
        
                                  Lena Christ
                                 Die Rumplhanni
 Es ist um den Abend des Tags, da man schreibt den fünften August
eintausendneunhundertvierzehn. Die Sonn geht langsam hinter den alten
Zwiebelturm der Kirche zu Öd, scheint noch eine Zeitlang auf die Bergwände da
hinten, weit hinter Höhenrain und Kirchdorf, dass sie flimmern und brennen, und
verschwindet dann gemach hinter den Wäldern vor Frauenreut. Aus der
Hufschmiede, die an der Strasse gegen Ostermünchen steht, dringt noch beissender
Rauch. Der alte Hufschmied schlägt fluchend und kreistend dem feisten Bräundl
des Reiserbauern von Vogelried das letzte Eisen an den Huf; sein Gsell, der
Pauli, löscht singend und pfeifend die Glut der Feuerung, und der Lehrbub räumt
verdrossen die Werkzeuge auf.
    »Soo!« sagt endlich der Schmied und strafft seinen Rücken zur Höh;
»Herrvergeltsgood, dees hätt' ma wieder! - Jetz schaug nur, Reiser, dass er guat
hintrekimmt auf Frankreich, dei Häuter!« Der Reiser verzieht das Gesicht zu
einem halben Lächeln.
    »Werd scho umifindn!« meint er dann und weist den Gaul gemächlich aus der
Schmiede; »und jetz sag i dir halt no an scheen Dank und guat Nacht!«
    »Es is scho recht!« sagt der Schmied und hängt sein Schurzfell an den Haken
hinterm Tor; »guate Nacht aa!«
    »I lass dein Kaschba a guats Hoamkemma wünschen, sagst!« - »I dank dir,
Reiser.« - »Und an Franzl aa, balst eahm schreibst!« - »Der is scho dahi -
anorts - gega Frankreich, moanet i.«
    »Aha.« Der Reiser gibt seinem Bräundl einen Tatsch mit der flachen Hand und
ruft: »Hüa, Alter! Zua, sag i. Mit dir geht's morgn aa dahi!« Und lenkt ihn in
einem leichten Trab heimzu, indes der Schmied in die Werkstatt ruft: »Alsdann,
Pauli, Bua, - Feiramd macha! - Für heunt glangts!« Worauf er zum Brunnen geht
und sich wäscht.
    »Feiramd! Dass 's Gott gsegn!« sagt der Pauli und reckt sich; »Kreizsakra,
heunt hätt' i 'hn bald gspürt, mein Buckl! Zwoaradreissg ham mir heunt
beschlagn!« - »Ah was!« brummt der Lehrbub; »dees is ja koa Arbat nimmer! Dees
is ja a Schinderei!« Damit schliesst er die Torflügel der Schmiede und schiebt
die eiserne Sperrstange vor.
    »Unsern Kaschba ham mir scho gspürt, heunt«, sagt am Brunnen der Schmied mit
einem Seufzer; »der is uns scho recht abgangen! - San halt do zwee Arm weniger
gwen!« Worauf er sich gegen das Wirtshaus drüben bei der Kirche wendet.
    »Ja, dees is mir aa so vürkemma heunt«, murmelt der Pauli, indem er sich
prustend seift und wäscht; »den ham mir freili gspürt, an Kaschba. - Ja, ja,
heunt nacht geht's dahi damit; da muass er fahrn.« Der Lehrbub zieht die Arme aus
dem Hemd und pumpt sich einen Strahl Wasser über Hals und Kopf. »Der Wirtsjackl
fahrt aa heunt nacht!« schreit er dazu laut und schüttelt sich das Wasser aus
den Ohren; »und der Hausersimmerl aa; und der Knecht vom Wirt, und der Fritzl
vom Staudnschneider aa.« - »Ja«, sagt der Pauli und wischt sich die Händ an den
Hemdärmeln trocken; »i glaab, dreizehne san eahna von Öd und Voglried; i wollt,
i waar der vierzehnt! Die ganz Arbat ko mi jetz bald gern habn!« Und geht gleich
dem Schmied zum Wirt, dem Ödenhuber. -
    Ist eine gute Einkehr, dem Ödenhuber seine Wirtschaft; ein saubers,
geräumiges Haus, reinlich inwendig und auswendig, mit frischem Bier und gutem
Koch, einer Metzgerei dabei und einem grossen Höft mit feistem Vieh und reichen
Stadeln. Dazu der Matias Ödenhuber als Wirt; ein aufrechter Fünfziger, der
gleich seinen Vorderen sich beizeiten eine riegelsame und werktätige Hausfrau
genommen hat und nun seit zwanzig Jahren mit ihr, einer reichen
Postalterstochter aus dem Ebersberger Gau, die Wirtschaft samt dem Hofgut
rechtschaffen hält und führt, dabei ihnen ihre beiden Kinder, der Jackl und die
Leni, gutding dazu helfen. - Grad steht der Ödenhuber unter der breiten Haustür
mit dem buntverglasten Oberlicht, als sich der Hufschmied in den kleinen
Wirtsgarten mit den drei alten Kastanienbäumen und den zwei wurmstichigen
Tischen setzt, auf denen ein grünlicher, moosiger Reif wuchert und darauf
Ameisen und Fliegen geschäftig hin und her laufen.
    »Grüss di Good, Schmied!« sagt der Wirt. - »Grüss di Good aa.« - »Kriagst a
Mass?« - »A Mass bringst ma, ja.« - »Resl, der Schmied kriagt a Mass!« Der Wirt
ruft's ins Haus, und die Schenkkellnerin läuft mit dem Krug. Der Ödenhuber setzt
sich zum Schmied. »Hast Feiramd gmacht?« - »Jaa. - Waar mir a so bald liaber, es
wurd für ganz Feiramd!« Die Resl stellt ihm das Bier hin. »Was möchst? - An
ewigen Feiramd?! - Zum Wohlsein! - Du waarst net viel gschlecki!« - »Heunt no
durft Feiramd sei, sag i! - Nachher gang i glei aa no mit, mit insane Buam!
-Heunt no!... Wann i no jung waar!« Er trinkt hastig. Der Ödenhuber schmunzelt.
»Du wurdst eahna koa geringe Angst net einjagn, moan i!... Ah! Grüss di Good,
Pauli!« Er macht dem Gesellen Platz. Der setzt sich. »'n Abnd. A Halbe möcht i.
- Zum Abgwohna.« Die Resl lacht. »Jetz hab i schon gjammert, dass ins alle insane
Buam davongengan in Kriag; derweil is do no oana dabliebn! Hams di net gfunden?
Oder is's eahna um dein scheena Kopf load?« Der Pauli zieht gemächlich seine
kurze Pfeif aus dem Joppensack, stopft sie und sagt bloss: »Schnabel halten! -A
Halbe kriag i!« Dann zündet er sie an. Die Resl lacht:
    »Raucht er dir jetz?« und geht darnach.
    Der Ödenhuber holt ein Zeitungsblatt aus dem Brustlatz seines weissen
Schawers (Schurzes) und liest die Aufrufungen und Anzeigen. Der Schmied hockt
stumm vor seinem Krug.
    »Was bist jetz du für a Jahrgang, Pauli?« Der Wirt fragt's. - »Achtadachzg.«
- »Deant?« - »Naa.« - »Ah so.« - »Warum fragst?« - »No, i moan halt, sunst tatn
s' di wohl a so bald holn?« - »Kunnt scho sein.«
    Der Schmied starrt stumpf und trüb vor sich hin. Jetzt sagt er langsam: »Vo
heunt auf morgn is der Kriag alleweil net gar. Der frisst schon an etlichs paar
Leut, denk i.« - »Da kannst recht habn«, erwidert der Ödenhuber. »Dessell glaab
i aa«, meint der Pauli.
    Die Resl bringt das Bier. »Sollst lebn, Pauli!« - »Is scho recht, Hex! Und
bals mi trifft, denkst dir, nachher derf der ander lebn, gell! D'
Ersatzreserve!« - »Warum? - Gehst du leicht aa?« Die Resl fragt's erschrocken. -
»Ja no, kunnt scho sein ...« Er raucht, dass sein Gesicht kaum mehr zu sehen ist.
- »Hast leicht aa scho an Zettl?...« - »Naa ... no net. Aber ... i moan gar ...«
- »Pauli! Du werst do net!...«
    Der Wirt horcht auf. »Aber, Pauli!« mischt er sich ein; »wia leicht kunnts
di dein Kopf kosten! Um dein Kohlrabi waars wirkli schad!«
    Der Schmied ist wieder ins Brüten gekommen. Jetzt murmelt er vor sich hin:
»Werd scho geh. Mir muass si halt dreinfinden. Is nur guat, dass d' es nimmer
derlebn hast müassn ... Muatta ... dass alle zwee ... dahigengan. - Ja no ...« Er
schrickt auf an seinem Seufzen und trinkt. Dann beschattet er die Augen mit der
Hand und schaut nach der Kirchenuhr. »Geh, Ödnhuaber, siechst net, wia spat dass
's is?« fragt er.
    Der Wirt fährt aus der Zeitung auf: »Wia spat, sagst?« Er zieht die Uhr. -
»Drei Viertel auf simme.« - »Scho! - Er werd si do net versaama, der Kaschba!« -
»Ah, naa! Der versaamt si net! Is ja der meine aa dabei. Sie san halt beim
Pfüagoodn.« - »Ja, ja. Aber um halbe zehne geht der letzt' Zug vo Osterminga.« -
»Den kriagn s' leicht no!« - »Jano. - Aber i hättn halt no gern daghabt, mein
Kaschba. - Mir hat do no allerhand zum redn, mitanand.« - »Dessell is ja wahr
...« - »Mir möcht halt no sagn ... was oan druckt ... bevor oana a so dahingeht
... mir woass net, wohi ... und wias aussigeht damit ...«
    Der Wirt nickt und legt seine Zeitung zusammen. »Ja ja. A Feldzug is halt
koa Keglscheiberts.« Der Schmied schnauft tief auf. »Schaug, mein' Franzl hab i
aa nimmer gsehgn. - Der is glei von der Kasern aus weiterkemma.« - »I woass 's a
so.«
    Die Resl hat derweil halblaut auf den Pauli eingeredet. »Warum möchst denn
scho zahln? - Warum gehst denn scho? Bist harbisch auf mi?« - »Naa. - Aber an
kloan Weg mach i no, verstehst!... Herrgott, mi druckts a so, dass i grad
Landsturm bin ...« Er trinkt hitzig aus. Die Resl starrt ihn angstvoll an.
»Pauli! - Ja, was hast denn?...« Er setzt das Krügl auf den Tisch, dass es
scheppert. »Woass 's der Teixl, Dirndl ... i moan ... i mach gar aa Feiramd mit
der Arbat!... I geh aa!... I meld mi freiwilli ... i kann's net dawartn, bis
dass's mi holn ...« Da springt die Resl auf. »Furt, sagst?... Freiwilli ...
Pauli!.. Ums Christi ...«
    Der Schmied fährt zusammen. »Was hast gsagt? Du gehst aa?... Ja, - was tua
denn nachher i ...?« Er starrt den Gesellen an und sinkt dann wieder in sich
zusammen. »Ja no,... muass i di halt geh lassen. Da kann ma nix macha. Bist ja
gsund. Geh nur zua in Gottsnam ... geh nur ... geht's nur allsamm ...«
    Der Wirt mischt sich ein: »Aber, was waar denn jetz net dees, Pauli! Werst
'hn do net alloa lassen, an Schmied! den altn Mo!«
    Der Pauli ist in einem verlegenen Kampf mit sich selber. »I woass 's scho.
Aber ... in mir wurlt grad alls! Ödnhuaber, i sag dir's, wia's is, i schaam mi!«
Er springt auf und reckt sich. »Bei meiner Postur! Und bei dem Gsund! Was?!
Waar's da net a Schand?« Die Resl kämpft ein Weinen nieder. Der Schmied
betrachtet den Burschen mit trübem Aug. Da tritt der Pauli zu ihm: »I ko net
anderscht, Moasta ... i muass dir Pfüagood sagn. Lohn hab i a so grad nur vier
Mark fuchzge z' kriagn, mei Kuferl is glei packt, bis die andern gengan, bin i
aa firti!« Er wendet sich zur Resl: »Dirndl! Alsdann ... zahln, sag i! Da!...
Und sei net harb auf mi ... i kimm scho wieder!...« - »Is 's wirkli dei Ernst?«
fragt der Wirt verstört. Die Resl geht aufschluchzend ins Haus. - »Ödnhuaber ...
es geht um d' Hoamat! - I muass mit!« Der Pauli klopft hastig seine Pfeife aus
und schiebt sie ein.
    Und der Schmied zieht langsam seinen ledernen Zugbeutel, entnimmt ihm zwei
Taler, legt sie auf den Tisch und wickelt bedächtig die Schnur mit den Muscheln
daran wieder um den Beutel. Dann sagt er: »Da ... i konn di net haltn. Da san
sechs Mark. Weil i di guat leidn hab kinna. Lass dir's guat geh. Und ... balst
wieder kimmst ... bist da. D' Arbat wart't scho auf di.« Der Gsell schiebt das
Geld ein. Und sagt mit unsicherer Stimm: »Moasta, i dank dir und sag halt
Geltsgood. I kimm scho wieder, bals sein will. Und wann net,... na muasst dir
halt um an andern schaugn.« Und reicht ihm die Hand. »Alsdann. Jetz pfüat di
halt Good.«
    Tonlos dankt ihm der Schmied. »Pfüa Good aa. I konn di net aufhaltn.« Und er
stützt die Ellenbogen auf den Tisch und hält den Kopf zwischen den Händen. Der
Pauli wendet sich zum Wirt. »Alsdann, Ödnhuaber ... bleib gsund ...« Er streckt
ihm die Hand hin, und der Wirt drückt und schüttelt sie. »Na wünsch ich dir halt
Glück, Pauli! - Pfüat di der Himmi!«
    Die Resl tritt mit verweinten Augen aus dem Haus und gibt dem Burschen ein
kleins Packerl in die Hand. »Pauli.. leb wohl. Und sagn mir halt: aufs
Wiedersehng ...« Sie drückt die Schürze ans Gesicht. Aber der Pauli lacht und
sagt lustig: »Servus, Resl! Aufs Wiedersehng ... hast recht! Und jetz woan net!
I schreib dir scho amal aus Paris ... oder aus Russland. - Alsdann! Pfüate!«
Damit reisst er sie schnell an sich und läuft alsdann eilig dahin, ins
Schmiedhaus, indes die Resl langsam in die Gaststube geht.
    Stumm sitzt der Schmied. Der Ödenhuber zieht seine Uhr, dann meint er:
»Sakra! Glei simme! Jetz durftn s' aber bald kemma! -« Und steht auf und geht
mitten auf die Strasse, zu schauen, ob er keinen sieht von den Buben.
    Da fährt ein Leiterwagen vorbei, hoch aufgesetzt mit Weizen; und der
Hauserbauer lenkt laut die beiden Ochsen: »Wühlöh, Alter! Ziag o! Hott eina!...
Hoott!« Aber da er den Ödenhuber stehen sieht, fährt ihm eine jähe Röte ins
Gesicht; er speizt giftig aus und plärrt den Sattelochsen an: »Hott eina, hab i
gsagt, sag i!... Was der wieder zum gaffa und zum spioniern hat, da drent!« Und
der Wirt seinerseits hat kaum den Hauser ersehen, als er auch schon die Händ in
die Hosensäck vergräbt, die Füss weitmächtig auseinanderspreizt und spöttisch vor
sich hinsagt: »Dem geht's aber no dick ein, heunt, dem Hungerleider! Der legat
aa liaber dreizehn Aufsetzn auf sei Kinderwagl auf, bals gang! - Bei dem möcht i
amal Handochs sei!« In diesem Augenblick ruft eine gschnappige Weiberstimm vom
Wagen herunter: »Was gaffst denn, Bamperlwirt? Schaug liaber, dass dir dei Essig
net no saurer wird!« Worauf der Ödenhuber voller Wut murmelt: »Schnappen,
elendige!« Und eilig ins Haus geht.
    Die ihn aber zum Gehen gebracht, ist ein saubers, molligs Frauenzimmer mit
festen Armen, feisten roten Backen und kohlschwarzen Haaren. Es ist die
Rumplhanni, des Hausers Dirn.
Die Tenne des Hauserbauern von Öd ist sperrangelweit offen, und dem Hauser sein
Sohn, der Simmerl, schiebt grad einen abgeleerten Leiterwagen zum hintern Tor
hinaus und hinein in den Wagenschuppen. Danach schaut er hinüber gegen die
Strasse, ob der Alt noch nicht bald einfahrt mit dem letzten Fuder. Derweil
biegen auch schon die Ochsen bei dem Gartenzaun des Ödenhubers ums Eck; der
Hauser legt sich dem Sattelochsen fest in die Seite und zieht am Leitwayla, was
er kann. »Wühlöh, Alter! Wühst umi! Wühst, sag i! Toifi, bollischer! Wühlöh!
Gehst net ummi, moanst, Pandur, miserabiger!« Und vom Fuder herab schreit die
Hanni, dass es drüben im Holz widerhallt: »Holliho!Ablaarn!«
    Die Hauserin hat grad in der Speiskammer die frischgemolkene Milch mit einem
Spritzer Weichbrunn gesegnet und in die Weidlinge zum Aufsetzen eingegossen,
sich auch hie und da mit dem Handrücken oder dem Schürzenzipfel Augen und Nase
abgewischt; denn sie weint, wie ihr Alter, der Lenz, sagt, Rotz und Wasser, weil
ihr Simmerl heut zur Nacht noch dahin muss, in den Krieg. Jetzt wendet sie sich
langsam um, dass sie mit ihrer Fülle und Breite nicht etwan hinter sich was
hinabstosse, und nimmt den Rahm ab fürs Butterausrühren. Vorsichtig fährt sie mit
dem feisten Zeigefinger um den Milchrand im Weidling, leckt ihn ab und streift
dann mit dem flachen Holzlöffel behutsam die fette, säuerliche Rahmhaut in den
Hafen auf dem Bänklein. Danach giesst sie die abgeblasene Milch in den
Topfenkessel und seufzt: »Hach ja. Ins hassts halt. Mir ham halt koa Glück net
... Ja ja ...«
    Und ihre alte Mutter, die Kollerin von Reigersberg, jetzt Austragmutter vom
Hauserlenz, schiebt drüben in der kohlschwarzen Kuchel einen Büschel Reisig ins
Ofenloch, entzündet einen dürren Span und hält ihn unter die Reiser, bis sie
knistern und rauchen und brennen. Dann löscht sie den Span, legt ihn wieder
hinters Ofenrohr zu den dürren Eierschalen und dem Sandriegel, schürt etliche
Prügel nach und stellt hüstelnd und seufzend die grosse Messingpfanne mit dem
Kaffeewasser auf den Herd. Dazu sagt sie halblaut immer wieder die Worte: »O mei
Herrgott! - Der Kriag, dees Unglück! O mei Herrgott!«
    Da scheppert der Rumplhanni ihr Ruf herein ins Haus: »Holliho! Ablaarn!« Und
zur gleichen Zeit läuft der Hauserin ihre Jüngste, die Liesl, mit einem weissen
Kopftuch auf und einem Endsrechen über der Achsel in den Hausflöz und schreit:
»Muatta! Grossmuatta! Da san ma! Dees letzte Fuada ham ma dahoam! Zum Ablaarn
sollts kemma!« Worauf die Kollerin in die Speis ruft: »Rosina, schaug aufn
Kaffee! I muass zum Woazablaarn!« dabei fährt sie aus den Lederpantoffeln,
humpelt strumpfsöcklig über die Stiegen hinauf zum Söller, öffnet die niedere
Tür zum Kriadaboden und läuft in den dunklen, mit neuem, starkduftendem Heu und
Klee vollgefüllten Raum. Von da aus schreit sie hinab in die Tenne: »Simmerl! -
Lenz! - Bin scho gricht't!«
    Nun löst der Simmerl den Wiesbaum vom Fuder und sagt: »Hanni, geh, lass jetz
mi auffe am Wagn; pressiern tuats. Um halbe neune muass i geh!« Die Hanni kriegt
eine weinerliche Stimm und erwidert: »So bald scho! Ha, dass d' denn heunt no
furt muasst?!« Und rutscht vom Fuder und lässt sich vom Simmerl auffangen, indes
die Grossmutter Kollerin brummelt: »Frag net so damisch, Lalln, dumme! Dass er
heunt no furt muass! Weil er halt muass! Weils di nixen ogeht! Schaug liaber, dass
d' auffa gehst zum Fassen!«
    Derweil stellt der Simmerl eine Leiter an den Heuboden, zwickt die Hanni
schnell in den Arm und schiebt sie lachend die Sprossen hinauf. Die Hanni
kichert leise, packt den endslangen Burschen bei seinem rötlichen Haarschüppel
und wirft ihm das Hütl ins Gesicht, ehe sie zur Alten hinaufsteigt. Diese aber
hat das Kichern gehört und knurrt nun: »Möcht wissen, was 's da lang z'kudern
und z'lacha gibt, du ausgschaamts Weibsbild du! Du brauchst mi gar net
auszlacha, bal i eppas sag; dass d'es woasst!« Worauf die Hanni schnippisch
erwidert: »Und du brauchst mi gar nix z'hoassn; dass d'es aa woasst! Dir hab i no
koa Weibsbild net abgebn, gell ja!« Damit steigt sie die Leiter hinauf und zum
Kriadaboden. Die Alte murmelt noch was und kriecht dann in die »Obern« empor.
    Und der Simmerl besteigt das Fuder, indes der Hauser drüben im Stall die
Ochsen tränkt und füttert. Nun fasst der Simmerl Garbe um Garbe mit der Gabel und
hebt sie leicht und locker hinüber zur Hanni, die sie ebenso locker abnimmt und
der Kollerin hinaufreicht, die sie fürsichtig von der Gabel streift, damit kein
Körnl Weiz unnütz verloren geht. Endlich ist die letzte Garbe untergebracht, und
die Grossmutter steigt wieder hinab in den Heuboden und hinunter ins Haus. Die
Hanni steckt ihre Gabel tief in den Heuhaufen vor ihr und kommt die Leiter herab
in die Tenne; der Simmerl schiebt den Wagen hinaus in den Hof und schliesst das
hintere Scheunentor. Dann kehrt die Hanni die ausgefallenen Körnl und Ähren zum
vordern Tor hinaus für die Hennen, indem sie sagt: »Den oan Flügl konnst scho
zuamacha, Simmerl.« Das tut er. Dann lehnt er sich an die Stalltür und schaut
zu, wie die Körnl und Spelzen zur Tenne hinausfliegen. Mittendrin aber kommt's
verhalten von seinen Lippen: »Hanni!« - »Simmerl?« - »Jetz san ma firti.« -
»Ja.« - »Jetz hoasst's geh.« - »Und mi lasst hänga!« - Sie lehnt den Besen ins Eck
und räumt umständlich die Rechen und Gabeln zusammen.
    »Hanni!« - »Was möchst?« - »I muass di pfüatn ...« - »Und i steh da - im
Dreck.« - »Was kann i dafür? - Was soll i denn macha!« - »Hättst mi net ogrührt
...« - »Bal ma oans gern hat ...« - »Aha. Zum Drokriagn!« - »I hab di net
drokriagt ...« - »Aber unglückli gmacht!«
    Der Simmerl lehnt langsam den zweiten Torflügel an, so dass es ganz dunkel
wird in der Tenne. »Was? Unglückli? I? Di? Wia nachher?« Die Hanni fängt leise
zu weinen an. »Ja ... wia nachher ... weil i dahäng ... am Kreiz! A so ...« -
»Was sagst du?« - »Jawoi! Gwiss und wahrhaftig!« - »Vo mir?...« - »Frag net so
dumm! - Dees woasst du guat selber!« - »I! Da bin i mir gar nixn ...« - »Aha.
Möchst di weggaschraufa ...« - »Und i sag, es ko net sei ...« - »Dees sagt a
jeder.« - »Da muass scho a anderner ...«
    Die Hanni fährt in die Höh: »Du! Mach mi net harbisch, sag i! Sinst geh i
auf der Stell zu de Altn ...« - »Hanni!« - »Dees konnst dir nachher scho denka
...« - »Dees werst dir überlegn!« - »Da überleg i gar nixn! I red ganz oafach!«
Der Simmerl tappt ihrer Stimme nach. »I sag ja nixn, Hanni. I bekenn mi ja ... «
- »Aha. Vor meiner. Aber vor dein Vatan ...« - »Bekümmert di net ...« Er sucht
sie im Dunkel. »I mach's recht, Hanni. I bekenn alls.« - »Werd viel fürguat
sein!« - »Der Alt muass sorgn ...« - »Der werd a Freud habn!« - »Ja no ...« - Die
Hanni drückt sich ausweichend in einen Winkel. »I muass halt geh -«, sagt sie;
»anorts hi, wo mi neamd kennt.« - »Zu was denn? - I richt's ja.« - »Moanst, i
lass mi oschaugn!« - »Koa Mensch schaugt di o!« - »Aha. Grad mitn Fingern deutn
s' auf oan! Mir woass's ja no - bei der Sixnkatl!« Der Simmerl tappt nach ihren
Armen. »Dessell is aa grad der Besenbinderhausl gwen ...« - »Mhm! Du moanst, dei
Geldsack stopft an Leutn 's Mäu zua! Da werst di aber stimma!« - »Geh, hör jetz
auf ...« - »Und mi machst aa net staad mit dein Geld ... dass d' es woasst!« - Er
umfasst sie. »I bin ja net abgeneigt ...« Sie wehrt leise ab. »Zu was eppan?« -
»Dass i di heirat ...« - »Dees sagt a jeder ...« - »Wann i dir's für gwiss hoass!«
- »Ja ja. Jetz, im Krieg, da is leicht, epps versprecha ...« - »Auf Ehr und
Seligkeit, Hanni ...« - »Dees muass si erscht weisen.« - »I gib dir's schriftli!«
Er zieht sie ganz ins Dunkel. »Heunt no kriagst es schriftli ...« - »Und de
Altn?...« - »Dees is mir gleich. Die müassn staad sei ... und du aa ...« Er
schliesst und verriegelt den Torflügel. -
    Der Hauser hat die Ochsen gefüttert und getränkt. Jetzt geht er hinauf in
die Schlafkammer, zieht den Schlüssel zu der alten, bemalten Truche aus dem
Strohsack seines Eheweibs und schliesst seufzend auf. Langsam nimmt er aus einem
alten, zinnernen Bierkrug ein etlichs paar Silbertaler, sucht ganz zuunterst im
Eck das Salbentiegerl von den wehen Augen seiner Liesl, nimmt den hölzernen
Deckel ab und langt zwei Goldfuchsen daraus. Dies Geld also tut er in den
Zugbeutel, der noch von dem alten Hauser, Gott hab ihn selig, in der Truche
liegt, und schiebt's ein für den Simmerl. Darauf schliesst er wieder ab,
versteckt den Schlüssel und geht hinunter in die Stube. Sinnierend setzt er sich
auf das lederne Kanapee und schaut seiner Rosina zu, wie sie weinend Schnitten
um Schnitten von dem Brotlaib fetzt und in die irdene Suppenschüssel fallen
lässt, Salz und Pfeffer drüberstreut und einen Büschel Schnittlauch
dreinschneidet. Sie sagt nichts, er sagt nichts. Dann trägt die Hauserin ihre
Schüssel hinaus in die Kuchel, giesst die Wassersuppe darüber und schmalzt und
zwiebelt sie. Und mit beiden Händen fasst sie die dampfende Schüssel, fährt aus
den Holzpantoffeln, damit sie nicht stolpern muss, und trägt also die Suppe
barfuss in die Stube. Der Dreifuss steht schon auf dem gedeckten Tisch; vorsichtig
hängt sie die Schüssel hinein und sagt dazu: »Lenz, geh, schaug, der Bua! Dass er
si net versaamt.« Dazu weint sie heftig auf und läuft weg.
    Und die alt Kollerin, die Grossmutter, steht in der Kuchel vor der Anricht,
ordnet die Kaffeeschüsseln und Haferln in eine Reihe und wirft den Zucker
darein: drei der Bäuerin, zwei dem Bauern; vier dem Simmerl, vier dem Liesei,
zwei sich selber und eins der Magd, der Hanni. Dann schaut sie einmal ins
Bratrohr nach den Schmalzkücheln, die zum Aufwärmen drin stehen, und giesst
danach den Kaffee ein. Langsam und umsichtig schöpft sie ihn mit einem alten
Messinglöffel durch den Seiher in die Schüsseln und Kacherln; und danach die
Milch: dem Bauern wenig, der Bäuerin aber viel mitsamt der Haut; dem Simmerl nur
ein Tröpferl mit Haut, sich und dem Liesei schier lauter Milch, - und der Hanni
den Rest. Dazu seufzt sie immer lauter:
    »O mei Herr!... an Lenz ... der Rosina ... mei, wia werd's eahm geh ... an
Simmerl ... an Liesei.. O mei, der Kriag ... der andern.« Jetzt ist er
eingeschenkt, der Kaffee. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie für den andern Tag
zum Nachähren ihren Rechen noch nicht eingeweicht hat. »Dass's Gott gsegn!« sagt
sie zu sich selber; »dees muass i glei toa! - Sinst falln eahm morgn bei dera
Hitz alle Zähnt aussa!« Und sie läuft hinaus zum Brunnengrand vor dem Wurzgarten,
den sie selber gepflanzt und mit allerhand Blumen und Sträuchern geziert hat:
mit Windpappeln und Rittersporn, Flugs und Dahlien, Nelken und roten Rosen.
Mittendrin schreit sie laut auf: »Marixn! - Liesei! Malefixkarwatschn! - Meine
scheena Bleame!« Sie rennt ans Gartentürl. »Ja, insa liabe Zeit! Dees ganz Gartl
is hi!«
    »Noo!« sagt da die Liesl und tappt mit einer ganzen Schürze voll Blumen
mitten durchs Gurkenbeet; »i wer wohl no an Simmerl a Bleame ostecka derfa, wo
er furt muass!« Und beginnt zu heunen: »Gar nix mehr derf ma! - Aber wart no! Bal
er derschossen is, nachher siechst es scho! Nachher konnst eahm koa Bleame
nimmer gebn!« - Worauf die Alte ganz nachgiebig wird und sagt: »Sei staad, sag
i! Red koane solchern Dummheitn net! Möcht oan a so schier an Magn abdrucka vor
lauter Kümmernis!« Damit lässt sie die Liesl laufen und geht jammernd in ihr
Austragstübl. Dort sucht sie ein alts, wächserns Christkindl in einem silbernen
Büchslein her. Das wickelt sie samt einem Frauentaler in ein linnenes Tüchlein,
mit dem der Herr Pfarrer vor Zeiten unserm lieben Herrn seinen Kelch gehalten
hatte, als er den alten Kollervater seligen Angedenkens damit zum letzten Gang
verprofitierte. Und sie trägt's andächtig hinüber in die Stube und legt's dem
Simmerl an seinen Platz.
    Der kommt eben pfeifend und zur Reis fertig aus seiner Kammer und setzt sich
munter an den Tisch. Die Hauserin bringt die Schmalznudeln; die Kollerin stellt
die Kaffeehaferln an die Plätze, das Liesei steckt den Hut des Bruders voller
Nelken und Rosen, und die Hanni kommt zur hinteren Haustür herein und setzt sich
summend mit den andern zum Essen. Worauf sie aber die Kollerin scharf anlässt:
»Obst glei staad bist, du gottvergessens Weibsbild du! Sie singt und röhrt, wann
der oanzig Bua vom Bauern in Kriag furt muass! Du waarst no so oane! Du hättst no
so a Herz in Leib, du!« Aber die Hanni erwidert patzig: »Dees geht di gar nix o,
ob i a Herz hab oder koans! I woass mei Sach, und du muasst erscht ratn!« Damit
giesst sie ihren Kaffee auf einen Zug hinunter, nimmt sich zwei Schmalzküchl und
läuft weg. Die Kollerin greint wie das heilig Donnerwetter und ruft ihr nach: »O
du ganz miserabige Karwatschn, du!«
    »Dass d' gar so grob bist, damit?« meint der Simmerl so nebenbei und löffelt
mit dem Hauser die Brotsuppe aus. »Grob!« sagt die Kollerin beleidigt; »grob wer
i sei! Weil's wahr aa is! Weil s'alle Tag no bollischer werd und no ohabischer,
des Weibsbild, dees ausgschaamt!« - »Du machst es scho bollisch mit dein ewign
Geknerr!« mischt sich der Hauser ein und rührt seinen Kaffee um. - »Was willst
da? I, sagst! Mit mein Geknerr, sagst? Wer knerrt denn?...« - »Koa Mensch, wia
du!« - »Aha! Weilst mi nur scho wieder hast!« - »Da hab i di gar net. Aber
weil's wahr is ...« Er brockt sich ein Küchl in den Kaffee. - »Ja, weil's wahr
is! Helfts nur hübsch dazu, zu dem Weibsbild!« Sie löffelt hitzig ihren Kaffee
aus. Die Hauserin mengt sich ein: »Jetzt dahacklns halt ananda scho wieder! Wia
enk nur der Tag net z'heilig is! Zwegn dem Schlamperl!...«
    Der Simmerl fährt in die Höh. »Hoassn brauchst es du gar nixn!« sagt er;
»werd eahm neamd was Schlechts nachredn kinna, a da Hanni!« - »He, he! Tua di
net gar a so z'reissn dafür!... Für dees herglaaffa ...« Aber der Simmerl fährt
dazwischen: »Und i leid's amal net, sag i! Herglaaffa oder net ... d' Arbat tuat
s'...« - »Dessell muass wahr sei«, bestätigt der Hauser; »da derf scho oane
hergeh ...« - »Ja, ja. D' Arbat tuat's. Was's eahm ös zwee oschafts!« spöttelt
die Hauserin. »Weil s' es halt mit die Mannaleut überhaupts besser konn, als wia
mit die Weibertn!« ergänzt die Kollerin. Und beide, die Alt und die Jung,
schauen sich überlegen an und verlassen zusammen die Stube. Die Lies hat
unterdessen schweigend und auflusend ihr Schällein leer getrunken; da sie aber
jetzt die Mutter samt der Grossmutter hinausgehen sieht, macht sie dem Vater und
dem Simmerl ein finsters Gesicht hin, nimmt sich etliche Nudeln aus der Schüssel
und läuft gleichfalls davon.
    Jetzt sind sie allein, die Mannertn. Und der Simmerl sagt, ohne von seiner
Schüssel aufzusehen: »Vadda!« Der Hauser wischt seinen Löffel nachdenklich ans
Tischtuch und legt ihn in die Schublade. »Was möchst?« - »I hätt epps z'redn
...« - »Mit wem?« - »Mit dir.« Der Simmerl schiebt die Essschüssel von sich und
steht auf. Der Alt erhebt sich gleichfalls und will 's Kreuz machen zum Beten
nach Tisch; da sagt der Simmerl grad: »Mit dir.« - »Mit mir? Zwegn was?« -
»Zwegn der Hanni.« Der Hauser setzt sich wieder. »Dees versteh i net ...« Der
Simmerl tritt an eins der Fenster. »Ja no; a zwiderne Gschicht is's halt ...« -
»Da kenn i mi net aus.« - »Es is halt jetz nix mehr dro z'richten.« Er reisst
eine volle Geraniumblüte ab und steckt sie ins Knopfloch. »I woass gar net ...
was d' moanst ...«, sagt der Alt. - »I muass s' halt heiratn.« - »Wer?! - Wem?!
-« Der Hauser fährt in die Höh. - »Ja no!... Grossmuatta!« - »Auf dees hör i net
...« - »Und was s' bei dera Bande da drent redn wern ... bein Ödnhuaber! - Wia
si die's Mäu zreissn wern ...« - »Dees braucht ins gar nix z' kümmern. Bal i
zruckkimm, na heirat i d' Hanni ... und bals net is ... nachher hör i's nimmer,
was s' sagn. I hab jetz nimmer Derweil, dass i no länger umananddischbedier; i
muass furt.« Damit geht er zur Tür. Aber der Hauser steht breit davor und schreit
hitzig: »Du bleibst mir no da, sag i! Die Sach muass gschlicht wern! Brauchts
durchaus net, dass d' aa no protzi bist bei dera Schand! Oder is 's vielleicht
koa Schand net?! Aufhänga kunnt i mi, wenns net grad Kriag waar! Aber a so is's
mei oanzige Hoffnung, dass die Bande bei dera ganzen Gaude net a so Derweil habn
werd zum Aufpassen. Vielleicht is aa der Kriag bald aus, und du kimmst wieder
hoam ... nachher redn mir weiter!...« Der Simmerl steht ungeduldig vor dem
Alten. »Und was is 's bis dortin?« - »Ja no ...« Der Hauser geht zum Fenster
und starrt hinaus. »I tuas net gern; grad, weil i di net a so geh lassen mag;...
muass i s' halt daghaltn derweil ... und mit der Muader redn.« Er dreht sich um
und legt die Händ auf den Buckel. Der Simmerl schnauft erlöst auf.
»Herrvergeltsgood. Jetz geh i gern. - Dank dirs Good, Vadda.« Der Alt schiebt
die Händ in den Sack. »Ja, gsegn dirs Good, Hallodri! Muass i halt redn mit der
Muada ...« - »Und mit der Hanni, Vadda. Dass s' woass, wia s' dro is.« - »Wia i
sag: Gern tua i's ja net ...« - »I muass jetz, Vadda. Lass di pfüatn. Und bleib
gsund.« - »Muasst wirkli scho geh!?« - »Ja, i muass. Woasst scho, i möcht net gern
zsammkemma mit der ganzn Blasn. Bein Ödnhuber drent ham sa si allsamm
zsammbstellt. Aber,... wo is denn d' Muatta?... Muatta! He! Auf gehts!« Er
pfeift schrill durchs Haus.
    Der Alt folgt ihm in den Hausflöz. »Was i no sagn möcht, Vadda: D' Spreng
von den hintern Truchenwagn hab i heunt fruah zum Schmied umi, dass er a paar
starke Bänder drüberschlagt; sinst zreissts es gar amal, balst guatding stark
auflegst.« Der Hauser nickt. »Is scho recht. Da hat er mi ausgschmirbt, der
Wagnermarti, mit der letzten Arbat! D' Loixna taugn aa nixn. Jessas,... da,... i
hab no epps für di! Werst es scho braucha kinna drausst, oder wost hikimmst.«
Damit gibt er dem Buben den Beutel. »Dees konn ma freili braucha!« lacht der
Simmerl und schiebt ihn ein; »i sag dir Dankgood dafür. Und jetz Pfüagood.
Himmigreizgruzi ... dass jetz do koane zuawageht vo de narrischn Weibatn. Na muass
i a so geh!...« Er langt noch schnell ins Weichbrunnhaferl drinnerhalb der
Stubentür, macht ein gschwinds Kreuz und schreit, indem er aus dem Haus tritt:
»Also, pfüat enk! I geh. Bis der Krieg gar is, werds nachher scho amal ausbockt
habn, ös bollische Weibsbilder überanand!« In diesem Augenblick blökt das neue
Stierkalb. »Jess, mei Kaibei! - Mei Stierzei! - D' Viecher!« Er rennt noch in den
Stall. »Gell, dass si fei nixn feit bei enk!«
    Da stehen sie alle und glotzen ihn an, und die vordere Schneiderblassin
fährt ihm an den Kopf und holt sich eine von den Blumen. »He, Luada!« schimpft
der Simmerl lachend; »friss mi nur net no, bevor mi der Kini kriagt! Säh,... da
habts no epps,... a Angedenka an mi ....« Und er reisst die Blumen von seinem
Hütl und wirft jeder Kuh eine hin. Und dem Kaibl die Geraniumblüh. Dann wischt
er sich schnell mit dem Ärmel über die Augen, räuspert und kriegelt rauh,
streichelt die Ochsen noch einmal und rennt aus dem Haus.
    Aber da stehen die Weibertn und das Liesei im Nachtkittl und heunen und
jammern: »Jetz is er furt ... ohne Pfügood und ohne alls ...« - »I bin scho no
da!« sagt er und macht einen gschwinden Abschied; »lassts enk koa Traurigkeit
gspürn! Und teats net alleweil raaffa! Dees machan jetz nachher scho mir drausst!
Und vergessts mi net ... mitn Schreibn ... und mitn Schicka ...« Er rennt schon
dahin - ums Eck.
    Grad will er über die Strasse, da hört er hinter der Kirche her
Ziehharmonikaspielen, Juchzen, Singen und Lachen. Die Reservisten und Burschen
ziehen noch zum Wirt, zum Ödenhuber, um dem Jackl seinen Leuten noch mit einer
letzten Stehmass Bescheid zu tun. Dem Simmerl kommt ein Zusammentreffen recht
ungelegen; darum schlupft er schnell durch den Stangenzaun und versteckt sich
hinter dem Backofen vom Wirt. Aber da fährt er zusammen; grad vor ihm stösst eine
Weiberstimm einen unterdrückten Schrei aus, und jemand lehnt sich in den
hintersten Winkel der Türnische. »Was gibts? Wer is da?« fragt der Simmerl
halblaut; im selben Augenblick aber fährt ihm auch schon das Erkennen durchs
Hirn: Die Wirtsleni! - Da flüstert sie auch schon: »Nixn is's. Bins grad i. D'
Leni.« - »Ah so.« Der Simmerl sagts verächtlich. Und es ist ihm zuwider, dass er
von ihr auf dem Grund und Boden ihres Vaters angetroffen wird, mit dem er und
seine Eltern verfeindet sind; auf dem Grund des Ödenhubers, dessen Alter schon
dem einstigen Hauservater, Gott schenk ihm die Ruh, einen Prozess um den andern
angehängt hatte, ihm einen Schabernack um den andern spielte, bloss aus dem
Grund, weil einmal einer von den Ödenhuber-Vorfahren eine Hausertochter hätt zum
Weib wollen und sie nicht bekam, weil dem Hauserischen der Guldensack des
Ödenhubers nicht feist genug war und er seine Mirl lieber dem sündreichen
Höchentalerbuben gab, der sie dann leider schandbarlich behandelte und nach
kurzer Ehe in die Grube brachte. - Und der Simmerl ist unschlüssig, ob er nicht
lieber gehen soll, trotz des Gespötts der Tropfen da drüben. Da fragt die Leni:
»Muasst aa furt?« Worauf er erwidern will: »Dees geht do di nixn o!«, aber keine
Silbe herausbringt. Die lärmende Gesellschaft ist derweil von der Kirche her auf
das Wirtshaus zugekommen und zieht nun singend in die Gaststube. Da sagt die
Leni: »I hätt dir no gern an Gruass gebn, Simmerl. Pfüate Good! - Viel Glück!«
Und legt ihm einen kleinen Büschel Rosen in die Hand und läuft weg. Der Simmerl
starrt ihr nach. »Jetz woass i net ... hats dee dawischt ... oder möcht s' mi
grad für an Narrn haltn ...« Er schaut unschlüssig auf die Rosen. »Was eahm die
denkt hat!... Für koan andern hat s' mi net ghaltn; Simmerl hat s' gsagt ...«
Geringschätzig will er den Büschel wegwerfen. Aber plötzlich schiebt er ihn
rasch in den Sack und rennt dahin.
    Drüben beim Wegkreuz wartet die Hanni auf ihn. »Simmerl!« - »Ah so ... du.«
- »Scho lang wart i.« - »Was is's denn no?« - »Wia stehts?« - »Was?« - »No -
zwegn meiner?« Der Simmerl schaut sie von der Seite an. Die Hanni wartet auf
seine Antwort. - »Gricht' is's. Der Alt werd dirs scho sagn.« - »Gibt ers zua,
dass d' mi heiratst?« - »Gsagt hat ers.«
    Die Hanni will sich plötzlich an ihn hängen und ihn halsen. Aber er hat
mittendrin was im Kopf. - Was andres. Und er schiebt die Hand in den Sack und
greift nach was. Nach den Rosen. Und sagt auf einmal unwirsch: »Es is scho
recht, Hanni. I hab nimmer Derweil zum Scheetoa. I muass roasn.« Worauf er rasch
ihre Händ von seinem Hals löst und forteilt, ohne nochmals umzuschauen.
    Eine Weile steht die Hanni und starrt ihm nach. Dann lacht sie leise und
geht langsam die Strasse zurück gegen Öd.
Der Ödenhuber zündet gemach die grosse Hängelampe in der Gaststube an, so dass ein
trüber rötlicher Schein über die blankgescheuerten Tische und Bänke leuchtet,
die braunen Kacheln des alten Ofens hie und da aufblitzen lässt und sich in den
drei - vier Glastafeln zwischen den Schützenscheiben und Rehgewichteln an den
Wänden matt spiegelt. Und die Resl lässt vorsorglich einen um den andern von den
grünen Rollvorhängen herab, so dass die Efeustöcke samt den blühenden Geranien
dahinter im Dunkeln stehen; und man sieht statt der leuchtendroten Blüten und
der grossgetüpfelten Gingangvorhänge plötzlich allerhand Burgen auf grellgemalten
Felsen, bunte Schweizeralmhütten mit Wasserfällen und Sennerinnen, springende
Gemsen und weidende Kühe mit flötenblasenden Hirten.
