
        
                                Jakob Wassermann
                               Das Gänsemännchen
                                     Roman
                              Ich widme dieses Werk
                                 Moritz Heimann
                            dem brüderlichen Freund
 
                                  Erster Teil
                           Die Mutter sucht ihren Sohn
                                       1
Die Landschaft hat vielfaches Grün; vom Rednjetztal bis zum Taubertal hinüber
ziehen sich tiefe Wälder, meist Nadelholz. Doch um die Dörfer ist in weitem
Bogen alles bebaut, denn es ist uralter Kulturboden. An den zahlreichen Weihern
steht das Gras höher, so hoch oft, dass man von den Gänseherden nur die Schnäbel
gewahrt, und wäre das Geschnatter nicht, man könnte sie für wunderlich bewegte
Blumen halten, diese Schnäbel.
    Das Städtchen Eschenbach liegt ganz flach in der Ebene. Es ist ein
übriggebliebenes Stück Mittelalter, aber die Fremden kennen es nicht, es ist
stundenweit von jeder Bahnlinie entfernt. Ansbach ist die nächste Stadt im
grossen Ring des Verkehrs; um sie zu erreichen, bedient man sich der Postkutsche.
So heute wie damals, als Gottfried Notaft, der Weber, dort lebte.
    Die Stadtmauern sind mit Moos und Efeu bewachsen; über den Graben führen
noch die alten Zugbrücken durch baufällige runde Tore in die Strassen. Die Häuser
haben Erker und weitvorspringende Firste, und ihr gekreuztes Balkenwerk sieht
aus wie Muskelgeflecht.
    Von dem Dichter, der einst hier geboren wurde und der das Lied vom Parzival
sang, wissen die Leute nichts mehr. Vielleicht raunen in der Nacht die Brunnen
von ihm, vielleicht wandelt sein Schatten manchmal im Mondschein um Kirche und
Rataus. Die Menschen wissen nichts mehr von ihm.
    Das kleine Häuschen des Webers stand unweit vom Gastaus zum Ochsen, ein
wenig abgerückt von der Strasse. Drei vertretene Stufen führten zum Tor, und
sechs Fenster blickten auf den stillen Platz. Wer hätte denken sollen, dass der
Geist der grossen Industriewelt sich bis zu diesem verlorenen Winkel
zerstörerisch eine Bahn schaffen würde!
    Als Gottfried Notaft im Jahre 1849 geheiratet hatte, seine Frau Marianne
war eine von zwei Schwestern Höllriegel aus Nürnberg, hatte er sich noch
auskömmlich zu ernähren vermocht. Sie wünschten sich beide ein Kind und
jahrelang vergebens. Oft sagte Gottfried am Feierabend, wenn er auf der Bank vor
dem Haus die Pfeife rauchte: »Wie schön, wenn wir einen Sohn hätten.« Da schwieg
Marianne und senkte die Augen.
    Später sagte er nichts mehr, weil er die Frau nicht beschämen wollte. Aber
seine Miene verriet den Wunsch nur um so deutlicher.
 
                                       2
Eines Tages machte sich ein Stocken des Gewerbes bemerkbar. Die Weber im ganzen
Lande klagten; sie konnten nicht mehr mitkommen, es war eine lähmende Krankheit,
von der sie betroffen wurden. Der Markt hatte plötzlich niedrigere Preise, die
Beschaffenheit der Ware hatte sich verändert.
    Dies geschah gegen das Ende der fünfziger Jahre, als von Amerika aus die
neuen Maschinenwebstühle eingeführt wurden. Da fruchtete kein Fleiss mehr, das
billige Produkt, das die Maschine zu liefern vermochte, raubte der Handarbeit
den Absatz.
    Gottfried Notaft liess sich's zuerst nicht verdriessen; so läuft ein Rad
noch, wenn der Antrieb gehemmt wird. Aber nach und nach verging ihm die Lust. In
einem einzigen Winter wurde sein Haar grau, und mit fünfundvierzig Jahren war er
ein gebrochener Mann.
    Und da, als die Armut drohend vor der Türe stand und Mariannes Gemüt durch
Hass befleckt war, erfüllte sich die Sehnsucht des Ehepaares, und die Frau wurde,
im zehnten Jahr der Ehe, schwanger.
    Der Hass, den sie hegte, galt der Maschine. In ihren Träumen wurde die
Maschine zu einem Ungeheuer mit stählernen Schenkeln, das tückisch kreischend
Menschenherzen verschlang. Es erbitterte sie die Ungerechtigkeit eines Vorgangs,
bei dem in frecher Mühelosigkeit gedieh, was ehedem unter den bedächtigen
Fingern des Webers sinnvoll und natürlich erstanden war.
    Die Gesellen mussten einer nach dem andern entlassen werden, und ein Webstuhl
nach dem andern kam auf den Dachboden. Tag für Tag schlich Marianne hinauf und
kauerte stundenlang vor den Geräten, die einst eine wohltätig bestimmbare Kraft
in Bewegung gesetzt hatte und die jetzt Leichnamen glichen.
    Gottfried ging mit seinen Lagervorräten hausierend über Land. Einmal kehrte
er zurück und brachte ein Stück Maschinengewebe mit, das ihm ein Kaufmann in
Nördlingen geschenkt hatte. »Sieh doch, Marianne, was das für ein Ding ist,«
sagte er und reichte ihr den Stoff. Aber Marianne zog schaudernd die Hand davon
weg, als hätte sie den Raub eines Mörders erblickt.
    Nach der Geburt des Knaben verloren sich die krankhaften Empfindungen, dafür
verfiel Gottfried von Monat zu Monat mehr. Und wenn er auch die Jahre überstand,
er hatte aufgehört, ein heiterer Mensch zu sein, und freute sich nicht einmal
des heranwachsenden Knaben. Als er seine eigenen Waren verkauft hatte, übernahm
er fremde und schleppte sich mühsam von Dorf zu Dorf, Sommer und Winter
hindurch.
    Trotz der Knappheit, die im Hause herrschte, war Marianne überzeugt, dass
Gottfried erspartes Geld zurückgelegt habe, und gewisse Andeutungen des Mannes
hatten diese Hoffnung befestigt. Es gehörte zu seinen eigentümlichen
Lebensansichten, die Frau über den wahren Stand seines Vermögens im unklaren zu
lassen. Als die Läufte immer schlechter wurden, schwieg er über diesen Punkt
völlig.
 
                                       3
Auf dem Kornmarkt in Nürnberg betrieb Jason Philipp Schimmelweis, der Mann von
Mariannes Schwester, eine Buchbinderei.
    Schimmelweis war ein Westfale. Er war aus Hass gegen Junker und Pfaffen in
die protestantische Stadt im Süden gekommen und hatte von Anfang an allen Leuten
durch seine Mundfertigkeit grosse Achtung abgenötigt. In dem Haus, wo er sein
Geschäft errichtet, hatte auch Terese Höllriegel gewohnt und sich durch
Schneidern ihr Brot verdient. Er hatte geglaubt, sie besitze einiges Geld, aber
es hatte sich erwiesen, dass es für seinen Ehrgeiz zu wenig war. Da benahm er
sich gegen Terese so, als ob sie ihn betrogen hätte.
    Er verachtete sein Handwerk und wollte höher hinaus. Er fühlte den Beruf zum
Buchhändler in sich. Aber um diesen Plan zu verwirklichen, mangelte es ihm an
Kapital. So hockte er denn missvergnügt in dem unterirdischen Gewölbe und leimte
und salzte und zürnte seinem Geschick und las in seinen Mussestunden
sozialistische und freigeistige Schriften.
    Es war der Herbst, in dem der Krieg gegen Frankreich wütete. Am Vormittag
war die Kunde von der Schlacht bei Sedan eingetroffen. Von allen Kirchen
läuteten die Glocken.
    Da trat zu Jason Philipps Verwunderung Gottfried Notaft in die Werkstatt.
Sein langer Patriarchenbart und die hohe Gestalt machten ihn zu einer
ehrwürdigen Erscheinung, obwohl sein Gesicht müde aussah und die Augen erloschen
waren.
    »Grüss Gott, Schwager,« sagte er und bot die Hand, »dem Vaterland geht's
besser als seinen Bürgern.«
    Schimmelweis, der Verwandtenbesuche nicht liebte, erwiderte den Gruss mit
vorsichtiger Kälte. Erst als er erfuhr, dass Gottfried im »roten Hahn« Logis
genommen, hellten sich seine Züge auf. Er fragte, was den Schwager in die Stadt
geführt.
    »Ich habe mit dir zu sprechen,« antwortete Gottfried Notaft.
    Sie gingen in einen Raum hinter der Werkstatt und setzten sich nieder. In
Jason Philipps Augen lag ein abschlägiger Bescheid schon jetzt für jedes
Ansinnen, das ihn Mühe oder Geld kosten würde. Aber er fand sich angenehm
enttäuscht.
    »Du sollst wissen, Schwager,« begann Gottfried Notaft, »dass ich mir in den
neunzehn Jahren, die ich mit meinem Weib zusammengelebt, dreitausend Taler
erspart habe. Und weil mir zumut ist, als könnte mir bald was Menschliches
zustossen, komm ich zu dir mit der Bitte, das Geld in Verwahrung zu nehmen für
Marianne und den Buben. Hab Sorge genug gehabt, es beiseite zu halten in der
letzten schlimmen Zeit. Marianne weiss nichts davon und soll nichts davon
erfahren. Sie ist ein schwaches Weib, die Weiber verstehen nichts vom Gelde und
was für eine Würde es hat, wenn es mit so saurem Schweiss erworben ist. In einer
Stunde der Not greift sie danach, und eh sie sich besinnt, ist's weg. Ich will
aber meinem Daniel den Eintritt ins Leben erleichtern, wenn er die Lern- und
Lehrjahre hinter sich hat. Er ist jetzt zwölf, also noch einmal zwölf, so Gott
will, und er ist ein Mann. Marianne kannst du mit den Zinsen aushelfen, und ich
verlange nichts anderes von dir, als dass du schweigst und an dem Jungen
väterlich handelst, wenn ich nicht mehr bin.«
    Jason Philipp Schimmelweis erhob sich und drückte Gottfried Notaft gerührt
die Hand. »Du kannst dich auf mich verlassen wie auf die Bank von England,«
sagte er.
    »Das hab ich mir wohl gedacht, Schwager, und darum der Weg.«
    Er zählte dreitausend Taler in Reichsscheinen auf den Tisch, und Jason
Philipp stellte ihm eine Quittung aus. Dann drängte er in ihn, er möge doch die
Nacht über im Hause bleiben, allein Gottfried Notaft sagte, er müsse wieder
heim zu Weib und Kind und habe von der verflossenen Nacht genug, die er in der
lärmenden Stadt zugebracht.
    Als sie in die Werkstatt zurückkehrten, sass Terese dort und hielt ihr
Erstgebornes, die dreijährige Philippine, auf dem Schoss. Das Mädchen hatte einen
grossen Kopf und hässliche Züge. Gottfried vergönnte sich kaum Zeit, der
Schwägerin Rede zu stehen. Später erkundigte sich Terese bei ihrem Mann, was
Notaft gewollt habe. Kurzangebunden versetzte Jason Philipp: »Mannsgeschäfte.«
    Drei Tage darauf schickte Gottfried die Quittung wieder; auf ihre Rückseite
hatte er geschrieben: »Was soll mir der Wisch, er könnt mich nur verraten. Ich
habe Wort und Handschlag von dir, selbes genügt. Mit Dank für deinen
Freundschaftsdienst dein treugeneigter Gottfried Notaft.«
 
                                       4
Eh noch der Friede geschlossen wurde, legte sich Gottfried zum Sterben hin. Er
wurde in dem kleinen Kirchhof an der Mauer begraben, und ein Kreuz wurde
aufgerichtet.
    Jason Philipp und Terese waren zur Beerdigung gekommen und blieben drei
Tage bei Marianne wohnen. Die Hinterlassenschaftsprüfung ergab zu Mariannes
Schrecken, dass keine zwanzig Taler im Hause waren, und was sie vor sich sah, war
ein Leben der Not und des Kummers. Da waren Jason Philipps Ratschläge und
Anordnungen ein rechter Trost, und seine Erklärung, dass er ihr nach Kräften
beistehen wolle, beruhigte ihr Herz.
    Es wurde beschlossen, dass sie einen Kramladen einrichten solle, und Jason
Philipp schoss hundert Taler vor. Es hatte den Anschein, als sei Jason Philipp
ein gemachter Mann. Er trug den Kopf hoch, und seine runden Bäckchen zeugten von
Wohlgenährteit. Er trommelte gern an die Fensterscheiben und pfiff dabei. Es
war die Marseillaise, die er pfiff, aber in Eschenbach wusste man das nicht.
    Daniel blickte aufmerksam auf seine Lippen und pfiff die Weise nach. Da
lachte Jason Philipp, dass sein Bäuchlein erbebte, dann sagte er, sich der
Trauerstimmung erinnernd: »So ein Bengel.«
    Der Knabe missfiel ihm jedoch. »Der selige Gottfried scheint sich zu wenig um
ihn gekümmert zu haben,« sagte er, als er einmal Zeuge einer Widerspenstigkeit
Daniels war, »der Bursch braucht eine starke Hand.«
    Daniel hörte diese Worte und sah dem Onkel höhnisch ins Gesicht.
    Am Sonntag nach der Vesper nahm das Ehepaar Schimmelweis Abschied, und
Daniel war nicht da. Die Frau des Ochsenwirts rief herüber, sie habe ihn mit dem
Organisten in die Kirche gehen sehen. Marianne lief zur Kirche, um ihn zu holen.
Nach einer Weile kam sie zurück und sagte zu dem wartenden Jason Philipp: »Er
sitzt bei der Orgel und ist nicht wegzubringen.«
    »Er ist nicht wegzubringen?« fuhr Jason Philipp auf, und seine runden
Bäckchen glühten vor Zorn, »was heisst denn das? Das lässt du dir gefallen?« Und
er ging selbst in die Kirche, um den Ungehorsamen zur Stelle zu schaffen.
    Als er in den Chor hinaufstieg, begegnete ihm der Organist und lachte. »Sie
suchen wohl den Daniel?« fragte er; »der stiert noch immer die Orgel an und ist
wie verzaubert von dem bisschen Spiel.«
    »Will ihm den Zauber schon austreiben,« knurrte Jason Philipp.
    Daniel kauerte hinter der Orgel auf dem Boden und blieb beim Anruf seines
Onkels unbeweglich. Er war so versunken, dass seine Augen einen Ausdruck hatten,
der Jason Philipp auf den Gedanken brachte, der Knabe sei vielleicht nicht recht
bei Verstand. Er packte Daniel bei der Schulter und herrschte ihn an: »Komm mal
sofort mit mir nach Hause.«
    Die Augen aufschlagend und erwachend und das entrüstete Fauchen der fremden
Stimme vernehmend, riss sich Daniel los und erklärte frech, bleiben zu wollen, wo
er war. Jason Philipp geriet in Wut und suchte sich des Knaben neuerdings zu
bemächtigen, um ihn mit Gewalt hinunterzuschleppen. Da sprang Daniel zurück und
rief mit zitternden Lippen: »Rühr mich nicht an!«
    Ob es nun die Stille des Kirchenraums war, die mahnend und erschreckend auf
Jason Philipp wirkte, oder ob die ausserordentliche Bosheit und Leidenschaft in
den Zügen des Knirpses ihn veranlassten, von seinem Vorhaben abzustehen, genug,
er drehte sich um und ging wortlos davon.
    »Es ist höchste Zeit, die Post wartet schon,« rief ihm seine Frau entgegen.
    »Ein hübsches Früchtchen ziehst du dir auf,« sagte er mit finsterem Gesicht
zu Marianne; »an dem wirst du noch was erleben.«
    Marianne blickte zu Boden. Die Worte trafen sie vorbereitet. Die Wildheit
und Verstockteit des Knaben, das selbstsüchtige Beharren auf seinen
Einbildungen, seine Härte, seine Ungeduld und die Verachtung jeder Regel, dies
alles ängstigte sie sehr. Es wollte ihr scheinen, als ob das Schicksal etwas von
dem törichten und quälenden Hass, den sie während der Schwangerschaft genährt, in
das Gemüt des Kindes habe fliessen lassen.
 
                                       5
Jason Philipp Schimmelweis verliess das düstere Kellerloch am Kornmarkt, mietete
einen Laden an der Museumsbrücke und eröffnete eine Buchhandlung. Das Ziel
jahrelanger Wünsche war erreicht.
    Es wurde ein Gehilfe aufgenommen, und Terese sass den Tag über an der
Ladenkasse und lernte Geschäftsbücher zu führen.
    Als sie ihren Mann gefragt hatte, woher er das Betriebskapital genommen,
hatte er erwidert, ein Freund, der zu seiner Tüchtigkeit Vertrauen geschöpft,
habe es ihm gegen mässige Verzinsung geliehen. Den Namen des Freundes zu
verschweigen, sei ihm zur Pflicht gemacht worden.
    Terese glaubte ihm nicht. Ihr Geist war voll dunkler Befürchtungen. Sie
grübelte unablässig und wurde wachsam und misstrauisch. Sie forschte insgeheim
nach dem namenlosen Helfer und fand keine Spur von ihm. Wenn sie hin und wieder
Jason Philipp zur Rede stellte, schnauzte er sie böse an. Von einer
Zurückerstattung des Geldes und von Zinsenzahlung wurde nicht gesprochen, auch
wiesen die Geschäftsbücher keine Eintragung der Art auf. Sie hätte an
Wichtelmännchen glauben müssen, um sich ihrer die Jahre überdauernden
Besorgnisse entschlagen zu können. Aber sie glaubte nicht an Wichtelmännchen.
    Die Natur hatte sie weder mit Fröhlichkeit noch mit Sanftmut begabt; unter
dem Druck des unlösbaren Rätsels wurde sie eine verdrossene Gattin und eine
launenhafte Mutter.
    Wenn Ruhe im Laden war, nahm sie bald dies, bald jenes Buch zur Hand und
las. Einen Mörderroman etwa; oder einen schwatzhaften Traktat über geheime
Laster. Womit sollte ein Publikum angelockt werden, dem das Bücherkaufen als
eine sündhafte Verschwendung galt? Sie las ohne sonderliche Lust, nur mit einer
mürrischen Art von Wissbegierde Entüllungen über das Leben an Fürstenhöfen und
gedruckte Verrätereien aller möglichen Spione, Abenteurer und Halunken. Unbewusst
gewöhnte sie sich daran, die Welt, in die ihr Blick nicht gelangen konnte, nach
Büchern zu beurteilen, in denen sich die Ausgeburten verpesteter Gehirne
Wahrheit anmassten.
    Aber als sich mit den Jahren der Wohlstand im Bürgertum hob, verliess Jason
Philipp Schimmelweis die lichtscheue Sphäre seines Gewerbes. Er war ein Mann,
der die Zeit verstand, und er hisste die Segel, wenn er sicher war, dass günstiger
Wind sie schwellen würde. Er vertraute sein Boot der immer mächtiger werdenden
Strömung der proletarischen Parteien an und hoffte dort Profit zu machen, wo
halb und halb sein Herz war. Er zeigte dem Bürger die Rebellenstirn und bot dem
Arbeiter die biedere Rechte. Man musste nur einen Weg nach oben finden. Mancher
unbedeutende Krämer konnte jetzt seine muffigen Stuben mit einer Villa in der
Vorstadt vertauschen, die er mit pomphaften Möbeln ausstattete, und seine Söhne
ins Ausland schicken.
    Da erwachte auch die alte Reichsstadt aus ihrem romantischen Schlummer.
Hatten die erhabenen Kirchen, die schöngeschwungenen Brücken und verwinkelten
Häuser ehedem ein sinnreich Lebendiges gebildet, so waren sie jetzt nur noch
Überbleibsel, und Burg und Wälle und die gewaltigen Rundtürme wurden zu Ruinen
einer glücklich überstandenen Zeit der Träume. Schienen wurden durch die Strassen
gelegt und verrostete Ketten, an denen unförmliche Laternen aufgehängt waren,
vom Eingang enger Gässchen entfernt. Fabriken und Schlöte umgaben das ehrwürdige
und pittoreske Weichbild wie ein eiserner Nahmen das Gemälde eines alten
Meisters.
    »Der moderne Mensch muss Luft und Licht haben,« sagte Jason Philipp
Schimmelweis und klimperte mit dem Geld in seiner Hosentasche.
 
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Daniel besuchte das Gymnasium in Ansbach. Er sollte nur die Berechtigung zum
einjährigen Heeresdienst erwerben und dann in eine kaufmännische Stellung
eintreten. So hatte es Jason Philipp mit Marianne ausgemacht.
    Er zeigte nur geringen Eifer. Die Lehrer schüttelten die Köpfe über ihn. Ein
so beschaffenes Wesen hatten sie trotz ansehnlicher Welterfahrung noch nicht
kennen gelernt. Das Brüllen einer Kuhherde und der Lärm des Spatzenvolks fanden
ihn williger lauschend als die bewährtesten Leitsätze der Grammatik. Viele
hielten ihn für dumm, einige andere für tückisch. Seinen Weg durch die Klassen
machte er, obgleich mit Not, durch eine wunderbare Fähigkeit des Erratens und in
besonders kritischen Momenten durch die Hilfe und den Fürspruch des Kantors
Spindler.
    Die Familien, bei denen er die Wohltat des Freitisches genoss, beklagten sich
über seine schlechten Manieren. Die Gerichtsrätin Hahn hatte ihm wegen einer
flegelhaften Antwort das Haus verboten. »Habenichtse müssen demütig sein,« rief
sie ihm zu.
    Kantor Spindler war. ein Mann, der mit Fug von sich behauptete, dass er zu
Grösserem bestimmt gewesen, als in einer Kreisstadt zu versauern; seine weissen
Locken umrahmten ein Gesicht, welches durch die Melancholie um den Untergang von
Idealen und Illusionen geadelt wurde.
    An einem Sommermorgen hatte er sich mit der frühen Sonne erhoben und war
über Land gegangen. Wie er nun beim Dorf Dautenwinden an die erste Scheune kam,
sah er eine Musikantengesellschaft, die am Abend vorher und bis in die Nacht zum
Tanz aufgespielt hatte und nun, aus dem Heu sich erhebend, die Fasern von
Kleidern und Haaren strich. Und droben, unter dem offenen Giebel der Scheune,
lag Daniel Notaft im Stroh und versuchte der Flöte, um die er einen der
Musikanten gebeten hatte, mit vertiefter und hingegebener Miene eine Melodie
abzulocken.
    Der Kantor blieb stehen und schaute hinauf. Die Musikanten lachten, aber er
nahm an ihrer Heiterkeit keinen Teil. Es dauerte lange, bis der ungeschickte
Flötenbläser ihn gewahrte, dann kletterte er herunter und wollte sich mit einem
scheuen Gruss davonstehlen. Der Kantor trat ihm in den Weg. Sie gingen zusammen,
und Daniel erzählte, dass er sich seit dem gestrigen Nachmittag von den
Musikanten nicht habe trennen können. Der Vierzehnjährige vermochte es nicht
auszudrücken, aber es war, als habe ihn eine höhere Macht gezwungen, dieselbe
Luft mit Menschen zu atmen, die Musik machten.
    Von dem Tag an, drei Jahre lang, kam Daniel in jeder Woche zweimal zum
Kantor, der ihn aufs gründlichste in der Lehre von Kontrapunkt und Harmonik
unterrichtete. Diese Stunden hatten Beflügelung und Weihe. Der Kantor fand ein
eigenes Glück darin, eine Neigung zu nähren, deren Entfaltung ihm wie Lohn für
viele Jahre echoloser Einsamkeit erschien. Die verzweifelte Leidenschaft, das
Aufbäumen und dumpfwilde Rasen, die ihm sowohl aus dem Wesen wie auch aus den
ersten Kompositionsversuchen seines jungen Schülers entgegenschlugen, gaben sie
ihm gleich Anlass zur Sorge, wollte er immer wieder durch den Hinweis auf die
hochruhenden Muster und Meister der Kunst beschwichtigen.
    Und so kam die Zeit, wo Daniel sein Brot verdienen sollte.
 
                                       7
Da fuhr der Kantor nach Eschenbach, um mit Marianne Notaft zu reden.
    Marianne begriff ihn nicht. Beinahe hätte sie gelacht.
    Sie hatte bisher unter Musik nichts anderes verstanden als das Gedudel eines
Leierkastens, den Gesang des Turnvereins oder den Marsch einer Militärkapelle.
Wollte er herumziehen und vor den Haustüren fiedeln? Er war ein Verrückter in
ihren Augen. Sie presste die Hände gegeneinander und hörte dem Kantor zu wie
einem Menschen, der nichtige Worte an ein grosses Unglück verschwendet. Der
Kantor sah, dass seine Macht so klein war wie seine Welt und musste unverrichteter
Dinge wieder gehen.
    Marianne schrieb an Jason Philipp Schimmelweis.
    Man sah es fast, wie Jason Philipp den rotbraunen Vollbart mit beweglichen
Fingern durchpflügte und spöttisch mit den Augen zwinkerte; man hörte die ganze
Schärfe seiner norddeutschen Zunge, als er an Daniel schrieb: »Hab nichts
anderes von dir erwartet, als dass es dein innigster Wunsch ist, ein Tagdieb zu
werden. Mein lieber Junge! Entweder du parierst und entschliessest dich, ein
anständiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden, oder ich ziehe
meine Hand von euch ab. Was dann das Los deiner Mutter sein wird, male dir
gefälligst selber aus, denn vom Hering- und Pfefferverkaufen kann sie nicht
leben, wenn der Herr Sohn mitschmarotzt.«
    Daniel zerriss den Brief in unzählige Teile und liess sie vom Fenster aus mit
dem Wind fortfliegen, indes seine Mutter weinte.
    Hierauf ging er in den Wald, irrte bis zum Abend herum und nächtigte in der
Höhlung eines Baumes.
 
                                       8
Es wäre zu erzählen von fortgesetzter Auflehnung, von lieblosen Worten hüben und
drüben, von Bitten und Klagen und fruchtlosen Vorstellungen und erbitterter
Wechselrede und erbittertem Schweigen.
    Und wie er flieht und zurückkehrt und wie träg er die Tage hingehen lässt und
wie er durch die Landschaft stürmt und an den Wassertümpeln liegt, wo das Gras
hochsteht, und wie er sich des nachts aus dem Schlaf erhebt und die Fenster
öffnet und der Ruhe flucht und den Wolken ihre Bewegung neidet.
    Und wie die Mutter ihm folgt, wenn er in die Kammer schleicht und das Ohr an
die Tür presst und hineintritt und die Kerze brennen sieht und zu ihm geht, an
sein Bett geht und vor seinen glänzenden Augen erschrickt, die sich bei ihrem
Nahen verfinstern. Und wie sie voll Erinnerung an ihre ersten Sorgen um ihn,
erwartend, dass der Abend und der Anblick ihrer Schwäche ihn willfährig machen
wird, noch einmal bittet und fleht. Und wie er sie dann anschaut und gleichsam
innerlich zusammenstürzt und zu tun verspricht, was sie fordert.
    Wie er dann in Ansbach beim Lederhändler Hamecher auf den Warenballen sitzt,
im langen öden Tor, oder auf den Stufen einer Kellertreppe, oder auf dem
Speicher und träumt, träumt, träumt. Und wie sich Herrn Hamechers nachsichtige
Verwunderung in Befremdung und dann in Entrüstung verwandelt und er dem
Unbrauchbaren nach einem halben Jahr den Laufpass gibt.
    Wie dann Jason Philipp noch einmal Gnade für Recht ergehen lässt und einen
neuen Schauplatz mit neuen Menschen für pädagogisch erspriesslich hält, schon um
Kantor Spindlers verhängnisvollen Einfluss zu mindern. Wie von Bayreut
gesprochen wird und wie niemand Daniels feuriges Erschauern bemerkt, weil ihnen
der Name Richard Wagners fremd ist und der Name des dortigen Weinhändlers Maier
vertraut. Wie er nach Bayreut kommt, dem Jerusalem seiner Sehnsucht, und sich
zum Scheinfleiss zwingt, um nur bleiben zu dürfen, wo Sonne, Luft und Erde, die
Tiere, der Kehricht und die Steine jene Musik aushauchen, von der Kantor
Spindler gesagt, dass er sie wohl ahne, aber zu alt sei, um sie zu fassen oder zu
lieben.
    Und wie er ungeachtet seiner Bemühung, den Nützlichen zu spielen, Notenköpfe
unter die Fakturen malt und in verlassenen Gewölben sonderbare Gesänge vor sich
hinbrüllt und ein ganzes Fass mit Wein auslaufen lässt, weil auf seinen Knien
aufgeschlagen die englischen Suiten liegen.
    Und wie er sich ins Festspielhaus zu einer Probe stiehlt, durch einen
beflissenen Wächter hinausgewiesen wird und dabei die Bekanntschaft von Andreas
Döderlein macht, der Professor an der Musikschule in Nürnberg ist und
unermüdlicher Apostel des neuen Heilandes. Und wie Döderlein zu verstehen und zu
helfen nicht ungewillt scheint und viel Vergnügen über den urwüchsigen
Entusiasmus und die flammende Hingabe seines Schützlings äussert. Und wie
Daniel, berauscht von der allgemeinen und unverbindlichen Verheissung einer
Freistelle an der Schule des Professors bei Nacht und Nebel der Stadt den Rücken
kehrt und sich aufmacht, um zu Fuss nach Eschenbach zu wandern; vor die Mutter
hinstürzt; sich förmlich hinwühlt vor ihr; bettelt; beschwört; fast irre redet;
sie zu bewegen sucht, Jason Philipps Sinn zu ändern, ihr zu erklären sucht, dass
sein Leben, seine Seligkeit, sein Blut und Herz an diesem einen Einzigen hängt,
und wie sie nun hart wird, die ehedem Gütige, steinhart und eiskalt, und nichts
versteht, nichts spürt, nichts glaubt, nur das Schreckliche seiner unheilbaren
Verstörung, so nennt sie es, empfindet.
    Von alledem wäre zu erzählen, aber es sind Ereignisse, so selbstverständlich
in ihrer Folge wie dass Funken und Rauch Produkte des Feuers sind; bestimmbar
jedenfalls, oft dagewesen und immer wieder in gleicher Weise wirkend.
    Es sind altergebrachte Vorurteile von Zigeunerhaftigkeit und Vagabundentum,
die in Mariannes Seele nisten, denn all ihre Vorfahren und ihres Mannes
Vorfahren haben sich im Handwerk redlich ihr Brot verdient. Sie sieht nicht ein,
was durch die Freistelle an Döderleins Anstalt gewonnen sein soll, da Daniel ja
nichts besitzt, um sein Leben zu fristen. Er hat beim Kantor Klavierspielen
gelernt, will sich auf dem Instrument vervollkommnen und mit dieser Fertigkeit
seinen Unterhalt erwerben. Sie schüttelt den Kopf. Er spricht von der Grösse der
Kunst, von der Beglückung, die ein Künstler geben, der Unsterblichkeit, die er
erringen könne, und dass es ihm vielleicht vergönnt sei, etwas zu machen, was nur
Einer einmal zu machen imstande sei. Sie hält es für anmassenden Wahn und lächelt
verächtlich. Da wendet er sich in seinem Innern von ihr ab, und sie ist ihm
keine Mutter mehr.
    Als Jason Philipp Schimmelweis vernahm, was im Werke war, scheute er die
umständliche Reise nicht und erschien in Mariannes Laden wie ein Racheengel.
Daniel fürchtete ihn nicht mehr, weil er nichts mehr von ihm hoffte. Insgeheim
musste er lachen, als er den kurzen und kurzhalsigen Mann in seinem Grimm sah.
dabei flackerten immer noch listige und spöttische Lichter über Jason Philipps
rotwangiges Gesicht, denn er hatte eine zu hohe Meinung von sich, um den
nichtswürdigen Schwärmereien eines Neunzehnjährigen mit dem ganzen Gewicht
seiner Persönlichkeit entgegenzutreten.
    Während er mit funkelnden Äuglein sprach und das rote Zünglein einige
widerspenstige Schnurrbartaare von den beredten Lippen wischte, stand Daniel an
den Türpfosten gelehnt, hatte die Arme über der Brust verschränkt und
betrachtete bald seine Mutter, die stumm und altgeworden in der Sofaecke sass,
bald das Ölporträt seines Vaters, das ihm gegenüber an der Wand hing. Ein
Jugendfreund Gottfried Notafts, ein Maler, der verschollen war wie seine
übrigen Bilder, hatte es verfertigt; es zeigte einen Mann von ernster Haltung
und erinnerte an einen der fürstlich aussehenden Zunftmeister des Mittelalters.
Da erkannte Daniel den Weg, der ihn durch die Geschlechterreihe dortin geführt
hatte, wo er war.
    Und als er nun in Jason Philipps Gesicht schaute, glaubte er die Unruhe des
schlechten Gewissens darin wahrzunehmen. Der Mann handelte nicht aus einer
Überzeugung, so schien es ihm, der Mann war von vornherein entschlossen, nicht
zu wollen. Und ferner schien es ihm, dass nicht bloss der eine Mann und sein
zufällig begründeter Zorn, sondern dass eine ganze Welt gegen ihn in Waffen stand
und zu seiner Verfolgung verschworen war. Er hatte keine Lust mehr, das Ende von
Jason Philipps oratorischer Leistung abzuwarten und verliess die Stube.
    Jason Philipp erblasste. »Täuschen wir uns nicht, Marianne, du hast eine
Schlange an deinem Busen genährt,« sagte er.
    Daniel stand vor dem Wolframs-Brunnen auf dem Platz und liess sich vom Purpur
der untergehenden Sonne bestrahlen. Ringsum glühten die Steine sowie die
gekreuzten Balken in den Häusermauern, und die Mägde, die mit Wassereimern
kamen, blickten verwundert in die Lichtfülle des Himmels. In dieser Stunde wurde
ihm die Heimat teuer. Als Jason Philipp den Platz betrat, an dessen Ecke die
Postkutsche harrte, war er bestrebt, von Daniel nicht gesehen zu werden, und
machte hinter ihm einen Bogen. Aber Daniel drehte sich um und heftete seine
Augen fest auf den eilig schreitenden und verbissen zur Seite schauenden Mann.
    So begibt es sich immer wieder. Und daran, dass der Flüchtling sich wendet
und dem Verfolger Schrecken einjagt, ist auch nicht viel Wunderbares.
 
                                       9
Daniel sah, dass seines Bleibens bei der Mutter nicht war. Er konnte der Mutter
nicht auf der Tasche liegen. Sie war arm und vom Gutdünken eines tyrannischen
Verwandten abhängig. Den ungestümen Drang niederhaltend, zwang er sich zu kühlem
Bedacht und setzte sich einen Plan. Es war notwendig zu arbeiten und so viel zu
verdienen, dass er über Jahr und Tag zu Andreas Döderlein gehen und ihn an sein
grossmütiges Anerbieten mahnen konnte. Er studierte Zeitungsinserate und schrieb
Briefe. Eine Druckerei in Mannheim suchte eine Hilfskraft für Korrespondenzen.
Da er sich mit dem niedrigen Lohn einverstanden erklärte, forderte man ihn auf,
zu kommen. Marianne gab ihm das Reisegeld.
    Drei Monate hielt er es dort aus, dann wurde ihm der Plage zu viel. Dann
schuftete er sieben Monate lang bei einem Baumeister in Stuttgart, dann vier
Monate bei der Kurverwaltung in Baden-Baden, dann sechs Wochen in einer
Zigarettenfabrik bei Kaiserslautern.
    Er lebte wie ein Hund. Aus Furcht vor Geldausgaben mied er jeglichen
Verkehr. Er war grenzenlos einsam. Vor Darben und Hungern wurde er mager wie ein
Strick. Die Wangen fielen ihm ein, und die Glieder schlotterten in den Gelenken.
Er nähte und flickte seine Kleider selbst, und um die Stiefel zu schonen,
nagelte er Hufeisen an die Absätze und breite Stifte in die Sohlen. Das Ziel
hielt ihn aufrecht; Andreas Döderlein winkte in der Ferne.
    Jeden Abend zählte er die Summe, die er erspart hatte. Und als er endlich,
nach sechzehn Monaten der Entbehrungen, zweihundert Mark im Vermögen hatte,
glaubte er den grossen Schritt wagen zu dürfen. Nach seinen Berechnungen und dem
Massstab, den ihm sein bisheriges Leben geliefert hatte, meinte er von dem Gelde
fünf Monate zehren zu können, und im Verlauf dieser Zeit konnten sich ja neue
Quellen erschliessen. Er hatte viele Menschen kennen gelernt und viele
Verhältnisse erfahren, aber in Wirklichkeit hatte er nichts kennen gelernt und
nichts erfahren, denn er hatte in der Welt gestanden wie eine Laterne mit
verdecktem Licht. Da er, um zur Erwerbsarbeit tauglich zu bleiben, mit
ungeheurer Energie seinem Geist die angeborene Betätigung mit dem Hinweis auf
die Zukunft verwehrt hatte, befand sich nun sein Inneres in der Glut eines
Hochofens.
    Auf der Wanderschaft nährte er sich von trockenem Brot und Käse, wie er es
gewohnt war. Aus den Büchern und Notenheften, die er besass, hatte er ein Paket
gemacht und es an das Nürnberger Bahnamt geschickt. Es waren Vorfrühlingstage,
und wenn das Wetter schön war, schlief er im Freien, wenn es regnete, kroch er
in einen Schuppen. Sein Bündel benutzte er als Kopfkissen, der verschlissene
Mantel schützte ihn vor dem Nachtfrost. Nicht selten fand er freundliche
Aufnahme und eine Mahlzeit bei Bauersleuten; bisweilen auch schloss sich ihm ein
walzender Handwerksbursche an, aber seine Schweigsamkeit verscheuchte den
Weggenossen bald.
    Einmal kam er in der Nähe von Kitzingen zu einem vergitterten Park. Unter
einem Ahornbaum sass ein junges Mädchen in weissem Gewand und las in einem Buch.
Eine Stimme rief: »Sylvia!« worauf sich das Mädchen erhob und mit unvergesslicher
Anmut der Tiefe des Gartens zuschritt.
    Sylvia, dachte Daniel, es klingt wie aus einer besseren Welt. Ihm graute vor
dem Los, draussen stehen zu müssen vor dem Gitter, das den Augen alles gab und
den Händen alles versagte.
 
                                       10
Sein erster Gang war zu Andreas Döderlein. Es wurde ihm mitgeteilt, der Herr
Professor sei verreist. Zwei Wochen später stand er wieder in dem alten Haus auf
der Füll. Nun hiess es, der Herr Professor sei heute nicht zu sprechen. Sehr
entmutigt, doch um seiner Sache nichts schuldig zu bleiben, kam er nach drei
Tagen zum drittenmal und wurde empfangen.
    Er trat in ein überheiztes Zimmer, in welchem der Professor in einem
Lehnstuhl sass, sein Töchterchen, ein Kind von etwa acht Jahren auf den Knien und
eine stattliche Puppe im rechten Arm hielt. Die weissen Ofenkacheln waren mit
bildlichen Darstellungen aus der Nibelungensage geschmückt, auf Tisch und
Stühlen lagen Notenhefte, die Fenster hatten Butzenscheiben, und in einer Ecke
befand sich allerlei Gestrüpp, mit Pfauenfedern, farbigen Tüchern und
chinesischen Fächern künstlich gruppiert, eine Zusammensetzung, die den Namen
Makartbukett trug und in der Mode war.
    Döderlein stellte das Mädchen auf die Erde, gab ihm die Puppe und richtete
sich zu seiner Riesengrösse auf, was ihm offensichtlichen Genuss verschafte. Sein
Hals war so dick, dass das Kinn wie auf einer weissen Gallertmasse ruhte.
    Er schien sich Daniels nicht zu erinnern. Stichworte mussten die Fülle seiner
Gesichte zerteilen, dann schlenkerte er mit einem Knallgeräusch zwei Finger, zum
Zeichen, dass sein Geist die gewünschte Haltestation erreicht hatte. »Ja, ja! Ja
freilich; gewiss, gewiss, mein lieber junger Mann; aber wie denken Sie sich das
eigentlich? Gerade jetzt, wo alle Plätze so dicht besetzt sind wie eine
krumenbestreute Strasse von Spatzen. Möglich, dass man im Herbst darüber sprechen
könnte. Ja, im Herbst, da liesse sich die Angelegenheit erwägen.«
    Eine Pause, die durch ein halbes Dutzend Hms den Charakter tiefsinnigen
Bedauerns erhielt. Und sei man denn echter Begabung so sicher? Habe man auch in
Betracht gezogen, dass die Kunst mehr und mehr zum Tummelfeld für die Unreifen
und Gescheiterten werde? Gar zu schwer seien die Schafe von den Böcken zu
scheiden. Und schliesslich, die Begabung vorausgesetzt, wie verhalte es sich denn
mit der moralischen Kraft? Es sei doch unbestreitbar, dass darin der Kernpunkt
der Frage zu suchen sei; oder nicht? Habe man eine andere Meinung darüber?
    Wie im Nebel gewahrte Daniel, dass das kleine Mädchen an ihn herantrat und
ihn mit einem seltsam prüfenden, seltsam ungerührten Blick betrachtete. Beinahe
hätte er die Hand ausgestreckt, um die Augen des Kindes zuzudecken, dessen Art
ihm in einer geisterhaften Vorahnung unheimlich war.
    »Es tut mir herzlich leid, dass ich Ihnen keine tröstlicheren Aussichten
eröffnen kann,« tönte wieder die ölige und von ihrem eigenen Klang freudig
gehobene Stimme Andreas Döderleins an sein Ohr, »aber wie gesagt, vor dem Herbst
ist nichts zu hoffen. Lassen Sie mir jedenfalls Ihre Adresse hier. Schreiben Sie
Ihre Adresse auf diesen Zettel. Oder nicht? Wie Sie wollen. Adieu, junger Mann;
adieu.«
    Döderlein geleitete ihn bis zur Türe, kehrte hierauf zu seiner Tochter
zurück, nahm sie wieder auf die Knie, die Puppe wieder auf den Arm und sagte:
»Die Menschen, meine liebe Dorotea, sind ein armseliges Geschlecht. Vergleiche
ich sie mit den Spatzen auf der Landstrasse, so tue ich, scheint mir, den Spatzen
wenig Ehre an. Hach, du lieber Gott! Schreibt nicht einmal seinen Namen auf den
Zettel. Gekränkt! Ei, ei, ei,! Ihr komischen Menschen, ihr! Schreibt seinen
Namen nicht; ei, ei, ei!«
    Er summte das Walhalla-Motiv, und Dorotea beugte sich über die Puppe und
küsste kokett lachend deren Wachsgesicht.
    Daniel, vor dem Hause stehend, biss die Lippen zusammen wie ein Fiebernder,
der seine Zähne am Klappern verhindern will. Warum, fragte ihn die tiefe Seele,
warum bist du in ihren Schreibstuben gesessen und hast die Zeit vertan? Warum
hast du für jene deinen Leib gemartert und mir die Flügel gebunden? Warum warst
du taub gegen mich und wolltest Früchte sammeln, wo nur Steine sind? Warum bist
du feig vor deinem Schicksal geflohen in ihre Schreibstuben, zu ihren
Warenhäusern, zu ihren Geldschränken, zu ihrer traurigen Geschäftigkeit? Nur um
dieser Stunde willen? Armer Narr!
    Nie mehr, Seele, antwortete er, nie mehr.
 
                                       11
Anfangs hatte Marianne hie und da eine kurze Nachricht von Daniel erhalten. Dies
geschah immer spärlicher; im zweiten Jahr schickte er ihr bloss zu Weihnachten
ein paar Zeilen.
    Um die Zeit, als er seine letzte Arbeitsstelle verliess, schrieb er auf einer
Postkarte, dass er seinen Aufentaltsort wieder einmal verändere, aber dass er
nach Nürnberg ging, unterliess er ihr mitzuteilen. Frühling und Sommer
verflossen, da wurde ihr zwischen Furcht und Hoffnung schwankendes Gemüt durch
einen Brief Jason Philipps grausam aus der Unentschiedenheit gescheucht.
    Er schrieb, Daniel treibe sich in Nürnberg herum; er habe ihn vor einigen
Tagen zufälligerweise unter den Messbuden auf der Insel Schütt gesehen, in einem
Aufzug, den zu schildern die Feder sich sträube. Als er ihn stellen gewollt, sei
er verschwunden gewesen. Was ihn in die Stadt geführt, darüber könne er, Jason
Philipp, keine Auskunft geben, aber es sei zehn gegen eins zu wetten, dass wieder
ein ganz niederträchtiger Streich zugrunde liege, denn der Bursche habe nicht
ausgesehen wie einer, der sich anständig durchbringt. Er schlage Marianne vor,
zu kommen und bei der Razzia auf den Strolch zu helfen, man müsse, ehe es zu
spät sei, verhindern, dass der unbescholtene Name, den er trage, dauernd
verunglimpft werde. Als Reisebeitrag sende er hierzu fünf Mark in Briefmarken.
    Mittags hatte Marianne den Brief erhalten, hatte Laden und Haus
verschlossen, um zwei Uhr befand sie sich auf dem Ansbacher Bahnhof, und um vier
Uhr kam sie in Nürnberg an. Ihr Köfferchen in der Hand tragend, fragte sie sich
von Strassenecke zu Strassenecke nach der Plobenhofgasse durch.
    Terese sass hinter der Ladenkasse. Das braune Haar auf ihrem viereckigen
Bauernkopf war glatt frisiert. Zwanziger, der sommersprossige Gehilfe, war mit
dem Auspacken von Büchern beschäftigt. Terese begrüsste die Schwester scheinbar
freundlich, verliess aber ihren Platz nicht, sondern reichte bloss die Hand über
das Tintenfass hinüber und musterte Mariannes armselige Erscheinung, die
verschossene Mantille und das altmodische Stoffhütchen, dessen schwarze
Sammetbänder unter dem Kinn zur Masche geknüpft waren.
    »Geh einstweilen hinauf,« sagte sie, »unterhalte dich mit den Kindern, Rieke
soll deinen Koffer holen.«
    »Wo ist dein Mann?« fragte Marianne.
    »Bei einer Wählerversammlung,« antwortete Terese mürrisch; »sie können sich
ja nicht versammeln, wenn er fehlt.«
    Jetzt trat ein Mann im Arbeitskittel in den Laden und fing an, mit leiser,
aber erregter Stimme auf Terese einzusprechen. »Ich habe das Werk gekauft, das
Werk ist mein Eigentum,« sagte der Mann, »und wenn man mit der Rate mal
aussetzt, so ist das kein Grund, dass man sein Eigentum verliert. Das sind
Praktiken, Frau Schimmelweis, Praktiken sind das.«
    »Was hat denn Herr Wachsmut von uns bezogen?« wandte sich Terese an den
Gehilfen Zwanziger.
    »Schlossers Weltgeschichte,« war die prompte Erwiderung.
    »Da müssen Sie halt Ihren Vertrag lesen,« sagte Terese zu dem Arbeiter, »im
Vertrag ist alles festgesetzt.«
    »Das sind Praktiken, Frau Schimmelweis, Praktiken sind das,« wiederholte der
Mann, als ob in diesem Ausdruck alles entalten sei, was ihm an vernichtendem
Urteil zu Gebote stand; »unsereiner will sich fortbringen, unsereiner will was
lernen; gut, denkt man, kaufst dir ein Buch, rückst um eine Charge hinauf in
deinen Kenntnissen. Gut, man geht zu einem Parteifreund, man geht zum
Buchhändler Schimmelweis, da ist man geborgen, denkt man. Für schwere sechzig
Mark schafft man sich eine Weltgeschichte an, rackert sich die Raten vom Lohn
ab, und auf einmal, mir nichts, dir nichts, wenn man schon die Hälfte gezahlt
hat, soll man sein Eigentum wieder verlieren, weil man zweimal im Rückstand
geblieben ist. Das sind Praktiken, Frau Schimmelweis, Praktiken sind das.«
    »Lesen Sie Ihren Vertrag,« sagte Terese, »da ist jeder Punkt festgesetzt.«
    »Kein Wunder, dass man dabei reich wird,« fuhr der Arbeiter mit immer lauter
werdender Stimme fort und blickte zornig auf Jason Philipp, der mit
eingedrücktem Hut und kotbesprjetzter Hose eben zur Ladentür hereinschoss, »kein
Wunder, dass man sich Häuser kaufen und in Grundstücken spekulieren kann. Jawohl,
Schimmelweis, das sind Praktiken, und ich pfeif auf Ihren Vertrag. Von allen
Seiten hört man's ja, wie Sie's treiben, was für eine Fuchsfalle das ist mit den
Ratenzahlungen und wie Sie den Arbeiter bewuchern. Erst wird ihm die Bildung
angepriesen, und dann wird er geschröpft damit. Pfui Teufel!«
    »Nehmen Sie sich zusammen, Wachsmut!« rief Jason Philipp streng.
    Wachsmut ergriff seine Kappe und schlug die Ladentüre hinter sich zu.
    Marianne Notafts Augen liefen mechanisch über die Titel einer Reihe
feuerfarbenen Broschüren, die auf dem Tisch ausgebreitet waren. Sie las: »Auf
zur Entscheidungsschlacht«; »Moderne Sklavenhalter«; »Dem Armen sein Recht«;
»Christentum und Kapitalismus«; »Die Verbrechen der Bourgeoisie«. Obwohl ihr
diese Schlagworte nichts bedeuteten und nichts sagten, spürte sie in ihrer Brust
auf einmal wieder jenen alten, schon vergessenen Hass gegen die Maschine.
 
