
        
                                    Klabund
                                     Bracke
 Wer bist du?
    Tritt näher, dass ich dir ins Gesicht sehe. Deine Wangen sind gefurcht, deine
Augen verschleiert. Ahnungen hängen dir wie Fransen in die Stirn.
    Wo ist dein Wissen? Dein Gewissen? Deine Wissenschaft?
    Du weisst nichts.
    Du weisst nicht einmal »nichts«. Du weisst nicht das Nichts und nicht das
Etwas und nicht und nichts von dir. Heute ergeht der Ruf an dich: mir zu
lauschen und mir zu folgen.
    Es ist nicht das erstemal, dass ich dich rufe. Erinnerst du dich jener
Gewitternacht, als du aus dem Schlafe schrakst und den Blitz aus deinem Auge
fahren sahest? Übermüdet warst du: und also schliefest du wieder ein - und
vergassest - dich.
    Als du am Grabe deines Weibes standest: einsam im hohen heissen Mittag: fuhr
nicht ein Wind durch dich hindurch, als seist du ein Strauch? Und war der Wind
nicht mild, und entzückte dich nicht sein Atem, und duftetest du nicht selbst
wie eine Magnolie - schaukeltest Blüten und Äste?
    Mein Freund, warum vergassest du dich so sehr? Und warum vergassest du meiner,
der ich dir den Blitz und den Wind und heute das Wort sende?
    Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde darfst du beginnen: den neuen Weg,
der dich in alle Tiefen, auf alle Höhen führen wird. Gesegnet seist du und
begnadet.
    Die goldnen Schwestern warten des silbernen Bruders. Der Mammut hat sich
aufgemacht, dir den Pfad durch den Urwald zu bahnen. Die Bambushecken knirschen
unter seinem stampfenden Hufe.
    Glaube meinem Wort.
    Liebe die Schwestern.
    Hoffe auf den Helfer.
    Es ist ein Regen niedergegangen, der hat die Ähren gebeugt, aber sie werden
sich wieder aufrichten und werden herrlicher reifen denn je.
    Es haben sich Wolken zusammengeballt, die Sonne zu verdunkeln. Die Wolken
werden zerreissen, und die Sonne wird strahlen: heller und heisser und holder denn
je.
    Hier hebt an ein löbliches und nützliches, ein leichtes und schweres, ein
lichtes und dunkles Buch: das Buch vom Bruder Bracke.
    Frühling lag wie eine rosa Wolke über Trebbin, als der Schnellläufer
Bartolomäo, der, wie alle Vaganten und Maulwürfe, den Winter verschlafen hatte,
auf einem gescheckten Pferde, auf dem er sich gleich einem berittenen Gestirn
funkelnd bewegte, Einzug hielt. Von Kindern und jungen Frauen umstaunt und wie
das Licht von Faltern umgaukelt, begab er sich auf das Magistratsbureau, um die
Erlaubnis zu seinem Schauspiel einzuholen.
    »Wir haben im Mai euresgleichen in Trebbin soviel wie Maikäfer«, schrieb der
Bürgermeister; »der Frühling schüttelt euch von den Bäumen. Ihr seid
Volksverderber. Das Volk glaubt an eure lächerlichen Sprünge, weil ihr euch ein
paar bunte Lappen um den Bauch hängt. Lasst einmal einen Bauernburschen siebenmal
um den Markt herumlaufen: sie würden ihn auslachen und ihn für einen Verrückten
erklären.«
    »Auch sonderbare Menschen wollen leben«, sprühte der Italiener, der sich
nicht recht verständlich auszudrücken vermochte. »Sonderbar! Sonderbar!« eiferte
der Bürgermeister. »Ihr seid es, der das Volk aus seiner Ruhe bringt. Aufruhr
stiftet ihr an und Krieg und Mord und Brand!«
    Des Bürgermeisters dicke Backen, flammten.
    »Vater!« begütigte seine Tochter, Gattin des Bürgers Bracke und im siebenten
Monat schwanger, die dem Italiener aus der ewigen Verwandtschaft des Weibes mit
dem Vagabunden geheimnisvoll zulächelte. »Der Fremde ist doch kein Mörder und
auch kein Soldat. Er ist ein Künstler. Er hat sogar einen Kunstschein vom
Kurfürsten von Brandenburg. Er ist ein Schnellläufer. Ist es nicht ein hoher
Genuss und verstärkt es nicht den Glauben an die Menschheit, einen Menschen so
schnell laufen zu sehen, wie man selber nie laufen könnte? Und wenn er dabei
kuriose Gebärden und Sprünge vollführt: ist er nicht ein Spiegelbild des Genies,
erschüttert und erheitert er nicht zugleich?«
    Der Italiener hüpfte verständnisvoll zustimmend.
    Der Bürgermeister polterte.
    »Dummes Geschwätz. Dir haben die Skribenten den Kopf verdreht. Aber mag der
welsche Leichtfuss und Springinsfeld auf dem Markte für seine paar Groschen
tanzen. Das Volk sorgt schon durch karge Bezahlung, dass die Bäume des Genies
nicht in den Himmel wachsen.«
    »Das Genie ist kein Baum, sondern ein Vogel oder eine Wolke«, sagte Maria.
    Sie erschrak über ihre Worte. Verneinte und vernichtete sie damit nicht ihr
und ihres Vaters und aller Trebbiner Werk und Leben?
    Der Italiener zog sich mit spiralenförmiger Verbeugung zurück.
Trebbin ist eine kleine Stadt im Märkischen. Kinderspielzeug.
    Man erwacht in den winzigen Gassen und meint, Augenaufschlag bedeute: ganze
Welt, ganze Sonne, ganzer Mond.
    Kiefer ist Traum aller Kiefern. Mutter: Mutter aller Mütter. Auge erblickt
den Kirchturm: kahl gewachsen. Baum aus rotem Sandstein. Maikäferflug erscheint,
zu Pfingsten unter den Obstbäumen schwirrend. Seiltänzertruppe schwankt auf
dünnen Seilen läppisch.
    Gleich einem Dachfenster klappt das Auge zusammen, und das Ohr öffnet sich
wie ein Scheunentor ererbten Klängen:
    Pferdegetrappel an rostiger Karosse. Horn des Nachtwächters im violetten
Abend. Brunnengeplätscher unter Sternen. Liebesseufzer hinter schattiger
Gardine. Gespräch der Alten über Erde und Himmel, Krieg und Frieden, Braunbier
und Speck auf braven Bänken unterm Torgeböge.
    Jemand zerrt am Klingelzug der Witwe Murz, städtisch bestallter Hebamme.
    Still! Still!
    Augen geöffnet und Ohren und Herzen:
    Ein Mensch, ein neuer Mensch ist geboren.
Als der Schnelläufer mit seinen Spinnenbeinen, seinem Molchleib, auf dem der
Kopf sich im schweren und stossweisen Atem wie eine Hornisse brummend bewegte,
prahlerisch wie ein König und lächerrlich wie ein Kasperle um den Markt lief, da
wurde die Frau des Bürgers Bracke, die im siebenten Monat schwanger war und aus
dem Fenster ihrer Wohnung das Komödienspiel betrachtete, dermassen von einem
Lachkrampf erschüttert, dass sie ohnmächtig hintenübersank und ihr vor Gelächter
und Schmerz zuckender Leib zwei Monate zu früh eines Kindes genas, welches, da
niemand es für lebensfähig hielt, die Nottaufe empfing, das aber im Gefolge sich
kräftiger und stärker erweisen sollte als alle Atleten, alle Bürger Trebbins
und manche Herren und Fürsten der Welt und das mit einem Lächeln seiner Augen,
einem schiefen Zucken seines Mundes einen Kurfürsten und Kaiser selbst zu Boden
zwang.
    Furchtsam wie eine Muschel öffnet sich des Bürgers Herz. Aber schon schliesst
es sich wieder gewaltsam: denn eine bittere Flüssigkeit spritzt aus dem süssen
Wasser, darin sie leben, in ihr Gehäus.
    Wie unter den eleganten Arkaden der Renaissance aus der himmlischen Luft
Italiens die Pest sich nebelhaft plötzlich ballte: wie eine tausendjährige Eiche
aus Rache an ihrer stämmigen Beständigkeit plötzlich einen kolbenhaften Auswuchs
erzeugt, der ihre Wurzel bedroht: wie aus uralt angesehener Bürgerfamilie, die
jahrhundertelang Priester, Geheimräte, Kaufleute, Hofkonditoren und Offiziere
züchtete - nachdem Dreck und fremde Stoffe ihr plötzlich ins Blut gedrungen -,
mit eins ein fabelhafter Bastard springt: Maler unheimlicher Gemälde, Erfinder
teuflischer Töne, himmlischer Musik, Dichter unwahrer Wörtlichkeit: - - so war
Trebbin eines Tages nicht es selbst. Schwer trächtig an Sturm und Leben nach
soviel hundert Jahren Tod und Ruhe, brachte es einen Drachen zur Welt, der es
anschnaubte mit grünlichen Dämpfen, darin die Schlechten elend krepieren, die
Guten emporblühen sollten: ein Fabelwesen, Kröte und Schmetterling, Storch und
Stier zugleich.
Es ist dunkel um mich her, sprach Bracke, als er in seiner Mutter lag, aber ich
will zum Licht.
    Da gebar sie ihn.
    Nun, da er das Licht sah und seine Finsternis, die Wolken, welche Sonne,
Mond und Sterne verhüllten, den Nebel, der vor den Augen der Menschen, die
Bosheit, die vor ihren Herzen lag - da glaubte er vordem unter seiner Mutter
Herz in dunkler Höhe dennoch hell im Hellen gelebt zu haben.
Der Maimond wanderte bleich am Fenster vorüber. Die Maikäfer rasselten leise im
Laubwerk der Bäume. Physikus Bracke war zu seinem monatlichen Schoppen in den
»Bären« gegangen. Nur einmal im Monat gönnte er sich andertalbe Bier. Sein
dürftiges Einkommen gestattete nur diese einmalige Ausschweifung; sein
pedantischer Sinn legte der unfreiwilligen Abstinenz sittliche Motive zugrunde.
    Die Bürgerin Bracke hatte mit dem Kinde gespielt und selig ihn gerufen:
»Bracklein! Brücklein! Brücklein zum Himmel! Regenbogen! Zitronenfalter!«
    Sie war müde geworden, und nun atmete das Kind im Schlaf an ihrer Brust.
    Unhörbar fast wehten die Flügel der Tür auseinander. Sie rief: »Bracke!«
ihren Gatten vermutend. Aber wie sie sich matt emporrichtete, sah sie, dass ein
Reigen schöner Frauen, neun an der Zahl, die Kammer betrat.
    »Ihr kommt zu später Stunde, Nachbarinnen, mein Wochenbett zu besuchen«,
lächelte sie, nun ganz ermuntert, denn sie glaubte in der ersten der Frauen im
gelben Zwielicht die Frau des Gerichtsassessors zu erkennen.
    »Wir kommen noch immer zur rechten Zeit«, sagte Kalliope, an Antlitz und
Gestalt der Frau Gerichtsassessorius gleichend und doch von ihr entfernt durch
eigenen Adel der Bewegung und der Sprache.
    »Euer Gatte wäre gewiss nicht gut auf uns zu sprechen«, sagte Klio, die
zweite, und ihre Sprache tönte dunkel wie das Echo ferner Kriegstrompeten.
    »Mich wohl würde er niemals begreifen«, sprach ernst und voll verhaltener
Trauer Melpomene, die dritte. Eine kleine silberne Keule trug sie in der rechten
Hand. »Ich bringe Euch, Bürgerin Bracke, für Euren Sohn mein Patengeschenk, und
danke Euch für Eure Einladung, Pate bei ihm zu stehen.« Damit legte sie die
kleine silberne Keule auf die Bettdecke.
    Das Kind begann im Traum zu weinen.
    »Ich nenne sie Ananke, diese kleine Keule, sie wird Eures Sohnes Hammer sein
zum goldenen Amboss: Schmerz und Andacht. Ich habe sie aus Silber gewählt. Meinen
früheren Patenkindern musste das graue Eisen für Hammer und Amboss genügen.«
    Die Bürgerin Bracke sah der schönen Frau, welche die Züge der Frau Apoteker
trug, erstaunt ins Gesicht. Acht von den neun Frauen schienen ihr Gevatterinnen
und Freundinnen und doch in der Dämmerung der Mainacht wunderlich und
geisterhaft verwandelt.
    Talia, die lustige Frau des Aktuars, trat vor und lachte. Sie kitzelte das
Kind leise mit einer Gänsefeder unterm Kinn. Da lachte es im Schlaf, und auch
die Bürgerin Bracke lachte.
    Urania, die kleine verwachsene Frau des Küsters, stand am Fenster und
betrachtete den Mond und die Sterne. Terpsichore und Erato, die beiden hübschen
Töchter des Kaufmannes, die immer Hand in Hand gehen, versuchten einige Pas
eines französischen Menuetts.
    Euterpe, die kunstfertige Frau des Brauers, hatte ihre holzgeschnjetzte Flöte
mitgebracht und blies den schönen Schwestern zum Tanz.
    Da trat die letzte der Frauen, das Antlitz im Schleier verhüllt, ans Bett.
Die Bürgerin Bracke erinnerte sich nicht, sie je gesehen zu haben, doch dünkte
es sie, als vereine sie Sprache, Kleidung, Gebärde und Tugend aller acht in
sich, und als müsse es süss sein, eine solche Freundin zu haben.
    Die Verhüllte sprach: »Dein Sohn, Mutter, ist nicht dein Sohn allein: er ist
unser aller Sohn: er wird weinen und tanzen, Flöte spielen, lachen und die
silberne Keule schwingen lernen. Er wird zu den Gestirnen blicken und auf
Kalliopes Tafel die himmlischen Ziffern schreiben, aber am Ende ist er doch mein
Sohn, und ob er vielleicht mich nie erkennt: er wird wie ich verhüllt durchs
Leben schreiten, und seine wahre Anmut und seine tiefste Weisheit wird wie
hinter Schleiern sein.«
    »Wie ist Euer Name?« wagte Bürgerin Bracke zu fragen.
    »Polyhymnia.«
    Die Bürgerin Bracke hörte rumoren auf der Treppe. Furcht schlug ihr ins
Angesicht, die Frauen möchten zu so später Stunde ihrem jähzornigen Gatten
begegnen - da verneigten sie sich stumm und schwebten durch die Tür und an ihrem
Manne vorüber, der soeben schimpfend die Kammer betrat.
    »Was ist das für ein parfümierter Gestank im Zimmer? Ich werde das Fenster
öffnen.«
    »Tu es nicht, Mann«, flehte die Frau, »die feuchte Nachtluft ist Gift für
Wöchnerinnen.«
    Brummend begann der Physikus sich zu entkleiden.
Bracke lächelte.
    Da liess sich ein Schmetterling auf seiner Stirne nieder, vermeinend, dass sie
eine Blüte sei.
    Bracke weinte.
    Da fiel der Himmel in Wehmut.
    Unaufhörlich regnete es.
    Die Weidenbüsche an den Teichen von Trebbin seufzten. -
    Die Mutter brachte ihm einen Ball.
    Er spielte.
    Er warf ihn so hoch in den Himmel, dass er nicht mehr auf die Erde
zurückfiel.
    Er kam mit leeren Händen zur Mutter.
    Ihr hölzernes Antlitz spaltete sich wie ein Holzblock, in den eine Axt
fährt.
    »Wo hast du den Ball?«
    Bracke wusste es nicht.
    Da hob sie die harte Hand und schlug ihn.
    Aber sie traf nicht seine Wange, sondern wo ihm der Kopf zu sitzen pflegte,
da glänzte ihr, ohne Augen, Mund und Nase: glatt und spielerisch, doch ernst und
drohend, der Ball entgegen. Sie erblasste und wischte sich mit der Hand über die
Stirn.
Bracke war sechs Jahre alt, als er eines Tages vor seinen Vater trat und sprach:
»Ich will -«
    Der Physikus, der vom Schröpfen kam und ein wenig mit Blut bespritzt war,
schnaubte sich ärgerlich entsetzt die Nase.
    »Was ist das für ein ungehöriger Ton seinem Herrn Vater gegenüber! Was heisst
das: Ich will ... ich will. Was will Er?
    Wenn sein Wille mit dem meinen korrespondiert, soll sein Wille geschehen.«
    Bracke äugte freimütig und sagte klar und deutlich:
    »Ich will ein Tier werden.«
    Der Physikus zuckte einen Schritt zurück. Er hob die Hand, zauderte, warf
die Arme auf den Rücken und begann mit seinen hölzernen Pantoffeln den
Steinfussboden des Erdgeschosses zu klopfen.
    Bracke lauschte dem Geräusch der klappernden Holzsohlen. Es dünkte ihm von
einer dumpf geahnten Gesetzlichkeit und einem harmonischen Rhytmus gleichartig
wiederkehrender Töne. Klappert weiter, ihr Sohlen, bis ich Worte zu eurem
Geräusch gefunden und Sinn zu eurem Singen.
    Er vergass völlig die Gegenwart seines Vaters. Er dachte: Worte! und begann
sinnlos zum Geräusch der Pantoffeln zu schreien: »Hei ... hei ... hei ... hei
...«
    Der Physikus blieb stehen.
    »Ist Er verrückt? Was brüllt Er so? Er ist doch kein kleines Kind mehr.«
    Bracke dachte: Kind: und sah sich unter den Kindern der Strasse: Sand im
Gesicht, mit kotigen Füssen und schmieriger Jacke.
    »Hör' Er«, sagte der Physikus, »Er ist ein Mensch, ein kleiner Mensch.
Weshalb will Er ein Tier werden? Wer hat Ihm diesen gottlosen Unfug eingegeben?«
    Bracke streckte seine zur Faust geballte linke Hand vor und öffnete sie.
    Auf der Fläche seiner Hand lag eine Schnecke.
    »Die habe ich gefunden«, sagte Bracke, »und deshalb will ich ein Tier
werden.«
    Die Schnecke bog vorsichtig ihre Fühler aus und kroch langsam, weissen
Schleim auf der Haut zurücklassend, am Zeigefinger empor.
    »Die Schnecke hat ihr Haus immer bei sich«, sagte Bracke, »wenn man ihr weh
tut, kriecht sie hinein. Wenn man mir weh tut, habe ich kein Haus.«
    Er sah gross und gerade dem Physikus ins Gesicht.
    Der errötete vor dem Kinde. Scham liess seine Knie zittern.
    Ich kann dieses Kind nicht lieben. Es ist ein Tuch voll unreinen Wesens.
Gott straft mich mit seiner Unbotmässigkeit.
    »Ungeziefer«, bellte er und schlug dem Kind die Schnecke aus der Hand.
    Sie fiel auf den Boden. Er zertrat sie knirschend. »Zertretet mich, Herr
Vater«, flehte Bracke.
    »Besser wäre es vielleicht, ich erschlüge Ihn, ehe Er wie Unkraut
hochwuchert und es zu spät ist zum Jäten.«
Bracke sass in der Schule, im Dunkeln halb, auf letzter Bank.
    Aus halbem Dunkel träumte er sich ins Dunkel ganz. Eulen kreischten von
steinernen Türmen, Raubritter schlichen durch den Forst. Kaufleute jammerten,
ihrer Gewürze und Teppiche beraubt. Ein blasses Kind, ihm selbst nicht
unähnlich, entfloh und versank im Sumpf.
    Der Lehrer, krumm und kantig, schrie wie falsche Töne auf der Orgel, wenn
man danebengreift:
    »Bracke, dreimal eins ist -?«
    »Eins«, sagte Bracke, aus dem Dunkel ins Grelle gerissen.
    »Falsch«, sagte der Lehrer, »du träumst.«
    »Ist Gott nicht drei: Vater, Sohn und Heiliger Geist - dreimal eines - und
doch eins?«
    Der Lehrer krümmte sich tiefer - wie ein Kater, der einen Buckel macht: »Was
in der Religion richtig, das ist im Rechnen und in der Matematik falsch. Setz
dich einen Platz herunter, Bracke.«
Soldaten des Kurfürsten marschierten unter ihrem Hauptmann Eustachius von
Schlieben mit Trommeln und Flöten durch Trebbin. Sie sahen in ihren bunten
Wämsen aus - wie Perlhühner und Fasanen und krähten und gackerten wie Hähne und
Enteriche.
    Bracke lief neben dem Falben des Hauptmanns.
    Der hob ihn zu sich aufs Pferd:
    »Wer bist du, Kleiner?«
    »Ein Mensch wie du«, sagte Bracke.
    »Aber ohne Helm, Panzer und Schwert«, lächelte der Hauptmann.
    »Aber mit Kopf, Herz und Händen«, lächelte Bracke. Der Hauptmann liess ihn
sanft wieder vom Pferde gleiten.
    »Ich will mir deinen Namen merken, kleiner Mensch. Vielleicht, dass ich statt
eines Soldaten einmal eines Menschen bedarf.«
Bracke traf einen Juden auf der Strasse, der Katzenfelle kaufte.
    Kinder und Halberwachsene kamen mit weissen, schwarzen und gesprenkelten
Katzenfellen, die noch von frischem Blute trieften.
    Bracke schrie.
    Er lief durch die holprigen Gassen: leise, eilfertig. Überall, wo er eine
Katze sah, sprach er ihr leise ins Ohr: »Lauf, Katze, flink aufs Feld! Kehre
sobald nicht zurück! Der Katzentod ist in der Stadt und trägt einen schwarzen,
wehenden Kaftan. Er hat einen spitzen Bart, einen Sack über den Schultern und
riecht nach Zwiebeln.«
    Die Katzen rieben sich schnurrend an seinen Beinen, wehten mit dem Schwanz
wie mit einer Fahne und entsprangen: dankbar ihn begreifend.
    Der Physikus brach den lateinischen und griechischen Unterricht, den er
Bracke gegeben, plötzlich ab.
    »Was hast du?« fragte seine Frau. »Willst du einen Dummkopf aus ihm machen?«
    Der Physikus klopfte an die Fensterscheibe.
    »Leider ist er kein ehrlicher Dummkopf, sondern ein unehrlicher Philosoph,
so klein er ist. Er glaubt, er sei klüger als ich. Erweist sich von dem
unerträglichen Wahn seiner kleinen Grösse und Bedeutsamkeit besessen. Ein
zehnjähriges Kind - und will mich lehren, Virgil zu begreifen. Ich habe kein
Geld, dieses kindliche Monstrum studieren zu lassen. Woher nehmen, wenn nicht
stehlen. Stehlen? Er, glaube ich, wäre zum Diebstahl fähig. Er hat keine
moralischen Qualitäten.« »Mann«, sagte die Frau, die furchtsam lauschte, »die
sollst du ihn doch lehren.«
    »Papperlapapp. Man ist tugendsam oder nicht. Das Kind ist vom Teufel
besessen. Du hast dich in deiner Schwangerschaft an dem fahrenden Volk, das
damals Trebbin verpestete, versehen. Er ist nicht mein Kind. Er ist das Kind
eines Schnellläufers und Seiltänzers. Er muss in strenge Zucht kommen. Er muss ein
ehrenwertes Handwerk lernen. Mag er Brauer oder Stellmacher oder Metzger
werden.«
    »Metzger! Mann!« entsetzte sich die Frau. »Er kann kein Tier töten! Keine
Pflanze aus dem Boden reissen!« »Um so schlimmer, so wird er auch das Tier in
sich nicht töten.« - Die Frau weinte.
    »Warum darf er kein Gelehrter werden? Er ist klüger als alle seine
Altersgenossen, und seine Augen sind die eines erwachsenen Mannes: gross und
leidenschaftlich und wie Pfeile nach einem Ziele gerichtet.«
    »Nimm ihn auf deine Reise nach Berlin zu deiner Verwandtschaft mit. Er soll
die grosse Stadt sehen. Entweder sie erfüllt ihn mit Ekel und gibt ihm die Würde
seines Menschentums zurück, oder er wird sich an ihrem Bildnis zugrunde
richten.«
Die Bürgerin Bracke erzählte morgens, wenn ihr Mann auf Krankenbesuchen war, dem
kleinen Bracke von der grossen Stadt.
    »Da wohnen in einer Gasse soviel Menschen wie hier in ganz Trebbin. Sie
tragen modische Kleider, lederne Schuhe und weissgepuderte, elegante Perücken.
Sie essen den ganzen Tag Tauben und Fischragout und gebratene Krammetsvögel und
junge Saatkrähen und trinken die feinsten und teuersten Ungar- und Spanierweine
dazu. Sie reiten durch die Strassen auf glänzenden Pferden und schwenken die
Federhüte vor den schön wandelnden Frauen. Musik erschallt aus den Häusern und
munteres Lachen der Kinder vom Bad am Fluss. Ich denke«, die Bürgerin Bracke
seufzte, »die Menschen sind dort glücklicher als hier. Ich habe die schönsten
Tage meiner Kindheit und Jugend in Berlin verlebt.«
    Bracke sass mit brennenden Wangen da.
    »Mutter«, sagte er, »lass uns nach Berlin gehen.«
Unter strömendem Regen fuhr die Postkutsche in Berlin ein. Bracke fror.
    Er hustete, und seine Augen waren entzündet.
    Er musste zu Bett gebracht werden und lag wochenlang krank. Das, dachte er,
ist nun das Glück. Das ist Berlin, die Stadt der Buden und Karusselle, der
funkelnden Herren und rauschenden Damen!
    »Mein kleiner Freund«, sagte der Medikus, der täglich an sein Krankenlager
kam, »nur nicht den Kopf verlieren. Eine kleine Lungenentzündung ist doch nicht
das Schlimmste im Leben. Bedenke Er, wenn sein Hirn entzündet wäre und Wahnsinn
und Verbrechen gebäre! Er hat einen klugen und klaren Kopf, und wenn Ihm auch
der Besuch in Berlin verregnet, vereitert und vereitelt ist, bedenke Er, dass Er
einmal etwas darstellen muss im Leben und dass Er einmal etwas Exzellentes
prästieren soll. Darauf muss sein Trachten gehen, aber nicht auf einen Sonnentag,
einen Sonntag mehr oder weniger.«
    Ohne viel mehr als nasse Strassen und missmutige Menschen gesehen und den
gleichförmigen Tropfenfall des Regens gehört zu haben, kehrte Bracke mit seiner
Mutter nach Trebbin zurück. -
    Eines Tages entdeckte ihn seine Mutter auf dem Schutt- und Abfallhaufen
hinter dem Hause bei der Regentonne im Gebet versunken. Und sie hörte ihn beten
zu Gott, dass Gott ihn möge einst etwas Exzellentes prästieren lassen.
    Da ging sie leise und abgewandt in das Haus, setzte sich auf die Küchenbank,
faltete ruhig und wie erlöst die Hände im Schoss.
»Mutter«, sprach Bracke, »erzähle mir ein Märchen!« Und die Mutter erzählte: »Es
war eines heidnischen Königs Tochter; das ist viele Jahrhunderte her, und ihren
Namen weiss niemand mehr. Die war von grosser Schönheit, Sanftmut und Klugheit und
wurde von einem heidnischen Fürsten zur Ehe begehrt. Sie aber hatte sich
insgeheim Jesus Christus versprochen und wies das Ansinnen des Fürsten zurück.
Darob erzürnte ihr Vater und liess sie in ein finsteres und feuchtes Gefängnis zu
Ratten, Würmern, Schlangen und Molchen werfen. Da geschah es, dass selbst die
bösen Tiere gut zu ihr waren. Sie teilte mit den Ratten schwesterlich das Brot,
die ihr zu Dank wie kleine Hunde ihren Schlaf behüteten. Die Schlangen, die sie
aus ihrer Schale tränkte, spielten am Tage listig und lustig mit ihr. Einmal
ging das Tor, und Christus selber trat herfür. Er streichelte ihre Wangen und
tröstete sie. Sie aber bat ihn, dass er ihr eine Gestalt möge verleihen, darin
sie niemand mehr gefiele denn ihm allein, damit sie keinerlei Anfechtungen mehr
ausgesetzt sei unter den Menschen. Da hob Christus die Hand, segnete sie und
verwandelte sie in ein hässliches, affenähnliches Geschöpf. Als ihr Vater, der
heidnische König, sie also sah, erschrak er heftig und machte eine Gebärde des
tiefsten Abscheus. Dies, sprach er, ist nicht meine schöne und kluge und sanfte
Tochter. Dies ist ein schmutziges und abscheuliches Tier. Sie jedoch lobpreiste
den Herrn und sprach: Ich war Eure Tochter und bin es nicht mehr, da ich mich
dem gekreuzigten Gott versprochen habe. Da sprach der heidnische König: So
sollst auch du gekreuzigt werden wie dein Gott. - Und seine Häscher ergriffen
sie, und sie wurde gekreuzigt wie einst der Heiland. Wer sie aber anruft in
Bedrängnis und Not, dem wird geholfen alsobald. Und da ihr Name, der ein
heidnischer war, längst vergessen wurde, so rufe in deiner Kümmernis nur nach
Sankt Kümmernis. Die Heilige weiss alsdann, dass sie gemeint ist.«
    Es lebte in der Stadt ein italienischer Conte namens Gaspuzzi; der war aus
Mailand gebürtig und viele Jahre alt, die niemand zu zählen vermochte.
    Er hauste in einem ärmlichen Zimmer des Gastauses zum Stern; darin war
nichts als ein Bett, eine Bank, ein Stuhl und ein Kleiderhaken; im Winter aber
wehte eine solche Kälte in seiner Kammer, dass er wohl wochenlang im Bett blieb,
denn das Zimmer besass keinen Ofen.
    Man hatte den Conte nie weder essen noch trinken sehen, und wunderliche
Gerüchte gingen über ihn um. Es hiess, dass er von der Musik lebe, denn überall,
wo Musik zu hören war, sei es in der Kirche das Orgelspiel oder das
Dudelsackpfeifen der Komödianten, war der Conte anzutreffen und stand, den Kopf
leicht seitwärts geneigt und lauschte. Da er aber vermögenslos und zu arm war,
ein musikalisches Instrument zu besitzen, hatte er sich unbeholfene Zeichnungen
von Instrumenten verfertigt, die hingen nun an den kahlen Wänden seines Zimmers:
da hingen Bratsche, Flöte, Zimbel, Orgel, Handharmonika und Dudelsack.
    Er aber hatte viele Notenblätter italienischer Musik, weltliche und
kirchliche, die verstand er ganz ohne Vermittlung eines Instrumentes zu hören,
und las sie, in seinem Bette spitz zusammengekauert, verzückt mit den Händen
taktierend.
    Als der Conte Bracke zum erstenmal begegnete, da trat er auf ihn zu und
sprach: »Bleibe stehen!«
    Und der Knabe stand.
    Da neigte er den Kopf und lauschte wie einem Musikstück.
    Dann sprach er: »Du hast einen sonderbaren Ton in dir. Du bist nicht wie
andere Menschen. Du singst. Lass hören«, und er legte sein Ohr an des Knaben
Brust und horchte wie in einen Brunnen hinein.
    Er schnellte den Kopf in die Höhe:
    »Moll und Dur widerstreiten. Die Skala deiner Töne ist gross. Nicht
überspannen! Ach! Nun lächelst du! Wie süss das klingt.«
Der Physikus trommelte mit seinen harten Knöcheln auf den Tisch. Die Augen waren
ihm hervorgequollen wie zwei Frösche.
    »Er hat mein Haus in Unehre gebracht. Er hat mit dem Schinder und Abdecker
gesprochen. Bereut Er seine Sünde?«
    »Nein«, sagte Bracke.
    Der Physikus bebte.
    Seine Frau lief ängstlich wie eine Ente auf und ab. »Wird er mir gehorchen
und künftig einen weiten Bogen um Henker, Hexe und Schinder schlagen?
    Wird Er das Kreuz machen, wenn Er ihnen unvermutet begegnet?«
    »Ich werde Euch nicht gehorchen, auch wenn Ihr mein Vater seid«, sagte
Bracke. »Auch der Schinder ist ein Mensch. Die Menschen haben ihn dazu
verurteilt, Schinder zu sein, und eine Bürde ihm auferlegt, die selbst zu tragen
sie sich schämen. Zu feige sind sie, ihre Feigheit zu gestehen. Man muss Gott
mehr gehorchen als den Menschen.«
    »Ich werde Ihn Mores lehren!« schrie der Physikus. Er sprang vom Stuhle auf
und schwang die Hundepeitsche. Die Frau verbarg ihr Gesicht in den Händen.
    »Aus dem Haus!« brüllte der Physikus und peitschte Bracke zur Tür.
Bracke setzte sich in den Schatten eines Baumes. Der Schatten legte sich über
ihn wie eine Decke.
    Da bedachte Bracke und sprach: »Schatten - bist du der Sonne Feind?«
    Der Schatten sprach: »Wie sollte ich ihr Feind sein - da ich durch sie erst
bin.«
    Bracke streifte durch die Wälder.
    Er sammelte Pilze und Kräuter.
    Eines Tages sah er, wie ein Eichhörnchen, das im Begriffe war, ein
Schwalbennest auszunehmen, von zwei Schwalben angegriffen wurde, die es dermassen
bedrängten, dass es zerzaust und zerstochen sein Heil in der Flucht suchte.
