
        
                                  Gustav Sack
                            Ein verbummelter Student
                                 Der Lichtenhagen
In einem flachen Kessel am Niederrhein liegt zwischen waldigen und heidigen
Höhen ein Dorf, dessen Signum ein kurzer klobiger Backsteinkirchturm ist und
dessen Hauptstrasse kurz und gut die Mittelstrasse heisst, und die wird zu beiden
Seiten begleitet von der Kaffeestrasse und Kirchstrasse und ist mit ihnen
verbunden durch mehrere Strässlein, deren offizielle Namen man nur in dem
heimatkundlichen Unterricht der Schule hört; später vergisst man sie und
bezeichnet die Strässlein nach irgendeinem irgendwie hervorstechenden Anwohner.
    Die Bewohner aber neigen ein wenig zum Kretinismus und haben insbesondere
vor ihren Nachbarn einen eigentümlichen hämischen und bissigen Witz voraus -
sonst leben sie wie diese in den Tag und wissen nichts von der transzendenten
Idealität der Zeit, der Verneinung des Willens, dem Patos der Distanz und wären
so glücklich wie ihr Vieh, wenn sie eben nicht den hämischen Witz hätten und so
eingefleischte Ebenbilder ihres Gottes wären.
    In diesem Dorfe ging gerade der Küster zur Kirche, um das Abendläuten zu
besorgen, als ihm Erich Schmidt begegnete, der seinen Abendspaziergang begann.
»Erich Schmidt«, das hiess für seine Mitbürger soviel wie ein älterer Student,
der sich nach seiner, höchst wahrscheinlich doch lustigen, Studienzeit bei
seinen Eltern aufhielt, wie er sagte, um sich für sein Examen vorzubereiten, -
es war aber schwer, an ihn heranzukommen, und deshalb war er ihnen nur ein
dankbares Objekt für ihren schiefmäuligen Witz.
    Sein Gang war hastig und unruhig, besonders wenn es seinen Abendspaziergang
galt: denn der begann erst draussen mit dem »Tiefen Weg«, und er musste zusehen,
schnell aus dem Drückenden, Engen, Warmen, Hämischen, Vorwurfsvollen und
Ungefälligen - dass er aus alle dem herauskam.
    Der Tiefe Weg nimmt seinen Anfang gegenüber der letzten Wirtschaft des
Dorfes, führt mit einer flechten-und moosgeschmückten Steinbrücke über den
Mühlenbach, geht dann unter alten Rosskastanien, die vor einiger Zeit ihre weissen
gelb und purpurn gefleckten Blütenblätter zur Erde gekrümelt haben, den Teich
entlang und verliert sich durch Gärten und Felder im Wald.
    Es war den Tag über drückend warm gewesen: die Schulen hatten geschlossen
und die badenden Jungen zertraten das hohe Gras, die Frauen setzten für die
Feldarbeit ihre ungefügen weissen Hauben auf und die Imker hatten volle Arbeit
mit dem Einfangen der Schwärme, da ein Hochzeitsflug den anderen drängte - und
jetzt hing es blauschwarz im Osten. Doch Erich zählte eine geraume Zeit, ehe der
Donner bei ihm war, oft blieb er noch aus, und es kam als einziger Bote der
rasche bleiche Blitz.
    Das Gewitter ist noch weit; und wenn auch, mag's mich übereilen - denn
weswegen soll der Blitz, wenn er einmal einen Baum treffen muss, gerade den
treffen, unter dem ich mich befinde? Und wenn auch - was geht's mich an.
    So ging er seinen Weg; am Teich entlang, wo er bemerkte, dass die Kaulquappen
am ganzen Ufer eine bestimmte Tiefe bevorzugten und sich derart wie ein
zitterndes schwarzes Band dahinschlängelten, an den Gärten vorbei, wo wieder
Dornhecken zerstört und ersetzt waren durch starrende Drahtzäune, zwischen den
süsslich duftenden Kornfeldern hindurch und kam dann in den Lichtenhagen.
    Dieses Wort begreift den ganzen Buschkomplex, der sich nordwärts von dem
Gärten- und Felderring eine Wegstunde breit bis zum Königlichen Wald hinzieht.
Es liegt dort leichter Boden, Sand über Lehm, und ausser Streu und Lehm und
Brennholz ist wenig zu holen; so holt man dies und lässt das Andere liegen und
wachsen wie es will.
    Hier hatten einmal Jungen einen kleinen Waldbrand entfacht - man kümmerte
sich nicht um den Nachwuchs und liess die Birken und Heidelbeeren spriessen; hier
war vor Zeiten Lehm gegraben - nun wucherten in den ausgewühlten Löchern die
Rohrkolben und quakten die Grünröcke und nebenan, umrahmt von Ginster und
Brombeergestrüpp lag ein Acker mit kärglichem Hafer; auf der anderen Seite,
verborgen hinter Haseln und Adlerfarn schlief eine Wiese und neben ihr kämpfte
eine andere um ihr Leben gegen Binsen und Glockenheiden; hier in der flachen
Mulde eines Heidestücks, deren Rand düstere Wacholder und Stechpalmen bestanden,
lebten Wollgräser und halbmeterdicke Polytrichumpolster und in den trügerischen
schwarzen Lachen trieb der Wasserschlauch und hob seine bleichgelben Blüten in
die Sonne; und dann wieder weitausladende Kiefern und weisse Birken, Buchen und
blitzgetroffene wipfeldürre Eichen - und das Alles wuchs, wie's ihm gefiel;
wurde ein Buschstück gefällt oder eine Wiese nicht mehr gepflegt, so konnte
dieNatur dort selber bauen. Und der Hauptweg war sandig, bald lehmig oder
torfig, bei schlechtem Wetter kaum zu gehen.
    Da lag zu linker Hand ein junger Eichenbusch abgeholzt am Boden, armdick die
Stämme und die jungen Blätter zerknittert und grau; aber zwischen ihnen wucherte
der gelbe Wachtelweizen so üppig wie nie in den vorigen Jahren.
    Euch, die ihr wachsen wolltet wie für eine kleine Ewigkeit, fällt unsere
Unvernunft wie ein Schlag - aber unter euch das schmarotzende Kräutervolk kommt
und kommt wieder und wird nicht schwinden trotz Streuhacke und Spaten. Aber
weswegen umhüllt das Wort Schmarotzer ein peinliches Gefühl? Ist es begründet in
dem Ahnen oder gar in dem absoluten Wissen von einer Ordnung der Dinge nach Gut
und Böse, oder in unserem rücksichtslosen Selbsterhaltungstrieb? -
    Er steckte die Pflanzen, die er mit dem Stock ausgegraben und die mit
einigen Gräsern verwachsen waren, zu sich, bückte sich zu einer Blume nieder und
schaute ihr in die Augen und ging mit ärgerlichen Schritten wieder fort.
    Ob nicht bald der blaue Enzian blühen wird? Dort im feuchten Grase unter der
Eiche ist sein Ort, die Jägereiche nennt man sie. - Wie eine Blume und ein Baum
so seinen Namen hat - und diese Namen sind unsere Welt. Wirklich diese Namen?
Oder die Dinge, die uns diese Namen aufzwingen? -
    Da prallte ihm plötzlich ein süsser Duft entgegen: ein wildes Gaisblatt hatte
einen Haselstrauch überwuchert und sandte in den schwülen Abend seinen lockenden
Duft; Käfer und Nachtfalter umschwärmten seine fahlen Blüten. - Da schlug dem
Einsamen eine heisse Blutwelle ins Gesicht, und eilends drang er vom Wege ab in
den tieferen Wald.
    Der hohe Farn streifte seine Brust, die Peitschenzweige des gleissend gelben
Ginsters schlugen ihm ins Gesicht, ein Kuckuck stiess seltsam laut und sich
überstürzend seinen Ruf aus und zwischen den Salweiden und Dornen rief eine
Drossel ihr lärmendes Warnsignal, ein Häher trug es kreischend weiter - fort
ging es durch Birken und Krüppelkiefern, Sumpflachen und Heidekraut, bis er sich
erschöpft auf einen modrigen Baumstumpf warf, und blitzschnelle Vorstellungen,
schimmernd aufsteigende Erinnerungen breiteten ihren charakteristischen
aufregenden Duft um ihn - -.
    Aber die Ruhe des Ortes, die weite Schonung, die sich vor ihm bis zum
Hochwald ausdehnte und einen kühlen Luftzug aufkommen liess, das spielende
Betrachten rotköpfiger Becherflechten, die dem Baumstumpf entwuchsen, all das
begann löschend und begütigend auf ihn zu wirken - aber da fuhr ein Rauschen
durch den Wald, blendete ihn ein Blitz und brach krachend neben ihm ein Donner
ein -:
    Oh! nun fliegt wieder des Sturmes lose Braut dahin! In Fetzen stiebt ihr
Schleier und wird zu wüsten, nachsausenden Gestalten, zu feurigen Schimmeln, die
leuchten in den Blitzen wie Silber und Gold - nun flattere ich in ihren Haaren -
es reisst mich hin - fort - fort! Eingewiegt im Sturmwind - weit - weit und hoch!
Es war Morgen, als Erich in sein Dorf zurückkehrte. Arbeiter, Bauernsöhne und
Handwerker, die ihr kleines Gut vertrunken und verspielt hatten und jetzt in den
Gruben des naheliegenden Industriebezirks ihr Brot verdienten, begegneten ihm
auf ihrem Weg zum Bahnhof, sahen ihm nach und machten ihre Glossen über ihn, wie
er beschmutzt und durchnässt daherging. - Der will die Nacht über im Wald gewesen
sein? Betrunken hat er im Graben gelegen, kopfüber ist er beim Fenstersteigen in
den Mist gefallen!
    Aber er ging auf sein Zimmer, kleidete sich um und lehnte sich in das
Fenster, blaue Tabakwolken in den Morgen blasend.
    Erich führte seit einiger Zeit über seine Stimmungen und mancherlei ihn
quälende Fragen eine Art von Tagebuch - wie er sich vor sich selber
entschuldigte, nur zu dem Zwecke, diese an sich vagen Zustände und Gefühle unter
dem Zwange, sie in feste Worte, Sätze und Verbindungen zu pressen, einfacher,
begreiflicher und eindringlicher zu machen. Nun war ihm nach den Erregungen der
Nacht und mit dem erfrischend kühlen Morgen ein Besinnen auf sich selbst
gekommen, das, so leicht und froh wie es zuerst war, nur sein Verhältnis zu den
Dingen betrachtend und dieses rätselhafte-interessante geniessend, bei der bald
eintretenden Ermüdung und der Unbehaglichkeit der durchnässten und beschmutzten
Kleidung immer persönlicher, kritischer und missmutiger wurde. -
    Da fühle ich wieder den Draht, der mich mitspielen heisst in diesem
Marionettentanz des Lebens; soeben in reiner Anschauung über den Dingen
schwebend, von mir und dem drängenden Willen befreit - und jetzt ein armer
Teufel, rettungslos in die Zwickmühle geklemmt von Leben-Müssen und
Nicht-mehr-leben-Mögen, von Lust am Wissen und dem Wissen von dem
Nicht-wissen-Können, von - haha! von Examensangst und Philosophasterdünkel -! -
    Und als er, nur für eine kurze Dauer erfrischt durch den Tabaksgenuss und das
Bild des erwachenden Tages, schnell wieder verstimmt durch den beginnenden
Tageslärm, das hungrige Brüllen der Kühe, das patzige Krähen der Hähne, das
Rasseln der Wagen und vermaledeite Knallen der Peitschen - vom Fenster
zurücktrat, überfiel es ihn wieder mit aller Macht: Da setzte er sich vor den
Tisch, wo auf einer kleinen zierlich gestickten Decke Petrefakten lagen und ein
Stein drüben aus der Heide über und über geschmückt mit hervorgeschossenen
Kieselkristallen, - und schrieb:
    Sie nennen mich, ich weiss es wohl, den verbummelten Studenten, und blicken
mit mühsam verhehlter Schadenfreude auf mich und meinen Vater. Dass ich sie wegen
dieser spezifischen Primateneigenschaft niedriger schätze als meine verstorbene
Katze, ist meine Quittung hierauf. Aber mit ihrem verbummelten Studenten haben
sie insofern recht, als mein studere, meine Willenskraft - zwar nicht durch ein
überlustiges Leben, wie sie sich zu glauben zwingen - verbummelt, zersplittert,
gehemmt und unselig gestört ist; als ich unfähig bin zu akademisch nüchterner,
schematischer und absichtlich begrenzter, einseitiger Bearbeitung meiner
Wissenschaften; Analogien, Beziehungen, Verbindungen und Zweifel zeigen sich mir
überall und reissen mich über die Schranken des Schemas fort.
    Zwar macht es mir wenig Sorge, wenn mich ein Leitfossil aus der Geographie
hinüberzieht zur Zoologie, zu Entwicklungsteorien und damit zu denen unserer
Begriffe, und wieder ein Bodenbakterium zur Chemie und weiter zur eigentlichen
Physik - und damit wieder zur Philosophie: mir ist es eben Ernst mit meiner -
Wissenschaft.
    Aber das ist schon trauriger, wenn die jahrelang mir aufgezwungene
Betrachtungweise - oder was sonst? - bewirkt hat, dass es mir nicht möglich ist,
diese Tatsachen, die mir zwar ihre Verbindungen und Beziehungen unaufhörlich
aufdrängen, als einen gemeinsamen Erfahrungskomplex zusammenzufassen und einer
philosophischen Ansicht unterzuordnen: denn darauf läuft doch alle Wissenschaft
hinaus! - dass so meine Feierabendstunden, in denen ich das philosophische
Resultat einer wochen- und monatelangen Arbeit ziehen wollte und deren
anspornende Wirkung ich mir so freudig ausgemalt hatte, zu Qual-und Nötestunden
wurden; - dass ich schliesslich verzweifelt alles über den Haufen warf, bis in mir
eine klägliche Leere war und ich mein Leben hypochondrisch ausfüllte mit
Journalelesen und Rauchen, Schlaf und Trank und tagelangem trüben in die Wolken
Sehen. Dadurch ist mir die Freude zur steten Arbeit genommen; ohne einen mich
befriedigenden Abschluss zu erreichen, werden meine Kräfte lahmer und
widerspenstiger von Tag zu Tag. Dadurch - und das ist das Böseste - konnten jene
Gedanken zu mir kommen und haben sich bei mir eingenistet: alles Wissen sei kein
Wissen, sei nur ein zu wissen Glauben.
    Lerne ich, um am Ende zu bekennen, all mein Wissen ist nur Glaube, ist nur
ein auf geglaubten Grundgesetzen, der absoluten Wahrheit unserer Denkformen,
aufgetürmter Begriffebau? Der in absoluter Hinsicht keinen Pfifferling Wert hat?
Um mir gegen mein Wissen Brot, Bier und eine Gans zu kaufen - erklettere ich
deswegen diesen gläsernen Bau? Arbeite ich, um mit Hilfe jenes Glaubens, jener
Lüge mein Leben fristen zu können - das Leben, das ich doch habe, ohne es
gewollt zu haben?
    Und doch sagt mir eine drängende Stimme, dass es irgendwie und irgendwo ein
abschliessendes Wissen, eine adäquate Wahrheit gibt -: so war eben der Weg, den
ich einschlug, sie zu erreichen, für mich der falsche, und darum suche ich mir
einen neuen Weg, darum will ich von heute an diese wissenschaftliche Bummelbahn,
dieses Springen von einem zum andern, weitergehen, ausgesprochener und
unbekümmerter als der krasseste Fuchs - mein Geist drängt darnach, er wird schon
wissen weshalb. Darum will ich ihn ohne Aufsicht meines wurmstichigen Willens
irrlichtern und tauchen lassen wohin und wie seicht oder tief er mag; darum will
ich ihn von jenem für andere vielleicht lobenswert praktischen, aber für mich
unangenehm spanischen Stiefel befreien und ihn schauen und walten lassen wie er
will. Nur die eine Regel soll er nicht ganz aus dem Auge verlieren, alles was er
zu sich zieht, mit Ernst zu umfassen, nicht dem mystifizierenden Kirchen- oder
Kateder- oder gar dem kuhäugigen Philisterernst, sondern dem stets wachen
Gefühl, dass auch das Geringste ein Ausfluss des Urdings, Urgrunds ist, aus dem
auch er geflossen, dass das anscheinend Einfachste und Alltäglichste das
Würdigste und Bedeutendste ist, da es die Lösung des Rätsels in sich verborgen
hält.
    Aber nun möchte ich wissen: wie kommt es, dass ich zu dieser paradoxen
Selbstilfe greifen und meinen Intellekt, den ich vergeblich bemüht war durch
meinen Willen zu lenken, nun ganz von ihm befreien muss, damit er wieder kräftig
und seiner froh wird? Mein Wille ist zu schwach, gewiss; aber wann, wie ist er
schwach geworden?
    Ist er, ehe er vollkräftig war, geknickt? Dass ich den Kränkling nun zu
ewigem Feiertag frei lassen muss?
    Ich habe nicht mehr oder weniger als jeder meines Alters und Standes dem
Trunk und den Strassenfreuden der Liebe gehuldigt: und die Andern schreiten fort
und erwerben sich Amt und Stand, während ich am Wege liege und träume; waren sie
stark und robust und habe ich da, empfindsamer als sie, den Knacks bekommen?
    Empfindsamer? So ist er als schwaches, morbides Kind geboren, während sein
Bruder gesund und leicht ins Leben flatterte? Neige ich, weil es mir angeboren
ist, dazu, die Dinge zu betrachten nicht nach dem, was sie mir nützen, sondern
nach dem, was sie sind?
    Aber es führt zu nichts, einen Fehler als ererbt zu erkennen und ihn bei der
Voraussetzung der Unveränderlichkeit des Charakters auf sich beruhen zu lassen.
    So gilt es, den Punkt zu suchen, wo und wie und wann ich den Knacks bekommen
habe, auf dass ich nicht wie die angeschossene Wildente untertauche und im
Schlamm mich fest beisse, um im Dunklen zu sterben, sondern meine Wunde am hellen
Tageslicht betrachte und auf Heilung sinne.
    Und zu diesem allen trage ich noch ein seltsames Instrumentenmöbel durch
mein Leben huckepack, ein Wort, mit der ganzen es umgebenden Hülle des Gefühls,
eine immer wache melodische Selbsttäuschung über meine kurze überstürzte
Arbeitswut und mein langes, leeres und lässiges Nichts, ein immer bereites fades
Objekt für sentimentale Reimereien -: Sehnsucht nennt sich dieses Möbel. Wonach?
Wozu! Sehnsucht! Arme Ausbreiten und in die Wolken Träumen!
    Doch nun frage ich: wo habe ich sie mir aufgeladen und warum? - Vielleicht
damals, als ich den Knacks bekam, habe ich sie mir da als Rezept verschrieben,
um nur noch leben, nur noch vegetieren zu können? Mir gar von Poetastern und
Schwätzern aufhalsen lassen? das Rezept: Du bist berufen, eine hohe blaue
Sehnsucht zu tragen, eine Sehnsucht, die aber ach! nicht erfüllt werden wird,
die nicht erfüllt werden kann!
    Oder habe ich auch die als Zugabe auf den Lebensweg bekommen? - -
    Aber sollte nicht gerade mein leidiger Wille, da doch sein Bruder ungerührt
und uninteressiert über den Dingen flattert, in diesem flatternden Drängen und
Sehnen verborgen sein? Sollte er nicht so, einmal nicht geschaffen, der Welt als
Räuber gegenüberzustehen, mich treiben, die Dinge nach ihrem Sein und Leiden zu
betrachten? Auf dass ich mich in Allem wiederfinde? Auf dass ich ihn durch
Verneinung von der ewigen Leidenskette zum Nirwana erlöse, der Ruhe, dem Nichts,
wo die Winde stille sind -? Sollte dies die blaue Sehnsucht sein?
    Haha! Der verbummelte Student als buddhistischer Philosoph! Nur schade, dass
er nicht glaubt, was er schwadroniert und - leben möchte!
    Ich will baden gehen.
 
                                   Die Lippe
Den Weg zur Lippe, die von hier aus noch einige Stunden sich durch sandige Ufer
windet, bis sie sich in den Rhein ergiesst, ging Erich mehrere Male des Tags; und
darum sinnierte er sich dann jedesmal einen kleinen Roman zurecht, wie er es auf
alten und bekannten Wegen pflegte; es handelte sich da meistens um eine
Privatdozentenstellung nebst einer anhängenden blonden Grafen- oder exotischen
Fürstentochter.
    Und nach dem Bade streckte er sich nackt ins Gras und liess stundenlang die
steile Mittagssonne auf sich nieder brennen -.
    Als ich Junge war und auf Vaters Armen das Schwimmen lernte, liess er mich
untertauchen und das etwas salzige Wasser schmecken -: Sieh, so, aber viel
stärker schmeckt das Meer. - Dann streiften wir über die Wiesen, benannten
Blumen und sprangen über Bäche und sahen das Wasserhuhn auf dem sandigen Grund
unter den Wellen laufen. Im Dorf aber beim Schummerlicht erzählte ich den
Nachbarjungen, wie gewaltig tief die Lippe sei und wie dort schwarze Vögel, gross
wie ein Strauss, gleich Fischen unter dem Wasser schwimmen, und die rufen so,
gerade als wenn ein kleines Kind ertrinkt. - Doch wenn die Fledermäuse kamen und
die Glühwürmer tanzten, wurden wir unter dem Wagen, wo wir hockten und
erzählten, hervorgeholt und zu Bett gebracht. Dann kam das Gute Nacht, das
wohlige Sich-Gruseln und Verstecken-Spielen in den Kissen und dann das Gebet: Da
war ein Kaninchen krank geworden - Lieber Gott, lass es wieder gesund werden -
ein kleiner Eichbaum gepflanzt - Lieber Gott, lass ihn anwachsen - war ein
Feuerchen angezündet, und das wird morgen geklatscht - Lieber Gott, lass mich
keine Prügel kriegen.
    Da gedachte er - und reckte sich eitel-behaglich in der bratenden Sonne -
wie er bei solcher Gelegenheit auf die Frage: Willst du es nicht wieder tun? -
nach einigem Überlegen mit Ja! geantwortet hatte, da er sich sagen musste: Ja,
ich will es nicht wieder tun - ist richtiger als die doppelte Negation: Nein,
ich will es nicht wieder tun. Die Belohnung für diese erste Probe logischen
Gefühls war nicht ausgeblieben. -
    Und da mir gesagt war, Amen bedeute soviel wie: Ja, ja, es soll also
geschehen - so hängte ich an mein zierliches Gebet einen ungeheuren Amenschwanz;
hunderte Male leierte ich das Zauberwort her und zählte es an den Fingern ab -:
wenn ich mir soviel Mühe gebe, kannst du mir auch helfen! -
    Doch dieses trauliche Bittverhältnis nahm bald ein Ende; er merkte schnell,
dass sein Gebet wenig fruchte, im Gegenteil, hatte er im Hinblick auf ein
gefährliches Vergnügen heftiger als sonst um Sicherheit gebeten und ging dann
umso sorgloser zu Werke - Feuermachen, auf die Bäume-Klettern, Eisschollen- und
Nachenfahren auf dem Teich, so traf ihn desto sicherer das Verhängnis; dazu die
Belehrung älterer Kameraden, der unverständliche Katechismusunterricht mit
Auswendig-Lernen, Prügel und Nachsitzen, wenn die Andern sich draussen tummelten:
Das störte bald dieses Verhältnis, das nur auf Bitten und berechtigten
Erwartungen beruhte. - Seinen letzten Stoss erhielt es mit dem Tode eines kleinen
Mädchens. Noch einmal hatte er während ihrer kurzen Krankheit alle seine
Gebetsmacht aufgerufen, hatte sein Amen! so dringlich und unzählig hergeschrien,
bis der mitleidige Schlaf ihn in die Arme nahm - aber die Kleine, Zarte starb,
still und schön wie ihr kurzes Leben -.
    Da streifte ich mir die schwarze Trauerbinde vom Arm und band sie vor die
Augen, dass dem kleinen umherstapfenden Jungen die ganze Welt schwarz erschien;
des Nachts suchte ich zwischen den Sternen, ob ich nicht dort ihr Veilchenauge
fände, des Tages aber sammelte ich Primeln und Hainanemonen - das waren ihre
Lieblingsblumen, und legte sie auf ihr kleines Grab. -
    Dann brachte die unheimlich losplatzende Liebeszeit Nöte über Nöte. Und da
fielen die schimpfenden Worte eines bornierten Pfaffen, der ihn zur Konfirmation
vorbereitete und für sein Geld etwas leisten wollte, auf geeigneten Boden; der
wetterte von Sünde und ewiger Höllenpein, dass der Scheublickende, Ratlose sich
ansah wie ein ganzes Nest von Sünden. Und hatte er so kein Vertrauen und keine
Ehrfurcht, geschweige denn Liebe für den wieder aufgetauchten Gott, so doch
vernichtende Furcht. - Da fielen ihm die Edda und seltsamer Weise die Dichtungen
Shelleis in die Hände; die vertrieben den eifernden Judengott und setzten den
Verschüchterten wieder mitten in die Natur.
    Da hatte ich auf einer hohen Stange, um die ich eine Türkische Bohne hatte
ranken lassen, meine Wetterfahne stehen -: das war eine Schwanenfeder, die auf
der dornigen Astspitze einer Schlehe spielte; auf der Ligusterhecke, in der die
Wetter-Bohnen-Stange ihren Halt hatte, hockte mein Kompass -: den hatte ich
gebaut aus einer mit Wasser gefüllten Lippmuschelschale, in der auf Holundermark
eine magnetisierte Nadel schwamm; daneben ein hygroskopischer Fichtenzapfen und
am Fenster das Termometer waren meine übrigen meteorologischen Instrumente, -
aber es waren seltsame Instrumente: um ihre Aufzeichnungen kümmerte ich mich
wenig, ihr einfaches Dasein, von mir geschaffen und zusammengestellt und nun
lebend in der freien Natur, bei Tag und Nacht, Regen und Sonnenschein - genügte
mir. Sie bildeten für mich die Verbindung, den Kontakt mit dem Innersten der
Natur - dem Innersten? Haha! dem Innersten der Natur!
    Aber als ich Gott Valet gesagt und dem Engländer die Hand gereicht hatte,
lebte ich, wenn ich des Morgens zur Bahn ging, um nach der naheliegenden
Gymnasialstadt zu fahren, es mit seltsam lyrischem Stolz nach, wie der
Sonnenaufgangsäter die rosa Schäfchenwölkchen umarmte, ehe er sie trank, sah in
düsterseliger Melancholie den Sturm der Raben Scharen wiegen und hörte ihn an
den Telegraphendrähten seine Klagelieder pfeifen. Und die Edda bevölkerte meine
Welt mit Riesen aus Frost und Reif und dem einäugigen Windegott, wie er neun
Tage an der Esche hängt und aus Mimes Quell dicke Weisheit schlürft.
    Aber je tiefer ich mich in diese Gestalten flüchtete, je vertrauter mir das
Rauschen eines einsamen Wacholders wurde und je bedeutsamer die schwüle Stille
des Mittags, wo die Kornweibchen über den wogenden Roggenfeldern geistern, desto
tiefsinniger zugleich, rätselhafter und einem innigen Erfassen widerstrebender
wurde das, was mich da umgab. Und da kam es, dass ich eines Tages neugierig in
einen Garten trat voll hoher Pappeln: doch was Spinoza mir zu Einem Grossen
einte, zerschlug Schopenhauer mit einem Hieb: ich und das Ding da draussen, das
ich doch erraten wollte, ich und das Ding in mir, das ich doch fassen wollte:
und da bekam ich ein Wort, ein wüstes wildes drängendes Wort - und so war es
denn wieder nichts weiter als der in ein Wort verkleidete hinterweltliche
Finstergott und der Junge, der mit seinen schwachen Kräften gegen ihn loszieht.
    So warf ich das Grosse Eine, das ich ersehnte und wofür ich nun die Formel
gefunden, und die ewige Zweiheit, die ich fürchtete, deren Formel ich aber nicht
widerlegen konnte, zusammen und begnügte mich mit Schlagworten, die ich nur zum
Teil verstand.
    Aber was mir so an Verständnis abging, ersetzte sich reichlich durch Gefühl.
Ich wusste und fühlte mich glücklich darüber, dass ich mit meinem amor dei, meiner
substantia cogitans et extensa oder meiner Erlösung des Willens durch den
Intellekt, meiner Interesselosen Anschauung, meiner Welt als moralisches Problem
irgend etwas Tiefes aussagte und jedenfalls den Dingen näher stand als meine
Mitschüler und Lehrer, wenn sie mit donnerndem Patos »die Worte des Glaubens«
hinwarfen und nicht ahnten, was sie sagten und, wussten sie es, zu feige waren,
aus ihrem Wissen die Konsequenzen zu ziehen. Sie fühlten, wie ich sie kannte und
verachtete, und dankten mir mit Spott und gemeinem Hohn.
    Und dann war ich eines Morgens Student, war Fuchs und stand unter der kalten
Ernüchterungsdousche: Schau, Leibfuchs, jetzt kommt das Leben, Mädel, Schläger-
und Gläserklang! Und in den Ferien: bald nächtlicher Wanderer im Wald, bald
Sternengucker; bald Mikroskopiker, bald trübsinniger Träumer am Bach - -
semester-, jahrelang. - Da tauchte das Wort Sehnsucht auf - es hing so in der
Luft, da holte ich es herunter. Und dann? Wo vorher die Sehnsucht gehangen, hing
nun das Examensgespenst, wurde grösser und grösser und hüllte sich in die
absonderlichsten Masken. -
    Und jetzt liege ich hier und bin ein verbummelter Student. Und suche mir zu
helfen, indem ich mich mit klarer Absicht und hellstem Bewusstsein auf dieser
Bummelbahn des flüchtigen Naschens fortrollen lasse. Soll denn das
Unergründliche, das mich in das bewusste Dasein geworfen, nur sein Spielzeug an
mir haben wollen? Ein interessantes Experiment mit mir anstellen wollen, was aus
solchem Konglomerat aus haltlosem Willen und überwacher Anschauung,
hineingestossen in das rastlos und erbarmungslos rollende Rad des Lebens, wird -
um es dann, wenn es zerschellt, in die Rumpelkammer der missratenen Existenzen zu
werfen? Hm, auch mich interessiert's.
    Ja, lieber Strom, das ist derselbe Knirps, den du vor zwanzig Jahren das
Schwimmen gelehrt - ein wenig grösser geworden, ein wenig dummer, ein wenig
klüger, ein wenig braun gebrannt, ein wenig zerhauen - - Wie die Sonne brennt!
Als ich am Lubminer Strand oben in Pommern lag, zog sie mir die Haut in Fetzen
vom Leibe - ah! da war Leben.
    Sollte vielleicht das, was ich meine blaue Sehnsucht nenne, die versteckte
Wut nach lautem Leben sein? Soll erst dann meine Willenskraft aufwachen, wenn
ihm etwas Gewaltiges entgegentritt, nicht dieser elende Mikrokrimskrams von
Bücherstaub und Tiftelei - Kampf und Krieg, ein lohendes Glück, ein mich
niederschmetterndes, buchstäblich mich mit Füssen tretendes Leid - brausendes
riesenfäustiges Leben?
    Sehnsucht nach dem Leben? Eine vermaledeite Sehnsucht - schmeiss sie fort! -
    Es war spät am Nachmittag, als Erich müde und wie betäubt von der brennenden
Sonne zu Hause ankam.
    Als es Abend ward, blätterte er in seinem verehrten Byron und las das süsse
Märchen von dem griechischen Inselkind Haidie. -
    Und als er am nächsten Tag vom Bade heimkehrte, ging er auf sein Zimmer und
schrieb:
    Die Kieselkristalle blinzeln und glitzern mich an - bald fern und still wie
ein Stern, bald wie neckische Geister. Über ihnen breitet ein Sauerklee, die
hohe, ästige, an Gartenhecken häufige Form, seine Blätter; flach ausgebreitet am
Tage, dicht zusammengefaltet in der Nacht - wie liegt in diesen bescheidenen
Bewegungen das ganze Rätsel des Lebens!
    Man nennt und gruppiert sie unter dem Namen Schlafbewegungen,
nyktitropische, und reiht sie unter die durch äussere Reize hervorgerufenen
Variationsbewegungen. Das sagt mir nichts: so habe ich Schnitte durch die
Blattpolster gemacht und sie unter dem Mikroskop betrachtet. Das sagte mir noch
weniger.
    Gewiss, wie diese Bewegungen möglich sind und zustande kommen, kann ein
Schuljunge verstehn. Aber hiermit begnügen wir uns nicht, wir glauben mit diesen
Bewegungen einen augenscheinlichen Nutzen für die Pflanze verbunden und kommen
so immer wieder auf die verrufene Zwecktätigkeit zurück. Nun können wir aber
nicht ins Blaue hinein den Pflanzen Empfindungen der Aussenwelt und ein
zweckmässiges Reagieren auf deren Veränderungen zuschreiben, doch nicht das
Bedürfnis als Grund der Handlung, es zu befriedigen, hinstellen. Sie müssten das
Bedürfnis nicht nur deutlich empfunden, sondern klar erkannt haben und darnach
unter den verschiedenen Handlungsmöglichkeiten die zweckmässigste aussuchen und
zielbewusst anwenden, um das so erkannte Bedürfnis zu stillen. Und wissen wir
überhaupt so bestimmt, ob ein solches Bedürfnis, wie wir es meinen, vorlag? Ob
mit der erreichten Handlung überhaupt irgend ein Nutzen, und wenn - ob gerade
dieser damit verknüpft war?
    Und dem Plasma, als der lebenden Kohlenstoffverbindung, allgemein die
Fähigkeit der Empfindung und des zweckmässigen Handelns zuzuschreiben, sagt
garnichts; das ist nur eine Phrase mehr.
    Und schalte ich die Zweckmässigkeit und auch einen unbeabsichtigt erreichten
Nutzen aus und betrachte allein den nackten Zusammenhang von Ursache und
Wirkung, so haben sich vielleicht unzählige Ursachen von irgendwo her an diesem
Punkt getroffen und ihr Zusammenstoss war eben die »zufällige« Ursache zu dieser
ungewussten und ungewollten Wirkung.
    Und diese Wirkung, diese Erscheinung hat sich nun vererbt - und zwar ohne
dass in allen Fällen die zufälligen Ursachen, wie sie die erste Erscheinung
bewirkt haben, weiter wirkten -, nun komme ich schon ohne Empfindung, Nutzen und
Zweckmässigkeit nicht weiter. Ich muss sagen: Die Pflanze hat den Nutzen der
einmaligen Abänderung empfunden, er hat ihr im bekannten Kampf ums Dasein
geholfen, und sie hat ihn deshalb ihren Kindern vererbt - denn die Erklärung:
Das ist eine spezifische Eigenschaft des Plasmas, die durch äussere oder innere
Eindrücke in ihm bewirkten Veränderungen zu vererben, ist keine Erklärung, ist
nur eine sehr wohlfeile Beschreibung.
    Aber auch schädliche Abänderungen vererben sich -? -
    Und nun steckt einmal in dieses Durcheinanderwirken von Ursachen und
Wirkungen, Vererbungen und Anpassungen, unbewussten und bewussten Empfindungen,
zweckmässigen bewussten und unbewussten Handlungen, Tropismen, Nastien und
Instinkten eure Molekularteorie hinein, beseelten Stoff und stoffliche Seele,
Kräfte von irgendwo her, die irgendwo angreifen - wundert ihr euch dann noch
über euer hilfloses Gesicht? - Aber euer Gesicht ist glatt und eure Brillen sind
ganz vergnügt - -?
    Oder liegt die Erklärung wieder darin, dass wir alle Erscheinungen als in
Wirklichkeit auch so seiend aber auch nur so seiend auffassen, wie sie uns
scheinen, und sofort sie nach Zeit, Raum und Ursächlichkeit ordnen,
schematisieren und erklären wollen, wo unser Intellekt vielleicht garnicht
geschaffen ist, die Dinge adäquat zu erkennen? Aber weswegen ist er denn fähig,
seine Unfähigkeit zur absoluten Erkenntnis einzusehen? Weswegen muss ich denn
wissen, dass ich nichts wissen kann?
    So stehe ich denn abermals vor der mit Brettern zugenagelten Wand - es ist
so jämmerlich traurig. Oh, es ist wohl besser, dieser vermaledeiten Wand den
Rücken zuzukehren, anstatt jahrlang an ihr entlang zu rasen und eine Öffnung zu
suchen, von der man sich doch sagt, dass sie nicht zu finden ist, garnicht
vorhanden sein kann? Oh, es ist wohl besser, mit einem Sprung, einem tollen,
alles überjauchzenden Schrei in das Leben da draussen zurückzujubeln: Es lebe das
Leben!
    Aber da humpelt wieder die griesgrämige Frage an: Weshalb jubelst du nicht,
es lebe die Arbeit? - Herrgott! weil sie doch wieder an die vernagelte Wand
führt!
    Und die andere, die ebenso griesgraugrämige: Tu's - aber was hast du davon?
    Und die teuflische: Tu's - aber meinst du, du tust es, weil du willst? Du
Narr, weil du musst; du kannst nicht anders!
    Ich werde ins Freie gehen. Wohin? Ins Bruch? In den Wald? In die Heide? -
Soll ich schliesslich den zureichenden Grund suchen, weshalb ich dieses Mal ins
Bruch und nicht in die Heide gehe!
 
