
        
                         Franziska Gräfin zu Reventlow
                                Der Geldkomplex
                          Meinen Gläubigern zugeeignet
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Meine liebe Maria!
    Aus einem eindringlichen Brief von B..., der mir durch das Konsulat
nachgeschickt wurde, sehe ich, dass man sich um meinen Verbleib beunruhigt.
    Es nahm sich vielleicht nicht gerade freundschaftlich aus, dass ich so
spurlos verschollen bin und auf nichts mehr antwortete (hab noch nachträglich
vielen Dank für Deine verschiedenen Briefe) - aber glaube mir, es geschah zum
Teil aus zarter Rücksicht. Erwarte nur ja nicht, dass die hiermit wieder
eröffnete Korrespondenz von allzu erfreulichen Tatsachen handeln wird.
    B... meint, und Ihr anderen am Ende auch, ich hätte längst die berühmte
Erbschaft angetreten und damit das Weite gesucht. Nein, das stimmt nicht, der
alte Herr ist ja noch nicht einmal tot. Aber jedenfalls kann es nicht lange mehr
dauern, und das ist einer von den Gründen, weshalb ich hier bin - bitte,
erschrick nicht - in einer Nervenheilanstalt, oder sagen wir lieber Sanatorium,
das klingt immerhin noch etwas milder.
    Sanatorium - ich seh' Dich und mit Dir alle die anderen verständnislos den
Kopf schütteln. Ich bin auch nicht nervenkrank, nicht einmal besonders nervös,
ich habe nur einen Geldkomplex.
    Ich hoffe zu Gott, Du weisst, was ein Komplex in diesem, nämlich im
patologischen, Sinne bedeutet? Etwa so: verdrängte, nicht ausgelebte Gefühle,
Triebe und dergleichen, die sich, ich glaube, im Unterbewusstsein zusammenballen
und einem seelische Beschwerden verursachen. Es handelt sich da um irgendeine
neue Nervenheilmetode, die man Psychoanalyse nennt. Erfunden hat sie der
bekannte Professor Freud in Wien - dies nur, damit Du verstehst, weshalb ihre
Anhänger Freudianer heissen. Man möchte sonst glauben, es bedeutet irgend etwas
besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes.
    Aber es gibt eine Menge Leute, die Dir das besser auseinandersetzen können
als ich, und ich rate Dir, Dich lieber an diese zu wenden. Ich selbst hatte auch
bisher von diesen Geschichten keine Ahnung und würde mich absolut nicht dafür
interessieren - wenn nicht ein Freudianer meinen Geldkomplex entdeckt hätte.
    Es gibt gewiss nichts Faderes, als seine eigene Leidensgeschichte zu
erzählen, und ich erzähle im ganzen lieber Freudengeschichten. Die
Nervenheilanstalt hat aber sicher in Euren Augen etwas so Blamables, dass ich
mich doch rechtfertigen und Dir den trüben Hergang näher erzählen möchte. Du
musst halt Nachsicht haben, wenn ich dabei etwas weitschweifig und manchmal
konfus werde.
    Liebe Maria, wir haben uns letztes Jahr wenig gesehen, da Du meist fort
warst, aber Du weisst, dass mein Dasein schon vorher nur noch eine einzige
wirtschaftliche Krisis war. Wie oft habt Ihr in Eurer Verblendung meinen
Optimismus und meine Todesverachtung bewundert - mit Unrecht, denn gerade das
ist mein Verderben gewesen. Ich habe die Sache mit dem Geld niemals ernst genug
genommen, liess es so hingehen und dachte, es würde schon einmal anders werden.
Kurz, um mich im Freudianerjargon auszudrücken - ich habe es entschieden ins
Unterbewusstsein verdrängt, und das hat es sich nicht gefallen lassen. Bitte,
haltet mich nicht für ernstlich gestört, aber ich bin tatsächlich dahin
gekommen, es - das Geld - als ein persönliches Wesen aufzufassen, zu dem man
eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat. Mit Ehrfurcht
und Entgegenkommen könnte man es vielleicht gewinnen, mit Hass und Verachtung
unschädlich machen, aber durch liebevolle Indolenz verdirbt man's vollständig
mit ihm. Und das muss ich getan haben, ich liess es kommen und gehen, wie es
gerade kam und ging - ach, der verfluchte Optimismus, den Ihr so nett gefunden
habt. Als ich dann merkte, dass es anfing, sich immer feindlicher gegen mich zu
stellen, habe ich es gelockt, bin ihm nachgelaufen; aber es war schon zu spät -
es wollte nicht mehr.
    Also - die wirtschaftliche Krisis erreichte einen nie geahnten Höhepunkt. Du
hast ja oft genug bei mir gewohnt, Maria, und kennst das aus eigener Anschauung
- die Wohnung ist gekündigt, jedes menschenwürdige Einrichtungsstück gepfändet
oder schon auf Nimmerwiedersehen abgeholt - es klingelt beständig, aber man
macht nicht mehr auf - jedes Poststück, das ins Haus kommt, beginnt Im Namen des
Königs... usw. Trotzdem tauchen immer neue Leute auf, die Geld wollen, Geld,
Geld und noch einmal Geld. Die ganze Atmosphäre bekommt etwas Überhjetztes,
Widernatürliches, schwirrt von abnormen Anforderungen. Es ist einfach nichts da,
und doch hört, sieht, liest und erfährt man nichts anderes mehr, als dass jeder
sein Geld haben will.
    Du hast dann manchmal behauptet, es ginge bei mir wie in den
Lesebuchgeschichten, wo fromme Leute eine Kirche oder dergleichen nützliche
Dinge bauen wollen, ohne jegliches Kapital, aber mit unerschütterlichem
Gottvertrauen. Schon wollen sie verzweifeln, richten aber gläubig den Blick gen
Himmel - sieh, da klingelt es, und ein anonymer Wohltäter schickt eine
unwahrscheinliche Summe.
    Das war einmal - das war manches Mal - aber eben bei jener letzten Krisis
war keine Rede davon. Die Wohltäter waren ausgestorben, verschwunden, verreist,
erzürnt oder nicht mehr zu haben. Ich hatte auch das blinde Gottvertrauen nicht
mehr und fühlte, dass die Kluft, die sich zwischen ihm - dem Geld - und mir
aufgetan hatte, nicht mehr zu überbrücken war. Es begann sich an mir zu rächen,
und das Infame an dieser Rache war, dass es mich nicht nur mied, sondern eben
durch seine völlige Abwesenheit alle meine Gedanken und Gefühle ausschliesslich
erfüllte, mich vollständig in Anspruch nahm und sich nicht mehr ins
Unterbewusstsein verdrängen liess.
    Es gibt Momente, wo Leute anfangen zu beten. Und es gab einen Moment, wo ich
anfing zu rechnen, blind und inbrünstig zu rechnen. Ich rechnete beim Aufwachen
und beim Einschlafen, rechnete, wo ich ging und stand, rechnete all die Summen,
die ich brauchte, in meinem früheren Leben gebraucht hätte und späterhin
brauchen würde, zusammen und wieder auseinander, kalkulierte alle vorhandenen
und nicht vorhandenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in der Gegenwart,
Zukunft und Vergangenheit.
    Mein ganzes Leben zog wieder an mir vorüber bis in die kleinste pekuniäre
Einzelheit, ich sah ein, dass ich niemals genug Geld gehabt hatte und
voraussichtlich nie genug haben würde - alle verdrängten Begehrlichkeiten, alle
gescheiterten Luxusträume wachten wieder auf, alles, was ich jemals hätte tun
oder kaufen mögen und nicht getan oder gekauft hatte, gaukelte mahnend vor
meinem inneren Auge, und so ging es fort bis ins Endlose...
    Dass man in dieser Verfassung nicht sehr umgänglich ist, kannst Du Dir
denken. Ich fühlte denn auch, dass die Bekannten kein besonderes Vergnügen mehr
an meinem Verkehr hatten. Sie fanden mich langweilig, präokkupiert und zitterten
vor Geldansinnen. Darin hatten sie auch vollkommen recht, denn war ich mit
Menschen zusammen, so tat ich im stillen nichts anderes, als sie taxieren und
geeignete Momente abwarten, um sie zu einer Anleihe, einer Schiebung oder
Unterschrift zu verlocken...
    Ich möchte nicht gar zu ausführlich werden, um Deinet - wie um meiner selbst
willen. Denn wenn ich näher darauf eingehe, bekomme ich heute noch
Rechenanfälle.
    Es kam dann schliesslich ein Tag - so etwa Anfang oder Mitte Mai -, wo ich
morgens vor die Stadt hinaus ging, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber es
nützte gar nichts - gleich auf dem Wege begegnete mir ein Hotelwagen, ich las
stumpfsinnig die Aufschrift: Zu den vier Jahreszeiten und überlegte mechanisch,
was denn eigentlich für eine Jahreszeit sei, während ich durch die Wiesen ging.
Alles stand in Blüte und Sonnenschein, Lerchen sangen und im Teich quakten die
Frösche - anscheinend vor Vergnügen. Ich beneidete sie. Und wieder fingen meine
Gedanken an, unaufhaltsam um den einen Punkt zu wirbeln... ja, es wird wohl
Frühling sein, aber was geht mich das an? Es gibt keine Jahreszeiten, keinen
Sonnenschein und keine Blüten - es gibt keinen Lerchengesang und keine Frösche -
es gibt nur Geld. Das alles tut, als ob es glücklich wäre, und doch gibt es kein
Glück und keine Tragik, denn mit Geld lässt sich jede Tragik aushalten, und ohne
Geld geht auch das Glück zum Teufel oder man kann nichts damit anfangen.
    So strich ich alles durch und setzte dafür Geld. Das hatte tatsächlich etwas
Erlösendes, bis mir dann wieder aufs Herz fiel, dass es in meinem Fall ja eben
keines gab, und nun fing alles wieder von vorne an.
    Ich will mich Deiner erbarmen, Maria, und es nicht noch weiter ausmalen...
    Eben an jenem Morgen traf ich dann einen mir flüchtig bekannten Nervenarzt,
einen Freudianer. Ich wollte mich unbefangen mit ihm unterhalten, konnte aber
aus meinem Gedankengang nicht mehr herauskommen. Er wurde aufmerksam,
interessierte sich, tat alle möglichen Fragen, dann blieb er mitten im Wege
stehen, sah mich entusiastisch an und stellte fest: ich litte an einem schweren
Geldkomplex, und den könne man nur durch psycho-analytische Behandlung heilen,
die er am liebsten selbst übernehmen wollte. Im weiteren Verlauf des Gesprächs
schlug er mir vor, ich solle mich einstweilen in die Anstalt seines väterlichen
Freundes, Professor X., begeben, er selbst habe die Absicht, seine Ferien dort
zu verbringen, und werde also nachkommen. Dem Professor X. möchte ich nur um
Gottes willen nichts von der geplanten Behandlung sagen, denn er sei ein
erbitterter Gegner alles Freudianertums. Ich könnte mich ja auf irgendeine fixe
Idee hinausreden und ein wenig simulieren.
    Anfangs war ich etwas unschlüssig und ziemlich erschrocken über den
Gedanken, mit einer patologischen Sache behaftet zu sein. Das heisst, ich hatte
wohl selbst schon geahnt, dass es nicht mehr ganz richtig mit mir war.
Andererseits aber hatte der Gedanke, diesen Zustand wieder loszuwerden, vieles
für sich - das fürchterliche Rechnen und die beständigen Geldgedanken mussten
mich binnen kurzem ganz zugrunde richten. Wenn es in dieser Weise fortging, war
ich sowieso nicht imstande, mich ernstlich mit der Ordnung meiner Angelegenheit
zu befassen.
    Als ich kurz darauf die Nachricht von der schweren Erkrankung des alten
Erbherrn bekam, war mein Entschluss gefasst, denn nun auch noch mit positiven
Kapitalsmöglichkeiten zu rechnen, das ging, weiss Gott, über meine Kraft.
    So stellte ich meine Angelegenheiten, meine Gläubiger und alles übrige in
Gottes Hand, fuhr hierher und tat sowohl der Welt wie mir selbst gegenüber, als
ob ich nicht mehr existierte.
    Aber selbst die Erinnerungen greifen mich noch zu sehr an, und ich glaube,
wir haben für heute beide genug... ein andermal mehr.
 
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Wie mir denn hier zumut ist, willst Du wissen? - Einstweilen ist es so ziemlich
die dümmste Situation, die mir das Leben bisher serviert hat, und mit törichten
Situationen war es freigebig genug.
    Ich war noch nie in einem Sanatorium und habe noch nicht recht heraus, wie
man sich hier zu benehmen hat. Der Professor nahm mich natürlich eingehend ins
Verhör, und ich war in einiger Verlegenheit, was ich ihm sagen sollte. Da ich
nun am ersten Abend meine Mitpatienten ziemlich unsympatisch fand, gab ich an,
ich litte an krankhafter Menschenscheu - so konnte ich mich doch wenigstens
ruppig benehmen, wenn mir die Leute ernstlich auf die Nerven fielen. Aber er
meinte, dann wolle er mich lieber vorläufig isolieren. Ich sollte die Mahlzeiten
alleine auf meinem Zimmer nehmen usw. - Nein, um Gottes willen, das wollte ich
nicht, zuviel Alleinsein machte mich vollends verrückt. - Nun, er wolle mir gern
möglichste Freiheit lassen, soweit ich nicht störend auf andere einwirkte, etwa
die Abneigung gegen meine Mitmenschen in auffallender Weise äussern sollte. -
Nein, nein, das würde ich ganz gewiss nicht tun, sagte ich voller Überzeugung -
er sah mich daraufhin ganz erstaunt an und schüttelte den Kopf. - Pause -
angestrengtes Nachdenken. Dann beklagte ich mich über Schlaflosigkeit,
Depressionszustände und was mir gerade in den Sinn kam. - Wie sich die äusserten
- nämlich die Depressionen -, ob ich etwa oft und ohne Grund Neigung zum Weinen
fühle? Darüber fiel ich wieder aus der Rolle und musste über dieses merkwürdige
Ansinnen herzlich lachen. Aber er hielt das, Gott sei Dank, für nervös, legte
mir väterlich die Hand auf die Schulter und meinte, ich hätte am Ende
irgendwelche schwere seelische Erschütterungen durchgemacht... ach, du lieber
Gott, auch ohne den Geldkomplex zu erwähnen, konnte ich ihm doch nicht gut
sagen: ja gewiss - aber sie lagen ausschliesslich auf pekuniärem Gebiet - ich war
mein Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen, nur den
wirtschaftlichen nicht. Weder glückliche noch unglückliche Liebe, weder Ehe noch
Ehebruch, sondern ausschliesslich Gläubiger, Hausherrn und Lieferanten haben es
dahin gebracht, mich psychisch zu zerrütten.
    Schwerlich hätte der Professor das richtige Verständnis gehabt, und ihm
wären höchstens Bedenken über meine Zahlungsfähigkeit aufgestiegen.
    Dann fuhr es mir plötzlich durch den Kopf: Gott im Himmel, wenn nun am Ende
ein Wunder geschähe, der alte Erbherr sich wieder erholte und ich auch hier
meinen pekuniären Verpflichtungen nicht nachkommen könnte! Die Geldgedanken, die
ich seit ein paar Tagen fast vergessen hatte, fielen wieder über mich her wie
ein Schwarm von Raben. Ich war ausserstande etwas zu sagen, was der Professor
wohl auf die seelischen Erschütterungen schob und mich voller Teilnahme gehen
liess.
    Immerhin hatte ich den Eindruck, dass er mich für ziemlich übergeschnappt
hielt.
    Du musst ja auch selbst sehen, Maria, wie es um mich steht. Ich bin nur noch
ein Schatten meiner selbst... habe ich mir früher je Gedanken gemacht, wie man
sich am Ende irgendeines Aufentaltes aus der Affäre ziehen würde? Vielleicht
bin ich schon auf dem Wege zum Verfolgungswahn, denn ich habe längst angefangen,
in jedem Menschen den eventuellen Gläubiger zu sehen. Das geht nun auch hier
schon wieder los. Der gute Professor ist wirklich sehr nett mit mir - aber eines
Tages wird er mir unweigerlich als Gläubiger gegenüberstehen - die anderen
Patienten - wer weiss, ob ich nicht in die Lage kommen werde, sie anpumpen zu
müssen - und das Personal, das sicher fürstliche Trinkgelder erwartet... nein,
glaubt mir nur, die Bestie im Menschen, vor der so oft gewarnt wird, braucht man
nicht halb so zu fürchten wie den Gläubiger im Menschen.
    Apropos, um die in M... habe ich mich nicht weiter bekümmert, mögen sie sich
untereinander um meinen Nachlass zerfleischen. Die Flüche der Ausgesogenen und
Betrogenen hallen nur manchmal noch auf Umwegen zu mir herüber. Einige haben
ihre Forderungen dem Verein Kreditreform übergeben, und dieser schlug mir vor,
mich gütlich mit ihnen zu einigen, sonst käme mein Name auf eine schwarze Liste,
die an achtzigtausend Kaufleute versandt würde. Es war das einzige Schreiben
dieser Art, das mich wirklich sympatisch berührte, und ich möchte jenen
menschenfreundlichen Verein dafür segnen. Es ist wohltuend, zu denken, wie
Schulden sich einfach dadurch erledigen, dass man auf eine Liste kommt und dass
man mit jenen achtzigtausend Kaufleuten gar nichts zu tun hat, sie zum mindesten
nicht auch noch Geld von mir beanspruchen. Kurz nach Empfang dieses Schreibens
hatte ich einen Traum: ich war in einer Wüste, und die achtzigtausend Kaufleute
kamen als Karawane auf mich zu, umringten mich, boten mir mit mildem Lächeln
alles mögliche an und wollten mir ein Kamel zum Reiten geben. Bis dahin war der
Traum sehr schön, aber dann bemerkte ich plötzlich, dass das Kamel ein
Menschengesicht hatte, und zwar sah es aus wie mein letzter Hausherr in M...
Darüber erschrak ich so, dass ich ganz verstört aufwachte.
    Du musst wissen, dass die Freudianer sich im Interesse der Patienten auch mit
Traumdeutung befassen. Dies war jedenfalls ein richtiger Komplextraum, und ich
habe ihn mir deshalb notiert, um für Baumann Material zu sammeln. Womit soll ich
ihn sonst beschäftigen?
    Vorläufig behandelt mich der Professor nach der hier üblichen Metode mit
Tageseinteilung, Ruhestunden, Bädern, Wickeln und dergleichen mittelalterlichen
Foltern. Es ist zum Gottserbarmen, und ich möchte wissen, ob die Leute ihre
Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden. Auf mich wirkt es
gerade umgekehrt, ich fange jetzt erst an, nervös zu werden.
 
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Aus lauter Verzweiflung habe ich angefangen, Bekanntschaften zu machen. Man
erzählt sich seine Leiden, räsoniert über die Behandlung, vergleicht die jedem
zugemessene Anzahl von Bädern und Packungen, kurz, man fachsimpelt auf Tod und
Leben. Ich komme mir zwar immer noch sehr dilettantisch vor. Angstzustände,
nervöse Herzgeschichten, Idiosynkrasien, Neurosen und Psychosen, die in diesem
Milieu zum guten Ton gehören, sind mir bisher böhmische Dörfer gewesen, aber ich
lerne doch allmählich, mich sachverständig darüber zu unterhalten.
    Wir haben da einen achtzehnjährigen Pastorensohn, der sich zum Ateismus
durchgekämpft und darüber eine Psychose bekommen hat. Nun gibt es einen
entlegenen Teil des Gartens mit einem kleinen Holzpavillon, und in dem Pavillon
steht - ich weiss nicht, warum - eine Spieluhr. Ebendort geht der jugendliche
Ateist ganze Nachmittage im glühendsten Sonnenschein tiefsinnig und barhäuptig
auf und ab. Jedesmal, wenn er zum Pavillon zurückkommt, zieht er die Spieluhr
wieder auf. Ich habe ihm ein paarmal schweigend zugesehen und ihm dann
klarzumachen versucht, dass diese Betätigung unmöglich heilsam auf seine Nerven
wirken könne. Er sollte lieber mit mir ins Dorf hinuntergehen und ein Glas Wein
trinken - hier oben sind geistige Getränke verpönt. Wir gingen also Wein
trinken, unterhielten uns über Religion, verständnislose Eltern, Vorrechte der
Jugend und andere einschlägige Fragen, und es wurde ihm entschieden etwas
besser. Darüber versäumten wir irgendwelche abendlichen Duschen, und der
Professor bemerkte am nächsten Morgen etwas ironisch, meine Menschenscheu
scheine sich ja auffallend zu bessern. Trotzdem setzen wir unsere Spaziergänge
fort, und ich sehe, dass es dem Jungen gut anschlägt. Dann ist da ein blonder
Landwirt, der behauptet, er sei schon von Jugend auf Melancholiker - in lichten
Momenten schwärmt er von einer Reise um die Welt, die ihn vielleicht auf frohere
Gedanken bringen könne, unter anderem möchte er gerne die kalifornische
Schweinezucht aus eigener Anschauung kennenlernen. Ferner eine dicke
Baumeisterswitwe, die nervenkrank geworden ist, weil ihr Mann Bankerott gemacht
und sich dann erschossen hat. Sie hat uns die Geschichte gewiss schon fünf-,
sechsmal mit allen Details vorgetragen, und man hat aufrichtiges Mitgefühl. Mehr
als alles andere, mehr als Tod und Bankerott ist es ihr nachgegangen, dass in
einer Zeitung gesagt wurde, ihr Mann sei ein unverbesserlicher Baulöwe gewesen
und habe sich damit zugrunde gerichtet. Über diese Beschimpfung kann sie absolut
nicht wegkommen.
    Ja und so weiter. Du siehst, es ist keine besonders lustige Umgebung - aber
wenn man so dazwischen sitzt, gibt sie einem doch allerhand zu denken.
    Nach meinem Gefühl wären fast alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu
heilen. Hätte der rebellische Pfarrerssohn Geld, so brauchte er weder zu seiner
Familie zurück noch eine neue Weltanschauung, sondern würde sich nach
Herzenslust amüsieren und, da schon ein Glas Wein und ein bisschen Geschwätz ihn
aufleben lässt, bald geheilt sein. - Der Landmann könnte um die Welt reisen und
über den Wundern der kalifornischen Schweinezucht seinen Trübsinn vergessen.
Auch die Witwe möchte sich sicher über den unverbesserlichen Baulöwen trösten,
wenn er ihr ein anständiges Vermögen hinterlassen hätte. Aber das sieht wohl
kein Nervenarzt ein, und es nützt ja auch nichts, wenn er es einsähe. Man kann
nicht von ihm verlangen, dass er seine Patienten auch noch finanziert.
    Mein Tischnachbar, der Privatdozent Lukas, ist Gott sei Dank nur
überarbeitet. Ich unterhalte mich gern mit ihm, nur ist er mir zu sehr
Reformmann und hat extravagante Ideen über die Erwerbsfähigkeit der Frau - er
ist Nationalökonom. Gegenüber sitzt eine Medizinstudentin, die ihm natürlich
sekundiert, ihr Steckenpferd ist das weibliche Gehirn, das trotz irgendwelcher
Unterschiede ebenso brauchbar sein soll wie das männliche. Über dieses Gehirn
wären wir neulich beinah hart aneinandergekommen. Das verblendete Mädchen trat
aufs lebhafteste dafür ein, dass möglichst viele Frauen sich den
wissenschaftlichen Berufen zuwenden sollten und dabei bessere Chancen hätten als
in anderen. Dr. Lukas hielt das Erwerbsleben für noch geeigneter, und ich meinte
aus tiefster Überzeugung, dass wir überhaupt zu keiner ernstlichen Tätigkeit
taugten, nicht einmal zum Schneidern und Kochen, denn jeder Schneider oder Koch
macht es immer noch besser. Und die sogenannte geistige Arbeit ist vollends
ruinös und schrecklich. (Ich war den Tag gerade schlechter Laune, und es tat mir
wohl, meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen, um so mehr, wenn ich jemanden
damit ärgern konnte.) Die Medizinerin setzte ihren Zwicker auf und sah mich fast
erschrocken an:
    »Aber Sie sind doch selbst Schriftstellerin...«
    Ach Barmherzigkeit, wie kommt sie zu dieser Kenntnis? Du weisst ja, Maria,
ich kann das nun einmal nicht vertragen und habe gegen das blosse Wort eine
förmliche Idiosynkrasie. So fuhr ich denn auch diesmal auf wie von sechs
Taranteln gestochen und sagte: Nein, ich sei gar nichts. Aber ich müsse hier und
da Geld verdienen, und dann schriebe ich eben, weil ich nichts anderes gelernt
hätte. Gerade wie die Arbeitslosen im Winter Schnee schaufeln - sie sollte nur
einen davon fragen, ob er sich mit dieser Tätigkeit identifizieren und sein
Leben lang mit »Ah, Sie sind Schneeschaufler« angeödet werden möchte.
    Das verstand sie nicht und sagte etwas von der Befriedigung, die alles
geistige Schaffen gewähre.
    »Nein, die kenne ich nicht, aber ich habe manchmal davon gehört«, wagte ich
hier zu bemerken, »was mich selbst in solchen Fällen aufrechterhält, ist
ausschliesslich der Gedanke an das Honorar.«
    Daraufhin liess sie mich, nicht aber das weibliche Gehirn fallen und
behauptete, immerhin müsse doch auch meines so organisiert sein, dass ich etwas
damit leisten könne. »Aber ganz im Gegenteil, es leidet unendlich darunter. Es
gibt doch so etwas wie Gehirnwindungen, und ich fühle tatsächlich bei jeder
geistigen Anstrengung, wie mein Gehirn sich darunter windet. Nein - ich glaube
unbedingt an den Schwachsinn des Weibes, und zwar aus eigener schmerzlicher
Erfahrung. Seien wir nur ehrlich, liebes Fräulein Doktor«, fügte ich versöhnlich
hinzu, »wenn unsere Gehirne wirklich so viel taugten, wären wir doch alle beide
nicht hier.«
    Das aber nahm sie sehr übel und beteuerte, ihr Nervenleiden beruhe nur auf
erblicher Belastung.
 
