leben; in Ihren Gelenken bin ich drin, Ihr Herzschlag erschüttert mich.
Es gibt eine Angst vor dem eignen Herzschlag; es gibt auch eine vor dem des
andern. Soll ich mich noch weiter explizieren? Es ist genug. Worte sind so
unheilig und immer bloss nebendran.«
    Da war das Weib in Johanna erlegen. Grausige Neugier bekam Gewalt über sie;
weil ihr alles Tun und Sein überhaupt fratzenhaft erschien, liess sie sich müde
und geschlagen in die verzweifelt aufgereckten Arme gleiten.
    Sie fühlte sich ins Finstere gerissen; Hitze brütete, Glut frass. Die rasende
Leidenschaft, vor der sie bang abwehrend, frivol-anlockend, stumm-duldend,
verwegen-schürend stand, hatte Züge von Raubgier und Kannibalismus. Ein
orgiastisches Tier fiel sie an und stürzte zerknirscht vor ihr nieder.
Zerstörende Ekstasen und zermalmende Ermattungen wirkten hart gegeneinander.
Räume flohen fahl wie auf der Leinwand des Kinematographen; Stunden wurden nicht
durchlebt, sie verwesten.
    Sie schrieb an ihre Schwester nach Bukarest: »Eine Bitte: Du befindest dich
doch in unmittelbarer Nachbarschaft des Morgenlands, und dort soll es mächtige
Zauberer geben. Könntest du nicht einem von ihnen mit deiner berühmten
Verführungskunst auf den Leib rücken und ihm die Zauberformel ablisten, durch
die man sein Ichbewusstsein los wird? Könnt ich zum Beispiel für das meine,
durchlöchert und zerfranst, wie es ist, ein frisch gebügeltes und modern
fassoniertes eintauschen, so wäre mir radikal geholfen; ich könnte einen bessern
jüdischen Fabrikanten heiraten, Kinder in die Welt setzen, Kuglerbonbons
verzehren, Badereisen machen, mit der Jeunesse dorée flirten, kurz, meine Ideale
verwirklichen. Ich flehe dich an, Clarisse, such mir einen Zauberer, einen alten
oder einen jungen, gleichviel; einen Zauberer, und ich bin gerettet.«
 
                                       20
Um acht Uhr abends klopfte Christian abermals an Ruts Tür. Niemand öffnete. Er
wunderte sich.
    Er wusste, dass der Schlüssel unter der Strohmatte lag, wenn alle fortgegangen
waren. Er hob die Matte auf; der Schlüssel war da. Er ging ins Zimmer zurück.
    Karen schien zu schlafen. Ihr Gesicht glich einem Stück Kreide. Der strohige
Haarwust, ein lodernder Helm, stach grell aus dem Weiss.
    Sie hatte sich, nachdem sie eine Weile starr gelegen war, selbst entkleidet
und war stumm ins Bett geschlüpft.
    Immer wieder horchte Christian gegen die Wand, ob nicht Stimmen und
Geräusche aus der Hofmannschen Wohnung kämen. Es blieb still. Als zwei Stunden
verflossen waren, trat er mit der Kerze in der Hand auf den Gang: der Schlüssel
lag noch unter der Matte.
    Ihm war, als vernehme er irgendwo in der Luft ein Klagen. Er hielt sich
nicht für befugt, aufzusperren und in die Wohnung zu dringen, aber nachdem er
einige Zeit unschlüssig gestanden, steckte er den Schlüssel ins Schloss und
öffnete die Tür.
    Das öde Zimmer hauchte ihm Melancholie entgegen. Er stellte die Kerze auf
den Tisch; sein Blick fiel auf den offen liegenden Brief des Agenten Hofmann. Er
zögerte, ihn zu lesen. Er glaubte Schritte zu hören und lauschte. Das Gefühl,
der Brief werde Ruts Ausbleiben erklären, bestimmte ihn, nach ihm zu greifen,
und er las.
    Da war freilich kein Zweifel mehr, dünkte ihm. Sie hatte den Vater noch bei
jemand in der Stadt vermutet und hatte sich auf den Weg gemacht, um ihn an der
Ausführung seines Entschlusses zu verhindern. Der Betreffende wohnte
wahrscheinlich in der Prenzlauer Allee, und Michael, als er die Nachricht auf
der Schiefertafel und dann den Brief gelesen hatte, war ebenfalls dortin
geeilt.
    Trotzdem der Gedankengang plausibel schien, blieb Ungewissheit in
durcheinanderflutenden Bildern. Fragend glitt sein Auge über die Möbel und
Wände, mit scheuer Zärtlichkeit streiften seine Finger über die Bücher auf dem
Tisch, die Rut unlängst berührt hatte. Er verliess das Zimmer, schloss die Tür,
versteckte den Schlüssel unter der Matte und ging in Karens Wohnung zurück.
    Er verlöschte das Licht und legte sich auf das Sofa. Diese Nächte des
verkürzten und horchenden Schlafs nahmen ihn stark mit. Seine Wangen fielen ein;
die Nase wurde spitz, die Augenlider entzündeten sich, das Gehirn war gespannt
wie eine Trommel.
    Das Haus, in jene tückische Erstarrung versunken, die sein Kennzeichen Nacht
für Nacht war, stellte sich ihm als ein gerippehaftes Monstrum dar, bestehend
aus zahllosen Wänden, zahllosen Betten, zahllosen Türen, umhüllt von einer
übelriechenden Finsternis. Trotzdem liebte er es: er liebte die abgescheuerten
Stufen der Treppe; er liebte die Merkmale der Verwitterung an Mauern und
Pfosten; er liebte das Feuer, das in den Herdlöchern brannte und das er in den
Wohnungen beim Vorübergehen sah; er liebte das abgemergelte Weib, das in einer
Stube einen Säugling keifend beruhigte; er liebte das vielfältig Trostlose der
ineinander gezahnten Existenzen; er liebte die kleinen, verwelkten, russbedeckten
Blumenstöcke an einem Hoffenster, die gelben Äpfel auf den Simsen, die
Papierschnitzel im Hausgang, den Küchenabfall sogar, den schmutzige Mädchen in
Trögen vors Tor trugen.
    Während sein inneres Schauen an der Strohmatte hing und dem Schlüssel, der
darunter lag, an dem Brief des Agenten Hofmann und den Büchern und Heften auf
dem Tisch, dem Kattunkleidchen am Nagel und dem Laib Brot auf der Anrichte,
formte sich aus alledem die Gestalt Ruts und trat daraus hervor wie aus
Elementen, von denen sie geschaffen worden.
    Er entsann sich eines Besuchs im Warenhaus mit ihr, wo sie sich billige
Handschuhe gekauft hatte. Im Menschengewühl war er an ihrer Seite durch die
Räume gegangen, und er erinnerte sich des stillen Entzückens in ihrem Gesicht,
mit dem sie die Gebirge von schneeweisser Wäsche und bunten Seidenstoffen
betrachtet hatte; die Spitzen, die Hüte, die Gürtel, die Kostüme, alles, was ein
junges Geschöpf bezaubern und verführen muss. Aber ihr Genügen war dieses eigne
stille Entzücken, mit dem sie sagte: es ist da; gut, dass es da ist. Kein Langen
und Verlangen, nur Entzücken darüber, dass es da war.
    So ging sie auch unter den Menschen umher, ohne Langen und Verlangen;
empfing den festlichen Lichterglanz der illuminierten Läden, den Reichtum, der
aus Palästen prahlte, den Taumel der Vergnügungen, der diese Stadt
durchfieberte, wenn sie ihrer Arbeit vergessen wollte; so wies sie die Lockungen
zurück, das Gift von tausendfachen Betäubungen, wies zurück, was über das Mass
und die Kraft ging, warf ihre Jugend über die Welt, stand in schamhafter
Ergriffenheit inmitten.
    Er war eines Tages dabei gewesen, als sie mit dem Studenten Lamprecht
stritt, der demagogische Grundsätze entwickelte. Sie hatte eine reizend
plauderhafte Art, zu disputieren, dabei waren ihre Ansichten äusserst
entschieden. Man hatte von der Tat und vom Opfer gesprochen, und Rut sagte, sie
könne den Unterschied zwischen beiden nicht sehen, es gäbe Fälle, wo sie
verschwistert seien oder gar ein und dasselbe. Schliesslich rief sie aus: »Alle
Hindernisse besiegt doch nur der Geist; er umschliesst die Tat und das Opfer.«
Als ihr der Partner entgegenhielt, dass der Geist doch verkündet werden müsse,
und dass dies schon wieder Tat sei, sagte sie mit heissen Wangen: »Muss man ihn
wirklich verkünden? Dann nenn ich ihn nicht mehr so. Herzensdienst ist besser
als Mund-und Händedienst.«
    Da sah Christian, obschon mit dem Lächeln dessen, der überlegen bleibt, weil
er sich nie in Streitfragen mischt, dass ihm diese Stimme unentbehrlich geworden
war, dieses Auge, das erglühte, glühende Gefühl, die schwingende, tieferfahrene,
tiefjunge Seele. Sie gab ihn sich selbst. Sie war die Schwester und der Freund.
Er wusste sich durch sie. Sie war der Mensch. Kein Schlaf wollte sich einstellen.
Beständig kam sie in der Dunkelheit schattenhaft und fand den Mut nicht, ihn
anzureden. Er schreckte bisweilen empor, und sein Herz klopfte schnell. Einmal
sah er sie körperlich vor sich. Er hörte ein stehendes Flüstern, bei dem es ihn
kalt überlief. Er stand wieder auf und zündete Licht an. Karen stöhnte.
    Er trat an ihr Bett. »Wasser,« murmelte sie.
    Er brachte ihr Wasser, und während sie trank, beugte er sich liebevoll über
sie. Ihre Augen blickten ihn gross und klagend an. Sie waren nass.
 
                                       21
Amadeus Voss wohnte in Zehlendorf in der Alsenstrasse, bei der Radrennbahn, im
Giebelzimmer eines Neubaus. Man blickte auf Wiesenland, das von Kieferngehölz
begrenzt war; aus der grünen Fläche erhob sich eine riesige Reklametafel, auf
der mit riesigen Lettern stand: Zehlendorf-Grunewald-Aktien-Gesellschaft.
    »Das haben sie in den letzten acht Tagen hier aufgerichtet, damit ich nicht
über die Stränge schlage,« sprach Voss; »es ist ein ausgezeichnetes Memento
übrigens; ich höre, diese Aktiengesellschaft will eine Kirche auf ihrem Terrain
bauen. Ausgezeichnet. Eine Glockengiesserei haben wir auch in unmittelbarer
Nachbarschaft.«
    Johanna sass an der andern Seite des Fensters, durch welches die Sonne
hereinschien, die sie suchte. Ihr kleines Gesicht war abgemagert; der schön
geschwungene Mund, um den eine süsse Traurigkeit lag, verlor an Reiz durch die
hässlich vorhängende Nase. »Du könntest dich ja als Laienpriester verdingen,«
sagte sie frech und baumelte mit den Beinen wie ein Schulmädchen; »oder glaubst
du, dass sie das Geschäft protestantisch führen werden? Natürlich, hier ist man
ja protestantisch. Warum bekehrst du sie nicht, die Ungläubigen? Deine besten
Talente lässt du verkümmern.«
    Voss machte eine Grimasse. Mit seinen ziehenden Schritten ging er in dem
atelierartig grossen Raum umher. »Der Freigeisterei wird jeder Glaube zum
Schachergut, das ist klar,« bemerkte er bitter. »Was spottest du? Spottest
deiner selbst. Siehe nun wohl zu, dass nicht das Licht, das in dir ist,
Finsternis sei, heisst es im Evangelium. Aber was gilt dir das: Evangelium? Eine
gebildete Phrase. Schachergut.«
    Johanna, den Kopf in die Hand gestützt, flüsterte unhörbar vor sich hin:
»Wie gut, wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss.« Laut sagte
sie: »Schlechte Zensuren bekomm ich. Strafarbeit. Setzen Sie sich, Schülerin
Johanna; Ihre Faulheit riecht bis an mein Kateder.«
    »Hast du nie geglaubt?« fragte Amadeus, vor ihr stehenbleibend; »hat es dich
nie angerührt, das namenlose Wesen? Haben dich die Schauer vor ihm nie erbeben
gemacht? Kennst du die Ehrfurcht nicht? Aus was für einer Welt musst du sein!«
    Johannas Gesicht zuckte von Sarkasmus. »Wir sind den ganzen Tag damit
beschäftigt, ums goldne Kalb zu tanzen,« antwortete sie; »Urahne, Ahne, Mutter
und Kind. Stell dir das einmal vor. Schwindelerregend.«
    Unempfindlich gegen ihren Hohn, in welchem die gebrechliche und geistreiche
Anmut ihrer Natur zum Ausdruck kam, heftete Voss seinen Blick voll düsterer
Leidenschaft auf sie. »Glaubst du wenigstens an mich?« fragte er und umschlang
ihre Schultern.
    Sie bäumte sich, sträubte sich, drückte die Hände wider seine Brust und bog
den Kopf zurück. »An nichts glaube ich, an nichts,« sagte sie bebend, »an mich
nicht, an dich nicht, an Gott nicht, an nichts. Du hast recht, an nichts.« Ihre
Brauen verzogen sich schmerzlich, doch wie jedesmal, wenn er sie nahm und
packte, erlag sie der Glut. Es war das Letzte der Erde und des Lebens; die
letzte Betäubung; Schwäche, die Vernichtung will. Die spröde Lippe wurde weich
und erschloss sich, die Lider fielen zu.
    Amadeus, mit der Kraft des Verwilderten, hob sie ganz auf seine Arme. »An
dich nicht, an mich nicht, an Gott nicht,« murmelte er, »aber an ihn? An ihn
auch nicht? Sprich, an ihn auch nicht?«
    Sie schlug die Augen wieder auf. »An wen?« fragte sie erstaunt.
    »An ihn!« Er presste die zwei Worte gequält hervor. Sie begriff. Mit der
glatten Bewegung einer Schlange löste sie sich aus seinen Armen.
    »Was willst du?« fragte sie und ordnete mit nervösen Gebärden ihr reiches,
braunes Haar.
    Und er: »Ich will wissen. Ich will endlich wissen. So ist das nicht länger
auszuhalten. Was ist geschehen? Wie kamst du zu dem Du in jenem Briefe? Was
bedeuteten die Intimitäten: hast du mich schon vergessen? Darf ich noch darnach
fragen? Ihr habt das gewisse Spiel miteinander getrieben, selbstverständlich,
das geile, gefährliche Spiel der Motten um die Lampe; so dumm bin ich nicht, dass
ich das nicht erraten hätte; aber wie weit habt ihr euch vorgewagt? Bis zum
Zylinder oder bis zum Docht? Und als er dich stehen liess, was hattest du für
Forderungen an ihn? Was war er dir? Was ist er dir?«
    Es war zum erstenmal, dass Voss davon redete. Es hatte ihn gewürgt; er hatte
lauernde Fangfragen gestellt, Johannas Mienen erforscht, ihr Ablenken
beargwöhnt, ihre zarte Scheu respektiert, und alles hatte die Ungeduld und den
Verdacht gesteigert. Die Finger einer Hand um das Kinn verkrampft, hager und
wunderlich schwankend stand er da.
    Johanna schwieg. Ein Lächeln, halb spöttisch, halb leidend, irrte um ihre
Lippen. Sie wünschte sich weit weg.
    Voss fuhr knirschend fort: »Denke nicht, dass es Eifersucht ist. Und wenn es
Eifersucht ist, vielleicht gibts kein andres Wort dafür, gehört sie nicht zu den
Begriffen, in denen du aufgewachsen bist wie in einem vergifteten Ziergarten.
Warum warst du nicht offen? Bin ich nicht wert, dass du mit mir offen bist? Hast
du mein stummes Betteln nicht gespürt? Um was es geht, brauch ich dir nicht
auseinanderzusetzen; ahntest dus nicht, so hättest du keine Angst davor. Ein
Mensch wie ich, den äusserer Dienst und innerer Gehorsam von frühe an ein Ideal
von Keuschheit gelehrt, das erhabene und heilige des Glaubens, den nur die
Verzweiflung über die unerreichbare Himmelsferne dieses Bildes in die
Sündenkloake getrieben hat, der muss ein andres Gewicht auf Unschuld und
Unberührteit legen als eure Herrchen, eure eleganten Bezwinger, eure gedrillten
Löwen. Die Sünde, da steht sie, da vor dir steht sie, voll Unrat und voll
Jammer; du könntest Erlösung bringen, also rede. Die Beichte, da drin ist sie,
da drin in meiner Brust schreit sie. War ich zu sparsam damit? Bekommt sie nicht
geradezu eine schamlose Fratze neben deiner hoffärtigen Verschlossenheit? Kann
ich denn bloss deine Sinne aufreizen, du heidnisches Menschlein, nicht auch deine
Eingeweide und dein Herz? Beichte, oder ich reiss es mit Zangen aus dir heraus!
Soll ich deswegen geharrt und entbehrt haben, dass man mich mit dem abspeist, was
ein andrer übriggelassen hat, weil er satt war? Hast du mit ihm geschlafen?
Rede. Hast du mich um deine Jungfrauschaft betrogen? Mit ihm betrogen, der mich
ohnehin um alles betrogen hat? Rede!«
    Johanna, stammend entrüstet, griff nach Hut und Mantel und ging. Er liess sie
gehen, starr. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, und er vernahm
ihre sich entfernenden Schritte, so jagte er ihr nach, kehrte wieder um, holte
seine Mütze und stürzte zur Treppe. Als sie das Haus verliess, war er schon an
ihrer Seite. »Hör mich an,« stammelte er, »verurteile mich nicht.« Sie ging
rascher, ihm zu entfliehen; er wich nicht. »Das Gesagte mag schroff klingen,
Johanna, brutal sogar; dahinter ist die demütigste Liebe.« Sie schlug die Strasse
zum Bahnhof ein; er vertrat ihr den Weg. Wenn sie fahre, werde er Gewalt
anwenden, drohte er. Passanten wurden aufmerksam; um einen öffentlichen Skandal
zu vermeiden, musste sie umkehren. Sie bat: »Erlass mir wenigstens das Haus; ich
kann nicht mehr im Zimmer bleiben; sprechen wir im Gehen; aber nicht so nah, die
Leute lachen ja.«
    »Die Leute, die Leute; die Welt ist voller Leute; sie wissen von uns nicht
mehr als wir von ihnen. Sag, dass du vergibst, und ich will so gleichmütig sein,
als käm ich von einer Skatpartie.« Er war bleich bis in die Stirn.
    Sie gingen in nasser Schneeluft, auf nasser Erde. Die Strasse endete in einen
Feldweg. Über der untergehenden Sonne stand ein zersetzter Wolkenhimmel in Rot,
Gelb, Grün und Blau. Ein Schnellzug donnerte hart an ihnen vorbei. Elektrische
Signale himmelten. Es war ermüdend, über das schlüpfrige Laub zu gehen, doch der
feuchte Wind kühlte das Gesicht.
    Amadeus brachte Erklärungen vor. In der Selbstverteidigung fand er über
sich, den Verstossenen und Getretenen, das letzte, gepeinigte Glied einer Kaste
und Geschlechterfolge von Verstossenen und Getretenen, die unerhörten Worte, die
Johanna niederbeugten und ihre Willenskraft knickten. Er sprach von seiner Liebe
zu ihr, diesem schrecklichen Sturm im Blut, von dem er Reinigung, Bindung,
Befreiung erhofft und der ihn statt dessen verwüste und zerstücke. Das sei wie
Zweifel an Gott. Wenn man als sehr junger Mensch an Gott zweifle, breche die
Welt in Trümmer, alles Leben sinke in die Agonie. So ergehe es ihm. Diese
Nächte, wo man um Stillung lechze und das Dunkel zum Abgrund werde, aus dem
tausend purpurne Zungen spritzten!
    Ein Geblendeter, der sich im Kreis bewegt, fing er wieder an, zu fragen,
vorsichtig und schlau zuerst; dringlich und inbrünstig dann; wies auf belastende
Umstände, auf Zusammenhänge, die die Phantasie beunruhigten, appellierte an das
Mitleid, an die Redlichkeit, an einen verschütteten Funken von Frömmigkeit,
schilderte abermals seinen Seelenzustand, bettelte mit aufgehobenen Händen,
verstummte, sah finster vor sich hin, verstört und hilflos.
    In Johanna hatte anfangs das Erstaunen darüber vorgeherrscht, dass ihre
Beziehung zu Christian, die für sie in der Vergangenheit lag wie in goldenem
Schimmer, ihm nicht etwas Sonnenklares war. Hätte er es so aufgefasst und das
Geschehene als selbstverständlich vorausgesetzt, so hätte sie sich vielleicht
harmlos dazu bekannt. Aber seine Wildheit und Gier reizten sie zum Trotz,
erregten ihr Furcht, immer mehr; jeder neue Angriff machte sie unzugänglicher;
plötzlich hatte sie ein Geheimnis vor ihm zu schützen; plötzlich war es
Geheimnis, tiefes, stolzes; es preiszugeben konnten sie keine Beteuerungen und
Verfolgungen mehr zwingen; die guten Schicksalsgeister sprachen ihr Veto
dagegen; es war ein Besitz, den sie sich nicht rauben lassen durfte, von ihm
nicht, der Schuld und Schimpf darin erblickte, dem sie ohne Segnung verfallen
war. Und sie errichtete Dämme, war bereit, zu kämpfen, zu lügen, das Hässliche
und Widrigste zu dulden, Bezichtigung und Erniedrigung.
    So kam es auch. Seine Besessenheit sammelte sich in dem einen Punkt. Jeder
Blick forschte greulich, jedes Wort sondierte, hinter jeder Zärtlichkeit und
Berührung war die eine Frage. Sie wich aus; er wurde rasend. Sie wollte ihn
besänftigen; er warf sich hin und küsste ihre Füsse. Sie erbarmte sich und
täuschte ihn für die Dauer einiger trunkener Stunden mit den frei erfundenen
Einzelheiten einer platonischen Schwärmerei. Er schien zu glauben, warb um
Verzeihung, verhiess Besserung, Schweigen, Schonung. Aber es verstrich kein Tag,
und das Unwesen begann von neuem. Sein Auge war vom Misstrauen geätzt; Christian
Wahnschaffe war der Feind, der Dieb, der Widersacher. Was war zu der und der
Zeit? Was hast du ihm da und da gesagt? Was hat er geantwortet? Woher kam er?
Wohin ging er? Hat er das Letzte von dir verlangt? Hast du ihn geküsst? Einmal?
Viele Male? Hast du gewünscht, dass er dich küsse? Wo warst du allein mit ihm?
Wie sah das Zimmer aus? Was für ein Kleid trugst du? Rettungslos; eine Schraube,
die sich einbohrt. Johanna stiess ihn von sich. Sie höhnte; sie seufzte; sie
schlug die Hände vors Gesicht; sie weinte; sie lachte; und sie wich nicht um
Haares Breite.
    Ermattung stellte sich ein. Ost war sie so erschöpft, dass sie vom Morgen bis
zum Abend auf einem Sofa lag, blass und still. Sie liess sich von ihren Verwandten
in Gesellschaften schleppen, in Teater, Konzerte, Galerien; mit erloschenen
Blicken und frierender Gleichgültigkeit fühlte sie sich als Beute lästiger
Forderungen. Die Sympatie, die ihr die Menschen entgegenbrachten, war lästig;
was gab das noch, wenn man sich so grimmig verachtete? Diese selbstmörderische
Verachtung war die schneidende Waffe, die sie gegen ihre Brust kehrte, der
ritzende Stachel ihres Witzes. Ihre Aussprüche wurden verbreitet, ergötzten
ganze Zirkel; einmal schilderte sie, wie sie an einem See gebadet und wie ein
jäher Windstoss die Badehütte samt Dach und Tür über ihren Kopf davongetragen;
»und,« schloss sie, »ich stand nackt da, wie mich Gott in seinem Zorn erschaffen
hat.«
    Ihr Abscheu vor dem, der ihr Geliebter war, stieg zu einem Grade, dass es sie
wie Frost schüttelte, an ihn zu denken, dass sie heimlich seine Gebärde äffte,
seinen Tonfall, seine Pastoralen Floskeln, seinen heisshungrigen Blick. Sie hielt
Verabredungen nicht ein, fuhr nicht hinaus zu ihm, wenn sie es versprochen
hatte. Da schickte er Telegramme, Rohrpostbriefe, Boten, stand Wache vor dem
Tor, redete die Dienstleute an, bis sie, ausser sich, zu ihm ging und in ihrer
Empörung unbesonnene Worte sagte, die eiskalt klangen. Er wurde
Schulamtskandidat, spielte den Reuigen, war es auch, und die Angst, sie zu
verlieren, riss ihn zu Worten hin, in denen sich Wahnsinn mit Teuflischem
mischte.
    Sie verfiel; sie schlief und ass kaum noch. Wieder und wieder beschloss sie,
allem ein Ende zu machen und abzureisen. Aber da war ein andres. Da waren
sinnliche Lockungen von perverser Art. Ihr feiner, verfeinerter Körper, ihre
zarte, überzärtelte Seele, diese verletzliche Haut, diese inneren Membrane, sie
bogen sich in kränklich süsser Sehnsucht Grausamem zu, einer mysteriösen Wollust,
die in Sklaverei und Schändung entalten war, dem Äussersten, Verruchtesten, was
leiden machte, dem Verbotensten, was berauschte und betäubte.
    Es war ein Abend, da kauerte sie halbentkleidet auf einem Schemel, mit
offenen Haaren, die üppig über die schmalen Schultern flossen, das Haupt
zwischen flachen Händen, mit dem Ausdruck eines trostlosen Harlekins, bleich und
still. Amadeus Voss sass am Tisch, hatte die Arme verschränkt und blickte ins
Lampenlicht. Dies Alleinsein zu zweien, ohne Welt, ohne Würde, ohne Glück, es
hatte für Johanna etwas Unerbittliches, Existenz von Sträflingen, die an eine
Kette geschmiedet sind. Plötzlich erhob sie sich, raffte ihr Haar, und während
sie es graziös aufsteckte, sagte sie in ihrer skurrilen Trockenheit: »Treten Sie
ein, meine Herrschaften, hier ist zu sehen grosser Maskenscherz. Das Neueste und
Modernste. Garantierte Sensation. Geht unter kolossaler Spannung vor sich.
Entüllung der Geheimnisse männlicher und weiblicher Psyche. Überraschender
Schlusseffekt. Nur immer hereinspaziert!«
    Sie trat vor den Spiegel, schaute ihr Bild an, als kenne sie es nicht, und
machte eine komische Verbeugung.
    Amadeus Voss senkte den Kopf und schwieg.
 
                                       22
Der Halbidiot sagte, es wispere ihm etwas in den Ohren. dabei zitterte er wie
Espenlaub und war grün im Gesicht.
    Niels Heinrich versetzte ihm einen Fusstritt unter dem Tisch.
    Wenn die Tür aufgerissen wurde, knallte das Gelächter und das
Weibergekreisch in den Nebel hinaus. Man sah dann die Baustellen, an deren Rand
die fliegende Destille, eine Blockhütte, errichtet war. Ein Stadtviertel sprang
aus dem Boden. Balken, Gerüste und Krane bildeten ein Gewirr, ähnlich einem
Wald, in dem ein Orkan gewütet hat. Grundmauern, Erdlöcher, Bretterhäuser,
Mörtelgruben, Laufbrücken, Traversen, Gebirge von Ziegeln, Sandhaufen, Karren,
alles war trüb beleuchtet von den Bogenlampen, die wie in grauer Baumwolle
staken. Da und dort glühten Trockenöfen in ihrer Vergitterung.
    Dann fiel die Tür wieder zu, und man war in einer Höhle.
    Es wispere ihm etwas in den Ohren, behauptete Joachim Heinzen. Er lauschte
verständnislos den Zoten, mit denen ein alter Maurer die Tischgesellschaft zum
Brüllen brachte. Niels Heinrich warf einen finstern Seitenblick auf den Idioten
und verbot dem Wirt, sein Glas von neuem zu füllen; es blase bei dem ohnehin
schon vom Turm.
    Allmählich leerte sich der Raum. Es ging auf eins. Drei Dauersäufer sassen
noch beim Ausschank. Der Nachtwächter kam auf der Runde vorüber, liess sich einen
Kümmel geben, verschwand wieder. Der Wirt warf missbilligende Blicke auf die
Spätlinge, setzte sich in den Verschlag und nickte ein.
    Fünf Taler gebe er ihm, sagte Niels Heinrich leise zu dem Idioten, dann
solle er sich dünne machen. »Vaziehste dir man nich, so lichste im
Wurschtkessel, Junge,« sagte er. Der rote Geissbart stieg auf und ab. Um den Hals
war ein dottergelber Schal so oft geschlungen, dass der Kopf auf einem Polster
ruhte. Das Gesicht, fahl, sommersprossig, schien ohne Fleisch.
    Joachim zitterte an Armen und Beinen. Draussen gingen Dirnen vorbei; ihr
Lachen klang wie Tellergeklapper. »Fünf Daler; is jutt,« sagte der Idiot und
grinste. Doch sah man, wie er zitterte. Den ganzen Tag, den vorigen und den
vorvorigen war es so gewesen: er zitterte an Armen und Beinen. »Möcht mir ne
Schwarzhaarige koofen,« murmelte er.
    »Für Jeld kannste den Deibel danzen sehn, du Drehlade,« erwiderte Niels
Heinrich.
    Jetzt brachen auch die am Ausschank auf. Eine Uhr schnarrte. »Meine Herren,
's ist Polizeistunde,« mahnte der Wirt. Dreimal wurde gemahnt.
    »Det Ding wer ick schon machen,« sagte der Idiot. »Möcht eene haben, die
soll sind wie 'n Karussell. Immer lustig, immer ringsrum.«
    »Allemal, allemal. Junge; lass dir nur nich vom Luftballon überfahren dabei,«
höhnte Niels Heinrich und starrte seine Finger an, als hätten die zu ihm
geredet; »allemal, allemal.«
    »Möcht eene haben, die soll sind wie 'n Papagei,« sagte der Idiot;
»jeschmückt und ufklaviert.« Und blöde, mit einer zerbrochenen Stimme trällerte
er: »Mädel, putz dich, wasch dich, kämm dich schön, denn du weesst, wir wolln bei
Iräberts jehn.«
    Niels Heinrich schwieg verbissen.
    »Möcht eene haben, die soll sind wie 'n Fräulein, elejant und hübsch,« fuhr
jener fort und trank den Rest aus seinem Glase. »So eene möcht ich haben. Gib
her die fünf Daler. Jungeken, gib her.« Plötzlich überflog ihn ein Schauder,
seine Augen traten aus den Höhlen, und er gab ein Geräusch von sich, das eine
grauenhafte Klangverwandtschaft mit einem Wimmern hatte.
    Niels Heinrich erhob sich und riss ihn am Rockkragen empor. Er warf das Geld
für die Zeche auf den Tisch und beförderte den Idioten ins Freie. Er packte ihn
am Arm und zog den Wankenden, grauenhaft in sich Hineinwimmernden fort. Er
sprach nicht. Die blaue Mütze tief in die Stirn geschoben, das Gesicht voll
brütender Gedanken, achtete er nicht auf Schnee und Kot.
    Der Nebel verschluckte ihre Gestalten.
 
                                       23
Der Agent Hofmann hatte von Bremerhaven aus einen Abschiedsgruss an seine Kinder
geschrieben. Der Postbote hatte die Karte in die Türfuge gesteckt, und Christian
las sie.
    Bei ihrem Vater konnte also Rut nicht sein; das war nun Zweifellos; eine
Gewissheit, die erschreckte. Wo war sie also? Und wo war Michael?
    Er ging zum Hausverwalter und sprach mit ihm über das Verschwinden der
beiden. Es wurde die Anzeige bei der Polizei gemacht.
    Er wusste die Namen von Familien, wo sie Stunden erteilt hatte. Er ging zu
ihnen, aber nirgends vermochte man ihm Aufschluss zu geben. Er ging in die
Anstalten, die sie besucht, zu Freunden und Freundinnen, mit denen sie verkehrt
hatte; überall traf er Verwunderung, Kopfschütteln, Ratlosigkeit. Man nannte ihm
neue Wege, neue Menschen. Der und der, die und die hatte sie da und dort zuletzt
gesehen; die Spur verlor sich. Er war von morgens bis abends auf der Suche nach
Spuren; sie verloren sich, kaum, dass er sie aufgegriffen. Die Sorge und das
bestürzte Fragen zog Kreise.
    Die Wache bei Karen hatte er Isolde Schirmacher und der Witwe Spindler
überlassen.
    Am Abend des fünften Tages kehrte er müde heim. Boto Tüngen und der
Student Lamprecht hatten ihm bei den Nachforschungen geholfen. Alles war
vergeblich gewesen. War eine Hoffnung entstanden, so hatte sie der nächste
Schritt zunichte gemacht.
    Und wo war Michael?
    Christian stieg die Treppe hinan. Die Gasflamme im Halbstock brodelte. Am
Geländerpfeiler hockte quiekend das weisse junge Kätzchen. Christian bückte sich
und hob es auf seine Hände. Es begann leidenschaftlich zu schnurren, schmiegte
sich dicht an seinen Rock, und er streichelte das seidenweiche Fell, von dem
Wohlbehagen auf seine Hand überströmte.
    Den Schlüssel, der unter der Strohmatte gelegen, hatte er im Einverständnis
mit dem Hausinspektor in Verwahrung genommen. Am andern Morgen sollte er ihn
abliefern, da eine behördliche Kommission erwartet wurde.
    Er schloss die Tür auf und trat in die finstere Stube. Muffige Luft umfing
ihn. Jeder Hauch von Rut war verweht. Rut, kleine Rut, musste er denken, und
in dem Mass, wie er sich innerlich zu einem Gefühl sammelte, hörte die Finsternis
auf, unnatürlich und störend zu sein.
    Er setzte sich an den Tisch. Das durch den Türspalt fallende Licht liess ihn
die Bücher und die Hefte seiner kleinen Freundin gewahren. Er ging hin und
machte die Tür zu. Erst jetzt war er imstande, sich Rut mit jener Lebhaftigkeit
zu vergegenwärtigen wie in der ersten schlaflosen Nacht nach ihrem Verschwinden.
Sie trat nicht nur aus der Dunkelheit hervor wie damals, sondern sie sprach auch
zu ihm.
    Sie heftete ihre munteren, köstlich lachenden Augen auf ihn und sagte in
einem Ton, dessen Ernst sich in schroffem Widerspruch zu dem Ausdruck der Augen
befand: »Nein, niemals, nimmermehr.«
    Was bedeutete dieses Nein, Niemals, Nimmermehr? Worauf bezog es sich?
    An die Fensterscheiben drängte sich Nebel. Das Kätzchen schmiegte sich
zärtlicher in seinen Arm; das weisse Fell war ein unbestimmt schimmernder Fleck.
Die lebendige Kreatur, geformt und atmend, blutwarm und liebend, verhinderte
ihn, sich einem immer schwerer hinunterziehenden Schmerz völlig hinzugeben.
    Auf einmal gewahrte er, vor sich ausgebreitet, eine Landschaft. Es ist ein
Weg mit hohen Pappeln im Herbstlaub, ein breiter Schlammweg, alles schwarzer
Morast, rechts Heide bis ins Unendliche, links Heide bis ins Unendliche; die
schwarzen, dreieckigen Silhouetten einiger Hütten, durch deren Fenster vom Feuer
her ein rotes Licht scheint; da und dort Tümpel schmutzigen, gelblichen Wassers,
die die Luft widerspiegeln und in denen Stämme vermodern; das Ganze in der
Dämmerung mit einer weisslichen Luft darüber, und von fern eine rauhhaarige
Figur, der Hirt; und eine Anzahl eiförmiger Massen halb Wolle, halb Schlamm, die
gegeneinander stossen und einander verdrängen: die Herde. Mit Mühe und Unwillen
schreiten sie dahin auf dem schlammigen Weg, bis zum Bauernhof, einigen
Moosdächern und Stroh und Torf zwischen den Pappeln. Der Schafstall: dunkel; die
Tür weit offen wie der Eingang zu einer dunkeln Spelunke. Durch die Spalten der
Planke dringt das Licht der Luft von hinten durch. Die Karawane von Wollklumpen
und Schlamm verschwindet in dieser Höhle, und der Hirt und eine Frau mit einer
Laterne schliessen die Türe.
    Wie kam es, dass ihm die sichtbar-unsichtbare Anwesenheit Ruts die Vision
dieser Landschaft gab? Er hatte eine solche Landschaft, soweit er sich erinnern
konnte, nie gesehen. Wie kam es, dass etwas so Beschwichtigendes und etwas so
Aufwühlendes, Sehnsucht und Furcht, von der Landschaft ausging wie kaum von
einem Schicksal, einem Antlitz, einer Gestalt? Und wie kam es, dass das Nein,
Niemals, Nimmermehr als ein geheimnisvoller Sinn darin entalten war, eine
Mitteilung wie in einem Bilde?
    »Rut, kleine Rut.«
    Die Betrübnis drang Christian in Mark und Bein.
 
                                       24
Crammon hatte sich vorgenommen, nur eine Woche lang in der Villa Ophelia zu
bleiben, erstens, um das Familienidyll nicht über die anständigerweise gebotene
Zeit zu verlängern, zweitens, weil das festgesetzte Programm, von dem
abzuweichen ihn sonst nur Elementarereignisse zwingen konnten, ihn nach England
rief. Aber aus der einen Woche wurden zwei, aus den zweien drei, und als die
dritte Woche vorüber war, vermochte er noch immer keinen Entschluss zu fassen.
    Er grollte sich und seiner Umgebung und war launenhaft wie eine Frau. Er
richtete unzufriedene Ansprachen an seine eigne Person, beschuldigte sich
senilen Wankelmuts und war voll Gift und Nörgelei gegen die Lotterwirtschaft im
Hause der Gräfin. Die Küche wurde nach seiner Ansicht zu fett geführt und
drohte, seinen empfindlichen Magen zu ruinieren; die Dienstboten liessen es am
nötigen Respekt fehlen, weil man oft mit dem Lohn im Rückstand blieb; die Gäste,
von denen die Zimmer nie leer wurden, zeichneten sich in der Mehrzahl durch
nichts weniger als durch Distinktion aus. Man traf allerhand Krapüle: Musiker,
Dichter, Maler, auch Frauenzimmer dieses Kalibers, ferner Aristokraten von
zweifelhaftem Ruf, kurz, schmarotzende Existenzen, unergiebige Leute,
malheureuses Volk.
    Crammon nahm sich unter ihnen aus wie eine Reliquie aus einem erlauchteren
Zeitalter.
    Eines Tages erschienen auch die beiden Neffen der Gräfin, Ottomar und
Reinhold Stojentin, die sich einen zweimonatlichen Urlaub verschafft hatten.
Urlaub wovon? erkundigte sich Crammon mit erstaunten Brauen. Sie wollten mit
Lätizia nach München reisen. »Es sind wackere Burschen, Herr von Crammon,« sagte
die Gräfin, »nehmen Sie sie ein wenig unter Ihre Fittiche.« Crammon antwortete
verdrossen: »Ich habe mich immer davor gefürchtet wie vor der Pest, dass mal wer
kommen und meine heimliche Begabung zur Gouvernante entdecken könnte. Dieses
Verdienst ist Ihnen vorbehalten geblieben, Gräfin.«
    Sehr gespannt war sein Verhältnis zu Puck, dem Löwenhündchen. Unergründlich,
was ihn gegen das Tierchen so aufbrachte, dass er einen roten Kopf und runde
Augen bekam, wenn er es nur sah. Vielleicht seine hochblonde Behaarung;
vielleicht seine fortwährende Schlafsucht; vielleicht ahnte er eine gewisse
Bosheit in ihm, die es veranlasste, sich krank und pflegebedürftig zu stellen,
indes es sich auf seidenen Pfühlen rekelte und sich die leckersten Dinge ins
Maul schieben liess. Die Obsorge, die Lätizia dem Missgeschöpf widmete, ärgerte
ihn. Einmal hatte sich das Hündchen vom Teppich erhoben und war, astmatisch
prustend, durch die offene Tür entwichen. »Wo ist Puck?« fragte Lätizia nach
einer Weile, wohlig im Fauteuil zurückgelehnt. Puck war nicht da. »Ach, pfeif
ihm doch, Bernhard,« bat sie mit ihrer Flötenstimme. »Das kannst du ja selber
besorgen,« weigerte sich Crammon ungalant. Und Lätizia, mit klagender
Gelassenheit, in zerstreuter Träumerei: »Nein, tu du es; wenn ich aufgeregt bin,
kann ich nicht pfeifen.«
    Da pfiff Crammon dem gehassten Wesen.
    Die Dinge mussten sich aber entscheiden. »Gehst du mit nach München,
Bernhard?« lockte Lätizia sirenenhaft und lachte über seinen Ärger. Zur
Gräfin-Tante sagte sie: »Er tobt vorläufig noch; aber er wird mit uns fahren.«
    Es schwebte Crammon eine sittliche Mission vor. Man konnte bessernd auf
Lätizia einwirken. Man konnte ihr die Augen öffnen für den abschüssigen Weg, den
sie in verwerflicher Heiterkeit ging. Man konnte ihr helfen. Man konnte sie
stützen. Man konnte sie rechtzeitig warnen. Man konnte ihre Verschwendungslust
zügeln, ihrer Urteilslosigkeit in allen Lebensverhältnissen den Star stechen.
Sie war so unerfahren, so leichtfertig. Sie glaubte jedem Lügner, hörte jedem
Schwätzer traulich zu, begeisterte sich für jeden Scharlatan, nahm jede
Schmeichelei für bare Münze, versah jeden Lassen, der ihr den Hof machte, mit
einer Glorie von Weisheit und Schmerz. Man musste ihr Vernunft beibringen.
    Es war ein richtiger Gedanke. Dennoch geschah es, dass ihn ein Lächeln
Lätizias verstummen machte. Der triftigsten Maxime, dem unbestreitbarsten
Leitsatz der Moral brach sie die Spitze ab, indem sie den Kopf gegen die
Schulter neigte, die Augen innig aufschlug und mit einem holden Büsserinnenton
sagte: »Schau, Bernhard, ich bin doch nun mal so; warum soll ich denn nicht so
bleiben? Warum willst du mich denn anders haben? Wär ich anders, so hätt ich
andre Fehler. Lass mich doch so, wie ich bin.« Und sie hing sich an ihn und
kribbelte mit den Fingerspitzen sein angehendes Doppelkinn, was ihn bewog, zu
seufzen und stillzuhalten.
    Folgende Personen traten die Reise nach München an: Lätizia; deren Zofe; die
Amme Eleuteria; die Zwillinge; die Gräfin; Fräulein Stöhr; Ottomar und
Reinhold; Crammon; der Pole Stanislaus Rehmer. An Tieren: Puck, das
Löwenhündchen, ein Zeisig in einem Bauer und ein zahmes Eichhörnchen in einem
vergitterten Käfig. Das Gepäck bestand aus vierzehn grossen Koffern, sechzehn
Handtaschen, sieben Hutschachteln, einem Kinderwagen, drei Proviantkörben und
unzähligen in Papier, Leder und Sackleinwand verschnürten kleineren Stücken, von
Mänteln, Schirmen, Stöcken, Blumensträussen ganz zu schweigen. Die Gräfin rang
die Hände, das Löwenhündchen kläffte ersterbend, Lätizia legte ein umfangreiches
Verzeichnis von Dingen an, die sie vergessen hatte, die Zofe zankte mit dem
Schaffner, die Zwillinge schrien, Eleuteria entblösste vor einem beleidigten
Publikum ihre voluminösen Brüste, Fräulein Stöhr hatte ihre ergebene Miene, mit
Blick nach oben, Ottomar und Reinhold stritten über literarische Gegenstände,
der Pole liess kaum die Augen von Lätizia, Crammon sass verdüstert, Bein über
Bein, und drehte die Daumen.
    Mit Ausnahme der Brüder Stojentin, die sich in einem geringeren Gastof
einmieteten, bezogen alle im Hotel Continental Quartier. Die Rechnung, die man
der Gräfin täglich auf das Zimmer brachte, betrug selten weniger als dreihundert
Mark. »Stöhr, wir müssen Hilfsquellen erschliessen,« sagte sie zu ihrer
Gesellschafterin, »das Kind ist ahnungslos; es würde ihm das Herz brechen, wenn
es wüsste, in welchen Geldsorgen ich stecke.« Fräulein Stöhr, mit Tugendmiene,
schien hiervon keineswegs überzeugt.
    Man betraute einen Advokaten von grossem Namen mit der Führung des Prozesses
gegen die Familie Gunderam. Der Sachwalter der feindlichen Partei war
beauftragt, alle Forderungen abzulehnen. Es gab endlose Besprechungen, bei denen
die Gräfin sich edel entrüstete, während Lätizia ein elegisches Erstaunen
zeigte, als gingen sie diese Dinge nichts an, als seien sie ihrem Gedächtnis
entschwunden. Ihre Angaben über das, was sie gesagt und getan, über Abmachungen
und Vorgänge, lauteten jedesmal anders, und wenn man sie auf den Widerspruch
aufmerksam machte, sagte sie beschämt, verträumt, erzürnt, alles in einem: »Ihr
seid so pedantisch. Wer soll das alles im Kopf behalten! Es wird schon so
gewesen sein, wie es in den Akten steht. Wozu sind denn Akten da?«
    Auch der alte Rechtsstreit um den Heiligenkreuzer Wald sollte in
beschleunigteren Gang gebracht werden. Die Hoffnungen, welche die Gräfin darauf
setzte, wurden zwar von keiner Seite bestärkt, desungeachtet fühlte sie sich als
reiche Grundherrin und suchte Geldgeber zu gewinnen, die ihr auf ihre
langjährigen und verjährten Ansprüche hin ein Kapital vorstrecken sollten. Es
schlug fehl, aber ihre Zuversicht wurde nicht beeinträchtigt; sie vermochte es
sogar über sich, schmutzige Lokalitäten zu betreten, um mit schmutzigen
Persönlichkeiten zu verhandeln. »Sorge dich nicht, mein Engel,« sprach sie zu
Lätizia, »es wird alles gut werden. Zu Ostern schwimmen wir in Geld.«
    Lätizia sorgte sich keineswegs. Geniessend strahlte sie. Jeder Tag war so
voll von Glück und Lust, dass an das Morgen zu denken, insofern es nicht wieder
mit Glück und Lust zusammenhing, ihr wie Undankbarkeit erschienen wäre. Das
Leben schmiegte sich um sie, willig und schmückend wie ein schönes Kleid. Da ihr
Inneres ohne Schatten war und ihr alle Menschen entgegenlächelten, glaubte sie,
die Welt befände sich überhaupt in einem dauernden Zustand von Zufriedenheit,
und was man bisweilen von Missgeschick und Schmerz vernahm, war wohl da, irgendwo
war es da, aber bis es zu ihr gelangte, war es schon verklärt, war es schon eine
Fülle, eine Frucht, ein Traum.
    So las sie die Bücher ihrer Dichter, so hörte sie Musik, so ging sie auf
Bälle, um zu tanzen, so plauderte sie, promenierte sie, so wurde ihr alles zum
lieblichsten Spiegel und ungebundenen Spiel. Sie hatte Freiheit, denn sie gab
sich selbst Freiheit. Sie hatte immer und für jeden Zeit, denn der Augenblick
war ein grosser Herr. Deshalb war sie entwaffnend unpünktlich, treulos mit einer
Unschuld, dass sie der noch trösten musste, dem sie treulos war. Ihre
Angelegenheiten gingen den schlimmsten Weg; sie wusste nichts davon; sie brachte
unter Männern eine Verwirrung ohnegleichen hervor; sie wusste nichts davon; wer
ihr von Liebe sprach, bekam Liebe; sie taten ihr leid; warum nicht austeilen,
wenn man Überfluss hatte? Sechs bis acht hitzige Bewerber konnten stets zur
selben Zeit auf schwerwiegende Gunstbeweise pochen. Traf sie ein Vorwurf, so war
sie verwundert und nicht selten den Tränen nahe wie jemand, dessen reine
Absichten unbegreiflich verkannt werden.
    Eines der Zwillinge erkrankte, und ein Arzt wurde berufen. Da sich sein
Erscheinen verzögerte, liess sie einen andern kommen; am nächsten Morgen hatte
sie beide vergessen und alarmierte einen dritten, vielleicht nur, weil ihr sein
Name im Telephonverzeichnis gefiel. Die Folge war Verwirrung. Es konnte auch
geschehen, dass sie sich in einen der Herren Doktoren für die Dauer einiger
Stunden verliebte, wodurch die Verwirrung nicht geringer wurde.
    Für die Weihnachtswoche hatte sie drei Einladungen angenommen, nach Meran,
nach Salzburg und nach Baireut. Als es so weit war, erinnerte sie sich an keine
mehr und sagte nirgends ab: Verwirrung.
    Die Zofe entpuppte sich als Diebin; sie musste sie wegschicken. Ein Dutzend
junger Mädchen stellte sich vor; bei der letzten, die ihr sympatisch war,
vergass sie, dass ihr bereits die erste sympatisch gewesen: Verwirrung.
    Man erwartete sie zum Frühstück beim Intendanten. Sie kam zum Tee:
Verwirrung. Man hatte eine Summe für die Bezahlung drückender Schulden
beschafft. Sie lieh sie Stanislaus Rehmer, der arm wie eine Kirchenmaus war und
seine Garderobe erneuern musste: Verwirrung.
    Aber die Verwirrung berührte sie mitnichten. Sie schritt hindurch, in
festlich gehobener Laune, mit ihrem ein wenig lässigen Gang, dem zur Seite
geneigten Haupt, den sanften rehbraunen Augen, der erwartungsvollen und
entzückten Miene, in der auch eine kleine Pfiffigkeit verborgen war.
    Unmöglich konnte Crammon dieses Treiben billigen. Hier wurde die Welt auf
den Kopf gestellt und die Regel mit Füssen getreten. Mit sehr hübschen, sehr
zierlichen Füssen allerdings, aber das Resultat war aufregend. Er murrte wie der
Burbero bei Goldoni. Er sagte, es werde ein schlechtes Ende nehmen, er habe es
nie anders erlebt, als dass Schlamperei ein schlechtes Ende genommen. Sein
Entsetzen hatte Züge des Kleinbürgers, dessen Tugend verhöhnt wird. Fasziniert
von dem Schauspiel einer halsbrecherischen Wanderung am Abgrund, das Lätizia ihm
gab, verleugnete er die eigne Vergangenheit, wusste nichts mehr von seinen
Torheiten und Abenteuern, seinem Freibeutertum, seiner Gefrässigkeit und seinen
schlimmen Lüsten und was ihm noch täglich davon aufs Kerbholz zu schneiden war.
Er notierte es nicht. Er murrte.
    Eines Abends sass er mit der Gräfin allein bei der Tafel; Lätizia war im
Konzert. Die Gräfin hatte etwas auf dem Herzen; sein Argwohn wurde wach. Sie war
mild und legte ihm die besten Bissen vor. Sie sprach von dem baldigen
Domizilwechsel, und dass sie sich mit Lätizia noch nicht habe einigen können, ob
man Wiesbaden oder Berlin für die nächsten Monate wählen solle. Sie befragte
Crammon um seine Meinung; er erwiderte, da sei Gott vor, dass er sich in solchen
Konflikt mische; er habe andre Pläne, und es verlange ihn nicht, Zeuge eines
lärmenden Zusammenbruchs zu werden.
    Da begann die Gräfin über die Geldbedrängnis zu jammern und wie lästig ihr
die Ungeduld der Gläubiger sei; sie habe sich um des Kindes willen entschlossen,
ihn, Crammon, um ein grösseres Darlehn zu bitten. Sie könne jede gewünschte
Sicherheit bieten, falls ihr Name, ihr Ruf, ihre Person nicht Sicherheit genug
für ihn sei; das Beschämende des Ansuchens bleibe immerhin; nur der Gedanke, dass
sie vor dem leiblichen Vater ihres Liebchens sitze, tröste sie in ihrer Pein.
    Wirklich wurden ihre hochroten Pausbacken um eine Schattierung blasser, und
in den vergissmeinnichtblauen Augen schimmerten Tränen.
    Crammon legte Messer und Gabel auf das Tischtuch. »Sie verkennen mich,
Gräfin,« sagte er tartüffisch-betrübt, »Sie verkennen mich schwer. In meinem
ganzen Leben habe ich kein Geld ausgeliehen, weder auf Zinsen noch auf
Freundschaft, und nichts könnte mich bewegen, es je zu tun. Sie halten mich
wahrscheinlich für wohlhabend. Das ist ein Irrtum, ein erstaunlicher Irrtum,
Gräfin. Wenn ich diesen Eindruck hervorrufe, dürfen Sie doch daraufhin nicht
urteilen. Ich habe zu sparen verstanden, weiter nichts. Ich war vorsichtig in
der Wahl meines Umgangs, sowohl was Männer als auch was Frauen betrifft. Wurde
ich von zwei Seiten zu Gast gebeten, von einer östlichen begüterten und von
einer westlichen, in diesem Punkt zweifelhaften, so entschied ich mich ohne
Besinnen für die östliche. Das entob mich aller Skrupel und aller Reue. Was ich
mein eigen nenne, ist ein kleines Gütchen in Mähren, unerheblich an Ertrag: ein
bisschen Kornfrucht, ein bisschen Obst; ferner ein altes baufälliges Haus in Wien
mit ein paar wurmstichigen Möbeln, die von zwei seltenen Perlen des weiblichen
Geschlechtes instand gehalten werden. Niemand, Gräfin, ist je auf den
sonderbaren Einfall gekommen, mich um Geld anzugehen, niemand, ich versichere es
Ihnen.«
    Die Gräfin stützte traurig den Kopf in die Hand.
    »Ich würde mir auch im vorliegenden Fall ein Gewissen daraus machen, selbst
wenn ich Ihr Begehren erfüllen könnte,« fuhr Crammon düster fort; »ich würde
mirs nie verzeihen, den Kassenschrank des Unsinns abgegeben zu haben, der da
verübt wird, den Finanzminister dieser kapitalistischen Ausschweifungen. Nein,
nein, Gräfin, reden wir von erquicklicheren Sachen.«
    Um Mitternacht, er war noch auf, klopfte es an Crammons Zimmertür, und
Lätizia trat ein. Sie setzte sich an seine Seite und sagte mit ihrem grossen,
sanften Blick: »Dass du das Tantchen so schlecht behandelt hast, Bernhard, muss
ich dir verübeln. Das lass ich nicht auf dir sitzen und auf mir auch nicht. Bist
du denn schäbig? Bernhard, du bist doch um Gottes willen nicht schäbig! Sieh mir
in die Augen und behaupte, ob du es sein kannst. Wahrhaftig, ich würde dich
verstossen.«
    Sie lachte, sie umschlang seinen Hals, sie zupfte ihn an den Haaren, sie
küsste seine Nasenspitze, kurz, sie war so mutwillig und so unwiderstehlich, dass
Crammons eherne Prinzipien verhängnisvoll erschüttert wurden. Er widerrief seine
Weigerung und versprach, Lätizias Schulden zu bezahlen.
    Noch einmal wirkte Frauenhauch und Frauenwort, spät und schmerzlich-süss,
doch war man nicht mehr Räuber, sondern Opfer. Man hatte einzustehen, man hatte
zu verzichten; man biss nicht mehr in die saftige Birne, man wurde selber als
Birne verzehrt.
    Lätizia entschloss sich, nach Berlin zu gehen, und Crammon erklärte sich nach
einigem vergeblichen Widerspruch bereit, sie zu begleiten.
 