    »Du bist ungerecht«, sagte das Eichhörnchen zu Bracke, der den Kampf
beobachtet hatte, »steht nicht geschrieben, dass man dem Schwachen helfen soll?
Und bin ich nicht der Schwache?«
    »Aber du bist als der Stärkere ausgezogen«, sagte Bracke.
    Das Eichhörnchen sprang von dannen.
    Bracke begab sich zu einem Uhren- und Brillenmacher in die Lehre.
    Da sah er durch mancherlei optische Instrumente die Welt bald riesengross,
bald zwergenklein.
    An den Uhren arbeitend, ziselierend und bastelnd, gelang es, die Zeit
stillestehen zu lassen oder, durch Korrektur der Räderwerks das Tempo
beschleunigend, in Tagen Jahre dahinzusausen. Plötzlich, den Zeiger
verlangsamend, in die Vergangenheit zu entgleiten.
    So ward er bei dem Uhren- und Brillenmacher vieler Dinge kundig und sann,
indem er die Zeiten regelte und die Stunden klingen liess, auf Zukunft,
Gegenwart, Vergangenheit und alle Ewigkeiten. Und rief an Markttagen seine Uhren
aus und pries sie Städtern und Bauern an:
Uhren, Uhren zu verkaufen!
Viele Zeiten,
Alle Zeiten,
Hunderttausend Ewigkeiten
Sind schon wieder abgelaufen -
Horch: am Sims der Frühlingswind -
Und der Sturm
Um den Turm
Endet Winters Leid und Streit -
Es beginnt
Eine neue Zeit!
Möchte nicht ein jeder wissen,
Was es hoch vom Baum geschlagen -
Frühlingswolken wehn wie Flocken -
Sind die Knospen ausgeschlagen,
Klingen bald die Blütenglocken -
Uhren kann der Mensch nicht missen,
Laubumwunden,
Die die Stunden
Und - sogar die Wahrheit sagen -
Uhren, Uhren, Kreaturen,
Gottesuhren -
In uns allen tackt und tickt es,
Gottes Uhrwerk - uns beglückt es -
Strömt im Baum der Saft,
Schwillt in Flut des Meeres Kraft,
Ziehn die Sterne ihre Runden,
Schlägt das Herz die roten Stunden,
Bis das Werk einst abgelaufen -
Grinsend höhnen die Lemuren:
Uhren, Uhren,
Uhren, Uhren zu verkaufen!
Als Bracke in einem Jahre ausgelernt und sein Gesellenstück: eine Standuhr,
deren Räderwerk einen Seiltänzer in Bewegung setzte, verfertigt hatte, begab er
sich auf die Wanderschaft.
    Er traf eine Schlange, die vor ihm des Weges zog.
    »Wohin gehst du?« fragte er die Schlange.
    »In der Richtung meines Kopfes.«
    »Da gehen wir zusammen.«
    »Gewiss nicht«, sagte die Schlange, »denn du gehst in der Richtung deines
Kopfes und ich in der Richtung meines Kopfes - oder haben wir denselben Kopf?«
Auf Tannen hatten die Prozessionsraupen ihre Nester errichtet. Nachts krochen
sie die Bäume herab, in langer Prozession, zu fressen.
    Bracke sah sie, wie sie zu Tausenden blind der ersten Blinden folgten, die
dennoch den Weg wieder in ihr Nest zurückfand. So sind wir Menschen, dachte
Bracke. Blind wanken wir durch die Wehmut der Welt. Der am wenigsten Blinde ist
unser Führer. Wir müssen dem Himmel danken, wenn wir nur dies erkennen - und uns
seiner Führung anvertrauen.
Bracke betrat eine Kirche.
    Er sah ein Mädchen sich vom Beichtstuhl erheben und von dannen schleichen.
    Er setzte sich in den Beichtstuhl, da fühlte er alsbald eine Hand über seine
Wange streichen, und die Stimme des Priesters flüsterte: »Liebes Mädchen - wann
kommst du wieder beichten? Morgen?«
    Als aber der Priester plötzlich den Anflug von Bart in den Fingerspitzen
spürte, schrie er leise auf:
    »Mädchen - was ist mit dir?«
    »Ich bin der Teufel«, sagte Bracke, »gekommen, dich in die Hölle zu holen
für deine böse Tat und die Verderbnis deiner Sitten.«
    Der Priester wimmerte: »Wie kann ich mich retten vor deiner Rache?«
    »Wisse«, sagte Bracke, »dass jegliches Mädchen, das dir zu beichten in deinen
Beichtstuhl tritt, ich bin, immer ich, der Teufel. Welcher Gestalt sie auch sei:
jung oder alt, hübsch oder hässlich, schlank oder feist. Wage niemals mehr, dich
einem Mädchen (das heisst: mir) unzüchtig zu nahen, sonst bist du mir ganz und
gar verfallen, mir, dem Teufel, du Teuflischer.«
    Zitternd schwur der Priester Besserung.
    Auf diese Weise rettete Bracke die Frauen vor den Gelüsten des unsauberen
Pfaffen.
Derselbe Jude, der Katzenfelle gekauft hatte, kam in eine märkische Stadt, alte
Münzen zu kaufen: gute, alte, märkische Groschen, die man Märker nennt.
    Bracke traf ihn und sprach: »Komm mit mir, Jud!«
    Und der Jude sprach: »Hast du Geld?«
    Bracke spreizte die Finger.
    »Ich weiss eine geheime Stelle, wo Tausende alter Märker liegen - und von den
allerbesten und wertvollsten.«
    Der Jude schwankte.
    »Lass sehen, lass sehen - ich verspreche dir, wenn du die Wahrheit redest,
einen richtigen Esel, darauf zu reiten.«
    Bracke schritt voran.
    Der Jude folgte. Sein Kaftan wölbte sich unter den Stössen des Windes.
    Und Bracke führte ihn durch die Pappelallee auf den Kirchhof und öffnete das
Beinhaus.
    »Hier liegen die allerbesten Märker - bessere, als du sie je jetzt finden
wirst ...«
    Brackes Augen flammten: zwei Monde.
    Bracke nahm ein Mädchen mit sich zu Bett. Am Morgen, da er bei ihr lag und
sie ihm ihr grünliches Gesicht zuwandte, erschrak er.
    Er stützte den Kopf auf das Fensterbrett und blickte ins Morgenrot:
    Ich hätte gleich mit einer Greisin schlafen gehen sollen - so wäre mir dies
erspart geblieben.
    Bracke kasteite sich: er legte sich des Nachts, da es Winter war, draussen in
den Schnee.
    Denn er fürchtete, dass er das Mädchen zu sehr liebe. Am Morgen aber erwachte
er in wohliger Wärme.
    Da lag das Mädchen über ihm und hatte ihn die ganze Nacht im Schnee mit
ihrem Leibe zugedeckt.
    Er erhob sich und wanderte von ihr, weil er ihre Liebe nicht ertrug.
    »Ich bin's nicht wert«, knirschte er und knarrte mit den Zähnen.
    Die Tränen stürzten ihm über die Wangen, als er von ihr ging. Sie aber blieb
versteinert für alle Zeiten auf dem Marktplatz stehen: eine Brunnenfigur, aus
deren Brüsten ewig das Wasser der Tränen springt, die sie aus den Augen in ihr
Herz zurückgedrängt.
Bracke beschloss, sich als Kaufmann zu versuchen. Er reiste ins Land Mecklenburg
und kaufte dort zweihundert Ziegen und Böcke und trieb sie auf den
Laurentiusmarkt nach Jüterbog.
    Er wurde aber unterwegs von adligen Schnapphähnen angefallen, die mit den
eisernen Schnäbeln nach ihm stiessen und ihn aller seiner Geissen und Böcke bis
auf einen alten Bock beraubten.
    Diesen alten Bock an einer Leine wie einen Hund hinter sich her führend,
kehrte er nach Trebbin zurück, das seine Eltern vor einem halben Jahre verlassen
hatten, um nach Striegau im Schlesischen überzusiedeln, wo der alte Physikus
gestorben und eine bessere Einnahme für Bürger Bracke zu gewärtigen war.
In Trebbin empfing man Bracke mit den neuesten Neuigkeiten: dass das Schiesshaus
auf dem Graben nach der Spree zu abgebrochen und vors Steintor gesetzt - dass im
Juni ein Maurergeselle Samuel Klopsch bei Abputzung des Simses an des Eustachii
Möllers Stadtmusizi Hause am Markt drei Etagen hoch heruntergefallen und beim
Leben geblieben, dass er nach wie vor arbeiten kann - dass ein Bauernweib sechs
lebendige Kinder zur Welt gebracht - und was dergleichen Sonderbarkeiten mehr
sind. Auch sei der König von Polen den 27. Juli mit drei Wagen durch Trebbin
passiert, und die grösste Merkwürdigkeit stehe noch bevor, indem der
moskowitische Zar, der am 18. September mit fünf Wagen durch Trebbin nach
Dresden gegangen sei, in den ersten Tagen des November nach Trebbin zurückkehren
werde. Zu seinem Empfang reite ihm der brandenburgische Kurfürst morgen bis
Trebbin entgegen.
    In der Stadt herrschte grosse Aufregung, als wolle man das Königsschiessen
feiern. Fahnen hingen aus den Häusern in brandenburgischen und russischen
Farben, und die Türen der Gastäuser waren mit Tannenreisern umkränzt. Denn die
Ansage, dass der moskowitische Zar zwei Tage in Trebbin verweilen werde, hatte
viele Fremde und Neugierige herbeigelockt.
    
    Bracke schlenderte beschaulich durch die Gassen, begrüsste Bekannte und
gelangte am Abend auf den Salzplatz, wo es wie auf einem Jahrmarkt zuging.
    Bier- und Branntweinwirte hatten ihre Zelte aufgeschlagen, auf einem
holprigen Tanzboden drehten sich unter des Himmels sternbesäter Decke junge
Paare, daneben gab es allerlei Schaubuden, in denen eine Blutsauger -
Vampirfamilie, das Rad der Welt, ein Bär, Ratten, so gross wie Hunde, ein
chinesischer Mensch, ein türkischer Feuerfresser und dergleichen mehr zu sehen
war. Nachdem Bracke hier und da einen Blick hineingetan, blieb er vor einer Bude
stehen, auf deren Schild in roten Lettern leuchtete:
    Nadya, die schönste Tänzerin der Welt - Tanzpoesei. Dieses Wort: Tanzpoesei,
das er vorher noch nie gehört, gefiel ihm nun sehr, und obgleich die Ausruferin,
eine dicke, in einem silbernen Panzer flimmernde Person, wenig Vertrauen
erweckte, gab er seinen Batzen und trat hinter den schmutzigen Vorhang. Ein
mittelmässiger Musikus spielte als Introduktion einen fremdländischen
Kriegsmarsch. Ausser Bracke harrten etwa noch zwei Dutzend Zuschauer, darunter
einige vornehme junge Leute, Söhne angesehener Bürger, der Vorführung. Dieselben
vergnügten sich damit, aus einem mitgebrachten Kruge Wasser in den Mund zu
nehmen und sich damit gegenseitig zu bespeien.
    Die Musik schlug ein geschwinderes Tempo an, das bald in einen rasenden
Galopp überging, eine misstönige Glocke erscholl, und plötzlich und ohne dass man
gewusst hätte, woher sie gekommen, wirbelte in dem Schaurund in der Mitte ein
schwarzes, mit hellgrünen Bandern geschmücktes Gewand, aus dem ein blassgelber
Kopf aufsprang und wieder verschwand, zwei bleiche Arme ruckweise wie Blitze
durch den Raum zuckten.
    Die Musik verlangsamte den Rhytmus, die Bewegungen der Tänzerin wurden
lieblicher, sinnlich bezwingender. Erst jetzt erkannte man ihre blassen, weissen
Gesichtszüge, das mahagonibraune Haar, die kindliche Schlankheit ihrer Figur,
die tödliche Zarteit ihrer Hände - und als sie, wie es der Kriegstanz, den sie
getanzt hatte, erforderte, den rechten Arm steif wie ein Schwert erhob und ein
Dolch zwischen ihren Fingern blitzte, da war nicht einer im Publikum, der nicht
unter ihren Händen hätte sterben mögen.
    »Ihr Körper singt«, flüsterte eine Stimme neben Bracke, die er schon einmal
gehört zu haben glaubte.
    Er sah um sich und erblickte den Conte Gaspuzzi, wie er, den Kopf leicht
seitwärts geneigt, lauschte.
    Der Tanz übermannte ihn so, dass er aus der Bude, wie aller Kräfte beraubt,
in die kühle Nacht taumelte, aber erst auf weiten Umwegen in das »Gastaus zum
Stern«, wo er logierte, zurückkehrte.
    Er ging die hölzernen, mit Sägemehl bestreuten Treppen empor und klinkte an
einer Tür.
    Er blickte verwundert auf.
    Er sah sich im Zimmer des Conte Gaspuzzi.
    Ein Licht flackerte in der Zugluft und warf wunderliche Schatten über die
imaginären Bratschen, Flöten und Zimbeln an den weissen Wänden.
    Der Conte kauerte, ein Kissen im Rücken, spitz in seinem Bett, hatte auf
seinen Knien allerlei Notenblätter ausgebreitet und taktierte mit seinen Händen
verzückt ein unsichtbares Orchester. Bracke drückte leise die Tür wieder hinter
sich zu.
    Er brachte die Nacht kein Lid zu.
    Er ging in den Stall und legte sich zu seinem Ziegenbock, der ihn meckernd
begrüsste.
    Bracke hatte den folgenden Tag für nichts Interesse, ob der Kurfürst kam und
der moskowitische Zar, es liess ihn gleichgültig.
    Mit unbeugsamer Gewalt zog es ihn zur Tänzerin auf dem Salzplatz.
    Er fand sie am Morgen draussen, an den Wagen der Vaganten gelehnt.
    Ihre Blicke schweiften über die Spree.
    Als sie seine zögernden Schritte hörte, wandte sie sich vorsichtig um und
lächelte.
    Er trat wie selbstverständlich heran, fragte nicht erst, ob sie sich etwa
seiner erinnere oder überhaupt erinnern könne, und gab ihr die Hand. Hätte ihn
auch nicht verstanden. Es sprach keines die Sprache des andern. Sie war Russin.
Sie nahm seine Hand, hielt sie einen Augenblick in der ihren und drehte sie
plötzlich um, dass der Handteller nach oben lag. Darauf beugte sie ihr blasses,
zärtliches Gesicht darüber und versuchte angestrengt mit ihren blauschwarzen
Blicken zu lesen. Sie las sein Schicksal.
    Als sie ihr Gesicht erhob, ihn dünkte, es wären inzwischen Jahre vergangen,
sah sie ihm noch einmal in die Augen, lächelte traurig und schüttelte den Kopf.
Als der Kurfürst mit grossem Gefolge von Trebbin nach Berlin zurückritt,
begegnete er auf der Strasse Bracke, der durch sonderbares Gewand und Gebaren die
Aufmerksamkeit des Fürsten erregte: er führte seinen Ziegenbock an der Schnur
wie ein Hund bei sich und trug einen Talar, wie ein Pfaffe, spitze, rote
Schnabelschuhe wie ein Tänzer bei Hofe und auf dem Kopfe einen Soldatenhelm.
    Der Kurfürst hielt seinen Rappen an und sprach: »Heda, guter Freund, was
stellt Er denn dar in seiner Kleidung? Ist Er ein Schalk?«
    Bracke schielte verdriesslich zu ihm empor:
    »Mitnichten, Herr, sondern ich bin das Heilige Römische Reich Deutscher
Nation.«
    »Das sollte mir wohl gehorchen«, sagte der Kurfürst, »folgt mir. Ich
gestatte Euch, mein Wappen in Eurem Kleide zu führen.«
    Und Bracke folgte ihm an den Hof nach Berlin.
    Der Kurfürst sprach: »Du verstehst mit der Feder umzugehen?«
    Bracke nickte mit dem Kopf.
    »So schreib mir einige deiner Weisheiten auf!«
    Und Bracke brachte ihm ein kleines Buch, darin war zu lesen:
1. Ein hohes Alter zu erreichen.
Wer möchte nicht ein hohes Alter erreichen in Gesundheit des Leibes und der
Seele, mit 90 Jahren noch Kinder zeugen, sich selbst und der Menschheit zu Nutz
und Freude? - Man gehe in den Eichwald und wähle einen alten, grossen, noch
frischen Eichbaum. Im Herbst, um das Äquinoktium, grabe man das Erdreich um die
Wurzeln auf und bohre in die Wurzel an verschiedenen Orten Löcher. In die Löcher
schlage man Zapfen, und an die Zapfen kitte man Krüge, dass nichts Unreines von
aussen hineingelange. Danach wirft man das Loch wieder zu und lässet's bis an den
Frühling. Im Frühling gräbt man wieder nach und findet die Krüge voll
Eichensaft. Der Baum stirbt von dem Aderlass, der Mensch aber nehme jeden Morgen
auf den nüchternen Magen einen Löffel des rektifizierten Eichensaftes, so wird
er das Wunder an sich erleben, wie des Baumes Kraft und Stärke in ihn übergeht.
Denn der ausgesogene Baum hat dem Menschen sein Leben überlassen.
2. Von dem unsichtbar machenden Rabenstein.
Man nehme einen Vogelkäfig und steige damit auf einen Baum, wo ein Rabennest mit
jungen Raben ist. Man nehme einen jungen Raben und hänge ihn darein wie der
Henker einen Galgenstrick, so, dass die Alten nicht dazukönnen. Sonst würden sie
ihn zerreissen und in ihren eigenen Mägen begraben, denn die lebenden Raben
können keinen toten Raben leiden. Wenn die alten Raben den jungen so kläglich
gehenkt sehen wie einen Verbrecher, so erheben sie zuerst ein klägliches
Geschrei, danach fliegen sie von dannen und kommen mit einem schwarzen Stein im
Schnabel zurück, den sie dem toten Raben durch das Käfiggitter in den Sterz
bohren, wodurch der tote Rabe sofort in seine Elemente aufgelöst und unsichtbar
wird. Auf dem Boden des Käfigs findet man dann den unsichtbar machenden
Rabenstein vor, die Schlinge aber ist leer und das Rabenaas verschwunden. Der
Rabenstein macht den Menschen, der ihn trägt, unsichtbar.
3. Einen Feigling zu einem Helden machen.
Einem feigen Menschen gebe man, ohne dass er es merkt, Löwenmilch zu trinken, so
wird seine Tapferkeit und sein Blutdurst keine Grenzen kennen. Man hüte sich,
ihm zuviel davon einzuflössen, da er ansonst zu einem Vampir werden könnte, der
jungen, sittsamen, bleichsüchtigen Mädchen nachts das Blut aus der Kehle saugt.
In früheren Zeiten hatten wohl manche Pharmazien eine Löwin im Stall, die stets
frische Milch gab. Denn die Nachfrage nach Löwenmilch war in kriegerischen
Epochen eine äusserst rege. Heute sind wir friedlicher geworden, und nur
ausnahmsweise dürfte man eine derartig equipierte Apoteke antreffen.
4. Von den mit Blut genetzten Kugeln.
Wer einen grimmen Feind um die Ecke bringen will, tut gut, um ganz sicher zu
gehen, dass er die ihm bestimmte Kugel mit seinem eigenen Blute netzt, bevor er
sie in den Lauf schiebt. Diese Kugel trifft unfehlbar und wird im Leib des
Erschossenen nicht gefunden, so dass sein Tod vom Chirurgen als an innerer,
rätselhafter Verblutung erfolgt definiert werden wird.
5. Wie man sich zu einer bestimmten Stunde aus dem Schlaf wecken kann.
Nimm soviel Lorbeerblätter, als Stunden du schlafen willst, tue solche in ein
seidenes Tuch, das eine Nacht in der Achselhöhle einer Jungfrau lag, binde dir
das Säckchen auf der rechten Schläfe fest und lege dich auf die linke Seite
schlafen, so erwachst du um die gewollte Zeit gewiss.
6. Wenn einem Menschen eine Schlange in den Leib gekrochen ist.
In schlangenreichen Gegenden pflegt es vorzukommen, dass einem Menschen, mittags
zum Beispiel, wenn er beim Heuen einschläft, eine Schlange in den Leib kriecht,
die oft nur der Vortrab böser Geister ist. Dem von der Schlange Befallenen setze
man eine Schüssel kuhwarmer Milch vor, so wird die Schlange, vom Duft der Milch
verführt, ihm aus dem Munde kriechen und sich in die Milch begeben. Worauf man
sie töten oder auch zähmen kann. Eine gezähmte Schlange ist zu mancherlei nutze.
Die indischen Fakire wissen ihr Lob zu singen. Eine gezähmte Kreuzotter ist
anhänglicher und zuverlässiger als ein Hündlein, sofern man sie stets in seinem
Banne hält. Sie begleitet einen überall hin, und man kann sie auch dazu bringen,
den Marktkorb oder Spazierstock zu tragen.
7. Das beste Mittel gegen Mäuse.
Man fange ein Dutzend oder mehr lebendiger Mäuse, tue sie in einen Käfig und
gebe ihnen nichts zu fressen. Der Hunger wird sie antreiben, einander
gegenseitig aufzufressen. Die stärkste wird Meister und allein übrigbleiben. Man
lasse sie frei. Es wird ihr nichts mehr schmecken als Mäusefleisch, und sie wird
als Mauswolf unter ihren Artgenossen fürchterlich wüten und ihrer mehr töten als
die eifrigste Katze.
8. Das beste Mittel, wilde Pferde zu zähmen.
Aus einem Eisen, damit einer umgebracht, lasse man Hufeisen schmieden und
beschlage das wilde Pferd damit. Es wird fromm, folgsam und sittig
daherschreiten.
9. Magische Kur wider das Fieber.
Wenn einer das Fieber hat und alle Mittel sind schon vergeblich angewandt, so
soll man dem Patienten an Händen und Füssen die Nägel abschneiden, in ein Tuch
tun und einem lebendigen Bachkrebs auf den Rücken binden und den Krebs wieder in
ein fliessendes Wasser werfen. Es hilft.
10. Sympatetische Geburtsbeförderung.
Frühling und Herbst schälen die Schlangen ihre Haut ab. Eine solche abgestreifte
Haut einer Gebärenden um die Lenden gebunden, befördert die Geburt. Auch die
abgestreifte Haut eines Aales tut gute Dienste. Es darf aber kein Spickaal sein.
11. Ein Mädchen keusch zu erhalten.
Ein Mädchen mit moralischen Ratschlägen keusch zu erhalten: das probiere der
Teufel. Viel besser ist folgendes Mittel: Hat man eine jungfräuliche Tochter, so
nehme man das Herz einer Turteltaube und nähe es in ein Stück Fuchsfell. Dieses
Amulett, bei sich getragen, lässt keine Unkeuschheit zu.
12. Wie man die Hexen erkennen kann.
Wenn man von einer Totenbahre, in der eine Kindsbetterin im ersten Kindbett mit
einem einäugigen Knaben starb, ein Stück haben kann, in dem ein Ast ist und den
Ast ausstösst: so sieht und erkennt man alle Hexen durch dieses Loch. Wer einen
solchen zauberischen Ast hat, hüte sich vor der Verfolgung der Hexen. Sie werden
ihm manchen Streich spielen. Der Bräutigam, der vor der Hochzeit durch dieses
Astloch seine Braut betrachtet, wird erkennen, ob er es mit einer Hexe zu tun
hat, und sich danach verhalten. Eine Hexe zu ehelichen, kann zwar Geld und Gut,
sonst aber nur Unglück bringen.
Der Kurfürst beschied Bracke vor sich:
    »Bist du ein Heiliger oder ein Narr?«
    Bracke verzerrte das Gesicht.
    »Wäre ich ein Heiliger, es ständen nicht soviel Galgen in Eurem
Kurfürstentum. Wäre ich ein Narr, ich würde Euch das nicht ins Gesicht sagen.«
    Der Kurfürst biss sich auf die Lippen.
    »Er hat Mut.«
    Bracke sprach:
    »Nur gerade soviel, um die Wahrheit zu sagen: dass hohe Herren oft sehr
niedere Herren sind.«
    Der Kurfürst sah durch das grosse Fenster.
    »Er will den Menschen helfen?«
    Bracke stöhnte.
    »Ich versuche es, Herr ... sie sind meine Gefährten und nächsten Verwandten
in dieser Wildnis. Wäre ich ein Tier, so hülfe ich den Tieren. Wäre ich eine
Eiche, ich böte mich dem Efeu dienend dar. Als Muschel wüchse Moos auf mir.«
    Der Kurfürst schenkte Bracke fünfzig Taler.
    Als er durch das Schlossportal kam, sass dort ein altes, zahnloses Weib, das
ihn Tagedieb und Nichtsnutz schalt.
    Da gab er ihr fünf Taler.
    Da begann sie sein Lob zu singen.
    Da schenkte er ihr weitere fünf Taler und bat sie, ihn wieder zu schelten,
weil er es nicht anders verdiene.
Bracke kehrte im »Bernauischen Keller« im köllnischen Ratause ein und traf den
Juden, dem er schon oft begegnet war, und einen Landsknecht und würfelte mit
ihnen.
    Es dauerte nicht lange, so hatte er seine vierzig Taler verloren.
    Da trat ein schönes Mädchen durch die Tür, lange Haare hingen ihr blond
herab, ihr abgehärmtes Gesicht zeigte unaussprechliche Armut und Anmut. Ihr
Gewand war dürftig und vielfach geflickt.
    Die Flamme des Spanes, der in einem eisernen Ring an der Wand flackerte,
stand still.
    War es jenes Mädchen, das einst im Schnee bei ihm geruht?
    War es Nadya, die schönste Tänzerin der Welt?
    Der Landsknecht liess den Würfelbecher sinken, der Wirt sperrte am
Schenktisch den Mund auf, und alle starrten die Erscheinung an.
    Das Mädchen begann zu singen.
    Dem Juden zog's die Tränendrüsen zusammen.
    Er schlich sich hinaus.
    Der Landsknecht folgte brummend.
    Bracke blieb allein im Zimmer.
    Er führte das Mädchen an den Tisch, gab ihr Speise und Trank, und als sie
sich zum Abschied wandte, küsste er ihr die nackten, schmutzigen Wanderfüsse.
    »Ich bin«, sprach das Mädchen, »Innocentia! Vergiss meinen Namen nicht und
lass einen Ton meiner Melodie immer um dich sein!«
    Bracke seufzte, und der Seufzer ging in einen Schrei über: »O Sancta
Kümmernis! Sancta Kümmernis!«
»Woher stammt Er?« fragte der Kurfürst.
    Aus Trebbin an der Spree, nicht weit von der Stelle, da Ihr mich aufgelesen
habt. Wenn sich in Berlin ein Mädchen in der Spree ersäuft, das ein reicher,
vornehmer Herr bei Hofe in Schande gebracht hat, so wird sie einen Tag drauf in
Trebbin angeschwemmt.«
    »Was ist sein Handwerk?« fragte der Kurfürst.
    »Ich bin Brillenmacher.«
    »Floriert sein Gewerbe?«
    »Meine Hauptkundschaft, Herr, sind die armen Leute, die schlecht zahlen. Sie
brauchen soviel Brillen und Vergrösserungsgläser, um in den Brotkrumen, die sie
zu fressen haben, Brotlaibe zu sehen. Sie sind gehalten, statt durch den Magen
durch die Augen satt zu werden.«
    »Und die vornehmen Herren, die gut zahlen - brauchen keine Brillen?«
    »Nein«, sagte Bracke, »die Fürsten und Grafen sehen ihrem eigenen Gesindel
alles durch die Finger, so dass sie keiner Brille bedürfen. Sie sprechen Recht
aus ihrem beschränkten und herrischen Kopf, anstatt die Pandekten zu studieren,
so dass sie zum Lesen ebenfalls keine Brille nötig haben.
    »Er soll mir eine Brille anfertigen.«
    »Herr, eine rosenrote, nicht wahr? Denn Ihr wollt die Welt rosenrot im
Morgen- und Abendrot sehen.« »Mach' Er mir eine schwarze Brille«, der Kurfürst
verfinsterte sich, »ich will von dieser Welt bald nichts mehr wissen.«
    Bracke erhob die Stirn.
    »Weil sie von Euch so wenig wissen will?«
    Chorin hiess ein Kloster in der Nähe von Berlin. Darin lebten neun Nonnen,
die musen- und tugendhaft genannt waren: Kalliope, die Güte; Klio, die Vorsicht;
Melpomene, die Frömmigkeit; Talia, die Freigebigkeit; Urania, die Mässigkeit;
Terpsichore, die Liebe; Erato, die Keuschheit; Euterpe, die Sanftmut; die Oberin
aber war Polyhymnia, die Weisheit. Urania amtete als Küchenmeisterin, Talia als
Pförtnerin.
    Eines Tages pochte Bracke zweiflerisch an das Tor des Klosters. Er wurde
liebreich aufgenommen; Talia wies ihm ein Zimler im Laienflügel, Urania trug zu
essen und zu trinken auf. Nach der Mahlzeit setzten sich alle neun Nonnen in
ihren strengen faltigen Gewandern wie Holzstatuen zu ihm an den Tisch, und
Polyhymnia, das Antlitz im Schleier verhüllt, sprach im Namen des Konvikts:
    »Wir sind Euch gutgesinnt.«
    »Edle Frau«, sprach Bracke, »ich schreite, wie Ihr, verhüllt durchs Leben,
und meine wahre Armut und meine tiefste Weisheit ist wie hinter Schleiern.«
    Am nächsten Morgen weckte man ihn früh mit Choral und erbaulichen Gesängen
und lud ihn in die Messe.
    Es zeigte sich aber, dass Bracke aller Güte gegenüber misstrauisch blieb,
indem er behauptete, dass die musischen Tugenden gar keine wirklichen Nonnen,
sondern nur Sinnbilder, silberne Allegorien seien, und dass es unmöglich derart
vollkommene Wesen (insbesondere Frauen) geben könne.
    Da er nun am dritten Tage aufwachte - wie erstaunte er, als er den Schlaf
aus den Wimpern rieb.
    Er lag auf Moos in einer alten Klosterruine.
    Der Tau netzte seine Wangen.
    Ihn fröstelte.
    Von den Nonnen war nichts mehr zu erblicken, und traurig wanderte Bracke
heim, gewjetzt und bereit, künftig das Gute zu glauben, damit es bestehen bleibe
und nicht in eine Ruine verfalle wie dieses Kloster: in welcherlei Gestalt es
ihm auch entgegentrete, und sei es selbst in der Gestalt von Nonnen.
Es wurde in Trebbin ein junger Mensch zum Galgen geführt, der war von einer
ausserordentlichen Schönheit. Lang wehten ihm seine blonden Locken herab. Seine
Augen glänzten melancholisch blau wie ein Waldteich unter Kiefern. Seine zarten
Hände aber hatten den Morgenstern geschwungen, damit er zwei reichen reisenden
Kaufleuten den Schädel eingeschlagen und sie ihrer Güter beraubt hatte.
    Die Weiber weinten, als sie ihn, einen jungen Gott, zum Galgen geführt
sahen.
    Die Jünglinge dachten: Dies ist die Ungerechtigkeit der Welt, dass heldische
Jugend gehängt wird.
    Und auch unter den Männern war mancher, der, vom Anblick des Jünglings
bezwungen, dachte: Ist denn niemand, der ihn vom Galgen losbittet?
    Es kam aber eine Kavalkade von adligen Rittern des Weges - deren Führer
zügelte den Rappen und sprach:
    »Wir wollen für den jungen Menschen bitten und Lösegeld leisten. Sagt aber
zuerst, was er getan.«
    Da trat der Henkersknecht hervor und sprach:
    »Herr - er überfiel reisende Kaufleute und schlug ihnen den Schädel ein ...«
    Da winkte der Reiter resigniert ab.
    »Hängt ihn denn - zum Teufel, er tat, was nur dem Adel zu tun geziemt. An
den Galgen mit ihm.«
    Und also galoppierten sie von dannen.
    Bracke, der solches gehört, sammelte eine Handvoll Bauern mit Sensen und
Dreschflegeln.
    Sie setzten der Kavalkade nach, schnitten ihr den Weg ab und fingen den
Reiter, der also gesprochen, und hingen ihn neben den schönen Jüngling an den
Galgen. Es war der Anführer der Bande, die Bracke einst der Ziegen beraubt
hatte.
    Wegen des Femgerichts an dem Raubritter wurde Bracke zum Kurfürsten nach
Berlin gerufen.
    Der erhob sich fett aus dem Söller gegen ihn wie ein kollernder Trutahn.
    »Ich bin es, der in meinen Staaten Recht spricht, versteht Er? Weshalb kommt
Er nicht zu mir, wenn Ihn der Schuh drückt!« »Eben weil Ihr Recht sprecht«,
entgegnete unerschrocken Bracke.
    »Und -?«
    »Und nicht recht handelt ...«
    Bracke sah dem Kurfürsten offen ins irrlichternde Auge. Der räusperte sich
erregt.
    Und schritt an den Schreibtisch.
    Schrieb.
    Siegelte.
    »Bring' Er dies Schreiben dem Hauptmann Eustachius von Schlieben, wenn Er
wieder nach Trebbin zurückkehrt.«
    Bracke war entlassen.