                                   Das Bruch
Östlich vom Lichtenhagen zieht sich von Norden nach Süden eine Senkung hin, auf
der gegenüberliegenden Seite begrenzt von aufsteigenden Ackerfeldern, weiten
Heideflächen und Kiefernwäldern. Zwei Bäche sammeln die Wasser dieser auf Lehm
und Mergel ruhenden Senkung und tragen sie in trägem Lauf zu Tal, um mit ihnen
den Dorfteich zu speisen. Der treibt mit ihnen seine Mühlräder, schafft aus
ihnen Badekölke und Eisbahnen für die Jugend, Schwemmen für die Pferde und
Waschplätze für die Weiber und gibt dann diese durchtollten und durchwühlten
Wasser durch eine andere Senkung in den südlichen Höhn weiter durch Bach und
Fluss zum Strom.
    In der Mitte dieses langgestreckten, mannigfach eingeengten und
verbreiterten Tales liegt ein Heiderücken, der schon seit langer Zeit auf seiner
einsamen Höhe ein Hochmoor trägt; das schmückt seinen Rand mit würzigen
Gagelsträuchern und Sumpfporsten und dem gelben Beinheil, mit schwarzen
Moorkiefern und kümmerlichen Zwergbirken, über seiner Mitte aber wölbt sich ein
gewaltiges Sphagnumlager - und unter dem, hier in dem übermoosten See, haben die
beiden südwärts fliessenden Bäche und ein dritter nach Norden abströmender ihren
Ursprung.
    Dieses ganze, versumpfte, vermoorte und vertorfte Gebiet nennen die Leute
das Bruch und denken dabei an saure Wiesen, oftmalige Überschwemmungen, die
ihnen das karge saftlose Heu wie Schiffe und Flösse davontragen, und an
Maifröste, die in den wenigen anliegenden Gärten die Obstblüte und die jungen
Gemüse regelmässig zerstören.
    Aber auf den torfigen Wiesen, den sandigen Aufschüttungen der Bäche und
eisenroten Gräben, an den übelriechenden Sumpflöchern, in den zerstreut
liegenden Elsen- und weichhaarigen Birkengebüschen, am Rande der Kiefern- und
Eichenkolonien geben sich flammende leuchtende Blumen ihr Stelldichein: Da
läuten neben den brennenden Weidenröschen die Purpurglocken des Fingerhuts,
gesellt sich zu dem weinduftenden Wasserdost der friedlose Goldweiderich und
breitet die gewaltige Bärenklau ihre gastlichen Dolden. Hier leuchtet weit über
die Wiesen die hohe Grundfeste und unter ihr nickt die Arnika mit ihrem
harzduftenden Blütenkopf, während allerorts die bunten Kerzen der Knabenkräuter
brennen und die zartgefransten Blütentrauben des Fieberklees; und allerorts
schwellen die Sphagnummoose ihre grünen und bläulichen Polster, zarte Moosbeeren
und gleissender Sonnentau haben sich auf ihnen angesiedelt und neben ihnen, wo
der wilde Schneeball an zierlichen Schirmtrauben seine Früchte hangen lässt,
hockt träge und tückisch das Fettkraut und schaukelt seine Veilchenblüten auf
schlanken Stengeln. Aber in der Mitte, dort um das schwarze Erlenloch, in dem
der sparrige Pferdekümmel sich breit macht, haben gefleckter Schierling und hohe
Brustwurz im Verein mit übermannshohen Sumpfdisteln und Nesseln eine Mauer
geschlungen, über die nur noch die braunen Rispen des Schilfrohrs ragen; und von
Rispe zu Rispe, von Halm zu Halm und Baum zu Baum klettert über Alles und
überschüttet Alles die Winde mit ihren weissen Trichterblüten. -
    Ringelnattern und Kreuzottern haben hier ihr Reich und ihre Beute an
lärmenden Froschheeren und mannigfachen Mäusen; Wasserhühner und Krickenten
locken aus dem Röhricht und trippeln des Abends auf den taufeuchten Wiesen;
polternden Fluges gehen Rebhühner- und Fasanenketten vor dir hoch; gaukelnde
Kiebitze wiegen sich in den Lüften; schreiende Regenpfeifer streichen in Scharen
dahin; der schillernde Eisvogel huscht über die Bachläufe - während der Reiher
steif wie ein Pfahl am Schilfrand steht.
    Aber in den Kölken und Lachen tanzen unzählige seltsame Wesen auf und nieder
- ein grotesker ungeheurer Kopf, mit zwei Hörnern versehen, der Körper
eingeschlagen und nicht viel grösser als dieser, mit breiten Borsten am Schweif -
mit einigen zornigen Schlägen ist es unten und steigt jetzt wieder geruhig hoch,
stundenlang geht das Spiel, auf und ab -. Doch des Abends schälen sich aus den
seltsamen Tauchern Schnaken hoch, diese Lachen und Kolke senden Heere auf Heere
aus von sausenden surrenden Mücken, dass das ganze Tal singt und summt und surrt.
-
    Es ist schön, am glühenden Sommermittag durch dies Alles zu schweifen, sich
im Schatten einer Silberweide neben den Bach ins Gras zu werfen, zuzusehen, wie
der Grashalm in den kleinen Wellen sich hebt und senkt, wie über ihnen
blauschimmernde Gyriniden gleich tanzenden Quecksilberkugeln ihre unermüdlichen
Reigen kreisen, wie glänzende Schilfkäfer von Halm zu Halm schwirren, wie dort
auf dem trockenen Eichenast ein Sperber aufbäumt, umlärmt von Schwalben und
Bachstelzen und anderem scheltenden Volk - um dann seinen Blick an eine einsame
Wolke zu hängen und mit ihr durch den blauen Himmel zu segeln, weit fort ins
Reich der Träume, der bunten Sommerträume - so weit, dass du plötzlich um dich
blickst: was ist das? - wer bin ich? - wo war ich? -
    Wie die beiden südlichen Bäche ihr Wasser dem Dorfteich zuführen, so hat
auch der dem Nordrande des Hochmoors entspringende seinen Teich zu tränken. Der
liegt am nördlichen Ende der grossen Senkung. Die Wälder, die in einiger
Entfernung das ganze Tal begleitet haben und dann in gewaltiger kompakter Masse
sich bis an den Rhein nach Cleve wälzen, senken sich hier von allen Seiten flach
und sanft herab und lassen ihre Vorposten, Haseln und Weiden, in den stillen
Wassern sich spiegeln. Weisse Seerosen liegen in der Mitte dieser Wasser und
träumen in lauen Nächten zum Mond, während an den langgestreckten Ufern der ewig
raschelnde und lispelnde Schilfwald schwätzt; bis unter die Buchen und
breitkuppligen Kiefern dringt er zuweilen in dem umgebenden Wald vor mit seinen
bleichen Schlangenwurzeln. Mehr und mehr sucht er dem Wasser sein klares
spiegelndes Reich zu rauben, immer neue spitze Schösslinge lässt er aus dem
schlammigen Grund hochschiessen, er kann nicht genug sein windiges zerrissenes
Gesicht sehen, nicht genug sich rascheln und schwätzen hören. Nach Osten zu hat
er schon die beiden Ufer bis fast zur Teichesmitte in seinem festen schwätzenden
Besitz, hier und da reicht er sich schon die Hand von Ufer zu Ufer, seine
rauschende raschelnde Hand, und die armseligen freien Lachen dazwischen hat er
in ein, zwei Jahren zugewürgt, und dann liegt er da, breit und brutal, und neigt
schwätzend seine braunen fahrigen Köpfe nach den ewig gleichen Stössen des
Westwinds -.
    Doch am östlichen Ende dieses raschelnden Waldes liegt wieder ein Teich,
blank und rein vom Schilf; Laichkräuter, Froschlöffel und runde Kolonien
dunkelgrüner Krebsscheren leben in dem, und purpurne Schwanenblumen und die
weissen Blütenwirtel der Pfeilkräuter lächeln von seinen Ufern: und wenn bis
hierhin die kleinen Wellen des Baches, die von da oben zwischen den narkotischen
Gageln und Porsten heruntersickerten, gekommen sind, dann spielen und glucksen
sie an mächtigen Mauern und Pfeilern, ein hoher Turm spiegelt sich in ihnen,
dann plätschern und wandern sie rings um eine Wasserburg, das alte Schloss zu
Raesfeld - eine Wasserburg, im Tiefland, von breiten Gräben umgeben - wie sie im
Norden und Nordwesten Deutschlands träumen und zerfallen.
    Nichts weckte in Erich schöner und reiner die schmerzlose Verwunderung über
unser hineilendes, verzerrtes, sinnloses und unergründliches Dasein als diese
alte, halb zerfallene Burg. Oft wanderte er, vor sich und seinem Überdruss
flüchtend, hier hinaus, um auf der flechtenbewachsenen Galerie des Turmes
stehend oder in eine der tiefen Fensternischen gelehnt dieses träumerische Bild
auf sich wirken zu lassen.
    Auf drei Wegen konnte man das Schloss und das nach ihm benannte etwas abseits
gelegene Dorf erreichen. Einmal durch das Bruch, an den Bächen entlang, über den
Heiderücken mit dem einsamen Moor und den anderen Bach hinab; das war der
kürzeste, er lief der Luftlinie gleich und in zwei Stunden war man dort. Sodann
im Bogen über die östlichen Höhn, durch Felder und Heideland, über ein Dorf, das
berühmt war durch eine uralte Eiche - von dort aus benutzte man den Fahrweg und
sah nach einer kleinen Weile die Türme des Schlosses herüber grüssen - drei
Stunden ging man hier. Der dritte Weg schlängelte sich westwärts vom Bruch durch
den Lichtenhagen und den KöniglichenWald - sandige, nasse und verheidete
Waldwege. Es dauerte vier, auch wohl fünf Stunden, bis man mit dem
niedersteigenden Wald bei dem Schilfteich anlangte; doch meistens verlief man
sich unterwegs und kam nach stundenlangem Umherirren in einer ganz anderen
Gegend heraus.
    Ein feiner Westwind, der zuweilen an stillen glühenden Sommertagen von den
feuchten Wäldern nach der weiten dürren Heide weht, rastet gern auf seiner Fahrt
bei dem alten Schloss. - Mit einem leisen Schwung hebt er sich von den Teichen,
deren ölig glatte Fläche er nicht zu kräuseln vermocht hat, hoch und streicht,
nach vergeblichem Bemühn die steilen Mauern des Schlosses, seine hochgelegenen
breiten Fenster und sein flaches Schieferdach zu erklimmen, längs der Wand des
auf jenem Flügel senkrecht stehenden Gebäudes hin, hebt sich langsam bis zu dem
spitzen Ziegeldach, um sich aber bald in dem mächtigen Efeubewuchs der Mauer zu
verfangen und über ihre dunkelgrüne Mauerraute, ihren Rainkohl und Hauslauch
niederzugleiten zu den niedrigen Trümmern eines runden Turms; er kühlt und
tränkt die Pflanzen, die dort zwischen dem Schloss und dem Wassergraben hausen -
den Alant, die Pestwurz und das Bilsenkraut, den alten Spindelbaum, der Jahr aus
Jahr ein im Schutz einer hohen Esche in scharlachroten Kapseln seine
orangegelben Samen trägt, den schwefelfarbenen Eibisch und die über ihm
blühenden weinduftenden Rosen.
    Inzwischen hat der Graben, der die ganze weitere Nordseite des Schlosses
schützt, schon seit Jahrhunderten hinter dem runden Turm einen Arm nach Süden
geschickt - und über den eilt nun der Westwind hinüber, quer über den
langgestreckten Hof, um aber gleich an der zusammenhängenden Wand der
Wirtschaftsgebäude und ihrem steilen Ziegeldach anzuprallen; die werfen ihn
wieder über den Hof zurück, sodass er denselben Graben über einer breiten Brücke
überweht und dann in den eigentlichen Schlosshof fällt.
    Auf diesem hochgelegenen Hof, den an seinen beiden Wasserseiten eine
niedrige Mauer umfasst, lagert die Luft heiss und leicht und lässt den Wind, wie er
von den kühlen Bogengängen vor den Kelleröffnungen zurückfährt, kreisen und
steigen, die enge Treppe, die zu der schmalen Tür des Hauptflügels führt,
hinaufgehen, auf der Plattform neben ihr seine Kräfte wieder sammeln, in die
breiten, der Morgensonne entgegenlachenden Fenster des einen und die schmalen,
Schiessscharten ähnlichen des andern Flügels blicken - und dann im Bogen auf den
hohen Turm zuwehen, der neben dem Schieferdach in eigentümlich ausgeschweiften
Linien sich verjüngt. Vergebens versucht der Flüchtige an solchen Tagen die
rostige Windfahne, die da oben von der zwiebelförmigen Kuppe ins Land schaut, zu
drehen und setzt mit einem eleganten Sprung über die beiden Höfe und den Graben
zu dem anderen Turm hinüber, der massiger und weniger hoch als der des
Wohngebäudes das Südende der langgestreckten Wirtschaftsgebäude abschliesst.
    Hier oben auf der steinernen Galerie, über der sich eine schieferbedeckte
Kuppel mit kleinem Glockenaufsatz erhebt, umläuft der Wind dann wohl den Turm
und blickt ins Land: unten schläft der Burggraben mit seinen Nymphäenblättern
und Laichkräutern, schlafen still die roten spitzen Dächer der Tagelöhnerhäuser,
ruht die zweitürmige Kapelle und schlummern die holprigen spitzsteinigen Gassen
mit ihren windschiefen blaugekalkten Häusern - sie scheiden das Dorf da hinten
mit seinen Wirtshausschildern und elektrischen Lichtern, die neue hastende Zeit
gegen die Vergangenheit, die hier schläft und träumt - blickt in den Schlosshof,
wo zwei Geistliche auf und nieder wandeln, sich auf die Hofmauer setzen,
plaudern und den Hahn fortscheuchen, der sich vor ihren Augen den Minnesold
holen will - da hängt der Efeu so matt und sonnenmüde über dem breiten Fenster,
das auf die Turmreste blickt - da ragt der Turm so einsam in die Luft, und neben
ihm hin und über das gleissende Schieferdach fort schweift der Blick fern auf den
sonnenbeschienenen Teich, das sich beugende neigende Schilf und die ruhenden
Wälder - blickt über die Anger und Felder weit in die Heiden, wie sie mit
dunklem Kieferngebüsch gesprenkelt sich unabsehbar in den blaugelben Sonnenglast
verlieren, in dem die Kirchtürme ferner Dörfer auftauchen, zittern und
verschwinden -, aber dort über dem Heidesattel lagert grauer schwerer Dunst; da
schickt der Industriebezirk seinen Kohlenrauch ins Land und hängen schwarze
Punkte in der Luft: die Fördertürme der Zechen, wo das gewaltige Rad die
schwarzen Gestalten wieder ans Licht trägt!
    Wie lange wird's dauern, dass das Dröhnen und donnernde Hasten von da unten
auch hier die Ruhe und den Traum verscheucht, auch hierhin seine tobende,
dampfende und rasselnde Zeit trägt? Und wenn die alt geworden und zerfällt, so
hängt wieder eine andere dort am Horizont und droht mit ihrer Gegenwart, und
wieder - was ist Menschenleben, was ist Menschenlos! Wie eine Stunde fliesst es
und träumt es dahin, und ihre Werke vereinsamen und zerfallen zu Staub -. Aber
sind sie denn anders als ich? Ich komme und vergehe, Stunde für Stunde, bin
zeitlos und bin doch immer da. -
    Als so der Wind gesprochen, erhob er sich und wehte fort über Dorf und Feld
in die glühende Heide, um nach kurzem Schlaf in den Bärlapprasen und
Farndickichten zur Nacht wieder zurückzukehren zu den westlichen feuchten und
warmen Wäldern.
 
                                  Am Bruchbach
In jener Gewitternacht war Erich ein Verlangen gekommen, das Schloss wieder zu
sehen; er war seit dem Herbst des vergangenen Jahres nicht mehr dort gewesen, da
er gehört hatte, es werde wieder bewohnt, - aber heute an einem heissen Junitage
war er hinausgewandert, sei es auch nur, um sich an der Geschmacklosigkeit,
verfallene Gebäude wieder wohnlich zu machen, zu weiden. Er war den Weg über die
östlichen Höhen und das Dorf gegangen und wollte sich auf dem Heimweg durch das
abendliche Bruch für den ausgestandenen Ärger entschädigen.
    Aber als er schon von der Heide aus eine Fahne auf dem Turm flattern, und
als er näher kam, das Geländer der Brücke angestrichen und mit Maien bekränzt
und den Torbogen mit Fichtenkränzen und Papierblumen umwunden sah, machte er
grimmig kehrt, ging in eine Wirtschaft und freute sich an seinen Verwünschungen,
diesen Überrest aus kraftvollen Tagen in einem Narrenkleid wieder sehen zu
müssen.
    Dann werden sie dir auch deinen Efeu abreissen, der dich bisher geschützt,
und deine entblössten Mauern werden sie mit Cement beklecksen, deinen Alant und
Eibisch werden sie dir geraubt, deine Weinrose ausgerodet und dafür Teppichbeete
gezirkelt haben, deine hallenden Zimmer haben sie renoviert, deine
rauchgeschwärzten Kamine vermauert, deinen Rasen mit unfruchtbarem Kies bestreut
- haben dich verhunzt, das Narrenvolk! Zum Brandstifter möchte ich werden:
lieber Schutt und Asche, den Pflug darüber und die allmählich verklingende
Erinnerung an ein Schloss mit hohen Türmen, das hier einst gestanden, als ein
cementbeworfener renovierter Zwitter!
    Wie ein Kneifer auf dem Visier einer Ritterrüstung mutet mich dieser
Cementbestrich auf den rohen Sandsteinblöcken an - versucht doch nicht zu
mischen, was nicht zu mischen ist! Die Zeit ist kein Zusammenhängendes, kein
absolut Gegebenes; die da haben in ihren harten Köpfen die ihre geschaffen, ihr
schafft euch die eure: wie könnt ihr die Produkte mischen, da eure Köpfe
verschieden sind? -
    Auf seine Frage erzählte ihm die Wirtin, das Schloss sei zu Ehren der
Grafentochter geschmückt worden, die vor acht Tagen - wissen Sie, bei dem grossen
Gewitter - angekommen.
    Weswegen ist denn noch die Fahne auf dem Turm? -
    Ja, in der ersten Begeisterung sind die Leute von aussen auf den Turm
gestiegen und haben sie da aufgesteckt, und jetzt wagt sich keiner mehr hinauf.
-
    In der ersten Begeisterung? -
    Nun ja, sie freuten sich doch. Sie sind ja auch für heute Abend zu einem
Fässchen Bier geladen. -
    Freuten und begeisterten sich für eine Puppe, für einen Zieraffen, der von
ihrer Hände Arbeit schmarotzt. - Ist denn schon vorher oder erst des gnädigen
Fräuleins wegen der Efeu abgerissen und das Schloss mit Cement beworfen worden? -
    Das Schloss mit Cement beworfen? Wie kommt Ihr darauf? -
    Da zog er die Stirn in Falten, zahlte seine Zeche, grüsste und ging. -
    Die wird mich für einen verfluchten Sozialdemokraten halten, - dachte Erich,
als er ausserhalb des Schlossbezirkes den Bach entlang stapfte - und doch ist mir
nichts widerlicher als dies gröhlende Gezänke um Lohn und Brot. Aber ebenso
wenig kann ich für den irgend ein Gefühl der Hochachtung oder gar Begeisterung
hegen, der durch seine Geburt und nicht durch eigene Kraft die Früchte fremder
Arbeit an sich reisst und vergeudet. Nun - das mag mich wenig kümmern - ich muss
erst mit mir klar sein, ehe ich mir über das Wohl und Wehe meiner erbärmlichen
Landsleute Gedanken mache.
    Und wann wird das werden? Kann das werden? - Aber soll sich Natur nicht doch
einmal selbst ergründen? - Vielleicht in einer anderen ihrer Erscheinungen und
eben nicht in mir - wozu aber bin ich denn da? -
    Er blieb stehen und bohrte verbissenen Blicks den Stock in den torfigen
Grund -
    Ein spöttisches Lachen riss ihn hoch: Es wird Sonnentau sein, Herr Botanikus!
-
    Es ist böser grundloser Sumpf - was suchen Sie hier? - rief er sich
aufrichtend und den Stock, der tief in den schwarzen Moder eingesunken,
herausziehend dem noch immer spöttisch ihn anlachenden Mädchen zu, das schlank
und schön zwischen den Erlen am anderen Ufer stand.
    Einen Weg über den Bach. -
    Wohin? -
    Zum Schloss - zu Ihnen, wenn Sie wollen.-
    Hier ist der Bach breit und seicht - waten Sie doch durch. -
    Ich muss zum Tanz! -
    Haha! sind Sie das famose Fräulein, das mit Böllerschüssen, Täteretä und
wehenden Fahnen kam? -
    Dann watete er aber trotzdem hinüber, nahm sie wortlos auf seine Arme und
schickte sich an, sie hinüber zu tragen. In der Mitte des Baches blieb er mit
seiner Bürde stehen und fragte, ihr nahe in die Augen blickend:
    Also Ihretwegen hat man mir das Schloss verhunzt? -
    Schätzen Sie mich niedriger als das Schloss? - Tragen Sie mich hinüber, - ich
schenke Ihnen morgen eine Rose. -
    Ah, so herum willst du -? -
    Warum nicht? Ich schenke dir eine Rose! -
    Und wenn ich sie nicht mag? -
    Ha! ich heisse Loo - und nun Gute Nacht, mein hübscher Herr. -
    Als Erich über die Höhe ging und im Mondschein die fernen Türme und die
schlaff herabhängende Fahne sah, duftete der Porst so narkotisch und jauchzte
und klagte eine Nachtigall so feurig und traurig, dass er den Kopf schütteln und
sich zusammenreissen musste: Ich will es nicht! ich will meine Sehnsucht - hoho!
meine Sehnsucht! aber ich will sie nicht verheddern mit der Brunst! -
    Aber das Lied, das dort oben in der Nacht schwamm, klebte an ihm und folgte
ihm tückisch in Schlaf und Traum; es half ihm nichts: die Welt war eine
schluchzende unaussprechliche Melodie, und ihre sich jagenden Erscheinungen ihr
immer gleicher immer wechselnder Text.
Mit einem leichten Blut, aber einem Verstand, der in den Stunden, in denen er
dieses nicht zu zähmen hatte, nicht von Langerweile geplagt war, sondern
vorsichtig und neugierig in die Welt lugte und sich auf seine Weise bestrebte,
in der Bilder Flucht das Beharrende zu finden, und deswegen mit ein wenig
Melancholie und guten blauen Augen: so war ihr Vater auf dieser Welt angetreten.
Zu einem Gelehrten zu ungeduldig, zu einem Landedelmann zu regsam und zu einem
Beamten mit zu guten blauen Augen beschenkt, war er Soldat geworden und hatte in
den drei Kriegen mitgekämpft. Und nun, zu Geduld und Gelassenheit gealtert,
hatte er den Rest seines Lebens seinem still neugierigen Verstand zur Verfügung
gestellt. Und da er eben geartet war, in den Dingen nur nach einem Dauernden zu
suchen und nicht zu fragen nach ihrem wie? und woher? und weshalb so?, ging er
gemächlich und mit fröhlicher Traurigkeit an der grossen Grenze entlang, und der
einzige Blick, den er hinüber tat, war die Ahnung und die zögernde Bewunderung
eines Unerklärlichen.
    Und hatte ihm bisher das Schloss mit seinen reichen Erträgen aus ausgedehnten
Ländereien und Waldungen ein sorgenfreies Leben gewährt, so sollte es ihm jetzt
in seiner Stille und Abgeschiedenheit erst das rechte geben. So lebte er seit
einiger Zeit zwischen seinen Volieren und Aquarien, seinen kleinen
Gewächshäusern und Algen- und Pilzkulturen und war nebenbei bedacht, seine
reichen Sammlungen zu vertiefen und zu erweitern. Manchen klugen Blick tat er so
in das Leben, seine weitverzweigten Beziehungen, seine Wiederkehr und ewige
Änderung - Einblicke und sich klärende Gedanken, die ihm bei einem eigentlichen
und polemisierenden oder gar lehrenden fachwissenschaftlichen Studium ewig fern
geblieben wären.
    Er hatte zwei Söhne und eine Tochter erzogen, so gut wie er wusste, und die
waren ihm verdorben: so mochte sein jüngstes Kind seine eigenen Wege gehen; es
geht ja doch alles auf das hinaus, wo es hinausgehen muss. - Nun war sie auf
ihren eigenen Wunsch hierher gekommen und durfte teilnehmen an seinen kleinen
Forschungsreisen und geduldigem Ausharren über Drahtglocke und Mikroskop. Und
sollte sie wieder hinaus wollen in die Puppenwelt, so mochte sie es tun;
vielleicht würde sie eine kleine Sehnsucht mitnehmen nach dem ruhigen Land, in
das er sie einen Blick hatte tun lassen.
    Als Sechzehnjährige, blauäugig, schön und unbändig lüstern, bei der ersten
Gelegenheit das Leben, wie sie es auffasste, an sich zu reissen, fing sie ihr
Leben an. Aber da ihre Ritter dumm oder roh waren, blieb es bei einem
unruhvollen, naschenden, stets um das Ende bangenden Geniessen. Und je älter sie
wurde, desto weniger war sie befriedigt, desto heftiger, seltsamer und tiefer
schien ihre Glut - desto näher rückte der Überdruss, desto greifbarer, drohender
stieg in der Ferne magenfarben der Ekel hoch.
    Da war sie zu ihrem Vater geflüchtet, um mit Absicht sich in seine stille
Beschaulichkeit hineinzuleben, das mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen
Gedanken wieder zu denken, was sie wahllos über die Natur und ihre bizarren
Erscheinungen zusammengelesen hatte. -
    Sie stand am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. In dem Efeu zirpten
die Sperlinge im Traum, ein Igel schmatzte und prustete unten an den alten
Turmmauern, die Wasserhühner im Schilf lockten und riefen sich, drüben zwischen
den Weiden quäkte eine Gesellschaft Frösche ihren Hochzeitsgesang ruhelos,
eintönig wie eine tollgewordene ins Wasser gefallene Spieluhr - und tief und
schauerlich dumpf rülpste von den Teichufern her eine Rohrdommel ihr Ü rump - ü
plump pump in die Nacht -; Stimmen gröhlten im Dorf, von dem Bier und Tanz waren
die Burschen fortgegangen und machten nun ihren Wünschen Luft in derben
Liebesliedern - einige Hunde bellten heulend und klagend zum steigenden Mond -
der Nachtwächter ging mit seiner Flöte umher und blies die Stunden ab - ein -
zwei - dreimal: Mitternacht.
 
                                Der Sommerabend
Als Erich am nächsten Nachmittag wieder hinauswanderte, den Bach hinauf, über
das Hochmoor hin und wieder den Bach hinunter und hinkam, wo der Sumpf auf
beiden Ufern brütet und in sich den Rasenplatz und den Bach einschliesst,
umgrenzt von Erlen und Disteln, lag Loo schon im Grase, unter einem Sonnenschirm
und die Arme unter dem Kopf verschränkt. -
    Lege dich zu mir ins Gras. - Erich heisst du? Ich will dich Heinz nennen.
Küsse mich, Heinz! -
    Und da sie sich ihm in die Arme gab, berührte er mit seinem Mund den weissen
Ausschnitt an ihrer Brust.
    Du trägst den Sonnentau? Wo ist die Rose, Loo? -
    Lass die Rose. Aber sag mir, woran dachtest du, als du gestern so
dumm-tiefsinnig über deinen Stock dich beugtest? -
    Ich dachte darüber nach, wozu ich auf der Welt bin. -
    Wozu? Sieh die Schmetterlinge! Zwei zusammen! Sieh, sie fliegen dabei! Durch
die Blumen geht es hin, über die Gräser, oben, unten - über den Bach, über die
Bäume, hoch in den blauen Himmel hinein! - Wozu du auf der Welt bist? Ach du
Dummster! Deswegen! Deswegen! Sieh her, du Dummster! -
    Und sie öffnete mit einem Ruck ihr Kleid und schälte ihre weisse Brust
hervor. Da hob er sie hoch und trug sie, die Lippen auf ihre kleinen Brüste
gepresst, zum Bach, während sie ihre Zähne in seine Wange schlug, dass ihr das
Blut in zwei kleinen Tropfen von den Lippen floss.
    Dann liessen sie die Sonne auf ihren nackten glänzenden Leibern spielen und
sahen zu, wie ihr Licht auf den Wellen glänzte, die sich im Schilf verloren,
schmal, gleissend wie ein Schwert. Und als sie die Wipfel der Erlen berührte,
kleideten sie sich an und verabredeten die Stunde für den nächsten Tag.
Erich erschienen die Traumbilder zuweilen in der Hülle von Rhytmus und Reim. In
Metren und klingenden Endreimen sprachen und sangen die handelnden Figuren, und
ihres Äusseren und zumal der Landschaft, in der sie sich bewegten, ward er sich
bewusst, als wenn ein Anderer oder sie selbst ihre Reize in einem Gedicht
vortrügen; seine Phantasie zeigte sie ihm nicht, wie sie ihm am hellen Tage
entgegen getreten wären, sondern in der abziehenden und verallgemeinernden Form
der gebundenen Rede. Irgend ein klingender Vers zauberte ihm ein
wogenschlagendes Meer, einen mondbeschienenen Schneeberg vor, blieb aber
zugleich mit dem vorgestellten Bild im Bewusstsein. Am Morgen war dann nur noch
eine wohltuende Erinnerung an tönende Verse und ein verblassendes Bild, aber
vergeblich bemühte er sich, der Pracht und Gewalt dieser nächtlichen Verse
wieder habhaft zu werden.
    Traum, gib mir Rhytmen und tönende Reime, auf dass noch einmal ihre
Nackteit vor mir tanzt! -
    Aber weder Schlaf noch Traum wollte ihm nahen. Da streckte er sich behaglich
aus und blickte von seinem Bett aus in den schwindenden Sommerabend. Mit der
sinkenden Sonne war er heimgekehrt, und jetzt lag er da, faul und liebesmüde. Er
sah den Himmel in grünlichen Farben leuchten, eine Schar purpurroter
Schäfchenwolken dahin schwimmen, hörte die Leute auf den Strassen plaudern und
lachen - ein Wagen fuhr ab und zu, Turmschwalben kreisten schreiend über den
Dächern, und ein Windhauch trug Lindendüfte ins Zimmer.
    Wie schwer es hält, mich gegen dieses Alles, das mich so träumerisch süss in
sich bettet, abzuschliessen und es sachlich zu betrachten. Es durchdringt mich,
ich nehme es in mich auf und bin selbst der grüne Himmel, in dem wie
sonnenbeschienene Porphyrinseln die Abendwolken schwimmen, das friedliche
Plaudern, das da um die Leute schwebt, und ruhevoller Sommerabend.
    Diese ruhevolle und, wenn ich sie lange anschaue, herzbeklemmende Schönheit
und Harmonie, sind es Begriffe, die wir aus unserem Geist in den Himmel da
draussen verpflanzt haben, oder haben wir nicht vielmehr die Dinge da in
Jahrtausenden auf uns wirken lassen, haben sie nicht so die Begriffe Schönheit
und Harmonie in uns und mit uns gebildet?
    Was bewundern wir nun? Bewundern wir nicht die unbeschreibliche
Empfänglichkeit und Kraft unseres Geistes, der aus dem, an sich ihm
gleichgültigen, Material, das ihm die Sinne gegeben, den Begriff der Form
gebildet, und das tätige schaffende Gefühl, das wir beim Anschauen dieser
erschaffenen Form in uns warm und tröstend leben fühlen? Wirkt also deswegen der
Sonnenuntergang auf die Menschen verschieden, weil die einen in sich etwas
Formendes und Empfindendes haben und die andern nicht?
    Und was tut der exakte Naturwissenschaftler? Er erklärt: er zerlegt den
»Abendhimmel« in Strahlengattungen, Brechungen, Absorptionen und physiologische
Farben - und die führt er zurück auf die Empfindlichkeit der durch die roten
Strahlen abgestumpften Netzhaut gegen deren komplementäre: mit Worten, Zahlen,
Zeit und Raum und Ursächlichkeit erklärt er alles und führt alles bis auf sie
zurück - beschreibt, so gut er kann, das Bild, das er sich von den Dingen macht,
machen muss, nennt's erklären und legt sich schlafen.
    So hat er ja immer sein Genügen, alles absolut so sein und sich abspielen zu
lassen, wie es der homo sapiens verstehen kann, alles auf ihn zurückzuführen,
durch ihn zu erklären; er strebt darnach, in allem die Ordnung nach Raum und
Zeit und Kausalität, in allem die Daseinsweisen und Anschauungsformen des
Menschengeistes wiederzufinden, sodass als letzte abschliessende Frage die nach
der Beschaffenheit dieses Geistes bleibt - und die löst er dann im kecken
Zirkelschluss durch die schon nach dessen Denkgesetzen erklärten Aussendinge. Eine
schöne Wissenschaft, die mit dem Zirkelsymbol! Eure ganze Wissenschaft, mit der
ihr alles erklärt, erklärt nur euch selbst, und ist durch das Ergetzen, das
dieses Euch-überall-Wiederfinden und Euch-Beschreiben erregt, nur ein
verfeinertes und zugleich umfassenderes gewaltiges Gefühl!
    Und was sagt der Philosoph, wenn ich die Abendröte meine Schöpfung und mein
Eigentum nenne und zusehe, wie andere sich unsägliche Mühe geben, sich durch
sich zu erklären? Er nickt mir zu, mit einem melancholischen Lächeln, weist aber
schnell mit hochgezogenen Augenbrauen auf ein Unerklärbares hin, das allem
Anschein nach, schon weil diese Schöpfung zustande kam, dahinter steckt. Er
nennt es das Ding an sich, ich glaub's, gewiss - aber was soll das Grosses sein?
Es ist Loo und ihr wilder Mund!
    Inzwischen war es dunkel geworden; da kleidete er sich wieder an und vergrub
sich in matematische Formeln, auf dass sie ihm Schlaf brächten. Und sie taten
es; fragten aber wenig nach seiner Hoffnung auf Rhytmus und Reim - sondern
rächten sich, indem sie ihm die Welt in nichts denn schwingende Atome zerlegten
und ihn durch die Ausrechnung ihrer verschiedenen Schwingungselastizität zur
Verzweiflung brachten.
Den gleichen Abend sass Loo im Turmzimmer ihres Vaters mit der Bestimmung von
Laubmoosen beschäftigt; sie betrachtete und zählte unter einem
Präparationsmikroskop die zierlichen Zähne, die das Peristom der Sporenkapsel
bilden, und bestimmte hiernach und nach der Gestalt des Deckels und der Haube
die einzelnen Pflanzen. Ihr behagte wenig diese peinliche Arbeit, aber gleich
nach ihrer Heimkehr war sie in das Zimmer ihres Vaters getreten und hatte zu
seiner Freude ihm ihre kleine Hilfe angeboten. Der sass vor seinem Tisch und liess
seine Augen auf einem Enzian ruhen, den er sich aus dem Walde mitgebracht hatte
-:
    Wo kommst du so früh her? Der Herbst, August und September ist deine Zeit. -
Du blaue Blume! Wie oft hat man dich im Walde läuten gehört, aber folgte man
deinem Klange, so warst du wieder unendlich fern; und die Sehnsucht suchte dich
in Minne und Kampf, in Klostermauern und Einsiedelwald, in Treue und aller
Tugend, in ruhelosem Streifen von Burg zu Burg, von Wald zu Wald.
    Schön blühst du im Kampf! Im Rossewiehern und Todesdonnern - das Leben ein
Rausch und im Rausch es geendet!
    Aber heute bist du verwelkt, dein Läuten ist im Winde verklungen und
verloren - die grosse Sehnsucht ist tot. Da reden sie wohl noch von ihrer
Sehnsucht, nach einer grossen Persönlichkeit, oder gar nach einem grossen,
deutschen Reich, ergehn sich in gefühlsseligem Gottsuchen oder in brünstiger
Erotik - aber es sind Worte, Worte. Wenn die Alltagsarbeit ruht und die
Langeweile drohend hinter dem Berge steht, dann reden sie sich wohl ein, sie
hörten dein Läuten - andere gar lügen es anderen vor und machen ihre Lüge zu
Geld - aber trau ihnen allen nicht, es sind nur Worte, glaube mir, nur
Feiertags- und Lügenworte.
    Und die, die sich auf alten Schlössern vergraben und sinnend in das
drängende Wachsen und Hasten und Blühen da draussen schauen, zuweilen ist ihnen
wohl, als klänge von ferne, von ganz ferne ein leises, blaues Läuten zu ihnen,
aber so dünn und bang - - ach! ein Mensch, in dem sie noch voll und tönend
läutet, nicht in Feiertagsstunden - Tag aus Tag ein ein grosses Sehnen, Locken
und Läuten!
    Liebe Loo, was denkst du dir von meiner Beschäftigung? -
    Vielleicht will mein Vater auf diesem Wege finden, weswegen er eigentlich
auf der Welt ist? -
    Wie kommst du darauf? -
    Ich meine eben, eine Antwort hierauf müsste man zu allererst zu finden
suchen, wenn man einmal auf der Welt ist. -
    Ja Kind, das ist so eine Frage, die man gerne stellt, die aber zu garnichts
führt. - Man kann sie wohl nur, da es mit unserem Intellekt nicht weit her ist,
aus der Moral beantworten - vorausgesetzt, dass es eine unbedingte Moral gibt. -
Die meiner kleinen Käfer und Algen glaube ich zu kennen, die Käfermoral: friss
und wachs, auf dass du nicht gefressen und überwachsen wirst. Da liegt eine
Antwort drin - aber für uns? Nicht wahr, hier wird man gerne verlegen.
    Ein Anderer würde wohl eine Antwort wissen: zur Entwicklung unserer
Persönlichkeit - würde er sagen - oder zur Erkenntnis - wieder einer: um
mitzuarbeiten an einer Art geistiger Entropie der Welt, sind wir da - und was
sie sonst zu schwätzen wissen.
    Wir sind eben einmal da, und das Einzige, was wir können, ist, diese Frage
tun, und da keine Antwort folgt, weggehn. Doch da das schon von selber kommt,
warum sollen wir nicht auch einmal leben - - . -
    Sie hat die grosse Sehnsucht nicht - sprach er vor sich hin, als Loo mit
einem Gutenachtgruss das Zimmer verlassen hatte.
    Ach, das mag nicht leben und nicht sterben. -
Sie streifte die Kleider ab und lehnte sich in die Nacht.
    Warum kommst du nicht? Der Efeu ist stark und fest, und Alles schläft. -
    Sie warf sich auf ihr Lager, aber auch ihr kam weder Schlaf noch Traum. - Da
rudert unter dem Ufergebüsch ein Nachen heran und leise raschelt das Schilf -
nun legt er an, unten am Turm - da schwingt er sich hoch -! ah! da sollte er mir
König sein, zu dessen Füssen ich sässe, Märchen spinnend bis zum frühen Morgen,
und wieder die Nächte durch, tausend Nächte durch wie Königin Schehersad ihrem
König Scheherban erzählte -.
 
                                   Die Mücken
Reissend und sonnenfroh flog der neue Tag herauf, doch wie braune Schnecken
langsam krochen Erich die Stunden daher - aber die Stunde Wegs den Bach hinauf,
den Flügelschlag einer Stunde den Bach hinab -! Das Gras lag noch zertreten und
zerdrückt - Tandaradei! - er wühlte sich hinein, kreuzte die Arme hinter dem
Kopf und blinzelte wartend ins Licht.
    Aber er wartete und wartete, eine halbe, eine geschlagene Stunde ging hin.
Da sprang er hoch und blickte umher - nichts, nur der brennende zitternde
Mittag. Und wieder verrann eine Stunde und glühte senkrecht die Sonne herab;
Wolken blutgieriger Bremsen und pfeifender Mücken umschwärmten ihn, summend,
singend, stechend und quälend - er schlug um sich, tauchte abgerissene
Weidenzweige ins Wasser und schlug damit um sich, flüchtete in die Schatten der
Erlen - aber ganze Schwärme stiegen aus dem kochenden Sumpf. Da warf er die
Kleider ab und suchte Schutz in dem Bach, streckte sich über den Sand und liess
die perlenden Wasser über sich rinnen. Nun hatte er Ruhe vor den Stechborsten
und haarfeinen Stiletts seiner schwirrenden Feinde; sie stoben fort und suchten
sich ein anderes Wild.
    Aber jetzt kam ihm der Durst, trocken, zungenklebend. Der trieb ihn hoch,
dass er sich ankleidete und ingrimmig scheltend nach dem nahen Eichendorf lief, -
eine stöbernde Mückenwolke sang hinter ihm her.
    Und dort, in der Wirtschaft Zur alten Eiche, trank er, ass und trank und
trank -
    Allerhand Volk kam herein, Pfahlbürger und Fuhrknechte, ein Trupp Viehjuden
schlurfte herein, schmutzig und kotstinkend, und fuhr in seinem Schacher fort.
    Haben sie dem das Gesicht verhauen! -
    Hat sich gefecht, hat sich mit's Rasiermesser von die Doktors gefecht. -
    Ein Unfug, der sich immer breiter macht, - rief ein junger, schwarzröckiger
Volksschullehrer - eine Sünde, sich derart den Körper zu verstümmeln! Eine
Unmoralität, der verfluchten Eitelkeit wegen mit seinem und seiner Mitmenschen
Leben zu spielen! -
    Was! einen Unfug, Eitelkeit, eine Sünde - Unmoral! - rief Erich aufspringend
und in den Kreis tretend - und Sie schwarzröckiges Pfaffengeknete wagen das mir
zu sagen?
    Wie? Wenn ich handele, wie mir behagt, nennt ihr das Unmoral? Ja, ihr
nennt's so. Ihr duckt euch, ohnmächtig, hassend, vergeltungwartend, und nennt
meine rücksichtslose Kraft unmoralisch, böse, weil ihr sie nicht habt, weil sie
euch schadet - was sie mir ist, darnach fragt ihr nicht. Ach, was wisst ihr
Gesindel von mir! - -
    O, ihr kennt wohl die süsse Trunkenheit der Rache, die mir die Klinge in die
Hand drückt - aber ihr seid schwach, ihr wagt und könnt euch nicht rächen, sagt
uns aber, ihr wolltet es nicht und vergebt. Aber spart ihr nicht ihre Süsse dem
Siege der Gerechtigkeit auf, auf dann, wann ihr in eurer erbettelten - pfui
Teufel! - Ewigkeit und Seligkeit lacht und jubelt und jauchzend und lobsingend
euch freut an dem Duft unserer höllegebratenen, schwefelgeschmorten
Ruchlosigkeit, Ungerechtigkeit, unserer - Stärke?
    Nicht wahr, ihr nennt mich gut, wenn ich euch nicht schade und alles das,
was ich mir errauben und in mich zwingen könnte, euch überlasse - nein, mit euch
teile - sonst wäre ich ein verdächtiger Verächter. - Und böse, wenn ich lebe,
wie ich will, nach meinem Gesetz und meiner Moral, wenn ich sorge, dass mein
Handeln meine Eigenart und mein Gewissen nicht beschmutzt, mich mir nicht
verekelt, wenn ich meine Lebenskraft nach aussen werfe, dem Gegner ins Gesicht,
auf dass ich nicht über mich selber herfalle und mich zerschlage, mich zu meiner
eigenen Hölle machen muss?
    Eure Güte ist Ohnmacht, eure Geduld Warten-Müssen, eure Verzeihung Schwäche,
eure Seligkeit Zinsen für erhaltene Prügel; euer Gut das euch Pöbel Nützliche -
mein Gut das mir - mir allein Nützliche und Genehme.
    Ihr lügt eure Schwächen um in Verdienste, in entsagende hoffende langweilige
Tugenden: verlangt aber nicht von mir, dass ich tue und denke wie ihr: ihr habt
eure Welt, ich die meine, ihr habt keine Ahnung von der meinen, sie ist euch
ewig fremd, sie und ihre »Moral«: so schmuggelt nicht eure Welt in die meine,
betrügt, belügt und bezaubert und knechtet nicht meine Moral mit der euren!
    Moral? Moral? Gut? Bös? Ihr moralisiert mich gut, wenn ihr mich nicht
fürchtet, böse, wenn ihr meinen Schlägen entgegen bangt. Meintalb. Wähnt aber
nicht, dass ich deshalb diese Faust, die euch peitschen könnte, böse nenne,
unmoralisch nenne - sie ist mir gut, gut und höchst moralisch, weil sie tut, was
ich will. Masst euch nicht an, dass ich euch, die ihr mich aus bangen, müden,
dummen Augen anstarrt, gut heisse - ihr seid mir schwach, feig, schlecht und
schlecht! Was ich kann, will und tu, ist gut - das ist meine Moral, ist die
Moral, ich bin das Mass der Moral - und ihr seid feige Hunde! - -
    Wollt ihr nicht? - - Oder wollt ihr lieber eine Runde Bier? -
    Sie knurrten und schielten ihn an - die Runde kam, da tranken sie mit -
weswegen sollten sie auch nicht mittrinken?
    Dann ging er nach draussen und setzte sich mit einem neuen Glas unter den
Kastanienbaum.
    Er hat Nietzsche gelesen, meine Herrn, und ist dazu betrunken. Gehen wir
beiseite. Er wird schon daran zu Grunde gehn. -
    Dann sprachen sie noch eine Weile durcheinander, tranken und gingen nach
Haus.
    Als die Sonne schon schräg über den Dächern stand, trank Erich das letzte
Glas und ging. Er ging, den Hut in der Hand und den Rock am Stock über der
Schulter getragen, und der kühle Luftauch, der über den schattigen,
hochgelegenen Fahrweg strich, trug ihn in einer leichten wiegenden Stimmung
weiter. Von rechts her blinkten die Türme des Schlosses herüber.
    Glänzt nur und blinkt! Ich kenne eine weisse Haut in euren Mauern, die
tausendmal schöner glänzt und blinkt, - und die gehört mir, mit Leib und Seele
mir. Haha! mit Leib und Seele mir! -
    Ein Hügelrücken, der aus einem duftigen Birkental aufstieg, lockte ihn mit
einem Ausblick über den langgestreckten Bruchgraben, die Wälder und den
farbenfrohen Westen.
    Sieh, wie ein flacher grüngoldner Weinbecher ist der Himmel über die Erde
gestülpt. Dort, wo die sinkende Sonne hinter dem Himmelsglase leuchtet, hängen
purpurgoldne Schaumtropfen an der Weinschale, und drüben im Osten, wo der Mond
rot und gespenstisch gross durch sie hindurch blinkt, liegt blauschwarz die kalte
Nacht hinter ihr und reisst blutrote Risse in sie. - Nun werden die
Rotweintropfen im Westen aussehen wie brennender Purpur, die ganze Schale
leuchtet und flammt - hörst du nicht, wie sie klingt? Ein klingender, mächtiger
Ton, süss und lang, als wollte er nicht enden - lass mich aufgehen, grosser Gott,
in deinem Farbenklang, selbst du werden und rosenrote klingende Welt! - -
    Mit meinen Denkformen arbeite ich meine Sinneseindrücke um zur Welt. Und
nehme ich einen Teil dieser Welt heraus, so kann ich von ihm meine menschlichen
Zutaten nicht mehr abstreifen, um ihn als ein Ding für sich hinzustellen.
Versuche ich, ihn zu erklären, so beschreibe ich meine Zutaten, also mich -
durch wen? durch mich - empfinde ich seine Schönheit, so empfinde ich mich, den
Schöpfer des Schönen; und bewerte ich ihn nach Gut oder Böse, so bewerte ich
mich, mich den Schöpfer moralischer Werte.
    So habe ich eine Ichwelt und daneben, dahinter eine andere Welt, ein Chaos
für mich, ohne Ordnung, Zahl und Zeit, Raum und Ursächlichkeit, Gut und Böse,
Schön und Hässlich, Sein und Nichtsein, das ich aber in mich umschöpfe, das ich
umschaffe zur bunten Wirklichkeit - ich, das kleine Tier das grosse wilde Chaos -
dieses Himmelsweinglas, das da über mir hängt voll von Wein und Trunkenheit, und
das ich an die Lippen setze, durstig, durstig - O Welt! O Gott! O Ich! -
    Er stand auf, blickte mit trunkenen Augen in seine Welt und machte sich auf
den Weg.
    Aber als er die ersten Häuser im Dorf erreicht hatte, leuchtete ihm ein
Wirtshausschild entgegen. Leute sassen am Fenster und er meinte, sie nickten ihm
freundlicher zu als sonst. So trat er ein, trank und war guter Dinge. Und die
Nacht endete damit, dass er mit früheren Trinkkameraden zusammengeriet und - am
nächsten Morgen sich nackt vor dem Klavier liegen fand, an dessen Kerzenständern
er seine Kleider aufgehängt hatte.
 
