
        
                                   Hugo Ball
                                   Flammetti
                                                         Emmy Hennings zugeeignet
 
                                       I
Flametti zog die Hosen an, spannte die Hosenträger und brachte durch mehrfaches
Wippen der Beine die etwas straff ansitzende Hosennaht in die angängigste Lage.
Er zündete sich eine Zigarette an, stülpte die Hemdärmel auf und trat aus dem
Schlafgemach in das Gasfrühlicht seiner geheizten Stube.
    »Kaffee!« befahl er mit etwas verschlafener, rauh gepolsterter Stimme.
    Er strich sich die haarigen Arme und gähnte. Trat vor den Spiegelschrank,
zog sich den Scheitel. Er bürstete Hosen und Stiefel ab, setzte sich dann auf
das weinrote Plüschsofa und öffnete zögernd die Schieblade des vor dem Sofa
stehenden Esstisches.
    Dort befanden sich seine Rechnungsbücher, seine verschiedenen Kassen,
Quittungshefte und die brandroten Briefkuverte, die die Anschrift trugen
»Flamettis Varieté-Ensemble«.
    Er stellte die Gagen zusammen - es war der fünfzehnte - und fand, dass er zu
zahlen habe:
dem Jodlerterzett (Vater, Mutter
und Tochter), nach Abzug der à conti Fr. 27.50
dem Kontorsionisten, nach Abzug
der à conti ,, 2.27
dem Damenimitator (keine à conti) ,, 60. -
der Soubrette und dem Pianisten
(zusammengenommen, sie lebten
zusammen), nach Abzug der à conti ,, 15. -
Zusammen Fr. 104.77
    Dagegen befanden sich in der Kasse:
für das Terzett (hier war Genauigkeit
geboten, die Leute waren unruhig,
aufsässig und Anarchisten) Fr. 27.50
für den Kontorsionisten (dem gab er
die Gage unter der Hand) ,, - . -
für den Damenimitator (bei schlechtem
Geschäftsgang hatte Flametti für ihn
nur jeweils die Hälfte der Gage
allabends zurückgelegt) ,, 30. -
für das Pianisten-Soubrettenpaar
(strebsame, ruhige Leute,
die Anspruch machten auf Solidität) ,, 15. -
Flametti addierte Fr. 72.50
Er zog die Summe von den Fr. 104.77 ab. Blieben 32.27, die aus der Haupt- und
Betriebskasse noch nachzuzahlen waren.
    Er öffnete auch diese Kasse und fand darin bar Fr. 41.81
    »Neun Franken vierundfünfzig Vermögen!« Er schloss die verschiedenen Kassen
ab, schob die Schieblade zurück, schloss auch diese und steckte die Schlüssel zu
sich.
    Seine linke Augenbraue flog hoch, für einen Moment. Er tat einen kräftigen
Zug aus der Zigarette und blies den Rauch aus der Lunge. »Lausige Zeiten!«
brummte er. »Aber wird sich schon geben. Nur kalt Blut!«
    Ein kleiner Schalter öffnete sich, der das Wohnzimmer mit der Küche verband,
und ein übergross langes, mürrisches Gesicht erschien in der Öffnung. Eine grosse,
magere Hand schob ein Tablett mit Kaffee, Milch und Zucker durch die Öffnung.
Dann ging auch die Türe und eine hörbar schnaubende ältere Frau erschien,
missmutig, verdriesslich, russig, in schlappenden, grauen Pantoffeln, mit
schmutzigem Rock von undefinierbarer Farbe und mit aufgestecktem Haar, das wie
das Nest einer Rauchschwalbe aussah: Teres, die Wirtschafterin.
    Sie schleppte sich zum Tisch, zog die Tischdecke weg und legte sie knurrend
zusammen. Schlappte langsam und uninteressiert zum Schalter, nahm das Tablett
und stellte es auf den Tisch.
    Ohne ein Wort gesprochen zu haben, brummte sie wieder hinaus, die Tür lehnte
sich hinter ihr an, und von draussen schloss sich der Schalter.
    Flametti goss sich Kaffee ein. Er nahm den Hut vom Haken, legte die Joppe an,
die über der Stuhllehne hing, holte aus einer Ecke sein Angelgerät, aus dem
Büfett einige Blechdosen von unterschiedlicher Grösse und war bereit.
    Nein, die Ringe! Er drehte die Ringe von den geschwollenen Fingern, den
Totenkopfring und den Ehering, legte sie in das Geheimfach im Schrank, schloss
den Schrank ab, steckte den Schlüssel zu sich und ging. Auf der Postuhr schlug
es halb sechs.
    Er hatte ein kleines Stück Fluss gepachtet, inmitten der Stadt, nahe der
Fleischerhalle. Dahin begab er sich.
    Eine kurz angebundene Melodie vor sich hinpfeifend, den Kopf energisch gegen
das Pflaster gesenkt, bog er aus der kleinen, verräucherten Gasse.
    Im Automatenrestaurant nebenan fegte, gähnte und scheuerte man. Ein Polizist
auf der anderen Strassenseite, nahe beim übernächtig nach Salmiak duftenden
Urinoir, sah ziemlich gelangweilt, die Frühluft schnuppernd, über das
Kaigeländer ins Wasser.
    »Salü!« grüsste Flametti, knapp und geschäftig an ihm vorüberstapfend, mit
dem guten Gewissen des Bürgers, der seinen Angelschein wohl in der Tasche trägt
und die Obrigkeit, ihre unteren Chargen insonders, nicht zu umgehen braucht.
»Salü!« rief er und fuhr mit der Hand gradaus vom Hutrand weg in die Luft.
    Der Polizist brummte etwas zur Antwort, das etwa »Guten Morgen« heissen
sollte. Der Gruss war aber nicht eben freundlich. Auch nicht unfreundlich.
Vielmehr: verschlafen beherrscht. Man kann nicht leugnen, dass sogar Sympatie
darin lag, jedoch in wohldosierter Mischung mit einer Art Misstrauen, das auf der
Hut ist. Die Gasse, aus der Flametti kam, stand nicht eben im besten
ortspolizeilichen Ruf.
    Der Morgen indessen war viel zu verheissend, als dass Flametti sich hätte die
Laune verderben lassen. An der Fleischerhalle vorbei, die Kaitreppe hinunter,
begab er sich, guter Beute gewiss, an den Steg.
    Er prüfte die Angelschnur, machte den Köder zurecht, klappte den Rockkragen
hoch - es war frisch - und blies sich die Hände.
    Gleich der erste Fang war ein riesiger Barsch. Der Fisch flirrte und
glänzte, flutschte und klatschte.
    Das Wetter war grau. Blaugrauer Nebel blähte die Türme am Wasser, die
Schifflände mit ihren grünweiss gestrichenen, sechsstöckigen Häusern, den rasch
vorüberstrudelnden Fluss und die jenseits hoch über die Häuser hängenden
Stadtgartensträucher.
    Flametti löste die Angel, liess den Fisch in das Netz hineinschnellen,
brachte den Köder in Ordnung und warf die Angel zum zweitenmal aus.
    Er sah sich um nach dem Polizisten. Der war verschwunden.
    »Überflüssiges Element!« brummte er, zupfte am Köder, um die Aufmerksamkeit
der Fische zu erregen, machte die rechte Hand frei und schneuzte sich kräftig in
ein derbes, rotbedrucktes Taschentuch. »Geschmeiss! Grössere Faulenzer gibt es
nicht!«
    Auf der Strasse liess sich ein drohendes Brummen und Surren vernehmen, das
ratternd und knatternd näherkam: ein frühester Autowagen der »Waschanstalt
A.-G.«. Das Vehikel puffte, böllerte, walzte vorüber. Der ganze Kai vibrierte.
Ein Ruck an der Angel: ein zweites Tier hatte angebissen. Diesmal ein Rotauge.
    »Gut so«, zwinkerte Flametti, »darf so weitergehen!«
    Fabrikarbeiter kamen vorüber. Sie marschierten zur Bahn.
    »Hoi«, riefen sie hinunter, »gibt's aus?«
    »Salü!« drehte sich Flametti um. Sie gestikulierten in Eile vor sich hin und
verschwanden.
    Das Wasser floss graugrün und undurchsichtig. Die Möwen strichen sehr niedrig
und zischten über die Brücken hinweg. An der Häuserfront der Schifflände öffnete
sich ein Fenster, und eine junge Frau sah nach dem Wetter. »Salü!« rief Flametti
hinüber.
    Sie lachte und schloss das Fenster.
    Ein Kind schrie, und eine Turmuhr schlug. Die Glocken einer katolischen
Kirche läuteten. Auch in der Fleischerhalle regte es sich. Auf der Gemüsebrücke
fuhren die Händler Obst und Kartoffeln an.
    Der dritte Fang war ein armslanger Aal. An der Grundangel kam er nach oben.
Schwarz wie der Schlamm und die Planken, aus denen er kam, trug er deutliche
Spuren von Rattenbiss.
    Auf den Kaiquadern schlug ihn Flametti zu Schanden.
    Schulkinder und ein von entmutigendem Beruf heimkehrendes Fräulein, die sich
oben am Geländer versammelt hatten, schrien laut auf vor Entsetzen. Das Fräulein
lächelte.
    »Servus, Margot!« rief Flametti hinauf aus der Kniebeuge, eifrigst mit
seinen Geräten beschäftigt.
    Sie lachte und hielt die ringbesäte Hand in Verlegenheit vor ihre schlechten
Zähne. Die Kinder sahen sie neugierig an und musterten ihren bunten Aufputz.
    Übers Geländer gebeugt, liess sie ihr Täschchen schaukeln, die Hand am Munde,
und rief, auf den heftig sich krümmenden Fisch hinzeigend:
    »Noch so einen, für mich!«
    »Was zahlst du?« wischte Flametti sich die Hände ab, um weiterzufischen.
    »Zahlen?« rief sie und schaute dabei unternehmend nach allen Seiten, »erst
heraus damit!«; was der Dienstmann im blauen Leinenkittel, der sich inzwischen
mit seinem Karren an der Ecke der Fleischerhalle versammelt hatte, als den
besten Witz des bisherigen Morgens verständnisinnig zur Kenntnis nahm und
lächelnd quittierte.
    Flametti hatte Glück. Als die Uhr acht schlug, nahm er seine Büchsen, Angeln
und Netze und begab sich nach Hause. Auf zehn Kilo schätzte er, was er gefangen
hatte. Damit liess sich leben.
    Er stellte das Angelgerät an seinen Platz zurück, ging in die Küche und
suchte der Wirtschafterin aus dem Netz die Rotaugen heraus für den Mittagstisch.
Nahm dann mit einem kräftigen Ruck seine Last wieder auf und stapfte davon.
    Schnurstracks begab er sich ins Hotel Beau Rivage, wo er bekannt war,
verlangte den Küchenmeister zu sprechen und bot ihm die Fische an.
    »Schau her«, sagte er, »hast du so einen Aal gesehen?« Er packte den
schleimigen Aal, der sich zu unterst ins Netz verkrochen hatte, und liess das
Tier, das sich heftig sträubte und ringelte, durch die geschlossene Faust in das
Netz zurückgleiten.
    »Schau den Barsch!« sagte er und jonglierte den fettesten Barsch auf der
flachen Hand. Dann wischte er sich mit dem Taschentuch seine Finger ab.
    Man wurde handelseinig. Der Küchenmeister stellte einen Schein aus, und
Flametti nahm bei der Büfettdame dreissig Franken in Empfang. Er hatte das leere
Netz zusammengerollt, dankte verbindlichst und machte sich auf den Heimweg.
    Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Die herbstgelben Bäume der Seepromenade
hoben sich scharf und klar gegen den hellblauen Himmel ab. Die Möwen strichen
mit schwerem Flügelschlag langsam und mächtig den Fluss entlang, ballten sich
kreischend zu einem wirren Schwarm und kreisten in schönem Bogen, eine leis auf
die andre folgend, vor einem Spaziergänger, der ihnen Brösel zuwarf. Mit langen
Schnäbeln haschten sie geschickt im Flug.
    Flametti war bester Laune. Er schwenkte in eines der kleinen, am Kai
liegenden Zigarrengeschäfte und erstand sich eine frische Schachtel Philos grün.
    Mit Gentlemanpose warf er ein Fünffrankenstück auf den Ladentisch. Er schob
das Wechselgeld in die Hosentasche, ohne viel nachzuzählen, klimperte, fuhr mit
der Hand an den Hut, sagte »Salü!« und marschierte weiter. »Salü, Fritz!« rief
er, die Hand am Hut, einem Bekannten zu, der aus einer kleinen Seitengasse bog.
    »Was kosten die Kressen?« fragte er im Vorbeigehen einen Gemüsehändler unter
den Arkaden.
    Und vor dem Fenster eines Bazars blieb er stehen, musterte mit Kennerblick
die ausgestellten orientalischen Waren, ging hinein und erstand einen hellblauen
Tschibuk mit Goldschnur, der ihm für seine Ausstattungsnummer Im Harem fehlte
zum Sultanskostüm.
    Er war sehr zufrieden mit seinem Kauf, stapfte den Kai entlang und begegnete
Engel, dem Ausbrecherkönig, Engel, seiner Kreatur, die vor kurzem noch Monteur
gewesen, dann zum Varieté übergegangen war.
    »Salü Max!« grüsste Engel familiär, doch in respektvoller Distanz. »Auch
schon munter?«
    Max machte Halt, ein wenig degoutiert, seinen Lieblingsgruss aus fremdem Mund
zu vernehmen. Ziemlich nachlässig und nebenhin sagte er »Salü!«, nahm die
Zigarette aus dem Mund und kniff das rechte Auge zu.
    »Das war ein Gaudi heut nacht!« legte Engel los, »hättest dabei sein müssen!
Der Pips war mit und die Margot und die lange Mary und eine ganze Gesellschaft
aus Chaux-de-Fonds. Unten bei Mutter Dudlinger. Fünf Schampusflaschen haben wir
die Hälse gebrochen. Und ein Lärm! Da war Pinke-Pinke!«
    Mit sportsmännischer Nachlässigkeit hielt er den Arm lang ausgestreckt und
tippte die Zigarettenasche gegen die Gosse.
    Max war sehr uninteressiert. Die Abenteuer seines schmächtigen, für
Zusteckereien allzu empfänglichen Ausbrecherkönigs imponierten ihm nicht.
    »Komm mit!« sagte er unvermittelt und packte den Ausbrecherkönig beim Arm,
»trinken wir im Ochsen 'ne Halbe!«
    Und sie schwenkten hinüber über die Gemüsebrücke zum Roten Ochsen.
    »Du, Max«, meinte Engel und versuchte, mit dem mächtig ausschreitenden
Flametti gleichen Schritt zu halten, »sag' mal aufrichtig: Hast du der Margot
einen Aal versprochen? Sie sagt's nämlich.«
    Flametti blieb stehen. »Jawohl, ich, einen Aal, der Margot! Hab' die Aale
grad zum Verschenken! So seh' ich aus!«
    »Na, also!« beschwichtigte Engel. »Weisst du, Margot ist man 'n verrucktes
Frauenzimmer. Hab's ja gleich gesagt.« Der Ochsenwirt war nicht zu Hause.
Eigentlich war man hingegangen, um ein Geschäft auszumachen. Man nahm einige
Glas Münchner, standesgemäss, Flametti zahlte, Engel nahm die Hüte vom Haken.
Dann ging man zum Essen.
    Mutter Dudlinger, die Dame, bei der sich Herr Engel mit der Gesellschaft aus
Chaux-de-Fonds ein so lustiges und vornehmes Rendez-vous gegeben hatte,
Eigentümerin des Hauses, in dem auch Flametti wohnte, lag ihrer Gewohnheit gemäss
unterm Fenster, als die beiden Männer in die kleine Gasse bogen.
    Sie sonnte den Busen und lächelte ihnen mit einem wohlwollenden Nicken des
Kopfes Willkomm zu.
    Dieser Busen! Er nahm die ganze Breite des Fensters ein und drängte dabei
den wahrlich ungraziösen, fast könnte man sagen plumpen Körper zurück, der auch
seinerseits aus dem grauen, schmuggeligen Hause heraus nach Licht und Sonne
begehrte.
    Diese Brüste! Sie blähten sich auf, quollen über, und nur mit Mühe hielt sie
der speckige Rand der schwarzen, zusammengehaftelten Kammgarnbluse zurück, sich
über die Fensterbank auf das holprige Pflaster zu stürzen. Die Sonnenstrahlen
vom Giebel des Automatenrestaurants kamen der Bluse zu Hilfe. Steil stellten sie
sich - es war Mittag - gegen besagte Fleischesfülle.
    Mutter Dudlinger allein schien nichts zu bemerken vom Widerstreit ihrer
Massen im Kampf ums Licht. Harmlos und freundlich lag ihre Seele gewissermassen
zwischen Busen und Körper mitten inne und schaute, umhegt von sanft hängendem
Speck, aus listigen Äuglein gutmütig heraus.
    Flametti grüsste hinauf, den Kopf stark in den Nacken gebeugt. Die Gasse war
eng. Und Herr Engel ebenfalls grüsste hinauf, rief wie Flametti »Salü!« und griff
an den Hut.
    Mutter Dudlinger streckte den Kopf aus dem Fenster, schluckte den
Speiserest, der sich vom Mittagessen unversehens noch irgendwo zwischen den
Speicheldrüsen gefunden hatte, und verfolgte voll Sympatie den Eintritt der
stattlichen Männer in ihr gastfreies Haus. Sie bemerkte dabei zu ihrer
Verwunderung heute zum ersten Mal, dass unter dem Fenstersims eine ganze Anzahl
höchst niedlicher Schmutzfähnchen flatterten, die sich aus langen, auf das
Gesims gefallenen Regentropfen gebildet hatten und über die Hausfront
hinunterwehten.
    Die Männer stiegen indessen die steile Treppe hinauf, und Engel befand sich,
immer hinter Flametti stapfend, von Stufe zu Stufe mit kindlicheren Gefühlen den
rückwärtigen Massen seiner mütterlichen Protektorin gegenüber, die mit gelüpftem
Posterieur noch immer die Regenfähnchen der Hausfront bestaunte.
    Es war eminent! Ein lächerrlich kleiner Erker war der Unterbau dieser ganzen
bedenklichen Last, die man Mutter Dudlinger nannte. Unterbau einer Fülle, von
der man sich von der Strasse aus nicht einmal einen Begriff machen konnte.
    Ein Wunder, dass dieser Erker im nächsten Moment nicht krachend zusammenbrach
und samt der guten Mutter Dudlinger in eine mysteriöse Tiefe hinunterstürzte.
Erstaunlich, wenn man's bei Tag besah, dass man in diesem Erker sogar zu dreien
sitzen konnte! Und Engel hatte mit Mutter Dudlinger und Mary zu dreien darin
gesessen. Man hatte gesprochen vom Krieg, vom Konzert, von den schlechten
Zeiten; im Zimmer nebenan hatten die Sektpfropfen geknallt, und Mary hatte
gegähnt, weil ihr Kavalier aus Chaux-de-Fonds eine Anspielung machte auf ihre
Gesundheit. Da hatte sie sich natürlich zurückgezogen und spielte die
Beleidigte. Und Mutter Dudlinger hatte die Blätter der künstlichen Rebe
zurechtgebogen und eingesprochen auf Mary. Aber es half nichts. Sie war
beleidigt.
    Als Flametti und Engel oben in die Stube traten, stand die Suppe bereits auf
dem Tisch. Um den Tisch sassen: Herr und Frau Häsli nebst Tochter, das
Jodlerterzett; Herr Arista, der Damenimitator; Fräulein Laura, die Soubrette,
und Herr Meyer, der Pianist; Bobby, der Schlangenmensch, und das Lehrmädchen
Rosa. Sämtlich mit Löffeln und Schlucken beschäftigt.
    Herr Häsli hatte die Serviette vorgebunden, damit er sein gutes Hemd nicht
beflecke. Bobby schlarpste. Jennymama, Flamettis Frau, sass malerisch auf der
Sofakante bei der Schlafzimmertür, rosig wie eine Venus, im lachsfarbenen
Schlafrock, den sie mit der rechten Hand sorgsam über die Hüften geschlossen
hielt. Das offene Haar, mit Wasserstoffsuperoxyd gebeizt, war flüchtig
zurückgestrichen. Die Suppenschüssel dampfte. Und der Pianist benutzte den
günstigen Augenblick, um sich zum dritten Mal Suppe zu schöpfen.
    »Mahlzeit!« sagte Flametti breit.
    »Mahlzeit!« erwiderten sämtliche Mitglieder des Ensembles. Flametti hängte
seinen Hut an die Tür und begab sich, um den Tisch herum, an seinen frei
gebliebenen Platz auf dem Sofa.
    Fräulein Rosa stand sogleich auf und griff nach der Terrine, um Suppe
nachzufüllen. Fräulein Teres, die Wirtschafterin, kam herein, um nach den
Bedürfnissen zu sehen. Durch den offenstehenden Bretterverschlag aus dem
Nebenzimmer grüsste das Krukru der kichernden Turteltauben, die Flametti für
seine Zauberkunststücke pflegte.
    »Setz dich, Engel!« rief Flametti gütig dem zögernden Ausbrecherkönig zu,
der nicht zum Ensemble gehörte, aber darin nach Bedarf gastierte und für tausend
wichtige Bühnenzwecke bestens verwendbar war.
    »Merci, Max! Lass nur! Ich finde schon Platz!« Er nahm den Stuhl, den Rosa
ihm aus dem Verschlag herbeiholte, und setzte sich zu dem Schlangenmenschen. Die
beiden mussten sich so in das obere Tischende teilen; aber sie kamen zurecht
miteinander, sie waren ja Freunde. Schwieriger gestaltete sich die Platzfrage an
der Längsseite des Tisches, wo der Damenimitator, das Jodlerterzett und die
Soubrette sassen.
    Fräulein Laura und Herr Arista waren verträglich. Sie fanden sich ab. Ganz
unverträglich aber und bissig, sowohl untereinander wie den anderen gegenüber,
waren die Jodler, die Mutter insonders. Frau Lotte Häsli spie Gift und Galle,
wenn man nur an sie tippte.
    Nun sassen die drei eng aneinandergedrückt. Kaum konnten sie mit den Gabeln
auslangen, um einen Fisch zu spiessen. Kaum mit den Ellbogen hervorkommen, um
eine Platte zu greifen.
    Frau Häsli auf dem Mittelplatz, zwischen Herrn Häsli und seiner Tochter,
warf wütende Blicke voller Verachtung und Hohn auf den Gatten, der lammfromm
dasass und mit hochgezogenen Augenbrauen den Mund vollstopfte, statt sich zu
beschweren. Sie fletschte die Zähne und trat ihm wohl fünfmal hintereinander in
einem bestimmten, bösartigen Rhytmus auf den Fuss.
    Die Tochter, herausgefordert durch solche forcierte Unverträglichkeit der
Mutter, puffte ihr mit dem linken Arm in die rechte Seite, anscheinlich, um sie
auf die Blamage aufmerksam zu machen, in Wahrheit aber mit solch erbittertem
Nachdruck, dass jeder Unbefangene merken musste, sie nütze nur die Gelegenheit
aus, ihr eins zu versetzen.
    Der Pianist, dem Ausbrecherkönig gegenüber, schmunzelte in seinen Teller
hinein und erwiderte sehr belustigt die Zeichen des mit dem Kopf andeutenden
Schlangenmenschen, der seinerseits mit Messer und Gabel den Fisch zerhackte, dass
sich die Gräten bogen.
    Frau Häsli wurde aufmerksam und war rot vor Wut. Doch beherrschte sie sich,
drängte den Ärger zurück und rief mit unglaublich gesüsster, doch etwas gewaltsam
flott gemachter Zutraulichkeit:
    »Na, Herr Direktor, wie geht's, wie steht's? Geld brauchen wir. Können wir
dann auch die Gage kriegen?«
    Herr Häsli war konsterniert. Eben wollte er eine neue Fracht Fisch auf der
Gabel zum Munde führen und hatte schon auf dem Messerrücken den Kartoffelsalat
bereit, um ihn zum selben Zweck auf die Gabel zu wälzen. Da musste er dieses
unglaublich taktlose Wort vernehmen, jetzt bei Tisch, wo man ass, wo Flametti
gerade gekommen war und kaum sass.
    Die schon erhobene Gabel senkte sich auf den Teller zurück. Herrn Häslis
straffes Gesicht bekam Käsefarbe. Die Augen, eben noch versöhnlich und ungestört
an der spitzen Nase vorbei auf das Messer gerichtet, schnellten mit einem
hörbaren Ruck nach rechts gegen die biestige Ehehälfte, und es hätte nicht viel
gefehlt, so wäre er aufgesprungen, ihr eine Watsche herunterzuhauen.
    Aber dabei hätten Stühle umfallen müssen, weil man so eingekeilt sass. dabei
wäre notwendig das Tischtuch heruntergezerrt worden. Also beherrschte er sich
und blieb, zitternd vor Empörung, in drohendster Pose erstarrt, still sitzen.
    Das war doch die Höhe! Herr Häsli kannte Flametti seit Jahren. Wusste, dass er
die Gagen nie schuldig blieb. Wusste, dass die Verlegenheit, in der sich Flametti
befand, nur momentan war und nichts besagte. Wusste auch, dass die vielen
Fischgerichte, die Flametti da auftischen liess, nur seinen guten Willen
verrieten, durchzuhalten um jeden Preis. Da soll einem nun die Geduld nicht
reissen, wenn solch obstinates Weibsstück in ihrer spitzigen Kribbeligkeit keine
Raison annahm! Man hat doch Erziehung! Man ist doch kein Schubiack! Man hat
doch, zum Teufel, die Welt gesehen!
    Herr Häsli hatte indessen gut denken! Er war ein Faulenzer, ein Nichtstuer,
er hatte sich immer nur den Magen gestopft und die Frau schuften lassen. Beim
Norddeutschen Lloyd war er Steward gewesen. In unterschiedliche Phonographen
hatte er gejodelt zu Berlin und Paris. War auch mal II. Klasse gefahren, von
Potsdam nach Wien, eines Phonogramms wegen. Aber was schon! Das war vor Jahren,
als er die Stimme noch hatte. Das war vorbei. Jetzt hatte sie, Lotte Häsli, ihn
durchzuschleppen. Wie ein Lastvieh kuranzte er sie. Immer singen und singen. Bei
zwanzig Grad Kälte in den eiskalten, verschmierten, kleinen Hotels. Tagaus,
tagein. In Bern: dreissig Nummern an einem Sonntag, von nachmittags drei bis
nachts elf. Sie hatte es durchgemacht. Sie hatte genug. Sie kannte die Herren
Direktoren. Aus war's. Sie wollte nichts mehr wissen davon. Wenn einer ihr nur
in die Nähe kam - genügte schon, dass er ein Mannskerl war - fuchtig wurde sie.
Die Hand weg!
    Wenn man nicht einmal ordentlich zu essen kriegen sollte bei solchem
Betrieb, ja geschuriegelt wurde - immer nur singen und singen und etwa noch
Schläge - lieber den Strick um den Hals!
    Frau Häsli hatte zu essen nicht nachgelassen. Mit Messer und Gabel hantierte
sie eifrig. Zwei schwarze Löckchen fielen ihr zier und adrett, schwarze
Bockshörner, leicht in die Stirn. Diese Stirn, eigensinnig, gedrungen, von einer
kurzen, nur schlecht verheilten Narbe gezeichnet, war nicht eben hässlich.
    »Mach' mal 'n bisschen Platz!« rief sie der Tochter zu, um deren Fuss sich
unter dem Tisch der Damenimitator lebhaft und dringend bewarb.
    Frau Häsli gelang es, durch Aufwärtsschieben der Ellbogen ihrem Brustkorb
etwas mehr Luft zu verschaffen. Toni, die Tochter aber, kam sich ganz persönlich
verletzt und gepiesackt vor.
    Was konnte sie dafür, dass dieser verfettete Damenimitator so aufdringlich
war! Sie hatte ihm ihren Fuss überlassen, weil sie sich doch vergewissern musste,
ob er auch wirklich angelte. In diesem Moment war ihr das hässliche »Mach' mal 'n
bisschen Platz!« ans Ohr gedrungen. Überhaupt: mit dem Damenimitator hatte sie
nichts, wenn er auch Lackschuhe trug und einen gebügelten, kaffeebraunen Anzug.
Wer weiss, ob er überhaupt bei einer Jungfrau schlafen konnte. Es war eine
bekannte Sache, dass es Damenimitatoren an so manchem fehlte, was eine Toni Häsli
reizen konnte.
    Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und sagte ziemlich schnippisch: »Ich
kann ja auch in der Küche essen, wenn hier zu wenig Platz ist!«
    Die Mutter hatte sich aber bereits zurechtgefunden, das Rotauge, auf das sie
es abgesehen hatte, aufgespiesst und auf den Teller herüberbefördert. Mit einem
hörbaren Plumps liess sie sich auf den Stuhl zurückfallen und sagte verwundert:
    »Was willst du denn? Was passt dir denn nicht? Kannst du dich nicht ein
bisschen schicken? Wenn der Platz knapp ist? Sei froh, dass du so gutes Essen
bekommst. Schau mal diese Forelle an« - dabei zerrte sie den Fisch mit der Gabel
auf ihrem Teller hin und her - »so was Feines verdienst du gar nicht! Dankbar
solltest du sein, dass man dich durchschleppt.«
    Herr Häsli sass noch immer erstarrt in furchtbarer Pose, eine knödelessende
Schiessbudenfigur. Von der Mutter weg wandte er seine Augen zur Tochter. Ohne
viel Erfolg. Toni setzte sich zwar wieder hin, konnte sich aber nicht
verkneifen, die Mutter darauf aufmerksam zu machen: »Es sind ja gar keine
Forellen. Es sind ja Rotaugen.«
    »Na«, beschwichtigte Jenny, »sie ist ja noch jung. Versöhnt euch! Morgen
gibt's Paprikabraten mit Spaghetti und Tomatensauce. Kinder! Ein feiner Frass!«
Und sie hob den Zeigefinger hoch und liess einige fettgurgelnde, selige Laute
hören.
    Flametti hatte das Hemdbördchen geöffnet, um es bequemer zu haben. Mit den
Oberarmen den Tisch festaltend, lag er vor seinem Teller, den Kopf hart über
dem Tellerrand, und schlarpste gierig die Suppe.
    Das Plüschsofa hatte sich unter seinem Druck gesenkt mit einem Knacken der
Federn, das wie ein Magenknurren Flamettis fortdröhnte. Als er nun die
baumwollenen Hemdärmel aufkrempelte, konnte man so recht sehen, was für ein
Riese er war.
    Die Muskeln der Oberarme stiegen in einer steilen Schwellung zum
Schulterblatt. Teller, Arme und Kopf bildeten ein einziges, muskulöses Dreieck.
Blutunterlaufen, vom Sitzen, schwollen seine Augen.
    Ganz allein hielt er das Sofa und von dort aus den Tisch in Schach. Er
sprach nicht viel. Für die Worte der Häsli wegen der Gage hatte er nur ein
kurzes, brummiges »Ja, ja. Sowie das Essen vorbei ist«. Was ihn ein wenig
wurmte, war die Aufdringlichkeit dieser Person, die immer etwas zu bestellen
hatte, immer Stank mitbrachte.
    Als Herr Häsli dann jene Schiessbudenpose annahm, konnte Flametti sogar ein
heimliches Gaudium nicht verbergen.
    Er senkte den Kopf noch tiefer und blies die Backen auf, um nicht
loszuprusten.
    Ihm machte es einen Heidenspass, wenn das Ehepaar sich »anblies«. Eine
bösartige Rippe, diese Alte. Der kleine Häsli ein Schlappier, dass er sich das so
gefallen liess. Aber ihr Gesang: alle Hochachtung! Das musste man ihnen lassen.
Was Exakteit, Klangfarbe und Schulung betraf: weit und breit keine Besseren.
    Flametti war mit der Suppe fertig. Ein einziger Fisch lag noch auf der
Platte, und Engel holte weit aus, um ihn an sich zu bringen.
    Rosa beeilte sich, aufzufüllen. Jenny, gesättigt, nahm ihr offenes Haar aus
dem Nacken und flocht es zusammen.
    »Na, kommt das Zeugs bald?« rief Flametti zum Schalter, legte mit breiter
Oberlippe den Esslöffel trocken, drehte ihn um und leckte auch die Kehrseite
gründlich ab.
    Bobby zerriss ein Stück Brot und stopfte es in den Mund. Die Häslis standen
auf, sagten »Mahlzeit!«, gingen aber noch nicht, denn es sollte ja Gage geben.
    Auch der Pianist und die Soubrette standen jetzt auf. Der Damenimitator, aus
Höflichkeit, blieb noch sitzen.
    »Mahlzeit!« rief Flametti. Aber für ihn begann die Sache jetzt erst. Und
auch Herr Engel wurde loyal, fasste Mut, und sie stocherten um die Wette nach den
pauvren Fischleins.
    Engeln drohte dabei die Hose zu rutschen. Aber er hielt sie fest mit der
linken Hand und rief zu Flametti hinüber:
    »Max, weisst du noch: Bratwurstglöckli?«
    Dort muss vor Zeiten eine ungeheure Fresserei stattgefunden haben. Denn die
beiden lachten einander an, verständnisinnig, und verdoppelten ihre
Anstrengungen.
    Flamettis Varieté-Ensemble hatte einen Ruf und war beliebt. Bestrenommiert
stand auf den Plakaten. Und durch bestes Renommé, von dem nur die Neider
behaupteten, es rühre von Flamettis Renommage her, unterschied sich das Ensemble
von der Konkurrenz.
    Ferreros Damen-Gesangs- und Possen-Ensemble war geschätzt, glänzendst,
weltbekannt. Aber beliebt? Nein. Bestrenommiert? Nein. Es war vornehmst, infolge
der vereinten Eleganz und Reservierteit seiner Damen. Auch Pfäffers Spatzen
konnten da nicht mit. Sie hatten weder jene geheimnisvolle Anziehungskraft, die
Flamettis Ensemble eigen war, noch jene gewisse Eigenart und Popularität.
    Pfäffers Spatzen waren, wenn man ihren Wert auf einen Nenner bringen wollte,
altbewährt, solid, reichhaltig, anerkannt. Ihre Force: dezentes
Familienprogramm, mit ausgeschnittenen Kleidern und Broschen, die, wie Flametti
höhnte, am Bauchnabel sassen.
    Nein! Auch von ihnen ging jene Wirkung nicht aus, die Wärme und Begeisterung
verbreitete, Einladungen zu Bier, Wein und Sekt mit sich brachte; Wagenpartien,
Abenteuer und Schicksale im Gefolge hatte.
    Worin lag die geheimnisvolle Anziehungskraft der Flamettis?
    Darüber zerbrach sich mancher den Kopf. Flametti zahlte weder die besten
Gagen, hatte infolgedessen auch nicht die ersten Kräfte, wie Ferrero. Noch hatte
er die besten Schlager, wie ebenfalls Ferrero, der Jude war, raffiniert,
geschickt, tüchtig, und der infolge seiner Vornehmheit die besten Verbindungen
hatte. Noch waren Flamettis Nummern mit soviel Fleiss, Sorgfalt und Interesse
herausgebracht wie etwa die Gesangs-Ensembles von Pfäffers Spatzen. Auch deren
farbenprächtige, teure Matrosen-, Schornsteinfeger- und
Mausfallenhändler-Kostüme hatte er nicht, die Fabrikware waren und
Gesprächstema weit und breit.
    Worin also bestand Flamettis Überlegenheit?
    Er war ein Kerl sozusagen, ganz persönlich. Artist von reinstem Wasser. Er
hatte ein Auge, verstand, seine Leute sich auszusuchen. Er war: eine
Persönlichkeit gewissermassen. Kein Ferrero, der früher mit Lumpen gehandelt
hatte. Kein Pfäffer, der seinen Weibern zurief: »Kinder, macht's euch bequem!«
und dann im Hemd mit ihnen den Kleinen Kohn einstudierte.
    Fleiss? Verachtete er. Der echte Artist schläft morgens bis gegen elf. Wenn
man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat, oft die schwierigsten Nummern, kann
man nicht in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Beinen sein.
    Proben? Jawohl! Aber mit Mass und Ziel. Es hat keinen Sinn, den Leuten die
Lust an der Arbeit zu nehmen, sie tot zu hetzen mit Proben. Auf die Eingebung
kommt es an. Nicht auf den Drill. Wer es nicht in den Fingerspitzen hat, der
wird es auch auf der zwanzigsten Probe nicht haben. Man ist doch nicht beim
Kommiss! Artisten sind keine Studiermaschinen. Und wenn schon Proben, dann nicht
zuviel Pünktlichkeit. Pünktlichkeit soll der Teufel holen. Es muss aus dem
Handgelenk kommen, spontan.
    Flamettis Proben waren unberechenbar. Wenn eine angesetzt war, fand sie
sicher nicht statt. Wenn eine stattfand, war sie sicher nicht angesetzt. Das
Ganze blieb mehr der Inspiration, dem persönlichen Einfall und Zufall belassen.
    Extempores? Prachtvoll! Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu Fuss.
Vielseitig, unberechenbar, auch in seinem Repertoire. Nur kein festes Programm!
Nichts langweiliger als das. Bei Ferrero hing das Programm jeden Abend punkt
acht beim Kapellmeister am Klavier. Bei Flametti gab's überhaupt keines. Oft
wusste er fünf Minuten vor seinem Auftritt noch nicht, solle er den Mann mit der
Riesenschnauze bringen oder die Feuernummer. Sprudeln muss man: das war sein
oberster Grundsatz.
    Auch bei Engagements: Flametti hatte das renommierteste Ensemble. Und doch
keineswegs die renommiertesten Kräfte. Im Gegenteil: darin gerade bestand sein
Genie, dass er verstand, Kräfte zu entdecken, zu finden, ja aus dem Nichts zu
stampfen.
    Flamettis Personal war: interessant. Er hatte eine Nase für natürliche
Begabung. Auf Agenten, Kritiken und Renommage gab er nichts. Selber sehen! Kerle
brauchte er, Personnagen. Talent kam in zweiter Linie. Mochte das Talent einen
Knacks haben, die Stimme einen Knacks, die Figur einen Knacks. Wenn nur der
Kerl, der dahinterstand, etwas zu sagen hatte.
    Flametti hatte einen Blick für die gebrochene Linie. Einen Blick für jenen
Moment, in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fürs Varieté. Da setzte er
ein. Da bemühte er sich. Da lief er.
    Und immer: das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im
Vordergrund. Herr oder Dame: ihn interessierte zumeist, was sie erlebt und
gesehen hatten. Gute Manieren. Kein Engagement ohne tagelange vorherige
Beobachtung. Schicksale muss jemand gehabt haben, um interessant zu sein für
Flamettis Ensemble. Schicksal brachte Vielseitigkeit mit sich, Überraschungen,
Anlagen, Geist. Seine Mitglieder mussten sich bewegen können. Welt mussten sie
haben. Versiert mussten sie sein. Vornehmheit war nicht seine Sache. Dahinter
steckte nicht viel. Deklassierte Menschen, gerempelte Personnagen sind die
gebornen Artisten. Im Druck muss man gewesen sein, um Artist zu werden.
    Unter fünfzig Mädels, die auf der Strasse das Täschchen schwenkten, waren
zwanzig Soubretten. Es kam nur darauf an, sie davon zu überzeugen. Unter fünfzig
Apachen, die keiner beachtete, zwanzig Ausbrecherkönige, Zauberkünstler,
Jongleure. Es kam nur darauf an, sie zu finden und durchzusetzen. Und gerade
darin bestand Flamettis Genie, seine Popularität, seine Magie.
    In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen: englisch, französisch,
dänisch, sogar malayisch. Man hatte die Welt gesehen. Man hatte sich redlich
bemüht und kannte das Leben.
    Gefängnis, Skandal, Freudenhaus, Fahnenflucht waren kein Einwand. Artisten
kommen aus einer anderen Welt. Sind keine Bürger. Aus Unterdrückung werden
Artisten. Wo keine Defekte sind, sind keine Menschen. Bunteit, Zauber, Exotik:
nur aus Verzweiflung.
    Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten.
Kameradschaft, nicht Abhängigkeit. Freiheit, nicht Zwang. Vertrauen, keine
Verträge. Gage muss sein: sowieso. Aber was nützte der beste Vertrag, wenn der
Direktor einmal nicht zahlen konnte?
    Hier setzte Flamettis Verlässlichkeit ein. Er war dann imstande, mit Angeln
sein ganzes Ensemble zu halten. Ein anderer Direktor stellte die Zahlungen ein.
    Bei Flametti konnte man aus- und eingehen, auch wenn man nicht mehr auf
seinen Brettern stand. Bei welch anderem Direktor noch? Was Flametti besass,
gehörte auch seinem Ensemble. Es war nicht sein Ehrgeiz, Geld zu machen,
Bankkonto und dergleichen. Sein Ehrgeiz war, eine Truppe zu haben.
    Kostüme? Machte man selbst. Nummern? Erfand man sich. Er selbst, Flametti,
hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht, als Not am Mann war? Und
aus Engel einen Ausbrecherkönig? Demselben Engel, der Speckschneider gewesen war
bei der Handelsmarine? Eine Kiste hatte er ihm gebaut, woraus mittels einer im
Innern angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu
entkommen war. Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem Raffinement, dass
Henry mit einem Ruck seiner zarten Gelenke innerhalb drei Minuten im Freien
stand.
    Freilich: Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig
Geschick. Aber Henry schaffte es. Kein Mensch hätte vorher daran geglaubt. Eine
Berühmteit war aus ihm geworden, über Nacht.
    Welcher Direktor erlebte die Überraschung, dass seine Soubrette als Gamsbua
auftrat und Schnadahüpfl sang, nur aus Jokus? Oder dass der Pianist die Klampfn
nahm und der Jodler das Piston?
    Flametti legte auch keineswegs Wert darauf, jeden Abend zu spielen.
Besonders nicht in den kleinen Beiseln, wo man um sechs Uhr abends schon auf dem
Posten sein musste, wo das Wasser von der Decke tropfte und die Klaviere
jämmerliche Drahtkommoden waren, unmöglich, Töne darauf hervorzubringen.
    Mochte Jenny recht haben: man solle auch die kleinen Geschäfte annehmen; man
müsse ja auch die Gagen zahlen. Aber man war doch nicht in der Tretmühle! Man
war doch nicht auf der Welt, um sich abzustrapazieren!
    Keine Überarbeitung: das war man seinem Ensemble schuldig. Flametti
verlangte dafür nur seinerseits etwas Entgegenkommen: Anstand und guten Willen.
Benehmen. Oder er wurde verruckt, was besagte: schlug alles kurz und klein,
rannte Köpfe an die Wand, ging mit dem Messer los auf die Bande.
    »So, Kinder«, rief Flametti, wischte sich den Mund ab und legte die
Serviette hin, »jetzt kommt die Gage!«
    Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche, schloss die Schieblade auf und
rief, auf das Essgeschirr zeigend: »Weg mit dem Zeugs!«
    Rosa beeilte sich, das Geschirr wegzutragen. Das Ensemble spitzte die Ohren.
Auch Engel hörte nun auf zu essen. Und alle kamen näher.
    »Monsieur Arista«, begann Flametti, »sechzig Franken. Stimmt's? Quittieren
Sie.«
    »Stimmt«, sagte Arista, »danke schön.« Quittierte mit dem Tintenstift, den
Flametti ihm hinschob, und strich das Geld ein.
    »Bobby - zwei Franken siebenundzwanzig - hier. Stimmt's? A conto zweiten
soundsoviel, à conto vierten soundsoviel, à conto fünften, à conto achten.« Er
zeigte auf die einzelnen auf der Quittung verrechneten Posten.
    »Stimmt, stimmt«, sagte Bobby. »Danke!« »Hier - quittieren!«
    Bobby quittierte.
    »Herr Meyer - zehn Franken. A conto vierten - fünf Franken. A conto achten -
fünfzehn Franken. A conto zwölften - fünf Franken. Stimmt's?«
    »Ja, stimmt. Danke.«
    »Laura - fünf Franken. A conto, à conto, à conto, à conto.« Flametti zeigte
wieder die einzelnen Posten auf der Quittung.
    »Ja, stimmt schon«, zögerte die Soubrette, ein wenig verwirrt und
enttäuscht. Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet. Sie konnte sich aber
auch irren.
    »Immer dieselbe Sache«, massregelte Flametti. Nie wusste sie, wieviel sie zu
bekommen habe, und immer handelte es sich um etliche fünf Franken, die sie
vergass. Aber die Sache klärte sich auf, und auch diese Auszahlung ging glatt
vonstatten.
    »Quittieren Sie«, sagte Flametti und schob dem Pianisten-Soubrettenpaar die
Formulare hin.
    Herr Meyer wollte die fünfzehn Franken einstweilen zusammen an sich nehmen.
Aber Laura war keineswegs einverstanden.
    »Nein, das gibt es nicht!« erklärte sie ziemlich verliebt, »das ist mein
Geld! Das habe ich verdient!« und suchte ihrem Freunde Meyer den Fünfliver zu
entreissen. Und als ihr das nicht sofort glückte, ein wenig ärgerlich: »Was fällt
dir denn ein? Wir haben doch keine Gütergemeinschaft«, was Herr Meyer spöttisch
zugab.
    »Wie sie sich haben!« flötete süss Frau Häsli. »Wie sie sich necken! Seht
nur!« Wo ein Krakeel in Aussicht stand, war sie stets voller Freundschaft und
Sympatie. »Na so nimm schon deinen Fünfliver!« murrte der Pianist und schob
sehr unwirsch der Soubrette das Geldstück hin. »Grüatzi!« sagte der
Schlangenmensch, steckte sich eine Zigarette an und verschwand.
    »Addio«, sagte Herr Arista, machte der Jodeltochter insgeheim ein feuriges
Zeichen und verschwand.
    »Netter Mensch«, bemerkte Frau Häsli zu seinem Abgang.
    »So bescheiden und lieb!«
    »Mahlzeit!« sagte Herr Engel, der hier nichts zu erwarten hatte, »komme
später nochmal vorbei«, und ging ebenfalls; was Fräulein Rosa sehr komisch fand,
denn sie bückte sich blitzschnell nach Nettchen, dem Dackel, hob ihn hoch und
drehte sich tanzend mit ihm auf dem Absatz.
    »Wer kommt jetzt?« fragte Flametti geschäftig, aber mit ein wenig
verringerter Sicherheit. »Richtig: Häsli.« Und beeilte sich, die Summe
aufzuzählen. »Siebenundzwanzig Franken fünfzig.«
    »Waaaas?« rief Frau Häsli, wie von der Tarantel gestochen. Sie beugte den
Oberkörper weit in den Hüften vor und blieb wie erstarrt so stehen.
    »Siebenundzwanzig Franken fünfzig«, wiederholte Flametti und setzte den
Tintenstift überrascht mit dem stumpfen Teil auf den Tisch.
    »Siebenundzwanzig Franken fünfzig? Häsli, komm!« Sie packte den Gatten am
Ärmel. »Häsli, komm! Das ist nichts für uns.«
    Häsli drehte sich auf dem Absatz und machte sich los. Er war unangenehm
berührt.
    »Marsch, marsch, fort, komm!« drängte die Jodlerin und packte ihn von neuem
heftig am Ärmel. Sie gab keinen Pardon. »Na, mal langsam!« brummte Flametti. Und
ihre Tochter zog eine missmutige Schnute und stampfte hörbar ungehalten »Mutter!«
    Aber Frau Häsli liess sich nicht beirren. »Nein, das ist nichts für uns!«
tobte sie und schüttelte abweisend die erhobene Hand. »Die Häslis sind nicht
diejenigen, die sich drücken lassen. Ich kenne das schon! Ich weiss schon, worauf
das hinausläuft. Häsli, komm!«
    »Na was ist denn?« interessierte sich Jenny, begütigend und phlegmatisch.
Sie kam aus dem Schlafzimmer und steckte sich friedlich das Haar auf.
    »Himmelherrgottsakrament!« fluchte jetzt Flametti und schnellte vom Sofa
auf. »Was gibt's denn? Was passt euch denn nicht? Was wollt ihr denn? Macht doch
den Schnabel auf, wenn euch etwas nicht passt!« Die Zornadern waren ihm
angeschwollen. Er sah aus wie ein tanzender Fakir.
    Häsli bekam's mit der Angst, schüttelte die Frau ab und meinte kleinlaut:
»Max, rechn' 's mal vor!«
    »Da ist gar nichts vorzurechnen!« schnitt ihm die Alte das Wort ab. »Gar
nicht nötig. Wenn ich hör: siebenundzwanzig Franken fünfzig, dann hab' ich schon
genug. Dann braucht man mir gar nichts mehr vorzurechnen!« Und nestelte zitternd
an ihrer Bluse.
    »Was wollt ihr denn?« schrie Flametti noch lauter und tippte sich mit dem
Zeigefinger an die Stirn. »Fünfzig Franken Vorschuss bei Engagementsantritt - -«
Beide nickten, Frau Häsli so hastig, als ob sie nicht abwarten könne, weiter zu
hören. »Dreissig à conto an Häsli nach Bern -« »So? So?« unterbrach Frau Häsli.
»Dreissig à conto nach Bern für die Lumpenmenscher, für die Reitschuldamen, für
die Fetzen?« Ihre Stimme schnappte über.
    »Dreissig à conto nach Bern«, bestätigte Herr Häsli in aller Ruhe.
    »Toni, komm!« rief Frau Häsli und packte die Tochter am Arm. »Toni, komm!
Spuck deinem Vater ins Gesicht! Sieh ihn an, wie er dasteht! Als wenn er nicht
auf drei zählen könnte! Dreissig à conto nach Bern! Und wir hungern zuhaus!«
    Jetzt wurde aber auch Herr Häsli fuchtig. »Soll ich vielleicht von der Luft
leben? Hab' ich dir nicht zehn Franken davon geschickt und den Koffer
ausgelöst?« »Was für einen Koffer ausgelöst? Die alte Scharteke! Den Koffer hat
er ausgelöst! Dreissig Franken braucht er dazu. Wasserrutschbahn fahren mit den
Menschern! Mit den Kellnerinnen scharwenzeln! Herr Häsli hinten, Herr Häsli
vorne! Schau mich nicht so an, Mensch!« Mit ausgebreiteten Händen und
vorgereckter Stirn stand sie da, im Begriff, ihm an die Gurgel zu fahren.
    »Mutter!« suchte die Tochter zu beschwichtigen.
    »Dummes Weib!« brachte Herr Häsli mit aller Ruhe und Verachtung auf, sah die
Alte an, als zweifle er an ihrem Verstand, und sah wieder von ihr weg.
    »Na, was wollt ihr also?« schrie Flametti und wühlte krampfhaft und hitzig
in seinen Papieren, um die Belege zu finden. »Weiter!« drängte die Alte, »nur
weiter!« »Zwanzig à conto an Toni am siebenten.« »Stimmt, stimmt!« drängte die
Alte, »nur weiter!« Die zwanzig Franken waren für eine Seidenbluse der Mutter.
    Jetzt war aber Herr Häsli seinerseits erstaunt. »Zwanzig Franken? Für was?«
fragte er sprachlos.
    »Kümmer' dich nicht!« rief Frau Häsli. »Lass dir lieber vorrechnen, was noch
weiter kommt. Damit du siehst, was für ein Peter du bist!«
    »Ja, dann freilich!« verzichtete Herr Häsli. »Da hat ja alles keinen Zweck!
Da kann man ja schuften wie man will! Wenn es hier nur so zwanzigfrankenweise
weggeht! Fünf Tage ist man fort, und zu Haus verbrauchen sie zwanzig Franken für
Kino, Schokolade, für Putz und Schnecken!« »Kümmer' dich um dich!« schrie Frau
Häsli. Der Geifer stand ihr in den Mundwinkeln. »Auf den Hund möcht' er einen
bringen, und einem nicht einmal die paar Fetzen gönnen, die man auf dem Leibe
hat! Dich kenn' ich, mein Lieber! Ich weiss ganz genau, was du vorhast mit uns!«
    Nun muss man wissen, dass mit Frau Häsli nicht zu spassen war. In Antwerpen und
St. Pauli hatte sie Matrosen bedient. Ein Gummiknüttel gehörte zu ihrer
Ausrüstung, und die Kassiertasche war mit Eisenketten am Lederriemen befestigt.
Kerle hatte sie niedergeschlagen, baumslang, wenn es drauf ankam. Der
Varietéberuf war ihr zu still. Mit der liess sich nicht spassen.
    Also gab auch Herr Häsli klein bei, und weiter ging's mit der Abrechnung.
    »Dann am zwölften zweiundzwanzig Franken fünfzig vorgestreckt für Zimmer und
Konsumation - -« Die Häslis bewohnten zusammen ein Zimmer in einem Gastof, das
sich die Damen selbst ausgesucht hatten, das aber Flametti bezahlte, weil er
Verbindungen hatte mit dem Wirt.
    »Schon gut, schon gut«, winkte Frau Häsli ab, »ich weiss schon genug. Bleiben
siebenundzwanzig Franken fünfzig. Stimmt schon. Ja, stimmt schon. Häsli,
quittier! Wir gehen.«
    dabei schob sie die Tochter mit beiden Händen wie aus einer Verbrecherkneipe
vor sich zur Tür. »Wir verzichten. Kannst alles selber nehmen. Ich für meinen
Teil will nichts davon haben. Wir verdienen uns schon unser Brot.«
    Und Frau Häsli nebst Tochter waren verschwunden. Nettchen bellte. Jenny
färbte sich rosenrot im Gesicht vor verhaltenem Ärger. Herr Häsli quittierte,
und Flametti schob ihm das Geld hin.
    »Mahlzeit, Max!« sagte Herr Häsli geknickt und bedauernd. »Nichts für
ungut!« und reichte Flametti die Hand.
    »Salü!« sagte Flametti offiziös und packte seine Sachen ein.
    Auch Herr Meyer und Fräulein Laura gingen. Eigentlich hatten sie um Zulage
bitten wollen. Die Gelegenheit schien ihnen aber nicht günstig.
 