    Im Tiergarten öffnete er den Brief, den er dem Hauptmann zu übergeben hatte.
    Er entielt sein Todesurteil, sofort zu vollstrecken, wegen Mordes an einem
Adligen und Beleidigung der Majestät.
    Bracke pfiff zwischen die Zähne.
    Er warf den Brief in die Spree und ging in den »Bernauischen Keller«, einen
Schoppen zu genehmigen.
Am siebenten Tag darauf ritt der Kurfürst nach Trebbin.
    Er sprang vom Pferde und fragte Eustachius von Schlieben, der ihm die Bügel
hielt, wie Bracke ihm den Brief ausgerichtet und ob dem Befehl Genüge getan.
    Der Hauptmann erstaunte.
    »Welcher Brief? und welcher Befehl?«
    Der Kurfürst schnaubte ärgerlich durch die Nase:
    »So lebt dieser Bracke noch?«
    Der Hauptmann lächelte:
    »Gewiss. - Er repariert die grosse Standuhr im Saal. Soll ich ihn rufen
lassen?«
    Der Kurfürst zischte:
    »Lasst ihn holen!«
    Bracke kam langsam herbei, eine Zange in der Hand. »Der Herr Kurfürst
wünschen?«
    Der Kurfürst packte seinen Degenknauf, der ein bäuerliches Liebespaar in
Umarmung darstellte.
    »Er hat meinen Brief dem Herrn Hauptmann nicht übergeben?«
    »Welchen Brief?«
    »Den ich ihm vor sieben Tagen einhändigte?«
    Bracke besann sich.
    »Der Herr Kurfürst möge verzeihen: ich hatte noch einige Tage in Berlin zu
tun, und da ich meinte, der Brief könne sich sonst verspäten, warf ich ihn in
die Spree, auf dass er ganz gewiss noch vor mir nach Trebbin komme. Ich müsste mich
sehr verwundern, wenn er noch nicht eingetroffen wäre.«
    Da lachte der Kurfürst schallend, der Hauptmann lachte, das Gefolge lachte,
die Reisigen lachten, dass die Rüstungen klapperten wie das Geschirr in der
Küche. Es lachte die versammelte Bürgerschaft. Die Pferde selbst wieherten
fröhlich. Es lachten Mann und Frau und Kind. Und mit eins erscholl ein Gelächter
im ganzen märkischen Lande.
Bracke ging an einer Tischlerwerkstatt vorüber. Da sah er einen in Schwarz, Gold
und Silber gebeizten Sarg zum Trocknen stehen.
    Er legte sich in den Sarg und entschlief.
    Am Abend kamen die Gesellen, fanden ihn im Sarge schlafen, und einer schlug
ihn auf die Schulter und sprach:
    »Heda, guter Freund, so schnell und ohne Bezahlung des Sarges stirbt es sich
nicht.«
    Da stand Bracke auf und sprach:
    »Mir gingen die Augen über vor Müdigkeit. Überdrüssig dieses lauen Lebens,
legte ich mich in den Sarg und meinte zu sterben. Nichts für ungut, ihr
Wunderlichen.«
    Da sagte einer der Knechte:
    »Du nennst uns Wunderliche? Wir sind so wunderlich nicht als du.«
    Bracke kaute die Worte zwischen den Zähnen wie Grashalme:
    »Ich lebe wie alle übrigen Menschen vom Leben. Aber ihr - lebt ihr nicht vom
Tode? Und ist dies nicht wunderlich?«
    Und ging.
Bracke gelangte mit seiner Ziege eines Tages nach Sewekow, einem Dorfe in der
Nähe von Wittstock.
    Er ging mit der Ziege in das Gastaus, band sie an ein Stuhlbein und setzte
sich zu Trunk und Mahlzeit nieder.
    Aus der Tasche zog er ein Psalmenbuch, darin zu lesen. Es war soeben der
Pfarrer von Sewekow gestorben. Die Bauern sassen in ihrer Trauerkleidung in der
Schenke beim Trauerschoppen. Als sie nun Bracke am Nebentisch in einem
geistlichen Buche lesen sahen, kam einer auf den Gedanken und sprach:
    »Lasst uns den Fremdling fragen, welchen Berufes er sei.«
    Und es trat der Schulze, ein wenig vom Trauerwein schwankend, auf Bracke zu
und sprach:
    »Wer seid Ihr, Herr, und was ist Euer Beruf? Wir sehen Euch in einem
geistlichen Buche lesen. Uns ist soeben unser geistlicher Hirt verschieden.«
    Bracke sah von den Psalmen auf:
    »Ich bin der Gehilfe dieses Herrn -«
    Und er verwies auf die Ziege neben sich.
    Der Schulze meinte nicht recht gehört zu haben: »Wie?« »Ich bin der Gehilfe
dieses geistlichen Herrn ... der ein rechtgläubiger Priester ist. - Sprecht ein
Wort, geistlicher Herr!« wandte sich Bracke an den Ziegenbock.
    Der erhob den behaarten Kopf und meckerte.
    »Er spricht Lateinisch«, sagte Bracke, »und darum versteht Ihr ihn wohl
nicht.«
    Der Schulze, in seiner Trunkenheit, taumelte an den Tisch der Bauern zurück
und erzählte, dass dort ein geistlicher Herr mit seinem Adlatus sitze, und ob man
ihn nicht vielleicht zu einer Probepredigt auf morgen früh einladen solle -;
vielleicht, dass man auf billige Weise zu einem Pfaffen käme.
    Den Bauern war dies recht, und der Schulze ersuchte Bracke und seinen Herrn
um eine Probepredigt am nächsten Morgen. Am nächsten Morgen stand Bracke selbst
in geistlichem Ornat auf der Kanzel und predigte:
    »Ein Mensch ist des andern Teufel und betrügt ihn.
    Ihr Hurensöhne! Dreck, von einer darmkranken Kuh entfallen.
    Ihr Schänder des göttlichen Menschenangesichts. Selbst ein Ziegenbock wäre
zu schade als geistlicher Herr für euch - Verrottete und Verrohte, Versoffene
und Verhurte. Sucht euch unter den Ratten und Wanzen einen Prediger.«
    Und entwich durch eine Seitenpforte.
    Es ist in der Mark Brandenburg Sitte, zur Fastnacht ein Schwein zu
schlachten.
    Obgleich Bracke nun kein Schwein zu schlachten hatte, richtete er dennoch
den Kessel her, goss Wasser darein, zündete ein Feuer an und liess es sieden.
    Er schickte auch zum Metzger, mit der Bitte, er möchte ihm ein Schwein
schlachten.
    Zum Kurfürsten nach Berlin aber hatte er einen Boten gesandt, ob der
Kurfürst sich ihm nicht erkenntlich zeigen wolle für manches gute Wort, das er
ihm gesagt, für manchen ehrlichen Rat, den er ihm gegeben. - Er erbitte sich
devotest von ihm zur Fastnacht ein Schwein.
    In der Erwartung des kurfürstlichen Schweines stand Bracke am Zaun und lugte
nach der Rückkehr des Boten aus.
    Dieser traf dann auch pünktlich zu Fastenmittag ein: mit einer uralten
stadtbekannten Berliner Vettel.
    Hier sei das erbetene Schwein zur Fastnacht - lasse der Kurfürst sagen. Der
Metzger, der sein Messer schon geschliffen hatte, blökte wie ein Kalb. Der Bote
lachte. Bracke aber nahm die alte Hure liebreich bei der Hand. Er hiess sie sich
nackt ausziehen und danach in den Kessel steigen, den er durch Zuschütten auf
eine erträgliche Temperatur brachte.
    Er badete sie darin wie ein Kind und redete gute Worte zu ihr. Danach sandte
er den Boten zur Apoteke, Salbe und Schminke und Pomade zu holen, salbte und
ölte sie wie eine himmlische Jungfrau und legte sich mit der alten Hure zu Bett.
    Denn er gedachte Gutes an ihr zu tun, da sie zu Schimpf und Schande nach ihm
ausgesandt.
    Der Kurfürst, der von Brackes Tat erfuhr und wie man seinen Streich
parierte, ward auf das heftigste beschämt.
Als man das kurfürstliche Beilager rüstete und die junge Kurfürstin neben den
Kurfürsten legte, lähmte ihn an ihren Blicken und Gebärden ein Geringes derart,
dass er unfähig war, sie zu berühren.
    Es entsetzte ihn, dass die schönste Frau, seinen Sinnen zu eigen gegeben, ihm
nicht gehören werde. Dass ihr zarter Zauber, ihre ewige Grazie, ihre reine Grösse
ihm unerschliessbar, sein Verlangen danach ihm unerfüllbar bleiben solle.
    Die Lippen halb geöffnet, die Wimpern gesenkt, schlief das schöne
achtzehnjährige Geschöpf neben ihm.
    Er erhob sich, schlich in die Hauskapelle und opferte mit Weihrauch und
Gewürzen dem Priapus. Dann kehrte er zurück; aber da er sich über die Kurfürstin
neigte, die erwacht war und ihn mit der Klarheit ihres Auges und Gemütes
betrachtete, verschlug es ihm die Begierde, dass er ihre Hände ergriff und seinen
Kopf darin versenkte.
    Dann stürzte er in ein Nebengemach, befahl eine Dirne zu rufen und vergnügte
sich mit ihr bis in den trüben Morgen.
Als der Kurfürst mit den Bürgern von Berlin und Kölln nach dem Vogel schoss,
waren auch Eustachius von Schlieben und Bracke zugegen.
    Man hatte schon eine Weile geschossen, und der Vogel stand vor dem Abschuss,
als der Kurfürst Bracke aufforderte, für ihn einen Schuss zu tun.
    Bracke hob die Armbrust, zielte in die Wolken und schoss.
    Ein Sperling fiel durchbohrt zu Boden.
    Der Kurfürst runzelte die Stirn.
    »Ist das der Vogel, den du schiessen solltest?«
    Bracke senkte die Armbrust.
    »Nein, gnädigster Herr, es ist mein hoch hinschwebendes Herz, das ich
herabschoss. Und nun blute ich.«
    »Du schwätzest. Du solltest für mich einen Schuss tun und den hölzernen Vogel
herabschiessen.«
    Da legte Bracke die Armbrust auf den Kurfürsten an und schrie:
    »Du Mann mit den Habichtaugen und mit der Geiernase: siehst du nicht, was du
für ein Vogel bist: ein grausamer: über uns Tauben und Hühner vom Schicksal
gesetzt, um uns zu zerfleischen? Frissest unser Fleisch, trinkst unser Blut,
bespringst unsere Töchter. Wäre es nicht gerecht, wenn ich dich zu deinen
dunklen Brüdern in die Finsternis schickte, damit du jenseits erkennen lernst,
wie sehr du hier gefehlt - so sehr, wie ich nie fehlen würde: schöss ich jetzt
den Bolzen ab.«
    Der Kurfürst erstarrte.
    Irr flogen Brackes Augen durch die Luft.
    Er setzte mit einem Ruck die Armbrust an, schoss, und der hölzerne Vogel
fiel.
    Beifall vom entfernten Volk, das die nahe Szene nicht durchschaute, belohnte
ihn klatschend.
    Der Kurfürst, für den Bracke den Schuss getan, wurde zum Schützenkönig
ausgerufen.
Jeden Heiligabend schritt Bracke durch den Forst. Denn um diese Zeit war der
heilige Hirsch zu sehen, der Kerzen trug auf seinem Geweih, blaue und rote und
goldene Sterne.
    Er ist aber das einzige Tier, das in der Weihnacht aufrecht durch den Wald
schreitet: die Rehe, die Eber und Wildschweine, die Hasen, Eichhörnchen und
Kaninchen: sie alle knien unbeweglich die ganze Nacht im Schnee oder Moos und
blicken zum Heiligen Geist auf, der ihnen vom Geweih des schreitenden Hirsches
mit Erkenntnis, Hoheit und Güte leuchtet.
Als Bracke in der Silvesternacht zufällig um zwölf Uhr in den Pferdestall seines
Herrn, des Hauptmanns von Schlieben, trat, um seine Notdurft zu befriedigen -
denn es war draussen bitter kalt -, hörte er, wie zwei Pferde sich miteinander
besprachen.
    Er schlüpfte hinter eine Krippe und lauschte unbeweglich.
    »Wir werden in drei Tagen hart zu schleppen bekommen«, wieherte der braune
Hengst.
    »Es zieht sich mir das Herz zusammen, wenn ich dran denke«, sprach die
schwarze Stute.
    »Er war ein guter Herr« - sagte der Hengst.
    »Schlug selten mit der Peitsche, gebrauchte wenig die Sporen«, sprach die
Stute.
    »Jahrelang noch, so wünscht ich's mir, ihn zur Jagd zu führen«, wieherte der
Hengst.
    »Und in drei Tagen werden wir ihn auf den Kirchhof tragen«, sprach die
Stute.
    »Der Weg ist steil«, sagte der Hengst.
    »Und der Sarg ist schwer«, sprach die Stute.
    Darauf schwiegen die Tiere.
    Bracke erschrak im Innersten.
    Er trat am nächsten Tag vor Eustachius von Schlieben und sprach:
    »Herr, in der Silvesternacht reden die Tiere.« »Nun - und was haben sie dir
offenbart?« lächelte Eustachius von Schlieben.
    »Herr - wenn Euch Euer Leben lieb ist -, bleibt von heute drei Tage im Haus,
in Eurer Kammer, rührt Euch nicht vom Fleck - so wird Euch nichts geschehen.«
    Der Hauptmann, dem der ernste Ton in der Sprache Brackes nicht entging, fuhr
aus dem Sessel auf: »Was ist?«
    Bracke sprach:
    »Ich kann es Euch nicht sagen. Ich täusche mich vielleicht. Ja: hoffentlich.
Ich habe ein feines Ohr. Ich höre den Nachtwind bei Tage. Tut, worum ich Euch
bat.«
    Der Hauptmann schüttelte den Kopf, aber er tat, was Bracke ihm geraten.
    Nachdenklich sah der Hauptmann zum Fenster hinaus. Auf dem Hofe vergnügten
sich Mägde und Knechte mit Schneeballwerfen.
    Er öffnete das Fenster - ah - die kühle Winterluft tat wohl nach zwei Tagen
Stubenhocken. - - -
    Freundlich betrachtete er den ungleichen Kampf.
    Schon war die Partei der Mägde am Unterliegen.
    Die Burschen kamen ihnen ganz nah.
    Ihr heisser Atem durchschnob mit silbernen Flügeln die gläserne Luft.
    Da flog, von ungeschickter Hand geworfen, ein eisharter Schneeball hinauf
gegen das Fenster, wo Eustachius von Schlieben lehnte, und traf ihn mit aller
Wucht mitten in die Stirn. Er sank in den Erker hinab zu Boden, tot.
Der Kurfürst erschien, einen Trauerflor um den Helm, zum Begräbnis seines
Hauptmanns.
    Der braune Hengst und die schwarze Stute zogen den Leichenwagen, den Bracke
kutschierte.
    Auf einer kahlen Linde sang, trotz des Januar, eine Nachtigall.
    Als Bracke an das Grab trat, dem Toten die drei Handvoll Erde nachzuwerfen,
schossen ihm Tränen über die Wangen.
    Hier starb ein guter Mann - wie wenig gute bleiben noch am Leben.
    Wo Brackes Tränen auf die Erde fielen, da schmolz der Schnee, und Primeln
blühten.
    Die pflückte sich Grieta, die Tochter des Klempners, und steckte sie sich an
das Mieder.
Bracke sass im Wintersonnenschein vor seiner Stube; da kam Grieta des Weges, ihre
schwarzer, windischen Augen auf ihn werfend.
    Die dunklen Zöpfe schlug sie über die Schulter zurück und trat heran: »Guten
Tag, Bracke.«
    »Guten Tag, Jungfrau.«
    »Ich liebe die schönen Männer nicht, Bracke, sie sind voll böser
    Absicht und lauern dem Laster auf.«
    Bracke lächelte:
    »Ich bin kein schöner Mann -«
    »Ich liebe die glatten Gesichter nicht und die glatten Redensarten. Sie
lügen.«
    Bracke lächelte:
    »Mein Gesicht ist rauh. Und Stoppeln zieren mein Kinn.«
    Grieta sah ihm ins Angesicht:
    »Ihr seid ein guter Mensch, Bracke. Der beste Mensch, den ich kenne. Ich
vergesse alles, meine Scham, so sehr liebe ich Euch und trage Euch meine Hand
an. Wollt Ihr mich heiraten?«
    Bracke legte den Uhrmacherhammer aus der Hand.
    Er ergriff ihre beiden Hände und sagte:
    »Ich bin ein Narr. Wollt Ihr denn meine Närrin werden?«
    »Ja«, rief Grieta glückselig, »ja, Eure Närrin, Euer Weib, Eure Mutter, Euer
Kind - alles, was Ihr wollt ...«
Sankt Peter ging mit seiner Geige über Land und spielte auf den Dörfern und
Städten in den Schenken sonntags, am Tag des Herrn, zum Tanze auf.
    So kam er auch einmal nach Trebbin in das »Gastaus zum Stern«.
    Dort feierte Bracke eben seine Hochzeit mit Grieta, der Tochter des
Klempners Buchenau, der aus dem Hessischen ins Märkische zugewandert war.
    Es traf sich nun, dass der Stadtmusikant unpässlich war, weil er den Abend
vorher zuviel gesoffen, und dass also das Fest ohne Musik und Tanz vor sich ging,
zum grossen Kummer Brackes, seines Weibes und seiner Gäste, darunter des Conte
Gaspuzzi.
    Bracke dachte hin und her, wie er Musik herbeischaffe, er dachte an die
heilige Cäcilie, wie sie so trefflich Harfe spiele, und an den heiligen
Johannes, der mit der Orgel wie ein Küster vertraut - da trat verstaubt und
beschmutzt Sankt Peter durch die Tür und bot freundlich sein Grüss Gott.
    Voller Freude sprang alles ihm entgegen, die Knaben hängten sich an seinen
Mantel, und die losen Mädchen zupften ihn an dem hübsch vom himmlischen Barbier
gestutzten Bart.
    Und Grieta, im Myrtenkranz, sprach:
    »Lieber Mann! Bitte, spiel uns zum Tanz! Denn was ist eine Hochzeit ohne
Tanz? Spielt nicht auch im Himmel Sankt Peter mit seiner Geige den Engeln auf?«
    Das gefiel nun Sankt Peter, dass sein Name so freundlich genannt wurde, und
er hob die Geige und spielte nie gehörte himmlische Weisen, dass den Leuten die
Augen übergingen vor Freudentränen.
    Der Conte Gaspuzzi aber schluchzte aus tiefstem Herzen, und es drohte ihm
die Brust zu zersprengen.
    Als einziges Paar tanzte Bracke mit seiner jungen Frau.
    Sie schwebten unhörbar über den mit Sand bestreuten Fussboden, dass jeder, der
sie ansah, meinte, sie tanzten auf Wolken. Als Sankt Peter zu Ende gespielt und
den Bogen abgesetzt, rief alles: »Vergelt's Gott!« Und man lud ihn zu Schmaus
und Trank.
    Da hockte nun Sankt Peter zwischen Bracke und seiner jungen Frau und hatte
seine Lust am menschlichen Treiben. Und als er Frau Grieta, die schwarzhaarig
neben ihm sass (denn ihre Mutter war eine Wendin aus dem Spreewald), so recht
betrachtet hatte, da seufzte er und sprach:
    »Warum bin ich kein Mensch mehr? Um einer solchen Frau willen wollte ich
alle Engel Engel sein lassen.«
    Tröstete sich aber mit dem guten Trebbiner Bier, davon er manchen Humpen an
die Lippen führte und wacker Bescheid tat - nach links und nach rechts.
    Spät nachts ging er über die Milchstrasse heim und kam erst um fünf Uhr früh
an den Himmel, als Gabriel schon die Türschwelle fegte, Rafael die letzten
Sterne hereinholte und Magdalena eben die Morgensuppe kochte. Da neckte er die
heilige Magdalena und sprach:
    »Magdalena, ich weiss einen Engel, der aber kein Engel ist, der ist schöner
als du ...«
    Dies wollte nun die eitle Magdalena nicht wahrhaben und fragte, wo es denn
diesen schönen Engel, der kein Engel und also doch auch nicht schön sei, gäbe.
    Da zeigte Sankt Peter hinab auf die Erde in die Hochzeitskammer Brackes, wo
das junge Ehepaar Arm in Arm schlief, und die ersten Strahlen der Morgensonne
liefen wie kleine weisse Käfer über ihre Gesichter.
Küsse mich mit deinen Traubenlippen!
    Du vom Herrn und von vielen Frauen Gesalbter!
    Duft dein Name: sprich ihn in mich hinein!
    Reiss mich empor zu dir und lass uns stürzen hernieder auf dein Bett.
    Ich juble und trinke deine Liebe, die süsser denn süssester Wein.
    Gerecht nur bin ich, wenn ich, die Niedere, den Hohen liebe.
Ich bin dunkel, aber ich leuchte, ihr Mädchen Jerusalems.
    Ich, Hütte Kadors! Teppich Salomos!
    Wendet euer Auge: Ich bin so dunkel, weil mich das Licht verbrannt hat.
Meiner Mutter Söhne ziehn die Stirnen kraus. Sie gaben Befehl: Hüte unsere
Weinberge - Ach, ich vergass, den meinen zu hüten ...
Du, den ich innen liebe wie aussen:
    Wo weilest du in der Mittagsglut?
    Muss ich dich suchen von Freund zu Freunden?
    Schönste Frau, folge den Spuren der Schafe. Und weide dein junges Getier bei
den Hütten der Hirten.
Geliebte, ich vergleiche dich dem weissen Pferde an Pharaos Wagen.
    Über deine Wangen hängen Ketten, Perlen um deinen Hals.
    Zum Goldschmied gehe ich: eine Kette aus goldenen Tränen bestellen.
Wendet der König sich zu mir: ich erblühe und dufte.
    Er ist wie Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt.
    Er ist mir Blüte und Rebe des Weinstocks zu Engede.
Schön bist du, Freundin, schön: deine Augen schwirren:
    Tauber und Taube!
Schön bist du, mein Freund, schön bist du. Dein Antlitz Frühling.
    Unser Bett sprosst.
    Unseres Palastes Balken sind Zedern und die Decke aus Zypressen.
Am Tage nach seiner Hochzeit fand man zwei junge Mädchen aus Trebbin
aneinandergebunden ertränkt in der Spree auf.
    »Was bin ich für ein Mensch«, brüllte Bracke. »Ein Trunkenbold der Tugend!
Notzüchter der Gesinnung! Was ist an mir, dass schöne, schuldlose Frauen in mich
hinein -, auf mich hineinfallen wie in eine tiefe Zisterne, die für Regenwasser
bestimmt ist, es ist aber Dürre, und sie bleiben mit zerschmetterten Gliedern am
Boden liegen!
    Was ist an uns mit den breiten, platten Köpfen: Kiefernmenschen,
Sandläufern, Bibertieren des Bobers und Wasserratten der Spree. Die Götter der
Vorzeit wandeln noch in uns verzaubert: Baldur, der Gott des Lichtes, und Loke,
der Gott der Finsternis. Da mischt sich Hell und Dunkel wohl zu jenem
fürchterlichen Grau, das wie ein Hammer ist und das den Amboss selbst
zerschmettert.
    Werden an der Gänselache nicht am Tage der Hexen noch Menschenopfer
dargebracht? Verschwinden nicht kleine Kinder und werden geschlachtet in den
Wäldern an Baumaltären, heidnischen Göttern noch errichtet?
    Was sind wir für Menschen: der Atem unserer Liebe ist heiss wie Juliwind,
aber im Anhauch unseres Hasses gefrieren Seelen wie Teiche im Februar.
    Ich bin ein Irrlicht, das auf den Sümpfen der Spreeniederung tanzt.
    Ich bin der Sumpf selber, darein die Frauen versinken, ohne dass ich's will.
    Ein Sumpf, verflucht zum Sumpfsein. Klabautermann, der die Schiffe zum
Untergang lockt - und selber strahlt und himmlisch leuchtet: einen riesigen
Pokal mit Rotwein in den Händen schwingt, davon sie alle trinken. Und trinken
Blut. Elmslicht, das auf den Spitzen der Masten hüpft. Herr, rette mich, dass
meine irre Flamme sich zur reinen Flamme des Heiligen Geistes läutere und zu
Pfingsten herniederfahre auf aller Stirnen, dass ich zum rechten Weg - zu
Untergang und Abgrund künftig nicht mehr leuchte.«
Bracke kaufte auf dem Markte zwei Krammetsvögel.
    Da ging der Wirt »Zum Stern« vorbei und sprach:
    »Wisst Ihr auch, wie man Krammetsvögel recht zubereitet?«
    Bracke sprach:
    »Ich gedachte sie nach meiner Art in der Pfanne zu braten.«
    Da sprach der Wirt:
    »Ich werde es Euch erzählen, wie man sie in den fürstlichen Häusern und in
meinem Hause zubereitet, damit sie schmackhaft werden wie das ewige Manna.«
    Und er erzählte Bracke die Zubereitung.
    Da sprach Bracke:
    »Das ist mir zu lang, ich vergesse das Rezept. Schreibt mir's auf.«
    Und der Wirt schrieb es ihm auf einen Zettel.
    Da wandte sich Bracke nun mit den Krammetsvögeln und dem Zettel nach Hause.
    Unterwegs aber regten sich die Krammetsvögel in seiner Hand, und der eine
rief:
    »Bracke!« Bracke drehte sich um.
    Da war kein Mensch zu sehen.
    Und der Krammetsvogel rief wieder:
    »Bracke!«
    Da sah Bracke zu dem Krammetsvogel nieder und sprach:
    »Was willst du? Hast du noch einen Wunsch, bevor man dich brät?«
    Der Krammetsvogel zwitscherte heiser:
    »Das Rezept, das dir der Wirt gegeben hat, taugt nicht. Bereite uns zu, wie
du es gewohnt bist, aber ich bitte dich um eins: dies hier ist mein Weibchen,
und wir lieben uns sehr. Ich bitte dich, uns in einer Pfanne zu braten.«
    Da machte Bracke die Hand auf:
    »Fliegt nur hin! Mir wird bei diesen Worten, als sollte ich mich selbst und
meine Frau in einer Pfanne braten. Ich will in meinem Leben keine Krammetsvögel
mehr essen.«
    Und schritt fürbass und rupfte sich vom Wege Ähren, die er verzehrte.
Es gesellte sich zu Bracke, als er so seine Strasse wanderte, ein Mann mit Fes
und Pluderhosen, einem braunen Dattelgesicht und schwarzen Lakritzenaugen, aber
weissen Haaren, wie aus Mondstrahlen geflochten. Er trug einen Korb und sprach:
    »Ist es erlaubt?«
    Und Bracke antwortete:
    »Es ist nicht erlaubt - da es nicht existiert. Aber ich erlaube Euch, mit
mir zu gehen, das heisst mit mir zu existieren. Ihr seid der deutschen Sprache
nicht mächtig, wie es scheint?«
    »Ihr müsst entschuldigen«, sprach der andere, »meine Heimatsprache ist das
Türkische. Ich bin ein Türke. Man nennt mich Nassr - ed - din. Geboren bin ich
auf dem Halbmond zu Akschehir in Asien und bin ein Dehri.«
    »Ich heisse Bracke und bin geboren bei Vollmond zu Trebbin im Römischen
Reich. - Was habt Ihr dort im Korbe?«
    »Halwa. Mögt Ihr kosten?«
    Er öffnete den Korb, und Bracke versuchte die Süssigkeit.
    »Ich habe gekostet. Was kostet das?«
    »Einen Para«, sagte der Türke, »aber ich schenke es Euch.«
    »Das soll Euch Gott lohnen, und ich will Euch ebenfalls etwas schenken.«
    Er bückte sich und fing einen Heuhüpfer.
    »Da ... tragt ihn stets mit Euch umher, er wird Euch lehren, wie man durch
das Leben kommt.«
    Der Türke sprach:
    »Auf einem solchen Heupferd bin ich von Kleinasien nach Europa geritten. Mir
ist dieses Tier nicht unbekannt.«
    »Wenn Ihr auf einem Heuhüpfer zu reiten vermögt, so seid Ihr der grosse
Doktor Faust, der sich in einen Türken verwandelt hat - von dem die Sage geht?«
    »Der bin ich«, sprach der Türke, »wenn auch, wie Ihr seht, nicht ganz so
gross wie Ihr, ich reiche Euch nur an die Schultern.«
    Da hob ihn Bracke mit den Händen hoch und setzte ihn sich auf den Rücken.
    »Ihr sollt grösser sein als ich.«
    Und er trug ihn huckepack bis nach Berlin. Wofür ihm der Türke dankte und
sprach:
    »Ich werde Euch, wenn Ihr gestorben seid, das Telkyn sprechen. Erinnert Euch
meiner!«
    »Immer«, sprach Bracke, »denn ich habe Euch wie eine Mutter ihr Kind
getragen. - Aber sagt mir zum Abschied, aus welchem Buche Ihr Eure zauberische
Weisheit schöpftet, dass ich es lese und zunehme an Verstand?«
    »Ich las einzig das Myftah ül ülum, den Schlüssel der Wissenschaften. Aber
Ihr werdet es nicht verstehen, denn es ist in türkischen Lettern und türkischer
Sprache geschrieben. Wisst aber, dass dies die Essenz ist, gepresst aus den tausend
Rosenblättern des Buches: Lebe dein Leben! Und stirb deinen Tod! Ich will Euch
zum Abschied einen persischen Spruch sagen, den beherziget:
Bescher maverajy dschelal - esch ne - jaft Befer muntehajy kemal - esch nejaft.
    Gottes Barmherzigkeit sei mit dir!«
    Er bestieg sein Heuschreckenpferd und war mit einem Satz über die Dächer
verschwunden.
    Als Bracke von Berlin nach Trebbin zurückkehrte, traf er unterwegs einen
Fuhrmann, der hatte Bier in Tonnen hoch auf seinen Wagen geladen und sprach:
    »He, guter Freund - ist es noch weit nach Berlin?«
    Da antwortete Bracke:
    »Wenn du langsam fährst, so kommst du wohl noch vor Abend hin.«
    Der Fuhrmann lachte und dachte bei sich: Welch ein Narr! Wenn ich schon mit
Langsamfahren hinkomme, sollte ich nicht mit schnellem Fahren eher hingelangen?
Hieb auf seine Pferde ein, schrie »hü-hott« und jagte davon, dass die Biertonnen
wackelten.
    Er war aber noch nicht fünfzig Schritt weit gefahren, als einige Biertonnen
herabkollerten und im Strassengraben liegen blieben.
    Da musste er nun fluchend anhalten, verlor viel Zeit, sie wieder auf den
Wagen aufzuladen, und erkannte, wie weise der Fremdling gesprochen.
    Er fuhr von nun ab schön langsam und kam also flinker nach Berlin, als wenn
er schnell gefahren wäre.
Es lebte in der Nähe von Trebbin in einer Höhle des Waldes ein Mörder. Der hatte
einen roten Bart und einen dunklen Blick aus blauen Augen, so dass ihn jedermann
fürchtete und ihm aus dem Wege ging. Er hatte in seiner Jugend im Jähzorn und
aus Eifersucht seinen Bruder erschlagen. Aber er trug schwer an seiner Tat,
scheute Sprache und Antlitz der Menschen und kam nur zuweilen in der Dämmerung
nach Trebbin, Einkäufe zu machen: einen Hammer, Feile, Nägel, Zucker, Salz, Brot
oder wessen er sonst bedurfte.
    Er hockte danach mit dem Henker zusammen in einer üblen Kneipe und würfelte.
    Sie hatten aber ein kurioses Spiel: Tod und Leben: mit einem Würfel. Ein
Auge bedeutete Leben, zwei: Tod, drei: Hölle, vier: Seligkeit, fünf: Teufel,
sechs: Gott.
    So würfelten sie nun, und es gewann der Tod über das Leben, die Seligkeit
über die ewige Verdammnis, Gott über den Teufel. Bracke sass des öftern mit ihnen
zusammen, zu welchen sich dann noch der Abdecker gesellte, stinkend nach
gefallenem Tier.
    Es war aber nur Bracke, der mit den drei Verfemten verkehrte. Sie sassen
nächtelang und sprachen kaum ein Wort. Aus dem obern Stock klang Gelächter von
Dirnen, Grunzen menschlicher Eber, und vom Hofe der Schrei einer liebeskranken
Katze oder eines jagenden Käuzchens. Am Morgen begleitete Bracke den Mörder in
den Wald und reichte ihm zum Abschied seine Hand.
    Für diesen Händedruck lobpreiste der Mörder Gott und dankte ihm für das
Leben: dass es auch gute Menschen gebe, nicht bloss Mörder, Henker und Abdecker.
Sie sassen in der Schenke, und der Bürgermeister hob den Humpen und sprach:
    »Bracke, erzählt uns doch ein paar neue Lügengeschichten, deren Ihr immer so
viele wisst.«
    Und Bracke stützte den Kopf in die Hand, den Arm auf den ungehobelten Tisch,
sah in die leere Wand und sprach:
    »Es war einmal ein altes Weib, das sagte, als man es nach seinem Alter
fragte: Ich bin älter als Metusalem ...