                     Der dunkelblaue Enzian zum ersten Mal
Am nächsten Tage erhielt Erich einen Brief von Loo, aus dem ihm neben einer
gleichgültigen Entschuldigung ein Efeublatt entgegenfiel.
    Nun werde ich in der Nacht hinauswandern, denn die Lage des efeuumrankten
Fensters ist mir wohl bekannt. Bald Gott und Weltenschöpfer, bald Trunkenbold
und Fenstersteiger! - Aber meinen Enzian habe ich gefunden, unter der
Jägereiche; träumerisch und dunkelblau, die Glocke schlank und halb geschlossen,
wie jedes Jahr. Früh ist er gekommen; es ist in diesem Jahr alles so früh, die
Sonnenuntergänge leuchten wie im Herbst, und wir schreiben den 20. Junius. - Ich
habe mich neben ihn ins Gras gesetzt und ihn lange angeschaut: wer bist du? was
willst du, was bedeutest du mir? Ich habe dir einen Namen gegeben und dich
dadurch geschaffen und für mein Eigentum erklärt: was siehst du mich so fremd
und seltsam an? Bewegst dich und mich und schwankst hin und her und läutest in
mir?
    - Weisst du noch, wie du tastetest von Buch zu Buch, wie du schwanktest von
Meinung zu Meinung, weisst du noch, eitler Junge, wie du deinen Intellekt
trenntest vom Willen, wie du missmutig warst, gedrückt und gequält, wie du eine
Sehnsucht huckepack trugest, wie du littest an dir?
    Gib Acht! Man hatte dir eingeredet, du hättest es schwer, dein Leben sei
verpfuscht, das Leben sei eine Schuld, sei schlecht, ohne Sinn, ohne Wert; man
wollte dich ducken, dich in die grosse Armee der Leidenden schmuggeln, du
solltest bemitleidenswert werden und bemitleiden: und du glaubtest ihnen - wie
ungern! - und wieder nicht - wie gern! Denn du bist stark, aber warst krank -
wo? wie? was weiss ich. Und deine Sehnsucht war, herauszukommen aus allen diesen
müden Verneinungen, diesen törichten Formeln, die im Nein ihr Ja haben, diesen
tönenden Wissenschaften, diesen Worten -. Deswegen sprangst du von Buch zu Buch,
spieltest mit ihren Formeln und liessest sie wieder fallen, die Neins und Wenns,
um selber eine zu finden, aber ein Ja! sollte sie klingen - denn du wolltest
leben! Aber nicht wie der Pöbel lebt - einen Grund, ein Ziel, eine Lebensformel
suchtest du. Nun, hier ist sie:
    Weisst du: das Himmelsweinglas, das du ausschlürfen wolltest - - nun niete
dir die Formel: Die Welt schaffst du.
    Du vergeistigst das Chaos zur Welt; das Andere, das Noch-nicht-Du, das alte
Ding an sich, ist nur das, was von dir noch nicht geschaffen, vermenschlicht,
noch nicht dein Eigentum geworden ist. - Du schaffst die Welt: nun lebe, lebe! -
    Die kleine blaue Blume läutete so froh und stark - warum soll ich ihr nicht
glauben?
    Und dann bin ich baden gegangen - - - und habe stundenlang im Grase gelegen;
und während die weissen Wolken durch den Himmel segelten und der Fluss geruhig
durch Schilfduft und Ried und schwatzendes Vogelvolk hinströmte, habe ich das
Ding an sich, den Intellekt und den Willen verlacht und mir ein
Ich-weiss-nicht-was? gewünscht.
    Gegen Abend entstiegen Schwärme von Eintagsfliegen dem Fluss, an den Gräsern,
Halmen und Pfosten kletterten sie hoch und warfen aus der Hülle sich in die Luft
zum kurzen Hochzeitsleben. Die Luft war weiss über den Wassern von den auf und
nieder tanzenden Massen - und die sinkende Sonne in dem Höhenrauch, den der
Nordwind gebracht hatte, rot wie ein Rubin: das hätte mich fast bezwungen, dass
ich schon begann, die stundenkurze Existenz der Imago zu beklagen und daran
sentimentale Folgerungen zu knüpfen - aber da hörte ich den Enzian läuten und
ich lachte: Das Tier freut sich jahrelang seines Räuberlebens, und dieser
Liebesflug ist sein taumelnder Höhepunkt. Es lebe das Leben und seine ewige
Brücke: Venus genetrix!
    Vor acht Tagen hätte ich ihr geflucht und geklagt: Was ist das Leben? So ist
das Leben: es fliesst dahin wie Wellenschaum, kommt und geht, quält sich und
stirbt - wozu? -
    Die ganze Luft ist erfüllt von Höhenrauch, sogar ins Zimmer dringt er herein
mit seinem brenzlichen Geruch, und die Luft ist mürrisch und kalt. Das wird
heute Nacht ein Weg durchs Bruch! Nebelgeschwader werden dort lagern, Moormannen
hocken und frieren an Irrlichtfeuern, und ich sehe mein Schattenbild riesengross
und gekrönt vom Zirkel Ulloas auf den Zeltwänden geistern - und ü rump - ü plump
pump geht die Reveille - in solcher Nacht plaudert's sich süss in den Armen Loos.
 
                                 Das Efeublatt
Die Nacht flog über den Nebelheeren hin und her; sie lugte durch die Türritzen
und Fenster und Spalten, hinter die sich das Getier des Tages vor ihren
Kulpaugen geflüchtet hatte.
    Nun hockte sie zwischen dem Efeu und den feuchten Mauerresten des Turmes und
schielte zu dem Fenster hoch. Da sah sie zwei Menschen stehen, nackt, und ihn
ein Tuch über die Blösse seiner Freundin werfen. Und sie schmiegte das Haupt mit
dem langen losen Haar an seine Schulter und legte den Arm fest um seinen Nacken,
so schauerte der Atem der Nacht herauf. -
    Kennst du das Märchen vom fehlenden Reim? - fragte sie ihren schweigsamen
Freund.
    Es war einmal ein grosser Magier, der arbeitete Tag aus Tag ein und die
stillen Nächte durch in seinem Laboratorium. Die langen Nachtwachen, die
giftigen Dämpfe und die furchtbaren Erscheinungen hatten ihm den Famulus
geraubt; nun musste er allein arbeiten, Tag und Nacht, Sommer und Winter.
    Aber eines Tages, am Nachmittag des heiligen Weihnachtsfestes, liess er die
Feuer erlöschen, wusch sich und ging in ein anderes Zimmer, das geschmückt war
mit Krokodilpanzern und staubbedeckten Versteinerungen; an den Wänden hingen
sie, auf den Tischen und Schränken lagen sie, ja von dem hohen Kanonenofen
glotzten sie herab. Er sah mit einem finstern Blick über sie hin, holte aus
einem Schrank einen grossen Bogen Papier und setzte sich vor einen Tisch: Jetzt
werde ich von meinem Leben schreiben.
    Und er fing an zu schreiben in einer schweren klingenden Sprache, lauter
Reime - stundenlang, bis ihn das heilige Abendläuten aufsehen hiess; er legte die
Feder hin und sagte:
    Ich will eine Pause machen. Mir fehlt ein Reim - vielleicht finde ich ihn,
gewiss, ich finde ihn. - Da läuten sie: was dieses Plasma sich doch für seltsame
Häuser baut - und der Muschelpetrefakt auf meinem Tisch, jedes Atom von ihm ein
Sonnensystem: wenn diese Dinge einmal sprechen könnten mit Worten, wie wir sie
verstehn, ob sie auch das Wörtchen wozu? kennen? Ob sie es auch wenden und
drehen werden nach allen Seiten und es dann in heller Verzweiflung von sich
werfen - wozu?
    Doch mir fehlt der Reim - -. Wie die Glocken läuten! Das ist nun alles für
mich vorbei - Glauben und Jugend und Freunde - o ich hatte viele Freunde, aber
ich traute ihnen zu sehr - und dann machte ich Reisen - Reisen - wie ist mir?
Fand ich nicht auf einer meiner Reisen den Reim? -
    In einem finsteren Geklüfte Karmels liegt eine Höhle und gräbt sich mit
ihren ultravioletten Krallen tief hinein in das steinerne Herz des Berges. In
dieser Höhle, fern, wo es so still wurde, dass das ungeheure Schweigen mir mit
Donnerstimmen in die Ohren schrie, liegt ein kleines Gemach.
    Dunkelrote Teppiche rollen von den Wänden, die selber schimmern wie
Ametyst, Ambra brennt auf goldenen Dreifüssen, Smaragde, Opale und dunkelgrüne
Chrysoberylle blinken, schwellende Diwane ziehen sich an den Wänden entlang -
das war die Wohnung einer jungen Fee.
    Beim Lesen hatte der Schlaf sie übermannt, dass ihre Hand, die ein Buch
hielt, hinabgesunken war, - mitten auf ihrer runden Brust aber sass ein Falter
und wiegte mit seinen blauen Flügeln. Und das Schweigen, das draussen mit
Donnerstimmen schrie, war hier nicht mehr.
    Behutsam liess ich mich vor ihr nieder auf ein Gepardenfell und stahl das
Buch, ein seltsam gebundenes, voller Schnörkel und sich verschlingender
Arabesken.
    - »als nunmehro der vierundzwanzigste Vers des heiligen Buches Mann geworden
war, ging er in die Welt, um sich das schönste Weib, das es gab, als Ehegespons
zu suchen. Er wanderte und wanderte, durch alle Fährnisse und Nöte, vergrub sich
in Klüfte und Schluchten und stärkte seine Augen am Lichte tausender Sonnen und
seinen suchenden Geist an Geweben und Gespinsten von Nichts - dann war ihm wohl,
als hätte er die Ersehnte im Arm - doch sie zerflatterte ihm wie der Duft der
Rose - du fühlst ihn, er durchdringt dich und macht deine Augen glänzen, aber du
weisst nicht wie? und wo?
    Da begannen Falten sich in seine Stirn und Wangen zu graben, und seine Augen
wurden hart.
    Aber eines Tages klopfte er an die enge Tür eines Buches und sprach zu
dessen Herrn, der hervortrat, angetan mit einem weissen Seidenkleide: Ich bin der
vierundzwanzigste Vers des heiligen Buches, der da heisst: In Allem Ist Und Alles
Ist, O Mensch - - - -«
    Als ich bis hierhin gelesen hatte, schwirrte der Falter von der Mädchenbrust
herab und verdeckte den Vers mit seinen schimmernden Flügeln - ich blickte auf
und sah die Augen des Mädchens in den meinen ruhen, da liess sie ihre Arme auf
meine Schultern sinken und drückte ihren Mund auf den meinen. -
    Aber als sie eines Abends in meinen Armen schlief, fiel mein Blick auf das
Buch, das ich vor Jahresfrist oder mehr von mir geworfen hatte, und suchte den
Vers - da ergrimmte der Falter und wuchs und schlang seinen Rüssel um mich und
trug mich und warf mich - - Unter einem Ginsterbusch, der seine gelben Blüten
über mich streute, fand ich mich wieder -
    Da trat aus dem Walde vor mir ein Wanderer, staubbedeckt, das Antlitz von
glühenden Sommern verbrannt und von beissenden Wintern zerrissen, eine Narbe der
ganze Mensch. Der kam auf mich zu und fragte: Habt Ihr sie nicht gesehen? Ich
bin der vierundzwanzigste Vers des heiligen Buches, der da heisst: In Allem Ist
Und Alles Ist, O Mensch - ich suche das Mädchen, das mir bestimmt ist vom Anfang
bis zum Ende der Welt -
    Da ging er weiter, über den Bach hinüber, über die Wiesen, die Felder, bis
er hinter den Hecken aus Haseln und wilden Rosen verschwand.
    Jetzt fiel der Felsen von meiner Brust und ich schrie ihm nach: Ja, ich habe
sie gesehen, ich habe sie besessen, ich habe ein Jahr oder mehr an ihrer Brust
geruht - sie war der Reim! Sie war der Reim! Doch ihr Bild ist mir verschwunden,
kein Bild, kein Laut oder Hauch -.
    Der Abendwind tat sich auf, eine Amsel schlug im nahen Waldesrand - dann
brach ich meine Reisen ab und fuhr heim. Werde ich sie wiedersehen? Ihr Kuss war
sanft, und ihre Lippen waren weich und süss. -
    Da sah die Nacht, wie das blanke Weib aus dem schwarzen Tuch sich hochzog zu
ihres Liebsten Mund; und hörte es dann leise weiter sprechen:
    Als so der Magier gedachte, wie er einstens den Reim besessen, hörte das
Geläute der Glocken auf, und erstaunt blickte er hoch. Dann schüttelte er
grimmig-traurig den Kopf und ging in das Laboratorium zurück, wo er die Rolle
mit den tönenden Reimen fluchend zerriss und mit den Fetzen das Feuer anfachte
unter den russigen Kesseln und Retorten.
    Das ist das Märchen vom fehlenden Reim. Kennst du es nicht? Kennst du es
nicht? - Wie kalt ist der Wind, o trage mich in meine Kissen zurück. -
    Das hörte die Nacht und sah, wie der Jüngling seine Freundin auf die Arme
nahm, und sie sich um ihn klammerte wie eine weisse Schlange.
Die Sonne hing schon gleich einem roten brennenden Ballon im Osten, als Erich
auf der Höhe stand, wo der Sumpfporst blüht.
    Wo hat sie das Märchen her? Will sie, dass ich alles Strebens Wurzel und
Krone in ihr und ihrer Liebe finde? Ihr liebes Spielzeug werde, ihr zärtlicher
Besitz? -
    In den Tälern lag der Nebel wie ein Meer, und die Wipfelgruppen der Erlen
und Eichen sind Klippen, um die es brandet - eine steile Insel, ein flacher
Himmel und eine brennende Kugel, die aus gelben Dünsten sich hebt: da liess er
sich auf ein Polster von Rasenbinsen nieder, um sich an dem Schauspiel zu
weiden.
    Und wie er seine Augen von den leise quirlenden Massen fort auf die Sonne
wandte, bemerkte er auf der glühenden Scheibe einen Fleck; er blickte schärfer
und sah, dass er eigentümlich zitterte und schwankte -
    So wird ein Falke, der über einem Nebelmeer rüttelt, zum Sonnenfleck -
    Jetzt fiel der Punkt blitzschnell in die Tiefe -
    Wie mancher andere Fleck, der sich so zwischen uns und die Wirklichkeit
schiebt, mag so zur Erde stürzen! Wie manches Wort noch, das uns die Aussicht
versperrt - nicht jedes Wort?
    Ziehen wir nicht mit Worten und Formbildern die Welt in uns und suchen sie
dann, wenn sie in unserem Besitz ist, dieser zu entkleiden und streifen die
verschlammten Netze ab von dem köstlichen Meeresschatz? Und was haben wir dann:
das nackte blosse blanke Ding, das aber dennoch in unseren Gedanken steckt - in
uns -?
    Denke ich nicht zuerst das Chaos, aus dem ich eine Wortwelt bilde, die ich
sodann durch Abstreifen der Worte zum Ding an sich konstruiere?
    Muss ich nicht so meine Formel: Ich schaffe die Welt - verbessern in die: Ich
bin die Welt? Einmal Chaos, einmal Wortwelt, einmal Ding an sich?
    Suche ich also nicht Loo durch meine Vorstellung, meinen Wunsch und Besitz
in mich zu verwandeln, sondern vielmehr: denke ich sie nicht erst, schaffe ich
sie nicht zuerst in mir, ist sie nicht ein Teil von mir, mit dem ich schalte,
wie mir behagt?
    Wie könnte ich jemals ihr zärtliches Spielzeug werden! Ist sie nicht ich!
Bist du nicht ich, du süsses Märchen?
    Ich bin die Welt! -
    Aber wenn alles Menschenleben zerstiebt, so hängt doch droben noch düsterrot
die erlöschende Sonne - ah! wie nun ihre warmen Strahlen in den Nebel greifen,
sie zu langen Locken und Bändern spinnen und in die Höhe ziehen, um aus ihnen
die weissen Wolkenbälle zu weben und zu nähen, und dann den Wind rufen und ihre
Weberkünste ihn forttragen und weitersegeln heissen durch die blaue Sommerwelt!
 
                                Der Bauchhaarige
Wo das Sonnentier Actinosphaerium im Grundschlamm des Kosakenkolkes rollt, wo
die prachtvoll grünen Desmidiazeen und zierlichen Diatomeen gleiten und als
selbsterrlicher Räuber dieser Welt der Ruderfüssler und Grosse Wasserkäfer haust,
lebt ein rätselschweres, bauchhaariges Wesen, der Chaetonotus chuni.
    Man weiss wenig von ihm, man ist noch mit der Frage der Zugehörigkeit der
Gastrotrichen, d.i. der Bauchhaarigen, beschäftigt; kennt man aber die, kann man
bestimmt sagen: es ist kein Infusorium, es ist ein Fadenwurm, ganz bestimmt ein
Fadenwurm, Herr Collega, so ist das Rätsel, mit dem sich der Bauchhaarige
umhüllt, gelöst. - Dieses Rätsel wollte Erich lösen.
    Es ist doch nur ein Wortspass - murmelte er und schleuderte die Flasche mit
dem Rest des Schlammes, aus dem er die Bauchhaarigen gefischt, in den Kolk
zurück; hängte das Planktonnetz zum Trocknen an einen Weidenast und etikettierte
eine Reihe anderer Glaser -
    Ja nur ein Wortspass. Man füllt eine Rubrik, schlingt einen neuen Knoten,
freut sich und damit hat die Sache ihr Ende - mit einem Wortspass; und damit
vertreiben Leute ihr Leben, mit einem Wortspass. Es mag auch ein Augenspass sein,
ein Trost vielleicht, dass auch diese Plasmawürste leben und leiden - leiden?
Gefressen werden! Das Leiden bezweifle ich - das ist unser Privileg. - -
    Da kommt ihr Vater! Ein Graf mit Ketscher und Botanisiertrommel! Ein
würdiger Nachkomme derer von Raesfeld! Beim Teufel! ein würdiger Schwiegervater!
Ich möchte ihn sprechen hören. -
    Er trat auf den alten Herrn zu und entschuldigte sich, dass er ihm ins Gehege
gekommen sei.
    Sie schaden ja nicht meinem Besitz, wenn Sie sich die Mühe machen, ihn zu
durchforschen. -
    Nun ja, ich gebe Ihnen ein paar Worte mehr - sie stehen zur Verfügung. -
    Der alte Herr lächelte und bat ihn, ihm eine Durchsicht der Gläser zu
gestatten.
    Bitte; aber es sind nur Worte, immer Worte, Herr Graf. Ich suche nur das
Rätsel des Chaetonotus zu lösen. -
    Sie setzten sich ins Gras, und der Graf betrachtete bedächtig kleine
Schlammproben unter der Lupe und setzte dann mit einem Grashalm die weissen
Striche auf die Glasplatte des Algensuchers.
    Der Chaetonotus chuni, zweifellos. -
    Nicht wahr? Man müsste eine Kultur von ihm anlegen. Das Rätsel muss geknackt
werden. -
    Und zwar bald, sonst kommt Ihnen ein Anderer zuvor. -
    Zweifellos. Die Lösung schwebt in der Luft - ein glücklicher Griff, und der
Mann hat sein Lebenswerk getan. -
    Gewiss. - Wir haben eine viertel Stunde bis zu mir. Begleiten Sie mich? -
    Gerne. Aber bedenken Sie, es sind nur Worte; Rätsel und Lösung sind Worte -
    Sie fangen wohl nach wortlosen Begriffen? Damit kommen wir nicht weit. Sie
wissen, man sagt, unsere natürlichsten Begriffe und Stellungen zu den Dingen
seien Irrtum und Lüge von Anfang an. - Bist du toll geworden, Loo? -
    Er sprang auf und eilte auf das Sumpfloch zu, in welchem Loo über die
Graspolster, die sich um die Erlenstämme gebildet hatten, auf sie zu turnte.
Aber lachend sprang sie aus dem gefährlichen Gebiet.
    Den Weg hab ich schon tausendmal gemacht! - Ach, gehen Sie mit meinem Vater
auf die Schmetterlingsjagd? Haben Sie ein komisches Schmetterlingsnetz! -
    Sie ergriff das Netz und schwang es kreisend um sich, dass Erich die Tropfen
ins Gesicht flogen.
    Da sah sie die Gläser, die neben ihm im Grase standen.
    Was haben Sie hier? - Der Grosse Bauchhaarige aus dem Kosakenkolk - was für
ein Unsinn! Weg damit! Und das! - Fort mit dem Zeug! - - Lass uns gehen! -
    Jaja. Sie kommen doch mit? Gewiss kommen Sie. -
    Gewiss komme ich. -
    Er nahm sein Netz, zerriss es mit einem Ruck und schmiss es den Gläsern nach,
die Loo in den Kolk geworfen hatte. Sie gingen durch den Sumpf, durch den soeben
Loo gekommen, sprangen von Erle zu Erle und balancierten dann vorsichtig über
einen schmalen Pfad, der unter ihren Schritten wogte wie junges Eis. - So waren
sie eine Weile gegangen, wortlos, Loo voraus - als Erich plötzlich einsank und
schnell bis zu den Hüften im Schlamm steckte. -
    Mit bösen Augen hatte Loo ihm zugesehen, wie er sich an einer Erle, die ihr
Vater zu ihm niedergebogen, herauszog, und war dann mit den Worten: Ich werde
vorausgehen und für den verunglückten Herrn trockene Kleider bestellen - wütend
fortgelaufen.
Bad, Anzug und Wäsche war für Erich bereit, aber vergeblich suchte er nach einem
Brief, einer Karte, einem Wort, nur nach einem Zeichen von Loo. Da kleidete er
sich um; es schien der Anzug eines Gärtnerjungen zu sein - es war ihm gleich,
aber der Durst quälte ihn. Da stand auf einem Tischchen ein Glas Milch und ein
belegtes Brot -
    Er nahm das Glas und setzte es an den Mund, aber mit einem Fluch riss er es
zurück und warf es auf die Steinfliesen.
    Du Teufelinne! -
    Da trat sein Wirt ins Zimmer -
    Wer stellte Ihnen denn das hier hin? - Aber wie wär's, wenn wir den
Bauchhaarigen für heute in Frieden liessen und einmal zusähen, was Raesfeld an
Diatomeen besitzt? -
    Sie gingen hinab und stiegen in den Nachen; und Erich ruderte, durch den
Schlossgraben und den Schilfwald in den langgestreckten westlichen Teich. -
Nymphäenblätter, dicke aufgetriebene Algenwatten, ein Schwanenpaar, das wütend
das trichterförmige Netz angriff, erschwerten ihre Arbeit; aber als sie genügend
Material hatten, gingen sie an Land, siebten, sonderten, glühten und färbten,
bis die blendenden Wolkentürme, die vorher ihr schönes Licht in das Mikroskop
geworfen, zu dunklen Gebirgen wurden und mit wilden Zacken und schneeglänzenden
Gipfeln zu ihnen herüberdrohten. Da schoben sie die Instrumente beiseite und
Erich verabschiedete sich, denn es war sicher, dass die nun schiefergraue
Bergmauer mit Gewittern ging; den Wagen, den ihm sein Wirt anbot, lehnte er ab.
    Auf den Gängen, im Hof oder Garten, an ihrem Fenster - von Loo war nichts zu
sehen. Da schlug er den Kragen gegen den in grossen Tropfen schon
niederschlagenden Regen hoch und eilte ins Freie.
    Hier überholte ihn der Sturm, warf ihm den Hut vom Kopf, dass er über die
Felder tanzte -
    Zwei Monde lang hatte der Himmel gebrannt und geglüht und unendliche
Wassermassen hochgehoben, jetzt warf er sie in einem Gusse herab, Sturm und
Gewitter hinterher. Die Luft ward zu Wasser, klatschenden, schlagenden,
giessenden, prasselnden, unheimlich brausenden Wassern, die die Stürme hin und
her warfen, dort es als eine kompakte Masse glatt auf die Erde schleudernd, dort
es sich in die Hände werfend und als gischtenden Schaum wieder in die Wolken
wirbelnd. Hier riss der Sturm, auf weiten Feldern seine Brüder zu einem singenden
Keil zusammenschweissend, eine jähe Lücke in die brausenden Wasser und verteilte
sich dann heulend über die Wälder, bahnte sich hier, vertausendfacht, seine
zusammenbrechenden Wege, um sich drüben auf den Heiden wieder zu eins zu ballen
und im Hui! über die Hügel zu tanzen - Wacholder und Heidebüschel hinterher. Da
spaltete ein Schlag den Himmel in zwei Teile, und polternd rasselten die Trümmer
herab! Da wieder einer! - Da! - Dort! Ein Riese stand da oben und zerhieb den
Himmel in Fetzen, und wie Hagelschlag unaufhörlich kollerten die rollenden
Trümmer herab. Und aus den zerfetzten Rissen fuhr der entfesselte Sturm und
stampfte Wälder und Felder in Grund - Feuerjoh! Feuerjoh! Im Schloss hat's
eingeschlagen! - Feuerjohoho! Die Scheune brennt, das Schloss brennt! - Brand!
Brand! Das ganze Dorf brennt! - Hoho! Das Fräulein! Fangt sie! Das Fräulein ist
toll geworden! Fangt sie! Hussa ho! Fangt sie!
    Doch sie war schneller als ihre Verfolger. Von Liebe und Furcht gejagt, flog
sie durch den Sturm und Lärm. Fangt sie! Schon hatte sie die Chaussee erreicht -
Fangt sie! - jetzt bog sie in die einsamen Waldwege ein - o sie kannte die
einsamen Waldwege! Noch zwei, drei beherzte Burschen sprangen ihr nach - dann
lockte neuer Feuerlärm sie zum Dorf zurück.
    Da kämpfte sie sich wieder durch zum Weg; laufend, kriechend, liegend - die
nassen Büsche zerschlugen ihr Gesicht, Regen und Sturm warfen sie hin und her.
Dann trieb sie ein jäher Blitz, der spukhaft die Gegend erhellte und polternde
Donnertrümmer auf sie warf, wieder auf den rechten Weg. Haare und Kleider
flatterten in dem schlagenden Sturm - er warf sie zu Boden - in den Graben - da
krachte ein abgerissener Ast neben ihr nieder - sie stolperte, stürzte - doch
weiter! nur weiter! immer weiter! Zu ihm! Zu ihm! Zu Füssen will ich ihm liegen -
aber mir soll er gehören, mir allein! Mir allein! Jauchzend schrie sie es in den
Sturm. -
    Du Teufel! Du Teufelinne! Das Lied sang der Sturm und Donner in Erichs Ohren
den ganzen Weg; warf ihn hin und her - Du Teufelinne! Süsse Teufelinne! Da
spellte ein Blitz eine Pappel neben ihm - in zehn, zwanzig glühenden Schlangen
fuhr er in den Boden und als leuchtendes Schwert wieder hoch in die Nacht.
Schlag sie tot, schlag sie tot, die Teufelinne! Ho! du Sturm schlage sie tot! Da
fegte er ihn über den Weg und rollte ihn in den Graben - er watete in ihm fort,
von dem der giessende Regen wie ein Schaum und Nebel wieder hoch stieg. Er fiel,
raffte sich hoch und erkletterte mit Händen und Füssen den Weg. O wie schmerzt
der Regen auf dem blossen Kopf! Als spülte er Haare, Haut und Knochen fort! Da
tanzte eine blaue Kugel über dem Weg, da fern über den sturmgebeugten Bäumen,
nun hier, jetzt da - O du blauer Blitz, o du tanzende Kugel - tanze sie, tanze
sie tot, den Teufel! Da sprang sie mit einem klatschenden Donner auseinander -
Heissa! Klatsche sie tot! - Der Wind verschlang's, warf ihn hin und her, quirlte
und wirbelte gelbe Wolken wie Schwefelstaub durcheinander und schmiss sie hussa
ho! in den brechenden Wald. - Du Teufelinne, süsse Teufelinne! O du schöne
Teufelinne! Was tat ich dir? O schlagt sie tot, schlagt sie doch tot!
    Rief sie da nicht? - Oh, die Teufelinne kommt! Da floh er vor ihr her wie
ein wolfgejagtes Tier. - Heinz! - Schlagt sie tot! - Heinz! - Da hatte sie ihn
ereilt und riss ihn zurück - er stiess sie fort in den Schmutz -. Da umschlang sie
seinen Leib und er schleifte sie hinterher -. Schlage mich, Heinz, o bitte,
schlage mich! - Da drängte sie sich hoch, umklammerte mit beiden Händen seinen
Arm und presste sich an ihn. - Ich will ja nur dich haben, aber dich allein, ich
dich allein! - - Sie halten mich für toll - Heinz! sie wollen mich fangen wie
einen tollen Hund! O ich bin auch von Sinnen, bin ja toll - - Der Sturm warf die
Taumelnden hin und her - und der soeben eine Pause gemacht, brach mit neuem
Ungestüm über sie. Da fegte er ein Meer wirbelnder Blätter hoch über ihnen her
und warf es weit in die Heide, die grau und unsäglich wild vor ihnen lag.
    Hussa! mein schönes Lieb! Hussa! - Wollen wir fliegen? Kannst du nicht
fliegen, süsser Teufel? -
    Er riss sie hoch, sprang windgetragen über den Graben und flog mit ihr Hand
in Hand über die Hügel - jauchzender Sturm und Blätterwirbel hinterher. Hussa!
Ich habe dich lieb, du schöner Engel - Hussa! Du süsse Schöne, wir fliegen - o du
Wilde, Schöne wir fliegen - fliegen -
    Da warf sich der Sturm auf eine andere Seite, wirbelte sie um und rollte sie
den Hügel hinab. Dann holte er noch einmal Atem in die brausende Brust und spie
ihn aus, dass die Wacholder und Heidebüschel wieder über die Hügel tanzten. -
Dann legte er sich stöhnend auf die Seite und sank in Schlaf; die zerfetzten
Wolken da oben und da auf Erden die jagenden Blätter und verwehten Menschen
mochten sehen, wo sie eine Ruhestatt fänden. -
    Auf der Heide wurde es still. Nur droben die Wolken trieben noch ihr Spiel
und erzählten sich in ihrer hastigen Weise, dass nun Regen kommen würde, langer
wochenlanger Regen.
 
