
        
                                 Hermann Essig
                                   Der Taifun
                                                                   Kätzi gewidmet
 Susanne Flaubert gefiel es längst nicht mehr in Brüssel.
    Ihre Freunde waren ausser Landes. Sie sass trübselig in ihrer Wohnküche. Am
Gasbratofen stand Käterchen, ihr Dienstmädchen, und machte Rühreier. Sie tapfte
gleichgültig und gedankenarm mit dem Löffel in der Pfanne herum. Zur Vermehrung
oder zum Ersatz des Fettgehaltes fielen in kurzen Abständen die Katarrhtropfen
von ihrer Nase in die Eierpfanne.
    Susanne hatte dafür kein Auge, ihre Blicke gingen wissenshungrig durch die
Fensterscheiben. Sehr aufmerksam lag aber Kätzi in Susannes Schoss und sah mit
blauen besorgten Augen nach Käterchen hin.
    Käterchen hatte sich die Naschsucht vor den Blicken der Katze allmählich
abgewöhnt, denn sobald sie den Versuch machte, eine Speise zu kosten, tatzte
Kätzi mit der Pfote nach dem Kinn der Herrin.
    Wie ein unartiges Kind übte Kätzi am Dienstboten Kritik, passte auf alles gut
auf, was dieser tat, und durfte sich dabei selber alles herausnehmen. Käterchen
konnte darum die Katze nicht ausstehen. Sie plante ständig, wie sie die Katze
auf geheimnisvolle Weise entfernen könnte.
    Da floss hinter dem Hause der Kanal vorüber. Immer gelüstete es Käterchen,
Kätzi darin, in einen Sack gebunden, mit einem Stein beschwert, zu ersäufen.
Bloss unbemerkt hätte es geschehen müssen.
    Zur Ausführung ihrer schwarzen Gedanken kam es nie. Sie wagte es nicht, den
Sack an den unteren Stockwerken vorbeizuwerfen, auch nicht nachts damit zum
Hause hinaus an das Wasser hinzuschleichen.
    Äusserlich musste sie Kätzi immer schöntun. Kätzi war wie Susannes verwöhntes
Kind. Die geringste unsanfte Berührung der zarten Angora oder ein
versehentlicher Tritt, hatten den tagelangen Zorn Susannes zur Folge. Kätzi trug
farbige seidene Schleifchen, sie besass sogar Goldschmuck. Käterchen hatte
darüber einen heillosen Ärger: wie die reinste - wurde sie gehalten. Was Brüssel
an Spitzen erfinden konnte, wurde um die Katze gewickelt.
    Und dieses dumme Ding passte auf sie beim Eierbacken auf. An Kätzis Nase
schossen die Stubenfliegen vorbei; sobald eine von ihnen die Katze ablenkte,
schob Käterchen den Löffel in den Mund.
    Aber die dumme Sau guckte nicht weg.
    Und Susanne schien ganz vertieft in der Betrachtung der Strasse. Das war
wieder ein recht ungemütliches Kochen unter Polizeiaugen.
    In diesen trostlosen Stumpfsinn war das Leben übergegangen, seitdem die
Trikolore von Brüssels Türmen verschwunden war. Susanne fühlte beim dauernden
Anblick der Strasse eine Gehirnstörung. Sie stand plötzlich auf, strich sich
nachdenklich über die hohe Aztekenstirne und hielt die Katze im linken Arm.
Käterchen gelang ein heimlicher Löffel.
    Nach diesem Anfall war es wieder vorbei. Man ass einträchtig das bescheidene
Mahl, Käterchen am Katzentisch, und die Katze mit der Dame. Eine Stadt war
Brüssel nicht mehr. Susanne liess sich von Käterchen die Sehnsucht kitzeln nach
der Zeit, wie es gewesen war, nach dem Kapitän Labougère und der wunderschönen
Madeleine. Die waren immer bei Susanne aus und ein gegangen, Käterchen war von
allem Mitwisser und Zeuge. Der Kapitän hatte einmal die weisse Weste liegen
lassen, und die eifersüchtige Pipi hatte gleich nachher daraufgesessen, ohne
daraus die gewünschte Entdeckung zu machen.
    Damals war Käterchen fast geplatzt vor Lachen. Und nun? Sie sassen, von
niemand mehr gekannt, ganz verlassen. Die Wohnküche war ein verzweifelter
Aufentaltsraum, die Schlafstube erinnerte an ein Nadelkissen.
    Käterchen war vom Schwarzwald auf einer Flossfahrt nach Brüssel verschlagen
worden. Sie hetzte unablässig an Susanne, nach Deutschland hinüberzugehen. Über
Berlin erzählte sie allerschönste Räubergeschichten, von der Friedrichstrasse und
Berlin bei Nacht. Es war zwar ein mehr sprichwörtlicher Ruhm der deutschen
Weltstadt, Genaueres wusste niemand.
    Susanne liess sich die Entscheidung schwer werden. Sie hatte allmählich ein
Bankkonto zusammenkratzen können, ohne vor ihren Freunden durch Geiz und
Sparsamkeit unangenehm aufgefallen zu sein. Damit konnte sie in diesem
wahrhaftigen Vogelbauer ein paar Jährchen durchhalten. Aber was war dann, wenn
sich das aufzehrte? Sie war dann mehrere Jahre älter, hatte womöglich das
dreissigste überschritten, und die alten Bekannten fanden sich wahrscheinlich nie
wieder so zusammen wie vorher. War's nicht richtiger, den Sprung nach Berlin zu
wagen?
    Sie verjuxte dabei natürlich ihr bisschen Geld in wenigen Wochen.
    »Das müssen Sie eben gescheit angreifen,« meinte Käterchen. »Vielleicht
kriegen Sie dort schnell einen Mann. Einen festen. Nicht bloss so zur
Durchreise.«
    Dies zog. Susanne besorgte sich die Pässe, um nach Deutschland einwandern zu
dürfen. Und Käterchen, die vor Freude herumschusselte, packte den Hausrat
zusammen, soweit sie ihn nicht mit ihren klobigen Händen zerbrach.
    In dem Sinne ging alles glatt von statten. Ohne viele Zwischenlage von
Spänen liefen Geschirre und Gläser in eine Kiste hinein, in stolzer Absicht,
bald Berlin zu sehen. Auch die Pässe wurden von der Behörde ausgestellt. Susanne
hatte nach Ansicht der Polizei keine besonderen Merkmale, sie war blond, hatte
dunkle Augen, die wie Kamelaugen leuchteten. Da es aber nicht Sitte ist, in
Personalbeschreibungen grosse Phantasien zu geben, so schrieb man nicht
Kamelaugen, sondern Augen: dunkel. Nase: gewöhnlich. Mund: gewöhnlich. Besondere
Merkmale: keine.
    Susanne war anfänglich hochbeglückt, dass sie nach dieser
Personalbeschreibung unbehelligt reisen konnte. So sahen ja alle Menschen aus.
Aber als man dann bei Käterchen dasselbe schrieb, da rührte sich in ihr ein
unangenehmer Wurm. Dass sie mit ihrem Dienstboten gleiche Gestalt haben sollte!
    Sie begann auf dem Bureau der Polizei die Unterschiede zwischen ihr und
Käterchen zu erläutern. »Sehen Sie doch mich an: ich habe eine interessante
hochgeformte Stirne, den Kopf leicht aztekenhaft aufgetürmt, darauf trage ich
stets eine hohe mit einer Haarunterlage gestützte Frisur, hintenoben, nach dem
Stile von Madame Bernadotte. Und sehen Sie dagegen die niedere uninteressante
bäurische Stirne von Käterchen an, mit den sinnlosen Löckchen, die an den
Kopfecken stehen. Das muss doch in den Pässen stehen.«
    »Die Frisur könnte das Mädchen ebenso bauen,« brummte der Polizeisoldat.
    »Aber mein Herr, wie können Sie das sagen? Niemals würde ich es gestatten,
dass sich Käterchen meine Mode aneignete.«
    »Ist Ihre Mode gesetzlich geschützt?«
    »Nein.«
    »Was wollen Sie dann eigentlich?«
    »Und dann haben wir ja ganz verschiedene Nasen. Meine Nase hat eine
interessante geschwungene Dimension, ich habe die Nase ein bisschen wie Philipp
II. von Spanien. Und Käterchen hat einen dicken Kolben, ähnlich wie die Sorte
der Gurken, die man mit Vorliebe zum Sauermachen wählt.«
    »Ich kann Sie, verehrtes Fräulein, aber doch nicht als einen Philipp nach
Berlin fahren lassen und Ihr Mädchen als Gurke.«
    »Und sehen Sie weiter in meine Augen. Was entdecken Sie darin?«
    Der Polizeisoldat sah mit einer gewissen Scheu in die Augen der Dame. Als er
aber in den Augen darin war, da spürte er Lendenschmerzen und machte eine
rückende Bewegung auf dem Stuhle. Und unwillkürlich rückten alle im Zimmer
Schreibenden auf ihren Stuhlsitzen.
    Susanne lächelte darüber mit freudigem Entzücken. Sie schob sodann den Kopf
Käterchens vor den ihrigen.
    »Das Fräulein sieht mich ja gar nicht an,« sagte der Soldat.
    »Das ist ebenso, als wenn sie Sie ansehen würde,« meinte Susanne. »Ihr Auge
ist völlig tot, und mein Auge ist eine Fülle von ungelösten Rätseln.«
    Man hustete und räusperte sich im Zimmer. Der Soldat besah sich aufmerksam
die Pässe und wusste nicht, wie er über die Augen schreiben sollte. »Na,« sagte
er schliesslich, »dass man sich nicht an das Fräulein wenden muss, sondern an die
Dame, das sieht ja in Berlin ein jedes. Es ist belanglos. Haben Sie noch etwas?«
    »Oh ja, ich habe noch etwas.«
    Manche standen von ihren Stühlen auf und setzten sich dann wieder. Mit
dieser wären sie alle gern nach Deutschland heimgefahren.
    Vom Munde war gar nicht zu reden. Susanne hatte zartgespaltene Bienenlippen,
und Käterchen einen Schweinsrüssel. Sie sagte es nicht, denn es sah ja
jedermann. Nur im Passe hätte sie diese Randbemerkung gern stehen gehabt. Der
Soldat kam ihr zu Hilfe und sagte: »Und wenn eins von Ihnen zum Küssen genommen
wird, dann ist es ebenso.«
    »Und es ist also gar nicht möglich, meine Personalien anders als die ihrigen
anzugeben?« seufzte Susanne.
    »Warum wollen Sie denn das durchaus? Sonst im allgemeinen sind die Leute
froh, wenn man nichts Besonderes an ihnen findet. Wenn ich dann unter besonderen
Merkmalen etwas hinschriebe, das wäre schon wie ein Wink an die Polizeibehörden,
dass man auf Sie aufpassen solle.«
    Susanne besann sich. »Die besonderen Merkmale würden ja auch wohl innerlich
am deutlichsten zu finden sein,« sagte sie dann. »Mir käme es eben darauf an, in
Berlin gleich in die richtigen Hände geleitet zu werden.«
    Das machte den Polizeimann stutzig. »Fahren Sie denn mittellos? Dann dürfen
wir Sie überhaupt jetzt nicht fahren lassen.«
    »Nein, ich habe dreitausend Mark in der Tasche.«
    Die werden bald verjubelt sein, dachte der Mann und sah mit bedenklicher
Grimasse auf den Passvermerk: Zweck der Reise. Er wollte die Hübsche gern nach
Berlin gelangen lassen. Wenn er nach dem Zweck der Reise frug, so erhielt er
möglicherweise eine unkluge Antwort. Und er schrieb ohne weitere Nachfrage an
diese Stelle »Kunststudien«.
    Susanne sah ihm über die Schulter ins Papier. Ihr Herz klopfte stark, und
als der Mann nach ihr herum sah, errötete sie. »Zweck der Reise?« frug er sie
jetzt.
    »Kunststudien,« erwiderte Susanne mit leiser Heiterkeit.
    »Und Ihr Käterchen?«
    »Begleitung.«
    »Jetzt können Sie zufrieden sein. Und nun merkt auch alle Welt, dass es sich
nicht um das Fräulein dreht, sondern um die Dame. Sie sind die Künstlerin, und
die andere ist die Geige.«
    Ein allgemeines Gelächter entstand im Zimmer. Susanne grinste, dass die Ecken
der zarten Bienenlippen an die Ohren hinumtraten. Unerwarteterweise wehrte sich
Käterchen dagegen. »Wie man's ansieht,« knurrte sie.
    Die Polizeibeamten lachten und waren froh, dass ihr trübseliger Vormittag,
den sie absassen, von diesem Stern und seinem Trabanten durchschnitten war.
Susanne selbst war ihre Reise nicht so recht geheuer, wenn sie auch jetzt
mitlachte. Die Frage nach dem Zweck der Reise hatte in ihr neue Bangigkeit um
die Zukunft hervorgerufen.
    Sie hätte keinen Zweck angeben können. Ihre Reise war ein Sprung ins Dunkle.
Fortan wusste sie wenigstens, dass sie als Kunststudierende nach Berlin reiste. Um
die Kunst hatte sie sich bisher gar nicht gekümmert. Die Idee war vielleicht gar
nicht so dumm. Es war eine wirkliche Idee.
    Während sie mit Käterchen die Polizeistube verliess, blickten ihre Kamelaugen
in die dämmerigen Steinhallen des gehirnlosen Gebäudes. Man fühlte, wenn man es
durchschritt, nichts von der darin geleisteten Arbeit, und doch zitterte ganz
Brüssel vor seiner Macht. Ihre Schritte waren elastisch, denn sie ging als eine
wohlaffektionierte Künstlerin ihrer Zukunft entgegen.
    »Was haben Sie als Beruf angegeben?« frug Käterchen mit leiser Stimme, als
sie eben die Strasse betraten. »Kunststudien?«
    Susanne nickte bejahend und lief rasch, nur um ausser Hörweite der
Polizeiohren zu sein, wenn sie mit Käterchen redete.
    »Wir gehen jetzt gleich in einen Buchladen und kaufen uns einen Plan von
Berlin.«
    Käterchen schob mit der Herrin durch die Winkel und Gassen und wollte immer
etwas Näheres wissen. Susanne gab ihr nur knappe und unbestimmte Antworten. Das
Ziel war nun der Buchladen. Als sie ihn endlich betrat, fühlte sich Susanne
bereits in Berlin. Sie nahm ein forsches und entschlossenes Wesen an. Käterchen
musste vor dem Buchladen stehen bleiben.
    Dort glotzte sie verständnislos in die Schaufenster und las langsam aber
sicher alle Buchtitel, damit sie keinen im Gedächtnis behielt. Was wollte denn
Fräulein Susanne mit der Kunst in Berlin? Das erschien Käterchen eine so dumme
Veränderung des ganzen Lebenszwecks, dass sie nun lieber in Brüssel geblieben
wäre. Parole Heimat hätte ihr gefallen, aber mit dem Zweck recht eingehenden
Poussierens. Und da kam Susanne ohne Buch zurück. »Wir kaufen es in Berlin,«
sagte sie zu Käterchen.
    Planlos war sie aus dem Buchladen herausgekommen. Susanne wurde es angst und
bange. Käterchen gegenüber gestand sie es nicht ein. Sie nahm ihr sonst den Mut.
Und in den neuen, ihr ganz fremden Verhältnissen war es sehr wichtig, dass die
heimatkundige Schwarzwälderin bei Stimmung blieb. Susanne hielt sich für die
Geige, und Käterchen war der Spieler.
    Nun war es soweit, dass alles verpackt war. Auch der Gasbratofen. Es war ein
kleiner Möbelwagen voll, als halber Wagen kostete die Fracht mit Umladung noch
kein Vermögen. Billiger war's bestimmt, als wenn man jetzt in den teuren Zeiten
alles hier verkaufte und dort neu kaufen musste. Und wer hätte jetzt in Brüssel
alten Hausrat aufgekauft?! Susanne sass dauernd als Zuschauer mit der Katze im
Schoss, dankte es Käterchen durch mancherlei Umarmungen, dass sie den ganzen Mist
so kraftvoll handhabte.
    Der Tag der Abreise war da. Die nachts noch einmal benutzten Betten wurden
von den Transportsoldaten zusammengeschlagen und weggeschafft. Unwiderruflich
ging es nun nach Berlin. Susanne mit der Katze und Käterchen standen in der
ausgeleerten Wohnung. Wenn es nur noch so einfach zu reisen gewesen wäre wie zur
Kinderzeit! Damals glaubte Susanne, als sie ganz allein auf dem Bahnhof von
Mézières sass, mit der Fahrkarte in der Hand, der Bahnhof fahre mit ihr nach
Brüssel, und sie hatte in Seelenruhe den ersten Zug wegfahren lassen, ohne
hineinzusteigen. Das wäre nun so schön gewesen, wenn die leere Wohnung gleich
mit ihnen losfuhr wie damals der Bahnhof von Mézières. Aber so war es nicht. Man
musste noch ein heftiges Eisenbahnfieber durchmachen und soundso viele
Sicherheitsposten und Kontrollen hinter sich bringen, bis man endlich im D-Zug
sass, Brüssel-Warschau, über Berlin-Mitte. Es waren interessante Ungeheuer,
welche die D-Züge aus den Städten machten. Wie wird man mit ihnen den Kampf
bestehen? Susanne schien es klar, dass sie vor allen Dingen sich erst richtig von
dem neuen Ungeheuer verschlingen lassen musste, um es dann von seinem Innern aus
zu überwinden. Mit der Katze stieg sie die Treppe hinab, es war ihr sehr weh im
Herzen, wie bei einem Abschied auf Ewigkeit.
    Käterchen schritt wortlos hinter ihr, mit wütenden Blicken nach der Katze.
Dass die mit nach Berlin kommen sollte, das behagte ihr gar nicht. Und was für
ein freches und selbstverständliches Gesicht das Vieh auf Susannes Arm machte!
Als Susanne im Heimwehschmerz das Tier mit Tränen benetzte und es an sich
presste: »Mein Kätzi! wenn ich nur dich habe, du gehst mit mir,« da verzog
Käterchen spöttisch den Mund.
    Sie hatte es sich geschworen, die Katze dürfe nicht nach Berlin mitkommen.
Wenn sie es nicht fertiggebracht hatte, die Katze im Kanal zu ersäufen, dann
warf sie sie ganz gewiss aus dem Kupeefenster, wenn der Zug dahinraste. Käterchen
fühlte mit Wonne den Schnitt, mit dem die Wagenräder über den gehassten Pelz
hinwegfuhren. Sie gab sich den Anschein lächelnder Gleichgültigkeit. Die Rache
an dem Tier, das sie beaufsichtigte, war dann desto überraschender und
teuflischer.
    Susanne war mit der Katze eine auffallende, doch vornehme Erscheinung,
welche sich von dem rauhen Hintergrunde Käterchens in glänzendem Lichte abhob.
Sie trug einen violettseidenen Reisemantel und ein schwarzes Samtkäppi mit einem
weissen Zweihundert-Mark-Reiher; der Hut hielt sich mit einer Brillantagraffe an
der hohen Haarfrisur fest, so dass er sich ansah, wie eine um eine Felsklippe
fliegende Sturmmöve. Ein fast unsichtbarer Schleier zog sich über das
interessante Gesicht, mit seinem Netze suchten leidenschaftliche Lippen hie und
da nervös die Berührung. Die Katze stak am Bahnhof in der grossen Zobelmuffe und
glich einer verhätschelten Prinzessin. Käterchen fuhr in der weissen Schürze mit
der Reisetasche.
    Susannes Augen waren in lebhafter Bewegung, den Ausweg nach dem Bahnsteig zu
gewinnen. Es ging durch die Zollstation und durch die Kontrolle.
    Susanne zeigte ihre beiden Pässe vor und wollte durch die Sperre. Da packte
sie im letzten Augenblick ein derber Griff: »Halt, da ist noch jemand!«
    »Nein, wir sind nur zwei.«
    »Ihre Katze.«
    Sofort funkelten Käterchens Augen frohlockend, und ihre Zunge leckte heraus.
Die Katze durfte gewiss nicht mit. Susanne sah mit blassem Gesicht auf den
Beamten.
    »Verlieren Sie keine Zeit, Sie müssen für die Katze einen Pass haben, oder
Sie müssen sie laufen lassen.« Susanne ruderte mit aller Macht rückwärts in die
Menschenhaufen. Sie stürzte voll Entsetzen und Aufruhr zum Kommandanten. »Man
sagt mir, die Katze müsse einen Pass haben.«
    »Stimmt,« war die trockene Antwort.
    »Aber wie soll ich denn einen Pass bekommen?«
    »Da müssen Sie auf die Polizeistation Ihres Reviers.«
    »Ja, aber der Zug geht ja ab.«
    »Ich kann Ihnen nicht helfen, meine Dame. Wenn Sie mit Ihrer Katze keine
Unannehmlichkeiten haben wollen, etwa eine Beschlagnahme unterwegs, so versehen
Sie sich mit einem Pass. Oder Sie lassen sie laufen.«
    »Beschlagnahmt? - Wie die Butter? - Das Fleisch?« Susanne zitterte durch den
ganzen Leib. Sie rannte los, Käterchen musste mit. Auf die Polizeistation.
    Aufgeregt kam sie hier an; im letzten Augenblick ihren inneren Aufruhr
bemeisternd, bat sie um den Pass für die Katze. Sie hatte noch eine leise Furcht,
ausgespottet zu werden. Aber nein, der Polizist schlug sofort ein Buch auf und
begann mit dem Verhör.
    Was hatte Käterchen unterwegs geschimpft und geflucht, mehr Flüche, als der
Schwarzwald an Klaftern Holz liefern kann! Susanne antwortete ihr mit keiner
Silbe, sie sah nur mit Entsetzen in die entblösste Seele ihres für unwandelbar
treu gehaltenen Dienstboten. Und jetzt auf der Polizeistation fühlte Susanne
unwillkürlich eine Art Schutz für Kätzi. Sie hatte die bureaukratischen
deutschen Unbegreiflichkeiten kritisieren wollen, aber wenn jetzt Kätzi einen
Pass hatte, so konnte ihr doch unterwegs durch Käterchen kein Leid geschehen,
denn sie reiste mit, wichtig wie ein Menschenleben. Käterchen war ja zu allem
fähig, wenn sie vorhin geschrien hatte, dass sie Kätzi besser unvermerkt schon
lange im Kanal ersäuft hätte.
    Der Beamte frug: »Name?«
    »Kätzi.«
    Und dann kam die ganze Personalbeschreibung. Zuletzt »Zweck der Reise,« das
füllte der gemütvolle Beamte wieder selbst aus und zwar: Freundschaft. Da presste
es Susannes Tränen mit Gewalt hervor. Und die ganze Erschütterung, die sie durch
den Gedanken, Kätzi laufen lassen zu sollen, und durch Käterchens Geständnis
ihres langen nur versteckten Hasses erlitten hatte, kam endlich zum Ausdruck.
    Der Polizeisoldat strich noch über das zarte weiche Fell, und dann gab er
Susanne die Hand, wünschte glückliche Reise, ermahnte noch, den Abschied von
Brüssel nicht gar so schwer zu nehmen, in Berlin sei es viel schöner. Susanne
lächelte ihm dankbar mit den vertränten Augen zu, musste dann stärker lachen,
weil sie sich schämte, so geweint zu haben.
    »Warum gehen Sie eigentlich nach Berlin?« frug da der Mann, »es gibt doch
gegenwärtig in Brüssel mehr Männer als in Berlin. Dort gibt es jetzt bloss
Frauenzimmer.«
    Susanne verstand diesen Hinweis auf seine eigene werte Männlichkeit sehr gut
und wollte ihn deshalb nicht verletzen. Sie antwortete: »Jetzt geht es leider
nicht mehr zu ändern.«
    Der Polizeimann dachte wohl, hätte ich das Fräulein vorgestern besser
vorgenommen ... Er setzte sich wieder und zog an seinen Hosen. Es musste ihm
nicht recht ins Kraut passen, dass er so persönlich geworden war. Er frug mit
Sachlichkeit: »Hat es eigentlich was zu bedeuten, dass Sie das Fräulein Käterchen
nennen, hat das Beziehung zur Katze?« dabei hielt er den Pass für die Katze in
der Hand und wippte damit, ehe er ihn hergab.
    Susanne verstand die Frage nicht und antwortete zaghaft: »Nein.«
    »Warum denn so zaghaft?« Er lächelte dabei fast gemein.
    Susanne fürchtete sich. Sie glaubte, auf ihrem Wege hierher sei das
unflätige Schimpfen des Mädchens über die Katze gehört worden und der Bericht
darüber ihnen zur Polizeistation vorausgelaufen. Warum hielt er denn noch den
Pass so zögernd in der Hand?
    Der Polizeimann frug jetzt das Mädchen selber: »Das ist die Katze, und Sie
sind das Käterchen? - verstehen Sie das?«
    Käterchen antwortete: »Jawohl, ich verstehe Sie, aber wir zwei haben nichts
miteinander zu schaffen. Wir sind Todfeinde aufeinander. Ich heisse eigentlich
Kätterchen, weil ich Katerine heisse, aber das gnädige Fräulein kann es nicht
anders aussprechen.«
    »So sag ich ja, Kätterchen,« meinte Susanne, aber es klang wiederum wie
Käterchen.
    »Das ist alles?« Der Polizeimann legte den Pass in die Hand Susannes. Er war
sichtlich unzufrieden. Man sah ihm an, dass er, war es auch nur durch ein paar
Worte, die Aufdeckung eines komplizierten Katzenverhältnisses gewünscht hätte.
    Unwillkürlich drückte Susanne, als sie den Pass endlich hatte, einen Kuss auf
die Katze. So schwebte sie ab, hinter ihr Käterchen. Durch die geschlossene Tür
des Bureaus hörten sie noch das Lachen der Männer. Susanne war froh, nun
unterwegs zu sein. Und Käterchen fühlte sich durch den ganzen Vorgang
herabgewürdigt.
    Mit der Katze wurden sie überall zum Gespött; mürrisch und mit immer grösser
werdendem Abstand folgte die Magd der Herrin. Susanne trug mit desto innigerer
Liebe Kätzi zum Bahnhof. Sie war fast überglücklich, endlich an Kätzi ihre Liebe
durch eine Tat bewiesen zu haben. Das erste Mal hatte sie die Katze vor den
Menschen bekannt.
                                     * * *
    Während der D-Zug Brüssel-Warschau nach Berlin unterwegs war, hatte Dr. jur.
Alfred Bäumler, Charlottenburg, Viktoria-Luise-Platz 25, Zeit, den
Heiratsvermittler aufzusuchen.
    Es war schade, für Susanne ging diese Gelegenheit verloren. Bis der D-Zug
auf Bahnhof Friedrichstrasse einlief, war wahrscheinlich dieses Dr. jur.
Lebensschicksal bereits durch eine passende Verbindung besiegelt. Es schien
überhaupt ein tragisches Verhängnis, dass alle die Menschen, welche die D-Züge
benutzten, solange nicht am Leben aktiv beteiligt waren. Deshalb war die Mode
aufgekommen, die D-Züge so unheimlich rasen zu lassen. Am idealsten wäre es
gewesen, wenn man so rasch wie der elektrische Funken von Ort zu Ort kam, nicht
bloss mit der Stimme, nein, wenn sich erst Leib an Leib reiben konnte, dann war
alles Wünschenswerte erreicht.
    Man erzählte sich die Geschichte des Grafen Sablunski nicht als Fabel. Er
war auf seine Geliebte sehr eifersüchtig. Als er von der Erfindung der
Fernphotographie hörte, sandte er dem Erfinder einen Brief, er möchte sich auf
sein Gut zu ihm begeben und ihm einen Apparat so einrichten, dass er Omeline auch
elektrisch besass, während sie am Meeresstrand badete und er auf den Feldern das
Stecken der Zwiebeln besichtigte.
    In alten Zeiten nannte man es Sehnsucht. Und diese war die gedankliche
Spannkraft zwischen Liebenden. Den Modernen war das zu anstrengend, sie lebten
lieber fröhlich und liessen ihre elektrischen Apparate alles Wünschliche
arbeiten.
    Man liess auch die D-Züge so rasen, damit man dem Schicksal und dem Zufall
hinter die Schliche käme. Wahrscheinlich gelang es mit der Zeit, zu entdecken,
wie es manche Leute anstellten, mit Verstandeskraft reich zu werden, ohne den
Eingriff eines Zufalls, oder man fing die Besuche des reichtumspendenden Zufalls
durch Überfall mit dem D-Zuge noch an den Pforten der Türen ab.
    Allein alle Geschwindigkeit hilft nichts, wenn einer das Pech hat, stets der
arme Teufel zu bleiben, niemals ein passendes Weib zu finden, trotzdem annähernd
fünfhundert Millionen Weiber auf der Erde um ihn herumkriechen.
    So war vielleicht gar keine Not, dass Susanne zu spät kam. Vielleicht spielte
der Heiratsvermittler, welcher ein Allerweltshexenmeister war, trotz allem sie
als die richtige Lebensgefährtin dem Dr. jur. Alfred Bäumler in die Hände. Es
konnte, anders ausgedrückt, dem Zufall gelingen, dass sie sich nicht versäumten,
trotz des Zeitausfalls mit der D-Zugfahrt. Und ein frommes Gemüt hätte dann
gesagt, Susanne fuhr nur deshalb nach Berlin, damit endlich der Doktor zu Braut
und Frau kam.
    Wer aber kuppelte dann?
    Vielleicht der Brüsseler Schutzmann.
    Man könnte das Menschenleben als ein buntes Tuchmuster auffassen, in dem
keine Weberkarte das System bezeichnete, sondern wo der Zufall gelbe und blaue
Fäden willkürlich durcheinanderschoss.
    Diesen Schuss des Zufalls zu ermitteln, wäre eine undankbare Arbeit. Dagegen
dankbarer und heiterer ist es, gewisse Menschen als Hexenmeister anzuerkennen.
    Wenn Dr. Bäumler nicht den Glauben an seinen Heiratsvermittler gehabt hätte,
dass er hexen konnte, so wäre er nicht zu ihm hingelaufen.
    Das eigenartigste an diesem Heiratsvermittler war, dass er kein Heiratsbureau
hatte, sondern einen Kunstsalon. Und er erhob keinen Pfennig Spesen für das
Glück seiner Opfer.
    Er spielte täglich seinen Fünfuhrtee, dass es im Hofe des Hausvierecks
widerhallte. Und an den Strahlen dieser Töne kletterten besondere Menschen empor
in die erste Etage des rechten Seitenflügels. Dadurch machten sie alle ihr
Glück. Unglückliche züchtete der Hexenmeister grundsätzlich nicht. Er war
befähigt, die Menschheit einem paradiesischen Zustande zuzuführen.
    An der Korridortür war ein schwarzes Plakat angenagelt, auf dem mit gelber
Messingschrift zu lesen war: Taifun, Leiter Hermione Ganswind. Während man
davorstand und sich den Eintritt überlegte, wirbelten aus dem Innern die
gigantischen Töne einer dämonischen, alle Sinne zermürbenden Musik. Wenn es ein
Weib war, warum hiess es dann nicht Leiterin? War sie etwa eine herrische Dame,
die nach Art der Tierbändigerinnen mit der Peitsche in der Hand herumlief? Sie
leitete den Taifun, der den Sand der Wüste Sahara über die blühenden Landgärten
des Nils in die Fluten des Mittelmeeres jagte. Irgendein geheimnisvoller
Zusammenhang zwischen der fürchterlichen Musik und dem beabsichtigten Ziele
musste herrschen. Mit einem spiritistischen Schauer, der kalt über den Rücken
lief, wagte man endlich den Eintritt.
    Dort kroch Dr. Bäumler hinein. Sein Überzieher hing ihm stets wie
nachgeschmissen über den Schultern, und sein Hütchen sass nach vorn gekantet über
weit aufgerissenen Augen, die durch die Oberkante eines ortozentrischen
Kneifers die Welt schräg betrachteten. Die Hände steckte er in die Hosentaschen,
eine Zigarette lag zwischen die Lippen geklemmt in seinem Munde.
    Von diesem Taifun hatte er schon viel gehört. Der Taifun hatte in Paris,
London und Petersburg grosse Gemäldeausstellungen veranstaltet, die Presse aller
Länder schimpfte über ihn, diese Erzeugnisse dürften erst zur Anerkennung
kommen, wenn erst einmal die ganze Menschheit verrückt wäre. Der Schutz der
Polizeibehörden aller Kulturländer wurde angerufen, die Menschheit vor dieser
Gefahr durch Zwangsmassregeln zu behüten. Es müsste einfach verboten werden,
solche Bilder zu malen. Weil aber jedermann in seinen vier Wänden malen konnte,
was er wollte, so war ein solches Verbot aussichtslos. Nur diese Werke
auszustellen, sollten die Polizeien verbieten. Aber die Herren von der Polizei
suchten vergebens nach einer Präzisierung der Grenze, und es blieb Tatsache, dass
diese verrückte Malerei überhandnahm. Die Presse fühlte sich teilweise
überwunden und begann für den Taifun Partei zu ergreifen. Der anfangs
schüchterne Anhang des Taifun ballte sich lawinenhaft. An alten Grössen der Kunst
fegte der Taifun vorbei, dass sie nur mit resignierten Blicken hinter ihm
herschauen konnten und sehen mussten, wie die gesamte Menschheit allmählich
mitgerissen wurde, gleich dem Sandwirbel, der auf den donnernden Flügeln des
Wüstensturmes dahinjagte. Wohin die Reise ging, überlegte keiner der Anhänger,
ob in die Fluten des Meeres zum Ertrinken oder auf die glühenden Steppen Asiens
zum Ersticken, das kümmerte einen hingerissenen Anhänger nicht.
    War das nicht verrückt? Überhaupt, wo begann der gesunde Menschenverstand,
und wo hörte er auf?
    Dr. Bäumler, der Verzweifelte, begab sich endlich dahin, selbst zu
untersuchen. Er war von seinem klaren Verstande völlig überzeugt und masste sich
mit Fug und Recht die Fähigkeiten an, den Taifun prüfen zu können.
    Allein. Das war doch die grösste Torheit. Denn, wem war es nicht
selbstverständlich, dass der Taifun jeden, wenn er auch nur den Kopf
hineinsteckte, sofort mitriss?! Man musste sich den Ort der Handlung etwa
vorstellen wie ein Riesengebläse, das die Menschen wie Staub wegsaugte. Das
Saugen begann, wenn einer schon den dunkeldüstern Hof des Häuservierecks betrat.
Unwiderstehlich riss ihn die Musik die Treppe hinauf, empor, hinein, und einmal
drin, kam er nur wieder heraus, wenn ihm der Leiter freundlich zum Abschied die
Hand reichte. Solcher Mensch kam dann immer wieder.
    Suchte ein Mensch Kunst oder Literatur, es blieb sich gleich, alle
unbewussten Dranggefühle verkörperte die Musik, gespielt und erfunden von
Hermiones Ehegatten.
    Wer die Bändigerin des Taifun bewältigen konnte, der musste ein guter Reiter
sein.
    Da kam der Doktor mit seinem schiefen Schubiak an wie ein Papierfetzen, der
schon von jeder Kehrichtmaschine eingezogen wird. Aber solche leicht gewordenen
Menschen, die nur noch haltlos wie Papierschnitzel umhergeweht wurden, waren am
tauglichsten. Diese leichtesten konnten vom Taifun bis in die höchsten Himmel
geblasen werden. Und gerade solche gingen als die Götter in den Himmel ein,
worin sie fest aufgebaut und als Sterne am Firmament angeklebt wurden, um
beschaut zu werden von den in ständigem Wirbel mitgerissenen schwereren
Menschenexemplaren.
    Holla! Als Dr. Bäumler zur Tür eingetreten war, klatschte diese zu wie von
einem Gewitterluftzuge. Ihm flog schon das Hütchen vom Kopfe, hinauf auf einen
Kleiderhaken. Und sein Überzieher ging mit heraus, dass fast der Rock drin
stecken blieb. Der Doktor musste ihn schnell zuknöpfen, damit er nicht
weggeblasen wurde, sonst konnte noch Weste, Hemd und Hose mit heruntergehen,
dann stand er nackt.
    War es nicht kühl und kalt? Der Doktor klapperte mit den Zähnen. Er spürte
den Vorfrühling in seinen Gliedern. Wenn er etwa hier zur Braut käme! Und diese
zur Frau machen müsste? Er war ja eigentlich nicht zum Taifun gelaufen, um ihn zu
prüfen, sondern um zu erfahren, ob man hier nicht auch heiraten konnte.
Vielleicht in dem grossen Anhang im Sandwirbel, wenn der Leiter dabei nachhalf.
Es war ja klar, wenn das Publikum im ständigen Rausche im Taifun dahinjagte, so
musste doch der Leiter ein bewegungsfreier Gegenstand sein, denn sonst wäre die
Veranstaltung gar zu übermenschlich und unbarmherzig gewesen.
    So war es auch.
    Hermione kam zu jedem im Wirbel Befindlichen gütig und gnädig hin, reichte
ihm die Hand und sprach mit einer süssen Engelstimme mit ihm. Dann verschwand sie
wieder. Und der jedesmal Angeredete wirbelte weiter, es blieb ihm nur die
Sehnsucht im Herzen, den schönen Engel bald wieder in seiner Nähe zu fühlen.
    Bei dem Doktor ging es besonders wunderbar. Mit ihm wirbelte Hermione sofort
ins Allerheiligste. Dortin, wo der Flügel stand, aus dem der Gatte soeben einen
Tamtam-Marsch herausschlug, dass allen Anwesenden die Beine zuckten, als müssten
sie von Asien nach Amerika über die Beringstrasse schreiten.
    Hermione lächelte süss. Ihre blonden Fransen hingen nahe bis zu den blauen
klugen Augen. Ein lichtblauer Flor umhüllte kleidartig ihre nordische Gestalt.
    Am Flügel wackelte das Haupt einer ägyptischen Sphinx. Der Ehegatte war
mitten im Taifun geformt worden, und nun sass er als der höchste Gott und
Hexenmeister am Flügel.
    Die freundlichen Augen des Leiters hatten den Doktor zum Sitzen eingeladen.
Und selbst sass sie wieder im Kreise der anbetend Lauschenden. Sie hielt das eine
Bein über das andere geschlagen, beugte den Rumpf nach vorn, dass der
schwanenschöne Nacken das Bild ihres Gesichts den Lauschenden aufmerksamer vor
Augen hielt. Ihren Arm stützte sie auf das emporgeschlagene Knie, dass die
Rundheit ihrer Nackteit deutlich hervorschaute. Im gesamten glich sie einem
grossgewachsenen Baby, und sie erinnerte darum die verzückten Anbeter an einen
Engel, wie sie in den Jagdgründen Walhallas umhergehend gedacht werden.
    Der Doktor sah sich im Kreise mit den Falten eines Misantropen um. Er sass
etwa da, wie die Karikatur des von Michel Angelo erfundenen Gottvaters.
Karikatur musste es ja sein, wenn solcher Gottvater einen Kneifer auf der Nase
trug. Hermione betrachtete ihn aufmerksam. Der Neugekommene war gewiss ein Mensch
von grosser künstlerischer Anlage. Das bewiesen sein weisses Stärkehemd, die
schwarzen Lackschuhe und die grauseidenen Strümpfe, die etwas hagere Gestalt,
welche häufig die Kniee zusammenzog, wie ein streitsüchtiger Geissbock. Die
beiden Ellbogen stützte er mit Vorliebe auf die Lehnen seines Fauteuils. Der
Mensch wollte gewiss aus ihm reden, nur das Schicksal hatte ihm die Mundhöhle
verschlossen. Dieser Marabu hatte bisher im Sumpfland gestanden. Der Taifun
musste ihn in die Lüfte reissen; wer wusste, in welchen hohen Regionen er endlich
die Schwingen frei bekam.
    Wenn er im Kreise umherblickte, so lag etwas wie ein leiser Spott auf seinen
rasierten Affenlippen. An den Wänden wagten seine Blicke kaum emporzuklimmen,
insbesondere überschnitt dann die Blicklinie die oberen Ränder seines
Augenglases, so dass er nichts mehr sehen konnte. An den Erzeugnissen der
bildenden Kunst, welche der Taifun vertrat, glitten darum seine Augen blind ab.
Diese Bilder hingen überall in dem Salon und seinen Nebenhimmeln, in den Gängen
und winkeligen Abzweigungen, nur die Toilette war ohne sie.
    Dass der Doktor nicht wagte, nach dieser Kunst emporzuschauen, nahm ihm
keiner übel. Es war ein Zeichen für seine Bescheidenheit. Das Gewinnende an
diesen Bildern war ja eben, dass man erst langsam sie zu betrachten wagte. Bei
einem Rubens erkannte man sofort das Weib, aber nur hier sah man es nie, sondern
wünschte und empfand es nur. Es gab schlechterdings für Sittenvereine eher eine
Möglichkeit, gegen die Klassiker einzuschreiten, als gegen diese Modernsten. Sie
predigten eigentlich alle die reale Weit, aber eine Wirklichkeit, die nur im
Geiste existierte. Die Wirklichkeit des Geistes.
    Der Doktor überlegte sich die Sache, den leisen Spott um die Mundwinkel.
Passte diese Umgebung für ihn? Wie sollte er auf diesem Wege zu der realsten
Möglichkeit, zur Ehe, gelangen? Aber das konnte nur ein scheinbarer Widerspruch
sein, denn die Menschen, welche er sah, hatten alle etwas fast Philisterhaftes
in ihrem Anzug, nur Hermione und ihrem Gemahl sah man das Gottentsprossene an.
Wahrscheinlich lebten sie in kinderloser Ehe. Diese setzte der Doktor auch für
sich voraus. Dagegen sass dort drüben auf einem Sessel scheinbar ein Künstler mit
schwarzem Lockenhaupt, neben ihm seine Gattin, eine gute Dicke, die
wahrscheinlich viele Kinder hatte. War es ein Dichter? Dann wettete er darauf,
dass er mindestens ebenso viele Kinder hatte, wie unaufgeführte Schauspiele.
Manche sahen dann wieder so lammfromm aus, dass man nicht fehlging, nur die wilde
Ehe für sie für möglich zu halten.
    Hermione wartete mit Spannung, bis der Tamtam zu Ende war. Jetzt hatte er
nur noch ein paar Dutzend Takte, dann planschte der Fussgänger auf der
Beringstrasse ins Wasser, ohne Amerika erreicht zu haben. Und dann trieb der
Lauschende auf bleiernen Wogen, ungekannt wohin, weiter, ohne Ziel. Das war das
Berückende in dieser ganzen Richtung, das Ziellose. In Literatur und Musik.
    Der Marsch endete wie eine abgeschnittene Welle. Eine natürliche
Unmöglichkeit, aber geistig vorstellbar, und darum wirklich. Darin verkündete
Ganswind, der Waltende, seinen Jüngern die ganze gedankliche Tiefe der Unnatur.
    Mit einem kurzen Ruck stand gleichzeitig mit dem letzten Tritt der
gespreizten Hände der Kopf still. Während des Spiels sah man ihn vielleicht
doppelt und dreifach infolge des leidenschaftlichen Nickens und des
drachenhaften Schnaubens seines erregten Atems. Es war ein Genuss gewesen, den
Erschütterungen des musikalischen Körpers zuzusehen. Jetzt stand ein fast
kleiner Mensch vom Klavierstuhle auf, guckte äffchenhaft um sich und schritt
gemessen auf den Doktor zu. Die Haare des Genies standen wie lange, gekrümmte,
steife Sicheln nach hinten und waren über dem gesteiften Halskragen senkrecht
zum Wirbel abgeschnitten, so dass das Profil einer Sphinx ähnlich sah. Die Nase
hatte einen feinen zarten Schnitt, und die Stirn war hoch wie bei einem
gewaltigen Denker. Trotz der auffallenden Form infolge des absonderlichen
Haarschnittes flösste der ganze Kopf Vertrauen und Neigung ein. Der Doktor hatte
das Gefühl, als der Künstler ihm die Hand drückte, dass er hier einen Freund
besitze, dem er sich nicht mitteilen konnte, ohne dass seine Mitteilungen später
ironisiert wurden.
    Beim Druck der Hand verzog sich das Gesicht Ganswinds zu einem breiten
Grinsen. Das stand in scharfem, unverständlichem Gegensatz zu den exakten
durchdachten Bewegungen am Flügel. Der Doktor hatte sich erhoben und grüsste
lächelnd, aber mit grosser Bescheidenheit. Ein korrektes Schweigen herrschte noch
längere Zeit, denn jedes Wort klang nach dieser Musik hohl und leer.
    Bis Hermione aufstand. Es erhoben sich auch die anderen und folgten der
anmutig Lockenden in den Nebensalon. Dort stand der Tee in farbenreichen
Gefässen, und mit den zarten Fingern warf Hermione manchem der Gäste mit
neckischem Lächeln, das engelhafte Antlitz immer von dem schönen Halse gehoben,
Zuckerstückchen in die Teetasse. dabei war stets aus ihrem Wesen die Energie
spürbar, dass die Anerkennung alles ihres Tuns durch die Gäste nicht nur von ihr
gewünscht, sondern auch erreicht war.
    Der Doktor stand anfänglich still in einer Ecke und folgte nachdenklich
diesen graziösen und zugleich starken Bewegungen; er spitzte gespannt die Ohren,
das wenige, was sie sprach, zu erhaschen. Ihre Stimme war klangvoll mit einer
akzentuierten Erhöhung auf dem Anlaut, und sie sprach das Hamburgische S.
    Ganswind schien mit dieser Beobachtung des Doktors einsamen Standort
aufheben zu wollen, er nahte sich ihm und legte freundschaftlich die rechte Hand
auf des Doktors Schulter, während seine Linke den Rockschoss seines frackartigen
Gowings auf dem Rücken trug. Er atmete den Doktor ein paarmal an, weil er die
einleitenden Worte nicht recht fand, dann aber hatte er sie endlich doch auf der
Zunge: »Herr Doktor, wollen Sie meine Privatsammlung ansehen?«
    Der Doktor hatte jetzt auch ihn durchdringend angesehen. »Privatsammlung?«
er wiederholte es gacksend und stolperte über seine eigenen Füsse, dann ging er
gottergeben hinter dem Impresario seiner Zukunft.
    Sie kamen durch enge Gänge und toll überladene Geschäftsräume, so voll von
Papieren, Büchern, Druckschriften und verstauten Handskizzen, dass hier nur noch
eine Feuersbrunst Ordnung schaffen konnte. Jetzt hing vor des Doktors Auge ein
Gemälde, einen Menschen darstellend, dessen Kopf umgestülpt auf dem Halse sass,
während an seinen Hinterteil ein Kätzchen mit der Zunge anstiess. Ein Hauptwerk
der Sammlung. Das Bild reproduzierte also einen Menschen, der in perversen
Affektionen verrückt geworden war, oder die andere Möglichkeit, einen
Katzenfeind. Der Doktor stand lange davor, die Idee des Taifun gebar sich in
ihm. In diesen Räumen wurde er zum Jünger der neuen Epoche geworben, ohne dass
man ein werbendes Wort an ihn richtete.
    Erst als er anerkennende Worte stammelte: »Fabelhaft, eigenartig, alles
berückend,« da sprach Ganswind: »Das nennen wir die Kunst.«
    Es war augenscheinlich, dass der Künstler nicht aus Unvermögen, die Elemente
zu beherrschen, so irr gemalt, sondern im Gegenteil eine Farbenschönheit und
Reinheit hervorgebracht hatte, welche die feinsten Sinne fesselte. Aber dass der
Kopf umgekehrt auf dem Halse sass? Warum das?
    Darüber befragt, äusserte Ganswind: »Das weiss ich nicht, und es würde wohl
auch der Künstler nicht wissen. Es kommt ebensowenig darauf an, was das Bild
darstellt, wie darauf, ob es überhaupt darstellen soll; das Bild nimmt den
Beschauer gefangen, es erschüttert ihn, es zermalmt ihn; das ist der Zweck des
Künstlers. Wenn er überhaupt einen Zweck haben will. Der Künstler ist in seiner
Existenz genau so ein Geschöpf des Zwangs wie alles Existierende, das weder
seinen Ursprung noch sein Ende je erkennen wird. Die Kunst ist frei.«
    Dem Doktor war es, als hätte jemand mit der Zange nach seinem Herzen
gegriffen. »Ich spielte bisher auf der Bühne meine Rollen und plötzlich wurde
ich entlassen. Warum? Weshalb?«
    »Das kann ich Ihnen beantworten, lieber Herr Doktor, die Leute tun das ohne
Grund, weil sie müssen.«
    Der Doktor war schwer verletzt. »Soll ich Ihnen eins versetzen? Mich musste
man entlassen? Tat ich nicht alles, was ich leisten konnte?!«
    »Herr Doktor, Sie missverstehen mich, die Leute mussten Sie entlassen, weil
sie von Ihrer Kunst erdrückt wurden.«
    »Das ist aber eine Gemeinheit. Das Publikum zollte mir tagtäglich
entusiastischen Beifall.«
    Der Doktor liess sich in einen Sessel fallen, er sank in sich zusammen. Hatte
seine Direktion etwa doch recht gehabt, ihn aufs Trockene zu setzen? War er bis
jetzt in dem Wahn lebend, dass es eine Anerkennung gab, die wirklichen Wert
hatte? Die Schöpfer dieser Bilder, die vor ihm an der Wand hingen, verzichteten
von Anfang an auf jede Anerkennung, und sie lebten doch. Denn wenn sie nicht
gelebt hätten, so hätten sie keine Farbe mehr aufwenden können, um wieder neue
unanerkannte Werke zu schaffen. Aber er war ja Schauspieler.
    Er konnte nur leben, wenn er spielte. Und er durfte nicht mehr spielen, man
liess ihn nicht mehr spielen. - »Aber von was soll ich denn leben?« seufzte er.
    Ganswind erfüllte es mit sichtlicher Befriedigung, dass der schon einmal
berühmt Gewesene nun bei ihm im Fauteuil lag und vor ihm klagte, zu ihm, den die
Presse am liebsten auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte. Er wusste genau, dass,
sähe jemand von jenen Pressemenschen den Doktor hier bei ihm, dem Doktor sofort
geholfen würde. So gross war die Feindschaft, aber auch so gefürchtet der Taifun.
    Ganswind zog jetzt die Stirn finster zusammen. Er durfte diesen Mann nicht
ohne Hilfe lassen. Er ging aus dem Zimmer. Und der Doktor lag zerknirscht,
einsam, zwischen den Ölen. Hatte er sich mit dem Schritte in den Taifun etwas
vergeben? War es ein Unsinn gewesen? Oder der Anfang einer neuen Zukunft? Er
gestand sich offen, dass er zu den Bildern an den Wänden in keinerlei subjektivem
Verhältnisse stand. Er hielt sie für Unsinn. Seine eigene Kunst benutzte ja den
Boden der Wirklichkeit. Und wie es schien, gehörte er gar nicht in diese
Umgebung. Verkettete etwa rein die Tatsache der Verkennung ihn mit diesen
Leuten? Vielleicht. Gewiss aber gab es eine Scheidelinie, wo sich verrückt und
nicht verrückt trennten.
    Und alle, die verrückt waren, sammelten sich im Taifun. Fast schämte er
sich, dass er hier war. Aber wenn er dann die Menschen vor seine Augen stellte,
die er bis jetzt gesehen hatte, so glaubte er ihnen doch ein bitteres Unrecht
anzutun, wenn er sie für verrückt erklärte. Am besten war's für ihn, er war es
selbst. Ohne dass er es bis jetzt gewusst hatte. Denn es gefiel ihm hier. Alles,
was er sah, wirkte anregend. Und die Einrichtung des Teesalons war ganz
bezaubernd gewesen! Einen Fluchtgedanken schlug er aus dem Sinn. Er hatte den
Schritt hierher getan, nun wollte er auch alle Folgen tragen und erleben.
    Er sass nicht lange allein, da kam Hermione zu ihm herein. Er scheute sich
mit ihr zu reden, weil er ihre ganze Erscheinung für sehr anspruchsvoll in der
Liebe hielt. Wenn er mit ihr geredet hätte, so hätte er sie auch lieben müssen.
Dazu war er zu faul. Liebesabenteuer hätten ihn ja vollständig aus ihm selbst
gerissen, und er fürchtete, dass er mit seinen zweiundvierzig Jahren nicht mehr
genügend Phantasie dazu hatte. Nichts war ihm also peinlicher, als dass sie mit
ihm allein im Zimmer sass. Sie lächelte ihn aufmunternd an, und er fürchtete sich
doch, das Lächeln zu verstehen. Er konnte nicht lieben, ohne von der
Leidenschaft hingerissen zu werden. Aber gerade die Leidenschaft war ihm
verekelt. Er sah mit scheuen Blicken zu der schönen Erscheinung hinüber, ein
voller offener Blick hätte ihn hochgetrieben. Und sie war gewiss verheiratet.
Konnte er nicht in den ihm unbekannten Verhältnissen einen Skandal durch ein zu
kühnes Benehmen erzeugen? Oder beleidigte er, wenn er so nüchtern blieb und
nicht aggressiv wurde?
    Nachdem sie eine Weile vergeblich bei ihm gesessen hatte, ging sie wieder.
War es denn ein durch die Dekoration der Kunst vertuschter Tempel einer Göttin,
der hier geopfert werden sollte? Seine Gedanken waren alles, nur nicht keusch.
Sie gefiel ihm, aber er wagte nicht. Und hätte er gewagt, so hätte er sich gewiss
schämen müssen.
    Da trat ein neuer Gast bei ihm ein. Ein Herr mit weissem Knebelbart.
Polizeirat Löwe.
    Jetzt war er in eine Falle geraten. Der Doktor erschrak. Er wusste nicht, ob
er »freut mich sehr, Sie kennen zu lernen,« sagen durfte, oder ob er sich als
weltgewandter bewies, wenn er ihm sagte »ich verbitte mir Ihre Annäherung«.
    Er hatte zwar nichts mehr angestellt seit seinem Erlebnis auf dem
Ottilienberg, wo er als zwanzigjähriger Jüngling gerade dabei war, sein
Stelldichein in ein Kornfeld zu legen, und der Flurschütze mit dem Notizbuch
kam, ihn nicht einmal beendigen liess, sondern beide roh auseinanderriss wie zwei
Maikäfer. Damals schämte er sich für zwei, vor dem Schulzen zu stehen und
bezahlte deshalb auch Marie Holzhausens Strafe. Warum fiel ihm gleich diese
Geschichte ein? Hatte der Polizeirat seine unkeuschen Gedanken gewittert? Oder
war es hier umgekehrt als zur Jünglingszeit? Jetzt gab es Strafmandate, wenn man
die Liebe nicht ins Gras legte?
    Als sich der Polizeirat vorstellte, fiel es dem Doktor nicht ein,
gleichfalls seinen Namen zu nennen, sondern er sagte: »Ich bin es nicht.«
Darüber war der Neugekommene offenbar verschnupft, denn er trat wie ein vor die
Brust Gestossener zwei Schritte zurück, kriegte einen gickersroten Kopf und
schüttelte sein rotes Haupt, über das eine graue Haarsträhne wie eine
Hahnenfeder mitten hinweg lief. Bereits auch hier ein Feind, dachte der Doktor.
Wie konnte er aber auch ahnen, dass ein Polizeirat Mitgerissener im Taifun war?!
Oder ging er als geheime Sittenaufsicht durch die verwickelten Räume?
    Ganswind und Hermione kamen jetzt küssend zurück. Sie schritt einen
eigenartigen Tanzschritt und hielt das Händchen mit abgestütztem Ellbogen an des
Mannes Mund. Dieser nahm die Hand mit Innigkeit, führte sie dicht an die Lippen
und küsste sie mit zugespjetzter Schnute. Hermione schritt dann auf den Polizeirat
zu, reichte ihm die Hand und empfing auch von ihm einen Handkuss.
    Wie war wohl das Verhältnis dieses Polizeirats zum Taifun? Offenbar
freundschaftlich. Lag in seiner Person das grosse Geheimnis? Der Doktor prüfte
diesen Mann mit misstrauischen Blicken.
    Hermione hing sich an des Polizeirats Arm und sagte scherzend: »Herr
Polizeirat, was sagen Sie zu unserem neuen Müller?« Sie meinte damit das neue
Meisterwerk.
    »Dieser Müller ist etwas ganz Gigantisches,« antwortete der Polizeirat.
    »Das find' ich auch. Und das Kätzchen mit seiner Zunge?«
    »Das ist vollständig etisch, denn sehen Sie doch den Mann an, welchen das
Bild darstellt; es ist gar kein Mensch; denn wer trägt je den Kopf umgekehrt?!«
    Mit einem wiehernden Lachen schlug Ganswind dem Polizeirat auf die Schulter.
Und der Polizeirat war sichtlich zufrieden, dass man seine Ironie verstanden
hatte. Er bereitete der strengen Zensur eine milde Urteilsmöglichkeit vor.
Alles, was der Taifun in seine Sphäre zog und mit sich riss, war gesetzlich
geschützt. Also war es kein Wunder, dass sich jede Kritik am Taifun stumpf
rannte. Und wenn es das Schicksal aller bisherigen Apostel war, dass sie vom
Taifun verschüttet wurden, und lauter Müller und Lehmanns zur Blüte kamen, so
konnte auch Bäumler zum Baum wachsen, wenn er sich hingab.
    Und dieser Polizeirat war also ein überzeugter Verehrer der Ganswindschen
Richtung? Oder hatte die Gestalt Hermiones solche Zauberkraft? Sie wendete sich
ihm lachend zu: »Herr Doktor, es ist Ihnen wohl noch alles sehr fremd. Aber Sie
müssen öfters kommen, dann werden Sie bekannt, und wenn Sie bekannt sind, dann
ist alles ganz anders. Das ist es eben, was Ossi will, die Leute sollen selbst
urteilen. Es ist doch nichts, wenn man den Leuten sagt: das ist die Kunst. Nein,
das ist eben nicht die Kunst. Ossi kann es Ihnen noch viel besser sagen.«
    Der Doktor fing an zu zittern. Er stammelte in seiner Not endlich: »Ich
wollte eigentlich heiraten.«
    Die drei brachen in ein gemeinsames Gelächter aus. Sie fanden den Doktor
sehr komisch. »Wie kamen Sie denn nur darauf?« frug der Polizeirat.
    Das Gelächter beleidigte den Doktor tief. Das waren also diese feinen Seelen
der Kunst?! Sie verstanden nicht, die Psychologie seines gescheiterten Daseins
zu erkennen. Er gab keinerlei weitere Erklärung ab, sondern duckte sich
zerknirscht zusammen.
    »Herr Doktor, es war durchaus nicht bös gemeint; es kam nur so
unvorbereitet. Ossi hat schon so vielen geholfen, allen, die zu ihm kamen; bloss
gerade um zu heiraten, das ist so komisch;« Frau Ganswind musste zu sehr lachen,
als dass sie es ganz unterdrücken konnte.
    »Sie sollen heiraten!« erklärte jetzt Ganswind kategorisch. »Sie machen mich
auf einen Zweig der Kunst aufmerksam, dem ich bisher noch keine Beachtung
geschenkt hatte. Es ist die Kunst der Heiratsvermittlung. Diesen Zweig werde ich
sofort in Angriff nehmen. Und Sie werden sehen, Herr Doktor, dass Sie binnen
viermalvierundzwanzig Stunden mindestens eine Braut haben werden. Abgemacht.« Er
streckte dem Doktor seine Hand hin, welche dieser erleichtert ergriff.
    »Warum kamen Sie bloss nicht früher zu uns in den Taifun, Herr Doktor?«
fragte Ganswind weiter.
    »Ich hatte immer gedacht, ich könne mich noch halten,« war des Doktors
zerknirschte Antwort.
    »Wären Sie früher gekommen, Herr Doktor, so wäre es Ihnen gelungen. Aber Sie
sollen den Weg hierher nicht bereut haben. Der Taifun ist für alles wie ein
unfehlbares Haarwasser.«
    Unwillkürlich griff der Doktor auf seinen dünnen, sehr graumelierten
Scheitel. Er lächelte und richtete einen verschämt fragenden Blick auf Hermione,
dann auf den Polizeirat. Dieser stand da und strich seinen weissen Bocksbart.
    Der Polizeirat meinte: »Es ist völlig berechtigt, dass jemand wie der Herr
Doktor zum Heiraten den Taifun aufsucht, das gegenwärtig erste Kunstinstitut,
denn wir glauben uns nicht zu täuschen, für Sie ist Heiraten wirklich die grösste
Kunst.«
    Mit einem traurigen Stimmchen seufzte der Doktor noch die Worte: »Ja, das
wird wahr sein, ich zähle schon so viele Lenze und habe auch allen Mut
verloren,« dann gab er zum Abschied die Hand, »auf Wiedersehen.«
    Während der Doktor bei Piccadilly seine Verzweiflungstat durch eine
Magenspülung mit Chianti beschwichtigte, sass der Polizeirat noch lange bei
Hermione und Ossi. Sie berieten, was sie von Dr. Bäumler zu halten hatten.
    Hermione war sehr für ihn. Er war nur zu bescheiden. »Du musst ihn wieder zur
Anerkennung bringen, Ossi,« befahl sie. »Du wirst es aber selbst vermuten, dass
er durch eine reiche Heirat den Erfolg haben will,« entgegnete er. »Und aus dem
Kreise des Taifun sie zu finden!« - »Nichts einfacher als das!« Der Polizeirat
schlug beide Hände zusammen. »Die betreffenden Wahldamen müssen sich dem Taifun
anschliessen.«
    Jetzt hatte der Doktor promoviert. Oskar Ganswind nahm seinen runden
Künstlerhut auf den Kopf, und Baby zog ihre Strohschute über den blonden Zopf,
sie rannten und strebten, assen und tranken bei Kempinski à conto der neuen
Einnahmen, welche die Wahldamen zahlen mussten. Es war selbstverständlich, dass
für den Zweck der Heirat gern mehrere Dutzend abgestandene Schönheiten sich im
Taifun einführen liessen. Diese mussten auf die Kunstausstellung abonnieren, auf
die Halbmonatsschrift des Taifun, sie mussten auch Bilder kaufen, sogar in
interner Konkurrenz. Denn jede glaubte, sie würde durch grossen Aufwand im
Taifun, also auf dem Wege der Bestechung, ihrer Nebenbuhlerin um den Scheitel
des berühmten Doktors obsiegen.
    Die Erregung in der Leitung des Taifun wurde gegen Mitternacht noch so
heftig, dass sich Hermione von Ossi quälen lassen musste, weil sie vielleicht
versäumt hatte, mit dem Doktor genügend zu kokettieren. Er musste ja
wiederkommen, dieser Mensch hatte unbewusst einen neuen Schwung in die fegende
Wucht des Taifun gebracht.
    Hermione zitterte um Mitternacht unter den musikalischen Schwingungen von
Ossis Körper, und Ossi schnitt die komponierten Grimassen in die sterndunkle
Nacht. Die Gehirne der Beiden pochten an den Zenit des Himmels, und der Taifun
stürzte in dumpfer Wollust flugmüde zu Boden, wo er schlief und schnarchte, Ossi
so laut wie ein Holzspälter und Hermione wie eine Hotelköchin.
                                     * * *
    Wer beim Anblick eines schlafenden Weibes noch an eine Göttin denkt, dem
seien seine Sünden vergeben, denn solcher sündigte aus hellem Unverstand. So war
der Doktor allmählich geworden, seit er durch den Flurschütz so schamverletzt
worden war. Er war völlig ausgereift in seiner Weltbetrachtung. Das
Lächerrlichste war auf Erden eigentlich jegliche Anbetung und Verehrung anderer
Menschen, sowie ihrer Götter. Götzendienst und Fetischismus waren voll tiefer
Wahrheiten und voll Schönheit. Was er nicht gleich vom Taifun verstanden hatte,
das begriff er jetzt, als er in seiner Junggesellenwohnung allein war. Wie mit
Zungen und Händen kitzelten die geschauten Bilder seine Nerven. Es war ein
Totemkultus, der in berückender Form den Weltstadtmenschen geschenkt wurde.
    Nur welche der geschauten Ungeheuerlichkeiten sollte er als sein Wahrzeichen
annehmen? Das Bild mit der leckenden Katzenzunge marterte ihn. Und wie von einem
stechenden Kopfschmerz besessen, hantierte er in seiner Küche. Er wohnte seit
dem zweiten Kriegsjahre in Stube und Küche, Gartenhaus einer ff. Gegend. Vom
Unglück wurde er aber an diesem Tage dauernd verfolgt. Er zerschlug nicht
weniger als zwei Einkochgläser, die er reinigen wollte, um Aprikosen zuzusetzen.
Dann mahlte er mit der Kaffeemühle Graupen, um sie in den Brotteig zu mischen.
Aber die Graupen gingen nicht durch die Mühle, weil die Körner nicht hart genug
waren. Mit aller Kraftanstrengung drehte er die Kaffeemühle, welche er zwischen
die Kniee geklemmt hielt. Da fiel ihm die Schublade mit dem Mehle heraus, und er
schüttete das schweisstriefend gewonnene Mehl in die Fersen seiner Filzschuhe
über die Strümpfe. Dieses vielfache Ungeschick alterierte ihn so, dass er sich an
den Schreibtisch setzte und sein Testament schrieb. Wenn auch noch das Pech
wirtschaftlichen Missgeschicks seinem dürftigen Geldbeutel Schabernack zufügte,
dann war es zum Heulen und Verzicht auf das bisschen Leben.
    Einer Frau wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Und überhaupt, wenn er
Geld hätte, so wäre alles ganz anders. Er malte sich das sonnigste Dasein aus
mit einer Gattin, Dienstboten, mindestens sechs Zimmern, Heizung und
Telephonanschluss nach einer Depositenkasse. Und dann, dann holten sie ihn gewiss
wieder, und er wurde noch einmal und vielleicht erst jetzt die grosse
Berühmteit.
    Der Polizeirat traf zu Hause noch mit dem Hausfreunde zusammen. Er lebte in
aufrichtiger Ehe, in der jedes dem anderen die Zweifel durch die Gewissheit
verscheucht hatte. Ob er seine Kratzer beim Taifun verübte oder wo anders, war
Frau Klotilde gleichgültig. Sie interessierte sich sehr für alles, was er von
seinen Entdeckungsreisen nach Hause brachte, und sie liess sich auch dann und
wann zu den entdeckten Inseln und Wundern mitschleifen. Sie gab sich sogar dazu
her, ihm Hilfsdienst zu leisten, wenn er sich etwas erobern wollte. So glich er
einer Art Raubritter in der Liebe, und sie auf ein Haar Dido.
    »Ich habe Kopfweh,« trat er ein.
    »Das kommt davon,« erwiderte sie.
    »Quatsch, ich habe ein Bild gesehen von einem Menschen, dem der Kopf
verkehrt auf der Halsstange steckt. Ich kann dir sagen, Klotilde, der Taifun
erschöpft bald meine Fassungskraft.«
    »Du wirst doch nicht schon alt werden.«
    »Also, du willst es selbst haben, dass ich immer wieder hingehe? Es wird
jetzt ein Damenkonzern gebildet werden.«
    »Das passt ja für dich.«
    »Nun höre! Du denkst an junge siebzehnjährige Mädchen. Das ginge schon, aber
man braucht dazu bereits Kapitalwild.«
    »Ich bitte dich, in einer Viermillionenstadt werden sich doch mindestens
gegen fünfzig junge Mädchen finden lassen, die bereits über Kapital frei
verfügen können. Eventuell auch durch Vormünder.«
    »Das ist nicht ohne weiteres verantwortungsfähig. Ich schwöre zwar auf die
Lorbeeren der Taifungesellschaft, aber zunächst wird sie noch als ein ganz
windiges Unternehmen angesehen. Und ich möchte bei der nachher ausbrechenden
Revolution nicht als ein Schieber in Frage kommen.«
    »Revolution?«
    »Selbstverständlich, wenn von fünfzig Damen eine nur einen Mann kriegen soll
und kann. Solange darum gelost wird, solange geht es, aber nachher, wenn die
eine die Gewinnerin geworden ist, was dann?«
    »Wenn es sich darum handelt.« Es entstand eine nachdenkliche Pause.
    »Darum ist es besser, man wendet sich an solche Individuen, die sich bereits
an die Enttäuschungen des Sitzenbleibens sattsam gewöhnt haben.«
    »Welchem Herrn soll denn die Schur gelten?«
    »Einem Schauspieler vom Passageteater, Dr. jur. Alfred Bäumler.«
    Frau Polizeirat machte da plötzlich ein ganz verschmjetztes Gesicht. Ihre
scheinbar so hausbackene Erscheinung verklärte diese vergnügte Neugierde aufs
reizvollste. »Ich will dir sagen,« sprach sie, »um einen Schauspieler würde ich
mich selber noch gern daranwagen.«
    »Selbstverständlich, du darfst dich beteiligen. Der Taifun hofft darum auf
eine rasche hohe Einnahme, weil eben diese Sensation gross ist. Ich bin dir sogar
dankbar, wenn du ihn als Jungfrau mit umwirbst; du kannst nachher den Taifun der
Entrüstung, welcher nach der Verlobung ausbrechen wird, leicht niederschlagen.«
    »Und wenn der Schauspieler mich wählte?«
    »Das wäre ein schreckliches Pech für mich.«
    Die Frau des Polizeirates ging eilends durch das Berliner Zimmer nach dem
Schlafzimmer. Ihr Mann musste vorn sein, um die Polizeiordonnanz abzufertigen. In
der Abteilung für Pass- und Fremdenwesen war zur Zeit grosse Aufmerksamkeit nötig.
Polizeirat Löwe arbeitete mit Vergnügen und Liebe. Auf morgen vormittag liess er
sich wieder eine ganze Kolonne interessanter Menschen persönlich vorstellen.
    Vielleicht rührte von seiner täglichen Berührung mit den absonderlichsten
exotischen Wesen seine Neigung zu Neuerfindungen in der Kunst. Stand denn nicht
manchem dieser Menschen der Kopf verkehrt auf dem Rumpf? Und seit die ganze Welt
im Kriegszustand lebte, fehlte die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen im Amte.
Die Darbietungen des Taifun waren dem Abwechslung liebenden Manne Ersatz für den
Kriegsverlust.
    Er befasste sich seit langem mit eigener Dichtung. Es waren Couplets für die
bunten Paare in Bars und Kabaretts und Tingeltangel. Sie waren nicht
phantastisch, sondern urberlinerisch, von kräftiger Sprache und mokantem Witz.
    Sie behandelten eigentlich jene weitgereisten Herren und Damen, wie es
ihnen, in die Umwelt Berlins verschlagen, erging. Er vergass dabei, dass jene
Menschen den Welterscheinungen ganz anders gegenüberstanden, als er. Sich selbst
kam er wie ein Weltendurchstreifer vor, und er blieb trotz aller Exkursionen
nach Afrika, Asien und Amerika ein enger Weltstädter.
    Vielleicht stand es um den Taifun ebenso. Es war eine gewisse
Philisterhaftigkeit, dass sich sein Wirbelkreis für ausschliesslich international
hielt. Deswegen fanden allerdings die Verkannten ganz Europas in Berlin allein
einen Unterschlupf. Das Ausland war in herrischem Bewusstsein stärker und
ungläubiger gegenüber der Ausschliesslichkeit einer Sache, ob sie nun Kunst hiess
oder Technik.
    Und dann hatte der Krieg noch eine eigenartige Entwicklung gezeitigt. Die
Zeitungen wimmelten von Inseraten, in denen Gemälde und Galerien zum Verkauf
ausgeboten wurden. Es waren extra Kunstauktionshäuser entstanden, die mit
riesenhaften Gewinnen Versteigerungen veranstalteten, Sammlungen von Schweizern
und Holländern.
    Der Taifun überbot noch jene Auktionshäuser, indem er einfach die
Erzeugnisse der Ausländer mit Beschlag belegte und seinem Besitze zuführte. Es
gelang ihm dadurch, durch die freie Verfügung über teilweise seltene Werke, den
Schein eines grossen Reichtums vorzutäuschen, und die Preise solcher Besitzungen
nach Belieben hochzuschrauben. Auf Einzelheiten und ganze Sammlungen fand er
Kredit. Fast jedes halbe Jahr vergrösserte er seine Räume.
    Es war dem Polizeirat oft bedenklich zumute, ob er sich als Beamter so sehr
in fremde private Angelegenheiten verwickeln durfte. Besonders das Nichtwissen,
wie eigentlich der Taifun fundiert war, brachte ihm manche schlaflose Nacht. Er
fürchtete fast stets den Krach, und dass er mit hineingezogen würde. Aber es ging
ihm wie einem Spieler am Roulette, er kam nicht mehr davon weg. Hermione zog wie
ein Magnet, und zahlreiche niedliche Elevinnen stachelten immer neu. Es stand
sogar so schlimm um ihn, dass er oft mitten in Amtsgeschäften an seine Herzgrube
fuhr, wenn ihm eine Erinnerung an irgendwelche Absonderlichkeit Sehnsucht und
Heimweh erzeugte. So hing er jetzt den wonnesamsten Gedanken nach, wie er die
Damen, welche auf den Doktor losgelassen wurden, selber anzog.
    Er besann sich krampfhaft auf alle möglichen und unmöglichen
Gesellschaftskreise. Und gar manche einmal flüchtig gestreifte Unbekannte suchte
er in seinem Gedächtnis zu ermitteln und festzustellen.
    Ganswind beherrschte solches Ermittlungsverfahren von Grund aus. Und fast
mühelos gewann er vorher nie geahnte Verbindungen. Es war dem Polizeirat ganz
unklar, wie er schon am nächsten Morgen nicht weniger als sechs Adressen im
Fernsprecher erfuhr, wohin bereits am Nachmittag Einladungen ergehen würden. Die
Tochter der Schwarzen Kreuzbrauerei war ihm sogar vorgestellt worden vor fünf
Jahren, aber sie war ihm nicht eingefallen. Er erinnerte sich jetzt, dass es ein
Fräulein war, welches mindestens einen Zentner und neunzig Pfund wog. Wie konnte
denn dieser fast spinnendünne Mensch mit solchen Maltersäcken in ein Verhältnis
treten! Und er selber war als ehemaliger Husar auch mehr der leichten Reiterei
zugetan. Er lachte in das Mikrophon, dass fast ein Bruch im Stromnetze entstand.
    Mit ungewöhnlicher Heiterkeit empfing er heute die vorgemerkten Fremden. Die
Damen besah er sich natürlich gleich aufs genaueste. Er hatte gerade den
Taschenkamm eingesteckt und wollte sich vor seinen Schreibtisch setzen, als im
Gange draussen vor der Tür ein lautes gilfendes Geschrei vernehmbar wurde.
    Der Polizeirat lauschte. Es handelte sich offenbar um eine Katze. Lange
blieb er auch nicht im Zweifel. Es krachte gegen seine Türe, dann gab es ein
lautes Weinen und Jammern. Löwe schnellte empor und riss die Tür auf. Da bot sich
seinen Augen ein fast bedauernswerter Anblick.
    Am Boden lag eine elegante Dame, und ein Schutzmann kniete über ihr.
Zwischen beiden war ein weisser Pelz erkennbar, dessen Enden hüben und drüben von
Dame und Schutzmann gehalten wurden. Um ihn schien sich die Balgerei entspannen
zu haben.
    »Sie Grobian! Sie verdammter Hund, Sie! Sie werden mir meine Katze nicht
entreissen!« schrie die Dame.
    »Sie ordinäres Frauenzimmer, ich werde Ihnen die Katze in zwei Teile reissen,
wenn Sie sie nicht hergeben.«
    »C'est l'Allemagne! Das ist Deutschland! Gott, wie unüberlegt konnte ich
handeln. Lassen Sie mir meine Katze, oder ich speie Ihnen ins Gesicht!«
    »Wagen Sie's, dann erhalten Sie einen Faustschlag.«
    
    Jetzt schrie die Dame. »Er schlägt mich! Man schlägt mich! Hilfe! Hilfe!«
    »Sie dürfen nur die Katze hergeben. Sind Sie nicht so einsichtslos! Die
Katze ist in der Tierabteilung abzufertigen!«
    »Ich will ja mit ihr dahin gehen.«
    »Das ist ausgeschlossen. Die Tierabteilung darf von einem Menschen keines
Standes betreten werden.«
    Susanne war ordentlich nass geworden von dem eifrigen, speichelreichen
Wortschwall des Wachtmeisters. Ihre Kraft begann nachzulassen. Und es kam ihr so
vor, als wäre Kätzi bereits der Halswirbel ausgerenkt. Ihrer Alteration gab sie
nur noch in einem heftigen Weinkrampfe Luft.
    Der Wachtmeister stand auf, hatte die Katze in den Armen und wischte sich
den Schweiss ab. »Was einem doch die Damen für Schweisstropfen auspressen!« Der
Polizeirat hob mit einem hinzugekommenen Gehilfen des Zimmers 59 die Dame vom
Boden auf. Dem Polizeirat bebte sein weisser Haarhahn, und mit einem
auffressenden Blicke verzehrte er das entzückende Kind.
    Er sprach: »Gnädiges Fräulein, Sie haben auf Deutschland geschimpft, es ist
das eine ziemlich gewohnte Regel; aber nachdem Sie in meinen Armen gelegen
haben, schwöre ich, kein entzückenderes Wesen je auf Händen getragen zu haben.«
    »Was wird mit Kätzi?« unterbrach ihn die Dame.
    »Aber welch süsses Tier! Das Ebenbild jener Katze hinter dem verkehrten
Menschen. Ob Sie mich zwar verstehen werden, weiss ich nicht. Doch soviel mir das
Ressort vertraut ist, Sie werden es in längstens einer Viertelstunde
wiederschauen. Sie sind eine Fremde, Sie müssen sogar bei mir hier eintreten.
Und ganz gegen meinen gewohnten amtlichen Verkehr bitte ich Sie, mich nur eines
Blickes aus Ihren schönen Augen zu würdigen.« Polizeirat Löwe war ganz
hingerissen. Als ihn der euphorbische Blick aus den Tränenaugen traf, war es,
als spränge in ihm eine Sprungfeder in die Höhe. Er krümmte sich ein paarmal,
und dann schlug er sich an die Stirn, taumelte auf seinen Strohsessel zu und
schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Tintenfass hochhüpfte. Und fast
mürrisch verstimmt über sein Lebenslos setzte er hinzu. »Ich bitte um Ihren
Pass.«
    Die Dame stand aber noch unter der Tür und blickte ihrer Katze nach, welche
der Wachtmeister in das Kellergewölbe trug, wo sie mit Röntgenstrahlen auf ihren
Inhalt untersucht wurde, dass ja kein Spionageverdacht an dem Vieh war. Es war
eigentlich eine Art Entlausung vom Gefühle der Unsicherheit. Dort unten heulten
verschiedene noch nicht abgeholte Hunde. Kätzi standen die Haare zu Berg in
dieser Folterkammer. Aber der Wachtmeister ging derart liebevoll mit ihr um, dass
sie über dem vorsichtigen Bedacht seiner Handlungen endlich selbst lachen musste.
    Ehe die Katze wieder zurückgebracht war, vermochte die Dame kaum Auskunft zu
geben und die gestellten Fragen zu beantworten. Dem Polizeirat waren die Fragen,
die er stellen musste, höllisch zuwider; nach jeder Frage schlug er auf den Tisch
und wand sich wie ein kiemenentzündeter Fisch. Er wollte damit zeigen, dass er ja
viel lieber Liebesbeteuerungen ausgestossen hätte, als eine bureaukratische
Verhandlung zu führen.
    »Also Sie heissen Susanne Flaubert, reisen mit einem kleinen Vermögen, einer
Katze und einem Dienstboten namens Käterchen. Warum haben Sie die nicht mit
hierhergebracht?«
    »Sie mietet mir ein Logis.«
    »Das Fragezeichen hinter ihrem Namen sollte für mich ein Zeichen sein, dass
ich hier eine vorsichtige Untersuchung über die Personalien Ihres Dienstboten
anstellen möchte.«
    »Sie ist eine Schwarzwälderin.«
    »Ja, das seh ich schon. Aber nun, mein Fräulein, wollen wir keine langen
Erörterungen darüber beginnen. Es ist eine weit wichtigere Anfrage, die ich an
Sie, gnädiges Fräulein, habe.« Er stand dabei auf und sah ihr wie ein Sperber in
die Augen. Er fuhr dann fort: »Ich habe Sie nicht ohne eine gewisse Teilnahme am
Boden liegen sehen -«
    »Ich würde mich gegen diese empörende Behandlung auflehnen, wenn ich nicht
fürchtete, dann nur als lästige Person ausgewiesen zu werden,« entgegnete
Susanne in aufbegehrendem Tone.
    »Sie sollten mich reden lassen, meine Schöne. Sie haben ein rasch
aufzüngelndes Feuer der Liebe in mir entfacht. Ich durfte Sie in den Armen
halten, als ich Sie aufhob. Würden Sie mir einen Besuch gestatten, um mich für
das Vorgehen des Beamten persönlich zu entschuldigen -.«
    Susanne sah ihn kühn an und stellte sich auf hohe Absätze vor ihm. »Sie sind
verheiratet, mein Herr -.«
    »Gewiss, aber meine Frau lässt mir fast völlige Freiheit.«
    »Sie müssen sehr wenig wert sein.«
    »Mein Fräulein!« Der Polizeirat sah sie mit so bittenden und verlegen
lachenden Augen an, dass Susanne husten musste. Sie war verwirrt, dann aber besann
sie sich: Herr Gott, du bist ja auf einem Polizeibureau. Gehe nicht in die
Falle! Sie wich vor ihm zurück, indem sie der Tür näher trat.
    Der Polizeirat hatte aber gleich ihre Gedanken von der Stirn abgelesen. Er
entwickelte sofort einen neuen Film. »Meine Dame, es ist ein unerlaubtes
persönliches Interesse, das ich an Ihnen nehme. Sie sind Kunststudierende. Und
ich bin ein Dichter.« Er gab sich einen stolzen Ruck und stand gravitätisch vor
ihr.
    »Ich muss darin einen grossen Gegensatz empfinden,« lächelte Susanne. Sie
wollte den Bemühungen des Helden, der um sie warb, jede Aussicht auf Erfolg
nehmen.
    »Meine Dame, ich muss Ihnen mehr entüllen, Sie werden bei Ihren
Studienreisen durch Berlin auch dem berühmten Salon des Taifun begegnen. Dort
dürfen Sie nicht hingehen. Ich möchte Ihre künstlerische Entwicklung in meine
eigenen Hände nehmen.«
    »Wie kommen Sie auf solch väterliche Ideen?«
    Es war dem Polizeirat unangenehm, dass sie »väterlich« sagte. Er wollte sich
als Freund aufspielen. Entzückt war er von ihr wie von einem seltenen Vogel. Wie
konnte er ihr denn hier auf dem Bureau die ganzen Zusammenhänge erklären! Er war
in Todesangst, das Vögelchen könnte ihm entflattern. Der Taifun fing sie ein und
opferte sie an den Doktor, den er in seiner Seele nicht leiden mochte. Was
sollte er jetzt antworten? »Sie reisen nur mit einem kleinen Vermögen?«
    Aha, dachte Susanne. Er meint es ernst. Jetzt musste sie schwindeln. »Oh,
mein Vermögen ist klein, vielleicht aber nur nach meinen Begriffen; ich besitze
grosse Liegenschaften, darunter ein herrliches Anwesen an der Aisne, mit schönem,
achtzig Morgen grossem Park, Wiesen und Feldern, sowie einem idyllischen
Landhaus. Ich werde in Berlin auf eigenen Füssen leben können.« Es war rump und
stump erlogen, dass sie ein Landhaus besass. Aber der Polizeirat wurde durch
diesen kalten Strahl steif gemacht.
    Da hatte er sich also getäuscht. Und nun hatte er eine grosse Dummheit
gemacht. Er hatte sie extra auf den Taifun aufmerksam gemacht. Schon sah er sie
mit dem Doktor vereinigt. Und er war ewig an seine Alte gefesselt. Er überlegte,
starrte einige Sekunden durch das Fenster. Und wie dumm das! Er hatte ihr
gesagt, sie solle nicht in den Taifun hingehen. Das hätte Ganswind nicht wissen
dürfen. Und nun ging sie natürlich bloss in den Taifun. Na. Das waren alberne
Grübeleien. Nicht für einen Weltmenschen. Wie sie dort hinkam, war gleichgültig.
Ganswind hätte sie mit seinem feinen Spürsinn sowieso geködert. Sein Herz schlug
aufgeregt bei dem Gedanken, wie das Fräulein nachher erschrecken würde, wenn sie
dann im Taifun wieder zusammentrafen. Er lachte und sah die Kunstschülerin mit
Hohn an.
    Dieses höhnische Lachen machte Susanne nicht mehr unsicher. Sie wusste, dass
sie das unerlaubte persönliche Interesse los war. Und nun kam auch der
Schutzmann mit Kätzi zurück. Mit einem tanzenden Jubelschritt stürzte sie ihm
entgegen, »Kätzi!« Sie küssten dann einander die Rosamündchen und schlüpften
ineinander.
    »So, nun können Sie 's wieder mitnehmen,« sprach der Wachtmeister und
schlurfte mit schweren Elefantentritten den Flur entlang. In diesem Manne lag so
etwas Gutmütiges, und es tat Susanne fast leid, dass sie ihn durch ihren
Widerstand gereizt hatte. War ihr Benehmen nicht diesem höheren Beamten
gegenüber noch frivoler? Sie war eigentlich arm wie eine Kirchenmaus. Und es war
ihr von Brüssel her bekannt, dass Damen ihrer Art oft recht gute Verhältnisse mit
solchen Organen des Staatswesens gehabt hatten. Sie verglich diesen Beamten mit
ihrem Kapitän. Offen gestanden war sein einziger Fehler, dass er ein bisschen wild
aussah. Seine männlichen Qualitäten schienen eher verheissungsvoll. Konnte sie
überhaupt ohne weiteres davonlaufen? Nein, so selbstbewusst war sie nicht. Sie
lächelte mit Kätzi auf dem Arm dem Manne noch einmal freundlich zu und wartete
auf seine Anrede. Er tat aber nicht dergleichen, sondern setzte sich mit
mürrischer Miene in scheinbarer Geschäftsvertiefung an seinen Schreibtisch.
    Polizeirat Löwe merkte die Verlegenheit der Dame wohl; ein schlaues
verschmjetztes Lachen verbarg er in seinen Mundwinkeln.
    Susanne versuchte den Eindruck ihres Wartens zu verwischen, sie strich immer
wieder über die Falten ihres Seidenkleides, dann ging sie endlich und verneigte
sich stumm.
    Sie war eigentlich töricht gewesen, sich nicht auf das angebotene Abenteuer
einzulassen. Dieser Mann hätte sie in sichere und vorteilhafte Beziehungen zu
bevorzugten Genüssen gebracht. Wenn er solch ein Strolch und Vagabund war, dass
ihn seine Frau einfach wild laufen liess, so hätte sie ihn vielleicht als
Tanzbären benutzen können. Aber sie war ja noch keine versteinerte Matrone,
sondern leichtfüssig, und mit neugierigen Augen strich sie durch die Weltstadt,
die eigentlich einem getretenen Tiere glich, das immerzu aufschrie. Sie vergass
den Polizeibeamten um so leichter, als sie bald erkannte, dass eine fremde Stadt
keine Sehenswürdigkeit war, sondern sie mit ihrer weissen Katze. Die Welt war
etwas sehr Kleines. Was zog denn die vielen Millionen hier zusammen? Doch nicht
des Ortes innere Fruchtbarkeit an Wundern. Sie wollten alle Berlin bewundern,
und sahen sich alle nur an wie Mondkälber. Eine Katze, die draussen auf dem Dorfe
in der Sonne lag, war eben gar nichts gegenüber einer solchen, welche eine Dame
mit Reiher durch die Strassen trägt, zu Fuss oder im Auto fahrend. Wie sollte sie
nun hier Verbindungen mit den Verborgenheiten gewinnen? Darauf kam es an, wenn
man Anspruch darauf erheben wollte, kein vulgärer Mensch zu sein. Susanne
bildete sich ein, zur Auslese zu gehören. An sogenannte Innerlichkeiten ohne
äusserlichen Auftrumpf glaubte sie nicht.
    In gewissem Sinne bestand eine Berechtigung zu diesem Unglauben. Wie sollte
sich ein Mensch ohne äusseren Anreiz auf dem Wege der Phantasie bewegen können?
    Leider hatte sie den Namen des Salons vergessen, wo sie nicht hingehen
sollte. Sie war im Teeraum des Hotels Olymp mit einem Lederwarenfabrikanten ins
Gespräch gekommen. Er hatte Lust, seinen Kriegsgewinn mit ihr zu verkleinern.
Sie ging bis um acht Uhr darauf ein. Dem Chauffeur wurde die Katze auf drei
Stunden in Pension gegeben. Von dieser flüchtigen Bekanntschaft hatte sie
manchen Gewinn, die Namen aller Weinstuben waren ihm geläufig, auch mancher
Kunstsalon, aber jener Name war nicht darunter. Mit einer nervösen Hast trennte
sie sich von ihm; sie fürchtete, Zeit zu verlieren. Sie musste den ausgefallenen
Namen auf andere Weise zurückerobern. Der Lederfabrikant war froh, eine weitere
Nummer auf einer Ansichtskarte in Poesie bringen zu können.
    Auf acht Uhr war Käterchen herbestellt. Sie war aber noch nicht da. Eine
halbe Stunde später kam sie. Sie hatte einen Onkel und eine Tante getroffen. Und
eine ganz neue, noch nie bewohnt gewesene Zweizimmerwohnung hatte sie ausfindig
gemacht. Ganz ausser Atem war sie von ihrer Schilderung. Eine Badestube mit Wanne
und Sitzbad, aus Marmor. Ohne das Ungeziefer, das sie in Brüssel gehabt hatten.
»Aber wo ist Kätzi?« Susanne stürzte in den Fahrstuhl und erwischte sie gerade
noch vom Chauffeur, ehe er loskurbelte.
    Während Käterchen die fünf Minuten allein sass, blieb sie nicht untätig,
sondern übergoss sich mit der Parfümflasche der Herrin. Damit ging der Gestank
von der Destille ein bisschen weg von ihr.
    Susanne kam zurück. Und Kätzi nieste sofort wegen der Parfümflasche. »So 'ne
dumme Sau,« dachte Käterchen, »ich werde mir noch parfümieren dürfen.« Sie
sprach bereits in neuer Mundart. Bis jetzt hatte sie sich parfümiert, und schon
von heute an parfümierte sie ihr.
    »Sau! Käterchen.« Das ging so geschwind wie der Blitz; in demselben Atemzug
frug Susanne: »Wo liegt diese Wohnung?«
    »Im Westen.«
    »Bist du nobel! Woher weisst du schon, was der feine Stadtteil ist?«
    »Es steht ja überall dran: Nach dem Westen.«
    »Also die Wohnung ist beziehbar?«
    »Fein fein. Bayernallee 193, im Garten. Er ist aber aus lauter
Pflastersteinen mit bloss zwei Lebensbäumen.«
    »Komm mit!« Susanne war rührsam wie ein Teufel. »Wenn ich das nicht selbst
sehe, so ziehen wir auf einen Friedhof.«
    »Ich habe es ja fest gemacht, gnädiges Fräulein!« Käterchen heulte beinahe
vor Angst.
    »Wenn es nichts ganz Feines ist, dann fahre ich auf acht Tage nach Breslau
mit einem Lederfabrikanten.« Im Vorüberschiessen sah Susanne im Vestibül des
Hotels ein Verzeichnis aller Sehenswürdigkeiten. Das studierte sie; Käterchen
musste die Katze halten. Der gesuchte Name war nicht darunter. Sollte sie noch
einmal morgen auf die Abteilung V gehen? Sie erschrak; an dem Auto, in das sie
einstieg, stand ein Schutzmann mit brauner Revolvertasche. Er sah sie vom Hut
bis zur Stiefelspitze an. Dann hielt er noch die Ohren hin, wo man hinfuhr. Zum
ersten Mal ging's durch den Tiergarten, er erschien wie ein Wald. Susanne bekam
einiges Vertrauen. Und Bayernallee 193 wurde Käterchen mit einer innigen
Umarmung belohnt. Käterchen liefen grosse Tränen über die Wangen, sie hatte sich
ja so gemein machen müssen, um das zu finden. Man hatte sie zu einem nackigen
Frauenzimmer hochgenommen; sie hätte gar nie geglaubt, dass die so eine feine
Dependance hatte. Wo sie heute schon herumgekommen war, davon hatte ja das
Fräulein keinen blassen Schimmer! Gegenüber dem Elefantenhaus hatte sie schon
einmal auf die Kamele geschaut; aber dort hatte es zu sehr gerochen, sagten sie
in der Budike.
    Susanne rührte keinen Finger krumm, bis Käterchen mit allem fertig war.
Vorerst wohnte das Fräulein weiter im Hotel, bis die Möbel kamen. Und Käterchen
bei Onkel und Tante, die eine Südfruchtandlung besassen, in der sie seit einigen
Monaten einen Weinschank eingerichtet hatten. Wie sie plötzlich zu diesen
Verwandten gekommen war, konnte Käterchen so wenig angeben, als Susanne die
Herkunft ihres Landhauses.
    Käterchen hörte auch heute zum erstenmal davon. »Hier ist es so fein wie in
meinem Landhaus!« hatte das Fräulein ausgerufen.
    Recht ungeschickt war jetzt Kätzi. Überall war sie im Wege. Schon am
nächsten Morgen wurde Susanne in aller Form gebeten, das Hotel zu verlassen: die
Gäste beschwerten sich über die Katze.
    »Das sind Affen! diese Menschen!« schrie Susanne. »Und so kleinlich wie auf
dem Dorfe.« Das wollte Käterchen nicht zugeben. Bei ihr auf dem Lande, da
kümmerte sich niemand darum, ob der andere eine Katze hatte. Aus Widerspruch
bezahlte Susanne die vorgelegte Rechnung nicht. Sie bezahlte nur, wenn man sie
nicht hinauswarf. »Die Wahrheit« brachte diese Sensation durch die
Zeitungsausrufer ans Licht. Und noch am gleichen Tage meldete sich die
Vorsitzende des Katzenklubs West bei ihr im Hotel.
    Es war eine Dame mit eisgrauem Haar und hoher Schönheitsstirn in schwarzem
Atlaskleid. Sie war sichtlich überrascht, ein so junges Wesen schon als solche
Katzenverehrerin anzutreffen. Sie sprach in wohlgeformten Sätzen und war eine
Berufsaristokratin. Natürlich forderte sie Susanne zum Beitritt auf. Der Klub
führte dann sogar den Prozess mit dem Hotelbesitzer der Olymp-G.m.b.H. für sie.
    Weil Susanne fürchtete, in ein schiefes Licht gesetzt zu werden, wenn sie
den Beitritt verweigerte, so erklärte sie sich einverstanden. Sie bezahlte
sofort zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür die gedruckten Satzungen und
das Mitgliederverzeichnis. Susanne blätterte es oberflächlich durch und war
nicht wenig erstaunt, dass man sie in diesen vornehmen Klub aufgenommen hatte. Es
waren Gräfinnen, Freiinnen und Handelsfirmen darunter. Die nächste Versammlung
fand im Jagdschloss Grunewald statt, anschliessend an einen Kneippmalzkaffee mit
Strassmanntorte.
    Vor dem Abschied rückte die hohe Dame noch mit einer Broschüre heraus, in
welcher Susanne das ergreifende Schicksal der Madame Hastenteufel aus
Ehrenbreitstein am Rhein lesen konnte. Sie hatte siebzehn Katzen, von denen jede
einzelne ihr Extrageschirrchen besass. Weil sie solch hingebende zärtliche
Tierfreundschaft hatte, bekam sie durch die Bosheit der Nachbarn keine
Dienstboten mehr ins Haus. Das letzte Mädchen war ein so freundliches,
liebenswürdiges Mädchen gewesen, und es hatte ihr bei den siebzehn Katzen am
ersten Tage so gut gefallen. Aber am nächsten Tage lief auch sie wieder davon.
Angeblich weil sie es nicht aushalten konnte, wie die siebzehn Katzen ihr
zwischen den Röcken und Beinen krabbelten. Das war aber nicht wahr. Der Grund
war gewesen, dass die Nachbarn sie aufgehetzt hatten. Und nun musste die vornehme
Dame ihre Arbeit allein besorgen, für die Katzen selbst abwaschen, ohne jegliche
fremde Hilfe! Sie wurde dadurch so nervös, dass sie täglich drei grosse irdene
Milchtöpfe zerschlug. Aber trotz dieses Schicksals blieb sie fest und
katzentreu. Sie starb am 15. November 1916 aus Gram. Und noch mehrere ähnliche
Novellen standen in der Broschüre des Bundes für Katzenschutz.
    Es war für Susanne ein starker Rückhalt, dieser mächtige Klub. Gegen die
Hotel-G.m.b.H. trat sie jetzt mit mutigstem Schneid auf. Die betreffende Zeitung
wollte sie sich noch kaufen. Das gab's ja nicht, dass man sie, die ihr gutes
Recht behauptete, eine Hochstaplerin nannte.
    Käterchen sprach zwar: »Ich hab's ja gesagt.« Aber Käterchen musste sich
fügen, sie war eine weltverstossene Witwe und hatte nichts zu sagen.