    Aus der Wirtskuchel aber dringt lautes Schelten, lärmendes Hantieren mit
Tiegeln und Deckeln, mit Herdringen und Schürhaken und das Klappern von Tellern
und Schüsseln. Und die Ödenhuberin steht am Hacktisch, zerteilt einen langen
Schweinsrücken in gleichmässige Rippen, schwingt den Holzschlegel und schlägt
aufs Fleischbeil, dass die Brüh aufsprjetzt; und dazu grandelt und schimpft sie
giftig: »A saubere Arbat! Der ganze Bratn is no roh und bluatig! Hab i net
gsagt, es soll richti eingfeuert werdn! Hab i net gsagt, um halbe achte kemman
s'! Aber ös habts ja net Derweil zum Aufpassen! Ös müassts ja an d' Lumperei
denka! Eini damit nomal in d' Rain, sag i! Gwaffa überanand!« Die Kucheldirn
rennt hastig und beflissen mit der Bratraine an den Hackstock. »I hab ja a so
eingschürt, was i nur grad kinna hab!« sagt sie weinerlich; »'s Röhrl brat't
halt nimmer, wia si's ghört!« Damit streift sie die Ripperl mit dem langen
Tranchiermesser in die Raine und wischt auch die Brüh mit der Hand hinein, damit
der Saft beim Fleisch bleibe; - indes die Ödenhuberin wütend mit dem Schüreisen
in der Glut herumfährt, so dass ihr feistes Gesicht mit den kohlschwarzen Augen
voller Feuer scheint und die unter einem seidenen Netz aufgesteckten reichen
schwarzen Zöpfe rötlich schillern. Und sie werkt, dass ihre schweren,
traubenartigen Ohrgehänge zitternd hin und her schwingen; danach blickt sie
zornig auf die Magd, trinkt hastig aus einem bemalten Steinkrügl, wischt sich
mit der härwenen Schürze den Mund und die schier bärtige Oberlippe trocken und
brummt: »Grad dass ma enk für's Fressen zahlt!« Worauf sie in die Gaststube geht,
indes die Kucheldirn erlöst ein Kreuz hinter ihrem Rücken schlägt:
»Herrvergeltsgott, dass s' geht!« -
    Drin nimmt der Ödenhuber eben ein volles Zigarrenkistl vom Schenkkasten und
riecht prüfend am Inhalt. »Aha. Die san net so rass' wia die andern«, sagt er;
»die schmecken net so hantig.« Die Ödenhuberin nimmt ihm das Kistl aus der Hand
und geht zum Licht. »Sand dös die vom Juden?« - »Ja.« - »Wenn hat er denn die
gschickt?« - »Die verganga Woch.« - »Hast von die andern koa mehr?« - »Jo,
schon. Aber sie taugn nixn.« - »Sand s' wirkli so hantig?« - »Gallhantig san
s'!« - Sie gibt ihm das Kistl wieder zurück. »Ja no, wegschmeissen ko ma s' aa
net.« - »Freili net!« - »Muasst es halt billiger herlassen!« Sie sucht nach der
Schachtel mit den bitteren. Er schneidet das Band eines Bündels von den neuen
entzwei und sagt gar nichts. - »Konnts es net herschenka?« - »Ah mei; a Glump
is's halt.« Er zählt der Resl fünfzig von den Judenzigarren in die Schublade des
Gläserkastens. »Zum Herschenka werdn sie's scho toa«, meint jetzt die Wirtin und
mustert etliche von den rassen; »muasst es halt heunt die Mannsbilder mitgebn auf
d' Roas'.« - »Da kunnt i no so a Ehr aufhebn!« - »Ah, was! An gschenktn Gaul ...
hoassts ... schaut ma net ins Maul!« Sie trägt das Kistl an den Ofentisch und
leert es aus. »Waar net zwider! Schaugn do ganz schee her!« Der Wirt folgt ihr
brummend. »Geh, lass do die Giftstengl jetz in der Ruah!« Aber sie zählt schon
aus: »Drei ... sechs ... nei ... zwülf ... i woass's gar net, was d' hast?...
fufzecha ... achzecha ... warum soll ma s' denn net hergebn, bals a so nix taugn
... oasazwanzg ... nacha sans glei gar. - Die raachan s' scho, wenn s' sinst nix
habn!...« Der Ödenhuber geht unwillig auf und ab. »Lass di do net auslacha!« -
»Warum? Dass s' fei net guat gnua san!« Die Resl schwenkt Krüge und Gläser. Jetzt
mischt sie sich drein: »Du, Ödenhuaberin, dass d' es woasst: i gib s' eahna fei
net, dees Gift! Da kannst di scho selber damit auslacha lassen!« Die Wirtin
wirft voller Zorn die leere Schachtel auf den Tisch. »Du haltst dei Schnappen!
Du hast gar nix z' redn! Was gehts denn di o? Schaug sie net o ... d' Schnappen,
die vorlaut!« Sie lässt alles liegen und geht wieder hinaus in ihre Kuchel.
    Die Resl lächelt leise. Plötzlich aber verzieht sie das Gesicht zum Trauern
und Seufzen und schwenkt wieder weiter, indes der Wirt eilends die ganzen
Giftstengel ins Kistl wirft und wegräumt. - Mittlerweile kommt der Hufschmied in
die Gaststube, stellt seinen Masskrug an den Schenktisch zum Neueinfüllen und
setzt sich danach an den Tisch beim Herrgottswinkel. »I woass's net«, sagt er,
»dass s' denn gar so lang ausbleibn! Jetz is's scho achte vorbei! Geh, Ödnhuaber,
magst net dei Leni a bissl um-anandsuacha lassen, wo s' sand? I fürcht, sie
versaamen si!« Der Wirt schaut besorgt nach der Uhr: »Dees versteh i selber
net«, meint er; »sie werden do net a so davon sei!« Und er ruft hinaus in die
Kuchel: »Leni! Is d' Leni net da?« Worauf die Ödenhuberin mürrisch erwidert:
»Was woass i! Suach dir s'! Dees is bei uns alleweil scho a so der Brauch gwen,
dass koans da is! Für dees hat ma ja Kinder, dass ma s' gar nia net hat, bal mir
s' braucht!« Sie nimmt den Bratspiess und zieht die Raine aus der Bratröhre. »Was
is's denn überhaupts anderschts?« fährt sie fort, indem sie prüfend ins Fleisch
sticht; »grad für ander Leut ziagst dir s'! Hängst dro hin und opferst hin und
ziagst es gross, und was hast nachher? - Nix. Gar nix!« Sie schiebt die Raine
wieder ins Rohr. »Is's a Madl, na heirat s'; und is's a Bua ... Jess ... der Bua!
Der Jackl! Er muass do furt mitn Halbezehnezug!« Sie bricht plötzlich in ein
hartes Weinen aus. »Dass aa grad alls über mi kimmt! - Jetz waar er hergwachsen
... und jetz kimmt der Kriag ...« Der Ödenhuber geht ans Kuchelfenster und
starrt zwischen den Obstbäumen durch hinüber zum Hof des Hauser. »Ja no«,
murmelt er halb für sich; »geht halt koan' anderscht. Dem da drent der seinige
muass aa furt.« Die Wirtin wischt sich rasch die Augen trocken. »Warum? Soll der
vielleicht net furtmüassen! Solls für den vielleicht epps anderschts gebn? Is
der mehra wia der unser? Der Lackl is gross gnua dazua! Ja - dem vergunn i's!«
    Von der Kirche her ertönt plötzlich das Singen und Lärmen. Da nimmt die
Ödenhuberin eilig einen hohen Stoss von Tellern aus dem Geschirrschrank, reiht
sie klappernd auf der Kupfereinfassung des Herdes nebeneinander und reisst die
Bratraine heraus. Und ruft: »Resl! Zähl glei, wieviel dass kemman! A jeder kriagt
an Bratn, an Salat und a Mass! Was oana mehra hat, zahlt er!« Der Ödenhuber
wendet sich um. »Ja, freili! Was dir net eifallt! Nix werd zahlt heunt! Gar nix;
verstanden! Den letzten Trunk braucht mir koana z' zahlen! Gar koana!« - »No,
wennst du so viel übrigs Geld hast ... mir konns ja recht sei! Aber bal jetz a
jeder fünf Mass hat?...« - »Nachher hat ers. Wer woass's, obs net die letzten
fünfe san bei dem oan oder andern.« Die Wirtin hantiert wütend mit dem Geschirr.
»Ah, was! Du mit dein Getua! Werd net so gfahrli werdn! Die gehngan scho net so
nahend zuawe! Vo mir aus tuast, was d' magst. Mit mein Geld konnst ja leicht
umwirtschaften! Mit dem dein' alloa gangs scho net!« Sie spiesst voll Erregung
die Bratenstücke aus der Raine und wirft sie auf die Teller. »Meine Leut wanns
no inne wordn waarn, wias du mit mein Sach umhaust,... die kehratn si heunt no
im Grab um!« - »Geh, lass mir do mein Ruah mit dem Gschwatz, narrischs Weibsbild!
Mit dir is ja net zum redn ...« - Der Wirt geht verärgert in die Stube. Da steht
schon die Resl in der matt erleuchteten Schenke und füllt Krug um Krug, indes
das Juchzen und Singen immer deutlicher ins Haus dringt. »Herrvergeltsgott, dass
s' da sind!« murmelt der Hufschmied.
    Da kommen sie auch schon herein mit Ungestüm, - schreiend, lachend, lärmend,
ihre Hüte schwingend und ihre Koffer und Päcklein. Und allerhand Maidln und
Jungfern begleiten sie, kichernd und scherzend, und halten ihre Schürzen voller
Blumen, die Burschen damit zum Abschied zu schmücken. Die Resl rennt und läuft
mit den vollen Krügen und trägt ihrer fünf in einer Hand; die Kucheldirn bringt
den Braten und stellt jedem einen Teller hin, der Ödenhuber hilft rasch dazu;
allein Eile tut not, und so packt der Jackl, der Wirtssohn, frisch mit an und
trägt den Salat auf, indes die Wirtin gellend durchs Haus schreit: »Leni! -
Lenih!!« Da kommt das Maidl auch schon zum hintern Tor herein, brennrot übers
ganze Gesicht; und sie läuft sogleich in die Gaststube, packt etliche Krüge und
bedient die Gäste, ohne der Ödenhuberin zu antworten auf das erboste: »Wo kimmst
her? Wo bist gwen?«
    Nun sitzen sie also alle beieinander, die Burschen samt ihren Weiberten: der
Hufschmiedkaspar bei der Schustermirl, der Müllermartl bei der Schneidersusann,
der Reiserfranzl bei der Seilerchristl, der Wirtsknecht bei der Bachmaurerlies,
der bei dieser, und der ander bei der andern.
    Und zuoberst an der langen Tischreih sitzt die uralt Rumplwabn, die
Grossmutter der Rumplhanni. Eigentlich ist sie ja schon seit Jahr und Tag nimmer
in des Ödenhubers Wirtshaus gekommen; denn da gemeiniglich einerseits
Dienstboten, wenn sie was taugen sollen, zu der Herrschaft helfen müssen, also
des Hausers Feind auch der Hanni ihr Feind war; andererseits aber wiederum
Feindschaften gewöhnlich sich auch auf die Freundschaft und Sippe der
Verfeindeten ausdehnen, so hatte die Wabn als Ahnl der Hanni nicht grad bsunders
grosse Gastfreundschaft von Seiten der Ödenhuberischen vorausgesetzt, also auch
dieselbe gar nicht lang auf die Probe gestellt. Heute aber, da ein ganzes Trumm
jugendlichen bodenständigen Lebens durch den Krieg der Heimat entrissen wurde,
da wollte sie nicht abseits stehenbleiben; wollte vielmehr als eine, die es gut
mit ihnen meinte, noch die letzte Abschiedsstunde mitten unter ihnen verbringen
und jedem ein Stümperlein Trost und Hoffnung - und dazu ein Häuflein ehrlicher
Segenswünsche mit auf den weiten Weg geben. Darum schert sie sich heute auch
rein gar nichts um Hass und Streit, tut, als wär sie erst gestern das letztemal
hier als Gast gesessen, und zwar als ein wohlangesehener.
    Und da eben die Resl fragt: »Hat jetz a jeds sei Sach?« und dazu prüfend von
einem zum andern schaut, da ruft die Wabn: »Was is's denn mit mir, Resl? - Kriag
i heunt gar nix? - Mei Stamperl möcht i!« Die Resl lacht. »Ach, liabe Zeit! D'
Wabn! Di hätt' ma jetz bald vergessen, Wabn! Vor lauter Kriag! Was magst denn
für oan: an Kräuter oder an Zwetschben oder an Kronawitta?« Worauf die Alt
aufsteht, ein nachdenklichs Gesicht macht und sagt: »Was für oan welchan,
fragst; ja, - wart amal: heunt ham mir Mariä Schnee, da tuat oan der Kräuter
nimmer weh, hoassts. Sinst kunnt i ja aa an Zweschben trinka. Vorgestern hat ma
Steffanie Auffindung gfeiert, und mir sagt: Nach der Auffindung von Sankt
Steffanus macht oan der Zweschbn koa Bitternus.« Die Resl wird ungeduldig. »Ja,
- was willst nachher trinka?« Da mischt sich der Wirtsjackl drein: »Bring nur
glei alle zwee Sorten, Resl! Oder bring an Kronawitter aa no mit! Js ja der
Abschiedstrunk!« Die Resl will eilig nach der Schenke. Doch die Wabn schüttelt
den Kopf so heftig, dass ihr die endsgrosse schwarze Spitzenhaube mit den
Perlenfransen und Bändern daran wackelt und das Augenglas schier von der Nase
rutscht. »Naa, naa! Resl! Um Gottswilln, naa, sag i! Durchaus gar net! Der
Kranawitt taugt mir net! In dera Woch scho überhaupts net!« - »Aber, Wabn!«
schreit in dem Augenblick der Schmiedkaspar drein; »wiast nur a so redn magst!
Net taugn! Heunt - an Reservisti Auszug!« Alles lacht. Aber die Wabn bleibt
tiefernst. »Naa, sag i, - durchaus gar net! Vor Laurenzi, hoassts, lass den
Kranawitt steh, - sinst muasst an Tiburzi zum Aderlass geh!« - »Ja no«, meint der
Wirtsjackl schmunzelnd; »dees is freili ganz epps anderschts. - Vo dene
Bauernregeln verstehngan halt mir junge Leut no z' weni! - Aber, woasst was? -
Na, trinkst ganz oafach um a Stamperl Kräuter mehra! - Und lasst dir von der
Muatta a Braterl gebn oder a Bröckl Gselchts.« Die Wabn setzt sich und sucht
umständlich in ihrem Rocksack nach der Tabakdose; denn sie nimmt nicht ungern
hie und da eine kleine Prise. Besonders, wenn sie was zu überdenken hat. »Balst
moanst, Jackl; i sag net naa zum Kräuter!« meint sie, langsam und mit Überlegung
redend; »aber dees Braterl - dees lass ma liaber steh, moan i. Es kunnt mir net
taugn!« - »Net taugn! - Warum denn net?« Der Jackl winkt der Resl. »No, - bei
dera Liab, die dei Muatta zu mir und zu meiner Hanni hat, Jackl, - da is's net
gwiss, ob s' mir net eppa an guatn Glückwunsch mit drunter schneidt!« Die Resl
bringt den Kräuter. »Geh, Resl, bring der Rumplwabn an Bratn!« befiehlt der
Jackl. »Is koana mehr da!« tönt's vom Kuchlschiebfenster her. »Nachher bringts a
Gselchts!« Die Ödenhuberin lässt das Schiebfenster herab.
    Die Resl läuft hinaus in die Kuchel. Aber sie kommt leer zurück und ist
verlegen um die Red; und sie flüstert dem Jackl ins Ohr: »Jackl ... mir ham nixn
... sie gibt nix her ... hat s' gsagt ... für d' Wabn ... sie soll beim Hauser
drent schaugn ... hat s' gsagt ... und bei der Hanni.« Die Wabn lust auf und
versteht gar gut, wenn sie's gleich nicht hört. »Ja, ja«, sagt sie; »i woass's
scho. Aber i bin ja gar net kemma zwegn der Ödnhuaberin ihran Bratn! - Grad
zwegn insane Buam! - Gell ja, Buam!« Und die Burschen nicken ihr zu, schutzen
geringschätzig die Achseln gegen die Kuchel und geben ihr Bescheid mit einem
Trunk:
    »Mach dir nix draus, Wabn! - Zum Wohlsein!« Der Jackl aber springt auf und
rennt hinaus zur Wirtin. »Wo ist der Bratn?« - »Im Röhrl drin!« sagt die Dirn.
Aber die Ödenhuberin fragt: »Für wem?« und stellt sich vor die Bratröhre. -
»Frag net lang! - An Bratn will i!« - »I hab koan Bratn für die alt Hex.« - »Du
gibst oan her!« - »Naa, sag i!« - »Muatta! - Tua mi net ärgern!« - »Soll nur zu
dene da drent ume geh!« - »Du gibst eahm an Bratn, sag i!« - »Naa, gar nia net.«
- »I wills habn!« - »Dees kümmert mi gar nix.« - Der Jackl wird langsam bleich.
Seine Red ist heiser. »Du gibst eahm koan?« - »Naa. - Durchaus gar net.« -
»Guat. - I geh heunt. - Du tuast mir die letzte Bitt, wo i hätt, net z'liab. -
Guat. - Alsdann konn i nimmer einigeh zu meine Kameraden, konn i mi nimmer sehgn
lassen. Muass i alloa geh. - Aber ... dass d' es woasst ... mit dir ... hab i nix
mehr zum verhandeln ... mi siechst nimmer ...« Draussen ist er in der Schenke, -
reisst den Hut vom Nagel, packt das Kofferl und rennt durch die Schenktür davon.
Der Ödenhuber läuft ihm nach. Die andern haben's nicht bemerkt. Grad die Wabn
hat ihn fortrennen sehen. Die zieht den zahnlosen Mund zusammen, wirft einen
herben Blick hinaus in die Kuchel und tut danach, als wäre nichts gewesen. -
    Die Ödenhuberin hat den Jackl reden hören, greinen, drohen. Jetzt ist er
weg. Sie steht starr am Herd, - eine ganze Weile. Auf einmal hört sie die
Schenktür zuschlagen, - sieht den Wirt hinausrennen. Da murmelt sie: »Mariand
... er werd do net am End ...« Und sagt schnell laut zu der Magd: »Richt an
Bratn her fürn Jackl!« Und eilt hinaus - aus der Kuchel - aus dem Haus.
    Da kommt ihr der Wirt entgegen, zürnend und greinend. »Narrets Weibsbild,
narrets! - Net amal an Buam sei letzte Stund dahoam is dir heili gwen ... dir
... du ...« Sie starrt ihn an. »Is er furt?...« - »Hast 'hn ja triebn dazua!« Er
geht müd ins Haus. Sie schaut gradaus ... »Hast 'hn ja triebn dazua ... Jess'
Maria ... er is furt ...« Sie rennt plötzlich dahin. »Jackl! - Jackl! - Bua!«
Sie horcht. Da tönt ihr ein spöttisches Lachen in die Ohren. Und eine Stimm sagt
höhnend: »Was plärrst denn a so, Wirtin? - Hast leicht dein Buam verlorn!?« Die
Hanni! - Die Rumplhanni! - Das ...! - »Werst 'hn kaam mehr daschrein kinna, dein
Jackl! - Der is scho leichtli z' Voglriad! - Und renna tuat er, wia wann der
leibhafti Teife hinter eahm her waar! - Aber ... der Teife dawischt 'hn nimmer,
denk i! - Mitsamt sein Gschroa: Jackl! - Bua!« Fort ist sie. Die Ödenhuberin
aber schluchzt wild auf, wird plötzlich ganz still, wird abermals laut und
beginnt zu jammern, zu schreien, zu fluchen; auf die Alt, die Rumplwabn, auf die
Hanni, auf die Hauserischen, - auf alles. Und sie geht zurück ins Haus, - hinauf
in die Schlafkammer. Da riegelt sie sich ein, legt sich zu Bett und zieht die
Zudeck fest über die Ohren, dass sie nichts mehr hört von dem Lärmen und Singen.
-
    Mittlerweil haben die drunten in der Wirtsstube lachend und stänkernd ihr
Freimahl gehalten, und einer um den andern fängt gemach an, Trutzgstanzln
abzusingen. Da ist einmal der Müllermartl; der lässt sich zuerst hören:
»Leut, habts nur koa Angst net,
Es hat ja koa Gfahr!
A boarische Watschn
Gspürt ma zworavierzg Jahr!«
Worauf der Schmiedkaspar dreinsingt:
»Bua, der Russ' bal mi siecht,
Na' roast er wia a Has;
Denn wo a Schmiedpratzn hihaut,
Wachst drei Jahr lang koa Gras!«
Der alte Schmied lacht still in sich hinein. Er betrachtet seinen Kaspar mit
blinzelnden Augen. Und mittendrin sagt er auf- schnaufend für sich hin: »D' Welt
muass boarisch bleibn, - sinst is's ja nimmer schee!« Wobei er aber der Welt
hübsch enge Grenzpfähl steckt: so vielleicht von Holzkirchen über Sauerlach und
der Münchnerstadt auf Wasserburg, - und von da etwan über Rosenheim, den
Wendelstein und über Miesbach wieder Holzkirchen zu; also dass sein Heimatl samt
seiner Hütten hübsch gutding in der Mitten liegt. - Und die alt Rumplwabn gibt
ihm recht. Bloss der Tag des Auszugs passt ihr nicht recht. »Ja ha, Buam!« sagt
sie ein übers ander Mal; »dass's jetz gar grad allsamm heunt roasen müassts? Grad
auf Mariä Schnee! Dees werd enk koa guats Zoacha, fürcht i! - Dees bedeut enk
koa Hoamkemma vor'm Winter!« Worauf der Reiserfranzl sie beruhigt: »Dees macht
nix, Wabn! -Strickst uns halt derweil hübsch warme Wintersöckl!« Das verspricht
sie hoch und teuer. Dann trinkt sie ihr drittes Stamperl leer und schnupft
danach eine kleine Gefälligkeitsprise aus der Dose des Hufschmieds.
Unterdessen hat sich der Ödenhuberknecht, der Sepp, hübsch nahe an die Alt heran
gemacht. Jetzt fragt er sie halblaut: »He, du, Wabei, - du woasst do allerhand
simpatetische Sachan; kunntst mir da net vielleicht epps a Trumm gebn - oder so
an Spruch oder a Gweichtl, woasst, dass i halt a bissl a Glück hätt da drausst. Du
brauchst es ja net umasinst toa, verstehst, Wabei. - Auf a Markl hi oder zruck
gangs mir net zsamm, bals was helfat.« Die Alt hört ihm aufmerksam zu. Jetzt
sagt sie: »Aha. - I versteh di scho. Du bist halt aa oana, der wo moant, er hat
d' Himmelschlüssel mitsamtn Seligkeitsverschrieb in sein Geldbeutl drin. Aber i
fürcht alleweil, du hast falsch graten! Den's treffa muass, den triffts, - da
hilft eahm koa Sanktus und koa Benediktus!« Der Sepp aber lässt sich nicht so
leicht abwehren. »Naa, dees is net wahr, Wabei! - Dei Sach hat no alleweil an
gwissn Triffauf ghabt! Du woasst ganz gwiss a Hilf oder an Segn!« Er sagt's so
laut, dass es die andern hören können. Und da tönt's auch schon durcheinander:
»Was gibt's da? Was hat d' Wabn? He, da möcht' ma fei aa epps!« Sie stehen auf
und drängen sich um die Alt. Aber die jammert: »Marixn! - Ös derdruckts mi ja! -
Da geht oan ja glei der Adam aus, bei enkerm Wildtoa!« Sie kramt umständlich in
ihren Rocktaschen herum. Die Burschen aber schreien: »Wabn! Mir! He! Mir aa
epps!« Und die Maidln tun jammerlich und bitten mit Blicken und Gebärden. Der
Sepp vom Wirt stösst die Wabn in die Seite: »Gell, Wabei! - Grad an Betbriaf
balst hättst! - Oder an Ablasspfenning!...« Aber da sind auch schon die andern;
da möcht der Kaspar einen gewissen Segen, dass ihn keine Kugel trifft, - der
Reiserfranzl ein starkes Russengift, - der eine dies und der ander das. Und der
Martl vom Müller sagt: »Ein wirksams Marschierpulverl für d' Franzosen wannst
hättst, Wabn, - dees waar mir dees allerliaber!« Darauf aber der Wirtsknecht
meint: »Du waarst ja net viel gschlecki! Kunnst ja d' Oblatn aa glei verlanga
und an Löffel zum Eingebn!« Die Rumplin schmunzelt. »Teats enk nur net z'keiln,
Buam! Lassts enk nur Derweil! Auf oamal haut ma koan Baam net um, hoassts! Da -
jetz kimmt ja scho was: a Josephsringl!... « Sie zieht ein gewundenes, rundes
Beinringlein aus dem Sack und hält Umschau unter den Burschen. »Aha! Franzl, -
dees gib i gar dir! Auf dass d' deiner Christl net untreu wirst unter dem Kriag!«
Sie reicht's dem verlegen Lachenden.
    Da ruft der Schmiedkaspar unter dem Spott und Gelächter der Umstehenden:
»Auweh! Jetz is er ausgschmiert, der Reiser! Jetz is's nix mehr mit der stolzen
Pariserin, wo er gmoant hat ...«
    »Teats mi nur recht schlecht macha allsamm!« sagt der Franzl und schaut die
Christl lachend an. Aber die droht ihm ganz ernstaft mit dem Finger. »Du! I
moan alleweil ... gar so unrecht werd'n s' net habn! Moanst, i woass's nimmer,
wiast beim Sindlhauser seiner Hochzat grad mit der Rumplhanni alloa tanzt hast!
Und an Wein hast ihr zahlt und hoamgweist hast es aa!...« Der Franzl kommt ins
Schwitzen. Und er plärrt der Christl ins Gesicht: »Lüag net a so! Hoamgweist wer
i s' habn! Nix wahr is's! Balst es net glaabst, nachher fragst d' Hanni selber!«
- »Die werd mirs akkrat glei sagn!...« - »Ja no, i habs amal net hoamgweist!«
Die Christl muss ihm glauben. - Und die Wabn bringt was Neues. Ein wächsernes
Wickelkind. Sie reicht es dem Müllermartl. »Martl«, sagt sie zu ihm; »jetz hab i
epps für di. - A Glückskindl. - I denk, du wirst es scho braucha kinna ... für
di selber ... und aa für dees ander,... du verstehst mi scho ...« Der Martl
schaut unsicher auf das Wächslein, auf die Wabn, auf die Susann vom Schneider,
die neben ihm steht. Und die Susann wird brennrot übers ganze Gesicht, - und
ihre Augen werden langsam gross, trüb und voll Wasser. Verstohlen schleicht sie
in die Kuchel hinaus, indes der Martl stockend sagt: »Net dass ich wüsst, Wabn! -
I versteh di net ganz ...« Aber die Rumplin sagt ernst und nachdrücklich: »Werd
scho eppa sein, der dir's auslegt, Martl. - D'Hauptsach is, dass d' wieder heil
und gsund hoam kimmst; und dass d' aa drausst a bissl auf d' Hoamat denkst ...
durch dees Wachsl ...« Der Martl riegelt verlegen den Hut und schiebt das Kindl
in den Sack.
    Die Umstehenden sind verstummt. Die Seilerchristl aber schüttelt sich. »Brr!
- Aber Wabn! Dees hört si ja schier o wia a Wahrsagung! Da laaft oan ja a
Gänshaut über!« Worauf die Alte meint: »Ja no, - mir hat halt so seine gwissen
Sachen. Aber passts auf, jetz muass i an Sepp was gebn!« Sie zieht ein langes
doppeltes Band aus dem Sack, an dessen Enden zwei kleine Stoffpäcklein hängen,
aus weissen, braunen, blauen und schwarzen Wollflecklein zusammengesetzt, mit
Kreuzlein aus rotem Flanell daraufgenäht. »Alsdann, Sepp!« sagt sie; »da hast a
alts gweichts Schkapulier vo insan heilinga Vater Franziskus. I denk, dees is
der beste Kugelschutz. Geh her, nachher häng i dirs o ...« Sie stellt sich auf
die Zehen; und der Sepp, der endslange Loder, beugt sich zu ihr nieder, zieht
den Hut ab und neigt den Kopf, dass sie ihm das Band um den Hals legen kann. Mit
andächtiger Feierlichkeit hängt sie ihm das Skapulier um. Und sagt: »Alle
neunhundertneunundneunzig Heerscharen sollen dir abtreiben alle Kugel - Scheiben
und Spiass, - Schuss - Stoss - oder Schlag, - so gwiss wie der Engel mit seinem
feurigen Schwert vor dem paradeisischen Garten steht, in alle Ewigkeit. Amen.«
Keiner lacht. Jeder zieht den Hut. Die Weiberten sagen mit eintönig und
wehleidig singender Stimme nach: »In alle Ewigkeit. Amen.«
    Und die Schustermirl sagt bittend: »Wabn, du hast so guate Segn; du bist alt
und hast epps derlebt; geh, gib mein Kaschbern aa was! Du woasst es ja ... heunt
vierzehn Tag hätt' ma d' Hochzat ghabt!...« Sie kann nicht weiterreden. Der
Schmiedkaspar tröstet: »Sei gscheit, Mirl! Es geht halt jetz net anders. Na
heirat' ma halt aufs Jahr ... bal i wiederkimm!...« Der Hufschmied wirft den
Deckel des Masskrugs zu, dass es scheppert. »Ah mei ... I mag net redn ...«, würgt
er heraus. Der Ödenhuber sitzt stumpf hinterm Ofen auf der Bank, hört nicht und
sieht nicht.
    Die Resl bringt der Rumplwabn in einem bläulich-schimmernden Glas den
Zwetschgenschnaps. Und die Wabn ergreift das Glas. »Alsdann, Buam, jetz muass i
enk no an guatn Trunkspruch sagn, - dass's allsamm wieder gsund hoamkemmts:
Tobias ging wandern ... von oan Ort zum andern,... begegnet eahm der Teife ...
mit seinem krumpen Schweife;... sollst nit mehr weiter ziagn,... i will di
jetzund kriagn!... Kimmt der Engel Raffael,... jagt den Teifel zruck in d'
Höll;... fahrts zua in Gottes Namen ... und des heiling Geistes. Amen.« Sie
macht mit dem Glas das Zeichen des Kreuzes über alle. Danach blickt sie im Kreis
herum. »So, Buam, jetz habts mein Segn. - Stössts o mit mir und teats mir
Bschoad!« Da drängen sich alle mit ihren Krügen um sie, und ein jeder stösst an.
    Und der Hufschmied strafft sich zur Höh und ruft dazwischen: »Guat hast es
gmacht, Wabn! - Aber ... jetz kimmt mei Spruch!« Er erhebt den Krug. »Auf dass a
jeder sei Schneid und sein Hamur ghaltn tuat, und auf dass a jeder a so zuahaut,
dass die ganz Band samt und sunders auf der Stell der Teife holt! - Insa Hoamat
und insane Leut solln lebn! Hoch! Hoch! Und zum dritten Male: Hoch!« Und jeder
greift wieder nach dem Krug und erhebt ihn, jeder schreit, so laut er kann, sein
Hoch. So rinnt der letzte Trunk hinab; ein Jauchzen hebt an, die Ziehharmonika
beginnt einen Landler, der Franzl reisst die Christl an sich, dreht sie im Wirbel
herum und stampft und plattelt, dass es die andern gleichfalls mit Gewalt erfasst;
und auf ja und nein wird ein Tanzen und Schnackeln daraus, dass man wähnt, es wär
am Kirchweihmontag.
    Auch die Schneidersusann, die still vor sich hinweinend bei der Wirtsleni
draussen in der Kuchel sass, wird wieder munter; sie steht auf, schaut erst eine
Weile zu und macht sich danach an den Martl, der nachdenklich beim alten Schmied
und der Rumplwabn hockt. »Martl! Magst net aa oan tanzn?« Den Martl aber
gelüstet's nicht. Er steht vielmehr auf, fasst die Susann bei der Hand und zieht
sie mit sich aus der Gaststube und aus dem Haus. »I bin net aufglegt zu dem
Gschnack«, sagt er; »i geh liaber mit dir no a Stuck Wegs alloa.«
    Unterdessen hat sich der Hufschmiedpauli zur Reise gerichtet, seiner Mutter,
der alten Totenpackerin von Helfendorf, einen kurzen Abschiedsbrief geschrieben
und tritt jetzt pfeifend aus der Tür, die der Lehrbub schlaftrunken hinter ihm
abschliesst. Schon will er die Asslinger Strasse hinabgehen, da hört er den Lärm
und das Jauchzen. »Die san ja no da!« sagt er zu sich selber; und er wendet sich
rasch dem Wirtshaus zu.
    Da sieht er bei einem der Fenster ein Weibsbild stehen. Er pfeift ihr. Sie
fährt zusammen und wendet den Kopf. »Was willst?« Der Pauli tritt zu ihr. »Was
willst denn du?« - »Werd di nixn ogeh!« Sie will weglaufen. »Ah! Dees is ja d'
Rumplhanni! Was rennst denn davon?« - »Jess', der Pauli!« Die Hanni starrt ihn
verwundert an. »Dass du aa mitn Kuferl daherkimmst?« - »Weil i aa mitgeh.« - »Ja,
wia dees?« - »Freiwilli ...« - »Ja was! Freili!« Ein tiefes Bedauern liegt in
ihrer Stimme. Und ein grosses Mitleiden, da sie fragt: »Mei, was werd denn da dei
Resl sagn?« Der Pauli lacht. »Was werd s' sagn? - Nix! - Um an andern muass s'
eahm halt schaugn!« - »Du bist aber grob!« Sie betrachtet ihn lächelnd. »Wann i
d' Resl waar, - i liass di net furt!« - »Wurdst mi kaam aufhalten kinna!« Die
Hanni schaut ihn an; in ihren Augen lodert's. »Wett' ma, i kunnt! - I scho!«
    Dem Pauli steigt jäh eine Hitze ins Gesicht. Es klingt unsicher, da er sagt:
»Naa. - Net. - Koane.« Sie lacht. Er fährt sich über die Augen. »Dass d' so alloa
da heraussden stehst, Hanni?« - »Weil i drin nix verlorn hab.« - »Geh halt a bissl
mit eina!« - »Dees kannst dir denka! - I - zum Ödnhuaba!« - »Warum denn net! -
Geh nur mit!« Er fasst sie am Arm. »Du bist do a ledigs Leut! - Du kannst do
hingeh, wo d' magst!« Die Hanni sträubt sich. »Naa, sag i! I mag net! I hätts
gar net in Sinn ghabt. I hab grad a bissl gschaugt, wer dass drin is. Moanst, i
lass mi oschaugn!« - »Geh, sei net fad, Hanni!« Er zieht sie gegen den Hausgang.
»Balst mit mir einegehst, sagt koa Mensch nixn!« - »Grad d' Resl. - Z'letzt
moants gar ... i tat dir was wolln ...« Sie sieht ihn wieder an, lacht leise und
zeigt ihre Zähne. »Und sie tat dir nachher zwegn meiner d' Liab aufkündn ...« -
»Bal i dafür a anderne kriagat ...?« Der Pauli presst ihren Arm, dass sie jammert:
»Au! Du tuast mir ja weh!« Jemand tritt unter die Haustür. Die Hanni sucht ihren
Arm freizumachen. Aber es gelingt ihr nicht. »Geh! Du tuast mir weh, sag i!« -
»Gehst mit eine?« - »Lass mi aus, sag i dir!« - »Obst mit eine gehst, frag i!« -
»Naa, i mag net!« - »Hanni! Geh, tua mir halt die Liab!« - »Du tuast mir aa
koane!« - »Alls tua i! Was d' willst!«
    Von der Haustür her dringt ein Laut. Jemand geht hinein. Die Resl ... Die
Hanni fährt zusammen. »Hast nix ghört grad?« Der Pauli stellt den Koffer nieder.
»Was soll i ghört habn? Also gehst net mit? Nachher geh i aa nimmer eine.
Nachher muasst aber no auf d' Bahn a Stuck mitgeh!« Er hält sie mit beiden
Händen. Sie schüttelt den Kopf. »I kann net. I muass hoam. I sollt scho lang
dahoam sein! Geh, lass mi hoamgeh!« Aber der Pauli ist unerbittlich. »Entweder du
gehst no mit eine oder mit auf d' Bahn!«
    Drinnen tobt das Tanzen, tönt das Spiel. »Hanni,... balst liaber mit auf
Bahn gehst ... ganz alloa ...« Er sagts mit unterdrückter Stimm. Aber die Hanni
lacht und sagt: »Wia die narret san! Dees packt oan glei selber o! - Alsdann,
balst magst, nachher geh i no mit eine. Aber du muasst amal mit mir tanzen!« -
Und sie bückt sich um den Koffer, reicht ihn lustig lachend dem Pauli und
drängt: »Also, mach! Sinst is er aus, bis mir kemman!« Da reisst er sie an sich,
sie windet sich los, läuft an die Tür, und er führt sie hinein, wirft juchzend
sein Kofferl auf einen Tisch und zieht sie in den Knäuel der Tanzenden. In der
Schenke aber steht die Resl, weiss wie der Kalk an den Wänden, starrt die beiden
an und lehnt sich todmüd an den Glaskasten.
    Die Hanni tanzt und lacht und schmiegt sich fest an den Pauli, der sie wild
herumwirbelt und dazu murmelt: »Herrgott ... Madl ... i kunnt di grad
umanandreissen ..., dass d' Welt z'grund geht!... Hanni!... magst mi?...« Aber die
Hanni lacht und sagt gar nichts.
    Da ist der Tanz zu End, und einer schreit: »Auf gehts! - Geh müass ma!«
Worauf die Burschen nach den Koffern und Päcklein greifen, die Maidln ihre
Blumenbüschel und Kränze zusammenraffen, der mit der Ziehharmonika sich an die
Tür stellt und also alles sich zum Gehen schickt.
    Da erblickt die Hanni ihre Grossmutter, die Rumplwabn. Was ihr recht
ungelegen ist; schon wegen der Feindschaft zwischen dem Hauser und dem Wirt, -
wegen des Anschauens auch, dass sie um die Zeit noch ausserhalb ihrer Kammer ist,
und - vor allem wegen des Pauli und der Resl. Sie schaut spähend nach der
Schenke. Da steht die Resl immer noch wie eine, der sie das Blut aus den Adern
gezogen haben, und starrt herüber zum Pauli. Der aber hat nur Augen für sie
selber; er hält sie fest bei der Hand und will mit ihr gehen.
    Doch da sehen ihn die andern. Mit ihr, der Rumplhanni. Und plärren schon:
»Jess', der Pauli! Aus is's! Der geht aa mit! - Ja, Pauli! Alter Bazi!«
    Und die Weibertn stecken die Köpf zusammen und wispern: »Ja heilig der
Pauli! - Mit der Rumplhanni!« - »Die hat's ja do mitn Hausersimmerl ghalten?!«
Die Susann sagts. - »I hab gmoant, mitn Reiserfranzl?« Die Christl wird brennrot
und wirft einen wütenden Blick auf die Hanni und auf die Schustermirl, die es
gesagt hat. »Ah! Die hats ja mit an jedn!« flüstert die Staudenschneiderlies
verächtlich. »Aber er - der Pauli! Der hat do mit der Resl epps ghabt!« Alle
schauen nach der Resl. Doch die ist eben durch die Schenktür hinaus. »Naa, dees
glaab i net!« meint die Susann; »sie is ja grad a Kellnerin! - Verkohlt werd er
s' halt habn!« Worauf die Christl geringschätzend sagt:
    »Und die ander is a Stallmensch! Und a schlechts Weibsbild!«
    Unterdessen hat die alte Rumplwabn die Hanni erkannt. Sie steht so gschwind
auf, wie es ihre alten Beiner erlauben, und humpelt mit zornfunkelnden Augen auf
die Hanni zu. »Wia kimmst denn du da eina? - Zum Wirt!« - »Ah! D' Gross'...! 's
Eahlei! Du bist aa da!« - »Was dass du da herin z' suacha hast, frag i!« - »Nixn,
Gross'! Zwegn deiner bin i eina!« Die Hanni schaut ganz unschuldig drein. »Grad,
weil i di herin gsehng hab, Eahlei!« Aber das Ähnlein, die Grossmutter, glaubt
ihr nicht recht. »Dass d' mir auf amal a so nachlaafst?! - Du kimmst do sinst aa
nia zu mir ...« - »Bal i nia Derweil hab!« - »Dass d' nachher heunt Derweil hast?
Jetz - um die nachtschlaffat Zeit!« - »No - wenn s' mi aussagsperrt habn!« -
»Aussagsperrt wern s' di habn!« - »Wenn i dirs sag, Eahlei! I hab an Simmerl no
sei Kuferl a Stuck Wegs tragn helfa, und wia i hoamkimm, is des ganz Haus zua, -
hint und vorn. Und allsamm schlaffan s'.« - »Dass d' es na net aufweckst?« -
»Moanst, dass i mi oplärrn lass! - Wo s' a so so grob san mit mir!« Ihre Stimme
klingt weinerlich.
    Die Wabn horcht auf. »Grob san s', sagst?!« - »Na, sag i! - Am liabstn
jagetn s' mi a so auf der Stell aus, weil i neamd hab zum Schutz!« Die Alt ist
plötzlich auf Hannis Seite. »Was! Ausjagn! Die solln si untersteh! Dees glaab i!
- Dees kinnan s' ja gar neta! Dees kinnan s' ja überhaupts gar neta!«
    Dem Pauli, der inzwischen seinen Freunden erklärt hat, dass er freiwillig
mitginge, dauert der Disputat zu lang. Er fasst die Hanni unterm Arm und will sie
fortziehen. »Geh, tratschts morgn, ös zwee! Jetzt gehn ma!« Aber die Hanni
schaut ihn gross an. »He, he, Büaberl! Net so gach! Nachher gehst halt, balst geh
willst!« Und die Grossmutter greint: »Du bist mir aber amal a grober Lackl, a
ohabischer! Glei lasst es steh, mei Hanni! Moanst, dass dee auf di wart! Da bist
gstimmt, mei Liaber!« Aber der Pauli packt die Hanni nur fester. Und lacht.
»Geh, Wabei, sei stad! - Du verstehst ja nix! Du woasst ja nix! Bei ins zwee is
d' Warterei vorbei!« Und damit zieht er auch schon die Hanni aus der Stube und
lässt die Alte wie angewurzelt stehen.
    »Geh zua, Dirndl!« sagt er zur Hanni; »druck' ma uns! Mir wissens gwiss - und
die oan müassn erscht ratn!« Aber die Hanni kann auf einmal nicht mehr länger
mit dem Heimgehen verziehen. Sie muss ihm den Abschied geben. »Pauli«, sagt sie
draussen vor dem Haus; »jetzt müass' ma uns aber pfüatn! I muass hoam.« - »Hoam! -
Du muasst jetz mitgeh, dass d' es woasst!« - »Naa, Pauli. I ko net. Ganz gwiss net!«
- »Grad no a kloans Wegei, Hanni!« - »I muass hoam, Pauli! Ohne Bedingnis!« -
»Und mi lasst alloa datschn! Du bist ausgschaamt!« - »Ja no ...« - »Hanni!...« -
»Guate Nacht! Und viel Glück!« Sie lässt sich nicht mehr halten und läuft ihm
unter den Fingern weg, durch den Wirtsgarten, hinüber zum Hauserhof, wo sie
auflachend hinterm Wagenschupfen stehen bleibt.
    Indes der Pauli Derweil hat, auf einem einsamen Weg nachzudenken über zwei
Weibsbilder, oder trübsinnig auf die andern zu warten. Davon ihm das eine so
lieb ist wie das ander, so dass er giftig ausspeizt, ein paarmal flucht und
danach langsam vorausgeht, bis die andern nachkommen. Was nimmer gar lang
dauert; denn drin in der Wirtstube sagen sie grad noch dem Wirt und der Leni
Pfüagood, verwundern sich plötzlich, dass der Jackl schon fort ist, und dann
ziehen sie lachend und singend dahin, indes der Ödenhuber trübschauend unter der
Haustür steht und die Resl samt der Leni drin das Geschirr zusammenräumt, ohne
Red, ohne Eil.
    Der Hufschmied und die Rumplwabn gehen schwatzend heimzu, der Pauli mischt
sich unauffällig unter die lärmende Gesellschaft, und die Wirtin öffnet dem Wirt
die Schlafkammertür, worauf sie wieder ins Bett steigt, sich gegen die Wand
kehrt und auf den Schlaf wartet, den sie selber verscheuchte.
    Drüben aber, beim Hauser von Öd, schleicht die Hanni am Haus entlang und
sucht nach einem offenen Fenster. Und da alles zu ist, macht sie sich hinten
beim Stadel eine Leiter los, lehnt sie an eine zerbrochene Fensterluke beim
Heuboden und steigt hinauf, worauf sie durch den Kriadaboden in die Dachkammer
schlüpft und von da über die Speicherstiege hinabschleicht ins Haus und in ihre
Kammer. Dort legt sie gemächlich ihr Gewand ab, löst die Nadeln aus dem Haar und
macht das Fenster auf, so dass die stille Nachtluft das ferne Singen und Spielen
wie einen Hauch herüberschickt und ein herber Geruch von Grummet, Scholle und
Dung in die Kammer dringt. Dann zieht sie summend die Schuhe und Strümpfe aus
und legt sich zufrieden und lächelnd auf die armselige Lagerstatt, wie einer,
der sein Sach wohlgemacht hat. Und da der harte Strohsack mit der rupfenen
Zieche und dem härwenen Linnen sie rauht und drückt, da sagt sie halblaut für
sich hin: »Lassts enk nur Zeit; als Hauserin lieg i scho besser!« Danach freut
sie sich noch, dass sie der da drüben, der Resl, ihren Pauli noch so schön
ausgespannt hat, gähnt und schläft ein, gut und fest.
»Kikerikih!« Dem Ödenhuber sein Gockel schreit den Tag an, so laut er kann. Der
Hauserbauer, dem in der Nacht bald schwül und ängstig, bald fröstelnd und ungut
zumut war, so dass er erst lang nach Mitternacht den Schlaf fand, dreht sich
aufschreckend im Bett herum. »Sakramontsviech, verfluachts! Dir drah i do no d'
Gurgel um! Plärrats Luada, plärrats!« Er schaut auf die Uhr. Drei vorbei. Die
Hauserin liegt noch im guten Frühschlaf neben ihm. Das feiste, rotwangige
Gesicht mit der stumpfen Nase fest zwischen die karierten Kissenzipfel
vergraben, den Mund etwas geöffnet und unterm Kinn das geblümelte Kopftüchl zu
einem lockeren Knoten verschlungen. Wieder kräht der Nachbarsgockel. Der Hauser
springt fluchend aus dem Bett. »Wann di nur mitsamt deiner ganzen Sippschaft der
Deixel holn tat!«
    Die Hauserin schliesst den Mund, öffnet die Augen und fährt in die Höhe. »Was
gibts? - Ja so. - Is's eppa scho halbe viere? - Dass d' scho aufstehst, Lenz?« -
»Da möcht i scho lang fragn!« grandelt der Alt; »bal di dees Schinderviech, dees
miserablige, net schlaffa lasst! Koan solchern gschroamauletn Gockl musst ja auf
der ganzn Welt nimmer finden!« - »Kikerikih!« Der Hausergockl gibt dem
öden-huberischen Antwort. Und die Hauserin sagt gelassen: »Is eh scho Zeit. Hat
a so der insa aa scho gschrian. - Gelobt sei Jes' Christ. - Na stehn ma halt
wieder auf in Gotts Nam.« Sie setzt sich auf und schlieft in den vielfach
geflickten wollenen Unterkittel mit dem abgenähten Kattunleib dran, den sie
seufzend zuknöpft. »O mei Herr. - Wo werd jetzt insa Bua sei! - Dass er gar nixn
hörn lasst, jetz is er scho glei a Woch furt, und no net hat er geschriebn.« Sie
steht vollends auf und legt das schleissige, pichige Werktagsgewand an. »Der werd
scho net Derweil habn zum Brieafschreibn«, sagt er und fährt in die Holzschuhe.
»No, a Postkartn hätt er grad scho schreibn kinna, moanat i«, erwidert die
Hauserin, knöpft das Schlaftüchl ab und fährt mit einem pappigen, pomadigen Kamm
über den Scheitel. Dann bindet sie das schwarze Kopftuch auf und besprengt sich
mit dem Weichbrunn, worauf beide die Schlafkammer verlassen und ihr Tagwerk
anheben; er mit dem Futtermähen, sie mit dem Kochen der Morgensuppe.
    Also nimmt der Alt die Sense von dem Aststumpf des Birnbaums hinter der
Holzschupfe, wetzt sie und beginnt, auf dem Anger hinterm Haus das Gras des
Obstgartens zu schneiden. Weit ausholend und scharf anreissend mäht er in grossen
Strichen. Aber er ist nicht recht bei der Sache; erst reisst er mitten durch den
grössten steinigen Scherhaufen durch, danach schneidet er in die Hollerstauden,
dass er langmächtig wetzen und schärfen muss, um die Endsscharten wieder
auszuschleifen, - und zuletzt steht er da, vergisst auf die Arbeit und stiert
grad vor sich ins Weite.
    Die Geschichte mit dem Simmerl und der Hanni geht ihm nicht aus dem Kopf.