                                 Der Landregen
Ein Landregen, der nicht weichen wollte, der tagelang seine grauen Eimer trug
vom Ozean bis fern zum sommerdürren Steppenland, legte sich über Stadt und Land.
In unendlich eintönigem Getröpfel fiel es von den Dächern und goss aus den
Rinnen, tagelang.
    In einem Regenmantel, den regenschweren Hut tief in der Stirn, war Erich
hinausgewandert. Jetzt sass er mit Loo und dem alten Herrn im Schloss, in einem
Zimmer, dessen Fenster auf den Hof und die zum Teil niedergebrannten Scheunen
blickten. Sie quälten sich nicht zu einem Gespräch, sie sahen wortlos hinaus in
den giessenden Regen.
    Aber trotzdem, - unterbrach der Graf die Stille - Sie werden es wohl
glauben, junger Freund, ich liebe solchen Regen. Hören Sie, wie das von den
Dächern tropft, so selbstverständlich und eintönig, ein Tag wie der andere.
Dazwischen die alte undichte Regenrinne mit ihren klatschenden Güssen,
unregelmässig und ungleich stark, das sind so die Episoden, die hohen Tage des
Lebens - und alle gehen zu Wasser, alle. Aber hören Sie das Tröpfeln, das
Tröpfeln, so müde und eintönig-geschäftig, das bleibt - wird ja auch zu Wasser -
aber es bleibt - tripp - trapp. Sehen Sie, das erfüllt mich mit so eigener
Freude - - Und er ging in sein Turmzimmer hinüber.
    Du hättest nicht kommen sollen, Geliebter - sagte Loo, die mit verschränkten
Händen am Fenster stand - der Regen ist nichts für uns. Was soll unsere Liebe,
was soll das? Weshalb haben wir uns so lieb? - Und das nennt sich Glück - - ! -
    Hör einmal zu, Loo:
    Es war ein Tag wie heute, so zwischen Nachmittag und Abend, als ein junger
Scholast durch die Strassen Jenas ging. Winkelige, enge Gassen waren das,
langnasige Giebel mit grossen, unheimlich schwarzen Augen und einem breiten
gefrässigen Maul, aus dem die schwarze Zunge wie eine Rolle geformt heraushängt.
- Es wird später und später und wird eine stürmische Nacht. Da begegnet dem
einsamen Scholasten ein Mensch, dessen Beruf es war, durch seine Dummheit und
seinen Reichtum alles um sich unglücklich zu machen, ohne dass er selbst dabei
Glück genoss - den packt sich der Scholast, schüttelt ihn und schreit ihm ins
Ohr:
    Sieh diese stürmische Nacht! Weisse, zerrissene Wolken jagt der Wind von der
Rudelsburg her, und blickst du lange hinauf, wie der Mond sie verzinnt und
versilbert, dann wird's dir, als flöge der Mond dahin, der Fenriswolf hinterher,
und Turmspitzen, Turmhähne mit flatternden Flügeln, die langnasigen Giebel in
wilder Flucht mit, die Häuser, die Gassen, die Stadt, du selbst - hui! in die
Unendlichkeit! Packt's dich, du Jammermann? Siehst du das Haus dort mit der
grotesken Doppelnase am Giebel? Und das Fenster darunter, im windigen dritten
Stock, Licht ist drin? Da geht's hinauf, drei Treppen hoch - komm mit! Hoppla,
du Jammermann. -
    Was? Du siehst nichts? Tränen dir die Augen? Beisst dir der scharfe Tobak sie
aus?
    Und draussen heult der Sturm, die langen Giebelnasen knarren und wackeln und
schütteln den Kopf über das schlechte Wetter und rufen in gespenstischer
Zwiesprache bei jedem Nieser Gesundheit! Gesundheit! Euer Gnaden - sich zu. Und
der Kessel singt, der Grog glüht und wir sechzehn sitzen tabakrauchumhüllt am
runden Tisch, und unter uns ist einer, der hat eine harte böse Stimme:
    Ich habe zehn Tage keinen Wein getrunken, ihr Füchse, keinen Schläger und
kein Weib berührt, ich habe mich hier vergraben und habe die Rettung gefunden.
Nicht für die Menschheit - was heisst Menschheit? Für mich, für euch, ihr Füchse.
    Und ich habe gefunden: So viel Individuen, so viele Welten. Unser sind ihre
Erscheinungen, unser ist ihre Zeit, unser ihr Raum, unser ihre Ursächlichkeit:
wir sind die Welt.
    Seht, jetzt nehme ich die Zeit - er streckte die geöffnete Hand hoch -
presse zusammen, was zwischen ihrem Anfang und ihrem Ende liegt - er krallte
langsam die Hand zu - und werfe es unter mich - er schmetterte die Faust nieder.
    Füchse, Sophistik! heissa Sophistik! Jetzt lösen wir ein Geheimnis! Habt ihr
schon über die Möglichkeit nachgedacht? - Wähntet ihr nicht damals in der Zeit,
eine Handlung als Ausführung eines Gedankens sei möglich, und die andere nicht?
Und weswegen war sie unmöglich: weil sie eurer Erfahrung und Logik widersprach.
Und was ist denn Erfahrung? - Die, kausal gedachte, zeitliche und räumliche
Verbindung zweier oder mehrerer Erscheinungen. Was erfahrt ihr so? - Euch. Wie
könnt ihr denn euch durch euch widerlegen? Füchse, Sophistik! heissa Sophistik!
Und was ist eure Logik? Die angenommene Gleichheit gewisser zeitlicher und
räumlicher Erscheinungen, und was daraus im Zwange eurer Kausalität folgt. Wie
könnt ihr denn abermals euch durch euch widerlegen? - Und wenn ihr die
Ausführbarkeit eines Gedankens von einer fernen Zukunft erhofft: haben wir die
Zeit nicht niedergerissen und unter unsere Füsse getreten? Gedanke und Ausführung
sind nicht mehr getrennt, sie sind eins geworden.
    So gibt es keine Möglichkeit oder Unmöglichkeit; was ich auch denke, ist
nicht nur ausführbar, sondern schon da, ist schon dadurch geschaffen,
verwirklicht und da. Ruhig, du Jammermann!
    Und nun gebt Acht, wir bauen ein Schiff, ein glückhaft Schiff. -
    Da holte er unter einem abgeschabten roten Plüschsofa einen
zweiunddreissigeckigen Kasten hervor, in dessen Mitte eine Geige befestigt war, -
und sang ein Lied: die Geige gab einen leisen Klang. Und jetzt sang er hart und
sporenklirrend: schrillend klangen die Saiten.
    Mittönende Schwingungen. -
    Nun legte er sein Gesicht in stille Falten, und seine Augen wurden traurig:
da klang die Geige auch leise und traurig - Dann reckte er sich hoch: zornig
schrie eine Saite auf.
    Ich nenne es übertragende Schwingungen der ersten Kategorie - wovon? worauf?
Äter, Luft - was tun Worte! -
    Dann nahm er die Geige wieder und entriss ihr einen Ton: ein Nordlicht hing
draussen in der Luft und warf Flammenspeere und Feuerglorien über den Himmel.
    Ich nenne es übertragende Schwingungen der zweiten Kategorie - wovon?
worauf? Luft, Äter - was tun Worte! -
    Und nun schlug er das Fenster zurück und strich einen Klang, der sich wie
roter Sammet anfühlte: da ward es stille draussen, der Sturm ward zum Hauch, eine
weisse Wolke fiel vom Mond und schwebte wie von einer Sehnsucht durchwogt vor dem
Fenster, und die Giebel machten Bücklinge, graziös steife Rokokoverbeugungen,
und schnitten ein verliebtes Gesicht.
    Doch als er dann den Bogen führte, rasselten die Schiefer zu Boden wie
Hagelschlag, die rostigen Turmglocken fuhren aus ihrem Schlaf und schrien
dröhnend und schmerzlich auf, und eine Windsbraut lachte durch die Gassen.
    Luft - Äter - Luft - ich nenne es kurz die dynamischen Schwingungen. - Seht
ihr, wir bauen ein Schiff, ein glückhaft Arche-Howald-Schiff! Seht ihr's nicht
schwimmen droben an der Steilküste Samlands, brandungumrauscht,
bernsteingeschmückt - rund, zweiunddreissigeckig und eine Geige klafterhoch die
Bordwand überragend? -
    Ja Loo, denke dir eine ungefähre Halbkugel, neunzig Meter breit, dreissig
Meter tief, zweiunddreissigeckig, ohne Mast und Segel, ohne Schornstein und
Schraube, ohne Anker und Steuer, statt dessen in der Mitte eine Riesengeige
tragend: das war Musarion und unser glückhaftes Schiff.
    Und seine Besatzung bildeten sechzehn ganze Männer und ein halber, der war
Geheimrat und Berliner, und diente uns als Koch.
    Unsere Gehirnwindungen, graue und weisse, und damit unsere Welt, stehen in
Beziehung zu einem ganz bestimmten Ton, wie er aus Grundton und Nebentönen sich
zusammensetzt: erklingt dieser, so geraten sie und ihr Weltbild in frohe,
treibende Erregung. Und wie jeder Mensch eine Tagesstunde hat, in der er sich am
zärtlichsten liebt, so ist jene Erregung am intensivsten in dieser Stunde. Und
was ist denn die Stunde weiter, als der Stand der Sonne über oder unter einer
bestimmten Himmelsrichtung?
    So entsprach unser Wesen einem Strich der Himmelsrose. Verstärkten wir nun
unsere Erregung, indem wir mit dem Grotesken Riesenbogen unseren Leibton über
der Stirne strichen, von wo aus wir unsere Gehirnwindungen am eindringlichsten
miterklingen hiessen, so pflanzten sich deren Schwingungen auf die Saiten der
Riesengeige fort und wurden dort aus den übertragenden Schwingungen erster
Kategorie in dynamische umgesetzt: Das Schiff bewegte sich in der dem Ton
eigenen Himmelsrichtung. Strich Howald e, so fuhr es gen Ost, geigte er cis, so
wandte es sich der Abendröte zu.
    Wie der Wechsel der Schnelligkeit mit Hilfe einer Flöte, das Anlegen mit
Hilfe einer Pauke bewirkt wurde, wirst du dir selber ausmalen können.
    Das war die fremdartige, wie ein Hünengrab oder Brontosaurosknochen in
unsere Zeit hinaufragende Besatzung Musarions. -
    An einem waldmeisterduftenden Maiabend verliessen wir die Bernsteinküste mit
dem Kurs zwischen Bornholm und Rügen auf Trelleborg. Dort raubten wir ein
schwedisches Mädchen Marga und geigten sodann durch den Sund, Kattegat und
Skager Rak, am südlichen Abhang der Doggerbank entlang und durch den Kanal, um
am nächsten Abend vor Lizard vor Anker zu gehen.
    Ein Paukenschlag! und Wind und Wellen treiben an uns vorbei, die massigen
Wogen des Ozeans werfen sich dröhnend gegen unser Schiff, und in den Saiten der
Geige pfeift der Westwind, der ozeangeborene, seine klagende Melodie. Ich war
abgelöst worden, und der Fuchs Torring übernahm den Dirigentenplatz; so ging ich
an Deck, lehnte mich an die Geige und liess meine Gedanken schweifen - -
    Da höre ich ein Toben und Schreien und sehe sie herstürmen, lachend und mit
fliegendem Haar -
    Eine Riesengeige streicht man mit einem Riesenbogen! - und unter dem
jubelnden Zuruf der Gefährten reisst sie den tönenden Bogen über die Saiten:
    Als hätte ein Wetterschmied alle Taifune und Orkane und all ihr wildes
Geschwistervolk zusammengehämmert, um sie in einem Guss auf uns loszulassen - so
flog unser Schiff. Die Wasser bäumten sich wie Berge vor uns hoch, standen als
grollende brausende, donnernd in sich einstürzende Mauern zu unseren Seiten, und
ihr Wutschrei, wenn sie meilenweit hinter uns zusammenschlugen, warf den Erdball
zitternd und pendelnd aus seiner Bahn. Und gleich einer ungeheuren Geschützkugel
tönte unser hoch aus den Wassern sich hebendes Schiff dahin, eine Meute
bellender, kläffender, heulender Sturmhunde hinterher. Wir lagen am Boden wie
vom Beilschlag hingestreckt - aber Marga, die geduckt auf ihren Knien neben mir
kauerte, lachte mit funkelnden Augen in die erbosten Wasser - Planken und
Menschenleiber tanzten und quirlten vorbei - wie ein Blitz kam's, wie ein Blitz
verschwand's - helljauchzend bäumte sie sich hoch und starrte ihnen nach in die
grüne gischtende Finsternis.
    Als ich das sah, die Trümmer eines überrannten Schiffes und das jauchzende
zerstörungstrunkene Weib, kroch ich in meine Kajüte, um in mir das Mitleid und
das Grausen zu töten. -
    Und dort erhitzte ich drei Tage lang meine Phantasie, mir die
grausenerregendsten und bemitleidenswertesten Bilder vorzujagen, und hatte meine
prickelnde Lust, die letzten Fäden, die mich in den Bannkreis des Phantoms Gott
und »Gut und Böse« ziehen wollten, langsam zu durchschneiden.
    Dann eilte ich an Deck, um die Schriftstücke, auf die meine Phantasie ihre
Teufelsbilder gemalt hatte, über Bord zu werfen, und warf sie - in den
Amazonenstrom, jawohl - in den Amazonenstrom.
    Amazonien! Wie lange hat es gedauert, bis die Pororoca wasserwolkenlärmend
in deinen Strom sich wälzt! Einmal Meer, das gegen granitene Küsten eines
Urlands im Osten brandet, Inseln aus sich hebt, sumpfig und üppig wie nur im
tropischen Sumpf, und Insel sich an Insel schliessend, dein Meer versinkend und
vertrocknend: Land! Dann die Küste wieder eines gewaltigen Meers, auch das
zerfällt, versandet und verdünt und verfrachtet seine Wasser in mächtige
westliche Ströme, bis die aufbäumende Cordillera ihnen den Weg vertritt und mit
ihren eigenen Wassern vereint sie einen See bilden heisst, mächtig und breit,
überströmend und seine Fluten in gewaltigen Rinnen in den Ozean werfend: da ward
dein Amazonas! da rollte der Wasserwolkenlärm rauschend und brausend deinen
Strom hinan - Amazonas!
    Hochwassergeschwollen, gelb und trüb, verfilzte Pflanzenbarren und
umgestürzte Bertolletien tragend, wälzte er sich unabsehbar zwischen seinen
Inseln ins Meer. Wo der Tapajos sein flaschengrünes Wasser in ihn wirft, wo am
Ufer Mumbakapalmen, langarmige Heveen und Bambusse eine schwermütige Linie
ziehen und die Victoria regia ihre grünen Blatteller wiegt - lag still und stumm
unser Musarion und liess die schlaffen Saiten seiner Riesengeige im Morgenwind
summen.
    Aber ich fand mich allein, die Boote waren fort - so lehnte ich mich an die
Riesengeige und spielte ihr auf meiner Fiedel ein Lied.
    Das ist nun deine Welt, einzigartig und nie oder immer wiederkehrend, auch
wohl schön und wild - aber eine Welt der absoluten Einsamkeit, das ist deine
Welt. - -
    Am Mittag kam Howald mit den Gefährten zurück, mit Pflanzen und erbeuteten
Tieren beladen; in Kiepen, Körben, Gläsern und Netzen brachten sie die Fauna und
Flora Amazoniens an Bord. Sie grüssten mich zerstreut, redeten mit unendlichem
Stimmengewirr durcheinander und zogen sich, immer disputierend, in die
gemeinsamen Arbeitszimmer zurück.
    Marga, an der Geige lehnend und sich aufrichtend und leise dehnend, lächelte
mich an - da überliess ich meine Freunde ihrem Treiben und folgte ihr. Nach
tagelangem Arbeiten unter Deck tauchten meine Gefährten wieder ans Licht,
ruderten sich an Land, kehrten mit den mannigfaltigsten Dingen zurück und
verschwanden wieder, immer redend und mit nachdenklichen Gesichtern. Und ich -
blieb bei ihr.
    Doch eines Tages berief Howald einen Convent und hielt folgende Rede:
    Füchse! Zwiefacher Art waren die Ziele unserer Arbeit: einmal, zu erklären
die Fähigkeit unseres Wesens, sich bei einem gewissen Ton zu konzentrieren und
nach einer bestimmten Richtung hin übertragende Schwingungen zu erregen - ein
andermal, dieses erklärte Phänomen mit unserer Philosophie in Verbindung zu
setzen.
    Was den ersten Fall betrifft, so waren wir bescheiden und haben uns begnügt
mit der Beschreibung des geschichtlichen Werdens dieser Fähigkeit, und nebenbei
mit einer detaillierten Beschreibung.
    Worin bestand also unsere Erklärung? Sie bestand darin, nachzuweisen, dass
bei den verschiedensten, einfachsten und differenziertesten, Wesen ein gewisses
höchstes, Kräfte auslösendes Wohlbehagen auf Schwingungszuständen beruht - und
(wenn auch nicht in der lückenlosen Reihe einer bestimmten Steigerung)
festzustellen, dass dieses durch die Wellen eines spezifischen Tones erhöht und
sogar in übertragende Schwingungen umgesetzt werden kann.
    Diesen Nachweis haben wir geführt, haben den Vorgang selbst bis ins dritte,
vierte Glied der Ursachenreihen trefflich beschrieben - und so unser
vorliegendes Phänomen erklärt. -
    Nun, meine Freunde, was haben wir mit dieser Erklärung eigentlich ausgesagt:
wir haben eine Eigenschaft verfolgt, wie sie sich bei verschiedenen Lebewesen in
verschiedener Stärke zeigt, so dass wir in der Lage waren, nach den verschiedenen
Graden dieser Stärke ihre, in anderen Eigenschaften sich ähnlich verhaltenden
Träger in eine Rangordnung einzusetzen; diese betrachteten wir dann in ihrer
zahlenmässig aufsteigenden Linie unter dem Bilde der Zeit - und stellten so die
Hypotese des geschichtlichen Werdens, der Entwicklung unseres Phänomens auf.
    Nun konnten wir diese Betrachtungsart bei allen Dingen anwenden und
durchführen, so dass wir eine Welt erhielten, die sich entwickelt, die aus sich
wird - und diese galt es nun, laut des philosophischen Zieles unserer Arbeit, in
Beziehung zu setzen zu der, die nach unserer Formel in uns und durch uns ist.
    Ihr fühlt alle, dass ein gegebener Verknüpfungspunkt in der Apriorität der
Zeit liegt. Und so würde leicht einer sagen: nur im Banne der Zeit sehen wir das
als ein Nacheinander und Werdendes, was in Wirklichkeit ein Nebeneinander und
Seiendes ist. Dem würde ich entgegnen: wir haben als Menschen die Zeit
niedergerissen und nehmen als solche das Nebeneinander an - obwohl in dem
»Nebeneinander« noch der Begriff der Zeit steckt -, aber wie stand's mit diesem
Nebeneinander, als noch die haarige Bestie, dieses Gürteltier, dieser
Amöbenklumpen, das höchstdifferenzierte Wesen des Planeten war? Denn nichts
hindert uns, dieses für einen Teil der Welt anzunehmen; nichts hindert uns, ihr
Füchse, die Zeit räumlich zu setzen, sie als vierte Dimension zu postulieren.
    Es bleibt also die Frage: in welchem Verhältnis steht die gewonnene
(wissenschaftliche) Formel einer werdenden, oder räumlich nebeneinander
geordneten Welt zu unserer alten unerschütterlichen (philosophischen) einer
konzentrierten Welt, die sich manifestiert in unserem Schlachtruf: Ich bin das
All, ich bin die Welt? Oder offener: wie ordnen wir die erste der zweiten unter?
    Du, und jetzt wandte Howald sich an mich, jüngster aller Füchse, wirst die
Schwere dieser Frage würdigen - ist doch mit ihr im tiefsten Grunde die Existenz
Musarions verknüpft -; aber die Lösung verlangt, insbesondere für dich, einen
Ort und ein Klima ohne die fordernden und lockenden Schönheiten dieses
tropischen Stroms:
    Berghohes Eis und frostblauer Himmel, Schnee und sturmgejagte Wolken, blaue
Gletscher und Feuerberge in nordischer Nacht -! Folg uns zum Vatna Jökull! Auf
nach Island! -
    Auf nach Island! rief ich - Auf nach Island! donnerte es über den Strom. -
    Ein Leierkastenmann hatte sich unter dem Fenster aufgestellt und dudelte
ihnen seine Freitagsnachmittagsmelancholie herauf.
    Ach Loo, der Regen regnet jeglichen Tag, such dir einen lustigeren Galan. -
Sieh den Gärtnerjungen drüben, er stützt den Kopf in die traurige Hand und
blickt zu dir. Weisst du, was er denkt? Er denkt - Hoff nur, du armer Fratz - Ach
erlass mir den Kitsch. Wer weiss, sie sucht sich einen andern Cavalier. - So
ist's. Nur nicht feige, liebe Loo -. Ich werde in die Heide gehn - 's ist just
das rechte Wetter. -
    Er reichte ihr flüchtig die Hand und ging. -
 
                                 Der Wacholder
Meine Heide - ein Erdenstück, das sich wälzt durch Licht und Finsternis. -
    Meine über sie hinbrausenden Stürme - nichts denn Wellen eines Meers,
mitgerissen im lichtüberschütteten, finsternisdurchschauerten Planetenlauf. -
    Meine schwarzen Wacholder hier, Jahrhunderte alt - was sonst, als eine Folge
von Tag und Nacht, Sommer und Winter, vom unbeschreiblich schnellen Erdenlauf -
    Und ich unter ihnen, ihrem Rauschen und Raunen lauschend, eintagsalt -
geworden in der Zeit aus der Algenkugel, die dort grüngolden im Wasser rollt,
schaffend die Welt in mir durch die Zeit - kommend und seiend, rollend und fest
und dennoch rollend - es ist, um toll zu werden! -
    Da wurden die Wacholder auseinander gebogen, und Loo trat zu ihm.
    Vergib, ich musste dir nach. -
    Gewiss. Aber komm, es graust mich hier unter dem Gerausch und Geträtsch der
buckligen Wacholdergreise und dem verrückten Gelispel der Birke, die da in dem
algengrünen Wasser ihre Haut bespiegelt - Komm, wir wollen in die Heiden und
Winde gehen. -
    Da verliessen sie das Kieferngebüsch, das in seinem kleinen Kessel diese
Gesellschaft barg, und traten in die Heide, die in langen Hügelwellen nach allen
Winden hinwogte. Auf dem höchsten Sattel einer solchen setzten sie sich nieder
und blickten mit traurigen Augen ins Weite.
    Der Regen hatte aufgehört; nur ab und zu versuchte eine schnelle, niedrig
hängende Wolke ihre Eimer auszugiessen - doch der Wind blies sie fort und setzte
in unruhigen Stössen von Hügel zu Hügel und warf sich mürrisch rauschend in den
fernen Wald.
    Braunrote Flachsseide hatte die junge Heide zu Boden gedrückt und würgte sie
tot, und die rotblättrigen Ampfer- und dunkelgrünen Bärlapprasen zogen sich
hügelauf, hügelab und beneideten nicht die beiden, die, die Knie hochgezogen und
Wange an Wange gelehnt, dasassen, als gehörten sie nicht in diese Welt.
    Siehst du den Findlingsblock? Der liegt da schon viele Jahrtausende - und
dahinter den Muschelhügel? Auster über Auster -: Was mögen sie alles gesehn und
erlebt haben? - Nichts haben sie gesehn, nichts haben sie erlebt! Nur wenn der
Blick stiller Heidewanderer und sturmverwehter Liebenden auf ihnen ruhte,
bildeten sie den Teil einer Welt. - Und jetzt leben sie, jetzt kauere ich hier,
und sie küssen dich - und spielen mit deinem Haar -. Was mag nach Jahrtausenden
hier vorgehen? Nichts, nichts! Die Jahrtausende sind nur in uns, wir sind nicht
mehr, und die Welt ist tot. - - Wie der Wind braust und die Wolken eilen - o
Loo, ich habe dich unsäglich lieb. -
    Er nahm ihren Kopf in beide Hände und sie pressten ihren Mund aufeinander,
als wollte eins sich in das andere flüchten vor sich und der Welt. - -
    Du, weshalb lachen wir eigentlich nie? -
    Lachen? Lachen? Ja, es ist auch zum Lachen. Hör zu:
    Wenn die winterlichen Südweststürme der nordatlantischen Zyklonen kreisen,
dann werfen sie die grauen Wogen auch in die Risse und Fjorde Islands. Und dahin
ging unsere Fahrt. Ein zerfetztes braunes Oval, wie es auf dem tiefblauen Meer
der Karte liegt, mit Basalten und Trachyten bedeckt und über ihm mit
Vulkanauswürfen und berghohem Eis, inmitten brausender Stürme und in
halbarktischer Nacht - dahin ging unsere Fahrt.
    Gemächlich geigten wir den alten Seglerweg entlang, liessen die Capverdischen
Inseln und Azoren im Osten liegen und trieben in einer Novembernacht auf Island
zu. - In Sturm und Regen lenkten wir in den Faxa-Fjördr und schlugen am nächsten
Morgen vor Reikjavik die Ankerpauke. Nun lagen wir da - unser Schiff war gesund
und Marga stark und liebesfroh, aber Zwiespalt und bitteren Streit trugen wir
mit.
    Beim Verlassen des Amazonas hatten wir uns versprochen, die
wissenschaftliche Seite unserer Arbeit - die Erklärung Musarions - als beendet
anzusehen und uns mit nichts Anderem als dem Versuch der Unterordnung jener
Erklärung unter unsere philosophische Formel zu beschäftigen. Da trieb uns auf
der Höhe von St. Vinzent der Kanarienstrom einen Tamarindenzweig zu, und
sogleich begann Howald die »Klangfähigkeit« des Pollenschlauchplasmas der
rotgelben Tamarindenblüten experimentell zu vergleichen mit der der Amöben, die
er im Schiffswasser fand.
    Nun kann ich alles, was ich mir wünsche, mir auch als ausführbar beweisen,
noch mehr, es ist in dem Augenblick des Wunsches schon als bewiesen da und ich
geniesse es. Aber ich darf dann nicht gestört werden durch eines Andern
anzweifelnde Metode, die sich eitel-dumm die exakte nennt.
    Und nun kommt mir, der ich auf der langen Seefahrt schon oftmals die
erwünschte Unterordnung vollzogen sah, dieser Plumpe und höhnt: Mein Freund,
sieh hier den abermaligen Beweis eines Werdens, einer über allen Zweifel
erhabenen Tatsächlichkeit der Entwicklung. - Da fährt der Zorn in mich und ich
kündige meinem alten Kameraden mit bittern Worten die Freundschaft; und zugleich
werden unsere gemeinsamen Freunde uneins, schwanken und ergreifen Partei, der
Streit wird »sachlich«, vertieft und verbeisst sich - und so setzen wir unsere
Fahrt mit zwiespältigem Gemüte fort.
    Und Marga, die sich inzwischen aus Langerweile verliebte, gab sich, ich weiss
nicht mit wem - mit einem Gärtnerjungen ab. Aber da der ein Tölpel war und sie
erkannte, dass sie in ihm nur eine Laune, meintalb einen Wunsch ihres Geliebten
umarmte, sehnte sie sich in die Arme des Lebendigen zurück. Da aber ein in
wissenschaftlichen Zank verbissener Liebhaber niemals bei der Sache sei und eine
nur persönliche Versöhnung zwischen mir und Howald zwecklos, eine solche aber
von Philosophie und Wissenschaft, wie wir sie hier plötzlich verträten,
unmöglich sei, machte sie den Vorschlag, die Angelegenheit als Ehrenhandel zu
betrachten und den auf Island auszutragen.
    Und damit einverstanden, beschleunigten wir die Fahrt, bis sich im Angesicht
Islands die Frage erhob, mit welchen Waffen unser Handel auszufechten sei. Nach
einer zerdisputierten Woche vor Reikjavik hatten wir keinen anderen Ausweg mehr
als den, die ganze Frage wissenschaftlich anzufassen, d.h. erstens, darzutun und
zu begründen, weshalb dieser Streit zwischen exakter Wissenschaft und reiner
Philosophie als Ehrenhandel aufgefasst und ausgetragen werden müsse - und
zweitens, aus der Begründung dieser Tatsache zu folgern, welche Waffen zu
gebrauchen seien.
    Ich gebe das Extrakt unserer Verhandlungen:
    Unser, mitin Doktor Erichs und Howalds Wesen und dadurch das ihres Faches
charakterisiert ein Ton. -
    Wie legen zwei Dinge ihr strittiges Verhältnis zu einander bei, d.h. wie
unterwirft entweder eines das andere, oder wie grenzen sie ihre Gebiete
gegenseitig ab, oder schliesslich, wie heben sie sich beide auf eine höhere
Stufe, auf der ihre feindlichen Seiten sich nicht widersprechen? - Durch ein
klares und umfassendes Zutagelegen ihrer Eigenschaften.
    Und da die im feindlichen Verhältnis zu einander stehenden Dinge im
vorliegenden Falle letzten Grundes Töne sind, wie legen sie ihre Eigenschaften
am umfassendsten zu Tage? - Durch Erklingen.
    Wie nennt man es nun, wenn zwei Dinge zugleich hervortreten, in der Absicht,
durch vollständiges Entfalten ihrer Eigenschaften ihr strittiges Verhältnis
irgendwie beizulegen? - Kampf.
    Präziser und exakter? - Zweikampf.
    Wie also beseitigen sie ihre strittige Stellung zu einander? - Durch
Zweikampf.
    Und was zwang sie überhaupt, ihr unklares Verhältnis zu klären? - Das
Gefühl, sich, d.h. ihrer Macht nicht genug zu tun, wenn es bei dem schwächlichen
Unklaren bliebe.
    Wie nennst du dieses Gefühl? - Ehre.
    Was ist also der Zweikampf? - Ein Ehrenhandel.
    So legen mitin zwei Dinge ihr strittiges Verhältnis durch einen Ehrenhandel
bei. -
    Und welche Waffen handhaben sie in diesem? ...
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Welche Waffe benutzt der Stein im Kampf mit dem Wasser? - Die Schwere.
    Der Hund? - Den Zahn.
    Der Engländer? - Die Pistole.
    Also? - Die ihnen charakteristischen.
    Und was ist uns, und somit unserem Fach charakteristisch? - Sich in einem
Ton zu konzentrieren.
    Benutzt werden deswegen was für Waffen? - Töne.
    D.h.? - Instrumente.
    Was für Instrumente? - Die jedem Ton eigenen.
    Was vertritt der Ton? - Ihr Wesen.
    Und? - Ihr Fach.
    Welche Instrumente sind also zu wählen? - Die jedem Fach eigenen.
    Also? - Erich den Dudelsack, Howald die Alarmtrompete.
    In ähnlicher, schwierigerer Weise stellten sie den Paukkomment auf, den mir
mein Sekundant am Abend nach der exakten Disputation mitteilte.
    Folgendes war ausgemacht: Was in der Teorie vonnöten, ist in der Praxis oft
Wurst. Dieser Satz gilt auch umgekehrt. - Unparteiische sind Geisir und Oräfa;
sie geben das Kommando durch einen kilometerhohen, in der Mittagssonne
gleissenden Wasserstrahl und ein unterirdisches Grollen. Sodann dudelt Erich ein
Liebeslied, nach ihm Howald das seine. Das Urteil sprechen wieder die beiden
Naturburschen: ein höhnisch-unterirdisches Grollen bedeutet Unterordnug des
Evolutionisten, eine blaue Dampfwolke Auswischung des Philosophen. Sekundant
Howalds ist Merker mit der Bumbumtrommel, meiner ein verkorxter Pfaff mit der
Posaune. - Es ist ein Kinderspiel und kommt alle Tage vor -
    Dann verliess mich mein Sekundant, und ich legte mich schlafen. Und der Sturm
brauste um unser Schiff, und der Wogengott, der tranige, wogentatzige Kerl,
saugt ihn ein und speit ihn prustend wieder aus, Eddagepolter auf seinen Lippen
und Seemannslachen in seiner verbrannten Kehle. Hoiho! Sturm und böiger Wind.
Von Nord und West fährt er her, mein Lieb, und stösst nun über uns hin, ruhelos -
was ist Leben, was ist Liebe? Hoiho! Wind und Regen und böiger Sturm! -
    Die Nacht ging hin, der Morgen kam, und die Mensur begann. Howald war an
Land gegangen, ich blieb auf dem Schiff und sah vor mir die welligen
Schneetücher der südlichen Höhn, die Weiden und Birken, die unter der niedrig
zwischen gelben Schneewolken herablugenden Sonne dahockten wie phantastische
Gnomen und eingepelzte Riesenkinder. Die Unparteiischen gaben das Kommando und
ich spielte mein Lied und erzählte vom trüben Winter, von grauen Wolken, die
über die dämmrige Erde Flocken streuen, und vom Jüngling, der in diese Flocken,
die tanzenden, leisen, blickt und der Liebsten denkt - und sie dann plötzlich
dahin fahren sieht, in Pelze gehüllt, die Schellen klingen, die Rosse dampfen,
und mit lachenden Augen blickt sie in die stöbernde Weite -
    Marga lachte, die Gefährten lächelten, und die verschneiten Weiden und
Birken kicherten ihre Schneekapuzen herab: weshalb springt er nicht auf den
Schlitten und nimmt sie sich? Der bange, der dumme, der spezifische Träger der
Lächerlichkeit - der Mensch! -
    Da paukte Merker, und Howald setzte sein Horn an den Mund. -
    Und vor mir sehe ich einen sonnenlosen Julitag, der auf einem Exerzierplatz
die Zeit verdöst; aber unter den sieben verkrüppelten Akazienbäumen üben sie
unentwegt, rühren sie unentwegt ihre Trommel und blasen im grässlichen
Durcheinander ihr ewig gleiches, ewig falsches Signal sich in die Ohren; in den
unwirklichsten Dissonanzen, in den quäkendsten, schreiendsten Wehmuttönen
schlingen und knäueln sich ein Dutzend hoffnungslose Versuche zusammen zu einer
jämmerlichen Apoteose biderbsten Fleisses und ewigen Nicht-Gelingens - das ewig
gleiche falsche Signal: oh wie liebe ich dich, scientia, mechanica, matematica,
oh wie liebe ich euch, die ihr mir die sieben Welträtsel knacktet, mir dem
Zerschmetterer Kants und dem unendlichen Schwätzer und Enträtseler der Welt - es
ist, um in die Wolken zu gehen.
    Aber Marga lachte, die Gefährten lächelten, und die verschneiten Birken und
Weiden kicherten: warum isst er nicht? warum trinkt er nicht? warum treibt er
nicht Unzucht und schläft? Warum bläst er denn? Aber immerhin: ein pläsierlicher
Mensch, ein sapienter Mensch - der lustigste Witz der Welt! -
    Da stieg die blaue Dampfwolke hoch und wischte mich weg. -
    Das sind mir abstruse Tölpel! Das sind mir Unparteiische! Wie kann man das
lieben, mit dem man kämpfen muss Stunde für Stunde, das man unterkriegen muss und
kann es nicht, das unser Leben zur Hölle macht, mehr als Hunger und Qual zum
jammervollsten Inferno macht! Das mir jeden Tag vergällt, mich kein Ding ansehn
und geniessen lässt, ohne dass ich fragen muss: was seh ich da? - wie seh ich es? -
was steckt dahinter? - weshalb frage ich darnach? - was ist das, wenn ich mich
frage? - - Das lieben? Vermaledeite Tölpel!
    Als Howald an Land zurück gerudert war, machte er einen Versöhnungs- und
Wiederanbiederungsversuch: Philosophie und Wissenschaft gehören nun einmal
zusammen; und bedenke -
    Bedenke! Erst wischst du mich nach berühmten Mustern aus und zimmerst dann
mit deinen dürftigen Experimenten und Begriffsbrocken eine Welt zusammen und
rufst mich zurück, meinen Segen zu diesem Gebäu zu geben? -
    Nicht so, Lieber. Bedenke, sind wir nicht nach Island gefahren, um das
Ergebnis unserer exakten Forschung unserer Formel unterzuordnen? Das Probieren,
Konstatieren, Registrieren dem reinen Denken? -
    Denken? Denken? Ich habe das Denken satt! Ich gehe in die Wüste, auf den
Vatna Jökull - Denken? -
    Dann steckte ich eine Rolle unbeschriebenen Papiers und ein Paket Zündhölzer
zu mir, machte mich auf und ging gen Osten in die Wüste; erreichte nach einigen
Tagen den Torsa, von dessen Ufer aus ich den Hekla seine Rauchwolken in den
Himmel blasen und die blauen Gletscher des fernen Oräfa herüberspiegeln sah und
langte um die Zeit der Sonnenwende im Lande meiner Sehnsucht an -: auf den
Gletschern und Eisfeldern des Vatna Jökull wanderte ich.
    Und die Menschen, die mir auf meiner Pilgerstrasse oder im Lande meiner
Sehnsucht begegneten, verscheuchte ich, indem ich einen Bogen des übrig
bleibenden Papieres in Brand setzte und ihn schweigend unter ihrer Nase
verbrennen liess.
    Mein Trank war geschmolzener Schnee und meine Speise süssgefrorene
Ebereschenfrüchte, Moose und Cetraria islandica - mein Lager aber war der
Schnee, meine Decke der Himmel mit seinen Stürmen und Sternen, und noch manchen
Bogen Papieres trug ich: so war ich gegen die schmutzige Not des Lebens zwiefach
geschützt und begann nun ernstlich, die Hydraköpfe meines Denkens totzuschlagen.
    O hätte ich einen Gesellen gehabt, der mir bei jedem aufsteigenden und
aufquellenden Gedanken eine Kopfnuss oder einen Schlag vors Maul gegeben hätte! -
Ich hatte Marga gebeten, mir solchen Liebesdienst zu tun:
    Nicht denken - ei ja; deswegen brauche ich aber nicht erst in die Einsamkeit
zu gehen -
    So suchte ich mir einen anderen Gehilfen: das Denken ist ein
Verbrennungsprozess, und darum muss er gelöscht werden, wie der Heilige von Padua
seine Liebesglut löschte. Merkte ich also, dass etwas wie ein Gedanke aufflackern
wollte, dann -
    Haha! das will wieder ein Gedanke werden - warf ich mich kopfüber in den
Schnee und kugelte mich in der stäubenden Wolke. Und sagte ich mir dann:
    Jetzt wird der Gedankenembryo erstickt sein - Haha! Da ist der Schnee! -
    Und nach langen Wochen war ich soweit gekommen, dass ich nicht mehr dachte! O
Loo, nicht mehr denken!
    Das letzte Sich-Aufbäumen jenes rätselhaften, grausigen Tiers, das ihr
Gedanke nennt, klammerte sich an Marga und liess sich erst nach schwerem Kampf,
tagelangem Hinaufkriechen und Hinunterwälzen auf dem scharfen Gletschereis
endgültig niederzwingen.
    Warum hast du Marga gepriesen und nicht deine scientia? Aus Wahrheitsdrang,
so prahltest du, und hast doch gelogen. Warum nur hast du gelogen?
    Warum gerietest du mit Howald in Streit? Warum wurde deine Formel so schwach
gegen seinen Zweifel, dass du zanktest?
    Und warum unterlagst du? Warum zerplatzte deine Formel und wurde deine Welt
zerstört, dass du das Denken fliehst? Weil du Marga liebst? -
    So weit musste ich das Höllentier beissen lassen, da packte ich es und rang
mit ihm, da begann ich einsam in mondbeschienenen Nächten und an kurzen Mittagen
am vergletscherten Nordhang des Oräfa hinaufzukriechen und hinunterzukugeln,
immerfort - durch die Spalten und Risse, über den Schutt und die scharfen Blöcke
weg - die Sterne lachten dazu, und der Schnee knirschte vor Vergnügen. Da zwang
ich das Tier, da zerriss ich es Glied für Glied unten im Eiswasser und
Moränenschutt - -
    Drei fahle Blitze - jetzt liegt es unter dir - jetzt bist du soweit - jetzt
hast du dein Glück - lautlos, unfassbar, bläulich fern - dann wurde es Nacht,
tiefste Stille, tiefstes süssestes Dunkel - nicht mehr denken - -
    Wie lange das währte? Eine Sekunde, ein Jahr - hat das Nicht-Denken, das
Glück eine Zeit? - - -
    Oh Loo, der Wind stösst grimmig über die Heide und aus dem Osten klettert
grau und unwirtlich die Nacht - lass uns gehen. -
    Aber sie warf sich über ihn und hielt ihn so lange fest, bis die Nacht über
ihnen war und sie im Regen nach Hause stolperten.
 
                                Osmunda regalis
Im feuchten Gebüsch, auf den Hängen des Landwehrgrabens, breitet der Königsfarn
seine gewaltigen Laubwedel aus. Dort hatten ihn Erich und Loo überrascht, wie er
aus seiner hohen Rispe die Sporen zur Erde streute. Da hatten sie ein Stück des
Lehmbodens, der von den keimenden, ihren chlorophyllreichen Inhalt entleerenden,
Sporen wie mit feinem grünen Sammet bedeckt war, ausgeschnitten, um ihre weitere
Entwicklung unter einer Glasglocke zu verfolgen. -
    Komm mit! - Und sie führte ihn in das Turmzimmer, betrachtete flüchtig ihr
Präparat unter dem Mikroskop und bat ihn dann, hineinzusehen:
    Er ist reif geworden! -
    Die Anteridien des bandförmigen Vorkeims hatten sich unter dem Druck des
Deckglases gelöst, und die Spermatozoiden schwärmten aus - drängend, hastend, in
einem taumelnden unruhvollen Suchen, bis zwei, drei in den offenen
flaschenförmigen Hals eines nahegebrachten Archegoniums eindrangen, um sich mit
der tiefgelegenen Eizelle zu vereinigen. -
    Hm! -
    Hm! Ist das alles, was du hier zu sagen weisst? Sagt es dir nichts?
garnichts? -
    Nun, das Präparat ist sehr hübsch - alle Anerkennung, liebe Loo. -
    Sonst nichts? -
    Nun ja, viel und wenig - im Grunde garnichts. -
    Wieso? -
    Wenn du es wissen willst -: dieser kleine ungestüme Spermatozoid und das
offene Archegonium ist das, was wir Liebe nennen. Und dann - wie sage ich es am
besten? - kehre den Satz um: die Liebe ist jenes Spermatozoid und Ovum - und die
sind Plasmagebilde mit der Funktion der Fortpflanzung. -Es ist ein Schauspiel,
ein schönes, gewiss. -
    Das ist die Liebe? Das? -
    Das ist meine Liebe und deine, ist die Liebe. Frage lieber nicht, was wir
aus ihr gemacht haben. -
    Nein, nein! Du lügst! Weisst du, du lügst! -
    Es ist die Wahrheit. -
    Aber ich mag solche Wahrheit nicht. Das ist auch garnicht wahr - du lügst,
weisst du - du lügst! Soll ich dir einmal sagen, weshalb ich dich so lieb habe?
Weil du mein Leben bist, weil - weil ich dich liebe! Das ist etwas anderes, das
ist mehr als das - das da - das ist - - pfui! -
    Sie riss die Glasplatte aus den Klammern, warf sie auf den Boden und zertrat
die Trümmer mit dem Fuss. Und als er sie beschwichtigen wollte, stiess sie ihn
zurück, trat aus Fenster und sah starren Blicks hinaus. - - - -
    Dann lachte sie hell auf, raffte die Röcke und tanzte auf ihn zu:
    Heissa! mein Schatz! Gewiss hast du recht. Das ist die Liebe! Wie die Spatzen
und Katzen - aber gewiss, das ist die Liebe! Was kann ich dafür, dass ich Mensch
bin? Tanze, mein Freund - eins, zwei, drei - tanze! O weh! Was kann ich dafür,
dass ich Weib bin? Tanze, tanze - eins, zwei, drei - tanze! Wie die Tagelöhner
und Hunde - haha! Oh pfui! pfui! pfui! -
    Da fing er sie auf und führte sie aus dem Zimmer, geleitete sie über die
Treppe und den Hof, setzte sie in den Nachen und ruderte sie in das hohe Schilf.
    Und hier kauerte sie sich zu seinen Füssen, schmiegte den Kopf in seinen
Schoss und blickte traurig zu ihm hoch.
    Ich sterbe nun bald. Was soll das alles? Das ist ja alles eine grosse Lüge.
Mein Leben ist verpfuscht. - Das Leben ist so schön, o so schön - -
    Was redest du, Loo? -
    Doch, es ist so. - Weisst du, weswegen ich dir den Farn zeigte? Ach, du weisst
es schon. Wenn alles liebt, - nein! ich darf nicht daran denken. - Das Leben ist
so schön, mein süsser Freund - so schön wie die Liebe. - Aber das ist bei uns
beiden anders, das ist ja alles so über mich gekommen - -. Und darum - sterbe
ich. - Oh, das Sterben ist schön. Du wirst mir dein Märchen erzählen - mich noch
küssen - -
    Dann bat sie ihn in einer ängstlichen Hast, sie an das Ufer zu rudern; und
als sie an Land gestiegen waren und er gehen wollte, trat sie an die Efeumauer,
hob sich auf die Zehenspitzen hoch und pflückte ein Blatt; das drückte sie ihm
in die Hand.
    Jetzt gerade! sagten ihre Augen.
Als es Nacht war und der Vollmond schien, und die Sperlinge nur noch leise in
ihren kleinen Träumen schilpten, schlich mit wachsbleichem Gesicht der
Gärtnerjunge an die Efeuwand und begann mit ungelenken Fingern auf einer Geige
zu zirpen.
    Sollte das der blaue Enzian sein? - murmelte Erich, wie er in den Armen der
Geliebten lag.
    Du lügst - sprach da Loo im Traum, dann erwachte sie und warf sich über ihn.
 