                                       12
»Lass mir ein Butterbrot schneiden, Terese,« befahl Jason Philipp, »der Magen
kracht mir.«
    »Hast du denn im Wirtshaus nichts gegessen?« fragte Terese misstrauisch.
    »Ich war nicht im Wirtshaus.« Jason Philipps Augen blitzten, und er
schüttelte den Kopf wie ein Löwe.
    Da ging Terese, um das Butterbrot zu holen, und es war eigentümlich,
wieviel Argwohn und Widerspruch sie in die Langsamkeit ihres Schrittes zu legen
vermochte. Ihre Tochter Philippine kam aber schon mit dem Butterbrot über die
Stiege herunter.
    Jetzt erst gewahrte Jason Philipp seine Schwägerin. »Da bist du ja, wie
klein du dich machst,« sagte er flüchtig überrascht und reichte ihr die
rundliche Hand. »Terese soll dir die Kammer unterm Speicher geben, da hast du
eine hübsche Aussicht auf die Pegnitz.«
    Terese reichte ihm das Butterbrot. Er beroch es und runzelte die Stirn,
weil es so dünn bestrichen war, hatte aber nicht den Mut, sich tadelnd darüber
zu äussern. Er biss hinein, und mit vollen Backen wandte er sich neuerdings an die
schweigende Marianne.
    »Na, dein Filius ist also wieder abgängig. Schöne Geschichte das. Wird noch
im Zuchtaus enden, der saubere Herr. Das beste wäre, ihn nach Amerika zu
spedieren, aber wie wir seiner habhaft werden sollen, ist mir noch unklar.
Polizeilich gemeldet ist er nicht, und ich weiss eigentlich gar nicht, wozu du da
bist. War eine Übereilung von mir, dich kommen zu lassen.«
    »Wenn ich nur wüsste, wovon er lebt,« flüsterte Marianne beklommen.
    »Neulich hab ich irgendwo gelesen,« fuhr Jason Philipp erzählerbehaglich
fort, »dass aus einem zoologischen Garten eine Giraffe durchgebrannt war. Von
Giraffen hast du doch gehört? Es sind langhalsige Vierfüssler, die sehr albern
und bockig sind. Das dumme Vieh war in einen Wald gelaufen und die Leute wussten
nicht, wie sie es fangen sollten. Da hing ein Wärter die Stallaterne vor seine
Brust und ein Bündel Heu auf den Rücken, und mit sinkender Nacht begab er sich
in den Wald. Die Giraffe erblickt kaum den Laternenschein, als sie neugierig
herzurennt. Der Mann dreht sich um, sie riecht das Heu, sie zupft und frisst, der
Mann geht weiter, sie zupft und frisst weiter, und so bringt er die Bestie wieder
in den Käfig. Was meinst du, könntest du nicht deinen Daniel, wenn ihn der
Hunger piesakt, auch mit ein bisschen Heu wieder kirre machen? Denk mal drüber
nach.«
    Jason Philipp lachte vergnügt und Zwanziger grinste. Dieser besass in seinem
Prinzipal eine Quelle des Witzes, und wenn er am Abend im »Bärleinhuter« oder im
»gläsernen Himmel« beim Bier sass, ergötzte er die Zechgenossen mit
Schimmelweisschen Geistesblüten und fand vielen Beifall.
    Ein magerer Greis, der Glacéhandschuhe und einen Zylinderhut trug, betrat
den Laden. Es dämmerte, er hatte sich draussen vorsichtig umgesehen, nun ging er
eilig auf Jason Philipp zu und sagte mit einer gebrochenen Fistelstimme: »Also,
was ist's mit den Neuigkeiten? Was haben wir Schönes?« Er rieb sich die Hände
und stierte unter dünnen, roten Lidern blöde vor sich hin. Es war der Graf
Schlemm-Notteim, ein Vetter des liberalen Parteihauptes, des Freiherrn von
Auffenberg.
    »Stehe ganz zu Diensten, Herr Graf,« sagte Jason Philipp, stramm wie ein
Unteroffizier, wenn er vom Hauptmann angesprochen wird.
    Er führte den Grafen in eine Ecke des Raums und sperrte einen schweren
Eichenschrank auf. In diesem lagen die vom Staatsanwalt verbotenen erotischen
Druckwerke, die nur unter der Hand und an verlässliche Personen verkauft werden
konnten.
    Jason Philipp tuschelte, und der alte Graf wühlte mit gierigen Fingern in
einem Bücherhaufen.
 
                                       13
Im finstern Treppenhaus erklomm Marianne die steile Stiege und läutete vor einem
Gitter. Sie musste der Magd sagen, wer sie war, auch den Kindern musste sie ihren
Namen nennen. Ihre stadtfremde Höflichkeit erweckte bei den Kindern ein
Gelächter. Die zwölfjährige Philippine tat hochmütig und wackelte beim Gehen mit
den Hüften. Alle drei hatten den viereckigen Kopf der Mutter und eine käsige
Gesichtsfarbe.
    Die Magd brachte das Köfferchen, dann kam auch Terese und half der
Schwester beim Auspacken. Mit ihrer spitzen und lieblosen Stimme stellte sie
viele Fragen, wartete aber nicht die Antwort ab, sondern berichtete von
Heiraten, Entbindungen und Todesfällen, die sich in der Stadt ereignet hatten.
Sie vermied es, dem Blick Mariannes zu begegnen, da sie sich Gedanken darüber
machte, wie lange der Besuch der Schwester wohl dauern und welche Unkosten
daraus entstehen würden.
    Von Daniel sprach sie nicht. Ihr Schweigen verurteilte ihn mehr als ihres
Mannes bissige Reden es taten. Sie hielt unerschütterlich an beinahe religiösen
Vorstellungen der Gehorsamspflicht der Kinder gegen die Eltern fest und traute
Marianne nicht die Kraft zu, das Verbrechen an diesem heiligen Gebot zu ahnden.
    Als Marianne wieder allein war, setzte sie sich ans Fenster der Kammer und
sah traurig auf den Fluss hinunter. Das gelbe Wasser glitt wellenlos dahin und
umspülte die Mauern der gegenüberliegenden Häuser. Sie konnte die Museumsbrücke
und die Fleischbrücke überschauen, und das Menschengewühl auf den Brücken
beunruhigte sie.
    Sie ging auf die Strasse und blieb am Kopf der Museumsbrücke stehen. Sie war
der Meinung, jeder in der Stadt wohnende Mensch müsse einmal hier vorüberkommen.
Ihr aufmerksamer Blick durchforschte alle Gesichter, und wo ihm eins
entschlüpfte, verfolgte er die in den Abend schwindende Gestalt. Es kamen immer
weniger Menschen, je später es wurde.
    Des Nachts lag sie wach und lauschte den dumpf klingenden Schritten der
Spätlinge, und am andern Tag wanderte sie vom frühen Morgen bis in die Dämmerung
strassauf, strassab. Was sie sah, machte ihr das Herz schwer, die Menschen
erschienen ihr wie stumme Tiere, geplagt und böse, die engen Gassen raubten ihr
den Atem und der Lärm benahm ihr die Sinne.
    Aber sie wurde nicht müde, zu suchen.
    Am fünften Tag kam sie erst gegen zehn Uhr abends nach Hause und Terese,
die schon zu Bett gegangen war, schickte ihr einen Teller Linsensuppe. Während
sie ihn hungrig auslöffelte, vernahm sie Schritte auf dem Flur, ein Klopfen an
der Türe, und Jason Philipp trat ein. »Komm mal gleich mit mir,« war alles, was
er sagte, aber sie begriff. Mit zitternden Händen warf sie ein Tuch um die
Schultern, denn die Oktoberabende waren schon kalt, und folgte ihm schweigend.
    Sie gingen zur Adlergasse bergan, bogen in diese hinein, dann nach wenigen
Schritten in ein schmales und finsteres Gässchen zur Rechten. Über einem Tor hing
eine Laterne, auf deren grünen Scheiben die Worte standen: »Zum Jammertal«. Grün
beleuchtet war auch die steinerne Treppe, die in den Keller führte, die Fässer
unten und der mit Bänken und Tischen versehene öde Gastraum. Eine sauer
schmeckende Weinluft drang empor.
    Neben dem Eingang befand sich ein vergittertes Fenster. Dort machte Jason
Philipp halt und winkte Marianne zu sich hin.
    An den langen Tischen drunten sass eine wunderliche Gesellschaft, junge
Leute, wie man sie nirgends sonst in Häusern und nur selten auf den Strassen
sieht. Die Not schien sie zusammengeworfen, die Nacht aus ihren Schlupfwinkeln
gelockt zu haben; Schiffbrüchige, die an verlassener Küste in eine Höhle
geflohen sind. Sie hatten lächerrlich bunte Krawatten und traurig fahle Mienen,
und das grüne Licht liess sie noch leichenhafter aussehen. Seit langem hatte kein
Haarkünstler eines ihrer Häupter berührt, seit langem kein Schneider Hand an sie
gelegt. So schienen sie in mehr als einem Betracht Verächter des Handwerks zu
sein.
    Zwei alle Kerle sassen abseits, zwei Säufer, nicht in guten Umständen, aber
einigermassen erstaunt über die acherontische Sippe. Denn sie empfingen
schliesslich doch am Samstag ihren Wochenlohn, und jene lebten sichtlich ohne
Lohn dahin, seit Jahren.
    In einer halbdunklen Ecke vor dem Klavier aber sass einer und hämmerte
gewaltig auf die Tasten. Er hatte keine Notenblätter vor sich, er spielte aus
dem Gedächtnis. Das Instrument röchelte; die Saiten schepperten kläglich; die
Pedale ächzten; doch der Spieler war so behext von seiner Produktion, dass ihn
die Mängel der Materie wenig kümmerten. Wie sinnlos auch das Getöse klang, die
schrill tobenden Akkorde, die wüsten Aufschreie des Diskants, die gejagten
Triolen und brodelnden Tremolos im Bass, so gab doch die Ergriffenheit des
Spielers, die Ekstase und der erdferne Rausch, worin er sich befand, der Szene
eine Melancholie und eine Feierlichkeit, die des grünen Kellers und der
troglodytisch fahlen Zuhörerschaft nicht bedurft hätte, um so zu wirken, wie sie
wirkte.
    Marianne hatte in dem Spieler sogleich Daniel erkannt. Sie musste sich am
Fenstergitter festalten und die Knie gegen das Gesimse stemmen. Jason Philipp
galt nicht umsonst für einen Mann von humoristischer Anlage; das Bild von Daniel
in der Löwengrube war zu verführerisch, und er raunte die Worte in Mariannes
Ohr. Aber das Fenster war offen und da sich das Musikstück eben zu einer Fermate
gesteigert hatte, drang seine Stimme bis hinunter und einige an der Tafelrunde
schauten hinauf. Marianne war unbesonnen; sie glaubte, der Vortrag sei zu Ende
und rief, matt und furchtsam: »Daniel!«
    Daniel sprang empor, starrte nach der Ruferin, sah Jason Philipps höhnisches
Gesicht, stürzte zur Tür, zur Treppe und in drei Sätzen die Treppe hinan.
    Er stand in der Torwölbung und seine Lippen wollten Worte rufen. Der
unselige Mensch, dachte Marianne, und ihr war, als könne sie das Wort, vor dem
sie zitterte, zurückzwingen in die Brust, in der es geboren wurde.
    Vergebens, das Wort wurde ausgesprochen. Er wolle die Mutter nicht mehr
sehen; er wolle mit sich selber und für sich selber leben, er wolle frei sein,
er brauche niemand, er wolle frei sein.
    Jason Philipp schleuderte dem Frevler einen Blick der Verachtung zu und zog
Marianne mit sich fort. Noch an der Ecke des Gässchens vernahmen sie die
aufgeregten Stimmen der Leute vom Jammertal.
    Am andern Morgen kehrte Marianne nach Eschenbach zurück.
 
                        Feinde, Brüder, Freund und Maske
                                       1
Daniel hatte sich bei dem Bürstenmachersehepaar Hadebusch eingemietet, auf dem
Jakobsplatz hinter der Kirche.
    Damals im März war es noch recht kalt geworden, und Frau Hadebusch hatte
eine abergläubische Furcht vor Kohlen, die sie als Teufelsdreck bezeichnete.
Hinten im Hof war das Holzlager, davon nahm sie die Scheite, mit denen die Öfen
geheizt wurden. Aber diese Scheite waren teuer; hätte Daniel das eiserne Öfchen
in seiner Mansardenstube mit so kostbarer Nahrung gespeist, so hätte die
Monatsrechnung eine unerschwingliche Höhe erreicht. Er zahlte sieben Mark für
die Stube und rechnete immer wieder, um seine Freiheit durch keinen vergeudeten
Groschen zu verkürzen.
    So sass er frierend bei seinen Büchern und Heften, bis endlich Frühlingswärme
durch die offenen Fensterluken zog. Die Bücher holte er sich gegen Entrichtung
von sechs Pfennigen für den Band von einer Leihbibliotek am Königstor. Achim
von Arnim und Jean Paul waren in jener Zeit seine Dichter; bei dem einen fand er
die Welt aussen wunderbar geschmückt, bei dem andern innen.
    Mit dem Meldezettel Daniels, auf welchem er sich Musiker nannte, kam Frau
Hadebusch in die Wohnstube, die, wie alle Räume im Haus, wie für Zwerge gebaut
war und, wie gleichfalls alle Räume, nach Leim und Laugenwasser duftete. Es
hatten sich dort, da es Feierabend war, Herr Francke und Herr Benjamin Dorn
niedergelassen, die Mieter des Mittelstocks, ferner der Sohn der Frau Hadebusch,
der schwachsinnig war und grinsend auf der Ofenbank hockte.
    Herr Francke war Stadtreisender für ein Zigarrengeschäft und galt bei den
weiblichen Dienstboten der Umgebung als ein gefährlicher Herzensdieb; Benjamin
Dorn war Schreiber bei der Versicherungsgesellschaft Prudentia, gehörte einer
Metodistengemeinde an und stand wegen seiner gottgefälligen Lebensführung bei
allen respektablen Leuten in Respekt.
    Das Schriftstück wurde von den Herren eingehend und mit gerunzelten Stirnen
geprüft, und Herr Francke äusserte sich dahin, dass ein Musiker, von dem man keine
Musik vernehme, mit nichten als Musiker zu betrachten sei.
    »Wird die Bassgeige oder das Flügelhorn, oder was er sonst gelernt hat, ins
Pfandhaus getragen haben,« sagte er geringschätzig; »vielleicht kann er nur
trommeln, und das kann ich auch, wenn man mir eine Trommel gibt.«
    »Ja, eine Trommel muss man haben, um trommeln zu können,« bemerkte Benjamin
Dorn; »es ist jedoch die Frage, ob sich so ein Gewerbe mit den Grundsätzen
christlicher Bescheidenheit verträgt.« Er legte den Finger an die Nase und fügte
hinzu: »Es ist eine Frage, die ich, in aller Demut versteht sich, in aller Demut
verneinen möchte.«
    »Er hat gar keine Verwandten, sagt er, und gar keine Bekannten,« jammerte
Frau Hadebusch mit einer Stimme, die klang, wie wenn man Rüben auf einem
Reibeisen schabt, »und gar keine Stellung und gar keine Aussichten und von
Stiefeln und Kleidern nichts, als was er auf dem Leibe trägt. Mein Lebtag hab
ich keinen solchen Zimmerherrn gehabt.«
    Der Meldezettel flatterte auf den Boden, von wo ihn der schwachsinnige
Hadebusch junior aufhob, eine Tüte daraus drehte und diese in den Mund steckte,
um Trompete zu blasen, eine Prozedur, bei welcher das wichtige Dokument
allmählich aufgeweicht und so seiner Bestimmung entzogen wurde. Frau Hadebusch
hielt zu wenig von den polizeilichen Vorschriften, um sich in der Folge noch
einmal um ihre Vermieterinnenpflicht zu kümmern.
    Herr Francke nahm ein Paket schmieriger Karten aus der Tasche und begann zu
mischen. Frau Hadebusch kicherte gleich einer Hexe, wenn es im Kamin raschelt,
der Metodist bezwang seine frommen Skrupel und zählte Pfennige auf das
Tischbrett, und der Stadtreisende stülpte die Rockärmel hoch, als sei er im
Begriff, einem Huhn den Hals abzuschneiden.
    Es dauerte nicht lange, so erhob sich ein misstönendes Gezänke, da Herr
Francke zur Göttin Fortuna in einem etwas gewalttätigen Verhältnis stand. Der
alte Bürstenmacher steckte den Kopf in die Tür und fluchte, der Schwachsinnige
blies träumerisch die papierene Trompete, und die vorhin so friedfertig gewesene
Gesellschaft stob wutschnaubend auseinander.
 
                                       2
Daniel wanderte zur Burg hinauf, an den Wällen entlang, über die Brücken und die
Stege.
    Es war seine Jugend, die ihn die Nacht so lieben liess, dass er die Menschheit
vergass und sich wie allein auf der Erde erschien; die Jugend, die ihn den Dingen
mit Inbrunst überlieferte und ihn fähig machte, Melodien wie Geisterblumen um
alles zu flechten was sichtbar war; Melodien, die so zärtlich, so beredt, so
schwebend keine Feder jemals zu Papier gebracht hat und die dahinstarben, wenn
die Hand sich ihrer bemächtigen wollte.
    Aber es war auch die Jugend, die beim Blick auf gemütlich erleuchtete
Fenster sein Auge gehässig entzündete und mit Bitterkeit gegen die Zufriedenen,
die Gleichgültigen, die Fremden, ewig Fremden, nichts von ihm Wissenden seine
Brust erfüllte.
    Er war klein und gross; klein vor der Welt, gross vor sich selbst. Er war ein
Gott, wenn die Töne aus ihm sprühten wie Funken von einem Amboss, und ein
Ausgestossener, wenn er im finstern Hof hinterm Stadtteater wartete, bis der
Schlusschor der Oper Fidelio durch die Mauern zu ihm drang.
    Von überall her rauschten die Quellen, aus Kinderaugen und von den Sternen.
Es gab keine Grenze mehr, sein Tag war eine Wildnis, sein Hirn ein durstiges
Ackerfeld im Regen, seine Gedanken Sturmvögel, seine Träume Leben über dem
Leben.
    Er nährte sich von Brot und Obst, nur jeden dritten Tag erlaubte er sich ein
warmes Nachtessen in der Wirtschaft zum weissen Turm. Da lauschte er manchmal
verstohlen der ungewöhnlich klingenden Unterhaltung einiger junger Leute, und
brennend erwachte in ihm das Verlangen nach Aussprache mit Gleichgestimmten.
Aber als ihn die Brüder vom Jammertal in ihre Mitte nahmen, glich er doch einem
Robinson oder Selkirk, den man von seiner Insel entführt.
 
                                       3
Benjamin Dorn hatte ein mitleidiges Gemüt, und die Begierde, eine verlorene
Seele zu retten, verlieh ihm den Mut, Daniel Notaft einen Besuch abzustatten.
Er humpelte mit seinem Klumpfuss die krachende Stiege hinauf und klopfte
schüchtern an die Tür.
    »Kann ich Ihnen, mein Herr, vielleicht in christlicher Weise mit etwas
dienen?« fragte er, nachdem er sich geschneuzt hatte.
    Daniel starrte ihn verwundert an.
    »Ich könnte Ihnen, mein Herr, natürlich ganz uneigennützig, in christlicher
Weise, zu einer Anstellung verhelfen. Bei der Prudentia gibt es mancherlei zu
arbeiten. Ich würde sicher keine Fehlbitte bei Herrn Zittel tun. Herr Zittel ist
Bureauchef, mein Herr. Auch beim Herrn Generalagenten Diruf stehe ich in Gunst.
Und mit Herrn Inspektor Jordan verkehre ich fast täglich. Herr Inspektor Jordan
ist ein äusserst gebildeter Mann. Seine Tochter Gertrud ist von mir in
christlicher Weise erleuchtet worden. Sie hat Anteil an der Gnade erlangt, mein
Herr. Wenn Sie sich mir anvertrauen wollen, betreten Sie einen heilsamen Weg.
Ich bin immer bemüht. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich sagen, dass ich mit der
Bemühung geboren bin.«
    Er sah aus wie ein Flickwerk aus Übelkeit, Trübsal und Gottgefälligkeit, und
sein Rockkragen war zerfranst.
    »Lassen Sie's nur gut sein,« entgegnete Daniel, »Sie sehen ja, es geht mir
ganz erträglich.«
    Der fromme Versicherungsschreiber seufzte und wischte mit dem Handrücken ein
Tröpfchen von seiner Nase. »Beherzigen Sie, mein Herr, das Wort Salomonis:
Hochmut erniedrigt den Menschen, wer aber demütig ist im Geiste, erlangt Ehre.«
    »Ich will's beherzigen,« sagte Daniel trocken und beugte sich wieder über
das Notenblatt, an dem er schrieb.
    Benjamin Dorn seufzte abermals und humpelte wieder hinaus. Zu Frau Hadebusch
sagte er, mit dem Daumen emporweisend: »Mutter Hadebusch, ich kann nicht anders,
ich muss mir in christlicher Weise das Herz erleichtern, - denken Sie sich -«
    »Jesus Maria, was tut er? Was treibt er?« keuchte die Alte, ihren Besen
unter die Achsel schiebend.
    »Der Tisch ist voller Papier, und das Papier ist mit lauter Geheimzeichen
bedeckt, so wahr ich hier stehe.«
    Da schickte Frau Hadebusch, in Angst vor der Schwarzkunst des
Mansardenbewohners, ihren Gatten zum Revierkommissär. Dieser aufgeklärte Beamte
hiess den Bürstenmacher einen alten Schwätzer. Aus Verdruss hierüber begab sich
der Bürstenmacher ins Gastaus zum Ross und betrank sich und musste, es war eine
schöne Mondnacht, von Benjamin Dorn heimgeführt werden.
 
                                       4
Um Plärrer stand ein kleines Caféhaus, das Paradieschen mit Namen; darin war
alles winzig klein: der Wirt, die Kellnerin, die Tische, die Stühle und die
Portionen. Dort versammelten sich die Brüder vom Jammertal, um die Götter in den
Staub zu schleifen und den Weltbau zu zerstören.
    Dortin lenkte Daniel seine Schritte.
    Er kannte den liliputanischen Raum, er kannte die verhungerten Gesichter. Er
kannte den Maler, der nie malte, den Schriftsteller, der nie schrieb, den
Studenten, der nicht studierte, den Erfinder, der nichts erfand, den Bildhauer,
der seine Kunst in einer Gipsgiesserei verschwendete, den Schauspieler, der seit
vielen Jahren auf Urlaub war, und das halbe Dutzend armselige Philister, die
hierher kamen, um sich gruselnd zu ergötzen. Er kannte den jungen Freiherrn von
Auffenberg, der aus Gründen, welche niemand wusste, mit seiner Familie zerworfen
war, und Herrn Carovius kannte er, der stets den Beobachter zu spielen schien,
geheimnisvoll dasass, schmachtend und ironisch vor sich hinlächelte und mit der
Hand über das lange Haar strich, das über dem Nacken in künstlichem
Gleichschnitt endigte.
    Er kannte die von den Schultern abgeriebenen Stellen an den Wänden, die
eingetrockneten Flecken auf der Politur der Tische, die Hirschhornknöpfe auf der
Weste des Wirts und die rauchgeschwärzten Vorhänge an den winzigen Fenstern. Er
kannte das Geschrei, die täglich sich wiederholenden Worte, die anarchistischen
Windbeuteleien des Malers, den sie Krapotkin nannten, die philosophischen
Zynismen des Studenten, der sich als Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts
fühlte und auf fünfundzwanzig verbummelte Semester wie auf ebensoviele
siegreiche Schlachten zurückblickte.
    Die interessanteste Erscheinung war Herr Carovius.
    Er war ein belesener Mann; auch auf die Musik verstand er sich gründlich,
viele seiner Bemerkungen verrieten es. Er war ein Schwager von Andreas
Döderlein, doch schien er diese Verwandtschaft nicht mit freundlichen Augen zu
betrachten, denn sobald irgendwer von Andreas Döderlein sprach, verzerrte sich
seine Miene, und er rückte zapplig auf seinem Stuhl herum. Er war eine
undurchschaubare Persönlichkeit, und hätten ihm nicht schon seine Jahre eine
gewisse Achtung verschafft, er war fünfundvierzig, so hätte es der boshafte Hohn
getan, mit dem er die Menschen betrachtete. Die Leute sagten, er besitze viel
Geld; wurde ihm dies hinterbracht, so beteuerte er mit grässlichen Eiden seine
Armut. Aber da er keinen Beruf hatte und sich einem Müssiggang hingab, der
geheimnisvoll wirkte wie alles an ihm, hielt man ihn in diesem Punkt, trotz der
Eide, für unzuverlässig.
    »Wer ist denn der spindeldürre Quack dort?« fragte Herr Carovius, auf Daniel
deutend, den Bildhauer Schwalbe. Er kannte Daniel längst, doch behagte es ihm
bisweilen, den Neuling zu spielen.
    Der Bildhauer sah ihn unwillig an.
    »Einer, der noch an sich glaubt,« erwiderte er finster. »Einer, der im
Drachenblut der Illusionen gebadet hat und unverletzlich ist wie Jung-Siegfried.
Er ist überzeugt, dass alle, die da ringsherum in ihren Häusern schlafen, von
seiner künftigen Grösse träumen und den Lorbeer für ihn schon beim
Grünzeughändler bestellt haben. Er weiss nicht, dass ihnen nur ihr Mittagessen
heilig ist, dass sie Bier trinken, wenn die Schalmeien erklingen, und gähnen,
wenn der Sinai flammt. Er ist erfüllt von sich, das genügt ihm, und er sammelt
Honig. Die Biene will nur Honig, und findet sie keine Blüten, so schwirrt sie um
den Mist. Wie Figura zeigt. Prosit Notaft,« schloss er und erhob sein Glas
gegen Daniel.
    Herr Carovius lächelte schmachtend. »Notaft,« meckerte er, »Notaft!
Hübscher Name, aber nicht für Walhall, eher für das Firmenschild eines
Schneiders. Hach, du lieber Gott! Der Knochen, an dem jetzt die jungen Leute
kiefen, ist zu meiner Zeit noch voll Fleisch gewesen.«
    Dann heftete er, den Zwicker fester auf die Nase setzend, seine Augen
ehrfürchtig blinzelnd gegen die Tür, durch welche, elegant, schlank und
missvergnügt, der junge Eberhard von Auffenberg eintrat, der das Leben hier
suchte, wo andere es wegwarfen.
    In später Nacht zogen die Brüder durch die Strassen und brüllten die stillen
Häuser an.
    Während das Gelächter und sinnlose Streiten an sein Ohr drang, vernahm
Daniel eine sanfte Stimme in Es-Moll, darunter schritten in gewaltiger Wucht
unerbittlich die Achtel einher; dann löste sich die Stimme in einen feierlichen
Akkord in Es-Dur auf, und dann war alles wie in die Tiefe des Meeres versunken.
 
                                       5
Gegen Ende des Sommers ereignete es sich, dass Philippine, Jason Philipps
Tochter, ihrem siebenjährigen Brüderchen mit einem sogenannten Schnepper ein
Auge ausschoss.
    Die Geschwister spielten im Hof, Willibald, der ältere Knabe wollte den
Schnepper haben, Philippine, die keinen Spass verstand, riss ihn roh aus seinen
Händen, drückte den Stein auf das elastische Band, schnellte ihn mit ziemlicher
Kraft ab, der kleine Markus rannte dazwischen, ein Schrei liess die ahnungsvolle
Mutter von ihrem Zahltisch in den Hof stürzen, sie sah, wie sich das Kind auf
der Erde wälzte, Jason Philipp lief, während Terese den Knaben in die Wohnung
hinauftrug, zum Arzt, aber es nützte kein Eingriff mehr, das Auge war verloren.
    Philippine hatte sich versteckt. Ihr Vater fand sie endlich unter der
Kellerstiege. Er schlug sie so erbarmungslos, dass die Hausgenossen herbeieilten
und ihm in die Arme fielen.
    Der kleine Markus war Tereses Lieblingskind. Sie konnte das Unglück nicht
verwinden. Was in ihrem Gemüt schon lang geschlummert, wurde nun beharrlicher
Wahn; sie grübelte nach der Schuld.
    Bisweilen erhob sie sich des Nachts aus dem Bett, zündete die Kerze an und
schlurfte in ihren Pantoffeln durch die Zimmer. Sie leuchtete hinter die Öfen
und unter die Schränke und drückte das Ohr lauschend an die Kammertür der Magd.
Sie sah in den Mausfallen nach, und wenn sich eine Maus gefangen hatte, konnte
sie sich von dem Anblick der unruhigen Angst des Tierchens nicht trennen.
    Eines Tages wurde Jason Philipp von einem ihm bekannen Schreinermeister auf
der Strasse angehalten und gefragt, ob er keine alten Möbel zu verkaufen habe.
Jason Philipp erwiderte, er wisse nichts von dergleichen ausgedientem Hausrat,
schickte ihn aber gleichwohl zu Terese. Diese entsann sich, dass auf dem
Dachboden seit vielen Jahren ein alter Sekretär stehe, für den man vielleicht
ein paar Taler lösen könne, und ging mit dem Mann hinauf.
    Sie stiess das kleine Holzfenster auf, und der Schreiner besah den Sekretär,
der nur drei Füsse hatte und morsch und verfallen war. »Dafür kann man nichts
geben,« sagte der Schreiner und klopfte an dem Möbel herum wie ein Doktor an
einer Leiche; »zwölf Groschen höchstens.«
    Sie feilschten eine Weile und einigten sich schliesslich auf sechzehn
Groschen. Der Schreiner ging fort, nachdem er versprochen hatte, am Nachmittag
einen Gesellen zu schicken. Terese war schon auf der Treppe, da fiel ihr ein,
man müsse in den Schubfächern des alten Sekretärs nachsehen, ob nicht etwelche
vergessene Schriftstücke darin seien, und sie ging wieder hinauf.
    Im Staub einer Lade fand sie wirklich Papiere, und unter diesen Papieren lag
die Quittung, die Gottfried Notaft vor zehn Jahren Jason Philipp
zurückgeschickt hatte. Und sie las im undeutlichen Licht die vertrauensvollen
Worte des Verstorbenen, und sie sah, dass Jason Philipp dreitausend Taler
bekommen hatte.
    Sie las und sah und zerknitterte das Blatt. Sie schob es in die
Schürzentasche und schrie auf einmal mit gellender! Stimme: »Geh fort,
Gottfried, geh fort!«
    Sie ging hinunter und kam in die Küche, und bei der Anricht stehend, rührte
sie mit dem Kochlöffel geistesabwesend in einer Schüssel, in der Eier auf Mehl
geschlagen waren. Rieke, die Magd, erschrak vor ihr und bekreuzigte sich.
 
                                       6
Als das Mittagessen vorüber war, standen die Kinder auf, um sich zum Schulgang
zu bereiten. Jason Philipp zündete eine Zigarre an und zog die Zeitung aus der
Rocktasche.
    »Hast du was gefunden für den Schreiner?« fragte er paffend.
    »Für den Schreiner was und für mich was,« lautete die Antwort.
    »Wieso für dich was? Was soll das heissen?«
    »Es soll heissen, was es heisst. Ich hab ja immer gewusst, das mit dem Gelbe
damals ist nicht mit rechten Dingen zugegangen.«
    »Mit was für einem Geld, Frau? Sprich nicht in Rätseln mit mir. Mit mir musst
du ohne Hintertüren reden, verstehst du mich?«
    »Mit Gottfried Notafts Geld, Jason Philipp,« flüsterte Terese.
    Jason Philipp beugte sich über den Tisch. »Hast du am Ende gar die alte
Quittung gefunden?« fragte er mit weitaufgerissenen Augen, »die alte Quittung,
nach der ich jahrelang gesucht -?«
    Terese nickte. Sie nahm eine Haarnadel vom Kopf und stach sie in eine
Brotrinde. Jason Philipp erhob sich und ging, die Hände auf dem Rücken, hin und
her. Inzwischen kam Rieke, die Magd, um den Tisch abzuräumen. Sie verrichtete
ihr Geschäft mit vielem Lärm und wenig Eile, und als sie fertig war, pflanzte
sich Jason Philipp vor Terese auf und stemmte die Arme in die Hüften.
    »Du denkst wohl, ich soll mich von dir ins Bockshorn jagen lassen,« begann
er; »da irrst du dich, meine Liebe. Verübelst du mirs vielleicht, dass ich dir
und deinen Kindern eine menschenwürdige Existenz gegründet habe? Und dass ich
deine Schwester vor dem Armenhaus bewahrt habe? Du tust ja, als hätt' ich das
Geld auf der Kirmes verjuxt. Gottfried Notaft hat mir dreitausend Taler
anvertraut, jawohl, das hat er. Sein Wille war, dass die Sache nicht in die
weiblichen Mäuler kommt. Sein Wille war, dass das sauer erworbene Kapital Früchte
bringt, und nicht, dass ich es dem Schandbuben zum Verludern gebe.«
    »Unrecht Gut gedeihet nicht,« versetzte Terese, ohne den Blick zu erheben.
»Mag's zehn Jahre lang so scheinen, im elften kommt die Rache des Himmels, wie
sich an unserm Markus zeigt.«
    »Du redest im Wahnsinn, Frau,« schrie Jason Philipp, packte einen Stuhl und
stiess ihn so heftig auf den Boden, dass alles Geschirr im Zimmer klapperte.
    Tereses trotzige Bauernstirn wendete sich ihm furchtlos zu, und er hatte
ein wenig Angst. »Was uns an Unglück ferner noch heimsuchen wird, verantworte
du, wenn du kannst,« sagte sie mit tiefer Stimme.
    »Hältst du mich für einen Banditen, Frau?« erwiderte Jason Philipp; »meinst
du, ich will das Geld in die Tasche stecken? Kannst du dir nicht denken, dass ich
höhere Zwecke verfolgen könnte? Solches geht wohl über dein Begriffsvermögen.«
    »Was wären denn das für Zwecke?« fragte Terese mürrisch und mit zwinkernden
Augen.
    »Hör mich an,« fuhr Jason Philipp fort und setzte sich in lehrhafter Haltung
auf den zuvor misshandelten Stuhl; »der Schandbube soll klein beigeben. Auf den
Knien soll er vor mir rutschen. Es ist nicht mehr so weit bis dahin. Ich habe
mich erkundigt, ich bin auf seiner Fährte, ich weiss, dass er auf dem letzten Loch
pfeift. Er wird kommen, verlass dich darauf, er wird kommen und winseln. Dann,
siehst du, nehm ich ihn zu mir ins Geschäft. Und dann kommt es darauf an, ob
endlich ein brauchbarer Mensch aus ihm wird. Ist es der Fall, und bewährt er
sich dauernd, na, so setz ich ihm eines Tages die ganze Geschichte auseinander
und biete ihm an, als Teilhaber in die Firma einzutreten. Du wirst zugeben, dass
er damit ein gemachter Mann ist und dass er das ohne weiteres einsehen und mir
die Hand küssen wird. Und später dann, um die Beziehung noch fester zu knüpfen,
werde ich ihn mit unserer Philippine verheiraten.«
    Ein schiefes Lächeln glitt über Tereses Gesicht. »Mit Philippine, so so,«
sagte sie eigentümlich singend, »mit Philippine; die wird schwer unter die Haube
zu bringen sein, meinst du, und wer sie kriegt, hat an ihr genug. Das ist eine
gute Idee.«
    »Auf diese Art wird die Rechnung zwischen ihm und mir glatt,« schloss Jason
Philipp, ohne den Hohn in Tereses Worten zu beachten, seine Ausführungen; »der
Schandbube wird ein anständiger Mensch, das Geld bleibt in der Familie, und
Philippine ist versorgt.«
    »Und wenn er nicht kommt, wenn er nicht auf den Knien rutscht, wenn du dich
verspekuliert hast, was dann?« Ob Jason Philipp an das, was er sagte, selbst
glaubte, das wusste Terese nicht. Sie hatte keine Lust, darüber nachzudenken,
und sie blickte nicht in sein Gesicht, sondern bloss auf seine Hände.
    »Dann ist immer noch Zeit, den Plan zu ändern,« gab Jason Philipp ärgerlich
zurück. »Verlass dich nur auf mich. Ich seh mir alles an, ich zähl mir alles aus,
ich kenne die Menschen, und ich irre mich nie. Mahlzeit.«
    Damit ging er.
    Terese blieb noch eine Weile sitzen, die Arme über der flachen Brust
verschränkt. Als sie aufgestanden war und die Tür zu dem hofwärts gelegenen
Zimmer geöffnet hatte, stockte sie auf der Schwelle, denn sie erblickte
Philippine, die am Fenster sass und mit einer Miene von verdachterweckender
Harmlosigkeit einen zerrissenen Strumpf stopfte.
    »Was ist mit dir?« fragte Terese betroffen, »warum bist du nicht in die
Schule gegangen?«
    »Hab nicht können, hab Kopfweh,« antwortete das Mädchen und zog an der
Nadel, dass der Wollfaden riss. Struppig über die Stirn hängende Haare verdeckten
das herabgebeugte Gesicht.
    Terese schwieg. Finster ruhte ihr Auge auf den geschäftigen Fingern
Philippines. Es war zu vermuten, dass das Mädchen alles gehört hatte, was Jason
Philipp mit seiner lauten Stimme gesprochen; sie musste nicht einmal an der Tür
gehorcht haben. Am liebsten hätte sie das hinterhältige Geschöpf gezüchtigt,
aber sie beherrschte sich und ging still hinaus.
    Philippine sandte ihr einen stechenden Blick nach, unterbrach jedoch ihre
Arbeit nicht und begann leise und wie herausfordernd vor sich hin zu trällern.
 
                                       7
Daniels Geldvorrat ging zu Ende. Die neuen Quellen, auf die er gehofft, waren
nicht zu entdecken. Er verschloss sich trotzig der Sorge, und wenn Furcht sich
melden wollte, fand er bei den Brüdern Vergessen.
    Der Bildhauer Schwalbe hatte die Bekanntschaft der Zingarella gemacht, die
in den Reichshallen schlüpfrige Couplets sang. Er lud die Brüderschaft ein, ihn
zu begleiten.
    Die Reichshallen waren ein Rauchteater niedrigster Sorte. Als sie hinkamen,
war die Vorstellung schon zu Ende. An vielen Tischen sassen noch Leute. Der von
abgestandenem Bierdunst erfüllte Raum glich einem düstern Schacht.
    Mit einer Gleichgültigkeit, als ob Menschen in ihren Augen um nichts besser
als Stühle seien, nahm die Zingarella zwischen dem Bildhauer und dem
Schriftsteller Platz. Sie lachte, und es war kein Lachen; sie redete, und die
Worte waren leer; sie streckte die Hand aus, und die Gebärde war tot. Sie
schaute keinen an, ihr Blick streifte nur. Sie hatte eine Art, mit dem Armband
zu rascheln, die Mitleid erweckte, und eine andere, nach platten Roheiten, die
sie geäussert, den Kopf wegzuwenden, die den Rohesten stutzig machte. Ihr Gesicht
war von der Schminke verdorben, aber unter der Haut schimmerte etwas wie Wasser
unter dünnem Eise.
    Den verwüsteten Mund hielt gewesene Anmut noch in wehem Bogen.
    Bisweilen war ihr ruheloses Auge böse spähend auf Daniel gerichtet, der
einsam an der unteren Schmalseite des Tisches sass. Um das Grauenvolle seiner
hochmütigen Fremdheit nicht spüren zu müssen, hätte sie viel darum gegeben, wenn
ihn einer vor ihre Füsse geworfen hätte. Sie sah, dass er kein Weib kannte. Dieses
quälte sie so, dass sie mit den Zähnen knirschte.
    Daniel fühlte den Hass der Zingarella nicht. Während er beklommen in ihr
Gesicht starrte, welches vom Laster und vom Schicksal gezeichnet war, baute er
innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, Gespielin eines Gottes. Der
Vorhang mit der gemalten Harlekinsfratze, der Akrobat und der Hundedresseur am
Nebentisch, die über Gagen stritten, vier halbwüchsige Kartenspieler hinter ihm,
ein dickes Weib, das auf einer Bank lag und mit einem roten Taschentuch über den
Augen schlummerte, der Schriftsteller, der über andere Schriftsteller schimpfte,
der Erfinder, der vom Perpetuum mobile erzählte, das alles war plötzlich
versunken wie in die Tiefe des Meeres. Er stand auf und ging fort.
    Aber als er die schneebedeckte Strasse vor sich sah und nicht wusste, ob er
sich nach Hause wenden sollte, trat die Zingarella an seine Seite. »Rasch,«
flüsterte sie, »eh sie merken, dass wir beisammen sind.« Und so gingen sie wie
zwei Flüchtlinge, die nichts voneinander wissen, als dass sie beide arm und elend
sind, durch das nächtliche Schneegestöber.
    »Wie heissen Sie?« fragte Daniel.
    »Anna Siebert heiss ich.«
    Vom Turm der Lorenzerkirche schlug es drei Uhr. Der Sebalderturm bestätigte
es mit tieferem Schlag.
    Sie kamen an ein altes Haus und gelangten über einen modrig riechenden,
finstern Gang in einen kellerartigen Raum. Anna Siebert zündete eine Ampel an,
die rote Scheiben hatte. An einigen Nägeln hingen bunte Gewänder der Soubrette,
auf der Tischdecke lag eine graue Katze und spann. Das Mädchen nahm sie auf den
Arm und liebkoste sie. Die Katze hiess Zephir. Sie begleitete Anna Siebert
überallhin.
    Daniel warf sich auf einen Sessel und blickte in die Ampel. Die Katze Zephir
streichelnd, stand die Zingarella vor dem Spiegel an der Wand, und ohne sich
selbst zu gewahren, nur ins Öde des Spiegels schauend, erzählte sie, der
Direktor habe ihr heute gekündigt, weil das Publikum mit ihren Leistungen
unzufrieden sei.
    »Nennt man das Publikum,« fragte Daniel, der seine Augen nicht von der Ampel
wandte, so wie sie die ihren nicht von der Öde des Spiegels, »diese
Familienväter, die Seitensprünge machen, die Ladenschwengel, deren Blicke euch
die Kleider vom Leib reissen, diesen Menschen-Unflat, vor dem Gott sein Angesicht
verhüllt, nennt man das so?«
    »Der Direktor kommt in meine Garderobe,« fuhr Anna Siebert tonlos fort,
»wirst mir den Kontrakt hin und schreit, ich hätte ihn beschwindelt. Wie soll
ich ihn denn beschwindelt haben? Ich bin ja keine erste Kraft mehr, der Agent
hat's ihm ja gesagt. Für zwanzig Mark wöchentlich kann man nicht wie die Patti
singen. In Elberfeld hab ich fünfundzwanzig gehabt, vor einem Jahr, in Zürich,
noch sechzig. Jetzt behauptet er, er braucht mir gar nichts zu zahlen. Wovon
soll ich aber leben? Man muss doch leben. Was, Zephir?« flüsterte sie der Katze
schmeichelnd zu und drückte die Wange auf das Fell, »man muss doch leben.«
    Sie liess die Arme fallen, das Tier sprang auf die Erde und buckelte. Das
Mädchen trat zu Daniel, sank auf die Knie und legte die Stirn auf seinen
Schenkel. »Ich bin am Ende« murmelte sie kaum hörbar, »am Ende von allem.«
    Der Schnee prasselte an die Fensterscheiben. Mit einem Ausdruck, als ob
seine Gedanken einander mordeten, blickte Daniel in die Ecke, aus welcher die
Katze Zephir mit gelbglühenden Augen herüberblinzte. In seinem Gesicht bebten
die Muskeln, wie Fische beben, wenn man sie von der Angel reisst.
    Und als er so kauerte, die Arme an den Leib gepresst, die Schultern geduckt,
kam es wieder empor aus der Tiefe des Meeres: Zuerst ein hinstürmendes Arpeggio
in As-Dur, und darüber, Ruhe gebietend, ein majestätisches Tema in
Sechzehntel-Dreiklängen. Mit einem Septakkord in Forte stürzten sie zusammen.
Ein Ringen, ein Scheiden, ein Weiterwandern, und aus dem gedämpften Pianissimo
schwebte die sanfte Stimme in Es-Moll auf. O Stimme! O Menschheit! Die Achtel,
in ihrer unerbittlichen Wucht, schritten tiefer, wühlender in den Bass,
hoheitsvoller trug es die gelöste Stimme in den Es-Durakkord, und nun wurde
alles wahr! Was Schatten und Traum und Sehnen und Wollen gewesen wurde wahr. Er
selbst wurde wahr.
    Auf dem Heimweg deckte er die Hand über das Gesicht, denn die Fenster der
Häuser blickten ihn an wie die leeren Augen einer Dirne.
 
                                       8
Die Zingarella wusste nicht, warum der fremde Mensch fortgegangen war. Es war ihr
gleichgültig. In ihr war jeder Schlag des Herzens ohne Kraft. Das einzige
Geschöpf, durch welches sie sich an die Welt gebunden fand, war die Katze
Zephir.
    Eine Nacht und noch eine Nacht; ein Tag und noch ein Tag. Sprechen, wenn die
Menschen sich die Mühe gaben, zu fragen, lachen, wenn sie die unbegreifliche
Lust hatten, Gelächter zu hören; dies Kleid über den frierenden Körper ziehen
und dann jenes; die Stunde abwarten, in der sie etwas Bestimmtes tun sollte; im
Bett liegen und sich vor der Finsternis fürchten; des Unrechts gedenken, der
Schande und der Not; es war zuviel.
    Es kam ein Mann, und beim Morgengrauen ging er wieder fort, mischte sich
unter die übrigen, und wenn sie erwachte, wusste sie nicht mehr, wie er
ausgesehen hatte. Die Wirtin brachte Suppe und Fleisch, später klopfte jemand an
die Tür, aber sie riegelte nicht auf. Sie war nicht neugierig, zu sehen, wer es
war; vielleicht der von der gestrigen Nacht, vielleicht ein anderer.
    Sie hatte keine Neugier und keine Hoffnung mehr. Ihre Seele war zergangen
wie ein Stück Salz im Wasser. Als sie am dritten Tage nach Hause kam, fand sie
die Katze Zephir tot neben dem Kohleneimer. Sie kniete nieder, betastete das
kalte Fell, zog die Stirne kraus, raschelte mit dem Armband und ging wieder
fort.
    Es war gegen Abend und die Luft voll Nebel. Sie ging durch beleuchtete
Strassen und nachher durch unbeleuchtete. Sie ging durch Alleen kahler Bäume und
über stille Plätze. Der Schnee dämpfte ihren Schritt, und wenn er aufstäubte,
blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen.
    Da gelangte sie zum Fluss an einer Stelle, wo das Ufer flach war. Ohne zu
denken, ohne zu zaudern, als ob sie blind wäre, als ob sie eine Brücke sähe, wo
keine war, ging sie ins Wasser.
    Sie spürte, wie das Wasser in ihre Schuhe eindrang, wie es die Beine nässte,
wie die Kleider sich weich und eiskalt an den Leib pressten, sie ging weiter. Die
Brust tauchte ein, der Hals tauchte ein, sie liess sich sinken, sie glitt hin,
seufzte schwer, lächelte, und lächelnd verlor sie das Bewusstsein.
    Die Leiche wurde am anderen Tag aus Land gespült, etwas ausserhalb der Stadt,
und man brachte sie ins Schauhaus auf dem Rochuskirchhof.
 
                                       9
Der Bildhauer Schwalbe ging in einem Totenzug. Sein Bruderskind war gestorben,
und es wurde auf jenem Kirchhof begraben.
    Als er mit den andern am Schauhaus vorüberging, gewahrte er durchs Fenster
eine Mädchenleiche. Nachdem das Kind zur Erde bestattet war, trat er dort ein.
Es standen ein paar Leute an der Leiche, und einer sagte: »Es ist eine Sängerin
von den Reichshallen.«
    Dem Bildhauer fiel der reine und schöne Ausdruck im Gesicht der Ertrunkenen
auf. Er blieb lange Zeit ergriffen bei der Toten, dann ging er zum Verwalter und
bat um die Erlaubnis, eine Gipsmaske abnehmen zu dürfen. Die Bitte wurde ihm
gewährt, und ein paar Stunden später kam er mit dem Handwerkszeug.
    Als er aber die Maske abgenommen hatte, da hielt er etwas Wunderbares in der
Hand. Es waren die Züge eines sechzehnjährigen Mädchens, ein Antlitz voll
Süssigkeit und bittersüsser Schwermut, und das Bezauberndste darin war das selige
Engelslächeln um den wehen Mundbogen. Es glich dem Werk eines grossen Künstlers,
und den Bildhauer erfüllte plötzlich die Sehnsucht nach seiner verlorenen Kunst.
    Trotzdem zwang ihn eine Woche später die Not, die Maske an den Giesser in der
Pfannenschmiedsgasse zu verkaufen, bei dem er arbeitete, und der hing sie an den
Türpfosten seines Ladens.
 
                                       10
Im Dezember hatte Daniel kein Geld mehr, und er musste die Partitur der Bachschen
H-Moll-Messe verkaufen, die einzige Kostbarkeit, die er besass. Der Kantor
Spindler hatte sie ihm beim Abschied geschenkt, und jetzt musste er sie zum
Antiquar tragen und für ein Bettelgeld dahingeben.
    Wenn er nicht den ganzen Tag im Bett liegen wollte, musste er, um sich warm
zu halten, durch die Strassen laufen. In eine Wirtschaft zu gehen, verwehrte ihm
seine Armut, und deshalb kam er auch nicht mehr mit den Brüdern vom Jammertal
zusammen. Deshalb und auch, weil ihm vor den Leuten ekelte.
    Eines Abends stand er vor der Egydienkirche und lauschte der Orgel, die
drinnen gespielt wurde. Der eisige Wind blies in seine Rockärmel. Als das
Orgelspiel aufhörte, ging er über den Platz und lehnte sich an die Mauer eines
Hauses. Er fühlte sich sehr einsam.
    Da kamen zwei Männer daher, die in das Haus gehen wollten, an dessen Tor er
frierend stand. Der eine der beiden war Benjamin Dorn, der andere war der
Inspektor Jordan. Benjamin Dorn redete ihn an, der Inspektor stand schweigend
daneben, während Daniel unfreundliche Antworten gab, und er schien den Zustand
des jungen Menschen lebhaft zu erfassen. Er lud Daniel ein, mit hinaufzukommen,
und Daniel folgte, bis ins Mark durchkältet und an nichts weiter denkend als an
einen warmen Ofen.
    So kam er in die Familie des Inspektors. Inspektor Jordan hatte drei Kinder,
die neunzehnjährige Gertrud, die siebzehnjährige Lenore und den fünfzehnjährigen
Benno, der noch das Gymnasium besuchte. Seine Frau war tot.
    Von Gertrud hiess es, dass sie eine Frömmlerin sei. Sie ging täglich in die
Kirche und hatte eine heimliche Neigung für die katolische Religion, worüber
der Inspektor, als überzeugter Protestant, sehr betrübt war. Tagsüber versorgte
sie den Haushalt, und wenn sie damit fertig war, sass sie an ihrem Stickrahmen
und stickte Dornenkronen, von Schwertern durchstochene Herzen und schmächtige
Engel für eine überseeische Mission. Schweigend und mit immer gesenkten Augen
sass sie und stickte.
    Als Daniel sie zuerst sah, trug sie ein laubgrünes Kleid, das über den
Hüften mit einem geschuppten Gürtel befestigt war, und ihre braunen, stark
gewellten Haare lagen offen auf den Schultern. So sah er sie dann stets, wenn er
ihrer gedachte, auch nach vielen Jahren so, im laubgrünen Kleid, mit
niedergesenkten Blicken, am Stickrahmen arbeitend und seiner Gegenwart
feindselig nicht achtend. Sie war wie etwas Finsteres im hellen Raum.
    Anders Lenore. Sie war wie eine Lampe, die durch finstere Räume getragen
wird.
    Seit dem Sommer war sie in der Generalagentur der Prudentia angestellt, denn
sie wollte sich ihr Leben verdienen. Ihren Worten nach zu schliessen bereitete
ihr die Arbeit dort Spass. Ihren Worten nach zu schliessen belustigte es sie,
Prämienquittungen zu schreiben, Briefmarken aufzukleben, Briefe zu kopieren und
viele Leute kommen und gehen zu sehen. Der fette Generalagent Diruf und der
magere Bureauchef Zittel gaben ihr Stoff zur Verwunderung, und wenn trübe Laune
heranschleichen wollte, drehte man sich auf der Schraube des Sessels im
Karussell, und alles war wieder gut.
    Sie schien ein Kind zu sein und war doch ganz Jungfrau. Auf dem blonden Kopf
trug sie das runde Pelzkäppchen in vergnügter Schiefheit, und wenn sie ins
Zimmer trat, war irgend etwas in der Atmosphäre verändert, so dass sie frischer
und angenehmer zu atmen war. Die Leute missbilligten es, dass ihre Augen so
strahlend blau waren und dass die erstaunlich geordnete Reihe weisser Zähne
beständig hinter den pfirsichhaft weichen Lippen blitzten. Sie sei ein leichtes
Blut, sagten die Leute; sie sei ein Schmetterling, sagten sie, und Benjamin Dorn
nannte sie eine vom Teufel der Sinnlichkeit besessene Kreatur, die an Putz und
irdischem Tand ihr Genügen finde. Es herrschte zwischen ihr und dem jungen
Freiherrn von Auffenberg seit kurzem eine Beziehung vertrauter Art; niemand
wusste Genaues darüber; aber als der Schnüffler Benjamin Dorn, der zwei Menschen
verschiedenen Geschlechts nicht beisammen sehen konnte, ohne sich mitschuldig zu
fühlen an der grossen Erbsünde, sie eines Tages in Gesellschaft des Freiherrn
erblickte, war sie in seinen Augen eine Verlorene.
    Es war mit Lenore so bestellt; das Leben kam ihr niemals ganz nah. Andern
kommt es dicht an den Leib, andere würgt es und schleift es hin, ihr blieb es
fern, denn sie stand in der Mitte einer gläsernen Kugel. Wenn sie Kummer hatte,
wenn schmerzlich unentschiedenes Gefühl an ihr nagte, wenn die Gemeinheit einer
niedern und verstörten Welt zu ihr herauflangte, da wurde die gläserne Kugel nur
noch weiträumiger, und die Dinge, die an ihrer Peripherie schwirrten, noch
ungreifbarer.
    Man kann immer lächeln, wenn man in einer gläsernen Kugel steht. Auch die
bösen Träume bleiben draussen, sogar die Sehnsucht ist nur wie rosiger Hauch, der
das Kristall des Gehäuses von aussen umdunkelt.
    Die Leute hatten eigentlich recht, wenn sie sagten: der Inspektor Jordan
erzieht seine Töchter wie Prinzessinnen. Beide waren der Gewöhnlichkeit des
Lebens entrückt, die eine ins Finstere, die andere ins Helle.
    Und Daniel sah beide; sie waren ihm fremd wie er ihnen. Er sah auch den
Bruder, einen flinken, glatten, hochaufgeschossenen Jüngling. Er sah das alte
Haus mit seinen morschen Stiegen und die Stuben mit ihren wuchtigen
Bürgermöbeln, und den Wechsel von Ruhe und Unruhe darin, das kleine, ungewisse,
hinaus- und zurückfliessende Leben, und wenn er kam, unterhielt er sich nur mit
dem Inspektor, da er die Stunde wusste, in der dieser zu Hause war. Sie sprachen
unverbindlich und allgemein; Daniel war verschlossen und der Inspektor voll
Takt. Und Gertrud sass am Tisch und stickte.
    Er kam und wärmte sich am Ofen. Bot man ihm ein Butterbrot an oder eine
Schale Kaffee, so schlug er es aus. Drängte man ihn, es doch zu nehmen, so
schüttelte er den Kopf und machte ein Gesicht wie ein böser Affe. Daran war sein
Bauerntrotz schuld, die ungrossmütige Angst, irgend jemand etwas verdanken zu
müssen, und als die Not überwältigend wurde, kam er plötzlich überhaupt nicht
mehr.
 