                                       II
»Siehst du die Anarchisten«, sagte Jenny, als alle gegangen waren, »siehst du
sie jetzt? Brauchst nur mal ein paar Tage kein Geschäft zu haben - gleich werden
sie üppig. Nur in Verlegenheit braucht man zu kommen - schon laufen sie fort.
Forellen müsst ich ihnen vorsetzen, das Kilo für acht Franken. Dann solltest du
sehen! Diese Häsli - ach du mein Gottchen, wie sie hier ankam! Aus Gnade und
Barmherzigkeit hat man sie aufgenommen. Das ist der Dank. Ausgehungert waren
sie, dass Gott erbarm. Jetzt sind sie auf einmal vornehm. - Was machen wir nur,
Max? Du wirst sehen, sie laufen uns fort!«
    Aber Max hatte keine Lust zu Meditationen. »Ah was!« sagte er unwirsch und
kramte verärgert in seiner Tischschublade.
    Die Tür ging auf, und herein kam Fräulein Teres, lendenlahm und
verdriesslich. Der Rheumatismus plagte sie heut ganz besonders. In der matt
herunterhängenden Hand hielt sie einen angerauchten Stumpen und blies mit
spitzem Munde den Rauch von sich. Unaufgefordert nahm sie Platz, knetete
schmerzhaft ihren Gichtschenkel und drehte sich schnaufend auf dem Stuhl.
»Frau«, sagte sie, »wird gebügelt?« »Jawohl, Teres, mach' die Eisen heiss.« Und
Teres erhob sich mühsam und trosste ab, um die Eisen heiss zu machen.
    Und Fräulein Rosa legte den Bügelteppich auf den Tisch und holte den
Wäschekorb aus dem Bretterverschlag, um die Wäsche einzuspritzen.
    Flametti aber hatte beim Abschliessen der Schieblade einen Schaden am Schloss
gefunden, zückte den Hausschlüssel und hämmerte damit am Schlüsselloch.
    Es klopfte. Die Türe ging auf, und herein trat Fräulein Lena, vormals
Pianistin bei Flametti.
    »Grüatzi!« sagte sie und schob sich in drei freundlichen Wellen herein.
    »Tag, Lena!« nickte Jenny, »komm nur herein!«
    »Wenns erlaubt ist!« sagte Lena.
    »Tag, Lena!« bekräftigte Flametti, ohne aufzusehen; so versunken war er in
seine Reparatur.
    »Bügelt ihr?« fragte Lena.
    »Ja, wir bügeln«, wischte Jenny sich die Schweisshände an den Busen.
    Teres brachte das Bügeleisen, und Lena nahm ihren Stuhl.
    »Schöne Sachen hört man!« rückte sich Lena auf ihrem Stuhl zurecht.
    »Um Gotteswillen, Lena, was gibt es denn?«
    »Ja, ja«, seufzte Lena.
    »Was denn, Lena? Sprich doch!«
    Und zu Rosa: »Geh mal raus in die Küche! Ich ruf' dich dann!«
    Flametti hämmerte angelegentlich und beflissen am Schlüsselloch.
    »Also hört zu«, strich Lena ihren Rock zu den Füssen, »sie machen euch aus,
wo sie können. Sie erzählen, dass es rutschab geht: ihr zahlt keine Gagen mehr;
es gibt nichts zu essen. Ihr bekommt keine Geschäfte mehr. Grad hab' ich den
Bollacker getroffen. Mit dem hat's doch die Häsli. Von einem Türken haben sie
erzählt und von Opium. Ich weiss ja nicht, was ihr da habt. Aber sie sagten, es
sei ihnen zu brenzlich und sie sähen sich nach einem anderen Engagement um.«
    »Was haben sie erzählt?« duckte sich Jenny. »So eine Gemeinheit! So eine
Niedertracht! Hörst du, Max, was sie ausstreuen? Wie sie sich rächen? Ihren
Gadsch hat sie instruiert, dass er herumgeht und uns das Geschäft verdirbt! So
eine Infamie! - Weisst du was, Max? Die wollen selbst anfangen. Die laufen uns
fort. - Wir, keine Geschäfte mehr! Lena, man läuft sich die Füsse wund, dass wir
spielen! An der Haustür fängt man uns ab! Wir brauchten nur rübergehen zum
Krokodil! - Du kennst doch das Krokodil! Eins A, dreihundert Franken Draufgeld!
Aber wir wollen nicht, weil wir neu einstudieren. Weisst du: der Braten war
bisschen angebrannt. Das hat diese Alte so verbiestert, dass sie jetzt überall
ausschreit, sie hätte zu hungern bei uns. Du kennst doch unsere Kost! Warst drei
Jahre bei uns. Hast du dich je zu beklagen gehabt? Ist dir je etwas abgegangen?«
    Lena schüttelte den Kopf. Nein, sie hatte sich nie zu beklagen gehabt, noch
war ihr je etwas abgegangen.
    Max hämmerte gewaltsam mit seinem Hausschlüssel am Schiebladenschloss.
    »Na, gut' Nacht!« rief Jenny, »ich sollte der Direktor sein! Ich würde sie
anders zwiebeln! Hier die Gage, soundsoviel Abzug und den Schuh an den Hintern!
Treppe hinunter.«
    »Ja ja, ich hör' schon!« fuhr Flametti jetzt auf. »Ich hör' schon. Bin doch
nicht schwerhörig! Dummes Geschwätz!«
    Jenny war überrascht. Fräulein Lena ebenfalls. Er hatte doch gar nicht
zugehört! Er hatte doch an dem Schloss laboriert!
    Flametti stand auf, sehr rasch, krempelte seine Hemdärmel herunter, knöpfte
das Halsbördchen zu und ging in die Küche, um sich die Hände zu waschen. Er kam
zurück, nahm Joppe und Hut und ging.
    »Da hast du es!« klagte Jenny, »da geht er. Ach Lena, ich bin ganz
verzweifelt! So macht er es immer. Seit er die Geschichte hat mit dem Türken,
ist er wie verdreht. Kaum den Löffel aus dem Mund - fort ist er. Alles mögliche
hab' ich versucht. Er hört mich nicht einmal an. Wir gehen zu Grund. Ich seh's
ja. Was soll ich nur machen?«
    »Tja«, meinte Lena, »was ist da zu machen?«
    Flametti war dieser Summs zuwider. Gewiss, er liebte seine Frau. Sie war ein
wenig furchtsam von Gemüt und leicht zu Übertreibungen geneigt, wie alle
furchtsamen und aufgeregten Gemüter. Aber sie meinte es gut, war keine böse
Natur und er hätte ihr gerne ein wenig Gehör schenken dürfen. Doch er schätzte
es nicht, seine innersten Geschäfts- und Familiengeheimnisse coram publico
verhandelt zu sehen.
    Gewiss, das Geschäft ging schlecht. Schlechte Zeiten und keine Schlager.
    Gewiss, ein Ensemble von zehn lebendigen Menschen verlangt, sich standesgemäss
zu nähren, zu kleiden und zu Triumphen geführt zu werden.
    Obendrein: eine Konkubinatsstrafe von hundertachtzig Franken war zu zahlen -
der Beamte der Kriminalabteilung hatte zweimal bereits die Quittung präsentiert
- und von der Fischerei konnte man das nicht bestreiten. Das wusste Flametti
selbst.
    Aber Schlager fallen nicht vom Himmel. Er hatte schon seine Pläne. Man
brauchte ihn nicht zu hetzen und die halbe Nachbarschaft dabei zuzuziehen.
    Gar diese Lena: Ein schönes Stück Malheur! Die musste dann gerade noch
kommen! Grausliches Weib! Keine galante Erinnerung aus seiner Direktorenzeit war
Flametti unangenehmer als diese. Ein Vampir. Nicht von der Spur wich sie, wenn
sie einmal Blut geleckt hatte.
    Tüchtig war sie, als Pianistin. Russisch sprach sie auch, von Lodz her. Aber
ein Mundwerk hatte sie wie ein Schwert. Eine böse Zunge. Und das nun verstand
Flametti nicht, wie Jenny sich mit ihr einlassen konnte.
    Man soll ihn in Ruhe lassen. Er wird es schon machen. -
    Die Hände in beide Hosentaschen gesteckt, so dass der Rockschoss weit hinten
abstand, den breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirne gerückt, froh, seinem
häuslichen Glück entronnen zu sein, schickte Flametti sich an, einen Gang zu
unternehmen durch sein Revier.
    Dieses Revier nannte sich »Fuchsweide« und war der Konzert- und
Vergnügungsrayon aller lebenslustig-abseitigen Kreise der Stadt. Treffpunkt der
grossen Welt, Schlupfwinkel einiger unsicherer Elemente, zugegeben. Aber alles in
allem ein Monaco und Monte Carlo im kleinen.
    Flametti fühlte sich frei wie ein Fürst. Aller Hader fiel von ihm ab. Aller
Kleinmut verliess ihn. Hier kannte er jeden Weg, jeden Steg; jede Kneipe, jede
Latrine. Hier war der Felsen, hier musste gesprungen werden. Hier fielen die
Würfel, hier war man zu Hause.
    Vorbei am Alteisengeschäft des Herrn Ruppel und an der Drachenburg; vorbei
an der Fischhandlung Teut mit ihren Riesenaquarien voll stumpfsinniger Hechte
und Karpfen, vorbei an Hähnleins Kleiderbazar und Lichtlis Frisiersalon; vorbei
am Olivenbaum und an der Tulpenblüte, schwenkte Flametti in die
Hauptverkehrsader der Fuchsweide, die bucklige Quellenstrasse ein.
    Er verlangsamte seine Schritte und klimperte, überlegend, mit dem Geld in
der Tasche. Er schnupperte in der Luft, die nach Kaffee roch, und zündete sich
eine Zigarette an.
    Hier war der Korso! Hier war der Betrieb! Es weitete sich seine Brust und er
atmete auf. Kein Gesicht, das er nicht kannte. Kein Laden, mit dessen Inhaber er
nicht schon Tausch und Geschäfte hatte.
    Auf dem Mönchsplatz sassen die Katzen und putzten sich in der Sonne. Es war
eine Unmenge Katzen, graue, schwarze und rote. Aber es war Platz genug für sie
da. Nachts sangen sie hoch auf den Dächern.
    Auf dem Mönchsplatz lärmten die Kinder. Sie putzten einander die Nasen,
banden einander die Hosen zu, säuberten sich die Köpfe. Aber um jeden Kopf legte
die Sonne eine kleine Gloriole.
    Über den Mönchsplatz sprang Fräulein Frieda, die Kellnerin, dass die Röcke
flogen.
    »Servus Flametti!« rief sie. Es war eine Lust zu leben.
    Die Niedermeiers hatten Umzug heute. Auf ein Rollwägelchen hatten sie ihre
Sachen gepackt; auch den Kanarienvogel. Der Mann schob. Die Frau half drücken.
Die Kinder halfen auch drücken und der kleine Peter hob die Sachen auf, die vom
Wagen herunterfielen.
    »Wo wohnt ihr jetzt?« rief Flametti.
    Und Herr Niedermeier rief; »Kuttelgasse 33, V.!«
    »Angenehmer Flohbiss!« rief Flametti zurück. Er war ein grosser Mann und
konnte sich's leisten.
    Die Hände in den Hosentaschen, breitspurig und schwer, den Schritt wuchtig
aufs Pflaster gesetzt, ging er hinüber zur Postfiliale.
    »Eine Fünferkarte!«
    Der Beamte händigte ihm die Karte aus und Flametti schrieb an Herrn Fritz
Schnepfe, Vartietélokal, Basel:
»Werter Freund!
    Teile mir, bitte, umgehendst mit, ob du geneigt bist, Flamettis
Varietéensemble zu engagieren für die Zeit vom 1. bis 31. Dezember laufenden
Jahres, sowie die Bedingungen. Wir haben lauter neue Nummern, erstklassige
Attraktionen, und es dürfte nur in deinem Interesse sein, dir mein Ensemble für
die allfällige Zeit zu sichern.
                                                Hochachtungsvoll Dein Flametti.«
Kehrte dann zurück in die Quellenstrasse und lenkte, am Luftgässlein vorbei,
vorbei an dem kleinen, aber seiner Weine wegen berühmten Gastaus zu den Drei
Sternen, vorbei am Mordloch mit den Gastwirtschaften Hopfenzwilling und
Jerichobinde, vorbei an der Stutenreite, in die Obere Träufe.
    Es war ein Gang voller angestrengter Gedankenarbeit. Im Gehen pflegte
Flametti zu denken. Bei scheinbarem Schlendern fand er die besten Entschlüsse.
    Zwei Herren kamen die Strasse herunter, geradenwegs auf ihn zu. Verflucht
nochmal!
    Der eine elegant, schwarzer Schnurrbart aufgekräuselt, glattes, feistes
Gesicht und glänzende Drehaugen. Der andere hager, fanatisch, nervös: »Peter und
Paul«. Ein Schäferhund, leichte Patten, tief wehender Hängeschwanz, folgte ihnen
wippend auf dem Fuss.
    Flametti steckte die Hände noch tiefer in seine Taschen, festigte seinen
Gang um ein Erhebliches und grüsste forciert:
    »Salü!«
    Die beiden nahmen ihn scharf aufs Korn, musterten unauffällig mit einem
kurzen Blick seinen Anzug und gingen vorüber.
    Herr Abraham Cohn stand unter der Tür seines Magazins Zum Chnusperhüsli. Er
deutete mit dem Kopf nach den beiden sacht gehenden Beamten.
    Flametti benutzte die Gelegenheit, stehenzubleiben und meinte: »Die Apostel
gehen um!«
    »Was wolln se?« meinte Herr Cohn, »mer muss se hamm.
    Wär mer sonst sicher?«
    Flametti trat ein und kaufte eine Tüte Leckerli.
    Er ging weiter und kehrte ein im Gastaus Zum Vogel Strauss, wo die
ausgestopfte Gebirgsgemse und der balzende Auerhahn standen, rechts und links
vom Entrée.
    Der Auerhahn trug die Fischkarte mit beigedruckten Preisen um den Hals
gehängt. Die Gebirgsgemse fletschte die Zähne, ganz unnötigerweise, und sah
todesmutig gen Himmel, ein Symbol ihrer Heimat. Auf dem Sockel aus Felsen und
Moos lagen zerstreut die Haare, die sie gelassen hatte im Kampf mit der
Scheuerbürste des Hausknechts.
    Flametti trat ein und überflog mit einem Adlerblick die drei Gäste, die hier
versammelt waren.
    Verflucht nochmal! In der Ecke sass Kranemann! Kranemann, das Moskitogesicht;
Kranemann, die geschniegelte Niedertracht und Korrekteit; Kranemann, Flamettis
erbittertster Feind. Das war nicht vorauszusehen.
    
    Einen Moment überlegte Flametti. Sollte er umkehren? Sollte er tun, als habe
er sich im Lokal geirrt? Sollte er an den Hut fassen und grüssen: »Salü! Komme
später«?
    Da stand aber Kranemann schon auf, kam auf ihn zu, wie von ungefähr, und
sagte: »Ah, Flametti! - was ist mit der Quittung? Wann wird sie eingelöst?
Höchster Termin!«
    »Hoi, hoi, hoi!« bockte der und trat einen Schritt zurück. »Nur langsam! Lass
erst mal absitzen, damischer Kerl!« Und beschloss jetzt zu bleiben.
    »Nix da!« rief Kranemann und fasste ihn leicht beim Kragen, »heut ist der
letzte Termin! Zahlen!« und warf ein Zwanzig-Centimes-Stück auf den Tisch.
    Und wieder zu Flametti: »Den damischen Kerl werden wir uns merken. Wir
sprechen uns noch!« Schob seine Röllchen zurück und verschwand.
    »Was hat's denn?« fragte der Wirt neugierig, drückte den schwarzen Kneifer
fester auf die Nase und kam näher. Auch die Gäste am Kartentisch waren
aufmerksam geworden.
    »Na«, sagte Flametti, »was hat's? Du kennst doch das damische Luder!«
    Der Wirt schien das damische Luder durchaus nicht zu kennen.
    »Ne Halbe?« rief die Kellnerin. Und Flametti nahm Platz.
    »Du musst nämlich wissen«, vertraute er dem Wirt, »ich hab' doch die
Konkubinatsstrafe, weil wir nicht verheiratet waren. Nun hab' ich doch
inzwischen geheiratet und prozessiert. Und da haben sie abgelehnt. Nun macht's
mit den Prozesskosten zusammen seine hundertachtzig Stein. Und die wollen sie
haben von mir. Und dieser Kerl war doch früher Latrinenbesitzer. Dann ist er zur
Polizei übergegangen. Das ist dieser Kranemann. Und das dumme Luder meint nun,
er kann mich schikanieren. - Siehst du, er tut mir ja leid. Aber es ist doch zu
fad: wo man hinspuckt, stolpern einem diese traurigen Kreaturen über die Füsse!«
»Ah, so so so so!« verstand jetzt der Wirt, »das ist der Kranemann. Ja, so zahl'
doch die paar Stein! Dann hast du doch Ruhe! Man immer berappen!«
    »Siehst du«, kippte Flametti sein Bier, »jetzt erst recht nicht! Jetzt
sollen sie sich mal die Beine in den Leib laufen!«
    »Tja«, meinte der Wirt bedenklich, »die verstehen keinen Spass. Da ist's
schon das Gescheitste, man gibt nach.« Er lächelte schablonig und strich sich
die Hände. »Maidche, komm her!« rief Flametti der Kellnerin und zog die Tüte mit
den Leckerli aus der Rocktasche. »Das ist für dich!« Und Maidche nahm beschämt
die Leckerli in Empfang.
    »Ein Don Juan, dieser Flametti!« versicherte der Wirt seinen schmunzelnd
weitertrumpfenden Gästen.
    »War der Mechmed da?« fragte Flametti die Kellnerin.
    »Nein, bis jetzt nicht.«
    Flametti sah nach der Uhr, geschäftsmässig, ohne indessen verabredet zu sein.
Nach der dritten Halben, als er eben gehen wollte, öffnete sich die Tür und
herein trat Mechmed.
    Ali Mechmed Bei hiess der Türke. Er wohnte im Parkhotel und kam aus Aleppo.
Und darin hatte Jenny wohl recht, dass Flametti ein wenig verdreht war im Kopf,
seit er den Türken kannte.
    Ali Mechmed Bei: schon der Name faszinierte Flametti. Eunuchen, Sklaven und
Harem wirbelten vor seinen aufleuchtenden Augen, wenn er in heimlichen Stunden
den Namen vor sich hinsprach.
    Ali Mechmed Bei: enorme Gelder musste er haben. Man wusste nicht recht, was er
eigentlich trieb. Aber er kam häufig in den Vogel Strauss, und dort hatte
Flametti seine Bekanntschaft gemacht.
    Ein grosses Tier musste er sein unter seinesgleichen. Denn er hatte noble
Allüren an sich. Dämonisch zog er die dichten, weissen Augenbrauen hoch, wenn man
ihn ansprach, und pflegte mit den Fingern zu trommeln auf der Tischdecke. »Tja,
mein lieber Freund!« sagte er dann, nickte mit dem Kopfe in einer
weltmännisch-gewitzigten Weise und sah nach der Decke, wo er jede Fliege, jeden
Schnörkel der Tüncherarbeit eingehend verfolgte.
    Tiefe kaffeebraune Tränensäcke hingen ihm unter den Augen, und diese Augen
selbst blickten in abgründiger Melancholie.
    Horrende Trinkgelder gab er, besass einen Geldbeutel aus Affenhaut und roch,
seiner orientalischen Herkunft gemäss, nach Zwiebel, Henna und Kokosnuss.
    Dieser Türke Mechmed trat jetzt ins Lokal, und Flametti verfolgte jede
seiner Bewegungen mit glühender, heisshungriger Sympatie.
    Paletot und Regenschirm hing Herr Mechmed an den Kleiderhaken, und es kann
zugestanden werden, dass die kleine, untersetzte Gestalt, die jetzt, zerfallen
und morbid, aber freundlich lächelnd auf Flametti zukam, den mysteriösen Gestus
jener Leute hatte, die im Traum wiederkehren. Jener Leute, die sehr wohl die
Macht besitzen, ein Varietéunternehmen zugrunde zu richten, dessen Direktor
nicht Zurückhaltung zu wahren weiss.
    Dieser Türke Mechmed nämlich, dessen Smoking ölig glänzte, dessen Äusseres
fadenscheinig war, besass ein Opiumlager, hier am Platz, auch Kokain und
Haschisch, im beiläufigen Werte von vierzigtausend Franken, nur prima reine,
unverfälschte Ware, erste Qualität, das er - je nun! - geschmuggelt hatte, und
das er - verstehen Sie! - ohne Profit, nur weil es ihn behinderte, bereit war,
bei konvenierender Gelegenheit abzustossen.
    Und da Flametti sozusagen Fachmann war - er rauchte Opium in der Zigarette,
nahm es wohl auch im Bier -, den Rummel verstand, ein Kerl war, so sollte er,
bei Gelegenheit, mal sehen, was sich tun liess. Man hat Bekannte, einen Arzt,
einen Advokaten, einen Geschäftsfreund. Ist ja 'ne Bagatelle, vierzig Mille,
liegt ja auf der Strasse, ist ja gefunden, ist ja ein Dusel. So sollte er also
mal sehen, ob man nicht, unter der Hand, vielleicht einen Interessenten fände.
    Und Flametti hatte sich auch umgesehen, seit acht Tagen - Geschäft ist
Geschäft! Spitzbuben gibt es hier wie dort! - und einen Interessenten gefunden.
Aber jetzt wollte er auch wissen, wofür.
    »Siehst du, Mechmed«, begann Flametti, als Mechmed Platz genommen, die Nase
geschneuzt und sich ein Helles hatte kommen lassen, das er mit den Händen
wärmte, »ist ja alles schön und gut. Wir kennen uns jetzt seit vierzehn Tagen.
Wir haben Brüderschaft getrunken. Aber wir müssen doch jetzt einmal
weiterkommen. Dein Pass ist abgelaufen - wann?«
    » Zweiundzwanzigsten.«
    »Zweiundzwanzigsten. Bis dahin musst du das Quantum los sein.«
    Mechmed nickte, allem Anschein nach ganz vertrottelt und schläfrig.
    Flametti rückte seinen Stuhl näher ran und zündete sich eine neue Zigarette
an.
    »Hör' mal zu: ich bin doch kein dummes Luder, versteht sich.«
    Mechmed nickte.
    »Du brauchst also innerhalb vierzehn Tagen einen Käufer.
    - Zwanzig Prozent!«
    Mechmed nahm die Zigarette aus dem Mund, hielt sie zwischen Zeige- und
Mittelfinger weit von sich weg, blies langsam den Rauch aus und überlegte einen
Moment.
    »Zwanzig Prozent Provision?« sagte er dann und wiegte den Kopf, »gut!
Abgemacht! Was heisst?« und war sehr verwundert, wie man an seiner Courtoisie
zweifeln konnte.
    »Langsam!« sagte Flametti. »Ich hab' den Käufer. Drei Tage Bedenkzeit.
Vierzig Mille bar auf den Tisch des Hauses.«
    Mechmed wurde plötzlich sehr lebendig. Mit einem Ruck fuhr er auf seinem
Stuhle herum. Sein Ellbogen auf der Stuhllehne stach spitz gegen die Kellnerin,
die mit einem geschickten Seitwärtsschwenken der Hüften den Tisch passierte.
    »Aber«, sagte Flametti und kreuzte die Arme vor sich auf dem Tisch, »ich muss
nochmal Proben haben und zwei Mille Vorschuss.« Wenn man acht Mille Provision zu
erwarten hatte, konnte man wohl zwei Mille Vorschuss verlangen. »Nix Proben!«
lehnte Mechmed schwerfällig ab, die Hand am Ohr, um besser folgen zu können.
    Flametti lächelte.
    »Sei mal vernünftig, Mechmed«, begann er von vorne, »mein Geschäft leidet.
Seit acht Tagen bin ich nun unterwegs, dir einen Käufer zu suchen. Rechne die
Spesen! Man trifft sich im Café, zahlt die Zeche standesgemäss. Verabredungen da
und dort, hin und her. Du weisst selbst, wie das ist - -«
    »Wie heisst der Käufer?« fragte Mechmed, ohne den Kopf zu drehen.
    Flametti wich aus. »Wie heisst er? Tut nichts zur Sache. Prima prima. Kassa.
Zahnarzt.« Es handelte sich also um den Zahnarzt, der Jennys Goldkronen
geliefert hatte, einen Herrn von unzweifelhafter Solvenz, gewiss, der aber bis
dato weder von des Herrn Mechmed Opiumlager, noch von Flamettis Hoffnung und
Agentur die leiseste Ahnung hatte.
    »Tja, mein lieber Freund!« trommelte Mechmed auf der Tischkante und sah zur
Decke, »wird sich nicht machen lassen. Sieh mal her!« und er entnahm seinem
Portefeuille einen ganzen Pack fremdartig kuvertierter Briefe, mit denen er eine
Hausse aller orientalischen Narkotika und die gierige Nachfrage nach diesen
Artikeln spielend belegte.
    »Was heisst das?« stutzte Flametti, ein wenig rauh.
    »Das heisst - -:« - der Türke gähnte, schüttelte den Kopf und bestellte einen
Zwiebelsalat - »lässt sich nicht machen. Unter fünfzig Mille ausgeschlossen.
Offerten: Papierkörbe voll.« Und er zog die Briefe aus den Kuverts.
    Flametti sah den Türken in blaue Fernen entschwinden. Perdu. Futsch. Aus.
Ihm schwindelte. Aber er versuchte, der Situation gewachsen zu sein.
    »Mechmed«, sagte er, räsonnabel genug, »du bist kein Filz und ich bin kein
Ganeff. Ich weiss: es kommt dir nicht darauf an, wenn du siehst, dass was läuft.
Gut: ich verzichte auf die Proben. Macht fünfzig Franken. Weg damit! Aber die
zwei Mille Vorschuss - man muss sich bewegen, auftreten können. Nimm doch Vernunft
an! Das ist ja nicht so! Wir sind doch gut Freund! Du verstehst schon!«
    Mechmed verstand. Er nickte. Aber dann schüttelte er ablehnend den Kopf - er
schluckte dabei den Zwiebelsalat -:
    »Nicht zu machen. Gefährliche Sache.« Und musterte jenen mit einem profunden
Blick. »Varieté«, meinte er, »Weiber, Feuer, Indianer: ja. Ja, ja. Aber Opium -
-.« Er schüttelte. »Mein lieber Freund«, sagte er väterlich, »schwierige Sache.
Diffizile Sache. Nicht zu machen.« Und dabei verblieb er. Den Daumen hatte er in
den Hosenbund eingehängt. Den linken Arm liess er über die Stuhllehne
herunterbaumeln. Er schien darüber nachzudenken, wen er zum Nachfolger ernennen
könnte.
    »So?« rief Flametti erbost, »das sagst du mir heut? Nach acht Tagen? Das
hätt'st du mir wohl auch acht Tage früher sagen können.«
    »Nix Proben!« schüttelte Mechmed versunken den Kopf und suchte den
Zahnstocher in seiner Westentasche.
    »Ah, ich pfeif' dir auf deine Proben! Hier und hier und hier, wenn du sie
wieder haben willst.« Aus der inneren Rocktasche brachte Flametti dreimal je
eine kleine Papiertüte, Haschisch-, Opium- und Kokainprobe zum Vorschein, die er
heftig in einer Reihe nebeneinander auf den Tisch schlug und dem Mechmed
zuschob. Aber Mechmed hatte die überlegene Geste des père noble. »Merci, mon
cher ami, c'est pour bonhomie!« und schob Flametti, ohne einen Blick darauf zu
werfen, die Pulvertüten wieder zu. »Zahlen!« rief er und schlug den Geldbeutel
aus Affenhaut, den er an einer Ecke gefasst hielt, grandenhaft auf den Tisch.
    Flametti raffte die Proben zusammen, steckte sie ein und sprang auf.
    »Wieso Merci? Wieso Proben? Weisst du, Mechmed, das ist - - das ist - - -«
Seine Augen funkelten. Er schien zu Tätlichkeiten geneigt. »Also weisst du - - -«
Aber Mechmed hatte sich, etwas schwach auf den Waden, schon zum Kleiderhaken
begeben, nahm Paletot, Hut und Regenschirm herunter; sagte, mit einer einzigen,
grossen, zauberhaften Handbewegung über den Tisch und Flametti wegsegnend zur
Kellnerin: »Deux francs, l'addition. Bonjour die Herrn!« und wandte sich
wackelnd zum Ausgang. Flametti stand gebannt und entwaffnet. Und da er die
Blicke der Gäste auf sich gerichtet sah, liess er seinen Ärger in ein
entschuldigendes Lächeln übergehen, setzte sich wieder hin und drehte an seinen
Ringen.
    Zu dumm, diese ganze Affäre! Was würde Jenny dazu sagen? Was war nun das
Resultat von vierzehn Tagen? Drei Tüten Niespulver.
    Er musste lächeln, wenn er an den alten Knacker dachte, der es verstanden
hatte, ihn hinzuhalten. Aber es war ein Lächeln, das saurer wurde, je länger es
währte. Eigentlich hatte er gehofft, der Türke würde ihm aus der Klemme helfen.
Und mehr:
    Beim brasilianischen Konsulat hatte er vorgesprochen zwecks Auskünften.
Auszuwandern gedachte er, wenn die acht Mille vom Türken erst flüssig würden.
    Sich in der Schweiz mit den Lölis placken? Man ist doch kein Narr. Die
brasilianische Regierung stellt Land zur Verfügung, soviel man haben will. Baut
einen Rancho. Zwanzig Jahre Kredit. Jenny wird Kaffee pflanzen. Max Sumpfhühner
schiessen. Ein Pferd kostet dreissig Franken. Eine Kuh zwanzig. Ein Kalb zehn. Und
man atmet in freier Luft; Brust an Brust mit den Botokuden.
    »Das machen Sie gut!« unterbrach sich Flametti mit einer Floskel aus seinem
Varietéjargon, »freie Luft!«
    Ihm fiel die Konkubinatsstrafe ein. Was wird nun damit geschehen? Nachdem
der Türke versagt hat? Kranemann wird keinen Pardon mehr geben. In die Wohnung
wird er kommen mit dem Arrestbefehl. Mit dem Loch wird er drohen.
    Er, Kranemann, ihn, Flametti arretieren! Flametti lachte. Zur Treppe wird er
ihn spedieren, den Herrn Kranemann. Vors Fenster wird er ihn hängen, wie er die
Möbel seiner ersten Frau, dieser Xantippe, vors Fenster gehängt hat:
    den Nachtstuhl, den Schrank, die Kommode, alles hinaus vors Fenster, an
langen Stricken. Da hol' dir's!
    Das war ein Auflauf auf der Strasse. Mit Fingern zeigten sie auf die
Hausfront.
    Nun, man soll erst mal sehen, wenn die Detektivs draussen hängen! Jeder am
Rockkragen säuberlich zum Lüften aufgehängt. Ist's ein Wunder? Geld hat man
keins. Fürs Loch hat man keine Zeit. Und doch wird man aufs Blut kuranzt ...
Wenn man's bei Licht besieht: die sind doch die eigentlichen Apachen. Mit diesem
Beruf! Warum betreiben sie ihn? Aus Rechtlichkeit? Ganz gewiss nicht. Aus
Ordnungsliebe? Keine Spur. Raufbrüder sind es, verkappte. Herausfordernde
Protzen. Leisetreter. Drohnen der Gesellschaft.
    Auch diese Schäferhunde: das sind schon die rechten! So ein Vieh, ansehen
muss man's: entartete Bestien. Wirf ihnen einen Brocken hin: sie schnuppern nicht
einmal dran. Hochverräter an ihrer ganzen Rasse. Leisetreter wie ihre Herrn.
    In seinem, Flamettis Fall: wowohl, er hatte in Konkubinat gelebt. Die
Scheidung von seiner ersten Frau war noch nicht durchgeführt. Wer beklagte sich
drüber? Niemand. Macht hundertfünfzig Franken Busse. Inklusive Prozesskosten:
hundertachtzig Franken. Sah man von diesem Geld je etwas wieder? Wurde dafür die
Fuchsweide verschönert? Ein neuer Bahnhof gebaut? Flametti reiste wenig. Ihn
interessierte es nicht. Aber die hundertachtzig Franken, die interessierten ihn.
    »Zahlen!« rief er laut und patzig.
    Als er auf die Strasse trat, fielen ihm Jenny und das Geschäft wieder ein.
    Hinüber lenkte er zur Filiale des Tagblatt und gab eine Annonce auf:
»Lehrmädchen gesucht. Kostenlose Aufnahme und Ausbildung. Flamettis
Varieté-Ensemble.«
    Kostete drei Franken achtzig. Er nahm die Quittung und seinen Ausweis in
Empfang und kehrte um. Seine Stimmung, so sehr er auch grübelte, klärte sich
auf.
    Auf dem Brunnplatz hielt ein kleines Gerümpelauto. Ein Mechaniker in blauem
Arbeitsanzug flickte am Reifen. Eine Anzahl Kinder um ihn herum. Die
Verwegensten drückten verstohlen auf die Gummiblase der Hupe, was einige
grunzende, missfarbige Laute zur Folge hatte.
    Flametti stoppte und sah sich den Karren an.
    »Panne?« fragte er den Chauffeur. »Panne«, erwiderte dieser, eifrig
beschäftigt.
    Der Schaden war rasch repariert. Die Kinder des Autobesitzers stiegen auf.
Der Chauffeur ebenfalls. Einige grunzende Laute der Hupe und der Kraftwagen
setzte sich unter dem lauten Johlen der schmutzigen Kinderschar, die sich aus
allen Löchern und Winkeln eingefunden hatte, in Bewegung. Die Kinder des
Besitzers spuckten dabei von ihrem Sitz aus in weitem Bogen und mit aller
Anstrengung auf die Proletarierkinder, die sich hinten angehängt hatten und mit
geknickten Beinen, trompetend, nachschleppen liessen. Ein Auto in der Fuchsweide,
so früh am Abend, war ein Ereignis.
    Die Quellenstrasse wieder hinunter schritt Flametti, vorbei an Ismaëls
Holländerstübli, vorbei an Muselmanns Zigarettengeschäft, wo im Schaufenster der
Philipp sass, den roten Fes auf dem Kopf, Zigaretten fabrizierend; vorbei am
Schlankeren Jacob und an den Geschäftslokalitäten der Heilsarmee, hinein ins
Krokodil.
    »Salü!« grüsste er, setzte sich, kramte in seinen Taschen und brachte zum
Vorschein: ein altes Trambahnbillett und den in der Frühe gekauften hellblauen
Tschibuk.
    »Ist der Beizer da?« Beizer nannte man in der Fuchsweide den Wirt.
    »Jawohl, kommt gleich!« sagte die Kellnerin. Die hiess Anna.
    »Gut!« sagte Flametti und nahm einen kräftigen Schluck aus der frischen
Halben.
    Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor.
    So leicht, wie Jenny sich vorstellte, war es nicht, im Krokodil engagiert zu
werden. Herr Schnabel, der Krokodilwirt, kannte die Vorzüge seines Lokals zu
gut, als dass er für jeden Schnorrer wäre zu haben gewesen. Centrale Lage stand
auf den Empfehlungskarten seines Hotels. Und dem Krokodil, das über dem Eingang
prangte, sagte man nach, dass es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen
getrieben, allwo es, etliche Heiden und Christen im Magen, dem Büchsenschuss
eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war, um gegerbt und entkröst als
Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu verhelfen.
    Nein, es war gar nicht leicht, im Krokodil anzukommen. Denn es war eine
Ehre.
    Wer bei Herrn Schnabel spielte, war ein gemachter Mann. Wen Herr Schnabel
auftreten liess, war ein Ehrenmann. Ein von Herrn Schnabel vollzogener Kontrakt
war ein Ausweis und Leumundszeugnis. Herr Schnabel, mit Annahme und Ablehnung,
teilte Zensuren aus.
    Aber Flametti würde es schaffen. Er hatte sich's vorgenommen. Und hier ist
es am Platz, zu sagen, dass Flametti keineswegs unvorbereitet um eine Konferenz
mit Herrn Schnabel nachsuchte. Er hatte die spielfreien Abende benützt: er hatte
sich umgesehen. Mit Jenny im Germania-Cabaret:
    Stanislaus Rotter, Schnelldichter und Conférencier - man hatte ihn seine
Schmonzes vortragen hören; seinen redegewandten Improvisationen nicht ohne
Gewinn gelauscht. Er war es, von dem Flametti das Heil erwartete.
    Angenommen, der Rotter, alter Bekannter von Max, Stadtgrösse, würde sich, nur
für ein einziges Mal, bestimmen lassen, Flametti ein Ensemble zu schreiben, ein
unerhörtes, ein buntes, nie dagewesenes Gesangstableau: es würde die Kassen
füllen, die Konkurrenz totschlagen, und wäre ein voller Ersatz für den Türken.
Freilich: hingehen musste man, zu ihm, in seine Wohnung; ihn bitten, devotest, um
soviel Güte. Aber wer weiss: vielleicht würde er's tun. Ein gutes Ensemble von
ihm, exotisch, wild, mit der Streitaxt, brutal - und alles wäre in Ordnung. Herr
Schnabel würde nicht Nein sagen können: schon wegen der Konkurrenz. Die
Konkubinatsstrafe könnte beglichen werden. Die Schwierigkeit wäre behoben.
Flametti hatte, wie gesagt, den Tschibuk aus der Tasche genommen, und was war
natürlicher, als dass er dabei an Ersatz für den Türken dachte?
    »Lauf, hol' mir ein Paket Goldshag!« sagte er zur Kellnerin, die neugierig
den Tschibuk bewunderte, und gab ihr Geld. Steckte das Rohr des Tschibuks in den
Mund, blies hindurch, probierte den Zug und besah die Arbeit. Es war die erste
stille Minute seit früh um halb sechs.
    »Ah, Flametti!« trat der Herr Wirt freundlich näher, »wie geht's, wie
steht's? Pfeife rauchen?«
    »Mein neuer Tschibuk«, renommierte Flametti, »fürs Harem.«
    »Neue Ausstattung?« meinte Herr Schnabel. Und mit Bezug auf den Tschibuk:
»Schönes Stück. - Echtes Stück?«
    »Jawohl«, bestätigte Flametti prompt und zuvorkommend. »Tschibuk aus Aleppo.
Echte Arbeit.«
    »Ah, von dem Mechmed«, riet Herr Schnabel aufs Geratewohl. Flamettis
Beziehungen zum Türken waren ihm nicht unbekannt.
    »Nix Mechmed!« beeilte Flametti sich, mit gesundeter Selbstironie hausbacken
zurückzuweisen. »Orientbazar. Sieben Franken fünfzig.«
    »Ist auch besser so«, meinte Herr Schnabel leichtin und nur halb bei der
Sache. Er drehte die Hand in der Hosentasche, verfolgte mit wachsamen Augen den
Hausknecht, der zapfte; die Kellnerinnen, die sich anschickten, den Saal fürs
Konzert herzurichten, und entschwand zum Büfett. Er hatte offenbar viel zu tun.
    Flametti war in Verlegenheit. Was sollte er tun?
    Die Kellnerin brachte den Goldshag und Flametti stopfte die Pfeife. Ein
glücklicher Umstand kam ihm zu statten:
    Frau Schnabel erschien im Lokal, freundlich lächelnd nach allen Seiten, eine
aufgehende Sonne.
    »Sie, Herr Schnabel!« rief Flametti vertraulich, winkte mit dem Kopfe und
griff in die Brusttasche: »Was sagen Sie dazu? Kennen Sie den?« Und lächelte
Madame Schnabel ein »Guten Abend« zu.
    Herr Schnabel, abgelöst am Büfett, trat wieder näher. Aus Flamettis Hand,
zeremoniös umschlossen, stieg eine Photographie in Postkartenformat, darstellend
einen Herrn in den mittleren Jahren, mit englisch gestutztem Schnurrbart,
Schillerkragen und Künstlerkrawatte.
    »Das ist doch der - Rotter?« riet der Wirt. »Jerum, der Rotter!« rief er
erstaunt seiner Frau zu und beugte sich näher, um über Flamettis Schulter hinweg
die Photographie zu betrachten. Auch Frau Schnabel trat näher.
    »Ja, der Rotter«, bestätigte Flametti und stand auf, um die Photographie
auch Madame zugänglich zu machen. »Wissen Sie, wo der jetzt auftritt?« Er war
ein wenig verwirrt, eine Supplikantenrolle zu spielen, wurde verlegen und
lächelte. »Als Schnelldichter im Germania-Cabaret.«
    »So so!« meinte Frau Schnabel skeptisch und dünn, als habe sie den Pips an
der Zunge. Sie neigte den Kopf zur Schulter, drehte die Hand in der
Schürzentasche und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinunter auf ihren
Spangenschuh.
    »Conférencier und Improvisator - Berühmteit!« versicherte Flametti.
»Fünfhundert Franken Gage. Karrieremacher. Feiner Kerl!«
    »Waren ja Freunde, ich und der Rotter«, wandte er sich an Madame. »Je Gott!
Dort drüben« - er zeigte nach einer Nische - »nebeneinander sind wir gesessen
und haben Asti gezecht!«
    Und wieder zu Herrn Schnabel: »Erinnern Sie sich? Und im Bratwurstglöckli
z'Basel: Sie kennen doch den Rotter, was der für 'nen Appetit hat! - Als der
Kaiser nach Bern kam: wer hat das Begrüssungsgedicht verfasst? Erinnern Sie sich?«
    Herr Schnabel hatte die Hand in Zangenform an die Stirne gelegt. »Richtig!«
fuhr er in grossem Bogen von der Stirn weg in die Luft.
    »Macht ja Karriere!« rühmte Flametti und schob klotzig den Unterkiefer vor,
um die brutal vordrängende Energie des Herrn Rotter respektvoll zu
charakterisieren. »Verdient ja ein Heidengeld! Stadtgespräch!«
    »Na und jetzt?« interessierte sich Herr Schnabel.
    »Unnahbar. Nichts zu machen. Keiner kommt an ihn ran. Wie abgeschnitten.«
    Und wieder mit unwiderstehlicher Grossartigkeit zu Madame Schnabel: »Ein
Talent! Der Kerl schüttelt die Verse nur so aus dem Ärmel. Stundenlang.
Phänomenal.«
    »So so!« lächelte Frau Schnabel wie oben, mit einem so liebenswürdig knappen
Misstrauen, dass es Flametti die Glieder lähmte.
    »Elegant!« schwang Herr Schnabel sich auf und versuchte, mit einem
ermunternden Blick auch seine zurückhaltende Ehehälfte zu gewinnen.
    »Tipp topp!« überbot Flametti. »Man muss ihn abends sehen, bei Beleuchtung.
Im Frack. Elegant! Das ist das Wort zu viel!« und etwas wie Ironie und leise
Verachtung mischte sich in Flamettis unendlich überlegenes Interesse. Er war
sich bewusst, seinen letzten Trumpf auszuspielen. Jetzt oder nie.
    »Siehst du, Flametti«, sagte Herr Schnabel unvermittelt und setzte sich an
den Tisch, »so etwas müsstest du engagieren! Mich geht's ja nichts an: aber lass
doch den Kram mit dem Türken und such' dir 'nen Schlager!«
    Flametti klopfte gerade den Tschibuk aus. Er bekam Oberwasser. Das alte,
vertrauliche Du des Herrn Schnabel ehrte ihn. Er steckte die Photographie ein.
»Jawohl! Und wieviel Draufgeld zahlst du mir?«
    »Was Draufgeld! Je nachdem! Zweihundert Franken, dreihundert Franken. Haben
schon vierhundert gezahlt im Monat.«
    »Je nachdem!« lächelte Flametti gerissen und nahm sein Bierglas zwischen die
Hände. »Ist ja Stuss. Aber ich will dir was sagen: Was zahlst du, wenn er mir ein
Ensemble schreibt?«
    »Was zahl' ich?« gigampfete Herr Schnabel. »Kommt drauf an!« Und er stieg
mit der Stimme. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz und strich sich den
Schnauzbart.
    Frau Schnabel kannte das Gehaben ihres Gatten. Sie wusste: jetzt kam's zum
Geschäft. Sie zeigte ein Lächeln, das schon im voraus ihre Zustimmung zu allen
etwaigen Massnahmen des Gatten zum Ausdruck brachte. Ein Lächeln, das, drüber
hinaus, Ermutigung zu bedeuten schien für den glücklichen Kontrahenten, dem es
gelungen war, das Interesse ihres Gemahls, des Herrn Schnabel vom Krokodil, zu
erregen.
    »Minimum!« rief Flametti, der nun einmal den Schnabel gefasst hielt und nicht
gewillt war, ihn wieder loszulassen.
    »Kommt darauf an, was ihr bringt!« schaukelte Herr Schnabel sich von den
Absätzen auf die Zehenspitzen und von den Zehenspitzen wieder auf die Absätze.
Flametti zählte an den Fingern seine Mitglieder her: »Zehn Personen. Drei
Lehrmädel.«
    »Gut«, sagte Schnabel, »wenn du was bringst von dem Rotter, und alles
anständig, dezent -: dreihundert Franken und am fünfzehnten könnt ihr kommen.«
»Abgemacht!« schwitzte Flametti und streckte Herrn Schnabel die Hand zu über den
Tisch. »Anna, 'ne Halbe!«
    Jenny lag schon zu Bett, als Flametti von diesem an Aufregungen reichen Tage
nach Hause kam.
    »Na, Max, was ist? Was hast du erreicht?« Sie war sehr besorgt.
    »Engagement im Krokodil. Fünfzehnten fangen wir an.«
    Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn. »Aber
was spielen wir denn?«
    »Morgen geh' ich zum Rotter.«
 