                                       25
Johanna sass in ihren Mantel gehüllt, trotzdem es im Zimmer warm war.
    Amadeus Voss erzählte: »Ich weiss von einem heiligen Priester, der im
siebzehnten Jahrhundert in Frankreich lebte, Louis Gaufridy war sein Name.
Damals glaubte das Volk noch an Magie und Hexenkünste, und das war gut, denn es
hatte damit ein Gegengift gegen gottlose Begierden. Heute glauben die Erlesenen
wieder an die Magie, und sie bannen damit den Götzen, der sich Wissenschaft
nennt. Louis Gaufridy galt für den frömmsten Mann seiner Zeit, auch seine Feinde
bestritten es nicht. In einem Kloster, wo er die Beichte abnahm, war eine Nonne,
Magdalene de la Palud; diese hatte sich in ihrer Phantasie des Heilands wie
eines fleischlichen Geschöpfs bemächtigt; mit dem Bild des Heilands hatte sie
gebuhlt, sagen die Chroniken. Es stand in ihrem verstörten Auge, und der
Priester Gaufridy erkannte es und wollte sie durch die Beichte befreien. Aber
die Dämonen verschlossen ihren Mund und vermauerten ihr Herz. Und sie wurde von
ihnen besessen, die Teufel Asmodi und Leviatan redeten aus ihr, sie hatte
unzüchtige Gesichte, sie, die bisher keusch gelebt hatte, und klagte den
Priester an, er habe zauberische Schändlichkeiten an ihr verübt. Gaufridy wurde
verhaftet und peinlich verhört und mit Magdalene konfrontiert. Er schwur bei
Gott und den Heiligen, dass er falsch angeschuldigt sei, doch die Nonne beteuerte
aus ihren Visionen heraus, dass er der Fürst der Zauberer sei und dass er sie in
der Beichte missbraucht und ihre Seele vergiftet habe. Vor den Richtern flehte er
Magdalene an, von ihrem Wahn zu lassen und die Wahrheit zu bekennen; aber sie
hatte keine Wahrheit mehr; ausser sich rief sie ihm entgegen, er habe sich der
Hölle mit Blut verschrieben und sie gezwungen, das gleiche zu tun. Daraufhin
wurde er nochmals grausam gefoltert und auf dem Dominikanerplatz in Aix lebendig
verbrannt.«
    Johanna lächelte gequält.
    »Das ist die Geschichte von Magdalene de la Palud,« sagte Voss; »die tiefe
Geschichte vom himmlischen und irdischen Eros und von der Fata Morgana der
Sinne. Wer war schuldig? Magdalene, weil sie sich am Bild des Heilands vergangen
und es mit ihren lüsternen Gedanken besteckt, oder Gaufridy, weil er sie in den
Zwiespalt mit sich selbst gestürzt hatte und Fleisch vom Geiste lösen wollte?
Dafür musste er leiden, dafür muss jeder leiden. Aber was ich spüre und worauf
auch eine Andeutung in einer überlieferten Schrift schliessen lässt, ist, dass den
frommen Mönch eine geheimnisvolle und furchtbare Liebe zu Magdalene de la Palud
ergriff, als sie ihn auf die Folter stiess, und dass diese Liebe sogar den Schmerz
des Feuertodes für ihn linderte. In jeder Menschenbrust entsteht nur einmal
Liebe und nur zu einem Wesen. Alles andre ist Missverständnis und fruchtloser
Wiederbelebungsversuch. Es führt zur Lüge, es führt zur Folter.«
    Johanna lächelte gequält.
    »Ich bin gestern mit einer Dirne gegangen,« sagte Voss plötzlich und sah
stier in die Luft.
    Johanna rührte sich nicht.
    »Es ist ein altes Grauen, das mich zu den Dirnen zieht,« fuhr er tonlos
fort. »Wenn ich manchmal mutterseelenallein, halb krank vor Sehnsucht, ohne Geld
in der Tasche durch die Gassen schlenderte, sah ich ihnen nach und beneidete die
Menschen, die mit ihnen gehen konnten. Es ist ein altes Gefühl und sitzt sehr
tief. Ich kann nicht davon loskommen, jetzt schon gar nicht, wo ich im Finstern
irre und der Boden weicht. Da nun Christus im Fleische gelitten, so wappnet auch
ihr euch mit dem nämlichen Sinne, heisst es, denn wer im Fleische leidet, stehet
von der Sünde ab.«
    »Du sprichst,« sagte Johanna und stand auf. »Hätt ich sprechen gelernt, so
könnt ich dir auch sagen, was du tust.«
    »Ich leide im Fleische,« antwortete er, und sein Blick brannte auf ihr.
    Sie ging ein paarmal durch das Zimmer. Sie hasste ihren Schritt, ihr Sehen,
Hören und Denken. Sie hatte ein so hinglühendes Verlangen nach Menschennähe,
einer freundlichen Hand, einem menschlichen Wort, dass sie sich, wozu es sie
trieb, nicht einmal zu gestehen wagte. Es schwebte ihr nur dunkel vor, dass sie
in jenem Hinterzimmer in der Stolpischen Strasse sass, um auf Christian zu warten,
stundenlang, nächtelang, gleichgültig wie lange, zu warten, nichts andres, und
da zu sein, wenn er kam, und aussen zu lächeln und inwendig zu weinen, man hatte
das ja in der Übung, ohne Zweck, ohne Aussprache, ohne Geständnisse, ohne
Klagen, wie es unter erzogenen Leuten Brauch war, die ihre Angelegenheiten in
der Stille und mit sich allein abmachten; ohne andern Sinn, als da zu sein und
die Gefriertemperatur des Herzens um ein paar Grade zu erhöhen.
    Aber es war so verbrecherisch und so dumm: etwas zu wollen, zu planen, zu
unternehmen, von irgendwoher etwas zu erhoffen, ein leeres Beginnen, wie das des
Vogels, der nach gemalten Körnern pickt.
    »Du erwähntest neulich, dass du die Miete nicht zahlen kannst, erlaube, dass
ich dir aushelfe,« sagte sie in ihrer kargen, spitzen Art und legte mit einer
Gebärde aus der Schulter heraus einige Geldstücke auf den Tisch. »Sprich nicht,
ich bitte dich, diesmal sprich nicht.«
    Er schaute sie verzehrend an und lachte höhnisch.
    Sie blieb stehen wie eine Bildsäule, und er wollte sie küssen. Sie duldete
es wie eine, der man ein Messer an die Kehle setzt.
 
                                       26
Als sie in die Stolpische Strasse kam, war es sieben Uhr abends. Christian war
nicht zu Hause, und sie wartete.
    Sie zündete die Lampe an, setzte sich an den Tisch und wartete, unbeweglich
vor sich hinschauend. Nach einer Weile, da die Kälte des ungeheizten Raums unter
den Mantel und die Kleider kroch, erhob sie sich und wanderte auf und ab.
Manchmal betastete sie Gegenstände, ein Notizbuch, das verstaubte Tintenfass, die
kalten Ofenkacheln. Sie liess die Rollgardinen herunter und sah die einfältigen
Bildereien an, mit denen sie bedruckt waren.
    Wieder wie damals hörte sie das Haus. Es raunte; es umdrängte sie, ein
Schicksal.
    Da wurde an die Tür gepocht, in raschen, heftigen Schlägen. Sie erschrak,
ging hin und machte auf. Ein Knabe stand vor ihr. Der Anblick, den er bot,
machte sie schaudern. Seine Kleider waren von oben bis unten mit Kot bespritzt,
ja, an einzelnen Stellen, an den Knien und an der Brust, bildete der Kot eine
dicke Kruste. Er war ohne Kopfbedeckung; pechschwarze Haare hingen wirr um den
Schädel; auch sie starrten von Kot. Das Gesicht war weiss, so vollkommen weiss,
wie es Johanna nie gesehen hatte; kein Tropfen Blut schien unter der Haut zu
stiessen.
    Auf dem linken Fuss hinkend trat er an Johanna vorbei ins Zimmer. Seine
Bewegungen waren traumhaft mechanisch; der Willensantrieb lag geraume Zeit
hinter der Handlung.
    »Ich bin Michael Hofmann,« sagte er, und seine Zähne klapperten.
    Johanna kannte ihn nicht und wusste nichts von ihm. Sie glaubte es mit einem
Irrsinnigen zu tun zu haben. Aus Furcht entfernte sie sich nicht von der
Schwelle. Sie war jeden Augenblick gewärtig, dass er sich auf sie stürzen würde,
und horchte nach Schritten vom Flur oder vom Hof. Sie wollte flüchten, hatte
aber Angst, sich zu bewegen. Als der Knabe in den Lichtkreis der Lampe kam,
entschlüpfte ihr ein mit einem Seufzer abbrechender Aufschrei, so grässlich war
der Ausdruck in seinen Augen.
    Er stockte. Er schaute sich um. Er suchte offenbar Christian Wahnschaffe. Im
Schauen vergass er das Suchen wieder; der Blick verlor sich. Er griff nach einer
Stuhllehne. Erschöpfung schien ihn zu befallen; indem er sich auf den Stuhl
setzen wollte, wirbelte es ihn halb um seine Achse, und hätte er nicht die Lehne
krampfhaft gepackt, so wäre er niedergebrochen. Nun sah Johanna, dass es kein
Irrsinniger war, auch kein Betrunkener. Es war ein Mensch, dem ein unfassbar
entsetzliches Geschehnis die Besinnung, die Kraft, die Sprache und den Blick
geraubt hatte. Nicht bloss das Schlottern der Glieder und das steinweisse Gesicht
verkündeten es, die Atmosphäre um ihn verriet es.
    Sie schloss leise die Tür. Sie näherte sich zaghaft dem Stuhl, auf dem er wie
festgekeilt sass. Sie wagte keine Frage. An der Lippe nagend, unterdrückte sie
ein heiss aufschiessendes Gefühl. Sie fühlte sich zusammenschrumpfen, sie wurde
sich ganz dünn und schmal, sie hatte das Recht zu atmen vor sich verwirkt.
    Jede Sekunde, die verstrich, vermehrte ihre unsägliche Bestürzung. Die Beine
wankten ihr; sie setzte sich abseits. Der Knabe kehrte ihr den Rücken, und sie
gewahrte, dass sein Körper zu zucken anfing. Es war an den Rockfalten und den
herabhängenden Armen merkbar und dauerte ohne Pause konvulsivisch an. Die
Hilflosigkeit, in der sie sich dem unbekannt Schauerlichen gegenüber befand,
erregte physischen Schmerz, trieb zur Selbstbeschimpfung und Selbstverhöhnung.
Ihre Seele war in Schwärze getaucht, zerfasert und zerstäubt. Während sie so
litt, kam eine Begierde über sie, eine trotzige, mit Zweifeln ringende, an einen
letzten Halt sich klammernde Begierde: zu erfahren, wie Christian dieses
Fürchterliche aufnehmen würde, in das er allem Anschein nach verstrickt war; ob
er es abtun würde mit seiner Glätte, ob es zerschellen würde an seiner
Undurchdringlichkeit, die sie kannte, an der auch sie zerschellt war mit ihrem
Leben und Schicksal; oder ob er der andere war, der Umgewandelte, der
Unzweideutige, der das Wunder an sich vollbracht und Menschen damit hingerissen
hatte, nur sie nicht, weil sie nicht glaubte, nicht glauben konnte, aus Scham
nicht, aus Verzweiflung nicht, aus Verlassenheit nicht, aus Kränkung nicht. Gab
es das, war es so, stimmte die Probe aufs Exempel, dann brauchte sie sich ferner
nicht zu quälen. Was bedeutete dann einer Johanna Schöntag kleiner Kummer noch?
Dann musste sie sich bescheiden und eines Rufes gewärtig sein. Welchen Rufes, das
wusste sie nicht.
    Und sie wartete, den schlanken Hals reckend wie ein durstiges Tier.
 
                                       27
Das »Nein, Niemals, Nimmermehr« hatte Christian sinnlos umhergetrieben. An
diesem Tag vergass er Karen in ihrer Todeskrankheit.
    Als er gegen Abend in die Stolpische Strasse kam, regnete es. Trotzdem
standen vor den Häusern Leute in Gruppen. Ein ungewöhnliches Ereignis hatte sie
aus den Stuben gelockt.
    Er war ohne Schirm und nass bis auf die Haut. Auch unterm Tor standen
Menschen, Bewohner des Hauses. Sie flüsterten aufgeregt. Ihn gewahrend,
schwiegen sie, wichen zur Seite und liessen ihn passieren.
    Ihre Gesichter flössten ihm Schrecken ein. Er schaute sie an. Sie schwiegen.
Der Schrecken legte sich, ein Stück Eis, auf seine Brust.
    Er ging weiter. Er wollte in Karens Wohnung hinauf, besann sich aber vor der
Treppe und lenkte seine Schritte zum Hof. Er wünschte in seinem Zimmer eine
Weile allein zu sein. Einige Leute folgten ihm, darunter die Frau des Gisevius
und deren Sohn, ein junger Mensch mit dem stark ausgeprägten Klassenbewusstsein
des organisierten Arbeiters im Wesen.
    Christian bemerkte nicht einmal, dass die Fenster seiner Stube erleuchtet
waren. Er schob sich an der Mauer hin, nass am Leibe. Die Tür öffnend, sah er
Johanna und den Knaben. Er erkannte Michael Hofmann noch nicht, da er abgewandt
von ihm sass. Johanna nickte er überrascht zu. Der funkelnd gespannte Blick, den
sie auf ihn heftete, machte ihn stutzig. Zum Tisch tretend, erkannte er Michael
Hofmann. Er wurde bleich und musste sich an der Kante festalten.
    Die Tür war noch offen, und im trüben Licht der Flurlampe drängten sich vor
der Schwelle die fünf oder sechs Menschen, die ihm gefolgt waren, nicht in
aufdringlicher Absicht, sondern weil sie von Gerüchten beunruhigt waren und
erwarteten, dass er ihnen Auskunft geben könne.
    Christian legte dem Knaben die Hand auf die Schulter. »Wo warst du,
Michael?« fragte er; »wo kommst du her?«
    Der Knabe verharrte in lautloser Starrheit.
    »Wo ist Rut?« fragte Christian mit einer gewaltsamen Anstrengung.
    Da erhob sich Michael. Seine Augen waren unnatürlich weit aufgerissen. Er
machte mit beiden Armen eine ausholende, deutende Bewegung. Das Entsetzen
schüttelte ihn dermassen, dass ein gurgelnder Ton, der aus seiner Kehle drang, wie
bei Schlingbeschwerden, erstickt wurde. Plötzlich wankte er, taumelte und fiel
um wie ein Stück Holz. Er lag auf dem Boden.
    Christian kniete nieder. Er umfing ihn. Er hob ihn mit den Armen ein wenig
empor; er schloss die kotbedeckte, von Zittern durchschüttelte Gestalt dicht in
seine Arme; er beugte das Gesicht herab und erfuhr Unerhörtes aus dem flehend,
grausend, durch finstere Tiefen zu ihm herauflangenden Blick. Er presste den
Körper Michaels inbrünstig an den seinen, der nass war und dessen Nässe er nicht
mehr spürte; er riss ihn zu sich; er riss ihn in sich hinein, als wäre seine Brust
ein Behälter und ein Schutz, und der Knabe umklammerte nun auch ihn mit den
Armen, seine kataleptische Erstarrung lockerte sich; ein furchtbares, dem Heulen
in einem unterirdischen Rohr ähnliches Schluchzen brach aus dem zu einem Skelett
abgemagerten Leibe.
    Er musste wissen. So zerstört werden konnte nur ein Mensch, der Wissen hatte.
    Und Christian küsste das steinbleiche, schmutzige, tränenüberströmte Gesicht.
    Johanna sah es; auch die schüchtern vor der Tür stehenden Leute sahen es.
 
                                  Inquisition
                                       1
Edgar Lorm war daran gewöhnt, ohne Judit zu essen; so fand er es auch heute
nicht auffallend, dass sie noch nicht heimgekommen war, und setzte sich allein zu
Tisch.
    Es wurde aufgetragen: ein Hummer, Kalbsbrust mit Salat und dreierlei
Gemüsen, Fasan mit Kompott, ein gefüllter Pfannkuchen, Käse und Ananas. Hierzu
trank er zwei Gläser roten Bordeaux und eine Flasche Sekt.
    Täglich verzehrte er diese überreiche Mahlzeit mit dem Appetit eines Riesen
und dem philosophischen Entzücken des Feinschmeckers.
    Als er zum Mokka die schwere Havannazigarre anzündete, hörte er Judits
Stimme. Gleich darauf stürzte sie verstört herein.
    »Was ist geschehen, Kind?« fragte er.
    »Fürchterlich,« stiess sie hervor und sank auf einen Stuhl.
    Lorm erhob sich. »Was ist geschehen, Kind?«
    Sie keuchte: »Seit ein paar Tagen fühle ich mich nicht wohl. Der Arzt hat
mich untersucht und für schwanger erklärt.«
    In Lorms Augen leuchtete es auf. »Ich kann nicht finden, dass es ein solches
Unglück wäre,« sagte er, bemüht, seine freudige Überraschung zu verbergen; »im
Gegenteil, mir erschiene es als ein Segen. Ich hätte es kaum zu hoffen gewagt.
Wahrhaftig, Frau, ich wüsste nicht, was ich dafür zu tun imstande wäre!«
    Mit funkelnden Blicken antwortete Judit: »Es wird nie und nimmer sein, nie
und nimmer! Unsre Abmachung will ich dir nicht ins Gedächtnis rufen; ich will
dir auch nicht die Schuld zuschieben, wenn das Schreckliche bereits eingetreten
ist; ich kann es ja noch nicht glauben; ich käme mir wie verhext vor; aber wenn
du auf Nachgiebigkeit von meiner Seite rechnest, oder auf weibliche Schwäche,
auf das Erwachen gewisser sogenannter Instinkte, so täuschst du dich; es wird
nie und nimmer sein. Mein Körper bleibt, was er ist; mein Körper bleibt mir. Ich
habe keine Lust, ihn zerstücken zu lassen. Er ist das einzige, was ich noch
besitze. Ich will ihn nicht teilen. Ich will nicht, dass ein fremdes Tier aus ihm
kriecht. Ich will nicht in neun Monaten um neun Jahre älter werden. Ich will
nicht mich oder dich affenhaft wiederholt sehen. Es wird nie und nimmer sein.
Mir graust davor. Gib acht, dass mir nicht auch vor dir graust, wenn dir gerade
das eine Wonne ist, was ich verabscheue.«
    Lorm reckte sich ein wenig, sah sie erstaunt an und schwieg.
    Sie ging in ihr Schlafzimmer und sperrte sich ein. Lorm erteilte Weisung,
dass man niemand vorlasse, begab sich in die Bibliotek und las bis gegen acht
Uhr in einer Schrift über die Bewegungen der Fixsterne. Ost hob sich der Blick
aus dem Buch, nicht beschäftigt mit den astralen Geheimnissen, sondern mit sehr
irdischen und vielleicht sehr traurigen Dingen. Er stand auf, um an die Tür von
Judits Zimmer zu gehen. Er lauschte und pochte. Judit antwortete nicht. Er
kehrte um, aber nach einer halben Stunde kam er wieder, pochte wieder. Sie
kannte seine bescheidene Art, um Einlass zu bitten. Sie antwortete nicht. Die Tür
blieb versperrt.
    Immer nach Verlauf einer halben Stunde, während welcher er über die
Bewegungen der Fixsterne las, kam er wieder und pochte. Er rief ihren Namen. Er
sagte, sie möge Vertrauen zu ihm haben und ihn anhören. Um nicht die
Aufmerksamkeit der Dienstleute zu erregen, redete er mit gedämpfter Stimme. Er
sagte, sie möge ihm seine voreilige Freude nicht verübeln; er sehe seinen Irrtum
ein und beklage ihn, nur solle sie ihn hören. Er versprach ihr Geschenke: einen
antiken Leuchter, ein Service aus der Königlichen Manufaktur, ein Kleid von
Wort; umsonst. Sie antwortete nicht.
    Drei Tage verflossen. Eine drückende Stimmung lag auf dem Hauswesen. Lorm
schlich durch die Räume wie ein schüchterner Gast. Er demütigte sich so weit,
dass er der Hausdame, die allein Zutritt bei seiner Frau hatte und ihr die
Speisen brachte, einen Brief für Judit in die Hand drückte. Sie kehrte
achselzuckend zurück. Und des Nachts: wieder und wieder rief er sie an, näherte
seinen Mund dem Holz der Tür und flehte; keine zornige Regung war in ihm, keine
Versuchung, die Faust zu ballen und die Tür zu sprengen. Judit wusste dies. Sie
schlug den Fisch.
    Sie wusste, was sie wagen durfte. Und sie schlug den Fisch.
    Dieser Mann, das Ziel der Bewunderung eines ganzen Volkes, verwöhnt durch
Ruhm, durch die Freundschaft der Besten, durch Schicksalsgunst und alle
Annehmlichkeiten des Daseins, mit gefürchteter Laune, einem Zucken seiner Brauen
selbst über Widerwillige herrschend, er ertrug es nicht bloss, von einer Frau
misshandelt zu werden, die er nach langer Einsamkeit und langem Zaudern zu seiner
Lebensgefährtin erwählt hatte, er nahm die Erniedrigung und Beleidigung wie eine
Schuldenlast auf sich; ja, er schien danach zu verlangen, müde von Ruhm,
Anerkennung, Freundschaft, Gelingen und Herrschen, Ausgleich und Kasteiung
suchend, Wollust des Schmerzes und der Umkehrung.
    Am dritten Abend wurde er, ziemlich spät noch, von Wolfgang Wahnschaffe
telephonisch angerufen. Das Zerwürfnis zwischen Judit und Wolfgang, das seit
seinem ersten Besuch bestand, erlaubte Wolfgang nicht, das Haus der Schwester zu
betreten.
    Er ersuchte Lorm um eine Unterredung an einem neutralen Ort. Der Anlass,
sagte er, sei zwingend. Lorm wollte Genaueres wissen; die in erregtem und
bitterem Ton gegebene Antwort war, es handle sich um Christian, es handle sich
um ein gemeinsames Vorgehen, um Beschlussfassung, um Verständigung, um
Schutzmassregeln; Gefahr sei von der Familie abzuwenden, haarsträubender Affront
sei geschehen.
    Hier unterbrach Lorm: »Ich vermute, dass meine Frau in den Angelegenheiten
ihres Bruders Christian unzugänglich ist; und ich? Was sollte ich dabei tun? Ich
bin durchaus Fremdling.« Auf erneutes Drängen versprach er, sich zur
Mittagsstunde des andern Tages in einem Restaurant an der Potsdamer Strasse
einzufinden.
    Kaum hatte er das Höhrrohr niedergelegt, so trat Judit ein, in dunkelgrünem
Sammetschlafrock mit Pelzbesatz und langer Schleppe, sorgfältig frisiert, ein
heiteres Lächeln auf den Lippen, Lorm beide Hände entgegenstreckend.
    Er nahm beide Hände und küsste beide, beglückt.
    Sie schlang ihm die Arme um den Hals und sagte, den Mund an seinem Ohr: »Es
ist alles wieder gut. Der Doktor ist ein Esel; ich habe dir unrecht getan. Es
ist alles wieder gut, sei du auch wieder gut.«
    »Wenn du nur gut bist,« erwiderte Lorm, »das übrige ist nicht von Belang.«
    Sie schmiegte sich dichter an ihn und schmeichelte mit Augen, Mund und Hand:
»Und was ists mit dem antiken Leuchter? Bekomme ich den? Und das Kleid von
Wort? Wirst du mirs kaufen? Und das Porzellanservice, bekomme ich es?«
    Lorm lachte. »Dafür, dass du mir unrecht getan hast, wie du zugibst, ist der
Versöhnungspreis ein wenig hoch,« spottete er, »aber sorge dich nicht, du sollst
alles haben.«
    Er hauchte einen Kuss auf ihre Stirn; in dieser unsinnlichen Zärtlichkeit lag
endgültiges Erlahmen gegen sie, gegen die Menschen, gegen die Welt. Es wurde
immer stärker, von Tag zu Tag merklicher und hatte Züge einer Krankheit des
Herzens.
 
                                       2
Ein Bericht, gleichlautend in allen Zeitungen, hatte die erste Kunde von dem
Mord gegeben:
    Gestern um die sechste Abendstunde entdeckten ein Werkführer und ein
Arbeiter der Brennerschen Fabrik in einem Schuppen an der Bornholmer Strasse eine
Mädchenleiche ohne Kopf. Der mit Stricken verschnürte und unnatürlich
zusammengebogene Körper war zwischen Balken, Brettern, Leitern, Karren und
Gerümpel dermassen eingezwängt, dass die sofort herbeigerufenen behördlichen
Funktionäre Mühe hatten, den grausigen Fund ins Freie zu befördern. Die
Nachricht hatte sich unterdessen in den angrenzenden Strassen verbreitet, und ein
mit wachsender Bestimmteit auftretendes Gerücht bezeichnete die in der
Stolpischen Strasse wohnende sechzehnjährige Rut Hofmann als die Ermordete. Sie
war seit einigen Tagen abgängig und bei der Polizei als vermisst gemeldet worden.
Die Vermutung, dass sie dem mit beispielloser Bestialität ausgeführten Verbrechen
zum Opfer gefallen ist, wurde wenige Stunden später zur Gewissheit erhoben, denn
ein Maurerweib fand in der Mörtelgrube einer Baustelle der Bellermannstrasse
einen abgeschnittenen Kopf, der, wie sich ergab, zu der Leiche gehörte und von
verschiedenen Bewohnern des Hauses Stolpische Strasse als der Kopf der Rut
Hofmann agnosziert wurde. Der Körper war nur noch mit Halbstiefeln und Strümpfen
bekleidet, sonst vollständig nackt, und wies Verstümmlungen auf, die mit
Sicherheit auf einen Lustmord schliessen lassen. Von dem Täter fehlt vorläufig
jede Spur, aber die Nachforschungen werden mit Umsicht und Energie betrieben,
und es ist lebhaft zu wünschen, dass der entmenschte Unhold alsbald der
Gerechtigkeit überantwortet werde.
 
                                       3
Nun schlief er, in der Kammer hinten, seit vierzehn Stunden. Die Witwe
Engelschall beschloss, hinüberzugehen.
    Sie schritt durch einen halbfinstern Gang, in welchem Vorräte aufgestapelt
waren. Von der Decke hingen Schinkenkeulen und geräucherte Würste; auf der Erde
standen Fässer mit Sardinen, Heringen und Gurken; auf Regalen Gläser mit
eingemachten Früchten. Es roch wie in einem Kramladen.
    Sie blieb stehen, fischte eine kleine Gurke aus einem offenen Fässchen und
schlang sie hinunter, ohne zu kauen.
    Im Vordertrakt läutete es. Eine verschlampte Person, mit dem Besen in der
Hand, wurde am Ende des Ganges sichtbar und rief der Witwe Engelschall zu, die
Isolde Schirmacher aus der Stolpischen Strasse sei da und habe was auszurichten.
»Soll warten,« brummte die Witwe Engelschall. Sie trat leise in die Kammer, in
der Niels Heinrich schlief.
    Er lag auf einer Matratze, mit einem blaugemusterten Flanelltuch über sich.
Die behaarte Brust war nackt, unten sahen die nackten Füsse hervor. Die Kammer
war nicht so geräumig, dass ein Schrank darin hätte Platz finden können.
Wäschehaufen türmten sich in den Ecken, übelduftend. Handwerkszeug war auf dem
Boden verstreut, ein Hobel, ein Hammer, eine Säge; alte Zeitungen lagen herum;
an Nägeln hingen schmutzige Gewänder, Schlipse, ein paar Mäntel. Die Mauern
zeigten Blutspritzer, die von getöteten Wanzen herrührten. Auf dem Tisch stand
ein Leuchter mit einer herabgebrannten Kerze, eine leere Bierflasche und eine
halbleere Schnapsflasche.
    Er lag auf dem Rücken. Die Muskeln im Gesicht waren zerbogen, zerspannt.
Zwischen den rötlichen Brauen vibrierten drei tiefgegrabene Falten. Die Haut war
käsig. Auf der Stirn und am Hals glänzten feuchte Schweissflecken. Die Lider
sahen wie schwarze Löcher aus. Das schmale rote Bärtchen am Kinn bewegte sich
mit dem Atem; es war etwas Lebendiges für sich, ein haariges Insekt, das
aufpasst.
    Er schnarchte laut; eine Speichelblase stieg bisweilen aus den ekel
voneinander weichenden Lippen, hinter denen die kariösen Zähne starrten.
    Die Witwe Engelschall wagte nicht zu unternehmen, was ihr draussen als leicht
ausführbar geschienen hatte. Schon gestern abend war sie so dagestanden, aber
als er im Schlaf angefangen hatte, zu murmeln, war sie erschrocken
hinausgerannt.
    Es wollte ihr nicht aus dem Kopf, wo er die zweitausend Mark hingebracht,
die er im Baubureau beiseite geschafft hatte. Seiner Behauptung, dass er alles an
die Kassiererin vom Metropolkino gehängt, misstraute sie. Um den Schaden zum Teil
zu ersetzen und die Anzeige zu verhüten, hatte sie ihre sämtliche Leinenwäsche,
zwei Kommoden und die Einrichtung des Sprechzimmers ins Leihhaus transportieren
und eine Lebensversicherungspolice verpfänden müssen. Der Brief an den Geheimrat
Wahnschaffe war nicht einmal beantwortet worden.
    Sie glaubte es nicht, dass er all das schöne Geld für ein lausiges Weibsbild
verquast hatte. Sicherlich hatte er noch etwelche blaue Lappen auf die hohe
Kante gelegt. Der Gedanke liess ihr keine Ruhe. Ihn den Argwohn merken zu lassen,
war gefährlich; aber in die Kammer schleichen, den klotzhaften Schlaf benutzen
und die Kleider durchwühlen, die Hand unters Kopfkissen schieben, das konnte man
riskieren.
    Doch blieb sie unbeweglich stehen. In seiner Nähe war sie auf Unerwartetes
vorbereitet. Man zitterte inwendig, sobald er den Mund auftat. Es wurde einem
schon kalt, wenn Leute kamen, um von ihm zu erzählen. So war es stets gewesen;
man musste sich nur erinnern.
    Als der Lehrer im Dorf den Zehnjährigen erwischt, wie er mit einer
achtjährigen Göre Schweinereien getrieben, hatte er geunkt: der wird am Galgen
enden. Als er, Lehrling noch, bei einem Streit wegen des Lohns seinem Broterrn
die Faust unter die Nase gehalten, hatte jener geäussert: der wird am Galgen
enden. Als er der Pastorin in Friesoyte das silberne Kettchen aus dem Sekretär
stibjetzt und die Witwe Engelschall das entwendete Gut zurückgebracht, hatte es
geheissen: der wird am Galgen enden.
    Man musste sich nur erinnern. Seine erste Geliebte, die dicke Lola aus der
Köpenicker Strasse, hatte er zuschanden geprügelt, weil sie bei der Quadrille in
Halensee einem Postgehilfen zugewinkt; als sie sich wimmernd auf der Erde
gewunden und in ihrer Verzweiflung geschrien hatte: »Solchen Teufel gibts auf
der weiten Welt nicht mehr,« hatte die Witwe Engelschall dem Wüterich ins
Gewissen geredet und zu ihm gesagt: »Mensch, werde doch 'n bisschen gemütlich.«
Aber er wurde nicht gemütlich. Gleich bei seiner zweiten Flamme passierte es,
als sie in Umständen war, dass er sie zwang, sich von einem schlechten Weib
behandeln zu lassen, mit dem er in gewissen Beziehungen stand, und dass das
Mädchen daran starb. Nachher höhnte er noch über die Dummheit der Frauenzimmer,
die keine Sache anständig besorgen könnten, das Kinderkriegen nicht und das
Kinderabmurksen nicht. Glücklicherweise hatte niemand als die Witwe Engelschall
die Worte gehört, und wieder hatte sie ihn beschworen: »Mensch, so werde doch 'n
bisschen gemütlich.«
    Im Grund bewunderte die Witwe Engelschall diese Eigenschaften. Mit dem war
nicht gut Kirschen essen; der stellte seinen Mann; der führte sie alle an der
Nase herum. Wenn er nur nicht immer eine so kindische Wut gegen unschuldiges
Material bezeigt hätte; was das bloss kostete! Wollte das Feuer nicht brennen,
riss er die Ofentür aus den Angeln; ging die Uhr mal falsch, schmiss er sie auf
den Boden, dass sie zerschellte; war das Fleisch nicht gar gekocht, hieb er mit
dem Messer in der Faust den Teller in Stücke; sass der Schlips beim
Maschenknüpfen nicht aufs erste, riss er ihn in Fetzen und das Vorhemd oft dazu.
Dann meckerte er wieder, und man musste ein Gesicht machen, als freue es einen.
Schlimm wurde es erst, wenn er merkte, dass es einen verdross; da schonte er
nichts; was ihm unter die Finger geriet, wurde hin.
    Wovon er nur in normalen Zeiten lebte, wenn ihm kein aussergewöhnlicher Fang
gelungen war; ein Rätsel. Beständig in Saus und Braus, beständig die Taschen
voll Zaster und die Spendierhose an. Er arbeitete ja, manchmal vier Tage in der
Woche, manchmal fünf; sein Handwerk hatte er inne, sie nahmen ihn überall gern,
und er brachte in einem Tag fertig, was andre in dreien nicht schafften. Aber
meistens machte er vom Montag bis zum Sonnabend blau und trieb sich an
gottverbotenen Orten herum, mit Lumpen und Menschern.
    Vieles wusste die Witwe Engelschall von ihm; vieles wusste sie aber nicht.
Seine Wege waren heimlich. Befragte man ihn und er gab Bescheid, so war man um
nichts klüger. Er braute immer was, er plante immer was. All dies nötigte der
Witwe Engelschall tiefen Respekt ab. Es war Blut von ihrem Blut und Geist von
ihrem Geist. Die Sorge freilich war gross. In letzter Zeit weissagten die Karten
mit Beharrlichkeit Übles.
    Da zauderte sie nun voller Furcht. Der fahle gelbe Schädel auf dem
zerdrückten Kissen von grobem Barchent wirkte lähmend. Die kugelige Fleischmasse
ihres Halses schlotterte, als sie sich endlich bückte und nach Rock und Weste
griff, die unter einem Stuhl lagen. Sie kehrte sich ein wenig ab, um ihre
Hantierung zu verbergen; plötzlich fühlte sie sich an der Schulter gepackt und
stiess einen Schrei aus.
    Niels Heinrich hatte sich lautlos erhoben. Im Hemd stand er da, bohrte den
gelblodernden Blick in ihr Gesicht. »Alte Kanallje, was treibst du?« fragte er
mit ruhigem Ingrimm. Sie liess die Kleidungsstücke fallen und wich bebend zurück.
»Hinaus!« rief er und streckte den Arm gegen die Tür.
    Er sah schreckenerregend aus. Das Wort erstarb der Witwe Engelschall auf der
Zunge. Mit wankenden Knien entfernte sie sich.
    Im Vorplatz wartete Isolde Schirmacher noch. Sie fing an zu weinen, als sie
sich ihres Auftrags entledigte, die Witwe Engelschall möge sofort in die
Stolpische Strasse kommen. Karen gehe es schlecht, sie liege im Sterben.
    Die Witwe Engelschall zeigte sich ungläubig. »Im Sterben? Nanu, so geschwind
stirbt man nicht. Schönen Gruss, und ich komme. In ner Stunde bin ich dort.«
 
                                       4
Ein weiterer Bericht in den Zeitungen lautet.
    Das Dunkel, welches über dem an der jugendlichen Rut Hofmann verübten Mord
schwebte, beginnt sich zu erhellen. Das Publikum wird die Kunde mit Genugtuung
begrüssen, dass die Anstrengungen der Polizei zur Verhaftung des mutmasslichen
Mörders geführt haben. Es ist dies der zwanzigjährige Joachim Heinzen, wohnhaft
Czernikauer Strasse, ein übelbeleumundetes und dem Anschein nach geistig nicht
ganz zurechnungsfähiges Individuum. Schon vor der Entdeckung der Untat hatte er
durch sein Benehmen die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt; in den letzten Tagen
haben sich die Verdachtsgründe derart verdichtet, dass man zu seiner Festnahme
schreiten konnte. Als ihm der Polizeibeamte das Verbrechen auf den Kopf zusagte,
brach er zusammen, gebärdete sich aber dann so renitent, dass man Mühe hatte,
seiner Herr zu werden. In Gewahrsam verbracht, legte er ein umfassendes
Geständnis ab, doch als er das Protokoll unterzeichnen sollte, nahm er alles
wieder zurück und leugnete mit Verbissenheit. In seinem Wesen wechselt
vertierter Stumpfsinn mit Zerknirschung und Angst. Ein Zweifel darüber, dass man
es mit dem Schuldigen wirklich zu tun hat, kann wohl kaum bestehen. Das erste
Verhör vor dem mit dem Kriminalfall betrauten Untersuchungsrichter wird im Laufe
des heutigen Tages stattfinden. Die Bewohner des Hauses Stolpische Strasse sind
sämtlich vernommen worden, darunter eine Persönlichkeit, deren Existenz
dortselbst ein interessantes Streiflicht auf eine vielbesprochene Affäre wirst,
die eine der angesehensten Familien unsrer Grossindustrie betrifft.
 
                                       5
Die Andeutung in dem letzten Satz der Zeitungsmeldung wirbelte Staub auf. Der
rücksichtsvoll verschwiegene Name kam in der Leute Mund, man wusste nicht recht
wie. Das Gerede gelangte zu Wolfgang Wahnschaffe. Kollegen fragten ihn
befremdet, was sein Bruder mit dem Mord an dem Judenmädchen zu schaffen habe.
Sogar sein Kanzleichef im Auswärtigen Amt stellte ihn und hatte dabei eine
Miene, die ihn vor Scham erbleichen machte.
    Er schrieb an den Vater. »Ich komme mir vor wie ein friedlicher
Spaziergänger, der den hinterlistigen Anfällen eines Wahnsinnigen ausgesetzt
ist. Du weisst sehr wohl, lieber Vater, dass bei der Laufbahn, die ich
eingeschlagen habe, makelloser Ruf Bedingung ist; wenn dieser Ruf jederzeit von
einem entgleisten und seine Herkunft verleugnenden Menschen, der
unglücklicherweise den Namen der Familie trägt, befleckt, dieser Name dem
öffentlichen Unwillen preisgegeben werden kann, so ist meiner Ansicht nach kein
Mittel zu schroff, mit dem man sich dagegen schützt. Wir hatten Geduld; ich war
viel zu lange das bescheidene Flämmchen neben dem strahlenden, und wie sich
jetzt erweist, trügerischen Feuerwerk Christian; wo mein Lebensglück auf dem
Spiel steht, meine und meines Hauses Ehre sogar, wäre es unverzeihliche Schwäche
von mir, wollte ich allem, was da geschieht und in Zukunft noch zu befürchten
ist, mit verschränkten Armen zusehen. Das ist auch die Meinung meiner Freunde
und jedes vernünftig Denkenden. Ein energischer Schritt ist notwendig, sonst
kann ich mich auf dem Platz, den ich mir erobert habe, nicht behaupten, von den
Unannehmlichkeiten, die uns ausserdem noch bevorstehen, ganz zu schweigen. Bis
ich deinen Bescheid erhalte, werde ich versuchen, mich mit Judit in Verbindung
zu setzen und mich mit ihr zu beraten; obgleich sie in der schnödesten Form den
Verkehr mit mir abgebrochen hat, ich kenne heute noch nicht den Grund, wird sie
sich der Dringlichkeit der Sachlage beugen.«
    Der Geheimrat empfing den Brief nach einer Verhandlung mit einer Deputation
streikender Arbeiter. Es dauerte eine Weile, ehe die Bestürzung, die er
automatisch in ihm erregte, völlig in sein Bewusstsein trat. Unter andern
Umständen hätte ihn der unkindliche, ja unverschämte Ton erzürnt; jetzt ging er
darüber hinweg. Mit hastiger Hand schrieb er eine chiffrierte Depesche an Girke
& Graurock.
    Der Antwortbrief, mit Eilpost gesandt, erreichte ihn am nächsten Abend in
seinem Würzburger Haus. Willibald Girke schrieb:
    »Hochzuverehrender Herr Geheimrat! Trotzdem unsre Firma seit geraumer Zeit
des Vergnügens beraubt war, in direktem Auftrag, wie vordem, für Ew.
Hochwohlgeboren zu wirken, waren wir doch in der Zuversicht erneuerter Beziehung
weitblickend genug, unsre Nachforschungen fortzusetzen und uns über alle Ihren
Herrn Sohn angehenden Ereignisse eventuell auf eigne Kosten und Gefahr auf dem
laufenden zu halten. Dank dieser geschäftlichen Grosszügigkeit, die bei uns
Maxime ist, sind wir in der glücklichen Lage, Ihre telegraphische Erkundigung
mit der Präzision und Schnelligkeit zu erledigen, die der Moment erheischt.
    Um sofort zum Kern unsres Rapports zu gelangen, der Ermordung des jüdischen
Mädchens, so können wir Ew. Hochwohlgeboren insofern beruhigen, als ein andrer
Zusammenhang mit der Greueltat nicht besteht, als durch die lebhafte und in der
ganzen Nachbarschaft vielbemerkte Freundschaft, die Ihren Herrn Sohn mit der
Ermordeten verknüpft hatte. Es handelt sich lediglich um die Zeugenaussage, die
ja später auch vor Gericht wird wiederholt werden müssen; das Peinliche daran
ist leider unabwendbar. Wer Pech angreift, besudelt sich; sein Umgang mit
niederem Volk musste ihn in böse Geschichten, vielleicht in mancherlei
Mitwissenschaft bringen. Nachgewiesen und zugestanden ist ein Besuch in der
Wohnung des verhafteten Mörders Heinzen. Er war damals in Begleitung der Rut
Hofmann, und es soll sich bei dieser Gelegenheit ein skandalöser Auftritt
abgespielt haben, in den der Bruder der Karen, Niels Heinrich, verwickelt war.
Niels Heinrich Engelschall war ein Busenfreund des Joachim Heinzen; das Gericht
hat ein scharfes Auge auf ihn, er ist bereits vernommen worden, und seine
Aussage soll sehr belastend für den Mörder gewesen sein. Die Beziehung zu diesem
Engelschall, obwohl nur locker und unverschuldet, ist es, die man Ihrem Herrn
Sohn zum Vorwurf machen kann, und was sich daraus noch für Widrigkeiten ergeben
mögen, ist vorläufig nicht abzusehen. Er hat von dem Menschen Arges zu
gewärtigen.
    Die Rut Hofmann sah man fast täglich in Gesellschaft Ihres Herrn Sohnes.
Die Hofmannsche Wohnung befand sich auf demselben Gang wie die der Karen
Engelschall, wodurch die Häufigkeit des Beisammenseins erleichtert wurde. Es
sitzt bereits eine neue Partei in dem Trakt, ein gewisser Stübbe mit Frau und
drei kleinen Kindern, ein entsetzlich verwahrloster Trunkenbold, der jeden Abend
Lärm macht und die Seinen dermassen misshandelt, dass Ihr Herr Sohn einige Male
Gelegenheit nahm, dagegen einzuschreiten. Wir berühren dies nur, weil es
deutlich zeigt, wie rasch in solchen Wand an Wand stossenden Quartieren sowohl
Kameradschaften wie Misshelligkeiten entstehen. Der frühere Insasse, der Agent
David Hofmann, war allerdings ein friedlicher Mieter. Er muss in schlimmen
Bedrängnissen gewesen sein, da er wenige Tage vor dem Mord nach Amerika gereist
ist. Trotzdem ihm sogleich Telegramme nachgeschickt wurden, hat er bis jetzt
kein Lebenszeichen von sich gegeben, und man vermutet, dass er aus irgendeinem
Grund unter falschem Namen gefahren ist, denn die Passagierlisten der Schiffe,
die in den letzten zwei Wochen ausgelaufen sind, entalten seinen Namen nicht.
Vielleicht ist er auch nach einem holländischen oder englischen Hafen gereist;
die Behörde sucht dies zu ermitteln. Der Knabe, der Bruder der Rut, war
ebenfalls sechs Tage hindurch spurlos verschwunden; er tauchte erst an dem
Abend, an welchem der Mord entdeckt wurde, wieder auf, und zwar in der Stube
Ihres Herrn Sohnes, unten bei Gisevius. Dort ist er bis zur Stunde geblieben,
und zwar in einer ungewöhnlichen Verfassung; durch kein Drängen, weder durch
Bitte noch Befehl, war ihm die geringste Andeutung darüber zu entlocken, wo er
die kritische Zeit vom Sonntag bis zum Donnerstag zugebracht hat. Je länger er
schweigt, je rätselhafter wird sein Schweigen und je mehr ist man bestrebt, es
zu brechen, da man glaubt, es hänge mit dem Mord zusammen und verberge wichtige
Spuren. Es fällt auf, dass Ihr Herr Sohn die Versuche, ihn zu vernehmen, nicht
nur nicht unterstützt, sondern sie auch hintertreibt, wo er kann. Da er die
meiste Zeit des Tages aus seiner Wohnung im Quergebäude abwesend ist, hatte ein
gewisses Fräulein Schöntag die Aufsicht bei dem Knaben übernommen; die
Überwachung scheint sich neuerdings nicht als unerlässlich zu erweisen, da man
ihn jetzt stundenlang allein lässt und, wenn das besagte Fräulein nicht zugegen
ist, nur die Frau des Gisevius hin und wieder Nachschau hält, ob er sich nicht
aus dem Staub gemacht hat. Immerhin patrouilliert ein behördliches Organ ständig
und unauffällig vor dem Haus. Die Erwägung liegt nahe, dass sich Ihr Herr Sohn
durch die Obsorge für den offenbar krankhaft veranlagten Knaben eine neue Last
aufgebürdet hat, an welcher er, betrachtet man seine übrigen Verpflichtungen und
daneben die geringen pekuniären Mittel, schwer zu tragen haben wird. Es sei uns
diese Anmerkung verstattet; der Begriff vom eigentlichen Wesen und wohin es
zielt, fehlt uns ja nach wie vor und allen, die damit zu schaffen haben.
    Wir sind am Schluss. Indem wir uns in der angenehmen Hoffnung wiegen, dass
unsre Ausführlichkeit und Sachtreue den Wünschen und Erwartungen von Ew.
Hochwohlgeboren entspricht, bitten wir um weitere Verhaltungsmassregeln und
empfehlen uns für jeden Fall Ihrer geneigten Berücksichtigung. In tiefster
Ergebenheit Girke & Graurock, gez. W. Girke.«
    Der Geheimrat ging durch die Zimmer des alten Hauses. Lautlos folgte ihm die
Hündin Freia.
    Um das Niederbeugende nicht denken zu müssen, rief er sich das Gesicht des
Arbeiters in die Erscheinung zurück, des Sprechers der Deputation, mit der er
gestern verhandelt hatte. Mit Genauigkeit wurden ihm die brutalen Züge
gegenwärtig, das vorspringende Kinn, die dünnen Lippen, der aufgebürstete
schwarze Schnurrbart, der kalte, scharfe Blick, der entschlossene Ausdruck. Es
war nicht mehr das Gesicht des einen, zufällig beauftragten, so oder so
heissenden Menschen, sondern es war eine Welt, die er darin erkannte, eine
heimlich und gesetzmässig entstandene furchtbare Welt voll Drohung, Kälte und
Entschlossenheit.
    Die Energie und Überlegung, die er im Gespräch mit dem Abgesandten bewiesen,
erschien ihm sonderbar zwecklos, denn keine Kraft eines einzelnen konnte
genügen, im Kampf wider diese Welt zu bestehen.
    Um nicht denken zu müssen, nicht an den Brief des Privatdetektivbureaus
Girke & Graurock, nicht an diese schaurigen Ermittlungen, die trüblastenden
Ausschnitte eines unheimlichen fernen Lebens, des Lebens seines Sohnes, den er
geliebt hatte, den er liebte, an die unzähligen niedrigen, hässlichen, schaurigen
Begebenheiten, die als gespensterhaftes Panorama vor seinem Geist
vorüberwirbelten, an die Stuben, die Höfe, die Häuser voll ächzender, elender
Leiber, um daran nicht denken zu müssen, blätterte er in einem Buch, wühlte er
in einer Lade mit Briefen, ging er von Raum zu Raum, unermüdlich, gefolgt von
der Hündin Freia.
    Auf der Flucht von den gefürchteten Bildern tauchte wieder das Revier seiner
Arbeit auf, wo die Lebenshoffnungen wurzelten und gereist waren, das Triebwerk
der Existenz in Schwung gesetzt wurde. Er sah die Maschinensäle verödet, die
Öfen erloschen, die Dampfhämmer stillstehen und aus allen Fenstern, allen Türen
Tausende von gebieterisch fordernden Armen ihm entgegengestreckt, ihm, dem
Gebieter. Da war ihm zumute wie vor dem Tag des Untergangs. Es war nicht das
erstemal, dass ein Streik den gegliederten Organismus lähmte, aber zum erstenmal
geschah es, dass das Gefühl davon ausging, als sei die Kraft versiegt und das
Ende gekommen.
    Da drängte sich die Frage auf seine Lippen: Warum hast du mir das angetan?
Mit dieser Frage wandte er sich an Christian, wie wenn Christian schuldig wäre
an den Forderungen derer, die einst willige Sklaven gewesen, an den leeren
Sälen, den erloschenen Öfen, den schweigenden Hämmern; schuldig durch sein
Dortsein in den Stuben, bei Dirnen und Mördern, Irren und Kranken, in den
Nestern, wo das menschliche Ungeziefer haust. Zorn schauderte in ihm empor, eine
der seltenen Anfälle, die ihn besinnungslos machten; seine Augen füllten sich
mit Blut, er suchte ein Opfer, eine Ableitung; er gewahrte, dass die Hündin mit
ihren Zähnen am Teppich nagte, griff nach einem Bambusrohr und schlug das Tier,
dass es jämmerlich winselte, minutenlang, bis ihm vor Erschöpfung die Arme
sanken.
    Als er wieder ruhig geworden war, verspürte er Reue und Scham, aber ein Rest
des Zornes wich nicht aus seinem Innersten, und er trug ihn mit sich herum wie
einen Giftstoff. Das Nagen und Brennen hörte nicht auf, und er wusste, dass es
nicht aufhören konnte, ehe er nicht mit Christian abgerechnet haben würde, ehe
Christian ihm nicht Rede gestanden war, als Mensch dem Menschen, als Mann dem
Mann, als Sohn dem Vater, als Schuldiger dem Richter.
    Der Zorn frass. Doch wo war ein Ausweg? Wie konnte man zu Christian gelangen?
Wie ihn zur Rechenschaft ziehen? Jeder Schritt vergab etwas. Warten, immerfort
warten? Wochen und Monate warten? Der stumme Zorn frass das Leben.
 
                                       6
Amadeus Voss, beunruhigt durch Johannas Ausbleiben, hatte auf Schleichwegen
erfahren, dass sie das Haus ihrer Verwandten plötzlich verlassen hatte. Am Tag,
nachdem sie zuletzt bei ihm in Zehlendorf gewesen, war sie heimgekehrt, still
und bekümmert. Man war schon in Unruhe um sie; überall dachte man jetzt gleich
an Mord und geheimnisvolles Verschwinden. Die Fragen, wo sie die Nacht
zugebracht, hatte sie unbeantwortet gelassen und statt dessen einfach erklärt,
sie bleibe überhaupt nicht mehr. Allem Bestürmen und Erkundigen hatte sie
Schweigen entgegengesetzt, hatte in Eile ihre Sachen gepackt, dann war ein
bestelltes Auto erschienen, und mit einigen förmlichen Dankesworten hatte sie
Abschied genommen. Ihrer Cousine, die auf einem vertrauteren Fuss als die übrigen
mit ihr stand, hatte sie gesagt, sie brauche eine Zeitlang Sammlung und
Einsamkeit und ziehe darum in ein möbliertes Zimmer; man möge ihr aber nicht
nachforschen, das habe keinen Zweck und werde sie nur noch weiter scheuchen, ja,
sie hatte sogar mit Schlimmerem gedroht, falls man sie nicht in Frieden lasse.
Trotzdem hatten die geängsteten Leute ihre Spur verfolgt, und es war ihnen
mitgeteilt worden, dass sie sich in der Kommandantenstrasse eingemietet hatte. Da
es eine anständige Frau war, bei der sie Wohnung genommen, und sich auch sonst
nichts Aufregendes mit ihr ereignete, achtete man ihren Willen und zerbrach sich
nur über das Unbegreifliche den Kopf.
    Das alles war Voss von einem bei der Familie bediensteten Mädchen verraten
worden, der er dafür ein Fünfmarkstück schenkte. Mit verkrampftem Gesicht und
entzündetem Herzen ging er heim, um zu überlegen, was er zu tun habe. Er fand
einen Brief von Johanna vor. Sie schrieb: »Ich weiss nicht, wie es zwischen uns
künftig sein wird. Ich kann momentan keine Entschlüsse fassen. Ich interessiere
mich augenblicklich zu wenig für mich und mein Schicksal; ich habe einen
triftigen Grund dafür. Suche mich nicht auf. Ich bin fast den ganzen Tag in der
Stolpischen Strasse, aber suche mich nicht auf, wenn dir noch etwas an mir liegt
und wenn du wünschst, dass mir an dir noch etwas liegen soll. Ich will dich jetzt
nicht sehen, ich mag dich jetzt nicht hören. Das Erlebnis war zu schrecklich, zu
unerwartet. Du würdest mich verändert finden in einer Weise, die dir unliebsam
wäre. Johanna.«
    Bleich vor Wut fuhr er sofort nach Berlin zurück und bis zum Bahnhof
Schönhauser Allee. Als er in der Stolpischen Strasse ankam, war es neun Uhr
abends. Frau Gisevius sagte ihm, das Fräulein sei vor einer halben Stunde
weggegangen. Er warf einen Blick in Christians Stube und sah einen ihm
unbekannten Knaben am Tisch sitzen. Er zog die Frau beiseite und fragte, wer das
sei. Ob er denn von nichts wisse? war die erstaunte Gegenfrage der Frau; es sei
der Bruder des ermordeten Mädchens. Wahnschaffe sei nicht wiederzuerkennen,
seitdem diese Geschichte passiert sei; er gehe verloren herum, und wenn man ihn
anrede, antworte er entweder gar nicht oder verkehrtes Zeug. Das Frühstück, das
sie ihm am Morgen bringe, berühre er nicht. Ost stehe er eine halbe Stunde lang
mit gesenktem Kopf auf einem Fleck, so dass man für seinen Verstand fürchten
müsse; vor zwei Tagen sei sie ihm drüben in der Rhinower Strasse begegnet, da
habe er, am hellichten Tag und unter Menschen, laut vor sich hin geredet. Die
Leute hätten gelacht. Gestern sei er ohne Hut fortgegangen, und ihre Jüngste
habe ihm den Hut nachgetragen, aber er habe sie eine ganze Weile verständnislos
angeblickt. Kurz darauf sei er mit einigen seiner Freunde zurückgekommen, und da
habe sie ihn plötzlich schreien gehört und sei ins Zimmer gestürzt; da sei er
vor den andern auf den Knien gelegen und habe erst wie ein kleines Kind
geschluchzt, dann um sich geschlagen und habe gerufen, das könne nicht sein, das
dürfe nicht sein, das ertrage er nicht, das sei ja alles nicht menschenmöglich.
Das Fräulein Schöntag sei auch dabei gewesen, aber die hätte geschwiegen dazu,
und alle hätten geschwiegen und ausgesehen wie die Schlottergestalten. Die
Veranlassung zu dem Anfall sei gewesen, dass ihm einer von den jungen Leuten
voreiligerweise gesagt, heute finde die gerichtliche Obduktion der Leiche statt.
Da habe er gleich hingehen gewollt; sie hätten ihn mit Mühe halten können und
hätten ihm in ihrer Not schliesslich gesagt, es sei schon zu spät, es sei schon
vorüber. Dann sei er die Nacht über im Zimmer auf und ab marschiert, während der
Michael auf dem Ledersofa gelegen; sie hätten aber nicht ein Wort miteinander
geredet; sie sei öfters auf den Flur geschlichen und habe gelauscht; nicht eine
Silbe hätten sie miteinander geredet. Um fünf Uhr früh sei schon das Fräulein
gekommen; um sieben Uhr der Lamprecht und noch ein Student; die hätten ihn
überredet, er solle mit ihnen nach Treptow fahren; sie wollten den Tag mit ihm
verbringen; er habe weder zugestimmt noch widersprochen; sie hätten ihn bloss so
mitgeschleppt. Dann seien Bekannte von der Rut Hofmann dagewesen, bis Mittag,
eine Frau und ein junger Mensch; die kämen auch manchmal am Abend, nachdem das
Fräulein gegangen, damit der Michael nicht allein sei. Was mit dem werden solle,
das wisse niemand; mit dem habe sich noch nicht das mindeste verändert; seit er
gekommen, habe er die Kleider noch nicht vom Leib getan, und hätte ihn das
Fräulein nicht so geschickt rumgekriegt, er hätte sich nicht mal den Kot
abbürsten und Gesicht und Hände waschen lassen. Zuweilen besuche ihn ein
rotaariger Herr, auch einer von Wahnschaffes Freunden, sie höre, es sei ein
Baron; der habe vorgestern ein Schachspiel mitgebracht, da ihm irgendwer gesagt,
der Junge verstehe das Schach und habe oft mit seiner Schwester gespielt. Aber
als er die Figuren aufgestellt, habe Michael nur so geschaudert und mit keinem
Finger hingerührt. Das Brett mit den Figuren stehe noch auf dem Tisch, Herr Voss
könne sich überzeugen.
    Die Frau hätte noch lange fortgeschwatzt, aber Voss verabschiedete sich mit
einem stummen Gruss. Er war nachdenklich geworden. Was er über Christian
vernommen, hatte ihn nachdenklich gemacht. Unschlüssig, wohin er sich wenden
solle, ging er gegen den Exerzierplatz zu. Er grübelte; er zweifelte. Sich
Christian vorzustellen, wie ihn das Weib geschildert, weigerte sich seine
Einbildungskraft. Es war das Widersinnige schlechtin, alle Erfahrung Höhnende.
Schmerz, solcher Schmerz und Christian? Verzweiflung, solche Verzweiflung und
Christian? Das trieb die Dinge aus ihrer Bahn. Dahinter lag ein Rätsel. Elemente
verändern schliesslich unter Anwendung höchstgesteigerter Mittel ihren
Aggregatzustand, aber dass Marmor zu Lazerte wird, ist schwer zu denken, und dass
ein Herz entsteht, wo keines war, gar nicht.
    Wie zurückgezwungen kehrte er um und ging wieder in die Stolpische Strasse.
Da sah er Johanna dicht vor sich. Er rief sie an. Sie blieb stehen und nickte
ihm zu, ohne Überraschung zu zeigen. Auf seine hastigen, halblauten Fragen
schwieg sie. Ihr Gesicht war von transparenter Blässe. Im Torweg des Hauses
besann sie sich, dann ging sie in den Hof, an das Fenster von Christians Stube;
sie wollte hineinschauen, es war verhängt. Sie eilte in den Flur, läutete bei
Gisevius, und nach einem kurzen Gespräch mit der Frau kam sie zurück. »Ich muss
nach oben,« sagte sie, »ich muss sehen, wie es Karen geht.« Sie bedeutete Voss
nicht, zu warten; um so entschlossener wartete er. Er hörte aus den Wohnungen
Musik, Gelächter, Kindergeplärr, das Sticheln einer Nähmaschine; Leute gingen
vorüber, treppauf, treppab; endlich kam Johanna zurück und schritt an seiner
Seite auf die Strasse. Sie sagte in ratlosem Ton: »Die Arme wird die Nacht kaum
überleben, und Christian ist nicht da; was soll man tun?«
    Er schwieg.
    »Du musst verstehen, was jetzt mit mir geschieht,« sagte Johanna leise und
eindringlich.
    »Ich verstehe nichts,« erwiderte Voss gedrückt, »nichts, ausser dass ich leide,
unsinnig leide.«
    Johanna sagte hart: »Du kommst nicht in Betracht.«
    
    Sie waren beim Humboldtain. Es war kalt, trotzdem setzte sich Johanna auf
eine Bank. Sie schien ermüdet. Ihrem zarten Körper waren Anstrengungen wie
Wunden. Scheu nahm Voss ihre Hand und forschte: »Was ist es denn?«
    »Lass,« hauchte sie und entzog ihm ihre Hand. Sie schwieg lange. Endlich fing
sie an: »Man hat ihn immer für unempfindlich gehalten. Einige haben sogar
behauptet, das sei der Grund seines Erfolges bei allen, die mit ihm zu tun
haben. Eine hübsche Teorie; ich für meinen Teil habe nie daran geglaubt. Da die
meisten Teorien falsch sind, weshalb sollte die gerade richtig sein? Es wird so
viel über Menschen geschwätzt. Es ist so mühsam; alles ist so mühsam. Jasagen
ist mühsam, Neinsagen ist mühsam. Ich gebe zu, eine Gemütserbauung war seine
Gesellschaft nicht. Man nahm sich instinktiv in acht vor ihm, wenn man von
irgend etwas ergriffen war; man genierte sich dann. Und nun das. Du kannst es
dir ja nicht vorstellen; und wie soll mans beschreiben? Die ganze Zeit, während
er sich um Michael zu schaffen machte, an jenem ersten Abend, wusste er noch
nichts. Um neun oder halb zehn ging er zu Karen hinauf und wollte nach einer
Stunde wiederkommen. Er kam aber früher. Im Hof standen noch Leute; von denen
erfuhr ers. Dann kam er in die Stube. Ganz leise. Er kam herein, und ...« Sie
zog ihr Taschentuch hervor, drückte es an die Augen und weinte still.
    Voss liess sie eine Weile weinen, dann fragte er gespannt: »Er kam herein und
-? Und was?«
    Die Augen bedeckt haltend, sprach Johanna weiter: »Man hatte das Gefühl:
Schluss. Schluss mit dem Sichfreuen, Schluss mit Lächeln und mit Lachen; Schluss.
Sein Gesicht war in einer Viertelstunde um zwanzig Jahre älter geworden. Ich
habe es angeschaut, aber nur mit einem Blick, dann hatte ich keinen Mut mehr
dazu. Du denkst vielleicht, ich phantasiere, wenn ich sage: der ganze Raum war
Schmerz, die Luft war Schmerz, das Licht war Schmerz. Aber es ist die Wahrheit.
Alles tat weh. Alles was man dachte und sah, tat weh. dabei war er vollständig
stumm, und seine Miene war ungefähr so, als strenge er sich an, eine undeutliche
Schrift zu lesen. Das war das Schmerzlichste.«
    Sie schwieg, und Voss störte ihr Schweigen nicht. Man müsste sich überzeugen,
ob Marmor zu Lazerte werden kann, dachte er böse und eifersüchtig, müsste sehen,
hören, prüfen. Er blieb willentlich verstockt. Die Erklärungen, die er sich
zurechtlegte, waren von niedriger Beschaffenheit, aber um Johanna nicht zu
reizen, heuchelte er Glauben. Und doch erschütterte ihn etwas an der Erzählung
und machte ihn feig.
    Johanna war des Halts bedürftig. Sie fror in ihrer neuen Freiheit; sie
misstraute ihrer Kraft, Freiheit zu ertragen; sie wunderte sich bang, dass niemand
sie mit Gewalt ins Wohlige zurückschleppte, in das umhegte Leben, zu den
Sorglosen und Gesicherten.
    Es war ihr recht, dass Amadeus an ihrer Seite ging. Ach, man war
inkonsequent, man war charakterlos, man hielt sich selbst nicht Wort, aber es
war ein solches Grauen: allein sein. Trotzdem schien ihre Abschiedsgebärde
unwidersprechlich, als sie vor dem Haus in der Kommandantenstrasse anlangten, wo
sie wohnte. Amadeus Voss, ihre Schwäche witternd, ihre Melancholie spürend,
begleitete sie bis zur finsteren Stiege, und dort riss er sie an sich, mit einer
Heftigkeit, als wolle er sie zerfleischen. Sie seufzte bloss.
    Da erwachte der unwiderstehliche Wunsch in ihr, Mutter zu werden. Gleichviel
durch wen, gleichviel, ob der Kuss Wonne oder Ekel einflösste; gleichviel; sie
wünschte, Mutter zu werden. Nur etwas zeugen, etwas bilden, nicht so leer sein,
so kalt sein, so allein sein; sich an etwas hängen, sich wertvoller dünken und
für ein Wesen wichtig werden. Hatte dieser nicht, der sie wie ein Raubtier
umkrallte, das Wort gesprochen von der Sehnsucht des Schattens nach seinem
Körper? Sie glaubte es auf einmal zu verstehen.
    Dunkel forschend, mit ihrem starken Blick, schaute sie ihn an, als sie
wieder auf die Strasse traten; schaute ihn an und ging mit ihm.
 