                     Der dunkelblaue Enzian zum zweiten Mal
Vom nächsten Tag war in Erichs Tagebuch zu lesen:
    Morgen ist Kilian! Drei Tage Kilian! Volks- und Schützenfest auf
historischer Grundlage! Meine Herrschaften, das muss man gesehen, das muss man
gehört haben - jede Nummer gewinnt! Zehn Pfennige Einsatz! Nur zehn Pfennige!
Hau den Lukas! - Holla! Böllerschuss und Tschingdara und Zapfenstreich!
    Und auf der andern Seite:
    Sonntag, den ersten Kilianstag. Drei Schöne habe ich aufgebracht! Die eine
zwischen den Gärten; zuerst stahl ich für sie Birnen, dann knöpfte ich ihre
Blouse auf und hinter einer Hecke kam sie zu Fall - Winden knüpfte ich um ihre
Schenkel; ich wette, sie trägt sie noch. Die zweite fiel am Nachmittag, beim
Tanz; ihre Brüste hüpften wie ein Paar Melonen - da führte ich sie ins Korn. Von
der dritten komme ich her - die hatte den Teufel in den Beinen.
    Und auf der nächsten:
    Montag, den zweiten Kilianstag. Heute werde ich saufen gehn.
    Und auf der vierten:
    Dienstag, den dritten Kilianstag. Als ich meinen Kater vertrunken hatte,
geriet ich an einen Ingenieur. Wir sassen auf dem Tron, er hatte eine Rede
gehalten und versuchte uns nun mit einer Erklärung der Kilowattstunde zu
düpieren.
    Zuerst amüsierte es mich, ihm zuzuhören, dann aber musste ich einer
Erscheinung gedenken, die mich zuweilen überfällt: Es stösst mir wohl zu, dass ich
mir plötzlich vorkomme als ein wie aus allen Himmeln Gestürzter, dass ich einen
Baum, eine Blume, besonders eine Hecke mit fremden Augen und masslosem Erstaunen,
mit einer betroffenen Bangigkeit anblicke und ängstlich zu mir spreche: was ist
das?
    Ich liege an dem besonnten Abhang eines Hügels und in der Ferne glänzt ein
Strom - da fällt mein Blick von den Wolken und Schwalben fort auf die
vanilleduftenden Strahlenblüten einer Fettenne. - Und plötzlich schiebt es sich
wie eine Wand zwischen mich und die geschauten Dinge, dass ich sie nun als etwas
Nie-Gesehenes, Unüberbrückbar-Fremdes, nie zu deuten Wunderbares ansehen muss.
Die Namen, die wir über sie geworfen haben, verfliegen, und ich stehe nun den
Namenlosen gegenüber - einsam, unausdenkbar verlassen, in einer unerhörten Welt,
von einem rätselhaften Grauen gepackt: was ist das?
    Und da erinnere ich mich, wie wir einmal die fetten Blätter solcher
Sedumarten zerdrückt und in dem grünlichen Schleim die Chlorophyllkörner und
Kerne gesucht haben:
    Und das Graue, meine Herrn, ist jenes Plasma, das uns alle aufbaut. Fügen
Sie etwas Quecksilberoxydul hinzu - Sie werden sehen, es färbt sich ziegelrot. -
    Da haben sie die Pflanze zerschnitten, zerfasert, zerquetscht und verbrannt
und haben gefunden, dass dieses Ding da, das sie Sedum telephinum nennen, besteht
aus dem und dem, seine spezifischen Eigenschaften sind die und die, und es
wächst und blüht dann und dann, und so und so, und da und dort. Derart haben sie
es erkannt und als etwas so Erklärtes und Erkanntes ihrem Schema einverleibt;
sie kennen seinen Stoff, seine historisch gewordene Form und seine, kausal
gedachten, physiologischen Eigenschaften; dieses dann mechanisch-matematisch
geordnet bildet die Wissenschaft über die Knollige Fettenne, und diese
Wissenschaft schliesst kühn in sich Philosophie und wenn du willst, Religion,
Ästetik und Politik.
    Aber mich trennt in diesem Augenblick eine unüberbrückbare Kluft von dem da
vor mir, etwas wie Ehrfurcht und Grauen und das herzklopfende Bewusstsein meiner
kläglichen Einseitigkeit, Kurzsichtigkeit, Subjektivität und absoluten
Unfähigkeit hält mich gebannt, bis es schliesslich mich hinwegstürmen heisst
zurück in die schwankend-feste Wortwelt der Menschen. -
    Und doch ist dieses Leben und sein Bild, die Gedanken und das Rätsel, die es
in mir auslöst, der Ausfluss einer Welt - und doch trennt mich von ihm eine
solche Kluft.
    Aber ich muss die Wand wegschieben, muss sie überspringen - aber wie? -
    Ein Joule ist nun gleich zehn hoch sieben Erg, und ein Erg ist die Arbeit,
welche ein Dyn - - höre ich den Ingenieur.
    Alles blühender Blödsinn! -
    Was? Ich? -
    Ja Sie! - Glauben Sie nicht? -
    Und zur Bekräftigung und da es gerade Kilian ist, schlage ich ihn ins
Gesicht. - Der Tron fährt hoch, die Adjutanten und Kellner springen - doch ich
wehre die nächsten ab und verlasse mit dem Gefühl eines genossenen ungeheuren
Spasses das lamentierende Zelt. - Den Abend war ich wieder da, tanzte und trank -
der Ingenieur sah mich scheel an und kniff. -
    Und auf der folgenden:
    Diese vier Tage haben mir gut getan. Keiner wusste, was er von mir denken
sollte, da wurden sie beleidigt, und es ward eine grosse Prügelei. Aber ich fange
wieder an, klarer in meiner Welt zu sehen; jetzt noch ein langweiliger Tag und
eine tiefe Nacht - dann gehe ich auf Jagd: den alten Gang, nach der Jägereiche
zum Enzian. -
    Und unter dem Datum des letzten Augusttages schrieb er auf:
    Vorgestern war ich unterwegs, und jetzt ist die Beute sortiert. - Es war um
den beginnenden Nachmittag, als ich meinen Enzian fand und so lange in seinen
dunklen Kelch schaute, bis mir nur noch so war, als sänke hier und da leise ein
herbstlich purpurnes Blatt des Faulbaums oder auch das ziegelfarbene einer
Zitterpappel zu Boden, als schrie fern vielleicht ein Häher und zögen hoch über
mir die weissen Wolken - - -
    Mit Hilfe deiner heiligen Dreieinigkeit, mit Zeit und Raum und
Ursächlichkeit, du Narr, schaffst du und bist du die Welt.
    Deine Zweifel sagen: diese Dreifaltigkeit und die Fähigkeit, durch sie die
Welt zu schaffen, ist geworden - folglich dienen sie deinem Bauch und nicht dir,
du Narr, und um die Welt zu erkennen.
    Was aber zweifelt hier, was fällt hier ein Urteil über ein anderes? - Du
über die Welt, wie du sie geschaffen hast und bist - du über dich: kann nun ein
Ding über sich - und nicht nur über sich - etwas aussagen, das etwas anderes als
es selbst ist? Kann der Geist mit Hilfe der Logik, d.i. durch sich über sich
urteilen? zumal - wenn er tatsächlich geworden ist - seine Prinzipien höchst
wahrscheinlich nicht geworden sind, um ein Organ einer adäquaten Erkenntnis zu
werden? - Und sagst du: Gut, aber die Dinge, wie sie sind ohne meine zutuende
Vermenschlichung - was weisst du von denen?
    Urteile und zweifle, soviel du willst - so sagte der Enzian - du bleibst in
deiner Welt. -
    Aber es sagt mir jeder Nerv, jeder Knochen - ich bin heraus aus meiner Welt,
ich kenne sie nicht mehr, glaube ihr und mir nicht mehr, traue mir nicht mehr -
ich bin mir selber fremd geworden! Ich bin nicht mehr der verbummelte Student,
ich bin ein Zwitterding, bin nichts -.
    Ja, wenn dich die ganze Gattung, die ganze stiere dumme Herde mit ihrem
gemeinsten und verrücktesten Triebe packt, wie willst du da noch eine
eigenartige Welt sein? -
    Wie kann Liebe so grosse Dinge tun! Liebe ist - -
    Nun, was ist sie? - läutete die kleine Teufelsglocke - du wusstest es;
Plasmagebilde, nicht wahr, du Superkluger? Soviele Individuen, soviele Welten
gibt es zwar, aber jede ist gleichzeitig ein Teil der andern. Jede ist auf
tausend andere verstreut, wird durch tausend andere erbaut und baut mit an
tausend anderen und langsam, ihr selber unmerklich, wird sie ihr Eigenes
verlieren und sich in ein Produkt der andern verwandeln.
    - Siehe den freiwilligen Einsiedler, den eigensten, freiesten Menschen, die
in sich harmonischste Welt. Weshalb bist du nicht Einsiedler geworden, Erich? -
    Und jetzt sieh Mann und Weib, um die der Geschlechtstrieb sogleich eine
gegen andere Einflüsse schützende Ringmauer schlägt - nimm zwei Menschen mit
eigenem Geist und machtbegehrlichem Willen und lasse sie in jener Ringmauer zu
ihrem Turnier auf einander los: und kommt es nach prickelndem Kampf zur
gegenseitigen Modifizierung, verknoteten Abhängigkeit, Zugehörigkeit und
schliesslichen Unterwerfung eines Teils und haben die beiden an dem Zucken der
sie verknäuelnden Fäden ihre Lust - das ist die Liebe.
    - Wie konntest du lieben! Du schwächst, auch als Sieger, dein Selbst. Wie
sehr bindet der Unterworfene noch seinen Überwinder! - Und die Frage: wer war in
eurem Fall der Stärkere? - Du lächelst, aber siehst du nicht schon mit Loos
Augen die Welt: liebst du nicht die Welt? Weswegen trittst du deiner Welt gerade
mit Liebe gegenüber?
    Hier steckt's, hic haeret aqua, hier liegt der Hase im Pfeffer und der Hund
begraben - hier wurde deine Welt brüchig und brachen die Mauern deines Hauses
ein, dass die Zweifelwinde blasen und wehen und wehe tun konnten.
    Was ist aus deiner Sehnsucht geworden? Konnte sie nicht darauf hinausgehen,
einmal die Kraft zu erlangen, deine selbstgeschaffene Welt mit kühler Verachtung
abzutun? - Und nun Liebe? Was heisst das? Kann ein Ding, wenn nichts ausser ihm
existiert, sich lieben? Sagtest du nicht: Ich bin die Welt! Die Welt sich
lieben? Wo steckt denn das Andere, das sie, um sich zu lieben, von sich scheiden
muss? O du Liebender! O du Geliebter! O du Zwitter! O du Hanswurst! -
    Uneins ist deine Welt, halb und zerstört, unselig verheddert eure beiden! Da
sitzt sie und quält sich mit Sehnen, Seele, Welt und Tod - deinem Spezialfach,
mein Teurer, aber unselig lächerrlich doppelt verwandelt und verdreht - o hau den
Knoten durch, den löst ihr nicht mehr, den löst kein Gott -!
    Oder - willst du fliehn? Versuch's. Ein gut Teil von dir, und welch guter
Teil, bleibt zurück bei Loo, ist Loo. Willst du als Kastrat in die Wüste ziehn,
als Centaur auf die Berge steigen?
    Oder - willst du so weiter leben, taumelnd und wankend in Genüssen, die für
dich keine Genüsse sind - aber stagnierende Lachen, in denen die Frösche
vergnüglich quaken, das Herdenvieh! - und in Stunden der Einsamkeit gequält vom
Hunger und Durst nach dir, deiner Ganzheit, deiner Welt - mit dem Bewusstsein,
ihn niemals stillen zu können, um dann fluchend zurückzutorkeln in die Lachen -
Tier, nur Mensch, nur Mischmasch sein?
    Ich hau den Knoten durch, ich hole mir im Tode meine Welt, mein Ich zurück,
ich vereinige mich mit mir in meiner Vernichtung.
    Dann ist die Formel gelöst; die Welt ist tot, ist nichts und wird nichts
sein, wie sie ohne mich Schaffenden nichts gewesen; ist zeitlos, raumlos,
ursachlos, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit tot. O du grosser Tod.
    Doch noch einmal wollen wir aufflammen wie ein schönes Licht - dann wird die
Zeit getötet, die Ursächlichkeit erschlagen und der Raum gewürgt, dann wird die
Formel gelöst. -
    Und Loo? Reiss sie mit! - Lass sie leben, was liegt an ihr?
    So? was liegt an ihr! - Das, dass die Tiere kommen, die feigen, viehischen
Weniger-als-Tiere und täppisch, geil und widerlich in meiner Welt, meinem Erbe
wühlen: ihr vorschnarren was Gnädigste ersehnen, bin ich - äh, Assessor Pavian,
äh, Graf Schimpanse auf Gabun - - O die Affen! O der Mischmasch! - Loo leben
lassen? Reiss sie mit, sie ist deine Welt.
    Ich werde auch Loo erschiessen. Ich tu's - oder sie mag zusehen, wie sie zur
rechten Zeit es selber tut.
    Da lachte die blaue Glocke, da nickte der karnevalbunte Herbst mir zu, dass
die roten flittergoldnen Blätter aus seinen Haaren stoben - ein Wind tat sich
auf, ein Häher schrie - da erwachte ich, riss die Glocke aus und warf sie dem
feixenden Alten ins Gesicht: lach du - ich tu's.
 
                                   Hagebutten
Als nach dem Bade Erich im Fenster lag und in den Abendhimmel blickte, reichte
ihm der Postbote einen Brief herauf. Er öffnete ihn, las ihn, zog die Stirn in
Falten und sprach zu sich: Ahnt sie etwas, oder macht sie sich selber daran?
    Er sprang aus dem Fenster und ging ins Bruch, wo die Batrachier kantierten.
    Was hältst Du, hatte Loo geschrieben, vom Traumorgan? Weshalb soll ein
Einwirken Verstorbener auf Lebende nicht möglich sein? und umgekehrt? Sogar mein
Vater gab zu, dies wäre a priori nicht zu leugnen - oder vielmehr, es sei ein
Auswuchs der Schopenhauerischen Trennung von Willen und Intellekt; hätte es
damit seine Richtigkeit, so wäre die Frage diskutierbar. Denn das stehe auch ihm
fest, dass der Mensch mehr sei als nur eine chemische Verbindung in historisch
gewordener Form. Und wie sollte Schopenhauer nicht recht haben: ist nicht die
Welt so wüst und traurig?
    Wende Dich nicht ab von Deinem blaustrümpfigen Mädchen - o wenn Du alles
wüsstest!
    Stundenlang allein sitze ich an der Efeumauer oder schaukele in der
Hängematte und sehe in den Garten und auf die Teiche mit ihrem Schilf; die
Astern beginnen zu knospen, und die Tomaten und Hagebutten werden rot und reif.
    An einem solchen Tage - ich hatte Shellei gelesen - war ich in einem Tale
Kaschmirs zwischen Rhododendren, Kletterrosen und gewaltigen Primeln - und Du
warst da, mein Freund - -. Und wenn das mir Lebenden geschieht, was wird erst
kommen - -? Oh, die Welt ist viel seltsamer, als wir gedacht haben. Komm nicht
zu mir in der nächsten Zeit - -
    Da stand eine bläuliche Flamme, wie ein Kind gross, an der Erlenbuschecke,
still und unbeweglich, und die melancholischen Unkenstimmchen läuteten noch
seiner und trauriger - -
    Es ist der Kosakenkolk, - sagte Erich - und die Ufer des Tobol und die
tobenden Burane, die einst in dem runden Schädel lebten, spuken jetzt im
niederdeutschen Bruch. Auch eine Metempsychose: einmal in einem verfilzten
lausigen Menschenkopf, dann in der spitzen Flamme H2S + PH3 - - Sie nähert sich
- sie kommt - sie wächst - spricht da etwas? -
    Er riss die Augen krampfhaft auf, dann machte er kehrt und ging und raste in
wilden Sätzen nach Haus.
O wie schön ist es, an übergrosser Liebe sterben zu müssen - sagte Loo zu ihrer
Seele und blickte mit dem Ausdruck tiefen Glücks in die herbststille Welt - mit
einem Lächeln süsser Müdigkeit nach hartem Kampf:
    Meine Liebe ist nichts - ist nichts anderes als was die Tagelöhner und Hunde
treibt. -
    Als so ihr alter Bekannter, der magenfarbige Ekel vor der entwerteten Welt,
kam und der Wunsch, ihn zu fliehen, und der Tod mit doppeldeutigem Gesicht
lockte und greifbarer und näher wurde, stand er bald als unvermeidlich, als
nicht mehr ferne Wirklichkeit vor ihr. Und es galt nun, für ihn Ursachen zu
suchen, d.h. das Gerne-Wollen, aber Feige-Sein zu verkleiden in ein
übermächtiges Müssen, und dem dann das Harte und Unfreie zu nehmen durch eine
moralische oder ästetische Würdigung: wie gut, wie schön ist es, so leiden zu
müssen, so zu leiden. Und die windigsten Ursachen genügen, es genügt eine
Phrase, ein kitschiges abgedroschenes Bild:
    Wird mir die Brust nicht zu eng und droht mir das Herz nicht stille zu
stehen, erfüllt es mich nicht mit unaussprechlichem Glück und kalter Todesangst,
wenn er mir seine Liebe gesteht? Wenn er mich mit in seinen Taumel reisst, kommt
dann nicht diese Liebe über mich wie ein glühender Wirbelwind, mein ganzes
schwaches Leben verbrennend und verzehrend? Bin ich nicht, wenn ich ihn in
meinen Armen habe, eine lohende Flamme? Kann sie ewig brennen? - Muss ich nicht
darum an übergewaltiger Liebe sterben?
    
    Und dann werden diese »Ursachen« vergessen - man traut ihnen nicht recht -
und man ergötzt sich an der Schönheit und Erhabenheit ihres Wertes: O wie schön
ist es, an übergrosser Liebe zu sterben! -
    Dann greift man zu Dichtern, diese Hausapoteke weiss immer Bescheid. Und der
Zufall wollte, dass ihr Shellei in die Hände fiel:
»Welch Wunder ist der Tod,
Tod und sein Bruder Schlaf -«
    Eine Seele, die auf Wunsch der Feenkönigin den schlafenden Körper verlässt,
frei im Raume schwebt und Vergangenheit und Zukunft schaut -!
    Sie träumte in die Weite, wohlig, unbewusst -
    Ein Traumorgan - die Fähigkeit, sich entlegener Vorgänge bewusst zu werden
ohne Vermittlung der Sinne, ungebunden durch die beengenden Denkformen - befreit
von der Zeit! Das hatte der Philosoph gelehrt. Und hier löst sich die Seele vom
Körper und blickt in die gewesenen und werdenden Zeiten - ein körperloser Geist
empfindet! -
    Da entfiel das Buch ihrer Hand, und die schon eine Weile starr vor sich hin
gesehn hatte, fuhr erschrocken zusammen und blickte hoch. -
    Dann streifte sie mit der Hand über die Augen und sagte laut: Ich habe wohl
geträumt. - Und dann ging sie auf ihr Zimmer und schloss sich ein, denn das
Schwätzen der Leute und der Wind, der in der Esche spielte, taten ihren Ohren
weh.
    Eine sonderbare Welt! Ich sass an der Efeuwand und war zur gleichen Zeit in
den Bergen Kaschmirs und schlug einem Dichter die Harfe - tat ich das? Ich hatte
sie in der Hand und stand vor einem Mann, der im Grase schlief. Wer war es? Er
war's! Dann spielte ich auf der Harfe - habe ich wirklich auf der Harfe
gespielt? Aber dann wachte er auf und hat mich an sich gerissen. - -
    Dann war meine Seele hierher zurückgeflogen, wo ich an der Efeumauer sass;
und das Bild des Gartens und der Teiche, das während der ganzen Zeit in meinen
Augen blieb, kam mir erst zum Bewusstsein, als meine Seele zurück war. Und da
erschien mir das alles fremd - die Astern, das Schilf und die Tomaten; und als
ich es erkannte, musste ich lächeln, ich glaube, ich habe gelacht.
    Und wenn ich dann tot bin - und mein Geist beginnt zu wandern - -
    Wenn den »Gründen« und »Ursachen« das Unangenehme genommen ist, und man sich
ergetzt hat an dem Guten und Schönen der noch immer mit Schmerz verbundenen
Handlung, wird ihr auch der Schmerz genommen: nicht um ihrer selbst willen, auch
nicht des Guten und Schönen, das sie begleitet, wird sie begangen, sondern sie
ist zum Mittel geworden: Der Tod nicht Flucht, sondern Übergang zu einem
körperlosen und als solchem freieren und reineren Leben.
    Und jetzt dürfen sich die ersten »Gründe« und der letzte »Zweck« die Hand
reichen und ins Bewusstsein treten: Sterben, um dem unfreien und gemeinen Triebe
zu entfliehen in ein ewiges, körperloses Land, in ein Land der Seelen, wo nur
die Seele liebt. -
    Aber sie wusste nichts von der Komödie, die sie sich selbst gespielt hatte,
sondern ging still in den Zimmern, dem Hof und dem Garten umher - mit ernsten
Augen und mit lächelnden Lippen.
    Damals schickte sie Erich den Brief, er möge jetzt nicht kommen, denn die
Astern gingen ins Knospen und die Hagebutten würden rot und reif.
    Aber nach einigen Tagen schrieb sie ihm abermals, er möge kommen, denn es
sei alles bereit.
 
                               Phallus impudicus
Auch Erich steckte mitten in seiner Komödie.
    Aber in Ruhe und Ordnung soll es vor sich gehen. Nicht dass am Ende die Leute
mir in ihrer furchtsamen Weise vor dem Unverstandenen den Verstand absprechen. -
Aber was liegt daran! mögen sie es tun und die Glocken läuten.
    Meine Schulden betragen zweitausend Mark; hätte ich ihrer mehr, so wären sie
das imaginäre Überbleibsel eines Abendessens oder einer Liebesnacht - der Himmel
bezahlt's.
    Meine Raritäten und Siebensachen, die mir lieb sind, weil ich sie selbst
gefunden und gepflegt habe, mitnehmen kann ich sie nicht - zerstören und
zerkrümeln wir's. -
    Dann setzte er sich hin, um den Abschiedsbrief zu schreiben. Und da sein
Blick dabei auf einen Strauss roter Moschusmalven fiel, den er am Morgen
gepflückt hatte, bemüssigte er sich zu der Bemerkung: Oh ihr! Ihr werdet faulen -
anrühren wird man euch ja nicht - und den Infusorien ein Heim bieten; das Rad,
das öde, rollende Rad! -
    Jetzt halt ich es auf - begann er zu schreiben - morgen falle ich ihm in die
Speichen, oder es geht über mich hin: es ist eins wie das andere. Drüben in der
Heide in dem Kiefernbusch, in seiner Talschüssel, bei dem Birkenmädchen und
ihren Wacholdergreisen, da soll's geschehn.
Blickt nicht auf mich so ernst, so kummervoll,
Kopfschüttelt nicht: ach, unser Sohn war toll -
    Nanu! - lachte er und riss das Blatt heraus. Packen wir es anders an:
    Der Himmel blaut und die Sonne lacht, und wenn man Abschied nimmt, muss man
hoffnungsvoll und fröhlich sein - -
    Auch das ist nichts - murmelte er und zerriss das Blatt. Das Epitaph eines
unglücklich Verliebten. Das Grabgebrumm eines durchgefallenen Kandidaten! Wie
kann ich denn ihnen meine Gründe so darlegen, dass sie mein Handeln verstehn! Wie
können sie meine Gründe auch nur für einen Augenblick von ihren Meinungen über
sie trennen! Sie werden immer in ihren Augen zu den ihrigen, und sind dann als
solche für sie unzureichend.
    Dann warf er seine Petrefakten und Knochenrelikten in den Mühlenbach und
ging den alten Weg und geriet mit der Weile in ein dorniges Gestrüpp, in dem
krochen ockerfarbige Schleim- und gallertige Zitterpilze auf modernden
Hagedornästen, die an anderen Stellen zerfressen wurden von bläulich-weissem
Schimmelbelag und dunkelhutigem Hallimasch; mächtige Konsolen des Zunderschwamms
entquollen einer sturmgebrochenen Buche und grünblaue und orangegelbe Flechten
siedelten und hingen allerorts; über allem aber tronte wüst und beschmutzt ein
verlassenes Elsternnest, und unter ihm erfüllte alles eine fliegenumschwärmte
Stinkmorchel mit ihrem beissend aasartigen Geruch -.
    Wie sie um den triefenden Phallus gieren und schwärmen -! Ihr Leckerbissen,
ihr Ideal - impudicus! Impudice! impudice!
    Habe ich Recht dazu? Habe ich keine Pflichten gegen andere? - Pflichten
gegen andere sind egoistische Forderungen dieser Andern an mich; nur in diesem
Sinne haben sie mir »Gutes getan«, und das habe ich nicht verlangt und nur in
meiner Schwachheit angenommen, anstatt es zurückzuweisen. Und soll ich für diese
Schwachheit jetzt büssen, indem ich in ihr verharre? -
    Habe ich Grund dazu? Treibt mich nicht ein Selbstbetrug, eine Täuschung? Die
könnte nur in der Art liegen, wie ich meine Welt anschaue. Und dass die Welt
meine Vorstellung ist, und dass diese schöpferische Vorstellung ihr Eigenartiges
verloren hat, das ist die Wahrheit. Und ebenso wahr ist es, dass ich ohne eine
eigenartige, ganze Welt nicht lebenswürdig leben kann. -
    Treibt mich auch keine Feigheit? Nicht das Gespenst: ewig missmutig, nörgelnd
und reuegequält, verarmt und hungernd, ein abschreckendes Exempel und leicht zu
erreichendes Mitleidsobjekt: ein verbummelter Student? - In einem Jahr könnte
mir der Bauchhaarige den Doktor und der Graf die schöne Erbin geben, und wollte
ich es anders, so segelte ich noch in dieser Stunde mit ihr und ihrem Geld nach
Indien.
    Schreckt mich nicht das Bild, in einer verknäuelten und verkrümelten
Zwitterwelt leben zu müssen, einer Welt, die nur zum Teil, und auch da nur meine
verzerrte Schöpfung ist?
    Nun, so etwas wie einen Grund muss ich doch haben, und diese drohende
Zwitterwelt fliehen zu wollen, ist eben mein Grund.
    Ist das Feigheit? Wo mir ein Zustand winkt, den Tausende mit dem Gefühl, in
ihm das Glück zu packen, empfangen würden?
    Aber das sind alles nur Gegenargumente für euch. Ich bin das Einzig Eine,
das was fest steht, in dem Alles lebt und ist; alle Welt, der Friedlos hier und
die Abendwolke dort, der Sternennebel im Hauptaar der Berenike - ich bin Raum
und Zeit, in mir ist alles verbunden durch Ursache und Wirkung, ich bin der
grosse Namen- und Sprachenschmied, in mir ist Chaos und Dissonanz, Ordnung und
Harmonie, ich bin das grosse Doppelgesetz, ich stelle die Rätsel und Geheimnisse
und löse sie auf - ich bin das X, bin Gott, All, ich bin die Welt!
    Und dann? - Dann ist die Welt tot. -
    Wer sagt denn, dass zu meinem Ich nur dies Denken nach den drei Formen und
vier Prinzipien gehört? Der Körper ist schon gedacht, existiert nur im Denken,
jede Zelle ist nur ein ins Sichtbare, »Stoffliche« umgesetzter Gedanke, Wille -
woher weiss ich, ob nicht das denkende Ich sich auch einen äterischen, ich meine
immateriellen, Körper geschaffen hat? Oder umgekehrt, ob nicht gerade dieses
immaterielle Wesen das Ursprüngliche ist? Das sich ein Organ in meinem Denken
geschaffen hat? So, dass mein jetziges Ich und seine Denkweisen seine
Sinnesorgane bilden? Deren Mitteilungen es durch höhere, feinere und mehrere
»Denkformen« verarbeitet? Wer sagt mir, dass das nicht so ist?
    O, dann bin ich erst recht, erst dreifach recht die Welt.
    Und wenn dieses höhere, reinere Ich seiner Organe überdrüssig geworden ist -
denn es ist nicht durch sie bedingt, es hat sie geschaffen - und frei wird - und
dann beginnt zu fliegen, - frei - zu - fliegen - - -
    Sieh, es dämmert, und ich finde mich wieder hoch auf dem Moorrücken bei
meinen Porsten und Goldweiden, und es wetterleuchtet - o blitzt nur blau,
gedankenschnell und fern: wer weiss, ob ich nicht morgen schon blitze wie ihr,
schneller als ihr, schneller, höher - höher als der Gedanke -!
    Da nach einer Weile das Wetterleuchten unter den Horizont sank, nahm er
Abschied von dem moosüberwölbten See und ging heim.
    Einen Abschiedsbrief schreibe ich nicht; sie mögen die peinliche Affaire,
zumal wir beide den gleichen Weg gehen, einer unglücklichen Liebe aufs Kerbholz
schneiden. Und wo und wie sie meinen Leib finden -: fragt die junge Imago nach
ihrem Gewand, wenn sie es abstreift und in die Lüfte sich schwingt? In die Lüfte
sich schwingt -!
Nach dem Abendessen wanderte er im Garten durch den schweren Duft der
weissblühenden Tabakpflanzen und betrachtete lange den massigen Backsteinbau der
Dorfkirche.
    So ernst und fest wie für Jahrtausende - und alles Trug, ein süsser,
verrückter, boshafter Trug, und heute ein Geschäft.
    Aber deinen goldenen Clever Schwan will ich treffen! Das Wappentier über dem
Kreuz - so gehört's. -
    Und er holte die Pistole und zielte in dem matten Licht der Sterne. Hart und
laut hallte der Schuss, und in den Fenstern nebenan wurde es hell - -:
    Der traf das Schieferdach, von dem an Wintermittagen der Schnee in den
kleinen Lawinen niederrollt. -
    Und der ging durch das Kreuz, von dem im Frühjahr die Stare ihre Lieder
singen. -
    Und nochmals! Die Fenster öffneten sich und die Schlafmützen rissen die
Augen auf - -:
    Und der traf den goldenen Schwan, wie er durch die braune Nacht hinschwimmt.
Und die Schlafmützen knurrten und schimpften -. Dann nahm er einen Gartenstuhl
und setzte sich dicht neben die weissen Solanazeen, deren betäubenden Duft er
stundenlang in sich sog - über ihm, über den dunklen Dächern und dem schwarzen
Turm kreisten lautlos tausend Sterne. -
    Das Auge ist noch so gut - murmelte er, als er die Waffe gereinigt und sich
schlafen gelegt hatte - und die Hand so fest, dass auch ein ferneres Ziel sich
lohnt als diese breite Brust. -
    Aber kurz vor dem Einschlummern, wenn die Traumbilder beginnen, die müden
Tagsgedanken zu überwältigen, und ihnen das Metermass und Stundenglas aus der
Hand reissen, tauchte noch der letzte müde auf: O, sie wird sterben - sie will es
ja. Warum soll sie nicht sterben? -
    Dann waren die Tagsgedanken tot, und es kam der Traum durch die Mauer, durch
das Zimmer, nahm ihn auf seine Arme und wiegte ihn - fort mit ihm! über die
Dächer, die Linden, um den Kirchturm herum - siehst du den Punkt im Schwan? Den
Kirchturm hinunter! Tiefer - tiefer - - -.
 
                                 Der Grünspecht
Am nächsten Morgen kam ihr Brief:
    Du Lieber, ich habe Dich unsäglich lieb. Ich bin ganz nur Du, denke nur
Dich, fühle und träume nur Dich. Ich bin um Dich Tag und Nacht, ich wiege Dich
auf meinen Armen in Schlaf und küsse Dich mit meinen Lippen wieder wach. O wie
lange haben wir uns nicht gesehen. Aber Geliebter, weisst Du auch, wie lange wir
uns schon vorher gesehen haben und gekannt und lieb gehabt, bevor Du mich trugst
über den Bach, schon so lange, o wie lange. Wie wir in Indien waren - wie lange
ist das her! - ich Dein Page und Du mein Ritter - o wie die braunen Weiber Dich
mir neideten! - wie ich Dir sang in dem einsamen Zelt und die Harfe schlug -,
weisst Du das wirklich nicht mehr, Geliebter? Ob Du das noch weisst! Und wie lange
wir uns darnach noch gesehen haben - und sehen werden!
    Wenn ich gestorben bin und Du die alten Wege wieder wandelst, durch die
Weidenbüsche, über die Heidehügel, und es Abend wird und die Nebel ziehn -, dann
wehe ich leise zu Dir, und Du merkst mich nicht und ich bin doch um Dich,
schwebe immer um Dich durch Heide und Wald -, dann setzest Du Dich nieder, müde
vom Wandern und trauriger Sehnsucht voll - und ich schmiege vom Rücken her meine
Arme um Dich und drücke meine Lippen in Dein Haar - auf Deinen Mund, und Dein
warmer Atem durchweht mich wieder -. Warte nur, warte!
    Du musst nun heute zu mir kommen, Vater ist verreist und Alles bereit. Wir
gehen zuerst dortin, wo die Weidenröschen und Erlen stehn; dann wandern wir in
den Wald, wo an der glatten Buche der Specht lacht; und dann über die Heide in
das Dorf, wo unter der alten Eiche der Champagner wartet. Und dann trägt uns ein
Wagen ins Schloss, wo ich zu Dir tanze als Dein Page im schwarzen Pagenkostüm.
Und dann - ach dann -! -
    Als Erich kopfschüttelnd den Brief gelesen hatte, schob er eine Patrone in
den Pistolenlauf und machte sich auf den Weg.
    Auf der Mühlenbachbrücke sass ein Schustermeister und liess die
weissgescheuerten Holzschuhe auf den Zehen baumeln.
    Morgen, Examen gemacht? -
    Gemacht. -
    He is duhn - knurrte er ihm nach und spuckte in den Bach.
    Aber Erich ging festen Schrittes weiter und kam nach einer Stunde bei den
Schlossteichen an.
    Und als er um ein letztes Heckengebüsch bog, flog Loo, dunkelrot gekleidet,
wie eine Katze auf ihn zu, riss sein Hemd auseinander und presste ihren Mund auf
seine Brust. Dann hängte sie sich in seinen Arm und führte ihn über die holprige
Dorfstrasse zum Schloss. Als sie auf der Brücke stehen blieben und den
hochrückigen Karpfen zusahn, fühlte sie die Pistole in seiner Brusttasche.
Schnell wie ihr Gedanke griff sie zu und zog sie hervor.
    Und hiermit will mein Freund sich totschiessen? Ach, du dummer Freund! Du
hast nur eine Kugel bei dir, und die steckt im Lauf. Soll ich den goldbuckligen
Herrn da unten anschiessen? Eine Hand darunter oder zwei -
    Da krachte der Schuss und goldgelbe Schuppen schwammen auf den kleinen
Wellen.
    Und jetzt könnte ich sie hinterher werfen - aber sie ist so sauber und
blank. Ich werde Kugeln holen - wollen wir Karten schiessen? Herzen schiessen,
rote Herzen schiessen? - Weswegen wolltest du dich nur totschiessen? Ich komme
doch wieder. Ich hol Karten und Kugeln - und dann - gehen wir baden, dummer
Heinz! -
    Sie eilte fort. - Nun, hast du dein Examen gemacht? Sonst mach's hier!
Hinunter! und beisse dich fest in die Laichkräuter und Algen! Wie die Wildente,
weisst du noch? - Aber dann schüttelte er den Kopf und lehnte sich über das
Geländer und blickte in das trübe Wasser, auf dem junge Enten an den Schuppen,
die da noch schwammen, ihre Schnäbel versuchten.
    Was meint sie mit dem Wiederkommen? Was meinst du mit dem Wiederkommen? -
    Er nahm ihre zwei letzten Briefe aus der Tasche und las sie Wort für Wort.
    Das immaterielle, über- und vormaterielle Wesen, das sich unser Denken als
Organ gebaut - spukt das auch in dir? Nach deiner Art? Weswegen spuken? Und wenn
wir gestorben sind und es ist so? -
    Da fühlte er, wie sie sich über ihn lehnte und hörte sie an seiner Wange
flüstern:
    Glaubst du jetzt, dass ich wiederkomme? - Ich habe dir Kugeln mitgebracht.
Karten mit roten Herzen gibt's nicht bei uns, da habe ich ein Buch genommen; das
wollen wir zerschiessen. Tristan und Isolde - ach lache nicht! -
    Da wandte er sich um, - mag es sehn, wer will - hob sie hoch und trug sie
über die Brücke -.
Es war Mittag, als sie gebadet hatten und zu der Buche kamen, die da am Rand des
Waldes wächst.
    Jetzt ist das Buch zerschossen, Loo; und Tristan und Isolde sind wieder
einmal tot. -
    Lieber, ob nicht die beiden wirklich gelebt haben und noch leben? - nicht
als Mensch, ich meine: als Geist, umherschwebend, als -
    Als ein immaterielles Wesen - nicht wahr, Loo? -
    Und die erzählen nun denen, die ein Ohr haben für Geisterstimmen, ihre
Schicksale, traurig-süss. Liesse sich das nicht denken? -
    Und eben, wie wir die Geschichte zerschossen, waren sie um uns; sie haben
schon heute Morgen dir ins Ohr geflüstert, wir möchten ihr süsses Leben wieder
lesen -
    Es ist so einsam in der Geisterwelt. - Was werden sie wohl gedacht haben,
Heinz, als unsere Kugeln um sie pfiffen? -
    Gelacht haben sie. -
    Sie hatten sich auf das spärliche Gras und die Moospolster, die aus der
Blätterschicht unter der Buche hervorquollen, hingestreckt, Loo dicht neben
ihren Freund. Nun legte sie den Kopf auf seine Brust -
    Du bist mir noch dein Märchen schuldig. -
    Da nahm er ihre Hand und erzählte:
    Du weisst, ich wanderte auf dem Vatna Jökull - -
    Da klang es: tra-tra-ruuuh!
    Der Evolutionist! rief ich und warf mich in den Schnee.
    Tra-tra-ruuuh!
    Der Evolutionist! ruf ich und rolle über eine Schneebrücke und stürze mit
der einbrechenden klaftertief hinab. Ganz langsam und weich schlage ich auf
messerscharfen Eisblöcken auf.
    Jetzt fängt das Denken wieder an - sage ich, dann legt es sich purpurn über
meine Augen. -
    Und wer sagt dir denn, ob nicht deine Prinzipien und deine Anschauungsformen
nicht nur geworden, sondern geradezu erlogen sind, lebenbedingte Lüge sind von
Anfang an? - höre ich Howalds Stimme über mir. In einem grausigen Nest von
Unsinn und Brutalität endete mein Liebeslied von Reikjavik. Da habe ich den
Evolutionisten an den Nagel gehängt und mich verschworen, dir zu folgen.
    Denn du hattest recht; aber deine Formel ist halb, mache sie ganz: Die Welt
ist das Vergnügen, das Vergnügen ist die Welt! - Das ist der Weisheit
allerletzter allerbester Schluss; eine Formel, die in sich schliesst eine
Wertschätzung alles Lebens, aller Wissenschaft und aller Moral, eine, die Ja und
Nein sagt - Wache auf! -
    Und unser Schiff bauen wir um; wollen wir die jetztzeitige Litteratur in
Ballen unter seinen Kiel heften? Denn ich will urteilen wie der Oräfa, wenn
besagte Jetztzeitige unser Musarion nicht in die Lüfte hebt: kraft ihres
geringen spezifischen Gewichtes und ihres enormen Auftriebs wird sie es in ein
Luftschiff verwandeln - wir steigen in die Lüfte, wir streichen unsere Geige und
werden fliegen, fliegen werden wir! -
    Und wir bestiegen unser Schiff, nahmen den Grotesken Riesenbogen und geigten
längs den Fär-Öer und Shetland Inseln, durch das Skager Rak, Kattegatt und den
Sund auf Greifswald zu. Dort schlugen wir dröhnend die Ankerpauke, auf dass wir
an Land gingen, und am nächsten Morgen wurde Musarion von den Eldenaer und
Wieker Pferden und Schiffern an Land gebracht und vertaut; wir aber begannen mit
dem Engroseinkauf der gesamten schönen und philosophischen Litteratur, die die
letzten zehn Jahre an das Licht der Sonne gekotzt hatten; dazwischen hurten und
soffen wir und schlugen uns die Schädel ein.
    Bis es eines Tages in der Gesellschaft ruchbar wurde, dass unser Schiff
beschlagnahmt werden sollte. Auf unsere Erwiderung, die Fähigkeit Musarions, als
Luftschiff zu fungieren, beruhe auf der Windigkeit der Jetztzeitlitteratur und
habe mit dem Staate nicht das Geringste zu tun, ward uns zur Antwort, gerade
Dieses träfe den Staat ins innerste Mark - entweder nicht geflogen, oder
verstaatlicht und unter Polizeiaufsicht geflogen.-
    Da spannten wir einen Droschkengaul vor unsere zwölf Bücherwagen und jagten
nach Wiek; und da wir die Saiten beschlagnahmt fanden, stürmten wir auf die
Stadtwache und mit zwölf Pickelhauben nimmt Howald es auf -:
    Ei, wozu habe ich meine Quart gelernt? Und meine Terz? Und meine brillante
Prim? - Die Saiten her! Und hussa nach Wiek! -
    Die Bücherballen sind festgebunden, sie treiben uns reissend hoch, dass die
Haltetaue klingen und singen - Pfiffe gellen, Blendlichter gespenstern über den
Hafen und brüllend und übereinanderkugelnd wie ein betrunkener Bienenschwarm
stürmt die Horde an - unsere Freunde voraus, ein Sprung, die Taue durchkappt,
und wie eine ungeheure Granate heulen wir hoch! Kugeln schlagen ein, die Wut und
Enttäuschung tief unter uns schreit und wimmert herauf, aber wir haben eine
Saite befestigt und streichen unsern königlichsten Bogenstrich, und fort fliegen
wir, als machten wir Jagd hinter Sonne und Mond. - Am Morgen hingen wir über den
südlichen Ausläufern des Ural.
    Wohl hatte bei der tollen Flucht sich jeder von uns gesagt, dass es von jetzt
an für ihn mit der menschlichen Gesellschaft zu Ende sei: allen Winden und Nöten
preisgegeben, sturmgetragen wie der Vogel in der Luft, allein vertrauend auf
unsern königlichen Bogenstrich und kriegerischen Paukenschlag würden wir irren
durch die Welt, ruhlos von Stadt zu Stadt, rastlos von Land zu Land - ohne einen
Gott, dem wir vertrauen und unsere Leiden als liebende Züchtigung, unser
Nicht-Wissen als vorsorgliche Huld zuschreiben könnten, an dem wir verzweifeln
und dem wir fluchen könnten, ohne eine Wahrheit, ohne ein Ideal, ohne Gut oder
Böse, Schön oder Hässlich, Sünde oder Tugend, ohne Liebe oder Hass, ohne
Verantwortlichkeit, Gehorsam, Pflicht oder Mitleid, ohne Gesetz oder
Willkürlichkeit, ohne Freund und Geliebte, Mensch, Staat, Familie und
Gesellschaft, Ding oder Tier - nur uns und unser Musarion und den skeptischen
Herrscherblick über die weite Welt; unsere sonnengewöhnten Augen, unsere
Flüchtigkeit und wüstenbraune Haut, unser Nicht-Tier, unsere lohende Lust und
grüner Ekel würde uns verraten in der alten und neuen Welt, Jeder könnte uns
fassen mit seiner schmutzigen Schacher-und stinkenden Alltagsfaust, uns aus
seiner verbrannten Kehle anpoltern und mit seinem nervlosen Jargon anhauchen:
    Da ist einer! Da ist einer vom Musarion! Ein Musarione! Haltet ihn! haltet
ihn! -
    Wohl wussten wir das, aber jetzt schwimmen die purpurn und goldnen
Morgenwolken gerade unter uns und lasse die Erde verschwinden, und wir selbst
sind nichts denn eine goldene schwebende Wolke - Freiheit! Freiheit! -
    Was weinst du, Loo? Wenn du weinen willst, gehe ich allein. -
    Gleich einem herbstverwehten Ampelopsisblatt liegen im Abendlicht die
gewaltigen Seebecken des Lorenzstromes da, wie wir über der steinigen Nordküste
des Huronsees stehen. Mit unsern Gläsern sehen wir hoch am südlichen Horizont
die Häusermeere Buffalos liegen und glauben als winzigen Silberfaden den
Niagarra stürzen zu sehen - da meldet Howald: um elfeinhalb treten wir zwischen
Sonne und Mond-, und wir bleiben über unserer unwirtlichen Küste hängen.
    Die Nacht ist wolkenlos und still, nur die Seen unter uns branden unhörbar
an den Gneisblöcken und Basalten. Hoch und mit seinen Tychostrahlen wie eine
geschälte silberne Nagarunga anmutend hängt der Mond über uns, nur der Orion und
der Bär sind bei seinem hellen Licht zu sehen. - Unsere Uhren zeigen halbzwölf,
da wird der Ostrand undeutlich und verschwimmend, ein flacher dunkler Einschnitt
frisst sich langsam ein, ein rostbrauner Kreisschatten saugt die silberne
Apfelsine in sich - langsam, geduldig, er hat Zeit -. Und wie eine Stunde
verflossen ist, ragt nur der westliche Rand wie eine schmale gleissende Kalotte
über den kleineren dunkelrostroten Körper. Hinter ihm flammen leuchtend die
Sternbilder in der dunklen Nacht auf, weissgrau und sternenleer ist der Himmel
vor ihm; das Auge beginnt zu flimmern, lange rückwärts gerichtete Strahlen
schiessen von der halbmondförmigen Silberhaube aus - und jetzt strudelt und rennt
das dunkelrote weissköpfige Gebilde wie ein riesiger Algenschwärmer mit
scheitelständigem Wimperkranz durch die Welt. - -
    Aber im Süden hinter den Seen sind Wolken aufgequollen, ein Nachtwind treibt
sie unter uns her und wie zerwühlte Kissen, in denen ein Riese schwer geträumt,
liegen sie unter uns; und der Algenschwärmer ist enzystiert, eine braune, tote
Kugel taumelt er in die Nacht. - Doch um zwei Uhr Morgens ist er vom Rost
befreit und lacht wieder mit seiner pausbackigen Bonvivantvisage in die Welt,
unschuldig dumm und süss, als wäre nichts geschehn, - und die Wolken unter uns
sind glatt und schwellend wie weisse Betten, die auf ein Liebespaar warten. -
    Nun treiben wir langsam über die Alleghanis und das Piedmont dem Süden zu;
am Abend hängen wir hoch über den Baumwollfeldern Alabamas -. Da, wie der Rand
der sinkenden Sonne den Horizont berühren will, versammelt uns unser Fuchsmajor.
    Wenn das Rätsel der Schwerkraft gelöst ist, und, ihr Füchse, es ist in
diesem Moment geschehn, - jetzt haben wir die Schere, sie zu durchschlagen, und
die Kappe, uns gegen ihre Strahlen zu schützen - ein Sprung in den Raum -! So
reissen wir uns los von der Erde und folgen der unter uns rollenden auf ihrer
Grenze von Tag und Nacht.
    Ein unverrückbarer Standpunkt im Raum: und es eilt die Sonne davon und ihre
Planeten in gewaltigen Spiralen: folgen wir ihren glänzenden Schleifen!
    Berechnen wir die Resultierende der drei Geschwindigkeiten und Wege, finden
wir den absoluten Weg und die absolute Geschwindigkeit, mit der wir unserer
überwundenen Mutter im gedankenschnellen Laufe folgen! -
Vor uns den Tag und hinter uns die Nacht,
den Himmel über uns, und unter uns die Wellen!
    Da war der von Abendwolken durchwogte Kessel, in dessen Mitte wir gehangen,
herabgestürzt und rollt als buntfarbiger Riesenball auf dem Boden einer
ungeheuren nachtschwarzen Kugel. Zu unseren Seiten die Sonne, fern, stechend und
kalt, und die Sternbilder des Südens und Nordens sind um uns. - Fliegen wir,
rasen wir durch den Raum, oder hängen wir fest wie ein Adler über unserer Erde?
    Aber wir wollen ihre blauen Meere unter uns schäumen, ihre weissköpfigen
Berge vom gelben Tag durch rote Dämmerung in braune Nacht sich wälzen sehen -!
Da lässt unser Fuchsmajor uns wie schlagendes Raubgevögel niederstürzen -:
    Die Sterne sind erblasst, Wolken und Himmel flammen und flüchten, Orkane
rütteln an unserem Schiff - aber unter uns spielen die Cañons des Rio Colorado,
rosenrote Zinnen, Türme und gewaltig ummauerte Basteien, quirlen, kreisen,
flüchten in die Nacht, eine bunt bekleckste Palette reckt sich die Yukawüste
ihnen nach -, da schiessen die steilen Ostänge der Sierra Nevada hoch,
weissfirnig kommen sie an, schlagen unter uns in roten Flammen hoch und versinken
als verbrannte, dunkelglühende Schuttaufen im Osten -. Ein Wolkentanz!
Göttliche, rosige, tanzende, kugelnde, umschlingende und umschlungene Leiber:
Bacchantinnen sind's, Meerfrauen flüchtend weisse wilde - - und nun kommt Er! Wie
ein gewaltiger wolkenumuferter Strom - der Ozean! Silberfarben aufquellend aus
dem fernen Tag, tiefblau unter uns und in Purpurtodesfarben gehüllt in den
Schlund der Dunkelheit sich giessend. Acht Stunden lang trinkt sie seinen
wogenden Purpur, acht Stunden lang hängen unsere durstigen Augen über ihm. -
Wieder ein Wolkenleibertanz über gelben Ebenen, und der Göttliche ist tot. Berge
und Ströme, der Kailas und Ganyri mit ihrem blauen Schmuck der heiligen Seen,
Bergriesen, Dschungeln und braune Wüsten fahren dahin; Babylon, Golgata und den
Nil grüssen wir; Wüsten und Meere tanzen, der wolkenstürmende Atlas flammt und
erlischt, der Ozean rauscht stundenlang - da kriechen die Brackwasser und Sümpfe
Georgiens hoch, die abendlichen Baumwollfelder Alabamas träumen wieder unter uns
und ein Tag ist hin.
    Die Saiten gerefft! Die Pauke geschlagen!
    Halb in braune Schatten, halb in bläuliches Licht getaucht, frisst sich der
unter uns rollende Globus in den Boden der sternbestickten Nacht - biegt
seitwärts in gewaltiger Spirale - jetzt nur noch ein purpurner Stern - jetzt
verschwindend im galaktischen Staub.
    Die Planeten -! Und auch sie nur Staub, in die Nacht gestreute Diamanten -
Strassenkehricht, den ein Wind aufwirbelt und verweht.
    Und die Sonne beginnt zu wandern, zu kreisen - und ist auch nur ein Stern
wie die andern.
    Fest, fester und ruhender als irgend ein Ding der Welt, Giordano, stehen wir
im Raum; silberner, flimmernder Schimmelbelag überwächst seine gewaltigen
Hohlkugelwände.
    Da fangen die kosmischen Bilder an, sich zu verzerren, öffnen sich und
treten auseinander, beginnen zu kreisen, zu eilen, zu schwirren wie ein
liebestoller Schwarm Leuchtkäfer in einer Sommernacht - und werden grösser und
gewaltiger, kommen über uns - die Hand am Steuer! - -
    Der Sternensturm ist vorbeigewirbelt, verwirbelt, verrauscht - ein silberner
Rauchring, den einer in den Äter geblasen - eine leuchtende Linse, die wir in
den Raum gerollt - die sich verliert wie ein sinkender Stern.
    Das war die Welt, war »das Ungeheuer von Kraft - die feste eherne Grösse von
Kraft - das zugleich Eine und Viele - das Meer in sich selber stürmender und
flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren
der Wiederkehr - mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen - umschlossen vom
Nichts als seiner Grenze -« und wir hängend im Nichts, jenseits der Grenze,
jenseits der Welt - . - -
    Jenseits der Welt? Und nie wieder in der Welt? - fragte Marga und sah uns
leuchtend an; dann trat sie an das Fallreep und verliess sausend als ein Meteorit
des Nichts unser Schiff.
    Horch Loo, der Specht lacht!
    Als uns, die wir im Nichts, in grundlosen Abgründen und raumlosen Weiten und
Höhen trieben, der silberne Rauchring wieder begegnete, nahmen wir Musarion die
Tarnkappe ab und überliessen uns den wogenden Strömen der Schwere und fragten
nicht: wohin treibt ihr uns? an welcher Sternenklippe spült ihr uns an? - - -
    Als wir nach endlosen Jahren Umherirrens und phantastisch-langweiligen
Weltenspuks wieder die Erde unter uns sahen, liessen wir unsere Litteratur wie
weisse Vögel nieder flattern und schaukelten wieder auf den Wellen des Ozeans. -
    In einer windig-kalten, regnerischen Augustnacht landeten wir an der
friesischen Küste; dort zündeten wir ein Windlicht an und begannen laut aus den
übrig gebliebenen Jetztzeitbüchern vorzulesen. Da begann das Schiff zu stöhnen
und zu ächzen, da schwoll es unnatürlich zu einer gewaltigen wimmernden Kugel
an, da hob es sich gleich dem schwangeren Bauch eines Meerweibs aus den Wogen
und platzte, als wir eine viertel Stunde gelesen hatten, mit einem kurzen
kanonenschussähnlichen Knall auseinander.
    Am nächsten Morgen trennten wir uns. -
    Nach manchen verloschenen Herbsten erhielten wir von Howald einen Brief,
durch den er uns zu dem Abschluss seines Lebens einlud. Wir eilten zu ihm.
    Um den flechtenfarbigen Säulenstamm einer Buche gelagert, sehen wir zu, wie
der Sommer verbrennt; wie er die Substanzen, die er unter der Sonne
zusammengebraut, in der Flamme aufleuchten lässt, um sie dann dem alten
qualitativen Analytiker in die Retorten und Gläser zu werfen: und im leuchtenden
Gold verflüchtigt das Buchengrün, blutfarben der Faulbaum und knallrot
Ebereschen und Vogelkirschen, während auf blendend weissen Dochten sich die
schwefelfarbigen Birkenfeuer wiegen und tiefpurpurn wie ein glummender
Aschenhaufen im Sumpf der Schneeball glüht.
    Hörst du, Loo, wie der Specht lacht?
    Wenn der Stab dort, um den der Kreis gezogen ist, den kürzesten Schatten
wirft, dann soll es geschehn. Wir aber sind elegisch und schauen die Buchen an;
als aber der Schatten unseres Stabes nur noch wenige Minuten Zeit bis zu seiner
kleinsten Länge hatte, fing Howald mit einer Art Gebrüll also zu reden an:
    Saufen wir! Reden wir nicht! Denn das Reden ist aller Trübsal Vater von
Anfang an. Wären wir verbummelte Studenten, wenn wir nicht reden könnten?
Buschklepper wären wir und stellten den Dienstbolzen und Schnapsausschänken nach
und wären höchstens zuweilen etwas mürrische Tagediebe -in den Momenten, in
denen jetzt unser Lamentieren am patetischsten sich gibt, höchstens etwas
mürrische, querkäuzige Tagediebe. In der Sonne lägen wir und brieten uns die
Haut braun und schwarz, und unsere ganze Sprache wäre ein Nüstern-Blähen und
eine Art stiermässigen Gebrülls beim Anblick zweier Brüste oder eines runden
Hinterteils, oder wäre ein Durch-die-Nase-Schnauben und ein inniges Grunzen wie
das einer sielenden Sau. Oh, ihr Füchse und verbummelten Studenten, wir trügen
in diesem Grunzen und Brüllen die Lösung der Welt, wir wären das Ding an sich,
und die Welt bestände nicht aus Ich und Du, wir würden nicht merken und uns
nicht einbilden, die Welt sei noch etwas anderes als Schnapsgläser und
Weiberschenkel, der Katzenjammer bliebe uns fern und wir trügen nicht den Buckel
der schweifenden Sehnsucht, wir merkten nichts von dem Chaos von tausenderlei
Meinung und Lüge, in das wir uns hineingeredet, hineingeschwätzt; da wäre kein
Wortefadengewirr, da hätten wir nichts zu entknäueln, keinen Anfang, kein Ende
des Wortelügenfadens aufzufinden, da tobten wir uns nicht in metaphysischen
Paroxysmen, in abschliessenden Formeln und Systemen aus, da brauchten wir nicht
wie heute dastehn und unseren letzten feinschmeckerischen Spass zu haben an uns,
die wir die Orientierung verloren, da unser Ich sich in Grammatik und unsere
Philosophie sich in atavistisches Geschwätz verflüchtigt hat, da brauchten wir
nicht ausserhalb und jenseits stehen, da lägen wir da und grunzten und brummten
uns mit seligen und kuhäugig dummen Augen zu Grab - oh, ihr Füchse und
verbummelten Studenten, saufen wir! Reden wir nicht! -
    Und nachdem wir noch eine Weile still und unbeweglich dagelegen hatten und
den drei, vier Buchenblättern nicht wehrten, die in kleinen spielerischen
Spiralen auf unsere Augen und Körper niederfielen, stiess Howald plötzlich einen
brüllenden Klageschrei aus und schoss sich eine Kugel in den Bauch.
    Horch doch, Loo, wie der Specht lacht!
    Als sein Körper erkaltet war, gingen wir in den Wald, um Reisig für den
Scheiterhaufen zu sammeln. Hier aber befiel uns eine sonderbar bleierne
Müdigkeit, und ein Drängen und Brausen entstand in unseren Ohren, das uns zu
unserer Buche zurückkehren hiess. Und hier betteten wir uns um seine Leiche und
wühlten uns tief in die gelben Blätter und schliefen ein.
    Oh Loo, horch, wie der Specht lacht!
    Da senkte sich vor meinen Augen ein Nebel herab und mir war, als habe ich
meine Augen fest geschlossen und sähe doch Marga aus dem Nebel treten; und ich
fühlte, wie sie mir Augen und Stirn berührte und mich hochzog an ihre Brust. Ein
Luftstrom schraubte uns hoch - da holte sie aus ihrem Busen ein Fläschchen
hervor, das duftete nach Ruchgras und welkem Tymian, und träufelte Tropfen auf
die Schlummernden. Da hebt es sich wie ein Hauch von ihnen, und ist kein Körper
mehr, und hängt sich an uns, wispert, lispert und plaudert um uns, und hebt uns
hoch und höher, über die Wipfel und Höhn - und werden wie ein Luftzug, ein Wind
- und sind Sturm und brausen durch die Lande zum Meer, und dort verteilen wir
uns in alle Winde. -
    Hell und klingend lachte der Specht auf und wiegte sich in elastischen
Wellentälern über sie hin, die nach einer sprachlosen Weile sich mit
wahnsinnswildem Ungestüm in die Arme pressten.
 