                                      III
Seltsame Dinge begaben sich im Hause Flamettis. Ein Brief kam an von Mechmed.
Darin stand:
Mein lieber Freund!
    Ein schamloser Verdacht! Ich sitze hier in den Händen der Polizei und kann
nicht heraus. Mein ganzer Besitz, einige Kilo Haschisch, konfisziert. Was wollen
sie von mir? Ich habe keine Schuld an dem Anlass. Hilf, Bruderherz! Im Namen der
Freundschaft. Mechmed sitzt in den Händen der Polizei. Die Hände der Polizei
geben schlechtes Essen und kein Luft. Und die Seele schreit mit dem Dichter:
Eilende Wolken, Segler der Lüfte,
Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte!
                                                            Dein Freund Mechmed.
Und da der Brief keinen Stempel der Bezirksanwaltschaft trug, wusste Flametti,
dass Mechmed seinem Handwerk treu geblieben war, würgte ein schadenfrohes
Gelächter und beeilte sich, seine Probetüten zu Mutter Dudlinger beiseite zu
schaffen.
    Und ein zweiter Brief kam an; für Frau Häsli; den sie vorlas mittags bei
Tisch. Darin stand:
    Mein heissgeliebtes Herz!
    »Hört ihr?« rief sie, »heissgeliebtes Herz schreibt der Narr!«
    Mein heissgeliebtes Herz!
    Sie haben mich genommen, ...
    »Bein Militär«, erklärte sie.
     ... und es geht mir hier sehr gut. Ich habe acht Tage Dienst zu machen.
Dann werde ich beurlaubt. Nichts ist's mit dem Jodeln. Ich blase die Trompete,
trotz meiner Zahnlücke ...
    »Er blost, er blost«, schrie Frau Häsli und versuchte, den durch die
Zahnlücke blasenden Gatten mit schief gezogener Schnauze zu vergegenwärtigen.
    »Ich blase die Trompete und der Hauptmann ist sehr zufrieden mit mir.
Strenger Dienst, und ich denke Dein in Liebe. Bleibt mir treu ...«
    »Toni, bleib' ihm treu!« schwadronierte die Alte.
    Bleibt mir treu und ehret mein Angedenken.
    Frau Häsli machte eine verdutzte Pause. »Ehret mein Angedenken?«,
wiederholte sie befremdet. Dann auf jedes seiner Worte deutend:
    Meine Blicke ruhen auf euch und verfolgen jeden euerer Schritte.
    »Jawohl«, bemerkte Frau Häsli, »da kannst du lange verfolgen, mein Lieber!
Hähä! Seine Blicke verfolgen uns! Ja, übermorgen! Blos du die Trompet'! Er blost
die Trompet'! Der Häsli blost und seine Schritte verfolgen uns!«
    Süsse, geliebte Lotte,
    fuhr sie fort,
    schick' mir ein Paar warme Unterhosen und schreibe mir ausführlich! Ich
sehne mich nach euch und zähle die Tage bis zu meiner Rückkehr.
    »Gott sei Dank!« sagte Frau Häsli und schob den Brief in ihren Brustlatz,
»jetzt ham sie ihn. Sollen ihn nur recht zwiebeln. Ich werd' dem Hauptmann schon
schreiben, dass er ihn sobald nicht wieder loslässt. Wie gesund der ist, wenns ans
Prügeln geht! Heissgeliebtes Herz! Ja, Scheibenhonig!«
    Und ein dritter Brief kam an, für Flametti, aus Basel. Darin stand:
    Werter Freund und Kupferstecher! Flametti!
    Indem uns Deine Karte sehr gefreut hat, hätt'st auch einen Brief schreiben
können. Damit man weiss, was ihr bringt en détail. Ich bin bereit, Dich zu
akzeptieren für die fragliche Zeit und wenn ihr gefällt, dann noch länger. Die
Alte kommt zu euch hinübergerutscht für einen Tag, weil sie noch andere Affären
hat, und dann könnt ihr einig werden. Die Alte lässt grüssen. Grüss auch Jenny und
bringt was rechtes mit.
    Sacré nom du dieu!
                                                   Dein Fritz Schnepfe und Frau,
                                                            Varietélokal, Basel.
Und Flametti nahm den Ausbrecherkönig beiseite und sagte: »Komm' mit!« Und sie
gingen zum Einkauf und brachten zurück: Fünf Bettvorleger aus getigertem Fell
und eine Negerlanze von den Sunda-Inseln, die sie erstanden hatten bei Herrn C.
Tipfel, Antiquariat, wo Briefmarken, Seesterne und Smaragdkristalle in
schillernder Auswahl das Schaufenster zierten.
    Und überhaupt: eine gesteigerte Tätigkeit bemächtigte sich Flamettis. Leben
kam in die Bude.
    Niemand ausser Jenny und Engel wusste, was die fünf Bettvorleger sollten. Aber
sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehörte, musste mit den Händen
drübergestrichen und sie für gut befunden haben.
    Sie blieben zunächst im Esszimmer liegen. Sechs Franken neunzig das Stück.
Fünfunddreissig Franken die Partie.
    Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister
beiseite und sagte: »Herr Meyer, morgen nachmittag fünf Uhr: Soloprobe. C-Dur.«
Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die Bewegung heftigen Klavierspielens.
    Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fünfundsiebzig, schwarz,
beim Globus.
    Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und man
servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fräulein Rosa musste ihn unterhalten,
weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber einkaufen gehen musste, um
aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der Felle auf den roten Biber Kostüme zu
fertigen von wilder, unerhörter Farbenpracht.
    Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so
brillant, dass Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken Abendmantel zu
kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.
    Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuss, eine schöner als die
andre. Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute.
    Fräulein Güssy lang, überlang, so was Langes haben Sie noch nicht gesehen.
Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln, grossen dunklen Kuhaugen
und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre. Fräulein Traute kräftig, rosenrot,
Hakennase. Stets kichernd und schamrot über den eigenen Busen, der prall und
anbötig vorn abstand, und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Händen
über die Hüften hinunterzuglätten: achtzehn Jahre.
    Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und all dies
Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa, hinter den Bretterverschlag,
zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft dabehalten, und suchte sogleich mit
Eifer sich nützlich zu zeigen.
    Und Besuch kam nachmittags: Fräulein Raffaëla, Tänzerin, und Fräulein Lydia,
Tänzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichen Mutter Donna Maria
Josefa.
    Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame. Sie setzte beide Hände
trommelnd auf die Tischplatte und liess ihre Augen schweifen, ohne den Kopf zu
bewegen.
    Ihre Nase war etwas gerötet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre
schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiss, das mit wahren Haifischzähnen
besetzt war.
    Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Töchter setzten
sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:
    »Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch? Mama, nimmst
du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?«
    Und Flametti sagte: »Jaja, Frau Scheideisen!« So hiess Donna Maria Josefa mit
ihrem Privatnamen.
    Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den Töchtern:
    »Greif zu, Raffaëla! Greif' zu, Lydia!« wie zu alten Bekannten.
    Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als sässe sie bei einer
Eröffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und lächelte gemessen, wenn man
höflich war.
    Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht übel, arrangiert und
eingefädelt, um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten, die üppiger wurde
von Tag zu Tag. Die sass jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender
Bewunderung beim Anblick der Goldknöpfe von Donna Maria Josefas Blusenbusen.
    Es begab sich aber, dass auch zwei Detektivs erschienen, eines Nachmittags -
schon wieder, Kreuzdonnerkeil! -, an die Türe klopften, ganz sachte, und
Flametti zu sprechen wünschten, zwecks einer Auskunft.
    Und er ging hinaus vor die Tür, nahm die Detektivs in die Küche und
verhandelte mit ihnen.
    Und eine innere Stimme sagte Flametti: Verdirb dir's nicht! Häng' sie nicht
vors Fenster, sondern mach' Ihnen Vorschläge zur Güte!
    Und das tat er auch. Aber es nützte nicht viel. Noch immer wegen der
Quittung.
    Und er stiess die Tür auf und kam hereingestürzt in die Stube, schloss seine
Hauptkasse auf, stürzte den Inhalt auf den Esstisch und schrie sehr erregt zu den
skeptisch nachfolgenden beiden Beamten:
    »Was wollt ihr denn? Seid doch vernünftig! Kann ich denn zahlen? Seht
selbst! Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld! Da ist mein Ensemble ...«
    »Jenny, Rosa, Güssy, Traute!« rief er, und die kamen von rechts und links,
im Unterrock, mit offenen Haaren, mit Lockenschere, Schuhknöpfer und
Seifenhänden ...
    »Da ist mein Ensemble«, rief er, und zerrte die Damen mit langen Armen zu
sich heran, »man arbeitet doch! Man rackert sich ab! Man studiert, simuliert!
Man zahlt seine Steuern, man tut sein Möglichstes ...«
    Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch. Und es ist nicht einmal
unwahrscheinlich, dass der Anblick so unterschiedlicher Frauenspersonen, in
Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert, ihr Misstrauen noch bestärkte. Sie
notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in die Küche. Jetzt
handelte sich's um den Mechmed.
    »Haben Sie einen Türken gekannt: Ali Mechmed Bei?«
    »Ja.«
    »Haben Sie mit ihm in Geschäftsverbindung gestanden?« »Nein.«
    »War Ihnen bekannt, dass er mit Kokain, Opium und Haschisch handelte?«
    »Ja.«
    »Nehmen Sie selbst Opium?«
    »Nein.«
    »Haben Sie Kommissionsdienste für ihn übernommen?«
    
    »Nein.«
    »War Ihnen bekannt oder mutmassten Sie, dass seine Waren geschmuggelt waren?«
»Nein.«
    »Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« etc.
    Flametti gab Antwort auf all' diese Fragen nach bestem Wissen und Gewissen.
Denn er hatte nichts zu verbergen. Aufgeplustert vor Wut und verlegen wie ein
Schuljunge.
    Und sie nahmen ihn nicht in Haft. Und wegen der Quittung würde er eine
Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner Vermögenslage.
    Flametti wurde furchtbar nervös im Lauf dieser Tage. Offenbar: grosse Dinge
standen bevor. Wichtige Dinge. Geheimnis tut not, wo Schicksale schweben.
Störung ist fernzuhalten.
    Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble, das Herr Rotter ihm zugesagt
und bestimmtest versprochen hatte, nicht viel mehr, als dass die Musik in C-Dur
ging; dass es voraussichtlich Die Delawaren hiess, und dass er selbst, Flametti,
den Häuptling Feuerschein vorstellen würde, mit Lanze, Pfeilen und Tomahawk.
    Aber gerade die letztere Aussicht, die Rolle des Häuptlings Feuerschein, die
Flametti bevorstand in den Prachtworten, die Herr Rotter sicherlich für ihn
finden würde; im exotischen Aufputz voller Glut, Farbenpracht und Majestät; -
Adlerfedern über den Rücken hinunter; Sandalen unten, Hakennase oben -
veränderte gewissermassen Flamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance.
    Jetzt erst verstand er, weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble, Auftreten
und Spielen verleidet gewesen; weshalb ihm all' seine letzten Tableaus so
seicht, geistlos und platt erschienen. Schon diese Titel: Die Modeweiber, Die
Nixen, Die Nachtfalter! Was konnten sie einem geben? Weiberzeug, süsslicher
Schnack. Kitsch, Bruch.
    Widerwillig hatte Flametti sie Abend für Abend im Repertoire geführt.
Löckchen, Gefältel, Plissées, Frou-Frou -: er konnte nicht mehr. Er empfand
einen Brechreiz. Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden. Was
Wunder! Sie standen im Mittelpunkt.
    Dagegen: Die Delawaren! Wie das klang! Stierig, männlich, farusch, imposant!
Das war eine Sache. Das schuf Respekt. Da liess sich was ahnen!
    Flamettis Benehmen wurde, schon jetzt, simpler, beruhigter, breiter. Seine
Energie zäher, verbissen. Sein Selbstgefühl mächtig. Die Löwenbrust wölbte sich.
Wenn er die Hand auf den Tisch legte, zitterte dieser. Früher hatte er nicht
gezittert. Wo Flametti hingriff, wuchs jetzt kein Gras mehr. Wen Flametti ansah,
zuckte zusammen, erbleichte.
    Er liess, im Geist, seine Freunde Revue passieren und beschloss, zu lieben und
hassen nur noch tödlich. Früher hatte er mit sich reden lassen.
    Er beschloss, alle minderen Qualitäten aus seiner Gepflogenheit auszumerzen.
Beschloss, seine Gastfreundschaft auszudehnen und selbstverständlicher zu
gestalten. Beschloss, mehr zu sitzen, zu liegen. Weniger Aufregung, mehr Schwere
und Weihe.
    Seine Leidenschaft für Narkotika und für Alkohol solle befestigt werden.
Opium: sehr gut. Feuerfressen: sehr gut. Das passte. Und er beschloss, die
Feuernummer von nun an wieder öfter und mit mehr Finsternis in der Geste zum
Vortrag zu bringen.
    Nicht soviel Anpassung. Mehr Würde. Magie. Nicht soviel Worte. Mehr lautlose
Tat. Im ganzen: Vereinfachung. Wucht.
    Und eines Morgens, als Flametti, in Träume versunken, vor die Tür seines
Wigwams trat, im vollen Waffenschmuck, mit vergifteten Pfeilen; den Rauch seiner
Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen: erhob sich ein solches Gekreische,
Gelächter und Girren im Lattenverschlag bei den Tauben, dass Flametti beschloss,
ein Exempel zu statuieren.
    Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett, im Hemd, mit Bravour, und hinüber
zum Lattenverschlag.
    Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten.
    Drein fuhr Flametti mit derber Hand und lüpfte die Decke.
Es leuchtet der Mond in der Gondelnacht
Blank, blänker, am blänksten.
Und Flametti griff zu und es klatschte.
    Und die Lange flüchtete aus dem Bett. Und die Dralle mit dem geschamigen
Busen schrie. Und die, die es traf, Rosa, die Sklavin, rang die gefalteten
Hände, und flehte und sträubte sich fruchtlos gegen die sehnigen Häuptlingsarme.
    Stolz kehrte Flametti zurück, die Brust geschwellt von männlichem Furor, die
Augen gerollt vor strahlender Lust, und sagte zu Jenny, die neben ihm lag: »Die
sollen mich kennenlernen!«
    Neueinstudierungen wurden angeordnet unter Jennys Leitung, weil Max
anderweitig beschäftigt war. Alte Kostüme wurden, unter Beteiligung der
Lehrkräfte, repariert und aufgebügelt. Die neuen Kostüme probiert.
    Und auch die Damen Jenny und Laura bekamen jetzt Lanzen, aus Besenstielen,
rundum bemalt, gelb, grün und blau. Oben eine Spitze aus Goldblech.
    Und damit auch das übrige Ensemble nicht müssig ging, hatten Engel und Bobby
Beleuchtungsproben mit bengalischem Rot, wozu sie die Pfanne und Pulver besorgen
mussten.
    Herr Arista studierte ein neues Lied:
Nur immer raus damit, nur immer raus damit!
Wozu haben wir's denn? Na ja!,
was sich auf seinen Busen bezog.
    Auch die Häslis hatten für neues Programm zu sorgen und studierten mit dem
Pianisten das interessante Terzett Schackerl, Schackerl, trau di net!, das Frau
Häsli ausgesucht hatte, an dem sich aber nach seiner Rückkehr vom Dienst auch
Herr Häsli beteiligen sollte.
    Es war offensichtlich Flamettis Ehrgeiz, aus der Premiere dieser Indianer
einen Festzug zu machen, ein Ruhm- und Gedenkblatt für sich und das ganze
Ensemble.
    Wer weiss, was für Intentionen mehr er damit verband, was für Erbauungen und
Hintergedanken! Soviel Sorgfalt wie auf dieses Ensemble hatte er noch auf keines
verwandt. Soviel Aufwand und Wichtigkeit waren kaum zu erklären.
    Ein Plakat liess Flametti entwerfen von einem ersten Maler der Fuchsweide.
Darauf stand in Majuskeln: »Die Indianer.«
    Abgebildet war Flametti als Häuptling Feuerschein in vollem Federnaufputz,
Rotaut über und über, mit Ohrringen, Funkelaugen und einer Kette aus
Bärenzähnen.
    Darunter aber stand: Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis
Varieté-Ensemble.
    Hinging Max zu Herrn Fournier, dem Vorstand der Eisenbahner-Kapelle, und
fragte ihn, ob er bereit sei, mit fünfzig Mann Blasorchester zur Stelle zu sein.
Und welche Konditionen.
    Vorsprach Flametti beim Beizer und legte ihm den Gedanken nahe, um Freinacht
und Tanz einzugeben bei der Polizei, was Herr Schnabel zwar überrascht, aber
bereitwillig versprach. Er hatte ja keine Ahnung.
    Und zur festgesetzten Stunde traf Flametti Herrn Rotter im Terrassencafé.
    Der Rotter war elegant wie immer. Er las gerade die Daily Mail - ob er das
konnte? Ob das nicht Getue war? -, lud Flametti mit einer raschen, geschickten
Handbewegung ein, Platz zu nehmen, setzte den Kneifer vor seine lidlosen,
entzündeten Augen, rieb sich die Nase und zückte das Manuskript aus der Mappe.
    Flametti bestellte ein Pilsner, und dann befummelten sie die Affäre.
    »Also sieh her, Flametti!« sagte Herr Rotter, »das ist der Dreck.« dabei wog
er das Manuskript auf der Hand.
    Flametti beugte den Oberkörper herunter aufs Knie und rauchte Zigarre.
    »Also es ist so: Die Delawaren. Du machst den Feuerschein. Die andern, die
Weiber, fünf Stück, machen die Bande. Ausstattung: Fellkostüme, wie gesagt,
Lanze, Tomahawk, Kopfaufputz. Musik: C-Dur. Beleuchtung: Rot. Einstudieren musst
du's selbst. Hier ist der Text.«
    Flametti bemerkte sofort, dass Herr Rotter Eile hatte, und beeilte sich
seinerseits, aus der Brusttasche einen Fünfzigfrankenschein in Bewegung zu
setzen, der als Honorar vereinbart und von Mutter Dudlinger mit riskierender
Teilnahme vorgestreckt worden war.
    »Hier«, sagte Flametti, indem er den Schein auseinanderfaltete, »jeder
Arbeiter ist seines Lohnes wert.«
    »Ah was, Bagatelle!« sagte Herr Rotter und steckte den Schein nachlässig in
die Rocktasche.
    Flametti hatte sofort das Gefühl: »der ist das Einheimsen gewohnt!« und
erinnerte sich jener erstaunlichen Fertigkeit, mit der Herr Rotter im
Germania-Cabaret die Pausen füllte durch Selbstverkauf seiner Gesammelten Werke.
    Flametti nahm das Ensemble jetzt an sich mit beiden Händen und begann zu
lesen.
    »Na, kannst es zuhaus in Ruhe studieren!« meinte Herr Rotter, »es klappt.
Sei versichert!«, und intonierte probeweise die erste Strophe.
    Flametti gingen die Augen über vor Bewunderung.
Die letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren - - - -.
Ausschritten die Rhytmen in gravitätischer Folge.
    Flametti fühlte, wie seine Nase schärfer wurde, energischer: eine Adlernase.
Seine Augen kühner, verwegener, sprühend. Er fühlte die Lanze in seiner Faust.
Die Federbüschel liefen ihm kalt über den Rücken hinunter. Sein Unterkiefer
schob sich vor in bestialischer Vehemenz.
    Der Ober, beladen mit einem Pack Zeitungen und einem Cafécrème, schlängelte
sich zwischen den Tischen hindurch und stiess an den Stuhl. Flametti wäre ihm
knapp an die Gurgel gefahren. So schreckte es ihn aus der Illusion. »Klappt
alles. Unbesorgt!« versicherte Rotter.
    »Hören Sie zu«, sagte Flametti, »ich hab' ein Plakat machen lassen: Die
Indianer. Grossartig, imposant. Dreissig Franken. Beim Lemmerle. Kennst ihn doch!«
    »Schon gut! Mach' was du willst mit dem Dreck!« sagte Herr Rotter und
drückte den Klemmer fest. »Ist ja nicht mein Beruf. Macht man so nebenbei.«
    »Schau«, meinte Flametti treuherzig und verlegen, »mich packt's. Musst nicht
so sprechen. Mir tut's weh. Mich freut's halt. Akkurat weil du mir die Indianer
gemacht hast. Siehst du, ich hätte dir auch einen Hunderter gegeben, wenn du's
verlangt hätt'st.«
    Rotter kraulte sich mit dem Taschentuchzipfel im Nasenloch und sah über den
Kneifer weg Flametti an, als traue er seinen Ohren nicht.
    »Wirst mal sehen«, meinte der, »wenn die Beleuchtung dazu kommt, Musik,
Reklame, der ganze Klimbim!« Und er versuchte, durch gleichzeitige Anspannung
aller Gesichtsmuskeln, Wackeln der Ohren, vorgeschobenen Unterkiefer, Hochziehen
der Brauen, einen Begriff zu geben von der Schlagkraft der Dinge, die dann
kommen würden.
    »Apropos«, behielt Rotter sich vor, »bei der Hauptprobe will ich dabei sein.
Damit ich auch sehe, was ihr draus macht.« »Sowieso«, beruhigte Flametti. Und um
zuverlässig zu beweisen, dass das Ensemble in guten Händen sei: »Fünfzig Mann
Blasorchester!« Und nahm einen tiefen Schluck Pilsner.
    »Das ist alles nichts«, meinte Rotter, »wenn ihr den Schick nicht trefft.
Wenn das gewisse Etwas fehlt.«
    »Es kommt«, versicherte Flametti, »da ist das Wort zuviel.«
    »Na, wollen mal sehen«, schloss Rotter und griff nach der Daily Mail.
    Flametti fühlte sich unbehaglich.
    »Zahlen!« rief er, »hab's pressant!« und der Kellner kam, und Flametti
reichte Herrn Rotter indianisch die Hand, sagte »Salü!« und »Merci!« und ging.
Ein unerhört despektierliches Wort unterdrückte er, als er das Lokal verliess. Zu
Hause aber warf er sich aufs Sofa und las. Las mit immer wilderem Entzücken,
immer hellerer Begeisterung. Las das Ensemble von A bis Z, ertrank darin; ritt,
galoppierte, rasselte, tobte; donnerte, blitzte und fluchte; strahlte und
weinte, lachte und staunte.
    Setzte sich hin und schrieb mit kalligraphischen Lettern, Silbe klar an
Silbe reihend - er war ja der Sohn eines Lehrers - die Rollen heraus.
    Sprechproben wurden angesetzt; Ensembleproben. Die Rollen wurden verteilt.
Persönlich probte Flametti vor dem Spiegel.
    Probierte mit den Mädels, teilte Ohrfeigen aus, rannte Köpfe an die Wand;
schrie, brüllte und fluchte.
    Konnte gar nicht Worte genug finden, sein Erstaunen über die Bornierteit
dieser Weiber, Jenny und die Soubrette mit eingeschlossen, kundzugeben.
    Es ging denn auch rapid vorwärts. Nach drei Tagen sass schon der Text. Nach
weiteren drei Tagen sassen auch die Bewegungen, Auf- und Umzug des Ensembles auf
der Bühne.
    Was hatten die armen Weiber alles für Vorstufen durchzumachen, bis sie
wirkliche, richtige, echte Indianer waren! Kalb, Ochs, Esel, säbelbeiniges
Frauenzimmer, Schmerbauch, Mistvieh, Bauer! Was alles mussten sie anhören in
hartem Ringen um die Kunst!
    Und erst die Bewegungen! Bis die sassen! »Links! Links! Links herum,
Stoffel!!!« ... »Vor, die Lanzen! Hoch den Tomahawk! Runter aufs Knie!« ... »Um
mich herum! Vor mich hin! Ich beschütze euch!« ... »Apoteose! Verklärung!
Verklärte Augen sollst du machen, Mistvieh damisches!« - Und die Musik, bis die
sass! »Hörst du denn nicht?? Sperr' deine Löffel auf! Wozu hast du denn deine
Windfänger! Die Nasenlöcher kannst du doch auch aufsperren!« ... »Den
Allerwertesten werd' ich dir treffen, wenn du nicht aufpassen willst.
Himmelherrgottsakrament, sperr' deine Ohren auf!!!!«
    Aber dann ging's auch wie am Schnürchen, nach sechs Tagen, und alle waren
des Lobes voll und bekamen allmählich Geschmack an der Sache und machten die
Bewegungen von selbst; auch bei Tisch, beim Zubettgehen, beim Morgenkaffee; im
Hemd und in Unterkleidern. Sangen, pfiffen und trällerten die Musik vor sich
hin, die Herr Meyer feinsinnig aufgefasst hatte und kongenial wiedergab.
    Und Flametti studierte solo mit Meyer ein: den Auftritt des Häuptlings.
    Unten in der Musik muss es donnern und blitzen: Brwrr, brwrrrr, worgeln und
tremolieren. Dann muss die rechte Hand höherlaufen. Feuerschein kommt von links,
späht durch das Kulissenfenster der Bauernstube, drohend, erschrecklich, in
hohem, dämonischem Federnschmuck, mit der Lanze. Kommt dann heraus auf die
Bühne, vorsichtig, schleichend, verfolgt, den Kopf spähend vorgestreckt, die
Halsmuskeln gespannt, den Tomahawk mordbereit. Verschwindet unter Donner und
Blitz der Musik in der Kulisse rechts. Es beginnt das eigentliche Ensemble.
C-Dur. Andante. Mächtig und breit: Auf dem Kriegspfad:
Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren ...
Dann haben zu singen die Weiber, mit vorstellender Handbewegung zu Flametti
gewandt:
Der tapfre Häuptling Feuerschein ...
Und Flametti antwortet mit stolz erhobenem Haupt und gestrafften Zügen:
Mit seinen wilden Mägdelein ...
Dann tutti, zum Publikum gewandt mit dargebotener Rechten:
Entbieten euch die Freundeshand
Zum Gruss. Schlagt ein!
An den Türken dachte Flametti nicht mehr, seit er Indianer geworden war. Aus dem
Opiumhandel war nichts geworden. Desto besser. Wenn nicht, dann nicht! hiess es
in einem Couplet der Soubrette.
    Dafür hatte Flametti jetzt selbst einen Harem, und gewissenhaft war er
darauf bedacht, seiner Illusion Greifbarkeit zu verleihen. Einteilte er seinen
Wigwam in drei Gemächer.
    In der Mitte die Stube wurde das Häuptlingszelt, wo man Beratung pflog,
Botschaften empfing, Mahlzeiten einnahm, Siesta hielt. Das Schlafzimmer rechts
davon ward zum Gemach der obersten Lieblings- und Hauptfrau. Der
Bretterverschlag links Kemenate der Favoritinnen und Nebenfrauen.
    Das ideal in der Mitte gelegene Hauptgemach erregte zwar den heftigen und
unverhohlenen Widerspruch der Lieblings- und Hauptfrau, aber Flametti liess sich
nicht beirren, und bald hatte er es denn auch dahin gebracht, den Begriff seiner
männlichen Würde und Überlegenheit von den Kebsweibern akzeptiert zu sehen. Und
es war ein zwar ungewöhnlicher, aber in seiner Totalität strammer Anblick für
Mutter Dudlinger, eines Tags den Häuptling in vollem Kriegsschmuck zu finden
beim Anprobieren der fertigen Fransenhosen, um ihn herum die Haupt- und die
Nebenfrauen, hockend mit Herstellung kleiner roter Lämpchen beschäftigt, die
dazu bestimmt waren, von den Delawaren auf dem Kriegspfad an langen Schnüren als
Beleuchtungskörper geschwungen zu werden. Herr Schnabel, der Wirt, hatte sich
nämlich das bengalische Pulver verbeten, des unbändigen Gestanks wegen, den die
beiden Feuerwerker schon auf der Probe damit hervorgebracht hatten.
    Solcherlei Zurüstungen konnten der Konkurrenz nicht verborgen bleiben.
    Der Neid war grenzenlos. Die Versuche, Flametti das Wasser abzugraben,
gingen ins Lächerliche.
    Pfäffer zeigte an:
    Die exzentrische Schwiegermutter oder eine Nacht am Orinoko. Posse in drei
Akten!
    Einen absonderlichen alten Onkel mit Botanisierbüchse und rotem Regenschirm
sollte Fräulein Mary singen, eine zwar nicht mehr jugendliche, aber sympatische
Darstellerin, von der Jenny beruhigt voraussah, dass sie mit ihren Beinen eines
alten Kaleschengauls, abgewetzt, knollig und dürr, notwendig müsse Fiasko
machen.
    Ein andrer Direktor begann ebenfalls Indianer einzustudieren, die er
Komantschen nannte. So dass Flametti sich genötigt sah, unter das Plakat des
Herrn Lemmerle noch setzen zu lassen: Jede Nachahmung verboten! Wer die Idianer
nachmacht, wird gerichtlich verfolgt!
    Den Vogel aber schoss Ferrero ab. Unter Zuhilfenahme massloser Reklame zeigte
er an: Lullu Cruck, König aller Bauchredner! Man lacht, lacht, lacht!
    »Krampf!« lachte Flametti, »Macht er ja selbst.«
    Flamettis Selbstgefühl erreichte den Gipfel. Und als eines Tages die Zusage
des Herrn Fournier eintraf wegen der fünfzig Mann Blechmusik; als Herr Schnabel
die Erlaubnis vorzeigte für Freinacht und Tanz; als endlich die Hauptprobe
angesetzt werden konnte, da fand er sogar den Mut, dem Rotter die Spitze zu
bieten. Und das war gut, denn um ein Haar wäre durch Rotters provozierendes
Benehmen noch auf der Hauptprobe alles gescheitert.
    Haltlos ironisch, wie es seiner Gemütsart entsprach, kam Herr Rotter am Tage
der Hauptprobe an in Lackstiefeletten und Streifenhosen, den Koks keck auf den
Kopfwirbel geschoben: Dandy, Geniesser und Zyniker.
    »Nu man los!« rief er, indem er sich vorn an die Bühne placierte, Arme und
Beine verschränkt, an den Wirtstisch gelehnt.
    »Hoch mit die Röcke!« rief er dem vorhangbedienenden Engel zu.
    »Wa?« schnodderte er die Kellnerin an, die ihn nach seinen Belieben fragte.
    Flametti verstand nicht, wie sich ein Mensch seinem eigenen Geisterprodukt
gegenüber so heillos frivol benehmen könne. Ihn schauderte. Doch er versuchte,
gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und schwieg.
    Als aber der Auftritt kam:
    Die Letzten von dem Stamm der Delawaren - die selbstverfasste
Häuptlingsouvertüre unterdrückte Flametti in einer Anwandlung von Unsicherheit
-, als also der Auftritt kam und Herr Rotter in ein prustendes Gelächter
ausbrach, und als infolge der höchlichen Laune des Herrn Autors auch die
fellgegürteten Weiber auf der Bühne anfingen, die Sache lustig zu finden, da riss
Flametti die Geduld.
    Auf den Hacken drehte er sich vor Wut wie ein kirrender Hahn. Die Lanze
stiess er auf den Boden, dass das Bauernhaus rechts und die Renaissancelandschaft
im Hintergrund ins Wackeln gerieten. Hochrot wurde er im Gesicht wie ein Puter.
Und er schrie mit drosselnd erhobenen Händen im Dialekt seiner Heimat über die
Rampe hinunter:
    »Wellet Se sich nit einen Augenblick auf Ihre vier Buchstaben setzen, Herr
Dichter? Nur einen Augenblick, wenn es gefällig ist! Sie seh'n doch, dass hier
gearbeitet wird.«
    Der Rotter war ganz überrascht. Das war ja eine unglaubliche Frechheit von
diesem Flametti! Was fiel dem eigentlich ein! Das war doch die Höhe!
    Hoch hob er sein Stöckchen, fjetzte es durch die Luft und rief auf die Bühne
hinauf:
    »Sie, hören Sie mal: Hab' ich mit Ihnen vielleicht mal die Schweine gehütet
oder hab' ich Ihnen das Ensemble geschrieben? Das Frauenzimmer dort mit der
Gurkennase ist doch unmöglich!«
    Das Frauenzimmer mit der Gurkennase war Fräulein Rosa. Und Flametti sah hin
und stand einen Moment lang betroffen. »Ich hab' das Ensemble doch, Gott
verdamm' mich, für Hakennasen und nicht für Himmelfahrtsnasen gemacht!«
    Er schlug mit dem Stöckchen C-Dur an und rief:
    »Na, mal weiter!«
    Aber Flametti war jetzt die Lust vergangen.
    »Lassen Sie das Klavier in Ruh!« schrie er herunter und fuchtelte mit der
Lanze. »Was fällt Ihnen eigentlich ein? Sind Sie hier Direktor oder ich?«
    Herr Rotter jedoch wurde auffallend ruhig, nahm sachte sein Stöckchen von
den Tasten, rückte die Mütze zurecht und sagte:
    »Hören Sie mal! Wenn Sie glauben, Sie Botokude, mich für Ihre fünfzig
Franken hier anschreien zu können, dann sind Sie im Irrtum.«
    »Und Sie«, rief Flametti, stellte die Lanze hin und sprang, in vollem
Häuptlingsschmuck, über die Bühne herunter, »machen Sie, dass Sie rauskommen.
Raus! Ich habe genug von Ihnen.«
    Und da Herr Rotter als Antwort hierfür nur ein spöttisches Grinsen hatte,
die Stirnhaut hochzog, die Ohren bewegte und den Blöden spielte, packte Flametti
den Patron am Ärmel und spedierte ihn höchst persönlich durch das Lokal zum
Büfett, wo Herr Schnabel automatisch und ohne zu fragen sich seiner annahm und
ihn im Hinblick auf seine moralische Zweideutigkeit vor die Türe setzte.
    Nachdem der Dichter entfernt war, ging alles glatt. Von vorne, von vorne,
und nochmal von vorne, bis dass es sass.
 