»Dass aa der Tropf so was ohebn muass!... Der Hannakn, der saudumme!... Wia ma nur
so damisch sei konn!... Und heiratn!... Aa no heiratn! Statt dass ma s'
aussezahlt, a so a Weibsbild ... Waar mir gwiss net auf a paar Hunderter
zsammganga!... Gwiss net! - Aber ... mit dem Buam is ja nix z' richten;... der
ghört ja von Grund aus ins Narrnhaus! - Und jetz sollst aa no drüber reden!...
Mit ihr ... der Hanni - und mit der Rosina. - Und die Alt hat doch aa
mitz'reden, wo s' no dees Geld aufn Haus steh hat ...« Er fängt wieder hitzig zu
mähen an. »Wenn ma wenigstens amal mit der oan gredt hätt! - Aber ...«
    Ein zorniges Schreien und Schelten lässt ihn aufhorchen: »Schaug sie net o!
Sie flaggat no im Bett, wenn ander Leut scho lang bei der Arbat san! Du moanst
vielleicht, dass ma di grad zu der Regerazion fuadert!« Und die Hanni dazwischen:
»Plärr net a so! - I steh um halb viere auf, - und koan Augnblick net ehander!«
- »Du hast aufz'steh, bal mir aufstehngan, dass d' es woasst, du fäu's Trumm, du
fäu's (faules)!« - »Und du brauchst mi gar nix z'hoassn, dass d' es aa woasst!« -
»Balst moanst, dass ma di faulenzen lasst und herfuadert, bis d' foast bist, da
brennst di!« - »Dees is gar ninderscht der Brauch, dass ma mitten bei der Nacht
mit der Arbat ofangt!« - »Dees glaab i! - Aber dass ma d' Deanstboten fürs
Faulenzen zahlt!« - »Durchaus net! Aber so ausnutzerische Leut, wias du oans
bist, muass's ja überhaupts nimmer gebn!« - »Und koa so a ausgschaamte Goschen,
wias du hast, aa nimmer!« - »I lass mi ganz oafach net a so hunzen!« - »Wer hunzt
di denn?« - »Naa, sag i! - Wia a Stuck Viech werd ma hergnomma!« In dem
Augenblick fährt die keifende Fistelstimme der alten Kollerin drein: »Was gibts
da scho wieder! Was möchst du scho wieder, du ausgschaamts Weibsbild, du ganz
ausgschaamts du!« Worauf die Hanni patzig auffährt: »Und du nachher? Was gehts
denn di o! Di gehts überhaupts nixn o!« Der Alten schnappt die Stimm über. »Was
sagst du? Was möchst du? 's Mäu möchst aufreissn! - Dass i di net glei nimm und
drisch dir oane eine in dei Bappen ...« Sie kann nicht mehr weiter. Die Luft
geht ihr aus. Aber die Hauserin löst sie ab und schimpft weiter. Freilich
umsonst; denn die Hanni lässt sie ganz einfach stehen, packt den Schiebkarren und
fährt ihn hinaus auf den Anger hinterm Haus, wo der Alt eben die letzte Mahd
schneidet. Und sie murmelt halblaut einen höchst unrespektierlichen Wunsch,
greift nach dem Rechen und dem Korb und fasst also das Morgenfutter fürs Vieh
ein, das bereits zu brüllen beginnt. »A Goschen hats, a guate!« denkt sich der
Hauser, indes er die Sense mit einem Grasbüschel reinigt. »Gfalln lasst sie die
amal nix! Dees gfallt mir!«-
    Die Stallarbeit und das Melken ist geschehen. Die Hauserischen sitzen
schweigend beim Morgenkaffee; der Bauer mit gutem Appetit essend, die Bäuerin
mit hochrotem Kopf hastig trinkend, die Kollerin gelb vor Zorn und nach jedem
Löffel voll, den sie isst, die Hanni mit giftigem Blick messend, und die Hanni
gelassen und gleichmütig einbrockend und ebenso gelassen Brocken um Brocken
auslöffelnd, grad als wär nie was gewesen. Was wiederum die Kollerin so aus der
Scharnier bringt, dass sie mittendrin den Löffel hinwirft, ein Schimpfwort
herausstösst und davonläuft. Worauf die Hauserin ebenfalls austrinkt, schier
blaurot im Gesicht wird und auch geht. Indes die Hanni sich ruhig noch einen
Keil Brot abschneidet und gemächlich zu End isst. -
    Und da sie fertig ist, wischt sie sich mit dem Handrücken den Mund ab,
macht's Kreuz und sagt aufstehend: »Hauser, was soll ma toa: Haber umdrahn oder
Erdäpfel ausgrabn? Sie hat gestern gsagt, dass ma amal ofanga kunnt, - mit dee
Rosenkartoffel wenigstens.« Der Hauser trinkt seine Schüssel leer. »D' Erdäpfel
konn d' Muatta aa aussatoa«, sagt er; »gar so viel brauchan s' net. - Du tuast
Habern umdrahn, und i werd drunt bei der Niederloatn ritzen. Mit dem neuen
Pfluagmesser werds scho geh, wenns aa guatding trucka is.«
    Die Hanni nickt; dann nimmt sie den langen Haberstecken, schüttelt sich noch
einen Rocksack voll Pflaumen von einem Baum und geht hinaus aufs Feld. Unterwegs
begegnet ihr dem Staudenschneider sein Girgl. Er ist der einzige Sohn des Hofs
drüben hinter der Kirch und mag dereinst einmal leichtlich seine siebzig- bis
achtzigtausend Mark bar zu dem übrigen Sach erhalten. Der alt Staudenschneider,
den im vergangenen Winter ein Schlag gerührt und zu allem Tagwerk unnütz gemacht
hat, liegt tagaus, tagein auf dem Kanapee hinterm Ofen, lallt und jammert ein
wenig, wenn er nicht seinen leichten Halbschlaf dahinsäuselt, wartet aufs
Sterben - und aufs Heiraten vom Girgl. Aber noch hat er keine glückliche
Brautschau gehabt, der junge Staudenschneider, - trotz den achtzigtausend Mark,
den sechzig Stück Vieh und hundert Tagwerk Wald und Grund.
    Und daran trägt nicht so sehr sein jämmerlichs und verkrüppeltes Aussehen
die Schuld, als vielmehr sein inwendiges Mannsbild. Denn man mag zehn Stunden im
Umkreis Nachschau halten, man wird keinen Burschen finden, der sich mit ihm
messen kunnt an anhabigem Stolz und bockstarrigem Eisenschädel. Wie denn auch
seine Mutter, die selige Staudenschneiderin, eine Bäuerin gewesen war, dass sie
nur die Protzenmirl und die Millionenschachtel geheissen wurde, worüber sie sich
freilich so erzürnte, dass ihr die Galle ins Blut geriet und sie daran sterben
musste. Darauf dann der alt Staudenschneider sich eine Haushalterin nahm und also
mit seinem Girgl schlecht und recht fortwirtschaftete, bis ihn das Schlagerl
streifte. Von da ab musste der Girgl allein werken mit den drei Knechten und den
vier Weibsleuten. Aber, wenn auch gleich alles wie am Schnürl ging und jeder im
Haus den Jungen grad so achtete wie den Alten, schon wegen seiner Tüchtigkeit
und Grobheit, so wurde ihm das Regieren doch immer zuwiderer; besonders in der
letzten Zeit, wo die Knechte gleich seinen Rössern und Wägen vom Krieg
requiriert wurden und er mit lauter Weibsbildern hantieren musste.
    Und auf den heutigen Tag ist er so weit, dass er sich sagt: heiraten, - ganz
gleich, was für eine. Drum hat er auch heut seine Wichs angelegt mit den
ledernen Kniehosen, und trägt einen leeren Rucksack am Buckel, dass man seine
beinerne Kirm, die ihm unser Herrgott schon mit dem ersten Schulränzel angehängt
und entsprechend seinem Grösserwerden alleweil wieder ein bissl höher aufgepackt
hatte, nicht gar zu deutlich sehen möcht. Der alt Schneckennazi, der Schmuser,
wüsst ihm wieder eine, eine Hochzeiterin. Herrgott, ja! Hols der Deixel! Es mag
leicht schon die zehnte oder zwölfte sein! Und dass die ja sagen sollt als reiche
saubere Burgermeisterstochter, wo die andern alle nein gesagt hatten, - er
kann's nicht recht glauben. Aber - er muss halt gehen. Und so geht er jetzt. Und
trifft auf die Hanni. Die schaut ihn an und misst ihn spöttisch von unten bis
oben. Er sagt kurz: »Morgn.« - »Guat Morgn aa«, erwidert die Hanni; »gehst scho
wieder zum Heiratn?« - »Kümmerts di leicht was?« - »Naa, gwiss net. I hab grad
gmoant.« Sie betrachtet ihn lachend. »Sinst hätt i dir halt abgraten davon.« -
»Warum?« Er fragts hastig. »No, - weilst do wieder umasinst gehst! - Is schad
ums Leder, dees wost abez'reiss'st von de Schuach!« - »Werd dir aber gleich sei
kinna!« erwidert der Girgl gereizt; »bal i net die Nächstbeste ins Haus nimm, so
is dees grad mei Sach! Dees geht neamd was o.« - »Freili net! Und bal die
Weibertn Mannsbilder liaber san als wia Mühlesel, so gehts ja aa neamd was o.«
Der Girgl ist ganz starr. Das hat ihm noch keine gesagt. Er sucht nach Worten. -
    Aber die Hanni fährt schon fort: »Dass du überhaupts so weit umanand rennst
um a Bäuerin? Dass d' net oafach oane von deine Dienstigen heiratst? Enka
Mittadirn is do so sauber und so richti! Und kaam viel billiger, als wia oane
von an Hof aussa!« Sie sagts ganz ernst; aber in ihrem Gesicht zuckts und
wetterleuchtets. »Wennst dera alle drei Jahr amal a neus Gwand kaafst und alle
Jahr oa Paar Schuach, nachher kimmts di gar net so teuer! Fressen wird s'
darnach aa net mehra, wia ehvor. Und bal s' als Staudenschneiderin wirkli a
dickerne Haut auf der Kaffeesuppen verlangt, wia als Mitterdirn, so macht's dir
derhalben dein Stall net laarer und dein Geldsack net gringer. - Hab i net
recht?« Sie schickt sich zum Gehen an. »I tat mirs do amal überlegn, Girgl, dees
mit der Mitterdirn!« Lachend entfernt sie sich.
    Der Girgl steht da wie der Ochs vorm Berg und schaut, als ob ihm die Hennen
das Brot gestohlen hätten. »Himmeherrgott! Da sollst jetz auf Brautschau geh!
Wann dir oans d' Ohren so vollschwatzt ...« Er schaut ihr grimmig nach. Aber -
wie er sie so dahingehen sieht, - so stämmig, handlich, so ihren Platz
ausfüllend, da kriecht ihm langsam ein Gedanke durch den Sinn, und je länger er
ihm nachhängt, um so besser deucht er ihm. So dass er schliesslich umkehrt und
wieder heimgeht.
    Aber es leidet ihn nicht daheim. Das, was die Hanni gemeint, - mit der
Dienstigen, - das bohrt in ihm herum. Bloss das mit der Burgl, der Mitterdirn,
das passt ihm nicht. Es dürft keine vom Hof sein, weil sonst die andern
rebellisch würden. Eine aus der Nachbarschaft vielleicht? - Oder aus der
Umgegend? - Herrgott, das Maidl wär gar nicht dumm, wenn mans richtig
betrachtet! So ein untertänigs Frauenzimmer könnt man wenigstens richten, wie
mans bräucht! Und sie verstünd was von der Arbeit; der kunnt keine was
vormachen. Trotzdem wär er der alleinige Herr im Haus; denn von so einer lasst
man sich die Hosen schon nicht abtun. Freilich, eine Hörige, ein Dienstbot in
den angesehenen Staudenschneiderhof, - die Mutter wenns wüsst, die tät sich noch
in der Truch umkehren! - In ihm kehrt sich ja auch was um; aber wo es zum Nutzen
und nur zum Vorteil gereicht, da kann man ja schliesslich den Stolz auch einmal
fahren lassen. Und wann er eine erwischte, die zu einer riegelsamen Tüchtigkeit
und unbedingter Unterwürfigkeit auch noch eine gute Postur und ein saubers
Gesicht mitbrächt, dann kunnt er wohl auf die oder die ander mockige
Bauernmollen verzichten trotz Geldsack und Kuchelwagen.
    Nachdenklich streift er durch die Felder, wo seine Weibertn und die
gedungenen Mahder arbeiten. Und mittendrin steht er an der Haberleiten vom
Hauser, wo die Hanni rüstig und mit leichter Hand schafft. »He, du, Rumpl!« Die
Hanni wendet Büschel um Büschel, ohne aufzuschauen. »Hanni!« Jetzt hört sie.
»Du, i hätt epps z' redn mit dir!« - »Dees werd was Gscheidts sei!« Sie beginnt
bei der nächsten Mahd und hört nicht einen Augenblick auf zu werken. Der Girgl
schaut ihr wohlgefällig zu. »Sakra; von dera kunntn die mein' was lerna!« denkt
er. Und laut sagt er: »Teats heunt no einführn?« - »Bals Wetter guat bleibt,
ko's scho sei.« - »Maht der Hauser?« - »Naa, ritzen tuat er.« Die nächste Mahd
wird umgelegt. »Hat enka Sixnblassin scho kalbet?« - »Naa, auf d' Woch, moanat
i.« - »Stellts es auf, 's Kaibe?« - »Bals a Stierkaibe is, scho.« - »Sinst
verkaafts es?« - »I denk scho. An Postalter vo Beiharting werd ers halt wieder
gebn.« - »Moanst, dass ers mir net gaab?« - »Muasst 'hn halt fragn.«
    Er verfolgt ihre Bewegungen wie eine Katz den Perpendikel der Stockuhr.
»Guat gstellt!« denkt er; »net gschlampert beinand; und koa Karfreitaratschn
net, - dees is was wert. Und d' Arbat geht ihr von der Hand, - grad guat zum
Zuaschaugn! Und gar net schiachredat; die richt't neamd aus und halt' zum Bauern
...«
    »Hast ghört, Hanni!« Er beginnt die Unterhaltung wieder. »Was willst?« -
»Hat der Simmerl scho epps hörn lassn?« - »Hab no nix redn hörn drüber.« -
»Werst aa mehra z' toan habn jetz, wo er furt is.« - »Ja no. Wias halt is.« -
»Bist eigentli du gern sell beim Hauser?« - »Warum fragst?« Die Hanni schaut ihn
scharf an. - »I hab halt gmoant.« - Sie schafft wieder weiter. »Ja no; - is oa
Platz wia der ander, wähn i«, sagt sie. - »Dees kimmt grad drauf o!« - »'s
deanat Brot schmeckt überall gleich sauer.« - »Muass ma halt amal a anders
verkosten!« - »Was nachher für oans?« Sie hält inne. Er schaut sie begehrlich
an. »No - dees eigne halt!« Die Hanni lacht. »Aha!« Sie langt ein paar Pflaumen
aus dem Sack und isst sie, wobei sie die Kerne weit von sich spuckt. - »Hast no
nia ans Heiratn denkt, Hanni?« Er steht wie am Sprung. Sie schaut nach den
schneeweissen Wolkenballen, die sich um die Frühsonne sammeln. »I glaab net, dass
's Weeda aushalt heunt«, sagt sie und fängt wieder an zu wenden. - »I wüsst dir
an Hochzeiter, Hanni!« - »Soo, sooo!« - »Kunnst in a scheens Sach eineheiratn!«
- »Was d' net sagst!« - »'s Hoamatl guat beinand, verstehst! - Und lauter foasts
Viech und schwaartragate Grund!« - Die Hanni schmunzelt. »Grad der Hochzeiter
hat an kloan Fehler, gell!« sagt sie; »in der obern Stubn hat er z' wenig und am
Buckel a bissl z' viel!« Auweh. Sie hat ihn schon. Aber der Girgl verliert die
Schneid nicht. »Macht ja nix!« sagt er; »was eahm mangelt, dees kunntst ja du
leicht guatmacha! Dumm bist net, und schiach zum oschaugn bist aa net.« - »Ja
no. So dumm waar i amal gwiss net, dass i di heiratn tat!«
    Der Girgl ist sprachlos. Die wär wahrhaftig gut zu der Feuerwehr zu
brauchen; die hätt für jeden Brand ein Wasserschäffel bei der Hand! »Was sagst
du?« - »Nix; dass i di net möcht, sag i.« - »Und warum net?« - »Weil i di kenn!«
- »Moanst, dass d' es net guat kriagatst?« - »Gwiss kaam anderscht, wia a
Mitterdirn!« Sie nimmt wieder etliche Pflaumen aus dem Sack. »Naa, mei Liaber,
da bleib i scho liaber beim Hauser d' Oberdirn!« Der Girgl ist so starr über
diese Antwort, dass es ihm schier die Red verschlägt. Nur mühsam bringt er die
Frage heraus: »Du sagst also naa?« Worauf die Hanni ruhig eine Pflaume um die
ander isst und dazu sagt: »Gwiss aa no! - Da muasst dir scho um a anderne schaugn,
dass s' ja sagt! - Hast dir denkt, weil i dir den guatn Gedanka von der
Mitterdirn einblasen hab, du musst di glei erkenntli zoagn! - Naa, Girgl! I mags
gar net so guat habn! I wüsst gar net, wo i di Truchen hernahm zu dem vielen
Gwand, wost mir du schaffetst! I will di net von dein Geld bringa!«
    Der Girgl fasst sich langsam. Und findet nach und nach die Worte zu einer
Erwiderung. »Du schlagst mi also aus?« - »Balst es a so hoassen willst, - ja.« -
»Ganz und gar?« - »Durchaus.« - »Und zwegn was für an Grund und Ursach?« - »Weil
i di net mag.« - »Ah so. - Abspeisen tuast mi!« - »Wias d' es halt nennst.« -
»Nachher gilt dir insa Sach gar nixn?« - »Dei Sach und du is zwoaraloa.« -
»Achzgtausad san mir gwiss. Kinnan hunderttausad aa werden!« - »Vo mir aus zwee.
I mag di net, und balst um und um voll Gold ohängst!«
    Jetzt langt er. Jetzt hats ihn troffen. »Du sagst mir dees! Du! - Mir!« -
»Ja; i - dir.« Sie arbeitet ruhig weiter, die letzte Mahd wendend. Der Girgl
aber bohrt sich langsam in einen Zorn hinein, dessen Grundursach beleidigter
Stolz ist. »Mir sagst du dees! Mir! An Staudenschneiderbuam von Ö! - Du! A
Barasolflickersbankert! A windiger Deanstbot, a oaschichtiger! -« Er kommt
gemach in ein richtiges Schelten und Schimpfen.
    Aber auf einmal fängt er an zu lachen, und lacht so laut und unbändig, dass
die Hanni vermeint, es wär ihm ihre Absag ins Hirn gestiegen und hätt ihn um den
Verstand bracht. Sie schüttelt den Kopf und fragt ihn schier ängstlich: »Was
hast denn jetz, dass d' so dumm lachst?« Worauf er noch lauter und närrischer
werkt, die Händ in die Hosensäck schiebt und schreit: »Was i lach, sagst! - Weil
's mi gfreut, dass i di so fein ausgschmirbt hab! Ha! Hab di ja grad derbleckn
wolln! - Zum Derblecka taugst ja leicht! Du werst dir do net eibilden, dass i a
solchene in Ernst heiratn tat, wias du oane bist! A so a Herglaaffene! Moanst
eppa, mir graust vor gar nix!«
    Die Hanni ist langsam näher an ihn herangekommen; jetzt steht sie dicht vor
ihm. Da sagt er das letzte. Sie hat die Zähn fest zusammengebissen, die Lippen
öffnen sich, der Mund verzerrt sich ein wenig; und eh der Girgl sichs versieht,
hat er eine so derbe Maulschelle im Gesicht, dass ihm das Feuer vor den Augen
fliegt. - Die Hanni wendet sich ohne ein Wort zum Gehen.
    Der Hochzeiter murmelt einen Schimpf, einen Fluch, und läuft gegen den Wald
zu, wo zwei von seinen Mägden Streu arbeiten. Die findet er lachend und
schwatzend auf dem Moos hockend; und er hört grad noch die eine sagen: »Ja,
moanst eppa, dass 'hn i möcht! - A so a schiachs Mannsbild, und so bollisch und
zwider, und a so a Gnack, a hungrigs! - Naa, liaber als harwene Büasserin
umanandlaaffa, als wia an solchern!... Mariand Josix!...« Sie springt
erschrocken auf und greift nach der Mooshaue ... Aber das Wetter bricht schon
los mit Donnern und Blitzen und Schreien und Schelten; und die Aufsag für die
nächste Lichtmess hat auch jede im Ohr.
    Er geht fuchsteufelswild heim, der Girgl, und richtet sich aufs neue zur
Brautschau, von der er leider spät in der Nacht immer noch als freier, lediger
Jungherr sternhagelvoll heimfährt. Indes die Rumplhanni zufrieden ihre Arbeit
tut und des dienenden Standes Bitternisse nicht gar zu schwer nimmt in der
Erwägung: Ewig dauert nix, und als Hauserin schmeckt mir amal mei
Erdäpfelschmarrn grad so guat, wia der künftigen Staudenschneiderin ihra Bratl!
Denn als Hauserin hab i d' Hosen o, und als Staudenschneiderin woass i net amal,
obs allezeit zu an Kittel glangt! Der Frauendreissiger, die Spanne zwischen Mariä
Himmelfahrt und Mariä Namen, ist für die Landleut eine heilige und gesegnete
Zeit. Kräuter, zu dieser Zeit geweiht, sind ein Abwehrmittel gegen Feuersgefahr
und Wetterschaden, eine Arznei gegen Krankheit und Siechtum bei Mensch und Vieh
und eine sicher wirkende Hilf zur Abtreibung aller Zauberei und Verhexung in
Haus und Stall. Kälber, unterm Frauendreissiger gezogen, sind gesünder und
fruchtbarer wie andere, und man soll sie aufstellen. Die Kühe geben um diese
Zeit ihre beste Milch, das Schmalz hat einen besseren Kern wie um Georgi und
Jakobi und lässt sich gut einrühren als Winterschmalz und für die Kirchweih. Die
Hennen aber legen in diesen Tagen ihre grössten und schönsten Eier, die
sogenannten Fraueneier. Diese gelten der Bäuerin soviel wie geweihte, ja, schier
noch mehr. Denn ihnen haftet nicht die Vergänglichkeit alles Irdischen an - sie
sind ohne allen Keim der Fäulnis und halten sich frisch bis Allerheiligen, also
dass sie mit jedem Tag rarer und kostbarer werden und in den Geldbeutel der
Bäuerin frei den Segen Gottes tragen zu einer Zeit, wo die Natur alljährlich
aufhört mit dem Geben und Schenken, und also auch die Hennen ihr »Gagagagei!...
Henn legt ihr Ei, ga gei« immer seltener rufen und schliesslich ganz damit
aufhören bis zur Weihnacht, da sie dann der Hausmutter gemeiniglich die ersten
Christkindleier ins Nest legen.
    Darum machen auch die Karrner und Kirmtrager, die jahraus, jahrein von Hof
zu Hof wandern und für die Städter Schmalz und Eier zusammenkaufen, unterm
Frauendreissiger viel Tritt und Weg umsonst und haben oft zu guter Letzt, wenn
sie vom frühen Tag bis in die Nacht bei Sonnenhitz oder Regenschauer bergauf und
talab gewandert sind, Kirm und Karren leer, die Ohren aber voll von grober,
protziger Absag und Antwort. - So gings auch dem Buschenreiteranderl in diesen
Wochen, und er schnauft erleichtert auf, da er am Samstag, dem dreizehnten
September, die Glocken von Schönau und Tuntenhausen den letzten Tag des
Dreissgers einläuten hört. Jetzt kommt die Zeit der Bratgickerl, der Enten und
der Suppenhennen. Und er lädt seine Kirm und Körb auf den Schubkarren und
beginnt seine Wanderschaft, dahin, dortin, und auch nach Öd.
    Da kehrt er zuallererst einmal beim Ödenhuber ein; denn er ist rechtschaffen
müd worden und hat Hunger und Durst. Der Ödenhuber ist grad im Schlachtaus;
denn da er für den Jackl noch keinen rechten Aushilfsmetzger gefunden hat, muss
er selber schlachten und wursteln. Die Wirtin steht im Gemüsgarten und schneidet
Gurken ab für den Sonntagssalat. dabei schaut sie neugierig und verstohlens
hinter den Johannisbeerbüschen am Zaun hinüber zum Hauserhof, wo die Kollerin
und die Rumplhanni eben wieder wie ein paar Kampfgockel aufeinander loshacken.
Die Resl sitzt schwermütig am offenen Fenster und strickt neue Fersen in ihre
blauen Strümpfe, indes die Kucheldirn am Ofentisch das Voressen für den andern
Tag schneidet. Die Wirtsleni aber hat grad mit grosser Hast ein Päcklein
verschnürt, eine Adresse mit dem Vermerk »Feldpost« daraufgeklebt und steckt es
jetzt rasch unter einen Haufen Flickwäsche hinten im Eck, wo eine taube
Störnähterin unermüdlich auf der Maschine werkt und rasselt.
    Der Buschenreiter trinkt langsam und schiebt bedächtig Brocken um Brocken
zwischen die Zähn; bald einen von der Wurst - bald einen vom Brot, jeden aber
erst in das bläuliche Salzfass tunkend, damit er würziger schmecke. Die Leni
setzt sich zu ihm. »Wo kimmst her, Anderl?« - »Vo Vogelriad uma.« - »Tuast
kaaffa?« - »Bal i was kriag, scho.« - »Gibts scho hübsch Anten und Gickerl?« -
»Mei, - no konn ma nixn sagn.« Er zündet seine Tabakspfeife an. - »Bist z' Öd
scho umanandgwesn?« - »Naa.« - »Beim Staudenschneider aa no net und beim
Hauser?« - »Naa - warum?« - »I moan halt. - Werst scho was kriagn beim
Staudnschneider, denk i.« - »Ja, konn scho sein.«
    Die Resl muss in die Schenke. Die Maschine rasselt; die Dirn schneidet, ohne
aufzuschauen. Die Leni holt eilends das Paket hervor. »Anderl - i hätt a Bitt an
di.« - »Sags nur!« - »Geh, gib mir z' Schönau dees Packl auf. Es is von der
Hauserhanni und ghört an Simmerl. Sie wills net wissen lassen drent, dass s' eahm
aa hi und da was schickt. Jetz hat sie 's mir gebn. Aber i kimm aa grad net ummi
auf Post.« - Der Anderl nimmt das Paket und schiebt es in den Joppensack. »Soo;
von der Hanni, sagst. Und fürn Simmerl. - Is scho recht nachher.« Er trinkt aus.
- »Tuas aber net vergessen, Anderl!« - »Naa, naa.« - »Und jetz trinkst no a
Halbe!« - »Naa, dees leidts nimmer.« - »Die geht nachher auf mein Nama!« - »Für
was denn?« - »No - für d' Hanni!« - »Dees hätts net braucht, Leni. Aber - balst
moanst ...« - Die Leni trägt das Krügl an die Schenke. »A Halbe no fürn Anderl,
Resl; die kriagst vo mir.« - Der Buschenreiter bedankt sich. Dann fragt er nach
Vater und Mutter, nach dem Geschäft, nach Hof und Stall. »Hat er guat kaaffa
kinna, der Vata, beim letzten Markt?« - »Ja, - vier Kaibe und a Kalbn.« - »Was
hat er zahlt?« - »Für d' Kaibe a Fuchzgerl, - und für d' Kalbn glaab i siebazg.«
- »Wia schwaar?« - »Guate Zentnerkaibe; d' Kalbn viertalbe.« - »Vo wem hat er
s'?« - »I woass net gnau. Vo Sindlhausen auffa glaab i.« - »Aha. Dees werd d'
Moserkalbin sei. Und zwoa Kaiben aa. Dee müassn verkaaffa.« - »Warum dees?« -
»Ja no; er is krank, sie is krank, der Sepp is in Kriag, d' Urschl alloa konn aa
net alles dakraftn.« - »Freili net.« - »Is der Sepp net mit enkan Knecht beinand
gwen z' Münka?« - »Freili. Bei dee Leiber.« - »Wo is na enka Jackl?« - »Der is
aa bei dee Leiber.« - »Was, der aa! - Jetz hab i gmoant,... ja so. - ... Ja, du,
is net der Simmer vom Hauser ...?« Er will das Paket aus der Tasche ziehen. Aber
die Leni wehrt ihm hastig ab. Denn eben kommt die Ödenhuberin in die Gaststube.
»Der is aa dabei. Jawoi. Der und insa Jackl sand in oana Kompanie.« - »Was d'
net sagst!« - »Ja. In der viertn.«
    Die Wirtin mischt sich drein: »Werd eahm zwider gnua sei, insan Buam, wenn
er mit dem beinand sei muass!« - »Dees ko ma gar net wissen, Wirtin!« - »Du
moanst, dass si die zwoo ...« - »Da drausst ganz guat vertragn, moan i. In der Not
gibts koa Feindschaft - zwischen guate Charakter!« - »Ah! Da schau her! - Da
werst aber falsch gratn habn! Zwischen mein Jackl und dem ...« - Die Leni
unterbricht sie: »Er hat aber gar net grob gschriebn, drüber, in sein letzten
Schrieb! Da ...« Sie langt einen zerknitterten Brief aus dem Sack und liest:
»Der Reiser, der Hauser und ich, mir stehen zusammen bei Saarburg, wo wir stark
gekämpft haben. Grosse Schlacht. Es ist grimmig hergangen. Aber mir leben noch.
Ist gut, dass mir wenigstens drei Kameraden von einem Ort sind ...« Die Wirtin
reisst ihr den Brief aus der Hand. »I will nix mehr hörn, sag i! - Hoffentli hats
bald a End ... die Kameradschaft ... I wünsch neamd nix Schlechts ... aber ...«
Sie geht in die Kuchel.
    Der Anderl zieht den Geldbeutel. »Geh, zahln tua i.« Die Resl rechnet:
»Zwanzg ... dreiadreissg ... sechsadreissg.« Die Leni legt wortlos dreizehn
Pfennig dazu und geht aus der Stube. »Pfüa Good«, sagt der Anderl. »Kehr wieder
ein!« erwidert die Resl. - Und die Leni flüstert ihm draussen im Hausflöz zu:
»Vergiss fei net, Anderl ... und kimm auf d' Woch wieder!« - »Feit si nix«, sagt
der Buschenreiter. Und er legt sich den Traggurt ums Genick, geschirrt sich an
den Schiebkarren und fährt weg - hinunter zum Staudenschneider. Da ist die
Haushalterin, die Susann, grad ganz allein; der Alt tut seinen Schlaf, und die
Ehhalten samt dem Girgl sind auf dem Feld. Also hat sie freie Hand. Und sie
nützt den Augenblick. »Was möchst denn habn, Anderl?« - »Was d' halt hast: Oar,
Butter, Schmalz, a Henn, an Gockel, a Anten ...« Sie verschwindet in der Speis.
Er folgt ihr mit einem Korb. »Um fünf Mark gib i dir Oar. Wiaviel gibt ma denn
jetz? Zwölfe?« - »Naa, naa! Scho no vierzehne!« - »Dreizehne gib i dir.« - »Ja
no. Is scho recht nachher.« - Sie läuft hinauf in eine Kammer. Und bringt einen
grossen Weidling voll Schmalz. »Sechs Pfund gehngan eine«, sagt sie, indem sie
unter die Haustür tritt und einen raschen Blick auf die Strasse tut; »a Mark
fufzge 's Pfund.« - »A Mark dreissge zahlt ma jetz!« Der Anderl stellt den
Weidling auf den Tisch im Hausflöz, zieht sein Messer und sticht das Schmalz
kunstgerecht heraus. - »Nachher gibst mir halt acht Mark dafür.« - »Hast an
Butter aa?« - »A bissl oan scho.« Sie läuft in den Keller und bringt einen
Wecken. »Fünfe wiegt er.« - »Nachher sans sechs Mark.« - »Naa, sechs Mark
fuchzg!« Der Karrner packt ihn samt dem Schmalz ein. »Fünf mal zwölf is sechzge.
Also macht er sechs Mark. Hast no was?« - »Naa, Anten hab i no koa abto, und d'
Henna legn alleweil no ganz guat.« - »Alsdann: nachher ham mir fünfe, und acht
sands dreizehne, und sechs sands neunzehne.« - »I hab denkt, zwanzge waarn's?« -
»Balst ma no um a Mark Oar gibst, nachher scho.« - Sie legt noch dreizehn in
seinen Korb. »Brauchst aber nixn z' sagn vor eahm, dass i dirs selber gebn hab,
gell! Sinst schimpft er. I gib nachher 's Geld dem Alten!«
    Er zählt ihr vier Fünfmarkscheine hin. - »Hast es net in Silber da?« -
»Warum?« - »No, weil eahm halt 's Papier so zwider is, dem alten Mo. Weil ers so
schlecht siecht.« - »Heunt hab i 's net anderscht.« - »Ja no, nachher wechsels
eahm halt i aus.« - »Wenn derf i denn wieder kemma?« - »Bis in a vierzeha Tag,
denk i.« - »Soo. Aha. Is scho recht nachher. Pfüate Good.« - »Pfüa Good aa.
Gehst zum Hauser aa umme?« - »Ja.« - »Aha. Is scho recht. Pfüate.« Sie schliesst
die Haustür und riegelt ab. Dann läuft sie in ihre Kammer, versteckt das Geld
hastig in ihrem Koffer und geht danach ruhig hinab in die Kuchel.
    Und da der junge Staudenschneider heimkommt, riegelt sie ihm das Haus auf
und sagt: »Hast an Karrner troffa?« - »Naa.« - »Oar hätt er braucht.« - »Hast
eahm oa gebn?« - »Naa. Er hätt fufzehne wolln, und mir gibt grad mehr zwölfe.« -
Der Girgl freut sich über den haushalterischen Geist seiner Susann. »Hast scho
recht to«, sagt er. - »I hab mir denkt, der werd scho amal wiederkemma, balst
selber da bist.« - »Is mir aa liaber.« - »Dees hab i mir a so denkt. Drum hab i
eahm aa gar net lang aufg'riegelt.« - »Is aa gscheiter.« - »Weils es net
braucht, bal ma eahm do nixn gebn will.« - »Der kimmt scho amal wieder.« -
    Unterdessen ist der Buschenreiter zum Hauser gefahren. Die alt Kollerin
bürstelt eben ihre Zeugstiefel ab für den Kirchgang. »Grüss di Good, Muatta.« -
»Grüss di Good.« - »Is die Hauserin da?« - »In Stall is s'.« - Er geht in den
Stall. »He! Hauserin!« Die Hauserin richtet grad eine Strohschütt her, legt den
Kälberstrick und ein Ziehholz zurecht und stellt ein Schaff Wasser hinter den
Stand einer kreissenden Kuh. »Hauserin!« - »Was gibts?« - »Hast nix für mi?« -
»Ah, der Anderl! Naa, gar nix! Jetz, im Fraundreissger kaam er zum Kaaffa!« -
»Oar hätt i braucht.« - »Gib koa her, koane Frauaoar.« - »Schmalz - Butter?« -
»Ja! - Wo mir koa Milli net habn! Da, siechst es ja selber! D' Bleamlin hat vor
vierzehn Tag kalbet, d' Blass kalbet heunt, der Bachmoarin sei Kaibe is aa no
dro, und zwee kalben auf d' Nachst. - Im Oktober gibts wieder Milli grad gnua.«
    Der Hauser füttert grad die Ochsen. »Jetz derfst glei dableibn!« sagt er zum
Karrner, der die Blass aufmerksam betrachtet. - »Moanst, dass's so schwaar werd,
dass es ös alloa net daziagn kinnts?« - »Konn scho sei! Hoffan tät mirs!« meint
die Hauserin. - »Hats scho daucht?« - »Ja ja. Scho seit drei Stund. Konn nimmer
lang osteh.« - »No, nachher wünsch i Glück«, sagt der Buschenreiter und schickt
sich zum Gehen an; »und i schaug halt in a vierzehn Täg wieder her.« Er geht
grad in dem Augenblick, da die Kollerin eben mit dem kupfernen Weichbrunnkrügl
und einem geweihten Kräuterbüschel in der Hand eintritt, um die kreissende Kuh
damit zu segnen und ihr in den Kräutern, auf die sie noch Ostersalz streut und
Weichbrunn spritzt, eh sie dieselben in den Barren legt, ein wahrhaftigs
Hilfsmittel gegen Unglück, Tod und Hexerei einzugeben.
    Der Anderl spannt sich draussen wieder in seinen Karren. Die Hanni steht am
Brunnen und wäscht das Seihtüchlein für die Milch aus. Da sagt der Karrner:
»Hanni!« - »Was gibts?« - »Hast ghört!« - Er dämpft seine Stimme. »I machs scho
richti! Konnst di verlassen!« - »Mit was?« - »No - mitn Packl!« - Die Hanni
schaut ihn gross an. »Mit was für an Packl?« - »No, fürn Simmerl!« - Sie
schüttelt den Kopf. »Fürn Simmerl? A Packl? I glaab, du bist a Dummerl wordn,
Anderl!« - Der Karrner ist wie vors Hirn geschlagen. Aber die Hanni sagt:
»Moanst, dass i da di brauch, bal i wem was schicka will! I bsorg mir mei Sach
scho selber! Dees hoasst, bal i gern was bsorg!« - Dem Anderl geht langsam ein
Licht auf. Aber der Andreas Buschenreiter ist ein Mann, der weiss, was sich
gehört, auf den man sich verlassen kann. Und er denkt: aha; und: Schweigen ist
Gold. Und lacht recht dumm. So dumm, dass er der Hanni schier erbarmt wegen des
verlorenen Verstandes. Und sie fragt aus reinem Mitleid, um ihn auf was anders
zu bringen: »Hast guat einkaaft, z' Öd?« - Er ist froh, dass sie ihn was fragt.
Und er gibt ihr willig Auskunft. »Net schlecht«, sagt er; »beim Staudenschneider
hab i um zwanzg Mark Sach kriagt, heunt.« Die Hanni zweifelt: »Ah! Dass der so
viel hergebn sollt, dees Gnack ...?« - »Hat mirs ja d' Halterin gebn.« - »D'
Susann?« - »Ja.« - »Hat denn die so viel Recht?« - »Werds scho habn.«
    Die Hanni will noch was erwidern, da ruft die Hauserin aus dem Stall:
»Hanni! - Her da zum Ziagn!« Und der Hauser pfeift ihr, die Kollerin grandelt
erregt: »Dass s' denn wieder net zuawa geht!« Da sagt sie lachend: »Pfüate Good,
Anderl«, und läuft eilends hinein, um mitzuwirken bei dem Werk der Erschaffung
eines wunderschönen Kälbleins, das dann vom Hauser mit Wasser übergossen, von
der Hauserin mit Stroh abgerieben und von der Kollerin benedeit und gesegnet
wird, bis es die Augen auftut, blökt und das Aufstehen probiert und endlich von
der Hanni der Blass zugeführt wird zur völligen Reinigung und mütterlichen
Liebkosung. Worauf die Kollerin der Blass den Muttertrank einschüttet und die
Hauserin den Melkeimer und das Stühlchen holt, um sie auszumelken, während der
Hauser Strick und Ziehholz wäscht, bedächtig die Ärmel herabstreift und zuknöpft
und sagt: »Um simme kinnts es ihr's erschtmal ostelln. Dass oans dabeibleibt, und
dass ihr's net z' lang saufen lassts!« Danach geht er aus dem Stall. Die Kollerin
folgt ihm.
    Die Hauserin trägt die dottergelbe Milch, den Biest, in die Speiskammer und
stellt ihn auf, und die Hanni legt das Kalb auf seine Strohschütt, wischt ihm
die Augen mit der Schürze aus und bindet es an den Ring. Dann breitet sie der
Blass frische Streu unter und geht zum Nachtessen, dabei der Hauser sagt: »A
scheens Kaibi is's. I stells aa auf. Und bal die nachstinga schee werdn, stell i
s' aa auf. Dass der Stall schee voll wird, bis der Simmerl wiederkimmt.« »Und bis
i Hauserin werd!« denkt sich die Hanni.
Wenn die Bienen anheben, ihre Waben mit Wachs zu überdecken, dann ist der Honig
zeitig zum Schleudern. Also stellt am Frauentag der Hauser auch die Schleuder
samt dem Honigkübel in die heisse Kuchel, verschleiert sich das Gesicht wie eine
Engländerin, die eine Weltreise tut, zündet sich die kurze Pfeife an und sagt:
»Alsdann; deckelt ham s', d' Impen, a guats Wetter is aa, dass s' net gar z'letz
hand, i moan, i fang o zum Aussahebn.« Und so beginnt der Tag, der von Honig
fliesst.
    Die Hauserin taucht die Honigkelle ins heisse Wasser und löst behutsam das
Wachs von den schweren Waben. Und während sie diese gemächlich durch die
Schleuder treibt, schaut sie zufrieden auf den klaren Goldstrang, der durch den
Seiher rieselt, drunten im Kübel noch wie ein dicker Faden sich windet und
kräuselt und endlich in der kostbaren Lacke untergeht.
    Die alte Kollerin trinkt unterdessen ihren Kaffee; aber da kriegt sie
plötzlich einen Impenstich, und so ist schon in aller Früh eine Bitternis in die
Süssigkeit des Tags geträuft: »Au sakra!« schreit sie und haut nach dem Imp,
dabei sie leider auch die Kaffeeschale samt den Brocken hinabschlägt. »Hat mi
scho oana g'angelt, a so a Toife! Luaderviech miserabigs! Naa, i sags ja! Dass's
jetz grad heunt schleudern müassts! Habts enk jetz koan andern Tag nimma gwisst,
als wia an gottsheilinga Feiertag!«
    Die Hauserin will sie beschwichtigen. Derweil aber übersieht sie, dass an dem
Rahmen, den sie eben abdeckelt, eine Biene surrend und bebend vor Wut kreist und
hin und wider läuft, plötzlich auf ihre Hand losfährt und sticht. »Eia! Hoass
Teife!« Sie wirft vor Schreck den Rahmen weg, dass er zerbricht. »Malefizviech!«
Die Kollerin lässt die Scherben ihrer Kaffeeschale fallen und läuft erregt herzu.
»Ja, wia konn ma si denn so dumm gstelln! Schmeissts den scheena Rahma weg! Geh!
Wia ma nur so ungschickt sei konn!« Aber damit beleidigt sie ihre Tochter, die
Hauserin. »Ungschickt! Dees glaab i! Bal oan a so a Krüppi glei angelt (sticht),
dass oan's Feuer vor dee Augn brennt!« Die Kollerin tut verächtlich. »Ah was!
Zwegn oan oanzign Stich macht ma do net a so a Gaude und a Aufhebats!« - »Aha!«
sagt die Hauserin gekränkt. »I müasst staad sei! Du hast ja aa gschimpft zuvor!«
- »Gschimpft! Wer? I? Gschimpft wer i habn!« - »Aber schon hast gschimpft! Und
dei Kaffeeschüssei hast aa weggworfa!« - »Weggworfa! Wia ma nur grad a so lüagn
konn!... Bals oan aberumpelt!« - »Vor lauter Gift und Gall!« - »Nix wahr is's!
Mir werd wohl no redn derfa!«
    Indem reicht der Hauser einen vollen Rahmen zum Kuchelfenster herein und
nimmt etliche leere zum Einsetzen. Da hört er die beiden werken. »Aha!« sagt er
schmunzelnd. »Seids scho wieder bei der schmerzhaften Frühlitanei! - Da, teats
liaber enka Arbat und grohnts nachher weiter.« Die Hauserin wirft ihm einen
giftigen Blick zu; die Kollerin aber murmelt verächtlich: »Dees woass ma scho,
dass du a grober Rüappel bist!«, nimmt den Rahmen und deckelt ihn ab. Und sie
hilft ohne weiters sogleich rechtschaffen mit beim Schleudern, ungeachtet der
Stiche und Binkel und der Spottreden des Hausers.
    Indem kommt das Liesei im Unterröckl mit verschlafenen Augen und wirren
Haaren in die Kuchel. »Mein Kaffee möcht i! - Uih! Gschleudert werd! Juhu!« Sie
stellt sich sogleich zur Grossmutter und nimmt sich etliche Brocken von dem
zerbrochenen Bau, streicht auch die Wachsschüssel sauber aus und nascht und
schleckt, dass ihr der Honig an den Haaren hängt, am Gesicht klebt und von den
Fingern träuft. Unterdessen wird die Hauserin allmählich müd und beginnt zu
schwitzen, zu seufzen und zu schnaufen. Da fällt ihr die Hanni ein. »Ja
kreizsakra! Für was hat ma denn an Deanstbotn! Wo steckt denn die wieder, dass s'
net hergeht, bals a Arbat gibt?« Die Kollerin schaut sogleich nach. Im Stall; -
aber da liegen die Kühe alle geruhig und wiederkäuend auf dem saubern Stroh, und
die Hanni ist nicht mehr dort. In der Speis vielleicht! Doch die Frühmilch ist
bereits ausgeseiht und in den Weidlingen aufgestellt. Und auch in der Essstube
ist sie nicht. Die Kollerin geht in steigendem Zorn hinauf in die Magdkammer.
    Da sitzt die Hanni hemdärmelig im Sonntagsunterrock am Fensterbrett, hat das
Tintenglas samt dem Federhalter vor sich und steckt eilends einen Brief in den
Miederleib. Die Kollerin fährt sie an: »Wo steckst denn du? Wo hockst denn du
umanand?« Die Hanni dreht ihr den Rücken zu. »Wo i mag.« - »Woasst du net, dass d'
a Arbat hast?« - »D' Stallarbat is gschehgn, sinst werds net viel z' toan gebn
am Frauatag.« - »Frauatag hi oder her! Du hast z' arbatn, bals dir gschaft is!«
- »Is mir aber nix gschaft wordn!« - »Soo moanst! - Nachher schaff dir i was!«
- Die Hanni lacht spöttisch auf. »Du schaffst mir guat o! - Dees is dir net z'
guat!« Die Kollerin bebt vor Zorn. »Was willst? - Du willst mi für an Narrn
haltn!« - »Dees sagst grad du!« - »Von dir lass i mi fei net dablecka!« -
»Brauchts aa gar net!« - »Moanst, di hat ma grad für d' Herrlichkeit?« - »Siecht
net aus darnach!« - »Warum gehst na net abe zum Schleudern?« - »Weil mi dees
nixn ogeht. Und weil i jetzt in d' Kirch geh. Bal's ös heunt gern schleuderts,
kinnts es ja leicht toa! Da redt enk neamds epps ei. Aber i geh jetzt in d'
Kirch.« Sie legt ihr Sonntagsgewand an, setzt den Hut auf und nimmt das
Gebetbuch, ohne sich weiter um das empörte Wettern und Greinen der Kollerin zu
kümmern.