    Im Direktorzimmer des Hotels war abends um sieben Uhr noch einmal ein grosser
Krach. Sie wollten das Fräulein über Nacht durchaus nicht mehr hier lassen. Der
Lederkönig aus Breslau fuhr schleunigst ab, weil er mit dem Katzenskandal nicht
in Verbindung kommen wollte. Das hatte die Wut entfacht. Der Direktor wollte
Susanne die Katze entreissen.
    »Das tun Sie!« fauchte Susanne und zitterte vor höchster Erregung. »Ich
bewerte das Tier mit fünfmalhunderttausend Mark, wenn ihr ein Haar gekrümmt
wird.«
    »Ist es denn eine dressierte Varietékatze?«
    »Nein.«
    »Wie kommen Sie dann auf fünfmalhunderttausend Mark? Sie haben einen Vogel.
Da fehlt es Ihnen.« Der sonst so vornehm tuende Direktor bekam sehr lockere
Gelenke und grobe Gesten.
    Jetzt berief sich Susanne auf ihre adeligen Bekannten. »Wenn Sie an dieser
hohen Bewertung Zweifel hegen, so wenden Sie sich an die Baronin von Büxenstein,
Freiin Edle von der Schelde, die Gräfin von der lahmen Zunge, Fürstin zu
Kloppenrede.« Diese Namen hatte sie als die auffälligsten bereits auswendig
gelernt. Sie flossen ihr aus dem Munde.
    Der Direktor verstummte vor solchen Namen und setzte auf den andern Tag eine
Stunde fest, bis zu welcher sie das Zimmer geräumt haben müsse. Er dachte aber
nicht mehr daran, Ernst zu machen. Im Gegenteil, er erlaubte sich, Fräulein
Flaubert ein etwas separiert liegendes Zimmer, aber in glänzendsten Lage,
anzubieten. Davon machte sie Gebrauch. Sie wohnte jetzt in demselben Zimmer, in
welchem vor bereits fünfzehn Jahren die Herzogin von Uvermonde ihre
Hundeleidenschaft ausgetobt hatte, bis sie der Tod erlöste.
    Das Zimmer war mit einem Ausblick auf das Denkmal des Grossen Fritz gelegen.
Susanne speiste um dreiviertel acht Uhr schon dort und unterhielt sich aufs
einträchtigste mit dem Direktor, der an ihren grossen Landbesitzen an der Aisne
einen Affen gefressen hatte. Er liess sich auch intime Beobachtungen über den
Lederfabrikanten mitteilen, so zum Beispiel, dass er eine grosse zottige Franse am
Beine hatte. Der Direktor kratzte sich am Kopf und versuchte den Rang auf
Susannes Herz zu nehmen, aber er getraute sich nicht, und nun wurde er gestört
und musste aus dem Zimmer der Freundin verschwinden. Er war ein dicker kleiner
Kerl und hatte Not, mit seinen kleinen Schritten vorher noch bis an die Türe zu
kommen, ehe der Besuch eintrat. Jetzt, da sich ein Herrenbesuch meldete, stieg
sie an Ansehen wie ein Gasballon.
    Susanne glaubte dunkel zu ahnen, wer der Herr sein müsse. Er hatte sich
nicht namentlich melden lassen, sondern nur »wegen des Zeitungsartikels« ...
Entweder war es ein Redakteur, der sich entschuldigte im Namen seines Chefs,
oder ... Aber der Lederfabrikant war abgereist .... vielleicht ein Beauftragter
desselben, möglicherweise auch ein Rechtsvermittler, oder ein neuer Klub?
    Susanne sah dem Direktor mit einer gewissen Liebe hinterher, es schmeichelte
ihr, wegen Kätzi in die Zeitung gekommen zu sein. Und es schien, dass sie dadurch
mit den Verborgenheiten bekannt wurde. Ohne diese kennen zu lernen, hatte das
Leben keinen Wert. Allerdings, vieles sah sich romantisch an, was man las; und
Auge gegen Auge war es doch werktäglich. Vielleicht konnte sie überhaupt nichts
finden, weil sie alles durch ihr eigenes Wesen besass. Dass sie nun zum Beispiel
das berühmte Zimmer bewohnte - und jetzt selbstverständlich unentgeltlich, das
hätte sie sich nie vorher zugetraut. Die Tür ging leise auf, der livrierte
kleine Anton öffnete dem Besuch. Er wechselte dabei einen zärtlichen Blick mit
Susanne.
    Susanne stand von ihrem Sofaplatze neben der Katze auf, um zu begrüssen. Sie
musste aber gleich nach einer Stuhllehne greifen das war ja der Beamte von
Abteilung V! Die Tür wurde geschlossen, und ein Augenblick tiefen
Grabesschweigens herrschte im Zimmer.
    Susanne zitterte und sah zu Boden, da kam der Polizeirat auf sie zu, nahm
ihre Hand und küsste sie. Sie sah ihn nur mit grossen Augen an. »Was verschafft
mir die Ehre?«
    »Ich wusste, dass Sie sich in Not befanden. Darf ich mich als Ihr väterlicher
Freund beweisen?« Nun glaubte er, Erfolg zu haben.
    Susanne blickte in eine Ecke halb rechts, um ein Lachen besser unterdrücken
zu können. Der Polizeirat hielt das Wegsehen für Scham. Zum Kuckuck, er wusste
nicht, was er reden sollte, obgleich er sonst ein grosser Festredner war. Er sah
sich fast verlegen im Zimmer um, vom Sofa aus waren die Augen der Katze
aufmerksam auf ihn gerichtet, fast wie zum Fürchten.
    Susanne hatte sich inzwischen entschlossen, dem alten Sünder nachzuhelfen.
Sie lächelte und sagte schüchtern. »Man hätte mich beinahe auf die Strasse
gesetzt.«
    »So.« Das war nun doch eine freundschaftliche Mitteilung. Der Polizeirat
rutschte auf einen Stuhl und liess sie auf seinen Schoss gleiten. Er verlor
beinahe die Fähigkeit, überhaupt noch zu sprechen, so überrascht war er, dass sie
dazu so stillhielt. Sollte er ... jetzt sah Susanne nach ihm herum, was er tat.
Sie lachte ihn dann lustig an, und er verlor den Mut.
    »Sie haben wegen der kleinen Katze schon recht viel Unannehmlichkeiten
gehabt.«
    »Nein, durchaus nicht. Woher wussten Sie eigentlich, dass ich das war, die das
Abenteuer hatte?«
    »Das war zu vermuten. Und wenn sich meine Vermutung nicht bestätigt hätte,
so sässe jetzt vielleicht eine andere Dame auf meinem Schoss.«
    »Das halte ich doch für einen grossen Irrtum. Ich hatte mich für besonders
schmiegsam gehalten. Es gibt mir nicht sehr viel Geschmack an Ihnen, dass Sie
sich als so unwiderstehlich hinstellen wollen.«
    »Ich bin es aber, liebes Fräulein Susanne. Ich hätte Sie zwar lieber erst
auf meinem Schoss sitzen gehabt, wenn ich mich über unsere Kartoffelwirtschaft in
nüchterner, unleidenschaftlicher Art mit Ihnen auseinandergesetzt hätte.«
    »Glauben Sie denn immer noch, dass ich es auf Geldgewinn anlege?«
    »Meine Erfahrung ist zu gross, geliebte Katze. Sie können auch wirklich Ihre
Hotelrechnung nicht bezahlen.«
    »Wer sagt Ihnen das?«
    »Das steht in der Zeitung.«
    »Die werd ich mir kaufen!« Sie sprang von seinem Schoss auf. »Ich habe Geld,
aber ich bezahle in diesem Hotel nun überhaupt nichts. Für die erlittene
Beleidigung und Verletzung meiner Ehre kann ich diese Vergütung beanspruchen.«
    »Sind Sie doch nicht so naiv. Was fragt eine Hotel-G.m.b.H. nach Ihrer
beleidigten Ehre. Es ist nicht anders üblich, als dass Damen, welche sich so
exponiert aufführen, vogelfrei sind.«
    »Ist das auch Ihre Meinung?« Susanne stand mit hochgezogenen Brauen vor ihm
und war auf dem Sprung, handgreiflich zu werden.
    »Nein. Meine Meinung von Ihnen ist eine sehr gute, ich hätte Ihnen kein
Verhältnis angeboten.«
    Susanne senkte den Kopf. Dieser Mann hatte Erfahrung und hielt sie trotzdem
für eine Ausnahme, sie prüfte noch einmal. »Woher wollen Sie meine Vermögenslage
kennen?«
    »Ja, gutes Kind, dass Sie von einer Vermögenslage sprechen, ist schon der
Beweis, dass Sie sich in keiner Vermögenslage befinden.«
    Susanne versuchte das zu verstehen. Sie sah den bocksbärtigen, zynischen
Menschen an und wusste gar nicht, wie die Röte ihrer Wangen verriet und sprach.
Wahrhaftig, Farbe, Miene und Bewegung zeigten einem Naturbewanderten mehr als
die Worte aussprachen, Worte, die durch absichtliche Lügen entstellt
hervorkamen, und in der Tat die Gedanken verbergen sollten.
    »Mein Fräulein,« sprach der Polizeirat, »ich fühle, dass Sie von aller Weit
geliebt werden, dass Sie es aber häufig unterlassen, diese Liebe zu beantworten.
Ich würde Ihnen den Rat geben, auf den Gedanken zu verzichten, für erlittene
Beleidigungen den Schadenersatz im Hotel abzusitzen. Lassen Sie mich einspringen
und geben Sie lieber mir noch ein Geschenk dafür, damit Sie reicher werden. Wenn
Sie hierbleiben, so gewinnen Sie nichts, das Hotel gewinnt alles, an dem Aus-
und Eingehen Ihrer leuchtenden Anmut hat die Hotel-G.m.b.H. mehr, als wenn Sie
lumpige Rechnungen bezahlen.«
    Susanne erschien das einleuchtend. Sie lachte und sah ihren Gast sehr
lockend an. Es wurde ihm gestattet, ihr einen Kuss zu geben. »Ist damit unser
Vertrag abgeschlossen? Wenn ich hier weggehe, so kann ich immer noch nicht meine
eigene Wohnung beziehen.«
    »Mieten Sie ein möbliertes Zimmer.«
    Dieser Vorschlag entsetzte Susanne, sie sah ihn wie entfremdet an.
Wahrscheinlich war er sehr erfahren, aber in seinen Ansprüchen doch sehr
zurückgeblieben. Er erinnerte sie an einen burschikosen, doch alt gewordenen
Studenten. Und womöglich war er eifersüchtig, das war so die Sitte der
möblierten Buden. Sie wollte da noch so manches vorher zur Sprache bringen. Ach
richtig, er hatte ihr einen Kunstsalon verboten. Sie legte ihm beide Hände auf
die Schultern: »Freund, warum ist mir der Kunstsalon verboten?«
    »Er ist Ihnen nicht verboten. Ich, ich,« er strauchelte in der Rede, »ich
müsste Sie eventuell selbst dort einführen.«
    Susanne rief voll Freude aus: »Es muss aber gewiss sein.«
    »Ein Monat muss mindestens gemeinsam vorher umgebracht sein.«
    »Dreissig ganze Tage?! Warum denn? Glauben Sie mich dann genug zu haben?«
    »Ich kriege nie genug.«
    »Was ist es dann?«
    »Der Kunstsalon wird umgebaut.«
    »Ist das wahr?« Sie fühlte, dass er unoffen sprach. »Wenn ich nicht gleich
dortin darf, so bezahlt der Katzenklub meine Hotelrechnung.«
    »Sind Sie dort Mitglied?« Der Polizeirat war darüber sehr verwundert.
    »Die Freifrau von Stubbenrode war heute bei mir, und ich bezahlte zwanzig
Mark Jahresbeitrag.«
    Der Polizeirat taumelte auf einen Stuhl und warf einen vernichtenden Blick
auf die Katze. Susanne sah ihm zu. Warum traf ihn diese Mitteilung so gewaltig?
War sie ihm zu vornehm geworden?
    Die Aufklärung kam bald. Der Polizeirat erhob sich, er wollte ihr die Hand
geben und sich aus dem Staube machen. Das konnte sie sich nicht gefallen lassen.
Er hatte sich ihr verpflichtet. Sie trat ihm kurz vor der Tür in den Weg: »Warum
wollen Sie Knall auf Fall aufbrechen?«
    »Ich hatte die Katze nur für Ihr Spielzeug gehalten.«
    »Das ist sie auch.«
    »Im Katzenklub West sitzen lauter Geisteskranke.«
    »Das wusste ich nicht.«
    »Treten Sie sofort wieder aus!« Diese Aufforderung klang wie ein strenger
Befehl.
    »Aber meine zwanzig Mark?«
    »Die lassen Sie schwimmen.«
    »Bei Ihnen muss man alles schwimmen lassen.«
    »Weiss das Hotel um Ihre Mitgliedschaft?«
    »Gewiss.«
    »Ich verwunderte mich doch, dass Sie in dem Zimmer mit der Doppeltüre sind.«
    »Was ist das für ein Zimmer?« frug Susanne bestürzt.
    »Hier wohnen die Geistesirren.«
    »Das ist nicht möglich. Ich bin ja völlig gesund.«
    Der Polizeirat sah sie sehr misstrauisch an. Ehe er auf weiteres mit ihr
einging, musste er bei Abteilung X anfragen, ob Susanne dort gemeldet war.
Verschiedene Beobachtungen an ihr waren verdächtige Symptome. Sollte er sie
nicht doch lieber in den Taifun einführen? Dann war er aller Verpflichtungen
wieder ledig. Und dem Doktor kam ohne Neid die zugewanderte Irre zugute. Er
besah Susanne, sie trug ein kamelfarbenes Abendkostüm, und ihre hohe Stirne mit
dem nach hinten getürmten Kopf fiel ihm das erste Mal unangenehm auf. Er
gratulierte sich insgeheim, dass er sie vorhin nicht missbraucht hatte.
Verrückteit war die ansteckendste unter allen nicht ansteckenden Krankheiten.
Er sah das Engelbild seiner Frau vor sich, wie die ihn bedauerte, wenn er solch
einen Zwischenverkehr pflegte. Aber da stand sie vor ihm und bohrte ihre starren
Augen in ihn hinein. Mitleid war durchaus nicht angebracht. Er musste wieder
entkommen. Es half nur eine List. Er nahm seinen Hut und seinen Stock, hing
beides in den Garderobenschrank und tat, als wollte er sich bereits für die
Nacht häuslich einrichten.
    Susanne sprach immer noch nicht, sie war zu schwer gekränkt. Desto gewisser
war's ihm, dass sie übergeschnappt war. Er setzte sich auf den gefährlichsten
ansteckendsten Platz, neben die Katze. Diese glotzte ihn mit ihren verrückten
Augen fortwährend an. Susanne zog er mit Gewalt zu sich auf das Sofa,. Er strich
ihr mit der Hand über den Kopf, da brach sie endlich in heftige Tränen aus. Der
Polizeirat streichelte sie nur immer zärtlich weiter, als wollte er sagen: »Ja,
arme Irre, du kannst ja selbst nichts dafür.« Er wollte nun den Abend bei ihr so
lange verbringen, bis sie zufällig einmal das Zimmer verliess, dann nahm er Hut
und Stock geschwind aus dem Schrank und entfloh.
    Die Sofagruppe war gerade besonders rührend, als die Doppeltür aufging und
Ganswind in der Türfüllung erschien, hinter ihm Hermione.
    Sie wollten erst wieder zurückprallen, weil sie den Polizeirat nicht stören
wollten, aber sein Zuruf hielt sie auf. Er gab vor, das Zusammentreffen sehr
kurios zu finden, schlug mit der Faust auf den Tisch, lachte wie ein Berserker
und erhob sich. Susanne dagegen blieb regungslos sitzen und zog ihre Katze an
sich.
    Ganswind und Hermione kamen herein. Ganswind wusste nicht, ob er dem
Polizeirat eine Frage zuflüstern sollte. Er verbeugte sich mehrere Male tief vor
der Dame mit der Katze: »Gestatten Sie, gnädiges Fräulein, Ihr ungewöhnliches
Schicksal ... meine Frau führt mich her ... das bestimmte Bewusstsein, dass Sie zu
den Unsrigen gehören, da wir uns in unseren auflösenden Prinzipien im Gegensatz
zu der übrigen Menschheit befinden, soweit sie nicht bereits unsere
Mitgliedschaft erworben hat.«
    Susanne hielt sich die Hand vor den Mund, bereit, aufzuschreien, aber die
Gegenwart der Dame zwang sie zu gemessenem Anstand. Der Polizeirat hatte sich
inzwischen nicht entscheiden können, ob er die Neugekommenen als bekannt
sogleich begrüssen sollte oder nicht. Sein Benehmen musste auf jede Art bei
Susanne grosses Missfallen erzeugen. Da Ganswind jetzt unbedingt erwartet hatte,
dass die Dame sich entweder erhob oder sie zum Sitzen einlud, so sah er, weil
nichts von beiden eintraf, hilfesuchend auf den Polizeirat.
    Dieser trat also entschlossen vor und gab folgende Erklärung ab: »Die
Leitung des Taifun unternimmt es nun selbst, die Dame zu sich einzuladen.«
    Susanne sprang auf, ganz kindlich erfreut und rief mit einem kurzen Schrei:
»Taifun!« Endlich hörte sie das Wort wieder.
    Ganswind war durch die Freude aufs angenehmste berührt. Auch Hermione. Nur
der Polizeirat stand sündenbewusst dabei, er hatte ja Susanne nicht im mindesten
eingeladen.
    Susanne reichte den beiden sofort wie in alter inniger Herzensfreundschaft
die Hand. Diese befreiten sie aus ihrer verhängnisvollen Lage. Den Freund aus
der Abteilung V brauchte sie nicht mehr, aber ... hatten sie sich nicht
gegenseitig zu ihr verabredet?
    Ganswind sprach: »Sie werden einigermassen erstaunt sein, dass sich Menschen
Ihrer Angelegenheit in dieser Weise annehmen. Die Presse hatte
selbstverständlich das gegenteilige Ziel mit Ihnen im Auge. Diese wollte der
Hotel-G.m.b.H. nur eine Reklame schaffen. Aber wieder einmal beabsichtigt der
Taifun, hier dazwischen zu fegen. Mein Name ist Ganswind, meine Frau Hermione
ist der Leiter des Taifun. Sie dürfen nur zu uns kommen und unsere Abende
besuchen, gnädiges Fräulein, dann geschieht dasjenige für Sie, was Sie zur
Wiederherstellung Ihrer Ehre und zur inneren Rechtfertigung brauchen. Es kostet
Sie diesmal gar nichts, denn Sie geniessen schon jetzt unser ganz vorzügliches
Gefallen.«
    »Ach, ich möchte das nicht einmal umsonst, ich suche ja schon seit zwei
Tagen nach Ihnen.«
    »Und fanden uns nicht? Ist das möglich bei unserer kolossalen Reklame?«
Hermione und er besahen sich vorwurfsvoll, was sie da versäumt hatten, dann
blickten sie aber ebenso erstaunt auf den Polizeirat.
    Der Polizeirat verteidigte sich. »Ich kam selbst erst vor einer Stunde
hierher.«
    Ganswind war aber ganz ausser sich. Wie war es möglich, dass man sie nicht
fand. »Wer hatte Sie denn auf uns aufmerksam gemacht?«
    Susanne winkte gegen den Polizeirat.
    »Können Sie das erklären, Herr Polizeirat? Warum setzten Sie sich nicht
sofort mit uns durch den Fernsprecher in Verbindung? Wir hätten ja das Fräulein
sogleich abgeholt.«
    »Auf ein paar Worte.« Der Polizeirat nahm Ganswind mit hinaus. Draussen ging
er mit ihm auf und ab. »Bedenken Sie doch, das Fräulein ist nicht ganz normal.«
    Ganswind war sehr skeptisch. »Ich habe nicht den Eindruck.«
    »Ich bitte Sie, das Fräulein ist sozusagen in der Irrenzelle untergebracht.
Es ist dasselbe Zimmer, in welchem alle geistesgefährlichen Gäste untergebracht
werden. Sie erkennen es an der doppelten Tür.«
    »Die doppelte Tür ist mir allerdings aufgefallen.«
    »Sehen Sie, wenn ich nicht sofort Zweifel an ihrem Zustand gehabt hätte, so
hätte ich auch bei Ihnen angerufen. Aber so wollte ich heute selber noch einmal
beobachten. Zu meinem grössten Erstaunen fand ich nun das Fräulein bereits hier
in der Zelle.«
    »Sind Sie schon weit mit ihr gekommen? Verzeihen Sie meine Indiskretion.«
    »Bitte, noch gar nicht weit. Nur sie konnte sich schwer von mir trennen. Sie
ist eben fremd hier und hängt sich leicht an diejenigen, welche sich für sie
zuerst interessieren.«
    »Ihre kindliche Freude, als sie uns begrüssen konnte, war aber ganz klar, gar
nicht umnachtet.«
    »Nun, ich hatte ihr auch den Taifun in Farben geschildert, können Sie sich
denken.«
    Ganswind legte für diese Freundlichkeit den Arm um den Polizeirat. »Ja, wie
meinen Sie nun, sollen wir sie trotzdem für den Doktor einladen?«
    »Ich bin ja sehr froh, dass sie endlich hingeht.«
    »Dass sie unsern Salon nicht wusste, stimmt wohl gar nicht?«
    »Herr Ganswind, es wäre möglich, das bitte ich mir zu verzeihen, ich sprach
vielleicht stets vom Taifun und versäumte, Strasse und Hausnummer anzugeben.«
    »Franz Josephsdamm 104 hätte sie doch finden können.«
    »Selbstverständlich.«
    »Wir stehen doch überall an Plakatsäulen, im Adressbuch, doch wohl auch hier
unter Sehenswürdigkeiten, im Hotel Olymp?«
    »Ohne alle Frage, das beweist eben, was ich sage.«
    »Schade.« Ganswind ging eine Weile schweigend neben dem Polizeirat.
    »Ich meine aber, für den Doktor nicht einmal unpassend.«
    »Wie? Glauben Sie das im Ernst?«Ganswind stand mit ihm still.
    »Das Fräulein hat schon heute einen grossen weiblichen Anhang in Berlin und
-«
    »Wissen Sie das bestimmt?«
    »Ich bitte Sie, sie ist bereits Mitglied vom Katzenklub West.«
    Ein heiseres, wieherndes Gelächter von Ganswind war die Antwort. »Das ist
nicht einmal unpraktisch. So wollen wir doch den ganzen Katzenklub zu uns
hereinbringen.«
    »Wenn Sie das nicht für gefährlich halten.«
    »Lieber Herr Polizeirat. Ich bin Vorkämpfer aller extravaganten Richtungen,
namentlich wenn ich dabei verdiene.«
    Der Polizeirat lachte nun seinerseits. »So habe ich Ihnen womöglich eine
grosse Errungenschaft gemacht.«
    »Ausser Zweifel. Wir müssen das Fräulein scharf auf den Doktor lancieren. Und
da wollen wir dann doch sehen, wie es mit den Katzendamen des Klubs West steht,
ob sie sich nicht energisch zu der Angel drängen.«
    »Der Klub hat meines Wissens fünfundsechzig Mitgliederinnen.«
    »Hähä. Mitgliederinnen.« Ganswind lief dem Polizeirat voraus ins Zimmer
hinein. Der Polizeirat folgte und strich seinen Bocksbart. Er war einstweilen
zufrieden, seine ursprünglich rein egoistischen Pläne mit Susanne vor Ganswind
versteckt zu haben. Es kam nun darauf an, wie sich der Leiter des Taifun,
Hermione, inzwischen mit ihr zusammengefunden hatte.
    Diesbezüglich war die Überraschung gross, als sie eintraten. Hermione hatte
ihre Strohschute am Arme hängen und hielt die Hände mit Susannes verschlungen.
Sie schienen miteinander geschwätzt zu haben.
    Hermione strahlte über das ganze Gesicht und rief ihrem Ossi entgegen: »Susi
hat ein Landgut an der Aisne.«
    Ganswind war darüber derart freudig erregt, dass er sein Schnupftuch, das wie
ein Chrysantemum aus der Brust hervorstand, an die Nase schob, Susannes Hand
ergriff und sie küsste. »So sehen Sie eher aus,« sagte er. »Wussten Sie auch das,
Herr Polizeirat?«
    »Ich kann mich der Beschuldigung nicht erwehren, meine Herrschaften, ich
habe von diesem holdseligen Fräulein so viel gewusst, dass mir der Kopf etwas
verwirrt wurde.« Dieses Bekenntnis stand ihm sehr gut zu Gesicht.
    Hermione lachte ihn aus. »Ich glaube, Herr Polizeirat hätte Susanne Flaubert
gerne vorher zur Linken sich angetraut. Wir kamen sehr geschickt, Ossi. Du
müsstest eigentlich der Redaktion der Wahrheit einen ulkigen Brief schreiben.«
    »Ich kann mich in der Tat nicht gänzlich verstecken, verehrte Frau Direktor,
mein Hut und mein Stock stehen im Garderobenschrank.« Er kratzte sich im Bart.
Und Ganswind patschte sich auf die Kniee. »Das ist ganz ausgezeichnet.«
    Der Polizeirat holte zur Verstärkung des Scherzes gleich seinen Hut mit
Bedacht hervor. Nach dem allgemeinen Gelächter hielt es indes Ganswind für
gelegen, die nächsten Entschliessungen zu besprechen. Er setzte sich dazu auf
einen Stuhl. »Wann kommen Sie das erste Mal zu uns?«
    »Du bist zu spät, Ossi. Sie ist bereits Schwesterchen geworden. Wir haben
uns für morgen vormittag verabredet.«
    »Holst du sie ab, Baby?« Er küsste Hermione auf die Hand.
    Diese Art des Verkehrs gefiel Susanne ganz ausserordentlich. »Ach,« sprach
sie, »ich finde allein hin.«
    »Oder gehen wir noch ins Café Finkensieb?« wurde von Hermione vorgeschlagen.
»Herr Polizeirat übernimmt es gewiss, seine Dame nachher wieder
hierherzubringen.«
    Der Polizeirat kratzte sich am Kopfe. »Wenn ich die Wirkung meiner allzu
grossen Zuneigung dadurch abschwächen kann.«
    Susanne warf ihren Seidenbehang über und zog einen Spitzenschleier über den
Kopf. »Kätzi muss ich aber mitnehmen.«
    Sie sahen sich alle an.
    »Ich kann Kätzi nämlich nicht hier allein lassen. Der Hoteldirektor könnte
sie mir stehlen lassen. Wenn ich später in der Bayernallee wohne, so bleibt sie
meistens bei meinem Mädchen.«
    »Gut also. Kätzi kommt mit.« Sie brachen gemeinsam auf. Der Polizeirat bot
dem Fräulein sogar den Arm an.
    Susanne lachte an seinem Arm. »Ich habe doch wenigstens endlich erfahren,
dass Sie Herr Polizeirat Löwe sind.«
    Er antwortete ihr: »Vielleicht, wenn Sie das früher gewusst hätten, so hätten
Sie mir nichts von dem hohen Klub erzählt, dem Sie beigetreten waren.«
    »Wieso?«
    »Ich fühle mich diesen hocharistokratischen Kreisen nicht gewachsen, meine
Dame.«
    Ganswind machte kehrt nach ihnen. »Es wäre gänzlich verfehlt gewesen, Herr
Polizeirat, wenn wir diese Gelegenheit nicht ergriffen hätten.«
    Susanne frug: »Bin ich damit gemeint?«
    Die Gegenantwort verschlangen die vorbeisausenden Wagen der Grossen Berliner.
Im Café gaffte alles nach der Strohschute der nordischen Hermione. Die kleinere
Susanne konnte selbst trotz Katze nicht in dem Masse auffallen. Man machte tiefe
Komplimente. Ganswind hielt es kaum für nötig, durch Gruss zu erwidern. Er
schlenkerte nervös seine Zigarette von Mundwinkel zu Mundwinkel, bis er an dem
stets reservierten Tisch angelangt war. Das machte alles einen hochbegüterten
Eindruck auf Susanne. Es war ihr höchstens bange davor, wenn es schliesslich
aufkam, dass die Zeitung gar nicht so unrecht gehabt hatte, sie als Hochstaplerin
zu bezeichnen.
    Aber wenn es ihr wohl ergehen konnte, warum hätte sie da fernbleiben sollen.
Ihr Tischnachbar hätte sie offenbar gern zum Dauerverhältnis genommen, wenn sie
sich in kleine bescheidene Verhältnisse hätte fügen können. Aber sie war lieber
Berlin W., das schon ihr Käterchen als allein stilvoll erkannt hatte. Wo wohnte
er denn? Ach, das musste sie ihn gleich fragen. »Wo wohnen Sie denn, Herr
Polizeirat?«
    Er sah sie an und ärgerte sich über die Frage. Eigentlich ging er sie gar
nichts mehr an. Er tat nur so vor Ganswind, als würde es ihm dauernd
Sitzschmerzen erzeugen, so kühl bei Susanne zu sitzen. »In Friedenau.«
    »Ist das auch W.?«
    Hermione fiel schnell dazwischen. »Das ist alles ein und dasselbe.
Eigentlich ist es nicht W., aber es ist auch W. Eigentlich ist es Vorort. Aber
die Menschen wohnen sehr gern dort.«
    Susanne war unterrichtet. Es war also nicht W.; ganz so sah er auch aus. Sie
begriff nur nicht, wie der hausbackene Rat mit ihresgleichen in so nahem Verkehr
stand. Mit Hermione fühlte sie sich ganz auf einer Ebene. Als Fisch wäre sie mit
ihr in einem Bassin geschwommen, sie hätten vergnügt miteinander gespielt und
einander dabei das Futter abgejagt. Mit ihr sprach sie so leicht und gewandt,
denn die Welt der Erfindungen war leichter zu beherrschen als die Welt der
Tatsachen. Heiter und vergnügt war sie diesen ganzen ersten Abend mit ihnen
zusammen. Es freute sie besonders, dass ihr liebender Rat mit so nachdenklicher
Miene dasass, sobald das Gespräch stockte. Er meinte gewiss, sie habe es Hermione
gesagt, dass sie nicht in den Taifun gehen solle. Aber so klug war sie schon,
nicht so offen zu sein.
    Jedes starke Lachen von ihr hörte der Polizeirat mit Verdacht an. Er war
eigentlich zu gutmütig gewesen, dass er mitgegangen war. Es war ihm eben gegangen
wie seinem Freunde, dem Pfarrer von Afalterbach, der, um seine Blähungen zu
vertuschen, recht nahe auf die Menschen aufrückte. Die Musik war, nach Ganswinds
fortwährenden Äusserungen und Gesichtszuckungen zu schliessen, heute sehr
miserabel. Er machte Susanne darauf aufmerksam, wie man bei den Stücken dieser
Komponisten immer schon vorher wisse, was komme; jedem Piano folge ein heftiges
Forte, es wäre eigentlich, wie wenn man eine Karussellmusik vernehme, die der
Windstoss einem von ferne bald zuträgt, bald wegbläst.
    Auf Susannes Frage: »Spielen Sie auch Klavier?« gab er gar keine Antwort
sondern schnaubte und besann sich, ob er mit solcher Gans nicht zu früh operiert
hatte. Hermione musste erst die Antwort geben. Und sie war nicht leicht. Unter
Umständen unterbrach er aus Rache die mitternächtliche Fidelei mit ihr. Sie
sagte: »Ossi spielt Flügel.«
    Ossi küsste für diese hübsche Antwort Baby vor allen Menschen im Lokale.
    Susanne nahm ihr Mündchen zwischen die Hand und rieb es ab, so leid war es
ihr, dass sie nicht auch geküsst wurde.
    Und nun kam bald die Polizeistunde. Um elf Uhr wurde ohne jede Rücksicht das
Licht gelöscht, dass die Gäste im Dunkel sassen, und wenn sie Lust hatten, sich
morden und prügeln konnten. Der Kellner verlangte Bezahlung. Ganswind und
Hermione sahen sich an. - Susanne zahlte selbst.
    Es machte ihr viel Freude, dass sie ihr goldenes Beutelchen zeigen konnte.
Den Polizeirat biss es derart in den Augen, dass er gähnen musste. Er hatte
offenbar schändlich Hunger. Mit seinen scharfen Zähnen machte er einen
blutdürstigen Eindruck. dabei sprach er fortwährend: »Ja, würde bald Friede
werden!« Er sprach das nicht bloss, um seine Verlegenheit vor der wertvollen
Börse, der er nie gewachsen gewesen wäre, zu verheimlichen, sondern auch, weil
es nicht einmal mehr eine anständige Blutwurst zu essen gab.
    Susanne sagte: »In Brüssel gibt es noch alles.«
    Der Polizeirat hätte sie für diese Frechheit am liebsten hintergeschluckt
und sie in die Backen gebissen, die sich so lügenrot und sammetweich wölbten.
»Und da reisen Sie nach Berlin?« war seine Entgegnung.
    »Ach, Herr Polizeirat, ich esse sehr wenig.«
    »Es ist schändlich, mir knurrt dauernd der Magen, und die Damen ernähren
sich schon von der Luft. Wenn man da auch noch Liebe spenden soll!«
    Hermione dachte an das Sprichwort: »Ein guter Hahn wird selten fett.«
    Und der Polizeirat kehrte es um: »Ein dürrer Mensch ist selten Hahn.«
    Nun war er Susanne richtig verekelt. Wenn auch noch Ernährungsfragen für
seine Leidenschaften in Betracht kamen! Oder hatte sie darüber noch nie richtig
nachgedacht? Wie ein Streiflicht ging das Erlebnis mit einem Möbelspediteur
durch ihren Kopf. Der hatte die ganze blaue Schürze voll dicker
Schweineschmalzstullen und ass immer und tat immer, als könnte er nicht genug
kriegen, die Möbel auf- und abzutragen.
    Ganswind betonte noch: »Es ist wahr, was Herr Polizeirat sagt, das Geld
nützt Ihnen in Berlin fast nichts. Es ist trotz allem nichts zu haben.«
    »Und meinen Sie, ich bezahle hundert Mark für eine Gans?«
    Die andern lachten, auch jemand am Nebentisch. Susanne verzog spöttisch die
Lippen; sie hatte eine Art an sich, oft nicht lachen zu wollen. Sie nahm es
Hermione fast übel, dass sie nicht gleich aufstand und mit ihr vom Tische ging.
Das war doch so grob und bäurisch geredet. Natürlich hatte er nur nicht die
hundert Mark. Gänse gab es genug.
    Ganswind bemerkte so kurz vor Schluss mit Besorgnis das launische Gesicht der
interessanten Belgierin. Er musste notwendig Susanne noch einen Blick in die
Zukunft tun lassen, damit sie sich nicht in ordinärer Gesellschaft fühlte.
Hermione hatte ihn dazu mit dem Ellbogen angestossen. Er sprach plötzlich von dem
berühmtesten Schauspieler der deutschen Weltbühne, von Dr. Bäumler. Und mit ganz
geschickter Bezugnahme. Er frug Hermione, indem er ihr von unten in die
Vergissmeinnichte sah: »Hat eigentlich Dr. Bäumler schon seine Verlobung
angezeigt?«
    Hermione blieb durch die Frage äusserlich sehr kalt, und doch schoss ihr die
Röte ins Gesicht. Das musste natürlich auf Susanne einen anzüglichen Eindruck
machen. da hatte ja soeben eine verheiratete Frau ihre verbotene Liebe verraten.
Susanne klopfte das Herz. Was sie wohl antworten würde? Oh, wie ihr die Antwort
schwer wurde! Die Röte wich erst einer kreideweissen Blässe. Aber der Gemahl
wollte die Antwort. Endlich zuckte ein neckisches Blitzen, vielleicht auch eine
räuberische Gier, durch die Vergissmeinnichte, und Hermione antwortete: »Ich
meine doch, er denkt gar nicht daran, solange er in unserem Salon verkehrt.«
    Der Polizeirat sah listig in seinen Bierrest, den er austrank. Dann, als er
das Glas absetzte, war ihm die richtige Beteiligung eingefallen. Er tat, als
wenn er sich stark verschluckt hätte, keuchte und hustete.
    Ganswind sah Susanne verstohlen an, und Hermione erhob sich, um nach Hause
zu gehen.
    Sie müssen doch nicht glücklich sein, dachte Susanne, sprang gleichfalls auf
und hängte sich an Hermiones Arm. Sie wanderten miteinander voraus. Hinter ihnen
die Männer.
    Hermione machte Susanne auf das reizende Lokal aufmerksam; sie zeigte ihr,
wie fein und sorgfältig alles zusammengestellt war. Die Vorhänge: schwedische
Motive. Und die Beleuchtung in wechselnder Farbe. Susanne hatte keine rechte
Aufmerksamkeit. Sie dachte darüber nach, ob sie nicht den Doktor zu Entschlüssen
veranlassen könnte. Ihr Puls klopfte heftig, wenn sie an sich dachte. Sie war
fähig, jeden zu berücken. Sie hielt auch Frau Ganswind, der sie wie eine
Freundin am Arm hing, nicht für so überschön, dass man ihren Mann nicht von der
Eifersucht befreien konnte.
    Susanne wäre jetzt am liebsten ohne den Polizeirat ins Hotel gegangen, um
dem Roman zwischen Hermione und ihrem Mann, der sich ihr durch den
eigentümlichen Haarschnitt so tief einprägte, in den leer gewordenen Strassen
ungestört nachspüren zu können. Die Szene, welche Ganswind zum Schlusse gemacht
hatte, war so peinlich für Hermione gewesen, dass sie beim Abschied sogar
vergessen hatten, wegen morgen noch einmal »auf Wiedersehen« zu sagen.
    Es blieb ihr belanglos, was sie bis zum Hotel redeten. Sie mussten sogar vom
Wetter sprechen, denn die gegenseitigen Gefühle gingen einander nichts mehr an.
Dem Polizeirat war das recht, er erkannte aus ihrer Einsilbigkeit, dass sie sich
mit beiden Ganswinds verkettet hielt. Und beim Abschied sagte Susanne in
mitleidsvollem Ton: »Gute Nacht.« So konnte der Polizeirat pfeifen und gern zu
seiner Frau gehen. Das gute Kind hatte ihn nicht an Ganswind verraten.
    Klotilde fiel es auf, wie gern er zu ihr kam. Da hatte der Abenteurer eine
Enttäuschung erlebt. Aber sie war ein herrliches Weib und ermunterte ihn zu
neuen Kühnheiten. Es zischte ihm durch den Kopf vor Willen, an anderen Wesen
seine eheliche Meisterschaft zur Anerkennung zu bringen. Er erzählte Klotilde
von der Fremden, die der Doktor kriegen sollte; sie sei hochnäsig und habe ihm
den Erfolg unmöglich gemacht, weil er einen Beitrag für den Katzenklub West
nicht wiedererstatten könne.
    »Pass nur auf, Männi,« sagte sie zu ihm, wie er mit schwüler heisser Stirne in
ihrer Achselmulde lag, »ich werde es der Katze wieder heimzahlen.« Er war dafür
so dankbar, dass er seine Leidenschaft für ihren Körper, in dem solche
Seelengrösse wohnte, gar nicht mehr bändigte.
                                     * * *
    In Dr. Bäumlers Stube summte der Teekessel nachts um zwölf Uhr zum dritten
Male. Die Deutschen und Franzosen führten Krieg miteinander. Er aber stand mit
der ganzen Welt auf dem Kriegsfuss. Die Welt war einfach verkehrt.
    Es bestanden strenge Vorschriften, wieviel jeder Einzelne essen durfte. Er
befolgte diese Vorschriften genau und blieb darum dürr wie ein Hering. Andere
strotzten und glänzten vor Fett und Speck wie in der Sonne des Friedens. Das
konnte nur durch Betrug ganzer Volksschichten geschehen. Da hiess der
fortwährende Aufruf: »Durchhalten.« Sollten doch einmal diese feisten
Meerschweine durchhalten, indem sie ihren eigenen Speck verzehrten! Jeder
einzelne Fall von Übertretung, dem er auf der Strasse oder in der Zeitung
begegnete, brachte ihn zur Verzweiflung. An seinen Graupen lebten Millionen
Läuse, und er ass sie doch. Er streckte sich wirklich nach der Decke.
    Nun hatte er heute einmal seinen Nährstand auf ganz erlaubte Weise
verbessern wollen und war nach Ludwigsfelde hinausgefahren, wo die vielen Pilze
angeblich herkamen. Wollte also Pilze sammeln. Bis in den Pilzforst kam er. Auch
suchte er, nur finden konnte er nichts. Da begegnete ihm mitten im Walde eine
dicke Watschel mit ihrem zwölfjährigen Sohne, beide trugen Rucksäcke und
schwitzten. Er rief sie an. »Was haben Sie in Ihren Säcken?« »Pilze,« war die
Antwort. Vor Aufregung befiel ihn ein Zittern, also die Fette hatte wieder und
er nichts. Sollte er bitten, ihm einige abzulassen, weil sie der Wald doch für
alle getragen hatte? Hunger hatte er, also gewagt. Er bat, was er noch nie in
seinem Leben getan hatte. Was taten aber diese Leute? Sie rannten keuchend
davon, als ob sie mindestens lauter kostbare Eier in den Säcken hätten. Gott sei
Dank hatte er keinen Revolver in der Tasche, sonst hätte er sie einfach
niedergeschossen. Solche Menschen waren Diebe. Es kochte in ihm, und der Dampf
seiner Teemaschine blies zu dem geöffneten Fenster hinaus in die Sternennacht.
    Und wo er nur hindachte, da waren überall Missstände. Wer wusste, warum die
Dame mit der Katze ihre Hotelrechnung nicht bezahlen wollte. Er konnte solche
Katzendamen zwar durchaus nicht leiden, aber wahrscheinlich betrog das Hotel sie
und nicht sie das Hotel. Das wusste er schon, es war immer anders, als es die
sogenannte »Wahrheit« der Welt vorposaunte.
    Es war ein tragischer Fall, dass man von jedem Aussichtsturme aus sehen
konnte, wie die Welt im Spinat lag. Und doch kostete das Pfund Spinat, das
früher einen halben Sechser gekostet hatte, jetzt einen halben Taler. War das
nicht, um alle Bauern niederzuschiessen? Er ging mit dem Gedanken um, entweder
das ganze Münzsystem für ungültig zu erklären und öffentlich vorzuschlagen,
einfach statt mit dem Pfennig jetzt mit der Mark als kleinstem Wert zu beginnen.
Oder er kaufte sich eine Ziege, welche er in die Gemüseläden wie einen Hund
mitnahm. Diese frass dann, während er scheinbar mit der Händlerin feilschte,
hinterrücks einen ganzen Korb feinsten Spinats auf. Und wenn jemand Krach
schlagen sollte, dann sagte er von der Kellertreppe aus die Wahrheit. Die
Wahrheit! Er hatte sich so tief vergrübelt, dass er wähnte, die Ziege an der
Leine zu haben, und aus Versehen die brennende Zigarette mit der Aschenseite in
den Mund schob. -
    So fuhr er vom Bette hoch und sah, dass das Teewasser wie wahnsinnig kochte.
    Oh diese Plage und Wirtschaft! Wenn hier keine Frau herkam, mit einem
ungeheuren Geldsack, und ihn erlöste, so war er ruiniert und hing als der
vergessene und fortgeekelte Schauspieler des Passageteaters in stilvoller
Einsamkeit am Bettpfosten.
    Da fiel es ihm plötzlich ein, was ihm versprochen war.
    Und nun stand er still auf einem Fleck, hielt die Teeblätter in der Hand und
vergass aufzubrühen. Er hatte einen nachtschweren Kopf und fühlte das Mass der
Zeit nicht mehr. An den einen Gedanken, dass er sich bald wieder im Taifun
befand, klammerte er sich eine Stunde unbeweglich. Die Mitternachtstunde hauchte
über ihn hinweg.
    Wahnsinn, nicht zu schlafen. Faule Gleichgültigkeit, nicht zu wachen. Wer
wachte, den traf das Unglück nicht. Das Unglück, das auf die Menschen lauert,
während sie träumen. Sein Herz ging unregelmässig, bald in rasendem Tempo, bald
so schwach, dass er fürchtete, es habe aufgehört. Und dann schwebte er wie
abwesend durch den Raum, und mit Grauen sah er das Schicksal der Welt unter sich
hinwirbeln. Das Schicksal des Einzelnen grausig wie das des Ganzen. Die beiden
Schwestern Helbrandt, in weissen Kleidern mit lila Schleifen um die Hüften und in
den dunklen Haaren, sie sassen, das Ende ihrer Tage in Dezennien erwartend, in
einem Versorgungsheim., gut aufgehoben gegen Bezahlung. Schrecklich, es zu
sehen, wie frische blühende Menschenkinder fruchtlos, sinnlos, ungeschätzt
verwelken. Sinnlos, wie die Tausende von Blüten auf den Bäumen stehen, zwecklos
nur herabzusinken in den feuchten Rasen. Wenn der Taifun die Macht hatte, eine
ihm zu schaffen, die ihn in Rausch und Sturm diese ungefüllte Zeit vergessen
liess, dann war es Sühne für alles Erlittene. Und dann plötzlich schrumpfte er
zusammen und war zaghaft, feige. Sollte er denn hingehen? War die geträumte
Erlösung Weib nicht bloss ein lockender Trug, ihm den Rest der Tage zum letzten,
äussersten Grad der Hölle zu gestalten, zu jenem Grad, wo in Dantes Hölle die
furchtbarste Qual und Siedehitze brannte?
    Ei! Nein, er wagte nichts. Das war eine gefährliche Sache.
    Wie sprachen denn die Ehemänner von ihren Weibern? Und die Natur, die war so
unverschämt und pflanzte sich immer weiter. Ei, ei. Er lachte in die dunkle Ecke
und pfefferte mit den Teeblättern die Geranien vor seinem Fenster. Er zündete
eine Zigarette an und grinste in allen Lacharten nach allen Himmelsrichtungen,
und war doch ganz allein.
    Und was für ein Gelächter gab das im Verein? Da musste er vorher noch
austreten. Es war fast eine Schande, wenn er heiratete.
    Allerdings vom Taifun aus war das Wagnis geringer. Der deckte ihn. Es wagte
dann wenigstens niemand auf einer Redaktion, ihn in höhnischer Weise ins Blatt
zu setzen. Jetzt lachte er laut, legte seine Uhr ab, und bald lag ein
klapperndes hungriges Gerippe auf einer Seegrasmatratze, zaudernd, ob es feig
sein sollte oder tollkühn.
    Als ob es sich lohnte, als Lebewesen Angst zu haben. Ein Akrobat kann auch
nur das Kreuz brechen oder nicht. Nun freilich, solch ein Eheakrobat!? Dr.
Bäumler wälzte sich zur Seite, drehte die Glühbirne ab und schlief, während die
Amseln und Finken, Stare und Schwalben und Rotschwänzchen ein Riesenkonzert
gaben, auf das kein Mensch achtete.
    Wenn Nikisch konzertierte, da lief alles zusammen, hörte und wusste später
nichts mehr davon. Den Schrei der Amsel hörte niemand, und doch kannten ihn die
meisten. Sein Vogel sass eben in einem anderen Baume, er brauchte nicht einmal in
dessen Schatten zu liegen und lag doch unter ihm. Er sang die ganze Nacht und
flüsterte dem Doktor seine Träume zu.
    Vor dem Bilde des umgekehrten Menschen mit der leckenden Katzenzunge
spielten sich Szenen ab, die dem Doktor den Schrei nach Luft mitten im Schlafe
erpressten. Tumulte und verzwickte Verschlingungen. Hermione und ein Mensch mit
einem närrischen Pinguinenschopf, der Polizeirat und der Kopf jenes Dichters
agierten mit Leidenschaft gegeneinander, und plötzlich wurde das Bild lebendig,
der Kopf des umgekehrten Menschen kippte um wie auf der Schiessbude, und sass
wieder regelrecht auf dem Halse, sah sich um, und seine Augen kollerten in ihren
Höhlen umher wie bei dem Optiker in der Friedrichstrasse. Die Katze steckte ihre
Zunge weg, sprang aus dem Bildrahmen und stürzte sich wie ein Tiger in die
gaffende Menge, deren Köpfe vom Schreck wie bei einem Treffschuss umfielen. Und
wirklich, der Taifun war die Schiessbude von der alten Fischerhütte. Ein Zeppelin
flog mit verdecktem Scheinwerfer über den Viktoria-Luise-Platz. Es war ein
donnerndes Getöse, dem der Doktor einige Schlafsekunden mit wachen Ohren
lauschte, dann rieb eine derbe Faust ein Zeitungsblatt über seine Nase und
zerknitterte es, als wollte sie seinen Kopf darin einwickeln. Er rang wieder
nach Luft, da befreite ihn der goldene Portier des Hotel Olymp und schenkte ihm
einen alten römischen Gulden. Das Hotel ging in Flammen auf, und eine Dame mit
einer Katze sprang aus den rauchenden Trümmern, welcher er folgte. Mit ihr sass
er plötzlich im Glashause des Botanischen Gartens. Und die Katze der Dame fuhr
auf den Blättern einer Lotusblume spazieren. Und wie sie auf der Bank sassen, da
entquoll ihm das süsse Geständnis, dass seine Schläfen hämmerten und seine Pulse
zuckten. Er erwachte und wäre am liebsten zum offenen Fenster hinaus auf den Hof
gesprungen vor Wut, dass es nicht Wirklichkeit war, sondern das Narren einer
geträumten Leidenschaft.
    Dieses verfluchte Geschrei der Vögel! Waren sie auf der Welt oder die
Menschen? Er schlug das Doppelfenster zu, dass die Aussenscheiben mit dem Asphalt
des Gartenhofes in musikalische Berührung gerieten. Hähä, das hatte noch
gefehlt. Schon wieder ärmer. Der Arme darf eigentlich nur in Erdlöchern wohnen
wie ein Kaninchen, wenn er sein Geld zusammenhalten will.
    Trotzdem schlief er noch zwei Stunden ... und endlich so ruhig wie ein in
der Kochkiste gleichmässig kochender Kartoffeltopf.
    Und welche furchtbaren Vernichtungen und wasserentschwebenden Geburten hatte
der Taifun des Schlafes über der Weltstadt blossgelegt. Bei Sonnenaufgang lag
manches Auge gebrochen, und manches fresssüchtige Geschrei zeterte in die
güldenen Sonnenstrahlen. Trauer und Freude geigten unter dem Baldachin der
Gotteswelt wie verrückte Schnaken.
    Im Hofe des Taifun spielte ein Leierkasten. Der Hauswirt von Franz
Josephsdamm 104 brüllte aus seinem Berliner Zimmer, das er als Schlafzimmer
eingerichtet hatte, wütend hinaus: »Sie stören meine sämtlichen Mieter, hören
Sie sofort auf, sonst lasse ich Sie verhaften.« Das Register quiekte noch
einmal, und die Orgel stand still. Beleidigte Tritte schlichen aus dem Hof.
Ganswind hatte an seinem Hauswirt, dem Rechtsanwalt Büffel, einen wahren Freund,
denn er schützte die Paukenhöhlen seines flügelschlagenden Gigantismus vor allen
Ohrwürmern falscher musikalischer Betätigung. Ganswind küsste zum Dank und in
Verzückung über den Eingriff seines Hausherrn die aus dem Bette hervorstehende
Ballade Hermiones. Innerlich dachte der Hauswirt zwar ganz anders. Ganswind
betätigte nach seiner Überzeugung eine anormale schwarze Kaffernmusik; »bei uns
in Schöneberg,« das der Leierkasten angestimmt hatte, war eine vernünftige,
angenehme, nachahmenswerte Melodie. Aber Ganswind war eben leider der
rentabelste Mieter; so mussten gerade musikalische Vagabunden und Strolche des
Hofes streng verwiesen werden, denn sonst geschah es eines Tages wie in des
Sängers Fluch, dass Majestät Ganswind eine Kohlenschippe durch die grossen
Zehnmarkscheiben warf und den Orgelmann tötete.
    Letzten Endes war der Hauswirt für Sachschaden und Blutvergiessen auf seinem
Grundstück verantwortlich.
    Nachdem Ganswind und Hermione aus dem Café Finkensieb heimgekehrt waren und
Hermione alle Verwünschungen über den Polizeirat vom Nachtimmel herabgeholt
hatte und Ganswind eingesehen, dass man künftighin etwas mehr Zeremonie in den
Verkehr mit ihm legen musste, wurden eifrige Berechnungen angestellt. Infolge des
unverständlichen Verhaltens des Polizeirates wäre beinahe der dicke Fischzug
eines ganzen weiblichen Klubs dem Taifun entgangen. Also Vorsicht diesem Freunde
gegenüber, der in eigener Politik innerhalb der taifunistischen Interessen
arbeitete. Ob er nun mit der Belgierin tatsächlich noch im Salon eingetroffen
wäre oder nicht, dies entzog sich dem Urteil. Gewiss war, dass er seine eigenen
Entschliessungen treffen wollte. »Polizeirat Löwe glaubt den Taifun zu verstehen.
Und er versteht ihn gar nicht.« Das waren Hermiones Worte.
    Ganswind erwiderte: »Er versteht den Taifun, fürchtet ihn aber nicht.«
    Hermiones Augen öffneten sich weit. »Das kommt von dir, weil du niemals
steif sein kannst, herablassend und auch etwas eingebildet.« Sie wiegte ihren
Schwanenhals und verzog den Mund bitter. So sah sie besonders schön aus, weil
dann ihre babyhaften Züge wichen und ein herrlicher Heroinenkopf erschien. Weil
Ganswind diesen fortwährend anschaute, so vermochte er diesem Vorwurf nichts zu
entgegnen. Er stand demütig gläubig und nahm sich vor, die Worte seiner Göttin
zu beherzigen und zu befolgen. Er hatte zwar Angst davor, wie er die Rolle einer
absichtlichen Steifheit dem Polizeirat gegenüber meistern könnte.
    Hermione sah ihn in seiner verdatterten, bewundernden Stellung stehen und
wurde wütend. »Du machst ein schrecklich dummes Gesicht. Wir werden mit dem
Taifun niemals zur Herrschaft gelangen. Aber das müssen wir. Die anderen sollen
knieen und wir herrschen.« Das sagte sie streng und tyrannisch, dass es Ganswind
noch bänger wurde.
    Die Schulden waren schon jetzt riesenhaft. Die reiche Witwe in Hannover war
gestorben und ausgesaugt. Er spielte mit dem Schlüsselbund in der Hosentasche
und lehnte am Flügel. »Soll ich spielen?«
    »Spiele!«
    Ganswind setzte sich an den Flügel und spielte in der Mitternacht, um
Hermiones Wut zu besänftigen. Das geschah folgendermassen. Er wählte irgendeinen
leidenschaftlichen Teil Hermiones, an welchen er glühend dachte, so dass er sich
gewissermassen in ihren schönen Körper hineinhypnotisierte; dann ging die Musik
ohne irgendwelches Bewusstsein los. Er zuckte und bebte wie von Hermiones
Leidenschaft in Schwingungen gebracht, verzerrte das Gesicht und schnaubte, bis
er seine Kraft in einem plötzlichen Erguss verlor. Dann fielen seine Glieder matt
herunter, und er hing wie eine geknickte Leberwurst über dem Klavierstuhl. Dann
ging sie zu ihm hin und küsste ihn, streichelte ihn über das sonderbare Haupt und
sagte viele Liebkosungen: »Du liebst mich, du bist gut, es war so schön.« Da
konnte er weinen und vor ihr in die Knie sinken. Und wenn sie dann über ihm
kniete und ihn neu stachelte, so verfiel er wie in epileptische Krämpfe. Diese
achtete sie nicht, sondern tanzte wie Salome vor den wilden Bildern an den
Wänden, an welchen sich ihre Sinne berauschten. Erst wenn sie über ihm
zusammenbrach und ihr der Verstand aus den Augäpfeln tropfte, empfing er ihren
Kuss, bei dem sie seine Lippen zwischen die Zähne zog und zerbiss. Daher waren
seine Lippen fast immer geschwollen. Und seine Musik unfassbar, auch wenn fremde
Damen und Herren zugegen waren. Denn diese Schwingungen vollzog er auch dann.
Nur wusste allein Hermione, was sie zu bedeuten hatten: dass es seine Liebe war.
    Als er gespielt hatte und Hermione zuletzt in Sinnverwirrung am Boden
kauerte, da frug Ganswind schüchtern: »Bist du mit dem Taifun zufrieden?« Sie
nickte mit dem Kopfe und hauchte: »Ja.« Ganswind erhob sich, trat fest auf und
rannte tobend im Salon umher: »Geld muss her! Der Salon ist nur zu klein. Auf die
Vergrösserung erhalte ich das Kapital und verzinse es mit den geringfügigen
Einnahmen. Aber wenn wir turmhoch gebaut haben, dann erdrücken wir, und dann
verdienen wir, und dann leben wir, und dann verprassen wir. Dann bist du Göttin
und ich dein Gott. Ich gehe zum Hauswirt.«
    Hermione hatte ihn dahin gebracht, dass er neue Schulden machte. So gefiel er
ihr, wenn er nicht feig war, sondern frisch wagte. Er liebte sie furchtbar und
sie war glücklich, dass sie ihn nicht totquälen konnte, sondern im Gegenteil zu
neuem Wahnsinn anstachelte. Wahnsinn war die Brücke zum Ruhm. Und der Ruhm des
Taifun war erst da, wenn man seine Wucht einsah und ihn fürchtete.
    Wohin er brauste, der Orkan und Sturm, das kümmerte das nordische Schäfchen
nicht, dem sie jetzt glich, nachdem die Seele aus dem Kopf gerieben war. Und war
das Ende ein gleichgültiger Selbstmord, so hatte sie für sich selbst das Lachen
der Salome, mit diesem verschied sie oder verschied er.
    In solcher Nacht war es den Augen des umgekehrten Kopfes offenkundig, warum
sie der Leiter war, und nicht er. Er war ein einfacher Mensch, aber sie besass
den Ehrgeiz, die bewunderte Kaiserin von Byzanz zu werden. Und doch liebte sie
Ossi heiss. Einmal der Sohn eines Hausdieners gewesen, wetteiferte er mit einer
Frau um die Lorbeeren des Strebens, dadurch den höchsten Erdenruhm zu erlangen,
dass man alles sogenannte Verkehrte verherrlichte. Das Bild mit dem umgekehrten
Kopf konnte darum als das Symbol des Taifun gelten. Und tatsächlich wurde es auf
die Ecken aller Briefbogen und Umschläge als Insignium geprägt.
    Ganswind nahm sich vor, mit seinem Hauswirt über die Abmietung einer
weiteren Etage zu verhandeln. In der Nacht wurde noch der Vorstand des
Katzenklub West nachgeschlagen. Der angestellte Sitzredakteur, ein Herr Kolibri,
war bewandert in der Abfassung schwungvoller Einladungen, auch sassen Hermione
und Ossi noch eine Stunde in den Betten und tranken verschiedene Gläschen
selbstgebrauten Kriegsschnapses. Erst mussten die Körperkräfte wieder belebt sein
und das Gefühl in die erschlafften Glieder zurückkehren, ehe wieder mit den
nüchternen Geschäften begonnen werden konnte. Vier Uhr morgens war ihnen keine
fremde Stunde.
    Gesichtsmassage und Schminken hatte Hermione in London »in the towerplace
five« erlernt.
    So war eine Frau sechsundzwanzig, die tatsächlich schon ins Vierzigste
hineinschritt. Sie wickelte ihre Waden, um gefährliche Adern zu bekämpfen. Der
elegante Schimmer ihrer Erscheinung glich dem lockenden Glanz eines
illuminierten Warenhausschaufensters. Ein aufrichtiger Naturfreund konnte sich
nicht in sie verlieben, so sehr sie verstand, natürlich auszusehen. Diese
Vernunft, den Körper vorzulügen, weil die Schönheit der Seele mangelte, hatte
sie nicht allein. Allgemein galt es für unkultiviert, natürliche Hautfarbe zu
besitzen.
    Es war also gleichgültig, wie stark die Natur abgenützt war, weil der Schein
gewahrt wurde. Die persönliche Lebenshaltung der Taifunwirtschaft war durchaus
nach der Mode, von welcher die verfochtene Kunst ganz ferngehalten schien. Sonst
hätte die Presse nicht so unflätig gegen den Taifun geschrieben. Bisher hatte in
der Kunst die Mode gegolten, welche die Salons am Tiergarten und Unter den
Linden zur Ausstellung brachten. Die Kunstgaben des Taifun schlugen allen ins
Gesicht. Auch das war Schein. Der Taifun verbrauste in der Wüste oder in der
Unendlichkeit des Meeres, sobald er Mode wurde. Warum führten also diese zwei
Menschen einen solchen Kampf mit den »andern,« zogen Anhang an sich? Doch nur,
damit sie sterben konnten.
    Hermione hätte, da sie den Gebrauch der Schminke so gut verstand, ein
kampfloses Dasein führen können. Aber sie beide wurden von ihren Bildern unruhig
gemacht, von Werken, um derentwillen ihre Künstler den Märtyrertod starben.
    Ein gesunder Blick in das Uhrwerk der Welt, wie es Gott geschaffen hatte,
behütete vor Wahnsinn und Martyrium. Und dieser Blick war bei Ganswind durchaus
gesund. Er wusste, dass die Kunst der Künstler stets aus dem Menschenhirne
entsprang, ob es nun die Dinge farbig wiedergab oder grau und fahl. Fast still
und verschlagen sass er im Gehäuse, wo das Uhrwerk absurrte, kam dann geschwind
hervor, überraschte mit dem Verrat eines von ihm erkannten Nippels und galt
dadurch als Zauberer, weil begreiflicherweise alles Erfolg hatte, denn alles war
ein Teil des Uhrwerks.
    Es war das ganze Genie jedes Hexenmeisters zu allen Zeiten, dass er die Dinge
in ihrer Besonderheit erkannt hatte und die Erkenntnis verschwieg. Das wusste
Ganswind, dass er über die ausgestellten Werke schweigen musste.
    Wer den Taifun betrat und grosse Kritiken an Mitbeschauer preisgab, der
konnte gewärtig sein, dass er mit einem gewandten Hundstritt an die Luft gesetzt
wurde. Vor diesen Zauberwerken hatte jeder in Ehrfurcht zu verstummen. Es war
ähnlich wie in der altmittelalterlichen Erzählung, wo der König und sein ganzer
Hof nicht für sündhaft gelten wollten, weil sie auf der weissen Wand keine
gemalten Bilder sahen. Sie sahen alle Bilder, obgleich die Wände rein weiss
geblieben waren. Der Zauberer, welcher so malen konnte, wurde obendrein reich
beschenkt und hoch geehrt. Die Schweiger, welche den Taifun betraten, zählten
zur Gemeinde. Diese opferten auch ihr Geld für sinnlose Quadrate und Dreiecke,
worunter stand »Bild«. Wehe dem, der lachte.
    Ganswind war im Recht. Es bestand kein Gesetz, Dreiecke nicht als Bilder
ansehen zu dürfen, sie waren gewiss viel eher Bild als ein in die Ebene
gequetschtes Menschenantlitz. Darum waren im Taifun die Porträts mit
Schnurrbärten versehen. Davor war das Lachen auch von Ganswind gestattet, weil
dieser Schnurrbart die Künste von anno Domini des Raphael und Leonardo
verhöhnte.
    Trotzdem konnte der Rechtsanwalt Büffel absolut nicht einsehen, warum das
Bild vom Menschen mit dem umgekehrten Kopfe als Glanzstück betrachtet wurde und
fast als heilig galt. Er war unglücklich darüber, dass Ganswind nicht davon
abkam. Aber er verschwieg diesen Kummer, war allzeit freundlich und von grösster
Aufmerksamkeit gegen seinen Mieter. Er verbot jede Musik auf dem Hofe. Die
Mitternachtsmusik Ganswinds, welche alle anderen Mieter des Hauses rasend
machte, blieb geschützt, und Hermione konnte sich nicht satt genug kitzeln an
seinen musikalischen Begattungen. Die Küchenfee im vierten Stock weinte, dass die
Drehorgel verstummen musste. Die Beschwerden über Nachtruhestörung blieben alle
in den Papierkörben des Polizeibureaus stecken und trieben wie die Asche des
unschuldigen Abel gegen den Himmel. Sie wurden totgeschlagen, das heisst: durften
nicht zu Worte kommen; der Kain aber schwang die Keule. Zum Dank für die nie
verwehrte Nachtmusik mietete Ganswind bereits das dritte Mal eine weitere Etage
...
    Der Hauswirt war darüber fassungslos, wie für solche Kunst so viel Geld
aufgebracht wurde, dass Ganswind die teuere Miete bezahlen und er sie einstecken
konnte. Einmal besuchte er wegen der Angelegenheit einen Sachverständigen, ob es
dem Hause keine Gefahr plötzlicher Entwertung bringen könnte, falls Ganswind
verkrachte. Er warf nämlich Ganswind zuliebe immer wieder neue Mietsparteien aus
dem Hause. Da sprach der Sachverständige weise zu ihm: »Seien Sie beruhigt, Herr
Rechtsanwalt, lassen Sie das Haus mit Bildern füllen bis unter den Dachboden.
Und wird er einmal pleite, so brauchen Sie nur den Hausschlüssel umzudrehen, und
die ganze Kunst ist in Ihrem Besitze, dann bringen Sie dieselbe unter den
Hammer. Und was der Hammer herausschlägt aus dem Geschmack des
Auktionspublikums, das ist Ihre.« Rechtsanwalt Büffel war so klug geblieben wie
vorher. Er hätte gern wissen wollen ob auch nur ein Bild wenigstens einen
Groschen wert war. Aber darüber waren sich die Gelehrten scheint's nicht einig.
Rechtsanwalt Büffel war in steter Besorgnis, dass sich das Ehepaar ums Leben
brachte, dann war er schwer geschädigt, denn Ossi und Hermione hatten die ganzen
Galerien testamentarisch der Stadt Berlin vermacht. Die Stadt hatte das
Testament angenommen, ohne je einmal die Bilder geschaut zu haben. Bezahlte ihm
dann die Erbin den grossen Mietausfall? Oder bezahlte gar die Stadt sämtliche
Kapitalisten des Taifun? Rechtsanwalt Büffel hatte also das grösste Interesse,
dass die beiden vergnügt und lebensfroh blieben, darum gestattete er ihnen alles.
Vortragende Künstler durften im Taifun brüllen, dass sich die Frau Professor des
Querflügels aus Verzweiflung zur Morphinistin entwickelte. Die Treppen und Flure
mussten sich die übrigen Mieter mit taifunistischen Ölen beschmieren lassen. Nur
damit das wahnsinnige Ehepaar in guter Stimmung blieb und an seinen Endsieg
glaubte. Mit Riesensummen waren die Kunstwerke in den Katalogen angegeben. Im
Jahre des Heils 04 mit 3000 Mark gezeichnete Bilder waren im Jahre des Heils 11
schon auf 40 000 gestiegen. »Herr Rechtsanwalt, ist denn das kein Beweis, wie
glänzenden Erfolg der Taifun hat? Solcher Wertzuwachs?«
    »Ja aber,« sagte dann Büffel.
    »Wieso ja aber?«
    »Ich weiss nicht.«
    »Das glaube ich, dass Sie nicht wissen. Das weiss auch nicht einmal ein
Sachverständiger. Das wissen nur wir und die Künstler, welche zum Teil im
Weltkriege gefallen sind, Russen, Franzosen, Italiener, nur keine Engländer,
weil die der Bewegung noch ferne stehen. Ferner diejenigen alle, welche meine
Postanweisungen nicht erreichen konnten, weil sie so international wohnten, dass
sie bald Sibirien als Adresse angaben, um dann wieder von Marokko Nachricht zu
geben.«
    Der Hauswirt stand einsichtig und überzeugt.
    Hermione fuhr fort: »Nein, das ist nicht Ossis Schuld. Ossi tut so viel für
die Künstler. Alles tut er für sie. Selbstverständlich haben wir einen Gewinn
für uns, aber doch keinen so grossen wie die Künstler. Sie blieben ohne Ossi
völlig unbekannt. Überhaupt: das ist eine grosse Sache, für die wir kämpfen. Wir
kommen selten vor drei Uhr zu Bett. Ossi müsste einmal aussetzen.«
    Büffel seufzte: »Ja, ja. Setzen Sie lieber nicht aus.« Er war ja zufrieden
gewesen, zu hören, dass sie einen Gewinn für sich machten. Schliesslich, woher und
warum, ging ihn nichts an. Die Geldwirtschaft war das Unmoralische, darum auch
rein Menschliche, denn die Spatzen frassen die Kirschen vom Baume ohne Bezahlung,
höchstens liessen sie noch etwas fallen. Die Moral war eben etwas ganz Seltsames.
Man sperrte ja auch nur die ein, welche den Reichen nicht behagten. Und niemals
die Reichen, weil sie den Armen nicht behagten. Büffel war ein im Patentwesen
durchaus bewanderter Anwalt, und er patentierte es Ganswind ganz gern, dass sie
sich zu den Reichen zählten. Armes Pack hätte er nie im Hause geduldet.
    Hermione trug im Sommer sehr »durchbrochen«. Aber Büffel gewahrte durch das
Lorgnon seiner Gattin, dass hinter der Durchbrochenheit nicht sofort die gemeine
Nackteit kam, wie bei Bewohnern der Zimmerstrasse, sondern wirklich nur ein
vorgetäuschtes Nackt in einem feinen, zarten, weichen, schimmernden süssen
Trikot. Sie waren reich. Der Schein bewies.
    Ganswind erzählte, als er den weiteren Vertrag unterzeichnete, von der
Steigerung der Einnahmen, welche die bestimmt hundert neuen Abonnenten brachten.
    »Hundert fast in einem Tage?« Das war ein Rekord, mit welchem kaum der New
York Herald Schritt hielt.
    »Darum erweitere ich sofort.«
    »Sie haben ganz recht, Herr Ganswind,« sprach die Wirtin, »wie rasch kommen
die Enkel.«
    Der Hauswirt und seine Frau waren die einzigen, Ganswind wirklich
befreundeten Menschen. Sie erfuhren alles. Auch die Pläne mit Dr. Bäumler
bekamen sie zu wissen. Und es wurde dann nicht versäumt, so etwas allüberall
weiter zu klatschen. Das Dienstpersonal des Rechtsanwalts und seine Angestellten
hatten Vettern und Basen. Die Tochter des Hausschlächters interessierte sich
auch sehr für den Taifun.
    »Unser Anhang wird so stark,« renommierte Hermione mit leiser, vornehmer
Zurückhaltung, so dass gleich wieder ein Mann gefangen war.
    Da die Erweiterung sofort in Angriff genommen werden musste, so war bald ein
Aufruhr und Skandal in der Etage, auf welche Ganswind reflektierte. Die
Hauswirtin hinkte mit einem Beine und ging selten aus ihrer Wohnung. Sie hiess
Elisabet, trug eine hochgedrehte Schneckenperücke und ein sich alljährlich
umformendes Kleid, so dass es allmählich aussah wie eine obskure Hunderasse, in
der man den Pudel findet, wenn man den Spitz sucht. Elisabet erschien ohne jede
Vorbereitung in den Räumen des Lampengeschäftes und erklärte, dass geräumt werden
müsse.
    Zunächst wollte sich der Lampenmann zur Wehr setzen, als er aber bedachte
dass der Wirt ein Rechtsanwalt war und solchen Prozess mit allen Schikanen
betreiben würde, gab er nach und hing seine Lampen in die Oranienstrasse.
    Die Wirtin krähte es frohlockend Ganswind entgegen, dass er hineinkönne. »Da
darf nur ich kommen!« prahlte sie und lachte tagelang vergnügt. Ganswind
bezahlte einen bedeutend höheren Preis als der Hinausgeekelte. Sein Geschäft
betrieb auch eine viel fruchtbarere Sache. Wer brauchte heutzutage eine Lampe?
Die Ölquellen waren durch den Krieg versiegt, das Gas doppelt so teuer und
Elektrizität so gemein und alltäglich wie früher Talgbeleuchtung. Die Räume des
Vorderhauses sahen den Lampen mit ihrem Glasgeklinge wehmütig nach, als sie
fortzogen, und wurden ganz schamrot, als sie ihre Wände von dem Wurm dieser
Kunst überschmiert sahen.
    Die Hauswirtin stand drei Tage lang vormittags um zehn Uhr und nachmittags
um die Kaffeezeit bei den Handwerkern, hatte ein grosses Vergnügen, wenn ihr
Ganswind Gesellschaft leistete und von Susanne Flaubert erzählte, was er wusste.
Sie verglich sie dann mit Hermione, die schon ein feines Mensch war, und konnte
den Teeabend fast nicht erwarten, wo sie die Doktorbraut sah, die noch
abenteuerlicher zu sein schien.
    Ihr allein, ganz im Verschwiegenen, hatte es Ganswind anvertraut, dass von
den zuströmenden Damen schon im voraus Susanne für den Doktor bestimmt sei. Sie
hatte die grösste Reklame im Hintergrund, war bereits nach einem Tag Anwesenheit
in Berlin in die Zeitung gerückt worden, besass ein reiches Landgut und eine
halbe Million Mitgift, die er selber hinzudichtete. Was musste das für ein
Frauenzimmer sein, dachte die Wirtin, und streute die unglaublichsten Gerüchte
aus, soweit der Schwall ihrer Klatschkraft reichte, machte aus der Halbmillion
Zweimillion, aus dem Landgut einen Adelssitz. Sie verschrie Susanne als die
Braut und sprach gleichzeitig von einer allgemeinen Konkurrenz. Es meldeten sich
infolgedessen auch solche Leute, welche dem Kampf um die Wahl nur interessiert
folgen wollten, ohne an sich selbst zu denken.
    Die Klatschlust und die Klatschkraft verursachen eigentlich Erfolg und Ruhm
bei allen Geschäften, Kunst wie Heirat.
    Ganswind konnte sich gestatten, den Doktor etwas länger als die versprochene
Frist zappeln zu lassen, weil er seine grandiosen Vorbereitungen zu der
Sensation nachweisen konnte. Er machte es Dr. Bäumler in einem Briefe klar, dass
es viel mehr auf eine volle Sensation ankomme, als bloss darauf, dass er ein Weib
kriege. Diesen Brief las Dr. Bäumler jeden Tag zehn-, zwölfmal, weil er die
Stimme seiner Wünsche war. Er wollte wieder hochkommen, mit einem Ruck wollte er
wieder auf die Bühne gestellt sein, und diesmal so, dass ihn niemand zu
verkleinern wagte.
    Den Doktor hielt man mit Briefen warm. Mit Susanne schloss man sogleich eine
enge Freundschaft. Hermione duzte sich mit ihr, ausdrücklich mit Ossis
Erlaubnis. Auch Ossi schmollierte. Diese Massregel war vorbeugend. Es wäre
möglich gewesen, dass der Doktor nach der Verlobung den Taifun auf
Nimmerwiedersehen im Stich liess.
    Die Verständigung mit Susanne sicherte vor des Doktors Hochmutsteufel.
Hermione interessierte sich im allgemeinen nicht für Frauen. Die Männer waren
ihr fasslicher. Susanne hatte aber das Vermögen, in Hermiones Busen
hinabzusteigen.
    Gleich wie sie am ersten Tage dastand. Im Salon. Tief ergriffen. Wortlos.
Mit grossen erstaunten Augen, ein Perlenkollier um den Hals. Das offenbarte ihren
ganzen Verstand, ihre tiefe Bescheidenheit und ihr künstlerisches Wollen.
    »Es ist zuviel auf einmal,« sagte sie. Davon hatte sie in Brüssel nichts
gewusst. Es kam ihr vor, als ob der Taifun die grösste Sehenswürdigkeit Berlins
wäre. Dass Künstler so etwas zu malen wagten! Porträts von trächtigen Eseln, in
welchen das Junge sichtbar im Bauche lag.
    Aber dann das Bild mit dem umgekehrten Kopfe und der - Katze. Susanne machte
hier einen Schritt vorwärts gegen das Bild und prüfte die Augenfarbe der Katze,
dann rief sie. »Genau wie bei Kätzi!«
    Ganswind und Hermione stellten fest: »Sie haben ein seltenes Talent.«
Susanne errötete wegen dieser Schmeichelei bis hinter die Ohren; und erst jetzt
wurde sie zur Künstlerin geboren. Bisher hatte sie es für einen Polizeischerz
gehalten, aber nun dachte sie wahrhaftig daran, auch so was zu versuchen. Ob das
sehr für die Qualität dieser Kunst sprach?! Vielleicht. Indem es bewies, dass ihr
Betätigung Freude machte. Oder vielleicht nicht, - indem jeder Hinzugelaufene
glaubte, solches auch leisten zu können.
    Es hätte sich also zur Entscheidung der Qualitätsfrage tatsächlich darum
gehandelt, dass Hunderttausende den Versuch machten, die vorgestellten Motive in
freien Wiedergaben nachzuahmen. Gelang es vielen davon, so war die Kunst gering.
Gelang es keinem, so stand diese Kunst auf höchster Stufe.
    Ganswind wusste, es gelang keinem. Jeder der Meister war eine Persönlichkeit.
Wenn also Susanne so tief errötete, so bewies es, dass sie das Ziel für
unerreichbar hielt. Solch ein Menschenkind war noch entwicklungsfähig und
abzurichten. Ganswind versicherte ihr noch verschiedene Male: »Sie werden in
kurzer Zeit Ihr erstes Werk ausstellen.«
    Susanne dachte sich, wie sie einfach einen Pinsel nehmen werde und
ordentlich auf der Leinwand durcheinanderfahren, dann wollte sie mal sehen, ob
man da nicht auch Bild oder Sonnenlandschaft darunter schrieb, und es auch mit
viertausend Mark auszeichnete. Aussprechen wollte sie ihre Absicht, in dieser
Weise zu malen, nicht. Dazu war sie zu klug. Aber sie sah den grossen Salon als
Hochstapelei an. Nichtsdestoweniger gefiel er ihr ausgezeichnet. Sie schien hier
auf dem rechten Pfade zu sein, den sie lange gesucht hatte.
    Eine Hochstaplerin der Kunst mit dem Ruf einer echten Künstlerin! Hier waren
die Zehntausende zu verdienen, mit denen man ein Landhaus tatsächlich bauen
konnte, ohne es in die Luft schwindeln zu müssen.
    Allerdings wer ein Landhaus nicht bewohnt, für den bleibt es gleichgültig,
ob es eine geographische oder eine aerostatische Lage hat. Die Phantasie
Susannes war jedenfalls sehr lebhaft und sie eine grössere Künstlerin, als sie
sich im Ernste zutraute. Darum eben ging sie jetzt täglich im Taifun aus und
ein, dieses Zutrauen zu gewinnen. Und was sie anfänglich für unbegreiflichen
Unsinn hielt, das vereinigte sich langsam und sicher mit ihrem Verstande.
    Sie steckten an. Wer Hermione und Ganswind nicht auf tausend Schritte
fernblieb, der erkrankte am Bazillus der umgekehrten Weltbetrachtung. Pegoud,
der berühmte Franzose, flog mit umgekehrtem Aeroplan, Ganswind lief mit
umgekehrtem Kopfe. Die Taifunisten sahen das; ihnen waren die Augen, es zu
sehen, nicht blind, aber die Normaleuropäer waren mit Blindheit geschlagen,
strafweise, dass sie nicht erkennen konnten.
    Der Taifun wütete im Morgenland.
    Oh armselige Menschheit, die Berlin für eine Tatsache hielt und sich daran
festklammerte. Wie herrlich war das Bild des Künstlers, der den »Frühling in
Mückendorf« gemalt hatte. Es waren die Quallen und Meeresschlünde des Indischen
Ozeans in der Gegend der Philippinen. Man sah Polypenkämpfe und Seesterne mit
Tintenfischen ringend, aber das Gefühl war Mückendorf, wenigstens insofern, als
man sich übers Gesicht strich, um das Picken und Jucken der Mückennerven zu
entfernen.
    Susanne war sehr froh, dass sie hier eine zweite Heimat gefunden hatte. Sie
liebte das Ungewöhnliche, das Nicht-Vulgäre. Und der Taifun war exklusiv, indem
er allen Narren und Unzufriedenen Unterschlupf bot. Es war aber nur eine Frage
der Zeit, wie Ganswind versicherte, bis alle Menschen bei ihm unterschlüpfen
wollten. Gab nicht schon der berühmteste Dichter der Zeit seine Werke in seinen
Verlag? Dieser Dichter konnte doch nicht so wahnwitzig sein, zu glauben, dass
sein Werk den Taifun überstand?
    Susanne war oftmals Zeuge solcher Vorträge und Besprechungen, wie sie von
Ganswind seiner Hermione gehalten wurden, die geduldig zuhörte, bis sie das
Gesicht einer schmelzenden Butter bekam und durstig sagte: »Spiele!« Susanne
wurde sogar darin eingeweiht, was die musikalischen Körperübungen zu bedeuten
hatten, und sie war infolgedessen auch gern dabei, und bephantasierte sich
gespannt, wann es von ihm ging und er matt zusammenbrach. Es war das einfachste
Mittel, Susanne immer wieder da zu haben, und man brauchte ihr noch lange nichts
vom Doktor zu erzählen. Sie sollte nicht ahnen, dass sie hier noch geheiratet
wurde. Sonst betrug sie sich zu auffallend zwischen den anderen Damen, zu
siegesbewusst und verdarb ihnen die ganze Laune.
    Seltsame Andeutungen wurden gemacht, und Susanne verfiel dadurch in
moralische Reflexionen.
    Sie hatte mit dem Direktor des Olymp-Hotel ein lustiges Verhältnis. Sie
hüpfte Sprungseil vor ihm auf ihrem Zimmer, und er sah ihr zu, wie dabei das
leichte Seidenhemd in wirbelnden Flug kam und ihm das Paradies zeigte. Sie
wurden schliesslich so vertraut, dass alles verschwand und der dicke Mensch
oftmals wiederholt einverstanden dazu nickte. Wenn er zu ihr hinkam, so war er
ein lieber Kerl. Und die Hitze der Hochsommertage war erträglich.
    Nun kam die Nacht vor dem Abschied. Die Möbel waren in die Bayernallee
gefahren worden, und Käterchen hatte ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet. Die
Herrin hatte keine Zeit, sie musste im Taifun ihre Kunstbildung geniessen. Und was
von der Zeit noch übrig blieb, das holte sich der Direktor.
    Die ideale Weltauffassung des Freundes Polizeirat wurde mit Toiletteseife
unschädlich gemacht. Es war die schwülste Nacht. Selbst um die tiefste
Mitternacht war noch ein heller Tagstreifen am Horizont. Susanne ging befreit im
Zimmer umher. Es war ihr nicht im geringsten unwohl, wie es andern Menschen
unter solchen Umständen wird, wenn sie gar nichts anhaben, die vor lauter
Vermissen der Kleidung sich kaum zu bewegen wagen. Infolgedessen lag eine süsse
Anmut über ihren Bewegungen. Der Hoteldirektor hatte geglaubt, sich dasselbe für
seine Missgestalt leisten zu können, benutzte den Garderobenschrank und grinste
nach Susanne hinüber. Diese stand aufmerksam still mit erstaunten Augen. Als er
sich dann zu bewegen anfing, und wie ein Teigmischer in der Backstube ging, da
überkam sie doch eine sittliche Entrüstung. Sie verstand plötzlich, wie gemein
das war gegenüber den ungegenständlichen Nackteiten des Taifun! Sie bereute den
Direktor, lief nach ihrem Sprungseil, nicht um wie bisher darüber zu springen,
sondern um dem Direktor eine Belehrung über Anstand damit überzuziehen.
    Sie fuchtelte und schlug.
    »Was, was!« brüllte er. Es entspann sich ein regelrechter Nacktkampf, dem
Hermione durch das Schlüsselloch des anderen Schrankabteils zusah, wenigstens in
der Idee, als es später erzählt wurde. Die Bewegungen des Dicken wurden endlich
schwungvoller und von leidlicher Zier, ganz verwirrt und zerschmettert dagegen
die ehedem ruhigen Linien Susannes. Sie wollte sich mit einem Froschgriffe als
letzte Rettung seiner erwehren, aber das hatte nicht den geringsten Erfolg,
sondern den gegenteiligen, dass sie dem Schwächling die Kraft erleichterte, er
sie überwand und verhaute.
    »Kein Kind, kein Kind!« schrie sie und entwand sich ihm. Während er sich
plump und schwerfällig über die Kante wälzte, raffte sie das Sprungseil von der
Mitte des Stubenbodens hoch; dort hatte es als zuschauende Schlange gelegen.
Zeit, damit zu schlagen, hatte sie nicht mehr, denn das Blut musste dem
schändlichen Menschen entgegentreiben. Sie bildete mit dem Seile eine lange
Viertelstunde kreisende Regenbogen, die sie heftig übersprang wie die
berühmteste Sonnenkünstlerin, bis sie vom Seilhüpfen matt zusammenbrach.
Schweisstriefend. Niemand half ihr vom Boden auf, die Kleider hatten sich aus dem
Garderobenschrank wieder über den Direktor begeben und waren voll schlechten
Gewissens mit ihm hinausgegangen, hinab in den fensterlosen, nur elektrisch
erhellbaren Hazardroom, wo gewöhnliche Spiessbürger sich um die
Existenzberechtigung brachten.
    Die Katze schlief ruhig und schneeweiss während des ganzen Vorgangs auf der
seidenen Decke. Susanne kam zu sich und fasste sich, sie richtete sich auf und
ging zu der weiss phosphoreszierenden Kätzi hin, nahm sie zärtlich auf und frug
sie: »Warum schläfst du, während ich wache, konntest du nicht die Stunde bei mir
wachen?« Kätzi verstand kein Wort davon, streckte die Krallen aus ihren vier von
sich gereckten Beinen und schlief ruhig weiter, als sie wieder hingelegt wurde.
    Susanne bekam von da ab einen Widerwillen gegen ihre luftungrige
Gewohnheit, weil sie immer den wüsten Menschen vor sich sah. Und im
Meinungsaustausch mit Hermione und Ganswind über die Frage der nackten
Menschennatur liess sie sich überzeugen, dass es nicht uninteressant war, bei
Nacht ein froschartiges Trikot anzunehmen, bei dem der Rücken grün war, die
Unterseite gelb. Hermione täuschte so dem Liebhaber Nattern, Kröten, Eidechsen,
vorzüglich Amphibien, aber auch bunte Vögel vor. Susanne lauschte gierig und
frug, ob sie nicht Unterricht nehmen könne.
    »Sehr gern, Unterricht kannst du haben,« sagte Hermione. Von da ab waren sie
Du geworden. Mit welcher Zarteit dieser Unterricht gegeben wurde, darüber war
Susanne hochüberrascht. Niemals war es roh oder brutal, und noch weniger gemein.
Denn nichts geschah ohne den sachte hingeführten Willen.
    Das Geheimnis jeder Schwärmerei für alle Dinge und Gewalten beruhte auf der
Art des Weges zur Überzeugung.
    Die vergötterte Unnatur war die Natur des Geistes.
    Die Welt ist roh, wenn sie nackt ist. Die Nackteit ist nur roh, wenn sie
ohne Phantasie ist. Solche Erkenntnis schrieb sich Susanne in den hohen und
interessanten Kopf. Und da ging noch mehr hinein.
                                     * * *
    Als ziemlich früh am Morgen Käterchen ins Hotel kam, um ihre Herrin
abzuholen, lag diese noch im Bett und die Katze auf ihr. Kaum hatte Käterchen
die Doppeltür geöffnet, als die Katze emporsah und sie anglotzte. Auch Susanne
schlug die Augen auf wie eine Gelenkpuppe. Sie war todmüde. Um sich bewegen zu
können, musste sie einen krampfhaften Entschluss fassen.
    Käterchen war ganz vergnügt eingetreten. Sie hatte sich gefreut, heute
Susanne zur Wohnung bringen zu können. Als sie aber Susanne so steif und faul
liegenbleiben sah, wurde sie missmutig und sah grau in die Welt.
    Als Susanne endlich frug: »Willst du uns holen?« knurrte Käterchen mürrisch:
»Ja.« Dann entstand wieder eine Pause. Endlich stand wenigstens die Katze auf,
machte einen Buckel, sprang vom Bett und setzte sich auf den Sandnapf.
    »Siehst du, wie sich Kätzi hier gut eingewöhnt hat?«
    »Wer hat es denn hier immer sauber gemacht?«
    »Der Hausdiener.«
    »In der Wohnung habe ich es diesmal in der Balkonnische eingerichtet.«
    »- - Käterchen, ich möchte mich so gerne totschlafen.«
    
    Käterchen gab darauf keine Antwort, sondern legte den Kopf verdriesslich auf
eine Stuhllehne. Erst viel später stöhnte sie: »Zu was man überhaupt auf der
Welt ist?«
    Susanne verhielt sich ganz schweigend und sah starr zur Zimmerdecke mit
ihren verschnörkelten Stuckornamenten. Die Katze scharrte vorsichtig mit den
Pfoten den feinen märkischen Sand über ihre Aufführung, dann ging sie zu
Käterchen hin und umschnurrte sie.
    »Ja, wollen wir denn überhaupt hingehen? Wir wollen ja sterben,« sprach
Käterchen zur Katze.
    Jetzt sah Susanne nach ihr hinüber und bemerkte ihre üble Laune. »Ich gehe
ja sehr gern von hier fort. Sei doch nicht gleich so missgestimmt, Käterchen. Ich
habe schrecklich lange Seil gehüpft heute nacht.«
    Käterchen ging jetzt zu ihr ans Bett hin und setzte sich auf die Kante.
»Warum denn so lange?«
    Susanne verdeckte die Augen mit beiden Händen. Käterchen horchte ganz still:
»Sie weinen ja?«
    Susanne warf plötzlich die Decke von sich und deutete hin.
    Käterchen sah nahe darauf und sagte mitleidig: »So roh und unhöflich werden
sie aber in Berlin nicht sein.« Dann strich sie liebkosend darüber und küsste.
»Ich habe mir's doch halb gedacht, dass es Ihnen schlecht geht, wenn ich nicht um
Sie herum bin. - Ein Hotelgast?«
    »Nein, er selber.«
    »Der Polizeirat?«
    »Nein, der Direktor.«
    »Sagen Sie's doch dem Polizeirat.«
    »Warum denn?«
    »Darum denn.«
    »Darum denn?«
    »Fräulein Susanne.«
    »Käterchen, Käterchen. -«
    Kätzi ging aufgeregt umher. Und Susanne stiess Käterchen von sich. Diese war
wieder zufriedener, kramte und packte zusammen. Sie wartete nun geduldig, bis
sich ihre Dame entschloss, aufzustehen.
    »Das Frühstück werden sie mir heute nicht mehr bringen.«
    »Das würde ich aber gemein finden.«
    Kaum hatte Susanne ihren finsteren Verdacht ausgesprochen, als die Doppeltür
aufging und die Jungfer alles brachte wie gewöhnlich. Käterchen sah beobachtend
auf das Gesicht der Jungfer, aber es konnte ihr nichts auffallen. Sie schwebte
mit gleichgültigem Gesicht wieder ab.
    Nun erhob sich Susanne. Sie liess sich noch vor dem Frühstück von Käterchen
waschen. Es war schon wieder ziemlich heiss, sie verlangte darum ihren weissen
Hänger. Sie war Käterchen für ihre Hilfe heute besonders dankbar und strich ihr
dafür einige Male zärtlich über die Backe.
    Endlich sass Susanne beim Frühstück, und Kätzi konnte ihren Platz auf ihrem
Schoss einnehmen. Susanne teilte alles gesetzmässig mit ihrer Katze.
Auffallenderweise nieste Kätzi mehrere Male, was Susanne wenig liebte, weil sie
dann immer einige Katzentröpfchen in die Tasse und auf das Gebäck bekam. Da
entdeckte Susanne plötzlich, dass noch eine Schale auf dem Tablett stand. Als sie
ihren Deckel abhob, langte bereits Kätzi mit der Pfote hinein, bettelte und
winkte. Es war extra eine Zugabe russisches Brot, deutsches Fabrikat. Susanne
war darüber so verwirrt, dass Kätzi, ohne abzuwarten, zugriff. Das O hing
zierlich an ihrem Pfötchen und ihr Züngchen leckte. Käterchen lachte darüber von
der Waschtoilette aus, wo sie Quasten, Schwämmchen, Fläschchen, Döschen sauber
zusammennahm.
    Susanne missverstand das Gelächter und sah streng nach Käterchen hinum.
    »Ich lache wegen der Katze, Fräulein Susanne.«
    Jetzt sah Susanne das O an der Pfote baumeln. Sie schlug es ihr aus der
Tatze, warf es erzürnt in die Schale zurück und stiess die Katze vom Schosse.
»Dummes Tier, davon dürfen wir nicht ein Stück berühren.«
    Kätzi schaute verwundert vom Boden auf und Käterchen frug: »Warum denn
nicht?«
    »Das versteht ihr nicht.«
    Käterchen schüttelte den Kopf, Kätzi sprang auf den Fenstersims und leckte
ihre Pfote.
    Susanne stand rasch auf: »Wir müssen machen, dass wir hinauskommen, sonst
kommt das Schwein selbst noch.«
    Es ging nun Hals über Kopf. Susanne warf selbst alles kunterbunt in den
Koffer und in die Handtasche. Kein Schnipselchen Papier durfte als Reliquie
zurückbleiben. Sogar die vertrockneten Blumen musste Käterchen noch hinaustragen,
alles Wasser, die Handtücher, Badelaken und sogar den Katzentrog.
    Kurz vor dem Weggehen öffnete Susanne noch einmal alle Schubladen und die
Schranktüren. Nichts war mehr da. »Gut.«
    Aber Käterchen hatte aus Naschsucht noch ein O aus dem russischen Brot
gelangt.
    Dann ging es los. Kätzi nahm es diesmal Käterchen nicht einmal übel, dass sie
genascht hatte. Im Gegenteil, sie gönnte es Susanne, dass ihr jemand davon
geklaut hatte.
    »So jetzt,« sagte Käterchen, um ihren verbotenen Griff zu verwischen.
Susanne liess Käterchen noch extra vorangehen, damit sie nichts von dem Gebäck
nehmen konnte. Kätzi zeigte, als sie genommen wurde, ihren Groll dadurch, dass
sie sich nicht gleich in Form gab. Das Hotel machte einen fast ausgestorbenen
Eindruck. Niemand zeigte sich.
    Susanne dachte frohlockend: »Ich habe es richtig geahnt, wie man steht; Gott
sei Dank habe ich das Gebäck nicht angegriffen.«
    Käterchen frug: »Hat das Fräulein schon gestern abend bezahlt?«
    »Sag einmal, verschenkt ihr Schwarzwälder euer Holz, wenn es einer hobeln
will?«
    »Nein, das wird teuer bezahlt, das Schwarzwaldholz.«
    »Ich habe im Gegenteil noch eine Forderung an das Hotel, ich verzichte nur
auf die Klage.«
    »Warum denn?«
    »Darum denn, aber Kind, wir sind hier auf der Strasse.« Susanne war wieder
gewandt und umsichtig auf ihren hohen Stöcklingen. Sie winkte schnalzend mit der
Hand. Und um zehn Uhr waren sie in der Bayernallee.
    Käterchen klopfte das Herz.
    Der Eingang war bekränzt mit einem »Salve«. Die Portierfrau fegte auf der
Treppe, besah sich das Fräulein genauestens, sagte aber lieber nichts. Das
verlangte die Neutralität.
    Susanne war überrascht. Sie ging durch die ganze kleine Wohnung. Käterchen
folgte ihr mit nur halbem Vergnügen, denn sie waren noch nicht in der Küche
gewesen. Auch dort blickte sich Susanne mit Wohlgefallen um, doch fiel ihr das
wenige Geschirr auf, so dass sie endlich frug: »Wo ist denn das viele Geschirr?«
    Da sah Käterchen verlegen zu Boden. »Da ist das meiste zerbrochen.«
    Sie kriegte dafür natürlich etwas ab. Innerlich dachte Käterchen. »Na, ich
habe mir das O dafür genommen.«
    Aber sie irrte; wenn Susanne das gewusst hätte, dafür hätte sie zum Zahnarzt
gehen und sich zur Strafe einen Zahn ausreissen lassen müssen, wie schon einmal
in Brüssel, als sie den Kapitän gegen ihren ausdrücklichen Befehl doch wieder
hereingelassen hatte. Käterchen atmete auf, nicht weil die Backpfeife herum war,
sondern weil das Fräulein endlich das Transportunglück mit dem Geschirr wusste.
    Susanne war heute nicht in der Verfassung, sich über zerbrechliche
Glücksgüter grossartig aufzuregen. Sie setzte sich auf den Diwan. Obwohl es ihr
gefiel, kam sie sich doch einsam und verlassen vor. Jedes Wort hallte nach, so
neu waren die Räume. Sie seufzte. »Jetzt sollten wir bloss wieder einen Mann
kriegen, so ähnlich wie den Mister Robertson, weisst du noch?«
    Käterchen kratzte sich am Kopfe: »Ist alles schon angebändelt.« Sie stemmte
die Arme in die Hüften und erzählte von ihrem bisherigen Abenteuer. Susanne
hörte ihr nicht ohne Beklemmung zu, sie hätte doch lieber die Entscheidung mit
dem Doktor abgewartet, von dem sie gleich seit dem Abend im Café Finkensieb
gedacht hatte, dass sie ihn Hermione abjagen müsse. Nun stand ihr Dienstbote mit
einem felsenfesten Programm vor ihr, auf das sie eingehen musste, »weil sonst
Onkel und Tante schimpfen.«
    Na, der Direktor war ja auch in der Leichenkammer. Mit Zimperlichkeit war
ein Leben unmöglich.