                                       7
Karen lebte noch am Morgen. Der Tod hatte einen schweren Kampf mit ihr zu
bestehen. In später Nacht hatte sie sich noch einmal verzweifelt aus seiner
Umklammerung gerissen. Jetzt lag sie in keuchender Erschöpfung da.
    Arme, Hände und Brust waren von eiternden Geschwüren bedeckt, die zum Teil
aufgebrochen waren.
    Drei Weiber huschten durch die Stube: Isolde Schirmacher, die Witwe Spindler
und die Frau des Buchbinders vom hinteren Flur. Sie raunten, trugen dies und das
herbei, warteten auf den Arzt, warteten auf das Ende.
    Karen vernahm Tritte und Tuscheln mit Hass. Sie konnte nicht sprechen, kaum
sich verständlich machen; hassen konnte sie noch. Sie vernahm Gekreisch und
Gepolter aus der ehemals Hofmannschen, jetzt Stübbeschen Wohnung; das Aufstehen
des Trunkenbolds in der Frühe war so unheilvoll für Weib und Kinder wie seine
Heimkunft des Nachts. Der ganze Jammer, den er verbreitete, drang durch die
Wand, und Karen wurde an ähnlich Greuelhaftes erinnert, aus verdämmerten Jahren.
    Doch es gab nur noch eine einzige Beschwer und Qual: die, dass Christian
nicht kam. Seit Tagen war er immer nur für kurze Zeit dagewesen, den letzten Tag
und die letzte Nacht gar nicht. Dumpf wusste sie von dem Mord an der Jüdin; dumpf
hatte sie gespürt, dass Christian ein andrer war seitdem; aber sie fühlte sich so
schauerlich verlassen ohne ihn, dass sie genauer nicht hindenken wollte. Seine
Abwesenheit war wie ein Feuer, an dem sie lebendigen Leibes verkohlte. Es schrie
in ihr. Mitten im Röcheln der Agonie wieder mahnte sie sich zur Geduld, hob den
Kopf und spähte, liess ihn aufs Kissen fallen und würgte vor Gram die Zunge in
den Gaumen.
    Die Tür ging auf; sie erschrak. Es war der Doktor Voltolini; ihr Gesicht
verzerrte sich.
    Der Arzt konnte nicht mehr viel tun. Die Komplikation, die hinzugetreten war
und die Lunge in Mitleidenschaft gezogen hatte, vernichtete jede Hoffnung. Für
Erleichterungen sorgen, die Morphiumdosen vergrössern, andres blieb nicht übrig.
Wozu auch ein solches Leben retten, mochte Doktor Voltolini denken, als er auf
das schrecklich aussehende, mit dem Tod erbittert ringende Weib niedersah, ein
so fertiges Leben, ein so überflüssiges und unreines?
    Zum drittenmal traf er Christian nicht. Er empfand das Bedürfnis, mit ihm
vertraulich zu sprechen. Er war ein verschlossener Mann; einen Fremden in sein
Schicksal einzuweihen, war eine Versuchung, die er bisher nicht gekannt;
Christian gegenüber und im Gedanken an ihn war sie so heftig, dass er darunter
litt. Besonders seit einer an sich bedeutungslosen Szene, deren Zeuge er
geworden war.
    Isolde Schirmacher hatte von einem Gesellen ihres Vaters, an den sie sich
gehängt, einen Ring mit einem Rubin bekommen. In ihrer Freude hatte sie
Christian den Ring gezeigt; unter der Küchentür war es. Doktor Voltolini trat
eben aus der Stube. Sie streifte den Ring vom Finger, liess den Stein, der ohne
Wert war, im Lichte funkeln und fragte, ob das nicht ein prachtvolles Geschenk
sei. Da hatte Christian in seiner eigentümlichen Weise gelächelt und hatte
gesagt: »Ja, es ist sehr schön.« Die Witwe Spindler, die in der Küche stand,
hatte laut aufgelacht, aber im Gesicht des Mädchens malte sich solche
Dankbarkeit, dass es dadurch einen Augenblick lang selber schön wurde.
    Auf der Stiege begegnete der Doktor Voltolini der Witwe Engelschall. Sie
hielt ihn an und fragte um seine Meinung über Karen. Achselzuckend antwortete
er, es sei keine Hoffnung, es handle sich nur noch um Stunden.
    Die Witwe Engelschall hegte schon lange Verdacht gegen Karen. Sooft sie in
die Stube trat, wurde Karen unruhig, hielt den Blick nicht aus, zog das Deckbett
bis ans Kinn. Die Witwe Engelschall wusste, was schlechtes Gewissen war. Sie
witterte ein Geheimnis und nahm sich vor, es zu ergründen. Eile tat not; zögerte
man, so war es vielleicht zu spät, und man hatte sich ewige Vorwürfe zu machen.
Die Sache war ohne Zweifel die, dass ihr Wahnschaffe Geld gegeben hatte, das nach
alter Gewohnheit an ihrem Leibe verborgen war, im Strumpf, im Hemd, oder auch
eingenäht in der Matratze. Das viele Geld, das der Mensch gehabt, konnte nicht
spurlos verschwunden sein; gewiss hatte er noch ein oder zwei Dutzend braune
Lappen oder ein paar Obligationen beiseite gebracht, und wer anders sollte die
haben als Karen? Reimte man die Umstände richtig zusammen, seine Tollheit und
nun ihr Benehmen, so gewann das Ding ein Gesicht, und man musste zusehen, dass
kein Unfug geschah, denn war man nicht gerade dabei, um ihr die Augen
zuzudrücken, so kamen dann allerhand Leute, der Schatz verschwand in Gott weiss
welche Tasche, und vom Gesicht ablesen konnte mans keinem mehr. Auf dem Weg in
die Stolpische Strasse war der Witwe Engelschall alles dies erst völlig klar
geworden.
    Karen ahnte es.
    Mit dem Fortschreiten der Krankheit war die Angst um die Perlen gestiegen.
An ihrem Körper schienen sie ihr nicht sicher genug verwahrt; wenn sie das
Bewusstsein verlor, und man hantierte an ihr herum, konnten sie entdeckt werden.
Diese Furcht beeinflusste die Festigkeit des Schlafs; oft schreckte sie empor und
starrte wild, mit unterdrücktem Aufschrei in der Kehle. Sie hatte sich
angewöhnt, die Hände unter der Decke zu halten, und mechanisch wurde der Griff
um die Perlenschnur krampfhafter, wenn die Sinne in Schlummer oder Ohnmacht
versanken. Ein grässlicher Alpdruck, den sie hatte, zeigte alle Möglichkeiten der
Gefahr; es kamen Menschen; wer immer Lust hatte, spazierte in die Stube; sie
konnte sich ihrer nicht erwehren; sie konnte nicht aufstehen und den Riegel
vorschieben; am meisten war sie vor dem Doktor auf der Hut; sie zitterte vor
seinem Auge, und von unter her saugte sie sich förmlich mit allen Poren an die
Bettdecke, damit er sie nicht unversehens zurückschlagen konnte.
    Die Perlen wanderten in ihrem Lager bald dahin, bald dortin; bald unter das
Kopfkissen, bald unter das Linnen; bald in den Überzug, den sie vorher
aufknöpfte, bald an ihre nackte Brust, wo sie die eiternden Wunden berührten.
Dessen innewerdend, rief sie sich dann mit grausam finsterem Schmerzenshohn zu:
»Was bist du denn noch! Bist nur noch ein aussätziges Aas, du! Was bist du denn
noch? Ein verhunztes Aas, vor dem dir selber ekelt.«
    Allmählich war ihr an den Perlen der Begriff des Wertes gleichgültig
geworden; auch als ihr Christian in einer schlaflosen Nacht nach unablässigem
Fragen eine Vorstellung davon gegeben, die diejenige, die sie bisher gehabt, um
ein Vielfaches übertraf. Es waren Zahlen; sie schauderte ein wenig, staunte
zweifelnd, schüttelte den Kopf und fand sich endlich ab. Es waren Zahlen. Eine
ganz andre Wirkung ging von dem Gehänge aus, und die wurde stärker in dem Mass,
wie jene ihr Wunderbares einbüsste. Anfangs war es Vorhalt, Klage um ein
Schicksal; die Perlen schimmerten von einem jenseitigen Ufer herüber als
Sinnbild eines Lebens, von dem man nie auch nur einen Hauch genossen, von dem
einem keine Kunde geworden war. Es entfachte nicht Neid und Zorn, wie es früher
der Fall gewesen wäre, bloss Kummer über das, was verspielt und vertan war. Darum
verspielt und vertan, weil man nichts gewusst hatte von der Schönheit, von der
Lieblichkeit, von der Freude, vom Schmuck, ja, man konnte sagen, von der Erde
und vom Himmel nichts gewusst. Von vorn beginnen konnte man das zuschanden
gelebte Leben nicht; es gab kein andres, und mit diesem wars nun aus.
    Dann, im Liegen und Sinnen und Vergehen im Fleische, war es so, dass die
verlorene Erde und der verlorene Himmel einem neugeschenkt waren, in jeder
einzelnen Perle drin und in der ganzen Kette drin. Die Kinder, die gestorbenen,
in Hass empfangen, in Hass hingeschwunden, die armseligen kaum zu einem Teil je
erfüllten Träume, das Bangen, irgend einmal, nach irgendeinem Menschen, die
spärliche Liebe, das kärgliche Licht, die kleinen Hoffnungen, die wenige Lust,
alles war in den Perlen drinnen. Es versammelte sich und wurde zu einer Seele.
Alles Versäumte, Verspielte, Weggeworfene, Nieerreichte, durch Not und Leid
Verfinsterte und Verscheuchte wurde zu einer Seele, und dieser Seele war sie
unermesslich hingegeben im Liegen und Sinnen und Vergehen im Fleische, denn es
war Christians Seele. Im Perlengehänge war Christians Seele. Die fasste sie, die
liess sie nimmer los, die gehörte ihr, im Grabe noch.
    Und ihre blauen Augen unter dem Haarhelm und der niedrigen Stirn hatten eine
fetischistische Glut.
 
                                       8
Die Witwe Engelschall war zunächst bestrebt, die Weiber aus der Stube zu
entfernen. Es gelang nicht ohne grobe Deutlichkeit. »Na du mit deiner
Himmelfahrtsneese, wirste bald raus machen?« fauchte sie die Schirmacher an.
Isolde ging, aber es dünkte ihr, die Alte habe Böses vor.
    An die Bettstatt tretend, sah die Witwe Engelschall, dass sie gerade noch
Zeit hatte, den verlöschenden Lebensfunken zu nutzen. Und wenn es dafür zu spät
war, entstand auch kein Schaden weiter, so war sie eben die erste, die an die
Tote herankam. Bloss langes Besinnen gabs nicht.
    Sie fing an zu sprechen; sie setzte sich auf den Stuhl, beugte sich nahe zu
Karen und sagte mit erhobener Stimme, damit der Sterbenden kein Wort
verlorengehe, sie habe Napoleonschnitten bringen gewollt, aber in der Konditorei
habe es noch keine gegeben; zum Abend werde sie ein Huhn mit Reis kochen, oder
ne steirische Poularde mit Apfelmus, das erfrische den Magen und mache eine
schöne Verdauung. Ein Krankes brauche kräftige Kost, da dürfe man nicht den
Pfennig besehen; überhaupt, sie sei ja nicht so; niemand könne ihr Schlimmes
nachreden; für ihre Kinder habe sie immer das Herz auf dem rechten Flecke
gehabt; sie habe sich redlich abrabatzen müssen, und auf Erkenntlichkeiten habe
sie nie gerechnet; sie wisse ja, Undank sei der Welt Lohn, und in dem Punkte sei
es beim eigenen Fleisch und Blut nicht besser bestellt als bei Kreti und
Pleti.
    Vom Tode eng umkreist, vernahm Karen nur den Ton der scheinheiligen Rede;
sie bewegte die Arme. Sie spürte, dass die Mutter etwas wollte; eine letzte
Überlegung sagte ihr, was sie wollte; ein letzter Instinkt warnte sie, sich zu
verraten; sie zwang sich, stillzuliegen und zuckte nicht mit der Wimper. Doch
die Witwe Engelschall wusste sich auf der richtigen Bahn. Sie habe nie nach
Reichtümern gestrebt, fuhr sie fort, und wenn einmal Überfluss gewesen sei, habe
sie andre daran teilnehmen lassen. Ins Grab könne man ja nichts mitnehmen, und
halte mans wie Eisen, das helfe nicht, da sei es viel gescheiter und nobler, man
gebe es gleich her, dass man noch was mitgeniessen könne von dem Glück, das die
Leute darüber empfänden, und man hören könne, wie sie einen lobten. Ob sie sich
noch erinnere, wie die alte Kränichen gestorben sei, die geizige Vettel, wie man
da siebenundachtzig Goldstücke im Strohsack gefunden habe, und was da, nebst
aller Freude, für ein Geschimpfe über das dreckige Luder gewesen sei. Ob sich
Karen erinnere? Kein Mensch habe ihr eine Träne nachgeweint; in die Hölle
gewünscht habe man sie.
    Dann streckte die Witwe Engelschall ihre Hände aus und befühlte anscheinend
achtlos das Kopfkissen. Unter dem Kopfkissen lag die Perlenschnur. Sie war noch
nicht bis zu der Stelle gelangt, wo sie lag; Karen jedoch glaubte, sie hätte sie
bereits ergriffen, hastete mit ihren Händen hin und wehrte den Händen der
Mutter. Mit röchelnder Brust richtete sie sich ein wenig auf, um sich höher über
das Kissen zu werfen. Die Witwe Engelschall murmelte zwischen den Zähnen:
»Nachtijall, ick hör dir loofen;« sie war nun ihrer Sache sicher, wühlte
blitzschnell die Hand unters Kissen und zog ein Stück des Gehänges heraus. Sie
gab einen dumpfen Schrei von sich; der Anblick übergoss ihr fettes Gesicht mit
Schweiss und violetter Röte, denn sie hatte erkannt, was da an fabelhaftem Wert
ihrer wartete. Ihre Augen quollen aus den Höhlen, aus dem Mund sickerte
Speichel, wieder und wieder packte sie zu, Karen drückte mit dem ganzen Gewicht
ihres Körpers auf das Kissen, streckte die Arme drüber hinaus, krallte ihre
Fingernägel in die Handgelenke der Räuberin, wimmerte in langgezogenen Lauten,
aber in dem ungleichen Ringen musste sie unterliegen, trotz der gespenstischen
Kraft, die sie entwickelte; schon hatte die Witwe mit leisem Geheul die
Perlenschnur aus dem Versteck gerissen und machte Miene, den Bereich der vor Wut
um sich schlagenden, rasend aufstöhnenden, mit klappernden Zähnen unverständlich
kreischenden Karen zu verlassen, da öffnete sich die Tür und Christian trat ein.
    Die Frauenzimmer draussen hatten gemerkt, in Karens Stube geschehe
Unheimliches; der Kampf zwischen Mutter und Tochter hatte nicht so lange
gedauert, dass sie ihre Unschlüssigkeit und die Angst vor der Alten hatten
überwinden können; sie empfingen Christian mit ängstlichen Gesichtern und
deuteten gegen die Tür; sie wollten ihm in die Stube folgen, aber da er ihrer
nicht achtete und die Tür hinter sich zuschlug, verharrten sie auf ihrem Platze
und lauschten. Es blieb aber still drinnen.
    Christian trat still an Karens Lager; er hatte begriffen, was vorging. Still
nahm er der Witwe Engelschall die Perlenkette wieder ab. So erregt und von ihrer
Gier entflammt sie auch war, wagte sie nicht eine Gebärde des Widerstands; sein
Gesicht zeigte einen Ausdruck, der ihren kochenden Grimm über seine Einmischung
niederschlug. Es war ein sonderbarer Ausdruck: gebieterische Trauer, stolze
Versunkenheit, ein Lächeln, das geistesabwesend war, ein grabender, fremder,
abprallender Blick. Er legte die Kette auf Karens Brust, dann fasste er Karens
beide Hände; sie schaute zu ihm empor, erleichtert, erlöst; ihr Leib warf sich
unter Zuckungen, doch sie milderten sich, als er ihre Hände hielt; frierend,
grauenvoll frierend drängte sie sich näher zu ihm, lallte, stammelte, bebte an
allen Gliedern, hatte heisse Nässe in den Augen. Und er wich nicht zurück; er
verspürte keinen Ekel vor dem riechenden Körper mit den aufgebrochenen
Eiterschwären; er umfing sie mit dem grabenden Lächeln und gewährte ihr noch ein
wenig Wärme an seiner Brust, als sei es gar kein Mensch, sondern ein kleiner
Vogel, der ihm vom Sturm zugeweht worden. Zuletzt lag sie ruhig, ohne Laut und
ohne Regung.
    Und so starb sie in seinen Armen.
 
                                       9
Von den Ausschweifungen niedergeworfen, machte Felix Imhof notgedrungen halt.
Die Kräfte waren verzehrt.
    Er zog Ärzte zu Rat, bat lachend um Wahrheit; der, den er zuletzt
konsultierte, eine Berühmteit des Faches, erklärte ihm, er möge auf das
Schlimmste gefasst sein, das Rückenmark sei angegriffen. »Tuberkeln?« fragte
Imhof sachlich. - »Ja, Tuberkeln.«
    »Schön, mein Junge, fünfter Akt, letzte Szene,« sagte er zu sich selbst. Da
sich Fieber einstellte und Mattigkeit mit häufigen Schmerzen wechselte, legte er
sich zu Bett, liess die Fenster verhängen, die Spiegel entfernen und schaute mit
dem Ausdruck eines Kindes, dem bange ist, Stunden und Stunden hindurch in die
Luft.
    Er hatte nie ohne Menschen sein können. Es wurde ihm bewusst, dass sein ganzes
Leben, so weit er zurückdachte, dem Gedränge auf einem Jahrmarkt glich. Mit
allen hatte er sich verbrüdert, alle hatten sich an ihn gehängt, alle hatten
etwas gewollt, allen etwas zu gelten hatte er sich beständig bemüht; aber wer
war geblieben? Keiner. Nach wem trug er Verlangen? Nach keinem. Wer würde um ihn
trauern? Keiner. Kein Mann, kein Weib.
    Wie mögen sie über mich reden, wenn ich nicht mehr bin? fuhr es ihm durch
den Kopf. Richtig, der Imhof, wird es heissen, erinnert ihr euch? Netter Kerl,
guter Kamerad, nie schlapp gewesen, immer gut aufgelegt, immer auf der Jagd nach
neuen Dingen, tolles Huhn im ganzen. Ihr müsst euch doch erinnern; so und so sah
er aus, geschwatzt hat er wie ein italienischer Pfaffe, das Geld rausgeschmissen
wie ein Idiot und gesoffen wie ein Loch.
    Aber viele würden sich trotzdem nicht erinnern, würden die Achseln zucken
und von etwas anderm zu sprechen anfangen.
    Er hatte weder Vater noch Mutter, keine Geschwister, keine Verwandte und
auch keinen eigentlichen Freund. Seine Herkunft war unbekannt; nie würde das
Geheimnis gelüstet werden: er war vielleicht aus der Hefe, vielleicht aus edlem
Blut; aber darin war keine Romantik und kein Reiz, sondern die vom Schicksal der
grösseren Deutlichkeit wegen noch besonders geprägte Formel seines Daseins als
eines einzelnen, Losgelösten und auf sich Beruhenden.
    Er hatte keine Wurzel, keinen Zusammenhang, keine Bindung. Er war er; weiter
nichts; eine Persönlichkeit von zeitaftem Zuschnitt, mit keiner andern
vergleichbar und in ihrer Linie vollendet.
    Er hatte nicht einmal einen Diener, der durch Familienüberlieferung oder
Anhänglichkeit an den Namen ihm zur Treue verbunden war. Keine Seele war ihm zu
eigen, nur Dinge, die er bezahlt hatte.
    Er hatte den Künstlern und den Kunstwerken viel selbstlose Begeisterung
entgegengebracht; ein schönes Gedicht, ein gutes Bild hatte seinem Geist
Schwungkraft, seiner Lebensstimmung jene Heiterkeit verliehen, die alle Müden
und Flauen in seiner Umgebung erfrischt hatte. Aber wenn er sich jetzt die
Eindrücke ins Gedächtnis rufen wollte, die ihm unvergesslich gedünkt, so griff er
ins Leere. Da, wo ihn stets ein sprudelnder Quell erquickt, war eine trockene
Steinrinne. Was war es also mit der geliebten Kunst, dass sie das Gemüt so wenig
nährte wie ein flüchtiges Abenteuer am Weg? Was fehlte da?
    Es waren ihm aus dem Zusammenbruch seines Vermögens noch einige Schätze
verblieben, ein Gemälde von Mantegna: die Könige aus dem Morgenland, eine Statue
des Dionysos von frühgriechischer Arbeit, eine Plastik von Rodin, ein
Blumenstück von Van Gogh. Diese kostbaren Gestaltungen und mehrere andere noch
liess er in sein Zimmer bringen und vertiefte sich in ihre Betrachtung. Aber der
glückliche Rausch, den er ehedem dabei empfunden, wollte sich nicht einstellen.
Die Farben schienen dumpf, der Marmor war ohne Wärme und ohne Leben. Was war
vorgegangen? Was hatte sich verändert?
    Auf dem Tisch neben seinem Lager stand ein Stundenglas. Er schaute zu, wie
der rötliche Sand, fein und hurtig wie Wasser, aus dem oberen Kegel durch ein
Öhr in den untern rieselte. Dies dauerte jedesmal zwölf Minuten. Mit
aufgestützten Armen schaute er zu, drehte das Glas, drehte es wieder, wenn es
oben leer war; und seine Augen hatten den Ausdruck eines Kindes, dem bange ist.
    Eines Tages, während er dem Rieseln des Sandes zusah, sprach er laut vor
sich hin: »Sterben? Was heisst denn das? Ist ja Blödsinn.«
    Es war absurd, ein absurdes Wort, er konnte es nicht fassen und
durchdringen. Kaum hatte er begonnen, sich die leiseste Vorstellung davon zu
machen, so fand es sich, dass diese Vorstellung schon wieder vom Begriff des
Lebens ausging. Man hatte sich bis jetzt in einem Raum aufgehalten und sollte
ihn verlassen; aber dort, wohin man gehen sollte, war ja auch Raum, und man
konnte den Raum nicht denken, ohne dass man sich selbst dachte. Also.
    Ein Frösteln kam ihn an. Dann lächelte er gierig. Er dachte an die
genossenen Freuden, an die Fülle und Überfülle von Lust und Erwartung, von
Erregungen und Triumphen; an die Feste, die Gelage, die Reisen, die
Unternehmungen, die Spiele, den ganzen fröhlichen, bunten, abwechslungsvollen
Kampf. Wie fein war es gewesen, des Morgens aufzustehen mit seinen geraden
Gliedern; wie fein, dass Räder rollten, Zeitungsjungen schrien, Glocken tönten,
Hunde bellten; wie fein, wenn ein junges Weib, bereit zur Liebe, das Haar löste,
die Kleider abstreifte und wie von einer Frucht, die man schälte, die leuchtende
Haut sichtbar wurde; und die netten Kameraden, und die prachtvollen Pferde; und
wenn man nachts nach Hause kam, halbbetrunken, wie man sich im Flur nach der
ersten Treppenstufe sehnte; die Treppe, das war so behaglich, so logisch, so
befreiend; und wie oben das Fenster offen war und ein Blumenstrauss wo; und man
fühlte jederzeit und jeden Orts: du bist da, bist mitten drin, es schäumt in
dir, brüllt in dir, du bist der Herr, du befiehlst und es gehorcht, und morgen
wird sein, übermorgen wird sein, endlos Tag um Tag wie schlanke Bäume an einer
schöngewalzten Strasse, und man war sich so zärtlich gesinnt, der eigene Atem war
einem schmeichelhaft; man frass die Luft, das Licht, frass und frass und frass,
Wolken, Menschen, Worte, Lieder, und alles war gut, Schlechtes war gut,
Hässliches war gut, Regenwetter war gut, Dreck von Pfützen war gut, alles war
gut, denn man lebte.
    Er drehte die Sanduhr um und sank auf die Kissen zurück. Da fiel sein Blick
auf eine kleine, graue Spinne, die auf der purpurseidenen Tapete emporkroch. Er
erschrak. Seine jähe Eingebung war die: Es ist möglich, es ist sogar
wahrscheinlich, dass die Spinne noch dasein wird, wenn ich nicht mehr dasein
werde. Dies erschreckte ihn über alle Massen, und er verfolgte das Kriechen des
Insekts mit atemloser Spannung.
    Ist denn das denkbar? grübelte er, die unwichtige, scheussliche Spinne wird
dasein, und ich nicht? Das ist zum Verrücktwerden. Ich habe nie daran geglaubt
und kann und kann nicht daran glauben: Bewusstlosigkeit, Finsternis,
Feuchtigkeit, Erde, Würmer, pfui Teufel. Aber dass die Spinne dasein soll und ich
nicht? Ich nicht, der den ganzen Weltraum ausgefüllt hat mit seinem Rumpf und
Kopf und Beinen? Gibt es eine Philosophie, eine Religion, eine Überzeugung, die
daran nicht zum faustdicken Schwindel wird? Gesetzt den Fall, es hätte einer die
Macht, mich leben zu lassen, und ich sollte dafür Strassenkehrer sein, Bettler
sein, Sträfling sein, verachtet, bucklig, lächerrlich, impotent, - mir scheint
beinah, ich würde leben wollen, sogar um diesen Preis. Herrgott, wohin gelang
ich denn? Ich bin doch ein Kerl, der auf Ehre und Sauberkeit gehalten hat, was
für Schmählichkeiten sind denn das? Bin ich vielleicht je gekniffen, wenn mir
einer zu nah getreten ist? Hab ichs versäumt, im entscheidenden Moment meinen
Mann zu stellen? Und doch, ich würde leben wollen, um jeden Preis leben.
Seelenschmerz? Was ich mir daraus mache! Her damit; Kummer, Enttäuschung,
Verbitterung, Hass, Verluste, so viel ihr wollt, nur leben, nur leben!
    Eine Stunde später wurde Weikhardt gemeldet. Imhof überlegte, ob er ihn
empfangen solle; in den letzten Tagen hatte er alle Besucher abweisen lassen.
Den Maler fortzuschicken, den er immer besonders gut hatte leiden mögen, konnte
er sich nicht entschliessen.
    »Ist es Eliphas, Bildad oder Zophar, der zu Hiob kommt?« redete er Weikhardt
an; »Sie wissen doch: - als sie von ferne ihre Augen erhoben, erkannten sie ihn
nicht; da weinten sie, zerrissen jeder sein Gewand und streuten Staub auf ihre
Häupter himmelwärts.«
    Weikhardt schmunzelte, aber als sich seine Augen an das Dämmerdunkel gewöhnt
hatten und er das entfleischte Gesicht gewahrte, verging ihm der Spott.
    Sie sprachen eine Weile oberflächlich gegeneinander. Weikhardt erzählte von
seiner Ehe, von seiner Arbeit, seinen vergeblichen Bemühungen um die Sicherung
der Existenz, endlich allerlei Kneipen- und Stammtischklatsch. Imhof hörte nur
mit halber Aufmerksamkeit zu. Plötzlich fragte er, scheinbar gleichmütig: »Und
was macht der wunderbare Salamander in Weibsgestalt?«
    »Welcher Salamander? Wen meinen Sie?«
    »Wen sollt ich meinen, die schöne Sybil natürlich. Hirnverbrannte
Komplikation, dass ein Wort, das seelenlose Wort einer Seelenlosen einen
schwebenden Prozess zu so rapider Entscheidung gebracht hat. Fatum, wie?
Bestimmung von den Sternen her?«
    »Ich verstehe nicht ...« murmelte Weikhardt.
    »Wirklich nicht? Sie wussten wirklich nicht, dass sie mich zu den Niggers
gezählt hat, die schauerliche Puppenfee, und dass ich mich auf meine Weise an ihr
rächte? Spielte einen Trumpf aus, der mich die Partie kostete. Ging hin und
suchte die Gemeinschaft, in die mich der eiskalte Hohn gewiesen. Schlief mit
einer Schwarzen um die Weisse zu schänden und ihren Dünkel wenigstens in meiner
Einbildung zu brechen. Sublim, was? Und Sie wussten nichts davon?«
    »Ich wusste nichts,« flüsterte Weikhardt bestürzt. Ein langes Schweigen trat
ein.
    Da sagte Imhof mit veränderter Stimme: »Was dann weiter folgte, war ja nicht
viel anders, als wie ichs früher getrieben hatte. Aber der Nerv war schon krank,
die Lebensader vergiftet. Manchmal lockts mich, die ekellangsame Hinrichtung
durch eine Kugel zu beschleunigen. Bisschen Schmiss in die Sache zu bringen. Ist
doch gar zu würdelos, den Tod mit einem umgehen zu sehen wie eine satte Katze
mit der Maus in der Falle. Man könnte auch ein Feuerwerk veranstalten, das Haus
anzünden und à la Sardanapal mit grandioser Geste von hinnen fahren.«
    »Es wäre kitschig,« bemerkte Weikhardt; »Sie würden es einem andern nie
verzeihen.«
    »Ich kanns auch nicht. Klammere mich verzweifelt an den tristen Fetzen
Dasein. Dasein, was das bedeutet, Dasein!« Er biss in das Polster und stöhnte:
»Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben!«
    Weikhardt stand auf und wollte sich dem Bett nähern, doch Imhoff wehrte
leidenschaftlich ab. »So muss ich büssen,« knirschte er, »so wird der Fresser
gefressen. So schmeisst mich die Zeit aus ihrem Arm. Sehen Sie sich ihn nur an,
den Kerl, der sich windet und um Pardon schreit und berichten Sie den andern
darüber. Grüssen Sie sie von mir, grüssen Sie die lieben Jungens und Mädels!
Adieu, Freund, adieu, adieu!«
    Weikhardt nahm wortlos Abschied.
 
                                       10
Karen war zur Erde bestattet. Viele Bewohner des Hauses waren mit zum Grab
gegangen. Christian glaubte auch Johanna und Voss bemerkt zu haben.
    Auf dem Heimweg ging Doktor Voltolini an seiner Seite. Sie gingen eine Weile
schweigend, da kehrte sich Christian, ein unangenehmes Gefühl im Rücken
verspürend, plötzlich um. Etwa zehn Schritte hinter sich sah er Niels Heinrich
Engelschall. Dieser blieb stehen, als Christian stehenblieb, und schaute in eine
Auslage.
    Auf dem Kirchhof hatte sich Christian von den Freunden losgemacht, die ihn
begleitet hatten; auch jetzt wäre er lieber allein gewesen, aber er mochte den
Doktor nicht verletzen.
    An ein Gespräch anknüpfend, das sie schon vor dem Leichenbegängnis geführt,
sagte Doktor Voltolini: »Man müsste diesen Stübbe von seiner Familie trennen und
in eine Anstalt schaffen. Das Delirium kann jeden Moment zum Ausbruch gelangen,
dann erschlägt er vielleicht die ganze Gesellschaft. Und wenn auch nicht, die
arme Frau wird die Misshandlungen nicht mehr lange aushalten. Sie ist mit ihren
Kräften am Ende.«
    »Ich bin in den letzten Tagen ein paarmal dazwischen getreten,« antwortete
Christian leise; »Leute von nebenan halfen mir. Solch ein Mensch ist ärger als
ein Wolf. Und die Kinder stehen herum und zittern.«
    »Es ist so schwer, bei den Behörden Präventivmassregeln durchzusetzen,« sagte
Doktor Voltolini; »der Paragraph ist stärker als Vernunft und Menschlichkeit.
Ist ein Übel geschehen, so erhebt sich das Gesetz, unbarmherziger oft, als es
notwendig wäre. Es abzuwenden, dazu kann man es niemals bewegen.«
    Christian drehte sich wieder um. Noch immer ging Niels Heinrich hinter ihm;
abermals blieb er stehen, als Christian stehenblieb, sah gleichgültig in die
Mitte der Strasse und spuckte aufs Trottoir.
    »Es wird nicht danach gefragt, was man weiss und will, sondern danach, was
man tut,« sprach Christian weitergehend.
    »Und das Getane, ist es selbst von der reinsten Absicht beseelt und vom
strengsten Pflichtbewusstsein diktiert, wird mit Schmutz beworfen und man muss
dafür leiden, wie für ein Verbrechen,« entgegnete Doktor Voltolini bitter.
    »Ist Ihnen das widerfahren?« erkundigte sich Christian mit seiner scheinbar
konventionellen Teilnahme, doch mit aufgeschlossenem und schon lauschendem
Blick.
    »Ich rede nicht gern davon,« begann der Doktor mit trüber Miene, »ich habe
hier noch mit niemand davon gesprochen. Sie sind der erste, der einzige, bei dem
ich den Wunsch habe. Gleich nachdem ich Sie kennenlernte, regte sich der Wunsch
in mir. Nicht als ob Sie mir raten oder beistehen könnten; dazu ist es zu spät.
Das Unheil hat ausgetobt und gehört der Vergangenheit an. Aber das immerwährende
Schweigen nagt, und ich entgehe einer Lähmung, wenn ich Ihnen erzählen kann, was
sich mit mir zugetragen hat.«
    Christian schüttelte, kaum merkbar übrigens, verwundert den Kopf, denn Worte
dieser Art hatten schon viele Menschen zu ihm gesagt, und er begriff die
Veranlassung nicht.
    Doktor Voltolini fuhr fort: »Bis vor zwei Jahren war ich Arzt in Riedberg
bei Freiwaldau im österreichischen Schlesien. Der Ort liegt wenige Meilen von
der preussischen Grenze entfernt; in unmittelbarer Nähe hatte man Heilquellen
gefunden, Badegäste kamen, die Frequenz nahm von Jahr zu Jahr zu, und ich
gelangte mit meiner Familie allmählich zu behaglichen Lebensumständen. Da
geschah es zu Anfang des Sommers 1905, dass das Weib eines Häuslers vom Typhus
befallen wurde, und ich tat, was meine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war,
ich zeigte die Erkrankung an. Einige Bürger wollten es verhindern; sogar die
Sanitätskommission, deren Vorsitzender der Bürgermeister war, erhob Einwände und
stellte mir vor, dass die Kurgäste den Ort verlassen und wahrscheinlich für lange
Zeit in Verruf bringen würden. Ich erklärte, ich handle im Interesse des
allgemeinen Wohls, demgegenüber kämen materielle Rücksichten nicht in Frage. Sie
versuchten es mit Bitten, mit Drohungen; ich liess mich nicht einschüchtern. Die
nächste Folge war, dass eine Militärabteilung, die in Riedberg hätte einquartiert
werden sollen und von deren Verweilen man sich Gewinn erhofft hatte, nach einem
andern Ort befehligt wurde. Unter den Kurgästen entstand die befürchtete Panik;
die meisten ergriffen die Flucht. Nun ergoss sich eine schmutzige Flut von
Beschimpfungen über mich; alt und jung tobte in unflätiger Wut. Die Männer
erwiderten meinen Gruss nicht; sie spukten aus, wenn sie mich sahen. Der Metzger,
der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, meiner Frau die Lebensmittel zu
verkaufen. Täglich erhielt ich anonyme Briefe, deren Inhalt Sie sich ungefähr
denken können. Die Fenster wurden mir eingeworfen, man kam nicht mehr in meine
Sprechstunde, kein Patient wagte es, mich zu rufen, die rückständigen Honorare
wurden nicht bezahlt, es regnete Verdächtigungen und Verleumdungen vom albernen
Gerede bis zum gefährlichen Inzicht. Endlich wurde mir die Stellung als
Gemeindearzt gekündigt. Ich wandte mich an den Reichsverband der Ärzte; dieser
richtete einen Appell an die Landesbehörde. Der Gemeinderat und die
Sanitätskommission wurden vom Stattalter aufgelöst, der Bürgermeister seines
Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt, und eine Gendarmerieeskorte
wurde geschickt, mit dem Auftrag, mich und die Meinen vor Tätlichkeiten zu
schützen. Dadurch besserte sich meine Lage mit nichten. Vor körperlichem Schaden
konnte man mich bewahren; die Praxis konnte man mir nicht zurückgeben, die Leute
zwingen, mir das Geld zu bezahlen, das sie mir seit Jahr und Tag schuldeten,
konnte man nicht. Ich war ruiniert. Im Verlauf von fünf Monaten hatte ich
einundzwanzig Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und alle waren zu
meinen Gunsten entschieden worden. Aber nach jedem Prozess kam ich mutloser heim.
Dass meines Bleibens in Riedberg nicht war, erkannte ich wohl. Aber wohin sollte
ich als unbemittelter Landarzt ziehen, wohin mit Frau und Kind und einer alten,
gebrechlichen Mutter? Wie sollte ich die Verleumder zum Schweigen bringen, wie
die Schande abwaschen, die Kränkung vergessen? Ich hatte keinen Freund, der mich
aufrichtete, die Tröstungen meines Weibes beugten mich nur noch tiefer, denn ich
spürte ihre eigne Verzweiflung darin. Ich brach zusammen. Elf Monate lag ich in
einem Krankenhaus; die Frau unterdes hatte mit beispielloser Energie eine neue
Heimstätte, einen neuen Wirkungskreis für mich bereitet; ich erhielt die
Erlaubnis, in Deutschland zu praktizieren, ich fing das Leben von vorne an, und
obwohl ich kein Vertrauen mehr hatte, weder zu meiner Befähigung noch zu den
Menschen, bin ich in meinem Innern wieder ruhig geworden. Unsere Umstände sind
die dürftigsten; aber in dieser grossen Stadt ist es möglich, sich eine
Einsamkeit zu schaffen, in die kein unberufener Blick zu dringen vermag. Lange
Zeit konnte ich meinen Beruf nur ausüben, wenn ich vergass, dass es Menschen
waren, mit denen ich zu tun hatte; es waren Mechanismen für mich, an denen ein
Fehler zu korrigieren war; Leid und Schmerz, das nahm ich gar nicht in mich auf,
und es bemerken zu müssen, war mir verhasst. Begreifen Sie es? Begreifen Sie
diese Fühllosigkeit und Verachtung?«
    »Nach allem, was Sie erlebt haben, begreife ich es,« antwortete Christian;
»aber ich glaube, Sie stehen nicht mehr ganz auf demselben Standpunkt. Habe ich
recht? Ich glaube, es ist eine Wandlung eingetreten.«
    »Ja, gewiss, es ist eine Wandlung eingetreten,« bestätigte Doktor Voltolini.
»Und zwar -«; er unterbrach sich und warf einen verstohlenen Blick auf seinen
Begleiter. Nach einer Pause fragte er scheu: »Warum haben Sie eigentlich damals
gelächelt, als Ihnen das Mädchen, die Schirmacher, den Ring zeigte? Erinnern Sie
sich? Sie können mir natürlich erwidern: Es war naheliegend, zu lächeln, denn
der Stein, der ihr solche Freude machte, war vollkommen wertlos, und sie zu
enttäuschen, wäre roh gewesen. Aber es war doch nicht dieses Lächeln; es war ein
andres.«
    Christian sagte: »Ich weiss es wirklich nicht mehr genau. An den Ring und an
die Freude des Mädchens erinnere ich mich. Ich kann aber doch heute nicht mehr
sagen, aus welchem Grund ich damals lächeln musste. Übrigens wäre es besser
gewesen, wenn sie sich weniger gefreut hätte. Ein paar Tage danach hat sie den
Ring verloren und weinte stundenlang um ihn, das arme Ding. Es wäre besser
gewesen, wenn ich ihr gesagt hätte: Der Ring mitsamt dem Stein ist gar nichts
wert. Ich hätte ihr sagen sollen: Wirf ihn weg. Fast immer sollte man den Leuten
bei einem derartigen Anlass sagen: Wirfs weg, es ist besser. Vielleicht habe ich
gelächelt, weil ich es gern gesagt hätte und den Mut nicht aufbrachte.«
    »So war es auch,« rief Doktor Voltolini hastig und beinahe erregt, »das war
der Eindruck, den ich hatte.«
    »Wozu davon reden,« wehrte Christian ab.
    Sie standen vor dem Haus in der Stolpischen Strasse. Niels Heinrich
Engelschall, der bis hierher gefolgt war, verschwand zwischen Fuhrwerken.
    Doktor Voltolini schaute vor sich nieder, dann sagte er mit verlegenem
Zaudern: »Sie könnten in dem Sinne, den Sie selbst angedeutet haben, viel für
mich tun, wenn ich Sie hie und da einmal besuchen dürfte. Es klingt ja seltsam
bei einem Mann in vorgerückten Jahren, wie ein Schwächegeständnis; ich habe auch
gar keine Rechtfertigung für einen solchen Anspruch, aber es wäre mir damit
gedient; ich käme weiter; ich könnte mich dann mit dem Schicksal aussöhnen, mit
frischen Kräften an den Wiederaufbau meiner Existenz gehen.« Sein Blick richtete
sich gespannt in Christians Gesicht.
    Christian senkte den Kopf, und nach einigem Überlegen antwortete er: »Ihre
Bitte ist sehr schmeichelhaft für mich. Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung. Ich
hoffe wenigstens, dass ich es kann. Um Sie nicht mit Redensarten abzuspeisen,
will ich Ihnen sagen, dass ich in nächster Zeit ungemein okkupiert sein werde.
Nicht bloss innerlich, innerlich bin ich es ohnedies; aber auch äusserlich. Ich
stehe vor einer schweren Aufgabe, vor einer furchtbar schweren Aufgabe.«
    Betroffen von der tiefernsten Miene Christians, fragte Doktor Voltolini:
»Ich möchte nicht aufdringlich sein, aber darf man wissen, was es für eine
Aufgabe ist?«
    »Die Aufgabe ist, den Menschen zu finden, der Rut Hofmann ermordet hat.«
    »Wie denn?« fragte Doktor Voltolini bestürzt, »ich dächte doch ... ist denn
der Mörder nicht verhaftet?«
    Christian schüttelte den Kopf. »Der Verhaftete ist es nicht,« sagte er leise
und bestimmt. »Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn vor dem Untersuchungsrichter
gesehen. Ich habe ihn auch von einer früheren Begegnung her wiedererkannt. Er
ist nicht der Mörder.«
    »Das klingt sonderbar ...« murmelte Doktor Voltolini; »ist es nur Ihre
persönliche Meinung, oder vermutet die Behörde gleichfalls -?«
    »Es ist keine Meinung,« entgegnete Christian versonnen, »es ist vielleicht
mehr, vielleicht weniger, wie mans nimmt. Was die Behörde vermutet, weiss ich
nicht. Ohne Zweifel hält sie Joachim Heinzen für den Mörder. Er hat ja
Geständnisse gemacht. Ich halte die Geständnisse für falsch.«
    »Und haben Sie etwas dergleichen vor dem Richter geäussert?«
    »Nein; wie könnt ich auch? Ich habe ja nicht einmal einen Verdacht. Ich weiss
bloss, dass es der nicht ist, den man für den Mörder hält.«
    »Aber wie wollen Sie den wirklichen Mörder finden, wenn Sie nicht einmal
einen Verdacht haben?«
    »Das weiss ich nicht; aber es muss sein.«
    »Wie ... es muss sein? Was wollen Sie damit sagen?«
    Christian erwiderte nichts darauf. Er hob den Blick, reichte Doktor
Voltolini freundlich die Hand und sagte: »Wenn Sie also kommen und Sie treffen
mich nicht an, so seien Sie mir deswegen nicht böse. Auf Wiedersehen.«
    Der Doktor drückte die Hand schweigend und fest.
    Christian ging ins Haus, in Karens Wohnung hinauf. Eine Viertelstunde später
schritt Niels Heinrich Engelschall die Treppen empor.
 
                                       11
Ein Fleckchen Sonne zitterte auf der gegenüberliegenden Mauer des Hofes. Der
Abglanz davon erhellte den Spiegel über dem Ledersofa. Im Ofen brannte Feuer nur
noch schwach; Johanna Schöntag hatte ein paar Schaufeln Kohlen nachgeworfen, ehe
sie zum Begräbnis gegangen war. Die Glut knisterte. Im Zimmer wurde es kalt.
    Michael Hofmann sass vor dem Schachbrett. Der Student Lamprecht hatte ihm ein
Problem aufgestellt. Michael starrte auf das Brett mit den Figuren. Bisweilen
sammelten sich seine Gedanken im Willen zur Lösung, dann wieder schweiften sie
ab. So weit hatte er sich äusseren Dingen bereits zugewandt, dass er vermochte,
die Figuren und ihre Position im Sinn zu halten. Auch in der Nacht, im Finstern
- Schlaf war selten - wurden ihm die beiden Könige mit Turm und Läufer zum Bild.
    Der Sonnenfleck sank herunter, der Schnee auf dem Pflaster blitzte. Michael
sah durchs Fenster. Das Leuchten des Schnees verursachte eine Bewegung in seinem
Auge. Das Weisse, warum quälte es? Er hätte es fortwischen mögen, ausblasen,
zudecken. Weisses war Lüge.
    Er stand auf und ging durch das Zimmer. Frech stoben die Sonnenfunken aus
dem Weissen. Die Stube log mit. Lass mich zufrieden, Weisses, rief es in ihm.
    Er blieb stehen, lauschte, lauschend zuckten die Augenlider, ihm schwebte
etwas vor, es mahnte ihn etwas, nicht so sehr Vergessenes als Unterdrücktes,
Ersticktes; er griff in die Tasche seiner Hose und zog einen knäuelartigen,
zusammengeballten Gegenstand von schwarzbrauner Farbe hervor. Er betrachtete ihn
und begann zu schaudern. In seiner Miene war einen Moment lang dasselbe Grübeln
wie beim Anschauen der Figuren auf dem Brett. Dann gerieten die Finger in
Unruhe; mehr und mehr erbleichend, bemühte er sich, das Zusammengeballte zu
öffnen. Es war ein Tuch; es war ein Taschentuch. Es war einmal weiss gewesen, und
nun ganz und gar in Blut getränkt.
    Es war weiss gewesen, und nun war es schwarz vom Blut. Es war so erstarrt,
vom langen Tragen in der Tasche dergestalt verhärtet, dass das Auseinanderfalten
schwierig war, als sei es ein Stück Leder. Endlich bot es die Fläche. In einer
Ecke waren die Initialen R.H. eingestickt.
    »Weisses ist schlecht und Rotes ist schlecht,« flüsterte Michael vor sich hin
mit dem Blick eines gehetzten Hundes. Er rang mit einem Entschluss, suchte nach
einem Ausweg, in seinem Wesen war Verzweiflung; er schaute sich um, eilte zum
Ofen, riss das Eisentürchen auf und warf das blutgetränkte Tuch in die Glut. Als
es in einer raschen Flamme aufflackerte, seufzte er erleichtert und stand bebend
da.
 