    Die aber rennt hinab zu ihrer Rosina. »Konnst da no redn! Sie hockt drobn
... wia a Prinzessin ... und schreibt Briaf! Und hängt oan d' Goschn o! Und
weigert si zum arbatn!« Die Hauserin hockt müd auf einem Bänklein und hört der
Alten zu. Jetzt sagt sie langsam: »Soo; sie weigert si, sagst? Zu der Arbat?«
Der Hauser gibt grad einen Rahmen herein. »Soo, dees is der letzt. Jetz ham
mirs.« Da sagt die Kollerin: »Ja, weigern tuat sie si!« - »Wer weigert si?«
fragt er zum Fenster herein. »Da tat i scho lang fragn!« erwidert die Alte
gereizt. »Wer anderscht, als wia enka Herzbinkerl, d' Frailn Hanni!« Und die
Hauserin sagt energisch: »Dees Weibsbild kimmt mir jetz aus'm Haus. Und dees
glei. Auf der Stell sag i's eahm.« Sie steht auf und geht hinauf in die
Magdkammer. Und überlegt unterwegs, was sie dem Weibsbild, dem anhabisschen,
sagen wollt.
    Aber - die Hanni ist schon weg - in die Kirche. Sie trabt schon durch das
Gehölz und schaut etliche Male um, ob niemand hinter ihr herkommt. Und da sie
keinen Menschen sieht, langt sie eilends ins Mieder und holt den Brief heraus.
Sie geht zu einer alten, dicken Eiche und zieht einen Bleistiftstummel aus dem
Sack. Und dann schreibt sie; schlecht und recht, wie es eben grad geht an dem
rauhen Baumstamm. Hie und da blickt sie spähend auf den Weg, dann schreibt sie
weiter. Endlich ist sie fertig damit; und sie überliest halblaut den ganzen
Schrieb:
                               Gelibter Simmerl!
meine Hoffnung dass du mir ein Brifflein schreiben kuntst oder sonst was rigeln
zwegen deinen Heuratzverspruch hat sich mir zu schanden geworden. Dein Vater
schweigt wie das Grab und du auch wo du mich doch so ungliklich angefihrt hast.
Auch ist deine Mutter so vill grob gegen mir und die Kollerin weis schon bald
gar nicht mehr wie dass sie mich beser drangsaliren soll. Die Verzweifflung dreibt
mich zu der Feder. Ich muss dir auch mitteilen, dass sie mich heute schon so
gehunst haben wegen den schleudern. Und von Reden wegen der Heurat zwegen dir
und mir ist gar keine Rede nicht. Wens nicht bald was gwisses wird dann sage ich
es ihnen selber den dann weis ich es gans bestimmt, dass du mich bloss verkolt
hast. Ich kunnt vile Burschen heiraten und der Staunschneidergirg möcht mich
gleich, aber ich gar nicht zamt sein Sach. Weil ich bloss dich mag. Den
Schmidfranzl hät ich auch haben kinnen aber ich will nicht. Auch teile ich dir
mit, dass die Susan vom Girgl so viel falsch ist und ihm untern Fraundreissger
gleich um zwanzig Mark Eier und Schmalz verkauft hat in ihren Sack. Wo mir das
gar nicht einfalen tät eine solche falschheit.
    Ich warte auf dein schreiben und grisst dich deine unglikliche Hanni.
    Sie nickt befriedigt. »Jawoi. Entweder - oder. Jetz muass was ausanandgeh,
sinst werd mir die alt Hex no Herr. Sicher is sicher ...« Rasch steckt sie den
Brief in den Umschlag und macht ihn zu. Dann läuft sie eilig dahin, Schönau zu,
wirft ihn dort in den Postkasten und geht danach aufrechten Haupts in die
Kirche, wo sie sich breit in den Betstuhl der Hauserbäuerin setzt, als wär er
schon ihr eigner.
    Unter der Predigt überdenkt sie ihren weiteren Plan, und nach der Kirch,
unterm Heimgehen, sagt sie - eins mit sich - zu sich selber: »Alsdann, morgn
werd gredt und ghandelt. Nachher kann s' knerrn und röhrn, die Alt, soviel s'
mag. Und am Irta (Dienstag) muass der Hauser mit mir zum Notar. - Wer woass's, wia
lang dass der Kriag dauert ... und wia er sie auswachst. Und bal er fallt, der
Simmerl, - was is's nachher? - Was Schriftlichs is alleweil am besten, so lang i
no net Hauserin bin. Darnach gib i mi mit scheene Wort aa zfriedn!«
    Auf dem Weg nach Öd begegnet ihr die Wirtsleni. Die läuft schier atemlos
durchs Holz und trägt in ihrer Schürze ein Päcklein. Und da sie die Hanni sieht,
will sie eilends ausweichen; doch diese hat sie schon erkannt und ruft ihr zu:
»Möchst an Pfarrer no gschwind 's Messbuach bringa, bevor ma zwölfe läut't, dass
er dir a Extraamt liest? Da derfst roasen, sinst is er grad bei der Vesper,
balst kimmst!« Die Ödenhubertochter hat nicht viel Antwort bei der Hand. »Du
muasst alleweil was zum Derblecka habn!« sagt sie verächtlich und trachtet dabei,
ihr Päcklein möglichst gut vor den Augen der Rumplhanni zu verbergen. Aber die
ist schon wieder mit ihrer eigenen Sorg beschäftigt und geht weiter, so dass die
Leni erlöst aufschnauft und eilends ihren Weg dahinläuft.
    In Schönau geht sie in die Post und schreibt die Adresse auf ihr Paket: An
den Gefreiten Simon Hauser vom Leiberregiment Infanterie, erstes Baion 4te
Komponi. Dann geht sie nochmals heraus auf die Strasse, gibt das Päcklein einem
Kind und beschenkt's mit einer Münze dafür, dass es die Liebesgab am Postschalter
abgibt. Worauf sie selber einen Augenblick in die Kirche eintritt, dann zum Grab
ihrer Voreltern geht und schliesslich sich wieder heimzu wendet, froh und
zufrieden, dass auch diesmal das Päcklein den Weg dahin findet, wohin sie es
vermeint.
    Unterdessen ist die Hanni nach Öd gekommen und will grad neben dem Backofen
des Ödenhubers ums Eck biegen, als sie aus dem Wurzgarten der Hauserin lautes
Schelten und Schimpfen hört. Sie bleibt horchend stehen. »Ja, was is denn dees!«
greint eben die Hauserin; »die ganzen Salatpflanzl sand hin! Und d' Gurkenstaudn
sand ganz zerrupft! Und meine Astern liegn herausst! Deixelsviecher, verflixte!
Naa, i sags ja! Solcherne Henna muasst ja auf der ganzen Welt nimmer finden, als
wia dera da drent die ihran! Akkrat wia sie selber! Wo s' oan was otoa kinnan,
da tean sie's! Aber i derwisch scho amal a paar so gschopfate Luader! Nachher
drah i eahna 's Gnack um, dees woass i!« Drüben steht die Wirtin hinter dem
Gartenzaun,gut gedeckt von Bohnenstauden und Dahlienstöcken, und lust auf. Und
jetzt fährt sie auf die Hauserin los: »Aha! 's Gnack draht s' eahna um, sagt s'!
So, da is also die Betreffadi, wo mir meine ganzen Henna umbringt! Aber jetz geh
i zum Wachtmoaster! Glei! Auf der Stell!« - »Ja, geh nur zua!« schreit die
Hauserin. »Vo mir aus zum Teife! Aber dass nachher i aa geh, dees mirkst dir!
Moanst, i woass's net, wer ins die ganzen Stallhasen wegagfangt hat!« Die
Ödenhuberin reisst eine Bohnenstange aus vor Zorn. »O du ganz niedertrachtigs,
verleumderischs Weibsbild!« ruft sie aus; »mir hätten ihrane Stallhasen! Sag
liaber, wost insane zwölf Anten hinbracht hast! Und wer insan ganzen Gartenzaun
übern Haufen gfahrn hat, die vergangene Woch!« Jetzt ist's die Hauserin, die
nach Luft schnappt vor Gift und Grimm. Und sie ist unfähig, der Wirtin noch eine
ergiebige Antwort auf die Beschuldigung zu geben; ein hartes, trockenes Weinen
kommt sie an, und sie muss an den Worten würgen, da sie sagt: »Mir?! Mir hätten
dees to ...« Die Ödenhuberin betrachtet triumphierend diese Wirkung, und sie
sagt: »Aha! Gell, jetzt hab i di troffa, du alte Speckschwarten! Jetz kommen dir
d' Krokodilzachern! Bläck nur, dass d' net so z' schwitzen brauchst, wannst drobn
hockst, am Amtsgricht!«
    Aber da ist plötzlich die Hanni. »Dass d' di nur net z' früah freust,
Wirtin!« sagt sie; »mir henkt koan, hoassts, bal man 'hn net zuvor hat! Wo hast
denn deine Zeugn?« Die Ödenhuberin fährt zusammen ... »Wer redt denn mit dir?«
murmelt sie; »was hast di denn du da einzmischen?« - »Gar net viel!« erwidert
die Hanni; »bloss so weit, dass i der Hauserin an Zeugn abgebn kann! An gwissen,
verstehst! Moanst, dass uns mir alles gfalln lassen von enk! Gwiss net! Und jetz
red i! - Wer hat seine Heissen (Pferde) die ganze Zeit in unsern Groamat drin?
Wer hat seine Henna in unsern Troad drinna ghabt? Wer hat unserm Dirndl znachst
an Hund oghetzt?... Gell, jetz gehst! Jetz willst nix mehr hörn!...«
    Die Wirtin hat eilig den Garten verlassen und schlägt laut schimpfend die
Haustür hinter sich zu; die Hauserin aber steht da wie eine Siegesgöttin, schaut
der verschwundenen Nachbarin noch eine Weile befriedigt nickend nach und wendet
sich danach um nach der Hanni, um ihr zu sagen: »Dees hast aber guat gmacht; i
sag dir mein scheen Dank!« Aber die Hanni ist schon droben in ihrer Kammer, legt
das Kirchengewand ab und geht danach in den Stall, die Kälber zu tränken und das
Vieh zu füttern. Erst zum Mittagessen erscheint sie in der Stube. Aber da ist
sie wie immer: wortkarg und, wie die Kollerin zu sagen pflegt, ein
unausstehlichs, anhabischs Weibsbild, das aus dem Haus gehört.
    »Was is's nachher jetz mit dera?« fragt sie nach dem Essen, als die Hanni
mit dem Geschirr in die Kuchel gegangen ist, »wia lang willst es jetz no fuadern
für nix und wieder nix?« Aber die Hauserin hört diesmal nicht; sie fragt
vielmehr sehr interessiert ihren Lenz, ob er das Fortgehn im Sinn hätt. »Willst
no auf Schönau, heunt?« - »Warum?« Der Hauser liest gedankenlos die Zeitung. »I
moan halt. Weil morgn Viechmarkt is z' Schönau. Vielleicht woass oana was zwegn
an Ochsen.« - »Ja so«, sagt der Hauser, »freili. Schaugn kann i ja. Dees kost't
ja nix.« Und er legt die Joppe an, bürstet den Plüschhut aus und geht. Die
Hauserin aber sagt zur Alten: »Muatta, heunt muasst du in Rosenkranz geh!«,
riegelt sich in ihre Schlafkammer ein und legt sich aufs Bett, indes die Liesl
zum Staudenschneider in den Heimgarten geht und also die Hanni Hüterin des
Hauses ist und des Hofs, von dem sie im stillen schon jetzt sagt: »Mein Haus,
mein Hof.«
Beim alten Wirt zu Schönau ist die Gaststube schier übervoll von Gästen, Rauch
und Qualm, so dass der Hauser nicht unrecht hat, da er zum Messmer von Niklasreut
sagt: »Bruader, in der Höll bals amal a so zuageht und dampft, nachher kennt si
leicht der Teife selber nimmer aus!« Kein Platz ist mehr da zum Sitzen; die
Bauern haben den Herrgottswinkel und das Ofeneck ausgefüllt, und an den übrigen
Tischen hocken die Jüngeren und die Dienstigen. Man redet vom Krieg. Und der
eine meint: »Ja no; 's Belgien ham mir scho. 's Frankreich ham mir aa scho glei;
Paris kriagn man auf d' Woch und 's Russland aufn Kirta. Bis Allerheiling ham mir
nachher an Engländer umbracht, und z' Weihnachten sauf i mir mein Friedensrausch
o.« - »Wenn dir der Italiener net 's Krüagl aus der Hand haut, derweil!« meint
der Messmer von Niklasreut; »woasst, den Schlawiner tat i scheucha!« Aber: »Was!?
Den Katzlmacha!« heisst's da; »den Polantifresser! Den Maronibruada möchst
ferchten! Was willst denn! Was will denn der macha! Hat ja grad oa Loch, wo er
aussikann, der Italiener!« - »Und dees is zuapitschiert!« meint der Hauser. »Dees
ham eahm d' Österreicher a so verpappt, dass er a Jahr braucht, bis er si
durchefrisst!« Und so wird weiter disputiert und politisiert, bis jeder voll ist
und jeder genug hat und der Wirt sagt: »Feiramd, meine Leutln! Ins Bett werd
gangen.« Da wünscht einer um den andern allerseits eine »guate Nacht«, der Wirt
zündet seine Laterne an, nimmt den Schlüsselbund aus der Schenke und geleitet
die letzten noch hinaus bis auf die Strasse. »Alsdann, kemmts guat hoam und
kehrts wieder zua!« sagt er noch; dann schlägt er die Haustür zu, indes die
Gäste draussen noch eine Weile verhandeln, einen alten Brauch ehren und dann
ihren Weg dahintrotten, der Heimstatt zu.
    Der Hauser von Öd und der Messmer von Reut gehen zusammen. Sie sind so
mittendrin in der Schlacht von Sedan anno siebzig und warten einander mit so
viel Erlebnissen und Trümpfen auf, dass an ein Fertigwerden nicht zu denken ist.
Ganz unversehens stehen sie plötzlich vor der Kirche zu Niklasreut. »Ja,
Herrschaft! Mir san ja scho da!« sagt der Messmer verwundert, »mir san ja scho
dahoam!« Da reissts den Hauser. »Dahoam!« ruft er; »dees glaab i! Du bist freili
dahoam! Aber i! Himmeseitn! Jetz derf i den ganzen Weg no amal geh! A so a
Viecherei! Renn i mit auf Reut und sollt auf Öd!« - Er hört gar nimmer auf die
Trostreden des Messmers; brummend und mit sich selber hadernd geht er zurück, den
Kopf tief zwischen die Schultern gesteckt, die Arme etwas nach rückwärts
gestreckt, bald über den einen Fuss stolpernd, bald über den andern.
»Herrschaftseiten!« brummt er für sich selber; »heunt glaab i gar, hab i an
kloan Wurf! Heunt hat er scho glei wieder a so a guats Gsüff gehabt, dass 's ganz
aus is! Zu an Krüppi kunntst di saufa!... Aber die Alt! Sakra, die Alt werd
grohna! Heunt werd s' scho richti' zwider sein, bal s' mir aufriegeln muass! Am
liabsten tat i gar nixen sagn dazu!...« Unter solchen Betrachtungen und
Erwägungen stiefelt er gemach seinen Weg dahin, braucht die ganze breite Strasse,
rumpelt wohl auch einmal an einen Zaun oder Baum an, und steht doch zu guter
Letzt ganz munter vor seinem Hauserhof.
    Da setzt er sich eine Weile auf die Hausbank und überlegt:Sollst klopfen,
oder pfeifen, oder still sein? Und bedenkt: Jetzt schlaft sie, die Rosina, und
du weckst si auf; und wegen eines Ochsen hast auch nicht geschaut und gefragt,
und zu viel aufgelegt hast auch. Und ist also schliesslich so weit, dass er
halblaut für sich hinmurmelt: »Naa, klopfa tuast ihr net, der Rosina. Schaugst
liaber, dass di d' Hanni einlasst.« Damit hat er auch schon eine Leiter aus der
Schupfe genommen und lehnt sie unters Kammerfenster der Hanni. Schwitzend steigt
er hinauf. Die eine Scheibe ist nur angelehnt. Der volle Mondschein wirft seinen
Schatten in die Kammer der Dirn. Die liegt fest schlafend, die Arme überm Kopf
verschlungen, auf ihrer Lagerstatt. Der Hauser öffnet leise die Scheibe und
starrt auf das Maidl. Und mittendrin fährt ihm das Wort »Kammerfensterln« durchs
Hirn; ganz gähend, dass es ihm die Hitze in den Kopf treibt. Ein Gedenken an weit
hinten liegende, junge Jahre kommt über ihn. Kammerfensterln!
    Die Hanni wird unruhig. Sie wirft den Kopf herum, dass ihr die kohlschwarzen
wirren Haare ins Gesicht hängen, lässt die Arme auf die Zudeck fallen und kehrt
sich danach aufschnaufend auf die Seite. Der Hauser steht starr wie ein
Wandheiliger; ein ganz seltsames Gefühl überkommt ihn und presst ihm mittendrin
den heiseren Ruf: »Hanni!« heraus. »Hanni!« flüstert er wieder. Das Maidl fährt
in die Höhe. »Was gibt's?« Der Hauser beugt sich weit hinein in die Kammer.
»Hanni! I bins, der Hauser! Der Bauer! Aussagsparrt ham s' mi! Magst mi net
einlassen?« Die Hanni sitzt erschrocken und schlaftrunken aufrecht im Bett und
reibt sich die Augen. »Was? Du bist es. Hauser?« - »Ja, i bins. Durchlassen
sollst mi durch dei Kammer!« Allmählich begreift sie. »Ja so! Du hast d' Uhr
nimmer kennt!« sagt sie in ihrer Art, »und jetz muasst di vor dein' Nachtwachter
fürchten! - Mei, wannst moanst, dass d' durch den Türstock leichter aufn
Strohsack kimmst, als wia anderscht, nachher geh nur durch. Vo mir werd neamd
nix inne!« Der Hauser muss lachen. »Du bist es ja scho gwohnt, 's Staadsein!«
sagt er, indem er sich mühsam durch den Fensterstock zwängt. »Is ja der ander aa
leicht öfters auf dem Weg hoamganga, - der Bua!«
    Die Hanni ist um die Antwort verlegen. Aber es fährt ihr durch den Sinn, dass
sie ja mit dem Alten reden wollte, wegen des Simmerls. Ob nicht jetzt eine
glückhafte Stund wär zu dem Anheben? Sie tut geschämig. »Ja no ... I hab 'hn aa
net aufhaltn kinna!« sagt sie. »I konn ja di aa net aufhalten ...« Dem Bauern
schlägelt das Blut bis zum Hals hinauf. »Glaabs scho«, meint er, »dass eahm der
Weg net schiach vürkemma is!« Er betrachtet blinzelnd das Weibsbild. »Gar net
übel!« sagt er sich, »guat gstellt und do net übermassi gformt, sauber beinand
und frisch in der Art, und dazua a Mundwerk wia a Spinnradl; Herrgott, wann i
net der Alt waar ... aber ... wer woass's ... vielleicht schatzt s' mi gar net so
alt ...« - »Schiach zum Oschaugn bist scho net!« sagt er halblaut zu ihr; »gaab
scho mehra Leut, dene wost gfalln tatst!« Die Hanni lacht. Ein ganz leises
Lachen, dabei sie die Zähne weist und die Augen ein wenigs zudrückt, um sie
nachher ganz gross und unschuldig aufzuschlagen. »Werd net so gefahrli sei!« sagt
sie leise. Beim Hauser beginnt ein inwendigs Feuer zu brennen. Die Hanni meint
verlegen: »Und net amal an Nachtkittel hab i o, gell! Weilst mi a so derschreckt
hast!« Der Alt stiert sie begehrlich an. »I schaug dir nix weg!« sagt er heiser.
»Aber mir wer i mein Verstand jetzt bald weggschaugt habn! Geh, lass mi a weng
niederhocken!« - »Aber, Hauser! Was fallt dir denn ei!« Sie hält verschämt die
Hände über der Brust gekreuzt. »Werst do in deiner Schlafkammer aa no an Sitz
finden!« - »Aber koan so an kommoden!« flüstert er, setzt sich an den Bettrand
und sucht ihre Hand zu fassen. Die Hanni weicht zurück an die Wand. »Geh, sei do
gscheit, Bauer! Werst do deiner künftigen Schwiegertochter net heunt no d' Liab
erklärn wolln! Lass mei Hand aus! Geh, lass aus, sag i!« Er lässt nicht aus. In ihm
brennts lichterloh. »Hanni! Deixlsdirndl! Konnst ma gar net a bissl schee toa?«
Sie will ihm ihre Hand entziehen. »Also sei doch gscheit!« flüstert sie wieder;
»denk do an sie! Wenn sie's jetzt hört!« - »Ah was, die schlaft do! Geh, sag
mirs, obst mi guat leiden konnst!« Der Hanni wird ungut zumut.
    »Ja«, sagt sie, »freili konn i di leidn! I wer do gegen mein künftigen
Vatern net grob sei! Aber jetz muasst geh! Moanst, was der Simmerl sagn tat, wann
er dees wüsst!« Sie zieht sich allmählich bis ans Fussende zurück und springt
schliesslich aus dem Bett. »Bist denn jetz ganz vom Verstand kemma!« ruft sie
aus. »Wiast jetz net augenblickli gscheit bist, nachher schrei i der Hauserin!
Oder der Alten!« Sie schlüpft in den Unterrock und stellt sich an die Tür. Der
Hauser tappt ihr verlangend nach. »Dees werst aber bleibn lassen«, sagt er;
»denn wannst mir du übel willst, nachher will dir i aa net guat! Auf mi kimmts
o, obst amal Hauserin wirst!« Aha! Da hat er einen Trumpf. Einen, der was gilt.
    »I sag ja net, dass i dir übel will! Aber i konn do net an Simmerl mit sein
eignen Vatern oführn! Dees hat er do net verdeant, dei Bua! - Und wann i amal
Hauserin bin, nachher zoag i dir's scho, dass i di aa gern hab ... als mein
Vatern ...« - »Ah was, Vatern!... Is scho recht, balst mi darnach aa no magst -
als mei Tochta. - Aber jetz ... heunt ...« - »Heunt sagst mirs, ob i an Simmerl
heiratn derf, gell!« Sie wird nachgiebiger. »Freili derfst 'hn ... alles derfst
...« - »Und du gehst morgn mit mir zum Notar?« - »Zwegn was?« - »No, zwegn der
Heirat. Woasst, dass i halt eppas Gwiss's in Händen hab!« - »Ja so. - Ja no. - Vo
mir aus. - Balst mir a bissl schee tuast ... nachher konnst verlanga ... was d'
magst ...« - »Gell, und du lasst di net aufhalten, morgn! - Und i geh mit!« -
»Freili gehst mit ... du ...« »Und lasst es schreibn, dass der Simmerl nach dem
Kriag an Hof kriagt ... Und i damit ... Gell!« - Er verspricht alles; ja, er
gibt ihr den ganzen Geldbeutel zum Pfand dafür, dass ers morgen richtig macht.
Bloss um ein bissl Schöntun ...
    Die Hanni zieht sich langsam gegen ihren Kommodkasten zurück. Da steht die
Kaffetasse, welche ihr der Simmerl einmal von der Münchner Dult mitbrachte, und
eine gipserne Statue der Lourdes-Madonna, und das Weichbrunnkrüglein. Der Hauser
hat sie bei beiden Armen ergriffen und sucht, sie in die Höhe zu heben. In
diesem Augenblick erhascht ihre Hand die Fransen der Kommodendecke. Und sie
zieht an. Er will sie zur Lagerstatt tragen ... Rratsch ... »In Gottsnam!
Hauser! Dees hat sie ghört!«
    Der Alt hat sie gählings losgelassen. »Gefehlt is's! Hauser! Dees bal der
Simmerl inne werd ...« Sie beginnt zu weinen. Der Hauser steht lauschend, mit
wildklopfendem Herzen, an der Tür. »Sei do staad!« flüstert er; »lass mi do
lusen! Noch hör i nixen!« - »Schaug nur grad, dass d' aus der Kammer kimmst! Mei
Herrgott, sehgn bal s' di tuat, d' Hauserin ... oder gar d' Kollerin ... auf der
Stell muass i geh!« - Der Hauser horcht immer noch. Alle Augenblick vermeint er,
was zu hören. Da ... wars jetzt im Stall? Oder bei der Kollerin?
    »Schaug, bal mir morgn zum Notar gehn,... nachher ... is sie net dabei ...
und die Alt net ... geh zua jetzt! Gell, jetz gehst! Ganz staad! Und tuast ganz
unschuldi! I nimms scho auf mi, dees Scheppern. I sag, dass oaner einsteign hätt
wolln, und du hast 'hn vertriebn.« Ja, das ist ihm recht. Und er sagt zu allem
ja. Und schleicht rasch aus ihrer Kammer, zieht draussen ganz still die Stiefel
aus und öffnet die Tür zur Schlafkammer. Aber da liegt seine Hauserin
schnarchend und blasend und fährt erst in die Höhe, als er sich fluchend auf die
Kissen fallen lässt ... »Ja so, du bist es!« sagt sie beruhigt; und sie kehrt
sich auf die Seite und schnarcht weiter. Indes er über seine Dummheit flucht,
dass er so ängstlich war, über das Unglück mit der Decke nachgrübelt und sich auf
keine Weise einbilden kann, wie es möglich war. Die muass i rein mit weggrissen
habn, wia i 's Madl umetragn hätt, i Rindviech! denkt er. Herrgottseiten, - scho
so nahend dro ... aber ... morgn is aa no a Tag! Jawoi. Bis auf Eberschberg is a
scheener Weg. Und sie muass mit. Zwegn an Ödnhuaber, sag i. - Ah was! Jetz schlaf
i gar! Werd si scho was finden! Und so halb und halb zufrieden, müd und mit
schwerem Kopf dreht er sich um, zieht die Zudeck über die Achsel und schläft
ein.
    Die Hanni aber klaubt die Scherben der Lourdes-Madonna zusammen, indem sie
sagt: »Gholfa hast mir do, wannst aa gipsern bist! Aber halt di net auf: bal i
erst Bäuerin bin, nachher stell i di stoanern auf mit aner feinen Grotten!«
Der Hauser hat in der Nacht allerhand närrischs Zeug zusammengeträumt und ist
erst beim Tagwerden in jenen traumlosen, tiefen Schlaf gesunken, den er sonst
gewohnt ist. Daher kommt es, dass seine Hauserin ums Gebetläuten ganz erschreckt
aus den Kissen fährt, aufhorcht, ihren Lenz noch tief schlafend neben sich sieht
und also ganz und gar irr wird an der Zeit. Sie schüttelt den Bauern fest an der
Schulter: »Lenz! He, du! Was läut' ma denn jetz? Brennt's leicht wo?«
    Da schlägt's fünf Uhr. »Was?! Fünfe! - Ja, was is denn dees heunt mit dem
Mannsbild! Um fünfe schlaft er no! Auf, du! He! Lenz! Aufsteh sollst! Ja,
Herrschaft! Dass denn der net aufsteht!« Sie erhebt sich eilends und zieht sich
erregt an. »Der muass ja net schlecht gsuffa habn, gestern!« Wieder versucht sie,
ihn zu wecken; doch wieder antwortet ihr nur ein tiefes Grohnen. Sie schüttelt
ratlos den Kopf. »Dees is mir aa no nia passiert, dass i den Tropf net aus'm
Schlaf bring!« sagt sie. »Bal der a so ofangt, nachher wern mir bald von die
Federn aufs Stroh kemma. Der muass ja an ganzen Banzen ausgsuffa habn!« Ihr Blick
fällt auf seine Sonntagshose. »Da muass i do scho in sein Geldbeutl nachschaugn,
ob er no drei Kreuzer drin hat, der Schwammerling!« Sie sucht in den
Hosentaschen herum. »Wo hat denn der sei Geld? Der hat ja sein Zugbeutel net
drin! Is der ohne Geld furt, gestern?« Eilig sucht sie seine Werktagshose durch.
»Naa, da hat er 'hn aa net drin! Jetz, da hört si do scho allerhand auf! Hat
denn der dees ganze Geld mitsamt 'n Beutl versuffa?!« Eine plötzliche Wut
überkommt sie. Sie reisst ihm die Zudeck weg und plärrt ihn an: »Aussa, sag i, du
Lackl, du verlumpter! Is dees aa no a Wirtschaft mit so an Mannsbild! Wo hast
denn du dein Geldbeutl? Wo hast denn du dei ganz Geld hinbracht! Wo bist denn du
gestern gwen, dass d' koa Geld nimmer hast?« Der Hauser sucht erschreckt nach der
Zudeck. »Noo! Konnst oan net schlaffa lassen! Mitten in der Nacht reisst s' oan
aussa ...« - »So! Um fünfe in der Früah! Jetz woass i's do gwiss, dass d' glumpt
hast, gestern!« - »Glumpt wer i habn ...«, brummt der Alt und steht unlustig
auf. - »Naa, sag i! Wo hast nachher 's ganz Geld hinbracht?!« - »'s Geld
hinbracht!... A so a dumms G'red!« Er schlupft in die Werktagshose. »Im
Geldbeutl wer i 's halt habn!« - »Aha! Im Geldbeutl! Wo hast nachher dein
Geldbeutl?« - »Geh, Herrschaft! Wo wer i 'hn denn habn! In der Hosen halt!« -
»So, in der Hosen! O du Lugenschüppel, du ganz schlechter, du!« Der Hauser ist
ganz starr. Ja, was hat denn jetz heunt der Hausdrach - mit dem ewigen Gefrag!
denkt er. Aber da greift er selber in die Sonntagshose, in die Joppe, und findet
den Beutel nicht. »Ja, Himmekreizkruzi ...!« Vor Schreck muss er sich aufs Bett
setzen. »Wo hab denn i ...«
    Seine Rosina will ihm daraufhelfen. »Wie i sag: verlumpt werst es halt habn
... werst scho anorts wo oane aufgabelt habn ...« Sie packt das Sonntagsgewand
und bürstet etlichemal darüber. Der Hauser aber hockt da, reisst mittendrin die
Augen weitmächtig auf, und es fällt ihm was ein - eine Todsünd. Herrgott! - Wenn
sie ihm draufkommt ... gfehlt ist's ... »Den muass i rein danebn gschobn habn -
beim Wirt ...«, sagt er unsicher, »da muass i nachher glei ofragn lassen ...
durch d' Hanni ...« Die Hauserin fährt auf: »Sunst nix mehr! Möchst es net die
Deanstboten aa no einistreicha, was d' für oaner bist, - für a Hallodri!« Der
Alt zieht sich gedrückt vollends an; da hat er sich ja eine saubere Suppen
eingebrockt! Wenn ihn nur das Weibsbild wenigstens nicht aufbringt! Das wär erst
noch was! Herrgott, die Schand, vor ihr, der Rosina, der Alten, dem Simmerl!
Sein Lebtag könnt er dem Buben nimmer grad ins Auge schauen, wenn er's inne
würd, was ihm da sein Alter mit dem Weibsbild angetan hatt, oder doch wollte.
Wenn er nur mit ihr zu reden käm, mit der Hanni! - »Wia? - Lus auf! - Hörst nix?
- Was hat denn d' Muatter scho, heunt?« Die Hauserin fragt's im selben
Augenblick und macht die Tür auf. Da hört sie die Kollerin plärren: »Is dees aa
no a Art! Is dees no menschli! D' Loater loahnt um sechse in der Fruah no am
Fenster dro! Und sie hat gar nimmer Derweil, dass s' an d' Arbat gang! Sie steht
einfach gar nimmer auf, vor lauter Gloria!« Dem Hauser ist so ungut, dass er sich
auf sein Bett hocken muss. »Herrgott, jetz ham s' mi scho!« denkt er voller
Ängsten. Und die Kollerin schimpft weiter: »Du ganz miserablige Stanz du! Moanst
du, mir ham di dunga zu der Lumperei! Dei Herrlichkeit waar a bissl gar z' gross
wordn bei ins da! Aber jetz hats a End, dass d' es woasst! Insa Haus is a
ordentlichs Haus - dees mirkst dir! - Da muasst scho wo anderscht suacha, dass dir
dei Schand geduld't werd, du Schuri, du gstroachte! So, und jetz packst dei Sach
zsamm und druckst di! Glei, auf der Stell!«
    Die Hauserin horcht ganz starr auf. »Was hat die?! Daghabt hat s' oan? Beim
Fernsterln hat s' oan ghabt!? Ja, wo is denn der Schlampen, dass i 'hn nimm und
ausseschmeiss, dass s' nimmer einafind't, die Strohgeign, die schlechte!« Sie rennt
voller Wut an die Kammer der Hanni. Aber die Dirn schlägt ihr die Tür vor der
Nase zu und riegelt ab. »Willst du aufmacha!« brüllt die Bäuerin und reisst im
höchsten Zorn an der Klinke, indes die Kollerin mit dem Kehrbesen an die Tür
schlägt, dass es durchs Haus scheppert. »Obst guatwilli aufmachst, frag i di!« -
»Fallt mir gar net ei!« sagt drin die Hanni. - »I hau d' Tür ei!« - »Vo mir aus
zwee!« Die Hauserin läuft in die Schlafkammer. »Treib mir dees Weibsbild aussa!
So weit is 's jetz kemma, dass mi i aussasparrn lassen muass von so an Polster! Geh
nur zua und jag s' aussa! Und auf der Stell wirfst mir s' aus 'n Haus! Auf der
Stell!«
    Der Hauser sitzt immer noch auf seinem Bett. Er soll die Dirn jetzt
ausjagen! Er soll ihr Grobheiten machen - wegen des Fensterlns! Er! Eine Hitz um
die ander steigt ihm auf. Aber er sagt doch mit grosser Ruhe und
Gleichgültigkeit: »Was geht denn mi dees Weibsbild o! Machts do enka Sach selber
aus miteinand! I misch mi do in koane Weiberleut net ei!« - »So! In Stich lassen
willst mi! Gegen so a Schlamperl! Mi, d' Hauserin vo Öd!« - »Ös werds do selber
aa firti werdn damit! - Seids do sunst net a so aufs Maul gfalln, du und dei
Alte!« Er wundert sich selber über seine Ruhe. Aber - es muss doch nicht gar so
schlecht stehen um ihn; die Kollerin hat ihn noch nicht in der Nase als den
Hallodri. Da waar ja i dappig, wann i mi einmischen wollt und die ander gegen mi
aufhetzen! denkt er. Und er sagt noch mal zu seiner Hauserin: »Dees muasst do
selber sagn, dass dees koa Mannsbilderarbeit is! Balst moanst, na schmeisst es
aussi, aber was d' darnach einakriagst, dees woasst halt aa no net!« - »So oane
kaaf i mir heunt no am Markt!« sagt sie verächtlich; »und überhaupts hab i 's
gar net im Sinn, no amal a so a Schloapfa z' dinga. Deswegn gschieht mei Arbat
grad so guat, ob i jetz a so a Weibsbild da hab oder net!« - »Ja no«, meint der
Hauser, indem er sich zum Gehen anschickt; »dees muasst selber wissen. Zwegn
meiner konnst oane habn oder koane. Mei Arbat tuat mir alleweil neamd. - Und
jetz geh i zum Gras maahn. D' Küah plärrn.« Und indem er innerlich von Herzen
froh ist, dass er sich so gut aus der Geschichte herausgewunden hat, tritt er aus
der Kammer und sagt im Hinabgehen sehr laut zurück: »Is der Stall scho gräumt?
San d' Küah scho gmolcha? Is 's Viech scho gfuatert? A Gsott (Häcksel) muass aa
gschnittn werdn! Und Runkeirüabn müassts auszian, und Erdäpfel klaubn!«
    Die Hauserin lässt ihn reden. Sie ist noch nicht eins mit sich: Soll sie das
Weibsbild ohne ein weiteres Wort hinauswerfen, oder soll sie ihr noch ordentlich
die Meinung hinsagen? - Die Kollerin indessen hat kaum die Befehle ihres
Tochtermannes gehört, als sie auch schon knerrt: »Ja, schaff nur schee o! Dees
konnst! Aber so an Besen richti ranschiern, dees konnst net! Da laafst davo!
Werst scho wissen, warum. Werst scho aa net ganz sauber sein! Bist ja so a ganz
a guater! Um sechse fangt er's Arbatn o! Um sechse! Wann andere scho lang müad
san!«
    Ihre Tochter, die Hauserin, hat gut gehört, was ihre Mutter eben sagte; und
mittendrin fällt ihr der Geldbeutel ihres Lenz ein. Daher fragt sie ganz
unvermittelt: »Muatta, woasst du aa eahm sein Geldbeutl net? Sein Geldbeutl hat
er nimmer!« Die Kollerin vergisst über dieser Frage einen Augenblick die arme
Sünderin in der Kammer drin. Was die Hanni, welche alles mit angehört hat, dazu
benutzt, ganze leise den Türriegel zurückzuschieben, den Geldbeutel des Hausers
ins Mieder zu stecken und eilends durchs Fenster hinaus auf die Leiter zu
steigen.
    Im selben Augenblick tritt unten der Bauer aus der hinteren Haustür, sieht
die Leiter und darauf die Hanni. Er lässt vor Schreck schier die Sense fallen.
»Hanni!« fährt's ihm halblaut heraus. Aber die Dirn winkt ihm zu, still zu sein,
steigt lautlos zu ihm hinab und flüstert: »Schnell weg damit! Dein Geldbeutel
leg i dir in d' Schupfn, dass d' net Schläg kriagst von der Alten! Die hat so
grad gsagt, dass d' a ganz a guater bist, und dass 's net sauber is - no ja, woasst
scho, was!« Sie lacht leise. »Mei, vo mir werd s' nix Neus inne!« sagt sie
schmunzelnd; »dafür möcht i bald von dir was inne werdn! Woasst aa scho, zweng
was, gell?« - Dem Hauser wird auf einmal wieder leicht und wohl. »Siechst!« sagt
er, »du gfreust mi! - Du bist a richtigs Leut! Aber lass dir nur Zeit: i mach mei
Sach scho recht!« Damit trägt er die Leiter hinter den Stadl, indes die Hanni in
die Holzschupfe läuft, den Geldbeutel des Hausers neben dem Hackstock auf die
Erde wirft und danach ruhig in den Stall geht zum Melken. -
    Unterdessen hat droben die Junge der Alten lang und breit erzählt, wie ihr
Lenz den Geldbeutel samt der Münz nicht mehr heimbrachte, wie er nicht zum
erwecken war, und was sie über ihn dächte. Und die Kollerin steht dabei wie ein
alter Lämmergeier, streckt den Hals, dämpft die Stimm und flüstert: »Dass 's net
sein kunnt! Dass s'n net verhext habn kunnt, an Lenzen! Mei Liabe, die macht dir
no allerhand z' schaffa, balst es net aus 'm Haus tuast.« Wohl mag's die
Hauserin nicht recht glauben, das von ihrem Lenz; aber die Alte macht's so
wichtig und überzeugend, dass schliesslich auch der Glaube ihrer Tochter wankend
wird und der Zweifel an der treuen Ehelieb ihres Lenz in die Höh kommt. »Ja ja;
- mei, dass 's net sein kunnt!« sagt sie nachdenklich. Und sie seufzt. Aber dann
wird ihre Stimme entschlossen und fest, als sie sagt: »Drum muass s' aus 'm Haus.
Glei. Auf der Stell.« Damit hat sie auch schon mit der Faust an die Tür
geschlagen und ruft nun hinein: »Ja, willst jetz du aufmacha oder net, du
Herrgottsakramonter! Willst ins guatwilli einelassen, moanst, he!« Und sie packt
die Klinke; die Kollerin lehnt mit ihrem Kehrbesen fest an der Tür und pumpert
mit Füssen und Fäusten; die Hauserin reisst in aufflackernder Wut wild an dem
Türgriff, und dann liegen sie beide, sich überkugelnd, in der leeren Kammer.
    Die Hauserin ist die erste, welche sich fasst und erhebt. »Die is ja gar net
da!« ruft sie; »die hat ins ja grad für an Narrn ghalten!« Die Kollerin rafft
sich mühsam an ihrem Besen zur Höhe. Und auch sie muss sehen, dass die Hanni dahin
ist samt der Leiter. Bei dieser Erkenntnis steigt ihr Zorn schier ins
Ungemessene. »Was?! Furt is die Karnalje!« kreischt sie; »beim Fenster is s'
ausse, das Gfriss! Ja, die soll doch glei ...« - »Auf der Stell der Teife holn!«
ergänzt die Hauserin und geht voller Gift und Galle hinab, die Dirn zu suchen
und ihr den Laufpass zu geben, indes die Kollerin droben knerrend am Fenster
steht und nach der Leiter schaut, wobei sie den Bauern sieht. »I wett, dass der
Tropf im Gspiel is!« murmelt sie und beobachtet ihn lauernd, wie er langsam in
die Holzschupfe geht, eine Weile herumsucht und plötzlich etwas vom Boden
aufhebt. »Is jetz dees net ...« - Sein Geldbeutel ist's, ja. Er zieht ihn auf
und zählt flüchtig den Inhalt; dann schiebt er ihn rasch in den Sack, nickt
etliche Male vor sich hin und geht danach ins Haus.
    »Jetz hat er 'hn ja!« sagt die Alte für sich und geht hinab. »Also hat er
'hn gwiss und sicherli verlorn, wie er d' Loater gholt hat. Also is er am Fenster
gwen. Drum muass a End gmacht werdn, a gschwinds!« Sie läuft sogleich in den
Stall. Da steht schon die Hauserin, reisst der Hanni den Melkkübel aus der Hand
und plärrt sie an: »Du melchst mir nimmer, sag i! Du schaugst, dass d' mir aus
mein Haus aussekimmst! Du waarst no so oane, du ...« - »Aha!« sagt die Hanni
protzig; »du bist nachher mehra wia oane!« - »Ha! Hoassen möchst mi du was!« Die
Hauserin erhebt drohend die Faust. Da mischt sich die Alte ein. »Was will die?
Aufmandeln will sie sich no mit ihra Schlechtigkeit! Des Laster!« - »Und du
nachher erscht, du alter Bachofa! Du werst nachher besser gwen sei! Di werdn s'
scho in die Kindswindln heilig gsprocha habn! Da balst mir net ganz staad
bist!...« Die Kollerin muss krampfhaft nach Luft und Worten schnappen. Die
Hauserin aber packt die Dirn rauh bei der Schulter und stösst sie zurück. »Jetz
glangts aber!« schreit sie; »jetz is 's gnua! Jetz gehst, du Flitschen, du
z'ammzepfte, oder i mach dir Füass!«
    Die Hanni hält sich gerade noch am Barren fest, um nicht rückwärts zu fallen
von dem Stoss. Sie wird jäh bleich, ballt die Faust und macht einen Schritt gegen
die Hauserin. Plötzlich aber lacht sie verächtlich kurz auf: »Ha! Werd i mi do
net vergreifa ... an so ana gwamperten Bauernsau! - An so an Scherbn ...« Damit
lässt sie beide stehen und rennt davon, aus dem Haus, zu ihrer Grossmutter, der
alten Rumplwabn. Und auf dem Weg dahin sagt sie sich: »Habts mi guat aussegworfa!
I kimm scho wieder eine! Aber nimmer als Dirn! Nur als Hochzeiterin, dees mirkts
enk! Nachher knerrts mir guat und plärrts mir guat, ös zwoo Michelidrachan!« Bei
dieser Erwägung wird sie wieder ruhig und heiter und summt, als sie die Tür bei
ihrem Ähnl öffnet:
    »Der Franzos streit't ums Elsass, der Russ streit't ums Geld;I streit um an
Bauernhof und pfeif auf die ganz Welt!«
Im Hauserhof geht's bös her. Die Hanni ist nun drei Tage bei ihrer Wabn. Und die
Hauserin merkt allmählich, dass ohne Ehehalten schwerer arbeiten ist. Aber -
nachdem sie schon einmal mit Händen und Füssen gewerkt hat, bis das Weibsbild aus
dem Haus war ... Das heisst: hat sie denn das? Sie steht müd und schwitzend vor
dem Herd und sinniert. Und mittendrin sagt sie grandig zur Kollerin, die neben
dem Ofen sitzt und Butter ausrührt: »Herrschaft, aber heunt hockst wieder lang
da bei dein Rührfassl! Dalebn konn ma di aber jetz scho nimmer!« Die Alte lässt
den Rührschwengel fallen. »Jetz da schaug her! Fuchzg Jahr rühr i jetz scho aus,
und no nia hat sich eppas gfehlt! Jetz auf amal waar i z' langsam! Nachher
rührst dir ganz oafach selm aus, wennst moanst, dass 's bei dir schneller geht!«
Sie steht auf und geht zornig aus der Kuchel. Die Hauserin ruft ihr gereizt
nach: »Jetz rennt s' davo! Vo mir aus! I rühr net aus! I glang a so mit meiner
Arbat! I durft mi a so z'reissen! Die ganz Stallarbat hab i, die ganz Hausarbat,
's Kocha, d' Feldarbat, 's Dreschen ... Jetz müasst i gar no ausrührn aa! - Gern
habn kinnts mi allsamm mitanand!«
    In diesem Augenblick kommt der Hauser mit den Ochsen heim, spannt aus und
geht in die Kuchel. »Is 's Essen firti? D' Ochsen müassn glei gfuatert und tränkt
werdn! Ham d' Küah eahna Sach? Habts d' Kaibe scho hibei ghabt bei die Küah?