                                       11
Die Not wuchs empor wie ein purpurner Schein. Es war für ihn etwas Lächerliches
in der Tatsache: man schrieb das Jahr 1882, und er hatte nichts zu essen; er war
dreiundzwanzig Jahre alt und hatte nichts zu essen.
    Frau Hadebusch zeterte megärenhaft auf den Stiegen. Die Miete war
überfällig, und es fanden unheimliche Beratungen in der Wohnstube statt, an
denen ein Invalide vom Wespennest und ein Seifensieder aus der Kamerariusstrasse
teilnahmen.
    In seiner Verzweiflung dachte er an den Militärdienst. Er ging in die
Kaserne, um sich zu stellen, wurde untersucht und wegen Schmalbrüstigkeit
abgewiesen.
    Zuerst war der purpurne Schein. Noch als er auf dem Henkersteg stand und ins
Wasser schaute, wo kleine Eisschollen trieben. Aber als er den bedrängten Blick
erhob, sah er ein riesenhaftes Antlitz. Der ganze Himmel, der sich über ihm
wölbte, war ein Antlitz, furchtbar entstellt durch Rache und Hohn. Man konnte
nicht entfliehen; im Innern der Brust wurde es dunkel, Bilder und Töne
zerflossen in einer schauerlichen Weise, als ob ein nasser Lappen darüber
gewischt würde.
    Im Weitergehen schien es ihm, wie wenn sich die Grässlichkeit des Gesichtes
verringere, es wurde kleiner und milder; es war nur noch so grob wie die Fassade
einer Kirche, und nur noch in der Stirn verkündete sich Zorn. Da ging eine Frau
vorüber, die Apfel in ihrer Schürze trug; beim Geruch der Früchte zitterte er,
aber er langte nicht hin, ihr einen Apfel zu nehmen, einen einzigen bloss, er
hatte sich noch in der Gewalt, und da war das Antlitz nur noch so gross wie ein
Baumwipfel und hatte Züge des Erbarmens.
    Die Sonne stand am Himmel, der Schnee taute, in der Luft zwitscherten
Sperlinge. Durch die Pfannenschmiedsgasse wankend, blieb er plötzlich wie
angewurzelt stehen. Da war das Gesicht; körperhaft erblickte er es am Türpfosten
eines Ladens. Dass es die Maske der Zingarella war, vermochte er nicht zu
erkennen, es war ja ein verwandeltes Gesicht, und wie hätte er jetzt eine
Wirklichkeit fassen sollen? Er schaute von innen nach innen, das Ding ausser ihm
war Vision, es verband das Firmament mit der unteren Erde, es war eine
Verheissung. Er hätte sich auf das Pflaster hinwerfen und schluchzen mögen, denn
ihm war, als sei er gerettet.
    Der unvergleichlich hingegebene holde Schmerz im Ausdruck der Maske, die
Seligkeit unter den langbewimperten Lidern, das halb erloschene Lächeln um den
wehen Mundbogen, und etwas Geisterhaftes noch, ein Dasein fern von Tod und
Leben, all dies steigerte sein Gefühl zu abergläubischer Andacht, die ganze
Zukunft schien ihm vom Besitz der Maske abzuhängen, und ohne zu überlegen
stürzte er in den Laden.
    Drinnen stand ein junger Mann, den der Giesser sehr respektvoll als Doktor
Benda anredete, und der etwa dreissig Jahre alt sein mochte. Der Giesser zeigte
ihm die gelungenen Abgüsse einiger Figuren vom Tugendbrunnen, und es dauerte
ziemlich lange, bis er sich nach Daniel umdrehte und nach seinem Begehren
fragte. Mit rauher Stimme und einer trunkenen Geste bedeutete ihm Daniel, dass er
die Maske haben wolle. Der Giesser nahm die Maske vom Pfosten draussen, legte sie
auf den Ladentisch und nannte den Preis. Er musterte den abgerissenen Anzug des
Kauflustigen, dachte, dass ihm die geforderte Summe von zehn Mark zu hoch dünken
mochte, und wandte sich, um ihm Zeit zur Überlegung zu geben, wieder an jenen
jungen Mann.
    Sie hatten eine Weile miteinander gesprochen, da schaute sich der Giesser um
und sah, dass Daniel noch immer am Ladentisch stand. Mit halbgeschlossenen Augen
und verzogener Stirne stand er dort und hatte die linke Hand mit ihrer ganzen
Fläche auf das Gesicht der Maske gelegt. Der Giesser tauschte einen verwunderten
Blick mit Doktor Benda, und der begriff in einer Regung ahnungsvoller Teilnahme
die Situation des ihm fremden Menschen, seine Armut, seine Verlassenheit; sogar
die Glut des Wunsches in ihm. Das Gefühl gewohnter Zurückhaltung sichtlich
bekämpfend, trat er auf Daniel zu und sagte ohne eine Spur von Gönnerhaftigkeit,
ernst, ruhig und schonend: »Wenn Sie mir erlauben wollen, das Geld für die Maske
auszulegen, bereiten Sie mir eine Freude.«
    Daniel knirschte ein wenig mit den Zähnen, und sein Blick funkelte grünlich
auf. Aber das geistig erfahrene Gesicht des andern hatte einen Glanz von
Menschlichkeit, der ihn weich stimmte und unterwarf. Er liess es schweigend
geschehen, dass Doktor Benda das Geld für die Maske auf den Tisch legte.
    Als sie den Laden des Giessers verlassen hatten, Daniel hielt die eingepackte
Maske krampfhaft unterm Arm, fiel Benda die körperliche Zerrüttung seines
Begleiters auf, und es bedurfte nicht vieler Fragen für ihn, um die Ursache zu
erkennen. Er tat, als hätte er noch nicht zu Mittag gegessen, lud Daniel ein,
ihm Gesellschaft zu leisten und ging mit ihm in die nahegelegene Wirtschaft zur
blauen Traube.
    Wie mit einem Zauberschlüssel fühlte Daniel sein Inneres aufgeschlossen,
endlich ein hörendes Ohr, endlich ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus
Bergwerksschächten herauf, und als sie sich trennten, besass er einen Freund.
 
                             Der Nero unserer Zeit
                                       1
Der Anblick der Verkommenheit, den die lärmenden, schwärmenden Sumpfbrüder vom
Jammertal boten, erhöhte das Lebensgefühl des Herrn Carovius. Er hatte eine
liebenswürdige Neigung für den Verkehr mit Menschen, die am Abgrund des Daseins
wandeln. Er trank dann immer viel Likör; am besten mundete ihm die Sorte, die
man Knickebein hiess. Nach dem Genuss des Likörs wurde er aufgeräumt und wagte
kühne Äusserungen, nicht nur auf erotischem Gebiet, sondern auch gegen die
Polizei und gegen die göttliche Vorsehung.
    Trippelte er aber in später Nacht heimwärts, so war in seinem Gesicht ein
feiges, kleines Schmunzeln, das Anzeichen seiner inneren Rückkehr zur
Tugendhaftigkeit. Denn er betrog seinen Tag mit seiner Nacht.
    Er lebte von einer ansehnlichen Rente, und das Haus auf der Füll, in dem er
wohnte, war sein Eigentum. Es wurde den Fremden als sehenswert genannt und war
eines der ältesten und düstersten Gebäude der Stadt. Insonderheit war der
zierliche Erker berühmt, und über dem schöngebogenen Tor prangte ein
patrizisches Wappen in Stein gebildet, zwei gekreuzte Speere mit einem Helm. Im
engen Hof befand sich ein Ziehbrunnen mit bemooster Umfassung, und die
Stockwerke hatten Holzgalerien mit kunstvollen Schnitzereien. Die Treppe war
breit, mit flachen Stufen und viermal geteilt; in ihrer Bewegung drückte sich
das behagliche Verweilen vergangener Jahrhunderte aus.
    In manchen Nächten erkannte Herr Carovius von fern die gewaltige Figur
seines Schwagers, des Musikprofessors Döderlein; diesem wünschte er nicht zu
begegnen, und er wartete an der Strassenecke, bis der Lampenschein aus Döderleins
Fenster herableuchtete. In andern Nächten stiess er mit dem Bewohner des zweiten
Stockwerks, dem Doktor Friedrich Benda zusammen. Da gab es ein eifriges
Hutabziehen und Bekomplimentieren, jeder wollte auf den Vortritt verzichten, und
die Artigkeit des jungen Mannes nötigte Herrn Carovius zu noch grösserer
Artigkeit, bis er vor lauter Artigkeit plump und verlegen wurde und die Rede
verlor.
    Kam er aber allein und hatte mit dem riesigen Schlüssel, den er in der
Manteltasche trug, das Tor aufgesperrt, so zündete er ein Wachskerzchen an,
hielt das Licht über seinen Kopf und spähte vorsichtig in die Winkel des weiten
Flurs, ehe er seine erdgeschössige Wohnung betrat.
 
                                       2
Im Wirtshaus zum Krokodil hatte Herr Carovius seinen Stammtisch. An diesem
fanden sich zu Mittag regelmässig ein: der Fiskalrat Korn, der Magistratsadjunkt
Hesselberger, der Postassistent Kitzler, der Apoteker Pflaum, der Uhrmacher
Gründlich und der Zuckerbäcker Degen. Als Ehrengast erschien von Zeit zu Zeit
der Assessor Kleinlein.
    Es wurde über die Nachbarn, die Bekannten, die Freunde und die
Berufsgenossen geklatscht. Der Klatsch durchlief die ganze Stufenleiter von der
harmlosen Anekdote bis zur giftigen Verleumdung. Kein Verhältnis war vor übler
Nachrede sicher, kein Ruf vor der Besudelung, an jedem Charakter war etwas
auszusetzen, jedes Haus hatte seine vor der Welt verschlossene Kammer.
    War das Mahl zu Ende, so entfernten sich die Herren, mit Ausnahme des Herrn
Carovius, denn für ihn kam jetzt die wichtige Stunde der Zeitungslektüre, nach
dem privaten Ohrenschmaus das Studium der Sünden, der Lächerrlichkeiten und der
Tragödien, die das Leben der Menschheit ausmachen.
    Täglich las er drei Zeitungen, ein heimisches Blatt, ein Berliner und ein
Hamburger Blatt. Täglich dieselben drei, und zwar von Anfang bis zu Ende, die
politischen Nachrichten, das Feuilleton und sämtliche Inserate. Dadurch wurde er
vertraut mit den Fortschritten der Kultur, den Veränderungen im Staatsleben und
mit der Existenz der Aristokratie, der Bourgeoisie und des Proletariats.
    Es entging ihm nichts; weder die Mordtat in einem pommerschen Dorf noch das
auf dem Boulevard des Italiens verlorene Perlenhalsband; weder der Untergang
eines Dampfers in der Südsee noch die vornehme Trauung in Westminster; weder die
Glosse über neue Kleidermoden, noch die Niedermetzelung der von den Türken
geknechteten Armenier; weder der Tod eines grossen Herrn noch die Notiz über
einen aufgegriffenen Landstreicher.
    Doch ist anzumerken, dass seine eigentliche Teilnahme nur den unglücklichen
Ereignissen galt. Denn er betrachtete die Welt bloss im Hinblick auf die Kriege,
die Erdbeben, die Hagelschläge, die Orkane, die Überschwemmungen, die
öffentlichen und häuslichen Unannehmlichkeiten der Menschen. Freudige Vorfälle,
wie Geburten, Ordensauszeichnungen, heldenhafte Handlungen, die Kunde von einem
Haupttreffer, einem erfolgreichen Werk, einer gelungenen Spekulation gingen ohne
Eindruck an ihm vorüber, wenn sie ihn nicht gar verdrossen, hingegen haftete
sein Geist mit Vergnügen an allem Üblen, Jämmerlichen, Traurigen und
Beklagenswerten, das auf dem Erdball oder im Sternenraum passiert und zu seiner
Kenntnis gelangt war.
    Sein Kopf war ein Magazin wüster und schrecklicher Begebenheiten; von
Krankheitsgeschichten, Entführungen, Diebstählen, Raubanfällen, Einbrüchen,
Attentaten, Elementarkatastrophen, Seuchen, Lustmorden, Selbstmorden, Duellen,
Bankrotten und Familienzwistigkeiten.
    Hatte er seine Erfahrung um einige besonders kuriose und unerhörte
Geschehnisse vermehrt, so zog er sein Taschenbuch, merkte das Datum an und
schrieb: in Amberg hat ein Priester während der Predigt den Blutsturz bekommen;
oder: in Kotschinchina hat ein Tiger vierzehn Kinder gefressen, ist in den
Bungalo eines Ansiedlers gedrungen und hat der an der Seite des Gatten
schlafenden Frau den Kopf abgebissen; oder: in Kopenhagen hat eine ehemalige
Schauspielerin, eine neunzigjährige Greisin, mitten auf dem Marktplatz den
Monolog der Lady Macbet rezitiert, indem sie auf einen Gemüsekorb stieg; dies
erregte solches Aussehen, dass in dem Gedränge des Volks mehrere Personen
zerquetscht wurden.
    Dann ging er in froher Laune nach Hause und gab auf der Strasse den
Türstehern und Fensterguckern ihren Gruss leutselig zurück.
    Bei jeder Feuersbrunst, die in der Stadt ausbrach, war er zugegen, und seine
in die Flammen gerichteten Augen hatten etwas Ergriffenes und Trunkenes. Er
summte leise vor sich hin, schaute verstohlen in die besorgten Gesichter der
Leute, machte sich bei den geretteten Habseligkeiten zu schaffen und drängte dem
Löschmeister seine Ratschläge auf.
    War irgendein Mann von Bedeutung gestorben, so versäumte er nie, sich dem
Leichenbegängnis anzuschliessen. Er folgte dem Sarg bis ans Grab und verharrte
bei der Rede des Pfarrers mit gesenktem Haupt. Aber um seinen Mund zuckte es
sonderbar, als fühlte er sich verstanden und geschmeichelt.
    Und in der Tat, es schmeichelte ihm. Der Tod der andern, die Niederlagen der
andern, die Not der andern, die begangenen Verrätereien, die Übergriffe der
Grossen, die Bedrückung der Geringen, die Vergewaltigung des Rechts und die
Leiden, die täglich Tausende ertragen mussten, alles dies schmeichelte ihm,
beschäftigte ihn und wiegte ihn in eine süsse Empfindung von Sicherheit.
    Aber dann sass er zu Hause an seinem Klavier und spielte mit schwärmerischem
Augenaufschlag ein Adagio von Beetoven oder ein Impromptu von Schubert. Wenn in
einem Bachschen Oratorium die Chöre erschallten, wurde er vor Entzücken bleich,
und er konnte Tränen vergiessen beim Anhören eines kunstvoll gesungenen Liedes.
    Er liebte die Musik bis zur Abgötterei.
    Er war ein Kleinbürger mit entfesselten Instinkten. Er war ein Aufrührer von
konservativer Haltung. Er war ein Nero ohne Diener, ohne Macht und ohne Land. Er
war ein Musiker aus Verzweiflung und aus Eitelkeit. Er war ein Nero unserer
Zeit.
    Der Nero unserer Zeit, in drei Stuben hausend; einsamer Hagestolz und
Bücherleser; mit dem Krämer Meinungen über das Wetter tauschend; mit dem
Nachtwächter über magistratische Verordnungen räsonierend; Wüterich in jeder
Faser, heimlicher Henker; dem Schicksal die unwahrscheinlichsten Verknüpfungen,
die zerstörendsten Gewaltakte ablauernd; beständig auf dem Pirschgang nach
Unheil, Zank und Schändlichkeit; frohlockend über alles Misslingen und alle
Bedrängnis nah und fern; auf den innig ausgedachten Trümmern jedes
Zusammenbruchs, der sich ereignete, befriedigt verweilend und neben solcher
stillen Grausamkeit und Blutgier von einer quälenden Leidenschaft für die Musik
erfüllt, dieses war Herr Carovius, so war sein Leben.
 
                                       3
Neun Jahre lang hatte ihm seine Schwester Margaret die Wirtschaft geführt, von
ihrem fünfzehnten bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr. Sie hatte sein Frühstück
bereitet, sein Bett gemacht, seine Wäsche geflickt, seine Kleider gebürstet, und
er hatte nicht viel mehr von ihr gewusst, als dass sie gelbe Haare, eine Haut voll
Sommersprossen und eine furchtsame Kinderstimme besass. Sein Erstaunen war
grenzenlos, als eines Tages Andreas Döderlein, der den Sommer zuvor ins Haus
gezogen war, um ihre Hand anhielt, denn sie war für ihn immer vierzehn Jahre alt
geblieben.
    Er stellte Margaret zur Rede. Mit einem Mut, den aufzubringen sie lang
gerungen hatte, erklärte sie, den Mann heiraten zu wollen. »Du bist eine
schamlose Dirne,« sagte Herr Carovius, getraute sich aber nicht, Andreas
Döderlein zurückzuweisen, und die Hochzeit fand statt.
    Eines Abends sass er bei dem jungen Paar. Andreas Döderlein war in guter
Laune, ging zum Klavier und schlug das Motiv des Hirten aus Wagners »Tristan und
Isolde« an.
    Da fuhr Herr Carovius empor wie gestochen und rief aus: »Lass doch den faulen
Zauber, ich glaub ihn dir ja doch nicht.«
    »Wie meinst du das, Schwager?« fragte Andreas Döderlein mit schmerzlich
geneigtem Kopf.
    »Willst du mich vielleicht über diesen Brunnenvergifter belehren?« rief Herr
Carovius aus, und sein Gesicht zeigte eine Bosheit wie das eines Buckligen, wenn
man auf seinen Buckel deutet; »weiss der Herr Professor vielleicht genauer als
ich, wer er ist, dieser Richard Wagner, dieser Komödiant, dieser Jud', der sich
als germanischer Messias kostümiert, dieser Kakophoniker, dieser Verballhornist,
dieser Höfling, dieser Pulcinell, der sich lustig macht über das ganze
genasführte deutsche Reich und Europa? Ja, ja, belehre mich nur, da bin ich, da
sitz ich, nur Mut, nur Mut!« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und lachte
in astmatisch keuchenden Stössen, wobei er die Hände auf dem Bauch ruhen liess.
    Andreas Döderlein erhob sich zu seiner Grösse, wippte auf den Fussspitzen und
blickte auf Carovius herunter wie auf einen Floh, den man zwischen zwei
Fingernägeln zerquetschen kann. »Ei, ei,« sagte er, »wie interessant! So wahr
ich lebe, du bist eine interessante Erscheinung, Schwager Carovius, Aber wenn
man mir alles Gold der Welt böte, ich möchte nicht so ... interessant sein. Ich
nicht. Und du, Margaret, möchtest du so interessant sein?«
    Es war etwas Zermalmendes in dieser Überlegenheit, und das Gelächter des
Herrn Carovius verlor sich in ein gurgelndes Gekicher. Er riss die Augen hinter
den Zwickergläsern auf und ähnelte einem jener fratzenhaften Wasserspeier, die
man an alten Brunnen sieht. Margaret aber, die Scheue, die nie sprach, ohne sich
kleiner zu machen und die Hände zu verbergen, sah hilflos vom Bruder zum Gatten
und schlug die Blicke nieder vor beiden.
    War es Hass, was Herr Carovius gegen Andreas Döderlein empfand? Es war mehr
als Hass. Es war eine vipernhafte Erbitterung, mit der er an ihn dachte, an
seinen Namen, an sein Weib, an sein Kind, an den dicken Trauring an seinem
Finger und an die Gallertmasse seines dicken Halses. Seit jenem Abend besuchte
er die Schwester nicht mehr, und wenn Margaret sich ein Herz fasste und zu ihm
kam, behandelte er sie mit verbissener Geringschätzung. Da liess sie ihn und ging
an seiner Tür vorüber.
    Als das Kind geboren wurde und die Magd ihm die Nachricht brachte, schielte
er in die Ecke und kicherte. »Ich lass gratulieren,« sagte er, »es ist gut, dass
sich die Döderleins fortpflanzen, da stirbt das Pläsier in der Welt nicht aus.«
    Mit den Jahren kam es, dass die kleine Dorotea sich manchmal auf der Stiege
herumtrieb oder am Ziehbrunnen im Hofe sass. Da schaffte Herr Carovius einen
bösen Hund an, der den Namen Cäsar erhielt. Cäsar lag an der Kette, aber sein
Geknurr und seine tückischen Augen flössten dem Kinde Furcht ein, und es mied die
häuslichen Spielplätze.
    An einem Geburtstag des Herrn Carovius erschien, nach Jahren wieder,
Margaret mit ihrem vierjährigen Töchterchen, und Dorotea sagte ein Gedicht auf,
das sie zu diesem Zweck hatte lernen müssen. Carovius schüttelte sich vor
Lachen, als er das puppenhaft herausstaffierte und geziert redende Mädchen sah.
»Meiner Treu,« rief er, »ich hätte nie geglaubt, dass so eine kleine Kröte schon
so wacker quaken kann.«
    Obwohl er von Frauen so wenig wusste, dass es schauerlich gewesen wäre, den
Umfang dieses Nichtwissens auszumessen, spürte er doch, während Margarets
Antlitz strahlte, eine Lebensenttäuschung in ihr, die sich betäuben wollte und
die ihn entzückte.
 
                                       4
Um jene Zeit starb der Oberoffizial Becker, der seit achtundzwanzig Jahren den
zweiten Stock bewohnt hatte, und als neue Mietspartei zog Doktor Benda mit
seiner Mutter ins Haus.
    Carovius erzählte das Ereignis am Stammtisch, und man konnte ihm dort
verschiedenes über die Herkunft und das Leben Bendas berichten. Es wurde gesagt,
dass die Familie früher reich gewesen, dieses Reichtums im Jahr des grossen Krachs
verlustig gegangen und nun auf eine mässige Wohlhabenheit beschränkt war. Bendas
Vater habe sich damals erschossen, wurde gesagt, und seine Mutter habe ihn nach
den Hochschulen begleitet, an denen er studiert. Der Fiskalrat Korn wollte
gehört haben, dass er trotz seiner Jugend schon bedeutende wissenschaftliche
Arbeiten auf biologischem Gebiet geliefert, dass ihn dies aber nicht ans Ziel
geführt habe.
    An welches Ziel? wurde gefragt. Nun, er habe nach der Professur gestrebt,
und dem sei man entgegengetreten. Warum denn entgegengetreten? Nun, man werde
doch nicht ohne weiters einem Juden das Lehramt an einer Universität übertragen,
das verstehe sich doch von selbst. Das verstehe sich allerdings von selbst,
meinte Herr Carovius, obschon dieser Benda durchaus nicht wie ein Jude aussehe,
eher wie ein Holländer, ein ziemlich fetter Holländer. Er sei zwar nicht ganz
blond, aber auch nicht ganz schwarz, und seine Nase sei so gerade wie ein
Lineal.
    Eben, das sei ja der neue jüdische Kniff, antwortete der Assessor und tat
einen gewaltigen Schluck aus seinem Masskrug; in alten Zeiten hätten sie den
gelben Fleck getragen hätten Geiernasen gehabt und Haare wie die Buschmänner;
heute sei kein Christenmensch mehr sicher, dass er nicht dem einen oder dem
andern gelegentlich mal aufsitze. Dem wurde zugestimmt.
    Herr Carovius legte sich auf die Lauer. Er spähte in den Gesichtern der
neuen Mieter und forschte nach ihrem Umgang. Er wusste, wann sie abends das Licht
auslöschten und am Morgen die Fenster öffneten. Er wusste, wieviel Teppiche sie
besassen, wieviel Fleisch sie verzehrten, wieviel Kohle sie verbrauchten, wieviel
Briefe sie bekamen, welche Spaziergänge sie bevorzugten, welche Personen sie
grüssten und von welchen sie gegrüsst wurden. Zum Überfluss verschafte er sich
alle Schriften, die von Friedrich Benda im Buchhandel erschienen waren und las
im Schweisse seines Angesichts die schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen.
Er ärgerte sich, dass ihm das Urteil darüber fehlte, und hätte jeden umarmt, der
ihm gesagt hätte, es seien nichtswürdige Machwerke.
    Als er einmal im Frühjahr um die Dämmerstunde in den Hof ging, um dem Hunde
Cäsar Futter zu reichen, gewahrte er, emporblickend, seine Schwester Margaret
oben auf der Galerie. Sie sah ihn nicht, sie blickte ebenfalls empor, denn auf
der Galerie im zweiten Stock, schräg ihr gegenüber, stand Friedrich Benda und
erwiderte stumm ein stummes Zeichen, das sie ihm gemacht. Dann schauten sie
einander bloss an, bis Margaret endlich ihren Bruder bemerkte und lautlos hinter
der grünverhangenen Glastür verschwand.
    Oho, dachte Herr Carovius, da geht etwas vor. Eine wohltätige Aufregung
durchrieselte seine Adern.
    Von nun an mied er den Hof. Aber er sass stundenlang jeden Tag in einer
Kammer, von wo er durch einen Spalt zwischen den Gardinen die Fenster und
Galerien genau beobachten konnte. Er entdeckte, dass vom ersten in den zweiten
Stock durch die veränderten Stellungen eines Blumentopfes auf dem Geländer
bestimmte Signale gegeben und dass die Signale erwidert wurden, indem oben ein
gelbes Tuch bald an einem Längs-, bald an einem Querbalken flatterte.
    Bisweilen trat Margaret scheu hervor und sandte einen Blick in die Höhe,
bisweilen kam Benda, blieb an der Brüstung stehen und verlor sich in anscheinend
trübe Gedanken. Beide zusammen ertappte Herr Carovius nur noch ein einziges Mal;
er riss den Fensterflügel auf und steckte das Ohr in die Öffnung, aber da wurde
in einem Nachbarhof eine Kiste zugehämmert, und infolge des Lärms konnte er
nicht verstehen, was sie sagten.
    Seit jenem Tag hatten sie einander keine Signale mehr gegeben und sich auf
den Galerien nicht mehr gezeigt.
    Herr Carovius rieb sich die Hände bei dem Gedanken, dass der majestätische
Andreas Döderlein am Ende gar Hörner aufgesetzt bekäme; aber seine Freude
verringerte sich durch die Vorstellung, dass zwei andere Personen aus diesem
Unternehmen einen Gewinn zogen. Dies durfte nicht sein, dem musste gesteuert
werden.
    So stand er manchmal am Abend in dem schmalen Flur vor seinen Stuben, der
Schlafrock hing ihm faltenreich um den dürren Leib, und die brennende Kerze
tragend, lauschte er in die Stille des Hauses.
    Auch kam es vor, dass er spät in der Nacht mit einer Blendlaterne Schritt um
Schritt die Treppen hinaufging und lauschte, gierig lauschte. Es war etwas in
der Luft, das ihm Kunde zutrug von geheimen und schändlichen Beziehungen.
    Trug es ihm auch Kunde zu von der Verdunkelung in Margarets Geist und Gemüt?
Von ihrer Gewissensangst und dem wachsenden Wahn ihres geschreckten und für
immer gebrochenen Herzens?
    Später erfuhr er von Ausbrüchen törichter Angst um das Leben des Kindes; dass
sie das Kind nicht mehr von ihrer Seite lassen wollte; dass ihr die natürliche
Körperwärme als eine fieberhafte Verfassung erschienen war und dass sie jeden
Morgen an Doroteas Bett gejammert, das Mädchen auf den Arm gehoben, den Puls
befühlt, den Körper in Decken gehüllt hatte und Nacht für Nacht wachend und
betend neben der ruhig Schlummernden gesessen war. So erzählte später die Magd.
    Eines Tages kam Herr Carovius nach Hause und sah einen Krankenwagen und
gaffende Menschen vor dem Tor. Da ging er die Stiege hinauf und hörte ein
dumpfes Wimmern. Margaret wurde von zwei Männern aus der Wohnung geschleppt und
Andreas Döderlein schritt mit anklagendem Gesicht hinterher. Die Zimmertür war
offen, drinnen lagen Scherben von Gläsern und Geschirr, und mitten in den
Scherben sass Dorotea, die Lippen zum Weinen verzogen, die Stirn mit einem Tuch
umbunden. Die Magd stand händeringend auf der Schwelle, und auf einer
Treppenstufe zum zweiten Stock stand bleich und verstört Friedrich Benda.
    Margaret wehrte sich nur noch schwach; ihre Augen flohen zurück und suchten
das Kind. Herr Carovius vergrub die Hände in den Taschen seines Mantels und
folgte der traurigen Karawane bis auf die Strasse. Das arme Weib wurde in die
Irrenanstalt nach Erlangen gebracht.
    Herr Carovius sagte sich, dass hier Schuldige sein mussten, und schwor, dass er
die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wolle. Nicht aus Schmerz, nicht aus
Bruderliebe, sondern aus Hass gegen eine bewegte Welt, in deren Mitte er zur
Unbeweglichkeit verdammt war.
 
                                       5
Von Döderleins Magd war wenig zu erfahren und die Bemühung, aus der kleinen
Dorotea etwas herauszuholen, war ebenfalls fruchtlos. Dorotea war immer mit
sich selbst beschäftigt, mit ihrem Putz, mit ihren Spielen, mit ihren kleinen
Erlebnissen, und sie hörte kaum zu, wenn er sie auf der Stiege anhielt und seine
schlau ersonnenen Fragen stellte.
    Eines Tages fuhr er nach Erlangen, um seine Schwester in der Irrenanstalt zu
besuchen. Möglicherweise, dachte er, gibt sie mir irgendeinen Aufschluss über das
Geheimnis.
    Margaret sass in einem Winkel der Kammer und strählte unaufhörlich ihr
langes, gelbes Haar. Ihr Auge war zu Boden gerichtet, und keine List des Bruders
war imstande, ihr nur ein einziges Wort zu entlocken.
    Der Arzt sagte: »Sie ist ein sanfte Kranke, aber verschlossen und
leidenschaftlich. Sie muss viele Jahre lang unter grossem seelischen Druck gelebt
haben.«
    Als Herr Carovius im Sonnenschein zum Bahnhof wanderte, wurde er zu seinem
Unbehagen gewahr, dass das Bild der schwermütigen Frau von seinem inneren Auge
nicht mehr weichen wollte. Er trank in einer Schenke einen starken
Bauernschnaps. Während der Rückfahrt sass ihm gegenüber ein Mütterchen, das ihn
verständig betrachtete. Beunruhigt vom Menschenblick, setzte er sich auf einen
andern Platz.
    Ich habe Zeit, sagte er sich, als er die Schwierigkeiten erkannt hatte, auf
die er bei seinen Nachforschungen stiess. Es blieb ihm noch übrig, den Doktor
Benda irgendwie zu fassen und auszuhorchen. Er war einmal Zeuge, wie Friedrich
Benda der kleinen Dorotea auf der Stiege begegnete, und die sonderbare
Ängstlichkeit, mit der er dem Kinde auswich, gab ihm zu denken.
    Es sollten Gasröhren gelegt werden und so hatte Carovius als Hausherr einen
Anlass, zu Friedrich Benda zu gehen. Es war die Zeit, wo Benda den letzten
Versuch machen wollte, seine Rechte, die Rechte des Menschen und des Gelehrten,
gegen eine Verschwörung unangreifbarer Feinde durchzusetzen.
    Er war allein zu Hause und führte Herrn Carovius durch den Flurgang in sein
Studierzimmer. Die Wände des Ganges waren, wie die des Zimmers, bis oben hinauf
von Büchern verdeckt. Benda sagte, er sei im Begriff abzureisen, und die
peinliche Artigkeit, mit der er einen Stuhl von Büchern frei machte, der
gespannte Blick dann, mit dem er Herrn Carovius ansah, raubten diesem den Mut zu
allem Scheingerede, und er sprach von den Gasröhren. Mit zwei Worten hatte Benda
die Angelegenheit erledigt und erhob sich.
    Herr Carovius stand ebenfalls auf, nahm aber den Zwicker von der Nase und
putzte mit seinem blitzblauen Taschentuch die Gläser. »Wohin geht die Reise,
wenn man fragen darf?« erkundigte er sich teilnehmend.
    Benda erlaubte sich nie, wegen einer blossen Antipatie einen Menschen
nachlässig zu behandeln, und erwiderte höflich, er gehe nach Kiel, um sich an
der Universität zu habilitieren.
    »Bravo,« rief Herr Carovius, auf einmal in den Ton plumper Vertraulichkeit
fallend, »man muss den Kerlen nur zeigen, dass man keine Bange hat. Bravo.«
    »Ich verstehe Sie nicht ganz,« sagte Benda verwundert, und seine wachsende
Abneigung war bloss an dem sich ängstlich zurückziehenden Auge erkennbar.
    Herr Carovius warf einen Seitenblick voll Falschheit auf den jungen Mann.
»Sie müssen mich nicht für einen ungebildeten Schlüffel halten, mein werter Herr
Doktor,« antwortete er, »anch' io sono pittore. Ich habe unter anderm Ihre
Schrift über die morphogene Leistung der ersten Furchungszellen gelesen.
Donnerwetter! Alle Achtung! Noch keine selbständige Arbeit natürlich, gehört ja
auch zu Ihren frühesten, wenn ich nicht irre, und schliesst sich im Ideengang an
die entwicklungsmechanischen Teorien des vielverlästerten Wilhelm Roux an, aber
Sie gehen immerhin Ihren eigenen Weg. Jawohl, und Sie stecken einem ein
mächtiges Licht auf über die Geheimnisse unseres Herrgotts. Da wird immer von
der Freiheit der Wissenschaft gefaselt. Schöne Freiheit; na, ich danke. Ein
dünkelhaftes Gelichter ist's, weiter nichts, eine brotneidische Sippe. Nur mutig
in den Kampf, Verehrtester, frisch drauf los!«
    Es überraschte Benda, aus dem Mund des Herrn Carovius ein Werk genannt zu
hören, das sonst nur Fachgenossen kannten, aber dies steigerte sein Misstrauen,
statt es zu verringern. Er wusste zu vieles von dem Mann, um ohne Bitterkeit vor
ihm stehen zu können. Es genügte, sich an den schlichten Bericht jener Frau zu
erinnern, deren Jugend er zu einer Einöde und zu einem Kerker gemacht hatte, um
es qualvoll zu empfinden, dass er in demselben Raum mit ihm atmen musste.
    Doch war seiner äusseren Haltung nichts anzumerken. Er antwortete ernst: »Es
ist nicht einfach, mit den Menschen zu leben. Jeder hat seinen Platz und will
ihn behaupten. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihre freundlichen Worte,
aber meine Zeit ist beschränkt, ich habe noch zu tun -«
    »Gewiss, gewiss,« beeilte sich Herr Carovius einzufallen, und sein Gesicht
zeigte ein hämisches Grinsen, »brauchen mich nicht fortzuschicken, ich gehe
schon. Soll um fünf Uhr auf dem Amtsgericht sein. Soll ein Dokument
unterschreiben, den Aufentalt meiner Schwester im Irrenhaus betreffend.
Vermögensverwaltung oder so; weiss der Teufel. Was haben Sie denn zu dem Unglück
gesagt? Sie haben sie doch näher gekannt. Na, na, Doktor, keine Ausflüchte!
Sitzt in der Zelle und kämmt sich das Haar. Haben Sie eine Vermutung, wer sie so
weit gebracht hat? Schliesslich von einer simplen Liebelei wird man nicht
verrückt. Und der Musikschwindler da unten will auch nicht mit der Farbe heraus.
Ach ja, man hat seine Not!«
    Um seine unverschämten Deutlichkeiten abzuschwächen, da er bedauerte und es
als schädlich erkannte, seine Trümpfe zu früh ausgespielt zu haben, lächelte er
skurril, duckte feig den Kopf und heftete die Augen voll banaler Neugier auf
Benda.
    Aber Bendas Blick war gesenkt. Bendas Blick wurde von den Schnallenschuhen
des Herrn Carovius angezogen. Ein eigentümliches Grauen war es, mit dem Benda
die melonengelben Streifen der Strümpfe unter den zu hoch gezogenen Hosen
gewahrte, mit dem er zusah, wie die Schuhe in Bewegung gerieten, wie einer nach
dem andern sich vom Fussboden entfernte und mit dem Absatz voran in hässlicher
Weise, mit einem hässlichen Geräusch niederstapfte.
 
                                       6
Bendas Abwesenheit dauerte kaum ein Jahr. Seine Mutter hatte ihn diesmal nicht
begleitet. Sie kränkelte ein wenig und die Sehkraft ihrer Augen war gefährdet.
    Nach seiner Rückkehr versank er in ein wochenlanges, trübes Schweigen, und
ohne dass zwischen ihm und der Mutter ein Wort über die erlittene Enttäuschung
gewechselt wurde, wusste sie alles, was er erlebt hatte, und schonte ihn, indem
sie gleichfalls schwieg.
    Es bedrückten ihn die Erinnerungen, die das Haus in ihm erweckte. Vergessene
Bilder wurden lebendig, die Gestalt einer Hingemordeten huschte abends über die
Galerien, ihr Schatten schwebte ins Zimmer und schmiegte sich an ihn, während er
an seinem Schreibtisch sass.
    Vieles verband ihn noch mit ihr, deren Geist die Erde verlassen hatte, wenn
auch ihr Körper noch auf der Erde weilte.
    Er vermochte ihren sanften Blick nicht zu vergessen und die Schüchternheit
ihrer Hände nicht. Er kannte ihr Schicksal, er kannte ihre Seele; auch darüber
war er zum Schweigen verurteilt. Schaudernd zurückzuweichen vor der Berührung
der Welt, bis in die tiefste Einsamkeit, das war ihr Los gewesen, und es war
auch seines. Stets sah er sie vor sich, wie der Bruder sie geschildert, in der
Zelle sitzend und ihr gelbes Haar kämmend.
    Er machte niemand verantwortlich, er grollte niemand, er beklagte es nur,
dass die Menschen so waren, wie sie waren.
    Ein ehemaliger Studienkollege besuchte ihn und munterte ihn auf, an einer
grossen wissenschaftlichen Arbeit teilzunehmen. Er verweigerte sich. Als er
wieder allein war, vergegenwärtigte er sich noch einmal das ganze Gespräch.
Trotz des freundlichen Drängens hatte er in dem Wesen des Mannes jene
rätselhafte, unterirdische Feindseligkeit verspürt, der er immer begegnete, wenn
er mit Personen des andern Glaubens und der andern Rasse nicht nur in
geschäftlicher und äusserlicher, sondern auch in einfach menschlicher Art zu
verkehren hatte. Das Geringste, was er zu fürchten hatte, war eine
vorurteilsvolle Fremdheit, als ob der Betreffende ihm zuriefe: ich hüben, du
drüben, auf die Brücke geh nicht.
    Es war ihm dies nur allzu wohlbekannt. Aber dagegen zu kämpfen verwehrte ihm
sein Stolz. Das natürliche Recht des Lebens, die allen zugestandene Freiheit des
Mit-dasein-Dürfens, die Teilnahme am notwendigen und förderlichen Wetteifer der
Kräfte erst erobern, vielleicht gar erbetteln, durch Argumente verteidigen,
durch Politik erlisten zu sollen, das ging wider die Vernunft und die
Billigkeit, darauf verzichtete er.
    Er verzichtete darauf, an einem Tor zu rütteln, das er zuletzt selbst
zugesperrt und verbarrikadiert hatte.
    Jedoch er litt darunter bis zu einem kaum mehr erträglichen Grad. Es war das
Unsinnige und Verlogene dieser Dinge, worunter er litt. Handelten sie so, weil
sie so stark im Glauben waren? Nein. Glaubte er an jene Unterschiede der Rasse,
welche sie glauben machten? Nein. Er fühlte sich heimatlich auf dem Boden, der
ihn nährte, verpflichtet der Not und dem Glück des Volkes, Herz an Herz
geschlossen an ihre Besten und geistig geformt durch ihre Sprache, ihre Ideen
und ihre Ideale.
    Alles andere war Lüge. Sie wussten, dass es Lüge war, aber sie schmiedeten aus
seinem eigenen Stolz eine Waffe gegen ihn. Es war Plan und böser Wille, seine
durch Leistung und Entusiasmus bewiesene Zugehörigkeit zu leugnen und zu
übersehen.
    Bündnisse zu knüpfen, Gleichgesinnte zu suchen und in Verbrüderungen zu
wirken verschmähte er. Er wollte nicht in unfruchtbare und phrasenhafte
Gemeinschaftsbestrebungen gerissen werden, und trotzig und einsam erklärte er
seinen Fall vor sich selbst für einen einzelnen. Da es seinen schmerzlichen
Zustand nicht linderte, sondern verschärfte, wenn er andere, ähnliche Schicksale
mit seinem verglich, unterliess er die Vergleiche wie auch alle Erwägungen, die
dem Verhalten der ihm gegenüberstehenden Welt wenigstens einen Anschein von
Gerechtigkeit geben konnten.
    Dafür wuchs eine Sehnsucht in seiner Brust, die von Tag zu Tag festere
Gestalt annahm und allmählich zu einem bestimmten und unwiderruflichen Entschluss
wurde.
    Um diese Zeit machte er die Bekanntschaft Daniels, und durch ihn wurde er
wieder zu den Menschen geführt. Vom ersten Augenblick an spürte er das Ungemeine
in ihm, ja etwas völlig Neues, das er bis dahin noch nicht erfahren hatte. Schon
seine äussere Bedrängnis forderte zur Tätigkeit auf und seine innere Bewegteit
liess den Mitfühlenden niemals ruhen.
    Ihm zu helfen war nicht leicht; er stiess jede Gabe zurück, der er keine
Leistung entgegenzusetzen hatte. Man musste ihn erst von der Pflicht und
Schuldigkeit überzeugen, die dem Freund am Geschick des Freundes erwächst, und
man musste ihm erlauben, teoretisch undankbar zu sein.
    Es gelang den Anstrengungen Bendas und seiner Mutter, ihm bei einigen
Bürgerfamilien Unterrichtsstunden zu verschaffen. Er musste kleine Knaben und
Mädchen das Klavierspiel lehren, und war der Lohn auch nicht gross, so wurde die
schlimmste Not doch beseitigt.
    Nach der Arbeit des Tages schlossen die Abende und Nächte sie in langem
Beisammensein immer fester aneinander.
 
                                       7
Eines Abends trat Daniel ins Haus und begegnete Herrn Carovius, war aber so in
Gedanken versunken, dass er ihn nicht sah und nicht grüsste. Herr Carovius schaute
ihm zornig nach und kehrte bis an die Stiege zurück, um sich zu vergewissern, zu
wem der junge Mensch ging. Als er ihn im zweiten Stock läuten hörte, bekam sein
Gesicht einen unruhigen Ausdruck und er rieb sich mit der linken Hand das Kinn.
    »An mir vorüber zu gehen wie an einem Klotz,« murmelte er gehässig; »warte
nur, das sollst du mir entgelten, Bursche.«
    Statt das Haus zu verlassen, wie er gewollt, begab er sich wieder in seine
Wohnung, zündete eine Kerze an, trippelte hastig durch drei Zimmer, in denen
alte Schränke und Truhen mit vielen Büchern und Notenheften standen, auch ein
Klavier, und sperrte mit einem Schlüssel, den er in der Tasche trug, einen
vierten Raum auf, der geschlossene Fensterläden und eine seltsame Einrichtung
hatte.
    Er trat an einen Tisch, der fast die ganze Länge des Raumes einnahm, griff
nach einem weissen Zettelchen, setzte sich und schrieb darauf mit roter Tinte:
»Daniel Notaft, Musiker, zwei Monate Zuchtaus.«
    Dann bestrich er den Zettel mit Klebegummi, drückte ihn auf eine hölzerne
Schachtel, die einem Miniatur-Schilderhäuschen ähnlich sah und nagelte mit
kleinen Nägeln einen bereitliegenden Deckel an die Schachtel.
    Auf dem langen Tisch standen mindestens fünf Dutzend solcher Schachteln; die
meisten hatten einen Namenszettel und waren mit kleinen Nägeln zugenagelt.
    Das stets versperrte Zimmer nannte Herr Carovius sein Gerichtszimmer; was er
darin trieb, nannte er die Regulierung seines Verhältnisses zur Menschheit, und
die Sammlung kleiner Holzzellen nannte er sein Zuchtaus. Jeder Mensch, der ihn
beleidigt, gekränkt, gedemütigt oder übervorteilt hatte, bekam ein solches
Verliess, in welchem er im Bilde so lange schmachten musste, bis die Zeit, dem
Urteil gemäss, verstrichen war.
    Damit nicht genug. Auf dem mittleren Teil des Tisches befanden sich lauter
winzige Sandhügelchen, etwa dreissig an Zahl, deren jedes ein winziges Holzkreuz
mit einem winzigen Namenszettel trug. Das war der Kirchhof des Herrn Carovius,
und die im Bilde hier Begrabenen waren, obgleich sie ganz gesund und munter auf
der Erde wanderten, gestorbene Leute für ihn. Es waren Leute, deren irdische
Laufbahn für ihn erledigt war und unter deren Sündenkonto er einen Strich
gemacht hatte. Leute wie Richard Wagner und seine Helfershelfer; sodann ein
Papierhändler, dem er vor vielen Jahren Geld geliehen hatte und der
durchgebrannt war, ferner einige Verfasser von schlechten Büchern, die viel
gelesen wurden, oder von Büchern, die er verabscheute, ohne sie selbst gelesen
zu haben, wie die des Herrn Zola in Paris.
    Aber noch eine dritte Abteilung hatte der Tisch, und das war die sogenannte
Akademie. Die Akademie war ein durch ein Drahtgitter umzäuntes Gebiet, innerhalb
dessen etwa zwölf bis fünfzehn regelmässige Felder mit schöner grüner Farbe
angestrichen waren. In der Mitte jedes Feldes erhob sich ein zwei Zoll hohes
Holzstäbchen und in der Mitte jedes Stäbchens wieder war eine Namenstafel
gefestigt. An der Spitze einiger von diesen Stäbchen hingen kleine, aus Stoff
geschnittene grüne Fähnchen.
    Herr Carovius besass nämlich eine Schwäche für den Umgang mit
aristokratischen Personen. Er bewunderte insgeheim die Manieren dieser Leute,
ihre Art von Gleichgültigkeit und Selbstbewusstsein, ihre unumstösslichen
Traditionen, ihre geräuschlose und harmonische Lebensführung. Auf den Stäbchen
der Akademie nun waren die Namen der vornehmsten und ausgezeichnetsten Familien
der Stadt angebracht, wie die der Tucher, der Haller, der Humbser, der
Kramer-Klett, der Auffenberg. Wenn es Herrn Carovius gelungen war, mit einem
Mitglied einer dieser Familien bekannt zu werden, so hisste er auf der Spitze des
betreffenden Stäbchens die grüne Fahne.
    Ungeachtet allen Strebens hatte er im Lauf der Zeiten nur drei Fahnen
aufpflanzen können, aber die hierdurch verkündeten Beziehungen waren recht
flüchtig und zufällig und ohne erspriessliche Folgen. Ein von dem und jenem
bemerkter Gruss auf der Strasse oder im Konzert war alles, was erreicht werden
konnte, und die Akademie zeigte im Gegensatz zum Zuchtaus und zum Kirchhof eine
klägliche Verödung. Bis eines Tages der Auffenbergsche Fähnlein an die Spitze
seines Mastes stieg; da schien es Herrn Carovius, als ob der Akademie eine grosse
Zukunft sicher sei.
 