                                       IV
Am siebzehnten fand die Premiere statt. Schon am frühen Morgen herrschte im
Hause Flametti beträchtliche Aufregung. Es war noch nicht sieben Uhr früh, als
sich die Frauen aus dem Favoritinnengemach schon stritten um das Vorrecht, für
diesen Ehrentag Flametti-Feuerscheins Stiefel putzen zu dürfen.
    Fräulein Traute hatte sich im Lauf der letzten Tage das Reinigen der
Häuptlingsstiefel zu ihrer ganz besonderen Domäne gemacht. Kaum regte sich in
der Frühe das erste Gurren und Flattern der Turteltauben, so sprang sie schon
aus dem Bett, hin zum Gemach der Hauptfrau, vor dessen Türe die Knöpfelschuhe
der Frau und die Zugstiefel Flamettis in trunken übernächtiger Kameradschaft
beisammenstanden, nahm die Häuptlingsstiefel weg, liess die Hauptfraustiefel
stehen und rannte in die Küche nach dem Putzzeug, um den beiden anderen
Favoritinnen zuvorzukommen. Heute aber hatte sie sich verrechnet. Denn während
sie in fliegendem Negligé zu der Schlafzimmertür rannte, rutschte auch Fräulein
Rosa über die Bettkante herunter und eilte hinaus in die Küche, um Bürste und
Putzzeug an sich zu nehmen. Güssy aber, die im Nu, zurückbleibend, die Chancen
des kommenden Streits berechnet hatte, langte sich ihre Beinkleider und zog sich
an, fieberhaft. Ihr Temperament war stiller, phlegmatischer, heiss. Aber soviel
wusste sie: Angekleidet würde sie bei einem Streit vor ihren im Hemd stehenden
Rivalinnen im Vorteil sein.
    Der Streit liess nicht auf sich warten. Unter der Türe zwischen Esszimmer und
Küche begegneten sich Traute und Rosa. Die eine mit den Stiefeln, die andere mit
Bürste und Crème. Güssy knöpfte sich gerade die Spangenschuhe zu.
    »Gib die Stiefel her!« rief Rosa, »sie gehen dich nichts an! Ich bin länger
im Hause als ihr!« Sie wollte sich gerade heute ein Vorrecht nicht nehmen
lassen, auf das sie früher gerne verzichtete.
    Aber Traute dachte nicht dran, die Stiefel aus der Hand zu geben.
    »Hast du sie gestern gewichst? Hast du sie vorgestern gewichst? Verstehst du
überhaupt was davon? Fütter' deine Tauben!«
    Güssy lachte. Aber Rosa hatte keine Lust zu weitschweifigen
Auseinandersetzungen.
    »Gib sie her!« rief sie entrüstet und klopfte der Traute die Wichsbürste auf
die Nase.
    Güssy kam näher aus dem Lattenverschlag, lachend. Die Stiefel fielen zu
Boden. Die Wichsbürste ebenfalls. Die Crème rollte unter den Schrank. Traute und
Rosa kriegten sich bei den Haaren.
    In diesem Moment aber klopfte es und herein trat: Frau Schnepfe aus Basel.
Sie war mit dem Frühzug herübergefahren, um ihre Visite zu machen, ihre Affären
zu erledigen und abends zur Premiere zu kommen.
    »Guten Morgen!« sagte sie freundlich und stand unter der Türe. »Bin ich hier
recht bei Flametti?«
    »Ah, die Frau Schnepfe!« rief Rosa freundlich überrascht und liess ihre
Partnerin los. »Ja, ja, natürlich sind Sie hier recht! Setzen Sie sich, Frau
Schnepfe!« und lachte sich tot.
    Güssy nahm die Stiefel und das Putzzeug an sich. Traute war in den Verschlag
geflüchtet. Auch Rosa, kichernd hinter dem Spalt der Lattentüre, beeilte sich,
einen Rock anzuziehen.
    Frau Schnepfe war etwas befremdet von solch halbnackter Tummelei der
Künstlerinnen. Musternd sah sie sich im Esszimmer um. Hier also wohnte Flametti!
»Er schläft noch«, entschuldigte Rosa und kam, die Druckknöpfe schliessend,
wieder zum Vorschein. Dann vorstellend: »Das ist Fräulein Güssy. Das ist
Fräulein Traute!« Die rieb sich mit dem Handtuchzipfel die Schuhcrème aus dem
Gesicht. »Noch ein bisschen früh. Er steht immer erst auf gegen elf. Heute steht
er wohl früher auf, weil wir heut' abend die Indianer haben. Aber ich darf ihn
nicht wecken.« »Gut, gut!« sagte Frau Schnepfe und stand auf, den Schirm in der
Hand. »Ich komme später vorbei. Grüssen Sie ihn! Die Frau Schnepfe war da.«
    »Es ist recht«, verbeugte sich Rosa graziös, ihres stellvertretenden Amtes
bewusst. »Ich werd' es bestellen. Adieu, Frau Schnepfe!«
    »Adieu!« dehnte Frau Schnepfe und ging, nicht ohne im Vorbeigehen einen
Blick auch in die russige Küche geworfen zu haben, wo inzwischen Fräulein Teres
hantierte, verdriesslich und Stumpen rauchend.
    Dann kam Engel, um acht.
    »Schläft er noch?«
    »Ja, er schläft noch.«
    »Wo hast du das Plakat?«
    »Hier«, sagte Rosa und holte das schöne Plakat des Herrn Lemmerle aus der
Ecke beim Spiegelschrank, blieb bei Herrn Engel stehen und lachte ihn an.
    Auch die beiden andern kamen näher und lachten.
    Engels milde Augen waren Wolfsaugen geworden.
    »Das ist ein Plakat! Was?« sah er sich nach den Weibern um, als hätte er das
Plakat selbst gemacht.
    Rosa lachte. Güssy kicherte verschämt. Sie kannten doch Flametti! Und wenn
man das Bild ansah, wo er so feierlich aussah, als Indianer, - wie sollte man da
nicht lachen!
    Aber Traute lachte nicht. Sie fand es dumm, da zu lachen. Was gab es da zu
lachen? Gar nichts gab es zu lachen.
    Sie ärgerte sich über diese Gänse. Diese Rosa, die Trulle, was die schon
davon verstand! Das ist doch nur für die Reklame!
    Er hat ein Geschäft, der Flametti. Das ist das Indianerspielen. Das macht
ihm Spass. Und wenn er ein Plakat machen lässt, ist's schade, dass es nur ein
Brustbild ist; dass nicht auch die Beine drauf sind mit den Fransenhosen, und die
Stiefel. Und man muss froh sein, wenn man ihm die Stiefel putzen darf, damit er
sich freut. Und wenn er manchmal verruckt wird und toll zuschlägt, dann ist das
auch nicht so schlimm! Weiber brauchen das, sonst werden sie frech. Man sieht's
ja. Und wenn er einen anfasst, dann ist's, als ob einem Hören und Sehen vergeht
und man möchte am liebsten zurückschlagen, weil er sich gar nicht geniert und
sich nichts draus macht. Das ist schon ein Aas, dieser Flametti.
    Und sie sagte es ganz laut, ein wenig schmollend und sehr verliebt: »Das ist
schon ein Aas, dieser Flametti!«
    Rosa krähte vor Übermut und sah die unglücklich im Fensterwinkel sitzende
Traute förderlich an. Die hatte es mächtig! Güssy aber, still und heiss, hatte
ein Geschäker mit dem Engel angebahnt. Sie hatten ihre Hände zum Tric-Trac
ineinandergesteckt und Güssy, lang wie sie war, versuchte, den schmächtigen
Ausbrecherkönig unterzukriegen.
    Rosa hielt, versunken, das Plakat vor sich hin.
    Und Traute kam näher und warf dem »tapfren Häuptling Feuerschein« singend
einen Handkuss zu, indem sie Teater machte aus ihrer Verliebteit.
    Und Rosa fiel ihr um den Hals und tanzte mit ihr im Zimmer herum.
    »Lass los, Güssy!« meinte Engel ernstaft, »hab' keine Zeit. Muss weiter. Das
Plakat aushängen.«
    »Frau Schnepfe war da!« rief Rosa.
    »Aus Basel?«
    »Ja, aus Basel!«
    »Fein wird's heut' abend: Die Letzten von dem Stamm der Delawaren«, sang
Traute mit übertriebenen Gesten, die ihr im Ernstfall gewiss nicht so leicht
gefallen wären.
    »Ja, Frau Schnepfe war da«, quittierte Engel, »und das ist auch eine
Neuigkeit: dass die Häsli nicht singen wollen. Herr Häsli will den Schackerl
nicht machen. Weil's ihm nicht passt.«
    »Ach, der!« maulte Rosa gegen Engel, »was der nicht alles weiss!« Und sie
intonierte:
Schackerl, Schackerl, trau di net!,
was sie auf der Probe gehört hatte, und kopierte dabei Frau Häslis neckische
Vortragsart.
    Überhaupt: die Weiber waren ausser Rand und Band, schon so früh am Morgen,
und Engel warnte:
    »Wenn ihr mal nicht andre Augen macht, eh' es Abend wird!«
    Und Engel schickte sich an, zu gehen, das Plakat unterm Arm nebst den beiden
Bildertafeln, die er sich selber langte und auf denen die Mitglieder des
Flametti-Ensembles in ihren entbötigsten Privat- und Teaterposen photographisch
zugegen waren.
    »Engel!« rief Flametti, dessen nackter Kopf an der Schlafzimmertür erschien,
und die Mädels fuhren auseinander.
    »Ja, Max?« drehte Engel, schon bei der Treppe, noch einmal um.
    »Komm mal her!«
    Rosa nahm Güssy die Stiefel ab und stellte sie schleunigst an die Tür.
Traute rief durch den Schalter:
    »Teres, den Kaffee!«
    Güssy nahm schleunigst die Tischdecke weg und deckte den Kaffeetisch. Engel
folgte Flametti ins Allerheiligste.
    »Was gibts?« fragte Flametti.
    »Plakate holen«, berichtete Engel.
    »Sonst was?« Flametti war wieder ins Bett gestiegen.
    »Guten Morgen, Jenny!« machte Engel seine Reverenz. »Nein, sonst nichts. Ja
doch: Die Häsli machen solchene Zicken. Er ist ganz blutig gekratzt und er will
nicht singen, sagt er.« Engel bibberte heftig, wie immer, wenn er solchene
Hiobsposten zu bringen hatte.
    »Was will er?« setzte Flametti sich auf. »Na, weisst du«, begütigte Engel,
»es passt ihm nicht. Er ist doch gestern zurückgekommen vom Militär. Und es passt
ihm nicht, dass die Alte das Lied ausgesucht hat mit dem Schakkerl.«
    »Was ist das?« setzte sich nun auch Jenny auf, indem sie das Hemd über der
schönen vollen Brust zusammenzog.
    »Na, du weisst doch, Jenny«, erklärte Engel, »sie katzen sich doch immer. Und
nun ist mir der Häsli schon früh um sieben, wie ich von der Annie kam, auf der
Strasse begegnet, ganz zerkratzt um die Schnörre herum, und hat mir gesagt, dass
er nicht singen will wegen dem trau mi net. Und er will nicht das Kalb machen.«
    »Gut!« sagte Flametti, »häng' die Plakate aus! Er wird schon singen. Ich
werde schon sorgen dafür, dass er singt!«
    Und Jenny rief: »Max, geh' rüber zu ihnen! Setz' sie vor die Tür! Hol' dir
Ersatz! Hab' ich dir's nicht gesagt, dass sie uns aufsitzen lassen? Hab' ich's
nicht immer gesagt? Da hast du's! Aus der Nachtruhe stören sie einen auf, die
Anarchisten!« Und Max sprang aus dem Bett, zog die Hosen an, schnackelte die
Hosennaht zurecht und trat ins Esszimmer, unwirsch. Der Kaffee stand auf dem
Tisch. »Wer hat die Stiefel geputzt?« rief er.
    »Ich!« riefen Traute, Rosa und Güssy zugleich.
    »Gut!« sagte Flametti, zog die Stiefel an, setzte den Hut auf und stapfte
davon.
    Er ging aber nicht zu den Häslis, sondern begab sich schnurstracks zu
Fräulein Mabel Magorah, der indischen Traumtänzerin, Rübengasse 16.IV, die er
als Ersatz benötigte.
    Auch Jenny stand jetzt auf, gar nicht guter Laune, zog den blauen Schlafrock
über, der wie ein Bügelteppich aussah, band ihn über dem Leib zusammen und kam
zum Vorschein.
    Das erste war, dass sie ihre ungeputzten Knöpfelschuhe bemerkte. Sie tat, als
merke sie gar nichts, und fragte harmlos, indem sie sich zum Kaffeetisch setzte:
    »Wer hat meinem Mann die Stiefel geputzt?«
    Schweigen.
    »Na, werd' ich's erfahren, wer meinem Mann die Stiefel geputzt hat?«
    Güssy frech und phlegmatisch:
    »Ich. Warum?«
    »Weil du auch meine zu putzen hast, wenn sie dabeistehen.«
    Und Jenny nahm die Knöpfelschuhe und warf sie der Güssy vor die Füsse.
    »Na!« maulte Güssy, »ich bin doch keine Dienstmagd hier im Hause! Soll doch
die Rosa die Stiefel putzen! Ich bin hier als Sängerin engagiert!«
    »Was bist du?« rief Jenny erbost, »Sängerin? Was sagst du? Einsperren werd'
ich euch! Nichts zu essen werd' ich euch geben! Ich werd' euch Mores lehren! Für
die Kerls habt ihr Augen. Für's Arbeiten nicht!«
    Traute stand irgendwo beim Fenster, abgewandt, und kicherte in sich hinein.
Rosa war hinterrücks in die Küche verschwunden. »Rosa!« rief Jenny hinaus, »hast
du dein Kleid ausgebügelt?«
    »Nein, noch nicht!« antwortete es von draussen.
    »Du bügelst dann dein Kleid aus! Teres soll die Eisen einlegen. Und dann
tragt ihr die Kostüme rüber in die Garderobe!«
    Traute bekam einen Einfall. Sie ging hinaus in die Küche und kam zurück mit
einer Teekanne.
    »Na, was hast denn du da?« fragte Jenny. »Teewasser!« sagte Traute.
»Teewasser?« fragte Jenny, »wozu Teewasser?«
    »Ich will meine Locken wickeln.«
    Jenny schlug mit der Hand auf den Tisch und fuhr auf. »Na, da hört doch die
Weltgeschichte auf! Du bist wohl ganz und gar übergeschnappt? Locken jetzt um
neun Uhr vormittags? Und aus meiner Teekanne? Deine Dreckfinger willst du in
meine Teekanne stecken, aus der ich Tee trinke?«
    Aber Traute fand das gar nicht absonderlich. Weder dass sie sich Locken
wickeln wollte, noch dass sie Flamettis Teekanne dazu nahm. Sie ging deshalb
ruhig weiter mit der Teekanne, nach dem Verschlag, um ihre Lockenwickler aus der
Schieblade zu nehmen.
    Jenny hatte sie aber auch schon eingeholt. »Her mit der Kanne!« schrie sie,
»raus damit in die Küche!«
    Traute hielt fest.
    »Gibst du die Teekanne her, du Mensch?« schrie Jenny.
    Sie zerrten sich hin und her, bis die Hand der kräftigeren Jenny mit der
Teekanne hoch in die Luft fuhr, dass das Wasser spritzte.
    »Ich will dir Locken geben! Du gehst mir nicht aus dem Haus heut, und kommst
mir mittags nicht an den Tisch.«
    »Pah!« rief Traute, »was ich mir draus mache! Herr Flametti hat drüber zu
bestimmen. Er wird mich schon rufen.« »Hier drinnen bleibst du!« schrie Jenny
ausser sich, versetzte ihr einen Stoss, schlug die Türe zu und schloss ab.
»Teres!« rief sie zum Schalter, »die bekommt heute nichts mehr zu essen!«
    »Und wehe euch!« rief sie den beiden andern zu, »wenn ihr ihr was zusteckt!
Ich will euch zeigen, wer hier Meister ist!« Vom Verschlag her hörte man Traute
trommeln und dazu singen:
    Der tapfre Häuptling Feuerschein
    Mit seinen wilden Mägdelein .... in einem eigensinnig verliebten Rhytmus.
    »Ah, so!« sagte Jenny. »Na, wart's nur ab!«
    Güssy hatte mittlerweile das Handtuch aufgehoben, mit dem Traute sich die
Schuhcrème aus dem Gesicht gewischt hatte, und versuchte in einer Anwandlung von
Solidarität, es verschwinden zu lassen.
    Aber Jenny bemerkte gerade, dass das Handtuch hinter die Gardine fiel, und
rief:
    »Gib nur her, was du dort verschwinden lassen willst! Was ist denn das?«
    Güssy zögerte.
    »Her damit!« schrie Jenny und riss es ihr aus der Hand. »Wo kommt dieser
Fleck her?«
    »Teres!« jammerte sie, »diese Schlampen haben mir das ganze Handtuch
eingeschmiert!«
    Jetzt kam auch Fräulein Teres herein. »Mein Gott«, verwunderte sie sich,
»was ist denn jetzt das? Aber nein, das ist doch zuviel!« und ihr Gesicht wurde
lang wie ein Laib Brot.
    »Teres, die bringen mich ganz herunter! Die ärgern mir die Schwindsucht an
den Hals!«
    »Rosa, jetzt sag mal du«, wandte Jenny sich an die auf das Jammergeschrei
hin ebenfalls wieder hereingekommene Rosa. »Ich kann nichts dafür!« versicherte
die. »Ich hab' der Traute die Bürste auf die Nase geklopft und sie hat sich die
Nase ins Handtuch gewischt.«
    
    »So? Und warum das?«
    »Weil sie mich aufzieht. Weil sie mich hänselt. Sie sagt, ich hätte was mit
Ihrem Mann gehabt in der Garderobe. Und das lass ich mir nicht gefallen. Ich hab'
nie was mit Ihrem Mann gehabt. Aber sie hat sich knutschen lassen. Hab' ich
selbst gesehen. Sie ist ja ganz verschossen in ihn! Und die Güssy hat's auch
gesehen.«
    »Hast du das gesehen?«
    »Ich habe nichts gesehen«, meinte Güssy apatisch, »was geht es mich an?«
    »Jawohl hast du's gesehen!« fuhr Rosa sie an, »bist ja selbst eifersüchtig
auf ihn! Bist du's vielleicht nicht?«
    »Pah!« warf Güssy weit weg, »eifersüchtig!«
    »Raus in die Küche!« schrie Jenny und packte eine nach der andern beim
Ärmel, »ihr sollt mich kennenlernen!«
    Da ging auch Fräulein Teres wieder hinaus, Stumpen rauchend, und schloss die
Türe hinter sich.
    Und Schritte liessen sich vernehmen auf der Treppe und Raffaëla kam, die
Tänzerin, Tochter von Donna Maria Josefa, mit ihrem Kind, der kleinen Lotte, die
bamsig und fett an der Hand ihrer Mutter wackelte.
    »Duden Morgen!« dehnte Raffaëla bamsig und fett im Ton ihres Kindes, »sag'
schön Duden Morgen!, Lotte!« ... »wir haben unsern Sirm stehenlassen neulich,
und wollen ihn wieder holen .....«
    »Dida holen«, echote die kleine Lotte.
    »Dieder holen«, wiederholte Raffaëla phlegmatisch.
    »Ach, Raffaëla!« klagte Jenny, »ich bin ganz unglücklich! Gut, dass du
kommst. Setz' dich, trink' 'ne Tasse Kaffee«!
    »Tasse Taffee!« wiederholte Lotte.
    »Denk' dir«, fuhr Jenny fort, »diese Menscher! Sie stellen mir das ganze
Haus auf den Kopf! Heut' abend haben wir doch die Indianer. Und zu Haus geht
alles drunter und drüber. Locken brennen sie sich am hellen Vormittag. Der einen
hab' ich Ohrfeigen gegeben. Die heult draussen. Die andere hab' ich eingesperrt.
Hinter meinem Mann sind sie her. Seit diese Indianer ins Haus kamen, hab' ich
keine ruhige Minute mehr. Er ist der Häuptling Feuerschein, verstehst du, und
sie sind seine Mägdelein, sein Harem. Er hat sie in der Kur, alle drei, und sie
trumpfen auf. Sie lassen sich nichts mehr bieten von mir. Sie werden frech. Was
mach' ich nur?«
    Raffaëla war sprachlos; fand aber soviel Besinnung, Lotte Kaffee einzugiessen
und Brote zu streichen.
    »Nein«, tat sie verblüfft, »so was! Geh', Jenny, 's ist nicht möglich!« -
»Seine Mägdelein!« krähte sie, »nein, so was!« Sie schien für Flamettis Romantik
noch weniger Sinn zu haben als Jenny.
    »Geh', lach' nicht!« sagte die. »Er hat sie in der Kur. Ich weiss es ganz
genau. Und sie trumpfen auf. Das werden wir schon sehen, sagte dieser Fetzen,
die Traute. Sie weiss, dass er ihr die Stange hält. Mit der Teekanne kommt sie an,
gerade vorhin, und will sich Locken wickeln. Meine Handtücher schmieren sie mir
ein. Die Betten zerschneiden sie mir. Die Vorhänge reissen sie mir herunter!«
    »Na, das ist doch die Höhe!« war Raffaëla paff vor Erstaunen, und setzte die
Geleeschnitte ab, die sie gerade in den geöffneten Mund schieben wollte. »Ja,
lässt du dir das gefallen?«
    »Was soll ich denn tun? Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus! Er lässt sich
ja nicht mehr blicken! Er verspielt ja das ganze Geld! Sechshundert Franken
hatten wir auf der Kasse. Alles ist fort. Auto fährt er mit ihnen. Ins Kino
führt er sie. Er ist der Häuptling Feuerschein und sie sind seine Trullen. - Mit
der Soubrette hat er auch was. Vor zwei Stunden ist er weggegangen. Heut
nachmittag kommt er zurück. Und hier geht alles drunter und drüber. Der Engel
hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn. Die Häsli wollen
nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden. Kein Geld lässt er mir für
die Haushaltung und mutet den Leuten zu, sechsmal Fisch zu essen in der Woche.
Natürlich laufen sie weg .....«
    Raffaëla schüttelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten:
    »Ja, Jenny, ist das denn möglich?«
    »Ah, du hast 'ne Ahnung!« seufzte die, wirklich mitleiderregend, ganz
zersprengtes Gesicht, »ich weiss mir ja nicht mehr zu helfen!«
    »Ja, Jenny!« rief Raffaëla, »ich bin ja starr!«
    Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affäre und ihrer Person und begann,
sich selber zu trösten:
    »Aber lass nur gut sein«, sagte sie, »ich hab' ja auch meine Leute an der
Hand! Ich hab' ja meinen Freund aus Baden! Heut abend kommt er in die
Vorstellung. Ich hab' ja Kavaliere. Ich brauche ja nur ein Wort zu sagen.
Brauche ja nur einen Wink zu geben ... Ich lass ihn ins Irrenhaus stecken ...«
    »Jenny!«
    Aber Jenny, unbeirrt: »Ich lass ihn ins Irrenhaus stecken, meiner Seel. Ich
schaffe mir Geld beiseite und geh' mit meinem Freund auf und davon.«
    Das schien Raffaëla ein wenig zu abenteuerlich. »Ach, Jenny!« lächelte sie
beschwichtigend, und patschte liebreich nach Jennys Hand. »Lottely, schau, wie
sie eifersüchtig ist!« Und mästete sich weiter.
    »Eifersüchtig?« schepperte Jenny und zog den blauen Schlafrock mit einem
Rückfall in frühere chicke Allüren um den Leib, »nichts zu machen! Wir verkehren
nicht miteinander. Ich bin nicht eifersüchtig. Ich hab' ihn genommen, weil er
ein solcher Bauer war. Weil er mir meine Pakete trug.«
    »Raffaëla«, sagte sie in plötzlichem Einfall, »du musst mir helfen. Wir
stecken ihn ins Irrenhaus. Dann machen wir zusammen ein Ensemble. Ich hab' die
Kostüme. Du und Lydia, ihr tanzt. Leporello (das war Lydias Partner) wird
Direktor.«
    »Je, Jenny!« meinte Raffaëla, »du phantasierst ja! Beruhig' dich doch!« Und
ass weiter, als müsse sie selbst sich beruhigen.
    Schritte auf der Treppe liessen sich vernehmen. Flametti kam zurück.
    Er hing den Hut an den Nagel. »So!« sagte er, »das ist erledigt. Wenn die
Häsli nicht singen wollen ....« »dann tanzt die Mabel«, wollte er sagen. Aber er
bemerkte noch rechtzeitig Raffaëla und sagte: »Dann hab' ich Ersatz. Tag,
Raffaëla!«
    Es sei hier angefügt, dass Traute über das Mittagessen nicht eingesperrt
blieb.
    »Dummes Zeug!« sagte Flametti, »das gibt es bei mir nicht. Bei mir wird
niemand eingesperrt!«
    Und Fräulein Traute wurde befreit aus dem Karzer und kam zum Vorschein, den
Kopf über und über voll Locken, die sie mit Hilfe von Jennys Himbeersyrup, der
im Taubenverschlag auf dem Schrank stand, sehr kunstvoll ge- und entwickelt
hatte.
    Jenny war keine böse Frau von Natur. Sie war edel, hilfreich und gut. Sie
schenkte den Armen und liebte ihre Feinde. Aber sie wusste, was sie sich schuldig
war als Flamettis Weib. Einem solchen Manne entsprach eine solche Frau. Wenn sie
in engerem Kreise versicherte, diese Person, diese Traute, sei nicht die erste,
die sie ins Arbeitshaus bringe, so brauchte man das nicht wörtlich zu nehmen. Es
war ein Symbol gewissermassen für ihre Anschauung, dass ein Mann von der Kühnheit
Flamettis einer Frau gewiss zu sein habe, die gefährlich, herzlos, zum Handeln
bereit, auch Kanaille sein könne, entschlossen, eiskalt und zu jedem Mittel
bereit, wenn es drauf ankam, sich Achtung und Furcht zu verschaffen.
    Zu Mittag kamen auch Herr und Frau Häsli; beide ein wenig zerkratzt und
zerbeult, aber beide voll Liebe und Güte.
    Und daran war nicht zu denken, dass sie das Schackerl nicht singen wollten.
Im Gegenteil.
Und die Fuchsweide dämmerte. Bucklig und winkelig sank sie mit ihrem Halbhundert
Gassen verschmutzt und im Rauch ihrer Herdfeuer grau in den Abend. Die Giebel
zerschnitten sich hoch in der Luft.
    Die Häuser barsten von Feuer und Licht. Die Osram- und Tristankerzen, die
Glasglühlichter und Bogenlampen leuchteten auf. Die Metzgereien und Magazine und
Handwerksstätten glühten wie Einkaufsbuden des Teufels.
    Man legte die Arbeitsschürzen jetzt ab in den Kellern. Im Hinterhaus, in den
Stuben und Giebeln frisierte man sich und machte Toilette.
    Los gingen die Grammophone, Orchestrione und das Elektroklavier. Auftauchten
verwegne Gestalten beiderlei Geschlechts vor beleuchteten Spiegeln, unter dem
Haustor und auf der Strasse.
    Auf ging der Mond, und in den Konzertlokalen tummelten freundliche
Sängerinnen und früheste Zauberkünstler bereits ihre Stimmen.
    Schlächtergesellen führten den Wolfshund spazieren. Soldaten riefen sich zu.
Ausbündige Eleganz grüsste »Salü!« Hoch aus dem fünften Stockwerk, wie von der
Sternwarte weg, probierte Herr Bonifaz Käsbohrer in überschnappenden Tönen sein
B-Klarinett, das er mit Hilfe des Tagblatts nachmittags eingetauscht hatte gegen
ein abgenütztes Veloziped. Dann aufdringlich und bunt: Die Rumänische
Damenkapelle begab sich zum Blauen Himmel. Ein Fräulein knüpfte Bekanntschaften
an. Tirolerjodler gingen mit grünen Hüten und Ziterkästen. Ein Komiker kam im
Zylinderhut. Drei schäbig gekleidete Herren mit Jockeimützen, wollenen Schal um
den Hals, gaben, beim Gehen leicht ihre Schultern drehend, einer pompaduresk
hoch aufgeprotzten Dame unerbetenes Geleit.
    Und höllenhaft, magisch, radauend und zeternd: die Lichtreklame des Krokodil
entfaltete ihre chinesisch untereinander geordnete Buchstabenreihe, die vom Dach
bis zum Boden reichte. Der ganze Mönchsplatz war rot überstrahlt. Die
benachbarten Häuserfronten schienen von rotem Licht halb aufgefressen. Die
Bummler, Passanten und zeitungslesenden Gruppen der Arbeiter taumelten in einer
Flut von Licht.
    Im Nebengebäude negerten los: die Pauke und das Tschinell. Über der Strasse
drüben rupften zwei rivalisierende Damen einander die Federn aus.
    Ich nehme meinen Zauberstab zum zweitenmal in die Hand! schrie es aus der
Tulpenblüte.
Hei, wie das prasselt und wie das herrlich zischt!
Das sieht nur einer, der in der Hölle ist!
stampfte und klatschte es aus dem Vaterland. Dort schwangen Ferreros Lustige
Teufel die Zackenspiesse.
Welch wunderschöner Klang
Tönt durch die Strass' entlang!
Jetzt kommt auf Ehr
Das Militär
In Reih' und Glied daher!
wetterte es, weniger diabolisch, dafür preussischer, aus der weiter unten
gelegenen Wasserjungfer, wo auch Fräulein Kunigunde, die Schlangendame, zugegen
war.
    Weiter oben aber, jenseits des Platzes, übertönte den Lärm die wie eine
Weckuhr losrasselnde französische Soubrette des Café Neptun:
»Einrich, lass die Osen runter,
Tu mir den Gefallen!
Lass sie bitte gance erunter
Auf die Strümpfe fallen.«
Unschlüssig schwankte das Publikum zwischen Grosse Trommel, Infernalische
Leidenschaft, Kaiser Wilhelm und Pariser Eleganz.
    Hier war was geboten! Hier kam man auf seine Rechnung! Und was ein richtiger
Dandy war, der von der Welt etwas verstand, entschloss sich überhaupt nicht,
hineinzugehen, sondern die Sache mehr platonisch zu geniessen, als Schauspiel
gewissermassen, von aussen, als Zusammenklang, mit der überlegenen Intelligenz
dessen, den die Realität nur als Widerspruch nicht mehr enttäuschen kann.
    Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verführung nicht ausgespielt: die
Echteit inmitten einer Welt des Scheins; das Wunder als Resultat unerhörter
Perversitäten. Von wem aber konnte man solche Leistung erwarten? Nur von
Flametti.
    Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des Krokodilen. Da stand vor
dem grossen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der Indianer: Flametti
als Häuptling Feuerschein.
    So sah er aus! So leibte und lebte er! Das war die Syntese seiner inneren
Eigenschaften!
    Wer hatte ihn nicht gesehen, mittags um zwölf, wenn man von der Arbeit kam,
vor der Haustüre, in Hemdärmeln, gutartig und freundlich? Wer hatte ihn nicht
gesehen früh morgens, wenn er mit Jenny vom Markte kam und die Markttasche trug
mit den Karotten? Er war nicht immer der Furchtbare, Blutige. Zahm und
umgänglich war er privatim, ein friedlicher Bürger viel mehr als ein
Menschenfresser.
    Unter dem Plakat aber stand: Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis
Varieté-Ensemble,
    ein Hieb für die Herren Direktoren. Und der Satz: Wer die 'Indianer'
nachmacht, wird gerichtlich verfolgt.
    Das Publikum stiess sich und drängte sich; auch vor dem zweiten
Reklamefenster. Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat: 50 Mann
Blasorchester! Beginn: acht Uhr. Grossartiges, allerneustes Programm! Tanz! Tanz!
Tanz! Lauter Schlager! Es wird kassiert!
    Las es und strömte hinein ins Krokodil. Es kam, sah und strömte: Herr
Friedrich Naumann, kurzweg der Krematoriumfritze genannt, einer von Jennys
scharfen Verehrern.
    Es kamen, sahen und strömten: Fräulein Annie nebst Herrn Engel, welch
letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte: »Annie!« sagteer, »es wird
grossartig! Verlass dich drauf!«
    Es kamen und strömten: Raffaëla und ihre Schwester Lydia, sowie deren
gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa, nebst einer ganzen Anzahl
männlicher Zirkusmitglieder, die alle nicht zahlten, weil sie Artisten waren.
    Es kam, sah und strömte: Frau Schnepfe, in Begleitung Flamettis und der
Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Coiffeurs Voegeli. Das Publikum wich
ehrerbietig zurück.
    Es kamen, sahen und strömten: zwei israelitische Handlungskommis, rote
Nelken im Knopfloch; der obgenannte Coiffeur Herr Voegeli, der seinen
Regenschirm ausschüttelte; denn es regnete inzwischen. Und späterhin eine ganze
Reihe Mannschaften des Fussballklubs Hermes.
    Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung. Der ganze Raum war verwandelt
in ein Gehänge blühender Rosenranken. Künstliche Lauben aus Birkenruten zogen
sich an der Wand lang. Festtagscharakter trug das Lokal.
    Die Tische waren sämtlich mit rotgewürfelten Decken belegt. Saftige Kuchen-
und Tortenstücke strahlten auf blinkenden Nickeltellern. Die Plattmenagen mit
Öl, Pfeffer und Salz warfen gescheuert das elektrische Licht unzähliger kleiner
blutroter Birnen zurück. Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf. Und
so man den Löffel bewegte, der darin steckte: heut war er nicht angeklebt. Es
liess sich bewegen.
    Versammelt waren bereits sämtliche Damen von Ruf. Vorne am Künstlertisch, wo
sie heute nicht gerne gesehen war, sass Fräulein Amalie in braunem Samtkostüm mit
Bolerohut, schon seit halb acht. Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen
Busen gesetzt. Das gab ihr viel Air. Ihre Beine, elastische Sägmehlbeine,
baumelten unter den Tisch, und sie spielte mit einer der Hängrosenranken. Eine
Zigarette rauchte sie. Ihr Verhältnis war Eisenbahner; heute hatte er
Nachtdienst. Brillanten blitzten an ihren Fingern. Die spitzigen Halbschuhe aus
feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden. Auch schien das
Strumpfband gerissen: die braunen Wollstrümpfe knäulten sich unter den Waden.
Das Hündchen aber auf seiner exponierten Stelle drehte den knappen Popo und
konnte sich gar nicht genugtun vor Freude, dabeizusein.
    Weiter drüben, auf den besten Mittelplätzen, sassen der runzliche Totenkopf
und seine Schwester. Der Totenkopf war die berufenste Dame der Fuchsweide.
Allabendlich Gast des Flametti-Ensembles. Weiss geschminkt, die Augenhöhlen
gerötet, sass ihr Gesicht auf dem kropfigen Hals. Unruhig schob sie das
Hinterquartier auf dem Stuhl hin und her, blickte sich um nach den eintretenden
Gästen, band sich das Strumpfband fester und schob währenddessen den sechsten
Kuchen zwischen das goldne Gebiss. Sie konnte sich's leisten. Die Schwester des
Totenkopf hatte das Ledertäschchen über die Stuhllehne gehängt, tupfte die rote
Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch, und juckte sich mit dem linken Fuss an
der abgewetzten Innenseite des rechten Knies.
    An der Wand gegenüber, bescheiden in Rückendeckung, hatte sich Fräulein
Annie, die Freundin Engels, ein helles Bier bestellt, ihren Fuchspelz loser
gehängt; besah sich die Fingernägel, aus denen sie mittels eines zerknickten
Streichholzes die Erdkrumen zu verdrängen suchte, und war sehr besorgt, mit der
Manicure nicht fertig zu werden, bevor sich ein Herr mit schottischem
Schäferhund, der jetzt eintrat, allenfalls zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu
leisten.
    Sie lächelte kopfschüttelnd, als sei sie erstaunt, zu lächeln, konnte jedoch
ihren Hals nicht recht drehen, weil ein Furunkel dransass.
    Dieser Furunkel: ein Unglück! Er wanderte über den ganzen Körper. Bald da,
bald dort tauchte er auf, gesellte sich andern Furunkeln zu und konnte schon
bald den Eindruck erwecken, als sei er ein ganz besondrer Furunkel. Annies fixe
Idee war, er möchte von heute auf morgen am Hals verschwinden und zwischen den
Zähnen auftauchen. Drum zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing
ihr vom Munde weg. Doch jener Furunkel tat das nicht.
    Der Herr trat näher und sagte verbindlich:
    »Wenn Sie gestatten, Fräulein!«
    »Oh, bitte!« sagte Annie und nahm zugleich mit dem Stuhl ihre Röcke
zusammen, um Platz zu machen. Und in ihr silbernes Etui greifend:
    »Rauchen Sie eine Zigarette?«
    »Sehr liebenswürdig!« sagte der fremde Herr und zog das Zigarettenetui näher
zu sich heran.
    Herein trat Fräulein Frieda, der Hinkepott, aufgetakelt in Seidengrimmer,
mit ausgeleierter Hüfte verschoben haxend. Ihr folgte Fräulein Dada in einem
Schneiderkleid à la feldgraue Uniform, nach neuestem Schick. Der Unterkiefer
hing ihr sehr lang, ein verfettetes Dreieck. Mit den Händen stützte sie sich, im
Vorbeigehen, langsam und sehr elegant auf die Tische. Das feldgraue
Schneiderkleid machte Furore. Aller Augen sahen nach ihr. Auch diese beiden
Damen begaben sich möglichst nach vorne, um in der besten Gesellschaft zu sein
und ein wenig zu profitieren vom Rampenlicht.
    Neben der Bühne aber versammelte sich das Orchester des Herrn Fournier:
fünfzig Mann mit Schlagzeug und Basstrompeten.
    Die Lehrmädel, Jenny und die Soubrette erschienen in tangofarbenen
Babyhängern, Schleifen im Haar, neigten die Köpfe, schwänzelten, nickten den
Gästen zu und gruppierten sich um den Künstlertisch.
    Engel vom Vorhang aus machte verrenkt patetische Zeichen zum Büfett für die
Beleuchtung. Sein Gehrock flatterte. Hinter der Bühne zog es. Herr Meyer
entfaltete die Noten seiner Begleitmusik und probierte, für alle Fälle, das
Pedal. Er war auf der ganzen Linie für Pedalisierung. Ein Leben ohne Pedal
schien ihm scheusslich und abgeschmackt. Flametti, den Herrn Farolyi vom Zirkus
Donna Maria Josefa mit vorgestreckter Hand fachmännisch begrüsste, wischte sich
mit dem Sacktuch über die Stirn. Jenny stellte die Kasse nebst Zubehör auf den
Künstlertisch. Und Fräulein Traute, den Kopf wippend voll Locken, setzte sich
plumpsend daneben.
    Herr Häsli hatte eben noch Zeit, seine Krawatte zurechtzuzupfen. Frau Häsli,
den Brustlatz ihrer Tochter zu arrangieren. Dann begann's.
    »Mtata, mtata, umba, umba, umba, umba!«, und Herr Fournier schlug mit dem
Taktstock, als wär's eine Peitsche. Die Musik ging denn auch merklich vorwärts.
Nur der linke Trompeter, der die Posaune bediente, kam nicht zurecht. Doch das
war jetzt nicht mehr von Belang. Los ging die Musik, dass die Schwarten knackten.
    »Ptuhh dada dada da, umba, umba!« bliess die Basstrompete in idealer
Konkurrenz mit Pauke und Schrummbass. Dieser Schrummbass war die Spezialität des
Herrn Fournier. Es war phänomenal.
    Immer mehr Volks strömte hinzu. Soldaten kamen, rote Gesichter, silberne
Epauletten, und sassen zu beiden Seiten eines mittleren Längstisches wie Ruderer
bei der Regatta. Studenten warfen mit Schokoladeplätzchen verstohlen nach der
festlich grinsenden Rosa, die, von Tisch zu Tisch Billette verkaufend, gar artig
die Beine setzte. Rechts von der Bühne, nahe beim Künstlertisch, steckte
Fräulein Güssy in Eile der Soubrette eine halb aufgeblühte Rose ins Haar. Herr
Häsli suchte die Noten heraus. An der Kasse, mit Frau Schnepfe, sass Jenny,
gravitätisch, bonzenhaft, ihrer Bedeutung vollkommen bewusst; die Repräsentation
verkörpernd. Neben ihr Traute.
    Auch Güssy und die Soubrette eilten jetzt mit Billetten ins Publikum. Frau
Häsli trat mit dem Fuss den Takt zur Musik.
    Toni, die Tochter, äugte nach Kavalieren. »Dadadadada umba, umba, um!«
machte die Musik. Sie war angekommen am Ziel. Das Stück war zu Ende.
    Langsamer Beifall erhob sich. Flametti fuhr sich nervös durchs Haar.
    Er schob sein Röllchen zurück, nahm einen Schluck Helles. Dann trat er vor
und sprach:
    »Meine Damen und Herrn! Ich heisse Sie herzlich willkommen und danke Ihnen
für Ihren zahlreichen und glänzenden Besuch. Ich gebe mir die Ehre, Ihnen
mitzuteilen« - lautlose Stille -, »dass es mir gelungen ist, Ihnen heute abend
ein ganz besonders interessantes Programm zu bieten. Herr Generalmusikdirektor
Fournier mit seiner fünfzig Mann starken Eisenbahnerkapelle hat Ihnen bereits
eine Probe seiner bewährten Kunst vorgelegt. Er wird bei uns bleiben nicht nur
bis elf, wie es sonst üblich ist, sondern bis drei Uhr. Denn: es wird getanzt.
    Sie sagen vielleicht: wie kann man hier tanzen, unter den Heckenrosen? Aber
das ist gerade die Kunst. Wir werden den Frühling in Herbst verwandeln durch
Aufgebot unserer dienstbaren Geister vom Krokodil und Umgebung. Durch eine
geheimnisvolle Mechanik hat unser Gastgeber, Herr Hotelier Schnabel, es möglich
gemacht, im Handumdrehen die hängenden Gärten der Semiramis in ein Palais
Mascotte, ein Moulin Rouge, in ein Tivoli zu verwandeln.«
    Flametti lächelte. Der Totenkopf warf ihm mit offenem Mund befremdete Blicke
zu.
    »Meine Damen und Herrn!« fuhr Flametti fort, »Das ist ja ein Schmus, was ich
Ihnen da sage. Das merkt ja der Dümmste. Das ist ja Stuss. Aber Sie sehen heute
zum erstenmal hier das berühmte Jodlerterzett Häsli aus Bern, dessen Scherzos
und herzerquickende Jodlerlieder -« - Flametti sah sich nach Frau Häsli um -
»Ihnen einen Begriff geben werden, mit was für angenehmen, soliden und
renommierten Künstlern Sie es zu tun haben. Ich führe Ihnen sodann zum erstenmal
hier im Krokodil unseren Herrn Damenimitator Arista vor:
    Nur immer raus damit, nur immer raus damit!
    Wozu haben wir's denn? Na ja!«
    Flametti kam in Stimmung. Er zitierte und gab Probegesten ....
    »Ich führe Ihnen endlich hier zum erstenmal Die Indianer vor, verfasst von
meinem Freunde St. Rotter, Conférencier und Improvisator am Germania-Cabaret.
Meine Damen und Herrn! Keine richtigen, echten, wirklichen Indianer. Keine
Sioux, Apachen, Komantschen. Keiner wird mit die Ketten rasseln wie auf dem
Jahrmarkt, oder auf der Mess' z' Basel. Sie brauchen keine Angst zu haben. Es
schreckt nicht. Es passiert Ihnen nichts. Sondern: Sie sehen die Wirklichkeit.
Das aussterbende Volk der Indianer auf dem Kriegspfad. Die Rache und die
Verklärung. Den Häuptling mache ich selbst.«
    »Ich selbst«, wiederholte Flametti, indem er in Selbstpersiflage komisch an
sich hinunterstrich. »Die Musik macht Herr Meyer«, und stellte mit einer
seitlichen Handbewegung den Pianisten vor.
    »Sie werden dieses Ensemble sehen und ergriffen sein. Sie werden uns
staunend Ihren Bekannten rekommandieren, wenn es Ihnen gefallen hat.
    Sie können sich denken, dass solche Ausstattungspiècen bei den heutigen
Zeiten fast unerschwinglich sind. Sie werden befürchten, dass eine
Extrakassierung stattfinden wird. Nichts von alledem! Wir kassieren wie sonst.
Ohne Extraeerhebung. Dafür hoffe ich aber, dass auch Sie sich erkenntlich zeigen
und ein wenig tiefer in den Geldbeutel greifen. Besonders die Galerie. Bei der
Kassierung bleibt die Toilette geschlossen. - Wir beginnen also jetzt mit dem
Eröffnungslied. Mister Bobby wird Ihnen sodann seinen neu einstudierten
Kautschuk- und Exzentrikakt vorführen.«
    Er trat zurück. Freundlicher Beifall erhob sidi: man dankte fürs
Arrangement.
    »Sehr hübsch«, sagte Donna Maria Josefa überrascht zu Herrn Leporello,
demselben Herrn Leporello, den Jenny morgens im Gespräch mit Raffaëla als
Direktor bezeichnet hatte.
    Mister Bobby, der Exzentrikmann, war inzwischen ebenfalls erschienen, in
schillerndem Eidechsenkostüm; einen hellbraunen, vom Regen verwaschenen
Sommerpaletot über den Schultern, Zigarette rauchend.
    Man diskutierte die zart gesetzte Rede Flamettis und stimmte allseits darin
überein, dass Flametti in solchen sarkastisch-sachlichen Gängen unübertroffen
sei.
    Der Ausfall gegen das Jodlerterzett, bei aller Anerkennung der Häslischen
Leistungen, bildete eine ganz besondere Sensation. Solcherlei Ausfälle liebte
Flametti. Sie erweckten im Zuschauerkreis ein Interesse, das über die rein
artistische Leistung hinaus die Person des Artisten auch von der menschlichen
Seite ins Auge fasste. Sie boten Flametti Gelegenheit, zu privaten und häuslichen
Dingen summarisch Stellung zu nehmen. Der Vortrag vor Öffentlichkeit und
Gesellschaft wurde in seinen Händen ein starkes Mittel, die Seinen an
exponierter Stelle im Zaume zu halten.
    Frau Häsli war denn auch reichlich aufgebracht.
    »Flametti!« stellte sie ihn zur Rede, »das war nicht nötig! Das haben wir
nicht verdient um euch. So eine Blamage! Ich hab' nun gesehen, wie man mit uns
verfährt. Ich habe nie nötig gehabt, im Häuschen zu sitzen!«, - das war eine
Anspielung auf Jennys Vergangenheit -, »na, gut, dass ich's weiss.«
    Hastig strich sie sich die Löckchen aus der Stirn.
    »Jenny«, rief sie, »das hätte ich nicht erwartet. Pfui Teufel. Da sieht
man's!«
    Auch Häsli fand solche Manier despektierlich. Er spuckte aus. Sagte aber
nichts. Rosa feixte.
    Es war keine Zeit, sich aufzuhalten.
    »Fort, Kinder! Anfangen, anfangen!« drängte Flametti. »Engel, den Vorhang!
Fertig? Herr Meyer!«
    Die Mädel rannten hinter die Bühne. Flametti stürzte sein Helles hinunter.
Der Zwergpintscher auf Fräulein Amaliens Busen kläffte, weil ihn Amalie
kitzelte. Die Rosenlauben schwankten. Das Publikum rückte gespannt auf den
Stühlen. Klingelzeichen. Der Vorhang ging auf, und in einer Reihe standen:
Jenny, Rosa, die Soubrette, Fräulein Güssy und Fräulein Traute; alle in
Tangokostümen. Rot, blau, grün, gelb, violett die Schleifen im Haar. Überflutet
von Bühnenlicht. Ein zärtlicher Anblick.
    Die hochgeschminkten Gesichter strahlten. Die fünf Paar Beine in farbigen
Seidenstrümpfen standen adrett geschlossen, Kadettenbeine. Die duftigen Hänger
in süssen Farben stützten kokett die baumelnden Lockenköpfe.
    Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft. Herr Meyer schlug den Akkord an.
Die ziegelrot übermalten Münder öffneten sich, und ein
Frühlings-Begrüssungsmarsch erfüllte die Bühne, das Publikum und die Rosenlauben
mit unternehmendem Marschrhytmus:
    
    Freunde, rasch voran, lasst die Becher kreisen!
    Heiter immerdar Lieb' und Jugend preisen.
    Freude nur allein kann das Leben schönen.
    Schenket Kraft, spendet Mut, macht die Alten jung.
    