                                       12
Niemand war in den Stuben. Das Bett, in welchem Karen gestorben, war
hinausgeschaft worden.
    Christian schritt eine Weile auf und ab, dann liess er sich am Tische nieder
und stützte den Kopf in die Hand. Er dachte: Rut hat Karen weggerufen, Rut
wird noch viele wegrufen; was ist die Welt ohne Rut? Rut war von allem der
Kern, von allem die Seele. Und was ist geschehen mit Rut, was ist eigentlich
mit ihr geschehen? Etwas ungeheuer Grässliches, ungeheuer Verworfenes, aber auch
ungeheuer Geheimnisvolles. Es zu ergründen, musste man jegliches andre Gefühl und
Geschäft hintansetzen, jede Lust, jeden Schmerz, jegliches Vorhaben; Nahrung,
Schlaf und selbst das Schauen.
    Er dachte über die Verwirrung nach, die Karens Tod in ihm erzeugt hatte. Es
war so viel leerer Raum um ihn, seit Karen fort war; der Raum schrie nach ihr
und wurde nicht still; Trauer löste sich nur widerstrebend los; dies Dasein war
so grell und heftig gewesen wie ein brennender Berg. Man horchte in die
geronnene Luft; der Berg war versunken, und an seiner Stelle dehnte sich wüstes
Gelände weit.
    Es schallten Schritte, die Tür öffnete sich, Niels Heinrich trat ein.
    Er nickte geringschätzig gegen den Tisch hin, wo Christian sass. Er trug
einen steifen Hut, zurückgeschoben, und behielt ihn auf dem Kopf. Er schaute
sich um wie jemand, der eine ausgeschriebene Wohnung mieten will. Er ging in die
zweite Stube, kam wieder zurück, stellte sich frech vor Christian hin und
schnitt eine Grimasse.
    »Was wünschen Sie?« fragte Christian.
    Es müssten die Sachen abgeholt werden, antwortete Niels Heinrich, die Witwe
habe ihn hergeschickt. Er nannte seine Mutter stets die Witwe. Seine
Fistelstimme drang bis in die Ecken. Kleider, Wäsche, Stiefel, überhaupt das
Eigentum der Verstorbenen müsse ausgeliefert werden, nachgezählt, fortgeschaft.
    Ruhig sagte Christian: »Ich hindere Sie nicht. Tun Sie, was Ihnen beliebt.«
    Niels Heinrich pfiff leise durch die Zähne. Er drehte sich um und gewahrte
Karens Holzkoffer, der in einem Winkel stand. Er zog ihn in die Mitte der Stube,
und da er verschlossen war, hieb er erst mit der Faust, dann mit dem
Stiefelabsatz auf den Deckel. Christian sagte, es sei nicht nötig, Gewalt
anzuwenden, den Schlüssel habe die Isolde Schirmacher. Da kehrte sich Niels
Heinrich schroff zu ihm und fragte, ob da die Perlen drin seien? Als Christian
verwundert schwieg, fügte er hinzu, und sein Ton wurde immer gereizter, die
Witwe habe ihm die Ohren vollgeblasen von einer Perlenschnur mit Perlen, so gross
wie Taubeneier. Wem die zufielen? Die hätten doch zweifelsohne der Verstorbenen
gehört, die habe er doch zweifelsohne dem Mädchen geschenkt; wem die zufielen?
Die müssten doch der Familie zufallen, wolle er hoffen, den rechtmässigen Erben,
da würden doch hoffentlich keine Fisematenten gemacht.
    »Sie sind im Irrtum,« entgegnete Christian kalt; »die Perlen haben Karen
nicht gehört. Sie gehören meiner Mutter, und ich war durch ein Versprechen
verpflichtet, sie ihr zurückzugeben. Ich werde sie bei nächster sicherer
Gelegenheit nach Frankfurt schicken.«
    Niels Heinrich stand eine Weile unbeweglich; in den Augen kochte grüne Wut.
Soso, liess er sich endlich vernehmen, nun wolle der Herr vermutlich die Firma
liquidieren? Ein armes, dämliches Weibsluder betakeln, sie jahrelang an der Nase
herumführen, bis sie hin sei, und dann nicht mal was Anständiges für die
trauernden Hinterbliebenen berappen. Aber so billig komme der Herr nicht davon,
da habe er, Niels Heinrich, auch noch ein Wörtchen dreinzureden. Und wenn der
Herr nicht mit einer tüchtigen Portion Pimperlinge herausrücke, dann könne er
was erleben. Dann solle er mal erfahren, wer Niels Heinrich Engelschall sei.
Dieser Toback lobe sich selbst, wie es bei Natusius immer geheissen habe. Er
lachte schallkurz und krätschte die Beine.
    »Ich weiss, wer Sie sind, aber ich fürchte Sie nicht,« sagte Christian mit
einem beinahe heiteren Gesichtsausdruck.
    Niels Heinrich stutzte. Sein unsicher werdender Blick fiel auf Christians
feine, schmale und gepflegte Hände. Plötzlich musterte er seine eigenen Hände,
streckte sie aus, spreizte die Finger. Diese Gebärde interessierte Christian
ungemein, er konnte sich über den Grund keine Rechenschaft geben. Der ganze
Mensch fesselte ihn auf einmal von einer Seite, die er bisher nicht wahrgenommen
hatte, lediglich wegen der Gebärde mit den Händen. Niels Heinrich bemerkte es
und stutzte von neuem.
    Ob das alles sei, was der Herr zu erwidern habe? forschte er finster; der
Herr verstehe sich ja aufs Hochdeutsche, da sei nicht dran zu tippen, und wenn
der Herr wünsche, könne auch er, Niels Heinrich, sich hochdeutsch ins Benehmen
setzen, weshalb denn nicht? Aber wenn man von Familie sei, von einer so
hochnobligen ausserdem, wo die Millionenzucht im Schwange sei wie beim Pächter
Rademacher die Kaninchenzucht, sei es schofel, sich zu drücken wie ein
Zechpreller. Man verlange ja nicht gerade die Perlen. Man verzichte auf die
Perlen, obschon er es dahingestellt sein lasse, ob das mit dem leihweisen
Geschenk nicht ein Aufsitzer und blitzblauer Humbug sei, ein Gentleman täte so
was jedenfalls nicht. Aber Abfindung, die verlange man, darauf bestehe man, das
sei man seiner Ehre schuldig, das hätte sich die Verstorbene auch sicherlich so
gedacht.
    Er musterte wieder seine Hände.
    Christian sah ihn aufmerksam an. Er antwortete: »Sie befinden sich auch in
dieser Hinsicht im Irrtum. Ich verfüge nicht über Geldmittel. Meine
Bewegungsfreiheit ist, was das Geld betrifft, geringer als die Ihre, geringer
als die irgendeines Menschen, der durch Arbeit sein Brot verdient.« Er
unterbrach sich, als er das Hohnlächeln Niels Heinrichs wahrnahm. In dem Lächeln
war so viel Gemeinheit, dass es ihn förmlich blendete.
    An die Geschichten glaube er nicht, versetzte Niels Heinrich, und wenn er
dafür sollte gerädert werden; der Herr möge ihm sagen, was dahinter stecke, dann
werde ers vielleicht glauben; aber es müsse ja einer Regenwürmer im Kopfe haben,
um so was zu tun. Der Herr möge ihm sagen, was dahinter stecke, dann gehe ihm
vielleicht ein Seifensieder auf. Dass etwas dahinter stecke, wolle er gerne
glauben; wer konnte wissen, was für schauderbare Sachen der Herr auf dem
Gewissen habe; Herr Papa und Frau Mama verweigerten den Kies und er mache
blümerante Flausen. Aber man könne dem Herrn noch allerlei Widerwärtigkeiten
bereiten; es gebe ohnehin manche, nicht bloss in der Stolpischen Strasse, sondern
auch anderswo, denen der Liebeshandel zwischen ihm und der ermordeten Jüdin
nicht recht koscher erscheine; er, Niels Heinrich, wisse dies und das, andre
wüssten andres, der Herr werde gleichfalls seinen Teil wissen, und werde Farbe zu
bekennen haben, wenn man ihm ordentlich auf den Leib rücke. Man brauche bloss an
geeigneter Stelle eine Silbe zu reden, und der Herr werde sich noch deutlicher
als bisher in den Zeitungen gedruckt lesen, in schöner Eintracht mit dem
Blutund Joachim Heinzen. Da liege dann der Hase im Dreck; oder, um sich
hochdeutsch auszuquetschen, da sei dann der Herr bis über die Ohren
kompromittiert.
    In Christians Miene zeigte sich nicht die leiseste Spur von Empörung oder
Ekel. Er schaute mit gesenkten Augen vor sich hin, als denke er darüber nach,
wie er möglichst sachlich erwidern könne. Dann sagte er: »Ihre versteckten
Drohungen schrecken mich ebensowenig wie die offenen. Wo man meinen Namen nennt
und unter welchen Umständen, gesprochen, geschrieben oder gedruckt, berührt mich
nicht im mindesten. Kompromittiert werden kann ich in gar keiner Weise. Niemand
hat durch seine Meinung oder durch sein persönliches Verhältnis Einfluss auf
mich, auch die nicht, die mir früher am nächsten gestanden sind. Es ist das also
der dritte Irrtum, den ich Ihnen rauben muss. Allem, was Sie vorgebracht haben,
fehlt die reale Unterlage, besonders Ihrer Anspielung auf meine Beziehung zu
Rut Hofmann. Darüber ist keinem Menschen etwas bekannt, und ich habe mich zu
keinem Menschen darüber geäussert. Rut hat es gewiss nicht getan. Mit welchem
Recht massen Sie sich also ein Urteil an, und noch dazu ein so schimpfliches? Sie
ahnen gar nicht, wie weit es von der Wahrheit entfernt ist. Trotzdem wundert es
mich, dass Sie von ihm eine Wirkung erwarten, und dass Sie annehmen, eine so
falsche und inhaltlose Beschuldigung könnte mich treffen oder ängstigen. Aber
wollen Sie nicht lieber Platz nehmen? Sie stehen so feindselig da. Es ist gar
kein Anlass zu Feindseligkeit zwischen uns, ich wollte Ihnen das schon längst
sagen. Wenn Sie über etwas noch im unklaren sind, was mich oder Ihre verstorbene
Schwester angeht, will ich Ihnen mit Vergnügen Auskunft geben; dafür möchte ich
auch Sie bitten, mir ein paar Fragen zu beantworten. Setzen Sie sich doch.« Er
wies höflich auf einen Stuhl.
    Diese Worte, diese Ruhe, diese Höflichkeit verblüfften Niels Heinrich
ausserordentlich. Er war auf ein Aufbrausen gefasst gewesen, auf zornige oder
stolze Zurückweisung; auf die übliche Gegendrohung, mit der ein unverhüllter
Erpressungsversuch wie der seine abgefertigt zu werden pflegt; auf Bestürzung,
auf Kleinmut schliesslich; auf diese Höflichkeit war er nicht gefasst gewesen. Sie
war so grundverschieden von allem, was er im Verkehr mit Menschen erfahren
hatte, dass seine Augen eine Weile bloss rund stierten, als habe er einen
Unzurechnungsfähigen vor sich, dessen Gebaren halb lächerrlich, halb
misstrauenerweckend war. Er griff nach dem Stuhl und setzte sich: angriffsbereit
und hämisch geduckt.
    »Der Herr redet wie 'n Linksanwalt,« spottete er; »der Herr könnte bei
Jericht sein Ilücke machen. Wat wolln Se mir denn fragen? Schiessen Se man los.
Nur keene Bange nich. Und da sich der Herr einer so jebildeten Rede befleissigt,
kann ich mir ja den unjewaschenen Schnabel 'n bisken pomadisieren. Ick versteh
mir, wie jesagt, ooch uf jebildet. Ick lass mir in dem Punkte nich lumpen. Habe
sogar als kleener Junge mal in 't Jymnasium jerochen. Die Witwe hatte damals
noch Ambitionen.«
    Der Hohn klang auf einmal mühselig; er biss auf das Eisen der Kette.
    »Sie erwähnten vorhin Joachim Heinzen,« sprach Christian; »Sie sagten, er
sei ein Blutund. Ist das wirklich Ihre Meinung über ihn? Sie waren ja oft mit
ihm beisammen, Sie müssen eine ziemlich genaue Kenntnis seines Charakters haben.
Halten Sie ihn wirklich für fähig, einen Mord zu begehen? Ich bitte, überlegen
Sie sich Ihre Antwort noch einen Augenblick; es hängt viel davon ab. Warum sehen
Sie mich so an? Was ist denn?« Christian erhob sich unwillkürlich, denn der
Blick, den Niels Heinrich auf ihn heftete, war geradezu furchtbar.
    Wozu er solchen Blödsinn frage? erwiderte Niels Heinrich beinahe schreiend
und erhob sich in derselben Sekunde; was das denn heissen solle? Eine
Pappschachtel lag auf dem Tisch; er nahm sie in die Hand und schleuderte sie
wieder hin. Der Unvorsichtigkeit seines Ausbruchs innewerdend und ihn bereuend,
meckerte er. Weshalb denn nicht fähig? fuhr er lauernd fort, mit farblosen,
gleitenden Augen; habe Heinzen die Jüdin abgemurkst, so müsse ers selber am
besten wissen. Wie der Herr dazu komme, sich in so was einzumischen, ob er
vielleicht ein Achtgroschenjunge sei, ein Spitzel? »Ich kenne den Menschen,«
sagte er, immer mit farblosen, gleitenden Augen, denen er vergeblich Stetigkeit
zu geben versuchte, indes das fahle, schlaffe Muskelwerk des Gesichts sich
wieder zu festigen anfing, »ich kenne den Menschen. Freilich, wie soll man eenen
auskennen? Hatte keenen blassen Schimmer davon, dass er dergleichen im Hirne
wälzte. Der Deiwel muss ihn jeritten haben; Jift muss er jesoffen haben. Sagt es
ihm oft; Junge, sagt ick ihm, det wird noch 'n beeses Ende nehmen.« Er steckte
die Fäuste in die Hosentaschen, machte ein paar Schritte und lehnte sich
prahlerisch an den Ofen.
    Christian trat auf ihn zu. Ruhig sagte er: »Mein Eindruck war, dass er lügt.
Er belügt den Richter, er belügt sich. Er weiss nicht, was er spricht, er weiss
nicht, was er tut, und er weiss nicht, wessen er sich bezichtigt. Sind Sie denn
nicht auch der Meinung, dass sein Geist gänzlich verworren ist? Er ist sicher nur
das Werkzeug eines andern. Es muss ein entsetzlicher Zwang auf ihn ausgeübt
worden sein, und unter diesem Zwang hat er Angaben gemacht, die ihn so stark
belasten, dass er sich bereits rettungslos verstrickt hat. Wenn nicht ein Wunder
geschieht, oder der wahre Schuldige entdeckt wird, ist er verloren.«
    Niels Heinrichs Hals ward wie ein Stengel. Der Adamsapfel schlickerte
nervös. Alle Haut an ihm war weiss, ausgenommen die Ohren, die die Röte rohen
Fleisches hatten. »Möchten Sie mir mal gütigst erklären, Verehrtester: was
kümmert Sie denn eigentlich die ganze Angelegenheit?« fragte er in der Fistel,
die oben brach; fragte es mit einem unerwarteten Verlassen seines rüden Jargons,
von dem nur die Schärfe und rhytmische Gehackteit blieben; »was ziehen Sie
denn da für Schlüsse? Wo wollen Sie denn damit hinaus? Und was, zum Henker, geht
mich das alles an? Möchten Sie mir das mal gütigst erklären?«
    »Es geht Sie insofern an,« erwiderte Christian tiefaufatmend, »als Sie doch
häufigen Umgang mit Joachim Heinzen gehabt haben und mir möglicherweise einen
Fingerzeig geben können. Sie müssen sich doch bestimmte Gedanken über den Fall
machen. Die Sache muss Sie, so oder so, irgendwie berühren. Da nun nach meiner
unerschütterlichen Überzeugung Heinzen der Mörder nicht ist, nicht sein kann,
und er zugleich, wovon ich ebenfalls durchdrungen bin, unter der Beeinflussung
des wirklichen Mörders handelt, so muss dieser unter den Leuten zu finden sein,
mit denen Heinzen zu tun hatte. Ich kann mir nicht denken, dass er nicht jedem
einzelnen in dem Kreis aufgefallen sein sollte, denn es muss ein Mensch sein, der
sich von den andern wesentlich unterscheidet. Dass er dem Arm der Gerechtigkeit
bis jetzt entschlüpft ist, bestätigt nur meine Ansicht über ihn; aber wissen muss
man von ihm, übersehen werden konnte einer nicht, der das zu tun imstande war.
Und deswegen wollte ich mich an Sie wenden. Wären Sie nicht gekommen, so wäre
ich zu Ihnen gegangen.«
    Niels Heinrich grinste. »Zu liebenswürdig,« sagte er mit verzerrten Lippen,
»hätte mich kolossal jefreut.« Beklommenheit und wühlende Erregung verriet sich
an den krampfhaft emporgezogenen Brauen. Er suchte sich zu sammeln, stotterte
aber dennoch, als er fortfuhr: »Soso. Das ist also Ihre Überzeugung.
Unerschütterliche Überzeugung; soso. Und woher nehmen Sie denn die, wenn es
jestattet ist, zu fragen? Warum soll er sie denn nich abjemurkst haben, wo er es
doch bei Jericht freiwillig gestanden hat? Warum denn nicht, wenn man fragen
darf? Is doch aufgelegter Quatsch, das alles. Haben Sie sich höchsteijenhändig
aus den Redaktionsfingern jelutscht, Verehrtester. Wie kommen Sie denn dazu?«
    »Das will ich Ihnen sagen,« antwortete Christian, dessen Gesichtsausdruck
von Minute zu Minute grübelnder wurde; »ein Mensch wie dieser Joachim Heinzen
konnte nicht fähig gewesen sein, Rut zu töten. Zu töten! Was das allein
bedeutet. Und Rut zu töten! Nein, es ist vollständig ausgeschlossen. Er ist ja
ein Schwachsinniger. Viele glauben, eben deshalb sei ihm die Tat zuzutrauen.
Aber ein Schwachsinniger konnte Rut nicht töten. Wenn man sich auch vorstellt,
dass er einem tierischen Instinkt gehorcht hat, in einer bestialischen Raserei
alle Selbstbeherrschung, ja alle Menschenähnlichkeit verloren hat; bis zum
Letzten konnte er nicht gelangen, bis zum Mord niemals. Dieser Mensch nicht. Es
ist vollständig ausgeschlossen. Ich habe mir seine Hände angesehen. Seine Hände
und seine Augen. Es ist vollständig ausgeschlossen.«
    Er machte eine Pause. Niels Heinrich lehnte noch am Ofen, die Hände hinter
sich, zwischen Rücken und Kacheln.
    Christian fuhr mit leiser, aber ungemein klarer und eindringlicher Stimme
fort: »Es ist darum ausgeschlossen, weil er eben die entscheidenden
Eigenschaften dafür nicht besitzt. Ich habe getrachtet, mich so tief in ihn zu
versetzen, als es möglich war. Es ist mir gelungen, alle andern Gedanken und
Vorstellungen auszuschalten, um mir ein Bild seines Charakters zu machen, sowie
auch von der Rolle, die er bei der Tat gespielt haben müsste. Und wenn ich ihn
mir in der scheusslichsten Entfesselung denke, in der scheusslichsten
tollwütigsten Gier, so sage ich mir: im letzten Augenblick wäre er Rut
gegenüber unterlegen. Wenn er den Arm aufgehoben und Rut ihn angeschaut hätte,
wäre er, so wie er ist und ich ihn beurteile, schwach geworden. Er hätte sich
auf die Knie geworfen und vor ihr gewinselt; er hatte eher sich selbst
umgebracht als ihr ein Leid zugefügt. Und hätte sie ihm einmal einen Funken von
Besonnenheit, einen Funken von Empfindung eingehaucht, so hätte sie ihn auch
ganz für sich gewonnen. Sie werden einwenden: das sind Hypotesen und
Vermutungen; aber das ist durchaus nicht der Fall, wenn man weiss, wer Rut war.
Haben Sie sie gekannt? Sind Sie ihr nie begegnet?«
    Diese unbefangene, harmlose Frage rief eine geisterhafte Fahlheit in Niels
Heinrichs Gesicht hervor. Er murmelte etwas und zuckte die Achseln.
    »Sie werden ferner einwenden: derselbe Zwang, unter dem er seine
Geständnisse ablegt, hätte ihn ja auch zum Mord treiben können. Was tut nicht
alles ein Mensch in der Verfinsterung und Manie; ein so niedriger, brutaler,
haltloser Mensch. Aber seine Geständnisse haben nach meiner Ansicht gar keinen
Wert. Sie sind ihm eingegeben und befohlen, das merkt man ja. Er verwickelt sich
in Widersprüche, hat heute vergessen, was er gestern behauptet, und
Folgerichtigkeit liegt nur in der Art, wie er immer wieder sich selbst
beschuldigt. Nicht nur Folgerichtigkeit liegt darin, sondern auch etwas andres,
nämlich Verzweiflung und Entsetzen, und das äussert sich nicht so, wie es sich
bei einem Schuldigen und von seinem Gewissen Gefolterten äussern müsste, sondern
so wie bei einem Kind, das eine Nacht lang in einem finstern Raum hat verbringen
müssen, wo es von einem unheimlichen und grausigen Gespensterspuk bis in den
innersten Grund der Seele verstört worden ist. Sein Gewissen hätte doch eben
durch das Geständnis erleichtert werden müssen; es zeigt sich aber das
Gegenteil. Wie ist das zu erklären? Und dann: er soll Rut an einen verborgenen
Ort gelockt haben. Natürlich, es muss ja ein verborgener Ort gewesen sein, wenn
es nicht im Wald oder auf freiem Felde war. Aber trotz der sorgfältigsten
Nachforschungen hat man diesen Ort noch nicht zu ermitteln vermocht, und in
keinem Verhör hat Heinzen dazu überredet werden können, ihn anzugeben. Es wird
ihm ununterbrochen mit Fragen zugesetzt; über diesen Punkt schweigt er
beharrlich oder antwortet ungereimtes Zeug. Man hat zweierlei Erklärungen dafür.
Die eine ist, dass er einen Komplizen schonen will, dessen Spur man sofort finden
würde, wenn der Schauplatz des Verbrechens bekannt wäre; die andre, dass eine
jener Gedächtnisstörungen, sogar völliges Aufhören der Erinnerung eingetreten
ist, wie man es bei geistig Anormalen bisweilen wahrnimmt. Ich glaube weder an
das eine, noch an das andre. Er weiss den Ort gar nicht; das ist meine Ansicht.
Er war bei der Verübung des Mordes vielleicht gar nicht zugegen. Es ist möglich,
dass er schwer betrunken war oder aus einem trunkenen Zustand eben zu sich kam,
als er die Leiche neben sich erblickte. Es ist möglich, dass er durch den Anblick
der Leiche zu der fürchterlichen Täuschung kam oder durch irgendwelche Kniffe
dazu gebracht wurde, sich selbst für den Mörder zu halten ...«
    Niels Heinrich trat einen Schritt vor. Seine Kinnlade schlotterte. Ihm war
auf einmal wie in einem Platzregen glühender Steine. Ein finster grausendes
Erstaunen malte sich in seinen Zügen. Er hatte schweigen gewollt; er hatte
höhnen gewollt; er hatte gehen gewollt; er hatte nichts und doch alles
begriffen; er wollte kalt sein und ahnungslos scheinen, denn da rückte die
Gefahr heran, die endliche Gefahr, die Rache, das Schwert, der Strick, das Beil.
Da rückten sie heran; dennoch war er nicht imstande, sich zu bemeistern; es war
stärker als alles. »Mensch,« kam es orgelnd aus der schluckenden Kehle, »Mensch
...« Dann, in der dämonischen Angst, dass er durch sein Benehmen die Gefahr nur
vergrössert: das könne man ja nicht aushalten, das greife einem an die Nerven;
was habe man denn zu schaffen damit? Und wieder Verstummen vor dem ein wenig
blinzelnden Blick Christians, gespanntes Hinstarren und Lauern; jetzt durfte man
ihn nicht mehr ausser acht lassen, jetzt wurde die Geschichte sengerig, jetzt
hiess es, sich seiner Haut wehren. Was würde es denn noch quasseln, das verdammte
Maul?
    Christian ging zum Fenster und kehrte zurück; umkreiste den Tisch und kehrte
zurück; er hatte die Regung Niels Heinrichs wahrgenommen; er hatte davon den
Eindruck gehabt, wie wenn ein Reifen platzt und Schleimiges aus den Dauben
quillt, doch wurde dies erst später greifbar; er hatte nur das sonderbare
Gefühl, eine Bestätigung erfahren zu haben, und wollte Gedankengänge und
innerlich Geschautes, dem er selbst noch zaghaft gegenüberstand,
weiterentwickeln. Er sagte: »Um Rut an den Ort zu locken, wo sie getötet worden
ist, dazu bedurfte es einer gewissen Verschlagenheit. Es mussten umsichtige
Vorbereitungen und Vorsichtsmassregeln getroffen werden, die sich auch bewährt
haben, wie der Erfolg zeigt. Aber nach der Aussage aller Zeugen, die ihn kennen,
fehlt Heinzen hiezu jegliche Eignung. Er wird als so blöde geschildert, dass er
sich nicht einmal einen Namen oder eine Zahl merken konnte. Und den Mord verübte
er dann mit der ganzen brutalen, mitleidlosen Gewalt eines vertierten
Wollüstlings, wird angenommen. Die kriminalistischen Sachverständigen behaupten,
diese Mischung von Tücke und Brutalität sei das Charakteristische solcher
Individuen und Verbrechen. Das mag schon sein. Aber es ist nichts damit
erwiesen. So einfach war es hier nicht. Rut ist einen andern Weg gegangen als
den zu Joachim Heinzen.«
    »Einen andern? Und welchen denn? Ei, ei!« quakte Niels Heinrich. »Kieck mal
an, da kriste de Motten. Da muss doch gleich ne olle Wand wackeln.« Er griff nach
seinem Hut, den er zu Beginn des Gesprächs an den Schrankaufsatz gehängt hatte,
schob ihn verwegen aufs Ohr und schickte sich an zu gehen. Christian wusste aber,
dass er nicht gehen würde, und er folgte Niels Heinrich mit einem Blick, der
leidenschaftlich fragte. Sein Gemüt war schrecklich bewegt.
    Niels Heinrich ging wirklich nur bis zur Tür. Dort drehte er sich um, mit
einer verkniffenen, spähenden Miene, langte scheinbar gleichgültig in seine
Tasche und zog einen kleinen Revolver hervor. Mit der einen Hand hielt er ihn,
mit den Fingern der andern spielte er am Hahn und an der Sicherung: scheinbar
gleichgültig und wie um sich zu zerstreuen.
    Christian beachtete das perfide Spiel mit der Waffe nicht; er sah es kaum.
Er stand in der Mitte des Zimmers, und in der unhemmbaren Erregung, von der er
gepackt war, presste er die Rechte auf die Augen. Er sagte: »Ich habe es
vielleicht nur geträumt, dass sie sich freiwillig entschlossen hat, zu sterben.
Mord, ja, es war Mord, aber sie hat ihre Einwilligung dazu gegeben. Diese
letzten Stunden von ihr! Sie müssen unerhört gewesen sein, das Letzte der Welt;
kein Gefühl kommt dahin. Schritt für Schritt; und dann hat sie selbst um das
Ende gebeten. Ich habe es vielleicht nur geträumt, aber es ist, als hätte ichs
gesehen ...«
    Er brach ab, denn ein scharfer, peitschenartiger Knall erschallte. Ein Schuss
war losgegangen. Einer der Stühle am Tisch erzitterte. Die Kugel war in das
Stuhlbein gefahren; aber sie hatte auchs Niels Heinrichs Handrücken gestreift,
und aus der Wunde, die einem Schnitt glich, strömte Blut. Er fluchte erbost und
schüttelte sich.
    »Sie haben sich verletzt!« rief Christian teilnehmend und trat auf ihn zu.
Doch lauschten beide noch; wie Verschworene lauschten sie gegen die Tür. Die
Dazwischenkunft eines Dritten schien jedem von ihnen unerwünscht. Obgleich die
Detonation gering gewesen, war sie in den Nachbarwohnungen gehört worden; Türen
wurden aufgerissen; man vernahm fragende, schimpfende, ängstliche Stimmen, und
nach einigen Minuten wurde es wieder still. Die Leute waren an allerlei Alarm
gewöhnt und beruhigten sich schnell.
    Niels Heinrich wickelte sein nicht ganz sauberes Sacktuch um die blutende
Hand; indessen war Christian ins Nebenzimmer geeilt und brachte Wasser im Krug
und ein reines Tuch. Er wusch die Wunde und verband sie kunstgerecht. dabei
verfuhr er mit solcher Zarteit und Sorgfalt, dass ihn Niels Heinrich mit
angestrengt gerunzelter Stirn und einer düsteren Scheu betrachtete. Dergleichen
war ihm, bei einem Mann wenigstens, noch niemals untergekommen. Er liess es sich
gefallen: verächtlich, der Verachtung nicht recht sicher; er konnte nicht umhin,
es sich gefallen zu lassen.
    »Es hätte schlimmer ausgehen können,« murmelte Christian, als er fertig war.
    Niels Heinrich antwortete nicht, und nun entstand ein ziemlich langes,
merkwürdiges Schweigen.
    »Nanu, was solls denn also?« stiess Niels Heinrich barsch hervor, denn er
spürte die schreckliche Bedeutung dieses Schweigens.
    Christian stützte die Hände auf die Stuhllehne und schaute Niels Heinrich
an. Er war bleich und kämpfte um das Wort. »Wichtig wäre es, festzustellen, wo
sich Michael während der ganzen Zeit versteckt gehalten hat, in der er
verschwunden war,« begann er; und er sprach anders als vorher, hintastender,
forschender, bebender, ungewisser, so als richte er während des Redens beständig
Fragen an sich selbst; »es wäre äusserst wichtig. Michael ist Ruts Bruder; Sie
werden gehört haben, dass er sechs Tage lang absolut unauffindbar war. Sooft ihn
der Kommissär oder der Untersuchungsrichter darüber vernehmen will, bekommt er
einen hysterischen Anfall. Man hat sich entschlossen, einstweilen zu verzichten,
und überwacht ihn streng. Aber er rührt sich nicht aus der Stube und gibt keinen
Laut von sich. Die Gerichtsärzte schütteln den Kopf; niemand weiss Rat. Es hängt
alles davon ab, dass man ihn endlich zum Sprechen veranlasst; es würde sicherlich
Licht in das Geheimnis bringen; aber, wie gesagt, es wäre schon viel gewonnen,
wenn man erfahren könnte, wo er sich versteckt gehalten hat.«
    Niels Heinrich starrte finster bestürzt. Der Mensch wurde ihm immer
fürchterlicher. In seinen Augen zuckte Fluchterwägung. »Wie soll ick denn dat
wissen?« knurrte er; »det is mir überhaupt ejal. Wie soll ick denn dat wissen?
Ick sagte Ihnen ja schon, wat jeht mir denn das an?« Er griff wieder zur
Mundart, als schütze ihn die.
    »Ich dachte nur, dass man Ihnen vielleicht Gerüchte zugetragen hat, dass
vielleicht Leute in der Gegend der Heinzenschen Wohnung etwas bemerkt oder
gehört haben. Entsinnen Sie sich nicht?«
    Die Frage war so ernst und mahnend, beinahe flehend, dass Niels Heinrich,
statt dem Antrieb zum Zorn nachzugeben, aufhorchte, auf die Stimme horchte und
das Aussehen eines mit Stricken Gefesselten hatte. Und da entsann er sich
wirklich einer Kunde von solcher Art, die zu ihm gedrungen war. Es gab in seinem
Bekanntenkreis eine Dirne namens Molly Gutkind; man hiess sie, wegen ihres fetten
Leibes und der weissen Haut, die kleine Made. Sie war noch sehr jung, kaum
siebzehn. Vor ein paar Tagen hatte man ihm erzählt, die kleine Made habe
ziemlich lange Zeit einen Jungen bei sich beherbergt, habe ihn angelegentlich
vor jedermann verborgen und sei überhaupt seitdem wie ausgewechselt; vorher
munter und sorglos, sei sie nun melancholisch und gehe nicht mehr auf die
Strasse.
    Man hatte ihm dies mitgeteilt, wie man ihn von allen Vorfällen in der
Dirnen- und Zuhälterwelt unterrichtet; er hatte der Sache keine Beachtung
geschenkt und sie aus dem Sinn verloren. Nun tauchte sie auf und passte her; er
witterte es, dass sie herpasste, aber das Gefühl seiner Wehrlosigkeit gegen den
Menschen wuchs dadurch, und ausserdem war ihm, als schaue der Mensch in ihn
hinein, als entreisse er ihm nicht nur Verschwiegenes und Verhehltes, sondern
auch Vergessenes. Der Geschichte musste nachgegangen werden; sie musste in aller
Heimlichkeit ergründet und geprüft werden. Um etwas zu sagen und sich
loszureissen, murmelte er widerwillig, er wolle zusehen, was sich machen lasse,
aber auf ihn rechnen solle der Herr mitnichten, zum Spionieren sei er nicht der
richtige Mann. Er ging zur Tür, schief, schleifend, mit unentschlossenem, welkem
Ausdruck; er rieb die Finger aneinander, die feucht geworden waren, zündete eine
Zigarette an, fröstelte in der Kälte, die ihm vom Flur entgegenschlug und
stülpte den Kragen seines gelben Überziehers hoch.
    Christian geleitete ihn artig bis zur Schwelle. Er sagte leise: »Ich hoffe,
Sie bald zu sehen. Ich erwarte Sie.«
    Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock blieb Niels Heinrich stehen und
meckerte sinnlos in die Luft hinein.
 
                                       13
Fürst Wiguniewski schrieb an Cornelius Ermelang nach Vaucluse in Südfrankreich:
    Sie scheinen in Ihrer petrarkischen Einsamkeit die Welt verloren zu haben,
da Sie sich so angelegentlich nach unserer Diva erkundigen. Ich dachte Sie noch
in Paris; ich dachte, Sie hätten Eva Sorel dort gesehen, denn sie ist erst vor
wenigen Tagen zurückgekehrt; zurückgekehrt wie ein mit Ruhm und Beute beladener
Sieger nach einem Feldzug von drei Wochen; haben Sie nicht wenigstens aus
Zeitungen erfahren, in welches Hochfieber des Entusiasmus sie die
internationale Gesellschaft neuerdings versetzt hat?
    Ihre Nachfrage klingt besorgt, und der Grund ist mir verständlich, obgleich
Sie sich nicht darüber äussern. Wie kurz auch das Beisammensein während Ihres
Petersburger Aufentalts mit ihr war, so müssen Sie doch mit Ihrem für das
Innere der Menschen geschärften Blick die Verwandlung wahrgenommen haben, die
mit ihr vorgegangen ist. Ich schwanke, ob ich sagen darf, es sei eine
beunruhigende Verwandlung, da sie ja gewiss dem Gesetz ihres Wesens unterliegt.
Schmerzlich ist das Schauspiel nur für uns, die wir den Anfang und den Aufstieg
kennen, für zehn bis zwölf Menschen in Europa, denn was uns als das schönste
Erlebnis unsrer Jugend ergriffen hat, war die Süssigkeit, der Glanz, das
sternhaft Unbeschwerte an ihr. Sie war zeitlos; sie war in jedem Augenblick das
Geschenk des Augenblicks, doch Ihnen muss ich nicht schildern, was und wie sie
war; Sie wissen es. Es fragt sich, ob es erlaubt ist, zu tadeln oder zu klagen,
wenn eine Entwicklung nicht unsrer Erwartung entspricht; das Wirkliche und
Gewordene entält wahrscheinlich den triftigeren und weiseren Sinn, wie sehr wir
auch widerstreben. Man will immer zu viel und sieht und begreift infolgedessen
zu wenig. Man sollte mehr Demut haben.
    Es ist eine Tatsache, dass sie die öffentliche Meinung in unserm Land
beschäftigt und aufwühlt wie kaum ein andrer Mensch. Man ist beständig darüber
unterrichtet, wer in ihrer Gunst steht und wer in Ungnade gefallen ist; der
Luxus, mit dem sie sich umgibt, setzt die verrücktesten Fabeln in Kurs und
übersteigt alles, was wir in dieser Beziehung erlebt haben. Ihre monatlichen
Einkünfte beziffern sich auf Hunderttausende, ihr Vermögen wird heute schon auf
zwanzig bis dreissig Millionen Rubel geschätzt. Zweimal wöchentlich kommt für sie
ein Eisenbahnwaggon mit Blumen aus der Riviera und zweimal einer aus der Krim.
Über das Schloss, das sie am Meer bei Yalta bauen lässt, werden Einzelheiten
bekannt, die an Tausendundeine Nacht gemahnen; in vier Wochen soll es schon
fertig sein; grossartige Festlichkeiten sind für den Einzug geplant; zu den
Geladenen zähle auch ich. Man spricht von nichts anderm als von diesem Schloss;
die Parkanlagen sollen einen Flächenraum von fünf Quadratmeilen bedecken; nur
durch verschwenderischen Aufwand von Kosten und Arbeitskräften konnte das Ganze
in der kurzen Zeit eines Jahres hergestellt werden. Den Mittelbau, heisst es,
krönt ein Zinnenturm, von dessen Plattform man einen grandiosen Blick über das
Meer geniesst und der nach dem Muster des Turms der Signoria zu Florenz errichtet
ist. Eine goldene Wendeltreppe mit kostbar emailliertem Geländer führt im Innern
empor, und jedes Fenster gibt einen sorgfältig gewählten Ausschnitt südlicher
Landschaft. Als Wandschmuck für einen der Säle wünschte sie sich die noch
vorhandenen, von den Engländern noch nicht weggeschaften Malereien von El Hira,
der berühmten Ruine in der arabischen Wüste. Ihr diese zu verschaffen, bedurfte
es weitläufiger diplomatischer und geschäftlicher Verhandlungen; dann musste, mit
vielen Schwierigkeiten und vielem Geld, eine Expedition ausgerüstet werden, die
drei Monate unterwegs war und erst vor kurzem zurückgekehrt ist. Die Reise war
so abenteuerlich als gefährlich, und sieben Menschen haben dabei ihr Leben
eingebüsst. Als man es Eva mitteilte, schien sie zu erschrecken und die Kühnheit
ihres Verlangens zu bedauern; dann sah sie das Bildwerk und war so hingerissen,
dass ihr Lächeln fast Befriedigung über die Opfer an Blut ausdrückte. Es liegt
hierin keine Übertreibung; so ist jetzt ihr Wesen; diese wunderbarsten aller
Hände rühren an die Welt wie an ein Sklavengut, das ihnen und nur ihnen
verheissen und verbrieft ist. Ich sah sie selbst eines Tages hingekauert vor den
Malereien einer fernen, fremden Zeit; mich erschütterte der Ausdruck, mit
welchem sie die Bewegungen der archaischen Figuren betrachtete; es war ein
Ausdruck der Abkehr und Grausamkeit.
    Ich bin unwillkürlich auf das antike Gemälde und seine Herbeischaffung
geraten und bemerke nun, dass ich keinen kürzeren Weg hätte wählen können, um zum
Kern dessen zu gelangen, was ich Ihnen erzählen möchte, denn die Vorgänge, die
sich in den letzten Tagen abgespielt haben, gehen davon aus. Natürlich konnten
nur wenige Menschen den Schleier lüften, hinter dem sie heute noch verborgen
sind und vermutlich stets bleiben werden; wer nicht, wie ich, durch eine Reihe
günstiger Umstände Einblick gewonnen hat, tappt im Dunkel. Ich muss Sie auch um
strengste Verschwiegenheit bitten; ich hinterlege dieses Schreiben, dessen
Beförderung Vorsicht erheischte und das der Botschaftskurier mit über die Grenze
nimmt, als Urkunde bei Ihnen. Mit seiner Hilfe wird man später einmal die
Genesis gewisser Ereignisse bis zu den unscheinbaren Wurzelfasern verfolgen
können.
    Kaum waren die Malereien von El Hira hierhergelangt, so wurden von
französischer Seite Reklamationen wegen Besitzstörung erhoben. Die beweisbaren
Anrechte einer Pariser Privatgesellschaft sollten bei den Abmachungen mit den
Engländern ausser acht gelassen worden sein, und die dortige Regierung
überschüttete unser Ministerium mit Noten und Beschwerden. Man beschuldigte
sogar den Leiter der Expedition, Andrei Gawrilowitsch Jaminsky, einen kühnen und
geistreichen Gelehrten, des offenen Raubes. Die Sache war unangenehm, die
Bestürzung gross, der Lärm täuschte unsre Füchse; sie fürchteten, eine Dummheit
gemacht zu haben, und spazierten arglos in die Falle. Da die Angelegenheit
lächerrlicherweise den Himmel der Politik zu trüben schien, war es vor allem
wichtig, sie der Kenntnis des Grossfürsten Cyrill zu entziehen, der die
auswärtigen Geschäfte in der Hand hält und wie eine Spinne im Netz jedes Zittern
der Fäden belauert. Dahin zielte die Berechnung; das Spiel hinter den Kulissen
verstärkte den Druck und die Eile; die Angst vor dem Zorn des Gewaltabers trieb
ergötzliche Blüten in den verantwortlichen Ämtern; der Minister verfügte sich zu
Eva Sorel; ihre stolze Erklärung, dass sie alles auf sich nehmen wolle, sich
getraue, die üblen Folgen von den Beteiligten abzuwenden, stiess auf Zweifel und
Unglauben, und man erinnerte an Vorgänge ähnlicher Art, bei denen später die
tückische Ahndung doch nicht ausgeblieben sei. Man bedrängte sie ernstlich, die
Wandgemälde wieder auszuliefern; sie trotzte, stritt um ihr Recht, wurde
hartnäckig, und als man nun die Torheit beging, Andrei Jaminsky verhaften zu
lassen, für den sie lebhaftes Interesse gefasst hatte, drohte sie, den
Grossfürsten zu benachrichtigen, der in Zarskoje Selo weilte, und setzte damit
die Gemüter in neuen Schrecken. Jetzt war für die Anstifter der schickliche
Zeitpunkt gekommen. Plötzlich trat Ruhe ein; der Sturm war beschwichtigt. Was
war aber sein verborgener Anlass gewesen? Eingeweihte raunen von einem
unheimlichen Handel. Mich dünkt, ihr Wissen reicht nicht weiter als das meine.
Ich sitze nah genug am Webstuhl und kann das Schiffchen in seinem Hin- und
Herlauf studieren. Es webt schlimme Gewebe, das darf ich wohl behaupten. Wann
hätten nicht die Zauberkünste einer Kurtisane dazu gedient, Völker zur
Schlachtbank zu treiben? Sie meinen, das zwanzigste Jahrhundert sei zu
fortgeschritten für Kabalen im Stil der Mazarin und Kaunitz? Ich bin dessen
nicht so sicher. Sie meinen, die grossen Erschütterungen und Umwälzungen nützten
die Entschlüsse und Willensakte kleiner Menschen nur zum Schein, und Schuld und
Anklage werde wesenlos, wenn man den Gang des Schicksals begriffen habe? Aber
wir begreifen ihn ja nicht; wir sind Menschen, wir müssen richten, wie wir
leiden müssen, und weil wir leiden müssen. Der unheimliche Handel drehte sich um
den Bau von Festungen an unsrer polnischen und wolhynischen Grenze. Aus
unbekannten Gründen hatte sich der Grossfürst bis jetzt dagegen gesträubt; seit
einigen Tagen geht die Rede von einer Staatsanleihe; seinen starren Sinn dem
Projekt geneigt zu machen, konnte bloss einem einzigen Menschen gelingen. Wozu
noch Worte? Man schaudert bei den Gedanken eines Zusammenhangs zwischen
fünftausend Jahre altem Wandschmuck und den Fangstricken moderner
Kabinettsränke; zwischen der bedungenen Hingabe eines unvergleichlichen Leibes,
Zierde der Schöpfung, und der Aufrichtung von Festungsmauern und Kasematten. Die
Komödie ist herzzerreissend.
    Ich bin noch nicht am Ende. Es knüpft sich an diese Begebenheiten der Tod
von Andrei Gawrilowitsch Jaminsky. Ich deutete schon an, dass Eva merkbare
Sympatie für ihn an den Tag legte. Der Mut und die Energie, die er beim Zug in
die Wüste bewiesen hatte, sein Geist, nicht zuletzt seine äusseren Vorzüge
bestachen sie; sie war fasziniert und zeichnete ihn auf alle Weise aus. Da es
eine Schranke für sie nicht gibt und ihr Tun immer zu den letzten Schütten
führt, hatte sie auch hier keine Bedenken; Jaminsky wurde ein Glück zuteil, von
dem er vielleicht nicht einmal zu träumen gewagt hatte, und das ihm das
Gleichgewicht geraubt zu haben scheint. Es füllte ihn zum Überfliessen, es machte
ihn verrückt; in einem Freundeskreis, beim Wein natürlich, kam er ins Schwatzen
und prahlte mit seiner Eroberung. Zu spät erkannte er seine Verirrung; was in
jedem andern Fall eine verächtliche Charakterschwäche gewesen wäre, in diesem
war es ein Verbrechen; zu spät beschwor er die Ohrenzeugen, zu vergessen, zu
schweigen, ihn als Lügner und Bramarbas zu betrachten; es fruchtete nicht, dass
er sie einzeln aufsuchte und einzeln beredete; der Stein war im Rollen; wo das
diskrete und geargwöhnte Verhältnis höchstens die stumme oder geflüsterte
Neugier gereizt hatte, wurde das Verkündete allgemeiner Gesprächsstoff; die
Sühne liess nicht auf sich warten. Ihr Vollstrecker war Fjodor Szilaghin.
    Nicht leicht ist es, die Rolle zu beurteilen, die Fjodor Szilaghin
gegenwärtig im Leben Evas spielt. Bald scheint er Wächter zu sein, bald
Verlocker; man weiss nicht, will er ihr gefallen und sie gewinnen, oder ist er
nur der Söldling und Argus seines finstern Herrn und Freundes. Ich glaube, dass
selbst Eva darüber im Unsichern ist; sein enigmatisches Wesen, das meisterlich
Versteckte, undurchdringlich Treulose, wirkt auf mich wie ein sichtbares Symbol
von Evas Verdunkelung und Unrast. Dass er im Einverständnis mit ihr gehandelt
hat, als er es unternahm, Jaminsky zu bestrafen, leidet keinen Zweifel; aber ob
es ein gemeinsam verabredeter Plan war, eine Forderung von ihrer oder von seiner
Seite, ob sie in der Enttäuschung nachgiebig gegen ihn oder im Zorn rachsüchtig
für sich war, ob er für ihre Ehre oder für die Ehre seines Herrn eintrat, das
alles getraue ich mich nicht zu entscheiden. Genug, es geschah. Die Tat schwebt
in einem Halblicht und wird mit ziemlich abstossenden Einzelheiten geschildert.
Jaminsky speiste am Mittwochabend der vergangenen Woche in Gesellschaft mehrerer
Freunde in einem Nebenzimmer bei Cubat auf der grossen Morskaja. Kurz vor zwölf
Uhr wurde die Tür aufgerissen, und vier junge Leute, bis über die Nase in ihre
Pelze gehüllt, drangen ein. Drei von ihnen umstellten Jaminsky, einer drehte die
Lichter ab, gleich darauf krachte ein Schuss, und ehe sich Jaminskys Freunde von
ihrer Bestürzung erholt hatten, waren die vier wieder verschwunden. Jaminsky lag
blutüberströmt auf dem Boden. Szilaghin war mit Bestimmteit unter den vier
Männern erkannt worden.
    Das Verwegenste aber ereignete sich erst später. In dem Tumult, der unter
den Gästen des Restaurants entstanden war, hatte man den Erschossenen vergessen.
Man schrie nach der Polizei, lief, drängte, fragte, indessen fuhr eine
Mietsdroschke am Eingang vor, zwei Männer entstiegen ihr, schoben sich durch die
Menge in das Zimmer, wo der Tote lag, hoben ihn auf und trugen ihn an den stumm
gaffenden Menschen vorüber in den Wagen. Niemand hinderte sie; sie verschwanden
mit dem Leichnam im Wagen, dieser jagte den Newskij hinab bis zur Palastbrücke,
dort hielt er, die beiden schleppten die Leiche ans Ufer und warfen sie in die
Newa, mitten in die treibenden Eisschollen.
    An demselben Abend befand ich mich mit du Caille, Lord Elmster und einigen
hiesigen Künstlern bei Eva. Sie war berückend und von einer Heiterkeit, bei der
man das Gefühl hatte, man dürfe keinen Atemzug davon verpassen. Ich entsinne
mich nicht mehr, wie das Gespräch auf Himmelserscheinungen und Sonnensysteme
kam; eine Weile wurde in der üblichen leichten Art die Möglichkeit erwogen, ob
auch andre Planeten von Menschen oder menschenähnlichen Wesen bewohnt seien; da
sagte Eva: »Ich habe gelesen, und die Fachkundigen haben es mir bestätigt, dass
der Saturn zehn Monde besitzt, zehn Monde und einen feurig glühenden Ring, der
in Purpur und Violett den ungeheuren Körper des Sterns umgibt. Der Planet
selbst, heisst es, sei noch eine unabgekühlte Lava; aber auf den zehn Monden
könnte Leben sein, könnten Geschöpfe wie wir existieren. Denkt euch eine Nacht
dort; denkt euch die düstere Glut des Muttergestirns; der purpurne Regenbogen,
der ewig am Firmament steht und es fast bedeckt; die zehn Monde umeinander,
übereinander spielend, so nah vielleicht, dass die Geschöpfe sich verständigen
können, von Welt zu Welt sich fühlen: was für Möglichkeiten, was für eine Vision
von Glück und Schönheit!« So oder ähnlich sprach sie. Einer von uns erwiderte,
man könne sich ebensogut vorstellen, dass Mond gegen Mond im Kampfe läge; trotz
aller Wunder des Himmels, so wie hier Land gegen Land; die Erfahrung gebe zu
befürchten, dass nirgends im Universum die beweglich Geschaffenen durch
Himmelswunder an Raub und Gewalttat verhindert würden. Sie aber sagte: »Zerstört
mir meinen Glauben nicht; lasst mir das Paradies vom Saturn.«
    Und sie wusste, sie musste es wissen, dass eben in dieser Stunde Jaminsky, den
sie geliebt hatte, einen hässlichen und meuchlerischen Tod starb.
    Es ist schwer, Demut zu haben.
 
                                       14
Christian teilte seine Mahlzeiten mit Michael. Er war brüderlich um ihn bemüht.
Am Abend bereitete er ihm das Lager selbst. Er wusste es einzurichten, dass sich
der Knabe an das Beisammensein mit ihm gewöhnte. Seine Gabe, sich unbemerklich
zu machen, kam ihm zustatten; Michael war in seiner Gegenwart ohne die
Verkrampfung, die sogar Johannas liebevolle Rücksicht nicht hatte lösen können.
Er folgte Christian bisweilen mit den Augen. »Warum siehst du mich an?« fragte
Christian dann. Aber der Knabe schwieg.
    »Ich möchte wissen, was du denkst,« sagte Christian.
    Der Knabe schwieg. Wieder und wieder folgte er Christian mit den Augen und
schien voll zwiespältigem Gefühl.
    Eines Abends sagte er die ersten Worte. »Was wird mit mir geschehen?«
flüsterte er kaum hörbar.
    »Du solltest ein wenig Vertrauen zu mir haben,« antwortete Christian
freundlich.
    Michael starrte lange vor sich hin. »Ich habe Angst,« kam es endlich von
seinen Lippen.
    »Wovor hast du Angst?«
    »Vor allem. Ich habe Angst vor allem, was es gibt. Vor den Menschen, vor den
Tieren, vor der Finsternis, vor dem Licht, vor mir selber.«
    »Seit wann ist das so?«
    »Sie meinen, es ist erst seit ... Nein. Es ist immer so gewesen. Die Angst
steckt in meinem Leib wie die Lunge und das Hirn. Als ich noch ein Kind war, lag
ich nachts im Bett und zitterte vor Angst. Konnte nicht schlafen vor Angst. Ich
hatte Angst, weil es still war. Ich hatte Angst, weil ich Geräusch hörte. Ich
hatte Angst vor dem Haus, vor der Wand, vor dem Fenster. Ich hatte Angst vor dem
Traum, der noch gar nicht da war. Ich dachte: jetzt wird ein Schrei sein; oder:
jetzt wird ein Feuer sein. War der Vater über Land, so dachte ich: er kommt nie
wieder; viele kommen nicht wieder, warum sollte gerade er wiederkommen. War er
zu Hause, so dachte ich: er hat etwas Schreckliches erlebt, niemand darf es
wissen. Am ärgsten war es, wenn Rut fort war. Nie hab ich einen Menschen so
gehasst wie Rut in jener Zeit; nur weil sie so viel fort war. Das war die
Angst.«
    »Und da gingst du herum mit deiner Angst und sprachst nicht davon?«
    »Zu wem hätte ich sprechen sollen? Es schien mir dumm, das Ganze. Jeder
hätte mich ausgelacht.«
    »Aber als du älter wurdest, muss doch die Angst verschwunden sein?«
    »Im Gegenteil.« Michael schüttelte den Kopf. Er sah unschlüssig aus. Er
schwankte, ob er sich weiter mitteilen solle. »Im Gegenteil,« wiederholte er.
»Die Angst wird gross mit einem. Die Gedanken haben keine Macht über sie. Hat man
einmal die Angst, so trifft alles ein, wovor man sich ängstigt. Man müsste
weniger wissen. Je weniger man weiss, je weniger hat man Angst.«
    »Das versteh ich nicht,« sagte Christian, den die Worte des Knaben
ergriffen; »das heisst, die kindliche Angst, die versteh ich; aber sie dauert
doch nur, solang man ein Kind ist.«
    Michael schüttelte abermals den Kopf.
    »So erklär es mir,« fuhr Christian fort. »Wahrscheinlich erblickst du
überall Gefahren, fürchtest dich vor Krankheiten oder Unglücksfällen oder vor
Begegnungen mit irgendwelchen Leuten.«
    »Nein,« antwortete Michael hastig und mit gerunzelter Stirn; »so einfach ist
es nicht. Es kommt mal vor, aber es kann einem nicht viel anhaben. Es ist nicht
das Wirkliche. Das Wirkliche ist wie ein tiefer Brunnen. Ein tiefes, schwarzes,
endloses Loch. Das Wirkliche ist ... warten Sie mal: ich lange nach dem
Schachbrett da: auf einmal ist es gar kein Schachbrett. Es ist was Fremdes. Ich
hab gewusst, was es ist, kann mich aber nicht mehr darauf besinnen. Der Name
Schachbrett lässt mich nicht dahinterkommen, was es ist. Der Name macht, dass ich
mich eine Zeitlang zufrieden gebe. Verstehen Sie?«
    »Durchaus nicht. Es ist mir völlig unverständlich.«
    »Na ja,« gab Michael mürrisch zu, »es ist ja auch ein Blödsinn.«
    »Könntest du nicht ein andres Beispiel wählen?«
    »Ein andres ... Warten Sie mal. Ich finde so schwer die richtigen Ausdrücke.
Warten Sie ... Vor ein paar Wochen war Vater nach Fürstenwalde gefahren. Am
Abend fuhr er, am Morgen wollte er zurück sein. Ich war allein zu Haus. Rut war
bei einer Bekannten, ich glaube in Schmargendorf. Sie hatte gesagt, es würde
spät werden. Je später es aber wurde, je unruhiger wurde ich. Nicht weil ich
fürchtete, es könnte Rut etwas zustossen; daran dachte ich gar nicht, sondern
das leere Zimmer und der Abend und die Zeit, die verging, das war es. Die Zeit
rinnt herunter, entsetzlich regelmässig, entsetzlich unaufhaltsam, rinnt herunter
wie Wasser, in dem ich ertrinken muss. Wäre Rut gekommen, so hätte die Zeit
einen Aufentalt gemacht, sie hätte von vorn anfangen müssen; aber Rut kam
nicht. An der Wand im Zimmer hing eine Uhr; Sie werden sie ja oft gesehen haben;
eine runde Uhr mit blauem Zifferblatt und einem Messingperpendikel. Das tickte
und tickte; jedes Ticken war ein Hammerschlag. Endlich ging ich hin und brachte
den Perpendikel zum Stehen, und als das Ticken aufhörte, da hörte die Angst auf,
und ich konnte einschlafen. Die Zeit war nicht mehr, die Angst war nicht mehr.«
    »Eigentümlich,« murmelte Christian erstaunt.
    »Früher, als uns die Frömmigkeit gelehrt wurde, war es besser, da konnte man
beten. Freilich, das Gebet war auch nur die pure Angst, aber es erleichterte
einen doch.«
    »Es wundert mich, dass du dich nie deiner Schwester anvertraut hast,« sagte
Christian.
    Michael zuckte zusammen. Dann antwortete er scheu, mit so leiser Stimme, dass
Christian näher rücken musste, um hören zu können: »Meiner Schwester, nein, das
war unmöglich. Rut hatte ohnedies viel auf ihren Schultern, zu viel, wenn mans
recht bedenkt, aber auch sonst war es unmöglich. Bei Juden sind Bruder und
Schwester nicht so intim wie bei euch Christen. Ich meine bei Juden, die nicht
unter Christen leben. Wir sind ja vom Land und waren als Juden weiter weg von
andern Menschen wie hier. Der Bruder kann sich nicht der Schwester anvertrauen.
Die Schwester ist immer eine Frau, von Anfang an; schon als kleines Mädchen ist
sie eine Frau. Daher rührt ja das ganze Unglück ...«
    »Wieso? Welches Unglück?« fragte Christian flüsternd.
    »Es ist furchtbar schwer zu sagen,« fuhr Michael verloren fort; »ich glaube,
ich kann es nicht sagen. Es klingt vielleicht gemein. Und es geht immer weiter;
eins zieht das andre nach sich. Bruder und Schwester, das spricht sich so
harmlos. Aber jedes hat einen Leib und jedes eine Seele. Die Seele ist das
Reine, der Leib ist das Unreine. Schwester, das ist wie ein Heiligtum. Aber sie
ist doch auch das Weib, das man sieht. Tag und Nacht kann man darüber grübeln:
Weib ... Weib. Und Weib heisst Angst. Weib heisst Leib, und Leib heisst Angst. Ohne
Leib könnte man die Welt begreifen, ohne Weib könnte man Gott verstehen. Und
solange man Gott nicht versteht, solange plagt einen die Angst. Immer die Nähe
von dem andern Leib, über den man nachdenken muss! Wo wir zuletzt wohnten,
schliefen wir alle in der gleichen Stube. Ich kroch jeden Abend mit dem Kopf
unter die Bettdecke. Die Gedanken durften nicht hin. Missverstehen Sie mich
nicht, es war nichts Hässliches, sie wollten nicht in hässlicher Weise hin, es war
nur die namenlose, allgemeine Angst ... ja, wie könnt ichs nur erklären? Die
Angst vor ... nein, ich kanns nicht erklären. Rut, so zart, so fein. Alles an
ihr stand im Widerspruch zu der Vorstellung von einem Weib. Und doch zitterte
ich vor Abscheu, weil sie es eben war. Der Mensch, wie er geschaffen ist, und
wie er sich zeigt, das ist zweierlei. Ich will Ihnen erzählen, was für einen
Traum ich hatte; nicht einmal, sondern zwanzigmal, immer den nämlichen Traum.
Ich träume, ein Feuer ist ausgebrochen; ich und Rut, wir müssen nackend über
die Stiege und aus dem Haus fliehen. Rut muss mich mit aller Gewalt
fortschleppen, weil ich sonst umkehren und ins Feuer rennen würde. So
schrecklich ist die Scham. Ich denke: Rut, das bist du nicht, das kannst und
darfst du nicht sein. dabei seh ich es gar nicht, ich weiss nur und spür nur, dass
sie nackt ist. Und sie, ganz natürlich bleibt sie, lächelt sogar. Herrgott,
denke ich, kann man lächeln? Und schäme mich um den Verstand. Und bei Tage dann
wagt ich nicht, sie anzuschauen; jeder gute Blick von ihr erinnerte mich an die
Sünde. Aber warum erzähl ich das alles! Warum! Ich komm mir so schmutzig vor, so
unbeschreiblich schmutzig ...«
    »Nein, Michael, erzähle nur,« antwortete Christian ruhig und sanft; »fürchte
dich nicht, sag mir alles, ich kann auch alles begreifen, ich bemühe mich
jedenfalls, es zu begreifen.«
    Forschend sah Michael zu Christian auf. Seine frühreifen Züge waren
zerquält. »Ich suchte eine, zu der ich hin durfte,« begann er nach einer Pause.
»Es schien mir, ich müsst es austilgen, dass ich Rut in meinem Geist beschmutzte.
Ich war schuldig vor ihr und musste frei werden von der Schuld.«
    »Da warst du in einem verhängnisvollen Wahn befangen,« warf Christian ein;
»du warst ja nicht schuldig; du hast dir eine Schuld konstruiert. Inwiefern
warst du schuldig?« Er wartete, aber Michael schwieg. »Schuldig,« wiederholte
Christian, als wäge er das Wort zweifelnd in seiner Hand, »schuldig ...« Sein
Gesicht drückte Zweifel aus.
    »Schuldig oder nicht, es war, wie es war,« beharrte der Knabe. »Fühl ich
Schuld, wer löst mich los? Das kann man nur für sich selber tun.«
    »Es ist ein Wahn,« sagte Christian, »glaube mir.«
    »Aber alle hiessen Rut,« fuhr Michael mit einem bangen Ton fort; »alle
hiessen Rut; die Verworfensten, die Schlechtesten. Ich hatte so viel Achtung vor
ihnen. Und zugleich ekelte mir doch. Das Unreine wurde immer mächtiger in meinen
Gedanken; während ich suchte und suchte, wurde mir das Leben leid. Ich
verfluchte mein Blut. Was ich anfasste, ward schleimig und unrein.«
    »Ihr hättest du dich eröffnen müssen, ihr selbst, gerade Rut, die war die
Beste dazu,« sagte Christian.
    »Es ging nicht,« beteuerte Michael, »ich konnt es nicht; lieber, ich weiss
nicht was ... ich konnt es nicht.«
    Er versank in Brüten, dann berichtete er in überstürzter Rede: »Am Sonnabend
vor jenem Sonntag, an dem Rut zum letztenmal im Hause war, schickte mich Vater
zum Kohlenhändler. Ich sollte eine Rechnung zahlen. Niemand war im Laden. Ich
ging in die Stube hinterm Laden. Da lag der Kohlenhändler mit einem Frauenzimmer
im Bett. Sie bemerkten mich nicht. Ich lief davon; wie ich herauskam, weiss ich
nimmer. Bis zum Abend rannt ich sinnlos auf der Strasse herum. So gross war die
Angst noch nie gewesen. Am andern Nachmittag, eben an dem Sonntag, zwischen vier
und fünf, ging ich auf der Lichenerstrasse; es fiel ein Platzregen um die Zeit,
da nahm mich ein Mädchen unter seinen Schirm. Das war Molly Gutkind. Was für
eine Sorte Mädchen es war, sah ich gleich. Sie sagte, ich solle zu ihr kommen.
Ich gab keine Antwort, und sie ging an meiner Seite weiter. Sie sagte, wenn ich
jetzt nicht wollte, werde sie am Abend auf mich warten; sie wohne Prenzlauer
Allee, gegenüber dem Gasbehälter beim Güterbahnhof, unten sei eine Kneipe,
Adelens Aufentalt. Sie nahm meine Hand und schmeichelte: Komm doch, Jungchen,
du siehst so vergrämt aus, du gefällst mir mit deinen schwarzen Augen, bist
sicher noch ein ganz unschuldiges Tierchen. Wie ich heimkam, las ich, was Rut
auf die Schiefertafel geschrieben hatte. Prenzlauer Allee, das war mir seltsam.
Es hätte ja ebensogut eine andre Gegend sein können. Es war mir seltsam. Öde war
mir zumut; ich setzte mich auf die Stiege; ich ging ins Zimmer und fand Vaters
Brief; ich las ihn, als hätt ich schon vorher gewusst, was er getan hatte; ich
kam mir recht allein vor; dann ging ich hinunter und ging und ging, bis ich in
der Prenzlauer Allee vor dem Haus von Adelens Aufentalt stand.«
    »Nun, und selbstverständlich gingst du hinauf zu dem Mädchen?« fragte
Christian mit einem sonderbar heiteren Ausdruck, hinter welchem sich seine
Spannung verbarg.
    Michael nickte. Er sagte, er habe lange gezaudert. In Adelens Aufentalt
habe einer Mundharmonika gespielt. Es sei ein ausserordentlich schmutziges Haus,
abgerückt von der Strasse, ein altes Haus mit feuchten Flecken an der Mauer und
einem Lattenzaun davor und Schutt- und Ziegelhaufen. Ein Hund sei vor dem Tor
gestanden. »Ich traute mich nicht an dem Hund vorbei,« sagte Michael und faltete
mechanisch die Hände; »er war so gross und stierte mich tückisch an. Aber Molly
Gutkind hatte mich vom Fenster aus gesehen; das Haus hat nur ein einziges
Stockwerk. Sie winkte mir, der Hund trabte auf die Strasse heraus; ich ging ins
Haus, Molly wartete auf der Treppe und zog mich lachend ins Zimmer. Sie trug zu
essen auf, Schinkenstullen und Baumkuchen, und sagte, heute wolle sie mich
bewirten, das nächste Mal müsse ich sie bewirten. Sie sagte, ich sei doch ein
Jude; das möge sie gern, Juden möge sie überhaupt gern; wenn ich ein bisschen
nett zu ihr sei, würde ich es nicht zu bereuen haben. Es war so merkwürdig
alles; wer war ich denn für sie? Was konnt ich ihr denn sein? Mittlerweile war
es dunkel geworden, und sie zündete die Lampe an. Ich sagte, ich wolle jetzt
wieder gehen, aber sie litt es nicht, die Nacht über müsse ich bleiben, sagte
sie. Und dann ...!« Er schauderte und schlug die Hände vor das Gesicht.
    »Mein lieber Junge,« sagte Christian leise.
    Das zärtliche Wort machte den Knaben noch mehr schaudern. Ziemlich lange
Zeit schwieg er. Als er wieder zu sprechen anfing, klang seine Stimme verändert.
Er sagte dumpf: »Dreimal hat ich sie, die Lampe auszulöschen, endlich tat sie
es. Wir lagen nebeneinander, Stunde um Stunde verging, und es geschah etwas mit
dem Mädchen, worauf ich nicht gefasst war. Sie sagte, sie wolle sich nicht
vergehen an mir, sie sehe ein, dass sie eine schlechte Person sei, ich möchte ihr
verzeihen, und was ich nicht selber wolle, das wolle sie auch nicht. Und als sie
das sagte, weinte sie, und dann sagte sie, sie sehne sich furchtbar nach Hause,
und ihr graue vor ihrem Leben. Ich war wie vor den Mund geschlagen, das arme
Ding dauerte mich, und ich zitterte am ganzen Körper, meine Zähne klapperten,
ich liess sie reden und klagen, und als ich merkte, dass sie eingeschlafen war,
dachte ich tief und streng über mich nach. Es war finster und still. Ausser dem
Atem des Mädchens hörte ich nichts. In der Kneipe unten waren keine Gäste mehr.
Es war unheimlich still. Und mit jedem Augenblick Stille wuchs die alte Angst.
Jeden Augenblick war mir, die grässliche Stille müsste ein Ende haben; ich passte
die Sekunden ab. Und da, auf einmal, war ein Schrei. Auf einmal war ein Schrei.
Wie soll ichs schildern? Irgendwo unten, tief unten, unterm Boden, hinter den
Mauern, war ein Schrei. Er war nicht besonders laut oder schrill, aber so, dass
das Herz nicht mehr schlug. Wie ein Strahl, verstehen Sie, wie ein heisser,
dünner Strahl, mit was anderm kann ichs nicht vergleichen. Ich dachte: Rut.
Mein einziger Gedanke war: Rut. Begreifen Sie das? Es war, als hätte mir jemand
ein kaltes Messer in den Rücken gestossen. O Gott, wie furchtbar es war!«
    »Und was hast du getan?« fragte Christian, weiss wie die Wand.
    Er sei gelegen und gelegen, habe gelauscht und gelauscht, brachte Michael
stockend hervor.
    »Ist es möglich? Du bist nicht aufgesprungen und hinaus, hinunter? - Mensch!
Ist es möglich?«
    Wie hätte er glauben sollen, dass es Rut wirklich sein könne? Der Gedanke
sei ihm doch nur wie eine Angstflamme ins Hirn geschossen. Er starrte mit weiten
Augen in die Luft und schluchzte plötzlich. »Und nun hören Sie,« sagte er und
langte nach Christians Hand, »hören Sie.«
    Er erzählte mit verhangenem, verweintem, überblassem Gesicht dies: Er habe
den Schrei nicht vergessen können. Er wisse nicht, wieviel Zeit verstrichen war,
als er sich von der Seite des Mädchens erhoben. Er habe auf Zehenspitzen das
Zimmer verlassen. Finsternis, zum Schneiden dick. Draussen habe er nichts
gesehen, nichts gehört. Er sei am Stiegengeländer gestanden, mindestens eine
Viertelstunde lang. Da habe er Schritte gehört, Schritte und ein Keuchen, als
schleppe jemand eine schwere Last. Er habe sich nicht gerührt. Dann sei ein
Licht aufgebljetzt, der Schein einer Blendlaterne. Er habe einen Menschen
erblickt, nicht das Gesicht, nur von hinten. Der Mensch habe auf seinem Rücken
einen grossen Ballen getragen und ausserdem ein Bündel in der Hand. In blossen
Füssen sei der Mensch gewesen, aber an den Füssen habe Rotes geklebt, Blut. Der
Mensch sei vors Haus gegangen, habe den Ballen dort hingestellt und sei
zurückgekommen, aber die Laterne sei geschlossen gewesen. Dann sei der Mensch
wieder in den Keller hinunter und kurz darauf mit einem zweiten Menschen wieder
herausgekommen. Den habe er vor sich hergeschoben wie man ein Fass schiebt, man
habe es aus dem Geräusch entnehmen können; gesehen habe man nichts; die Laterne
sei auch diesmal abgeblendet gewesen. Der zweite habe Laute von sich gegeben,
als habe er einen Knebel im Mund gehabt. Dann seien alle beide fortgegangen, das
Haustor hätten sie zugesperrt und es sei still gewesen. »Bis dahin stand ich
oben,« sagte Michael und schöpfte Atem.
    Christian schwieg. Er schien versteinert.
    »Es war ruhig und ich ging hinunter,« berichtete Michael weiter; »es zog
mich. Schritt um Schritt tastete ich mich zur Kellerstiege. Dort blieb ich
wieder lange stehen. Es wurde schon Tag. Ich sah es an dem schmalen Fenster über
der Haustür. Ich stand vor der Kellertreppe. Steinerne Stufen senkten sich. Ich
sah erst eine Stufe, dann zwei, dann drei, dann vier; je heller es wurde, je
mehr Stufen sah ich. Auf der fünften oder sechsten Stufe blieb das Dunkel
kleben.«
    Das Sprechen machte ihm jetzt sichtlich Mühe. Schweiss perlte auf seiner
Stirn. Er lehnte sich zurück und schwankte. Christian musste ihn stützen. Er
stand auf und beugte sich über den Knaben. In seiner Haltung und Bewegung lag
etwas ungemein Gewinnendes. Alles kam darauf an, das Letzte, Furchtbarste zu
erfahren. Sein ganzes Wesen wurde Wille, und unter der stummen Gewalt wurde der
Knabe folgsam. Was er nun bekannte, klang zunächst verwirrt und unbestimmt wie
die Erzählung einer Geistererscheinung oder eines Fieberbildes. Man konnte den
Worten kaum entnehmen, was Wirklichkeit war, was Zwangs-und Angstvorstellung.
Ein Einzelnes stach grauenhaft wahr hervor: der Fund des blutigen Taschentuchs.
Dreimal fragte Christian, ob er es im Keller oder auf der Stiege gefunden habe,
jedesmal lautete die Antwort verschieden. Der Knabe bebte wie ein Seil im Wind,
als ihn Christian bat, genau zu sein, genau nachzudenken. Er wisse es nicht
mehr. Oder doch, er sei unten gewesen. Er beschrieb einen Verschlag, ein
Holzgitter, eine vergitterte Luke, durch die gelbfahles Morgenlicht drang. Er
sei aber seiner Sinne nicht mächtig gewesen, könne sich nicht erinnern, ob er
den Raum betreten. dabei schluchzte er laut auf. Christian stand neben seinem
Stuhl, hatte ihm beide Hände auf die Schultern gelegt; der Knabe zuckte wie
unter einem elektrischen Strom. »Ich beschwöre dich,« sagte Christian, »ich
beschwöre dich, Michael,« und er fühlte seine Kraft schwinden. Da flüsterte
Michael, er habe Ruts Namenszeichen auf dem blutdurchtränkten Taschentuch
gleich erkannt, und von dem Moment an sei ihm das Gehirn zerhackt gewesen.
Christian möge doch aufhören, ihn zu plagen; er könne nicht mehr, er wolle
lieber tot hinschlagen. Aber Christian umklammerte seine Handgelenke. Nun
hauchte Michael bloss noch: das Haus habe ihm verraten, dass an Rut Entsetzliches
geschehen sei, die Luft habe es ihm zugebrüllt; die Mauern hätten sich über ihn
gewälzt; er habe es gesehen, alles gesehen, habe gewimmert und gestöhnt und mit
den Nägeln seinen Hals zerkratzt; »da, da, da ...« stiess er hervor und deutete
auf seinen Hals, an dem in der Tat noch vernarbte Kratzwunden bemerkbar waren;
er sei zur Haustür gerannt und habe an der Klinke gerüttelt und sei wieder
zurückgerannt und habe die Kellerstufen gezählt, nur so, nur aus Verzweiflung,
dann sei er hinauf, die Treppe hinauf, und plötzlich habe er an einer Tür einen
Mann erblickt; im Dämmerlicht einen dicken Mann mit einer weissen Schürze und
weissen Mütze, wie die Bäcker gekleidet sind, und einem Tuch um den Hals, von dem
zwei weisse Zipfel weggestarrt; der sei an einer Türschwelle gestanden, weiss,
fett, schläfrig, man hätte ihn für einen Schatten halten können, für ein
Gespenst, doch habe er mit leiser, schläfriger, verdriesslicher Stimme
gesprochen: »Nu haben se se umjebrungen, Menschenskind;« und danach sei er
verschwunden, einfach wie weggeblasen. Und er, Michael, sei in Molly Gutkinds
Stube gestürzt; sie sei gleich aufgewacht, habe ihn aufs Bett gelegt, und er
hätte mit aller Inbrunst seiner Seele in sie gedrängt, sie möge schweigen, ihn
verbergen, auch wenn er krank würde, keinem etwas sagen, ihn bei sich behalten
und schweigen. Weshalb er es gefordert, weshalb es ihm so wichtig erschienen
sei, dass sie schweige, das verstehe er selber nicht, aber so sei es noch zur
Stunde, und er wolle Christian zeitlebens ein grenzenlos ergebener Mensch
bleiben, wenn er Schweigen über das bewahre, was er ihm jetzt gebeichtet.
    »Werden Sie es tun?« fragte er feierlich, mit dunkel glühenden und
gepeinigten Augen.
    »Ich werde schweigen,« erwiderte Christian.
    »Dann kann ich vielleicht noch weiterleben,« sagte der Knabe.
    Christian schaute ihn an, und ihre Blicke begegneten sich in einem
wunderlichen Einverständnis.
    »Wie lange warst du nachher noch bei dem Mädchen?« erkundigte sich
Christian.
    »Ich weiss es nicht. Sie sagte eines Morgens, nun könne sie es nicht mehr
machen, und ich müsse gehen. Ich war aber die ganze Zeit vorher nicht bei klarem
Bewusstsein. Ich habe vielleicht phantasiert. Das Mädchen hatte sich viel Mühe
mit mir gegeben; es ist ihr zu Herzen gegangen; stundenlang sass sie am Bett und
hielt meine Hand. Ich habe mich dann in den Vororten und im Wald herumgetrieben;
wo, das kann ich nicht sagen. Schliesslich bin ich hierhergekommen. Ich weiss
nicht, warum ich zu Ihnen ging. Als hätte mich Rut zu Ihnen geschickt. Sie
waren der einzige Mensch, der auf der Welt für mich da war. Was tu ich aber? Was
wird jetzt sein?«
    Christian überlegte einige Sekunden, bevor er mit einem seltsamen Lächeln
antwortete: »Wir müssen auf ihn warten.«
    »Auf wen? Auf wen warten?«
    »Auf ihn.«
    Abermals begegneten sich ihre Blicke.
    Es war spät in der Nacht, aber sie dachten nicht an Schlaf.
 