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Du - ich fange an, wieder an Wunder zu glauben. Lach nur nicht, man findet ja im
Lauf der Zeit manchen alten Glauben wieder, zum Beispiel den an ein zweites
Leben, in dem man entweder Geld haben oder keines mehr brauchen wird. Ja, ich
könnte mich sogar mit dem Tod aussöhnen, der mir früher so unsympatisch war -
denn, selbst wenn nichts anderes mehr käme, so wird's doch wenigstens keine
Gläubiger und keine Rechnungen mehr geben. Wie gut, dass man nicht fromm ist,
sonst würde ich mir vorstellen, die ewige Verdammnis bestände darin, dass sie
einem auch dortin nachfolgen.
    Also Eure Gebete sind sichtlich erhört worden, lass Dir nur erzählen.
Vorgestern ging ich wieder einmal mit dem Ateisten und der Baulöwenwitwe, die
sich uns manchmal anschliesst, ins Dorf hinunter. Wir haben aus lauter
Verzweiflung angefangen, dort nachmittags Kegel zu schieben. Alle drei fühlten
wir uns etwas unglücklich und jammerten rechtschaffen über unser elendes Dasein
und über unsere Nerven. Als wir dann zwischen dem Kegeln eine Erholungspause
machten, sah ich im Wirtsgarten einen Herren sitzen, der mir merkwürdig bekannt
vorkam. Ja nun, es war tatsächlich Henry - wir hatten uns jahrelang nicht
gesehen, und ich war sehr überrascht, ihn so unverändert wiederzufinden. Damals,
als er nach drüben ging, dachten alle, er würde Karriere machen, als Millionär
mit Bauch und Berlocken wiederkommen und uns alle finanzieren. Als er dann nie
mehr schrieb, gab man ihn wehmütig auf. Aber er ist wieder da, ist immer noch
derselbe, gründet immer noch, es geht auch immer noch schief, und dann hat er
gleich wieder eine neue und fabelhafte Chance an der Hand.
    Sein Erstaunen, mich hier mit den beiden beim Kegelschieben zu finden, war
ebenso gross wie meines und wuchs noch, als ich ihm erzählte, dass wir droben in
das Sanatorium gehörten. Wohl oder übel musste ich dann die anderen an den Tisch
holen. Es ging auch ganz gut, die Witwe schloss ihn gleich ins Herz und erzählte
von ihrem Baulöwen. Henry überlegte sofort, wie man die Gläubiger überlisten und
das verkrachte Vermögen retten könne. Später gingen die anderen voran, um ihre
Abendbehandlung nicht zu versäumen, ich blieb noch eine Weile und liess mir
erzählen. Er ist hergekommen, um Terrains für eine Fabrik anzukaufen, und will
noch eine Weile bleiben, weil ihm der Ort gefällt und er dringend etwas Erholung
braucht. Im Laufe des Gesprächs fiel mir auf, dass er sich doch verändert hat, er
ist schweigsamer geworden, und manchmal schaut er so merkwürdig vor sich hin in
die Luft und sein Blick wird ganz starr.
    »Woran denkst du denn, Henry?«
    »Ich rechne.«
    »Immer?«
    »Immer.«
    »Dann hast du auch einen Geldkomplex.«
    »Was hab' ich?« - er wusste nur von Häuserkomplexen, Baukomplexen,
Terrainkomplexen. Ich erklärte es ihm, so gut ich konnte, und fürchtete beinahe,
er möchte es übelnehmen, aber er stürzte sich förmlich darauf wie auf eine neue
Spekulation. Vielleicht berührte es ihn auch wie ein heimatlicher Klang, eben
weil er beständig mit seinen Häuser-, Bau- usw. Komplexen zu tun hat. Aber
dieser Mann hat viel mehr Illusionsfähigkeit als ich, er fand die Möglichkeit
einer Heilung durch Analyse ganz einleuchtend und will meinen Freudianer
unbedingt kennenlernen, sobald er kommt. Das ist mir ganz recht, so kann ich
mich vielleicht um die Behandlung drücken, zu der ich schon längst keine Lust
mehr habe.
    An dem Abend verspätete ich mich arg, und der Professor machte mir einen
richtigen Krach. Er hat von unseren Ausflügen Wind bekommen, warf mir vor, dass
ich den Ateisten zum Weintrinken verführt habe, auch die Witwe sei heute abend
ganz ausser Rand und Band, und meine eigene Behandlung lasse ich überhaupt völlig
ausser acht.
    Ach, mir wäre bald die Geduld gerissen, und ich war nahe daran, in offene
Rebellion auszubrechen, zu sagen, dass mir ja absolut nichts fehle und man mich
um Gottes willen in Ruhe lassen solle. Es ist wirklich hart genug, sich auf
Schlaflosigkeit und dergleichen behandeln zu lassen, wenn man einen so gesunden
Schlaf hat wie ich, und überhaupt...
    Aber seit der letzten wirtschaftlichen Krisis bin ich völlig charakterlos
geworden, ich habe nicht mehr den Mut, den Ast abzusägen, auf dem ich sitze...
das wohlbekannte Gefühl, wenn er plötzlich kracht und man drunten liegt... nein,
das kann ich nicht mehr. Jedesmal, wenn ich aufbegehren möchte, sehe ich wieder
wie in einer Vision den Professor als Gläubiger vor mir und werde sanft wie ein
Lamm.
    Die Kegelausflüge haben wir also aufgeben müssen, dafür habe ich Henry
bewogen, als Neurasteniker ebenfalls in das Sanatorium zu ziehen. Er findet
sich ganz gut hinein, und man macht sich gegenseitig das Leben so angenehm wie
möglich. Jetzt im Sommer ist es überhaupt erträglicher, man hat den grossen
Speisesaal mit der deprimierenden langen Tafel verlassen und nimmt die
Mahlzeiten auf der Terrasse an einzelnen Tischen. Henry, Doktor Lukas, der Knabe
Gottfried und ich haben einen Tisch am oberen Ende, wo man alles übersehen kann
und doch etwas für sich ist. Die Witwe wollte sich anschliessen, aber es war zum
Glück kein Platz mehr. So gastiert sie nur bei uns, und damit sie nicht allzu
störend wird, erziehen wir sie zu unserer Anschauungsweise. Kurz, wir haben hier
mitten in dieser fremden Welt eine Art eigenes Milieu gegründet.
    Du kannst Dir denken, dass Henry und ich uns viel zu erzählen haben und
endlos von alten Zeiten reden. Wir rechneten aus, wie lange wir uns jetzt schon
kennen. Es sind ungefähr acht Jahre, und die Bekanntschaft begann mit einer sehr
schönen, sehr langen und sehr kostspieligen Reise, von der wir ohne einen Heller
zurückkehrten. Er gab dann seine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit auf und
verlegte sich auf Unternehmungen. Der erste Anlass dazu war ein Exfreund, dem er
ein beträchtliches Kapital ins Geschäft gesteckt hatte und der es nicht wieder
herausrücken wollte. Der Exfreund wurde verklagt, gepfändet, jedoch umsonst. Er
hatte vorgesorgt und alles rechtzeitig seiner Tante zediert. Aber er hatte
irgendeine vielversprechende Erfindung gemacht, das Patent auf diese Erfindung
konnte er wohl nicht gut der Tante zedieren, und Henry liess es beschlagnahmen.
Damals lernten wir, seine näheren Bekannten, ihn bewundern; er hatte uns vorher
wohl allerlei Pläne entwickelt, aber wir verstanden wenig von solchen Dingen und
hielten sie deshalb für phantastisch. Ich sehe ihn noch, wie er dann eines Tages
plötzlich auf den Tisch schlug und sagte: »Jetzt hab' ich's.«
    Acht Tage später hatte er auf die Erfindung des Exfreundes eine GmbH
gegründet, hatte ein elegantes Büro mit zahllosen Plänen, Grundrissen und
Gipsmodellen und telefonierte den ganzen Tag. Wenn ich mich recht erinnere,
handelte es sich um einen feuersicheren Kinemasaal, brach aber doch einmal Feuer
aus, so würde wenigstens keine Panik entstehen, weil er in einer halben Minute
geräumt werden konnte. Wie die Geschichte ausging, bringe ich nicht mehr
zusammen, und es tut auch nichts zur Sache. Jedenfalls begann er damit seine
Laufbahn als Gründer. Übrigens hat Henry ebenso wie ich einen rätselhaften
Unstern in finanziellen Dingen gehabt, er konnte wohl auch nicht die richtige
persönliche Beziehung zum Geld finden. Mich hat es dann schliesslich ernst
genommen, ihn foppte es auf unqualifizierbare Weise. Böse Zungen behaupten heute
noch, es sei bei all seinen Unternehmungen nie etwas herausgekommen, aber das
kennt man ja und soll kein Gewicht darauf legen. Einerlei, er blieb unbeugsam,
fragte man ihn, wie steht es denn mit der oder jener Geschichte?, so hiess es:
schlecht, gerade im entscheidenden Moment kam etwas dazwischen, aber ich habe
jetzt eine neue Sache an der Hand, und wenn die nicht einschlägt, soll mich der
Teufel holen. Manchmal verschwand er auch für eine Weile, und man hatte Angst,
er sei verkracht, aber er war nur rasch in Südamerika oder sonstwo gewesen, um
irgendein Unternehmen in die Wege zu leiten. Dann tauchte er wieder auf und mit
ihm ein neues Büro, ein imponierendes Türschild, das wieder eine neue GmbH
verkündete, Modelle, Telefongespräche und Aktionäre.
    Du siehst, Maria, er ist auch diesmal wiedergekommen und hat sich drunten in
unserem Städtchen ein Büro eingerichtet, wo er täglich ein paar Stunden mit
seinen Aktionären telefoniert. Wir schwelgen in alten Erinnerungen:... wie ich
einmal Geld hatte... wie du einmal Geld hattest... oder: als es mir damals
ernstlich an den Hals ging...
    Unsere Schicksale hatten immer eine gewisse Ähnlichkeit miteinander, so
musste es wohl auch kommen, dass wir uns hier im Sanatorium mit unseren
beiderseitigen Geldkomplexen wiederfanden und doch beide nach altem Brauch auf
eine günstige Lösung warten... ich auf meine Erbschaft, er auf einen grossen
Coup, der seiner Meinung nach dieses Mal nicht fehlschlagen kann.
Beklag Dich, bitte, nicht wieder über meine Briefe, Maria. Aber ich interessiere
mich momentan so grenzenlos für meine eigene Existenz, dass nichts anderes
übrigbleibt. Auch darin verhext einen die ewige Geldfrage, möchtest Du's nur nie
an Dir selbst erfahren. Alle schönen Eigenschaften des Herzens, alles Eingehen
auf andere geht dabei zum Henker...
 
                                       5
Ich fürchte, wir haben den armen Privatdozenten angesteckt. Anfangs pflegte er
nur friedlich von wirtschaftlichen Fragen zu sprechen, während er sich jetzt auf
das lebhafteste für Gründungen und Spekulationen, kurz für alle direkten und
indirekten Geldfragen interessiert. An unserem Tisch ist von nichts anderem mehr
die Rede, die Neurosen und Psychosen haben alle Anziehungskraft verloren. Selbst
Gottfried denkt nicht mehr über seine Weltanschauung nach, sondern hört
andächtig zu. Ich glaube, der Verkehr mit uns wird ihn noch völlig heilen. Heut
sass ich längere Zeit mit Doktor Lukas allein. Wir gaben uns alle Mühe, zur
Abwechslung einmal ein anderes Tema anzuschlagen... die Hitze... die
Persönlichkeit des Professors... wie schön es sein müsste, jetzt für ein paar
Wochen an die Nordsee zu fahren... und wurden dabei aber immer einsilbiger und
langweiliger. Dann kam die Witwe einen Augenblick heran und stimmte ihr
gewohntes Klagelied an. Tag und Nacht habe ihr verstorbener Mann gearbeitet, bis
er ein kleines Vermögen auf der Bank liegen hatte, und all das sauer verdiente
Geld sei nun in der Konkursmasse - mein Gott, mein Gott!
    Die gute Dame ist etwas ermüdend, aber ihre Neurose besteht nun einmal in
dem beständigen Repetieren ihrer Leidensgeschichte, und als Mitpatient muss man
Geduld haben.
    »Eigentlich hat sie ja auch recht«, sagte Lukas, als sie wieder fort war.
    »Nein, sie ist vollständig auf dem Holzweg, weil sie an dem Geld gerade das
Sauerverdiente so schätzt und hervorhebt. Es ist ein widerwärtiger Ausdruck und
ein widerwärtiger Begriff. Es kann auch auf sauerverdientem Geld kein Segen
ruhen, es muss uns hassen, weil wir es an den Haaren herbeigezogen haben, wo es
vielleicht gar nicht hinwollte, und wir müssen es hassen, weil wir uns dafür
geschunden haben und im Gedanken an diese Schinderei noch voller Ressentiments
sind. Es rächt sich auch immer, denn entweder warten schon andere Leute darauf,
oder man gibt es in der ersten Reaktion für sinnlose Dinge aus.«
    »Der Baulöwe hatte es aber anscheinend doch auf die Bank gelegt, um sich
später einmal gute Tage zu machen...« - »Um so schlimmer, dann wird es gar noch
zum sauer Ersparten, was die Leute bekanntlich immer auf tragische Weise
einbüssen. Ich begreife auch, dass das Geld sich solche Bezeichnungen nicht
gefallen lässt. Sauer erspart... sagen Sie es sich nur ein paarmal vor, womöglich
mit knarrender Stimme.«
    Er tat es und musste mir recht geben: »Wie Krähen im Herbst«, sagte er.
    Inzwischen war Henry unbemerkt durch die Gartentür hereingekommen und stand
mit einemmal hinter uns.
    »Was macht Ihr denn da?« sagte er aufrichtig erschrocken, »mein Gott, Herr
Doktor, jetzt hat es Sie auch schon... Kommen Sie lieber mit hinunter in mein
Büro, ich möchte Ihnen etwas zeigen.«
    Im Büro war ein Arbeiter damit beschäftigt, eine grosse Holzkiste
aufzubrechen, und wir waren sehr neugierig auf den Inhalt. Henry erzählte uns
derweil ausführlich die Geschichte der südafrikanischen Goldminen, um
derentalben er damals fortging. Man hatte ihm die Leitung des ganzen
Unternehmens übertragen, aber wie gewöhnlich, wenn alles einmal glattgehen
konnte, machte das Geld eine förmliche Verschwörung gegen ihn. Er hatte einfach
keines, konnte das aber den Aktionären nicht gut unter die Nase reiben, und die
Abreise verzögerte sich, verschob sich bis ins Aschgraue. Wiederum regten sich
die bösen Zungen und behaupteten, er sei monatelang mit einem falschen Bart
herumgegangen, um zu verbergen, dass er immer noch da war. Ich weiss auch nicht
mehr, hat es ein halbes oder ein ganzes Jahr gedauert, bis er endlich an seiner
Geschäftsstelle anlangte. Von dort aus hatte inzwischen ein Herr Alramseder aus
Nürnberg, der an der Sache beteiligt war, gegen ihn intrigiert, und Henry erfuhr
gleich bei seiner Ankunft, dass die Gesellschaft ihn schon lange seiner Stellung
entoben und eben jenen Herrn Alramseder zu seinem Nachfolger gemacht hatte.
Dieser liebenswürdige Mann mit dem heimatlichen Namen hatte einen
ausgesprochenen Tropenkoller und schickte ihm ohne weiteres einen Trupp von
sechzehn Kaffern entgegen, die ihn verhaften sollten.
    Die Witwe hörte in grösster Spannung zu und fragte fast atemlos: »Ja... und
was taten Sie da?«
    »Zuerst fotografierte ich die Kaffern«, sagte Henry schlicht und ohne Pose.
    »Fotografierten die Kaffern?...«
    »Ja, um Beweismaterial gegen den Alramseder in der Hand zu haben.« - Pause.
    Tatsächlich ist es ihm dann auch gelungen, ich weiss nicht, ob die Fotografie
der sechzehn Kaffern dabei ausschlaggebend wirkte - die leitende Stellung wieder
an sich zu bringen und zu behaupten. Die Witwe war ganz begeistert und ist jetzt
überzeugt, dass es Henry gelingt, mit ihren Gläubigern fertig zu werden und das
Andenken des unverbesserlichen Baulöwen reinzuwaschen.
    Inzwischen war die Kiste endlich aufgebrochen, und Henry hob eine
sonderbare, unförmliche Gipsgeschichte heraus, die das Minenterrain darstellte.
Quer durch geht ein blau angestrichener Fluss. Er erklärte uns die geographische
Lage und dass die Goldlager sich unter dem Flussbett befänden.
    »Und wie bekommt man das Gold da heraus?« fragten wir.
    »Das ist ganz einfach«, antwortete er und hob ohne weiteres den blau
angestrichenen Fluss heraus, mit einer so überzeugenden Geste, dass wir einen
Moment das Gefühl hatten, wenn es darauf ankäme, würde er es auch in
Wirklichkeit so machen.
    Nun, er hat es uns dann ausdrücklich erklärt, wie es gemacht wird, aber ich
habe weder aufgepasst, noch möchte es von besonderem Interesse für Dich sein.
Schliesslich kann einen Gold doch nur lebhaft interessieren, wenn es schon
wirklich Zwanzigmarkstücke sind und sie einem gehören.
 