Nach'm Essen richts zum Dreschn o, und oa Fuada Erdäpfel muass aa hoambracht
werdn!« - »Und du konnst mi gern habn mit deiner Oschafferei!« schreit ihn seine
Rosina an. »I bin doch koa Herrgott net, dass i überall z'gleich sein kunnt! Und
's Hexen hab i aa no net glernt bis jetz! Wennst so guat oschaffa konnst,
nachher probier nur 's Arbatn aa!«
    Der Alt lässt sie ruhig greinen. Er setzt sich in der Stube an den Esstisch,
macht das Kreuz und betet laut seinen Bittgarschön an den himmlischen Vater ums
tägliche Brot. Und da ihm seine Bäuerin zu lange verzieht mit dem Essenbringen,
ruft er hinaus in die Kuchel: »Muass i no lang wartn auf enka Gfrass? Nachher geh
i zum Ödnhuaber ume und kaaf mir mein Mittagmahl!« Worauf die Hauserin in lautes
Weinen ausbricht, vom zu Tode Schinden und Zerteilen jammert und sich das
Sterben wünscht. »Habts es ja net anders habn wolln!« sagt der Lenz. Die
Hauserin hört ihn scheinbar nicht. »Hätt's es ganz schee aushalten kinna; du und
die Alt!« bohrt er weiter. - »Ja no! Grad alles lasst ma si aa net gfalln! Die
braucht mi koan Scherbn net z' hoassen und koa gwamperte Sau aa net!« - »Mei, -
recht mager bist aa net!« - »Und zum Kammerfensterln hat ma s' aa net dunga!«
sagt sie und wischt sich die Tränen mit der rupfernen Schürze ab. »Dees glaab i
gar net, dass s' oan da ghabt hat!« erwidert ihr der Bauer. »Soo! Du glaabst es
net?« - »Hast du oan gsehng?« fragt er ruhig.-»Nnaa, gsehng hab i eigentli neamd
...« - »Hast du d' Loater gsehng?« fragt er wieder. - »D' Loater!? Naa, i hab s'
net gsehng. Aber d' Muatta hat s' do gsehng!« - Der Hauser lacht kurz auf. »Ah
was! D' Muatta! Dei Muatta siecht gar oft was! I wett, sie hat's grad gsagt, dass
sie s' weiterbracht hat, d' Hanni!« Die Bäuerin ist starr. Sie muss sich
niedersetzen. »Du moanst, dass gar koana dagwen is?« murmelt sie; »aber d' Muatta
hat doch sogar gmoant, dass du ...« - »Die konn moana, was s' mag, sagst!«
erwidert ihr der Lenz sehr laut. »Und balst du so eppas vo mir glaabst, nachher
bist aa trauri dro ...« - »I glaabs ja a so net!« sagt sie schnell; »aber d'
Muatta konns oan a so vürmacha, dass ma ganz zweiflat werd!« Sie trägt das Essen
auf. »Aber dees konn i do net vergessen, was s' mi ghoassn hat!« fängt sie von
neuem an. - »Ja no! Da konn i dir aa net helfa. Werst es scho aa was ghoassn
habn! I muass jetz essen, dass i wieder zu meiner Arbat kimm.« Während des Essens
wird nichts mehr geredet. Der Hauser aber ist zufrieden mit seinem Werk. »D'
Weiber muass ma bloss richti behandeln«, denkt er, »die san akrat wia d' Ross: je
schwaarer dass s' ziagn müassen, um so leichter dass s' zum zügeln san.«
    Die Kollerin rührt wirklich nicht mehr aus; ja, sie lässt sich auch für den
Tag nicht mehr im Haus blicken, sondern riegelt sich in ihre Austragkammer ein
und verschmäht sogar das Essen. Die Hauserin aber schafft und werkt, schwitzt
und seufzt, und hockt endlich abends ums Gebetläuten wie tot auf der Hausbank,
kaum mehr fähig, sich zum Schlafengehen aufzuraffen. Da kommt plötzlich, wie
hergeschneit, die Hanni. Sie geht quer durch den Obstgarten, kommt aufs Haus zu,
geht ohne ein Wort an der Hauserin vorbei und hinein, läuft die Stiege hinauf in
ihre Kammer und riegelt hinter sich ab. Die Hauserin ist völlig starr. Langsam
wendet sie den Kopf, schaut der Dirn nach und sagt halblaut: »Ja, was is denn
jetz dees!? Ja, die is guat!« - Erst nach und nach erfasst sie die Dinge; und sie
steht auf und geht in die Schlafkammer, wo ihr Lenz bereits in den Federn liegt
und schnarcht. Sie schüttelt ihn. »He! Du! - Lenz!« Der Alt brummt etwas und
dreht den Kopf. »Du! Hörst mi? Sie is da ... d' Hanni!« - »No, lass s' da sein!«
sagt er verschlafen. »Was die da no verlorn hat? Net amal an Gruass hat s' ghabt
für mi!« Der Hauser schnarcht schon wieder. Da kommt sie abermals ein Weinen an.
»Er schlaft halt scho wieder! Und mit mir kann die ganz Welt toa, was s' mag! I
bin der Depp hint und vorn! Und derf mi aa no alles hoassn lassn!...« Sie horcht
hinaus. »Ja - bleibt denn die über Nacht da!?« Ganz leise schleicht sie sich an
die Tür. Spähend schaut sie durchs Schlüsselloch. Da steht die Hanni beim Licht
ihres Wachsstocks und packt langsam ihre Sachen in den armseligen Koffer. Danach
zieht sie das Bettzeug ab, legt es mit der andern Schmutzwäsche auf ein Häuflein
zusammen und wirft ein Stück Seife dazu. Und am End zieht sie sich ruhig aus und
legt sich in das grobe, unüberzogene Bett, löscht das Licht ab und reckt sich
auf dem knarrenden Lager. Die Hauserin geht gedankenverloren in ihre Kammer
zurück. Also, sie will noch ihre Fähnlein waschen. Und das Bettgewand.
Eigentlich ist es ja schön von ihr, dass sie an das Bettzeug denkt, dass sie ihren
Dreck hinausputzt! Überhaupt denkt sie an die Arbeit, die Hanni! Da darf schon
eine hergehen! - Aber - die Unverschämteit, die Goschen ... Sie kann kaum
einschlafen, die Hauserin, vor lauter Denken und Sinnieren. Ja ja, das Maulwerk!
Direkt eine Sau hat sie einen geheissen! Einen Scherben! Nein, das kann man nicht
angehen lassen! - Da gibts keine Gnade mehr! Sie gähnt müd. Nein - die Arbeit in
den letzten Tagen! Wenn das so weiterging? Freilich gehts so weiter, wenn nicht
eine Dirn ... die Hanni ... Die Hauserin schläft. Mitten unterm Grübeln und
Bohren sind ihr die Augen zugefallen.
»Rosina! - He! - Aussa! - Zeit is's zum Aufsteh!« Der Hauser weckt seine Bäuerin.
»Is ja no Nacht!« sagt diese müd und verschlafen. Aber es hilft nichts; sie muss
aus den Federn. Wenn man kein Dienstvolk hat, muss man selber werken; und wenn
man mit einem kurzen Tag Arbeit nicht zurecht kommt, muss man anstückeln.
Geschehen muss das Tagwerk, so oder so. Freilich, wenn halt die Dirn noch da wär
... »Jessas, d' Hanni! - Du, Lenz, woasst es, dass d' Hanni da is?« Der Hauser
brummt bloss: »Vo mir aus gnua!«, schlüpft in die Haferlschuhe und geht hinab, um
das Gras fürs Vieh zu mähen. Die Hauserin schaut ihm wild nach. »O, du Erzlackl,
du grober!« murmelt sie. »Naa, den bekümmert dees Weibsbild nix, dees kenn i. Da
hat d' Muatta scho irr gsehng.«
    Aber - die muss doch schliesslich heraus! Die hat ja eigentlich gar nichts zu
suchen da! Herrgott, jetzt geht halt die verflixte Schinderei wieder von vorn
an! Und es kunnt doch alles ganz anders sein, wenn das lausig Ding da nicht so
unverschämt gewesen wär. Ob sie nicht doch schon Reue hat, die Hanni? Man sollte
sie doch aufwecken, heraustreiben! - Drunten brüllen schon die Kühe, plärren die
Kälber. Und der Kaffee soll gekocht werden, und das Holz soll erst
hereingetragen werden, und Wasser gepumpt, und Gras eingefahren, und Mist
breiten soll man ... ah was!
    Sie steht plötzlich an der Kammertür der Hanni. Und klopft hart an. »Hast du
da einigheirat?!« Die Dirn rührt sich nicht. Da reisst die Hauserin an der
Klinke. »Was hast denn du überhaupts no da z' suacha bei ins?« Diesmal antwortet
ein undeutliches Gemurmel. »Woasst du net, dass d' ausgjagt bist?«
    Die Hanni ist längst auf und wollte eben mit ihrem Päcklein Wäsche
fortschleichen, als die Hauserin klopfte. Jetzt sitzt sie unschlüssig auf dem
Bett und überlegt, was sie entgegnen soll. »Obst net woasst, dass i di ausgjagt
hab?« tönt nochmals die Frage der Bäuerin hinein. »I wer wohl mei Sach
zsammpacka derfa!« erwidert jetzt die Dirn. Und im stillen denkt sie: »Am End
is's doch besser, i kehr mi auf die feine Seiten; mit der groben werd nix z'
richten sein.« - »Hat dees so lang dauert, dass d' über Nacht dazu braucht hast?«
fragt die Bäuerin. »Ja no, auf der Strass konn i aa net schlafa.« - »Wo hast
nachher bis jetz gschlafa?« - »Bei der Ähnl. Aber sie hat gsagt, unterm Jahr
derf i net geh.« Sie horcht gespannt hinaus. Was wohl die Hauserin jetzt für ein
Gesicht macht? Vielleicht lenkt sie doch wieder ein? Wär ihr schon recht, wenn
sie um den Bauern herum sein könnt! Der Alt ist ein Hallodri - den muss man am
Schnürl haben! »D' Ähnl hat mi recht gschimpft, weil i nimmer bei enk bin!« sagt
sie mit kleinlauter Stimme hinaus und horcht wieder. »Da hat s' scho recht
ghabt!« meint die Hauserin und denkt: Z' kriegen wär s' scho wieder;braucha
kunnt i s' aa wieder; und mögen? - No ... mei ... - »Kunnst ja leicht no da sein
bei uns, wennst net a so a ausgschaamte Goschen hättst!« - »Ja no ...« - »Für
was brauchst mi denn du an alten Scherbn z' hoassn?« - »Ja no ...« - »Und a
gwamperte Sau hast mi ghoassn!« - »Ja no ...« - »Also! - Gell, jetz siechst es
ein, dass d' a ganz a ausgschaamts Weibsbild bist?« - Die Hanni steht schmunzelnd
an der Tür. »Freili siech i's ein!« sagt sie mit weinerlicher Stimm. »No, wennst
es nur einsiechst. Und jetz schaugst, dass d' abe kimmst zu deiner Arbat! Und
hoassn tuast mi nix mehr, dass d' es woasst!« Sie muss eine Rührung niederkämpfen,
die Hauserin; denn sie denkt mittendrin an das Evangeli vom verlorenen Sohn, von
der Magdalena, von andern Sündern.
    Die Hanni aber riegelt eilends die Tür auf, trägt beschämt den Kopf tief
gesenkt und geht an ihre Arbeit. Der Hauser geschirrt eben die Ochsen ein, als
sie in den Stall geht zum Melken. Sie schaut ihm herausfordernd ins Gesicht. Da
blinzelt er sie an, sagt: »So so! - Na, alsdann!« und schlägt ihr das Leitseil
um die Schultern. »Auweh!« sagt die Dirn mit einem leisen Lachen. Und sie geht
zufrieden an ihr Tagwerk, indem sie denkt: Ein Riss in der Freundschaft schadet
nicht, wenn der recht Schneider bei der Hand ist zum Flicken.
»Der Sommer geht ummi, - fallt's Laab von die Baam;
Der Bua is in Kriag drausst, - kimmt nimmermehr hoam!
Der Bua is Soldat wordn und werd Kriagsgeneral;
Ja, wer liabt na dees schwarzauget Dirndl derweil?«
Hell singend verrichtet die Hanni ihr Tagwerk. Die Zeit geht hin, die Tage
werden gemach kürzer und voll Nebel, und auch im Hauserhof richtet man sich für
den Winter mit Daxenhacken, Torffahren und Holzklieben. Die Hauserin staubt die
Spinnräder ab und legt die silberigen Flachszöpfe dazu, und der Hauser richtet
die letzte Feldarbeit, bevor sich die grosse weisse Zudeck darüberbreitet und die
werdende neue Saat vor Reif, Frost und Erfrieren schützt. Es ist ein geruhigs
Arbeiten und Schaffen bei den Hauserischen; denn der Bauer und seine Rosina sind
zufrieden mit dem, was die Hanni zuweg bringt, die Dirn wiederum hat keine
Ursach zur Klag über ihre Diensterrschaft, und die alte Kollerin ist schon seit
Wochen krank und serbend (siech) und liegt in dem alten ledernen Lehnstuhl
droben in ihrer Austragkammer, jammernd, seufzend und ächzend. Dazu hat sie die
kleine Lies bei sich und lässt sich von ihr fleissig berichten, was im Haus und
Ort vorgeht.
    Dann und wann kommt auch der Buschenreiter Anderl, der Karrner, zum Hof,
erhandelt bald dies und bald das, weiss viel zu erzählen vom Krieg, von den
Soldaten drin in der Stadt, von den Verwundeten und Gefallenen des Gaues, und
hat auch daneben allerhand gute Ratschläge für die alte Kollermutter und ihr
Gebresten, welches er als den stillstehenden Gichtfluss erkennt, von dem aber die
Hanni sagt: »Ah was! D' Gall is ihr halt in d' Boaner kemma, weil s' mi net ausn
Haus bringa kann!« - Der Buschenreiter Anderl trägt übrigens noch
dienstbeflissen die Päcklein für den Hausersimmerl auf die Post in Schönau; jene
Päcklein, von denen die Hanni nichts weiss und die dennoch nach den Worten der
Ödenhuberleni »die Rumplhanni bitten lässt, sie auf die Post zu bringen für den
Simmerl«. Hie und da kommt auch ein Brief vom Simmerl; an die Hauserischen, an
die Hanni und an die Leni, die er ganz zufällig einmal als die Absenderin seiner
Liebesgabe entdeckte. Sein Kamerad, der Ödenhuberjackl, hatte eines Tages von
der Leni ein Päcklein mit Kuchen erhalten, in den ein Zettel eingebacken war mit
dem Verslein:
»A Büscherl zum Abschied und an kurzen Pfüagood;
Ob wohl meine Rosen scho welk san und tot?
Obst wohl no ans Dirndl beim Bachofa denkst?
Und obst eahm wohl oamal an Grüassdigood schenkst?«
Mit der nämlichen Post war auch für den Simmerl ein Päcklein angekommen; es lag
gleichfalls ein Kuchen drin und dabei eine Karte: »Lieber Bruder, nimm einen
Gruss von deiner Schwester Leni.« Da hatte der Simmerl den Jackl angelacht, und
der Jackl den Simmerl, und in der nämlichen Stund legte sich eine hundertjährige
Feindschaft nieder zum Sterben. -
    Nun ists um die Zeit, da der Sturm die Wolken peitscht, die Bäume schüttelt
und Mensch und Vieh erschauern lässt im ersten Frost. Auf dem Gottesacker hängen
die Fetzen der Allerheiligenkränze, und in den Kachelöfen der Bauernstuben
kracht und knistert das Feuer. An den Fensterläden klappert der Klaubauf, dem
heiligen Nikolaus sein wilder Ziehbruder, und in den Spinnstuben erzählt man
sich jene alten Geschichten, bei denen es schon unsern Vorfahren, da sie noch
jung waren, eiskalt über den Rücken lief und das Gruseln sie beutelte. So kommt
die Weihnacht und mit ihr die Sorge um die, welche da draussen in ihren
Schützengräben wachen und frieren. Und die Hauserin stellt den Backtrog in die
Kuchel, die Hanni schneidet die Kletzen, gedörrte Birnen und Äpfel, klein, die
Lies schlägt Nüsse auf, und der Hauser heizt den Backofen gut aus, damit dem
Simmerl auch draussen im Krieg das süsse Brot der Weihnacht nicht mangle. So geht
das Jahr hinüber, und das neue nimmt das Regiment in die Hand, bringt allerhand
Leid und Trübsal und trägt in den Hauserhof die Totentruh für die alte Kollerin.
Die ist mittendrin ganz still hinübergegangen in die ander Welt; beklagt von der
kleinen Lies, betrauert von der Hauserin, gesegnet und in alle Himmel gewunschen
von der Hanni, die ein übers andere Mal murmelt: »Der Herr gib ihr die ewig
Ruah! Weil nur grad der alte Predigtstuhl nimmer da is! Die wär imstand gwen und
hätt mi no um alles bracht: um mein Platz, um mei Hoffnung und um an Simmerl!
Der Herr gib ihr an guaten Platz in der Ewigkeit!«
    Nun liegt sie aufgebahrt in der Wohnstube, die Alte; umgeben von blühenden
Stöcken, umspielt von dem flackerndenden Schein der Kerzen. Ernste Männer
trinken den Totenschnaps, jammernde Basen knien in der Stube, schnaufen hart in
dem süsslichen Geruch, der die qualmende Luft erfüllt, und beten für die arme
Seel der Heimgegangenen. Dann trägt man sie aus dem Haus, hinunter zur ewigen
Ruhstatt im Freitof zu Schönau. -
    Der Hauser hat seinem Simmerl den Tod der Grossmutter gemeldet und ihn ums
Kommen gebeten; allein das Regiment ist nicht mehr in der alten Stellung, und
also dem Sohn die Heimreise nicht möglich. Doch kommt nach geraumer Zeit ein
Schreiben von ihm an den Vater, darin er den Heimgang der Grossmutter betrauert
und gleichzeitig bittet: Nachdem also jetzt unser Ähnl nicht mehr lebt, musst du
jetzt bald mit der Mutter reden wegen der Hanni. Richtet alles gut zu für das
Kind, gebts der Hanni ein Geld in die Händ und bringts sie gut unter, vielleicht
bei ihrer alten Wabn. Lassts ihr nichts fehlen und es grüsst euch euer treuer Sohn
Simon Hauser.
    Der Hauser kratzt sich hinterm Ohr. Herrschaftseiten! Jetz gang alles so
schee und ruhi dahin, und jetz soll i der Rosina die zwiderne Gschicht
ausdeutschen! Naa, i tuas net! Dees konn i mit der Hanni alloa aa richten. So
denkt er und sucht nach einer Gelegenheit, mit der Dirn über die Geschicht reden
zu können.
    Diese Stunde schickt sich auch eine Woche vor Lichtmess, da die Hauserin aufs
Amtsgericht fährt wegen eines Prozesses mit der Ödenhuberin und also der Hauser
mit der Hanni allein ist. Grad sitzt er beim Tisch und wartet aufs Essen. Die
Lies ist in der Schule, von der sie vor dem späten Nachmittag nicht heimkommt.
Da tritt die Hanni ein, die Schmarrenschüssel in der einen Hand, den Apfeltauch
in der andern, das Gesicht vom Kochen heiss und gerötet, die Ärmel des
Wollspenzers weit über die runden Ellbogen aufgestülpt. »Wartst scho auf d'
Mahlzeit, gell!« sagt sie, indem sie ihm die Schüssel hinreicht. »Aber, woasst,
es braucht halt do hübsch beissen, dass ma firti werd mit der ganzen Arbat,
alloanig.« Der Alt betrachtet sie wohlgefällig. »Ah was! Du werst ja alleweil
firti! Du hast es halt los!« Die Hanni lacht geschmeichelt. »Mei, is net so
gfahrli!« sagt sie. »Aber an Bauernhof wia den dein trau i mir scho z' regiern!
Da wer i scho firti! Da fürcht i mi net, bal i amal Hauserin bin!« Er zuckt doch
zusammen, der Alt, bei diesem Wort. Aber ihre Augen blicken ihn fest an, ihr
ganzes Gesicht lacht und lässt eine Fröhlichkeit von sich ausgehen, die ihm auf
ja und nein den Ernst nimmt. »Ja ja. Der kann lacha, der Simmerl!« sagt er und
erfasst ihren Arm; »der kriagt amal die Recht an dir! Sakra, waar mir gar net
zwider, wenn i mei Bua waar!« Die Hanni rückt mit ihrem Stuhl ganz nahe an seine
Knie. »Du scho! - Du bist scho so a Schlankl!« - Der Hauser tut verwegen. »Mei,
grad a Heiliger bin i gar nia gwen!« meint er. »Da is do nix dabei, wenn ma a
saubers Dirndl guat leidn konn!« - »Is mir scho recht«, erwidert die Dirn;
»nachher kriag i koa schlechte Zeit bei dir. Dees is was wert, wenn der
Schwieger guat is!« Sie isst mit gutem Appetit, indes der Hauser sie begehrlich
betrachtet. »Geh, iss! Sinst werd dir der Magn kalt!« mahnt sie ihn. Er lässt
seine Augen über ihre ganze Gestalt hingehen; über die dunklen Haarzöpfe, über
das Gesicht, den Nacken, die Brust, den Rücken ... »Dass d' du net breater bist
da umma?« fragt er plötzlich und misst mit dem Blick ihre Hüften. Und tappt mit
der Linken darüber. Da schlägt sie ihn auf die Hand. »Obst dei Pratzn wegtuast!«
sagt sie lachend. »Mit die Händ schaugt ma nixn o, hoassts!« Der Hauser wird
nüchtern und kommt ins Betrachten, wie er gewohnt ist, sein Vieh zu betrachten.
»Wia viel Zeit hast jetz?« Die Hanni steht gekränkt auf. »Bist firti mitn
Essen?« fragt sie. »Nachher geh i.« Der Hauser wendet keinen Blick von ihr. Und
er fragt wieder: »Is net bald d' Zeit bei dir? I frag grad, weil der Simmerl
gschriebn hat, i soll di guat versorgn ...« Die Dirn ist wie mit Blut
übergossen. »Naa, dei Gfrag is mir scho so zwider ...« - »Jetz muass amal drüber
gredt werdn!« - »Dees waar aa ohne viel Grederts gangen!« Sie will hinaus. Der
Bauer lehnt an der Stubentür. »Jetz redst, sag i! - Wia lang hast no?« - »A
vier- fünf Wocha. - Aber jetz lass mi aussi!« - »Dass d' gar so gschaami bist?« -
»Du sollst von der Tür weggeh!« Der Hauser hört nicht. Er schaut die Dirn um und
um an, schaut, misst, denkt und rechnet. Und schüttelt mittendrin den Kopf. Indes
die Hanni immer erregter wird, schimpft, schreit, droht, mit den Füssen stampft
und seltsam absticht von dem starr dastehenden Alten. »Dass d' di denn gar a so
gstellst?« meint dieser. »Du bist do sunst net so gschaami gwen? Da hast di do
nix z' fürchten, wenn i di oschaug! I wundert mi ja nur ...« - »Vo mir aus!«
schreit sie ihn an. »I lass mir do net d' Seel vom Leib ausserschaugn!«
    Da geht er langsam weg von der Tür. Sie läuft hinaus. Er blickt ihr nach.
Und schüttelt den Kopf. Etwas steigt in ihm auf ... ein Verdacht ...
Die Hauserin kommt am Nachmittag heim und berichtet freudig, dass die Ödenhuberin
den Prozess verloren hat. Sie ist überaus gut aufgelegt und lobt die Hanni für
ihr gutes Haushüten. Diese meint bescheiden: »Hats scho tan, Hauserin!« und fügt
dann bei: »A Bitt hätt i. Ob i net heunt no zu meiner Eahl ummeschaugn derf. Sie
is net guat beinand.« - »Da brauchst do net fragn!« sagt die Bäuerin, »dees is
do gwiss, dass d' zu deiner Grossmuater geh konnst, bal ihr epps feit.«
    Also läuft die Hanni gleich nach der Stallarbeit hinüber zur alten
Rumplwabn. Die sitzt hinterm Ofen und strickt.
    Und der alt Hufschmied hockt neben ihr und redet vom Krieg und von seinen
beiden Buben, die er bereits gefressen hat, dieser blutige Maahder, der nimmer
Derweil hat, die Sense zu wetzen, vor lauter Mähen und Morden. Da die Hanni
kommt, steht er auf. »Jetz kimmt d' Jugend«, meint er müd; »jetz verziag i mi. I
pass net zu dee junga Leut mit mein Gewinsel. Und winseln muass i ...« Er geht
ohne Gruss. Die Alte nickt ihm nach. Dann wendet sie sich an die Hanni. »Dass d'
du heunt kimmst? Bist scho wieder ausgjagt wordn?« - »Naa«, sagt die Hanni.
»Bist selber davon?« - »Naa.« - »Was möchst nachher, heunt am hellichten
Werktag?« Die Hanni hockt sich auf einen niederen Schemel. »Eahl, i brauch a
Kind! I muass a Kind habn! Glei, auf der Stell!« Der Alten fällt das Strickzeug
aus der Hand. »Was muasst?...« - »A Kind muass i habn. Du muasst mir oans
verschaffa! Bringst es her, wo derwillt, her muass oans!« Das Ähnl muss sich mit
beiden Händen an der Ofenbank festalten. »Ja ... in Gottes Himmis Christi Willn
... Hanni! Bist denn narrisch! A Kind! A kloans Kind?« - »Ja, a kloans Kind.
Oans, dees wo grad auf d' Welt kemma is.« - »Ja, zu was denn? Ums Christi, zu
was denn?« Die Hanni wird zornig.
    »Also, gstell di do net so dumm! Verstehst mi denn net? Der ganz Hauserhof
steht aufn Gspiel für mi!« Die Alte steht zitternd auf. »Naa, i versteh di net
...« Die Dirn springt in die Höh und rennt die Stube auf und ab. »Geh, wia konn
ma denn. Dees is doch ganz einfach! I muass Hauserin werdn! Gehts, wies mag. Und
dazu brauch i a Kind. Vom Simmerl. Verstehst es jetz?« Die Rumplwabn bleibt
starr stehen. Ja, hast di denn du mitn Simmerl ...? Die Hanni fährt ihr
dazwischen: »Dees is do mei Sach! Dees geht do neamd was o! Um dees handelt ja
si jetz aa net. I und der Simmerl sand oans. I und der Hauser sand aa oans. Und
für dees weitere muass i a Kind habn.« Sie beginnt, dem Ähnl zu schmeicheln.
»Geh, Eahl, sei do net so gspassi! Du bist do so gscheit und woasst allerhand
Zauberei und hast so viel solchene Büacher, wo dees alles drin steht, geh, hilf
mir halt! Oder schaug anorts, dass d' oane findst, die grad in d' Wochen kimmt!
Gaab oft oane ihra Schand gern her, wenn do nixn zahlt wird dafür, und i brauch
'hn so nötig, so an Schrazn. Geh, Eahl! Sei do barmherzi! Möchst mi denn net aa
gern als Bäuerin sehng? Hättst du koa Freid, wenns mir guat gang?« Sie bettelt,
bittet, bestürmt die Alte.
    Aber die hockt wieder auf der Bank, starrt ihre Enkelin an wie ein Gespenst
und murmelt: »Also ... so schlecht bist du. So gottverlassen. An Schwindel hast
gmacht ... um an Bauernhof ... und an Schwindel ... um an Menschen ... der da
draussen ehrli sein Kopf hinhalt vor d' Kugeln!« Der Hanni wird ungut zumut. »Es
hilft di nix, Eahl!« sagt sie hart; »du muasst mir helfa!« Die Alte schüttelt den
Kopf und wehrt mit beiden Händen ab. - »Du richst mi z'grund, Eahl!« - »Und i
misch mi net ei in so epps!« - »Eahl! Staudnschneiderin hätt i werdn kinna!
Reiserin, Burgamoasterin hätt i werdn kinna! Der Reiserfranzl is ganz narrisch
gwen in mi! Der Staudnschneidergirgl hätt mi vom Fleck weg genomma! Net hab i
mögn! In Hauserhof bin i eingwohnt, der Simmerl is a guater Lapp, der Alt hat an
Affen gfressen an mir, sie is froh, wenn s' nix arbatn muass, und die Alt is tot.
D' Liesl ghalt i zu der Arbat. Oder zum Kindsen. - Also, Eahl! Gell, du hilfst
mir!« Die alte Wabn sitzt so seltsam starr am Ofen, ihre Augen suchen in weiter
Ferne etwas, ihre Hände haben sich ineinander verschlungen. Und mittendrin
kommt's tonlos von ihren Lippen: »Hundert Jahr is's her. Da hat mei Muatta dees
nämliche gmoant. Und hat aa denkt, es brauchet net mehra, als wia sagn: Haferl!
Nachher waar d' Wurst aa scho drinn. Insa Muatta is Kindsdirn gwen beim
Stoamüller von Kreiz. Dees warn zwee Bauernhöf, a Mahlmühl, a Schneidsäg und a
Sandmühl. Er hat 's zwoate Wei ghabt und Zwilling von ihr. Von der ersten
Mühlnerin hat er grad oan Buam ghabt; der hat scho an Mühlburschen gmacht. Auf
den is dees halbert Sach scho von der Muatta aus gschriebn gwen. Ja, da hat insa
Muatta aa gmoant: Mühlnerin sein is besser wie kindsen und hat den Burschen
richtig ogankerlt und eingfadelt. - Derweil is der gross Napoleon mit seine
Soldaten daherkemma, d' Österreicher ham von der andern Seiten eahna Armee
daherbracht, und in unserm Landl hats gräusli ausgschaut. Da hat sie mei Muatta
denkt: Jetz is 's an der Zeit, dass d' Mühlnerin werst. Überall hats schlechte
Mentscha gebn, die gmoant habn, a napolischer oder a österreichischer waar
besser als wia a boarischer Bursch; und a solchs Weibsbild, sie is Stallmentsch
gwen beim Stoamüller, hat meiner Muatta gholfa zu ihran Werk. Der Hochzeiter hat
alles glaabt, hat scho eingebn zum Heiratn, hat si schon von der Kanzel her
verkünden lassen, da hats gschnackelt. Dees is a so ganga: er is a Rotaareter
gwen und sie a Strohgelbe. Und das Kindl is schwarz wordn, kohlschwarz, wia a
Zigeunerbalg. Is ja aa oana gwen. I selber bins. Die ander, mei rechte Muatta,
is drei Tag nach mein Kemma gstorbn. Weil sie si nix omirka lassen hat derfa.
Und die oa is im Bett glegn, hat si gestellt wia a Wochnerin - und is dennoch
die Bschissene gwen. Denn er hat mi net okennt als sein Kind. Und hat s'
ausgjagt. Siebn Monat darnach hat s' a rotaarets Büaberl ghabt, aber es is halt
scho z' spaat gwen. Der Stoamüllerbua is unter d' Soldaten ganga, und hoam kemma
is er nimmer. Jetz woasst es. - Und drum misch i mi net ein.«
    Die Hanni hockt am Tisch. Und sieht vor sich ein grosses Loch - eine Grube,
in die sie jetzt fallen soll. Und sie stöhnt auf. Aber - nicht lang sitzt sie
so. Plötzlich strafft sie sich zur Höh. »Macht aa nix. Gehts a so net, nachher
gehts anderscht. Aber geh muass's. - Nachher brauch i koa Kind. Na werdn mirs
scho sehng, wias geht ...« Sie lässt die Wabn sitzen und geht. Ihr Plan ist
fertig.
    Am Lichtmesstag in der Früh sagt sie zur Hauserin: »Bäuerin, wenn i di bitten
durft: Stell dir a anderne ei. I bin net guat beinand. I muass mi a Zeitl legn.
Vielleicht konn i bald wieder. Nachher bleib i gern wieder da bei enk. Aber jetz
muasst mi geh lassen.« Die Hauserin will nichts davon wissen. »Geh! Schaugst aus,
wia 's Lebn! Wia werst denn du krank sei! Bei mir hättst di ja aa haltn kinna!«
Aber die Hanni deutet an, dass sie was angestellt hätt und dass sie fürchte, es
möchte an der Zeit sein. Da muss sie freilich nachgeben, die Hauserin. Aber sie
ist gar nicht erzürnt über die Hanni; es mangelt die Kollerin zum Schüren. »Ja,
mei Herrgott!« sagt sie. »A so a Unglück! Is 's do a Richtiger?« - »Ja. A
Bauerssohn.« Sie sagts dreist, die Dirn. Die Hauserin wär gern neugierig. Aber
die Hanni lässt nichts verlauten. Und so wundert sich die Bäuerin bloss, dass sie
es so geheim halten konnte, die Hanni. Und freut sich drüber; denn dann kommt es
doch nicht so unter die Leut.
    »Aber darnach kimmst wieder!« sagt sie zur Dirn beim Abschied. »Der Bauer
werd schaugn! Der is in aller Fruah scho auf Tuntenhausen zum Markt. Ja no.
Werdn mir scho firti werdn, derweil, bis d' wieder kimmst. I wünsch dir Glück!«
Das ist ein anderer Ton gegen früher!
    Die Hanni geht schmunzelnd dem Häusl ihrer Wabn zu. Dort legt sie ihren
Sonntagsstaat an, sagt ihrer Grossmutter, dass sie einen freien Tag hätt, und geht
summend fort, nach Tuntenhausen. Dort kauft sie einen Bogen Schreibpapier und
geht auf die Post, wo sie lange herumdrückt, die Feder immer wieder eintaucht
und endlich anfängt zu schreiben:
    Ich, Lorenz Hauser von Öd bestättige hiermit, dass mein Sohn Simon Hauser und
die lödige Johanna Rumpl von Öd als ein effentliches, hochzeitlich versprochenes
Prautbaar von mir angekent sind und dass ich bei Heimkommen meines Sohnes
sogleich in die Hohzeit wihligen und den Hauserhof dem jungen Ehepaar übergeben
wihl mit alles was dazu gehört an lebendigem und toten Infentar. Öd, am
Liechmesstag 1915...
    Langsam vollendet und überliest sie das Schriftstück. Vorsichtig steckt sie
es in die Tasche des Unterrockes. Danach mischt sie sich fröhlich und zufrieden
unter die Besucher des Jahrmarkts, besieht sich dies und jenes und geht zu guter
Letzt am Abend hinein zum alten Postwirt, wo schon männiglich beieinanderhockt,
isst und trinkt und politisiert. Sie setzt sich ins Nebenzimmer; doch sucht sie
den Platz so aus, dass sie die Tür der Gaststube im Auge hat und keinen
übersieht, der durch sie aus- oder eingeht. Da bleibt sie, lässt sich eine Suppe
geben, ein Stück Braten, trinkt auch ein Krüglein Bier dazu und hat mittendrin
einen ersehen, auf den sie schon lang wartet - den Hauser. Er ist schon gutding
voll, wie es bei einem Bauern am Abend des Markttags halt so Brauch ist.
»Alsdann, guate Nacht beinand!« hört sie ihn sagen. »Guate Nacht, Hauser! Guat
Nacht!« tönt's zurück, hell oder brummend, wie es die Freundschaft grad
erleidet. Die Hanni steht eilends auf und geht in die Kuchel, wo sie der
Kellnerin ihre Schuldigkeit bezahlt. Dann läuft sie durch die Hintertür hinaus
auf die Gasse und dahin, dem Hauser nach.
    Der stapft tiefsinnig durch den Schnee. Ein beissender Sturm fegt über die
Felder, jagt grosse Flocken in wildem Wirbel durcheinander und pfeift hohl
herüber vom Wald. Die Hanni zieht erschauernd den Rock über den Kopf, versteckt
den feinen schwarzen Seidenfilz mit den goldenen Borten und Quasten unter der
Schürze und trabt hastig aus dem Ort. Immer dichter fallen die Flocken, immer
undurchdringlicher wird das Gestöber. Die Hanni hört den Hauser brummen und
murmeln. Sie blickt um sich; aber weit und breit ist nichts zu erkennen als dies
graue Tanzen und Wirbeln; kein Horcher ist zu fürchten. Da eilt sie entschlossen
dem Bauern nach, tritt neben ihn und hält mit ihm Schritt: »Grüss di Good,
Hauser!« Der Alt fährt schier erschrocken herum. »Du!? Hab glei gmoant, dei
Gspenst waars! Grad hab i an di denkt.« - »Und bal ma an Esel denkt, kimmt er
grennt, hoassts, gell?« - »Ja, bal man 'hn nennt, hoassts. Dass du da bist?« -
»Weil i heunt ausgstanden bin.« - »Was!? Ausgstanden?!« - »Ja, auf a Wocha a
zwee.« - »Zwegn was denn?« - »No ... mei,... weil i net recht guat beinand bin.«
- »Net guat beinand bist?« Der Hauser schaut sie trotz der Dunkelheit forschend
an. Sie hält ihr Gesicht ganz nahe an das seine. »Gell, schlecht schaug i aus!«
lacht sie lustig. »I siechs net«, meint er ehrlich. Aber die Dirn fasst seine
Hand. »Muasst halt greifa, balst net siechst!« sagt sie lachend und führt seine
Hand an ihre eiskalte Wange. »Gell, i bin scho ganz kalt!« scherzt sie; »i
brauchet 's Aufwarma!« Der Hauser tappt tastend über ihr Gesicht. »Konn scho
sei!« meint er; »a bissl a Bettwarmer kunnt net schadn.« Sie stapfen durchs Holz.
»I bin froh, dass d' bei mir bist«, sagt die Hanni; »im Holz fürcht i mi scho
recht bei der Nacht!« Sie lässt seine Hand nicht mehr los. »Woasst, mir hört do
oft, dass oana a Madl opackt hat oder umbracht!« Ganz dicht schmiegt sie sich an
den Alten. »Ah, bal i dabei bin, nachher brauchst di do net z' fürchtn, Dirndl!«
erwidert er. - »Tatst mir du nix toa lassen?« - »Gwiss net!« - »Obst mir aber du
selber nix tuast?« Sie drückt seine Hand und zieht seinen Arm um ihre Hüfte. Da
lacht der Alte kurz und heiser. Herrgott, das Weibsbild hat eine Art und Weis,
den Wildling im bravsten Menschen aufzuwecken ... Er drückt sie einen Augenblick
heftig an sich. »Ob dir i nixn tua, moanst?... No ... balst es grad selm gern
habn tatst ... kunnts scho sei ... « - »Bist du so gfahrli?« Sie leidet es
willig, dass seine Hand der aufsteigenden Hitze gehorcht; eng schmiegt sie sich
an ihn an, lacht, scherzt, schwatzt und peitscht seine Begierde auf dem ganzen
Weg, bis sie endlich vor dem Häusl der alten Rumplwabn stehen.
    »Is schad, dass der Weg scho gar is«, flüstert die Hanni; »heunt waar i no
gern mit dir weiterganga!« - »Brauchst mi ja no net weiterz'jagn!« meint der
Hauser. »Aber z' gfahrli is 's da am Weg ...« - »Nachher gehn ma halt hinei!« -
»Moanst, dass 's Eahl schlaft?...« - »Die hört mi net! - I ziag d' Schuach ab!«
Die Dirn lacht leise. Und sperrt vorsichtig das Haus auf und schleicht hinein.
Ihre Kammer ist gleich linker Hand, indes die Alte ober der Stiege schläft.
»Schleich di nur eina!« flüstert die ihm zu und schlingt den Arm um ihn; »'s
Bett is scho aufbett' und 's Stuberl schee kehrt, - drum leg di nur eina; es
wird dir net gwehrt!« Ganz leise summt sie 's ihm ins Ohr. Da packt er sie wild
um die Mitte, hebt sie in die Höhe und trägt sie in die Kammer. »Mach d' Haustür
staad zua!« flüstert sie. Er riegelt lautlos ab. Sie legt das Schriftstück und
einen Tintenstift auf das Tischlein.
    Fiebernd schleicht der Bauer in die Kammer zurück und riegelt ab. »Soll i d'
Latern ozünden?« fragt die Hanni, indem sie hemdärmelig vor ihn hinsteht. Er
tappt nach ihren entblössten Armen. »Zünd 's halt o, oder aa net,... wiast halt
moanst ... Madl ...« Die Hanni macht sich mühsam frei und zündet eine kleine
Weglaterne an. »Jetz siech i di guat! Jetz gfallst mir ... Dirndl ...« Er zieht
die Dirn auf den Truhensitz nieder. »Konnst mir a weng schee toa?« - »Tua i dir
net a so schee? Tua i net a so alles für di?« - »Braucht di aa net z' reun!«
flüstert der Tropf; »was i dir Guats toa konn ... dees tua i dir ...« - »No ...
ganz glaab i dirs no net! - Woasst, dees ander Mal hast mirs aa versprocha ...«
Der Alt hört kaum, was sie sagt. - »Da hast aa gsagt, dass d' mit mir zum Notar
gehst. Und dass d' es schriftli machst zwegn mir und an Buam! Aber, gell, du
Schlankl, gangen bist nia!« - »I hab ja nia Derweil ghabt!« entschuldigt sich
der Bauer und versucht, immer zärtlicher zu werden. »Dees woass i scho«, sagt die
Dirn. »So viel verlang i aa gar net. - I bin scho zfriedn, balst mirs
unterschreibst, dass d' fürs Kloane sorgst, wenn i grad Unglück hätt im
Wochabett. Gell, Lenz! Gell, dees unterschreibst mir?« - »Freili! - Glei morgn!
- Aber jetz ... geh ... mach ...« Die Hanni zieht ihn zum Bett. »Lenzl ... balst
mirs jetz glei unterschreibst ... nachher ghör i dein ... als a ganzer ...« -
»Geh, Herrgott ... lass mir do mein Ruah heunt ... morgn schreib i dir ... was d'
magst ...« - »Naa, Lenzl, heunt muasst! Schau ... brauchst ja grad dein Nam
hisetzen!« Sie langt ihm den Schrieb her und liest ihm vor: »Also, mirk auf: I,
der Hauserbauer von Öd verpflichte mich, dass ich für das Kind vom Simmerl und
von der Hanni sorgen will, auch für den Fall, dass die Hanni unterm Kindbett
stirbt. Also. Du schreibst jetz dein Nam drunter; siechst, - grad da ...« Sie
weist ihm mit dem Zeigefinger die Stelle und gibt ihm den Stift in die Hand. Der
Hauser flucht, schimpft, ärgert sich über das närrisch Weibsbild, das ihm die
schönste Stund verdirbt mit seinem dummen Getue, - und setzt doch an zum
Schreiben: Lorenz Hau ... Himmelherrgott ... Da steht ja - ganz was anderes! Das
heisst ja: übergeben! Sich verkaufen! Sich verhandeln um eine Lumperstund! Als
ein rechter misstrauischer Bauer, der seinen Namen unter nichts setzt, was er
nicht kennt, hat er mitten unterm Buchstabieren angefangen zu lesen, grad so
drunter hinein in das Geschreibsel, und hat den Satz gefunden: »... und den
Hauserhof dem jungen Ehepaar übergeben will mit allem was dazugehört ...« In
einem Augenblick ist er nüchtern. So stark nüchtern, dass er plötzlich weiss, wer
er ist, er, der Hauser von Öd. »Hast gmoant, du konnst mi fanga! Hast dir denkt:
Der Depp unterschreibt scho! Gell! Aber, oha. An Hauser fangt ma net wia d'
Singvögel und d' Goldfisch! Der is net so dumm, wia er herschaugt! Dass i fürs
Kind sorg! Für was für oans denn?! Hast dir denkt: Is der Jung so dumm und
kriacht auf den Leim, nachher geht dir der Alt erscht recht drauf! Derweil bist
du die Pitschierte mitsamt deiner Gscheiteit - und Schlechtigkeit, du
Schlamperl du! Schaam di!« Er nimmt das Schriftstück und steckt's ein, trotz
ihrer verzweifelten Anstrengung, es ihm zu entreissen. »Naa, den Fetzen kriagst
mir du nimmer in d' Händ!« sagt er; »der werd aufgspart für mein Buam, zu der
Erinnerung an dei Lumperei, du ganz schlechts Weibsbild, du schlechts! So, und
da is dei Jahrgeld ...« Er zieht den Geldbeutel und entnimmt ihm zwei Hunderter.
»Dass d' net sagn konnst, der Hauser is a hungriger Tropf; aber sehng will i di
in mein Haus nimmer, verstanden!« Er schiebt den Zugbeutel wieder ein.
    Jetzt ist's doch gut, dass er keinen Stier erriet zum Kauf; kann er
wenigstens das Weibsbild gleich hinauszahlen - und still machen! »Dei Sach lasst
dir holn, - selber kemma tuast mir net! Sinst kunnt sei ... dass ...« Er
vollendet nicht.
    Die Dirn steht vor ihm, hemdärmelig, in dem hochroten Wollunterrock, die
Zöpfe lang herabhängend, weiss wie der Kalk bis in die Lippen, die sie fest
aufeinanderpresst. Ihre Augen sehen ihn an mit einem seltsamen Gemisch von Wut,
Hass, Verzweiflung und trotzigem Stolz. Sie sagt kein Wort mehr.
    Über den Hauser aber kommt jetzt der ganze Bauernstolz; seine Verachtung für
»das Mensch« steigt mit jedem Augenblick, und schliesslich gibt er diesem Gefühl
Ausdruck, indem er noch einmal vor die Dirn hintritt, sie von oben bis unten
betrachtet, wie der Schinder eine nichtsnutzige Kuh, vor ihr ausspuckt und mit
den Worten: »Pfui Teife vor dir!« aufriegelt und geht. Hart schlägt hinter ihm
die Haustür ins Schloss.
    Die Hanni fährt zusammen und löscht eilends das Licht ab. - Droben erwacht
die alte Wabn von dem Lärm, kriecht aus dem Bett und ruft hinunter: »Hanni, hast
nix ghört? D' Haustür hat gscheppert!«
    »Des is der Wind«, sagt die Hanni kurz, riegelt das Haus ab und legt sich
zur Ruh, die sie aber nicht finden kann. Verspielt. Alles verspielt! Hundertmal
fährt ihr dies Wort durch den Kopf, immer wieder, immer wieder. Herrgott, der
verfluchte Ehrgeiz! Wie hatte sie getüpfelt, bedacht, überlegt, gehandelt! Immer
wieder wollte das Schicksal trumpfen, sie hatte gestochen; und nun, da alles auf
der letzten Karte stand, da Herz Trumpf war, da kam sie mit Schellen. Mit
Habgier und Hitze. Ohne Überlegung stiess sie den Krug um, ehe sie trank ... »O i
Rindviech!« Ein trockenes Weinen kommt über die Dirn. Wie schön war alles
gegangen bisher! Wie sie den Simmerl damals eingefädelt hatte, dass er in sie
verschossen war wie ein junger Geissbock! Wie sie das gut herausgebracht hatte,
dass er sie angesetzt und unglücklich gemacht hätt und sie heiraten müsst! Und den
Alten schon einmal so weit haben, ohne ihn zu fassen! - Und heut wieder! »O i
Rindviech!« Noch oft sagt sie so; aber nach und nach wird der Grimm und die
Verzweiflung doch milder; ihr Geist ermüdet, und das Weiterbohren und Sinnieren
fällt ihr schwer und schwerer. Und endlich fallen ihr die Augen zu, und sie
schläft einen schweren, bleiernen Schlaf.
Es ist ums Morgenläuten. Der Ödenhuber fährt mit seinem Braunen ins Gäu, ein
Kalb zu kaufen. Vor dem Häusl der alten Rumplwabn knallt er ein paarmal fest mit
der Geissel, zieht den Zügel wühst und lässt den Gaul frisch dahintraben, die
Strasse nach Berganger zu.
    Die Rumplhanni schreckt aus dem Schlaf auf. »Jess', wo bin i denn,... was
is's denn,... hab i jetz net traamt ... dass ... alles aus is?...« Sie setzt sich
mit einem Ruck auf. »Was is denn jetz dees?... Is denn net der Hauser ...« Ihr
Blick fällt auf den Stift am Tisch, auf ihr Kirchengewand. »Marixn! Naa, - es is
koa Traam gwen! Es is wirkli und wahrhafti a so, dass i verspielt hab!« Mit einem
Satz ist sie aus dem Bett. Hastig legt sie sich an, geht sie hinüber in die
Kuchel.
    »Eahl!« Das Ähnl kommt eben aus dem Geissenstall, den vollen Milchhafen in
der Hand. »Dass d' scho aufstehst, wennst krank bist?« fragt sie. »Weil i zum
Dokter muass«, erwidert die Hanni. »Dass d' überhaupts zu mir kemma bist und net
ins Krankenhaus gehst?« - »Weil i denk, dass 's bald wieder geht, wenn i in an
andern Platz kimm.« - »Ja, bist denn weg vom Hauser!?« - »Da möcht i scho fragn!
Hast es ja net anderscht habn wolln! Hättst mirs ja net vergunnt, dass 's mir aa
amal a bissl besser gangen wär!« - »Koan krummen Weg geh i net«, sagt die Alte
fest. »Balst aufn graden net Hauserin werst, die Winkelweg führn do danebn, oder
gar eini ins Loch ...«
    Die Hanni erwidert gar nichts. Sie hockt sich neben den Herd, schaut der
Grossmutter gedankenlos beim Feuermachen zu, starrt in die flackernden Flammen
des Reisigs, in den Rauch, der aufwirbelt und wie ein feines, bläuliches Netz an
der Weissdecke hängt, und schlingt die Hände um die hochgezogenen Knie. Und
langsam kommt Gedanke um Gedanke, zieht das Erlebte an ihr vorbei, formt sich
ein Plan für die Zukunft. Das Ähnl kocht den Kaffee, brummend über die
nichtsnutzige Dirn, die einem in den alten Tagen noch lauter Verdruss und keine
Freud macht, und giesst doch die schönste Schale für das »Blasl« voll, gibt der
»gottvergessenen Schuri« die ganze fette Rahmhaut und setzt sich darnach
seufzend mit ihrem Kaffee auf das Spülbänklein.