                                       8
Der Maler Krapotkin hatte einmal den Auftrag bekommen, ein Holbeinsches Bild für
den Freiherrn Siegmund von Auffenberg zu kopieren. Er machte das Bild nicht
fertig, seine Fähigkeiten waren zu gering, aber er hatte damals den jungen Baron
Eberhard kennen gelernt und führte ihn dann, Jahre später, nach einer
gelegentlichen Begegnung, zu den Sumpfbrüdern ins Paradieschen.
    Nicht lange sah man Eberhard dort; so plötzlich, wie er aufgetaucht war,
verschwand er wieder. Aber die kurze Zeit genügte Herrn Carovius, in vertraute
Beziehungen zu ihm zu treten.
    Als er zum erstenmal mit ihm an einem Tisch sass, war er den ganzen Abend
hindurch erregt und von einer milden geistigen Glut überstrahlt. Seine Stimme
klang süss und seine Behauptungen waren von angenehmer Mässigung.
    Er lenkte das Gespräch auf die Vorzüge der Geburt und rühmte die Distinktion
der erb-eingesessenen Geschlechter als ein volkserziehendes Element. Die
Sumpfbrüder höhnten, Herr Carovius schlug sie mit einem vernichtenden Witz.
    Eberhard von Auffenberg verschanzte sich bei dem Lobgesang hinter einem
griesgrämigen Schweigen. Trotzdem Herr Carovius auch fernerhin jeden Anlass
benutzte, um dem jungen Edelmann in pfiffig-feiner Weise zu schmeicheln, kam er
zu keinem Ziel. Höchstens, dass Eberhard sein Drosselbartkinn in die Luft steckte
und eine sarkastische Bemerkung fallen liess. Alles Scharwenzeln war umsonst.
    Eines Nachts jedoch fügte es sich, dass die beiden den Nachhauseweg
gemeinschaftlich antraten, d.h. Herr Carovius ging dem Freiherrn nicht von der
Seite. Der bisherigen Taktik überdrüssig, wollte er sein Glück einmal auf eine
andere Art versuchen. Er spottete über den Hochmut einer gewissen Kaste, die
einen Mann seinesgleichen geringer einzuschätzen wage als irgendeinen Stiesel,
dessen Taschentuch eine gestickte Krone aufweise.
    »Was sind Sie, was für einen Beruf haben Sie?« fragte Eberhard von
Auffenberg.
    »Ich tue nichts,« antwortete Herr Carovius.
    »Gar nichts? Das ist immerhin sympatisch.«
    »Ich treibe ein bisschen Musik,« setzte Herr Carovius hinzu, entzückt von der
Wissbegier des Freiherrn.
    »Na, sehen Sie, das ist doch etwas,« sagte dieser; »ich meinerseits bin
unmusikalisch wie ein Schiessgewehr. Aber, wenn Sie sonst nichts treiben als
Musik, und, wie es scheint, zu Ihrem Vergnügen, müssen Sie doch eine Menge Moos
haben«
    Herr Carovius wand sich. Die Angst, die er davor hatte, für einen reichen
Mann gehalten zu werden, kämpfte mit dem eitlen Bestreben, vor dem jungen
Freiherrn etwas zu sein und zu gelten. »Es geht an,« bemerkte er kichernd, »es
geht an.«
    »Schön; wenn Sie mir zehntausend Mark verschaffen können, will ich Ihnen mit
Vergnügen die Krone auf meinem Taschentuch verehren,« sagte Eberhard von
Auffenberg.
    Herr Carovius blieb stehen und riss Mund und Augen auf. »Sie belieben zu
scherzen, Herr Baron,« stammelte er. Und als Eberhard den Kopf schüttelte, fuhr
er fort, und das Erstaunen trieb seine Stimme in die höchsten Lagen: »Aber
Geehrtester! Ihr Herr Vater hat ausgewiesenermassen ein Einkommen von einer
halben Million! Ein Einkommen!«
    »Von meinem Vater ist hier nicht die Rede,« antwortete Eberhard kalt und
stiess das Drosselbartkinn in die Luft. »Es gehört offenbar zu Ihren heraldischen
Vorurteilen, dass Sie das Einkommen meines Vaters in meinen Beutel praktizieren
wollen.«
    Sie standen unter einer Gaslaterne am Hallertor. Der Regen rieselte vom
Himmel und sie hatten die Schirme aufgespannt. Die Nacht war still, es war auch
schon spät; weit und breit war kein Mensch zu sehen. Carovius schaute den
gravitätisch verdrossenen jungen Mann an, der junge Mann schaute den verlegen
grinsenden Carovius an und keiner wusste, wie er den andern nehmen sollte.
    »Sie wundern sich,« begann Eberhard wieder; »Sie wundern sich mit Recht. Ich
stecke als ein unzufriedener Gast in meiner Haut, dessen kann ich Sie
versichern. Ich bin so missgeboren wie nur irgendein Geschöpf, das zu viel
Überflüssiges und zu wenig Notwendiges mitbekommen hat. Es sind da Geheimnisse;
aussen sind Geheimnisse an mir. Innen ist nichts; innen ist abgestandene, tote
Luft.«
    Er stierte zu Boden und es war, wie wenn er mit sich selbst spräche, wie
wenn er vergessen hätte, dass ihm jemand zuhörte, als er fortfuhr: »Haben sie
schon in alten Kirchen alte Ritter, in Stein gemeisselte alte Ritter gesehen? So
bin ich. Mir ist, als ob ich der Vater meines Vaters wäre, und als ob er mich
lebendig hätte begraben lassen und ein böser Geist hätte mich versteinert und
meine Hände lägen auf der Brust gekreuzt und könnten sich nicht rühren. Ich bin
aufgewachsen mit einer Schwester und ich sehe sie, als wär's gestern gewesen,«
hier nahm sein Gesicht einen Ausdruck phantastischer Greisenhaftigkeit an,
»zierlich und unschuldig und stolz durch einen Saal gehen, mit Rosen in der
Hand. Sie ist an einen Rittmeister verheiratet, einen Kerl, der seine Soldaten
wie Negersklaven behandelt und den Gruss eines Bürgers nur erwidert, wenn er
besoffen ist. Sie musste ihn heiraten. Ich konnte es nicht hindern. Jemand hat
sie gezwungen. Und wenn sie jetzt Rosen trägt, ist es, wie wenn ein Leichnam
Lieder singt.«
    Herrn Carovius war es nicht geheuer zumut. Solche Worte war er nicht gewohnt
zu hören. Dort wo er zu Hause war, nannte man die Dinge deutlicher beim Namen.
Er spitzte die Ohren und machte ein unbehagliches Gesicht. Es ist seine
Erziehung, die ihn so sprechen heisst, dachte er, die Gemälde, die er beständig
vor sich sieht, die goldlehnigen Stühle, auf denen er sitzt.
    Ich werde auch auf solchen Stühlen sitzen, frohlockte es in ihm, werde auch
die Gemälde sehen. Und er sah sich zwischen Baron und Baronin durch ein Spalier
von betressten Dienern unter die neidische Menge vor dem Portal schreiten. Der
junge Freiherr aber ging als heimgekehrter verlorener Sohn reumütig hinterdrein.
    Man müsse eine Sicherheit haben, sagte Carovius; ob der Herr Baron majorenn
sei. Er habe vor kurzem das einundzwanzigste Jahr vollendet, antwortete
Eberhard; er habe jedoch Gründe, die ihn bestimmten, ohne die Unterstützung
seiner Familie zu leben und auf alle Vermögensrechte bis auf einen gewissen
Zeitpunkt zu verzichten. Hauptsächlich sei ihm daran gelegen, dem Verkehr mit
berufsmässigen Geldverleihern auszuweichen.
    Ein sehr ernster Fall, äusserte sich Herr Carovius; er verstehe; o, er
verstehe sehr gut; auch sei er zu allem bereit, doch müsse ihm klarer Wein
eingeschenkt werden. Er sagte dies in einem Ton, als hielte er ein Glas
Johannisberger in den Regen hinaus und schnüffelte mit seinen Nüstern.
    »Ich bin verschwiegen,« sagte er; »ich bin äusserst verschwiegen.« Er sah den
Freiherrn zärtlich an.
    Der junge Freiherr nickte.
    »Wer einen Purpur trägt, wird überall erkannt,« fuhr Herr Carovius
sententiös fort, »und wirft man den Purpur ab, so braucht man verschwiegene
Freunde. Ich bin verschwiegen.«
    Der Freiherr nickte abermals. »Wenn Sie erlauben, werde ich Sie an einem der
nächsten Tage aufsuchen,« beendete er das Gespräch.
    Er entfernte sich mit steifen, missvergnügten Schritten gegen die Allee,
während Herr Carovius, eine Arie aus dem Barbier von Sevilla summend, die sich
verengende Gasse hinuntertrippelte.
 
                                       9
Herr Carovius wartete Tag um Tag vergebens.
    Als die Woche um war, argwöhnte er, er sei zum besten gehalten, und es
ergriff ihn eine tückische Wut, die sich Luft verschaffen musste. Eines Morgens
verliess er seine Wohnung, da standen im Hausflur zwei mit Milch gefüllte Kannen,
eine für den ersten Stock und eine für den zweiten Stock. Das Milchmädchen hatte
sie einstweilen hier niedergestellt und war ins Nachbarhaus gegangen. Herr
Carovius holte eine Essigflasche aus der Rumpelkammer, die ihm zugleich als
Küche diente, spähte vorsichtig umher und schüttete den Inhalt der Flasche,
gleichmässig verteilt, in die beiden Milchgefässe.
    Zwei Tage vergingen, da beschloss er, dem Hunde Cäsar nichts mehr zu fressen
zu geben, damit er alle in der Nachbarschaft wohnenden Leute durch sein Geheul
erschrecken sollte. So kam es auch, der Hund heulte die Nächte hindurch zum
Steinerweichen und die Leute konnten nicht schlafen. Andreas Döderlein schickte
auf die Polizei, aber es wurde gesagt, man könne dem nicht abhelfen.
    Herr Carovius lag in seinem Bett und freute sich, dass die Menschen nicht
schlafen konnten. Er verliebte sich in die Vorstellung, dass man vielleicht
vermittelst einer ingeniösen Erfindung einer ganzen Stadt, einer ganzen Nation
den Schlaf zu rauben vermöchte und dass man dann bei Tag unter ihnen herumging
als der Austeiler und Entzieher alles auf der Welt vorhandenen Schlafs und sie
hinsiechen lassen konnte, wenn man Lust hatte, hinsiechen, verfallen und
verdorren.
    Wie nun der Hund Cäsar genügend wild geworden schien, da machte sich Herr
Carovius daran, ihn von der Kette zu lösen. Es war gegen Abend, er näherte sich
dem Tier von hinten, öffnete das Kettenschloss und der Hund rannte wie toll durch
den Hof, durch das Haus und auf die Strasse.
    Nun geschah es, dass gerade in diesem Augenblick der junge Freiherr von
Auffenberg ins Haus treten wollte, um Herrn Carovius den versprochenen Besuch
abzustatten. Er prallte vor der Bestie zurück, das Tier sprang ihm aber doch
gegen den Leib und der lange Mensch stürzte auf das Pflaster. Cäsar setzte über
ihn hinweg, raste in die offenstehende Tür eines nahegelegenen Metzgerladens und
riss in seinem Heisshunger ein mächtiges Stück Fleisch vom Hackpflock.
    Herr Carovius, um zu sehen, was der Hund für Schaden anrichten würde, eilte
mit einer Miene heuchlerischen Entsetzens, als ob ihm die Dogge entkommen wäre,
ans Tor, und da sah er nun, wie der Baron sich mühsam von der Erde erhob und auf
ihn zuhinkte.
    Jetzt war sein Entsetzen unverstellt. Mit dem Eifer eines Lakaien bückte er
sich nach dem Hut des Freiherrn, rieb den Schmutz ab, stammelte
Entschuldigungen, starrte klagend gen Himmel, bürstete mit der Hand an Eberhards
Hosenbein herum, derweil kam der Hund zurück, den Klumpen Fleisch im Maul, und
der Metzger kam vor den Laden und drohte mit der Faust und der Metzgerlehrling
steckte zwei Finger in die Zähne und tat einen gellenden Pfiff, und die Polizei
erschien und Herr Carovius musste das Fleisch bezahlen.
    Sodann geleitete er den Freiherrn mit sanften Erkundigungen nach dessen
Befinden in seine Wohnstube, und da Baron Eberhard etwas betäubt war von dem
Fall, begehrte er, sich einige Minuten auf das Kanapee legen zu dürfen, ein
Verlangen, das Herr Carovius mit einem grossen Aufwand an liebevollen Seufzern
und bedauernden Ausrufen billigte.
    Während nun der Freiherr auf dem Kanapee lag, um seine Lebensgeister wieder
zu sammeln, setzte sich Herr Carovius aus Klavier und spielte mit innigem
Augenaufschlag und bedeutender Fingerfertigkeit das Rondo aus der As-dur-Sonate
von Weber.
    Darnach erst begannen die Verhandlungen.
 
                       Inspektor Jordan und seine Kinder
                                       1
Benno Jordan hatte in der Prima des Gymnasiums schlimme Streiche gemacht, auch
hatte er erklärt, die Tyrannei der Schule nicht länger ertragen zu wollen und
zum Studieren keine Lust zu haben. Er war ein eigenwilliger Charakter, mit einem
starken Hang zur Geselligkeit. Er gab viel auf seine Kleider und war eitel auf
sein hübsches Gesicht.
    Nach zahlreichen Unterredungen mit dem Siebzehnjährigen entschloss sich der
Inspektor, ihn beim inneren Dienst der Prudentia unterzubringen. Er sprach mit
dem Generalagenten darüber, und Alfons Diruf willigte ein. Benno trat seinen
Posten mit einem Monatsgehalt von fünfzig Mark an.
    Wenn der Inspektor abends nach Hause kam, musste er von Lenore hören, Benno
habe sich mit seinen Freunden verabredet, und sie sässen im Alfasgarten; oder in
der Wolfsschlucht; oder im Café Merkur, wo an diesem Tag das Orchestrion
spielte, eine damals neue Erfindung.
    »Was doch jetzt für ein Geschlecht heranwächst,« sagte der Inspektor dann
bekümmert; »die ganze Absicht geht aufs Geniessen. Du lieber Gott, geniessen! Mein
Lebelang habe ich nicht genossen.«
    In Sorge über Bennos Führung ging er zum Bureauchef Zittel. Das wachsbleiche
Männchen äusserte sich sehr anerkennend über den Neuling. Zufrieden drückte der
Inspektor dem Oberhaupt der Schreiber die Hand. Aber bald erwachte wieder die
Unruhe in ihm, denn trotz der liebenswürdigen Aussenseite spürte er in seinem
Sohn das morsche Fundament.
 
                                       2
Alfons Diruf war fett und finster. Er trug Anzüge nach Pariser Schnitt, und am
Goldfinger seiner linken Hand befand sich ein feuerstrahlender Solitär.
    Seit die Gesellschaft Prudentia die sogenannte Arbeiter-Assekuranz
eingeführt hatte, standen fünfundzwanzigtausend Schreiber mehr als früher in
ihrem Sold, und Diruf befehligte für seinen Teil sieben Dutzend. Diese sieben
Dutzend sassen bleich und schweigsam in drei Sälen eines Hauses in der Fürter
Strasse, indes er selbst in seinem Privatkabinett weilte, das dem Boudoir einer
Modedame glich, blaue Damastvorhänge, eine badende Nymphe von Tumann hatte und
nach Moschus roch.
    Drei- bis viermal im Verlauf eines Tages verliess er das schöne Retiro und
wandelte mit der Miene tiefen Ekels durch die Säle. Da duckten sich alle Köpfe,
alle Hände huschten flinker über das Papier, alle Füsse hörten auf, zu scharren,
und jedes Flüstern erstarb.
    Es hatte den Anschein, als verachte er sein Amt, aber in Wahrheit liebte er
es. Er liebte die Schreiber um ihres sklavischen Gehorsams und ihrer
verhungerten Gesichter willen. Er liebte sie dafür, dass sie jeden Morgen
pünktlich kamen, jeden Abend müde gingen und Tag um Tag, Jahr um Jahr dasassen
und schrieben, schrieben, schrieben.
    Er liebte die Inspektoren dafür, dass sie Tag um Tag und Jahr um Jahr sich
einem elenden Lohn zuliebe plagten. Er liebte die Hunderte von Agenten und
Unteragenten, die es der Gesellschaft möglich machten, täglich Hunderte von
Policen auszustellen. Er liebte ihre schmutzigen Kleider und Stiefel; ihre
provisionslüsternen Blicke, ihre doppelzüngigen Reden und ihre traurigen
Physiognomien.
    Das Lockmittel der Arbeiter-Assekuranz waren kleine Versicherungssummen und
kleine Prämien. Dadurch sollte der kleine Mann zur Sparsamkeit erzogen werden;
die Regel aber war, dass der kleine Mann zu spät, wenn er sich durch Vertrag
gebunden hatte, erfahren musste, dass der Agent mehr versprochen hatte, als die
Gesellschaft halten konnte. Er verlor den Glauben, der karge Wochenlohn liess ihm
nicht immer so viel übrig, dass er die Prämie regelmässig zu zahlen vermochte, mit
jeder Woche wurde es schwerer, das Versäumnis nachzuholen, und endlich hatte die
Police keine Wirkungskraft mehr. Alles Geld, das er gezahlt hatte, war
verfallen.
    So gelangte die Gesellschaft in den Besitz von Millionen. Es waren die
Pfennige der Ärmsten, aus denen sich diese Millionen ansammelten; die Pfennige
der Ärmsten, die die Dividenden in die Höhe trieben, das Heer der Schreiber
beständig vergrösserten und die Beutel der Agenten füllten.
    Die Agenten wurden unter dem Abschaum der bürgerlichen Welt geworben. Da
waren Bankrotteure und verbummelte Studenten, Spieler und Trinker, Invaliden und
Armenhäusler, vom Unglück Verfolgte und vom Verbrechen Gezeichnete. Keiner war
zu gering, keiner zu schlecht.
    Weil jedoch Alfons Diruf sah, dass es dem Ruf der Gesellschaft förderlich
war, wenn er einige angesehene Bürger neben den Auswürflingen hatte, so ging er
hin und warb in eigener Person Werber. Er kam auch zu Jason Philipp
Schimmelweis.
    »Es ist eine Goldgrube,« sagte er; »Sie arbeiten für einen idealen Zweck und
haben einen sehr realen Nutzen. Ideale, die einem nichts eintragen, sind ohnehin
blödsinnig.« Und er blies den Rauch seiner Havannazigarre durch die Nüstern.
    Jason Philipp begriff. Es war unnötig, dem Volksmann und dem Politiker in
ihm noch besonders zu schmeicheln. Er lief sich für die Arbeiter-Assekuranz die
Beine müd, und Alfons Diruf liebte nun auch den sozialistischen Buchhändler in
seiner Art.
    Da sah aber Inspektor Jordan, dass die zahllosen Provisionstiger ihm sein
Arbeitsfeld verwüsteten und seine Kunden im wohlhabenden Bürgertum misstrauisch
machten. Er erlahmte, und das Direktorium sandte wegen seiner abnehmenden
Leistungsfähigkeit an Alfons Diruf tadelnde Memoranden.
 
                                       3
Daniel war seiner Mansarde und der Bürstenmacherin Hadebusch überdrüssig
geworden und kündigte das Logis. Frau Hadebusch, in einer Duftwolke von
gesottenem Kraut stehend, zeterte über die Undankbarkeit der Welt. Ihr Geschrei
lockte Herrn Francke und den Metodisten aus ihren warmen Löchern, auch der
Bürstenmacher und der idiotische Sohn traten auf den spärlich beleuchteten
Vorplatz, und Daniel stand wie ein armer Sünder vor den fünf Hogartschen
Gestalten.
    Er suchte in der Marienvorstadt, aber da war alles zu teuer, dann vorm Neuen
Tor, da fand er nichts, dann in Sankt Johannis, da gefiel es ihm am besten. Am
späten Nachmittag kam er an ein Haus in der langen Zeile, und am Gartentor hing
ein Vermietungszettel.
    Er läutete an einem schmiedeeisernen Glockenzug, und ein hübsches
Dienstmädchen führte ihn in ein Zimmer. Durch das Fenster konnte er in einen
Garten mit alten Bäumen blicken. Ein ältliches Fräulein kam und lächelte über
sein Wohlgefallen an dem Zimmer.
    »Ich muss erst mit meiner Schwester sprechen,« flüsterte sie auf seine Frage
nach dem Preis.
    Sie rief in den Flur, da kam die Schwester, ein ebenso ältliches und ebenso
freundliches Fräulein. Sie hielten flüsternd Rat und erklärten dann, sie müssten
Albertine fragen. Albertine war die dritte Schwester, und die erste trippelte
zur Türe und rief mit gespitzten Lippen den Namen so geziert in den langen Flur
wie den der zweiten, die Jasmine hiess.
    Albertine war die jüngste von den Dreien, etwa vierzig Jahre alt. Doch sie
hatte vergessen, und auch Jasmine und Salome hatten es vergessen, zwanzig vom
Kalender zu streichen; sie zeigten sich alle drei noch in der ersten
jugendlichen Anmut.
    Errötend betrachtete Albertine den jungen Mann, und ihre Schamhaftigkeit
bewirkte, dass die zwei Schwestern gleichfalls erröteten. Sie sagte zu Daniel,
sie seien die Schwestern Rüdiger. Darauf schwieg sie und schaute zu Boden, als
ob sie damit ihr ganzes Schicksal verraten hatte. Dann sagte sie, sie hätten
sich entschlossen, das Zimmer einem vertrauenswürdigen Herrn zu überlassen, weil
kürzlich in der Nachbarschaft verschiedentliche Diebstähle vorgekommen seien und
sie ausser dem Gärtnerburschen noch die schützende Gegenwart eines Mannes
wünschten. Sie hatten schon einige Leute abgewiesen, deren Gesicht und Benehmen
ihnen missfielen, denn ohne sich vorher zu verständigen, waren sie stets und über
alles der gleichen Meinung.
    Nun fragte Fräulein Salome, welchen Beruf der junge Herr ausübe. Daniel
erwiderte, er sei Musiker. Ein Ach der Überraschung tönte ihm aus den drei
Kehlen entgegen. Ob er ein Sänger sei oder ein Geiger? fragte Fräulein Jasmine.
Keines von beiden, er sei Komponist, oder wolle es wenigstens werden.
    Da vergeistigten sich die Blicke der drei Damen, und sie sahen einander so
ähnlich wie Drillinge. Ein schaffender Künstler also? Ja, wenn sie es so
ausdrücken wollten, ein schaffender Künstler, versetzte Daniel trocken.
    Sie trippelten in die Ecke wie die Spatzen und hielten nun Rat zu dreien.
Fräulein Salome, zur Sprecherin erkoren, wollte wissen, ob ein monatlicher Zins
von zwölf Mark eine zu hohe Forderung sei. Nein, die Forderung sei nicht zu
hoch, antwortete Daniel, ohne sich zu besinnen, und drückte den drei Schwestern
die Hände. Fräulein Jasmine fügte hinzu, dass es dem Herrn freistehe, sich des
Klaviers zu bedienen, welches im Erdgeschoss untergebracht sei und nur gestimmt
werden müsse. Daniel drückte ihr noch einmal und mit besonderer Wärme die Hand.
Aus Freude war er täppisch zutraulich geworden.
    Ehe er das Haus verliess, stellte er sich im Garten unter einen Baum. Endlich
wieder ein Baum für mich, dachte er. In der Krone sang eine frühe Amsel. Das
Dienstmädchen Meta schaute vom Tor aus, wo sie wartete, erstaunt herüber.
    Fräulein Albertine sagte zu ihren Schwestern: »Er sieht interessant aus,
aber er hat schlechte Manieren.«
    »Seine Kleider sind schmutzig, man muss sie reinigen,« sagte Fräulein Salome.
    »Künstler legen kein Gewicht auf Äusserlichkeiten,« erklärte Fräulein Jasmine
sinnend.
    »Ein grosser Irrtum,« widersprach Fräulein Salome gedankenvoll; »Er war stets
wie aus dem Ei geschält. Erinnert ihr euch?«
    Die beiden andern nickten. Hierauf wandelten sie Arm in Arm über die
Gartenwege.
 
                                       4
Daniel stand auf dem Obstmarkt vor dem Gänsemännchen-Brunnen und verzehrte ein
paar Äpfel.
    Die Sonne schien, und er bemerkte, dass der Schatten der Brunnenfigur langsam
unter ihm wegrückte, gegen die Kirche hin. Es machte ihn traurig, zu sehen, dass
die Zeit verging und wie sie verging. Als er sich aber umdrehte und das bronzene
Männchen so gleichmütig und zuversichtlich mit seinen zwei Gänsen unter den
Armen stehen sah, musste er lachen.
    Was ihn lachen machte, war einesteils die Ruhe des Männchens, dies Abwarten
und beständige Da-Sein, andernteils der Gedanke, dass einer so zufrieden aussehen
konnte wegen zweier Gänse.
 
                                       5
Von einer Unterrichtsstunde nach Hause gehend, begegnete er eines Nachmittags
Lenore Jordan. Er erzählte ihr von seiner neuen Wohnung und von den drei
sonderbaren Wesen in dem Haus in der langen Zeile.
    Lenore hatte von ihnen gehört. Sie sagte, es seien die Töchter des Geometers
Rüdiger, der vor Jahr und Tag die Stadt verlassen habe, weil er einen Streit mit
den Bürgern oder nur mit einer Gilde gehabt. Das Bild eines Malers sei der Anlass
gewesen, mehr wisse sie nicht, nur dass der Geometer dann bei einem Bergsturz in
der Schweiz ums Leben gekommen sei. Die Schwestern aber seien Spottfiguren in
der Stadt und zeigten sich ausserhalb des Hauses fast nur, wenn sie an bestimmten
Tagen auf den nahgelegenen Johanniskirchhof gingen, um das Grab jenes Malers zu
schmücken.
    Daniel hörte kaum zu. Sie standen bei der Sebalderkirche, und die Glocken
fingen an zu läuten. »Prachtvoll,« murmelte er, »aufsteigender Dreiklang in A.«
    Lenore erkundigte sich, wie es Daniel gehe und blickte in sein eingefallenes
Gesicht mit Bedauern. Ihr starker, blauer Blick war ihm unbehaglich, und er
wunderte sich, dass sie die Lider so selten senkte. Er sagte, es gehe ihm gut,
und sie lächelte.
    »Schauderhaft, dass man so ein Untier im Leibe hat, das immer gefüttert
werden will,« sagte er. »Sonst könnte man ja durch alle Himmel stürmen und den
Engeln ihre Gesänge ablauschen. Es soll nicht sein. Erst müssen sich die Flügel
wund flattern, bis die Kette reisst, am Ende haben sie dann die Äterkraft nicht
mehr.«
    Er zog sein Gesicht zusammen, dass es den bösen Affenausdruck bekam. »Aber
ich will's auskosten,« schloss er. »Will sehen, ob mich der Herrgott als Niete
oder als Treffer aus dem Kasten seiner Lose zieht.« Er konnte sehr beredt sein,
wenn er von sich selber sprach.
    Lenore lächelte. Man musste ein wenig Ordnung in sein Leben bringen, das war
alles, was ihr nötig schien. Sie nahm sich vor, nachzusehen, wie er sich in
seinem Zimmer eingerichtet hatte.
    In der Tetzelstrasse trafen sie den Inspektor. Als Jordan an der Seite der
geliebten Tochter ging, wollte es ihm scheinen, als seien die grauen Mauern und
verwitterten Steine der Häuser nicht mehr so erdenhaft und zeitenschwer. Lenore
blickte aber wunderlich versunken in den Westen, wo purpurrot die Sonne
unterging. In manchen Stunden regte sich's in ihr wie Heimweh nach einem
schöneren Land.
    Sie dachte an Italien, und ihr Geist träumte die Bilder sonniger
Meeresbuchten, blühender Haine und weisser Statuen.
    Daniel ging indessen gegen die Füll. Arbeiter kamen von der Vorstadt her,
und in ihren müden Gesichtern wollte er seine Welt erkennen. Ach, seufzte es in
ihm, ich möchte näher zu den Sternen, möchte verlässlichere Herzen kennen als
auch meines ist.
    Da leuchtete von Bendas Wohnung herab Bendas Fenster im Lampenlicht, und er
schämte sich.
 
                                       6
Als Lenore das erstemal Daniel besuchte, war es schon Abend. Sie hörte das
Klavier und das durchdringende Krähen von Daniels Stimme von weitem. In der
Tiefe des Flurs sah sie drei weisse Gestalten, eng aneinandergeschmiegt wie
Hühner auf einer Stange.
    Es waren die Schwestern Rüdiger, die dem Schaffen des Künstlers lauschen
wollten. Sie verstanden es so im niedern und im hohen Sinn, dass sie dem Schaffen
lauschten. Als Lenore über dem Stiegenrand sichtbar wurde, erschraken sie und
raschelten davon.
    Die drei ältlichen Herzen mochten stürmisch klopfen. An diesem Abend hatten
sie keine Lust mehr, Jasmine zuzuhören, an der die Reihe war, Rückerts Makamen
vorzulesen.
    »Es schickt sich nicht,« sagten sie immer wieder. Eine sagte es der andern,
wenn sie an Lenores Kommen zu Daniel dachten: »Es schickt sich nicht.« Auch das
Dienstmädchen Meta war dieser Ansicht.
    Während Daniel weiterspielte und ihr bloss zunickte, fiel Lenores Blick
sogleich auf die Maske der Zingarella. Sie trat hin und nahm die Maske vom Nagel
an der Wand. Sie versenkte sich schweigend in den Anblick des Gebildes. Ihr
Innerstes wurde berührt.
    Daniel hatte sich indes vom Klavier erhoben, und ein lauter Zuruf von ihm
liess sie zusammenfahren. »In des Teufels Namen, was treiben Sie?« fuhr er sie
ärgerlich an. Er nahm die Maske, die sie so leicht und bebend hielt, aus ihren
Händen und hing sie mit zärtlicher Sorgfalt wieder an den Nagel.
    Gleich schossen dem empfindlichen Kind die Tränen in die Augen, und sie
kehrte sich ab, um ihr Gesicht zu verbergen. Daniel blieb mürrisch, hätte aber
doch seine Grobheit gern wieder gut gemacht. Er brachte ein halbzerfetztes Buch
herbei, das er wie ein Heiligtum behandelte, und erbot sich, es ihr zu leihen.
Es war eine Übersetzung des schönen alten Romans Manon Lescaut.
    Lenore stellte sich aber nun häufig nach Bureauschluss ein, blieb nicht
lange, damit man zu Hause nicht unruhig würde, aber in der kurzen Zeit hatte sie
doch immer etwas zu richten und zu ordnen, die Papiere auf dem Tisch, die Noten
im Ständer.
    Sie lernte auch Benda kennen, und dieser gewann sie lieb. In ihrer Gegenwart
wurde ihm wohl, und er begriff nicht, dass Daniel nicht ebenso empfand. Er schien
gar keine Augen für Lenore zu haben. Glich er doch einem Menschen, der einen mit
Eiern gefüllten Korb trägt und nur darauf achtet, dass ihm kein Ei herausfällt
und zerbricht.
    An manchen Abenden begleiteten die Freunde das Mädchen nach Hause. Daniel
sprach immer von sich, und Benda hörte lächelnd zu, oder Benda sprach von
Daniel, und Daniel hörte ernstaft zu.
    Die Leute sagten von Lenore: jetzt zieht sie schon mit Dreien herum, erst
war's der Freiherr allein. Da wird man noch was erleben.
    Hin und wieder fiel ein Fetzen des lumpigen Geredes auf Lenores Weg, aber
sie ging arglos vorüber. Aus der gläsernen Kugel blickte sie kühl und heiter in
die Welt, und sie wusste die Blicke der Verleumder nicht zu deuten.
 
                                       7
Benda hätte Daniels Gesicht in der Finsternis zeichnen können: die runde Stirn,
die spitzige, kleine, störrische Nase, den hart verkniffenen Mund, das eckige
Musikantenkinn und die tiefen Gruben in den Wangen.
    Er wusste nichts vom Musiker. Wie alle Gelehrten hatte er stets ein Misstrauen
gegen die übermächtigen Einflüsse der Kunst gehegt. Mit Ehrfurcht stand er vor
den grossen Werken, die im Gefühl der Generationen unantastbar und exemplarisch
geworden sind, aber für die Schöpfungen der Mitlebenden fehlte ihm die Übung des
Ohrs.
    Dass es schwer war, zu verstehen und zu würdigen, war ihm bekannt; dass es
bitter war, nicht verstanden und nicht gewürdigt zu werden, hatte er erfahren;
dass alle Disziplinen menschlicher Geistesarbeit ihre besondere opfervolle
Hingabe fordern, bedurfte keines Beweises für ihn.
    Der Musiker war ihm neu. Wie sah er ihn? Als einen blinden Menschen, der
innerlich verbrannte. Als einen berauschten Menschen, der auf alle andern
Menschen den Eindruck abstossender Nüchternheit machte. Als einen Besessenen von
einer höchst schauerlichen Einsamkeit, deren er sich nicht recht bewusst war. Als
einen ungeschlachten Bauern mit den Nerven eines Entarteten.
    Der Mann der Wissenschaft wollte im Musiker das Gesetz finden; eine Aufgabe,
um daran zu verzweifeln. Und der Freund überschaute das Leben des Freundes; liess
im Geist die Gestalten vieler Jünglinge vorüberziehen, die er kennen gelernt
hatte. Spähte nach Merkmalen der Gemeinsamkeit; suchte ein Gesetz, auch hier.
    In einer Dämmerstunde las er in den Schriften des Philosophen Mainländer. Er
legte das Buch beiseite und sagte zu sich selbst: die jungen Leute meiner Zeit
zerfleischen sich, verwüsten sich. Welch eine grauenvolle Zeit! Regel und Mass
sind verloren gegangen; jedes Vorbild wird Zerrbild; der Mensch ist völlig auf
sich zurückgewiesen; die Flamme ist ohne Gefäss und droht die Hand zu verkohlen,
die sie bändigen soll.
    Da fand er in Daniel den Schicksalsbruder. Da wurde ihm die Musik
Bruderqual. Als er den Freund zerfleischt, verwüstet sah, zuckte ihm aus dem
Auge der Gorgo selbst die tiefste Erkenntnis entgegen. Sein eigenes Herz
offenbarte er nicht.
    In einer Nacht, als unendliche Gespräche sie ins Schweigen geführt hatten
wie Schiffe, die vorm Wind in einen Hafen treiben, sagte Benda, an einen
zornig-gepeinigten Ausruf Daniels anknüpfend, der am anderen Ufer dieses
Schweigens erschallt war: »Man muss uneitel sein. Man darf sich niemals aus
seiner inneren Aufgabe ein Vorrecht erhandeln. Man darf niemals vor dem eigenen
Bild stehen bleiben. Es scheint mir, dass ein Künstler von erhabener
Bescheidenheit sein muss. Ohne diese Bescheidenheit, scheint mir, ist er nichts
als ein mehr oder weniger wunderbares Luder.«
    Daniel blickte rasch empor. Unter dem buschigen Schnurrbart Bendas waren die
grossen Zähne sichtbar. Er zog immer die Lippen auseinander, während er das
eindringlichste Wort suchte.
    Benda fuhr fort: »Schändlich ist zumeist alles, was ihr Talent nennt. Talent
ist ein Flederwisch. Was von den Fingern ausgeht, ist vom Übel. Wer ein Ziel hat
und dafür leiden kann, den brauchen wir. Und sonst, wie schön ist es doch!
Droben ist der Himmel, unten ist die Erde, in der Mitte steht der unsterbliche
Mensch.«
    Daniel stand auf und reichte Benda die Hand. Es gab nichts Bezwingenderes
als Bendas Händedruck. Seine Hand wurde zum Schraubstock, in dem er die fremde
Hand schüttelte, bis sie kraftlos wurde. dabei strahlten seine grauen Augen ein
freudiges Wohlwollen aus.
    Und sie tauschten das brüderliche Du.
 
                                       8
Lenore brachte das Buch von Manon Lescaut zurück. Als Daniel fragte, wie es ihr
gefallen habe, schwieg sie. Da er das Buch gern hatte, fing er an zu schelten.
    Sie sagte: »Ich kann keine Bücher lesen, in denen so viel von Liebe die Rede
ist.«
    Er blickte vor sich nieder, um ihre Stimme verklingen zu lassen. Es war ein
Geigenton in ihrer Stimme, dessen Zauber er sich nicht entziehen konnte. Als ihm
zum Bewusstsein gekommen, was sie gesagt, lachte er kurz und meinte, das sei
Ziererei. Sie schüttelte den Kopf. Da hänselte er sie wegen des Verkehrs mit dem
jungen Auffenberg und fragte, ob ihr die Liebessachen auch in der Wirklichkeit
so zuwider seien.
    Die Flammenbläue in ihren Augen zwang seinen Blick zur Erde. Die Erfahrung
war ihm nicht angenehm, dass ihr Blick stärker war als der seine. Sie ging fort
und liess sich ein paar Tage nicht sehen.
    Als sie wieder kam, war er einfältig genug, seinen Spott zu erneuern. Da
setzte sie sich in die Sofaecke und blickte ihm forschend ins Gesicht. »Wollen
wir Freunde bleiben, Daniel?« fragte sie.
    Er sah sie verwundert von der Seite an; nicht etwa, weil er ihre
Lieblichkeit und kraftvolle Anmut bemerkt hätte, sondern weil der Geigenton in
ihrer Kehle noch tiefer und reiner klang. Aber ohne Lippenverziehen und ohne dass
man die Hände in die Hosentasche steckte, war die Frage nicht zu bejahen.
    Sie sagte, sie wolle sich nicht so wichtig vor ihm machen, dass sie verlange,
anders als andere Mädchen von ihm betrachtet zu werden. Aber in einem Punkt
wolle sie ihn bitten, ihr ein Vorrecht einzuräumen, eben um der Freundschaft
willen. Er möge nicht über Liebe mit ihr sprechen, im Scherz nicht und im Ernst
nicht. Es sei dieses Wort seit langen, langen Tagen für sie gleich einem
Gespenst. Warum es so sei, das könne sie ihm nicht sagen, jetzt nicht,
vielleicht später einmal, viel später, wenn sie beide alt geworden. Suche sie
sich zu erinnern, suche sie das Halbvergessene festzuhalten, so werde alles matt
und kalt in ihr, obwohl der andere vielleicht, der es zu wissen bekäme, es nicht
begreifen würde. Aber es läge ihr im Blut so, und man möge sie schonen.
    Ihr Gesicht drückte tiefen Ernst aus und glich einem alten Bild. Und in
ihren Worten lag etwas von einem Traum.
    »Wenn es sonst nichts ist, das kann ich Ihnen ruhig versprechen, Lenore,«
sagte Daniel, und gerade in der Gutmütigkeit, die er jetzt zeigte, war etwas
Fühlloses, als sei das Geheimnis, auf das sie bewegt hingedeutet, weit weg von
seiner egoistisch beschlossenen Welt. Draussen im Garten plätscherte die kleine
Fontäne, und er horchte nach dem dominierenden Ton in dem Geplätscher.
    Lenore wandte sich ihm nun mit ganz neuer Offenheit zu. Alles war jetzt ein
wenig näher bei ihm, ihr Blick, ihre Hand und ihre Worte.
 
                                       9
Daniel hatte eine Arbeit vollendet, ein Orchesterwerk, Vineta betitelt, und er
wünschte, dass Benda die Komposition kennen lerne. Eines Abends um sechs Uhr kam
Benda zu Daniel. Alles war vorbereitet, Daniel setzte sich ans Klavier. Sein
Gesicht war blass, seine glatte Oberlippe zuckte.
    »Denk dir das Meer, denk einen Sturm, denk ein Boot mit Menschen, denk ein
wunderbares Nordlicht am Himmel und eine versunkene Stadt, die emporsteigt, und
das Meer wird ruhig, und im Licht ist eine Erscheinung, denk dir so etwas oder
vielleicht was anderes, es ist ja doch falsch. Es ist Unzucht, sich was zu
denken. Cis-moll.«
    Er wollte beginnen, als es an der Tür klopfte und Lenore eintrat. Sie
huschte still in ihre Sofaecke.
    Das Stück fing mit einem rhytmisch ruhigen und klagenden Satz an, der sich
plötzlich in ein tobendes Presto verwandelte, und die kaum zur Sammlung
gediehene melodische Figur wurde zerfetzt wie eine Blumengirlande in einem
Wassersturz. Dann flossen die nach allen Richtungen des Erdkreises
auseinandergestobenen Elemente zögernd und reuevoll wieder in eine Kette, es
schien, als habe sie der tolle Wirbel reicher, reiner und beseelter entlassen,
und bei langsam abschwellendem, bis zu choralartig feierlicher Dehnung
gemässigtem Tempo verschmolzen sie wieder in das lieblich ernste Haupttema, das
dann mit einem arpeggierten Akkord in die Unendlichkeit hinüberströmte.
    Wo das Instrument versagte, half er mit seiner Krähstimme nach, und es war
die unheimliche Energie des Ausdrucks, durch die er sie verhinderte, komisch zu
wirken.
    Bendas Augen waren in der Anstrengung des Zuhörens blicklos geworden. Er
hätte nicht zu sagen vermocht, ob das Werk des Freundes ein gelungenes Werk sei.
Was ihn überzeugte, war der Mensch, der vom Menschen ausstrahlende Magnetismus.
Das Werk konnte er weder durchdringen, noch werten, es ergriff ihn aber in der
Verbundenheit mit dem Phänomen des Menschen.
    Daniel stand auf, taumelte gegen das Sofa, grub den Kopf in die Hände und
ächzte: »Spürt ihr's denn? Spürt ihr's denn wirklich?« Er erhob sich wieder,
stürzte mit zwei Schritten ans Klavier, packte die Notenblätter und warf sie auf
den Boden. »Es ist ja nichts,« knirschte er, »eine elende Stümperei ist's.«
    Damit warf er sich abermals hin. Lenore, in der andern Ecke des Sofas
regungslos sitzend, schaute ihn mit den tiefstaunenden Augen eines Kindes an.
    Benda hatte sich ans Fenster gestellt und sah in die blühenden Bäume und in
den grauen Wolkenhimmel. Dann wandte er sich um. »Dass endlich etwas für dich und
deine Sache geschehen muss, ist klar,« sagte er.
    Lenore bewegte die Arme gegen Benda, als wollte sie ihm danken, und ihre
Lippen öffneten sich halb. Als sie aber Daniel betrachtete, wagte sie es nicht,
und auf einmal rief sie aus: »Mein Gott, da sind zwei Knöpfe an seiner Jacke,
die hängen nur noch an einem Faden.« Und sie rannte aus dem Zimmer. Nach kurzer
Weile kam sie mit Nadel und Zwirn zurück, die sie sich von Meta hatte geben
lassen, setzte sich dicht an Daniels Seite und nähte die Knöpfe fest.
    Benda musste lächeln. Aber es lag in dem, was sie tat, eine wunderbare
Beruhigung, als verhelfe sie dem Leben gegenüber allem Geisterspiel zu seinem
Recht.
 
                                       10
Aus früheren Zeiten kannte Benda den Teateragenten und Impresario Dörmaul. Zu
Dörmaul ging er und brachte ihm Daniels Arbeit, denn der vielseitige und in
viele Projekte verstrickte Emporkömmling verlegte auch musikalische Werke.
    Es dauerte einige Wochen, bis ihn der Impresario wieder vor sich beschied.
»Unverständliches Zeug, Originalitätshascherei,« lautete Dörmauls Urteil, »damit
lockt man keinen Hund vom Ofen.«
    Ein junger Mensch mit feuerroten Haaren folgte Benda aus dem Zimmer und
redete ihn an. Er heisse Wurzelmann und sei selbst Musiker; er habe das Wiener
Konservatorium besucht und sei von seinem dortigen Lehrer an Alexander Dörmaul
empfohlen worden. Dieser gehe nämlich damit um, eine Wanderoper zu gründen,
nämlich eine Truppe in Sold zu nehmen, die mit einem festen Repertoir von
Spielopern durch die kleinen Städte der Provinz ziehen solle, und er werde
erster Kapellmeister sein.
    Er sprach im hässlichen Idiom der Juden des Ostens. Benda war in artiger
Weise kalt.
    Die Hauptsache kam zuletzt. »Vineta« hatte Wurzelmanns Begeisterung erweckt.
Er hatte die Partitur heimlich gelesen. »Ein grosses Talent, Herr Doktor, wie man
es seit langem nicht erlebt hat,« sagte er.
    »Was soll ich da von Herrn Dörmauls Urteil halten?« fragte Benda, weil er
dem Anwesenden noch nicht recht traute und den Abwesenden gegen ihn in Schutz
nehmen wollte.
    »Kennen Sie Dörmaul nicht? Ich dachte, Sie kennen ihn. Wo er keine Autorität
fürchtet, wird er kühn. Legen Sie ihm die neunte Symphonie ohne Titelblatt vor,
und er erklärt sie Ihnen für Schund. Jede Wette.«
    »Ach? ist das wirklich so?« fragte Benda bekümmert.
    »Geben Sie mir die Partitur, und ich verspreche Ihnen, dass ich die Leute
dafür auf die Beine bringen will. Für so was muss man die Fanfare blasen.«
    Benda besann sich eine Weile. Er hatte keine Neigung fürs Fanfarenblasen,
und er glaubte auch nicht an die Treue derer, die das Blasen besorgten. Doch
willigte er ein, da er sich nicht das Recht anmasste, Daniel um eine Hoffnung zu
verkürzen.
    Es erwies sich, dass Wurzelmann nicht geflunkert hatte. Vierzehn Tage später
erhielt Daniel die Nachricht, der Orchesterverein habe sich entschlossen, seine
Komposition im Februar zur Aufführung zu bringen. Um der Zuhörerschaft ein
reicheres Bild seines Schaffens zu geben, forderte man noch eine zweite Arbeit
von ihm. Daran war kein Mangel. Vieles harrte der Vollendung.
    Wurzelmann rühmte sich, den hochmögenden Herren die Türen eingerannt zu
haben. Er hatte sich Gutachten der Musikprofessoren Wackerbart und Herold
verschafft, und das diplomatische Meisterstück hatte darin bestanden, dass er
Andreas Döderlein als Dirigenten gewonnen hatte.
    Er war unerschöpflich in Ratschlägen und voll von Plänen. Er sprach davon,
dass bei der Wanderoper ein zweiter Kapellmeister notwendig sein werde, da er
selbst mehr als stellvertretender Direktor zu amtieren habe. »Lassen Sie mich
nur machen, lieber Notaft,« sagte er, »Alexander Dörmaul muss tanzen, wie ich
pfeife, und mein Pfiff lautet: Notaft wird Kapellmeister oder keiner.«
    Hatte er demütig begonnen, so endete er mit Vertraulichkeiten. Daniel hasste
rotaarige Leute, besonders wenn sie entzündete Augen hatten und beim Sprechen
speichelten.
    »Er ist ein unappetitlicher Bursche, dein Wurzelmann,« sagte er zu Benda,
»und dass ich ihm Dank schulde, ist hart. Et denkt, es schmeichelt mir, wenn er
verächtlich von sich selber redet. Fusstritte verdient er.«
    Benda schwieg. Von Wurzelmanns aufopfernden Bemühungen gerührt, hatte er ihn
servule, das Knechtlein genannt. Es war schön, dass einer da war, der die Blöcke
aus dem Wege räumte, damit der Fuss des aus dem Dunkel Getretenen Platz zum
Schreiten habe. Aber das Knechtlein war erfüllt von der Bewunderung des in Armut
und Bedrückung geborenen Juden für den Genius der andern Rasse.
    Benda wusste es. Ihm ekelte davor, weil es eine Tatsache war, die andern,
nicht weniger lügnerischen Schwärmern als Stammeseigentümlichkeit galt.
 
                                       11
Da nun der Sommer gekommen war, die heissen Augusttage, wanderten die beiden
Freunde häufig vor die Stadt hinaus und in die Wälder gegen Feucht oder
Fischbach, oder zum hohen Bühl.
    An einem solchen Ausflug nahm auch Lenore teil. Es war sein, sie anzusehen,
wenn sie den Duft der Blumen und der Nadelbäume, die Formen der Wolken und den
Wechsel der Landschaft genoss. Da glich sie einem selig hingleitenden Vogel, der
sich in den oberen Regionen vom Schmutz der unteren rein badet.
    Mit verständiger Aufmerksamkeit lauschte sie den Gesprächen der Freunde. Ein
leuchtender Blick, ein Hochründen der Brauen zeigte, dass sie Partei ergriff und
Wort und Gegenwort sich in ihrem Sinn zurechtlegte. Wurde sie veranlasst, eine
Meinung zu äussern, so traf sie damit gewöhnlich den Nagel auf den Kopf.
    Auf dem Heimweg brach die Nacht herein, der Himmel war ganz klar geworden,
und die Sterne strahlten in grosser Pracht. Es fielen Sternschnuppen, und Lenore
meinte, so viel Wünsche habe sie gar nicht, wie sie jetzt äussern könne. Der
gelehrte Benda erwiderte lächelnd, in diesen Augustnächten seien die
Asteroidenschwärme unterwegs, da scheine oft das ganze Firmament in lebendiger
Bewegung, und man könne leicht vom Wünschen müde werden.
    Lenore begehrte zu wissen, was Asteroiden seien, und er erklärte es ihr nach
bestem Vermögen. Dann sprach er von den Sternbildern und von der Milchstrasse und
sagte ihr, dass diese aus Millionen einzelner Sterne bestehe. Er sprach auch von
der Grösse der Sterne, und da er sie bisweilen Sonnen oder Welten nannte, wurde
sie stutzig und fragte, ob denn auch Erden darunter seien. Wie, Erden? Wie sie
dies verstehe? Nun, solche Erden wie die, auf der sie selbst jetzt wandelte und
lebte. Ohne Zweifel, wurde geantwortet. Und ob auf diesen Erden auch Bäume
seien, Tiere seien? Dies sei wohl anzunehmen, auf vielen wenigstens. Und ob auch
Menschen? Wahrscheinlich, lautete die Auskunft, weshalb sollte denn der
unbedeutende Ball, der sie trage, einen Vorteil haben? Wenn nicht Menschen im
irdischen Verstand, so doch Wesen mit Vernunft und Gefühl.
    »Es können also solche Geschöpfe wie Sie und Daniel und ich da oben
existieren?«
    »Gewiss.«
    »Und auf all den Sternen gibt es vielleicht zahllose Völker und
Menschheiten, von denen wir nichts wissen, nichts ahnen?«
    »Gewiss.«
    Da setzte sich Lenore auf einen Meilenstein am Weg, schaute mit zuckenden
Lippen vor sich hin und brach plötzlich in Tränen aus. Benda nahm ihre Hand und
streichelte sie beruhigend.
    »Sie tun mir alle so leid,« schluchzte Lenore, blickte hinauf und lächelte
nun unter Tränen. Benda hätte am liebsten Daniels Arm gepackt und ihm zugerufen:
nun schau sie dir doch mal an! Daniel schaute sie wohl an, aber er sah sie
nicht.
 