                                       15
Ausser dem Zimmer, das ihm die Witwe eingeräumt, hatte Niels Heinrich ein Logis
in der Rheinsberger Strasse, vier Treppen hoch, bei einem Zinngiesser. Am Tage
nach dem Gespräch mit Christian zog er von dort weg. Es geschah, weil zu viele
um das Quartier wussten. Er konnte auch nicht mehr darin schlafen. Höchstens eine
halbe Stunde schlief er, dann lag er wach. Er rauchte Zigaretten und warf sich
von einer Seite auf die andre. Von Zeit zu Zeit liess er ein dürres Gelächter
hören, wenn die Erinnerung an eines der Worte, die jener Mensch zu ihm gesagt,
besonders lebhaft wurde.
    Der Mensch, wer war er eigentlich? Da konnte man sich das Hirn zu Brei
zerdenken. So ein Mensch.
    Neugier wurde zur Brunst in Niels Heinrich.
    Er zog in die Demminer Strasse zum Krämer Kahle. Das Zimmer befand sich im
Halbstock über dem Laden. Das grosse Firmenschild »Eier, Butter, Käse« verdeckte
beinahe die niedrigen Fenster. Infolgedessen war wenig Licht in dem Loch; dafür
waren Fussboden und Wände so dünn, dass man das Klingeln der Ladenglocke, die
Gespräche der Kunden und alle Geräusche von ringsherum hörte. Da lag er wieder
und rauchte Zigaretten und dachte an den Menschen.
    Der Mensch und er hatten nicht mitsammen Platz auf der Welt. Das war das
Resultat der Überlegungen.
    Krämer Kahle forderte Vorausbezahlung der Miete. Dieses gehe gegen die Ehre,
sagte Niels Heinrich, er habe stets Ultimo bezahlt. Krämer Kahle antwortete, das
möge schon sein, aber bei ihm sei mal der Usus so. Frau Kahle, eine Person,
mager wie ein Nagel, mit einer Turmfrisur, fing gleich an, ordinär zu kreischen.
Niels Heinrich begnügte sich mit ein paar trockenen Injurien und versprach, am
Dritten zu zahlen.
    Er versuchte es mit der Arbeit. Aber Hammer und Bohrer widerstanden ihm; die
Räder und Treibriemen wirbelten durch den Leib durch, die vorgeschriebenen
Stunden schnürten die Luft ab. Nach der Vesper wurde ein Schaden an einer der
Maschinen entdeckt. Eine Schraube war locker, nur die Wachsamkeit des
Maschinisten hatte schweres Unglück verhütet; dass da ein Schurkenstreich
vorliege, behauptete er vor dem Werkführer wie vor dem Ingenieur. Die
Untersuchung blieb erfolglos.
    Für die Arbeit sei er hin, ein für allemal, sagte sich Niels Heinrich. Aber
da er Geld brauchte, ging er zur Witwe. Sie hatte angeblich sechzehn Mark im
Vermögen und bot ihm sechs. Es reichte nicht. »Junge, wie siehste aus!« rief die
Witwe erschrocken. Er verwies ihr das Getue und sagte, mit den zwei Talern werde
sie ihn hoffentlich nicht abspeisen wollen. Sie jammerte; die Geschäfte seien
erbärmlich flau, den Menschen die Zukunft zu verkündigen, lohne nicht mehr; man
stehe unter einem Unstern, vielleicht habe man keine gesegnete Hand mehr. Niels
Heinrich entgegnete finster, er werde nach den Kolonien machen, nächste Woche
werde er sich einschiffen, dann sei sie ihn los. Die Witwe war gerührt und
brachte noch drei kleine Goldstücke zum Vorschein.
    Eines war für Kahle.
    Er ging in Griebenows Destille, dann in das Tanzlokal »Zum dollen Hengst«,
dann in das Kraftmagazin, eine übelberüchtigte Kellerwirtschaft.
    Er war nicht mehr derselbe. Alle sagten es. Und er stierte sie böse an.
Nichts hatte mehr Geschmack. Nichts passte zum andern, das obere nicht zum
untern, die Pfanne nicht zum Stiel. Es juckte ihn in den Fingern, die Lampen von
den Haken zu reissen; wenn zwei die Köpfe zusammensteckten und wisperten, packte
ihn ein Rasen; er hätte einen Stuhl aufheben und ihnen die Schädel einschlagen
mögen. Ein Frauenzimmer begrüsste ihn mit Zärtlichkeiten; er griff ihr so grausam
roh an die Kehle, dass sie entsetzt aufschrie. Ihr Kerl stellte ihn zur Rede, zog
das Messer; die Augen beider schleimten vor Hass; der Wirt und einige, die Anlass
hatten, Lärm zu fürchten, stifteten einen Notfrieden. Die Miene des Burschen
drohte noch; Niels Heinrich meckerte. Was konnte der ihm anhaben? Was konnten
die übrigen ihm anhaben? Schweinebande. Die ganze Menschheit überhaupt -
Schweinebande. Was wars denn? Was kümmerte einen denn?
    Drei Wörtchen aber, um die war nicht herumzukommen. »Ich erwarte Sie.« Ins
Gesabber und Geschlapper dieses Hundevolks hinein: »Ich erwarte Sie.« Und wie er
vor einem dagestanden war, der Mensch! Niels Heinrich saugte die Lippen in die
Zähne. Ekel war ihm, sein eigen Fleisch zu schlürfen.
    »Ich erwarte Sie.« Klippeklar, mein Junge, komme jleich; warte du nur, biste
schwarz wirst.
    »Ich erwarte Sie.« Ruhe! Ob man wohl Ruhe kriegte! Hältste den Rand nicht,
so lass ick dir im steiwen Arm verhungern.
    »Ich erwarte Sie.« Nur Geduld, ick treff dir schon noch mal, aber janz wo
anders.
    »Ich erwarte Sie.«
    Neue Zeugen hatten sich gemeldet. In der Wisbyer und Stolpischen Strasse
hatten Leute die Rut Hofmann zuletzt in Begleitung eines Mädchens und eines
riesigen Fleischerhundes gesehen. In der Prenzlauer Allee waren alle
bedenklichen Häuser abgesucht worden. Spelunken gab es dort die Menge, aber das
Haus zu »Adelens Aufentalt« lenkte vornehmlich die Aufmerksamkeit auf sich. Es
befand sich daselbst ein Hund wie der beschriebene; ein Hund ohne Eigentümer
allerdings. Einige sagten, er hätte einem Neger gehört, der im Zirkus bedienstet
gewesen, andre, er sei aus dem Schlachtviehhof zugelaufen.
    Im Keller entdeckte man Spuren des Mordes. Ein wurmstichiges Brett, das in
einem Verschlag gefunden wurde, war über und über schwarz von Blut;
wahrscheinlich war es bei Verübung der Tat auf zwei Holzböcken gelegen, die noch
im Keller standen. Als der herrenlose Hund in den Keller geführt wurde, heulte
er. Fünfzehn bis zwanzig Personen, der Wirt und eine Schenkmamsell, die
Stammgäste der Kneipe und die Bewohner des Hauses wurden in strenges Verhör
genommen. Unter den letzteren machte sich die Dirne Molly Gutkind durch ihre
verworrenen Angaben und ihr verstörtes Wesen in hohem Grade verdächtig. Am
selben Tage noch wurde sie in Untersuchungshaft gesetzt.
    Den Abend vorher war Niels Heinrich bei ihr gewesen. Seine heimlichen
Erkundigungen hatten die Gerüchte bestätigt, die früher zu ihm gedrungen waren,
und sie als diejenige bezeichnet, die einen fremden Knaben bei sich beherbergt
hatte. Er hatte beschlossen, ihr die Daumenschrauben anzulegen. Darauf verstand
er sich.
    Er gewann den Eindruck, dass sie wohl ihm selbst nicht gefährlich werden
konnte, dass sie aber doch von den Vorgängen eine allgemeine Kenntnis erlangt
hatte. Wenn er sich ins Gedächtnis rief, was Wahnschaffe über den Bruder der
Jüdin erzählt hatte, war der Zusammenhang klar. Hätte er nur den Jungen in die
Klauen gekriegt, er hätte schon dafür gesorgt, dass ihm die verdammte Zunge noch
eine Weile lahmte. Blödsinniger Zauber, der ihn gerade zu der kleinen Made hier
ins Haus geführt. Nun musste er das Weibsstück irgendwie unschädlich machen.
Obgleich kein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen war und sie wie ein
Sägespan zitterte, wenn er sie nur anschaute, verriet sie doch ihre
Wissenschaft, die aus den Delirien des Knaben stammte und die die Ereignisse
später ergänzt hatten. Sie weinte sich die Augen aus, gestand, dass sie seitdem
nicht mehr aus dem Hause gegangen sei und die schrecklichste Angst davor habe,
einen Menschen zu sehen. Niels Heinrich äusserte kalt, wenn ihr das Leben lieb
sei und sie den Jungen nicht ins Elend stürzen wolle, möge sie sich andern
gegenüber nicht so schafsdämlich lassen wie gegen ihn; er kenne einen, falls der
Wind bekomme von ihrem Gequassle, werde er ihr stantepede den Hals umdrehen. Sie
solle sich auf die Eisenbahn setzen und verduften, und das schleunig; wo sie
denn zu Hause sei? Pasewalk oder Itzehoe? Sie solle verduften, schleunig,
schleunig, oder er werde ihr Beine machen. Sie erwiderte schluchzend, sie könne
nicht heim, der Vater habe gedroht, sie zu erschlagen, die Mutter habe sie
verflucht. Er sagte, wenn er morgen wiederkomme und sie noch hier finde, werde
er ihr die Flötentöne beibringen.
    Am andern Tag wurde sie verhaftet; am zweiten erhielt Niels Heinrich die
Nachricht, dass sie sich nachts in der Zelle, unbemerkt von den Mitäftlingen, am
Fenstergitter erhängt habe, die kleine Made.
    Er nickte anerkennend.
    Aber die Sicherung nach dieser Seite bedeutete wenig. Das Netz wurde eng.
Überall war Geraune. Blicke krochen hinter einem. Oft fuhr er wild herum, als
wolle er einen Aufpasser abfangen. Geld war immer schwerer zu beschaffen. Der
Verkauf von Karens Habseligkeiten brachte kaum fünfzig Taler. Und dann, was
früher Spass bereitet hatte, davor ekelte einem jetzt. Es war nicht schlechtes
Gewissen. Schlechtes Gewissen, das war eine unbekannte Vokabel für ihn. Es war
Verachtung des Lebens. Kaum mochte er aufstehen am Morgen. Der Tag war wie
zerflossener, stinkender Käse. Jezuweilen kam der Fluchtgedanke. Man war schlau
genug, man konnte die Späher und Spitzel übertölpeln, ohne dass man sich
anstrengte; man würde schon einen Ort finden, wo man ausser ihrem Bereich war,
man hatte sich das ausgerechnet: erst mal zu Fuss, dann mit der Bahn, dann auf
ein Schiff wenn nicht anders, so als blinder Passagier im Kohlenraum, manchem
war das geglückt. Aber wozu? Vor allem musste reiner Tisch werden zwischen ihm
und dem Menschen. Den Menschen musste er erst aushorchen und klein kriegen. Den
Menschen konnte er nicht im Rücken lassen. Der Mensch erwartete ihn; gut, er
würde kommen.
    War es bloss Vorwand für etwas, das stärker war als Hass und finstere Neugier,
so war es doch der gebieterischste, und treibendste. Mehrmals trat er den Weg
an. Zu Beginn war er noch ruhig und entschlossen; kam die Strasse, kam das Haus
in Sicht, so kehrte er um. Die anfängliche Beruhigung verwandelte sich in
erstickenden Zorn. Schliesslich wuchs die Spannung ins Unerträgliche. Es war ein
Freitag. Er verschob es noch um einen Tag. Am Samstag verschob er es bis zum
Abend. Dann ging er hin. Strich erst noch eine Weile ums Haus, blieb am Tor
stehen, blieb im Hofe stehen, sah Licht in der Wohnung, ging hinein.
 
                                       16
Lätizia bezog mit der Gräfin und dem ganzen Tross in der Fürst-Bismarck-Strasse,
nahe dem Reichstagsgebäude, eine prunkvoll möblierte Wohnung. Crammon mietete
sich im Hotel de Rome ein. Er liebte nicht die modernen Berliner Hotels mit
ihrem betrügerischen Luxusfirnis. Er liebte überhaupt nicht die Stadt, und der
Aufentalt bereitete ihm täglich neues Unbehagen. Spazierte er über die Linden
oder durch den Tiergarten, so bot er ein Bild der Freudlosigkeit; der Kragen
seines Pelzmantels war in die Höhe gestellt und liess vom Gesicht nur die
missmutig blickenden Augen und die kleine, nicht eben edel geformte Nase frei.
    Auf solchen einsamen Gängen wurde er mehr und mehr zum Hypochonder.
    »Kind, du ruinierst mich,« sagte er zu Lätizia, als sie, an einem Sonntag,
das Vergnügungsprogramm für die Woche entwarf.
    Lätizia sah ihn erstaunt an. »Aber Tantchen bekommt ja zwanzigtausend Mark
vom Majoratsherrn,« rief sie aus, »du hast es ja selbst gehört.«
    »Gehört, aber nicht gesehen,« erwiderte Crammon. »Geld muss man sehen, dann
kann man dran glauben.«
    »Pfui, was für ein nüchterner Mensch du bist,« sagte Lätizia, »lügt Tantchen
vielleicht?«
    »Nicht gerade, dass sie lügt, aber sie hat ein zu schwärmerisches Verhältnis
zu den Ziffern. Wie wenn eine Null mehr oder weniger nichts bedeutete als eine
Erbse im Erbsensack. Eine Null ist etwas Riesiges, meine Liebe, etwas
Dämonisches. Die Null ist der grosse Bauch der Welt; die Null ist mächtiger als
das Hirn des Aristoteles und die Armeen des Deutschen Reiches. Ehrfurcht vor der
Null, ich bitte.«
    »Wie weise, wie weise,« sagte Lätizia bekümmert. »Übrigens ist Tantchen
krank,« fuhr sie lebhaft fort; »sie leidet an Herzbeschwerden. Der Arzt war da
und hat ihr ein Rezept verschrieben, ein neues Medikament, mit dem er Versuche
macht, eine Mischung aus Brom und Kalk.«
    »Warum Brom und Kalk?« erkundigte sich Crammon verdrossen.
    »Nun ja, Brom beruhigt und Kalk regt an,« plauderte Lätizia drauflos,
stockte und brach in reizendes Lachen aus. Crammon, wie ein Schullehrer, der
Würde zu bewahren hat, entschloss sich erst nach einiger Zeit, mitzulachen. Er
warf sich in einen der tiefen Klubsessel, zog ein Tischchen heran, auf welchem
Obst in einer Schale und goldene Messerchen lagen und begann einen Apfel zu
schälen. Lätizia, ihm gegenübersitzend, ein geschlossenes Buch in der Hand,
schaute ihm mit einer feinen und listigen Aufmerksamkeit zu. Ihr gefielen die
graziösen Bewegungen Crammons. Der Kontrast von Plumpheit und Anmut bei ihm
ergötzte sie stets.
    »Ich höre, dass du mit dem Grafen Egon Rochlitz kokettierst,« sagte Crammon,
während er mit einem ihn ganz durchdringenden Genuss den Apfel verspeiste; »ich
möchte dir von dem Manne abraten. Der Mann ist ein berüchtigter Schürzenjäger.
Er ist in diesem Punkt undifferenziert wie ein Feldwebel. Wenns nur Hüften und
Busen hat, das übrige ist ihm egal. Der Mann steckt bis über den Kopf in
Schulden; die einzige Hoffnung seiner Gläubiger ist, dass er reich heiratet. Der
Mann ist ausserdem Witwer und hat drei kleine Mädchen, die ihn Vater nennen.
Somit weisst du, wie du mit dem Mann dran bist.«
    »Sehr schön,« antwortete Lätizia, »gut, dass du mir das alles mitteilst. Aber
wenn ich den Mann leiden mag, warum sollten mich da deine moralischen Bedenken
hindern, ihn weiterhin sympatisch zu finden? Schürzenjäger sind viele; Schulden
haben alle, drei kleine Mädchen aber haben die wenigsten, und das ist
entzückend. Er ist klug, gebildet und distinguiert, und seine Stimme klingt
angenehm. Wenn ein Mann eine angenehme Stimme hat, dann ist es schon kein ganz
schlechter Mann. Will ich ihn denn heiraten? Bist du bereits ein so verrosteter
böser alter Stiefvater, dass du glaubst, man müsste jeden heiraten, der ... na,
der eine angenehme Stimme hat? Oder hast du Angst, du Geizhals, dass ich dich um
eine Mitgift prellen will? Sicher bist du deswegen in so niederträchtiger Laune.
Gesteh, Bernhard, sag es offen; beichte!« Sie stand vor ihm, lächelnd, im Scherz
gebietend, berührte mit dem Zeigefinger seine Stirn, und die andre Hand hatte
sie halb drohend, halb feierlich erhoben.
    Crammon sagte: »Kind, du lässt es wieder einmal am schuldigen Respekt fehlen.
Beachte doch meinen gelichteten Scheitel. Bedenke doch die Jahre, die
Erfahrungen. Sei klein! Sei verzagt! Höhne deinen würdigen Hervorbringer nicht.
Meine Laune? Na ja, sie ist die beste nicht. Ich hatte einst eine bessere. Du
scheinst nicht zu wissen, dass in dieser Stadt, ganz unten wo, ganz draussen, in
ihren Sümpfen und Elendswinkeln der Mensch lebt, der mir vor allen teuer war,
Christian; Christian Wahnschaffe. Nach ihm hast du ja auch mal deine Angel
ausgeworfen, in grauer Vorzeit, erinnerst du dich? Wie lang ist das her! Das
wäre ein Fang gewesen. Esel, der ich war, dass ich mich der niedlichen kleinen
Intrige widersetzt habe. Vielleicht wäre alles anders gekommen. Aber es hat
keinen Zweck, zu murren. Zwischen ihm und mir ist es aus. Dortin führt für mich
kein Weg. Und doch treibt es mich, doch zwickts mich heimlich, und indem ich
hier sitze und mirs wohl sein lasse, ist mir zumut, als beginge ich eine
Schurkerei.«
    Lätizia hatte mit grossen Augen gelauscht. Es war seit den Tagen von
Wahnschaffeburg das erstemal, dass von Christian mit ihr gesprochen wurde. Sein
Bild erhob sich. Sie spürte in ihrer Brust ein mattes, banges Flügelschlagen. Da
war eine Süssigkeit, und da war ein Schmerz. Man musste vergessen können, wie sie
vergass, um so im Augenblick, beim heraufquellenden Glockenklang einer
Herzensstunde, des tiefsten Gefühls wieder innezuwerden.
    Sie fragte. Erst liess sich der widerwillige Erzähler Satz um Satz abringen,
dann, von ihrer Ungeduld getrieben, kam er in freien Fluss. Das fassungslose
Erstaunen Lätizias schmeichelte ihm; er trug starke Farben auf. Ihr zartes
Gesicht widerspiegelte die Erregungen der Seele im Nu. Alles wurde Vorstellung
und Gegenwart in ihrer schwingenden Phantasie, Erschütterung in ihrem Gemüt. Sie
brauchte keine Deutungen, sie hatte sie in sich. Voller Ahnung schaute sie ins
unbekannte Dunkel nieder und voller Begriff zugleich. Ja, es war ihr so
vertraut, im Sinne eines Gedichts vertraut, als hätte sie mit Christian gelebt
in all der Zeit, und sie wusste mehr als Crammon zu berichten hatte, unendlich
viel mehr, sie umfing das Ganze, Idee und Figur, Schicksal und Leiden. Sie
erglühte; sie sagte: »Ich will zu ihm,« erschrak bei der Vorstellung einer
Begegnung, entwarf im Geiste einen hinreissenden Brief und fand Crammons
Lässigkeit ärgerlich, seine weinerlichen Klagen sinnlos.
    »Ich habe es immer gespürt,« sagte sie mit leuchtenden Augen, »dass eine
verborgene Kraft in ihm ist. Wenn ich meine gelüstigen Gedanken hatte, und er
sah mich an, dann schämte ich mich. Er konnte die Gedanken lesen, aber er hat es
selbst nicht gewusst.«
    »Du hast schon einmal klüger geredet, als du jetzt redest,« spottete
Crammon. Aber sie rührte ihn in ihrem Entusiasmus, und eine Eifersucht auf alle
Männer, die die Hände nach ihr streckten, schoss in ihm empor.
    »Ich will zu ihm gehen,« sagte sie lächelnd, »und mein Herz bei ihm
erleichtern.«
    »Damals warst du klüger, als du beim Gewitter den Ball springen liessest im
schönen Saal,« murmelte Crammon, in die Erinnerung verloren. »Sticht dich der
Hafer, mein Töchterchen, dass du Magdalena spielen willst?«
    »Ich möchte einmal vier Wochen in der Einsamkeit leben,« sagte Lätizia
sehnsüchtig.
    »Und dann?«
    »Dann würde ich vielleicht die Welt verstehen. Ach, es ist alles so
sonderbar und melancholisch.«
    »O du liebe Jugend! Deine Worte sind blühender Kohl.« Crammon seufzte und
griff nach einem zweiten Apfel.
    Es kam dann die Schneiderin mit einem neuen Abendkleid für Lätizia. Sie zog
sich in ihr Zimmer zurück, und nach kurzer Weile erschien sie wieder, erregt von
ihrer Neuheit, und Crammon sollte bewundern, da sie sich bewundernswert fühlte.
Aber es lag auch ein wehmütiger Glanz über ihrem Wesen, und während sie schon
die Blicke vieler auf sich gerichtet sah, denen sie bald entgegentreten würde,
denn Crammons Wohlgefallen war ihr nicht genug, dachte sie schwelgend an Abkehr
und Entsagung.
    Sie ging auch zur Gräfin-Tante hinüber, um deren lärmende Begeisterung
einzukassieren, und sie dachte an Abkehr und Entsagung.
    Man brachte ihr einen Strauss Rosen, aber als sie mit jener hingegebenen
Freude, die Blumen in ihr erweckten, daran roch, erblasste sie und dachte an
Christians schweres und dunkles Leben. Ich gehe zu ihm, nahm sie sich vor; aber
am Abend war Ball beim Fürsten Radziwill.
    Dort traf sie Wolfgang Wahnschaffe, mied ihn jedoch in instinktiver Scheu.
Sie wurde sehr gefeiert. Ihre Natur und ihr Schicksal standen auf einem Gipfel
und übten eine sichere Magie aus, der sie unschuldig-schlau alle Vorteile
abgewann, welcher sie habhaft werden konnte.
    Auf dem Nachhauseweg, im Auto, fragte sie Crammon: »Sag mal, Bernhard, wohnt
nicht auch Judit in Berlin? Hast du von ihr gehört? Ist sie glücklich mit dem
Schauspieler? Warum besuchen wir sie nicht?«
    »Niemand verwehrt es dir, sie zu besuchen,« antwortete Crammon in den
dichtfallenden Schnee hinein; »sie wohnt in der Mattäikirchstrasse. Ob sie
glücklich ist, kann ich dir nicht sagen; es interessiert mich nicht. Da hätte
man viel zu tun, wenn man sich den Kopf zerbrechen wollte, ob die Frauen, die
mit unsern Freunden ins Ehebett steigen, auch ihre Rechnung dabei finden. Lorm
ist nicht mehr, was er gewesen, das steht fest, nicht mehr der Unvergleichliche
und Einzige. Ich nannte ihn einstmals den letzten Fürsten in dieser Welt, die
langsam einer unseligen Verplebsung zusteuert. Das ist vorbei. Es geht bergab
mit ihm, und deshalb weich ich ihm aus. Ein Mann, der fällt, ein Künstler, der
sich verliert, es gibt nichts Traurigeres auf Erden. Daran ist diese Frau
schuld. Ja ja, lache nicht, daran ist das Weib schuld.«
    »Wie grausam und böse du bist,« sagte Lätizia und lehnte schläfrig ihre
Wange an seine Schulter.
    Sie beschloss, zu Judit zu gehen. Es dünkte ihr eine Vorstufe zu dem andern,
schwereren Beginnen, das sie dadurch noch aufschieben konnte, und für das ihr
Mut noch nicht reif war. Wenn sie es als Abenteuer sah, lockte es, aber eine
Stimme rief ihr zu, dass es ein Abenteuer nicht sein durfte.
 
                                       17
Jedesmal, wenn Christian Johanna Schöntag sah, war sie abgezehrter und
verhärmter. Unter seinem beobachtenden Blick lächelte sie, und das Lächeln
sollte täuschen. Sie glaubte sich genügend geborgen hinter ihrem Witz und den
kleinen Harlekingrimassen.
    Sie kam meist gegen Abend, um eine Stunde oder länger bei Michael zu sitzen.
Es war ihr zur Pflicht geworden. So leichtsinnig sie sich gab, so pedantisch war
sie in der Erfüllung der Aufgaben, denen sie sich unterzogen hatte. An dem Tag,
wo sie merkte, der Zustand des Knaben wende sich zum Bessern und erfordere daher
ihre Betreuung nicht mehr, malte sich das Gefühl, nutzlos zu sein, so lebhaft in
ihren Zügen, dass Michael sie prüfend anschaute und einen Begriff ihres Wesens in
sich bildete. In seinen Augen schimmerte, durch Trotz und die alte Menschenangst
noch zurückgedämmt, Dankbarkeit für ihre Opfer. Sie fing an, ihn zu
beschäftigen; ihre Art war so fremd und so verwandt; Vertrauen bis zum offenen
Wort konnte er nicht fassen, aber wenn sie fortgehen wollte, bat er sie, noch zu
bleiben; wenn das übliche Schweigen zwischen ihnen war und Johanna das Buch
aufschlug, das sie mitgebracht hatte, einen französischen oder englischen Roman,
und, ohne recht zu lesen, den innen gequälten Blick über die Zeilen gleiten
liess, stellte er eine Frage, nach einer Weile wieder eine und wieder eine, und
so entstanden Gespräche, in denen sie einander suchten und erforschten. Johanna
war überlegen oder spöttisch oder mütterlich oder abweisend, je nachdem, sie
hatte Waffen und Hüllen die Menge, und er war lehrhaft oder scheu oder zufahrend
hitzig. Was sie sagte, klang vieldeutig; es verwirrte ihn; brach sie darüber in
ihr spitzes Lachen aus, so war er ernüchtert und verletzt.
    Sie sollte erzählen, wo sie herkam, wer sie war, was sie trieb; und sie
erzählte von ihrer Jugend und von ihrem Elternhaus. Für ihn, der nur die Armut
kannte, war es ein Märchen. Er sagte: »Sie sind schön,« und er fand sie wirklich
schön, es war eine naive Huldigung, die sie erröten machte, fast verlieh sie ihr
ein wenig Lebensfreude; nur ihre Hände, fügte er hinzu, seien nicht die Hände
einer Reichen. Sie schien überrascht und antwortete mit dem Ausdruck des
Selbstasses, ihre Hände seien, was der Buckel beim Buckligen und der Bocksfuss
beim Teufel sei, ein Wahrzeichen, woraus man ihre eigentliche Beschaffenheit
ersehen könne.
    Michael schüttelte den Kopf. Aber er verstand nun ihre frierende Seele, die
unendliche Sehnsucht darin und die unendliche Enttäuschung. Auf seine Frage nach
ihrem Ziel und Tun schaute sie trüb-verwundert; gab es das, für ein Geschöpf wie
sie, Ziel? Betätigung? Zu andrer Stunde dann offenbarte sie flagellantisch die
vollkommene Inhaltslosigkeit ihres Lebens; alles war nur ein übler Spass, den
sich das Schicksal mit ihr erlaubte, eine Medizin, die man schlucken musste, um
geheilt zu werden. Die Heilung war dort, wo das Leben nicht mehr war.
    Sie plauderte dergleichen so hin; es sollte nicht bitter sein; nicht einmal
der Mühe, bitter zu sein, lohnte es, dies Nichtige, Graue, Erbärmliche. »Wenn
nur wenigstens nicht so viele Menschen auf der Welt wären,« seufzte sie und
verzog die Stirn in ihrer komischen Weise. Doch schämte sie sich auch vor dem
Knaben, ward sich bewusst, dass sie in Worten frevelte, denn ihr Gefühl war ja
Qual für sie, und sie konnte nicht spüren, was es an Wärme spendete. Furchtsam
mass sie das Verständnis des kaum Fünfzehnjährigen an seinem düsteren Erlebnis,
von dem sie keine Kunde besass, an seinem düsteren Geist, der ihn reifer
erscheinen liess, und sank noch mehr in ihrer eignen Achtung, als sie ihn
nachdenklich und bewegt sah.
    Aber gerade ihre hingeworfene, heimlich blutende Schwäche, der
zerfleischende Kampf, den sie fast wie eine Wahnsinnige gegen sich selbst
führte, brachte ihn zum Erwachen und entzündete den Willen zur Welt in ihm. Er
sagte: »Sie hätten Rut kennen müssen.« Seltsamer Schatten Ruts trat aus
Johanna hervor, Widerspiel Ruts. »Sie hätten Rut kennen müssen,« sagte er
immer wieder, und ihrem Warum antwortete nur sein aufleuchtendes Auge, in dem
Ruts Bild bis jetzt geschlummert zu haben schien, um nun, in eine Flamme
verwandelt, ihn zu führen.
    Johanna sagte zu Christian: »Ich glaube, dein Schützling braucht mich nicht
mehr. Du brauchst mich erst recht nicht; also bin ich hier überflüssig und
drücke mich einstweilen.«
    »Ich möchte gern mit dir sprechen,« sagte Christian; »schon längst wollte
ich dich darum bitten. Willst du morgen um dieselbe Stunde kommen? Oder soll ich
zu dir kommen? Mach einen Vorschlag, ich füge mich dir.«
    Sie erblasste und erwiderte, sie wolle kommen.
 
                                       18
Sie kam um fünf Uhr; es war schon dunkel. Sie gingen in die Wohnung im
Vorderhaus, da im Hofzimmer Michael war. Zur Überraschung Christians hatte der
Knabe heute plötzlich den Wunsch nach Unterricht und einem Lehrer geäussert; auch
hatte er gefragt, wie er künftig sein Leben einrichten, wohin er gehen, zu wem
er gehen solle, wer ihn ernähren, wer ihn kleiden würde, er könne Christian
nicht länger zur Last fallen. Seine Worte und sein Wesen waren von einer
gewissen Entschlossenheit durchtränkt, die er bisher nie gezeigt. Christian
hatte eine befriedigende Antwort nicht gleich zu geben vermocht; der Umschwung
erregte zunächst seine Bestürzung, und während er Johanna voranschritt und in
der ersten Stube Licht machte, überlegte er die schwierige Entscheidung noch.
    Die Tür zur andern Stube, Karens Sterbezimmer, war versperrt. Im Ofen
brannte schwaches Holzfeuer, das Isolde Schirmacher auf Christians Geheiss
angeschürt. Sie kam auch jetzt, legte Scheite nach und verschwand trippelnd.
    Johanna sass auf dem Sofa und blickte wartend. Sie zitterte vor dem ersten
Wort, das sie hören, dem ersten, das sie sprechen würde. Den Mantel hatte sie
nicht abgelegt; Hals und Kinn versanken im Pelzkragen.
    »Es ist ein bisschen unheimlich hier,« sagte sie endlich leise, da Christian
so lange schwieg.
    Christian setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. »Du siehst leidend aus,
Johanna,« begann er; »woran leidest du? Würde es dich nicht erleichtern, darüber
zu sprechen? Sprich mit mir darüber. Du wirst natürlich sagen, ich könnte dir
nicht helfen. Und das ist wahr. Man kann niemals helfen. Aber die Dinge stocken
und verfaulen doch nicht so in einem, wenn man sich einem Freund mitteilt.
Findest du nicht?«
    »Du kommst spät,« erwiderte Johanna flüsternd, schaudernd, und zog die
Schultern in die Höhe, »du kommst sehr, sehr spät.«
    »Zu spät?«
    »Zu spät.«
    Christian sann eine Weile betroffen. Er umschloss die Hand Johannas fester
und fragte schüchtern: »Er quält dich? Was geht vor zwischen euch beiden?«
    Sie fuhr auf, starrte ihn an, knickte wieder zusammen. Sie lächelte
kränklich und sagte: »Ich wäre jedem dankbar, der eine Hacke nähme und mich
erschlüge. Mehr bin ich nicht wert.«
    »Warum, Johanna?«
    »Weil ich mich weggeworfen habe, weggeschmissen, weil ich mich im Unrat
wälze, wo er am dicksten und gemeinsten ist,« brach es schneidend und jammernd
aus ihr, und mit bebenden Lippen schaute sie in die Höhe.
    »Du siehst dich falsch und siehst Menschen falsch,« entgegnete Christian;
»alles ist verzerrt in dir. Was du sagst, straft dich, was du verschweigst,
erstickt dich. Hab doch ein wenig Mitleid mit dir selbst.«
    »Mit mir?« sie lachte hölzern, »mit mir? Mit so einem Abschaum? Das verlange
nicht. Eine Hacke; bloss eine Hacke zum Erschlagen!« Ihre Worte verwandelten sich
in ein wildes Aufschluchzen; dann schwieg sie eisig.
    »Was hast du getan, Johanna, dass du so ausser dir bist? Was hat man dir
getan?«
    »Du kommst zu spät. Hättest du früher einmal gefragt, nur gefragt. Es ist zu
spät. Es war zu viel Zeit. Die Zeit hat mir den Garaus gemacht. Ich hab mein
Herz vertan.«
    »Sag mir, wie.«
    »Einmal ist einer gewesen, der hat das schwere dunkle Tor ein Spältchen weit
aufgemacht, da dachte man: jetzt wird es schön. Aber er schlug das Tor gleich
wieder zu. Den Knall spür ich noch in allen Gliedern. Es war unvorsichtig, eine
unvorsichtige Narrheit. Ich hätte nichts ahnen dürfen von der Schönheit hinterm
Tor.«
    »Du hast recht, Johanna. Es trifft mich. Aber sage mir, was ist jetzt mit
dir? Warum bist du so zerstört?«
    Johanna blieb eine Weile still. Dann antwortete sie: »Kennst du die
Geschichte von der Gänsemagd, die in den eisernen Ofen kriecht, um ihr Leid zu
klagen? O Falada, da du hangest, o Jungfer Königin, da du gangest, wenn das
deine Mutter wüsst, das Herz im Leib tät ihr zerspringen. Ich habe nicht zu
schweigen gelobt und kann in keinen Ofen schlüpfen, aber jemand ansehen und mich
ansehen lassen, das geht nicht. Setz dich ans Fenster und schau hinaus. Schau
mich nicht an, dann will ich klagen.«
    Folgsam und ernst erhob sich Christian und setzte sich mit dem Rücken gegen
Johanna ans Fenster.
    Mit hoher, fast singender Stimme begann Johanna. »Du weisst, dass ich dem
Menschen ins Garn gelaufen bin, der dein Freund war. Es war eben zu viel Zeit
und nichts drinnen in der Zeit. Er hat sich aufgeführt, als ob er umkommen
müsste, wenn er mich nicht hätte. Er hat mich eingeschläfert mit seinen Worten,
hat mir den Willen gebrochen, den Willen, lieber Himmel, das Rudiment von
Willen, und hat mich genommen wie man etwas nimmt, das herrenlos am Weg liegt.
Und als er mich dann hatte, da ging das Elend an. Tag und Nacht folterte er mich
mit Fragen, Tag und Nacht, immerfort, als wär ich sein gewesen schon im
Mutterleib. Kein Frieden war mehr in mir, wie blind bin ich geworden vor Scham,
und eines Tages bin ich auf und davon, da bin ich hierhergegangen zu dir, da kam
gerade der Knabe, und jenes Schreckliche war geschehen, und du hattest natürlich
gar keine Augen für mich, und ich, ich sah erst, wie tief ich gesunken war und
was ich aus meinem Leben gemacht hatte.«
    Sie blickte eine Weile leer vor sich hin; dann schloss sie die Augen und fuhr
fort. Sie habe sich an jenem Abend so entsetzlich verlassen gefühlt, dass sie
jeden Pflasterstein beneidet habe, weil er neben andern Pflastersteinen lag. Da
habe sie sich auf einmal ein Kind gewünscht, mit aller Kraft, mit aller
Sehnsucht, wie das zugegangen sei, könne sie nicht erklären. Aber mit aller
Sehnsuchtswut ein Kind, etwas aus Fleisch und Blut zum Lieben. Und wie sie
vorher in Christians Stube beim Warten auf ihn ein heimlich-neidisches
Probestück veranstaltet, ob er dem Jammer des Knaben, dem Fürchterlichen, um das
sie noch nicht gewusst, standhalten würde, o, ihre Brust sei ja eine wahre
Pestgrube von Neid, das müsse er jetzt erfahren, nun, so habe sie auch sich
selbst vor die Entscheidung gestellt und alles davon abhängig gemacht, ob sie
ein Kind bekommen könne oder nicht. Und als Amadeus zu ihr gekommen, habe sie
sich ihm wieder an den Hals geworfen, nur aus Berechnung, nur zum Zwecke. Käme
so was öfter vor in der Welt? Sei so was schon mal passiert? Und als die Zeit um
war, habe sichs gezeigt, dass auch dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen wollte,
und dass sie nicht einmal zu dem gut war, was das erstbeste Weib aus dem Volk
fertig bringe. Nicht einmal zu dem war sie gut. Inzwischen aber habe das
Schicksal so tückisch gespielt, dass sie angefangen habe, den Mann zu lieben. Er
sei ihr so ähnlich erschienen mit ihr selbst, es habe nicht anders kommen
können; so voll Neid, so gemieden von Menschen, so verkrampft und verstrickt;
das Gleichartige habe sie bezwungen. Freilich, ob es Liebe gewesen sei oder
etwas andres. Schreckliches, was in keinem Buch stehe und wofür es keine
Bezeichnung gebe, das könne sie nicht sagen. Wenn es Liebe sei, sich anklammern
ans Letzte und verstört hinhorchen aufs Ende, ausgelöscht werden und wieder
angezündet werden, dass zwischen Brand und Asche kein Atemzug einem selbst
gehöre, fremdes Gesicht tragen, fremdes Wort reden, sich schämen und bereuen und
auftrotzen und das Bewusstsein fliehen und in Sinnenangst und Geistesangst sich
hinschleppen, und nichts mehr besitzen, nicht Freund, nicht Schwester, Blume
nicht und Träume nicht, wenn das Liebe sei, nun, dann sei es ihre Liebe gewesen.
Aber es habe nicht lange gedauert, da habe Amadeus Überdruss und Kälte merken
lassen, da sei er lahm geworden. Wie er alles an ihr aufgefressen, was sie ihm
zum Verschlingen hingelegt, sei er satt gewesen und habe ihr zu verstehen
gegeben, dass sie ihm im Wege sei. Da habe sie ein Schauder angefasst und sie sei
weggegangen. Und der Schauder sitze ihr noch im Herzen. Alles an ihr sei kalt
und alt. Sie vergesse nicht sein rohes Gesicht in der letzten Stunde, seinen
Hohn, seine Zufriedenheit. Sie könne nicht mehr lachen, nicht mehr weinen. Sie
schäme sich. Sie möchte sich am liebsten hinlegen und warten, bis es aus sei.
Sie sei grauenhaft müde, und es ekle ihr durch und durch.
    Sie schwieg. Christian rührte sich nicht. Es verflossen lange Minuten, dann
erhob sich Johanna und trat zu ihm. Ohne sich zu rühren schaute sie durchs
Fenster in die Dunkelheit hinaus wie er. Dann legte sie ihm geisterartig die
Hand auf die Schulter. »Wenn das meine Mutter wüsst, das Herz im Leib tät ihr
zerspringen,« flüsterte sie.
    Er verstand das animalische Anschmiegen und stumme Flehen. Das Kinn auf die
Faust gestützt, sagte er: »Ihr Menschen, was tut ihr!«
    »Wir verzweifeln,« antwortete sie trocken, mit eckigen Lippen.
    Christian stand auf und fasste ihren Kopf zwischen beiden Händen. »Du musst
dich hüten, Johanna, vor dir hüten,« sprach er.
    »Der Teufel hat mich geholt,« gab sie zurück, empfand aber im gleichen
Augenblick die Macht seiner Berührung. Sie wurde bleich, schwankte, sammelte
sich wieder, sah ihm in die Augen, erst unsicher, dann fester, versuchte zu
lächeln, lächelte weh, dann ergeben, dann, nach einem Aufatmen, mit leiser
Freudigkeit.
    Er liess sie. Er wollte noch etwas sagen, fühlte aber, wie unzulänglich und
dürftig Worte waren.
    Sie ging mit gesenktem Kopf, aber immer noch mit dem erkämpften Lächeln von
vielen Bedeutungen.
 
                                       19
Es geschah, dass Christian in einer Nacht oben schlief und durch das gellende
Geschrei der Stübbeschen Kinder aufgeweckt wurde. Er zog sich hastig an und ging
hinüber.
    Auf dem Tisch stand eine dick schwelende Petroleumlampe, daneben lag, in
schmierigen Lumpen, ein Säugling. Zwei Kinder, zwei- und dreijährig, hatten sich
auf dem Strohsack emporgerichtet, mit Fetzen von Hemden bekleidet, und stiessen,
während sie sich krampfhaft umklammert hielten, ein entsetzliches Angstgebrüll
aus. Ein viertes Kind, ein fünfjähriger Knabe, der ungemein verwahrlost aussah,
kniete vor einem Haufen zerbrochener Teller und Gläser, hatte das Gesicht mit
den Händen bedeckt und heulte in sich hinein. Das fünfte Kind, ein acht- bis
neunjähriges Mädchen, stand bei der regungslos auf dem Boden liegenden Mutter
und hatte die magern nackten Ärmchen mit bittend gefalteten Händen gegen den
Unhold erhoben, der ihr Vater war und der ununterbrochen, mit viehischer Wut auf
das Weib losschlug. Er bediente sich hierzu eines abgebrochenen Stuhlbeins, und
unter den mit grösster Wucht geführten Hieben bildeten sich furchtbare Wunden;
die Frau gab keinen Laut mehr von sich; sie zuckte nur noch bisweilen, ihr
Gesicht war graublau; der Kittel und der rote Unterrock, den sie trug, war
zerfetzt, und aus allen Öffnungen rieselte das Blut.
    Die Tollwut Stübbes wuchs mit jedem Schlag. Seine Augen fluoreszierten
gespenstisch; über seinen Bart troff Schleim und Geifer; seine Haare waren
gesträubt und schweissverklebt, die Züge aufgequollen und violett bis ins
Schwärzliche; Laute, halb Gelächter, halb Gegurgel, dann wieder gestöhnte
Flüche, irres Röcheln und Pfeifen kamen aus seinem Schlund. Ein Schlag traf das
stehende Kind; es stürzte aufs Gesicht nieder und ächzte.
    Da packte Christian den Menschen. Mit beiden Händen umdrosselte er ihm den
Hals; mit verzehnfachter Kraft rang er ihn nieder. Es graute ihm unsäglich vor
dem Fleisch, das er spürte; in seinem Grauen wurde ihm der Raum mit dem Elend
drin zur kugeligen Wölbung; er und das Tier schwebten haltlos im Leeren; er roch
den Schnaps, der aus dem aufgesperrten Rachen des Tiers in Schwaden aufstieg,
und das Grauen erhielt Geruch und Geschmack, brannte ins Auge hinein, und wie er
noch weiter rang, die Krallen des trotz der sinnlosen Trunkenheit noch
bärenstarken Menschen an der Kehle, den Bauch an seinem Bauch, die Knie an
seinen Knien spürte, dauerte dies und dauerte, eine Stunde, einen Monat, ein
Jahr, das Schicksal schraubte ihn in ein vorbereitetes Loch hinein; und jede
Nähe rückte dichter her, alles wurde Berührung; Menschheit, Welt, Himmel, alles
war hautnah bei ihm, und das war auch der Sinn: tiefer, tiefer, enger, enger,
grauenhafter, gefährlicher noch: das war der Sinn.
    Ein Stimmchen: »Lassen Sie doch Vater; bitte, bitte, tun Sie doch Vater
nichts!« Es war die Stimme des Mädchens; es hatte sich erhoben, war
herangetreten und hing sich an Christians Arm.
    Stübbe, nach Luft schnappend, brach zusammen. Christian stand totenbleich.
Er roch und fühlte Blut an sich. Leute kamen, die der Lärm aus den Betten
gescheucht hatte. Ein Weib nahm sich der kleinen Kinder an und beruhigte sie.
Ein Mann kniete bei der erschlagenen Frau. Ein andrer Mann brachte Wasser.
Einige schrien und gebärdeten sich erregt. Andre sahen gleichmütig zu. Nach
einer Weile erschien ein Schutzmann. Stübbe lag im Winkel und schnarchte. Die
Petroleumlampe schwelte noch. Ein zweiter Schutzmann tauchte auf und beriet mit
dem ersten, ob Stübbe bis zum Morgen hiergelassen oder gleich transportiert
werden solle.
    Christian stand totenbleich. Plötzlich schauten ihn alle an. Eine taube Ruhe
trat ein. Der erste Schutzmann räusperte sich. Das Kind sah atemlos zu ihm
empor. Es hatte ein fahles, strenges, schon altes Gesicht mit übergrossen,
geränderten Augen, in denen der unermessliche Kummer des Lebens lag, das es leben
musste. Es war gebannt durch den Blick Christians, das Gestaltchen schien höher
zu werden, es schien sich wie ein Stengel um diesen Blick zu ranken, fror nicht
mehr, litt nicht mehr, siechte nicht mehr hin und war ohne Furcht.
    Christian erkannte die heldenhafte Seele des kleinen Wesens, und er sah die
Unschuld, die Nichtschuld, das unvertilgbare, unsterbliche Herz.
    »Geh mit mir, ich hab drüben ein Bett für dich,« sagte er zu dem Kind und
führte es an den Leuten vorbei aus der Stube.
    Willig ging das Mädchen mit ihm, und in seiner Stube fasste er es an und hob
es auf; kaum konnte er glauben, dass so zarte Glieder und Gelenke der Bewegung
fähig seien. Als er es aufs Bett gelegt und zugedeckt hatte, fiel es sogleich in
tiefen Schlaf.
    Er sass und schaute in das fahle, strenge und schon alte Gesicht.
 
                                       20
Und wieder, während er sass, ward eine Landschaft um ihn.
    Zu beiden Seiten eines sumpfigen Wegs ziehen sich kahle Baumstrünke hin,
deren Äste zackig und verworren in die Luft gespreizt sind. Das Licht ist
dämmerig, ungefähr der fünften Morgenstunde im Herbst entsprechend. Die Wolken
hängen schwer herab, in Tümpeln spiegeln sie sich noch zerrissener. Da und dort
stehen Gebäude aus Ziegeln; sie sind fast alle in halbfertigem Zustand. Bei
einem fehlt das Dach, bei andern die Fenster; überall sind Mörtelgruben voll
weisser Kalkmassen, und Werkzeuge liegen herum, Schöpfkellen, Hämmer, Messstäbe,
Schaufeln, Spaten; auch Karren und Balken. Nirgends ist aber ein Mensch zu
sehen. Es ist eine feuchte, moderige, hässliche Einsamkeit, die auf den Menschen
zu warten scheint. Alles ringsherum hat dieselbe gespannte und drohende Stimmung
des Wartens: das von den zerfetzten Wolken rieselnde karge Licht; die morastige
Flüssigkeit in den Wagengeleisen; die wie auf den Rücken geworfene riesige
Insekten sich spreizenden Strünke; die unvollendeten Ziegelbauten mit den
Mörtelgruben und Werkzeugen.
    Das einzige Lebewesen ist eine Krähe, die am Rand des Weges hockt und
Christian mit boshaften Blicken beobachtet. Jedesmal, wenn er ein paar Schritte
macht und sich nähert, fliegt sie lautlos auf, entfernt sich ein Stück und hockt
sich dann wieder auf einen Baumstrunk. Da wartet sie, bis er sich genähert hat.
In den runden Augen, die braun glänzen wie lackierte Bohnen, ist teuflischer
Spott, und Christian wird des Verfolgens müde. Die Nässe dringt ihm durch die
Kleider, die Schuhe sind voll Kot und bleiben bei jedem Schritt stecken, das
unheimliche Zwielicht verwischt die Umrisse und täuscht über die Ferne der
Dinge. Er lehnt sich erschöpft an einen kurzen Stamm und wartet nun auch
seinerseits. Die Krähe hüpft und fliegt, bald weiter weg, bald näher her; sie
ist unwillig über sein Warten, endlich sitzt sie still am Wegrand gegenüber, und
die lackierten Bohnenaugen verlieren den tückischen Ausdruck und erlöschen
langsam.
    Da schauert es ahnungsvoll durch den Raum; Ruts Name ist der Atem der
Landschaft, Ruts Schicksal will sich verkündigen.
    Und Christian wartete.
 