    Es war einmal ein Kaiser, der glaubte ein Mensch zu sein wie andere auch und
bot mir die Hand und sagte: Gott sei mit dir, Bruder Bracke !
    Es war einmal ein junger Hahn, der überliess ohne Kampf seine Hennen sämtlich
in christlicher Demut einem zugereisten fremden Hahn ...
    Es war einmal eine Mutter, die meinte, ihr Kind sei das dreckigste und
dümmste Geschöpf, so auf Gottes Erdboden herumliefe ...
    Es war einmal ein Jüngling, der schwur seiner Geliebten keine ewige Treue,
sondern er liess sie wissen: er werde sie demnächst betrügen. Darob war sie
heiter und guter Dinge und herzte und küsste ihn und schmeichelte ihm: Was tut's,
mein Hans, so sprach sie, wenn du mich heute nur liebst ...
    Es war einmal ein Bürgermeister, der grüsste alle ehrbaren Bürger seiner
Stadt zuerst und fühlte sich als Diener der Gemeinschaft ...
    Es war einmal ein Henker, der hätte lieber sich selbst denn einen armen
Pferdedieb aufgehängt ...
    Es war einmal ein Stern, der glaubte nicht, Mittelpunkt der Welt zu sein ...
    Es war einmal ein Dichter, der rühmte die Werke eines andern Dichters, mit
dem er persönlich verfeindet war, gerechterweise auf das höchste ...
    Es war einmal ein Fuchs, der liess sich vom Lamm fressen ... Es war einmal
eine Schnecke, die lief tausend Meilen in der Stunde - so schnell wie die
märkische Post ... Es war einmal ein Krebs - der ging immer vorwärts -, so
schnell vorwärts wie die Entwicklung des Menschengeschlechtes ...
    Es war einmal ein Feldherr, der sagte: Es ist genug des Mordens, wir wollen
Frieden machen ...
    Es war einmal ein Ehebrecher, der ging zum betrogenen Ehemann und sagte:
Deine Kinder sind von mir ...
    Es war einmal ein Mensch, der sagte: Ich bin ein Sünder. Ein Sauf- und
Trunkenbold. Ein Hurenknabe. Ein Verleumder. Ein boshafter Schwätzer. Ein
tückischer Träumer. Ich will es büssen.
    Es war einmal ein Possenreisser, der sagte die Wahrheit, indem er log - aber
niemand glaubte sie ihm ...«
Ehe die peinliche Gerichtsverhandlung Karls des Fünften erschien, nahm man es im
Römischen Reiche mit dem niedern Diebstahl nicht so genau.
    Es stahl jeder einmal, was ihm zufällig in die Hand kam: einen silbernen
Becher beim Wirt, eine süsse Semmel beim Bäcker, beim Metzger eine Wurst, beim
Philosophen einen Gedanken und beim Dichter einen Vers oder zwei.
    Als nun die Carolina, die peinliche Gerichtsverordnung Karls des Fünften, in
Trebbin zum erstenmal öffentlich aushing - war sie am nächsten Tag gestohlen.
    Bracke hatte sie nachts, als er von der Kneipe kam, heimlich vom Rataus
herabgenommen. Denn er hatte Mitleid mit den Dieben.
    Der Kurfürst beobachtete eines Tages in seinem Park zwei Weinbergschnecken
im Liebesspiel.
    Er sah, wie sie sich erhoben und wie sie jene wunderlichen Instrumente, die
man Liebespfeile nennt, aufeinander abschossen. Tief und schmerzhaft drangen sie
sich gegenseitig ins Fleisch.
    Die Kurfürstin, unberührt und unberührbar, stand neben ihm. Mit ihrem Fächer
aus Perlmutter wehte sie sich Kühlung über ihre Brüste.
    »Mein Apennin«, sagte der Kurfürst. »Schneegebirge, das ich nie besteigen
werde«, und küsste sie leicht auf die linke, dem Herzen zugewölbte Brust. »Was
lässt du noch künstlich Eiswinde wehen - da du kalt bist wie parischer Marmor.
Und dein Hauch lässt die Blumen erfrieren. Fassest du in eine Flamme - so gerinnt
sie zu einem roten Eiszapfen. Wir verwunden uns wie die Schnecken mit
widerhakigen Pfeilen, den Pfeilen Amors, und sterben vielleicht noch aneinander
...«
    »Du irrst, Kurfürst«, lächelte die Kurfürstin, »ich werde zwar vielleicht
eines Tages von dir - doch niemals an dir sterben. Denn weder liebe noch hasse
ich dich: sondern ich kenne dich nur.«
Bracke hatte drei Jahre mit seiner Frau in Friede, Glück und Eintracht gelebt,
aber so innig sie sich auch liebten, so eifrig Grieta der Madonna Wachskindlein
opferte und stundenlang im flehenden Gebet verharrte - ihre Ehe blieb kinderlos.
    Da gelobten sie in heiliger Messe, einträchtig auf der Betbank kniend, dass
sie dem Dienst des Herrn das Kind weihen wollten, wenn er ihnen eines vergönne.
Wäre es ein Knabe, so sollte es ein Mönch, wäre es ein Mädchen, so sollte es
eine Nonne werden.
    Und Gott erhörte ihr Gebet.
    Ein Jahr darauf ward Grieta von Zwillingen entbunden, von Knaben.
    Die wuchsen nun auf und waren einander unähnlich wie Feuer und Wasser, Luft
und Erde, Blüte und Wurm.
    Der eine war himmlisch anzusehen mit seinen blonden Locken wie ein Engel,
der andere aber war schwarz und hässlich. Seine Augen standen schief. Er roch aus
dem Munde. Und schlürfte ein Bein wie einen Sack Rüben nach.
    Da kamen Bracke und Grieta überein, den hässlichen Knaben Gott zu weihen, und
taten ihn bald zu den Mönchen, behielten aber den schönen zu ihrer und der
Menschen Freude in der Welt.
    Gott aber empfand es als Gotteslästerung, dass sie den hässlichen ihm weihten
und nicht den schönen, und er sandte in der Johannisnacht zwei Blitze. Die
erschlugen beide Knaben: den schönen und den hässlichen.
    Grieta und Bracke taten Busse, und Brackes Wesen war von da ab noch
sonderlicher, so dass er ganze Monate aus dem Hause blieb und in den märkischen
Wäldern das Leben eines Büssers führte, sich nur von Kräutern nährend.
    Grieta aber härmte sich um ihn. Denn sie sah um seine Stirn die Flamme der
Gerechtigkeit leuchten.
Der Kurfürst fragte Bracke, in welcher Kunst er sich die letzte Zeit besonders
ausgebildet.
    Der sagte nun: vorzüglich in der Malkunst, denn er habe Unterricht bei einem
tüchtigen Meister genommen und es so weit gebracht, dass er Blumen, Tiere, Häuser
und Menschen ohne Beschwerlichkeit in vollkommener Treue auf die Leinwand zu
bringen vermöge. Ja, sein Meister, der ein seltener Künstler in seinem Fache
sei, habe ihn noch gelehrt, das Unsichtbare sichtbar zu schaffen, so dass es ihm
möglich sei, Tugend und Laster, Anmut und Verworfenheit, Geiz, Güte, Glück und
Grausamkeit zu malen.
    Dem Kurfürsten, der aufmerksam zuhörte, gefiel die Rede, und er fragte
Bracke, ob er für zweihundert Gulden, da er das Unsichtbare sichtbar zu
gestalten vermöge, nicht ein Abbild Gottes zu malen imstande sei ...
    Bracke sagte fröhlich: »Gewiss, gnädiger Herr«, nahm fünfzig Gulden Aufgeld,
richtete einen Saal des Schlosses für sich her und liess Leinwand und mancherlei
Farben und Tuben und Pinsel expedieren. Er bedang sich vom Kurfürsten aus, dass
niemand den Saal betreten dürfe, bis das Bild vollendet sei.
    Dies sagte ihm der Kurfürst zu.
    Bracke verbrachte nun die Vormittage in seinem Saale, in dem er auch zu
schlafen pflegte, ging mittags in die Gesindestube zum Essen und spielte danach
im »Bernauischen Keller« mit Hausierern, Landsknechten, Juden und Bauern Würfel
und Karten.
    Nach drei Wochen fragte ihn der Kurfürst, der mit seiner schönen Gemahlin im
Garten des Schlosses spazierte (es war Frühling, die Amseln sangen, und die
Bäume trieben rosagrüne Knospen):
    »Wie weit ist Er denn, Bracke, mit seinem Bilde?«
    Da verneigte sich Bracke.
    »Heute noch wird das Bild vollendet, und wenn Ihr mir morgen früh die Ehre
des Besuches erzeigen wollt, so will ich es Euch weisen.«
    Die Kurfürstin fuhr mit ihrer Linken spielerisch über den Kopf eines
Windspiels:
    »Darf ich das Bild nicht ebenfalls betrachten?« Und Bracke neigte sich:
    »Gewiss, gnädigste Kurfürstin, vielleicht gefällt es Euch, Euren Gemahl zu
begleiten.«
    Am Morgen empfing Bracke das erlauchte Paar am Eingang zum Saal.
    Er hatte einen weissen Mantel übergeworfen, trug ein weisses Samtbarett, in
der Linken die Palette, rechts den Pinsel, und war ganz angetan wie ein Maler.
    »Ich werde Euch, edle Kurfürstin, gnädiger Herr, nunmehr das Bildnis Gottes
zeigen - wisset aber, dass nur die es sehen werden, die reines Herzens sind - wie
schon in der Bibel geschrieben steht.«
    Damit öffnete er die Flügeltüren des Saales. Da sah nun der Kurfürst im
Hintergrund auf riesiger Staffelei nichts als eine grosse, in Form eines
Altarbildes golden gerahmte Leinwand.
    »Beim Teufel, dem ich ja nun einmal verschrieben scheine«, raunzte der
Kurfürst, »ich sehe nichts als eine weisse Leinwand.«
    Die Kurfürstin lächelte, obwohl ihr die Tränen der Beschämung näher waren,
und sagte: »Was seht denn Ihr, Bracke, auf der weissen Leinwand, die Ihr mit Gott
bemalt habt?«
    Bracke drehte den Pinsel um, so dass er zum Zeigestock wurde, und deutete
gleichsam die einzelnen Partien des Gemäldes.
    »Hier in dem mittleren Teil des Bildes tront auf silbernem Sessel, der auf
silbernen Wolken steht, Gottvater. Die Eule, das Sinnbild der Weisheit, sitzt,
einen Spiegel in ihren Krallen, auf seiner rechten Schulter, auf seiner linken
die Taube, das Sinnbild der Güte. Zu seinen Füssen dahingestreckt reckt sich ein
goldener Löwe, das Sinnbild der Schönheit.
    In seiner linken Hand trägt er wie einen Reichsapfel die Erdkugel. Seine
Rechte umfasst den gezackten Blitz, das Schwert der Gerechtigkeit.
    Unter der Wölbung links wandelt Hand in Hand mit seiner Mutter Maria Gott
der Sohn in einem Rosengarten. Viele Frauen und Kinder folgen ihm, hüpfend und
psalmodierend.
    Unter der Wölbung rechts schwebt über blauem Berg eine weisse Wolke, aus
welcher der Kopf eines Adlers zuckt. Dies ist der Heilige Geist.
    Im Tale weiden Ziegen und Schafe, die ihn nicht spüren noch ahnen.
    Er wird sie vernichten ...
    Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Sie
werden ihn sehen: überall, im höchsten wie im geringsten. Im Prunkgemälde wie in
dieser einfachen Leinwand.«
    Die Kurfürstin trat auf Bracke zu:
    »Jetzt, da Ihr mir Gott so anschaulich gezeigt, erkenne ich ihn selbst auf
dieser leeren Leinwand. Ich will versuchen, ihn niemals mehr zu verlieren. Ich
danke Euch, Bracke.« Und sie reichte ihm ihre kleine Kinderhand. Das Rentamt des
Kurfürsten zahlte Bracke die bedungenen hundertfünfzig Gulden Rest für das
Gemälde Gottes aus.
    Die Kurfürstin befahl, die golden gerahmte Leinwand in ihrem Schlafzimmer
über ihrem Bett aufzuhängen, damit sie Gott stets vor Augen habe, wenn sie
erwache, und den Tag mit seinem Anblick beginne.
    Die Kurfürstin liess Bracke rufen:
    »Habt Ihr nicht Lust, ein Porträt von mir zu malen, da das Bildnis Gottes
Euch so gut gelungen?«
    Bracke lächelte: »Es würde mir mit Euch vielleicht ähnlich gehen wie dem
heiligen Lukas mit der Mutter Gottes.«
    Die Kurfürstin sprach:
    »Und wie erging es ihm?«
    Bracke sprach:
    »Dem heiligen Lukas erschien im Traum eine englische Erscheinung, die
sprach: »Steh auf, Lukas, du sollst das Angesicht Unsrer Lieben Frau malen,
damit ein Bildnis ihrer auf die Nachwelt komme. Lukas erhob sich im Morgengrauen
und schritt demütig zur Hütte, in der Maria wohnte, nahm auch Pinsel und
Palette, Leinwand und Farbenkasten, in seinen Mantel eingeschlagen, mit, denn er
war ein geachteter und berühmter Maler schon zuvor. Dort begrüsste er nun in
aller Demut und Unterwürfigkeit die Heilige und tat ihr sein Anliegen und den
nächtlichen Besuch des Engels kund. Da lächelte Maria, wie nur sie zu lächeln
vermag, und setzte sich im Freien vor der Hütte unter den Bäumen in Positur. Und
Lukas stellte seine Staffelei und seinen Farbenkasten auf, nahm allerlei Mass und
begann alsbald zu zeichnen und zu malen. Von den Wolken hernieder aber schwebten
Amoretten und Putten und kleine Engel. Einige bildeten einen Kranz und schlangen
sich spielerisch um Maria, die kamen mit auf das Bild. Andere aber standen, die
Flügel gefaltet, hinter ihm, beäugten neugierig das Wunderwerk, das hier ward,
oder halfen Lukas reiben und reichten ihm die Pinsel zu.
    So schritt die Arbeit rüstig fort, als die Abenddämmerung allzufrüh
hereinbrach und des Künstlers Werk hemmte. Das Bild war fast, aber doch nicht
ganz vollendet. Es fehlte den Augen der Maria das letzte Leuchten. Ihrem Mund
ein kleines Lächeln und ihrem ganzen Wesen ein Hauch Allmütterlichkeit. Seufzend
packte Lukas sein Gerät zusammen und verabschiedete sich mit dem Versprechen,
morgen wiederzukommen und das begonnene Werk im Herrn zu vollenden. In der Nacht
aber wurde Maria in den Himmel abberufen, und als Lukas am nächsten Tag an die
Tür ihrer Hütte pochte, antwortete ihm keine Stimme. Als er öffnete, sah er das
Irdische der heiligen Mutter blass und regungslos auf dem Lager liegen. - So kam
es, dass es kein vollendetes Bild von der heiligen Frau auf Erden gibt. Auch die
grössten Maler aller Zeiten: ein Raffael, ein Bellini, ein Fra Angelico haben nur
einen schwachen Abglanz ihrer auf die Leinwand gebracht. Immer fehlt ein
letztes: dem gelangen die Augen, aber er verfehlte gänzlich die Lippen. Der
malte die schönsten und zärtlichsten Hände, aber ihre Stirn war viel zu streng,
ihr Haar zuwenig blond und sonnengold. Dem einzigen, der sie zu ihren Lebzeiten
ganz und vollkommen hätte malen können, nahm der Tod den Pinsel aus der Hand. -
Aber es soll wohl so sein. Ein jeder soll sich sein Bild von der Madonna machen.
Sie wird es segnen, auch wenn es nicht so trefflich gelingt. Das Leben bleibt
Stückwerk. Auch wir schreiten unvollendet hinüber. Hilf uns, Sankt Lukas, unser
Bild im himmlischen Reich zu vollenden. Dort hast du Gold und Rosenrot,
Morgenrot und Himmelblau auf der Palette - Farben, nach denen wir grau und
schwarz bemalten Menschen so selige Sehnsucht tragen. Heb uns aus dem Schatten
ins Licht. Lass uns leuchten wie Stern und Sonn' und Mond, Sankt Lukas.«
    Die Kurfürstin hatte die Augen geschlossen. »Amen«, sagte sie leise.
Grieta vernahm, dass Bracke eine Nacht bei der Magd des Kugelapotekers in Berlin
geschlafen habe.
    Sie weinte, legte Witwenkleidung an und begab sich nach Berlin. Sie traf die
Magd in der Küche, setzte sich auf die Küchenbank und sprach:
    »Weiss Sie, wer ich bin?«
    Die Magd, die Teller scheuerte, sprach, ohne aufzusehen:
    »Nein, Frau.«
    »Sehe Sie mich an!«
    Die Magd sah auf.
    »Was sieht Sie an mir?«
    »Dass Sie eine Witwe ist ...«
    »Und warum bin ich wohl eine Witwe?«
    Die Magd sprach:
    »Wie sollt ich's wissen - weil Ihr Mann tot ist, wahrscheinlich.«
    Grieta sprach:
    »Ja, weil mein Mann gestorben ist. Denn er hat bei Euch im Sarge gelegen
...«
    Das merkte die Magd, worauf Grieta hinaus wolle und wer es wohl sein könne.
    Sie fiel vor ihr in die Knie:
    »Könnt Ihr mir verzeihn?«
    Grieta sprach:
    »Steht auf!«
    Da schüttelte die Magd den Kopf:
    »Nein, lasst mich Euch kniend erzählen, wie Bracke bei mir war. Er hatte kein
Geld zum Nachtlager, und ich nahm ihn mit in meine Kammer. Als wir nun
nebeneinander im Bett lagen, da holte er aus der Brusttasche Eure auf einem
Jahrmarkt geschnittene Silhouette, Frau, betrachtete sie lange und inbrünstig,
und begann mir von Euch zu erzählen. Dass es wohl keine schönere, keine bessere
und keine barmherzigere Frau gäbe als Euch. Da sprach ich, denn ich wurde
eifersüchtig vor soviel Lobpreisung Eurer: Lasst sehen, ob ich Eurem Weibe nicht
vielleicht nur wenig nachstehe.  Da zeigte ich ihm meine Brüste und meine
schlanken Beine und sagte ihm, dass mich noch niemand berührte. Da küsste er mich
und sprach: Grieta wird sich mit uns freuen, wenn sie hört, wie wir zusammen
glückselig waren - und wir versanken ineinander. Grieta stand auf. Sie warf die
Witwenhaube ab.
    Sie küsste der Magd die Tränen von den braunen Augen und sprach:
    »Weisst du nicht, meine Freundin, wohin Bracke gegangen ist? Er blieb so
lange von Hause fort.«
    »Ich weiss es nicht, Frau«, sprach die Magd, »aber wenn er mir begegnet, will
ich ihn sogleich Euch senden ...«
Ein geckiger Franzose namens D'aujourd'hui, der am Hofe des Kurfürsten eine
Hofmeisterstelle versah, war wegen seines hochfahrenden Wesens allgemein
unbeliebt. Zu jedem, der es hören wollte, und auch zu denen, die es nicht hören
wollten, führte er Rede dergestalt, dass die Franzosen nur die rechte Kultur und
Grazie hätten und dass die Deutschen insgesamt Schweine seien, die von nichts
etwas verstünden als von ihrem eigenen Mist.
    Dieser Franzose verdross Bracke sehr, und er beschloss, ihm eine Lehre zu
geben.
    Als der Franzose einst vom deutschen Bier im »Bernauischen Keller« zuviel
probiert, es gegen elf Uhr abends geworden war und er wieder solche Reden
führte, wie: deutsche Schweine ..., sprach Bracke zu ihm:
    »Ich will Euch beweisen, dass die Schweine - nicht deutsch, wohl aber
französisch reden - und also zur französischen Nation zu zählen sind.«
    Und er packte den Franzosen am Handgelenk und führte ihn zum Gelächter der
Bürger an den Schweinestall des Wirtes.
    Dort ersuchte er ihn, an die Tür zu pochen und auf französisch zu fragen,
wieviel Uhr es sei.
    Der Franzose klopfte an die Tür und fragte:
    »Quelle heure est - il?«
    Da antwortete drinnen die Sau, aus dem Schlafe aufgestört, durch ihren
Rüssel schnaubend: »Onze, onze.«
    »Seht nur nach der Uhr«, lachte Bracke, »ob Euch die Sau nicht recht
Bescheid gegeben.«
    Der Franzose sah auf die Uhr, und es war in der Tat elf Uhr ...
    Da schlug er mit ganzer Faust wütend an die Tür und schrie:
    »Est-ce que c'est vrai? Est-ce que vous parlez français?«
    Da erwachten auch die Ferkel aus dem Schlafe und quietschten: »Oui, oui ...«
    Mit einem Fluche auf den Lippen, unter dem dröhnenden Applaus des Publikums,
schwankte der Franzose hinüber in den Seitenflügel des Schlosses, in dem er
wohnte. Seitdem aber heisst es in der Mark Brandenburg, dass die Schweine
französisch sprechen.
    Während, wie man schon von früher weiss, die Esel deutsch reden. J-a.
Es kam eine Mutter, die brachte ihren Sohn, einen Verwachsenen und Zwerg, zu
Bracke und sprach: »Da er sonst zu nichts taugt, nicht als Metzger das Messer
schwingen, als Krämer die Waage bedienen, als Kutscher die Pferde lenken kann -,
so bitte ich Euch, nehmt ihn gegen eine angemessene Entschädigung in Eure Schule
der Weisheit. Lehrt ihn denken, reden, handeln gleich Euch: närrisch und edel,
heiter und klug, damit er geachtet sei bei den vornehmen Standespersonen und
sein Ein- und Auskommen habe bis an sein Ende.« Bracke führte die Frau mit dem
Knaben zu seiner Ziege:
    »Seht Ihr diesen Ziegenbock?«
    Und er gab ihm einen Schlag, worauf der Bock meckerte.
    »Dieser Ziegenbock ist seit Jahren mein Freund und Schüler. Trotzdem ich mir
aber alle Mühe mit ihm gegeben und mit ihm zusammen sogar die Propheten gelesen
habe, vermag er bis heute noch nichts anderes als zu meckern, zu fressen und zu
sch ..., denn dies eben sind die vorzüglichen Eigenschaften und Kräfte des
Ziegenbockes, und ich glaube, dein Sohn wird nicht mehr lernen, als er ist: ein
Zwerg zu sein und zu bleiben und das Zwergige in sich, nicht aber das Riesige zu
entwickeln. Denn dieses würde ihm übel anstehen. Auch mag er auf sein Mundwerk
Bedacht haben: denken und - schweigen, dass es nicht heisse: wo hat dieser Zwerg
das Riesenmaul her? Du magst ihn aber immerhin bei mir lassen. Mein Weib wird
sich freuen, ein fremdes Kind zu bekommen, da Gott uns die unsern nahm. Er
bleibe einen Monat. Da werden wir sehen, ob er auch Anlagen hat, unser geistiger
Sohn zu werden.«
    Die Frau, obwohl sie nur wenig von der Rede Brackes verstand, ging
hochbeglückt von dannen.
    Nach einem Monat kam sie wieder: da hatte der Zwerg gelernt, die Stube zu
fegen, Sand zu streuen, die Betten zu machen und die Hühner und Gänse zu warten.
    »Ist dies die Schule der Weisheit?« fragte die Frau verwundert. Aber sie
liess den Zwerg noch einen Monat bei Bracke.
    Da lernte der Zwerg im zweiten Monat die Stiefel putzen, das Feuer im Herde
anmachen, Suppe kochen und Kartoffeln schälen.
    Nachdem der zweite Monat um war, kam die Frau wiederum, und wiederum
erstaunte sie sehr über die Schule der Weisheit.
    Im dritten Monat lernte der Zwerg lachen, im Walde streifen, die echten von
den giftigen Pilzen scheiden, Vogelstimmen nachahmen und zu den Sternen sehen.
    Als nun nach dem dritten Monat die Frau sich wieder bei Bracke einfand,
sprach dieser:
    »Dein Sohn hat die drei ersten Klassen der Schule der Weisheit trefflich
absolviert. Nimm ihn wieder mit. Nichts anderes kann man einen Menschen aus
sich, aus ihm heraus lehren als dies: alles Menschliche menschlich zu tun. Für
jedes rechte Gefühl auch die rechte Form zu finden. Immer mit sich eins und
zufrieden in Geist und Handlung sein. Sich selber erlösen - so erlöst einen
Gott.«
    Dies begriff nun die Frau erst recht nicht, aber da sie in das aufgeblühte
Antlitz ihres Zwerges sah und seine heiteren und sicheren Gebärden und Worte,
ging ihr das Herz auf; sie ahnte Brackes Weisheit und ging, den Knaben an der
Hand, und liess Bracke viele Segenswünsche und ein halbes ausgenommenes Kalb als
Schulgeld zurück.
Bracke ging mit einem dicken Buch in der Hand spazieren und las im Gehen.
    Er fiel in die Spree.
    Man fischte ihn mit langen Stangen und Seilen aus dem Wasser und brachte ihn
triefend zum Kurfürsten.
    Der Kurfürst bebte erheitert:
    »Da sieht Er, Bracke, wohin Er mit seiner Weisheit kommt. Vor lauter In -
die - Luft - Stieren - und Über - die - Erde - Taumeln - fällt er ins Wasser.«
    Bracke sprach:
    »Wollt Ihr hören, worüber ich mich so entsetzte, dass ich ins Wasser fiel?
    Es ist das Encomium moriae des Erasmus von Rotterdam, und lateinisch
geschrieben.«
    Und er schlug sein Buch auf:
    »Was soll ich nun von den Grossen des Hofes sagen? Obwohl die meisten von
ihnen die denkbar Verächtlichsten, Widerwärtigsten und Verworfensten sind,
wollen sie trotzdem in allen Dingen als die Hauptpersonen angesehen werden.
Freilich sind sie in dem einen Punkte sehr bescheiden, dass sie sich damit
begnügen, Gold, Juwelen, Purpur und alle möglichen Symbole der Weisheit und
Tugend auf ihrem Körper zu tragen, aber andern die Sorge überlassen, weise und
tugendhaft zu sein. Der saubere Gebieter schläft bis zum Mittag und lässt sich
dann von dem bereitstehenden gemieteten Kaplan, noch fast im Halbschlummer,
eilig eine Messe lesen. Dann frühstückt man; das Diner folgt unmittelbar darauf.
Nach Tisch wird gewürfelt, gelost und manches Brettspiel gespielt; es kommen die
Spassmacher, die Narren und Dirnen. Solchermassen vergeht das Leben der hohen
Herren. -
    Ist dies nicht die abscheulichste Lüge, die mir je vorgekommen?« sprach
Bracke - »eine so erbärmliche und so sonderbare Lüge, dass Wort für Wort ...
alles ... wahr ist. Was sagt Ihr zu solcher Art Lügen, Herr?«
Der Kurfürst hatte mit jener Dirne, die er einst in seiner Hochzeitsnacht
umarmte, ein sommersprossiges, blasses und rachitisches Kind gezeugt.
    Als es fünf Jahre zählte, befahl er, dass es in den Palast verbracht würde.
    Vor diesem Kinde hatte der Kurfürst Furcht, und er schrieb ihm geheime
Kräfte zu.
    Es sah ihn zuweilen mit seinen grünen Augen so unendlich leidend an, dass er
erbebte.
    Es liess mit einem apatischen Lächeln alles mit sich geschehen.
    Der Kurfürst schenkte ihm Holzpuppen, kleine Negersklaven, Papageien und
Affen.
    Es sah alles mit grossen Augen an und lächelte stumpf.
    Innocentia taufte er das Kind.
    Als es im sechsten Jahre an Schwäche starb, war der Kurfürst untröstlich und
hängte am Tage seines Todes sieben Juden.
    Er schrieb ein Trauergedicht: Innocentia, das er durch Bracke auf dem
Marktplatz öffentlich verlesen, durch Schreiber in Gold schreiben, in schwarzes
Leder binden und der kurfürstlichen Bibliotek in Berlin einverleiben liess.
    Das Gedicht aber begann:
Unschuldig zeugte ich dies Kind - und also starb's.
Nie liebt ich ehrlicher als diesen Schmerz.
Nie tiefer war mein Leid als dieses Grab.
Nie edler mein Pokal als ihre Aschenurne.
Der Kurfürst hatte eine kurze Komödie von der Geburt des Herrn erdacht und
gedichtet. Sie war mit zweierlei Tinte rot und schwarz auf Pergament, der
Umschlag in schwarzer Seide, in der kurfürstlichen Kanzlei selbst
vervielfältigt.
    Er gab sie Bracke zu lesen. Bracke las:
Der Engel Gabriel spricht:
Nicht fürcht' dich, o du kleine Schar,
Gott ist mit dir, glaub' mir fürwahr.
Hör' Wunder gross zu dieser Frist:
Euch allen heut geboren ist
Christus, der Herr, ein Kindelein
Von einer Jungfrau zart und fein
Zu Betlehem, in Davids Stadt,
Wie es euch Gott verheissen hat.
Das Kind zu dieser kalten Zeit
In einer harten Krippe leid't,
Welches Maria, Mutter sein,
Gewickelt hat in Windeln ein.
Sein Bett wird sein von Stroh und Heu,
Ein Ochs und Esel ist dabei.
Geht eilends, seht das Wunder an,
Was Gott hat diese Nacht getan.
Ehre sei Gott in der Höhe!
Bracke las noch einmal: Sein Bett wird sein von Stroh und Heu ... ein Ochs und
Esel ist dabei ... Was weiss der Kurfürst von mir? Da sah er in die
erwartungsvoll wie kleine Trommeln gespannten Augen des Kurfürsten und sprach:
    »Ihr solltet die Komödie zur Weihnacht im Schloss der gnädigen Frau
Kurfürstin vorspielen lassen.«
    Der Kurfürst zeigte sich angeregt von dem Gedanken. »Ein hübscher Einfall.
Er hat recht, Bracke. Aber wo nehme ich die Schauspieler her?« Bracke sann:
    »Lasst mich nur machen, ich kenne Komödianten genug.« Und er bat den
Kurfürsten um Autorisation zur Aufführung.
Bracke rief den Mörder, den Henker, den Abdecker und jene Dirne, von der der
Kurfürst ein Kind hatte, zusammen und sprach:
    »Ich habe Arbeit für euch.«
    Da sprachen die Männer, welche sonst wenig sprechen:
    »Sprich, Bracke.«
    Und Bracke sprach:
    »Ihr sollt in einer Komödie spielen.«
    Die Männer schwiegen.
    »Ich werde euch die Komödie einlernen und die Worte, Gesten und Gebärden.«
    Und der Mörder sprach:
    »In welcher Komödie sollen wir spielen?« Bracke gab Bescheid:
    »In der Komödie von der Geburt des Herrn, die der gnädige Kurfürst in
eigener Person verfertigt hat.«
    Da schwiegen die vier.
    Endlich sprach der Henker:
    »Und was soll ein jeder von uns darin darstellen?«
    Bracke bestimmte:
    »Du, Henker, spielst den Engel Gabriel. Du, Abdecker, den Joseph. Die Hure
spielt die Mutter Gottes. Der Mörder Gottvater selbst.«
    »Und das Jesuskind?« fragte die Dirne.
    »Das Jesuskind spielt deine Tochter, des Kurfürsten Kind ...«
    Das Kind war aber dazumal noch am Leben. Als nun der Tag der Vorführung kam,
hatte Bracke ihnen allen schöne Kleider, Geräte und Symbole besorgt. Er hatte
sie durch Bärte und Schminke unkenntlich gemacht und ihnen die Gesten, Gebärden
und Worte trefflich einstudiert, so dass Kurfürst und Kurfürstin von der
Vorführung hoch entzückt und erbaut waren.
    Die Kurfürstin gab Bracke ihre kleine Kinderhand und sagte leise: »Ich habe
Euch lieb, Bracke.«
    Und ging in ihre Gemächer.
    Der Kurfürst setzte sich mit den vermummten Komödianten und Bracke noch zu
Tisch und schmauste und zechte mit ihnen die Nacht durch.
    Trunken tölpelte er mit der Dirne, die als Mutter Gottes einen goldenen
Heiligenschein um ihre Stirn trug, ins Bett.
    Am übernächsten Tage, nachdem der Kurfürst seinen Rausch ausgeschlafen
hatte, fragte er Bracke, wer die scharmanten Schauspieler gewesen seien.
    Da sprach Bracke:
    »Der Henker, der Abdecker, der Mörder und die Hure.«
    Da erblasste der Kurfürst, holte die Hand zum Schlage aus, besann sich aber
und verliess dröhnend das Zimmer.
Es war wenige Tage danach, da wanderte Bracke durch die verschneite
Silvesternacht nach Hause gen Trebbin, zu seinem Weibe.
    Er schritt wie eine blühende Linde durch den nächtlichen Winter, und in ihm
zwitscherte Drossel- und Nachtigallenruf: Grieta! Grieta!
    Was für ein Frühling soll das werden, jubelte Bracke, was für ein Sommer!