                                       12
An einem Abend im Oktober trat der Inspektor Jordan aus einem Haus in der
Breitegasse, knöpfte frierend seinen Mantel zu und ging mit hastigen Schritten
durch ein Verbindungsgässchen, das so eng war, als seien die Häuser mit einem
grossen Messer durchschnitten worden, gegen die Karolinenstrasse. Es war spät, und
er hatte Hunger. Da ihm einfiel, dass Gertrud vielleicht nichts Warmes mehr für
ihn zu essen hatte, ging er in eine Wirtschaft.
    Zwei Stunden hatte er damit zugebracht, einen reichen Hopfenhändler zum
Abschluss einer Versicherung zu bewegen. Der Mann hatte sich immer wieder die
Vorteile erklären lassen, hatte immer wieder die Tabellen studiert und sich
nicht entschliessen können. Dann war ihm sein Abendessen aufgetragen worden. Da
sass er, zufriedend schmatzend, und von der Serviette, die er um den dicken
Nacken gebunden hatte, starrten zwei Zipfel rechts und links empor wie zwei
lange, weisse Ohren. Es hatte den Inspektor in seinem sozialen Bewusstsein
gekränkt, dass der Mann sich sogar die höfliche Phrase einer Einladung hatte
ersparen zu können geglaubt.
    In der kleinen Bierkneipe, in die der Inspektor trat, sassen einige Leute an
einem Tisch, darunter der Friseur Bonengel, von dem Jordan erkannt und gegrüsst
wurde. Er nahm im Hintergrund des Raumes Platz und bestellte bei der hässlichen
und schmutzigen Kellnerin ein paar Würste mit Kraut.
    Der Friseur erzählte unflätige Anekdoten; als die Kellnerin das Essen
brachte, kicherte sie und sagte: »Das ist einer, der Bonengel, das ist einer.«
    Der Inspektor begann hastig zu essen, aber unversehens verging ihm die Lust.
Er schob den Teller beiseite, stützte den Kopf in die Hand und schaute still in
die Rauchschwaden, die in der dicken Luft unbeweglich standen.
    Ihm war, als könne er das Tagewerk nicht mehr vollbringen, das er morgen und
übermorgen und an all den weiterhin kommenden Tagen leisten sollte. Von einem
Ende der Stadt bis zum andern rennen; immer dieselben hundertmal durchmessenen
Strassen auf und ab; Stiegen hinauf und Stiegen hinunter! Immer wieder dieselben
Fragen beantworten, dieselben Behauptungen aufstellen, dieselben Einwände
widerlegen, täglich und immer wieder dieselbe Sache mit denselben Worten
anpreisen, dasselbe Interesse heucheln, dasselbe Misstrauen mit denselben Gründen
bekämpfen, den Leuten immer wieder zur Last fallen und ihren häuslichen Frieden
stören, und immer wieder zu neuer Anstrengung gepeitscht werden, immer wieder
die Strafpredigten dieses nicht zu sättigenden, nicht zu rührenden
Aktien-Ungeheuers und seines Stattalters Diruf anhören zu müssen, wahrlich, es
war nicht mehr zu ertragen, es ging wider die Würde eines Mannes von seinen
Jahren.
    Er schämte sich vor sich selbst. Er war furchtbar müde.
    Er gedachte seines vergangenen Lebens. Wie er sich aus der Armut seiner
Jugend emporgearbeitet hatte, und es ihm gelungen war, ein geachteter Kaufmann
zu werden. Das war in Ulm gewesen, und da hatte er die blonde Agnes geheiratet,
die Lokomotivführerstochter.
    Aber weshalb war er nicht zu Wohlstand gekommen? Viele, die ihm nachstanden
an Klugheit, an Fleiss und an Manierlichkeit, waren vermögliche Leute geworden,
nur er nicht. Dreimal hatte der Bankrott gedroht, dreimal hatten ihn Freunde
gerettet. Dann hatte sich ihm ein Gesellschafter angetragen, war mit einigem
Kapital in die Firma eingetreten, und das Geschäft war wieder flott gegangen.
    Doch zeigte es sich, dass dieser Mensch keine Treue und kein Gewissen hatte.
»Jordan ist mein Hemmschuh,« sagte er zu den Kunden, »Jordan versteht nichts,
Jordan kann nicht rechnen.« Und der Gesellschafter ruhte nicht eher, als bis
Jordan mit einer Abfindungssumme die Firma verlassen hatte.
    Dann hatte er sich da versucht und dort versucht, acht oder neun Jahre lang.
»Sorg dich nicht, Jordan,« hatte Agnes gesagt, »es wird schon werden.« Aber es
wurde nicht. Was er auch anpacken mochte, es war am falschen Ende angepackt, zur
unrechten Stunde, mit unrechten Leuten.
    Es konnte nicht werden. Nicht nur, weil seine Hand zu schwer war, und
vielleicht auch sein Sinn zu redlich, sondern weil er sich von einer Schimäre
hatte narren lassen.
    Von frühen Jahren an hatte er einen Traum gehegt, und alle seine
Unternehmungen hatten darauf hingezielt, den Traum wirklich zu machen. Es war
unmöglich gewesen; er hatte nie so viel Geld erübrigen können. Und wenn er den
Lieblingswunsch mit Agnes besprochen hatte, wenn er geschwärmt hatte von der
Zeit, wo er seinem eigentlichen Beruf würde leben können, hatte sie ihn ermutigt
und mit ihm die Wege beraten. Aber es schien ihm jetzt, als hätte sie immer
gewusst, dass er bloss träumte und hätte grossmütig darauf verzichtet, ihn aus dem
Traum zu wecken.
    Von frühen Jahren an war sein Gedanke gewesen, eine Puppenfabrik zu bauen.
Weshalb nun gerade eine Puppenfabrik? Hielt er es für besonders erspriesslich,
Puppen zu machen? Glaubte er damit besondere Ehren, besonderen Reichtum zu
gewinnen? Keineswegs. Er hätte nicht zu sagen vermocht, warum er gerade dieses
erstrebte.
    Es hatte ihn stets bedünken wollen, als ob die Welt der Puppen eine für sich
bestehende Welt sei. Es hatte etwas Zauberisches für ihn gehabt, wenn er sich
ausmalen konnte, welche Gesichter, welche Kleider, welche Haare er für die
verschieden gestalteten, grossen und kleinen Puppen erfinden würde. Puppen von
mannigfachem Reiz bevölkerten seine Phantasie; Fürstinnen und Priesterinnen,
Fischerinnen und Meerjungfrauen; Schäfer und Schäferinnen; Kasperle und lustige
Teufel; solche mit Köpfen aus Porzellan und andere mit Köpfen aus Wachs, bei
denen die Farbe des Lebens bis zur Vollendung nachgeahmt werden konnte, und die
echte Menschenhaare hatten; solche, die die Trachten fremder Völkerschaften
trugen, und andere, die wie Märchenfiguren gekleidet waren, Feen und Gnomen, ein
Aladdin, ein Harun al Raschid, ein morgenländischer Derwisch.
    Als er zum letztenmal seinen Wohnort gewechselt hatte, war seine Wahl auf
Nürnberg gefallen, weil es ihn dortin zog, wo die Puppenindustrie in ihrer
Blüte stand.
    Dann war Agnes gestorben, die drei Kinder waren ihm geblieben, und für die
musste er arbeiten. Für sich selbst durfte er jetzt kein Glück und Gelingen mehr
hoffen, und da war die Puppenfabrik ganz und gar Schimäre geworden. Nur noch ein
Ziel hatte er, nämlich für jede seiner Töchter zehntausend Mark zurückzulegen,
damit sie gegen die ärgste Not gesichert seien, wenn er einmal nicht mehr war.
Der Junge, der konnte sich selber helfen.
    Aber bis zum heutigen Tag hatte er kaum die Hälfte dieser Summe auf die Bank
geben können. Und wenn er nun um seine Stelle kam, wenn die Gebrechlichkeit des
Alters ihn hinderte, das Brot zu verdienen, wenn er schliesslich gezwungen wurde,
die Ersparnisse anzugreifen, die er in so vielen Jahren und unter so vielen
Entbehrungen gesammelt hatte, wie sollte er dann den Mädchen gegenübertreten,
was für ein Lebensabend stand ihm dann bevor?
    »Der Schlack hatte sich aber im Keller verkrochen, und als ihm die Frau
seine Hosen bringen wollte, waren sie ins Mehlfass gefallen,« erzählte der
Friseur Bonengel.
    Die Zuhörer meckerten, die Kellnerin kreischte.
    Auf dem Nachhauseweg hörte der Inspektor durch das Pfeifen des Windes
hindurch noch immer die dem Klappern einer Schere ähnliche Stimme des Friseurs.
    Es war ihm jedes Mal unbehaglich, bei Nacht die Treppe des schmalen, alten
Hauses hinaufzusteigen. Das Holz krachte, als ob es brechen wollte, auch schien
es ihm bisweilen, als kämen ihm blinde Menschen entgegen. Im ersten Stock wohnte
nämlich ein Augenarzt, und er hatte oft Blinde gesehen.
    Auf dem Tisch seines Zimmers lag ein Brief. Der Umschlag trug den Vordruck:
Generalagentur der Prudentia. Er ging eine Weile auf und ab, ehe er die Hülle
zerriss. Es war die Kündigung seines Postens.
 
                                       13
Um jene Zeit wuchs Friedrich Bendas Verstimmung. Er sah, dass er als Privatmann
sich der Hilfsmittel begeben musste, deren er für seinen Forscherberuf bedurfte,
und es schien ihm, als sei er verurteilt, seine Fähigkeiten in ewiger Dunkelheit
zu begraben.
    Er brach die meisten seiner bisherigen Beziehungen ab, auch die brieflichen.
Wenn ihn Bekannte grüssten, blickte er zur Seite. Sein Ehrgefühl war aufs tiefste
verwundet, er war auf dem Weg, auf dem man die Selbstachtung verliert.
    Daniel war der einzige Mensch, der davon nichts bemerkte. Vielleicht hatte
er sich in den Gedanken eingelebt, Bendas Existenz sei eine freundlich
geregelte, und es genügte ihm der Anblick, den die bürgerliche Wohlhabenheit des
Hausstandes bot, um ihn an ein sorgenloses Dasein des Freundes glauben zu
lassen; jedenfalls fragte er nie, und es fiel ihm nicht auf, wenn der Gefährte
so vieler Stunden mit umdüstertem Antlitz vor ihm sass.
    Benda lächelte über diese Unschuld, denn für etwas Schlimmeres nahm er es
nicht. Weit entfernt, bitter darüber zu denken, fasste er den Vorsatz, den so
tief in sich selbst webenden Menschen mit seinen Angelegenheiten gänzlich zu
verschonen. Er konnte aber nicht hindern, dass sein Schmerz, wie auch das
Verlangen, seine unwürdige Lage zu beenden, die Schranken der Zurückhaltung
bisweilen durchbrachen.
    An einem trüben Tag, spätnachmittags, holte Benda den Freund ab, der eben
von einer Unterrichtsstunde nach Hause gekommen war. Sie beschlossen, ein wenig
spazieren zu gehen und dann bei Benda zu Abend zu essen.
    Im Flur begegneten ihnen die Schwestern Rüdiger, die von ihrer täglichen
Wanderung durch den Garten zurückkehrten. Benda grüsste mit seiner altertümlichen
Artigkeit, Daniel berührte mürrisch kaum den Hutrand. Die Schwestern stellten
sich in einer Reihe auf wie beim Kotillon und dankten holdselig. Fräulein
Jasmine liess eine verspätete Rose aus der Hand fallen, und als Benda die Rose
aufhob, presste das Fräulein die Hand gegen den kaum der Rede werten Busen und
dankte abermals holdselig.
    Als sie auf der Strasse waren, sagte Benda in mitleidigem Ton: »Drei zarte
Wesen; hausen in ihrer Einsamkeit als rechte Vestalinnen und hüten ein heiliges
Feuer.«
    Daniel lachte. »Ein heiliges Feuer gar? Meinst du die Geschichte mit dem
Maler?«
    »Ja, die mein ich, und es war kein gewöhnlicher Maler, musst du wissen. Erst
kürzlich hab ich mir die ganze Sache erzählen lassen. Anselm Feuerbach hiess der
Maler.«
    Daniel wusste nichts von Anselm Feuerbach, empfand aber das Inhaltsvolle
eines Namens, der kraft einer geheimnisvollen Magie wie eine schöne Glocke an
sein Ohr schlug. »Was war es denn mit ihm?« fragte er.
    Die Geschichte lautete wie folgt: Als Anselm Feuerbach vier Jahre vor seinem
Tod, vor sechs Jahren also, zum letztenmal nach Nürnberg kam, um seine Mutter zu
besuchen, da kränkelte er schon an Körper und Gemüt und war der Menschen satt,
war von ewiger Plage und Misskennung verstört. Aber einige Bürger erinnerten sich
seines Ruhms, der in der deutschen Luft dunkel und heimatlos schwebte, und die
Handelskammer bestellte bei ihm ein Bild für ihren Sitzungssaal im neuen
Justizpalast. Er malte das Bild, den Kaiser Ludwig, wie er den Nürnbergern das
Privilegium für freies Gewerbe erteilt. Als nun das Bild fertig war, zeigten
sich die Herren sehr unzufrieden, denn sie hatten etwas ganz anderes erwartet,
irgendeine öde Krelingsche Schilderei, und nicht so ein vornehmes und reines
Werk. Zudem war der Raum knapp, eine Handbreit Leinwand musste in die Mauer
gelassen werden, und das Licht war ganz elend. Da machte die Kammer
Schwierigkeiten mit der Bezahlung, in dem hässlichen Streit ergriff der Geometer
Rüdiger, der längst schon ein leidenschaftlicher Anhänger Feuerbachs war, die
Partei des Malers, und es kam so weit, dass er die Stadt mit dem Schwur verliess,
nie mehr zurückzukehren. Seine Töchter aber hatten alle drei den Meister Anselm
seit ihrer frühesten Jugend geliebt, wo er als Gast im Hause des Vaters geweilt
hatte.
    »Freilich, wenn irgendein Mann liebenswert gewesen ist, so war er es,«
endete Benda die Geschichte. »Willst du ihn sehen? So komm.«
    Sie befanden sich in der Nähe des Johanniskirchhofs. Das Tor war noch offen,
und Daniel folgte dem voranschreitenden Benda. Der wanderte eine Weile auf den
schmalen Gräberpfaden, deutete stumm auf einen flachen Stein, auf welchem der
Name Albrecht Dürers zu lesen war, und dann standen sie an Feuerbachs Grab. Eine
schon geschwärzte Bronzeplatte zeigte den Kopf des Malers im Profil. Ein
Lorbeerkranz lag darunter, dessen halb verwelkte Blätter im sachten Wind bebten.
    »Was für ein Leben hat der Mann geführt!« sagte Benda leise; »und was für
einen Tod ist er gestorben! Den Tod eines hinausgejagten Hundes.«
    Als sie gegen die Stadt gingen, dämmerte es. Daniel hatte den Hut vom Kopf
genommen und schritt mit fernhin gerichtetem Blick an Bendas Seite. Dieser aber
war aufgewühlt wie selten.
    »Ein deutsches Leben, ein deutscher Tod,« stiess er hervor. »Er streckt die
Hand aus, um zu geben, und es wird ihm hineingespuckt. Er gibt und gibt und
gibt, und sie nehmen, nehmen, nehmen, ohne Dank, ja, mit Hohn. Sie achten nur
die Vetternschaft, sie verkuppeln das Mikroskop mit dem Katechismus und die
Philosophie mit der Polizei. Ohne jeden Anstand, ohne humane Übereinkunft; sie
beschliessen es, sie tun es. Es ist für mich kein Platz in Deutschland mehr. Ich
gehe.«
    »Du gehst? Wohin gehst du?« fragte Daniel treuherzig erstaunt. Benda biss
sich auf die Lippen und schwieg.
    Sie waren zur Füll gekommen. Als sie in Bendas Arbeitszimmer traten, brachte
dieser einen mächtigen Atlas herbei, schlug die Karte von Afrika auf und deutete
in die Mitte des Erdteils.
    »Siehst du die grossen weissen Flecken hier? Da ist weder Fluss noch Berg
eingezeichnet. Es sind Gebiete, die noch keines Europäers Fuss betreten hat.
Dortin geh ich.« Er lächelte sanft.
    »Wirklich? wann denn?« fragte Daniel, voll Unbehagen darüber, dass er den
Freund verlieren sollte.
    »Es ist noch unbestimmt, aber es wird sein. Dort habe ich zu tun. Ich
brauche Luft, Erde, Himmel, das freie Tier und die freie Pflanze.«
    Auf der Schwelle des Zimmers erschien Bendas Mutter, eine ziemlich grosse,
gebrechlich gehende Frau mit scharfen Zügen und tiefliegenden Augen.
    Sie schaute ihren Sohn an, sodann Daniel, zuletzt fielen ihre Blicke auf den
Atlas und blieben darauf ruhen mit einem Ausdruck des Grauens und der Angst.
    Daniel wusste nichts mehr zu sagen, und Benda, immer still in sich
hineinlächelnd, fing von andern Dingen zu sprechen an.
 
                                       14
Beim Tode ihrer Mutter war Gertrud Jordan neun Jahre alt gewesen. In der Nacht
war sie in das Sterbezimmer geschlichen und hatte drei Stunden am Lager der
Toten zugebracht. Vielleicht war es seit jener Nacht, dass sie sich der Welt und
den Menschen verschlossen hatte. Als sie von dannen ging, hob die Uhr zum Schlag
aus, und in der Ferne krähte ein Hahn.
    Warum tickst du, Uhr? fragte sie laut, warum krähst du, Hahn? Und wieder:
wer lässt dich ticken, Uhr, wer lässt dich krähen, Hahn?
    Sie wuchs auf, und niemand wusste eigentlich etwas von ihr. Selbst ihr Vater
konnte ihr nicht nahe kommen und wusste nicht, wie sie in ihrem Innern beschaffen
war. Sie verkehrte nicht mit Altersgenossinnen. Ihr dunkler Blick erglühte
zornig, wenn sie das sinnlich-sinnlose Gelächter der Mädchen vernahm.
    Bei der ersten Kommunion stürzte sie zusammen und wurde ohnmächtig
weggetragen. Jordan brachte sie nach Pommersfelden zu seiner Schwester, der
Bezirksarztenswitwe Kupferschmied. Nach einer Woche kehrte sie allein zurück und
in zerrütteter Gemütsverfassung. Sie hatte zugesehen, wie ein Kalb geschlachtet
worden war. Dieser Anblick hatte sie beinahe wahnsinnig gemacht.
    Von ihrem fünfzehnten Jahr an hatte sie es durchgesetzt, dass sie eine eigene
Kammer zum Schlafen erhielt. Als sie sechzehn alt war, begehrte sie, dass die
Magd entlassen werde, und nun kochte sie selbst und führte die Wirtschaft. War
sie mit den häuslichen Arbeiten fertig, so setzte sie sich an ihren Stickrahmen.
    Benjamin Dorn war durch ihren Vater ins Haus gekommen. Dass Lenore sich über
ihn lustig machte, nahm sie für ihn ein. Er erschien ihr nicht als Mann, er
erinnerte sie an die schmächtigen Engel, die sie stickte. Er brachte ihr seine
Traktate und Erbauungsschriften, aber sie verstand die Sprache nicht. Dann
führte er sie zu den Zusammenkünften der Metodisten, aber die geräuschvolle
Zerknirschung ängstigte sie, und nach wenigen Malen war sie nicht mehr zu
bewegen, hinzugehen. Er empfahl ihr das Lesen der Bibel, aber sie vermochte auch
in der Bibel nichts zu finden, was sie hätte beruhigen können. Ihr war es, als
habe sie eine Wunde in ihrem Innern, die beständig blutete und sich niemals
schloss. Als sie sich längst von Benjamin Dorn und seiner billigen Frömmigkeit
abgewandt hatte, war dieser noch immer der Meinung, sie habe acht auf ihn und
schaue zu ihm empor. Doch wusste sie es einzurichten, dass er nur selten mit ihr
sprechen konnte.
    Der Gottesdienst in der protestantischen Kirche erschien ihr wie eine
Versammlung von Händlern, die, anstatt wie an Wochentagen untereinander, an
Sonntagen mit dem Himmel ein Geschäft abschliessen. Sie vermisste die Würde, bei
den Predigten wurde sie nicht warm, die Zeremonien stimmten sie nicht andächtig.
    Nirgends und von keinem Menschen vernahm sie ein nachhallendes, ein
erleuchtendes Wort. Es war die Nüchternheit einer ganzen Zeit, die sie bis in
die Adern hinein spürte, die Verflachung einer ganzen Welt. Und wenn sie ihr
Herz wärmen wollte, wenn sie sich fürchtete vor der öden Luft und dem öden Tag,
ging sie heimlich in die Frauenkirche oder in die Sankt Josephskirche, wo man
den Raum Gottes feierlicher schmückte, wo viele Lichter angezündet waren, die
Gebete geheimnisvoller klangen, der Priester ergriffener schien, der Andächtige
schaudern konnte.
    Und doch hasste sie alles äusserlich Schöne, hasste sogar die schöne Natur als
ein den Menschen zur Verlockung und zur Betörung Hingesetztes. Liebte auch
nichts an ihrer eigenen Person, weder ihr Gesicht, noch ihre Stimme;
erschreckend war ihr die eigene tiefe Stimme; weder ihre Haare, noch ihre Hände.
    An einem Winterabend warf sie einen goldenen Ring, der aus dem Nachlass der
Mutter stammte, und den ihr der Vater gegeben hatte, in den Brunnenschacht. Dann
beugte sie sich hinüber und sah in die Finsternis hinab wie von einer Bürde
befreit.
    Oftmals wollte Lenore der Schwester vertrauend nahen und fühlte sich immer
zurückgestossen. Wenn auch Gertrud wenig mit Menschen sprach, so gelangte doch
alles Gerede zu ihr, das über Lenore ging, und sie schämte sich für die
Schwester. Sie mochte Lenore nicht mehr anschauen, sie fasste einen Widerwillen
gegen sie und konnte sich kaum entschliessen, ihr den Gruss zurückzugeben. Der
Verirrten Vorhaltungen zu machen, dazu fehlte ihr das Wort, sie war des Wortes
nur in geringem Grade mächtig, sie musste alles in sich hineinwürgen, Unrecht und
Schmerz. So härmte sie sich um Lenores willen und wurde zugleich immer erregter
und wilder, als locke sie etwas am Tun der Schwester, und sie konnte häufig
keinen Schlaf finden.
    Ihre Unruhe war so gross, dass sie nicht lange mehr am Stickrahmen sitzen
blieb und überhaupt keine Arbeit mehr richtig zu Ende brachte. Es trieb sie
hinaus, und war sie draussen, so trieb es sie wieder heim. Das Herz klopfte ihr,
wenn sie allein im Zimmer war, und war der Vater oder der Bruder oder Lenore da,
so hielt sie deren Gegenwart nicht aus und flüchtete in ihre Kammer. Wenn es
heiss war, schloss sie die Fenster, wenn es kalt war, lehnte sie sich hinaus. Wenn
es still war, wurde ihr bange, wenn es laut war, sehnte sie sich nach Ruhe. Sie
hatte kein Gebet, es war alles so dumpf in ihr, sie spürte die Verkettungen der
Stunde als etwas Grausames, sie wünschte Jahre überschlagen zu können, wie man
viele Seiten eines quälenden Buches überschlägt, und wusste sie keinen Ausweg
mehr, so eilte sie in die Frauenkirche und warf sich vor den Altar hin und blieb
regungslos, das Gesicht verhüllt, bis die Seele wieder stiller war.
    Es drängte sie zu Lenore hin, sie konnte sich nicht dagegen wehren, nicht
bloss, weil sie wachsam sein und Unheil verhüten wollte; es war etwas Schauriges,
eine grauenvolle Neugier, und bisweilen folgte sie der Schwester heimlich und
sah einmal von ferne, dass sie mit einem Manne ging, der auf sie gewartet hatte.
Da vermochte sie sich nicht mehr von der Stelle zu rühren, und Lenore gewahrte
sie.
    Am andern Tag aber kam Lenore von selbst zu ihr und sprach mit anmutiger
Offenheit über ihre Beziehung zu Eberhard von Auffenberg. Was sie von seinem
Schicksal wusste, darüber schwieg sie; sie deutete nur an, dass er sehr
unglücklich sei. Sie erzählte, wie sie ihn im vorigen Winter beim Eisfest auf
dem Dutzendteich kennen gelernt; wie er an ihr hänge, wie zart und
rücksichtsvoll er sich stets gegen sie betragen habe, wie gern sie ihm
Freundschaft erweise und wie sehr er ihrer Freundschaft bedürftig sei.
    Darauf schwieg Gertrud lange, endlich sagte sie mit jener tiefen Stimme, die
klang, als ob sie aus Fülle geborsten wäre: »Entweder müsst ihr heiraten, oder
ihr dürft euch nicht mehr sehen. Was du tust, ist ein Verbrechen.«
    »Ein Verbrechen?« erwiderte Lenore erstaunt; »wieso denn?«
    »Frag nur dein Gewissen,« war die mit gesenkten Augen gegebene Antwort.
    »Mein Gewissen ist aber ganz ruhig.«
    »Dann hast du eben keins,« sagte Gertrud hart. »Du lügst und lässt dich
belügen. Du bist in der Schlechtigkeit drinnen, da ist keine Rettung. Wie die
unreinen Blicke von dem Mann und seine hässlichen Gedanken und die von den andern
an dir sind! Du bist ja über und über befleckt. Du weisst es ja nicht, ich aber
weiss es.«
    Sie stand auf, wobei sie den Stuhl geräuschvoll mit den Kniekehlen
zurückstiess und schaute Lenore mit ihren unheimlichen, schwarzen Augen an.
»Sprich mir nie wieder davon,« flüsterte sie mit zitternden Lippen, »nie
wieder.« Damit ging sie hinaus.
    Da empfand Lenore etwas wie Abscheu vor der Schwester. Von einer
geheimnisvollen Ahnung bewegt, spürte sie in Gertrud die ihr vom Schicksal
bestimmte Widersacherin.
 
                                       15
Als der Herbst anfing, kalt zu werden, kam Daniel wieder häufig zu Jordans
hinauf. Obwohl er nun zu Hause selbst einen warmen Ofen hatte, erinnerte er sich
gern des gemütlichen Winkels vom vorigen Jahr. Er besass eine Anhänglichkeit für
Dinge und Räume, die grösser war als die für Menschen.
    Den Inspektor traf er nur selten, der war jetzt immer unterwegs, da er ohne
feste Stellung für verschiedene Gesellschaften tätig war; Benno kam nach den
Bureaustunden bloss heim, um sich in seinem Zimmer zu rasieren und für den Abend
so elegant wie möglich zu machen. Mit Gertrud wollte er nicht allein sein,
deshalb stellte er sich gewöhnlich erst nach sechs Uhr ein, wenn Lenore schon zu
Hause war. Da er wusste, dass Lenore seit einiger Zeit eifrig Französisch und
Englisch lernte und diese Abendstunden ihr unentbehrlich waren, bat er sie, sich
nicht stören zu lassen. Er behauptete, er finde es am angenehmsten, ruhig sitzen
zu können und nicht sprechen zu müssen. Nach einer Stunde oder nach zweien ging
er mit einem undeutlich gemurmelten Gruss wieder fort.
    Bisweilen hatte er ein Buch mit und las. Erhob er den Blick, so sah er die
über das Schreibheft gebeugte Gestalt Lenores, ihre vom Lampenlicht goldig
durchleuchteten Haare, die über dem Scheitel und an den Schläfen noch in feinen
Fäden blitzten, und den entschlossen verpressten Mund mit den lieblich
hinabgebogenen Ecken. Dann sah er Gertrud, die jetzt die Haare nicht mehr lose
trug, sondern in einem dichten Knoten über dem Nacken, auch kein grünes Kleid
mehr, sondern ein braunes, welches vorne eine Reihe grosser, glänzend schwarzer
Knöpfe hatte.
    Manchmal flog ein Wort von Lenore zu ihm, und er erwiderte es; manchmal
spann sich das eine Wort zu einem Geplänkel aus. Lenore hänselte, und er war
grob; oder er spottete, und Lenore hielt eine kleine Strafpredigt. Da hatte
Gertrud einen ratlos staunenden Blick, und sie kehrte das Gesicht gegen die
Fensterscheibe. Mit Absicht blieb sie unbeschäftigt, mit Absicht verschob sie
ihre häuslichen Obliegenheiten; der Gedanke, dass die beiden allein im Zimmer
weilten, war ihr unerträglich.
    Was Daniel tat und sagte, ja sogar, wie er ging und sass und stand, wie er
die Hände in die Hosentaschen steckte und die Lippen fletschte, alles das
erregte Furcht und Scham in ihr. Sie fühlte sich beleidigt durch jede seiner
Gebärden. Seine Freimütigkeit erschien ihr als freche Anmassung, seine
Launenhaftigkeit als böswillige Unvernunft, seine nachlässigen Manieren und
seine Schmähsucht wie der Hohn eines Teufels.
    Da geschah es, dass er einmal eine gallige Bemerkung über die Mucker fallen
liess, die den lieben Gott für einen Sittenwächter und jeden angefressenen
Pfarrherrn für einen Erzengel nehmen. Mit einem Ruck erhob sich Gertrud und
starrte ihn an. Er hielt dem Blick stand und zuckte die Achseln. »Menschen ohne
Glauben sind schlimmer als ansteckende Krankheiten,« flüsterte sie.
    Daniel lachte. Dann verfinsterte sich sein Gesicht, und er fragte, was sie
denn Glauben nenne? Ob sie der Meinung sei, dass der Glaube im Lippendienst
bestehe? Sie antwortete mit geducktem Kopf, sie könne über das, was ihr heilig
sei, nicht mit jemand reden, der sich von aller Religion losgesagt habe. Da
flammte Daniel auf und nannte ihre Reden lästerlich; ob sie sich wohl schon
irgendwelche Mühe mit ihm gegeben habe, dass sie mit ihrem Urteil so rasch fertig
geworden sei? Und ob sie denn so genau wisse, ob ihr sogenannter Glaube etwas
Besseres sei als sein sogenannter Unglaube? Woher sie denn das Mass nehme und den
Mut und die Sicherheit? Und ob sie sein Inneres kenne, und ob sie beim lieben
Gott Audienz gehabt habe?
    Er lachte wieder, pfiff dann und ging fort.
    Gertrud blieb eine Weile stehen und schaute zu Boden. Lenore hatte das Kinn
auf die Hand gestützt und sah sie mitleidig an. Plötzlich begann Gertrud am
ganzen Leib zu zittern und streckte, ohne den Blick zu heben, ihren Arm gegen
Lenore aus. Lenore erschrak, aber sie wusste nicht, was diese anschuldigende
Bewegung zu bedeuten hatte.
    Und das nächstemal, als Daniel auf seinem Ofenplatz sass, fing er, aus tiefem
Schweigen heraus, auf einmal an, über Religion zu sprechen. In vorgesetztem
Trotz; wie aus einem Hinterhalt, aus dem man Pfeile sendet; mit berechneter
Bosheit und kalter Auflehnung; als ein Geschlagener und Gejagter, einer, der der
himmlischen Regierung noch weniger vorgibt als der irdischen. So sass er da, eine
leibhaftige Blasphemie, und hatte wieder sein Affengesicht.
    Doch Lenore fühlte, dass er sich und seinen Gott verleugnete, und zwar mit
viel Gewalt. Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter; derweil
schritt Gertrud mit leichenblasser Miene an ihr und Daniel vorüber und zeigte
sich an diesem Abend nicht mehr. An diesem nicht und an den folgenden nicht. Sie
mied jetzt seine Gegenwart.
    In einer höchst wunderlichen Sekunde, nicht länger hatte es gedauert, war
Daniels Blick, indes sich das Mädchen erhob, auf dem Umriss ihrer Beine heften
geblieben. In dieser Sekunde wurde ihm bewusst, dass sie ein Weib war, und er ein
Mann. In dieser Sekunde nahm er das Äussere ihres Körpers wahr, aber ohne die
verkleidende Hülle. Ja, er dachte sie nackt; eine einzige Sekunde lang, aber er
dachte sie nackt; und alles, was sie gesprochen hatte, wie auch alles, was sie
tat und sagte, fiel als Kleiderhülle von ihr ab.
    Da war es ihm, als könne er zum ersten Male sehen, und als sehe er den
Körper der Welt.
    Ihr Bild folgte ihm nach; er sträubte sich gegen die Beunruhigung. Es war
ihm dergleichen noch nie passiert; er rief das Bild auf, um es mit kühlem Sinn
zu zerstören, es wich nicht, und als er Gertrud eines Tages beim schönen Brunnen
begegnete, blieb er wie versteinert stehen und vergass zu grüssen.
 
                                       16
Es war Mitte Dezember, ein klarer Frosttag. Lenore wäre nach Tisch gerne aufs
Eis gegangen. Sie war eine treffliche Schlittschuhläuferin und in der ganzen
Stadt dafür berühmt. Eine unbezähmbare Lebens- und Freiheitslust durchpulste
ihren Körper; es dünkte sie jämmerlich, dass sie sich in der stickigen Ofenluft
sollte zu den Schreibern setzen und schreiben.
    Indessen ging sie hin und schrieb wie täglich bei den Schreibern, und die
Augen des Herrn Zittel hinter den Brillengläsern erschienen ihr wie zwei grüne
Giftfläschchen. Es gelang ihr die Arbeit nicht, träg schlich die Zeit hin,
träger noch als Herr Diruf durch die Säle. Lenore hob den Kopf, ihr war, als
ruhe sein finsterer Blick auf ihr, und im Bewusstsein ihrer Pflichtversäumnis
errötete sie.
    Endlich schlug es sechs, lärmend standen die Schreiber auf, doch Lenore
wartete wie immer, bis es leer war, denn sie liebte es nicht, sich unter sie zu
mischen. Da humpelte Benjamin Dorn herein. »Fräulein Jordan soll zum Chef
kommen,« rief er und bog den langen Hals wie ein Schwan. Lenore wunderte sich;
es gab nichts, was zwischen ihr und Herrn Diruf zu besprechen war. Vielleicht
ist es Bennos wegen, dachte sie.
    Alfons Diruf sass an seinem Schreibtisch, als sie eintrat. Er schrieb noch
eine Zeile, dann richtete er den Blick starr auf sie. Es war etwas in diesem
Blick, was ihr das Blut aus den Wangen trieb. Unwillkürlich schaute sie an sich
herab und spürte ihre Haut.
    »Sie haben mich rufen lassen,« sagte sie.
    »Ja, ich habe Sie rufen lassen,« sagte Herr Diruf und machte einen müden
Versuch, zu lächeln.
    Es entstand wieder eine Pause. Beunruhigt blickte Lenore von einem
Gegenstand zum andern, bald auf die badende Nymphe an der Wand, bald auf die
Vorhänge aus Damast, bald auf den chinesischen Lampenschirm.
    »Nun, Schätzchen,« sagte Herr Diruf, und aus dem Lächeln wurde eine Art von
Krampf; »wir sind nicht übel; beim Bart des Propheten; wir haben alles an der
rechten Stelle. He?«
    Lenore warf den Kopf auf. Sie glaubte nicht gut gehört zu haben. »Sie haben
mich rufen lassen,« wiederholte sie mit lauter Stimme.
    Diruf legte die flache Hand auf den Bord des Schreibtischs. Der Solitär
schleuderte Funken. »Ich kann euch alle zertrümmern,« sagte er und schob die
Hand ein wenig nach vorwärts, gegen Lenore hin. »Das Bürschchen da draussen, Ihr
Bruder, ist ein heimlicher Filou. Ich kann ihn über sich selber purzeln lassen,
wenn ich will.« Er schob die fette Hand abermals ein Stück vorwärts, als wäre
sie eine gefährliche Maschine und der Solitär eine zur Warnung daran befestigte
Laterne. »Ich kann euch alle tanzen lassen, sobald es mir beliebt. He,
Schätzchen? Capito? Comprenez-vous?«
    Mit einem namenlosen Erstaunen blickte Lenore in Alfons Dirufs
Pflaumenaugen.
    Da erhob sich Diruf, trat an ihre Seite und legte den Arm um ihre Schultern.
»Ist jener ein genäschiger Kater, den man vom Weg locken kann, so sei du eine
schnurrende Miezekatz,« sagte er mit einer grässlichen Zärtlichkeit in der Stimme
und hielt zugleich Lenore so fest, dass sie sich minutenlang nicht rühren konnte.
»Ruhig, Schätzchen! Ruhig, mein kleiner Busen! Ruhig, du Satan!«
    Aber da rieselte ihr der heisse und kalte Schauder bis ins Mark; die
Berührung wirkte auf sie wie etwas Ungeheures, in schwersten Träumen nie so
schrecklich Geahntes; ein Ruck, als gelte es alles, Leib und Leben, und sie war
frei. Mit einem Gesicht, das weiss flammte, stand sie da und lächelte dennoch;
ein seltsames Lächeln war es, ganz ausserhalb der Grenzen dessen, was sonst so
genannt wird, und Alfons Diruf war plötzlich nicht mehr fett und finster,
sondern er war wie ausgeblasen, zunichte geworden und stierte dumm vor sich hin,
als er sich allein fand.
    Lenore eilte durch die Gassen, und auf einmal fand sie, dass sie in der
langen Zeile ging. Dortin hatte sie aber nicht gehen wollen, und sie kehrte
wieder um. Da gewahrte Benda, der eben zu Daniel wollte, die hastig Schreitende,
erkannte sie im Schein einer Gaslampe, blieb stehen, als sie an ihm vorüberging
und schaute ihr betroffen nach.
    Zu Hause angelangt, sank sie in der Wohnstube erschöpft aufs Sofa. Um sich
vor der Erinnerung an die vergangene Stunde zu retten, flüchtete sie in ihre
Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem südlichen Land. Sie sehnte sich mit solchem
Schmerz und solcher Lust, dass ihr Antlitz wie im Fieber glänzte. Aber die
gläserne Kugel hatte einen Sprung bekommen.
    Als es kurz vor acht Uhr läutete, sagte sie zu Gertrud: »Wenn es Daniel ist,
schick ihn fort, ich kann heut niemand sehen.«
    »Bist du krank?« fragte Gertrud eigentümlich streng.
    »Ich weiss es nicht, ich will niemand sehen,« sagte Lenore und lächelte
wieder wie im Zimmer Dirufs.
    Es war wirklich Daniel. Benda hatte ihm gesagt, dass et Lenore gesehen habe,
unten vor dem Haus, und als er erfuhr, dass sie nicht bei Daniel gewesen, nahm
seine Besorgnis zu. »Da ist etwas nicht in Ordnung,« meinte er, »du musst zu ihr
gehen.« Und nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten, begleitete er Daniel
bis zum Egydienplatz, um sicher zu sein, dass er sich nach Lenore erkundigen
würde.
    Gertrud öffnete die Gittertür. »Lenore will nicht, dass Sie hineinkommen,«
sagte sie mit einem Schimmer von Freude in den Augen.
    »Warum nicht? Was ist geschehen?«
    »Sie will es nicht,« sagte die Einsilbige und blickte in das Licht des
Flurlämpchens.
    »Ist sie krank?«
    »Nein!«
    »Dann soll sie mir selber sagen, dass sie's nicht will.«
    »Gehn Sie!« befahl Gertrud und warf den Kopf zurück.
    Ihr düsteres Auge verfing sich in seinem Blick, und sie standen einander
gegenüber wie zwei Wettläufer, die von verschiedenen Seiten an dasselbe Ziel
kommen. Dann drehte sich Daniel schweigend um und ging die Stiege hinunter.
Gertrud blieb noch eine Weile stehen, und ihr Kopf sank immer tiefer auf die
Brust. Plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht, und durch ihren Körper lief
ein Erbeben.
 
                                       17
Bevor Lenore schlafen ging, schrieb sie einen Brief an den Bureauchef Zittel,
worin sie ihren sofortigen Austritt aus dem Dienst der Prudentia anmeldete.
    Im Bette liegend, konnte sie keinen Schlummer finden. Sie sah sich auf dem
Eis, wie sie kühne und neuartige Figuren lief; Zuschauer standen bewundernd im
weiten Bogen. Sie sah das Meer mit Fischerbooten und farbigen Segeln und sah
Gärten voller Rosen.
    Der Vater und Benno waren längst zu Hause. Von der Kirche drüben schlug es
zwölf, dann eins, dann zwei.
    Da hörte sie Schritte in der Wohnung, eine Tür wurde auf- und zugemacht,
dann war es wieder still, dann erschallten wieder die Schritte. Sie verliess das
Bett, ging zur Tür und lauschte. Von nebenan, aus der Wohnstube, drang ein
tiefer Seufzer an ihr Ohr. Leise öffnete sie die Tür und schaute durch den Spalt
hinein.
    Am offenen Fenster stand Gertrud; sie war im Hemd und blossfüssig. Über dem
Platz draussen schien der Mond, und der Schnee glitzerte kalt auf den Dächern.
Die geisterhafte Beleuchtung machte auch das Gesicht des Mädchens geisterhaft,
und das lose hängende Haar sah schwarz wie Ebenholz aus.
    Lenore lief ins Zimmer und schloss das Fenster. »Was tust du, Gertrud!« rief
sie erschrocken, »willst du dir den Ton holen?«
    Gertruds schlanker Körper zitterte vor Frost. Ihre Zehen waren krampfhaft
eingebogen. »Ja,« antwortete sie dumpf, »das möcht ich.«
    »Das möchtest du?« versetzte Lenore, ebenfalls vor Kälte schlotternd, »und
der Vater? Denkst du an ihn nicht? Soll er sich noch mehr abhärmen? Was fehlt
dir, du Verrückte?«
    »Ich bin eine Sünderin, Lenore,« schrie Gertrud, stürzte auf die Knie und
umklammerte Lenores Hüften. »Ich bin eine Sünderin.«
    »So? was für eine Sünde hast du denn begangen?« fragte Lenore und beugte
sich ängstlich nieder.
    »Warum bin ich in dem Haus da!« stöhnte Gertrud und wies um sich, »in dem
Gefängnis da!« und sie fasste sich an ihre Brust. »Es ist etwas Böses über mich
gekommen, böse, sündige Gedanken. Schau mich nicht an, Lenore, schau mich nicht
an!«
    Ihre Stimme war zu einem Kreischen geworden, entsetzt wich Lenore zurück,
und Gertrud fiel mit der Stirn gegen den Boden. Die Haare bedeckten den
gekrümmten, zuckenden Rücken.
    Da öffnete sich die Tür, die zum Schlafzimmer des Inspektors führte, und er
selbst kam mit einer brennenden Kerze herein. In Ermangelung eines Schlafrocks
hatte er einen karierten Schal um die Schultern geworfen, dessen Fransen um die
Knie baumelten, und auf seinem Kopf sass eine weisse Zipfelmütze.
    Verstört musterte er die beiden Mädchen und wollte fragen, brachte aber kein
Wort über die Lippen. Er hatte in bedrängten Lagen eine Art, düster zu
schmunzeln, die in Lenore das innigste Mitleid erweckte. »Es ist nichts, Vater,«
stammelte sie mit einer schamhaften Gebärde, die ihn bat, sich zu entfernen,
»Gertrud hat Magenschmerzen. Sie hat nur in der Hausapoteke nachsehen wollen,
ob Tropfen da sind. Geh nur, Vater, ich bring sie schon wieder zu Bett.«
    »Da werd ich doch zum Doktor gehen, Kind, oder Benno wecken, dass er es tut,«
sagte Jordan.
    »Nein, Vater, 's ist nicht nötig, geh nur, geh.«
    Er verstand die Ungeduld Lenores und zog sich gehorsam zurück. Die
Kerzenflamme schirmte er mit der Hand, und sein riesiger Schatten schwankte wie
ein Tier hinter ihm her.
    »Steh auf, Gertrud,« sagte Lenore, »steh auf und komm mit mir.«
    Gertrud liess sich in ihre Kammer führen. Als sie schon eine Weile im Bette
lag, pochte es an der Tür, und Jordans Stimme fragte, wie sie sich befinde.
Lenore beruhigte ihn.
    Bis der Mond hinter dem Kirchendach verschwunden war, blieb Lenore an
Gertruds Bett sitzen und hielt deren grosse, stumme Hand in ihrer Hand. Sie hatte
den Mantel umgetan, gleichwohl fror sie. Während Gertrud mit offenen,
stummgewordenen Augen dalag, zeigte das bewegliche, jede Veränderung der Seele
treu spiegelnde Antlitz Lenores eine unendliche Folge ernster Gedanken. Als es
nun finster wurde, wandte Gertrud den Kopf gegen Lenore hin und sagte weich:
»Leg dich zu mir, Lenore. Seh ich dich schlafen, dann kam ich vielleicht auch
schlafen.«
    Lenore warf den Mantel ab und schlüpfte unter die Decke. Nach kurzer Zeit
schlummerten sie alle beide, dicht aneinander geschmiegt.
 
                    Stimmen von aussen und Stimmen von innen
                                       1
Daniel gewann Anhänger. Die vom Knechtlein eroberten Mäzene waren nicht Anhänger
zu heissen; es waren Patrioten, die es erbaulich fanden, dass aus dem fränkischen
Herzland ein erdgebürtiger Meister erstehen sollte. Sie interessierten sich für
die Person ihres Schützlings wenig.
    Daniels Anhänger waren junge Leute.
    Der Professor Herold war ein wunderlicher Mann. Er genoss einen Ruf weit über
die Grenzen der Provinz hinaus, aber eben seiner Wunderlichkeit wegen mochte er
die Provinz nicht lassen. Den musikbeflissenen Söhnen und Töchtern der
ansässigen Bürger gab er seinen ganzen Sarkasmus zu kosten, und sein Bemühen war
darauf gerichtet, ihnen die Lust an der Pfuscherei zu verleiden. Es gelang in
keinem Fall, das Klavierspielen gehörte zur Bildung, und in den
Kaufmannsfamilien war Bildung geschätzt.
    Es kam aber auch allerlei Volk von weiter zu Professor Herold, angelockt
durch seinen Namen. Als er die Vineta-Partitur gelesen hatte, sagte er zu zweien
von diesen: »Geht hin und bringt mir den Kerl, tot oder lebendig.« Da brachten
sie ihn.
    Die zwei kamen öfter zu Daniel, dann andere, Professor Wackerbarts und
Professor Döderleins Schüler. Bisweilen hatte er in der Kneipe Zusammenkünfte
mit ihnen. Wir wollen sie die Langmähnigen nennen, oder die Marmorbleichen;
viele hatten Ähnlichkeit mit Schlangenbändigern. Sie waren fast ausnahmslos sehr
dumm, hatten aber alle grosse Rosinen im Kopf.
    Es waren auch junge Mädchen dabei; wir wollen sie die Schmachtäugigen
nennen, oder die Traumverlorenen. Daniel war ihnen abgeneigt. Die Langmähnigen
schätzte er ebenfalls wenig.
    Von dieser Abneigung sprach er einmal zum Alten, wie Professor Herold
kurzweg hiess. Er schnappte wie ein bissiger Hund, strich die weissen Borsten auf
seinem ungeheuren Schädel zurück und sagte: »Da haben Sie aber eine Entdeckung
gemacht, Sie Originalmännlein! Wissen Sie denn nicht, dass gerade die Musik das
allernichtswürdigste Gesindel in ihren Zauberkreis zieht? Item, dass sie eine
Ausrede ist für jede Versäumnis von Menschenpflichten? Item, dass der wollüstige
Dunst, den sie über die Städte breitet, eine allgemeine Auszehrung der Herzen
zur Folge hat? Item, dass von fünfhundert sogenannten Künstlern
vierhundertneunundneunzig blosse Krüppelgarde unseres Herrgotts sind? Leitsatz:
Wer zur Musik nicht das allerreinste Feuer bringt, Urtiefenfeuer, dessen Blut
verwandelt sie in Leim, dessen Geist in einen Kehrichtaufen.«
    Damit schob er Daniel zur Tür hinaus, weil er an seinen Bilderchen malen
wollte. Es hingen an den Wänden seiner Stube viele Bilderchen, die er in seinen
Mussestunden verfertigte, schlechte kleine Bilderchen, auf die er stolz war. Sie
stellten Szenen aus dem Landleben dar.
 
                                       2
Der Impresario Dörmaul gab in der Neujahrsnacht ein Festessen im Schwänlein, zu
welchem Daniel eingeladen war. Der Impresario Dörmaul zeigte sich Daniel gnädig
gesinnt. Er sagte, er habe die Begabung des hoffnungsvollen jungen Mannes beim
Anblick der ersten Note erkannt. Er versprach, die Komposition Vineta, sowie die
andere, inzwischen beendete, die sich nürnbergische Serenade nannte, in seinen
Verlag zu nehmen. Auch schien er gewillt, die Anstellung bei der Wanderoper
ernstlich in Betracht zu ziehen.
    Zu dem Festmahle kamen die Professoren Herold und Wackerbart, ferner
Wurzelmann, einige von den Langmähnigen und einige von den Traumverlorenen.
Andreas Döderlein hatte sein Erscheinen für eine spätere Stunde zugesagt. Er
trat fünf Minuten vor Mitternacht in die weit aufgerissene Türe, feierlich wie
das neue Jahr in Person.
    Er ging auf Daniel zu und bot ihm die Rechte.
    »Siehe da, unser Benjamin, unser Johannes, um nicht zu sagen unser Daniel,«
redete er ihn an. »Gratulor, junger Stern! Was vermelden die Annalen von Andreas
Döderleins Spürnase? Damals in Bayreut, als man noch Wein auf Flaschen zog, hat
er nur hingerochen und wusste schon Bescheid. Kann es geleugnet werden,
Benjamin?«
    Es wurde nicht geleugnet. Daniel liess Gnade für Recht ergehen, und der
mächtige Mann warf seinen Wetterkragen von den Schultern, als sei es ein
Hermelin, dessen er sich entledigte, bevor er sich unter die gemeinen
Sterblichen mischte.
    Professor Wackerbart hatte eine Frau, die ihn prügelte und ihm nichts zu
essen gab. Er erachtete die Gelegenheit für günstig, sich einmal satt zu essen
und lustig zu sein. Es war eine kümmerliche Lustigkeit.
    Einer von den Langmähnigen sang das Champagnerlied, und Wurzelmann hielt
eine witzige Rede. Döderlein gab zu verstehen: man lasse die Mäuse tanzen, man
lasse die Flöhe hüpfen. Als eine von den Traumverlorenen den Davidsbündlermarsch
spielte, der nach den Vorschriften von Bayreut nicht zur wahren Musik gerechnet
werden konnte, rief er: »Gebt mir Lete, meine Söhne,« womit er den Punsch
meinte.
    Auch Daniel trank Lete. Er umarmte den alten Herold, drückte Andreas
Döderleins Hand und versuchte, mit Wurzelmann einen Walzer zu tanzen. Er war
nicht betrunken, er war nur glücklich.
    Dann wurde es ihm zu enge hier, er nahm Hut und Mantel und eilte ins Freie.
    Die Luft war lau, es wehte Föhnwind. Himmel oben, Himmel unten, die Häuser
standen auf Wolken. Jeder Atemzug machte nach dem nächsten durstig. Da, ein
Erker, so schön, dass man hätte knien mögen; ein Brunnen, so fremd und lauschig
wie etwas Erdichtetes; die Brückenbögen und das matt spiegelnde Wasser; zwei
Türme spinnwebenzart.
    Er jubelte stumm: Welt, bist du es wirklich? meine Welt, und ich lebe? Meine
Welt, mein Jahr, meine Zeit, und ich darin, ich selbst!
 