    »Was ist es denn für ein Mensch?«
    »Sein einziger Fehler, er pomadisiert sich ein bisschen zu sehr.«
    »Dann einmal los, ich warte nicht gern.«
    Käterchen kam in Verlegenheit. Sie hatte es ja noch nicht einmal mit Onkel
und Tante besprochen. Sie wollte eben nur ihre alte Brauchbarkeit erweisen, den
Beweis geben, dass sie in Berlin gerade so erfolgreich und vorsorgend arbeite wie
in Brüssel.
    Susanne bemerkte das leise Zaudern sofort und frug: »Hast du denn noch gar
nichts?«
    »Fräulein, jawohl, ich hab was. Soll ich denn jetzt gleich zu Onkel und
Tante hin gehen?«
    »Ja, liebes Käterchen, jeden Tag, wenn die Sonne wieder abwärts klettert,
geht es der Nacht entgegen.«
    »Aber das Mittagessen?«
    »Ich werde in den Taifun gehen.«
    Käterchen machte ein enttäuschtes Gesicht, dass das Fräulein nur geschwind
für einen Augenblick daheim hinsass wie in einem Untergrundbahnwarteraum.
    Das ärgerte Susanne und sie sagte. »Du kannst deine ganze Wohnung wieder
einpacken, wenn sie nicht für mich ist.«
    »Das denke ich ja eben, Fräulein. Sie möchten es sich hier auch ein bisschen
gefallen lassen.«
    »Sagte ich denn nicht, dass es mir gefällt? Nein, du willst, dass ich mit dir
lang und breit über alle die Kleinigkeiten die Zeit vertrödle. Ich soll sagen:
ah, da hast du den Spiegel aufgehängt, da hast du ..., jeden einzelnen
Gegenstand soll ich noch einmal durchquarkeln.«
    Käterchen ging in ihre Kammer und dachte: Undank ist der Welt Lohn. Und
diese Eile mit Onkel und Tante tat doch gewiss nicht not. Das hätte sie am
nächsten Sonntag noch alles verabreden können. Jedenfalls musste sie dem Herrn,
der sich finden liess, nun notwendig Pomade auf den Kopf schmieren, weil sie das
nun einmal ins Blaue hinein geschwindelt hatte.
    Susanne ging noch vor Käterchen weg. Diese musste den einen Koffer wenigstens
vorher auspacken und die Kleider in den Schrank hängen, damit sie nicht so
verdrückt wurden.
    Erst als das geschehen war, verliess auch sie die Wohnung. Onkel und Tante
waren nicht wenig erstaunt, als sie zu dieser ungewohnten Mittagsstunde kam. Der
Kaufmann und Schankwirt zum Über-Otto, Herr Biermann, hatte Angst, sie wolle zu
Tisch bleiben. Sie hatten selber nicht satt zu essen. Unter den Glastischen des
Schanktisches standen zwar alle möglichen Kostbarkeiten, diese waren aber aus
Porzellan. Es waren nur die Modelle der Fressalien, die wieder auferstanden,
sobald der Friede kam. Die Frankfurter, Eisbeine und Rippespeer! Ach, wenn man
da zurückdachte an die schöne Friedenszeit, so wurde Herr Biermann von einer
quälenden Schwermut erfasst. Eigentlich lebte schon längst kein Mensch mehr; das
Leben, was man führte, war ein Schattendasein. Frau Biermann war zwar noch fett,
aber nur, weil sie ländliche Verwandte hatte, die ihr Mann nicht auf sich
beziehen durfte. So sah er recht mager aus wie ein Schmachtriemen. Er gab
Käterchen wohl die Hand, aber als er zu seiner Frau hinterging, den Besuch zu
melden, schimpfte er und drohte seiner Frau: »Dass du ihr nichts zu essen gibst!
Bleibt sie länger, so essen wir eben erst zu Mittag, wenn sie wieder weg ist!«
    Frau Biermann gefiel dieser Hass auf so ein weit gereistes und unterhaltendes
Mensch wie Käterchen gar nicht. Sie kam heraus und nahm Käterchen mit sich in
die kühlere Seitenstube.
    Für Käterchen fehlte ihr nie die Zeit. Und was hatte das Mädchen diesmal für
ein pikantes Anliegen! Käterchen hatte vom Hoteldirektor erzählt; und nun schien
es ihr eben nicht geheuer mit dem Fräulein, wahrscheinlich musste ein dummer
August herhalten, der sich Papa schimpfen liess.
    »Nu wer denn? Wen haben wir denn da?« besann sich Frau Biermann. Sie rief
ihren Mann und meinte, er solle sich auch ein bisschen besinnen. Das war ihm sehr
willkommen, denn er hoffte, wenn er einen raschen Einfall hätte, so kriegte er
sein schlesisches Himmelreich doch noch zur rechten Zeit vorgesetzt.
    Und er besann sich gar nicht. Schon hatte er ihn. »Ich kenne da drüben an
der Ecke der Brunnenstrasse den Kommis, wie wär's mit dem?«
    »Der die dicke linke Stiefelsohle hat?« rief seine Frau.
    »Na ja, weil er einen zu kurzen Fuss hat.«
    »Wenn er sonst recht ist,« meinte Käterchen, »dass ich's vor meinem Fräulein
verantworten kann.«
    »Ich meine, Sie hätten Generalvollmacht,« lachte Frau Biermann.
    Und er fügte noch geärgert hinzu: »Wollen wir sagen, wenn der gute Herr
darauf eingeht.«
    »Haben Sie eine Ahnung,« sagte jetzt Käterchen, »mein Fräulein sieht aus wie
eine Wachspuppe.«
    »Die Hauptsache dürfte jetzt sein, dass der Herr Kommis ein bisschen Fett
zuschiessen kann,« kraunzte der Budiker. »Was nützt einem jetzt eine Wachspuppe?
Was wollte ich beispielshalber anfangen, wenn ich mein Fettbäuchlein nicht
hätte,« schrie er zornig, indem er auf seine Frau hinwies. »Das ist doch zu
toll, wenn man in der Kriegszeit wählerisch sein will. Wie die Küche, so die
Liebe.«
    »Das meinst du?« sagte sie. »Bei den feineren Leuten ist das doch wieder ein
bisschen anders.«
    »Wenn sie den Kommis nicht nehmen will, dann kann sie mich - -,« die letzten
Worte schnitt die zugeschlagene Tür ab.
    Frau Biermann sah verlegen nach der geschlossenen Tür. Es war ihr nicht
recht, dass sich ihr Mann so flegelhaft aufführte. Aber er hatte Hunger. Und vor
der Fütterung lief auch immer die Bestie im Zoo so knurrend umher.
    Käterchen frug: »Was hat Ihr Mann für eine Wut heute?!«
    Frau Biermann sagte darüber nichts, sondern horchte nur und schüttelte den
Kopf, wie der Mann draussen alles zuklappte, laut hinsetzte, gerade als schlüge
er nächstens etwas kaputt. Richtig, jetzt hatte es geklirrt! Sie sprang auf:
»Gehen Sie zum Kaufmann!«
    Käterchen zwängte sich hinter ihr her: »Sagen Sie mir wenigstens den Namen.«
    »Ist etwas kaputt?« klagte Frau Biermann.
    »Nichts kaputt,« brummte er. »Der Kaufmann heisst Lautenschläger,
Brunnenstrasse 243.«
    »So, dank schön«. Käterchen bedachte, was sie damit anfangen sollte. Sie
konnte doch nicht zu dem Kaufmann hingehen und sagen: »Servus, vier Linsen und
so weiter.«
    Frau Biermann tat es sehr leid, dass ihr Mann so ruppig war. Aber sie konnte
jetzt nichts ändern. Sie reichte Käterchen freundlich die Hand. »Na, dann
versuchen Sie's einmal.«
    Käterchen ging enttäuscht davon. Was hatten bloss Onkel und Tante gegen sie.
Sie hatte auch nicht so spornstreichs hingehen wollen. Ob sie nun in die
Brunnenstrasse vollends hinlief? Suppenklar. Sehen musste sie den Kurzbein. Sie
frug nach Christine Feigle aus Drudlefingen, die in Berlin diene. Nach der hatte
sie selbst in Brüssel allemal gefragt, wenn sie irgendwo naseweisheitshalber
hineingegangen war. Diese Christine war ihre verstorbene enge Schulfreundin
gewesen, deren Tod sie nie vergessen konnte, weil sie ihn damals nicht begriff.
In jeder Not und Einsamkeit stieg diese Christine aus der Ewigkeit zu ihr herab.
    Zunächst stand sie längere Zeit vor dem Schaufenster, wo die Nummern zwölf
und dreizehn aushängen; getrocknete Kohlrüben und Nudeln waren dran. Das war ihr
Glück, denn sonst hätte sie vielleicht drei bis vier Stunden stehen können, ehe
sie in den Laden hineindurfte. Es war eine Glutitze. Entweder schlief die ganze
Weit den Mittagsschlaf, oder das Geschäft war bankrott. Und es stand niemand im
Laden. Sie trat durch die geöffnete Türe hinein, räusperte sich und hustete.
Niemand. Sonderbar. Sie ging wieder heraus und trat im Gemüsegeschäft daneben
ein. Hier erkundigte sie sich, ob nebenan im Kramladen ein Kommis mit einem
kurzen Bein verkaufe.
    Die Gemüsefrau schrie: »Ja, der Lump hält sich einen Hammel, mit dem legt er
sich auf die Baustelle, der Faulenzer.«
    »Wo ist die Baustelle?«
    »In der Müllerstrasse. Sind Sie eene Bekanntschaft? Dann nehmen Sie sich
einmal vor dem in acht. Der tut so als ob, und nachher knöpft er nich uff.«
    Käterchen dachte, das wäre wenigstens einmal etwas Apartes. Sie ging zu Fuss
nach der Müllerstrasse, es war noch einmal eine Stunde. Aber ein Hammel war
wenigstens auf der Baustelle. Also betrat sie dieselbe.
    Der Hammel schrie: »Mää - - mää.«
    Käterchen redete mit ihm und verstand soviel, dass der Herr noch da war. Sie
war nicht von Dummsdorf. Sie band den Hammel los. Gleich riss er ihr aus und
rannte auf dem Grundstück umher. Da pfiff einer. Und dann humpelte er daher und
fing den Hammel. Käterchen meinte nun sicher, dass er sie ansprach. Er band den
Hammel wieder an und humpelte davon.
    Himmel, das war er doch, wie konnte sie ihn laufen lassen?! Sie schrie
hinter ihm her: » ... Christine Feigle.«Darauf drehte sich der Herr nach ihr um
und deutete auf seine Stirne.
    Was, er war verrückt! Wollte der Onkel solch einen Scherz mit ihr machen?
Aber der Herr war doch der Auserlesene! Sie kam nicht davon ab und lief ihm
nach. Da stand er in einem Schuppen und pinselte. Und er liess sich ruhig
zusehen. Käterchen konnte leider nicht erkennen, was seine Malerei bedeutete.
Recht wird er schon haben, wenn er sich für übergeschnappt hält, dachte sie.
Nach längerem Betrachten des wilden Durcheinanders sagte Käterchen endlich:
»Mein Fräulein hat auch so ein Landhaus an der Aisne.«
    Da kam sie schlecht an. Der Herr sah sie mit einem abmurksenden Blicke an.
Sein Blick sprach: Das ist kein Landhaus; das ist mein Hammel. Dann legte er
sein Zeug aus der Hand, wischte die Hände an einem Lappen ab, packte alles
zusammen und schob es auf einen Stapel verkalkter Baubretter. Schliesslich sah er
auf die Uhr, nahm den Hammel an die Leine und ging heimwärts.
    Käterchen stand da und spürte den Blumengarten auf ihrem Hute im Winde
säuseln. Dem war wirklich nicht beizukommen. Was sollte sie tun? Na, wart
einmal, den wollte sie drankriegen. Sie wusste ja seinen Laden.
    Das Erschrecken des Kommis war gross, als Käterchen im Laden zum zweitenmal
vor ihm stand. Sie frug ihn diesmal wieder, ob nicht die Christine Feigle hier
in der Nähe im Dienst stehe? Da machte er ein schnobberndes Gesicht: »Im Dienst?
nicht dass ich wüsste.«
    »Dann muss ich falsch daran sein,« sagte Käterchen und tat, als wollte sie
gehen. Sie hatte sich nicht getäuscht, der Kommis hielt sie fest. Der Mensch
war, scheint's, draussen Hammel und hinter seinem Ladentisch erst wieder normal.
    »Sagen Sie mir, was führte Sie zu mir hinaus in die Müllerstrasse?«
    »Die Gemüsefrau.«
    Der Kommis schmunzelte. »Sie scheinen nicht von hier zu sein.«
    »Nein, ich bin aus Brüssel.«
    »Aus Brüssel?!« Er schwang sich über den Ladentisch mit einer gewandten
Flanke. dabei sah Käterchen die dicke Stiefelsohle ganz deutlich.
    »Und bei wem sind Sie im Dienst?«
    »Bei Fräulein Susanne Flaubert, Bayernallee 193. Sie hat eine halbe Million
Vermögen und ein Landhaus an der Aisne.«
    Der Kommis strich sich über die Stirn, als wollte er eine unangenehme kleine
Erinnerung wegwischen, aber er schien sich zugleich sehr für die Mitteilung zu
interessieren.
    »Ist Fräulein Flaubert auch aus Brüssel?«
    »Jawohl, wir sind neu hergezogen.«
    »Für immer?«
    »Jawohl, mein Herr.«
    »Ja ... ja, aber warum suchen Sie mich auf?«
    »Ich suchte nicht Sie. Ich suchte meine alte Freundin.«
    »Sie verheimlichen mir etwas. Wollen Sie mit Ihrer Dame über meine Kunst
reden? Dann bitte, unterlassen Sie das. Wenn sich Ihre Dame für mich
interessiert, so bitte ich Sie, Ihrer Dame auszurichten, sie möchte sich doch
von meinen Werken selber einen Eindruck verschaffen. Nicht durch Sie, denn Sie
sind offenbar noch sehr wenig mit der Kunst in enge Berührung gekommen.
Stimmt's?«
    Käterchen war wie angenagelt. Was faselte der Mann? Von Dame und Kunst und
Eindruck nehmen? Nein, der war für das Fräulein unmöglich. Und nun hatte sie so
viel Zeit unnütz verbummelt. Sie sagte bloss, um was gesagt zu haben: »Ja.« Dann
ging sie in einer Art Flucht davon.
    Der Kommis trat hinter der Fliehenden hinaus aus seinem Laden. Er sah sie
mit bangen Gefühlen entschwinden. Er griff sich verzweifelt an die Brust, an den
Kopf. Vielleicht hatte er eine Dummheit gesprochen, vielleicht verstand diese
Abgesandte der Mäzenin doch etwas von der Kunst und hatte ihn nur prüfen wollen.
Wenn dieser Besuch der ersten Erkundung nichts brachte, wieder keine Veränderung
seiner Schubladentätigkeit, was dann? Dann verkümmerte eben sein Genie und ging
unter wie eine vergeblich geleuchtet habende Sonne im fernen Weltenraum
untergeht, nie gekannt, nie gesehen.
    Er verkaufte seine Nudeln weiter mit zitternden Fingern, während seine Augen
sich nach Bayernallee 193 sehnten.
    Käterchen hörte immer bloss die Blumen auf ihrem Kopf schwanken, denn sie war
ganz ohne jeden Gedanken. Was sagte sie denn zum Fräulein? Nun hörte der
renommistische Schwindel auf; zur Nacht hätte der Kavalier eben Fleisch und Blut
geworden sein sollen. Sie kaufte sich eine Dose Pomade, dann konnte sie
wenigstens zeigen, dass sie den Herrn gesprochen hatte; denn die Pomade hatte er
ihr bereits mitgegeben, damit sie auf die Waschtoilette gestellt würde, weil er
sich die Haare morgens anpatschen wollte, wenn er die Nacht da geschlafen hatte.
    Über diesen Einfall war sie glückstrahlend und kam frech fromm fröhlich frei
nach Hause. Das Fräulein war auch schon da.
    »Na, sage bloss, wo bleibst du denn?«
    Käterchen hielt sich die Backe und streckte schnell den Pomadetopf entgegen:
»Nicht schlagen, das hat er mir mitgegeben.«
    »Wer?«
    »Der ... na der,« schrie Käterchen fast aufgebracht.
    »Und er kommt nach?«
    »Jawohl kommt er nach. Wenn er gewiss Wort hält. Ich glaube nicht so recht an
sein Pfand.«
    »Und wie heisst er? Wo wohnt er?«
    Käterchen rannte wie geschossen in ihre Kammer und verriegelte sich.
    »Das ist ein Betragen. Was soll man davon denken?«
    Hinter der Türe heulte Käterchen: »Gott, Fräulein, wenn Sie auch so
ungeduldig sind, ich habe das vergessen zu fragen, den Namen und die Wohnung.«
    »Findest du es wenigstens?«
    Käterchen kam zaghaft unter der Türe zum Vorschein mit ganz verheulten
Augen. »Ja, finden tu ich es.«
    »Warum verkriechst du dich dann? Ich tue dir doch nichts. Warte jetzt erst
einmal ab, wenn du schon die Pomade hast. Vielleicht kommt er.«
    »Ja, weil die Pomade doch da ist. Die Pomade ...« wimmerte Käterchen.
    Susanne ging mit dem Töpfchen ins Zimmer.
    »Das soll auf die Waschtoilette,« rief ihr Käterchen nach.
    »Hat er das gesagt? Aber dann begreife ich nicht, warum du zweifelst. -
Setze Kaffee auf.«
    Käterchen hantierte in der Küche und Susanne sass innen auf dem Diwan,
spielte gleichgültig mit der Katze und besann sich über Käterchens langes
Verweilen und eigentümliches Benehmen. So war sie eigentlich noch nie gewesen.
Kam das von der Grösse Berlins? Nach einer Weile ging sie wieder zu Käterchen
hinaus und frug sie weiter aus. »Wo warst du eigentlich?«
    »Gott, Fräulein, weiss es der Himmel, wo ich herumgeirrt bin.«
    Jetzt veränderte Susanne ihr Wesen ganz gewaltig. »Käterchen, du lügst mich
an. Ich sage dir, wenn ich heute noch Langeweile habe, so rechnen wir ab
miteinander.«
    Käterchen schluchzte auf, als wenn sie jetzt schon die Prügel kriegte, etwa
wie ein Lateinschüler neben seinem Präzeptor schluchzt, wenn er schlecht
präpariert hat und nicht übersetzen kann.
    Susanne stürmte ins Zimmer und die Tür knallte.
    Käterchen zuckte zusammen und sprach leise vor sich hin: »Gott, man soll ja
nicht die Türen so schmeissen, unten wohnt ein nervöses Ehepaar. Aber ich bin
schuld. Was soll ich denn heut abend anfangen, wenn niemand kommt? Ich möchte am
liebsten ausrücken; aber wohin denn? Nein, bei Onkel und Tante, da ist es nichts
für mich. Du Gott. Du Gott. Wär's nur schon vorüber.«
    Susanne sprach kein Wort weiter mit ihr, als Käterchen im Zimmer den Kaffee
zurechtsetzte und herumheulte. Endlich sagte sie bloss: »Wird denn das Gerotzel
bald aufhören!« Da wischte sich Käterchen für einen Augenblick die Augen mit der
Schürze und heulte weiter. »So heult ein anderer Mensch, wenn Vater und Mutter
gestorben sind oder wenn er hinausfliegt. Willst du aufhören!« Es flog keine
Zuckerbüchse, dazu war der Zucker jetzt zu selten; aber Kätzi sprang gegen die
Heulende an und kratzte sie.
    »Au wa, au wa!« rannte Käterchen in die Küche.
    Man konnte deutlich hören, dass bereits jemand auf dem Treppenflur stand und
horchte. Susanne verbot ihr darum das weitere Heulen aufs strengste mit ganzer
leiser Entschiedenheit. Am ersten Tage solch ein Krach. Sie kam ja gleich in
Verruf.
    Bei geschlossener Küchentür wurde es acht Uhr abends. Käterchen war ruhiger
geworden. Bei ihrem kurzen Verstande verloren sich die Ängste im Quadrat der
Entfernung vom Zeitpunkt der Ereignisse. Sie machte für Susanne ein kleines
Abendbrot zurecht aus Fettkäse, Brot und etwas Butter, samt einem Tee.
    Sie war gerade dabei, den Tee aufzubrühen, als sich an der Korridortüre
jemand die Schuhe abrieb. Susanne musste es auch gehört haben, denn sie kam
aufgeregt zu Käterchen in die Küche gestürzt und frug: »Wer ist's?«
    Käterchen war schlau und sagte: »Der Zeit nach könnte er's sein.« Sie hatte
das leicht lügen, weil ja doch niemand kam. Der da die Stiefel abgerieben hatte,
konnte doch der Briefträger sein, oder der Portier, oder der Gasmann, oder der
von der elektrischen Beleuchtung.
    Susanne stand neben ihr und fasste mit ihren zitternden Händen Käterchen
fest. Endlich klingelte es.
    »Zieh deine Überschürze ab und führe ihn hinein.«
    »Ins Schlafzimmer?«
    »Hammel,« deutete Susanne nach ihrer Stirn.
    Käterchen knüpfte sich die weisse Schürze zurecht und dachte, woher weiss denn
das Fräulein vom Hammel. Sie hatte ein ängstliches Gewissen. Das Fräulein schlug
sie desto derber, wenn sie so enttäuscht wurde.
    Käterchen öffnete. Aber sie schrie auf und stürzte in die Küche. Sogleich
aber war der Draussenstehende eingetreten, entschlossen zu wagen, denn es galt
das gnädige Interesse der halben Million gegen den verkannten Künstler.
    »Es steht ja jemand im Korridor. Bist du des Teufels?«
    »Der Irre, der Irre,« schrie Käterchen.
    Daraufhin nahm sich Susanne ein Herz. Sie trat in den Flur und nahm einen
Kochlöffel als Waffe mit sich. Da verbeugte sich der Irre mit sehr viel Anstand
vor ihr.
    Sie redete ihn an: »Was wünschen Sie?«
    »Sind gnädiges Fräulein die Dame selbst?«
    »Vielleicht. Was soll es sein?«
    Käterchen horchte gespannt auf jedes Wort.
    »Ich weiss nicht, irre ich, oder irre ich nicht ...« Er drückte seinen Hut
verlegen in der Hand herum.
    Susanne ärgerte die Erscheinung. »Wenn Sie selbst nicht wissen, ob Sie irr
sind, so gehen Sie in die Küche und fragen Sie mein Mädchen.« Damit wies sie ihn
mit gravitätischer Bewegung in die Küche und trat selbst ins Zimmer.
    »Das wäre mir sehr recht, wenn ich mich auf diese Art überzeugen könnte,«
antwortete der Mann bescheiden und trat in die Küche. Dort sah er Käterchen an
der Wasserleitung stehen. »Richtig ist es,« sprach er dann und ging kurz und
gerade auch dahin, wohin die Dame verschwunden war. Und wäre es die Toilette
gewesen! Denn es stand ja fest, dass man den frostigen Empfang nur geheuchelt
hatte und sehen wollte, welch Geistes Kind er war.
    Susanne sass mit sehr erstaunten hohen Brauen und energischen Nasenflügeln
auf dem Diwan und empfing den Mann: »Was unterstehen Sie sich, unaufgefordert
bei mir einzutreten?«
    »Zu Gnaden. Die Kunst.« Er hob dabei den Kopf aufrecht und sah Susanne fest,
etwa wie ein Steinbock, in die Augen.
    Susanne veränderte ihr Wesen ganz plötzlich. Wenn es die Kunst war, so musste
irgendwie ein Zusammenhang zwischen dem Besuch des Mannes und ihr bestehen. Sie
nickte.
    Dieses gnädige Nicken löste bei dem Mann sofort alle Register aus. Zuerst
stürzte er in die Kniee vor ihr: »Mein gnädiges Fräulein, ich werfe mich Ihnen
zu Füssen und flehe Sie an. machen Sie einen glücklichen Menschen und Künstler
aus mir. Sehen Sie darin den Ausdruck eines jahrelang gepressten unterdrückten
Menschen. Ich bin verloren, wenn Sie mir nicht helfen. Mein Werk ist da, aber
die Menschen gehen daran vorüber, sie sehen es nicht. Ihr Mädchen selbst sieht
einen Hammel für ein Landhaus an. Kommen Sie nur einmal zu mir auf die
Baustelle, dass Sie sehen. Sie! Dann ist mir geholfen. Ich sehe die hochgeformte
Schönheit der Seele aus Ihren Augen leuchten. Sie haben ein Urteil. Verdammen
Sie mich, so will ich weiter Bücklinge und Erbsen verkaufen. Sehen Sie mich aber
als Künstler an, so glaube ich Ihnen, denn dann kann ich hoffen, dass mein Werk
aus der Verachtung zur Schätzung, aus der Dunkelheit zum Licht gebracht wird ...
Oh, oh.«
    Susanne war erschüttert. Sie frug schüchtern: »Malen Sie in einem Keller?«
    »Hat das Ihr Mädchen erzählt? Dann ist sie eine ganz infame Lügnerin. Ich
sah ihr's sofort an, sie wird lügen bei dem gnädigen Fräulein, sie hat die
Absicht zu lügen.« Er schnaubte aufgeregt.
    Susanne dachte, wenn er das gesehen hat, so hat er wohl gar keinen so
miserablen irren Verstand. Aber wie war denn die ganze Geschichte zwischen ihm
und Käterchen gewesen? Käterchen hatte ihr ja kein Wort erzählt. Dass sie
einander kannten, soviel war allein gewiss. Dann fehlten dem Mann vor allem die
pomadisierten Haare. Auch war ein seltsamer Widerspruch in dem ganzen Benehmen
Käterchens. Dass sie jetzt einen Menschen, der angeblich irr sein sollte, hierher
gelotst hatte, wo sie doch am Vormittag einen Kavalier versprochen hatte.
Während dieser Überlegung war tiefe Stille im Zimmer; nur der Knieende wechselte
die Kniee um, weg sie ihn bereits schmerzten.
    Käterchen räusperte sich draussen. Sie musste ja noch gespannter horchen bei
der verdächtigen Stille im Zimmer, dummerweise rührte sich der Frosch in ihrem
Halse.
    Susanne wusste, dass sie horchte. Sie musste ihr notwendig Vorgänge
vortäuschen. Sie sprach daher weiterhin sehr gedämpft mit dem Manne.
    »Stehen Sie doch auf,« sagte sie.
    Auch er sprach nun leiser. »Ich stehe nicht auf, bis Sie mich erhört haben.«
    »Ich kann Ihnen viel weniger helfen, als Sie sich einbilden. Ihre Worte
müssten Sie an einen Kunständler richten.«
    Nun lächelte er sie an. So sprach sie, um ihn zu prüfen, ob er wirklich an
sie glaube. Und er antwortete: »Ich will nur von Ihnen die Hilfe.«
    »Das ist ein zu grosser Eigensinn. Der kann Ihnen nichts nützen.«
    »Das gnädige Fräulein verfügt über grosse Reichtümer.«
    Susanne hustete. Dem Knieenden kam es vor, als hätte er eine Dummheit
gesagt. Man hielt ihn vielleicht für einen Menschen, der bei allen Reichen
bettelte. Aber er hatte bisher noch niemals gekniet. Von dem beleidigten Stolze
hochgezogen, stand er auf und sah finster zu Boden.
    Für Susanne war der Augenblick kritisch. Gelang es ihr, sich in der Rolle
einer wahrhaft Reichen zu behaupten? Offenbar musste ihm Käterchen das erzählt
haben. Und plötzlich kam ihr der Gedanke, dass Käterchen diesen Mann als
Heiratskandidaten geschätzt haben musste. Deswegen hatte sie sich so seltsam
betragen, damit sie mit einer gewissen Gegenvoreingenommenheit dem Mann
gegenübertreten sollte und ihn leidenschaftslos prüfte.
    Sie besann sich, während sie den Mann von Kopf bis zu Fuss musterte und
endlich an seiner dicken Stiefelsohle mit dem Blicke haften blieb, auf die
geeignete Antwort. Es schien ihr sehr wenig Sinn zu haben, noch weiter mit dem
Manne zu reden, der absolut nicht heiratsmöglich war.
    Sie sprach hochmütig: »Sie dachten also, dass ich Ihnen meine Reichtümer zum
Opfer bringen solle?«
    Da lachte er bitter, fast heiser. »Nein.«
    »Und warum stehen Sie dann da? Glauben Sie etwa, dass ich den Wunsch hätte,
mein ganzes Vermögen für einen Künstler einzusetzen?«
    »Ja.«
    Nun war aber Susanne am Ende ihrer Schlagkraft; es fiel ihr kein Satz mehr
ein, wie sie sich ihm gegenüber aufs hohe Ross setzen konnte. Sie hatte nichts,
und darum fiel es ihr schwer, mit ihm zu spielen. Einmal sagte er nein, das
andre Mal ja. Aha, er war ja irr. Käterchen sagte es.
    Sie entschloss sich, ihm einfach die Türe zu weisen. »Bitte, gehen Sie, ich
habe keine Lust, mit Ihnen eine überflüssige Konversation zu treiben.«
    Da sah er sie mit einem ganz erbarmungswürdigen Blicke an und frug
schüchtern. »Warum denn?« Er sank auf einen Stuhl und schluchzte.
    Jetzt war der Skandal vollendet. Susanne schoss aufgeregt im Zimmer herum.
Das musste Käterchen verantworten. Sie schrie: »Käterchen.«
    Käterchen trat herein: »Gnädiges Fräulein.«
    »Blöde Gans! - - Sehen Sie da den Mann an, er geht nicht.«
    »Gnädiges Fräulein, ich weiss aber ja gar nicht, weshalb er gekommen ist,«
stotterte Käterchen.
    »Wenn du solch ein dummes Vieh bist und glaubst, ich könnte solch einen
Idioten heiraten ... stelle dir doch vor, heiraten,« sie agierte heftig mit der
ganzen flachen Hand gegen ihre weit vorgestreckte Stirn, »dann kannst du hin, wo
der Pfeffer wächst.«
    Der Mann hatte sich plötzlich auf seinem Stuhl aufrecht gesetzt und sah
Susanne verwundert an.
    Käterchen stand an der Tür, dann sprang sie auf den Mann los und trommelte
ihm auf dem Kopf herum, dass er sich zusammenduckte und aufschrie. Sie schrie
dabei: »Hab ich Sie hierher gerufen? Hab ich Ihnen gesagt, das Fräulein möchte
Sie heiraten?« Es war sein Glück, dass er endlich vom Stuhle aufstand, sonst wäre
er von den derben Händen der Schwarzwälderin zu Tode getrommelt worden.
    »Ich werde gegen Sie einschreiten,« wehrte er sich hinter dem Tische, hielt
mit der einen Hand seinen Kopf und deutete bestimmt mit der anderen Hand nach
Käterchen.
    »So? Hä, das wollen wir sehen,« sprach Käterchen, »das wollten wir doch
sehen, wer hier im Recht ist. Ich habe sowieso mit dem Fräulein den ganzen Krach
und Ärger, da muss dann so ein Schubladenrutscher daherkommen und das Kraut fett
machen.«
    »Sie waren bei mir auf der Baustelle,« brüllte der Mann.
    Susanne stand zwischen beiden abseits und hatte Kätzi auf den Arm genommen.
Liess sie die beiden ruhig fechten, dann kam schon der Sachverhalt zutage.
    »Was weiss ich, wie ich dortin gekommen bin?« knurrte Käterchen.
    »Sie haben mir die Adresse Ihres Fräuleins angegeben.«
    »Ich? Na wann bloss?«
    »Ich sagte es Ihnen ja gleich, Sie sind nicht recht im Kopfe,« sagte er und
deutete gegen seine Stirn.
    »Ach, so unverschämt sind Sie? Jetzt werden Sie mir klarer,« meinte
Käterchen und trappte umher. »Das soll sich auf mich beziehen, wenn Sie gegen
den Kopf deuten? Nein, mein Lieber, wer sich an den Kopf tupft, der ist selber
verrückt.«
    »Dass Sie verrückt sind, sehen Sie daran, dass Sie meinen Hammel für ein
Landhaus halten.«
    Käterchen musste sich nun notgedrungen an das Fräulein wenden. Sie sagte:
»Nun möchte ich Sie bloss bitten, Fräulein Susanne, für was Sie das Bild halten
täten. Vielleicht gar für einen Kaktus.«
    Susanne wehrte verlegen ab. »Das will ich nicht wissen.« Aber durch dieses
unerwartete Schlaglicht auf die Art seiner Kunst, erwachte plötzlich ihr
Interesse, und sie fixierte jetzt den Mann viel schärfer als bisher. Jede seiner
Bewegungen wurde geprüft und abgewogen, jedes Wort, jede Eigenart des Anzugs,
der Gestalt an ihm herausgesucht. Dass er hinkte, war eigentlich am
auffälligsten.
    Der Mensch fühlte sich durch des Fräuleins abfällige Äusserung gegen
Käterchen ermutigt und gestärkt. Er bremste seinen heiligen Zorn nicht mehr,
sondern liess ihn voll herausbrechen. Er schrie das Dienstmädchen an: »Sie
gehören zu diesen ordinärsten Kreaturen, welche den Anblick der Kunst denen
unmöglich machen, welche sich im tiefsten Herzensgrund dafür interessieren. Seit
Sie mit Ihren profanen Ochsenaugen mein Werk geschaut haben, möchte ich's
vernichten und den Flammen preisgeben.«
    »Ja, und ich soll dann die Schuld tragen, wenn es hin ist?« bäffte
Käterchen.
    Der bisher so tief erregte Künstler zog sich auf diese Entgegnung schweigend
zurück. Wie überraschend, dass sie das Hinsein seines Werks bedauerte und die
Schuld von sich ablud. Das bewies doch fast, dass sie nur absichtlich den Hammel
nicht erkennen wollte. Es entstand eine Feuerpause. Susanne stand darum flink
auf. »Es ist genug,« sagte sie, »ich bin jetzt selber gespannt auf Ihr Machwerk.
Wenn Sie mir's zeigen wollen, so bin ich bereit.« Sie zog ihr Schnupftüchlein
aus dem Gärtel und tupfte es an die Nase. »Sie dürfen aber deswegen noch nicht
erwarten, mein Herr, dass ...« Sie zögerte, den Satz zu Ende zu sprechen.
    »Gewiss, meine Gnädige,« verbeugte sich der Kaufmann, »ich will durch diese
hohe Ehre noch kein bestimmtes Verhältnis voraussetzen. Aber ich spreche die
Überzeugung aus, dass Ihnen das Werk gefallen wird, weil Sie es mit den schönen,
hochgeformten Augen verstehen werden.«
    Susanne hörte plötzlich, wie süss schmeichelnd er reden konnte. Und sie
dachte sich, dass sie dem Manne vielleicht wirklich helfen könnte. Sie vergass die
Szenen, die sich soeben abgespielt hatten, und sie bat sich die Erlaubnis aus,
das Bild einem Kunständler vorlegen zu dürfen.
    »Meine Gnädige, nichts lieber als das.« Der Künstler geriet in hohe
Verzückung. Es war ihm, als hätte sich bereits eine glänzende Zukunft für ihn
erfüllt. Daran hatte es nach seiner Meinung bisher nur gefehlt, dass kein
wohlwollender Mensch persönlich sich für ihn bei einem Kunstsalon verwendet
hatte.
    »Wann bekomme ich das Bild?« frug Susanne mit grosser Bescheidenheit.
    »Noch heute.«
    »Gut, ich empfehle mich,« nickte Susanne und verschwand durch eine Portiere
ins Nebenzimmer, dessen Inhalt der Herr als Schlafzimmer erkannte. Geschwind
schlug ihm das Herz, dem so reizenden Weib da hinein zu folgen. Kühn zu sein,
war er gewohnt von der Rolle her, bei der er den Mädchen drehen half. Aber der
Gedanke, dass er um seiner Kunst willen lieber vorsichtig sein musste, bändigte
seine Gier. Er verkomplimentierte sich hinter der zufallenden Portiere und
wandte sich zur Tür. Käterchen nahm die Hüften fest, liess ihn an sich vorbei
hinaus und tat so, als ob sie das noch gar nichts anginge, was ihre Herrin
verabredet hatte. Mit ihr war er noch in Feindschaft. Es geschah aber etwas ganz
Wunderbares ... An der Korridortür küsste sie der Fremde.
    Sie wischte sich das Maul. Was war das für einer? Erleichterte ihm das kurze
Bein den Sprung? Und dann frug er sie noch leise: »Wissen Sie auch schon, wie
ich heisse?«
    »Nein, wie heissen ...?« Käterchen streckte ihm den Kopf nahe.
    »Schellenhauer.«
    Und Käterchen gab ihm seinen Kuss blitzartig zurück.
    Das geschah alles in wenigen Sekunden. Trotzdem dauerte das Hinauslassen des
Mannes Susanne zu lange. Sie trat fast wie eifersüchtig aus dem Schlafzimmer. Da
machte Käterchen gerade die Korridortür sachte zu.
    Aus dieser Bedächtigkeit erkannte Susanne, dass hier etwas nicht echt war.
Sie hatte sich vorgenommen gehabt, Käterchen über den Menschen ganz genauestens
auszufragen. Aber sie unterliess es jetzt, denn sie würde ihr doch nicht die
Wahrheit sagen. Immerhin, wie sie zu dem Menschen gelangt war, musste sie jetzt
erzählen.
    Käterchen dichtete natürlich eine schöne Fabel von Onkel und Tante,
Verwandtschaft und Bekanntschaft mit hinzu, so dass kein Mensch klug wurde. Aber
mit dem Bilde hatte sie recht, beteuerte Käterchen. Er mag ein ganz tüchtiger
Kommis sein, aber Malen, das müsste er den Krähen überlassen, die kratzten genau
das Nämliche durcheinander.
    »Wir werden sehen,« sprach Susanne und setzte sich in stundenlangem Sinnen
auf den Diwan, bis ihr die Katze den Kopf ins Gesicht rieb.
    Käterchen stand ebenso nachdenklich in ihrer Küche. So herrschte tiefe
Stille bei den Neueingezogenen. Das darunter wohnende nervöse Ehepaar hoffte,
der bisherige Tumult würde nur eine momentane Ausnahme sein.
    Dass er das Bild heute noch bringen konnte, war ja unmöglich. Er hatte
offenbar nicht daran gedacht, dass es schon neun Uhr war und das Haus geschlossen
wurde.
    Man brauchte auch gar nicht länger aufzusitzen. Susanne, müde von der
vergangenen Nacht, war froh, dass sie keinen Plaggeist bei sich hatte. Sie liess
sich von Käterchen aufdecken. Das Zubettgehen nahm heute nicht viel Zeit in
Anspruch. Käterchen verabschiedete sich ziemlich kühl mit einem etwas
oberflächlichen »Gute Nacht beisammen«. Das galt stets Susanne und der Katze.
                                     * * *
    Am folgenden Tage war Schellenhauer fast unzurechnungsfähig. Überall stiess
er den Kopf an. War bald überglücklich, bald so traurig, dass man an ihm wie an
einem Erbsensack rütteln musste.
    Er erhoffte alles von dem reichen Fräulein, und gleichzeitig fühlte er alles
Errungene ebenso rasch wieder schwinden, wenn er an das Dienstmädchen des
Fräuleins dachte, das er geküsst hatte aus lauter kommishafter Angewöhnung. Es
kam ihm so vor, als ob alle Nachhilfe bei ihm vergeblich wäre, ihm den Flug zu
den Wolken zu erleichtern.
    Am liebsten hätte er diesem Zustand durch Selbstmord ein Ende bereitet.
Glücklicherweise kam der Einuhrgeschäftsschluss. Nun musste er das Bild
hinbringen.
    Susanne war in aller Frühe in den Taifun gefahren. Es war ihr über Nacht
klar geworden, dass sie eine grosse Mission hatte. Das war alles kein blinder
Zufall, dass ihr Weg in Berlin von der Kunst und gerade in dieser Weise
bezeichnet wurde. Und sie war entschlossen, falls sich der Mensch als grosser
Meister erwiesen die äussersten Konsequenzen zu ziehen, und sich mit ihm
gemeinsam durchzuringen. Die Frau eines Genies zu sein, war ihr Ideal.
    Hermione lief im Morgenkleid herum und sprach anders als gewöhnlich. Ihre
Zunge stiess in Zahnlücken, welche das Gebiss jetzt nicht ausfüllten, denn der
Mund war zahnlos. Aber trotzdem war sie schon reizend, weil die Haarperücke mit
den Ponys bereits aufgesetzt war. In einem kleinen Augenblick war sie vollends
ausstaffiert. Vor Susanne bewegte sie sich ohne alle Scheu, weil auch ihre
Unterrichtsstunden ohne Geheimnisse waren.
    Susanne frug nach Ganswind.
    »Ossi ist nicht hier. Was willst du von ihm?«
    Susanne sah sie lange an und biss sich dabei auf die Lippen. »Darf ich denn
damit herausrücken?«
    »Vor mir kannst du alles sagen. Wenn ich sehe, dass es etwas ist, dass nur er
dir raten kann, so will ich ganz schweigen. Ich will dann nichts sagen. Gar
nichts. Oder bist du ein kleines Dummchen? Aber das bist du nicht. Du bist meine
süsse Schülerin.« Sie strich Susanne mehrere Male sanft über die Schläfen und
lockte sie mit lächelnden Augen.
    »Dann will ich es sagen.« Susanne schwang sich auf den Schaukelstuhl und
schaukelte, während sie erzählte. »Du darfst aber nichts sagen. Also. Ich habe
einen Künstler entdeckt. Er ist von Beruf Verkaufstechniker. Und nun denke dir,
wie komisch. Ich habe noch kein Bild von ihm gesehen. Ich selber nicht. Nur
Käterchen.«
    »Wie kannst du dann wissen?« unterbrach sie Hermione.
    »Du wolltest nichts sagen. Ich weiss nur, dass Käterchen sein Werk für ein
Haus hält und er es für ein weidendes Schaf erklärt.«
    »Das solltest du doch Ossi selbst sagen. Interessant. Interessant.«
    »Das dachte ich auch. Wenn man einen Gegenstand nicht mit den gewöhnlichen
Augen sehen kann, sondern nur geistig oder gefühlsmässig ... Und nun denke dir,
der Künstler war bei mir.«
    »Interessant.«
    »In meiner Wohnung. Käterchen wurde durch Zufall mit ihm bekannt und lud ihn
ein. Er will mir das Bild bringen.«
    »Das ist die Hauptsache. Das wollte ich eben sagen.« Hermione blinzelte fast
dauernd mit den Augen, um ihren Gesichtsausdruck rätselhaft zu machen. »Man kann
es nicht wissen. Oh, in der Kunst ist es ganz eigentümlich. Oft sieht man etwas
für herrlich an, und dabei ist es gar nichts. Nichts. Und umgekehrt. Genau so.
Ich, ich selbst masse mir nicht so viel Urteil an. Nur Ossi. Was Ossi sagt,
darauf darfst du dich verlassen.«
    Susanne war eigentlich schon im voraus von ihrem Künstler überzeugt, und
bereute fast, dass sie die Sache des Genies von einem Dritten abhängig machen
sollte. »Ich war wahrscheinlich viel zu nervös,« sagte sie, »ich hätte nicht zu
euch kommen sollen, ehe ich das Werk hatte.«
    »Das verstehe ich sehr gut, Susanne. Es war ganz richtig, dass du gekommen
bist.« Hermione nahm den Hörer vom Fernsprecher: »Ich will doch einmal
versuchen, vielleicht ist Ossi doch ...«, sie lauschte aufmerksam und sprach
dann ins Mikrophon, nachdem sie zu dem ihr daraus Mitgeteilten herzlich gelacht
hatte: »Hören Sie, sagen Sie meinem Manne, er soll, ehe er geht, hereinkommen;
Susanne Flaubert, dringend.« Dann wieder, nachdem sie den Hörer zurückgelegt
hatte, sprach sie zu Susanne: »Er ist da.«
    »Das ist mir nicht recht. Nun störe ich.«
    »Du störst ihn gar nicht. Im Gegenteil, es war sehr richtig. Und es ist mir
so verständlich, dass du gleich gekommen bist. Wenn eine Sache einen so ganz
beschäftigt, dann lässt sie einem keine Ruhe.«
    Susanne kam sich wie festgehalten vor. Sie merkte, dass Hermione ihren
Gedanken erraten hatte: mit dem Werke des Künstlers nicht in den Taifun kommen
zu wollen. Sonst wäre Ganswind nicht plötzlich dagewesen. Sie sprang vom
Schaukelstuhl auf: »Ich bitte dich, Hermi, sage deinem Manne, ich komme noch
einmal wieder. So hat mein Besuch doch keinen Zweck.«
    »Das kannst du doch nicht wissen, Susanne. Ossi wollte ja nur den Doktor
abholen, die neuen Räume mit ihm anzusehen.« Hermione betrachtete Susanne genau,
ob der Doktor noch eine Zugkraft auf sie ausübte.
    Ganswind trat schon ein.
    Susanne stand wie in eine dunkle Ecke gedrückt.
    Hermione sprach: »Ossi, Susanne hat einen Künstler kennen gelernt.
Grandios.«
    »Wo ist sein Werk?« frug Ganswind sofort.
    »Ich soll es erst bekommen,« brachte Susanne leise hervor.
    Ganswind tat, als wollte er bereits zur Tagesordnung übergehen: »Der Doktor
will heute abend da sein.«
    Susanne war in Verlegenheit, weil man sie nicht beachtete. Sollte sie nicht
am besten hinauslaufen? Sie bekam einen feuerroten Kopf und schritt plötzlich
zur Türe.
    Hermione rief: »Ossi! Ossi!«
    Ossi lief Susanne nach: »Warum erzählst du uns nichts von ihm?«
    Susanne antwortete in beleidigtem Tone: »Ihr wollt ja nichts von ihm
wissen.«
    Hermione hing auch schon an ihrem Arme. So musste sie wieder umkehren.
Hermione flötete ihr was vor. »Du sollst uns nur erzählen, wie süss er ist!«
    »Süss ist er gar nicht. Er hat einen zu kurzen Fuss.«
    Ganswind war plötzlich ganz Ohr. »Du scheinst den Müller kennen gelernt zu
haben, den Grossen, den Unerreichten, den Herrlichen.«
    »Wäre es nicht das beste, er würde mit dem Werke selbst kommen? - Es macht
sehr viel aus, Susanne, ob Ossi weiss, wer der Künstler ist,« bemerkte Hermione.
    Susanne stand wegen der unerwarteten überraschenden Wendung etwas verwirrt
da. »Ich kenne allerdings seinen Namen noch nicht,« sagte sie.
    »Wenn es Müller wäre, so wäre die Sache allerdings für dich ein recht
schönes Abenteuer.« Ganswind lachte wiehernd kurz auf.
    »Ist Müller ein ganz Grosser?« frug Susanne bescheiden.
    Ganswind nahm sie stillschweigend an die Hand und deutete in der
Privatgalerie auf seine Müller, die an den Wänden hingen. »Das ist er, der
Unsterbliche.«
    
    »Lasst mich schnell gehen,« sagte Susanne. Sie hoffte nicht mehr anders, als
dass der von ihr Entdeckte der längst bekannte Müller war, und sie glaubte, dass
er sich nur vor ihr verschleierte. So aufgeregt, wie sie zum Taifun gekommen
war, ging sie jetzt wieder nach Hause.
    Nachdem sie weg war, sahen sich Ganswind und Frau nicht lange verwundert an.
Sie wussten, dass Eile am Platze war. Susanne war tatendurstig, sie musste so
schnell wie möglich mit dem Doktor zusammengebracht werden. Dieser aufgefundene
Künstler, der natürlich nicht Müller war, musste, wenn er kein ganz erdrückendes
Genie war, kaltgemacht werden, wenigstens für Susanne, bis sie mit dem Doktor
verlobt war. Oder waren unter den Damen, die sich bisher gezeigt hatten,
passende Partien für ihn? Sie gingen sie nacheinander durch, aber keine hatte so
wie Susanne das für eine Sensation geeignete Wesen. Am besten war es, den
Künstler in den Taifun einzuladen, durch Susanne selbst. Und hier unter der
Wucht der Groteske und Willkür stampfte man ihn vor Susannes Augen zu Boden. Das
musste sofort geschehen. Der Doktor, Susanne und der Künstler, vielleicht noch
der Polizeirat und Frau wurden auf den Sonntag nachmittag gebeten.
    Sie waren beide einig. Hermione schlug noch die Tochter des Fleischermeister
Cäsar für diesen Tag vor. Sie wollte es wenigstens versuchen, ob der Künstler
nicht für schwerere Luxemburger Liebe und Neigung hatte.
    Und dann war am darauffolgenden Mittwoch Eröffnung der grossen Ausstellung in
den neuen Räumen, grosser Empfang und anschliessend Besuch der Weinstuben von
Sallat. Hoffentlich auch Verlobung.
    Die Liste der geladenen Herren war kaum ausreichend für den grossen Tag. Man
konnte jedoch nachhelfen. Der Dramaturg Sluzewski von der Schwarz-Weiss-Bühne
verteilte Freikarten an die Vereinsmitglieder. Bedingung war, dass der Doktor
klappte; dann war die Heiratsvermittlung im Programm des Taifun eingebürgert.
Die geringe Provision von zwei Prozent der Vermögenswerte der Bräute war ein
Mindestanspruch, nicht zur eigenen Bereicherung, sondern nur, um den Künstlern
wieder die Wände zur Ausstellung verfügbar machen zu können, - denn das Leben
kostete Geld. Und anstandshalber versahn aus Freude und Dank die meisten ihren
Ehestand mit mindestens einem Taifunkünstler.
    Wie schön musste sich das Bild der leckenden Katze im Schlafraum einer
verehelichten Katzenklubistin ausnehmen. Hermione bezeichnete schon lange voraus
diejenigen Werke, welche in Frage kamen. Es waren vorzüglich Gemälde von
trächtigen Eseln, in deren Inneres man hineinsehen konnte, wie bereits der
zukünftige Fisch in ihrer Gebärmutter herumschwamm.
    Wenn dieses Unternehmen erst die ganze Weltstadt ergriff, so konnte genügend
geschmiert werden. Vielleicht konnte man dann auch dem von Susanne entdeckten
Schafmaler seinen Platz am Himmel des Ruhmes zugestehen. Aber erst ganz spät.
    Wie mussten diese Ärmsten gestaltet sein, die sich im Taifun um die Sonne des
Ruhmes schlugen, ihr Blut verschwjetzten, um zur Anerkennung zu gelangen!
    Musste denn das Streben in der Kunst notwendig einem Narrentum gleichen?
Gewiss. Sie gaben es alle einmütig zur Antwort, denn, sagten sie, jede andere Art
von Betätigung ist nicht weniger närrisch. Sie hatten recht, denn Justitia
selbst war im Narrenhaus geboren.
    Susanne prüfte denn auch wirklich, ob der Taifun eigentlich überhaupt das
Närrischste war. Sie wahrte sich ihre Unabhängigkeit von der Leitung mit grossem
Geschick. Es war ihr bald der Gedanke gekommen, dass man im Taifun desto mehr
galt, je mehr man auch ausserhalb seiner Sphäre an Geltung gewann.
    Ihr Weg nach Hause war darum selten der gerade. Erstaunlich blieb ihr, wie
unbehelligt eine Dame in Berlin leben konnte. Sie sass häufig an den scheinbar
exponiertesten Knotenpunkten des Verkehrs und glaubte, dass ihre erstaunten
weiten Augen persönliche Freunde gewinnen konnten. Aber bald begann es ihr vor
den unbekannten Massen zu grauen. Nicht ein einziges Menschenwesen war darunter,
das ihr gefallen hätte. War das Leben aller dieser blickenden und sprechenden
Fremden überhaupt etwas Tatsächliches? Wie mochten die Verhältnisse jenes Paares
sein, wo sie kaum zu gehen verstand, und er neben ihr einherstieg wie ein
Velozipedfahrer? Am liebsten hätte sie sich allen geschwind angehängt, hätte sie
ausgefragt, hätte sie auf kurze Minuten in ihrer Wohnung besucht. Leider war es
nicht möglich, denn sie hätte selbst dabei ungesehen sein müssen. Sie dachte,
wie schön eigentlich der Engelberuf sein musste, da allein konnte man seine
Wissbegier befriedigen. Ungefähr auch die Heiligen hatten eine schöne
Beschäftigung auf Erden, weil ihre Nasen bis in die Geheimfächer der Menschen
reichten. Sie wünschte, eine Heilige zu sein. Und schon sass neben ihr ein Mann
mit einem blau rasierten Gesicht, einem ganz zugeknöpften Rock und einem runden
schwarzen steifen Hut.
    »Finden Sie mich interessant?« frug sie ihn.
    Er bejahte. Er stelle es sich zur Aufgabe, die Sittenlehre rein zu
studieren, das heisst, nicht nach Berichten und Vorurteilen, sondern nach eigenem
Schauen und durch Experimentalphysik.
    Solche Geister führte Susanne natürlich an der Nase herum, indem sie vor
ihren Augen Erfindungen machte und sich den Anschein gab, nach Gewohnheit zu
handeln. Der blau Rasierte machte ein stoisches Gesicht zu allem, was sie ihm
vorexerzierte und tat wie ein Kenner. Es war doch der elendeste Schwindel; in
Extrapost gab es am wenigsten Sünde. Susanne merkte bald, dass die Sünde nur im
sogenannten spiessbürgerlichen Alltag zu Hause sein konnte, wo die Menschen
einander das treue Gefühl vorheuchelten und sich dabei von hinten und von vorne
betrogen.
    Sie verfiel oft in grosse Melancholie, weil man sie wie etwas Lichtscheues
ansah. Sie war gut. Aber der Schuster, der an der Krücke humpeln musste, das war
ein Teufelspriester. Er hinkte, da er ein Mündel hatte und dieses einen Prozess
führte, in dem er gegen Recht und Gerechtigkeit siegen musste, weil es ihn sonst
dem Verhöre preisgab. Mit ihm war sie zufällig zusammengestossen, als er und sie
die Zähltür des Café Klopotzig nach derselben Seite drehen wollten. Wie konnte
dieser Mensch schon mit vierzig Jahren die Gicht haben!
    Wie nüchtern waren Ganswind und Hermione gegen diese Würdenträger, von denen
der eine sein Messgewand, der andere sein Sohlleder trug. Ganswind und Hermione
waren Menschen voll einfachster Klarheit, die mit solcher Konsequenz die andern
nach einer Richtung treiben wollten und konnten. Sie handelten umgekehrt, als
die Geltung war. Darum war es richtig, dass man im Taifun schlechtweg von
Menschen sprach, diese waren fast alle Taifunkünstler. Was ausserhalb sich befand
und nicht im Kreis des Taifun wirbelte, das trug kein Menschenantlitz. Es war
eine Art paradiesisches Bewusstsein und Sichfühlen, was die Taifunkinder
zusammenhielt, eine Gemeinschaft der Heiligen in der Kunst. Die übrige
Menschheit war die aus dem Garten verjagte Schar der Kopflosen und Toren, der
Mörder und Totschläger. Mit jener bekannten Heiligengemeinschaft war es nicht
identisch, und doch deckte es sich im Werte damit.
    Susanne war mit dieser Bewertung innerlich einverstanden, und doch mochte
sie sich nicht ausschliesslich dem Taifun und seinen Zwecken weihen. Denn
zunächst war sie noch klar im Geiste. Auch der Taifun war eine irdische Geburt.
    Ganswind aber und Hermione taten, als ob alles, was der Taifun nicht durch
sein Ventil riss, von vorneherein todgeweiht oder menschenunwürdig wäre. Ja,
menschenwürdig war es in ironischem Sinne. Darum besudelte Ganswind alles, was
er kritisch behandelte, tief mit Dreck, so dass wirklich jegliche andere
Produktion sich vor dem Angesicht der Sonne zu schämen hatte und verkriechen
musste.
    Dies war der Umstand, warum Susanne nicht mit Entusiasmus zum Taifun hielt.
Wahrlich, sie hatte zur Selbstgerechtigkeit und Alleinherrlichkeit keinen Grund.
Und diese Bescheidenheit hätte sie gern bei Hermione gesehen. Allein sie, sie
war stolz und hielt das Näschen stets schnippisch in die Luft.
    Als Susanne nach Hause zurückkam, war sie aufsässig und ganz mit Widerspruch
gegen die Ganswindschen geladen. Das Bild des Künstlers stand bei ihr auf dem
Diwan, und Käterchen hatte ganz unordentliche Haare; einige lange Haarsträhnen
hingen ihr wie Rattenschwänze herunter.
    Das verbesserte ihre Laune nicht. Und Käterchen erhielt das Handtäschchen
über den Kopf geschlagen, was diese zu dem Ausrufe veranlasste, »er hat ja gar
nichts mit mir gehabt, Fräulein!«
    Diese Welt, dachte Susanne, wie lumpig sie war! Und nun sollte sie noch ein
Bild für höchste Kunst erklären. War sie dazu eigentlich verpflichtet?
    Das Erzeugnis, was vor ihr stand, war zunächst natürlich nicht als Hammel
erkennbar, man konnte es als Hammel nur insofern bezeichnen, als der Beschauer,
welcher dennoch einen Hammel sah, tatsächlich einem Hammel glich. Wahrscheinlich
war es hohe Kunst.
    Nach Susannes Ansicht war es den geschauten Müllereien vom Taifun ebenbürtig
und wesensähnlich. Dass der Künstler nicht dageblieben war, um ihre Kritik
abzuwarten, sprach sehr für ihn. Und den Ruhm der Entdeckung wollte sie sich
einmal nicht nehmen lassen, also seufzte sie vor dem Werke: »Göttlich!«
    Käterchen, die hinter ihr stand, sprach: »Schubladenrutscher.«
    Susanne konnte ihr unmöglich schon wieder eine herunterlangen. Der Künstler
schien auch gar keinen Verstand zu besitzen, wenn er mit der Dienenden
verkehrte, als wäre sie der Weg zur Herrin. Das musste sie ihm gelegentlich
einschärfen.
    Susanne konnte nicht ahnen, dass der Kommis die Dienstmädchenkrankheit besass,
und dass er vor knapp einer Stunde mit Käterchen auf dem Diwan einen
Hochschulkursus durchgenommen hatte. dabei hatte es beiden so wohl gefallen, dass
sie sich vom Fleck weg geheiratet hätten, wenn Käterchen es gewagt hätte,
Susanne untreu zu werden.
    Mit Käterchen sprach er von einem feinen Kolonialwarengeschäft, das er sich
kaufen würde. Und vor Susanne krümmte er sich wie ein Wurm um die Anerkennung
seiner Kunst. Es war das ein hoher Künstlerzug an ihm, dass er sein Adam bleiben
wollte in Zucker und Heringsgelee, während er als Künstler den Ruhm eines
Rembrandt beanspruchte.
    Käterchen höhnte darüber, dass Susanne auf den Schwindel einging. Das war
doch kein Bild nicht! Wenn es Susanne bloss gewusst hätte, dass er mit ihr Schieber
gemacht hatte. Von der Stunde ab galt für Käterchen das grosse Gerede ihrer Dame
über den Taifun nichts mehr. Das musste eine schöne Narrengesellschaft sein!
    Sie lachte und schämte sich, dass sie mit dem Ölbilde auf dem Schoss durch die
Stadt kutschieren musste. Sie sah jedermann lachend ins Gesicht, als spräche sie:
»Ich bin ja nur ein Vollstreckungszeuge, ich habe es gewiss nicht selber
gemacht.«
    Wenn sie gewusst hätte, dass in Berlin alles so verdreht war, da wäre sie von
Brüssel nicht mit hierhergemacht. Allerdings, der Schellenhauer, der verstand
es. Es wurde ihr ganz eng in der Brust, so drückte ihr die Erinnerung Wohlgefühl
in die Scham.
    Sie merkte schon, eine Persönlichkeit war sie hier nicht mehr. Da musste
schon ein Ereignis eintreten, dass das Fräulein heiratete oder sie selbst. Frau
Kaufmann Schellenhauer, es wurde ihr siedeheiss, wenn sie das nach dem
Schwarzwald mitteilte, dann staunten sie, was sie für Glück gemacht hatte. Das
Fräulein fand schliesslich auch ohne sie den Weg.
    Endlich war sie am Franz Josephsdamm angekommen. Sie hörte Klaviermusik und
bekam Herzklopfen.
    Sie wurde mit grosser Steifheit empfangen. Die waren aber steinvornehm und
gar nicht so intim, wie das Fräulein sie geschildert hatte. Durch eine Türspalte
sah sie ein Weib, das sich mit dem Höcker hatte porträtieren lassen. Die sah
schlimmer aus als die Hanne von Reichenbach. Und daneben, was war das? Da hatte
einer den Kopf verkehrt auf dem Halse und den leckte eine Katze am Hosenboden.
Das war grausig, so wie sie die Folterkammer von Nürnberg einmal in einem
Guckkasten gesehen hatte. Da passte das Geschmiere von ihrem hinkenden Bocke gar
nicht hin. Das waren doch so interessante Gruseligkeiten hinter der Türspalte.
Wahrscheinlich lachte man das Fräulein Susanne recht aus.
    Nachdem sie lange genug gestanden hatte, kam endlich die hochnäsige Dame
wieder heraus und sagte mit einer vornehmen hinkenden Bewegung: »Sie können
gehen.«
    Nun rührte sich bei Käterchen das Selbstbewusstsein. Sie drehte sich kurz um
und hob den Rock hintenan. Mit Wut wollte sie gehen, aber da wurde sie noch von
einer langen dürren Spinne angehalten: »Der Herr Direktor lässt Sie bitten.«
    Das war ja! dachte Käterchen. Die schmeisst mich hinaus, und die lädt mich
ein. Sie sass bald in einem elektrisch erleuchteten Zimmer, wo das mitgebrachte
Bild auf einer Staffelei stand und ein Herr mit einer arabischen Frisur es
aufmerksam betrachtete. Sie trank eine Anzahl Schnäpse und erzählte alles, was
sie überhaupt reden konnte. Von Susannes Geburt bis zur Entdeckung
Schellenhauers.
    »Schellenhauer?« Hermione und Ganswind stiessen sich an. Jetzt wussten sie
genug. Er hatte also bisher keinen Namen. Käterchens eigene Lebensgeschichte
wurde kaum mehr mit Interesse angehört. Sie war ihrem Manne vor sieben Jahren
ausgerückt und für tot erklärt worden, war jetzt dreiunddreissig Jahre alt, hatte
einen guten Charakter, weil es ihre Mutter immer gesagt hatte.
    Nur über des Fräuleins Landhaus wusste sie nichts, weil sie immer in Brüssel
geblieben war, wenn es das Fräulein allein bewohnte. Aber es musste eine
herrliche Besitzung sein, die ihre fünfmalhunderttausend gern wert war.
    Als sie endlich wieder ging, war ihr ganz schwindelig. Sie hatte wohl zuviel
geschwätzt. Wahrscheinlich kriegte sie wieder Prügel dafür. Sie kam aber sehr
vergnügt heim. Das Fräulein befand sich im verschlossenen Schlafzimmer. Das
brachte ihr den Verstand wieder in Ordnung, und sie bereute ihre
Offenherzigkeit.
    Welcher Hut hing am Nagel?
    Schellenhauers.
    Jetzt war sie ausser sich. Sollte sie die Türe einpoltern? Aber sie wagte
nichts, sie stürzte verzweifelt in die Knie - und sah durchs Schlüsselloch. Aber
um die Ecke hätte sie sehen müssen, das half nichts. Oh, was war das für ein
Schuft und Verräter! Der hatte ja einen Riesenkaufladen! Sie fürchtete sich
schon mehr vor ihm.
    Oh, was war sie für ein armes Menschenkind geworden! Rache! An der Katze!
Sie vergiftete sie!
    Während sie kniete, kam plötzlich Susanne in ihrem Mückenschleier heraus,
und Käterchen fiel in die aufgehende Türe platt auf den Boden, dass sie sich die
Nase dabei aufschlug. Susanne lachte hellauf, um Käterchen auszuspotten. Da
stand sie auf und wollte wütend herausfahren, aber die schmerzende Nase hinderte
sie daran. Schellenhauer stand pomadisiert vor einer Staffelei und schmierte
willkürlich Farben durcheinander. »Das ist mein Porträt,« sagte Susanne. Nun
hatte also der Schwindler das Fräulein bis in den Mückenflor gebracht und gab
vor, sie zu malen. Es war ein schwarzblonder Fleck, und drumherum wirre Linien.
    »Was soll das sein?« schrie Käterchen entrüstet.
    »Das ist das gnädige Fräulein,« antwortete der Künstler trocken.
    »Fräulein, das sollen Sie sein?« Käterchen geriet ausser sich. »Der Lump, der
will nur's Nackige sehen. Malen, das kann er ja gar nicht.«
    »Das musst du mir sagen, was ich zu fühlen habe.« Susanne ging hin und strich
sanft über den frisch pomadisierten Kopf. Also war's gewiss, dass dieser Mensch
mit lauter Schwindel verhexte. Käterchen ballte die Fäuste nach ihm, drohend
hinter des Fräuleins Rücken.
    Schellenhauer zündete leichtsinnig eine Zigarette an, setzte sich auf einen
Stuhl und liess Susanne auf seinen Schoss niedergleiten, dass Käterchen blass wurde
wie Kreide. Sie war drauf und dran, auch so herumzuhopsen und auch ihm vollends
die Hemdsärmel vom Leibe zu reissen. Da war ja alle Schamlosigkeit aus den
Menschen gewichen. Sie begriff hauptsächlich Susanne nicht, dass sie diesem
Halunken dieselbe Ehre antat, wie dem Grafen von Monapon.
    »Was sagten sie im Taifun?« frug Susanne.
    »Dass sie von einem namens Schellenhauer noch nichts gehört hätten.«
    Susanne stand auf, wie versteinert sah sie auf Käterchen. Sie sprang nach
ihren Kleidern, riss im Vorbeirennen das angefangene Gemälde mit sich, zerschlug
es draussen über der Ecke vom Gaskocher, dass die Leinwand in Fetzen herabhing.
Sie warf das Kleid über sich. Käterchen hatte ihr mit einem Kusse auf die
Schulter aus dem Flore geholfen, voll Mitleid. Ihr Fräulein musste sich,
scheint's, versehen haben. »Was ist es denn, Fräulein?« frug sie endlich.
    »Nichts. Wirf den Menschen hinaus. Wenn er nicht Müller heisst.«
    Währenddem sass er noch ahnungslos im Schlafzimmer und rauchte gemütlich
weiter. Bis Susanne wild hereinstürzte: »Heissen Sie nicht Müller?«
    »Nein, Schellenhauer.«
    »Pfui!« und ein grosser runder Spuck sass ihm unter den Nase.
    Diesmal war aber die Überraschung gross. Er liess sich das nicht so ruhig
gefallen wie das Betrommeltwerden von Käterchen. »W...as fällt Ihnen ein?«
begehrte er auf.
    Susanne hauchte stossweise. »Wenn Sie ... nicht Müller sind. dann sind Sie
... ein Schwindler.«
    »Ha!« stand jetzt der Künstler mit Entrüstung auf. »Glauben Sie? Meinen
Sie?« Er fuhr durch die hingeklitschte Pomadefrisur und sträubte seine Haare zum
Himmel. »Ich liess mir die grosse Entstellung gefallen. Wenn ich nicht Müller bin,
so bin ich Schellenhauer, und darum ein noch viel grösseres Genie! Ich kenne
Müller und verachte ihn als ein nur mittelmässiges Talent.«
    Susanne ballte die Fäuste und presste sie sich in die weinenden Augen.
    »Lassen Sie's Ihnen nicht leid werden, dass Sie das Bild zerknallt haben,
Fräulein,« tröstete Käterchen.
    »Was?! Mein Werk! Deine Nackteit!« Schellenhauer klagte diese Worte mit
grosser Virtuosität.
    »Durch dein wüstes, neidisches Benehmen kommt alles,« schalt jetzt Susanne
auf Käterchen.
    Käterchen liess traurig die Arme und den Kopf hängen. »Durch mich? Ach! Wenn
ich nur nicht mehr auf der Welt wäre!«
    Die Post traf ein. Käterchen brachte sie ins Zimmer. Eine Rohrpost. Eine
Einladung in den Taifun auf Sonntag nachmittag mit der Bitte, den grossen
Künstler mitzubringen.
    Susanne zitterte durch den ganzen Leib und reichte die Karte Schellenhauer
hin. »Da.«
    Schellenhauer nahm die Karte, las sie, steckte sie zwischen die Lippen und
machte einen Purzelbaum über den ganzen Teppich, dass sich Käterchen nicht mehr
halten konnte vor Lachen. Dann stand er plötzlich wieder aufrecht. »Der grosse
Künstler bin ich genannt. Ich bin erkannt.« Dann flog er Susanne an den Hals.
»Susanne,« und wieder machte er Purzelbäume. Er war so ganz ausser sich und wurde
förmlich toll, bis er endlich Susanne in seine Tollheit mit hineinriss und sie
ihm Gesellschaft beim Purzelbaumschlagen leistete. Die Katze verkroch sich unter
das Bett. Und Käterchen lag am Boden und krümmte sich in Ängsten, vor Lachen zu
zerbersten.
    Endlich kam er auf die würzige Idee, sie sollten es Beide mit ihm tun. Es
war ein heisser, schwüler Tag, und ein heftig niedergehendes Gewitter brachte die
zertobten Glieder und Leiber spät um Mitternacht zu stärkender Ruhe. Susanne und
Käterchen lagen nebeneinander in dem geöffneten Fenster und schnappten die kühle
Ozonluft. Noch währenddem stand der verrückte Kommis zuerst hinter Susanne und
dann hinter Käterchen. Aber dann flog er hinaus, nachdem sie ihm noch das Maul
verschmiert hatten.
    Er war nicht mehr imstande, auf den Sohlen aufzutreten. Das erste Mal war er
in seinem Leben völlig zerbrochen. Dass er ein grosser Künstler sei, war er nicht
fähig gewesen, zu ertragen. Allen Halt hatte er verloren.
    Morgens um zwei Uhr weckte er seinen Hammel und plagte ihn im Stalle umher,
dann stiess er ihm das Messer in den Hals. Er verkaufte ihn andern Tags an seine
Kunden im geheimen ohne Fleischmarken, die schönsten Teile kochte er für sich
ein für den nächsten Kriegswinter. Die Zunge dedizierte er Susanne.
    An diesem heissen Augusttage schlug Ganswind den Flügel beinahe die ganze
Nacht in Trümmer. Hermione war in das Badekostüm gekleidet, das sie im andern
Sommer am Nordseestrande getragen, was dieses Jahr nicht möglich gewesen war
wegen der U-Boot-Gefahr. Sie hörte den Donner nicht neben den rasenden Akkorden
seiner Kunst. Er spielte ohne Licht, denn die Blitze, welche nur zeitweise alles
taghell erleuchteten, gaben einen besonderen Zauber um Ossi. Er war Gott Wotan
und Hermione die dienende Walküre.
    Der Doktor lag in Krämpfen vor Ungeduld in Erwartung der nahenden
Entscheidung, den Magen voll Tee giessend und unablässig den Schweiss wischend,
verzweifelt, angstvoll.
    Die Frau Polizeirat schwamm mit ihm im Wasser. Dahin hatten sie sich vor der
Hitze geflüchtet. Wie ein Zentaurus schnaubte er mit seiner Amphibie.
    In einem weichen Asphalt versanken die irrenden Massen, von einer Hitze
umdunstet wie Termiten im heissen Nadelboden eines glühenden Waldes. Viele Damen
des Klubs lagen mit geschmückten Katzen im Arme mit neuen Blicken in das Leben,
sie übten sich in farbenreichem Aufputz. Beim Taifun meldete sich nach der
Gewitternacht auch der Direktor der Olympia-G.m.b.H.
    Aus dem Ozonnebel stieg der Taifun buntschillernd empor wie ein Drache mit
bronzefarbenem Reichtum.
                                     * * *
    Am Sonntagmorgen grimmassierte der Doktor eifrig vor dem Spiegel. Sodann
hallte der Gartenhof von seinen Schmerzensschreien wider; der Barbier war bei
ihm und riss ihm mit einer Pinzette die schlimmsten grauen Haare aus. Diese Qual
dauerte fast eine Stunde. Der Doktor sass, das Genick auf die harte Stuhllehne
gelegt, strampelte und stiess mit den Beinen, manchmal trafen auch ein paar
Faustschläge den Friseur in die Magengegend. Dieser lachte nur jedes Mal
vergnügt, wenn er eins versetzt erhielt. Das Haarausreissen mit einer Pinzette
war eine der schönsten irdischen Beschäftigungen. dabei war noch ein lüsternes
Vergnügen wie einst beim Foltern des Knippeldollingers. Nur gab es damals
Tausende von gierigen Zuschauern, die ihre Nerven kitzelten. Des Doktors
himmlische Deckensprünge sah aber leider niemand als er selbst. Es war etwa, als
wenn ein Zahnarzt immer wieder die Zange ansetzt und nie mit dem Ziehen Ernst
macht. Aber dem Doktor war daran gelegen, nicht als ein grauer Kater vor
Damenaugen zu erscheinen, sondern als ein blonder Sänger. Barbier Haarfresser
machte seine Sache gut und gründlich.
    Stimmen hallten aus den Hinterfenstern der Häuser, was denn da los wäre. Man
hörte immer nur einen Mann schreien, nie aber eine Frau dazu. Der Doktor schrie
dagegen: »Lasst doch ihr euch alle die Haare einzeln ausreissen.« Und zum Schlusse
bezahlte er zwei Mark fünfzig Pf. So war er aufs feinste zurechtgemacht. Er sah
wieder so jung aus wie damals, als er den »Pavian« von Quint Ferner kreierte. Er
ass in einem Weinrestaurant zu Mittag, wofür er ohne Kunststücke und ohne satt zu
werden fünfzehn Mark bezahlte. Für eine einzige Rübe verlangte der Bauer jetzt
zehn Mark; wenn er auch von hunderttausend, die sein Acker trug, nur den zehnten
Teil verkaufte, so machte er ein besseres Geschäft als einst in der lächerrlich
billigen Friedenszeit. Die übrigen neun Zehntel des Ertrages konnten ruhig
verfaulen. Was brauchten die Städter zu essen! Wenn sie nicht satt wurden, so
konnten sie Krach schlagen. Der Doktor sass mit bekümmertem Antlitz vor der
Platte Teltower Rüben, er hätte am liebsten das ganze Lokal demoliert, aber er
fügte sich wie die andern und dachte, der Rächer für diese Vaterlandsliebe und
Brüderlichkeit wird schon kommen. Wenn er jetzt eine reiche Heirat machte, so
wurde es vielleicht besser, sobald die Hausküche ihren üppigen Betrieb
eröffnete. Von nichts hegte er so hohe Hoffnungen für den Ehestand als vom
Essen. Ein solches Unglück wie sein Berufskollege Götze wünschte er sich
allerdings nicht, der oft weinend zu ihm kam und sich beklagte, dass ihm seine
schöne Amalie alles wegesse und ihn einen Fresser schimpfte und einen Hund, weil
er auch nicht verhungern wollte. - Der Doktor trank deshalb desto mehr Wein, bis
alle Trübseligkeit aus ihm gewichen war. So betrat er den Taifun.
    Es war in den neuen Räumen. Die Parkettböden waren, weil es keine fettigen
Substanzen mehr gab, von der Hauswirtin geschmiert worden, indem sie zehn Tage
lang darauf herumrutschte, während Ganswind mit Hermione musikalische
Verzückungen aufführte. Die schlimmste Nacht war jene nach der Lieferung des
Bildes »Weidender Hammel« von Schellenhauer gewesen, in welcher der Wirt auf den
Knieen flehen musste, mit der Musik aufzuhören. Auch von seinen Kniescheiben war
das Parkett glatt und glasig geschliffen worden. Dafür nahmen sie jetzt den Tee
mit ein, Tee aus Kamillen und Lindenblüten, weil die Engländer den schwarzen Tee
als unser wichtigstes Volksnahrungsmittel mit eigenem Beschlag belegten.
    Der Doktor war der umkoste Mittelpunkt. Die Damen, Hermione, Susanne und
Frau Polizeirat wetteiferten miteinander in allen ihren Reizen. Hermione schoss
wie immer den Vogel ab. Vor ihrer Brust dampfte eine riesenhafte dunkle Rose, so
dass die Regung ihres Busens wie ein unschuldiges Mädchen erschien. Und ihre
beiden blauen Augen standen am Rande eines rieselnden kühlen Baches abseits. Sie
war wie ein aufgelöstes Wesen, von dem zu nehmen war, was man nur wollte. Die
Kniee schielten bei gewissen Bewegungen nackt hervor und liessen eine
erfrischende Leichtigkeit des Gewandes spüren, die wohltat, während draussen die
Menschen auf dem glühenden Asphalt in Hitzschlägen verschmachteten und der
Grunewald nadellos dastand. In diesem Ende aller Zeiten, wo nur noch das jüngste
Gericht erlösend wirken konnte, war Hermione mit ihrem lockenden Rosenkissen wie
eine rettende Mahnung, den Verstand zu behalten und nicht an der Fröhlichkeit
der Welt zu verzagen.
    Die andere war als Susanne Flaubert vorgestellt worden. Sie trug auf dem
Steisse einen gedankenschweren Pfurpfen aus farbiger Seide, und ihre Stirn hielt
sie dem Doktor hin: da prüfe meine Weisheit. Sie sah aus wie eine Ausscharrung
aus den Pyramiden des Cheops und war wohl chaldäischen Ursprungs, eine
mitgeschleppte Sklavin und missbraucht zu sinnlicher Berauschung. Ihre grossen
weiten Augen waren wie ausgehobene Kirchentore, damit die Gemeinde Gott nicht in
den Kirchen suche, sondern unter dem freien Himmel. An den Fingern hatte sie
zehn eiserne Ringe, denn sie hatte das Gold dem Vaterlande gegeben. Eine eiserne
Spange am Oberarm, überall Eisen als lauter gegebenes Gold für die Helden. Die
Kunst der Kleidung bei allen war, das hervorzuheben, was augenblicklich teuer zu
besitzen war. Susanne trug einen Rock kaum bis an die Knie, damit ihre
geschnürten Lederstiefel mit den Schäften bis über die Wadenmitte hervorstachen,
das Paar zweihundertzweiundsechzig Mark.
    Und die Frau Polizeirat wagte es noch, dem Doktor mit einer Tollkühnheit als
kokettierende Konkurrenz unter die Augen zu treten. Hermione und Susanne hätten
diese Freiheit einfach nicht zu denken gewagt. Sie hatte ein Mieder an, das vorn
eine Tüte bildete, aus der sie süsse Fruchtbonbons anbot. Und die frass der Doktor
leidenschaftlich. Der Polizeirat war voll strahlenden Glückes, und seine
Kolibrifeder wackelte voll zitternder Erregung, bald hier bald dort zu picken.
Er schwitzte fünfundvierzig Grad Celsius im Schatten, seine Gesichtsfarbe war
die eines teuflischen Sioux. Er konnte bloss den Doktor nicht begreifen, dass der
gar nicht schwitzen musste und ständig aussah wie ein erstarrter Eiskönig.
Susanne bemühte sich, ihm durch gleiche Ruhe zu gefallen.
    Ganswind krönte natürlich Hermione, indem er sie recht viel küsste, mit
Ausnahme des Mundes.
    Hermione dirigierte den Taifun mit winkenden Armen. Bald war sie in dem,
bald in jenem kleinen Salon. Und recht gewandt und oft wechselte sie die Szene,
um dann und wann den Doktor und Susanne in den Konflikt des Alleinseins zu
bringen. Aber dann wusste der Doktor jedesmal nicht zu reden und sprang wieder
davon.
    Susanne begegnete Hermionen: »Aber, das ist ein ganz entsetzlich
menschenscheuer Kamerad.«
    Hermione ermutigte: »Rede von Feinschmeckereien. Merkst du nicht, deshalb
hat die Frau Polizeirat das Bonbonkleid angezogen.«
    »Ja, spekuliert sie denn, die verheiratete Frau?«
    »Sie muss es, um den Polizeirat zu strafen.«
    Also sprach Susanne mit dem Doktor und lud ihn frisch und frei zu einem
Frühstück zu sich ein. Das traf. Ganswind und Hermione schlossen sich dann an.
Der erste Treffer schien gemacht. Da schluckte der Doktor schon wieder einen
Fruchtbonbon. Und er erkundigte sich insgeheim beim Polizeirat nach der Dame.
Dieser wusste nur, dass sie über ungeheure Reichtümer der Seele, des Herzens und
des Geldbeutels verfügte. Wem sie aber angehörte, gestand er nicht.
    Nun griff Ganswind in die Sturmfluten seiner taifungepeitschten Phantasie
und zerschmetterte auf den Saiten des Flügels ein verzehrendes Liebeslied.
    Da stand plötzlich Käterchen in einer entfernten Nische mit einem mürrischen
Flunsch. Sie hatte keinen Sonntagsausgang bekommen, sondern musste im
Schlafzimmer Ganswinds auf Susannes Katze aufpassen.
    Und von der gegenüberliegenden Seite kam ein hinkender Mensch. Durch die
Musik liess er sich nicht aufhalten, sondern er machte gegen alle Anwesenden
Komplimente, als wünschte er, ihnen Rosinen, das Pfund zu fünfundzwanzig Mark,
zu verkaufen.
    Käterchen, das ihn so ferne sah, krampften sich die Brustwarzen zusammen,
und sie suchte Trost bei Kätzi, welche sie in den Schwanz kniff, dass sie schrie
und sich verkroch.
    Die Musik hörte schneidend auf, als ob da plötzlich ein Anbeter einen
eckigen Kniefall verübte. Es wirkte entschieden wie ein Witz, Ganswind wollte es
so aufgefasst wissen, denn er hatte ein breites froschartig grinsendes Gesicht.
    Er begrüsste den Neuen fast kollegial. Das machte auf den Kommis einen
angenehmen Eindruck, denn er war gewohnt, aller Welt sich anzupöbeln. Die
Unterhaltung stockte, und aller Augen waren auf den unharmonischen Menschen
gerichtet, der wohl ganz gut herausgeputzt dastand. Er hatte sich einen Gehrock
von Onkel Biermann geborgt, der bis auf einige Weinflecke schön erhalten war.
Seinen Kopf hatte er auf Susannes Wunsch pomadisiert und die Haare glatt nach
der Seite gescheitelt, dass er sich ansah, wie das Haupt eines nordamerikanischen
Mennonisten. Die Physiognomie lächelte beständig, und die Hände wussten nicht,
womit sie sich beschäftigen sollten. Er war im alltäglichen Leben gewöhnt, zu
talken und zu kneten, entweder Schmierseife oder Dienstmädchen. Seine obskure
Gesinnung lag eigentlich wie nackt und bloss vor den Augen der Taifunisten, und
alles Sichgeben half dem Künstler nichts. Er missfiel allen. Auch Susanne dachte,
dass er sich recht dumm anstelle. Und ihr Herz schlug sehr für den Doktor, mit
dem sie bereits Blicke wechselte, namentlich seit Schellenhauer da war. Der
Doktor war ihr wieder etwas Neues. Und bei den recht Modernen gab es ohnehin
keine Pietät der Gesinnung. Sie trauten sich ebensowenig zu heiraten wie ein
Haus zu kaufen, denn immer wieder gab es schönere Frau, schöneren Mann, schönere
Villa. Susannen erschien in dem heutigen Kreise der Doktor als der
Interessanteste, denn ihn allein hatte sie noch nie gesehen.
    Ganswind hatte sehr wohl damit gerechnet, vorher die grösste Spannung bei
Susanne zu erzeugen, um dann plötzlich die Begegnung herbeizuführen. Es galt
darum, das Eisen zu schmieden, solange es heiss war. Wenn Susanne nach dem Doktor
noch andere Mannsleute vorgeschoben bekam, so haftete sie auch nicht am Doktor.
    Hermione winkte, und wieder schwärmte die Schar hinter ihr her in einen
neuen Raum.
    Ganswind folgte im Gespräch mit dem Künstler. In seinem Busen zuckte die
tigerhafte Gier, den Menschen binnen fünf Minuten abzuschlachten.
    Die Gesellschaft kam in einen Raum, darin in der Mitte eine Staffelei stand,
worauf das Bildnis des weidenden Hammels anzusehen war. Ringsum an den Wänden
waren viele ähnliche Bilder aufgehängt. Hermione leitete die Gesellschaft mit
Leichtigkeit um die in der Mitte stehende Staffelei zur Betrachtung. Auch
Schellenhauer mit Ganswind stellten sich davor.
    Schellenhauer ahnte wohl, dass es sein Bild sein würde, aber erkennen konnte
er's nicht, denn er hatte es ohne Beteiligung hingeschmiert. Seine Wangen liefen
darum rot an. Er hätte sich doch wenigstens einen Farbfleck am Bilde als
charakteristisch behalten sollen. Nun wusste er gar nicht einmal, ob es sein
Gemälde war, vor dem sie standen.
    Die Gesellschaft wusste, dass dieses ein neues Werk war, und alles schwieg.
Niemals sprach im Taifun irgendeiner ein kritisches Wort. Diesmal aber begann
Ganswind mit zitternder Stimme einen gelehrten Vortrag:
    »Meine Herren und Damen, Sie sehen hier das Bild oder Nichtbild eines neuen
Mannes.«
    Susanne unterbrach ihn: »Nein, eines Hammel.«
    »Ich bitte, mich nicht zu stören.« Ganswind zog streng die Stirn in Falten.
»Ich meine das Werk des Künstlers oder auch des Malers. Sie sehen aber schon an
der Bemerkung der Mäzenin, unseres verehrten Fräulein Susanne Flaubert, dass es
des Zusatzes bedarf, dass es kein Porträt eines Mannes, sondern die Gestaltung
eines Tieres geben soll, - das Bild. Oder wiederum das Nichtbild. Nun
vergleichen Sie einmal dort links mit den kräftigen Farben die Grablegung
Christi. Sehen Sie?«
    Alle sahen die Grablegung Christi. »Jawohl.«
    Ganswind fuhr fort: »Dort rechts der Dom zu Köln?«
    Alle sahen den Dom zu Köln. »Wahrhaftig ein Dom.«
    Ganswind war in glühendem Eifer. »Und hier, bitte, wenden Sie sich her, was
ist das?«
    Alle schwiegen.
    Ganswind zitterte in bebender Erregung. »Das könnte ich Ihnen nie sagen, was
das ist. Das ist eine infame Beleidigung des Taifun.« Er trat ganz erregt weg
und ging umher.
    Alles war stumm und starr. Hermione löste als erste das Schweigen, und
sprach: »Ossi, lass dich nicht so hinreissen.«
    Aber Ossi stand in einer Ecke und weinte. Er weinte -?
    Über die Gesellschaft legte sich ein dumpfes Mitgefühl, alle sahen auf
Hermione, dass sie doch die Stimmung wieder beleben möchte. Nur Schellenhauer
heftete ein freches Auge auf Susanne und beobachtete sie. Sie hatte sich ganz
vertraulich an des Doktors Arm gehängt, wie aus dem Vergessen der Wirklichkeit.
    Hermione ging zu Ossi hin: »Ossi, lass dich nicht so sehr alterieren, wirf
das falsche Bild hinaus auf einen Mistaufen.«
    Jetzt endlich verstanden alle das Bild und besahen es.
    Susanne machte sich frei und sprang in einige Entfernung vom Bilde und
starrte.
    Hermione trat vor Schellenhauer hin und sprach ganz ruhig: »Sie werden also
Ihr Werk in einem anderen Kunstinstitut unterzubringen versuchen müssen.«
    Jetzt wurde er frech. »Ich? Fällt mir ein. Sie haben es angenommen. Hier.
Ich habe Ihre Einladung an das Fräulein, worin Sie mich als grossen Künstler
bezeichnen.«
    Hermione und Ganswind sahen auf Susanne. Susanne wurde purpurrot. Wie wollte
sie der Lage Herr werden? Sie lachte. Sie lachte höhnisch und sprach zu
Schellenhauer in affektiertem Tone: »Mein Herr, Sie werden mein Mitgefühl
begreifen lernen und hoffentlich zu schätzen wissen. Aber wenn Sie sich wirklich
bisher für einen Maler hielten, so sind Sie ein Narr.«
    »Und Sie sind eine -«.
    Damit war es um ihn geschehen. Er wurde gepackt und so zerprügelt und
zerstampft, dass von ihm und seinem Bilde kein Stäubchen mehr übrig blieb.
    Er verdampfte im Äter.
    Käterchen war auf das furchtbare Geschrei hin herbeigeeilt, kam aber bereits
zu spät. Sie konnte den Freund Kommis vor seiner Himmelfahrt nicht mehr
erretten.
    Irgendein polizeilicher Zwischenfall wegen Mordes konnte nicht entstehen,
denn der anwesende Hauswirt hatte mit seiner Gattin noch niemals ein solch
entzückendes Hausfest miterlebt, wo ein Mensch einfach ins Nichts zerstäubt
wurde.
    Die Hauswirtin hatte ihr Lorgnon auf der Nase, starrte auf das Parkett und
freute sich, dass nicht einmal eine Beule entstanden war. Der Hauswirt drückte
Ganswind bruderschaftlich die Hand: »Fahren Sie so fort, so werden Sie sich
durchsetzen.«
    »Das Echte gegen das Falsche,« sprach Ganswind mit feurigem klaren Bass und
Patos.
    Susanne erlaubte sich nur die schüchterne Frage: »War es wirklich nicht
möglich, das Bild als weidenden Hammel gelten zu lassen? Es existiert, weiss ich
doch, noch ein Bild im Taifun, Badendes Weib, wo ich vergeblich Nackteit und
Wasser suchte.«
    Hermione rannte durch den Taifun. Hinter ihr schlitterte der Gästeschwarm
über das Parkett. Da standen sie vor dem badenden Weibe.
    »Hähä,« schmunzelte der Doktor, »das sehe ich aber doch, da ist was, da sehe
ich etwas, hähä.«
    Ganswind hätte den Doktor vor Entzücken beinahe angekatscht. Jedenfalls war
der Doktor nun so auserkoren, dass Ganswind für alle Zukunft alles für ihn tat.
»Freund,« sprach Ganswind, »Sie haben eine wundervolle Seele.«
    »Nicht wahr?« schmunzelte der Doktor.
    »Und ich?« rief Susanne, »da ich hier nichts sehe?« Sie warf sich
verzweifelt auf einen Fauteuil.
    »Ich sehe auch, Herr Doktor,« sprach die Frau Polizeirat und reichte als
scheues Mädchen zaghaft ein Bonbon aus der Tiefe des Busens.
    »Nicht wahr,« sprach der Doktor, »so etwas ist das Bild.«
    Die Frau Polizeirat schmiegte sich einen Augenblick in seine Nähe, und dem
Doktor wurde ganz wind und wehe.
    Susanne war darüber wild aufgebracht. »Ich möchte bitten, soll ich mich etwa
hier ausziehen? Dann mag Herr Doktor urteilen, ob das Bild hier solches
wiedergibt.«
    Der Doktor wurde darüber noch konfuser. Ihm begannen die Sinne zu schwinden.
»Ei ei,« sprach er, »ich, ich ...« Er gackste herum und floh aus dem Zimmer.
Susanne schliff über das Parkett hinter ihm her und hielt ihn in einem Zimmer
fest.
    »Was haben Sie, Herr Doktor. Gefalle ich Ihnen nicht so gut wie die andere
Dame?«
    »Sie gefallen mir. Aber ich müsste bei Ihnen noch kühner sein als bei der
Bonbonniere.« Er schlüpfte ängstlich in die Ecke eines grossen geräumigen Regals,
worin Kupferstiche geschichtet waren.
    »Aber Herr Doktor, ich möchte nur um meine Ansicht mit Ihnen kämpfen. Können
Sie denn in dem Bilde Nacktes auch nur empfinden?«
    »Ja, ja,« nickte der Doktor, »aber nicht davon reden, ich fürchte mich.«
    Susanne lief sofort wieder davon und stellte sich erneut unter die Gäste zur
Betrachtung der Badenden. »Ich empfinde hier nicht mehr ein Weib als ich dort
einen weidenden Hammel empfand. Jenes Bild war grün, das konnte doch eine Weide
sein. Dieses Bild ist bläulich.«
    »Aber das empfindest du nicht, Susanne?« eiferte Hermione. »Das Bläuliche,
das ich fühle, wenn ich mit meinen Spitzen der Zehen hineinsteige, Ramsei oder
Swinemünde.«
    »Oh ja,« klatschten alle, »das süsse Schwimmende, das Runde, das Pointierte.«
    Susanne seufzte: »Ja, dann weiss ich auch, Schellenhauer habt ihr unschuldig
totgeschlagen, er war eben im Grase ebenso zu Hause wie ihr oder wir am
Badestrande.« Eine sanfte Träne netzte als einziges Andenken an Schellenhauer
den glatten Boden des Taifun. Der Doktor konnte gerade noch Zeuge sein, wie sie
zu Boden fiel, die Träne; denn er kam zaghaft aus seinem Verstecke zurück.
    Ganswind konnte das wohl dulden, eine Träne, wenn nur der unangenehme Kommis
beseitigt war. Er sprach geduldig belehrend zu Susanne: »Sage nicht, er starb
unschuldig. Er hat deine weichherzige Güte in sehr unmenschlicher Weise
ausgenutzt. Ein Menschenkopf war er nicht.«
    »Die Pomade,« sprach Hermione.
    »Und der schlechte Gehrock,« die Frau Polizeirat.
    »Das hinkende Bein,« der Polizeirat.
    »Das war doch höchstens ein Rollmopsverkäufer,« die Hauswirtin, Frau
Rechtsanwalt Büffel.
    »Nein. Ein Bediener der Dienstmädchen an der Rolle,« schätzte ihn der
Hauswirt.
    »Ein Lump war er,« versicherte Käterchen.
    Alles schaute entsetzt nach ihr hin. Wo kam sie her?
    »Wer ist es denn?« frugen sie untereinander.
    Hermione erlaubte sich, ein Dienstmädchen vorzustellen. »Es ist Susannes
Mädchen.«
    »Du bist mein Käterchen. Aber bitte, gehe zu deiner Katze,« sprach Susanne.
    Die Gesellschaft lachte und Käterchen kehrte mit knallroter Wut abermals zu
ihrer Katze zurück. Zu deiner Katze, hatte sie gesagt. So eine Frechheit. Sie
wollte ja von der Katze gar nichts wissen. Aber so sind die Herrschaften,
grollte sie: ungerecht.
    Ganswind und Hermione schoben mit allen Mitteln in den Taifunwolken, um den
Verlobungsregen auf den Doktor und Susanne fallen zu machen, aber es wollte,
trotzdem der Pomadeherakles totgeschlagen war, nicht so recht gelingen.
    Die Frau Polizeirat war eine ganz unausstehliche, gefährliche Rivalin, sie
fütterte den halbverhungerten Doktor mit materiellen Süssigkeiten. Wie manchesmal
gab sie dann noch einen schmelzenden Liebesblick hinzu. Und der Doktor hätte
eher Lust gehabt, sie zu heiraten. Das verdarb in dem Plan viel. Dass die Frau
Polizeirat mit solchem Ernst attackierte, hätten sie doch nicht geglaubt. Ein
kleiner Scherz war durchaus erlaubt, aber nun tat die Frau Polizeirat, als ob
sie ganz ledig wäre, und der Polizeirat blieb in sehr froher Laune dabei, als er
sah, dass seine Frau vor Susanne obzusiegen imstande war.
    Hermione und der Polizeirat besprachen sich im Salon des Umgekehrten. Aber
er wollte nicht einsehen, wie ein Spiel der Koketterie anders einen Sinn haben
sollte, wenn man nicht alle Konsequenzen zog, sogar die der Scheidung. Und
Hermione gab ihm geistig wie praktisch recht. Trotzdem bat sie ihn, seine Frau
doch etwas zurückzuziehen, damit Susanne freies Feld fände. Das ärgerte wiederum
den Polizeirat sehr, und er musste sich in acht nehmen, nicht mit mürrischer
Laune zur Gesellschaft zurückzukehren.
    Als Hermione von ihrem Abstecher mit dem Polizeirat zurückkam, küsste
Ganswind sie innig und führte sie auf das Kissen des grossen Schweden, der diesen
Entwurf kurz vor seinem Tode ausgeführt hatte. Hermione schaute dankbar zu ihm
auf und flüsterte: »Spiele.« Darauf küsste er sie wieder und errötete, bekam
leichtes Fieber, denn er wusste, dass es nicht sein konnte, sondern dass »spiele«
als Andeutung auf die Nacht gesagt war.