    
Der Beifall wurde lebhaft. Das Orchester richtete seine Instrumente und die
Notenblätter her für die zweite Unternehmung. Das Publikum kam in Stimmung.
    Gläser klapperten. Stimmen schwirrten. Satzfragmente zerknäulten sich im
Zigarettenhimmel. Die Kellnerinnen riefen einander zu und Herr Schnabel legte
die Hand an die zurückfliehende Stirn wie ein kleines Dach und übersah das
Gewühl. »Mehr Stühle!« Man schleppte noch Stühle herbei.
    Die Kassierungen kamen herein: Glänzend! Exzentrik-, Zauber-, Gesangs- und
Ensemblenummern lösten einander ab in wohlarrangierter Steigerung.
Zwischenmusik: die Kapelle des Herrn Fournier.
    An der Kasse aber sass einheimsend Jennymama, Silber- und Kleingeld ordnend,
Fünffrankenscheine wechselnd, die ankommenden Muschelschalen ihrer kassierenden
Damen so distinguiert in die Kasse kippend, als fürchte sie, sich die Finger zu
netzen.
    Und als Fräulein Amalie mit dem Pintsch so nebenhin fragte: »Gutes
Geschäft?« erhielt sie die sehr reservierte Antwort: »O ja!«
    Frau Schnepfe, obgleich es ihrem Geschäftsinteresse zuwiderlief, konnte sich
nicht versagen, anzuerkennen, wie hübsch der Saal arrangiert, wie interessant
das Programm und wie tüchtig Herr Fournier sei.
    Und Traute nahm die Gelegenheit wahr, sich ein wenig zu beschäftigen, indem
sie Frau Schnepfes Halsbördchen schloss, dessen mittlerer Druckknopf
entgegenkommenderweise verbogen war und allen Versuchen, ihn mit der Nabe zu
einem Ganzen zu vereinigen, beharrlichst widerstand.
    Was für einen langen Hals die Frau Schnepfe hatte! Und wie sie nach
Wurmsamen roch!
    Mittlerweile hatte nun Jennymama ein Portemonnaie da, nahm eine Handvoll
Silber, tat es hinein, stand auf, ging zu Herrn Meyer ans Klavier und sagte:
    »Lieber Herr Meyer«, flüsternd, »ach, nehmen Sie doch mein Portemonaie zu
sich bis nachher! Es stört mich beim Umziehn. Ich habe keine Tasche im Kleid.
Gell ja?« Und legte Herrn Meyer vertraulich die Hand auf die Schulter.
    Und Herr Meyer steckte das Portemonnaie zu sich, ohne viel Worte zu machen,
und wischte die schweissenden Tasten ab.
    »Dank' Ihnen!« sagte Jennymama, »puh, welche Hitze!« und streckte sich im
Korsett, dass das Fischbein knackte, und setzte sich wieder zur Kasse.
    Und Traute stand auf, unauffällig, duckte sich, schlich zu Flametti und
raunte hastig mit fliegenden Augen an ihm empor:
    »Man nimmt Geld aus der Kasse!«
    »Wer?«
    »Jenny!«
    »Dann gib acht, wieviel sie nimmt!«
    Und Traute fühlte: Triumph!, setzte sich harmlos wieder zur Kasse und begann
ein Verlegenheitsspiel mit Amaliens Seidenpintsch.
    Jenny fiel auf, dass die nicht von der Stelle wich.
    »Zieh' dich um!« rief sie, »die Nixen kommen!«
    »Ist noch Zeit!« flegelte Traute sich hin, »erst kommt ja noch Engel!«
    Kam auch. Mit seiner Ausbrechernummer.
    »Sie sehen hier eine Kiste ...«, rief Flametti auf der Bühne und klopfte mit
einem Hammer eine grosse quadratische Holzkiste ab. »Aus solidem Holz«, und
drehte die Kiste nach allen Seiten. »Stand auf dem Hofe der Firma Maulig &
Kopp bis gestern. Kein Schwindel! Innen fest, aussen fest. Keine Einlagebretter!
Keine Vexierwand. - Ich werde Monsieur Henry (das war Engels Bühnenname) in
diese Kiste legen ....«
    Engel war bereits gefesselt und in einen Sack eingenäht ... ...
    »Ich werde die Kiste verschliessen!« ... er legte den Deckel drauf ... »Sie
selbst, meine Herren«, zum Publikum gewandt, »werden die Kiste vernageln.«
    Eine Bewegung ging vor sich im Publikum. Mutter Dudlinger kam; spät, doch
sie kam; in Begleitung des ihr ergebenen Herrn Pips, der von Beruf ein Student
war.
    Man musste aufstehen, damit Mutter Dudlinger durchkonnte. Man wurde gestört,
weil droben gerade der interessanteste Teil der Nummer verhandelt wurde. Man
nahm Ärgernis, machte Bemerkungen, ward unwirsch.
    »Setzen!« rief man von hinten.
    »Ruhe!« rief man von vorne.
    Mutter Dudlinger stand eingepfercht in der Mitte, gutmütig lächelnd,
Popoansätze am ganzen Körper, gestützt auf den Regenschirm. Vom Velvetut nickte
die goldene Troddel. Vom Antlitz tropfte die Anstrengung. Am Korsett stieg ihr
der Rock hoch, weil sich der Leib darunter, von rechts und links eingezwängt,
nicht anders zu helfen wusste.
    Warum kam sie auch so spät?
    Weil sie zu den Eingeweihten zählte. Weil sie wusste, dass vor halb zehn Uhr
nichts von Belang gegeben wurde, was sie nicht kannte.
    »Sie selbst, meine Herren«, betonte Flametti mit ingrimmig rollenden Augen
und einem vielsagenden Blick auf den Frauenverein, von dem einmal wieder die
Störung kam, »sie selbst, meine Herren, haben Gelegenheit, die Kiste zu prüfen,
den Deckel daraufzunageln.«
    Jenny winkte Mutter Dudlinger zu, unterdrückt, aber deutlich:
    »Hierher, Mutter Dudlinger, hier gibt es noch Platz!« und deutete dabei auf
einen freigewordenen Stuhl in der ersten Laube, die an den Künstlertisch
grenzte.
    Aber Mutter Dudlinger blieb stehen, lächelnd ob soviel Güte. Mit dem
schwitzenden Zeigefinger lüpfte sie eingegergelt das samtene Kropfband. Mit dem
Regenschirm gab sie Erklärung, sie wolle lieber an Ort und Stelle warten, bis
diese Nummer vorüber sei.
    Herr Pips seinerseits versuchte mit plötzlichen, wohlorientierten und
freudige Überraschung bekundenden Gesten Jennymama zu bedeuten, der Herr
Krematoriumfritze sässe ja ganz in der Nähe, und ihm, dem Herrn Pips, sei es
unverständlich, wie Jennymama bei der langweiligen Kasse sitzen könne, statt
hier, hier, hier bei dem Krematoriumfritze.
    Der Herr Krematoriumfritze aber verleugnete völlig jedes Interesse.
Breitknochigen Angesichts sass er finster vor seinem Veltliner, Zigarre rauchend,
und tat, als ob er die Jenny nicht sähe noch sehen wolle, heimlich doch gar voll
schnackelnder Gedanken.
    Es ist so schwer, Gefühle bemerkbar zu machen. Am besten, man tut, als habe
man keine, noch irgendwelche Absichten. Möglich auch, dass sein ingrimmiger Ernst
von seinem Beruf herrührte. Wenn man jahraus, jahrein Leichen verbrennt, kann
man nicht ohne weiteres und im Handumdreh'n das Gehaben finden, das eine
Primadonna bestrickt. Deren in Fleischeslust bebende Schwanenbrust hatte er
längst bemerkt - so mal seitwärts -, und wieviele Fünfliver er in der Tasche
hatte, wusste er auch.
    Und Herr Pips wieder seinerseits, der dies missverstand, suchte Herrn Naumann
- Friedrich Naumann hiess der Herr Krematoriumfritze, genau wie der deutsche
Nationalökonom - diskret auf Jennymama hinzulenken, ebenfalls mit Gesten. Doch
gelang es ihm nicht, ein gegenseitiges Verständnis zu erzielen.
    »Sie sehen«, sagte Flametti und stürzte die Kiste, »die Kiste ist völlig
geschlossen.«
    »Wissen wir schon!« sagte Herr Pips halblaut und winkte ab mit der flachen
Hand.
    Die Gäste seiner Umgebung wussten sofort: der gehört zur Familie. Und dem war
auch so. Herr Pips war der erklärte Freund der Artisten, häufigster Gast Mutter
Dudlingers und der Flamettis. Er bezog einen Monatswechsel von dreihundert
Franken.
    Es kam, wie es kommen musste: auch diese Pièce war schliesslich zu Ende. Man
machte Platz und Mutter Dudlinger und Herr Pips fanden Unterkunft in der
Rosenlaube, wo sich Herr Pips sofort unbehaglich fühlte, weil er nicht nach
Wunsch Fühlung nehmen konnte.
    Das Orchester spielte den Hindenburgmarsch, breit, wuchtig und forsch, wie
es der Denkungsart dieses obersten Heerführers entspricht, als eben mit ihrem
Impressario Miss Ranovalla de Singapore eintrat, ein siamesisches Gegenstück zu
Mutter Dudlinger, schwarz von Gesicht, ein zinnoberrotes Mäntelchen um die
Schultern gehängt, aufgeputzt wie ein Affe.
    Und das Häsliterzett sang soeben das Schackerl, als wie auf Verabredung auch
Herr Direktor Ferrero erschien, der heute abend nicht spielte.
    Einige Gäste, die zur Bahn mussten, standen auf. So bekam er rasch Platz,
abseits vom Künstlertisch.
    »Schackerl, Schackerl trau di net!« gingen Mutter und Tochter singend mit
neckischem Mienenspiel und erhobenem Zeigefinger auf den unglücklich die Mitte
behauptenden Häsli los.
    »Trau mi net«, erwiderte Herr Häsli ängstlich und sehr verschüchtert, aber
mit einem plötzlichen Aufschauen und Horchen, das unsagbar drollig wirkte.
    »Hoam zu deiner Alten«, sangen Mutter und Tochter, indem sie ihn
ausspotteten.
    »Dreahn ma lieber weiter no«, sangen alle drei und fassten sich bei den
Händen. Die Musik hielt drohend das no aus.
    »Trink ma no an Kalten!« sank die Musik.
    »An Kalten«, wiederholte Herr Häsli mit aufleuchtendem Grinsen, und
persiflierte Bauerneleganz.
    Die Liebenswürdigkeit seiner Damen war bezaubernd. Sie waren so recht in
ihrem Element. Und Herr Häsli machte also doch das Kalb.
    Die Musik aber - hier begleitete nicht Herr Meyer, sondern das Orchester -
feierte eine Orgie.
    Hörner, Piston, Bassklarinett; Tuba, Trommel und Fagott schrieen, zeterten,
kreischten, gröhlten. Die Schallöcher der Trompeten stachen wie Sternwartenrohre
nach allen Seiten gelb in die Luft; sie spieen Musik. Die Augen der Bläser
verdrehten sich und drohten als blanke Kugeln aus ihren Höhlen zu fallen. Die
Disharmonieen zerfetzten einander. Und Herr Fournier, der für das Ganze
verantwortlich war, gebärdete sich wie ein Wilder.
    »Kriagst dei Murrer sowieso ...«
    »sowieso«, nickte Herr Häsli vergelstert. Das ganze Lokal brüllte mit:
»sowieso«. Die Damen kreischten auf, weil sie sich in einer Eigentümlichkeit
ihres Idioms erkannt sahen.
    »Tu' jetzt drauf vergessen«, lenkten Frau Häsli und ihre Tochter ein; mit
ihnen die Musik, die plötzlich zartest und pianissimo wurde.
    »Lass dei Alte Alte sei!« johlte die Musik - Herr Häsli improvisierte ein
»Juhu!«, das er mit einem Freudensprung begleitete, und schlug sich auf sein
nacktes Tirolerknie -
    »Die wird di net fressen.«
    »Net fressen«, wiederholte Herr Häsli mit täppischer Sorglosigkeit,
begleitet von der magenerschütternd drohenden Basstrompete, die wie der Murrer
der Alten klang, so dass Herr Häsli entsetzt und mit offenem Mund nach Herrn
Fournier stierte.
    Der lächelte. Das Publikum raste. Die Rosenhecken wackelten. Einem Herrn
fiel der Kneifer herunter. Der Totenkopf streckte die Beine weit von sich und
hielt sich den Leib vor Lachen. Annie bog sich vor Lachen wiehernd auf die Seite
zu ihrem Kavalier, dass sich die Köpfe berührten.
    »Hoh, hoh!« brüllte die Galerie.
    Flametti allein schmunzelte nur.
    Und jetzt begann der Jodler:
    »Hollo dero hi, hollo dero ....«, schnackelten, klatschten und plattelten
die drei auf der Bühne. Es war überwältigend. So ein Erfolg war noch nicht.
Unerhört! Festrausch verbreitete sich. Das war Stimmung!
    »Jesses, Jenny!« rief Fräulein Amalie voller Entzücken und doch
kopfschüttelnd, »Trau mi net: wie er das singt! Wie er das singt!«
    »Kassieren!« rief Jenny.
    Rosa, Güssy und die Soubrette rannten mit den Muscheln.
    »Los, kassieren!« schrie Jenny auch Fräulein Traute zu, die noch immer am
Tische sass und nicht von der Kasse wich.
    Fräulein Amalie nahm die Gelegenheit der Pause wahr, einmal hinauszugehen.
Frau Schnepfe stand auf, um die Häslis und Flametti zu beglückwünschen.
    »Gehen Sie doch selbst kassieren!« antwortete Traute gereizt, aber schlicht.
    »Gehst du kassieren oder nicht?« drohte Jenny unterdrückt, um keinen Skandal
zu machen.
    »Ich habe hier aufzupassen!« antwortete Traute.
    »Was hast du hier?«
    »Aufzupassen«, sagte Traute. »Sie nehmen Geld aus der Kasse.«
    »Was tu' ich, Lumpenmensch?« knirschte Jenny und packte Traute trotz
Publikum und Konzert über den Tisch beim Kragen.
    »Lassen Sie mich los!« rief Traute. »Ich habe den Auftrag, aufzupassen. Ich
habe gesehen, wie Sie dem Pianisten Geld zusteckten. Ich kann aber jetzt auch
gehen, wenn Sie wollen. Ich habe keine Lust, mich von Ihnen misshandeln zu
lassen. Sie werden das weitere sehen. Sie sind abgesetzt. Sie machen für uns die
Kassiererin solange, bis wir uns eine andere nehmen.«
    »Max!« rief Jenny und fegte hinter die Bühne, »Max!« ganz hysterisch. Das
war ihr zuviel!
    Man wurde aufmerksam, reckte die Hälse. Traute zuckte die Achseln,
mitleidig, und schnickte mit dem Kopfe.
    Da spürte Jenny eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um. Der Freund
aus Baden stand hinter ihr.
    Auch er war gekommen, soeben, hatten den Steifen noch auf dem Kopf, den
Regenschirm hängend am Arm. Schnurrbart kurz aufgekräuselt. Paletot zugeknöpft,
Teilhaber der Firma Seidel & Sohn, Wäsche engros.
    »Na, was gibt es denn, Jenny?« fragte er ruhig, begütigend.
    »Ah, guten Abend!« fasste sie sich, »nichts weiter.«
    »Setz' dich doch her!« sprach er ihr zu, hing Paletot, Hut und Schirm an den
Haken, und setzte sich, seinen Smoking glättend, zum Künstlertisch.
    »Nichts, nichts!« versicherte Jenny.
    »Na, siehst du!« meinte Herr Seidel, stolz auf die Suggestion, die auszuüben
er sich befähigt fühlte.
    Traute ging selbstgefällig in die Garderobe. Sie hatte es ihr gegeben,
dieser Bordelldame.
    Flametti kam und fragte ein wenig unsicher:
    »Was gibt's?« und begrüsste Herrn Seidel. Frau Häsli sass bei Direktor
Ferrero.
    »Siehst du dort?« zeigte Jenny auf das verhandelnde Paar.
    »Meinetwegen!« zuckte Flametti die Achseln. »Wer kassiert?«
    »Rosa, Güssy und die Soubrette.«
    »Wo ist die Traute?«
    »In der Garderobe.«
    »Gut!« sagte Flametti, sehr in Gedanken, und setzte sich, aufgedunsen und
abgehetzt, an Donna Maria Josefas Tisch.
    »Das ist ja fabelhaft!« glückwünschte Herr Farolyi, der Kunstreiter, und
schob Flametti einen Kognak hin. »Na, ihr habt euch ordentlich rausgemacht!«
    »Jo!« meinte Flametti wegwerfend, stürzte den Kognak, stand auf und begrüsste
Miss Ranovalla.
    Das Lokal war jetzt überfüllt. Wenn das Orchester spielte, verstand man sein
eigenes Wort nicht mehr.
    Herr Arista war ganz vergebens bemüht, sich Geltung zu verschaffen.
    »Nur immer raus damit, nur immer raus damit!« sang er in hohem Diskant. Ein
Schleppkleid trug er, reichlich mit Spitzen besetzt. Seine Allüren waren von
jener holzigen Grazie alttoskanischer Edelfrauen.
    Aber man hörte ihn nicht. Vergebens kämpfte er gegen das laute Interesse der
animierten Habitués. Man sah nur die Gesten, die zu besagen schienen, dass er
sich übergeben wolle. Man fand es dégoutant. So sehr Dandy war man schon, dass
man die Aristokratie im grossen und ganzen gelten liess. Es bedurfte so peinlicher
Hinweise auf deren Materialismus nicht, um ihn abzulehnen.
    Es war indessen ein Missverständnis. Die Gesten des Herrn Arista bezogen sich
auf seinen Busen, ganz und gar nur auf seinen Busen, von dem das Couplet von A
bis Z handelte. Damen, Damen, Damen stellte er dar. Aber eben: man verstand ihn
nicht.
    Herr Pips gab die Anschauung von sich, ein Damenimitator überhaupt sei ihm
widerlich. »Nicht Fisch, nicht Fleisch.«
    »Komm doch mit mir, mein Auto steht draussen!« arbeitete Herr Seidel von der
Firma Seidel & Sohn an Jenny, »mein Auto steht draussen. Du brauchst nur
einzusteigen.«
    »Umziehen! Indianer!« drängte Flametti vorn bei der Rampe.
    »Jetzt kommt's!« sagte Engel zu Annie, einen Moment über ihren Tisch gebeugt
mit aufgestützten Händen und ohne Rücksicht auf den zigarettenrauchenden
Kavalier. »Na, es ist ein Erfolg!«
    »Sehen Sie die kleine Soubrette?« sagte Frau Schnepfe zu Mutter Dudlinger,
»wie die kassiert! Die versteht's! Das ist ein Geschäft!«
    »Geschäft glänzend!« erwiderte Mutter Dudlinger, ganz verfettet, doch
freundlich sympatisierend. Flametti war ja ihr vorzugsweise begünstigter
Protegé.
    Der Totenkopf und seine Schwester aber standen auf mit zwei Kavalieren, die
etwas wüst aussahen, und verliessen ostentativ das Lokal. Ostentativ bezüglich
einiger ihrer Kolleginnen, die denn auch nicht ermangelten, den Abgang spitz zu
glossieren.
    »Mba, mba, mba!« dröhnte die Musik.
    Und Herr Direktor Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa, ein Pferdekenner
wie kein zweiter, Flamettis erklärter Freund, kam aus der Garderobe, steifte
sich auf vor der Rampe, klopfte ans Glas und sprach:
    »Meine verehrten Herrschaften! Sie erleben jetzt die Sensation dieses
Abends. Unser Freund Flametti wird Ihnen jetzt seine von St. Rotter bearbeiteten
Indianer vorführen. Gestatten Sie mir, mit kurzen Worten meiner Freude über den
wohlgelungenen Abend und meiner Bewunderung für unsren verehrten Flametti
Ausdruck zu verleihen. Die Indianer: welche Gefühle durchwandern unsere Brust
beim Klang dieses Wortes! Welche Ahnungen entzücken das Herz! Welche Hoffnungen
und Erinnerungen liegen darin begraben! Der Rausch unserer Kindheit, die Freude
unserer Mannbarkeit! Wer hoffte nicht selbst, als Indianer die Gefilde unserer
Heimat zu durchschweifen. Wem zuckt die Hand nicht nach Feuerwasser, dem
Bowiemesser, nach dem Skalp unserer Feinde! ...«
    Die Damen lächelten hold. Die Augen ihrer Freunde blitzten verständnisinnig,
verlegen.
    »Wir alle kennen die Namen unserer Unterdrücker. Ich brauche sie nicht zu
nennen ....«
    Herr Detektiv Steix, der auch von der Partie war, zog sein Notizbuch heraus
und notierte sich etwas.
    »Wir alle lieben die Freiheit, die Pferde, den Wigwam, den Kriegspfad.
    Das alles sehen Sie in den Indianern, die unser verehrter Freund Ihnen jetzt
vorführen wird. Sie sehen sogar noch mehr. Rache und Vergeltung im Jenseits.
    Unterdrückt von der brutalen Gewalt der Eindringlinge müssen sich die
Indianer verstecken in Urwald und Sumpf, zwischen Nattern und Schlangen. Das
sind wir, lieber Leser, das sind wir, teure Freundin. Die Luft unseres stillen
Quartiers wird mehr und mehr erfüllt von den Klagen der Opfer, die sich die
Polizei herausgreift. Das Volk der Indianer geht dem Verfall entgegen.
Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied,
und so schliesse auch ich mit dem Ausruf:
Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und stosse an auf das Wohl und Gedeihen, das
Glück und Genie unseres einzigartigen Flametti. Er lebe hoch!«
    Herr Farolyi, der Ungar, hatte sein Glas erhoben und leerte es in einem Zug.
    »Flametti, der Häuptling, hoch! Flametti, Flametti!« tobte das Publikum. Man
stampfte und johlte ...
    Der Vorhang hob sich. Leer war die Bühne, und die Indianer fanden statt.
    Erst die Ouvertüre mit den worgelnden Donner-und Blitz-Akkorden.
    Dann der Kriegspfad:
Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren - - -
Dann der zweite Vers:
Wenn man das Letzte uns genommen,
Wenn unsre Besten umgekommen,
Ziehn Falkenaug' und Feuerschein
Zum grossen Geist dort oben ein.
Dann heben sich die Roten Brüder
Zu neuem Reich und Glanze wieder,
Und es erreicht das Blassgesicht
Für seinen Raub ein Strafgericht.
Dann der dritte Vers, den Herrn Farolyi als Ausklang zitiert hatte:
Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
Einmal wieder ziehn wir noch auf Kriegespfad,
Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht.
Und die Lichter im Saal waren verdunkelt. Und die Indianer, Flametti, Jenny, die
Soubrette, Fräulein Rosa, Fräulein Güssy und Fräulein Traute schwenkten die
roten Laternchen, in hohem Federschmuck, und sangen so monoton-klagend, so
herzergreifend-verschollen, dass Fräulein Amalien und Mutter Dudlinger die Tränen
in die Augen traten; dass Herr Meyer plötzlich glaubte, er habe falsch gespielt,
und infolgedessen für einen Moment wirklich daneben griff; dass Engel beim
Vorhang seine Erregung nicht anders mehr bemeistern konnte, als indem er
zitternd eine Zigarette anzündete; und Herr Farolyi, der wieder bei Donna Maria
Josefa sass, ein über das andere Mal ausrief: »Macht er wirklich hübsch, der
Flametti!«
    Gewiss hätte jetzt auch Herr Rotter seine Freude gehabt; denn die Nasen,
besonders die Flamettis, waren überraschend gut geklebt. Und für den dritten
Vers hatte sich Max eine so prachtvolle Apoteose ausgedacht, - er allein stand
aufrecht. Die Weiber knieten mit gesenkten Köpfen und Lanzen um ihn herum. Dann
sprangen alle auf, ganz vor an die Rampe in eine Reihe, und drohten mit
geschwungenem Tomahawk -, dass auch der stumpfeste Batzenbengel solcher
Auffassung Unübertrefflichkeit hätte zusprechen müssen. Besonders die Damen
hielten sich über Erwarten gut.
    Es war ein runder, glatter Erfolg.
    »Flametti! Flametti! Feuerschein!« schrieen die Roten Brüder, als der
Vorhang fiel und sich noch einmal hob.
    Herr Farolyi in vehementem Entusiasmus, ging klatschend bis vor die Rampe.
Donna Maria Josefa winkte mit Flatterhand. Mutter Dudlinger, die so selbstlos
den Fünfzigfrankenschein vorgestreckt hatte, strahlte ein Strahlen, das über das
ganze Lokal hinstrahlte. Miss Ranovalla de Singapore, speckiges Wunder, stand auf
und liess ihre beschatteten Augen schweifen. Sie empfand die Exotik dieser
Indianer als eine ihr ganz persönlich gewidmete Ovation. Und Flametti verbeugte
sich bärig, lächelnd, mit leuchtenden Jungensaugen, ob all dem Glück und Erfolg.
    Die Musik intonierte, wie auf Verabredung, den Missouristep, von Engel mit
selbstgefertigtem Plakat zu Bewusstsein gebracht. Bobby zog seinen Sommerpaletot
aus und paradierte in glitzernd zur Schau gestelltem Eidechsenkostüm.
    »Flametti! Flametti! Feuerschein raus!« tobte das Publikum immer noch, und
Flametti musste allein erscheinen. Kühn, leuchtend und gross stand er inmitten der
Bühne, Delaware von Kopf bis zu Fuss, Held dieses Abends, Würdenträger und
Häuptling seines Reviers.
    Nach der Kassierung aber kamen die dienstbaren Geister vom Krokodil und
Umgebung und räumten mit Hilfe des Publikums die Rosenhecken weg, soweit sie im
Wege waren. Ein anstossender zweiter Saal wurde geöffnet. Eine Vermischung des
Varieté-Ensembles mit dem Publikum fand statt: es wurde getanzt.
    »Nein, Jenny, was ihr für ein Glück habt!« rief Raffaëla, »ich muss mich ein
bisschen zu euch setzen!« und sah Jenny träumerisch in die Augen.
    »Fräulein Raffaëla«, stellte Jenny vor, »Herr Seidel, mein Freund aus Baden;
Fräulein Amalie, Frau Schnepfe.«
    Und Raffaëla, da Jenny gerade damit beschäftigt war, die Kassierung
nachzuzählen: »Was für ein Glück!«
    »Ach, Raffaëla«, seufzte Jenny, »wenn du wüsstest!«
    »Was macht er denn?« flüsterte Raffaëla.
    Und Jenny, unendlich traurig, die Hand am Munde, dann abwinkend:
    »Ach, ich will lieber schweigen!«
    Herr Seidel aus Baden zwirbelte unternehmend, mit disziplinierter Eleganz,
seinen Schnurrbart. Er stützte die Hand auf den Schenkel. Der Ellbogen stand
weit ab.
    »Boston!« rief der Tanzordner und rutschte mit schleifenden Füssen durch den
gebohnerten Saal.
    Frau Schnepfe schüttelte den Kopf ob solchen Tumults.
    Fräulein Amalie, den Rücken an die Wand gelehnt, streichelte ihren
Zwergpintsch mit der gepflegten Haltung einer Dame, die in der Hofloge sitzt.
    Flametti, noch im Indianerkostüm, ging durch den Saal und quittierte, mit
seiner Stattlichkeit renommierend, die flüssig ihm dargebotenen
Glückwunschbeweise. Man befühlte die Lanze, die Lederhosen, den Halsschmuck.
Auch Herr C. Tipfel von den Sunda-Inseln war da.
    »Du poussierst mit Flametti!« warf Bobby der treulosen Traute vor, mit der
er seit Wochen in zünftigem Briefwechsel stand. Sie standen beim Vorhang. »Ich
hab' es gesehen. Er hat dich ans Bein gefasst, als du die Treppe hinaufgingst.
Ich hab' auch gesehen, wie ihr getuschelt habt mieinander.«
    »Dummer Fatzke!« gab Traute zurück, »was bild'st du dir eigentlich ein? Bist
ja zwei Köpfe kleiner als ich! Willst du eine Frau ernähren!«
    »Na, schön!« sagte Bobby und musterte sie von oben bis unten. »Pfui Teufel!«
Er nahm seinen Regenschirm, zog den Paletot an, sagte »Grüatzi!« und ging in den
Hopfenzwilling.
    »Ach, Raffaëla!« sagte Jenny, »du glaubst es ja nicht! Aber wart' nur ab!
Ich werde mich revanchieren!«
    Die Soubrette kam an den Tisch.
    »Na, Fräulein«, sagte Herr Seidel freundlich, »was trinken Sie?«
    Die Soubrette zierte sich.
    »Einen Eierkognak?«
    »He, Fräulein!« hielt er die Kellnerin fest, »einen Eierkognak!«
    Die Soubrette nahm Platz. »Laura heisse ich.«
    »Fräulein Laura - hübscher Name!« sagte Herr Seidel und legte den Arm um
ihre Stuhllehne.
    Jenny entging es nicht. Sie hatte die Kasse gezählt und winkte Flametti. »Da
nimm: Hundertneunzig Franken.«
    Flametti schob das Geld mit gekrampfter Hand in die Hosentasche und fühlte
sich verpflichtet, eine Weile stehen zu bleiben.
    »Wo ist die Traute?« fragte Jenny.
    »Was weiss ich, wo die Traute ist!« fuhr er auf, »sie wird tanzen.«
    Jawohl, Fräulein Traute tanzte. In ausgelassenem Vorüberschieben warf sie
Flametti einen kokett-auffordernden Blick zu. Hei, flog ihr Kopf in den Nacken!
    »Ja ja, die Jugend!« träumte Frau Schnepfe resigniert.
    »Uff!« schnaubte Flametti, »das war eine Hetze!« Jetzt lief es von selbst.
    Vorbei schob: Herr Scherrer, Handlungskommis aus Wien, mit Fräulein Rosa.
Vorbei schob: Herr Glatt, turmhoher Stehkragen, Handlungskommis aus der Mark
Brandenburg, mit Fräulein Güssy. Vorbei schob: Herr Pips mit der
hüftengewaltigen Lydia. Vorbei schob: der Herr Krematioriumfritze, mit der in
Feldgrau.
    »Das ist der andere!« flüsterte Jenny vertraulich Raffaëla zu.
    »Schwer reich. Der spendiert nachher Sekt. Immer französischen Sekt. Er tut
jetzt so, als säh' er mich nicht.«
    »Stattlicher Mann!« gab Raffaëla sich Mühe. Es schien ihr eine wenig drauf
anzukommen, Jenny die Ruhe zu nehmen.
    Aus der Garderobe kam als der letzte Herr Meyer. Er hatte die Noten
hinaufgetragen. Unschlüssig blieb er stehen, Jennys gespicktes Portemonnaie in
der Tasche, das ihm bei jedem Schritt wie ein Klotz an den Schenkel schlug.
    »Ach, Herr Meyer«, sagte Jenny und streckte sich über den Stuhl zu ihm hin,
»geben Sie her! Es ist nicht mehr nötig!« und liess das Monstrum von
Portemonnaie, das Meyer ihr gleichgültig gab, in den Busen rutschen.
    Und Herr Meyer trat zu Flametti, sah in das Gewühl und meinte: »Pfui Teufel,
ist das eine Hitze!«
    Und den Walzer tanzte auch Mutter Dudlinger. Sie hielt den Herrn Pips fest
um die Taille gefasst und drehte sich auf den Zugstiefeln. Herr Pips aber drehte
sich wie ein Trabant um die Sonne. Meistenteils war er verfinstert.
    Und Engel machte auch Jennymama seine Aufwartung, animiert wie man's werden
kann, erhielt aber glatt einen Korb.
    »Ach, der Engel!« lächelte Jennymama.
    Und noch um ein Uhr kam ein Rudel Studenten: holländische Forsteleven. Die
schoben und pfiffen und klatschten dazu. Und hatten eine eigene Laute dabei und
stellten das ganze Lokal auf den Kopf.
Wer dem Indianerfeste nicht bis zum Ende beiwohnte, und wer Jenny nicht kannte,
erlebte am nächsten Tag Überraschungen.
    Flamettis Erfolg war unbestritten. Und galt ihm allein, nur ihm. Er wurde
gefeiert in allen Tönen.
    Aber gerade das vertrug Jenny nicht. Gerade das lehnte sie ab. Sie konnte in
ihrer offenbaren Beschränkteit nicht einsehen, dass für Flametti dieses
Indianerspielen ein Bild, ein Symbol war, ja eine Lebensfrage; begriff nicht,
wie ein vernünftiger Mensch, ein Mann, sich so kindisch benehmen konnte. Sie
hatte, kurzum, keinen Sinn für die Illusion, verstand auch nicht, was der
Farolyi gekauderwelscht hatte. Spielen, Wetten, Revolverschiessen; Pariser
Apachen, Felsengebirge und Honolulu; ein Ritt durch die Wüste, Komantschen,
Blutunde und Polizei: das alles waren ihr spanische Dörfer.
    Weltfremd war Jenny und eitel dazu. Sie konnte für möglich halten, das ganze
Fest sei nur für sie arrangiert gewesen; Flametti nur für sie, für Jennymama,
geboren, sei es, indem er den Diener machte, wenn sie Karotten einkaufte; sei
es, indem er Mannderl und Weiberl schnitzte fürs Wetterhäuschen.
    Und ganz besonders: für Wigwams hatte sie gar keinen Sinn. Sie hielt das für
Humbug. In kleinlicher Missgunst klammerte sie sich an Äusserlichkeiten, warf ihm
gewöhnliche Vielweiberei vor. Als ob sich ein Mann seiner Art von der Fertigkeit
eines einzigen Weibes gefesselt, entzückt und versorgt fühlen konnte.
    Flametti versuchte umsonst, es ihr klar zu machen, morgens um zehn Uhr, im
Bett. Sie verstand nicht.
    »Also was heisst das?« setzte sie sich verbissen und leidenschaftlich im Bett
auf.
    »Dass ich meine Ruhe haben will!« erklärte Flametti abschliessend und drehte
sich nach der anderen Seite.
    Aber damit gab Jenny sich nicht zufrieden. So liess sie sich nicht abspeisen.
Klarheit wollte sie haben von wegen dieser Person, dieser Traute, der Schlampen,
die nicht einmal wusste, wozu die Klosettschnur da war, und die es doch wagte,
ihr dreist ins Gesicht zu sagen, man habe sie abgesetzt.
    »Du, Max, ich will Antwort!« drohte sie, »wie ist das mit der Traute? Mach'
mich nicht wild! Ich hab' euch wohl tuscheln sehen, gestern im Krokodil! Gut: es
war Publikum da. Aber heut will ich's wissen.«
    »Himmelherrgottsakrament, lass mir jetzt meine Ruhe!« setzte Flametti sich
ebenfalls auf. »Was soll ich denn machen mit ihr? Was willst du denn? Soll ich
vielleicht den Heiligen spielen? Darf ich nicht meine Nachtruhe haben? Plag' ich
mich immer noch nicht genug?« Eine Prügelszene im Bett stand bevor.
    »Gut!« sagte Jenny, »lass nur!« Sie wusste Bescheid. Heraus sprang sie aus dem
Bett, warf sich den Schlafrock über und war schon im Lattenverschlag.
    »Traute raus!« schrie sie und packte die schlafende Traute beim Kragen.
    »Pack' deine Sachen zusammen. Vorwärts marsch, marsch! Und heraus aus der
Wohnung!«
    Traute fuhr auf. Der Ton, der ihr ans Ohr drang, war zu energisch, als dass
es ein Weigern gab. Schlaftrunken, eben noch mit dem Kommis aus Brandenburg
Twostep schiebend, glitt sie über die Bettkante herunter. Unterkleider und
Schuhzeug griff sie, stürzte das Tanzkleid über den Kopf und bemerkte erst
jetzt, worum es sich handelte. »Raus, wohin?« fragte sie erstaunt.
    »Raus aus der Wohnung! Raus auf die Strasse! Ins Arbeitshaus, wenn du Lust
hast! Nur raus, und zwar sofort, oder ich hole die Polizei!«
    Grosse Augen machte Fräulein Traute. Arbeitshaus? Strasse? Polizei? Was war
denn passiert? Was war denn geschehen? Warum? Wieso? Was hatte sie denn getan?
    Sie bekam's mit der Angst. Verstört und verdattert riss sie die Augen auf.
Ihr Mund hing schief. Zitternd und bebend beeilte sie sich, ihr Kleid zu
schliessen.
    »Was hab' ich denn getan? Ich habe doch nichts getan!« stotterte sie.
    »Du wirst schon wissen, was du getan hast!« schrie Jenny.
    »Fort! sag' ich dir! Raus! Nur raus! Ich werde dir Beine machen!«; riss
Trautes Sachen vom Haken und warf sie ihr zu. »Das andere kannst du dir holen
lassen. Nur raus, auf der Stelle!«
    »Sie haben mich hier nicht rauszuwerfen. Flametti hat mich hier
rauszuwerfen!« versuchte Traute.
    »Was hab' ich?« schrie Jenny, jetzt vollends rabiat, und keilte die
Künstlerin aus dem Verschlag.
    Die hielt sich mit beiden Händen fest an der Tür. Die Türe schlug zu. Zwei
Vasen mit Binsen und Klatschmohn fielen zerschellend hoch vom Büfett. Nettchen,
der Dackel, schoss, ein fauchendes Krokodil mit zwei Reihen Sägezähnen, hervor
aus den Sofafransen.
    Die Mädel kreischten. Flametti, im Hemd, mit haarigen Beinen, drang aus dem
Hauptfrauzimmer.
    »Was gibt's denn da?« riss er die Sklavin der Hauptfrau weg.
    »Hier gibt's eine Kindsleiche, wenn sie nicht rauskommt.«
    »Hilfe! Hilfe!« schrie Traute, als sei ihr der Hals bereits abgeschnitten,
und rannte zum Fenster.
    »Bist du ruhig!« drohte Flametti mit aufgeblasenen Backen.
    Schon war die ganze Nachbarschaft an den Fenstern. Eine Scheibe klirrte.
    »Raus kommt sie!« arbeitete Jenny.
    »Willst du ruhig sein!« schäumte Flametti, ergriff das Brotmesser, das auf
dem Tisch lag, und ging auf die Frau los.
    »Hilfe! Hilfe!« Jenny stiess auf der Flucht mit dem Kopf an den
Spiegelschrank. Nettchen, gurgelnd und seibernd, sprang hoch an Flamettis Brust
und verbiss sich im rot-weiss gestreifelten Baumwollhemd.
    Flametti kam zur Besinnung und liess das erhobene Messer sinken.
    »Machst du jetzt, dass du hinauskommst!« funkelte er Traute an und bedeutete
ihr mit dem Zeigefinger den Weg.
    Und Traute, entsetzt, in die Enge getrieben, lief heulend über das
Plüschsofa, am Rocke den wütenden Hund nachschleifend, nahm einen viertel
Fusstritt Flamettis mit, schrie Zeter und Mordio, rannte die Treppe hinunter zur
Strasse, und lief, was sie laufen konnte.
    Die Mittagstafel war schlecht besucht. Auch die Häslis fehlten. Sie hatten
Kontrakt gemacht mit Ferrero, gestern noch spät in der Nacht, nach dem
Schackerl, und fanden es nicht übertrieben, Flametti Adieus zu ersparen.
 