                                  Der Rehbock
Wein, Heinz, Wein! Wir gehen ins Dorf - auf die Kirmes gehn! Tanzen, süsser
Heinz! Und einen kalten Fasan mit Preisselbeeren! Und roten Burgunder will ich
trinken -
    Da schwang er sie hoch und sie umpresste mit ihren Beinen seine Brust und bog
sich weit zurück, und so begann er zu laufen, keuchend, Hügel auf, Hügel ab, bis
er häuptlings mit ihr in das blühende Heidekraut stürzte. Aber als er sie ganz
entkleidet hatte, entriss sie sich ihm und lief nackt auf die Höhe des Hügels -
denn sie waren in einer kleinen Mulde gestolpert, in der das Heidekraut mit
zähen Zweigen sich bis über ihre Knie verstrickte. Und die Hände über den Rücken
verschränkt blieb sie stehen und genoss ihre Nackteit und die endlos blühende
Heide mit ihrem Mittagsschweigen und ihren abertausend summenden Bienen. Als er
sich ihr aber nähern wollte, floh sie vor ihm und raste in wilder Flucht
geradewegs auf das Dorf zu, dessen Kirchturm hinter einem blauschwarzen
Kiefernwald wie eine spitze Lanze in den Himmel stach. Das Heidekraut zerriss
ihre langen Strümpfe, aber ihr Haar blieb fest und es währte lange, bis er die
Flüchtige, atemlos gegen seinen Schoss Hinsinkende erreicht und wütend zu Boden
geworfen hatte.
    Als sie sich wieder angekleidet hatten, gaben sie sich die Hand und gingen
weiter, wie ein Geschwisterpaar, das sich in einem dunklen Walde ängstigt. - Bei
einem kleinen Birkengebüsch stutzten sie und sahen Rehe in dem spärlichen Grase
äsen. Da bat sie ihn um die Pistole und schoss, vorsichtig auf den Knien
näherkriechend, auf den ihr zunächst stehenden Bock. Das Tier zuckt zusammen,
seltsam matt und dünn hallt der Schuss in die Heide und in weiten Sätzen wippen
die Aufgeschreckten über die Hügel hin, dann versinken sie hinter der letzten
Purpurwelle. -
    Er wird schon verenden - dann gab sie ihm die Pistole zurück und sah mit
scheuen Augen zu, wie er in den Lauf eine neue Patrone schob. Als sie in das
Dorf gekommen waren, fragten sie sich zu der Vogelrute hin, wo auf einer hohen
Stange der hölzerne Vogel sass - ein runder unförmiger Kloben, denn Kopf, Flügel
und Schweif sind schon herabgeschossen.
    Wenn ich den Königsschuss schiesse, wirst du Königin, Dorfkönigin, Spasskönigin
-
    Dann liess er es sich einige Bitten kosten, bis man ihn in die Schützenzunft
aufgenommen hatte, tat drei Schüsse und schoss den Vogel herab. Und unter Gebrüll
hoben ihn ein Dutzend Kameraden auf ihre Schultern und trugen ihn so unter
Hochrufen und Lachen in das Zelt, wo man ihn in einen Gehrock steckte und ihm
die Königskette um den Nacken hängte. Loo dagegen blieb in ihrem roten Kleid,
ihr wurde ein bunter Georginenkranz aufs Haar gesteckt, Parade wurde vor dem
neuen Königspaar gehalten, und dann ging der Zug ins Dorf - die Musikanten
blasen und die dicke Trommel knallt.
    Und das Pokulieren begann, und bald hatte Erich ein Gelüste, seinen drei
Hofdamen die Kleider herunter zu reissen, bald zuckte es ihm in der Hand, seinen
Mitpokulierenden mit einem Säbel die Köpfe vom Rumpf zu schlagen, dass das Blut
in Springbrunnen in die Höhe schösse und als warmer Regen auf ihn und seine
Königin niederfiele; aber er begnügte sich, mit einer feinen bissigen Ironie
seine Untertanen gegen sich aufzustacheln und beim Tanz seinen Damen obszöne
Dinge ins Ohr zu flüstern - sie waren es zufrieden und wären auch noch mit
anderem zufrieden gewesen. Dann aber tanzte er lange mit Loo und seine Blicke
vergruben sich schmerzlich in ihre traurigen Augen.
    Als es Abend werden wollte, verabschiedete er sich und liess seinen Tron
leer. - Der letzte Tag vor dem Nichtmehrsein, jetzt rüstete er sich, hinzugehen
zu den anderen, geschwundenen, fern im Westen hinter den dunklen Wäldern. Er
putzte seinen Himmel blank und rein und rundete zart seine duftigen
Schäfchenwolken und bemalte sie mit Gold und Rot und strich mit seiner weichen
Hand noch einmal über seine Sonne - dann ruhte er aus und legte sich klar und
weich zum letzten Male über seine Erde, die närrische Erde, den tollen Stern.
    Sie waren in ein Wirtshaus gegangen, das etwas abseits vom Dorf an der
Landstrasse lag, und vertrieben sich die Zeit und wehrten sich gegen die Zeit,
indem sie mit nachdenklichen Augen den Dreiecken und Kreisen zuschauten, die
Erich mit einem Stock in den Sand des Gartens zeichnete, bis er plötzlich
aufschaute und mit trockener Stimme fragte:
    Und nachher? -
    Aber da er ihre angstvoll grossen Augen sah, blickte er wieder fort und
zeichnete seine Kreise weiter. Von ferne kam ein Wagenrollen - da nahm er sein
Glas und goss es auf die Kreise aus -:
    Eine kitschige Symbolik - aber wir müssen gehen, müssen gehen, Loo. -
    Der Wagen hielt, mit zurückgehaltenem Atem hörten sie den Kutscher nach
ihnen fragen, da traten sie mit zögernden Schritten aus der Laube und stiegen
ein. - Die Laube verschwand, die Linde vor dem Haus und das Zelt mit dem hellen
Tuch, - einige Häuser, dann waren sie allein auf dem weiten Weg.
    Aber der Luftzug und die Sonne, die hier draussen noch nachmittaghell auf den
Wegen und Stoppelfeldern brannte, das Getrappel der Pferde und die roten keck
aus dem dunklen Laub hervorfunkelnden Beeren der Eberesche und die gelben
schwarzscheckigen um die Räder wirbelnden Blätter der Ahornbäume machten ihr
Blut wieder schneller kreisen; die Stoppelfelder lagen da so prall und grell,
die Leute grüssten, und die Sonne funkelte und lachte -:
    Oh wir leben! Denk doch, wir leben - leben! -
    Donnernd polterte der Wagen über die Schlossbrücke, aber die beiden, trunken
vor Lebens- und Abschiedsglück, sahen noch immer nur sich -; da hielt der Wagen.
    Wir sind da, Loo. -
    Der Gärtnerjunge kam auf sie zu und überreichte eine Depesche ihres Vaters,
dass er am nächsten Morgen käme.
    Es ist gut so - sagte Loo, und sie wankten auf ihr Zimmer.
 
                                   Die Nacht
Als um einhalbneun die Nacht auf ihren Fledermausflügeln aus der Heide kam und
ihren Bruder, den Abend, hinter die Wälder verscheuchen wollte, rief der ihr zu:
    Halt ein mit deinen Flatterscheuchen, du Garstige! Ich will deine Neugier
kitzeln, du Schwarze. Gib Acht auf das Schloss, das da zwischen den Teichen und
Rohrdommelwiesen schläft; auf das nördliche Fenster gib Acht, wo der Efeu sich
plustert und die Spatzen schlafen. -
    Das alte Geschwätz! Wieviel von deinem Neblerleben soll ich dir wieder
schenken? Was hast du gesehen? -
    Da verkroch sich der Abend hinter das Dorf, wo die Lichter brannten, und
erzählte seiner Schwester, die über den Dächern auf ihren Flügeln hing: Als ich
vorhinnen bei dem alten Schloss meine Nebel kämmte, sah ich in dem Efeufenster
einen Menschen stehen, der mir bei meiner Arbeit zusah. O, ich kenne die Augen
der Menschen! Und der - kennst du noch den Moorbrenner, der da oben in Friesland
- oder war es am Haarlemer Meer? - in der tollen Wut sein Kind in den Backofen
unter dem Schlehdorn warf? Es war um die Zeit, wenn mir der Höhenrauch meine
Nebel verdreckt - - - - nun flattere nicht gleich mit deinen Scheuchen! denn der
Moorbrenner machte auch solche Augen.
    Da dachte ich, Der da im Fenster hat dir so oft zugesehn, just wie das
blanke Weib, das sonst dort steht: du solltest ihn trösten. Darum flog ich
hinter die Wälder, wohin die gestorbenen Jahre und Tage gehen, und brachte von
dort einen Nussbaum mit und an ihn gelehnt ein altes, hohes Haus, an dem ein
Weinstock bis hoch zu dem spitzen Giebel kletterte. In dem Garten auf dem
rechten schmalen Beet längs des Weges waren Stiefmütterchen und Goldlack, links
aber standen die Georginen und krausköpfigen Sonnenblumen; und hinter der
Weissbuchenhecke kamen die Ginsterbüsche und das Heidebruch, in dem im Herbst der
Nebelkönig seine Laken spinnt, und aus dem Heidebruch wurde Buschwerk und
märchendunkler Wald. Und da wuchs ein Machandelboom: bei dem hatte er gespielt
und eine schöne goldbraune Schlange gefangen. - Dann war er krank; und ich
brachte ihm ein helles Zimmer, dessen vier Wände waren weissgekälkt. An der einen
Wand gegenüber dem kleinen Bett hing das Bild des alten Kaisers und darunter
unter einem Glasrahmen ein vergilbter Bibelvers; auf der Glasscheibe spielte die
Sonne mit ihren runden Lichtern, - das sah der Knabe und fragte seine Mutter,
die neben ihm am Bett sass: Mutter, was will die Sonne? - Sie will dir Gute Nacht
sagen, mein Junge. - Dann küsste sie ihn, faltete seine Hände und ging aus dem
Zimmer; das wurde voll von Sonnenschein. - Und dann brachte ich ihm einen
Sonntag her - Oh, Schwester, nun scheuche nicht mit den Flatterflügeln! -
    Als nun diese Tage und Stunden mit mir gekommen waren, schnitten sie ein
traurig Gesicht und wollten Den da im Fenster nicht wiederkennen und gingen
zurück hinter die dunklen Wälder. - Als das Der da am Fenster merkte, zerdrückte
er eine Träne in seinen gottverlassenen Augen und wollte herab springen und
fliehn - aber da trat das schwarze blanke Weib zu ihm und warf sich vor seine
Füsse. Da lachte er. - Aber sie erhob sich und legte den Kopf auf seine Schulter,
und nun sahen mir beide bei meiner Arbeit zu mit ihren gottlosen Augen. Aber als
du angeflattert kamst, du Garstige, schlossen sie das Fenster und liessen den
schweren Vorhang herab.
    Gib Acht auf das Fenster, Schwester, da geht was vor! Erzähle mir drüben,
was du gesehn, du Feuchte, Garstige, du Fledermausflüglige! -
    Da hob die Nacht sich hoch, und als sie mit gewaltigen Flügelschlägen ihren
Bruder vertrieben und nachgeholt hatte, was sie versäumt, huschte sie und
kreiste sie acht Stunden lang um das Schloss. Bald hing sie auf ihren Flügeln wie
ein Alp über den Dächern und Türmen - bald klammerte sie sich mit ihren Krallen
in den Efeu und die Mauerritzen und lugte in das Zimmer, während ihre
Fledermausflügel die ganze Wand bedeckten, dass die Spatzen im Schlaf die Federn
sträubten, so kalt und feucht waren die Flügel der Nacht, - dann hockte sie auf
dem Dachfirst und hüllte sich in ihre Flughäute, die nun so feucht waren, dass
das ganze Dach troff, und liess ihr Ohr zu dem Fenster herabschlottern und
horchte - ihre Nase aber schnupperte gen Osten, ob dort der Morgen schon käme,
der blanke Affe mit seinem ewig faden Lächeln. -
    Da plumpste sie wie ein Stein vom Dach und huschte am Boden hin, über die
Bachläufe und Ackerfurchen, Ziegenmelker und Käuzchen hinterher: der blanke Affe
war da. -
    Schatten flattern auf und ab, Stunden, Tage und Jahre und was in ihnen war.
Da zischelt es:
    Was hast du gesehn? -
    Am Schloss, als ich an der Wand hing, dass die Spatzen schauerten und froren?
-
    Erzähle! Erzähle! -
    Was soll ich Grosses gesehn haben! Kennst du das Menschenweib? - Dieses hatte
seine Glieder in ein seidenes Kleid gezwängt, wie die Pagen es trugen, - und
seinen Buhlen hatte es vermocht, sich in ein Lederwams zu kleiden, wie die
Falkeniere sich kleideten. Dann hatte sie verstaubte Weine geholt und Ambra
verbrannt. Und während ihr Liebster sich auf ein Lager geworfen hatte, lag sie
zu seinen Füssen und erzählte ihm Märchen, schöne Menschenmärchen -, von Djinnen
und Genien und wie sie sich vor Jahrtausenden schon geliebt - o wie geliebt! o,
schöne schimmernde Märchen. Ihre Augen aber glummten wie die eines nächtlichen
Vogels, ihr Gesicht war wie leuchtendes Weidenholz um Mitternacht. - Märchen vom
Wiedersehn und Weiterleben als lachendes Spechtpaar im Buchenwald, als Wind und
Nebel - o schöne Märchen.
    Doch er schüttelte das Haupt. Da entstürzten ihren Augen Tränen, sie raufte
ihr Haar und zerschlug ihre Brust. Doch dann hob sie wieder Augen und Arme und
sang ihm Märchen, o wilde flackernde Märchen! Und willst du es glauben, Bruder?
Da nickte der Tölpel ihr zu und zog sie zu sich hoch. Sie aber zerriss ihr Kleid
über den nackten Brüsten und warf den Leib über ihn und umschlang und umkrallte
ihn, als wollte sie ihn zerpressen mit ihrer Lust. Und ein Taumel kam über sie,
eine Wut wie - was weiss ich, ich feuchte uralte Nacht. - Aber siehst du, Bruder,
mit einem Male knickte ihr Körper in ihres Liebsten Armen zusammen, und sie fiel
von ihm ab wie ein geschlagener Ast - ihre Augen lohten und brannten, dann
schlug ihr Haupt auf die Seite - und das schöne Weib war tot. -
    Und er? Erzähle, erzähle! -
    Als sie in seinen Armen zusammengebrochen war und ihre Glieder sich lösten
und ihr Kopf zur Seite schlug, taumelte er und stürzte von dem Lager zu Boden.
Als er sich aber wieder über sie geworfen hatte und das, was er vorher gesehn,
nicht glauben mochte, waren ihre Augen schon gebrochen, hässliche, tote
Menschenaugen. Da hob sich seine Brust und zerriss das Lederwams über ihr, - -
dann sank er neben sie, betastete blind ihren Kopf und drückte dabei ihre Augen
zu. -
    Und dann? Erzähle! erzähle! -
    Und dann? Hast du einen Menschen gesehn, in dem nichts mehr von seinen
Göttern und Eitelkeiten geblieben ist, nur der hell schreiende Schmerz, der
seinen armen Körper rasen heisst? Ich sah sie oft, wenn ich an ihren Fenstern
kauerte, und dann kam es über mich, dass ich meine spitzen Zähne in ihr Fleisch
graben wollte und ihnen beistehen in ihrem Schmerz. - Dieser arme Hund kuschte
in die Ecke und kroch in sich zusammen, und seine Augen verglasten. - Und als
ich auf dem Dachfirst hockte und nach dem blanken Affen ausschaute, und mein Ohr
herunterschlotterte, hörte ich ihn nach einer Weile deklamieren:
    Nun ja - so sollte es ja kommen - besser konnte es garnicht kommen - jetzt
ist es Zeit für dich - -.
    Da hörte ich jenes törichte Knacken, wie ich es so oft schon hörte, und ihn
weiter deklamieren:
    Was zögerst du? - - Hast du Angst? - - Haha! was Angst? was Mut? Bist du
nicht das Mass der Dinge, die Welt? Bist du nicht die Welt?-
    Da schlug er ein gellendes Gelächter hoch, wie ich es auch schon oft gehört:
    Die Formel! Hahaha! Die Formel! Der Gott! Der Irrsinn! - - Bist du es nicht,
die mich hierhin gebracht hat? Wollte ich mich nicht vor dir, vor deiner
Tierheit und goldnen Verhurteit retten? - Aber du hast mich gefangen und
vergiftet und hast mich zum Tollhäusler gemacht! - Und nun du mich hast, wo du
mich haben wolltest, gehst du deinen Weg, verfluchtes Weib! Du Hure! Du Tier!
Schlagt sie tot, die Teufelinne! -
    Das Alles muss er in der Ecke deklamiert haben, in die er sich gekuscht
hatte; aber bei den letzten Worten muss er aufgesprungen sein, denn ich hörte
Stühle stürzen und dann den Knall - und darauf ein Geheul, als hätte ich ihn bei
den Füssen gefasst und zerschmetterte seinen Kopf an den Wänden:
    Hussa ho! Den Leichenschänder! Schlagt ihn tot, den Leichenschänder! -
    Dann brach er durch die Tür mit Fäusten und brüllte in den Flur:
    Den Leichenschänder! Schlagt ihn tot, den Leichenschänder! Hussa ho! den
Leichenschänder! -
    Dann stürzte er über die Brücken und Strassen davon - . -
    So? O erzähle! Erzähle! -
    Dann kroch er in ein Röhricht und kuschte sich in den Schmutz, wie die
angeschossenen Tiere es tun - . -
    Erzähle, was wird er tun? -
    Da kam der blanke Affe - was ist auch dabei? -
    Erzähle -
    Doch sie hatte sich schon in ihre Fledermausflügel gehüllt und plumpste
tiefer, wie ein Stein vom Dach fällt.
 
                                  Die Kiebitze
Am Bruchbach, in das Röhricht hatte er sich geduckt, wo die Rispen sich beugen
und neigen über den unheimlich raschelnden Blätterdolchen, wo der Nebelregen
herabrieselt und durch ihn die Kiebitze gaukeln: Kiuwitt! Kiu-witt! -
    Wie die Wellen rinnen - wie glücklich sind die Wellen. - - Aber wie sie
hasten und drängen - wie gequält sie sind. - - Aber sie fühlen es nicht - wär
ich eine Welle. -
    Da treiben sie eine tote Katze an, die Haare fliessen in Fetzen von der
bläulich schimmernden Haut und die Augen hat eine Krähe verspeist. Nun bleibt
sie an den Rohrstengeln hängen und hebt sich an ihnen hoch.
    Noch einmal! -
    Da lud er die Pistole, hob sie und die Kugel platzte in den aufgetriebenen
Balg.
    Nun? Was hast du getan? - - - O du feiger Hund! -
    Inzwischen wälzte sich der Balg träge auf eine andere Seite, kroch um die
Rohrstengel herum, und die Wellen trugen ihn fort. - - - Kiu - witt!
    Wär ich ein Dichterhund - nun nun, warum denn Hund? Er ist auch nur ein
Lügner. -
    Kiu - witt!
    Und nun? - - Ho! erwartest du denn so viel von ihm, achtest du das Leben
denn so hoch, - und jaulst nun und kriechst in die Ecke, wo es sich einmal näher
zeigte und dich kitzelte? Packen, unterkriegen, dich mit Füssen treten ho! mit
Füssen treten - arbeiten will ich, fressen, schlafen, schwitzen, Steine hauen, um
mich schlagen, Berge schmeissen - -.
    Nun, nun - also arbeiten willst du? - Vergessen, betäuben - nicht wahr, du
feiger Hund? Willst du stille sein!
    Also du willst arbeiten? Willst? Du willst? - Du musst! Wie der Ziegel vom
Dach fällt - du musst! Wollen? Haha! Notwendigkeit, Notwendigkeit, weiser Doktor!
weisst du: von unendlichen Ursachen her bedingt - -. Du fluchst ihr? Du musst ihr
fluchen, musst deinen Spass am Fluch haben; du kannst nicht anders - kein
Verdienst, keine Schuld - müssen! müssen! liebster Doktor! Du kommst nicht
heraus.
    Und dein Ich? Dein stolzes Ich? Weisst du, was dieses Ich ist? Und deine
Seele? Deine fliegende Seele? - Willst du stille sein!
    Kiu - witt!
    Dann musst du diese notwendige Satanide lieben? - Es ist der einzige Weg - -
Nun, du hast ja immer gelogen.
    Und wenn diese Liebe kommt -
    Ein Satan hat diese Welt - Kiu - witt! - sich zum Spass gemacht, sich zum
Spass ein Gefängnis gebaut - kein Entrinnen hieraus, kein Nichts, kein Tod - du
kommst nicht heraus - in ewiger Wiederkehr nicht heraus, in ewige Kerkergitter
gesperrt und ewig kehrt diese Nacht dir wieder - o zerspringe nicht, armer Kopf,
o liebe Knochen, haltet fest! -
    Stille, still! Das wusstest du ja längst, das nimmt dir ja die Lust, dir die
Schuld zuzuschieben, zu büssen, dich wollüstig-tröstend zu zerquälen, zu
zermartern, zu zerfressen - -. Willst du stille sein! -
    Und jetzt werden sie dich begraben, Erde auf dich schütten, auf deinen Mund,
deine Augen, dein Haar - -.
 
                              Colchicum autumnale
Als die Morgensonne steiler geworden war und den Regen und die Vögel vertrieben
hatte, wusch Erich sich die Stirn in dem kalten Bachwasser und ging heim, an der
Mühle vorbei mit ihren zwei Pappeln und langweiligem Rauschen, an den Teichen,
in denen vor vier Monaten die Kaulquappen eine bestimmte Tiefe bevorzugt und
sich derart wie ein zitterndes schwarzes Band an den Ufern hingeschlängelt
hatten, durch den Tiefen Weg und über die Mittelstrasse und stand plötzlich in
seinem Zimmer:
    Ein Tag? Monde und Jahre fasst ein Tag? Entfernungen wie Länder weit eine
Wegstunde? Was heisst Raum, was Zeit! -
    Da lächelte er und sagte zu sich:
    Jetzt retten, was noch zu retten ist. Mein Kopf ist schwach und eng - aber
meine Sehnen sind stark. Ist denn das Leben - ist denn das Leben nur mit dem
Kopf zu kriegen? Das Tier schlägt dich unter sich -: ich will Tier sein und will
dich unter mich schlagen. -
    Darauf legte er einen Zettel auf den Tisch mit der Nachricht, er fahre in
den Industriebezirk, um sich selber sein Brot zu verdienen, schlich sich durch
eine Hintertür aus dem Hause und gelangte auf Umwegen zum Bahnhof. Dort fuhr er
mit dem nächsten Zuge ab, um von der ersten grösseren Stadt aus die Strecke zu
wählen, auf der er dem heimkehrenden Grafen begegnen konnte. Und als er ihn auf
dem Bahnhof eines Kreuzungspunktes in ein Abteil des nach der Heimat fahrenden
Zuges einsteigen sah, ging er auf ihn zu, benachrichtigte ihn kurz über das
Geschehene und schloss mit den Worten:
    So kam es, dass Loo sterben und ich um eine Erkenntnis reicher werden musste;
ich nutze sie aus und werde Fabrikarbeiter. Das ist das Ende dieses Sommers,
Herr Graf. -
    Dass Sie sich deswegen in den Kittel eines Fabrikarbeiters stecken wollen,
ist wohl nicht notwendig. Und dass meine Tochter starb - vielleicht war es ein
Glück; sie starb ja im Glück - und was können wir weiter dabei tun, als
konstatieren, dass der Mensch einmal so sein fragwürdiges Dasein verlässt und
einmal so -: alt und jung, gern und ungern, das gibt vier Zusammenstellungen;
wie nennt man's - Permutationen? Eine närrische Welt, zerbrechen Sie sich nicht
den Kopf über sie, sie ist es nicht wert. -
    Dann reichten sie sich die Hände. Erich stieg in einen Wagen vierter Klasse
unter Polen und Rottenarbeiter, und der Graf in ein gepolstertes Abteil eines
anderen Zuges. -
    In einem Bergwerk, siebenhundert Meter unter der Erde fand Erich sein Brot;
er schaufelte die Kohlen aus den Körben in die Wagen und fuhr sie dann in den
niederen Gängen zwischen den gebogenen und geborstenen Holzstempeln,
schweissgebadet, durch glühende Hitze und kalten pfeifenden Wind zum Schacht.
    Und Loo? Ein Arzt kam und übersah den kleinen blauen Fleck auf ihrer linken
Brust, redete von Herzschlag und schrieb darüber sein Attest. Dann begrub man
sie; Tujabäume und Trauerweiden standen zwischen dem hohen fruchtenden Gras.
    Den Gärtnerjungen, der sich in der nächsten Nacht auf ihrem Grabe entleibt
hatte, begrub man dagegen nicht weit von ihr in der Kirch hofsecke.
Stiebende kalte Oktoberregen vertrieben die Klarheit und satte Stille des
Herbstes. Wo vorher die melodisch rufenden Zickzackzüge der Kranichheere über
die blau-dunstigen Wälder geflogen waren, kreischte jetzt durch Wind und Wolken
die Wildgans und zauberte in den Nächten den Wilden Jäger in den Sturm. An einem
solchen Tage, dem letzten Oktobersonntag, der Dunst und stiebende Nebel über die
kahlen Felder fegte, kam Erich noch einmal ins Land.
    Er war schnell aufgerückt in dem hämmernden, rasselnden und dampfenden
Betriebe. Jetzt durfte er achtundert Meter unter der Erde unten im letzten
schrägen Flöz die glitzernden Steine hauen, durfte viermal des Tags die steile
Leiter hundertundfünfzig Meter auf und nieder steigen, den Griff der heissen
Lampe krampfhaft zwischen die dumpf schmerzenden Zähne gepresst - und hatte er
dann atemlos die letzte Sprosse erreicht, so presste der schneidende Luftstrom
ihn zurück und warf ihn mit der zuknallenden Tür gegen den nassen salzigen
Stein. -
    Nun durchstreifte er, von keinem gesehen, die Gegenden, wo ihn jeder Baum
und Strauch an die Verlorene gemahnen wollte, an jedes Wort und jede Liebkosung,
die da und dort gefallen. - So kam er zu dem Bach, wo sie sich zuerst getroffen
hatten. Der Regen fiel und fiel, dass der Bach über die niedrigen Ufer trat und
seine trüben Wasser über die Weidensträucher wälzte. Er warf sich achtlos in das
nasse Gras und stützte den Kopf in die Hand. Herbstzeitlosen, die in den letzten
Tagen in Menge aufgesprosst waren, umstanden ihn. Er reckte sich aus und pflückte
einige, und es durchfuhr ihn, hinzueilen und sie auf ihr Grab zu legen. Aber er
entschlug sich des traurigen Wunsches:
    Wozu? Da ist ein sandiger, regenzerwühlter Hügel, mit welken Kränzen
bedeckt, und darunter - -.
    Als seine Glieder kalt und steif wurden, stand er auf -
    Die Komödie soll ihres symbolischen Schlusses nicht entraten - und liess die
Blumen langsam in den Bach fallen, der sie in seinen trüben Wassern rasch
entführte. Er blickte ihnen nach, so lange sie zu sehen waren. -
    Du bist ja doch nur ein Komödiant -: Herbstzeitlosen - im
schattenbevölkerten Hades ist eure Heimat, und im nebelumbrauten Kolchis kamt
ihr durch Zauber auf die Erde, um in unser Land zu wandern, auf niedere feuchte
Wiesen, wenn der Oktober seine Nebel braut und aus ihnen seine grauen Regen auf
die Erde giesst. O, ihr habt Heimatsinn und wisst, wohin ihr gehört, fremde
seltsame Lebenskinder, die ihr eure Liebe selbst unter die dunkle Erde vergrabt
und selbst dortin wieder zurück taucht, geheimnisvoll und fremd, wie ihr
gekommen: so seid nun ihr die Blume meines Lebens. -
            Bravo! Bravissimo! Holla ho!
Der Dirne geb' ich die Wege nicht frei,
Wo Männer raufen, da bin ich dabei,
Und wo sie saufen, da sauf' ich für drei!
Halli und Hallo!
 