    Der Doktor sass eingekeilt zwischen Susanne und Frau Polizeirat und wusste
nicht, welcher er den Vorzug geben sollte. Der Polizeirat kam auf die Idee, für
den Doktor das Urteil des Paris vorzuschlagen. »Das wäre eine feine Sache.
Bekanntlich wählte Paris unter dreien, so würde sich also Frau Ganswind
beteiligen müssen.«
    Die Folge war, dass von da ab der Doktor auch auf Frau Ganswind Blicke warf.
Und da diese jetzt sehr schön und sanft aussah wie ein Morphiumengel, auf dem
Kissen, auf dem sie ausruhte, so war für den Abend alle Aussicht genommen, den
Doktor mit Susanne zu verketten.
    Ganswind war darüber ärgerlich. Der Doktor hielt es für Eifersucht. Aber es
war reiner Ärger darüber, dass sich der Polizeirat so gegen alle Abmachungen
verhielt und sich durch solche Schmeicheleien dafür rächte, dass seine Frau nicht
zum Siege kommen sollte.
    Der Hauswirt und Gemahlin sassen etwas beklommen auf ihren Sesseln, weil der
Erfolg nicht programmässig eintrat. Aber obgleich Frau Büffel sonst ein gutes
Mundwerk führte, so blieb sie doch heute zurückhaltend und still, denn sie
fürchtete, durch ein unüberlegtes Wort alles zu verderben. Man sah es ja dem
Doktor an, dass er ein subtiler Mensch war. Sie hätte so gern alle möglichen
anzüglichen Winke gegeben.
    Bei jedem Gespräch hoffte Herr Büffel, den Anlass finden zu können, seine
zweite Etage für das jung verheiratete Ehepaar zu empfehlen. Es war bereits
zwischen Ganswind und seinem Wirt so verabredet, dass der Doktor und Frau dann
bei Büffel direkt über den Taifunsalons wohnen würden. Herr Büffel fand Susanne
so überaus liebreizend, dass er sich bereits die schönsten Träume und Abenteuer
spann, wenn sie einmal hier wohnte, in seinem Hause.
    Susanne wurde durch diese ganz ihr dienstwillige Stimmung der Gesellschaft
zu übermütiger Laune gehoben. Sie erlaubte sich bereits, dem Doktor ein sachtes
Backpfeifchen zu geben. Dem Doktor gefiel ihr lustiges Wesen, weil es trotz
aller Ausgelassenheit, noch von einem geistigen Willen beherrscht, diszipliniert
war. Durch das Bewusstsein, die hohe Spitze des Abends zu bilden, wurde Susanne
mehr und mehr unbekümmert um die tatsächlichen Vorgänge. Sie sah gar nicht mehr,
wie die Frau Polizeirat mit ihren Augen an dem Doktor zog; und dem lauernden
Manne dieser Frau gelang es wieder wie einem geschickten Taschenspieler die
Ausnützung eines ungeordneten Augenblicks: seine Frau sprach ganze fünf Minuten
mit dem Doktor, ohne dass es ein Mensch ausser ihm bemerkt hatte.
    Nur die eifersüchtige Wachsamkeit einer Ehefrau hätte Susanne schon haben
sollen, um solche fünf Minuten zu verhüten. Aber zunächst war es doch nur
Tändelei; da brauchte sie noch nicht einmal zu erschrecken, wenn sie die
Unaufmerksamkeit erkannte.
    Hermione dagegen zitterte heftig, als sie den Doktor mit Frau Polizeirat am
Arme durch den Salon der Schmieristen gehen sah. Sie stand starr. Das bemerkte
wieder Ganswind. Dieser stampfte mit dem Fusse und war drauf und dran, Hermione
laut anzufahren. Der Polizeirat lachte laut, und nun erst schlitterte Susanne
zum Doktor hin, auf seine andere Seite.
    Dem Doktor war natürlich sehr blümerant zu Mute, er sah mit lachendem
Faunmaule bald rechts, bald links, auf die Scheitel seiner Begleiterinnen.
    Der Duft über Susannes gescheiter Stirne war leichter, während im Scheitel
der Frau Polizeirat ein schweres Parfüm ruhte. Wie zwischen Sonne und
Gewittergewölk pendelte der lackbeschuhte Mann. Bald gelüstete es ihn, sich von
einem Gewittersturze wie ein nackter Schatten in die gurgelnde Tiefe einer Klamm
quetschen zu lassen, dann gelüstete es ihn wieder, einem hüpfenden
Sommerschmetterling bergan folgend, in das Nichts zu haschen.
    Da konnte sich die Wirtin doch nicht länger mehr halten. Sie liess die
Eingehängten über sich hinwegstolpern und sagte laut: »Herrn Doktor würden die
beiden Damen als Ehefrauen ausserordentlich zu Gesicht stehen.«
    Da schrie Frau Polizeirat: »Nimm mich, Doktorchen.«
    Und Susanne schrie: »Nein, mich.«
    Der Doktor kratzte sich am Kopfe, und er stand auf einmal auf der Oase von
sich überschneidenden Strassenbahnlinien, wo er jetzt zusammenschrak, dass er fast
überfahren wurde.
    Susanne stürmte mit Käterchen und Kätzi durch den Tiergarten nach Hause. Sie
fürchtete sich vor den im Dunkel hingehenden Gestalten, vor den Bänken, auf
welchen Menschen in eigentümlichen Stellungen sassen. Aus Nebenwegen drang das
leidenschaftlich erregte Geschrei von jungen Männern, die sich prügelten und mit
Stöcken aufeinander einhieben. Susanne wollte vorüberfliehen, aber es war schon
zu spät, der prügelnde Haufen wälzte sich über sie hin. Es war ein Mann, der
einen sausenden Stockhieb um den andern auf den schallenden Schädel erhielt und
immer wieder auftaumelte und gegen seinen Angreifer anstürmte, bis er
schliesslich bewusstlos und blutüberströmt im Grase ächzte und stöhnte. Susanne
presste es die Tränen aus der Brust vor Weh und Mitgefühl um den armen Menschen,
auf den ein anderer einschlug wie auf ein lebloses Tier. Sie hätte gern Hilfe
geholt und geschrieen, aber es war ihr nicht möglich. Sie zitterte vor Angst,
die jungen Leute könnten sich auf sie stürzen. Käterchen musste sie vorwärts
zerren, da ging's wieder an anderen Gruppen vorbei: lauter Menschen, die auf die
Dauer von wenigen Mondwolken heirateten. Susanne war es schaurig zumute, durch
solches Dasein hindurchflüchten zu müssen. Die trostlose Welt der Ziel- und
Steuerlosen hatte sich in der Nacht frei gemacht und losgelöst. In Ächzen,
Stöhnen, Hieben und Stichen wälzte sie sich dahin.
    Susanne wagte erst wieder leise mit Käterchen zu flüstern, als das dumpfe
Schnarchen der gefangenen Tiere aus dem Zoo vernehmbar wurde. Da war es ihr
wieder wie unter Menschen. »Hast du Kätzi noch?« frug sie Käterchen leise.
»Jawohl,« flüsterte diese zurück.
    Endlich war der erleuchtete Damm wieder gewonnen. Ein Schutzmann stand mit
lachendem Gesichte und gaffte, das Auge in der Beleuchtung, den Rücken gegen den
dunklen Garten.
    Herr und Frau Polizeirat waren glückselig. Noch nie waren sie so jung wie
heute. Er sah die schönen Formen von Klotilde mit Stolz vor sich, sie war das
edelste Gewächs unter den zahlreichen ihm bekannten. Es war selbstverständlich,
dass sie es mit Susanne aufgenommen hatte. Susanne war im ganzen eine wenig aus
sich machende Gestalt. »Nackt,« sagte der Polizeirat, »stelle ich mir vor,
dürfte sie dir gegenüber überhaupt keinen Marktpreis besitzen. Kein Sultan würde
sie kaufen, wenn er dich sehen würde.« Klotilde lächelte zu seiner Begeisterung
und war verwundert, warum er dann so gern phantastischen Jagden nachging. Er
betrieb das eben wie eine leidenschaftliche Spielerei.
    Klotilde war eine zu wissende Frau, sich über ihre Vorzüge täuschen zu
können. Es kam eben nicht so sehr auf die architektonischen Vollkommenheiten an,
als darauf, wie der ganze Odem mit dem Wesen harmonierte und entzückte. Sie
belehrte ihren Gatten, dass z.B. Fräulein Stöcker, die schönste Erscheinung ihres
Jungfrauenkranzes, unrettbar verloren sei und dem Schicksale verfallen, gemieden
durch die Welt zu gehen. Ein architektonisch reinster Bau! Sie würde von
Künstlern zum Zweck der Modellierung von Göttinnen gesucht und benutzt werden;
das wäre ihr schwacher Trost für das Entbehren der Liebe. Schön sein und
ungeliebt, sei wohl das trostloseste Geschick eines Weibes.
    Der Polizeirat lag neben ihr, den Kneifer auf der Nase. Seine Augen rollten
über ihren Körper, und mit dem einen Ellbogen stützte er sich auf ihre Hüfte. Er
überlegte sich alles, was sie ihm schilderte, und er war trotz des Besitzes
ihrer Schönheit nach Susanne gelenkt. Er schwieg und sah starr vor sich hin, bis
ihn Klotilde meisterte. Da stammelte er: »Susanne«. »Ihr seid doch ein
törichtes Volk,« sagte sie. »Ihr abstrahiert im Genuss.«
    »Oh, das ist deine grosse Zauberei, du lässt mich Märchen erleben, Phantasien
erjagen, Gedankenwelten bauen,« war des Polizeirats Entgegnung.
    Klotilde legte den Kopf betrübt ins Kissen, und eine Träne rollte aus ihrem
Auge. »Solche Glücksbringerin bin ich nun. Es war einmal anders, und da war es
schöner. Da warst du jünger und kräftiger. Da begehrtest du nur die Lust von uns
beiden. Geh weg! Du bist ein abscheulicher Mensch.«
    Sie nahm es sich vor, den treulosen Phantasten zu verlassen.
    Während der Taifun alle vorwärts riss, gab es doch nach den Rändern seiner
Bahn fegende Stagnationen der Einzelnen, Andere strebten daraus hinaus und
konnten nicht entweichen. Schellenhauer dagegen war wie ein in die Strömung
Gefallener hinausgeschleudert worden. Man konnte sich um den Einzelnen nicht
sonderlich kümmern, das Ganze war das Ziel. Wenn sich auch die Frau Polizeirat
für eine Wichtigkeit hielt, so schuf das Hermione kein zu grosses Bedenken.
    Ganswind und Hermione freuten sich auf das schicksalbesiegelnde Frühstück
bei Susanne, zu dem sie mit dem Doktor eingeladen waren. Es war eine sinnlose
Einbildung von einer Frau, wenn sie glaubte, entgegenstreben zu können. Wie
viele, die nur Mitläufer waren, hielten sich für besondere Aktivitäten.
    »Überhaupt, wer ist eine Aktivität?« sprach Hermione mit verächtlicher
Miene. »Wir können sie doch alle entweder fördernd an uns ziehen oder sie
verkümmern lassen. Was könnte selbst ein Dr. Bäumler oder eine Susanne für
Erwartungen hegen, wenn wir nicht wollten. Du, Ossi, und ich. Es ist lächerrlich
von Frau Polizeirat, dass sie glaubt, irgend etwas hänge von ihr ab. Es ist sehr
richtig, wir werden sie noch manchmal gebrauchen können, auch ihn. Aber ganz wie
wir es wollen.«
    Ossi wiegte zu solchen hochmütigen Reden stolz einverstanden den Kopf. Sie
waren die Gotteiten, die halfen und Gnade erzeigten, die aber auch gern zu
Gaste billig schöne gute Dinge frühstückten, damit sie den fortwährend
beängstigten Geldbeutel ausruhen lassen konnten.
    Der Taifun verschlang Unsummen, und die Beleihungen, welche der Hauswirt
Ganswind beschafte, kamen nicht selten ins Stocken. Das waren verzweifelte
Augenblicke, wo Hermione, die blonde Nordländerin, in Tränen zerflossen in Ossis
Schoss lag. Dann wurde das grosse Problem immer wieder in Erwägung gezogen, in
einem entlegenen Vorort einen Göttinnentempel zu erbauen, in dem man Hermione
opferte. Ossi gab sich einverstanden. Er fürchtete vorerst nur, es könnte
zufällig die Identität von ihr mit dem Leiter des Taifun bekannt werden, dann
gelang es der Presse, ihrer Propaganda für die neue Kunst das Wasser abzugraben.
    Jetzt war solch schwieriger Augenblick. Bis hoch in die Morgenstunden sass
das Hauswirtspaar bei Ganswinds und besprach einen neuen Fischzug unter den
beschäftigungslosen Kapitalien. Hermione hing oft mit langen Armen an Büffels
dickem Halse und liess ihre Vergissmeinnichte schimmern. Und die Wirtin nahm
verfängliche Blicke an. Dies tat beiden sehr wohl und dauerte solange, bis der
Abschluss gefunden war.
    Für den Hauswirt und Rechtsanwalt kam dafür ein günstiges Extrageschäft. Der
in das Nichts beförderte Schellenhauer.
    So griff dieses maschinelle Geldwerk ineinander. Der Hauswirt belieh, und
der Mieter dankte mit übergebenem Prozesse.
    Schellenhauer bereute bei einem Hammelkotelette, dass er auf den Taifun
hereingefallen war. Er sah Susanne natürlich nicht mehr anders an als eine
Angestellte des Salons, Kunstblüten zu locken und zu vernichten. Er hatte den
Prozessvorteil, dass sein Kunstwerk vernichtet war. So konnte er es keinem
Sachverständigen vorlegen und konnte getrost eine Riesensumme einklagen. Und er
ging zu einem geschickten Anwalt, der ihm von Onkel Biermann empfohlen war.
Käterchen wurde von Onkel und Tante auch wieder freundlich angezogen, sie trug
alle Gedankenäusserungen ihrer Herrin über Schellenhauers Kunst wie eine
brühwarme Wurst in die Budike, wofür sie jedesmal mit einigen Schnäpsen
traktiert wurde.
    Der Anwalt empfahl ihm, das Objekt lieber höher anzugeben. Er würde den
Prozess zweifelsohne gewinnen. Schellenhauer klagte also auf fünfzigtausend Mark
Schadenersatz für das vernichtete Bild, dazu kamen noch fünfhundert Mark für den
Hammel, den er vorzeitig geschlachtet hatte. Da das Werk dessen Konterfei
darstellte, so war er also doppelt geschädigt, indem er ihn nicht mehr besass, um
ihn ein zweites Mal wiederzugeben. Mit Stolz bezahlte er dreihundert Mark
Prozessvorschuss dem Herrn Justizrat Salomon. Und im Kolonialwarenladen erzählte
er jedem Kunden von seinem Prozesse. Es warf natürlich ein glänzendes
Schlaglicht auf seine Kunst, dass sie auf über fünfzigtausend Mark bewertet
wurde.
    Mit Käterchens Hilfe brachte er sogar die an Susanne ergangene Einladung des
Taifun in seine Gewalt. Diese war sein wichtigstes Dokument, weil er darin der
grosse Künstler hiess. Auf der andern Seite wusste Ganswinds Anwalt genau, was auf
dem Spiele stand, und er kämpfte deshalb im Prozesse mit dem grössten Eifer.
Vielleicht wenn Schellenhauer diese Verhältnisse gekannt hätte, würde er die
Klage unterlassen haben. Aber auch von Käterchen konnte er nichts derartiges in
Erfahrung bringen, denn diese Verquickung von Hausherrentum und Klientel war das
allerheiligste Geheimnis des Taifun. War es doch sein Lebensnerv.
    Schon am nächsten Tagabend rief der Herr Justizrat bei seinem Freunde Büffel
an und erkundigte sich nach dem Objekt. Sie sprachen sehr lustig miteinander
darüber und beglückwünschten sich zu dem gegenseitigem Erfolg. Ganswind lief wie
ein wilder Löwe umher, als er das erfuhr, und Hermione schütterte es kurz durch
den geschmeidigen Körper. Die Lage wurde dadurch glänzend: der Hauswirt konnte
demnächst mit einer neuen Anleihe von einmalhunderttausend Mark bei der
Hotel-G.m.b.H. aufwarten.
                                     * * *
    Susanne war mit Käterchen auf dem Einkauf unterwegs. Kätzi war zu Hause
geblieben und schlief auf der seidenen Decke.
    Im Frieden hatte auf dem Markte immer ein Mann mit gleichbleibender Energie
ausgerufen: »Heute noch 'nen Jroschen die Jurke.« Und die Leute hatten sich
diese noch genau besehen, ob sie für den Jroschen auch besonders gross waren, die
Gurken.
    Das war anders geworden. Die Gurken hatten ihr Aussehen nicht verändert, sie
gefielen sich selber zu gut mit krummer Nase und grünem Kleide, aber für einen
Jroschen rief sie niemand mehr aus. Sie waren jetzt genau so wertvoll wie echte
Brillanten und Perlen. Das merkte man ihnen auch an, sie waren nicht mehr in
hohen Bergen aufgeschichtet, sondern lagen vornehm geordnet in einem mit grünen
Blättern ausgeschlagenen Körbchen. Statt 'nen Jroschen kostete das Stück eine
Mark.
    Die Märkte waren wohl besucht, aber es herrschte trotzdem, mit Einst
verglichen, kein reges Leben. Die Gesichter der meisten Damen waren blass, und
vielen ging bereits der Atem kurz vor Hunger. Sie sahen mehr aus Gewohnheit auf
die Marktstände, selten kaufte einmal eine etwas von den feilgebotenen Genüssen.
    Da nahm sich Susanne mit Käterchen wie eine vielfache Millionärin aus, denn
sie kaufte ohne Rücksicht auf den Preis. Man staunte und wich ihr aus, wenn sie
an einen Stand heranwollte. Gurken, Tomaten, den ersten Kohl, Birnen und
Weintrauben, alle möglichen teuren Gewürze und Wurzeln kaufte sie, Fische und
Krebse. In ihrem kleinen Silbertäschchen hatte sie drei Fünfzigmarkscheine
mitgenommen, und ehe sie überall herum war, waren zwei davon vertan. Käterchen
schüttelte den Kopf. Das schöne Geld gab ihr niemand wieder, wenn sie falsch
spekulierte. Es kam ihr wenig glaubhaft vor, dass der Herr, den sie im Taifun
sehr wohl gesehen hatte, mit seinem verwöhnten, blasierten Gesicht und den
bereits stark melierten Haaren, daran dächte, so ein weitgereistes Dämchen zu
heiraten. Wo die kühnsten Voraussetzungen noch nicht die Wahrheit trafen. Da
gehörte schon ein Biedermann dazu, der alles glaubte. Das Weltgebäude Käterchens
stand noch auf gesünderen Füssen, wenn auch längst ihr Tun und Lassen anderes
gewöhnt war. Eine Braut musste keusch sein, weil sie das so von Kind auf gelernt
hatte. Trotz eigenster Erfahrung gab sie sich keine Rechenschaft darüber, ob
solche Forderungen noch Sinn hatten. Weil sie an die Brüsseler Tage dachte,
verschwand ihr Susanne mehrmals aus den Augen. Und sie musste extra hinzugerufen
werden, um zuletzt noch die Blumen zu nehmen. Auch sie waren von denselben
Stoffen wie im alten Frieden, aber es half ihnen nichts, sie mussten auch teurer
werden wie chinesische Seide.
    Auf dem Rückwege gingen sie noch in eine Weinhandlung. Dort fiel der letzte
Schein Gott Bacchus zum Opfer. Sie bekam gerade soviel dafür, dass der Doktor
heiter werden konnte.
    Die ihr zustehende Fleischmenge verwendete sie für Pasteten. Das Frühstück
sollte so opulent sein, dass der Doktor mindestens ein halbes Leben lang daran
zurückdachte, und dass er unter Umständen das Bauchgrimmen bekam, wenn er seine
Pflicht nicht erfüllte. Schon am Montagabend lief sie mit der Tanninspritze in
der Wohnung umher und verbreitete einen guten Geruch. Sie hatte schon sagen
hören, dass Damendomizile besonders muffig röchen. Darum arbeitete sie mit
solchen Geruchsmengen, bis es ausgeschlossen war, dass noch ein Originalduft
herrschte.
    Kätzi musste sich sogar in Käterchens Kammer zurückziehen. Sie miaute zwar
klagend und jammervoll da drinnen, bis sie bestimmt wusste, dass man ihr kein
Gehör schenkte.
    Früh auf zehn Uhr waren sie angesagt. Der Doktor, Herr und Frau Ganswind.
Hermione und Ossi waren pünktlich. Aber der Doktor kam ganze dreiviertel Stunden
zu spät.
    Hermione und Susanne hatten bereits über ihn losgezogen; da kam er doch.
    Susanne hatte einen hellen Stoff mit einer grosszügigen Hortensienphantasie
um sich gelegt. Von ihrer Frisur konnte sie nicht abweichen, sie trug sie wie
etwas Festgewachsenes, organisch an ihr Haupt Gefügtes. Ihre Wangen waren
frisch, und ihr Mund roch nach Reseden. Ihre Augen strahlten wie schwarze Sterne
auf weissem Himmel. Ganswind und Hermione waren davon entzückt. Es war ja bisher
das Verkehrte gewesen, dass man die Sonne und den Mond gelb malte. Wieviel
schöner und sonnenhafter war das Bild Campruccios, der als erster gewagt hatte,
eine Sonne schwarz zu malen. Susanne verglichen sie mit der Sonne Campruccios.
Und ein Tisch war aufgebaut mit einer Kunst, dass man nicht wusste, wie man zu den
Speisen gelangen konnte. Und doch sah man sie in scheinbar wildem Durcheinander.
Die kleine Tafel sah aus wie Müllers »Einzug in Jerusalem«. Es wäre einfach
tragisch gewesen, wenn der Doktor diese Mühe und Sorgfalt nicht gesehen hätte.
    Er kam. Käterchen nahm ihm den Hut und Sommermantel ab. Er hatte ein noch
mürrischeres Gesicht als sonst. Er strich sich mit einer zitternden flachen Hand
über die Schläfen und trat ein. Ganswind und Hermione waren mit Susanne auf den
Balkon getreten, um leichter die Ungeduld des Wartens zu verbergen.
    Was war das für ein wundervoller Duft! Und sein hungriger Blick frass im
Vorbeigehen bereits den ganzen Tisch auf. Seine Gesichtsmuskeln verzerrten sich
geradezu wahnsinnig, dass er nun noch Formalitäten erledigen sollte, ehe er
einhieb. Er trat hastig auf den Balkon, entschuldigte sich tausendmal. Susanne
glaubte darauf eingehen zu müssen, aber Hermione war klug und weise, zog den
Doktor mit sich ins Zimmer und übergab Susanne Ossi, damit sie mit ihm
hineinginge. Nun erklärte Susanne nochmals die Imitation von Müllers »Einzug in
Jerusalem«. Und hier ist der über Schweden eingeführte Kaviar!
    Der Doktor bereute lebhaft, dass er sich von der anderen Frau inzwischen
hatte auspumpen lassen, und dass er dadurch beinahe das herrliche Frühstück
versäumt hätte. Sein Entschluss festigte sich mit der wachsenden Spannung seiner
Magenwände, dass er niemals die andere, sondern nur diese zum Weibe nahm, nur
diese. Er wendete liebevolle Blicke an sie. Was war eine hungrige,
liebesverrückte Ehe? Zum Tollwerden. Susanne Flaubert schien angetan,
Gemütlichkeiten im Stile einer Geheimrätin zu bereiten. Und dieser Wein! Und
waren das andere überhaupt noch Liköre? Das waren Kompositionen von Beetoven.
Es orgelte in seinem Gehirn wie eine Bachkantate. Und satt war er schon, da
zuckte noch eine Auster vor ihm, und der Schaum des Aisnewassers trat ihm an die
Lippen. Dieses Zucken! »Das ist meine Liebe,« betonte Susanne.
    Und dem Doktor zuckte es in den Nerven, ob er sich verloben sollte. Sofort?
Nein. Das hätte zu sehr verraten, wie genusssüchtig er war. Ganswind knurrte:
nein, der Anstand des Dankes sollte das befehlen. Aber wo ist der Verstand in
solchem Junggesellenhirnkasten? Da frisst man nur, man ist es so gewohnt und
denkt nie an Dank.
    Susanne gab nicht das geringste Zeichen, dass sie Erwartungen hegte. Dagegen
versäumte Hermione nicht, das Landhaus an der Aisne auszumalen. Dazu bemerkte
dann allerdings Susanne, dass sie schon gehofft hatte, mit einem trauten Liebsten
dort ein Idyll von Leben hinzubringen, als der grausame Krieg alles zerrinnen
liess und der General nach Paris zurückkehren musste.
    Dem Doktor schlug das Herz an das Stärkehemd, dass es laut klopfte, und dann
lallte er unverständliche Worte, aber sie verstanden ihn alle, wie die Jünger
Jesu verstanden wurden, als sie in fremden Zungen redeten. Es hiess, dass er gern
nach dem Kriege das Idyll in jenem Landhaus mit Susanne verleben möchte. Er
stellte sich jenes Idyll als ein Schlaraffenland vor, wo er es sehr fein hatte,
alle Tage so wie heute. So ass und trank man bei Fräulein Susanne Flaubert und
später bei Frau Doktor Bäumler. Es zuckte ihm durch die Zähne, dass ihr Elfenbein
schmerzte. Sollte er nicht schnell handeln? Nein. Er wollte es als sein
Geheimnis bis zum grossen Gesellschaftsabend im Herzen tragen und dann wie eine
Bombe seine Verlobung einplatzen lassen. Es war nur bis morgen. So kleine Spanne
Zeit kam ihm weder einer zuvor, noch verletzte er die sein Jawort erwartende
Spenderin lukullischer Speisen.
    Deshalb hielt er sich gegen Hermiones Treibereien verstockt und verblüffte
dadurch. Ganswind machte Andeutungen, dass er die Presse bereits in günstigem
Sinne beeinflusst habe, spaltenlange Artikel über ihn zu bringen. Aber alles half
nichts. Es gefiel ihm, die reiche Dame mit einer Enttäuschung zu verlassen, -
für heute. Er war gewohnt, vor grossem Publikum zu debütieren. Da wollte er
erstmals wieder den Geschmack am Publikum haben, und dann den Effekt geben.
    Susanne ging in die Küche. Sie wollte den Gästen Gelegenheit geben, ein paar
Worte frei miteinander zu reden. Hermione versäumte es nicht. Sie sprach zum
Doktor: »Verloben Sie sich doch, Herr Doktor! Sie ist sehr reich. Sie zögern
solange, bis ein anderer zuvorkommt.«
    »Ich will es auf morgen abend aufschieben,« antwortete der Doktor.
    »Sie sollen es nur festmachen, die Öffentlichkeit ist morgen.«
    Susanne kam schon wieder zurück, und der Doktor verschluckte seine
Gegenerklärung. Hermione biss die Lippen zusammen. Susanne frug, ob sie nicht
alle zusammen aufbrechen sollten, um sich im Taifun bei einem Musikstück
aufzulösen. Es lag so viel Melancholie in ihren Worten, dass Ganswind aufstand
und ihre Hand ergriff. Er ging schweigend gegen die Tür; mit dem Betragen des
Doktors war er nicht einverstanden. Auf solch ein Mahl mitten im Kriege,
Fleischpasteten und sonstige Opfer, gehörte ein saftiger Dank daraufgesetzt. Was
nützte es wohl der Dame, wenn sich der Doktor in höflicher Form mit einem Dank
beschäftigte, wo sie wirklich ein entscheidendes Wort erwarten konnte.
    Hermione bedauerte den Doktor, wenn er glaubte, er könnte diese Blamage
durch den auf morgen verheissenen Akt wieder gutmachen. Sie betrieb es darum, dass
man sich jetzt schon trennte. Im Taifun wollten sie lieber die Vorbereitungen
treffen. Und Hermione frug noch unterwegs den Doktor, ob sie Blumen besorgen
solle.
    Er blieb verschlossen und schob mit einem kurzen Händedruck davon. Sein
gelber Sommermantel flatterte um ihn her.
    Hermione und Ganswind sahen erstaunt ihm nach. »Ein merkwürdiger Mensch,«
lächelte Hermione.
    »Er kann uns den ganzen Katzentee verpfuschen,« meinte Ganswind.
    In Susannes Heim herrschte Wut und Verzweiflung. Käterchen musste ihre Herrin
gewaltsam daran hindern, den Rest der Speisen im Zimmer umherzustreuen, und das
ganze Geschirr zu demolieren. Dagegen den Rest der Likörflasche trank sie selber
mit grosser Emphase aus. Käterchen war ein ordentliches Quantum gewöhnt, dank
ihrer Abstammung von den Schwarzwälder Holzfällern und Glasbläsern, und so hatte
sie nach dem Liköre nur ein bisschen Zungendadderich.
    
    Susanne sass in sich gekrümmt, und die Katze brüllte noch in Käterchens
Kammer wie verrückt. Aber Susanne hatte kein mitfühlendes Ohr mehr für sie.
    Sie hatte so viel Geld ausgegeben, und der Doktor hatte sich nur satt
gefressen!
    Das war eine vollendete Tragödie.
    Als Käterchen den letzten Zug aus der Flasche geschluckt hatte, sprach sie:
»Fräulein Susanne, fassen Sie sich. Das ist schon mehr dagewesen, dass man
umsonst spekuliert hat. Ich hab es dem Fräulein gleich gesagt. Ich kenne die
Männer. Sie fressen gern, oder sie bocken. Dass einer einmal ein anständiger Kerl
wäre, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wie konnten Sie auch dieses bleiche
Vogelgescheuche auserwählen! Da war der Kommis besser, der hatte noch ganz fette
Backen und gute Schenkel. Aber den haben sie Ihnen ja aus der Kunstausstellung
hinausgepfeffert. Greifen Sie bloss auf ihn zurück, sag ich, probiert ist er. Er
kann was. Bloss als Künstler ist er ein Schwindler. Ich trete ihn sogar an Sie
ab, wenn ich dann bloss im Dienst bei Ihnen bleibe. Soll ich noch einmal hingehen
zu ihm? Durch Onkel Biermann komm ich immer wieder an ihn heran.«
    Susanne schwieg zuerst. Dann fuhr sie auf und riss Käterchen das Haarnest
auseinander. »Du Schwein,« rief sie, »dass ich heiraten soll, hast du erfunden.
Wie schön hatten wir's in Brüssel.«
    Käterchen stand ganz erschlafft, und ihre Zöpfe hingen aufgerissen mit den
Haarnadeln darin über ihr Gesicht herab. »Da hört sich doch alles auf. Ich habe
das erfunden? Ich habe nach Berlin gewollt? Das ist eine Lüge. Das ist eine
Lüge! Wär' ich doch bloss in Brüssel zurückgeblieben! Was ich hier bloss immer für
Prügel kriege. Gar nicht meinem Alter entsprechend. Ich bin älter als Sie,
Fräulein. Behandeln Sie mich respektabler!«
    »Wenn du natürlich von deinem Onkel gegen mich aufgehetzt wirst,« erwiderte
Susanne.
    »Da braucht's kein Aufhetzen, Fräulein. Sehen Sie mich bloss an, wie Sie mich
wieder zugerichtet haben,« heulte Käterchen.
    Susanne sprang auf und steckte ihr die Likörflasche tief ins Maul. Käterchen
erstickte fast, so tief sass die Mündung an ihrem Zäpfchen. Aber sie verstand
diese Sprache ihrer Herrin und gilfte zum Zeichen, dass sie sich zufrieden gebe.
    Susanne zog wieder den Flaschenhals aus Käterchens Schlund, und Käterchen
atmete keuchend auf, die Angsttränen füllten ihre Augen. »Sie sind so grausam,
wie der Schellenhauer mit einem verfährt,« stöhnte sie.
    Als Susanne das hörte, schnürte es ihr die Kehle zusammen. Sie war voll
Neid, dass ihr Dienstbote einen Menschen viel näher kennen gelernt hatte als sie.
Aber dennoch drohte sie jetzt: »Wehe, wenn du wieder zu ihm hingehst, dann musst
du deine Trinkgelder abliefern.«
    »Ich geh nicht wieder hin, liebes Fräulein. Wie soll ich meine Trinkgelder
abliefern? Eine Schande genug, dass mir der Doktor bloss eine Mark gegeben hat,«
wimmerte Käterchen.
    Susanne erstaunte: »Eine Mark! Meint der etwa, das sei der Wert des
Verzehrten im Zehntel?«
    »So schofel ist der Kerl,« maulte Käterchen.
    Wie Käterchen so viel und reichlich auf den Doktor schimpfte, kamen Susanne
leise Zweifel. Wenn er es nun doch wahr machte, sich mit ihr zu verloben! War
dann Käterchen überhaupt noch möglich? Sie frug Käterchen, »wie sie sich dann
mit ihren Schimpfreden abfinden würde.«
    »Ganz einfach. Ich würde mit Ihnen weiter schimpfen.«
    »Wenn ich aber seine Frau würde?«
    »Dann müsste er eben das Salz fressen lernen.«
    Susanne hörte plötzlich auf mit dem Tema. Sie hörte Kätzi schreien, ging
eilends zu ihr und befreite sie. Nun ja, da hatte sie scheint's nicht
herausgekonnt und hatte auf Käterchens Bett mittenauf gemacht. »Käterchen, du
wirst dein Bett gleich auswaschen müssen.«
    Dafür kriegte die Katze aber etwas drauf! Käterchen schlug ihr mit den
Fingerspitzen ein paar kräftige Hiebe über die Schnauze. Sie fand, dass sie ihr
bisschen Vergnügen an dem Likörchen sehr teuer erkaufen musste. Wie das wieder
stank! Wäre nur die Katze endlich beim Schinder!
    Das Schimpfen half nichts. Sie musste gleich zuerst Kätzi das Hinterchen
waschen und mit wohlriechendem Puder beklopfen. Die Herrin zog sich an, um in
der Grunewaldvilla der Baronin von Büxenstein einen Besuch mit Kätzi zu machen,
ehe sie morgen im Taifun zusammenkamen.
    Kätzi bekam neu geplättete Schleifen mit den Farben des deutschen
Vaterlandes und des Katzenklubs, dessen Schild aus Messing ihr vorn auf der
Brust glänzte. Der Katzenklub hatte früher Gold für die Ordenskette verwendet,
hatte dann aber das Gold auf den Altar des Vaterlandes getragen, gegen Eisen
vertauscht und dieses mit einem Messinganstrich versehen, um das Gold
vorzutäuschen.
    Die Baronin von Büxenstein war zweite Vorsitzende; sie hatte eine rote
Trinkernase und ging stets in schwarzem Atlas. In ihrer Villa standen viele
Gipsfiguren, die sie göttlich verehrte; sie verneigte sich ehrerbietig vor
ihnen. Ein schlafender Hirte, dem es Bacchus angetan hatte, war ihr
Lieblingsblick. Geschmackloserweise hatte sie zu Füssen jeder Figur, war sie aus
Bronze oder Marmor, eine Katze hinmodellieren lassen. Susanne fand das gänzlich
verrückt, man konnte ja für sein Tierlein schwärmen; aber Kunstwerke damit
verunzieren! Das war Narrentum.
    Die Villa, das Schloss, lag gegen die Strasse frei - und ein hoher Sprungquell
sprudelte in den blauen Himmel.
    Nun war das eigentümlichste an dem Besuche, dass sich die Baronin wohl ohne
weiteres herbeiliess, Susanne und Kätzi zu begrüssen, dass sie sich aber lange
nicht entschliessen konnte, ihre Katzen vorzustellen. Gerade als ob sie erst
erproben wollte, ob die Katze des Fräuleins auch nicht gar zu gemein wäre für
die Wohlerzogenheit ihrer eigenen Katzen. Aber Susanne war ihrer Kätzi sicher,
dass sie allen gefiel. Und so entschloss sich auch die Baronin, ihr eigenes Getier
aufzuzeigen. Die grosse Dienerschaft trat in Bewegung. Es war ein Zuchtmeister,
eine Gesellschaftsdame, Gespielinnen, Sandträgerinnen, ein Garderobenverwalter,
und endlich das gemeine Personal der Dienerinnen und Knechte.
    Einzelne Katzenwesen entschuldigten sich durch die Gespielinnen, sie seien
unwohl und könnten nicht erscheinen. Die meisten aber erschienen, auf Kissen
getragen. Es war hauptsächlich interessant, wenn sie angetragen kamen, die Augen
der Baronin zu beobachten. Sie funkelten leidenschaftlich und liebkosend, bei
dieser mehr, bei jener weniger. Ein besonderes Prachtgeschöpf, ein schwarzer
Kater, den sie auf dreissigjährige Lebensdauer gebracht hatte, der aber auf den
Hinterbeinen vor Altersschwäche gelähmt war, hatte das Alleinrecht, fünf Minuten
bei der Herrin zu verweilen, das war gerade so lange, bis seine interessante
Lebensgeschichte erzählt war. Das Merkwürdigste war sein hohes Alter, da doch
sonst Katzen nur zirka zehn Jahre alt werden.
    Jede der Schönheiten gab der Baronin das Pfötchen. Und diese sagte zu
Susanne stets den Namen; der schwarze Kater hiess Hannibal, eine silbergraue
Kätzin Kleopatra. Und dann waren Katzenkinder, die hiessen Kleopatras Scipio I.
Es entstand bis ins vierte, fünfte Glied solche Verwirrung und Namensmischung,
dass es schwer war, die Namen aus dem Gedächtnis zu behalten. Ein hübscher,
junger, tigergestreifter Edelmann hiess Hannibal Elviras Scipio Fabula Romulus
Maja Hamilkar Viktoria Remus. Die Baronin behielt die Abstammungen scharf im
Gedächtnis, nur ganz selten musste sie den Katzensekretär rufen lassen, der in
dem grossen Stammbuche nachschlug.
    Nach der Vorstellung gab dann jede Katze auch Susanne das Pfötchen. Und an
Kätzi rieb jede den Kopf. Das war das Zeichen höchsten Wohlgefallens. Die
meisten Katzenbesuche wurden von den Büxenstein-Katzen nicht eines Blickes
gewürdigt. Aber Kätzi hatte doch so schöne blaue Augen! Und Susanne bemerkte mit
Triumph, dass auch nicht eine von den Katzen der Baronin solche Augen hatte. Sie
sagte das. Da schlug die Baronin traurig die Augen nieder: »Ich will Sie noch
auf unseren Friedhof führen, dort ruht die einzige Emilie, diese hatte genau das
Aussehen ihrer Kätzi. Dies ist auch der Grund, warum ich Ihnen so besonders wohl
will. Sie starb an der Rache einer Gespielin, welcher ich wieder zur Strafe das
Kopfhaar abrasierte.
    Susanne erschrak und hatte den Eindruck, dass die Frau wahnsinnig war.
    Sie stand gleich auf und ging mit Susanne in einen dunklen Park, wo nicht
ein einziger Vogel sang, auch nicht im Frühjahr. »Die Katzen sind die Feinde der
Vögel, darum habe ich diese aus meinem Gartenbereich vertrieben,« sagte die
Baronin. Es kam dann in der mittelsten Tiefe des Parkes der Friedhof der Katzen;
dort herrschte Grabesstille. Nicht ein Ton als das Rauschen der Bäume war
vernehmbar. Den Katzen waren Gedenksteine errichtet, auf denen jeder vorn das
Emaillebild der betreffenden Katze in Farben entielt, während auf der Rückseite
ein Kreuz eingehauen war, worunter der Spruch stand:
    »Wer an eine Ewigkeit glaubt, der glaubt auch an ein Wiedersehen mit aller
Kreatur.«
    Die Gedenksteine standen alle nebeneinander. Die Katzenleichen aber
verwesten willkürlich zerstreut in den schönen Anlagen, so dass man bei keinem
Schritte wusste, ob nun hier oder dort ein Wesen darunter ruhte. Die Baronin
sagte, dass sie auf diese Weise alle im Geiste um sich fühle, sobald sie nur den
Friedhof betrete.
    Susanne sah nun auch Emilies Gedenkstein. Sie stand lange andachtsvoll
davor. Diese glich allerdings Kätzi auf ein Haar, wenn das Emaillebild eine
getreue Wiedergabe war. »Sehen Sie jetzt ein,« sprach die Baronin hart, »dass ich
mich für ihren Tod rächen musste?«
    »Aber so sehr,« lispelte Susanne an dem stillen Ort.
    »Was würden Sie Ihrem Dienstboten tun, wenn er sich an Ihrer Kätzi
vergriffe?« frug die Baronin.
    »Aus dem Hause werfen,« war Susannes rasche Antwort.
    »Vielleicht ist das möglich, wenn Sie nur eine Katze haben. Haben Sie aber
einen ganzen Hof, so müssen Sie sich zu strengsten Strafen bekennen.«
    Sie gingen weiter. Susanne hatte das Gefühl, noch nie in ihrem Leben eine
Friedhofsstätte, wo Menschen begraben lagen, mit ähnlich weihevoller Stimmung
verlassen zu haben. Der Ort wäre würdig gewesen, zur Begräbnisstätte von
Menschen zu dienen.
    »Die Katzen gehen mit mir durchs Leben wie Menschen,« war das Schlusswort der
Baronin, ehe sie sich verabschiedete. Susanne hätte noch gern gefragt, mit
welcher Katze sie morgen in den Taifun kommen würde, aber sie unterliess es
lieber und hatte für sich selbst die Freude der Spannung: vielleicht den jungen
Edelmann Remus. Susanne verabschiedete sich mit ausgesuchter Grazie: »Auf
Wiedersehen, Frau Baronin.«
    Susanne hätte zu gern Besuche bei allen Katzenklubmitgliedern angeschlossen.
Aber die Zeit und die Hitze! Gewiss war die Baronin von Büxenstein die vornehmste
Katzengönnerin, wenn sie nicht durch die Fürstin zu Kloppenrede übertroffen
wurde.
    Susanne war in einiger Besorgnis, dass ihre Kätzi beim Tee eine der
unscheinbarsten Erscheinungen sein würde. Wollte sie überhaupt hingehen? Das
musste sie wohl, denn sonst kam sie ganz ausser Kontakt mit allen angeknüpften
Beziehungen. Sie wusste ja, dass ausser dem Doktor noch viele Künstler eingeladen
waren. Wenn also der Doktor die grosse Angst kriegte und nicht kam, so brauchte
sie nicht hoffnungslos zu sein. Die Karten für den Abend waren längst
ausverkauft, bereits schon in der zweiten Auflage, es versprach also ein
gedrängt volles Haus zu werden.
    Sie lief das erste Mal in den sagenumwobenen Grunewald hinein. Sie
erstaunte, dass man das Wald nannte. Die Papiermengen, die verstreut herumlagen,
waren wohl das Moos, aus dem die dürren Kiefern herauswuchsen. Ein Hitz- und
Schweissidyll konnte sie das höchstens nennen, wie der Orgelmann unter dem
einzigen dicken Eichenbaume sass und seinen Leierkasten drehte, dabei mit dem
halben abgehackten Arm Mücken jagend und den Schweiss mit einem roten Taschentuch
abtupfend.
    Als schöne Dame gab sie dem Leiermann einen Groschen und erhielt dafür einen
naseweisen Blick hinter blauen Brillengläsern. Die hat ja eine Katze! Das fiel
dem Mann sofort auf. Und er zog gleich, als sie vorüber war, ein neues Register:
»Alle Kätzle send no blend, wenn se erst acht Tag alt send, wenn se aber älter
send, send die Kätzle nemme blend« Daran anschliessend dudelte der Kasten: »Unsre
Katz hat Junge, sieben an der Zahl, lauter blaue Schwänze, 's ist doch ein
Skandal. Und der Kater spricht, die ernähr' ich nicht! Wie kann er das sagen, 's
ist doch seine Pflicht.« Susanne verstand dieses Potpourri nicht, aber es musste
sich auf sie beziehen, denn eine Schar grüner Jungen, welche im Braunen lagen,
hoben die Köpfe nach ihr und lachten mit Hinüberjohlen zum Leiermann. Dieser
grinste und nickte freundlich zu ihnen herüber. Susanne sah es, wie man mit ihr
Spass trieb, und ihr Groschen tat ihr leid.
    Die im Braunen liegenden grünen Jungen riefen Susanne zu. Sie wollten sie
begleiten und ihre Katze am Spiesse braten; dann blieben sie die Nacht mit ihr
draussen und badeten in der Frühe mit ihr im Teufelssee.
    Susanne lächelte über das fertige Programm und ging rasch weiter. Wo wollte
sie eigentlich hingehen? Sie konnte ja schon merken, dass sie nicht ohne Anschluss
blieb, wenn sie hier herumirrte. Und wenn sie an die Nacht dachte, die sie mit
einem gänzlich Unbekannten hier verbringen sollte, so war ihr ein wenig Angst.
Sie sah ein weisses Schild an einem Baume, darauf stand »Saubucht«. Für so etwas
war sie gestimmt.
    Sie lief nicht sehr lange, als es ihr zu öd wurde in dem Wald ohne
Abwechslung. Sie kehrte um und fuhr mit der Eisenbahn nach dem Tiergarten.
Während sie in das Häusermeer hineinfuhr, fuhr der Doktor in einem gleich
aussehenden Zuge hinaus. Dieses Hin-und Herfahren in den Grunewaldzügen hatte so
viel Trostloses an sich, diese obligate Luftschnapperei um einen Groschen oder
fünfzehn Pfennig ...
    Sie sind wahnsinnig, die Menschen, dass sie sich zusammendrängen wie die
Heringe. Die Hälfte aller dieser Menschen hätte ebensogut gewiss wo anders wohnen
können, als ausgerechnet in Berlin. Aber nein. Alles wohnte in Berlin. Er, der
Doktor selbst, weil sie ihn wieder holen konnten, wär's nun ein Teater oder ein
Kinooperateur.
    Er war so verzweifelt satt geworden, dass er nicht mehr wusste, wo er mit den
Kräften hinsollte. Vier Stunden hatte er nach dem Frühstück bei der merkwürdigen
Jungfer auf seinem Sofa geschlafen, so dass er mit krummsteifem Genick erwachte
und die Welt ganz verrückt ansah. Es war ihm gewesen, als hätte eine Dame,
während er schlief, an ihm hantiert. Hatte er bloss geträumt? Oder war's
Wirklichkeit gewesen? Er stand ganz verdaddert in seiner Stube, als er sich
erhoben hatte und die Hose zurechtschüttelte. Es fror ihn, schauderte ihn, und
der Windzug, welcher von dem nahenden Gewitter durch die Wohnung strich, machte
ein Geräusch wie die Schleppe von ihrem Kleide.
    Aber wenn sie wirklich bei ihm gewesen wäre, so hätte er keinen so tollen
Durst gehabt, denn sie hätte ihre Fruchtbonbons gefüttert. Und doch, wenn er
sich befühlte, so war feststellbar, dass etwas in ihm vorgegangen war. Diese
tolle Phantasie! Er musste ins Freie!
    Es wäre ein passender Zufall gewesen, wenn er mit seinem Zuge in Susanne
hineingefahren wäre. Aber sie glitten aneinander vorüber und hatten nur ein
nervöses Nichtwissen von einander. Der Doktor, ein alter Bekannter der
verschiedenen Pumpstationen des frischen Grün, empfand die Langeweile des Waldes
absolut nicht. Im Gegenteil, er lag noch um elf Uhr abends auf der Wasserscheide
zwischen Krummer Lanke und Teufelssee. Man kannte ihn doch noch als den grossen
Schauspieler und wusste nichts von seiner Verabschiedung. Eine kunstsinnige
Familie hatte ihn in ihrer Mitte, er machte bequeme Mätzchen und war der
gefeierte Held. Grunewald mit Familienanschluss war stets seine Spezialität
gewesen.
    In der Familie stak natürlich eine heiratsfähige, bereits möblierte Tochter,
die es wieder und immer wieder probierte, ihre entweihten Möbel an den Mann zu
bringen. Darum erkundigte man sich eifrig nach seinen Verhältnissen,
hauptsächlich nach den Wegen, auf denen man mit ihm kreuzen konnte. Es war die
Familie Maassen aus der Rossstrasse. Und die Tochter Evchen war eine weit
glänzendere Partie als ihr Ruf.
    Der Doktor bekam sie mit Fünfzigtausend und sechs Zimmern. Das erfuhr er
bereits in der Krummen Lanke. Und er erzählte dafür viel vom Taifun. »Ach, das
sind diese Verrückten!«, rief Evchen aus, »die die Menschen mit tausend Köpfen
malen, statt mit einem.« »Ich bitte Sie, Fräulein, wer hat einen Kopf?«
entgegnete ihr der Doktor. Das erzeugte ein Riesengelächter. In diesem Stile
glaubte die Familie den Doktor ausgezeichnet unterhalten zu haben, nämlich weil
sie sich selbst gut unterhalten hatte. Daran scheiterte die Brautfahrt Evchens
im Kreise der Familie: an der zu guten Unterhaltung. Sie dachte stets an sich
und nie an den Betreuten. Es war der Familie ganz unfasslich, dass sie immer und
immer beschwindelt sein sollte und nie den Fang machte, wo es wieder so reizend
gewesen war mit dem Herrn Doktor.
    Auf dem Katzentee versprach Evchen auch anwesend zu sein. Sollte sie etwa
ihren Moppi mitnehmen? Auch das gab wieder ein Heidengelächter. Man sah eben,
dass die Leute gar nicht den Ernst der Gesellschaft kannten. Wenn ein Katzentee
angesagt war, so war seine Abwicklung ganz Stil. Evchen war ohne Stil. Eine
Naturmenschin und darum eine sogenannte Kafferin; sie war lauter Herz, Verstand
und Vergnügen, aber gänzlich ohne Vernunft. Es fehlte ihr die Kultur. Eine
andere Vernunft existierte in keiner einzigen menschlichen Zusammenrottung.
    Der Doktor erklärte natürlich, dass ihn ihre Anwesenheit gewiss erfreuen
würde, aber sie müsste ihr schönstes Ballkleid anziehen. Das hielt die Dumme
wieder für Scherz. Dem Doktor war das völlig klar, dass, kam sie in einem üblen
Kostüm, er sie nicht im mindesten beachten würde.
    Der Doktor war nach diesem Ausflug von einem solch moralischen Katzenjammer
befallen, dass er am liebsten Hand an sich gelegt hätte. Er verachtete sich
selbst, weil er einem hausbackenspiessbürgerlichen Wesen die schwungvolle,
anmutige, gabenreiche Zier einer Susanne geopfert hatte.
    Die Wünsche und Gedanken solcher Rossstrassentochter waren ungefähr mit dem
Verschwinden hinter einer Schiessbude erledigt. Wo ihr die Hauptsache schon
gemacht war, fing die Nebensache bei Susanne an. Er klammerte sich an seinen
Bettpfosten und rief aus tiefer Seufzerbrust hervor: »Susanne.« Er fühlte ein
grosses Vermissen in der Seele. Zum ersten Male quälte ihn seine Liebe. Er liebte
Susanne und war ein solches Schaf gewesen, und hatte nichts gesagt. Er presste
die Stirn an den Schrank und sprach die leisen Worte: »Susanne, warum bist du
nicht hier?«
    Und wie er diese Worte froh vor sich hinflüsterte, blies wieder der
rauschende Windzug durchs Zimmer, dass er sich darnach umdrehte und unter seiner
Gänsehaut erschauerte. Er hatte Furcht, es sei die andere da und mache ihm
Schwierigkeiten.
    Litt er denn an Halluzinationen? Die Einsamkeit in seiner Stube war ihm so
widerlich, dass er sich zum Schlafe niederlegte, nachdem er das schaukelnde grüne
Gaslicht gelöscht hatte, das so erbärmlich brannte, weil die Gasanstalt nicht
mehr genügend Druck darauf hatte. Wenn nun bald alles Licht verlöschte! Wenn nun
die ganze Welt unterginge! Ich freute mich auf die letzte rollende Fahrt im Bett
hinunter in die Tiefe durch den Weltraum geschleudert. Mit solchen
weltschmerzlichen Gedanken übergab er sein Gehirn dem Gotte Schlaf, der es in
Seidenpapier einwickelte, bis er's zurückhaben wollte.
    »Ich möchte nun morgen früh erwachen und an einen schönen Frühstückstisch
kommen,« war sein endlich letzter Wunsch, dem der erste röchelnde Schnarchton
folgte.
    Susanne sass noch immer auf. Käterchen kam einfach nicht nach Hause. Wie
lange noch mochte es mit ihr gehen? Sie hatte ein ganz verändertes Wesen. Früher
war sie immer demütig und bescheiden gewesen, jetzt wurde sie von Tag zu Tag
muckischer. Gegen elf Uhr trat Susanne auf den Flur hinaus und machte
Treppenlicht, ging hinab zum Portal und sah nach, ob sie etwa davorstünde und
nicht hereinkönne.
    Da zuckte sie aber wie vor einem Einbrecher zusammen. In der Portalecke
stand Käterchen, torkelte umher und konnte den Eingang nicht finden. Sie sah
schrecklich aus. Ganz grosse Augen hingen ihr aus dem Gesicht. Sie grinste jetzt,
als sie Susanne sah, und balancierte die Augen und den Hut. Sie war besoffen.
Susanne zog sie mit Zorn und in ängstlicher Hast, dass es niemand vom Hause
bemerkte, die Treppe hinauf. Oben aber stiess sie Käterchen in den Korridor, dass
sie ihren Kopf mit der Garderobe zusammenbuckste. Sie musterte die dunkel nach
ihrem Zimmer tastende Gestalt ihres Mädchens, welches geradeaus ins Dunkle
grinste. Es lag deutlich wie Schlagsahne auf ihrem zerfledderten Hute, und ein
tropfenweisser Strich ging von der Kreuzgegend über den Rücken des schwarzen
Jacketts hinweg. War das Schlagsahne? Diese Frage gab Susanne ganz erhitzte
Gedanken. Wo war Käterchen gewesen? Tiefer war eine grosse Schmierade.
    »Wo hast du dich herumgetrieben?«
    Käterchen grinste und phantasierte aus der überschwemmten Erinnerung heraus
eine chevalereske Wahrheit. Sie war an der Gross-Lichterfelder Landstrasse mit
einem Haufen von neun Soldaten, die bei der Abfuhrgesellschaft m.b.H. Berliner
Grundbesitzer in Aushilfe arbeiteten, unisono zusammengestossen. Mit achtzehn
Armen hatten die Soldaten mit ihr hineingeschwenkt, wo die Heidschnucken noch
nicht abgefressen hatten, und lachend und ohne Widerstand hatte Käterchen Platz
genommen. Susanne schnürte es am Nabel, als sie diese Erzählung anhörte. Und wie
sie jetzt das gelbe faulige Maul Käterchens auf sich gerichtet grinsen sah,
überkam sie ein Schauder und eine Vorstellung, als ob so alle die Weibsleute
aussehen müssten, welche zerstückelt aus dem Ärmelkanal und der Spree gefischt
würden.
    »Gehen Sie zu Bett,« schrie sie und verliess die nachtumrandete Gestalt. Sie
konnte aber diese Nacht kaum schlafen. Immer sah sie die grinsende Gestalt mit
dem hässlichen Mund. Aber nur was hinter den Lippen war, war hässlich. Es musste
tiefes Müllvolk sein, das diesen Mund küsste mit neunköpfigem Fanatismus. Susanne
wurde von der Zahl schier erstickt, und Käterchen, das Luder vom Schwarzwald,
hatte all die Knochen ertragen, welche die Zahl noch unheimlicher aufbauschten.
    Sie fieberte, dachte bald an Brüssel, bald an den Hoteldirektor, und die
Taifunfratzen kitzelten ihre Glieder, dabei fühlte sie die Notwendigkeit,
Käterchen sofort hinauszuwerfen, weil sie bald heiratete. In den tollsten
wildesten Verschlingungen mischten sich diese Vorstellungen in ihrem Halbschlafe
durcheinander. Kätzi lag nie geschickt und wurde dauernd herumgeworfen, von der
Decke aufs Kissen, vom Kissen auf den Teppich, von dem sie wieder
emporkletterte. Susanne war himmelangst vor dem nächsten Abend, wie verlebt sie
aussehen musste nach diesen Nachtphantasien. Es war ihr am Morgen so übel, dass
sie sich erbrach.
    Käterchen wurde von ihr aus dem Bette gerissen; zuerst aufgedeckt. Also das
war von solcher Zahl verwüstet worden. Käterchen räkelte sich und war
geschmeichelt. Das raubte Susanne die Geduld. Sie holte den Feuerhaken und war
im Begriff, unbesonnen auf sie loszuschlagen, wo es auch hinging.
Glücklicherweise stand Käterchen, als sie ihn brachte, schon vor dem Bett.
    Statt der Hiebe ging ein Hagel von Schimpfworten in vlämischer Mundart über
Käterchen nieder, dass er wie giftige Lanzen in Käterchens Brust dringen sollte.
Käterchen zitterte auch wirklich zuletzt, als wollte das gnädige Fräulein aus
ihren Eingeweiden weissagen. »Ich friere, ich muss mich anziehen,« schlotterte
sie.
    »Dann musst du dich anziehen! Cochon! Cochon!« schrie Susanne und spuckte.
»Wenn du überhaupt noch bei mir bleiben willst, so wirst du dir heute noch alle
Zähne ausreissen lassen. Zur Strafe! Cochon! Ich will dich herumtreiben! Alle
deine Zähne müssen dir in den Hals hinabgestossen werden! Nur weil du solch ein
Mistloch hast, verfährt das Lümmelvolk so stiefelsdick mit dir. Bist du noch
nicht angezogen? Raus mit dir!« Und sie erhielt einen kräftigen Rippenstoss, dass
sie in die Küche flog. Dort stand sie mit verglasten Augen und wimmerte:
»Gnädiges Fräulein, heute noch? Das halte ich nicht aus, gutes Fräulein.«
    »Jawohl, heute. Du gehst zum Zahnarzt. Da gibt es keine Weigerung. Ich will
dir die neun schon aus dem Leib schinden.«
    »Fräulein, sind Sie doch nicht so grausam! Wir sind doch alle nur Menschen!«
    »Menschen! Du! Ein Mensch? Ein Vieh bist du! Kein Schwein ist wie du.«
    »Verzeihen Sie mir das. Ich bin eine Witwe!« schrie Käterchen.
    »Was soll das wieder heissen?« raufte Susanne sich in den Haaren, »das
versteh ich nicht. Du stachelst mich immer mehr zu Grausamkeiten. Ich könnte
dich in Stücke zerhacken. Ich halte das nicht aus, zu denken, was über dich
hinweggegangen ist.«
    »Verzeihen Sie mir's doch Fräulein, ich war draussen gewesen bei Onkel und
Tante, da war der Kommis im guten Nebenzimmer gesessen und hat so viel Wein
gewichst, damit er seine sechzigtausend Mark Objekt einweihe,« rechtfertigte
sich Käterchen mit Energie.
    »Schweige,« rief Susanne und hielt sich die Ohren zu.
    Käterchen riss ihr die Hände von den Ohren. »Nein, Sie müssen das begreifen,
Fräulein, wie mir da zumute gewesen ist. Da nahm er ein abgenagtes Hammelbein
aus der Tasche und hielt mich zum Narren damit.«
    Susanne fiel fast in Ohnmacht vor Empörung. Sie sagte jetzt gedämpft: »Du
kannst nicht bleiben, Käterchen. Ich war im Walde draussen, und es muss ganz
anders werden. Für die Veränderung taugst du nicht mehr.«
    Käterchen fiel ihrem Fräulein um den Hals und bettelte: »Fräulein Susanne,
ich kann ja nicht mehr leben ohne Sie. Ich will mir auch endlich das Maul
reparieren lassen, wenn Ihnen das so zu Ekel ist. Ich will mich ganz ducken.«
    »Nein, es ist unmöglich. Ich war auch bei verschiedenen Baroninnen. Du bist
zu gemein.«
    »Ich?« frug Käterchen erstaunt. »Sagen Sie lieber, nicht gemein genug. Wenn
Sie so sagten, das hätte ich geglaubt. Das Fräulein wollte dann wohl eine, die
stiehlt und betrügt, die recht schöntun kann.« Sie machte eifrige Knickse dazu.
    »Koche mir eine Suppe, aber wasche dich vorher, ich befehle es dir, wasche
dich vorher!« Sie drohte mit dem Eisen, und Käterchen ergriff sofort die Seife.
    Susanne blieb schweigend danebenstehen und beaufsichtigte sie, damit sie
Garantie hatte, dass sie die Landstrasse und all das Schaudererregende abwusch.
Wenn nach Susannes Meinung ein Körperteil noch nicht blank genug war, so deutete
sie unwirsch mit dem Feuerhaken darauf. Das ziemlich alte Käterchen benahm sich
dabei wie ein Schulkind, so flink parierte sie auf alle Winke. Susanne gab auch
den Befehl, wann sie aufhören sollte. Da sagte sie: »Jetzt geht es eher,« mit
pfiffigem Lachen und rieb sich das spitze Kinn. »Zieh dich an, und dann koche
erst für mich. Nicht, dass du jetzt deine Kleider reinigst, die kannst du erst
vornehmen, wenn Feierabend ist, oder wenn ich heute abend im Taifun bin.«
    Käterchen setzte ihre Arbeit aus und horchte auf. »Ach richtig, das ist
heute abend,« sagte Käterchen mit Gier, gerade als freute sie sich auf ein neues
Abenteuer.
    Susanne bändigte sie sofort und setzte hinzu. »Natürlich bleibst du dann zu
Hause. Und damit du nicht in Versuchung kommst, werde ich die Schlüssel an mich
nehmen und dich einschliessen.«
    Käterchen zuckte zusammen und war den ganzen weiteren Tag in sich versunken
und nachdenklich. Susanne versuchte sie deshalb durch immer neue Vorwürfe aus
der Fassung zu bringen, so dass Käterchen am liebsten durchgegangen wäre. Susanne
stach sie wie ein Skorpion mit immer schändlicheren Verbildlichungen ihrer
tiefen Verkommenheit.
    Stumm und still war Käterchen auch, weil sie nicht zum Zahnarzt gehen
wollte. Sie druckste herum wie ein Kind, das wusste, dass es Prügel zu bekommen
hatte. Sie war ganz degenmässig, denn vor dem Zähneziehen hatte sie gewaltige
Bange.
    Es wurde immer später, und gegen Mittag glaubte Käterchen, wieder frei reden
zu können, ohne Gefahr. Kaum aber brachte sie ein Wort hervor, so rief Susanne:
»Wie spät ist es denn? Warum bist du noch nicht beim Zahnarzt? Mach sofort, dass
du hinauskommst!«
    Sie rief es hinter der angelehnten Türe des Schlafzimmers, und Käterchen
blieb mäuschenstill stehen. Da rief Susanne noch einmal. Käterchen antwortete:
»Zu welchem denn?«
    Von Susanne kam keine Antwort mehr. Käterchen atmete auf, aha, sie hatte
heute keine Zeit, weil's zur Abendgesellschaft ging. Und dann war die Strafe für
diesmal wieder vergessen. Sie fing an, beim Kochen lustig zu pfeifen, wobei sie
sich jedesmal kurz unterbrach, wenn sie aus dem Topfe naschte. Dann trat Susanne
heraus und hatte in der Küche etwas zu suchen. Käterchen lachte spöttisch wegen
dieses Misstrauens. Aber wehe, wenn man sie erwischt hätte. Kätzi war jetzt nicht
mehr so nahe wie in Brüssel beim Herde, das war das Gute in Berlin. Sonst aber
war's in Brüssel zehnmal besser gewesen.
    Das Fräulein sonderte sich neuerdings gänzlich von ihr ab. Von netten
Spielereien durfte sie schon gar nicht mehr anfangen, dann ging Susanne einfach
hinein ins Zimmer und schlug die Tür zu. Ach ja. So ging es eben mit den
Herrschaften. Susanne war genau dieselbe, wie man's von anderen erzählte. Es
musste irgendeine Luft gefächelt haben, die am Ende doch Doktor hiess. Käterchen
drielte bei dieser Betrachtung Speichel über ihre dicken Lippen in das Essen.
Sie konnte den Doktor nicht leiden. Wahrscheinlich blieb sie dann nicht länger.
Auch das war mit Onkel und Tante gestern genauestens besprochen; wenn sie eines
Tages telephonierte, so wollten sie oder der Kommis jemanden schicken, der ihren
Korb holte.
    Susanne ass heute, das Handtuch um die Büste geschlungen; mit lachsfarbenen
seidenen Strümpfen und in einer elfenbeinfarbenen Hose sass sie am Tische, Kätzi
zwischen die geschlossenen Schenkel gelegt. Ihre ganze Büste schillerte heute in
einem zarten Rosa-Teint, von dem die Gesichtsfarbe in nichts abstach. Der
Haarturban erschien wie eine unterbrochene Fortsetzung der Hose, die Augen waren
die bestechendste Auffälligkeit. Diese deuteten an, dass alles herrlich war.
»Wenn der Doktor kein ganzer Simpel ist,« murrte Käterchen, als sie aufsetzte,
»dann beisst er an. Der Kapitän störte Sie immer mittenmang im Essen.« Susanne
lachte hinaus und machte ein gutes Gesicht zu Käterchen. Die Folge war, dass
dieser die Tränen kamen und sie das Schnupftuch hervorholte. Kätzi sprang auf
den Tisch.
    »Hab' ich dir irgend etwas getan?« frug Susanne.
    Käterchen blickte von ihrem Platze auf und ging mit ihrem Blicke über
Susannes Rosenrot hin.
    Susanne wurde verlegen und legte das Tuch breiter aus. Da gab es Käterchen
einen schluchzenden Stoss in der Brust. Sie wusste, dass alles vorbei war. Susanne
klopfte auf den Schoss, damit Kätzi hinabsprang.
    Wie war ihr einmal die Welt aufgegangen, als sie vom Schwarzwald durch
reinen Zufall zu dem Fräulein nach Brüssel gekommen war. Und wie schrumpelte in
Berlin alles wieder zusammen. So sah Käterchen die Welt an.
    Und umgekehrt. Susannes Augen waren nur grösser und weiter geworden,
einesteils durch das Magererwerden vom Hungern, andernteils aber durch das
aufmerksame Betrachten sich nahender Ereignisse. Wie mannigfaltig waren sie doch
bei aller scheinbaren Eintönigkeit. Ihr war das Zurückliegende wie ein
verkümmertes sinnloses Dasein. Wie schön war jetzt das Ahnen einer Tätigkeit.
Einen ungefähren Begriff hatte sie durch ihren Verkehr mit dem Taifun. Es
schwebte ihr als Ideal vor, eine zweite Hermione zu werden, ja, sie in kurzer
Zeit zu überflügeln.
    Als Frau Doktor - ein ehrgeiziger Puls wogte in ihr, so dass sie schwer nach
Luft rang und ihr umgelegtes Tuch lüftete. Diese beiden ganz gegensätzlichen
Melodien sassen heute am Tisch. Die eine vor Trübsal und Schwermut den Kopf
senkend, die andere vor Fülle fast zerspringend wie eine brechfertige Pflaume:
Käterchen und Susanne.
    Kätzi holte sich heute Verschiedenes selber auf den Teller, ohne dabei
vermeiden zu können, dass ihr ein Tropfen auf das Tischtuch fiel.
    Gleich nach Tisch begann das Fertigmachen für den Abend. Käterchen bettelte
noch einmal um ein Mittagsschläfchen, aber Susanne liess sich nicht bewegen. Sie
wollte elastisch und ohne Kopfschmerz sein. Käterchen war ausser sich, dass sie
die schöne Susanne nur kalt bedienen durfte. Sie verfluchte sich selber und alle
Massenwirtschaft. »Vielleicht denken Sie noch einmal an mich,« winselte sie.
Aber Susanne blieb stumm und hantierte rüstig an sich und Kätzi. Und als
Käterchen schliesslich in eine Wut ausbrach und sich Verletzungen beibrachte,
ging Susanne mit einem Tritt auf sie los: »Bestie - nein!«
    Das war über alles Verstehen. Bestie. Sie war eine Bestie? Und dieses Nein!
Ein Nein, das jede Hoffnung ausschloss. Sie erhob sich vom Boden, auf dem sie auf
den Knieen gelegen und gefleht hatte, schwieg und sprach nichts mehr. Auf keine
Frage antwortete sie mehr, bis es Susanne zu dumm wurde und sie ihr in der Küche
das Waschbecken über den Kopf goss.
    Käterchen stand triefend und starrte wie leblos. Die Quälereien wurden
täglich toller. »Lassen Sie mich doch gehen!« schrie sie aufbegehrend. »Jetzt
sieht man deinen wahren Charakter,« war die Antwort.
    Da wollte Käterchen wieder sanft werden, aber ein schneidender Hohn stiess
sie zurück. Als sie dann allein in der Küche sass, sprach sie mit sich selber,
agierte und fabbelte mit den Händen, legte sie sich erdrosselnd um den Hals, bis
sie fast erstickte. Erst wenn sie tiefblau angelaufen war, liess sie wieder los.
Nein, es kam ihr noch ganz anders.
    Während Susanne mit Kätzi unter dem Arm zur Türe schritt, um fortzugehen,
stürzte Käterchen auf sie los, als wollte sie sie erwürgen. Aber doch fehlte
ihren Händen der Mut dazu, den schönen Hals der Herrin auch so zu pressen, wie
den ihrigen. Susanne erschrak zuerst, fasste sich dann aber schnell. Sie sprach
mit Ruhe: »Also man kann dich heute abend nicht einmal allein lassen. Lass ich
aber offen, so gehst du davon. Das ist ein noch grösserer Schaden für dich. Zieh
dich schnell an. Oder kannst du das auch nicht, Kätzi tragen?«
    Käterchen schluchzte: »Jawohl kann ich Kätzi tragen,« und in kaum zwei
Minuten hatte sie die Katze schon auf dem Arm und ging mit. Unterwegs wurde sie
halbwegs wieder vernünftig.
    Susanne gab ihr Verhaltensmassregeln mit der Katze. Sie solle sie wieder bei
sich haben, wenigstens solange, bis die offizielle Tour der Katzen darankam. Sie
wusste ja selbst noch nicht, wie dieser Tee überhaupt veranstaltet wurde.
Jedenfalls solle sie sich gar nicht um die andern kümmern, sondern warten, bis
sie selbst ihr Kätzi wieder abnahm. Das Tier war übrigens kaum mehr zu erkennen.
Vom Schampoonieren hatten sich ihre Haare gekräuselt, als wären sie gebrannt
worden, und Spangen, Bänder, Ketten und Schleifchen waren im Überfluss
angebracht.
                                     * * *
    Der Taifun brauste in nie erlebter Stärke. Alle Salons waren gedrückt voll,
und auf der Strasse bis in den Vorhof prügelten sich die Menschen, weil die mit
Karten versehenen das Vorrecht beanspruchten, hineinzukommen. Die Leute waren
ausser sich und schrieen nach Hilfe und Polizei! Je lauter man das Wüten des
Taifun im Hofe und auf der Strasse vernahm, desto gieriger wurde der Drang. Und
bis weit auf die Strassendämme, wo schon kein Mensch mehr wusste, warum hier
gedrückt wurde, zog und sog der Taifun. Er raste wie eine Kornmühle, die solange
mahlte, bis sie vor Überlastung sich warm lief und stille stand. Das durfte aber
nicht eintreten. Hermione sorgte für fortwährenden Fluss der zuströmenden Massen,
während Ganswind am Flügel den Taifunmarsch in den Äter polterte. Er lautete:
Tramm tramm trarrrrramm mmm rrrrrrr ki ki ki kik Tramm tramm Trrrr taif taif
fffff ttrrrrrr. Er war ohnegleichen, für den Abend neu erfunden. Schon suchte
ein blutendes Gehirn die nächste Unfallstation auf, dem die silberne Krücke
eines schwarzen Ebenholzstockes im Gedränge ein Loch durch die Schädeldecke
geschlagen hatte. Das waren Nebenerscheinungen. Die Haupterscheinung war Freiin
Edle von der Schelde.
    Sie sollte sich durch das Gedränge hindurchzwängen. Das fiel ihr nicht im
Traum ein. Sie hatte auf der rechten sowie auf der linken Schulter je eine
schaurige Katze sitzen, die nach allen Seiten fauchten, spieen oder kratzten. Es
waren die gefürchtetsten Teufel von Buckow in der Mark. Sie hatten dort binnen
vierzehn Tagen sämtliche Vögel gefressen, - wie sollten sie sich in Berlin eines
besseren Betragens befleissigen? Im Katzenkranze mussten sie stets in Ketten
gelegt werden, weil sie sonst blutige Bisse und Wunden verteilten. Und Freiin
Edle von der Schelde schimpfte überdies solche quarrenden Worte durch die Menge,
dass alles bestürzt zur Seite wich. Oben in der Ausstellung wollte man sie nicht
hereinlassen, da sagte sie sofort: »Wagen Sie mich zurückzuweisen, dann sind
Ihnen binnen zehn Sekunden alle Haare vom Haupte gerissen.« So sprach sie zu der
sanften Taifundame, Fräulein Senflein. Glücklicherweise stand sofort Hermione
da. Mit lachender Miene reichte sie der Freiin die Hand. Diese schlug ihr eins
darauf. Das erschütterte Hermione aber durchaus nicht; sie war zu welterfahren.
Sie sagte nur: »Ich bin überrascht, Ihre edle Hand so zart zu finden.« Pustend
und schnaubend hielt sie ihren Einzug, bis sie im gedrücktesten Salon mit ihren
Bestien ruhte. Auch alle anderen Katzendamen wichen vor ihr aus. Man hatte nur
wegen ihres vornehmen Stammbaums den beiden Viechern die Mitgliedschaft nicht
verweigern können.
    Das Wunderbarste war, dass Hermione den Kopf nicht verlor beim Dirigieren der
unbekannten und fremden Massen. Sie war ganz auf sich angewiesen, denn ihr Ossi
war auf dem Klavierstuhl vor dem Flügel festgenagelt. Er sah die Massen der
Gäste und Taifunisten sichtbar wachsen. Beim Anschwellen der drohenden Brandung
bekam er Furcht, aber weil er auf Hermiones Befehl nicht vom Flügel weichen
durfte, so setzte er seine schweissende Angst in todverachtende Verzweiflung um,
dass er schwarz und weiss nicht mehr unterscheiden konnte: f und fis stachen
einander in die Wampen. Die Tortur war derart, dass die um Ganswind gescharte
Menschheit in tiefer Besorgnis das sekundlich komponierende Genie bewunderte und
bedauerte. Die Zuschauer alle fürchteten, dass aus den Grimassen seines Gesichts
ein zweites Klavier im Raume fabriziert würde. Es waren körperliche Schmerzen,
die sie fühlten; und allmählich tanzten und wanden sich alle in ähnlichen
Schwingungen wie der Komponist sie am Klavier produzierte. Und während diese
Zuckungen sich wellenförmig weiterbewegten, begann im Hof und auf der Strasse
eine solche Unruhe, dass die berittene Schutzmannschaft erschienen wäre, wenn
nicht alle Pferde eingezogen gewesen wären. Im Laufschritt nahte trotzdem eine
Gruppe Schutzleute. Als sie aber das gemütvoll dreinschauende Haupt von
Polizeirat Löwe in der ersten Etage des Hauses erblickten, zogen sie wieder ab,
nachdem ein siebzehnjähriger Taifunist, der sich hindurchzwängen wollte, einen
Knochenbruch erlitten hatte.
    Die Kasse des Taifun hatte inzwischen fünfzehntausend Menschen mit
Eintrittskarten versehen, mit einfachen grünen, gelben, und als diese zu Ende
waren, mit blauen Zetteln, ohne jede Aufschrift. Die kleine Senflein forderte
immer höhere Preise, was keinerlei Erstaunen erzeugte, denn man war gewöhnt
worden, für einen Kohlrabi vierzig Pfennig bis zu sechs Mark zu bezahlen. Alle
Preisgesetze standen nach Willkür. Jeder verlangte nach Gutdünken, warum sollte
sich die Kunst nicht in erster Linie die Lage zunutze machen?! Und alle die
drängenden, Geld hinliefernden Menschen sahen im Innern einige Katzen, einen
Flügelakrobaten, eine auffallend schöne nordische Dame, die jeden einzelnen
anlächelte wie einen einmal gehabten Bettgefährten. Weit gefehlt, dass ein Tee
gereicht wurde. Ja, nur im ersten Katzenraume waren die hohen Damen mit Tee
beschäftigt, aber sie gehörten zu der Vorstellung.
    Die Frau des Polizeirats suchte vergeblich den Doktor. Dieser stand in eine
Ecke gepresst und fürchtete sich, hervorzukommen, weil er befürchtete, einige
seiner dürren Rippen im Gedränge zu brechen. Bei der grossen Saugkraft des Taifun
fanden allerdings auch Damen seine Ecke. »Bei Gott, Sie sind es, Evchen, ach,
wie lieb!« rief er aus, dann verkroch er sich noch tiefer, und vergebens mühte
sich Evchen, mit ihm intim zu werden, mit dem einzigen Bekannten.
    Gegen sechs Uhr, programmgemäss, pausierte Ganswind. Er stand auf und brachte
zunächst seine Knie zur Streckung, dann suchte er Hermione und bat sie, Schluss
zu machen. Hermione glänzte ihm entgegen: »Ossi, Ossi, wenn du unser
Kassengeschäft kennen würdest? Senflein verlangte für den letzten lila Zettel
zwanzig Mark. Und diese bezahlte ein Munitionsarbeiter, den ich zufällig
erkannte. Auch hat der Hauswirt seine eigene Wohnung geöffnet; sie sei ebenso
dicht angefüllt.«
    »Aber die Menschen haben ja dort gar nichts,« äusserte Ganswind besorgt.
    »Lass sie doch, Ossi. Die Menschen wollen ja gar nichts haben, sie wollen nur
ihr Geld bezahlen. Die Menschheit geht endlich den Zeiten entgegen, wo das Geld
verachtet wird, weil es keinen Wert mehr besitzt,« frohlockte Hermione.
    »Und dann willst du dich zur Lumpensammlerin hergeben?« rief Ganswind
entrüstet. »Das ist deiner unwürdig, du schönstes der Weiber des Erdenballes.«
    »Wahrhaftig, du machst mich aufmerksam; lass schnell schliessen, Ossi, ich geh
zu den Damen.« Hermione eilte davon.
    Ganswind gab Glockenzeichen, immer wieder, bis er reden konnte, dann
verkündigte er: »Wegen allzu grossen Andrangs ist die Kartenausgabe für heute
geschlossen. Nächsten Mittwoch ist die Wiederholung.« Das gab Luft. Was noch
nicht mit Zetteln versorgt war, flutete zurück auf die Strasse, rannte auf den
Steigen entlang, nach anderen Stätten suchend, um das Geld zu Wert zu bringen.
    Als Ganswind von der Kasse wegging, gefolgt von der kleinen Senflein,
begegnete er Susanne.
    Er begrüsste sie mit vielen Verneigungen, so schön war sie. Er küsste ihre
Hand, dann schnaufte er und scharwenzelte: »Ein Riesengeschäft gemacht. Der
Taifun kann sofort Kapital kaufen und ein Teater eröffnen.«
    »Herrlich,« sagte Susanne begeistert.
    Es kamen Gäste näher, die die Sprechenden als auffällige Menschen
betrachteten. Infolgedessen schlugen sich Ganswind und Susanne in rascherem
Gange durch das Gewühle in den Sälen. Überall nickten kleine Mädels nach ihnen.
Diese waren aufgestellt, um Diebstähle an den seltenen Gemälden und Skulpturen
zu verhindern.
    Oft liessen sich Anwesende roh und lustig vernehmen, spotteten, falls man es
Spott nennen konnte, hätten sich aber gar zu gern ohne Geldaufwand an den
Lächerrlichkeiten bereichert. Deswegen hatte Ganswind in weiser Voraussicht
Posten genug aufgestellt. Und an einer Szene hatte Susanne grosse Freude.
    Da war ein Herr mit einer Dame ertappt worden, die gerade einen ganz
verdrehten Gips verulkten, ihn aber, so gross und umfangreich das Kubistenwerk
war, unter dem Kleid der Dame verschwinden lassen wollten.
    Das Aufsichtsfräulein trat auf das Paar zu und bat, die Figur erst an der
Kasse zu erwerben.
    »Das wollen wir ja auch,« schrie der Herr.
    »Sie kostet zehntausend Mark,« antwortete das Fräulein.
    Der Herr gab sich den Anschein, als ob er diese Summe auch erwartet hätte,
und sagte: »Gut, dann können wir die Figur ja auch zur Kasse bringen.«
    »Falls Sie sich mit soviel Bar versehen haben.«
    »Nehmen Sie keine Anzahlung?«
    Ganswind ging eilends hinzu. Das Geschäft war glatt.
    »Selbstverständlich, mein Herr, wenn Sie mir Zweitausend Mark anzahlen
können und Ihre Adresse hier lassen, so erhalten Sie das Werk gut verpackt
zugestellt.«
    Der Herr überlegte. Sollte er lieber zweitausend Mark anzahlen, die Adresse
falsch angeben und die Büste schwimmen lassen, oder sollte er die zehntausend
opfern und den um seiner Lächerlichkeit willen gemausten Gegenstand in seinen
rechtmässigen Besitz bringen?
    Herr und Dame sahen sich an. Die Dame erblasste. Susanne glühte vor Entzücken
bei diesem Bilde. Endlich sagte er: »Gut, ich werde zweitausend anzahlen und
meine Adresse hier lassen.« Die Dame sank ohnmächtig auf einen Stuhl. Im Taifun
drängte sich alles nach diesem Salon. Sofort notierte das Fräulein die Adresse:
Robert Smit, Grosse Frankfurterstrasse 57. Dann hielt sie die Hand hin und
erhielt zweitausend Mark. Nun wollte er seine Frau unter den Arm nehmen und sich
empfehlen. Ganswind verneigte sich bereits aufs ehrerbietigste. Doch es gelang
nicht, die Frau vom Sitze hochzubringen. Sie sagte: »Wenn du schon zweitausend
geopfert hast, so erwirb doch lieber das Kunstwerk sofort, und wir nehmen es
mit.« Darüber wurde er sehr ärgerlich und wütend, biss die Zähne zusammen: »Was
willst du dich damit abschleifen? Der Salon besorgt sie uns ins Haus.« Die Dame
sah auf die zweitausend Mark, welche das Fräulein in der Hand hielt. Es war ihr
leid, für das schöne Geld gar nichts zu haben. Aber allerdings, ihr Mann hatte
recht. Sie bequemte sich endlich, dem Gatten zu folgen. Ganswind verneigte sich:
»Ich empfehle mich.« Der Polizeirat kam auf Ganswind losgeschossen und
gratulierte ihm herzlich. Ganswind sagte recht laut: »Ah, Herr Polizeirat.« Die
Dame an des Gatten Arm rannte beschleunigt davon.
    Susanne lachte zuerst hell hinaus. Das wirkte ansteckend, und bald war ein
grosses Gelächter.
    Man drängte sich um Ganswind und frug nach dem Zusammenhang. Er schmunzelte
über das ganze Gesicht: »Will jemand von den Herrschaften die Figur kaufen, ich
lasse sie ihm für achttausend, denn zweitausend hab ich schon. Der Herr wird sie
ja niemals erhalten können, denn natürlich, die Adresse hat er falsch
angegeben.«
    »Ein Hochstapler,« raunte man durch den Salon.
    »Nein. Ein Kunstkenner oder auch Förderer, wie Sie ihn nennen wollen,«
erwiderte Ganswind. Infolgedessen prüfte und besah alles die Figur. Wie viele
hatten doch bisher darüber gelacht! Plötzlich war ein tiefer Ernst in ihre
Linien gekommen. Man ahnte, um was es sich gehandelt hatte, dass sich der Herr
von ihr um zweitausend Mark losgekauft hatte. Diese Geschichte blieb ja ein Ulk;
nun war sie bereits drüben im Katzensalon, Und Hermione kam angestürmt: »Ossi,
das ist ja glänzend!«
    Ganswind verzog jetzt das Gesicht bitter ernst und heuchelte eine
gegenteilige Empfindung. Er sagte: »Wenn du das glänzend findest; ich finde, es
hat dem Kunstwerk schweren Eintrag getan.« Die Umstehenden debattierten, ob das
zutreffe. Das ging solange hin und her, bis ein Beherzter vortrat und eine
feierliche Erklärung abgab: »Ich will es gestehen, mir ist ein Licht darüber
aufgegangen. Ich kenne Sie zwar nicht persönlich, mein Herr, aber Sie vertreten
doch hier die Interessen ...«
    Er wollte weiterreden, doch Ganswind unterbrach ihn.
    »Interessant,« sprach er, »wie Sie sich das wohl vorstellen. Ich habe gar
kein Interesse, das sich etwa auf den Geldwert bezöge. Ich vertrete nur rein die
Kunst der Künstler. Wenn Sie mich kennen lernen wollen, so rede ich gerne mit
Ihnen im Direktionszimmer weiter. Meine Frau.« Er stellte Hermione mit einem
kurzen Wink vor.
    Hermione gab sachte die Hand und lächelte hingenommen. Der Herr war vor
angenehmer Verlegenheit ganz verwirrt und ging mit Ganswind und Hermione durch
das Gedränge auf das Direktionszimmer zu. Dort erstand der Gast die »Palaestra
von Pansch« mit abgehauenem Kopf, Armen und Beinen für zehntausend Mark, denn er
hatte den Vorgang nicht von Anfang an beobachtet. Die schon bezahlten
zweitausend reservierte der Taifun, für Rückzahlung an den Fremden,
stillschweigend. Der Handel ging ziemlich rasch, denn das Geständnis des
Käufers, dass er ein bekehrter Saulus bezüglich der Taifunkunst sei, war kurz und
deutlich. Er wurde von selbst in eine Art Mitgliedsverhältnis aufgenommen, und
hatte fortan freien Ein-und Ausgang, wie jeder Taifunkünstler. Ein Mäzen war
gewonnen. Viele Neugierige hatten den Abschluss des Handels noch abgewartet, das
Resultat wurde schnell bekannt, denn die Hand der Salonoberin und Kassiererin,
Fräulein Senflein, heftete schon das Etikett »Verkauft« mit einer Reisszwecke
hinter der Figur an die Wand.
    Das Publikum klatschte in die Hände. Susanne zog sich wie ein glatter Aal
aus den Sermons über Kunst, welche einige Herren und Damen mit ihr angeknüpft
hatten in dem Gefühl, dass sie eine vertraute Taifunistin war. Sie glitt über den
Parkettfussboden. Endlich fand ihr Auge zufällig die Ecke, in welcher der Doktor
versteckt mit Evchen in ein süsses Plauschen geraten war. Susanne blieb vor
Schreck stehen. Das hätte sie nimmermehr geglaubt. Stand der Doktor in nahen
Beziehungen zu der Unbekannten? Hatte es überhaupt noch einen Zweck, wenn sie
sich als ewige Zugehörige des Taifun ansah? Jenes Paar hatte den Taifun betrügen
wollen, aber wie betrog der Taifun sie! Sie kam an dem Direktorzimmer vorbei.
Bisher war sie ohne alle Scheu bei Ganswind ein- und ausgegangen, aber bei
solchem Anblick fiel ihr das Herz hinab. Sie stand überlegend vor dem Zimmer,
als Hermione mit strahlenden Augen herauskam. Ja, die konnte strahlen, dachte
Susanne, ihr war ein grosser Tag gelungen.
    Susanne setzte sich nicht zu den übrigen Damen des Klubs, sondern sie lief
sinn- und ziellos in den Sälen umher. Käterchen hatte sie mit Kätzi auf dem
einzigen Klosett untergebracht, weil sonst kein freier Raum mehr zu finden war.
    Sie sah Hermione mit vorwurfsvollen Bücken an. Hermione wusste sofort: »Susi,
verzeihe doch; dass der Andrang so furchtbar wurde, wussten wir nicht. Ossi wird
das Weitere gleich tun. Komme doch herein.«
    Susanne schüttelte den Kopf. Da wusste Hermione, dass sie dem Weinen näher war
als irgendeinem Schimmer von Hoffnung. »Hast du den Doktor noch nicht gesehen?«
frug sie.
    »Jawohl. Er steht und plauscht mit einem sehr verdächtigen Fräulein.«
    »Gut, dann bitt' ich dich, geh sofort in den Salon, wo der Flügel steht,
aber unauffällig. Es ist nämlich Zeit, dass die Menschen gehen. Sie erdrücken
unser Programm,« sagte Hermione und verschwand wieder in Ossis Arbeitszimmer.
    Susanne lief gehorsam ins Flügelzimmer. Gleich im nächsten Salon, den sie
betrat, fiel ihr auf, dass er dunkler war. Er lag plötzlich in einer Stimmung,
als zöge ein Gewitter am Himmel auf. Auf ihrem weiteren Weg durch die Salons war
dieselbe dumpfe Schwüle, so auffallend, als wäre sie von unsichtbarer Hand
künstlich hergezaubert worden. Auch das Publikum, das noch nicht entströmen
wollte und in heftige Prügeleien und Spaltungen über Kunstansichten geraten war,
begann die Pein dieser Schwüle zu spüren. Im Flügelzimmer aber stand der dicke
Hoteldirektor, den Gelüste durchwühlten, ohne dass er es wagte, Susanne ins
Gespräch zu ziehen.
    Hermione, der Leiter, war unterwegs. Zuerst bat sie den Doktor, den sie bald
in der bezeichneten Unterhaltung mit der Dame auffand, sich in den Salon vom
grossen Müller zu begeben. Sodann lud sie alle Damen vom Katzenklub ein, ihr zu
folgen.
    Der Salon des grossen Müller war verhältnismässig frei, denn die Bilder, die
dort hingen, erschienen den fremden Besuchern einmütig undiskutabel. Ja, sie
fühlten sich von diesen Sachen geradezu nur gefoppt und angeödet.
    »Wie schwül es doch ist,« sagten alle. Und darauf füllte der stattliche Zug
des Katzenklubs den Müllersalon. Voran schritt die Freifrau von Stubbenrode mit
einer bescheiden grauen Katze in der Farbe ihrer Haare.
    Der Doktor machte ein sehr bitteres Gesicht.
    Hinter ihr folgte die Baronin von Büxenstein mit drei Gespielinnen, welche
den grossen schwarzen Kater Hannibal auf einem Kissen trugen.
    Dann kam Edle Freiin von der Schelde, deren Bestien unablässig spieen und
fauchten.
    Der Doktor begann an seinen Gliedmassen zu zucken und zu zittern.
    Sodann die Gräfin von der lahmen Zunge, deren weisse Katzen durch rote Augen
und rote Nasen auffielen.
    Und noch zahlreiche andere. Sie nahmen alle zerstreut auf Stühlen Platz.
Einige Taifunmädchen reichten Gebäck an die Damen und die Katzen, die sich von
den Tellern recht unbescheiden nahmen, was ihre Krallen erwischten. Die Fürstin
von Kloppenrede hatte zuletzt Platz genommen, mit ihrem Silbertiger. Sofort
hinter ihr kam die Versammlung der gegen Geld gemieteten Scheinkandidaten,
welche die Heiratssüchtigkeit durch schmachtende Augenverdrehungen markieren
mussten.
    Hier waren die Katzendamen sehr in ihrem Element, weil ihre Lieblinge so
schöne Sachen zu naschen bekamen.
    Der Doktor sass eingekeilt unmittelbar in der Nähe der Edlen Freiin von der
Schelde. Er bebte, dass die Absätze seiner Chevreauhalbschuhe auf dem Parkett
klapperten. Er fürchtete sich, zu entrinnen, denn wenn er ungeschickt aufstand,
streifte ihn vielleicht der Hieb einer Bestie.
    Die Baronin von Büxenstein sagte zu ihm: »Ich bedauere es so sehr, dass meine
jüngste Freundin nicht hier ist, welche ein so reizendes Kätzchen mit blauen
Augen besitzt.«
    Der Doktor dachte: was geht das mich an. Diese Freundin konnte eine Katze
mit Samtschwänzen besitzen; das war ihm ganz egal! Warum hatte Hermione ihn
hierher genötigt!? Er wischte sich den Schweiss und schielte mit Todesblicken
nach Hermione, die in der Nähe des Eingangs stand, wo sie Polizeirats und Ossi
erwartete, welche dem Mäzen das Geleit gaben.
    Die Edle von der Schelde fand am Doktor mehr Gefallen als an den lispelnden
Heiratskandidaten, deren Süsslichkeit ihr ekelhaft war. Sie näherte sich mit
ihren Bestien, und plötzlich sah sich der Doktor von einem Haufen Ungetümen
umringt. Gleichzeitig bemerkte er an der Türe die Bonbonniere, deren Identität
mit der Frau eines wirklichen Polizeirats ihm trotz zweier Tage unbekannt
geblieben war, neben Hermione. Sofort traf ihn ihr Auge, das stählte seinen Mut.
Er hieb um sich, dass die eine Bestie der Edlen von der Schelde aufschrie, sprang
dann kühn auf und stürzte aus dem Salon ins Freie, das heisst diesmal in die
katzenlosen Nebensalons. Er floh mit solchem Entsetzen, dass er erst im
Flügelzimmer Halt zu machen wagte.
    Dort sank er schreiend auf einen Stuhl: »Die Katzen!«
    Das Ereignis verwunderte im Flügelsalon ebenso wie es im Müllersalon das
Zeichen zur Entfesselung des Taifun war. Der Doktor hing angstvoll über der
Lehne seines Stuhles und schrie in Intervallen: »Kommen auch die Katzen nicht?
Die Katzen!«
    Und davon war Susanne im Müllersalon lebendigster Zeuge. Sie nahte sich ihm
und legte ihm beruhigend die Hand auf die vom Friseur glattgelegte Lausallee.
    Ganswind konnte nichts Gescheiteres tun, als sofort hinter dem Doktor
hereilen, damit er keine allgemeine Verwirrung und Panik in den Salons erzeugte.
Die Stimmung war sowieso in allen Sälen wie ein blitzgeladenes Gewölk. Er setzte
sich an den Flügel und entschlug ihm zur Besänftigung des vom Katzenwahn
Verfolgten eine wohltuende Engelsmelodie. Das hätte geholfen. Der Doktor verfiel
mit allen Anwesenden in gleiches Vergessen. Susanne sass bereits quer herum auf
demselben Stuhle. Sie hatte ja dazu das Recht, denn sie hatte so sanft gewirkt
wie die Rote-Kreuzschwester auf den Todverwundeten.
    Nun kam aber leider das Gewitter.
    Die geschlagene Bestie der Edlen von der Schelde riss und tobte an der Kette.
Und das Toben dieser einen brachte sämtliche anwesenden Katzen in Verwirrung.
Ein Fräulein Gold sass mit einem niedlichen, ganz harmlos aussehenden
Arche-Noah-farbenen, braunen und weissen Kätzchen vor dem Bild des Mannes mit dem
umgekehrten Kopf, dessen Hinterteil eine Katze bildlich beschäftigte. Auf diese
Katze ging das kleine, durch die Bestie verrückt gemachte Geschöpf plötzlich
los. Und das war das zweite Alarmzeichen. Wie auf ein Zeichen entwanden sich
alle Katzen ihren liebenswürdigen Bändigerinnen und stürzten sich auf die
gemalte Katze des Mannes mit dem umgekehrten Kopfe, welche die Zunge nach ihnen
herausstreckte. Der Polizeirat war mit seiner Frau auch schon unterwegs nach dem
Asyl des Doktors, als sie den Aufschrei Hermiones gellen hörten, worauf sie
sofort nach dem Müllersalon umkehrten.
    In diesem rasten und tobten die Katzen. Das Bild des Mannes mit dem
umgekehrten Kopfe hing in Fetzen an der Wand. Hermione stand mit ringenden Armen
und erflehte sich Kraft von der Allmacht der Kunst, dass es ihr gelänge, den
entfesselten Taifun in seine Schranken zu zwingen. Aber es war vergebens. Er
tobte, als wären lauter Löcher und Breschen in den Wänden, und erwirkte eine
grosse Zerstörung. Noch weitere köstliche Müller stürzten von den Wänden, wurden
zerrissen und zertreten. Der Polizeirat richtete Hermione auf, er wehrte sich
mächtig unter den tollen Katzen. Einige flogen durch die Fensterscheiben, die
klirrend auf den gepflasterten Hof stürzten. Frau Polizeirat rannte zu Ganswind,
welcher den Flügel nach süssen Melodien kitzelte und von allen Vorgängen nichts
gehört hatte.
    Die Gräfinnen und Baroninnen, Freiinnen und Edlen, bürgerliche Fräuleins und
geschiedene Frauen balgten sich, und die Katzen halfen mit den Krallen mit, so
dass hunderte von blutigen Schmissen klafften. Es war der Erinnerungstag an die
blutige Ancreschlacht. Ströme von Blut flossen im Taifun.
    Der Schrei verbreitete sich: »Hilfe! Der grosse Müller stirbt! Alles nieder!
Katzen der Edlen von der Schelde, beweist eure Krallen!« Dieses Geschrei
erzeugte eine grosse Panik unter dem zahlenden Publikum; es floh aus den Sälen,
wobei es eine grosse Zahl Bilder von den Wänden riss und entwendete. Diese fing
aber der tüchtige Büffel mit seiner starken Gattin draussen auf der Treppe ab, so
dass der grösste Teil gerettet werden konnte, doch war der Schaden unermesslich.