Grieta! Unser Glück soll himmlisch blühen und reifen! Grieta, ich will einen
Sohn in dieser Silvesternacht mit dir zeugen, der soll Tiere und Bäume und
Sterne reden hören, und das Meer soll sich vor ihm teilen wie vor Mose. Er soll
mit seiner Hand den Lauf der Sonne anhalten und den Mond aus der Nacht in den
Tag hinüberschleudern. Gebirge wird ihm sein wie Ebene, darauf zu tanzen. Alle
Frauen werden seine Schwestern sein.
    Da hörte er seitwärts einen Specht an einem Baume hämmern: »Bracke! Bracke!«
    Und er blieb stehen und erinnerte sich des Gespräches der beiden Pferde im
Stall des Hauptmanns von Schlieben.
    »Bracke«, klopfte der Sprecht, »geh eilends. Dein Weib ruft nach dir.«
    Da erschrak er zu Eis. Die Blüten fielen von seiner Linde, Nachtigall und
Drossel fielen erfroren tot zu Boden, und es war nur Winter. Kein Frühling
blühte, kein Sommer reifte mehr.
    Als er aus seiner Erstarrung erwachte, rannte er das Stück des Weges, das
ihm noch blieb, keuchend und mit zusammengebissenen Zähnen.
    Er rüttelte an seiner Haustür.
    Sie war unverschlossen.
    Er taumelte ins Zimmer.
    Da lag am Herde unter dem flackernden Spane: Grieta, ein Messer zwischen den
Brüsten.
    Schreiend wie eine wilde Katze zog er das Messer aus der Wunde.
    Es zeigte an seinem Knauf den kurfürstlich - brandenburgischen Adler.
    Er küsste das Blut vom Messer und reckte es schwörend und beschwörend in den
Klang der Glocken, die eben das neue Jahr einläuteten.
Der Kurfürst erwachte, sprang aus den Kissen und trat vor den Spiegel:
    Welch hohe Stirn! Herbergend Gedanken der Herr-und Göttlichkeit! Die Brauen
- wie edel geschwungen! Lazertenschwänze! Diese Brust - über die Rippen gespannt
wie eine Pauke. Die Augen - Brandstifter der dürren Stroh- und Reisigwelt.
Gefährten der rasenden Gestirne. Hier hämmert das Herz, Rotspecht, am Baume der
Brunst. Die Füsse zerstampfen die Narzissenbeete und Getreideäcker, bis die
Engerlinge aus dem zerwühlten Humus ans Licht fliegen und der blinde Maulwurf
ihnen folgt. Diese spitzen, weissen Zähne: zerbeissen lebende Küken gern. Ach!
einer Frau die Kehle durchbeissen in der Umarmung und im letzten Schauer ihr Blut
trinken. Ich bin die Kraft, die Wildheit und die Würde. Ich sehe nichts, was
meiner Anbetung wert wäre ausser mir.
    Er fiel vor seinem eigenen Spiegelbilde nieder und erwies ihm göttliche
Ehren.
Der Bildhauer Dörfler ward beauftragt, ein Standbild des Kurfürsten in
Lebensgrösse zu schaffen.
    Der Kurfürst liess für die Statue einen eigenen Tempel, ganz in Marmor,
errichten.
    Täglich wurden Messen vor seinem Bilde gelesen und ihm göttliche Ehren
zelebriert. Das Standbild wurde jeden Tag mit derselben Kleidung bekleidet, wie
er sie gerade trug: bald purpurrot, bald orangegelb, bald silbergrau.
    Am Tage des Vollmondes wurde im Tempel ein heiliges Gelage veranstaltet, bei
dem Perlhühner, Flamingos, Pfauen, Auerhähne und Fasanen dem kurfürstlichen
Gotte geopfert wurden.
    Der Kurfürst hielt die Zeremonien als sein eigener Oberpriester und schnitt
den kreischenden Vögeln mit einem goldenen Messer, dessen Knauf den kurfürstlich
- brandenburgischen Adler zeigte, die Kehle durch.
    Als dabei Blut auf sein weisses Priestergewand spritzte, erschrak er heftig
und deutete es sich als schlimmes Vorzeichen.
Es geschah, dass ein Sendschreiben vom Kaiser ausging an alle Könige, Kurfürsten,
Herzöge, Grafen, reichsunmittelbaren Herren, Klöster und freien Städte, ihm aus
jedem Land und Bezirk den weisesten Mann zu senden, da er ihnen eine wichtige
Frage vorzulegen habe und ihre Ansicht über irdische und göttliche Dinge
vernehmen wolle.
    Da sandte nun der Kurfürst von Brandenburg Bracke nach Wien, indem er ihn
für den weisesten Mann in seinen Landen hielt.
    Als Bracke in Wien eintraf, waren um Karl den Fünften die weisesten Männer
aller Länder versammelt, und man hörte sie in allen Zungen sprechen: Deutsch,
Welsch, Spanisch, Italienisch, Türkisch, Griechisch und Lateinisch.
    Es wurde aber eine Nachtsitzung bei Kerzenschein anberaumt, damit man von
den Geräuschen und dem Glanz des Tages nicht übertönt und geblendet sei und ganz
nur in sich hören und hineinsehen könne.
    Der Kaiser sass am Kopfende der langen Tafel, klein, mager, hochmütig und
behend.
    Hinter ihm war ein schwarzer Vorhang, der ein zweites Gemach abschliessend
verhüllte, und der Kaiser spielte oft in Gedanken mit der goldgedrehten
Vorhangschnur.
    Als die Uhr zwölf schlug, läutete er mit einer kleinen silbernen Glocke, die
vor ihm auf der Samtdecke neben einer Bibel, einem Totenkopf, einer in Metall
nachgeahmten Schlange und einem kleinen silbernen Hammer lag. Gleichzeitig zog
er an der Vorhangschnur, der schwarze Vorhang teilte sich, und im Nebenzimmer
sah man, gleich wie im Hauptsaal, eine Anzahl Männer, nur völlig reglos, um
einen Tisch versammelt. Es waren aber Sokrates, Laotse, der Apostel Paulus,
Mohammed, Heraklit, Cäsar, der Dalai - Lama, der erste Mikado, der heilige
Augustin, der heilige Franziskus und viele der Weisesten, die längst verstorben
waren - in Wachs und Gips nachgeahmt und ganz in ihre Tracht gekleidet.
    Der Kaiser sprach:
    »Geistige und geistliche Herren! - Ich war des Glaubens, bei unserer
Verhandlung die Weisesten unter den Toten als stumme Ratgeber herzuzuziehen,
damit ein jeder sie und ihr Gedächtnis stets vor Augen habe und keine
Leichtfertigkeit der Rede oder des Gedankens aufkomme. Ich stelle nunmehr die
Frage: Da Gott bisher namen- und gleichsam körperlos durch die Welt wandelte:
mit welchem Namen soll Gott künftig am treffendsten genannt und geehrt werden?«
Die Lebenden erstarrten wie die Toten, und war unter Statuen und Menschen ein
grosses Schweigen. Es hatte aber jeder wie der Kaiser eine Glocke vor sich
stehen.
    Nach einer Weile läutete nun am untern Ende der Tafel ein Weiser in Panzer
und Rüstung und sprach:
    »Gott soll der Gott der Macht genannt werden künftig. Denn er führt wie ein
Heerführer die Winde und die Wolken, Feuer und Wasser, Luft und Erde, Tier und
Menschen gegeneinander - und hat ihrer aller Leben und Sein in seiner Hand.«
    Da erhob sich ein beifälliges Gemurmel auf beiden Seiten.
    Der Kaiser nickte leise mit dem Kopf.
    Im Nebenzimmer die Gipsfigur des Cäsar schien plötzlich verschwunden.
    Nach einer Weile läutete eine zweite Glocke, und in der Mitte der Tafel
erhob sich ein Kaufherr in braunem Tuchrock und sprach:
    »Gott soll der Gott des Reichtums genannt werden künftig: denn ihm gehören
Dörfer und Städte, Gold und Edelstein und Metalle unter der Erde in unnennbaren
Werten, Wälder, Felder und viele exotische Besitzungen, Herden von Kühen, Ziegen
und Schweinen, Fische und Planeten, Nord- und Südpol.« Ein beifälliges Gemurmel
erhob sich wiederum.
    Im Nebenzimmer der Mikado ... wurde nicht mehr gesehen.
    Nach einer kleinen Weile läutete die Glocke ein Mönch in der Tonsur des
Franziskaners. Der sprach unendlich gütig, aber mit schwerer Stimme, da ihn das
Astma plagte:
    »Gott soll der Gott der Liebe genannt werden künftig. Denn er ist uns wie
ein Bruder zu seinem Bruder, wie eine Mutter zu ihren Kindern. Er hat uns aus
Liebe geschenkt dieses Leben: Baum und Frucht, Tier und Speise, Rebe und Trank
zu unserer Freude. Er hat die Sonne erschaffen, dass wir gewärmt werden, die
Sterne, dass wir in der Nacht das Licht nicht vergessen. Tun wir recht, so ist er
voll Milde. Sündigen wir, so zeigt er sich voll Gnade. Er ist nicht als Gnade,
Segen und Güte, Liebe und Liebe. Misericordias Domini in aeternum cantabo.«
    Da erscholl ein weitaus heftigerer Beifall als bisher, und alle dünkte fast,
als habe der Mönch recht gesprochen.
    Im Nebenzimmer der Platz des heiligen Franziskus war leer geworden.
    Als man sich nun besprach und dem Mönch die Krone der Weisheit zu reichen
gedachte, da stand Bracke auf, dass der Stuhl hinter ihm polternd zusammenfiel,
und schwang schrill seine Glocke.
    Augenblicklich trat Ruhe ein, und alle betrachteten verwundert den ärmlich
gekleideten Mann, der, die meerblauen Augen auf die bewölkte Stirn des Kaisers
gerichtet und diese gleichsam wie eine Sonne aus den Nebeln schälend, schrie:
    »Gott soll künftig mit dem Namen des Kaisers genannt werden - denn dieses
ist die Antwort, die der Kaiser zu hören wünscht.«
    Da wurde es stumm, leer und hell wie unter einer Glasglocke. Die Fliegen
summten.
    Die Falten auf der Stirn des Kaisers hatten sich geglättet.
    Er starrte auf den Totenkopf vor seinem Platz. Im Nebenzimmer entschwand
Heraklit, der dunkle.
    Und Bracke schwang noch einmal die Glocke: »Es gibt ein Spiel, es wird im
Bernauischen Keller in Berlin gespielt und im Schweidnitzer in Breslau, es ist
gewiss auch der Majestät in Wien nicht unbekannt: Der Stein ist stärker als das
Messer. Das Messer ist stärker als das Papier. Das Papier ist stärker als der
Stein.«
    Da löste sich im Nebenzimmer die Figur des Laotse in Licht und Luft auf.
    Bracke schnellte seine Stimme auf das Herz des Kaisers wie einen Pfeil vom
allzulange gespannten Bogen:
    »Du hast Gott versuchen wollen: denn wahrlich, dein Wahnwitz hält sich für
Gott, da du der Gott des Reichtums, der Gott der Macht und der Gott der
selbsterrlichen, nicht innerlichen Gnade bist. - Der Teufel bist du«, schrie
er, »und mit diesem Namen soll dein Gott künftig genannt werden ...«
    Der Kaiser sprang aschfahl wie eine an der Schnur gezogene Marionette auf,
um wieder, als wäre der Faden plötzlich gerissen, herab in den Stuhl zu fallen.
    Bracke war aus dem Saal verschwunden.
    Mit ihm, aus dem Nebenzimmer, Sokrates.
Als Bracke Wien verliess, schlug er an das Tor des Stephansdomes folgende Tesen:
    Volk, wach auf!
    Kaiser, wach auf!
    Es wird nicht Friede auf Erden sein und unter den Menschen, ehe nicht des
Kaisers Majestät friedlich geworden. Erkennt, Herr Kaiser, die Zeit! In ihr: die
Blüte der Ewigkeit! Die Macht ist ein tönerner Götze, wenn Geist, Güte und
Gerechtigkeit nicht mit ihr verbunden. In den öffentlichen und geheimen
Kabinetten Wiens herrscht das Untertanenprinzip und das Prinzip der
freiherrlichen Gnade. Rechte aber, Majestät, werden nicht verliehen. Sie sind
ursprünglich da, sind wesentlich und existieren.
    Gebt auf den Glauben an ein Gottesgnadentum und wandelt menschlich unter
Menschen! Zerblast die Gipsfiguren der Vergangenheit mit dem Sturmwind Eures
neuen Atems. Legt ab den Purpur der Einzigkeit und hüllt Euch in den Mantel der
Vielheit: der Bruderliebe. Macht Euch frei von dem Wahne der Ahnen. Vergessen
sei Euer Wort: Regis voluntas suprema lex. Seid der erste Fürst, der freiwillig
auf seine Erbrechte verzichtet und sich dem Areopag der Menschenrechte beugt.
Euer Name wird dann als wahrhaft gross in den neuen Büchern der Geschichte
genannt werden, in denen man nicht mehr die Geschichte der Dynastien, sondern
die Geistesgeschichte der Menschheit schreiben wird. Dann werdet Ihr das
Kaisertum auf Felsen gründen, während es jetzt nur mehr ein Wolkengebilde ist,
das, wenn Ihr die Zeit nicht erkennt, wie bald im steigenden Sturm verflogen
sein wird. -
    Die Häscher des Kaisers rissen das Pergament von der Kirchentür. Zu spät.
Abschriften davon wanderten durch das ganze Römische Reich und hingen plötzlich
an allen Kirchen- und Ratstüren.
    Bracke ward verfolgt, aber es gelang ihm, sich den nachjagenden Reitern zu
entziehen, und glücklich gelangte er wieder in die Mark Brandenburg.
Bracke stand auf dem Marktplatz von Berlin, von vielem Volk umgeben, und
erzählte ihm dieses chinesische Märchen:
    Es lebte im alten China zur Zeit der Tangdynastie, die in grosse und
gefährliche Kriege gegen ihre Nachbarn verwickelt war, ein Narr; der wagte es
eines Tages, sich den Zopf abzuschneiden und also durch die Strassen von Peking
zu marschieren. Der Wagemut dieses Unternehmens verblüffte die gelbmäntlichen
Soldaten des Kaisers derart, dass sie ihn für einen Irren hielten und unbehindert
passieren liessen. Er wanderte durch Peking - über Land - immer ohne Zopf - und
gelangte über die Grenze nach einem Lande, das sich in den Tangkriegen für
neutral erklärt hatte.
    Von dort richtete er schön auf Seidenpapier und anmutig und bilderreich
stilisiert einen Brief an den Kaiser Tang, in dem er mit jugendlicher Freiheit
zu sagen wagte, was eigentlich alle dachten, aber niemand sagte, nämlich: er,
der Kaiser, möge doch sich zuerst den veralteten Zopf abschneiden und so seinen
Landeskindern (nicht: Untertanen - denn untertan sei man den Göttern oder
Buddha) mit erhabenem Beispiel vorangehen und der neuen Zeit ein leuchtendes
Symbol geben. Es sei eines grossen und überaus mächtigen Reiches nicht würdig,
nach aussen so stark, nach innen so schwach zu sein.
    Der Narr rezitierte diesen Brief, von Reiswein und edler Gesinnung trunken,
seinen Freunden eines Sonn - Abends, worauf er ihn mit einem reitenden Boten
nach Peking sandte.
    Die Ratgeber des Kaisers gerieten in grosse Bestürzung. Sie entielten dem
Sohn des Himmels das Schreiben des Narren vor und verboten bei Todesstrafe, die
darin entaltenen Ideen ruchbar werden zu lassen.
    Der Narr liebte sein Vaterland sehr. Die Liebe zu ihm hatte ihm den Pinsel
zum Brief in die Hand gedrückt und das Kästchen mit schwarzer Tusche. Aber seine
wahrhaft unschuldig getane Tat wurde ihm von allen Seiten falsch gedeutet. Die
Denunzianten bemächtigten sich seiner, während er fern der Heimat weilte, und
beschuldigten ihn bei den Behörden des Kaisers des Vaterlandsverrates und der
Majestätsbeleidigung. Ja, sie gingen so weit, zu behaupten, er habe den Brief im
Auftrag der Feinde geschrieben und stehe im Dienste der mongolischen Entente.
Andere wieder verdächtigten sein chinesisches Blut und schimpften ihn einen
krummnäsigen Koreaner.
    Der Narr wagte eine heimliche Fahrt in die Heimat und erfuhr zu seinem
Entsetzen, was über ihn gesprochen und geglaubt wurde. Er, der in der Ferne nur
seinen blumenhaften Träumen gelebt hatte, wurde beschuldigt, Flugblätter über
die Grenze an die Soldaten des Kaisers gesandt zu haben, die dazu aufforderten,
das Reich dem Feinde preiszugeben. Der Narr geriet in Bestürzung und Tränen. Er
zog sich wie eine Schnecke ganz in sich selbst zurück, misstraute auch seinen
wenigen Freunden und reiste heimlich, wie er gekommen war, ins fremde Land
zurück. Er dankte es der Gnade der Götter, dass er die Grenze noch passierte,
denn die Häscher des Kaisers waren auf ihn aufmerksam geworden. Reiter jagten
hinter ihm her. Ein plötzlich einsetzender Platzregen hinderte sie am
Vorwärtskommen. Beauftragt, den Narren nach der nordchinesischen Festung Kü - S
- Trin zu bringen, erreichten sie eine halbe Stunde zu spät die Grenzpfähle. -
Dem Kaiser hing der antiquierte Zopf noch lange hinten herunter. Er wusste nichts
von dem Narren und seinem Brief und liess das Schwert und nicht den Geist
regieren.
    Der Narr lebte fürder einsam an einem melancholischen See.
    Er blickte, das Haupt auf das Kinn gestützt, auf die grünen Palmen und die
violetten Berge. Die Möwen kreuzten kreischend über ihm. Sein Herz suchte in
manchen Nächten das Herz des Kaisers. Auch der Kaiser spürte auf seinem goldenen
Tron zuweilen ein sonderbares Sehnen: er wusste nicht, wonach ... Er neigte das
Haupt in die Hand, der Zopf zitterte, und er dachte angestrengt nach ... Aber
die Herzen des Narren und des Kaisers fanden sich nicht. Ein Gebirge erhob sich
steil und felsig, baum- und weglos zwischen ihnen, und wenn sie nicht gestorben
sind, so leben sie heute noch ...
Der Kaiser in Wien aber verfiel in Tiefsinn, und es geschah, dass er nicht wenig
später nach Spanien reiste, dem Tron und der Welt absagte und in ein Kloster
ging.
Der Kurfürst liess sich in einen Sarg legen und unter Vorantritt von
Priesterchören, dem Kapitel der Beginen und unter Wehklagen des Volkes an die
Spree tragen.
    Dort erwartete ihn der Conte Gaspuzzi als Charon. Er fuhr ihn mit langsamen,
feierlichen Ruderschlägen in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Boot nach
dem andern Ufer, das zu den kurfürstlichen Gärten gehörte, wo ein junger Dichter
ihn als Homer und Bracke ihn als Achilleus begrüssten. Die Kurfürstin trat als
der Schatten Helenas hinzu, dessen er aber auf keine Weise habhaft zu werden
vermochte. Bleich und schleierhaft entglitt sie ihm wie eine Erscheinung unter
den Händen.
    Homer hielt in wohlgesetzten Hexametern eine Lobrede auf den verstorbenen
Kurfürsten, den unüberwindlichen Helden, bezaubernden Ziterspieler, starken
Fechter, liebenswürdigen Liebhaber und unsterblichen Dichter.
    Achilleus schüttelte ihm die Hand und nannte ihn seinen Kameraden und
Bruder.
    Darauf lud der Kurfürst die Toten ein, mit ihm ins Leben zurückzukehren.
    Charon sei sein Sklave, seines Winkes nur gewärtig.
    Sie traten ans Ufer. Die schwarze Barke näherte sich. Und unter Trompeten-
und Zimbelklang, unter dem Jubel des Volkes kehrte der Kurfürst mit Homer,
Achilleus uns Helena wieder ins Leben zurück.
    Der Kurfürst schenkte Bracke zum sichtbaren Zeichen seiner Gnade ein
goldgesticktes kurfürstliches Gewand.
    Bracke wollte, den Mantel um den Leib geschlungen, das Audienzzimmer
verlassen, aus dem sich der Kurfürst schon empfohlen hatte, als die Kurfürstin,
eine zahme Eule auf der linken Schulter, aus dem Nebenzimmer trat.
    Sie verneigte sich: »Mein kurfürstlicher Herr ...«
    Bracke errötete flüchtig.
    »'s ist nur sein Mantel ...«
    Die Kurfürstin verneigte sich:
    »Mein kurfürstlicher Mantel.«
    Bracke lächelte:
    »Mein kurfürstliches Wind- und Wolkenspiel!« Die Kurfürstin nahm die Eule
von ihrer Schulter und setzte sie auf die Statue der Atene, die das Zimmer
zierte.
    »Atenes Vogel grüsst Euch. Liebt Ihr ihn? Er sieht nur bei Nacht ... und ist
doch das Symbol der Weisheit ...«
    »Dieses Leben ... diese Zeit ... ist eine einzige mond- und glücklose Nacht.
Wer sie durchschaut, ist schon weise zu nennen. Leuchtete Euer Stern nicht,
Kurfürstin, ich verzweifelte zuweilen ...«
    »Ihr ... durchschaut das Dunkel? Also auch ... mich?«
    »Kurfürstin: Ihr seid das Helle!«
    Die Kurfürstin schüttelte das schöne Haupt. »Wenn Ihr Euch täuschet? Wenn
ich voll finsterer Pläne wäre - wie Agrippina? Voll Lüsternheit - wie Aspasia?
Von wildem Wollen - wie Kleopatra? Wenn dies mein Wesen: Täuschung? Dieser mein
Blick auf Lüge nur bedacht? Glaubt Ihr denn in der Tat, dass man in diesem Hause,
in diesem Lande, rein und wahrhaft bleiben kann?«
    Bracke schrie gepeinigt:
    »Ich glaube es, Kurfürstin. Ich glaube an Euch!«
    Die Kurfürstin hielt den Ring mit dem Mondstein, den sie an der rechten Hand
trug, ins Licht, liess den Stein weiss über ihrer zarten Haut leuchten und sagte:
»Ich glaube ... war die Parole, die Gottes Sohn seinen Streitern gab. Sind wir
noch Christen?«
    Sie trat auf Bracke zu und reichte ihm ihre Hand:
    »Ich liebe Euch, Bracke, und glaube an Euch, wie Ihr an mich. Wenn der
Kurfürst längst in der Erde verfault und vermodert und die Erinnerung an ihn die
Menschheit mit Entsetzen und Ekel erschüttert - wird ein Wort von Euch, den
Jahrhunderten überkommen, noch tausend Frauenherzen bezaubern ...«
Der Kurfürst jagte über die märkische Steppe. Die herbstlichen Wiesen bewegten
die braunen, violetten Gräser im leisen Winde. Auf einer zerfallenen, von
steinernen Rosenketten umschlungenen Säule sass eine Amsel. In naher Schlucht
schluchzte eine Quelle.
    In einem Brombeergebüsch ging die Sonne unter.
    Weidensträucher zackten sich in den Horizont. Schillernd breitete von einer
Tymianblüte ein Pfauenauge die Regenbogenfittiche.
    Der Kurfürst zügelte den Schimmel und sprang zu Boden.
    Das Pfauenauge entschwebte ins Schwarzblaue, aber er sah an derselben Blume,
an der es gehangen, zwei jener sonderbaren und entsetzlichen Tiere, die wegen
ihrer flehend erhobenen Arme Gottesanbeter genannt werden, in liebender Umarmung
hängen. Mit seinen langen Fühlern streichelte das Männchen die kürzeren des
Weibchens. Der Stengel bebte.
    Der Kurfürst hielt den Atem zurück.
    Die letzte Vereinigung hatte längst stattgefunden. Leicht löste sich das
Männchen vom Weibchen. Da fuhr dieses mit dem beweglichen Kopf und seinen
anbetend erhobenen Armen, aus denen scharfe Stacheln stiessen, blitzschnell
herum, umarmte mit den mörderischen Gliedern den wehrlos gefangenen ehemaligen
Geliebten - zerbiss ihn gierig und schlang ihn langsam in den Rachen.
    Der Kurfürst erhob sich: gemartert. Dies also, sann er, ist die uns von
allen Schriftstellern als so gütig geschilderte Natur. Die Tiere sind so schlimm
wie wir. Was tat ich, als ich beim Todestage meines Kindes die sieben Juden
aufhängen liess, Schlimmeres? War's grössere Sünde, als Brackes Weib den Dolch des
kurfürstlichen Meuchelmörders empfing? Nicht genug, dass die Grillen, wenn sie
sich begegnen, sich gegenseitig zerfleischen. Nicht genug, dass die Schlupfwespe
in sanft kriechende, hellgrüne, mit rosa Sternen bestreute Raupen - Wunder der
Schönheit - ihre Eier legt und ihre Larven das wehrlos dem Feinde hingegebene
Geschöpf von innen zerfressen. Ein Geliebtes tötet noch in der Umarmung den
Liebenden und fügt ihn in grauenvoller Mast zur eigenen Fülle, zum eigenen Wert.
Und dennoch: auch dieses ungeheuerlichste Ungeheuer kennt das Opfer. Es opfert
sich, ja selbst das innerlich der Liebe zugeneigte Herz: der Zukunft, dem
besseren Geschlecht. Der Gatte soll nicht leben, sie selbst - verworfener
Wildheit voll - nicht leben, wenn das Geschlecht, das sie beide gezeugt,
heraufkommt: unbeschwert von der Vergangenheit der Ahnen und ihrer kaum bewusst:
in strahlender Vollkommenheit, unschuldig, jung und schön.
Die Sterne überschwirrten schon wie goldene Vögel die Steppe, als Berlin vor den
Augen des Kurfürsten die Ferne verliess und näher eilte.
    Da fielen an einer Wegkreuzung aus der Dämmerung plötzlich zwei Männer dem
Pferd in die Zügel, dass es bäumte und der Kurfürst nach dem Kurzschwert an
seiner Seite griff.
    »Fürchte dich nicht«, donnerte der eine, und es war um sie der Glanz der
Sterne, »noch weiss es niemand in der Stadt, was wir wissen, und die Welt ist
dunkel noch von Unwissenheit und Kinderglauben. Es ist euch ein Mönch erstanden:
der wird euch die einzige Tugend, welche die Götter erschufen und die ihr
beschmutztet, zertratet und erniedrigtet, wieder in Herz und Gewissen rufen und
euch die Seligkeit des Lebens lehren und die Verachtung des Todes. Wäret ihr
Menschen dem Beispiel, das wir, die Dioskuren, euch gaben, treugeblieben und
hättet ihr eifrig stets unserm Tempel geopfert, unserm Sternbild gehuldigt - der
Jude Christus und der Mönch Luter, sie hätten nicht zu kommen brauchen, die
Menschen zu belehren und zu beschämen. Geh und berichte in Berlin, was du in
dieser Nacht in der märkischen Steppe erlebtest: Götter und Gottesanbeter
sonderbarer Art traten vor dich hin. Erkenne die neue Zeit! Das neue Geschlecht!
Den neuen Glauben!«
    Der Kurfürst strich sich über seine Brauen.
    Die beiden Männer waren nicht mehr da.
    Er hob den Blick und sah am Himmel Kastor und Pollux in brüderlicher Flamme
leuchten.
Am Schlachtensee bei Berlin grüsste auf einer Anhöhe aus wendischer Vorzeit ein
kleiner Tempel, der dem heiligen Hunde geweiht war.
    In diesem Tempel stand die Statue eines Hundes mit aufgerissenem Maul und
fürchterlichen Zähnen.
    Mit diesem Hunde hatte es eine wunderliche Bewandtnis.
    Wer nämlich einen falschen Eid geschworen und steckte seine Hand in des
heiligen Hundes schwarzes Maul, dem biss das zuklappende Maul alsbald die Hand
ab. Legte aber jemand, der einen rechten Eid geschworen, seine Hand darein, dem
tat das Maul nichts.
    Dieses Orakel war schon vielmals ausgeprobt worden, als der Kurfürst, der
das innige Verhältnis seiner Gattin zu Bracke ahnte, beschloss, sie auf die Probe
zu stellen.
    Er zog mit Gefolge an den Schlachtensee und sprach zu ihr:
    »Halte deine Hand in das Maul des Hundes und schwöre mir, dass kein Mann seit
deiner Geburt dich berührt hat als ich allein!«
    Da stürzte ein Irrer, vermummt und heulend, durch die Reihen, fiel dem
Kurfürsten um den Hals und küsste ihn, danach die Kurfürstin und viele andere
anwesende Herren und Damen, ehe es gelang, ihn festzuhalten.
    Die Kurfürstin zeigte sich auf das äusserste erschreckt über diesen
Zwischenfall.
    Der Kurfürst aber sprach:
    »Wir wollen uns durch den Irren in unsern Zeremonien nicht stören lassen ...
leg deine Hand ins Maul des Hundes und schwöre!«
    Da legte die Kurfürstin ihre kleine Hand zwischen die Raubtierzähne des
heiligen Hundes und sprach:
    »Ich schwöre, dass seit meiner Geburt kein Mann meinen Leib berührt hat als
der Kurfürst und dieser unselige Irre ...«
    Das Maul des Hundes rührte sich nicht.
    Seine metallenen Augen glotzten unentwegt. Da fiel ihr der Kurfürst um den
Hals und sagte:
    »Du hast die Probe bestanden.«
    Und sie fuhren mit Trompeten und Gesang nach Berlin zurück. -
    Es war aber jener vermummte Irre niemand anders gewesen als Bracke.
Bracke sass am Fluss und angelte.
    Es war ein trüber, regnerischer Tag, der dem Fischfang günstig ist. Aber
trotzdem wollte kein Fisch anbeissen.
    Endlich fühlte er seine Angel schwer werden. Er zog und zog mit allen
Leibeskräften.
    Welch prächtiger Hecht! dachte Bracke.
    Ein letzter Ruck.
    Da zog er an seiner Angel einen eisernen, über und über verrosteten
Landsknechtshelm auf den Rasen.
    Bracke erblasste. Es gibt Krieg! -
    In einem Garten sah Bracke, wie ein Gärtner beim Umgraben eine
Maulwurfsgrille aus Versehen mit einem Spaten spaltete. Und wie nunmehr die
vordere Hälfte in unverminderter Fressgier ihre eigene Hinterhälfte auffrass. Und
erst dann krepierte.
    »So ist es, wenn zwei Völker Krieg führen«, sprach Bracke zu dem Gärtner.
»Sie sind im wesentlichen und eigentlichen ein Volk - das der Krieg spaltet. Und
welches von den beiden Völkern auch siegen mag - es wird ihm gerade gelingen,
das andere aufzufressen, ehe es selbst krepiert. Da eins ohne das andere nicht
leben kann.«
Bracke kam eines Tages in eine Burg des Grafen Schierstädt.
    Diese Burg war trefflich gerüstet für einen längeren Feldzug und auf Monate
verproviantiert.
    Tiefe Wassergräben umgaben sie.
    Mauern drohten steil.
    Aus Schiessscharten lugten Kartaunenrohre wie offene Mäuler bissiger Hunde.
    Auf dem Turm stand Tag und Nacht ein Wächter, bereit, bei offenkundiger
Gefahr sofort ins Horn zu stossen.
    Die Burg galt für uneinnehmbar.
    Als Bracke abends unter der Linde im Burghof stand und in die Sterne sah,
vernahm er Geflüster.
    Er schlich näher und hörte zwei Knappen des Grafen sich besprechen, wie sie
ihn zu Fall brächten und sich in den Besitz der Burg setzten.
    Was nützen der Burg die höchsten Mauern, die tiefsten Gräben? dachte Bracke.
    Von innen heraus ergreift uns ja stets der unheilvollste Feind - aus unserm
eigenen Herzen.
Krieg muss wieder sein! Die Spree muss Leichen schwemmen! Warum ereignet sich
unter meiner Regentschaft nichts? Keine Pest, die den Gesichtern der Menschen
schwarze Masken vorbindet, bis sie auf ihren blauen Bauch tot niederfallen.
Keine Hungersnot, dass Mütter ihre Kinder fressen und Jungfrauen vor Hunger in
einen Rausch der Hurerei fallen. Die Erde soll sich öffnen und Berlin
verschlingen. Ganz Berlin müsste in Flammen aufgehen. Gott ist mir nicht gewogen,
dass er mich so ... glücklich leben lässt. So in Ruhe und Frieden. Ich will einen
Krieg führen!
    Der Kurfürst zog, hölzern auf einem Schimmel reitend, mit zehn Kompagnien
Soldaten gegen die slawischen Barbaren.
    Es kommt zu einem erbitterten Handgemenge, bei dem ihm eine Ohrmuschel halb
abgehauen wird. Er ist entzückt.
    Er beschenkt, den Slawen, der ihn so zugerichtet, mit hundert Gulden und
ernennt ihn zum Offizier seiner Leibgarde.
    Im Triumph zieht er an der Spitze seiner siegreichen Truppen in Berlin ein.
    Der Rat geht ihm bis an Hallesche Tor entgegen.