                                       6
So, nun habe ich endlich einmal eine Sensation zu verkündigen, die Sensation...
der alte Herr ist sanft entschlafen, wie mir gestern ein Telegramm meines
Miterben meldete. Ich war ihm dankbar, dass er sich so taktvoll ausdrückte, und
gebe mir alle Mühe, dem Entschlafenen gegenüber ebenfalls taktvoll zu empfinden.
In dem Moment, wo jemand tot ist, wird einem das ja auch immer relativ leicht.
Also erwartet jetzt, bitte, kein ordinäres Freudengeheul von mir, mir ist
vielmehr zumut, als ob ich vorläufig sehr viel Haltung bewahren müsste.
    Erstens wissen wir über das Testament und vor allem über den Besitzstand des
Verstorbenen noch nichts Genaueres, und da er Ausländer war, kann sich das alles
noch etwas hinziehen. Zweitens habe ich den Glauben an das Geld, an alles Geld
verloren und kann ihn nicht von heute auf morgen wiederfinden. Bis es nicht
tatsächlich vor mir auf dem Tisch liegt... und wer weiss, ob es mich jetzt für
hinlänglich geläutert hält, um sich wirklich auf meinen Tisch zu legen. Wie oft
habe ich erlebt, dass es schon auf dem Wege zu mir war und unter irgendeinem
fadenscheinigen Vorwand wieder umkehrte. Selbst dadurch, dass es einem gehört,
hat man es noch nicht... so halte ich es für geboten, es vorläufig möglichst zu
ignorieren und um keinen Preis kopfscheu zu machen.
    Bitte, verhaltet auch Ihr Euch in diesem Sinne, sprecht nicht davon, freut
Euch nicht, schlagt keinen Lärm und gratuliert mir nicht.
    ... Nein, diese Botschaft an sich kann mich noch nicht von meinem
Geldkomplex erlösen, es kommt nur allmählich wieder ein Gefühl von
Daseinsberechtigung über mich, das ich mittlerweile ganz verloren hatte. Lass Dir
sagen, liebe Maria, es sind nur zwei Dinge, die einem dies Gefühl geben... Geld
und Liebe. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist
wohl das Leben einmal ganz richtig? Und fehlt eines von den beiden, so kann man
sich immerhin mit dem anderen trösten. Fehlen aber beide, wie jetzt, wie hier...
nun, alles in allem ist es doch ein etwas trüber Aufentalt. Mit Geld könnte ich
fortgehen, aber es ist keines da; mit Liebe könnte ich hierbleiben, aber es
fehlt jedes geeignete Objekt. Der Ateist ist mir zu jung, Lukas zu seriös, und
mit Henry bin ich allmählich zu gut befreundet. In den Arzt verliebt man sich
nur, wenn man hysterisch ist, und unser würdiger Professor eignet sich wenig
dazu.
    ... Ich fahre erst heute fort. Der Miterbe war hier, man hat sich ernst und
korrekt die Hand geschüttelt und doch ein wenig wie zwei Überlebende nach einem
Schiffbruch, die nun nähere Bekanntschaft miteinander machen. Man widmete dem
Verstorbenen einige geziemende Worte, und das war wirklich anständig, denn er
hat bei seinen Lebzeiten wenig Sympatie für uns an den Tag gelegt und unser
beider Treiben, soweit es ihm bekannt wurde, meistens gemissbilligt. Aber wir
waren jetzt einig, ihm das nicht mehr nachzutragen. Dann war vom Begräbnis die
Rede. Der alte Herr will in seiner Familiengruft beigesetzt werden, und das ist
ungemein schwierig, weil wir, die beiden einzigen Nachkommen, im Moment nicht
über die Mittel verfügen, ihn dortin zu geleiten. Diese Frage bleibt also noch
ungelöst? Dagegen wird morgen am Sterbeort eine Einsegnung stattfinden. Ich
sollte durchaus mitfahren, habe mich aber geweigert. Nie in meinem Leben habe
ich solche Sachen mitgemacht, ich habe einen patologischen Horror davor. Gott
weiss, ob der Alte sich nicht auch darüber ärgern würde. Ich habe Angst davor,
ihn noch nachträglich zu verstimmen und üble Folgen über mein Haupt
heraufzubeschwören.
    Allmählich kamen wir dann auch auf die Erbschaft selbst zu sprechen. Er hat
das Testament vor einigen Jahren selbst eingesehen, und nach dem, was er sagt,
käme eine Summe in Betracht, die uns beiden das Herz höher schlagen lässt. Nun
machte aber der alte Herr vor andertalb Jahren - nachdem er unglücklicherweise
von unserem Kontrakt erfahren (vermutlich durch seinen schnöden Advokaten, der
ihn gemacht hat und den wir nicht zahlen konnten), eine verdächtige Reise in
seine Heimat, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Der Miterbe, der eigentlich
Bescheid wissen müsste, behauptet zwar, nach dem dortigen Gesetz könne man ihn
als den einzigen direkten Nachkommen, falls er nur verheiratet sei, nicht
verkürzen. So hat man sich darüber wieder beruhigt. Natürlich muss er sich
gründlich um die Sache bekümmern, meint aber, in wenigen Monaten könne alles
erledigt sein.
    Monate - Maria - in Monaten kann alles mögliche passieren, man kann krank
werden, sterben, verunglücken oder den Verstand verlieren. In Monaten hat das
Geld alle Musse, die ausgefallensten Schikanen zu ersinnen. Monate sind eine
schreckliche Zeit, wenn man sie mit Warten zubringt. Ich male mir alle schlimmen
Möglichkeiten aus, das ist immer das beste, um ihnen vorzubeugen. Ängstigt man
sich zum Beispiel, es sei jemand ertrunken oder abgestürzt, so kommt er sicher
heil zurück, erwartet man ihn aber unbefangen zum Abendessen, so wird er
womöglich vom Blitz erschlagen.
    Du siehst, ich habe mein System vollständig geändert und wehre mich ebenso
verzweifelt gegen jeden Optimismus, wie ich ihm früher huldigte. Und doch, wenn
ich morgens aufwache und mich noch nicht genügend beherrsche, denke ich mit
scheuer Verliebteit an dies ferne Geld, das, so Gott will, über kurz oder lang
zu mir in Beziehung treten wird.
    Natürlich habe ich nur den männlichen Tischgenossen davon erzählt, vor der
Witwe hatte ich Angst, sie möchte mich an ihr Herz ziehen, Tränen vergiessen und
wieder von ihrem Baulöwen anfangen.
    Henry nahm es mit derselben Seelenruhe auf wie die sechzehn Kaffern des
Herrn Alramseder, und der gottlose Pfarrerssohn meinte, sein Vater würde in
solchem Falle sicher sagen: was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.
    »Oder, was kann der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse«,
vollendete Lukas.
    »Ach, wie gerne wollte ich Schaden an meiner Seele nehmen, wenn ich
Reichtümer damit gewinnen könnte.«
    »Und ich bin fest überzeugt«, sagte Henry, »dass man mit Geld seine Seele
ohne weiteres wieder auslösen könnte.«
    Gottfried lächelte fröhlich, seine neue Weltanschauung befestigt sich immer
mehr. Henry hat nämlich vor, ihn in Afrika bei den Goldminen unterzubringen, so
braucht er nicht mehr unter das väterliche Dach zurückzukehren und könnte seine
Psychose ruhig aufgeben.
    Doktor Lukas aber wollte ganz genau wissen, wie mir jetzt zumut sei. Er ist
etwas enttäuscht, denn er hat es sich wohl so vorgestellt, wie in den
Zeitungsgeschichten von Flickschustern, die das grosse Los gewinnen und dann vor
freudigem Schrecken die Treppe hinunterfallen oder vom Schlag gerührt werden.
Und wie ich mir nun die Zukunft denke?
    Ich denke nach... die Zukunft ist noch nicht da, und die Vergangenheit wirkt
noch zu stark in mir nach. Mir ist, als sei ich mein halbes Leben Jongleur in
einem Zirkus gewesen, wollten die Kugeln nicht mehr richtig fliegen, so warf man
mit Flaschen, Tellern oder Messern. Wollte es mit den Händen nicht mehr gehen,
so stellte man sich auf den Kopf und jonglierte mit den Füssen weiter. dabei
immer die verdammte Unsicherheit, ob man Herr der Situation bleiben wird oder
nicht, bis dann eines schönen Tages die Dinge wirklich streikten, Kugeln,
Flaschen, Teller, Messer herunterrasselten und die Zuschauer mich auspfiffen -
unter den Zuschauern stellte ich mir meine Gläubiger vor, die bei der Vorführung
durchaus auf ihre Kosten kommen wollten.
    Nein, ich wollte lieber gar nicht über das Geld reden, ehe es da ist. Aber
Lukas liess nicht locker. Wie alle Privatdozenten hat er natürlich ein kleines
Vermögen, von dem er bescheiden und sicher leben kann. Der Umgang mit uns hat
nun zwar in letzter Zeit seine Begriffe etwas verwirrt, aber manchmal wird er
wieder rückfällig und ist nun geradezu besorgt, ob ich mich zu der veränderten
Sachlage richtig einstellen werde. So macht er alle möglichen Pläne, wie ich das
Geld am besten anlegen solle.
    »Anlegen?«...
    »In Goldshares«, rät Henry, »in wenigen Jahren gibt es vermutlich enorme
Dividenden.«
    »Ja, um Gottes willen, Sie Phantast... wenn Sie Ihren Fluss herausgehoben
haben?«...
    »Und dem Alramseder einmal definitiv auf den Kopf spucken kann... denn damit
steht und fällt die ganze Sache«, sagte Henry ernst.
    Der Privatdozent rang die Hände:
    »Nein, ich bitte Sie, machen Sie mir die gnädige Frau nur nicht wieder
vollends...«
    »Sprechen Sie ruhig aus«, sagte ich melancholisch, »es hat jetzt wirklich
keine Gefahr mit mir. Wenn das Geld nur erst da ist, werde ich sicher wieder
ganz normal.«
    »So normal, dass Sie vernünftig damit umgehen? Sagen wir, zum Beispiel, das
Kapital nicht angreifen, falls Sie mit den Zinsen auskommen können... und dass
Sie sich nicht auf Spekulationen einlassen, die davon abhängen, ob Ihr Freund
Henry dem Herrn Alramseder oder sonst jemandem auf den Kopf spuckt?«
    »Sie, Lukas, haben heute wieder einen schrecklichen Rückfall in Ihre
nationalökonomischen Komplexe. Leute, die von ihren Zinsen leben, sind viel
anomaler. Denken Sie nur, plötzlich sterben zu müssen, was jedem passieren kann,
und das ganze Kapital liegt noch da, mit dem man sich unendliches Pläsier hätte
verschaffen können. Mir würde dieser Gedanke alle Seelenruhe nehmen. Man sollte
vielleicht taxieren, wie lange man ungefähr noch zu leben wünscht, und danach
die Summe einteilen. Bedenken Sie doch auch meinen Geldkomplex, wie soll ich den
jemals loswerden, wenn ich mir nicht eine ausgiebige Revanche für alle bisher
erlittene pekuniäre Unbill leisten darf?«
    »Bitte, hören Sie auf«, bat Lukas, »ich möchte sonst noch Ihrer eigenen
Auffassung vom weiblichen Gehirn beistimmen und Sie vom wirtschaftlichen
Standpunkt aus völlig aufgeben...«
    »Vor allem ist das Geld ja wirklich noch nicht da«, bemerkte Henry mit
unerschütterlicher Miene.
    »Erlauben Sie mir wenigstens noch die Frage, wie der Herr... nun, Ihr Herr
Miterbe darüber denkt... seinen Namen haben Sie uns übrigens immer noch
vorentalten.«
    »Er trägt denselben Namen wie ich auch, da wir miteinander verheiratet
sind...«
    Hätte ich nur lieber geschwiegen, aber es fuhr mir so heraus, und nun musste
ich natürlich eine Flut von Aufklärungen geben. Worauf der arme Lukas so
angegriffen war, dass er sich für den Rest des Abends zurückzog. - Du weisst, ich
rede nicht gern von dieser Heirat, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, weil
es mich gar so langweilt, immer wieder den Zusammenhang erläutern zu müssen. Wir
leben nicht zusammen, wir kennen uns kaum, wir sind keine Ehe, sondern nur ein
Kontrakt, und unser einziges gemeinsames Interesse ist eben diese Erbschaft.
Manche begreifen das nicht, andere nehmen Ärgernis daran, und ich selber
vergesse inzwischen manchmal vollständig, dass ich eigentlich verheiratet bin. -
Der Professor erwartet einen neuen Patienten - es ist ein russischer Fürst, und
wir sind sehr gespannt auf ihn. Russischer Fürst klingt so angenehm nach Geld
und Spleen.
 
                                       7
Nein, ich weiss immer noch nichts Näheres. Die Testamentseröffnung soll erst
nächste Woche stattfinden. Inzwischen hat der Miterbe wenigstens Mittel und Wege
gefunden, um selbst hinzufahren und gleichzeitig die sterblichen Überreste des
alten Herren zu überführen. Einstweilen war er immer noch im Bahnhof deponiert.
Henry hielt das für sehr bedenklich, weil es immerhin einen Anstrich von
Rücksichtslosigkeit hatte, aber es war beim besten Willen nicht zu ändern.
    Dass Ihr die Sache äusserst spannend findet, begreife ich, kann aber Eure
Empfindungen nicht teilen. Ich lasse mich grundsätzlich auf keine Spannung mehr
ein, sie schadet mir und beeinflusst die Dinge immer nur ungünstig.
    Es war eine glückliche Fügung, dass ich hierherkam. Ich muss die Segnungen
dieses Aufentalts immer mehr anerkennen und kann nur sagen, ein Sanatorium ist
doch der einzige geeignete Ort, um auf Erbschaften zu warten. Von der Kur habe
ich mich ziemlich emanzipiert, es war nicht mehr zum Aushalten. So habe ich dem
Professor auseinandergesetzt, meine Schlaflosigkeit hätte sich in das Gegenteil
verkehrt und ich litte jetzt vielmehr an einer veritablen Schlafsucht... damit
er mich nur mit seinen Wickeln und Duschen verschont. Ausserdem möchte er mir
etwas mehr Bewegungsfreiheit gewähren, denn ich hätte einen verwickelten
Erbschaftsprozess und müsse deshalb öfter in die Stadt, um mit einem Anwalt zu
beraten. Er gab schliesslich nach, aber seine Sympatie für mich, die wohl nie
sehr heftig war, nimmt immer mehr ab. Ich glaube sogar, er möchte mich fort
haben, denn er machte ziemlich brutale Anspielungen, ob ich nicht zur Nachkur
noch in ein Seebad gehen wollte. Henry meint, er hielte mich am Ende für eine
Schwindlerin... Es ist schon möglich, denn dass meine Nerven völlig intakt sind,
hat er längst durchschaut, vielleicht auch, dass es mit meinen Geldverhältnissen
nicht der Fall ist. Der Freudianer hat ihn ja damals brieflich darauf
vorbereitet, dass ich erst am Ende meines Aufentalts zahlen würde...
Erbschaftsprozesse und dergleichen klingt immer etwas nach Schwindel, kein
Mensch glaubt an Erbschaften, die noch in der Luft hängen, kurz, er wird in
meiner Vorstellung immer mehr zum Gläubiger, und das ist ungemütlich. Vielleicht
ist es auch ein Fehler, dass ich nie die Rechnung beanstande, sie wird einem jede
Woche ins Zimmer gelegt, und ich sehe, dass andere Patienten, die regelmässig
zahlen, jeden Augenblick Krakeel machen. Das ist eine Gewohnheit aus schlechten
Zeiten. Ist man selbst überzeugt, dass man doch nicht wird zahlen können, so
kommt es nicht in Betracht, wie hoch die Rechnung wird. Ich kann ihm also sein
Misstrauen nicht übelnehmen... wie oft war man schon in ähnlicher Lage und
brannte dann irgendwie durch, das mag in Sanatorien ebenso oft vorkommen wie in
Hotels.
    Um wenigstens etwas glaubhafter dazustehen, habe ich mir einen Rechtsanwalt
von ihm empfehlen lassen und bin auch wirklich hingegangen. Was er für mich tun
soll, ist vorläufig noch ganz unklar, aber ich bereite ihn darauf vor, dass es
eventuell etwas zu tun geben wird, und befrage ihn um tausend Dinge, die ich
entweder schon weiss oder gar nicht zu wissen brauche. Im Anschluss daran kann man
sich wenigstens etwas herumtreiben, ins Café gehen und dergleichen längst
entbehrte Freuden geniessen. - Mittlerweile ist auch der schon erwähnte russische
Fürst hier aufgetaucht, das heisst, zur allgemeinen Enttäuschung ist er kein
Fürst, sondern nur Grossgrundbesitzer und heisst Balailoff. Den erhofften Spleen
aber hat er im höchsten Masse, und so kommt es auf eins heraus. Wir haben ihn
gleich in unseren Kreis gezogen und sind durchaus zufrieden mit ihm. Der Spleen
zerfällt in zwei Teile, einmal will er sich den Alkohol abgewöhnen lassen,
zweitens hat er eine Braut mit und will hier heiraten.
    Dieser Balailoff ist eine gute Ablenkung, denn er erzählt beständig von
seinen Angelegenheiten, und wenigstens in seiner Gegenwart müssen wir unsere
Geldgespräche suspendieren, schon weil er augenscheinlich über schwindelhafte
Mittel verfügt und unsere Komplexe nicht verstehen würde. Statt dessen drehen
wir uns mit um seine Heiratsangelegenheiten und seinen Alkoholismus. Mit der
Braut dagegen haben wir vergebens versucht uns in Fühlung zu setzen. Sie bewohnt
einen Extrapavillon, zieht sich sehr zurück und weiss uns nicht zu schätzen. Es
macht den Eindruck, als ob sie ihn zu dieser Entziehungskur veranlasst hätte und
beständig mit dem Professor komplottiert. Er selbst schimpft bei jeder
Gelegenheit darüber, dass er hier so überwacht wird, und für die Momente, wo er
es nicht mehr aushalten kann, hat er sich schon eine Art Weinkeller in Henrys
Büro eingerichtet. Die beiden haben sich nämlich in einem grossen
Spekulationsobjekt gefunden. Balailoff hat, wie so viele Russen, auf
irgendwelche Weise sein Anrecht auf einen Platz verwirkt, kann deshalb nicht
mehr nach Russland zurück und möchte seine dortigen Ländereien verkaufen. Da, wie
er erzählt, ergiebige Petroleumquellen in der Gegend sind, riet Henry ihm, statt
dessen eine Aktiengesellschaft zu gründen, und er ist Feuer und Flamme dafür.
Sie sitzen beständig im Büro, machen Kostenanschläge und rechnen. Kommen sie
dabei zu einem Resultat, das sie besonders begeistert, so wird es auf Balailoffs
Verlangen begossen, und wir haben dann unsere liebe Not, ihn so weit zu zähmen,
dass der Professor und die Braut nichts merken. Sie begleitet ihn nur selten bei
seinen Ausgängen, sondern sitzt in ihrem Pavillon, spielt Klavier und verachtet
uns alle miteinander.
 
                                       8
Ich hab' Euch verwöhnt, Maria, mit meinem vielen Schreiben. Wenn ich einmal
vierzehn Tage schweige, seid Ihr schon unzufrieden. Denkt nur nicht, dass es
immer so fortgehen wird. Ich bin gewiss Dir und Euch allen so zugetan wie immer
und war es auch in Zeiten, wo man überhaupt nichts voneinander hörte, aber dass
ich jetzt so endlose Briefe schreibe, geschieht wohl mehr mir selbst zuliebe und
weil ich so viel überflüssige Zeit habe. Habe ich aber zur Abwechslung einmal
keine Lust, so lasst mich in Ruhe.
    Ja, also, kurz nach meinem letzten Schreiben kam ein Telegramm vom Miterben:
»Beisetzung erfolgt. Testamentseröffnung verschoben, da selbes noch nicht
aufgefunden. Anwalt meint vierhunderttausend pro Kopf.«
    Dieser unleidliche Privatdozent tut nun wirklich, als hätte ich das grosse
Los gezogen. Ich finde ja auch, es sind recht angenehme Aussichten, aber durch
die Schwierigkeiten der letzten Jahre sind meine Ansprüche ins Ungeheuerliche
gewachsen, und es gibt keine Summen mehr, die ich als überwältigend empfinden
würde. Das Revanchebedürfnis ist eben zu gross geworden.
    Lukas handelt mit mir wie Abraham mit dem lieben Gott um die Gerechten von
Sodom, wieviel ich festlegen soll und wieviel ich verjubeln darf. Ich höre
andächtig zu und träume dabei von einer Reise nach Siam - ich weiss nicht, warum
mich gerade das so besonders lockt - von Kleidern, Pferden, Landhäusern - kurz,
ich übersetze mir die Zahlen in erfreuliche Wirklichkeiten. Vor einem halben
Jahr hätte der Gedanke an ein gesichertes Dasein noch etwas Verlockendes für
mich und Lukas vielleicht mehr Glück mit seinen Mahnungen gehabt... sich
rangieren, auskommen, Ruhe haben... Aber das Geschick hat den Bogen zu sehr
überspannt. Existenz, wirtschaftliche Basis und dergleichen sind mir zu
fratzenhaften Begriffen geworden, unter denen ich mir nichts mehr vorstellen
kann. Sie haben mich so greulich verhöhnt, dass ich nur noch in derselben Tonart
antworten kann. Meinst Du, ich wäre je wieder imstande, ohne die qualvollsten
Zwangsvorstellungen eine Wohnung zu mieten, mit einem Hausherrn zu verhandeln,
Möbel zu kaufen, Dienstboten zu engagieren, Milchfrauen, Petroleum- und
Kohlenmänner ins Haus kommen zu sehen? Ich fürchte, ich werde überhaupt nie
wieder wohnen können, nur mehr logieren, ganz oberflächlich, vorsichtig und ohne
Zusammenhang. In der Beziehung ist etwas in mir gebrochen, was nie wieder ganz
werden kann...
    Recht ungeschickt kam gerade in diesen Tagen Doktor Baumann, der Freudianer,
hier an. Ich hoffte, er sei selbst etwas erholungsbedürftig und würde sich erst
ausruhen wollen. Aber nein, er brennt vor Tatendurst und wollte mich sofort
seiner Analyse unterziehen. Ich meinte darauf, wir sollten jetzt doch lieber die
Entwicklung der Dinge abwarten, dann wäre es vielleicht gar nicht mehr nötig,
aber er lässt sich nicht überzeugen. Im übrigen ist er sehr nett, und man freut
sich hier über jeden Zuwachs der Gesellschaft, so muss ich denn wohl oder übel in
den sauren Apfel beissen und mich von ihm behandeln lassen. Nachdem er mich hier
untergebracht und akkreditiert hat, ich mich ausserdem andauernd schlecht benehme
und dem Professor ein Dorn im Auge bin, kann ich jetzt unmöglich sagen: Lassen
Sie mich in Ruhe, ich halte Ihre Behandlung für einen Schmarrn und bin mehr als
je überzeugt, dass mein Leiden nur durch positives Geld zu heilen ist. Im
Gegenteil, ich bin einfach verpflichtet, auch diesen Kelch zu leeren, wie ich
vorher die Wickel und Duschen über mich ergehen liess. Wirtschaftliche Kräche
haben manchmal unübersehbare Folgen... weiss der Himmel, was alles für Kuren an
Leib und Seele ich noch durchmachen muss, bis die Erbschaft fällig ist.
    Ich fand es anfangs ganz hübsch und stilvoll, einen Komplex zu haben, man
konnte vor sich selbst und anderen sich immer darauf berufen, anstatt einfach zu
sagen: ich bin verzweifelt, ausser mir, schlechter Laune usw. Aber ich finde es
hart, sich nun deshalb so anstrengen zu müssen, und es ist wirklich ein Stück
Arbeit, bis man all diese verwickelten Sachen begriffen hat. Verlange nur nicht,
dass ich dir einen populär verständlichen Vortrag darüber halte. Mein Wunsch geht
mehr dahin, Euer Mitgefühl zu erwecken, als Euer Wissen zu bereichern. Wie schon
die Bezeichnung Psychoanalyse sagt: man analysiert die Psyche, wie wir einst in
der Schule deutsche Grammatik analysierten, ohne jemals zu begreifen, wozu das
gut sei. In diesem Fall analysiert natürlich der Arzt, und man hat nur darauf
einzugehen. Er fragt, fragt und fragt, und ich soll nur antworten, aber eben das
ist gar nicht so leicht.
    Die Komplexe kommen angeblich dadurch zustande, dass man die betreffenden
Dinge, Gedanken, Wünsche und ähnliches von sich weggeschoben, mit dem
technischen Ausdruck verdrängt hat, natürlich immer ins Unterbewusstsein. Das
lassen sie sich unter Umständen nicht gefallen, sondern brechen aus und toben
dann im Oberbewusstsein herum.
    Nun ist er beständig unzufrieden, weil ich nicht das antworte, was er
möchte. Er begann seine Erörterung damit, fast jeder Komplex beruhe auf
verdrängter Erotik - mir schien, als erachte er ihn nur dann für vollwertig und
wolle auch in meinem Falle versuchen, ihn auf diesen Ursprung zurückzuführen.
Etwa so: wenn jemand sein ganzes oder halbes Leben lang vor allem nach Geld
trachtet, muss er viele andere, lebendigere Regungen, wie vor allem die
erotischen, unbedingt verdrängen...
    Dass ich in der Verdrängung der Erotik Erhebliches geleistet habe, konnte ich
nun wirklich beim besten Willen nicht behaupten... im Gegenteil, es wäre mir und
meinen Finanzen sicher besser gewesen, ich hätte es mehr getan. Die Sache
stimmte also nicht, und wir konnten uns nicht recht einigen. Ich musste ihm dann
einiges über meinen Lebensgang sagen, was ihn wiederum enttäuschte, denn er
konnte mir durchaus nichts Anomales, Psychotisches, Neurotisches und wie das
alles heissen mag, nachweisen. Wieder mein altes Pech, dass ich zu unkompliziert
bin, es wird einem in so manchen Kreisen und Lebenslagen übelgenommen, besonders
wenn man erst Hoffnungen auf das Gegenteil erweckte.
    Was für eine Rolle das Geld in meiner Kindheit und ersten Jugend gespielt
hätte?... Auf diese Zeit sollen die meisten Komplexbildungen zurückgehen. Gar
keine, absolut gar keine... Du weisst, es gibt interessante Kinder, die stehlen
oder schwindeln, ohne es nötig zu haben, zum Beispiel Scheine entwenden und in
Gold umwechseln, um damit zu spielen, aber ich fand nichts Derartiges in meinen
Erinnerungen. Wir hielten es als Kinder für überflüssig und armeleutehaft, sich
um Geldfragen zu bekümmern, und sahen verächtlich auf andere herab, die
gegenseitig das Vermögen ihrer Eltern taxierten und darüber Bescheid wussten. Und
späterhin war es eigentlich dasselbe: Geldnot?... Das kann doch nicht Ernst
sein... und selbst welches herbeischaffen müssen? Ein schlechter Scherz, zu dem
man gute Miene macht, solange es nicht überhand nimmt...
    »Und mit starken Unlustgefühlen verknüpft?« schaltete der Doktor ein.
    »Allerdings!«
    Gut, er kam allmählich auf die Spur. Es war eben umgekehrt, als wie er
anfänglich gemeint hatte. Das Geld selbst war verdrängt worden, nicht die
anderen Dinge, und ich war also doch etwas anomal. Gott sei Dank, ich hab' so
gern, wenn die anderen mit mir zufrieden sind.
    Man stellte also einen Geldkomplex in absoluter Reinkultur fest, mit Erotik
hatte er gar nichts zu tun. Dann ging es ungefähr so weiter, dass in den meisten
Fällen durch nervöse, in meinem durch akute finanzielle Erkrankung die einst
verdrängten Dinge plötzlich bewusst und nun überbetont werden... (siehe
wirtschaftliche Krisis). Mir wurde ganz elend dabei, all diese Erinnerungen
wieder aufzuwühlen, aber es half nichts - die Vorgänge, die den Komplex bewirkt
haben, müssen reproduziert, das heisst, noch einmal bewusst erlebt werden, damit
der Arzt sie einem dann ausreden kann.
    Dann fing ich meinerseits an zu fragen. »Wenn nun die Erbsache doch noch
schiefginge - man kann ja nie wissen -, wie soll ich mich dann mit dem Professor
auseinandersetzen? Glauben Sie, dass er sich als Gläubiger...«
    »Aha, da haben wir die für den Komplex charakteristischen
Angstvorstellungen«, sagte Baumann befriedigt.
    »Ja, und die habe ich auch in bezug auf Sie...«
    »Auf mich?«
    »Natürlich... Sie haben doch hier gewissermassen die Verantwortung für mich
übernommen, und offen gesagt, mich plagt der Gedanke, dass Sie damit hereinfallen
könnten, wenn...«
    Er hat sich dann ausführlich nach der Erbschaft und ihren näheren Umständen
erkundigt, und man vertiefte sich so in dieses Tema, dass es zu spät wurde, um
mit der Behandlung fortzufahren.
    Aber unerbittlich nimmt er mich jeden Tag eine Weile vor... Es ist ein
Kreuz, und ich muss doch tun, als nützte es etwas. Die Heilung soll nämlich
dadurch geschehen, dass man dem Patienten eine andere Einstellung gibt. Bei mir
gibt es nur zwei Möglichkeiten, und man braucht eigentlich keinen Psychiater, um
das einzusehen. Nämlich entweder müsste man die durch Faulheit, Bequemlichkeit
usw. verdrängte Energie wieder mobil machen und auf irgendeine zweckmässige Weise
zu Geld kommen, oder aber sich darauf einstellen, es unwichtig zu finden und
entbehren zu können... Das ist natürlich nur ein unvollkommen wiedergegebener
Extrakt, im Munde des Arztes klingt es ganz schön, ausführlich, umständlich und
einleuchtend. Aber was soll man damit anfangen, das alles kann ich mir ebensogut
selbst vorerzählen und ändere doch nichts damit.
    Lieber schwätze ich über andere Sachen mit ihm und hetze ihn und Henry
möglichst aufeinander. Henry kann es viel besser als ich, er nimmt es mit
ähnlichem Ernst wie seine Spekulationen. Ich habe das Gefühl, dass er nach allen
Seiten hin erwägt, wie man ein zerrüttetes Nervensystem sanieren, etwas Neues
darauf gründen oder einen unhaltbaren inneren Zustand liquidieren könnte.
    Genug und übergenug davon. Ich fürchte, sonst entdeckt Ihr gar noch Eure
eigenen Komplexe und wollt immer mehr darüber wissen. Und ich bin doch
schliesslich nicht im Sanatorium, um über die Qualen, die ich hier ausstehen muss,
auch noch Abhandlungen zu schreiben.
 