    Auch wer unter den Katzendamen die Strasse gewinnen konnte, atmete
erleichtert auf und dankte seinem Schöpfer, dass er sich rettend erwiesen hatte.
Nur die Baronin von Büxenstein verirrte sich in den Musiksalon, während ihre
Gespielinnen den Kater hinaustrugen. Sie stürzte auf Susanne los: »Bestes Kind,
hier sind Sie ja. Warum liessen Sie sich nicht blicken?«
    Susanne erwiderte ihr würdig: »Frau Baronin, es gefällt mir nicht in so
undisziplinierten Kreisen.«
    Die Dame konnte allgemeines Mitleid erwecken. Sie entschuldigte sich
tausendmal, dass sie keine Schuld treffe. Auch seien ihre Kätzchen so solide und
wohlerzogen. Die Schuld könne nur an den auch Katzenaugen unzuträglichen
grotesken Gemälden und Bildern liegen.
    Ganswind brauste auf. Er hatte die leidend aussehende Hermione am Arme, sie
mit Küssen überschüttend. Ihnen folgte die Vorsitzende, Freifrau von
Stubbenrode. Auch sie entschuldigte sich millionenmal.
    Ganswind forderte wütend vollen Schadenersatz. Die Taifunfräuleins brachten
erschütternde Meldungen über entwendete Kunstschätze. »Ich verlange vorläufig
nur sechsmalhunderttausend. Wer es aufbringt, ist mir ganz gleichgültig. Der
Klub hätte wissen müssen, was seine Katzen ertragen können. Da gibt es auch
nicht einen mildernden Umstand.«
    »Wir bieten Schadenersatz,« sprach die greise Dame, »aber Ihre Forderung ist
zu hoch. Wenn sie zu hoch spannen, so muss es einen Prozess geben, und es müssen
Sachverständige gehört werden.«
    »Tun Sie das,« schrie Ganswind. Gleichzeitig kam sein Hauswirt und dessen
Frau und trugen die gestohlenen und abgefangenen Bilder. »Diese zurückgewonnenen
gehen dann ab. Fünfmalhunderttausend bleiben mindestens als Schaden.« Ganswind
sah ganz fremd und wild aus.
    »Dann gibt es einen Prozess,« sprach die Greisin ruhevoll.
    Büffel rieb sich die Hände. Das war für Ganswind der Ansporn, dass er in
seiner Forderung nicht nachgab. Er wiederholte seine Forderung. Das Bild vom
Manne mit dem umgekehrten Kopf hatte allein fünfzigtausend Mark Wert.
    Die Baronin von Büxenstein fand diese Summe ganz unverhältnismässig. Auf
solches konnte Ganswind nur erwidern, dass es ihm gleichgültig sei, was sie
finde.
    »Wenn Sie so wenig entgegenkommend sind, so wälzen wir alle Schuld von uns
ab. Der Schuldige ist allein der Herr, welcher die Katze der Edlen von der
Schelde geschlagen hat,« betonte die Baronin.
    Aschfahl erhob sich der Doktor. »Ich werde mir nie von Katzen auf den Kopf
spucken lassen, merken Sie sich das!«
    Susanne merkte sich das und war froh, dass ihre Katze ausserhalb des
Schauplatzes geblieben war.
    Auch Ganswind war der Ansicht, dass der Doktor kein einziges Kunstwerk
beschädigt habe. »Herr Rechtsanwalt Büffel sowie der Herr Polizeirat, vielleicht
auch Frau Polizeirat werden meiner Anschauung beitreten,« sprach er mit einem
Wink auf die Gesamten.
    Hermione trat mit versöhnender Absicht hervor und schlug als besten Ausweg
vor, dass sogleich ein Vergleich geschlossen würde. Den beiden Damen war es nicht
unsympatisch. Unter Beifügung eines Ausdrucks tiefen Bedauerns zahlte die
Klubkasse dreimalhunderttausend Mark für zugefügten Sachschaden, und der Klub
erhielt dafür freien Zutritt zu allen Taifunfesten auf die Dauer von fünf Jahren
zugebilligt, unter der dauernden Verpflichtung, für jeden zukommenden
Sachschaden neu aufzukommen.
    Diese Formel hatte der Hauswirt im Direktionszimmer mit den beiden
Katzendamen und Ganswind zusammengebracht und erhielt dafür eine Provision von
drei Prozent.
    In der Zwischenzeit hatte sich Frau Polizeirat als ihrem Manne gehörig vor
dem Doktor zu erkennen gegeben. Und Hermione hatte die Hände von Herrn Doktor
und Susanne vereinigt, was Evchen Maassen zu schamvoller Flucht veranlasste.
    Evchen lief zum Ersatz mit dem dicken Direktor der Hotel-G.m.b.H. auf eine
Kante. Der gegenseitige Trost für verschmähte Liebe verband sie dauerhaft. Und
um sich keine Verletzung anmerken zu lassen, kaufte auch der Direktor noch
grössere Kompositionen, zu Schmuckzwecken in verschossenen Fremdenzimmern. Auch
er durfte sich mit Evchen zum dauernden Taifunpublikum zählen.
    So konnte sich eine stilvolle Gratulationscour anschliessen. Die beiden hohen
Damen waren zwar überrascht, dass gerade der Doktor jener viel und geheim
besprochene unbekannte Held des Tages war. Besonders noch Frau Baronin von
Büxenstein schien zu begreifen, warum Susanne mit der kleinen Kätzi fern
geblieben war. Ihr sagte Susanne leise ins Ohr, dass ihr Mädchen auf dem
Taifunklosett schon zwei Stunden warte und sitze. Sogleich begab sich die
Baronin dortin und hielt überzeugende Nachschau. Evchen jubelte am Fernsprecher
in die Rossstrasse, dass sie mit einem reizenden lieben Menschen verlobt sei: Im
Taifun! Beide Ereignisse wurden gleichzeitig veröffentlicht, denn bei der
hungrigen Zeit war jeder dicke Bauch pressefähig geworden.
    Glücklicherweise verduftete der Direktor bald mit seiner Braut. Er
verschmähte es nicht, der Doktorbraut beim Abschied ein anzügliches Kompliment
zu machen, welches der Doktor mit grenzenloser Verachtung anhörte. Der Doktor
besass jetzt eine Rentiere und ein Landhaus an der Aisne. Da durfte kein Mensch
mehr vor ihm dicketun, und wenn er den dicksten Bauch besässe. Er gewöhnte sich
daher fortan eine noch verächtlichere Fischprutsche an, näselte stets etwas und
zog die Nüstern zusammen, gewissermassen, um den Geruch des Nebenmenschen nicht
in die Nase zu bekommen. Die Augen zwickte er zusammen, als sähe er nichts von
all der traurigen Umwelt. Nur wenn er Susanne zugekehrt war, gingen alle seine
widerlichen Gesichtsfalten in lachende Kurven über. Dann sah er aus wie ein
listiger Faun.
    Dem Polizeirat stand deutlich der Neid in den Augen, dass die ihm selbst
nicht vergönnte Perle nun als Braut an des Doktors Brust glänzte. Mit
vollkommener Gelassenheit und in aller harmlosen Verschwiegenheit gratulierte
Frau Polizeirat. Der Doktor war ihr ein entsprungener Heuschreck, mehr nicht.
Wenn sie je noch einmal tanzen wollte, so brauchte sie ihm bloss einen Grashalm
hinzuwerfen. Das Wichtigste war aber für den Polizeirat heute, festzustellen,
dass ihm eigentlich der ursprüngliche Anstoss zu dieser Verlobung zu danken sei.
Und da ihm diese Feststellung so wichtig schien, so liessen ihm Ganswind und
Hermione gerne die Freude.
    Hermione bog den schönen Hals noch viel schwungvoller als bisher. Sie fühlte
sich wie eine segnende Mutter. Der Doktor und Susanne waren eigentlich keine
unerfahrenen Kinder, die am heutigen Tage erst das Gehen lernten. Und Ganswind
blies sich in die Brust, denn er sah voraus, dass die Verbindung des Doktors die
Wahrscheinlichkeit des Taifunteaters viel grösser machte. Mit schmeichelnden
Worten weissagte er dem Doktor eine grosse Zukunft.
    Als die Baronin vernahm, dass Susanne einem wirklich so hochbedeutsamen Mann
folgen durfte, versprach sie ihre wohlerzogenste Katze als Hochzeitsgeschenk.
Susanne errötete und wurde von der Baronin mit echter Leidenschaft geküsst. Der
Doktor knurrte, dass sie sich ja damit zum Teufel scheren möchte. Aus Taktgefühl
unterdrückte er allerdings eine laute Äusserung. Er zog Susanne von den
Katzendamen weg, in der Meinung, dass solche Weibsleute nicht der richtige Umgang
für sie wären.
    Mit klugem Zuzwinkern nahmen dann auch sie Abschied. Sie schieden mit vollen
Tönen des Lobes über das Erlebte. Ganswind konnte ihnen zwar beim Händedrücken
nicht in die Augen sehen, aber sie behielten sich vor, bereits auf der Treppe in
laute Verwünschungen über die räuberische Erpressung zu schimpfen. War denn
irgendeiner der Heiligen einen halben Heller wert? Freilich, einen
Sachverständigen riskierten sie nicht, weil möglicherweise die hohe Strafsumme
sich um ein weiteres Tausend zu ihren Ungunsten erhöhte. Zu beschliessen war in
der nächsten Plenarsitzung die Umlage der Summe sowie das Verbot des Taifun auf
Lebensdauer für alle Klubmitglieder. Susanne Flaubert war eventuell nahezulegen,
ihren Austritt zu erklären. Besser aber, man liess sie stillschweigend darin,
ohne sich um sie zu kümmern. Schande war ihre Person dennoch nicht für den Klub,
wenn sie es auch sicher ablehnte, an der Umlage teilzunehmen.
    Endlich, als sie draussen waren, erlaubte sich Herr Büffel Hüpfe und Sprünge.
Er hatte mit der Senflein das verdiente Geld gezählt, während Frau Büffel eifrig
in ihrer Wohnung mit dem Lorgnon nach Ermittelung gestohlener Sachen umherging,
um auch ihrerseits Teilansprüche geltend zu machen, weil sie doch ihre
Privatwohnung zur Verfügung gestellt hatte. Büffel kam gehopst: »Sie haben durch
die Katzen gegen eine halbe Million eingenommen.«
    »Beruhigen Sie sich,« rief ihm Hermione zu, »das Kunstwerk eines grössten
Meisters ist vernichtet.«
    »Aber so beruhigen Sie sich doch, das Geld gehört den Lebenden und nicht der
an die Wände aufgehängten Kunst, - den Lebenden, nicht den Gehängten, haha,«
lachte Büffel vor Vergnügen. »Herr Ganswind, wir müssen noch zwei Parteien
hinauswerfen zur Vergrösserung.«
    »Überlege dir das, Ossi,« sagte Hermione, und ging die schmale Wendeltreppe
aus dem Musikzimmer hinab in ihre Privatwohnung. Dort stiess sie zufällig mit
Käterchen zusammen und erschrak dabei so heftig, dass sie blass wurde wie Kreide.
Hier war also Kätzi versteckt geblieben. »Gott sei Dank, sag ich Ihnen,
Käterchen, denn ihr zukünftiger Hausherr ist ein ganz ausgesprochener
Katzenfeind.«
    Käterchen stand von ihrem Sitz auf, auf dem sie volle zwei Stunden gesessen
hatte; sie war ganz kreuzlahm und sprach: »Dann möcht ich nur wünschen, dass mein
langes Klosettocken auch den Segen brächte für den Doktor. Lange werden die's
nicht miteinander treiben, das ist meine Ansicht. Jetzt versteckt man die Katze
ein Weilchen, und nachher, wenn sie getraut sind, dann nimmt sie ja doch wieder
die Kätzi zu sich. Das weiss ich schon.«
    Nun nahm Hermione Käterchen aus dem schlechten Raum heraus, liess sie eine
Weile vor der Türe warten, dann setzte sie das Mädchen in ihr besonderes
Boudoir, während sie daneben den Verlobungsschnaps mischte. In Kürze erfuhr sie
so ziemlich das Abspiel von Susannes bisherigem Haushalt. Zuletzt hetzte sie
Käterchen auf, die Katze vor der Hochzeit abzutun.
    Diesen Vorschlag behielt Käterchen gern für sich, um so mehr, als sie an der
schönen Frau und Freundin ihrer Herrin eine Rückendeckung hatte nach begangener
Tat. Sie packte sogleich Kätzi unwirsch zwischen zwei Fingern am Genick, dass
Kätzi mit ganz vorwurfsblauem Blick ihr und Hermione ins Gesicht schaute.
Hermione hatte Käterchen ein Glas Ungarwein vorgesetzt und trug dann ihr
hübsches Schnapsservice hinauf zu der Gesellschaft. Aber vorher erhielt Kätzi
von ihr eine leidenschaftliche Ohrfeige, Dann schlug Käterchen noch einmal
drauf, so dass Kätzi die Ohren einzog. Mit den eingezogenen Ohren sah sie aber so
dumm aus, dass Käterchen sie am liebsten sogleich abgemurkst hätte. Was hätte sie
dann gesagt? Einfach: eine Dame vom Klub sei austreten gekommen und habe sie
mitgenommen. Ob sie das wagte? Es war ihr zumute wie einer Lustmörderin.
    Oben hatten die Verlobten bereits derartig zu schmachten angefangen, dass
Susanne schon ganz grüne Augenringe hatte und er grosse Schleier über den
Augäpfeln trug, in welchen die Zahl roter Adern plötzlich zählbar hervortrat.
Hermione war darüber ganz erstaunt und lachte schmunzelnd wie eine Taifunmutter.
Es drückte ihr den Schwanenhals breit, und sie stellte die Schnapsgläser hin wie
einst, als sie noch in der Animier-Bar in Jütland schenkte. Der Polizeirat griff
mit langen Augenzangen zu, und seine Frau freute sich schon auf seine
tigerhaften Einfälle, gleichfalls ein Gläschen ergreifend.
    »Susi, Su-si,« hörte man fortwährend den Doktor quorren. Ganswind wurde
forsch, besonders, weil er es dem Hauswirt und der Hauswirtin testieren wollte,
wie er mit dem berühmten Doktor tanzen konnte. »Herr Doktor,« sprach er,
»Susanne, du bist unsere genialste Taifunschülerin. Grosses und Höchstes ist hier
geworden und steht dir bevor. Du bist der strahlendste Stern im Taifun, ausser
meiner Frau natürlich, durch dich geht mein Appell an den Doktor, zu dir, lieber
Doktor.«
    »Bravo, bravo,« unterbrach ihn der Doktor und nahm sein Glas in
Bereitschaft.
    »Also, so werden wir du sagen,« war der plötzliche rasche profitliche
schnaufende Abklang seiner Worte. »Auf du. Auf du,« so stiess alles an.
    »Das heisst, meine Frau und mich haben Sie nicht eingeschlossen, weil wir nur
zum Publikum gehören,« sprach der Polizeirat und zog sich damit geschickt in
Reserve. Er konnte ja nie wissen, wie die Sonne die Taifunwolken schob. Susanne
war es augenscheinlich sehr recht, sie gab ihm noch eines darauf. »Herr
Polizeirat hätte die Gelegenheit benutzen können, wenn er weniger höflich wäre.«
Das prickelte dem alten Herrn noch viele Tage im Kopfe, ob das eine versteckte
Einladung von Susanne war oder nicht. Während sie nur die paar kleinen
Komplimente einander von Kopf zu Kopf geworfen hatten, streckte die Frau
Polizeirat ganz verstohlen die Zunge hinter dem Gläschen nach dem Doktor heraus,
der für Sekunden verwirrt zu Boden sah. Dann aber machte er eine scharfe Wendung
zu Susanne, küsste sie auf die Stirn und sagte »ah, ah.« Wer beachtete das viel!
Sie waren alle in wirren Interessen miteinander beschäftigt. Hermione fand den
Doktor entzückend und um zwanzig Jahre verjüngt.
    »Um zwanzig Jahre?« Der Doktor wiederholte es geschmeichelt. Und Susanne
behauptete, während er seinen Haarscheitel strich, in dem sündhaften Bewusstsein,
dass er fast grau war. »Du bist blond, Fredi.«
    »Das ist sehr richtig. Das beweist uns der Maler Mostrich, er hat
nachgewiesen, dass zwischen dem Flachskopf eines Alemannenmädchens und dem
Silberhaupt des blinden Königs eigentlich kein Unterschied ist.«
    »Dass Sie's aber nicht vergessen, wegen der Wohnung,« flüsterte Büffel leiser
zu Ganswind.
    »Das machen wir nachher,« beschwichtigte ihn Ganswind. Dies war wieder gegen
ihre Metode, und die Frau Wirtin frug deshalb laut, weil sie nie Aufschub
liebte: »Haben Sie denn schon eine Wohnung, Herr Doktor, und wenn ich es schon
heute sagen darf, Frau Doktor?«
    Susanne platzte hinaus: »Pf,« und sprudelte ihr eben angesetztes Glas der
Wirtin ins Gesicht.
    »Bitte,« wischte diese sich ab, »lachen Sie nicht. Die Wohnungsfrage muss
jetzt auf Monate hinaus geregelt werden. Sie finden niemand, der Ihnen umzieht,
und das Recht zwischen Mieter und Vermieter besteht trotzdem in der alten Form
weiter. Ich kann nur mahnen. Versehen Sie sich!«
    »Wir haben unmittelbar über uns,« Büffel deutete nach oben, »eine sehr
hübsche Sache für Sie. Sechs Zimmer mit allem Komfort, der tadellos ist, sobald
wieder Friede ist. Nehmen Sie das?«
    »Ja, sollen wir denn?« frug Susanne Ganswind.
    »Ich will gar nichts gesagt haben,« antwortete Ganswind gleichgültig.
    »Die Wohnung ist reizend und wie nahe! Du bist ganz bei uns,« lockte
Hermione.
    »Aber Kinder, das ist viel zu früh,« brummte der Doktor, »es müssen doch
erst unsere ganzen Verhältnisse geregelt sein.«
    Büffel drehte sich auf diese philisterhafte Rede von ihm ab.
    Und Ganswind tätschelte ihm nur, damit er sich durch seine Naivität nicht
weiter blamierte, auf die Schulter. »Sei nicht ängstlich, Alfred. Erstens gibt
es keine Verhältnisse und zweitens ist alles längst geregelt.«
    »Ich habe sogar schon die Exmissionsklage gegen Sie in der Tasche,« rief
Büffel aufgeregt.
    »Gegen mich?« frug der Doktor aufs höchste verwundert.
    »Ja, selbstverständlich,« wiederholte der Rechtsanwalt aufs bestimmteste,
»die ist zur Glaubhaftmachung Ihrer grandiosen Einnahmen durchaus nötig.«
    »Ebenso wird mein Mann später die Ehescheidungsklage behandeln,« foppte die
Wirtin mit hartem Krähenschnabel.
    Der Doktor und Susanne erschraken in den Tod und fassten einander unter.
Selbst der Polizeirat und Frau prallten mehrere Meter zurück. Ganswind dagegen
trommelte auf die vordere Stuhlleiste zwischen seinen teuflischen Beinen, er sass
wirklich da wie ein bockfüssiger, garstiger, kleiner Teufel. Und Hermione sah aus
wie ein Engel an Paradiesespforte.
    Wie sollte man sich solche unverhüllte Rücksichtslosigkeit und Taktlosigkeit
erklären? Mitten im hohen friedlichsten Glücke plötzlich solche Kriegserklärung.
    Ganswind erhob sich: »Lieber Doktor, das Heiraten ist eine weit höhere Stufe
als das Verloben. Und wer sich nur rein ideal verlobt, der wird von der Ehe
nicht viel erhoffen können. Darum hat der Hauswirt, mein ständiger Anwalt, ganz
auf mein Anraten natürlich, vorgesorgt, dass auch deine Prozesse, lieber Alfred,
in die richtigen Hände kommen.«
    Der Doktor war ganz ausser sich. »Meine Prozesse?« schrie er, »wo sind denn
meine Prozesse?«
    »Du hast zunächst noch keine, mein Lieber. Aber es ist dir vielleicht nicht
bekannt gewesen, dass ganz vorsichtige und weitschauende Menschen jetzt nicht
einfach eine Frau heiraten, sondern gleich auch ihre Prozesse,« sprach Ganswind
erklärend weiter. »Es ist vielleicht nur etwas zu früh erwähnt worden.«
    Die Hauswirtin unterbrach ihn kreischend: »Nein, das ist nicht zu früh, es
wird nie früh genug den Leutchen das Richtige empfohlen. Damit man sich nicht
scheidet, führt man den Scheidungsprozess, und ebenso, damit eine Scheidung
jederzeit leicht ist, muss der Prozess stets warm sein. Es braucht nur ein kleines
Drücken,« sie schnalzte mit dem Finger, »und dann ist er heiss. Und dann ist
beiden Teilen so leicht und froh, - und was kostet das? Eine Bagatelle. Sie
wohnen bei uns im Hause. Mein Mann führt mit unseren Mietern Prozesse und führt
ihre Prozesse. Das ist eine pure Annehmlichkeit für alle, die hier im Hause
wohnen. Und wir können deshalb auf lästige Mietssteigerungen verzichten, weil
der gute Mann so viel einfacher verdient. Und es ist auch für Sie einfacher. Die
Leute aus der vierten Etage sollen schon seit zehn Jahren hinaus; es schwebt die
Klage gegen sie, aber drin bleiben sie doch. Das ist nur ein etwas verdächtiges
Frauenzimmer. Passiert nun das Geringste, so sitzt sie auf der Strasse. Stets â
prè, stets geborgen. Aber das war ja nur ein Beispiel. Für Sie kommen wieder
andere Gesichtspunkte in Frage. Sie sind Künstler, und werden wahrscheinlich oft
grosses Geschrei haben, das andere Mieter stört. Was macht man dagegen, dass
solche Belästigte schweigen müssen? Ganz einfach: man beweist ihnen, dass man
schon in Klage ist mit dem Lärmer. Und die Scheidung? Wer denkt denn an so was
überhaupt?! Bei einem Paare, das so in sich verschossen ist! Sehen Sie, gerade
deshalb. Darum gibt man einem das. Dann will man es nicht.«
    Der Doktor zog allmählich das Gesicht zu einem breiten Grinsen: »Das ist
sehr gut, sehr gut. Susi, hast du je so etwas gehört?«
    Susanne stand mit erhitzen roten Wangen, sie konnte nicht so ohne weiteres
diese Harmlosigkeit in solchen Absichten ihrer Freunde entdecken, denn sie wusste
ja, dass sie ziemlich viel Dreck am Stecken hatte. Besonders bangte sie um ihr
Vermögen, das noch höchstens fünfzehnhundert Mark betrug. Der berühmte Bräutigam
heiratete sie als Millionärin, mit einem Landhause.
    Hermione löste sie aus der Beklemmung. Sie dehnte die Rechtsgeschäfte ihres
Wirtes noch mit dem Hinweis aus: »Mit der Beschaffung des Luxus ist es ebenso.
Wer keinen Luxus hat, der kann eben nicht leben. Den Luxus macht man mit
ungeheuren Rechnungen, Schecks und Wechseln. Versteht denn ein Mensch davon
etwas? Gar nichts versteht man davon. Gar nichts. Das macht alles der Anwalt.
Ossi ist kaum darin bewandert, wenn er es auch ganz gut beherrscht.« Ein Lachen
der Gesellschaft unterbrach sie. Hermione errötete und fuhr noch eifriger fort:
»Vor allen Dingen ist die Feststellung wichtig, dass es so ist. Meint ihr, wir
haben einmal lange Zeit kein Geld gehabt? Keine vierundzwanzig Stunden, dann
strömte es. Es muss immer fliessen. Da darf keine Stockung eintreten.«
    Susanne frug schüchtern: »Ja, wenn wir es auch selbst haben. Aber wer sollte
es uns denn geben, wenn es ausginge?«
    »Sie ist ein Kind, ein wahres Kind, Ihre Braut,« rief der Anwalt.
    Susanne errötete purpurn und wurde von neuem belehrt. Hermione war am Wort.
»Ich begreife es so: Es müssen ziemlich viele gescheite Leute sein, die alles
daransetzen, dass die Kunst gefördert wird, damit sie nur ja nicht ins Stocken
kommt. Denn stocken darf es nicht. Stillstand ist Rückschritt. Ossi wird ja
darüber noch viel besser reden können, aber gesagt musste es werden. Nicht dass
ihr zwei Kinder euch auch nur fünfundzwanzig Minuten Sorge macht.«
    »Dann ziehen Sie bei uns an der Klingel,« setzte die Hauswirtin hinzu.
    »Mm,« schnupfte der Doktor seine Nase hinauf, »ein ewiges Tischleindeckdich.
So habe ich mir auch ungefähr meine Ehe vorgestellt.«
    Susanne dachte nach, wie weit sie's in der kurzen Zeit gebracht hatte. Sie
sollte also wie eine Prinzessin getragen werden, ohne selbst einen Finger krumm
zu machen. Sie sah wie abwesend vor sich zu Boden, bis sie durch die Brautrede
des Polizeirats zur Wirklichkeit zurückgerufen wurde. Während seiner Rede
beobachtete sie aufmerksam das Profil Ganswinds. Zum ersten Male erschien er ihr
ein bedeutender Mensch. Was konnte ihn veranlasst haben, gerade mit ihr dem
Doktor eine neue Lebensbahn anzuweisen, wenn er sie für eine Schwindlerin hielt.
Niemals wären jetzt solche Geldfragen besprochen worden, wenn man ihrem Reichtum
geglaubt hätte. Sie musste Ganswind bisher verkannt haben. Er war doch das Genie,
wie es sein sonderbarer Haarschnitt bezeichnen sollte. Warum hatte er noch nie
ein intimes Stündchen von ihr gefordert, als Gegenleistung? Es war eine
Uneigennützigkeit von ihm, die sie ihm fast übelnehmen konnte.
    Der Polizeirat redete einstweilen drauf los, machte pointierte Witze; aber
Susanne hörte davon gar nichts, bis plötzlich ein lautes Gelächter sie zur
Umgebung zurückrief. Der Polizeirat hatte sie in seiner Rede des Doktors
einziges Abenteuer genannt. Sie lachte schnell mit und tat ein paar gröhlende
Schreie. So nahm jeder an, dass sie bisher gespannt aufgemerkt hatte. Der Doktor
empfand ihr ungewöhnliches Temperament, und ihm schwebte bereits die Möglichkeit
vor Augen, mit ihr in einem Ensemble gemeinsames Engagement zu finden. Wenn
Susanne solche Entwicklungen verhiess, dann war sie ein einzigartiges Juwel. Der
Doktor sah mit Wohlgefallen auf den kühnen Haarturm seiner Braut, die in Röte
glühte wie eine Herdplatte. Der Haarturm fiel nicht um, trotzdem er schiefer
stand als der Turm von Pisa.
    Hermione war den ganzen Abend lang bemüht, bei jeder Gelegenheit das
Verdienst von Ossi herauszustreichen. »Ossi hat das gleich bei der ersten
Begegnung mit Susanne so gesagt und gewollt, dass sie mit Alfred zusammenkommt.
So ist es auch geworden. Was Ossi will, geschieht alles. Alles setzt Ossi durch.
Ich wüsste keinen Menschen, der so wie Ossi durchdringt. Wie Salz und Pfeffer.«
    Der Polizeirat bekam einen roten Kopf wie ein Trutahn. Er fasste das
Durchdringen von der mannbaren Seite auf und fühlte sich ungerecht
hintenangesetzt, war er doch ein ganz gewaltiger Lanzenbrecher. Wie Salz und
Pfeffer, - das waren ihm zu starke Worte für den Taifundirektor, den er noch nie
anders als einen genialen Hanswurst aufgefasst hatte. Um so mehr fühlte er einen
unbequemen Stich bei Hermiones Lobgesang auf ihren Mann, weil er ganz von neuem
den Wurm in sich fressen fühlte, der seit seiner vergeblichen Aventiure im Hotel
Olymp in ihn eingekrochen war. Susanne war so ein aufreizendes Weibchen, dass ihm
sein Versagen unverständlich war. Es war eben sein Hauptunstern, dass seine
Bekanntschaft vom Polizeibureau her datierte. Er foppte den ganzen Abend lang
mit seiner Frau, die einem Ideal gleichkomme, das beinahe den Doktor um die
Orientierung gebracht hätte.
    Der Doktor protestierte zwar, aber Leidenschaft und Eifer vermochte er nicht
in seinen Protest zu legen; man wusste schon von ihm: er war der Sünder. Und er
konnte wirklich froh sein, solch ein tugendhaftes Fräulein heimführen zu dürfen.
    Es lag an Susannes Erscheinung. Trotzdem es in die Augen sprang, wie weiten
Wegs sie kam, schien sie doch von einer fast hausbackenen Harmlosigkeit umhüllt.
Käterchen wusste diese Harmlosigkeit zu schätzen. Susanne war genau so krallig
wie ihre Katze.
    Der Doktor begleitete Susischen nach Hause. Käterchen folgte auf fünfzig
Schritte Abstand. Den Abschied an der Hautür betrachtete sie von weitem in der
Dämmerung. Das Paar gaukelte vor der Haustür wie ein gestrandetes Wrack hin und
her, es wusste nicht, sollte es ins offene Meer hinausgerüttelt oder ans Land
geworfen werden. Man sah nicht ganz deutlich, es war schon Nacht. Susanne hatte
bloss sehr blaue grosse Augenringe, so schrecklich hatte die Liebessehnsucht sie
kaum jemals mitgenommen.
    Käterchen schüttelte den Kopf. Susanne erbrach sich gleich, nachdem er sich
endlich im Abschied von ihr losgewunden hatte, unmittelbar als sie in die
Wohnung eintrat. Da war sie doch wohl etwas gewürgt worden, oder wurde die
Übelkeit von der Qual des Entsagens verursacht? Käterchen führte Susanne zum
Diwan und behandelte sie wie eine Schwerkranke. Erst als sie im Bett lag,
beziehungsweise auf der Bettkante sass, und Kätzis Schwanz zwirbelte, kam die
Erzählung daran.
    »Und seine Angst vor Katzen!« legte Susanne den Finger auf den Mund.
    »Na, die wird er schon ablegen,« meinte Käterchen.
    »Nein, das glaube ich nicht,« sagte Susanne und drückte den Kopf Kätzis mit
beiden Händen fest gegen sich.
    Schnell platzte Käterchen heraus: »Dann würd' ich sie aber abtun.« Das war
dumm und voreilig geredet, darum würdigte Susanne sie gar keiner Antwort,
sondern schlug ihr eins auf die Hand und legte sich zum Schlafen auf die Seite,
Kätzi an die Wange geschmiegt, die von einer Träne gefeuchtet wurde.
    Käterchen wollte noch eine lange Entschuldigung sagen, sie habe das ja bloss
gesagt, damit er durch die Katze, wenn er von ihr erführe, nicht heiratsscheu
gemacht würde. Sie redete vergebens; Susanne blieb mit laut und leidenschaftlich
pochendem Herzen von ihr abgewandt. Da wusste Käterchen schon, dass, wenn sie noch
lange dumme Entschuldigungen vorbrachte, das Fräulein dann nach ihr herumfahren
würde. Grüss Gott, und so ... ob sie dann morgen noch ein glattes Gesicht hatte?
Da schwieg sie lieber und verdrückte sich.
    Als Susanne in tiefem Dunkel das Atmen ihrer Kätzi fühlte, lief ein warmer
Schauer von inniger Liebe über ihren Körper. Sie wusste nicht recht, galt diese
fromme Sehnsucht noch der Kätzi oder bereits dem Doktor.
    In ihrer Kammer entkleidete sich Käterchen, die sich ständig als Erdachse
fühlte, um die sich die ganze Welt drehte. Immerfort flog ihr ganzes bisheriges
Leben und die Vergangenheit, von ihr kritisiert sowohl als bewundert, an ihrem
hornöchsigen, geistigen Auge vorbei. Und das Bild der Zukunft war eine
eifersüchtige Feindschaft gegen den Doktor, zugleich mit einem Mord an der
Katze.
                                     * * *
    Der grosse Krieg hatte allmählich die Welt verändert. Man ass nur noch mit
Atembeklemmung und gegen Aufopferung seines Vermögens. Die Landwirtschaft hatte
üppige Felder, aber die Bauern wollten auch einmal dickere Gestalt gewinnen. Der
Bauch wich von den Städten und lebte in Sommerfrische. Die Reiche formten an
ihrer politischen Frisur, um den Magen sein Knurren vergessen zu machen.
Majestäten enttronten sich auf eigene Initiative, denn das Blut war kostbar.
Man bedauerte allgemein, dass es an den Fronten in Strömen floss, während man
innerhalb seiner Grenzen das altgewohnte Leben nicht aufgeben wollte. Wäre doch
der Krieg geblieben wo der Pfeffer wächst! war die allgemeine Redensart. Nur
einzelne atmeten den frischen Luftzug, der über den Menschen fächelte. Sie waren
die Empfindenden, die Idealisten, deren Existenz erst hundert Jahre nach ihrem
Tode als berechtigt anerkannt werden konnte.
    Dem Doktor knurrte jedenfalls am Morgen nach der Verlobung der Magen, und er
besann sich, krampfhaft auf einen Wandfleck stierend, ob durch sie überhaupt
eine Wandlung zum Besseren entstehen würde, ob er nicht längst vorher verhungert
sein würde, bis die Mission des Taifun und seines Hauswirts sich auch an ihm
erfüllte. Er konnte doch unmöglich seine liebe Susi anpumpen, wodurch
möglicherweise alle ihre Passionen zerstört wurden. Wogegen er versichert sein
konnte, dass sie sich bei zuvorkommendem, galanterem Benehmen alle Liebesleiden
getrost einige Wochen auflud.
    Um zehn Uhr vormittags wurde er inmitten einer Lebensmittelrevolte grün und
blau geschlagen, ohne irgendwelche Sünde begangen zu haben. In diesem Zustande
fand ihn Käterchen, welcher er an der Ecke der Petersburger Strasse das
Versprechen abnahm, dass sie dem Fräulein nichts berichten sollte. Irgendeine
öffentliche Zuflucht fand er auch nicht, denn wegen Fürwitzigkeit war die grösste
Berliner Zeitung verboten worden, und man hatte auf der Redaktion keine Zeit
mehr für ihn. Die Bühnen kämpften mit der Sorge, ihr Spiel aufrecht zu erhalten.
Aussichtslos und zerknirscht warf er sich zu Hause hin, zu wenig Blut im Leibe,
um an der Liebe Erfrischung und Aufrichtung erfahren zu können.
    Da überraschte ihn der offene Besuch der Frau Polizeirat, die ihm namens
ihres Mannes ein Abstandsfrühstück brachte, das sie durch Vermittlung einer
ostpreussischen Tante sehr frugal hatte gestalten können. Eine Gänsekeule und
einen Hühnerflügel, sowie eine Flasche Burgunder.
    Sie setzte sich selbst zu ihm an den Tisch. Er getraute sich kaum
mitzukauen, weil er das für Verrat an Susanne hielt. Aber Klotilde tröstete ihn
und versprach ihm, nach genossenem Imbiss ihn auch sonst in Ruhe zu lassen. Er
dankte es ihr, dass sie ihm nicht mehr als Gespenst zu erscheinen versprach,
wenngleich eine bezwingende Wucht von ihrer Leidenschaft ausging. Es hätte ja
auf Susannes Neigung sehr ungünstig zurückwirken müssen, wenn er wie ein
ausgelaugter Hering zu ihr kommen würde. Darum sollte er das etwa Verlorene
durch den Burgunder wieder hereinbekommen. Es war allmählich zu bekannt
geworden, dass ein einziges gutes Essen schon die Muskeln straff ziehen konnte.
Ja, das waren Zeiten. Wer lernte da nicht an dämonische Schöpfungen glauben.
Bald regierte wieder der Teufel in seiner Hölle, wenn man mit mehr Nacht leben
musste. Das viele helle Licht, das aus der Vergeudung der Kohlen seinen Ursprung
nahm, hatte den Menschen bisher fälschlich die Illusion erzeugt, dass es das
Licht des Geistes sei. Klägliche Wissenschaften, die sich über die Verhältnisse
erhaben dünkten. Der Teufel begann in kurzer Zeitspanne wieder seinen schwarzen
Schwanz zu rühren, wenn man von vier Uhr mittags bis nächsten Morgen um acht Uhr
in schwarzer Nacht sass. In den Fabrikschlöten konnten sich die Spinnen einbauen,
oder es konnten Himmelsoperngucker aus ihnen gemacht werden, oder auch Denkmäler
an die übergeschnappte Zeit der Industrie. Wenn der Krieg der Menschheit solche
Lehre gab, dann allein war er nicht vergebens geführt; sonst aber war das Blut
dem Satan zur Betäubung in den Schlund gegossen.
    Die Freundin nährte gern diese graue Zukunftsmalerei. Diese graue? Der
Doktor sah nur in dem Aufhören der Industrie und aller ihrer
menschheitsverwöhnenden Kulturgaben das werdende Glück. Die vielgerühmten
Genies, Newton ... waren feindliche Engländer, deren Denkmäler in den Kanal
geworfen gehörten.
    »Ich freue mich vor allem auf Susischens Landhaus,« sprach er, und wechselte
mit seiner Dame einen verstehenden Blick.
    »Dann werden Sie uns bald vergessen haben, Herr Doktor?« frug ihn die
Freundin.
    Er stützte den Kopf nachdenklich auf und seufzte: »Ach, alles ist ein kaum
lobenswerter Schwindel, auch der Landbau. Was ist nun eigentlich die Rettung für
die verzweifelte Menschheit?« Er dachte nach.
    »Es ist schade, dass der Burgunder zu Ende ist,« hob Klotilde die Flasche.
    »Oh Freundin, warum Ende? Ich suche lieber Anfang,« stiess er hervor.
    »Ach,« meinte wieder sie, »wie man es auch anfängt, es wird doch niemals
richtig. Es gibt als Rettung nur die Gedankenlosigkeit.«
    »Sie haben recht,« sprach der Doktor und liess seinen Kopf in seine Hände
fallen.
    »Das Triebleben wäre das.«
    »Dem Trieb des Herzens folgen, ohne nachzudenken!« Seine Augen irrten im
Zimmer umher. Was würde er dann in diesem Augenblicke anfangen? Er wusste es. Und
doch blieb er zu furchtsam, jetzt zur Tat zu schreiten.
    Die Frau lachte herzlich über ihn, steckte die Handschuhe auf die Finger und
verliess ihn.
    »Warten Sie,« stammelte er. Das Frühstück stiess ihm auf und tröstete ihn
wirklich in seiner verworrenen Einsamkeit. Es war eine glückliche Idee
Ganswinds, dass er ganz für ihn sorgen wollte. Er war zu keiner Sorge mehr fähig,
weil ihm nichts mehr erjagenswert schien. Susanne?! Vielleicht war es seine
letzte grösste Dummheit und verkrachte Spekulation?! Er zog sich nun zum Ausgang
an, zu dem verabredeten Zwecke, heute mit ihr weiter zu girren.
    Er war ungefähr ein Mensch, der alle fünf Minuten eine neue Lebensanschauung
hatte. Alle Eindrücke nahm er von aussen auf wie eine Phonographenplatte. Da war
es kein Wunder, wenn dann und wann eine grosse innere Verwirrung in ihm entstand,
sobald das ganze aufgenommene Orchester auf einmal losgelassen sein wollte. An
jeden stärker markierten Ton klammerte er sich solange, bis ihn ein neuer noch
stärkerer Ton mitriss, dem er sich wieder an die Fersen hing. Es fehlte ihm das
Gedächtnis und der wichtige Verstand, alles Erlebnis einer Hauptidee
einzugliedern und einzuordnen. Das zeigte ihn überall als einen vorurteilslosen
Menschen, zwar kritisch und polemisierend, aber nicht mit dem Zwecke, seiner
Umwelt beizukommen, sondern nur, um sich selber zu orientieren.
Selbstverständlich war er mit fortschreitendem Alter immer hilfloser geworden,
weil die Orientierung, bei den Menschen gemeinhin als Instinkt funktionierend,
bei ihm durch die kompliziertesten Erwägungen geschah. Sie war darum stets
falsch, sobald etwas auf seine eigene Initiative geschah. Er wusste das
allmählich und fügte sich darum willig den Entschliessungen und Lenkungen des
Taifun.
    Die äusseren Eindrücke beulten ihn ein wie eine Blechkanne, ein
modellierender Bildhauer hätte ein feines Kubistenmodell an ihm gehabt.
    Er hatte bereits einen Künstlerruhm geerntet, aber er hatte nicht
verstanden, sich ihn zu erhalten; darum hatte er zuletzt alles verloren. Mit
bewusster Erkenntnis wollte er sich darum jetzt und fernerhin den Menschen
preisgeben und anvertrauen, wo sie mit ihm hinsteuerten. Deswegen hatte er auch
den Schritt zur Braut getan.
    Das war ein verlockender Mann für ein Weib. Und Susanne konnte sich auf den
Tag, an dem sie die Herrschaft über ihn antreten würde, freuen. Allerdings war
sie zahm und schmiegsam veranlagt und hatte, ihrer kleinen Herkunft sich bewusst,
vorerst eine demütige Voreingenommenheit von des Bräutigams innegehabter
Berufsstellung.
    Eine erste Wichtigkeit war für Susanne, Käterchen auf die neuen Verhältnisse
einzudrillen. Käterchen musste sich vor sie auf die Fussbank setzen. In dieser
tieferen Stellung hatte Susanne den Vorteil, ihr bei den Lektionen genügend
etwas auswischen zu können, ohne dass sie gewandt genug entfliehen konnte.
    Sie begann. »Erstens, wer bin ich?«
    »Fräulein Susanne,« war die Antwort.
    Darauf klatschte eine Ohrfeige.
    »Aber was ist denn das?« jammerte Käterchen und wollte aufstehen, wurde aber
von Susanne auf die Fussbank niedergehalten.
    »Gnädiges Fräulein; nie anders, wiederhole!«
    »Gnädiges Fräulein,« wiederholte Käterchen heulend.
    
    »Verstehst du. Wir sind sehr steif zu einander. Du hast mich niemals
anzulachen. Dagegen stets ihn, damit mein Bräutigam weiss, dass ich stets nur aufs
beglückteste von ihm rede,« instruierte Susanne weiter. Und Käterchen bemühte
sich, das Lachen sofort zu üben.
    Susanne sah ihren lachenden Grimassen zu: »Nein, du lachst falsch, du lachst
ja, als ob du ihm gern Heimlichkeiten verraten würdest. Du hast so zu lachen,
dass es ausdrückt, wie geliebt der Herr Doktor ist.«
    Käterchen lachte nach ihrer Backpfeife nun so strahlend, als ob sie das
Gnadenlicht der Mutter Gottes über sich ausgegossen sähe.
    »Es ist gut. Noch einmal. Noch einmal. Nun untersteh Dich aber und mache nur
einmal ein anderes Gesicht, dann zerschind' ich Dich, dann zerkratz' ich Dich!«
drohte Susanne mit bissiger Erregung.
    Käterchen sass da wie ein geduldiges Opferlamm. Das stachelte Susannes
Leidenschaft zu Quälereien. Am lockendsten war es, dass Käterchen älter war und
schon ein Kind gehabt hatte. Das alte Stück hatte kein Menschenrecht. Von Tag zu
Tag wurde die Sucht, sie zu quälen, stärker.
    »Und dann verlange ich künftig, dass du dich mehr zofenhaft kleidest. Einen
weissen Stehkragen und eine Krawatte, einen weissen Spitzenunterrock, Handschuhe
und grüne Strümpfe.«
    Käterchen wollte ein Erstaunen äussern, da hatte sie die zweite. Käterchen
wollte aufspringen, wurde jetzt aber gewaltsam auf ihren Schemel niedergerungen.
    »Das sieht nicht gut aus,« schrie Käterchen. »Diese Wut, die Sie haben, die
beweist es, dass das Verhältnis nicht von langer Dauer sein wird. Sonst wären Sie
nicht so wütend!«
    In der Tat sah dieses Betragen Susannes wie die Angst vor dem sicheren
Verluste aus. Es war begreiflich, dass eine Jungfer, wie sie, bereits nicht mehr
an die Beständigkeit des Verlobungsglückes glauben konnte.
    Susanne freute sich am Ringkampfe mit Käterchen und benutzte die
Gelegenheit, ihr wüste Stösse zu geben, die sie mit frohlockendem Lachen
begleitete. Und Kätzi half mit, indem sie um die Herrin herumschmeichelte.
Käterchen war eine Bestie, die wegen ihrer Treue jedes vernünftige Wesen
ärgerte, denn es war doch alles Hinterlist und Egoismus.
    »Ich werde bei Onkel und Tante gehen!« schrie sie, und Susanne bäffte ihr
nach, wie sie heulte. »Wäh, wäh, wäh.«
    »Das kann ich nicht mehr aushalten von einem so jungen Ding!« schrie
Käterchen. »Schämen Sie sich doch, einer Frau so derb auf den Bauch zu stossen.«
    Darüber war Susanne bloss entzückt und rieb Käterchens beide Backen mit den
Händen. »Du bist ein dummes Luder, Käterchen.«
    Sogleich ging es wieder wie ein freundlicher Lichtstrahl über Käterchens
Gesicht. Sie schüttelte den Kopf und jammerte: »Da soll man Sie nun wieder
verstehen.«
    »Meine grösste Liebe zu dir wäre, wenn du dich hinmachen liessest.«
    »Aber warum denn das?«
    »Du denkst es, glaub' ich, ebenso bei Kätzi.«
    Da wusste Käterchen, woher die Quälerei kam. Weil sie gestern abend gesagt
hatte, das Fräulein sollte die Katze abtun. Diesen Gedanken müsste sie sich,
scheint's, aus dem Kopfe jagen, sonst ging es ihr noch selber an den Kragen. Und
es war doch ein Irrtum vom Fräulein; sie konnte Kätzi wirklich nicht leiden.
    Na, dachte Käterchen, vielleicht hasste das Fräulein sie auch. Sie befolgte
ergebenst alles, was ihr befohlen war. Sie musste sich etwas Wäsche kaufen, wozu
sie einen Bezugsschein brauchte. Das gab einen ganzen Tag Ausgang. Und sie
verstieg sich nicht bloss zu Onkel und Tante, sondern auch zu Schellenhauer. Und
sie kam beim Polizeirat vorbei; da war sie so frech, zu denken: der hat auch
immer Interesse, und ging zu ihm hinein.
    dabei erzählte sie über ihr Fräulein alles, was sie wusste. Der Polizeirat
strich seinen Knebelbart und dachte nicht daran, die Verlobung des Doktors zu
stören, wie das Käterchen gewünscht hätte nach Preisgabe des ganzen
Lebenswandels. So gehörte Susanne dem Doktor, dieser eingebildeten Berühmteit.
Sollte der Taifun noch einmal eine Enttäuschung mit dem erleben, so war es dem
Polizeirat möglich, an Grösse zu gewinnen.
    Käterchen verliess sein Amt mit schlechtem Gewissen und doch mit der
Befriedigung, sich endlich an ihrem Fräulein gerächt zu haben. Sie wusste leider
nicht, wie der Polizeirat mit den Zähnen hinter ihr her knirschte. Diese
exotische grausame Pflanze musste er sich, es wurde von Tag zu Tag schmerzlicher,
entgehen lassen.
    Im casus eventualis konnte er sie höchstens auf die Liste lästiger
Zuwanderer schreiben. Dann spielte man mit ihr Katze. Das Dienstmädchen hatte
vielleicht noch manches aus ihren eigenen Beziehungen zu der Herrin
verschwiegen. Er wollte doch einmal mit Ganswind reden.
    Während Susi und Fredi miteinander schmachteten, dass sie jedesmal beide zu
sterben glaubten, wenn sie sich trennten, wurde hinter ihnen um ihre Zukunft
gespielt.
    Sie glichen zwei seligen Kindern, die nicht ahnten, was das Leben ihnen
bringen könnte. Aber vielleicht war das Glück ihres Kindertums so stark, dass
alle hinterrücksen Szenarien nur vorhanden waren, um sie tatsächlich gemeinsam
emporzutragen.
    Der Doktor vertraute auf den Taifun ganz.
    Susanne auf den Doktor.
    Der Schellenhauersche Prozess nahm seinen Anfang, und Ganswind beteiligte
sich sehr, bis der Prozesskonflikt gefunden war. Trotzdem hatte der
Vollbeschäftigte noch Zeit und Willen genug, des Doktors persönliche
Angelegenheit als eine Hauptsache zu betreiben. Warum, wusste zunächst niemand.
Es war Freundschaft. Man sprach zwar von einer Teatergründung, doch bis dahin
lagen noch viele Sommer in der Dämmerung der Zukunft.
    Der Polizeirat sass in dem denkwürdigen Müllersalon. Die Werke waren
teilweise restauriert, und an einigen arbeiteten junge Talente, reine Genies;
denn nach Ansicht des taifunistischen Prinzips gab es keine künstlerische
Existenz, wenn sie nur Talent war; jeder Künstler war ein Genie.
    Er sprach eingehend mit Ganswind und Hermione. Hermione warf energisch die
Lippen auf, es war ihr nichts unbekannt. Sie hatte das meiste schon von
Käterchen selbst erfahren, hatte aber doch mit Susanne recht herzliche und
intime Stunden verlebt. Die Zornröte stieg ihr auf, weil sozusagen Entüllungen
gemacht wurden von Dingen, die eigentlich nur jedes Menschenkind selbst
angingen. Doch musste sie damit zurückhalten, dass sie bereits Bescheid wisse,
denn das hätte auf den Polizeirat vielleicht einen schlechten Eindruck gemacht.
Und sie konnte sich ihm nicht ausliefern.
    Das Gescheiteste in solchem Falle war, alles abzuleugnen und als böses
verleumderisches Dienstbotengeschwätz hinzustellen. Hermione erklärte, dass sie
diese Erzählungen mit keinem Worte glaube.
    »Dann sollte sie aber ihrem Mädchen kündigen,« sagte der Polizeirat, und er
war eigentlich damit im Recht. Hermione dachte, dass Susanne das nie tun würde.
Es wäre eher möglich, dass sie das Mädchen ausprügelte.
    Ganswind war es am wichtigsten, klarzustellen, dass der Doktor an einem
anderen weiblichen Wesen niemals Geschmack gefunden hätte. Das war gleichzeitig
seine Entschuldigung für alle späteren Angriffe, warum er diese Verbindung
inszeniert hätte. Denn damit schob er alle Schuld auf die Charakteranlage des
Doktors, der das Bodenständige verachtete und dem Fremdartigen den Vorzug gab.
    Ganswind sagte ganz richtig, der Doktor hatte ja über vierzig Jahre lang
Gelegenheit, sich in Berlin umzusehen. Was konnte er dafür, dass er nichts
Passendes unter den Berlinerinnen fand, dass erst eine Brüsselerin zureisen
musste, um ihn ins Garn zu spinnen.
    
    Hermione wies auf den Fall des Hoteldirektors hin, der auch erst im Taifun
die berühmte Rossstrasse finden konnte. »Das war nun ein Berliner Pferd,« sagte
sie, »und es ging ohne Ossi nicht weg. Das ist es eben. Wer will Ossi daraus
eine Verantwortung machen. Sehen Sie selbst, Herr Polizeirat, der Doktor hätte
bei uns auch noch andere gefunden, das weiss Frau Polizeirat.«
    »Mm eben« unterbrach sie der Polizeirat. »Auch eine andere. Ich meine doch,
dass ich mir die Möglichkeit vorbehalten darf, eventuell das Fräulein in
Verwahrung nehmen zu lassen.«
    Hermione und Ganswind waren sprachlos. Ganswind wendete sich zornig ab und
sagte mit verächtlichem Spiel der Mundwinkel: »Meinetwegen.«
    Dem Polizeirat war es nicht recht, dass man ihm seine Einmischung übelnahm.
Er schwieg verlegen und beobachtete, wie sich die anderen verhielten. Das
peinliche Schweigen brach zuerst Hermione. Sie sprach wider Erwarten sehr
energisch. »Den Taifun geht Ihre Sache gar nichts an. Ich glaube aber nicht, dass
wir dann noch lange Freunde wären. Wen der Taifun durchgesetzt hat, der muss
einfach Geltung haben. Da gibt es keine Polizei mehr.«
    Der Polizeirat lächelte und freute sich jetzt fast auf den Augenblick, wo er
den Freunden die Polizeigewalt beweisen konnte.
    Ganswind ging unruhig umher. Da kam eine Störung in seine Pläne von einer
Seite, von der er es nie erwartet hatte. Er hatte den Polizeirat für einen
echten Kunstfreund gehalten; nun zeigte sich seine menschliche Seite. War er
auch nur Unmensch, Publikum? - -
    Hermione sprach unsinnigerweise immer weiter.
    »Wir können ja das Ganze wieder aufstecken,« sagte Ganswind in zitternder
Resignation. »Es ist mir allerdings peinlich, eine eingegangene Verpflichtung
nicht einlösen zu sollen.«
    »Das geht nicht, Ossi, - der Doktor kann dir solchen Schaden zufügen. Herr
Polizeirat kannte Susanne doch auch schon vor der Verlobung.« Hermione schien
mehr und mehr die Zurückhaltung zu verlieren.
    »Davon hatte ich natürlich keine Ahnung, dass sich Herr Polizeirat ein
politisches Verdienst erwerben wollte.« Sie opponierten ihm gemeinsam.
    »Ein Verdienst?« frug der Polizeirat und überlegte gleichzeitig. An das
hatte er bisher nicht einmal gedacht. Er hatte aus Pflicht und Diensteifer seine
Bedenken. Wie stand es nun tatsächlich mit dem Verdienst? Eine Störung des
bisher Angebahnten konnte ihm vielleicht wenig Lob einbringen, wenn sich eine
der Parteien auflehnte. Vielleicht hatte er mehr Verdienst, wenn er die
Ausländerin auf eine gute Art unschädlich machte. Nur musste es rasch gehen. Er
frug deshalb weiter: »Könnten die zwei etwa binnen drei Wochen heiraten?«
    Über diese Alternative waren Hermione und Ganswind sehr überrascht. Zuerst
sprach er von strafdrohender Verfolgung und nun plötzlich von einer raschen
Eheschliessung. Beide versicherten ihm, dass die Hochzeit binnen kurzem
stattfinden könnte.
    Die Konferenz nahm hierdurch plötzlich eine ganz andere Wendung. Man
vereinigte sich einmütig, eine Beschleunigung in alle Vorbereitungen für die
Hochzeit zu bringen. Ganswind hatte verschiedene Male den Hörer des
Fernsprechers am Ohre. Der Hauswirt versprach gegen den Mieter, der noch hier
wohnte, eine einstweilig vollstreckbare Verfügung zur Räumung innerhalb
Monatsfrist zu erzwacken. Dann sollte neu vorgerichtet werden beziehungsweise
nicht, weil ja keine Handwerker aufzutreiben waren. Das Möbelverleihgeschäft
wurde angerufen. Die Kommanditgesellschaft. Der Olympdirektor. Für solche
abgehetzte Sache war Ganswind viel eher zu haben als für einen Abbruch der
Angelegenheit. Die Doktorehe wurde wie eine Teateraufführung inszeniert, wo man
nicht hinter die Kulissen sehen und nicht nach dem stillen Hohlraum fragen
durfte, den das Gebäude darstellte, wenn nicht gerade gespielt wurde. Für das
Leben auf der hingestellten Szene blieben dennoch Doktors verantwortlich. Es
wurde ihnen alles übergeben, ein fertiger Betrieb. Wenn sie nichts damit
anzufangen wussten, so war es ihre Schuld.
    Es wäre eine Grausamkeit gegen jedwedes Menschenkind gewesen, wenn man es
plötzlich auf einen Tron gesetzt hätte, um König zu spielen. Das hiesse
ungefähr, einem Eisbär den Äquator zu verordnen.
    Ganz so schlimm war natürlich diese Art der Hausstandsgründung nicht. Doch
wie konnte jemand erwarten, dass sich die zwei in Verhältnissen zurechtfinden
sollten, die man ihnen einfach in die Hände gab, ohne dass sie Bescheid wussten,
wie sie entstanden waren. Da konnte entweder alles verloren gehen, oder sie
mussten sich mit Krach die Köpfe zusammenstossen.
    Es machte selbstverständlich Hermione unendlich viel Freude, mit den
Geschäftsleuten grosse Rechnungen auf unbekannte Kasse zu machen. Die Hauswirtin,
Frau Rechtsanwalt Büffel, war fast übergeschnappt vor Entzücken, wie vornehm und
niedlich zugleich Hermione das Heim in ihrem Hause für Frau Dr. Bäumler und
ihren Mann herrichtete. Büffel hatte auf das Ganswindsche Institut einem
schweren Kavalier beziehungsweise dessen hinterlassenen Erben die schönsten
Federn ausgerupft.
    Währenddem für sie vorbereitet wurde, gingen die beiden durch Berlin
spazieren. Die Stadt war nicht mehr so krüppellos wie einst im Frieden. Wenn
früher auf einem Platze oder an einer Ecke ein Mann ohne Beine in einem engen
Kärrelchen zum Betteln postiert war, so widerte das an. Jetzt begegnete einem
mancher überzwerge Mann, der mit unbeachtenden Blicken gestreift wurde. »Ah,
guten Tag, Herr Kickerling, wie geht's?« »Danke sehr, gut.« Er trug zwar
mühevolle Gebrechen an sich, aber es wäre unanständig gewesen, wenn er darüber
geklagt hätte. Sonst hätte er die Ehre verloren, der Herr Kickerling, in Firma
Tugendhubel, zu sein.
    »Siehst du, das ist der Mann, der mir immer im Schillercafé gegenüber
gesessen hat.« Susanne musste sich alles scharf merken, was ihr durchaus nicht
schwer fiel. Die Hauptaufgabe der verliebten Braut war das Gedächtnis für alles,
was der Herr Bräutigam sprach und erzählte, was er ihr zeigte, und wo er sie
hinführte. Sobald er Susanne einmal ertappte, dass sie etwas nicht wusste oder
falsch, so war der Doktor tief verletzt und besann sich, ob das die Liebe war.
Susanne aber, die zwei ungewöhnlich weite Augen im Kopf hatte, behielt alles
genau, so dass es dem Doktor immer heisser und weher ums Herze wurde und er
dauernd verschwiegene Plätze mit ihr aufsuchte, um sie dort für vorläufig
abzumurksen. »Ach, wenn wir dann in der Wohnung sind!« seufzten sie. Eigentlich
nur deshalb wünschten sie die Wohnung, für die andere Zeit gefiel es ihnen
besser in dem geheimen Gastaus, das ein pensionierter Oberkellner eingerichtet
hatte, wo man Schinken und Braten essen konnte, so viel man wollte. Wenn es ihre
künftige Ökonomie gestattete, so brauchte sich Susanne nie mit einer eigenen
Küche abzugeben. Sie rechnete ihm vor, dass ihr Frühstück allein dreihundert Mark
verschlungen habe. Im Hotel assen sie für zwanzig Mark. Unterwegs machten sie
viele interessante Bekanntschaften. Eine reizende Frau Kupfer mit der weniger
schönen Tochter. Sie veranlasste beide, zu einem Tee zu ihr zu kommen. Die
feinsten Kreise berührten sich dort mit den mittleren und niederen, aber mit
gleicher Sucht, den Magen zu füllen. Es gab Leberwurst- und Käseaktien zu
erwerben, die halbmonatliche Dividenden von dreissig Prozent abwarfen. Sie trafen
auch mit einem Studenten zusammen, der ihnen erzählte, schon fünfundzwanzigmal
als Hochstapler verhaftet worden zu sein, dass er aber jedesmal freikomme, weil
er gute landwirtschaftliche Konnexionen habe.
    Eines Tages kamen sie am Taifun vorüber und glaubten, es wäre
Anstandspflicht, sich wieder einmal blicken zu lassen. Man zeigte sich ihnen
deswegen aber sehr ungnädig. Wollten sie denn spionieren, was für sie oder ob
für sie gearbeitet wurde? dabei erzählten sie Büffel und Hermione von Madame
Kupfer. Büffel erklärte schmunzelnd, dass er sich trotz der hohen Dividenden
nicht beteiligen wolle, weil sich die Dame eines zu grossen Vertrauens erfreue
und deshalb keine arbeitsfreudigen Kapitalien suche, sondern solche, die bisher
über faule Beschäftigung zu klagen hatten. Innerhalb sechs Monaten wäre sie
bankerott und würde erst einige Jahre Gefängnis absitzen müssen, ehe sie im
alten Stile mit den alten Freunden fortfahren könnte. Susanne staunte über diese
Entüllung, fand es unglaubhaft und sass am nächsten Tage wieder mit Fredy bei
Kupfers. Als sie aber Geld geben sollte, zeigte sie sich zögernd, denn sie hatte
keines. Vor dem Doktor brauchte sie sich aber durch die Ablehnung keine Blösse zu
geben, weil ja Büffel die Frau als unsicher hingestellt hatte.
    Der Doktor sagte, er würde es doch gegeben haben.
    Susanne war darüber erfreut und jauchzte vor Vergnügen, dass sie endlich
einmal Gelegenheit gehabt hatte, ihren Reichtum zu heucheln.
    Nach dem unnötigen Besuch beim Taifun, wo man sie lieber noch nicht gesehen
hätte, weil man erst mit fertigem Material aufwarten wollte, lag ein
schwefelgelber Brief auf Susannes Schreibtischchen. Käterchen hatte ihn lange
genug mit Argwohn betrachtet, ehe Susanne gegen zwei Uhr morgens nach Hause kam,
auf dem Umwege über den Viktoriaplatz.
    Käterchen hockte immer stundenlang wartend und nickte in heftigen
Pendelausschlägen auf ihrem Stuhle in der Küche. Sie hörte selten, wenn Susanne
eintrat, und musste von ihr häufig durch ein unter die Nase gehaltenes Zündholz
aufgeschreckt werden.
    Was war das! Susanne stand vor ihr, in der einen Hand den gelben Brief und
in der anderen eine grosse Beisszange. Käterchen erschrak darüber bis in den Tod.
Aus einem leichenblassen Gesicht starrte sie mit verschlafenen Augen. Es war
etwa wie beim Erwachen am jüngsten Gerichte, wenn der Würgengel zu den Menschen
kommt und sie ahnungslos überrascht, ob sie nun Busse getan haben oder nicht,
    Susanne empfand nie Mitleid mit einer Untergebenen. Wozu auch? Sie hatte die
Anklage gegen sie in der Hand. Hermione hatte ihr geschrieben. Es war so
schlimm, dass sie nicht einmal bei ihrem letzten Besuch im Taifun der Sache
mündlich Erwähnung tun konnte. Susanne besann sich: sollte sie ihren Zorn selber
an ihr auslassen oder das Geschäft einem anderen übertragen. Wie Käterchen
leichensteinsteif vor ihr sass, hatte sie eine leise Angst vor dem Totschlag oder
vor der langsamen Marter, denn das Vergehen Käterchens war der Folterung würdig.
    Susanne frug: »Weisst du von etwas?«
    »Ich? Wovon soll ich wissen?« war die Antwort.
    Susanne bewahrte eine künstliche Ruhe. Sie sagte: »Steh' auf!«
    Käterchen stand auf und wollte zu Bett gehen.
    Susanne frug sie: »Wo willst du hin? Das könnte dir einfallen, dich
ungestraft ins Bett zu stehlen. Bleib' hier! Stecke das Gas an! Koch' mir einen
Kaffee!«
    »Es sind keine Bohnen mehr da.«
    »Die werd' ich dir besorgen.« Susanne ging ins Zimmer und suchte dem Scheine
nach in ihrem Büfett, ob sie noch Kaffee finde. Die gehamsterten Vorräte waren
zu Ende, das wusste sie so gut wie Käterchen. Aber Käterchen gehorchte
wenigstens, steckte selber das Gas an und setzte den Kessel darauf.
    Die Gasflamme brauchte Susanne aber nicht, um Kaffee zu kochen, sondern um
ein Marterinstrument zuzurichten. Sie betrat bald wieder die Küche. »Du musst
recht haben, es ist kein Kaffee mehr da. Nimm den Kessel weg.«
    Käterchen nahm den Kessel weg und wollte die Flamme auslöschen.
    »Willst du gleich brennen lassen!« Susanne puffte sie zur Seite und legte
ihre Beisszange auf die Flamme, damit sie heiss werde. Darauf befahl sie
Käterchen, den Küchenstuhl neben den Herd zu stellen und sich darauf zu setzen.
Käterchen gehorchte mit grossem Widerwillen. Es kam ihr so vor, als ob ihre
Herrin diesmal eine ganz scheussliche Handlung an ihr vornehmen wollte. Ihre
Pulse schlugen heftig, und sie sah sprungbereit die Zange auf der Flamme.
    Die Zange glühte schon an ihren Schneiden. Da befahl ihr Susanne: »Maul
auf!«
    Käterchen zitterte und hielt die Hände vor den Mund.
    »Maul auf! Willst du dein Maul aufmachen«. rief Susanne leise, damit niemand
im Hause erwachte.
    Käterchen öffnete nicht und hielt die Hände mit krampfhafter Abwehr vor das
Maul, strampelte mit den Füssen und begann zu schreien, laut; sie grillte auf.
    Darüber war Susanne so wütend, dass sie ihr einen Stoss gab, der sie vom
Stuhle warf. Sie liess die Zange auf dem Feuer liegen und ging aus der Küche mit
den Worten: »So ein Schwein, das gleich schreit, kann ich nicht gebrauchen.«
Hinter sich schlug sie die Türe zu.
    Käterchen rappelte sich vom Boden hoch, stierte auf die Zange, drehte nach
einer Weile den Gashahn ab, sprach mit heftigen Gestikulationen vor sich hin:
»Jetzt weiss ich, was ich tue, ich rücke heute nacht aus; die soll sich einmal
schneiden. Und wenn ich meine Sachen hierlassen muss.« Dann stand sie wieder eine
Weile voll Nachdenken: »Was wollte sie denn mit der glühenden Beisszange?« Da sie
dies nicht zu enträtseln vermochte, so legte sie sich todmüde und auch zu faul
zur Flucht mit den Kleidern auf ihr Bett und schlief ein.
    In der Nacht, während sie schlief, kam Susanne an ihr Bett mit verstörten
Zügen. Sie betrachtete sie lange. Warum hatte sie sich nicht ausgezogen? Sie
hatte ihr mit der Schere eine Verletzung beibringen wollen. Käterchen schlief
mit weit aufgerissenem Maule, aus dem die schwarzen Zähne herausstanden. Diese
Zähne hatte sie ihr mit der glühenden Zange herausreissen wollen. Sie kam jetzt
auf die Idee, ihr eine Flüssigkeit in den Mund zu giessen.
    Und das war reizend. Susanne nahm daran ein grosses Vergnügen. Sie goss in
einem feinen dünnen Faden, den die Schlafende fortwährend hinunterschluckte, bis
die zwei Liter fast alle waren und sie plötzlich erwachte. Susanne hatte sofort
auch das Gefäss zurückgezogen, und Käterchen schmatzte mit der Zunge und drückte
sich an den Gurgelknopf, sah sich um und warf sich zurück aufs Bett. Susanne
dachte in sich: »Du böses Luder, schlafe du nur, aber meine nur nicht, dass das
alles sei, womit ich dich strafe.« Doch sie konnte sich wenigstens, weil sie
über ihre Tat hatte lachen müssen, niederlegen und einschlafen.
    Susannes Schlaf war unruhig; sie erwachte fortwährend in Angstzuständen, die
Polizei komme zu ihr herein, um sie zu verhaften. Sie sah lauter Brüsseler
Schutzleute von der alten Zeit. Dann waren es wieder Bilder von Paris, die sie
aufschreckten. Auch mit der Eisenbahn hatte sie viel zu schaffen. Und das
Schrecklichste war, dass Kätzi mit einem Rachen, grösser als von einem Löwen, nach
ihr gähnte und ihr mit der Tatze in das Gesicht schlug, dass es heftig blutete
und zerfetzt hing. Der Doktor trat dann zu ihr hin und ekelte sich vor ihr, weil
sie kein schönes Gesicht mehr hatte.
    Am Morgen schien alles in Ordnung. Käterchen dachte an die verstrichene
Nacht wie an einen unsinnigen Traum. Anders stellte sich Susanne die Traumbilder
wie eine erlebte Wirklichkeit vor.
    Sie verfertigte ihre Frisur ohne Käterchens Hilfe. Das tat Käterchen sehr
wehe. Sie bat um Auskunft, was sie getan hätte. Ein stechender Blick von Susanne
war die einzige Antwort. Nachdem Susanne gefrühstückt und sich angezogen hatte,
befahl sie Käterchen, zum Zahnarzt Mauligel zu gehen.
    Käterchen wollte anfangen zu zittern. Da drohte ihr Susanne: »Wenn du heute
nicht gehst, so werde ich dir deinen schwarzen Rachen mit der Feuerzange in
Ordnung bringen.«
    Was sollte sie tun? Käterchen verwünschte sich, dass sie nicht ausgerückt
war. Aber es war schon besser, sie ging zum Zahnarzt, als sie liess sich von
Susanne martern. Sie hatte zu sehr Respekt vor ihr, und wusste, dass sie die
Drohung wahr machen würde. Sie tat ja auch sonst immer alles, was sie androhte.
    »Und damit ich Gewissheit habe, werde ich dich selbst hinschaffen,« setzte
Susanne hinzu. »Doch befehle ich dir, dass du selbst beim Zahnarzt den Wunsch
aussprichst, deine Zähne neu hergerichtet zu erhalten. Verstehst du? Nicht dass
du dort schreist und brüllst: ich will nicht. Sonst tut er es nicht, weil ich
nicht das Bestimmungsrecht über dich habe. Schreist du aber, oder erklärst du,
du wolltest keine Zähne, so komme ich nachher mit der Zange. Ich frage nämlich
nichts nach dem Selbstbestimmungsrecht. Solange du bei mir bist, hast du nach
mir zu tanzen. Verstanden?«
    Käterchen konnte überhaupt nicht mehr sprechen.
    Susanne fuhr fort: »Und wenn du etwa im Zweifel bist, warum es ist, so lies
den gelben Brief, den mir gestern Frau Ganswind schrieb wegen dir.«
    »So gemein,« sagte Käterchen, »die hat so schön mit mir getan. Und jetzt
verrät sie mich.«
    »Cochon!« triumphierte Susanne, »das ist es nicht. Aber du cochon, jetzt
hör' ich ja von dir selbst, dass du mich verlästerst, wenn man dich beschwatzen
kann. Du dumme Kanaille, Schwarzwild, Schwarzwaldsau, du bist bei Polizeirat
Löwe gewesen. Weisst du, was du bist?« Susanne fuhr auf und stand vor ihr mit dem
Frühstücksmesser, das sie ihr an die Gurgel ansetzte. »Soll ich, Vieh. Soll
ich?«
    Käterchen stand bewegungslos. Was sollte sie auch antworten oder womit sich
rechtfertigen?
    »Weisst du, was man mir schrieb? Ich soll dich hinauswerfen, sonst könnten
wir nicht heiraten.« Käterchen war so versteinert, dass sie auch hierauf nichts
erwidern konnte.
    »Nimm deine Sachen und geh!« sagte jetzt Susanne mit gieriger Spannung.
    Käterchen blieb regungslos stehen. Sie überlegte, wie die Menschen so dumm
sein konnten und anvertraute Geheimnisse ausplaudern. Sie hielt sich für
blossgestellt und schämte sich. Sollte sie nicht am besten aus dem Hause gehen?
Ihr Ehrgefühl war verletzt, weil man sie ertappt hatte.
    »Überlege es nicht lange, du bist uns im Wege. Warum bedenkst du so etwas
nicht früher, ehe du mich verlästerst. Wenn ich dich behalte, so glaubt man dir
deine Gemeinheiten,« erklärte ihr Susanne mit verhältnismässiger Ruhe. Und
Käterchen sagte daraufhin trotzig: »Sie sind auch wahr.«
    »Wahr?« Susanne erlitt fast einen Schlag. Dann aber fasste sie sich und
erörterte ruhig. »Ich habe geglaubt, du seist mit allem einverstanden, was wir
taten.«
    Käterchen sah sie an: »Davon sagte ich nichts.«
    Mehr interessierte Susanne nicht, die weitere Verhandlung mit Käterchen war
nur noch ein unterhaltendes Spiel. »Dann möchte ich aber wissen, warum die Leute
haben wollen. dass du von mir weggehst,« frug Susanne.
    »Ich habe von den Kapitänen in Brüssel erzählt, und dass Sie mit der Katze so
verrückt sind, und dann, dass Sie mich halbtotschlagen,« klarte Käterchen mit
gesteigerter Rede und begann zu weinen.
    Susanne sah ihr lächelnd zu und sagte nach einer Weile mit bedauernder
Verstellung: »Ja, es tut mir leid, du hast es angerichtet, die Leute fassen das
eben penibel auf. Und dass ich dich halbtotgeschlagen hätte! Der Doktor soll nun
eben einen angenehmen ungestörten Haushalt bekommen. Wenn dann solch ein
ausgeschämtes Vieh, wie du bist, da wäre, so ginge das allerdings nicht. Aber
hab' ich dich denn halbtotgeschlagen?« setzte sie wieder heftiger werdend hinzu
und schlug sie.
    »Sie schlagen mich ja schon wieder!«
    »Das möchte ich wissen, was das den Polizeirat angeht!« schrie Susanne. »Und
ob ich dich schlagen kann, das möchte ich auch wissen.« Damit ging ein wahres
Trommelfeuer von Faustschlägen über Käterchen nieder. »So, hast du jetzt genug?«
sagte Susanne atemlos und ging zu Kätzi auf den Diwan, redete mit ihr und suchte
Kraft und Trost aus der Erschöpfung. »Kätzi, wie bös sind die Menschen,« sprach
sie. »Und seit ich verlobt bin, wirst du armes Liebchen auch so vernachlässigt,
komm, komm.« Kätzi schnurrte und verstand alles.
    Käterchen zählte draussen die Püffe und dachte, bei ihr hat alles keinen
Zweck. Ich bin eben nun ein ausgestossenes Menschenkind; sie soll mich vollends
totprügeln, dann bin ich da, wo ich hin will. Sie schluchzte und dachte an den
Schwarzwald zurück, wo sie doch auch einmal ein ganz nettes Kind gewesen war,
mit dem die Leute freundlich taten. Womit hatte sie das herbe Los verdient!
    Es war offenbar, dass zwischen die zwei zusammengewöhnten Weibswesen nur die
Idee der Verehelichung einen Keil getrieben hatte. Käterchen wäre es früher
niemals eingefallen, ihre Herrin gewissermassen zu denunzieren.
    Käterchen fasste zuerst den Entschluss, mit Susanne zu reden. Sie begab sich
ins Zimmer und tat, als ob es dort zu tun gäbe. Susanne freute sich darüber,
sprach nichts, lächelte vor sich hin und rollte Kätzi in scheinbar rohem Spiel
über die Länge des Diwans. Plötzlich trat Käterchen an den Diwan und schaute dem
Spiel zu, wie um sich gleichfalls zu unterhalten. Weil aber Susanne immer
weitermachte, ohne von ihr Notiz zu nehmen, musste sie das Maul auftun. Sie
wollte es aber schlau machen. Sie sagte: »Dann werd' ich mich also bald
verabschieden.«
    »Jedenfalls,« war Susannes kurz hingeworfene Antwort, und sie rollte Kätzi
unaufhörlich weiter.
    »Einmal hatte das Fräulein gesagt, wir zwei beide würden ewig miteinander
aushalten.«
    Susanne schwieg und rollte die Katze.
    Na, dachte Käterchen, da muss ich schon mit schwererem Geschütz kommen, und
warf sich über Susanne. Das hätte sie aber besser unterlassen, denn Susanne
sprang auf, schleppte die Katze mit sich ins Schlafzimmer, und verriegelte die
Tür. Was nun? Da stand sie mit ihren Kenntnissen. War sie denn nun gekündigt
oder sofort entlassen oder konnte sie bleiben? Das war schlimmer als Prügel,
dieses Schweigen.
    Sie blickte durchs Schlüsselloch, konnte aber nichts sehen, weil Susanne das
Handtuch vorgehängt hatte. Hören konnte sie auch nichts. So ungemütlich war es
während ihrer ganzen Dienstzeit nicht gewesen. Wenn das Fräulein in dieser Art
mit ihr anfing, dass sie fremdtat und sie wie Luft behandelte, dann ging sie eben
doch noch. Während sie vor der Türe stehend alle möglichen Entschlüsse fasste,
hatte Susanne bereits das Nötige gehandelt. Sie hatte sich zum Ausgang fertig
gemacht und kam nun heraus.
    Sie sprach: »Ich überlasse es dir. Du kannst nun mit mir kommen oder du
kannst deine Sachen packen und gehen.«
    Also, nun gings nicht mehr anders: entweder ging sie mit zum Zahnarzt oder
sie musste aus dem Hause. Sie sah Susanne mit flehenden Augen an.
    Susanne lachte. »Ja, ja, so geht es den dummen Leuten allen. Sieh mich nicht
so dumm an. Ich glaube, damit wird sich auch der Polizeirat zufrieden geben,
wenn er hört, dass ich dir zur Strafe dein ganzes Maul ausreissen liess.«
    Käterchen machte krampfhafte Versuche, Tränen hervorzupressen, aber das
klang wie der Husten eines Hundes, und sie verfehlten jede Wirkung. Ohne Gnade
musste sie mit Susanne zum Zahnarzt gehen. Unterwegs gab ihr die Herrin noch
einmal genaue Verhaltungsmassregeln. Sie stieg mit dem Dienstmädchen die Treppen
hinauf bis an die Flurtüre von Mauligel. Käterchen wollte nicht hineingehen; da
gab ihr Susanne zuletzt einen kräftigen Stoss, dass sie bis in die Mitte der Diele
hineinflog. Dann blieb sie auf der Treppe eine Weile stehen, bis sie sich
überzeugt hatte, dass Käterchen im Wartezimmer sass.
    Nachdem Käterchen lange genug gesessen hatte, riss ein mürrischer Kerl mit
einem ganz zerhauenen Gesicht die Türe auf und schnauzte sie an: »Kommen Sie
herein!« Da konnte es ja gut werden, dachte Käterchen, der hat eine Wut auf
mich. Sie trat zögernd ein. An der Tür blieb sie stehen. Sie wollte fast wieder
durchgehen, da war alles voll Marterwerkzeuge, voll Zangen, Sägen, Schläuchen,
und ein hoher Stuhl stand in der Mitte, dem gegenüber der Herr eine Lampe mit
Blendschirm entzündete. »Setzen Sie sich gefälligst.« Sie sass noch kaum richtig,
da riss ihr der Herr schon das Maul auf und sagte: »Um Gottes willen.«
    
    Was war da los?! Käterchen erschrak furchtbar, sie wäre fast aufgesprungen,
aber der Herr drückte ihren Kopf nach hinten. Dann liess er sie wieder los und
sagte: »Sie lachen ja gar nicht! Haben Sie Angst, ich reisse Ihnen den Kopf ab?«
Käterchen lächelte furchtsam. »Ja,« sagte der Herr weiter, »Ihnen risse man am
besten das ganze Maul aus.« Käterchen fiel der jüngste Prozess von Neukölln und
Magdeburg ein. Da hatte ein Künstler auch geraten: »alles raus!«und hatte dann
nicht einmal gewartet, ob ja oder nein. Wo hatte ihre Herrin sie hingeschickt?!
    Weil Käterchen keine Antwort gab, fragte der Herr ungeduldig. »Los, los, Sie
müssen sich entschliessen, ich habe keine Zeit.« Käterchen legte statt aller
Antwort den Kopf in das Kopfpolster zurück und sperrte das Maul weit auf. Der
Arzt sah noch einmal in dem aufgerissenen Mund herum wie ein Dachshund im
Fuchsbau. »Alles faul. Ja, was soll ich damit anfangen?«
    »Gebiss,« war die hervorgegurgelte Antwort.
    »Mm,« meinte der Arzt befriedigt und trat vom Stuhle weg. Käterchen blieb in
unveränderter Stellung liegen und hörte den Handgriffen des Arztes gespannt zu.
»Sie können das Maul ruhig zumachen,« tönte nach einer Weile des Arztes Stimme
herüber. Er rudelte im Besteck, Käterchen blickte interessiert nach dem
metallenen Geklingel hinüber.
    Jetzt schritt er plötzlich auf sie zu. Was hatte er in der Hand? Einen
grossen schwarzen Lehmklumpen. Den stiess er ihr ins Maul. Sie erstickte beinahe
daran. Er drückte ihr beide Kieferknochen zusammen. Dann musste sie wieder
öffnen, da zog er ihr den Klumpen wieder heraus. Was war mit ihr vorgegangen?!
Ihre Augen waren ganz rot und das Wasser lief aus ihnen. Ihr Atem stieg schwer.
Was kam da noch weiter? Nun kam er wieder an. Sie beobachtete scharf seine
Hände. »Maul auf!« Gleich sass der Meissel am Zahn, und mit einem kräftigen
Hammerschlag flog der erste an ihr Zäpfchen.
    Sie schnaubte, fauchte, drückte, gurgelte und spuckte. Der Arzt hatte Mühe,
ihren Kopf über das blaue Glasbecken zu lenken. »Weiter, bleiben Sie sitzen.«
Käterchen starrte den Mann an, lieber Mann, sieh, ich bin in deinen Händen, ich
vertraue dir, dass dir mein Leben heilig ist. Aber er setzte mit kalter Ruhe
immer wieder das Eisen an. Käterchen wurde immer fassungsloser und rasender.
»Wieviel Zähne hat der Mensch?« frug sie endlich mit winselnder Stimme. »Sie
haben noch sechs,« war die Antwort. »Oh weh, noch sechs,« jammerte Käterchen.
»Ich halt's nicht mehr aus«; sie verdrehte die Augen und presste die Hände auf
die Gedärme. »Bitte, ganz stillhalten!« Diesmal setzte er mit grossem Bedacht und
sorgfältiger Prüfung an, Käterchen sah sich mit Gewissheit dem Tode überliefert.
Es hämmerte, sie schrie auf und bäumte sich, der Arzt stemmte die Unterarme auf
ihre Kehle, jetzt machte er sie hin. Oh, Oh! ihr junges Leben! Sie quorkste:
»Ich erstick', ich erstick'!« Schliesslich stiess sie mit aller Kraft den Zahnarzt
von sich, sprang auf und rannte im Zimmer umher. Der Zahnarzt blickte wie ein
erhabener Feldherr kühl auf sie und sagte ruhig und lockend: »Jetzt kommt der
letzte, wollen Sie nicht mehr?« »Nein, nein, ich kann nicht mehr, lieber stürze
ich mich zum Fenster hinaus!« Sie schnaubte wie wahnsinnig. Da verzog sich des
Arztes Gesicht zu einem vollen Grinsen, und er lachte laut. Käterchen stand
jetzt still, krallte sich in den Haaren und machte zwei erhobene Fäuste gegen
einen unbekannten Gegenstand. »So schlimm wird's doch nicht sein, Fräulein!
Setzen Sie sich nur ruhig wieder! Oder wollen Sie wegen dem einen noch
chloroformiert werden?« Käterchen guckte nach ihm hinum, wie eine Kuh nach dem
Stallschweizer. »Bitte, kommen Sie, meine Zeit ist kostbar! Ich bin der einzige
Zahnarzt im Bezirk, alle anderen sind einberufen. Es wollen noch mehr daran.«
Käterchen dachte: chloroformiert werden, - das muss eine der sieben Qualen sein,
und trottete langsam auf den Stuhl hinauf. Aber als er ansetzen wollte, hielt
sie seinen Arm: »Halt, halt, ich bin noch nicht soweit.« Der Arzt wartete mit
Geduld, bis sie ihren Kopf zurückgelegt hatte und das Maul weit aufsperrte. Mit
einem fürchterlichen Aufschrei war die Prozedur zu Ende.
    »Ausspülen.« Der Arzt trat vom Schemel, warf die Werkzeuge auf einen Tisch
und wusch sich die Hände wie Pilatus. Käterchen nahm das Glas und hörte nicht
mehr auf mit dem Spülen und Spucken. »In drei Tagen kommen Sie wieder,« sagte
der Arzt. Da stellte Käterchen das Glas hin und ging rasch hinaus. Um alles in
der Welt kam sie nicht wieder hierher.
    Im Freien schien ihr die Welt ganz sonderbar. Der Bürgersteig befühlte sich
wie mit Holzpantinen, alles war grell und laut. Die vorbeisausenden
Strassenbahnen hatten ganz andere Glocken und die Menschen ganz sonderbare
Mäuler. Wie ihr jetzt Susanne im Gedächtnis aufstieg, hielt sie sie für ein ganz
gefährliches Unwesen, vor dem sie leider bisher zu wenig Angst gehabt hatte. Ihr
Heimweg war das Tanzseil von der Vergangenheit zur Zukunft.
    Wieder daheim, hätte sie gerne dennoch renommiert mit dem, was sie ertragen
hatte, und sie bedauerte, dass ihr Fräulein nicht da war. Das hätte sie nun doch
erwartet, dass man sich jetzt ein bisschen um sie kümmerte. Es waren ja hungrige
Zeiten, aber ihr schien es doch, als müsste sie nun drei Tage völlig verhungern.
Es war einmal schöner hier gewesen, da hatte das Fräulein solchen Anteil an ihr
genommen. Gäbe es doch der Herr, dass den Doktor der Teufel holte.
    Sie brauchte dafür nicht einmal zu sorgen, denn der Taifun erklärte dem
Doktor, dass sie sich auf dem Standesamt aufbieten lassen könnten.
    Susanne war heute seltsamerweise nicht am verabredeten Ort erschienen. Das
machte dem Doktor schwere Sorgen. Wollte sie sich nicht aufbieten lassen?
Hermione und Ganswind wechselten besorgte Blicke. Sie gingen des öfteren aus dem
Zimmer, wo sie mit dem Doktor zusammen sassen, hinaus und berieten sich immer
wieder neu. Den Polizeirat traf die Verantwortung. Er war schuld, dass Hermione
den Brief an Susanne geschrieben hatte. Wann hatte sie sonst einmal einen Brief
geschrieben? Noch nie. Gleich ihr erster, gewissermassen von Freundin zu
Freundin, war schief ausgefallen.
    Der Doktor wusste natürlich absolut keinen Grund zu nennen oder zu denken,
warum Susanne heute nicht mit ihm zusammenkam. Gestern waren sie an einem Kinde
vorbeigekommen, das ganz normal gewachsen war, dem aber das linke Händchen
fehlte. An ihm hatte sich Susanne mit grossem Mitleid lange aufgehalten, bis sie
erfuhr, dass es so zur Welt gekommen sei. Es ging ihr das wohl sehr im Kopf
herum, aber nicht so auffällig, dass sie etwa auf die Idee verfallen konnte, in
ein Schwesternstift einzutreten.
    »Und du denkst an die Möglichkeit?« frug Ganswind.
    »Wir sprachen im Anschluss daran von Frauenberufen, weiter nichts,«
antwortete der Doktor besorgt.
    Auch Hermione liess ihn gerne in diesem Glauben, denn man konnte ihm von dem
Briefe nichts erzählen. Sie liessen den Doktor aber nicht von sich gehen. Lieber
machte sich Ossi nach Susanne auf die Suche. Und der Doktor blieb solange mit
Hermione allein im Taifun.
    So geschah es. Ganswind fuhr zuerst zum Polizeirat, um mit ihm ein ernstes
Wort zu reden. Sie hatten alle Vorbereitungen getroffen, so dass das Standesamt
bereits spruchreif war. Und nun konnten durch sein sonderbares Verhalten alle
Verknüpfungen und Besorgungen für die Katze sein.
    Währenddem war Hermione mit dem Doktor zusammen. Auf diesen Augenblick hatte
sie schon lange gewartet. Es kam ihr jetzt sehr zustatten, dass sie »Fredy« zu
ihm sagte. Und sie war eine Meisterin freundschaftlicher Tonart. Ihre Rede war
brüderlich. Dies hätte eigentlich eine zu weitgehende Annäherung verhindern
können. Aber der Doktor hatte ein so schwaches Brustgehäuse, dass gleich der
Boden darin durchbrach. Und dann sprachen sie in einer Weise über Susanne, dass
ihr gegenseitigem Streben nach dem Gegenstand unausbleiblich wurde.
    Hermione gestand dem Doktor endlich seine Zukunft: dass er als zweitöchster
Gott neben Ossi im Taifunhimmel zur Anbetung kommen werde, wie Susanne die erste
weibliche Gotteit werden sollte, wenn sie in der Schauspielkunst ausgebildet
und unterrichtet war. Ich bin das All, setzte Hermione hinzu; und es war dem
Doktor, als tränke er eine süsse Säugemilch, er vergass alles und gab sich ihr
hin, dem All. Er durfte wunderbare Dinge schauen, die sie selbst Susanne bisher
vorentalten hatte. Der Doktor dachte, als ihm der Gedanke an die Wirklichkeit
nach vier Stunden zurückkehrte: »Feine Sache, der Taifun hat eine Leitung, fein,
fein!«
    Susanne irrte planlos nach dem Doktor herum. Sie glaubte, dass er, weil sie
um zwei Stunden zu spät war, wieder nach Hause gegangen wäre. An den Taifun
dachte sie seltsamerweise überhaupt nicht. Ganswind war bei dem Polizeirat und
erfuhr, dass Susanne vor kurz einer halben Stunde von ihm gegangen sei. Dieser
sprach entzückt von ihr, dass er keinerlei Bedenken habe. Sie sei ein reines
Kind.
    Ganswind hörte dieser Lobeshymne des Polizeirats mit einem gewissen Ingrimm
zu. »Vielleicht ist Ihre Erkenntnis zu spät,« sagte er.
    »Ausgeschlossen,« antwortete der Polizeirat.
    Ganswind wollte wissen, inwiefern das ausgeschlossen wäre. Der Polizeirat
lachte wie ein Satyr, aber Ganswind gefiel diese Manier diesmal gar nicht. Es
war durch ihn eine bedeutsam Störung in dem täglichen Rosenkranz der beiden
Liebenden entstanden. Was nützte es, wenn er jetzt die Tugend pries, nachdem er
dem Doktor eifersüchtige Gedanken eingeimpft hatte. Der alte Kavalier möge sich
nur einmal vorstellen, was er dächte, wenn der Stundenzeiger seiner Geliebten
zwei Stunden Verspätung aufweisen würde. Oder ihre Uhr so rappelte, dass sie
womöglich den ganzen Tag nicht mehr zusammenfanden. Da schlüge ein dramatischer
Charakter bereits Tische und Stühle in Trümmer. Und hier handelte es sich um
einen subtilen Menschen, der mit umgekehrtem Kopfe die Welt betrachtete.
Ganswind hatte sich gegen seine Gewohnheit heftig erregt.
    Der Polizeirat suchte ihn vergebens zu besänftigen. Sah der Doktor die Welt
umgekehrt an, so war er doch wohl einer, der froh war, wenn seine verirrte Braut
überhaupt wieder zu ihm kam. Und daran war nicht der kleinste Zweifel, dass
Susanne nicht ruhte, als bis sie ihn wieder fest geschlossen hatte. Wie er zu
all seinen sicheren Vermutungen kam, konnte Ganswind nicht klar genug
erforschen. Und geheimnisvolle Andeutungen galten ihm nichts. Es gab viele
Kavalleristen, die taten, als wären sie die besten Reiter; ihre Reitbahn durfte
man aber nicht betreten. Der Polizeirat erschien ihm ein Liebesmanager von sehr
alter Schablone, wenn er es für einen Beweis von Susannes Charakter hielt, dass
sie dem Mädchen zur Strafe die Zähne habe ausreissen lassen. Die tatsächlichen
Verhältnisse liess er gewiss unbeachtet.
    Es war dem Polizeirat Löwe ganz neu, dass der Taifun auch ihn angriff. Zuerst
wollte er sich vornehmen, tückisch zu werden. Nach Überlegung und Umwälzung in
Klotildes Schlafstube wurde es ihm heller im Gemüte. Er konnte daran wahrhaftig
erkennen, dass man ihn im Taifun nicht einfach zum Publikum zählte, sondern zu
den Verantwortlichen, die unmittelbar neben den Künstlern ihre Geltung hatten.
Das schmeichelte ihm sehr, er begab sich in der Folgezeit täglich in den Salon
und zeigte sich sehr bemüht, den Misston zu glätten.
    Es war Ganswind sehr willkommen, dass er etwas rascher mit ihm verkehren
konnte. Die höfliche, Hermione handküssende Art war bei Ganswind nur Oberfläche.
In Wahrheit war der etwas zarte Mensch ein fürchterlicher Tyrann.
    Susanne war endlich der Taifun eingefallen, wo der Doktor sich
wahrscheinlich befände. Dortin gehen? Nein. Dagegen sträubte sich ihr Trotz,
wie auch die Möglichkeit, dass der Doktor sie dort bereits mit Hermione zusammen
ins Fegefeuer genommen haben könnte.
    Deswegen kam sie zu ganz unerwarteter Stunde nach Hause.
    »Das war auch einmal gut,« dachte sie. Käterchen hatte aber Glück: es war
weder die Tante noch Schellenhauer da, die sie öfters als nur einmal besuchten.
Dafür lag Käterchen auf einem blutigen Kissen schnarchend in ihrer Kammer.
Susanne wich mit Entsetzen zurück, als sie das grosse blutrünstige Maul auf dem
Kissen liegen sah.
    Das erste Mal aber wandelte sie Mitleid an, sie streichelte ihr über die
Stirne. Sie zeigte, dass sie nicht bloss mit Kindern, die sie nichts angingen,
Mitleid haben konnte, - wie das die Art der Kokotten ist. Sie hatte dem Kinde
mit dem einen Händchen gestern eine Mark in das andere gedrückt. Heute
streichelte sie ohne Scheu vor dem Entsetzlichen ihr Aas. Sie kam sich wie eine
Heilige vor. Sie hatte nun dem Polizeirat Opfer gebracht, indem sie sich als
künftige Frau Doktor herabgewürdigt und sich zu ihm begeben hatte. Schon das
hatte ihr ein gewisses Heiligkeitsgefühl verliehen. Sie nahm sich geradezu vor,
das kindische Liebesspiel mit dem Doktor nicht weiter zu betreiben. Sie meldete
sich lieber zum Krankendienst und brachte ihr sehnsuchtgepresstes Herze zur
Befreiung. Dann war sie keine Schwindlerin mehr.
    Sie liess Käterchen ruhig weiterschlafen und setzte sich nieder, Hermiones
Brief zu beantworten. Sie schrieb mit kornblumenblauer Tinte auf ein nach
feinster Lilienmilch duftendes Papier. Sie teilte Hermione ihre Absicht mit. Ich
kann nicht anders, Gott helfe mir, war ungefähr der Sinn der Zeilen. Diese
schrieb sie nicht mit den weiblichen Zügen Hermiones, sondern mit einer Wucht
wie ein Botschaftsattaché, so dass den Empfänger bloss der feine Seifenduft
verwundene.
    Während dieser Brief durch die Rohrpost pustete, lag der Doktor an einer
starken Dosis absoluten Alkohols vergiftet auf dem Stubenboden des Gartenhauses
in der dritten Etage des Hauses Viktoriaplatz 25.
    »Da hast du die Sosse,« sprach Oskar.
    »Ja wie?« sprach Hermione, ehemals Anna Käsbohrer.
    Es gab einen unter Bierbrauern obligaten Faustkampf, dessen Endscherben
Büffel und Frau von den Parkettböden aufklaubten.
    War der Taifun in Gefahr?
    Der Hauswirt Rechtsanwalt und Freund hatte eine schwere Konferenz mit
Ganswind. Hermione weinte eine ganze Nacht. Und Ganswind sass aufrecht mit
hochgezogenen Knien auf der Matratze. Bis es wimmerte: »Spiele!«
    Das raste er auf und zerschmetterte die Tasten des Flügels, dass ihre
Symphonien die Ziegel des Hauses von den Dächern warfen und der
erquickungspendende Berliner Landregen oben hineinregnete.
    Ossi spielte, schnaubte und wand sich, Hermione zerraufte sich die Haare,
als reuige Büsserin auf den persischen Teppich gebeugt. Büffel und Frau durften
zusehen, denn sie waren auf den Lärm hin mit Nachschlüssel eingedrungen. Das
versöhnte wieder, denn Büffel war ein für Kunstreiter schwärmender verkrachter
Clown. In Strömen spendete er Schaumwein, bis selbst seine alte Hexe hingerissen
war.
    Der Polizeirat hatte Klotilde zur Vorwitterung in den Taifun geschickt.
Dieser war es eine Spielerei, sich dareinzufinden. Sie benutzte den Gang zum
Fernsprecher, beim Doktor nachzufragen. Sie liess ihn durch die weibliche
Sanitätskolonne in den Taifun bringen. Der Polizeirat, fernsprecherisch
unterrichtet, weckte Susanne, die in übernächtiger Askese zusammengebrochen war
und bewog sie, ihn zum Taifun zu begleiten.