                                       3
Er stand auf dem Egydienplatz und schaute hinauf zu den Jordanschen Fenstern.
Alle Fenster waren schwarz.
    Gern hätte er gerufen, aber der Name, der sich auf seine Lippen drängte,
flösste ihm Angst ein. Die leidenschaftliche Wallung wollte seine Brust sprengen.
    Er musste noch etwas mit sich anfangen, musste reden, musste fragen und eine
Stimme hören. So eilte er zur Füll und rief unter Bendas Fenstern Bendas Namen.
Die Uhren schlugen drei.
    Endlich wurde ein Vorhang aufgerollt und Bendas dickliche Gestalt zeigte
sich am offenen Fenster. »Daniel, du? Was ist geschehen?«
    »Nichts ist geschehen. Das Jahr will ich dir bringen.«
    »Ob du mir damit was Gutes bringst? Geh heim und leg dich aufs Ohr.«
    »Willst mich nicht hinauflassen, Friedrich? Reden wir noch ein wenig vom
Glück!«
    »Sei nicht übermütig. Wir könnten's verreden.«
    »Philister! Gib mir wenigstens deinen Segen.«
    »Den hast du. Jetzt geh nur, Nachtgeist, und lass die Leute schlafen.«
    Da öffnete sich noch ein Fenster, im Erdgeschoss, und des Herrn Carovius
wüste Bettphysiognomie starrte am Haus empor, starrte gegen den Ruhestörer auf
der Strasse, und mit einem grimmig feixenden Laut, rachsüchtig die Faust
schwingend, schloss der entrüstete Mann das Fenster wieder.
    Abermals trieb es Daniel zum Egydienplatz hin, abermals schaute er zu den
Fenstern hinauf, fast flehend. Der innere Sturm wurde wilder. Lange Zeit noch
rannte er durch die Gassen, und erst gegen fünf Uhr kam er heim.
    Durch den dunklen Flur gehend, gewahrte er oben an der kleinen Treppe ein
Licht. Meta trug es, die schon aufgestanden war, um zur Früharbeit zu gehen. Er
zögerte, er sah sie an und mit drei Sätzen war er bei ihr droben.
    »So spät?« flüsterte sie ahnungsvoll verlegen und nestelte mit der Linken an
den Knöpfen ihres schlechtgeschlossenen Gewandes.
    »Dass ich noch einen lebendigen Menschen fassen kann heute,« stiess er hervor.
    Sie wehrte sich, als er sie in ihre Kammer ziehen wollte, bog den Leib
zurück und umpresste sein Handgelenk. Das Licht trug sie noch immer.
    »Wie mir zumut ist, Meta! Wüsstest du's! Ich brauch dich, halt mich fest mit
deinen Armen.«
    Da sträubte sie sich nicht mehr. Vielleicht war auch sie nicht ohne Wunsch.
Vielleicht war es eine Stunde, wo die Natur gebieterischer sprach als sonst.
Vielleicht litt sie an der Einsamkeit unter den drei alten Jungfern. Es war noch
finstere Nacht, und für sie sollte es schon Tag sein, der erste im Jahr, den sie
festlich empfand. Sie gab nach.
    Sie war unverdorben; sie wusste nicht, was sie auf sich nahm. Heimlich war
ihr der Mensch nie gewesen, aber jetzt spürte sie das gleichgeartete Geschöpf,
und sie gab nach.
    So kehrte Daniel zur Erde zurück, nachdem er mit ungeheurer Begierde an die
Pforten der Götter gepocht hatte. Die Götter lächelten tiefsinnig, denn sie
hatten beschlossen, aus dieser Stunde ein besonderes Schicksal wachsen zu
lassen.
 
                                       4
In Gostenhof fand eine Versammlung der sozialdemokratischen Partei statt, in
welcher zu der Kanzlerrede über das Unfallversicherungsgesetz Stellung genommen
werden sollte.
    Als erster Redner betrat der Abgeordnete Störbecker die Tribüne, aber er
hatte eine zu leise Stimme und was er sagte, verhallte fast ungehört.
    Ihm folgte Jason Philipp Schimmelweis. Er klagte die Regierung mit heftigen
Worten an. Der Vertreter der Regierung ermahnte zur Mässigung, und Jason Philipp
kräftigte sich durch einen Schluck Bier. Sodann schleuderte er den ganzen Zorn
seines volksfreundlichen Herzens gegen die verantwortliche Person des Trägers
der Reichsgeschäfte. Er nannte Bismarcks Namen nicht, aber er sprach von einem
Popanz. Er riss ihm die Glorie vom Haupt, schwor, ihn eines Tages als Verräter
entlarven zu wollen, hiess seinen Ruhm eine Lügengeburt und seine Taten
Schandmale des Jahrhunderts.
    Der wilde Hass des rundlich kleinen Mannes entzündete die Gemüter, und ein
Tumult von Beifall umbrauste Jason Philipp, als er mit scharlachrotem Gesicht
auf seinen Platz zurückkehrte.
    Aber die anwesenden Führer der Partei verhielten sich eigentümlich still. Es
dauerte nicht lange, so kam der Abgeordnete Störbecker mit zwei Genossen und
ersuchte Jason Philipp um eine Unterredung. Er folgte ihnen in ein Seitenzimmer.
Von der Meinung gehoben, dass man ihm eine dankbare Anerkennung ausdrücken wolle,
lächelte er eitel und liebkoste mit den Fingern seinen Bart.
    »Was gibt's, ihr Herren? Weshalb so bedenklich? Hab ich mich zu weit
vorgewagt? Ich nehme alles auf mich, aber seien Sie ruhig, man hat jetzt Angst
vor uns, die Luft riecht brenzlig, die Franzosen stänkern wieder.«
    Nein, Genosse Schimmelweis, du sollst dich rechtfertigen. Du bist ein
Proteus, Genosse Schimmelweis; deine rechte Hand weiss nicht, was deine linke
tut; du treibst Schindluder mit uns; du pflügst im Gärtlein der Witwe; du
predigst Wasser und säufst Wein; du hast dich mit den Aussaugern des Volks
verschworen; du hast gemeinsame Sache mit den Leuten von der Prudentia gemacht
und füllst bei dem grossen Massenbetrug deinen Beutel; von früh bis abends bist
du unterwegs und bereicherst dich mit den Pfennigen des Arbeiters. Praktiken,
Jason Philipp Schimmelweis, Praktiken. Entsage dem Bündnis mit der Prudentia,
oder wir stossen dich aus unsrer Mitte.
    Da erst zeigte sich Jason Philipp Schimmelweis im Glanz seiner Beredsamkeit.
Seine Hand sei rein, die linke wie auch die rechte; wirke er für eine Sache, so
sei es eine gute Sache; Drohungen könnten ihn nicht einschüchtern; Jason Philipp
Schimmelweis sei nicht gesonnen, sich einer Diktatur zu beugen, welche die Maske
der Freiheit und Gleichheit trage; wolle man den Skandal, so werde man ihn
haben, man werde Jason Philipp Schimmelweis gerüstet treffen; Jason Philipp
Schimmelweis finde überall in der Welt offene Türen.
    Hiermit machte er kehrt und liess die Genossen stehen. Auf dem Nachhauseweg
zwang ihn die Erbitterung zu fortwährendem zornigen Gemurmel.
    Wie ein Schiffer, der stürmisch gewordene Meere flieht, steuerte er sein
Fahrzeug nach andern, gastlichen Gestaden, und drei Tage später ging er zum
Freiherrn Siegmund von Auffenberg, um dem Führer der liberalen Partei in aller
Form seine Dienste anzubieten.
 
                                       5
Fünfunddreissig Minuten, nach der Uhr gezählt, musste er im Vorzimmer warten. Er
stellte bittere Betrachtungen an über die Verkümmerung des Gleichheitsgefühls
bei den besitzenden Klassen. Ein richtiger Rebell, verleugnete er sich selbst
dort nicht, wo er Verrat übte.
    Als er endlich in das Arbeitszimmer des Barons geführt wurde, war er nicht
geblendet von dem Luxus der Möbel, der Teppiche, der Ölgemälde; nicht
untertanenhaft gedrückt von dem erlauchten Wesen des Freiherrn. Er setzte sich
ungezwungen, Bein neben Bein, auf einen Stuhl, nahm weder Notiz von einem
französisch schwatzenden Papagei, noch von einem mit Leckerbissen beladenen
Frühstückstisch, sondern brachte sein Anliegen mit geziemender Schlichteit vor.
    »Sehr schön,« sagte der Freiherr, »sehr schön. Ich glaube, Sie brauchen die
Schlachtfront gar nicht wesentlich zu verändern. Einer von den gewissenlosen
Umstürzlern waren Sie ja nie. Sie haben Familie, Sie haben ein Heim, Ihre
Verhältnisse sind geregelt, und im Grunde Ihres Herzens lieben Sie die Ordnung.
Ich habe Sie längst erwartet. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, Sie mussten zu
uns kommen.«
    Jason Philipp errötete vor Vergnügen. In der Haltung eines Lohnkutschers,
der ein Trinkgeld einsteckt, antwortete er: »Sehr verbunden, Herr Baron.«
    »In einem Punkt sind wir ja sicherlich einig,« fuhr Herr von Auffenberg
fort, »und im wichtigsten, will mir scheinen -«
    »Gewiss, gewiss,« fiel ihm Jason Philipp in die Rede, »Sie spielen natürlich
auf den Kampf gegen Bismarck an, Herr Baron. Ja, darin sind wir, will ich
hoffen, vollkommen einig. Da stell ich meinen Mann. Eid und Handschlag! Diesen
Ritter von der Finsternis könnte ich kalten Blutes auf der Folter winseln
sehen.«
    Herr von Auffenberg nahm die temperamentvolle Erklärung mit etwas dünnem
Lächeln auf. »Nur nicht so gewalttätig, Verehrtester,« sagte er. Er griff nach
einem Riechfläschchen und hielt es an die Nase, wobei er die Augen schloss. Dann
ging er mit den Händen auf dem Rücken ein paarmal durch das Zimmer.
    Was er dann sprach, war ihm geläufig wie das Abc, und während Jason Philipp
begeistert auf seinen Mund starrte, dachte der Baron an ganz andere Dinge, die
mit seiner Rede ganz und gar keinen Zusammenhang hatten.
    »Derselbe Mann, der das neue Reich mit Hilfe einer liberalen Gesetzgebung
wohnlich machen wollte, der den alten Streit zwischen Kaiser und Papst rühmlich
zu Ende zu führen versprach, derselbe Mann ist jetzt am Werke, Stück für Stück
der liberalen Traditionen zu zerstören und den römischen Oberpriester als
Friedensbringer anzurufen. Was der Kanzler tun konnte, um dem deutschen Freisinn
den Todesstoss zu versetzen, hat er getan. Die Reaktion hat nicht davor
zurückgebebt, an Stelle des Kulturkampfes einen schändlichen Klassen- und
Rassenhass wachzurufen und bis zu blutigen Ausschreitungen grosszusäugen, um
angesichts ihrer Verbrechen die eigenen Kinder zu ächten und zu verstossen.«
    »Dépêche-toi, mon bon garçon,« krächzte der Papagei.
    »Ich bin glücklich darüber, den Mächten der Unordnung eine Beute entrissen
und dem Staat einen Bürger gewonnen zu haben, mein lieber Herr Schimmelweis.
Doch ist es ratsam, dass Sie sich in der nächsten Zeit etwas im Hintergrund
halten. Man wird Ihren Gesinnungswechsel zum Gegenstand lärmender Angriffe
machen und das könnte der Sache schaden.«
    Zu Hause erzählte Jason Philipp, wie er mit offenen Armen empfangen worden
sei, was der Baron gesagt, was er, Jason Philipp, geantwortet, wie sie sich in
weittragende Erörterungen eingelassen und dass diese Zusammenkunft später einmal
zu den historisch bedeutsamen gerechnet werden würde.
 
                                       6
Was aber waren die eigentlichen Gedanken des alten Freiherrn, während er
politische Reden hielt?
    Immer die nämlichen. Der nämliche Ingrimm frass unaufhörlich an seinem
Herzen.
    Unaufhörlich dachte er an seinen Sohn, an die Verachtung, die er von ihm
erfahren hatte und die er noch täglich, stündlich dadurch erfuhr, dass sich
Eberhard seiner Macht entzog.
    Er konnte es nicht verwinden, dass er so viele Millionen angesammelt hatte
und dass Eberhard aller menschlichen Voraussicht nach und den Gesetzen zufolge
eines Tages einen Teil dieser Millionen besitzen werde. Er wusste von der Armut
wenig; aber sein hasserfüllter Geist träumte von nichts anderm als von der
Genugtuung, den missratenen Spross seines Namens und Blutes der Armut preisgeben
zu können. So wollte er sich rächen, so wollte er strafen.
    Aber er fand keinen Weg hierzu; das Gesetz hinderte ihn daran.
    Der Gedanke, dass sein Reichtum täglich, stündlich sich vermehrte, dass die
Millionen immer neue Millionen zeugten, ohne dass er den Finger rührte, ohne dass
er die Flut zu hemmen vermochte, und dass infolgedessen der Anteil des treulosen,
aufrührerischen und glühend gehassten Sohnes täglich und stündlich grösser wurde,
dieser Gedanke vergiftete seine Ruhe, lähmte seine Kraft, beraubte ihn aller
Freuden und verdüsterte sein Leben.
    Ein neuer Midas, verwandelte er alles, was er anrührte in Gold, und je mehr
Gold entstand, je düsterer wurde sein Leben, je rachsüchtiger sein Gemüt.
    Die Töne eines Klaviers drangen zu ihm. Es war seine Frau, die spielte; sie
spielte Lieder ohne Worte von Mendelssohn. Er schüttelte sich wie vor Ekel. Von
allem Widerwärtigen war ihm Musik das Widerwärtigste.
    »Dépêche-toi, mon bon garçon,« krächzte der Papagei.
 
                                       7
Oft geschah es, dass während Jason Philipps Abwesenheit ärmlich gekleidete
Menschen in den Laden kamen und von Terese das Geld zurück verlangten, das sie
für die Versicherung gezahlt hatten.
    Einige gebärdeten sich erregt, als sie von Terese abgewiesen wurden und sie
ihnen sagte, es sei ihres Mannes Angelegenheit, sie befasse sich mit seinen
Agenturgeschäften nicht. Ein Schlossergeselle hatte den Kommis Zwanziger, der
herbeigeeilt war, um die Prinzipalin zu beschützen, mit der Faust traktiert; ein
Goldschläger aus Fürt hatte dermassen gelärmt, dass die Polizei geholt werden
musste; eine Fassbinderswitwe, die unter grossen Entbehrungen ein Jahr die Prämien
gezahlt und die Weiterzahlung nur verabsäumt hatte, weil sie im Spital gelegen
war, stürzte in epileptischen Krämpfen zu Boden.
    Es kam so weit, dass Terese vor jedem unbekannten Gesicht erschrak. Sie
atmete auf, wenn ein Tag vergangen war, ohne sonderliches Übel gebracht zu
haben, doch zitterte sie dann schon vor dem nächsten.
    Was sie mehr als alles beunruhigte, war das unerklärliche Verschwinden
kleiner Geldbeträge, das sie seit einiger Zeit bemerkte. Einmal war ein Mann in
den Laden gekommen und hatte seine Monatsrate für ein Lieferungswerk, einen
Taler, auf den Zahltisch gelegt. Der Mann ging fort, sie schloss hinter ihm die
Tür, weil sie einen Blick auf die Strasse werfen wollte, wo eben ein starkes
Schneegestöber herrschte. Als sie an das Pult zurückkehrte, war der Taler
verschwunden. Sie fragte, wo der Taler sei; Jason Philipp, der dem Kommis
Zwanziger Bücher auf die Leiter reichte, wurde so grob, als ob sie ihn
bezichtigt hätte. Sie zählte in der Kasse nach, zählte und rechnete; umsonst;
der Taler war verschwunden.
    Sie hatte vergessen oder nicht beachtet, dass Philippine im Laden gewesen
war, ihrem Vater das Vesperbrot gebracht hatte und in ihren Filzschuhen unhörbar
wieder hinausgegangen war.
    Ein andermal fehlten ihr Nickelmünzen aus ihrem Börschen. Ein drittes Mal
forderte ein Spezereiwarenhändler eine Schuld von drei Mark, die sie längst
bezahlt zu haben sicher war. Sie war sicher, dass sie das Geld Philippine gegeben
hatte, damit sie es zahlen solle. Und sie rief Philippine herbei. Die aber
leugnete mit solcher Stirn, dass Terese irre wurde und schweigend das Geld
hergab.
    Sie hatte die Magd beargwöhnt, sie hatte den Kommis beargwöhnt; sie hatte
selbst Jason Philipp beargwöhnt, dass er auf Schleichwegen sich einiges
Wirtshausgeld verschaffen wollte, und sie hatte Philippine beargwöhnt. Aber sie
fand keine Beweise, und ihr unablässiges Spähen und Forschen fruchtete nicht.
Dann hörten die Diebstähle wieder auf.
    Denn Philippine, welche die Diebin war, fürchtete sich vor der Entdeckung
und wählte einen gefahrloseren Weg, sich zu bereichern. Sie stahl Bücher und
verkaufte sie beim Trödler. Sie war schlau genug, nur solche Bücher zu
beseitigen, die schon lange Zeit in den Regalen gelegen waren, auch ging sie
nicht stets zu demselben Trödler, sondern immer zu einem andern.
    Das Geld aber, das sie heimlich und gierig wie eine Dohle zusammentrug,
versteckte sie auf dem Dachboden des Hauses. In der Mauer neben dem Kamin war
ein Ziegelstein locker, den nahm sie heraus, die Höhlung hatte sie nach und nach
vergrössert und wenn sie ihren Raub untergebracht hatte, stellte sie ein
Brettchen davor und schob den Stein wieder in das Loch.
    War dann kein Laut zu hören, der sie verscheuchte, so überliess sie sich mit
gefalteten Händen ihren Betrachtungen, und auf ihrem stumpfen Gesicht malte sich
ein böser und fanatischer Traum.
 
                                       8
Eines Abends im Februar sassen Terese und Philippine wäscheflickend bei der
Lampe, als Jason Philipp ins Zimmer trat und sich mit verschmitzter Miene die
Hände rieb.
    Da es Terese nicht der Mühe wert fand, ihn nach der Ursache seiner guten
Laune zu fragen, lachte er plötzlich auf und sagte: »Jetzt können wir einpacken,
meine Liebe. Ich les' es schon gedruckt: das grosse Licht oder die beschämten
Verwandten. Rührendes Tableau, dargestellt von Herrn Daniel Notaft und der
Familie Schimmelweis.«
    »Ich versteh dich nicht; du redest schon wieder wie ein Hanswurst,«
antwortete Terese.
    »In einem Konzert werden Sachen von Daniel gespielt,« belehrte Philippine
mit ihrer harten, alten Stimme die Mutter.
    »Woher weisst denn du das?« fragte Terese misstrauisch.
    »Habs in der Zeitung gelesen.«
    »Im Saal der Harmoniegesellschaft soll das Wunder vor sich gehen,«
bestätigte Jason Philipp mit einer rätselhaften Schadenfreude. »Am Donnerstag
ist öffentliche Probe und ich werde mir's nicht nehmen lassen, dabei zu sein.
Der Musikalienhändler Zierfuss hat mir zwei Karten gegeben, und wenn du Lust
hast, kannst du auch zusehen, wie man aus einem Tagedieb eine Lokalgrösse macht.«
    »Ich?« erwiderte Terese verächtlich erstaunt, »keinen Schritt vors Haus.
Was scheren mich eure Dummheiten.«
    »Aber die Herren werden sich schneiden, die Herren werden sich gewaltig
schneiden,« fuhr Jason Philipp drohend fort, »es gibt noch einen gesunden
Menschenverstand in der Welt, es gibt noch Mittel gegen gemeingefährliche
Schwindler.«
    Da erhob Philippine mit jähem Entschluss den Kopf. »Derf ich mit dir gehen,
Vatter?« fragte sie, und ihre Ohren wurden glühend rot.
    Es war mehr als eine Bitte. Jason Philipp stutzte über den verwilderten
Blick des Mädchens. »Gut,« sagte er und sah über Tereses stummen Widerstand
hinweg, »aber versorg dich auch mit einem Pfeiflein, damit du ordentlich pfeifen
kannst.«
    Er sank behaglich ächzend auf einen Stuhl und streckte die Beine aus.
Philippine kniete nieder und zog ihm die Stiefel von den Füssen, worauf er in die
bereitstehenden Pantoffeln schlüpfte, die in roter Stickerei einen Spruch
trugen. Auf dem linken stand: dem Müden, auf dem rechten: zum Trost.
 
                                       9
Lenore hatte ihrem Vater verschwiegen, aus welchem Grund sie ihre Stellung bei
Alfons Diruf verlassen hatte. Der Inspektor erkundigte sich auch nicht weiter
darnach, als er bemerkt hatte, dass es Lenore unangenehm war, davon zu sprechen.
Ihm ahnte nichts Gutes, und wenn er schwieg, geschah es auch aus Furcht vor
seinem eigenen Zorn und Schmerz.
    Indes hatte Lenore Beschäftigung gefunden. Eine Schulkameradin, die sie
ehedem gut leiden gemocht, Marta Degen, die Tochter des Zuckerbäckers, hatte
den Notar Rübsam geheiratet, einen alten Mann übrigens. Lenore kam einigemal ins
Haus, da der Inspektor auch seit langen Jahren mit dem Notar befreundet war, und
im Gespräch ergab es sich, dass der Notar eine Hilfskraft für Schreibarbeiten
brauchte. Da in der Kanzlei des Notars kein Platz war, durfte sie die
Schreibereien zu Hause besorgen.
    Ausserdem war sie durch Friedrich Benda an den Archivrat Bock empfohlen
worden, welcher ein weitläufiges Werk über nürnbergische Geschichte abfasste, und
sie sollte nun die verhudelten Handschriften des Archivrats ins Reine bringen.
    Ein mühevolles Ding, aber dabei erfuhr sie doch mancherlei, ihr durstiger
Geist saugte Nahrung auch aus dürrem Boden.
    Ihr Verlangen wurde wach, das Stückwissen zu ergänzen, sie bat Benda um dies
und jenes Buch, und wenn sie den Tag über fleissig die Feder geführt hatte, las
sie oftmals bis in die späte Nacht.
    Es blieb aber nichts aussen hängen an ihr, so dass sie es mühselig
mitschleppen musste. Es wurde ihr alles zum Wesen.
    Lange hatte sich Daniel nicht sehen lassen. Er hatte bei den Proben zu tun,
die von Wurzelmann geleitet wurden. Professor Döderlein sollte nur das eingeübte
Orchester übernehmen. Ausser Daniels Kompositionen stand die dritte
Leonoren-Ouvertüre auf dem Programm und Wurzelmann nannte dies einen guten
Vorspann.
    Häufig wurde Daniel auch vom Impresario Dörmaul gerufen; die Wanderoper
sollte im März ihre Reisen antreten und es war vieles zu besprechen. Der
Vertrag, den er dann unterschrieb, verpflichtete ihn für drei Jahre gegen ein
Gehalt von sechshundert Mark für das Jahr.
    Ein paar Tage vor der Generalprobe kam er zu Jordans und brachte drei
Karten, eine für den Inspektor und zwei für die Schwestern. Die Generalprobe war
wie ein Konzertabend für sich, und es waren über hundert Personen dazu geladen
worden.
    Der Inspektor war eben im Begriff auszugehen. »Das ist aber fein,« sagte er,
»das ist riesig fein, dass ich wieder mal Musik hören kann. Da freu ich mich ja
ganz ausserordentlich drauf. Als junger Bursche, ja, da bin ich manchmal ins
Konzert gegangen. Das ist lang her und wenn man's denkt, spürt man erst, wie alt
man geworden ist. Die Jahre hängen wie Mühlsteine an einem. Nun, ich dank Ihnen,
Daniel, dank Ihnen wärmstens.«
    Auch Lenores Freude war gross. Als ihr Vater fort war, bemerkte sie, dass
Daniels Augen Gertrud suchten, die bei seinem Kommen das Zimmer verlassen hatte.
Sie öffnete die Tür und rief hinaus: »Gertrud, komm schnell! eine Überraschung!«
    Nach einer kleinen Weile kam Gertrud.
    »Ein Billett für dich, für Daniels Konzert,« sagte Lenore strahlend und
hielt ihr die grüne Karte hin.
    Gertrud schaute Lenore an und wollte auch Daniel anschauen, aber ihr
schwerer Blick, von unten emportauchend, streifte ihn nur und kehrte wie
gepeinigt wieder zurück. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte langsam: »Ein
Konzertbillett? Für mich? Für mich, Lenore? Ist das dein Ernst?« Abermals
schüttelte sie den Kopf, erstaunt und unwillig. Hierauf ging sie zum Fenster,
lehnte den Arm ans Kreuz und presste die Stirn dagegen.
    Daniel verfolgte sie mit Blicken voll glühendem Zorn. »Man kann Schafe zu
einer Schlachtbank treiben,« sagte er, »man kann Räuber und Diebe in eine
Fronfeste sperren, man kann Aussätzige ins Lazarett transportieren, aber man
kann einen fühlenden Menschen nicht zum Anhören von Musik zwingen.«
    Er schwieg und es blieb still. Gequält durch die Empfindung, dass Daniels
Blick an ihrem Rücken haftete, kehrte sich Gertrud um, ging zum Ofen, setzte
sich dort hin und legte die Wange an die Kacheln.
    Mit zwei Schritten stand Daniel dicht vor ihr und stiess heraus: »Wenn ich es
aber fordere, dass Sie gehen? Wenn zum Beispiel meine Ruhe davon abhängt, oder
etwas, was vielleicht für die Welt wichtig ist? Trost, Befreiung, Besserung? Und
wenn ich es deshalb fordere, was dann?«
    Aus Gertruds Zügen war alle Farbe gewichen. Eine Sekunde lang weilte ihr
Blick auf seinem Gesicht, hierauf wandte sie den Kopf zur Seite, zog wie
frierend die Schultern in die Höhe und stammelte: »Dann ... dann gehe ich. Ja,
dann gehe ich. Obwohl ich's bereuen werde ... sicher bereuen werde.«
    Mit grossen, immer grösser werdenden Augen hatte Lenore alles dies vernommen.
Als sie Daniel anschaute, lag eine gütige, schmelzende Feuchtigkeit in ihrem
Blick und sie lächelte.
    Daniel war aber auf einmal verdriesslich geworden. Er murmelte einen Gruss und
ging. Lenore trat ans Fenster und sah ihm nach, wie er über den Platz rannte,
den Hut mit beiden Händen vor dem Sturmwind schützend.
    »Komischer Kerl,« sagte sie leise, »komischer Kerl.«
    Dann erhob sie das Auge zu den Wolken, deren eilige Flucht über das
Kirchendach ihr gefiel.
 
                                       10
Die dritte Fidelio-Ouvertüre sollte erst im eigentlichen Abendkonzert an der
Spitze des Programms stehen. Sie bot nach Döderleins Meinung keine
Schwierigkeiten; die Generalprobe war vornehmlich den Werken des Neulings
gewidmet. Sein Taktstock gab das Zeichen zum Beginn, und es wurde ruhig im Saal.
    Mit einem Zusammenspiel der Bläser setzte die nürnbergische Serenade ein. Es
war ein kräftiges und burschikoses Tema, das dann die Geigen übernahmen, um es
launisch zu zerpflücken und allmählich in das Bereich der Träumerei zu führen.
Da wurde die Nacht lebendig, da surrte ein süsser Sommerwind, da tanzten
Leuchtkäfer; gotische Dome erhoben sich in der schwülen Dunkelheit, und
kleinbürgerliche Gestalten krochen in verwinkelten Gassen; ein Ruf grosser
Vergangenheit und Mahnung der Zukunft schallten in das Behagen an der Gegenwart,
Heroisches mischte sich mit Scherzhaftem, Fantastisches mit Burleskem, die
Romantik fand ihr Widerspiel, alles im Fluss echter Melodie, schlank im Bau,
reizend in der Gliederung.
    Die Fachmusiker waren sattsam verwundert, und ihre Verwunderung gewann in
den damaligen Berichten einen starken Ausdruck. Freilich wurde das anerkennende
Wort getrübt durch das hässliche Ende, das die Generalprobe nehmen sollte, aber
ein Mann von innerer Unabhängigkeit, den beklagenswerte Schicksale aus einem
bedeutenden Wirkungskreis in den beschränkten der Provinz geworfen hatten,
schrieb wie folgt: »Dieser Künstler hätte wohl das Vermögen, ein Wahr- und
Flammenzeichen in unserer Zeit zu werden. Ihn bildete die Natur, ihn erzog sein
Stern. Verleihe ihm doch der Himmel die Kraft und die Geduld, die zur zweiten
höheren Menschwerdung eines Künstlers unerlässlich sind! Liesse er ihn doch nicht
zu frühe nach den reifenden Früchten langen und im Taumel der niedrigen
Leidenschaften die Stimme seines Herzens überhören, damit der Flug, dem sich der
Azur des Ruhmes aufgetan, nicht wieder sich herunter wende in die Nacht.«
    Derselbe Kenner erklärte die Komposition Vineta für minder erfindungsreich
und ihre Instrumentation an einer anfängerhaften Magerkeit krankend. Trotzdem
fand auch dieses Stück vielen Beifall. Der Impresario Dörmaul klatschte, dass ihm
der Schweiss ausbrach. Wurzelmann war wie besessen. Der alte Herold lachte über
das ganze Gesicht. Die Langmähnigen konnten sich zwar des Neides nicht
entschlagen, kargten jedoch nicht mit ihrem Jubel.
    Aber wie war es Herrn Carovius ums Herz! Der Speichel schmeckte ihm bitter,
der Leib tat ihm weh, und als sich Andreas Döderlein dankend verneigte, stiess er
eine höhnische Lache aus. Und Jason Philipp Schimmelweis! Ihm wäre wohler
gewesen, wenn das Händegeklatsch von ebensovielen Ohrfeigen hergerührt hätte,
die er dem Schandbuben insgeheim zudachte. Das Unterste der Welt war zu oberst
gekehrt, er fasste sich an die Stirn, er schüttelte den Kopf, es lag ihm nahe zu
rufen: ihr Betrüger! ihr Betrogenen! hört mich doch, ich kenne ja den Menschen,
der euch am Narrenseil führt! Und er wartete, ob sich das Missverständnis, der
grosse Schwindel, nicht am Ende doch aufklären würde. Er wartete nicht umsonst.
    Schon nach der Serenade war dem Inspektor Jordan die fieberhafte Blässe
Gertruds aufgefallen. Er fragte, ob sie sich krank fühle, sie gab keine Antwort.
Während des zweiten Stückes presste sie beständig und wie im Krampf die Hände
gegen die Brust. Ihre Augen waren bald erloschen, bald lohten sie in einem
unheimlichen Feuer. Unmittelbar nachdem das Stück zu Ende war, wandte sie sich
an ihren Vater und bat ihn, er möge sie nach Hause begleiten. Der Inspektor
erschrak, die Umsitzenden wurden aufmerksam und betrachteten mitleidig das
bleiche Gesicht des jungen Mädchens. Lenore wollte gleichfalls aufbrechen, aber
Gertrud flüsterte ihr herrisch zu, sie solle bleiben. Mit Gertruds Gemütsart
hinlänglich bekannt, dachte sie an einen vorübergehenden Anfall und beruhigte
sich dabei.
    Daniel stand gerade mit Benda und Wurzelmann an der Türe. Er war sehr
erregt, und die beiden bemühten sich, seine gegen Andreas Döderlein geäusserte
Erbitterung zu beschwichtigen. »Der Mann versteht vom Handwerk nichts,«
knirschte er und wies alle Beschönigungsversuche zurück; »von dem, was ich
gemacht habe, sind nur Trümmer übrig. Er verschleppt die Tempi, hält keine
Bindung, zertrampelt jedes Piano, steigert nicht, retardiert nicht, es ist ein
Jammer, ich halt's nicht aus, so können die Sachen öffentlich nicht gespielt
werden.«
    Da gingen Gertrud und der Inspektor rasch und ohne Gruss vorbei. Daniel
stutzte. Der entseelte Ausdruck in Gertruds fahlem Gesicht ängstigte ihn.
Zugleich fühlte er, als ob ein Hammerschlag ihn getroffen hätte, dass sein
Schicksal an dieses Wesen unauflöslich gekettet war. Ihr Schritt, ihr Auge, ihr
Mund, alles war wie in ihm selber drinnen, und der Zorn darüber, dass sie ohne
Gruss vorbeiging, fremd, verschlossen und feindselig auch jetzt, nach dieser
Stunde, verdunkelte seinen Geist. Von da an war er nicht mehr Herr seiner
Handlungen.
    Wie nun die Beetovensche Tonflut in ihrer hochgewaltigen Wildheit aus dem
Orchester emporstürmen sollte und statt dessen ein verworrenes, trübes Getöse
erklang, wurde er von einer grossen Unruhe ergriffen. Näher als bei dem eigenen
ging es ihm, das fremde Gebilde verunstaltet zu sehen, dessen zarte Seele und
Titanenwuchs ihm vertraut war wie sonst nur wenige Dinge auf der Welt. Das
Trompetensolo erschallte nicht aus scheinbar geisterhafter Ferne, sondern nah
und platt. Er fing an zu zittern. Und als das wehvoll ruhige Andante von der
rohen Lenkerhand seines Masses beraubt wurde und im Gemeinen zerflatterte, da
ertrug er es nicht mehr. Er stürzte aufs Podium, umklammerte den Arm des
Dirigenten mit Eisenfingern und schrie ihn an: »Genug jetzt! So verfährt man
nicht mit einem Götterwerk!«
    Die Leute erhoben sich von ihren Sitzen. Die Instrumente verstummten
plötzlich, nur ein Cello wimmerte noch. Andreas Döderlein prallte zurück,
starrte den tollen Menschen mit aufgerissenem Mund an, legte den Taktstock auf
das Notenpult und stammelte: »Beim Zeus, das ist unerhört.« Die Musiker
verliessen ihre Plätze und umringten den Unbegreiflichen, der Tumult im Publikum
wurde immer grösser, es wurde gefragt, gedroht, beruhigt, geschimpft, und oben
stand noch immer, mit geducktem Kopf und gekrümmtem Rücken, zornig und
rachsüchtig, Daniel.
    Ein wenig später sass Andreas Döderlein am Tisch des Künstlerzimmers. Seine
Haltung glich der des Kaisers Barbarossa im Kyffhäuser. Er hatte gegründeten
Anlass, schmerzliche Betrachtungen über die Verkommenheit und Pietätlosigkeit der
Jugend zu äussern. Es war überflüssig, darauf hinzuweisen, dass ein Mensch, der
einer solchen Tat fähig war, aus den Reihen derer, die Rücksicht und Hilfe
beanspruchen konnten, ausgestossen werden musste. Die würdigen Herren vom
Orchesterverein waren derselben Meinung. Die Jahrbücher der Geschichte wussten
nichts von einem ähnlichen Ereignis. Milde Augen blitzten, graue Bärte bebten.
Die Beratung war kurz, der Spruch gerecht. Ein Vorstandsmitglied erschien als
Sendbote vor Daniel und teilte ihm mit, dass man sich entschlossen habe, seine
Kompositionen vom Programm zu entfernen. Die Nachricht verbreitete sich rasch.
    Wer war seliger als Jason Philipp Schimmelweis?
    Er glich einem Menschen, der gesättigt von einem Tisch aufsteht, an welchem
zu hungern er lebhaft hatte fürchten müssen. Auf dem Heimweg pfiff er und lachte
er in angemessenen Pausen.
    »Da sieht man's,« sagte er zu seiner schweigend neben ihm herschreitenden
Tochter, »da sieht man's wieder: aus Unrat kann kein Rat werden und aus Notaft
kein Glückhaft. Esel bleibt Esel, Lüderjahn bleibt Lüderjahn und Faulenzerei
endet mit Schimpf und Schande. Der Teufel hat eben doch einen kurzen Fangstrick;
ist die Lotterwirtschaft auch noch so dicke, seine Rekruten müssen Order
parieren. Das wird ein Fressen für Muttern. Das wollen wir ihr mal brühwarm
bestellen.«
    Und Philippine, so wie sie den ganzen Abend hindurch nicht den Blick vom
Erdboden erhoben hatte, schien auch jetzt nicht zu wissen, dass ringsum Häuser
und Menschen waren. Sie war eine Geschlagene; sie wollte es sein. Sie hatte viel
zu verbergen, ihre junge Brust war eine Hölle, aber ihr hässliches, mürrisches
und altes Gesicht war tot und leer wie ein Stein.
    Herr Carovius wartete am Tor. Erst als alle andern Leute sich verlaufen
hatten, kamen Daniel, Benda, Wurzelmann und Lenore. Daniels Radmantel flatterte
im Wind, den Hut hatte er tief in die Stirn gedrückt. Herr Carovius vertrat ihm
den Weg.
    »Ein Heldenstreich, mein lieber Notaft!« gilfte er. »Umarmen müsste man
Sie. Von heute ab können Sie auf mich zählen. Na, stehen Sie mal still, Sie
menschgewordener Orkan! Freilich, was dero Musik anlangt, da geh ich nicht mit,
da steckt mir zu viel Schnettereteng drin und zu wenig Infernalisches. Aber
machen Sie nur den Döderleins den Garaus und ich bin Ihr Mann. Nicht als ob ich
Sie einladen wollte, mich anzupumpen, beileibe nicht; bin selber nur ein armer
Musikant; aber sonst steh ich in allem zu Diensten. Geruhsame Nacht allerseits
und gewöhnen Sie sich das Schnettereteng ab.«
    Er kicherte und lief davon. Daniel sah ihm etwas bestürzt nach. Wurzelmann
lachte und meinte, so einen Kauz habe er noch nie gesehen. Alle vier standen
eine bängliche Weile, und es fiel Schnee, mit Regen untermischt. Von Benda
gefragt, wohin er gehen wolle, antwortete Daniel, er wolle nach Hause. Was er
denn allein zu Hause wolle? das sei nichts heute, er möge mit ihm kommen. Nein,
erwiderte Daniel, er läge heut jedem auf der Brust, sei sich selber im Weg. »Wie
ist's, Knechtlein?« wandte er sich an Wurzelmann, »wollen wir kneipen?«
    Wurzelmann erklärte verlegen, dass er nicht frei sei, und es war etwas
Widriges in der Art, wie er sich ausredete.
    »Ach, Sie mit Ihren albernen Weibergeschichten!« sagte Daniel verdriesslich;
»aber es ist mir egal, wohin Sie gehn, ich geh einfach mit.«
    »Das werden Sie nicht tun, Daniel!« rief Lenore. Und als Daniel sie erstaunt
ansah, fuhr sie errötend fort: »mit zu seinen Weibern gehen ...«
    Die drei jungen Leute lachten und in ihrer Verwirrung lachte Lenore mit.
    »Wie tragisch Sie sind, kleine Lenore,« spottete Daniel; »was verlangen Sie
denn? Denken Sie, das geht so bei mir: die Träne quillt, die Erde hat mich
wieder?«
    »Lassen Sie ihn,« flüsterte Benda dem Mädchen zu, »er hat recht. Nur kein
künstliches Licht in diese Finsternis. Sie dient ihm, und er muss damit fertig
werden.«
    Lenore schaute Benda gross an. »Finsternis? wieso denn? Da wär ja das Feuer
nur ein Irrwisch gewesen,« sagte sie, und ihre Augen strahlten stolz, »ich seh
ihn voller Licht.«
    Daniel hatte ihre Worte vernommen. »Wirklich, Lenore?« fragte er mit Gier.
    Sie nickte. »Wirklich, Daniel.«
    »Dafür dürfen Sie sich was von mir ausbitten.«
    »Dann bitt' ich, dass Sie und Benda mit zu uns kommen. Der Vater wird sich
freuen, und was zu essen gibt's auch.«
    »Schön, das lässt sich hören. Addio, Wurzelmann. Einen Gruss an die Damen. Du
gehst doch mit, Friedrich?«
    Benda machte erst noch einige artige Umstände, bevor er sich bereit
erklärte.
    »Es hat Ihnen also gefallen, Lenore?« fragte Daniel, während sie die Strasse
hinuntergingen.
    Lenore schwieg. Dieses Schweigen hatte plötzlich, er wusste kaum warum, etwas
Ergreifendes für Daniel. Aber er vergass den Eindruck schnell, den es geübt. Und
es dauerte lange Zeit, es dauerte Jahre, bis er sich wieder daran erinnerte.
 
                                       11
Der Inspektor hatte Gertrud am Arm nach Hause geführt und es rücksichtsvoll
vermieden, sie durch irgendwelche Frage zu beunruhigen. In der Wohnstube zündete
er die Lampe an, hierauf war er dem Mädchen beim Ausziehen der Jacke behilflich.
    »Wie geht's?« forschte er freundlich, »schon besser?«
    Gertrud wandte sich ab und setzte sich auf einen Stuhl.
    »Jetzt werden wir einen heissen Tee kochen,« fuhr der alte Mann fort, »dann
wird sich das Kind ins Bett legen, und morgen früh sind wir wieder wohlauf.
Gelt?«
    Gertrud erhob sich. »Vater!« presste sie hervor und suchte mit der Hand das
Tischbrett zur Stütze.
    »Gertrud! was hast du?« rief Jordan entsetzt.
    Sie machte eine eigentümlich schleifende Bewegung mit dem Oberkörper und ein
kraftloses Lächeln zuckte über ihr Gesicht. Auf einmal brach sie in ein
Schluchzen aus und lief in ihre Kammer. Der Inspektor vernahm, wie sie
zuriegelte, schaute versorgt vor sich hin und schlich nach einer Weile auf den
Fussspitzen zur Türe.
    Er hatte die Hände unter dem Kinn verschränkt und hörte, wie Gertrud weinte.
Es war ein gleichmässiges und rührendes, nicht so sehr schmerzerfülltes, als
ausatmendes Weinen.
    Indem der Inspektor das einsame, unfrohe und undurchdringliche Leben dieser
Tochter an seinem Geiste vorüberziehen liess, wurde er sich mit einigem Erstaunen
bewusst, dass sie heute zum erstenmal wirkliche Musik gehört habe. Ist denn das
möglich? fragte er sich, entsann sich aber keines Falles, der ihn an dieser
Tatsache zweifeln liess.
    Er sagte sich ungefähr: gewiss hat die ihr völlig unbekannte Süssigkeit und
Kraft, die im Zusammenspiel der Geigen entalten ist, der Wohlklang des
Orchesters und die Schönheit der Melodie mit einer so verhängnisvollen
Unmittelbarkeit auf sie gewirkt wie das Sonnenlicht auf einen Menschen, dem der
Star gestochen ist. Ihre Seele hat Hunger gelitten, so muss es wohl sein; sie hat
zu viel um das Unbegreifliche und Ungreifbare gerungen.
    Man muss sie weinen lassen, riet ihm der Instinkt der Liebe; es ist gut, dass
sie weint, es wird ihr wohl tun. Er rückte einen Stuhl in die Nähe der Türe,
setzte sich hin und wartete. Als sie endlich still wurde, war ihm das Herz
leichter.
 
                                       12
Lenore hatte sich nicht getäuscht, der Inspektor freute sich wirklich mit Daniel
und Benda. »Ich bin ganz stolz auf Sie,« sagte er zu Daniel, »und dass Sie heute
noch zu mir kommen, das rechn' ich Ihnen hoch an.«
    »Wären Sie eine halbe Stunde länger geblieben, so würden Sie vielleicht
anders reden,« erwiderte Daniel.
    In aller Kürze berichtete Lenore ihrem Vater, was sich im Konzertsaal
ereignet hatte. Der Inspektor lauschte verwundert und heftete einen forschenden
Blick auf Daniel. »Musste es sein?« fragte er stirnrunzelnd.
    »Jawohl, es musste sein,« versetzte Daniel.
    »Wenn es sein hat müssen, dann ist es gut, dass es war,« lautete die
gelassene Antwort.
    Lenore nahm die Hand ihres Vaters, deren Rücken grosse, gelbe Flecken hatte,
und küsste sie. Dann deckte sie den Tisch und richtete alles zur Mahlzeit her,
wobei sie fröhlich aus- und einging und in der Küche das Wasser zum Tee auf den
Kocher stellte. Nach Gertrud hatte sie sich gleich erkundigt, der Inspektor
hatte sich jedoch aus irgendwelchen Gründen nicht näher äussern wollen und was er
sagte, gab keinen Anlass zu Befürchtungen.
    Endlich konnten sich alle zu Tisch setzen. Lenore war sehr zufrieden, die
drei ihr lieben Menschen hier vereinigt zu sehen, und ihr Gemüt war voll
Dankbarkeit gegen alle. Aber sie hatte auch Hunger und ass vier Butterbrote
hintereinander. Als sie bemerkte, dass Daniel nicht zugriff, trat sie hinter
seinen Stuhl, beugte den Kopf so weit nieder, dass ihre Haare seine Schläfe
kitzelten und sagte: »Geniert er sich vielleicht? Oder sind die Würste nicht
nach seinem Geschmack? Will er was anderes haben?«
    Daniel wich ärgerlich mit dem Kopf aus; jedoch im Grund war ihm die
Berührung des Mädchens angenehm, ja beinahe erlösend, da seine Gedanken immer
wieder eigensinnig zu jener Flüchtenden zurückkehrten, deren Gegenwart er
vermisste, ohne sie herbeizuwünschen.
    Benda sprach über die politischen Veränderungen, die durch den Tod Gambettas
zu besorgen waren; der Inspektor, als ein Mann, der allen das Vaterland
betreffenden Angelegenheiten lebendige Teilnahme widmete, wusste über die
zwischen Deutschland und Frankreich herrschende Spannung einige wahre und humane
Worte zu sagen, da öffnete sich Gertruds Kammertüre und Gertrud trat auf die
Schwelle.
    Ein tiefes Schweigen entstand und alle blickten nach ihr hin.
    Sonderbarerweise hatte sie ein anderes Kleid an als im Konzert; es war das
grüne, in welchem Daniel sie zum erstenmal gesehen. Doch der Inspektor und
Lenore beachteten dies kaum; sie waren durch den veränderten Ausdruck in
Gertruds Gesicht aufs äusserste betroffen. Auch Daniel war erstaunt und konnte
den Blick nicht abwenden.
    Das Gesicht war weicher, freier und heller. Die Unruhe, die es stets wie ein
trüber Schleier umgeben hatte, war daraus gewichen. Sogar die Form schien eine
andere geworden, die Brauen schienen höher gewölbt, das Oval der Wangen schien
zarter.
    Sie lehnte sich an den Pfosten der Türe; auch den Kopf lehnte sie an. Der
herabhängende linke Arm hatte etwas unnennbar Lässiges, die rechte Hand war an
die Brust gedrückt; so betrachtete sie die um den Tisch Sitzenden mit
schüchternem und sanftem Lächeln.
    Im ersten Augenblick glaubte der Inspektor, sie habe den Verstand verloren.
Er sprang auf und eilte zu ihr hin. Aber sie reichte ihm die Hand und liess sich
willig an den Tisch führen.
    Plötzlich heftete sie den Blick stumm auf Daniel. Der erhob sich
unwillkürlich und packte die Lehne seines Stuhles. Er verfärbte sich und zog die
Mundwinkel nervös in die Höhe. Aber als Gertrud ihre Hand aus der des Vaters
löste und sie ihm reichte, als er die Hand genommen hatte und sein Auge,
machtvoll angezogen, dem ihren begegnete, wich der beklemmende Druck, denn was
er in ihren Augen las, war eine rückhaltlose und unwiderrufliche Übergabe ihrer
ganzen Person. Da wurde auch sein Blick sanft und dankbar und hatte einen
schwärmerischen Glanz.
    Der sinnliche Zauber war es nicht allein, der ihn zur Erwiderung eines vor
der Welt kundgegebenen Gefühles zwang; tiefer berührte ihn, dass sie so kam, wie
sie kam, als eine Reuige und Bekehrte. Tiefer berührte ihn die erhabene
Gewissheit, die sie ihm schenkte, dass er eine Seele zu verwandeln und zu erneuen
vermocht hatte.
    Es kettete ihn diese Gewissheit fester an Gertrud als ihr Blick, ihr Antlitz
und ihr Leib. Und er sah jetzt das alles, den Blick, das Antlitz und den Leib.
    Der Inspektor ahnte. Ihm war, als müsse er das Mädchen in die Arme nehmen
und mit ihr fliehen. Bilder künftigen Unheils umringten ihn, und die Hoffnung,
die er eben noch für Gertrud gehegt, war vernichtet.
    Benda starrte schweigend auf seinen Teller. Desungeachtet, wie wenn er noch
andere Augen besässe als die wirklichen, nahm er wahr, dass Lenores Hände und
Lippen zitterten, dass sie von Sekunde zu Sekunde bleicher wurde, dass sie bald
den Vater, bald die Schwester, bald Daniel ungläubig ansah, dass sie zuletzt, von
einer Art Mattigkeit befallen, sich aus dem Kreis des Lampenlichts stahl und
sich im Erker auf einen Schemel setzte.
    Aber als dann alle wieder Platz genommen hatten, Gertrud zwischen Benda und
ihrem Vater, kam auch Lenore herbei und setzte sich still neben Daniel. Sie
hörte nicht auf, Gertrud mit atemloser Verwunderung zu mustern. Und Gertrud
lächelte wie vorhin an der Türe, schüchtern und leidenschaftlich.
    Es kam kein erspriessliches Gespräch mehr in Gang, daher dünkte es Benda am
besten, den Freund zum Aufbruch zu mahnen. Sie dankten dem Inspektor für die
freundliche Bewirtung und verabschiedeten sich. Jordan geleitete sie hinunter
und sperrte ihnen das Tor auf. Als er zurückkehrte, ging Lenore gerade in ihr
Zimmer. »Nun, Lenore, kein Gutenachtgruss für mich?« rief er ihr nach.
    Sie drehte sich um, nickte bloss und schloss die Türe.
    Gertrud sass noch am Tisch. Während der Inspektor in der Stube auf- und
abwanderte, eilte sie plötzlich in seinen Weg, zwang ihn, stehen zu bleiben,
warf die Arme um seinen Hals und küsste ihn auf die Stirn. Das hatte sie nie
zuvor getan.
    Auch sie war schlafen gegangen. Den Inspektor bedrängte ein ungewohntes
Gefühl der Verlassenheit. Er hörte, wie die Gattertür auf- und wieder zugesperrt
wurde und wie Schritte schallten. Es war Benno, der endlich nach Hause kam.
Jordan erwartete, dass sein Sohn noch hereinkommen werde, da er ja durch die
Spalten der Türe das Licht sehen musste. Aber Benno trug offenbar kein Verlangen,
den Vater zu sehen, er ging in seine am andern Ende des Flurs gelegene Kammer
und schlug die Türe zu wie ein Hausknecht.
    Jedes ist in seiner Kammer, dachte der Inspektor, und von keinem weiss ich
etwas.
    Er schüttelte den Kopf, nahm die Hängelampe aus der Tragschale und verliess,
sie vorsichtig haltend, das Zimmer.
 