                                       9
Wieder ein Telegramm des Miterben. Der Anwalt habe sich geirrt, es könne sich
doch wohl höchstens um dreihunderttausend handeln.
    Seine Berichte sind neuerdings ein wenig konfus und bestehen zumeist in
telegraphischen Vermutungen. Gott weiss, ob sie das Testament nun wirklich
gefunden haben, und ob es überhaupt wahr ist, dass man es nicht gleich fand. Uns
kommt das etwas merkwürdig vor, aber die Sache spielt sich in so weiter Ferne
ab, dass man unmöglich näheren Einblick gewinnen kann. Eröffnet kann es
jedenfalls noch nicht sein, sonst müsste er doch Genaueres wissen.
    Lukas findet das sehr beunruhigend, er traut dem Miterben, wie allen
anderen, die damit zu tun haben, nicht recht, und bot mir sogar eine Leihsumme
an, um selbst hinzufahren.
    Nein, ich danke, ich werde mich hüten, das Geld durch meine persönliche
Einmischung noch rebellischer zu machen. Wie man sieht, haben schon
hunderttausend rebelliert, eben die hunderttausend, die nach Lukas' Aufstellung
zu meiner freien Verfügung bleiben sollten.
    Er fand das schon vollkommen wahnsinnig.
    »Jetzt müssen Sie aber unbedingt das Ganze auf Zinsen legen«, erklärte er
beinah zornig, »und die Reise nach Siam streichen.«
    »Warte erst einmal ab, wie die Petroleumgeschichte sich gestaltet«, warf
Henry ein. »Ist die Gegend wirklich so ergiebig, wie wir annehmen, so werden die
Aktien in kurzem horrend in die Höhe gehen, und alles wird sich darum reissen.
Jedenfalls muss man sich rechtzeitig eine gute Anzahl sichern, sobald die
Gesellschaft konstituiert ist.«
    Lukas warf einen Blick gen Himmel. Das ist ihm schon ganz zur Gewohnheit
geworden, sobald er Henry reden hört.
    »Wollen Sie sich nicht bald einmal von Doktor Baumann analysieren lassen,
lieber Henry?« fragte er.
    »Oh, wir haben schon damit angefangen.«
    »Findest du, es nützt etwas?« fragte ich beklommen.
    Gerade als er sich darüber auslassen wollte, kam Baumann selbst, und Lukas
wandte sich sofort an ihn.
    »Ich bin, wie Sie wissen, nur Laie«, sagte er, »die Psychiatrie ist ein
Gebiet, das mir völlig fern liegt. Gelingt es Ihnen aber, diese beiden
Herrschaften zur Vernunft zu bringen, so gehöre ich von Stund' an zu Ihren
fanatischen Anhängern und mache enorme Propaganda für Sie.« (Lukas ist dort, wo
er doziert, eine einflussreiche Persönlichkeit und hat glänzende Beziehungen.
Baumann brennt darauf, Karriere zu machen und selbst eine Anstalt zu übernehmen,
wo nach seiner Metode wunderbare Heilungen gemacht werden.)
    Er, Baumann, lächelte so geschickt, dass keiner der Beteiligten sich verletzt
fühlen konnte, Henry aber meinte:
    »Besser, Sie lassen sich erst einmal von mir gründen, ich habe da von einer
verkrachten Aluminiumgesellschaft einige Terrains an der Hand, die sich ungemein
billig stellen würden, und die Aktionäre haben wir bald beisammen. Balailoff
geht zum Beispiel todsicher mit, sobald die Petroleumsache gedeichselt ist...«
Sein Blick nahm allmählich jene sonderbare Starrheit an, die ihm manchmal eigen
ist... er rechnete... machte Überschläge... erlag seinem Komplex. Und Baumann
meinte, es sei der geeignete Moment für eine analytische Seance, worauf wir
anderen uns diskret entfernten.
Das ist schon wieder ein paar Tage her. Henry ist gestern nach Russland gefahren,
um das Petroleumgebiet in Augenschein zu nehmen. Balailoffs Sekretär begleitet
ihn als Dolmetscher. Balailoff hat nämlich ein Gefolge bei sich, das aus eben
diesem Sekretär, zwei Dienern und einem alten russischen Popen, seinem früheren
Erzieher, besteht. Dieser letztere wird hier ebenfalls saniert, ob auch wegen
Alkoholismus, haben wir noch nicht feststellen können. Er ist ein friedlicher,
würdevoller Herr, der fast nie aus seinem Zimmer herauskommt und ausser Russisch
keine lebende Sprache spricht. Lukas und die Ärzte reden lateinisch mit ihm, und
ich suche manchmal in meiner Erinnerung aus den Grammatikstunden meiner Brüder
oder aus der Religionsstunde, um ihm etwas Liebenswürdiges zu sagen. Aber es
stimmt meistens nicht recht. Gottfried wurde letzten Mittwoch aus der Kur
entlassen, um nach Hause zu fahren. Statt dessen hat er sich in der Stadt
versteckt gehalten und jetzt heimlich mit Henry die Petroleumfahrt angetreten...
er war überglücklich. Seine Eltern haben schon dreimal telegraphiert, und kein
Mensch begreift, wo er geblieben ist. Dummerweise bekam ich nun gerade eine
Depesche aus Finnland. »Endlich aufgefunden. Eröffnung noch durch Formalitäten
verzögert...« Der Professor bat mich dringend, zu gestehen, dass das Telegramm
mit dem vermissten Jungen zusammenhinge. Ich beteuerte mit gutem Gewissen: Nein.
Er glaubte mir nicht, und nur, um ihn zu beruhigen, gab ich es ihm schliesslich
zu lesen. Dadurch wurde die Sache nun noch schlimmer, er war jetzt vollkommen
überzeugt, dass es sich um Gottfried handle, dass man eben ihn in Finnland
aufgefunden - er Selbstmord begangen habe oder verunglückt sei und - Eröffnung
durch Formalitäten verzögert - seziert werden solle. In seiner erhitzen
Medizinerphantasie schien ihm das vollkommen klar... Aber die Unterschrift - der
Miterbe trägt als mein Gatte bekanntlich denselben Namen wie ich - und das
Rätsel, wieso ich diese Nachricht an mich selbst aus Finnland telegraphiere,
konnte er denn doch nicht kleinkriegen, und ich verfiel darüber in ein solches
Gelächter, dass er immer zorniger wurde... Schon vor Wochen hätte ich ihm von
einem Erbschaftsprozess erzählt, und nun sollte das Testament noch nicht einmal
eröffnet sein?... Und mit diesem Herrn verheiratet... bisher hätte ich mich doch
immer als geschiedene Frau ausgegeben und könne nun wirklich nicht verlangen,
dass man mir noch ein einziges Wort glaube. Es war eine recht nette Szene, und
mir blieb schliesslich nichts übrig, als zu gestehen, dass ich wüsste, wo der Junge
sich aufhielte, und dass er es seinen Eltern demnächst selbst mitteilen wolle.
    Der Professor war zuletzt sprachlos und schickte mir später einen Brief aufs
Zimmer. In dem Brief schlug er mir vor, ich möchte mich doch lieber in ein
anderes Sanatorium begeben, falls ich es überhaupt noch für nötig halte. - Nun,
Baumann hat die Sache dann mit vieler Mühe wieder ins Geleise gebracht, und ich
war ihm sehr dankbar. Wo hätte ich auch hingehen sollen? Ich bleibe also da und
gebe mich, nachdem der Sturm ausgetobt hat, einer wohlverdienten Ruhe hin.
    Es herrscht hier jetzt eine gewaltige Sommerhitze. Da keiner von uns etwas
zu tun hat, sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse. Morgens ist man
noch halbwegs munter, liest Zeitungen oder unterhält sich. Nachher liegt alles
wie tot in den Klappstühlen umher und hält sich gegenseitig für mehr oder minder
vertrottelt. So behauptet Lukas, es mache ihn schon nervös, wenn unten auf dem
See Dampfschiffe vorbeifahren oder Möwen flattern. Er empfindet das als eine
unerhörte Kraftvergeudung. An ganz besonders schwülen Tagen verständigt man sich
nur durch Pantomimen oder in der Hitzsprache - das heisst, man lässt alle
irgendwie entbehrlichen Worte und Silben weg oder markiert sie nur.
    Das geistige Niveau ist dabei etwas gesunken. Unsere Hauptunterhaltung
besteht darin, die anderen Patienten zu beobachten und sich über sie zu
mokieren, wofern sie auch nur den geringsten Anlass dazu bieten. So empfanden wir
es als wahres Glück, als letztin ein neuer Patient auftauchte, der allerhand
Eigentümlichkeiten hat. Er zieht sich selbst bei der unerhörtesten Glutitze
immer schwarz an, hat ausserdem schwarze Haare, schwarzen Bart und kohlschwarze
Augen... die ersten Male, wenn er plötzlich die weisse Steintreppe heraufkam,
wirkte er wie der leibhaftige Gottseibeiuns. Aber in dem Moment, wo er an seinem
Platz sass und seine Mahlzeit serviert bekam, fiel uns sein wirklich verblüffend
intelligenzloser Ausdruck auf. Wir meinten einstimmig, noch nie gesehen zu
haben, dass jemand Gegenstände oder Personen so überaus dumm anschauen könne wie
dieser Herr mit dem dämonischen Exterieur den servierenden Diener oder auch
seinen Teller und die Apollinarisflasche. Ausserdem hat er die Gewohnheit, ehe er
anfängt zu sprechen, immer erst ein paarmal langsam und bedächtig mit den
Kinnladen zu klappen. Kurz, er macht uns inniges Vergnügen. Wir haben ihn den
schwarzen Idioten genannt und geniessen es mit wahrer Andacht, wenn er mit seinem
leeren, stupiden Blick zu uns herüberschaut... er scheint sich sehr für uns zu
interessieren und möchte sicher gerne nähere Bekanntschaft mit uns machen.
    Ja, so gehen die Tage hin, und wir ersehnen Henrys Rückkehr, denn Balailoff
macht uns viel zu schaffen. Wie ich Dir schon erzählte, will er heiraten und
bildet sich ein, das sei hier an der italienischen Grenze leichter zu
bewerkstelligen als anderswo. Ich fürchte, er irrt sich darin, denn sie sind
beide Ausländer, und zwar in so hohem Mass, dass es fast unmöglich scheint, mit
den Papieren jemals ins reine zu kommen. Vor allem hat er keinen Pass, und es
besteht nur eine schwache Möglichkeit, durch persönliche Verbindungen und in
absehbarer Zeit wieder einen zu erwirken. Die Braut ist angeblich in einem Hotel
auf Spitzbergen geboren und weiss nicht, wo ihre Eltern beheimatet waren. Man
bemüht sich also immer noch vergeblich, ihre Staatsangehörigkeit festzustellen.
Da er nun kein Wort Italienisch versteht und im Verkehr mit Behörden ungemein
reizbar ist, appelliert er beständig an uns. Tag für Tag müssen wir die
Angelegenheit von A bis Z mit ihm durchnehmen, auf neue Mittel und Wege sinnen,
Briefe oder Gesuche aufsetzen und was sonst noch dazugehört. Ich versuchte
vergebens, ihn auf meinen Rechtsbeistand abzuschieben, der das alles sicher
besser machen könnte. Mit eben diesem Rechtsbeistand ist es allmählich auch eine
dumme Situation. Um für ein paar Stunden aus der Anstalt zu entrinnen, muss ich
ihn zwei- oder dreimal in der Woche aufsuchen und überflüssige Fragen an ihn
richten... er hält mich sicher schon für die grösste Gans auf Gottes Erdboden.
Balailoff aber hat einen ausgesprochenen Anwaltskomplex, behauptet, alle
Advokaten seien Gauner und Schurken und arbeiteten nur in ihre eigene Tasche. Er
scheint reizende Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben... vielleicht liegt es
auch an den russischen Zuständen.
    Man hat es nicht leicht auf der Welt, liebe Maria, und mit diesem
Stossseufzer will ich für heute abbrechen.
 
                                       10
Teufel... der alte Herr hat uns aufs Pflichtteil gesetzt!
    Auf den Gedanken war überhaupt noch keiner von uns gekommen, aber ich sehe,
auch Erben gehört zu den Sachen, die man erst lernen muss.
    Das Telegramm kam, als wir gerade einmütig auf der Terrasse sassen... Henry
ist auch wieder da.
    Ich behaupte ja glücklicherweise bei schlechten Nachrichten meine Haltung
immer besser als bei guten, und es ist draussen so heiss, dass man sich nicht auf
Emotionen einlassen kann. Immerhin fühlte ich mich doch unangenehm berührt und
gab die Depesche gleich an Lukas weiter. Der sprang trotz aller Hitze auf und
ging wie ein zorniger Löwe hin und her. Ja, er war beinahe gereizt gegen mich,
weil seine Ratschläge mit dem festgelegten Kapital jetzt definitiv vereitelt
sind und ich nicht umhinkonnte, wenigstens über diesen Umstand ein wenig zu
triumphieren. Dann aber war er schamlos genug zu sagen, in diesem Falle müsse
ich mir unbedingt eine Leibrente kaufen, um doch wenigstens irgendwie gesichert
zu sein.
    »Pfui nein... das blosse Wort...« - Baumann lächelte - »Sie wissen, lieber
Doktor, ich leide überhaupt an Wortidiosynkrasien... Leibrente klingt mir nach
Leibweh, Leibbinde, Kamillentee, alten Tanten... es hat etwas durchaus
Degradierendes.«
    »Diese Wortidiosynkrasie fügt sich dem Geldkomplex vollkommen ein.
Vermutlich fühlten Sie sich als Kind degradiert und eingeengt, wenn man Sie mit
einer Leibbinde und Kamillentee, womöglich noch unter Obhut einer alten Tante,
ins Bett steckte... Aus dieser Erinnerung heraus machen Sie nun eine
Ideenassoziation mit dem Wort Leibrente, um das eingeengte Dasein, was eine
solche bieten würde, abzulehnen.«
    »Sie fangen an mich zu überzeugen.«
    »Und ich fühle immer weniger Veranlassung, für Ihre Lehre Propaganda zu
machen«, warf Lukas wütend hin.
    »Ich spreche als Psychiater und nicht als Moralist.«
    »Tue ich das etwa?« Und sie gerieten sich ein wenig in die Haare, weil
keiner Moralist sein wollte.
    Henry hatte seine stille Freude daran und meinte, als sie ausgetobt hatten,
es sei doch unvorsichtig gewesen, den alten Herrn so lange im Bahnhof
stehenzulassen. Ich musste dem widersprechen, denn das Testament hat er
jedenfalls schon vorher gemacht, und ein postumer Fluch, wenn er auch noch so
kräftig war, konnte nichts mehr daran ändern. Und nachdem man diese
Schändlichkeit erfahren hat, lag wirklich kein Grund zu übertriebener
Rücksichtnahme mehr vor. All unser Takt ist verschwendet gewesen.
    Sodann erwogen wir ohne jede innere Überzeugung, ob das Testament am Ende
gefälscht, unterschoben oder irgend etwas Ähnliches sein könnte. Und alle
rieten, es doch auf jeden Fall anzufechten. Dann könnte ich wenigstens meinen
Rechtsbeistand beschäftigen. Ich will es mir immerhin überlegen.
    Balailoff hatte, da lebhaft durcheinander geredet wurde, nur die Hälfte, und
auch die falsch verstanden. Er meinte entschieden, es handle sich um ein
besonders frohes Ereignis, und schlug vor, es zu begiessen. Folglich brach man
auf, begab sich ins Bureau und begoss dort gleich alles miteinander, das
Pflichtteil, Henrys Erfolge in Russland und die Zukunft im allgemeinen. Das
Petroleumunternehmen hat er inzwischen tatsächlich in die Wege geleitet und
sagte mir im Vertrauen, es sei eine der besten Sachen, die er jemals an der Hand
gehabt habe, wenn sie so ausschlüge, wie man mit gutem Recht annehmen könne.
Ganze Berge von Zeichnungen und Schriftstücken hat er mitgebracht, die sie nun
mit Entusiasmus zusammen durchsehen und bereden. Dafür hat er den Sekretär als
Aufseher dortgelassen, womit Balailoff nicht ganz einverstanden war, und
Gottfried ist dageblieben, um wiederum den Sekretär zu beaufsichtigen.
    Das Bureau hat allmählich etwas Heimatliches bekommen, das uns allen
wohltut, einige gemütliche Stühle, der Goldfluss auf seinem schwarzen Postament,
auf der einen Seite des ungeheuren Schreibtisches die Gläser und Flaschen, die
man zum Begiessen braucht, an der anderen Henry und Balailoff vor ihren
Papieren... In unsere gedämpfte Unterhaltung fallen Bruchstücke der ihren
hinein, wie: Dividenden ausschütten... Gewinn- und Verlustkonto...
Reservefonds...
    Baumann examiniert mich ein wenig über die Wirkung dieser letzten Nachricht.
Ich möchte ihm so gerne interessantes Material darüber liefern, kann aber nur
sagen, dass es mich zu meiner eigenen Verwunderung ziemlich kalt lässt. Viel oder
wenig, ich will nur endlich einmal Geld sehen, momentanes Geld, das wirklich da
ist. Vielleicht bin ich mit dem Pflichtteil sogar besser dran, weil es für ein
Existenzprogramm eben doch wieder nicht langt und das Rechnen und Kopfzerbrechen
ganz zwecklos sein würde.
    Andererseits bestätigt sich wieder einmal meine Ahnung, dass es, das Geld,
nichts mehr mit mir zu tun haben will. Die Tatsachen reden deutlich genug... von
einer Art Kapital ist es erst um ein Viertel zurückgegangen, dann auf
Pflichtteil. Was kann nun noch kommen? Vielleicht verwandelt es sich aus Rubeln
in Kopeken und aus Kopeken in Sand und Steine.
    »Und vielleicht gelänge es Ihnen dann eher, aus Sand und Steinen eine
wirtschaftliche Basis zu schaffen«, sagte Lukas niederträchtig, »denn es möchte
das umgekehrte Wunder bewirkt werden, dass Ihr Wille endlich einmal wach würde.
Denken Sie nur einmal an die ungeheure Anzahl von Mädchen und Frauen, die mitten
im Berufsleben stehen und sich ihr Brot selbst verdienen, anstatt darüber zu
philosophieren, dass und warum sie kein Vermögen haben.«
    »Der Beruf der Frau ist in erster Linie Gattin und Mutter«, erklärte ich
nicht ohne Patos, »und dem bin ich nach besten Kräften nachgekommen. Ich bin
nun schon zum zweitenmal verheiratet und habe ein Kind aus erster Ehe. Es ist
vorläufig bei Bekannten untergebracht, bis meine Geldverhältnisse sich wieder
etwas gelichtet haben. Aber alles das wollen Sie natürlich nicht als soziale
Leistung anerkennen, sondern denken lieber darüber nach, wie Sie mir zu
irgendeiner entsetzlichen Stellung im Berufsleben verhelfen könnten. Ich habe
den grössten Respekt vor jenen Mädchen und Frauen, die sich selbst durchbringen,
wenngleich ich es für eine bedauerliche Verirrung der Vorsehung halte, dass sie
dazu gezwungen sind. Sie sind überhaupt der ungerechteste Mensch, der mir jemals
begegnet ist, sonst müssten Sie doch zugeben, dass ich das wirtschaftliche Problem
auf meine Weise auch gelöst habe... Ich hatte nie ein festes Einkommen, nie
einen bestimmten Beruf, sondern nur vorübergehende Tätigkeiten, bei denen nicht
viel herauskam, und doch habe ich eine ganze Reihe von Jahren existiert,
vielleicht sogar besser und angenehmer gelebt als manche andere mitsamt ihrem
Beruf.«
    »Das Endresultat war aber doch...«
    »Das kann jedem passieren, das Endresultat steht immer in Gottes Hand.
Erinnern Sie sich nur an den Baulöwen.«
    »Der Baulöwe war meiner Ansicht nach ein Hochstapler...«
    »Aber ein schlechter«, sagte Henry vom Schreibtisch herüber mit einem tiefen
Seufzer. »Wenn schon, denn schon. Aber er hat konsequent zu tief gestapelt. Ich
habe mir alle Mühe gegeben, mit den Gläubigern zusammen seine verkrachte
Zementfabrik neu zu gründen, aber nichts zu machen. Die Witwe ist jetzt selbst
überzeugt, dass er ein unverbesserlicher Baulöwe war.«
    »Dann ist sie wenigstens ihren Komplex los, ohne sich analysieren zu
lassen«, meinte ich nicht ohne heimlichen Neid. - »Er wird schon wiederkommen,
gnädige Frau«, antwortete Baumann zuversichtlich.
    Henry vertiefte sich wieder in seine Papiere, und ich hoffte vergebens,
Lukas sei von seinem Tema abgelenkt.
    »So viel glaube ich jetzt doch von Doktor Baumann gelernt zu haben«, fuhr er
unerbittlich fort. »Sie leisten geradezu Hervorragendes in der Verdrängung alles
dessen, was Ihnen nicht passt. So wollen Sie jetzt wieder das Endresultat Ihrer -
Pardon - etwas merkwürdigen wirtschaftlichen Betätigung mit allgemeinen
Redensarten beiseite schieben. Das Endresultat war eben doch, dass Sie - abermals
Pardon, gnädige Frau - vollständig am Ende Ihrer Weisheit und Ihrer ökonomischen
Möglichkeiten angelangt waren... Wäre der alte Herr nicht gestorben...«
    »Er ist aber doch gestorben, und ich führe hier ein ganz annehmbares Leben,
ja, ich hatte schon lange nicht mehr in diesem Mass das Gefühl einer geordneten
Existenz. Meine Gläubiger wissen nicht, wo ich bin, man kann mir nichts mehr
nehmen, da ich keine eigene Einrichtung mehr besitze. Der Professor wagt nicht,
mich hinauszuwerfen, weil sein Gutaben dann zweifellos nie mehr beglichen
würde. Er bekümmert sich sogar darum, ob ich gut schlafe, was noch nie ein
Gläubiger tat. Man bringt mir morgens den Kaffee ans Bett...«
    »Das ist jedenfalls die Hauptsache«, sagte er mit bitterem Hohn.
    »Es fällt wenigstens sehr ins Gewicht.«
    »Und wenn nun eines Tages die rauhe Wirklichkeit wieder an Sie herantritt,
das Pflichtteil verbraucht ist...«
    »Lassen Sie es doch um Gottes willen erst einmal da sein. Aber so machen Sie
es mir mit Ihren wirtschaftlichen Komplexen noch vollends kopfscheu.« Baumann
lächelte beifällig, er hat neulich schon zugegeben, dass Lukas zum mindesten
stark konstelliert ist.
    »Ja, Sie bringen mir sicher Unglück mit Ihrem ewigen Disponieren. Wer weiss,
ob Sie mir nicht die ursprüngliche Summe nur dadurch wegdisponiert haben. Ich
möchte Sie beinah dafür verantwortlich machen.«
    Er fühlte sich doch wohl etwas schuldbewusst und murmelte nur etwas
Unwilliges vor sich hin.
    Am Schreibtisch zwischen Henry und Balailoff wurden ungeheure Zahlen hin und
her gerollt - es hat beinah etwas Weihevolles, dem zuzuhören.
 