                                       V
Herr Meyer sah aus wie Friedrich Haase als Richard der Dritte. Man fuhr nach
Basel. Herr Meyer sah aus, als sei er, Herr Meyer, verantwonlich für diese
Partie. Man fuhr zu Herrn Schnepfe nach Basel, und dieser Herr Meyer sah aus,
als sei's eine Fahrt nach dem Feuerland.
    »Sehen Sie mal, Herr Meyer«, sagte Flametti, »ich kenne doch Schnepfes
Lokal. Keine Sorge! Wochentags leer. Aber Sonntags brillant. Und jetzt zur
Messzeit, mit unseren Schlagern ...! Das Wichtigste ist: man muss ihm den Schneid
abkaufen, dem Schnepfe. Von vornherein. Gar nicht aufkommen lassen. So und so
sieht es aus bei uns. Das und das brauchen wir. - Grosses Lokal bei den
Schnepfes. Prachtvolle Zimmer. Guter Kontrakt.«
    Aber Herr Meyer schien seine Bedenken zu haben. Er hörte kaum zu. Rauchte
'ne Zigarette und spuckte wegwerfend durchs Coupéfenster.
    »Sehen Sie mal«, sagte Flametti und tippte die Asche weltmännisch auf die
vorbeisausende Landschaft, »wir haben: die Indianer, den Harem, den
Friedhofsdieb, den Mann mit der Riesenschnauze, die Nixen, die Ausbrechernummer
....« Er zählte das alles an den Fingern her.
    »Die Indianer?« warf Herr Meyer ein.
    »Na ja, die Indianer.«
    »Wieso die Indianer?«
    »Na: ich, meine Frau, die Soubrette und Rosa.«
    »Schöne Indianer!« meinte Herr Meyer. Ihm konnt' es ja recht sein.
    »Was wollen Sie?« meinte Flametti, »genügt das nicht?« Er wurde heftig.
»Jawohl! Werde mir fünf Soubretten engagieren! Zehn Lehrmädel dazu!«
    »Feine Stadt, Basel!« rief Jenny mit erhobenem Zeigefinger und entnahm ihrer
Handtasche zwei Schinkenbröte. »Gelt, Max, auf die Mess' gehen wir? Und die
Kavaliere bringen uns Leckerli?«
    »In Basel gibt's doch die Leckerli«, erklärte sie Fräulein Laura, die
ebenfalls skeptisch schien. »Solchene Tüten bringen sie an!« Sie zeigte eine
Tütengrösse von reichlich einem halben Meter. »Und einen zoologischen Garten gibt
es: Wildschweine, Strausse, Giraffen! Feine Stadt!«
    Fräulein Laura schien ganz Ohr. Nervös sah sie von Flametti zu Meyer, von
Meyer zu Jenny.
    »Der Herr Meyer meint, das Repertoire reiche nicht aus«, lächelte Max zu
Jenny.
    »Nimm ein Schinkenbrot, Max!«
    Herr Meyer spuckte wegwerfend und finster. Und Jenny fühlte sich
verpflichtet, deutlichere Begriffe zu geben von dieser gesegneten Stadt.
    »Und der Rhein ist da«, sagte sie kauend im hübsch ansitzenden Reisekleid,
»und die Polizei ist sehr streng. Papiere und Heimatschein, da darf nicht das
Tüpfel fehlen. Wenn dort eine auf der Strasse geht: zwei Tage. Schon ist sie
weg.«
    Stosshaft belustigt spuckte Herr Meyer. Doch seine Skepsis war abgründig
finster. Jeder Versuch, ihn aufzuhellen, schien vergebens. Und Fräulein Laura
zuckte nervös mit den Augenlidern. Sie schien sich gar nicht zurechtzufinden.
    Engel langte die Sachen herunter aus dem Gepäcknetz. Bobby sah nach der Uhr
und griff die Plakate. Rosa bemühte sich um den Käfig der Turteltauben.
    »Ist's schon so weit?« fragte Jenny erstaunt und steckte ihr Schinkenbrot
halb in den Mund, halb in die Reisetasche.
    »Basel!« bestätigte Flametti.
»Ah, das ist recht!« rief Frau Schnepfe, als das Ensemble eintrat. »Das ist
recht!« und drehte an ihrem Ehering. »Guten Tag! Guten Tag! Guten Tag!« und gab
jedem einzelnen die Hand.
    »Salü!« grüsste Flametti, »da sind wir!« und blieb mit Reisetasche und
Regenschirm ostentativ inmitten der Wirtsstube stehen, als wolle er sagen: jetzt
geht der Kontrakt an. Jetzt habt ihr zu sorgen für uns.
    Frau Schnepfe bekam einen gelinden Schreck. Und die Soubrette, als
Stimmungsmacherin angezeigt, nahm sogleich einen Stuhl, ganz erschöpft von
Influenza, stützte den Kopf auf und begann einzuschlafen.
    »Wo ist der Beizer?« fragte Flametti forsch.
    »Fritz!« rief Frau Schnepfe in irgendein Kellerloch, »da sind sie. Komm
einmal rauf, die Artisten sind da.« Und Engel und Bobby stapelten das Gepäck
auf, schleppten den grossen Koffer herein.
    Da kam auch Herr Schnepfe zum Vorschein, blinzelnd und etwas verrusst von der
Kellerarbeit.
    »Salü Max!« grüsste er mit salopp geschwungener Schneidigkeit und blödem
Gesichtsausdruck. Er trug eine Schnurrbartbinde, war klein von Gestalt, und es
fehlte der Kragenknopf.
    »Salü Fritz!« grüsste Flametti souverän und stellte den Handkoffer ab. Herr
Schnepfe sah aus, als sei ihm nicht wisslich, um was es sich handle.
    »Das ist die Frau«, stellte Flametti vor, »das ist die Soubrette, das der
Pianist, das die Rosa. Das der Engel und das unser Herr Bobby.«
    »Früh auf den Beinen!« meinte Herr Schnepfe.
    »Schweinskopf mit Senf«, porträtierte Engel, indem er den Koffer zum andern
Gepäck hinschob.
    »Alles parat?« fragte Flametti militärisch.
    »Alles parat!« rapportierte Herr Schnepfe, die Hand an der Hosennaht. Den
Scheitel hatte er sich mit Wasser und mit Pomade zurechtgeplätscht. Doch
sträubten sich seine Borsten.
    »Wo sind denn die zwei andern Fräulein?« erkundigte sich Frau Schnepfe
freundlich und süss.
    »Kommt Ersatz!« tröstete Flametti und hing nun auch seine Schirme auf.
    »Na, dann zeig' mal die Zimmer!« gebot Herr Schnepfe und zog sich mit einem
kommissartigen Ruck die Kellerschürze über den Kopf.
    »Wollt ihr nicht erst einen Kaffee trinken?«
    Oh, das war eine freundliche Frau Schnepfe! Oh, die war nett!
    »Oh ja«, nickte Jenny mit ihrem süssesten Lächeln und gab der Frau Schnepfe
das Reiseplaid. Die gab's einer Kellnerin weiter.
    Flametti nahm Rosa die Tauben ab, hing seinen Hut an den Haken und nahm
seine Philos heraus.
    Die Kellnerin brachte Helles. Herr Schnepfe hantierte am Bierhahn, gab seine
Befehle. Jenny ging mit Frau Schnepfe die Wohnung besehen. Und man war
angekommen.
    Nachmittags ging man zur Polizei, von wegen der Anmeldung. Die Stadt war
grau. Hohe Häuser, elektrische Strassenbahnen. Regenwetter und Nebel.
    Das Polizeihaus war ein efeuumwachsener, burgähnlicher Bau. Der Weg hinauf
führte vorbei am Gefängnis. Ein Sträfling sah mit verwildertem Kasperlgesicht
durchs Eisengitter herab auf die Strasse. Schweigend ging man vorbei, gedrückt,
wie Katoliken vorübergehen am Kreuz. Man nimmt seinen Hut ab.
    Der Rückweg führte vorbei an der Messe. Das elektrische Karussel war in
vollem Betrieb. Eine blau gestrichne Karosse kam, zitternd und rasselnd, in
majestätischer Fahrt aus dem Tunnel. An der Stirnseite des Wagens prangte ein
Seeweibchen, Bruststück. Das schlug die Tschinelle. Rot waren die Backen, weiss
ihre Brüste gelackt. Stolz flog sie dahin und zog einen ganzen Schwarm
hochfarbig lackierter Wagen aus dem Tunnel. Die Dampfpfeife schrillte.
    Herrn Schnepfes Varietélokal war unschwer zu finden. Wenn man öfters den Weg
machte, fand man es spielend. Bei einem grossen Bankhaus schwenkte man ab nach
rechts, in die Vorstadt. Vor dem Haus stand ein Brunnen mit grossem Bassin voll
grasgrünen Wassers. Darüber der heilige Bartolomäus, aus Stein gehauen, mit
segnenden Händen. An den Fenstern hingen Flamettis Plakate. In der Strasse, am
Abend, schaukelte blau eine Bogenlampe.
    Die Zimmer waren ein wenig kalt und schreckend im ersten Moment.
Mattscheiben und die gekalkten Wände erinnerten barsch an Krankenbaracken in
einem Gefängnisbau. Doch waren sie teilweise hübsch mit Öfen versehen und
geräumig, ebenso wie das Konzertlokal.
    Zwei ineinandergehende Kammern gleich überm Wirtslokal bekamen Flametti und
seine Frau, nebst Rosa. Eine Kammer im dritten Stock die Herren Engel und Bobby.
Ein Dienstmädchenzimmer im Seitenflügel Herr Meyer und Fräulein Laura.
    »Sagen Sie nur«, meinte Frau Schnepfe zu Jenny, »warum haben Sie nur die
zwei netten Fräulein nicht mitgebracht?«
    »Ach, Frau Schnepfe«, winkte Jenny ab, »Sie haben ja keine Ahnung, was in
unsrem Beruf alles vorkommt: Die eine hab' ich entlassen müssen - schlimme
Geschichten! Die andre hat man mir abgenommen.«
    »Abgenommen?«
    »Ja, denken Sie sich: die Mutter kam mir ins Haus und sagte, sie dulde nicht
länger, dass ihre Tochter Artistin ist. Wegen der Kerls.«
    »Was Sie nicht sagen!«
Die Vorstellungen waren nicht gut besucht. Trotz pomphafter Vorreklame. Ein
Dutzend Leute sassen wohl in den Ecken. Aber sie jassten und liessen sich weiter
nicht stören. Keine Hand rührte sich, wenn eine Nummer zu Ende war. Keine Miene
verzog sich.
    »Man muss sich einleben«, meinte Flametti. »Es muss sich herumsprechen, was
wir zu bieten haben. Nur keine Sorge! Kommt schon.«
    Herr Meyer musste sich jedenfalls bald überzeugen, dass die Indianer auch ohne
Güssy und Traute gingen.
    »Sehen Sie«, sagte Flametti, »Basel ist eine ernste Stadt. Religiös. Das
vornehme Bürgertum klatscht nicht gern. Lassen Sie uns etwas Ernstes bringen,
den Friedhofsdieb, und wir haben ein volles Haus.«
    Also bekam Engel die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt im Friedhofsdieb, was
Frau Häsli früher zu spielen hatte, und lief tagsüber unglücklich zwischen den
Tischen und Stühlen umher und rang mit dem Ausdruck.
    Herr Meyer aber blieb skeptisch. Auch die Wirtsleute gefielen ihm nicht.
    Ihm war nicht entgangen, dass Herr Schnepfe auf seinem Glasdach einen Wurf
junger Wolfshunde aufzog. Die heulten dort nächtlich herum, wenn die Ratten über
das Dach wegstoben.
    Eine innige Antipatie empfand Herr Meyer gegen Herrn Schnepfe. Auch diese
Frau, Frau Schnepfe, gefiel ihm nicht. Ihr gedrehtes Wesen belästigte ihn. Herr
Meyer war ein Poet. Wie sollte das Publikum Zutrauen fassen, wenn die
blutleckenden Wolfshundsbestien mit ihren Hängeschwänzen das Haus durchstrichen
und jedermann an den Waden schnupperten; wenn die gedrehte Frau Sdmepfe auf ihre
gedrehte Art »Guten Morgen!« sagte und einem die Hand gab, geziert-religiös, wie
Nonnen sich in der Kirche an Fingerspitzen das Weihwasser reichen!
    Flametti aber versuchte es analytisch.
    »Was ist Blödsinn?« philosophierte er in dem Mann mit der Riesenschnauze.
»Blödsinn ist: wenn das Kind keinen Kopf hat. Blödsinn ist aller Jammer der
Welt. Blödsinn ist die Enttäuschung der Seele, die Quintessenz der Melancholie.
Blödsinn ist überhaupt ein Blödsinn.«
    Das war Herrn Meyer so recht aus der Seele gesprochen. Das löste seine
Komplexe. Doch auch Erkenntnis vermochte die Basler nicht aufzuheitern.
    Mit ringförmigen Fischaugen sassen sie da, tranken ihr Bier aus, zahlten und
gingen. Die Soubrette hatte ein wenig Erfolg. Das Ganze schien hoffnungslos.
    »Alles nichts«, sagte Jenny, »wir müssen Artisten haben!« Und eines Tags bei
Tisch verkündete sie dem erregten Ensemble: »Neue Artisten kommen. Vornehme
Artisten. Kinder, da müsst ihr euch fein benehmen!«
    Zwei Tage später war's auch schon da. Die Tür ging auf. Ankamen die neuen
Artisten. Herr Leporello und Lydia, Herr Leporello und Lotte, Herr Leporello und
Raffaëla, nebst vielem Gepäck, darunter auch Eisenstangen.
    Das war ein Getue! Das war ein Geschmatze! Das war die lauterste Seligkeit!
    Lottely hinten, Lottely vorne! »Gut, dass ihr da seid!« - »Trinkst du Helles,
Lepo?« - »Wollt ihr einen Kaffee trinken?« - »Wie geht es der Mutter?« und was
dergleichen Begrüssungsformalitäten mehr sind.
    Sogar Herr Meyer taute jetzt auf. Leben und Lebensart kamen ins Haus. Die
Reservierteit Schnepfes verfing nicht mehr.
    Und diese Nummern! Drahtseilakt und Czardas. Spitzentanz, Matschiche und
Drehbarer Unterleib! Ein wirklicher Zuwachs! Akquisition! Das liess sich hören!
    Auch die neuen Artisten wurden untergebracht: Zimmer Numero 6 und 7. Engel
und Bobby beschäftigten sich mit dem neuen Gepäck und den Eisenstangen. Herr
Leporello gab Anweisungen. Und man begab sich zur Polizei.
    Eine Stunde später schon waren für Raffaëlas Drahtseilakt im Parkett quer
vor der Bühne die Stützen befestigt, die Zeitungsannonce war aufgegeben, und der
Erfolg war freundlichst gebeten, sich einzufinden.
    Kam auch. Gleich der erste Abend gab einen hohen Begriff von den Fähigkeiten
der neuen Artisten. Die Kostüme waren zwar etwas zerknittert. Sie hatten zu
lange im Korb gelegen, und von Frau Schnepfe war kein Bügeleisen zu erhalten.
Auch missglückte Herrn Leporellos Drehbarer Unterleib weil Lepo zu Mittag infolge
der langen Bahnfahrt zuviel gegessen hatte.
    Aber Raffaëlas Matschiche auf dem hohen Seil mit japanischem Schirm und im
Himbeertrikot - Teufel, hatte das Frauenzimmer Schenkel! - ermunterte selbst die
griesgrämigen Basler. Und als Fräulein Lydia Czardas tanzte - verflucht noch
einmal! Sie schlug auf das Tamburin und ging mit pferdhaftem Posterieur
stampfend und tänzelnd gegen die grätschende Schwester los -, da gab es auch bei
den Baslern keine Bedenken mehr: laut und vernehmlich klatschten sie.
    Am nächsten Abend gab es schon Ehrengäste: Herr Bums-die-Lerche, der
Komikerkönig, und Fräulein Nandl, das Wunder der Tätowierung, welch letztere im
Haus des Herrn Schnepfe auch wohnte, der guten Adresse wegen.
    In den nächsten Tagen brachte Raffaëla als Neuheit ihren Spitzentanz - immer
auf den Fussspitzen, nach der Melodie:
Frühling ist's, die Blumen blühen wieder,
Süss berauschend duftet jetzt der Flieder,
immer auf den Fussspitzen; die Pointen markiert durch ein Hochschnellen des
Körpers, die Arme mit grazienhaft hinauf- und hinuntergebogenen Handflächen
ausgebreitet; immer so:
Alle Vögel jauchzen, jubeln, si-hi-ngen,
Die Natur scheint neu sich zu verjü-hi-ngen.
Und Herr Leporello, wenn er eklatante Beweise seiner trommlerischen Begabung bei
der Begleitmusik abgelegt hatte, produzierte sein Teufelskabinett, bei dem er
unter Zischen und Pfeifen auf einer Sirene, mit zusammengelegten Gliedern durch
einen Schornstein aus Pappkarton, den Lydia festielt, borstig herniederfuhr.
    Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt brachte - er
erschien dann als eine infernalische Klatschbase im Korsett, einen Kamm in der
Perücke, das Hemd hing ihm hinten heraus und der Rock aus Sackleinwand, mit
roten Litzen benäht, war ihm zu kurz -, dann spielte sich in seinen Mienen eine
so diabolische Einfältigkeit ab, dass der Kontrast zwischen seinen gespreizten
Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem Grinsen
entflammte.
    Was Wunder, wenn das Geschäft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr und mehr
in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?
    Ein Feldwebel von der St. Gottard-Festung kam als Konzertbesucher. Er hatte
Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles spendierte! Sogar Leckerli
brachte er mit, die ersten, die man bei Schnepfes zu sehen bekam.
    Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar teilte
sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum Zoo. Die andern mit
Flametti zur Mess.
    Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so üppig bestückt zu sein wie
Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so künstlerisch interessant
arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu München. Wenigstens wusste
der zoologisch interessierte Teil der Vergnügungspartie nur Unbedeutendes zu
berichten.
    Jenny war aufgefallen, dass die Strausse im Basler Zoo echte Straussfedern
trugen. Lydia klagte, die Papageien hätten erbärmlich geschrien. Die Ohren
gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den Viechern die Hälse abschneiden,
statt ihnen die Bälge mit Brot vollzustopfen. Nur Raffaëla schien einen
stärkeren Eindruck gerettet zu haben.
    »Kinder, der Elefant!« schlug sie die Hände zusammen und konnte sich gar
nicht genugtun, »so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!«
    Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige Affen.
Doch das war alles.
    Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine Enttäuschung.
    Erst im Panoptikum: Der Feuerkessel von Tahure: da platzten die Bomben! Da
staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die Beine zum Himmel, wie
niedergeknallt auf der Hasenjagd!
    Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten
Flametti und Fräulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer. Wie flog man
dahin! Wie flog man daher!
    Dann beim Jägersalon: »Schiessen Sie mal, junger Herr!« Und Herr Engel schoss,
auf den Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los. Aber
unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!
    Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, über Nacht, und
man war gezwungen, sich enger zusammenzuschliessen. Da gab es lange Gesichter.
    »Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!« reklamierten Lydia und Raffaëla
zugleich.
    »Ist doch nicht kalt!« tröstete Jenny, »je, seid ihr verfroren!« Aber es
waren fünf Grad unter Null.
    »Eene klappernde Kälte!« meinte Herr Leporello in komischem Bass, mit
hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.
    »Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!« verkündete Bobby, der eifrig die
Zeitung studierte.
    »Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!«
    »Jenny«, rief Raffaëla ins Wirtslokal, schnatternd vor Kälte und tief
beleidigt, »das geht so nicht! Ich muss einen Ofen haben! Wo soll ich denn hin
mit dem Kind?«
    »Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!« meinte Jenny im
blauen Schlafrock, am Ofen. »Hier ist es doch warm! Bleibt doch hier unten im
Wirtslokal!«
    Das tat man denn auch. Raffaëla, Lydia, Lotte und Lepo blieben im
Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends. Lotte machte
die Hosen nass. Lydia und Raffaëla schlappten einher in den Schlafröcken und
beschimpften einander.
    Abends aber, während der Vorstellung, sassen die fünf Damen aufgeputzt um
Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring um den
Dompteur.
    »Kinder, nein, ist das eine Kälte!« zitterte Lydia mit erfrorener Nase und
zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst jetzt allmählich
dahinter.
    Und zu der Soubrette: »Ihr habt es gut. Ihr habt einen Ofen!«
    Und alle bebten und pressten die Schenkel zusammen.
    »Menschenskind!« tanzte Engel näher heran und rieb sich verbindlich die
Hände, »ist doch keene Kälte: fünf Grad! Hättest vergangenen Winter dabei sein
sollen!« und hob sich fast in die Luft, so betrieb er mit beiden Armen
gymnastische Packung. »Hauptsache ist: man kriegt was Warmes in Magen!«
    Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe liess sich nicht lumpen.
    Der Kaffee zum Frühstück liess zwar manches zu wünschen übrig. Die
Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig verrostet sein. Die
Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten. Das konnte jedoch, wie Herr
Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte, auch andere Ursachen haben.
    Das Mittagessen war einfach tipp topp. Sauerkraut, Würstel und
Pellkartoffel. - Gulasch, Bohnen und Rösti. - Hackfleisch, Erbsen und
Rettichsalat. Jennymama kochte besser; gewiss. Aber man war nun einmal in der
Fremde. Da war es, wie die Verhältnisse lagen, das beste, den Magen zu heizen.
    »Iss!« sagte Laura zu Meyer, »wer weiss, wann man wieder was kriegt!«
    Eine kleine Rivalität brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem übrigen
Teil des Ensembles, dem Bruch, wie die Zirkusleute alle Kollegen nannten, die
nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.
    Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie waren
exklusiv und sahen den Bruch verächtlich an. Herr Leporello etwa den kleinen
Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby arbeitete rückwärts, war also
Schlangenmensch. Herr Leporello arbeitete vorwärts, war also Froschmensch. Herr
Leporello hatte die komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby
hatte den besseren Hand-Stand, das biegsamere Rückgrat.
    Aber Herr Leporello ästimierte ihn nicht. Herr Leporello war ausschliesslich
Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig auf Heizerfahrt.
    Oder Miss Raffaëla den Engel. Sie verlangte von ihm, dass er Einkäufe für sie
besorge. Sie glaubte, der Bühnenmeister sei hier auch Stiefelputzer. Aber Engel
lehnte es ab, Kommissionen zu machen.
    »Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!« Und Flametti
bestätigte das, indem er Monteur auf Engels Papier durchstrich und Artist
drüberschrieb.
    Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny. Die
Bruch- und Apachenpartei mit Flametti.
    Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie hänselten ihn. Er fand sie
verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern Partei, den
Gestrandeten, den Gelegenheitskönnern, den Kindern Gottes. Auch Meyer und
Fräulein Laura waren nur herverschlagen ins Varieté. Und doch - alle
Hochachtung!
    Äusserlich aber tat sich die Rivalität in folgendem kund: Die Zirkusleute
brachten das Geld. Die Bruchleute hatten - den Ofen.
    Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube herum oder
im Wirtslokal, wo das Glasdach tropfte, die Ratten liefen, die Windeln rochen.
Sie schürten und hetzten. Sie glaubten, wider Verdienst schlecht weggekommen zu
sein.
    Die Bruchleute schlossen sich täglich enger zusammen im Zimmer des
Pianisten, wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte, wo aber
der Ofen glühte. Fräulein Laura wusch der Männer gemeinsamen Kragen, Bobbys
Eidechsenkostüm hing glitzernd über der Wäscheleine. Man sass auf Herrn Meiers
entgleistem Rohrplattenkoffer und sang Schnadahüpfl zur Laute. Man richtete
Engel ein Bett her am Ofen, damit er geborgen war, wenn die Malaria ihn
überfiel.
    Und Engel erzählte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun, der
Baronesse, die ihn geliebt, als er noch Forsteleve in Deutschland war, beim
Grafen von Reiffenstein.
    Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch, dass es plötzlich noch
kälter wurde.
    Es war jetzt so kalt, dass es wirklich nicht anging, länger zu singen:
Die Luft ist lau, die Täler prangen lenzesgrün,
wie es in jenem Begrüssungsmarsch hiess, den man im Krokodil vor Rosenlauben
gesungen.
    Die Damen rieben sich auf der Bühne ganz unverhohlen die Hände vor Frost.
Und wenn der Marsch auch ein heissblütiges Tempo hatte: die Worte konnten jetzt
nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit.
    Die Varietébesucher: Totengräber, Kirchendiener, Leichenbitter und
Mädchenjäger sassen mit Zapfenschnurrbärten, wenn sie zufällig in die Peripherie
des Saales gerieten, in die Nähe eines der grossen Fenster.
    Auch der Spitzentanz Raffaëlas verfing nicht mehr. Vergebens suchte sie
mittels Duftigkeit, Sinnenrausch und Beschwingteit der Schritte die Illusion
eines Maientags aufrechtzuhalten. Ihr Odem wehte wie Höhenrausch. Ihre Nase
karfunkelte.
    Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen. Aber das war wie
ein Zündholz im Eisschrank.
    Es ging nun auch nicht mehr an, dass der Vetter Flamettis, Herr Graumann,
länger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz photographierte.
    So traf dieser Herr, Herr Graumann, Vetter Flamettis, eines: Tags bei Herrn
Schnepfe ein, just in dem Augenblick, als die Generalprobe zum Friedhofsdieb
stattfand.
    Sehr erstaunt war Herr Graumann, seinen Vetter Flametti in einem langen,
schwarzen Talar zu erblicken, als Richter vor einem Stoss Aktenmappen. Eine
kleine, zierliche Knabengestalt, dem Richterstuhl gegenüber, schien prozessiert
zu werden.
    Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf, der gestohlen war;
Blumentopf.
    Auf der Mitte der Bühne stand eine vornehme Dame, wohl eine Baronin, mit
Blicken, die halb auf den Richter, halb auf den Knaben gerichtet waren. Neben
ihr krausköpfig ein schmächtiger Herr, der als Zeuge Emil Schmidt figurierte und
offenbar seine Rolle noch nicht vollkommen beherrschte; er stammelte, stotterte,
war in der grössten Verlegenheit.
    Herr Graumann trat näher, ein wenig verschüchtert von solch künstlicher
Atmosphäre, und legte die Hand vor die Augen, die Szene prüfend auf ihren
photographischen Gehalt.
    »Von vorn!« schrie Flametti. Und es wiederholte sich der Auftritt, Zeuge
Emil Schmidt, - Friedhofsdieb.
    Und jener krausköpfige Herr kam mit dem Knaben durch die Kulisse herein,
zitternd und bebend, so dass man ihn selbst für den Delinquenten hielt. Er legte
mit irren Augen die Hand auf die Schulter des Knaben und sprach:
Man immer ruhig, mein liebes Kind!
Die Wahrheit darf immer man sagen.
Dann kann man die Strafe, wie sie auch sei,
Mit leichterem Herzen ertragen.
Sprich frisch von der Leber weg .....
Engel hustete heftig. Das war nicht verwunderlich, denn hinter der Bühne zog es
abscheulich.
    Flametti aber war wie ein Stier vor dem roten Tuch, diesem Husten gegenüber.
    »Lass das Husten sein!« schrie er und rüttelte seinen Amtstisch, »oder ich
werf' dir die Glocke vor den Kopf!«
    Eine Glocke gab es auch auf dem Amtstisch, konstatierte Herr Graumann.
    Und Engel hustete kurz noch zu Ende, räusperte sich und fuhr fort:
Sprich frisch von der Leber weg
Und was zur Tat dich getrieben.
Ein Richter ist streng nach Gebühr, wenn es muss ...
»Hundsfott!« schrie Flametti, »ist das ein Vers?«
    Ein Richter ist streng, wenn sich's gebührt, berichtigte Engel, zitternd vor
Ergriffenheit,
Doch weiss er auch Nachsicht zu üben.
»Gut!« sagte Flametti, »weiter!« Und er selbst wandte sich an den Knaben:
Tritt näher, mein Sohn, und habe nicht Scheu
Vor schreckender Tracht und Gebahren!
Und so du begangen hast, was es auch sei,
Hier kannst du es offenbaren.
Tritt näher und sprich! Vielleicht dass alsdann
Ein mildernder Umstand dir etwas Luft schaffen kann.
Und Flametti begleitete seinen letzten Satz mit einer erleichternden Bewegung
beider Hände, von der Magengegend aufsteigend gegen den Brustkorb.
    Herr Graumann fand diese Gerichtssitzung ein wenig romantisch, wenn auch
nicht fremd. Hörbar lächelte er.
    »Wer ist da im Publikum?« brüllte Flametti, die Hand vor den Augen, und
ärgerlich über die neue Störung.
    »Hallo Flametti!« rief Herr Graumann hinauf.
    Und Flametti: »Ja, Menschenskind, wo kommst denn du her?« Die Glocke stellte
er hin und sprang, im Richtertalar, herunter über die Rampe.
    »Direkt vom Tessin!«
    Da war die Probe vertagt. Die Probe war aus. Und Engel atmete auf.
    Herr Graumann blieb, als Flamettis Gast, drei Tage, zur grossen Freude des
ganzen Ensembles, das er photographierte in allen möglichen und unmöglichen
Posen; immer mit dem Pappkarton, den er mit schwarzem Tuch überzogen hatte, und
mit dem er furchtbar penibel war. Die Bilder versprach er später zu schicken.
    Herr Graumann war ein Original. Ein wenig glich er dem Wurzelsepp aus der
bayrischen Bauernkomödie. Die ganze Schweiz bereiste er als Photograph. Mit dem
Pappkarton. In die entlegensten Dörfer kam er. Und immer zu Fuss. Auch aus dem
Tessin war er zu Fuss gekommen. Wind, Wetter, Eis und Schnee vermochten ihm wenig
anzuhaben. Es war sein Beruf, zu wandern. Die Geschäfte brachten es mit sich.
    Was wusste Herr Graumann für treffliche Schnurren zu erzählen! Manch
ernstaftes Abenteuer und Rencontre mit der Polizei. Unter Plattenreissern war er
der yokerste.
    »Herr Graumann!« rief Raffaëla taktlos, »wie riechen Sie schön nach den
Kräutern!« und schöpfte mit der Hand von Herrn Graumanns Luft. »Ist wohl
Farnkraut?«
    
    Und Lydia: »Sagen Sie, Graumann, tragen die Wanzen auch Fahnenstangen, wenn
sie Versammlung haben?«
    Und Fred: »Sie, Graumann, wie macht man das: Graumannol?«
    Denn Herr Graumann hatte in knappen Zeiten ein Mittel erfunden gegen
Insektenstich.
    »Man nehme«, sprach er, »Urin und Brombeersäure, füge dazu ein Fünftel
Salzwasser, das durch die Kiemen von Klippfisch ging. Schüttle das Ganze.«
    Reissend waren sie abgegangen, die dreissig Flaschen von je einem halben Liter
à zwei Franken fünfzig, die er an einem sonnigen Mittag in Mussestunden
verfertigt hatte am Ufer des Lago Maggiore, und die den Vergleich aushielten mit
jedem Salmiakpräparat.
    Herr Graumann nahm eine Prise, reichlich mit Glas untermischt, damit es die
Schleimhäute redlich beize, und Raffaëla und Lydia drangen ihn, sie zu
photographieren zusammen mit Lottely.
    Das war nun nicht leicht, weil Lotte sich fürchtete vor dem zerfederten
Eulengesicht des Herrn Graumann. Aber es ging. Ein halbes Dutzend Visit. Ein
halbes Dutzend Kabinett.
    Und Herr Graumann griff nach Stativ und Kasten und sagte:
    »Bitte, den Kopf etwas schief! Bitte die Hand etwas höher! Bitte etwas
freundlicher, sonst kann ich's nicht machen.«
    Und schrieb die Bestellung in sein Notizbuch und nahm eine lächerrlich kleine
Anzahlung. Dann musste er weiter.
    »Kinder!« rief Raffaëla, »das wird ein Vergnügen! Der Mama schicke ich eins!
Eins meinem Männe ins Feld! Eins dem Farolyi!«
    Doch als Herr Graumann gegangen war, kehrte die alte Langeweile wieder.
    Herr Engel, um eine Diversion zu haben, feierte den Namenstag seiner Tante,
indem er in fremden Lokalen für eigene Rechnung ausbrach und sich entfesselte.
Herr Schnepfe unterhielt sich mit seiner Frau über Tunis, allwo Frau Schnepfe
Köchin gewesen war.
    Schnepfe konnte das gar nicht für wahr annehmen. Hotelköchinnen in Tunis?
Nach seiner, Herrn Schnepfes unmassgeblicher Ansicht, waren Hotels nicht
angebracht in einer Himmelsregion, wo haarige Bestien meckernd über die Wüste
strichen; wo Totengerippe und Schädel die Wege markierten. Frauenzimmer hatten
dort nichts zu suchen.
    Und da man allgemach nicht mehr ausgehen konnte - die Kälte riss einem die
Ohren vom Kopfe -, so suchte sich jeder zuhaus nach Neigung und Temperament die
Zeit zu vertreiben.
    Bobby unternahm umfassende Korrespondenzen zwecks Wiederherstellung
vernachlässigter finanzieller Beziehungen. Seine Mussestunden widmete er der
Pflege der kleinen Lotte, schneuzte sie, tränkte sie, legte sie trocken.
    Engel gab Herrn Meyer sachdienliche Ticks für ein Apachenstück, das Meyer zu
Ehren Flamettis entwarf, und versenkte sich in das Studium medizinischer
Schriften aus des Herrn Meyer Handbibliotek. Auch schrieb er die Sätze
druckfertig ab, die sich aus dieses Meyer strotzender Feder wölbten.
    Jenny und Rosa, ein Stockwerk tiefer, schneiderten orangefarbene
Matrosenkostüme für ein neues Ensemble, die Commis voyageusen.
    Herr Leporello, Parterre, hatte vertrackte politische Disputationen mit
einem vierzigjährigen zelotischen Schriftsetzer, der selbstverfasste
revolutionäre Verse voller ästetischen Klangs jeden Nachmittag, eh' er zur
Arbeit ging, eine Viertelstunde lang, zielbewusst rezitierte.
    Weniger friedlich beschäftigten sich die Damen Raffaëla und Lydia.
    Solange noch Aussicht war auf Einladungen und Unterhaltung, auf Kavaliere
und Konditorei, ging es an. Solange waren sie guter Laune und üppig.
    Da ihnen Haushalt und Belletristik nicht lagen, gaben sie selbdritt der
kleinen Lotte französischen Unterricht.
    »Lottely, sag': Bon jour!« kreischte Raffaëla.
    »Lottely, sag' Rabenmutter!« ärgerte sich Lydia und gab Raffaëla einen Stoss.
    »Lottely, sag' Voulez-vous coucher avec moi?!« stichelte Raffaëla und schoss
den Vogel ab.
    »Gib das Kind her! Halt' doch deinen Mund!«, entrüstete sich Lydia. »Ich
würde mich schämen! Was die dem Kind beibringt, diesem unschuldigen Seelchen!
Gib das Kind her, du Fetzen!«
    Und sie zerrten das schreiende Lottely hin und her, dass Lottely selbst nicht
mehr wusste, wer da die Mutter war.
    Am Abend indes bei der Vorstellung waren Mutter und Tante längst wieder
versöhnt.
    Übermütig und ausgelassen stocherten sie, wenn Bobby seinen Bogen schlug,
mit den Angelruten der Nixen durch die Kulissenwand nach Bobbys Bäuchlein und
knäbischer Druse.
    In der Garderobe kneipten sie mit den Lockenscheren die sanftmütige Rosa,
dass diese, halb ausgezogen und mit beiden Händen den wertvollen Busen schützend,
laut kreischend, bis auf die Bühne rannte.
    Als aber die Kavaliere ausblieben und sich auch sonst nichts regte, wandte
sich auch bei ihnen das Temperament mehr nach innen.
    Das bisschen Vorstellung, die paar Tänze, der Schnack, das alles resorbierte
sie nicht. Der Zirkus beschäftigt mehr, fordert mehr Kraftaufwand, bietet indes
auch mehr Sensation und Belustigung.
    Sie vermissten die nötige Reibung, den Zug, den Elan. Die Verpflanzung bekam
ihnen nicht. Die Stille reizte sie auf.
    Als man am Mittagstisch sass, kamen zwei Briefe an: einer für Lydia, einer
für Raffaëla.
    »Ein Brief von meiner Mama!« rief Lydia, riss das halbe Tischtuch mit, als
sie aufsprang, und las gierig, mit langem Gesicht.
    »Ein Brief von meinem geliebten Manne!« schrie Raffaëla und tanzte, den
Brief in der Luft mit Küssen bedeckend, auf den Filzpantoffeln.
    Leporello, neugierig, brachte seinen Kaumechanismus ins Stocken.
    »Was schreibt se denn?« fragte er und schnitt auf dem Holztisch sein Brot.
    »Ach, unsre liebe Mama! Das ist eine gute Mutter!«, schmachtete Lydia.
»Meine lieben Kinder! Seid ja recht artig und zankt euch nicht! ...«
    »Ach, mach' nicht so'n Getöse!« rief Raffaëla. »Du mit deinem Geschmachte!
Als wenn es nur deine Mutter wäre! Meine Mutter ist's ebensogut!«
    »An mich ist der Brief adressiert!«
    »Weil du beständig den Hader bringst!«
    »Ich?« kreischte Lydia, durchschaut. »Unverschämte Person!«
    Und schon lagen sie sich in den Haaren.
    Die Briefe von Mutter und Gatte vermischten sich unter dem Tisch. Lottely,
die soeben noch munter mit ihrem Zinnlöffel den Tisch bearbeitet hatte, liess ab
von dieser Beschäftigung und suchte mit einem resolut angesetzten, heulenden
»Bäh!« die Aufmerksamkeit ihrer Mutter von der sympatischen Lydia abzulenken.
    Flametti schimpfte und Lepo zog unter dem Tisch sein Sprungbein an, um
einzugreifen, falls der Streit peinlichere Dimensionen annehmen sollte.
    Jenny allein beschwichtigte:
    »Kinder, na setzt euch! Das Fleisch wird ja kalt!«
    Es wurde schlimmer von Tag zu Tag. Die wahre, die Zirkusnatur kam zum
Vorschein.
    Welch ein Schreck für das ganze Ensemble und auch für Herrn Schnepfe, als
eines Tags in der Vorstellung die Eisenstütze des Drahtseils, die am Parkett des
Herrn Schnepfe festgeschraubt war, ganz unvermittelt herausbrach, samt einem
halben Quadratmeter Parkett!
    Raffaëla tanzte gerade den Matchiche. In fliederfarbenem Satinröckchen, den
einen Fuss vorschiebend über den Telegraphendraht, wie Flametti zu sagen pflegte,
den andern Fuss nach rückwärts hoch in die Luft geschlagen, den Japanschirm in
gezierter Hand, hielt sie bedacht die Balance, so heftig schaukelnd und mit dem
Japanschirm schlagend, dass die Petroleumhängelampen des Herrn Schnepfe in
blutiger Majestät sich verfinsterten.
    Schon hatte sie die Mitte des Seils erreicht: da krachte der Boden. Der
Eisenträger neigte sich und das ganze Spektakel, Raffaëla im Fliederkostüm, der
Japanschirm, das vorgeschobene Bein und das hochgeschlagene Bein, fielen auf dem
geknickten Telegraphendraht ineinander.
    »Ach Gott, meine Schwester!« schrie Lydia, als stürzte ein Neubau zusammen,
»helft ihr doch! Zieht sie doch heraus! Ach, ihr lieben Leute, helft ihr doch!«
    Es war jedoch nicht viel passiert. Das Seil war nur ein Meter achtzig hoch
gespannt. Raffaëla lag wohl am Boden, der Schirm daneben. Aber sie schien sich
nur auszuruhen. Abgestürzt war sie aus luftiger Höhe und dem Publikum bot sich
Gelegenheit, ihre Schenkel zu besehen, wie man eine Schwalbe besieht, die sich
an schwindelnder Kirchturmspitze den Kopf einstiess und nun plötzlich, den
Blicken der Gaffer preisgegeben, ganz nahe am Boden liegt.
    Aus dem Schreck kam man nicht mehr heraus. Immer fiel seit diesem Begebnis
Raffaëla irgendwo herunter.
    Von der Bühne fiel sie herunter und hätte sich fast das Bein gebrochen.
    Von der Treppe fiel sie herunter; polternd kam sie angerutscht. Und man
musste den Arzt holen.
    Vom Draht, der jetzt der Länge nach durch das Lokal gespannt war, fiel sie
ein zweites Mal herunter, mitten auf einen mit Gästen besetzten Tisch, wo sie,
zwischen Biergläsern, verdutzt und verschämt einen Augenblick lächelnd stehen
blieb, eine bierschaumgeborene Venus. Bösartig aber gebärdete sich Lydia.
    Sie schimpfte aufs Essen, auf ihr kaltes Zimmer, auf die Männer, die samt
und sonders Sklavenhalter und Ausbeuter, Tagediebe und Unterdrücker seien, die
kein Geld herausrückten.
    Sie lieh Jennys Petroleumofen aus und gab ihn, ausgebrannt, ruiniert und
durchlöchert zurück. Hin war der Respekt vor Flametti und seinen Indianern.
    Wenn sie Flametti sorgfältig sich schminken sah in der Garderobe, schminkte
sie selbst sich in niedriger Farcerie ostentativ einen Körperteil, von dessen
Ausbeutung für Teaterzwecke selbst die Wilden der Südsee sich nichts hätten
träumen lassen.
    »Wart' nur! Ich werd' es der Mama schon schreiben!« rief Raffaëla verletzt
und entrüstet.
    Aber dann brach die empfindsame Lydia in heftige Tränen aus:
    »Nicht einmal Spass darf man machen! Was hat man denn noch vom Leben?
Aufhängen möchte man sich!«
    Und als eines Tages sich Leporello die Freiheit nahm, mit Flametti zusammen
einen Rennstall zu besichtigen, brach zwischen Lydia und Lepo ein solch
abgründiger Hass aus, dass sich Herr Schnepfe genötigt sah, noch spät in der Nacht
mit seinem prämierten Wolfshunde einzuschreiten.
    »Judenverkäufer! Bandit! Unterdrücker! Schmierfink!« schrie Lydia, von
Raffaëla gezaust und von Lepo zerdroschen, dass es weitin den Gang und das Haus
durchgellte.
    Sogar Jenny, die sich in Wahrheit aufopfernd benahm - sie lieh ihren
Protegés das halbe Boudoir aus, Brennschere, Seife, Nachttopf, Benzin -, wurde
in Mitleidenschaft gezogen.
    »Du, Jenny«, sondierte Raffaëla, als sie an Jennys Namenstag traulichen
Streuselkuchen zum Kaffee bekam, »wie ist das denn mit der Traute geworden?
Schreibt er ihr noch? Der schreibt ihr doch sicher noch! Meinst du nicht auch?«
    »Nein, nein«, meinte Jenny bedeutungsvoll, »der schreibt ihr nicht mehr. Dem
ist die Lust vergangen. Das hat sich ausgeschrieben.«
    Und einige Tage später: »Du, Jenny, der hat was mit der Soubrette. Der Lepo
auch. Gib mal acht, wenn sie singt! Ist dir denn das noch nicht aufgefallen?«
    »Geh'«, sagte Jenny, »du träumst!« Aber sie nahm sich vor, auf der Hut zu
sein.
    Und Raffaëla in ihrer Strohwitwenschaft, leistete sich's, mit Flametti
anzubändeln.
    Sie hielt ihn nach alledem, was Jenny ihr anvertraut hatte, für einen
Naivling.
    Schon duzten sie sich, trotz Flamettis erklärter Antipatie, als eines Tags
Jenny dahinterkam in der Garderobe.
    »Was ist denn nun das?« schrie sie, hochrot und abgetrieben von dieser
ewigen Hetzjagd hinter dem Gatten her, »mit einer verheirateten Frau fängst du
auch noch an? Hast du noch nicht genug mit dem einen Prozess? Willst du uns ganz
ruinieren?« »Und du, Raffaëla, schämst du dich nicht?«
    »Prozess? Prozess?« staunten Lydia und die Soubrette zugleich.
    Herr Meyer aber verfinsterte sich noch tiefer.
    Während Herr Engel, sein Sekretär, Fortschritte machte in der druckfertigen
Abschrift des langsam anschwellenden Apachenstücks, gönnte Herr Meyer seiner
Inspiration nicht Ruhe noch Rast.
    Tag und Nacht sass Herr Meyer, durchstreichend, was er geschrieben, neu
ordnend, was sich nicht fügen wollte. Ja, es konnte passieren, dass die
Inspiration ihn in Momenten heimsuchte, die in der restlosen Hingabe an Fräulein
Laura gipfelten; dass es ihn aus dem Schlaf auftrieb inmitten der Nacht. Dann
schnellte er aus dem Bett mit gesträubten Haaren, und nicht liess er locker, bis
dass der Gedanke gefesselt war.
    »Laura«, sagte Flametti, als eines Tags Herr Meyer wieder mit völlig
gelähmten Augenlidern bei Tisch erschien, »sagen sie doch dem Meyer, er soll
sich nicht gar so quälen mit seinem Ensemble. Wissen Sie: Die Apachen - offen
gestanden - gefällt mir nicht recht.«
    »Verstehen Sie wohl: gefällt mir schon. Aber es ist zu direkt. Das Publikum
stösst sich dran. Man muss Rücksicht nehmen. Ausserdem wird es nächstens bei uns
entscheidende Veränderungen geben.«
    Fräulein Laura machte grosse Augen.
    Sie hatte mit Engel bereits den Apachentanz einstudiert, der zwischen
Messergefunkel und einem entrissenen Portemonnaie viel rüde Körpergymnastik und
mancherlei Aneinanderpressen der Hüftbecken mit sich brachte.
    »Veränderungen?«
    »Ja, Veränderungen. Im Vertrauen gesagt: Mit den Zirkusleuten - das geht so
nicht mehr. Leporello - allen Respekt. Aber die Weiber - unmöglich. Meine Frau
hat sie engagiert. Wir brauchten Ersatz für die Häslis. Gut. Aber jetzt ist es
so weit, dass sie selbst schon verrückt wird.«
    Und als Fräulein Laura erschrocken und sehr besorgt nach Worten suchte:
    »Der ganze Kram ist mir über. Es gibt keine Achtung mehr, keinen Respekt in
der Welt. Keine ....«
    »Grandezza«, wollte er sagen. Er suchte das Wort, fand es nicht und ersetzte
es durch eine Geste.
    »Nur Gemeinheit. Auch meine Frau: sie meint es ja gut. Aber vom Höheren
versteht sie halt nichts. Die Weiber haben das an sich: sie sind gemein.
Niederträchtig alle. Das ist es. Sie sind aus Prinzip gegen das ... das ...«
    Wieder blieb ihm das Wort aus.
    »Sie sind aus Prinzip dagegen. Leer sind sie und dumm wie der Teufel. Alles
ziehen sie in den Dreck. - Sie hat mir den Zirkus ins Haus gebracht. Wer weiss,
warum. Vielleicht nur, weil sie's allein nicht schaffen konnte. Man kommt auf
den Hund.«
    Laura versuchte zu lächeln.
    »Ach was! Depressionen!« rief sie und schwenkte den Lockenkopf. »Geht
vorüber. Sowie der Besuch sich hebt. Sowie der Erfolg einsetzt. Müssen es denn
gerade die Indianer sein? Es gibt doch andere Nummern!«
    Aber Flametti schüttelte den Kopf.
    »Unverstand von der Jenny. Ah, diese ganze schäbige Wirklichkeit! - -
Schad', dass der Türke hoch ging. Es war eine Beruhigung, so einen Mann in der
Welt zu wissen; solch eine Quantität von Opium, Kokain und Haschich.«
    Laura lächelte, gütig, bewundernd.
    »Eine Freundin von mir, Russin, hat Kokain. Ich werde ihr schreiben ...«
    Und eine zarte Sympatie entstand zwischen beiden, Anlass zu manchem
Vertrauen.
    Eines Tags aber sah man Flametti ganz besonder niedergeschlagen.
    Eine Vorladung war gekommen, vom Bezirksanwalt. Missbrauch und Misshandlung
von Dienstpersonal, Verführung Minderjähriger. Traute und Güssy hatten Anzeige
erstattet.
    »Was hast du gesagt?« bestürmte Jenny den Gatten, als er vom
Untersuchungsrichter zurückkam.
    »Was hab' ich gesagt?« brummte Flametti, »das kannst du dir denken. Es kommt
zum Prozess.«
 