                                       21
Niels Heinrich zögerte ein paar Minuten, bevor er ins Zimmer trat.
    Es geschah, dass er einige Minuten allein in der Stube blieb. Während dieser
kurzen Zeit, gelang es ihm, sich der Perlenschnur zu bemächtigen.
    Christian war eben im Begriff gewesen, den Studenten Lamprecht, dem er
Michaels Unterricht anvertrauen wollte, ein Stück zu begleiten, da er in
Gegenwart des Knaben nicht so offen sprechen konnte, wie er wünschte, als Niels
Heinrich kam. Er stutzte und konnte seine Erregung kaum bemeistern. Sich in
diesem Augenblick zu entfernen, dünkte ihm nicht unbedenklich; erstens konnte
Niels Heinrich, der ja ein kaum berechenbarer Mensch war, aus irgendeiner Laune
wieder fortgehen, ohne Christians Rückkunft abzuwarten; zweitens war es nicht
geraten, ihn in Michaels Gesellschaft zu lassen. Andrerseits verlangte es
Christian, sich für diese ihm vor allem wichtige Unterredung, auf die er Tag um
Tag mit elektrisch zitternden Nerven geharrt, erst einmal zu sammeln und die
Blutwallung zu beschwichtigen, die Niels Heinrichs stummes Hereintreten in ihm
erzeugt hatte. Das konnte so schnell nicht geschehen, und Unschlüssigkeit und
Beklommenheit wuchsen, indes er Niels Heinrich artig begrüsste und ihn
aufforderte, Platz zu nehmen. Da öffnete sich abermals die Tür, und Johanna
Schöntag erschien. Christian ging lebhaft auf sie zu und ersuchte sie in etwas
überstürzten Worten, bei Michael zu bleiben, bis er zurückkomme, er werde dann
mit Herrn Engelschall, mit dem er einiges zu besprechen habe, in die
Vorderhauswohnung gehen. Johanna war verwundert über sein Ungestüm und blickte
auch Niels Heinrich verwundert an. Ihr Gesichtsausdruck sagte deutlich, dass sie
nicht wusste, wer er war, und Christian sah sich genötigt, die beiden einander
vorzustellen, was ihm selbst so widersinnig vorkam, dass er die Namen bloss scheu
hinmurmelte. Niels Heinrich grinste, und als ihn Christian bat, er möge ihn für
eine Weile entschuldigen, zuckte er die Achseln.
    Christians und des Studenten Lamprechts Schritte waren noch nicht im Hof
verklungen, da wandte sich Johanna zu Michael und sagte: »Ich wollte Sie
abholen. Ich wollte mit Ihnen nach Charlottenburg in die Gedächtniskirche; dort
werden Kantaten von Bach gesungen. Begleiten Sie mich doch; Sie haben so etwas
sicher nie gehört. Der Herr wird so freundlich sein, Herrn Wahnschaffe
auszurichten, wohin wir gegangen sind.« Sie schaute Niels Heinrich an, senkte
jedoch den Blick gleich, von einem ausserordentlich heftigen Unbehagen bezwungen.
Sie hatte das Unbehagen mit dem Moment verspürt, wo sie ins Zimmer getreten war,
und nachdem Christian es verlassen hatte, wurde es so quälend, dass sie Michael
den Vorschlag nur machte, um diesem ihr aufgedrungenen Beisammensein um jeden
Preis zu entrinnen. Allerdings hatte sie noch am Nachmittag die Absicht gehabt,
das Konzert zu besuchen, hatte sie aber wieder aufgegeben. Der Gedanke, den
Knaben mitzunehmen, war ihr erst jetzt gekommen.
    »Charlottenburg, Gedächtniskirche, jawoll, werds bestellen,« sagte Niels
Heinrich, und schlug die Beine übereinander. Den Blick hatte er ununterbrochen
auf Michael geheftet, und seine Miene, verfinsterte sich dabei immer mehr.
    Von einem ähnlichen Gefühl wie Johanna ergriffen, hielt Michael jedoch den
gelb herübergleissenden Augen mutig stand. Seine Finger zerknitterten nervös ein
Blatt Papier auf dem Tisch; er suchte innerlich eine Bindung, ein Bild, eine
Führung; er nickte bei Johannas Worten, ohne sie anzusehen, er folgte ihr
schweigend, als sie ihn am Arm anrührte; sie hatte seinen Hut und Mantel vom
Haken genommen, und nun gingen sie.
    Aus dem Haus tretend, gewahrten sie Christian an der nächsten Strassenecke;
er stand mit Lamprecht unter einer Laterne. Sie entfernten sich hastig nach der
andern Seite.
    Niels Heinrich erhob sich. Er zündete eine Zigarette an und marschierte mit
hackenden Schritten auf und ab. Dann blieb er vor der Kommode stehen und
probierte, ob sich die Laden öffnen liessen. Er tat es mechanisch, hatte weder
Neugier, noch eine bestimmte Erwartung dabei. Die Kommode hatte einen Aufsatz
aus dünnen, gedrehten Säulen, der ebenfalls eine Lade entielt. Auch diese zog
er heraus, zuckte aber auf einmal, wie wenn ihn etwas gestochen hätte; vor
seinen Augen lag ein Haufen haselnussgrosser Perlen.
    Sie waren von Christian in dem nichtverschlossenen Behälter nahezu vergessen
worden. Einige Tage nach Karens Tod hatte ihm Boto von Tüngen mitgeteilt, dass
er nach Frankfurt reisen müsse; Mitglieder seiner Familie befänden sich dort,
und er wolle mit ihnen verhandeln. Christian glaubte die Gelegenheit benutzen zu
können, seiner Mutter die Perlenschnur zu schicken; sie durch die Post zu
senden, widerstrebte ihm in einer verbliebenen Vorstellung ihres grossen Wertes.
Tüngen hatte sich bereit erklärt, den Auftrag zu übernehmen; aber es kam zur
Reise nicht, die Verwandten hatten sich unterdessen schroff von ihm losgesagt,
das Entmündigungsverfahren war eingeleitet, die wider ihn angezettelte Hetze
trieb ihn aus jeder Ruhe, aus jedem Heim, aus jeder Arbeit; alle Geldmittel
waren ihm entzogen, die Frau, die er geheiratet, hatte er nicht zu halten
vermocht, sie war noch tiefer gefallen, als wie er sie vordem aufgehoben hatte,
um sie zu retten. In dieser zerrüttenden Not war Christian sein einziger Halt
und Helfer.
    Das war mit Boto Tüngen geschehen, und an die Perlen hatte Christian in
all den Tagen kaum gedacht. War ihm auch die dunkle Vorstellung ihres Wertes
verblieben, so trieb ihn doch nichts, sie sicherer zu verwahren als in der
unversperrten Lade, wo sie Niels Heinrich mit witterndem Instinkt entdeckt
hatte.
    Ein leiser, langer, erstaunter Pfiff. Ein Schlottern der eingefallenen
Backen. Ein Blick des Hungers, ein andrer des verbrecherischen Entschlusses. Ein
Zaudern, als sei das Wunder von einem Schatz doch von keinem Belang mehr. Und
wieder Brand in den Augen; Genüsse, unerhört, versprachen sich. Und wieder Ekel
daran: was solls? Auszufechten ist der Streit gegen den Menschen. Hinter einem
die Meute: die Zeugen, die Spitzel, die Indizien, der Komplize, die corpora
delicti, der Hund, der Keller, das Blut, der Leichnam, der Kopf, die kleine
Made, an ihrer Unterrockschnur erhängt; und vor einem der Mensch. Wir wollen
sehen, Mensch; messen wollen wir uns!
    Überlegungen einer Sekunde. Ein Griff mit beiden Händen; die Perlen waren
Besitz; ein Klirren, Zusammenraffen, Schieben, Stopfen, und sie verschwanden im
Hosensack. Es bauschte beträchtlich, aber die Joppe verbargs. Schaute der Mensch
in der Lade nach und schlug Lärm, so konnte man ihm ja das Zeug wieder
hinschmeissen.
    Als Christian zurückkam, sass Niels Heinrich auf dem Stuhl und rauchte.
 
                                       22
»Verzeihen Sie,« sagte Christian, »es war eine dringende Abmachung ...« Er
unterbrach sich, da er Niels Heinrich allein in der Stube sah.
    »Das Fräulein lasst melden, dass sie mit dem Jungen nach Charlottenburg in die
Kirche jejangen is,« sagte Niels Heinrich.
    Christian war überrascht. Er antwortete: »Um so besser, dann sind wir
ungestört und können hierbleiben.«
    »Stimmt, denn sind wir unjestört.« Eine Pause entstand; sie blickten
einander an. Christian ging zur Schwelle der kleinen Kammer, um sich zu
vergewissern, dass niemand drinnen war, dann zur Tür, die in den Hausflur führte.
Er drehte den Schlüssel um.
    »Weswegen sperren Sie denn zu?« fragte Niels Heinrich mit erhobenen Brauen.
    »Es ist notwendig,« erwiderte Christian; »die Leute, die zu mir kommen, sind
gewohnt, die Tür offen zu finden.«
    »Denn sollten Sie aber ook die Lampe ausblasen,« höhnte Niels Heinrich;
»wäre vielleicht das Gescheiteste. Im Dunkeln is jutt munkeln. Und munkeln tun
wer doch, oder meenen Sie nich?«
    Christian setzte sich an die andre Seite des Tisches. Er überhörte die
zynische Bemerkung geflissentlich. Sein Schweigen und seine gespannte Miene
erregten Niels Heinrichs Wut. Herausfordernd lehnte er sich im Stuhl zurück und
spuckte in weitem Bogen ins Zimmer. Beide sassen einander gegenüber, als dürfe
keiner den andern nur eine halbe Sekunde aus den Augen lassen, doch zeigte
Christians Gesicht immer denselben verbindlichen und freundlichen Ausdruck. Nur
ein Beben der Stimmuskeln und die Angestrengteit des Blickes liess, was in ihm
vorging, ungefähr ahnen.
    »Sie haben nichts Neues in Erfahrung gebracht?« fragte er endlich in
zuvorkommendem Ton.
    Niels Heinrich zündete wieder eine Zigarette an. »Ja doch,« versetzte er; es
sei ihm inzwischen gelungen, das Frauenzimmer zu ermitteln, das den Judenjungen
so lang bei sich gehalten hatte. Molly Gutkind sei es gewesen, die kleine Made
genannt, wohnhaft im Hause bei Adelens Aufentalt. Er sei der Chose nachgegangen
und habe dem Mädchen das Geständnis abgelockt, aber am nämlichen Tage habe sich
der Teufel dreingemischt, und die Gerichtspersonen hätten sie vorgenommen. Das
dumme Aas habe wahrscheinlich zu viel gequasselt, sie sei in Verdacht gekommen,
man habe sie ins Kittchen gesteckt, im Kittchen sei ihr das bisschen Verstand
vollends aus der Fasson geraten, sie habe sich aufgehängt und sei mausetot, das
Schaf. Dies habe er berichten gewollt, weil der Herr sich so dafür interessiert.
Nun wisse es der Herr also und könne hieraus seine Gutmütigkeit ersehen.
    Er paffte Dampf um sich und zwirbelte mit den Fingern der Linken am
Kinnbärtchen.
    »Ich wusste es schon,« sagte Christian. »Ich wusste, wo sich Michael
aufgehalten hat. Er hat es mir selbst bekannt. Von dem Tod des Mädchens weiss ich
seit heute morgen. Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Bemühungen.«
    Keine Ursache; hätte nichts zu bedeuten; er stehe gern zu Diensten. Der Herr
scheine übrigens den Nachrichtenbezug flott zu betreiben; vielleicht wolle sich
der Herr später ganz dem Fache widmen? Ob der Herr sonst noch etwas wisse? Er
sei nun mal aufgelegt, Rede und Antwort zu stehen, er habe heute seinen
spendablen Tag, und wenn der Herr noch was zu fragen habe, solle er sich nicht
genieren und man losschiessen.
    Er blinzelte und starrte wachsam auf Christians Lippen.
    Christian besann sich und senkte den Blick. »Da Sie sich freiwillig zu
Auskünften bereit erklären,« entgegnete er leise, »so sagen Sie mir doch,
weshalb Sie die Schraube von der Maschine entfernt haben, dort bei Pohl &
Pacheke, Sie werden sich ja erinnern ...«
    Niels Heinrichs Mund öffnete sich wie eine Klappe. Das scheue Entsetzen
bewirkte, dass die Kinnlade einfach heruntersank.
    »Sie wundern sich, dass ich davon Kenntnis habe,« fuhr Christian fort, dem es
eine unangenehme Empfindung war, dass der andre glauben könne, er wolle ihn durch
Geheimniskrämerei gefügig machen; »es geht aber ganz natürlich zu. Gisevius,
dessen Sohn bei Pohl & Pacheke Werkführer ist, erzählte, dass Sie dort zwei
Tage in Arbeit waren und dass während dieser Zeit die Beschädigung der Maschine
geschah. Die beiden Tatsachen hatten bei ihm gar keinen Zusammenhang, er sprach
erst von Ihnen, dann von der Geschichte mit der Maschine; auch äusserte er keinen
Verdacht. Nur mir selbst war es sofort klar, dass Sie es getan haben mussten; den
Grund kann ich nicht angeben; es stand klar vor mir. Ich sah Sie heimlich an der
Maschine hantieren und die Schraube lockern. Ich musste fortwährend daran denken,
sah es fortwährend. Wenn ich unrecht haben sollte, so verzeihen Sie mir.«
    Verstehe er nicht, kam es schwer und in keuchender Hassangst aus Niels
Heinrichs Mund, verstehe er nicht ...
    »Ich hatte das Gefühl, dass Ihnen die Maschine wie ein lebendiges und
geordnetes Wesen und deshalb wie ein Feind erschien, und da wollten Sie sie
ermorden. Ja, ganz deutlich und unabweisbar hatte ich das Gefühl von Mord. Irre
ich mich darin?«
    Niels Heinrich gab keinen Laut von sich. Er konnte sich nicht rühren. Es
wuchsen Wurzeln von unten her um den Stuhl, auf dem er sass, schlangen sich um
seine Beine und hielten ihn eisern fest.
    Christian stand auf. »Es hat keinen Zweck, das,« sagte er tiefatmend.
    Was? Was habe keinen Zweck? murmelte Niels Heinrich; Was? Was denn? Das Blut
in seinem Leibe wurde kalt.
    Die Arme an die Seite gepresst, unten die Fingerspitzen gegeneinander, stand
Christian da. »Sprechen Sie. Sagen Sie es mir,« flüsterte er.
    Was sprechen? Was sagen? Was denn? Niels Heinrichs Hals glich einem
Schlauch, der entleert wird; er war schlaff, und die Haut bebte.
    Blick wider Blick. Worte starben. Die Luft sauste.
    Auf einmal blies Christian die Lampe aus. Die Finsternis, die jäh eintrat,
war wie eine stumme Explosion. »Sie hatten recht,« sprach seine Stimme, »das
Licht verrät uns jedem, der vorübergeht. Jetzt sind wir vollkommen sicher. Nach
aussen wenigstens. Was hier geschieht, geht nur uns an. Sie können tun, was Ihnen
beliebt. Sie können wieder den Revolver aus der Tasche ziehen wie neulich und
abdrücken. Ich bin darauf gefasst. Da ich mich nicht vom Fleck bewegen werde,
kann es Ihnen keine Schwierigkeit sein, mich zu treffen. Vielleicht aber warten
Sie noch, bis Sie gesagt haben, was zu sagen ist und was ich wissen muss.«
    Schweigen.
    »Sie haben Rut ermordet.«
    Schweigen.
    »Sie haben Sie in das Haus gelockt, wo die Schenke ist, in den Keller
gelockt und dort getötet.«
    Schweigen.
    »Sie haben den einfältigen Menschen, den Joachim Heinzen, zum Mitelfer
gemacht und ihn durch ein überlegtes Spiel so in Furcht und Verstörung versetzt,
dass er allein der Mörder zu sein glaubt, sich nicht einmal getraut, Ihren Namen
auszusprechen. Wie ging das zu?«
    Schweigen.
    »Und wie ging es zu, dass Rut keine Gnade vor Ihnen fand? Rut! Diese! Dass
Sie das Messer ... dass das Messer in der Hand gehorchte ... dass Sie nachher noch
reden, trinken, Beschlüsse fassen, von einem Haus ins andre gehen konnten? Mit
dem Bild! Mit der Tat! Ist es denn möglich?«
    Schweigen.
    Christians Stimme hatte nichts mehr von der sonstigen Verhaltenheit und
Kühle; sie klang heiser, leidenschaftlich und aufgedeckt. »Was wollten Sie von
ihr? Was war denn die letzte Absicht? Warum musste Rut sterben? Warum? Was
konnte sie geben, wenn sie starb? Was war durch Mord zu gewinnen?«
    Da schrie Niels Heinrich, kreischte, brüllte es aus sich heraus: »Die
Jungfernschaft, Mensch!«
    Nun war es an Christian, zu schweigen.
 
                                       23
Keiner konnte den andern wahrnehmen. Die dickstoffigen Vorhänge an den Fenstern
schufen eine so undurchdringliche Dunkelheit, dass auch Umrisse von Gegenständen
nicht hervortraten. Keiner konnte die Bewegungen des andern sehen, aber sie
hatten voneinander das grellste Bewusstsein, ein schauerliches Körpergefühl, ein
Gefühl von Verkettetsein und Haft, von Stirn wider Stirn-, Hauch wider
Hauchstehen; sie entbehrten nicht das Licht; sie brauchten es nicht.
    Dem Niels Heinrich schuf die Finsternis Freiheit. Sie verlieh ihm einen
Auftrieb des Trotzes, der Prahlsucht, der Selbstentblössung. Sie war
Zusammengeballtes, eine scheussliche Unform, der er die Forderung, Rechenschaft
abzulegen, nicht mehr verweigerte. Sie zerspaltete Klötze in seinem Innern und
entband aus ihnen das Wort. Er wagte nicht zu höhnen; er gab es auf, sich zu
wehren.
    Ein Maul war die Finsternis, das seine Tat ausspie. Da konnte er einmal
selber hören, was geschehen war. Manches liess sich sonderbar neu an. Der
Gedanke: da drüben sitzt einer und horcht, da drüben sitzt der Mensch und weidet
dich aus wie ein Stück Wild, hatte sogar einen gewissen Kitzel. Nun sollte mal
alles von der Leber weg, dann hatte man wenigstens Ruhe vor dem Menschen. Seine
Massregeln konnte man dann immerhin noch treffen.
    Wie gesagt, die Jungfernschaft. Daran sei ja nicht viel herumzutüfteln. Das
wisse jeder, wie so 'n Junge aufwachse und mit welchen Menschern. Mal kämen
solche, mal solche, mal rotaarige, mal schwarzhaarige, mal weinerliche, mal
lustige, mal bessere, mal schlechtere, aber Hurenmenscher seien es fast immer.
Und wenn auch nicht gerade Hurenmenscher, so doch auf der Kante und mit der Nase
daran, in elegant oder in dreckig, fünfzehnjährig oder dreissigjährig, so oder
so, den Stich hätten sie mal. Und wenn auch nicht den Stich, so würden sie einem
unter den Fingern ranzig, und was man kriege, dem traue man nicht mehr, und habe
man sie mal erst in der Kralle, so seien sie auch schon hin. Da gehe der Betrieb
so weiter, Montag die Male und Dienstag die Lotte und Mittwoch die Trine, aber
den Unterschied, den könne ein Waisenknabe klavierspielen; da werde man endlich
wie das Vieh und fresse alles, den Weizen und die Streu, die Kleie und die
Disteln. Brenne es, so brenne es, schmecke es, so schmecke es.
    Ja, es habe auch Jungfern. Gewiss habe es das. Aber es sei mickriges Zeug,
Ramsch sei das, Pofelware. Das quassle von Ausgang und Kostfrau, von Heiraten und
Möbelanschaffen und sei am dritten Sonntag schon gelehrig wie 'n Pudel.
Schliesslich wisse man doch nie, wer vorher in die Suppe gespuckt; das sei alles
zweifelhaft, man habe von vornherein keinen rechten Glauben dran. Und sei es mal
was Höheres, so sei es doch das Höchste nicht; das ziere sich, koofmich und
etepetete, da sei keine Natur mehr drin und keine Ehrlichkeit, man müsse sie
erst kuranzen und kirre machen, und wenn sie es mit der Angst vor dem dicken
Bauch bekämen, dann kriegte man den Frost in Koppe und möchte sie am liebsten
massakrieren.
    Manche Matrosen, die lange auf See gewesen, erzählen von dem krankhaften
Überdruss an salzigem, abgelegenem Fleisch. Käme so einer dann an Land und laufe
ihm ein lebendiges Lamm oder Karnickel vor die Beine, da sei ihm, als müsse er
es geradeswegs in Stücke reissen und das frische warme Fleisch hinunterschlingen.
So könne es auch einem Mann mit den Weibern ergehn, und so sei es ihm ergangen,
wie er die Jüdin gesehen. Das sei ihm durch und durch gefahren, wie ne glühende
Stahlnadel durch nen Eisenpflock, das habe ihn um und um gewirbelt, zeit seines
Lebens habe er so was nicht gespürt. Wie verdonnert sei er gewesen, wie behext,
als habe er einen Hektoliter Spiritus gesoffen. Beständig das Zucken in den
Fingerspitzen, als ob Samt darüber streiche; die Gier nach dem Griffigen, was
sich bewegt und was zittert und heiss ist, wenn man hinlangt, die Hügelchen und
die gespannte Haut, und das Entsetzen in den Augen und das wunderbare Zappeln,
und die feuchten Lippen und die feuchten Zähne und der zurückgebogene Hals und
das Winseln aus der tiefen Seele heraus, und das Weinen und Bitten; und wie so
eine schreite, so nichts wissend, im Schimmer drin, so hochmütig hoch droben;
wie man sich hinlegen möchte, dass sie einem auf die Brust steige und man an ihr
hinaufsehen könne wie an ner schlanken Säule, Jesus und alle Heiligen, das haue
einen zusammen, da wisse man, das musst du haben und gehts gleich um die ewige
Seligkeit, nach der ohnehin kein Hahn kräht.
    Dass so ein Gewächs nicht für ihn gewachsen war, das habe er von vornherein
kapiert. Dass so was wie das Allerheiligste sei, wo nur der Priester ran dürfe,
habe er sich klargemacht. Aber darum allein habe sichs auch nicht gehandelt. Es
sei um mehr gegangen, um viel mehr. Es sei um Leben und Tod gegangen, von Anfang
an. Es sei beschlossene Sache gewesen von Anfang an: du stirbst mir. Mir stirbst
du, mir! Er habe ihr aufgelauert, und sie sei geflohen wie 'n Reh. Da habe er
hinter ihr her gelacht; du rennst mir ja ins Garn, habe er gesprochen und habe
Tag und Nacht die Augen und die Gedanken auf sie gerichtet, dass sie nicht mehr
aus noch ein konnte. Sie sei ihm erschienen, jawoll, erschienen sei sie ihm,
wenn er ihr befohlen habe, zu kommen; erschienen sei sie leibhaftig und habe
gebettelt, er solle von ihr lassen. Das sei ganz und gar unmöglich, habe er ihr
gesagt, sie müsse her, ihr Blut müsse seines werden, ihren Leib müsse er in
Armen halten, ein Ende machen müsse er mit ihr, dann erst habe er sie, sonst sei
kein Frieden mehr auf der Welt, für ihn nicht und für sie nicht. Dann habe er
seinen Kriegsplan entworfen, habe den Idioten beschwatzt, dass er Feuer und
Flamme war für die Jüdin und annehmen musste, der Gimpel, sie sei auch in ihn
verschossen. Da sei er närrisch geworden und habe keinen vernünftigen Gedanken
mehr im Schädel gehabt und sei weich gewesen wie Äppelmus und habe alles für
bare Münze genommen, jeden Schwindel und Phantasmus. Und dann hätten sie die
Geschichte beraten und ausgekocht, hätten der Jüdin einen Zettel geschickt, das
Mädchen, das ihn überbracht, hätten sie ein paar Tage drauf nach Pankow zu einem
alten Pensionisten verdungen, und auf dem Zettel habe man der Jüdin geschrieben,
ein Todkranker verlange nach ihr, und sein Seelenheil hänge davon ab, dass sie
komme. Da sei sie auch richtig gekommen, es sei schon dunkel gewesen, der Idiot
habe sie in den Keller geführt, und die Kellertür habe man zugesperrt. Den
Idioten habe er dann in den Verschlag nebenan gelotst und eine Flasche Schnaps
hingestellt und ihm gesagt, wenn er sich muckse, könne er seine Knochen
numerieren lassen. Er solle bloss abwarten, die Chose mit der Jüdin werde schon
für ihn gerichtet werden. Hierauf sei er wieder hinübergegangen, und die Jüdin
sei dagestanden ...
    Er unterbrach sich und merkte, wie das ganze Wesen seines unsichtbaren
Gegenübers atemberaubtes Lauschen wurde, Einsaugen und Umklammern jeder Silbe.
Dies befriedigte ihn nur matt, aber es trieb ihn weiter. Die Geschehnisse wurden
in seiner zurückwühlenden Vorstellung über die natürlichen Masse gross; sie waren
in brandroten und violetten Dunst getaucht; er redete nicht so sehr von ihnen
als sie zu ihm redeten und sich dadurch aufbauten, wie er sie bisher nicht
erblickt. Indem er fortfuhr, veränderte sich seine Stimme, wurde zackiger,
hohler und verriet zum erstenmal eine innere Regung, wild aufziehende Urqual.
    Sie sei dagestanden. Und wie sie dagestanden sei, das habe ihm den letzten
Rest gegeben.
    »Wie denn?« fragte Christian kaum vernehmlich aus der Schwärze, »wie?«
    Er könne es nicht beschreiben. Sie habe geschaut. Mit einem stolzen Staunen
und Angstzucken um den Mund. Habe gefragt, wo der sei, zu dem man sie gerufen
habe. Der sei auf dem Mond; der sei auf dem Stück Papier. Was man von ihr wolle?
Warum die eiserne Tür dort versperrt sei? Habe seine Gründe. Man werde sie ihr
doch mitteilen können, die Gründe. Was für ein Stimmchen, was für ein Glöckchen
in der Kehle, ein Silberglöckchen! Das ging ins Ohr, als könne das Ohr
Liebliches saufen. Gründe seien nicht viele, eigentlich gebe es nur einen
einzigen. Verstehe sie nicht. Habe man deutlicher werden müssen. Verstehe sie
noch immer nicht. Schaute. Habe man sie beim Arm gepackt, um die Schulter
genommen, um den Hals genommen. Habe sie aufgeschrien; zu zittern angefangen;
sei in den Winkel gerannt; habe die Hände vorgestreckt; sei das Kerzenlicht
gerade auf ihr Gesicht gefallen; wie ne weisse Rose vorm Feuer; sei er auf sie
zu; habe sie sich hintern Tisch geflüchtet. Habe gerufen: Schonung. Habe man
gelacht. Sei aber bereits ausser Rand und Band gewesen. So 'n Silberglöckchen in
der Kehle. So 'n Weib! Herrgott, so 'n Weib! Kind noch, jedes Fäserchen rein,
und so 'n Weib. Das traf; ins Mark schraubte sich das. Konnte man nicht mehr
davon lassen, und wenn einen im nächsten Augenblick die Hölle verschluckt hätte.
    Habe er sie beruhigt; bisschen schön getan. Gesagt, sie möge einen anhören.
Gut, sie wolle hören. Habe er gesprochen. Vor dem Tisch mit der Kerze er, hinter
dem Tisch, gegen die Mauer, sie. Habe er gesagt, es sei ein grauliches Muss. Es
gebe keinen Ausweg, für sie nicht und für ihn nicht. Er sei in der Verdammnis,
sie müsse ihn erlösen. Er lechze und verdorre nach ihr, nach Fleisch und Seele,
Mund und Leib, Blut und Atem, und so sei es bestimmt, seit die Welt bestehe. Er
müsse zu ihr hin und in sie hinein, sonst käme die Welt ins Rasen und alles
Leben werde Gift. Er müsse ihrer Unschuld habhaft werden, ob sie wolle oder
nicht, gutwillig oder mit Gewalt, da könne ihr kein Herrgott helfen, das sei
Gesetz über ihnen beiden und zur Stunde solle es wahr werden. Sie möge sie
fahren lassen, die Unschuld, damit er mal was vom Himmelreich zu spüren kriege.
    Darauf habe sie mit einer starren Miene geflüstert: Nein, niemals,
nimmermehr.
    Da habe er sie lange angesehen.
    Da habe sie von Zeit zu Zeit, mit feuchten Blicken nach oben, immer wieder
geflüstert: Nein, niemals, nimmermehr.
    Er habe gesagt, sie solle die Hoffnung begraben, es werde, widerstrebe sie,
nur um so fürchterlicher. Und er habe das Messer auf den Tisch gelegt.
    Christian stöhnte in unmenschlichem Schmerz in sich hinein, als er dieses
vernahm.
    Darauf habe sie, fuhr Niels Heinrich mit seiner tatbeladenen Ruhe fort, ihn
zu erweichen versucht. Er vergesse die Worte nie, aber er könne sie nicht
wiederholen. Habe wie eine Fiebernde geredet, mit heissleuchtenden Augen, die
Haare über den Wangen, flehentlich die Hände gebogen, über den Tisch gelehnt,
mit der tiefen süssen Glockenstimme, habe von Menschen erzählt, die auf sie
warteten, von Arbeit und Pflichten, wer alles sie brauche und was alles sie vor
sich habe an Schwierigem, und was einen alles erfreue, und ob nichts da sei, was
ihn erfreue, und ob er das Verbrechen vor Gott und den Menschen auf sich nehmen
wolle, ob ihm sein Leben nichts mehr gelte und so weiter. Aber es seien andre
Worte gewesen, bessere, festere, genauere. Da habe ihn der Grimm gepackt, und er
habe sie angeschrien, das sei hirnrissiges Gewäsche, und sie solle man
aufmerken, Jüdin verdammte, die sie sei, solle aufmerken, was er ihr drauf zu
antworten habe.
    Da sei sie stille geworden, habe die Lippen herabgebogen und habe
aufgemerkt. Er habe ihr gesagt, Verbrechen und solchen Quark, damit solle sie
ihm gefälligst vom Halse bleiben. Verbrechen kenne er nicht. Das sei von den
Leuten ausgedacht, die die Soldaten und die Gerichte dafür bezahlten, ihnen den
Willen zu tun; die, wenn sie es für nützlich befänden, eben die Verbrechen
selber begingen, im Namen des Staats, der Kirche, des Fortschritts oder der
Freiheit. Habe einer die nötige Muskulatur und Schlauheit, so pfeife er auf die
Gesetze. Die gälten bloss für die Dummköpfe und Feiglinge. Müsse der einzelne
sich der Gewalt fügen, so müsse es ihm auch freistehen, sie auszuüben. Riskiere
er die Rache und Strafe der Gesellschaft, so habe er auch das Recht, seine
Gelüste zu befriedigen. Frage sich nur, was er auf seine Schultern nehmen könne,
und ob er sich durch die Flausen und das von Lehrern und Pfaffen vorgekaute
Larifari nicht ins Bockshorn jagen lasse. Käme es auf ihn an, Niels Heinrich
Engelschall, so bliebe kein Stein auf dem andern stehen, alle Regel würde
ausgerottet, alle Ordnung über den Haufen geworfen, alle Städte in die Luft
gesprengt, alle Brunnen zugeschüttet, alle Brücken zerbrochen, alle Bücher
verbrannt, alle Wege zerstört, und Vernichtung würde gepredigt, einer gegen
alle, alle gegen einen, alle gegen alle. Mehr sei die Menschheit nicht wert; das
könne er wohl behaupten, denn er habe sie studiert und durchschaut. Er kenne
bloss Lügner und Gauner, erbärmliche Narren, Geizhälse und Streber; er habe die
gemeinen Hunde kriechen sehen, wenn sie hochkommen wollten, nach oben kriechen
und nach unten kläffen. Er kenne die Reichen mit ihren satten, faulen
Redensarten und die Armen mit ihrer niederträchtigen Geduld. Er kenne die
Bestechlichen und die Nackensteifen, die Prahler und die Düsterlinge, die
Flaumacher und die Blümeranten, die Diebe und die Fälscher, die Weiberhelden und
die Kopfhänger, die Dirnen und ihre Zuhälter, Kupplerinnen und junge Herren, die
Bürgermadams mit ihrer Scheinheiligkeit und ihrer Geilheit, den Neid da und die
Heuchelei dort, und die Maskeraden und das Getue, er kenne alles, und ihm
imponiere nichts, und er glaube an nichts ausser an den Gestank und an den Jammer
und an die Habsucht und an die Fresssucht und an die Tücke und an die Bosheit und
an die Wollust. Eine Schandenwelt sei es, und hin werden müsse sie, und wer zu
solcher Einsicht mal gelangt sei, der müsse den letzten Schritt tun, den
allerletzten, wo die Verzweiflung und der Hohn durch sich selber erstickt werde,
wo es nicht weiter gehe, wo man an der stumpfen Hautwand den Engel des Jüngsten
Tages pochen höre, wo das Licht nicht mehr hindringe und auch die Nacht nicht
mehr, wo man allein sei mit seiner Wut, dass man sich doch endlich spüre und
vergrössere und was Heiliges packe und zerschmettere; was Heiliges, darum handle
sichs; was Reines, darum handle sichs; und Herr werden darüber, es
niederzwingen, es auslöschen.
    Furchtbareres hatte Christian nie vernommen. Er starrte ins zerschellte All.
Die Furie des Hasses stieg, auch in Wiedergabe ihres Ausbruchs noch, in
kochender Lohe empor und äscherte die Blüten der Erde ein. Es konnte
Greuelhafteres nicht ausgedacht werden. Das Schicksal des zehntausend Jahre
alten Menschengeschlechts war gleichsam besiegelt. Aber dass er hergekommen war,
dass er vermocht hatte, sich zu entüllen, dass er da sass, im Finstern sass und
sich wand, vom Ungeheuren berichtete und dabei in die Tiefe stürzte, die er
aufgerissen hatte, das war ein Schimmer geheimnisvollster Hoffnung für
Christian, ein erster Dämmerstreifen auf dem bisher noch ungewissen, unbekannten
Weg.
    Und Niels Heinrich fuhr fort: die Jüdin habe langsam begriffen; habe ihn mit
grossen Kinderaugen angeschaut. Sie habe eine Frage an ihn gerichtet, welche,
wisse er nicht mehr. Dann habe sie gesagt, sie sehe ein, dass sie verloren sei
und dass sie als sein Opfer fallen müsse. Er habe geantwortet, es mache ihrem
Verstand Ehre, dass sie es einsehe. Und sie wieder: ob er denn wisse, dass er
damit sich selber vernichte? Darauf er: an Vergeltung glaube er nicht, das
übrige sei seine Sache. Jetzt sei es des Schwatzens genug, die Zeit dränge, es
müsse Schluss gemacht werden. Und sie: was sie tun solle? Diese Frage habe ihn
ziemlich aus der Fassung gebracht, und er habe nichts erwidern gekonnt. Sie habe
die Frage wiederholt, und er habe gemurmelt, die Kerze brenne schon herunter.
Nun habe sie gefragt, ob er ihr Sicherheit des Todes geben könne? Ja, die könne
er geben. Ob sie nicht vorher sterben dürfe, ehe er sie angreife? Nein. Sie habe
nach dem Messer gefasst. Er habe ihr das Messer entwunden. Die Berührung ihrer
Hand habe ihn dermassen rabiat gemacht, dass ihm gewesen sei, als knirsche die
Kellermauer und als dröhne das Haus. Er solle sie doch sterben lassen durch
ihren Willen, habe sie gebeten. Das könne er nicht, habe er geantwortet, er
müsse an ihr lebendiges Herz heran, sonst sei ihm nicht geholfen. So möge er ihr
eine Viertelstunde Zeit gönnen, sie wolle ihre Gedanken sammeln und ihn dann
bitten, dass er sie töte. Das habe er bewilligt. Sei inzwischen hinausgegangen,
um nach dem Idioten zu sehen. Der sei dagelegen, besoffen wie 'n Stint und habe
alle viere von sich gestreckt. Das sei ihm lieb gewesen; mit dem habe man nun
anstellen können, was immer man gewollt. Habe sich auch später erwiesen, wie er
ihn hinübergeschleppt habe; und das Vieh sei immer noch der Meinung, man werde
ihn heraushauen, wenn er bis zuletzt seinen, Niels Heinrichs Namen, nicht in den
Mund nehme. Als er nun zur Jüdin zurückgekehrt, sei sie an die Mauer gelehnt
gewesen, mit geschlossenen Augen. Sie habe ein bleiches Gesicht gehabt, aber von
Zeit zu Zeit habe sie gelächelt. Von ihm befragt, warum sie lächle, habe sie
geschwiegen, habe ihn aber höchst sonderbar angesehen, als besinne sie sich auf
etwas. Er sei hingegangen, hinter den Tisch, sie habe sich nicht von der Stelle
gerührt und er habe sie an der Schulter gepackt. Sie habe die Hände aufgehoben,
und er habe bemerkt, dass sie, während er draussen gewesen, die Adern an ihren
Handgelenken durchgeschnitten habe. Das Blut sei dick heruntergeronnen. Sie
müsse es mit einer Glasscherbe getan haben, die zwischen Mauersteinen gesteckt.
Da sei er in die helle Tobsucht geraten, wie wenn es drauf und dran gewesen
wäre, dass sie ihm einer wegnähme. Er habe sie an den Haaren zu Boden gerissen.
    Sie habe geschrien. Einen einzigen, langen Schrei. Den Schrei höre er noch
jetzt.
    Glied um Glied, Hauch um Hauch, Zuckung um Zuckung sei sie sein geworden. So
nur könne man besitzen; so und nicht anders. Himmels-, Gottes-, Erdenseligkeit.
    Er habe nicht bereut, er werde nicht bereuen. Aber den Schrei, den höre er
immerfort und immerfort.
    Er verstummte. Die Lautlosigkeit in dem finstern Gemach war so gross, dass sie
sich in den Ecken drohend zu sammeln schien, um die Wände zu sprengen.
 
                                       24
Mehr als eine halbe Stunde war in völligem Schweigen verflossen, da erhob sich
Christian und zündete die Lampe wieder an. Sturz und Zylinder klirrten unter
seinen zitternden Händen. Er fürchtete sich vor den Funktionen seiner Sinne,
Gesicht, Gehör, Geruch. Jede Wahrnehmung wurde eine Wunde des Bewusstseins und
sickerte wie Gift in den Lebenskern. Langsam formten sich die trüben Umrisse zum
Bild einer Wirklichkeit.
    In ihm und von aussen her drängte alles zur Entscheidung.
    Krampfig hintübergebeugt, lag auf dem Stuhl vor ihm ein Mensch, dessen
Gesicht ohne bezeichenbare Farbe war. Die Augen waren geschlossen, der Mund
halboffen. Die kariösen Zähne und der matt hängende Kinnbart verliehen ihm einen
Ausdruck von Bestialität. Die spitzfingrigen Hände mit blaugeschwollenen Adern
regten sich wie Reptilien.
    Die Stirn aber war über und über von Schweiss bedeckt. Wie die Tropfen aus
dem Deckel eines erhitzen Gefässes voll Flüssigkeit brach der Schweiss hervor und
stand in dicken Perlen auf der Haut.
    Dieser Anblick war so beängstigend, dass Christian sein Taschentuch nahm und
Stirn und Schläfen mit vorsichtiger Gebärde abwischte. Und indem er es tat,
fühlte er auch seine eigne Stirne nass. Er zögerte, mit demselben Tuch seine
Stirn abzuwischen, aber da öffnete Niels Heinrich die Augen und sah ihn an:
finster, tief und kalt. Er überwand seinen Abscheu und trocknete seine Stirn mit
demselben Tuch.
    Es wurde an die Tür gepocht. Niels Heinrich fuhr auf wie von einem
Faustschlag getroffen und stierte wild, mit bleichen, leeren Augen.
    Christian ging, um zu öffnen. Die Zurückkehrenden waren es, Michael und
Johanna.
    Niels Heinrich, taumelnd, suchte mit Blicken seine Mütze. Christian reichte
sie ihm, mit einer vollkommen undurchschaubaren Artigkeit immer noch, und
schickte sich an, Niels Heinrich zu begleiten. Dieser hatte nur einen Blick
dumpfentsetzten Nichtbegreifens. Dann zog er die Schultern hoch und wankte, mit
allmählich sich festigendem Schritt, von Christian gefolgt, zur Schwelle.
 
                                       25
Die Unterredung mit Wolfgang Wahnschaffe wirkte auf Lorm durchaus unangenehm. Er
hatte die verstimmende Empfindung, dass dieser wohlerzogene junge Herr in aller
Naivität der Meinung war, vor dem Schauspieler dürfe er sich in seiner ganzen
Rücksichtslosigkeit und Zwecksucht demaskieren. Was lag, vor dem Schauspieler,
gross daran? Man gab sich keine Mühe und spielte jovial mit offenen Karten.
    Lorm spürte an jenem Abend das Nahen schwerer Krankheit; er war wortkarg,
und wenn er sprach, messerscharf.
    Es wurde ihm zugemutet, an einer Verschwörung teilzunehmen. Der Plan war,
Christian auf einstimmigen Beschluss der Familie in eine Nervenheilanstalt zu
sperren.
    »Nun, was Nervenanstalt bedeutet, kann ich mir denken,« sagte Lorm, »aber
was gewinnen Sie dadurch?«
    »Freie Bahn,« war die Antwort; »Beseitigung der lästigen
Erstgeburtanmassungen und -vorrechte. Schimpf und Unglimpf, die von dem Menschen
ausgehen, übersteigen jeden Begriff.«
    Gewisse Individuen, auch Ärzte, waren zur Zeugenschaft und Hilfe bereit.
Aber das Mittel der Internierung war immerhin das äusserste. Sollte es
fehlschlagen oder die elterliche Einwilligung nicht zu erlangen sein, so blieb
ein andres, für das gleichfalls schon vorgearbeitet war. Es musste ihm der Boden
abgegraben werden, man musste ihn dazu bringen, die Stadt, besser noch das Land
verlassen. Boykott an der Universität, wo Christian allerdings nur noch selten
auftauchte, war möglich. Auch versprach es Erfolg, in dem Quartier, wo er
wohnte, die Leute gegen ihn einzunehmen; man hatte damit schon begonnen. Nur war
nicht allzuviel Zeit; das Übel griff um sich, das schändliche Gerede wurde
störender mit jedem Tag. Wenn erst die Gerichtsverhandlung über den Mord kam mit
ihrer fatalen Öffentlichkeit, war es zu spät. Er musste vorher vom Schauplatz
verschwinden. Aussichtsvoll war es, wenn Judit zu ihm ging, ihm
freundschaftlich, schwesterlich nahelegte, das Feld zu räumen und die
Angehörigen nicht zur Gewalt zu reizen, einer von den Gesetzen unterstützten
Gewalt. Misslang es Judit und weigerte er sich, so musste der Vater heran, um
jeden Preis. Er habe an Vater geschrieben, und wenn Einschneidendes nicht in
Bälde geschehe, wolle er, in einer Woche etwa, telegraphieren. Überdies seien
Freunde hingereist, um den Geheimrat zu raschem Handeln zu veranlassen.
    Wolfgang sass da, ein zornbleicher Streber, der sich aufgehalten sieht.
    »Was Judit betrifft, so ist sie in dieser Angelegenheit unzugänglich,«
sagte Lorm kalt. »Ich werde noch einmal mit ihr sprechen, aber ich fürchte, es
wird vergeblich sein. Ich meinerseits halte es für wünschenswert, dass sie zu
Christian geht, obschon nicht aus demselben Grunde wie Sie. Aber Judit ist
nicht überredbar. Schicksale andrer sind ihr Phantome, sogar das des Bruders.
Vor einem Jahr noch konnte sie einen Vorschlag dieser Art mit Leidenschaft
zurückweisen; heute steht es wahrscheinlich so, dass sie Christian einfach
vergessen hat. Sie spielt und phantasiert ihr Leben so hin. Mir tut es leid, dass
ich Christian nicht kenne. Aber Menschen kommen zu mir und sind so lange zu mir
gekommen, dass ich die Fähigkeit verloren habe, zu ihnen zu gehen. Damit muss ich
mich abfinden, es ist ein Übel für sich.«
    Wolfgang wunderte sich über diese Worte und ward frostig. Er fragte Lorm, ob
er glaube, dass Judit seinen Besuch freundlich aufnehmen würde. Lorm bejahte es.
Danach hatte das Gespräch ein Ende; sie drückten einander mit höflicher
Gleichgültigkeit die Hand.
    Lorm wagte es nicht, Judit von der Zusammenkunft mit Wolfgang zu erzählen.
Er hatte Angst vor ihrem Verhör, Angst, dass sie seine Sympatie für Christian
spüren könne, Angst, in ihr Puppendasein eine Wolke zu bringen. Doch aus seiner
Welt raubte sie nach und nach alles Licht. Die Beschränkungen im Haushalt wurden
so schlimm, dass die Dienstleute sich bei ihm beschwerten. Sie litten Hunger.
Bäcker und Fleischer konnten die Bezahlung ihrer Rechnungen nur erhalten, wenn
sie mit dem Gericht drohten. Die Briefe, die sie an Lorm richteten, unterschlug
Judit, denn sie fing jeden Morgen die Post ab. Er wusste es. Eines der Mädchen,
das sie nach einem hässlichen Streit davongejagt, hatte es ihm verraten. Er
machte Judit keinen Vorwurf. Auch die Ausgaben für seine leiblichen Bedürfnisse
begann sie zu verringern, und er musste sich in Restaurants und Weinstuben
schadlos halten. Dafür wuchsen die Summen, die sie für Kostüme, Mäntel, Hüte und
Antiquitäten verschwendete, ins Ungemessene. Sie kaufte alte Truhen und
Schränke, die sie dann auf den Dachboden stellen liess; chinesische Vasen,
Renaissancedecken, Elfenbeinkästchen, geschliffene Gläser, Leuchter aus
getriebenem Metall, alles kunterbunt und wahllos, nach Augenblickslaune; alles
stand oder lag ohne zu schmücken, ohne zu dienen, um sie herum wie in einem
Laden; bisweilen schenkte sie ein oder das andre Stück in grossmütiger Anwandlung
einer von jenen Frauen, die ihr gefällig nach dem Mund redeten, und deren
Gesellschaft sie deshalb nicht entbehren konnte. Hinterher bereute sie ihre
Freigebigkeit und behandelte die Betreffende schlecht, als wäre sie von ihr
betrogen worden. Trotz der Unzahl der Gegenstände merkte sie es sofort, wenn
einer fehlte oder nicht an seinem Ort war, verdächtigte jeden, der das Zimmer
betreten hatte, und ruhte nicht eher, als bis sie des Verlorenen wieder habhaft
geworden war. In ihrer Garderobe hingen Dutzende von Gewändern, Hüten, Tüchern,
die sie nie am Leibe getragen, ausser bei der Anprobe und beim Kauf. Es genügte
ihr, sie zu besitzen; mochten sie altmodisch und von Motten zerfressen werden;
sie besass sie, und das genügte.
    Lorm wusste es. Er verübelte es ihr nicht. Er erhob keine Einsprache. Er liess
sie gewähren. Er sah nicht oder wollte nicht die augenscheinlichen Folgen seiner
unbegrenzten Fügsamkeit sehen, ihre Entartung, ihre Verwilderung, ihre
Enterzung. Sie war für ihn immer noch die Frau, die alles geopfert hatte, um in
sein einsames und unfrohes Leben zu treten. Er hatte seine schmerzhaft
bescheidene Seele zu dauernder Dankbarkeit verurteilt und glaubte nicht das
Recht zu haben, sich zu beklagen. Er, der so viele von sich gestossen, gegen so
viele hart gewesen war, so viel echte und tätige Liebe missachtet hatte, dessen
leisester Wink nicht bloss Befehl, sondern Entzücken von tausend Lauschenden und
Wartenden war, duldete Erniedrigung und Vernachlässigung, duldete und schwieg
wie zum Sühneentgelt und wich nicht in beharrlicher Treue.
    Im Teater zitterte man in diesen Tagen vor den Ausbrüchen seiner
Gereizteit. Auch Emanuel Herbsts philosophische Ruhe vermochte wenig über ihn.
Er reiste zu Gastspielen nach Breslau, Leipzig und Stuttgart. Seine Wirkungen
waren tiefer, als sie seit Jahrzehnten einem Schauspieler beschieden gewesen.
Man spürte die Wende, Wende einer Zeit, Vollendung eines Menschen. Das Publikum,
zur Erfassung des Phänomens erst befähigt in der Bindung durch den Geist, ahnte
Letztmaligkeit und war in der Leidenschaft seines Beifalls erschüttert wie von
der tragischen Scharlachglut einer untergehenden Sonne, deren Versinken Unglück
bedeutet.
    Er kam nach Hause und legte sich krank hin. Nach einer gründlichen
Untersuchung wurde das Gesicht des Arztes sehr ernst. Er forderte eine
Pflegerin. Judit war im Konzert, die Hausdame versprach, es der gnädigen Frau
zu melden. Als Judit zurückkehrte, setzte sie sich ans Bett, war erstaunt,
schmollte ein wenig und sprach mit Lorm wie mit einem Papagei, der sich weigert,
die üblichen Phrasen zu plappern. Die Pflegerin wurde von der Hausdame
aufgenommen.
    »Nun, mein Möpschen,« sagte Judit am andern Morgen, »bist du noch nicht
gesund? Soll ich dir ein Breichen kochen lassen? Hast wohl bei den Schwaben da
unten zu viel Guti-Guti gedampft?«
    »Möpschen« lächelte, langte nach der Hand der Frau und küsste sie.
    Erschrocken zog Judit ihre Hand zurück. »Pfui,« rief sie aus, »willst du
das gleich lassen, du schlimmer Bub! Dein Geliebtes am Ende gar noch anstecken?
So etwas! Das darf Möpschen erst, wenn man weiss, was ihm fehlt, und wenn es
ungefährlich ist. Verstanden?«
    Für den Nachmittag dieses Tages hatte sich Lätizia angesagt. Sie kam in
Crammons Begleitung. Der Herzlichkeit in Judits Begrüssung war brennende Neugier
zu gleichem Teil beigemischt. Sie sahen sich an, die beiden Frauen, die sich
seit der Mädchenzeit nicht gesehen. Wo bist du gestrandet? Wo du? fragten die
Augen. Schmeichelworte überstürzten sich. Crammon gerann zu einer trüben
Materie.
    Nach einer Viertelstunde erschien das Mädchen und meldete, der Chauffeur des
Grafen Rochlitz sei draussen; der Graf warte unten im Wagen. »Er soll
heraufkommen,« befahl Lätizia; »nicht wahr, du erlaubst doch?« wandte sie sich
an Judit, »ein alter Freund von mir.«
    Der Graf folgte dem Geheiss. Er war charmant und erzählte Episoden vom
Rennen.
    Abermals nach einer Viertelstunde kam die Gräfin-Tante und mit ihr Ottomar
und Reinhold. Es war vereinbart gewesen, dass sie Lätizia abholen sollten. Alle
diese drängten sich in Judits Salon und sprachen durcheinander.
    Crammon sagte zu Ottomar, dem er in herablassender Weise manchmal seine
Anschauungen und Gefühle vermittelte: »Als ich in Tunis war, erwachte ich eines
Morgens von heftigem Stimmenlärm. Ich dachte sofort an einen Aufstand der
eingeborenen Bevölkerung und stürzte aus dem Bett. Aber es waren nur zwei ältere
nussbraune Damen, die vor meinem Fenster eine freundschaftliche Unterhaltung
pflogen. Es ist immer so bei den Frauen. Mit einem Minimum von Ursache bringen
sie es zu einem Maximum von Getöse. Sie retten beständig das Kapitol. Ich glaube
übrigens, dass die Römer, die ja bekanntlich die hanebüchenste Nation der Erde
waren, ein Volk von Maulhelden und Säbelrasslern, mit dieser hübschen Fabel von
den Gänsen einen ziemlich ungalanten Hintersinn verknüpft haben. Ansonsten
standen sie in der Beurteilung weiblicher Natur auf der Stufe von mutierenden
Tertianern. Beweis: die Geschichte von Tarquinius und der Lukretia. Ein
haarsträubender Unsinn. Zehnpfennigromantik. In meinem Elternhaus hatten wir
einen Weihnachtskalender, da war die Begebenheit in Verse gesetzt und
illustriert. Dieser Katarakt von Züchtigkeit hatte mir ganz verkehrte Begriffe
von grundlegenden Lebensverhältnissen eingeimpft, und es dauerte Jahre, bis ich
den Schwindel durchschaut hatte.«
    Ottomar sagte: »Ich gebe Ihnen alle preis, bloss Lätizia nicht. Sehen Sie mal
hin, wie sie sich bewegt, wie sie den Kopf trägt. Sie ist immer die Auserlesene.
Sie macht jedes Beisammensein von Menschen festlich. Ich finde, sie ist wie ein
Sinnbild des schönen Augenblicks. Sie wird nie altern, und was sie tut, ist nur
wie ihr Traum. Ihre Handlungen haben keine Folge, nicht einmal Wirklichkeit, und
sie erwartet auch keine von ihnen.«
    »Sehr tief, sehr fein,« entgegnete Crammon seufzend, »aber der Himmel behüte
Sie davor, mit einem solchen Feenwesen praktische Wirtschaft zu versuchen.«
    »Soll man auch nicht, darf man auch nicht,« sagte der junge Mann überzeugt.
    Crammon erhob sich und ging zu Judit. »Ist Edgar Lorm nicht zu Hause,
gnädige Frau?« fragte er. »Kann man zu ihm? Wir haben uns lange nicht gesehen.«
    »Edgar ist krank,« antwortete Judit mit zusammengezogenen Brauen, als habe
sie Grund, sich durch diese Tatsache beleidigt zu fühlen.
    Ein Stillschweigen entstand. Alle spürten Unbehagen. Und Crammon sah, wie
wenn es ein neues Gesicht wäre, Judits hervorspringende Backenknochen und durch
Schminke beschädigte Haut, den süchtig verpressten Mund mit bitteren Falten, den
flatternden Blick, die unsteten Hände. Es war etwas Verdorbenes an ihr und um
sie, von Krampf und Spielwut Herrührendes, von gelockerten und morschen Geweben,
eine Heiterkeit, die Grimm war, eine Belebteit, die an knarrende Gliederpuppen
mahnte.
    Lätizia hatte vergessen, von Christian zu sprechen. Erst auf der Strasse fiel
ihr der Zweck des Besuches ein. Sie machte Crammon Vorwürfe, dass er sie nicht
erinnert habe. »Es verschlägt nichts,« sagte Crammon, »ich will morgen wieder
hin, und du kannst ja mitkommen. Ich will Lorm sehen. Mir ahnt nichts Gutes. Da
ist Unheil im Zug.«
    »Ach, Bernhard,« klagte Lätizia, »du unkst die Sonne um ihren Schein und die
Rosen um ihren Geruch.«
    »Nein, ich weiss nur, dass sich das Gesicht der Welt verändert, ohne dass ihrs
merkt, ihr armen, verkauften Seelen,« antwortete Crammon mit erhobenem Finger.
    Und er ging zu Borchardt, wo er köstlich zu speisen gedachte;
Henkersmahlzeit nannte er es jedesmal.
 