                                       13
Lenore hatte Eberhard von Auffenberg schon einige Wochen nicht gesehen, da
schickte er ihr ein Kärtchen und bat um eine Zusammenkunft. Der Ort war ein für
allemal derselbe, die Brücke am Tiergärtnertor, und als die Dämmerung
eingebrochen war, begab sie sich dortin. Es war ein lauer Märzabend, die Luft
war ohne Wind, der Himmel bedeckt.
    Sie wanderten den Burgberg hinauf und als sie oben an der Brüstung standen,
sagte Lenore mit leisem Lachen: »Jetzt weiss ich vom Ungeredeten genug, nun reden
Sie was.«
    »Es tut wohl, mit Ihnen zu schweigen,« erwiderte Eberhard gedrückt.
    Voll unbehaglicher Ahnung suchte sich Lenore eines der vielen hundert
Lichter aus, die in der Tiefe neblig flimmerten und hielt den Blick hartnäckig
darauf gerichtet.
    »Wenn ich mich in dieser Stunde an Sie wende,« begann endlich der junge
Freiherr, »so geschieht es gewissermassen wie ein Appell an die letzte und
höchste Instanz. Meine Erwartungen vom Leben sind vernichtet bis auf eine
einzige. Es steht bei Ihnen, Lenore, ob ich ein unnützer Parasit der
menschlichen Gesellschaft sein soll oder ein Mann, der sein Quantum Glück durch
ein gleichwertiges Quantum Arbeit zu bezahlen entschlossen ist. Ich biete Ihnen
alles, was ich zu bieten habe. Es ist wenig, aber ich biete es ohne zu feilschen
und für immer. Nur Sie allein können mich noch retten. Dies wollte, ich Ihnen
sagen.«
    Er schaute in die Wolken und lehnte sich auf seinen Spazierstock, den er
hinter dem Rücken hielt.
    »Ich habe Ihnen verboten, davon zu sprechen,« flüsterte Lenore in tiefem
Schrecken; »Sie haben mir Ihr Wort gegeben.«
    »Ich gab das Wort aus Liebe, ich brech es aus Liebe,« entgegnete Eberhard.
»Ich sage mir, dass solch ein Wort eine Kinderei ist, wenn es sich um den Aufbau
oder um den Einsturz einer Existenz handelt. Sind Sie hierüber anderer Ansicht,
so verzeihen Sie mir. Ich hätte mich eben dann geirrt.«
    Lenore schüttelte traurig den Kopf.
    »Mein Plan war, dass wir nach England reisten und uns dort trauen liessen,«
fuhr Eberhard fort; »es ist für mich unmöglich, hier zu heiraten, weil mir vor
dieser Stadt ekelt; es ist unmöglich, weil meine Familie sich vielleicht Rechte
anmassen würde, die ihr nicht mehr zukommen und die ich bekämpfen müsste, wovor
mir gleichfalls ekelt; und es ist unmöglich, weil -« hier stockte er und presste
die Lippen aufeinander.
    Lenore sah ihn neugierig an. Seine pedantische Aufzählung der Hindernisse
wie auch die unerwartete Romantik seines Vorhabens belustigte sie. Als sie aber
den Ausdruck des Grams in seinen Zügen gewahrte, empfand sie Mitleid. Sie trat
einen Schritt auf ihn zu; da ergriff er ihre Hand, beugte sich hastig herab und
drückte seinen Mund auf ihre Finger. Mit jäher Bewegung zog sie die Hand zurück.
    »Fatale Umstände haben mich in eine äusserst demütigende Abhängigkeit
gebracht, die ich von mir schütteln muss, wenn ich nicht darunter erliegen soll,«
sagte Eberhard gepresst. »Ich war unerfahren. Ich bin getäuscht worden. Es ist
eine Person im Spiel, die den Namen eines Menschen kaum verdient; ein Ungeheuer
im Gewand eines honetten Bürgers. Ich weiss nicht mehr ein noch aus, Lenore. Ich
muss fort von hier. In einem andern Land finde ich vielleicht Kraft und geistige
Klarheit wieder. Mit Ihnen würde ich allem trotzen können. Glauben Sie mir.
Vertrauen Sie mir.«
    Lenore liess den Kopf sinken. Die Verzweiflung des sonst so zurückhaltenden
Freundes ging ihr nah. Um ihren Mund zuckte es, als sie mühsam Worte fand.
    »Ich kann nicht heiraten, Eberhard,« hauchte sie; »wahrhaftig, ich kann
nicht. Ich habe Sie ja nicht an mich gelockt, Sie dürfen mir keinen Vorwurf
machen, von allem Anfang an wollt ich jeden Zweifel darüber aus der Welt
schaffen. Ich kann nicht, ich kann nicht.«
    Fünf oder sechs Minuten verflossen in einem Schweigen, welches durch die
gedämpften Geräusche von Menschenstimmen und Fahrzeugen, aus der Tiefe der Stadt
empordringend, zerstückt wurde. In dem Erbarmen, das Lenore fühlte, ward sie
sich der Härte erst bewusst, die in ihrer unbedingten Weigerung lag, und indem
sie Eberhard mutig und fest anblickte, sagte sie: »Es ist nicht Eigensinn,
Eberhard; auch keine dumme Angst und Einbildung, auch nicht, weil ich Sie nicht
genug schätzte. Ich schätze Sie sehr hoch. Aber in mir muss etwas Unnatürliches
sein, denn sehen Sie, mir graut vor der Ehe. Mir graut davor, mit einem Mann zu
leben. So gern ich Sie habe, aber wenn Sie mich nur anrühren wie vorhin, als Sie
meine Hand geküsst haben, schüttelt mich das Grauen von oben bis unten.«
    Eberhard mass sie mit einem düster verwunderten Blick.
    Sie aber fuhr fort: »Es ist in mir seit meiner Kindheit. Vielleicht bin ich
damit geboren, so wie andere mit einem Körperfehler, vielleicht ist es seit
einem bestimmten Tag, dass ich so bin. Es war im Herbst, an einem Abend. In
Pappenheim war es, wo damals meine Tante Kupferschmied wohnte. Meine Schwester
Gertrud und ich gingen in einem grossen Obstgarten spazieren, da kamen wir zu
einer Dornenhecke und an der Dornenhecke sass eine alte Frau. Mein Vater und
meine Tante waren weit von uns weg und da sagte die alte Frau zu meiner
Schwester, die etwa sieben Jahr zählte: nimm dich in acht vor dem, was singt und
klingt. Und zu mir sagte sie: hüte dich vor Leibesfrucht. Am andern Tag wurde
die Frau tot unter der Hecke gefunden; sie war über neunzig Jahre alt und
fünfzig Jahre lang war sie als Kräuterweib im Altmühltal herumgezogen. Ich hab
natürlich damals keine Ahnung gehabt, was das ist, eine Leibesfrucht; aber das
Wort ist mir im Herzen steckengeblieben wie ein Pfeil. Es ist mit mir
aufgewachsen und als ich einmal wusste, was damit gemeint ist, war es ein Bild
neben dem Bild des Todes. Nun dürfen Sie nicht glauben, dass ich deswegen in
einer hässlichen Furcht herumgehe. O nein. Mich gelüstet's eben nicht. Es zwingt
mich nicht. Zwingt's mich, was frag ich dann nach Tod und Sterben! Dann lach ich
über die Alte unter der Hecke und tu, was ich muss.«
    Bei den letzten Worten hatte ihr Gesicht einen wunderbar reinen und
phantasievollen Ausdruck angenommen und Eberhard vermochte kein Auge von ihr zu
wenden. Es gibt Märchenwesen auf dieser widerlich platten Erde, dachte er,
verwunschene Prinzessinnen, geheimnisvolle Melusinen. In gewohnheitsmässigem
Unglauben kräuselte er die Lippen, doch verwandelte sich die offene, werbende
Zuneigung für das Mädchen von nun ab in eine verheerende Leidenschaft.
    Er war stolz, und Mann genug, sich zu verschliessen; um so quälender war ihm
das dunkle Wissen von dem Dasein der gläsernen Kugel, dieses Geistergehäuses, in
welchem, so nah, so fern, das liebliche Geschöpf unangreifbar wohnte und wohin
keine Flamme der Liebe dringen zu können schien.
    »Sie geben mir also den Laufpass?« fragte er.
    »Jedenfalls ist es ratsam, dass wir uns vorläufig nicht mehr sehen.«
    »Ratsam für mich, meinen Sie. Und vorläufig? Wie soll ich das deuten?«
    »Sagen wir, fünf Jahre.«
    »Warum gerade fünf Jahre? Warum nicht zwanzig? Warum nicht fünfzig? Es wäre
dasselbe.«
    »Es ist mir so, als ob fünf Jahre eine richtige Zeit wären, Eberhard.«
    »Fünf Jahre! Und jedes hat zwölfmal dreissig, zweiundfünfzig mal sieben Tage.
Da verliert man ja den Verstand mit lauter Aritmetik.«
    »Es muss sein,« erwiderte Lenore sanft und bestimmt. »Verändert werd' ich
mich ja nicht haben nach den fünf Jahren. Und eben, wenn ich noch die gleiche
bin, wollen wir wieder darüber sprechen. Ich darf mich ja nicht aus der
Menschenwelt hinausstellen für alle Zeit. Mein Vater sagt oft: was zu Ostern wie
ein Verhängnis aussieht, ist zu Pfingsten Grillenfängerei. Da will ich denn auf
Pfingsten warten und meinen Freund nicht vergessen.«
    Sie streckte ihm lächelnd die Hand hin.
    Er schüttelte den Kopf. »Die Hand nehm ich nicht,« sagte er, »damit Ihnen
nicht wieder graut. Leben Sie wohl, Lenore.«
    »Auch Sie, Eberhard, leben Sie wohl.«
    Eberhard schritt der abschüssigen Strasse zu. Plötzlich drehte er sich um und
sagte: »Noch eins, Lenore, jener Musikus, Notaft heisst er doch? er ist mit
Ihrer Schwester verlobt, wie?«
    »Ja; Gertrud und Daniel, die werden über Jahr und Tag heiraten. Aber dass
davon irgend jemand weiss -?«
    »Der Musikus war so unvorsichtig, während einer Kneiperei sein Glas zu
erheben und wie ein betrunkener Tambur sich selbst den Namen Gertrud zuzurufen.
Eine Zeit lang hat man Ihren Namen mit seinem genannt. Nun, es ist besser so.
Ich liebe die Künstler nicht. Ich kann sie nicht einmal achten, diese
indiskreten Heissblüter. Gute Nacht, Lenore.«
    Damit verschwand er in der Dunkelheit.
 
                        Erinnerung an eine Traumgestalt
                                       1
Es war an einem Abend, als Daniel zu Benda ging, um Abschied zu nehmen für lange
Zeit.
    Wie er in das Tor treten wollte, sah er den Hund des Herrn Carovius mit
gefletschten Zähnen dastehen, und die blutunterlaufenen Augen der Dogge waren
auf ein etwa zehnjähriges Mädchen geheftet, welches ebenfalls ins Haus wollte,
aber aus Furcht vor dem Hund keinen Schritt zu tun wagte. Das Tier hatte seine
Kette hinter sich hergeschleift und knurrte unheildrohend.
    Entschlossen nahm Daniel das Kind bei der Hand und führte es ein paar
Schritte abseits, nachdem er die Dogge durch einen Zuruf eingeschüchtert hatte.
»Wer bist du?« fragte er das Mädchen.
    »Dorotea Döderlein,« war die Antwort.
    »Ei,« machte Daniel und musste plötzlich lachen, denn das Mädchen hatte eine
possierliche Altklugheit im Ton. Aber es war ein sehr hübsches Kind. Aus der
dunklen Kapuze schaute ein schlau lächelndes Gesichtchen, und der Sammetmantel
mit grossen Perlmutterknöpfen umhüllte eine zierliche Gestalt.
    »Du gehörst schon lange ins Bett, Dorotea,« sagte Daniel; »wenn der
Nachtwächter kommt, was soll er von dir denken? Der packt dich beim
Schlafittchen und sperrt dich ins Gefängnis.«
    Dorotea belehrte ihn über die Ursache ihrer abendlichen Vereinsamung. Sie
war bei einer Schulfreundin gewesen, und die Magd, die sie abgeholt, hatte vor
dem Hinaufgehen noch einen Laib Brot aus der Bäckerei mitnehmen wollen. Nun
schilderte sie ihr Zusammentreffen mit dem Hund so kokett überlegen, dass sich
Daniel über den Gegensatz zwischen dieser Aufschneiderei und der Schlotterangst,
in der er sie angetroffen, höchlichst ergötzte.
    »Du bist eine kleine Schwindlerin, Dorotea,« sagte Daniel und erinnerte
sich wieder der bösen Empfindung, die sie in ihm erregt, als er sie vor Jahren
zum erstenmal gesehen.
    Indessen kam die Magd mit dem Brotlaib daher, blickte verwundert auf das
schwatzende Paar und bemächtigte sich des Kindes mit schuldbewusster Eile. Den
Hund Cäsar trieb sie mit gellenden Schreien vom Haustor weg, und als er über die
Strasse lief, blickte Dorotea mit triumphierender Miene zu Daniel zurück, als
hätte sie ihm nun bewiesen, dass sie keine Furcht vor dem Hund hegte.
 
                                       2
Frau Benda öffnete und schloss stumm die Türe, als er geläutet hatte und ging
stumm in ihr Zimmer. Sie hatte eine heftige Auseinandersetzung mit ihrem Sohn
gehabt, der ihr mitgeteilt hatte, er werde noch vor Ablauf des Frühjahrs, dem
Ruf einer gelehrten Körperschaft folgend, nach England übersiedeln. Sie war
reisemüde geworden, ihr bangte vor jedem Wechsel des Orts, die Trennung von
Friedrich dünkte ihr unerträglich, und in seiner Flucht aus dem Vaterland sah
sie einen endgültigen und zu frühen Verzicht auf die Aussichten, die sich ihm
noch bieten konnten.
    Es war ihre feste Überzeugung, dass die Menschen das Unrecht, welches sie ihm
gegenüber begangen, einsehen und wieder gut machen würden, und sie wollte, dass
er Geduld üben und warten solle, bis man ihm Genugtuung gab. Ausserdem kannte sie
seine Pläne und zitterte vor den Gefahren, denen er freiwillig und, so schien es
ihr, ohne praktische Eignung entgegen gehen wollte.
    Aber sein Entschluss war unerschütterlich. Dass er ihn vor Daniel geheim
hielt, ja nicht einmal andeutete, war in der sonderbaren Einseitigkeit
begründet, zu der das Verhältnis beider gediehen war.
    Lachend erzählte Daniel von seiner Begegnung mit der kleinen Dorotea. »Die
sieht mir ganz darnach aus, als wollte sie dem grossen Döderlein noch zu schaffen
machen,« sagte er.
    »Du hast ihm übel mitgespielt, dem grossen Döderlein,« antwortete Benda; »in
der Nacht nach der Generalprobe hörte ich ihn stundenlang unter meinem
Schlafzimmer auf- und abgehen.«
    »Dich dauert er wohl gar?«
    »Wär ich du, ich ginge hin und leistete dem Mann Abbitte.«
    »Ist das dein Ernst?« wallte Daniel auf. Und als Benda schwieg, fuhr er
ruhiger fort: »Eigentlich sollt ich ihm ja dankbar sein, das ist wahr. Ich bin
durch ihn schneller zu der Einsicht gekommen, dass es zwei misslungene Machwerke
waren, die ich an die Sonne hängen wollte. Mögen sie mich nur niederschmeissen,
ich steh schon wieder auf, wenn ich die ganze Erde in mich hineingeschluckt
hab.«
    Benda lächelte gütig. »Ja, ja, du stirbst bei jedem Sturz und wirst bei
jedem Aufschwung neu geboren,« sagte er. »Das ist schön. Ein Döderlein aber kann
sich nicht mehr erheben, wenn ihn die Mitwelt fallen lässt. So einer lebt
ausschliesslich von der Meinung der andern. Was dir Idee ist, ist sein Verderben;
was dir Lust ist, Wollust, ist sein Tod.«
    »Immerhin,« murrte Daniel; »wozu ist er nütze?«
    »Dem Geist der Natur, dem Geiste Gottes sind die Begriffe Schädlichkeit und
Nützlichkeit fremd,« erwiderte Benda versonnen. »Er lebt, damit ist alles
gesagt. Ich für meine Person hätte am wenigsten Ursache, einen Döderlein vor dir
rein zu waschen.« Er hielt einige Sekunden inne und atmete tief. »Ich kann nicht
deutlicher sein, das Wort will mir nicht über die Lippen,« sprach er mit trüber
Miene weiter, »aber der Mann hat an ... an einer Frau ein Verbrechen begangen,
so tückisch, so raffiniert und so naiv zugleich, dass er jede Brandmarkung
verdient und durch keine genug bestraft wäre.«
    »Siehst du,« rief Daniel, »also nicht bloss ein schlechter Musikant! Es ist
ja immer so. Und alle sind so. O, diese schlafröckigen, nieselnden, sauersüssen,
grinsenden, kuppelnden, neunmalklugen Leutchen um und um! Das Blut gerinnt
einem, wenn man ihnen zusieht. Und das ganze lange Leben lang soll man
Spiessruten laufen durch ihre Gassen!«
    »Freilich,« bestätigte Benda mit gesenktem Kopf, »es ist ein zäher Giftbrei;
rührst du mit dem Finger daran, so hält er dich fest und saugt dir das Mark aus
den Knochen. Aber du redest doch vorläufig ohne exakte Kenntnis des
einschlägigen Materials, wie wir uns in der Wissenschaft ausdrücken. Als ich
während meines Studiums der Pflanzen- und Tierzelle zur Erkenntnis kam, dass eine
sogenannte Urzeugung ein Ding der Unmöglichkeit sei und ich die Ansicht in einem
Kreis von Fachgelehrten vortrug, wurde ich ausgelacht. Heute steht es so, dass
man sich dieser Wahrheit nicht mehr verschliessen kann. Einem meiner früheren
Freunde war es gelungen, gewisse Verbindungen der Essigsäure kristallisiert auf
künstlichem Weg herzustellen. Als er diese grosse Entdeckung verkündete, rief ihm
einer der versammelten Herren zu: Geben Sie acht, Doktorchen, dass Ihnen die
Amidosteinchen nicht aus dem Käfig laufen. So niedrig und so würdelos begegnen
uns diejenigen, von denen wir glauben sollen, dass sie mit uns zu demselben Ziele
streben. Aber du! verwirft dich die Welt, so hast du immer noch, was dir niemand
entwenden kann. Ich muss mich gedulden, bis ein Richter das Urteil über mich
fällt, durch das ich verdammt oder erlöst werde. Zwischen dir und mir ist ein
Unterschied wie zwischen dem Samen, der, in die Erde gesenkt, emporschiesst, mag
es stürmen oder mag die Sonne scheinen, und einer Ware, die im Magazin
verschimmelt, weil sie keinen Käufer findet.«
    Er stand auf und sagte das Wort: »Du bist der Glücklichere von uns beiden,
daher darf ich der Barmherzigere sein.«
    Daniel fand kein Gegenwort, das trösten konnte.
    Als er nach Hause ging, gedachte er der Treue und steten, stillen Hilfe, die
er von Benda genossen; er gedachte der Zarteit und beständigen Rücksicht des
Freundes; er gedachte besonders jener ausserordentlichen Artigkeit, die so gross
war, dass Benda zum Beispiel mitten im Lachen über einen Scherz offenen Mundes
innehielt, wenn man wieder zu sprechen begann, um durchaus nichts von dem zu
verlieren, was der andere sagte.
    Er blieb stehen; es war ihm, als hätte er versäumt, eine versichernde,
herzliche und unvergessbare Kraft in den letzten Händedruck zu legen. Am liebsten
wäre er wieder umgekehrt. Aber man kehrt nicht um; es kann keiner umkehren.
 
                                       3
Die Maske der Zingarella wollte Daniel nicht mit auf seine Fahrten nehmen. Das
zerbrechliche Material den groben Zufällen eines Wanderlebens auszusetzen schien
ihm nicht liebevoll gehandelt, daher hatte er Lenore versprochen, ihr die Maske
zu bringen und sie für die Dauer seiner Abwesenheit bei Jordans zu lassen.
    Lenore öffnete ihm die Tür, und er trat ins Zimmer. Gertrud erhob sich von
ihrem Platz am Tisch und schritt ihm entgegen. Ihr Gesicht zeigte stets, wenn
sie ihn sah, dieselbe Hingabe, dieselbe Bereitschaft, dieselbe Unterwürfigkeit.
    Daniel ging zum Tisch, packte die Maske aus dem Zeitungspapier und hielt sie
gegen das Lampenlicht.
    »Wie schön!« rief Gertrud aus, deren Sinn jetzt durch den Anblick jedes das
Gefühl ergreifenden Gegenstandes entzückt wurde.
    »Also nimm es nur, Gertrud,« sagte Lenore, die mit ihren beiden Ellbogen auf
der Tischplatte lehnte. »Behalt es nur bei dir,« fuhr sie gepresst fort, als
Gertrud fragend Daniel ansah.
    »Aber wollt' er's nicht uns beiden geben?« versetzte Gertrud mit
begehrlichem Lächeln.
    »Ach nein, um mich wollt er sich nur herumreden,« versicherte Lenore.
    »Lenore, ich weiss nicht, wie mir's mit dir geht,« wandte sich Daniel halb
verwirrt, halb ungestüm zu ihr und stockte plötzlich, als die feurige Bläue
ihrer Augen voll auf ihn fiel.
    »Du?« flüsterte sie erstaunt, »du?«
    »Ja, du!« wiederholte er nachdrücklich. »Später darf ich's ja vor aller Welt
sagen, und heute klingt's doppelt wahr. Du bist mir wie eine Schwester.«
    Er hatte die Maske weggelegt und reichte Lenore die linke Hand, dann, erst
zaudernd, hierauf mit sehr entschlossener Gebärde Gertrud die rechte.
    Lenore richtete sich gerade, nahm die Maske der Zingarella und hielt sie vor
ihr Gesicht. »Brüderlein!« rief sie neckend, und das süsse, fahle Steingesicht
war wunderlich anzuschauen über dem Körper, der von Leben zuckte.
    Und Gertrud, eine Sekunde lang verging sie in Daniels Blick, ein Seufzer,
tief wie das Meer, klang in ihrer Brust, dann lag sie in seinem Arm. Er küsste
sie stumm, mit finster verzogener Stirn.
    »Brüderlein!« tönte es hinter der Maske, doch nicht mehr neckend, eher wie
Klage und Weh, »Brüderlein.«
 
                                       4
Daniel hatte längst schon die Stadt verlassen, da begegnete Lenore am Gräslein
Herrn Carovius. Er zwang sie, stehenzubleiben, benahm sich möglichst
vertraulich, sprach so laut, dass die Vorübergehenden grinsten, und erkundigte
sich nach dem jungen Meister, womit Daniel gemeint war.
    Schliesslich erzählte er, dass der »gute Eberhard«, wie er den Freiherrn von
Auffenberg nannte, für ein paar Monate nach München gereist und dort unter
allerlei Spiritisten- und Teosophenvolk geraten sei.
    »Ist auch eine Manier, sich auszutoben,« feixte er. »Vor Zeiten sind die
jungen Adligen auf die europäische Turnee gezogen, um ihre Bildung zu vollenden
und allerlei Abenteuerchen zu bestehen. Heutzutage werden sie Federfuchser oder
betreiben das Tischrücken. Die Menschheit kommt immermehr herunter, mein
reizendes Fräuleinchen; es ist kein erhebender Anblick, so eine Blüte der Nation
aus der Nähe zu betrachten. Faul, sag ich Ihnen, faul wie überwintertes Obst.
Drum gibt es kein grösseres Vergnügen, als solch einen Burschen tanzen zu lassen.
Man spielt auf, er tanzt; man pfeift, er apportiert. Ein Hochgenuss!«
    Er lachte hysterisch und bekam einen Hustenanfall, wobei sich das von seinem
Zwicker herabhängende schwarze Schnürchen an einem Knopf seines Mantels
verwickelte und der Zwicker von der Nase fiel. Kurzsichtig ungeschickt mühte er
sich mit seinen mageren Fingerchen an Schnur und Knopf, da half ihm Lenore und
brachte mit einem Handgriff alles wieder in Ordnung.
    Die Überraschung raubte Herrn Carovius die Sprache. Er glaubte der
Unbefangenheit und Natürlichkeit des Mädchens nicht; er vermutete eine Falle
dahinter, einen Hohn, eine Verderbnis. Er glaubte es nicht, dass irgendein Mensch
ihm aus freiem Willen in einer Bedrängnis beistehen könnte.
    Und plötzlich schämte er sich; schämte sich seiner selbst; zog die Brauen
weit in die Höhe und lächelte einfältig; warf einen Blick von beinahe hündischer
Zärtlichkeit auf Lenore und eilte ohne Wort und Gruss spornstreichs über die
Strasse, um alsbald hinter einer Ecke zu verschwinden.
 
                                       5
An einem Nachmittag in der letzten Augustwoche schickten die Schwestern Rüdiger
ihren Gärtnerburschen zu Lenore und liessen sie bitten, sie möge so schnell wie
möglich zu ihnen kommen. In der Meinung, es sei Daniel ein Unglück zugestossen,
von dem man die Damen in Kenntnis gesetzt, überlegte Lenore nicht lange. Eine
Viertelstunde später trat sie in das Zimmer der Schwestern.
    Es bot sich ihr ein mitleidswürdiger Anblick. Jede der drei Schwestern sass
in einem Stuhl mit hoher Rückenlehne; die Arme einer jeden hingen schlaff herab;
da die Jalousien niedergelassen waren, sahen die Köpfe im Dämmerlicht mumienhaft
aus. Seltsam wirkten dazu die Medea, die Iphigenie und die Römerin,
Nachbildungen der Gemälde ihres Abgotts, die an den Wänden hingen.
    Lenores Gruss wurde nicht beantwortet; sie wagte nicht, sich von der Tür zu
entfernen, und das Schweigen, das sie empfing, endete erst, als sie sich zu
einer Frage entschloss.
    Fräulein Jasmine zog ein Taschentüchlein hervor und betupfte damit ihre
Augen. Fräulein Salome blickte im Kreis herum wie auf dem Teater der
Vorsitzende eines Femgerichts, und sprach: »Wir Einsamen und von der Welt
Vergessenen haben Sie gerufen, um Sie von einer Schandtat zu unterrichten, die
in unserem unschuldigen Heim begangen worden ist, einer Schandtat, so
beispiellos, so himmelschreiend, dass wir seit heute morgen, wo wir das Grässliche
erfuhren, zitternd hier sitzen und vergeblich nach einem klaren Gedanken
ringen.«
    Fräulein Jasmine und Fräulein Albertine nickten trüb vor sich hin.
    »Können wir die Unselige von uns stossen?« fuhr Fräulein Salome fort, »können
wir das, meine Schwestern? Nein. Können wir sie noch bei uns dulden? Nein. Was
sollen wir also tun? Sie ist eine Waise; sie steht allein da, von ihrem
ruchlosen Verführer der Schande ausgeliefert; was sollen wir tun?«
    »Und Sie,« wandte sich nun Fräulein Salome an Lenore, »Sie, die Sie durch
Bande, deren Beschaffenheit sich unserm Urteil entzieht, mit jenem höchst
begabten Scheusal verknüpft sind, Sie sollen uns einen Weg aus dem Labyrint
unseres Kummers zeigen.«
    »Wenn ich nur wüsste, wovon Sie reden,« antwortete Lenore, der eine Last vom
Herzen fiel, als sie der Grundlosigkeit ihrer ersten Besorgnis inne wurde. »Sie
meinen wahrscheinlich Daniel Notaft mit dem Scheusal. Was hat er denn
verbrochen?«
    Fräulein Salome war entrüstet über diesen leichten Ton. Sie richtete sich
steif empor und sagte mit strafender Wucht: »Er hat unsere Dienstmagd zu seiner
Lustdirne erniedrigt, und die Folgen sind nicht mehr zu verbergen. Begreifen Sie
jetzt?«
    Lenore stiess ein leises Ach aus und errötete bis in die Haarwurzeln. In
ihrer Verlegenheit öffnete sie den Mund zum Lachen, war aber dem Weinen nahe.
    Langsam bahnte sich ihr verdunkeltes Gefühl den Weg zu Daniel, und als sein
Bild aufstieg, kehrte sie sich ekelnd ab. Dieses wollte sie nicht hingehen
lassen; es war zu schlaff, zu klein, zu eigensüchtig. Eh sie es recht bedacht,
hatte sie ihm als Weib verziehen; sie schauderte, schlug die Augen empor und war
wieder ganz heiter, ganz in ihrer Gewalt.
    Das Femgericht hatte indessen die Stillversunkene mit strengen Blicken
gemustert. »Wo hält sich Herr Notaft gegenwärtig auf?« fragte Fräulein Salome.
    »Ich weiss es nicht,« erwiderte Lenore, »es ist über drei Wochen, dass er
nicht mehr geschrieben hat.«
    »Wir müssen aber fordern, dass Sie ihn schleunigst von dem Zustand des
Frauenzimmers benachrichtigen, denn solange die Person im Haus ist, können wir
nicht Schlaf noch Ruhe finden.«
    »Es tut mir leid, dass Sie sich die Geschichte so zu Herzen nehmen,« sagte
Lenore, »und sie ist ja auch unangenehm. Aber ich habe kein Recht, mich da
hineinzumischen, kein Recht und keine Lust.«
    Die drei Schwestern nahmen diese Erklärung mit verzweifeltem Händeringen
auf. Eher den Tod, sagten sie, als mit dem Wüstling noch einmal in Verkehr
treten; eher wollten sie jede Marter erdulden, als ihn rufen, ihn sehen zu
müssen. Sie sprachen durcheinander; sie drohten Lenore und flehten sie an;
Jasmine erzählte mit angehaltenem Atem, wie Meta vor sie hingestürzt sei und
alles gebeichtet habe; Albertine beteuerte, dass sie auf der weiten Erde niemand
hätten, der ihnen in dieser grausamen Lage raten und helfen könne, und Salome
sagte, es bliebe ihnen nichts anderes übrig, als das elende Geschöpf auf die
Strasse zu stossen.
    Lenore schwieg. Sie hatte die Augen auf das Medeenbild gerichtet und dachte
angestrengt nach. Endlich hatte sie ihren Entschluss gefasst. Sie fragte, ob sie
mit Meta sprechen könne. Ängstlich und hoffnungsvoll erkundigte sich Fräulein
Salome, was sie vorhabe. Sie entgegnete, sie werde den Damen später ihre Absicht
mitteilen; da wies ihr Fräulein Jasmine den Weg zur Kammer der Magd.
    Finstere Verwunderung malte sich in Metas Zügen, als sie Lenores ansichtig
wurde.
    Sie sass mit einer Näharbeit am offenen Fenster der Mansarde, erhob sich und
blickte stumm in das ernst befangene Antlitz des schönen Mädchens. Es rührte
Lenore, die jugendliche Gestalt mit dem hohen Leib zu sehen, dennoch konnte sie
eine Regung des Grauens nicht bewältigen.
    Bei den ersten Worten Lenores fing Meta zu schluchzen an. Lenore tröstete
sie und fragte, zu wem sie gehen wolle, wenn ihre Zeit herangekommen sei.
    »Es gibt solche Anstalten,« murmelte die Magd in ihre vor das Gesicht
gehaltene Schürze, »da kann man hin.«
    Lenore setzte sich auf den Bettrand neben sie. Der erst bedrückt
Lauschenden, zuletzt dankbar Willigen entwickelte sie nun ihren Plan mit einer
Zarteit und Schonung, als spräche sie zu einer verwöhnten Dame, mit einer
silberhellen Lebendigkeit, als handle es sich um einen übermütigen Streich.
    Die Magd, gepeinigt durch die äterisch-unmenschliche Zimperlichkeit ihrer
Dienstgeberinnen, dem Manne grollend, der sie einem unsicheren Los preisgegeben
hatte, ankämpfend gegen die Vorwürfe ihres Gewissens, wurde bei Lenores Worten
weich wie Wachs und unterwarf sich gehorsam.
    Die gespannt harrenden Schwestern Rüdiger konnten von Lenore nichts weiter
erfahren, als dass sie mit Meta abreisen würde, und dass diese mit allem
einverstanden sei, was Lenore zu tun für geboten erachtet habe.
 
                                       6
Lenores Plan bestand darin, die Schwangere zu Daniels Mutter nach Eschenbach zu
bringen.
    Sie wusste von dem Zerwürfnis zwischen Daniel und seiner Mutter. Sie wusste,
dass die beiden sich voreinander verborgen hielten, dass Daniels Trotz einen
Liebesmangel wähnte rächen zu müssen. Hinter dem Bild des hassenden und
unduldsamen Sohnes sah sie das einer alten Frau, die in verschwiegener Sorge
sich einsam grämt.
    Schon oft hatte sie sich schmerzlichem Mitgefühl hingegeben, wenn die
Gedanken mit der unbekannten Mutter des Freundes beschäftigt waren. Jetzt schien
es ihr, als könne sie eine Sendbotin sein; als müsse sie die Verlassene hier zu
der Verlassenen dort führen, die werdende Mutter zu jener, die zu klagen Grund
hatte, dass sie es gewesen war.
    Es schien ihr, als müsse sie dadurch ein Band von neuem knüpfen, welches
nicht einmal durch Verbrechen, um wieviel weniger durch Unverstand und Laune
zerrissen werden durfte; und es schien ihr, dass Daniel zu sühnen habe, hier wie
dort; dass sie selbst, in dem Bewusstsein, das Rechte zu tun, keinen Einwand zu
scheuen, keine Abrechnung zu fürchten habe.
    Sie erwog auch die praktischen Umstände. Meta konnte draussen leichterdings
ihr Brot verdienen, konnte der Frau behilflich sein oder bei den Bauern
tagelöhnern.
    Wenn dann das Kind da war, hatte Daniels Mutter junges Leben vor Augen, und
ihre Sehnsucht würde sich mildern, ihre Bitterkeit geringer werden beim Anblick
eines Menschen aus Daniels Blut.
    Zu Hause sagte Lenore, sie wolle mit einer ehemaligen Schulkameradin einen
Ausflug in die Ansbacher Gegend machen. Sie studierte den Fahrplan und schrieb
an Meta eine Postkarte mit dem Geheiss, sich um acht Uhr früh am Bahnhof
einzufinden.
    Der Inspektor billigte Lenores Absicht; er warnte sie nur vor Strolchen und
vor kaltem Trunk. Gertrud aber war nicht völlig ohne Arg. Sie witterte etwas in
der Luft, ungesprochene Worte, die auf Daniel Bezug hatten, da ihre Gedanken
immerfort bei ihm waren.
    Kam ein Brief von ihm, was selten geschah, so liess sie ihn stundenlang
uneröffnet liegen und dichtete herrliche Offenbarungen einer Liebe hinein, für
die ihr selbst jeder Ausdruck fehlte. Aber in einer Art von mondsüchtigem
Entzücken machte sie eine geträumte, innere Musik daraus.
    Las sie den Brief, so genügte ihr seine Schrift, auch das Papier schon, auf
dem seine Hand geruht hatte. Stillschweigend ordnete sie sich dem Gesetz seiner
Natur unter, das ihm nicht erlaubte, überschwenglich oder mitteilfreudig zu
sein. Jeder seiner trockenen Berichte wurde für sie zum Evangelium, aber ihre
Antworten waren in gleicher Trockenheit gehalten und liessen die hingeschmolzene
Seele kaum ahnen.
    Sie spürte, dass Lenore log und dass die Lüge mit Daniel im Zusammenhang
stand. Daher trat sie in der Nacht an Lenores Bett, weckte sie auf und fragte
sanft: »Ist ihm etwas geschehen, Lenore?«
    Doch ehe Lenore antworten konnte, beschwichtigt allein durch die erstaunte
Miene der Schwester und sich selber zürnend, dass sie Lenore, die sie jetzt mehr
und mehr schätzen lernte, eine Verstellung zugetraut, entfloh sie wieder.
    Wie sie ihn liebt, dachte Lenore und drückte das Gesicht lächelnd in die
Kissen.
 
                                       7
»Da beim Brunnen warten Sie auf mich,« sagte Lenore zu ihrer Begleiterin, als
sie um die Mittagsstunde über den Marktplatz in Eschenbach schritten. »Wenn
alles besprochen ist, hol ich Sie.«
    Der Postillon zeigte ihr das Häuschen der Witwe Notaft.
    Eine Frau mit strengem Gesicht und auffallend grossen braunen Augen
erkundigte sich nach ihrem Begehr, als sie in den Kramladen trat, in dem es nach
Essig und nach Käse roch.
    Lenore erwiderte schüchtern, sie wolle ein paar Minuten ungestört mit ihr
reden.
    Der tiefe Ernst in Mariannes Zügen, der einem unheilbaren Leiden mehr als
etwas anderm ähnelte, wich nicht. Sie schloss die Ladentür zu und führte Lenore
in die Wohnstube. Schweigend deutete sie auf einen Stuhl und nahm selber Platz.
    Über dem Ledersofa hing das Bild Gottfried Notafts. Lenore betrachtete es
lange.
    »Mütterchen,« begann sie endlich leise und legte ihre Hand auf Mariannes
Knie, »ich bring Ihnen was von Daniel.«
    Marianne zuckte zusammen. »Gutes oder Schlechtes?« fragte sie. Seit
zweiundzwanzig Monaten hatte sie nichts von Daniel gehört. »Wer sind Sie?«
fragte sie weiter, »was haben Sie mit ihm zu tun?«
    Lenore musste acht haben, die empfindliche und sehr beleidigte Frau nicht
durch ein unbesonnenes Wort zu erzürnen. Mit aller Vorsicht, deren sie fähig
war, brachte sie ihr ungewöhnliches Anliegen zur Sprache.
    Und siehe da, das Ungewöhnliche wurde zum Alltäglichen, so wie das
Natürliche wundersam schien. Lenore schilderte Daniels Drangsale und seinen
Aufstieg, prahlte treuherzig mit seinem Talent, mit der Begeisterung derer, die
an ihn glaubten, mit seinem künftigen Ruhm und wollte jede Schuld Daniels, auch
die gegen die Mutter, getilgt wissen.
    Nachdenklich rückblickend, begriff da Marianne vieles, eigene Versäumnis,
und was sie an Daniel zuvor nicht hatte würdigen können. Vieles begriff sie, nur
dieses Mädchen nicht. War es schon eigen, dass eine Fremde kommen musste, um ihr
zu sagen, wer Daniel war und was er den Menschen bedeutete, so war es ganz und
gar unerklärlich, dass sie noch eine mitbrachte, die die Geliebte desselben
Mannes war, dem sie sich bis auf den Grund des Herzens ergeben zeigte.
    Lenore las die Gedanken von Mariannes Augen ab, und es wurde ihr ein wenig
besinnlicher zumute. Auch ihr fiel es ein, sich zu fragen: was bin ich ihm denn?
Was ist er mir?
    Sie wusste keine befriedigende Antwort. Freundin? Freund? ja; es war nur ein
bisschen zu viel Ruhe in den zwei Worten. Bruder? Gefährte? Darin lag innigere
Verbundenheit. Brüderlein! hatte sie ihm einmal zugerufen, hinter der Maske
hervor. Also: Schwesterlein hinter der Maske?
    Ja, so sollte es sein: Schwesterlein hinter der Maske. Sie musste ein
Versteck haben für so manches, was sie dunkel empfand, heller nicht empfinden
wollte. Ein gebändigtes Herz, ein gefangenes Herz, es glüht auf, es kühlt ab,
man hebt's empor, man drückt's hinunter, wie das Geschick es will. Immer
geduldig bleiben, das war das Wichtige, und nichts verraten. Schwesterlein
hinter der Maske, so sollte es sein.
    Marianne sagte: »Kind, das hat Ihnen Gott eingegeben, dass Sie gekommen sind,
um mir Nachrichten von ihm zu bringen. Da will ich denn wieder Blumen ins
Fenster stellen wie vor Zeiten und das Haustor offen lassen, damit die Schwalben
wieder ein Nest drin bauen. Vielleicht gedenkt er dann auch wieder an seine
Mutter.«
    Dann verlangte sie Meta zu sehen. Lenore ging und kehrte nach kurzer Weile
mit ihrem Schützling zurück. Mitleidig und streng betrachtete Marianne die
Schwangere, die ein verstörtes Wesen zeigte und auf jede Frage eine ungereimte
Antwort gab. Sie könne wohl bei ihr wohnen, sagte Marianne, doch müsse sie
arbeiten, denn im Hause sei kein Überfluss. Das Mädchen berief sich auf seine
vier Dienstjahre und dass es ihr an Fleiss und Willigkeit nie gefehlt. Darauf
ermahnte Marianne sie zur Verschwiegenheit, die Leute im Orte seien neugierig,
sie dürfe nicht plaudern und sich von keinem ausfragen lassen, sonst sei ihres
Bleibens nicht.
    Als dies vorüber war, verabschiedete sich Lenore. Eine Mahlzeit zu nehmen
weigerte sie sich standhaft. Marianne dachte, sie habe Eile, die Rückpost zu
benutzen, und geleitete sie über den Platz. Sie versprachen einander zu
schreiben, und ehe Lenore in die wacklige Kutsche stieg, küsste Marianne das
blühende Geschöpf auf die Wange.
    Sie schaute dem Wagen nach, bis er durchs Stadttor gefahren war. Ein
betrunkener Bauer stiess sie an, der Hufschmied rief ihr einen Gruss zu, die
Doktorsfrau lehnte aus dem Fenster und erkundigte sich, wer der städtische
Zierbengel gewesen sei, Marianne hörte nichts und ging langsam ihrer Behausung
zu.
 
                                       8
So kam es, dass fünf Wochen später eine Tochter Daniels unter Mariannes Dach das
Licht der Welt erblickte.
    Von seiner Geburt an war Marianne dem Kinde zugeneigt, während sie vorher
mit Widerwillen seiner gedacht hatte. Es war ein feines Kreatürchen,
zartgliedrig, schmalhäuptig, eigentümlich menschenhaft in seinen frühesten
Lebensäusserungen und eine edle Art mit Entschiedenheit verkündend.
    Die Eschenbacher staunten. Wo kommt das Kind her? fragten sie; wer ist die
Mutter? wer der Vater? Das Standesamtsregister nannte eine Meta Steinhäger als
Mutter der unehelich geborenen Eva Steinhäger. Der Vater sei unbekannt, hiess es.
    Aber die Witwe Notaft wusste vermutlich Näheres. Deshalb kamen die alten
und die jungen Frauen häufiger als früher in Mariannes Laden. Sie wollten in
Erfahrung bringen, wie das Kleinchen gedieh, ob es die Milch gut verdaue, ob es
schon zahne, ob es deutsch reden werde oder eine ausländische Sprache und
Ähnliches mehr.
    Um sich Ruhe zu verschaffen, sagte Marianne, die Meta Steinhäger sei eine
arme Anverwandte, und sie habe das Kind in Kost und Pflege übernommen. Sie
konnte diese Mär um so leichter in Umlauf setzen, als sich Meta fast gar nicht
um den Säugling kümmerte. Kurz nach der Entbindung war sie zu einem Bäcker nach
Dinkelsbühl in Dienst gegangen und kam höchstens einmal im Monat herüber. Das
Kind war ihr gleichgültig. Ein Geselle jenes Bäckers vergaffte sich in sie, er
wollte sie heiraten und mit ihr nach Amerika auswandern.
    Um Weihnachten wurden sie getraut und bald danach verliessen sie das Land.
Marianne war dessen froh; nun gehörte das Kind ihr allein.
    Obgleich die Leute sich allmählich an das Dasein ihrer jungen Mitbürgerin
gewöhnten, war und blieb Eva das geheimnisvolle Kind von Eschenbach.
 
                                       9
Nie Wanderoper zog durch die kleinen Städte, deren es zwischen Donau und Main
und Saale und Neckar die Fülle gibt, und die Dauer ihres jeweiligen Aufentaltes
hing natürlich von der Teilnahme des Publikums ab.
    »Die Provinz ist das verzauberte Dornröschen,« sagte der Impresario Dörmaul
zu Wurzelmann und Daniel, »die Provinz schläft noch, und ihr müsst sie wecken,
indem ihr den Kuss der Muse auf ihre Stirn drückt.«
    Aber der Impresario hielt dabei die Taschen zu; die Prinzen, die das
Dornröschen aus dem Schlummer reissen sollten, hatten nicht die Mittel zu einem
standesgemässen Auftreten, und um ihren Hofstaat sah es auch ziemlich windig aus.
    Der Tenor hatte den Zenit des Lebens längst überschritten, und sein
Schmerbauch tat der Glaubhaftigkeit der Heldenfiguren, die er zu spielen hatte,
grossen Abbruch. Der Buffo war ein unverbesserlicher Säufer und wurde wegen
nächtlicher Exzesse von der Polizei oftmals hinter Schloss und Riegel gesetzt.
Der Bariton führte mit Hilfe zweier Winkeladvokaten einen Erbschaftsprozess, und
aus Ärger über die Finten der Gegenpartei versagte ihm oft die Stimme. Die
Sopranistin lag stets mit sämtlichen Kollegen in Zank und Hader, und die
Altistin war ein ränkesüchtiger Teufel ohne Talent. Daneben gab es noch ein
Dutzend Eleven und Elevinnen, die sich langweilten, Schabernack trieben,
Hungerlöhne bezogen und nichts gelernt hatten.
    Auch die Orchestermitglieder waren traurige Gestalten. Nicht selten hatte
einer oder der andere sein Instrument ins Pfandhaus getragen; einmal musste eine
Vorstellung abgesagt werden, weil sich die Geiger bei einer Dorfkirchweih
verspäteten, wo sie zum Tanz aufspielten, um ihr kümmerliches Einkommen zu
verbessern. Der Inspizient, der zugleich Kulissenschieber, Souffleur,
Billettverkäufer und Besucher der Zeitungsredaktionen war, zeigte sich keinem
dieser Ämter gewachsen und ergriff im zweiten Jahr mit einer Elevin und einer
Tageseinnahme die Flucht.
    Einmal waren die Kostüme an einen falschen Ort geschickt worden, und es
musste »die weisse Dame« in Lodenkitteln, verschossenen Sammetröcken, schmierigen
Kattunblusen und Pariser Pölsterchen gespielt werden.
    Ein anderes Mal bestand in der Oper »Marta oder der Markt zu Richmond« die
Volksmenge aus einer übelgelaunten jungen Dame, einem Kellner, den man aus einer
Heringsbraterei geholt hatte und dem Pförtner eines Waisenhauses, da das
Chorpersonal wegen versäumter Lohnauszahlung den Dienst verweigerte.
    In Karlstadt musste der letzte Akt der »lustigen Weiber von Windsor«
unaufgeführt bleiben, weil in der Pause zwischen Frau Flut und Falstaff eine
Prügelei entstanden war und jene Dame dem unglücklichen Sänger einen Hautlappen
aus der Nase gekratzt hatte.
    Wenn die musikalische Wanderschmiere, wie der stellvertretende Direktor
Wurzelmann seine Truppe nannte, desungeachtet leidliche Einnahmen erzielte, war
es den übermenschlichen Anstrengungen Daniels zu danken. Wurzelmann war
beständig in Liebeleien verstrickt, führte eine verderbte Günstlingswirtschaft
ein und ergab sich immer mehr der Trägheit.
    Daniel musste die Musiker zu den Proben aus ihren Betten ziehen; Daniel musste
korrepetieren; Daniel musste am Dirigentenpult mitsingen, wenn der Chor zu dünn
klang; Daniel musste Rollen verteilen, widersetzliche Frauenzimmer bändigen,
hirnlos brüllende Dilettanten dem Gefüge eines Werkes unterordnen, das er selbst
meist verabscheute; musste Anfänger drillen, Partituren kürzen, Stimmen
transponieren, mit kläglich unzureichenden Kräften Wirkungen hervorzaubern und
von morgens früh bis abends spät gegen Schmähsucht, Fahrlässigkeit und
Unfähigkeit im Kampfe liegen.
    Es liebte ihn keiner dafür. Sie fürchteten ihn bloss. Sie schworen ihm Rache,
aber sie duckten sich. Er hatte eine Art, sie kalt zu behandeln, dass sie sich
wie Verbrecher erschienen. Er hatte einen Blick eisiger Geringschätzung, unter
dem sich die Faust des Getroffenen ballte. Aber sie ordneten sich knirschend
einer Macht unter, die ihnen unheimlich dünkte, die jedoch in nichts anderm
bestand, als dass er seine Pflicht erfüllte und sie die ihre nicht.
    Am Ende jedes Vierteljahres trat der Impresario Dörmaul auf den Plan, um den
Rechnungsabschluss persönlich vorzunehmen. Seine Anwesenheit wurde durch eine
Musteraufführung von »Fra Diavola« oder der »Regimentstochter,« oder von
»Froufrou« gefeiert. Der Buffo betrank sich nicht, der Bariton ruhte von den
Strapazen seines Prozesses, die Altistin hatte ein holdes Lächeln für das
beifallslustige Haus, die Sopranistin war friedfertig wie eine Mine nach der
Explosion, von den Choristen war keiner im Wirtshaus geblieben, und da
Wurzelmann dirigierte, und das Orchester nicht den Basiliskenblick des
Kapellmeisters Notaft auf sich brennen fühlte, bewegte es sich freier im Takt
und brachte einen weit gefälligeren Ohrenschmaus hervor als sonst.
    Der Impresario Dörmaul kargte nicht mit seiner Anerkennung. »Bravo
Wurzelmann!« rief er, »noch ein Jährlein geschuftet, und ich bringe Sie ans
Königliche Opernhaus.«
    »Auch der Notaft soll zu Amt und Würden kommen,« sagte er, »obwohl ich die
Dummheit begangen habe, seine Kompositionen zu drucken und die ganze Makulatur
in meinen Magazinen liegt wie ein Pfund Backsteinkäse in einem kranken Magen.«
    Der Impresario Dörmaul trug schwarz und weiss karierte Hosen von
überseeischem Schnitt, eine Weste, die wie eine Tapete aus gepresstem Leder
aussah und über der eine schwere goldene Kette mit zahllosen Anhängseln
baumelte, einen Gehrock, der bis zu den Waden reichte, eine ziegelrote Krawatte
mit einem Diamanten, so gross wie der Kohinor und so falsch wie Aprilsonne, und
einen grauseidenen Zylinder, den er nur vor Geheimräten, Generälen und
Polizeipräsidenten lüpfte.
    Einem so beschaffenen Mann wagte Daniel zu erwidern: »Hätten Sie Käse
gegessen, so hätten Sie ihn wenigstens verdaut. Ihre vollen Magazine sind mir
noch lieber als mancher Kopf, der leer bleiben würde, auch wenn man die
Mattäuspassion hineinstopfen würde.«
    Der Impresario Dörmaul entschloss sich, zu lachen. »Oho, mein Bester,« sagte
er und schob den Zylinder weit zurück, »Sie blähen sich. Nehmen Sie sich in
acht, dass Sie nicht platzen. Als Hänschen hinterm Ofen sass, da war er stolz vor
Grütze, doch wie er auf die Strasse ging, da fiel er in die Pfütze.«
    Das Knechtlein kicherte. Daniel wusste längst, dass das Knechtlein gegen ihn
wühlte. In aller Unschuld, denn Halbseelen können bewundern und verraten
zugleich.
    »Der Neid ist meine einzige Tugend,« sagte Wurzelmann ganz offen, »ich bin
ein Genie des Neides.«
    Daniel war solchem Zynismus nicht gewachsen; Wurzelmann machte ihn dumm.
Aber er brauchte ihn; er hatte keinen anderen Menschen, mit dem er von sich und
seiner Arbeit sprechen konnte. Denn trotz der Überbürdung, die sein Amt mit sich
brachte, gelang es ihm, täglich einige Stunden für sich zu erobern, und gerade
der Druck von allen Seiten trieb die Flamme hoch hinan.
    In jenen Jahren zog er die Grenzen, um Herr in seinem Bezirk zu werden. Er
wandte sich zum Lied; er wählte die gebändigten und klaren Formen der
Kammermusik; er studierte mit unablässigem Bemühen die alten Meister und entnahm
ihren Schöpfungen die Regel, die gegen Willkür und Verwilderung als ein Damm zu
errichten war.
    Er verhehlte es sich keineswegs, dass er dadurch den Menschen den Weg zu sich
erschwerte und vielleicht für immer Verzicht leistete auf Lohn und Erfolg und
auf die Erleichterungen des Daseins, die den Gefühlsschwelgern sicher sind.
    Wenn er nun mit Wurzelmann spät nachts in einem Wirtshauszimmer sass und ihm
Notenblatt um Notenblatt reichte, auch wohl zur Verdeutlichung eine Stimme sang,
eine Begleitung lebhaft ausmalte, die Führung einer Melodie rühmte, die
Besonderheit eines Rhytmus erklärte, dann staunte das Knechtlein und wehrte
sich. Es war ihm alles das gar zu gründlich neu. Bewies Daniel, dass das Neue
nicht neu, dass bloss die zerrütteten Seelen des Jahrhunderts die Kraft verloren
hatten, ungebrochene Linien in ihrer Reinheit aufzunehmen, so machte sich
Wurzelmann zum Befürworter moderner Freiheit und sagte, es müsse dem einzelnen
alles verstattet sein, was er durch sein Können zu rechtfertigen vermöge.
    Am Widerpart war Daniel nichts gelegen. Als ob nicht im bewährt schönen
Gefäss der reichste Inhalt, des Lebens ganze Fülle zu bieten wäre! Geize er denn
damit? War Weh und Glück, zum Schaudern nah, durch die Gebundenheit minder
vernehmlich? Welch eine vertrackte Bosheit liegt darin, wie so ein Mensch sich
zusperrt, dachte Daniel; aus Herrschsucht mag er nicht fühlen und aus Witzigkeit
nicht denken.
    Und so zogen sie von Ort zu Ort, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Die
Wanderoper hatte nun schon ihre festen Überlieferungen, ihre skandalöse Chronik,
ihre eingeübten Lockmittel, ihre Stammgäste, ihre bevorzugten und ihre
gemiedenen Stätten.
    Das Lokalblatt brachte einen Begrüssungsartikel; die jungen Leute standen auf
der Strasse, um die Damen des Teaters lüstern zu begaffen; der Major a.D. kaufte
einen Sperrsitz für die erste Vorstellung; der Barbier trug seine Dienste an;
das Professorenkollegium der Lateinschule hielt Versammlungen ab, in denen
beraten wurde, ob den Schülern der Besuch der Oper erlaubt werden konnte; der
christliche Gesellenverein erhob Einspruch gegen die nackten Schultern der
Sängerinnen; die Mitglieder des adligen Kasinos rümpften die Nasen über die
Leistungen der Truppe; die Polizei wollte die Bretterbude oder den Hotelsaal, in
welchem gespielt wurde, feuergefährlich finden; die Frau Bergrätin verliebte
sich in den Bariton, und ihr Gatte nahm einige Schurken in Sold, die den
gefeierten Künstler von der Galerie herunter auszischten; die Nörgler forderten
mehr Lustigkeit, »Zar und Zimmermann« war ihnen zu langweilig, die »Stumme von
Portici« zu abgedroschen; sie wünschten »Madame Angot« und »Orpheus in der
Unterwelt«.
    Es war immer etwas los.
    Und es graute Daniel vor diesen Menschen, vor ihren Geschäften, ihren
Vergnügungen und den Kadavern ihrer Ideale. Es graute ihm vor ihrem Lachen und
vor ihrer Trübseligkeit, vor den Stuben, aus denen sie krochen, vor den Spionen
an ihren Fenstern, vor ihren Metzgerläden und Gastäusern und Zeitungen, vor
ihren Sonntagen und ihren Werktagen. Die Welt rückte ihm hart auf den Leib; er
musste jetzt den Menschen ins Gesicht sehen, und sie zwangen ihn, dass er mit
ihnen feilschte, um Geld, um Worte, um Gefühle und um Ideen.
    Aber auch anderes lernte er sehen; die Wälder an den Ufern des Mains; die
weitingedehnten Triften der Frankenhöhe; die schwermütigen Ebenen des mittleren
Landes; das formenreiche Kleingebirge des Jura; die alten Städte mit ihren
Mauern und Domen und finsteren Gassen und verödeten Schlössern. Da war dann
beschwichtigende Luft zwischen ihm und den Menschen, da sah er die Alten und die
Jungen, die Schönen und die Hässlichen, die Heiteren und die Traurigen, die Armen
und die Reichen so fern und still, und sie gaben ihm von ihrem Reichtum und von
ihrer Armut, von ihrer Jugend und von ihrem Alter, von ihrer Schönheit und von
ihrer Hässlichkeit, von ihrer Freude und von ihrem Schmerz gleicherweise.
    Und das Land gab ihm die Wälder, die Wiesen, die Bäche und Ströme, die
Wolken, die Vögel und alles, was unter der Erde ist.
 