                                       11
Ich fürchte, eine gute Weile wird man sich noch in Geduld fassen müssen. Wie man
mir schreibt, kann der Nachlass erst allmählich liquidiert werden, und es sind
noch unendliche Formalitäten zu erfüllen. Was für Formalitäten und wer sie zu
erfüllen hat, kümmert mich wenig, man muss es halt abwarten.
    Auch hier geschehen allerhand Dinge, mit denen wir nicht ganz einverstanden
sind, aber zum Teil sind wir wohl selbst schuld daran.
    Balailoff kam neulich an einem ungewöhnlich heissen Vormittag auf die
Terrasse und forderte uns auf, ihn nach N. zu begleiten. Das ist ein Bergnest
hier in der Nähe, wo die Trauung stattfinden soll. In der Stadt wäre es viel
einfacher gewesen, aber das war ihm nicht einzureden. Es mache dort zuviel
Aufsehen, schon weil er im Sanatorium wohne - kurz, es ist ein Komplex von ihm.
Nun war er wieder einmal seiner Papiere wegen zum dortigen Bürgermeister
befohlen... wir kannten diese Expeditionen schon und fürchteten sie wie den Tod.
Da nun auch unsere Sprachkenntnisse sehr schwach sind, mussten wir stets alle
vier mit, um uns zu ergänzen. (NB. Der Professor hat es längst aufgegeben,
unseren Freiheitsdrang zu hemmen, und lässt uns gehen, wohin wir wollen. So habe
ich auch dem Rechtsanwalt meine Vollmacht unter nichtigen Vorwänden wieder
entzogen.)
    Um das Bergnest zu erreichen, muss man eine gute Stunde steigen, eine weitere
pflegt zu vergehen, bis man den Bürgermeister in seinen Weinbergen aufgestöbert
hat und er endlich mit der Sichel in der Hand erscheint, dann noch eine halbe,
bis seine Frau den Schlüssel zur Amtsstube gefunden hat. Nun erst beginnt die
Unterhandlung, die sehr viel Witz und Geistesgegenwart erfordert... Das
schriftliche Material ist in allen möglichen Sprachen abgefasst... Bis man sich
nun einigt, was wohl ungefähr darin stehen mag, was es bedeutet, und an welche
Behörden oder Konsulate wieder zu schreiben ist, vergeht abermals beträchtliche
Zeit. Die Braut weigert sich mitzugehen und würde auch gar nichts nützen, da sie
in Lissabon aufgewachsen ist und nur Portugiesisch kann. Es ist also jedesmal
ein Martyrium. Ein paarmal haben wir es murrend über uns ergehen lassen, aber
bei dieser Temperatur streikten wir einfach. Henry, der sonst ein Mann der Tat
ist, sah Balailoff nur vorwurfsvoll an, deutete mit einer grossen Geste auf die
Sonne und sagte: »Sie steht wirklich schon zu hoch.« Dann sank er matt in seinen
Sessel zurück. Baumann sah von einem zum anderen und äusserte: er müsse als
Mediziner auch sagen, es ginge einfach nicht.
    Balailoff war ausser sich: die Sache litte keinen Aufschub. Wir wurden
schliesslich gereizt, und so ging es eine Weile hin und her. Da erhob sich
plötzlich der sogenannte schwarze Idiot, der an einem Nebentisch Zeitungen las,
beständig zu uns herübersah und schon eine ganze Weile vorbereitend mit den
Kinnladen geklappt hatte, kam heran, stellte sich vor und erbot sich aufs
höflichste, Balailoff zu begleiten. Er habe sowieso dort zu tun - was sicher
gelogen war - spreche sowohl Russisch wie Italienisch und hoffe ihm dienen zu
können. Sie wurden wahrhaftig einig, was wir Balailoff etwas übelnahmen und er
uns ebenfalls, denn er verabschiedete sich ziemlich ungnädig und zog mit dem
Schwarzen ab.
    Erst spät am Nachmittag kamen sie zurück. Der schwarze Idiot, der schon
lange nach unserer Bekanntschaft strebte, schien sehr beglückt, dass das Eis nun
endlich gebrochen sei, während wir es unverschämt fanden, dass er es für
gebrochen hielt. Er kam ohne weiteres an den Tisch und wollte ein Gespräch
anfangen, aber Henry wies abermals auf die Sonne und sagte ablehnend: »Später,
wenn sie untergegangen ist...« Darauf sah er uns der Reihe nach verständnislos
an, und es hätte sicher eine peinliche Szene gegeben, wenn Balailoff ihn nicht
mit sich fortgenommen hätte. Wir waren uns eigentlich keiner Schuld bewusst. Man
hatte Übermenschliches von uns verlangt, und wir hatten uns geweigert. Deshalb
begriffen wir nicht recht, warum Balailoff uns grollte, aber er tat es. Den
ganzen Abend liess er sich nicht mehr blicken, und das gemütliche Einvernehmen
ist seitdem erheblich gestört. Denk Dir nur unseren Schrecken... ein paar Tage
später stellt Balailoff uns diesen Typ als seinen Privatsekretär vor, und
seitdem belästigt er uns in den kühleren Stunden - in den heissen hat er doch
nicht den Mut dazu - mit seiner Gesellschaft. Statt an seinem früheren Platz, wo
wir aus sicherer Entfernung unser Vergnügen an ihm hatten, sitzt er mit an
unserem Tisch, schaut entgeistert von einem zum anderen, findet alles, was wir
reden, äusserst interessant und klappt mit den Kinnladen, wenn er selbst etwas
sagen will. Das wäre noch das wenigste, obwohl wir sehr darunter leiden - aber
wir befürchten vor allem, dass er seinen neuen Chef auch in geschäftlichen Dingen
beeinflussen wird, da er in allem und allem so ungeheuer sachverständig ist -
neuerdings sogar in bezug auf Petroleum - und sich in alles - auch in
Petroleumfragen - hineinzumischen sucht. Henry und er sind schon verschiedene
Male heftig darüber aneinandergekommen. Überhaupt, er spielt einfach die Rolle
des Intriganten im Teaterstück und Balailoff die des gutmütigen, aber schwachen
Fürsten, der sich immer gerade von den verkehrten Leuten beeinflussen lässt.
    Was der Mann eigentlich ist und was er sonst auf dieser Welt zu schaffen
hat, ahnen wir nicht, ebensowenig, weshalb er sich hier sanieren lässt.
Vielleicht will er sich nur seinen Schwachsinn und das Klappen mit den Kinnladen
abgewöhnen lassen.
    Baumann beobachtet ihn angestrengt, kann aber auch nichts herausbringen.
Sein wissenschaftlicher Eifer hat sonst zu meiner Erleichterung ziemlich
nachgelassen - ich habe ihn auch gebeten, mich eine Zeitlang zu schonen. Der
Geldkomplex plagt mich nicht mehr so, seit wieder Geld in der Luft ist - leider
immer noch in der Luft. Ich habe mich wenigstens zu einer wohltuenden Apatie
durchgerungen, und das beständige Wiederaufwühlen könnte höchstens einen
Rückfall verursachen. Und Henry - Henry rechnet neuerdings mit solcher
Intensität, dass nichts mehr mit ihm anzufangen ist.
Ich habe ganz vergessen, Dir für Deinen Brief zu danken. Ja, gewiss, man muss die
Feste feiern, wie sie fallen. Ein schlechter Trost, aber es soll ja eigentlich
auch keiner sein. Nach Siam werde ich unter diesen Umständen wohl kaum fahren,
geschweige denn Euch alle mitnehmen, aber vielleicht nach Monte Carlo. Man muss
doch irgendeine Metode finden, um das Pflichtteil auf seine vorigen Dimensionen
zurückzuführen. Ich habe auch Henry vorgeschlagen, dass er mitkommen soll. Er
findet, es sei besser, damit zu warten, bis alle Stränge reissen. Ich dagegen
meine, es ist besser, solange noch etwas da ist.
    In bezug auf Balailoff sind wir sehr beunruhigt. Er war schon mehrere Tage
nicht im Bureau, kam aber trotzdem abends stark angeheitert nach Hause. Es liegt
auf der Hand, dass er mit dem Schwarzen gekneipt hat und sich dann von ihm um den
Finger wickeln lässt.
    Du musst wissen, für Henry hängt viel, vielleicht alles davon ab, dass
Balailoff hier bleibt, bis das Petroleumunternehmen endgültig organisiert ist.
Leute wie Balailoff sind auf die Entfernung nicht sehr zuverlässig. Baumann und
Lukas sind ebenfalls als Aktionäre vorgemerkt, und wer weiss, ob ich mich nicht
auch noch beteilige. Es liegt also im allgemeinen Interesse, ihn so lange wie
möglich hier festzuhalten. Die Braut aber strebt nur danach, bald fortzukommen,
weil ihr der Aufentalt hier odios ist - vor allem in unserer Gesellschaft. Wir
haben deshalb immer möglichst darauf gesehen, dass die Heirat nicht überstürzt
wird, haben ihn immer wieder veranlasst, sich abwartend zu verhalten und die
Behörden nicht nervös zu machen. Zum Teil geschah es übrigens aus rein
freundschaftlichem Gefühl, denn diese Ehe fällt ja sicher todunglücklich aus.
    Der angenehme Privatsekretär aber fasst es ganz anders auf - und an, er tut,
was er kann, um die Heirat zu beschleunigen. Auch das spricht deutlich für sein
Idiotentum, denn normalerweise ist doch anzunehmen, dass sein Posten damit
abläuft. Nun ist er kürzlich auf die unselige Idee gekommen, das Paar solle sich
hier naturalisieren lassen, denn damit sei die leidige Frage der
Staatsangehörigkeit aufs einfachste erledigt. Lukas, welcher auf diesem Gebiet
einige Erfahrung besitzt, meinte, man müsse doch auch in diesem Fall seine
Nationalität nachweisen.
    Der Idiot aber lächelte etwas pfiffiger als sonst und behauptete: Gott
bewahre, man brauche nur eine schriftliche Erklärung abzugeben. Er wisse auch,
wie die hiesigen Beamten zu behandeln seien, und würde sich schon mit ihnen
einigen. Dann hat er sich ein Pferd gemietet, reitet kreuz und quer im Lande
herum, verhandelt mit Behörden und besticht angeblich Beamte. Oder er sitzt mit
Balailoff zusammen, setzt Briefe und Eingaben auf, in die wir nicht mehr
eingeweiht werden. Auch die Braut kommt jetzt öfters mit auf die Terrasse, und
man sucht sich an sie zu gewöhnen.
    Balailoff strahlt im Gedanken an das nähergerückte Ziel, und der Idiot
versucht manchmal Geschichten aus seiner entbehrungsreichen Jugend zu erzählen -
findet bei uns aber wenig Anklang damit. Dann verstummt er wieder und starrt
entgeistert seinen Teller oder seine neue Gebieterin an, die ihn ziemlich
huldvoll behandelt.
 
                                       12
Schon Anfang August... Gott, wie lange bin ich schon hier. Bald kann ich mir
überhaupt keine andere Daseinsform mehr vorstellen und werde dermaleinst gar
nicht wissen, wie ich mich wieder daran gewöhnen soll. Ebensowenig aber kann ich
mir ein Bild davon machen, wie lange das hier noch so fortgehen wird. Immer
wieder muss ich Baumann vorschieben, damit er von Zeit zu Zeit den Professor
beruhigt. Der hat ihm neulich wieder einmal sein Herz ausgeschüttet und gesagt,
es ginge einfach nicht, dass man ihm das Sanatorium so auf den Kopf stellt. Wir
wären doch alle keine richtigen Patienten: Henry käme nur zu den Mahlzeiten wie
ein Tourist, Balailoff betränke sich fortwährend, trotz seiner Abstinenzkur, und
es liege auf der Hand, dass wir ihm dabei Vorschub leisteten - ich habe ihm von
Anfang an einen fragwürdigen Eindruck gemacht, zum Beispiel die Geschichte mit
Gottfried... kurz, er ist sehr besorgt, dass wir seine Anstalt diskreditieren.
Bei jedem von uns liegt aber irgendein Grund vor, weshalb er ihn eben doch
dabehalten möchte. An Henrys Terrainspekulationen ist er stark interessiert,
Balailoff bringt ihm mit den vielen Zimmern, die er innehat, mit Extrapavillons
und Gefolge ein Bombengeld ein, und bei mir muss er eben warten, bis Geld da ist.
Nur Lukas sei durch und durch ein Ehrenmann, hat er gesagt, und es sei geradezu
unbegreiflich, dass er ausschliesslich mit uns verkehre.
    Baumann ist nun auf den guten Gedanken gekommen, ihm zu raten, er solle die
ganze Gesellschaft etwas mehr von den normalen Patienten isolieren. So hat man
uns in einem entlegenen Teil des Gebäudes untergebracht, was sehr viel für sich
hat. Gegen den Idioten hat Baumann auf unsere Bitte, aber vergeblich, zu
intrigieren versucht. Er hat infolge seines vertrottelten, aber äusserst
gesitteten Benehmens einen ganz besonderen Stein im Brett, und der Professor
erklärte ihn, im Gegensatz zu uns anderen, ebenfalls für einen Ehrenmann. Es ist
aber wenigstens erreicht worden, dass er sein bisheriges Zimmer behalten hat und
nicht mit in den Separatflügel gekommen ist. Er steht sich zu gut mit dem
Professor und hätte beständig spioniert. Statt dessen habe ich jetzt Balailoffs
friedlichen alten Priester als Nachbarn.
    Unser Flügel hat einen Ausgang, durch den man über einen wenig
frequentierten Seitenhof auf die Strasse gelangt. Es ist eine grosse Wohltat,
nicht mehr wie Pensionszöglinge aufpassen zu müssen, ob man kontrolliert wird.
Es haben sich im Lauf der Zeit allerhand Privatinteressen ergeben, die bisher
nur unter grossen Schwierigkeiten verfolgt werden konnten, jetzt aber um so
eifriger gepflegt werden. Baumann ist uns gewissermassen als ärztlicher Aufseher
gesetzt worden. Da er nun selbst eine kleine Freundin in der Stadt hat, lässt er
mit sich reden. Henry und ich haben ebenfalls einige Bekannte unter den
Schauspielern des Sommerteaters (etwas anderes gibt's hier nicht). Man ist
natürlich sehr vorsichtig, hält auf den Ruf der Anstalt und auf den eigenen, und
ich finde, man sollte das anerkennen, anstatt uns, wie es leider von
verschiedenen Seiten geschieht, schief anzusehen.
    Schade, dass Du nicht auch hier bist... das heisst - verzeih mir diesen
Egoismus und begreife ihn - es hat so viel für sich, die einzige Frau in einem
Kreise zu sein, dass ich doch nicht gerne teilen möchte. Bitte, missverstehe das
nicht. Die vorhin erwähnten Privatinteressen bringen es mit sich, dass unser
Familienleben intakt bleibt, und eben dadurch ergibt sich eine sympatische
Atmosphäre, die einen Stich in alles mögliche hat. Lukas ist sozusagen stiller
Teilhaber, er ist noch nicht lange und sehr glücklich verheiratet und steht auch
in dieser Beziehung auf demselben Standpunkt wie mit der wirtschaftlichen Basis.
dabei lässt er, wenn nicht mit sich reden, so doch mit sich zanken, denn es ist
klar, dass weder Henrys noch meine Privatinteressen Gnade vor seinen Augen
finden. Meines... ja siehst Du, Maria, die hiesigen Möglichkeiten beschränken
sich eben auf die Mitglieder des kleinen Teaters, das nur für ein paar Monate
hier gastiert - - und ich muss beschämt gestehen, dass es sich um einen Tenor
handelt. Seine Stimme reicht kaum hin, um ihn zu rechtfertigen, und seine
Mitteilungen geschehen manchmal auf wild marmoriertem, manchmal auf azurblauem
Briefpapier mit eingepresstem weissem Schwan. Das mag schlimm sein, aber ich kann
mir nicht helfen, es hat für mich etwas Ergreifendes, und im übrigen ist er
wirklich, was man einen lieben Kerl nennt. Seine Manieren sind zum Ärger der
anderen, die ihn nicht billigen, völlig einwandfrei... er weiss eben von der
Bühne her, wie man sich unter Leuten von Welt zu benehmen hat, denn bei dem
Mangel an Personal spielt er auch die Lebemänner in modernen Stücken. Henry, der
sich mit der jugendlichen Heroine in gleicher Verdammnis befindet, hat immer
noch das nötige Verständnis dafür, aber die Blicke unseres Privatdozenten, wenn
er persönlich auftritt oder wieder eines seiner Schwanenbilletts morgens neben
meinem Teller liegt, sind unbeschreiblich. Ich gebe gerne und willig zu, dass es
eine Verirrung ist, aber das reizt ihn nur noch mehr. Ja, er greift in blindem
Eifer zu den stärksten Mitteln, um mich davon abzubringen, und meinte neulich:
als Jugendtorheit könne so etwas ja noch hingehen, aber für eine Frau, die -
Verlegenheitspause - über dieses Stadium doch allmählich hinaus sein dürfte...
    Ich konnte darauf nur erwidern, man sei nun einmal nicht mehr jung, und
tausendmal wichtiger sei es, die dritte, vierte, fünfte und so weiter Jugend
auszukosten, als die erste und zweite. Er war etwas entwaffnet und genierte sich
nachträglich, dass er umsonst und ohne jeden Erfolg eine Taktlosigkeit gesagt
hatte.
    Natürlich hat auch Lukas den üblichen Alterskomplex... von einer bestimmten
Grenze an soll man vorsorgen, Leibrenten kaufen und stetiger in seinen Neigungen
werden. Ich halte das für einen Irrtum und sehe gerade den einzigen Vorzug des
Älterwerdens darin, dass die Zukunft einen weniger interessiert und der Moment
immer wichtiger wird. Solange mir noch Tenöre von Sommerteatern himmelblaue
Billetts schreiben, sehe ich nicht ein, warum ich darauf verzichten soll. dabei
habe ich es ganz gern, wenn mir jemand Moral predigt, mich ärgert und ich ihn
wieder ärgern kann. Mehr Verständnis hat der alte russische Priester - ich
kollidierte neulich in einem etwas ungeschickten Moment mit ihm auf dem
Korridor. Nachher sass er im Mondschein auf seinem Balkon... als ich dann auf den
meinen hinauskam und wir unseren gewohnten Gruss austauschten, war ich doch etwas
verlegen und suchte nach einem erlösenden Wort (wir haben uns inzwischen etwas
besser verständigen gelernt), aber mir fiel nichts anderes ein als pater
peccavi. Er lächelte milde, anscheinend erfreut und antwortete: Te absolvo...
und noch irgend etwas, was ich nicht verstand.
    Ach Gott, Maria, ich muss doch immer wieder darauf zurückkommen... und wenn
es auch langweilig wird zum die Wände hinauflaufen... wie könnte das Leben schön
sein ohne die Geldfrage. Und wie ist es möglich, dass Menschen mit Geld jemals
wirklich unglücklich sind?
    Schau, ein gewisser Grad von Komfort, einige nette Leute und etwas
Durcheinander - eine dumme Liebesgeschichte ohne höhere Ansprüche - Mondschein
und ein wohlwollender alter Priester - und ich wäre schon wieder imstande, für
das Dasein zu schwärmen, wenn nicht immer die Geldgedanken wie eine schwarze
Wand hinter allem ständen. Ob nun das Pflichtteil endlich einmal tatsächlich in
meine Hände gelangt oder nicht, früher oder später wird doch einmal der Moment
kommen, wo ich wieder rechnen oder darüber nachdenken muss und der Komplex mich
von neuem umnachtet...
    Ich tue ja mein Bestes, um das Jetzt als Ferienzeit aufzufassen, wie man als
Kind die grossen Sommerferien festlich beging. Sie schienen endlos, und doch
wurde man die Gespenster nicht ganz los - Lehrer, Schulstunden und
Strafarbeiten, und wusste ganz genau: davor war die Hölle, und dahinter lauerte
auch wieder die Hölle - wie könnte man es nur anfangen, darum herumzukommen.
Nein, das gibt's eben nicht, einmal wird man doch wieder in die Schule müssen
und wieder nachsitzen, weil man die Rechenaufgaben nicht in den Kopf kriegen
kann. Es kommt mir jetzt recht symbolisch vor, dass ich früher wegen jeder, aber
auch jeder Rechenaufgabe nachsitzen musste. War sie einmal richtig, so hatte ich
entweder abgeschrieben, und dann gab es erst recht Strafe, oder es beruhte auf
einem Zufall, an den niemand glauben wollte. Wie das den Charakter verdirbt...
man kann sich schliesslich nur damit trösten, dass auch der Lehrer infolge seiner
eigenen Infamie um seinen freien Nachmittag kommt. Und später... was hatte ich
von Haus aus für einen sympatischen Charakter, und wie sehr hat er unter den
Geldkamalitäten gelitten. Es gibt gewiss keine Gemeinheit, die ich nicht mit
Vergnügen beginge, wenn sie sich rentierte, aber es gibt zu wenig Gelegenheit...
die wirklich rentablen Gemeinheiten kommen immer nur in Romanen vor. Wenigstens
die sich mir bisher boten, waren nicht der Mühe wert. Ich hätte beispielsweise
einmal jemandem mit zwanzigtausend Mark durchbrennen können, und die drei Tage,
wo ich sie in Obhut hatte, waren qualvoll genug. Aber wie weit wäre ich damit
gekommen, über kurz oder lang hätte ich doch wieder umkehren müssen. Wären es
hunderttausend gewesen, so hätte ich eher die moralische Kraft dazu gefunden.
    Ich will mich lieber nicht weiter in diesen Gegenstand vertiefen. Henry gab
uns gestern ein kleines Souper, man war etwas zu lustig, und ich habe heute ein
wenig Katzenjammer. Dann fallen einem alle möglichen trüben Dinge wieder ein.
Lieber hör' ich auf...
 