    Es existierte ein Bild des grossen Müller, das bei den Taifunisten hing,
Weltschmerz betitelt. Streng nach dessen Farben und Linien bewegten sich die in
Jammer und Glück des Wiedersehens ruinierten und sich aufraffenden Gotteiten
des Taifuns, gestützt von dem Verantwortlichen.
    Susanne und der Doktor durften sich in einem Extrasalon betoben. Da flossen
Ströme von Tränen wie die Fluten des Nils zur Zeit der Überschwemmung. Susanne
war Haupt-, und der Doktor Nebenfluss.
    Als sie beide genügend geweint hatten, war es vorbei, und Susanne begann
wieder mit ihren Strahlen vorzubrechen.
                                     * * *
    Susanne erwachte und wurde von Käterchen angekleidet, die inzwischen das
Blut abgewaschen und nun einen trockenen Mund hatte. Sie sah weniger grausig
aus, ihre Lippen waren wohl brutschiger, aber es war, wenn sie vor dem Bette
sass, kein Schaden. Der ätzende Geruch der vermoderten Speisen aus den hohlen
Zähnen hatte aufgehört. Und es war für Susanne angenehm, sich von ihr bedienen
zu lassen.
    Käterchen benutzte die Gelegenheit dieser angenehmen Hingebung, dem Fräulein
das Versprechen abzunehmen, dass sie nicht mehr geprügelt wurde. Sie sprach,
nachdem ihre erste Leidenschaft um den Kampf ihrer besseren Behandlung
verklimpert war, mit freudigem Ausblick auf ihren zofenhaften Ausputz, dass sie
Zähne haben werde, die blitzten wie die des Dinkaneger-Kriegers, in den sie sich
einmal auf einem Oktoberfeste verliebt hatte.
    Susanne gab ihr noch Weisung, auf dem Markte einzukaufen; sie sollte sich,
damit sie nicht so lange in der Reihe stehen musste, als schwanger ausgeben.
Käterchen wollte es versuchen, aber sie hatte dann, als sie am Marktstande
angekommen war, nicht den Mut, diese Lüge zu schauspielern. Deshalb stand sie
bis Mittags um zwei Uhr, bis sie endlich zwei Pfund Gemüse eingekauft hatte.
    Susanne wollte um fünf Uhr mit dem Doktor zum Essen da sein. Sie urteilte
richtig, dass hier nur die Wiederherstellung des verdorbenen Magens allseitig
helfen konnte, dann wollten sie, zwar drei Tage später als geplant, auf das
Standesamt mitgehen.
    Das erste Mal hatte sie den Doktor allein in den vier Wänden, abgesehen von
Käterchen am Schlüsselloch. Susanne machte es heisse Lust, dass sie einen
Zuschauer hatte. Es reizte ihre Phantasie. Dem Doktor kreiste das Blut durch die
verhungerten Adern, die erschlafften Muskeln schwollen von den Gewaltmassregeln.
Mit glühenden Wangen kniete Susanne wie ein in den Gedärmen seines erbeuteten
Tieres kramender Tiger. Die Blutlust der Urwaldbestien ist nichts als eine zu
heisse Liebessehnsucht.
    Susanne freute sich an der Qual ihres Opfers. Der Doktor brüllte auf, es war
ein entsetzlicher Biss. Käterchen schluckte einen Schleimbatzen und stürzte in
die Küche, sank stumm in sich zusammen und brütete das Nachspiel mit
Schellenhauer. Aber Schellenhauer war gemein und übertraf sie, mit ihm war es
nie Liebe.
    Der Doktor war so eine reine Leiche. Und nun wurde geklingelt. Das war das
Zeichen für den Nachtisch. Der Doktor musste essen, dass sich sein Bäuchlein
füllte wie von einem eben ausgebrüteten Eivogel. Doch es war wonnesam. Die Welt
drehte sich in neuen Angeln. Alles bis dahin Gewesene war wie vom
Philistertisch. Ha! Er musste lachen. Klotilde mit der Bonbonnière, das duftete
nach Konfitüren. Hier roch es - wie die Ackerscholle nach Blut. Ohne dieses Rot
der Farbe glühten alle Sonnen hoffnungslos. Die Missverständnisse der versäumten
Begegnung waren ihre neckisch ausgestreuten Blumen.
                                     * * *
    Am Mittwoch den 10. früh 11 Uhr trafen sie sich unter dem Ratause. Das
Gehirn des Bräutigams hatte allmählich wieder seinen Wonnetaumel eingebüsst. Er
sah die Welt wieder sehr nüchtern, nach surrenden Karren, vorbeieilenden
Menschen bemessen, aber er hatte keine Lust, mit Susanne nach dem Standesamt zu
gehen. Er hielt zwar Wort und war da. Als Susanne mit strahlendem Gesicht auf
ihn zukam, lachte er bitter mit. Er erzählte die Wichtigkeit, dass die Existenz
des Taifun, der ihnen die materielle Unterstützung zugesagt habe, durch die
Schellenhauersche Klage gefährdet sei. Ganswind würde in erster Instanz
wahrscheinlich zum Schadenersatz von Fünfzigtausend verurteilt. Susanne wusste
schon, warum der Vogel solches Lied sang. Da machte sie kurzen Prozess.
    
    Sie stiess den Doktor mit den Fäusten zur Türe hinein. Er flog in grossem
Bogen in das Zimmer des Standesamtes. Das erweckte natürlich Heiterkeit.
    Der Standesbeamte war ein kleiner Herr mit grossem Kopf, er trug stets einen
hohepriesterlichen Ernst auf dem Gesicht. Er frug vor allem den Doktor, ob er
sich auch von seiner Braut genügend überzeugt hätte. Susanne wurde rot vor Wut
über diese Frechheit. Aber so etwas war bloss bei einem kleinhorizontierten
Menschen möglich. Dieses Misstrauen gegen alles Internationale war eine
Rückständigkeit, wie auch tiefe Dummheit. Denn was waren eigentlich die
konventionellen Garantieen über Herkunft und Charakter! Als ob die Menschen in
diesen Kreisen besser wären als in jenen und anderen! Die Güte ihres
menschlichen Herzens war Susannes innerster Stolz. Und sie hätte es keinem
Pfaffen je geglaubt, wenn er ihr gesagt hätte, dass sie einmal in die Hölle käme.
Auch hing die menschliche Güte keineswegs mit der Sinnlichkeit zusammen. Im
Gegenteil, grosse Sinnlichkeit war am ehesten die Gewähr für ein hohes seelisches
Empfinden. Susanne hätte den Beamten am liebsten geohrfeigt wegen seiner
Dreistigkeit. Der Doktor sah ganz verdutzt auf den würdigen Stand des Beamten.
Er überlegte sich wirklich, ob er an Susanne nicht eine unter Kontrolle stehende
Dirne heimführte. Susanne empfand jedes Spiel seiner Miene. Aber der Beamte war
zufrieden mit der gewissenhaften Erledigung seiner Pflicht. Wiederum war die
Pflicht zur Ausübung grober Taktlosigkeiten gemissbraucht. Er entschuldigte sich
nach seiner gelungenen Attacke auf die vereinten Herzen, die er zerrissen hatte,
statt sie zu vereinigen: er habe sich der Vorbereitung einer langen Grabrede für
Kommerzienrat Lehmann zu widmen. Damit verliess er den Raum und überliess die
beiden ihrem Zerwürfnis.
    Dem Kommerzienrat Lehmann schmiedete der Würdige hohe Worte, in
salbungsvollster Sprache, damit die Angehörigen von der Schönheit des Lebens und
den grossen Lebensleistungen des Verblichenen überzeugt waren, ebenso wie alle
Teilnehmer an der riesenhaften Beerdigung. Und ihm, dem Redner, wurde obendrein
ein reiches Trinkgeld. Kommerzienrat Lehmann war ein König, diese Überzeugung
trug jeder vom Grabe mit nach Hause. Er hatte zwar einmal ein winziges Erlebnis
mit einer kleinen Sängerin erzeugt und trotzdem nicht verhindert, dass sie jetzt
als Star glänzte. Von solchen Dingen schwieg man, sie waren zu unmassstäblich.
Susanne galt solches Menschentum rein nichts, um so schändlicher empfand sie die
frivole Frechheit des ihre Kopulation später vollziehenden Beamten.
    Zwischen ihr und dem Doktor gab es dann einen Höllenauftritt. »Wer bist du
denn?« brüllte sie der Doktor an, der dadurch beweisen wollte, dass er
anständiger Leute Kind war. Er war der Sohn erster Ehe seiner Mutter mit einem
Sanitätsrat. Susanne stand sehr verdattert vor ihm, sie konnte mit nichts
auftischen. Dass sie eine Landhausbesitzerin wäre, wagte sie nicht zu erwidern.
Hatte sie wirklich ein dirnenhaftes Leben hinter sich? Wie der Doktor seine
speienden Worte auf sie niedertrommelte, kam sie sich selbst endlich sehr obskur
und gemein vor. Das schadete ihr, jetzt hätte sie mit einer protzigen Rede viel
mehr ausgerichtet. Der Doktor wurde immer wütender und wollte das Geheimnis
ihrer ganzen Vergangenheit aus ihr herauspressen. Sie schwieg aber wie ein
Opferlamm. Das dauernde Schweigen erschien ihm endlich als Trotz, und er musste
notgedrungen die Antwort auf seine Frage von der Zukunft erwarten. Wissen wollte
er, also blieb er auch so lange bei Susanne, bis er wusste.
    So kam es, dass er im Laufe der Tage die Weihe der ersten Liebe verscherzte.
Die grösste Torheit des männlichen Geschlechts, das Weib ausser leiblich auch
materiell kennen lernen zu wollen, brachte ihn um den Geruch der Blüte. Susanne
war die Vergangenheit ihrer selbst gänzlich gleichgültig. Allerdings machte es
ihr auch Schmerzen, gleichermassen vom Doktor dessen Vergangenheit zu erfahren.
Jedenfalls den Keil zischen beide hatte der Standesbeamte gesetzt, und ihr
gegenseitiger Eifer trieb ihn tiefer zwischen sie selber.
    Die Losung zweier Menschen, die den Lebensweg miteinander beginnen, »immer
vorwärts, nie rückwärts,« konnten sie höchstens zu spät erkennen.
    Aber dem Standesbeamten war die Pflicht heilig, denn er gab ihnen durch den
Zweifel den Stachel zur Zucht. Zucht war nun einmal in den Augen der Moralfexen
etwas Notwendiges. Jede Ehe zum Zuchtaus zu gestalten, war eine heilige
Aufgabe. Gottlob hatten die beiden eine stetige Vermittlerin in der Kunst. Kunst
allein machte Wahrheit aus dem höchsten Gebote »Liebe«. In der Verwirrung ihrer
Gewissen liefen sie in den Taifun.
    Dort beglückwünschte man sie.
    Es war eine kuriose Welt. Die Glückwünsche kamen, sobald sie mit sich selbst
unzufrieden waren. Mit dem Hauswirt war die letzte Besprechung. Büffel schwitzte
vor Freude, weil es durch das amtliche Aufgebot endlich zur Gewissheit wurde, dass
die beiden auf fünfjährigen Kontrakt gegen 3500 Mark Jahresmiete in seinem Hause
wohnen würden, unmittelbar über den Räumen des Taifun. Es wurde ein neues Gelage
veranstaltet mit alkoholstarker Flüssigkeit, über die allein der Krieg noch kaum
eine Schranke zu legen vermocht hatte. Gleichzeitig war das Fest der
Wiedererstehung des grossen Müller, dessen zertrümmertes Bild vom Mann mit dem
umgekehrten Kopf und der Katze von kundigen Jüngern mit schönstem Öl
wiederhergestellt war.
    Der zertrümmerte Schellenhauer stand schon dadurch in schreiendem Gegensatz
zum Müller, dass es unmöglich erschien, seine Trümmer zu restaurieren, weil kein
Gefühl und Empfinden aus seiner Ruine als vermittelnder Geist emporstieg.
    »Sollte Schellenhauer den Prozess gewinnen,« sagte Büffel, »so wird er desto
gewisser die Unsterblichkeit einbüssen.« Aber es war vielleicht möglich, einen
Sühnetermin anzubahnen, indem man ihm eine Stelle als herrschaftlicher Kutscher
bei Doktor Bäumler anbot. Doch das waren Dinge, die noch in weitem Felde lagen.
Es konnten sich erst solche Gespinste weben lassen, wenn der Doktor wieder die
grosse Rolle spielte.
    Über die zum Hochzeitsfeste zu ladenden Gäste bestimmte der Taifun. Es
sollten nur auserlesene Kunstfreunde daran teilnehmen dürfen, oder auch solche,
die bisher durch den Verkehr mit Susanne ihre Würdigkeit tätlich bewiesen
hatten. Man bezeichnete diese Würdigen als Menschenköpfe. Die übrige Welt war
bestialisch. Dem dicken Hotel-G.-m.-b.-H.-Direktor mit seiner Rossstrassengattin
war es die lieblichste Ehrung, dass das Hochzeitsfest in seinem Klickerraum
abgehalten werden sollte.
    Bevor man jedoch zur grossen Vorbereitung schritt, fuhr Ganswind mit Hermione
und dem Brautpaar bei allen Redaktionen vor. Und er erreichte das Kolossale, dass
sie sich diesmal der Nennung des Taifun im belletristischen Teil nicht
widersetzen konnten. Sämtliche Provinzzeitungen brachten ebenfalls die Notiz.
Damit war des Taifun erstmals in wohlwollender Weise Erwähnung getan, nicht mehr
wie bisher in ätzender Verhöhnung. Hauptsächlich war die nordische Erscheinung
Hermiones den Redakteuren ganz unbekannt gewesen. Es zeigte sich bald der grosse
Umschwung. Um ihrer Erscheinung willen und der weiteren Möglichkeit
ruhmumkränzter Abenteuer mit der gloriosen Brüsselerin erschienen plötzlich die
Köpfe von Referenten und Kritikern in den Kunstabenden, die von jetzt ab der
Doktor Bäumler regelmässig veranstaltete, um sich beim grossen Publikum wieder
einzuführen. Bei der Hochzeitsfeierlichkeit stellte man eine Extra-Speitafel
auf, wo sich die Kritik den Hals brechen konnte. Die interessante geheime
Gestalt des Polizeirates wurde dabei den Herren der Presse gleichfalls
vorgestellt, so dass es keiner Stockprügel mehr bedurfte, um sie zu
schönsprachigen Artikeln über den Taifun und das von ihm auf stürmenden Flügeln
getragene Ehepaar zu veranlassen.
    Die Tafel war aus lauter Glas. Der Tisch war milchweiss gemustert, infolge
seiner durchsichtigen Substanz gestattete er während der Tafelung jedem die
Betrachtung seines Gegenübers vom Kopf bis zu den Füssen. Es war also unmöglich,
dass sich Paare mit den Beinen verstohlene Tritte gaben oder ein Herr unter einen
Rock stocherte. Tafeltücher waren vom Gesetz ja verboten, so war der gläserne
Tisch ein erquickender Ersatz. Auf der gläsernen Tafel ass man auf gläsernen
Tellern mit Messern, Gabeln und Löffeln, deren Stiele und Hefte aus Glasmosaik
waren. Auch die Trinkgläser strahlten in tiefen dunkelfarbigen Mustern. Blumen
und Fruchtaufsätze waren aus Glas. Apfelsinen gab es aus Glas, so täuschend
nachgeahmt, dass viele darnach griffen. Der Braten, der Fisch, alle Gemüse wurden
auf farbenfrohen Glasplatten umhergereicht. Käterchen mit blendend weissem Gebiss,
bediente das Ehepaar. Sie war mit ihrer kernigen Gesundheit eine anzügliche
Erscheinung.
    Das Hauptinteresse zog aber Schellenhauer auf sich, der Ganswind und
Hermione bediente. Er hatte sich durch Käterchen den Mund derartig wässerig
machen lassen, dass er selber noch vor der Hochzeit die Versöhnung anbot. Auf die
Dauer war es ihm zu ungemütlich, das verletzte Genie zu spielen. Er zeigte
lieber seine glanzvollen Talente als Fürstendiener und Weiberritter. Mit
Käterchen, die durch den Wert ihres Gebisses im eigenen Werte gehoben war, hatte
er eine stille Vereinbarung geschlossen, dass sie sich bei gegebener Zeit
ebenfalls in den Stand der legitimen Ehe begeben würden. Er hatte stark
pomadisierte blonde dünne Haare und trug eine grosse Sonnenblume aus Glas auf der
Brust. Jedes anwesende Paar wurde von einem besonderen Manne oder Fräulein
bedient. Das schönste Schauspiel liess der die Tafel erfundenhabende
Glasarchitekt springen. Nach jedem Gange rannen farbige Wasser über die auf dem
Tische aufgebauten Kaskaden an den berauschten Augen der Trunkenen vorbei. Die
Wasser erschienen wie glühende Lavaströme; es war aber nur gewöhnliches Wasser
und der Effekt durch den Untergrund der überspülten, mit elektrischen Birnen
durchleuchteten Glassteine hervorgerufen.
    Alles war Glas, nur die Nahrung nicht. Auf das wirkliche Fleisch vom
wirklichen Tier und den wirklichen Fisch vom wirklichen Meere konnten selbst die
äussersten Phantasten nicht verzichten.
    Die für die Journalisten besonders gedeckte Tafel war mit kaum geringerem
Aufwand gebaut. Doch damit sie alle Wunder schauten und darüber gewissenhaft
berichteten, durften sie nach jedem Gange herüberkommen und nachgucken, welche
Fontänen auf der Brauttafel sprangen.
    Diese Fontänen hatte der Erfinder so eingerichtet, dass er durch verschiedene
Schaltungen wechselnde Lichtwirbel erzeugen konnte. Und es war natürlich, dass
mit der sich steigernden Bezechung die Tafelgäste immer wirrere Wirbel zu sehen
bekamen. Als erste erlag Frau Büffel dem schwindelerregenden Kaleidoskop. Allein
zum Mitleid hatte niemand Zeit, man goss ihr einfach ein kohlensaueres Wasser in
den Schlund und reichte ihr ein grosses Glasbecken. Die B.Z. berichtete von der
Übertrumpfung der römischen Mahlzeiten zur Zeit des Lukullus. Die das Gericht
vortäuschenden Pfauen und Puten waren allerdings nicht Natur, sondern aus Glas
imitiert.
    Als Überschrift der aus Glas hergestellten Menükarte war ein sinnvoller
Spruch geschrieben: »In Splitter fährt kein Erdenball, denn unzerbrechlich ist
Glaskristall.« Und wahrhaftig, wie fest war das Glas! Der Glasarchitekt warf die
Gläser zur Erde, ohne dass sie zersprangen. Man musste Glas eben nicht in dünnen
Schliffen herstellen, sondern in massigen Formen. Die imitierten Apfelsinen
waren nicht einmal mit Äxten zu zerschlagen. Es war also kein Wunder, dass sich
Käterchens Tante den Zahn ausbiss, den nachher Susanne in der Tomatensosse fand.
    Der Taifun korrigierte so in der Tat die tiefsinnigsten Dichter, die das
Glas als zerbrechlich besungen hatten. Es war eben alles umgekehrt, als es die
Menschheit bisher angesehen hatte. Die Klassiker waren diesen Expressionisten
ein Muster ohne Wert. Nur als Dirigenten der Musikkapelle vermochten selbst die
teuflischsten Künste keinen Mann mit umgekehrtem Kopfe zu finden. Es war zwar
mehrere Wochen lang nach einem Kriegsbeschädigten inseriert gewesen, dem sie
etwa im Anschluss an die flandrischen Kämpfe den Kopf im Lazarett verkehrt
hinaufoperiert hätten, doch leider vergebens.
    Nach Tisch unternahm man einen Spaziergang durchs Hotel und stattete dem
Zimmer der verrückten Gräfin, in welchem Susanne ehemals kampiert hatte, einen
Besuch ab. Dort hatte der Dicke ein Muschelgedeck zurechtgestellt. Zu diesem gab
es Schaumwein, angeblich aus Susannes Kellereien, die sie auf ihrem Besitze an
der Aisne betrieb. Der Dicke erbat sich die Gnade, die Braut möchte ihre
Seilkünste vorführen. Der Doktor war hochgespannt, was das sein sollte. Susanne
begab sich mit Hermione auf das nebenliegende Zimmer, wo sie das Froschtrikot
anlegte, dann erschien sie vor den Gästen laut beklatscht und hüpfte Seil. Der
Doktor frass seine neugetraute Frau mit Vampyraugen, aber ebenso lauerten die
sämtlichen anwesenden Herren wie Chamäleons nach der berückenden übertrikoten
Jungfrau. Dem Doktor blieb nur ein Rätsel, woher der Dicke den Besitz dieser
Wissenschaft bei Susanne wusste. Er nahm ihn zur Seite, freilich ohne vernünftige
Auskunft zu erhalten.
    Ohne Sentimentalität nahm der Doktor seinen grünen Frosch an sich und presste
ihn zum Neide der Anwesenden. Susanne hüpfte dann schnell wieder davon und war
mit Hermione eine halbe Stunde abwesend. Zum tröstenden Kuriosum bot der Dicke
einen dreifarbigen Likör in den Bundesfarben der Zentralmächte. Zum Schlusse
sang Klotilde im Verrückten-Zimmer ein selbstgedichtetes Couplet ihres Gatten.
Dieses hatte die Ehre, nächsten Tags in einigen Blättern gedruckt zu erscheinen.
Ganswind lieferte dazu die Noten.
    Die Hochzeitsreise ging nach dem Landhause an der Aisne, in umgekehrter
Richtung als Susanne damals hergekommen war, im D-Zug Kowel-Brest -
Litowsk-Berlin-Brüssel. Nachts um zwölf Uhr wurde das Geleite von der gesamten
Gesellschaft gegeben. Der Taifun hatte damit sein Hauptwerk am Paare
abgeschlossen. Mit hoher Befriedigung verliessen Ganswind und Hermione den
nächtlich leeren Bahnsteig auf Bahnhof Friedrichstrasse.
    Im D-Zuge lagen hinten zwei grosse Koffer im Gepäckwagen, im Personenwagen
zweiter Klasse der Doktor und Susanne. Über beiden, auf den Fangnetzen des
Handgepäcks stand die Handtasche mit den Übernachtungswerkzeugen in der einen
offenen Hälfte und Kätzi in der anderen verschliessbaren und verschlossenen
Hälfte. Susanne wollte Kätzi nicht Käterchen überlassen während der Dauer der
langen Reise. Zugleich fürchtete sie sich vor dem Augenblick, da Alfred die
Existenz Kätzis kund wurde. Bisher hatte sie leichtes Versteckspiel mit ihr
gehabt, aber jetzt, wo sie dauernd zusammenlebten, war es ganz unmöglich, aus
ihrem Katzenleben ein Geheimnis zu machen.
    Während der Fahrt wollte sie ihm nichts verraten. Diese Überraschung sollte
erst nach der ersten Liebesnacht kommen. Sie hoffte, dass sie ihn leicht bezwang,
wenn er den ganzen Himmel ihres weiblichen Leibes kennen gelernt hätte. Susanne
fütterte Kätzi unterwegs, wenn er die Augen im Schlaf geschlossen hielt; sie
stieg mit ihr auf den grossen Bahnhöfen aus, liess sie ihre Notdurft verrichten
und kaufte ihr Milch und Zwieback. Für Katzen war erstaunlicherweise stets Milch
zu bekommen, ohne Milchkarte. Wahrscheinlich waren es höhere Wesen, denen man
nichts ausschlagen durfte. Auch konnten sich Tiere nicht auf Ratäuser begeben,
um Milchatteste zu fordern, noch konnten sie mit Tinte schreiben, um sich durch
schwindelhafte Angaben in den Besitz der Nahrung zu setzen. Der Doktor war ein
guter Gatte, der stets schlief, wenn Susanne was Eigenes vorhatte.
    Jedesmal, wenn sie kurz von den Abstechern ins Abteil zurückgekehrt war,
erwachte er jäh, sah erschrocken um sich und fühlte einen bangen Druck in der
Herzgegend, als hätte ihn Susanne, während er schlief, hintergangen. Aber womit?
Er reichte ihr dann die Hand, und sie sagte: »Schlafe nur ruhig, ich bin nicht
müde.« Sie schob beruhigend ihren Schoss unter seinen Kopf, so dass er in seliger
Mulde weiterschnarchte.
    In Brüssel war es fein. Susanne wurde ganz dick vor Stolz und Hochmut, als
sie mit dem Gatten durch die altgewohnten Strassen ging, damit sie der Bäcker
sah, der Schuster, der Schneider, ihr Friseur. Alle grüsste sie zuerst, worauf
die Leute sie anstierten. »Warum tust du das eigentlich,« frug sie der Doktor,
»die Leute hielten dich doch für gestorben.«
    »Im Gegenteil, ich lebe, und Brüssel ist gestorben,« gab Susanne zur
Antwort. Der Doktor schwieg neben ihr und philosophierte über die
Trostlosigkeit, die das Menschenleben zeigte, wenn man es an vielen Stellen
sozusagen zugleich sah. Während sie hier liefen, lag der Neger im glühenden
Busch, und der Präsident Wilson verspeiste eine Semmel. Noch trostloser war es,
dass sie den Kanonendonner hörten, während auf beiden Seiten die Priester zu Gott
beteten. Holla! Der Doktor stolperte über ein Schuheisen. Susanne hob seinen
Kneifer von der Erde auf, der ihm durch den Stoss der Brüsseler Wirklichkeit von
der Berliner Nase gefallen war. Fünf Minuten darauf sass er in Susannes altem
Leibcafé bei Frère Guillaume. Hier verliess sie ihn auf eine geschlagene Stunde,
dass dem Doktor ganz wind wurde, bei welchem alten Freunde seine Frau den Besuch
machte. Sie fütterte jedoch nur ihre Katze.
    Als sie endlich wiederkam, war der Platz neben ihm von einem Feldgrauen
besetzt, der auf Susanne lossteuerte, vergnügt wie ein Bär. Es war der Herr vom
Polizeibureau. Susanne rümpfte die Nase, machte ein starres Gesicht und kannte
niemand, so dass der Soldat sich besann, ob er sich etwa getäuscht hätte. Da sah
er, wie sie mit seinem Nebensitzer in Umarmung geriet. Von der hatte er also
nichts mehr. - Aber es schien doch ihm zu gelten, dass die Dame durch alle
möglichen Gespräche ihren bisherigen Lebensgang so laut entüllte, dass er es
hören konnte. Er vernahm vom Taifun und erfuhr, das sie sich auf der
Hochzeitsreise befand mit dem berühmtesten aller Berliner Künstler. dabei
rollten verschiedene schöne Augen zu ihm herüber, so dass er sich in die Polster
seines Sofas zurückbog und wartete, bis die Fernliebe ihre Macht an ihm geäussert
hatte. Er zuckte in einer einzigen Bewegung, Susanne lächelte kurz und verlor
ihn gänzlich gleichgültig aus dem Gedächtnis.
    Ach, wie schön war das! Wem gehört nicht ein Weib?! Wenn es nur die Augen
ergreifen. Dem Doktor fiel der Feldgraue erst auf, als es zu spät war. Es war
gerade, als wenn die Verbindung mit dem Geliebten durch ihr Vergessenwollen auf
ihn hinübergelegt worden wäre. Aber mit aller Aufmerksamkeit, die er nun dem
Vorgang schenkte, war an Susanne nicht das geringste Verdächtige zu entdecken.
Der Doktor konnte es nicht mehr aushalten. Brüssel war wie ein Kaktusfeld, in
das sie ihn gesetzt hatte. Und nun kam noch das Unbegreiflichste. Susanne liess
sich vom Schliesser die seit ihrem Abzug leerstehende Wohnung aufschliessen, und
der Doktor musste hineinschauen. Dem Doktor lief ein kalter Schauer über den
Rücken, als berührten ihn Katzenhaare. Entweder hatte er sich in Susanne
gänzlich getäuscht, oder er war zu phantasielos. Er kriegte mehr oder weniger
lauter Spelunken zu sehen, mit einbegriffen Susannes ehemalige Wohnküche. Eine
reiche Brüsseler Mademoiselle hatte er sich, mit lauter Orchideenzwiebeln
umgeben, gedacht. Susanne musste geradezu ein verkümmertes Dasein gehabt haben,
von dem sie ganz unbegreiflicherweise mit solcher Begeisterung erzählte.
    Der Fussboden hatte grosse kalte Steinplatten. Freilich, es hatten einmal
Teppiche darauf gelegen. Der Doktor konnte nicht unterlassen, Susanne zu fragen,
ob sie sich dagegen in Berlin nicht wie im Himmel fühlte. Na, da heulte sie ein
paar grosse Tränen.
    Nach diesen nüchternen Räumen hatte sie auch noch Heimweh! Da musste er ihr
doch einmal seine Stammburg zeigen. Möglicherweise hätte dann sie ihn bedauert.
Wie stand es also um das gegenseitige Verstehen? Das war reine Einbildung. Es
ging etwa wie bei der Gestaltung eines Schaustücks, das sein Autor auf der Bühne
nicht erkannte, - nur in umgekehrter Richtung. Sie spielten miteinander und
verstanden ihren beiderseitigen Ursprung nicht. Alles, was der Schöpfer bis zu
ihrem Zusammenspiel mit ihnen angestellt hatte, blieb und war ihnen gegenseitig
verborgen trotz sehender Augen.
    Und womöglich erinnerte sie sich mit Wollust beim Beschauen der alten
verlassenen Räume aller hier durchlebten Abenteuer, denen ihr Lächeln galt, wenn
sie auf den Herd blickte oder in die Ecken sah. Vor ihr spielten sich die Bilder
der Vergangenheit stumm wie in einem geisterhaften Kino ab, sie sah sie alle,
und sie machten ihr Herz von Leidenschaft zucken, während er stumpf und kalt
danebenstehen musste.
    Er lief mit ihr durch die alte Wohnküche; es war ihm, als strauchelten seine
Füsse bei jedem Schritt über schlecht gelegte Teppiche. Oder waren es Fäuste von
unsichtbaren Geistern, die auf dem Boden lagen und an seine Fussknöchel griffen?
Er stalpte unwirsch gegen den Kochherd. »Willst du ihn denn umwerfen?« frug sie
ihn. Da sah sie zugleich seine trostlose Miene. »Was ärgert dich?« frug sie
weiter.
    »Nichts,« war seine rauhe, barsche Antwort. Susanne griff nach seinen
Händen, strich über seine Stirne, küsste ihn und sagte: »Du Dummer.« Sie warf
noch einmal einen letzten Blick nach der Wohnung und sprang eilig voraus die
Treppen hinab. Der Doktor folgte langsam und schwerfällig. Susanne war es schwer
ums Herz, sie blieb ihm beim Gang durch die Strassen immer um einen Schritt
voraus.
    Leere Wohnungen waren etwas Unheimliches, sowohl im Blick auf ihre
Vergangenheit als auch ihre Zukunft.
    »In dem Landhaus wird es besser werden. Dort steht doch hoffentlich ein
Bett, denn das ist das Notwendigste für uns, wenn wir uns verstehen wollen,«
sprach der Doktor. Der Zug trug sie weiter nach Westen. Sie waren fast die
einzigen Zivilisten. In Clairemont hiess sie ihn aussteigen; von da aus machten
sie einen eineinhalbstündigen Fussmarsch. Seit drei Tagen schossen keine Kanonen
mehr. In einem kleinen Gehöft assen sie geräucherten Speck und Eierkuchen bei
einem vergnügten Bauern. Seine Einquartierung war abgezogen, und er hatte seine
jahrelang vergrabene Schinkenkammer geöffnet. Susanne sprach verwundert von der
grossen Veränderung der ganzen Gegend. Und der Bauer erzählte in einem
stundenlangen Fluss von allen Begebenheiten und der Zerstörung. Susanne machte
sich damit eine ganze Geographie in ihrem Kopfe zurecht. Als sie endlich von
einem Jagdschlösschen hörte, nahm sie es schnell in Besitz. Dessen Geschichte
hörte sie mit sinnenden Augen an. Plötzlich entglitt ihr Messer und Gabel, sie
starrte vor sich hin. Der Bauer wollte nicht aufhören mit Beschreiben, er sprach
in einem leidenschaftlichen Französisch. Endlich rief Susanne: »Oh oh, mon cher
bonbon!« Sie hing und presste sich an Alfreds Hals, schluchzte und jammerte.
    »Was hast du denn?« Der Doktor empfand mit tiefem Mitleid, dass ihr ein
grosses Weh widerfahren sein musste.
    Susanne war durch kein Zureden zu trösten. Auf alle seine Fragen schüttelte
sie den Kopf, während der Bauer mit fast absichtlicher Übertreibung weiter
schilderte. Der Doktor bedeutete ihm endlich, zu schweigen.
    Als er draussen war, umklammerte Susanne den Doktor mit einem
leidenschaftlichen Kusse und sagte: »Wir müssen fort von hier.«
    »Und dein Landhaus?«
    Susanne wühlte sich im Haar. Sie verliess die Stube und kam lange nicht
wieder zurück. Bald hörte aber der Doktor draussen das Stampfen von Tieren.
Pferde schienen es nicht zu sein. Aha, nun kam es vor sein Fenster. Der Bauer
schirrte ein Pärchen Esel vor einen kleinen Kutschwagen. Susanne kam mit
gerötetem, aber erhelltem Gesichte zurück: »Wir fahren mit den Eseln.«
    Der Doktor grinste. Das war ihm seiner Lebtag noch nicht passiert. Auch
Susanne schien sich wie auf eine lustige Fahrt zu freuen. Sie schwang sich auf
den Bock, ergriff die Peitsche, und der Doktor musste hinter ihr Platz nehmen.
    Es fiel ihm zwar das Herz beinahe in die Hosen, denn er fürchtete, Susanne
würde die Karre umschmeissen. »Hast du Angst?« frug Susanne, als sie sein
verzweifeltes Gesicht sah.
    »Ach wo. Wenn du nur wieder vergnügt bist,« erwiderte er und setzte sich mit
gottergebenem Gesicht in das Hinterteil der Kutsche.
    Der Bauer schwang seine Zipfelmütze. Susanne machte »pf pf« und alsdann
trabte das Eselgespann lustig los. Und nun ging es hinab in das Tal eines
seltsamen Flusses. Nirgends an seinen Ufern stand ein Baum, noch ein Haus, und
doch musste es ein schön bewaldetes Idyll gewesen sein, denn man sah: kahl waren
die Höhen und Ufer nicht, auch ragten hie und da Ruinen aus gelber Erde.
    Susannes Esel rannten in gestrecktem Galopp. Der Doktor hielt sich an beiden
Seiten fest, an dieser Stelle fiel der Hang jäh zum Strome hinab. Susanne glich
ihm einer bösen Hexe, und doch wagte er kein Lebenszeichen.
    Mit Gott, wo es nun eben hinging.
    Plötzlich zog Susanne die Zügel straff an, die Esel hielten still. Zur
linken war ein verfallenes Gebäu.
    Susanne sprang herab, behielt die Peitsche aber in der Hand.
    »Steige aus!« sagte sie barsch.
    Der Doktor sah sie misstrauisch und erstaunt an. Wirklich, man konnte sich in
diesem Augenblick vor ihr fürchten. Die Esel band sie an den Stumpf eines Baumes
fest, den der Blitz gespalten zu haben schien.
    Und nun hing sie bei ihrem Manne ein, in der anderen Hand noch die Peitsche
haltend. Mit gelassenen Schritten ging sie mit ihm in die Ruine hinein.
    Der Doktor schämte sich zu zögern.
    Im Mittelhofe angelangt, machte Susanne halt. Sie sah ihren Mann forschend
an und frug ihn: »Wo glaubst du, dass wir sind?«
    »Anscheinend in einem zerstörten Schloss.«
    Susanne zuckte mit den Schultern und trat einige Schritte von ihm zurück,
damit sie, falls es unliebsam ausging, mit der Peitsche auf ihn einhauen konnte.
Dann erwiderte sie. »Eh bien, das ist mein Landhaus.«
    Wie der Doktor seine Frau so vor sich stehen sah, war's ihm, als wenn selbst
die Ruine in den Boden versänke. Sie glich einem kleinen rauhborstigen Teufel,
der sich mit rosa Wangen geschminkt und in einen Weiberrock verkleidet hatte.
Die Peitsche hielt sie zu Boden gesenkt wie ein Zirkusdirektor. Ihre Augen
starrten weit aufgerissen nach ihm.
    Einen Augenblick schien es, als müssten sie beide hier zu Stein werden,
während sich die zwei Esel draussen an den Köpfen rieben, - denn wer sollte sich
nach solcher Offenbarung zuerst rühren?
    Der Doktor sah ein, dass er ein bettelarmes Weibswesen geheiratet hatte, das
höchstens den Reichtum besass, ihn bis aufs Blut zu ärgern. Ihr Gesicht war so
frech und herausfordernd. Am liebsten hätte er sie windelweich gehauen, dass sie
hier am Orte liegenblieb. Dann wäre er allein nach Berlin zurückgefahren. Aber
wenn er sich rührte, so konnte er möglicherweise durch ihre Peitsche zu Sprüngen
gebracht werden, die ihn wirklich einem Dressurhengst ähnlich machten. Was
also?!
    Susanne brach in ein frenetisches Gelächter aus, warf sich hin und her,
wälzte sich am Boden und schrie: »Mein Bauch, mein Bauch; haltet mein Lachen
auf!«
    Da geriet der Doktor in rasende Wut, riss die Peitsche an sich und schlug mit
ihr auf Susanne los, dass die Hiebe um den Rockhaufen knallten, als wäre sie ein
Kreisel, den er antreiben wollte.
    Susanne kam nicht auf die Beine und schrie. »Meine Esel, kommt mir zu Hilfe!
Hilfe, mes ânes, mes ânes! Fredi, töte mich nicht. Töte mich nicht! Es ist mein
Landhaus. Es ist von den Artillerieen zerstört worden! Glaube mir, Fredi!
Fredi!«
    Der Doktor hörte sie brüllen, und sein Herz zuckte wie das eines reissenden
Tieres. Er schleuderte die Peitsche weit von sich und warf sich über sie. Blut
von ihr lief über seine Hände, er schlug ihr den Rock übers Gesicht und biss mit
seinen Zähnen in das süsse Haarfleisch ihres Lügenhügels, dann schoss er mit
seinem Körper über sie hin, stark wie ein hörniger Büffel. Er deckte das
zugeworfene Gesicht wieder auf, saugte mit seiner Zunge ihre blutigen Striemen.
Susanne ächzte und starrte mit glasigen Augen durch die dachlose Ruine in den
blauen französischen Himmel, stammelte: »So schön, so schön, Fredi, ich liebe
dich, du kannst mich ruhig töten.«
    »Ich töte dich nicht. - Es ist himmelsüss in deinem Hause.«
    »In welchem?«
    »In deinem, in dem ich drin bin.«
    »Warum schlugst du mich?«
    »Ich musste mich befreien.«
    »Aber ich blute.«
    »Und ich sterbe vor Wonne. Bist du denn der Himmel?«
    »Nicht bloss an der Wange.«
    »Wo noch?«
    »In meinem Hause.«
    »Seit wann?«
    »Schon eh du mich hineingebissen hast.« -
    »Das kümmert mich nicht.« Seine Zunge hing schlaff aus seinem Maule, dann
verdrehte er die Augen, begegnete ihrem glückstrahlenden Auge, das ihm tief
schien wie der unendliche Himmel. Er liess seinen Körper müde sinken, sinken, bis
er am Ende der Tiefe angekommen war. So blieb er auf ihr liegen, regungslos, nur
mit einer in den Atemschwellungen ihres Rhytmus zuckenden Schrumpfung, die
wohltat, bis ihre Berührung ihn verliess.
    Die Esel wieherten, da erhoben sich beide und lachten sich an wie zwei
Kinder.
    Susanne frug noch einmal: »Wo ist mein Haus?«
    »Da, wo ich bei dir bin,« war seine Antwort.
    Ganz unerwartet erschienen die Esel mit der Kutsche. Susanne erhob sich
zuerst, dann machte sie ihn zurecht, küsste ihn: »Geh in dein Häuslein.« Der
Doktor kroch schwerfällig empor, reckte sich und fühlte ein leichtes Frieren wie
Gänsehaut über den Körper ziehen. Dann gähnte er und liess sich willenlos von den
Eseln zu dem Bauernhof zurückbringen.
    Unterdessen hatte der Bauer Kätzi einen guten Tag gemacht, hatte ihren
Kofferkäfig gereinigt und sie ins Heu gebettet. Als seine Gäste zurückkamen,
zeigte er kindliches Bedauern, da Susanne so zerschlagen aussah. Er puffte seine
Esel, weil sie so dumm gewesen wären, die Kutsche umzuwerfen. Dem Doktor war es
leid, dass Susanne um seinetwillen die Wahrheit, die Schrammen seien
Peitschenhiebe, verschwieg.
    Susanne sah in den Spiegel: »Ich sehe ja recht nett aus,« meinte sie, »aber
es war die schönste Stunde meines Lebens.«
    Der Doktor streichelte sie sanft. Von dem Zimmer aus, das ihnen der Bauer
eingeräumt hatte, sahen sie in das Tal der Aisne, die ihre blutigen Kriegsbeulen
ebenso vergass. Die Bäuerin war von einer Fliegerbombe zu Tod gekommen. Kinder
hatte er auch keine mehr. Alles war bei ihm im Himmel. Der Bauer diente dem
verliebten Paare geradeso, als wenn er sich selbst Hochzeit machte. Er bat den
Doktor und Susanne, doch bei ihm auf lange zu bleiben, und das Jagdschlösschen
müssten sie bald wieder aufbauen.
    Susanne tat es leid, dass der eifrige Mann an ihre Lüge glaubte. Sie schämte
sich um so mehr, weil sie sich die Blösse gegeben hatte, als Baronesse erscheinen
zu wollen. Es war wirklich nicht nötig, um glücklich zu sein, dem Dünkel
Götzenopfer darzubringen. Sie verlebte reine Tage reiner Liebe mit ihrem Manne.
Es herrschte wirklich Frieden. Nach der Ruine gingen sie täglich, sie freuten
sich beide des Wahns, es wäre ihr umstrittener Besitz. Wie schön war das
Mauergeviert, welches kein Dach stützte als den hohen Himmel!
    Und wenn der Doktor sprach: »Susanne, zeige mir dein Haus,« oder: »Führe
mich in dein Haus,« so errötete sie, schloss für einen Augenblick die Augen, bis
sie ihn mit ihren weiten Regenbogen stumm anschaute, dass es ihn durchschauerte,
als müsste er zum konzentrischen Punkte des Alls vergehen.
    Der Bauer ging in aller Stille mit Kätzi so gut um, als wäre sie eine
Heilige. Er wagte nicht, die schöne Herrin zu streicheln; dafür suchte er beim
sanften Strich über das seidene Fell nach dem Gefühle, das er wohl hätte, wenn
es Susanne wäre. Aber dann hätte ja der Fliegerpfeil eingeschlagen und alles
Glück zerstört. Es war besser, er beherrschte sich und blieb Herr seiner
verzweifelten Leidenschaft.
    Mit Berlin war der Postwechsel im Flusse. Obgleich Susanne von hier aus mit
grossen und ernsten Zweifeln an die Kunst des Taifun dachte, so waren die, welche
sich dort versammelten, doch die einzigen Menschen, die sich um die freudigen
Tage der beiden Liebenden kümmerten. Hermione, die wenig Schreibende, hatte für
Susanne täglich Zeit, einen Gruss zu senden. Was sie kritzelte, kam wie das
Zwitschern der Schwalben aus den Stahlfederspitzen heraus. Es war nicht nötig,
es zu lesen. Man sah an den Formen der Buchstaben mehr als an den Worten, die
sie aufbauten. Und daheim spielte wohl Ganswind am Flügel, seine Zuckungen waren
das Wetterleuchten hinter den verschlungenen Armen der in heissen Liebesqualen
Sitzenden an der Aisne.
    Die Macht des Taifun war hinreissend und kettend.
    Eines Tages kam eine Karte, worauf Hermiones Tränen gefallen waren. Dem
Bauern fiel sie zuerst in die Hände. Er konnte den Text nicht lesen, trotzdem
glaubte er ihren Sinn zu verstehen. Da wehte etwas von Heimweh zwischen den
Zeilen. Er hätte sie gern unterschlagen, aber es kam stets Unheil, wenn's nicht
nach Pflicht ging. So war er aufgewachsen. Von der Fliegerbombe hatte er nicht
soviel gelernt, dass es gestattet war, mit glücklichem Griff in das Leben
einzugreifen. Also legte er die Karte unter den Teller von dem sie die
Abendsuppe ass.
    Sie sassen in traulichem Glück beieinander. Nach Tisch räumte er die Teller
weg und brachte die Milch, deren Genuss Susanne köstlicher war als der perlende
Schaumwein. Sie lief so sanft und kühl in die Kehle, welche von dem Atem der
Leidenschaft heiss und sterbensmatt war, - jeden Tag.
    Da war ja die Post, die sie heute schon vermissten.
    »Hermione weint,« sagte Susanne. Und alsbald war, wie durch einen
Zauberwink, die Sehnsucht gen Zurück in ihnen beiden zugleich erweckt. Sie sahen
sich an und sahen den Bauer an. Das genügte schon.
    Am andern Tag standen die Esel vor dem Wagen, und der Wagen vor der Tür. Und
hinter der Tür weinten drei Menschen.
    Wer gab denn ihnen Befehl, das Leben in Berlin zu leben? Hier war Ruhe und
Stille. Und dort häuften sich die Menschen zu baumwollartigen Knäueln, in deren
Innerm ein dumpfes, verwirrtes Durcheinander herrschte. Wie's ihnen bange war zu
scheiden, so war es ihnen auch bange, die Wirrnis gewiss wiederzufinden. Die Esel
liefen allerdings zuletzt nicht einmal rasch genug nach Clairemont zurück, wo
sie der nervöse D-Zug erwartete.
    So sind die Menschen. Der Bauer stand in seiner Stube und hörte die Uhr
ticken und sein Herz, ach, wie noch so lange, - bis es im Himmel war. Was er
getan hatte, war für die Katze.
                                     * * *
    Im Taifun war Familienabend. Mit einer von Freude hochhüpfenden Musik, die
Ganswind aus dem Stegreif komponierte, wurde das Wiedersehen gefeiert. Hermione
sagte immer wieder: »Spiele!« Und dann spielte er, und sie tanzte wie Salome,
nicht um ein blutendes Haupt, sondern um die Gemeinschaftlichkeit von Seele und
Leib aller im Taifunhimmel eingegangenen Freunde.
    Der Abend fand statt, bevor die Neuvermählten die nötige Zeit gefunden
hatten, sich in ihrer neuen Wohnung umzusehen. Sie hatten nur hastig abgelegt,
dann war Susanne gleich die Treppe hinuntergegangen, um mit einem Schwall von
Worten die süssen Erlebnisse zu erzählen. Hermione kraulte an der kleinen
Blutschmarre von Susannes Wange. Der Doktor lächelte verlegen. Dass er kein
Landhaus geheiratet hatte, verschwiegen beide aber sorgfältig. Man liess das
Landhaus besser in der Phantasie der Freunde aufgerichtet und erzählte von
seinem köstlichen Hausfrieden, man galt dadurch doch noch was. Susanne, so innig
sie mit Hermione stand, sprach auch mit ihr nie von Tatsächlichem. Alle
Konversation, die sie für den Taifun trieb, bewegte sich in Anknüpfungen an
Stoffe der Phantasie. Ossi wusste das wohl, aber er liess die Freundin, ohne es
auch nur einmal zu rügen oder nur leise auszusprechen, gewähren, denn diese
Lügenwahrheiten stimmten ausgezeichnet zu den Problemen des Futurismus und
Dadaismus. Die Kunst brauchte keine Realitäten zu ihrer Existenz ausser
Farbenfabrikaten, welche in den grossen chemischen Fabriken noch immer reichlich,
ohne Kriegseinschränkung, hergestellt wurden.
    Nur von einem sprach sie als einer Wirklichkeit, vom Bauern Rambiet, dass er
Kätzi so ausgezeichnet besorgt habe. Dies aber flüsterte sie Hermione leise ins
Ohr. Hermione lachte darüber und streifte mit ihren schillernden blauen
Nordlichtern den Doktor, dem es einen Stich gab. Es gab also noch ein Geheimnis
zwischen ihm und seiner Gattin. Er kriegte schlaffe Bäckchen und bemühte sich,
den gleichgültigen Knaben zu posieren.
    In den wenigen Tagen musste sich eine grosse Umwälzung im Taifun geboren
haben, denn die Frau Polizeirat, die gute Klotilde, kam mit ganz freien
Gebärden und wagsamerem Umsichblicken in den Salon, die Wiederkehr mitzufeiern.
Sie sollte zur Schauspielerin umgeformt werden! Deshalb war auch die Träne auf
die letzte Ansichtskarte geheuchelt worden, weil der Doktor brennend nötig da
sein musste, um die Ausbildung der Eleven und Elevinnen in die Hand zu nehmen.
    Das waren die ersten Anfänge der Taifunbühne, die ins Leben wachsen sollte,
als krönendes Ende oder als endliches Ziel. Die Taifunbühne sollte endlich den
inneren Menschen auf die Bühne bringen. Dazu waren bereits Dramaturgen und
Dichter scharenweise geködert worden. Dies stützte gewaltig, denn wo es sich um
neue Bühnen handelt, da stürzen die Menschen mit Geist und Geld scharenweise
daher. So kalkulierte Ganswind sehr richtig. Ob es nun davon kam, dass die grosse
Menschheit eigentlich in der gesellschaftlichen Geltung nach Emanzipation
strebte, oder dass sich die huldigenden Kreise den Anschein geben konnten, als
lebten sie nicht nach Konvention, das blieb im Effekt gleichgültig. Ganz klar
war, dass deswegen von vornherein derjenige von der Bühne auszuschliessen war, der
sie allein innerlich verkörperte, denn das Bühnenspiel war nur möglich, wenn
sich die unfähigen Kräfte balgten um Direktion und Publikum, mit Einschluss der
Dichter.
    Der Doktor reichte der Frau Rat erstaunt die Hand. Musste er sie auf diese
Weise an sich fesseln, die Schülerin an den Lehrer?! Mit leichtin ausliefernder
Gebärde zu den Anwesenden folgte der Polizeirat seiner Frau. Das mitfühlende
Auge des anwesenden Taifundichters Olsamen verstand wohl die künftige Naive oder
tragische Iphigenie, aber zur Besinnung über sich selbst war weder Entschluss
noch Wille vorhanden. Ein Hauptprogrammpunkt des Taifun war die gänzliche
Traumhaftigkeit jeder menschlichen Handlung.
    Der Konflikt mit den Gesetzen wurde verhütet, indem man die Gemeinschaft der
Heiligen ständig prüfte. Das geschah so leicht: Ganswind durfte einem Mitglied
nur im Vorbeigehen auf die Zehen treten. Wie es »Au« schrie, daraus zog Hermione
die Weissagungen und Schlüsse. Olsamen war ein gefährlicher Mensch, er hatte
Erfolg in allen Lagern. Weil man ihn vom Taifun nicht mehr abschütteln konnte,
ohne sich selbst den Garaus zu machen, darum riss man ihn durch die Verkündigung
seiner Überherrschaft über alle Lebendigen und Schaffenden mit einem geschwinden
Propagandastoss in den höchsten Taifunhimmel, wo er im Zenit als Polarstern
festgenagelt wurde. Das bedeutete eine Stillegung ohne Schädigung seines Ruhmes.
Natürlich der Lebensgenuss, auf den Olsamen spekuliert hatte, blieb ihm dadurch
auf alle Ewigkeit versagt.
    Die Empfangsgesellschaft des Ehepaares bildeten acht Menschen, denn Olsamen
hatte noch eine Frau, und der Hauswirt büffelte als ein Hauptstück heute herum,
denn er hatte die Zukunft des Doktors finanziert, wie er auch die ganze Wohnung
mit Teppichen hatte belegen lassen. Verschwenderischer als er konnte man nicht
sein; für die Taifunisten schwärmte er mit Herz und Nieren, wobei er ganz
unabsichtlich verdiente.
    Der Doktor befand sich in einer glanzvollen Stimmung. Sein erstrebtes
Lebensziel hielt er für erreicht: sorgenfreie Existenz, Ruhm und unumstössliches
Glück. Der höchste Himmelspunkt, der Knopf der Achse, wie sollte man an ihm auch
rütteln können! Wenn es jetzt wieder zum Sturz kam, so fiel das ganze Weltall
mit ihm ein.
    Seine Äuglein schimmerten selig durch den Kneifer.
    Susanne dagegen wurde, je tiefer es in die Nacht hineinging, immer ernster.
Es bildeten sich Runzeln auf ihrem Gesicht, als ob die Rosenschminke wie
geschmolzenes Wachs von ihren Wangen tropfte.
    Ihre Sorgen teilte eine Treppe höher Käterchen. Sie war während der
Abwesenheit der Herrschaften in die tollste Verzweiflung geraten, sie hatte kaum
gewusst, wie sie die Peinigungen ihres Geschlechts die paar Wochen ertragen
sollte. Sich zu beruhigen, hatte sie die ausgesuchtesten Experimente gefunden.
Schellenhauer hatte ihr dazu noch lockende Geschenke mit Holzschnitzereien
gemacht. Und dieser faunhafte Kommis hatte nie genug, seinen eigenen Nerv zu
kitzeln. In der Afrikaausstellung hatte er seine Phantasie an den mit Messern
gespickten Holzgöttern in diesen Tagen zu der Erkenntnis geläutert, dass die
Empfindungsgabe nur durch Eindringen in den menschlichen Tierzustand zu stacheln
war. Er hatte Käterchen zu einem demoralisierten Wrack geschliffen. Und nun
stand sie in der Erwartung Susannes allein. Auf dem Bette der Herrin schlief
Kätzi.
    Und sie, Käterchen, sollte die Aufgabe übernehmen, dem Hausherrn endlich die
blaue Katze vorzustellen.
    Bisher war sie vor dem Doktor verborgen worden. Aber die nun aufgehende
Sonne der langen Ehe konnte natürlich keinen Schatten mehr auf dem Tierchen
lassen, denn das Versteckspiel des Lieblings wäre für die Arrangeure zu
ungemütlich gewesen.
    Das waren Susannes Stirnrunzeln. Und dem lächelnden Doktor nahte vielleicht
die grosse Katastrophe seines Lebens.
    Während die »Ideale« des Taifuns ihrer höchsten Erfüllung zubrausten, mit
dem Aufwand aller Blasekraft seiner Windventile, drohte dem Pol der Sturz durch
ein - Katzenhaar.
    Als Kind hatte Olsamen, der Dichter, oft geträumt von Riesenzahlen und
Massen und einem plötzlichen Zusammenschrumpfen. Dieser Traumzustand hatte ihn
allemal so in Schweiss getrieben, dass er nach Atem rang wie in einem Todeskampf.
Dann schrie er jedesmal nach seiner Mutter, und während er erwachte, stand sie
an seinem Bette, tröstete ihn und führte ihn in die Wirklichkeit zurück.
    Diesem schrecklichen Traumzustand vergleichbar war das ganze Wesen des
Taifun: nichts und doch alles.
    Der Doktor hatte ehemals in Ibsens »Brand« Regie geführt. Sein Streben war
gewesen, um das »alles oder nichts« dieses Dramas die Bühne zu bauen. Aber er
war nie zu Heil damit gekommen. Er wusste, es war etwas falsch in diesen Worten.
Nur ahnte er nicht was. Vielleicht brachte die nächste Sekunde die Klarheit. Das
grosse Dichterwort Olsamens »alles und nichts« hörte er beim Empfangsabend zum
erstenmal. Der Dichter las eine kurze Episode aus seiner Komödie, »Punkt«
betitelt.
    Die Gestaltung dieser neuesten dramatischen Erfindung sollte wahrscheinlich
die Eröffnung der Taifunbühne werden. Es galt nicht Ibsen, sondern Olsamen. Wie
wichtig war doch der Unterschied zwischen »und« und »oder«.
    Die Welt und ihre ganze Wirklichkeit war nur einer gespannten Seifenblase
vergleichbar, die in Ewigkeit nicht platzte, wohl aber durch einen kleinen Stich
verletzt springen konnte, dass nichts übrigblieb, - höchstens Unorganisches.
    Die sichtbare Welt war das Leben, welche der Geist in Spannung hielt. Der
Geist hauchte darin wie der heisse Luftstrom des Seifenbläsers. Hörte der Hauch
auf, so kam der zuckende Riss.
    Ganswind und alle Anwesenden waren von dem Stoffe und seiner Behandlung ganz
hingerissen. Olsamen war endlich der gesuchte grösste Dichter der Welt, denn »er«
hatte erkannt.
    Der Doktor ahnte nicht, dass wirklich solch ein Nadelstich in die Seifenblase
auch Tatsache werden konnte. Im allgemeinen blies Gott in die Seife; und weil
sein Geist ewig war, so war keine Gefahr, dass der schöne Ball, in dem Zitronen
glühten und Schornsteine rauchten, zersprang. Nun aber stellte doch für jedes
Farbenfünkchen ein kleines Differential den Antrieb dar, diese Differentiale
konnten eliminiert und tatsächlich innerhalb des Integrals zerstört werden.
    Oh, dieses Weltweben war verschlungen eingerichtet, weil der blasende grosse
Geist Gottes stark war und dick wie ein massierter elektrischer Starkstrom,
dicker als die zusammengepackten Strahlen aller Weltsonnen. So rücksichtslos und
unbekümmert wirkend, dass er selbst nicht wusste und fühlte, was in ihm vorging.
    Olsamen wusste, es gab kein Sein, das durch klaren Verstand begründet war.
Der Traum seiner Kindheit war ihm im reiferen Alter zum Bewusstsein geworden. War
er nicht Gott selbst, infolge des Erkennens, so war er mindestens sein Verräter.
    Solchem Menschen wäre es besser gewesen, er wäre nie geboren worden, denn
die armseligen Menschenkreaturen, wenn die seine Weisheit hörten oder lasen, so
schnappten sie über, entleibten sich entweder oder verfielen in Grössenwahn.
    Der Doktor stieg die Treppe an Susannes Arm hinauf und lallte »Olsamen,
Taifunbühne, endlich, Genie, Erfüllung, Schluss, Leben nicht oder sondern und
Tod.«
    Käterchen hatte alle Lampen auf dumpfes Licht gesetzt.
    Bei dunklem Licht sollte der Hausstand des Ehepaares beginnen, damit der
Doktor wenigstens die Katze nicht gar so klar sah wie eine königliche
Porzellanmanufaktur, sondern dämmernd wie ein geisterhaftes Weltwesen.
    Der nüchternste und selbstsüchtigste Punkt des menschlichen Seins, das Bett,
war erreicht.
    Im Bett wird am energischsten geliebt und gehasst. Käterchen stand hinter den
beiden liebeszitternden Gestalten, bereit, die Betten aufzuschlagen.
    Die Sache wäre unter Umständen sehr rasch vonstatten gegangen, denn die
Eröffnungsfeier des ehelichen Liebesladens lag schon geraume Zeit zurück, in der
Ruine im Aisnetale, wo bereits das von den Eseln abgeknabberte Gras wieder zu
wachsen begann. Doch leider besass der Doktor einen sehr subtilen Geruchssinn. Er
schnobberte in alle Zimmerecken. »Nach was riecht es denn da?«
    »Riechen? - - nach den Blumen des Polizeirats vielleicht, oder nach den
blauen Pflaumen der Polizeirätin.«
    »Nein, das ist etwas anderes. Hier riecht es nach einem ganz eigenartigen
Tee, wie aus dem chinesischen Distrikt Schantung.« Der Doktor wurde sehr
beunruhigt. Sollte er etwa in solchem Geruch dauernd die Ehepflichten erfüllen?!
Da musste mindestens ein Räucherkerzchen gegenarbeiten oder der feine züngelnde
Qualm seiner türkischen Zigaretten.
    »Du willst doch nicht etwa im Schlafzimmer rauchen?!«
    »Ja, aber es darf doch im Schlafzimmer überhaupt kein Geruch herrschen.«
    Susanne war fast beleidigt. War sie etwa verdammt, alle Monate etwa drei
Tage lang in einem Extrazimmer zu liegen? Sie hatte es aber bisher an Alfred
noch gar nicht entdecken können, dass er so feinfühligen Geruchssinn hatte. Er
hatte ja nicht einmal die grosse Papierfabrik in Lüttich gerochen, auch nicht die
Lichter- und Seifenfabrik in Hannover, oder gar die Rossgerberei in Bocksdorf.
Selbst gegen die Abdeckerei und Leimhütte in Sobanz hatte er sich völlig stumpf
gezeigt, wo sie selbst beinahe in Ohnmacht fiel. Wie kam es, dass er sich über
das Gerüchlein Tee so erregte?
    Der Doktor wurde in der Tat von einer sich steigernden Unruhe erfasst. Er
sagte endlich: »Hier riecht es ja nicht wie Tee, sondern wie Katzen - Katzen -
Katzendreck.«
    Susanne krallte an Käterchens Hüften nach Halt. Nun kam wahrscheinlich die
längst vorhergesehene Katastrophe. Die ganze bisher aufgewendete Kunst, den Mann
zu fangen, zerstob wie Dunst und Rauch. Käterchen stellte sich noch so, dass der
Doktor die Katze nicht sehen konnte. Sie stand vom Herrn in drei Schritte
Abstand.
    Mit einem arroganten Beben der Nasenflügel fuhr er sie jetzt an: »Stinken
Sie so greulich?«
    »Nein, ich bin es nicht,« antwortete Käterchen errötend.
    Trotzdem wurde sie hinausgewiesen. Aber Susanne wagte nicht, allein mit ihm
zu sein, und verlangte, dass Käterchen im Zimmer blieb. Das gab nun den Anlass zu
einem schweren Konflikt. Der Doktor glaubte den Mann und Haushaltungsvorstand
behaupten zu müssen und duldete ein für allemal keinen Widerspruch. Käterchen
drohte er schliesslich, wenn sie nicht sofort ging, mit Hinauswerfen. Und
Käterchen, die bis jetzt nur das Regiment Susannes über sich gefühlt hatte, das
bis zum Zähnebluten streng und unerbittlich war, widersetzte sich mit Hohn und
Spott, weil ja Susanne selbst keinen Wert auf ihren Abgang aus dem Zimmer legte.
    Der Doktor geriet in Wut und erhob die Faust gegen Susanne, während er mit
der einen Hand an seinen Kehlkopf griff, um vor dem verhassten Geruche nicht zu
ersticken.
    Susanne kniete vor ihm, sah ihn mit grossen, furchtsamen, flehenden Augen an
und sprach leise: »Schlage mich.«
    Er setzte nur seine Faust sachte auf ihren Scheitel.
    Käterchen befiel eine grosse Angst und Furcht vor dem Herrn; sie rannte zum
Schlafzimmer hinaus auf die Treppe und schrie um Hilfe.
    Damit war der Gipfel des Auftritts erreicht.
    Der Doktor frug Susanne: »Was nun?«
    Susanne antwortete: »Alfred, wir wollen zu Bett gehen.«
    »Niemals geh ich in diesem Gestankzimmer in ein Bett.«
    Susanne rang sich an ihm empor und küsste ihn. Da war's ihm, als müsste er
vollends ersticken. Sie hatte ihn auf den Schaukelstuhl niedergedrückt und
kniete sich über seinen Schoss. Der Doktor war überwältigt und fiel in Mattigkeit
zusammen. Susanne holte ein Taschentuch hervor, band es ihm über die Augen, zog
ihn vom Stuhle empor und führte ihn mit geschlossenen Augen an ihr Bett. Er
sollte sich alles gefallen lassen. Der Doktor gehorchte ihr wie ein schwach
gewordenes Kind. Als er aber das Knie beugte, um in das Bett hineinzusteigen,
stieg ihm der chinesische Geruch tief in die Nasenlöcher.
    Er fühlte, hier musste die Geruchsquelle sein, und riss die Binde von den
Augen. Da stand Kätzi mit hochgezogenem Buckel und steifem Schwanz auf der
seidenen Bettdecke des anderen Bettes und fauchte ihn an.
    Also doch! Eine Katze war da. Er hatte sich nicht getäuscht. Er taumelte an
den Wandschrank und krallte sich krampfhaft an der glatten Wand fest in
Todesangst vor dem Schreckgespenst.
    Susanne warf einen höhnenden Mund nach ihm hin: »Ich bitte dich, Alfred,
dein Betragen ist geradezu kindisch. Es ist mein kleines zahmes Schosskätzchen.«
    
    »Es ist ein Drache!« brüllte er dagegen. »Beseitige sie, oder ich werde
wahnsinnig.«
    Susanne nahm Kätzi liebkosend und liess sie in das Nebenzimmer
hinausspringen. Dann begab sie sich zum Gemahle und wischte ihm den Schweiss von
der Stirne.
    Er hauchte: »Ist sie draussen?« Dann sank er zusammen.
    Susanne stand lange ratlos neben ihm. Das war also die Ehe. Sie konnte nur
eins von beiden haben, entweder eine Katze oder einen Mann.
    Dass sie ihn mit dem Landhause betrogen hatte, war ihr sehr schnell verziehen
worden. Aber ihr Katzenbetrug kostete vielleicht die Scheidung.
    Und nun kam Ganswind samt Olsamen und Polizeirats. Sie waren Zeugen des
tragischen Vorgangs. Der Doktor lag da wie ein leerer Frack. Und Susanne blickte
steif vor sich hin.
    Sollte noch vor dem Ehebett der Kampf um die Zentralgewalt beginnen?
    Der Polizeirat kannte Susanne zu gut, und er erinnerte sich ihrer besonderen
Affekte im Hotel Olymp. Er lächelte wie ein spanischer Reiter und gönnte dem
Doktor die bevorstehende Politur. Susannes hoher Haarschnörkel stand spitz gegen
den tausendfarbigen Plafond, ihr Auge grollte, und ihr Mund retterte wie der
eines Zeugfeldwebels.
    Ossi und Hermione sahen sich an.
    Hermione sprach zuerst, indem sie Alfreds Frack aufhob, wodurch er mit
hochgezogen wurde: »Kinder, was habt ihr schon wieder?«
    »Schon wieder? schon wieder?« Wie kam Hermione auf »wieder«. Von der
Prügelei in der Aisneruine hatte doch kein Mensch bisher etwas gestanden. Sie
waren den Taifunfreunden doch nur als schmetternder Star und girrendes Täubchen
bekannt.
    Alfred fand die Antwort; aber diese löste Susannes Wut völlig aus. Er
sprach: »Stets ist es sie.«
    Die Folge dieser Antwort war, dass sich alle mit dem Ellbogen anstiessen.
Hermione lachte, so sehr, dass sie ein gelindes Kitzeln in den Hüften verspürte.
Man konnte sich nun allerhand vorstellen, wie dieses Paar bereits in
Gockelkämpfen bewandert sein musste.
    Susannes Empörung erstreckte sich bis in die Anfänge ihrer Kindheit. Sie
verbat es sich, dass irgend jemand gegen ihre Katze Partei nahm. Sie war das
reine belgische Opfer aus lauter Gutmütigkeit, aus lauter Mitgefühl mit dem
verdatterten Junggesellen. Es fiel ihr nicht ein, die Katze wegzugeben. Als Ossi
mit diesem Vorschlag herausrückte, wäre er beinahe mit dem Brieföffner erdolcht
worden.
    Natürlich durfte man sich nicht denken, dass der verlotterte Frack so faltig
blieb, er begann mit der Zeit zu fuchteln, und in den Hosenbeinen und Ärmeln
zeigten sich beinerne Gliedmassen. Der Doktor hieb aus, setzte die Faust in
wütender Sachteit auf Susannes Kopf, dass sie mit einer erheuchelten Ohnmacht
zusammenbrach. Damit war natürlich das Recht dem Doktor entwunden. Olsamen nahm
tragische Stellung gegen das Züchtigungsrecht des Gatten. Wenn heutigentags ein
Eheteil zur Prügelei berechtigt war, so war es die Frau, denn allein ihre Seele
stand im Kontakt mit dem Weltall.
    Klotilde, die mässige, schweigsam überlegende, wusste allein eine
Besänftigung herbeizuführen. Vor allen Dingen lüftete sie das Zimmer, öffnete
die Fenster, damit der Fliederduft von dem zwei Kilometer entfernten Tiergarten
hereinströmte. Dafür glitt des Doktors Blick liebend an ihr hinab. Dann ging sie
hinaus und liess von Käterchen Likör bringen.
    Als die Sauferei im Gange war, klingelte es stürmisch im Flur. Es waren
Büffels. Sie waren sehr schnell innen. Büffel stiess geradewegs zu. »Das durfte
nicht sein, nein, wenn Doktors so begannen, was sollte das für ein Ende nehmen!
Da passierte ja noch ein Gattenmord in seinem Hause.«
    Die Hauswirtin stand mit Lorgnon und liess sich über die Vorgänge, die von
Ossi als Lappalie hingestellt wurden, nicht täuschen.
    »Dieser Likör,« sprach sie, »ist die Beschwichtigung des Satans.«
    Wer sollte der Satan sein?!
    Ossi war in der grössten Verlegenheit. Ihn traf die Verantwortung. Er hatte
diese Leute ins Haus empfohlen. Die Hauswirtin war sehr unnachgiebig und zäh.
»Das Mädchen hat uns alles wahrheitsgetreu berichtet,« sprach sie.
    Käterchen lief heulend hinaus. Der Frau Büffel erzählte sie nichts mehr.
Susanne rannte ihr hinterher und warf ihr das Likörglas an den Kopf. Es war ein
harter runder Glaskopf. Zerbrechen konnte er nicht, aber Käterchen hatte die
Beule am Kopf.
    Erst nach dieser Szene gab die Hauswirtin mit vergnügter Befriedigung nach.
Es war nach ihrer Meinung der Keil zwischen Dame und Mädchen getrieben. Sie
hatte ja keine Ahnung, dass Käterchen ganz andere Martern gewohnt war.
    Nachdem das Büffelehepaar beruhigt war, trank es mit, und als noch früh um
vier der Doktor des furchtbare Gedicht von der »Menschheit« vortrug, mit
Dämonengebrüll und vulkanischem Zittern aller seiner Knochen, dachten Büffels
entfernt nicht mehr an die übrigen Mieter, welche in ihrem Schlafe gestört
würden.
    Die Eröffnung der Ehe und des Haushalts in dieser Weise war sehr wichtig,
denn es konnte nicht zeitig genug festgestellt werden, wie der Hase lief, ob
genau ebenso oder anders. Ebenso wie im Ganswindschen Revier oder anders, wie
bei ungemütlichen Leuten.
    Ausser der Katze war Susanne nun doch gewiss sehr gemütlich. Auch im
Bäumlerischen Haushalt wurde schrankenlose Teilnahme an allen Leiden und Freuden
zugesichert. Es schien eigentlich noch hübscher als unten, denn Hermione
verstand es, jede Disharmonie mit Ossi zu verstecken. Bei Bäumlers war aber
gerade das Nette, dass sie sich vor den Leuten hackten.
    Ossi und Hermione bedauerten wohl, dass Susanne mit der Katze sich so wenig
als Expressionist gab. Viel schöner wäre es von ihr gewesen, nur innerlich Katze
zu sein, und sie äusserlich, also die Naturkatze, zu vertilgen. Ossi und Hermione
hatten überhaupt nie Zank, weil sie reinen Expressionismus betrieben. Alle ihre
Taten und Worte waren der Kunst unterwürfig. Bäumlers wollten aber mehr von der
Materie wissen und fuhren mit der Kunst nur Schlitten, wenigstens Susanne.
    Vielleicht war es doch nicht so ganz die richtige Partie, welche der Doktor
gemacht hatte. Susanne, nachdem sie die markerschütternden Zuckungen des
dichtungserzeugenden Organs Alfreds fünfmal gehört hatte, verbot ihm die Übungen
in der Wohnung, sie habe Nerven.
    Alfred war ganz zerbrochen. Nachts lag Kätzi in der Mulde zwischen den
Betten, kroch sogar dann und wann mitten in heiligen Aktionen an seine Beine,
dass er zusammenzuckte wie Eis bei Tauwetter. Das versuchte er zu ertragen. Und
sie liess ihm dafür nicht einmal die unumschränkte Freiheit in der Gymnastik des
Berufs.
                                     * * *
    Während Herr und Frau Doktor ihre Tiere bändigten, besser gesagt ihre
Leidenschaften in ihrem eigenen Käfig zu dressieren versuchten, ging unten das
Gebläse des Taifun mit dumpfem Brausen weiter. Wer mit den Ohren der Kunst
hörte, der fühlte sich, bei Doktors eingeladen, wie in einem Mühlwerk stehend,
unter dem die Turbine rauschte. Dieses Rauschen war das unerhörte Wunder des
Taifun.
    Wie die Prozesse schliesslich ausgingen, das interessierte niemand. Die
Hauptsache war, der Schwarm vermehrte sich. Immer neue Völker drangen ein und
hingen sich an die saugenden Knäuel tiefster »Erkenntniskunst«. Das war Beweis.
Die Sache stand.
    Der Taifun stand. Nicht mehr umzuwerfen. Es entwickelte sich sogar eine
Kasse, aus welcher Olsamen tüchtige Bezüge hatte, so dass er eine Familie
ernähren konnte.
    Was bedeutete das Geschrei der Feinde! Der Erfolg bewies.
    Schellenhauer, der Verlobte Käterchens, malte fleissig unter Anleitung des
toten Müller, und er kam überraschend weit. Schon nach sechs Wochen war er
Lehrer der neugegründeten Taifunakademie.
    Käterchen war nicht mehr Mädchen, sondern Zofe. Sie wurde mit Klotilde von
Susanne und Hermione, die sich abwechselnd in das Phonetische teilten, gemeinsam
in der Bühnenkunst ausgebildet. Natürlich fielen ihr die Rollen der
Dienstmädchen zu, während Klotilde Gräfinnen übernehmen durfte. Susanne bekam
die wichtigere Aufgabe der Bräute, Hermione die letzten Möglichkeiten: die unter
dem erschütternden Schluchzen des Taifunteaters sterbenden Heldinnen.
    Im Taifun herrschte überhaupt keineswegs eine unordentliche Kunstwirtschaft,
sondern alles bildete sich nach Rängen und Ringen ähnlich wie in la divina
comedia, nur umgekehrt: zum Himmel hinauf.
    Durch ganz seltene Zufälle kam bisweilen ein Künstler oder eine Künstlerin
von unteren Sphären in höher gelegene, - höchstens wenn Ossi und Hermione den
Zuflüsterungen des Doktors Gehör schenkten. Dann wurde eine goldene Kette
ausgeworfen, woran sich der schwebende Jünger hängen musste, bis er auf die
höhere Stufe gezogen war. Wenn solches vor sich ging, sahen alle Jünger und
Jüngerinnen gegen den Zenit des Taifunhimmels und ergötzten sich von unten her
an den flatternden Röcken des Erkiesten.
    Neid gab es dann nicht, denn es war das eigentümliche Wesen der bewegenden
Kraft, dass sie willenlos als richtig anerkannt wurde.
    Kunst war eben nichts Positives, sondern Kunst wurde gemacht, nicht aber wie
bei Kitschhändlern, sondern durch den Geist.
    Der Geist war hinter Ossis Stirne, wo er von Olsamen allein geschaut wurde.
Dieser Mensch hatte Röntgenaugen, rotgerändert wie die getupfte Forelle.
    Hermione und Olsamen sprachen sich ganze Abende lang aus, während Ossi dabei
schweigend sass. Nur hie und da ergriff er ihre Hand und führte sie an den Mund,
küsste sie innig und gab sie ihr in den Schoss zurück. Dieser Handkuss war ein
geheimes Zeichen. Hermione wusste dann, dass sie vorsichtiger sein musste in der
Ausbreitung der Teorien. Niemals durfte jemand bis zur Geheimwissenschaft des
Taifun, seiner Herkunft und seines Ziels, vordringen.
    Das Prinzip wurde in eine Art spiritistischen Nebel gehüllt. In ihm dampfte
auch die Geschichte der Vergangenheit von Ganswinds Körperhaftigkeit. War er als
Junge irgendwo unmenschlich erzogen worden, ähnlich dem unglücklichen Sohne
Marie Antoinettes? Oder war er bei einer kinderlosen Alten unsinnig verpimpelt
worden? Beides war möglich, um diesen besonderen, feinfühligen Menschen zu
erzeugen. Man erzählte von ihm, dass er einmal mit einer Löwenmähne umhergegangen
sei. Damals habe er schauerlich ausgesehen und sich für Geld befühlen lassen, ob
seine Löwenähnlichkeit echt sei. Diese Gestalt habe er erst auf Hermiones Geheiss
abgelegt.
    In Hermione wohnte ein Wesen, so sanft wie eine Anemone, und gleichzeitig so
scharf wie Pfeffer und Salz.
    Pfeffer und Salz rühmte sie stolz auch Ossi nach, trotzdem es niemand
glauben mochte, dass dieser Mann manchmal auch forsch auftreten konnte. Nur wer
zufällig dazu kam, wenn eine Rechnung zu bezahlen war, der sah seine
Boxerfäuste. Bezahlt wurden Schulden grundsätzlich nicht, es wurden nur Schulden
eingenommen.
    Für Susanne und den Doktor sollte nun am dritten Tage der Ehe das Studium
des Taifun seinen Abschluss erfahren. Sie wussten zwar von allen Beteiligten
längst am meisten über das, was Ossi und Hermione als ihren Willen markiert
haben wollten, - trotzdem, um eine Vertretung beider übernehmen zu können,
gehörten noch wichtige Aufschlüsse her.
    Diese Aufschlüsse empfingen sie. Ganswinds machten eine Reise nach Island,
wo sie den Expressionismus der Eskimos eingehend studieren wollten. Einstweilen
sollte der Doktor Hermione, Susanne aber Ossi vertreten.
    Diese Reise geschah, um Doktors von dem bereits lastenden Gefühl der
schwankenden Ehe abzulenken.
    Für Kätzi war ein Kinderbett gekauft worden. So erwarb sich das vom
Ehegemahl verstossene Tierchen das Recht ... nun ebenso harmlos zu sein wie ein
Baby. Der Doktor lief mit Groll umher.
    Wie er jetzt im Taifun Hermione vertrat, verspürte er plötzlich, wie
unsonnig seine Miene geworden war. Er bemühte sich, ein Vergissmeinnichtgesicht
aufzusetzen. Susanne begann die kluge Schweigerin zu werden. Die Wirkung dieser
Erziehung war ausserordentlich fruchtbringend.
    Während Hermione in Pelzhosen auf Skandinavien und dem nördlichen Archipel
herumkletterte, schmolz der schon dick gefrorene Hass des Doktorehepaares.
Offenbar hatte es ihnen an genügender Beschäftigung gefehlt. Auch die
Erhabenheit des Gefühls, Taifunleiter zu sein, wirkte versöhnend.
    Hauptsächlich aber war die Versöhnung das Produkt eines gemeinsamen
Vertrauensbruches.
    Bekanntlich war Ganswinds Privatsalon aufs herrlichste eingerichtet. Und
viele Vermutungen knüpften sich an Herkunft und Zweck mancher seltener Möbel.
    Susanne sprach zu Alfred: »Wir sind bisher sehr unwissend geblieben, auch
die letzten geheimen Anweisungen Hermiones vor der Abreise können einem
vernünftigen Menschen nicht genügen, um ihn zufrieden zu machen. Alle Menschen
verwahren doch irgendwelche Familienintimitäten. Diese stelle ich mit nun bei
Ossi und nicht weniger bei Hermione sehr reizend und wissenswert vor. Wir müssen
alles durchsuchen und aufschliessen, um zum Gipfel der Erkenntnis zu gelangen,
was dem Taifun eigentlich seine Existenz erhält.« Der Doktor wollte schwer
darauf eingehen. Aber endlich liess er sich doch von Susanne verführen. Und das
versöhnte.
    Da stand ein sonderbarer geschnitzter, kleiner Schrank, die Imitation eines
Schnitzwerks aus der Zeit der Nürnberger Meister, der bekannten Vorstufe der
modernen Expressionisten - wenigstens war es so im Kollegheft einer Schülerin
der Taifunakademie niedergeschrieben.
    Dieser Schrank musste die Kraft besitzen, den Blinden sehend und den Stummen
redend zu machen. Vor allem existierte für ihn allein kein Schlüssel.
    Als die erste Karte aus Christiania eintraf, machten sich der Doktor und
Susanne am fünfundzwanzigsten Juli Mitternacht zwölf Uhr an die Arbeit.
    Es erforderte viel Kunst, das Möbel ohne Schlüssel zu öffnen, noch mehr aber
verlangte das Alleinsein in den vielverzweigten Räumen grosse Nervenkraft.
    Wie hallten die Böses beginnenwollenden Schritte auf dem spiegelglatten
Parkett! Die Bilder wankten an den Wänden, und viele furchtbare Gestalten
stiegen aus ihren Rahmen. Der wiedererstandene Mann mit dem umgekehrten Kopfe
begann sich zu heben und zu senken. Und zuletzt setzte er ihn gerade auf den
Hals und sah nun mit leibhaftigen Augen auf Susanne. Die herumstehenden Vasen
und Gläschen füllten sich mit Likör und boten sich an zum Austrinken. Die
afrikanischen Götzen, deren Brüste mit Messerklingen, den Opfern und Andenken
der Anbetung von hilfesuchenden Negern, gespickt waren, glotzten schief aus dem
ersten Zimmer herüber. Des Doktors Gesicht war aschfahl, und Susannes sonst
geschminkte Wangen schienen gelb wie altes Pergament. Zu sprechen wagten sie
nicht, weil sie fortwährend auf den Besuch irgendeines aus dem Bilde gestiegenen
Menschen gespannt waren. Eine Kubistenplastik begann bereits die Glieder zu
verdrehen.
    Nur die Finger arbeiteten an dem Wunderschrank. Sie wollten schon alle
Hoffnung aufgeben, ihn öffnen zu können, da sprang er mit einem Male auf und ein
eigentümliches Licht strahlte aus ihm. Sie sahen mit Gewalt in das Licht und
entdeckten nichts, was irgendwie als körperhafter Inhalt zu betasten war.
    In dem Schrank war nichts und war doch Licht? War das etwa das Geheimnis?
    Susanne und Alfred sahen sich an und wollten lachen. In diesem Augenblick
spielte der grosse Flügel im Musikzimmer.
    Susanne presste sich an Alfred, dass sich ihre Rippe, die sie mehr als er
hatte, an seinem untersten Westenknopfe schnitt. Beide standen voll Entsetzen
und Angst: als sie sich nach dem Schranke umsahn, stand er wieder geschlossen.
    Waren Ossi und Hermione überhaupt auf der Reise nach Island? Plötzlich
zeigte sich beiden zugleich der Kopf von Ossi unter der Türe nach dem
Damenzimmer in mittlerer Höhe des Türpfostens. Er öffnete den Mund und
verkündete einer grossen Schar Hörer ein noch nie gehörtes Evangelium. Dieser
Kopf war der des Cheops, dessen Pyramide von Millionen Verehrern gebaut worden
war.
    Der Taifun fegte dahin und Cheops Ganswind war eine Mumie.
    Die Mumie ... Wo war sie?
    Susanne und Alfred schlichen sich aneinandergepresst auf den Zehen davon; da
fühlten sie beim Gehen, dass der Boden unter ihnen lebte. Hermiones Gesicht
blickte aus einem geschnürten Wickel durch eine Glasscheibe. Das war die andere
Mumie.
    Waren sie nicht nach Island unterwegs?
    Susanne presste sich mit Alfred durch die Türe auf den Flur hinaus, dass die
Türflügel krachten und zerbrachen. Da war es ganz dunkel. Sie sahen sich an und
schämten sich, weil sie ihre Gesichter nicht wahrnahmen.
    In dieser Nacht schliefen sie das erstemal eng zusammengeschmiegt.
    
    Am andern Morgen beim Frühstück sprachen sie miteinander kein Wort. Jedes
schien sich an die seltsamen Vorgänge der Nacht zu erinnern. Die Fräulein im
Taifun verwunderten sich, dass sich der Doktor und Susanne heute nicht sehen
liessen.
    Die Putzfrau ging durch die Räume und fand eine zerbrochene Kristallkaraffe.
    Nun wusste man, warum Doktors nicht zum Vorschein kamen.
    Als sie erst zwei Tage später wieder im Taifun erschienen, sah sie jedermann
scheu und erstaunt an, vorwurfsvoll.
    Susanne tätschelte und schmatzte seit langer Zeit wieder an Käterchen herum.
Das war sehr auffallend. Aber Käterchen liess sich immer wieder von Susanne
fangen.
    Käterchen erzählte ihr von der zerbrochenen Karaffe, obgleich im Taifun von
allen strenges Schweigen ausgemacht war, genau nach der Vorschrift Hermiones vor
der Abreise, dass niemand weder den Doktor noch Susanne in dem freien Umgang mit
allem, was der Taifun entielt, behindern dürfe.
    Nun frug natürlich Susanne den Doktor, ob sie in der Nacht eine
Kristallkaraffe zerbrochen hätten. Er erinnerte sich so wenig wie sie.
Allmählich wollte es ihnen dämmern, was sie angestellt hatten. Sie waren
berauscht gewesen.
    Das Eigentümliche war nur, dass sie beide dieselben Gesichte gehabt hatten.
Deshalb glaubten sie steif und fest an die Offenbarung eines Geheimnisses.
    Sie scheuten sich um des Zaubers willen, der vom Taifun ausging, und den sie
durch das Alleinsein in ihm erst kennengelernt hatten, an Ehescheidung zu
denken.
    Da Kätzi nachts nicht mehr dazwischenkroch, so war des Doktors
markverzehrende Angst geschwunden. Nur wenn sie bei Tische sassen, schaute er
noch mit finsteren Blicken über die Oberkanten seines Glases nach Kätzi hinüber.
Susanne versuchte ihm Wohlgefallen an dem gesitteten und graziösen Pfötchen der
Katze beizubringen. Aber niemals konnte er davon entzückt sein, wenn Kätzi
Susanne den Bissen vom Munde weg atzte. Susanne fand diese Tat süss und komisch.
    Von dem Widerspruch in der Katzenfrage ging allmählich ein gegenseitiger
Widerwille aus. Der Zauber des Taifun hielt sie nur solange gewaltsam zusammen,
bis Ossi und Hermione vom Nordland zurückkamen.
    Hermione trat in weissen Fellhosen ein, und die Eisbärmütze machte ihr
Gesicht jung und kindlich. Namentlich gab dieses Kostüm Ossis Liebesphantasie
neue Einfälle. Hermione lauschte und beobachtete mit zuckendem Herzen die neuen
Wege seiner Hände. Die Kompositionen auf dem Flügel schwankten, brausten und
schoben wie Treibeis. Dann und wann ein Bersten, da sah man ihn aufstürzen und
über sie herfallen. Sie stellten sich vor, Eisbären zu sein und ergötzten sich
an den Weichheiten ihrer Felle.
    Natürlicherweise expresste sich dieser Hang, nördliche Landschaften,
nördliche Tiere nachzufühlen, in der ganzen Epoche der nächsten Kunst.
    Der Maler William machte den grössten Treffer. Er stellte die weisse Leinwand
in einen weissen Gipsrahmen und hing das Bild auf.
    Alles schrie. »William! William!« William konnte nicht genug solche Bilder
liefern. Die Kunst bestand einfach darin, das Bild ohne Russflecken in den Handel
zu bringen. War nur ein Stäubchen auf der weissen Landschaft, so war sie nicht
mehr nordisch. Die Nordische Landschaft bedeutete eben das »Letzte« in Weiss.
    Eines Tages war die einunddreissigste Ausstellung. Sie wurde von William
allein gedeckt. Eine ungeheure Reklame war vorhergegangen. Die Räume waren am
ersten Oktober so drückend voll, dass eine Schutzmannskette vor den einzelnen
Meisterwerken aufgestellt werden musste. Diese Kette war dem Polizeirat von Amts
wegen gern überreicht worden. Die begeisterten Zuschauer sahen daher alle
zunächst einen Schutzmann und dann erst den echten William.
    In einer fernen Ecke des Salons wagte ein Besucher das Wort »Schwindel!« Er
wurde dafür von den Taifunisten verkeilt und von der Schutzmannskette verhaftet.
    Die Bilder hatten verschiedene Grösse. Eine Dame stand wegen des Kaufpreises
mit Ganswind in lebhaftester Unterhaltung. Sie wollte siebentausend gerne geben,
während der Salon siebentausendfünfhundert Mark forderte.
    Das Bild mass 70 × 100, das daneben 65 × 95. Dieses kostete nur sechstausend
Mark. Die Dame hielt sich daher für übervorteilt, dass sie für die Ausweitung von
je fünf Zentimeter eintausendfünfhundert zahlen sollte, statt nur tausend.
    Auf Hermiones Augenzwinkern durfte Ossi aber unter keinen Umständen
nachgeben. So geschah das Unfassbare. Die Dame bezahlte die Summe, mit der das
Werk fünfzehn, echter William, »Eislandschaft,« ausgezeichnet war, voll ohne
Abzug.
    Diese Bilder gingen reissend, in allen Grössenlagen beziehungsweise
Preisverhältnissen. William bekam fünfzig Prozent des Erlöses. Der Tag brachte
fünf Millionen Umsatz. Das war gar nicht so viel. Der Gips und die Leinwand
waren beide so teuer, dass jeder Maler besser daran tat, seinen Bedarf im Taifun
und nicht in Buchbinderläden zu decken.
    Es blieb jedem freigestellt, ob er den William dauernd weiss lassen wollte,
oder ihn mit unsinnigen, die Nordlandschaft niemals wiedergebenden Farben
übermalte.
    Da die Ausstellung innerhalb zwei Stunden verkauft war, so stellte sich der
Doktor noch aufs Rednerpult und trug das Gedicht Nordpol vor. Er stammelte:
»Weiss weiss
William
William William William
weiss
weiss weiss weiss weiss weiss.«
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Nachdem er endlich geendet hatte, weil er derart schwitzte, dass man die
Kälte und die Starrung des Eises nicht mehr glauben konnte, betrat William
selbst die Bühne und gab das Versprechen ab, nicht müde zu werden, und noch
weitere Eislandschaften zu malen.
    Unter tosendem Beifall verschwand er hinter einem schamhaften Vorhang, der
die Erde nicht ganz berührte.
    William stand auf dem letzten Kreise der Taifunkünstler in Ehren unmittelbar
neben Müller.
    Schellenhauer war tief traurig, und er glaubte nicht mehr an die
Möglichkeit, vom fünfzehnten Kreis nach oben zu kommen. Er sass bei Käterchen auf
dem Zimmer. Sie polierte gerade die Lackschuhe Susannes.
    Käterchen gab sich alle Mühe, den Bräutigam auf neue, noch geniessbare
Einfälle zu bringen. Sie riet ihm, einmal nur den Rahmen aufzuhängen, wer konnte
wissen, ob Oskar diese Idee nicht genial fand.
    »Das ist niemals genial,« seufzte Schellenhauer. »Du verstehst es nicht ...
der wahre Künstler kann schaffen, was er will, er wird nie anerkannt.« Er legte
sein Haupt, welches jetzt mit grossen blonden Locken überwuchert war, traurig in
Käterchens Schoss, wobei ihm der Benzingeruch des Wichsmittels in die Nase stach.
Den glatten Scheitel hatte er aufgegeben, nicht etwa um künstlerhaft auszusehen,
sondern nur weil der Pomadepreis seinem Einkommen nicht mehr entsprach.
    Der Künstler auf dem fünfzehnten Kreis hatte nur ein karges Auskommen,
derjenige auf dem zwanzigsten Kreis verdiente Null, während alle diejenigen, die
Schüler waren oder freie, noch nicht anerkannte Künstler, vom dreissigsten bis
zwanzigsten Kreis, alles selbst aufbringen mussten, worin noch eine hohe Steuer
an den Taifun, stufenweise abnehmend, allmählich sich an die Null des
zwanzigsten Kreises annähernd, mit entalten war.
    Käterchen tröstete ihn und flüsterte ihm in die Ohren. Sobald sie
heirateten, verliessen sie beide den Taifun. Und dann wollten sie doch einmal
sehen, ob sich nicht ein anderer Salon für »Schellenhauer« interessierte.
    Sie hatte das Empfinden, dass er allmählich wirkliche Bilder zu schaffen
vermochte. Die Porträts, die er von ihr dutzendweise anfertigte, bekamen
allmählich treffliche Ähnlichkeit.
    Während sich auf Käterchens Zimmer die Verkennung ausseufzte, tobte im
Speisezimmer eine wütende Schlacht.
    Susanne war empört, dass Alfred ihr gegenüber den Williamschwindel nicht
zugab, dass er sogar den vollen Ernst seiner vorgetragenen Dichtung aufrecht
erhielt.
    Susanne wurde darüber so wütend, dass ihr Kätzi aus dem Arm geglitten und in
die heisse Suppe gefallen war.
    Sie wollte nun die Suppe durchs Sieb giessen und weiter essen lassen. Darüber
geriet Alfred ausser sich, er nahm die ganze Schüssel und warf sie durchs
geschlossene Fenster auf den Hof hinab, sodass die Scheiben lustig klirrten.
    Susanne schluchzte, während sie lindernde Salbe auf die verbrühte Katze
strich, über diese Vergeudung und die alle Schranken vergessende Tobsucht.
    Dann hatte er, weil sonst nichts zu essen da war, sein Zigarettenetui
hervorgezogen. Es war leer. Und als Susanne gestand, dass sie gestern die
Zigaretten zu kaufen vergessen hatte, schalt er sie eine »blöde Ente«. Es war
Sonntag und kein Geschäft offen.
    »Musst du immer rauchen?!« schrie Susanne auf.
    »Morgen sind wir geschieden!« stiess der Doktor mit allen aus seinen Lungen
pfeifenden Registern hervor. Er ging hinaus, knallte die Türe hinter sich zu und
verschloss sich.
    Längst kam niemand mehr an die Türe und erhob Beschwerde gegen den
Schlachtendonner dieses Ehepaares. Allmählich hatte sich das ganze Haus daran
gewöhnt, und immer war auf jede Beschwerde geantwortet worden: »Der Herr und die
gnädige Frau proben.« Was sollte man also machen!
    Diesmal war es aber letzter Ernst.
    So grosse, zerbrochene, doppelte Fensterscheiben konnten unmöglich der Inhalt
eines Teaterstückes sein. Wo sollte ein Direktor hinkommen, wenn er solche
Splitter täglich zu tragen hatte? Auch wählte man, beim Einstudieren solcher
Nummer, sicherlich unzerbrechliches Material.
    Hermione und Ossi sahen sich an, als die dunkle Schwalbe am Fenster
vorbeiflog. Während es klirrte, erbebten sie. Es lief eiskalt über sie hinweg.
Warum zürnte Zeus? Als Hermione hinabsah, erkannte sie, dass es eine
Suppenschüssel war. Gab eine Suppenschüssel das Signal, dass der Taifun vor einer
Katastrophe stand? Diese klirrenden Töne waren schärfer als der Widerhall des
Nebelhorns in den Korallenriffen der Südsee.
    »Sollen wir hinaufgehen?« frug Ossi.
    »Lass sie, wenn sie nicht zu Verstand zu bringen sind,« erwiderte Hermione.
    So kam es, dass sich die Tragik vollendete, weil im entscheidenden Augenblick
alles flügellahm war. Eine Redensart wie »das hätte man verhüten können,« bleibt
ewiger Unsinn. Eine Katastrophe hat man nie verhüten können, deswegen wurden sie
seit Menschengedenken stets vom Schicksal herbeigeführt. Selbst Katastrophen,
die man voraussah, konnten nicht verhindert werden. »Denke daran,« sprach
Hermione, »als die Titanic auf den Eisberg stiess, sahen ihn verschiedene Augen
herankommen, dennoch konnte niemand den Zusammenstoss verhüten.«
    »Sie hätten einander nie heiraten dürfen,« erwiderte Ossi.
    »Wie kannst du das sagen, es heiratet einander alles, weil es muss. Es muss
sein. Es muss aber für den Taifun keine Katastrophe werden. Katastrophen gibt es
nur, wenn hart gegen hart ist.«
    Ossi leuchtete das ein, und er freute sich nun beinahe, weil sein Sonnengott
Alfred samt seiner Diana ins weiche Gras fiel. Er konnte den Taifun immerhin
vorbereiten, dass es bald eine Veränderung in den höheren Regionen geben würde.
    »Was willst du vorbereiten?« sprach Hermione, »lass es doch alles
herankommen.«
    Das war das Klügste. Wenn nur Ossi und Hermione vorbereitet waren, dann
wollten sie den Taifun schon an den Zügeln fassen, wenn die Zeit erfüllet war.
    Hermione lachte sich halbtot, als sie von Schellenhauer erfuhr, dass die
Katze in die Suppenterrine gefallen war. Und sie fand es ulkig, dass Susanne die
Suppe durchs Sieb hatte giessen wollen. Unter allem Gelächter nahm man trotzdem
für den Doktor Partei, denn es war verzeihlich, wenn er die Suppe hinunterwarf.
    Susanne wusste fortab, dass sie in dem Kampf mit ihrem Gatten auf die
Unterstützung durch den Taifun nicht zählen durfte. Dass sie alleinstand,
verstärkte eher ihre Stellung, denn ob die Richter mit einer Partei, wie dem
Taifun, sympatisierten, war zweifelhaft.