    Kinder und Damen der Gesellschaft streuen weisse Nelken, seine
Lieblingsblume.
    Man spritzt wohlriechende Düfte über die einziehenden Krieger.
    Von schnell errichteter Tribüne sehen die vornehmen Frauen dem Treiben zu.
    Der Kurfürst reitet bis an die Hofloge und hebt das Schwert.
    Er trägt keinen Helm. Nur eine Binde um die Stirn zum Zeichen seiner
Verwundung.
    Die Kurfürstin blickt starr auf die in der Sonne funkelnde Schwertspitze.
    Leiser Wind über der Steppe. Die Gräser zittern silbrig.
    Kleine rotgeflügelte Heuschrecken schwingen sich von Halm zu Halm. In einem
Gebüsch schreien junge Amseln.
    Ein Hase hoppelt über die Stoppeln, von einem Schwarm schwarzer Raben
krächzend verfolgt. Er lahmt. Er lässt die steifen Löffel sinken. Ein Krieger,
der nach aussichtslosem Kampf das Schwert senkt. Seine gläsernen Augen spiegeln
noch ein letztes Mal den abendlichen Himmel: rote und gelbe Wolken auf violettem
Grunde. Aber zwischen ihnen blinzelt ein erster Stern: des ewigen Hasen gutes,
goldenes Auge. Bald bist du bei mir, blinkt dieser Blick, habe Vertrauen zu mir!
Bald ist Kampf und Verfolgung, Lebensangst und Todesqual vorbei. Bald bist du
bei mir. Bald ist ewiger Friede. Auf der Himmelswiese springst du leichterzig
umher. Dort gibt es keine Jäger und Hunde, keine Füchse und Raben. Nur sanfte
und zärtliche Hasen, und ich, der ewige Hase, regiere mit mildem Zepter das
selige Hasenreich.
    Die beiden vordersten Raben stiessen scharf hernieder. Ihre spitzen Schnäbel
drangen dem Hasen durch die Lichter bis ins Hirn.
    Am Horizont der Steppe weht eine Wolke auf. Es sieht zuerst aus, als lockere
sich der Erdboden und als werde ein Maulwurf ihm entsteigen. Aber der Staub
wirbelt höher und höher, und in den Staubwirbeln rollen schwarze Kugeln.
Hunderte, Tausende. Die Kugeln rollen näher.
    Es sind Pferde, wilde Pferde, Hunderte, Tausende, eine ganze Herde. Sie
galoppieren, und ihre Hufe scheinen kaum die Spitzen der Gräser zu berühren. Sie
kommen von Osten. Sie rasen gen Westen. Der vorderste Hengst trägt die
Abendsonne auf seinem Rücken. Plötzlich ein Pfiff.
    Die Herde steht. Die Flanken beben und dampfen. Die Nüstern rauchen. Aus den
Pferden wachsen menschliche Leiber empor. Aus Mähnen, darein sie vergraben,
tauchen bärtige Gesichter. Beine lösen sich von den Pferdeschenkeln und streifen
den Erdboden.
    Der auf dem vordersten Hengst erhebt seine Stimme. Er schwingt eine Keule
aus Menschenknochen:
    »Wir wollen das Römische Reich zu Tode hetzen wie die Raben dort den alten
Hasen!«
    Sturm über der Steppe. Die Horde jagt in die Dämmerung. Das Aas eines Hasen
bleibt zurück. Ameisen melden der Erde seinen Tod.
Bracke sprach:
    »Ich sah eine tote Schildkröte vor Eurem Schlafzimmer liegen, den Bauch nach
oben. Ihr wisst, was es bedeutet.«
    Der Kurfürst lächelte:
    »Welch süsser Morgen! Riechst du die Kirschenblüten?«
    Bracke kaute die Worte:
    »Ich war gestern abend betrunken. Ich war in einer Schenke im Krögel. Eine
grüne Laterne hing draussen. Ich ging hinein. Man kannte mich nicht. Dort sassen
sieben Männer um den Tisch, und der Einsiedler vom Berge, mit seiner spitzen
Kappe, war darunter. Sie hatten ihre Messer in die Tischplatte gehauen und
rauchten Rosenblätter.
    Sie sprachen kein Wort. Der Einsiedler lächelte dumpf aus seinem fetten
Gesicht. Als er sich nachher erhob, sah ich ihn an einem Eisenstab gehen. Es war
ein Eisenstab, und er schwenkte ihn wie ein Bambusrohr.«
    Der Kurfürst flüsterte:
    »Wozu erzählst du mir Märchen - an diesem Tag, der schöner als das schönste
Märchen. Nach dieser Nacht!«
    Er erhob sich und schritt leise an einen Vorhang:
    »Sie schläft, ich höre ihre Atemzüge.«
    Bracke sprach:
    »Sie hat ein besseres Gehör als Ihr. Sie hört selbst im Schlaf. Sie weiss,
dass Ihr jetzt über diesen Teppich geht.«
    Der Kurfürst seufzte:
    »Ich möchte Kahn fahren. Der Fluss rauscht. Eine Silberweide spielt mit ihm.«
    Bracke zerrte die Worte wie an einer eisernen Kette aus seinem Mund:
    »Er bringt Leichen. Gestern unter der Brücke fing sich ein Soldat in Uniform
am mittleren Holzbock. Sein Gesicht war gedunsen wie ein Kürbis. Die Wellen
schlugen seine Arme im Takt an den Holzbock. Es war, als wolle er die Leute auf
der Brücke um Aufmerksamkeit ersuchen. Als wolle er irgend etwas Wichtiges und
Wildes reden. Die Leute blieben oben auf der Brücke stehen. Die Frauen schrien.
Jede glaubte ihren Mann zu erkennen. Ein Zuckerbäcker schrie:
    »Wozu haben wir Krieg, wie? Tod dem Kurfürsten! Er sitzt auf seinem Tron,
und man sieht ihn nicht hinter seinen Mauern. Aber er ist an allem schuld.«
    Der Kurfürst schloss die Augen:
    »Bin ich an allem schuld, sag's!«
    Bracke fuhr fort, die Kette abzuwickeln:
    »Still, sagte ein anderer, er ist ein Sohn des Himmels, und wir sind nur
dreckige Kinder der schmutzigen Erde. Er hat recht, uns zu zertreten, denn wir
sind Gewürm vor ihm und viele Tausende. Er aber ist nur einer.«
    Der Kurfürst öffnete die Augen:
    »Die Stafette gestern meldete einen grossen Sieg. Ich werde wieder ins Feld
gehen. Ach, ich bin so müde - trotz allem. Ich will nicht mehr morden.«
    Bracke liess die Kette klirren:
    »Und dennoch mordest du - lässt Mord geschehen, damit du einige Provinzen
mehr erpressen kannst und in einigen Provinzen mehr der Mensch vor deinem Bilde
in den Staub sinkt.«
    Der Kurfürst zog den Mund breit:
    »Ich schäme mich oft für die Menschen, wenn ich sie vor mir im Staube sehe.
Es ist unwürdig: für sie und mich. Warum tun sie es?«
    Bracke sprach:
    »Sie sind schwach wie du! Sie wissen von nichts. Sie glauben - an was? an
Geld, Geilheit, Seidenstoffe, Wein, Dirnen, Stockhiebe, an Kopfab, Kopfab, wie
du. Wenn sie in den Spiegel sehen, erkennen sie ihr eigenes Bild noch nicht ...
wie du.«
    Der Kurfürst dachte nach:
    »Es ist sonderbar - die Rebellen, den Einsiedler vom Berge, den wunderlichen
Conte Gaspuzzi, dich, überhaupt alle, die gegen mich sind, kann ich achten. Sie,
die mir nach dem Leben trachten, sind meine nächsten Verwandten, ja: fast
Freunde. Ich glaube manchmal, auch du, Bracke, bist ... mein Freund ... du
trägst nicht umsonst das Messer mit dem brandenburgischen Adler an deiner Seite
...«
    Der Kurfürst schluchzte lautlos.
    Bracke trat ans Fenster und sah einen Lindenbaum, von dem die Blüten zur
Erde stoben.
Missernte erzeugte eine Hungersnot.
    Nirgends war Korn zu haben oder zu unerschwinglichen Preisen. Das Vieh:
Kälber und Schweine, fielen in Krankheiten, die ihr Fleisch ungeniessbar machten.
    Selbst an den Tischen der Reichen ass man nur noch mit der Hand gepressten
Ziegenkäse und Früchte.
    Um die vorhandenen Lebensmittel zu rationieren, erliess der Kurfürst ein
Verbot, in den Schenken Gekochtes und Gebratenes, mit Ausnahme von Kohl und
Hülsenfrüchten, feilzuhalten. In den Volksküchen durfte am Tage nur ein Gericht
gegeben werden, und jeder Gast hatte nur Anspruch auf eine Portion.
    Der Luxus der kurfürstlichen Tafel aber liess in keiner Weise nach. Dort
speiste man noch Schweinskopf mit Himbeersosse, Trüffel, gehackten Kalbsbraten,
ausländische Hühner und feines Weissbrot.
    Es erbitterte das Volk auf das höchste, als ein Getreideschiff aus Stettin
eintraf, das nur für die Hofhaltung bestimmt war.
    Die Menge bildete zähnefletschend Spalier, als vom Hafen die Getreidesäcke
auf Eseln in das Schloss wanderten.
    Als aber ein rebellischer Stallmeister von den kurfürstlichen Marställen
berichtete, die Pferde des Kurfürsten, besonders seine beiden Schimmel, die er
fast vergötterte, würden noch mit der feinsten Gerste und den erlesensten
Leckerbissen gefüttert -, da sammelten sich allerorten erregte Volkshaufen, die
sich zu Kolonnen zusammenrotteten und im Takt durch die Strassen marschierten,
während sie alle fünf Schritte dumpf und eintönig wie aus einem Munde sangen:
»Wir ... haben ... Hunger.
Wir ... haben ... Hunger.«
Die Soldaten weigerten sich, gegen die Menge vorzugehen.
    Mit verschränkten Armen und zusammengebissenen Zähnen sahen sie den
Manifestationen zu.
    Den Manifestanten schlossen sich Weiber und Kinder an, und schliesslich, erst
hier einer, da einer, dann immer mehr: Soldaten.
    Unter Vorantritt Brackes und des Einsiedlers vom Berge mit seiner
Eisenstange zog der Zug vor den kurfürstlichen Palast.
    In einer Sänfte trugen vier Männer eine den Kurfürsten darstellende Puppe.
    Sie war von Dutzenden von Messern durchbohrt.
    Hin und wieder traten Weiber an die Sänfte und spien der Puppe ins
regungslose Antlitz. Eine Mutter schrie:
    »Wir wollen das Blut des Kurfürsten ... mein Kind hat Durst ... meine
ausgetrocknete Brust gibt keine Milch mehr her ...«
    Der Einsiedler vom Berge brüllte:
    »Wir wollen unser Recht, des Volkes Recht, über sein eigen Leben und Sterben
zu bestimmen. Wir lassen niemand mehr durch den Kurfürsten töten ... Wir töten
selbst ...« Die Menge brüllte fanatisiert:
    »Wir töten selbst ...«
    Ein Mann stiess der Puppe des Kurfürsten sein Kurzschwert bis ans Heft in die
Brust.
    Der Kurfürst beobachtete von einem Dachfenster aus die Szene. »Sieh da«,
grinste er, »die Prozessionsraupe wandert. Wir werden ihr das abgewöhnen.«
    Er legte einen Pfeil auf seinen Bogen, zielte auf den Mann und schoss.
    Der Pfeil aber verfehlte sein Ziel, und er traf seine eigene Puppe mitten in
die Stirn.
    Das Volk schrie auf:
    »Gott selbst ist für uns. Er schoss vom Himmel einen Pfeil.«
    Der Kurfürst erblasste.
    Fluchend warf er den Bogen in eine Ecke, schritt hinab und befahl der im
Palast versammelten, ihm treugebliebenen Landsknechtkompagnie, die Menge
zurückzudrängen. Mit gefällten Lanzen marschierten sie gegen das Volk, das
schreiend und kreischend in die Seitenstrassen zurückwich.
    Einsam stand die Sänfte mit der durchbohrten Puppe auf dem Platz vor dem
Schloss, auf den die unerträgliche Augustsonne brannte.
Der Kurfürst ging von der Probe zum gefesselten Prometeus müde und gebückt, den
linken Fuss ein wenig nachschleifend, durch die Ankleideräume der Schauspieler -
er hatte sich seit kurzem eine Schauspielertruppe zugelegt - und eine Galerie,
in der Soldaten übten. Von der Galerie führte ein Gang zum Schloss.
    Die Schauspieler grüssten ihn mürrisch.
    Die Soldaten machten ihm drohend Platz.
    Keiner senkte auch nur den Kopf zum Grusse.
    »Du da«, der Kurfürst trat auf den ersten, einen riesigen Prenzlauer, zu,
»was erfrechst du dich, deinen Kurfürsten nicht zu grüssen?«
    Sein Auge sah schief von unten zu dem Riesen empor, während seine magere
Hand an seinem Gürtel zerrte.
    Der Prenzlauer schüttelte sich, und der Kurfürst fiel wie ein Käfer von ihm
ab.
    Er kreischte: »Hundesohn!« und zu den andern gewandt, die unbeweglich
standen:
    »Schlagt ihn tot!« Niemand rührte sich.
    Von der Strasse klang Kindergelächter.
    Ein Händler schrie Früchte aus.
    »Schlagt ihn tot!« kreischte der Kurfürst und krallte seine Finger, »ich
lasse euch alle hängen, wenn ihr nicht gehorcht.«
    Der Prenzlauer reckte sich.
    »Sieh zu, dass man dich nicht hängt ...«.
    Als wäre der Kurfürst nicht vorhanden, wandten sie sich wieder ihren Übungen
zu.
    Der Kurfürst ergriff ein hölzernes Übungsrapier, das ihm gerade zur Hand
lag, und stolperte geifernd auf den Prenzlauer zu. Der nahm es ihm aus der Hand
und zerbrach es wie eine Gerte.
    Winselnd vor Wut stürzte der Kurfürst in den Palast.
    Er fiel in seinem Arbeitszimmer nieder, und ein Weinkrampf erschütterte ihn.
    »Wo ist meine Macht? Dass mir die Soldaten schon nicht mehr gehorchen? Dass
ich schon nicht vermag, jemanden töten zu lassen? Ach, wie einsam bin ich! Wie
schwächlich! Wie ohne Funken Wirkung noch. - Ich spreche heiser wie eine Krähe.«
    Er trocknete mit dem Ärmel seine Tränen und läutete.
    Der Diener erschien.
    »Heisses Zitronenwasser!« schrie er, »ich bin heiser ...«
    Dann hinkte er auf den grossen Bibliotekschrank zu, schloss ein Geheimfach
auf und entnahm ihm eine kleine, mit einer grünlichen Flüssigkeit gefüllte
Phiole.
    Der Kurfürst goss den Inhalt der Phiole in das Zitronenwasser und stürzte es
in einem Zuge hinunter.
    Danach, als ihm der Schweiss auf die Stirn trat und farbige Kreise sich vor
seinen Augen drehten, eine gepanzerte Faust sich um seine Kehle presste, packte
ihn eine masslose Angst. Er schrie: »Hilfe! Hilfe! Hilfe! Man hat mich
vergiftet!« Atemlos und entsetzt stürzten die Diener herbei.
    »Der Arzt - wo ist der Arzt?«
    Der Arzt war sofort zur Stelle. Er gab dem Kurfürsten ein Brechmittel, das
ihm augenblickliche Linderung verschafte. Zusammengefallen, das dünne
Haarbüschel wie eine Seehybride aus seinem Schädel wuchernd, sass er, ein
schmutziger Affe, in den Decken und kaute Nüsse.
    Der Diener, der ihm die Zitronenlimonade gebracht hatte, wurde wegen
Giftmordversuches aufgehängt.
    Sobald es der Zustand des Kurfürsten erlaubte, reiste er ins Feld ab.
Zwei Landsknechte disputierten:
    »Ekel.«
    »Dreck.«
    »Ich könnte ebensogut mein Weib schlachten und fressen. Meinen Sohn in den
Rauchfang hängen und dörren.«
    »Ich habe genug Blut getrunken. Ich erbreche mich, wenn ich nur irgendwo
eine rote Farbe sehe: eine rote Fahne, ein Abendrot.«
    »Wofür morden wir?«
    »Damit wir hungern.«
    »Damit wir an Darmkrankheiten verrecken.« »Damit der Kurfürst eine
ausgerottete Provinz mehr regiert.«
    »Damit die feinen Herren sich desto fetter mästen.«
    »Und ihre Huren um so goldener herumspazieren.«
    »Unsere Weiber magern ab, dass ihre Brüste keine Milch mehr geben.«
    »Unsere Kinder fallen ihnen schon tot wie wurmstichige Birnen aus dem
Schoss.«
    »Wenn man einen Menschen tötet, wird man gestäupt, gerädert und gehängt.«
    »Wenn man tausend Menschen umbringt, heisst man Herr und Feldherr, kriegt
eine Perlenkette um den Hals gehängt wie eine Dirne, eine Rosenpforte wird
gebaut - jede Rose Sinnbild eines Totenkopfes, den er einem Lebenden vom Halse
schlug, und die Dichter singen von seinen Taten.«
    Bracke trat zu dem Gespräch hinzu:
    »Verflucht seien die Dichter!«
    Der eine Landsknecht höhnte:
    »Bracke - bist doch selber einer und fluchst deiner Kameradschaft.«
    Bracke brüllte:
    »Verflucht jedes Wort, das ich zum Ruhme des Feldherrn sprach. Verhülle sich
der Mond, platze die Sonne - wenn ich je ein Wort wie Held, tapfer, Ruhm noch in
den Mund nehme.«
    Die Landsknechte horchten:
    »Was willst du künftig sprechen?«
    Bracke krampfte die Rechte zur Faust:
    »Hass dem Morde, Hymnus dem Leben - auch dem geringsten. Aufgehende Blüte der
Sonnenblume! Gang der Schildkröte! Die Flügel der Fledermaus. Einsame Mutter in
dunkler Nacht, wenn die Fensterläden krächzen, die Decke vom Dache fällt, der
Boden klafft - und Schlangen ihm entkriechen. Liebe der Liebenden in der
Bohnenlaube. Umarmung der herrischen Herzen - trotz Tod, trotz Trübsal, trotz
Kurfürst, Kaiser und Edikt.«
    Der eine Landsknecht lallte:
    »Wenn der Kurfürst ein Einsehen hätte, - gäbe er sein Kommando ab - ehe wir
ihn dazu zwingen.«
    Der zweite jauchzte:
    »Der Narr sei unser Feldherr.«
    »Der Friedliche!«
    »Kämpfe du für den Frieden - und uns werden Löwenkräfte wachsen -
Geierfittiche unsern Hüften entschiessen.«
    Die Landsknechte knieten nieder:
    »Sieh uns knien - hilf uns.«
    Bracke hob die Hände:
    »Ich höre Bruderrufe ... wartet der Zeit ... wartet meiner, so werde ich das
Banner ergreifen - und euch voranziehen - in den flammenden Kampf: für Mensch
und Menschheit, für Friede und Freiheit.«
Der Kurfürst warf sich in seinem Zelt schlaflos von einer Seite auf die andere:
    »Ich bin müde. Fächle mir Schlaf, Stern. Ich spüre Wehen. Eines goldenen
Windes. Einer Mutter ...«
    Ein Vogel sprach:
    »Ich bin es. Wehe um deine Stirn. Sei gut! Denke an mich!«
    »Geliebte!«
    »Hebe die blutbefleckten Hände nicht! Lass mich entflattern, beflecke meine
weissen Flügel nicht! Bist blutig!«
    »Auch an deiner Brust - blutete ich ...«
    »Dein Blut sprang hell - am Schwert gerinnt es dick und grau.«
    »Zuweilen lockt es mich: Stoss dir dein Schwert ins eigene Herz. Lösche den
Tatendrang durch höchste Tat: die Tat durch Tod.«
    »Bleibe ... für ein Frühlingsbeet ... für tanzende Schaukel - Blumenboot auf
blauem Fluss.«
    »Erinnere mich nicht an jene Nacht, an der ich dir zuerst deine kleinen
Brüste küsste. Sie kam so spät. Ich falle auseinander: wie ein Mann aus Mosaik.
Ich brauche Fassung ... zur Schlacht. Sprenge die Eisenketten nicht, die meine
Glieder halten, mit deinem Gesang!«
    
    »Der Morgenstern schimmert schon auf den Lanzenspitzen deiner Krieger.
Erhebe dich und schlage die letzte Schlacht - zerbrich dein Schwert - geh zum
Feldherrn der Feinde - umarme ihn, sag: Bruder - wir wollen heute ein fröhliches
Fest feiern. Deine und meine Soldaten wollen zusammen tanzen - und morgen gehe
ein jeder, wohin er will. Wag's! Fasse dir ein, mein, dein Herz.«
    Der Vogel entschwebte.
    Bracke trat ins Zelt:
    »Was wünscht Ihr?«
    Der Kurfürst richtete sich schwer aus den Kissen:
    »Hier hast du mein Dolchmesser - schneid mir mein Herz aus der Brust - ich
kann es nicht mehr tragen - es ist reif wie eine faule Pflaume.«
    Bracke sprach:
    »Herr, ich weigerte dir nie einen Befehl -«
    Der Kurfürst flehte:
    »Tu's!«
    Bracke sann:
    »Du warst kein sanfter Herr.«
    Der Kurfürst stöhnte:
    »Tu's ... reiss mir das Herz aus dem Leibe ... es bleibt mir nur ... mich
wegzutun von dieser und jener Welt. Führe du das Heer in ein gelobtes, ein
geliebtes Land ... das ich nur ahne ... das mir zu sehen, zu betreten nicht mehr
vergönnt ist. Stoss zu!«
    Bracke hob das Messer mit dem brandenburgischen Adler am Knauf und stiess es
dem Kurfürsten bis ans Heft ins Herz.
    Der Kurfürst fiel tot um.
    Bracke hob das Horn des Kurfürsten und stiess hinein. Er riss von einem
Gebüsch einen Zweig ab.
    Das Heer, ein Ährenfeld von Lanzen, rauschte vor dem Zelt des Feldherrn.
    Bracke stiess noch einmal ins Horn.
    Dann winkte er mit dem Zweig und sang die Worte mehr, denn er sie sprach:
    »Friede ... Friede ...«
    Die Soldaten sanken, die Lanzen umklammernd, in die Knie.
Bracke erwachte im dunklen Walde, am Ufer eines Sees:
    »Wo bin ich?«
    Ein Baum sprach:
    »Bei dir.«
    »Ich fuhr über den See -«
    »An anderes Ufer.«
    »Mich schmerzt das harte Lager -«
    »Schmerzt anderes dich nicht?«
    Bracke stöhnte:
    »Mein Herz.«
    »Du warfst es nicht den Fischen vor?«
    »Mir fehlte der Mut -«
    »Dir fehlte der Grund -«
    »Des Sees?«
    »Des Seins ...«
    »Wo ist der Morgen?«
    »Zwischen den Ästen er erscheint.«
    »Dunkel?«
    »In Hoffnung!«
    »Wen trägt er?«
    »Alle Kinder ...«
    »Auch mich?«
    »Auch dich!«
    Die Dämmerung graute rosa.
    Bracke betrachtete seine Hände:
    »Wie widerlich meine Hände sich krampfen! An Mord gewöhnt! Könnt' ich die
Sonne erdolchen!«
    Der Baum sprach:
    »Lästre das Licht nicht! Sonst erschlägt dich mein Wipfel!«
    Bracke sah empor:
    »Du redest - Baum?«
    Der Baum rauschte:
    »Im Winde -«
    »Deine Kinder sterben ... im Winde ... Blatt auf Blatt fällt zur Erde ... es
ist Herbst ...«
    »Mein Totes ... stirbt. Aber ich stehe. Was Wurzeln hat, bleibt im Winter
...«
    Bracke winselte:
    »Vielleicht ... bin ich wurzellos. Sturm knickt mich. Oder ich erfriere ...«
    »Du bist kein Baum - nur ein Mensch - Gedanke kann dich retten.«
    »Ich bin ein Mörder -«
    »Ich hörte es, als du unter mir schliefst. Schon als du atmetest, wusste ich:
ein Mörder.«
    »So wisst ihr mehr von uns, als wir glauben.« »Ihr glaubt nur euch. Dies ist
eure Lüge. Auch Bäume können beten - und morden.«
    »Was tut ihr einem Mörder?«
    »Nichts ... er tut sich selbst, was er sich antun muss.«
    »Jeder richtet sich selbst?«
    »Richtet sich selbst - nach dem Himmel und nach der Erde.«
    »Was ist das Böse?«
    »Das: Sowohl - als - Auch. Das: Vielleicht - Ja - Vielleicht - Nein -, das:
Später - Einmal. Wer gut denkt, ist gut. Sieh hier den Wald - es stehen viele
Bäume neben mir: erst viele Bäume machen den Wald. Erst tausend Wälder machen
die Welt.«
    »Deine Welt ... die Baumwelt ...«
    »Und deine Welt ... die Menschenwelt? Besteht sie aus einem Menschen - aus
dir?« »Ich büsse. Ich flamme.«
    
    »Ganz ist die Sonne aufgegangen. Sieh: ich halte sie mit meinen Ästen. Bis
zur Dämmerung lasse ich sie nicht. Sie hängt an mir.«
    Bracke entbrannte:
    »Sonne - zurück zu ihr - den Weg noch im Hellen gemacht - früh genug noch
fallen die Schatten der Nacht auf den goldenen See. Ich eile - ich eile -«
Die Kurfürstin wurde, da ihr sonst nichts vorzuwerfen war, der Hexerei
beschuldigt.
    Sie habe, hiess es in den Anklageakten des revolutionären Volkskomitees, das
Berlin in seiner Gewalt hatte, mit ihren schönen, teuflischen Augen die Männer
verhext, so dass sie, ihrer Sinne nicht mehr mächtig, umhergetaumelt, ihre
eigenen Frauen als hässlich und unansehnlich verachtet und immer nur ihr Bild in
sich so hoffnungslos umhergetragen wie eine in einem eisernen Kasten
eingeschlossene Reliquie.
    In einem johlenden Volkshaufen, an dessen Spitze der Einsiedler vom Berge
mit seiner Eisenstange marschierte und der Conte Gaspuzzi mit einer grossen
Trommel, voll Seligkeit, endlich ein Instrument zur Ausübung der Musik sich
überantwortet zu wissen - wurde die Kurfürstin, nur mit einem weissen Hemd
bekleidet, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, auf einem Schinderkarren
zum Schafott geführt, das vor dem kurfürstlichen Palast errichtet war.
    Als sie nun niederkniete und der Henker sein Schwert hob - es war aber der
Henker aus Trebbin, mit dem Bracke so oft zusammengesessen und um Tod und Leben
gespielt hatte - und sie noch einmal ihre schönen Augen zu ihm emporrichtete und
sprach: »Schlag schnell, Henker!«, da liess er sein Schwert fallen, kniete neben
ihr nieder, umarmte sie, löste die Fessel ihrer Hände, sprang auf und schrie
über das Volk hin, das zu murren begann:
    »Ich erkläre die Delinquentin zu meinem Weibe!«
    Das zischte wie ein Peitschenhieb über die Menge. Da schwoll ein Gemurmel
auf und ab, wie ein Fluss im Hochwasser durch die Wälder bricht.
    Das Volk aber wurde gezwungen, sein eigenes, jahrhundertealtes Recht zu
respektieren, danach eine Hexe vom Schafott frei und ihrer Bande ledig sei,
sobald ein Mann sich fände, der sie zur Ehe begehrte.
    Der Henker hob die Kurfürstin, die in Ohnmacht dahingesunken war, auf seine
Arme und trug sie, ohne seiner Last innezuwerden, durch das Volk, das ihm
Spalier bildete, zurück auf den Schinderkarren, setzte sich selbst darauf,
ergriff die Zügel, schnalzte mit der Zunge und fuhr mit ihr nach Trebbin.
    Bracke kehrte nach Trebbin zurück.
    Er kam des Abends an und ging in eine üble Kneipe der Vorstadt.
    Dort sass er mit dem Henker, dem Mörder und dem Abdecker wortlos beim Wein
und würfelte; da öffnete sich die Tür, und herein trat, in einer Kleidung aus
grober Leinwand: die Kurfürstin.
    Sie trat auf Bracke zu, die Tränen stürzten ihr über die Wangen:
    »Bracke, ich habe Euch lieb wie zuvor. Aber jener« - und sie wies auf den
Henker - »hat mich vom Schafott errettet. Warum war't nicht Ihr zugegen? Ich
habe Euch mit aller Kraft meines Herzens herbeigewünscht. Aber glaubt mir: der
Henker ist ein besserer Mann als der Kurfürst. Des Nachts küsst er mich auf den
Hals, den er mir hätte zerschlagen sollen, und am Tage fangen wir Schmetterlinge
und Eidechsen.«
    Bracke fiel, als hätte er zuviel getrunken, vom Stuhl.
    Der Henker, der Abdecker und der Mörder trugen ihn auf ein schnell
bereitetes Gastzimmer.
    Die Kurfürstin sass, seine Hand in der ihren, die ganze Nacht am Bett, in dem
er sich fiebrig wälzte.
    »Agnus Dei« sang sie, »qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem!«
Novembernebel braute in den Strassen Berlins. Man tastete sich mit Hilfe seiner
Laterne immer nur zwei Schritte vorwärts.
    Bracke suchte sein Gastaus, aber er verirrte sich im Nebel.
    Als er um eine Ecke bog, sah er einen kleinen, verwachsenen Menschen auf
sich zukommen, vorbeigehen und entschwinden. Hundert Schritte weiter tauchte aus
dem Nebel wiederum ein Zwerg, um vieles kleiner noch als der erste.
    Wenige Strassen weiter kroch ein Wesen aus dem grauen Gespinst, das war wie
eine grosse Spinne, tastete sich an der Mauer entlang und verschwand.
    Bracke irrte in den Gassen am Krögel.
    Da sah er eine grüne Laterne leuchten, ging darauf los und las unter der
Laterne ein Schild, auf dem mit unbeholfener Schrift geschrieben war: Hier ist
zu sehen der Mensch, der nicht sterben kann. Eintritt ein guter Groschen.
    Bracke folgte dem grünen Schimmer, stolperte ein paar Stufen abwärts und
stiess eine Tür auf.
    Eine fette Frau verlangte ihm den Groschen ab, dann schlug sie einen
schmutzigen Vorhang zurück.
    Da lag auf einer Bank lang hingestreckt und wohlbalsamiert die Leiche des
Kurfürsten; das Messer mit dem brandenburgischen Adler am Knauf stak noch in der
Brust.
    Ihn schwindelte.
    Die fette Frau gluckste.
    »Hier ist zu sehen der Mann, der nicht sterben kann - weil er schon tot ist
...«
    Bracke stürzte die Treppe empor, dem grünen Schimmer, der ihm wie ein
Laubfrosch nachhüpfte, zu entfliehen.
    Der Nebel umarmte ihn feucht, er spürte einen fauligen Atem um seine fiebrig
erhitzen Wangen wehen.
    Er taumelte.
    Da spie der Schatten eines Hauses einen riesenhaften Mann von sich, den der
Nebel sogleich wieder mit gefrässigem Maul verschlang.
    Hundert Schritte weiter warf sich ein Mann auf ihn zu, der schien bis zum
zweiten Stockwerk zu reichen.
    Der Angstschweiss perlte auf seiner Stirn.
    Er war schon kurz vor seinem Gastaus angelangt, als ein wandelnder
Kirchturm, ein riesiger Riese, ihm den Weg versperrte.
    Er fiel ohnmächtig platt auf das Pflaster.
Als die Pest ins Land kam, von der die drei kleinen und die drei grossen Männer
Boten gewesen waren, floh Bracke in die Wälder und nährte sich von Pilzen,
Kräutern und wilden Vögeln.
    Als er vermeinte, dass die Krankheit erloschen sei, wanderte er aus den
Wäldern nach Trebbin.
    Da brannte helle Mittagsglut über der Stadt, kein Mensch war zu finden in
den Strassen. Die Häuser standen wie sonst, die Blumen blühten, die Brunnen
sprangen, die Bäume reiften.
    Er trat in die Bäckerei. Da stand der Bäcker am Backofen: tot. Er ging in
die Schmiede.
    Da lohte das Feuer, und am Kamin lehnten der Schmied und die Knechte: tot.
    Auf der Bürgermeisterei im Rataus war Ratsversammlung.
    Da sassen der Bürgermeister und alle Stadtverordneten und Ratsherren im Ornat
und ihren Amtsketten: tot.
    Und er kam an das Haus des Henkers: da hockte der Henker am Herde: tot.
    Ist denn nichts Lebendes, erschrak Bracke. Kein Echo meiner Stimme?
    Und er hielt die Hände hohl an den Mund und schrie: »Leben!« Da hub die Uhr
vom Ratausturm zu schlagen an. Und aus dem Gehäuse traten die zwölf Apostel, an
ihren Hirtenstäben kleine Klingeln, die läuteten.