                                       VI
Herr Leporello hiess mit Vornamen Emil.
    Er war schlank, lang, geschmeidig. Zwei mächtige Eckzähne, blitzende Augen,
ein heiserer Bass geben einen Begriff seiner Persönlichkeit. Besonderes Merkmal:
steifer, schleifender Gang der Zirkusleute, die sich bei einer verwegenen Pièce
einen Bruch geholt haben. Auch seine Weste war eine Weste, wie man sie nur beim
Zirkus trägt; goldfarbig, Tapetenmuster mit allerhand Schnörkeln und Tressen.
    Dieser Leporello Emil, Artist, geboren 17. März 1883, bekam seine
Kriegsbeorderung just an dem Tage, da seine Tante Geburtstag hatte.
    »Emil!« wehklagte Lydia, »ach, Emil! Die Beorderung!«
    Ihr Schmerz kannte keine Grenzen. Und obzwar dieser Schmerz keineswegs
affektiert war, stand er doch in einem so auffallenden Gegensatz zu Lydias
früherem Benehmen, ihrem Hass, ihrer Verachtung, wovon man in Basel gelegentlich
der nächtlichen Szene mit Herrn Schnepfes prämiertem Wolfshund ein Beispiel
gesehen hat, dass es Lydia selbst zu Bewusstsein kam.
    »Ach, ich weiss gar nicht«, seufzte sie und die Hände fielen ihr in den
Schoss, »ich möchte gar nichts mehr hören und sehen, seit ich weiss, dass mein Emil
in den Krieg muss. Ach Emil, wie wird das enden!«
    Aber Emil war guten Mutes.
    »Ho ho!« lachte er gedrückt, ohne die Eckzähne zu zeigen, »lass man jehen!
Ick bin froh drum. Det Vaterland ruft. Da jibts keene Zicken.«
    Und dann nahm er sein Handköfferchen eines Tags und hatte den Paletot an und
den Regenschirm in der Hand und verabschiedete sich.
    Lydias Augen hingen an ihm wie leere Sonnenblumen im Herbst, auf die es
geregnet hat.
    »Ach, ihr lieben Leute! Mein guter, lieber Emil! Jetzt geht er dahin und wer
weiss, ob er wiederkommt.«
    Und sie streckte sich auf den Zehenspitzen, umarmte und küsste ihn, und
stellte immer wieder ihr eigenes Handtäschchen dabei auf den Boden; denn sie
begleitete ihn bis zur Grenze.
    Aber Emil war guten Mutes und sagte:
    »Herrjott nochmal! Man meent ja, es jeht in die Ewigkeit!«
    Er hoffte, draussen schon Kameraden zu finden. Es gab dort gewiss lustige
Brüder genug. Tarock spielen würde man sicher auch dort. Als Froschmensch wird
es ihm leichter fallen, sich in der Kriegsgymnastik zurechtzufinden. Und es gab
Bilder in den Illustrierten, aus denen hervorging, dass auch da draussen nicht
immer nur die Granaten platzten.
    Und so reiste er ab.
    Man spielte jetzt wieder im Krokodil. Basel war doch nicht das Richtige. Man
war zur Fuchsweide zurückgekehrt. Warum auch nicht? Die Polizeibusse war bezahlt.
In der Fuchsweide war man zu Hause. Und wo man zu Hause ist, da soll man sich
nähren.
    Freilich hatte sich hier in der Zwischenzeit vieles geändert. Es war nicht
die alte Fuchsweide mehr. Ein neues Polizeiregiment war aufgekommen. Ein andrer
Inspektor. Es wehte ein schärferer Wind.
    Die Annehmlichkeiten des Krokodilen waren die alten. Das Klavier vorzüglich.
Die Heizung brillant. Biermarken im Überfluss.
    Aber die Polizei hatte heftige Lücken gerissen ins Publikum. Hin war der
mondäne Glanz. Hin war die Freude. Verschwunden die Habitués. Verschwunden der
Totenkopf und seine Schwester. Verschwunden Fräulein Amalie. Verschwunden Herr
Pips. Verschwunden der Herr Krematoriumfritze, der all sein Geld verjuckt und
mit der Dame in Feldgrau ein von der Polizei nicht gern gesehenes Verhältnis auf
Gegenseitigkeit unterhalten hatte.
    Dagegen gab es nun in der Fuchsweide ein Organ: Die Zündschnur. Organ gegen
die Übergriffe der Polizei und des Kapitalismus, redigiert von Herrn Dr. Asfalg,
einem ehemaligen Freund und Studiengenossen des derzeitigen Polizeihauptmanns.
    Herr Dr. Asfalg, ein Schwärmer und Utopist, liess sich die Interessen der
Fuchsweidenbewohner sehr angelegen sein.
    Als der neue Polizeihauptmann, Herr Adalbert Schumm, eines Tages höchst
persönlich im Krokodil erschien, um nach dem Rechten zu sehen, kam es zu ganz
privaten Auseinandersetzungen und Ohrfeigen zwischen ihm und seinem ehemaligen
Keilfuchs, und die Szene endete so, dass Herr Polizeihauptmann Schumm, der
incognito da war, den Schauplatz mit Schimpf und Schande verlassen musste, weil
ihn anders das schwere Geschütz des Dr. Asfalg, eine Gruppe
Schlachtausgehilfen, in Grund und Boden geschlagen hätte.
    Und wenn auch Herr Dr. Asfalg den Kampf in der Folge mehr ins ideelle Gebiet
hinüberspielte, so waren doch solche erregte Läufte den Musen nicht günstig.
    Herr Polizeihauptmann Schumm dekretierte:
    »In allen Konzert- und Vergnügungslokalen der Fuchsweide untersage ich
hiermit ab 1. Dezember die Schaustellung wilder Tiere, dressierter Löwen, Bären,
Affen; Bärenringkampf, singende Schakale, sogenannte Meerweibchen etc.
Dergleichen untersage ich die Verwendung von Schlagzeug, grosse Trommel, Pauke,
Tschinelle, Schrummbass bis auf weiteres. Wer diesem Verbot zuwiderhandelt, wird
mit Polizeibusse bestraft bis zu dreihundert Franken.«
    Und Herr Dr. Asfalg erwiderte in der Zündschnur:
    »Wir kennen die wilden Tiere, Tiger, Füchse und Affen der Polizei. Es bedarf
keiner Hinweise. Wir werden uns bemühen, sie um die Ecke zu bringen.
    Wir kennen auch den Schrummbass der Polizei. Es ist ein Instrument, das
rasselt, wenn man es auf den Boden stösst. Wir werden dahin wirken, dass auch dies
Instrument verschwindet.
    Wir stellen uns auf den Boden der nacktesten Wirklichkeit. Wir werden in
Unterhosen die Nationalhymne singen. Wir werden in Schnurrbartbinden unsre
Ensembles aufführen, statt uns Masken zu schminken. Wir werden uns Bäuche
stopfen und Scheitel ziehen wie sie Herr Adalbert Schumm zur Schau trägt, und
werden auf diese Weise hottentottischer wirken als, nach dem Urteil der Polizei,
alle wilden Tiere und Pauken zusammengenommen.« (Zündschnur, Nummer 3, vom 18.
Dezember).
    Und ein andermal, (Nummer 4, Seite 3): »Man lasse dem Volk seine harmlosen
Freuden. Wie sagt doch der Dichter: Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus
Elysium!«
    »Jene aber, Verräter an der Notdurft der Menschheit gehen darauf aus, dem
Leben seinen holden Schimmer, seinen Flaum zu nehmen, gez. Dr. A.«
    Und als eine neue Razzia stattfand, konnte man in der Zündschnur, Nummer 6,
Jahrgang I, die Sätze lesen:
    »Freunde! Mitbürger! Genossen!
    Hört! Euer Bestes, euer Gemüt ist verdächtig. Vor Gericht ist alles Gemüt
verdächtig. Gemüt kennzeichnet unseren Henkern Menschen, die auf suspekten Wegen
gelitten haben und zermürbt sind. Gemüt ist für sie Opposition und Verschwörung.
Gemüt ist das Merkmal von Menschen, die renitent sind, waren oder sein werden.
Gemüt ist Eigendünkel und eine Gefahr für sie. Leute von Gemüt gehören in
Untersuchungshaft. Man recherchiert mit Recht und Erfolg nach kriminellen Akten
von ihnen. Legt euer Gemüt ab!«
    Bei solchen Ergüssen war es erklärlich, dass das Geschäft litt, dass sich die
Habitués verflogen.
    Gerade der letztere Artikel wurde deshalb von direktorialer Seite sehr
angefeindet. Sein ironischer Ton war leicht misszuverstehen.
    Legt euer Gemüt ab!, das konnte auch heissen: Meidet die Vorstellungen! Gebt
keine Gelegenheit, euch zu fassen!
    Das musste dem Publikum Angst einjagen, es abhalten, zu kommen.
    Der Dr. Asfalg in seinem Fanatismus ging entschieden zu weit, begann der
Sache zu schaden. Und erreichen, der Polizei gegenüber, konnte er doch nichts.
Sie hatte die Macht. Sie hatte vom Staat die Befugnis, zu säubern. Und wenn man
Sauberkeit, Ordnung und Rechtlichkeit anerkannte, dann musste man auch die
Polizei anerkennen.
    Nur den vereinten rhetorischen Anstrengungen der Direktionen gelang es, den
Besuch ein wenig zu heben.
    Neben herausgebügelten Bauernweibern, die in der Stadt ihre Einkäufe
besorgten, sass ein französischer Invalide, dem beim Aufstehen die Krücken
fielen. Neben dem Seifensieder, den die Reklameaufsätze der Zündschnur angelockt
hatten, sass eine brotlose Köchin, voller Entschluss, unsittlich zu werden und
sich im Varieté den entscheidenden Stoss zu holen.
    dabei reklamierte Herr Schnepfe von Basel aus zwei turmhohe Rechnungen über
gehabte Extraschnitzel, Hähnchen, Schnecken der Damen Raffaëla und Lydia, die
unter Nichtbegleichung der Zeche Knall und Fall abgereist waren.
    Man trat im Krokodil jetzt auf in Jennys neuen Orangekostümen.
    Es war eine Sensation.
    Jenny in diesem Matrosenkostüm sah aus wie Suppenkaspar auf Reisen. Rosas
gemässigte Hammelbeine daneben standen mit durchgedrückten Waden wie gedrechselt
aus einem Stück, ohne Gelenke und Knöchel. Die Spatzenbeine der Soubrette gaben
der Linie der drei Chanteusen einen wenigstens in der Perspektive harmonischen
Abschluss.
    Interessanter wurde das Bild, wenn die drei Damen sich dann vorn Profil her
boten.
    Mit einem gerissenen Haken schwenkte Herr Meyer auf dem Klavier:
Da geh'n die Mädchen hin,
Da sitzt der Jüngling drin,
Da ist's, wohin sich alles zieht.
Das rechte Bein der Damen hob sich dreifach. Die hinterste Hosennaht der
Matrosenkostüme, prall ausgefüllt mit Unterwäsche, schwankte, zuckte, zackte.
    Losmarchierten die drei, mit zum Publikum geneigten Köpfen und gewinnender
Eleganz.
    Aber es war kein Erfolg. Und das hatte weniger ästetische als moralische
Gründe.
    Es gelang den Damen Raffaëla und Lydia nach Leporellos Einberufung nicht
länger, ihre Renommee aufrechtzuerhalten. Die Hochachtung schwand. Der Respekt
der Apachenpartei erfuhr eine Ernüchterung. Man kam dahinter, dass die
Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue gewesen war.
    Es stellten sich allerhand ehrenrührige Fakta heraus. In früheren
Zirkusengangements sollen sie schürzenvoll das Kleingeld weggeschleppt haben.
Noch jetzt fand man unten am See, wo die Zirkusse standen, bei eifrigem Suchen
und zufälligen Gängen Kupfer-und Silbermünzen, die beim Wegschleppen der Gelder
zu Boden gefallen waren.
    Es stellte sich auch heraus, dass Lydia und Raffaëla keineswegs Artisten von
Kindesbeinen auf waren, Artisten, die gewissermassen schon an der Mutterbrust in
Spagat ausbrachen. Im Gegenteil: Frau Scheideisen war Hebamme gewesen, eh' sie
zum Zirkus ging und sich Donna Maria Josefa nannte.
    Raffaëla und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf, mühevoll Renommee und
Distanz zu wahren.
    Raffaëla hatte die Hände voll Arbeit mit ihrem Kinde. Lydia ging auf in der
Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten.
    »Ach, mein Emil! ach, mein Emil!« jammerte sie und die Tränen standen ihr in
den Augen.
    Die Sehnsucht verstörte ihr kleines Gehirn. Die Augen flossen ihr aus.
    »Ach, Emil! ach, Emil! wer hätte das denken können!«
    Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographieständer
herunter, während der Vorstellung, um sie den Gästen zu zeigen.
    »So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben ihn
sicher schon totgeschossen!«
    Und wenn sie dann die Photographien ansah - da stand Emil Leporello,
freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite gestützt,
die Beine übereinander geschlagen - und sich vergegenwärtigte, wie er zerhackt
und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Frass überlassen
dalag und nach ihr rief: Lydia, hierher, zu mir! dann brach ihr das Herz.
Herunter hing ihr der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme.
Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in lautes
Heulen und war untröstlich.
    Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiss noch in der Kaserne, und wer weiss,
ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beissen könne,
hinauskomme in den Schützengraben.
    Kein vernünftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genügte ihr. Sie hatte genug
von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben, hinreisen zu ihm, sich
niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren
Emil wiedergebe. Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine
Nivellierung innerhalb des Ensembles.
    Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt, gewann
langsam wieder die Oberhand.
    Monsieur Henry, der Ausbrecherkönig, beherrschte jetzt völlig die Rolle der
Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, der Schlangenmensch, unter dem
überragenden Druck der Begabung Leporellos nicht länger leidend, arbeitete sich
unter täglichen Trainagen und Fräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder
in den Vordergrund.
    Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles,
als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozess, und als man erfuhr, um was für
einen Prozess es sich handelte.
    »Kinder!« rief Raffaëla, und ein Licht ging ihr auf, »habt ihr gehört, was
der Alte für einen Prozess hat? Verführung Minderjähriger, das Schwein. Soll man
das glauben? Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute!«
    Sie setzte sich - es war im Zimmer des Pianisten und der Soubrette - und
liess die Hand auf die Tischkante fallen.
    »Das ist nichts Neues«, meinte Bobby, der für Laura Zigaretten besorgt hatte
und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der Schulter gerutscht war, über
die Schulter zurückwarf. »Schon in Bern hat er mit denen was gehabt, bevor sie
noch zu uns kamen.«
    »Ja, Kinder, das ist ja die Höhe!« rief Raffaëla in ihrer emphatischen
Weise. »Die stecken ihn ja ins Zuchtaus! Was machen wir nur?«
    »O jeh!« winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge. Sie
wusste noch ganz andere Dinge. Aber sie wollte nicht reden.
    Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer.
    »Hm, so was!« sagte sie und nickte sorgenschwer. »Das ist doch ein Skandal!
Der alte Esel!«
    Man wohnte jetzt im Krokodil. Lydia, Raffaëla und Lottely, der Pianist und
die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel. Zu den Mahlzeiten ging man
hinüber in Flamettis Wohnung.
    Herr Meyer kam zurück von der Bibliotek. Er arbeitete noch immer an seinem
Apachenstück.
    »Vor allem eins«, sagte er. »Ruhig Blut. Ich habe das lange kommen sehen.
Schon in Basel. Es ist mir nichts Neues. Im schlimmsten Fall machen wir selbst
ein Ensemble. Wir sind eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Leute, die alle etwas
können. Engel macht seine Ausbrechernummer. Bobby macht den Schlangenmenschen.
Sie beide tanzen. Ich spiele Klavier. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn
wir keinen Erfolg hätten. Ausserdem habe ich ein Apachenstück geschrieben,
glänzend. Das führen wir auf. Aber: Diskretion!«
    Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Wände im Krokodil
waren dünn wie Papier. Lattenverschläge waren die Zimmer, mit Tapeten bezogen.
Meterlange Risse klafften hinter den Betten. Und wenn ein Bekannter Flamettis,
etwa der Hausknecht, zufällig horchte, war man verkauft und verraten.
    Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.
    »Nein, nein«, sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, »ich hab's
satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich müsst ihr streichen.«
    Und sei es nun, dass er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte, oder
die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen der Proben zum
Friedhofsdieb: er lehnte ab, gab es auf, verzichtete auf seine Mitwirkung.
    Meyer war überrascht.
    »Das ist unmöglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht.«
    Aber Engel zuckte die Achseln:
    »Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zu schreiben und
fünfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen. Aber nein, nein. Ich hab'
keine Lust mehr. Ich nehme eine Vertretung an. Ich habe Beziehungen.«
    Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche. Darauf stand: Original-
Ideal- Perplex- und Simplex-Mühlen Schrot- und Mahlmühlen für Zerkleinerungen
jeder Art Plupper & Co. Vertretung.
    Und spuckte aus, die Zunge über den Zähnen, und ging mit vermiestem, völlig
desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd, durchs Zimmer.
    »Da ist nichts zu machen«, bedauerte Meyer.
    Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen und
sagte:
    »Na schön, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund.«
    »So weit es an mir liegt«, versicherte der und reichte dem Meyer zitternd
vor Ergriffenheit die Hand, »ein Mann, ein Wort.«
    Flamettis Prozess war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen pflegt,
wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von ihm, nahm Partei
gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt. Man verurteilte
ihn.
    Im Intelligenzblatt erschien ein Brandartikel, Moderne Sklavenhalterei worin
Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare Geschäfts- und Familienpraxis ans Licht
gezerrt wurde.
    Ein Direktor, der zugestandenermassen nichts von Gesang versteht, hiess es in
jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als Autor genannt zu
werden, ein Direktor, der zugegebenermassen nicht das leiseste
Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine Anzahl Gesangselèven, denen
er seine sauberen Künste beibringt; Gesangselèven, die er zugleich als
Dienstboten benutzt; die er zwingt, ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als
Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt.
    Ein Morast sittlicher Verkommenheit entüllt sich, wenn man die
Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des Elends
aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der
Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient als Schauplatz
wilder Gelage, als Treff- und Versammlungspunkt, wo man die Beute verspielt.
Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein
Stelldichein. Und der Direktor preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der
Zeit, dass die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert.
    So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war, so
wusste doch jeder, dass der Artikel auf ihn ging.
    Beim grossen Artistenfest in der Weissen Kuh reichte man sich den Artikel von
Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit verständnissinnigem Lächeln und
unterdrücktem Gezwinker.
    Da war besonders Herr Köppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei
Ferrero, der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität.
    »Schweinerei von dem Menschen«, erklärte Herr Köppke mit der Resonnanz eines
Gemeindesängers, »Blamage für unseren ganzen Stand. Die Konzession werd' ich ihm
entziehen lassen. Seinen Ausschluss aus dem Klub werde ich beantragen. Das geht
doch zu weit!«
    Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge Edelstein, deren Logenbruder
auch Flametti war.
    »Haben Sie schon gelesen?« sagte Herr Köppke und steckte Meyer das
Intelligenzblatt zu. »Lesen Sie mal!«
    Und Herr Meyer las, und Herr Köppke begab sich unauffällig an seinen Platz
zurück.
    Eine Schlägerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Köppke in der
Rabenschmiede, einige Tage später, dass zwei Tische und drei Stühle in Trümmer
gingen, sowie zwei präparierte Hasenköpfe mit Glasaugen, die der Beizer der
Rabenschmiede aus seinem Privatbesitz zur Ausschmückung des Lokals herangezogen
hatte.
    Das Renommee Flamettis ging flöten. Langsam, aber sicher.
    Noch hatte er viele Freunde, und seine treueste Helferin war Mutter
Dudlinger, die ihm, stets lächelnd, im Hintergrund heimlich die Stange hielt.
    Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich.
    Noch konnte er auftrumpfen, sich sehen lassen, wenn das Geschäft auch
täglich schlechter ging.
    Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter
Dudlingers Wohnung eindrang, wobei Herr Engel in knapper Not durch das
Lokusfenster über die Dächer entkam, da schloss Mutter Dudlinger die offene Hand
und versagte.
    Lydia und Raffaëla rebellierten jetzt ganz offen.
    Geschäft und Auftreten wurden ihnen täglich mehr Nebensache. In der
Garderobe sassen sie herum, wenn das Klingelzeichen längst gegeben war. Sie
beeilten sich gar nicht sonderlich, sich zu schminken, noch legten sie Wert
darauf, pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen. Herr Meyer war gezwungen, von
Tag zu Tag längere Zwischenstücke zu spielen. Andere Nummern mussten eingeschoben
werden, weil Raffaëla mit ihrer Frisur nicht fertig war für den Drahtseilakt,
weil Lydia zum Cakeswalk erschien ohne das Zierstöckchen und ohne Knöpfe am
Anzug, die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt hatte.
    Sie aasten ganz offensichtlich, Flametti zum Trotz. Sie tanzten ihm auf der
Nase.
    Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte, nahmen sie
wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln. Doch sie vergassen dann ganze Reihen
zu kassieren, tauschten Spässe mit den Gästen und schienen auf alles andere eher
bedacht als auf gute Kassierung.
    Sie hatten Interesse nur noch für die Mahlzeiten, die Flametti ihnen zu
bieten hatte.
    Pünktlich um zehn Uhr früh erschienen sie zum Kaffee. Flametti und Jenny
schliefen dann noch.
    Sie drangen in die Küche, schoben die blöde Rosa beiseite und durchstöberten
Kisten und Kasten nach Honig, Gelee und Butter. Was ihnen bei solcher Razzia in
die Hände fiel, assen sie auf.
    Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht. Die stopften sie voll Brot,
Kaffee und Gelee, dass der Mund des Kindes aussah wie ein Kleistertopf.
    Pünktlich um zwölf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein; rasch,
unverschämt und gefrässig.
    Besonders Lydia übertraf alle Begriffe von Gier. Kaum erschien die Platte
mit Fleisch oder Gemüse, so hatte sie schon die Gabel oder den Löffel zur Hand,
und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte, ging leer aus.
    Sie assen systematisch, überzeugt, mit Absicht. Sie assen, als gelte es Vorrat
zu essen ohne Rücksicht auf diesen geschwollnen Patron, der ihnen durch seinen
ganzen Prozess, durch sein ganzes schuldbewusstes Benehmen die Überzeugung eingab,
es komme nun nicht mehr drauf an, Rücksicht walten zu lassen.
    Während des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen Flametti und
drohte klug: »Du, du!« schlug mit dem Suppenlöffel auf den Tisch, dass die Körner
der Reissuppe spritzten; schnellte sich in unbewachten Momenten mit beiden
schmutzigen Schuhchen auf dem gebürsteten Plüschsofa, hopsend und krähend; warf
die grosse steinerne Vase mit dem imprägnierten Binsenstrauss um, hinter der Tür;
heulte und quäkte.
    Mutter und Tante assen ruhig weiter, in wetteiferndem Tempo, unbekümmert,
sachlich, eilig, wie Harpyen, deren Geschäft es ist, möglichst viel Frass zu
schlucken und zu verdauen.
    Flametti versuchte die Lücken in seinem Ensemble auszufüllen und eine
Geigerin kam ins Haus, eines Tags, um Probe zu spielen.
    Leider: sie war nicht geschaffen fürs rauhe Leben. Von einer gottergebenen
Friedlichkeit war sie und Naivität. Hatte bis dato ihr Brot verdient durch
Aufspielen von Kinderstücken in den Kneipen und Spelunken der Fuchsweide.
    Erst war sie mit dem Ziterkasten gegangen, allabendlich. Dann hatte sie das
Violinspielen gelernt.
    Bleichsüchtig und hager, von einer rührenden Gottseligkeit war sie. Sie säen
nicht, sie ernten nicht, und doch ernähret sie der Herr.
    Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmes Nachtlager
gegeben, wenn sie noch spät nach der Polizeistunde auf der Strasse irrte.
    Engbrüstig und schmal war sie von Gestalt, ein Lehrerinnentyp.
    Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos
freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument, dass man ihr wirklich
nicht böse sein konnte.
    »Soll ich mal was spielen?« fragte sie harmlos.
    »Ja, fiedel mal los!« sagte Raffaëla.
    Aber die Geigen-Marie genierte sich.
    »Draussen in der Küche«, sagte sie forsch.
    Und sie ging hinaus in die Küche, öffnete den Schalter, damit man auch
drinnen etwas hören könne, und dann spielte sie los. Stille Nacht, heilige
Nacht, oder Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen, oder Die Rasenbank am
Elterngrab.
    Kam dann wieder herein und lächelte jeden einzeln der Reihe nach an, als
wolle sie fragen:
    »Na, wie war's? Schön, nicht wahr?«
    Aber Lydia meinte:
    »Komm' mal her! Was hast du denn da für ein Fähnchen?« und zog ihr ein
kleines Metallfähnchen aus dem Brustlatz.
    Lydia war neugierig wie ein Tier; beschnupperte sie, federte sie ab.
    Den Brustlatz knöpften sie ihr auf. Ihre Strumpfbänder sahen sie nach, den
Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den Fingern.
    »Ja«, meinte Raffaëla bedenklich, »wenn du zu uns ins Ensemble willst, da
musst du vor allem gerade Beine haben und einen schönen Körper. Zeig' mal her!«
    Und die Geigerin, immer freundlich lächelnd, ein Sonntagskind, zog sich aus
und zeigte ihre Beine.
    Raffaëla krähte vor Vergnügen.
    »Ja, das ist ganz gut«, sagte sie, »bisschen mager, aber es geht schon.
Kannst du auch tanzen?«
    Nein, tanzen konnte sie nicht.
    »Musst du noch lernen. Eine Tänzerin brauchen wir. Fiedeln kannst du
nebenbei.«
    Marie war argwöhnisch geworden.
    »Ihr macht Spass mit mir!« sagte sie ein wenig rauh und erkältet.
    »Nein, nein«, versicherte Raffaëla, »das ist bei uns anders als bei der
Heilsarmee. Bei uns gibt es Kavaliere, Lebewelt. Da muss man herzeigen, was man
zu bieten hat.«
    Flametti fühlte sehr wohl, dass die Frivolität dieser Szene nur gegen ihn
gerichtet war; dass man sich lustig machte.
    Auf dem Sofa sass er, dunkel vor Wut und Scham, und biss sich die Lippen.
    »Zieh' dich an!« sagte er zu der Geigerin. »Du spielst sehr gut. Mancher wär
froh, wenn er so spielen könnte. Kannst heut' abend in die Vorstellung kommen
und dir mal ansehen, was wir machen. Wenn du Lust hast, kannst du den Herrn
Meyer begleiten zum Klavier.«
    »Das ist wohl zu schwer«, meinte Marie.
    »Ja, dann ist nichts zu machen«, bedauerte Flametti, »dann kann ich nicht
helfen.«
    »Tut nichts«, lächelte die Geigerin, »dann geh' ich wieder in die
Wirtschaften und spiel' auf.«
    Und sie packte sorgfältig ihre Geige ein.
    Einige Tage später, als Flametti die Gagen auszahlen wollte, entdeckte er zu
seinem Schreck, dass Quittungen über à conti, die er an Raffaëla, Lydia und Bobby
ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte, aus seinem Quittungsblock verschwunden
waren.
    Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt, dass
an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen.
    »Das ist doch die Höhe!« rief Jenny, ganz in Raffaëlas Weise, »das ist doch
die Höhe! Max, du zahlst ihnen nichts aus, bis sie die Quittungen wieder
beigeschaft haben. Du zeigst sie an. Das ist Einbruch. Sie haben die
Tischschublade aufgebrochen. Sie wollen den Verdacht auf den kleinen Bobby
lenken. Sie haben einen Dietrich gehabt. Das sind Verbrecher. Das lässt du dir
nicht bieten!«
    Aber Flametti lächelte, bitter und verlegen: »Wer kann's ihnen beweisen? Die
Quittungen sind fort. Ein Esstisch ist kein Kassenschrank. Vielleicht hatte ich
nicht abgeschlossen. Vielleicht hab' ich selbst die Blätter in der Aufregung
herausgerissen. Lass nur! Die paar Franken tun's auch nicht!«
    Und er zahlte die vollen Beträge aus.
    Am Abend aber, in der Garderobe, als er sich Maske schminkte und mit der
Soubrette allein war, drängte es ihn doch, sich auszusprechen.
    »Wissen Sie, Laura, es liegt mir ja nichts an den paar Franken. Aber das
hätte ich doch nicht geglaubt von den Weibern.«
    Fräulein Laura sass vor dem langen Schminktisch, auf dem die
Schminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit der Puderquaste die
Nase.
    Flametti, stehend, Laura den Rücken zugekehrt, zog sich, ein wenig
unbeholfen, Indianerfalten zwischen Nasenflügel und Oberlippe.
    Von unten hörte man Herrn Meyer das Zwischenstück, den Missouri-Step,
spielen.
    Flametti kam auf seinen Prozess zu sprechen.
    »Wissen Sie«, meinte er seitwärts durch die gelüpfte Oberlippe, »das ist ja
ganz anders, als die alle glauben. Das weiss ja meine Alte selbst nicht.«
    Fräulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde.
    »Mit der Traute, das stimmt. Aber mit der Güssy - schon in Bern - das war
ein Gewaltsakt. Wenn man dahinterkommt, geht's mir nicht gut.«
    Für einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meiers Missouri-Step.
    Laura sprang auf und horchte über das Teppengeländer hinunter.
    »Haben noch Zeit!« meinte Flametti.
    Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los.
    Fräulein Laura eilte zurück zur Schminkschatulle.
    Flametti warf seinen Häuptlingsrock über den Kopf.
    »Jenny versucht ja alles. Sie schafft Geld und sie hat sich ihre Aussage so
zurechtgelegt, das man den beiden nicht glauben wird ... Wenn der Schwindel
glückt ...!«
    Er selbst schien nur halb dran zu glauben. Trotzdem konnte er sich nicht
verkneifen, ein wenig zu renommieren. Im Indianerkostüm ging's wohl nicht
anders.
    »Man kennt mich zu gut! Weiss, dass ich ein Gewaltsmensch bin; wen man vor
sich hat, und dass es nicht so glatt abgeht, wenn man mir an den Kragen will!«
    Er stellte sich, in Unterhosen, den Speer zurecht.
    »Achtzehn war ich alt, - in Bern, mit ein paar Kollegen -, einen ganzen
Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit, das Fundament
weggegraben. Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel in die Aare ....«
    Er sah sich vorsichtig um, ob es auch keinen Zeugen gäbe, und lachte
belustigt.
    »Das war ein Gezeter! Das hätten Sie hören sollen!«
    Schlüpfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein.
    Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf. Als die Erzählung aber nicht
weiter ging, komplizenhaft und verkniffen:
    »Diese Mädel, natürlich! Unschuldig sind die auch nicht!«
    »Ob die unschuldig sind!« blies Flametti durch die Nüstern und langte sich
den Kitt für die Nase. »Ich soll die Weiber nicht kennen! Mir muss man's sagen!«
    »Na also!« meinte die Soubrette und beeilte sich, fertig zu werden. »Wenn
sich ein Mann in den besten Jahren ein Mädel greift ...«
    Und ordnete ihre Turnüre.
    Drunten im Lokal widerholte Herr Meyer zum zweiten Male den Mittelsatz des
Missouri-Step.
    Flametti setzte den Kopfputz auf, strich sich mit beiden Händen über den
Perückenansatz.
    »Das ist es ja nicht!« zwinkerte er, »sie hat geschrien. Sie hat sich
gewehrt. Und gerade das hat mich gereizt, verstehen Sie?«
    Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.
    Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.
    »Haben Sie einen Anwalt?«
    »Selbstverständlich!« lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus der
Kniebeuge; er musste sich bücken, um in den Spiegel sehen zu können.
    »Na also!« griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, »was kann da
geschehen?«
    Von unten ertönte das Klingelzeichen.
    Die Indianer zogen nicht mehr. Das Publikum war wie verändert. Was ihm
früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt es jetzt für
Zynismus.
    Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken, der solche
Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich über die einfachsten Anstandsregeln
hinweg? Spielte die Indianer und machte sich lustig? Was für eine sittliche
Verrohung in dem Menschen! Was für eine unerhörte Missachtung der Rücksichten auf
die Gesellschaft! Soviel Taktgefühl musste man haben, einzusehen, dass die
Aufführung dieser Indianer unter sotanen Umständen kompromittabel war für die
ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist Freibeuterei, das
ist Lästerung. So sind wir nicht. Da tun wir nicht mit. Man verschone uns!
    Flametti fühlte wohl, dass man sich zurückzog von ihm, dass er umsonst sein
Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen Freunde Fräulein Lauras
waren die einzigen Gäste, die noch immer klatschten, wenn er mit Augen,
blutunterlaufen vor ästetischer Anstrengung, auf der Bühne lächelnd seine
Feuer-und Fakirnummer absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die
Nummer vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souverän-salopper
Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer des
Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem Höllenfürsten
vergleichbar, ausgespuckt hatte.
    Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch. Ein Pyromante und Sadist war
er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder berauscht von Opium,
darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom Mund tropfte, abzuwischen, dann
schimmerten seine wulstigen Lippen in jenem bläulichen Fäulnisschein, der
gemischt mit Trauer und Melancholie, jenen Sendboten der Hölle eignet, die in
Wahrheit Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.
    Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer häufiger um
Auskünfte, Recherchen und Feststellungen.
    Flametti, an unbehelligte Freiheit gewöhnt, riss die Geduld.
    Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts, Eingriffe in
seine Familienehre. Das Misstrauen der Polizei kränkte ihn.
    »Sie kujonieren mich! Sie kuranzen mich!« schrie er im Jähzorn. »Ich schlag
sie tot, diese Hunde! Das ist mir zu viel!«
    Und er beschloss, ihnen aufzulauern, im Hausflur, und den ersten besten, der
seine Schwelle übertreten würde, zu erschlagen.
    Mit einem kopfgrossen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti, um dem ersten
besten, der sich blicken liesse, den Schädel zu zertrümmern.
    Und als man ihm sagte: »Flametti, die Polizei kommt!« eilte er in die Küche,
trotz Jennys Geschrei, packte den Stein und lief die Treppe hinunter.
    Jenny stand oben am Treppengeländer, entsetzt, einer Ohnmacht nahe, und
hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Mutter Dudlinger schnaubte und bebte.
    Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers, den Flametti, am Kragen gepackt,
in den Hausflur schleppte. Ein Missverständnis, ein Irrtum. Die Verwechslung
klärte sich auf.
    Mutter Dudlinger stand lächelnd, mit brennender Kerze. Jenny atmete auf:
»Ach, Max, hast du mir einen Schreck eingejagt!«
    Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man sass oben in Flamettis
Stube, zu vieren, und feierte Bruderschaft.
    Ein alter, eidgenössischer Burschenschaftler war jener Gast, gemütlich,
breit, keine Spur von Spitzel oder Detektiv; das Gegenteil davon: ein
weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliatstirn.
    Auf streifte er seinen Hemdärmel, ballte die Faust, eine Seele von Mensch,
und liess den Muskel schwellen.
    Flametti tat das gleiche. So sass man sich gegenüber auf dem Kanapee und sah
sich voll trunkener Sympatie tief in die Augen.
    Anstiess jener, dass der Wein überschwappte und rief mit völkischer
Urwüchsigkeit:
    »Prosit Flametti!«
    Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, setzte sich auf seinen
Schoss, brünstigen Gemütes, und umhalste ihn. Und ihr Speck hing über seine
breiten Schenkel in vollen Schwaden.
Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang,
Der bleibt ein Tropf sein Leben lang.
Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gingen.
    Sie beschloss, strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenüber und auch
zu Hause; Contenance zu bewahren. Ihre Massnahmen richteten sich zunächst gegen
Fräulein Teres.
    Fräulein Teres mit ihren gichtbrüchigen Händen und erfrorenen Füssen litt
unter der Kälte furchtbar.
    Schon als die Herrschaft in Basel war, sass Fräulein Teres in stillen
Stunden weinend in der leeren Wohnung, für deren Heizung man ihr kein Geld
schickte, und gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mit Löckchen und
Stöckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstrasse zu München und selig verliebte
Blicke den jungen Herren zuwarf.
    Vierzig Jahre waren seiter mit grauen Schleppen ins Land gegangen. Fräulein
Teresens Gesicht war lang geworden, ihre Nase spitz, ihre Augen grell. Die
Jahre, die so himmelblau und sommerlich begonnen, hatten sich verschwärzt.
    Ein verschwärztes Mädchen, sass Fräulein Teres in der verlassenen Stube,
wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war.
    Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fräulein Teres rauchte
Stumpen, den Arm auf den Tisch gestützt, die müden Glieder nur mit Seufzen
hebend, wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein neues
Zwanzigcentimes-Stück in den Automaten werfen musste.
    Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre schleppte
Fräulein Teres mit in ihren Röcken. Und jetzt gönnte man ihr sogar das Bier
nicht mehr und die Stumpen.
    Eine Erbitterung überkam Fräulein Teres und sie beschloss, selbst wenn sie
täglich geschumpfen würde, ihren Gliedern eine strengere Leistung nicht mehr
zuzumuten.
    Was konnte geschehen? Mochte man sie wegschicken! Irgendeine Lebensfreude
muss der Mensch haben. Die Zigaretten ihrer Jugend hatte sie sich abgewöhnt. Auf
die Stumpen ihres Alters würde sie nicht verzichten. Nie und nimmer. Zuletzt
blieb immer noch eine Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim. Sie
verdiente das. Sie hatte sich redlich geschunden.
    Und wenn Jenny ihr dann vorhielt:
    »Teres, wir müssen früher aufstehen! Teres, ich kann keine Bierschulden
mehr für sie zahlen!« dann gab Fräulein Teres gleichgültig brummend und grob
zur Antwort:
    »Ja, dann müssen wir Kohlen haben, damit ich einheizen kann! Ja, dann kann
ich's nicht mehr schaffen, ich bin krank!« und die roten Tränen rannen ihr über
das alte, lange Gesicht.
    »Max«, sagte Jenny, »das geht so nicht mehr. Die Haushaltung verschlampt
mir.«
Der Prozess war Jennys geringste Sorge. Das würde sich schon arrangieren lassen.
Sie war der begründeten Meinung, dass in der Fuchsweide viel ärgere Sünder
ungeschoren ihr Wesen trieben.
    »Mach' dir keine Sorge!« sagte sie zu Max, »der Ferrero hat ganz andere
Sachen hinter sich. Und der Pfäffer - was der für eine Wirtschaft hatte! Ich
weiss doch! Ich war doch Soubrette bei ihm! Die reine Haremsagentur nach
Konstantinopel. Das sind ja Falschspieler alle durch die Bank! Seine Lehrmädels
müssen mit den Metzgerburschen anbändeln, damit er das Fleisch gratis hat. Das
sag' ich dir: wenn wir reinfallen: die ganze Fuchsweide lasse ich hochgehen!«
    Behaupten musste man sich, Respekt und Vertrauen einflössen. Zu Hause und im
Ensemble. Dann würde man vor Gericht schon sehen!
    Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht, der zunächst das Vertrauen der
Zirkusartisten wieder gewinnen sollte, und der auch seine Wirkung nicht
verfehlte.
    »Kinder!« verkündigte sie eines Tags in der Garderobe, »nächstens gibt's
eine Gans! Mein Alter spendiert eine Gans!«
    Das wirkte wie eine Brandbombe.
    »Eine Gans?« fuhren Lydia und Raffaëla zugleich auf ihren Stühlen herum, als
hätten sie nicht recht gehört.
    »Ja, eine Gans!« versetzte Jenny mit Zier und äusserster Delikatesse, »eine
Gans!« und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten, indem sie mit
beiden emporgehobenen Händen durch Zusammenründen von Daumen und Zeigefinger
Engelsflügel in der Luft bildete. »Piekfeine Sache! Oh, das Gänsefett! Das
Kastanienfüllsel! Oh, die knusprigen Schlegel, und die Brust und die
Gänseleberpastete!«
    Jenny wusste die Vorzüge der vorläufig noch in ihrem Heimatsort weidenden
Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen, dass Lydia, die gerade die tränenbenetzte
Photographie ihres Emil am rechten Schenkel der übereinander geschlagenen Beine
abgewischt hatte, den Arm sinken liess und träumerisch verzückt an Jennys Augen
hing.
    »Nein, Jenny, sag' wirklich, gibt's eine Gans?«
    »Werdet schon sehen!« tat Jenny geheimnisvoll.
    Da konnte man denn so recht sehen, wie solche Bravourstücke einer auf's
Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung verfehlen.
    Gebändigt waren Lydia und Raffaëla mit einem Schlage. Um den Finger konnte
man sie wickeln. Pünktlich wurden sie wie Normaluhren. Zahm wie Tauben.
    Ja, der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn.
    »Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement?«
    »Oh, danke, sehr gut! Verpflegung vorzüglich. Alle drei Tage Geflügel. Das
Geschäft geht famos. Heute ausnahmsweise schlechtes Haus. Aber sonst: glänzend!«
    So und ähnlich sprach man im Krokodil und in der Umgebung des
Künstlertischs.
    Ja, Donna Maria Josefa, alias Frau Scheideisen, und Herr Farolyi erfuhren
von der Gans.
    »Na, steht's doch nicht schlecht mit dem armen Flametti!« meinte Herr
Farolyi, »wenn er sich noch Geflügel leisten kann. Kinder, der hat gewiss Geld
auf der Kasse. War ja ein Bombengeschäft damals, die Indianer!«
    Und eines Tags kam sie denn auch wirklich, die Gans; aus Rapperswyl. Weiss,
ohne Kopf, Klauen und Federn, lag sie auf einer Schüssel.
    »Sehen Sie mal, Laura: schöne Gans, was? - Aber die kriegen nichts davon«,
deutete Jenny gegen die Treppe, über die Lydia und Raffaëla kommen mussten. »Die
sollen sich mal trompieren!«
    Und die schöne Gans, die fette Gans, die Riesengans wurde gebraten und lag
nun hübsch gebräunt und knusperig, förmlich zerblätternd vor Knusprigkeit, auf
derselben Schüssel, verschlossen im Büfett.
    »Laura«, sagte Jenny abermals, »glauben Sie, die kriegen was davon?« Und
zeigte wiederum zur Treppe. »Nicht das Schwarze unterm Nagel! Geben Sie acht,
was die für Gesichter machen werden! Das wird ein Fez! Jawohl: Gans! Husten
werd' ich ihnen was!«
    Als aber Raffaëla und Lydia kamen, öffnete Jenny das Büfett wie man das
Triptychon eines Altars öffnet.
    