    Susanne schimpfte offen über den ganzen Taifunschwindel. Man liess sie ruhig
schimpfen, sie verstand es eben nicht besser. Um so mehr schlüpfte der Doktor
zufluchtsuchend bei Hermione hinein.
    Der Polizeirat erinnerte an die Irrenzelle des Hotel Olymp. Damals hatte
er's zu überlegen gegeben, ob man sich mit Susanne einlassen sollte.
    »Wir machen uns keinerlei Vorwürfe,« sprach Hermione, »wir haben aber auch
gar keine Furcht vor Susanne. Was kann uns Susanne tun? Kann sie den Taifun etwa
verraten? Fürchtet doch das nicht! Sie ist durch ihre Katze völlig blossgestellt.
Braucht es hier überhaupt Worte? Dass sie gleich, nachdem sie in Berlin ankam, in
der Zeitung stand, das allein schon ist furchtbar.«
    Der Polizeirat und auch Clotilde machten ein sehr bedenkliches Gesicht. Wie
es um die Person des Doktors stand, wusste ja niemand. Der Taifun konnte recht
kompromittiert sein, wenn es sich herausstellte, dass der Doktor Susanne in alles
eingeweiht hatte.
    »Nicht bloss der Doktor hat eingeweiht, wir alle. Lasst sie doch eingeweiht
sein. Wir haben so viele Leute gegen sie. Den Hoteldirektor und auch noch mehr
solche. Aus dem Katzenklub ist sie sogar ausgetreten. Susanne hat nur Feinde.«
Hermione wusste es genau.
    Im Handumdrehen war Susanne zum Feind gemacht. Und wie der Taifun gegen
Feinde vorging, davon konnte der Riese Goliat erzählen, auch der Chefredakteur
mancher Tageszeitung. Dem Taifun war nichts heilig, wenn es galt, den Feind zu
zerschmettern.
    Die Stimmung war im Taifun schon am Sonntag Nachmittag so überhjetzt, dass es
für den Doktor gar keine andere Möglichkeit gab, als gegen Susanne,
beziehungsweise ihre Katze, entscheidend vorzugehen.
    Als sich Susanne auf den Abend im Salon zeigte, war selbst Hermione kühl
gegen sie. Und Ossi sah verlegen zur Seite. Der Polizeirat schnarrte mit einer
nach ihren Begriffen sehr dummen Stimme die Frage an sie hin: »Es ist doch,
seitdem Sie nach Berlin gekommen sind, alles Mögliche passiert, Frau Doktor.
Hm?«
    Susanne fand das sehr unverschämt. Das klang ja geradeso, als ob sie bereits
geschieden wäre. Ehe man von »passieren« redete, musste sie wenigstens noch
dieses Abenteuer hinter sich haben. Sie zahlte die schlechte Behandlung allen
miteinander heim und erwiderte dem Polizeirat kühn und gerade heraus: »Ich kam
als Kunststudierende nach Berlin und sah bisher kein bisschen Kunst. Alles was
der Taifun hervorbringt, - sieht man das auch irgendwo anders ausgestellt?«
    Ossi erhob sich stolz und entgegnete mit der Frage: »Sehen Sie die berühmten
Werke eines Leonardo oder van Dyk irgendwo anders als in ganz bestimmten
Museen?«
    »Ich sehe sie tausendmal, in Reproduktionen.«
    Ossi hatte daraufhin nur ein mitleidiges Verziehen der Mundwinkel, bis er zu
antworten geruhte: »Das ist eben der Unterschied: kleine Kunstwerke werden
nachgeahmt, grosse nicht.«
    Susanne wurde blass vor Empörung. Man wagte, diese ruhmbedeckten Werke alter
Meister kleine Kunstwerke zu nennen, William und Müller aber unvergleichbare
Meister. »Ich sehne mich wahrhaftig nach einer Veränderung,« rief sie, »aus
dieser Sackgasse muss ich heraus.«
    Hermione stand auf. Wie ihre stolze Gestalt in rauschender altrömischer Toga
durch den Salon schritt, wie sie mit dem Brillantfinger die Zigarette aufgriff
und durch das spitze Mäulchen den Rauch blies, das verwirrte Susanne. Und sie
hätte am liebsten hinausgeweint.
    Hermione sah sie an. Sie fühlte die Kraft ihrer Wirkung auf die eitle
Belgierin. Susannes Augen standen weit auf wie die Fensterbogen eines gotischen
Domes. Das eine zog sie an und das andere stiess sie ab. Warum war das Abstossende
und das Anziehende im Taifun so unzertrennbar vereinigt? Es erschien ihr das
erstemal wie ein Fluch, dass Hermione und Ossi so fest verkittet waren. Am
liebsten hätte sie dieses Empfinden kundgetan, aber wäre darauf nicht bloss ein
helles Lachen der anderen erfolgt?!
    Susanne lag die kommende Nacht allein, Kätzi im Arm. Der Doktor lief in
seinem Zimmer die ganze Nacht auf und ab. Käterchen sass mit Schellenhauer
traurig zusammen.
    Susanne dachte darüber nach, ob die Vereinigung Hermiones und Ossis nicht
bloss das Ergebnis irgendeiner Rachsucht war. Ossi war, hörte man, schon einmal
verheiratet gewesen und von seiner Frau schnöde verlassen worden. Konnte
Hermione, die schöne Frau, Ossi mit all seinem extremen Wollen nur deshalb
durchsetzen, um jener Frau Anklagen gegen ihre Untreue zu erzeugen? Wie's nun
sein mochte! Tatsache blieb, dass sich die beiden durch den Zweck verbunden
fühlten. Aber welchem Zwecke diente ihre Verbindung mit dem Doktor? Dass sie sich
gegenseitig beschimpften.
    Käterchen musste sich zwischen ihm und ihr teilen. Dieser Zustand war
unerträglich. Nun hatte ihr der Doktor befohlen, am Montagmorgen um elf Uhr mit
Kätzi am Landwehrkanal zu sein. Ja, konnte sie denn das, wenn ihr Susanne
befahl, mit Kätzi um elf Uhr beim Tierarzt zu sein? Wem sollte sie gehorchen?
Sie hatte es allmählich aufgegeben, bloss Susanne ihr Vertrauen zu schenken. Sie
fühlte oft recht innerliche Neigung, dem Doktor recht zu geben.
    Der Doktor fiel in der Frühe auf einem Sessel in tiefen Schlaf. Er hatte
sich todmüde gelaufen und war entkräftet, weil er keine Nahrung mehr zu sich
nahm. Ein Gang von zwölf Stunden durch das Zimmer war nicht weniger ermüdend als
eine Fusswanderung von Berlin nach Magdeburg.
    Als er erwachte, schauderte ihn durch alle Glieder. Er fror, obwohl die
Zentralheizung bereits wieder die volle Wärme durch den Raum strahlte. Es
gelüstete ihn zu essen. Aber er durfte das nicht, sonst lief er Gefahr, von
seinem Vorsatz abzukommen. Er wollte zunächst einmal auf das Standesamt gehen
und den Standesbeamten als den für seine Ehe verantwortlichen Menschen in Stücke
schlagen. Von der Behandlung einer Ehescheidung durch das Gericht und den
Rechtsanwalt Büffel wollte er nichts wissen. Das ging ihm zu langsam. Büffel
hatte zwar schon die Vorarbeiten für diesen Prozess seit langem getan, so dass er
nur auf den Knopf zu drücken brauchte, um die Fontäne springen zu lassen. Aber
das behagte dem Doktor nicht. Und in dem durch die Ermattung der Fusswanderung
und vom nagenden Hunger völlig verschobenen Gehirne war kein Verständnis mehr
für die rauhe Wirklichkeit. Der Doktor kam nicht davon weg, dass er sich an den
Standesbeamten zu halten habe.
    Um zehn Uhr kam er dahin.
    Susanne ging hinter ihm her und beobachtete ihn bis zum Ratauseingang, dann
ging sie zurück und sah von weitem Käterchen mit Kätzi.
    Susanne war darüber gar nicht erstaunt. Als ihr aber klar wurde, dass der
Tierarzt in einer ganz anderen Gegend wohnte, zog sie sich in eine Hausnische
zurück, liess Käterchen an sich vorbei, dann folgte sie auch ihr.
    Was war das! Käterchen begab sich mit Kätzi ebenfalls aufs Rataus. Susannes
Herz pochte wild. Käterchen verriet sie mit Kätzi. Das war gewiss. Es war ihr,
als habe jemand ihr ganzes Leben vernichtet. Wenn an Kätzi ein Verbrechen
begangen wurde! Eine fürchterliche Ahnung stieg in ihr auf. Sie rannte ins
Rataus hinein.
    Im Vorbeistürzen erkannte sie das Auto Ganswinds. Aha! Es hatte sich eine
Verschwörung gegen sie zusammengeballt. Die Füsse, die ihr zuerst wie Blei
anhingen, so dass sie kaum vorwärts kommen konnte bei der gierigen Verfolgung
Käterchens, wurden ihr plötzlich gelöst. Wenn alles gegen sie vorging, so war
ihr leicht ums Herz. Auch Käterchens Verrat würgte sie hinab.
                                     * * *
    Auf dem Standesamt hatte der Doktor einen tödlichen Angriff auf den
Standesbeamten gemacht.
    Stadtrat Waldeck hockte hinter einer Schanze von Folianten und schützte sich
dadurch vor Hieben. Er machte alle möglichen Besänftigungsversuche, aber der
Doktor liess sich nicht aufhalten.
    Der Doktor verlangte die Vernichtung des Eheprotokolls. Damit wäre die Ehe
in einer Sekunde geschieden gewesen. Der Stadtrat zitterte, denn er fürchtete
sich sehr vor diesem Irren. Wie konnte er ein amtliches Schriftstück vernichten?
Es musste ein Mensch nicht normal sein, wenn er solches Verlangen stellte.
    Doch der Doktor bestand darauf, weil der Stadtrat das Protokoll vollzogen
hatte, das ihm diese furchtbare Fessel anlegte. Er brüllte wie ein Stier:
»Befreien Sie mich von der Katze!«
    Der Stadtrat versicherte immer wieder, er habe ihn nicht mit einer Katze
verehelicht, sondern mit einer Dame aus Deutschbelgien.
    »Sie sind ein elender Verbrecher,« schrie der Doktor, »Sie haben mir das
Versprechen abgenommen, dass ich meiner Frau gehören wolle, bis der Tod uns
scheide. Haben Sie?«
    »Ich habe. Aber dies schreibt die Formel vor,« wimmerte der Stadtrat.
    »Wollen Sie mich wegen einer Formel töten?« Der Doktor war ausser sich wie
ein wütender Elefant, den nur noch ein Gewehrschuss in den Schädel beschwichtigt.
    »Wir sind Sklaven dieser Vorschriften!«
    »Wollen Sie nun lieber mich töten, oder wollen Sie lieber den Fetzen Papier
vernichten?«
    »Es wäre ein entsetzlicher Schritt von Ihnen, wenn Sie sich ums Leben
brächten. Ein Papier kann nicht vernichtet werden.«
    Der Doktor schlug sich an die Stirn. »Ein Papier kann nicht vernichtet
werden? Und ein Menschenleben wird der Willkür seiner Handlung überantwortet.
Weiss ich denn heute, was ich tue? Ich bringe mich um, ohne mir Rechenschaft
darüber zu geben. Denn so will ich keine Stunde länger leben. Die Katze liegt in
der Suppe! Suppe!« Er schoss im Zimmer umher.
    Nun verstand wohl der Beamte den Zusammenhang nicht gänzlich. Aber wie der
auch sein mochte, er konnte unmöglich den gesetzlichen Beleg über die vollzogene
Ehe vernichten. Der Doktor war wahnsinnig. Er fürchtete, seine
Verteidigungsstellung hinter den Büchern könnte noch von dem Doktor erobert
werden, ehe die telephonisch herbeigerufene Hilfe kam. Der Doktor war in seiner
Wut imstande, ihm die Kehle zuzudrücken.
    Der Dezernent für Irrenangelegenheiten vom Präsidium liess lange auf sich
warten. Noch einmal sprach der Stadtrat dort hinüber: »1574, rasch Zimmer 12,
Zwangsjacke.«
    Natürlich wähnte das ganze Rataus, der Standesbeamte wäre selbst
übergeschnappt. Die Brautpaare, die erledigt sein wollten und auf den Augenblick
mit Sehnsucht warteten, wo sie durften, stauten sich bereits vor dem Zimmer.
    Von dem brausenden Geräusch der Menge wurde der Doktor noch mehr verwirrt.
Der Schweiss trat bei ihm aus, bis er zu weinen begann. Er überweinte mit einem
in sich gekehrten Blick sein schreckliches Dasein.
    Sollte er sich etwa hinter der Schanze hervorwagen und den armen Mann
trösten? Stadtrat Waldeck entschloss sich, sitzen zu bleiben, bis Hilfe da war.
    Endlich ging die Tür auf.
    Wer trat herein? Polizeirat Löwe mit zwei Schutzleuten, welche die
Zwangsjacke und schwere eiserne Ketten trugen.
    Löwe fiel rückwärts an die Wand und stammelte: »Sie, Herr Doktor?«
    Der Doktor stand bei dieser unerwarteten Begegnung völlig still. Sein ganzes
zielbewusstes Hirn bremste, gerade als wenn ein Motorwagen eine Panne erhielt.
    Polizeirat Löwe strauchelte, was er zu tun hatte, nur einige Sekunden. Es
wäre ihm jetzt eine Kleinigkeit gewesen, den Doktor, dem er wegen Clotilde
misstraute, für alle Ewigkeit unschädlich zu machen.
    Der Doktor besah ihn aber so zuversichtlich, dass er ihm nur als Bekannter
gegenüber stand. Ein fremder Mann hätte jetzt beim Anblick Löwes gedacht:
»Mensch, was bist du für ein Tier, ein gutes oder ein böses?« Löwe entschied
sich, er winkte seinen Begleitern abzutreten.
    Der Doktor liess seine Hand zur Begrüssung nehmen.
    
    Nun wagte der Standesbeamte, sich hinter den Barrikaden zu erheben.
    Polizeirat Löwe schüttelte die Hand des Doktors so kräftig, dass ihm der
Druck wirklich Schmerzen erzeugte. »Was machen Sie für Sachen, Herr Doktor?«
sprach er.
    Der Doktor frug gedämpft und zaghaft: »Kommen Sie meinetwegen?«, und er sah
Löwe mit einem schräg durch den Kneifer gesandten Blick an, runzelte dabei seine
Stirn und liess seine Wange schlaff herabhängen.
    »Selbstverständlich. Danken Sie es Ihrem Schöpfer, dass Sie das Glück haben,
mit mir zusammenzustossen!« Dann wandte er sich zu Stadtrat Waldeck: »Sie
gestatten doch, Herr Stadtrat, dass ich ihn ein bisschen besänftige.« Er rieb
dabei schmunzelnd die Hände.
    Stadtrat Waldeck, als grosser Menschenfreund und Menschheitsapostel, hatte
nichts einzuwenden. Er bat seinen Ratskollegen sogar, ihm nicht übel zu nehmen,
dass er für seinen guten Freund die Zwangsjacke bestellt habe.
    Dem Polizeirat war es nicht recht, den Doktor als seinen guten Freund
bezeichnen zu hören. Seine Augen weiteten sich und mit bedeutendem Ernst stellte
er sich jetzt dem Doktor gegenüber.
    Der Doktor machte eine sehr verdriessliche Miene, als wenn er Spinnen
gegessen hätte. Er hätte viel lieber weiter getobt und wäre lieber nicht von
einem Bekannten ertappt worden. Polizeirat Löwe fühlte das, und er nahm seine
Aufgabe doppelt wichtig. »Sie haben ein ungewöhnliches Glück, Herr Doktor. Noch
vor einem Monat war ich in der Abteilung für Zensur, damals stützte ich den
Taifun in mancher heiklen Angelegenheit. Jetzt fällt mir in der Abteilung für
Irrenkranke die schwere Aufgabe zu, Sie vor der Einkapselung zu behüten. Ich muss
wirklich ein unnützlicher Mensch sein.«
    »Schwere Aufgabe?«
    »Ja, meinen denn Sie, Herr Doktor, ich könne nun sofort von Ihrer Festnahme
Abstand nehmen?«
    »Wenn Sie nicht wollen, - ich werde den Tod schon finden.« Das sagte der
Doktor so ruhig und bitter, dass man wirklich glauben konnte, er sei
lebensüberdrüssig. Es war für den Stadtrat Zeit, einzugreifen und dem Polizeirat
zu erzählen, was bisher vorgegangen sei.
    Der Polizeirat gackste: »Sie wollen sich tatsächlich scheiden lassen. Gerade
wollte ich noch Ihr Glück rühmen, dass auch ich es war, der seinerzeit auf der
Abteilung für Pass und Fremdenwesen die Gattin für Sie gefunden hatte.«
    Der Doktor frug: »Hatte sie damals eine Katze bei sich?«
    Die hatte Susanne allerdings damals bei sich gehabt.
    Polizeirat Löwe bejahte.
    Der Doktor lachte ein paarmal kurz auf. Dann knurrte er unverständlich und
knarfelte mit den Zähnen. Die Wut kochte in ihm. Er hätte nun am liebsten auf
den Polizeirat eingeschlagen, nach seinem Empfinden gehörte der Mensch
gesteinigt, der ihm Susanne in den Weg geführt hatte.
    Der Polizeirat rechtfertigte sich. Er war der Ansicht, dass des Doktors
Verbindung gar nicht so übel sein konnte, denn es war doch auffallend, dass in
seinem ganzen langen Junggesellenleben keine Dame bis zur Heirat mit ihm
gekommen war, dagegen Susanne ihn sofort hingerissen hatte. Woher konnte das
kommen? Einfach davon, weil Susanne durch den Katzenverkehr ein ganz besonders
bezauberndes Benehmen erlangt hatte.
    Der Doktor ballte die Fäuste und hüpfte mit einem Satz auf den Polizeirat
los. Er brüllte. »Bezaubernd? Katzenfalsch ist sie! Susanne ist genau wie das
Vieh!« Er meinte die Katze.
    Den Polizeirat belustigte es im Innersten, wie der Doktor raste und seine
Frau verwünschte. Kannte er sie doch selbst ziemlich genau.
    Dem Stadtrat wurde jetzt die Suppenschüssel diskutabel. Er bedauerte, dass
auch er da nicht weiter gegessen hätte, wenn eine Katze darin gebadet hatte.
    Der Polizeirat hatte das noch gar nicht gewusst. Er kratzte sich vor
Vergnügen die Mundwinkel. An Susanne schien eine Köchin verloren gegangen zu
sein. Er erzählte einen Spass von zu Hause. Als er ein kleiner Knabe war, hatte
einmal seine Mutter eine Maus aus dem Milchkrug gezogen. Damals hatten alle
Kinder unbesonnen in aller Seelenruhe von der Milch getrunken. Man sah also, dass
solche Dinge auf dem Erdball passierten. Nun allerdings kam beim Doktor
erschwerend hinzu, dass er die Katze schon vorher hasste bis aufs Messer. Selbige
Maus hatte ganz indifferent in der Milch gelegen, war auch bereits darin
ertrunken gewesen.
    »Die Katze zappelte und schrie auf und verschmutzte das ganze Tafeltuch!«
Den Doktor durchschütterte die Vision solcher Erinnerung. Nein, nun musste er
davon loskommen, war es tot oder lebendig.
    Indem der Polizeirat besinnlich durchs Zimmer schritt, hielt der Stadtrat
eine feurige Ansprache an den verzweifelten Ehemann.
    »Herr Doktor, es verbindet mich mit Ihnen das tiefste Mitgefühl. Seien sie
aber überzeugt, ich bin völlig schuldlos. Sie sind auf mich mit dem Spazierstock
losgegangen, weil Sie glaubten, dass mir die Person Ihrer Frau bekannt gewesen
wäre. Dessen versichere ich Sie aber: wenn ich gewusst hätte, dass Ihre damalige
Braut eine Katze hatte, so hätte ich Sie ausdrücklich aufs Gewissen gefragt, als
ich Sie zusammengab vor dem Angesicht Gottes, ob Sie sich bewusst wären, welche
Kalamitäten durch eine Katze für eine Ehe entstehen können. Das scheint mir das
Vergehen Ihrer Frau Gemahlin, dass sie von dem Vorhandensein einer Katze gänzlich
geschwiegen hatte, absichtlich vielleicht. Leider steht es aber fest, dass Sie
deswegen zur Scheidung Ihrer Ehe nirgends Unterstützung finden werden, weil es
kein Mensch glaubt, was ein Tier für eine Macht ist über den Menschen.
Bekanntlich war die Katze den Ägyptern heilig. Schon deswegen ist Ihre
Revolution sehr aussichtslos. Menschen beteten zu der Katze, die Sie
wahrscheinlich am liebsten in das Ofenloch steckten, um sie lebendigen Leibes zu
verbrennen. Unsere Gesetze sind darin rückständig. Ich für meine Person hätte
diese Ehe nie geschlossen, denn ich weiss, was für Einflüsse von einem Tier
ausgehen. Ist es nicht zur Genüge bekannt, dass jeder Hundebesitzer z.B. so
aussieht wie sein Hund? Par exemple: wer besitzt Bulldoggen? Meistens
Destillenbesitzer. Haben diese Destillenbesitzer nicht meist ein sehr bissiges
Maul? Die Ähnlichkeit des Herrn mit seinem Tier geht sogar so weit, dass ich
Ihnen bei jedem Menschen auch seinen Hund nennen kann. Par exemple: ich kenne
einen Herrn, zufällig meinen Verleger, welcher nächstdem die ersten Bände meiner
gesammelten Grabreden veröffentlichen wird; für ihn würde nur der Hühnerhund
sich eignen, ganz sein Blick ...«
    Der Polizeirat unterbrach: »Sie gestatten Herr Kollege, was für eine
Hunderasse bevorzuge ich?«
    Der Stadtrat sah ihn eine Weile durchdringend an, dann sagte er: »Herr
Kollege, Sie haben gar keinen Hund, weil Sie keine Steuer für ihn übrig hätten.«
    Polizeirat Löwe grinste bis an die Ohren. Die Antwort stimmte genau. »Aber
was hätte ich für einen Hund?«
    Der Stadtrat besann sich das Zweitemal, dann antwortete er entschieden: »Sie
hätten einen Windhund.«
    »Warum?«
    »Weil Sie diesen unentwegt prügeln müssten, fast alle fünfzig Schritte. Sie
müssen mich aber nicht mehr unterbrechen. Es gilt für mich, den lieben Herrn
Doktor dem Leben zu erhalten. Trost vor allem! Herr Doktor, in Ihrem Haushalte
handelt es sich um eine Katze, Ihre Frau hat allem Anschein nach ganz das Wesen
dieser Bestie angenommen - -«
    Der Polizeirat stutzte; selbst der Doktor, der bis jetzt ergebungsvoll
zugehört hatte, war perplex. Dass seine Frau einer Bestie gleiche, hatte er
selbst noch nicht einmal gedacht.
    Der Stadtrat bemerkte die ungeschickte Wirkung seiner letzten Worte. Es
krabbelte ihn im ganzen Leibe, denn er pflegte nie seine Zuhörer zu verletzen.
Mit seinen Grabreden waren die Hingeschiedenen bis jetzt stets zufrieden
gewesen. Er war als Redner allgemein beliebt, - wie sollte er sich jetzt in
seinem Ausdruck verhauen haben! Er frug schüchtern: »Herr Doktor ist wohl noch
in gewisser zartfühlender Berührung mit Frau Gemahlin?«
    Der Doktor kam nicht mehr zur Antwort, weil Ganswind und Hermione zur Tür
hereintraten. Der gewählte Augenblick war dem Auftritt dieser Beiden günstig.
Dem Doktor war etwas wehmütig ums Herz geworden, weil man Susanne eine Bestie
genannt hatte. Als er jetzt Hermione vor sich stehen sah, ein Weib, ein ander
Weib, da wurde er in seiner Haltung unsicher. Er setzte sich gebrochen auf einen
Stuhl. Waren Kräfte am Werke, die ihn von seinem Entschlusse zurückzogen?
Zugleich lehnte sich sein Trotz auf, nicht nachzugeben.
    Ganswind stellte dem Doktor die Zukunft klar vor Augen. Durch die Scheidung
war der Taifun selbst gefährdet. Susanne schlug sich in das Lager der
Taifungegner; und dadurch konnte sie dem Taifun den Garaus machen, wenn sie die
Unsumme von Geschäftsgeheimnissen verriet. Namentlich konnte sie beweisen, dass
der letzte grosse Erfolg mit William unverdient war, da sie wusste, dass man nur
die Leinwand in den Gipsrahmen gestellt hatte. Die Katastrophe war dann
vollständig.
    Hermione kämpfte mit. »Kein anderer Mensch kann sonst wissen, dass es nur die
weisse Leinwand ist. Und wenn es einer weiss, so wagt er es mindestens nicht zu
sagen. Darum handelt es sich. Du musst dich mit Susanne aussöhnen. Warte bis zur
nächsten Ausstellung mit der Scheidung. Wenn sie wieder den grossen Erfolg hat,
man weiss es ja nie voraus, dann sind wir so reich, dass wir nichts mehr zu
fürchten brauchen. Dann kann Ossi alles machen. Dann ist Ossi das anerkannte
Genie.«
    »Was wollt ihr ausstellen?« frug der Doktor. »Wie soll ich bei Susanne noch
bis dahin aushalten?«
    »Wir werden diesmal nur Rahmen ausstellen,« erwiderte Ossi, »die die
suggestive Wirkung ausüben, dass alles, was hinter ihm von der Wand sichtbar
wird, als Bild geschaut wird. Verstehst du?«
    »Werdet Ihr damit gewiss Erfolg haben?«
    »Ossi rechnet mit 10 Millionen Umsatz. Ein Rahmen 50 × 80 kostet schon 50
000 Mark. Die Leiste hierzu hat vielleicht einen Wert von 15 Mark; da kannst du
dir ausrechnen, was wir verdienen. Es wird sich dann fragen, ob Ossi überhaupt
noch weiter ausstellt, oder ob wir uns nach Sveden begeben. Ossi kann sich dann
kaum noch übertreffen. Das ist das Letzte.«
    Ossi küsste Hermione die Hand.
    Der Doktor nahm dem Taifun gegenüber gern jede Rücksicht, aber wie sollte er
bei Susanne so lange aushalten, bis soviel Rahmen fabriziert waren! Das dauerte
mindestens vierzehn Tage. Wie sollte er sich wieder an den Tisch mit ihr setzen!
    Hermione erbot sich, die nächsten Wochen mit ihm gemeinsam im Esplanade zu
essen.
    Der Doktor wimmerte und stöhnte: »Es bleibt immer noch die furchtbare
Nacht!«
    Alle sahen sich an. Niemand verstand ihn. Der Polizeirat war auf dem
Sprunge, ihm seine Vertretung anzubieten. Es fehlte dem Doktor offenbar jeder
Schwung in der Liebe. Oder war er so verdüstert, dass ständig Katzen um seine
Sinne kreisten? Vielleicht war sein Gehirn in ein Katzenfell eingewickelt.
    Käterchen kam zur rechten Zeit. Sie trug Kätzi auf dem Arm.
    Der Doktor war plötzlich wie umgewandelt. Er lachte auf vor heller Freude.
Käterchen hatte Wort gehalten. Nun musste sich die ganze Welt verändern.
»Beglückwünscht mich,« rief er, »denn um 11 Uhr wird das Vieh im Landwehrkanal
ersäuft sein!«
    Man drängte sich um Käterchen. Diese erzählte, wie gerissen sie es
angestellt hätte, dass sie unentdeckt hergekommen sei. Der Doktor musste ihr dafür
eine Extratour gewähren. Den Kuss erhielt sie sogar vor Begeisterung voraus. Der
Stadtrat wechselte seinen Rock, um sich beim Ersäufen zu beteiligen. Ganswind
wollte die ganze Gesellschaft rasch in seinem Benzinwagen an den Ort der Tat
bringen.
    »Was hat sie doch für ein blödes Gesicht, Kätzi!« rief der Doktor und schlug
dem Tierchen eine Backpfeife rechts und links, dass es sich geduckt zusammenzog.
    Der Stadtrat wusch sich noch geschwind die Hände, das pflegte er stets beim
Verlassen des Bureaus zu tun. Er erzählte dabei wiederum eine Geschichte aus
seiner Kindheit, wie sie eine Katze zehnmal ersäuften und sie immer wieder
heraus kam, dass sie schliesslich an ein Wunder glaubten. Aber, er werde bei Kätzi
seine ganze gesammelte Erfahrung von damals anwenden, damit sie sofort ersaufe.
    Der Doktor schlug Kätzi immer wieder, als wollte er ihr alle erlittene Qual
persönlich zurechnen. Das Gewissen der andern war viel weniger skrupellos, sie
dachten insgeheim alle an Susanne, was die zu der heimlichen, bösen Tat sagen
würde.
    Der Stadtrat schlug alle Zweifel zurück: »Wenn sie weg ist, ist sie weg.«
    »Wenn sie weg ist, ist sie weg,« wiederholte Ossi. Nun hatte der Stadtrat
den steifen Hut vom Haken genommen, und die Reise konnte losgehen. Der Doktor
liess Käterchen und Hermione bei sich einhängen. Wenn Kätzi im Wasser
untergegangen war, dann wollte er noch einmal die Rückkehr zu Susanne versuchen.
    »Pass auf, Fredi, sie prügelt dich,« mahnte Hermione. Der Doktor wollte davon
nichts hören. Unter grossem Gelächter über die Unternehmungslust des Doktors
setzte sich die Gesellschaft in Bewegung, als - - Susanne hereinstürzte, die
Katze an sich riss, Käterchen einen Stoss gab, dass sie hinfiel, dem Doktor den
Kneifer von der Nase schlug, dass er zerbrach, vor Ossi ausspuckte und den
Stadtrat einer verbotenen Amtshandlung bezichtigte. Zu Hermione sprach sie. »Das
hätte ich nie von euch gedacht!«
    Susanne nahm Kätzi, die infolge der Ohrfeigerei ein ganz verändertes Gesicht
hatte, wild und scheu aussah, auf die Arme, herzte sie, und presste sie an sich.
»Das sind keine Menschen,« sagte sie. »Gestern fielst du in die heisse Suppe und
verbrühtest dich, und heute wollen sie dir ans Leben. Du armes Tierchen.«
Heftige Tränen brachen hervor.
    Käterchen wagte sich noch immer nicht zu rühren. Das machte Susanne wütend.
Sie stiess ihr mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht, dass sie hochsprang und zur Türe
hinausrannte mit den Worten: »Mein Bräutigam kann seine Idee zurückziehen.«
    »Hören Sie, hören Sie?« sagte Ossi. »Der Taifun wird in Mitleidenschaft
gezogen, wenn nicht sofort allgemeiner Friede geschlossen wird.« Käterchen hatte
die Idee gemeint, welche eigentlich von ihr stammte: dass Schellenhauer als der
ganz »Grosse« ausstellte, nämlich die leeren Bilderrahmen.
    »Ich habe keinen Krieg erklärt,« betonte Susanne.
    »Habe ich Krieg erklärt?« frug der Doktor.
    »Niemand hat den Krieg erklärt,« sprach der Standesbeamte. »Der Krieg war in
dieser Ehe ausgebrochen durch eine Katze. Es ist genau wie bei unserem
Weltkrieg: irgend etwas fiel in die heisse Suppe.«
    »Irgend etwas fiel in die heisse Suppe,« wiederholte Ossi.
    »Nur die Katze,« fügte der Doktor mit Nachdruck hinzu.
    »Es ist nicht wahr, was du sagst,« entgegnete ihm Susanne. »Du hast eine
Wut, seit wir die Hochzeitsreise machten, weil ich kein Landhaus mehr habe. Ich
kann aber nicht dafür, dass es im furchtbaren Artilleriefeuer völlig vom Erdboden
verschwunden ist.«
    Endlich gab sich der Doktor Luft, und er brach mit seiner Meinung heraus,
die er bisher in sich verschlossen gehalten hatte. Er rief: »Lügnerin, du
hattest ja gar kein Landhaus.«
    Wenn er nun glaubte, Susanne als Hochstaplerin hierdurch entlarvt zu haben,
so irrte er sich. Susanne lächelte. »Du entlarvst dich, nicht mich. Du bist ein
Flegel. Genau so, wie Williams Bilder echte Nordlandschaften waren, hatte ich
ein Landhaus an der Aisne besessen.«
    Ossi und Hermione fielen nun gemeinsam über den Doktor her. »Susanne hatte
ein Landhaus. William Nordlandschaften.«
    Der Doktor knirschte noch einmal mit den Zähnen, dann schwieg er. Das
Unrecht war, vom Taifun so entschieden, auf seiner Seite. Es schien nun, als
hätte er bisher gar nicht wegen der Katze Groll gehegt, sondern wegen des
materiellen Besitzes von einem Luftschlosse. Das liess er ungern auf sich sitzen,
denn er kehrte stets gerne den Idealisten hervor. Er sprach: »Wenn ihr so von
mir denkt, so will ich noch einmal mit Susanne zurückkehren.«
    Susanne fiel ihm sofort um den Hals.
    »Wann ist das Versöhnungsmahl?« rief der Polizeirat.
    »Hierzu möchte ich auch eingeladen werden, um die Tischrede halten zu
können!« eiferte der Stadtrat Waldeck. »Es ist ein grosses Phänomen, wie der
Friede so schnell ausbrechen kann. Dies werde ich mit einer grossen Replique auf
die Weltlage, bei feurigem Schaumwein, Sie trinken doch Sekt?, in erschöpfender
Grabrede auf den Kriegszustand würdigen. Ich danke Ihnen sehr für die
freundliche Einladung. Zum wievielten Oktober wird das Mahl stattfinden?«
    Zwar hatte ihn kein Mensch eingeladen. Indes wurde der 18. Oktober
festgesetzt. Das Friedensessen sollte diesmal bei Susanne eingenommen werden.
    Die Gesellschaft ging, wie sie war, zur »schwarzen Katze«. Die draussen
harrenden Brautpaare mussten warten, bis Herr Waldeck dort das Frühstück
eingenommen hatte, das mindestens eineinhalb Stunden mit Hin- und Rückfahrt
dauerte, trotzdem er im Wagen Ganswinds fahren konnte.
    Der vermeintliche Gefahrzustand war vorbei. Allein der Keim zur grossen
Taifunrevolution war geschaffen.
    Während im Chat noir bei geschlossenen Fensterläden Hermione mit Ganswind am
Flügel operierte, dass der Stadtrat vergass, als Kopulationsbeamter geboren zu
sein, stand Käterchen in den Taifunsälen, Schellenhauer bei ihr, um sie herum
alle Besucher und Angestellten. Sie hielt eine ketzerische Rede gegen die
Niederhaltung des wahren Künstlers. Sie fühlte ihre Lage stark, weil die
kommenden 10 Millionen davon abhingen, ob Schellenhauer seine Idee zur
Ausführung bringen liess oder nicht.
    Als Ganswind und der Doktor endlich mit ihren beiden Gattinnen aus der
»schwarzen Katze« heimkamen, weinselig und seelenvergnügt, Kätzi in Susannes
Muffe steckend, stob die Volksversammlung im Taifun auseinander. Und man
konferenzte mit Käterchen und Schellenhauer allein, ob dieser denn ein so dummer
Geselle wäre, seine Idee für patentamtlich geschützt zu halten. Solche Idee war
vogelfrei. Allein man gestand ihm gerne seine Bedeutung zu und erhob ihn bald in
den ersten Rang im Taifunhimmel. Auch erhielt er die Erlaubnis, mit Käterchen in
der ersten Weihnachtswoche Hochzeit zu machen. Bis dahin konnte ihre
wirtschaftliche Lage gesichert sein, denn 0,1% von dem Gewinn warf Ganswind
bereitwilligst für den Künstler aus.
    Susanne fühlte, wie sehr Käterchen die Not drückte. Sie zog sich auf eine
Stunde mit ihr in ihre Wohnung zurück. Dort heulte Käterchen grosse Reuetränen in
Susannes Schoss. Susanne war glücklich, dass ihretwegen geweint wurde. Die
Leidenschaft ihres Mädchens war neu entfesselt und diente ihr mit zitternden
Händen. Es war Susanne zuwider, sich nochmals anzukleiden, sie legte sich in des
Doktors Bett und erwartete ihn. Der Schmerz Käterchens brach vor ihr in die
Knie. Schon wieder peinigte man sie nach so kurzer Gnade. Käterchen musste den
Doktor selbst heraufholen. Er kam angerannt, riss seine Kleider herab, und seine
hagere Gestalt hatte den Kneifer auf der Nase, damit seine Augen lieben konnten.
Sein Gefühl war ohne die Augen stumpf, der Tastsinn war in seinen Gliedern
allmählich abgehungert.
    Kätzi schlief in ihrem Bettchen und träumte von den blauen Lichtwellen des
Weltäters. Die Brandwunden schmerzten und versetzten das ganze Tierchen in ein
zuckendes Kreisen.
    Der Doktor fühlte sich stolz auf seine gigantischen Gebärden, zu denen er
von Susanne allmählich gebracht war, und glaubte, das sei Kraft, während die
Tore von seines Weibes Augen aus einer ländlichen Ferne den Garbenwagen
erwarteten, den andere Arme, schöne bronzenbraune Bauernarme geladen hatten.
    Mit vergeblichem Aufwand versuchte der Doktor einen Punkt in die kreisende
Welt zu zentralisieren. Oft gelang es ihm beinahe. Susanne wurde schliesslich
todunglücklich und verdriesslich. Er flehte, warf den gelangweilten Körper herum,
bis endlich ein dumpfes Stöhnen den Raum des Zimmers zusammenzog. Susanne ergab
sich dankbar und entschlief. Der Garbenwagen war in die Tore eingefahren, der
Doktor hatte braune Arme. Ohne diesen Trug erlebte sie keine Auflösung.
    Der Doktor lag noch lange wach. Er glaubte nicht, dass Susanne durch ihn
glücklich wurde. Seine ganze Raserei hielt er für nutzlos verschwendet. Missmut
kreiste der Raum. Die Katze schlief glücklicher als er. Wie ein müder Gladiator
lag er mit aufgestützten Armen und lauschte auf Atemzüge. Er verwünschte die
seinigen. Einmal musste er den rechten Handgriff tun, gegen sich selbst. Er passte
nicht in die kraftglühende Welt. Seine Lebensgleichung hatte einst mit einer
moralischen Formel begonnen; das war verkehrt gewesen. Die Menschheit war
nationalistisch, gesetzlos, existenzheischend ohne klare Wünsche. Wünsche waren
die törichten Erziehungsbeigaben seiner materiell bevorzugt gewesenen Jugend.
Nun merkte er, dass alle anderen Menschen über ihn hinwegschritten. Er fühlte
sich wie von Rädern überfahren. Hätte er doch auch schlafen können wie Susanne!
    Hinter der Wand des Schlafzimmers liebte Schellenhauer wie ein Krösus. Wie
die starren Tannen aus dem Schwarzwaldmoose hervordringen, so erdverwachsen war
sein Kunstgenie mit einer Schwarzwälderin. Käterchen vergass immer wieder rasch
die Leidenschaften, welche Susanne aus ihr herauszuholen verstand, Schellenhauer
verkaufte die Liebe gewohnheitsmässig noch immer wie einst Salzheringe aus dem
Fass draussen im Kolonialwarengeschäft.
    Erst als die brausenden Akkorde von Ganswinds Ritt nach dem Monde von unten
durch den Stubenboden dröhnten, legte sich der Doktor neben Susanne nieder und
schlief mit dem Klemmer auf der Nase ein.
    Die Musik des Taifun schuf endlich die einschlummernde Versöhnung. Die ganze
Welt schlief. Nur Ossi, der Zauberer und Hermione seine Narzisse, waren auf dem
Fluge nach dem Monde. Auf diesem Fluge erblickten sie die Bilder, welche sie
bisher von Künstlern nicht gemalt sahen. Nun wollten sie schleunigst Reichtum
gewinnen, alsdann begann erst das Programm ihrer Kunst, deren Wesen sie jetzt
noch vor der Mitwelt verschleierten. Sie beteiligten sich mit scheinbarer
Überzeugung an der Ausschöpfung der Dummheit einer kunstsüchtigen Menschheit.
Vielleicht kam bald die grosse Erlösung, der Umschwung zu strengster
Gewissenhaftigkeit. Dann suchten sie nicht mehr Müller oder William, sondern die
Rembrandts, die jetzt versteckt lebten, weil sie nicht wagten, mit ihren Werken
hervorzutreten.
    Der Taifun konnte dann liegen bleiben wie eine leere Ballonhülle. Zwischen
Ossi und Hermione war das nicht ausgesprochen, aber von beiden gewünscht und
gefühlt. Wie herrlich war der Augenblick, wo sämtliche Anbeter des Taifun als
Narren gebrandmarkt waren!
    Das Herannahen dieses Augenblicks konnte erwartet werden; bereits zeigten
sich die Anzeichen. Die meisten Werke aus dem 3. bis 15. Rang befriedigten nicht
mehr.
                                     * * *
    Susanne erwachte und sah Alfred neben sich. Sie erschrak und betrachtete ihn
lange. Er hatte das Maul offen und eine dünne spitze Nase, selbst im Schlafe
noch die zwei grossen verlebten Falten neben dem Munde. Wie konnte sie diesen
Menschen geheiratet haben? Sie hatte eine Torheit begangen, dass sie sich wieder
ausgesöhnt hatte. Ein herzschwellendes Gefühl drängte sich in ihre Brust, an ihm
Rache zu nehmen.
    Wer konnte sie eigentlich hindern, ihn wie Luft zu betrachten. Ein üble
Luft, die man mied, so weit es nur möglich war. Sie war von dem Taifun zu einer
Sklavin gemacht worden, und war doch die freie, umherschweifende Susanne gewesen
...
    Das wollte sie wieder sein! Sie reckte die Glieder und verspürte grossen
Tatendrang. Sie klopfte leise an die Wand, hinter der Käterchen schlief.
Dreimal, - da hörte sie die Sprungfedern von Käterchens Bettstelle knacken. Dann
das viertemal. Sie vernahm, wie Käterchen redete, wie sie sich erhob und immer
weiter leise murmelte. Wahrscheinlich dachte sie, sie hätte die Zeit
verschlafen.
    Susanne verliess ihren Mann sachte. Trotzdem bemerkte er etwas, denn er
lallte: »Wa ... was?« und griff neben sich. Aber er schien zu matt zu sein, und
mit einem röchelnden Schnarchlaut schlief er weiter. Susanne machte sich leise
fertig. Kätzi schnurrte um sie herum und erwartete auch für sich die Toilette
mit der Parfümflasche.
    Käterchen musste das Frühstück für Susanne herrichten, dann ging sie los.
Wohin gleichgültig. Bloss einmal hinaus. Freilich, es blühte draussen nicht wie im
Maien, es war sogar düsteres Regenwetter. Aber irgendwo musste sie hingelangen.
    Als sie auf der Strasse ging, ziellos, und neben ihr die Wagen fuhren, die
Menschen rannten, da erschien ihr das Dasein der Welt völlig ohne Sinn. Entweder
wusste nur sie nicht wohin, und alle anderen verfolgten Ziel und Zweck, oder auch
deren Zweck und Ziel waren dumpf und dunkel. In dieser Lage fiel ihr stets ein
grosser Ameisenhaufen ein und die nutzlosen Versuche gelehrter Männer, das
Treiben dieser Tiere in Parallele mit den menschlichen Verrichtungen zu bringen,
- mit dem Ergebnis natürlich, dass all das Gekrabbel der Ameisen mit dem Zweck
erklärt wurde. Das hielt sie für Unsinn, nichts krabbelte mit Zweck. Und wenn
einer geradewegs in einen Beruf hinein lief, so tat er es gewiss nicht, weil er
es wollte. Wenn je ein Mensch solches gewollt hätte, so wäre er einem
verworfenen Hund vergleichbar. Wie trostlos war das Leben durch die Arbeit.
Warum konnte sie jetzt nicht an der Nordküste Afrikas sein! Da brauchte sie
nicht in dem hässlichen Regen herumzupatschen. Sie rief: »Pfui!«, als ihr ein
Windstoss und klatschendes Nass die Kleider hob.
    Hielt sie ihr weiter schnarchender Mann mit der schlaffen Hand an dieser
Kette? Nun einmal energisch! dachte sie. Sie fuhr hinaus zur Baronin von
Büxenstein. Eigentlich hatten ja die Beziehungen mit dieser edlen Dame
aufgehört, aber sie hatte das Gefühl, bei ihr gut empfangen zu werden.
    Sie kam hin, gerade recht, als die Baronin ihren Katzenkindern das zweite
Frühstück reichte. Die Dame erschrak fast, begrüsste Susanne aber sehr
freundlich. Ein Besuch, der die Katze als Symbol trug, war eben stets
willkommen.
    »Ach, die Vergissmeinnichte!« rief sie und streichelte Kätzi.
    »Ja, Kätzi hat etwas Schweres durchgemacht!« klagte Susanne.
    »Aber doch keine ansteckende Krankheit?« die Baronin pfiff, sofort kamen von
allen Seiten die Bedienungen herbei und nahmen die Katzen fort.
    »Oh nein! So taktlos wäre ich nicht, Sie dann zu besuchen,« beschwichtigte
Susanne. »Kätzi hat sich nur gänzlich verbrannt, sie fiel in die dampfende
Suppenschüssel.«
    Die Baronin fiel beinahe in Ohnmacht, mit einem Aufschrei nahm sie auf einem
Polstersessel Platz. »Sagen Sie, ist das möglich? Die Suppe konnte man ja noch
essen. Aber das gute Kind! Es ist ja gerade, als wenn man uns in einen Hochofen
stiesse! Erzählen Sie mir das furchtbare Unglück, Frau Doktor. Vielleicht wird es
nötig sein, sofort in unserer Zeitschrift eine Warnung ergehen zu lassen.«
    »Es ist sehr traurig,« begann Susanne. »Ich lebe wegen Kätzi in
unglücklicher Ehe.«
    Die Baronin fasste ihre Hände - »Dacht ich mir's doch! Damals als wir im
Taifun zusammen waren, begriff ich Sie nicht. Jetzt kann man's ja gestehen.« Sie
liebkoste Susannes Wange. »Aber Sie entzückender Liebling, Sie wissen ja
wenigstens, wo Sie Ihre Freunde haben.« Die Baronin küsste Susanne. »Ich will
offen sein: als mein Mann starb, waren alle meine Lieblinge froh.«
    »Mein Mann wollte Kätzi nachher ertränken.«
    »Uh,« die Baronin stiess einen gellenden Schrei aus, als hätte ihr jemand
einen Dolch in die Brust gestossen. »Hören Sie, das ist ja der tragischste Tag
meines Lebens!«
    »Ich bin ganz trostlos, wo ich mit Kätzi hingehen soll.«
    »Bleiben Sie bei mir, mein süsser Engel!« Die Baronin war ganz ausser sich,
voll Mitleid zu Susanne hingerissen wie wärmender Bratenduft. Dieser strömte aus
der Küche.
    »Wie könnte ich mich anders rächen, als dass ich ihn verlasse!«
    »Vergiften Sie ihn! Er ist ein Mörder!«
    Damit hatte die leidenschaftliche Baronin die Grenzen der Offenheit
überschritten. Und im Verlaufe der nächsten halben Stunde erfuhr Susanne die
fabelhaftesten Geheimnisse, Dinge, welche ihr bisher dunkel und verschlossen
geblieben waren. Der Baron war durch einen ekligen Senf, den man ihm kredenzt
hatte, in Wahnsinn verfallen. Nämlich es war von einer Katze gewesen. In diesem
Wahnsinn hatte er sich aus der Dachluke herabgestürzt. Susanne sollte ebenso
tun. Ein Katzenfeind muss am Ekel sterben!, hiess der Wahlspruch des Klubs.
Susanne hegte die Befürchtung, dass Alfred ihr den Napf ins Gesicht werfen
könnte. Dieser Vorschlag gefiel ihr nicht.
    Die von der lahmen Zuge hatte den Kopf ihres Mannes, während er schlief, mit
einem Sack umhüllt und ihren gefährlichsten Tiger mit hineingesperrt. Der Tiger
tobte in dem Sacke und zerfleischte den Mann vollständig. Da man dem Tier vorher
ein Quecksilberpräparat an die Krallen geschmiert hatte, vergifteten ihn die
Hiebe des wütenden Tieres. Man band ihn nach zehn Minuten auf. Sein Gesicht war
unkenntlich geworden, die Augen fehlten, und die Nase hing in blutigen Fetzen,
der Schädel sah wie skalpiert aus. Er sprach mit dem Munde noch die
furchtbarsten Verwünschungen gegen seine Frau aus, dann verschied er unter den
qualvollsten Schmerzen. Susanne hatte so weite Augenfenster erhalten, dass sie
nur noch auf halbem Stuhle sitzen konnte.
    Die Baronin fuhr fort und erzählte die Geschichte der Frau Brandeisen, die
ihren Mann ihrem Katzenzwinger überantwortete. Sie hatte ihre Katzen rasend
gemacht, so dass sie den Mann zerfleischten, nachdem er in erbittertem Kampfe
unterlegen war. Einige ihrer Tiere hatte sie dabei eingebüsst, aber der Mann war
beseitigt. Und die hungrigen Lieblinge frassen ihn auf.
    Susanne hatte sich halb erhoben, sie fürchtete sich vor der Baronin. Diese
Taten konnten unmöglich wahr sein. War die Baronin selbst wahnsinnig? Die
Baronin küsste Susanne und erklärte ihr ihre Liebe, weinte und entblösste ihre
Brust.
    Susanne gab sich den Anschein inniger Zuneigung. Da lachte die seltsame
Frau, zog sie an der Hand mit sich, streichelte sie und deutete ihr an, was sie
vorhabe. Die Baronin verschwand in ein Nebenzimmer. Vor dem nahenden Abenteuer
verspürte Susanne eine Angst, die wie ein Faden durch die ganze Länge ihres
Leibes gezogen wurde. Als Katzenbesitzerin konnte die Baronin jedoch nichts
Böses meinen, allein das Wissen von neuen Dingen fürchtete sie.
    Ein kurzer Augenblick der Überlegung, dann ging sie zum Ausgang. Unter der
Tür, die verschlossen war, wankten ihre Knie. Sie musste zurück. Da stand nun die
»Freundin« mit einem beleidigten Gesicht, körperlich wie eine parodierte Eva,
legte sich auf einen Diwan, und zieselte ihren Katzen. Dann ging das Geschmalze
los. Die Kater hatten feste dicke Köpfe, und wie sie dieselben immer wieder auf
sie einrieben, stöhnte die Baronin immer stärker. Susanne verschluckte die
Flüssigkeit, die sich in ihrem Munde bildete. Schliesslich stiess die Liegende mit
allen Extremitäten, und als sie das Lager nicht mehr aushalten konnte, sprang
sie auf. Jetzt stürzten die Tiere an ihr in die Höhe, hingen mit ihren Krallen
an ihrem Gesäss und anderen hervorragenden Gebirgsteilen. Es lief Blut. Die
Baronin drehte sich wie ein surrendes Dampfkarussell. »Hamilkar! Hamilkar!
Hamilkar!« rief sie dabei unausgesetzt. Da bemerkte Susanne, dass sie dasjenige
Tier meinte, welches sich in sie festgebissen hatte. Die Baronin schien den Tanz
nicht mehr zu ertragen und stürzte mit wilden Blicken zur Türe hinaus. Susanne
wurde vor Spannung mitgerissen.
    Es tat einen schweren Plumps, in ein grosses Wasserbecken. Am Ufer standen
Dienerinnen; zu diesen schwammen die Tiere hin, während sich die gnädige Frau
auf die in der Mitte sich erhebende Sandinsel rettete, wo sie todesmatt liegen
blieb. Susanne hätte eines Opernglases bedurft, um die dünnen Blutfäden zu
sehen, die durch den Inselsand flossen. Die Baronin stöhnte noch leise: »Oh
Hamilkar!«
    Hamilkar hörte seinen Namen mit rollenden gelben Augen, gross wie Monde. Das
schwarze, prächtige Tier schlug mit dem Schwanze. Man konnte sich vor ihm
fürchten wie vor einem Tiger. Seine Wärterin nahm ihn mit grosser Vorsicht, denn
seine Leidenschaft war aufs Höchste herausgefordert. Er hätte jetzt die tollsten
Streiche gemacht. - -
    Susanne erhielt jetzt beinahe einen Wink, dass sie nun gehen könne. Der
Ausgang war frei. Als sie durch den prachtvollen Garten ins Freie trat, schien
die Sonne. Sie glaubte sich in einem verwunschenen Schloss. Es drängte sie nun
vorwärts ... nur nach Hause, um auf ihren eigenen Diwan zu fallen und
nachzugrübeln. Auf dem Hohenzollern-Damm überfuhr ihr Strassenbahnwagen ein
kleines Kind.
    Dieser Erdball! Susanne lag völlig todkrank zu Hause, sah zur Zimmerdecke,
und in den farbigen Kreisen, Punkten, Flächen über ihr war das Bild Christi, das
sie bisher noch nie entdeckt hatte. Immer wieder verschwand die Gruppe, und
immer wieder wurde das Kreuz auf den Ölberg gestellt. Kätzi hatte sie von sich
gestossen. Der Doktor war unten im Taifun und sprach unwichtiges Blech von
ordinären Kaufmannsgeschäften. Käterchen stand mit Schellenhauer unter der
geöffneten Türe und flüsterte mit ihm. Sie machten sich sogar gegenseitig zu
schaffen, gerade als wenn Susanne tot da läge.
    Der Doktor kam gegen Nachmittag herauf und frug, ob Susanne heimgekommen
wäre.
    Da lag sie. Er erschrak über das wirre Gesicht. Er fühlte einen stechenden
Schmerz, Eifersucht, quälende Gewissheit, dass sie sich an ihm vergangen hatte. Es
war das Gesicht des offenen Verrates, das hier vor ihm starrte. Dass sie nichts
sprach, war das Furchtbarste. Er ging endlich auf sie los und würgte sie:
»Gestehe, wo warst du?«
    »Bei Baronin von Büxenstein.«
    Der Doktor stammelte undeutliche Laute: »O ... o ... i ... da da.« Die Laute
schienen aus den Versen eines Dadaisten zu stammen. Er wusste: diesmal belog sie
ihn. Warum zaudern! Einfach durch den Fernsprecher anfragen, ob seine Frau
draussen gewesen war! Was konnte es ihn noch angehen, dass er so seine Eifersucht
deutlich verriet. »Grunewald 15 600.« »Jawohl bitte.« »Hier Doktor Bäumler.
Entschuldigen sie gehorsamste liess meine Frau nicht ihre Muffe bei Ihnen
liegen?« - - - »Gnädige Frau ist gar nicht hier gewesen.«
    »Hä. Hä.« Jetzt war sie überführt. Sie belog ihn. Susanne lachte vor
Erregung. Warum belog man da draussen ihren Gatten? Sie fasste einen plötzlichen
furchtbaren Entschluss. Sie schnellte vom Diwan hoch, drang auf den Doktor ein
und zerdrückte ihm beide Augengläser bei der Umarmung. »Wirst du das dumme Vieh
bleiben, wenn ich Kätzi beseitige?«
    Den Doktor traf beinahe der Schlag. Wie? Was war das?
    Susanne war schon zur Türe hinausgewitscht. Sie verriegelte sich bei
Käterchen in der Küche, Kätzi hatte sie mit einem derben Fusstritt
vorausgeschleudert.
    
    Der Doktor schöpfte Verdacht. Dieser Entschluss konnte nur durch einen
anderen, durch einen wahren Geliebten, in seine Frau hineingetragen worden sein.
Ihm zuliebe hätte sie das nie getan. Eine Zeitlang stand er vor der
geschlossenen Küchentür, die Hände in den Hosentaschen und den leeren
Kneiferrahmen schräg auf dem Nasenbein. Dann lachte er, die geheime Freude
unterdrückend, und schlüpfte in den Taifun hinab.
    Hermione amüsierte sich sehr darüber, dass sich Alfred für betrogen hielt.
Sie lachte ihn herzlich aus, und der Doktor starrte, während ihn Hermiones Spott
im Genick kitzelte, auf die Katze des grossen Müller vom Bilde des Mannes mit dem
umgekehrten Kopf. Er fand eine fabelhafte Ähnlichkeit zwischen sich und dem
dargestellten Menschen. Er wieherte rasch auf. Hermione lag auf dem zierlichen
kleinen Sofa und wälzte sich. Nun kam Ossi herein, hoch begeistert von den
lachend lüsternen Schwingungen Babys auf den phantastischen Mustern des
Sofastoffes. Er kniete sich vor ihr hin. Hermione wurde stille, und sie
liebkoste das Haupt Cheops, das sich in ihren Schoss bohrte. Ihre Augen glitten
über das spiegelglatte Parkett, auf dessen Weite in einem entfernten Raum ein
zweiter Mensch ging, dessen Schritte stachelten, weil es ihm verborgen war, was
im Raum geschah.
    Im Raume war Liebe, lief heisse Eifersucht, hingen wundervolle Bilder in
schmelzender Wirrnis. Ossi frug in ihrem Schosse nach, ob der Taifun über die
Klippe der tollsten Probe auf die Blindheit der Menschheit glücklich
hinwegkommen würde. Hermione tröstete ihn und sagte: »Wenn wir nur reich werden,
dann lassen wir den Taifun gerne scheitern. Du wirst dann mit mir an den
dänischen Strand ziehen, ich werde dort malen und zur Laute singen, während du
der Welt die endlich grosse Dichtung gibst. Aus meinem Schosse empfängst du dein
Genie. Wir leben nicht wie Doktors, gleich Katze und Hund. Wir leben ganz eins;
zwei sind eins, und eins sind die zwei. Diesen Spruch möchte ich auf unser
Strandhaus geschrieben sehen. Einladen werden wir dortin ganz neue Menschen.
Susanne kann mit Alfred in den Berliner Höfen Konzert geben, oder wie sie sonst
ihr Leben fristen mögen. Wir taten alles für sie, wenn sie aber nicht selbst die
Kraft haben, ihre Ehe auszunutzen, um hochzukommen, so sollen sie nur fallen,
wenn wir uns zurückziehen.«
    »Oh, Süsse!«
    »Spiele.« Hermione sank mit bleichen Wangen zurück und verlor den Glanz
ihrer Augen auf die Dauer von fünfundsiebenzig Minuten.
                                     * * *
    Der Doktor bekam den Veitstanz, als plötzlich der Parkettfussboden unter ihm
von Ossis Totenmarsch erschütterte.
    Susi hörte es oben in der Küche. Bei ihr war blutige Wirklichkeit, während
sich in der Etage unter ihr Narren Phantomen hingaben.
    Käterchen hatte aufgejubelt vor Entzücken, als Frau Doktor ihr die
Verhängung der Todesstrafe über Kätzi mitteilte. Sie hatte nicht nur
aufgejubelt, sondern war Susanne um den Hals gefallen. Dadurch war ein heftiger
Kampf zwischen ihr und Susanne entbrannt, in dessen Verlauf Käterchen gänzlich
in Grund und Boden geschlagen wurde. Sie lag bis aufs Hemd zerrissen unter dem
Küchentisch, und Kätzi leckte die blutenden Steinfliesen. Wenn Kätzi starb, so
musste Käterchen wenigstens halb tot geschunden sein. Das war logisch.
    Aber nun wendeten sich die blutigen Gedanken Kätzi zu. Waren Kätzis Augen
blau? Nein. Sie waren Tyrannen. Waren ihre Lippen rot? Nein. Sie waren grausam
und Entsetzen erregend. Hatte sie einen Schnurrbart? Nein. Das waren
Stachelschweinsborsten. Hatte sie ein zartes Fell? Nein. Das war entsetzlicher
Schimmel. Susanne sah das Tier, wie es das Blut Käterchens leckte, endlich so,
wie es der Gemahl wohl monatelang gesehen hatte. Sie nahm den Feuerhaken und
fuhr auf Käterchen los, die sich noch ächzend am Boden wälzte: »Willst du sie
endlich töten!«
    Jetzt fuhr Käterchen auf, löste wild ihre Haare, packte mit den Krallen zu,
fasste Kätzi am Schwanze und trat ihr mit dem Fuss auf den Kopf. Es krachte, - und
da lag sie schon leblos auf dem Küchentisch. Susanne drängte sich an Käterchen
und suchte Schutz vor dem schaudererregenden Anblick. Der rotbeschmutzte
Seidenpelz und das dürre gestreckte Hälschen! Die herausgequollenen
Schellfischaugen! An Käterchen lief der Schweiss hinab, und Susanne fand es sehr
interessant.
    Von dem Kadaver abgewandt, kümmerte Susanne sich um die Lebende. Sie
schmierte überall lindernde Salbe hin und freute sich, dass es Käterchen wohl
tat. Die wimmerte und schrie: »Oh, Schellenhauer! Schellenhauer!«
    »Rufe doch, Susanne!«
    »Susanne! Susanne! Fressen Sie lieber die Katze!«
    Susanne öffnete die Türe. Sie ging durch die Wohnung und überzeugte sich,
dass der Doktor nicht da war.
    Nun kam das Abziehen. Die animalischen Triebe waren still geworden. An
Kätzis Geschlecht war erbärmlich wenig.
    Aber sie wurde bestimmt zum Versöhnungsmahl vorgesetzt. »Der Leib, von dem
ihr esset!« Wenn Käterchen nicht völlig schwieg, so verhiess ihr Susanne
Geisselung mit einem Schlehdorn. Zur Täuschung ging die Frau Doktor und ihr
Mädchen mit einem Korb aus. Angeblich sass Kätzi darin, um im Kanal ersäuft zu
werden. Der Korb war aber leer, und die irdischen Überreste der heiligen Katze
hingen in der Speisekammer, von welcher der Schlüssel abgezogen war.
    Als der Doktor vom Taifun zurückkam, war die Küche leer, die Steinfliesen
waren blank gescheuert. Die Speisekammer war abgeschlossen? Er konnte keine
Geheimnisse ertragen. Er öffnete sie mit einem Brecheisen. Da hing ein kleiner
Hase. Er schnalzte mit der Zunge. Das Fell hatte das pfiffige Käterchen zum
Ausgang lieber mitgenommen, dafür gab ja auch der Kürschner noch ein paar
Groschen.
    Dem Doktor war seine Naseweisheit leid. Susischen hatte ihn mit einem
Leckerlein überraschen wollen. Er heulte beinahe vor Rührung über das liebe
Weibchen. Frauen taten eben Dinge anders, als es Männer begriffen. Susischen
hatte ihn nicht betrogen, ganz gewiss noch niemals. Sie hatte das Häslein gekauft
und deshalb die Baronin von Büxenstein erfunden. Es wurde ihm so wohl, dass er
pfiff wie ein aufgezogener Star, dem die Frühlingsluft in die Kehle strömt.
    Sah man eigentlich die Spur vom Brecheisen an der Speisekammertür? Er nahm
ein Läppchen und fummelte daran herum, dass er sich wie ein
Warenhausfensterputzer vorkam.
    Der Doktor empfand, dass er durch die Ehe an innerem Wert noch nicht
gewachsen war. Er nahm sich vor, seiner Expression einen ordentlichen Ruck zu
geben. Er musste Susanne ganz anders gegenüber treten. Von heute ab! So wie er
sich bis jetzt gegeben hatte, war es eigentlich eine unmögliche Aufgabe für
seine liebe Frau, Respekt vor ihm zu haben. Vor ihr hatte er, seit er den Hasen
in der Speisekammer hatte hängen sehen, einen ungeheuren Respekt. Das war die
Liebe. Liebe war Respekt, einfacher gesagt, Achtung. Er nahm sich vor, Susanne
seine grosse Achtung vor ihr künftig mehr zu zeigen. Er erschauderte vor seiner
eigenen Physiognomie, die er bis jetzt seinem Weibe gezeigt hatte. Gott sei Dank
musste er sich einen neuen Klemmer kaufen. Aha! Das war ein Einfall.
    Wenn Susanne zurückkäme, wollte er sie mit einem neuen Kneifer überraschen.
Er zog sich an und ging in die ortozentralmächtige Kneifergesellschaft. Der
Laden war ja nicht weit. Das Neueste waren Modelle, bei denen die Gläser durch
improvisierte Stege über der Nase gehalten wurden. Die Stege waren unsichtbar,
und die Gläser tanzten vor den Augen, surrend wie Libellenflügel. Durch die
ungeheure Geschwindigkeit des Surrens kam die Objektivität einer Linse zustande,
und andererseits waren sie infolge der tausendumdrehlichen Sekunde unsichtbar.
Der Erfinder dieser Augengläser war auch im Taifun aus und ein gegangen und
hatte seine Erfindung durch Hermiones persönliche Schossgüte patentiert erhalten.
Er hiess Ortos, d.h. auf deutsch Richtung, endete jedoch trotzdem im Siechenheim
vom guten Geist. Solches Libellenflügelpaar vor den Augen kostete mit Motor, den
man unter dem Haarscheitel verborgen trug, während man die Akkumulatoren in der
Westentasche hatte, dreitausendfünfhundert Mark, aber man war normalsichtig,
ohne für kurzsichtig gelten zu müssen. Und nichts entstellte. Der Apparat war
phänomenal. Wenn man morgens Toilette gemacht hatte, so setzte man den Kneifer
auf und sah zuerst entsetzlich aus mit der Maschine auf der Nase. Sobald sie
aber die nötige Tourenzahl hatte, verschwand sie den Blicken gänzlich. Es blieb
nur ein geheimnisvolles Surren in der Umgebung solcher Menschen.
    Rechte Traute hatte er im Laden nicht, den Kauf zu tun. Er liess durch den
Geschäftsführer Schiller 5533 in den Fernsprecher schreien. Darauf meldete sich
Clotilde. Sie sollte noch einmal die gütige Fee über seine Entschlüsse werden.
Während er 27 Minuten mit Probieren verschwjetzte, hatte Clotilde Zeit zu nahen.
Sie kam und lächelte den Doktor freundlich an, hoch erfreut, dass sie ihm Hebamme
werden durfte. Clotilde fand die Sache bis auf die dreitausendfünfhundert Mark
gigantisch. Namentlich würde der Doktor bei seinen Vorträgen grosse gesteigerte
Wirkungen erzielen, wenn künftig seine Augen zitterten. Aha, daran hatte er noch
nicht einmal gedacht! Er gab Clotilde ein dankbares Küsschen, verstohlen hinter
die Haarlocke über dem Schwanennacken. Wenn er seine grossen Ekstasen rasen liess,
so konnte er durch rascheres oder langsameres Fahren der Augenmaschine die
Gläser unsichtbar oder leicht vibrierend sichtbar machen. Das war ein
Riesenschlager!! Wenn des Vortragsgenies Augen selbst in surrende Bewegung
gerieten! Wie musste das Publikum in starrer Angst vor ihm an die Wand genagelt
werden! Dann hiess fortab, den Taifun besuchen: sich auf die Schrecken der
Illusion mit narkotischem Gegengift gefasst machen. Clotilde war so gütig und
stieg zu Büffel hinauf; dieser schob den Scheck über das Geld durch ein
Schubladenfenster. Er war gerührt, Clotilde am Werke zu sehen. Diese Beiden
hätten auch viel besser zusammengepasst als die eulenäugige Glaukopis und der
glaukopisäugige Uhu.
    Nun war die Sache so weit gut. Clotilde wartete solange in der Wohnung, bis
Frau Doktor zurückkam. Es war eine Tortur für den Doktor, in dieser Stunde nicht
schwätzen zu können, was er gerne geredet hätte. Die Lippen blieben stumm,
während die Herzen redeten - -.
    »Was denkst du Freundin über die surrenden Gläser?«
    »Sie gefallen mir, weil ich sie zuerst empfand, ganz besonders.«
    »Was wird aber Susanne dazu sagen?«
    Da kam sie. Der Doktor stand vor ihr.
    »Was brummst du so?« frug ihn Susanne.
    Zur Antwort stellte der Doktor die Maschine ab, da stand er plötzlich wie
ein Vampyr vor ihr. Susanne riss ihm den ganzen Apparat vom Kopf und aus der
Tasche und warf den ganzen Maschinenklemmer zum Fenster hinaus.
    »Dreitausendfünfhundert Mark! Bist du wahnsinnig?«
    »Ich sollte doch wohl mein Urteil fällen!? Also erlaubte ich mir's. Was
spielt Geld bei armen Leuten für eine Rolle? Ob ich dreitausend zum Fester
hinauswerfe oder dreissigtausend ist hier ganz einerlei. Von jetzt ab wirst du
überhaupt ohne Glas bleiben.«
    Der Doktor lief umher und stiess sich sofort eine Beule am Türpfosten auf die
Stirne. Er schrie auf. Clotilde bat für ihn um Einsehen. Susanne lachte bloss.
Das erste Mal fühlte sie, was diese Frau für eine Bedeutung im Leben Alfreds
hatte.
    »Ich finde Sie hässlich,« sprach Clotilde.
    »Meinen Sie im Gesicht oder im Betragen?«
    »Im Betragen.« - Clotilde ging.
    Und der Doktor war blind.
    Susanne seufzte. Da hatte sie geglaubt, nach Kätzis Tod würde sonniger
Friede sein. Nun war eine neue Ehenot. Wie konnte sie einen kurzsichtigen
Menschen heiraten?!
    Eigentlich hätte sie an ihm froh werden können! Wenn er sich die Blindheit
gefallen liess, so war er auch anderen Frauen nicht mehr gefährlich, höchstens
wenn sie ihm auf drei Zoll naherückten.
    »Aber ich muss doch etwas sehen!« wimmerte Alfred. »Hab doch Mitleid, ich
stosse mir ja Kommodenecken wie Bajonettstiche in den Bauch und Türpfosten wie
Beilhiebe in den Kopf.«
    Susanne war ohne Mitleid. Sie hatte wahrhaftig alles für den Mann geopfert.
Sie hatte Kätzi ersäuft; nun sollte er dafür auch die Püffe der körperhaften
Umwelt aushalten!
    Susanne fand das Gesicht des aufs Geratewohl in die Welt stierenden Menschen
ausnehmend blöd und stupid. Sie setzte sich tiefbetrübt auf den Diwan, weil sie
seinetwegen die Katze hingegeben hatte. Aber das war immer so: wenn man ein
Weltopfer darbrachte, so geschah es für den Kretinen ebenso wie für den
schönsten Adonis. Eine Ehe war ja entsetzlich! Unter ganz normalen Menschen
mochte sie denkbar sein; aber wenn der Mann alle Fehler hatte wie ein
Abdeckerpferd ...
    Es war möglich, dass sie ihn verkraftete, wenn sie sich einige Mühe gab, den
Widerwillen zu überwinden. Aber das war leider notwendig. Paradiesisch war daran
nichts. Sie hatte einmal die Vorstellung gehabt, die Ehe sei eigentlich eine
Allegorie vom Paradies. Um Gottes willen! Da war ein Mann viel zu sehr Geissbock.
Das Leben war eine Art Fasching. Unter ein paar Fetzen Webstoff gestikulierte es
mit allerlei Fratzen und Gebärden.
    Sie begriff. Diese fratzenhaften Gestikulationen waren der Expressionismus.
    Der Doktor ballte sich mit ihr auf der Chaiselongue zu einer verkneteten
Kugel. »Es wäre aber viel schöner,« meinte er, »wenn ich dich sehen würde.«
    Er empfing einen innigen Kuss und andern Tags einen altmodischen Klemmer zu
zehn Mark und fünfzig Pfennig.
    Clotilde trauerte, wie übel es dem armen Doktor bei Susanne erging. Da
hatte er sich insgeheim gefreut, sie mit einer Neuheit zu überraschen. Und nun
trat sie so schroff gegen ihn auf. Das Mitleid mit dem Doktor, der in so
unglücklicher Ehe lebte, sickerte durch den ganzen Taifun hindurch gerade zu der
Zeit, als sich die innere Verständigung der Beiden anbahnte. Es war stets so
gewesen: wenn sich zwei Menschen feindlich gegenüber standen, so hielt sie der
Leumund gewaltsam zusammen. Wenn sie sich wie Eins waren, so suchte sie der
Klatsch zu spalten. Dies rührt weniger von der Verschiedenheit der Menschen her
als von der Unwissenheit, wie sich die Ereignisse im Weltenall ablösen. Ganswind
allein blieb Philosoph. Er beharrte darin, dass die Ehe Anderer keinen Menschen
sonst was anginge. Er war ein gesunder Reaktionär. Der Liberalismus vertrat die
Anschauung, dass das Privatleben im modernen Staatswesen mehr und mehr auch die
Öffentlichkeit anginge. Wie falsch diese Anschauung war! Mord und Totschlag
wurden darum doch nie beseitigt. Die Einmischung der Öffentlichkeit wäre
berechtigt gewesen, wenn jeder Akt zwischen den Beiden auch zu öffentlicher
Kenntnis gelangt wäre. Ganswind hielt die Allwissenheit, die in der Kontrolle
durch die Öffentlichkeit bestand, mit Recht für ein Unglück.
    Wie unsinnig ist ein allwissender Gott. Kann doch jeder Autor schon zur
Erkenntnis durchdringen, dass alle Schöpferkraft durch das Wissen gehemmt wird.
Wenn Sokrates sein Nichtwissen bekannte, so war es weniger Bescheidenheit als
die Erkenntnis der Gottnähe, die im Unwissen ruhte. Ganswind war im persönlichen
Umgang ein sehr angenehmer Mensch. Leider aber war er ein zu grosser Wisser, um
der Weltapostel zu werden, als den ihn Hermione so gern gesehen hätte.
    Wichtig und nicht gleichgültig war es für Ganswind nur, wie sich die
Bäumlersche Kunstehe zum Expressionismus stellte. Das Hinauswerfen des
expressionistischen Augenglases war wiederum eine stark feindselige Handlung
Susannes. Sie bewies fort und fort, dass sie der neuen Kunstentwicklung nicht
grün war.
    Und was für eine geniale Abstraktion von der Kurzsichtigkeit war es doch,
wenn das Übel der Augen durch das Brummen der Augenmaschine in eine Äusserung der
Stimmorgane transformiert wurde! Gerade wer die Transformation in der Kunst
nicht verstand, der sollte sich lieber aufhängen. Doch wer konnte wissen, ob
Susanne nicht Sinn und Verstand, Vernunft und allen Witz nur in vertieftem Masse
besass, um die Welt transformieren zu können!
    Eben daher kam es ja, dass Susanne mit so verächtlichen Lippen im Taifun
umherging: weil ihre Kunst Praxis war. Bereits hatte Fredi einen Hasen gesehen,
wo Meister Reineke nur eine Katze erkannt hätte. Susanne hätte viel lieber im
alltäglichen Leben ein unklareres, phantasievolleres, abstrakteres Dasein gehabt
als in der Kunst. Gerade dass die modernen Künstler so spiesshafte Gesellen waren,
so nüchtern, so normal, - das gefiel ihr nicht. Sie glaubte schliesslich an
Fredi, aber nur, weil sie ihn als ungewöhnlich blöde erkannte. Der Künstler
konnte nur das Besondere sein, wenn er sich im Leben wie im Fach als Gegensatz
zu der Herkömmlichkeit erwies. Susanne führte darüber erbitterten Streit mit
Hermione. Hermione fasste ihre Kunstlieferanten wie Tischler und Schlosser auf,
die gerne vesperten. Susanne schwärmte für solche, die Heuschrecken nicht
verschmähten.
    Fredi frass gewiss Fliegen.
    Seit Kätzi tot war, spielte sie mit ihm sehr niedlich. Er musste das Mäulchen
öffnen und eine Fliege kauen, die sie für ihn erhaschte. Sie band ihm seidene
Schleifchen an die Ohren, um den Hals und an das Schwänzchen. Sie freute sich an
jedem Härchen, das auf seinem Leib wuchs. Unter dem Arme konnte man ihm Zöpfchen
flechten, und wo immer solche Vergnügung möglich war, genoss sie diese fanatisch.
Der Doktor war von dieser Veränderung sehr überrascht. Nun sah er erst, wie viel
Liebe ihm das Katzenvieh gestohlen hatte! Nun war er's selber. Mitunter schrie
er auch auf, vor Weh, wenn die Schmatzerei zu toll und schmerzhaft wurde.
Käterchen äusserte dazu in melancholischen Apoteosen: »Geradeso hat Kätzi
manchmal aufgeschrien und ist ihr entlaufen, dann kam sie allemal zu mir in die
Küche.« Susanne blitzte vor Lust. Liebe und Quälen war ihr dasselbe.
    Was war nun Liebe? Der Doktor lag da mit geflochtenen Zöpfen und winselte,
war aber zur Philosophie genötigt, weil er selbst nichts daran machen durfte.
Liebe war ein Teleskop. Die Menschen waren so verschieden, weil alles Liebe war.
Wenn einer einen Betrug verübte, so geschah es gewiss aus Liebe. Wahrhaftig, den
Doktor dämmerte die Erkenntnis: Liebe, Geschlecht, Gott. Susanne war eine
leibliche erdgewordene Madonna.
    Nur unter dieser Erkenntnis war Tröstung über die Weltgeschichte möglich.
Konnte man nicht selbst unter Spinoza verzweifeln und ein Narr werden, in der
Anbetung Gottes als Affe angesehen zu sein?! Nur die Erkenntnis des Geschlechts
als Gotteskraft bot Trost. So allein brauchte man über den Lustmörder den Stab
nicht zu brechen, den man bisher brechen musste, ohne zu verstehen warum. Wie
wussten doch alle Menschen, dass die Geschlechtsgier hinriss! Der menschliche Beruf
war also nur, dem Geschlechte die richtige Leitung zu geben, dann war man der
Gefahr der Todsünde entronnen. Dass Susanne ihn als Katze auffasste, war
vielleicht aus seiner ungenügenden Männlichkeit zu verzeihen. Und noch war zu
bedenken, dass jede Balgerei mit dem Gesetz der Natur ihren Abschluss fand.
    Es fieberte in ihnen nur die Sucht, die Grenzen zu überschreiten, denn
sobald sich bei Susanne ein gewisses Kopfstechen einstellte, gab sie sich
reumütig und unterwürfig der männlichen Gewalt des Gatten.
    Die Tage bis zum Versöhnungsfeste, nach welchem sich Stadtrat Waldeck
täglich erkundigte, damit es ihm ja nicht entwischte, waren den konzentrierten
Versäumnissen seit der Rückkehr aus Belgien geweiht.
    Das Bewusstsein, versäumt zu haben wegen der Ränke zwischen Hund und Katz war
in Beiden so stark, dass sie nicht mehr richtig aufstanden. Es war ein ewiges
Weiterwälzen zu den Abenteuern neuer Erfindungen. Käterchen besorgte den
Haushalt, oft unter Tränen über die Unordnung, die wie Unkraut um sie
emporschoss. Sie brachte den Kaffee bald ans Bett, bald ins Bett, bald zum Diwan;
bald assen die Herrschaften im Badezimmer zu Mittag, bald im Wintergarten, einmal
halbangetan, das anderemal in feierlichem Paradieskostüm, hergestellt bei
Schneider und Traiteur. Alle Hemden wurden von Frau Doktor durchprobiert. Feine
Pantöffelchen waren zur Auswahl geliefert worden. Und ganze Parfümlager kreisten
unter Stühlen und Kissen. In diesem Wust sollte sie noch wirtschaften.
    Hermione war einmal »intermistisch« eingeladen. Aber Käterchen wunderte
sich, dass es nachher noch genau so aussah, nachdem sie untergemistet hatte.
    Am Tage ehe die Gäste kamen, wurde erst gewaltsam Halt gemacht. Dem Doktor
waren die Sehnen aller Glieder wie ausgerenkt. Jetzt als die Ruhe eintrat,
spürte er es erst. Er war wirklich in einen Pelikan transformiert. Dieser
offenkundige Expressionismus seiner Frau! Wenn da noch jemand was einzuwenden
hatte! Dem schlug er die Zähne in den Rachen.
    Susanne war die Höchste unter den Weibern. Neben ihr war Hermione ein blosser
Schatten.
    Jetzt war es erwiesen, warum jener Dichter sang: »Oh nie verspürte Qual!«
Das sollte nie verspürte Liebe heissen. Der Kitt zwischen ihm und ihr war fest.
Das konnte durch Spülung im heissesten Wasser nicht mehr auseinandergehen. Um so
rühriger waren die von aussen wirkenden spaltenden Kräfte.
    Hermione war entrüstet, dass Susanne über ihren Zustand innere Freude
empfand. Und Ganswind fand den Doktor unverantwortlich leichtsinnig.
    Hermione wollte Susanne zwingen, ihren eigenen Hausarzt zu konsultieren. Sie
sollte nur einmal hören, wie materiell dieser eine Grossstadtehe auffasste. Und
Künstlerehen durften erst recht keine Kinder haben. Sie sassen noch auf den Abend
im Café Tamtam, wo sie zufällig den Arzt beim Kaffee trafen. Die Sprache kam
sehr bald auf die Kinderzeugung. Da war der Arzt auf dem richtigen Gebiet.
    Er war selbst Literat und regierte die Menschen nach seiner Meinung
psychologisch gleich gut wie chirurgisch. Er trug eine knallrote Krawatte in der
Farbe des Arterienblutes der Sozialdemokraten, und hiess Täubler. Er erzählte von
den schauerlichsten Ehen seiner Krankenkassenklienten, wo fünfzehn Kinder
vorkamen und der Mann alles vertrank, die Mutter ihre Kinder nähren musste unter
Stütze auf das Bibelwort von den Vögeln unter dem Himmel, die der himmlische
Vater doch nicht Hungers sterben liess. Susanne und Fredi lagen sich im Café
öffentlich schmachtend in den Armen. Er mit grossen blauen Augenringen und sie
mit geschwollenen Augenlidern.
    Während Dr. med. Täubler noch bis um drei Uhr morgens bei Hermione weilte,
hatten sich Doktors ganz unüberzeugbar in ihre eigene Wohnung zurückgezogen.
    Sollten Ganswinds nicht noch am Tage des Mahles selbst absagen? Machte es
nicht den Eindruck, dass der Taifun die Direktion über das Ehepaar verlor? Es
musste überlegt werden. Der Doktor war zwar ein unvermissbares Organ zur
Propagierung der taifunistischen Geistesautoren, aber wie, wenn er eines Tages
überraschend mit Forderungen hervortrat? Glücklicherweise führte Büffel über den
ganzen Wirtschaftsverbrauch Buch. Im schlimmsten Falle waren doch zwei Drittel
seiner Forderungen bereits vorgeschossen.
    Über diesen bangen Lebensfragen gaben sich in der darübergelegenen Etage
Bäumlers frivole Naturküsse.
    Der Polizeirat hatte zufällig ähnliche Sorgen. Er kam am Vormittag in den
Taifun und sagte, dass er sich die Sache wohl überlegt hätte. Er möchte am
liebsten das Essen absagen.
    Stadtrat Waldeck hingegen war so aufgeregt, dass er fast nicht fähig war, die
zur Ehe drängenden Paare zu kopulieren.
    Da surrte der Fernsprecher.
    »Wer dort?«
    »Stadtrat Waldeck.«
    »Ah, guten Morgen, Herr Stadtrat, Sie wollen gewiss absagen?!«
    »Ich? Nein. Das wäre der schändlichste Unfug im Lichtkreis der Erdenwonne.
Wenn das Versöhnungsmahl nicht stattfindet, so müsste ich der Katze habhaft
werden, um sie dennoch zu ersäufen.«
    »Die Katze ist bereits ersäuft!«
    »Ja, was wollen Sie denn? Warum dann kein Versöhnungsmahl?«
    »Bäumlers werden Nachwuchs kriegen.«
    »Ich werde sofort hinkommen. Schluss.«
    Was wollte denn der Stadtrat schon jetzt hier zu tun haben? Das Essen war
erst auf fünf Uhr nachmittags angesetzt. Ganswind und der Polizeirat hatten
erkundschaftet, dass der Doktor zur Gärtnerei unterwegs war, um die Tischblumen
einzukaufen. Käterchen liess Beide mit leiser Türklinke zur Frau herein.
    Die Beiden wollten Susanne dahin bringen, den Doktor als ernste Liebschaft
aufzugeben. Der Polizeirat versuchte ihr weis zu machen, dass eine ganz
unerwartete politische Ermittlung neu gegen sie im Zuge wäre. Die Liebe zu den
Freunden könnte sofort alles niederschlagen. Susanne gab sich den Anschein
grosser Angst und lieferte sich ihnen aus, zunächst auf »fest«, zur Barfaktur
erst nach der Mahlzeit, denn der Doktor konnte alle Augenblicke zurückkehren.
    Oskar war ein schöner Mann.
    Löwe noch viel schöner.
    Susanne erfuhr, dass ihr gesetzlicher Ehegatte ein Charlatan wäre. Ihm Treue
zu halten, war vollkommen unnötig. Susanne wurde in ihrer Entwicklung nur durch
ihn gehemmt. Ihre Feindschaft und ihr Unverständnis gegen die taifunistischen
Menschheitsbestrebungen und Kunstphänomene würde sich auf der frei irrenden Bahn
eines Kometen in Nebelschwaden auflösen.
    Susanne, der grosse weibliche Komet im Taifunhimmel! So war ihre Person
eigentlich gedacht gewesen. Zur grossen Enttäuschung des Taifun hatte sich aber
die Belgierin nur in ausgesprochener Neigung zur Philisterei und Hausbackenheit
gezeigt.
    Als Taifunkomet konnte sie viel Schmuck von Perlen und Brillanten mitreissen.
Es standen viele schwerreiche Knöpfe auf den einzelnen Ebenen der Ringe, die
danach lüsterten, von Susanne eine Gnadenliebe zu erhalten.
    »Was tut dann Hermione?«
    Ganswind war mockiert. Hermione war die Sonne, das wusste doch jeder. Was
brauchte man also zu fragen. Vor ihr brauchte nur jeder Wünscher die Wolke
wegzuziehen, dann schmolz sie ihn mit ihren zehrenden Strahlen nieder.
    Susanne wallte das Blut. Sie kämpfte es aber in die Brustöhle zurück, aus
der es aufsteigen wollte, ihr Gesicht zu röten. Sie sollte nur Komet sein und
Hermione Sonne. Ha, da tat sie nicht mit. Sie versprach den Beiden, die sie im
Bade überrascht hatten, wie einst die bösen Pharisäer die grosse Susanne, sich
häufig erkenntlich zu erweisen, aber in ihrem Innern glühte nun erst recht der
Trotz.
    Sie wollte es sich eher zum Ziele setzen, den Taifun kläglich scheitern zu
machen. Sie musste die beiden Schwerenöter dazu bringen, ihre Katze aufzufressen,
dann hatte sie alles in der Hand.
    Es war den Beiden schreckliches Schmerzgefühl, dass sie sich an der
Lieblichen mit den Augen Genüge tun mussten. Schon zogen sich die würzigen Düfte
des Bratens durch die Wohnung; wie viel schöner wären sie aber noch in die
Nüstern gestiegen, wenn der Hitze der Gedanken eine Kühlung erlaubt worden wäre.
    Susanne blieb für jetzt fest. Sie wollte aber, wenn sie darum gewürfelt
hätten, wer als Erster Gnade finden sollte, nicht nein sagen.
    Ossi küsste ihre linke Hand. »Alfred ist ein wirklich unbedeutender Mensch.«
    Der Polizeirat küsste die Rechte. »Susanne verdient mehr Verständnis, als es
der Doktor ihr entgegenbringt.«
    »Wie glücklich bin ich, dass ich so mächtige Freunde habe. Seit ich das weiss,
werde ich auch den Mut finden können, mich als die grosse Gnadensonne im Taifun
anbeten zu lassen.« Mit diesen Worten drückte sie Beiden die Hand. Und als die
Türe hinter ihnen zugeflogen war, lag sie dem von hinten eintretenden Käterchen
in den Armen.
    »Sorge nur, dass du deinen Schellenhauer in Sicherheit bringst! Wenn der
Taifun zusammenkracht, könnte es deinen Herzensfreund mit erschlagen!«
    »Nee. Da brachen Sie keine Bange zu haben, Frau Doktor, der ist bereits
draussen in der Küche.«
    Susanne fand in der niedrigen Realität ihres Mädchens Erquickung. Dieses in
Kunst und Trug balanzierende Hochleben war ihr nicht dauernd erträglich. Sie
sehnte sich nach einem festen Boden. Der Geruch des Bauern von Clairemont war
ihr in der Nase. Sie wusste schon Rat. Wenn dies Kartenhaus hier zusammenfiel, so
nahm sie Fredi mit nach Belgien, besonders da jetzt Aussicht war auf beruhigte
und sichere Zustände. Sie wurde ganz gerne Bäuerin. Wenn der Doktor einmal die
Ackerfurche als Säemann hinablaufen würde, so konnte er ja, wenn es ihm
Vergnügen machte, dazu Taifundeklamationen treiben. Allein dann, das wusste sie,
vergass sich das alles auch in seinem kleinen Köpfchen, und er liess lieber die
Lerchen schmettern und die Vögel pfeifen. Der Mensch war schweigsam viel
königlicher und grösser!
    Käterchen musste ihre gute Frau aus den Händen gleiten lassen. Draussen lüpfte
Schellenhauer einen Deckel.
    Inzwischen war Waldeck bei Hermione eingetroffen. Er sprach voll
Hingerissenheit Improvisationen auf ihre Augen, ihre blonden Ponylöckchen und
die weiche Kratzbürste, welch sie ihm hinhielt. Er vergass, wie vielen sie schon
begegnet war mit ihren weit aufgerissenen Augen, schwarze Schrecken brauend,
ganz Hingebung wollend, und seine leidenschaftliche Zunge, Verse stammelnd, im
Kehlkopf gurgelnd, schlug aus dem Halse. Hermione war vernichtet; solch
wählender Liebe war sie noch kaum unterworfen gewesen.
    Ganswind und sein Rat stiegen die Treppe aus der oberen Etage herab. Oskar
hatte den Eindruck, als ob sich der Stadtrat gerade von den Knieen erhoben
hätte. Ein Abdruck auf den Knieen war nicht feststellbar, weil überall
staubfreie Teppiche lagen. Ein Vakuumreiniger war sehr vorteilhaft, er entob
von allen konventionell notwendigen Gewissensbissen.
    Das lichtblaue Kleid Hermiones lag in anderen Falten über die Schienbeine,
etwa als streckten sie die Zunge nach dem Polizeirat heraus. Ossi ging hin und
küsste Hermione sanft das Händchen. Es zitterte noch leise nach von der grossen
Erschütterung. Waldeck hatte ein nasses Gesicht, er rieb sich aufgeregt mit dem
Taschentuch darüber hinweg und behauptete, sehr gerannt zu sein, um eventuell
noch bereits gefasste ungünstige Beschlüsse über das Gastmahl umstossen zu können.
    Ganswind grinste, schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter und
schnalzte um ihn herum. Dagegen hatte der Polizeirat eifersüchtige Wolfsaugen.
Waldeck war aufs Innigste eingeführt. Hermione lobte ihn sehr, dass er den weiten
Weg zum Zenit des Taifun in vierzehn Minuten hatte zurücklegen können.
    Löwe war wütend auf seinen unscheinbaren Kollegen.
    Hermione lächelte schnippisch. In der Kunst kam es eben nicht auf den
trügerischen Wuchs der Gestalt an. Man lebte doch endlich im 20. Jahrhundert und
musste wissen, dass nur der innere Mensch galt. In Leipzig lebte sogar ein so
scheusslicher Mensch, der aussah wie ein in seiner Kindheit überfahrener
Dattelmann. Dieser war fähig, in Hermione Scheidungsgedanken keimen zu machen.
So besonders war seine Kunst zu lieben. Freilich war er geschäftlich zu dumm,
ein grosses Wesen um sich zu hüllen. Ossi gewann durch seine übrige geschäftliche
Tätigkeit immer wieder vor allen Männern den Vorzug.
    In der nächsten Woche kam die grosse Tournee durch ganz Deutschland. So etwas
konnte nur Ganswind leisten. Der Ruhm des Taifun, aus dem Nichts geboren, wirkte
bereits faszinierend. Und das Glück dieses Zustandes tat Hermiones
Heroinengestalt so wohl überall, wo sie hinkam. Sie brauchte nur zu lächeln, und
alle Welt wusste: »Diese ist's!« Susanne blieb zu Hause, der Doktor hatte so
lange Urlaub.
    Nun ging man eben, weil's versprochen war, zu Bäumlers hinauf und ass mit
scheinbarem Temperament. Waldeck zitterte vor Naturhunger. Die Natur war ihm
kein stinkendes Ragout. Wenn er über solche Worte geistiger Leuchten nachdachte,
so war er tief unglücklich. Er liebte noch aus natürlichem Antrieb und musste
nicht erst wie ein Auto mit Benzin angelassen werden. Er frass noch mit Zähnen
aus Menschenbein.
    Was für Narren die Modernsten waren! Sie glaubten wirklich, mit der Natur
fertig zu sein. Und doch war das raffinierte Gestammel und Wortgetöse mit der
Zunge der Natur geredet. Gab es denn nicht bloss Geheimnisse der Natur, die sich
nicht offenbaren wollten?
    Waldeck betrat die vom Bratenduft durchwebte Wohnung als Einziger mit
Entusiasmus. Und Susanne fühlte es; sie drückte ihm so die Hand, dass er schon
an Übermorgen dachte, ehe er mit der Gegenwart fertig war.
    Man setzte sich rundum, und alle assen. Auch Susanne. Das hätte Käterchen nie
gedacht, dass Susanne wie eine Katze die andere auffressen konnte. Sie bekam
Furcht vor ihr und erinnerte sich an die vielen entsetzlichen Qualen, die sie
durch Susanne hatte ausstehen müssen. Das war ihr eigentlicher Charakter:
grausam bis zur Menschenfresserei. Käterchen verfolgte abseitsstehend jeden
Bissen, den Susanne tat, mit entsetzten Augen. Ein Tierchen, das man so
abgöttisch geliebt hatte, selbst zu verzehren, das schien in Käterchens Augen
Kannibalismus.
    Aber assen nicht alle Christenmenschen von dem Leibe des Herrn? Wer eine gute
Phantasie hatte, und gerade die Heiligen waren solche Menschen, der fühlte die
Knochen. Und Susanne biss ohne Scheu auf die Kreuzknochen Kätzis.
    Der Doktor behauptete, solches »zwischen Kaninchen und Waldhasen« liegendes
Fleisch noch nie gegessen zu haben. Allmählich hatte die ganze Gesellschaft die
verrückten Geistesideen vergessen und ass mit natürlichem Kiefer. Löwe und
Waldeck schielten giftig einander auf ihre Teller. Es gab Rotkohl dazu. Waldeck
schnaubte und öffnete seinen Hosengurt mit unauffälligem Griff unter der
Serviette. Löwes Wangen färbten sich rot wie Scharlach. Clotilde war die
einzige, die noch Geist genug hatte, ihre Beobachtung auf den Doktor zu lenken.
Sie hatte während des glühenden Appetits der Tafel Gelegenheit, Susanne und den
Doktor gegeneinander zu vergleichen. Wie ein lieber Junge sass er da, während sie
an Susanne doch stets einen selbstbewussten herrischen Zug erkannte. Doch wie nun
der Wein heiss machte und das zweitemal serviert wurde, glaubte auch sie an die
Versöhnung. Büffel war vergnügt, ungefähr in der Mitte seines Hauses zu sitzen.
Solche Mieter waren eben etwas ganz anderes; sie hatten Takt und Verständnis zu
bedenken, dass ein Hausbesitzer nicht nur ein Etagenbewohner sein, sondern sich
wirklich in seinem Hause wohl fühlen wollte.
    Das Mahl endete mit einem feurigen Toast des Polizeirats auf Herrn und Frau
Doktor. Waldeck ass noch und musste sich deshalb den Lorbeer der Rede entwinden
lassen. Allein er hatte es auch nicht nötig, sich darin mit Löwe zu messen. Sein
Rednerruhm war in zwanzig Bänden Grab- und Festreden, Verlag Kuttler und Sohn,
zur Genüge festgestellt.
    Und nun hätte kein Mensch erfahren, durch wessen Leib man sich versöhnt
hatte, wenn nicht der zwischen Susanne und Käterchen verabredete Zwischenfall
eingetreten wäre.
    Susanne frug: »Herr Stadtrat, wünschen Sie noch einmal die Platte?«
    »Gewiss, gewiss, wenn es möglich ist.«
    Darauf erklärte Käterchen: »Es ist nichts mehr da.«
    Nun ging ein grösserer Disput los, ob das Tier ein grosser oder ein kleiner
Hase gewesen war.
    In diesen, heftige Formen annehmenden Streit griff Käterchen ein. Sie sagte
so kurz hin: »Bei uns im Schwarzwald gibt es auch keine grösseren Katzen.«
    Dieses Wort schlug wie eine Bombe ein. Alles sah sich an, kaute und strich
sich die Zunge ab. Grabesschweigen herrschte.
    Man sah vor allen Dingen auf Susanne. Die sass völlig gleichgültig, doch mit
hochgerötetem Gesicht. Wenn es das gewesen wäre, so hätte sie doch wohl nicht
mitgehalten.