    Er betete ein Vaterunser und lenkte seine Schritte zur Kirche. Weihrauch
duftete wie Pfefferkuchen zur Weihnacht.
    Rote Glasfenster funkelten blutig in der Sonne. Die Madonna in Holz
geschnitzt und bunt bemalt - es war aber die Kurfürstin - tronte in einem Erker
auf ihrem Altar, und sie hielt das Jesuskind auf ihren Armen.
    Als Bracke die Knie beugte, da neigte sie sich sanft hernieder und legte ihm
das Jesuskind, welches alsbald wie ein Menschenkind zu weinen begann, in seine
Arme.
    Das nahm nun Bracke demütig aus den Händen der Madonna, bettete es an seine
Brust und schritt festen und starken Schrittes, sich und dem Kind eine neue
Heimat zu suchen.
    Die fand er in Crossen, einer kleinen märkischen Stadt am Einfluss des Bobers
in die Oder. Diese war vom grossen Sterben weniger mitgenommen als andere Städte.
    Dort in der Marienkirche stand eine Madonna, die hatte die Arme voll
mütterlicher Sehnsucht in den Raum gebreitet, der legte er das Trebbiner
Jesuskind auf ihre Hände.
Bei Crossen, in der Nähe des Heidehibbel, hatte sich ein Sumpf durch die
jährlichen Überschwemmungen der Oder gebildet.
    Auf dem tanzte Nacht für Nacht ein greuliches Irrlicht und lockte die Männer
an sich, dass sie elend im Sumpf versanken.
    Denn es war anzusehen wie ein Weib, ganz mit goldenen Brüsten, goldenen
Haaren und den grünlichen Augen einer Kröte. Da flehten die Frauen Bracke an,
dass er den bösen Geist vertreiben möge mit Predigt oder mit dem Schlagen des
Kreuzes oder mit herzlicher Beschwörung - indem der Unhold schon fünf rüstige
Männer aus der Stadt zu Tode gebracht, die ausserhalb des Friedhofes der
Rechtgläubigen bei den Juden bestattet wurden, denn so wollte es die
Geistlichkeit. Bracke ging in der Nacht über die Aue zum Heidehibbel.
    Die Grillen zirpten.
    Lauschte nicht der Conte Gaspuzzi, den Kopf leicht seitwärts geneigt, der
Grillenmusik? Verschlafene Heuschrecken sprangen.
    Sass nicht auf jeder Nasr - ed - din, der Türke? Die Feldblumen dufteten.
    Bracke setzte sich am Heidehibbel unter eine Kiefer.
    Die Luft begann zu tönen. Der Wind knisterte in den Kiefern.
    Der Sand wandelte.
    Und er sah in kurzer Entfernung im Schein des Mondes, der auf gelben
Strahlen ihm zum Tanze geigte, das goldene Licht tanzen.
    Bracke trat darauf zu und fasste mit fester Hand in das goldene Feuer: er
ballte es in seiner Hand, wie wenn er einen Menschenhals packte, und zerrte das
Goldene zu sich heran aufs feste Land.
    »Ich will dich retten, Irrlicht, Wahnlicht, dass du künftig in Ruhe und
Wahrheit zu scheinen vermagst.«
    Als aber das Licht auf dem Sande stand, da begann es sich zu beruhigen mit
seinem Flattern wie ein junger Vogel, wenn die Mutter ihn lockt, oder wie ein
unruhig Kind, das man streichelt.
    Sacht entwand es sich seiner Hand, stieg aufwärts und ward zum Stern, der
noch heutigentags über dem Heidehibbel bei Crossen steht und der Heidestern
genannt wird und allen Heidewanderern in Friede und Wahrheit heimwärts leuchtet.
Es brach eine Plage von Ungeziefern über die Stadt herein.
    Wanzen, Schwaben, Flöhe, Russen, Tausendfüssler, Kellerassein, Franzosenkäfer
bevölkerten Stube, Küche und Keller, so dass man nicht gehen und stehen konnte,
ohne auf die winzigen Bestien zu treten.
    Da stellte sich Bracke am Röhrkasten auf den Predigtstein, mitten auf den
Marktplatz, das Antlitz nach dem venezianischen Kaufhaus gerichtet, und blies in
seine ungarische Trompete.
    Beim ersten Ton schon wurden die Insekten unruhig, beim zweiten begannen sie
aus Türritzen, Mauerspalten, Fensterlöchern zu kriechen.
    Da blies Bracke zum drittenmal.
    Die Türen wurden in den Häusern aufgerissen, und ein ekelhafter Haufe des
Ungeziefers quoll braun und grünlich auf die Gasse.
    Da wartete nun Bracke, bis ihn die ersten, die flinken Franzosenkäfer,
erreicht hatten. Und schritt, dem Ungeziefer voran, unaufhörlich blasend, an die
Oder.
    Dort, wo die Furt ist, an den steilen Wänden bei Goskar, tauchte er in den
Strom.
    Das Ungeziefer folgte ihm und ersoff elend.
    Er aber entstieg der Furt heil am andern Ufer. Aus Dankbarkeit gestattete
ihm der Magistrat, fürder das Wappen von Crossen zu führen - jedoch mit einer
Wanze über den gezackten Mauern.
Bracke ging über die hölzerne Oderbrücke. Er stieg durch die Weinberge, in der
Richtung Lochwitz.
    Die Trauben hingen an den Stöcken, schon violett.
    Ein Vogel krallte sich an einen Zweig und pickte eine Beere.
    Oben auf der Höhe sah er das Sternberger Hügelland im Herbst sich rostrot
über dem Horizont wölben.
    Dort sind meine roten Berge, sann er. Dahinter liegt das Paradies. Die Ruhe.
Der Schlaf im Daunenbett der Ewigkeit.
    Und er wanderte - über Lochwitz, durch die Lochwitzer Heide, durch
Kiefernwälder, an kleinen, mit Binsen umstandenen und von den letzten Libellen
umschwärmten Seen vorbei. Bis an die Knie oft versank er im weissen märkischen
Sand.
    Und als er die rostroten Höhen erreicht hatte: da buckelte sich hinter ihnen
verheissend eine neue Hügelkette.
    Und hinter diesen stiegen neue Hügel. Und immer so fort.
    Da setzte er sich auf einen Wurzelast, der aus dem Boden wucherte.
    Ich werde kehrtmachen, dachte er. Es ist immer dasselbe. Ich bin zu alt, um
noch tausend Hügel zu überschreiten - hinter dem tausendsten möchte wohl erst
das Meer liegen. Aber hinter dem Meer - ein neues Land: mit Palmen, Papageien,
Affen und schwarzen Menschen - und tausend neuen Hügeln.
    Es gilt, sich zu bescheiden. In seinem Kreise rund zu wandeln. Dies ist die
Pflicht des Alters.
    Zurück also nach Crossen: statt Palmen zu Eichbäumen, statt Papageien zu
Spatzen, statt Affen zu Ferkeln, statt schwarzen zu weissen Menschen.
    Ich werde in mein Vermächtnis schreiben, dass man mich auf dem Armenfriedhof
begrabe.
    Er liegt den rostroten Bergen am nächsten.
Die Oder, die den ganzen harten Winter derart zugefroren war, dass man sie mit
schweren Lastwagen passieren konnte, zerbarst im Frühling.
    Das Treibeis rollte.
    Die Schollen krochen an den Eisbrechern der Holzbrücke wie Soldaten an einer
Burg empor: einer auf den Schild des andern steigend.
    Da geschah, als das Eis schmolz, eine riesige Überschwemmung.
    Die Fischerei setzte sich zuerst unter Wasser. Danach die Dammvorstadt, die
Grabenvorstadt. Und schliesslich stand das Wasser bis in die Ross- und
Schlossstrasse.
    So schnell stieg es, dass manche, die im Erdgeschoss wohnten, nichts als ihr
nacktes Leben retteten.
    Hausgerät schwamm durch die Strassen. Ertrunkene Katzen.
    Aufgequollene Hunde.
    Dazwischen Baumstämme von den schlesischen Gebirgen. Stege wurden in den
Strassen errichtet.
    Boote vermittelten den Verkehr.
    Die Kinder vergnügten sich, in Kübeln wie kleine Piraten umherzusegeln.
    Als aber das Wasser nicht fallen wollte, als es in einer Nacht wiederum
wogte und bis an den Marktplatz schwoll - da schrien die Menschen von den oberen
Stockwerken und von den Dächern:
    »Wehe! Die Sintflut ist herbeigekommen! Rette uns, Noah, mit deiner Arche!«
    Bracke hüpfte mit wehenden Haaren auf den Giebel des venezianischen
Kaufhauses und schrie im fahlen Mondschein, während Wolken rasend oft
vorübertrieben und ihn verdunkelten:
    »Tut Busse! Tut Busse! Denn das Reich der Hölle ist nahe herbeigekommen. Eure
Herzen wurden Schlangennester. Eure Augen trübe Pfützen des blutigsten Lasters.
Eure Hände, zu liebender Umarmung einst bestimmt, greifen in leere Luft. Das
Eismeer trat über seine Ufer. Erratische Blöcke zermalmen den blühenden Garten.
Kometen schleifen feurige Schwänze wie Trauerschleppen durch die Strassen: und
die Stadt steht steil in Brand. Schlagt euch an eure zerfallene Brust: ehemals
göttlicher Dom, nunmehr eine knöcherne Ruine, darin jegliches Unkraut: Hass,
Niedertracht, Neid, Unzucht, Lüge, Feigheit, Hochmut wuchert. Schreit, brüllt,
kniet in den Kot eurer eigenen Leiche. Schreit: Ich Sünder, ich wandelnder
Dreck, eitriger Auswurf eines verwesenden Bonzen. Seliger einst am Saume der
Welt; saumseliger, seufzend im Süden, verweint in Nelkenduft, Falter, mit den
Flügeln leise atmend auf den Orangenbrüsten der blondesten Frau.
    Der Regen blutet aus meiner Wunde.
    Die Sonne schlägt mich an feuriges Kreuz.
    Ich schäume: rotes Meer. Ich schreie; ich Namenlos, ich Traum: bin schuld am
Kriege ... der Seienden ... des Seins.
    Ein jeder: Ich. Millionen Ich ... sind schuld, sind schuld.
    Die Geissel Gottes knallt.
    Ich kenne, bekenne mich: zur Pflicht, zur Verpflichtung, zur Wahrheit, zum
Geständnis.
    Es gilt, unsere Schuld in die Welt zu pauken, zu posaunen, zu läuten, zu
zischeln, zu heulen.
    Reisst das Hemd auf. Schlagt euch an die Brust. Bekennt: Ich, ich bin
schuldig. Will es büssen. Durch Wort und Tat. Durch gutes Wort und bessere Tat.
    Dünke sich niemand zu niedrig, seine Schuld zu bekennen. Niemand zu hoch.
    Schwört ab den Taumel! Bekennt euch straff! Bäumt auch zum neuen Willen
einer neuen Zeit.
    Es geht um den Adel der Erde. Enttront wurde die ewige Kaiserin: die Natur.
    Es darf nicht sein: das Gute in der Anschauung haben und begreifen, und
schlecht handeln, schlecht sein. Ehe wir nicht danach streben, gut zu sein,
anstatt Gutes zu denken, eher haben wir kein Recht, auf den Sieg der Sonne, des
Mondes, der blauen Berge und des roten Herzens zu hoffen.
    Einmal wird das mytische Feuer herniederfahren und alle heute noch Irrenden
und Schwankenden mit Erkenntnis beglänzen und zu entschlossener Tat entflammen.
    Mag heute noch Gelächter oder Niedertracht wie Hagel auf uns niederprasseln.
    Soldaten der Seele, es heisst standgehalten. Einmal wird die rote Fahne, in
unserm Blut getränkt, im Frühlingslichte flattern.
    Ihr Sybariten des Blutes: dann seid verflucht! Ihr Heuchler, ihr
Unerwachten, ihr Trägen - dahin dann zu den Kröten in die Keller des ewigen
Todes.
    Ihr aber, Unsterbliche, Unendliche, Legionäre der heiligen Armee, auf, zu
den Trommeln, zu den Flöten. Schwingt eure Waffen: den Lilienstengel, die
Weidenzweige, daran noch Kätzchen hangen, die Mimosenbüschel, die Sonnenblume.
Gott winkt! Uns, seinen silbernen Söhnen!« -
Da stürzte alles auf den Marktplatz, der noch vom Wasser freigeblieben war.
    Männer und Frauen entblössten ihre Oberkörper und schlugen jauchzend und
heulend aufeinander ein, mit Besen, mit Ruten, mit Stangen, mit Fäusten, und
geisselten sich, dass das Blut in Bächen von ihren Leibern floss und dass der
Marktplatz bald in rotem Blute dampfte.
    Sie rissen sich gegenseitig das Haar in Büscheln und die Haut in Fetzen
herab und schrien:
    »Gnade! Gnade! Busse! Busse!«
    Auf dem venezianischen Kaufhaus stand noch immer Bracke drohend wie ein
Turmhahn und drehte seine Arme wie Windmühlenflügel im Winde.
    Als sie in der Geisselung ermatteten und einander sahen: Mann und Weib:
nackte Brüste und Schultern, darüber die roten Blutfäden liefen wie
Seidengespinst, ergriff sie die Brunst mit magischer Gewalt.
    Wiehernd stürzten sie aufeinander, und die Männer stiessen wahllos in die
Frauen: bald wie Stiere sie von hinten bespringend, bald wie Schnecken von vorn
sich gegen sie erhebend.
    Bracke, auf dem Giebel tanzend, schrie:
    »Tut Busse! Tut Busse!«
Und Bracke schrieb ein Konzilium der Totengräber in den märkischen und
wendischen, pommerschen und mecklenburgischen Landen aus: er bat, sie möchten
nach Crossen kommen, er wolle sie die wahre Kunst des Totengrabens lehren.
    Da beredeten sich die Totengräber untereinander und beschlossen, der
Einladung Folge zu leisten.
    Sie erschien also in ihren schwarzen Mänteln zu Hunderten in Crossen, dass
die Crossener schier sich ängsteten, und die Gastäuser waren überfüllt von
ihnen.
    Auf dem Marktplatz hatte Bracke auf dem Predigerstein eine Kanzel errichtet
aus Holz, von der hub er an zu reden, angetan mit einem schwarzen Mantel und
einem Totenkopf unter dem Arm: »Ihr Totengräber! Dank zuvor, dass ihr so
zahlreich erschienen seid.
    Eure Erwartung soll nicht enttäuscht werden. Ich habe euch einen Rat zu
erteilen, den gab mir in der Nacht Ahasver, der Ewige Jude, im Traum: damit wird
euer Ein- und Auskommen verbessert in alle Ewigkeit.
    Beginnt endlich damit, die Lebenden zu begraben! - so braucht ihr nicht zu
warten auf den Tod eines jeden. Denn alle, die heute leben, stinken schon in der
Verwesung und sind wie tanzendes Aas.
    Beginnt mit den hohen Herren oben und begrabt mir endlich einmal« - Brackes
Stimme schlug über - »den toten Kurfürsten, der immer noch in mir lebt.
    Was braucht ihr noch zu warten, bis ein jeder stirbt? Begrabt die Lebendigen
- so werdet ihr jeden Tag Totengeld erhalten, wann immer ihr wollt. Unter die
Erde mit den Irdischen!
    Dies ist mein Rat, den ich euch gebe: aus Menschenliebe - frei und ohne
Entgelt.
    Geht nun nach Hause. Grabt. Gehabt euch wohl.«
    Und damit stieg Bracke von der Kanzel und wandelte mit dem Totenkopf unter
dem Arm in den Ratskeller, wo er ihn sich mit rotem Wein füllen liess und
austrank in einem Zuge.
In Crossen war die Stelle eines Nachtwächters zu vergeben.
    Da bat Bracke, man möge ihn in solchen Dienst nehmen.
    Er habe vierzig Jahre des Tages gewacht und wünsche nun auch einmal des
Nachts zu wachen und aufzumerken, wie es nachts auf der Welt aussehe, indem er
pünktlich und gewissenhaft die Stunden zähle und rufe von abends neun bis
morgens sechs.
    Man zog ihm Kappe und Mantel an, schnallte ihm einen Degen um, gab ihm
Stock, Horn und ein Stundenglas in die Hand. -
    Und Bracke stand unter den Torbögen oder wandelte durch die mondhellen
Strassen. Er sah die Sternschnuppen fallen und den Sand in seinem Glas. Und
immer, wenn eine Stunde um und der Sand ausgelaufen war, drehte er das Glas, und
der Sand lief von neuem, die Sternschnuppen fielen, die Hunde bellten, und ein
Träumender schrie im Schlaf.
Hass, Ekel und Verachtung der Menschen gewannen solche Macht über ihn, dass sie
ihn wie mit Zentnergewichten zu Boden drückten. Und ob er wie ein Atlet auf den
Jahrmärkten mit ihnen jonglierte und sie zu bändigen trachtete, es geschah, dass
ihm beim Anblick eines Menschen derart übel wurde, dass er erbrach.
    Er ging auch am Tage stets mit den Händen vor dem Gesicht durch die Strassen,
damit er niemand sähe.
    Und er liess sich sein Essen bringen von einer alten Begine.
    Als zum Jahrmarkt eine Seiltänzertruppe auf dem Münzplatz erschien, trat er
zum Direktor an den Wagen und bat ihn, ob er ihn nicht in freien Stunden
vormittags das Seiltanzen lehren wolle.
    Der Seiltänzer lachte:
    »Ihr alter Mann mit Euern zitternden Gliedern!«
    »Ich bin nicht so alt, wie Ihr meint. Ich möchte auf dem Seile tanzen und
dann mit einem gewaltigen Sprung vom Seile in die Masse der Menschen springen:
auf ihre platten Köpfe: und ihrer ein Dutzend im Fall zerstampfen.«
    Da machte der Seiltänzer ein Kreuz.
    Und Bracke entwich, vogelartig hüpfend.
Bracke ging über den Friedhof.
    Er blieb an einem frisch geschaufelten Grabe stehen.
    »Ist dies für mich bestimmt?« - Und er gedachte es auszumessen.
    Da hörte er Geräusch im Grabe und sah Sand auffliegen, wie wenn ein Maulwurf
sich durch die Erde arbeitet.
    »Ach, Ihr seid es«, sprach Bracke und sah, wie der Conte Gaspuzzi sich
mühsam aus der Höhle wälzte, braun bestäubt wie ein Pfefferkuchenmann.
    Bracke betrachtete sein Gesicht, das einem Stück Sandsteinfelsen glich: mit
Rinnen und Gängen von Korallentieren. Seine Augen lagen darin wie tote Fliegen
in Bernstein.
    »Ihr könnt nicht sterben - und ich kann nicht leben ...«, sagte Bracke; »wie
alt seid Ihr wohl, wenn es gestattet ist zu fragen?«
    »Bei Christi Kreuzgang war ich fünfzig Jahre alt. Der Herr trug sein Kreuz
an meiner Wohnung vorbei, es drückte ihn schwer, und er blieb an meinem Hause
stehen, der ich gerade in der Sonne sass und in die Mückenschwärme blickte:
    Mein Freund - es ist heiss, gebt mir einen Schluck Wasser.
    Da rief ich: In die Hölle mit dir, Prophet der Ketzer. Einem Ungläubigen das
Wasser reichen! P ... und sauf dein eigenes Wasser.
    Da sprach Christus: So sollst du ewig durch die Jahrtausende gehen und
unlöschbaren Durst haben nach dem Nichts und nach der Vernichtung: deiner und
der Welt, nach dem Tod ... aber du wirst nicht sterben können ...
    So laufe ich Jahrtausende durch die Welt, lausche auf die Harmonie der
Sphären, saufe und saufe das Leben in mich hinein - aus Durst nach dem Tode -
und kann nicht sterben.
    Ich stürzte mich von der Kuppel des St. Peter in Rom - da glitt ich wie auf
einem seidenen Tuch sanft zu Boden.
    Ich liess mich als Gladiator in der Arena Neros zerstückeln und zerfleischen
- mein Fleisch fand sich wieder zusammen, und man trug mich als ganzen Menschen
aus der Arena, dass selbst Nero vor diesem Zeichen erblasste.
    Ich warf mich in den Vesuv - er hat mich wieder ausgespien.
    Ich ging auf ein Schiff, im Gefolge des Kolumbus, das Schiff kam in Sturm
und versank, mich spülten die Wellen in Spanien an die Küste.
    Ich kann und kann nicht sterben.«
    Bracke starrte in das leere Grab.
    »Bruder«, lispelte er.
Als Bracke über die Oderbrücke ging, hörte er ein leises Läuten.
    Er beugte sich über das Geländer.
    Da sah er im Mondschein unten in der Oder die versunkene Stadt liegen.
    Die war anzusehen wie seine Heimatstadt Trebbin: Kirche und Plätze und
Häuser und Brunnen.
    Nur schien alles reicher und bunter und strahlender, vom Glanz der Ewigkeit
bestreut, vom Strom der Unvergänglichkeit überflossen.
    Aus Marmor waren die Häuser gebaut und die Dächer aus purem Silber.
    Die Glocken, die in der Kirche läuteten und die seitwärts zum Gestühl
herausschwangen, schienen eitel Gold.
    Edelsteine blühten statt Blumen in den Blumenstöcken an den Fenstern und
kleine Korallenbäume.
    Das Moos zwischen den Steinen zeigte die Patina von Kupfer. Da schluchzte
Bracke tief auf, und die Tränen fielen auf den Wasserspiegel und zerstörten in
ihrem klingenden Fall das Bildnis seiner Jugend. Die lag nun begraben, tief in
der Oder.
    Und er musste sich halten, dass er sich nicht über das Geländer der Brücke
schwang und ihr nicht nachsprang in den Fluss hinein: ein englischer Knabe, zu
wandeln zwischen den Marmorhäusern und Edelsteinblumen.
Bracke ging in eine Bäckerei und kaufte eine grosse Tüte Süssigkeiten. Und er
stellte sich auf den Markt, rief die Buben und Mädchen und sprach:
    »Kommt herbei, ich will Süssigkeiten unter euch verteilen nach der
Gerechtigkeit Gottes.«
    Und sie liefen schreiend herbei und öffneten ihre Hände.
    Da gab Bracke nun dem einen fünf, dem andern zwei, dem vier, dem gar keinen
Kuchen.
    Da sprachen die Kinder:
    »Du bist ungerecht, dass du dem einen mehr und dem andern weniger, dem
dritten überhaupt nichts gibst.«
    Brackes Bart wehte:
    »Ich habe euch gesagt, dass ich die Kuchen verteilen wolle nach der
Gerechtigkeit Gottes - und also habe ich getan. Denn Gott gibt dem einen wenig,
dem andern viel, dem dritten aber gar nichts. Dies ist die Gerechtigkeit Gottes.
Es ist nichts Ungerechteres als Gott. Geht nach Hause und erzählt dies euren
Eltern und den Pfaffen.«
Bracke rannte einsam durch die Nacht.
    Da begegnete er der Wache, die hielt ihn an und sprach:
    »Was hast du zu dieser Zeit der Spitzbuben und Räuber auf der Strasse zu
suchen?«
    Bracke drehte seinen Kopf wie eine Schraube. »Ich suche meinen Verstand ...
er läuft mir davon wie ein rasender Hengst ... und ich komme ihm nicht nach ...
helft mir meinen Verstand wieder einfangen, ihr guten Herren, aber tut ihm
nichts mit euren Lanzen und Spiessen.«
    Es ward aber Bracke kränklich und gebrechlich, da gedachte er in ein Kloster
zu gehen.
    Und er klopfte an bei den Franziskanern auf dem Neumarkt.
    Der Abt öffnete persönlich. Bracke zog den Hut:
    »Herr, nehmt mich auf in Euer Kloster, denn ich bin alt geworden und müde
der Welt.«
    Der Abt fluchte wie sein Zinngiesser:
    »Als Ihr jung wart und lustig durch die Welt sprangt und schwärmtet, wurdet
Ihr ihrer nicht so bald müde und überdrüssig und gedachtet auch in kein Kloster
zu gehen. Jetzt erst, da Euch der Teufel an der Gurgel sitzt - verspürt Ihr
plötzlich Sehnsucht nach dem Himmel.«
    »Das ist wohl wahr«, sprach Bracke, »ich bitte Euch, macht trotzdem einen
Versuch mit mir und stellt mich auf die Probe.«
    »Gut«, sprach der Abt, »könnt Ihr schreiben?« »Mit aller Kunst«, gab Bracke
Bescheid.
    »So werde Euch die Aufgabe, eine Vulgatabibel abzuschreiben ...«
Bracke machte sich mit Eifer an die Arbeit. Sein Geist beschwingte sich an ihr,
und seine Muskeln dehnten sich bei der guten Klosterkost von neuem mächtig.
    Er schrieb fein mit spitzem Pinsel und schwarzer Tusche zuerst das
Evangelium Mattäi, danach Markus, Lukas, Sankt Johannes und so fort, überwand
auch noch die Acta Apostolorum - aber als er, nach einigen Monaten, an die
Apostelbriefe kam (es war inzwischen Frühling geworden), wurde er unruhig, die
Arbeit stockte und schlich nur mühsam und langsam wie ein träger Bach weiter.
Durch das Gitterfenster seiner Zelle flog sein Blick oft mit den Vögeln ins
klare Blau.
    Eines Tages nun, als er gerade das P des Apostel Paulus zierlich zu malen im
Begriffe stand, sein Auge aber einen Moment vom Pergament hinaus durch das
Gitter abirrte, schrak er zusammen. Denn er hatte Nadya, das schönste Mädchen
der Stadt, einer Wendin und eines Schiffers Tochter, draussen in der Morgensonne
über die Wiese gehen sehen - um derentwillen sich die Schiffer und Landsknechte
mit ihren Messern Flüche in die Rippen stiessen - und dennoch keiner von ihnen
sich auch nur der leisesten Gunst Nadyas rühmen durfte.
    Bracke stand vom Schemel auf und begann ruhelos die enge, dumpfe Zelle zu
durchwandern.
    Seufzend ging er wieder an seine Arbeit. Aber wie er den Apostel Paulus als
Initiale recht schön in Rot, Blau und Gold vollendet hatte: lächelte ihm aus der
blauen Kutte des Heiligen Nadyas goldenes Gesicht entgegen.
    Bracke betete die Nacht durch - aber die Nacht war sinnlich, wie
Frühlingsnächte zuweilen sind, in denen schon der Sommer zittert. Mit Gewalt
drängte sich die Erinnerung an Nadya auf, an ihren Gang, an ihr Gesicht, an ihre
Hände.
    Er kämpfte ... eine Woche ... vierzehn Tage ... um Grieta ... um die
Kurfürstin ... und jeden Tag in diesen vierzehn Tagen ging Nadya an dem Kloster
vorbei. Und ihre braunen Augen kletterten wie Eidechsen an der Klostermauer hoch
...
    Um ihr zu entgehen, liess er sich vom Prior auf eine Predigtreise in die
Dörfer schicken. Müde und zerschlagen kehrte er eines Abends zurück.
    Er ging zwischen Weidenbüschen, durch die Oderwiesen, nahe schon der Stadt.
    Der Mond stand hinter Wolken.
    Plötzlich ... er zuckte zusammen ... wuchs vor ihm aus dem feuchten
Wiesennebel die Vision einer Frau. Er wollte fliehen.
    Sie hielt ihn gepackt.
    Er wollte das Kreuz machen.
    Sie verhinderte es.
    Da liess er sich willenlos in ihre Arme gleiten. Als sie ihr Gesicht erhob -
ihn dünkte, es wären inzwischen Jahre vergangen -, sah sie ihm lange in die
Augen, lächelte und nickte mit dem Kopf.
Bracke wagte sich eines Nachts in den Garten am Hause Nadyas.
    Sie standen in zärtlicher Umschlingung unter einer Linde - als plötzlich der
Mond und mit ihm, aus dem Hause, ein Haufen schreiender und gestikulierender
Leute hervorbrach.
    Denn die Eltern Nadyas hatten Verdacht geschöpft. Mit Stangen und Keulen
wollten sie auf den geistlichen Liebhaber eindringen, dem die Zunge im Gaumen
gefror.
    Da trat Nadya vor und rief (wie denn die Frauen, wenn sie einmal
geistesgegenwärtig sind, es mit sehr viel Geist sind): »Fallet nieder und betet,
denn seht, die heilige Hedwig ist mir erschienen.«
    Da nun fielen sie alle auf die Knie: denn die Kutte des Franziskaners malte
sich in der grauen Dämmerung wie ein Frauenkleid ab.
    Er aber hob die Arme und segnete sie.
    Und öfter noch und unbehelligter ist die heilige Hedwig dem schönen
Fischerkinde Nadya erschienen.
»Gut«, sprach der Abt, als die Apostelgeschichte abgeschrieben war, »ich setze
Euch nunmehr als Pförtner ein. Hier habt Ihr den Schlüssel. Ersuche Euch aber
auf das strengste, nur einzulassen die frommen Brüder - und keine Landstörtzer
oder Vagabunden.«
    Dies sagte Bracke ihm gewissenhaft zu und setzte sich in die Pförtnerloge.
    Als aber der Abt früh zur Messe schreiten wollte, hörte er ein jämmerliches
Gestöhn, ging dem Geräusch nach und sah seine Mönche, siebzehn an der Zahl, vom
Abendspaziergang her vor der Klostertüre ausgesperrt auf der Wiese hocken.
    Bracke aber schlief fest in seiner Pförtnerloge einen guten Schlaf.
    Da zerrte ihn der Abt aus dem Schlafe hoch und schrie:
    »Bübischer - du hast mir meine Mönche ausgesperrt - ist das die Probe aufs
Exempel deiner Befähigung zum Pförtner?«
    »Herr«, Bracke rieb sich den Schlaf aus den Augen, »Ihr befahlt mir, nur die
wahrhaft frommen Brüder und keine Landstörtzer einzulassen. Eure Mönche, welche
huren, saufen und lästern wie der Teufel in der Hölle, sind schlimmer als die
Vagabunden und Landstreicher, die kein Gelübde der Keuschheit und Mässigkeit
abgelegt. Wäre einer unter Euren Mönchen, der seine Tonsur mit Recht und
Gerechtigkeit trüge - ich hätte ihn eingelassen ...«
    Da öffnete der Abt die Pforte, liess die Mönche herein und jagte Bracke
hinaus in den Morgen, über dem eben, strahlend rot wie ein Pfirsich, die Sonne
aufging.
    Bracke ging an die Oder und bedachte Anfang und Ende, da sah er ein kleines
Mädchen, das Wasser aus der Oder in einen leeren Blumentopf füllte, der unten an
seinem Boden ein Loch hatte, durch den das Wasser immer wieder abfloss.
    Aber unermüdlich schöpfte das Kind.
    »Was tust du da?« fragte Bracke.
    Das Kind antwortete:
    »Ich schöpfe die Oder in diesen Topf ...«
    Da besann sich Bracke, dass er sei wie dieses Kind und keinen Deut klüger:
dass er, so sehr er sich auch bemühe, den Strom der Ewigkeit zu erfassen, es ihm
nicht gelingen werde, mehr davon in seine Schale zu füllen, als dieses kleine
spielerische Mädchen aus der Oder in seinen Blumentopf.
    »Wenn es mir nun gelingt, die Richtung des Stromes zu begreifen, so will ich
schon zufrieden sein« - und sah, wie die Oder abwärts floss von Crossen nach
Frankfurt, von Frankfurt nach Lebus, von Lebus nach Stettin - und bis ins Meer.
Als Bracke am Ufer der Oder wandelte, fiel ihm sein Buch, in dem er seine
Gedanken und Träume zu verzeichnen pflegte, in den Strom. Da ihm das Buch lieb
war wie sein eigenes Kind, sprang er, obwohl des Schwimmens kaum kundig, dem
Buch nach, bekam es auch zu fassen, sank aber selbst unter und wäre elend
ertrunken, wenn nicht ein Schiffer in der Nähe gewesen, der ihn ans Land
gezogen. Als er nun im Hause des Schiffers lag und aus der Ohnmacht erwachte,
war sein erstes Wort: »Wo ist mein Buch?« Und der Schiffer gab ihm das Buch. Da
frohlockte Bracke. Als er es aber aufschlug, da waren es leere, weisse Seiten,
die ihm entgegenleuchteten. Das Wasser hatte alle seine Gedanken und Träume
weggewaschen und war kein Wort mehr entalten als nur die Überschrift des
Buches; Mein Leben. - Da erschrak Bracke: Wie war ich hochmütig und glaubte,
mich in das Buch der Ewigkeit eingeschrieben zu haben, und nun finde ich darin
nicht einen Satz, nicht ein Wort, das wert gewesen wäre, bewahrt zu bleiben! -
Und nahm das Buch und schenkte es dem Kinde des Schiffers, das gerade in die
Schule gekommen war, für seine ersten Schreibübungen.
    Im Ratskeller zu Crossen machte Bracke sein Testament.
    Er sandte, wie der reiche Mann im Evangelium (ob er gleich keinen Heller zu
vergeben hatte), den Knecht vom Ratskellerwirt auf die Strasse und liess
verkünden: alle fahrenden Bettler und Vagabunden und Strassenläufer möchten zu
ihm in den Ratskeller kommen. Er habe sie in seinem Testament zu beschenken und
zu bedenken.