    »Seht her«, sagte sie, »die herrliche Gans!« Und sie nahm die Schüssel aus
dem Schrank und hob sie hoch, wie Salome die Schüssel mit dem Haupt des
Jochanaan hochhob, und Raffaëla schrie auf:
    »Aehhh, die Gans!«
    Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch, auf die Schüssel
zustürzend und sie umtanzend.
    Lydia aber überkam es wie Verklärung. In den nächsten besten Stuhl sank sie.
    »Die schöne Gans!« hauchte sie, ganz versunken und verträumt, mit gefalteten
Händen und gottergebenen Augen. »Wann wird sie gegessen?« Und ihr Unterkiefer
bebberte gierig und erregt, wie einer Katze das Maul zittert, wenn sie den
Kanarienvogel sieht.
    Jenny weidete sich an der Qual der Opfer.
    Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaëla vom Leib, die alle
Anstalten machte, in den Besitz der Gans zu kommen.
    »Wann wird sie gegessen? Wann wird sie verzehrt? Wann wird sie verspeist?«
rief nun auch Raffaëla.
    Lydia sass noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen.
    Und Jenny, amüsiert, grausam, pervers:
    »Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Vielleicht schon heute nacht. Je
nachdem!«
    »Wieso heute nacht?« dehnte Raffaëla betroffen.
    »Nun«, sagte Jenny, ganz grande dame, »vielleicht kommen ein paar Freunde
von mir und meinem Mann, und wir feiern einen kleinen Abschied.«
    »Aehhh!« rief Raffaëla, »wir kommen auch! Wir kommen auch!«
    Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden. Emils gedachte sie beim
Anblick der Gans, dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand, dieses
Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt. Ihres fernen
Emils gedachte sie und glücklicherer, vergangener Zeiten. Salzige Tränen rannen
ihr über die schlaff geweinten Wangen ...
    Gelang es Jenny auf diese Weise, den am Verfall sich mästenden Zynismus der
beiden Scheideisen zu knebeln, so sah sie doch ein, dass damit nur die Hälfte der
Arbeit geleistet war.
    Gefährlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles: Herr Meyer,
dieser Idealist, dem es nicht passte, dass Flamettis Flagge auf Halbmast wehte;
der sich ganz persönlich betroffen fühlte von Flamettis Fehltritt und seinem
Verzicht auf ein erstklassiges Renomee.
    Fräulein Laura, die gewiss an dem Meyer schürte, weil es sie juckte, selbst
die Direktorin zu spielen, an der Kasse zu sitzen und das Geld einzuheimsen,
statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln.
    Jenny entging nicht die heimliche Verschwörung, die man im Krokodilen
geschmiedet hatte.
    Freilich musste der Meyer sich einbilden, er könne so gut wie Flametti ein
Varieté aufmachen. Was war leichter als das?
    Freilich glaubte diese Laura, sie kenne den verstohlensten Geschäftskniff,
weil es ihr gelungen war, Jenny den Seidel & Sohn auszuspannen.
    Aber sie sollten sich verrechnet haben.
    »Bis hierher und nicht weiter«, sagte sich Jenny. »Wenn sie weggehen, sind
wir pleite.«
    Max, dieser gutmütige Taps, merkte ja nichts! Wenn sie, Jenny, nur ein Wort
gegen diesen Meyer sagte, fuhr er sie an wie ein böses Tier. Auf den Meyer liess
er nichts kommen.
    Sorgfältig ging Jenny zu Werk.
    Zunächst kaufte sie sich den Engel.
    Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt hatte,
fragte sie ihn eines Abends geradezu:
    »Du, Engel, sag' mal, was ist das eigentlich mit dem Ensemble, das der Meyer
vorhat? Brauchst dich nicht zu genieren. Kannst es frei heraussagen.«
    Engel wurde sehr verlegen.
    »Was weiss ich von einem Ensemble!« stotterte er. »Da weiss ich nichts von.«
Und harmlos: »Das Apachenstück haben wir zusammen geschrieben, Herr Meyer und
ich ...«
    »Mach' mir nichts vor!« unterbrach Jenny ihn streng. »Das haben wir nicht
verdient um dich, dass du uns jetzt so kommst. Du wirst dich wohl erinnern, was
du uns alles verdankst. Immer ist man dagewesen für dich. Nichts hat man auf
dich kommen lassen. Du wirst dich wohl erinnern, wie du zu uns kamst, abgerissen
und ausgehungert. Du wirst wohl wissen, dass Max dich in der Hand hat. Brauchst
bloss an die Annie zu denken. Na, davon spricht man nicht.«
    Engel wurde noch verlegener. Die Szene war peinlich. Er rückte den Stuhl hin
und her, den er oben an der Lehne gefasst hielt, liess ihn tanzen auf dem einen
Hinterbein.
    »Jenny«, sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten Barons, den
die leidenschaftlichen Regungen einer früheren Geliebten bis in die Retirade
seines Landschlösschens verfolgen, »Jenny, ich kann nicht ..., ich weiss nicht
..., ich hab' dir nichts zu sagen ..., ich weiss nicht, was ich dir sagen soll
...« Doch sich erinnernd: »Ja, gewiss: es war wohl die Rede davon ...«
    Er räusperte sich. »Ja, ganz richtig! Aber du weisst doch Bescheid! Du kennst
doch den Meyer! Bisschen litti titti!«
    Als aber Jenny kurz abschnitt: »Na, schon gut! Lass nur!«, da nahm er das für
ein Zeichen ihrer gekränkten Mädchenwürde, und bemühte sich, zart abzuschliessen:
    
    »Mir könnt' es ja gleich sein! Was hab' ich davon? Ich hab' ja abgedankt!
Mir ist alles gleich!«
    »Gut, gut!« sagte Jenny, »streng' dich nicht an! Ich weiss schon Bescheid!«
»Lena«, sagte Jenny zu der früheren Pianistin, als die einmal wieder zu Besuch
kam, »du kommst gerade recht. Jeden Moment kann die Soubrette kommen. Die wollen
doch weg von uns. Der Meyer will eine eigene Truppe machen. Du sollst mal sehen,
wie ich die ins Gebet nehme!«
    »Wollte dir nur sagen«, dienerte Lena, »dass ich die zwei Unterschriften
mitgebracht habe. Schon besorgt. Hier ist die eine, von meinem Mann; hier die
andere, von dem Leinvogel.«
    Sie entfaltete zwei Papiere, breitete sie auf den Tisch, plättete sie mit
der Hand, und sah Jenny aus fallsüchtigen Fanatikeraugen abwartend an.
    »Lass mal sehen!« sagte Jenny. Sie las. »Gut, gut. Hast du gut gemacht.
Sollst du nicht umsonst getan haben. Komm', trink'ne Tasse Kaffee!« Und sie goss
Kaffee ein.
    Es klopfte. Herein trat die Soubrette.
    »Tag, Laura!« sagte Jenny.
    »Tag, Fräulein!« sagte Lena versteckt.
    Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt, Geschenk ihrer russischen
Freundin, und eine grüne Strickmütze, von der ihr kurzgeschnittenes, struppiges
Blondhaar vorteilhaft abstach.
    Sie wollte Einkäufe machen, Meyer treffen, und für Jenny verschiedenes
mitbesorgen.
    Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid.
    »Setzen Sie sich, Laura! Trinken Sie doch 'ne Tasse Kaffee mit!«
    Fräulein Laura wurde ein wenig ängstlich.
    »Eigentlich habe ich Eile«, meinte sie.
    »Na, setzen Sie sich nur!« sprach Jenny ihr zu, »behalten Sie Ihr Jackett
nur an!«
    Fräulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugiessen.
    »Wir sprachen gerade von unsrem Prozess«, begann Jenny. Sie wusste, dass es
zunächst darauf ankam, der Soubrette das Heikle der Situation Flamettis
auszureden.
    »Ja, wir haben gerade vom Prozess gesprochen. Jetzt ist es aus mit der Güssy,
aus mit der Traute. Jetzt können sie einpacken, die beiden. Sehen sie her: da
haben Sie's schwarz auf weiss!« Und sie zeigte Fräulein Laura die beiden Papiere,
die Lena mitgebracht hatte.
    Lena lächelte.
    Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee, schob ihre Mütze ein wenig zurück
und las.
    Aber dann lächelte auch sie, nicht unhöflich, nur etwas ironisch und gab die
Papiere zurück.
    »Glauben Sie, dass das etwas nützen wird?« fragte sie maliziös. Die Wahrheit
der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres ein. Auch schien sie
Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der unterschriebnen Persönlichkeiten.
Lenas Gemahl war eben aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen
Wellblechdiebstahl zwei Monate Aufentalt hatte. Der andere Herr, Herr Leinvogel
war Laura nicht bekannt, aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere
Notabilität.
    Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt, die Liebe der beiden
Lehrmädchen Güssy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen besessen und
käuflich erworben zu haben.
    Jenny riss der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand, faltete sie
zusammen und lächelte:
    »Ob das wirken wird! Ob das nützt! Da hat man's ja schwarz auf weiss, was das
für Dämchen waren! Und ausserdem: fechte ich ihre Glaubwürdigkeit an.«
    Der Soubrette gab's einen Ruck. Doch sie besann sich und parierte mit einem
mitleidigen Achselzucken.
    Lena war sichtlich überrascht.
    »Was heisst anfechten?« nahm die Soubrette jetzt offen die Partei ihrer
Kolleginnen.
    »So?« schrie Jenny, aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz. »Ich
habe die Beweise!«
    Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend: »Die eine hat
einen Meineid geleistet. Kann ich beweisen. In meiner eigenen Stube. Die andre
hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten, denen sie Rippchen brachte - damals
war sie noch Kellnerin - ins Krankenhaus gebracht und drei Jahre Arbeitshaus
dafür abgesessen ...!«
    Und da sie merkte, das seien unwahrscheinliche Dinge, so fügte sie bei: »Von
Rechts wegen hätte sie gar nicht auftreten dürfen. Aber was tut man nicht!«
    Sie machte eine Pause, um Luft zu schnappen und die Wirkung abzuwarten.
    Lena lächelte, ein Lachen, das etwa besagte: Siehst du wohl! Nimm dich in
acht!
    »Die sollen mir nur kommen!« fuhr Jenny gefährlich fort, »die sollen was
erleben! Die haben's nötig, zur Polizei zu laufen! Von wegen Unbescholtenheit!
Von wegen Misshandlung!«
    Sie war wütend. All ihr Bemühen, alle ihre plausiblen Gründe verfingen
nicht. Ein neuer Beweis, dass Komplotte geschmiedet waren. Der Soubrette schien
es durchaus gleichgültig, ob Flametti seinen Prozess verlor oder gewann. Ja, sie
schien bei Jennys heftigen Argumenten nur noch entschiedener abzurücken.
Unerhört!
    Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee
austrank und sich zu gehen anschickte, da fühlte Jenny nicht nur, dass der
Anschlag missglückt war, sondern dass jetzt alles auf dem Spiele stand.
    Sie hatte dieser Person in fünf Minuten das ganze System ihrer Verteidigung
aufgedeckt. Da es ihr nicht gelungen war, sie zu gewinnen, so konnte die Sache
gefährlich werden. Der stärkste Trumpf musste heran. Nichts durfte unversucht
bleiben, die neue Truppe zu verhindern. Der offne Verrat an Flametti musste die
letzten Freunde noch gegen ihn bringen, alle Aussenstehenden überzeugen. Das war
gleichbedeutend mit dem Ruin.
    »Wissen Sie, Laura«, begann Jenny von neuem, »- bleiben Sie doch noch 'nen
Moment! - wissen Sie: schliesslich ist's ja egal, ob wir den Prozess gewinnen oder
verlieren. Da bleiben noch allerhand Möglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum
Beispiel Pässe zu verschaffen nach Deutschland und die Indianer für grosses
Varieté zu bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem
solchen Schlager! Deutschland wär' wie geschaffen dafür! Säcke voll Geld könnten
wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im schlimmsten Fall und wenn alle
Stricke reissen, wird er ein paar Tage eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal
kennen lernen!« Und sie tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, dass
die Tassen wackelten. »Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!«
    Laura stand unwillkürlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend, ein
wenig zurück gegen den Spiegelschrank.
    »Soll das eine Drohung sein?« fragte sie nervös, und ihre unterstrichenen
Wimpern flogen.
    »Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!« rief Jenny, mit einer
Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig beschrieb.
»Ich weiss Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst. Bin nicht auf den Kopf
gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da gacksen sie alle! Von wegen
Spionage: Sie werden sich wohl erinnern, wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer!
Dass Sie dabei nicht ganz sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert
nicht mit solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und von
wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das lässt sich konstatieren! ...«
    »Unverschämteit!« schrie die Soubrette. »Das ist eine masslose Dreistigkeit!
Was unterstehen Sie sich!«
    Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank, der ihre Erscheinung in
merkwürdiger Weise verdoppelte. Ihr blondes Haar zischte. Ihr schmaler Körper
krümmte sich vor Ekel und Abscheu.
    »Ah, Sie haben's gar nicht nötig, sich aufzuregen! Man weiss Bescheid über
Sie. Auch über Ihren Meyer! Lassen Sie nur gut sein!«
    »Geh', Jenny, reg'dich doch nicht auf!« beruhigte Lena, »wir haben sie ja in
der Hand! Wir wissen ja Bescheid!«
    »Was wollen Sie von mir? Was können Sie mir nachsagen?« schluckte die
Soubrette.
    »Nun, Ihr Herr Meyer - erinnern Sie sich mal! - wo haben Sie denn gewohnt,
bevor Sie zu Flametti kamen?«
    Laura erinnerte sich wohl. Sie wurde merklich blass und zitterte.
    »Was geht Sie das an!« rief sie und fuhr sich mit der Hand an den Kopf.
    »Oh, nichts! Mich geht das nichts an. Aber die Polizei vielleicht. Sie
werden nicht vergessen haben, womit Sie damals Ihr Brot verdienten und was Ihr
Herr Meyer dabei für eine Rolle spielte.«
    »Ich reisse Ihnen die Haare aus, Sie Miststück!« schrie die Soubrette, packte
jene Lena am Kragen und zerrte sie hin und her.
    Jenny löste die beiden Damen.
    »Na«, sagte sie abschliessend, »Sie wissen Bescheid. Sie können sich ja nun
überlegen, was Ihnen lieber ist. Wir zwingen Sie nicht. Es steht ganz bei Ihnen
... Sie brauchen mir auch keine Kommissionen zu besorgen. Danke schön! Tun Sie
nur, was Sie nicht lassen können!«
    »Gehen Sie nur zur Druckerei«, assistierte Lena, »lassen Sie Ihre Plakate
drucken! Wir wissen schon, dass sie Plakate bestellt haben. Man hat nicht umsonst
seine Freunde!«
    »Plakate bestellt?« fragte Jenny, die davon nicht einmal wusste. »So so! Na,
das muss ich doch Max erzählen!«
    »Adieu!« rief Laura, »ich habe nichts mehr zu sagen« Und damit schlug sie
die Türe zu.
    »Alles nichts!« sagte Herr Meyer, als Laura ihn traf im Lohengrin, »wir
müssen heraus aus dem Pfuhl. Kann alles nichts helfen. Wir haben sie ja in der
Hand! Sie hat sich ja selbst verraten! Du brauchst dich nicht aufzuregen. Was
kann sie wissen von uns?«
    Und sie begaben sich selbander zur Druckerei, um nach dem Preis
beschlossener Plakate zu fragen.
    An der Ecke aber, beim Rudolf Mosse-Haus, kamen ihnen entgegen Güssy und
Traute, sehr frisch, sehr wirsch und vertraut, mit roten Backen, in roten und
braunen Strickjacketts.
    »Ah, Laura! Ah, der Herr Meyer!« riefen sie schon von weitem, »wie geht's?
Wie steht's? Könnt ihr uns nicht brauchen? Wir haben gehört, ihr macht eine
Truppe!«
    »Wo denkt ihr hin, eine Truppe!« warf Laura weit weg.
    »Keine Spur!« bekräftigte Meyer.
    »Fesch seht ihr aus! Geht euch gut, was?«
    »Oh«, meinte Traute quick und bezüglich, »uns geht es gut«, und sie strich
sich in der gewohnten Weise den Busen herunter, »wir finden schon, was wir
brauchen.«
    »Na, das ist recht!« meinte Herr Meyer praktisch. Und Fräulein Güssy
versuchte, mit schweren Augen sich in ihn versenkend, seine Hand zu erreichen.
    »Na, und was macht der Prozess?«
    »Oh«, schnalzte Traute, »er wird schon sehen, Flametti, was er angestellt
hat! Er wird's schon erfahren! Und sie auch, diese Verbrechergustel! Denen wird
man das Handwerk legen!«
    Mehr schien sie für jetzt nicht sagen zu wollen, denn sie schwenkte sogleich
über:
    »Was macht denn der Bobby? Netter Kerl war er doch! Wie er sich ärgerte, dass
ich's mit dem Flametti hatte! Immer wollte er Geld von mir haben. Und ich hatte
doch selbst keins!«
    »Oh, er hat sich getröstet!« meinte Laura. »Fünf andre seitdem!«
    Herr Meyer wurde unruhig.
    »Na, Adieu!« sagte Laura, »wir haben's eilig!«
    »Adieu, adieu!« riefen die Mädels frisch.
    Man hatte sich schon ein wenig entfernt von einander, aber die Hand Fräulein
Güssys ruhte noch immer in der des Herrn Meyer. Ihr langer Arm glich einer
Rosengirlande, die sich am Kleid verhakt, wenn man vorübergeht.
    Als Flametti diesen Abend zur Vorstellung kam, pfifferte er viel vor sich
hin, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn Unangenehmes heftig beschäftigte.
    Er zerbrach Zündhölzchen zwischen den Fingern, untersuchte die Leuchter am
Klavier, untersuchte die Vorhangschnur, kratzte mit der Stiefelspitze an
Papierschnitzeln, die auf dem Boden lagen, und ging auf und ab.
    »Na, Herr Meyer, warum so ein finstres Gesicht?« meinte er unvermittelt zum
Pianisten.
    Der sass, die Beine übereinandergeschlagen, auf dem wackligen Klavierstuhl,
blätterte in den Noten und nahm eine Zigarette, die Flametti leger spendierte.
    »Ah, nichts!« versuchte Meyer zu lächeln, »kalt ist's!« und rieb sich die
Hände.
    Es war viertel nach acht. Langsam kamen die Gäste.
    »Anfangen! Die Leute kommen! Vorspiel!«
    Flametti machte Betrieb.
    Und Herr Meyer begann Mysterious Rag, indem er mit krampfhaft erhobenen
Adlerfängen, die Füsse in die Pedale gestemmt, auf die Klaviatur loshackte.
    An diesem Abend aber sagte Flametti in der Garderobe:
    »Hören Sie mal, Laura, wie ist das eigentlich mit dem Ensemble, das Meyer
plant? Man sagt mir da alles mögliche. Sie hätten sogar schon Plakate in Druck
gegeben. Und Meyer hat mir bis jetzt noch kein Wort gesagt, dass ihr wegwollt.
Ich habe bis jetzt keine Kündigung.«
    Laura wurde verlegen. Flamettis Ton klang befremdet, aber nicht bitter.
    »Ist er vielleicht nicht zufrieden mit seiner Gage? Steht ihr was aus? Seht
ihr denn nicht, dass es unmöglich ist, mehr Gage zu zahlen? Sie sehen doch selbst
am besten, wie das Geschäft geht. Ihr könnt's euch doch an den Fingern abzählen,
was übrig bleibt! Zehn Leute ernähren - glauben Sie nicht, dass das einfach ist!
Ich kann euch ja eine Kleinigkeit zulegen, ab fünfzehnten. Aber mehr kann ich
nicht tun. Wenn Meyer will - ich mach' ihn zum Regisseur. Ich habe jetzt meinen
Prozess. Meyer ist tüchtig, Meyer ist still, Meyer ist anständig. Man hat Respekt
vor ihm. Er kann mich vertreten. Vertrauensstellung. Vielleicht vergrössern wir,
wenn erst der Prozess vorbei ist, und teilen die Truppe. Er kann die eine Hälfte
leiten, ich nehme die andre. Aber man muss sich doch aussprechen! Ich kann's ihm
doch nicht am Gesicht ablesen! Tut doch den Mund auf, wenn ihr was zu sagen
habt!«
    Die Soubrette schwieg.
    »Jenny hat mir erzählt. Sie wissen ja, ich liebe meine Frau. Sie übertreibt
manchmal; das dürfen Sie nicht tragisch nehmen! Ich weiss ja nicht, was sie
gesagt hat. Aber Herrgott! Wir sind doch alle Menschen! Man spricht sich aus.
Man sagt sich auch einmal was ins Gesicht. Aber man rührt sich doch!«
    »Nein, wissen Sie«, tischte Laura jetzt auf, »das war ein bisschen zuviel,
heute nachmittag! Das kann ich mir denn doch nicht sagen lassen. Es ist ja
lächerrlich: sie tut ja, als hätte sie uns auf der Strasse aufgelesen! Das geht
zuweit. Das war eine Drohung. So kann sie mich nicht behandeln. Sie ist Ihre
Frau - gut! Aber ich kann mich nicht ins Verhör nehmen lassen. Sie können sich
nicht beklagen, dass ich meine Pflicht nicht getan habe, immer ...«
    »Und Sie nicht, dass ich Ihnen nicht immer pünktlich die Gage zahlte; dass ich
nichts auf euch kommen liess! ...«
    »Gewiss!« sagte Laura, »aber sie darf uns nicht mit Apachen verwechseln. Das
sind wir nicht. Spionin soll ich sein ... und ... und ... von der Strasse sprach
sie ... und ... und Sage-femme und das ist mir zuviel! Das tu' ich nicht! Das
kann sie dieser Lena sagen!«
    »Na, Sie haben doch selbst erzählt, dass Sie Nacktphotographien von sich
verkauft haben! Dass Sie sich haben photographieren lassen!« nahm Flametti
abweisend, aber nicht unberührt, die Partei seiner Frau.
    »Wen geht es was an?« zuckte die Soubrette und schluchzte.
    »Wer hat mir was dreinzureden? Wenn ich mich ausbiete auf der Strasse, wenn
ich jede Nacht in einem andern Hotel schlafe - wen geht es was an? Kümm're ich
mich um andre? Mische ich mich in die Angelegenheiten der andern? Laufe ich zur
Polizei, wenn man mir was anvertraut? Mir hat Ihre Frau das Zehnfache
anvertraut! Was hat sie mir alles vertraut! Wollte ich's wissen? Hab' ich
Gebrauch davon gemacht?«
    »Na, das tun Sie ja auch wohl nicht!« begütigte Flametti und streichelte ihr
Haar. »So weit kommt's ja wohl nicht! Eine Hand wäscht die andere. Ich hoffe ja,
dass wir uns verstehen. Wir werden ja keinen Gebrauch davon machen. Und ich werde
auch mit Jenny sprechen. Ist ja alles dummes Zeug! Ihr habt eine Zukunft bei
uns. Sagen Sie das dem Meyer! Aber ich hasse dieses Hintenherum. Das ist
Weibermanier. Ziehen Sie sich jetzt an und gehen Sie runter! Ich weiss schon, von
wem all diese Dinge kommen. Ich werde dafür sorgen, dass das ein Ende hat.«
    Und Laura wischte sich die Tränen und stieg, Rinnen im Schminkgesicht, die
Hühnertreppe hinunter ins Lokal.
    Am Klavier sass Meyer. Er hatte soeben sein Zwischenstück beendet und machte
ein Gesicht wie der Teufel bei Regenwetter.
    »Was hast du mit Flametti gehabt?« fuhr er die Braut an, »wie siehst du aus?
Ihr wart allein in der Garderobe! Was habt ihr gehabt?«
    »Nichts! Lass mich!«
    Raffaëla und Lydia warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu.
    Bobby meinte ungerührt: »Ach, Laura, das muss man sich nicht so zu Herzen
nehmen!« Zu gerne hätte er gewusst, worum es sich handelte.
    An der Kasse sass Jenny, kalt und unnahbar, grande dame vom Scheitel bis zur
Sohle.
    Und Engel bediente ergebenst die Vorhangschnur ....
»Kinder!« sagte Raffaëla nach der Vorstellung, »die Nacht, diese Nacht!«
    Sie meinte die Nacht, in der die Gans verzehrt wurde.
    »Das war ja toll! Das sind ja Falschspieler der schlimmsten Sorte! Vier
Kerls waren da. Und Flametti war angetrunken. Sein ganzes Geld hat er verspielt!
Und dann ging er auf seine Frau los: Du hast mich verraten! Du bist schuld an
allem! Du hast mir das eingebrockt! Jetzt holst du mir noch deine Liebhaber ins
Haus und lockst mir das letzte Geld aus der Tasche! .... .... Das war ja nicht
mehr schön! Die Gans hatte Flametti gar nicht bezahlt! Die Kerls hatten sie
bezahlt! Wie die gegessen haben, davon macht ihr euch keinen Begriff! Das ganze
Geld haben sie ihm abgenommen, und dann brachten sie ihn ins Bett. Getobt hat
er! Und gingen zu der Dudlinger hinunter, Jenny und die vier Brüder! Das ganze
Haus stand auf dem Kopf!«
    »Ja, wart ihr denn auch dabei?« fragte die Soubrette.
    Lydia winkte ab. »Natürlich! Wir waren doch eingeladen! Aber für so was,
nein, nein, dafür sind wir nicht zu haben! Wir gingen natürlich, als es mal drei
Uhr war.«
    »Ja, woher wisst ihr denn ...?«
    »Aehh, diese Unschuld!« krähte Raffaëla, »so was sieht man doch! Man hat
doch Augen im Kopf!«
    »Ah, so!« entschuldigte sich die Soubrette ...
    Der nächste Tag brachte jene Depression der Gefühle, die auf grosse
Aufregungen zu folgen pflegt, aber auch jenen Niederschlag in Taten, der
fruchtlose Debatten klärt.
    Raffaëla und Lydia wurden, ohne viel Federlesens, ausgezahlt und entlassen.
    Herrn Meyer und Fräulein Laura wurden neue Verträge unterbreitet, zu deren
Akzeptierung und Ratifizierung Herr Meyer sich eine Bedenkzeit von drei Tagen
erbat.
    Die Gründe für die Entlassung der beiden Scheideisen lagen auf der Hand.
Ihnen schob Flametti die Verhetzung des ganzen Ensembles zu. Von ihnen wollte
Flametti nicht länger sich nasführen lassen.
    Nachmittags aber, als man gerade beim Kaffeetisch sass, klopfte es an der
Türe, behutsam und diskret.
    Ein Detektiv stand draussen, wieder einmal. Alle schracken zusammen.
    Flametti beeilte sich, den Herrn zu empfangen.
    »Fräulein Laura«, kam er geschäftig zurück, »für Sie!«
    »Für mich?« fuhr Laura zusammen.
    »Ja, für Sie!«
    Auch Meyer wurde unruhig, bemühte sich aber, Haltung zubewahren.
    Laura ging hinaus und mit dem Herrn in die Küche, die nun einmal bestimmt
schien, als Konferenzzimmer Tradition zu bekommen.
    »Welcher ist es denn?« fragte Jenny.
    »Der Puma«, sagte Flametti, ging auf den Zehenspitzen und biss sich die
Lippen.
    »Ach, der ist nett!« meinte Jenny konziliant. »Da ist es nichts Schlimmes.«
    Alle, auch Fräulein Teres, die missmutig den Gasherd abgestellt hatte,
horchten bedrückt und gespannt.
    Aus der Küche vernahm man das stöbernde Murmeln eines Verhörs.
    »Pst!« machte Jenny und winkte nach rückwärts, »ich kann ja nichts hören!«
    Sie stand am geschlossenen Schalter und versuchte, wenigstens ein paar Worte
aufzuschnappen.
    »Rezepte ... selbst geschrieben ... Basel ... Narkotika ...«
    Man vernahm von draussen ein Räuspern. Mit einem kurzen Schritt trat Jenny
vom Schalter weg.
    Jemand polterte die Treppe hinunter.
    Die Soubrette kam zurück, seltsam verdonnert und zerfedert, mit Gedanken und
Blicken noch halb bei dem unten aus der Haustür tretenden Beamten.
    »Ja, ja«, meinte Flametti.
    »Was war denn?« interessierte sich Jenny.
    »Nichts, nichts!« wehrte Laura ab.
    Jenny fühlte sich verpflichtet, einige Ansichten über die Polizei im
allgemeinen und die Detektivs im besonderen von sich zu geben.
    »Hm, diese Kerls!« meinte sie, »nirgends ist man sicher vor ihnen! Max,
sag', die müssen doch aus den hintersten Familien stammen!«
    Ein wenig Sympatie und Besorgnis klang durch.
    Max glaubte: Verachtung.
    »Was willst du!« zuckte er die Achseln, »Beruf! Der eine verdient's mit
Alteisen, der andre mit Varieté, der dritte mit dem Wolfshund.«
    »Hm!« gab Jenny in backfischhafter Anwandlung zu bedenken, »immer so mit dem
Wolfshund gehen!«
    Flametti hielt's für ein Gruseln.
    »Was denkst du!« zeigte er sein überlegenstes Indianerlächeln, »erst die
amerikanischen Detektivs! Die amerikanischen Handfesseln, Schlagringe und
Gummiknüppel!« und sah sich, Sympatie heischend, nach dem geschulten Herrn
Meyer um.
    Herr Meyer aber sass da mit der verdiesslichsten Miene der Welt, die
Augenlider krampfhaft hochgezogen, fadiert, gelangweilt, bar jeglicher Lust zu
Disputationen.
Die Ereignisse folgten sich rasch, und von seiten der Hauptbeteiligten ohne
nennenswerten Widerstand.
    Flamettis Prozess war jetzt auf den dreizehnten angesetzt.
    Man spielte in den kleinen und kleinsten Kneipen. Das Ensemble hatte nach
dem Austritt der Damen Scheideisen eine Ergänzung erfahren. Man richtete sich
ein.
    Die Soubrette trat zehnmal auf am Abend: fünf Soli, vier Ensembles, einmal
als Rezitatorin. Sie sprach dann den Leutnant aus Zinn und die Fremdenlegionäre.
    Engel hatte sich durch freiwilligen Eintritt ins Krankenhaus einen
glücklichen Übergang zu den Original- Ideal- Perplex- und Simplex-Mühlen
gesichert.
    Bobby laborierte an einer Entzündung und die Bögen und Handstände fielen ihm
schwer. Aber er schaffte es.
    Herr Meyer seinerseits sass pünktlich um sechs allabends am Piano, um das wie
Pleureusen die Tropfen von der Decke fielen. Die Portiere am Eingang - Türen gab
es nicht - klatschte vereist an die Beine etwelcher zirkussüchtiger Gäste. Die
Kalkwände der Garderoben blätterten ab. Frühling ist's, die Blumen blühen wieder
- selige Erinnerung.
    Flametti und Jenny allein bewahrten Humor.
    Zum Zeichen ihres absoluten unwandelbaren Einvernehmens sangen sie zusammen
die Meistersinger von Berlin, ein revueartiges Duett, das unter ihrer scharf
pointierten Interpretation sich als anmutigstes Duell, voller mondäner
Anspielungen auf den laufenden Prozess, präsentierte.
    Der Detektiv von neulich wiederholte Besuch und Nachfrage. Und Fräulein
Teres war ein zweites Mal gezwungen, den Gasherd abzudrehen und den Schauplatz
ihrer klausurhaft verteidigten kulinarischen Manipulationen für ein
Viertelstündchen zu verlassen.
    Flametti wälzte im rastlosen Gehirn finanzielle Transaktionen.
    Eine zweistündige Unterredung hatte er mit Madame Dudlinger, fruchtlosen
Resultates. Eine dreistündige Unterredung mit Direktor Farolyi, dem Ungar,
voller Elogen, Respekt und Meriten, aber ohne den rechten klingenden Ausgang.
Die Säulen des Hauses Flametti wackelten.
    Aufgestört, eine Wanderschwalbe, trat Fräulein Teres vor die Herrschaft, um
ihre Kündigung vorzubringen.
    »Frau«, sagte sie sittig, »am fünfzehnten ist meine Zeit aus«, und kraulte
sich mit der Haarnadel in der zerknäulten Frisur.
    »Geh', Teres, was machen Sie da für Sachen?« suchte Jenny das Verhängnis
aufzuhalten.
    Aber Teres machte ein Gesicht, so diffizil und spitz, wie ein Moskito, dem
ein Ausräucherungsdampf in die empfindliche Nase fuhr.
    Nein, nein, sie hatte genug. Wenn man nicht einmal in der Küche seine Ruhe
haben sollte - Verhörzimmer auf ihre alten Tage, Detektiv am Herd, am Spülstein,
im Kohlenkasten ... »Nein nein, Frau«, sagte sie, gröber als sie es meinte und
mit einer Art schluchzendem Humor, »ich will nicht auf meine alten Tage den
Remis noch kriegen! Am fünfzehnten geh' ich.«
    Umsonst versuchte Jenny, ihr den närrischen Einfall auszureden. Umsonst
Flametti, ihr eine wärmere Küche, Stumpen auf der Stelle, und eine Flasche Bier
vor die Phantasie zu rücken. Nichts mehr verfing. Teres blieb bei der
Kündigung. Sie hatte ihre eigene moralische Ansicht von den bei Flametti
eingerissenen Zuständen.
    Gewiss, sie nahm die geschassten Lehrmädel nicht in Schutz. Aber so behandelt
man trotzdem nicht sein Dienstpersonal. Nein, nein! Fräulein Teres fühlte eine
tiefe Solidarität. Nein, nein, so was rächt sich. Da machte sie nicht mit. Das
konnte sie nicht guteissen.
    Und weiter: gewiss, der Herr war im Unrecht. So beleidigt man nicht eine
Frau, die auf's Sach sieht und jede Nacht pflichtgetreu neben ihm lag; die sich
hübsch machte für ihn und hinter den schlampeten Weibern herwar mit Ordnung und
Zucht.
    Aber die Frau: so behandelt man auch nicht einen Mann, der mal einen
Fehltritt beging. Man lässt nicht gleich vier Kerle zu sich kommen, setzt ihnen
Gänsebrust vor und lässt seinem eigenen Gatten das Geld abnehmen.
    Nein, nein, da tat Teres nicht mehr mit. Das war nichts für ihre alten
Tage. Mochte man lachen über sie, mochte man sie für altmodisch halten. Sie tat
nicht mehr mit, verstand diese neue Welt nicht mehr, gab sich auch keine Mühe
mehr, sie zu verstehen. Sie legte den Schürhaken hin und ging.
    Jetzt fasste auch Herr Meyer seinen Entschluss, rücksichtslos und farusch. Den
Einflüsterungen der Geschwister Scheideisen, dem Zureden Bobbys, den
Vorstellungen der Braut widerstand er nicht länger.
    Zwei Tage Bedenkzeit waren bereits verstrichen. Der Zeitpunkt war da. Jetzt
musste gehandelt werden.
    Die Moralität obsiegte. Hundert Plakate kosteten achtzehn Franken. Das war
zu erschwingen. In drei Tagen konnten sie fertig sein. Man war gefasst auf alles.
    Raffaëla-Ensemble sollte die Gründung heissen nach dem Namen der
hervorragendsten Kraft. Raffaëla hatte Bekannte in Arbon am Bodensee. Dort würde
man debütieren, auswärts sich die ersten Meriten holen. Noch musste gesprochen
werden mit Flametti.
    Und Herr Meyer überwand ruckhaft die ihm angeborene Scheu und sagte beim
Abendessen:
    »Sie, Herr Direktor, ich habe zu reden mit Ihnen.«
    »Gehen wir rüber ins Café Lohengrin!«
    »Gut!«
    Und sie gingen ins Café Lohengrin und Flametti bestellte zwei helle Bier und
Herrn Meyer klopfte das Herz.
    »Also schiessen Sie los!« sagte Flametti. Und Herr Meyer holte weit aus.
    Mit den Zuständen vor Kriegsausbruch begann er, gab einen Inbegriff seiner
Familie, kam dann auf seine Geburt zu sprechen, berührte kurz seine Konfirmation
und das Knabenalter, schwenkte dann über zur Gymnasiastenzeit, immer das
Typische unterstreichend.
    Flametti sah ängstlich auf seine Uhr. Sieben Minuten vor acht. Um acht Uhr
begann die Vorstellung.
    »Kurz und gut?« fragte er und sah Meyer gespannt ins Gesicht.
    »Wir wollen weg, wollen uns selbständig machen.«
    »Also doch!« meinte Flametti, ein wenig betroffen.
    »Ja«, sagte Meyer. »Ein gutes Einvernehmen besteht ja doch nicht mehr. Ihre
Frau hat das zerstört. Laura hat die Affäre mit den Rezepten. Wir brauchen ein
Attest für sie. Das kostet Geld. Ich brauche eine neue Hose, ein Paar neue
Stiefel. Das Leben stellt Ansprüche. Kurzum: es geht nicht mehr.«
    »Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte Flametti. »Sie müssen's am
besten wissen. Ich will Ihrem Glück nicht im Wege stehen. Wenn Sie glauben ...«
    »Ich glaube!« sagte Meyer.
    »Na, gehen wir zur Vorstellung!«
    Und Flametti zahlte, auch für den neuen Herrn Direktor, der zu schüchtern
war, Lina, Frieda, oder Katrein zu rufen.
    Und Flametti sah, was da kommen würde, lächelte ironisch, und man ging.
    Jenny hätten Sie sehen sollen an diesem Abend! Glacéhandschuhe zog sie,
gewissermassen, über die Zunge. So spitzig und kalt, so unnahbar verächtlich
wusste sie sich zu benehmen, dass Meyer kaum wagte, sie anzusehen.
    »Geh', Max, lass doch das Gesindel!« sagte sie mehr als halblaut, als Herr
Meyer in den Indianern danebengriff, und Flametti auf der Bühne einen
cholerischen Anfall bekam vor Indignation.
    »Lass sie doch gehen! Sie haben's ja nicht mehr nötig!«
    Und als die Soubrette mit doppeltem Eifer nach der Kassiermuschel griff, um
sich ins Publikum zu stürzen:
    »Nein, lassen Sie nur! Ist nicht nötig. Rosa besorgt's schon.«
    Und auch Rosa hob ihre Nase von Stunde an höher und Bobby überkam ein
solcher Ärger darob, dass er sie am liebsten geohrfeigt hätte.
    Der Zustand wurde unerträglich. Und es war deshalb eine Erlösung für beide
Teile, als Fräulein Laura an einem der nächsten Abende gelegentlich der Commis
voyageusen auf dem kleinen viereckigen Podium der Drachenburg ausglitt und mit
dem Steissbein so unglücklich auf eine Stuhlkante aufstiess, dass man sie, stöhnend
und ächzend, in die Garderobe und von dort mit einer heftigen Prellung nach
Hause bringen musste.
    Eine alte Sympatie regte sich in Flametti und er war wirklich besorgt.
    »Ach, Max«, hetzte Jenny, »gib's doch auf! Sie simuliert ja nur! Merkst du
denn nichts?«
    Jetzt war Laura entschlossen, keinen Schritt mehr in die Vorstellung zu
gehen. Kontrakt hin, Kontrakt her!
    Und Herr Meyer sagte:
    »Die sollen uns kennen lernen!«
    Und Bobby sagte:
    »Geht's besser Laura?« und stand sehr besorgt am Bett.
    Und Lydia und Raffaëla sagten:
    »Den Doktor muss er bezahlen! Macht ihn doch schadensersatzpflichtig! Er muss
euch Schmerzensgeld zahlen! So eine Gemeinheit!«
    Und Lauras russische Freundin kam und sagte:
    »Auf mich können Sie zählen. Ich bin immer da für Sie.«
    Und Herr Meyer effektuierte mit Bobby zusammen mittels Kleister und Schnur
die Bilderreklame für Arbon.
    So war denn Flamettis Schicksal besiegelt.
    Zwar sprang für Meyer in liebenswürdiger Weise Fräulein Lena als Pianistin
ein. Und Fräulein Rosa rückte an Lauras Stelle. Und Lena meinte:
    »Ich hab's euch ja gleich gesagt: sie führen etwas im Schilde!«
    Aber das half nichts. Das Geschäft wurde noch schlechter. Die Beiseln, in
denen man auftrat, noch kleiner, ja nuttig.
    Flametti verhehlte es nicht, dass er blank, aller Hilfsmittel bar, in den
Prozess eintrat.
    In erregten Ergüssen versuchte er brieflich dem Anwalt in Bern Standpunkt
und Situation eindringlich zu erläutern.
    Aber das Aktenmaterial wurde dadurch nur immer grösser, das Plädoyer immer
schwieriger.
    Und als Flametti die Geduld riss und er ganz offen auf einer Postkarte
vermerkte, der Herr Anwalt wolle ihn offenbar nicht verstehen, der Fall sei doch
sonnenklar, da schrieb dieser chargé zurück, er bedaure unendlich, mitteilen zu
müssen, dass ohne einen weiteren Vorschuss von hundert Franken die Sache zu einem
guten Ende kaum werde geführt werden können.
    Herr Farolyi gab den Rat, die Verteidigung doch selbst zu führen und auf den
Advokaten überhaupt zu verzichten. Und auch Fräulein Lena erbot sich, für die
sittliche Minderwertigkeit der Klägerinnen eine eidesstattliche Versicherung zu
riskieren.
    Aber Jenny wurde doch immer nervöser.
    »Was machst du nun, Max?« fragte sie ernstlich besorgt, als Max von Farolyi
zurückkam.
    »Was mach' ich? Verteidige mich selbst.«
    Und er nahm Feder und Papier zur Hand und begann die Verteidigungsschrift
aufzusetzen.
    Die Feder spritzte und die Worte sträubten sich. Aber es ging.
    An den Herrn Präsidenten des Kantonalen Obergerichts, Bern. Da stand es. Das
war die Instanz. Und Jenny bekam einen Schreck, als sie's so stehen sah.
    Aber Flametti liess sich nicht stören. Mit einer schier unpersönlichen
Korrekteit entledigte er sich der schwierigen Arbeit.
    Er brauchte sich nur in die disziplinarische Verfassung von damals zu
versetzen, da er auf dem Kasernhof zum erstenmal den Befehl eines Vorgesetzten
entgegennahm, und die Stilnuance war gefunden.
    »Fertig, aus!« rief er, als er nach zweistündiger Arbeit unterschrieben und
abgelöscht hatte. Er überlas das Ganze noch einmal von Datum bis Schlusspunkt und
er war sehr zufrieden damit.
    »So«, zog er findig die Stirn in Falten, »drehen wir die Geschichte mal um!
Da schaut die Sache erheblich anders aus!«
    Und er verlas es auch Jennymama. Die war bass erstaunet.
    »Ja, meinst du denn, Max, sie lassen es gelten?«
    »Frage!«
    Er spuckte, steckte die Hände in beide Hosentaschen und nahm einen kleinen
Abstand von seinem Elaborat.
    »Hättest deutlicher sagen müssen, was das für zwei waren!« drängelte Jenny.
    Max zündete grossspurig eine Zigarre an.
    »Was? Ist das nicht deutlich genug: Marktware der Wollust, der Perversion
gefrönt, schon in den Kinderschuhen verdorben? Ich bin der Verführte, verstehst
du? Angeboten haben sie sich. Gezwungen haben sie mich, direkt belästigt!«
    Jenny war ganz verstört.
    »Wenn es nur durchgeht, Max!«
    »Frage!«
Sonntag, den zwölften, spielte man in der Jerichobinde zum letztenmal die
Indianer: Flametti, Jenny und Rosa.
Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet,
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
Einmal wieder zieh'n wir noch auf Siegespfad,
Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht.
Dann fuhr Flametti nach Bern.
    Mit dem Nachtzug.
    Jenny und Rosa begleiteten ihn zur Bahn. Rosa trug das Handtäschchen.
    »Viel Glück, Max, und schreib' gleich, wie's ausging, damit man es weiss!«
    »Wenn ich nicht schreibe, weisst du Bescheid!«
    »Ach, Maxel, wie wird es dir gehen?«
    »Wird schon alles gut gehen!« beruhigte er, und der Zug setzte sich in
Bewegung ....
    Er schrieb nicht, wie es gegangen war.
    Ein, zwei, drei Tage vergingen. Da las Jenny es in der Zeitung, in einem
Café. Sie trug ihre beste Toilette.
    Sie liess sich ihren Schmerz nicht merken.
    Gute Freunde lud sie zu sich ein, und so, in engstem Kreise, seufzend aufs
Kanapee hingeschmiegt, suchte sie Trost und Vergessen.
    Und nur den vereinten Bemühungen ihrer Freunde gelang es, ihr etwas Luft zu
schaffen.
    Herr Meyer aber ging pleite.
 
    