    Die Hanni lacht plötzlich leise. »Eahl, du muasst mir nachher mein Sach beim
Hauser holn!« - »Willst wirkli nimmer weiterarbatn dort?« - »I konn do net!« -
»Wann i bitten tät für di?...« - »Untersteh di! Liaber auf der Stell tot sein,
als nomal in dees Haus geh!« - »Wo willst nachher aus?« - »Dees werd si scho
finden.« Auf ein weiteres Fragen gibt sie der Alten keine Antwort mehr, trinkt
hastig ihre Schale leer und geht fort, hinüber zum Ödenhuber.
    Und lacht wieder leise. »Is's der net, nachher is's vielleicht der ander«,
sagt sie zu sich selber; »und wer i net Hauserin, so wer i vielleicht
Ödnhuaberin.« Sie tritt frisch in die Gaststube. Die Resl stellt eben die
Salzgefässe auf die Tische. »Guat Morgn!« will sie sagen; da erkennt sie die
Rumplhanni. Und denkt an ihren Pauli und an jenen Abend des Abschieds, wo ihn
dieses Weibsbild so stocknärrisch gemacht hatte, dass er frei allen Verstand
verlor. »Was möchst denn du da?« fragt sie daher die Eintretende unwirsch. »Di
net!« erwidert ihr die Hanni und freut sich im stillen aufs neue darüber, dass
sie damals die beiden so schön zum Narren haben konnte.
    Sie geht hinaus in die Kuchel. Da steht die Leni am Herd und rührt ein
Einbrenn zum Voressen. Sie fährt erschreckt zusammen, als sie die Hanni sieht.
Eine heisse Röte steigt ihr ins Gesicht, eine plötzliche Angst lässt ihr das Blut
im Hals schlägeln. Mariand ... sie werd do net ... was wissen! fährt's ihr
durchs Hirn. Und mit unsicherer Stimm fragt sie: »Rumplhanni, was möchst denn?«
Die Dirn tut freundlich: »Dei Muatta möcht i; grüass di Good, Leni! Bist scho
fleissi?« Gottlob!... »Tuats scho, Hanni! Grad, was sei muass. D' Muatta werd glei
kemma. Magst di net niederhocka derweil?« Sie schiebt ihr einen Hocker hin.
    Die Hanni setzt sich: »I bin so frei, bals verlaubt is, Leni. Was is's mitn
Kriag? Habts vom Jackl scho Nachricht? Geht's eahm guat?« - »Ja.Geht eahm
alleweil no guat ...«, sagt die Leni.
    Da kommt die Ödenhuberin. Die Hanni steht sogleich auf. »Grüss di Good,
Wirtin.« Die Ödenhuberin blinzelt erstaunt: »Was will denn die da?« Sie schaut
mit einem Gemisch von Hochmut und Misstrauen an der Hanni hinunter. »Ganga bin i
drenten«, sagt diese. - »Na - und?« Eiskalt ist der Ton dieser Frage. - »Und
jetz möcht i zu dir. Grad mit Fleiss. Grad, dass i s' tratzen konn, dee da drent.«
Die Leni fährt herum. Die Ödenhuberin verzieht die Mundwinkel ein wenig. Ihre
Ohrgehänge zittern leise. »So, zu mir möchst. Aha!« Wie das durchgeht! Wie eine
Messerspitz durchs Fleisch! Der Hanni ist nicht wohl zumut dabei. Aber sie lacht
doch ihr helles, freundliches Lachen und sagt: »Ja, grad extra. Dass er si recht
gift', der Hauser.« Die Wirtin wischt mit der flachen Hand etliche Brosamen von
der Anricht. »Und du moanst, dass i di glei mag?« - »Ja no ... Zfriedn waarst mit
mir.« - »Dees kaam drauf o. Aber i probiers gar net mit dir.« Der Hanni fährt
die Röte ins Gesicht. »Weil i di gar net möcht«, sagt die Wirtin; »weil i di
kenn. Und weil i a bessers Gedenka hab, als wia zum Beispiel du.« - »I? I
versteh di net ...« - »Werst mi glei versteh, wenn i dir draufhilf. Oder bsinnst
di leicht selm no auf den Tag, wo mei Jackl furt is ... und grennt, als wia wenn
der leibhafti Teife hinter eahm gwen waar!... Aha. Fallt dir scho ei, gell. Und
sell am Gartl drausst, gell, dees fallt dir aa no ei. Und überhaupts und a so.
Und es is mir liaber, du gehst. Glei. Da is d' Tür.« Auweh. Das ist schier eine
Rossschwemm. Mit der Hoffnung ist's auch vorbei.
    Die Hanni rennt wie begossen aus dem Haus, dahin. Läuft auf ein Haar dem
Staudenschneidergirgl unter die Rosse, als er grad mit dem Fuhrwerk ums Eck
biegt. »He, he, Jungfer Gschnappi! Mach mir meine Gaul net scheuch!« spöttelt
der Girgl; »bist jetz du grad vom Hauser aussagflogn oder vom Wirt?« Der Hanni
liegt eine grobe Antwort schon auf der Zunge; da fährt ihr was durch den Sinn.
Darum erwidert sie fröhlich: »Naa, direkt vom Himme aba. Und zu dir fliag i
eine.« Sie blickt scharf nach seiner Miene. Aber die bleibt unbewegt, als er
sagt: »Hab koan Platz für so an Erzengel.« - »Brauchts aa net, dass d' mi als an
Erzengel einstellst! I bin scho mit was Gringern aa zfrieden! Zum Beispiel als
Mitterdirn ...« Der Girgl horcht auf. »Du möchst mi derblecka ...« - »Aber ganz
gwiss net! Ganz im Gegenteil! Abbitten tat i gern eppas ...« Sie schaut ihn heiss
an. »Weils mir koan Ruah net lasst, dass i so grob gwen bin gega di ...« - »Da
bist aber spaat dro damit.« - »Ja no. Weil ma halt übermüati is.« Ihre Augen
blitzen, ihr ganzes Gesicht zeigt ihm ihren lachenden Übermut. »Geh, sei mir
wieder guat, Girgl!« sagt sie; »woasst, wenn i aa a diam narrisch bin, guat leidn
konn i di do.« - Dass die gar so zuckersüass tuat! denkt sich der Girgl; und laut
sagt er: »I glaab dirs scho, Hanni. Dir glaab i überhaupts alls.« - »Dees derfst
aa! Aber - jetzt Gspass beiseitn: i frag di, obst koa Dirn brauchst. I bin ganga
beim Hauser.« - »Ah so! Ja jetz!« Also deswegen die Freundlichkeit! Der junge
Staudenschneider ist ein Bauer. Ein richtiger. Und nicht aufs Hirn gefallen. Und
misstrauisch und argwöhnisch, wie sichs gehört. Und die Hanni ist für ihn nicht
mehr die Hochzeiterin, die ihn verschmäht hat, sondern eine Dirn - ein
Dienstmentsch, wie jedes andere auch. Und beim Einstellen von Dienstboten geht's
wie beim Viehkauf: Wenn man nicht angeschmiert sein will, schaut man gut und
überlegt gut. Und wenn schon zuvor was fehlt, dann sagt man lieber gleich ein
Nein; denn beim Vieh gilt nur der gesetzliche Fehler, während die andern den
Handel nicht aufheben und doch den Stall verschandeln und den Geldbeutel unnütz
leer machen. Will einer sagen, dass es beim Dienstvolk anders ist? Drum frag
erst. - Der Girgl fragt. »Dass d' du zu mir möchst? Dass d' du weg bist beim
Hauser?« - »Weils mi nimmer gefreut hat bei dem alten Sponzierer.« - »Aha. Und
beim Ödnhuaber ham s' di net mögn. Jetz versteh i 's scho. - Hüa! Hüa hott! -
Naa, i mag di aa net! A so net und a so net. I möcht di nimmer als Hochzeiterin
und aa net als Dirn. I mag di net amal für a Nacht aufs Stroh. Dass d' es woasst.
- Hüa, sag i! Fahrts zua, ös Luader!« - Oho! »Ja, was is denn dees!
Strohschüppel, buckelter! Nachher lasst es steh, balst net magst!«
    Die Hanni rennt heim zu ihrer alten Wabn. Die ist grad zum Hauser gegangen.
Und muss sich dort allerhand sagen lassen von ihr, der Hauserin. Denn so was ist
doch himmelschreiend! Hat man das Weibsbild angenommen als ein Betteldirndl von
der Strasse weg, hat es hergezogen rechtschaffen und mit dem besten Beispiel, und
jetzt hat man den Dank. »Kunnt ma s' so guat braucha!« jammert sie; »hätt ma 's
so guat gmoant damit! Derweil taat sie nachn Simmerl greifa! Und taat eahm a
Kind vürmacha! A so a liaderlichs Weibsbild!« Er hat gut gepfiffen, der Hauser.
Aber von seinem Zusammentreffen mit der Hanni hat er wohl geschwiegen! Denn die
alte Rumplwabn legt der Hanni um Mittag hundert und achtzig Mark auf den Tisch:
»Da, dei Jahrlohn von der Hauserin. Dees von die andern Jahr, sagt s', hast. Und
da hast dei Sach. Du hättst aa nimmer dümmer sein könna, als wia d' gwen bist.«
- »Es is scho recht, sag i!« erwidert die Hanni grob. Im stillen aber sagt sie
selber ein ums andere Mal:
    »O i Rindviech!«
    Am Nachmittag, da das Ähnl seinen gewohnten Schlaf tut, hockt die Hanni in
ihrer Kammer, hat die Tür verriegelt und überzählt ihr Geld. »Fünf Jahr
Hausergeld ... hundert Mark von der Muatta,... zwoahundert von dem alten Tropf
...« Zufrieden betrachtet sie die Gold- und Silberstücke, die Scheine. »Hätts
enk gar net schiach ausgnomma bei die Geldsäck von an Ödhof!« murmelt sie;
»waarts guat zuaweg'standen zu die Hausertaler, zu die Staudnschneiderfuchsen
und zu die Ödnhuaberkrandln. Aber ... was net sein konn, konn net sein. Wo der
Pfenning gschlagn is, da gilt er nix. Da is's besser, er wandert aus.« Sie räumt
ihren Schatz wieder sorgsam zusammen, wickelt alles in ein Taschentuch, steckt
es in einen Strumpf, den sie gut zubindet, und verwahrt so ihr Gut in einem
grossen, alten Samtzegerer, einem Reisesack, den sie mit etlichen Wäschestücken
und einem Werktagsfähnlein vollstopft wie einen Koffer. Ihre übrige Habe sperrt
sie in die Truhe, auf die sie einen Zettel klebt mit der Aufschrift: Eigentum
der Jungfrau Johanna Rumpl von Öd bei Schönau in Bayern. Gewissenhaft muss alles
geschehen; denn wer weiss, wo der Wind einen hinreisst!
    »Jetz probier i's amal z' Münka«, sagt sie; »und is 's z' Münka nix, nachha
geh i auf Berlin, und wenns da aa nix is, nachher roas' i ganz furt. In's
Amerika.« Sie nimmt den Spiegel von der Mauer und den Kamm aus der
Zigarrenschachtel, in der auch die Seife, das Haaröl und der Schuhlöffel liegen;
dann setzt sie sich ans Fenster und beginnt, sich das Haar modisch zu richten
und zu stecken. Darauf zieht sie ihr blaues Festtagsgewand an, steckt die
schweren, langen Seidenbänder an den Hut, dass sie ihr hinabhängen bis zu den
Fersen, wickelt sich in einen dicken roten Wollschal und macht sich also fertig
zur Reise. In der einen Hand den Zegerer, in der andern die Kammschachtel, in
die sie noch schnell Gebetbuch und Rosenkranz wirft, so steht sie endlich an der
Tür und blickt forschend herum. »Vergessen hab i nix. Mein Geldbeutel hab i, mei
Schneuztüachl aa; 's Eahl schlaft, und sinst hab i nix mehr z' toan. - Alsdann.
Nachher geh i.« Ganz leise schleicht sie aus dem Haus.
    An der Stelle beim Wegkreuz, wo sie selbiges Mal dem Simmerl noch den
letzten Pfüagood bot, bleibt sie noch einmal stehen, schaut zurück zu den drei
Bauernhöfen, zieht die Lippen verächtlich herab und geht dann rasch und
entschlossen ihren Weg dahin, der Bahn zu. Rüstig schreitet sie fürbass auf der
tiefverschneiten Strasse. Grau und trüb hängt der Himmel über den Hügeln und
Tälern des Gaues; aber die Hanni schaut fest hinein in den Nebel und ins Gewölk,
indem sie denkt: Du bist mir guat trüab und grob! Bis i auf Münka kimm, werd d'
Sunn scho wieder scheina! Und 's Glück aa!
Der Bahnhof zu Ostermünchen steht öd und verlassen, da die Hanni dort ankommt.
Etliche Lichter scheinen trüb durch den dichten Nebel, der ringsum schwer über
dem Boden hängt, und ein alter Griesgram macht scheltend und brummend seinen
Dienst. Die Uhr zeigt auf sieben.
    Die Dirn tritt in die Halle und zum Schalter. Mit festem Knöchel klopft sie
an die Scheibe. »He da! Eisenboh! I muass auf Münka!« Ein Ruck, das Fenster wird
scheppernd in die Höhe gerissen. Der Kopf des Herrn Bahnvorstands erscheint
einen Augenblick in dem Guckloch. »Jetz geht kein Zug!« Rratsch. Der Kopf ist
verschwunden, das Guckloch fällt zu. »Nachher wart i halt, bis oana fahrt,
Rüappel!« sagt die Hanni gelassen und geht langsam und betrachtend in dem Raume
auf und ab.
    Nach geraumer Zeit kommt noch einer, der mit möchte - ein Soldat. Den fragt
sie: »Wann fahrt er denn scho, der Zug?«
    »In ana halben Stund«, sagt der Bursch; »i kaaf mir derweil no gschwind a
Halbe, drent, beim Wirt.« Damit lässt er sie wieder allein mit ihren Gedanken,
Plänen und Wünschen. Und sie überdenkt kurz ihre Zeit im Hauserhof, spürt noch
einmal die Röte und Hitze einer zornigen Scham, die ihr jäh ins Gesicht fährt,
da sie überlegt, wie sie den Karren hätt heimgebracht, wenn sie nicht so narret
hätt am Zügel gerissen. Nun heisst's wieder von vorn anfangen. Aber: Fang ma halt
nomal an! denkt sie. Glei frisch drauf los und mitten eine ins Glück! Wer woass
's: hat mir koa Bauernhof ghört, werd mir scho a Stadtpalast ghörn, oder gar a
Gschloss. Ein leises Lachen kommt sie an. »Is mir net angst! Wenns aa 's
erschtemal is, dass i in d' Stadt kimm! Da werds scho aa ein Orts a Platzl gebn,
wo i hinpass.«
    Etliche Reisende kommen an und bringen die Dirn aus ihren Betrachtungen. Sie
löst ihre Karte für die Fahrt. Der Zug fährt ein. »Herrgott!« Ein Riss geht der
Hanni durch die Brust!
    Aber sie steigt frisch ein und setzt sich breit neben etliche Soldaten, die
gleich ihr nach München fahren. Einer von ihnen, ein langer, schwarzäugiger
Bursch, schielt sogleich begehrlich zu ihr herüber. »Wo fahrst aus, scheens
Kind?«
    - »Mit der Postscheesn in Himmi!« sagt die Hanni lachend. Die andern
schmunzeln. Der Lange aber meint: »Dees muass aber a abscheulige Himmelfahrt
sein, - so alloanig! - I moan, wennst mi als Schutzengel mitnahmst ...« -
»Nachher kaam i ganz sicher in d' Höll! Dees glaab i gwiss! Naa, i fahr liaber
oaspanni, nachher werd mir doch mei Gaul net scheuch!« - »Aha, die kennt di,
Brüaderl!« sagt dem Langen sein Nachbar. »Die bandelt net gern o mit an
sechsfachen Raubmörder!« - »Aber mit so an Schinderhansl, wias du oana bist!«
erwidert der andere grimmig; »mit so an boarischn Hias lasst sie si ein! Naa,
Frailein, da bleibns scho liaber ledig und wern s' a Klosterfrau! - Dees hoasst:
wanns vielleicht doch a bisserl a Liab hätten zu an ordentlichen Menschen?...«
Die Hanni lacht vergnügt. »Dees müasst i mir wohl erscht no a Zeitl überlegn!«
sagt sie; »und bis dahin kunnt i dir leicht z' alt sein.« -
    Der Zug hält. Allerhand Leute steigen aus und ein, und die Hanni betrachtet
neugierig das Getriebe. Da hört sie hinter sich einen rufen: »Ja, was is denn
dees! Der Knittl! Ja, grüass di Good, Knittl! Wo fahrst zua, alter
Pfannaflicker?« Sie fährt erschrocken zusammen. Der Knittl! Der Pfannenflicker!
Ihr Vater!
    Herrgott, das ging ihr jetzt gerad ab, dass der Alte sie sieht. Ängstlich
duckt sie sich zusammen. Hinter ihr sagt der, den sie von Rechts wegen Vater
nennen sollt, eben: »Ja, grüass di Good aa, alter Spezl! Fahrst aa Münka zua?« Er
fährt also auch nach der Münchnerstadt! Der Hanni steigt's schwül auf, und sie
sucht mit den Blicken die Wagentür. Indes ihre Nachbarn scherzend fragen:
»Alsdann, was is 's, scheens Kind? Wer derf mittoa bei dera Himmelfahrt?« Sie
antwortet nicht; ihre Lippen pressen sich fest aufeinander, ihre Finger rupfen
und zerren an den Fransen des Wolltuchs.
    Und jetzt steht er auch schon da, der alte, vollbärtige Krauterer mit dem
verpichten Gewand, dem der Schnupftabak in den Bartaaren hängt und das Wasser
stetig aus den Augen tropft vom vielen Saufen. »Gibt's da aa koan Platz mehr für
an oaschichtigen Handwerksburschen?« Die Hanni steckt den Kopf tief zwischen die
Schultern; ihre Hände wischen im Gesicht herum. Aber: - »Jessas ... was siech i
... is dees net ... bist du net ... mei Hanni?« tönt's wie eine Posaun vom
letzten Elend an ihr Ohr; »bist du net mei Hanni?... Von der Rumplkatl a
Tochta?« Ach, dass kein Spältlein in der Erden, kein Mausloch Erbarmen hat mit
ihr! Gibt's denn keine Mauer, die sich herabsenkt vor ihr und sie unsichtbar
macht vor ihm, dem alten Tropfen! Schaut nicht schon alles auf sie, auf ihr
festliches Gewand - und betrachtet dann ihn und seine Haderlumpen! Ja, man
schaut und horcht freilich! Sie spürts deutlich. Und denkt daran, dass sie, die
Rumplhanni, zwar wohl das Kind dieser beiden Menschen ist, aber dennoch ein
Waisl, das sein Lebtag jede Suppe allein auslöffeln musste, und jeden Strumpf
selber flicken, wenn er ein Loch hatte! Wer hat mir gholfa, wia i als arms
Haderlumpadirndl auf Gemeindekosten von ana alten Bissgurrn schlecht gfuttert und
schlecht ghalten wordn bin? - Neamd. I selber bin davon. Und dass mi d' Hauserin
gnomma hat, is aa koa Werk von dene gwen, die heunt gern Kind zu mir sageten! So
denkt die Dirn. Und da der Alte abermals fragt: »He, du, Dirndl! Di moan i! Bist
du net d' Rumplhanni von Öd?«, da richtet sie sich straff auf und sagt
eisigkalt: »Naa, da bist irr. So hoass i net.« - »Bist du net beim Hauser von Öd
Dirn gwen?« - »I kenn koan Hauser. I bin vo Rosenhoam.« Der Alte schaut sie
immer noch an, forschend, fragend, wehmütig, enttäuscht. »Vo Rosenhoam. Ja,
nachher hab i falsch gsehgn. Nachher sag i halt: Nix für unguat.«
    Er kann sich nur schwer abwenden. Und da ers tut, rinnen ihm die Tränen dick
über seine blauroten Backen, und er sagt: »Mei, wenn sie's aa waar,... mit mir
kunnt s' alleweil koan Staat macha, mit mir alten Hallodri ...« Damit zieht er
ein Schnapsglas aus dem Sack und trinkt, indes die Hanni bleich und rot wird und
sich wie von tausend Hunden gehetzt vorkommt. Er setzt sich nun zu seinem
Kameraden, der Pfannenflicker. Mit zitternder Hand bietet er ihm die
Schnupfdose, das Schnapsglas.
    »Da, alter Spezi, schnupf amal. Und trink amal. Is a guater Enzian. Weils
gleich is. Weil i heunt amal wieder woass, dass i a alter Lump bin und a Lump war
meiner Lebtag. - Bist no alleweil billiger Jackl?« Der Freund bejaht. Und
schnupft und trinkt.
    Da hält der Zug in Grafing. Allerhand Reisende, Bauern, Bäuerinnen, Soldaten
und junge Weiberleut steigen ein, so dass der Wagen gedrückt voll wird. Der alte
Knittl lacht. »Da schau her, Jackl! Da gehts zua, wia wenn Kirtamarkt wär oder
d' Jakobidult!« Der billige Jakob nickt. Und trinkt wieder von dem Enzian des
Freundes. Da steigt einer ein, der hat kaum den billigen Kaufmann erblickt, als
er auch schon schreit: »Ei, ei! Wen siech i da! An Jackl, den Spitzbuam! Was
hast gsagt, wiast mir die selbig Bettdeckn aufghängt hast? Da legst di eine mit
deiner Bäuerin, hast gsagt, und raus gehst nimmer, bis dass der Kriag gar is! Und
jetz muass i einrucka!« Der Jackl schmunzelt. »Jetz der is guat!« meint er. »Der
denkt, wann er bei mir Kundschaft is, nachher wird er für unabkömmlich erklärt!
Mei Liaber, du gfallst mir! Du hast dir dein Orden scho verdeant! Für di waars
schad, wann s' di amal derwischetn, d' Franzosen oder d' Russen!« Er gibt dem
alten Knittl die leere Flasche wieder zurück. »Da, alter Schwed. Guat is er
gwen. Der macht an Toten lebendig.« Bald ist eine gute Unterhaltung zwischen den
dreien im Gang, der Kaufmann macht seine trockenen Witze, und der alte
Pfannenflicker vergisst vor lauter Lachen, dass er vor kaum einer halben Stunde
erinnert wurde an seine Jugend, an eine bewegte Zeit und an ein Maidl, das da zu
ihm sagen müsst: Vater.
    Die Hanni aber ist verschwunden. In Grafing ist sie ausgestiegen, hat sich
einen andern Wagen ausgesucht und sitzt nun mit ihren Gedanken und Plänen einsam
in einem Abteil für Frauen. Und der Zug eilt dahin und bringt sie der Stadt
immer näher, immer näher ihrem ferneren Geschick, Glück oder Unglück.
Nachdenklich lehnt sie am Fenster und blickt hinaus in die schweigende Nacht,
sieht die Lichter der Wohnstätten an sich vorübergleiten und gewahrt weit hinten
im Nebel die leuchtende Helle der Grossstadt mit ihren ungezählten Lichtern. Und
plötzlich beginnt ihr das Blut laut und stürmisch in den Adern zu schlägeln,
eine grosse Angst vor der weiten, fremden Stadt kriecht in ihr herauf. Doch
tapfer wehrt sie dem Gefühl und würgt es hinab.
    Und da der Zug immer näher dem rötlichen Schein des Lichtmeers kommt, da der
Schattenriss der Münchnerstadt sich immer weiter vor ihren Augen ausbreitet, da
wird ihr Blick wieder klar, ihr Gesicht hart und entschlossen. Sie richtet sich
zum Aussteigen und erwartet stehend das Ende der Fahrt. Und als endlich der Ruf:
»Ostbahnhof! München Ostbahnhof!« an ihr Ohr dringt, da reisst sie ungeduldig an
der Tür, springt frisch aus dem Wagen und trabt wohlgemut den andern Reisenden
nach, die hastend aus dem Bahnhof und über den Platz zur Strassenbahn eilen.
    Schreiend und scheltend drängt sich die Menge in die Wagen; die Hanni aber
spürt keine Lust, ins Ungewisse hineinzufahren, hebt vielmehr vorsorglich den
Rock hoch, damit der Strassenkot ihn nicht bespritze, und stapft den Schienen
entlang die Strassen dahin bis zur Isarbrücke. Da bleibt sie staunend stehen.
Glitzernd und schillernd eilen die Wasser des Isarflusses dahin; Türme, Giebel
und hohe Paläste ragen in die neblige Nacht, indes Hunderte von Lampen und
Lichtern die Strasse taghell machen und das Auge blenden. Hastend und unruhig
wogt der Strom von Menschen an ihr vorüber, Karossen und Wagen eilen hin und
wider, und mit viel Lärm bringt die Strassenbahn ihre Fahrgäste dahin, dortin,
irgendwohin. Lange steht sie da, die Dirn, und schaut. Und kommt sich klein und
immer kleiner vor in diesem endlosen Gewurle und Getriebe. Wieder steigt die
Angst in ihr auf. Aber wieder drückt sie das Gefühl nieder und geht frisch
weiter, dem Isartor zu. Und denkt: »Gross is s', d' Stadt, und weit is s' aa;
nachher wird si scho für mi aa ein Orts a Hoamatl finden und a Kuah zum melken!«
Grasgrea is die Hollerstaudn,
Schneeweiss is die Blüah,
Dirnderl, i hätt di gern,
Wia is denn dir?
D' Kerschbaam blüahn aa wia Schnee,
's Liabn braucht an Fleiss,
Dirn, trau dem Büaberl net,
Er führt di aufs Eis!
Die Hanni steht zaghaft vor dem alten Gastof, drunten im Tal. Schreien und
Lachen dringt daraus, Gäste kommen und gehen, eine laute Musik übertönt
zeitweise den Lärm. Ein altes Weib mit pergamentenen Zügen und langen
Ohrgehängen kniet in der Toreinfahrt vor einem Ofen, fächelt mit einem russigen
Flederwisch in die schlafende Glut, dass sie zur bläulichen Flamme auflebt, und
sagt dazu, so oft jemand vorbeigeht: »Heisse Maroni, Herr! Gute, heisse!« An diese
Alte wendet sich die Hanni. »Muada, woasst nix, ob i da drin über Nacht bleibn
konn?« - »Da drin? O ja! Freilich wohl! Ganz gut!« Sie steht auf und schüttelt
die Kastanien auf dem Röstblech durcheinander. Die Hanni schaut ihr unschlüssig
noch eine Weile zu, dann tritt sie ein in die Gaststube.
    Herrgott! Gehts da zu! Ein Lärm! Ein Rauch und Qualm! Und ein Duft! An
schmierigen Tischen sitzen allerhand verwegene Burschen, verlotterte Mannsbilder
und freche, plärrende Weiber. Dazwischen gehen und stehen ärmliche Händler und
Hausiererinnen herum, bieten ihre elendigen Waren an und unterhalten sich mit
dem und jenem. Bald steht hier, bald dort ein Streit auf, erlischt wieder und
wird aufs neue angefacht, dazu rattert, bläst, pfeift und scheppert in einem
hohen Kasten die überlaute Musik, und über dem ganzen Trubel hängt der dicke,
beissende Tabaksqualm, der dem Neuankommenden für den Augenblick jede Einsicht
hindert, jedes Suchen nach Bekannten unmöglich macht. Die Luft ist erfüllt von
diesem Rauch, vom Dunst der Speisen, vom Geruch abgestandenen Bieres, vom Lärm
der Menschen und der Musik. Betäubt steht die Hanni am Eingang, wird bald von
einem gestossen, von dem andern geschoben und gerät auf Ja und Nein mitten in
einen Knäuel streitender, schimpfender Burschen und Mädchen. Vergebens sucht sie
daraus zu entkommen und den Ausgang zu gewinnen; der Streit wird zum Geräufe,
Stühle, Krüge, Körbe fliegen, Schläge fallen dumpf auf die Köpfe etlicher
Angegriffener, Weiber kreischen auf, und dann fährt gewichtig die Faust eines
Hausknechts dazwischen, der die ganze Gesellschaft in wenig Augenblicken
auseinandertreibt und an die Luft setzt. Die Hanni steht eingezwängt zwischen
Tischen und umgeworfenen Stühlen, unfähig, sich zu rühren. Die Bänder ihres
Hutes sind abgerissen, ihr Gewand ist voll verschütteten Bieres. Und in ihrem
Gesicht steht der Schrecken des Augenblicks.
    Da sagt eine bekannte Stimme: »Hanni! - Rumplhanni!« Sie schaut um sich.
Einer von Vogelried! Ein Landsmann!
    »Gell, du bist vom Ropfer z' Vogelried?« fragt sie ihn.
    »Freili bin i's! Und du bist d' Rumplhanni vo Öd, gell?« - »Ja.« Gott seis
gedankt! Ein Bekannter! Ein Schulkamerad! Die Hanni besinnt sich noch gut auf
den Ropferflorian von Vogelried. »Gell, du bist selbigsmal davon ... durchbrennt
... wia s' di wegn dera Gschicht ... bei der Kramerin ozoagt habn?« fragt die
Hanni weiter. Und sie erinnert sich wieder des Tages, da man die alte
Haschermutter in ihrem Laden schier ohne Besinnung aufgefunden hatte. Das
abergläubische Weiblein zitterte vor Angst und berichtete, der Teufel wär eben
leibhaftig bei ihr im Laden gewesen und hätt ihr gedroht: »Entweder du gibst mir
zwanzg Mark, oder i pack di auf der Stell z'samm und nimm di mit in d' Höll!«
Der Florian lacht. »Mei, i habs ihr ja net gschaft, dass sie's glaabn soll!«
sagt er; »aber braucha hab i 's Geld scho könna. Sie hat mirs ja freiwillig
gebn!« Und damit ist die Geschichte für ihn wieder tot. »Wo kimmst her und wo
gehst aus? Wia kimmst da rei' in d' Stadt und in die Boazn?« Das ist seine
weitere Frage. Die Hanni seufzt. »Mei, an Platz suach i in der Stadt herin. Und
a Wirtshaus zum Übernachten.« Der Florian ist hocherfreut. »Du hast 's Dableibn
im Sinn? An Platz möchst? Ah, da woass i dir glei Rat! Ja, da schau her! Und
übernachten kannst glei in der Näh. Glei in dem Haus, wo i wohn. Und jetz gehst
mit mir um a Häusl weiter, nachher lad i di ei zum Essen. Und zu an Kaffee. Is
's dir recht?« Obs ihr recht ist! Freilich! So allein in der endsgrossen, fremden
Stadt, in dieser Rossschwemm!
    Zwar ist er nicht viel Gescheites, der Ropferflori; es ist auch etwas in
seinem Wesen, was ihr nicht recht gefällt, aber er ist halt doch ihr Landsmann,
das einzige bekannte Gesicht unter viel hundert fremden. Und so geht sie gern
mit ihm in eine andere Wirtschaft, isst und trinkt, lacht und erzählt und
erschrickt ganz, als die Zeit der Polizeistunde da ist. Nun heisst's heimgehen.
Heim! - Wo mag heut ihr Heimatl sein? Wo morgen? Ein leiser Seufzer entfährt
ihren Lippen. »Moanst, dass i z' Münka an richtign Platz kriag, Flori?« -
»Freili! Grad gnua! Oan besser wia den andern!« - »Gott sei Dank! Is mir scho
schier loade worn beim Drodenka! Aber wennst du a so sagst, nachher werds scho a
so sein.« Sie überlässt ihm willig ihren Reisesack, den er ritterlich trägt.
    So schreiten sie frisch dahin durch den leise fallenden Schnee, die Hanni
immer ein paar Schritte hinter ihrem Begleiter, der ihr den Weg weist. Grad
biegt er hinten beim Kloster am Anger ums Eck, indem er sagt: »Jetz wern mir
glei da sein. Muasst aber a bissl warten da herunten, bis i mit der Hausfrau
gredt hab!«, da geschieht etwas ganz Unerwartetes. Der Florian stösst plötzlich
einen kurzen Fluch aus, dreht sich blitzschnell um und rennt an ihr vorbei,
zurück, um die Ecke, davon.
    Mit ihrem Zegerer, ihrer ganzen Habe! Und vor ihr stehen zwei in Uniform,
die ihr den Weg versperren, vor und zurück. Und fragen: ob sie den Burschen
gesehen hätt? »Freili hab i 'hn gsehgn!« Wo er hin wär? »Da hint ums Eck! Was
woass i!« Ob sie vielleicht zu ihm gehöre? »Mei ... ja und naa. Wias d'es
nimmst!« Aber: »Was? Sie wolln uns derblecka, scheints! Sie habn eine
ordentliche Antwort zu gebn, dass Sies wissen! Wie heissen S'?« Die Hanni will
weiter, dem Tropfen nach, der ihren Reisesack mitnahm. »Dees geht koan Menschen
nix o, wia i hoass! Und überhaupts hab i mit enk gar nix z' toan! I will zruck,
dem oan nach, der mei Sach hat!« Aha! Sie ghört also zu ihm! »Sie bleibn jetz
amal bei uns da, Frailein! Verstanden! Sie wissen guat, wo S' Eahna Sach darnach
suacha müassen! Und jetzt sagn S', wie Sie heissen!« - »Naa, ganz gwiss net! Da
kunnt a jeder kemma und fragn, wia i hoass! Gar, wo ma mi so saudumm oredt! Als
wia wenn i wissen tat, wo der oa mit mein Zegerer hin is!« Sie gerät in die
Hitze. »Mein Ruah will i habn, sag i! Suachts enk a anderne aus zum
Fürannarrnhalten!« Und da die beiden immer noch nicht gehen, kommt sie immer
mehr in Zorn und Wut und beginnt zu schimpfen und zu schreien. »Mein Fried
sollts mir lassen! Schaugts liaber, dass's hoam kemmts, anstatt dass's d'
Weibsbilder drangsalierts! Ös ghörts überhaupts net da her! Ös ghörts scho lang
in Schützengrabn ausse! Seids gross und stark gnua! Und bals mi jetz net glei
guatwilli steh lassts, nachher zoag i's enk, wer i bin! Aber richti!« Sie ballt
die Fäuste, stampft, wütet. Und da die beiden gar verlangen, sie solle mitgehen
auf die Wache, als sie vom Verhaften reden und von grober Widersetzlichkeit, da
ist es aus mit ihrer Fassung. »Grob! Wer is denn grob? Koa Mensch wia ös! Ös
waarts mir no so Soldaten! Schaama derfts enk! Da waar insa Kini sauber
aufgricht, wenn er lauter solchene hätt!...« Und schliesslich bricht sie in
Tränen aus, weint um ihr Sach, um ihre Ruh, um ihr Öd. Es ist nichts mehr mit
ihr zu machen, und da schliesslich den beiden Polizisten etliche Kameraden in den
Weg kommen, packen sie die Hanni, heben sie in einen herbeigeholten Wagen und
bringen sie trotz ihres Sträubens zur Polizei als ein »aufgegriffenes
Frauenzimmer, welches sich nicht ausweisen konnte und Widerstand gegen die
Staatsgewalt verübte«.
    So sitzt also die lautweinende Hanni im Polizeiarrest bei noch etlichen
andern, die gleich ihr im Verlauf der Nacht aufgegriffen und eingeliefert
wurden. Neben ihr hockt eine alte, betrunkene Hadernsammlerin aus Giesing auf
der Bank und schimpft über den sozialen Tiefstand des Wirtschaftsbetriebes, über
die ungleiche Verteilung von Geld und Bier und über die ungalante
Schutzmannschaft Deutschlands. Daneben unterhalten sich ein paar auffällig
gekleidete Mädchen mit einer dicken Wäscherin, die sich ihnen als Hauswirtin
anbietet. Indes in einer Ecke eine Hausiererin steht und mit viel Tränen einem
Mädchen der Gasse ihr elendigs Schicksal und ihre Not schildert. Und da sie dies
getan, geht sie auf die Hanni zu und sagt:
    »Gehngan S' zua, Frailein, woanan S' do net a so! Deswegn werds do net
anders! Sie müassn Eahna akkrat a so denka wia i: Der Arme is ein Opfer des
Kapitulierns. Mit den Arma tuat a jeder, was er mag. Bsonders wann oana koan
Pfenning Geld hat und an schlechtn Leumund. Dass er sei Straf net zahln konn; dass
er s' absitzen muass, wia i. Ja, wenn i net so a Rindviech waar! Aber a so hab i
halt wieder um a Glasl z'viel ghabt, a Wort hin und oans her, und der Widerstand
is fertig gwen. Und der Alt hockt dahoam und huast, d' Kinder plärrn um was z'
essen, und d' Hund winseln ums Fuatta. Und i hock da und wart auf morgn früah,
wenn s' mi heunt nimmer auslassen! Wo kommen S' denn her? Warum sand S' denn
da?«
    Die Hanni hört allmählich zu weinen auf. Das Weib da vor ihr hat eine
grössere Kirm zu tragen. Die ist nimmer frei und ledig. Und dennoch überkommt die
Dirn noch mal ein heftiges Schluchzen, als sie der andern erzählt von ihrer
Reise, von ihrem Zusammentreffen mit dem Ropferflori, von ihrem Unglück. »Hättst
es halt die Schutzleut gsagt, wiast hoasst!« meint ihre Genossin. Aber: - »Wenn i
gmoant hab, Soldaten sand s'! Was woass i von dee Schutzleut! Bei uns hat ma halt
Greane, Schandarm hoasst man s'«, erwidert die Hanni. Und es währt nicht lang, da
sind die beiden Weiberleut gut Freund geworden. So dass die Hanni wieder ganz
munter ist und ruhig den Morgen und das Verhör erwartet.
    Da redet sie frei und ehrlich, sagt auch, wer sie ist und was sie vorhätt,
und empfängt mit viel Freude ihren Reisesack, den der Flori wohl in der Eile von
sich geworfen und den ein Strassenkehrer gefunden hatte. Freilich, die Strafe für
ihre Widerspenstigkeit gegen die Staatsgewalt muss sie wohl bald erleiden! Doch
tröstet sie ihre Leidensgenossin, die Hausiererin. »Was wolln s' dir viel
macha!« sagt sie, »wennst viel kriagst, nachher kriagst a Woch. Dees hast
schnell abgsessen! Mei, was sollt denn da i sagn: i muass jeden Winter meine
sechs, acht Wocha macha. Weil i d' Straf net zahln konn. Weil i a arma Teife
bin. Und 's Gschäft geht halt amal in dene Strassen am besten, wos Hausieren
verboten is.«
    Ja ja. Aber es ist halt doch eine Woche, wenn's auch bloss eine Woche wird.
Und sie muss mit den vier Mauern bekannt werden, die sie mehr scheut als ein
langs Siechenbett! Herrgott! Die in Öd wenns wüssten! Der Staudnschneider, die
Hauserischen, der Simmerl! Oder die Leni! Die Schand! Das Gerede!
    Es ist gut, dass die Hausiererin ihr Sinnieren und Bohren unterbricht, indem
sie sagt: »Übrigens, was i dir sagn will: Du kunntst leicht bei mir a paar Wocha
bleibn als Kindsmagd! Oder aa zum Obstverkaaffa! I gib dir 's Essen dafür und 's
Schlaffa. Wennst willst, kannst jederzeit komma. I wohn in der Au, beim
Lilienberg. Wennst nach mir fragst, a jeds Kind zoagt dir dees Häusl von der
Weinzierlfranzi!« Die Weinzierlfranzi. Vom Lilienberg. In der Au. Ein Heimatl.
Die Hanni sagt zu.
Draussen bei der Kirche Maria Hilf in der Au sind die Herbergen vieler alter
Bürger unserer Münchnerstadt. Und entlang dem Lilienberg lehnen noch allerhand
Hütten und Häuslein, in denen schon die Urväter mancher noblen Palastbesitzer
und Wagerlprotzen ihre ärmlichen Hosen zerrissen und die Wänd bekritzelt haben.
Ein winziger Geissenstall, ein morscher Holzschupfen, ein alter Röhrlbrunnen oder
eine mürbe Holzaltane und ein wilder Holunderstrauch in dem armseligen
Wurzgärtlein weist noch dem Beschauer die Genügsamkeit der Bewohner dieser
Herbergen mit ihren zwei, drei Kammern und dem Küchenloch. Da hinaus führt nun
die Weinzierlfranzi ihren Schützling, die Hanni. Es ist um die Zeit am Morgen,
da die Fabriken ihre Signale zum Beginn der Arbeit heulen und die Bäckerburschen
mit den Milchmädchen an Strassenecken schwatzen. Durch die Gassen hinkt ein alter
Lichtanzünder und verlöscht das Morgenlicht in den Laternen, und fröstelnd
trippeln fünf, sechs Mädchen in dünnen Fähnlein ihrer Arbeitsstätte zu. Aus den
Fenstern der Häuser blinkt da und dort ein mageres Öllicht, und aus den russigen
Kaminen steigt leicht und bläulich dünner Rauch in die beissend kalte, klare
Morgenluft. Auf den hohen Giebeldächern liegt der festgefrorene Schnee, und von
den Dachrinnen, die so nieder sind, dass man den Hausschlüssel darin verwahren
kann, ohne einen Schemel zu brauchen, hängen dicke Eiszapfen schier bis zum
Boden.
    Vor einer dieser Hütten macht die Franzi halt; sie späht erst durch eins der
vereisten Fenster, dann drückt sie leise auf die Klinke. Das Haus ist offen, und
sie treten ein in den winzigen Hausflöz. Da liegen und stehen Körbe, Kisten,
Häfen und Holzscheite herum, auf den ausgetretenen Stufen der geländerlosen
Stiege liegt Wäsche und Spielzeug, und vor der Tür, die in die eine Kammer
führt, steht das eiserne Zylinderhütlein ihrer Kinder. In der Kammer liegen drei
der Hascher in einer mageren Bettaut, einer sitzt hemdärmelig auf dem kalten
Stubenboden, hat die Kaffeemühle und etliche Erdäpfel als Spielzeug neben sich
und jammert um die Morgensuppe. Ein aufgeschossenes Maidl hockt vor dem alten
Sesselofen und bläst aus vollen Backen in die schwelenden, rauchenden Reiser,
während ein etwa sechsjähriger Bub auf dem zusammengesessenen, pichigen Kanapee
steht und die Herdringe zur Melodie des Münchner Schäfflertanzes schwingt.
    Die Hanni bleibt beklommen draussen vor der Stubentür stehen; doch ihre
Gastgeberin sagt freundlich: »Trau di nur rei', Hanni! Gschiecht dir nix!
Höchstens, dass di d' Arbat opackt. Geh, ziag mir die Gsellschaft o; die
derfriern ja! Und koch eahna an Kaffee! Muasst aber z'erscht d' Goass melcha!« Die
Dirn ist froh um die Arbeit. Sie zieht die schreienden, zappelnden Würmer an,
wäscht sie und striegelt ihnen das Haar, hilft der Grossen ein Feuer anmachen,
dass es knistert und kracht, und stellt den Hafen mit dem Kaffeesatz darauf. »Wo
hast dein Stall und a Melchgschirr?« fragt sie danach. Die Weinzierlin wird
verlegen. »Mei«, sagt sie, »so nobel wia bei den Bauern gehts bei mir net zua.
Da hätt ja i an Platz net dazua. Mir habn halt drei Stuben, und da hab i oane
vergebn an an Zimmerherrn. Sand halt doch alle Monat sechs Mark. Und hintn, wo
der Stall hingehört, hab i mei Gmüas und mei War. Mir muass si halt nach der
Deckn strecka. Da hint steht a blecherna Eimer, schau, den nimmst zum Melchen.
Und da drin ...«, sie öffnet eine niedere Tür ... »Da drin is d' Goass.«
    Die Hanni nimmt den Blecheimer, auf dem noch ein Zettel klebt: »Feinste
Aprikosenmarmelade«, und will hinein in die Geissenkammer. Aber erschrocken fährt
sie zurück. Da liegt auf einem elendigen Lager ein bleicher Mann mit
eingefallenen Wangen und fiebernden Augen, der flüstert heiser etwas
Unverständliches und winkt mit matter Hand seiner Franzi, wobei ihn ein dürrer
Husten peinigt. Neben diesem Siechenbett steht ein alter Waschkorb; und darin
kriechts und wurlts, und es winselt ein Häuflein junger Hunde und krabbelt und
sucht an der knurrenden Alten herum. Drunten am Fussende der Bettstatt aber ist
ein Haufen Laubstreu aufgeschüttet, und darauf liegt, an den Bettfuss gebunden,
meckernd eine grobbeinige Geiss, die sogleich aufspringt und nach ihrem Futter
schaut. Die Weinzierlin geht an die Liegerstatt ihres Mannes, streicht ihm das
Kopfkissen glatt und horcht auf sein Geflüster. »Wo bist denn gwen?« fragt er. -
»Da brauchst do net z' fragn!« erwidert sie bitter. »Dass d' di denn alleweil
wieder erwischn lasst!« - »Ja no. I hab halt wieder 's Maul net halten könna. Und
a Widerstand is schnell beinand. Aber dees is jetz gleich. Dees ghört zum
Gschäft. I hab mir wem mitbracht als Aushilf derweil, bis i wiederkimm - von der
Straf. Deesmal muass i sechs Wocha macha.« Ihr Alter seufzt und fragt um den
Kaffee. »Glei kriagst 'hn«, sagt seine Franzi und schaut zufrieden auf die
Hanni, die sich frisch auf die Streu gekniet hat und nun in flinken Strichen die
gelbliche Milch in den Eimer melkt. Danach kocht sie eilig den Kaffee fertig,
füttert die Kinder und den Kranken und geht dann hinter in den winzigen Schupfen
um Heu für die Geiss. So beginnt sie ihr Tagwerk in der Münchnerstadt, in dem
neuen Hoamatl, von dem sie dachte, es würde sich schon eine Kuh drin finden zum
melchen. »Macht nix«, denkt sie; »wenns aa koa Kuah is; na is 's halt derweil a
Goass!« Und sie tut singend ihre Arbeit.
Kinder warten, Hunde füttern, den Kranken pflegen und der Geiss einstreuen, das
Haus versorgen und die Mahlzeit richten, das ist der Hanni ihr Tagwerk; ein paar
Stunden Schlaf auf dem hinabgeschelchten Kanapee, das ist ihre Nachtruh. Und
eines Morgens sagt die Weinzierlin: »Hanni, heunt muasst mit zum Handeln. Dass d'
dich auskennen lernst in der Stadt, und dass d' mir 's Gschäft weiterführn
kannst, wenn i net da bin.« Also holt sie ihren Handkarren aus dem Schupfen,
ordnet das Gemüse, die Orangen und die Nüsse darauf und schreibt mit grossen
Buchstaben die Preise auf die Tafel, die sie auffällig an den Karren hängt.
»Franzi, wennst von der Schul hoamkommst, nachher wärmst die Suppen in dem
blauen Hafen dort auf!« sagt sie noch zu der Grossen; »und a Brot gibst an jeden,
und an Vatan a weichs Ei. An Hund net vergessen und d' Goass! Pfüat enk der
Himme!« Sie schliesst das Haus und macht sich auf den Weg.