                                       26
Als Michael an Johannas Seite die Kirche verliess, war er von dem Erlebnis der
Stunde durchwühlt.
    Sie fuhren bis zur Schönhauser Allee, dann gingen sie zu Fuss. Das
Schneegestöber und der hochliegende Schnee machte dem Hinkenden das Gehen
doppelt beschwerlich.
    Er hatte während der ganzen Fahrt geschwiegen, obgleich sich in seinem
Gesicht Empfindungen und Gedanken mit patetischer Heftigkeit verrieten. Sich zu
äussern, hatte er erst gelernt; früher war alles in ihm erstickt. Seit er es
gelernt hatte, ergriff er den Anlass mit Begier; das Wort war frisch, die Gebärde
beladen und übermässig; der Ton, in dem er sprach, trotzte gegen sein Alter; mit
schrillen Akzenten betäubte er Anfälle von Schüchternheit; aus Furcht, nicht so
ernst genommen zu werden, wie er sich selbst, wie ihm seine Wirrnisse, seine
Erkenntnisse, sein neues Mitleben erschienen, verteidigte er gewagte
Behauptungen noch hartnäckig, während seine Überzeugung schwankend wurde.
    Auf dem Hinweg hatte er immer wieder von Christian zu sprechen begonnen.
Sein Gemüt war erfüllt von Christian. Verehrung, halb zaghaft, halb
überschwenglich, äusserte sich in vielfacher Weise. Er hatte des Aufblicks
entbehrt, sein Geist der Richtpunkte und der Trunkenheit der Jugend; nun gab er
sich desto williger hin. Doch sah er, seiner Grüblernatur gemäss, an diesem
einfachen Menschen Rätsel und Probleme, und hierin konnte ihn Johanna eines
Besseren nicht belehren. Sie wich aus. Der Knabe war ihr zu stürmisch, zu
unbedingt, zu fordernd. Er verletzte die Schamhaftigkeit ihres Gefühls, er
zerriss immerfort Schleier. Gleichwohl fesselte sie sein Wesen; es hielt sie in
Unruhe und leiser Qual. Sie brauchte Unruhe und leise Qual. Sie konnte sich
einbilden, ihn zu schützen, und so hatte sie eine Aufgabe, so war sie besser vor
sich selbst geschützt.
    Er sagte, die Musik sei es nicht gewesen, die ihn überwältigt habe. Solche
Musik sei eine schwere Formensprache, und um das fehlende Wissen davon dürfe man
sich nicht durch den Klang Herumlügen, scheine ihm. Man müsse wissen, man müsse
lernen.
    »Was war es also? Was hat Eindruck auf Sie gemacht?« forschte Johanna, die
den Knaben abwechselnd mit Du und Sie anredete, je nach ihrer Laune und
Sympatie, je nachdem er ihrer zu bedürfen schien oder nicht. Ihre Frage
entielt nur oberflächliche Neugier. Sie war müde vom Weg, müde vom Tag,
unlustig zum Wort.
    »Die Kirche war es,« sprach Michael, »der Lobgesang auf Christus, die
andächtige Menge.« Er stockte und senkte den Kopf. Als Kind und bis vor kurzem
noch habe er nur mit Hass an Jesus Christus denken können, fuhr er mit seiner ein
wenig heiseren und gebrochenen Knabenstimme fort; dem draussen im Lande jüdisch
erzogenen Juden, der von Andersgläubigen Hohn und Beschimpfung erfahren, sei es
eingefleischt. Christus sei ihm der Feind, der, der sein Volk verlassen und
verleugnet habe, der Abtrünnige, die Ursache aller Leiden. »Ich weiss es noch,
wie ich an Kirchen vorübergeschlichen bin,« sagte Michael, »ich weiss es noch,
mit welcher Furcht und welchem Zorn. Rut kannte so etwas nicht; Rut hatte
keinen Sinn für so bittere Dinge. Für Rut war alles süss und hell. Sie flog über
das Gemeine hinüber. Bei mir frass es, und ich hatte niemand, der mich hörte.«
    Aber eines Abends, wenige Tage vor ihrem Verschwinden, habe ihm Rut, ohne
dass er darum gebeten und ohne dass er mit ihr gesprochen, nur als habe sie auf
irgendeine Weise an ihn heran und seinen Drang und Druck lösen gewollt, eine
Stelle aus dem Evangelium der Christen gelesen, die Stelle nämlich, wo der
auferstandene Jesus den Simon Petrus fragt: Simon, liebst du mich? Simon
antwortete: Du weisst, dass ich dich liebe; und Jesus sagt zu ihm: Weide meine
Lämmer. Dann fragt er zum zweitenmal: Simon, liebst du mich? Ja, Herr, sagt
Simon, du weisst, dass ich dich liebe. Und Jesus sagt: Weide meine Schafe. Und zum
drittenmal fragt Jesus: Liebst du mich, Simon? Da ging es Petrus zu Herzen, dass
er ihn dreimal gefragt, und er sagt: Herr, du weisst ja alles, du weisst, dass ich
dich liebe. Und Jesus sagt: Weide meine Schafe. Und dann sagt er: Folge mir
nach.
    Er habe seiner Schwester das Buch aus der Hand gerissen und darin geblättert
und sich nicht verführen lassen wollen, aber ein Satz sei ihm aufgefallen, bei
dem er verweilt habe, der Satz: Und er bedurfte es nicht, dass jemand ihm Kunde
von einem Menschen gab, denn er wusste, was im Menschen war. Da sei kein Hass
gegen Christus mehr in ihm gewesen. Doch an ihn glauben und sich an ihn wenden,
das habe er nicht vermocht. Er meine nicht Frömmigkeit und Gebet, er meine die
Idee, was dem Menschen Gewähr gebe und dem Geist Bestand. Das habe er heute
erfasst, bei dem hinaufströmenden Gesang und den tausenden erst erloschenen, dann
feierlich brennenden Augen; liebst du mich, Simon, das habe er erfasst bis auf
den Grund; und das »folge mir nach« bis auf den Grund; und sein Jude-Sein,
Verstossen-Sein habe sich aus Schmerz und Scham in Besitztum und Stolz
verwandelt, in die Gewissheit eines Dienens und einer besonderen Kraft; »es war
wunderbar, wunderbar,« beteuerte er, »ich begreife es noch nicht, ich bin wie
eine angezündete Lampe.«
    Johanna erschrak vor dem Ausbruch einer ihr so fremden und unverständlichen
Leidenschaft.
    »Weide meine Schafe,« Michael sang es beinahe in den Schnee hinein; »weide
meine Schafe.«
    Erweckung, dachte Johanna mit mattem Grauen und Neid, er ist erweckt worden.
    Es wurde ihr immer deutlicher, mit welcher Inbrunst sich der Knabe an
Christian geschlossen hatte. Als sie in der Stolpischen Strasse vor der
versperrten Tür warteten und Christian mit Niels Heinrich herauskam, ohne Blick
und Gruss, ohne die beiden zu gewahren vorüberging und mit dem schlotternden,
schlürfenden, verzerrt aussehenden Menschen im Torweg verschwand, hinkte Michael
ein paar Schritte hinterher, starrte in die von weissen Schneefunken
durchwirbelte Dunkelheit des Hofes, kehrte sich dann zu Johanna um und sagte
stehend: »Er soll nicht mit ihm gehen. Laufen Sie ihm nach, rufen Sie ihn
zurück. Er soll um Gottes willen nicht mit ihm gehen.«
    Johanna, obgleich selbst erregt, beschwichtigte den Exaltierten. Sie blieb
noch eine halbe Stunde bei ihm, zwang sich zur Unbefangenheit, kochte lässig
plaudernd Tee und deckte den Tisch für das kalte Abendessen, dann ging sie nach
Hause. Am andern Morgen um acht Uhr läutete Michael an ihrer Wohnung. Sie war
kaum mit dem Anziehen fertig, und als sie zu ihm in den Flur trat, stand er
bleich, übernächtig, nach Worten ringend da. »Wahnschaffe ist nicht
heimgekommen,« murmelte er; »was soll man tun?«
    Die erste Bestürzung niederkämpfend, musste Johanna lächeln. Sie ergriff
Michael bei der Hand und sagte: »Fürchte nicht für ihn, ihm geschieht nichts.«
    »Sind Sie dessen so sicher?«
    »Ganz sicher.«
    »Wie geht das zu?«
    »Ich weiss es nicht. Aber seinetwegen Angst haben, das könnte mir nie
einfallen, das ist pure Gefühlsverschwendung.«
    Ihre Ruhe und Bestimmteit machten Eindruck auf Michael. Doch bat er sie,
mit ihm zu gehen und bei ihm zu bleiben, wenn es ihr möglich sei. Sie überlegte
und versprach es. Auf dem Rückweg gingen sie in eine Buchhandlung und kauften
die Bücher, die Lamprecht bezeichnet hatte. Christian hatte Michael das Geld
dazu gegeben. Er wollte mit Selbststudium heute gleich beginnen, aber er war
nicht fähig, sich zu sammeln. Er sass am Tisch, blätterte, schlug Hefte auf, hob
den Kopf und lauschte, presste die Hände gegeneinander, sprang empor und ging im
Zimmer herum, sah in den Hof, blickte forschend Johanna an, die an einer
Stickerei arbeitete und fröstelnd und verhärmt in der Sophaecke kauerte und mit
den kleinen weissen Zähnen an der Lippe nagte.
    Es verging der Tag und die zweite Nacht, ohne dass Christian zurückkehrte.
Die Ungeduld und Aufregung des Knaben war kaum mehr zu zähmen. »Wir müssen uns
rühren,« sagte er; »dasitzen und warten, das ist blödsinnig.« Johanna, die nun
auch besorgt wurde, wollte zu Boto von Tüngen gehen oder zu Doktor Voltolini.
Während sie den Hut aufsetzte, kam Lamprecht. Als er hörte, um was es sich
handelte, sagte er: »Ihr tut Wahnschaffe keinen Gefallen, wenn ihr Lärm schlagt.
Kommt er nicht, so hat er seine Gründe. Eure Angst ist kindisch und seiner
unwürdig. Wir wollen lieber etwas Nützliches beginnen, mein Junge.«
    Auch er hatte, nur in höherem Grade, geistig befestigt, die Zuversicht, die
Johanna instinktiv empfunden. Noch einmal unterwarf sich Michael und war für
zwei Stunden williger Schüler. Gegen Mittag, Johanna und Lamprecht waren
weggegangen, kam der Fuhrmann Scholz von nebenan mit einer unbeglichenen
Rechnung. Er sagte, er habe für die Bespannung zum Leichenkondukt der
verstorbenen Mamsell Engelschall sein Geld noch nicht erhalten. Michael
antwortete, er werde sein Geld kriegen, er solle morgen wieder vorsprechen,
Wahnschaffe habe es sicher nur vergessen. Der Mann schimpfte und entfernte sich.
Aber draussen im Hof stellte er sich zu einigen Leuten, und Michael hörte, dass
sie gehässige Reden führten und dass dabei Christians Name genannt wurde. Er ging
in den Flur und ans Tor; die giftigen Worte und Anspielungen im ordinärsten
Jargon, die er vernahm, trieben ihm das Blut in die Wangen. Er hatte sofort das
Gefühl einer Verhetzung. Ein rotaariger Bursche, Zimmermaler vom vierten Stock,
tat sich besonders hervor. Er machte die andern auf Michael aufmerksam; einer
warf eine rohe Bemerkung hin; die ganze Gesellschaft wieherte, und als Michael
mit dem Mut seiner Entrüstung ins Freie trat, massen sie ihn mit finsteren
Blicken.
    »Was habt ihr gegen Wahnschaffe?« fragte er laut und duckte sich wie eine
Katze.
    Sie wieherten abermals. Der Rotaarige streifte feixend seine Rockärmel
hoch. Ein Weib, das an einem Fenster oben lag, langte in die Stube zurück und
schüttete einen Kübel voll schmutzigen Wassers herunter. Michael ward davon
bespritzt. Dröhnendes Gelächter. Der Fuhrmann Scholz stemmte die Arme in die
Hüften und sprach von Tagedieben, die das arbeitende Volk verhohnepiepelten mit
Schnickschnack und Blendwerk. »Judenjüngel, mach dünne!« pfiff es Michael ins
Gesicht. Er wurde bleich und tastete hinter sich an die Mauer.
    Da kamen Boto von Tüngen und Johanna aus dem Torweg des Vorderhauses. Sie
blieben stehen und schauten schweigend auf die Gruppe im Schnee und auf Michael.
Sie begriffen. Johanna zog Michael ins Haus. Er berichtete atemlos. Er war so
feurig, so edel empört, dass seine Züge Schönheit hatten.
    Nach einer Weile klopfte es an die Tür. Amadeus Voss trat ein. Übertrieben
höflich grüssend, schien er keineswegs überrascht, Johanna hier zu finden. Es
schien ihn auch nicht weiter zu stören; er sagte, er müsse Christian Wahnschaffe
sprechen. Tüngen erwiderte, man wisse nicht, wann Christian nach Hause komme,
man wisse nicht, ob er heute überhaupt noch komme.
    Voss sagte trocken, er habe Zeit und werde warten.
    Johanna war wie gelähmt. Sie konnte sich nicht entschliessen, fortzugehen.
Nur keine Demonstrationen, nur kein Aufsehen. So kauerte sie sich in die Ecke
des Ledersofas, einem Tiere gleich, das sich in einen Winkel verkriecht, und
nagte mit den Zähnchen an der Lippe.
    Sterben, dachte sie unvermittelt, sterben, das ist das einzige.
 
                                       27
Das Fest war vorüber, die Gäste waren abgereist, Eva und Susanne waren allein im
Schloss zurückgeblieben.
    Die südliche Küste hatte schon den vollen Frühling empfangen; es war ein
Frühlingsfest gewesen, in tropischer Blütenfülle und heroischer Landschaft. Die
Flucht aus dem Winter des Nordens, so rasch vollzogen, dass ihr keine Würde
standhielt, hatte die Gemüter berauscht, in erhöhter Lust des Atmens, in
ungeistigem Erstaunen, wie Trinker und Schlemmer manche, wie befreite Gefangene
andre, hatten sie sich dem Seltenen überschäumend hingegeben, die Kürze der
vergönnten Frist wissend. Dies Wissen breitete einen Schleier von Melancholie
über die Freude.
    Noch bebte die Atmosphäre von berückenden Worten, von Schritt und Lachen der
Frauen; noch war alles voller Echo, der Lärm nicht ganz verstummt, und in der
Nacht sehnte sich das Dunkel im stillen Park nach dem Lichterglanz, den die
Sterne oben nicht vergessen machen konnten.
    Aber sie waren alle fort.
    Der Grossfürst war der Einladung eines österreichischen Erzherzogs zur Jagd
gefolgt; Eva sollte ihn im April in Wien treffen und mit ihm nach Florenz
fahren. Sie hatte keinen ihrer Freunde aufgefordert, länger zu verweilen, keine
der Damen, keinen der Künstler und der Paladine. Einmal wieder allein zu sein,
das war ein Hunger ihrer Seele geworden; sie war nicht mehr allein gewesen seit
vier Jahren.
    Sogar Susanne war ihr im Wege. Sie wies sie aus ihrer Nähe, wenn sie mit
törichter Besorgnis die Herrin umschlich. Sie wünschte nicht, dass man zu ihr
spreche, dass man sie anschaue; sie wollte ganz entschlüpfen in das kristallene
Gebilde Einsamkeit. Sie hatte es geschaffen, sie wollte es erfahren; und
unversehens wurde sie darin sich selber fremd. Es geschah etwas mit ihr, das ihr
das Blut im Herzen kühl und krank machte.
    Sie konnte nicht lesen, keine Briefe schreiben, nicht an Pläne denken. Kaum
hing eine Stunde mit der andern lebendig zusammen. Tagsüber ging sie am Meer,
ohne Begleitung, sass unter Blumen im Garten; den grössten Teil der Nacht lag sie
in einer offenen Halle, vor der sich der Himmel wie ein Vorhang aus dunkelblauem
Samt spannte. Oft war die Morgendämmerung schon angebrochen, wenn sie sich zu
Bett begab. Sie hatte eine Empfindung von sich wie von gelockerter Natur und
aufgelöstem Rhytmus. Bisweilen spürte sie Bangigkeit; der Mittag glühte sie
stählern an, der Abend war ein Tor ins Ungewisse.
    Sie hatte sich Nachrichten verbeten. Post, die dringend zu sein vorgab,
wurde von Susanne und Monsieur Labourdemont erledigt. Doch beim zufälligen und
zerstreuten Blick in den Brief eines Freundes erfuhr sie von Iwan Becker. Was
sie las, beschäftigte sie. Es war Ahnung und Berührung der Gefahr. Wenn sie
nachts in der offenen Halle lag, war fahles Zucken hinter dem dunkelblauen
Vorhang des Himmels, und die Stille wurde tückisch.
    An der Spitze von fünfzehntausend zarentreuen Arbeitern war Iwan Becker vor
das Winterpalais gezogen, um zwischen dem Kaiser und dem Volk eine unmittelbare
Aussprache und Verständigung herbeizuführen. Die friedliche Armee der
Demonstranten war von Kosakenregimentern umzingelt worden, und das Ende war ein
Blutbad ohnegleichen. Abermals rottete sich das Volk zusammen, und Becker, auf
einer Tribüne, die Arme zum Himmel gereckt, verfluchte den Zaren. Flüchtig irrte
er im Land umher, verbarg sich in Klöstern und bei Bauern. Da schickten ihm die
Meuterer des »Pantelejmon« und »Potemkin« Botschaft, er möge sich ihnen
anschliessen. Die Mannschaften der beiden Dreadnoughts hatten im Hafen von
Sebastopol den Gehorsam verweigert, hatten ihre Kapitäne und Offiziere ermordet,
die Leichen ins Meer geworfen oder in den Feuerungsraum, hatten sich der Schiffe
bemächtigt, ihre eigenen Befehlshaber gewählt und waren in See gegangen. Ob Iwan
Becker dem Ruf der Rebellen gefolgt war, wusste man nicht; seine Spur hatte sich
verloren. Aber viele behaupteten bestimmt, er habe sich auf den schwimmenden
Freistätten vor den Nachstellungen der politischen Polizei in Sicherheit
gebracht und eine bedeutende Herrschaft über die verwilderten Matrosen erlangt.
    Es war seine dritte Erscheinung, in Aufruhr und Blut.
    Von Gärtnern, Fischern, Bauern zugetragen und verbreitet, liefen Gerüchte.
Die Meuterer hausten auf dem Meer als Piraten, kaperten Handelsschiffe und
bombardierten Hafenstädte. In manchen Nächten sah man Raketen steigen und hörte
fernen Kanonendonner. Wo sie nicht Angriffe überlegener Streitkräfte zu
befürchten hatten, gingen sie an der Küste vor Anker, plünderten Städte und
Dörfer, machten nieder, was sich zur Wehr setzte, und erfüllten die Provinz bis
weit ins Binnenland hinein mit Schrecken.
    Eva wurde gewarnt. Sie wurde gewarnt von dem Ältesten eines Bauerndorfes,
dessen Gemarkung an den Schlosspark grenzte; sie wurde gewarnt durch eine
Estafette des Marinekommandanten in Nikolajew, der ihr mitteilte, die
aufständigen Matrosen beabsichtigten einen Anschlag gegen die kaiserlichen
Besitzungen in der Krim, namentlich aber gegen die des Grossfürsten; und sie
wurde gewarnt durch ein anonymes Telegramm aus Moskau.
    Sie beachtete die Warnungen nicht. Sie glaubte, dies, gerade dies nicht
fürchten zu sollen, nicht fürchten zu dürfen, Bedrohung von dorter nicht, das
Niedrige, Hässliche nicht; und sie blieb. Doch dies Bleiben war Warten. Ein
Gefühl der Unentrinnbarkeit war über sie gekommen, keineswegs ausgehend von den
Meuterern und ihrem verbrecherischen Wüten, sondern vom Geiste her und von der
tiefen Logik der Dinge.
    Eines Abends stieg sie auf den Turm mit der goldenen Treppe. Auf der
Plattform oben über die dunkeln Baumwipfel und Meer und Land schauend, gewahrte
sie im Norden den Horizont dunkelrot besäumt. In einen Spitzenschleier gehüllt
stand sie und verfolgte sinnend das Anschwellen der Glut, ohne dass Sorge oder
die Frage nach der Ursache an sie rührte. Sie hatte ein durchdringendes Gefühl
des Schicksals und beugte sich fatalistisch.
    Susanne wartete im Saal der arabischen Fresken. Mit ihrem Derwischgang auf
und ab schreitend, kämpfte sie gegen verdüsternde Befürchtungen. Die Flamme
brannte nieder: was geschah mit Lukas Anselm? Das Um-ihn-Wissen und Für-ihn-Sein
war in den Jahren des Glanzes und der Erfüllung nicht schwächer in ihr geworden.
Das Werk, die Tänzerin, der er Art und Atem eingehaucht, hatte ihr als Zeugnis
für ihn gegolten, nach wie vor, und als Kunde von ihm. Und jetzt, was wurde da?
Dunkelheit kroch her; der Golem hielt inne in seinem entzückenden Spiel.
Erlahmte und erkaltete die Hand, die ihn geformt hatte und befehligte? War der
erhabene Geist müde geworden und besass er die Kraft in die Ferne nicht mehr? War
das Ende gekommen?
    Eva trat ein, stutzte bei Susannes Anblick und setzte sich auf eine
Ottomane, zu deren Häupten Stöcke mit leuchtenden Hortensien aufgestellt waren,
die man jeden Morgen auswechselte. Sie war durchkältet vom Seewind; die Augen in
den tiefgemeisselten Höhlen blickten streng. »Was willst du?« fragte sie.
    »Ich glaube, wir sollten abreisen,« sagte Susanne, »länger zu zögern, wäre
nicht klug. Die kleine Militärabteilung, die von Yalta unterwegs ist, würde uns
bei einem Überfall auf das Schloss wenig nützen.«
    »Wovor fürchtest du dich?« entgegnete Eva; »fürchtest du dich vor Menschen?«
    »Ja, ich fürchte mich vor Menschen. Und Menschen gegenüber ist Furcht wohl
am Platz, scheint mir. Nimm deine Phantasie zu Hilfe und denke ihre Körper, ihre
Stimmen. Wir sollten reisen.«
    »Es ist töricht, sich vor Menschen zu fürchten,« beharrte Eva, stützte den
Arm auf ein Kissen und den Kopf in die Hand.
    Susanne sagte: »Aber auch du hast Furcht. Oder was ist es? Was geht mit dir
vor? Hast du Furcht? Wovor hast du Furcht?«
    »Furcht ... ja, ich habe Furcht,« murmelte Eva; »wovor? Ich weiss es nicht.
Vor Schatten und vor Träumen. Es ist eine Abwesenheit in mir. Meine
Schutzgotteit ist abwesend. Das macht Furcht.«
    Susanne erbebte bei diesen Worten der Bestätigung. »Soll ich die Koffer
packen lassen?« fragte sie demütig.
    Die Frage überhörend, fuhr Eva fort: »Die Furcht entsteht aus der Schuld.
Siehst du, ich gehe herum und bin schuldig. Ich öffne mein Kleid, weil mir enge
drin wird, und bin schuldig. Ich greife nach der blauen Blüte da, und bin
schuldig. Ich sinne und sinne, grüble und grüble, und kann den Grund nicht
finden. Den innersten, untersten, ich kann ihn nicht finden.«
    »Schuldig?« stammelte Susanne bestürzt, »du, schuldig? Was meinst du? Was
redest du? Kind, du bist krank! Süsse, Einzige, du wirst mir krank.« Sie stürzte
vor Eva hin, umschlang den zarten Leib und schaute mit den feuchtschwimmenden
Beerenaugen zu ihr empor. »Lass uns fortgehen, Herz, lass uns wieder zu den
Freunden gehen. Ich wusste es ja, dies Land wird dich töten. Die Wildnis von
gestern, die du umgezaubert hast in ein lügenhaftes Paradies, sie hat noch die
ganze Bosheit abgeschiedener und verdammter Erde. Steh auf und lächle, Süsse;
steh auf. Ich will mich ans Klavier setzen und Schumann spielen, den du liebst.
Ich will einen Spiegel bringen, damit du dich anschaust und siehst, dass du noch
schön bist. Wer ist schuldig, der noch so schön ist?«
    Eva schüttelte schwermütig den Kopf. »Schönheit?« fragte sie, »Schönheit? Du
willst mich betrügen um mein Gefühl mit deiner Schönheit. Ich weiss nichts von
ihr, und wenn sie etwas Wirkliches ist, so ist sie ohne Segen. Nein, von
Schönheit rede nicht. Ich habe zu viel an mich gerissen, zu viel in zu kurzer
Zeit, zu viel geraubt, zu viel verbraucht, zu viel vergeudet. Zu viel Menschen,
zu viel Seelen, zu viel anvertrautes Pfand. Ich konnte es nicht halten und
tragen. Was ich wünschte, wurde erfüllt. Je massloser ich wünschte, je rascher
kam die Erfüllung. Da war Ruhm, da war Liebe, da war Reichtum, da war Macht, da
war Dienst von Sklaven, da war Anbetung, alles, alles; so viel, um drin zu
wühlen wie in einem Haufen kostbarer Steine. Ich wollte emporkommen, von wie
tief, das weisst du; es nahm mich auf Flügel. Ich wollte Hindernisse zerbrechen;
als ich mich dazu anschickte, waren sie nicht mehr da. Ich wollte mich hingeben
für eine grosse Idee, und mir wurde geglaubt, kaum dass ich begonnen hatte, um sie
zu ringen. Man verkündete mich, und ich war noch der Lehre bedürftig. Zu früh,
zu früh, zu viel, zu viel. Millionen opfern ihr Teuerstes, angstvoll und
andächtig, nur um nicht fortgeschwemmt zu werden von der Klippe, die sie sich
erobert; ich war wie Aladdin, vor dem die Ifrids das Knie beugen noch vor dem
Befehl. Den einzigen, dessen Herz mir Widerstand geleistet - weshalb, war ihm
selber ein Geheimnis, - habe ich von mir gestossen und misskannt. Jeder Schritt
ein Schritt in die Schuld; jede Sehnsucht Schuld; jeder Dank eine Schuld; jede
Stunde der Lust eine Schuld; jedes Geniessen ein Verarmen, jedes Hinauf ein
Sturz.«
    »Frevlerin,« murmelte Susanne, »aus Übermut und Überdruss sündigst du gegen
dich und dein Geschick.«
    »Wie du mich quälst,« antwortete Eva; »wie ihr mich alle quält, Männer und
Weiber. Wie unfruchtbar ich durch euch werde. Wie mich eure Stimmen quälen, eure
Augen, eure Worte und Gedanken. Ihr lügt so leichtsinnig. Ihr wollt nicht hören,
Wahrheit ist euch verhasst. Wer seid ihr denn? Wer bist du denn, du? Ah, Susanne
ist dein Name, Susanne. Ich kenne dich nicht. Ein Du bist du. Quälst mich, weil
du ein Du bist. Geh doch. Hab ich verlangt, dass du bei mir sein sollst? Ich muss
zu mir hinein, und du willst mich hindern? Ich sage dir, ich bleibe, und wenn
sie mir das Haus über dem Kopf abbrennen.«
    Sie sprach dies mit verschlossener Leidenschaftlichkeit, erhob sich, machte
sich los von der schluchzenden Gefährtin und ging in ihr Schlafgemach.
    Eine Stunde später stürzte Susanne bleich und mit wirren Haaren herein. »Es
wird Ernst,« rief sie der noch wachen und bei der verhängten Lampe sinnenden
Herrin zu; »sie nähern sich dem Schloss. Labourdemont hat nach Yalta
telephoniert; man hat geraten, dass wir uns schleunigst entfernen. Seit einer
Viertelstunde ist übrigens die Leitung zerstört. Ich komme aus der Garage, das
Auto wird in zwanzig Minuten vorfahren. Schnell, schnell, solang es noch Zeit
ist.«
    Gelassen sagte Eva: »Kein Anlass zu Lärm und Geschrei. Beruhige dich. Die
Erfahrung hat in ähnlichen Fällen bewiesen, dass man durch Flucht nur die Leute
zur Plünderung und Vernichtung reizt. Sollten sie die Vermessenheit so weit
treiben und hier eindringen, so werde ich ihnen entgegentreten und mit ihren
Anführern verhandeln. Es ist das Richtige und das Natürliche. Ich bleibe, werde
aber niemand zwingen, dasselbe zu tun.«
    »Du bist sehr im Irrtum, wenn du glaubst, ich zittre für mich,« antwortete
Susanne, plötzlich vollkommen trocken und gefasst; »bleibst du, so bleibe ich
selbstverständlich auch. Verlieren wir also kein Wort darüber.« Und sie reichte
der Herrin das Gewand, das sie stumm gefordert hatte.
    Man vernahm hastiges Laufen, Zurufe, das Schnurren des Autos, Hundegebell.
Monsieur Labourdemont ging im Vorsaal erregt auf und ab. Der
Gendarmeriewachtmeister sprach vor der Auffahrtstreppe laut mit seinen Leuten.
Eva setzte sich gleichmütig an den Toilettentisch und liess sich von Susanne das
Haar aufstecken. Das Rauschen des Meeres drang durch die offenen Fenster. Dies
schwere, schleifende Geräusch wurde auf einmal durch das Knattern von
Gewehrfeuer unterbrochen.
    Danach entstand eine kleine Stille. Labourdemont klopfte an die Tür des
Schlafgemachs. Es sei keine Minute mehr zu versäumen, rief er mit dem Knäuel der
Angst in der Kehle. »Teile ihm das Notwendige mit,« befahl Eva; Susanne ging
hinaus und kehrte nach kurzer Weile mit einem düsteren Lächeln auf den Lippen
zurück. Eva schaute sie fragend an. »Panik,« sagte Susanne achselzuckend; »es
lässt sich denken. Sie sind ratlos.«
    Abermals Zurufe, bestürzte, verworrene. Schein von Lichtern dann; leise
Kommandos. Dann quollen Schreie aus der Stille. Zugleich ein Johlen von
Hunderten. Plötzlich krachte es, als würde ein Holztor zerschmettert. Das Gebell
der Hunde wurde verschlungen von Geprassel und gleich darauf folgendem
ohrenzerreissenden Johlen, Pfeifen und Heulen. Eine Feuergarbe loderte; das
Gemach war rot. Susanne stand rot in der Mitte; ihre Augen waren glasig, das
Gesicht eine Maske.
    Eva trat ans Fenster. Bäume und Büsche waren in Glut getaucht. Der Herd des
Feuers war den Blicken entzogen. Der Platz vor dem Schloss war leer, die
Wachmannschaft verschwunden. Sie hatten es für aussichtslos erkannt, der
Übermacht der Meuterer beizukommen, und waren geflüchtet. Auch von den Dienern
Evas war keiner mehr zu sehen. Ungewisse Schatten wälzten sich im lohenden
Dunkel fauchend näher. Aus allen Richtungen knallten Schüsse. Scherbengeklirr
ertönte; es waren die Glashäuser, gegen die Steine geschleudert wurden. Da
brachen von links und rechts her, das Haus umflutend, Männermassen aus der
feurigen Dämmerung, die von Sekunde zu Sekunde mehr in satte Brandhelle
überging. Es war ein wüstes Gewimmel von Armen, Rümpfen und Köpfen, ein
tobender, ungestüm sich vorwärtsschiebender Hause, dessen Brüllen, Gurren und
Pfeifen die Luft erschütterte.
    »Geh fort vom Fenster!« murmelte Susanne rauh flehend.
    Eva rührte sich nicht. Da blickten einige empor und gewahrten sie. Ein
unverständliches Wort durchlief die wirbelnde Menge. Viele blieben stehen, aber
während sie hinaufstarrten, wurden sie von Nachdrängenden weitergeschoben. Als
die Bewegung vor der Freitreppe brach und zu einem Schwanken verebbte, trat
Stille ein.
    »Geh fort vom Fenster!« flehte Susanne mit erhobenen Händen.
    Scharlachfarbene Gesichter, dichtgedrängt, waren gegen Eva gekehrt. Mann an
Mann schoben sie sich auf dem weiten Halbrund vor dem Schloss, die Menge nahm zu
wie dunkle Flüssigkeit in einem Gefäss, das sich füllt. Die Hintersten
zerstampften den Rasen und die Beete, rissen Büsche aus, stürzten Statuen um.
Die meisten trugen die Uniform der Kriegsmarine, aber es befand sich auch Pöbel
aus den Städten darunter, raub- und mordgieriges Gelichter, Mitglieder der
schwarzen Hundert. Sie waren bewaffnet mit Gewehren, Säbeln, Knütteln,
Revolvern, Eisenstangen, Äxten, und eine grosse Anzahl war betrunken.
    Das unverständliche Wort gellte neuerdings über die Köpfe. Die treibende
Bewegung fing als Wirbel wieder an. Fäuste schraubten sich hoch. Ein Schuss wurde
abgefeuert; Susanne schrie erstickt: die Ampel über dem Bett zersplitterte. Eva
trat vom Fenster zurück. Sie schauderte. Sie machte ein paar Schritte, nahm
geistesabwesend einen Apfel von einer Schale. Er entfiel ihrer Hand und rollte
auf dem Boden weiter.
    Sie drangen ins Haus. Man hörte Axtiebe, Scharren vieler Schritte,
Aufreissen von Türen. Sie suchten.
    »Wir Unglücklichen,« flüsterte Susanne und ergriff mit beiden Händen Evas
Arm, als stosse sie jemand ins Wasser.
    »Lass,« wehrte Eva ab, »lass. Ich will versuchen, mit ihnen zu reden. Ihnen
Mut zu zeigen, wird genügen.«
    »Geh nicht, um Gottes willen, geh nicht!« beschwor Susanne.
    »Lass, sag ich dir. Ich sehe keinen Ausweg sonst. Verbirg dich du und lass
mich.«
    Sie ging königlich. Sie wusste vielleicht um das Urteil, das gefällt war.
Über die Schwelle tretend, hatte sie ein eisiges Gefühl der Entscheidung. Sie
schritt verhängten Blickes. Der Weg schien weit; er erregte Ungeduld in ihr. Aus
Flammenschein und dem schwachdurchleuchteten Grau prallten Menschen auf sie zu,
wichen zurück, umstellten sie, wichen zurück. Der Adel der Gestalt bezwang sie
noch. Aber dahinter rasten, geiferten Dämonen und wühlten sich Bahn zu ihr. Sie
sprach russische Worte. Das brandige Wirrsal der Köpfe und Schultern wogte
überwirklich auf und nieder. Sie sah Hälse, Bärte, Zähne, Fäuste, Ohren, Augen,
Stirnen, Adern, Fingernägel. Mienen verschwammen; das Ganze der Gesichter
zerloderte. Im Übungssaal prasselte Feuer. Beilhiebe zertrümmerten Kostbares.
Rauch füllte die Gänge. Geschrei von Wahnwitzigen tobte. Eva wandte sich.
    Es war zu spät. Da wirkte kein Zauber eines Blickes und einer Gebärde mehr.
Da war Raserei des Elements.
    Sie lief; gazellenhaft leicht. Hinter ihr plumpe Schritte, Lungen, die laut
pumpten. Sie gelangte zur Treppe des viereckigen Turms, dieses Gebildes ihrer
Laune. Sie lief hinan. Als sie höher kam, funkelten die vergoldeten Stufen im
ersten Tageslicht. Die Hand glitt am Geländer reibungslos; das bemalte Email,
Erzeugnis ihrer Laune, fühlte sich kühl und beschwichtigend an. Die Verfolger
knurrten wie Wölfe. Das Licht hob sie. Sie stürzte in den silbernen Morgen
hinauf, erblickte brennende Gebäude, die sich im Wind bogen, das Meer. Die
Verfolger wälzten sich nach wie ein Gliederhaufen, ein Polyp mit Haaren, Nasen
und gefletschten Zähnen.
    Sie schwang sich auf die Brüstung. Arme langten nach ihr. Höher! Könnte man
doch höher! Den Himmel belagerten Wolken. Einst war es anders gewesen. Sterne
hatten getröstet, ein herrlich entfaltetes Firmament. Die Erinnerung blieb nur
eine Sekunde. Hände griffen, an ihre Brust krallten sich Finger. Vier, sechs,
acht Armpaare streckten sich aus; ein letztes Besinnen, eine letzte Anstrengung,
ein letzter Seufzer, die Luft wich sausend, sie stürzte ...
    Auf Marmorfliesen lag ihre Leiche. Der wunderbarste Körper, zu blutigem Brei
entformt. Die gebrochenen Augen leer aufgeschlagen, ohne Tiefe, ohne Wissen,
ohne Sinn. Von der Brüstung oben heulten die Menschenwölfe gierig und
enttäuscht; unten fielen andre über die Tote her. Sie rissen die Gewänder vom
Leib und steckten sie wie Fahnenfetzen auf Stangen und Zweige.
    Auf der Schwelle des Schlafzimmers ihrer Herrin lag erschlagen Susanne
Rappard.
    Als das Werk der Plünderung und Zerstörung beendet war, zog der wilde Haufe
ab. Über den nackten, besudelten Leichnam der Tänzerin hatte zuletzt ein
barmherzig Schamvoller eine Pferdedecke geworfen.
    Es ging aber bis zum Abend noch ein Mann auf der Trümmerstätte umher,
einsam, in einsamer Not. Er trug das Kleid eines Popen und in den Zügen, auch
er, das Mal erfüllten Schicksals. Und die in später Stunde kamen, ihn zu suchen
und zu holen, grüssten ihn ehrfürchtig, denn er galt ihnen als der Heilige des
Volkes und der Prophet des neuen Reiches.
    Er sagte zu ihnen: »Ich habe euch belogen, ich bin ein schwacher Mensch wie
ihr.«
    Darauf wiegten sie die Köpfe, und einer antwortete: »Väterchen Iwan
Michailowitsch, mache unsre Hoffnung nicht zuschanden und geleite uns in unsrer
Schwäche.«
    Da blickte der Heilige des Volkes auf die Leiche, die wenige Schritte
entfernt zwischen ausgerissenen Blumen und verkohlten Trümmern unter der
Pferdedecke lag und sagte: »So lasst uns denn bis zum Ende gehen.«
 
                                       28
Dreimal blieb Niels Heinrich auf der Strasse stehen und starrte Christian ins
Gesicht. Hierauf ging er weiter, stiess seine Füsse in den Asphalt und rundete
seinen Rücken. Anfangs schleppte er sich mühsam, dann wurde der Schritt fester.
    Vor Kahles Laden fragte er tonlos höhnisch, ob der Herr bei der Polizei
angestellt sei. In dem Fall möge der Herr kurzen Prozess machen, er seinerseits
werde seinen Weg dann schon kennen.
    »Nicht deswegen bin ich mit Ihnen gegangen,« erwiderte Christian.
    »Also weswegen sonst?« Der Herr rede wieder mal wie 'n Schnösel; der Herr
denke immer, man könne ihn mit Redensarten besoffen machen.
    »Wohnen Sie hier in dem Hause?« fragte Christian.
    Jawoll, da wohne er. Der Herr wünsche vielleicht, sich die stinkige Bude
anzugucken? Na, denn immer ran. Er bleibe allerdings nicht lange oben, er wolle
sich bisschen adrett machen und denn zum flinken Jottlieb gehen. Der flinke
Jottlieb, das sei 'n besseres Lokal mit Mächens und Sekt. Er wolle heute so
fünfzehn bis zwanzig Pullen Sekt schmeissen. Man habe es ja dazu. Vorher müsse er
aber noch zum Juden Grünbusch in die Pappelallee, was versetzen. Werde dem Herr
wohl zu viel werden. Vielleicht nee?
    Dies schnarrte er auf der finsteren Treppe in Wut heraus. Aber dahinter war
die Siedhölle der Angst.
    Das Licht der Strassenlaterne, die dicht vor einem der niedrigen Halbfenster
stand, goss grünfahlen Schein in die Stube und ersparte es Niels Heinrich, die
Lampe anzuzünden. Er wies darauf hin und bemerkte kichernd, es sei barer Profit,
dass die Beleuchtung auf öffentliche Kosten gehe. Er könne die Zeitung im Bett
lesen und brauche dann nicht mal einen Huster zu machen beim Einschlafen. Da
sehe man, wie ein Kerl Hause, ders zu was hätte bringen können im Leben und
nicht auf den Kopf gefallen sei, da sehe mans. Ein Lauseloch sei das, ein
Drecknest. Aber jetzt werde die Sache anders werden; jetzt werde er ins »Adlong«
ziehen, Zimmer mit Badd, und sich ein Auto kaufen und Wäsche im Nürnberger Bazar
oder bei Old England.
    Er steckte die Hand in die Hosentasche und liess ein Klappern hören.
Christian hielt, was er sagte, für zusammenhangloses Geschwätz und schwieg.
    Niels Heinrich riss den zerknitterten Hemdkragen herunter und warf Rock und
Weste aufs Bett. Er öffnete eine Kommodenlade und den Schrank, zog mit
erstaunlicher Fixigkeit einen frischen Kragen an, der so hoch war, dass er den
Hals wie eine weisse Röhre umpresste, band eine gelbe Seidenkrawatte um und
schlüpfte sodann in ein schwarz und weiss gestreiftes Gilet und einen Rock mit
Schössen. Das alles sah neu aus und stach lächerrlich von den karierten,
befleckten Beinkleidern ab, die er aus irgendeinem Grund zu wechseln unterliess.
Auch die Manschetten waren schmutzig.
    »Also weswegen?« fragte er plötzlich wieder, und seine Augen flackerten
rabiat im grünfahlen Laternenlicht; »weswegen denn? Weswegen jehn Se mir nich
von der Pelle?«
    »Ich brauche Sie,« antwortete Christian, der an der Tür stehengeblieben war.
    »Sie brauchen mir? Wozu denn? Versteh ich nich. Erklären Sie sich man
deutlicher, Mensch.« Da Christian schwieg, steigerte er sich giftig zu Hass und
Drohung. »Sie wolln mir woll dreckig kommen? Sie nich, verstehn Se, mir nich.
Kommen Se mir nich dumm, sonst komm ich Ihnen noch dümmer.«
    »Es nutzt nichts, in dieser Art zu sprechen,« sagte Christian. »Sie fassen
mein Hiersein und mein ... wie soll ich es ausdrücken, mein Interesse an Ihnen
falsch auf. Interesse, nein, das ist nicht das richtige Wort. Aber es kommt ja
auf das Wort nicht an. Sie glauben wahrscheinlich, mir wäre es darum zu tun, dass
Sie sich dem Gericht stellen, dass Sie das Geständnis, das Sie mir abgelegt
haben, dort wiederholen. Aber daran liegt mir nichts, ich versichere es Ihnen,
oder es liegt mir nur insofern daran, als ich es um des unschuldigen und, wie
man annehmen kann, durch seine Lage und durch seine Gemütsverwirrung sehr
unglücklichen Joachim Heinzen willen für wünschenswert hielte. Es muss ihm
entsetzlich zumute sein, ich spüre es fortwährend, es geht mir nah, und
besonders, seit Sie sich gegen mich ausgesprochen haben. Ich sehe ihn förmlich.
Ich sehe ihn, wie wenn er sich bei der Bemühung, an einer steinernen Mauer
emporzuklettern, die Finger und die Knie blutig schürfen würde. Er begreift es
nicht. Er begreift nicht, dass eine Mauer so steinern und so steil sein kann. Er
begreift nicht, was mit ihm vorgeht. Die ganze Welt muss ihm krank erscheinen. Es
ist Ihnen offenbar gelungen, ihn in eine so stark nachwirkende Hypnose zu
bringen, dass er unter diesem furchtbaren Einfluss die Kontrolle über seine
Handlungen verloren hat. Sie haben etwas im Wesen, das an eine solche Gewalt
glauben lässt. Ganz bestimmt ist ihm Ihr Name aus dem Gedächtnis entschwunden.
Ginge einer hin und flüsterte ihm den Namen ins Ohr, Niels Heinrich Engelschall,
er würde vielleicht wie vom Schlag getroffen zusammenstürzen. Das ist natürlich
ausgedacht, eine Übertreibung. Aber stellen Sie sich ihn einmal vor. Man muss
sich die Menschen und die Dinge vorstellen; die wenigsten tun das, sie
schwindeln sich daran vorbei. Ich sehe ihn innerlich so ausgeraubt, so
mittellos, dass der Gedanke kaum zu ertragen ist. Sie werden mir entgegenhalten:
ein Idiot; ein Unzurechnungsfähiger mit herabgemindertem Sensorium, mehr Tier
als Mensch. Es ist das sogar ein Argument, dessen sich die Wissenschaft bedient.
Aber es ist ein falsches Argument; die Voraussetzung ist falsch, und der Schluss,
den man daraus zieht, ist falsch. Meine Ansicht ist, dass alle Menschen gleich
tief empfinden, dass es keine Verschiedenheit in der Schmerzempfindlichkeit gibt.
Nur das Bewusstsein davon ist verschieden. Es ist sozusagen kein Unterschied in
der Buchführung, es ist ein Unterschied in der Abrechnung.«
    Er machte mit gesenktem Kopf einen Schritt gegen Niels Heinrich, der sich
nicht rührte, und während ein verschleiertes Lächeln um seine Lippen huschte,
fuhr er fort: »Missdeuten Sie mich nicht. Ich will auf Ihre Entschliessungen nicht
im mindesten einwirken. Was Sie tun oder unterlassen, ist Ihre persönliche
Angelegenheit. Es ist eine Frage des Anstands und der Menschlichkeit, ob man den
armen Teufel aus seiner schrecklichen Situation befreien will oder nicht. Was
mich betrifft, so bin ich weit davon entfernt, Ihnen eine Handlung zuzumuten,
die nicht aus Ihrer eignen Überzeugung stammt. Ich betrachte mich nicht als
Vertreter der öffentlichen Ordnung; ich habe nicht dafür zu sorgen, dass die
Gesetze befolgt und die Menschen über ein Verbrechen, das sie beunruhigt,
aufgeklärt werden. Wozu wäre das nütze? Was würde besser dadurch? Ich will Sie
nicht fangen, ich will Sie nicht übertölpeln. Der Gang zu Gericht, die
Entüllung der Tat, die Sühne vor der Welt, die Strafe, was hab ich mit all dem
zu schaffen? Nicht deshalb bin ich bei Ihnen.«
    Niels Heinrich war es, als drehe sich sein Gehirn mit einem knackenden
Geräusch. Er fasste nach der Tischkante und hielt sich fest. Ein Urstaunen war in
seinen Mienen. Der Unterkiefer sank herab; er lauschte mit offenem Mund.
    »Strafe, was heisst das? Bin ich befugt, Sie der Strafe zuzuführen? List
anzuwenden oder Gewalt, damit Sie Strafe erleiden? Es kommt mir nicht einmal zu,
Ihnen zu sagen: Sie sind schuldig. Ich weiss es nicht, ob Sie schuldig sind. Ich
weiss, dass Schuld da ist, aber ob Sie schuldig sind, und in welchem Verhältnis
Sie zur Schuld stehen, kann ich nicht wissen. Nur Sie selbst können es wissen.
Nur Sie selbst haben das Mass für das, was Sie getan haben, nicht die, die Ihre
Richter sein werden. Auch ich habe kein Mass dafür, aber ich richte nicht. Ich
frage mich: Wer darf richten? Ich sehe keinen, ich kenne keinen. Für das
Zusammenleben der Menschen ist es vielleicht notwendig, dass gerichtet wird, aber
der einzelne gewinnt nichts durch den Richtspruch, an seiner Seele nicht und an
seiner Erkenntnis nicht.«
    Es war ein bodenloses Schweigen, in welches Niels Heinrich versunken war. Er
erinnerte sich plötzlich des Augenblicks, wie es ihn getrieben hatte, die
Maschine zu ermorden. Mit völliger Klarheit sah er die ölschwitzenden Stahlteile
vor sich, die hurtig schnurrenden Räder, das ganze exakt arbeitende Gefüge, das
ihm irgendwo verderblich und feindselig erschienen war. Warum das Bild vor ihm
auftauchte, gerade jetzt, und warum er sich seines rachsüchtigen Verlangens mit
einem Anflug von Scham entsann, gerade jetzt, begriff er nicht.
    Christian sprach: »Das alles spielt also keine Rolle. Sie können ohne Furcht
sein. Was ich will, hat damit nichts zu tun. Ich will,« er stockte, zauderte,
rang um den Ausdruck, »ich will Sie haben. Ich brauche Sie ...«
    »Brauchen mich? Brauchen mich?« murmelte Niels Heinrich, ohne zu verstehen;
»wie denn? Wozu denn?«
    »Ich kann es nicht erklären, kann es unmöglich erklären,« sagte Christian.
    Niels Heinrich lachte auf. Es war ein klangloses, abgebrochenes Haha. Dann
ging er mit seinem Stechschritt rund um den Tisch herum. Dann kam wieder das
verpresste, irre Haha.
    »Sie haben ein Wesen von der Erde fortgenommen,« sagte Christian leise, »ein
Wesen vernichtet, so kostbar, so unersetzlich einzig, dass Jahrhunderte,
vielleicht Jahrtausende vergehen werden, bis wieder eines sich bilden kann, das
ihm ähnlich oder gleich ist. Wissen Sie das nicht? Jedes lebendige Geschöpf ist
wie eine Schraube an einer äusserst wunderbar gebauten Maschine -«
    Niels Heinrich fing an so heftig zu zittern, dass Christian es bemerkte. »Was
ist Ihnen?« forschte er, »sind Sie unwohl?«
    Niels Heinrich griff nach seinem steifen Filzhut, der an einem Nagel hing,
und strich mit nervösen Bewegungen darüber hin. »Mensch, Sie machen einen ja
ganz unsinnig,« stiess er dumpf hervor.
    »Hören Sie nur,« fuhr Christian eindringlich fort, »- an einer wundervoll
gebauten Maschine. Nun gibt es aber wichtige Schrauben und minder wichtige. Und
dieses Wesen war eine allerwichtigste. So wichtig, dass ich das Gefühl habe, die
Maschine ist auf immer beschädigt, seit sie nicht mehr darin funktioniert.
Niemand kann einen Bestandteil von solcher Feinheit und Zweckmässigkeit je wieder
herstellen, und wenn auch Ersatz beschafft wird, so ist die Maschine doch nicht
mehr das, was sie war. Aber abgesehen von der Maschine, abgesehen von dem
Vergleich, haben Sie mir etwas zugefügt, was in Worten nicht gesagt werden kann.
Schmerz, Kummer, Traurigkeit, das sind keine Worte dafür. Sie haben mir etwas
geraubt, etwas Kostbares, unersetzlich Einziges, und Sie müssen mir etwas dafür
geben. Sie müssen mir etwas dafür geben, hören Sie das! Deswegen steh ich da.
Deswegen folg ich Ihnen nach. Sie müssen mir etwas dafür geben, was, weiss ich
nicht, aber sonst verzweifle ich, sonst werd ich selber zum Mörder!«
    Er schlug die Hände vors Gesicht und brach in heiseres, wildes, ungestümes
Weinen aus.
    Mit bebenden Lippen, kleinlaut, wie ein Kind, stammelte Niels Heinrich: »Ja
du grosser Heiland, was soll ich Ihnen denn dafür geben?«
    Christian weinte und antwortete nicht.
 
                                       29
Sie gingen aber dann zusammen fort, ohne dass sie noch Worte gewechselt hatten.
    Der Pfandverleiher Grünbusch hatte schon geschlossen. Niels Heinrich suchte
einen andern auf, in der Dunkerstrasse, der ihm als verlässlich bekannt war. Er
liess Christian auf der Strasse stehen, während er in das schmutzige Gewölbe
schlüpfte. Er hatte eine Perle aus der Schnur gerissen, eine nur, zur Probe
vorläufig, und bekam, nachdem sie der alte Hehler genau geprüft und gewogen
hatte, eintausendfünfhundert Mark. Die Summe wurde ihm in Gold und Scheinen
hingezählt. Er zeigte eine finstere Gleichgültigkeit. Er zählte kaum nach. Das
Geld stopfte er in die eine Tasche des Rocks, die Scheine, beim Greifen sie
zerknitternd, in die andre.
    Geben? Was meint er, dass ich ihm geben soll? grübelte er; hat er am Ende
schon Lunte gerochen, dass ich ihm die Perlen gemaust? Meint er das? Meint er,
die soll ich ihm geben?
    Als er wieder auf die Strasse trat und Christian ohne Ungeduld und Argwohn
warten sah, verzog er bloss das Gesicht. Und er setzte den Weg an seiner Seite
wortlos fort.
    Betäubt ertrug er die Wucht der fortwährenden Nähe des Menschen. Was daraus
werden sollte, fasste er nicht.
    Das Weinen des Menschen lag ihm in den Ohren und in den Gliedern. Es
herrschte eine klare, kalte Stille in der Luft. Dennoch brauste es überall von
dem Weinen des Menschen. Die Strassen, durch die sie kamen, waren zumeist wie
ausgestorben. Dennoch war das Weinen drin, in weissliche Nebelgeister zerteilt.
In den Häusern links und rechts mit den angeklebten Betonnestern der Balkone
brauste es heimtückisch, das Männerweinen.
    Er wagte nicht zu denken. Nebenher ging der Mensch und wusste den Gedanken.
Ein Strick umschlang ihn, und er konnte sich nur insoweit bewegen, als es der
Mensch gestattete. Wer ist er denn? fuhr es ihm durch den Kopf, und er besann
sich auf den Namen. Der Name war ihm entfallen. Und alles was der Mensch ihm
gesagt, dieser plötzlich namenlos gewordene Mensch, stob in feurigen Flocken
durch sein Inneres.
    Nach einer halben Stunde waren sie am Ziel.
    Der »Flinke Gottlieb« war ein Animierlokal für Arbeiter und Kleinbürger. Es
entielt eine ziemlich grosse Zahl von Räumlichkeiten. Zuerst betrat man das
Restaurant und Café, welches die ganze Nacht hindurch von Gästen besucht war und
dessen Hauptattraktion in einem Dutzend hübscher Kellnerinnen bestand, sowie in
zwanzig bis dreissig andern Damen, die lächelnd, rauchend und herausfordernd
kostümiert auf den grünen Samtpolstern räkelten und auf Opfer lauerten. An das
Restaurant stiess eine Reihe von zellenartigen Gemächern, die für einzelne Paare
bestimmt waren, und dann kam noch ein länglicher, korridorartiger Saal, der
gelegentlich an Gesellschaften und Vereine vermietet wurde oder den verbotenen
Glücksspielen diente. Die Ausstattung der Räume entsprach dem Geschmack der
Zeit: überall strahlte Vergoldung, überall brüsteten sich Genien aus Stuck;
mächtige Säulen, die hohl waren und nichts zu stützen hatten, versperrten den
Weg, und Malereien von imposanter Gestrigkeit schmückten die Wände. Alles war
neu, und alles war schon Schmutz und Verfall.
    Niels Heinrich schob sich durch die Drehtür, schaute sich geblendet um,
schlurfte an den Tischen vorüber, trat in den Gang, aus welchen man in die
zärtlichen Zellen gelangte, kehrte wieder zurück, stierte den Mädchen in die
geschminkten Gesichter, rief den Oberkellner und sagte, er wolle in den Saal
hinüber, er wolle den Saal für sich haben, was es koste, sei schnuppe; man möge
mal gleich zwanzig Flaschen Kupferberg ins Eis legen. Er holte drei
Hundertmarkscheine hervor und schleuderte sie dem Befrackten verächtlich hin.
Damit war die Situation geklärt; der Befrackte schmeichelte sich durch eine
würdige Amtsmiene ein; zwei Minuten später war der Saal festlich erleuchtet.
    Es erschienen die Dirnchen; es erschienen junge Männer, Schmarotzer von
Beruf; die frühverdorbenen Burschen mit dem Aussehen lungensüchtiger Lakaien;
die unterstandslosen Kommis in ihrer buntscheckigen Eleganz; die zweifelhaften
Existenzen mit dunkler Vergangenheit und noch dunklerer Zukunft; der »Flinke
Gottlieb« hatte reichlichen Vorrat an ihnen. Sie pochten kordial auf alte
Freundschaft mit dem Veranstalter des Gelages; er erinnerte sich keines
einzigen, wies aber keinen zurück.
    Er sass in der Mitte der langen Tafel. Er hatte den Filzhut in den Nacken
geschoben, die Beine übereinandergelegt, die Zähne aufeinandergebissen. Er war
weiss im Gesicht wie das Linnen auf dem Tisch. Freche Lieder wurden gesungen; man
plärrte, schrie, kreischte, kicherte, witzelte, soff, wälzte und beschmatzte
sich; Zoten wurden gerissen, mit Erlebnissen wurde geprahlt, auf Stühle wurde
gestiegen, Gläser wurden zerschmettert: das Bacchanal räumte im Verlauf einer
halben Stunde mit aller Nüchternheit und Steifheit auf. So gut traf es sich
nicht oft, dass einer hereingeschneit kam und Kapitalien ausschüttete.
    Niels Heinrich tronte kalt. Von Zeit zu Zeit rief er gebieterisch: »Sechs
Flaschen Greno! ne Schokoladentorte! Neun Flaschen Witwe! ne Ladung Baisers!«
Mehr sagte er nicht. Die Befehle wurden hurtig erfüllt und von der Versammlung
mit Hoch und Hallo aufgenommen. Eine schwarzhaarige Person schlang den Arm um
seine Schulter; er stiess sie brutal von sich. Sie muckste nicht. Eine feiste,
übermässig Geschminkte, bis an den Nabel Dekolletierte hielt ihm das Kelchglas an
den Mund; er spuckte ingrimmig hinein. Beifall prasselte.
    Er trank nicht. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein riesiger
Spiegel. Er erblickte im Spiegel den Tisch und die Zecher. Er erblickte auch die
rote Draperie, die die Wand in seinem Rücken bedeckte; ferner einige kleine
Tischchen vor dieser Draperie, an denen niemand sass ausser Christian. Durch den
Spiegel blickte Niels Heinrich hinüber und musterte scheu den Abgesonderten,
dessen stumme Gegenwart der Gesellschaft anfangs aufgefallen war, um den sich
aber längst niemand mehr kümmerte.
    Zur Linken von Niels Heinrich spielten vier Kerle »Meine Tante, deine
Tante«. Sie lockten Publikum und Teilnehmer an. Niels Heinrich warf bisweilen
ein paar Goldstücke auf den Tisch. Er verlor jeden Einsatz. Gleichzeitig griff
er immer wieder in die Tasche und warf Goldstücke hin.
    Er sah in den Spiegel und erblickte sich selbst: fahl, dürr, verschrumpft.
    Er warf einen Hundertmarkschein hin. »Kleen Vieh macht doch Mist,«
renommierte er. Der Spiegel war verdeckt durch die Zuschauer. »Platz!« brüllte
er sie an, »ick muss da durchgucken können.« Sie rückten gehorsam weg.
    Er sah in den Spiegel und erblickte Christian, der schlank aufgerichtet vor
der Draperie sass, horchend und unbeweglich.
    Er warf zwei Scheine hin. »Die jehn Wasser holen,« brummte er.
    Und wie er abermals in den Spiegel schaute, erblickte er einen nackten
Rumpf, einen jungfräulichen Leib, strahlend in einer irdischen und in einer
andern noch, einer überirdischen Reinheit. Die kaum geschwellten Brüste mit
ihren rosigen Knospen hatten eine Süssigkeit der Form, die Bangen erzeugte, und
ihr Entülltsein war Schmerz. Nur der Rumpf war es, ohne Glieder, ohne Haupt. Wo
der Hals endigte, war ein Ring aus geronnenem Blut; unten aber war das dunkle
Dreieck der Scham als ein Mysterium.
    Niels Heinrich stand auf. Der Stuhl hinter ihm stürzte zu Boden. Alle
schwiegen. »Hinaus!« schrie er; »hinaus! hinaus! hinaus!« und deutete mit
schwankendem Arm nach der Türe.
    Die Tafelrunde erhob sich erschrocken. Einige zögerten, andre drängten
bereits zum Ausgang. Ausser Fassung griff Niels Heinrich nach dem Stuhl, schwang
ihn über dem Kopf und schritt auf die Zögernden zu. Da stoben sie davon, die
Dirnen kreischend, die Männer murrend. Nur die Kartenspieler waren
sitzengeblieben, als ginge sie der Zwischenfall nicht an. Niels Heinrich strich
mit der Hand über das Tischtuch, und die Karten flogen nach allen Richtungen.
Die Spieler sprangen empor, entschlossen, sich zu wehren. Aber vor dem Anblick,
den ihr Gegner bot, wichen sie zurück, und einer nach dem andern verliess den
Saal. Gleich darauf kam der Befrackte, vornehm erstaunt, die Rechnung in der
Hand. Niels Heinrich hatte sich, mit dem Rücken gegen den Spiegel, auf die
Tischkante gesetzt. Dünner Schaum hing an seinen Lippen.
    Er bezahlte. Die Höhe des Trinkgeldes milderte die abfällige Verwunderung
des Befrackten. Ob der Herr noch Wünsche habe? Er wolle jetzt mal alleine
saufen, antwortete Niels Heinrich; man möge ihm eine Flasche von der feinsten
Marke bringen und Kaviar dazu. Eine der puppenhaften Kellnerinnen beeilte sich,
brachte die Flasche, entkorkte sie. Niels Heinrich leerte gierig das Glas. Man
solle die überzähligen Lichter auslöschen, gebot er, er brauche es nicht so
helle. Man drehte die Lichter bis auf wenige Birnen ab, und es wurde düster im
Saal. Kaviar wurde gebracht. Er verzog ekelnd den Mund. Man solle die Tür
schliessen und nur hereinkommen, wenn er am Knopf drücke, gebot er, und warf
wieder Goldstücke hin. Es wurde ihm willfahrt.
    Auf einmal war es still.
    Niels Heinrich hockte noch auf der Tischkante.
    Christian sagte: »Das hat lange gedauert.«
 