                                       13
Schlimme Nachrichten, Maria. Meine neulichen Abendbetrachtungen waren Vorahnung.
Wie ich dieses zweite Gesicht verwünsche, aber ich habe es nun einmal.
    Also zuerst, was mich selbst betrifft. Ich weiss nicht, ob ich Dir erzählte,
dass der Miterbe schon einmal verheiratet war. Dass er mit dieser ersten Frau
denselben Kontrakt auf Erbteilung gemacht hat wie mit mir, wusste ich allerdings
nicht. Sie hat sich dann schlecht bewährt, und er liess sich von ihr scheiden.
Jetzt aber, nach dem Tode des alten Herrn, ist sie wieder aus der Versenkung
aufgetaucht, will ihre Ansprüche geltend machen und droht durch ihren Anwalt die
Erbschaft mit Beschlag belegen zu lassen. Im besten Falle gibt es also wieder
eine Verzögerung, im minder günstigen - aber ich ziehe es vor, diesen Gedanken
vorläufig noch zu verdrängen. Lukas ist jetzt ganz kleinlaut und meint, dass
wirklich von seiten des Schicksals rätselhafte Dinge gegen mich vorliegen
müssen.
    Er, der Miterbe, gedenkt nächstens zurückzukommen und will mich dann hier
aufsuchen. Einstweilen hat er immer noch Formalitäten zu erfüllen.
    Wenn das alles wäre, aber auch um die Petroleumsache sind wir in schweren
Sorgen. Balailoff gerät immer mehr unter den Einfluss des schwarzen Idioten (der
sich übrigens in letzter Zeit lauter weisse Anzüge angeschafft hat - wir waren
schon unschlüssig, ob man ihn nicht umtaufen müsse) und sprach schon davon, ihn
auf eine Inspektionsreise nach Russland zu schicken, da letztin ungünstige
Berichte von dort einliefen. Es hiess, das Gebiet sei doch nicht so ergiebig, wie
man anfangs angenommen und so weiter. Henry behauptet auf Grund seiner gewiss
vielfältigen Erfahrungen, das passiere bei jedem derartigen Unternehmen und man
brauche einstweilen kein Gewicht darauf zu legen. Das Konsortium pflege einmal
dieses und einmal jenes Gerücht auszusprengen, um Stimmung zu machen oder - was
weiss ich - ich konnte seinen Auseinandersetzungen nicht recht folgen, und
Balailoff versteht es sicher noch weniger als ich. Der Idiot aber will jetzt
plötzlich auch über Petroleumgewinnung besser Bescheid wissen als alle anderen,
nachdem er vorher nur in Heiratspapieren kompetent war. Bei jedem anderen
Gespräch verstummte er und klappte ratlos mit den Kinnladen.
    Einstweilen ist er hier noch unentbehrlich, denn die Heiratsangelegenheit
scheint trotz all seiner Bemühungen nicht vom Fleck zu rücken. Balailoff ist
manchmal sehr nervös und klagt darüber, dass die Beamtenbestechung
unwahrscheinliche Summen verschlinge.
    
    Wir anderen trauen dem schwarzen Kerl nicht über den Weg. Bei Tisch setzt er
sich nach wie vor zu uns, ist auf keine Weise loszuwerden, sondern sitzt da,
starrt uns an und erzählt, wenn man ihn überhaupt zu Wort kommen lässt, von
seinem angeblich bewegten Leben. Anfangs brachte man ihn rasch zum Schweigen,
aber wir lassen ihn jetzt manchmal gewähren, um gelegentlich eine Handhabe gegen
ihn zu gewinnen. Bis jetzt haben wir aber nur festgestellt, dass er unerhört lügt
und höchstens in Balailoffs Gegenwart seine Erzählungen etwas glaubhafter hält.
Von uns nimmt er wohl an, dass wir alles glauben, da wir immer schweigend zuhören
und nie den leisesten Zweifel äussern.
... Es scheint beinah, dass wir unserem Ziel näher kommen und eine wichtige
Entdeckung gemacht haben, mittels deren wir ihn vielleicht stürzen können.
Neulich abends waren wir alle in Henrys Zimmer - der Pavillon der Braut liegt
nahe an unserem Separatflügel, und man hört sie allabendlich Klavier spielen,
war aber so daran gewöhnt, dass man nicht weiter darauf achtete. Balailoff ist um
diese Zeit nie vorhanden, sondern treibt sich allein in der Stadt herum.
    An diesem Abend nun unterhielten wir uns ganz friedlich. Henry hatte Wein
aus dem Bureau heraufgeschaft, und Baumann, der einen ziemlichen Schwips hatte,
sagte auf einmal nachdenklich: »Hört nur, das ist wirklich merkwürdig... sie
spielt ja vierhändig.« Wir schwiegen und hatten so unsere Gedanken dabei,
während Baumanns Freundin ihn im tiefen Ernst zu überzeugen versuchte, dass es
unmöglich sei, allein vierhändig zu spielen. Natürlich wollten wir in ihrer
Gegenwart unseren Verdacht nicht äussern, aber als sie fort war, machten wir das
Licht aus und warteten gespannt am Fenster, bis das Klavierspiel verstummte.
Kurz nachher sahen wir denn auch den Privatsekretär vorsichtig durch den Garten
schleichen.
    Aber was nun? Darüber wurde lang hin und her beraten. Man kann die beiden
doch nicht einfach verklatschen... es ist schliesslich ihre Privatsache.
Andererseits ist Balailoff, wenn er sich auch neuerdings schlecht benimmt,
sozusagen unser Freund, während wir die Braut nicht ausstehen können und den
Idioten los sein möchten. Sollte einer von den Männern den Ahnungslosen
aufklären, was da vor sich geht... es nimmt sich eventuell doch schlecht aus,
und die beiden würden zweifellos leugnen. Gott weiss, ob sie nicht auch wirklich
nur zusammen Klavier spielen. Und doch, meinte Henry, wäre es beinahe
Christenpflicht, ihn aufmerksam zu machen, denn wenn der Idiot ihm mit seiner
Braut Hörner aufsetzt, wird er ihm auch mit dem Petroleum Hörner aufsetzen,
sobald es ihm gelingt, seine Pfoten dahinein zu bekommen... und die ganze
Geschichte geht für uns zum Teufel.
    Zunächst haben wir also nur versucht, den Schwarzen aufs Glatteis zu führen.
Ich fragte ihn gleich am nächsten Morgen in aller Harmlosigkeit, ob es bei
starker musikalischer Begabung möglich sei, alleine vierhändig zu spielen.
Balailoff schlug ein schallendes Gelächter an... er ahnt also nichts von den
nächtlichen Konzerten... die Braut verfärbte sich... sie hat jedenfalls ein
schlechtes Gewissen. Der Idiot aber behielt seine Fassung und hielt mir einen
längeren Vortrag über Klaviertechnik sowie über Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten. Es war ein ausgesprochener Missgriff, denn nun sind sie gewarnt
und spielen nicht mehr zusammen.
    Darauf versuchten Henry und Baumann - der Privatdozent gab sich nicht dazu
her - der Braut auf Tod und Leben die Cour zu machen, um den Idioten
auszustechen. Sie reagierte in keiner Weise, und man erreichte nur, dass
Balailoff noch verstimmter auf uns ist.
    Nun haben wir noch einen Plan im Hinterhalt... wir wunderten uns nämlich
schon lange darüber, dass weder Balailoff noch die Braut auf den Gedanken
gekommen sind, die Ehe in England zu schliessen. Er selbst weiss am Ende gar
nichts von dieser segensreichen Einrichtung... bei einem Russen mit Spleen wäre
das gar nicht so unmöglich, und sein Faktotum wird sich hüten, ihn auf den
Gedanken zu bringen, da die Angelegenheit dadurch zu einem rascheren Abschluss
käme. Das liegt selbstverständlich nicht in seinem Interesse.
    Uns selbst geht es, offen gesagt, ebenso. Wir konnten uns nie besonders für
die Heirat erwärmen und hofften immer, dass sie noch möglichst hinausgezogen
würde, bis das Petroleum... Denn daran sind wir alle aufs lebhafteste
interessiert und wollen mit hineingehen, sobald eine gewisse Garantie gegeben
ist. Lukas hat trotz seiner nationalökonomischen Weisheit Blut - respektive
Petroleum - geleckt und möchte sein bescheidenes Kapital vermehren, Baumann mit
fast gar nichts eines gewinnen, und ich - nun, wenn irgend möglich, das Unglück
mit dem Pflichtteil wieder gutmachen.
    Wäre nur Henry für einen Gründer nicht viel zu anständig, ich begreife
allmählich, dass es eben das ist, was ihn immer wieder um den Erfolg bringt. Wie
oft hätte er mit mehr Schwindel schon etwas erreichen können, aber er will
nicht. Er schlägt statt dessen auf den Tisch und sagt: »Teufel, es muss auch so
gehen!« Glaubst du, er wäre auch nur imstande, einen Wechsel zu fälschen?...
Aber man versteht es ja auch... Es hat etwas gegen sich, und man will nicht aus
seiner Sphäre herausfallen.
    So steht es nun auch wieder im Fall Idiot - Balailoff. Henry hält es für
unfair, sich direkt einzumischen, und will abwarten, bis der Idiot auf Grund der
göttlichen Gerechtigkeit in seine eigene Grube fällt. Ich dagegen bin überzeugt,
dass das gerade diesem Typus niemals passieren wird.
    Die Braut ist sehr vorsichtig geworden. Es hat den Anschein, als sei der
Flirt zwischen den beiden ganz abgebrochen, sie begegnen sich nur noch mit
kühler Höflichkeit. Aber es liegt auf der Hand, dass sie gegen uns intrigieren,
denn Balailoff wird immer unliebenswürdiger.
 
                                       14
Nun, inzwischen ist die Bombe geplatzt, und diesmal scheint Henry recht zu
behalten, dass die gute Sache durch sich selbst siegen muss.
    Die Spannung wurde immer peinlicher und der Idiot immer anmassender. So rang
man sich schliesslich zu dem Standpunkt durch: er oder wir. Wir beschlossen, den
einzigen Trumpf auszuspielen, der uns zur Verfügung stand, und Balailoff auf die
Eheschliessung in England aufmerksam zu machen. Mochte er dann in Gottes Namen
heiraten, wenn es uns nur gelang, den Schwarzen zu stürzen oder wenigstens zu
diskreditieren. Henry bat also Balailoff um eine Unterredung, bei der Lukas und
ich ebenfalls zugegen waren. Balailoff kam und war anfangs etwas reserviert. Als
Henry ihm aber die Sache mit viel Beredsamkeit vortrug, dabei erwähnte, dass wir
schon vor längerer Zeit in Gegenwart seines Sekretärs über einen ähnlichen Fall
gesprochen hätten... da wurde er sehr nachdenklich. Dann fragte er, warum wir
ihn nicht eher darauf aufmerksam gemacht hätten? Nun, man habe sich erst
vergewissern wollen, ob es wirklich so einfach sei, und sich des näheren
erkundigt - Henry nahm ein Bündel Briefe aus der Tasche, schwenkte sie
bedeutungsvoll und steckte sie dann wieder ein. Inzwischen sei aber jener
schwarze... Herr aufgetaucht, und seit Balailoff ihm in solchem Masse sein
Vertrauen geschenkt, fühle keiner von uns mehr den Wunsch, sich in seine
Angelegenheiten einzumischen.
    Es sei das auch jetzt nicht unsere Absicht, wir wollten ihm nur die Frage
vorlegen, ob die Beamtenbestechungen und anderen Manöver seines Sekretärs wohl
Aussichten hätten, schneller zum Ziel zu führen.
    Der arme Balailoff - ich glaube, er ist im Grunde horndumm, aber jetzt
schienen ihm doch einige Schuppen von den Augen zu fallen. Ausserdem ging ihm
plötzlich das Herz über, und er gestand, dass er dem Sekretär verschiedene
Geldangelegenheiten übertragen habe, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wenn der
Mann, den er bisher dafür gehalten, am Ende doch nicht ganz zuverlässig sei -
hier folgten einige russische Flüche, worauf er Henry bewegt umarmte, Lukas und
mir die Hand schüttelte, uns alle für seine wahren Freunde erklärte und
lebhaftes Verlangen nach Alkohol äusserte. So wurde nach langer Entfremdung der
erneuerte xxxFreundschaftsbund, die Eheschliessung in England und daneben auch
wieder einmal die Petroleumaffäre begossen.
    Seit diesem bedeutungsschweren Abend ist er also wieder unser und eifrig
dabei, seine Anordnungen für die Reise nach England zu treffen. Den Sekretär
wollte er nicht Hals über Kopf entlassen, um alles Aufsehen zu vermeiden, lässt
ihn aber durch einen Detektiv überwachen, und es scheinen da noch allerhand
Schwindeleien in grösserem Massstab herauszukommen. Aber er hat ihn vorläufig in
seinem Dienst behalten und verwendet ihn nur noch für unwesentliche
Kommissionen. Der Idiot ist etwas konsterniert und weiss nicht recht, was er
denken soll. Er schaut immer noch dumm genug drein, aber sein Gesicht hat doch
etwas mehr Ausdruck bekommen, nämlich einen gespannten. Es ist beinah, als
betrachte er uns mit einer Art schmerzlicher Ironie. Die Braut ist öfters wieder
am Tisch, aber man wird nicht recht aus ihr klug, sie behandelt uns nach wie vor
wie Luft. Wir gehen ihr möglichst aus dem Weg, sitzen wieder in tiefem
Seelenfrieden auf der Terrasse und lassen die immer noch schwülen Tage an uns
vorübergehen. Abends kommen unsere Freunde, sie haben jetzt auch Balailoff
kennengelernt, der sich uns immer mehr anschliesst und entzückt von ihnen ist.
Schauspieler und Russen sind immer entzückt voneinander.
    Am zehnten August soll die Fahrt nach England angetreten werden. Er plagt
uns, dass wir mitfahren sollen, als Trauzeugen. Aber wir mochten weder die
geschäftlichen Dinge, noch unsere Privatinteressen im Stiche lassen, noch auch
das Sanatorium, an dem wir wirklich mit Heimatliebe hängen. Andererseits ist ja
noch zu erwägen, ob es nicht unzweckmässig ist, ihn so ganz aus den Augen zu
lassen... Er schwört zwar, er käme wieder zurück.
 
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Der Entschluss ist uns erspart geblieben, dafür hat es einen sogenannten Skandal
gegeben. Nur schade, dass wir nicht soviel Spass daran haben können wie die
anderen Patienten, die ihn in vollen Zügen geniessen.
    Balailoff war auf einige Tage fortgefahren und hatte die Braut mitnehmen
wollen, aber sie drückte sich unter dem Vorwand, leidend zu sein. Am zweiten
Morgen, nachdem er fort war, klopfte sein Diener, der uns immer das Frühstück
heraufbringt, verzweifelt an sämtliche Türen. Wir waren spät aufgewesen, und
niemand hatte Lust, sich schon zu ermuntern; so rief man ihm von allen Seiten
zu: er möge alles in den Korridor stellen und uns schlafen lassen. Aber er
bestand darauf, irgend jemand persönlich zu sprechen. Wir beschieden ihn also
mit sämtlichen Frühstücken in den gemeinsamen Salon und versammelten uns in
rasch improvisierter Toilette. Das Klavier stand noch offen und überall
Weingläser vom vorigen Abend, es war die richtige ungemütliche Morgenstimmung
mit einigem Katzenjammer.
    Und nun erfuhren wir, dass die Braut über Nacht mit dem Herrn Idioten, wie
der brave Iwan sich höflich ausdrückte, davongegangen war, unter Mitnahme alles
beiderseitigen Gepäcks - also anscheinend, um nicht mehr wiederzukehren. Iwan,
der seinem Herrn sehr ergeben ist, war ganz ausser sich. Wir setzten gleich ein
Telegramm an Balailoff auf und schickten ihn damit weg.
    Eine halbe Stunde später erschien der Professor, wollte wissen, was wir
wüssten, und war ungemein aufgeregt. Glücklicherweise hatten wir in der
Zwischenzeit aufräumen lassen und sassen ordentlich und zivilisiert jeder vor
seinem Kaffee, nur Lukas hatte einen etwas sonderbaren Schlafrock an. Wir waren
diesmal wirklich mehr als unschuldig, was er uns anfänglich nicht glauben
wollte. Aber dann drehte Henry den Spiess um und erklärte, er habe Balailoff in
diesem Punkt nie begriffen - und ebensowenig, dass man ein solches Subjekt so
lange hier geduldet hätte. Dem Mann sei doch auf der Stirne geschrieben gewesen,
dass er ein Schwindler war. In diese Ausführungen stimmten wir alle lebhaft ein.
    Jedoch wir haben nun einmal das Pech, auf diesen verbohrten alten Professor
nicht überzeugend zu wirken. Er sah sich um, als ob die Niedertracht nur so auf
Stühlen und Tischen herumläge, fragte dann, ob wir mit den Zimmern zufrieden
wären... es sei aber möglich, dass auch in diesem Flügel bauliche Veränderungen
vorgenommen würden und wir noch einmal umziehen müssten. Auch Baumann bekam bei
dieser Gelegenheit einige bissige Bemerkungen; der Chef hat irgendwie erfahren,
dass er psycho-analysiert, und das hat ihn sehr unangenehm berührt. Es darf jetzt
wirklich nichts Auffallendes mehr passieren.
    Schliesslich ging er dann wieder, und wir frühstückten nachdenklich weiter.
Leider mussten wir einstimmig zugeben, dass der schwarze Idiot doch entschieden
intelligenter gewesen war als wir alle zusammen. Eine deprimierende Einsicht,
aber wer weiss, vielleicht kann gerade die Begebenheit noch zum Heil der
Petroleumsache ausschlagen. Henry wenigstens meint, es komme nur darauf an,
Balailoff jetzt richtig anzufassen. Aber Henry ist ein Illusionist...
    Nun ja... da war nicht viel richtig anzufassen. Balailoff kam auf unser
Telegramm hin sofort zurück. Seine Wut war anfangs unbeschreiblich, und es blieb
nichts anderes übrig, als ihn beständig unter Alkohol zu setzen, was Henry mit
wahrem Löwenmut auf sich nahm. Gleichzeitig wurde nach allen Himmelsrichtungen
recherchiert, und man brachte in Erfahrung, dass die Flüchtlinge sich nach
England gewandt haben. Das hat ihn fast noch am meisten getroffen. Ausserdem hat
der Idiot es verstanden, ganz beträchtliche Summen auf Balailoffs Namen zu
erheben und sie mitzunehmen. Sonst wäre es ja eigentlich nicht zu bedauern, dass
die beiden spurlos verschwunden sind. Es ist viel gemütlicher ohne sie.
 