    Fünf Minuten später lag der Doktor jammervoll verprügelt am Boden. Und die
Damen wälzten sich in raufendem Gemenge.
    »Ich bin unschuldig,« wimmerte der Doktor, »ich wusste von nichts.«
    Schellenhauer, schmächtig aussehend, aber bereits trainiert seit dem an ihm
verübten Totschlag im Taifunsalon, kam herein und stiess die Haufen befreiend
durch kräftige Fauststösse auseinander. Susanne wurde von Käterchen, die Püffe
gewöhnt war, beschirmt und beschützt.
    So traf Alfred allein das Pech, für diese Art der Versöhnung büssen zu
müssen. Waldeck konnte es nicht fassen. Er allein blieb von der ganzen
Gesellschaft der Künstler. Er transformierte mit Eigensinn »felis« in »lepus«.
    Die Hauswirtin war am meisten alteriert über Käterchen. Sie hatte geglaubt,
Käterchen hinterbringe ihr alle Wirtschaftsgeheimnisse und Ehevorgänge. Und nun
zeigte sich, dass dieses Mädchen so treulos war in ihrem Hintertreppenklatsch.
    Hermione hätte Susanne am liebsten die Augen ausgekratzt. Sie verliess als
Erste die Wohnung. Hierüber musste beraten werden! Dieses belgische Ungeheuer
erlaubte sich, die Taifunisten vor aller Welt herabzusetzen. Durch Waldeck wurde
es öffentlich bekannt, weil dieser Affe behauptete, hartnäckig, dass er mit
Bewusstsein »lepus leporis« gegessen habe. Hätte man sich wenigstens einmütig
gegen diesen verruchten Scherz gewehrt!
    »Was geschieht mit dem Doktor?« frug Hermione ihren Gemahl, dem sie Blicke
voll Wut zuwarf, weil ihm, dem alles gelang, nicht die vorzeitige Wissenschaft
von dem Verbrechen geworden war.
    »Was weiss ich!«
    Der Doktor war ja selbst hereingelegt worden. Er hatte von seiner Todfeindin
mindestens dreihundert Gramm auf dem Teller gehabt!
    »Was tut man mit Susanne?«
    Der Polizeirat deutete mit aufgeblasener Brust in die Vergangenheit. »Riet
ich nicht oft, gegen die Ausländerin einzuschreiten?« Jetzt war es nicht mehr
möglich, sonst wurde es amtlich bekannt, dass er »Katze« gegessen hatte.
    »Und Schellenhauer?« Er befreite sogar den Übeltäter vor den verdienten
Schlägen. Für morgen war seine Ausstellung angesetzt. Hier ging nichts mehr
rückgängig zu machen. Oh, wieviele geheime Feinde hatte der Taifun! Es war
notwendig, dass ausser dem Polizeirat, der den Aussendienst der Behörde gegenüber
versah, noch ein zweiter gewonnen wurde. Ein Kriminalpolizeirat, welcher den
Taifun im Innern säubern sollte.
    Hermione prophezeite den furchtbarsten Zusammensturz, wenn nicht sofort
etwas geschah. »Alles Übel kommt von Susanne,« sprach sie. »Wir haben es immer
gefühlt und gedacht, sie ist innerlich gegen die Kunst; und wir behielten sie.
Also liegt der Fehler gar nicht an Susanne, sondern an unserer Gutmütigkeit.«
    Ganswind hatte dumpfe Sorgenfalten auf der Stirne. Er sah aus wie Napoleon,
als er auf der Flucht aus Moskau in Dresden ankam. Ganswind sah eine verlorene
Schlacht. Wie gewann er ein neues Heer?
    »Ist die Sache denn so tragisch?« Clotilde blieb allein bei kalter
Besinnung.
    »Gewiss ist es tragisch. Jede Revolution hat so begonnen. Auf einmal, an
einem kleinen Ding, hat man erkannt, dass sie da ist. Es fragt sich, ob Ossi
morgen ausstellen kann. Aber wenn er es nicht tut, so ist es genau so schlimm,
dann schreit man Feigheit. Ich möchte die verruchte Person ertränken!«
                                     * * *
    Susanne musste ihren Mann gewaltsam von Torheit zurückhalten. Er wollte in
den Taifun hinabgehen und sich entschuldigen. Entschuldigen!, nachdem er den
Leib voll hatte. Und wie Ganswind ihr vorher zugesetzt hatte, das konnte sie ihm
nicht einmal erzählen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Korridortüre
abzuschliessen und den Schlüssel an sich zu nehmen.
    Susanne setzte ihren Gemahl gefangen.
    Der Doktor war trostlos, er sah die ganze aufgebaute Gegenwart und die
Zukunft zusammenstürzen. Wenn man die helfenden Hände von ihnen zurückzog, so
sassen sie nackt und bloss auf der Strasse. Susanne lachte. »Ein Künstler von
deiner Qualität sitzt niemals auf der Strasse!«
    »Ein Künstler wie ich sass auf der Strasse.«
    »Weil du ein Dummkopf warst, aber jetzt bin ich da, ich werde schon für dich
zu sorgen wissen.«
    »Du für mich?« Wie trostlos war er. Wie traurig war sein Schicksal, dass Er
es nie war, der für andere sorgen konnte. Früher waren es Freunde, die ihn vor
dem Schlimmsten bewahrten. Jetzt zeigte sich neben ihm sein herrisches Weib.
Aber auf sie vertraute er nicht. Sie hatte das wahrscheinlich noch nicht
mitgemacht: ein ganz vogelfreies Dasein.
    Susanne blieb unerschütterlich. Sie wusste genau, was den früheren Misserfolg
ihres Mannes verschuldet hatte. Man konnte ihn sogar verprügeln, und er hielt
sich noch für den Schuldigen.
    Susanne setzte sich an den Schreibtisch und schickte Käterchen mit einem
Brief hinab. Sie verlangte für ihren schwer blessierten Gatten Schmerzensgeld.
Der Doktor war rasend, dass sie so aller Freundschaft ins Gesicht hieb.
    »Fredi schweig'!«
    Der Erfolg war überraschend, nicht für Susanne, sondern für den Doktor.
Käterchen kam mit einem Scheck auf die Diskontogesellschaft zurück. Es waren
zehntausend Mark angewiesen.
    »Da hast Du es,« triumphierte Susanne.
    Der Doktor griff sich an den Schädel und wusste nicht, woher sein Weib ihren
Verstand hatte.
    Susanne war sogar entschlossen, eine vollkommene Erpressung durchzuführen;
sie wollte sich hinsetzen und hinabschreiben: »Nicht genug, ich verlange das
Fünffache«. Aber da schlug er ihr den Federhalter aus der Hand und warf ihn zum
Fenster hinaus.
    »Sie geben dir alles.«
    »Aber wie kann man so rücksichtslos sein!«
    »Weisst du, wie jene zu dir wären?«
    »Susanne wir sind Menschen.«
    »Eben deshalb.«
    Nun konnte man die Weltlage freilich verschieden betrachten. Susanne ahnte,
wie sich Hermione mit Oskar beflüsterte, dass jetzt jede Noblesse gegen den
Doktor Schweigegeld bedeutete. Andererseits erkannte der Doktor darüber hinaus,
dass sich die Beiden auch freuten, wenn sie Schweigegeld geben konnten. So band
man sich allerdings nach Susannes Metode wieder selbst die Hände, obgleich man
dabei gewann.
    Was scherte das Susanne! Sie trieb Realpolitik. Sie hatte nun ihrem Mann
bewiesen, dass er unpraktisch war. Der Doktor scheiterte an zu viel Überlegung.
Frischweg zugestossen, wo etwas zu krapfen war, das war vernünftiger.
    »Fredi, du hattest Glück, dass dich das Schicksal mit mir paarte!«
    »Glück?« Der Doktor stammelte es mit ganz unerhörter Verzweiflung. »Ich
hatte etwas ganz Ideales in dir zu finden gehofft.«
    »Und nun fandest du etwas ganz Gemeines.« Susanne lag ihm mit glutroten
Wangen an der Brust. Der Doktor sah sie an und erkannte eine grosse Welt durch
die Spitzbogenfenster ihrer Augen.
    »Du bist gross,« flüsterte er.
    »Nein du,« entgegnete sie. Diese Schmeichelei, denn Susanne sah in
Wirklichkeit diese Grösse nicht, bezog der Doktor auf seine physische Stabilität.
Er lächelte und verspürte die Wirkung des genossenen Bratens. Im Zimmer wurde es
dunkel. - Eine Zwietracht konnte nach dem Leichenschmause nicht mehr entstehen.
Besonders merkte der Doktor, dass er als Junggeselle oftmals weniger gehungert
hätte, wenn er die Vorurteile gegen gewisse Fleischarten, die ohne Marken
erhältlich waren, überwunden hätte.
    »Soll ich mir eine neue Kätzi holen?« frug ihn Susanne.
    Der Doktor vergass vor Schreck über die Frage, an die Zukunft zu denken, und
begattete sie mit unverantwortlichem Leichtsinn.
    »Was machst du? Fredi!«
    Der Doktor wurde es zu spät gewahr.
    »Wenn es bis jetzt noch zweifelhaft war, so ist es nunmehr gewiss.«
    »Susanne, hasse mich deswegen nicht!«
    »Fredi, komm herab, deswegen lieb ich dich.«
    Sie bekannten sich wie zwei hilfesuchende Flüchtlinge zur Natur. Die Natur
war wirklich kein stinkendes Ragout. Sie war das Axiom des Geistes. Er und sein
Weib hatten im Unbewusstsein einen geistigen Menschen gezeugt.
    Für Susanne war der erste Teil ihres Lebens abgeschlossen. Wie tausende Male
waren die Pumpenstösse des Herzens zwecklos gegangen, war es in Brüssel gewesen,
Paris oder Berlin. Und in diesen zuckenden zweiundvierzig Sekunden waren alle
die zwecklosen Takte als ein Nichts vergangen und als ein zählbares Etwas das
Neue erstanden.
    Susanne wusste, dass sie dem Doktor gehörte. Er war ihre Heimat. Alle gehabten
Freunde fuhren wie weggespuckt aus ihr.
    Sie tröstete ihren Mann nun gänzlich. »Vergiss Fredi, die Welt ist nicht der
Taifun. Der Taifun ist nur ein winziges Zweckchen in der das All füllenden
Natur.«
    »Das All bist du. Weib.«
    »Was ist Hermione?«
    »Eine arme Phantasie.«
    »Eine zur Unfruchtbarkeit verdammte Mutter.«
    Von unten drangen die Töne einer wehklagenden Musik. Susanne und der Doktor
horchten auf. Beide empfanden ein tiefes Mitleid mit den andächtig dem Spiele
sich Hingebenden. Sie sprachen es nicht gegeneinander aus, sie entschliefen nur
in ihrem leise wehenden lauschendem Atem, ohne die körperliche Vereinigung
jemals zu verlieren. Was er dachte, dachte sie, und was sie träumte, träumte er.
Über das gezeugte Zwischenglied wogte das Blut in einem Kreise.
    Es war, als stünden die Augen vor ihnen, mit denen Ganswind vom Flügel auf
nach Hermione sah. Hermione stand mit stolz gebogenem Nacken; ihre Augen hatten
einen hassenden, verachtenden Ausdruck. Man sollte nicht glauben, dass die
Feindschaft sie um ihre Existenz brachte. Ihre zarte Hand glitt über Ossis
breite Stirn, und ihre Lippen pressten einen heissen Kuss auf diese Stirne. Der
Hexenmeister weinte, seine Musik schluchzte auf. Diesmal standen sogar die
Hausbewohner auf. Sie hielten es nicht in den Betten aus. Als stächen von unten
lauter spitze Nadeln durch die Matratzen, so waren diese Akkorde. Was hatte der
Taifun zu klagen! Noch nie war solch tiefe Empfindung mit diesen grandiosen
Tonballaden erstanden. Das ganze Haus fühlte sich mitfühlend und
freundschaftlich hingezogen.
    Büffel kam mit seiner Alten herab.
    Er fand Ossi weinend und die tröstende Hermione. »Was ist denn geschehen?«
    »Fragen Sie das nicht! Fragen Sie nur, was wird denn geschehen?«
    »Wird Ihr Kunstpublikum gegen Sie Front machen?«
    »Wir sind darauf gefasst.«
    »Sie sind gefasst? Aber wenn Sie gefasst sind, so müssen Sie doch vorzubeugen
wissen. Wird mein Grundstück in Lebensgefahr schweben? Herr Ganswind, spielen
Sie nicht so tragisch, sonst begehen meine Mieter samt und sonders Selbstmord.
Dann ist mein Haus verrufen, und kein Mensch wird es mehr betreten wollen! Es
gibt verschiedene solche Häuser in Berlin, die gänzlich leer stehen. Man
verwundert sich darüber, aber es ist gerade, als wenn sie den Aussatz hätten.«
Der Hauswirt war ausser sich.
    »Herr Rechtsanwalt, seien Sie getrost, wenn ich untergehe, so gehen Sie mit
unter,« sagte Ganswind mit rauh wieherndem Lachen.
    »Und Sie lachen? Ich will nicht untergehen! Sie müssen aus meinem Hause. Ich
werde die Polizei gegen Sie aufbieten. - Hängt Ihre Furcht mit jenem
Schellenhauer zusammen? Bäumlers Käterchen erzählte meiner Frau von dem
ungeheuren Schwindel.«
    »Wir schwindeln nicht! Das Publikum schwindelt, indem es nicht offen und
ehrlich zu sein wagt. Daran habe ich bis jetzt verdient.«
    »Daran werden Sie alles verlieren. Polizei! Polizei! Ich werde nicht mit
verlieren.« Büffel stürzte noch in tiefer Finsternis auf das Polizeipräsidium
und bat um das Verbot der morgigen Ausstellung. »Ganswind ist ja wahnsinnig,«
sprach er zu seiner Alten, »nun soll er erkennen, dass ich sein wahrer Freund
bin. Ich lasse ihn nicht mit offenen Augen in den Abgrund stürzen. Jetzt hilft
nur das Verbot. Die Zensur ist gut, wenn sie künstlerische Existenzen vor der
Vernichtung durch das Publikum rettet! Glaub es mir, Natalie!«
    Natalie stand leicht bekleidet, den Hals zwischen die Achseln gezogen, neben
ihrem Manne.
    Das Polizeipräsidium war schlaftrunken und wollte nichts von dem nächtlichen
dringenden Antrag wissen. Das konnte erst übermorgen entschieden werden.
    Büffel war verzweifelt. Morgen, heute am Sonntag sollte die Ausstellung
sein. Oh, diese Ämter sollten in den Boden versinken! Stets waren sie als
Schädlinge vorhanden, niemals wenn man sie dringend gebrauchte. Löwe! Löwe! Es
fiel ihm Löwe ein. Er fuhr mit Nachtdroschke nach dem Westende, wo Löwe
neuerdings wohnte.
    Löwe knurrte wütend: »Lassen Sie mich schlafen! Die Sache ist vollkommen
geregelt.«
    »Ja, Lieber, ahnen Sie denn nicht die furchtbare Gefahr, in welcher der
Taifun schwebt.«
    »Exmittieren Sie Bäumler!«
    »Den Doktor soll ich exmittieren? Einen anständigen Menschen, der nächstens
Familienvater wird? Nein, dazu werde ich mich nie hergeben. Der Staat wird auf
seine Seite treten.«
    Natalie klapperte vor Kälte wie ein Totengerippe. Der Ruin ihres Hauses
stand schrecklich vor ihr. Büffel sah und hörte ihr klapperndes Frieren. Er
schwitzte vor Not und Pein. Was sollte er tun? Sollte er morgen sein Haus
verschliessen? so dass niemand herein konnte und die Ausstellung besuchen. Das war
die letzte und beste Idee. Er trank um viereinhalb Uhr in der Früh, daheim
angekommen, mit Natalie eine Flasche Kirschgeist, so dass sie sich versehentlich
umschlangen und in gemeinschaftlichen gleichen Träumen einschliefen. Allein es
ergab sich nichts als die gemeinsame Idee der Hauszinsen.
    Das Haus lag endlich in Ruhe. Doch die nachtleuchtenden Augen der Eule sahen
noch immer zwei Menschen in nicht schlummerfindendem Harme.
    Ossi und Hermione sassen nebeneinander unter dem Bilde des grossen Müller. Der
umgekehrte Kopf des Mannes machte riesenhafte Anstrengungen, gerade auf den
Rumpf zu kommen.
    »Hast du eine Heimat?« frug Ossi.
    »Meine Eltern haben mich verstossen.« Dazu nickte das Bild Müllers. Alt
bekannte Tatsache.
    »Vielleicht gibt es doch eine himmlische Gerechtigkeit.«
    »Wenn wir ehrenvoll untergehen, so werden wir Gnade finden.«
    »Dann gibt es neuen Aufbau.«
    »Wie würdest du neu anfangen wollen?«
    »Ich würde wieder mit Müller beginnen.«
    »Müller ist wahrhaft gross.«
    »Schellenhauer ist ein Lump. Dass er sich dazu hergab, sich auf solchen
Humbug einzulassen!«
    »Schellenhauer wird dabei gewinnen. Er wird sein Tun als Rache für die
nichtgefundene Anerkennung rechtfertigen.«
    »Und dann?«
    »Dann wird er grosse Anerkennung finden.«
    »Bei wem?«
    »Bei den andern, die uns verfolgen.«
    »Dann sind aber die andern dasselbe, was man uns vorwarf zu sein.«
    »In der Kunst gibt es nur Feindschaft und Glaube.«
    Bumms! Da schnappte plötzlich der pendelnde Kopf des umgekehrten Müller in
seinem Wirbel. Und als die Sonne zu dem Hinterfenster des Hofgebäudes in den
Müllersalon hereinschien, erwachten Ossi und Hermione mit starren, kalten
Gliedern. Sie erhoben sich ohne einen Gedanken und legten sich zu Bett.
    Der Sonntag der siebenunddreissigsten Ausstellung ging über den Erdball,
zunächst ohne auffällige Anzeichen.
    Aber gerade die Tage, die so unauffällig begannen, hatten dicke Enden.
    Die anständigsten unter den Hausbewohnern gingen zur Kirche, wo immer noch
gepredigt wurde. Susanne selbst hatte eine fromme Anwandlung. Sie trat mit
Alfred unter einer goldenen Kuppel ein. Hier gewann sie aber nicht, sondern
verlor sie. Es war ja unmöglich, dass es so vielerlei Götter gab.
    »Mein Gott sieht anders aus,« sprach der Doktor und zog Susanne nahe an
sich. Er sah ihr tief in die Augen, dass es sie durchschauerte. Da verstand sie
ihn. Sie gaben sich gegenseitig das Versprechen, an dieser Religion gemeinsam
festzuhalten.
    Die Menschen strömten in grossen Mengen aus den Gotteshäusern. Nun sollte man
bloss wissen, warum sie dortin geströmt waren. Damit man fünfundneunzig Minuten
des Tages umgebracht hatte. Etliche mochten in eine weihevolle Gemütsstimmung
verfallen sein. Aber war diese zur Überwindung der harten Lebensdrangsal je
nützlich?
    Das Eigentümlichste fand der Doktor in der Gepflogenheit, allein die Kirchen
als Baudenkmäler zu gestalten. Warum gab es nicht auch Wohnhäuser, die als
Kulturdenkmäler den Zahn der Zeit aushalten konnten?
    »Werde darüber nicht melancholisch!« sprach Susanne.
    »Doch, mein Liebchen, lass mich einige Augenblicke darüber nachdenken. Es ist
sonderbar, dass von den Häusern der modernen Grossstadt in späterer Zeit unmöglich
noch ein einziges stehen kann. Das heisst, sonderbar ist es nicht, sondern sehr
begreiflich. Sonderbar ist nur, dass alle jetzt stehenden Häuser keine Häuser
sind, sondern Häuser, immer nur die Häuser sind des alten deutschen Stils.
Unsere ganze neue Kultur wächst eben nicht auf dem Boden, sondern alles fährt im
blinden Nebel herum, aus der Luft und Phantasie geboren, die keine Phantasie
ist. Ich wette,« setzte er plötzlich zusammenzuckend hinzu, »die Bilder Müllers
werden sich länger halten als der liniensichere Sauhaufen, den die Anerkannten
zusammenschmieren.«
    »Errege dich nicht, Fredi!«
    Sie kamen dem Taifun näher. Man spürte es schon von weitem. Hier wehte immer
der Südost.
    Menschenansammlungen gab es hier stets. Das war nicht mehr verwunderlich.
Allein als sie ins Haus hineinwollten, erschraken sie. Es war verschlossen. Oben
wehten die Flaggen aller Nationen. Der grosse Frühjahrssalon war eröffnet.
    Die Menschen wollten alle hinzuströmen, ihr Eintrittsgeld loszuwerden. Sie
trafen Freunde und Bekannte, die gleichfalls hineinwollten. Bemerkte denn
Ganswind davon gar nichts?
    Der Doktor, der sich unter dem Plebs stehend nicht lange ertragen konnte,
rief: »Natürlich, gestern hat er eine Katze gefressen!« Er schrie es mit vollem
Ärger.
    »Wer hat eine Katze gefressen?« Sofort verbreitete sich der Ruf, die Frage,
wie ein Lauffeuer.
    »Der Taifundirektor.«
    Nun war die Geduld der Menge zerrissen. Einige kletterten an den
Hausschildern empor, bis sie die wehenden Flaggen greifen konnten. Sie rissen
und zerrten, schwangen sich wie die Affen in die Räume des Taifun, Fenster
zertrümmernd. Ein tolles Gebrüll der Menge brauste um das Haus. Der Hauswirt
schrie oben mit geballten Fäusten in den Weltenraum, der nichts von seinen
Wünschen verstand.
    Es war auffallend. Der Taifundirektor war nicht zwischen seinen Bildern. Wo
steckte er? Einige Wilde drangen in das Schlafzimmer ein. Hermione fuhr aus dem
Schlafe empor: »Die Affen!«
    Ossi wurde wach. »Welche Affen?«
    »Herr Direktor hören Sie denn nicht? Sehen Sie denn nicht?«
    Ossi fuhr in die Beinkleider, seine Augen flimmerten durch die
schräggeschliffenen Okulare. Hermione legte die Perücke auf den Porzellankopf.
Wie haarsträubend war es, dass man sie so gesehen hatte! Ossi war von dem
erlebten unfassbaren Schrecken noch ganz wirr. Er packte nacheinander die
Schellenhauerschen Werke, bestehend aus leeren Gipsrahmen, und warf sie zum
Fenster hinaus auf die Köpfe der Menge.
    Nun geschah das Wunderbare. Das Volk murrte gegen die wilden Zerstörungen
von Kunstwerken. Der Taifundirektor gehöre ins Narrenhaus, schrie man von unten,
weil er Kunstwerke, die er mit grossem Eifer gesammelt hatte, selber vernichte.
»Roheit! Gemeinheit! Katzenfresser!«
    Diese Wendung war glänzend. In Hermione zuckte ein Strahl von Hoffnung auf.
Der Mensch war verdammt, aber die Kunst war gerettet. »Glänzend, glänzend,« rief
sie und stürzte sich zum Fenster hinaus. Sie wurde von begeisterten Freunden
aufgefangen, damit sie ihre schönen Glieder nicht brach.
    Nun war sie wenigstens im Freien und konnte aufklären. Niemand hatte die
Katze gefressen. Die war ersäuft worden.
    Das hörte der Doktor. Er rannte mitten in den Haufen, stiess und trampelte
mit den Beinen. »Was ist die Wahrheit?!« Die Folge war, dass man ihn lynchte.
Susanne rang die Arme, als sie die Stücke ihres geliebten Mannes verteilt sah.
    »Ossi hat die grössten Meisterwerke zertrümmert, weil er sich eurer Wut
preisgegeben glaubte.«
    »Furchtbares Unglück! Katastrophe!« brüllte die Menge.
    Jeder sah zu, wie er eines Rahmenschenkels habhaft werden konnte. Die
Taifunisten nutzten die Situation geschickt aus. Sie liessen sich einzelne
Rahmenstücke nur gegen hohes Entgelt entwinden. Für ein Bruchstück solcher
Reliquie wurden oft Tausende gegeben.
    Nun öffnete der Hauswirt. Das Publikum strömte ein. Der Taifun war gänzlich
ausverkauft. Den Taifunisten wurde auf schlaue Weise wieder abgejagt, was sie
unverdientermassen gewonnen hatten. Hermione inszenierte im neuen Springgarten
ein Badefest. Wer seine Kleider ablegte, dem war die letzte Barschaft
abgewonnen. Alles floss in die Kasse des Hexenmeisters.
    Das Geld floss für Kunst! Und Susanne raufte sich auf den Geleisen der
Strassenbahn stehend, die Wagen hemmend, ihre Haare, schluchzte und suchte
verzweifelt nach den irdischen Trümmern ihres Doktors.
    Den Taifundirektor frugen etliche Bürger aufs Gewissen. »Haben Sie Katze
gefressen?«
    »Blödsinn! Wie sollte ich Katze fressen!«
    »Drum eben, wenn Sie Katze gefressen hätten, wäre es aus mit allem
menschlichen Verkehr zwischen uns.«
    Ganswind polsterte den guten liebenswürdigen Bürgern mit freundlichem
Zureden und Handauflegen die fetten Rücken. Er grinste und freute sich. Die
Katze war ja längst verdaut und in der Wirrnis der Meinungen längst zu einer
fata morgana geworden.
    Hermione sah Susanne stehen. Sie lächelte mitleidig. »Wie dumm war Susanne,
dass sie hatte glauben können, ein Mensch würde für sie Partei nehmen! Wie naiv
war das von ihr! Wer das Wesen der Kunst kannte, der wusste, dass, wenn sie einmal
eingeführt war, sie nicht mehr vernichtet werden konnte!«
    Susanne wandte sich ab, als sie Hermiones Gesicht sah, mit roten Weinbacken
und grellem Lachen um die blauen Augen. So sah sie aus, wenn sie noch keine Zeit
gefunden hatte, sich von der »Kunst« schminken zu lassen.
    Susanne weinte bald still vor sich hin, auf einer Tiergartenbank sitzend:
»Oh, Doktor, Doktor! Wo bist du, Süsser?«
    Er tobte im Taifunsalon einen neuen Hymnus auf Schellenhauer.
»Schellenhauer hauer hauer
schell schell schell
Schell
Hauer schell.«
    Schellenhauer verneigte sich mit frisch pomadisiertem Kopfe. Er gab
Käterchen eine Ohrfeige, als sie sich ihm anhängen wollte.
    Käterchen suchte nach Susanne. Und sie fand sie auf der Bank, wo sie das
erstemal geweint hatte, als sie nach Berlin gekommen war.
    »Warum weinen Sie, Frau Doktor?«
    »Sie haben meinen Mann gelyncht.«
    »Ich hörte ihn aber Schellenhauer hauer hauer schell deklamieren.«
    »Das ist nicht möglich. Ich sah ihn ja in Stücke zerrissen!«
    »Es ist aber so. Gehen Sie hin, und überzeugen Sie sich, Frau Doktor.«
    »Verräter,« schrie Susanne. »Ich gehe nicht hin!« Susanne war ganz gebrochen
an Leib und Seele. Sie hatte geglaubt, ihren Mann für sich gewonnen zu haben.
Und nun stand er wieder vor dem Rednerpult und schämte sich nicht, sich zur Lüge
zu bekennen.
    »Frau Doktor,« sprach Käterchen, »gehen wir doch unsere eigenen Wege.«
    »Ich habe ja etwas.«
    »Das ist ungeschickt.«
    Susanne fuhr in einer letzten Empörung empor. »Ich werde es aber beweisen
dass er Katze gefressen hat!«
    »Das glaubt Ihnen niemand, Frau Doktor.«
    »Ich werde eine Diebstahlsanzeige machen, dass man mir Kätzi gestohlen habe.
Dann wirst du für Ganswind Partei nehmen und beschwören, dass sie gefressen
wurde. Willst du?«
    »Frau Doktor, lassen Sie das Kindel kommen, wie's kommt. Nichts mehr wissen
wollen von der Kunst! Basta damit.«
    Susanne liess sich von Käterchen unter die Arme greifen und von der Bank
hochziehen. Sie schritt mit schwerfälligem Gang ihrer Wohnung zu. Den Taifun,
das schwor sie, betrat sie nie mehr.
    Nach Schluss der Veranstaltung, die Ganswind ein reiches Millionenvermögen
einbrachte, dem Maler und Kommis a.D. Schellenhauer eine angemessene Pfründe von
tausend Mark, sah der Doktor oben in der Wohnung nach seinem Weibe. Er war
vergnügt und aufgeräumt, denn noch nie hatte der Beifall auf seinen
variationsreichen Wortschwall derart gerast wie heute.
    Susanne empfing ihn sehr gleichgültig. Sie frug nur, ob er wenigstens etwas
von dem geraubten Gelde bekommen habe.
    Der Doktor starrte verwundert auf sie: »Von dem geraubten Gelde?«
    »Von dem Gelde, das dem Publikum aus der Tasche gestohlen wurde.«
    »Nun hör einmal, du drückst dich sehr beleidigend aus. Wenn ich darum bitten
würde, so werde ich bestimmt ein Extrageschenk erhalten.«
    »Geschenk! Nun besinne dich einmal, wäre denn nicht das Ganze schrecklich
gescheitert, wenn du den Mut gehabt hättest, vor den tobenden Massen die Katze
zu bekennen?«
    »Ich wäre in Stücke zerrissen worden!«
    »Mag dich das entschuldigen!« Susanne seufzte. »Zehn Prozent Tantiemen vom
heutigen Erlös halte ich aber für deinen kleinsten Anspruch.«
    »Das wäre ja eine halbe Million! Wo denkst du hin?«
    »Ich fürchte mich vor derartigen Summen durchaus nicht, wenn ich gleich die
Art hasse, mit der das ganze Kapital erpresst wurde. Die Menschen sind allzumal
Narren!«
    »Liebe Susi, für einen Splitter vom Kreuze Christi gaben Menschen sogar ihr
ganzes Vermögen hin.«
    »Aber für einen Gipsfetzen, der ein Nichts, dieses höchste und letzte
Kunstwerk eines Schellenhauer, umrahmte, schwindelerregende Summen zu geben, das
ist doch Wahnwitz!«
    »Wahnwitz? Das sehe ich nicht ein. Schellenhauer ist ein Modernist. Und ich
erinnere dich nur an den treffenden Vers: Am Ende war Herr Jesu Christ, auf
Erden nur ein Modernist. - In gewissem Sinne ist alles ebenso Schwindel, wie
auch alles gleichzeitig höchstes Ideal sein kann.«
    »Geh hinein! Wir wollen uns an den Tisch setzen.« Susanne beherrschte sich
mit Aufbietung ihrer ganzen Nervenkraft. Ihr Gesicht verfärbte sich
schwefelgelb. Sie war kaum imstande, einen Bissen zu geniessen. dabei verspürte
sie einen quälenden Hunger. Dass dieser von dem kleinen Mitmenschen herrührte,
der in ihr keimte, wusste sie nicht; sonst hätte sie sich überwunden und hätte
ohne alle Rücksicht auf den Blödsinn ihres Gemahls gegessen.
    Am Nachmittag sollte sie mit ihm und Ganswind ins Café gehen, um ein bisschen
Sonntagsbild und Luxus vor den Fremden zu machen. Zu so etwas hatte sie sich
bisher ganz gerne hergegeben, aber heute lehnte sie energisch ab.
    Sie erklärte, dass sie nicht für den Taifun auf der Welt sei, sondern
ausschliesslich um die Frau eines Doktors und Deklamationsgenies zu sein, eines
Mannes, den sie zwar für einen Schwachkopf halte, dem sie aber nicht abgeneigt
wäre, einen Sohn zu schenken, der sicher gescheiter würde als sein Vater.
    Der Doktor brachte trotz aller Mühe heute Susanne nicht an die frische Luft.
Hermione und Ossi kamen deshalb herauf, um Beide abzuholen. Susanne konnte mit
der Wahrheit nicht zurückhalten. Sie schleuderte Ganswind die giftigsten
Ausdrücke ins Gesicht. Diese parierte Hermione mit schlagfertiger Zunge.
    In erhitzter Kampfgier stand Hermione Susanne gegenüber. Die Männer verloren
alle Einwirkung auf ihre Frauen.
    Hermione warf Susanne den schlechten Geschmack der Mutterschaft vor. Und
Susanne schlug sich stolz auf den erhofften Bauch, nannte Hermione eine
hysterische Dirne.
    »Wie kann eine moderne Frau so unverständig sein, und eine Kollegin deshalb
beschimpfen, weil sie ein grosses Vermögen gewann,« erwiderte darauf Hermione.
    »Eine Kollegin? Du H---,« hauchte Susanne. Der Doktor hielt ihr den Mund zu.
Nun schlug ihm Susanne die Hand weg und schrie laut: »Ihr gewannt ein Vermögen.
Und wir? Wollt Ihr uns nicht die rechtmässigen Prozente geben?«
    Diesmal wollten Ganswinds aber nichts herausrücken. Susanne sollte nur nicht
glauben, dass sie sich heute wieder so erpressen liessen wie gestern ...
    Der Taifun war leer und ausverkauft. Das Schäfchen geschoren. Ganswind
verzog verächtlich den Mund. Und der Doktor war einfältig genug, Abstand von
aller Forderung zu nehmen. Er hielt eine nichtvertragliche Forderung für einen
unfreundschaftlichen Akt.
    Susanne gab daraufhin eine Kriegserklärung ab. Sie sagte: »Bisher bin ich
mit dem Taifun nicht einverstanden gewesen, ich hasste ihn, allerdings nur ganz
privatim; aber künftighin werde ich ihn aus Prinzip bekämpfen!«
    »Du solltest dich scheiden lassen, Fredi!« rief Hermione.
    Susanne traten die Augen weit hervor. »Ihr könnt ja solche Schufte an mir
werden, und mich als werdende Mutter ruinieren.« Sie brach zusammen.
    »Susanne, beruhige dich, du musst dich von der Kunst fern halten. Die
Beschäftigung mit der Kunst bekommt dir nicht. Sie macht dich krank,« beruhigte
der Doktor.
    »Nein, sie versteht Kunst nicht,« setzte Hermione hinzu. »Es ist wahr, wir
müssen Susanne aufs Land bringen, damit sie fern ist.«
    »Das ist das Richtige. Den Gesunden bringt man aufs Land. Und Ihr, die Ihr
alle entweder infame Schwindler seid oder völlig geisteskrank, euch lässt man
hier,« erwiderte darauf Susanne.
    »Wir passen zum Publikum der Grossstadt,« fügte Hermione schnippisch hinzu.
    »So geht! Auf mich könnt Ihr für alle Zeiten verzichten.« Susanne ging in
ein anderes Zimmer und verriegelte die Türe hinter sich.
    Die drei Zurückgebliebenen flüsterten miteinander. »Sie ist krank. Sie muss
in ein Sanatorium!« Der Doktor schloss sich Ganswinds an, und sie gingen
zusammen, laut über Kunst debattierend, ins Café Josty. Ganswind war ziemlich
still. Dagegen lief Hermiones Mundwerk den ganzen Nachmittag wie mit feinstem
Olivenöl geschmiert.
    Kunst! Wer Kunst nicht einsah, dem war nicht zu helfen!
                                     * * *
    Gerade waren sie im Gehen, als Schellenhauer kommen wollte. Hermione erfasste
ihn mit einem kurzen Ruck als einen vertrauten Freund am Arme und zog ihn mit
sich die Treppe hinab.
    Schellenhauer war nun bei seinem glatt pomadisierten Kopfe verblieben und
zog die Stirne stets in nachdenkliche Falten, als einer, der durch die Schwere
seiner Kunstleistungen fast erdrückt wurde. Bäumlers Käterchen war ganz abgetan.
Er stand auf dem ersten Ringe der Taifunkünstler, von wo aus man der schwebenden
Gotteit unmittelbar unter die Röcke sah. Was brauchte er da noch ein
Schwarzwaldmädel!
    Schellenhauer stand unter der scharfen Dressur Hermiones und gewöhnte sich
an ein vorsichtig tastendes Sprechen über die Kunst; wenigstens setzte Hermiones
Einfluss schon heute im Café Josty ein. Der junge Mann errötete das erste Mal
seit acht Jahren, Hermiones Züngchen blickte listig kurz hervor.
    Die Gruppe fiel im Café auf. Ganswinds Kopf hatte seit dem heutigen Erfolge
einen berühmten Ausdruck, er atmete astmatisch, hatte die Zigarette dauernd
schlaff in den Lippen hängen und spreizte die Finger mit milliardärartigem Griff
über Tasse und Schaumkuchen, sprach kurz und versäumte häufig, Hermiones Hand
zum Küsschen hochzunehmen. Wer am Tische vorbeiging, blieb stehen. »Das ist 'r.«
    »Wer ist 'r?«
    »Der die Bilder auf die Strasse warf.«
    »Er soll Multimillionär sein.« Die Augen aus penséeartigen Frätzchen
schlingerten um ihn herum. Nun durfte er bloss zugreifen, wie der schwarze
Weltmeister Niggerboxer John. Und es war bei ihm gewiss reizender als bei jenem,
dessen Frau sich aus Verzweiflung über den Weltstier das Leben nehmen musste,
weil der Schmerz dabei zu gross war.
    Hermione war das erstemal stolz auf Ossi. Er war wirklich ein scharfer Adam.
    Inzwischen packte Susanne mit ihrem treuen Käterchen, die ihre Tränen über
Schellenhauer längst mit der Suppe wieder hintergeschluckt hatte, die
Reisekörbe. Wo die Reise hinging, war Nebensache. Ob mit oder ohne Geld, war
ebenso gleichgültig. Nur hinaus! Susanne wollte ausserhalb nachsehen, ob sie
verrückt war oder die Welt. Diesmal aber liess sie sich nicht mit Kunst ein.
    Käterchen beschwor Susanne hoch und heilig, gewiss viel Geld mitzunehmen,
damit sie nicht abhängig wurde. Sie hatte die gleiche drängende Sucht, dauernd
von hier fortzukommen. Der Doktor, der würde ja suchen, wenn sie hier weg waren.
Und jede Spur, durch die man sie auffinden konnte, sollte verwischt werden.
    Ob es freilich Susanne so sehr ernst sein konnte, als kindtragende Mutter
vom Gemahle sich, wie durch den Tod geschieden, zu trennen?! Sie zitterte
oftmals, wenn sie einen Gegenstand ergriff und in den Korb legte. Doch Käterchen
feuerte kräftig an und hetzte, damit sie unbemerkt hinauskämen.
    Susanne ging zu Büffel und pumpte ihn um achttausend Mark an, angeblich um
Alfred ein standesgemässes Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Das war sehr glücklich
erfunden: erstens waren es tatsächlich nur noch siebzehn Tage bis dahin, und
zweitens konnte Büffel nicht darüber reden. Sie erhielt die Summe anstandslos
und noch allerlei gute Ratschläge der Wirtin, was jetzt zum Anschaffen für einen
Mann besonders liebreizend wäre. Eine Kiste Zigarren zu 150 Mark war die erste
Kleinigkeit. Es war ja endlich das schöne goldene Zeitalter angebrochen, in dem
das Geld keine Rolle mehr spielte. Susanne sass wie auf Nadeln, als sie diese
vielmals breitgetretenen Alltäglichkeiten mit Frau Büffel anstandshalber
durchknauzen musste. Weil sie zu lange nicht loskam, erfand sie eine List. Mit
einem Aufschrei: »Die Badewanne« stürzte sie hinaus.
    Die Wirtin knurrte hinter ihr zu Büffel: »Sie wird doch nicht wieder die
Badewanne haben überlaufen lassen - -!«
    Susanne fiel Käterchen um den Hals. »Ich habe Geld! Geld!«
    »Wie viel denn?«
    »Acht Tausend.«
    »Frau Doktor sind bescheiden.«
    »Ich hätte das Zehnfache fordern sollen - ? Du hast recht. Ich war sehr
töricht.«
    »Es kommt eben ganz darauf an, ob Frau Doktor sich selbständig machen wollen
oder nicht.«
    »Soll ich noch einmal hinaufgehen?«
    »Das erregt Verdacht.«
    »Ich will das lumpige Geld gar nicht.« Sie packten die letzten Wäschestücke.
»Wo sollen wir denn hingehen? Und wer befördert am Sonntag die Körbe?«
    Käterchen legte den Finger auf den Mund. »Ist alles gemacht. So, nun noch
ein Likörchen, und bis um Fünfe auf die Körbe gesessen und gewartet.«
    Sie sassen anfänglich mit ruhiger Erwartung, aber allmählich ging in Susanne
Sentimentalität in mildem Glanze auf. Sie rückte dicht neben Käterchen hin und
umarmte sie. »Käterchen, wenn wir diesmal unser Fortkommen finden, so mache ich
Schmollis mit dir. Ich werde künftig arbeiten, und wenn's in einer Pulverfabrik
ist.«
    »Liebe süsse Susanne, das tun wir nicht. Wir stehen jetzt mit dem Doktortitel
ganz anders da. Frau Doktor will doch nicht hinuntersteigen, immer höher upp!«
    »Baronin?«
    »Nicht genug.«
    »Fürstin? Mit Prinzessinnenrang.«
    »Das gefiele mir eher. Ich wäre sodann die engagierte Kammerfrau.«
    »Käterchen, ich glaube wirklich, du bildest dir ein, das zu sein. Du hast
den Grössenwahn.«
    »Oder Sie, Frau Doktor. Wie könnten Sie sonst so wegwerfend alles Erreichte
fahren lassen wollen!«
    Es klingelte. Käterchen eilte hinaus. Susanne hielt die Hand auf die
Herzgrube. Schwere Schritte -. Käterchens Onkel und Tante. Susanne war die
Auslieferung ihrer Zukunft beziehungsweise ihrer Körbe an diese Leute nicht
angenehm. Sie sahen es ihr am Gesicht an, fühlten sich durch diese
Reservierteit aber nur desto ergebener. Die Tante ergriff Susannes Hand und
küsste sie mit Rührung: »Ich weiss alles; wie ich Ihnen bedaure!«
    Vor dieser Freundschaft schwanden Susannes Bedenken. Wer konnte es wissen.
Vielleicht kamen durch diese Leute neue Abenteuer. Jedenfalls gelangte sie
einmal in ein ganz neues Berlin.
    Die Körbe waren schwer, aber binnen zehn Minuten war alles auf das
Jagdwägelchen vor dem Hause aufgeladen. Käterchen winkte Onkel und Tante, nur
schnell loszufahren, falls die alte Büffelin oben rausguckte. Die lag die meiste
Zeit wie eine alte Katze, die Ellbogen auf ein seidenes gesticktes Kissen
gedrückt, im Fenster. Mit Susanne wollte Käterchen mit der Elektrischen
hinterherfahren.
    Das gefiel Susanne gar nicht. Warum denn weggehen wie ein Dieb? Sie setzte
sich auf das Jagdwägelchen, schnitt dem Taifunhause eine lange Nase und streckte
die Zunge fünfzehn Zentimeter lang heraus. Richtig, die Büffelin sah es. Sie
stürzte vor Staunen, ob es kein Gespenst war, was sie sah, beinahe auf den klein
gepflasterten Bürgersteig hinab. Büffel konnte sie gerade noch am Rock
festalten, und seine anmutige Rettung vollziehen.
    Käterchen lachte sich schief über Susanne, wie sie so fidel auf dem
Wägelchen sass, von den Zwergpferdchen gezogen. Jetzt war sie wieder ihre
Susanne, die sie von Brüssel her kannte. Onkel und Tante sassen mit wichtigen
Buttergesichtern vorne auf dem Bock. Himmel, am Café Josty vorbei! Das war
herrlich.
    Susanne winkte vom Wagen herab. Ganswind war blind. Der Doktor schielte
durch schräg gestellte Augengläser. Nur Hermione sah wie ein Falke. »Da fährt
Susanne.«
    »Wo? Wo?«
    »Ihre Zunge! Sie flieht.«
    Bis der grosse Taifunhexenmeister hinblickte und der Doktor einigermassen den
Kopf in der bezeichneten Richtung hatte, war der ganze unbegreiflich wunderliche
Spuk vorbei.
    »Kann denn das möglich sein?« stammelte der Doktor mit kreideblassem
Gesicht.
    Hermione war bereits auf dem Wege zum Fernsprecher. Sie rief Bäumlers an.
Richtig, dort kam niemand an den Apparat. Dies war die erste Wahrscheinlichkeit,
dass keine Täuschung vorlag.
    »Ich habe es ganz genau gesehen. Kinder, was ich mit eigenen Augen sehe, das
habe ich geseh'n.« Hermione spornte zum Aufbruch. Insbesondere musste sofort
Polizeirat Löwe verständigt werden. Es konnte ja verbrecherisch zugegangen sein.
Vielleicht hatte sie alles Mögliche mitgenommen.
    Der Doktor fühlte das erstemal, dass eigentlich zwischen Hermione und Susanne
nie ein Verhältnis von Freundschaft bestanden haben konnte. Wie sie ohne Bedacht
und Schranke von seiner entflohenen Frau sprach! Seine Gesichtsblässe wurde
immer grauenvoller. Und als er zu Hause vor der nackten Wahrheit stand, brach
der Unglückliche zusammen.
    Wie eine Mordkommission am Tatorte standen alle Taifunverwandten in Bäumlers
Wohnung beieinander. Ossi wurde tief schweigsam. Er zog Hermione bald mit sich
in ihre eigene Wohnung hinab. Die Bilder fehlten überall an den Wänden, und Ossi
schaute Hermione fragend in die Augen.
    »Du meinst, es wäre auch für uns Zeit, unsere Villa Miramare für dauernd zu
beziehen?«
    Ossi nahm zur Antwort ihre Hand und streichelte sie zart. »Ich meine,
zunächst hat der Taifun seine Arbeit erfüllt. Wir werden einige Zeit nach Norden
gehen, von wo der Taifun zu gelegener Zeit wiederkommen wird. Mit neuem, ich
möchte sagen, mit rücklaufendem Ziel. Er wird dann das, was er bisher
zusammengehäuft hat, auseinanderfegen und das, was er bisher auseinandergefegt
hat, zusammenhäufen. Mit einem Wort: Wir werden zu gelegener Zeit die Reaktion
organisieren.«
    »Wie sollen wir's aber in der Ruhe aushalten?« frug Hermione.
    »Ich werde in Miramare nur spielen!«
    »Wirst du soviel spielen können, dass ich nie unglücklich werde?« Hermione
fasste seinen Kopf und glaubte, einen Schafskopf in den Händen zu haben. Diesen
kraulte sie hinter den Ohren.
    »Wir werden mit Privateinladungen der vornehmen Gesellschaft nach Miramare
das Lager der Reaktion vorbereiten.«
    »Du Süsser!«
    »Du wirst sehen, die pensionierten Politiker verstehen auch etwas.«
    Hermione klatschte in die Händchen wie ein Kind.
    Ossi sprach: »Baby.« Daraufhin wurde von ihr in aller Stille und Sorgfalt
zur Abreise gerüstet. Sie benutzten die nächsten Tage zur geschäftlichen
Ordnung, namentlich musste die Loslösung von Büffel mit grosser Vorsicht
bewerkstelligt werden. Unter dem Vorwand einer Gesamtinventur musste Büffel
Ganswinds Restschulden sofort aufstellen. Büffel war nicht wenig erstaunt, als
er acht Tage später von Ganswind einen grossen Sack Geld bekam. Er hatte es
eigentlich gar nicht erwartet, dass er je einmal das Geld Ganswinds in Realwerten
in die Tasche bekäme.
    In dieser Woche irrte der Doktor trostlos umher. Es enttäuschte ihn, dass
Ganswinds so wenig Zeit für ihn hatten. Doch von dem gänzlichen Aufhören des
Wesens aller Dinge gewahrte er noch nichts.
    Löwe war in seinen Recherchen wenig eifrig. Und Schellenhauer, der als
einziger die Spur kannte, denn er wusste zu genau, wem die Ponypferdchen
gehörten, schwieg geflissentlich. Es konnten unnütze Komplikationen für ihn
entstehen. Er hatte Freude genug, dann und wann maskiert in Onkels Destille
einzutreten. Da zog er eine Ganzperücke über mit grossem roten Vollbart und rotem
Buschelhaar, und mit einer Schmiedeschürze angetan und rauhen Jargon sprechend,
war er gänzlich unkenntlich. An diesem Handwerksmeister liess er Susanne ihr
Vergnügen haben, denn Käterchen hätte den Hund am Schwanz erkannt.
    Recherchen! Clotilde lachte ihren Mann aus, dass er so etwas wie einen
Amtseifer an den Tag legte. Wer einigermassen auf das aufgemerkt hatte, was
Susanne immer erzählt hatte, der musste ja ganz von selbst einmal bei dem
Gastwirt im Norden Nachfrage halten. Clotilde wollte sich nicht einmischen, und
gab keine Vorschläge. Da sie aber mit dem Doktor wiederum tiefes Mitgefühl
hatte, so fuhr sie eines Tages kurz entschlossen zu der Destille in den Norden
hinauf.
    Susanne wurde von ihr überrumpelt. »Ich will Sie nicht bitten,
zurückzukehren,« sprach Clotilde, »aber ich möchte fragen, was mit dem Herrn
Doktor geschehen soll?«
    »Mit ihm? Er soll sich ein anderes Weib nehmen.«
    »Der Doktor ist tief unglücklich. Ich war dieser Tage mehrere Male bei ihm.
Er nimmt keine Speise mehr zu sich. Er magert ab zur Vogelscheuche.«
    »Ich bin unschuldig. Mir kann es niemand verargen, dass ich diesen Betrug
nicht länger mitansehen wollte.«
    »Dürfte der Doktor nicht einmal hier herauskommen?«
    »Wenn das geschehen würde, so müsste ich Berlin ganz verlassen.«
    Clotilde sah ein, dass dem Doktor dadurch nicht zu helfen wäre. Sie schied
betrübt von Susanne. Das Leben war eigentlich etwas Hässliches, wenn es zwei
Menschen absolut nicht gemeinsam glücklich machen konnte und wollte. Immer
konnte es nur Einzelwesen Befriedigung bringen. Und nun war gerade der Doktor
ein Mensch, der nicht allein leben konnte. Susanne sah nicht ein, warum sie mit
ihrem verlassenen Manne Mitgefühl haben sollte. Wenn er nicht allein zu leben
verstand, so vermochte er es noch weniger, mit seiner Frau zu leben. Dieser Mann
war einfach ein glatter Egoist.
    Du liebe Zeit, als ob nicht jeder Mensch ein Egoist wäre!, dachte Clotilde.
Der eine verstand es nur, seinen Egoismus geschickt in den Handel zu bringen,
und der andere wurde mit ihm ständig um die Ohren gehauen.
    Nun gut, dann war es so. Wenn der Doktor kein Geschäftsmann war, so hatte er
auch keine Ursache, über sein Missgeschick zu klagen. Jedem widerfuhr so, wie ihn
seine Mutter geboren hatte. Der Doktor glaubte wohl, dass er mit einem schief
sitzenden Kneifer zur Welt gekommen war. Mitgefühl hielt sie für baren Unsinn.
    Käterchen erschrak, als sie später hörte, dass jemand von der Bekanntschaft
dagewesen war. Nicht ohne Grund, denn Susanne quälte sie zum erstenmal wieder.
Für alle Widerwärtigkeiten traf sie das Misstrauen Susannes, die immer ihr die
Schuld beimass. Auch wusste Käterchen gleich, dass sie nun bald von Onkel und Tante
fortmussten. Sie sagte es ihnen.
    Der Gastwirt sah sein grosses Programm ins Wasser stürzen. Er hatte einen
Salon der freien Liebe gründen wollen. Die Frau Doktor wäre darin die Meisterin
gewesen, nach der die Gäste an allen zehn Fingern geleckt hätten. Die vielen
Handwerksmeister, die bei ihm verkehrten, hatten Sinn für eine feine Dame. Wer
im Frieden fünfzig Pfennig anlegte, der konnte jetzt kecklich zwei Mark
aufwenden. Das Beste war, er machte Susännchen geradeheraus seine Vorschläge.
    Susanne war der Sache im Prinzip nicht abgeneigt. Aber der Anstand verbot es
ihr. Herr Biermann war verwundert. Wie konnten Neigung und Anstand hindernd
gegeneinander auftreten! Anstand war doch ein ganz abgegriffener Begriff. Ein
Überbleibsel von der Pfaffenherrschaft. Er lachte und schäkerte. Susanne lachte
mit ihm, bis er ganz plötzlich ein volles Bierglas ins Gesicht gegossen erhielt.
    Na nu!
    Susanne verschwand auf ein paar Tage. Käterchen machte ihrem Onkel
Vorstellungen und erläuterte das Wesen ihrer Herrin. So war sie. Sie operierte
stets mit Gründlichkeit. Zuweilen mit der Feuerzange.
    Dem Onkel lag das harzige Bier tagelang wie ein Schleier auf der
Gesichtshaut. Er sann auf Rache. Das Frauenzimmer sollte bloss wieder
zurückkehren!
    Die Tante war in Sorge. Sie glaubte, die gnädige Frau habe sich ein Leid
angetan.
    Käterchen sagte: »Paperlapapp. Meine Susanne tut sich nichts am Leben. Die
wird sich irgendwo austoben.«
    Jetzt wurde es dem Herrn Onkel recht heiss zumute. Die tobte sich also aus.
Warum tat sie das bei ihm nicht?! Er meinte nichts anderes, als dass das Austoben
bei einem Frauenzimmer nur mit dem Trommelschlegel erfolgen könnte.
    Dazu lachte Käterchen weise.
    Der Onkel kriegte darüber eine rechte Wut. Die Nichte stellte sich Dinge
vor, die auf der Welt nicht passierten. Wenn ein Mensch, ob Mann oder Frau,
allein in der Weit herumkujaxte, so war es immer die Nacht, die verbracht werden
musste. Die verbrachte man auf der Erde und nicht im Monde.
    Käterchen zählte die Bekanntschaften auf. Es waren viele Baronessen
darunter.
    Dem Onkel war das gleichgültig. Er wandte sich an ein berüchtigtes
Brüderpaar. Denen wollte er das Haus offen lassen, wenn die Dame wieder
angelangt war. Die Dame sollte achttausend bei sich haben; die musste sie zuerst
einmal verlieren. Wenn sie dann mittellos war, liess sie sich eher in den Kessel
treiben.
    Die beiden Brüder Kirsch tranken schon am Nachmittag mit Käterchen Rum,
sodass sie bereits um sieben Uhr wie eine Leiche in der Remise lag. Der
Rohrpostbrief Susannes, dass sich Käterchen auf den Abend mit allen Sachen bereit
halten sollte, war nicht über des Onkels Hände hinausgekommen.
    Es war also zu erwarten, dass die Frau Doktor bis dahin zurückkam. Die Tante
freute sich in aller kindlichen Unschuld, als man ihr sagte, die Frau werde
wiederkommen. Als sie aber Käterchen in der Remise liegen und die zwei Männer
bei ihr trinken sah, da fürchtete sie sich vor ihrem Manne. Allein sie hätte nie
gewagt, die gnädige Frau zu warnen.
    Um acht Uhr kam eine schwarz verschleierte Dame. Sie verlangte mit
gebrochenem Deutsch, Käterchen zu sprechen. Der Budiker pfiff vor Wut einen
Walzer. Damit verstand er nichts anzufangen. Er log was zusammen, er wisse
nichts von einem Käterchen. Da kam unter dem Arm der Dame eine grosse Wildkatze
zum Vorschein, vor der fürchtete er sich. Sie streckte die Krallen heraus und
riss gähnend das Maul auf. Und die Dame wurde ganz ungemütlich.
    »Hassdruball, gedenke des Todes meines Mannes,« sprach sie, da sprang das
Vieh mit einem Satz gegen die Brust des Gastwirts. Er schrie um Hilfe. Die
beiden Brüder glaubten in ihrem Rumrausche, ein Kollege schreie vor der Polizei,
und flohen aus der Remise. Die Tante meinte, das Verbrechen sei im Gange, und
versteckte sich im Keller. So war Herr Biermann Hassdruball überantwortet. Und
die von der Schelde war Strenge gegen Männer gewohnt. Es fiel ihr nicht ein, ihr
Tier zurückzurufen. Der Angefallene sah das Tier zehnmal grösser, als es in
Wirklichkeit war, auf seiner Brust hängen. Er schrie jetzt. »Käterchen!
Käterchen!« Aber sie hörte nicht und schnarchte im Rumtale sanft. »Gehen Sie in
die Remise!« schrie er jetzt, »dort ist sie.«
    Die Freiin schritt mit ihren gespornten Reitstiefeln durchs Haus und fand
die Schlafende. Sie pfiff zieselnd wie eine Maus zwischen den grossen
Zahnschaufeln ihres Oberkiefers; sofort stürzte Hassdruball herbei und sprang der
Schnarchenden über den Leib. Käterchen erwachte: »Der Teufel, wo bin ich?«
    »Sie sollen aufstehen und die Körbe herausbesorgen.«
    »Die Körbe?«
    »Haben Sie nicht gepackt?«
    »Hat mir ein Mensch etwas gesagt ...? Wer sind Sie?« Käterchen rappelte sich
hoch.
    »Freiin Edle von der Schelde ...« Zugleich fauchte der mächtige Kater. »Mein
Sohn Hassdruball.«
    Als Käterchen die Katze sah, war sie nicht mehr im Zweifel, dass hier gut
Freund stand. In einer kurzen halben Stunde waren die Sachen im Auto, das vor
der Südfruchtandlung plusterte.
    Käterchen sagte Onkel Lebewohl, indem sie ihn anspuckte. Das war ein karger
Abschied nach soviel empfangener Gastfreundschaft. »Grüss mir Tante.« Biermann
stand in der dunklen Stube und dachte nach, ob es nicht doch eine Pfaffenmoral
auf Erden gab. Als endlich seine Frau aus dem Keller heraufgekrochen kam, war
das Auto des Teufels bereits halbwegs Buckow.
    Käterchen schrie der Freiin im Motorenlärm des Fahrzeugs in die Ohren, was
mit ihr am Nachmittag geschehen war.
    Die Edle funkelte sie mit schwarzen orientalischen Augen an: »Warum habt Ihr
keine Katzen!«
    »Die haben wir gegessen.«
    Der Chauffeur hörte es und fuhr vor Entsetzen in den Strassengraben. Der
Freiin war, als reisse man ihr die Seele aus dem Leibe. Käterchen merkte, dass sie
vor Besoffenheit zu offenherzig geworden war und liess sich nicht weiter
ausfragen.
    Sie stiegen an einem grossen Wasser aus. Käterchen konnte nicht wahrnehmen,
ob es ein Fluss oder ein grosser See war. Die Gegend war einsam. Und als die
schwarze Dame mit ihren Gemsenaugen Käterchen heftig anblickte und ihr befahl,
die Körbe abzuladen, fielen ihr alte Räubergeschichten aus London ein, die man
in ihrer Kindheit im Schwarzwald kolportiert hatte. von Schack, dem
Bauchaufschlitzer, und andere Geschichten. Wer konnte wissen, ob sie nicht
Dieben in die Hände gefallen war? Es war alles noch dunkel. Die Dame liess ihre
Katze los, sie rannte wie wild davon.
    Hassdruball durfte nur über die Schwelle hüpfen, sofort flammte Haus und
Garten hell auf. Eine solche Lichtverschwendung hatte Käterchen lange nicht
gesehen. Die Dame spürte wohl nichts von den Kriegsverordnungen; sie war also
reich. Die Sache konnte noch ganz gemütlich werden, dachte Käterchen und würgte
die Körbe aus dem Wagen. Der Chauffeur half ihr, da merkte sie auf einmal, dass
er hübsch war. Den musste sie fangen, für sich oder Susanne, - das hing von
seinen Ansprüchen ab. Mitunter waren Chauffeure anspruchsvoller als
Geheimsekretäre.
    Ah! Susanne kam heraus. Wie Käterchen das Herz pochte! Solange war sie seit
der Hochzeitsreise nicht mehr von ihr getrennt gewesen. Nun musste sie
aufhorchen, wen sie begrüsste. Susanne verneigte sich und sprach: »Durchlaucht,«
oder hatte es Knoblauch geheissen? Sie frug den Chauffeur, wo sie wäre.
    Der sah sie tief beleidigt an. »Bei Freiin Edle von der Schelde.« Käterchen
hatte keine Sprache mehr, dafür eine grosse Angst, ob sie sich richtig benahm.
Und wäre Susanne wenigstens zu ihr hergekommen! Aber die verschwand gleich in
dem Schloss. Sollte es denn tatsächlich höher hinaufgehen? Es wurde ihr schon
jetzt schwindelig, wenn sie daran dachte. Aber gleichzeitig wallte ein hoher
Ehrgeiz durch ihren Busen. Das musste doch erst überlegt werden, mit dem
Chauffeur.
    Die Freiin hatte Susanne auf ihr Zimmer genommen, um ihre Beichte zu hören.
Unterwegs hatte ihr Susannes Dienstbote einige Worte von dem himmelschreienden
Kannibalismus der Katzenfresserei ins Ohr geschrieen. Wie stand es damit?
Susanne stand kreideblass vor der Freiin. Ringsum hockten und schwänzten grosse,
furchtbare Kater. Unwillkürlich fielen ihr die Geschichten der Baronin von
Büxenstein ein. Es bedurfte nur eines Winks, so stürzten sich die Rachekatzen
auf sie und zerrissen sie in Stücke.
    Susanne sank in die Knie und schwor einen Falscheid zur Freiin. »Ich
versichere Eurer Durchlaucht, dass mein Mann hinterrücks den Mord an Kätzi
beging, und dass er sie uns ahnungslos zum Frasse gab. Wenn ich daran zurückdenke,
so schnürt es meine Brust und krampft es mein Herz. Ich bin unschuldig!«
    »Und assen Sie selbst davon?«
    Susanne bebte und wagte nicht zu antworten.
    Die Freiin erkannte an dem Schweigen die erschütternde Wahrheit. Sie
betrachtete Susanne, die sie zwei Tage lang herzlich geliebt und gehätschelt
hatte, wie eine Aussätzige.
    Susanne lag am Boden und weinte.
    »Sie werden verstehen,« sagte die Freiin mit fester Stimme, »dass ich Sie
nicht länger in meinem Hause dulden kann. Der heilige Geist ist in Ihnen
gefesselt und eingekerkert. Er verlangt aus Ihnen hinauszufahren. Und ich
fürchte mich davor, denn ich habe mich dem Geiste Beelzebubs verschworen, die
Männer zu hassen. Sie haben sich aber einem Manne zur Befriedigung seiner
Begierde vorgeworfen. Oh, arme Susanne Flaubert, Sie hätten damals, als wir zum
Katzentee geladen waren, nicht auf die List Ganswinds hereinfallen sollen.
Damals hatten unsere frommen Tiere instinktiv revoltiert. Und Sie schlossen sich
uns nicht an. Sie wagten nicht, sich zur Katze zu bekennen. Das wurde Ihr
Verhängnis. Das Blut Kätzis schreit auf wider Sie.«
    Susanne war wie vernichtet. Sie wimmerte: »Gnade, Gnade! Ich halte mich
nicht für verdammt. Ich fühlte mich gereinigt, darum verliess ich meinen Mann.«
    »Das genügt nicht zur Sühne. Sie müssen ihn umbringen.«
    »Wenn es sein muss, so zeigen Sie mir den Weg! Durchlaucht, ich bin in Ihren
Händen. Ich will alles tun, was Sie mir befehlen.«
    »Dann merken Sie auf. Die Katze ist die Schutzheilige der Jungfrauen, denn
nie wird ein Mann eine Jungfrau freien, die eine Katzenleidenschaft hat. Ich
teilte in jüngeren Jahren Ihr Schicksal, bis mich Leo der 21. von dem Joche des
Mannes befreite, indem er ihm das Antlitz tätowierte.«
    »Oh, oh, ich weiss es, ich hörte es. Wie sollte ich Alfred dasselbe tun?!«
    »Sagten Sie mir nicht, dass er Sie misshandelte, dass er Sie verriet?«
    »Deshalb verliess ich sein Haus.«
    »Ich will Ihnen meinen grössten Tiger Hassdruball zum Geschenk geben. Mit ihm
fahren Sie getrost in Ihre Wohnung zurück. Fürchten Sie nicht, dass Ihr Mann
diesen auch schlachten wird. Hassdruball wird ihn überwinden. Dann triumphieren
Sie. Dann brauchen Sie nicht wie ausgestossen in der Welt umherzuirren, sondern
Sie setzen sich in den Besitz des Reichtums, der ihm jetzt allein zufliesst. Nur
wenn Sie so handeln, vergebe ich Ihnen. Dann dürfen Sie wieder zu mir kommen und
mich besuchen, denn ich weiss, was für einen sanften Engel der Geist Kätzis aus
Ihnen gemacht hat.« Die Freiin küsste sie und hob sie vom Boden auf. Dann ging
sie mit ihr durch die lange Diele, an welcher die zahlreichen Zimmer der Herren
und Damen lagen. Sie öffnete eines und bat Susanne einzutreten.
    Da sass Hassdruball an einem Käfig, in dem ein Vögelchen angstvoll flatterte.
Herr Hassdruball liess sich nicht stören und grinste behaglich vor Vergnügen.
Seine Augen rollten.
    Die Fürstin stellte vor. »Herr Hassdruball - Frau Susanne. Gefällt er Ihnen?«
    »Wundervoll. Aber darf er denn das, vor einem Käfig sitzen und ein Vögelchen
quälen?«
    »Das darf er nicht nur, das muss er, sonst verliert er seine Blutgier,«
erwiderte die Edle.
    Susanne betrachtete das Tier aufmerksam. Es hatte ein glänzendes Silberfell,
ohne einen Tupfen Weiss, und grosse Eulenaugen, war gegen ein Meter lang und
beinahe so hoch wie ein Stuhlsitz. Wie sollte sie sich mit diesem Riesentier
verstehen! Kätzi war dagegen so anmutig und liebreizend gewesen. Die Freiin
wusste wohl, was Susanne dachte: »Ein zartes Kätzi ist er nicht,« sagte sie,
»aber vergessen Sie nicht, er soll einen männlichen Rivalen ermorden.«
    Susanne fröstelte es bei dem Gedanken. Ein Reuegefühl überkam sie, während
sie überlegte, was ihr Alfred eigentlich Schlechtes getan hatte, dass sie sich
auf so blutige Art rächen musste. Sie frug: »Darf ich mich nicht bis morgen früh
bedenken?«
    Der Freiin Augen blitzten. Sie liess von einem Diener den Käfig wegnehmen.
Der Diener trat scheu heran, fürchtend, jetzt von dem Tier angefallen zu werden.
Herr Hassdruball machte einen wütenden Satz und biss die Freiin in die Hand. Diese
freute sich darüber und liebkoste ihn.
    Susanne verspürte einen eigenartigen Kitzel, mit dem nervösen Tiere zu
spielen.
    »Sie können ihn heute Nacht zu sich nehmen,« sprach die Freiin.
    »Ich danke Ihnen,« entgegnete Susanne.
    Es kam dann noch das Abendbrot, wobei die Fütterung am gedeckten Tische
vorgenommen wurde. Als Susanne die vielen Glasschalen entzückend fand, sagte die
Freiin: »Ja, etwas habe ich im Taifun doch gewonnen, die Vorliebe für Glas.«
    Bevor Susanne auf ihr Zimmer ging, hatte sie noch eine Geheimsitzung mit
Käterchen gehabt, mit der alten Schwätzerin. Susanne verriegelte ihr den Mund
mit einer Maulschelle.
    Käterchen erkundigte sich dankbar nach den nächsten Dispositionen.
    Ob sie zum Doktor zurückkehren würde, mit oder ohne Katze, das konnte
Susanne jetzt noch nicht sagen. Käterchen traf beinahe eine Lähmung: »Zurück!«
rief sie. »Frau Doktor, überlegen Sie sich das genau. Wissen Sie denn, ob Sie
noch zu Hause gewünscht werden?«
    Susanne sah niedergestimmt vor sich hin. Ihr Kopf schmerzte von dem Andrang
der Gedanken. Bald erschien ihr Alfred des Mitgefühls wert, bald wieder nicht.
Wenn sie Käterchen noch vollends gestanden hätte, dass das grosse Tier, welches
sie bei sich unter dem Arme trug, mit ihr gehen würde, so wäre es vielleicht
fraglich gewesen, ob Käterchen überhaupt bei ihr blieb.
    Im Grunde genommen hatte Käterchen recht: Was hatte sie mit dem Manne
zusammengeführt? Eine Kunstclique, die sie von Haut und Haar nichts anging. Und
warum sollte sie noch unter Anklage gestellt werden? Der Doktor lief vielleicht
auch ohne ihr Zutun in sein Verderben.
    Das Zimmer war schön ausgestattet. Die Venus von Tizian hing an der Wand.
Auf dem Bilde war aber das Hündchen ausgekratzt und durch eine Katze ersetzt.
Schon wieder war sie mit der Kunst in Konflikt geraten, ohne dass sie einen
Schritt nach ihr hin beabsichtigt hatte. Es war reiner Zufall. Und doch schien
es ihr wieder ein gewollter Zufall des Schicksals, dass sie von der Kunst
verfolgt wurde.
    Warum wurde sie von der Kunst verfolgt? Vielleicht, es hob sich ihre Brust,
weil sie mit ihren hohen gebogenen Augen dazu ausersehen war, die Narrenwelt zu
Verstand zu bringen.
    Aber wie konnte sie das! Dass es ihr nicht möglich war, wurde durch ihr
trauriges Los bewiesen. Hier lag sie unter der Tyrannis eines Riesenkaters,
während der Mann ... der Mann ... Sie verspürte einen stechenden Schmerz. Das
erste Mal Eifersucht. Wo war der Mann?
    Sie schlief ein. Von Hassdruball sorgsam betreut. Nach langer Ehezeit
erstmals wieder alte Katzenjungfer. Die Freiin schlich zu ihr und überzeugte
sich -.
                                     * * *
    Mitten in der Nacht erwachte Susanne. Der Schweiss stand auf ihrem Leibe. Ihr
ganzes Bett war triefend nass. Sie rang nach Luft und tastete nach dem
Lichtkontakt. Als es hell war, sah sie sich einem hohen Spiegel gegenüber: ihr
Gesicht war gelb wie das eines Toten. Die Katze lief im Zimmer umher, wie von
einem gespenstischen Willen beseelt.
    Der Ort war unheimlich. Aber sie wagte nicht, um Hilfe zu schreien. Es war
wohl Traum gewesen, das entsetzliche Gesicht, das ihren Körper zu Eis erstarrte.
Sie hatte den Doktor erhängt an der Gaslampe erblickt, in dem Esszimmer ihrer
Wohnung, und um ihn her hatte Ganswind alle Bilder zu einem Scheiterhaufen
getürmt. Hermione setzte ihn in Brand. Und plötzlich, als die Flammen
emporloderten, war der Doktor wie mit Drachenflügeln über sie hergefallen und
würgte sie.
    Durch einen Zufall konnte sie sich erretten. Es war ihr Erwachen. Sie stieg
aus dem Bette und kleidete sich halb an, dann suchte sie Käterchens Zimmer auf,
unter dem Dachboden. Der Kater schlich schweigend, unhörbar leise mit ihr.
Käterchens Zimmer war verschlossen. Sie klopfte lange, in fortwährender Scheu
vor dem Schall der Korridore. Sie fürchtete, das Haus zu alarmieren.
    Käterchen hörte natürlich nicht. Susanne ging auf ihr Zimmer zurück. Da
begegnete sie unterwegs der Freiin in einem grossen roten Purpurmantel. Diese
erschrak vor ihr. »Sie sehen ja aus wie der Tod!« sagte sie.
    »Ich wollte mein Mädchen wecken. Ich hatte meinen Mann erhängt gesehen und
lauter lodernde Flammen. Es war so schrecklich.«
    »Wahrscheinlich hatte Prinz Hassdruball auf ihrer Brust gelegen.«
    Susanne weinte plötzlich und wurde, von der Freiin gestützt, ins Bett
gebracht. Sie wimmerte: »Oh, oh.« Sie schaute ihr bisheriges Leben vor sich. Es
erschien ihr so verlassen und tatenlos. Warum hatte sie auch keine Mutter, die
sie kannte, und keinen Vater, der sie liebte? Ohne Ziel und Ursache stand sie im
Leben. Wozu lebte sie? Bei dem Blicke auf die Purpurdame wurde ihr noch öder und
einsamer. Sie schrie auf und presste sich die Kehle zu: »Ich möchte mich
erwürgen. Warum lebe ich?«
    »Sie müssen handeln,« hetzte die Fürstin.
    Susanne verstand, was sie »handeln« sollte. Den Mann töten! Aber tötete sie
nicht da den Menschen, den einzigen, der eine Beziehung zu ihrer Seele hatte!
Wenn er auch im Wahn verirrt war, dass er für Verstand und Vernunft seine Kraft
einsetzte, so hatte er doch körperliche Berührung mit ihr gehabt. Nach dieser
sehnte sie sich. Sie musste sich sonst selbst umbringen, wenn sie niemand mehr
hatte, der die schauderhafte Öde mit ihr teilte. Und endlich kam es ihr
kleinlich vor, sich wegen äusserlicher Dinge von einem Mann zu scheiden. Die
sogenannten geistigen Innerlichkeiten waren nur Trug und Schein. Es existierte
nur das Nichts als letztgültige Wahrheit. Und wenn in diesem Nichts nur ein
Fleisch im Fleische sich verband, so war dies das einzige, vor Verzweiflung
bewahrende Etwas.
    Ob sie über diese Dinge mit der Freiin geredet oder sie phantasiert hatte,
wusste sie am andern Morgen nicht mehr. Sie befahl Käterchen, vorsichtig im
Taifun oder in seiner Umgebung nachzuforschen, was aus dem Doktor geworden war.
    Käterchen frug, ob sie denn nicht hier herausfliegen würden.
    Susanne wusste nicht, ob die Aufkündigung heute noch Gültigkeit hatte oder
nicht. Allerdings, Käterchen hatte recht. Sie mussten fort. Sie wollte bei der
Freiin nicht betteln, bleiben zu dürfen.
    Eigentlich war es für sie gesund, dass sie an ihre Ehre denken musste. Die
Welt war nach allem doch eine Wirklichkeit. Wie gut tat es, dass man sich anderen
Menschen gegenüber nichts vergeben durfte. Sie war noch immer keine solche
Närrin, an Tugend und Freundschaft zu glauben. Sie überlegte kurz. Käterchen
sollte sich nach dem Frühstück noch einmal, wie ihr aufgetragen war, erkundigen.
    »Na Durchlaucht,« trat Susanne frisch und munter ein, »geben Sie mir das
grosse Tier. Ich werde das ausführen, was Sie mir rieten.«
    Die Freiin glaubte ihr und schenkte ihr ausserdem noch einen wertvollen
Perlenschmuck. Dem Kater legte sie zum Andenken eine goldene Spange um den Hals,
küsste ihn zum Abschied und vergoss 2,7 Tränen, deren jede 1/10 Gramm wog, denn
sie hatte grosse Tränendrüsen, welche sie vollständig beherrschte.
    Als sie unter dem grossen eisernen Gittertore Susanne den Mund küssen wollte,
schob diese geschickt die Wange hin.
    Susanne winkte vergnügt. Gleich an der ersten Kurve aber zeigte sie die
Zunge. Zwei Stunden darauf sass sie mit Käterchen im D-Zug und fuhr nach Brüssel
zurück. Den Taifun wollte sie doch nie mehr sehen. Warum sollte sie aus
Sentimentalität rückwärts leben.
    Immer vorwärts!
    Freilich, ging sie nicht auch nach Brüssel zurück?
    Nein. Sie wusste ganz genau, dass sie dort mit einem neuen Schwung anfing. Sie
würde dort keine Wohnküche mieten, sondern bildete sich wirklich ein, Millionen
zu besitzen. Sie wollte ein Schloss erstehen, und es sollte mit allen Teufeln
zugehen, wenn sie das nicht erschwingen konnte. Sie hatte nun doch alles
mögliche Verwunderliche gesehen und mit ihren grossen Augenfenstern in sich
aufgenommen. Ärmlich war das Leben nur, wenn man es als etwas Ehrliches und
Positives auffasste.
    Käterchen war entzückt von Susannes Schneid. Wenn bloss der Doktor auf dem
Kontinente ihre Spur nicht fand! -
    Was war das!
    In der Kölner Tageszeitung stand ein Steckbrief. Nicht gegen sie? Warum denn
nicht gegen sie? Sondern gegen Ganswind?
    Susanne war es, als schlüge man ihr wie einem Stück Vieh mit einer Axt gegen
das Hirn. Die Welt! Die Welt! Ach! Sie schwamm in sie hinein. Mit einer
Leichtigkeit! Nun dämmerte die Erkenntnis. Aber wie wahnsinnig! Jetzt wollte sie
betrügen!
    Sie wünschte fromm und aufrichtig, dass der Taifun mit Ganswind an einen
unbekannten Ort gerast war. Warum sollten sie ihn auffinden, wenn man so töricht
gewesen war, sich vorher die Millionen aus der Tasche ziehen zu lassen.
    Als sie sich nach dem Erstaunen gefasst hatte, während ihre Hände noch
zitterten, kaum mehr fähig, das Zeitungsblatt zu halten, bannte sie plötzlich
ein jäher Gedanke.
    »Der Doktor?«
    »Was meinen Sie, Frau Doktor?«
    »Käterchen, ich habe dir etwas verschwiegen. Mein Mann hat sich erhängt.«
    »Um des Gotteshimmelswillen!«
    »Wer sollte ihm eine Stütze bieten?«
    »Wir können nichts dafür.«
    »Aber Käterchen, - das Keimende, das Werdende! Wir müssen zurück.«
    »Zurück müssen wir?«
    Susanne zog an der Notbremse. Bald darauf sass sie in einem Sanatorium im
Harz.
    Der Ort war still und voll Tannenduft. Sie hielt sich ganz zurückgezogen.
Sie wollte zu einem neuen Menschen erwachen, denn sie fühlte sich der Zukunft
eines Menschenwesens gegenüber verantwortlich. Sie war ganz von dem Gedanken
erfüllt, dass sie sich in Ruhe halten musste, um dem Kinde kein böses Erbe zu
geben. Sie sass auf warmen Bänken im Frühlingssonnenschein. Endlich gelang es
ihr, an die Menschen, mit denen sie in Konflikt geraten war, ohne jede innere
Erregung zurückzudenken.
    Die Schicksale dieser Menschen schwebten ihr lebendig vor Augen. Briefe
empfing sie von nirgends her.
    Erst als die Bäume blühten, vertraute der Arzt ihr die eingelaufene Post an.
Alles stammte von Käterchen. Käterchen war aus ihrer Heimat für irrsinnig nach
Ilmenau gebracht worden, wie sie den Silberkater, den sie aus der Fremde
mitgebracht hatte, beinahe wie einen Menschen oder heiliger hielt, dazu immer
seufzte und mit verdrehten Augen schmachtete: »Susanne, ach meine Susanne«. Und
man meinte allgemein, dass sie, wiedergekehrt, die Pflicht habe, mit den andern
das Feld zu bestellen.
    Sie antwortete, wenn sie zur Arbeit aufgefordert wurde: »Ich bin für tot
erklärt.«
    Ihr Mann, dem sie vor zehn Jahren ausgerückt war, betrachtete sie sieben
Tage lang mit Nachsicht, dann aber spannte er ein und brachte seine entlaufene
Ehefrau, unter dem Vorwand, eine Landpartie zu machen, nach Ilmenau.
    Sie hatte dort einen schweren Stand, ihre Zurechnungsfähigkeit zu beweisen,
denn sie erzählte derartige Dinge, dass man sie für grössenwahnsinnig halten
konnte. Die Ärzte hörten ihr aufmerksam zu, wenn sie von der Baronin von
Büxenstein und der Freiin Edle von der Schelde, vom Taifun erzählte. In Ilmenau
traute man dem Sandsturm keine solchen Kunstlieblichkeiten zu, wie sie diese
Irre erzählte. Erst als bei sorgsamer Beobachtung die Übereinstimmung und die
Logik der Erzählungen auffiel, schrieb man dem Ehegatten, er solle seine liebe
Frau wieder abholen, sie sei wohl verrückt, aber trotzdem gesund.
    Der Schwarzwaldbauer knurrte über die neumodische Diagnose: Verrückt, aber
trotzdem gesund.
    Nun musste Käterchen mit der Hacke aufs Feld hinaus. Und als die Lerchen dazu
sangen, da weinte sie. Das Leben war irgendwie verpfuscht. Man wollte aus ihm
hinaus - oder darin bleiben, dann aber bei Dingen und Menschen, die sich für
einen interessierten.
    Der Hassdruball verlor mit der Zeit seinen Adel und mauzte in den Nächten
schöne Lieder. Er bekam von der roheren Ernährung eine grosse Eiterbeule hinter
dem Ohr. Und als diese aufbrach, hielt man ihn für reudig und schoss ihn tot.
    Susanne erfuhr das alles aus den Briefen ganz gerne und doch mit einiger
Gleichgültigkeit. Was bedeutete ihr Käterchen und vollends die fremde
Silberkatze? Käterchens Anfrage, was mit dem goldenen Halsbande geschehen solle,
beantwortete sie als einzige Wichtigkeit. Käterchen solle es behalten, schrieb
sie, zum Andenken an die gemeinsame Zeit.
    Als Käterchen endlich diesen Brief als einziges Lebenszeichen von ihr
erhielt, rannte sie damit im ganzen Dorfe umher. Und alle Augen sahen mit
Neugierde auf das nach Lilienmilchseife duftende Briefchen. Bis dann Käterchen
jedem die ganze, zu dem Briefchen gehörige Vorgeschichte erzählt hatte,
vergingen drei Monate.
    Der Brief von Susanne wurde hinter den Spiegel gesteckt.
    Käterchen hatte bei aller Liebe für Susanne nur Sinn für die gemeinsam
verlebte Vergangenheit. Dass sie einmal darüber hinausgedacht hätte, wie es
Susanne nun wohl ergehen möge, durfte man von ihr nicht erwarten.
    Susanne begann das Wachstum ihres Leibes mit den Augen zu sehen. Sie wurde
unruhig und verliess den stillen Tannenort. Jetzt wäre Käterchen ihr ganz
geschickt gewesen, aber es widerstrebte ihr, sie wieder zu sich zu rufen. Das
wäre ihr fast feig erschienen. Es hätte gerade so ausgesehen, als fürchtete sie
mit dem Leben allein fertig zu werden. Und in den Monaten der Trennung war
vielleicht eine noch grössere Kluft zwischen ihnen entstanden, als sie vermutete.
    Sie hatte den Mut, in der Bedrängnis ihres Zustandes Brüssel allein zu
betreten. Man deutete zwar mit Fingern auf sie und lachte hinter ihr her, aber
es liess sie völlig kalt. Das waren doch nur Affen. Diese alten Bekannten
glaubten, es herrsche im Leben die gute Sitte und gelte das Gesetz: ja nicht
auffallen!
    Das hatte sie nun gerade anders erfahren. Auffallen musste man, sonst kam man
unters Luder.
    Sie kleidete sich derart, dass ihr Umherlaufen bald als öffentlicher Skandal
angesehen wurde. Wie konnte sie sich erlauben, den vierdimensionalen Raum
realisieren zu wollen! Je mehr man aber Anstoss an ihr nahm, desto trotziger
wurde sie. Ihre Unterlippe trat immer stärker hervor.
    Sie scheute sich nicht, im Café zu sitzen. Eines Tages war es gedrängt voll.
Da fand sie nur noch an einem Tischchen Platz, an dem zwei Männer vertieft über
einem Schachbrett sassen. Als sie dasass, wippte fortwährend das Tischchen in die
Höhe, so dass die beiden Spieler endlich aufmerksam wurden und nach der Ursache
der Tischbewegung forschten. welche die Figuren umzuwerfen drohte.
    Sie betrachteten plötzlich gleichzeitig Susannes Leib. Darüber war der eine
Spieler so erregt, dass er nicht mehr weiterspielen konnte. Er spuckte aus und
verliess den Raum.
    Susanne wurde unwirsch und kam mit dem Zweiten ins Gespräch. Dieser Herr
sprach Rätseldinge von der vierten Dimension. Susanne verstand seinen Vortrag
nicht; sie erkannte nur soviel, dass sie als schwangere Frau Aufsehen erregte.
Hierin teilte sie das Los aller Schicksalsgenossinnen. Sie behauptete, dass das
Betragen der Mitmenschen ungehörig sei. Die Menschen mussten doch wissen, dass sie
sämtlich nicht vom Monde gekommen waren.
    »Sie irren sich, meine Dame,« sagte der Herr. »Die Menschen kümmern sich im
allgemeinen nicht darum, woher sie kommen und wohin sie gehen. Und deshalb
chockieren sie sich über Sie, weil Sie zum Nachdenken darüber verlocken. Das
nenne ich das Inerscheinungtreten der von den Denkerköpfen vergebens gesuchten
vierten Dimension, welche ein matematischer Begriff ist. In Ihnen lebt mehr und
weniger als da ist und als nicht vorhanden ist.«
    Das musste fabelhaft gelehrt sein, denn dem Herrn trat der Schweiss auf die
Stirne und er zog alsobald sein Notizbuch hervor, worin er eifrig mit einem
kleinen Bleistiftstumpen schrieb. Wahrscheinlich war er ein Professor, der
soeben die grosse Erfindung der lange gesuchten matematischen Funktion gemacht
hatte.
    Er bat Susanne um ihren Namen; da sagte sie gutwillig: »Susanne Flaubert«.
Der Gelehrte schrieb in sein Buch f (s). Er zeigte es ihr.
    »Was soll das heissen,« frug Susanne.
    »Funktion von S. Damit will ich den Begriff der gesuchten vierten Dimension
festlegen. Sie werden es nicht verstehen. Aber da ich Sie kenne, weil Sie die
Liebenswürdigkeit hatten, mir Ihren Namen zu nennen, so kann ich die Initialen
und Ihre Anfangsbuchstaben für meine Wissenschaft gerade geschickt gebrauchen.
Ich könnte auch s. f. sagen, aber f (s) entspricht der Gepflogenheit, wie man
eine Funktion bezeichnet.«
    Susanne war einigermassen starr. Der Herr hatte aber so gütig mit ihr
gesprochen, dass sie sich ruhig von ihm die Hand geben liess.
    »Würden Sie, meine gnädige Funktion, die Güte haben, sich mir für den
Hörsaal zur Vorstellung vor meinen Studenten zur Verfügung zu stellen? Ich würde
Sie mit drei Mark für das Stündchen entschädigen.«
    Susanne gaffte ihn jetzt gross an und tupfte mit weit gebogenem Arm den
Mittelfinger ihrer rechten Hand auf die Stirn. »Drei Mark?«
    »Das ist der übliche Satz.«
    »Das können Sie einem üblichen Mädchen anbieten,« loderte Susanne empor.
»Wenn ich Ihre Funktion sein soll, so stelle ich meine Rechnung und verlange
mindestens dreitausend für das Stündchen.«
    Die Szene zwischen dem Professor und der Dame fiel im Lokal auf.
Sensationslüsterne Jünglinge waren sofort hinzugetreten. »Sie sind hysterisch,«
sagte der Herr und ging eilends seines Weges.
    Susanne stand da und wurde von einem heftigen Weinkrampf hin- und
hergeworfen. Die Polizeistation wurde vom Cafétier alarmiert und Susanne, die in
einen halb bewusstlosen Zustand verfallen war, in die Klinik gebracht. Als sie
sich unterwegs sträuben wollte und entfliehen, liess sich der Wagen von innen
nicht aufschliessen. Sollte sie die Scheiben einschlagen? Sie besann sich. »Ja,
schlage sie ein!« mahnte es in ihr. Es war entschieden die Stimme des Teufels,
denn sie klang sehr verlockend. Und nun geschah es. Die Glassplitter
zerschnitten ihre Hände, aber der Wagen rollte unaufhaltsam weiter, umpfiffen
und umgröhlt von einer grossen Volksmenge, die im Sturme mit dem Wagen vorwärts
schob. Susanne hatte eine entsetzliche Angst, man bringe sie in ein Gefängnis.
Durch den starken Blutverlust von den tiefen Schnittwunden wurde sie ohnmächtig
und lag im Wagen wie ein gequältes Tier.
    Endlich sah sie das ruhige Antlitz einer barmherzigen Schwester über sich.
Sie wurde gut gepflegt; und sie erzählte der Schwester, wer sie war. Das
Interesse, das sie der Pflegerin entgegenbrachte, lief wie Balsam auf sie selbst
zurück.
    Susanne hatte eine unsinnig grosse Wohnung inne. Sie schlug sich vorwurfsvoll
an die Stirne: »Warum? Warum?« Die Schwester sollte in ihrem Auftrage die
Mietvertragslösung übernehmen.
    Susanne und die Schwester waren jetzt zwei Menschen, die gemeinsam planten.
Sie sollte das Kind mit aller Fassung erwarten, es aber nach dem Abwurf in
andere Hände geben. Dann sollte sie sich auch dem frommen Geschäft des
Samariterdienstes weihen.
    Inzwischen war es den Bemühungen der Polizei gelungen, Licht in die dunkle
Herkunft der Kranken zu bringen. Man verhandelte lebhaft zwischen Berlin und
Brüssel.
    Polizeirat Löwe war hocherfreut, Susannes Namen von Polizeiwegen zu hören.
Er rieb sich die Hände und schmunzelte. Das hatte er sich gar nicht anders
gedacht. Susanne konnte freie Sprünge nur machen, solange das Geld reichte,
welches ihr Büffel unfreiwillig mit auf den Weg gegeben hatte.
    Aber wichtiger war es, was er sich zu tun entschloss. Jetzt galt es eine
Entscheidung: war er Mensch oder Unmensch? Von dem Doktor wusste er gerade noch
soviel, als er zu wissen brauchte, wenn er den Mann nicht aus den Augen
verlieren wollte. Der Doktor war als untergeordneter Spieler an einer Bühne
engagiert, wo er kleine Dienerrollen gab. Er lebte in Schlafstelle mit
mürrischem Gesicht, den Tag ersehnend, wo ihm ein Dachziegel auf den Kopf
stürzte, der ihn kaput schlug.
    Es handelte sich darum, ob es Zweck hatte, den Doktor noch einmal mit
Susanne in Verbindung zu bringen. Er war doch nicht imstande, eine Familie zu
ernähren! Die Leerung des Taifunhauses hatte ihn geradezu vernichtet. Er war
kein Schellenhauer, der nach der Katastrophe einfach die Haare noch stärker
pomadisierte und einen grossen Lebensmittelverkauf einrichtete, mit flott
gehendem Schleichhandel.
    Der Doktor fühlte sich in jedem Nerv so durchaus als Künstler, dass er ohne
Stütze von aussen eigentlich existenzunfähig war. Er hoffte jetzt auf nichts
mehr. Susanne hielt er für zeitlebens verschollen, und Ganswinds waren zu
gewandt, als dass sie sich wiederbringen liessen. Man wusste ziemlich bestimmt,
Löwe sogar ganz gewiss, dass sie am Meere neuen Musen huldigten, aber dem Gericht
waren ihre Prozesse viel zu bodenlos. Ganswind war ein reicher Mann, und es war
wirklich besser, wenn das Geld bei ihm konzentriert blieb. Bei seinem
Unternehmungsgeist war es sogar empfehlenswert, dass er Gelder verfügbar hatte.
Wenn er auf gesundem Fundament neue Kunst protegierte, so geschah es zum Segen
der gesamten kunstliebenden Menschheit.
    Der Doktor dachte allerdings: Ein bisschen Rente hätten sie dir schon
aussetzen können, bei solcher Freundschaft untereinander. Doch im Ernst grollte
er dem Freunde nicht. Hätte er die Millionen gehabt, so hätte er's nicht anders
gemacht, sagte er sich.
    Willenlos hing er wie ein gelbes Blatt am Baume des Lebens. Eine kleine
unsanfte Berührung, - und er fiel vollends ab.
    Löwe sann. Und als er nichts ersinnen konnte, knubberte er zu Hause an den
Fingernägeln.
    Es bedurfte erst wieder der Frau Clotilde, ihren von den Spinnweben der
Eifersucht bedeckten Mann zu säubern. Susanne war doch, weiss Gott, ein schwer
geprüftes Menschenkind. Wie konnte man eine Sekunde zögern, hier Hilfe zu
bringen!
    »Siehst du sie denn nicht vor dir? Dick? Unförmig?«
    Löwe zuckte mit den Achseln.
    »Du siehst sie nicht?«
    »Ich sehe Susanne immer nur als die figulante Brüsselerin.« Löwe stieg das
Blut heiss zu Kopf.
    »Unglückseliger, warum hast du sie damals nicht gekriegt?«
    Löwe kaute eine Bartspitze in den Mund und funkelte mit Tigerblick. »Und nun
nimmst du den Doktor immer noch in Schutz? Ist er nicht ein ganz weicher
Haderlump? Der Mensch hatte sie und empfing kein Glück von ihr!«
    »Er hätte Glück gefunden, wenn er nicht gleichzeitig anderen Einflüssen
unterworfen gewesen wäre. Schicke ihn nach Brüssel.« Clotilde weinte. »Der arme
Mensch kennt keine Tatkraft mehr.«
    »Er macht also das ganze Weib unglücklich.«
    »Bruno, schick ihn hin. Ich bitte dich. Du wirst ja doch nie imstande sein,
Susanne zu beglücken.«
    Löwe senkte den Kopf und ging, von Clotildes Willen begleitet, zu Doktor
Bäumlers Schlafstelle.
    Der Doktor stürzte ihm um den Hals und küsste ihn. Das war Löwe eklig; er
hätte es ihm jetzt am liebsten gesagt, dass er ihn hasste.
    Der Doktor war nicht mehr fähig, still zu sitzen. Er zappelte fortwährend
aufgeregt.
    Den D-Zug hätte er am liebsten gehetzt wie einen Hund. Er stammelte wilde
Strophen laut vor sich hin, hielt den dünnen Kopf vorgebeugt, stierte durch den
Klemmer und glotzte nach den vorbeifahrenden Telegraphenstangen. Es ging
unerträglich langsam, bis immer wieder eine neue kam, wenn die eine am
Coupéfenster vorbeigehuscht war.
    Susanne solle ein Kind erwarten, hatte man ihm gesagt. Das war unglaublich.
Oh, wenn sie nur nicht - - wenn sie nur nicht. Der Gedanke vollendete sich ihm
niemals. Die Kehle presste sich ihm zusammen. Er war unterwegs nicht fähig, die
Fragen der Mitreisenden zu beantworten. Diese glaubten, es sei unmöglich, mit
einem Manne solange zusammenzusitzen, ohne wenigstens ein paar freundliche Worte
mit ihm zu wechseln. Hatten denn die leichten Schwätzer keine Sorgen und
Aufgaben, die immer weiter nagten, bis sie das letzte Mark aus der Wirbelsäule
gefressen hatten?
    Susanne wälzte sich in Schmerzen, brüllte, kratzte und biss und bat, man möge
sie erschiessen.
    Hermione lag in einsamer Fernsicht im Sande und das Meer brandete schwarz an
ihren weissen Leib heran. Ganswind spielte Weisen ohne Instrument, Hermione
zerbrach an seinem Ungestüm.
    Der Doktor stierte trostlos auf sein schreiendes Weib. Er schluchzte und
verstand den Arzt nicht, als er ihm ihre Krankheit nannte. Die eine liebe
Schwester tröstete ihn und sagte, dass es nach der Entbindung wahrscheinlich in
ihrem Geiste wieder licht werde.
    Sie wurde in Narkose entbunden. Da brüllte sie laut und anhaltend »Alfred,
Alfred, Alfred!« Der Doktor, den man vor die Tür gesteckt hatte, brach in die
Knie zusammen und sprach ein Gebet, nein, er dachte es nur. Wärterinnen rannten
an ihm vorbei. Blut, lauter Blut Susannes. Oh, was war er für ein schändlicher
Mann! Dass er ins Café Josty gegangen war mit einer quasselnden Trägerin eines
roten Rembrandt! Hier lag seine Frau und hatte ihn nicht vergessen ... brüllte
nach ihm ... war jetzt verstummt.
    War sie tot? Es war so still.
    Er frug mit zitternden Blicken die vorbeischiessenden Schwestern: »Wie
geht's?« Finstere Mienen antworteten ihm.
    Endlich kam ein Schrei eines eines eines. Der Doktor stammelte:
    »Schrei Schrei Schrei
    eines eines eines Menschen
    Schrei.«
    Die Luft gurgelte in seiner Brust und stürzte heisser aus seiner eng
geschnürten Kehle. Plötzlich lachte alles. Alles tanzte um ihn. Er stand vor
ihr.
    Susanne blickte ihn mit hohen Gitterfenstern an, bleich, blass. Ah! Ah! Weib!
Er küsste sie. Sie strich ihm über den Kopf. Es war vollbracht. Der Mensch war
gezeugt. Gott Geschlecht.
    Susanne stützte sich auf den Arm ihres Mannes. Und fern brandete das Meer.
Dahin war verbannt das Wesenlose. Kunst, dumpf und furchtbar.
    Susanne blühte das Leben.
                                     Ende.
 
    