                                       30
Niels Heinrich glitt von der Tischkante und fing an, durch die ganze Länge des
Saals auf und ab zu gehen. Der Blick Christians folgte ihm unablässig.
    Er habe mal ein Buch gelesen, sagte er, eine Geschichte von einem
französischen Grafen, der habe ein unschuldiges Bauernmädchen umgebracht, habe
ihr das Herz aus der Brust geschnitten, es gekocht und verspeist. Dadurch habe
er die Fähigkeit erlangt, sich unsichtbar zu machen. Ob Christian glaube, dass an
der Geschichte was dran sei?
    Nein, er glaube es nicht, antwortete Christian.
    Er seinerseits glaube ja auch nicht daran, aber dass in der Unschuld der
Jungfrauen ein Zauber stecke, könne man doch nicht ableugnen. Vielleicht seien
es verborgene Kräfte, die sie einem mitteilen. Es scheine sich ihm so zu
verhalten, dass in den Schuldigen ein Trieb nach der Unschuld sei. Der Gedanke,
welcher der Geschichte zugrunde läge, scheine ihm darauf hinauszulaufen, dass die
Unschuld verborgene Kräfte verleihe. Ob er das leugne?
    Nein, er leugne es nicht, antwortete Christian, dessen ganze Aufmerksamkeit
durch dieses Verhör in Anspruch genommen wurde.
    Der Herr habe aber doch behauptet, dass es keine Schuldigen gebe, wie sich
das zusammenreime? Gebe es keine Schuldigen, so gebe es auch keine Unschuldigen.
    »So ist es nicht aufzufassen,« entgegnete Christian, in die Enge getrieben
und der Sonderbarkeit des Ortes, der Stunde, der Umstände in Nerv und Nieren
bewusst; »Schuld und Unschuld stehen nicht in der Beziehung von Wirkung und
Ursache. Eines leitet sich nicht vom andern her. Schuld kann nicht Unschuld,
Unschuld nicht Schuld werden. Licht ist Licht, Finsternis ist Finsternis, aber
eines wird nicht ins andre verwandelt, eines nicht vom andern gemacht. Licht
geht von einem Körper aus, vom Feuer, von der Sonne, vom Gestirn; aber wovon
geht Finsternis aus? Sie ist da. Sie hat keine Quelle. Keine sonst als die
Abwesenheit von Licht.«
    Niels Heinrich schien nachzudenken. Immer auf und ab gehend, stiess er die
Worte in die Luft: man sei beschwatzt; man sei von Kindesbeinen an heillos
beschwatzt. Da habe es immer geheissen Sünde und Unrecht, und alles sei darauf
angelegt gewesen, einem ein böses Gewissen zu machen. Habe man aber mal das böse
Gewissen, so helfe kein Beichten und Gezüchtigtwerden mehr, kein Pastor und
keine Absolution. Und man sei im Grunde doch bloss eine erbärmliche Kreatur. Eine
geschlagene Kreatur sei man, in die Verdammnis hineinverdammt. Das habe ihm
eingeleuchtet, was der Herr gesagt - und ohne Christian anzublicken, streckte er
Arm und Zeigefinger nach ihm aus -, das habe ihm eingeleuchtet, dass keiner
sollte richten dürfen. Das sei wahr, er habe auch noch keinen gesehen, zu dem
man sagen könne, du sollst richten. Jeder trage das Schandmal, das Diebsmal, das
Blutmal, jeder sei behaftet und jeder in die Verdammnis hineinverdammt. Aber
wenn nicht mehr gerichtet werde, dann sei es Mattäi am letzten mit der
bürgerlichen Welt, mit der kapitalistischen Welt, denn die beruhe auf Gericht,
und dass sich Schuldige fänden, um die Schuld auf sich zu nehmen, und Richter,
die nicht von Gnade wüssten.
    Christian sagte: »Wollen Sie nicht das Auf- und Abwandern lassen? Wollen Sie
sich nicht zu mir setzen? Kommen Sie zu mir. Setzen Sie sich zu mir.«
    Nein, er wolle sich nicht zu ihm setzen. Er wolle das alles mal erklärt
haben. Er wolle sich nicht wie 'n Schuljunge aufs Bänkchen ducken; der Herr sei
ihm unverständlich, der Herr foppe ihn wieder mal mit Redensarten, der Herr
solle ihm was Sicheres in die Hand geben, er verlange was Sicheres, woran er
sich halten könne.
    »Was meinen Sie damit: etwas Sicheres?« fragte Christian ergriffen; »ich bin
ein Mensch wie Sie; ich weiss nicht mehr wie Sie; ich habe gefehlt wie Sie; ich
bin hilflos und ratlos wie Sie; was soll ich Ihnen da geben? Ich Ihnen?«
    »Aber ich,« stiess Niels Heinrich ausser sich hervor, »was soll ich denn
geben? Sie wollten doch was von mir haben; was denn? Was wollen Sie denn haben?
Sie von mir?«
    »Spüren Sie es nicht?« fragte Christian. »Wissen Sie es noch immer nicht?«
    Sie sahen einander stumm in die Augen, denn Niels Heinrich war
stehengeblieben. Ein Schauder, fast sichtbar, überrieselte ihn. Sein Gesicht war
wie verbrannt von der Begierde eines Menschen, der an Gittern rüttelt, um frei
zu werden.
    »Hören Sie mal,« sagte er plötzlich mit einer verzweifelten und krampfhaften
Gelassenheit, »ich habe da Ihre Perlen stibjetzt, bei Ihnen zu Hause. Habe sie
einfach in die Tasche gesteckt. Eine hab ich bereits verkitscht und das
Lumpenvolk von dem Gelde besoffen gemacht. Sie können sie wieder haben, wenn Sie
wollen. Die kann ich Ihnen geben. Wenns das ist, die kann ich Ihnen geben.«
    Christian schien überrascht, aber seine leidenschaftlich gespannte Miene
veränderte sich kaum.
    Da griff Niels Heinrich in die Hosentasche und zog, da die Schnur sie nicht
mehr hielt, die Hand mit Perlen gefüllt hervor. Er reichte sie Christian hin.
Christian regte sich nicht. Er machte keine Anstalten, die Perlen an sich zu
nehmen. Dies schien Niels Heinrich seltsamerweise zu erbittern, er öffnete die
Hand, bis sie flach wurde und liess die Perlen auf den Boden fallen. Weiss und
glitzernd rollten sie auf dem Parkett hin. Und als sich Christian nach immer
nicht regte, schien Niels Heinrichs Zorn zu wachsen, er kehrte den Taschensack
nach aussen, so dass alle übrigen Perlen auf einmal auf die Erde fielen.
    »Warum tun Sie das?« fragte Christian, mehr verwundert als tadelnd.
    Nun, vielleicht wolle sich der Herr ein bisschen Bewegung verschaffen, war
die freche Antwort. Und wieder trat dünner Schaum, wie Eiweiss, auf seine Lippen.
    Christian senkte die Augen. Dann geschah dies: er erhob sich, atmete tief,
lächelte, bückte sich, liess sich auf die Knie nieder und begann die Perlen
zusammenzuklauben. Er nahm eine jede einzeln, um sich die Hände nicht zu sehr zu
beschmutzen; er rutschte auf den Knien weiter und las Perle für Perle auf. Er
langte unter den Tisch und unter die Stühle, wo vergossener Wein in kleinen
Pfützen stand, und auch aus den ekligen kleinen Pfützen klaubte er die Perlen.
Mit der rechten Hand sammelte er, und immer, wenn die linke halb gefüllt war,
schob er die aufgelesenen Perlen in die Tasche.
    Niels Heinrich schaute zu ihm nieder, dann floh sein Blick das Schauspiel,
irrte durch den Raum, traf den Spiegel, floh den Spiegel, suchte ihn von neuem,
bebte zurück. Der Spiegel war glühend geworden. Er sah sein Bild nicht mehr
darin. Der Spiegel gab kein Bild mehr. Und er schaute wieder auf den Boden, wo
Christian kroch, und Ungeheures ging in ihm vor. Es entrang sich ihm ein
röchelnder Laut. Christian hielt inne in seiner Beschäftigung und sah zu ihm
auf.
    Er sah, und er begriff. Endlich! Endlich! Eine zitternde Hand streckte sich
ihm entgegen. Er fasste sie. Sie hatte kein Leben. So hatte er noch niemals
begriffen: den Leib, den Geist, die Zeit und die Ewigkeit. Die Hand hatte keine
Wärme: es war die Hand der Tat, die Hand der Untat, die Hand der Schuld. Aber
als er sie berührte, zum erstenmal, da fing sie an zu leben und sich zu
erwärmen, da strömte Glut in sie hinein, Glut vom Spiegel, Glut des Dienstes,
Glut des Erkennens, Glut der Erneuung.
    Es war nicht mehr als die Berührung.
    Niels Heinrich, heruntergezogen, sank in die Knie. In der Sache mit Joachim
Heinzen, da liesse sich darüber reden, stammelte er kaum vernehmlich, mit einem
gebrochenen Blick und erlöschenden Mienen. Und sie knieten, einer vor dem
andern.
    Sich selbst entrissen durch Berührung, gab der Mörder seine Schuld dem
Menschen, der ihn richtete, ohne zu verdammen.
    Er war frei. Und auch Christian war frei.
    Der Saal hatte einen Nebenausgang, durch den man auch das Haus verlassen
konnte. Sie verabschiedeten sich voneinander. Wohin Niels Heinrich ging, wusste
Christian. Er selbst wandte sich zur Stolpischen Strasse, stieg in Karens Wohnung
hinauf, sperrte sich ein und schlief, in Kleidern, bis zum andern Mittag,
dreiunddreissig Stunden lang.
    Ein starkes Läuten weckte ihn auf.
 
                                       31
Lorm war krank auf den Tod. Er lag in einem Sanatorium. Eine Darmoperation war
vorgenommen worden; die Hoffnung, dass er genese, war gering.
    Die Freunde besuchten ihn. Der treueste, Emanuel Herbst, verbarg seinen
Schrecken und seinen Schmerz unter fatalistisch unveränderlicher Ruhe. Seit dem
Tage, wo er auf dem Antlitz des geliebten Menschen die ersten Spuren von dem
Vernichtungswerk des Schicksals wahr genommen hatte, widerte ihn das Getriebe
an, in dessen Mitte er sich bewegte, diese Schattenwelt des Teaters; da das
zentrale Feuer in seinem Körper erstickt war, ahnte er Nähe des Endes in vielen
Dingen.
    Auch Crammon kam oft. Er sprach gern von frühen Zeiten mit Lorm; Lorm liess
sich gern erinnern und lächelte. Er lächelte auch, wenn man ihm erzählte, wie
zahlreich die Anfragen nach seinem Befinden seien, dass ununterbrochen aus allen
Städten des Landes Telegramme einliefen und man daraus erfahre, wie tief sein
Bild und Wesen in das Herz des Volkes gedrungen sei. Er glaubte es nicht; er
glaubte es im Innersten nicht. Er verachtete die Menschen zu sehr.
    Er glaubte nur an die Liebe eines einzigen Menschen, und das war Judit. An
ihre Liebe glaubte er unerschütterlich, trotzdem ihm jede Stunde den Beweis
hätte liefern können, dass er sich täuschte, jede Stunde des Tages, wo er das
Verlangen äusserte, sie zu sehen, jede Stunde der Nacht, wo er sein
Schmerzenswimmern verbiss, um die Ohren der bezahlten fremden Frauen, die ihn
pflegten, nicht zu peinigen.
    Denn Judit kam höchstens einmal eine halbe Stunde am Morgen oder eine halbe
Stunde am Nachmittag, suchte durch Überzärtlichkeit und Übereifer ihre Unlust zu
bemänteln, sagte: »Möpschen, wirst du nicht bald gesund?« oder »Schnuckchen,
schäm dich doch, so lange faul zu liegen, während sich die arme Judit zu Hause
nach dir sehnt,« erfüllte das Krankenzimmer mit Lärm und hundert unnützen
Ratschlägen, zankte mit der Wärterin, kanzelte den Arzt ab, war kokett mit dem
Professor, berichtete von den Nichtigkeiten ihres Lebens, von einer Reise ins
Bad, von dem Diebstahl, den eine neue Köchin begangen, und hatte immer Gründe
für die Beschönigung der kurzen Dauer ihres Bleibens.
    Lorm bekräftigte diese Gründe. Er zweifelte an keinem einzigen. Er legte sie
ihr in den Mund. Er war geradezu erfinderisch an Entschuldigungen für sie, wenn
er in den Mienen andrer Erstaunen oder Missbilligung über ihr Verhalten bemerkte.
Er sagte: »Lasst sie; sie ist ein Luftwesen; sie hat ihre besondere Art von
Anhänglichkeit, und ihre besondere Art von Kummer; man darf sie nicht mit
gewöhnlichem Mass messen.«
    Crammon sagte zu Lätizia: »Ich wusste nicht, dass diese Wahnschaffe eine so
seelenlose Porzellanfigur ist. Es war immer meine Meinung, dass das Gerede von
dem höheren Empfindungsleben des Weibes, so ungefähr lautet ja der Fachausdruck,
eine jener verlogenen Fabeln ist, durch die wir zarteren und edleren Organe der
Schöpfung zur Nachsicht bestimmt werden sollen. Aber eine solche Gemütsroheit
kann einen Hausknecht schamrot machen. Geh zu ihr und rüttle ihr das Gewissen
wach. Der herrlichste Künstler wird sterben, und sein letzter Seufzer wird einem
Popanz gelten, der seinen Namen trägt wie ein Narr das Kleid eines Königs. Sie
soll wenigstens der Form Genüge tun, sonst verdient sie, dass man sie steinigt.
Man müsste wie im alten Indien die Witwe mit der Leiche des Gatten verbrennen.
Schade, schade, dass es diese hübschen Gesetze nicht mehr gibt.«
    Als Lätizia zu Judit kam, machte sie ihr sanfte Vorwürfe. Judit schien
zerknirscht. »Das ist alles richtig, Kind,« antwortete sie, »aber sieh mal, ich
kann und kann bei kranken Leuten nicht sein. Sie haben immer eine Maske. Sie
sind gar nicht dieselben Menschen mehr. Es riecht so furchtbar bei ihnen. Sie
erinnern einen an das Schauerlichste der Welt, an den Tod. Du wirst mir sagen:
es ist doch dein Mann, dein ehelich angetrauter Mann. Um so schlimmer. Ich bin
da wirklich in einem tragischen Konflikt. Man sollte eher Mitleid mit mir haben,
als mich anschuldigen. Er hat nicht das Recht, zu fordern, dass ich meine Natur
vergewaltige, und er fordert es auch nicht, er ist zu sein, er denkt zu gross
dazu, nur die andern Menschen fordern es; aber was wissen die von uns? Was
wissen sie von unsrer Ehe? Was wissen sie von meinen Opfern? Was wissen sie von
einer Frau? Und sieh mal,« fuhr sie hastig fort, da sie Lätizias Befremden
spürte, »es ist auch in diesen Tagen so viel los, so viel Unangenehmes. Mein
Vater ist heute gekommen. Ich habe ihn nicht gesehen seit der Hochzeit mit
Imhof. Weisst du übrigens, dass Imhof ein verlorener Mann ist? Er soll sich ganz
zugrunde gerichtet haben. Da ist mir noch etwas erspart geblieben. Könnte man
nicht glauben, dass es Unglück bringt, mich zu lieben? Woher mag das sein? Mein
Leben ist so harmlos wie das Spiel von kleinen Mädchen, und doch ... Woher mag
das sein?« Sie zog die Stirn kraus und schüttelte sich. »Nun, mein Vater ist
also da; es steht mir eine Zusammenkunft mit ihm und Wolfgang bevor. Und es ist
eine sehr hässliche Angelegenheit, meine Liebe, die da besprochen werden wird.«
    »Es handelt sich um Christian, nicht wahr?« fragte Lätizia, und es war das
erstemal, dass sie Christians Namen vor Judit nannte. Sie hatte vergessen, immer
wieder vergessen, den Vorsatz immer wieder vertan, hatte Judits rätselhaften
Trotz und Hass gegen den Bruder gefühlt und nicht Mut genug besessen, sich
dawider zu wenden, und immer war dann Wichtigeres über die bunte Bühne
geschwebt, Lustigeres. »Nicht wahr, um Christian handelt es sich?« wiederholte
sie zaghaft.
    Judit schwieg düster.
    Von der Stunde an wurde aber Lätizia von einer heimlichen Neugier gequält,
und diese Neugier bewirkte, dass sie nicht mehr vergass. Sie hatte sich verirrt,
seit langem schon verirrt und kam mit jedem Schritt tiefer ins Pfadlose.
Verirrt, verwirrt, verstrickt, so erschien sie sich, und sie hatte flüchtige
Minuten der Traurigkeit. Die Ereignisse wuchsen ihr über den Kopf, all das
kleine Flick- und Stückwerk des Tages, alles verlief so eigen im Sand, ohne
Gestalt, ohne Ruf, ohne Bestimmung. Und in den flüchtigen Minuten der
Traurigkeit hatte sie die Illusion von einem neuen Anfang und die Sehnsucht nach
einer Hand, die sie aus dem Dickicht führte. Sie gedachte einer Nacht, in der
ihr volles Herz verworfen worden war, schwärmerisch gläubig hielt sie es für
möglich, dass das verbrauchte und ein wenig müde genommen werden würde.
    Aber sie zauderte noch, spielte noch mit der schönen Einbildung. Da hatte
sie einen Traum. Sie träumte, dass sie sich in der Halle eines vornehmen Hotels
unter einer Menge Menschen befand. Sie war im Hemd und vermochte sich vor Scham
kaum zu rühren. Aber niemand schien zu bemerken, dass sie im Hemd war. Sie wollte
fliehen und sah nirgends einen Ausgang. Während sie gepeinigt um sich schaute,
sank der List aus den oberen Stockwerken herab, sie stürzte darauf zu, die Tür
schloss sich, und die Maschine stieg empor. Aber ihre Bangigkeit wich nicht, sie
hatte das Gefühl nahenden Unglücks. Stimmen von aussen schrien: Ein Toter! Ein
Toter ist im Haus! Um die Maschine zum Halten zu bringen, tastete sie nach dem
elektrischen Knopf, fand ihn nicht, und der List stieg höher und höher, die
Stimmen verhallten. Ohne zu wissen, wie es geschehen war, stand sie in einem
langen Korridor, auf den viele Zimmer mündeten. In einem der Zimmer lag ein
Kruzifix, etwa zwei Ellen gross, aus Bronze, stark patiniert. Sie ging hinein.
Männer machten ihr respektvoll Platz. Sie trug auf einmal ein weisses Gewand aus
Atlas. Sie kniete neben dem Kruzifix nieder. Jemand sagte: es ist ein Uhr, man
muss zur Table d'hote. Ihre Brust war vor Mitleid und Sehnsucht innen wund. Sie
drückte die Lippen auf die Stirn des Christusbildes, da regte sich der metallene
Körper, wuchs und wuchs, erstand zu natürlicher Grösse, und sie, zärtlicher und
immer zärtlicher hingegeben, flösste ihm Blut ein, verlieh der Haut Lebensfarbe,
dass sich sogar die Narbe unter der Rippe rötete. Ihr Gefühl steigerte sich zu
heissester, dankbarster Inbrunst, kniend umschlang sie den Leib, die Schenkel,
die Füsse des sich Erhebenden, der sie mit sich heben wollte; aber einer der
Herren sagte: Der Gong ruft zum drittenmal, und bei diesen Worten erwachte sie
in schmerzlicher Beseligung.
    Am andern Morgen ging sie zu Crammon und überredete ihn, mit ihr in die
Stolpische Strasse zu fahren.
 
                                       32
Als Christian die Tür öffnete, stand sein Vater vor ihm. Er war es, der geläutet
hatte.
    Die Bewegung, die der unerwartete Anblick in ihm hervorrief, war äusserlich
so gering, dass sich die Augen des Geheimrats nach einem raschen Aufblitzen
wieder verfinsterten.
    »Darf man eintreten?« fragte er und schritt über die Schwelle.
    Er ging in die Mitte des Zimmers, nahm den Hut ab, legte ihn auf den Tisch
und schaute sich mit zurückhaltender Verwunderung um. Es war besser, als er es
sich vorgestellt hatte, und es war schlimmer. Es war reinlicher, bürgerlicher,
wohnlicher, aber es war auch einsamer und trostloser. »Hier hausest du also,«
sagte er.
    »Ja, hier hause ich,« bestätigte Christian etwas befangen, »hier und in der
Stube überm Hof habe ich bis jetzt gehaust. Das hier war Karens Wohnung.«
    »Wieso bis jetzt? Hast du im Sinn, dich abermals zu verändern?«
    Da Christian mit der Antwort zögerte, fuhr der Geheimrat fort, auch
seinerseits nicht ohne Befangenheit: »Ich muss um Verzeihung bitten, dass ich dich
überfalle. Man konnte nicht wissen, ob du dich zu einer Auseinandersetzung wie
die heute notwendige stellen würdest, und so unterblieb eine Ansage. Du wirst
begreifen, dass der Schritt nicht leicht für mich war.«
    Christian nickte. »Willst du nicht Platz nehmen?« bat er höflich.
    »Danke. Ich möchte vorläufig nicht. Gewisse Dinge lassen sich nicht
besprechen, wenn man sitzt. Man hat sie auch nicht im Sitzen gedacht.« Der
Geheimrat schlug den Pelz gegen die Schultern zurück. Seine Haltung war von
überlegener Würde. Der silberweisse, geeckte, gepflegte Bart stach malerisch
gegen das seidig-schwarze Fell des Mantels ab.
    Eine drückende Pause entstand. »Befindet sich die Mutter wohl?« erkundigte
sich Christian.
    Im Gesicht des Geheimrats zuckte es. Der unerhobene Ton machte, dass er die
Frage als Frivolität empfand.
    Von dem lästigen stummen Aufruf zu wesenlos gewordenen Lebensgesetzen
ermüdet, sagte Christian: »Erlaube, dass ich mich fünf Minuten zurückziehe. Du
hast mich aus dem Schlaf geweckt, ich glaube, ich habe sehr lang geschlafen,
noch dazu in Kleidern, und ich muss mich in Ordnung bringen. Ich möchte dich auch
bitten, ein kleines Paket für die Mutter mitzunehmen; es entält einen
Gegenstand, der für sie von Wert ist. Leider bin ich nicht berechtigt, dir
nähere Aufklärung darüber zu geben. Sie wird es vielleicht selbst tun, wenn du
es wünschest, die Sache gehört ja der Vergangenheit an. Entschuldige mich also,
ich stehe gleich wieder zu deiner Verfügung.«
    Er ging ins Nebenzimmer. Der Geheimrat sah ihm mit seinen grossen blauen
Augen betroffen nach. Während der Zeit, wo er allein war, rührte er sich nicht
vom Fleck, und kein Muskel bewegte sich an ihm.
    Christian trat ein. Er war gewaschen, die Haare waren befeuchtet und
glattgekämmt. Er reichte dem Geheimrat ein mit Bindfaden verschnürtes Päckchen.
Auf der weissen Papierhülle stand geschrieben: »Für meine Mutter. Am Tag meines
letzten Abschieds dankbar zurückerstattet. Ein einziges Stück fehlt durch die
Schuld unvermeidlicher Umstände. Sein Wert ist mir hundertfach aufgewogen
worden. Gruss und Lebewohl. Christian.«
    Der Geheimrat las. »Rätsel?« fragte er kalt. »Wozu solch plakatiertes
Rätsel? Fehlt zu einem Brief die Zeit? Du hattest einst Umgangsformen.«
    »Die Mutter wird es verstehen,« antwortete Christian.
    »Sonst habe ich ihr nichts auszurichten?«
    »Nichts.«
    »Darf ich wissen, was die Wendung bedeutet: am Tage meines letzten Abschieds
-? Du machtest schon vorhin eine Anspielung ...«
    »Es wäre praktischer, du teiltest mir zuerst den Zweck deines Besuchs mit.«
    »Immer noch die alte Technik des Ausweichens bei dir.«
    »Nein, du irrst,« sagte Christian, »ich weiche nicht aus. Du kommst wie ein
Feind und sprichst wie ein Feind. Ich vermute, dass du mit mir verhandeln, etwas
wie einen Vertrag zwischen uns schliessen willst. Würde es das Verfahren nicht
abkürzen, wenn du mir einfach deine Vorschläge machst? Möglicherweise stimmen
sie mit meinen Absichten überein. Ihr wollt mich aus dem Weg haben, vermute ich.
Ich glaube, ich kann euch aus dem Weg gehen.«
    »Es verhält sich in der Tat so,« erwiderte der Geheimrat mit starrer Miene
ohne Blickziel; »längeres Zuwarten ist nach Lage der Dinge ausgeschlossen. Dein
Bruder fühlt sich gehemmt und in vitalen Interessen bedroht. Deiner Schwester
bist du ein Anstoss und eine Alteration. Obgleich sie selbst in ihrer Bahn
entgleist ist, krankt sie an dir wie an einer Verunstaltung. Verwandte und
Verschwägerte erklären den Namen und die Ehre der Familie für verunglimpft und
fordern Eingriff. Von deiner Mutter schweige ich. Von mir sollte ich schweigen.
Dass du mich am verwundbarsten Punkte getroffen hast, kann dir nicht unbekannt
sein. Man hat auf Gewaltmittel gedrungen. Ich habe mich dagegen gesträubt. Sie
sind peinlich und zweckwidrig, strafen den, der sie anwendet. Der Plan, dass du
von hier verschwindest - ich entsinne mich nicht, wer ihn zuerst aufs Tapet
brachte -, hat vieles für sich. Andre Kontinente bieten einen günstigeren Boden
für offensichtlich abstruse Ideen wie die deinigen. Die Stätte deiner
Wirksamkeit zu verlegen, dürfte dir ein leichtes sein. Für uns wäre es Befreiung
von einem Alpdruck.«
    »Genau dasselbe habe ich vor,« sagte Christian; »verschwinden; zufällig
hatte ich es mit demselben Wort gedacht. Wärst du gestern gekommen, so wäre ich
wahrscheinlich nicht imstande gewesen, dich so vollständig zu befriedigen, wie
ich es heute kann. Es hängt mit den Ereignissen zusammen. Zufällig treffen wir
uns zur selben Zeit am selben Punkt.«
    »Ich kann dir leider nicht folgen, denn ich weiss nicht, welche Ereignisse du
dabei im Auge hast,« bemerkte der Geheimrat frostig.
    Ohne auf den Einwurf zu achten, fuhr Christian mit Blicken fort, die sich
verloren: »Es ist zwar schwierig, zu verschwinden; in unsrer Welt zu
verschwinden, ist eine schwierige Aufgabe. Es heisst, die Person abtun, die
Heimat abtun, die Freunde abtun und zuletzt noch den Namen abtun, was das
schwierigste ist. Aber ich will es versuchen.«
    Argwöhnisch gestimmt durch den mühelosen Sieg, fragte der Geheimrat: »Das
also hast du mit dem letzten Abschied gemeint?«
    Christian bejahte.
    »Und wohin hast du beschlossen zu gehen?«
    »Ich bin noch unklar. Besser, du erfährst es nicht.«
    »Und ohne Mittel, in schmählicher Abhängigkeit und Dürftigkeit?«
    »Ohne Mittel. In Dürftigkeit, aber nicht in Abhängigkeit.«
    »Hirngespinst.«
    »Was sollen die harten Worte noch, Vater?«
    »Und ist es denn unabänderliche Notwendigkeit?«
    »Ja, unabänderliche.«
    »Unabänderliche Trennung zwischen uns und dir?«
    »Ihr wollt es, ich muss es; unabänderlich.«
    Der Geheimrat verstummte. Ein leises Schwanken des Oberkörpers war das
einzige Zeichen seines inneren Zerbrechens. Bis zu diesem Augenblick hatte er
gehofft. Er hatte an das Unabänderliche nicht geglaubt. Er war einem
schmächtigen Lichtstrahl nachgegangen, dieser erlosch und liess ihn in der
Finsternis. Sein Herz zerrieb sich in vergeblicher Liebe zu dem Sohn, der ihm
das Unabänderlich zugerufen hatte, das er nicht verstand. Alles was er errungen,
Macht, Reichtum, Ehren, der goldne Tron in einer Welt voll Überfluss, hatte eine
entsetzliche Sinnlosigkeit und Öde.
    »Du wolltest mich an das Erbe binden,« hörte er die klare und sanfte Stimme
Christians sagen; »du wolltest mich kaufen durch das Erbe. Ich habe erkannt, dass
man sich dem entziehen muss. Man muss mit der Liebe derer brechen, die sich darauf
berufen: du gehörst uns, du bist unser Eigentum, du musst fortsetzen, was wir
angefangen haben. Ich konnte nicht Erbe sein. Ich konnte nicht fortsetzen, was
du angefangen hast. Ich war in einer Schlinge. Alle lebten in Freuden, und alle
lebten in Schuld. Aber trotzdem Schuld da war, war niemand schuldig. Folglich
steckte irgendein Fundamentalfehler in der ganzen Lebenskonstruktion. Ich sagte
mir: die Schuld, die aus dem erwächst, was die Menschen tun, ist gering und
berechenbar gegen die, die aus ihrem Nichttun stammt. Denn was sind es
schliesslich für Menschen, die durch ihr Tun schuldig werden? Arme, armselige,
verhetzte, verzweifelte, halbwahnsinnige Leute; sie bäumen sich auf und beissen
in den Fuss, der sie tritt. Sie werden verantwortlich gemacht, sie werden
gezüchtigt und bestraft; Quälerei und kein Ende. Aber die nicht tun, die werden
verschont, die sind immer in Sicherheit, die haben ihre triftigen Ausreden und
Entschuldigungen. Und sie sind nach meiner Meinung die wahren Verbrecher. Von
ihnen kommt das Übel. Ich musste aus dieser Schlinge heraus.«
    Der Geheimrat rang nach einem Ausdruck seiner verworrenen und schmerzlichen
Gefühle. Es war alles anders, als er es erwartet hatte. Da sprach ein Mensch,
ein Mann. Da trafen ihn Worte, mit denen man sich abfinden musste. Sie entielten
Erinnerung an jüngst geschlagene Wunden, die noch nicht geheilt waren. Argumente
verweigerten sich. Es war falsch, es war wahr: je nachdem; je nachdem man sich
dazu stellte; je nach dem Mass von Willigkeit und Phantasie; je nach Einsicht und
Furcht; je nach Verstockteit oder dem Mut zur Rechenschaftsleistung. Das
Terrain, das schon lange geschwankt hatte, zerriss in gähnende Klüfte. Der Trotz
der Kaste warf in der Eile noch Schanzen auf und suchte nach Abwehrwaffen. Sie
hatten keine Schlagkraft.
    Ohne Hoffnung auf ein Ja fragte er: »Blutsbande existieren also nicht mehr
für dich?«
    »Wenn du vor mir stehst und ich dich sehe, fühle ich, dass sie existieren,«
war die Antwort, »wenn du handelst und sprichst, spür ich sie nicht.«
    »Gibt es eine Abrechnung zwischen Vater und Sohn?«
    »Warum nicht? Wenn Aufrichtigkeit und Wahrheit entstehen soll, warum nicht?
Vater und Sohn müssen neu beginnen können, scheint mir, einer dem andern
gleichgestellt. Sie dürfen sich nicht auf das Gewesene verlassen, auf das, was
verbucht ist, was die Gewohnheit vorschreibt. Ist Bewusstsein da, so muss es
Achtung wecken. Es sollte ein zarteres Verhältnis sein als irgendeines; es ist
ja auch verletzlicher als irgendeines. Aber weil es von der Natur geschaffen
ist, glaubt man, es kann grenzenlos belastet werden. Mir kam es darauf an, für
Entlastung zu sorgen, und du sahest eine Sünde darin. Es sind nur die Begriffe
der Welt, die dich gegen mich erkältet und verblendet haben.«
    »Bin ich erkältet und verblendet?« warf der Geheimrat kaum hörbar ein,
»hatte es diesen Anschein?«
    »Seit ich mich losgesagt, gewiss. Du warst beständig in Versuchung, deine
ganzen Machtmittel gegen mich zu organisieren. Du stehst vor mir mit dem
Anspruch beleidigter Autorität. Nur weil ich mich unterfangen habe, mit den
Grundsätzen des Besitzes und Erwerbs und mit den Anschauungen der Klasse zu
brechen, in der ich aufgewachsen bin. Einerseits wagst du nicht, mich zu
vergewaltigen, weil neben dem Sozialen und Äusserlichen noch ein herzlicher
Zusammenhang zwischen uns ist; Vorurteile und Gewohnheit haben ihn vielleicht
mehr befestigt als Erkenntnis und Mitgefühl, fürchte ich, aber er ist da, und
ich achte ihn; andrerseits kannst du dich dem Einfluss deiner Umgebung und deiner
Stellung nicht entziehen und mutest mir Hässliches, Einfältiges und Zweckloses
zu. Was ist denn das Hässliche, das du glaubst, das Einfältige und Zwecklose?
Woran hindert es dich, worin stört es dich, wenn es wirklich so ist, so hässlich,
einfältig und zwecklos? Worin stört es Judit, woran hindert es Wolfgang ausser
in einigen eitlen Gedanken und eingebildeten Vorteilen? Und wenn es mehr ist,
kommt es in Betracht? Nein, es kommt nicht in Betracht, kein Verdruss, der ihnen
daraus entsteht, kommt in Betracht. Und wodurch habe ich dich verwundet, wie du
sagst, wodurch deine Autorität beleidigt? Sohn bin ich, du bist Vater. Heisst das
Knecht und Herr sein? Ich bin nicht mehr von deiner Welt. Deine Welt macht mich
zu deinem Widersacher. Sohn und Widersacher, anders kann deine Welt nicht anders
werden. Gehorsam ohne Überzeugung, was ist das denn? Die Wurzel von allem Übel.
Du kannst mich nicht sehen; der Vater sieht nicht den Sohn. Die Welt der Söhne
muss sich gegen die Welt der Väter erheben, anders kann es nicht anders werden.«
    Er hatte sich am Tisch niedergesetzt und den Kopf auf die Hände gestützt,
die Form ausser acht lassend, seiner konventionellen Höflichkeit auf einmal bar.
Seine Worte hatten sich aus Nüchternheit zur Leidenschaftlichkeit gesteigert;
das Gesicht war erblasst, die Augen glänzten fiebernd. Der Geheimrat, der ihn
solchen Ausbruchs, solcher Verwandlung nicht für fähig gehalten, blickte
erstarrt auf ihn nieder. »Diese Behauptungen können schwer widerlegt werden,«
murmelte er und knöpfte mit zitternden Fingern den Pelzmantel zu; »was soll eine
Debatte auch fruchten. Du sprachst von denen, die nicht tun; und du, was willst
du tun? Es wäre mir wichtig, das von dir zu hören. Was willst du tun, und was
hast du bis jetzt getan?«
    »Bis jetzt war alles nur Vorbereitung,« antwortete Christian ruhiger; »genau
besehen war es nichts. Bloss an meinen Kräften und an meiner Fähigkeit gemessen,
war es etwas. Ich hafte noch zu sehr an der Oberfläche. Mein Charakter steht mir
entgegen. Es gelingt mir nicht, die Kruste durchzustossen, die mich von der Tiefe
trennt. Die Tiefe, ja, was ist das, die Tiefe? Man kann unmöglich darüber reden.
Jedes Wort ist wie Vorwitz und Lüge. Ich will keine Werke tun, ich will nichts
Gutes oder Nützliches oder gar Grosses tun, ich will hinein, hinauf, hinaus,
hinunter; ich will nichts von mir wissen, ich bin mir gleichgültig, aber ich
will alles von den Menschen wissen, denn die Menschen, siehst du, die Menschen,
das ist das Geheimnisvolle, das Furchtbare, das, was quält und schreckt und
leiden macht ... Immer einen, immer zu einem, dann zum nächsten, dann zum
dritten, und wissen, aufsperren jeden, das Leiden herausnehmen wie die
Eingeweide aus einem Huhn ... Aber man kann unmöglich darüber reden, es ist zu
grauenhaft. Die Hauptsache ist, dass das Herz nicht müde wird. Nur kein müdes
Herz, das ist die Hauptsache. Was ich zunächst tun will, weisst du ja nun,« er
lächelte gewinnend knabenhaft, »verschwinden.«
    »Es wäre eine Art von Tod,« sagte der Geheimrat.
    »Oder eine andre Art von Leben,« erwiderte Christian; »ja, das ist die
richtige Bezeichnung und eigentlich auch der Zweck: eine andre Art von Leben;
denn diese,« er stand auf und sein Blick erglühte, »diese ist unerträglich. Eure
ist unerträglich.«
    Der Geheimrat trat näher. »Und du wirst, nicht wahr, du wirst leben? Die
Sorge braucht mich nicht zu foltern?«
    »O,« sagte Christian lebhaft, »ich muss. Wo denkst du hin! Ich muss leben.«
    »Du sprichst mit einer Heiterkeit davon, und ich ... und wir ... Christian!«
rief der Geheimrat verzweifelt, »ich hatte nur dich! Weisst du es nicht? Wusstest
du es nicht? Ich habe nur dich, nur dich. Was soll nun werden? Was soll sein?«
    Christian streckte seinem Vater die Hand entgegen, und dieser nahm sie mit
der Gebärde eines Gebrochenen. Er raffte sich gewaltsam zusammen. »Wenn es denn
unabänderlich ist, dann kein langes Hinziehen,« sagte er. »Gott schütze dich,
Christian. Du warst mir eigentlich ein unbekannter Mensch, du bist es noch. Es
ist hart, sich sagen zu müssen: Ich hatte einen erstgeborenen Sohn, er lebt und
ist mir gestorben. Ich will mich fügen. Ich sehe, es ist etwas in dir, dem man
sich zu fügen hat. Vielleicht genügt es aber nicht einmal, wie? Vielleicht
verlangst du mehr? Nun, ich bin zweiundsechzig, da muss es genügen. Gott schütze
dich, Christian.«
    Beherrscht aufgereckt wandte er sich zum Gehen.
 
                                       33
Amadeus Voss sagte: »Er wird den Kampf nicht aufnehmen. Es ist eine endgültige
Wahl, vor die er gestellt ist. Sie meinen, es sei nur die Familie, die ihn
unschädlich machen will. Zugegeben. Aber die Familie ist heute die
ausschlaggebende Macht im Staate. Sie ist der Grundpfeiler und der Schlussstein
tausendjähriger Schichtungen und Kristallisation. Wer ihr trotzt, ist ein
Geächteter. Er hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann. Er ist in einen
dauernden Anklagezustand versetzt. Das macht den Stärksten mürbe.«
    »Die Herrschaften scheinen Ihnen gehörig imponiert zu haben,« bemerkte
Lamprecht.
    »Ich spreche von einem Prinzip, Sie sprechen von Personen,« erwiderte Voss
gereizt. »Schlagen Sie mich auf meinem Feld, wenns beliebt. Im übrigen hab ich
von den Leuten niemand zu Gesicht bekommen als Wahnschaffes Bruder Wolfgang. Er
bat mich zu sich, angeblich, um Auskünfte von mir zu erhalten, in Wirklichkeit,
um mir auf den Zahn zu fühlen. Ein wackerer Knabe. Ein Repräsentant. Von dem
unerschütterlichen Ernst derer durchdrungen, die alle Sprossen der sozialen
Stufenleiter gezählt, alle Distanzen ausgemessen und bis auf den Millimeter im
Kopfe haben. Bereit zu allem. Käuflich zu allem. Zurückschreckend vor nichts.
Grausam aus natürlicher Anlage. Konsequent aus Mangel an Geist. Ich leugne es
nicht, so etwas imponiert mir. Ein Exemplar in Reinzucht. Man kann sich keinen
besseren Anschauungsunterricht über den heutigen Zustand der Gesellschaft
wünschen.«
    »Und Sie haben sich selbstverständlich zu Christian bekannt, haben Ihre
Unzugänglichkeit für alle diplomatischen Bestechungsversuche deklariert?« fragte
Johanna in einem Ton von perfider Beiläufigkeit; »nein?« Sie ging auf und ab, um
den Tisch für Christian zu decken, denn in einer inneren Ungeduld sehnte sie ihn
herbei.
    Michael wandte keinen Blick von Amadeus Voss' Gesicht.
    »Ist mir nicht im entferntesten eingefallen,« antwortete Amadeus. »Ich bin
Forscher und nicht Moralist. Ich habe aufgehört, mich für Phantome zu opfern.
Ich glaube nicht mehr an Ideen und an den Sieg von Ideen. Für mich ist die
Schlacht entschieden und der Friede geschlossen. Warum soll ich es nicht offen
einräumen? Ich habe paktiert. Nennen Sie es nicht Zynismus, was ich sage; es ist
ein ehrliches Bekenntnis zu mir selbst. Es ist die Frucht gewonnener Einsicht in
das Nützliche, das Tüchtige, in das, was den Menschen praktisch und greifbar
hilft. Es gab weit und breit keine Notwendigkeit für mich, ein Märtyrer zu
werden. Märtyrer verwirren die Welt; sie reissen die Hölle der Schmerzen auf, und
das vergeblich; wann und wo wäre Schmerz durch Schmerz gelindert oder beseitigt
worden? Einst ging ich den Seufzerweg, den Passionsweg; ich weiss, was es heisst,
für Träume leiden, für das Unerreichbare sein Blut verspritzen. Ich weiss, was
ein Sakrament ist und was Versuchung ist; ich habe Brust an Brust mit dem Teufel
gerungen, bis mir endlich klar wurde: du kannst ihn nur abtun, wenn du dich der
Welt ergibst, gänzlich und ohne Markten, und du darfst nicht zurückschauen,
sonst geht es dir wie Lots Weib, du erstarrst zur Salzsäule. So hab ich den
Teufel besiegt; oder mich selbst besiegt, wie man will.«
    »Es war jedenfalls eine schicksalsreiche Wandlung,« sagte Johanna, die
Semmeln entzweischnitt und mit Butter bestrich. Ihre Gesten waren von einer
gleichsam erdachten Lässigkeit und Lieblichkeit.
    »Und was sagten Sie also zu Wolfgang Wahnschaffe?« fragte Boto von Tüngen.
Er sass am Fenster und hielt von Zeit zu Zeit Ausschau über den Hof, denn auch
ihn verlangte nach Christians Gegenwart. Es war ein dunkles Gefühl von seiner
Nähe in jedem.
    »Ich sagte ungefähr, was ich mir denke,« entgegnete Voss. »Ich sagte: Es ist
am besten, ihr lasst die Dinge laufen, wie sie laufen. Er verstrickt sich in
seinen eignen Netzen. Widerstand stützt; Verfolgung gibt Gloriole. Wozu wollt
ihr ihm eine Gloriole um das Haupt legen? Paradoxie muss durch sich allein zu
Fall kommen, und sämtliche Visionen des heiligen Antonius haben nicht die
umbiegende Gewalt einer einzigen Sekunde der Erkenntnis. Keine Wand darf mehr um
ihn sein, keine Brücke; dann wird er Wände aufrichten und Brücken schlagen
wollen. Habt Geduld, sagte ich, habt Geduld. Ich, der ich der Geburtshelfer
seiner Neuwerdung war, getraue mich zu prophezeien. Ich prophezeie, der Tag ist
nicht mehr fern, wo er wieder nach dem Kuss eines Weibes gieren wird; das, ich
gestehe es, war es hauptsächlich, was mich stutzig gemacht hat, dies Leben ohne
Eros. Denn es war nicht Überdruss, nein, das war es nicht, es war Verzicht, wahr
und wahrhaftig Verzicht. Aber lasst den Eros erwachen, und die Umkehr wird
geschehen. Der Tag ist nicht mehr fern.« Sein Gesicht hatte einen Ausdruck
fanatischer Rechtaberei.
    »Ein andrer Eros wird es sein, nicht der, den Sie meinen,« sagte Tüngen.
    Da erhob sich Michael, schaute Voss mit glühenden Augen an und rief ihm zu:
»Verräter.«
    Amadeus Voss gab es einen Ruck. »Ei, du Kröte,« murmelte er geringschätzig,
»was ficht dich an?«
    »Verräter,« sagte Michael.
    Voss ging drohend auf ihn zu.
    »Michael! Amadeus!« mahnte Johanna flehend und legte die Hand auf Vossens
Arm.
    Währenddem hatte sich die Tür sacht aufgetan und die kleine Stübbe war
unhörbar ins Zimmer geschlüpft. Sie war adrett gekleidet wie immer; die blonden
Zöpfe waren um den Kopf geflochten und liessen das leidvolle Kindergesicht noch
älter, noch madonnenhafter erscheinen. Sie schaute sich um, gewahrte Michael,
ging zu ihm hin und reichte ihm einen Brief. Danach verliess sie die Stube
wieder.
    Michael entfaltete das Blatt, las, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht.
Der Brief fiel aus seiner Hand. Lamprecht hob ihn auf. »Geht es auch uns an?«
fragte er ahnend, »ist es von ihm?«
    Michael nickte und Lamprecht las vor: »Lieber Michael. Ich verabschiede mich
auf diesem Weg von dir und bitte dich, die Freunde zu grüssen. Ich muss nun fort.
Ihr werdet keine Nachricht von mir erhalten. Es soll mir niemand nachforschen.
Es ist mir zweckmässiger und einfacher erschienen, auf diese Weise fortzugehen,
als das Unausweichliche durch Aussprache und Fragen hinauszuschieben und zu
zerreden. Was von meinen Sachen in Karens Wohnung war, habe ich mitgenommen. Es
hatte Platz in der kleinen Reisetasche. Meine übrigen Habseligkeiten kannst du
in den Koffer packen, der drüben steht; es ist einiges schwer Entbehrliches
dabei, wie Wäsche und ein Anzug. Vielleicht findet sich Gelegenheit, dass ich es
mir schicken lassen kann. Aber es ist ungewiss. Für dich, Michael, habe ich an
Lamprecht tausend Mark anweisen lassen, damit der Unterricht für die nächste
Zeit fortgesetzt werden kann. Es ist auch ein Notpfennig. Für Johanna erliegen
zweihundertfünfzig Mark im Kuvert beim Hausverwalter; von morgen ab, ich muss es
erst hinschicken. Sie möge so freundlich sein und mit dieser Summe die
Verbindlichkeiten lösen, die ich zurücklasse. Nochmals: Grüss die Freunde. Halte
dich an sie. Lebewohl. Sei tapfer. Denk an Rut. Dein Christian Wahnschaffe.«
    Alle waren aufgestanden und hatten sich um Lamprecht gruppiert. Lamprecht
sagte erschüttert: »Ihm gehöre ich, ihm will ich gehören, im Herzen und im
Geiste.«
    »Was mag der Sinn sein, was mag der Grund sein?« fragte Tüngen in die
scheue Stille.
    »Echt Wahnschaffe!« liess sich Amadeus Voss vernehmen, »platt und hölzern wie
eine Polizeivorschrift.«
    »Schweig!« hauchte ihm Johanna gepeinigt zu, »schweig, Judas.«
    Es fiel kein Wort mehr. Alle standen um den Tisch; aber der Platz, der für
Christian gedeckt war, blieb leer. Es fing an zu dämmern, und einer nach dem
andern ging fort. Amadeus Voss näherte sich Johanna und sagte: »Der Judas, den du
dem Bürschchen nachgeredet hast, wird dich noch auf die Seele brennen, das kann
ich dir versprechen.«
    Michael, wie ein Entrückter, schaute mit seherisch glänzenden Augen in die
Höhe.
    In ermatteter Schwermut sprach Johanna zu sich selbst: »Wie heisst es doch
immer in den alten Komödien? Exit. Ja: exit. Kurz und bündig. Exit. Johanna.
Troll dich.« Sie warf noch einen Blick in die halbfinstere Stube, und hager
schlich sie als letzte aus der Tür.
 
                                       34
Als Lätizia und Crammon zwei Tage nachher in die Stolpische Strasse kamen,
erfuhren sie, dass Christian Wahnschaffe dort nicht mehr war. Die beiden
Wohnungen waren von Möbeln bereits geräumt und zur Vermietung ausgeschrieben.
Wohin er sich gewendet hatte, wo er sich befand, darüber konnte ihnen niemand
Aufschluss geben. Der Hausverwalter sagte, er habe seinen Bekannten mitgeteilt,
dass er die Stadt verlassen habe. Es entstand, zu Crammons Unbehagen, eine kleine
Volksversammlung um das Auto, und spöttische Bemerkungen wurden laut.
    »Zu spät,« sagte Lätizia, »ich werde es mir nie verzeihen.«
    »Doch; du wirst, mein Kind, du wirst,« versicherte Crammon. Und sie kehrten
in die Bezirke der Lustbarkeiten zurück.
    Lätizia verzieh es sich schon am nämlichen Abend; was hätte sie auch mit
einer so fragwürdigen Gewissensbürde anfangen sollen? Eine lässliche Sünde; der
erste Gläserklang, der erste Geigenton, der erste Blumenduft zehrte sie auf.
    Aber an Crammon nagte das Versäumnis, je länger, je mehr. In seiner naiven
Unwissenheit bildete er sich ein, er hätte das Äusserste hintanzuhalten vermocht,
wenn er zwei Tage früher gekommen wäre. Jetzt war der Verlust besiegelt und
endgültig. Er stellte sich etwa vor, er hätte Christian die Hand auf die
Schulter gelegt und ihn ernst und mahnend angeschaut; da hätte Christian
beschämt zu ihm gesprochen: Ja, Bernhard, du hast recht, es war eine Verirrung,
wir wollen uns mal zu einer Flasche Wein setzen und beraten, wie wir uns künftig
am besten amüsieren.
    Wenn er in seinen Erinnerungen wühlte, einem Sammler vergleichbar, der seine
eifersüchtig behüteten Schätze mustert, war es stets Christians Gestalt, die vor
allen andern verklärt emporstieg. Der Christian des Anfangs, nur der; unter den
Hunden im Park; in der Mondnacht unter der Platane; im erlesen geschmückten Saal
der Tänzerin; Christian lachend, schöner lachend als der Eseltreiber in Cordova;
Christian verführend, Christian verschwendend, Christian der Herr; Eidolon.
    So sah er ihn. So trug er ihn durch die Zeit.
    Und es drangen Gerüchte zu ihm, an die er nicht glaubte. Es kamen Leute, die
erzählen gehört hatten, man habe Christian Wahnschaffe bei der grossen
Grubenkatastrophe in Hamm während der Bergungsarbeiten gesehen; er sei in die
Schächte mitgefahren und habe geholfen, Leichen zu befördern. Und andre Leute
kamen, die behaupteten, er lebe im Londoner Ost-Ende in Gemeinschaft der
Niedrigsten und Verworfensten. Und es kamen wieder Leute, welche wissen wollten,
er sei in der Chinesenstadt von Neuyork aufgetaucht, dieser ekelsten Kloake der
bewohnten Erde.
    Crammon sagte: »Unsinn, das ist nicht Christian, das ist sein Doppelgänger.«
    Er hatte Furcht vor den Jahren, die sich grau heranwälzten wie Nebel auf dem
Wasser.
    »Was würdest du zu einem Häuschen in einem kärntnerischen Alpental sagen?«
redete er eines Tages Lätizia an, »zu einem niedlichen, bescheidenen Häuschen?
Man pflanzt sein Gemüse, man züchtet seine Rosen, man liest seine
Lieblingsschmöker, mit einem Wort, man bringt sich in Sicherheit.«
    »Reizend,« antwortete Lätizia, »ich könnte ja dann und wann zu dir kommen.«
    »Warum dann und wann? Warum nicht ganz und gar?«
    »Ja, würdest du denn auch die Zwillinge aufnehmen und die Dienerschaft und
das Tantchen?«
    »Da müsste ich allerdings einen Flügel anbauen. Unmöglich.«
    »Und ausserdem ... ich will dir nämlich gestehn, ich bin mit Egon Rochlitz
übereingekommen, dass wir uns heiraten. Das wäre also vorläufig eine Person
mehr.«
    Crammon schwieg eine Weile, dann sagte er verdrossen: »Ich fluche dir. Es
bleibt mir nichts andres übrig.«
    Lätizia bot ihm lächelnd die Wange.
    Er küsste sie väterlich entaltsam und seufzte: »Du hast Sammet auf der Haut
wie eine Aprikose.«
 
                                    Legende
In alter Zeit lebte ein König namens Saldschal, der eine sehr hässliche Tochter
hatte. Ihre Haut war rauh und hart wie die des Tigers und ihr Hauptaar glich
einer Pferdemähne. Der König war darüber missvergnügt und liess sie im Innern des
Palastes erziehen, vor aller Augen verborgen. Als sie erwachsen war und man an
ihre Verheiratung denken konnte, sagte der König zu seinem Minister: Suche und
bringe mir einen armen umherschweifenden Edelmann. Der Minister suchte und fand
einen solchen Edelmann; der König führte ihn an einen einsamen Ort und sprach zu
Ihm: ich habe eine abschreckend hässliche Tochter; willst du sie zum Weibe, da
sie doch die Tochter eines Königs ist? Der Jüngling kniete nieder und
antwortete: Ich gehorche meinem Herrn. Da wurden die beiden zusammengetan, der
König schenkte ihnen ein Haus, verschloss es mit siebenfachen Türen und sagte zu
seinem Eidam: Wenn du das Haus verlässest, so sperre zu und nimm die Schlüssel
mit. Darnach handelte der Jüngling.
    Eines Tages nun wurde er nebst andern vornehmen Männern zu einem Feste
geladen. Während nun alle übrigen Gäste in Begleitung ihrer Frauen erschienen,
kam der Eidam des Königs allein. Hierüber verwunderten sich die Leute. Entweder,
sprachen sie zueinander, ist das Weib dieses Mannes so schön und reizend, dass er
sie aus Eifersucht versteckt, oder sie ist so hässlich, dass er sich fürchtet, sie
den Menschen zu zeigen. Um diesen Zweifel zu lösen, beschlossen sie in das Haus
des Mannes zu dringen. Sie machten ihn betrunken, entwendeten ihm die Schlüssel,
und als er besinnungslos dalag, begaben sie sich auf den Weg.
    Unterdessen hatte die Frau, gefangen und einsam in ihrem Hause, schmerzliche
Gedanken. Welcher Sünde mag ich wohl schuldig sein, fragte sie sich, dass mein
Gatte mich verabscheut und mich an einem Ort verkümmern lässt, wo ich weder Sonne
noch Mond sehe? Und sie dachte weiter: Der Siegreich-Vollendete ist in der Welt
gegenwärtig; er ist der Hort und Erlöser aller an Qual und Trübsal Leidenden;
ich will mich aus der Ferne verbeugen vor dem Siegreich-Vollendeten. Gedenke
meiner in Barmherzigkeit, sprach sie, erscheine sichtbar vor mir und zeige dich
womöglich einen Augenblick. Der Siegreich-Vollendete, welcher wusste, dass die
Gedanken der Königstochter rein waren und von innigster Hochachtung beseelt,
erhob sich in ihr Haus und zeigte ihr sein lasurfarbenes Haupt. Als nun die
Königstochter das lasurfarbene Haupt des Siegreich-Vollendeten erblickte, ward
sie von ausserordentlicher Freude erfüllt, und ihr Sinn wurde völlig geläutert.
Und in der Läuterung geschah es, dass ihr Hauptaar sanft wurde und die
Lasurfarbe annahm. Sodann zeigte der Siegreich-Vollendete sein Antlitz ganz und
unverhüllt; da wuchs die Freude der Königstochter so, dass ihr eignes Gesicht
schön und reizend wurde und jede Spur von Hässlichkeit und Rauheit verschwand.
Als aber der Siegreich-Vollendete seinen in Goldtönen majestätisch strahlenden
Körper zeigte, wurde durch das gläubige Entzücken, das die Königstochter darüber
empfand, ihr Körper zu göttlicher Vollkommenheit umgestaltet, dass nichts in der
Welt mit ihr verglichen werden konnte. In seiner ganzen Herrlichkeit trat der
Siegreich-Vollendete vor sie hin; ihre freudige Zuversicht wurde aufs höchste
gesteigert, und ihr Inneres wurde wie die Seele der Engel.
    Da kamen die Männer, die sie sehen wollten, öffneten die Türen, gingen
hinein und erblickten ein Wunder von Schönheit. Sie sprachen einer zum andern:
Weil sein Weib so schön ist, hat er sie nicht mitgebracht. Sie kehrten zum Fest
zurück, befestigten den Schlüssel wieder am Gurt des Mannes, und als dieser aus
seinem Rausch erwacht war und nach Hause kam und seine Frau erblickte als eine
unvergleichliche Seltenheit unter den Menschen, fragte er staunend: Du warst ja
so hässlich, wie bist du nun so schön und reizend geworden? Sie antwortete:
Nachdem ich den Siegreich-Vollendeten gesehen, bin ich so geworden; geh und
berichte meinem Vater alles. Der Mann ging hin und berichtete alles dem König,
aber der entgegnete: Sprich mir nicht von solchen Dingen. Eile nach Haus und
schliesse sie so fest ein, dass sie nicht heraus kann. Der Eidam sagte: Sie ist
wie eine Göttin. Hierauf sprach der König: Verhält es sich in Wahrheit so, dann
führe sie zu mir. Und er empfing, staunend, die Liebliche im Innern seines
Palastes; dann begab er sich an den Ort, wo der Siegreich-Vollendete seinen Sitz
hatte, verbeugte sich vor ihm und betete ihn an.
                                      Ende
 
    