    Und er berief einen Advokaten und setzte ihn mit Tintenbüchse, Federkiel,
Streusand, Pergament und Siegel neben sich.
    Und als die Vagabunden und Vaganten erschienen - es waren ihrer etwa ein
halbes Dutzend, die der Ratskellerknecht aufgetrieben hatte -, da liess er sich
von jedem den Namen sagen und vererbte einem jeden, indem er dem Advokaten
diktierte, eine Gegend des märkischen Landes zur Streife.
    Da vererbte er dem rotaarigen Hannes die Perleberger Gegend, dem
Spenglerjochen das Prenzlauer Land, dem frommen Adolf das Bistum Lebus, dem
hageren Türkenmüller den Kreis Crossen und die Niederlausitz, der Pickelmale als
Frau seine Geburtsstadt Trebbin.
    Und es geschah, dass jeder dieser Leute sein Testament wie einen heiligen
Willen aufnahm und buchstäblich befolgte - und dass jeder wie durch Gottes Wunder
in der ihm zugewiesenen Gegend reichlich stets zu leben und nie mehr zu hungern
hatte. Weshalb jeder der Vagabunden, die sich später sämtlich recht und schlecht
mit Mägden oder Bauernmädchen verheirateten, seinen Erstgeborenen Bracke nannte.
    Der hagere Türkenmüller aber, der es in Crossen durch Weinhandel zu etwas
brachte, liess in einem seiner Weinberge eine Kapelle erbauen, in die er eine
nachgeahmte Statue des Bracke stellte und an dessen Geburts- und Todestage
Lichte davor entzündete wie vor einem Heiligen.
Bracke wanderte nach Schlesien und ins Gebirge hinein. Ohne andere Kleider, als
die er auf dem Leibe trug: ein schmutziges Hemd, eine braune, zerrissene Joppe,
eine blaue Soldatenhose dritter Garnitur, die in Hirschberg in der Herberge ein
Soldat im Spiel an ihn verloren hatte.
    Ruine Hermsdorf fiel bröckelnd aus dem Horizont.
    Es dämmerte.
    Als es dunkel wurde, sah Bracke auf der Ringmauer der Burg einen feurigen
Reiter galoppieren.
    Er wanderte in den Wald.
    Warmbrunn lag plötzlich vor seinen Schritten. Hinter den geschlossenen Läden
des Kurhauses klang Gelächter und Gläserklirren.
    Ein Fenster im zweiten Stock öffnete sich.
    Licht fiel über die Strasse. Eine dunkle Gestalt lachte in die Nacht.
    Bracke schlief im Wald unter einer Tanne ein.
    Ihm träumte, die Tanne wäre ein Kirchturm und läutete. Das Geläut ihrer
Glocken dünkte ihm süss und unerhört. Plötzlich schwoll der Glockenklang zu
rollenden Tönen an, die ihn wie mit Hämmern auf die Stirn schlugen.
    Er wachte auf.
    Regen wusch sein Gesicht.
    Donner grollte im fahlgrünen Frühlicht.
    Er erhob sich.
    Kaum war er zehn Schritte von der Tanne entfernt, die seinen Schlaf behütet
hatte, als ein Blitz zischend in ihren Stamm fuhr und sie silberweiss
zersplitterte.
    Das Tal stieg leise an.
    Der Regen stach seine Haut.
    Dorf Kummhübel liess er links liegen. Er klomm seitwärts durch den Wald nach
Brückenberg empor.
    Der Wald rauschte wie das Meer.
    Giessbäche sprangen zwischen seine Füsse. In seinen alten Schaftstiefeln floss
das Wasser oben hinein und unten an den Sohlen wieder hinaus.
    Eine Herde Farnhalme erregte seine Verwunderung. Er blieb stehen und
betrachtete den zarten grünen Gliederbau der Pflanzen. Ihre sternhaften Arme.
Ihre mädchenhafte Schlankheit.
    Auf einer winzigen Waldwiese blühte Enzian.
    Der Himmel ist zersprungen, dachte er. Das sind einige Scherben. Die
Enzianblüten sind Scherben vom Himmel, wie wir Menschen Splitter von einem
fremden zersprungenen Stern sind. Die Erde ist nicht unsere Heimat. Wir wandern
fremd auf ihr, immer die Heimat mit entbrannten Sinnen suchend. Die Erde ist ein
toter Stern. Sie ist kalt. Ich bin heiss. Ein Stück flammender Meteor. Ich friere
in dieser jammervollen Nässe. Meine Füsse kennen nur Sumpf. Meine Hände sind
zerrissen vor Kälte. Blut tropft auf den Boden. Meine Augen sind mit grauen
Wolken statt mit Sonne gefüllt. Mich hungert.
    Wie weidende Kühe lagen die paar Häuser Brückenbergs vor ihm. Er sah, wie
die Bauern behäbig den Tag begannen. Sie schlurften und schlürften hinter den
Fenstern, ausgeschlafen und trotz des öden Tages heiterer Dinge, ihre dampfende
Morgensuppe.
    Oben am Tisch sass der Bauer, dann folgte die Bäuerin, der Grossknecht, der
zweite Knecht, die Grossmagd und die andern Knechte, Mägde und Kinder. Sie sassen
in der Ordnung, die ein unverrückbares, jahrtausendealtes Gesetz ihnen
eingeprägt. Sie lebten ihr Leben nach ewigen Regeln: dumpf, treu und zufrieden.
Bracke pochte an das Haus.
    Die Bäuerin öffnete ihm, und er bat mit höflicher Stimme um ein wenig warme
Morgensuppe.
    Die Kleider zerflossen ihm am Leib.
    Er schien wie ein Meergott dem Meer entstiegen.
    Tang troff aus seinen Haaren. Seine Augen glänzten wie Korallen.
    Die Bäuerin schüttelte den Kopf und schob ihn in die Stube.
    Da sass er nun ganz unten am Tisch, noch weit hinter dem letzten Hütejungen
und Stallknecht, und verzehrte mit Anstand und Ruhe Suppe und Brot, das die
Bäuerin ihm mit eigener Hand vorgelegt hatte.
    Er war es zufrieden, der menschlichen Gesellschaft als letzter eingeordnet
zu sein, und wusste von keinem Wunsch und keinem Ziel.
    Niemand sprach ein Wort, und also schien es ihm schön und natürlich.
    Als der Bauer mit einem kurzen Gebet die Runde auflöste, sagte Bracke mit
klarer Stimme Amen und brachte der Bäuerin in geziemenden Worten seinen Dank.
Die Mägde äugten verstohlen und diebisch nach dem verwilderten Wanderer.
    Ob er das Frühstück mit Arbeit entlohnen wolle? fragte die Bäuerin. Ein
Dienst sei des andern wert.
    Bracke nickte willig den Kopf.
    Ein Knecht führte ihn in den Holzverschlag, und er spaltete bis zum Mittag
ernst und ordentlich viele Scheite Holz. Die Arbeit wärmte ihn, und die Kleider
trockneten ihm am Leib.
    Zu Mittag sass er wiederum in der bäuerlichen Runde und verzehrte mit
dankbarer Andacht die dicke Fleischsuppe.
    Danach bat er seine Freiheit zurück, die ihm gewährt wurde, und machte sich
nach einer chevaleresken Verbeugung vor der Bäuerin und einem Handdruck an den
Bauern wieder auf seinen Weg.
    Die Mägde sahen ihm mit offenen Mündern nach.
    Das Wetter hatte sich ein wenig aufgehellt: noch fielen vereinzelt grosse
Regentropfen.
    Über den Kamm rasten pfeifend die weissen Sturmwolken.
    Um die Koppe jagten wilde Windpferde. Ein Stück blauer Himmel flatterte wie
eine Fahne über der Sturmhaube.
    Bracke schritt den Ziegenpfad zum Gebirgskamm empor.
    Er durchschritt die Zackenklamm.
    Links und rechts standen Felsen, abweisend und steinern wie Menschen,
innerlichst bereit, ihn zu zerschmettern und nur durch das Schicksal ihres
steinernen Seins gehalten.
    Der Zackenfall rauschte: Hohn, Schimpf und Gelächter sprach aus seiner
Stimme. Wie kleine Steine warf er hasserfüllt Tropfen auf Tropfen bis an Brackes
Stirn.
    Er kletterte am Zackenfall rechts empor und gewann wieder den Wald.
    Er war kaum einige Schritte gegangen, als er vor sich einen grossen stämmigen
Mann den Pfad erklimmen sah.
    Er trat neben ihn und blickte ihm ins Gesicht.
    Der andere blieb stehen, und sie betrachteten sich schweigend. Er zeigte
Gewand und Manieren eines Holzhauers, ein Beil hing über seine linke Schulter.
Ein braunroter Vollbart umrahmte sein schönes, wildes Gesicht. Seine grossen
blauen Augen musterten Bracke.
    »Was wollt Ihr«, fragte der andere, »habt Ihr mich gesucht?« »Ich habe Euch
nicht gesucht, denn ich kenne Euch nicht«, sagte Bracke, »auch will ich nichts,
weder von Euch noch von jemand anderm. Ich will nur mich selbst, und mich dünkt,
dies sei schon zuviel, da ich nur darum in dies Gewitter und in dieses Gebirge
gekommen.«
    »Ich glaube, wir haben denselben Weg«, sagte der andere. Seine Stimme klang
wie die Glocke des Kirchturms gestern nacht in Brackes Traum. »Ich will in die
Höhe.«
    Sie schritten nebeneinander.
    Bracke hörte einen Vogelschrei über sich in den Lüften, und er sah, dass eine
Eule den Schritt des andern hoch zu seinen Häupten begleitete.
    Der Wald wich und schrumpfte in sich zusammen. Verkrüppelte Kiefern waren
seine letzten Verkünder und Herolde. Dann hörten auch sie auf, im Walde zu
tönen, und Knieholz wucherte wie riesiges Moos über den Felsen.
    Sie hatten den Kamm erreicht.
    Die alte schlesische Baude lag wie ein Klotz feuchtes und faules Holz im
Nebel.
    Sie wandten sich der Koppe, der Spitze des Gebirges, zu.
    Steine wuchsen nur noch unter ihren Sohlen.
    Pferden, Ochsen und Löwen gleichend, kamen Felsen auf sie zu und drohten
ihnen den Weg zu sperren oder sie mit steinernen Mäulern zu verschlingen.
    Wolken wehten wie riesige Vögel mit feuchten Schwingen um ihre Stirnen.
    Abgründe und Schluchten öffneten sich.
    Der Sturm blies, dass sie zuweilen vor ihm wie vor einer Wand standen.
    Der Holzhauer, des Weges kundig, schritt voran.
    Er schritt vor Bracke wie ein grosser, starker Bruder, in dessen Hut und
Führung man sich wohlbefindet.
    Seine Füsse stampften, seine Augen funkelten, sein roter Bart knisterte, und
oben, zuweilen über Wolken, zuweilen im Sturme selbst, schrie die Eule.
    Eine Wolke schob sich plötzlich zwischen Bracke und den andern.
    Er sah ihn nicht mehr.
    Er rief.
    Aber der Wind verschlang seine Stimme.
    Er tastete durch den Nebel.
    Wenige Schritte vor ihm gähnte ein dunkler Abgrund.
    Bracke wartete, ob die Wolke verwehe.
    Es mochte eine Minute vergangen sein, da zerriss sie donnernd wie ein
eiserner Vorhang.
    Blau, kühl und klar wölbte sich der Himmel.
    Im Abendsonnenstrahl wiegte sich ein goldener Bussard.
    Das Tal lag leise und bis in fernste Winkel deutlich zu seinen Füssen.
    Aber vor ihm - Geröll hatte plötzlich den Abgrund überschüttet - stand auf
der Spitze des Berges, die grosse Sturmhaube genannt, der andere: riesig und
schwarz im hellen Horizont.
    Sein Auge schien das Tal zu umfassen wie seinen Besitz. Auf seiner Schulter
sass die Eule. Herrisch schwang er das Beil gegen die Tiefe. Aus seinen Augen
sprang die Sonne. Seine Stirn war das Abendrot.
    Er hatte die Höhe erreicht.
    Bracke eilte, sich mit seinem Gefährten zu vereinigen.
    Er sprang das Moränenfeld empor, achtete nicht des immer neuen Sturzes, der
ihm die Knie zerschlug und die Hände blutig riss.
    Sein Atem pfiff.
    Der Rücken schmerzte ihn. Nadelscharfe Stiche fühlte er unter den
Schulterblättern. Seine Wangen erhitzen sich im Fieber.
    Schwer und unbeweglich stand der andere, in seiner Gebärde versteint.
    »Bruder!« rief Bracke und streckte, herangekommen, ihm die Hand entgegen.
    Da fühlte er eiskalten Stein zum Gegengruss sich in seine fiebernde Hand
schmiegen.
    Er erschrak, er sah empor, und er erstarrte.
    Ein Felsblock, der Form und Umriss des andern trug, lauschte fühllos seinem
liebenden Anruf.
    »Rübezahl!« schrie Bracke und sank wehrlos und erschöpft am Felsen nieder.
    Frühlingsfieber schüttelte Bracke.
    In seinen Blicken spross, neu erlöst, die Blume der Welt.
    Sein Atem duftete hyazinten.
    Er griff mit den Händen nach den Wolken.
    Seine Füsse rannten über die Berge.
    Ich will mich mit der Welt versöhnen. Der Menschen Bruder sein. Wie leicht
ist es, gut zu sein und Gutes zu tun! Welche Seligkeit, Verzeihung zu erlangen!
Welch grössere, sie zu gewähren! Ich werde meinen Brüdern dienen im Anschauen der
Vollkommenheit und meiner Schwestern frommer Hüter sein.
    Grieta ist tot. Die Kurfürstin ist tot. Ich rufe ihre Angesichter vergeblich
vom Himmel. Lasst mich eure Geister beschwören und fächelt mir aus den Winden
eure Verzeihung zu!
    Mein Vater, du bist noch auf der Welt: ehe ich kam, warst du Welt, und
wieder bist du es nun, da ich in Friede und Frühling scheiden soll. Du hast mich
erzeugt, du hast mich erzogen, was wäre ich ohne dich. Jahrzehnte habe ich dich
vergessen, zum letzten Male will ich zu dir wandern, mit den brennenden Füssen
und der rauchenden Seele des Heimatlosen: will Heimat sehen in deinem Blick und
lieber Vater rufen. Vielleicht, dass ich an deiner Brust genese. Ich will ja
nichts als auf den Arm genommen werden wie ein krankes Kind und dahinfliessen in
Tränen wie ein Strom.
Es dämmerte, als Bracke in Striegau eintraf.
    Seine Knie zitterten, und er setzte sich müde auf eine Haustreppe.
    Eine Katze strich an ihm vorbei.
    Läuft mir eine Katze über den Weg? dachte er, betroffen lächelnd. Ist mir
das Unglück so nah?
    Hunde bellten aus allen Strassen Frage und Antwort.
    Eine Fledermaus rauschte unterm Dunkel.
    Der Marktbrunnen plätscherte wie Gesang leiser Nymphen.
    Die Haustür klirrte, eine gebückte Gestalt erschien hexenhaft. »Meine Augen
sind halb erblindet«, klang es vertraut, »wer seid Ihr, der Ihr hier an der
Treppe sitzt?«
    Bracke schoss auf wie eine Pflanze zum Licht. Er hob seine Arme wie Äste.
Seine Augen wie Blüten.
    »Mutter!« jubelte er erstickt, »ich bin es, dein kranker Sohn!«
    Die Gestalt wurde von Krämpfen erschüttert:
    »Mein Sohn, hast du uns nicht vergessen, lebst du, lebst du noch?«
    »Mutter, ich lebe und lebe nur darum, dass ich noch einmal zu euch komme,
euch zu sehen, zu sprechen, zu hören. Denn ihr seid die letzten Menschen dieser
Erde, die ich kenne. Ich bin so arm, dass ich keinen Menschen mehr habe. Kein
Weib mich mehr liebt. Kein räudiger Hund mich zum Herrn haben möchte. Mutter, wo
ist der Vater, dass er mich - endlich wieder - seinen Sohn nenne?«
    Die Alte erschrak.
    Sie wurde zu Lehm.
    Bewegte tonlos die dürren Lippen.
    Ihre knochigen Hände malten entsetzliche Gemälde.
    Ihre Ohren schienen nach einem bestimmten Geräusch zu lauschen.
    Sie fand ein paar Worte:
    »Er hasst dich... er hasst dich... wie den Bösen... ich habe Furcht...«
    Schritte polterten durch das Haus innen.
    »Weib!« brüllte eine rauhe Stimme.
    »Bracke!« betete die Alte, totenbleich.
    Die Tür knarrte, und der Physikus trat in die Nacht.
    »Ich suche dich, Weib, weil ich meine lange Pfeife nicht finde. Ich gab sie
gestern der Magd zum Reinigen -«
    Er hielt inne.
    Vor ihm kniete ein fremder Mensch, die Hände vor dem Gesicht.
    »Bracke«, wagte die Alte leise Erinnerung zu wecken, »Bracke, verzeih ihm,
es ist dein Sohn!«
    Der Greis holte tief Atem. Es schien, als sauge er das ganze Dunkel in sich
hinein samt Mond und Sternen. Das Dunkel und die kleine und die grosse Welt, dass
nur er übrigblieb: er allein in seiner wilden Pedanterie.
    »Ich habe keinen Sohn mehr«, sagte er rauh, »der einmal mein Sohn war, ist
ein Landstreicher und Vagabund geworden, den die Bauern von ihren Höfen jagen.
Ist ein Dieb, ein Räuber, ein Mörder...«
    »Vater«, wimmerte Bracke, »alles dieses bin ich, ich gestehe es: bin
Vagabund und Landstreicher, ein Räuber und Mörder. Aber, Vater, ich bin Euer
Sohn. Werfet nicht den ersten Stein auf mich!«
    Der Physikus bückte sich und löste einen Stein, der morsch im Mauerwerk des
Hauses hing.
    Seine Stirne verzerrte sich. Seine Stimme quoll.
    »Schert Euch zum Teufel!« - und hob den Stein und warf nach dem Sohn.
    Der Stein traf Bracke, da er auf den Vater zutreten wollte, an die Stirn.
    Dünnes Blut sprang und lief über Wimpern und Wangen. Er hörte den Schrei der
Mutter. Das Zuschlagen der Tür. Es wurde rot vor seinen Augen, und er entlief
schreiend.
Er lief durch die Stadt und warf sich auf einer kleinen Anhöhe hinter der Kirche
ins Gras.
    Über ihm glänzten ruhig und fern die ewigen Sterne.
    Die Wiese bewegte sich im Winde.
    Ein Käfer summte.
    Unten die Stadt schlief wie ein Bürger nach des Tages vollbrachter Arbeit.
    Was habe ich nun diesen Tag und meines Lebens Tag getan? Ich wollte heute
eine gute Tat tun und wurde mit Ruten gepeitscht.
    Ich bin so müde, ein Mensch zu sein. Ach, ich bin wohl keiner, sondern vom
Mars nach hier verschlagen, mit sonderbaren und verwegenen Organen ausgerüstet,
die für diese Welt nicht taugen. Ich habe zu grosse Augen, zu kleine Ohren, zu
schlanke Füsse, zu zarte Hände.
    Er richtete sich ein wenig auf, da fühlte er wieder das Blut von der Stirn
rinnen.
    Ihm wurde blutrot und rot vor den Augen, und eine lange zurückgedämmte Wut
brach strahlend wie eine Eiterbeule auf.
    Er sprang, tanzend und singend, den Hügel hinab zur Stadt.
    In der Schmiede glomm noch Feuer unter der Asche.
    Er nahm einen Span vom Boden und entzündete ihn.
    Wie eine Fackel trug er ihn vor sich her und lief lautlos und fröhlich durch
die verlassenen Gassen: wohl ein dutzendmal machte er halt und hielt die Fackel
an ein Strohdach, das tückisch zu knistern begann.
    Dann eilte er wieder über den Kirchhof zum Hügel zurück.
    Er stand eisern in der Nacht und wartete.
    Nach kaum einer halben Stunde schossen da und dort Feuergarben wie Raketen
in den Himmel. Schreie schwirrten durch die Nacht. Pferde wieherten. Kinder
schrien. Männer brüllten. Häuser fielen wie Karten zusammen.
    Striegau brannte.
Gepeitscht vom Wahnsinn, verfolgt zu werden, floh Bracke aus Schlesien.
    Er wanderte seitwärts durch die Wälder, scheute die Landjäger und wagte sich
nur nachts in die Dörfer.
    Eines Abends traf er ein kaum fünfzehnjähriges Mädchen auf der Landstrasse,
das vom Besuche ihrer Schwägerin aus dem Nachbardorf kam.
    Sie hatte einen Henkelkorb am Arm hängen, und in dem Henkelkorb lagen
allerlei Naturalien und Näschereien, die ihr die Schwägerin für sie und die
Eltern eingepackt hatte: Brot und geräucherter Schinken und Zwetschenmus und
Kuchen.
    Bracke hatte seit einer Woche nichts gegessen.
    Seine Nase schnüffelte wie die eines Jagdhundes, seine Augen brannten
räuberisch.
    Er trat an das Mädchen und riss ihr den Korb aus der Hand.
    Dann griff er wie mit Tatzen in den Korb und stopfte sich Brot und Schinken
und Kuchen und Mus in den Mund.
    Er frass.
    Das Mus hing ihm um seine Lippen und Hebte schmutzig an seinen Fingern.
    Das Mädchen stand wie gelähmt und sah ihn mit grossen Augen an.
    Als er gesättigt war, atmete er tief auf und erblickte das hübsche Kind.
    Da kam ein anderer Hunger über ihn.
    Er hob sie röhrend wie ein Hirsch in die Luft und trug sie in den Wald.
    Sie wachten auf, Tannennadeln im Haar. Ihr Herz brannte im Morgenrot.
    »Ich will Vater und Mutter verlassen um deinetwillen, wie es in der Bibel
steht«, sagte das kleine Mädchen.
    Bracke strich ihr über die Stirn.
    »Du darfst nicht bei mir bleiben. Ich habe den bösen Blick.«
    Das Mädchen lächelte. Glücklich. Sie berührte seine Hand zart mit den
Lippen:
    »Du hast einen guten Blick.«
    Bracke sah ins Morgenrot.
    »Sieh, Mädchen, das ist deine Zukunft, die da vor dir flammt. Und das«, er
deutete in den Wald zurück, der schwarz und dunkel hinter ihnen stand, »das ist
die meine. Ich habe mich verirrt. Es ist zu spät, den Weg zurückzugehn.«
    Sie fragte angstvoll:
    »Muss ich dich verlassen? Meine Eltern werden mich schlagen, weil ich die
Nacht ausblieb.«
    Bracke hielt ihre Hand.
    »Du wirst noch manche Nacht ausbleiben. Und sie werden dich in ihrer
elterlichen Torheit schlagen. Aber einmal wirst du eine Nacht ausbleiben und
nicht wiederkommen. Da werden deine Eltern weinen und zum Himmel flehen. Und
wenn sie dich je wieder finden, werden sie erschrecken, denn dann bist du deiner
Mutter Kind nicht mehr, sondern eines Kindes Mutter.«
    Das Mädchen neigte die Stirn:
    »Wenn ich ein Kind von dir bekäme?«
    Bracke lächelte schmerzlich:
    »Du wirst kein Kind von mir bekommen, denn Gott hat mich zur Unfruchtbarkeit
verdammt.«
    Das Mädchen schmiegte sich an ihn.
    »Bin ich jetzt dein Weib?«
    »Du bist es.«
    »Dann will ich es bleiben für alle Ewigkeit.«
    Sie hob den Kopf.
    »Ich bin nur ein unwissendes Bauernkind und darf dir nicht beschwerlich
fallen, denn du bist der ewige Wanderer, von dem die Mutter mir im Märchen
erzählte. Du bist ein Bruder Gottes und des Teufels.«
    Sie stand zwischen den Bäumen, selber ein schlanker, junger Baum.
    Sie reichte ihm noch einmal die Hand, die Brust, den Mund. die Augen.
    Dann entschritt sie zwischen den Bäumen, plötzlich verwandelt, wie ein edles
Reh.
Als sie gegangen war und er mit beiden Händen ins Leere griff, packte ihn eine
grauenvolle Angst vor der Vergänglichkeit. Er sah an seinem Leibe herunter und
sah sich verwesen.
    Er wollte den Himmel herunterreissen und schrie:
    »Nicht sterben! Nicht sterben! Dass doch ein weniges von mir bestehe! Der
Nation ein Denkmal! Dass doch mein Name ein Fanal sei in der menschlichen
Dunkelheit! Dass ich nur einer, wenn auch der geringste Stern sei der
Milchstrasse, darauf die Engel mit leisen Sandalen wandeln!«
    Mit verbundenen Augen trieb Bracke durch die Mark.
    Es wurde Sommer.
    Es wurde Herbst.
    Es wurde Winter.
Flocke auf Flocke fiel vom grau herniederlastenden Himmel.
    Die ganze Erde war ein Daunenbett, in dem Bracke unhörbar auf und nieder
hüpfte.
    Die grauen Schneewolken wurden blau, nun schwarz.
    Die Nacht stülpte ihren Kübel über die Welt.
    Einsam stapfte Bracke wie ein riesiger Rabe mit flatternden Armen durch den
Schnee. Er krächzte.
    Da kreuzte, fahl aufsteigend, eine eingeschneite Vogelscheuche seinen Weg.
    Bracke zog höflich den Hut.
    Die Vogelscheuche schwankte schattig.
    Sie sprach heiser wie ein alter Mann:
    »Ich sollte Euch eigentlich scheuchen - denn Ihr seid ein seltsamer Vogel.«
    Bracke äugte wie ein Reh.
    »Wo habt Ihr denn den Kopf? Ich sehe keinen - und Ihr sprecht dennoch zu
mir.«
    »Ich bin froh, dass ich keinen habe. So brauche ich ihn nicht erst zu
verlieren, wenn die grosse Stunde kommt.«
    »Welche Stunde ist gross ? Ich fand sie alle klein und nichtig.«
    Die Vogelscheuche krähte:
    »Da Ihr selbst so klein - scheint Euch alles andere ebenfalls klein.«
    Bracke befühlte die Stange, die der Vogelscheuche oben aus der Jacke fuhr
und auf der ein grüner Hut schaukelte:
    »Ihr habt ja einen hölzernen Hals?«
    Die Vogelscheuche grinste:
    »Um so besser wird er allen Stricken standhalten, falls ich mal das Gelüst
haben sollte, mich aufzuhängen - ein Gelüst, das, wie mir scheint, Euch nicht
allzufern ist?«
    Bescheiden beschied Bracke:
    »Gewiss, da habt Ihr recht. Hier an der Seite habe ich den Strick, mit dem
ich ehemals meine Ziege führte. Er soll mir gute Dienste tun, Gott wird mir
nicht zürnen, wenn ich den Weg zu ihm suche - herauszukommen aus dieser weissen,
endlosen Winternacht. Mich friert.«
    »Legt Euch nur in den Schnee«, sagte die Vogelscheuche, »der hält Euch
warm.«
    Bracke legte sich in den Schnee.
    »Was habt Ihr denn da für ein goldenes Ding an dem Strick hängen?«
    »Das ist meine ungarische Trompete.«
    Und Bracke blies die paar Töne eines Chorals.
    Die Vogelscheuche nickte anerkennend mit dem Hut.
    »Ausgezeichnet! Könnt Ihr auch Orgel spielen, die Register ziehen, die Bälge
treten?« Bracke schüttelte das Haupt.
    »Nun - Ihr werdet es da oben bald lernen. Die heilige Cäcilie spielt
vortrefflich Orgel - während der heilige Mauritius ihr die Register zieht und
der heilige Franziskus ihr die Bälge tritt.«
    Die Vogelscheuche kreischte erheitert.
    »Ja, so geht es da oben zu. Bei den Heiligen. Wollt Ihr nicht auch ein
Heiliger werden?«
    Bracke hob den Kopf ein wenig aus dem Schnee, der ihn schon fast verhüllte.
    »Ein Heiliger? Ich werde ewig die Sonne um meinen Scheitel tragen als
Heiligenschein. Helligkeit wird um mich sein und Wärme in mir. Ja, mein Herr
Holzhals, mein Herr Ohnekopf - ich werde mit den Engeln Würfel spielen und werde
ein Heiliger werden. Sankt Peter wird mir mit der Geige zum Tanz aufspielen, und
ich werde selig sein in der Seligkeit.«
    Der Kopf sank ihm zur Seite in den Schnee.
Bracke kam mit einem Henker, einem Mörder, einem Abdecker, einem Narren, einem
Türken, einem italienischen Conte, einem Holzhacker und einem Brandstifter
zugleich an den Acheron, an die Stelle, wo Charon die Seelen der Abgeschiedenen
überzusetzen pflegt.
    Bracke schrie:
    »Ahoi, hol über!«
    Da stakte Charon, ein schöner Jüngling, mit seinem Boot herbei. Und sie
stiegen alle in das Boot, das unter der Last der schweren Seelen beträchtlichen
Tiefgang annahm.
    Als sie in der Mitte des schwarzen Flusses waren, begann das Boot zu
schwanken.
    Charon schrie:
    »Ich habe zu tief geladen. Wir werden alle elend untergehn!«
    Da sprang Bracke auf das Bugbrett, breitete die Arme und jauchzte:
    »Ich rette euch, ihr Brüder, vor der Unsterblichkeit!« Und sprang über Deck
in den dunklen Fluss und ward nicht mehr gesehen - in diesem und in jenem Leben
nicht.
Als ein Jahr darauf, am Todestag Brackes, der Totengräber über den Kirchhof
ging, fand er Brackes Grab erbrochen.
    Am offenen Sarge sass ein altes, spitzes Weib, das mit Brackes Knochen
spielte und irr lallte.
    »Mein Süsser«, sprach sie und drückte den Totenkopf an ihre dürren Lippen,
»erinnerst du dich noch, als du in der Kugelapoteke in Berlin bei mir lagst, in
jener Nacht der Ewigkeit?«
    Sie schüttelte die Knochen in ihrer Hand:
    »Wie mager du geworden bist... ja... die Zeit vergeht...«
    Der Totengräber packte die Irre am Handgelenk und zog sie mit sich fort in
Polizeigewahrsam. Sie warf dem Skelett noch eine abscheuliche Kusshand zu, und
hinter Büschen schon entschwindend, die sie vom Anblick des Toten trennten, rief
sie noch immer:
    »Die Zeit vergeht...«
    Sankt Jemand und Sankt Niemand, zwei Pilgrime, begegneten einander auf der
Landstrasse des Lebens.
    Sankt Jemand sprach: »Wo kommst du her, Bruder? Du bist so betrübt.«
    Sankt Niemand sprach: »Ich komme aus dem Nichts und schreite ins Leben. Und
du? Du siehst so fröhlich drein?«
    Sankt Jemand sprach: »Ich gehe aus der Welt, das Scheiden wird mir leicht.
Ich wandle ins Nichts.«
    Sankt Niemand sprach: »Bruder, die Sonne steigt auf und versinkt. Der Mond
nimmt zu, nimmt ab. Frühling, Sommer, Herbst und Winter wechseln wie Tod und
Leben. Du stirbst. Ich werde geboren. Wenn ich einst sterbend dahinsinke, wirst
du wieder den Pilgerstab aus meinen Händen nehmen. Heilig ist das Leben. Heilig
ist der Tod. Jemand ist heilig und heisst Sankt Jemand. Niemand ist heilig und
heisst Sankt Niemand. Gott hält die Waage in seiner Hand: die Waage der
Gerechtigkeit. Da schwebt in der einen Schale das Leben, in der andern der Tod.
Sie wiegen gleich. Und also besteht nur die Welt. Und also sind nur du und ich.
Ich wär' nicht ohne dich. Du wärst nicht ohne mich. Leb wohl. Stirb wohl. Wir
begegnen uns immer wieder.«
    Sankt Jemand und Sankt Niemand gaben einander die Hand zum Abschied. Der
eine schritt bergauf, der andere bergab. Sie sahen sich noch mehrmals um.
Endlich verschwanden sie zu gleicher Zeit: der eine hinter einem Felsen der
Höhe, der andere tief im Tal. Die Sonne versank, und leise begann das Horn des
Mondes im Abend zu tönen.
    So oft ein Mensch auf dem Wege ist, zu sich selber zu kommen, fliegt die
Eule von der linken Schulter Gottes, einen Spiegel in den Krallen, zu ihm
hernieder: dass er darin sich betrachte und bekenne, belächle und beweine,
leicht- und tiefsinnig. Weshalb dieses Buch genannt ist: der Eulenspiegel, und
jeder in ihm findet etwas, das ihn ergötze oder erschüttere, nachdenklich oder
zum reinen Klange stimme. Nimm meinen Dank auf den Weg, Leser, dass du mir bis
hierher gefolgt bist, und meinen Wunsch und meine Hoffnung, dass wir uns in einem
neuen Buche oder in einem neuen Leben wieder begegnen, bereit, uns zu helfen, so
gut wir vermögen und soweit es in unsern schwachen Kräften steht: du mir und ich
dir.
 
    