    Und so trabt auch die Hanni mit der Händlerin durch die Strassen dahin wie
das Kalb am Strick, betrachtet die Stadt mit ihren Häusern und Läden, die
Gassen, Plätze und Winkel, schaut auf die Schilder, welche ihr deren Namen
weisen, und horcht auf die Rufe der Franzi, die ihre Waren mit beredten Worten
anzubieten versteht. »Madam! Schöne goldgelbe Zitrona, viere a Zehnerl! - Geht
nix ab? - Zuckersüasse Oranschen, Herr Nachbar! - Nehman S' Eahna a paar mit!
Fünfe um a Zwanzgerl, Herr! - Neue Nuss! Nix gfällig?« Freilich geht das Geschäft
nicht reissend; aber sie kommen auf ihrer Reise doch auch an Plätzen vorbei, wo
sie binnen weniger Minuten mehr verkaufen als anderswo in einer Stunde. »Dees
muass i mir merka«, meint die Hanni; »dass i die Plätz no woass, wann i amal
verkaaf. Überhaupts sollt ma glei bloss dahin fahrn, wo si was rührt!«
    Aber im selben Augenblick kommt einer, den die Dirn noch gut erkennt als
einen Wächter der Gesetze; und sie begreift es schnell, warum ihre Wirtin so
geschwind den Karren um die Ecke schiebt und im Trab die nächsten Strassen
durcheilt. Ja ja. Breit ist die Strasse - zum Verderben; aber es wohnen halt die
reichen Leute dort! Und die Franzi meint: »Ja no! Allemal, wenn i mei Straf
wieder abgsessen hab, gib i a Zeitlang Obacht auf die Vorschrift. Aber wenn i
siech, wia meine Kinder hungri sand und d' Apotekn oa Markl um dees ander frisst
für mein Kaschban seine Trankerl - mei, da wird oan alles wurscht. Da hoassts
halt: Hast a Geld? Und balst koans hast, bist verratzt und verkaaft vom Anfang
bis zum End. Is 's vielleicht anders? Bringst an Schratzn auf d' Welt - dees
erschte is, dass d' Hebamm fragt: Hast a Geld? Wenn s' aa net mit Worten fragt;
mir gspürts scho, wann s' siecht, dass ma koans hat. Nachher lasst a so a
Grischberl taafa; mei, 's Wasser kost't freili nix. Aber - der Pfarrer möcht
lebn, und der Messmer möcht lebn, und der Magischtrat und d' Gmeinde aa. 's
Heiratn ham s' oan aa net umasonst erlaubt; und balst amal einefallst in d'
Gruabn, und brauchst an Nasendetscher und an Ewigkeitsfiaker, nachher tat not,
du hättst als a Toter no an Geldbeutl in der Hand. Ja ja. - Is mir heunt scho
angst, wenn mei Kaschba amal dro glaabn muass. Bis i dees beinand hab, derf i mi
no oft einsperrn lassen! Denn i möcht 'hn doch scho dritter Klass' eingrabn
lassen, wenns a bissl geht. - Gnä Frau, was geht ab? Der Karfiol? Sechzig, gnä
Frau. - Sonst noch was gfällig? - I dank schön, gnä Frau. A andersmal wieder d'
Ehr!« Einmal kehrt die Franzi mit der Hanni auch ein während ihrer Handelsfahrt.
Drunten beim Markt und Dultplatz, im Blauen Bock. Da sitzen sie beieinander, die
Karrenschieber, essen ihren Brocken Wurst oder Käs, trinken ihre Mass und
schwatzen sich die Galle weg, die ihnen so oft im Tag übergeht, wegen der War,
wegen der Kundschaft und wegen des Wortes: Verboten. Und die Hanni lernt das
Geschäft kennen; den Grosshändler, die Reisser und Schlager unter der Ware, die
Kundschaft und das Gesetz mit seinen Vertretern. Sie horcht genau auf die Rede
des alten, dicken Kartoffeltobias, verfolgt die Ausführungen der rotaarigen
Blumenhändlerin und überlegt, was man für die nächsten Tage ankaufen könnt, um
wenig zu setzen und viel zu gewinnen.
    So lebt sie sich gemach ein in den Beruf ihrer Hauswirtin, der
Weinzierlfranzi, und wird schliesslich deren Vertraute und rechte Hand. Und das
Häusl draussen an dem Berghang wird allmählich hell und freundlich, die Kinder
hängen an ihr, dem Baserl, die Hunde springen ihr entgegen, die Geiss kennt sie,
und der dahinsterbende Weinzierl macht zufrieden die eingebrochenen Augen zu,
wenn ihm die Hanni die Kissen aufschüttelt und die Kammer hinausfegt. - Die
Weinzierlin aber geht dahin, wo sie als tote Nummer einer Zelle den grauen
Kittel der Verbrecher trägt, Socken strickt und Tüten klebt, Böden schrubbt und
Wäsche reibt gegen einen Taglohn von vielleicht zwölf Pfennigen, bis sie den
letzten Heller ihrer Strafmandate abgesessen hat.
Josefi! Der Tag aller Sepperl und Pepperl! »Heut geh i mit Bleame«, sagt sich
die Hanni am Tag vor Josefi; »denn heut bring i sicherli mehr Veigerl und
Schneeglöckerl o als wia Blaukraut und gelbe Rüabn.« Und sie legt ihr gutes
Gewand an, nimmt den weiten Armkorb statt des Karrens und läuft zur grossen
Marktalle, wo sie bald das Rechte findet: Anemonen, Schneeglöcklein, Nelken und
Veilchen. Auf einer Bank nahe der Isar bindet sie geschwind eine Menge kleiner
Sträusslein, und dann eilt sie mit dem Korb stadteinwärts, belebten Strassen zu
und grossen Häusern. »Herr, ein Sträusserl gfällig? - Schöne Veigerl, Frau, was
geht denn ab? A Namenstagbuketterl net vergessen, gnädigs Fräulein!« Ach, sie
kommen hart über ihre Lippen, diese Lockrufe und Anpreisungen! Und die Frauen,
die vorüberhasten, sehen sie an mit Augen, die ganz unverhohlen sagen:
Betteldirn! Tagdiebin! Und die Männer? Ja ja. Die schauen nicht bloss ihre Blumen
an und ihren Korb; die gaffen ihr gar oft ins Gesicht, dass sie wähnt, es würde
ihr bei solchem Gaffen alles abgezogen, jede Hülle, und sogar die Haut.
»Herzerl! - Schatzerl! - Schöns Kind!« Aber das Geschäft geht gut.
    Und gegen Abend, da die Strassen und die Läden, die Gaststätten und die
Wohnungen hell erleuchtet werden, da hat sie alle ihre Veilchen und die
Schneeglöcklein verkauft, und auch von ihren Nelken und Anemonen sind nur noch
wenig Büschel übrig. Da kommt ein alter Herr des Wegs, im Pelzrock und
Zylinderhut. Der hat kaum die Hanni erblickt, als er sogleich zu ihr in die
Toreinfahrt tritt, auf den Rest in ihrem Korb deutet und fragt: »Was kosten
sie?« Und dabei gleitet sein Blick über ihre schwarzen Zöpfe, ihren Körper, und
bleibt betrachtend stillstehen in ihrem von der kalten Luft geröteten Gesicht
und in den Augen, indes sie leise sagt: »Drei Mark, Herr.« Er zieht die Börse
und fragt, während er darin herum sucht: »Wie heisst du denn? Bist du Münchnerin?
Bist du schon Frau?« Die Hanni bindet mit unsicherer Hand den Strauss zusammen.
    Was der alles wissen möcht! Das wär wieder so einer! Aber ein feiner, ein
vornehmer Herr ist er doch! Und sicher reich - sehr reich! Seine Börse ist
gefüllt mit Silbergeld und Scheinen, und sein Anzug, sein Benehmen sagt ihr, dass
er etwas andres ist als alle, die ihr bisher in die Augen sahen, - so begehrlich
... »I bin koa Münchnerin, naa, Herr. I bin aa net d' Frau selber. I bin bloss d'
Hanni.« - »Die Hanni. Hast du zu Haus noch Blumen?« - »Naa, Herr. Aber i kann
Eahna leicht morgn no oa bsorgn, so viel S' mögn!« Der Herr besinnt sich ein
wenig. Dann reicht er ihr eine Banknote hin. »Hier. Lass nur gut sein. Und bring
mir morgn noch so einen Strauss. Wart, hier hast du meine Adresse. Um zwei Uhr
bin ich zu Haus.« Er gibt ihr eine feine Visitenkarte in die Hand. »Auf
Wiedersehen, Fräulein Hanni!« Noch ein kurzer Gruss, ein Lüften des Zylinders,
dann ist er in dem Strom von Strassenbummlern verschwunden.
    Die Hanni blickt ihm betäubt nach. Dann betrachtet sie abwechselnd die Karte
und das Geld. »Zwanzg Mark! Für die paar Bleame! Und a Baron is er, der Herr!
Und reich, ganz narrisch reich ...« Sie fährt mit der Trambahn heim. »Heut laaf
i nimmer z' Fuass bis in d' Au! Heut hab i scho mein Wochenlohn verdeant!« sagt
sie sich. Und immer wieder betrachtet sie die Karte mit dem vornehmen Namen und
der vornehmen Adresse. Und da sie draussen bei der Weinzierlhütten steht und
aufschliesst, summt sie leise:
»Lusti is auf der Welt,
Zwanzg Gulden in Silbergeld,
Dreissge in Schein -
Bua, mei Herzerl ghört dein!«
Die Hanni wirft den Korb unter die Stiege im Hausflöz, zündet eine Kerze an und
geht hinein in die Stube. Aber die ist leer. Und aus der Kammer daneben dringt
ein matter Lichtschein. Sie läuft durch die Stube und bleibt erschrocken an der
Kammertür stehen. Da liegt der Weinzierl wachsgelb und starr in den Kissen;
neben der Lagerstatt brennt in einer steinernen Flasche eine Wachskerze, und auf
dem Nachttischchen liegen allerhand bunte Heiligenbilder ausgebreitet. Und auf
der Zudeck des Bettes liegen und krabbeln die jungen Hunde, indes die Alte
drunten bei den Füssen des Toten sich unters Deckbett verkrochen hat und schläft.
    Die Kleinen aber hocken auf der Geissenstreu und machen halblaut Musik mit
Papiertrompeten, indes der Bub leise weinend unter der herausgezogenen
Kommodenschublade liegt und ängstlich nach dem eingebrochenen Gesicht des Toten
schielt. Und die Geiss steht meckernd dabei, wühlt mit den Hörnern in der Wäsche
und zerrt an ihrem Strick, der sich in ihre Füsse verwickelt hat. Starr steht die
Hanni eine Weile vor dem Bild; endlich rafft sie sich zusammen, trägt die Kinder
hinaus, kocht, versorgt das Haus und eilt danach zur Totenpackerin und zum
Schreiner, zum Doktor und zum Pfarrer, bei dem sie auch das grosse Weinzierlmaidl
findet, bleich und mit grossen, fremden Augen. »Sie hat ihn sterben sehen«, sagt
der Pfarrer mit einem Blick auf das Kind; »nun wollt sie nimmer heim, allein.« -
»Aber mit der Hanni geh i scho hoam«, sagt das Dirndl. Und sie fasst die Hanni
bei der Hand und zieht sie mit sich fort.
    Nun liegt also der Tote da, und man muss warten bis zum Morgen, bis er in die
gelblackierte Truhe mit dem Hobelspanbett und den steifgestärkten Spitzen kommt
und der Deckel mit dem blechernen Herrgott drauf den starren Leichnam
einschliesst in die Kammer, die leicht Platz hat in der stillen Grube draussen im
Gottesacker. »Mei, is guat, dass 'hn unser Herrgott hoamgholt hat!« meint die
Leichenfrau am Morgen, da sie den Abgeschiedenen wäscht und für die letzte Reise
kleidet. »Für die arma Leut is der Tod allemal a Glück. Und fürn Weinzierl scho
ganz gwiss. Sitzt sie scho wieder?« Die Hanni gibt ihr keine Antwort und geht
hinaus. Indes die Leichenträger und die Geistlichkeit erscheinen, der
Friedhofswagen mit den beiden Rappen vorfährt und also der ehrbare Kaspar
Weinzierl für immer seine Herberg in der Au verlässt. dabei dann einer von den
Trägern zu den andern halblaut sagt: »Da werds mitn Trinkgeld mager ausschaugn!«
und ihnen seufzend eine Prise aus der grossen Dose anbietet.
    Da nun die Kammer leer und ausgefegt und das Bett des Heimgegangenen in die
Holzlege hinausgehängt ist zum Lüften, auch die Kinder versorgt und die Stube
durchwärmt ist, da muss die Hanni daran denken, den Tod des Hausvaters seiner
Wittib draussen mitzuteilen. Und so macht sie sich am Vormittag noch auf den Weg.
»Und wenn grad amal was wär, Hanni, mit eahm, oder mit die Kinder, nachher
bringst mir die Botschaft 'naus; fahrst bis in d' Tegernseerlandstrass und gehst
die Alleebaam nach. Wenn d' Häuser ausgehn, siechst es a so vor dir steh.« So
sagte die Weinzierlin noch vor ihrem Gehen. Also fährt die Hanni mit trübem Sinn
und müdem Kopf dahin und geht nachdenklich durch die alte Strasse, indes der Föhn
durch die Bäume pfeift, die Wolken jagt und drüben im Forst heulend über die
Wipfel fegt, dass es weitin ächzt und kracht. Fröstelnd zieht sie ihr Wolltuch
fester um die Schultern und blickt mit grossen, starren Augen hinüber zu dem
düsteren Häusergeviert mit der kleinen Kirche und den hohen Mauern, welche
alles, was dahinter ist, abschliessen von der Aussenwelt. »Wann wirst du selber
drin sein hinter dene Fenstergitter?« fragt sie sich; »wie mag dir wohl die
Suppen schmecken drin in so einer Keuchen?« Und ein Zorn packt sie - über ihr
hitziges Blut, über ihre Reise nach München, über alles, was Schuld trägt an
ihrem Dasein überhaupt.
    Unter solchem Denken und Sinnieren kommt sie unversehens an das hohe
Gittertor, das sich eben hinter einem alten, dürren Weiblein schliesst. Sie
überlegt, ob sie nicht dem Pförtner noch rasch rufen sollt; aber sie tuts nicht.
»Dann geh ich zu Maxim ... da bin ich sehr intim ...« Die Hanni blickt
erschrocken um sich. Da trippelt auf zierlichen Stöckelschuhen eine modisch
aufgeputzte Dame hinter ihr zum Tor, trällert und singt und wiegt den Kopf mit
dem Federnhut dazu im Takt, schlenkert das Täschchen und den Schirm in der Hand
und tut, als ging sie zu einem Reichsgrafen auf Besuch. Vor dem Eingang bleibt
sie stehen, schaut von oben herab zur Hanni hin und fragt:
    »Ham Sie schon gläut'!?« - »Naa.« Die Hanni betrachtet in starrem Staunen
das noble Frauenzimmer und überhört schier, dass der Pförtner mit dem rasselnden
Schlüsselbund das Tor aufschliesst und einem die Freiheit gibt, einem bleichen,
hageren Burschen im hellen Sommeranzug und Strohhut. Der zieht frierend die
Schultern hoch, steckt die Hände tief in die Hosentaschen und sagt: »Joldene
Freiheit, wie blickste mir an! Nee, Justav, so wat machste nich wieder!« Und
damit stutzt er mit langen Schritten stadteinwärts. Der Schliesser aber begrüsst
die Dame mit den Worten: »So, bist scho wieder da, Kati! Nur 'reinspaziert!«
und sagt dann zur Hanni: »Wollen Sie auch 'rein?« Die fährt erschrocken
zusammen. »Jaa ... dees hoasst ... i muass zum Herrn von dem Haus. I hab eppas zum
ausrichten.« - »Aha. Also, dann gehn S' nur aa glei mit.« Drinnen in der
Wachstube des Pförtners wird das feine Fräulein sogleich als alte Bekannte
begrüsst und einer Aufseherin überwiesen. Die Hanni aber weist den Totenschein
des seligen Weinzierl vor und sagt: »Ich muass mit der Weinzierlfranzi redn. Ihr
Mann is gstorbn, gestern.« Man stellt sie dem Inspektor der Anstalt vor; dann
wird sie in eine Kammer geführt, die durch ein hohes Gitter in zwei Hälften
getrennt ist. Sie setzt sich fiebernd und zerschlagen auf einen Stuhl. Ein
Schaudern erfasst sie wieder, da sie daran denkt, dass sie vielleicht schon in
wenig Tagen auch hier sein muss - als eine Bestrafte, eine Büsserin. Aber
dazwischen kommt ein trotziger Grimm über sie. »Für was eigentli? Wegen was
sperrn s' di ein? Was hast denn gar to? A paar fremde Mannsbilder hast a bissl
scharf anlassen, weilst es net kennt hast, dass s' gwappelte gwen sand! - Ah
was!...«
    Eine Tür wird aufgeschlossen, eine robuste Wärterin mit harten Zügen und
stahlgrauen Augen tritt mit der Gefangenen ein. Die Franzi wird bleich und rot;
Angst wechselt mit dem Gefühl der Scham, hier hinter Schloss und Riegel, hinter
Gitterstäben und im Beisein eines Dritten weiss Gott was hören, reden zu müssen.
Aber die Hanni spürt, wie es der Franzi ist; sie würgt an ihrem Mitleid, Zorn
und Schmerz, drückt die notpeinliche Verlegenheit nieder, die sie beim Anblick
ihrer Hausmutter befällt, dabei sie an die Legend vom lieben Christusherrn
denken muss, wie er vor dem Herodes stund; und sie sagt: »Franzi, du hast gsagt,
wenn amal was is,... i muass dir sagn ... dass dei Mo ... der Kaschba ... gestern
... ruhi ... und guat ... hoamganga is. Am Sunnta werd er eingrabn.« Es ist aus
mit ihrer Fassung. Da drüben hinter diesem Beichtstuhlgatter, da steht die
Wittib, wie eine schmerzhafte Mutter unterm Kreuz, schlägt die Händ vors
Gesicht, lässt sie wieder sinken und sagt endlich mit einer fremden, toten Stimm:
    »Der Vater. Mei Kaschba. Nachher san ma jetz alloa.«
    Die Aufseherin unterbricht sie mit einem Wort des Beileids. Und meint
darnach: »Mei, grad recht leicht wird er kaum gstorbn sein, Eahna Mann! Wenn man
bedenkt, - die arma Kinder, und d' Frau da herin ...«
    - »O du ...« Beinahe wäre der Hanni ein Wort entfahren, das ihr gewisslich
eine Woche Aufentalt in diesen Mauern eingebracht hätte; aber sie schluckt 's
hinab. »Wennst was Bsonders hättst, Franzi: an Wunsch oder was; sag mirs. Was i
toa kann, tua i.« Die Weinzierlin schüttelt den Kopf. »Naa, Hanni. Werst scho
alles recht macha. A Sträusserl Rosen kaafst eahm, für mi, und a Mess lasst eahm
lesen. - Ja, wenn i's Geld hätt! Aber mei. Unseroana is und bleibt der Depp. Im
Lebn und im Sterbn. Aber dees macht nix. Dafür gehts die reichen Leut besser.
Geh, Hanni, gehn ma wieder. I mag net grob sein. Wenn oana an Geldsack scho in
d' Wiagn nei kriagt, kann er so weni was dafür, als wia oana, der an Buckel mit
auf d' Welt bringt, oder an Kopf ohne Verstand. Mach dei Sach guat. Am Samstag
acht Tag bin i wieder frei. Frailn Maier, führn S' mi wieder auffe, bitt schön.
Pfüate Good, Hanni. Schaug auf meine Kinder ...« Ein hartes Weinen schüttelt
sie, da sie geht. Die Hanni macht sich still auf den Heimweg.
Der Weinzierl ist zur Erden bestattet mit dem Gepräng und den Ehren, die ihm
gemäss der Klasse, für die bezahlt wurde, zukamen. Und die Hanni begleicht die
Totenrechnungen, bindet den Kindern schwarze Halstüchlein um, fegt das Haus von
unten bis oben und geht danach wieder zum Handeln wie zuvor. Bis endlich die
Weinzierlin kommt und ihr die Geldtasche samt dem Karren abnimmt, indem sie
sagt: »Is mir lieber, wannst du dahoam bleibst bei die Kloana. Du konnst mit der
Hausarbeit besser umgehn, und i mitn Handeln.«
    So hätte denn die Hanni ihr Heimatl, ihre Erdäpfel mit der Brennsuppen und
ihre Arbeit. Aber wie es halt so ist im Leben: hat einer den Strick, so möcht er
den Esel dazu, und hat er den Esel, so möcht er ein Ross. Und da die Hanni das
Häflein hat, möcht sie auch eine Wurst darein. Oft steht sie an dem Guckloch des
hochgiebeligen Schindeldaches oder droben auf der Höhe des Fischerberges, schaut
mit brennenden Augen über die grossmächtige Münchnerstadt hin und seufzt: »Ja,
ja. Wer da drin an Orts so an Palast hätt! A rare Hoamat und a Geld und a
Ansehng bei die Leut ...« Wohl ist sie ihrer Hauswirtin dankbar für die Aufnahm,
für das Vertrauen, wohl kommt sie sich da draussen in der altmodischen Vorstadt
mit ihren gemütlichen Häuslein und Hütten, mit ihren Gassen und Winkeln und dem
grünen Wasser, das sich mittendurch schlängelt, schier wie daheim vor; aber in
ihr bohrt der Ehrgeiz, das Verlangen nach Wohlstand und Ansehen. Und sie
überlegt schon, wie sie einen Vorwand fände, der Weinzierlin den Pfüagott zu
geben.
    Da schickt sichs, dass sie eines Tags in ihrem blauen Festgewand eine Karte
findet, die ihr das Blut gählings in die Schläfen treibt: jene vornehme
Visitenkarte mit dem Namen des Barons im Pelzrock, der ihr die Blumen alle
abnahm und so freigebig bezahlte. Sie starrt auf die Adresse. Wenn nun der Weg
zu ihrem Glück durch diese Strasse führte?... Vielleicht sollte man einmal
hingehen?... Blumen bringen und sagen ... ja, was sollt man sagen?... Man hat
sich nicht getraut ... Ein leises Lachen überkommt sie bei diesem Gedanken. »I -
mir net traun! I trau mir scho! I geh zum Sparrigankerl selber, wenns sein muass,
wenn mei Glück davon abhängt!« Aber da ist eine Stimm, die warnt und ratet ab
davon: »Geh nit hin! Tus nit!« Und die Hanni geht zwiespältig mit sich selber
herum und kommt zu keinem rechten Fürnehmen.
    Derweil aber rollt der Stein, den sie in derselbigen Nacht so grob und
hitzig gegen jene Männer vom Gesetz hinwarf, seinen Weg dahin und liegt ganz
unversehens mitten in ihrer Bahn als Urteilsspruch, der sie für dreimal
vierundzwanzig Stunden hinausschickt in eine jener Zellen, darin heute eine ihr
Unglück beweint, morgen sich eine ihrer Bosheit freut und übermorgen vielleicht
eine fragt: »Warum? Was hab ich getan?« Und auch die Hanni steht eines Tages in
jenem Raum, in dem die Kleider und das Eigentum aller eingeschlossenen Frauen
und Mädchen verwahrt sind; und wie zuvor zu der, die hierherkam, weil sie ihr
Kind zu einem Krüppel schlug, wie zu der Dirne, die einem Gimpel seine goldnen
Federn ausrupfte, wie zu der verwegenen Landstreicherin, die mit ihrem Genossen
und Geliebten in Gehöfte einbrach und von Betrug und Diebstahl lebte, so sagt
die Aufseherin nun auch zu ihr: »Ihren Namen! - Wie lange haben S'? - D' Stiefel
runter! - D' Strümpf ausziehn! - D' Haar aufmachen! - Auskleiden!« Hoch bäumt
sich etwas auf in ihr; es mag wohl Stolz sein, Scham und ein verletztes
Ehrgefühl. Doch:
    Du bist ein Sträfling wie jene andern! sagt sie sich; jetzt hat Gottes Mühl
auch dich zwischen die Mahlsteine genommen! Jetzt kommt die Straf für deinen
Hochmut in Öd! Die Aufseherin durchsucht ihr die Kleider, die Wäsche, die
Strümpfe, das Haar. Danach heissts: »Wieder ankleiden!« Ein Paar Pantoffeln, ein
Handtuch und ein deckelloser Steinkrug sind ihre ganze Habe, die sie mitnimmt in
die einsame Zelle mit dem hochgeschnallten Strohsack, dem Tischbrett und der
Bank. Schlüssel rasseln, Riegel schlagen, das hohe Gitter auf der Treppe
scheppert: die Hanni ist Gefangene, eine Zellennummer, wie die andern, neben
ihr, über ihr, unter ihr.
    Nach einer Zeit tönt abermals der Lärm des Schlüsselbundes, das Stossen der
Türriegel. »Kübel raus! Krug raus!«
    Bleiche Gesichter, freche, trotzige Mienen, vom Weinen verschwollene Augen,
graue Büsserkittel, feine Schlafröcke: Für einen Augenblick huschen bunt
zusammengewürfelt die Bewohnerinnen des Stockwerks aus ihren Zellentüren; mit
scheuer Neugierde wandern schnelle Blicke den Gang hinauf, hinunter, und
flüchtig werden hier und dort mit Augen und Händen Zeichen geheimen
Einverständnisses gewechselt, indes zwei grobgewandete Mädchen Wasser in die
Krüge füllen und das Brot verteilen und eine finster schauende Aufseherin alles
bewacht, beobachtet, hier eine Erkrankte für die Sprechstunde beim Arzt
vormerkt, dort ein Versehen rügt, eine Gefangene scharf anlässt und schliesslich
klappernd und rasselnd eine Zellentür um die andere zuschlägt und verriegelt.
    Die Hanni hockt stumpf auf ihrem Bänklein; wie ein harter Traum kommt ihr
das Ganze vor. Aber wieder und wieder schreckt sie das Geklirr der Schlüssel,
das Schlagen der Riegel und Türen auf; und da plötzlich eine Klappe in ihrer Tür
laut schallend geöffnet wird, springt sie mit einem dumpfen Schrei in die Höhe
und fährt sich an den Hals. Doch ist's bloss abermals eine Aufseherin und zwei
Gefangene, die das Essen verteilen, eine dicke Erbsenbrüh mit einem schwarzen
Brotknödel. Die Hanni berührt es kaum. Sie stützt die Arme auf den Tisch und
schaut durch den kleinen Spalt des halb geöffneten Fensters hinauf in das
Stücklein Himmel, in die jagenden Wolken, die durch die dicken, schwarzen
Gitterstäbe noch blendender, weisser erscheinen.
    Rrumm! »Gschirr raus!« Mit müden Schritten trägt die Hanni ihre Schüssel hin
zur Türklappe. Eine Hand nimmt sie weg, und eine derbe Stimme sagt: »Nummer
achtundzwanzig hat auch nix g'gessen!« - Nummer achtundzwanzig, - bin dees net
i? denkt die Hanni; da erscheint auch schon der Kopf der Wärterin in der
Türklappe. »Warum essen Sie nicht?« - »Weil i net kann.« - »Warum nicht?« -
»Weil i koan Appetit net hab.« - »Aha! Koan Appetit hat s' net! Da kann man
abhelfen: heut nachmittag tun S' Böden abreiben, dann wird's Ihnen morgen schon
besser schmecken!« Rratsch. Die Klappe ist zu.
    Eine Weile ist es still auf dem Gang. Nur von ferne hört man Klappern,
Bürsten, Wasser schütten. Dann werden wieder Tritte laut. Und jemand rollt leise
summend Fässer oder Blechtonnen vor die Zellentüren. Irgendwo schwatzen und
lachen Frauen, vielleicht Aufseherinnen. Und dann ist wieder Stille; eine
schwere, beengende Stille, die durch nichts unterbrochen wird als durch das
klagende Läuten der Mittagsglocke drüben in der Kirche, durch den dumpfen Laut
einer zugeschlagenen Tür in einem andern Stockwerk, durch einen schrillen
Schrei, ein lautes Weinen.
    Endlich klirren wieder die Schlüssel, knarrt das Gitter, kommt Leben in das
Haus. Die Zellen werden geöffnet. »Kübel 'nei! Anstellen in den Hof!« Da
kriechen sie aus ihren Zellen wie die Schnecken aus den Häuslein! Hier humpelt
eine dürre, bucklige Alte mit einem winzigen schneeweissen Haarschwänzlein, durch
das eine grosse Beinnadel gesteckt ist, die wohl gewohnt war, einen schweren Zopf
oder ein Gesteck aus Rosshaaren zu halten. Die grosse Hakennase macht das faltige
Gesicht schier hexenhaft, und die Augen blitzen giftig von der Aufseherin zum
Gitter. Daneben tritt eine grosse, stattliche Dame in Trauerkleidung aus einer
Tür, und sie schaut scheu von einem Gesicht zum andern, ob nicht jemand da ist,
der sie erkennen möcht. Ihr gegenüber lehnt eine einäugige Bauerndirn mit
pichigem, rotblondem Haarschüppel in ihrer grauen Sträflingskutte und
schmutzigweissen Strümpfen an der Mauer, bohrt in den Zähnen und betrachtet
gelangweilt das Getriebe um sich her.
    Die Hanni geht gedrückt zu dem Häuflein, das am Gitter steht, und sie
schielt verstohlen hin zu den andern Gefangenen; zu der kleinen schwarzen Frau
im roten Schlafrock mit ihren lebhaften Augen und dem hochfahrenden Wesen; zu
der alten gebeugten Mutter mit dem bunten Kopftuch und der tröpfelnden Nase; zu
den beiden jungen Mädchen mit den frischgekräuselten Locken und den
herausfordernden Gesichtern, zur Aufseherin, die mit kalter, strenger Miene vor
dem Gitter steht, mit den Schlüsseln klirrt und ungeduldig mit dem spitzen Schuh
den Boden tritt. »Wird's bald?! Wollt ihr euch ordentlich anstellen da vorn!
Marsch, vorwärts jetzt!« Das Gitter öffnet sich, und stumm gehen die Paare
hinaus ins Freie, in ein kleines Viereck mit hohen Mauern, etlichen knospenden
Sträuchern und einem jungen Grasfleck in der Mitte. Und die Paare lösen sich
auf; immer eine hinter der andern, jede durch einen Zwischenraum von ihrer
Vordnerin getrennt, so beginnt der Umgang. »Abstand halten! - Was haben denn Sie
zu gaffen! - Wer schwätzt da! - Sie, da hinten! - Wissen Sie nicht, dass Winken
und Zeichengeben verboten ist! - Nachgehen da drüben! - Abstand da herüben!« Die
Hanni tappt stumpf und gleichgültig hinter der zwerghaften, verkrüppelten
Gestalt mit dem grossen, knochigen Schädel und dem faltigen, leberfleckigen
Gesicht drein; und sie sieht gar nicht, dass diese schon eine Weile scheinbar den
härwenen Rock rückwärts hochhebt, um ihn nicht zu beschmutzen, wenn sie in die
vielen Wasserlachen patscht, in Wirklichkeit aber mit grosser Behendigkeit mit
den Fingern Zeichen macht, die nur ein Eingeweihter kennt. Da tönt's plötzlich
an ihr Ohr: »He da! Sie von Nummer achtundzwanzig! Was haben Sie da für eine
Unterhaltung mit Ihrer Vordnerin?« Die Hanni fährt erschrocken zusammen; ihre
Gedanken waren weit weg, in einer armen Hütten in Öd, bei ihrer alten Wabn ...
Da kommt abermals die barsche Frage: »Was haben Sie eben verhandelt mit Nummer
sechzehn?« - »I? Gar nix! I kenn ja gar neamd da herin ...« - »Aha! Gar nix! Sie
kennt niemand! Raus da, alle zwei! Sie da! Was haben Sie eben der Gefangenen da
für ein Zeichen gemacht?« Die Leberfleckige schaut dreist von der Aufseherin zur
Hanni und von der Hanni hin zu einer rotaarigen Dirn mit frechem Wesen. »I? Mit
dera? Dees taat i scheucha! I hab grad meiner Freundin an Servus zuagwunken!«
Worauf die Rotaarige sofort ungefragt dazwischenfährt: »Teats enk fei nix! Dass
ma si fei nimmer grüassen derf, da herin. Da kannts weiter net zuageh!« Die Hanni
schnauft erlöst auf. Die Aufseherin aber lässt die beiden bös an und übersieht
darüber ganz, dass unterdessen die Abstände zwischen verschiedenen immer kleiner
werden, dass da und dort die Hände und die Augen reden, ja, dass sogar geflüstert
wird! - »Wia lang hast?... Wo bist?... Numero?... Wann wirst frei?... Wennst
mein Altn siechst, sagst eahm, i lass 'hn grüassn ...« Unterdessen kann die Hanni
wieder eintreten; die beiden andern aber werden immer frecher, immer
schnippischer in ihren Antworten, bis die Aufseherin plötzlich zur Tür geht und
scharf läutet. Es erscheint eine andere Wärterin, und die Weiber werden
augenblicklich abgeführt. Und die in der Reihe flüstern: »Jetz gibts Dunkel und
Kostabzug!«, blicken scheu den beiden schreienden und schimpfenden Mädchen nach
und schlürfen gedankenvoll ihren Weg weiter, bis es heisst: »Anstellen!« Da
kehren sie zu Paaren wieder zurück in ihre Zellen und machen andern Platz zur
Promenade.
    Nun beginnt die Arbeit, das Bödenreiben. Die Hanni wird mit noch vier
anderen von einer Wärterin zurückgeführt in einen Raum, wo Putzzeug aller Art
vorhanden ist. »So, Maidli! - Nehmet nur eir Sach! - 's isch alles da, was d'
ihr brauchent! - Allens! Allens! - Machent e bissele rascher, ihr säumige
Schlämpli! - Bis ich wiederkomm, will ich epps Gschaftes sehe! - Und dass d' ihr
mir ja grindlich schrubbe wellet! Sonsch lass ich eich das ganze Werk nomahl
beginne! - Allens! Allens! - Nit so säumselig! - Die Arm a bissele brauche, ihr
Gschössli!« Sie steht noch eine Weile und sieht der Arbeit zu, geht dann leise
von Tür zu Tür und schaut durch das kleine Guckloch, sperrt unvermutet eine
Zelle auf und ruft zornig: »Nix wird gschlafe! Uf der Bode flakke am helle Tag,
sell könnt 'ne passe! Her da zum Schrubbe! Zum Schlafe braucht mer die Nacht!
Bei Tag muess mer schaffe!« Damit lässt sie die Gefangene gleichfalls einen
Wuschel Stahlspäne nehmen und heisst sie fleissig mitarbeiten. Dann geht sie
langsam zum Gitter, schliesst hinter sich ab und ist verschwunden.
    »Alleluja Löffelstiel, alte Weiber schwätzet viel ...« murmelte eine der
Putzerinnen. »Jetz ham mir unsern Grüabigen für a halbe Stund! Herrgott, meine
sechs Wochen wenn amal um sand ...« - »Nachher zahlst an Rausch, gell!« ergänzt
ihre Nachbarin, die Einäugige. Aber: »Da wirst di schneiden! Den sauf i mir scho
selber an!« erwidert die erste, eine dicke Person von vielleicht dreissig Jahren.
»Du bist aa net so nobel, dass d' amal an Taler springa liassest!« - »Was? I! Auf
an Taler gehts mir gar nia net zsamm! Da kann mi a jeds beim Wort nehma!« Eine
robuste Alte mischt sich ein. »Dir schneibts gwiss 's Geld, oder findst es auf
der Strassen?« Die Einäugige schmunzelt. »Kannst gar net so unrecht habn! I hab
scho hie und da oans gfunden.« - »Auf der Strassen?!« - »Ja, auf der Strassen.« -
»Du?!« - »Ja, i.« - »Mit dem Kopf!« - »Warum?« Die Einäugige fährt in die Höhe.
Die Alte betrachtet sie eine Weile aufmerksam und meint dann mit grosser
Geringschätzung: »Naa. Mi drahst net o! So farbenblind san nachher d'
Mannsbilder do no net!« - »Di schaugt freili koana mehr o!« - »Brauchts aa net.
I hab mei Sach.«
    Eine Jüngere mischt sich ein: »Aber ihr habts amal an damischn Dischkurs!
Dees Mannsbild möcht i kenna, dees wo sein Madl 's Geld glei häufaweis
nachschmeisst, der mei is net so dumm!« - »Aber du bist, scheints, no ganz dumm!«
meint die Einäugige. »Warum hängst di denn hi an oan, der nix hat? Muass 's denn
grad der sein? Als ob net a andere Muatta aa wieder a liabs Kind hätt! Naa, mei
Liabe: zwegn oan Mannsbild traurig sein, dees fallt mir gar net ein! Allweil
überecks, überecks, - alleweil fünf, sechs!« - »Wia machst nachher du dees, dass
si so viel ohängen?« Die Einäugige lacht belustigt. »Wia i dees mach! Ja, gibts
denn dees aa, dass oans no so dumm is! Pass auf, i zoag dirs amal, wenn i wieder
in Freiheit bin!« Die Dicke aber meint: »Zoags uns nur jetz glei! Mir möchten aa
was profitiern davo!« - »Dees könnts enk denka! Wenn nachher grad 's Auge Gottes
daher kommt, nachher hoassts: Drei Tag Dunkel!« Aber die andern hören nicht auf
zu betteln. Und die Alte deutet auf die Hanni. »Da is oane, die soll derweil
luren, ob wer kommt. Di soll si derweil ans Gitter stelln!« Die Hanni schüttelt
den Kopf. »Naa, so was mach i net. Zwegn dene drei Tag, die ich hab, is 's net
der Müh wert, dass i mir an Dunkelarrest hol. So an Schlüsselbund hört man von da
aus aa scheppern.« Ein höhnisches Lachen ist die Antwort darauf. »Aha! A Greane!
Die hat ihre ersten drei Tag Eiskasten! Na, bals amal öfter da war, vergehts ihr
scho besser, 's Zwirma!«
    Die Einäugige wirft ihren Wuschel weg und steht auf. »Also passts auf,
nachher zoag i 's enk, wia ma Gimpel fangt!« Sie bewegt kokett ihren Kopf,
zwinkert mit dem Auge, reckt sich, macht sich elegant in der Erscheinung, indem
sie aus den Pantoffeln schlüpft, sich auf die Zehen stellt, die Büste zur
Geltung bringt und sich in den Hüften wiegt. »Das is doch furchtbar einfach!«
sagt sie. »Da geht ma fesch austapeziert mit Federnhuat und Lackschuah durch d'
Neuhauserstrass, stellt si beim Oberpollinger an a Strassenlatern, schwingt 's
Handtascherl und hebt 'n Rock, dass ma d' Spitzerl siecht. Kommt nachher so a
Stieglitz daher, nachher brauchst bloss recht freundlich schaugn, mit die
Augndeckl z' winkn und -« - »Vorsicht! Strohhalm! Der Schlüsselbund!« flüstert
im selben Augenblick eine der Putzerinnen; und alles schrubbt und reibt, dass der
Staub fliegt. Aber es ist nichts Gefährliches. Die Aufseherin eines andern
Stockwerks stellt ausserhalb des Gitters einen Arbeitskorb nieder und geht
wieder. Also kann die Unterhaltung gut noch fortgesetzt werden. Und die Alte
meint: »Du bist gwiss deswegen da, zwegn die Augndeckl?« Die Einäugige erwidert
sehr von oben herab:
    »Da werst di aber täuscht habn! Dumm wer i sein! Naa, i bin bloss da, weil i
an Geldbeutl gfunden hab!« - »Ah so!« - Alle schmunzeln. Nur die Dicke bleibt
ernst und meint: »Ja ja. Wias halt geht. Bin i jetz fünf Jahr Kellnerin beim
Matäser und muass mi rein zwegn nix und wieder nix zwoa Monat da 'reihocka! Bloss
weil i an den Kerl a bissl mitn Masskrug hinkomma bin ... wo er behauptet hat, i
hätt 'hn bschissen um a Markl! Körperverletzung! Dem hats gar net gschadt, dass
er a bissl was verlorn hat von seim boshaftn Bluat! Und überhaupts, i bin ja net
amal richtig dro hinkomma, an sein Wasserkopf!« - »Mei, es gibt halt überall a
Ungerechtigkeit auf der Welt«, sagt da die Alte; »geht mir aa net anders. Drei
Scheitl Holz hab i weg von an Lagerplatz; sechs Wocha habn s' mir auffeghaut.
Und der ander, der scheene Herr Baumoasta, hat mir aa no dees ganze Holz wieder
gnomma! Trotz 'm Einsperrn! Und hätt ma den ganzen Winter so schee brenna könne
dro!« - »An dene drei Scheitl.« Die eine sagts, die zuvor beim Schlafen erwischt
wurde. Die Alte wirft ihr einen giftigen Blick zu. »Di wern s' aa net zwegn an
Rosenkranzbetn da 'rei habn!« - »I woass's net. Wenn a Widerstand dees nämliche
is, nachher scho.« Ein Widerstand! Die Hanni horcht auf. Und sie getraut sich zu
fragen: »Habts ees aa an Schandarm beleidigt?« - »I? Naa. Aber a paar
Schutzleut.« Und dann erzählt sie, dass sie an Dienstboten Stellen vermittelt,
dass sie grad jetzt das beste Geschäft gehabt hätte und die schönsten Plätze.
»Was moanst denn, was mir dees für a Schadn is!« sagte sie. »Jetz sollt i fürn
Mohrenwirt zwoa Kellnerinnen suacha und fürn Martlbräu a Küchenmadl, fürn
Schlickerwirt a Zimmermadl ...« Die Schlüssel klirren, die Aufseherin kommt.
»Ei, ischts nur meeglich! Die Frauenzimmer hent no nit gar! Wie lang wellet ihr
denn da no rumknocke, ihr lahme Flitschli! Allens jetzt, oder es geit e
Dunnerwetter!« - »Wenn mir a so tean, was mir könnan!« murmeln ein paar der
Putzerinnen; die Hanni aber schrubbt und werkt und hat etwas im Kopf, das geht
herum, wie ein Mühlrad:... fürn Martlbräu a Küchenmadl ... fürn Schlickerwirt a
Zimmermadl ... Dass doch die drei Tag schon um wären!
    Aber da ist eine lange Nacht auf hartem Lager - und ein langer Tag und noch
zwei Ewigkeiten schier, bis endlich der Riegel für sie zum letztenmal
zurückgestossen und die Zellentür geöffnet wird; bis die Aufseherin da drunten in
der Kleiderkammer wieder sagt: »Ausziehen! Wieder ankleiden!« Bis sie den Zettel
in Händen hat gleich einer Quittung, dass sie ihre Schuld gebüsst, gezahlt hat.
Bis sie endlich wieder ausserhalb des hohen Gittertores auf der Strasse steht,
tief Atem schöpft und schliesslich wie erlöst von dannen geht, ihrem Heimatl zu,
drunten in der Au.
He juche, is der Graf z'Irlbach gstorbn,
He juche, mitsamt seine Knecht;
He juche, jetz kunnt i Graf z' Irlbach werdn,
He juche, wann mi d' Frau möcht!
Die Hanni geht singend durch die Gassen, hinauf zum Martlbräuwirt. Leise summend
tritt sie ins Haus, betrachtet im Hof die vielen Bauernfuhrwerke, schaut dem
Hausknecht zu, wie er ein Ross eingeschirrt, und sucht danach die Küche.
    Da steht die feiste Wirtin eben an dem grossmächtigen Herd und kostet die
Speisen, wobei sie sagt: »Salz her! Essig her! Da is ja koa Saft und koa
Gschmach drin in dem Bifflamod! Dees schmeckt akkrat so fad, wias du bist, du
zwiders Frauenzimmer! Du waarst no so a Köchin! Da kann amal oana a Freud habn,
wenn er di kriagt, du fade Nockn, du fade! Geh, mach, dass d' mir aus der Küch
kommst! 's Blaukraut is net gsalzen, die G'röst'n habn koane Rammerl, der Salat
is lauter Gnatsch ... geh zu dein Schepperkasten nauf, is mir liaber! Lern dein
Walzer, dass d' was konnst, wenn amal der Kriag gar is!« Das Mädchen, ein
blasses, hochaufgeschossenes Ding von vielleicht sechzehn Jahren, zieht der
Wirtin den schweren silbernen Schlüsselhaken aus dem Schürzenbund. »I brauch d'
Schlüssel! Bei dir kann ma überhaupt nix recht macha! Oamal is dir z' süass
kocht, und oamal z' sauer. Da bin i scho liaber beim Vater in der Schenk drin.
Oder in der Stund. Übrigens, was i sagn möcht, Mutter: A neue Operette is wieder
gspielt wordn! Die schau i mir an, und wenns was is fürs Klavier, nachher kaaf i
mirs, gell?« Die Wirtin rührt heftig in der Griesssuppe herum. Jetzt schielt sie
ein wenig hin zu ihrer Tochter. »Soo, a neue Operettn, sagst! Die schaugn mir
uns an, jawohl. Kati, richten S' d' Teller und d' Plattl her, und schneiden S'
an Schnittlauch für d' Suppen! Fanny, läuten S' der Kellnerin, dass i ihr's Essen
ansag! Fräulein, was möchten S' denn?« Sie schaut forschend nach der Hanni, die
schüchtern an der Tür steht und einen Grüss Good herauswürgt. »D' Verdingerin
hat gsagt, Sie brauchen wem zu der Arbat, da in der Kuchl ...« - »Naa, sag i!
Seit drei Tag wart i scho drauf, dass s' mir oane schickt! Heut hätt i mir um a
andere Verdingerin gschaut!« Sie betrachtet die Hanni mit scharfem Auge. »San
Sie scho lang in der Stadt?« - »Naa, i komm vom Land«, erwidert diese und
befolgt damit einen Rat der Weinzierlin, die noch vor ihrem Weggang sagte: »Wenn
s' di ums Dienstbüacherl fragn, nachher sagst, du hast no koans, und du bist vom
Land. Dees hört jede gern.« Damit hatte sie nicht unrecht, denn die Wirtin
mustert ziemlich wohlwollend das ganze Äussere der Hanni und sagt dann: »Aha. Vom
Land. Wo sand S' denn her? - Soo, von Öd bei Aibling. Wie alt? - Vierazwanzg.
Aha. Was verlangen S' denn Lohn? - Fünfazwanzg Mark! Dees is a bissl viel! I zahl
eigentli koana mehra wia zwanzg. - Aber da kann ma ja no redn drüber. - Sagn mir
halt jetz amal: zwanzg Mark, kassenfrei und an Liter Bier im Tag. Und d' Arbeit:
's Gmüas putzen, 's Fleisch herrichten, der Köchin flink in d' Händ arbatn, der
Hausmagd helfen und an Metzger helfen. Können S' glei dableibn?« Die Hanni
meint: »Mei Sach hätt i halt no holn müassn.« Aber die Wirtin sagt schnell:
»Dees soll Eahna nachher der Hausl holn. Is's weit? - Am Fischerbergl? Bei der
Quellngassen drübn? - Ja, ja, dees geht scho. - An Schurz kann Eahna ja d'
Frieda gebn. Wia hoassen S' denn? - Hanni. Soo. Also. - Frieda, an Schurz für d'
Hanni! Nachher zoagn S' ihr glei die Keller, 's Schlachtaus, 's Fleisch, d'
Speis und eure Zimmer. Und dann kann s' glei die Ranna hobeln und Kartoffel
schäln.«
    Die Tochter der Wirtin steht immer noch mit dem Schlüsselbund an der
protzigen Silberkette da, betrachtet die Hanni neugierig und läuft dann eilends
hinein in die Gaststube zum Wirt: »Vata, jetz ham mir schon a Küchenmädl. Hanni
heissts. A ganz netts Madl. I glaub, die kann i guat leidn.« Also tritt die Hanni
ihren neuen Platz an und denkt: Wird schon gehen mit Glück und Geschick, und
vielleicht hängt's jetzt doch auch einmal wieder auf die gute Seiten.