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Ihr müsst nicht so neugierig sein und nicht so ungeduldig, Maria. Nehmt Euch doch
endlich ein Beispiel an der christlichen Ergebung, mit der ich selbst die
Entwicklung der Dinge abwarte. Versteht man es nicht, mit Ausdauer und
Beharrlichkeit gute Miene zum bösen Spiel zu machen, so wird man nervös. Diese
schwere Kunst habe ich nun allmählich mit vieler Mühe üben gelernt, und Ihr
dürft mich nicht immer darin stören.
    Die Feste feiern, wie sie fallen... das Petroleumfest, das zu so schönen
Erwartungen berechtigte, ist gründlich ins Wasser gefallen, und zwar gerade in
dem Moment, wo man dachte, es nun ungestört feiern zu können. Der schwarze Idiot
soll so ungeheuerliche Summen defraudiert haben, dass Balailoff rundweg erklärte,
er müsse sein Kapital zurückziehen und seine Ländereien verkaufen. Vergebens
suchte Henry ihn zu überzeugen, er könne sich durch dieses Unternehmen am besten
wieder rangieren und die Sache sei schon so weit gediehen, dass er auch im
Interesse der übrigen Beteiligten nicht mehr zurücktreten dürfe. Vergebens
suchten wir ihn aufzuheitern, indem wir allabendlich unsere Freunde aus der
Stadt versammelten - manchmal hatten wir fast die ganze Truppe da und sassen auf
Kohlen, dass der Spektakel sämtliche Patienten aufwecken möchte. Balailoff
betrank sich nur, und war er wieder nüchtern, so beteuerte er immer wieder,
durch die Geschichte mit seinem Sekretär habe er den Glauben an die Menschheit
verloren und wolle von nichts mehr wissen, weder von Braut noch von Petroleum.
    Es war nichts dabei zu machen. Henry und er haben sich schliesslich endgültig
überworfen. Dann beschwerte er sich bei dem Professor, dass er es nicht fertig
gebracht habe, ihm das Trinken abzugewöhnen - an all seinem Unglück sei nur der
Alkohol schuld. Daraufhin kamen sich die beiden auch noch in die Haare, und
Balailoff hat unter Protest das Sanatorium verlassen.
    Lukas meint, wir hätten es von Anfang an falsch gemacht, indem wir seiner
Neigung zum Trunk Vorschub leisteten. Man hätte ihn ruhig dem Professor
überlassen und nur in nüchternem Zustande mit ihm verhandeln sollen. Vielleicht
wäre dann so etwas wie ein Kontrakt zustande gekommen, auf dem man jetzt fussen
könnte. Baumann dagegen hält es für ein schweres Versäumnis, dass er ihn nicht
analysiert hat. Auf diesem Wege wäre es sicher möglich gewesen, ihn von seinem
Heiratskomplex zu heilen und die ganze Geschichte mit dem schwarzen Idioten zu
vermeiden.
    Henry beteiligte sich nur wenig an diesen nützlichen und erbaulichen
Diskussionen. Er ist nachdenklich, aber durchaus nicht niedergebeugt durch den
neuen Fehlschlag. »Vielleicht ist es besser so«, sagte er mit voller
Überzeugung... »man zersplittert sich so leicht, wenn man zuviel um die Ohren
hat. Ich müsste jetzt abwechselnd nach Südafrika, Russland und Norwegen fahren, wo
wir demnächst...«
    »Schon wieder ein neues Projekt?« fragte Lukas entsetzt.
    »Bei dem sich in wenigen Jahren ein Bombengeld verdienen lässt, aber darüber
reden wir ein anderes Mal...«
    »Ja, bitte«, murmelte Lukas mit schwacher Stimme.
    Nach all diesen Aufregungen sind wir etwas marode, und es hat eine Art Sinn
bekommen, dass wir in einer Nervenanstalt sind.
    Darüber wird es nun allmählich Herbst, die Schauspieler sind fort... es war
halt nur ein Sommerteater. So sind auch die Feste im Separatflügel
eingeschlafen und wir stille Patienten geworden, ein wenig abgespannt, ein wenig
reizbar, also gerade, wie es sich gehört? Der Professor behandelt uns wieder auf
unsere Nerven hin, Baumann behandelt unsere Komplexe. Henry und ich sind uns
längst klar darüber, dass es völlig zwecklos ist, denn der beiderseitige
Geldkomplex steigert sich seit Balailoffs Verschwinden bedenklich. Wird mir hier
oben die Welt zu eng, so flüchte ich zu ihm ins Bureau. Er sitzt am
Schreibtisch, rechnet, rechnet, macht Überschläge und murmelt Zahlen, ich sehe
die Sanatoriumsrechnungen durch, die immer mehr anwachsen, und Lukas sitzt
resigniert dabei.
    »Keine Nachricht von Ihrem Herrn Gemahl?«
    »Gemahl?... nein... ja doch, er wird nächstens hier eintreffen.« Ich bin zu
sehr in die Rechnungen vertieft und kann mich nicht gleich besinnen.
    »Sie sollten sich aber doch daran gewöhnen, den betreffenden Herrn mit
seinem rechtmässigen Titel zu bezeichnen. Oder gedenken Sie ihn hier schlechtin
als Miterben einzuführen?« - »Keine Ahnung, wie ich das machen soll. Dass wir
verheiratet sind, glaubt ja doch niemand. Wir nennen uns Sie, und ich weiss von
seinem Leben so wenig wie er von meinem. Es möchte sich doch sonderbar
ausnehmen, wenn wir uns bei jeder Gelegenheit erst gegenseitig darüber aufklären
müssen.«
    »Führen Sie ihn als Ihren Vetter ein.«
    Ich fand den Vorschlag ganz gut, aber Henry war übler Laune und warf mir
vor, ich wollte immer nur Films veranstalten, und diese ganze Heirat sei schon
Film genug. Sehr mit Unrecht, denn was kann ich dafür? Du weisst ja ungefähr, wie
die Sache war... Er wollte heiraten, weil er fürchtete, sonst enterbt zu werden,
und setzte die Hälfte seines Erbes als Preis dafür aus. Ich sass gerade in Paris
und wusste nicht recht, was ich tun sollte, als gemeinsame Bekannte mir den Fall
unterbreiteten und ziemlich hohe Ziffern dabei spielen liessen. Lebhaft erinnere
ich mich, wie man in einem kleinen Montmartre-Café sass und beriet: soll sie es
tun?... soll sie es nicht tun?... Ich selbst wurde eigentlich kaum um meine
Ansicht gefragt. Aber ich gab dann schriftlich mein Jawort und fuhr dortin, wo
mein zukünftiger Eheherr sich aufhielt. Man hatte ihn mir als degenerierten
Baron geschildert, und auch das lockte mich. Aber er sah aus wie ein Seeräuber
in Zivil, und seine Degenerierteit bestand nur darin, dass er trank. Die Familie
verhielt sich etwas skeptisch und wollte vor allem wissen, ob ich Vermögen
hätte. Nein, aber später eines zu erwarten, was ja im Falle unserer Heirat auch
der Wahrheit entsprach... Alles Weitere entwickelte sich dann merkwürdig
günstig, die unwahrscheinlichsten Umstände kamen mir zu Hilfe, so dass ich kurze
Zeit hindurch selbst in den Augen seines Vaters - eben des alten Herrn, der
jetzt das Zeitliche gesegnet hat - mit Glück die Rolle des guten Engels spielte.
An diesen Glanzpunkt meiner Laufbahn denke ich immer noch mit Wehmut zurück und
muss mir selbst alle Anerkennung zubilligen, denn weder andere noch ich hätten
das jemals für möglich gehalten. Es dauerte denn auch nicht lange - eben, bis es
gar zu auffallend wurde, dass wir keinen gemeinsamen Haushalt gründeten, dass
unsere beiderseitigen Niederlassungen sich vielmehr an entgegengesetzten
Endpunkten des In-oder Auslandes befanden und, falls es gelegentlich in Frage
kam, keiner über den Aufentalt oder die Schicksale des anderen auf dem
laufenden war. Schliesslich kam dann auch noch die Geschichte mit dem Kontrakt
auf...
    Das alles musste ich Lukas noch einmal eingehend schildern, wie auch die
Persönlichkeit meines Gatten und Miterben. Wir einigten uns dann dahin, ihn doch
lieber in der Stadt wohnen zu lassen. Der Professor hat sicher vorläufig genug
von Alkoholikern, und soweit ich diesen kenne, ist er von ungemein aufrichtigem
Charakter und wäre nicht imstande, den Wunsch nach einer Entziehungs- oder
anderen Kur auch nur vorzutäuschen.
 
                                       17
Habe ich wirklich einen ganzen Monat nicht geschrieben? Was soll ich denn auch
schreiben - immer wieder dasselbe: es ist noch nicht da, ich warte.
    Tröste Dich damit, dass ich meine sämtlichen Korrespondenzen schon lange so
gut wie abgebrochen habe. Niemand wusste mehr den Ton anzuschlagen, den ich
vertragen konnte. Die einen wollten mich mit dieser Erbschaft, die niemals
kommt, aufziehen und schienen zu meinen, dass das Ganze nur ein Witz sei. Andere
gratulierten mir zu dem unverdienten Glück, das mir so mühelos in den Schoss
gefallen wäre. Wenn ich nur das nicht mehr hören soll. Es begreift wohl niemand,
was für eine ungeheuerliche Leistung dieses Warten bedeutet, und niemand hat
auch nur eine Ahnung, was für Leiden ein Geldkomplex mit sich bringt.
    Seit etwa zwei Wochen beginnt es allmählich zu tagen. Es hat wenigstens den
Anschein - ich will mich lieber noch vorsichtig ausdrücken.
    Der Miterbe ist wohlbehalten hier eingetroffen - ich betone das
wohlbehalten, denn wie leicht hätte ihm bei der langen Reise etwas zustossen
können. Bei den verschiedenen Zwangsvorstellungen, die mich plagen, kam es mir
äusserst wahrscheinlich vor.
    Er hat mir nun weitläufig erklärt, was alles noch geschehen müsse, bis es an
die hiesige Bank überwiesen wird. Die erste Frau hat sich mit einer mässigen
Summe abfinden lassen und die Beschlagnahme zurückgezogen. Im übrigen war er
anfangs etwas verstimmt gegen mich. Es scheint aus hinterlassenen Briefen
hervorzugehen, dass er auch ohne Heirat hätte Universalerbe werden können und
ohne den verhängnisvollen Kontrakt jedenfalls nicht wäre gepflichtteilt worden.
Er fühlt sich nachträglich wieder solidarisch mit dem toten Vater und hätte
jetzt lieber mit ihm gegen mich intrigiert, wie er vorher mit mir gegen ihn
intrigierte. Wenigstens glaubt Baumann seine Gefühle für mich in dieser Richtung
auslegen zu dürfen.
    Natürlich ist es aber jetzt zu spät, und in Anbetracht dessen entwickelt
sich eine durchaus friedliche Beziehung zwischen uns. Ich finde ihn sogar in
seiner ganzen Art ganz sympatisch, ein wenig Balailoff der Zweite, nur wirkt er
noch russischer, obwohl er kein Russe ist und nur die Stammgüter seiner Familie
in Finnland liegen. Balailoff war nur spleenig und trank, ohne dass es ihm oder
anderen Freude schuf. Dieser trinkt auch, aber seine Räusche sind produktiver,
und er weiss sie glückhafter auszugestalten.
    Er wohnt im Hotel drunten am Marktplatz, hat, da die Ankunft des
Pflichtteils jetzt auch dem Laien ausser Frage steht, unbeschränkten Kredit, hält
sich ein Mietauto, mit dem er den ganzen Tag herumsaust, und lässt abends eine
italienische Musikbande kommen, die ihm bis nach Mitternacht vorspielen muss.
Ferner kauft er sich alle möglichen Schiessgewehre - er braucht die nicht, denn
er ist kein Jäger, aber sie machen ihm Vergnügen, ebenso wie seine Tiere, drei
Bernhardiner und ein Wolfshund. Tagelang ist er mit dem Auto unterwegs gewesen,
bis er diese Meute zusammengebracht hat. Die Bernhardiner sitzen oder liegen
dekorativ vor dem Hotel herum und verursachten anfangs Volksaufläufe, da man
hier noch nie dergleichen Tiere gesehen hatte. Der Wolfshund dagegen zeichnet
sich durch unbändiges Temperament aus und richtet allnächtlich ein Hotelzimmer
zugrunde, er zerreisst die Betten, beisst die elektrischen Drähte ab und
ähnliches. Aber mein rauher Gatte lacht sich vor Vergnügen halbtot, wenn man ihm
die Rechnung dafür präsentiert, und fordert alle auf, das Benehmen dieses
Teufelskerls zu bewundern. Um ihn nicht zu kränken, stimme ich aus vollem Herzen
bei - solange er ihn nicht ins Sanatorium bringt. Der Hotelbesitzer ist
ebenfalls Feuer und Flamme für das Tier wie für seinen Herrn, weil er auf diese
Weise sämtliche Zimmer neu hergerichtet bekommt. Man weiss natürlich in der
Stadt, dass wir verheiratet sind und dass grosse finanzielle Ereignisse uns
umwittern. Da hier sonst wenig Sensationelles passiert, sind wir mytische
Persönlichkeiten und ungeheuer populär. Allzu oft lasse ich mich zwar nicht
blicken, aber es kommt doch manchmal vor, dass ich an der Seite meines Gemahls
mich dem erstaunten Volk zeige.
    Mit den anderen habe ich ihn nicht erst bekannt gemacht, er passt nicht zu
ihnen und ist ausgesprochen menschenscheu. Er ist überhaupt sehr merkwürdig und
spricht wenig. Was andere sagen, pflegt er zu überhören und reagiert nur selten
darauf. Will ich also etwas von ihm wissen - er zitiert mich manchmal zu einer
wichtigen Besprechung -, so heisst es ruhig dasitzen und abwarten, bis er davon
anfängt. Er lässt Wein bringen, die Musikanten warten immer schon an der nächsten
Strassenecke, bis man sie herbeiwinkt. Dann stehen sie auf der Piazza vor dem
Hotel und spielen, er wirft ihnen Geld zu und lässt ihnen zu trinken geben. Ich
spende ihnen hier und da ein huldvolles Lächeln und warte darauf, dass er mit der
Besprechung beginnen wird. Irgendwann kommt denn auch der Moment, wo er sich
daran erinnert und mit der Hand unter seine Lederjacke fährt - er hat einen
merkwürdigen Kleidungskomplex, denn ich habe ihn noch nie in einem anderen
Kostüm gesehen als: Schaftstiefel, Kniehosen und lederne Jacke - er sucht eine
Zeitlang, fördert ein arg zerknittertes Schreiben oder Aktenstück zutage und
teilt mir das Wissenswerte daraus mit. Das Wissenswerte ist immer nur eine neue
Verzögerung oder Schwierigkeit.
    Ich äussere meine Besorgnis, dass immer noch und immer noch... Er hört kaum
darauf hin und sagt mit gewaltiger Stimme:
    »Ich verstehe den Krempel ja auch nicht... ich verstehe überhaupt nichts von
Geldgeschichten... aber seien Sie nur ruhig, gnädige Frau, es wird schon alles
gut werden.«
    Dann vertieft er sich wieder in die Vorzüge seiner Hunde, fragt mich, ob die
Leute gut spielen, zeigt mir einen neuen Revolver, den er für besser hält als
den vorigen, trinkt ein Glas nach dem anderen, und man hat den Eindruck, als ob
er sich recht glücklich fühle.
    Selten, selten gelingt es mir, ihn etwas redseliger zu machen - ich bin
jetzt auch selbst so konstelliert, meine Gedanken kreisen wieder einmal wie in
einem monotonen, betäubenden Wirbel immer um dasselbe: wann kommt das Geld? So
ist dieser Mann zweifellos die gegebene Gesellschaft für mich.
    Aber wie gesagt, es kommt auch vor, dass er ein wenig mehr auftaut, Fragmente
von sich selbst erzählt oder fragmentarische Ansichten über Menschen und Dinge
äussert.
    Die über Menschen sind kurz und bündig. Von Männern lässt er nur den Typus
Teufelskerl gelten, der ungeheuer trinken, spielen oder sonst etwas kann. Die
anderen interessieren ihn nicht. Findet er einen solchen, so bewundert und
protegiert er ihn, stopft ihm die Taschen voll Geld, sofern er selber welches
hat usw. Er selbst ist in seiner Jugend von der Schule durchgebrannt, um Matrose
zu werden, und späterhin jahrelang Goldgräber gewesen. Sobald das Pflichtteil da
ist, will er in den Ural gehen und wieder graben. Aber vor allem müsse man dazu
Geld in der Tasche haben, sonst käme nichts dabei heraus.
    Ob ich ihn nicht doch mit Henry bekannt mache... Und in dieser Umgebung
unter Matrosen und Goldgräbern habe er Teufelskerle kennengelernt!... Ob er sich
selbst als vollgültigen Teufelskerl ansieht, ist mir nicht ganz klar, jedenfalls
ist es sein heimlicher Ehrgeiz, und er ist vielleicht nur zu bescheiden, sich
den Titel beizulegen.
    Die Frauen verachtet er ziemlich gründlich, zum Teil ist wohl seine erste
Ehe daran schuld. Denn als ich einmal flüchtig jene Frau erwähnte, gab es eine
lange Pause. Mindestens dreiviertel Stunden trank er schweigend weiter und sagte
dann plötzlich voll ingrimmiger Überzeugung: »Die Weiber sind alle Halunken.«
    Ich hatte längst vergessen, wovon die Rede war, und sah ihn wohl etwas
erstaunt an, denn er setzte milder hinzu: »Nein, Sie meine ich nicht, gnädige
Frau.«
    Damit war die Konversation für diesen Tag beendigt. Ich glaube, es war eines
der grössten Komplimente, die mir jemals gemacht wurden, und weiss es auch
vollkommen zu würdigen, wie überhaupt diese Flitterwochen nicht ohne Stimmung
sind. Meine Bekannten im Sanatorium haben ihre Freude daran und kommen manchmal
zur Stadt, um sich die Sache aus der Ferne anzusehen. Nur der Professor glaubt
immer noch nicht, dass ich mit diesem Mann, der soviel von sich reden macht und
anscheinend über beträchtliche Mittel verfügt, verheiratet bin. Sonst hätte er
ihm als meinem Arzt doch längst einen Besuch gemacht und könnte ebenso gut meine
Rechnung zahlen wie Auto fahren und sich eine Meute halten. Diese und andere
gehässige Bemerkungen sind mir von einer Patientin hinterbracht worden und geben
mir wieder einmal zu denken. - Herr, wie lange noch? -
Ich mag auch keine Briefe mehr abschicken, wahrscheinlich ist das eine Art
Neurose. Henry hat etwas Ähnliches - er kann sich nicht entschliessen, Briefe
aufzumachen, weil er die Zwangsvorstellung hat, es möchte etwas Unangenehmes
darin stehen. Es ist momentan wirtschaftliche Krisis bei ihm, er wartet auf eine
wichtige Nachricht, die alles mit einem Schlage ändern soll, und ehe die nicht
da ist, rührt er kein Schriftstück mehr an. Auf seinem Schreibtisch ist ein
Extrafach, wo die uneröffneten Korrespondenzen hineinkommen. Es sind Briefe aus
allen Weltgegenden darunter, auch eingeschriebene und Eilbriefe. Manchmal
vergisst er es und schimpft, dass man von dieser oder jener Sache gar nichts mehr
hört.
    »Aber es ist seit drei Wochen ein eingeschriebener Brief da, mach ihn doch
endlich auf.«
    ».... Nein, das kann ich nicht.«
    Hier und da sitzen wir vor diesen Briefen, betrachten sie und malen uns aus,
was wohl darin stehen mag. Soll man sie öffnen? Soll man sie liegenlassen? Und
wie lange? Sollen wir den Moment bestimmen oder abwarten, bis er sich von selbst
ergibt? Ich glaube, wir sind im Grunde überzeugt, dass sie durch das Lagern
besser werden, und dass Nachrichten, die bei voreiligem Öffnen noch ungünstig
lauten würden, sich vielleicht mit der Zeit in eine gute verwandeln. Das wagt
aber natürlich keiner dem anderen einzugestehen.
    Drei sind da von Gottfried, und die lasten uns beiden auf dem Gemüt. Wir
wollen sie aufmachen, sobald es da ist. Eher können wir ihm doch nicht helfen,
und es würde uns nur unnötig das Herz zerreissen, zu wissen, dass es ihm schlecht
geht.
    Früher war es immer Lukas, der den Kopf schüttelte und Blicke gen Himmel
warf, jetzt schüttelt auch Baumann. Er hält uns allmählich für schwere Fälle,
vor denen die Wissenschaft, wie er sich ausdrückt, einstweilen haltmachen muss.
Das heisst, er hat es aufgegeben, uns in dem gegenwärtigen Stadium weiter zu
behandeln, und wir sind todfroh darüber. Von Komplexen, Analyse und vor allem
Geld darf nach stillschweigendem Einkommen überhaupt nicht mehr gesprochen
werden. Seitdem herrscht eine präokkupierte Grabesstille an unserer Tafelrunde,
und es gibt nichts mehr, worüber wir uns unterhalten könnten.
    Soll ich nun abschicken oder nicht? Warten bis - nein, ich bringe es nicht
mehr über die Lippen und nicht mehr aus der Feder, dieses fürchterliche bis -
und wenn ich darauf warte, dauert es vielleicht noch länger.
 
                                       18
Es ist da, Maria - das heisst noch nicht ganz, aber so gut wie. Letzten Mittwoch
fing es an.
    Der Miterbe war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden oder liess sich
verleugnen. Man brachte nur in Erfahrung, dass er den ganzen Tag mit Auto und
Hunden unterwegs war, in den verschiedensten Ortschaften der Umgegend
Teufelskerle um sich versammelte und bewirtete und abends bei seiner Rückkehr
nicht mehr vernehmungsfähig sei.
    Wir schlossen darauf mit gutem Grund, dass das Pflichtteil nähergerückt oder
etwas Verhängnisvolles damit passiert sein müsse. Denn er pflegt sowohl freudige
wie trübe Erregungen auf diese Weise auszuleben, und man muss solche Zustände
vorübergehen lassen, ehe man sich wieder ins Einvernehmen mit ihm setzt.
    Schliesslich erschien er dann eines Morgens in eigener Person hier oben, was
noch nie vorgekommen war. Den Wolfshund hatte er an der Leine, aber der riss sich
los, rannte verschiedene Patienten fast über den Haufen und verursachte eine
Panik. Der Professor kam aus seinem Sprechzimmer, um zu sehen, was da vorginge.
Mein Gatte war ausser sich vor Entzücken über das Temperament seines Hundes,
drohte ihn zum Scherz mit dem Revolver und fragte ein Mal über das andere, ob er
nicht ein Teufelskerl sei.
    Der Professor aber meinte wohl, dass dieser Ehrentitel sich auf ihn beziehe,
und hielt den Miterben für einen tobsüchtigen neuen Patienten, den ich ihm
zuführen wollte. Mit dem Professor gibt es eben immer Missverständnisse, und ich
hatte viele Mühe, ihm bei dem Höllenspektakel den Zusammenhang zwischen mir, dem
Mann und dem Hund begreiflich zu machen. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll
immer mehr an, ich glaube, er war nahe daran, selber einen Tobsuchtsanfall zu
bekommen, was für das Sanatorium gewiss keine gute Reklame wäre.
    Als dieser Zwischenfall erledigt war, kam das Geschäftliche an die Reihe.
Der rauhe Gatte durchsuchte sämtliche Innentaschen seiner Lederjacke und
förderte schliesslich ein imposantes Dokument zutage, den Depositenschein der
finnischen Bank, die uns das Pflichtteil abzuliefern hat. Es besteht einstweilen
noch nicht in barem Geld, sondern in Eisenbahnobligationen.
    Wir beratschlagten eine Weile, gingen dann in die Stadt hinunter zur Bank
und gaben Auftrag, die Papiere sofort telegraphisch zu verkaufen. Dann machten
wir eine grössere Spazierfahrt mit sämtlichen Hunden.
    Die anderen hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen und konnte ihnen erst
beim Abendessen Bericht erstatten. Lukas legte Messer und Gabel hin, als ich auf
unsere Aktion bei der Bank zu sprechen kam, und vergass alle Höflichkeit. »Ja,
haben Sie denn ganz den Verstand verloren? Telegraphisch und en bloc verkaufen?«
    »Wir können wirklich nicht mehr warten«, wendete ich kleinlaut ein.
    »Das muss wieder rückgängig gemacht werden. Was sind es denn für Papiere?«
Ich nannte sie ihm, stolz darauf, dass ich es wusste und mir keine Blösse zu geben
brauchte.
    Er jammerte, dass es einen Stein erbarmen könnte, und wir sind alle ganz
hingerissen vor Mitgefühl. - Man hätte die Obligationen herschicken sollen, sie
deponieren, nach und nach verkaufen - und was weiss ich, ich verstehe nichts von
solchen Sachen. Wer von uns denn auf diese glorreiche Idee gekommen sei?
    »Alle beide - wir haben uns überlegt, wie es am schnellsten ginge.«
    »Anstatt erst irgendeinen vernünftigen Menschen um Rat zu fragen...«
    »Nein, jetzt tun Sie mir Unrecht. Ich habe mich durchaus sachverständig
benommen und den Bankdirektor gefragt, ob es nicht besser sei, vorläufig nur
einige von den Papieren zu verkaufen. Aber er riet mir zu, es gleich en bloc zu
machen.«
    Achselzucken, Schweigen.
    »Ist das nicht der grosse Blonde, den wir öfters im Café sahen und der immer
so unglücklich aussieht?« fragte Henry.
    »Ja, er ist entschieden Melancholiker. Als ich erwähnte, es eile, weil ich
auf Reisen gehen wollte, sagte er ganz ergriffen: Gott, wer doch auch reisen
könnte - weit fort reisen. - Kommen Sie mit, sagte ich, um ihn etwas
aufzuheitern, aber er hat nur traurig den Kopf geschüttelt.«
    »Nehmen Sie ihn nur mit«, sagte Lukas mit schwacher Stimme, »ein
melancholischer Bankdirektor ist gerade die rechte Gesellschaft für Sie.«
 