                                  Das Bergwerk
Träge kroch der Zug durch den Oktobernachmittag und rollte und rasselte unmutig
durch den Regen, der seinen weissen, quirlenden Atem zerfetzte und in weissen
Brocken auf die Felder warf. In einer Ecke des niedrigen und schmutzigen, hin
und her schwankenden und stossenden Wagens hockte Erich und sah gedankenlos die
regenglänzenden Äcker und verschlafenen Gehöfte vorüberziehen - faul und
eintönig kamen sie an, faul und eintönig flossen sie wieder zurück in den Regen.
    Alle paar Minuten hielt der Zug, und alle paar Minuten schoben sich neue
regentriefende Gestalten in den überfüllten Wagen. In schwarzen Klumpen standen
sie um ihn, dufteten nach Schnaps und Tabak, und ein widriger Geruch stieg von
ihren durchnässten Kleidern hoch. Aber sie fühlten sich wohl, es war warm und
roch nach Menschen und Fusel, und sie konnten sich reden hören; und als ein
halbwüchsiger Bursche eine Harmonika hervorzog und aus ihr den neuesten
Operettenquark zerrte, und sie gröhlen und mitsingen konnten und Zoten machen,
da war Sonntagnachmittags- ach ja Feiertagsstimmung im Wagen.
    Er blickte auf sie hin und sah dann wieder hinaus auf die trüb und grau
vorüberziehende Welt. Dunkler wurde es, und heftiger schlug der Regen gegen die
Fenster.
    Aus der Winkelgrösse der Rillen, die die herabfliessenden Regentropfen auf dem
Fensterglase ziehen, und der Geschwindigkeit des Zuges muss sich die
Fallgeschwindigkeit der Regentropfen annähernd berechnen lassen.
    Und er fing an, auf einem Bogen Papier, in den er des Vormittags sein
Frühstück eingeschlagen hatte, Formeln und Zahlen zu schreiben, bis er sich auf
die Lippe biss, das Papier zerfetzte und wieder vor sich hin starrte. Plötzlich
öffnete er das Fenster und warf Papier und Bleistift hinaus.
    Dunkler wurde es, und wie eine Wolke brütete und lastete der Dunst der
zusammengepferchten Menschen in dem Wagen, ein trübes Licht flackerte an der
Decke und malte die bleichen und alkoholgeröteten Gesichter, die aus dem Klumpen
starrten, zu brutalen und geistlosen Fratzen; sie redeten nicht mehr - was
sollten sie reden? sie gröhlten nicht mehr - was sollten sie gröhlen? Sie
starrten vor sich hin, und weiter ging es durch die Nacht und den Regen.
    Die Arme auf die Knie gestützt und den Kopf in den Händen vergraben, sass
Erich da.
    Vor einem Jahr, oder war's vor zweien? da ging ich mit einem Mädel, wie hiess
die noch? an der Saale entlang; den Giebichenstein, an dessen Wand der Efeu im
Winde wogte wie ein Kornfeld wogt, gingen wir hinauf, und als wir uns über die
Brüstung lehnten und in den Abend hinaus blickten, da sprach sie ein Gedicht -
von einem Jüngling, der noch nie die Sonne gesehn hatte und starb, als er sie
sah - wie hiess das dumme Ding?
    Inzwischen hielt der Zug von Minute zu Minute, rollte und stiess von Weiche
zu Weiche, ein Licht nach dem andern huschte vorbei, gelb und verwaschen oder
grell und geisterhaft blau - die Industrie nahte. Da wachte er aus seinem Sinnen
auf, blickte wie aus einem fernen Traum erwacht im Wagen herum und auf die
Lichtkleckse und Regenbogen, die die vorbeihuschenden Lichter auf die Scheibe
warfen, dann verdüsterte sich sein Gesicht; er öffnete das Fenster und lehnte
sich hinaus. Die Räder stampften und dröhnten rhytmisch unter ihm hin, Russ und
Regen schlug ihm ins Gesicht, und aus dem Dunkel fuhren ihm Schatten entgegen,
glotzten ihn mit glühenden Lichtern an und bäumten sich hoch, als würfen sie
sich über ihn, und rissen sich wie ein Blitz wieder zurück in die Nacht und
hinter ihnen wälzten sich Schlackenberge, unter deren Kruste es noch glummte und
glühte, und Erzhalden, die grau und gelb und seltsam stumpf im Regen glänzten,
wälzten sich wie ungeheure gläserne Walfische heran, vorbei und die Seilbahnen,
an denen die Wagen wie närrische Kinderspiele glitten, drehten sich und kreisten
und fuhren plötzlich himmelhoch in die Luft, in die die Hochöfen mit ihren
feurigen Zungen drohten und leckten - ein Knäuel wassertriefender schwarzer
Vollwerke und kleiner rundkuppliger Türme, die tanzen einen wilden grotesken
Tanz, rote Strahlen zischen jäh aus ihnen hervor, sprühen in schimmernden
Feuergarben hoch und in Feuer und Dampf hüllt sich die zischende Bande - das
stampft und zischt und dröhnt, das wallt von Dampf und Qualm und Rauch und wirft
mit seinen wilden Lichtern in die Nacht, die schwarz und drohend über diesem
Allen hängt und selbst wie erbost und zuckend über diesem dröhnenden und
gellenden Hexenkessel liegt.
    Das schlägt und stört die Stille der Nacht - wenn nur die Narren einsehen
wollten, wozu? Einsehn? Einsehn? Hab ich noch nicht genug davon! Das hat mit
Einsehn nichts zu tun; das ist Geld, das ist Wille und Macht; das ist der
werdende Krieg, hier wird er geboren, der sich selber noch nicht kennt, bis er
eines Tages Mann geworden und ausbricht tobend, brüllend, ein höllischer Taifun!
Wie das flammt in der Nacht, wie das mit seinen breiten Lichtfäusten in den
Himmel schlägt und lacht! Wirf dich hinein, tose und rolle mit, nicht rechts,
nicht links - geradeaus! Ein Zahn in einem Rad dieser brodelnden Höllenuhr, die
da Lichter und Donner in die Nacht wirft, ist mehr als der schillerndste Gedanke
und die tiefgründigste Erkenntnis. Schlag zu! Werde Eisen und Wille und Zahn!
Eisen, das ist's; gefühllos, skrupellos, nicht rechts, nicht links, ein Hieb,
ein Schlag, ein Glühen! Eisen, das ist's, Geld, Gold - Krieg!
    Bravo, alter Zaubermeister, nun lüge dir wieder vor, dass das, was du nicht
ändern kannst, wozu dich bittere Not und Verzweiflung und Flucht vor dir selber
treibt, das Allerschönste und Allerwahrste ist. Du bist auf dem besten Wege
dazu, du bist und bleibst Hanswurst, du Narr und Wahrheitsfatzke. Was nichts ist
als Arbeit und Not, nichts als hetzendes und gehetztes Geld, das - schlägt mit
seinen schönen breiten Lichtfäusten in die Nacht, das ist ein Zauberhexenkessel,
wie's auf der Bühne und im Märchen steht - o du Schönheitsfatzke und feiger
Patron!
    Aber seine Augen mochten sich nicht trennen von dem Glühen und höllischen
Leuchten. Dann lachte er hell auf und warf sich zurück in seine Ecke und wusste
nicht, sollte er sich nachher betrinken oder sich gleich aus dem Wagen werfen.
Auf einem schmutzigen kohlenstaubschwarzen Bahnhof stieg er aus und drängte sich
robust durch das Geschiebe trunkener Bergleute und Polen ins Freie.
    Er hatte nicht weit zu gehen; er hauste mitten drin in dem Dröhnen, dem
Qualm und Schmutz. Vor Jahren hatte da ein ärmlicher Kohlgarten um einen noch
ärmlicheren Kotten sein verschlafenes Dasein gefristet; aber während das Eisen
und das rollende Geld ins Land kam, und seine Nachbarn ihr Stück Boden zu
klingender Münze gemacht hatten, blieb der Philemon dieses melancholischen
Kohlkottens fest und sah geruhig zu, wie die Schlote und rauchenden Öfen ihm
näher rückten und ihn schliesslich umkreisten und umqualmten. Und als er starb,
liess man die zusammenbrechende Hütte stehen, man vergass sie, und hier schlug
Erich sein Heim auf. Im unteren Stock hauste eine Polenfamilie, oder waren's
ihrer zwei? Er wurde nicht klug daraus; wie er auch nicht klug daraus wurde, zu
wem der Haufen dreckiger Kinder gehörte, der da ewig lärmte und sich balgte. Sie
wussten's wohl selber nicht, falls es zwei Stammväter und Mütter waren, sie
hatten ihre Zeit um zwei Jahrtausende zurückgedreht und lebten in ewig sich
prügelnder und ewig sich im Schnapsdusel versöhnender Güter- und Weiber- und
Kindergemeinschaft. Die oberen zwei Giebelkammern bildeten sein Quartier und das
zweier Bauernsöhne, die ein Jude und ihre Spekulationswut von ihrem Höfchen
vertrieben und der Kohle in den Rachen gejagt hatte. Sie hatten sich eines
Sonntags eine Polin heraufgeholt, die ihnen Bettgenossin und Aufwärterin wurde
und ihnen des Morgens die Henkeltöpfe mit Kartoffeln und Fleischbrocken füllte -
was war dabei?
    Es ist Sonntag heute, ach ja Feiertag, und Feiertag heisst Glück, und die
Quintessenz des Glücks ist Schnaps, eine Harmonika und, wenn es sich selbst
übertrumpft, ein Grammophon. Vielleicht sind sie aber gesunder als ich, dachte
Erich als er die unbeleuchtete und brüchige Leitertreppe hinaufstieg und das
Dudeln einer Harmonika und patriotische Krächzen eines Grammophons an sein Ohr
klang, vielleicht war ich nur krank, mein ganzes Suchen eine fixe Idee, ein
Krampf meines Körpers, dem die Arbeit fehlte und der sich da in teoretischen
Paroxismen erging. Die da sind glücklich, sind Tier wie's sich gehört - wohlan!
werde ich Tier. -
    Als er in das Zimmer trat, sah er auf dem Tisch in einem winzigen Holzbauer
einen Kanarienvogel hocken und mit ängstlichen Augen in das Licht blinzeln und
auf das Heer von leeren und halbleeren Bierflaschen, die rings um ihn
aufgefahren waren; der Schnaps fehlte nicht, und auf der Ecke des Tisches
schnarrte neben einem Strauss knallroter Papierblumen das Grammophon einen
Parademarsch.
    Da feiert einer seinen Namenstag; sie haben auch Gemüt, was willst du mehr?
    Er legte einen Taler auf den Tisch, setzte sich zu ihnen und machte mit. O,
es ging hoch her; und die beiden Dirnen sahen nicht übel aus, breitüftig und
jung und zu allem bereit. Er redete irgend was und trank und blickte dann wieder
starr auf den verschüchterten Vogel. Was plustert der gelbe Spatz sich auf! Was
denkt er wohl von uns! Aber sie lachten ihn aus und die Burschen füllten von
neuem sein Glas. Da zog er eine zu sich heran, ihre Bluse war offen, da fuhr er
mit seiner Hand hinein und legte sie um ihre kräftige Brust und sang und trank
und merkte, wie er betrunken ward und doch nicht vergass.
    Als gegen Mitternacht die beiden Dirnen verschwunden und die beiden Burschen
mit ihrer Polin in das Schlafzimmer getorkelt waren, machte er auf dem Sofa sein
Lager zurecht, streckte sich hin und starrte ins Licht. Der Kanarienvogel hatte
sich noch mehr aufgeplustert und blickte mit bangen Augen bald in das Gesicht
des Menschen, der da auf dem Sofa lag, und bald in das blendende Licht.
    Sie starrten beide so lange ins Licht, bis Marinka aus dem Verschlag trat,
in dem sie sonst mit den Burschen schlief; sie hob wie geblendet die Hand vor
die Augen und machte sich nichts daraus, dass ihr das Hemd von der Schulter sank.
    Das fehlte noch. -
    Und er rief sie mit heiserer Stimme zu sich. Da setzte sie sich zu ihm und
er streifte ihr Hemd vollends bis zum Rock herab, dann löschte er ängstlich das
Licht.
    Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag der Kanarienvogel tot in seinem
Bauer. Da nahm er den Käfig und warf ihn aus dem Fenster -:
    Nun mögen die Bälge von unten sich an ihm traktieren. He! Marinka!-
    Als er dann von ihr zur Grube ging, füllte sie dankbar seinen Henkeltopf mit
den besten Stücken. So war ihr geholfen; denn sie hatte nun auch den zum
Geliebten, der sich bis jetzt gegen sie gesträubt hatte, und ihm; denn er bekam
von den dreien das beste Essen. Er bemerkte es wohl und hinderte es nicht.
    Aber nach einiger Zeit verliess er sie und ihre beiden Genossen, da er keine
Lust hatte, sich an der Auseinandersetzung über die Vaterschaft an dem Kinde,
das Marinka erwartete, zu beteiligen.
    Ich habe noch nicht den Mut, eventuell meinem eigenen Kinde in die Augen zu
sehen, meinte er. Marinka und die andern beiden lachten ihn aus, aber er ging
und mietete sich bei irgend einer Witwe ein und lebte mit ihr.
    Denn die Dirne gehört mit zum Schnaps, soll das Glück vollkommen sein. Es
ist ja nicht gerade Glück, es ist so, als wenn man einen brennenden Stollen
zumauert, damit die Glut nicht ins Freie dringt und Unheil stiftet. Aber hinter
den Mauersteinen brennt's noch jahrelang, immerfort - wehe, wenn es die Mauern
zerreisst und ins Freie schlägt! Aber ich werde es schon bändigen und eindämmen,
ich werde schon Stein auf Stein über mich schütten.
    Doch nach einiger Zeit verliess er wieder dieses Weib, er wechselte oft. Denn
sie liebten ihn alle. - Ich bin noch immer auf der Flucht vor mir, es fällt
erbärmlich schwer - und dann schloss er sich in seiner Weise irgend einer Dirne
oder einem Lumpen an. -
    Inzwischen ging die Zeit dahin, und der Winter spannte schon wieder gelassen
seine sternhellen Nächte über das rauchige Land, das da zwischen Ruhr und Rhein
seinen Boden zerreisst und seine Menschen zu Sklaven und Maulwürfen schlägt; er
kommt ungern von den Feldern und Wäldern des Ostens hierher, aber jetzt hing
Nacht für Nacht sein diamantenfunkelnder Deckel über dem brodelnden und
zischenden Hexen-Gold-Kessel. Böse Nächte waren das für Erich, er mochte die
Sterne nicht sehen und zog die Stirne kraus oder sang laut ein Hurenlied.
    Aber eines Tages hielt er es nicht mehr aus, sondern setzte sich hin und
schrieb einen Brief, in dem er den Eltern seine Vermählung mit einer aus dem
Arbeitshause entlassenen Dirne mitteilte.
    Wahrlich schwer fiel diese Lüge, sagte er, als er den Brief besorgt hatte,
aber es soll das Weihnachtsgeschenk sein, das ich mir beschere. Denn jetzt soll
die letzte Brücke brechen - wir halten den Damm schon fest! -
    Dann lachte er vergnügt, pfiff ein Lied und ging seinen Weg.
    Und wirklich, wenn er jetzt des Nachts seinen Arbeitsweg ging und über ihm
die Sterne blinkten, sah er sie nicht und dachte nicht an sie, die ewigen
Versucher und Verführer zu den Abwegen und Abgründen des Denkens, sondern dachte
an das Leid, das er durch jenen Brief geschaffen hatte. Lieber grub und bohrte
er in seiner Wunde, als dass er des Rätsels der Gravitation gedachte, an das sich
für ihn sogleich der ganze Teufels-Rattenschwanz uralter Rätsel und aller Lösung
lachender Fragen schloss. Ich halte den Damm schon fest!
    Und er hielt ihn fest, bis auch durch diese Welt von Kohle und Eisen und
Geld und wieder Geld das Kinderlied von Weihnachten betteln ging.
    Um zwei Uhr Mittags war er mit seiner Belegschaft zu Tage gefahren und
schlenderte nun am Heiligabend durch die Strassen, von einer bösen Unruhe
geplagt. Die Fabriken ruhten, nur in den Hochöfen schmolz der Koks das Eisen,
und der Schnee, der am Vormittag gefallen war, blieb auf den Dächern liegen und
hing an den Schloten, ohne wie sonst gleich von einer schwarzen Russ- und
Staubschicht bedeckt zu werden. Auf den Strassen ward er zu einer schwarzen
glitschigen Masse, aber er gefror schnell und zerbrach dann klirrend unter dem
Fuss. Der Himmel klärte sich auf, er hing gelbgrün und von braunroten Wolken
durchflogen über dem fremdartigen Winterbild von verschneiten Zechen und
Schloten und verhiess eine klare und kalte Nacht.
    Vor einem Schaufenster stand Erich, er lachte laut, als er sah, dass es ein
Juwelierladen war.
    Soll ich ihr was schenken?
    Das war ein sechzehnjähriges Mädel, das er für die Tage, die seine Witwe
verreist war, zu sich genommen hatte.
    Das fehlte noch! Schenken, um sich an der Freude der Beschenkten zu freuen!
Einem andern eine Freude machen, um selbst unter dieser Freude zu leiden, das
war etwas. Nein, dann würde man sich noch über sein Leiden freuen und sich
darauf etwas zugute tun. Man kommt nicht heraus, verflucht.
    Und er bohrte die Hände in die Taschen und schlenderte weiter, bis er ins
Freie kam; und hier rastete er erst, als er vor sich mitten im Felde die Reste
eines Dorfes sah, das wegen Einsturzgefahr verlassen war. Zerfallene Häuser,
herausgefallene Fensterladen und eingestürzte Mauern, Schuttaufen und mit
Wasser gefüllte Senkungen, und über Allem Schnee und Winterhimmel. Die Sonne
aber hatte gerade mit ihrem unteren Rand den Horizont erreicht und rosa Schatten
über den Schnee geworfen.
    Nicht weiter, Lieber! Das spukt und gespenstert hier wieder nach Schönheit
und Wehmut, und du weisst, welche Teufel dahinter auf dich lauern. Hüte dich, geh
heim, süsser Hanswurst.
    Doch er trotzte und lehnte sich an eine Weide, die da stand, und sah der
Sonne zu, wie sie unterging, wie der Himmel bleicher wurde und bläuliche
Schatten über den Schnee liefen. Ein Hund, den Hunger oder Erinnerung trieb,
strich in diesem Augenblick um das verlassene Dorf.
    Oh, ich habe nie mit ihr zusammen den Schnee gesehn! Ich habe nie mit ihr -
- willst du heim, du toller Hund!
    Da machte er kehrt und lief zurück und ward ihr Bild und ihre Augen erst
los, als er für einen Augenblick in eine Schenke trat; dann schlenderte er
weiter und ging nach Haus. -
    Ei, Konkubinchen ist ausgeflogen, das Nest des Weihnachtsprinzen ist leer.
Träumen wir von ihr, träumen wir von euch beiden, von der da draussen im toten
Dorf, um das der Hund streicht, und von diesem Hürchen, das fortflog wie ein
Vogel, den ich mir gefangen. Träumen wir von zu Hause, vom Weihnachtsbaum und
Mütterlein, träumen wir von Sonne und Sternen und blinkenden Rätseln. Vom
Bergmann wollen wir träumen und von der pfründigen Professur, vom Schläger - ei
ja, ich schwang den Schläger gut, doch jetzt wurde ein Schlegel daraus; vom
Grafen und Porst und der Nachtigall, o von dem grauroten Schloss und von Sternen
und Rätseln, o blinkende Sterne!
    Da erblickte er in einem Spiegel, der ihm gegenüber hing, sein Bild und nahm
ihn von der Wand und warf ihn gegen den Ofen, und es dauerte nur eine kleine
Weile, da hatte er die Töpfe und Gläser, die da zu finden waren, zertrümmert und
hatte seinen grimmigen Spass dabei gehabt.
    Jetzt wollen wir dem Konkubinchen Geschenke kaufen.
    Und er kaufte ihr ein, soviel er tragen und zahlen konnte, doch wie er
seinen Einkauf heimbrachte, war das Nest noch leer. Da machte er sich auf die
Sohlen und suchte sie und fand sie in einer Spelunke am anderen Ende der Stadt,
wo sie sich einen Spass daraus machte, zwei junge Burschen gegeneinander
auszuspielen und sich von ihnen betrunken machen zu lassen. Er setzte sich an
einen Tisch nebenan und sah nur einmal zu ihr hinüber, gerade in dem Augenblick,
wo sie ihm zum Trotz den einen ihrer Kavaliere umhalste. Dann bezahlte er sein
Getränk und ging. Aber er war noch nicht weit gegangen, als sie ihn eingeholt
und ihren Arm in den seinen gehängt hatte; sie sprachen kein Wort, aber im Gehen
fühlte er, wie sie ihre junge Hüfte gegen die seine schmiegte.
    Ich will denken, ich wäre um drei Jahre jünger, und sie trüge statt ihres
Fähnchens ein blauweisses Kostüm, das ich ihr von meinem Kolleggeld gekauft habe.
    Dann spielte er den Verliebten und wurde dabei selbst verliebt, und als er
sie die Treppe zu seiner Stube hinaustrug, wusste sie nicht, ob sie lachen oder
weinen sollte. Dann zeigte er ihr die Geschenke und war den ganzen Abend wie ein
Student, der fern von der Heimat mit seinem Ladenmädchen Weihnachten feiert. Als
es kalt wurde und der klingende Frost seine Eisblumen und -Palmen ans Fenster
warf, entkleidete sie sich, und es war dabei eine Unruhe und Erwartung, der die
Süssigkeit des Verbotenen anhing. Und auch darauf war er nicht der brutale
Narkotiker, der Vergessen sucht, sondern es schien fast so, als habe er sich und
ihr eine Freude machen wollen.
    Aber als sie in seinem Arm schlief, da war zwischen den Wedeln der Farn- und
Palmbäume aus der Sigillarienlandschaft, die da am Fensterglas wuchs, eine Lücke
geblieben, und durch diese Lücke sah man den Nachtimmel und einen einzelnen
Stern. Der lockte ihn von dem warmen Mädchenleib fort in die Nacht. Behutsam
schlich er von ihrer Seite, kleidete sich an und ging. Den Stern hatte er
verloren, aber an seiner Stelle lockten ihn unzählige. Er eilte, und der Schnee
knirschte unter seinen Füssen, er wusste nicht, wohin er ging, und er fand sich
plötzlich wieder inmitten der zerfallenen Häuser und Schuttaufen des
verlassenen Dorfes, um das am Abend der Hund gelaufen war. -
    Der Schuttaufen, der dort aus dem Eis ragt, das die wassergefüllte Senkung
überzogen, ist mein Tron und Altar. Einstürzende Häuser lauschen mir, aus
Fenstern und Türen der verlassenen blicken Dunkel und Trostlosigkeit mich an.
Schnee bedeckt sie und bedeckt das Feld, das diese Verlassenheit und ihren Tron
in sich schliesst. Es schweigt wie bei Toten, nur der Wind heult und klagt. Wie
ein schwarzer Saum dehnt sich im Süden die Stadt und der Hütten und Zechen
Gewirr und gleich nie ruhenden Wächtern leuchten die Hochöfen in die Nacht. -
Besteig ich den Tron! -
    Er glitschte hinüber über das Eis und setzte sich mitten auf die Höhe des
Schuttaufens, der von dem Schnee wie mit einem Altartuch bedeckt war.
    Die Wolkendecken zerriss und vertrieb der Wind, und schwindelnd blicke ich
mitten in das Rätsel des Seins. In Milchstrassen und Sternbildern lodert's an mir
vorüber und treibt mich und reisst mich durch seine funkelnden Nebel in
Zeitlosigkeit und Raumlosigkeit. O, ich weiss, was ihr wollt! Ich weiss, wohin ihr
mich lockt, wozu ihr mich mit eurem funkelnden Schweigen verführen wollt! -
    Lang streckte er sich über das verschneite Mauergetrümmer hin, und sein Auge
verlor sich in dem Silberstaub, der da Punkt an Punkt den Himmel überwachsen
hatte. Eine Stunde verrann und war nichts, denn ein blauschwarzes Dunkel, in das
eine Hand silberne Funken gestreut, war nichts, denn ein sternenbestickter
Hohlraum, durch dessen unermessliches Dunkel eine Erde flog. Dann erhob sich der
Einsame auf seinem Schuttaufen inmitten des Eises und hob kniend halb
abwehrend, halb flehend die Hände hoch:
    Glück und jeglichen Erdengenuss nahmt ihr mir, ihr locktet mich auf Wege, die
zum Wahnsinn führen und Fluch, und die ihr Opfer nicht lassen aus ihrem
höllischen Zauber. Seht, nun bin ich zum Tier geworden, zum Weniger-als-Tier,
das Rettung vor sich sucht in Strassenfreuden und Strassenschmutz. Nun lasst mir
dies! Lasst mich Tier bleiben und lockt mich nicht fürder mit eurem blinkenden
Zauber und höllischen Rätseln - lasst mich nicht wahnsinnig werden, ihr ewigen
Götter! -
    Der Wind ist kalt und heult wie ein hungriger Wolf in der Nacht, und wie sie
blinken und blitzen wie kalt, wie kalt - und ihr seid doch durch mich! Seid
nichts ohne mich! Blinkt nur - ich blinke in euch. Funkelt nur - ich funkle in
euch! -
    Da warf er sich vornüber in den Schnee, und da er auf der Höhe des
Schuttaufens lag, hing er beiderseits herab wie ein Toter.
    Aber als er wieder aufstand und hoch auf seinem Schuttaufen die Faust zum
Fluch gegen die Sterne hob, hörte er ein Lachen hinter sich und da er sich
umwandte, siehe, da tanzte in einer Höhe, die wohl ein Kirchturm hat, ein
bläuliches Gewirr von geometrischen Figuren und matematischen Symbolen. Das
schwirrte und raste um sich, sinnverwirrend. Dann wandelte es sich mit einem
Male gemächlich in einen phosphorfarbenen Kreis, in dem ein Quadrat hing. Der
Wind aber hatte inzwischen sein Heulen unterbrochen und die Nacht schwieg wie
erstarrt. Da hörte er es sprechen:
    Wir sind durch dich? Sieh her, das hast du geschaffen, ohne dass Auge oder
Hand oder irgend ein Aussending es dich gelehrt. Das bist ganz du, nun komm und
enträtsele dich. - Du Narr! Oho! Du Dreiteufelsnarr!!
    Dann knallte es wie ein Flintenschuss und ward eine rollende Dampfwolke, wie
die Krone einer jungen Linde gross, und höhnte und lachte und stürzte sich auf
ihn - hoho! du Narr!
    Er aber zog den Kopf in die Schultern und lief wie ein Hase dem schwarzen
Streifen am Horizont zu und hatte ihn in mehr denn Windeseile erreicht. Als er
in die erste Strasse einbog und den ersten trunkenen Nachtschwärmer sah,
zerplatzte mit einem leichten Knall die Dampfkugel, die ihn bis hierher verfolgt
und bis auf einige Armeslängen erreicht hatte. Er aber raste weiter und kam
nicht eher zur Ruh, als bis er sein Zimmer gefunden und sich fest an den jungen
Mädchenleib geschmiegt hatte.
    Sie hatte sein Fortgehen und Kommen nicht bemerkt und war noch wie im Traum,
und da sie sein krampfhaftes Zittern fühlte, spielte sie tröstend mit seinem
Haar und sagte:
    Denk nicht daran, Lieber; ich weiss, was du verloren hast. Aber denk nicht
daran, wir sind allezusamt arme Hunde, ach! wie arme Hunde. Nun weine nur nicht
- ach! was sind wir für arme Hunde. -
    Und diese läppischen Trostworte taten ihm unendlich wohl.
    Die beiden nächsten Tage war er ruhig und schweigsam und liess es zu, dass die
Kleine mit einer mütterlichen Sorgfalt um ihn wirkte. Aber er duldete nicht, dass
sie sich länger von ihm entfernte, und fühlte sich am wohlsten, wenn sie auf
seinen Knien sass und mit seinem Haar spielte. - Aber am übernächsten Tag ging er
zur Grube, es war früh am Morgen und schneite. Die Kleine, die ihn verlassen
musste, begleitete ihn bis zum Schacht; hier küssten sie sich, und von da an
verloren sie sich. Es war der letzte Kuss, den Erich von Frauenmund erhielt. -
    Als er mit seinen acht Gefährten im Förderkorb stand und ihre verbissenen,
vergrämten und verrohten Gesichter beobachtete, musste er des Bildes gedenken,
das ihm vor einigen Tagen der Spiegel gezeigt hatte.
    Nein, werde nicht ihr Kamerad! Die haben ein paar Hoffnungen verloren und
sind verbittert durch Neid und Hass und Alltagsleid. Die sind fertig mit Allem,
ihr kleines Leid und ihr Neid und Hass sind wie ihr Alkohol und ihre Weiber
nichts denn ein Stimulanz zu ihrem weiteren Fliegenleben. Sie leiden und neiden
und hassen, um zu leben, leben, um zu leben. Ich aber lebe dem Leben zum Trotz!
Leid gegen Leid! Ich will doch sehen, ob mein Wille weiter geht als Leid und
Rätselgeflunker. -
    Ein Klingelzeichen klang, und elastisch hob sich der Korb, als zöge er tief
Atem ein, bevor er den Sprung ins Bodenlose wagte, dann schwand der Boden, in
den Ohren begann es zu brausen, es war, als flögen sie schwindelnd himmelan,
Staubregen überfielen sie und Lichter kamen wie ein Blitz - nun fühlten sie, wie
sie zur Tiefe fielen - nun wiegte und schwebte und federte der Korb - nun stiess
er leise auf, und Licht ist rings.
    Im Norden ist Gestein niedergegangen, und es sind Schlagwetter in der Luft,
sagte jemand. Er nickte und ging schweigend seiner Arbeitsstätte zu; durch Gänge
und Stollen, eine halbe Stunde weit, bis der Stollen auf das schräg aufsteigende
Flöz stiess. Eine Leiter führte hinab an die hundert und mehr Meter tief, da nahm
er die Lampe zwischen die Zähne und stieg in das gähnende Dunkel. Über ihm hing
der Schiefer glatt und grau, neben ihm surrten, von Drahtseilen gezogen, die
Förderwagen auf und nieder; es ist glühheiss, und der Schweiss perlt. Licht kommt
von unten - Glückauf! - und er ist angelangt.
    Sein Atem geht schwer, die Luft ist dick und drückend warm, und seine
Kleider sind zum Auswringen feucht. Da wirft er sie ab und arbeitet nackt. Doch
die Hacke liegt heute schwer wie Blei in der Hand und prallt fast wirkungslos
von den schwarzen glitzernden Bruchflächen ab. Da setzt er sich hin, lehnt sein
Arbeitszeug zwischen die Knie und starrt vor sich hin. Die Grubenlampe hat er
auf einen Gesteinsvorsprung gestellt und schraubt jetzt ihr Licht auf einen
kleinen Funken herab - da setzt sich eine blaue handgrosse Aureole dem gelben
Lichtpunkt auf.
    Es ist Schlagwetter in der Luft; das Barometer fiel, und im Norden, da
hinten unter dem verlassenen Dorf, sind Gesteinsmassen niedergegangen. Dann
tritt der Unsichtbare heraus aus seinem schwarzen Stein und schleicht durch die
Gänge und Stollen, stülpt hier und da seine blaue Hand über ein Licht, und ein
Funken fliegt in ihn, und mit dreizehntausend Kalorien schlägt er durch den
Stollen und verbrennt und zertrümmert, was er findet.
    CH4, o ein tückischer Feind. So liegt und lauert der Wahnsinn auf den Gängen
und Irrwegen des Lebens und zaubert seine blauen Aureolen und Wunderblumen, aber
anstatt aus diesem Stollen zu flüchten, über dem der Wahnsinn hängt, freuen wir
uns der Zauberblüten, bis der Funke in ihn fliegt und er unser Leben zerreisst
und zerschlägt.
    Was soll das in der Nacht und in dem Schweigen! Sieh, wie die blaue Blume da
blüht und das Dunkel mich umkrallt und das Schweigen mir zuraunt. Bei der
Vermoderung von Dingen, die einst gelebt, wird der Tückische geboren; aber die
Deckgebirge, die die Meere über ihn gewälzt haben, halten ihn fest, bis wir
kommen und sein Gefängnis lösen. Dann zischt und bläst und brodelt er aus dem
schwarzen Stein und schlägt sich in Abbaue und hängt dort oben im Dunkel, hoch
im Alten Mann; und kommt dann, wie heute, wo oben der Schnee fällt, aus seinen
Schlupfwinkeln hervor und brütet und lauert über uns und wartet auf den Funken
und schlägt dann mit seinem rasenden Druck und seinen fegenden Flammen unter der
Erde her, schleudert die Wagen beiseite und presst sie platt wie Papier, biegt
und dreht die Fördergestelle zu bizarren Schlangen und Knäueln und reisst sie im
blitzschnellen Rückschlag wieder zurück; und sein Bundesgenoss, der trockene
Staub, bringt sein Flammen und Rasen von Sohle zu Sohle - die Grube brennt! Dann
stehen sie da oben am Tage und ringen die Hände und sammeln und senden
Depeschen, aber was er und der Brand noch nicht erschlagen hat, das würgt nun
der Schwaden - kein Leben mehr zu Berg, denn den Sauerstoff hat Er mit seinen
zwei Riesenflammen verzehrt. O, es ist ein braver Feind, o das ist Lust, das ist
Reiz! -
    Reiz? Der Reiz ist die Dunkelheit, die Grabesabgeschlossenheit und das ewige
Schweigen. -
    Siebenhundert Meter unter der Erde, im Stein und ewigen Schweigen vergraben
- warum kein Grab? Denn es ist nicht Genuss - der blinde frisst sich selber auf;
es ist nicht Kunst - die feige scheut die Wirklichkeit; es ist nicht Liebe - die
faule will nur Ruh und Rettung vor sich; es ist nicht Macht - die wilde wird zum
Knecht des Erstrebten; und es ist Alles zusammen nicht, was mich halten könnte,
denn Alles zusammen muss. Es ist das Einzige der Stolz und Wille zu sich und eine
Mauer von Eisen um mich und eine Mauer von Stein in mir. Das ist's.
Siebenhundert Meter unter der Erde, im Stein und ewigen Schweigen vergraben -
warum kein Grab?
    Und weiter lauschte er dem Schweigen, fühlte die Wucht des Berges über sich
und gedachte seiner Kindheit und Jugend und ihrer unentwirrbaren Narrheit und
Sinnlosigkeit - Zwei Mauern, eine von Eisen und eine von Stein, das ist's!
    Dumpf schlug das Echo zurück und rollte dröhnend und drohend in das Dunkel,
das da oben wie ein Riesenauge auf ihn stierte. Und näher kam es und schlich auf
lautlosen Tigertatzen Schritt vor Schritt gegen ihn und - krallte sich mit einem
Sprung auf ihn und würgte ihn. Da blickte er sich um, da kroch es fletschend
zurück und stierte wieder von oben mit seinem gierigen Auge auf ihn und langte
und langte und suchte das Licht zu stürzen - da fühlte er und hörte das
Schleichen der Kralle und blickte hin und sah das Licht im Drahtkorb flackern
und wogen - das Schlagwetter kommt!
    Er nahm das Licht und umhüllte es, dann blickte er dem Dunkel fest ins Auge,
ergriff seine Hacke und huschte die Leiter empor.
    Er rannte und brüllte, aber als er halbwegs den Schacht erreicht hatte, hob
es ihn wie eine Feder hoch und warf ihn krachend gegen den Stein, und eine rote
Flamme fegte über ihn und noch eine, und ein Sturm kam und rollte ihn wie einen
Wolleflausch zurück, dann ward es Nacht. -
    Als er erwachte, sah er sich in einem weissen Saal liegen, sein Kopf war
verbunden und sein Rücken brannte wie Feuer, und viel Stöhnen und Jammern kam
aus den Betten, die um ihn standen. Und nach einigen Tagen hörte er, dass jene
zwei Flammen, die über ihn gefegt waren und der giftige Schwaden, der ihnen
nachgekrochen war, dreihundertundvierzig Mann gefressen hatten. -
    Im Frühjahr verliess Erich das Krankenhaus; er war kahlköpfig geworden, und
seinen Rücken deckte eine purpurrote glatte Haut. Nach einigen Tagen fuhr er
wieder zu Berg und war nun, was er wollte, ein Zahn in einem Rad der brodelnden
Höllenuhr, die da Lichter und Donner in die Nacht wirft und in sich den Krieg
gebiert. Seine Augen blickten hart, und sein Gang war breit und fest. Der Weiber
und des Schnapses bedurfte er nicht mehr, aber die Streiks machte er mit und
redete mit in den harten und verbissenen Versammlungen, und freute sich, mit
schneidenden und kühlen Worten die Instinkte derer, die da an seinen Lippen
hingen, kitzeln und aufpeitschen zu können, seine Macht von neuem zu fühlen und
sich seiner Menschenverachtung abermals bewusst zu werden.
    So lebte er lange Jahre, zur Heimat fuhr er nicht mehr; nur im Herbst kam
ihm wohl ein Sehnen, weiche Herbstzeitlosen in seiner Hand zu halten und sie
Blume für Blume in einen regengeschwollenen Bach fallen zu lassen - den Narren,
den Komödianten zu spielen! So überwand er es und mit jedem Jahr ging es
leichter. Zwei Mauern, eine von Eisen und eine von Stein!
    Und die Sehnsucht - - -
 
                                 Der Affenkäfig
Eines Sonntags im Sommer fuhr Erich mit den Mannen, Weibern, Dirnen und Kindern
seines Vereins nach Münster, um die dortigen Kirchen und den Zoologischen Garten
zu besichtigen. Und als sie dichtgedrängt vor dem Affenkäfig standen und
grinsend dem Treiben der Vierhänder zuschauten, brach er in ein solches Lachen
aus, dass die Wärter glaubten, es tobe da ein Irrer, und sie müssten ihn bändigen;
und sperrten ihn in einen leer stehenden Bärenzwinger. Dort kletterte er am
Gitter hoch, streckte die Zunge aus und lachte, dass es sogar den Leuten, die
sich vor ihm zu einem stieren Klumpen zusammengeballt hatten, zu arg wurde. Als
sie fort waren, bat er die Wächter, ihn herauszulassen, und gab ihnen ein
Trinkgeld. Dann fuhr er mit den Mannen, Weibern, Dirnen und Kindern seines
Vereins heim und sang mit ihnen Gassenlieder zum Takt der ratternden Räder.
    Aber am nächsten Tag war er wieder der Alte.-
    Aus der Mauer fiel ein Stein und das Eisen tat einen Riss, da schlug eine
Flamme heraus. Aber über Nacht habe ich gemauert und genietet; was soll's!
    Und das Rad drehte sich weiter und warf Dröhnen und Lichter in die Nacht,
jahrelang. Die Mauern hielten fest, und das Feuer - schlief.
 
                     Der dunkelblaue Enzian zum dritten Mal
Aber eines Tages trat in seine Stube ein Bote und überreichte einen Brief von
dem Gericht seiner Heimat; in dem war zu lesen, dass er von dem verstorbenen
Grafen zum Erben eingesetzt war.
    Da schwieg er eine geraume Zeit - Den Anachoreten in der Wüste zu spielen,
ist keine Kunst, aber in Alexandrien und Rom! -
    Und er trat die Erbschaft an.
Ü rump - ü plump pump rülpste die Dommel am Teich, in dem die Frösche wie eine
tollgewordene Spieluhr quakten, ein lauter Vogel sang fern im Bruch - da stand
Erich am Fenster und blickte in die Nacht. -
    Aber die Gentiana pneumenante habe ich wieder gefunden, unter einer Eiche,
die Jägereiche nennt man sie, - er blüht früh im Jahr, mein Enzian.
    Ein Menschenalter lang - läutete er - bist du unten gewesen und kommst jetzt
wieder her zu mir: was willst du hier? Deinem Narren Zucker geben?
Dich, dein Verhältnis zu den Dingen
und diese selbst, so wie sie sind,
in eine Formel zwingen?
Ho! alter Freund, in einem Jahr tanzen die Lettern vor dir und sind deine müden
Augen blind.
    Oder will er wieder selber Baumeister sein, selber Philosoph?
    Ach alter Narr, in einem halben Jahr bist du toll. -
    Da stand der silberbestäubte Klöppel still. - Ich werde mir ein Fernrohr
kaufen, einen Achtzöller; und dort oben auf dem Turm soll er stehen. -
    Dann zündete er Licht an und repetierte die Grundsätze der Astronomie.
    Am nächsten Morgen erhielt der Zimmermann den Auftrag, das Kuppeldach des
Turmes drehbar zu machen; das Turmzimmer wurde behaglich eingerichtet, der
blanke Achtzöller aufgestellt - nun sass er die Nachtstunden durch im Turm, und
in seinem Tagebuch wechselten lange Zahlenreihen ab mit grossen, flüchtig
hingeworfenen Buchstaben. - Doch trat er müde und mit schmerzenden Augen auf die
Galerie und blickte hinab in die stille Nacht oder in den Morgen, wie er gelb
und langweilig aus der Heide stieg, so blitzte wohl das Auge auf, und zornig
stampfte sein Fuss die verwitternden Steinfliesen. -
    Das sehe ich nun alles, mein Geist durchbljetzt unendliche Räume und kann
sich bei schwindelndem Gehirn sekundenlang vorstellen, wie es in Wirklichkeit -
in menschlicher Wirklichkeit sich darstellt. Und ich empfinde Ehrfurcht.
    Wovor empfinde ich Ehrfurcht?
    Vor der Ausdehnung des Raumes? Vor meiner Schöpfung, die ich nicht zu Ende
bringen kann? - Vor dem schlechtweg Unbekannten, dem X? Das ich selbst gedacht,
alias erlogen habe? -: Nein vor dem Raum und dem X habe ich keine Ehrfurcht.
    Oder vor der Gesetzmässigkeit der himmlischen Bewegungen? Wäre sie nicht, so
zerfiele das Schauspiel in Wirrnis und Staub -: wie kann ich die Notwendigkeit
bewundern? - Und diese »Gesetzmässigkeit«, ist sie nicht ein, wahrscheinlich
verlogenes, Bild, das ich mir aus fraglichen Sinneseindrücken und aus Begriffen,
die ebenso fraglicher Herkunft sind, gemacht habe? - Ein Wort, durch das ich ein
menschliches Nicht-Können in ein tröstend allgemeines Müssen umgelogen habe?
Soll ich meine Lügen anbeten? - Und wie steht es im Besondern mit dieser
Gesetzmässigkeit? Da ist noch der Stoff, und an ihm greifen die gesetzmässigen
Kräfte an. Aber wo ein Gesetz herrscht, wird immer ein Widerstrebendes
vorausgesetzt -: soll nun das Widerstrebende in der Kraft selbst stecken oder im
Stoff, in seiner Trägheit? Eine Kraft im Stoff - zwei Kräfte, die sich um den
Stoff streiten, um den Stoff, der wiederum sich, als dem Widerstrebenden, sein
eigenes Gesetz aufzwingt, das der Träge -? Darauf läuft es hinaus. Kraft gegen
Kraft, eine unentwirrbare, grundlose Einschachtelung von Kräften, und in ihrem
ewigen, makroskopischsten und mikroskopischsten, Streit soll es eine
Gesetzmässigkeit, eine Norm geben, der sie alle als Widerstrebende untergeordnet
sind? - Wer ist der Gesetzgeber? Nun, dafür gibt es vielerlei Worte, und hinter
denen grinst der Vierhänder, der Mensch -: Ehrfurcht vor dem Menschen?
    Aber der Mensch ist auch ein Stück der Welt, - und so überkommt mich
vielleicht die Ehrfurcht vor ihr, die eine solche anscheinende Gesetzmässigkeit,
ein solches Abwägen zwischen Stark und Schwach, besitzt und in ihm sich dessen
bewusst wird? - Vor solchem Bewusstwerden Ehrfurcht? Ehrfurcht vor dem, das unter
Anderm den Menschen in die Erscheinung stiess?
    So bleibt, wenn ich einmal Ehrfurcht hegen will, nur die vor dem
Unbekannten, jenem X; und da ich dieses geschaffen, so habe ich Ehrfurcht vor
meiner Weisheit oder meiner Dummheit.
    Nun, meine Weisheit besteht, ausser jener famosen Schöpfung des X, darin, dass
ich weiss: dass da draussen ein Ding steht, von dem ich nur in Bild habe, - dass
meine Sinne zu wenig sind und deshalb dieses Bild einseitig ist; jedes Tier,
jede Pflanze, jedes Atom meines Körpers kennt wieder andere Seiten von ihm:
weshalb kenne ich diese nicht? - dass - wenn mir auch tausend Sinne zur Verfügung
ständen, - ich das so Übermittelte doch nur durch die drei Denkformen
verarbeiten könnte: warum habe ich nicht mehr? - dass diese meine Denkformen
geworden sind, garnicht da sind zur Erkenntnis, sondern nur zur Unterscheidung
des mir Nützlichen und Schädlichen, ein anderes Organ: warum sind sie nur so
beschaffen? warum muss ich dies erkennen? - und zum Schluss, dass mein Denken,
meine Philosophie, meine Welt nur Worte sind, dass auch das tiefste Erkennen
immer subjektiv, immer Bild bleibt, dass ich nichts bin denn ein unzufriedener,
faselnder Grammatiker.
    Was bleibt mir da von der Bewunderung meiner Weisheit übrig? Die
Bewunderung, die Ehrfurcht vor ihrer Unzulänglichkeit, d.i. die Bewunderung
meiner zulänglichen Dummheit.
    Soll das meiner Sehnsucht Ziel und Ende sein? - Bedauere ich es vielleicht?
Dann hätte ich dreissig Jahre zwecklos Kohlen gehauen. -
    Wie ein Licht nach dem andern da unten erlischt - nur die Sterne, ich und
die balzenden Bauernburschen sind wach - - und sind alle drei das Gleiche - aber
was? Das muss sich doch ergründen lassen!
    Dummheit? - schwerlich. Weisheit? - unmöglich. Güte? - wäre Blasphemie.
Ruchlosigkeit? - wäre Feigheit. Aber Rücksichtslosigkeit? - augenscheinlich.
Zwecklosigkeit? - höchst wahrscheinlich. Aber Sinnlosigkeit? - was wissen wir!
    Stoff? - niemals. Kraft? - gewiss. Geist? - wo steckt der Unterschied
zwischen Kraft und Geist?
    Aber sollte ich ihn finden, muss ich dann nicht fürchten, er wird wieder
Bild, Spiegel, nur ein Wort sein? -
 