Die Karwoche ist vorbei mit ihren Trauermetten und Busspredigten, mit ihren
Fasttagen und Fischgerichten; man läutet die Auferstehung unsers Herrn mit allen
Glocken ein zu Sankt Ludwig und Sankt Kajetan, im Damenstift und vom Dom unserer
lieben Frau. Und es folgt das eherne Geläute von Sankt Peter und von Paul, von
Mattäus und Sankt Markus, von Lukas und Johannes. In den Läden stehen die
Osterhasen und die Zuckerlämmer mit ihren Fähnlein, und in den Wirtshäusern
hocken die Arbeiter, schimpfen auf die Feiertage, auf den Krieg, auf alles, was
nach ihrer Meinung Ursache ist zum Klassenunterschied, zur Armut und zur
Notwendigkeit der Arbeit; schimpfen, brummen und trinken, und gehen zum Metzger,
wo sie sich so ein, drei, vier Pfund Schweinernes oder Kälbernes kaufen als
Osterbraterl: weil's gleich is, weil der Arbeiter alleweil der Hanswurscht is!
Auf den Bahnhöfen wurlt's und wimmelt's von Soldaten, fortziehenden und
heimkehrenden, von lachenden Frauen, weinenden Müttern; und über dem ganzen
österlichen Getriebe der Münchnerstadt schwebt der laue Hauch des Frühlings und
eine stille Sehnsucht nach einer friedlichen, glückhaften Zeit.
    Droben beim Martlbräu platzen die Knospen der Kastanien, treibt der Flieder
seine Dolden, gurren die Tauben auf dem Dach der Stallungen. Und die Hanni steht
mit heissem Gesicht und geröteten Armen am Herd, wendet den Braten, rührt die
Brüh, klappert mit den Deckeln und wischt an den Tellern, indes die Wirtin den
goldenen Zwicker auf die dicke Stumpfnase setzt, die Zeitung durchblättert und
nebenbei zufrieden nach der Hanni schaut, wie sie schafft und werkt, ein
heiteres Gesicht macht und doch alles unter ihre Fuchtel zwingt, sogar die
Köchin, die Frieda.
    Eben kommt der Metzger aus dem Schlachtaus in die Küche, trägt eine grosse
Mulde mit Nieren, Lebern, Fleisch und Milzwürsten zur Anricht und sagt: »Jetz
bin i fertig. Da sand no zwoa Schweinslebern zu der Suppen auf morgn. Wer hilft
mir 's Schlachtaus z'sammräuma?« Die Frieda fährt ihn ungnädig an: »Dees können
S' Eahna denka, dass mir heut für Eahna Zeit habn! D' Marie muass draussen im
Garten d' Tisch und d' Stühl putzen und aufstelln, und d' Hanni muass mir d'
Leber wiegn zu der Suppen! Werden S' Eahna scho alloa a net z' weh toa, denk i!«
Die Wirtin schielt über den Zwicker weg zu den beiden hin. Und zwischen den
Brauen graben sich ein paar unmutige Falten ein. »Weils nur scho wieder streiten
müassts!« Da sagt die Hanni: »I werd leicht fertig mit meiner Leber! Wenns Eahna
recht is, Frau, nachher hilf i an Hans schnell zsammputzen.« Die Falten sind
verschwunden, die Wirtin nickt bejahend und befriedigt. »Ja, Hanni, helfen S'.
Was gschehgn is, is gschehgn. Nachher kommt er in d' Schenk, der Hans. Mei Mann
sitzt si aa gern a bissl nieder.« Der Frieda fährt die Röte des beleidigten
Stolzes übers Gesicht. »Vo mir aus konn s' ja helfa, d' Hanni! Vo mir aus tuat
s' überhaupt glei alles! Mei Arbat aa! Mi gfreuts a so nimmer! Wann i Eahna
nimmer pass, nachher derfan S' es grad sagn, Frau! I kann ja geh aa!« Die Wirtin
wirft die Zeitung weg und reisst den Zwicker von der Nase: »Jetz is halt scho
wieder Feuer am Dach! Nachher gehn S' halt! Vo mir aus zum Teife! So a fade
Bries krieg i alleweil wieder, wia Sie sand!« Aber die Hanni meint: »Dees
brauchts do net, Frau! D' Frieda moants do gar net a so! Sie siecht si halt mit
der Arbeit net recht naus! Aber mir werdn scho ferti! Vorwärts, Hans, schnell a
Wasser in den Kübel! Bis mir lang schwatzen, ham mirs!«
    Der Metzger schmunzelt: Herrschaft, die verstehts! Das ist ein Leut! So eine
als Frau kriegen, in so ein Gschäftl, wie der Martlbräu! Da gäb der Alt daheim
gern seinen Segen und die notwendigen Pfandbriefe dazu! Dann bräucht man als
reicher Bauernsohn nimmer andern Leuten in den Sack hausen! Man hätt selber sein
Sach und seine Familie! Er schleppt das heisse Wasser hinunter ins Schlachtaus.
Die Hanni folgt mit Seife und Bürste, Sand und Putzhadern. »Hanni!« - »Was
is's?« - »Du gfallst mir.« - »Soo. Dees is freundli von Eahna.« - »A so a
Weiberl kannt i glei braucha.« - »Aber i no koan Mo.« Sie beginnen zu wischen,
zu putzen und zu fegen, zu kratzen und zu kehren. Und der Bursch beginnt wieder:
»Hanni!« - »Ja, was is's?« - »Gell, dees gfallt dir gar net, dass i a gläserns
Aug hab?« - Die Hanni erschrickt. Denn schon etliche Male hatte sie den
sauberen, nicht unebenen Burschen still betrachtet und gedacht: Wenn er net grad
a Metzgerbursch wär und wenn er net a Glasaug hätt ... nachher wär er gar net so
übel, der Hans. - »Warum? Dees konn doch mir ganz wurscht sein, was Sie für Augn
habn!« Sie werkt und schrubbt, dass alles schäumt und spritzt. »Is dei Schatz aa
in Kriag, Hanni?« - »Was is's? I hab koan Schatz!« - »So sagt jede!« - »Dees
kann scho sein vo mir aus! Aber i hab koan! I kunnt gar koan braucha. Weil i den
do net kriag, den i möcht.« Der Bursch horcht auf. »Was möchst nachher du für
oan?« Die Hanni lacht. Ihr helles, lustiges Lachen. »Mei, dees is glei gsagt:
Der mei muass amal sauber sein, richtig sein, a Geld habn, und a Schneid, dass ma
zu was kommt. Denn i brauch a Haus und a Kuah und a guats Millisupperl in der
Fruah ...« Der Metzger schaut ihr begehrlich ins Gesicht. »Du verlangst freili
viel. Aber wenn jetz i dees alles hätt, was du verlangst ...« - ...« - »Sie! Was
i verlang! Mei Liaber, Sie hätten dees gar nia, was i verlang! Sie gwiss net!« -
»Warum net?« - »Fragn tuat er aa no! Der oaschichtige Metzgerbursch, der
Deanstbot! Mei Liaber! A Deanstbot bin i ja selber! Also brauch i oan, der mi
draus erlöst! Der mi zu ana Frau macht! Naa, Freunderl, dees schlagn S' Eahna
nur glei wieder ausm Kopf! Mit uns zwoa is's nix; ganz gwiss nix.« So sieht eine
Absag aus. Eine richtige Absage. Und doch ist der Hans nicht zornig, nicht
gekränkt. Er schweigt, räumt seine Messer auf und pfeift danach einen Landler.
Und denkt bei sich: »A so und net anders muass amal die meinige sein.«
»Der Wirtin Töchterlein,
Die trägt ein himmelblaues Kleid,
Sie schwärmt fürs Blaue
Zum Zeitvertreib.«
Eine Kompanie Soldaten zieht durch die Strasse.
»Ei darum, Maderl, Maderl, wink, wink, wink!
Unter einer grünen Lialind
Sitzt ein kleiner Fink, Fink, Fink,
Ruft nur immer: Maderl, wink!«
Vor der Tür des Martlbräustüberls stehen vier Mädchen und winken: die Tochter
der Wirtin, die Kellnerin, die Frieda und die Hanni. Und es winkt die Tochter
dem jungen Leutnant mit den spiegelnden Ledergamaschen, die Kellnerin der ganzen
Kompanie, die Frieda dem gestrengen Feldwebel und die Hanni dem Offizier, der
auf seinem Fuchsen hinter der Mannschaft dreinreitet, eine Zigarre in der
behandschuhten Linken hält und die Rechte mit der eleganten Reitpeitsche grüssend
an die Mütze führt, indes ein leises Lächeln über sein Gesicht huscht. Die Hanni
schaut mit grossen, brennenden Augen dem tänzelnden Pferd mit seinem Reiter nach.
Und sie hört kaum, dass der Briefträger vor sie hintritt und sagt: »Hat euch des
zwoafarbige Tuch wieder ganz und gar vom Verstand bracht! He da! - Frailn
Johanna Rumpl! Für Eahna hab i heut allerhand: amal was Amtlichs, und was
Grichtlichs und an Briaf vom Schatz. Und für d' Frau Martl hab i heut aa was.
Hier, Frailn Berta. Es is vom Herr Bruader. Soo. Und jetz is's gar. Jetz habe
die Ehre, meine Damen!« Das Fräulein Berta reisst hastig den Brief aus dem
Umschlag, überliest den Inhalt und läuft mit dem Ruf: »Der Ferdl kommt!« lachend
ins Haus zur Mutter. Die Hanni aber starrt auf die drei Schreiben und kann sich
auf keine Weise einbilden, was sie entalten. Und so öffnet sie zuerst den
Brief, der zu Schönau gestempelt wurde. »Von dahoam«, murmelt sie mit einem
seltsamen Gefühl; »wer denkt denn da no an mi?...«
    »... Geschrieben zu Öd in Baiern den Irtag vor Pfingsten. Liebe Rumplhanni
ich mache dir kunt und zu wissen, dass mir die Wabm wo deine Grosmuter ist heute
eingraben ham. Ist recht guet gstarbm und hat es dir vermacht ales mitsamt den
Haus. Ich habe es den Herr Bezirksamt gesagt und du wirst es schon erfahren.
Jetz ist auch meine libe Wabm wo ich mich so guet unterhalten kann gegangen. Wan
wird entlich auch mir meine Stunt schlagen. ich bin ein fünftes Rat am Wagen.
Der Pauli hatz Gschäft von mir kauft und er heurat osent in ein sechs Wochen die
Enhüberkellnerin wos du wohl kenst die Res. Sie habm ihm z' Frankreich ein Hax
abgschossen. Lebe gesunt und klüglich und sei gegrisst von deinen Nachpar
Schmied. Das meine zwo Bubm gefalen sind wirst du wohl wissen. wan wird er auch
mich holen, der boanerne Gfater. ich bin bereit, Grus Huffschmied.«
    Die Hanni steht stumm und bleich; und ihr Gedenken eilt hin in das Häuslein
zu Öd, hin in die niedere, armselige Kammer, darin ihr Ähnlein in den letzten
tiefen Schlaf gesunken ist. Sie steht vor der Heimgegangenen, begleitet sie auf
dem letzten weiten Weg, hin zum Freitof in Schönau; und sie steht vor dem
schwarzen Hügel mit dem verrosteten Kreuz, betrachtet im Geist die düstere
Kammer, hört das Rieseln und Kollern der Erdschollen, das Beten des Pfarrers,
das Singen des Lehrers; sie schaut auf das Häuflein Menschen, die da um die
Grube stehen, gaffen und lusen und gedankenlos ihr Vaterunser um eine friedliche
Ruhe für die Entschlafene herunterleiern, indes abseits einer ist, der alt
Hufschmied von Öd, dem das Wasser in den Augen steht und der seufzt: »Wann kommt
endlich auch deine Stund?«
    Und langsam füllen sich auch ihre Augen mit Wasser, rollt eine Zähre auf das
Papier. Mittendrin aber schüttelt sie etwas von sich ab, strafft sich zur Höhe
und wischt sich rasch über die Augen. Dann öffnet sie die beiden andern
Schreiben, ersieht daraus, dass ihre Mutter, die sie eigentlich nie recht kannte,
irgendwo in einem Krankenhaus verstarb, und dass sie, die Johanna Rumpl von Öd
bei Schönau in Bayern, die alleinige Erbin des Besitzes und der Habe ihrer
Grossmutter ist. - Also mehrt sich das Gut der Hanni um ein gerechtes Häuflein
Geld und Sach; davon besonders zu benennen ist das Kästlein in der alten
Gewandtruhe mit siebzehnhundert alten Silbergulden und einem vergilbten Schrieb
desselbigen rotaareten Steinmüllersohnes von Kreuz, den das Urahnl der Hanni
beinah als seinen Eheherrn hätt um die Finger wickeln können, wenn das
schwarzhaarete Kindl nicht gewesen wär. In dem Schrieb aber bekannte er sich
noch: als den in Lip demütigen und getreien Knecht und Buhl Andreas, wünschte
seinem Waberl eine gute Zeit und glückhafte Genesung von einem liplichen
Kindtlein. - Die Hanni hält das rauhe, modrige Papier lang in ihren Händen, und
ihr Blick betrachtet die ungelenken Schriftzüge des Toten. Und es kriecht
langsam in ihr eine verlegene, ungute Scham herauf darüber, dass auch sie einen
Burschen einhandeln wollt um eine Spitzbubentat. Aber da blinken und gleissen die
Guldenstücke lockend aus dem Kästlein und ziehen den Blick hinweg vom Betrachten
und Erkennen, vom Bereuen und Fürnehmen. So dass die Dirn darauf vergisst und
lieber mit den Fingern in den hellklingenden Münzen wühlt und dabei summt:
»Wanns Kronataler regnen tuat - und Guldnstückl schneibn, - nachher bitt i
unsern Hergott, - es möcht's Wetter a so bleibn!«
    Im Hause des Martlbräu herrscht Lust und Freud. Der einzige Sohn, der Ferdl,
ist auf Urlaub heimgekommen und wurde empfangen mit Blumen und Girlanden, mit
Willkommengrüssen auf Transparenten und einer Jubelhymne auf dem Klavier. Und die
Mutter preist ihr Glück, dass sie ihren Buben wiedersieht, freut sich über seine
goldenen Borten und die Knöpfe an seiner grauen Uniform, die ihn als
Vizewachtmeister der Feldartillerie kennzeichnen, und lässt Freund und Nachbarn
teilnehmen an Glück und Freud; indes der Vater zufrieden und wohlwollend den
Erzählungen des Sohnes lauscht und das schlichte schwarze Kreuz in der Hand
hält, betrachtet und es danach den Stammgästen zeigt. Die Schwester des Herrn
Vizewachtmeisters aber prangt in Festgewändern, hüpft und tänzelt um den feschen
Bruder herum, hat hundert Pläne im Kopf und eine Menge Vorschläge im Mund, wie
der Ferdl am besten seine zehn Tag Urlaub in Saus und Braus und in ihrer
Gesellschaft hinbringen könnt, und weint schliesslich vor heller Enttäuschung und
Verzweiflung darüber, dass der »fade Mensch« am liebsten bei der Mutter in der
Küche oder beim Vater in der Stube hockt, raucht und sich darüber freut, dass er
endlich ein bissl ausruhen und zu sich selber kommen kann.
    Eine aber ist, die dies Heimhocken des Herrn Ferdinand Martl nicht bedauert,
die Hanni. Für sie ist die Ankunft des Sohns vom Haus ein Ereignis, wie die
Erscheinung eines neuen Kometen für den Sterngucker. Und ein Gedanke steigt in
ihr auf, wächst riesengross und beherrscht am End das ganze Denken, Sinnen und
Trachten der Dirn: der Gedanke, eine Brücke zu bauen hin zu den Besjetztümern des
Martlbräu. Also beginnt sie sogleich ihr Werk; sie kleidet sich nach dem Vorbild
etlicher feiner Herrschaftsmädchen, die abends immer das Bier holen, nur mehr in
himmelblaue, getüpfelte Waschkleider, trägt weisse Schürzen mit gestickten
Spitzenträgern und zwängt die Füsse in schmale, braune Spangenschuhe. Auch
versucht sie, ihr dichtes schwarzes Haar modisch zu richten, wellt und brennt
und steht abends lang vor dem Spiegel, frisiert und probiert, flicht sich Zöpfe
und löst sie wieder, macht sich Schnecken und Locken, Scheitel und Tuffen, bis
sie endlich eine Haartracht findet, die ihr vorteilhaft genug erscheint, um sich
in den Augen des Herrn Ferdinand ins rechte Licht zu setzen. Dazu ist sie von
einer frischen, kindlichen Heiterkeit, schafft und werkt mit einer riegelsamen
Emsigkeit und macht sich also schier unentbehrlich bei der Wirtin, die, des
Lobes voll über die Hanni, wiederholt zu ihrem Sohn sagt: »So oane, wie d'
Hanni, so tüchtig und so nett, Ferdl, und dazua aus an guatn Haus, so oane möcht
i glei als Schwiegertochter. Der tät i's Gschäft schon anvertraun!«
    Und der Herr Ferdl schmunzelt, sagt gar nichts und ist gegen die Hanni von
einer gleichmässigen höflichen Freundlichkeit, lässt sich von ihr die Uniform
ausbürsten, die Ledergamaschen polieren und sagt zu seinem »Danke« stets auch
noch: »liebs Hannerl« oder »liebs Kind«, kneift sie in die Wange oder tätschelt
sie schier väterlich zärtlich. dabei dann die Hanni alle Register ihrer galanten
Kunst gezogen hat, lacht, scherzt, mit Blicken betört und mit allerhand Reizen
lockt, die Zähne zeigt und die frischen roten Lippen spitzt, und doch wieder
sich scheu und schier unnahbar macht, wenn ihr der gesunde, heissblütige Mensch
gefährlich erscheint. So treibt sie dies Spiel eine ganze Woche und bringt damit
ihren unentwegten Verehrer, den Metzgerhans, in nicht geringe Wut und
Verzweiflung, also dass er in groben Worten seine Meinung sagt: »Lass dir nur
Zeit! Es is scho oana, der wo sorgt, dass d' Baam net in Himmel wachsen! Dei
Hochmuat tuat scho aa no an Kniafall, wart nur!« Doch die Hanni lacht und denkt:
Du brummst mir guat! Du hast glei ausbrummt, wann amal i da herin was z' redn
hab! Du wirst dein Strohsack schnell vor der Tür habn!
    Inzwischen geht die Zeit des Urlaubs rasch dahin, und der letzte Sonntag, an
dem der Herr Ferdl noch zu Haus bei den Eltern weilt, bricht an. Und der Herr
Vizewachtmeister sagt am Vormittag zu seiner Mutter: »Heut nachmittag möcht i no
gern an Kameraden aufsuchen. Wenn i abends net heimkomm zum Essen, bin i dort
eingladen; dass d' es weisst.« Die Hanni hört's. Und sie sagt sich: »Heut oder
nie. Heut hab i mein Ausgang. Der Kamerad wart't schon.« Also steht sie gleich
nach der Mittagszeit droben in ihrer Kammer, wäscht und schrubbt an sich herum,
kleidet sich vom Fuss bis zum Kopf nagelneu und betrachtet endlich befriedigt ihr
Spiegelbild. In dem einfachen schwarzen Lüstergewand mit dem feinen weissen
Spitzenkragen, dem soliden Hut und dem sauberen Schuhwerk sieht sie besser aus
als manche Bürgerstochter, die in Modefähnchen und auf überspannten
Stöckelschuhen einhertrippelt. Ihre Finger schlüpfen in die schwarzen
Lederhandschuhe, sie nimmt den neuen Schirm aus dem Koffer und geht hinab in die
Küche, wo sie von der Frieda und dem Fräulein Berta sogleich wegen ihres
»feschen« Aussehens bewundert wird. Da aber in dem Augenblick draussen an der
Schenke der Herr Ferdinand seinem Vater grad zum Abschied die Hand gibt, so hört
die Hanni nicht mehr auf das Gerede, sagt kurz: »Pfüagood« und geht durch die
grosse Toreinfahrt aus dem Haus.
    Der Herr Vizewachtmeister geht langsam, seine Handschuhe zuknöpfend, mit
rasselndem Säbel, der Strassenbahn zu. Die Hanni folgt ihm in kurzem Abstand. Er
zündet sich eine Zigarette an und besteigt einen Wagen, der stadteinwärts fährt.
Die Hanni springt geschwind in den Anhängwagen, verlangt: »So weit's geht!« und
lässt ihren Vogel nicht aus den Augen. Der steht rauchend und sinnierend in einer
Ecke, bis der Schaffner ruft: »Maximilian-Lenbach-Platz die nächste!« Da wird er
unruhig, zündet sich an der abgebrannten Zigarette eine neue an, schaut suchend
aus dem Wagen, fasst den Säbel und steigt aus. Auch die Hanni verlässt den Wagen
und folgt dem rasch Dahineilenden, wie der Jäger einer Wildspur. Jetzt biegt er
in die schattige Anlage ein, grüsst einen Offizier, dankt etlichen Soldaten und
verlangsamt seine Schritte. Elegante, aufgeputzte Menschen gehen an ihm vorüber,
folgen ihm, überholen ihn. Und die Hanni denkt: »Jetz is der rechte Augenblick
da. Jetz kann er net aus!«
    Sie überlegt, wie sie ihn begrüssen, anreden soll; da lässt ihr etwas das Blut
schier gefrieren ... Eine hochgewachsene Dame in duftigen Gewändern eilt
plötzlich auf den Herrn Ferdl zu, er streckt ihr beide Hände hin, sie begrüssen
sich mit einer grossen Zärtlichkeit und Freude und schlingen ihre Arme
ineinander, indem sie lachend und scherzend zu einem Wagen gehen, dem Kutscher
etwas zurufen und davonfahren. Und also die Hanni, schier zur Salzsäule
erstarrt, stehen lassen.
    Es währt eine gute Weile, bis die starre Bewegungslosigkeit von ihr weicht,
die Augen sich langsam grünlich färben, die Zähne sich knirschend
aufeinanderpressen und die Brust wild arbeitet vor Wut und Enttäuschung. Mit
einem Ruck macht sie kehrt und geht planlos dahin, bis sie sich doch zu guter
Letzt daheim in ihrer Magdkammer wiederfindet. Am Abend dieses Tages sagt die
Hanni das erstemal zum Metzgerburschen: »Lieber Hansl!«
Beim Martlbräu geht's heiss her; denn drüben in der Au ist Jakobidult, und der
erste Sonntag bringt schon eine Menge Gäste zum Mittag, so dass die Wirtsstuben
dicht besetzt sind. Da geht's in der Küche an ein Kochen und Braten, Werken und
Plärren, Klopfen und Hacken; die Wirtin befiehlt, die Frieda grandelt, die Hanni
läuft und schwitzt, und die Hausmagd klappert und rasselt mit dem Geschirr, dass
man kaum das Rufen und Schreien der Kellnerinnen und der Tochter vom Büfett her
versteht. »Drei Leber-, eine Nockerlsupp! Zwei Fleisch mit Koirabi, ein Niern-,
ein Brust-, ein Schlossbratn, Gröst'the, Kartoffel- und Gurkensalat!« Das Fräulein
Berta wiederholt diese Bestellungen; die Frieda gibt sie an die Wirtin weiter,
und diese ruft: »Hanni, a Nockerl- und drei Lebersuppn kriagt d' Aushilfmarie!
An Gschloss-, an Niern- und an Brustbratn herrichten! Zwoa Ochsenfleisch hat s'
aa bstellt! San die Gröst'n hergricht? Zwoa Koirabi, an Gurken- und an
Kartoffelsalat hin!« - »Und i kriag an Rindsbratn mit Ganze, zwei Schweinskarree
mit Gmischten und ein Hackbratn mit Andivi, Frau Martl!« ruft die Lina; »und
fürn Herr Amtsrichter an Schweinsbratn aufhebn! Der Herr Rat is aa no net da!
Seine gfüllte Brust fei net hergebn! An Andivi, hab i gsagt, zum Hackbratn!
Habts an Herrn Kommissär sei brat'ne Haxn reserviert?« - »Ja, ja!« sagt die
Frieda grandig; »der werd s' scho kriagn, sei ewige Haxn!« Und sie wendet sich
an die Wirtin: »Frau Martl, schreibn S' auf, bittschön: an Kommissär sei Haxn,
an Rat sei Brust und an Amtsrichter sein Schweinsbratn.« - »Und an
Statzionsmoasta sein Kopf bis um oans bacha!« erinnert die Tochter in dem
Augenblick. »Wenn der sein Kopf net kriagt, macht er an Krach, und was für oan!«
- »Is scho wahr!« sagt die Wirtin erschrocken; »Herrschaft, den hätt i jetz bald
vergessen! Hanni! Gschwind an Statzionsmoasta sein Kalbskopf auslösen! Und an
Kommissär sei Haxn in a Degerl nei! Können S' an Rat sei gfüllte Brust aa glei
dazutoa und den Schweinern vom Amtsrichter!« Derweil bestellen die Kellnerinnen
schon wieder aufs neue eine Menge Fleisch, Salat, Suppen und Gemüse, und die in
der Küche wissen schier nimmer, wo sie zuerst anpacken sollen. Aber es geht
dennoch alles seinen Gang; eins ums andre wird fertiggemacht, und schliesslich
ist auch dieser Sturm vorüber, die Küche wird still und leer, und auf das
Getriebe folgt die Ruhe des Nachmittags für alle, auch für die Hanni. Die Wirtin
aber ist voller Anerkennung und sagt: »Hanni, i bin recht zfrieden mit Eahna. I
wollt, mei zukünftige Schwiegertochter wär amal so tüchtig wie Sie! Aber wer
weiss, was mei Ferdl für eine heirat ...« Aha. Die Hanni wüssts schon ein wenig,
wie sie ausschaut, und dass sie keiner Martlbräuin gleichsieht! Aber - Schweigen.
Und die Hanni lächelt nur zufrieden und tut weiter ihre Pflicht. Indes der
Metzgerhansl immer mehr den Narren an ihr frisst und sich fest und steif in den
Kopf setzt: »D' Hanni oder gar koane!«
Etliche Tage später tritt ein Soldat zum Martlwirt in die Stube. »Herr Martl,
morgn geht's dahin - ins Feld. Heut auf d' Nacht derfan S' uns no an kloan
Abschiedsschmaus und a guate Mass herrichten. Fünfasiebazg Mann san ma.« Der
Martlbräuwirt reibt sich diensteifrig die Hände und meint: »An Abschiedsschmaus
sagst. Ja, is scho recht. Gefreut mi, wanns kemmts. Werd scho richtig auftragn.
Da, magst vielleicht schnell a Wetschinia? A guate Zigarrn raucht ma alleweil
gern. Und a Mass trinkst schnell. Die ghört nachher für 's Ansagn.« Und dann geht
er hinaus in die Küche, wo der Metzgerhans eben allerhand Fleischbrocken aus dem
Sudhafen nimmt und zur Hanni sagt: »Geh, Hannerl, sperrn S' mir 's Schlachtaus
auf!« - »Hans! Hast ghört! Unserne Landwehrleut von der sechsten ham eahnan
Abschied heunt auf d' Nacht. Machst mehra Milzwürst, gell. Und richst a paar
gspaltene Haxen her und etliche Kalbsschäuferl. D' Hanni kann dir ja helfa, dass
d' fertig wirst bis um fünfe.« Also gibt der Wirt seine Befehle, und alles
richtet sich danach: Die Wirtin stellt die Speiskarte zusammen, das Fräulein
Berta zählt die Bierzeichen und die Zahlmarken, die Frieda stellt eine Menge
Häfen und Tiegel auf den Herd, die Küchenmagd putzt Salat ein und wäscht
Kartoffel, und die Hanni geht mit dem Hans hinab ins Schlachtaus, um ihm zu
helfen bei seiner Arbeit. Da heisst's Fleisch wiegen, Zwiebeln schneiden, Gewürze
richten, Netze waschen, Milz und Bries in Stücklein hacken und das Wurstbrat
rühren. Und der Hans sagt: »Hannerl, a Zitrona reibn! Hannerl, an Petersil fein
schneidn! Hannerl, hast jetz du no gar koan Hochzeiter im Sinn?« - »I? O mei! An
so was denk i gar net! Wo ham S' denn an Pfeffer, Hans?« - »Da is er drin. Wie
wärs denn, wannst jetz amal a bissl an oan denkn tätst, Hannerl?« Er schneidet
etliche Zwiebeln und wischt sich das Wasser aus den Augen. »I wüsst dir an recht
an braven Hochzeiter, Hannerl. An recht an ordentlichen.« - »Jetz fangt er halt
scho wieder mit dem Gschwatz an!« sagt die Hanni; aber sie fragt doch nach einer
Weile, während er anfängt, die Kalbsnetze zu waschen: »Kann er a Frau ordentli
ernährn?« Der Hansl wirft sich in die Brust. »Ah mei! Ernährn! Was willst denn!
Heut no kaaf i dir an Martlbräu, wannst es habn willst! Heut no!« Die Hanni
schmunzelt. Aber sie sagt scheinbar verwundert: »Ah so! Also bist du der
Hochzeiter!« - »Ja, allerdings. Weil i moan, dass 's dir am End do net gar so
ernst gwesn sein kunnt, 's letztemal ... Mit deiner Absag ...« - »Aha.« Sie
arbeiten eine Weile schweigend dahin. Bis die Hanni fragt: »Lebt dei Vata no,
Hans?« - »Ja. Warum?« - »Und dei Muatta?« - »Naa; scho lang nimmer. A
Schwiegermuatta hättst net z' fürchten ...« - »Die fürchtet i a so net. Wia,
hast 's Brat gsalzen? Naa! Also, schaug oana nur den gedankenlosen Tropf an!« -
»Dees macht d' Liab, Hannerl.« - »Oder dei Dummheit. Für dees da is net zum
helfa, und für dees ander aa net.« - »Dees wollt i aber bezweifeln. Denn wennst
mi aa gern hättst, nachher bräucht i ja nimmer dumm z' sein!« Die Hanni lacht
voll Spott. Aber sie schaut ihn doch so an mit ihren Augen, dass er sich wie
verhext vorkommt und schwer schnauft. Doch sie hält ihn am Schnürl. »Wo hast
dein Spagatt? Sand die Netzln sauber? Tua fein net wieder so viel nei, wie 's
letztemal! Net dass 's wieder oane zreisst!« Doch nach einer Zeit fängt sie
abermals an zu fragen: »Is dei Vater no aufn Gschäft?« Der Hans erwidert: »Ja.
Aber dees schadt ja nix. I nimms gar nia, dees sein'. I bleib alleweil in
München herobn.« - »Aha. Was moanst jetz, dass der Martlbräu kosten tät? I moan
bloss ...« - »Ja mei ... a so a zwoamalhunderttausad scho; und alleweil seine
fufzg, sechzg Anzahlung.« - »Mhm.« - Aha. So viel hat er also mindestens zu
kriegen als Heiratsgut. Das ist nicht schlecht. Gar nicht schlecht. »Mei, da
brauchetst halt aa wieder oane mit an Geld«, sagt sie lauernd; »mit ana armen
Kucheldirn kunntst da alleweil net anfanga!« Sie spaltet mit festem Hieb eine
Kalbshaxe. Der Hans lacht; denn er kennt das Kapital, das in ihr steckt.
»Moanst!« sagt er scheinheilig. »Moanst, dass alleweil der Geldsack wieder nur
zum Geldsack taugt? Naa, mei Liabe! Die, wo mir i einbild, die braucht gar nix
z' habn als a bissl a Liab zu an braven Hochzeiter. Und an guaten Humor.« - »Ja
no. Aber oane, die net amal a richtige Hoamat hat, und net amal gscheite Eltern,
die möchst halt aa net ...« - »Für dees kunnst ja du nix, wenns bei dir a so der
Fall waar ...« - »Aa scho. Recht hättst scho. Wieviel Haxen soll i denn
spalten?« - »Viere. Und nachher hilfst mir no a bissl beim Z'sammputzen. Und am
Sonntag gehst mit mir ins Apollo, Hanni. Und wenn 's dir recht is, nachher
schreib i's mein Vater ...« - »Hm ... Was schreibst eahm denn?« Sie lacht leise
in sich hinein. Und schaut ihn doch wohlgefällig von der Seite an. »No ... dass i
jetz a Hochzeiterin hab ... Hannerl ... Dees hoasst ... wennst mi magst mit mein
Glasaug ...« - Ob sie ihn mag? Sie blinzelt schmunzelnd zu ihm hin und sagt
langsam: »Wenn i di mag, sagst. - Ja, Hansl, i mag di ganz gern. I kann di ganz
guat leidn. Aber i bin halt grad a Pfannaflickersdirndl. Und mehra wie
fünftausend Mark Bargeld hab i aa net ...« Der Hansl fährt herum. Und nimmt sie
lachend um den Hals. »O du liabs Schaf!« sagt er und küsst sie frisch auf den
Mund; »du bist mei Hanni, und damit Punktum! Und auf Kirchweih heiratn mir.«
    Also ist die Rumplhanni Hochzeiterin und hat, was sie gewollt: a Haus und a
Kuah und a Millisupperl in der Fruah.
Die Martlwirtin und ihre Tochter gehen zusammen auf den Markt, und die Frieda
folgt mit dem grossen Armkorb hinterdrein. Es ist nicht mehr lange hin auf
Martini, auf die Zeit, wo die Gänse am besten schmecken und am leichtesten zu
haben sind. Und also kauft die Wirtin fünf Stück, indem sie meint: »Heut
glangens. Aber wenn unser Hanni Hochzeit hat, derf ma keck zehne bsorgn. Denn
der Hans hat viel Bekannte. Mi gfreuts, dass die zwoa zsammkommen.«
    Unterdessen sitzt der Wirt daheim in seinem Bräustüberl und liest fröstelnd
die Zeitung. Doch ist er nicht so recht dabei, denn er starrt alle Augenblick
nachdenklich vor sich hin und seufzt hie und da tief auf. Wo mag jetzt der Ferdl
sein, der Bub?... Seit vier Wochen ist keine Karte, keine Nachricht mehr von ihm
gekommen. Da tritt ein Telegrammbote ein. »Herr Martl ...« - Er ist schon wieder
dahin. Und der Alte dreht das Papier unschlüssig zwischen den zitternden Fingern
... »Was werd dees ... no ... so geh halt auf ... es werd do net der Bua ...
Herr-gott ... der Ferdl ... mei Bua ... is tot ...« Wie ein Baum fällt der Wirt
in einen Stuhl. »Mei Bua ... Mei Ferdl ...«
    »Hans, geh, bleib mir heut in der Schenk. Mir is net guat.« Der Martlbräu
legt sich todmüd hin auf sein Bett und hält das Telegramm in Händen. Und bohrt
und sinniert, und bringt doch keinen andern Gedanken zuweg, als: »Mei Bua is
nimmer da ...« Ob er's seiner Frau sagt? - »Naa. I kann net. I kann's net. O mei
Muatta. Jetz ham mir halt den aa umsonst aufzogn. I kann dir's net sagn, dass mir
'hn nimmer ham.« Er schiebt das Telegramm ein. Und schliesst die Augen. Wie das
hämmert - und zuckt - und werkt ...
Die Martlbräuin kommt müd heim. »Vata!... Wo is denn mei Mann, Hans?« - »Der
Herr is net guat beinand, Frau Martl; er hat si niederglegt.« - »Unser liabe
Zeit! Es wird do nix Ernstlichs sein! I will glei schaugn ...« Sie läuft hinauf
in die Wohnung. Und hinein ins Schlafzimmer. »Vater! - Vater! - Is dir net
guat?« Nichts rührt sich. »Schlaft er? Dees wär recht. Der Schlaf richt 'hn am
ehesten wieder zsamm ...« Sie beugt sich über ihn. Aber - »Allmächtiger! -
Vater! Ums Christi, Vaterl! - Naa ... heiliger Himmel, naa! - Es kann ja net
sein ...«
    Bleich und stumm liegt der Wirt vor ihr. Und hat die Augen für immer zu.
»Frau Martl, in der Joppen vom Herrn, Gott hab 'hn seli, is no allerhand Sach
drin.« Die Küchenmagd sagt's. Und die Wirtin holt leise weinend die Dinge
heraus: die Tabakdose, das Schnupftuch, den Fleischstempel, das Einschreibbuch,
ein Telegramm ... Sie faltet's befremdet auseinander. Und tut einen tiefen
Seufzer. »Unser Bua ... mei Ferdl ...« -
    Tage schwerer Krankheit, heftigen Fiebers kommen über sie, so dass die Hanni
mit der Frieda ganz allein die Küche versorgen muss, indes der Hans die Schenke
und das Schlachtaus unter sich hat. Und so wird die Hochzeit noch
hinausgeschoben auf eine bessere Zeit.
»Auf Mariä Verkündigung
Kehren d' Schwaiberl wieder um!«
Der Frühling kommt gemach über die Münchnerstadt, und der Metzgerhans bestellt
das Aufgebot. Also verkündet drunten in der Pfarrkirche zu Maria Hilf der
Priester am Sonntag, der genannt ist Lätare, von der Kanzel herab:
    »In den heiligen Stand der Ehe haben sich versprochen der ehrenhafte
Jüngling Johann Niederhuber, Metzger von Rottalmünster, mit der Jungfrau Johanna
Rumpl, Köchin von Öd.«
    Und die Hanni läuft von Laden zu Laden, besorgt dies und das, hat den Kopf
voller Pläne und die Hände voller Arbeit und ist so zufrieden und gut aufgelegt,
wie noch nie im Leben. Der Hans aber verhandelt mit der Martlbräuin, die von Tag
zu Tag müder und verdrossener im Geschäft wird, wegen des Verkaufs. »Also, was
is's, Frau Martl! Jetz wär i halt da und saget: Gebn S' mir die ganz Putschari!
- Nachher habn S' Eahnan Ruah!« Und die Martlin sagt nicht nein. »Dees stimmt«,
meint sie. »Und a bessere Wirtin wüsst i mir eigentli gar net, als wia d' Frailn
Hanni. Ja, i bin recht müad. Recht froh, wenn i mein Ruah kriag.«
    Also wird die Sache richtig gemacht, und am zweiten Sonntag im Mai laufen
etliche Kinder draussen in der Au und droben beim Martlbräu treppauf und -ab und
werfen in die Briefkästen der Leute Karten, auf denen zu lesen ist:
    »Zu ihrer Hochzeit am Samstag, den zwanzigsten Mai 1916, im Martlbräukeller,
laden ergebenst ein Johann Niederhuber und Johanna Rumpl. Zugleich geben wir
bekannt, dass wir die Martlbrauerei käuflich erworben haben ...«
»Musikanten, lassts Landler erschallen,
Spielts auf in die Martlbräuhallen!
Teats blasen und pfeifen,
In d' Soatn frisch greifen,
Teats trommeln und zitern und harpfan
Und hockts net grad da wia die Karpfan!«
Der alte Niederhuber, ein beleibter, weisshaariger Bauernwirt, steht vor den
Musikanten, schnalzt mit den Fingern, schnackelt und singt und zahlt für sein
Lieblingsstücklein einen blanken Taler. Dann geht er lachend an die lange,
dichtbesetzte Tafel, wo die Basen und Tanten des Hochzeiters als Ehren- und
Kranzljungfern in ihrer bäuerlichen Pracht und ihrer verlegenen Schweigsamkeit
wie Krippenheilige dahocken und kaum einmal laut lachen oder den Mund auftun zu
einer Red. Ringsum ist der Saal gedrückt voll von Gästen und Geladenen, Alten
und Jungen, Frauen und Männern, Burschen und Mädchen. Alles unterhält sich,
lacht, schwatzt und scherzt, und die Jungen wagen trotz der Kriegszeit hie und
da ein kurzes Tänzlein auf dem winzigen Fleck vor dem Musikpodium.
    Aber der Hochzeiter? Und die Hochzeiterin? Ei ja! Da steht der Hans in der
Schenke, im Bratenrock und weisser Binde, den Rosmarinstrauss im Knopfloch, füllt
die Krüge, entkorkt Flaschen, rollt Banzen und schafft und werkt, dass ihm der
helle Schweiss auf der Stirn steht! Und draussen in der Küche hantiert die
Hochzeiterin im silbergrauen Brautgewand mit Myrtenkranz und Schleier, rührt in
den Tiegeln, riegelt die Pfannen, schneidet den Braten und klappert mit Tellern
und Platten, indem sie befiehlt, fragt und bald dem einen, bald dem andern
Hochzeitsgast aus dem frischgefüllten Krug oder Glas lachend Bescheid tut. Und
sie regiert mit fester Hand und lauter Stimm, indes die alte Martlbräuin still
und betrachtend auf einem Polstersessel in einer Ecke sitzt und denkt: »Ja, ja.
So hab i mirs alleweil vorgstellt ... meim Buam sei Hochzeiterin ... die junge
Martlin ...«
    Also beginnt der Ehestand der Frau Johanna Niederhuber, geborene Rumpl, mit
viel Arbeit und fröhlichem Schaffen, und da sie endlich spät in der Nacht das
grüne Kränzlein und den Schleier vom Haar löst, sagt sie zu sich selber:
    »Alsdann. In Gottsnam hab i angfangt. In Gottsnam tean ma weiter. Guate
Nacht, Himmelvater, guate Nacht, Himmelmuatta, guate Nacht, Schutzengel. Amen.«
Und dann lässt sie sich willig von ihrem Eheherrn hineingeleiten in die
Schlafkammer als seine liebe Hausfrau und Martlbräuin.
Ein schwüler Sommertag. Die Sonne brennt nieder auf die Strassen der
Münchnerstadt und lässt die Menschen seufzen und nach einem frischen Trunke
lechzen. Und einer um den andern: der Ratsherr wie der Kaufherr, der Richter wie
der Arbeitsmann, sie alle tun ein festes Gelöbnis:
    »Heut geh i aber nach'm Feierabend auf an Keller und trink a Mass!« Ja ja.
Die Brauherrn haben ihre Sach nicht schlecht gemacht, da sie ihre Lagerkeller
ausserhalb der Altstadt auf grünende, luftige Anhöhen bauten, mit schattigen
Baumgärten umgaben und also nicht nur für den dürstenden Leib sorgten, sondern
auch dem müden und ermatteten Geist eine wohltuende Erfrischung boten. Da
breiten mächtige Kastanien ihre Kronen aus, da ruht das Auge zufrieden auf
saftiggrünen Wiesenflecken, auf gemütlichen, hohen Hausdächern, auf den
glitzernden, grünen Wassern unseres Isarflusses und auf dem grossmächtigen
Schattenbild der Münchnerstadt mit ihren Giebeln und Türmen, die ruhig und
erhaben in die leichtgetrübte laue Abendluft hineinragen. Hier sitzt der Reiche
bei dem Armen, der Hohe neben dem Niederen; und alle Standesunterschiede
verschwinden bei der beschaulichen Ruhe, die über allem liegt und jeden
überkommt, der da zufrieden seinen Rettich oder Käs verzehrt und dazu sein
Häflein trinkt; und kein anderer Wunsch wird laut als nur der eine: »Wenn's doch
draussen auch einmal wieder still und ruhig würde! Wenn halt mein Sohn, mein
Freund einmal wieder hiersitzen möcht bei mir und mir Bescheid tun auf die
Losung: Auf eine friedsame, glückhafte Zeit! «
    Droben im Martlbräukeller gibt's an heissen Tagen viel zu tun. Da klappern in
der Schenke die Krüge, rollen die Banzen, hallen die Schläge des Schenkkellners,
der den Schlegel schwingt und frisch anzapft, bald ein Fass Dunkel, bald ein Fass
Hell ... Und der junge Wirt geht zufrieden durch den Garten, begrüsst seine Gäste
und plaudert mit Bekannten, indes seine Wirtin, die Hanni, an dem grossen
Schiebefenster steht und werkt und schafft.
    Da tritt einer zu ihr, ein alter, schneeweisser Griesgram, der mit einem
bitteren Lächeln sagt: »So so. Da is s' ja, d' Rumplhanni von Öd. Na, Hanni, du
hast es, scheints, besser derraten wie d' Ödenhuberleni!« Es ist der Hufschmied
von Öd, den die Hanni mit fröhlicher Lebhaftigkeit begrüsst und dann fragt:
»Warum wie d' Leni, Schmied?« Der erwidert: »Weilst an gsunden Mo hast, der no
seine gradn Glieder hat. Der Hausersimmerl hat s' nimmer. Dees hoasst: grad wärn
s' scho; aber fehln tean halt a paar ... a Hand ... a Hax ... Aber sonst geht's
eahm net schlecht ...« Und dann geht er hinein zur Martlbräuin, die ihn nicht
gehen lassen will und ihn mit Speis und Trank bewirtet. Und erzählt ihr von der
Heimat, von den Hauserischen, von allen. »Und der Staudnschneidergirg hat sei
Susann gheirat«, sagt er; »aber sie hausen net guat mitanand.« Die Martlbräuin
lächelt. Und denkt an jene Fraueneier, an das Schmalz und an den
Buschenreiteranderl, den Karrner. »Und d' Hauserin und die alt Ödnhuaberin san
jetz die besten Freund«, fährt der Schmied fort; »und d' Mannetn natürli aa. Und
i leb halt so oaschichti im Austrag beim Pauli und denk an meine Buam - und wia
lang als's no dauert ...« Die Hanni will ihn trösten, aber er sagt: »Naa, Hanni,
sag mir nix. Wia s' mir mei Wei ausse ham in Gottsacker, da ham s' mir aa mei
Hoamat furt. Und die mir wieder oane macha hättn könna, san aa furt ... Und a so
geh i halt umanand wia oana, dem d' Henna 's Brot gnommen habn, und schaug oamal
ums andermal auf d' Uhr, ob 's no net bald Zeit wird zum Hoamgeh für alleweil.«
    Ja ja. So redet das Alter. Die Hanni aber ist jung und denkt: Dees hat no
Zeit. Mir gfallts in dera Hoamat no recht guat, und i hab koa Verlanga nach was
andern. Und wenn amal dees Kloane ... vielleicht a Bua ... 's Martlbräu hat ...
nachher hat 's erscht recht no Zeit ...
    Ihr ehelicher Hausherr bringt sie aus ihrem Sinnieren, indem er zu ihr tritt
und sagt: »Hanni, der Herr Postrat hat seine Fleischmarken vergessen. Geh schick
d' Marie nüber zu seiner Frau und lass s' holn. Dann kriegt er a abbräunte
Milzwurst mit Gurken und Gröst'the. Und i mag oane in der Brotsuppen, Hannerl,
gell ...« - Und die Hanni gibt ihre Befehle und richtet danach ihrem Hans die
Brotsuppe mit der Milzwurst. Indes draussen im Garten die Gäste still sitzen und
auf die Töne der Musik lauschen, die der Abendwind vom Petersturm herüberträgt
zum Martlbräu.
 
    