                                       19
Vor meiner Abreise kam ich nicht mehr dazu, Dir Nachricht zu geben, und kann
auch heute nur kurz schreiben.
    Begreife - ich weiss noch nicht recht, wie mir ist. Das Sanatorium ist
vergessen und versunken wie ein alberner Spuk... War ich denn jemals in einem
Sanatorium? Habe ich jemals durch Ewigkeiten hindurch auf Geld gewartet? Hatte
ich wirklich einmal einen Geldkomplex, den man mir weganalysieren wollte? Und
ist er jetzt tatsächlich ganz fort?
    Das, Maria, ist eine grosse Frage, die ich heute noch nicht zu beantworten
wage. Mir scheint beinahe, er hat sich nur verändert. Denn seit es da ist, dreht
sich alles, was ich empfinde, doch wieder ausschliesslich um Geld, wenn auch
diesmal in positivem Sinn, aber es dreht sich. Dreht sich um greifbar vorhandene
Banknoten, Goldstücke, Schecks, Kreditbriefe, Möglichkeiten, Einkäufe und so
weiter.
    Es ist immer noch zu persönlich, es erfüllt mich noch zu sehr, ich muss
immerfort daran denken. Zum erstenmal in meinem Leben habe ich eine Nacht nicht
schlafen können, weil es wirklich da war.
    Baumann sagt... aber ich habe noch verschiedenes nachzuholen.
    Am Tage, nachdem der Depositenschein präsentiert wurde und wir der Bank
unsere Order erteilten, haben wir denn auch Henrys Korrespondenz eröffnet. Es
ergab sich daraus unter anderem, dass Herr Alramseder definitiv unschädlich
gemacht worden ist, indem seine eigenen Kaffern ihn gelyncht haben, ferner, dass
Gottfried einsam und verzweifelt das Petroleumgebiet beaufsichtigt, ohne jede
Nachricht von Balailoff, und auf unser Einschreiten hofft, und schliesslich, dass
Henry eine Geschäftsreise nach Spanien zu machen hat, die sich mit einer
gemeinsamen Vergnügungsfahrt sehr gut verbinden liesse.
    Gottfried haben wir dann gleich telegraphisch ausgelöst und mitgenommen, da
er sehr erholungsbedürftig war, und Baumann hat sich angeschlossen, weil, wie er
behauptet, die Weiterentwicklung unserer Komplexe ihn lebhaft interessiert.
    Der Miterbe ist dort geblieben, sein Hotelwirt und er können sich nicht mehr
voneinander trennen.
    Übrigens war das Geld noch nicht wirklich angekommen, als wir abfuhren, aber
die Bank gab Vorschuss. Wir hatten die Schiffsbilletts schon bestellt und wollten
nicht länger warten. Dummerweise verfehlten wir das Schiff trotzdem, da es jeder
Tradition zuwider fahrplanmässig abgefahren war, und auf der Bahnlinie
Genua-Marseille wurde gestreikt, man konnte auch damit nicht weiterkommen... Das
Pflichtteil rebelliert also immer noch. Wie oft hat man eine Reise unterlassen,
weil man sie sich nicht leisten konnte. Jetzt konnten wir uns einen Extrazug
nehmen, aber die Bahnlinie streikte. Kein Mensch wird mir einreden, dass es
wirklich die Eisenbahner sind, die ihre Arbeit niederlegen.
    Die anderen schlugen vor, sich angenehm in Genua zu etablieren und
abzuwarten, aber ich bin ausserstande, noch auf irgend etwas zu warten, und halte
es für besser, die Dinge zu überlisten, wenn sie einen schikanieren wollen. So
haben wir uns, da vorläufig kein anderes Schiff in der gewünschten Richtung
fuhr, auf einem kleinen spanischen Frachtdampfer einquartiert und hoffen, dass
wenigstens dieser irgendwann in See stechen wird. Unterwegs kann man dann
vielleicht wieder wechseln oder in die Bahn steigen. Es sollen noch zwanzig Kühe
eingeschifft werden, und das hat seine Schwierigkeiten, räumliche und
bureaukratische - wir sind darüber noch nicht ganz im Bilde. Einstweilen steht
nur soviel fest, dass die Abfahrt spät abends oder in aller Herrgottsfrühe vor
sich gehen soll, und der Steward riet uns dringend, deshalb schon auf dem Schiff
zu wohnen. Auf Passagiere, die nicht zur Stelle seien, könne man unmöglich
warten, nachdem man schon so lange auf die Kühe gewartet habe.
    Die Kabinen, wie das ganze übrige Fahrzeug, sind nichts weniger als
komfortabel, und man muss die ersehnten Luxusgefühle vorläufig noch verdrängen,
wenigstens für die Nacht. Bei Tag gehen wir natürlich an Land, erholen uns,
schlemmen und kaufen.
    Unausstehlich ist Baumann, er will immer dabei sein, analysiert jede Ausgabe
und die Art, wie sie gemacht wird. Ich möchte ihn ans Ende der Welt schicken,
aber es geht nicht, schliesslich verdanke ich doch nur ihm, dass ich so lange im
Sanatorium bleiben konnte.
    Ich habe viel zu tun. Unter anderem muss Gottfried angezogen werden, er sah
so aus, dass wir uns selbst auf dem Schiff mit ihm genierten.
    Eben sind die Kühe angekommen, sie werden jetzt verladen, und abends fahren
wir ab. Von unterwegs Weiteres.
 
                                       20
Die anderen schimpfen wie wahnsinnig, dass ich sie zu dieser Fahrt verlockt habe.
Es hat gleich ein heilloser Sturm eingesetzt, und sie liegen alle todkrank in
ihren Kabinen. Der Steward, der nicht an Passagiere gewöhnt ist, rupft
seelenruhig Hühner, anstatt sie zu bedienen.
    Ich selbst werde nie seekrank, mir wird höchstens schlecht, wenn... aber die
Zeiten sind ja glücklich vorüber.
    Über das Deck, soweit von einem solchen die Rede sein kann, geht eine
Sturzsee nach der anderen. Bei der Kajütentreppe ist ein kleiner geschützter
Raum, und da sitze ich auf einem Liegestuhl, den man mit Stricken festgebunden
hat. Ganz allein, und dieses Alleinsein koste ich in vollen Zügen aus. Es ist,
als sei die ganze Welt versunken und nichts zurückgeblieben als Himmel, Meer und
Geld.
 
                                       21
Seit ich von unterwegs den letzten etwas flüchtigen und durchgerüttelten Gruss an
Dich abschickte, ist mehr als eine Woche vergangen. Wir sind immer noch an Bord.
Durchschnittlich jeden anderen Tag legen wir in irgendeinem Hafennest an, um zu
löschen, oder weil die Kühe einen Ruhetag brauchen. Diese Tiere können nämlich
an der Seekrankheit sterben, und das Wetter ist andauernd stürmisch. Ich habe
dem Kapitän verschiedentlich angeboten, alle zwanzig zu kaufen und sie dann an
der nächsten Landungsstelle auszusetzen, damit wir nun einmal vom Fleck kommen -
nicht meinetwegen, denn von mir aus könnte die Reise ewig dauern, aber die
anderen sind so ungeduldig. Er wollte jedoch nicht darauf eingehen.
    Ob wir jemals ankommen oder am Ende noch mit dieser Baracke untergehen?
    Es ist ja klar, dass das Geld mich immer noch foppen will. Seit es mir nicht
mehr entrinnen kann, kommt immer wieder eine Situation zustande, die ein
intensives Ausgeben unmöglich macht. Entweder war keine Zeit mehr wie in Genua
oder keine Gelegenheit wie jetzt. Und ich habe doch so sehr das Gefühl, es müsste
endlich einmal ein Exempel statuiert werden, damit es mich als Herrin anerkennt.
Die Taschen meiner Begleiter und meine eigenen - ich habe einen Reisemantel mit
vielen und geräumigen Taschen - platzen vor Geldscheinen, und sie werden nicht
weniger, es ist manchmal, als ob sie mich höhnisch angrinsten: »Gib uns doch
aus, wenn du kannst.«
    Diese Art zu reisen ist hoffnungslos billig und, wie schon erwähnt, ich kann
nicht einmal die Kühe kaufen, weil der Kapitän so halsstarrig ist.
    Wir haben alles versucht, um einen protzigen Ton einzuführen, es gelingt nur
halb. Zu Tisch machen wir Toilette, die Herren im Smoking - aber das kostet
nichts und ist einigermassen deplaciert. Die Leute halten uns für mehr als
übergeschnappt, schon weil wir überhaupt mit ihnen gefahren sind. Sie haben
sonst nie Passagiere erster Klasse, und es ist ihnen nur lästig, weil sie lieber
Essvorräte in den Kabinen aufbewahren. Das Leben ist doch verdreht - kaum ist man
aus dem Sanatorium heraus, so halten einen alle für verrückt.
    dabei müssen wir uns dem Bordkomment fügen, um zehn Uhr früh zu Mittag
essen, und um fünf zu Abend. Extramahlzeiten werden nicht serviert. Es geht uns
also ähnlich wie dem hungernden Araber, der einen Sack Perlen in der Wüste
fand... Der beklagenswerte Gottfried hat zum Beispiel immer noch keinen Mantel,
weil sich damals in der Eile nichts Passendes fand, und muss elend frieren oder
sich an Deck in eine Wolldecke einwickeln.
    Nach dem Souper telegraphieren wir. Der Funkapparat ist der einzige
Luxusgegenstand auf unserem Dampfer.
 
                                       22
                                                                     Monte Carlo
Zwei Briefe von Dir habe ich hier bekommen - sei nicht böse, dass ich nicht
schrieb, aber ich denke, Du wirst wenigstens einige Funktelegramme erhalten
haben.
    Wir sind nicht, wie zu erwarten stand, mit Mann und Maus untergegangen,
sondern tatsächlich eines Tages in Barcelona angekommen, und die Kühe wurden
noch in unserer Gegenwart gelöscht. Das ganze Schiff, und wir mit, interessierte
sich zuletzt ausschliesslich für ihr Befinden, so dass es fast zu einem neuen
Komplex wurde.
    Dann aber haben wir alle weiteren Reisegedanken buchstäblich über Bord
geworfen, in Barcelona nur gefrühstückt und sind mit dem nächsten Zug nach Monte
gefahren. Es war wie eine plötzliche Erleuchtung, dass wir dahin müssten. Und die
Fahrt ging ohne jeden Zwischenfall vor sich. Nichts streikte, kein Zug
entgleiste, kein Hotel ging in Flammen auf.
    Hier bin ich vollkommen und wunschlos glücklich, Maria, mir ist, als hätte
ich die Heimat gefunden und alles, was dazugehört. Man wohnt nicht, man ist im
Hotel, und am Spieltisch gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft und keine
Gegenwart mehr, keine Spannungen und keine Gedanken. Denn ich muss bemerken, das
Jeu hat für mich nichts Aufregendes, es wirkt im Gegenteil beruhigend, man sieht
nur Geld, hört nur Geld, fühlt nur Geld, und das ist gerade das, was mir nottat.
Einmal gehört es mir, einmal nicht, es rollt fort, schiebt sich wieder vor mich
hin - es muss sich passiv verhalten, kann sich keine eigenen Launen mehr leisten,
sondern muss sich denen des Roulette fügen. Und ich tyrannisiere es, denn ob ich
spiele, und wie hoch, oder wieder aufhöre, steht in meiner Macht.
    Übrigens spielen nur Henry und ich. Gottfried darf nicht ins Kasino, weil er
noch nicht mündig ist, und Baumann geht von Tisch zu Tisch und sammelt Material,
um eine Abhandlung über Geldkomplexe zu schreiben. Meiner, behauptet er, sei
jetzt erst auf dem Höhepunkt angelangt. Aber das interessiert mich nicht mehr.
Morgen schreibe ich weiter, ich habe vor, einen Tag auszusetzen. Die anderen
wollen einen Ausflug machen, und um des lieben Friedens willen gehe ich mit.
Wozu eigentlich? Landschaft und dergleichen gibt es überall. Ich will hier nur
Geldluft atmen.
    Und dann muss ich mich endlich einmal um Gottfrieds Paletot kümmern, er
behauptet, allein könne er solche Einkäufe nicht machen. Man hat ihn neulich
schon für einen Selbstmörder gehalten, weil er frierend in den Anlagen
herumschlich.
    Vorige Woche haben wir enorm gewonnen, aber die letzten Tage ebenso arg
wieder verloren, und ich habe sicherheitshalber an den melancholischen
Bankdirektor telegraphiert. Er muss mir jetzt auch endlich die Abrechnung über
die eingetroffenen Gelder schicken.
 
                                       23
Das war vorgestern. Unser Ausflug verlief sehr nett, aber der Mantelkauf wurde
darüber wieder versäumt. Dieser Mantel geht mir allmählich auf die Nerven. Hätte
man doch lieber den ganzen Gottfried zu Hause gelassen.
    Heute früh nun sassen wir arglos beim Frühstück und waren gerade besonders
aufgelegt, mit neuen Kräften weiterzuspielen. Für Henry war ein ganzer Haufen
Briefe angekommen. Er wollte sie unbesehen in die Tasche schieben, aber ich
beredete ihn törichterweise, sie aufzumachen. Gleich der erste entielt eine
lästige Nachricht, nämlich, dass die Terraingeschichte wackelt. Der Professor hat
sein Kapital herausgezogen. Mir fiel dabei aufs Herz, dass ich ihm meine Rechnung
immer noch nicht gezahlt habe und er sich vielleicht dafür rächen will. Ich
fühlte mich damals einfach unfähig, gleich wieder Rechnungen zu zahlen und mich
mit Gläubigern zu beschäftigen.
    Henry sah sorgenvoll aus und wollte von den anderen Briefen nichts mehr
wissen. Es war aber einer von Lukas dabei, und ich bat ihn, wenigstens den noch
zu lesen. Er tat es, und seine Miene verfinsterte sich noch mehr:
    »Was soll das nun wieder heissen - Lukas bittet mich, zu veranlassen, dass du
sofort zurückkommst.«
    Wir ergingen uns in Vermutungen, was es bedeuten könne... Ist es am Ende
wirklich ein Racheakt des Professors wegen der unbezahlten Rechnung? Lukas
erwähnt auch die Terraingeschichte und scheint ganz aus dem Häuschen. Hat er
vielleicht in unserer Abwesenheit auf eigene Hand angefangen zu spekulieren und
kann ohne uns nicht damit fertig werden? Will er uns nur aus liebevoller
Fürsorge aus der Spielhölle fortlocken... Oder aber hat der Miterbe Unheil
angerichtet, etwa die Stadt in Brand gesteckt?
    In keinem von diesen Fällen leuchtet mir ein, weshalb meine persönliche
Betätigung nötig sein sollte. Gerade jetzt hier abbrechen, wo die Beziehung
zwischen dem Pflichtteil und mir anfängt, sich zu einer wahrhaft herzlichen zu
gestalten. Es benahm sich schon manchmal, als ob es mich wirklich gern hätte und
bei mir bleiben wollte, denn es kam immer wieder, wenn wir auch noch so
leichtsinnig setzten. Nur gerade die allerletzten Tage...
    Schmerzlich genug, dass Henry abfahren will - ich bleibe hier. Mögen die
Terrains wackeln, der Miterbe alles auf den Kopf stellen, der Professor... mit
Geld lässt sich ja alles wieder arrangieren, zum Beispiel, indem man seine
Rechnungen zahlt, die Terrainsache stützt usw.
    P.S. Henry ist abgefahren und depeschiert wie ein Wahnsinniger, ich möchte
sofort nachkommen. Schreib also wieder an die alte Adresse: Nervenheilanstalt
und so weiter. - Ich hätte wahrhaftig nicht gedacht, dass ich sie noch einmal
wiedersehen würde.
 
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Ja, Maria... wie soll ich Dir das erzählen, damit du es nicht für einen dummen
Witz hältst. Eigentlich ist es auch einer, aber das Schicksal hat ihn gemacht,
nicht ich. Höre nur:
    Die Bank hat falliert - ausgerechnet unsere Bank.
    Wir hatten uns ja alles mögliche ausgemalt, was geschehen sein könnte, aber
auf diesen phantastischen Gedanken war keiner von uns gekommen.
    Jetzt verstehen wir auch, weshalb der Direktor so melancholisch war und
gerne reisen wollte, dass er keine weiteren Summen und keine Abrechnung schickte
und das Geld sich während der Reise manchmal noch ironisch benahm. Es hat
natürlich alles vorausgewusst.
    Wie ich diesem Ereignis gegenüberstehe, wirst Du fragen.
    Aber das weiss ich selbst noch nicht recht. Es hat mich wohl überrascht, und
ich wollte lieber, es wäre nicht geschehen. Ich habe vorläufig gar keine Lust,
darüber nachzudenken. Es wirkte gerade in diesem Moment so absolut
kinematographisch, und Du weisst ja, wenn das Leben filmt, ist man immer noch
ganz lustig. Wir sind auch einstweilen noch so von der Finanzstimmung in Monte
erfüllt, dass sich selbst über die ersten dunklen Stunden ein festlicher Schimmer
legte.
    Lukas empfing mich natürlich mit tragischer Miene und einigen vorwurfsvollen
Bemerkungen über unseren letzten Aufentalt. Es stört ihn, dass wir dort jeuten
und jubilierten, während hier die letzte Chance einer sicheren Zukunft in die
Brüche ging. Und der alte Zank beginnt von neuem:
    »Es hätte ja doch nicht gereicht.«
    »Es hätte gereicht, wenn Sie eine Leibrente...«
    »Nein, wenn du sofort Goldshares...« unterbricht Henry.
    »Ja, natürlich, und Sie dem Herrn Alramseder...«
    »Ist nicht mehr nötig, denn Alramseder hat ausgejobbert«, bemerkt Henry
feierlich, und endlich kann ich wieder zu Wort kommen, um einen vernichtenden
Trumpf auszuspielen:
    »Hätten Sie, Lukas, nur telegraphiert, anstatt einen Brief zu schreiben, aus
dem niemand klug werden konnte... so wäre der ganze Schaden überhaupt wieder
gutgemacht. Es ist einzig und allein Ihre Schuld, dass ich heute wieder ohne
wirtschaftliche Basis dastehe...«
    »Stimmt«, sagt Henry, und Lukas ist einen Augenblick sprachlos.
    »Meine Schuld?«
    »Allerdings, denn drei Tage vorher hatten wir schwindelhafte Summen gewonnen
und hätten wir damals aufgehört...«
    »Oder wären dageblieben, um weiterzuspielen«, ergänzt Henry, und Lukas
erklärt auf das bestimmteste, er würde morgen abfahren, es sei ihm unmöglich,
noch länger unter einem Dach mit uns zu bleiben und mit anzuhören, was wir alles
getan hätten. Baumann dagegen gedenkt geradezu analytische Orgien zu feiern.
    Dann habe ich den Miterben aufgesucht. Er sass mit einer Flasche Rotwein vor
dem Hotel, äusserte keinerlei Überraschung, mich hier zu sehen, und blickte
ziemlich verstört drein. Nachdem wir eine volle halbe Stunde schweigend
dagesessen hatten, erzählte er mir, dass sein Wolfshund vorgestern plötzlich
gestorben sei. Er mutmasst nun, man habe das Tier vergiftet, und hat eine
bedeutende Summe als Preis für die Auffindung des Täters deponiert - sämtliche
verfügbare Polizisten sind schon eifrig an der Arbeit.
    Dann kam sein Auto, er liess den toten Hund hineinlegen und fuhr ab, um in
der nächsten Stadt das Tier sezieren und die Todesursache feststellen zu lassen.
Der Hotelbesitzer kam heraus und schüttelte mir ergriffen die Hand. Er soll der
einzige hier im Städtchen sein, der durch den Bankkrach nicht ruiniert ist, und
erzählte mir, es habe sich herausgestellt, der verendete Hund sei überhaupt kein
Hund, sondern ein zahmer Wolf gewesen, den irgendein Teufelskerl aus einer
Menagerie gestohlen und meinem Herrn Gemahl verkauft habe.
    Ob diese Geschichte wahr ist, oder ob sie zu den pittoresken Myten gehört,
mit denen man uns hier umgibt, möchte ich dahingestellt sein lassen. Ich muss
sagen, dass mich nichts mehr in Erstaunen zu setzen vermag.
    Gegen Abend des nächsten Tages kam der Gemahl zurück und war etwas
enttäuscht, denn die tierärztlichen Autoritäten haben festgestellt, der Hund sei
eines natürlichen Todes gestorben. Somit hat man die Verfolgung des Mörders
wieder eingestellt, und der Hotelbesitzer mag erleichtert aufgeatmet haben.
    Dann ist er zornerfüllt abgereist, wohin, weiss man nicht. Wir haben uns
wortkarg, aber doch herzlich voneinander verabschiedet, und Gott allein weiss, ob
unsere Wege sich in diesem Leben noch einmal kreuzen oder ob wir uns scheiden
lassen.
    Er weiss vielleicht auch, wie sich nun die Dinge weiter entwickeln werden.
Ich selbst habe keine Ahnung.
 
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Für deinen Brief und Deine Teilnahme herzlichsten Dank.
    Nur keine übertriebene Sorge - ich befinde mich im ganzen recht wohl.
    Unser Dasein steht hier natürlich im Zeichen des Bankerotts, und auch das
hat seinen Charme.
    Henry ist ebenfalls schwer betroffen, denn seine Terraingesellschaft ist im
Zusammenhang mit der Bank vollständig aufgeflogen. Er rechnet viel, ist aber
voller Zuversicht, dass sich gerade auf diesen Zusammenbruch hin ganz neue
Gründungsperspektiven eröffnen.
    Auf jeden Fall bleiben wir hier. Wir fühlen uns allmählich immer mehr mit
diesem Ort verwachsen...
    Unter der Bevölkerung herrscht eine trübe und erregte Stimmung, jeder Tag
bringt neue Hiobsposten von verkrachten Unternehmungen, schurkischen
Aufsichtsräten, die durchgebrannt sind oder sich noch rasch erschossen haben,
ruinierten Aktionären und dergleichen mehr. Man fraternisiert mit anderen
Mitverkrachten und ist beständig von Leuten umringt, die über Hypoteken,
Bodenwerte, Aktien, gestohlene Depositen, sichere und unsichere Papiere reden.
Die ganze Atmosphäre hat eine kapitalistische Note bekommen, die ungemein
wohltuend ist. Unsere Popularität ist ins Ungeheure gestiegen, wir gelten zum
mindesten für Millionäre, weil wir unsere Verluste mit Würde tragen, und haben
schrankenlosen Kredit. So lässt sich's ganz gut leben.
    Lukas ist nicht mehr da. Und Baumann hofft immer noch, mich einmal
weiteranalysieren zu können, aber ich glaube, es ist nicht mehr nötig. Denn mein
Geldkomplex...
    Ich gehöre jetzt selbst zu den Gläubigern - der verkrachten Bank natürlich -
und das gibt dem Geld gegenüber einen ganz anderen Gesichtspunkt. Wer weiss, ob
es mich nicht doch noch respektieren lernt, wie es eben nur Gläubiger
respektiert, und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt, wie es sich
verabschiedet hat.
    Leb wohl, ich will mit Gottfried zum Schneider. Es schadet meinem Ansehen,
dass er immer und immer noch ohne Überzieher herumläuft. Und um vier Uhr muss ich
zu einer Gläubigerversammlung.
 
    