                     Der dunkelblaue Enzian zum vierten Mal
Zornig brauste heute der November durch den Wald, legte - willst du wohl! - die
stolzesten Kiefern auf die Decke und schmiss Fetzen auf Fetzen die hangenden und
jagenden Wolken in die Nacht; fegte und pfiff um Dach und Turm, rasselte in den
Schiefern, rauschte im Schilf und wühlte in den klatschenden Wassern der Teiche.
    Der macht reine Bahn, dachte Erich, der pustet die weissdochtigen
Schwefelflammen und die Blutlichter im Sumpf hurtig aus und lässt die Goldtaler
der Buchen rollen. - Den Lichtenhagen roden sie aus -'s ist just das rechte
Wetter. Da wird die Jägereiche gewesen sein und der Enzian ausgeläutet haben am
Niederrhein. - Rauchende Schlote und dröhnende Hämmer und zwischen ihnen das
stinkende Gewürm - mich soll's wundern, ob Das nicht noch die Abendwolken und
den Himmel beschmutzt; dann gehört ihnen dieser Stern, dann sind sie seine Herrn
- o was für Herren! O, 's ist just das rechte Wetter. -
    Da kam durch das Pfeifen und Pusten des Sturms der Traum. - Der nimmt ihn
bei der Hand und führt ihn zu einer breitästigen Eiche. Die Männer, die dort
stehen und ihre Äxte wetzen, sehen sich mit einem seltsamen Lächeln an, sie
werfen die Kittel ab und streifen die Hemdärmel hoch und spucken in die Hände
und heben die Äxte und - schlagen in den Baum. - Die braunen Holzscheite
stieben, ein Zittern läuft durch seine Äste - da neigt er sich, senkt sich, da -
schlägt er krachend hin. - Doch zwischen seinen Ästen hoch wächst eine blaue
Blume, wird grösser und höher und wird eine mächtige dunkelblaue Glocke,
übermannshoch, und schwankt leise auf dem biegsamen Stiel. - Nun heben die
Holzhacker wieder ihre Äxte -: da beginnt sie ein tiefes und volles Läuten im
Wald, der ganze Wald klingt, Luft und Erde klingt - - jetzt kracht sie rasselnd
ineinander. -
    Da erwachte er, Ziegel polterten von den Dächern und zerrissene Sturmwolken
hasteten über den Morgenhimmel. -
    Ein Gemälde von den beiden Königskindern hing in dem Zimmer, in dem Erich
seine Vormittage zu verbringen pflegte.
    - Ein roter Herbstabend, durch den ein Kranichheer zieht -: o wie schön ist
die Sehnsucht, aber ihr Ziel ist ihrer nicht wert. Wie habe ich nicht eine
Lösung, eine entüllende Formel des Unergründlichen, das mich umlagert, ersehnt
-! Und was habe ich am Ende gefangen: die Erkenntnis einer Unmöglichkeit, eines
Unsinns. - Wie das Laub der Bäume über Nacht zerstoben ist, auf den Wellen
schaukelt und sich verhaspelt hat in dem rissigen Schilfrohrhaar, ist mein
Sehnen zerstoben und zerflogen.
    Wie es sich krümmt unter dem Winde, das gelbgraue Rohr, wie die Wellen
glucksen und schnappen, wie die Wolken kugeln, wie verkaterte Zechbrüder torkeln
sie hin -: wie schön ist diese Welt des Scheins, aber sie ist der Bewunderung
und Liebe nicht wert, denn es ist ein sinnlos gewalttätiges Wirken, in das wir
die Schönheit, unsere Schönheit, unser aufreizendes Gefühl nach Neuem und Anderm
hineinlügen.
    Lügen -. Aber wenn es eine Lüge gibt, muss es eine Wahrheit geben, ein Ding
besteht nur durch seinen Gegensatz; damit Alles Unsinn ist, muss Alles Sinn sein.
- Kann nicht gerade das Bestehen der verschieden grossen Kräfte und ihr
gegenseitiges Sich-Abwiegen und zu überwinden Suchen der Sinn sein? Überwinden
wollen, herrschen wollen, um zu herrschen, der Zweck? Um der Lust willen am
Herrschen?
    Ja, wenn ich die Natur aus mir erklären will, finde ich tausend Erklärungen.
Dann biegt und quält der Wind dort das Rohr, weil er es biegen und quälen will
und seine Lust daran hat - wie er mein Schloss in Staub blasen würde, wenn er die
Macht dazu hätte. Dann leuchtet dort der Himmel so sehnsüchtig rot, weil er so
will; er würde klingen, - o mit welchem Ton! - wenn er könnte, um sein
schmachtendes Herz zu hören, um an seinem sehnsüchtigen Leid sein unermessliches
Jauchzen zu haben. - -
    Wer sagt mir, dass solche Erklärungen, die ich aus mir schöpfe und über die
Natur breite, notwendig inadäquat sind? - Sie sind mit ihren Begriffen und
Urteilen geworden, folglich - -. Nun, gilt der Einwand? Doch nur, wenn nur sie
geworden, und die Welt, die sie zu erklären suchen, ewig sich gleich und seiend
wäre. Aber diese Welt ist selber geworden, ist ein immer wechselndes Ergebnis
der sich abwiegenden und ringenden Kräfte, und so mit ihr eng verknüpft sind
unsere Erklärungen das geworden, was sie heute sind. Können wir da so plump
diese von jener trennen, beide als etwas Grundverschiedenes auseinander halten?
Das, was in ewigem Wechsel und Anders-Werden einmal Kraft, einmal erklärender -
was erklärender? -: gerade diese und sich erklärender Geist ist, als zwei
fremde, feindliche, garnicht in Beziehung zueinander zu stellende Grössen setzen?
- -
    So habe ich ein sich immer anders darstellendes Ding, das sich sich selber
anschaulich macht, sich selber erklärt, - weshalb? -: weil es so will, weil es
sich erkennen, sich seiner bewusst werden will.
    Alles tobende Kraft, alles sich seiner bewusst werden wollender Geist. Wie
nenn ich's? - O nenn es nicht! Weisst du, die Worte haben eine trügerische Hülle
von Gefühl - Worte sind Fallen. Nenn es das Namenlose, nenne es »Das«, »Es« -.
    Und wir und unsere Erklärungen nichts mehr, aber auch nichts weniger als
eine augenblickliche Stufe der Selbsterkenntnis des Namenlosen?
    Und meine Ehrfurcht - wohl vor mir, aber als einem jungen Erklärungsversuch
des Namenlosen, und nicht - -. Öffnet sich mir da nicht ein Tor, so
deutung-hoffnungsvoll, so weit, so tröstend - so abschlussverheissend? -
    Am Nachmittag schwenkte der Wind nach Norden um und vertrieb vom gelbblauen
Himmel die fliegenden Wolkenlappen.
    Es wird klar bleiben, sagte Erich und schritt über die Brücke zum Turm, und
einige Tage so währen. Wird es frieren diese Nacht? -
    Am andern Morgen war die Erde fest geworden; hart und polternd rollten die
Wagen, und hell klapperten die Holzschuhe der Jungen, die mit roten Gesichtern
und die Fäuste in die Taschen gebohrt zur Schule trappelten und auf dem
Pfützeneis das erste Glitschen versuchten. Die hölzerne Brücke knirschte und
klang hohl, als Erich über sie zurückschritt.
    Die Rispen des Schilfrohrs sind mit Reismehl gepudert, die Gräser weiss
bereist und die letzten Blätter fallen ab, schwarz und zusammengeschrumpft.
    Und als Erich nach einigen Wochen am Fenster stand, nach der Windfahne und
den Wolken sah und seine Instrumente ablas und dann die Wetterkarte erhielt,
fand er, dass das Tief über Schottland und Irland in der Nacht eine schmale Zunge
über die Niederlande bis in das bergische Land vorgestreckt hatte. Die
Temperatur stieg stetig und langsam, die Windfahne tastete unruhig hin und her
und ratlos quirlten die Wolken durcheinander, hier und da fiel sachte der
spärliche Reif von den Bäumen - da rückte er seinen Sessel an das Fenster und
wartete auf den ersten Schnee. Nach einigen Stunden kamen die ersten Flocken an,
einzeln, verloren; und jetzt tanzen und wirbeln sie herab und werden mehr und
mehr und Luft und Erde wird weiss.
 
                                 Der Abendstern
Eines Morgens, da ein schneidender Ostwind den Himmel rein gefegt hatte, machte
Erich sich auf, um einen Gang in den Schnee und die Kälte zu tun. - Der Wind biss
in die Haut, und der Schnee knirschte unter den Füssen und flammte auf den
sonnenbeschienenen Feldern blutrot vor seinen übermüdeten Augen. Da liess er
Sonne und Wind im Rücken und wandte sich den schwarzblauen Schatten der Kiefern
zu. Nun erlosch die Flamme des Schnees zu sanftem Rosenrot, und die Kiefern
streiften die Hülle von ihrem blaugrünen Leibgewand ab; auf ihren Kandelabern
trugen sie den Schnee in weichen Wattebäuschen, und hoch über ihnen sang der
Wind sein stöberndes Lied.
    Als eure Bewusstseinsform, als euer euch erklären wollendes Stammeln wandele
ich unter euch - o wie ihr mir glaubt, mir zunickt, mir dankt, o wie ihr mich
liebt, meine blaugrünen Brüder.
    Und das, was sich Mensch nennt, - an die Stirne zeigt's und die Fäuste
ballt's, wenn es mich sieht; nennt mich einen Verächter, schimpft mich einen
boshaften Narren - und doch war ihre Art auch einstmals unsere Erklärungsweise,
unser Stammeln, meine stillberedten Brüder; aber Jahrhunderte flossen darüber,
und das, was sich heute Mensch nennt, gehört nicht mehr zu uns: so halte ich
mich an euch, lasst uns zusammenstehn, o meine mich liebenden Brüder.
    Da begegneten ihm Jungen, die Fichtenstämmchen auf den Schultern trugen, -
ihr fröhliches Geplauder verstummte, und ihre eben noch glänzenden Augen
blickten scheu und abweisend auf ihn.
    Weihnachten ist es, sagte er zu seinem Herzen, ich aber feiere meine
Weihnacht unser Kiefern und Schnee, und gedenke sie heute Nacht unter
Sternenbrüdern zu halten. -
    Er bog um eine Wegecke - da setzte der Wind mit einem Sprung auf ihn und
schlug seine brennenden Zähne in seine Haut; die Schatten des Waldes flüchteten
zurück, und vor ihm über dem öden Schneeland flogen lange rote Strahlen und
begannen purpurne Lichtwogen zu schwimmen - zu kreisen -, auf den Hügeln, die
wie riesige weisse Ameisennester ihn umscharten, standen grinsende, flatternde
Feuerfratzen - -
    Schneevergrabene Baumwipfel und Holzstapel sind es; und ich bin in die
abgeholzten Waldparzellen des Lichtenhagen geraten. Muss ich nicht nahe bei der
Jägereiche sein? -
    Wie eine schrotgeladene Masse fegte der Wind, wie ein Meer rasender
Lichtwogen, ein Karneval zähnefletschender Höllenmasken umbrandete der Schnee
seine geblendeten Augen - -
    Die Eiche möcht ich wiedersehn, die den Enzian beschattete. -
    Er stieg in das Schneegewirr, kletterte mühsam über die Stämme und verstieg
sich in dem schneevergrabenen Astgewirr, versuchte mit seinem Stock die
flimmernden, knisternden und brennenden Massen zur Seite zu fegen -: aber er
fand sie nicht, er gab es auf. Nichts, nur toter Schnee, in den der Wind seine
Wellen grub. - Und der stiess immer erboster auf ihn und traf ihn immer sicherer
mit seinen nadelspitzen Blizzardkristallen - die Augen rollten wie glühende
Kugeln in der hämmernden Stirn - Strahlengarben, Lichtkugeln und Globen tanzten
in der Funkenluft, berghohe Glutwogen, auf ihnen der Teufel Alleroberster
reitend, brachen über ihn ein -.
    Ist denn ein tollgewordenes Polarlicht vom Himmel gefallen? Bohrt sein
wahnwitziger Dämon in meine Aughöhlen glühende Kreisel? O meine fernen Brüder,
weshalb ist der Weg, den wir gemacht, mit Leiden bestreut wie mit
Schneekristallen? Weswegen unsere Strasse mit bohrenden Qualen gepflastert?
Weshalb? O weshalb, meine fernen schattigen Brüder? -
    Und als die Lichtfastnacht sich zusammengeballt hatte zu einem tiefpurpurnen
unbeweglichen warmen Meer, und der süsse Schlaf kommen wollte und hinter ihm der
glasäugige Tod, sagte er zu seinen Füssen:
    Wie? ihr habt tausend Sprossen viermal des Tages gezwungen, und verzagt vor
einer Stunde Wegs? -
    Und zu seinen Augen:
    Wie? ihr habt das Licht kriechen sehen über die Strudel künftiger Welten wie
eine Schnecke, und verzagt vor ihm, wenn es irrsinnt und spukt? -
    Dann stülpte er den Hut vor die Augen, hub seine Füsse hoch und suchte mit
dem Stabe den Weg, und ging nach seinem Heimatsdorfe, das er seit jener Zeit
nicht mehr betreten hatte.
    Dort forderte er in einem Gastaus einen Wagen und fuhr heim.
Am 24. Dezember dieses Jahres war Venus Abendstern; sie ging rechtläufig durch
den Steinbock und Wassermann und tauchte nach Sonnenuntergang als erster Stern
am Südwestimmel auf. Wie ein Auge blickte sie aus dem grünrosigen Himmel auf
die beschneite Erde, über der der Wind eingeschlafen war, und deren Menschen
sich anschickten, ihr süssestes Fest zu feiern.
    Auf der blinkenden Eisfläche, die zwischen den Schilfen und Wäldern wie ein
Spiegel lag, um das freundliche Auge des Himmels wiederzustrahlen, trieb die
Jugend ihr Wesen.
    Aber sie sind nicht so laut wie in den vorigen Tagen, und das Pärchen, das
jeden Tag sich hier findet, läuft weniger bewegt und keck. Und bald werden sie
heimgehen, einer nach dem andern, und werden im Flur stehen, der schon erfüllt
ist vom Duft des brennenden Baumes, und auf das Glockenzeichen warten, das sie
hineinstürmen heisst in die grosse Freude. Und die Alten selbst sind heute milde
und schön und freuen sich auf den duftenden Karpfen, den sie aus meinen Teichen
sich gebettelt haben.
    Und alles das wegen eines Glaubens, eines dummen, fremden, überjährten
Kinderglaubens, dessen einlullenden Gefühlszauber sie sich alle, sie mögen sonst
zu ihm stehen wie sie wollen, für diesen Tag gespart haben. - Wie lange mag es
noch währen, bis dieser melancholische Hebräer, dieser arme Gottessohn, endlich
gestorben ist? -
    Da begannen sich die Teiche zu leeren, der Abendstern verschwand, und im
Südosten zeigten Mars und Saturn ihr ruhiges Licht; Geläute erhob sich im Dorf,
und Lieder ferner Kindheit wurden laut. Und Stern auf Stern erschien; der Orion
flammte auf mit seinem flimmernden Jakobsstab, dem rötlichen Beteigeuze und dem
prangenden Rigel; aber sie überstrahlend hing tief im Süden der Sirius und über
ihm der leuchtende Alphard -, da zogen die Plejaden ihren stillen Kreis mit der
flackernden Alkyone und dem feurigen Aldebaran. Doch über Alles hin und Alles in
ihre gewaltige Spirale schliessend rollte die Milchstrasse daher, Stern an Stern,
Punkt an Punkt, Nebel an Nebel - Weltenstaub. Und alles Dies, die funkelnde
Silberwelt und das weihnachtliche Erdenland und in ihm mit schwarzen Mauern und
grotesken Türmen das alte Wasserschloss, traf sich und einte sich zu einem Grossen
in dem Geiste des einsamen Mannes, der da im hellen Fenster stand.
Aus dem Osten der Urgewässer
reckt sich des reifkalten Riesen Dorn,
damit der Schlummer die Menschen betastet,
die Müden auf Erden vor Mitternacht.
    Die alte Eddastrophe sprach Erich vor sich hin, als er nach kurzem Schlummer
wiederum an das Fenster getreten war.
    Die Müden auf Erden - müde von Glück, von Alltagsglück - von Alltagsschmutz.
- Sieh, der Nord! Sternenleer und dunstig wie immer - was kommst du mir
ungerufen mit deinem alten Götterwort?
    In meiner süssen Tölpeljugend sah ich hinter deinen Nebelbänken das Rätsel
lauern und ahnte seine Lösung in tobenden Asen und rauhreifigen Joten, Kraft
gegen Kraft, Wut gegen Wut, Wille gegen Wille - - bin ich im Kreise gerollt,
vierzig Jahre lang, und stehe nun wieder dort, von wo ich ausging? Die Welt -
ein Gewirr masslos ringender Kräfte, ihre Gesetzmässigkeit und ihr Sinn nichts
denn ein stetes Obsiegen des Stärkeren? Ein Kampf, der sich seiner bewusst werden
will - weswegen? - ein Gedanke, der werden will - weswegen? -
    Kann aber etwas werden wollen, das noch nicht ist? Kann nicht nur ein
Wachsen, ein Anders-Werden gewollt werden? - Also die Welt ein Gedanke, der sich
seiner bewusst werden will - -.
    Doch es schlägt Mitternacht, und Jupiter ist heute rechtläufig in der
Jungfrau und tritt um Mitternacht über den Horizont. -
Vor drei Stunden trat der Erste Mond vor seinen Planeten, so werde ich nun
seinen Schattenklecks von Osten heranschwimmen sehen. - Ein rotjunges Judenkind
auf Heu und auf Stroh, Fischerknechte und verstaubte Bücher sagen, sein Vater
sei ein Gott - aber eine Sonnenfinsternis des Jupiter, in silberner Winternacht
vom Raesfelder Schlossturm aus gesehn, von einem andern rollenden Stern zu
vorbestimmter Stunde beobachtet - was wird es mir sagen? -
    Und als gegen fünf Uhr des Morgens die kleine Schattenscheibe den Planeten
verlassen hatte, und alsobald ein zweiter Mond als Lichtpunkt im Osten
aufgetaucht war, vollendete Erich die Zeichnung der gelbroten Kugel, ihrer
Wolkengeschiebe und ihrer sie umkreisenden Monde und schrieb unter das
schwarzumrandete Bild:
    Allerdings ist der Gedanke, die Kraft: die denkende Kraft das Absolute. Es
besteht nichts ausser ihr, und ein absoluter Stoff existiert nicht.
    Wie ich soeben den Planeten von seinen Monden umkreist sah, so muss ich mir
das Atom ebenfalls denken als einen Mittelpunkt, um den andere Mittelpunkte
kreisen. Aber diese Mittelpunkte sind nicht »stofflich«: wie die Hohlkugel
lückenlos ihren immateriellen Mittelpunkt umgibt, so umgibt die denkende Kraft -
um ihr einen Namen zu geben, das Ich - den Gedanken des Stoffs; konzentriert
sich vollkommen auf diesen einen Gedankenpunkt, und der »Stoff« ist da.
    Und dieser Gedanke des Stoffs ist vielgeteilt, und die Stufen seines
Bewusstseins in der Erscheinungs-, Denk- und Bewegungsart der Materie sind
mancherlei. - Und sind alle die Erscheinungsarten zu der absoluten
Bewusstseinshöhe gelangt, so ist der Stoff, in welche Form der Gedanke verfallen
und mit ihm nun ringen und in ihm sich wieder bewusst werden musste, bezwungen -:
die Erlösung ist eingetreten; und er, der der Träger alles Ringens und alles
Leidens war, verschwindet spurlos, er wird vergessen, und es ist, als wäre er
nicht gewesen.
    Und da der Gedanke dann im eigenen Anschaun versinkt, so löst er sich zu
einem seligen Nichts, einem anderen Nirvana auf.
    Und den Vorgeschmack, die selige Ahnung dieses Glückes geniesse ich jetzt,
indem ich mich, soweit es meine Bewusstseinshöhe zulässt, in dem stoffvergessenden
Anschaun meines vielgeteilten Ichs verliere - -
So tiefe Ruh in mir,
unendlich tiefe Ruh -
und alle Welt in mir
und woget ab und zu
sich einend all in mir.
Und ich bin ein Gebet -
und bet' mich selber an - -
o still! da ist's verweht. -
    Geläute klang in sein Zimmer, volltönig brachte es die schweigende Nacht;
Lichter flammten auf, und Schritte und Gemurmel wurden auf den Strassen laut.
    Die heilige Messe beginnt, schrieb er weiter, und die Freude erhält ihre
Weihe. Aber ich halte die meine hintan, denn ich will zuvor den letzten Grund
meiner Ehrfurcht finden. -
    Wieder liess er die Blicke durch die Winternacht schweifen, und nach einer
langen Pause setzte er sich nieder und schrieb:
    Aber weswegen muss der Gedanke den langen Kampf- und Leidensweg der Materie
und ihrer Entwicklung zu klarerem Bewusstsein durchmachen? Weswegen kann er nicht
sogleich im absoluten Sichbewusstsein dastehen, also nicht sein? Wozu ist der
Leidensweg da? Weswegen fiel der reine Gedanke in den des Stoffs? - -
    Lag in dem Denken des Stoffs - vielleicht - eine Sünde? - eine Schuld?
    Und muss er die jetzt - sühnen?
    So liegt vielleicht in dem bangen Ahnen dieser vielleicht doch ehernen
Kausalität von Schuld und Sühne der Grund zu meiner Ehrfurcht? - Und die Schuld
bestände dann, da nichts Anderes existiert als er, in der einfachen Tatsache
seines Daseins, das ja schon den Gedanken des Stoffs, bevor er gedacht war, in
potentia in sich schloss - -.
    Halt! Halt! Alter Narr, wo fährst du hin! -
    Der Jupiter versank mit seinen Monden, Nebel steigt auf, und der Bär hat
seinen Kreislauf vollendet - ich bin wieder angelangt, wo ich in meiner Kindheit
stand. -
    Er löschte das Licht, warf sich angekleidet auf den Diwan und rief eiligst
den Schlaf.
 
                                  Der Tauwind
In dem Nebel, der am Morgen gekommen war wie von nirgendwo und in seine grauen
Tücher Himmel und Erde eingesargt hatte, blies ein leiser Wind; der trieb die
fallenden Tropfen gegen Halm und Baum und liess sie dort in weissen Eiskristallen
anschiessen. Und als der Erdschatten am Westimmel verschwunden war und die Sonne
stieg, verflog der silberschmiedende Wind und hob sich der Nebel und hing grau
und hoch über des Verflogenen köstlichem Werk: in glitzernde Rauhreifketten war
die Erde gelegt.-
    Siehst du, Alter, diese helmgeputzten Jungen, die auf ihren neuen Schlitten
und Eisschuhen tollen, diese Affensoldatenröckchen, diese Säbelchen und neuen
Krügelchen, Bändchen und Crawattchen sind das sich seiner bewusst werden wollende
Namenlose! Diese Alten, die ihre verkonsumierten Kartoffeln und Biere in Mäntel
gezwängt haben, als gälte es einen Zug gegen den Pol, die mit ihren unleidlichen
Cigarren deine Luft verpesten, die frech wie Geschmeiss auf Gestorbenen auf
deinen Brücken stehen, auf deinen Höfen, an deinen Mauern herumlungern, gebildet
sind und weihnachtlich-winterlich gestimmt und reden von der Poesie deines
Schlosses und dem Affentreiben ihrer Brut zuschmunzeln - heissa! das Liebespaar,
eine neue Boa hat's und freut sich über den Neid der Andern, wie es hinter die
Schilfwände gleitet, hinter die Erlen und Weiden! - ist das sich seiner bewusst
werden wollende Ding, der Gedanke, der sich erkennen, sich fassen will, - Das da
sucht sich zu finden, Das da findet, Das da hat die Wahrheit - Das da erkennt
ehrfurchtsvoll die eherne Kausalität von Schuld und Sühne, Das da geht darauf
aus, sich zu erkennen, um sich zu erlösen, sich zu erlösen vom Dasein, vom
Dasein, das durch sein Da-Sein schuldig geworden, vom Gedanken, der durch sein
Denken in Sünde gefallen - haha! der Gedanke denkt! - Tandaradei! Das da hat die
Wahrheit, Das da ist die leibgewordene Wahrheit! - Ach! die Wahrheit! ach! die
Lüge! ach! das Geschwätz! ach! die Eitelkeit! ach! die schwätzende lügende
Eitelkeit!
    Ein anderes Organ, geboren aus klappernder Furcht, genährt durch Hunger und
Not, gewachsen in schwälender Rache, in Wut, Schwäche und Eitelkeit -
umgeschwätzt zu einem Organ der Erkenntnis, der interesselosen Selbsterkenntnis
des Dings! O Narr, o Kind! Und ist das Mittel ein Gedankending, so ist's erst
recht sein Handhaber, ist das Organ Gedanke, wie sollte sein Besitzer nicht
Gedanke sein: so ward die Welt ein Gedanke, der sich mit Hilfe des Gedankens
denkt, um sich zu denken! Ein Herdenorgan, ein »Bewusstsein« zum Ding an sich
gelogen! O du Tausendsassa! O du köstlicher Wortklauber!
    Das wusstest du doch alles - und nun? - Ach ja, die Ehrfurcht, die Stimmung!
Hege doch Ehrfurcht vor der glitzernden Rauhreifwelt da draussen - aber nicht
deswegen, weil sie unerklärlich ist - sie ist weder unerklärlich noch erklärlich
- auch nicht deswegen, weil sie so tief, so bedeutungschwer ist - deine
Unfähigkeit ist tief, dein Fabulieren bedeutungschwer - auch nicht deswegen,
weil sie Schein, Bild, Erscheinung eines hinterweltischen Dings ist - wie hangen
die zusammen? was heisst Schein, was Ding an sich? Worte sind's, Wünsche sind's,
Lügen sind's! - hege doch Ehrfurcht vor der glitzernden Rauhreifwelt, vor den
rollenden Sternen, den leuchtenden Abendröten, den reinen Himmeln, deinem
gesunden Leib innen und aussen! Aber du wolltest mehr, du wolltest Gründe haben!
Hinterher hinzu gelogene Gründe für deine kindische Ehrfurcht, deinen
Stimmungsdusel. O ja, Gründe für deine Stimmungen, die suchtest du, und da -
fandest du sie, wie leicht, ach! wie leicht. Nun, da sind sie! Schau sie dir an,
die schmauchenden Bierbäuche und ihre Affenjungen!
    Wahrheit wolltest du, willst nur Wahrheit, das ist deine dunkelblaue
Sehnsucht von Jugend an? - Gewiss, du wolltest deiner Stimmung Gründe
unterschieben, aber nicht Gründe von da, woher du sie nehmen solltest, aus
deinen Augen, deinen Ohren, deinem Magen und Unterleib - o nein! Gründe von
hinter den Welten, hinter den Sternen her! Das war dein Wahrheitsuchen.
    Du hast schon lange den Glauben, die Wahrheit finden zu können, abgelegt,
den Glauben an eine absolute Wahrheit beiseite gelegt? - Gewiss, aber mit
Zähneknirschen und grabmüdem Entsagegesicht. Aber weisst du, wenn du einem Ding
entsagst, dann liebst du und wertest du auch als Entsagender es noch - ach! wie
tief, in wie verborgenstem süssestem Herzen liebt gerade der Entsagende! Die
Möglichkeit, dein Zuckerlieb Wahrheit zu gewinnen, schwand dir wohl, aber ihre
Wünschbarkeit, ihr Wert schwoll ins Ungemessene, ins Tolle - ins Tolle! mein
Alter.
    Du hast den Glauben an eine absolute, übermenschliche, dingliche Wahrheit
abgelegt und siehst die Dinge nun, wie sie ausserhalb der Wahrheit sind. Die
Dinge sind nicht wahr: das ist jetzt deine - Wahrheit über sie. Die Dinge
scheinen: das ist jetzt deine - Wahrheit über sie. Sind die Dinge nicht in
Wahrheit ausserhalb der Wahrheit? Streiche doch erst die Sprache aus deinem Kopf.
    Und in solchen Aberwitz bläst dein Erzzauberer, der sich Stimmung nennt. Und
wie der Klang auf den Schlag des Klöppels folgt: weswegen, woher überfällt mich
diese Stimmung? Habe ich Grund dazu? - Gewiss; weil ich Ehrfurcht habe, leuchten
meine Augen und schwillt meine Brust. Ein Wort, ein nichtssagendes vielsagendes
genügt - wovor habe ich Ehrfurcht? O, davor, dass ich die Dinge sehe, wie sie
sind, wie sie in Wahrheit ausserhalb der Wahrheit sind, dass ich ihr Erklärer, ihr
Deuter, ihr Mundstück bin. O Hansnarr! Hansdichternarr! O du rohrhalmiger
windiger Phantast, o du Stimmungsinterprete, du unfreiwilliger Blähungendeuter!
    Aber auf dass sie Ehrfurchterweckt, muss Schmerz mit der Erkenntnis verbunden
sein. Ehrfurcht vor einer beglückenden Erkenntnis - o solche Ehrfurcht lass dem
Pöbel, den schmauchenden Bierbäuchen da. Eine Schuld muss erkannt werden, eine
schmerzensvolle leidenstolle Sühne muss erkannt, gewollt, muss mit ehernen Stirnen
- mit verzückten Wahnsinnsaugen, in autokannibalistischen Wollüsten bejaht
werden! Etwas schlechtin Unergründliches, rätselhaft Gegebenes muss dabei sein -
o dann kannst du Ehrfurcht hegen! - Nun, sie stutzte zur rechten Zeit,
verschluckte den bitter-süssen Rest und legte sich schlafen. -
    Und jetzt? Wo ist das Tor? Das Ziel? Der endliche Abschluss? Zeig ihn mir,
armer Narr: da ist kein Nein, ist kein Ja - ein Mittelding, ein grauer Schatten,
ein graues Nichts: was geht's mich an! was weiss ich! - -
    Doch siehe, liegt da nicht wieder ein Urteil drin? Eine latente Wahrheit?
Und wie bald wird die frei sein, ihren alten Unheilweg gehen und ein System des
Was weiss ich! Was geht's mich an! aufstellen, - und dabei wird wieder Ehrfurcht
verpufft und Wollust verstöhnt - - - o gäbe es Krieg!
    Käme der Krieg! In gleissenden Wolkentürmen lauert er rings -: erwachte ein
Sturm, der ihn aufjagte aus seiner lauernden Ruh, dass er über uns kommt in
seiner schwarzblauen Wetternacht mit seinen Schwefelwinden, seinen goldenen
Blitzen -! Volk gegen Volk, Land gegen Land - ein Stern nichts denn ein tobendes
Gewitterfeld, eine Menschendämmerung, ein jauchzendes Vernichten -! oh, ob dann
nicht ein Höheres - da riss Erich das Fenster auf und rief in den Hof: Herunter
von meinen Brücken! Herunter vom Eis! Herunter von meinem Hof!-
    Und als sie Gesichter machten und zu zögern begannen und zu murren und zu
mucken anfingen, holte er den Krückstock und eilte hinab: Muckt Das? Will Das
wohl herunter vom Schloss! - und stürmte auf sie los und trieb sie über die
Brücke, dass sie stolperten und glitschten und fielen und sprangen, nicht viel
hätte gefehlt, und sie wären geflogen, - und huschte hin - Will Das wohl
herunter! - über den Hof - Ich will Das lehren, Gesichter machen! - durch das
Scheunentor - Ich will Das mucken lehren! - über die Brücke und die Gasse ins
Freie.
    Als er zurückkehrte und den Krückstock wie einen Schläger kreiste, fühlte
er, wie warm die Luft plötzlich geworden, und sah, wie der Rauhreif allerorten
gefallen war, und das Eis stumpf und wässerig wurde, und der Boden begann, glatt
zu werden -
    Ho! es liegt Tauwind in der Luft - und er ging nachdenklich in sein Zimmer.
-
    Es will Frühling werden, acht Tage Winterfrühling,
Weihnacht-Neujahr-Frühling werden. Das bläst hurtig die Silbergaukelstücke zum
Teufel, das macht freie Bahn, freie Luft! -
    Freie Bahn! Freie Luft! Und noch einmal Frühling! Sommerkraft! In rote
Blumen und duftendes Gras mich wälzen, in den Himmel schauen: o du lügst, aber
du bist schön in deiner meiner Lüge, und ich liebe dich! Du unschuldig gelogenes
blaugoldenes Himmelsweinglas! O ihr lügt alle, ihr roten Blumen, ihr gaukelnden
Vögel, ihr blauschwarzen Schatten und Teiche - aber ihr seid schön, unschuldig
schön und bös, und ich liebe euch!
    Freie Bahn! Freie Luft! Und noch einmal Frühling! Sommerkraft! Oh, ob ich
dann die Kraft zu dieser Lüge habe? -
    Aber weisst du, du darfst es nicht Lüge nennen! Sagst du Lüge, so gehe lieber
in die Kirche, sie läuten, sie bimmeln-baum-bammeln schon wieder -, das ist
folgerichtig. Habe doch die Kraft und sage nicht Lüge! Lass es nicht darauf
hinauslaufen! Schlage den alten Gott doch endlich tot! Der ist nämlich noch
nicht tot in dir - die alte Hinterwelt und ihr alter Gott und ihre Werte und
Wünsche wollen nicht tot gehen in mir. - Weisst du, du hast es an der unrechten
Stelle angefasst: mit einer Jugendphrase war es dir genug, mit einem überlegenen
Dummen-Jungen-Lächeln glaubtest du den alten Gott totgeschlagen zu haben. Du
hast ihn nur geohrfeigt, mit einem Stein nach ihm geworfen, wie freche Jungen es
tun, und da duckte er sich und rächte sich und verdarb dir dein Leben.
    Du hast den geilen Stamm geköpft, aber seine Wurzel blieb saftig und gesund
und schoss Trieb auf Trieb. Und die hegtest und pflegtest du und ranntest mit
diesem bösen Ballast auf Suche in alle Welt, bummeltest in allen Ecken und
grubst nach deiner lieben, ach! so lieben Hinterwelt: Wahrheit, Abschluss, Ding,
Sinn, Ziel, Grund - wie diese gesuchten Schätze anders hiessen -: das war der
alte Gott. War je einer ein Gottsucher, so warst du's; war je einer in sein
Verderben verliebt, so warst du's. Sein Priester bist du gewesen, wie er sich
keinen feineren wünschen kann, sein blinder, wütender, sich selbst
zerfleischender Priester und törichter Goldgräber. O du - war deine Sehnsucht -
Sehnsucht nach deinem mit Dummen-Jungen-Steinen verscheuchten Gott? Deine
Bummelbahn - eine Gottsucherbummelbahn? - In der du alt und weisshaarig und
einsam und Verächter geworden bist und glücklich verbummelt? O habe doch die
Kraft und mache der Bummelbahn ein Ende! Noch einmal Frühling! Sommerkraft! Rote
Blumen und blauer Himmel - -!
    Und wenn nicht, so grüsse deinen Feind und sei ihm dankbar für seine
Feindschaft -: ein Feind, der die Macht hatte und ausnutzte, dein Leben zu
verpfuschen, ist schon einer grusswürdigen Feindschaft und eines Dankes wert -,
hat er mir mein Leben doch interessant gemacht, bin ich doch Bursch geblieben
mein Leben lang - heissa! ein verbummelter Student!
Heulend fiel der Westwind her über das Schloss, knatternd warf er Ziegel und
Schiefer auf den Hof und platschte sie auf das brechende Eis - und still lag
Erich auf seinem Lager und lauschte dem Tauwindtoben. Wie raschelt und rauscht
das Rohr, wie schnaubt der Wind, wie brausen die Kiefern, wie stöhnen die
Wälder, wie schlägt und wütet der Regen gegen das Glas!
    O blase sie fort, mache Bahn, freie Bahn, lieber Wind! Wie du stöhnst, wie
du wollüstig stöhnst-! wer umschlingt dich, du Wilder?
    Ja, Wind sein, Tauwind sein und über die Lande brausen! Nicht Mensch sein,
nicht Seele, nicht Kriechen und Leid - ein tobendes, jauchzendes, stöhnendes
Gefühl! Schnaubende Winde, rollende Erden, brausende Sterne - ist nicht die Welt
ein tobender Sturm? Blase doch die Menschen fort - ach! nur Sturm sein, nur
rollende Erden, nur brausende Sterne -!
    In Sturmliedern schlief er ein. Fest lag das Tief über dem Nordkap, und die
ganze Nacht durch brausten die Stürme an dem Keil entlang, den es in gewaltigen
konzentrischen Bogen nach den Alpen zu schob - von Britannien bis zur russischen
Grenze ein Regen und ein schwüler schwerer Sturm. -
    Mir hat Sturm geträumt, Sturmglück geträumt diese Nacht. - Das wird ein
gesegneter Tag! Wandern will ich. Ins Land der Stürme wandern. -
    Dann rief er seinen Verwalter und tat ihm kund, er würde ein Jahr oder mehr
auf Wanderschaft gehen. Und als der ihn verlassen hatte, suchte er in seinen
Atlanten und Büchern das sturmreichste Land der Erde und den stürmereichsten Weg
dortin.
    Und dann nach sturmreichen Jahren zurück in den Sommer, in rote Blumen und
blaue Himmel -! -
    Die Rosse waren geschirrt und das Ränzel geschnürt, als Erich noch einmal
auf den Turm stieg, um Abschied von seiner Sternwarte, seinen Teichen und
Wäldern und Heiden zu nehmen.
    Lebt wohl! ihr Zahlen und Zahlengespenste. Ihr ein Mass, oder gar eine Norm
der Welt? O nur ein Mittel, mir sie denkbar zu machen. Denkbar? Nun ja, so quasi
denkbar zu machen. Lebt wohl, ihr krummbeinigen, buckligen, dickbäuchigen
Runengespenste.
    Und ihr Kreise und Kugeln, ihr Ringe und Schatten und Hörner? Schon nicht
mehr nur Mittel, schon Bild und Abklatsch - - fängt das schon wieder an? Lebt
wohl, lebt wohl! -
    Dann trat er auf die Galerie, über die sich ein dunkler Wolkenkeil gerade in
den Westen bohrte, über ihm breit und wulstig und sich im Osten in fliegende
Wolkenfetzen auflösend - drei Keile, die sich zu einem gewaltigen ineinander
schoben, regenschwer und prallgespannt; aber am runden Horizont standen in Nord
und Süd weissgleissende Wolkengebirge, sonnenbeschienen und unbewegt - und vor
ihnen und in dem schmalen Streifen blauen Himmels über ihnen jagten und kreisten
in ruhelosem Getriebe weisse, bläuliche Wolkenfetzen und vereinigten sich hinten
im Osten zu einem übereinander kugelnden und strudelnden Wirrwarr mit den
Ausläufern des dunklen dreifältigen Keils - aber den Kopf voraus und den Fuss
weit hinten nach strichen gelassen und schnell Hagelschauer fern über die Höhen
und Wälder. Da packte der Wind seine Reisemütze, wirbelte sie hoch und trug sie
über die Dächer davon.
    Hallo! Lieber Wind! -
    Er lachte der Fliegenden nach, lachte, wie sie fern zur Erde fiel, über die
Wiesen und Felder rollte und an den Hecken des Friedhofes liegen blieb. - Schier
wagerecht bog dort der Wind die Tujabäume.
    Heissa! die symbolische Reisemütze! Leb wohl, süsse Loo! Wenn ich wiederkehr',
wenn ich wiederkehr' - -. Du, klingt dir kein Märchen im Ohr? Ach! ich will
nicht den Reim. Rote Blumen und blaue Himmel -!
    Dann wandte er sich, um hinabzusteigen; aber der Wind presste ihn hart gegen
die Pfeiler.
    Du möchtest mich nachblasen die siebzig Fuss hinab - nun, das kommt, wann ich
will, und das hat seine Zeit. Erst stirbt der Gott da hinter den Sternen und
steigt der der Erde hoch, dann - -
    Dann? Dann liebt der Erdengott seine Erde - - Lieben? Was ist denn da noch
zu lieben? Zu lachen höchst! Lächeln muss er, lachen muss er, muss traben wie ein
stolzes dummes Tier -!
    Werde ich nicht auch dann in die Welt gestossen, ohne dass ich es wollte? Muss
ich nicht auch dann mich gegen das Leben wehren? mit Lachen und Stolz mich
wehren? Und dankbar sein für etwas, das ich nicht gewollt, das ich nachträglich
gut gesagt, trotzdem, ja gerade weil es mich quält: weil ich mit einem Ja besser
als mit einem Nein leben kann? Muss ich nicht Dankbarkeit, Freude, Interesse,
Liebe lügen? Lügen, ich kann nicht anders! - Es ist ein Lügen, das Leben lieben,
das Leben, von dem ich nur seine Lüge kenne; es verlachen, wenn ich nicht weiss,
worüber ich lache; es erforschen, wo ich nicht weiss, was ich erforsche; mich an
ihm freuen, da ich nicht weiss, worüber ich mich freue; es fortwerfen, wenn ich
nicht weiss, was ich fortwerfe; es weiter wollen - wozu? wo ist der Sinn? wo ist
der Zweck? wo ist der Grund? - Kein Wissen, kein Sinn, kein Zweck, kein Grund,
kein Ziel, kein Entfliehn - verflucht!
    Er schmetterte den Fuss gegen den Pfeiler, dass er knackte und zur Tiefe fuhr,
und häuptlings flog er ihm nach.
    Am Abend hatte man seine Leiche aus dem Schlamm herausgeholt, mit ihm den
abgebrochenen Pfeiler - den trugen sie zurück auf die Galerie. - Weswegen? Sie
wussten es nicht.
                                      Ende
 
    