                                       10
Es war im Winter, da kam die Truppe nach Ansbach und sollte im ehemaligen
Teater der Markgrafen spielen. Der »Freischütz« sollte in Szene gehen; Daniel
hatte mit seinen Musikern mehr als sonst geprobt.
    Aber es wütete ein heftiger Schneesturm an jenem Tage, darum waren kaum zwei
Dutzend Personen in die Vorstellung gekommen.
    Wie in diesem Raum die Geigen anders klangen, wie die Stimmen von selbst Mass
und Ruhe gewannen! Daniel hatte auch sein Orchester derart bezaubert, dass es ihm
gehorchte wie ein einziges Instrument.
    Nach dem letzten Akt trat ein weisshaariger Mann auf ihn zu und drückte ihm
glücklich und dankbar lächelnd die Hand. Es war der Kantor Spindler.
    Daniel begleitete ihn nach Hause, und sie redeten viel von der Vergangenheit
und von der Zukunft, von Menschen und von Werken. Sie konnten kein Ende finden,
und das Schneegestöber störte sie nicht. Auch an den folgenden Tagen waren sie
viel beisammen, aber am Ende der Woche wurde der Kantor krank und musste sich zu
Bett legen.
    Als Daniel eines Morgens in die Wohnung seines alten Freundes kam, erfuhr
er, dass der Kantor in der Nacht plötzlich gestorben sei. Es war ein sanfter Tod
gewesen.
    Am dritten Tage darauf folgte Daniel dem Leichenzug, und als er den Kirchhof
verlassen hatte, nur wenige Leute hatten gleich ihm dem Kantor die letzte Ehre
erwiesen, ging er bis zum Abend über die verschneiten Felder.
    In derselben Nacht begann er in seinem ärmlichen Quartier die Komposition
von Goetes »Harzreise im Winter«. Es war dies eines der tiefsten und
seltsamsten Werke, die je ein Musiker ersonnen hat, aber es musste das Schicksal
der meisten Schöpfungen Daniels teilen, die durch ein tragisches Verhängnis der
Nachwelt entzogen worden sind.
 
                                       11
Im Frühling des Jahres 1886 zog die Truppe nordwärts ins Hessische, dann ins
Türingische, gastierte in einigen Städten des Spessart und der Rhön, und die
Einnahmen wurden immer schlechter. Der Impresario Dörmaul hatte sich seit dem
Herbst nicht mehr blicken lassen, die Gagen waren im Rückstand und Wurzelmann
prophezeite der Wanderoper ein baldiges Ende mit Schrecken.
    In der Stadt Ochsenfurt war ein längerer Aufentalt geplant, und die Sänger
und Musiker knüpften daran ihre letzten Hoffnungen, obschon man gerade im
heissesten Juni war und der muffig düstere Raum, in welchem gespielt werden
sollte, auch entusiastischen Freunden des Teaters die Lust raubte, das
Einerlei des landstädtischen Treibens durch einen Kunstgenuss zu unterbrechen.
    Der Besuch wurde von Tag zu Tag geringer, bald war nicht mehr Geld genug in
der Kasse, dass man die Reise fortsetzen konnte, zu allem Übel bekam der Tenor
den Typhus, die andern Sänger weigerten sich, aufzutreten, wenn sie nicht
bezahlt würden, Daniel schrieb an den Impresario Dörmaul und erhielt keine
Antwort, Wurzelmann, statt zu helfen, schürte die leicht aufschäumenden Geister
schadenfroh zu Lärm und Feindseligkeit, alle forderten ihr Recht von Daniel,
belagerten ihn im Gastaus, wo er wohnte und brachten es so weit, dass sich die
ganze Stadt mit ihren Misslichkeiten beschäftigte.
    Da geschah es eines Nachmittags, dass ein stattlicher Herr von fünf- bis
sechsundfünfzig Jahren in Daniels Zimmer trat und sich ihm als der Gutsbesitzer
Sylvester von Erfft vorstellte. Sein Anliegen war folgendes.
    Wie alljährlich, befand sich auch heuer der Kanzler des Deutschen Reiches im
benachbarten Bade Kissingen zur Kur. Herr von Erfft hatte seine Bekanntschaft
gemacht, und der Fürst, ein passionierter Landwirt, hatte den Wunsch geäussert,
die Güter des Herrn von Erfft zu besichtigen, da ihm deren Verwaltung als
mustergültig gerühmt worden war. Um nun die Anwesenheit des hohen Gastes würdig
zu feiern, hatte man beschlossen, allem billigen Illuminations- und Hurrawesen
zu entsagen und dafür in einem Rokokopavillon, der zum Erfftschen Schloss
gehörte, die »Hochzeit des Figaro« aufzuführen.
    »Es ist dies eine Idee meiner Frau,« bemerkte Herr von Erfft. »Einige adlige
Herren und Damen unseres Kreises wollen die Partien singen, meine Tochter
Silvia, die zwei Jahre in Mailand bei Gallifati gewesen ist, wird die Rolle des
Pagen übernehmen, aber was uns noch fehlt, ist ein geschultes Orchester. Deshalb
komme ich zu Ihnen, Herr Kapellmeister, und bitte Sie, mit Ihren Musikern bei
uns zu spielen.«
    Daniel, dem das freie und freundliche Wesen des Herrn von Erfft sehr gefiel,
konnte keine Zusage geben, da er sich durch die Hilflosigkeit der ihm
anvertrauten Teatergesellschaft noch an Ort und Stelle für gebunden erachtete.
Herr von Erfft erkundigte sich des näheren nach den Ursachen seines Bedenkens
und fragte dann, ob er seine Hilfe annehmen wolle. »Gern,« erwiderte Daniel,
»aber es wird nichts nützen; unser Prinzipal ist ein hartgesottener Sünder.«
    Herr von Erfft ging mit Daniel zum Bürgermeister, und eine halbe Stunde
später war eine amtliche Depesche an den Impresario unterwegs. Sie war kräftig
genug gefasst, um einem Staatsbürger Respekt einzuflössen, wies auf die
bedrohlichen Zustände hin, die unter der Truppe eingerissen waren und heischte
gebieterisch Abhilfe.
    Der Impresario Dörmaul bekam Angst, und er sandte telegraphisch die
Geldsumme, die erforderlich war. In einem gleichzeitigen Erlass an Wurzelmann
erklärte er die Wanderoper für aufgelöst; die meisten Verträge waren ohnehin
abgelaufen, und diejenigen Mitglieder der Truppe, die noch Ansprüche zu stellen
hatten, wurden vertröstet.
    Daniel war also frei. Wurzelmann sagte zu ihm, als sie sich trennten: »Aus
Ihnen wird nie was Rechtes werden, Notaft. Ich habe mich in Ihnen getäuscht.
Sie haben viel zu viel Gewissen. Mit der Moral verfertigt man nicht einmal
Kinder, viel weniger Werke. Der Sumpf ist weich, der Gipfel felsig. Begehen Sie
eine grossartige Schweinerei, damit Zug in die Geschichte kommt.«
    Daniel legte die Hand auf seine Schulter, sah ihn mit kalten Augen an und
sagte: »Judas.«
    »Schön, meinetwegen Judas,« antwortete Wurzelmann. »Ich bin nicht dafür
geboren, ans Kreuz genagelt zu werden. Ich bin mehr für die Feste mit den
Pharisäern.«
    Er hatte beim »Phönix«, einer grossen musikalischen Zeitschrift, eine
Anstellung als Kritiker gefunden.
    Daniel fand die Leute vom Orchester für den Ausflug nach Erfft freudig
bereit. Sie bekamen dort Unterkunft in einem Wirtshaus, Daniel selbst wohnte im
Schloss. Die Proben wurden mit Ernst und Eifer geführt; obwohl der Name des
grossen Kanzlers noch von den Wolken der Zeitlichkeit, vom Hass der Gegner, von
Kleingeist und Missverstand umdüstert war, fühlten alle diese jungen Menschen die
Gewalt des Unsterblichen und waren von dem Gedanken beglückt, ihm in einer
erdichteten Welt und für eine flüchtige Stunde etwas sein und bedeuten zu
dürfen.
    Unermüdlich war Agate von Erfft, die Gutsherrin, im Herbeischaffen von
Kostümen, in der Beseitigung technischer Hindernisse und in der Bewirtung ihrer
Gäste. Die vierundzwanzigjährige Silvia hatte weder die Kraft der Mutter, noch
die Liebenswürdigkeit des Vaters ererbt; sie war zart und verschlossen.
Desungeachtet vermochte sie in die Rolle des Cherubin viel Anmut und Schelmerei
zu legen, was als ein unvermuteter Reichtum ihrer Natur sogar ihre Eltern
überraschte. Zudem war ihre Stimme weich und von reiner Bildung, und Daniel,
seit Jahren an die mittelmässigen Leistungen verdorbener Kehlen gewöhnt, nickte
zufrieden, wenn sie sang.
    Die andern Teilnehmer behandelte er durchaus nicht glimpflicher als die
Sänger und Sängerinnen von der Wanderoper; sie mussten seine Grobheit und
Bissigkeit mit guter Manier ertragen. Herr von Erfft, der bei allen Proben
zugegen war, beobachtete ihn oft mit ruhiger Verwunderung, und wenn ein zu arg
Gescholtener bei ihm Klage führte, antwortete er: »Lasst den Mann gewähren, der
versteht sein Geschäft; es gibt nicht viele von der Sorte.«
    Nur eben Silvia war es, die von ihm geschont wurde. Als Herr von Erfft den
Namen zum ersten Male genannt, hatte er aufgehorcht, und als er sie sah, wusste
er, dass er sie schon einmal gesehen hatte. Es war damals auf seiner Wanderschaft
gewesen, da war er draussen vor dem Parktor gestanden, und man hatte sie gerufen.
Dessen zu gedenken war ihm jetzt seltsam. Er war nun bei ihr und ihr doch nicht
weniger fremd als damals.
    Aber was ihn zu dem schönen Mädchen hinzog, hatte nichts mit dieser
zufälligen Fügung zu schaffen. Auch hatte sein Gefühl keine sinnliche
Gebundenheit. Es war eine traumhafte Sympatie, ähnlich der suchenden Erinnerung
an ein vergessenes Glück. Es war eine dunklere und quälendere Empfindung als
diejenige, die ihn an Gertrud unverbrüchlich fesselte, mehr Leid als Lust, mehr
Unruhe als Bewusstsein.
    Ganz in der Tiefe schlief es, dies Vergessene; hinweggespült war es von den
Lebenswogen. Und nicht Silvia selber war es, nicht sie selbst. Eine Bewegung der
Hand vielleicht; woher kannte er die Bewegung? Ein Zurückbiegen des Kopfes, ein
stolzer, blauer Blick, woher kannte er es nur?
    Vergessen, vergessen ....
 
                                       12
Während alles im besten Zuge war, während man die Gebäude schmückte und die
Zimmer des Herrenhauses instand setzte, traf die Nachricht vom Tod des Königs
Ludwig ein. Die Zeitungen waren schwarz gerändert und brachten viele
Einzelheiten über das Unglück am Starnbergersee. Wie überall im Land war die
Trauer über das furchtbare Schicksal des Monarchen auch in der Familie des Herrn
von Erfft aufrichtig und anhaltend.
    Von einer Teateraufführung konnte natürlich die Rede nicht mehr sein; der
Kanzler hatte seinen Besuch abgesagt, und die jungen Herrschaften, die sich
gerade zur Probe versammelt hatten, kehrten still wieder heim. Herr von Erfft
händigte Daniel eine beträchtliche Vergütung für die Musiker ein und bat ihn
selbst, den er nicht wie einen Handlanger verabschieden wollte, noch ein paar
Tage auf dem Gut zu bleiben.
    Daniel weigerte sich nicht, hatte er doch bis jetzt mit keinem Gedanken
überlegt, wohin er seine Schritte lenken sollte.
    Nachdem er das Geschenk des Herrn von Erfft unter die Musiker verteilt und
die Leute entlassen hatte, wanderte er in den Wald. In einem Dorfe verzehrte er
ein karges Mittagsmahl und schweifte dann umher, bis es Abend wurde. Als er
zurückkehrte, sassen seine Wirte noch um den Tisch. Er versäumte es, sich zu
entschuldigen, Frau Agate lächelte ihrem Gatten belustigt zu und gab Befehl,
dass dem Herrn Kapellmeister nachserviert werde; Silvia hatte ein Buch in der
Hand und las.
    Ziemlich bedrückt nippte Daniel nur von den Speisen, und als die Hausfrau
sich erhob und durchs Fenster in den gewitterigen Himmel schaute, ging er ins
Nebenzimmer und setzte sich an den Flügel.
    Er begann zu spielen. Es war Schuberts Lied an Silvia. Als die
stürmisch-innige Melodie verhallt war, knüpfte er eine Variation daran, hierauf
eine zweite, eine dritte, eine vierte; schwermütig die eine, jubilierend die
andere, sinnend die dritte, schwärmerisch suchend die vierte. Jede war ein
Hymnus an das Vergessene.
    Herr von Erfft und Agate standen in der offenen Türe, Silvia hatte sich
unfern von ihm auf ein Taburett gesetzt und blickte in anmutiger Entrückteit zu
Boden.
    Er brach jäh ab, als wolle er damit Beifall und Dank verhindern, Sylvester
von Erfft nahm ihm gegenüber Platz und fragte freundlich, ob er für die nächste
Zeit bestimmte Pläne habe.
    »Ich gehe nach Nürnberg zurück und werde heiraten,« sagte Daniel. »Ich habe
eine Braut. Sie wartet auf mich. Schon lange.«
    Ob er nicht die frühzeitige Ehefessel fürchte? erkundigte sich Herr von
Erfft, aber Daniel entgegnete kurz, er brauche einen Menschen zwischen sich und
der Welt.
    »So etwas wie einen Puffer,« warf Frau Agate spöttisch hin. Daniel schaute
ihr unwillig ins Gesicht.
    »Puffer? nein, oder doch, wenn ein Schutzengel einen vor Püffen bewahrt,«
sagte er noch barscher.
    »Weshalb wollen Sie sich gerade in Nürnberg niederlassen, einer Stadt von so
einseitig kommerzieller Richtung?« fuhr Herr von Erfft mit fast ängstlicher
Behutsamkeit zu fragen fort. »Würde Ihr Leben nicht in einer der grossen
Metropolen der Kunst gesicherter sein?«
    »Es geht nicht an, den Vater von seiner Tochter ganz zu trennen,« antwortete
Daniel plötzlich mit unerwarteter Offenheit. »Es geht nicht an. Auch kann man
den alten Mann nicht mehr aus seiner Umgebung reissen; dort ist er nun einmal
verwachsen. Und ich will nicht länger allein bleiben. Irgendein Herz braucht
jeder, und der Bergmann gräbt leichter im Schacht, wenn er weiss, dass droben sein
Weib die Suppe kocht. Auf die Suppe bin ich freilich nicht versessen, auf das
Seelchen nur, das Seelchen, das einem gehört.«
    Er drehte sich um und schlug breit einen Moll-Akkord an.
    »Und wäre auch alles anders,« begann er wieder und zog das Gesicht in
bizarre Falten, »mich zög's nicht nach Ihren Metropolen. Was wäre dort zu
suchen? Kameraderien? Hab genug davon erfahren. Am Handwerk lern ich zu Hause.
Ich kann die Meister aller Zeiten in meine Stube bitten. Ruhm und Geld finden
den Weg zu mir, wenn sie wollen. Die Morgenröte wird nur von den Schläfern
übersehen und echte Musik nur von den Tauben überhört. Das übrige steht bei Gott
und nicht bei den Menschen.«
    Zum zweitenmal schlug er den Akkord an, jetzt in Dur.
    Mit sichtlicher Freude und Teilnahme ruhten die Blicke des Herrn von Erfft
und seiner Frau auf ihm. Silvia flüsterte ihrer Mutter etwas zu, diese nickte
und sagte zu Daniel: »Eine meiner Schwestern lebt in Nürnberg, die Freifrau
Clotilde von Auffenberg. Sie war von Jugend an eine entusiastische Verehrerin
guter Musik, und wenn ich Ihnen einen Empfehlungsbrief an sie mitgebe, würden
Sie gewiss mit offenen Armen aufgenommen. Freilich ist sie kränklich, und ein
schweres Verhängnis schwebt über ihrem Leben, aber sie hat Herz und ist
verlässlich in ihren Neigungen.«
    Daniel sah vor sich nieder. Er dachte an Gertrud und an die Zukunft mit ihr
und murmelte ein paar Worte des Dankes. Frau von Erfft setzte sich gleich an den
Schreibtisch und schrieb einen ausführlichen Brief an ihre Schwester. Als sie
fertig war, überreichte sie ihn Daniel mit gütigem Lächeln.
    Am andern Morgen verliess er Schloss Erfft mit dem Bedauern, mit dem man von
einem Wohnsitz des Friedens und von edlen Freunden scheidet.
 
                                       13
In den Strassen Nürnbergs hingen schwarze Fahnen. Es regnete. Daniel bezog ein
billiges Zimmer im Bären.
    Die Dämmerung war eingebrochen, als er sich auf den Weg zu Jordans begab. Im
Haustor stiess er mit Benno zusammen. Er erkannte den stutzerhaft gekleideten
Menschen nicht und wollte vorübergehen. Aber Benno blieb mit lautem Lachen
stehen.
    »Ei, der Herr Kapellmeister!« rief er, und das blasse, trotz seiner zwanzig
Jahre bereits verlebte Gesicht zeigte einen gewissen Hohn, »nur Vorsicht, mein
Lieber, damit die Gertrud nicht in Ohnmacht fällt.«
    Daniel fragte, ob alle gesund seien. An Gesundheit fehle es nicht, wohl aber
an kleiner Münze, versetzte Benno lachend; mit dem Vater sei nicht mehr viel
los, der komme auf keinen grünen Zweig mehr; na ja, das Alter, die Konkurrenz,
die bösen Zeiten. Ob Lenore zu Hause sei, fragte Daniel. Nein, die sei mit der
Notarin Rübsam nach Pommersfelden gefahren und wolle ein paar Wochen dort
bleiben. »Nun muss ich mich aber sputen,« brach Benno das Gespräch ab, »meine
Vereinsbrüder warten auf mich.«
    »Potzblitz, Vereinsbrüder haben Sie auch?«
    »Natürlich, das ist doch die Würze des Daseins. Heute haben wir einen
geschäftsfreien Tag; Königsbegräbnis. Gott befohlen, Herr Kapellmeister.«
    Daniel läutete oben, und Gertrud öffnete die Türe. Es war dunkel, jeder
gewahrte nur die Umrisse des andern.
    »Du bist's, Daniel,« flüsterte sie seligmatt, näherte sich ihm und lehnte
das Gesicht an seine Schulter.
    Daniel wunderte sich, dass seine Pulse so gleichmässig klopften. Noch gestern
hatte ihm der Gedanke an dieses Wiedersehen den Atem benommen. Nun hielt er
Gertrud im Arm und wunderte sich über seine Ruhe.
    In der Stube führte er sie unter die Lampe und schaute mit ernster
Aufmerksamkeit lange in ihr Gesicht. Unter seinem sonderbar grausamen Blick
erbleichte sie.
    Dann ergriff er ihre Hand, zog sie auf das Sofa neben sich und entwickelte
ihr den Plan, den er gefasst. Sie hatte keine andern Wünsche als die seinen. Er
wollte zwischen heute und vier Wochen heiraten; gut, sie würden heiraten.
    Er fand die grenzenlos Ergebene wieder, die er verlassen. Ihr Auge
erschütterte ihn, in dem ein schicksalsvoller Gehorsam leuchtete. Sie hatte kein
feiges Bedenken. Ihre kühle Hand zuckte nicht in seiner; mit ihrer Hand lag ihre
Seele, ihr ganzes Leben in seiner Hand. Er wollte Zweifel in ihr erwecken und
sprach mutlos von seinen Aussichten, auch dass er wenig Hoffnung habe, mit seinen
Arbeiten die Anerkennung der Welt zu erringen.
    »Wozu Anerkennung?« fragte sie; »sie können doch nichts von dir wegnehmen,
und was sie dir geben, ist Gewinn.«
    Da schwieg er, und das Gefühl von ihrem Wert schwebte wie ein feuriges
Meteor durch den Himmel seines Daseins.
    Die Eröffnung, dass sie in der Stadt bleiben würden, machte sie glücklich,
des Vaters wegen. Sie sagte, am Egydienplatz sei eine kleine Wohnung zu
vermieten, drei Zimmer in einem stillen Haus. Sie traten ans Fenster, und
Gertrud zeigte ihm das Haus. Es war näher bei der Kirche, an der Biegung des
Platzes.
    Der heimkehrende Inspektor bewillkommnete Daniel mit langem Händeschütteln.
Er war grau geworden, ging gebückter denn früher, und sein Anzug wies Spuren der
Vernachlässigung auf.
    Als er erfahren, was Daniel und Gertrud beschlossen hatten, schüttelte er
den Kopf. »Kinder, es ist ein Unglücksjahr,« sagte er; »eilt's euch denn gar so,
wo ihr doch noch ein blutjunges Volk seid?«
    »Wären wir weniger jung, so hätten wir weniger Mut dazu,« antwortete Daniel.
    Der Inspektor setzte sich und stützte die Stirn auf die Hand. Nach einer
Weile sagte er, vor drei Jahren habe er noch bare achttausend Mark auf der Bank
liegen gehabt, aber die ungünstigen Umstände hätten ihn dann gezwungen, sich des
Kapitals zur Bestreitung des täglichen Unterhalts zu bedienen und jetzt sei kaum
ein Drittel mehr davon übrig. Zweitausend Mark sei alles, was er Gertrud als
Mitgift geben könne, und damit müssten sich die beiden zurecht finden.
    »Mehr braucht's auch nicht,« erwiderte Daniel, »hab nicht so viel zu
erhoffen gewagt. Nun hab ich keine Sorgen mehr, mag kommen, was will.«
    Eine Fledermaus flog durchs offene Fenster und huschte ohne Laut wieder
hinaus. Der Regen hatte aufgehört; nur in den Röhren und Rinnen sickerte und
plätscherte es noch. Es war etwas Banges in der Luft des Juniabends.
 
                                       14
Von Benda hatte Daniel in der ersten Zeit einige spärliche Nachrichten aus
England erhalten; seit andertalb Jahren hatte er nichts mehr von ihm gehört.
Aber als Lenore im Juli aus Pommersfelden zurückkehrte, sagte sie ihm, dass im
April ein Brief Bendas an ihre Adresse gelangt sei und dass sie ihm diesen Brief
nach Naumburg geschickt habe. Doch der Brief hatte ihn nicht erreicht, und die
Nachforschungen, die er jetzt anstellte, blieben vergebens.
    Bendas Mutter war nicht in der Stadt. Sie lebte bei Verwandten in Worms,
hatte aber die Wohnung im Haus des Herrn Carovius behalten.
    Frau von Auffenberg weilte im Emser Bad und sollte erst im September
zurückkehren. So knüpfte Daniel frühere Beziehungen wieder an, und es gelang
ihm, einige Unterrichtsstunden zu bekommen, die ihm vorläufig einen kleinen
Verdienst sicherten.
    Die Tage forderten viel äusserliche Geschäftigkeit von ihm, der er nicht
gewachsen war. Er hatte geglaubt, man könne heiraten, wie man in einen Laden
geht, um etwas zu kaufen, ohne Lärm und ohne Aufentalt. Er hatte hundert
Launen, hundert Einwände, hundert Grimassen. Die Wohnung am Egydienplatz war
gemietet worden; es erbitterte ihn, dass man, um mit einer geliebten Person zu
leben, Tische, Betten, Stühle, Schränke, Lampen, Gläser, Teller, Kehrichtfässer,
Wassereimer, Fensterpolster und tausenderlei Krimskrams haben musste.
    Es wurde in der Stadt viel über die bevorstehende Hochzeit geredet, und die
Leute sagten, sie begriffen den Inspektor Jordan nicht. Der Mann muss arg
heruntergekommen sein, hiess es, dass er seine Tochter einem Bettelmusikanten
gibt.
    Daniel fand alles schwer, alles war letztes Gericht für ihn. Eine Melodie
frass an seinem Herzen, ehe sie ihre reinste Form gewonnen hatte. Die Freiheit
rief mit Himmelstönen; die stille Verlobte rief zur Kameradschaft. Die Aufgabe,
der er sich geweiht, heischte Einsamkeit, dann riss ihn wieder das Blut hin, und
er wurde weich und wild.
    So stürzte er oft zu Jordans hinauf, trat mit wirren Haaren in die Stube, wo
die beiden Schwestern emsig an Gertruds Ausstattung nähten, setzte sich hin,
sprach kein Wort und wartete, bis Gertrud kam und ihm die Hand auf die Stirn
legte. Er stiess sie zurück, aber das Mädchen lächelte sanft. Manchmal jedoch zog
er sie an den Armen zu sich herab, dann lächelte Lenore, - schamhaft, als
ertrüge sie nicht den Anblick Liebender.
    Es war ein gebrauchter Stutzflügel gekauft worden, der einstweilen in der
Wohnstube des Inspektors stand. An manchen Abendstunden spielte Daniel. Die
Schwestern hörten zu. Gertrud glich einer Schlummernden, der alle Wünsche in
Erfüllung gegangen sind und die ruht, geisterhaft beglückt ruht. Lenore aber
wachte; wachte und sann.
 
                                       15
Der Tag der Trauung kam. Morgens um halb zehn Uhr erschien Daniel in der
Inspektorswohnung, im Gehrock und Zylinderhut, verdrossen und verrucht
anzuschauen, ein Bild des Jammers.
    Der Weltmann Benno war genötigt, das Zimmer zu verlassen und fiel draussen
vor Lachen auf eine Wäschetruhe. Er billigte diese Heirat nicht; er schämte sich
ihrer vor seinen Freunden.
    Gertrud trug einen einfachen Strassenanzug und einen der kleinen
Jung-Frauenhüte, welche die Mode vorschrieb. Sie sass am Tisch und schaute mit
grossen Augen vor sich hin.
    Lenore trat mit einem Myrtenkranz ins Zimmer. »Den sollst du aufsetzen,
Gertrud,« sagte sie, »nur zum Schein für uns, damit man doch das Gefühl hat, du
bist eine Braut. Sonst ist's ja gar zu nüchtern mit eurem Standesamt.«
    »Wo hast du den Kranz her?« fragte der Inspektor.
    »In einer Kiste hab ich ihn gefunden; es ist Mutters Brautkranz.«
    »Ach, ist es Mutters Brautkranz? wirklich?« murmelte der Inspektor und
betrachtete den Kranz, der vergilbt war.
    »Setz ihn doch mal auf,« bat Lenore wieder, aber Gertrud, mit einem Blick
auf Daniel, weigerte sich.
    Da ging Lenore zum Spiegel und setzte sich selbst den Kranz aufs Haar.
    »Tu das nicht, Kind,« warnte der Inspektor, wehmütig lächelnd; »das
abergläubische Volk sagt, man muss Jungfer bleiben, wenn man den Kranz einer
andern trägt.«
    »So bleib ich eben Jungfer und bleib's gern,« erwiderte Lenore.
    Sie drehte sich vom Spiegel halb unbewusst zu Daniel. Das Blond ihrer Wimpern
erschien fast grau, das Rot der Lippen wurde durch das Lächeln in viele Teilchen
zerstückelt, und der Hals war wie etwas Flüssiges und zugleich Entkörpertes.
    Daniel sah dies alles. Sein Blick umfasste die Undinengestalt des Mädchens.
Ihm war, als habe er sie in den Tagen seit ihrer Rückkehr überhaupt nicht
gesehen; als habe er nicht gesehen, dass sie reifer, schöner, süsser geworden war.
Auf einmal verspürte er einen Schrecken, dass ihm die Knie wankten. Wie ein Blitz
durchschoss es ihn: da ist es ja, was ich vergessen hatte! da ist das Antlitz,
die Figur, das Auge, die Bewegung, da steht es lebendig vor mir, und ich Narr,
ich unsäglicher Narr, war mit Blindheit geschlagen!
    Gertrud ahnte dumpf den unheilvollen Vorgang. Sie erhob sich und schaute
Daniel entsetzt an. Er aber eilte zu ihr hin, als ob er flüchte, und packte ihre
Hände. Lenore, im Glauben, sie habe durch ein Wort oder eine Gebärde Daniels
Missfallen erregt, riss den Myrtenkranz vom Haupt.
    Der Inspektor hatte diesen Geschehnissen keine Beachtung geschenkt. Sein
ruheloses Auf- und Abwandern endend, zog er die Uhr und sagte, es sei wohl an
der Zeit, dass man gehen müsse. Lenore, die schon den ganzen Morgen über ein
geheimniskrämerisches Wesen gezeigt hatte, bat um Geduld, und ehe man sie nach
dem Grund fragen konnte, läutete es, und sie lief hinaus.
    Mit strahlender Miene kehrte sie zurück, und Marianne Notaft folgte ihr.
Mühsam hielt sich Marianne gefasst und sah sich halb schüchtern, halb forschend
im Kreise um.
    Mutter und Sohn standen stumm vor einander. Das war Lenores Werk.
    Marianne sagte, sie wohne bei ihrer Schwester Terese. Den Abend zuvor war
sie gekommen, heute wollte sie wieder nach Hause zurückkehren.
    »Ich bin froh, Mutter, dass du da bist,« sagte Daniel mit erstickter Stimme.
    Marianne legte ihre Hände auf seinen Scheitel, hierauf schritt sie zu
Gertrud und tat ein Gleiches bei ihr.
    Nach der Trauung bewirtete der Inspektor seine Kinder und Marianne. Am
Nachmittag fuhren sie alle in zwei bestellten Kutschen auf den Schmausenbuk.
Daniel hatte seine Mutter noch nie so heiter gesehen, aber durch keine Bitte war
sie zu bewegen, ihren Aufentalt zu verlängern, und während des Redens darüber
wurden zwischen ihr und Lenore vertraute Blicke getauscht.
    Als der Abend angebrochen war, begaben sich Daniel und Gertrud in ihr Heim.
 
                                       16
Es ist Nacht geworden. Verlassen liegt der altertümliche Platz. Vom Kirchturm
hat es elf Uhr geschlagen, die Lichter in den Fenstern verlöschen eins nach dem
andern.
    Da kommt eine Gestalt von der Laufergasse herauf, späht scheu vor sich,
hinter sich und bleibt vor dem schmalen Gebäude stehen, in welchem Daniel und
Gertrud wohnen. Ist es ein weibliches Geschöpf, oder nicht vielmehr ein
unheimlicher Gnom? Die Gewänder schlottern nachlässig an dem plumpen Körper, ein
verbogener Strohhut überdacht das verwildert aussehende Gesicht; die Schultern
sind emporgezogen, die Fäuste geballt, die Augen wie verglast.
    Plötzlich erschallt ein Schrei. Die Person eilt gegen die Kirche, stürzt auf
die Knie und ihre Zähne beissen in ohnmächtiger Raserei in die Holzstange des
Geländers. Erst nach einer geraumen Weile erhebt sie sich wieder, starrt mit
verzerrten Lippen noch einmal zu den Fenstern hinauf und entfernt sich
schleppenden Schrittes.
    Es war Philippine Schimmelweis. Sie trieb sich bis zum Morgengrauen in den
Gassen herum.
 
                                  Zweiter Teil
                                Daniel und Gertrud
                                       1
Die im Reichstag beschlossene Verlängerung des Sozialistengesetzes, sowie die zu
gewärtigende neue Heeresvorlage erregten in vielen Teilen des Landes eine
bedrohliche Gärung.
    Im Oktober wollten die Sozialdemokraten einen allgemeinen Umzug durch die
Strassen veranstalten, die Polizei jedoch verbot dies. Am Abend des Verbots
standen die Regimenter feldmarschmässig gerüstet in den Kasernen, und in der
Stadt herrschte eine gedrückte Stimmung. In Wöhrd und Plobenhof kam es zu
Aufläufen, und in den engen Gassen der inneren Stadt drängten sich Tausende von
Arbeitern gegen das Rataus.
    Bisweilen erhob sich aus der schweigenden Masse ein langgezogener Pfiff, und
von der Hauptwache schallte dumpfer Trommelwirbel herüber.
    Unter denen, die von der Königsstrasse herunterkamen, befand sich der
Arbeiter Wachsmut. In der Nähe des Schimmelweisschen Ladens angelangt, führte
er aufreizende Reden gegen das ehemalige Mitglied der Partei, und seine Worte
fielen auf fruchtbaren Boden. Ein Schlossergesell, der durch die Prudentia zu
Schaden gebracht worden war, stiess wütende Beschimpfungen gegen den Buchhändler
aus.
    Vor dem erleuchteten Auslagefenster staute sich die Menge. Wachsmut stand
an der Tür und schrie, der Verräter müsse heut noch an einem Laternenpfahl
baumeln. Ein Stein flog über die Köpfe, die Glasscheibe brach in Scherben, und
gleich darauf stürmte ein Dutzend Kerle in den Laden. Wo der Blutund sei, wo
der Aussauger sei, brüllten sie; haben wollten sie ihn; einen Denkzettel wollten
sie ihm geben.
    Ehe Terese antworten konnte, schwirrten bereits Fetzen von Büchern und
Zeitschriften umher, wurden Broschüren unter schmutzigen Stiefeln zertrampelt;
Arme streckten sich nach den Regalen, aufgestapelte Stösse fielen zusammen.
Zwanziger war auf die Leiter gestiegen und heulte; Terese stand gespensterhaft
neben ihrem Kassatisch, und durch die hintere Tür war Philippine eingetreten und
blickte, ein tückisches und überraschtes Lächeln auf den Lippen, ohne Schrecken
in den Tumult. Da erschallte die Signalpfeife der Polizisten. Mit der
Schnelligkeit eines Atemzuges wandten sich die Aufrührer zur Flucht.
    Als Terese zur Besinnung kam, war der Laden leer; auch die Gasse draussen
war leer wie zur Mitternacht. Nach einer Weile erschienen die Polizeidiener, und
später drängten sich Neugierige an der Schwelle und bestaunten den Schauplatz
der Verwüstung.
    Jason Philipp hatte das Unheil kommen gesehen und war rechtzeitig aus dem
Laden in die Wohnung geflüchtet. Er hatte sogar die Zimmertüre zugesperrt und
war zähneklappernd auf einen Stuhl gesunken.
    Jetzt kam er wieder herunter und trat den Gerichtspersonen, die sich
indessen eingefunden hatten, mit schmerzlicher Würde entgegen. Er sagte: »Das
von einem Volk, für welches ich Gut und Blut geopfert habe.«
    Zwanziger war in seiner Zeugenaussage von prahlerischer Ausführlichkeit.
Philippine blickte ihn unter den Simpelfransen, die ihr tief in die Stirn
hingen, mit giftiger Verachtung an und murmelte: »Ekelhafter Feigling.«
    Als Jason Philipp später vom Wirtshaus heim kam, sagte er: »Es ist ein
verhängnisvoller Wahn, zu glauben, dass die Menschheit ohne Knute regiert werden
kann.« Und er schob die gestickten Pantoffeln (»dem Müden zum Trost«) an die
Füsse. Die Pantoffeln waren bedeutend gealtert und Jason Philipp selbst war
gealtert. In seinem Bart schimmerten silberweisse Haare.
    Terese überrechnete den Schaden, den der Pöbel angerichtet. Sie fühlte, dass
es mit Jason Philipps Glück zu Ende ging.
    Ausgestreckt im Bette liegend, sagte Jason Philipp: »Ich habe demnächst ein
ernstes Wörtlein mit dem Baron Auffenberg zu reden. Entweder die freisinnige
Partei entschliesst sich zu einem energischen Schritt gegen den Übermut der
untern Klassen, oder ich bin ihr Mann gewesen.«
    »Wieviel Mass Vier hast du getrunken?« fragte Terese aus den Kissen.
    »Zwei.«
    »Das ist sicher gelogen.«
    »Möglich, dass es drei waren,« versetzte Jason Philipp gähnend, »aber
deswegen einen Mann wie mich der Lüge zu beschuldigen, das bringt nur eine so
ungebildete Frau wie du fertig.«
    Da blies Terese die Kerze aus.
 
                                       2
Der Baron Siegmund von Auffenberg war von München zurückgekehrt, wo er eine
Konferenz mit dem Minister gehabt hatte.
    Er hatte ausserdem mit vielen andern Leuten gesprochen und sich beständig
herablassend, jovial und witzig gezeigt, denn seine Liebenswürdigkeit im Umgang
war beinahe sprichwörtlich.
    Jetzt sass er mit düsterem Gesicht am Kamin, und keiner von denen, die noch
vor wenigen Stunden durch seine Plauderkunst entzückt worden waren, hätte ihn so
wiedererkannt.
    Die Stille und Einsamkeit peinigte ihn. Eine Gewalt, der er nicht mehr
widerstreben konnte, zog ihn zu seiner Frau. Seit sieben Wochen hatte er sie
nicht einmal gesehen, obwohl er in demselben Haus lebte wie sie.
    Es zog ihn hin, weil er wissen wollte, ob sie eine Nachricht erhalten hatte
von ihm, dessen Namen er nicht denken mochte, von dem Sohn, dem Feind, dem
Erben. Nicht als ob er hätte fragen wollen; in ihr Gesicht wollte er schauen und
darin lesen. Da niemand in seiner Umgebung von Eberhard zu sprechen wagte, war
er auf Vermutungen angewiesen und auf die Feinheit seines Spürsinns. Er durfte
die Begierde nicht merken lassen, mit der er darauf lauerte, dass ihm endlich
einer den Untergang des Verhassten ankündigen würde.
    Sechs Jahre waren verflossen und noch immer vernahm er die freche Stimme,
von der er das Ungeheuerliche hatte hören müssen, das ihn aus der Dämmerung
seiner Selbstgenügsamkeit und Selbstfreude gerissen hatte; das Wort, welches
keine Seelennot in der Heimlichkeit seines Schlafzimmers ihm entgegengeworfen
und das ihm alle Genüsse des Daseins für alle Zeiten verbittert hatte.
    »Dépêche-toi, mon bon garçon,« schnarrte nebenan der Papagei.
    Der Baron erhob sich und schritt zu den Gemächern seiner Frau. Die Baronin
erschrak, als sie ihn eintreten sah. Sie lag auf einem Polstersessel, das Haupt
von Kissen gestützt, über den Beinen eine schwere, indische Decke.
    Sie hatte ein breites, aufgeschwemmtes Gesicht mit dicken Lippen und
ausserordentlich grossen schwarzen Augen von krankhaftem Glanz. In ihrer Jugend
hatte sie für schön gegolten, aber von dieser Schönheit war nichts mehr übrig
als eine gewisse Frische der Haut und die würdevolle Haltung der geborenen
Weltdame.
    Sie schickte ihre Zofe hinaus und schaute ihren Gatten schweigend an. Als
sie die jesuitisch freundlichen Falten in seinem Gesicht bemerkte, vermittelst
welcher er dessen wahres Gepräge verbarg, steigerte sich die Angst in ihrem
Blick.
    »Du hast heute noch gar nicht musiziert,« begann er mit süsser Stimme; »da
ist einem zumut, als fehle dem Haus etwas. Du sollst dich ja sehr vervollkommnet
haben, höre ich; du sollst dir einen neuen künstlerischen Beirat zugelegt haben.
Emilie hat es mir erzählt.«
    Emilie war die an den Rittmeister Graf Urlich verheiratete Tochter des
Ehepaars.
    In den Augen der Freifrau war ein Ausdruck wie bei einem angeketteten Tier,
dem man sich mit dem Schlachtbeil nähert. Die schmiegsame Glätte des Mannes, von
dem sie seit fünfundzwanzig Jahren nur Brutalität und Hohn hinzunehmen gehabt,
und der ihr die schlimmste Erniedrigung nicht erspart hatte, wenn kein Lauscher
nah gewesen, war ihr qualvoll.
    »Was willst du von mir, Siegmund?« stiess sie zitternd hervor.
    Der Baron trat dicht vor sie hin, kniff die Lippen zusammen und schaute sie
mit einem furchtbaren Blick zehn bis zwölf Sekunden lang fest an.
    Da packte sie mit ihren beiden Händen seinen linken Arm. »Was ist mit
Eberhard?« schrie sie. »Du weisst etwas von ihm! Sag mir alles!«
    Der Baron schüttelte ihre Hände mit einer Bewegung des Widerwillens ab und
wandte sich kalt zum Gehen.
    »O du,« stammelte die Frau, sinnlos vor Schmerz und zum erstenmal im Leben
entschlossen, ihm zu sagen, was in tausend Stunden des Schreckens und der
Bedrängnis ihr Herz verbrannt hatte, »du Unmensch, warum denn hat dich das
Schicksal auf meinen Weg geführt! Wo in der Welt ist noch ein Weib, dem ein
solches Los beschieden ist! Die ohne Freude, ohne Liebe, ohne Achtung, ohne
Freiheit und ohne Ruhe sich hinschleppt, den Menschen eine Last und sich selber
am meisten! Die in Sammet und Seide geht und sich täglich den Tod wünscht; die
von allen für glücklich gehalten wird, weil der Teufel, der sie martert, alle
mit seiner Falschheit betrügt; die ihrer Kinder beraubt worden ist, schmählich
beraubt; denn ist nicht meine Tochter die Gefangene und Konkubine eines
halbwahnsinnigen Strebers, und mein Sohn, ist er mir nicht genommen worden durch
die Niedertracht, die man gegen seine Schwester geübt hat und durch das
jämmerliche Schauspiel, das ihm meine Schwäche bot? Wo gibt es, grosser Gott,
noch ein solches Leben auf der weiten Erde!«
    Sie warf sich auf die Brust und wühlte das Gesicht in die Polster.
    Der Freiherr war überrascht von der fieberhaften Beredsamkeit einer Frau, an
deren stumme Geduld er sich so gewöhnt hatte wie an das gleichmässige Pendeln
einer Wanduhr. Er war gespannt, wie sich die ihm neue Erscheinung weiter
entwickeln würde, und deshalb blieb er an der Türe stehen.
    Aber während er kühl und abwartend dastand und sein hageres Gesicht Hohn und
Verwunderung ausdrückte, verspürte er plötzlich einen peinigenden Überdruss vor
seiner eigenen Person. Es war der Überdruss eines Mannes, dessen Wünsche stets
erfüllt, dessen Gelüste stets befriedigt worden waren; der die Menschen nur als
hab- und zwecksüchtige Bittsteller kannte, der der Herr seiner Freunde, der
Tyrann seiner Diener, der Mittelpunkt jeder Geselligkeit gewesen war, vor dem
alles zurückwich, alles sich beugte, alles nickte, alles gefügig wurde und der
nichts entbehrt hatte als das Gefühl der Entbehrung.
    »Ich verkenne nicht,« fing er langsam zu sprechen an, als hielte er eine
Rede vor seinen Wählern, »ich verkenne nicht, dass unsere Ehe keine segensreichen
Früchte getragen hat. Es bedarf deiner Deklamationen nicht, um mich davon zu
überzeugen. Wir heirateten, weil die Umstände günstig waren. Wir hatten Ursache,
den Entschluss zu bereuen. Lohnt es sich, die Ursache zu untersuchen? Ich bin ein
Mensch ohne sentimentale Bedürfnisse. Ich bin es in einem solchen Grad, dass mir
bei andern jede Rührung, jeder Überschwang, jede Unhärte eine tödliche Abneigung
einflösst. Schlimm genug, dass die politische Laufbahn mich nötigte, in dieser
Beziehung dem allgemeinen Hang der Masse entgegenzukommen. Ich heuchelte mit
vollem Bewusstsein, um so mehr war ich in meinem Privatleben bemüht, alle Gefühle
zu verbergen.«
    »Es ist leicht, etwas zu verbergen, was man nicht besitzt,« kam es bitter
von den Lippen der Freifrau.
    »Möglich; es zeugt aber von wenig Takt, wenn der Reiche den Armen durch
Verschwendung beständig aufreizt. Und das hast du getan. Du hast auf einen
Besitz, über dessen Wert ich nicht streiten will, einen Nachdruck gelegt, der
meine Verachtung herausforderte. Es war dir ein Vergnügen, zu weinen, wenn ein
Sperling von einer Katze gefressen wurde. Ein ordinärer Zeitungsroman konnte
dein geistiges Gleichgewicht zerstören. Du warst immer aufgelöst, immer in
Ekstase, gleichviel, ob es sich um das erste Veilchen, um ein Gewitter, um einen
verdorbenen Braten, um eine Halsentzündung oder um ein Gedicht handelte. Du
hattest immer grosse Worte im Mund, und ich war der grossen Worte müde. Du
merktest nicht, wie mein Misstrauen gegen alle Äusserungen dieser sogenannten
Gefühle in Kälte, in Ungeduld und in Hass überging. Dann kam die Musik. Was dir
anfangs eine Zerstreuung gewesen war, die man billigen konnte oder nicht, wurde
allmählich die Entschädigung für ein tätiges Leben und für alle Mängel deines
Charakters. Du hast dich der Musik hingegeben wie eine Dirne, die den ersten
anständigen Liebhaber findet,« - die Freifrau zuckte, als hätte ein
Peitschenhieb ihren Rücken getroffen, - »ja, wie eine Dirne, wie eine Dirne,«
wiederholte er bleich, mit funkelnden Augen; »da zeigte sich deine ganze
Verwahrlosung und Haltlosigkeit, dein wurmhaftes Kleben an unbestimmten
Zuständen und deine Unfähigkeit zur Disziplin. Bin ich ein Teufel für dich
geworden, so hat mich deine Musik dazu gemacht; nur deine Musik. Jetzt weisst du
es.«
    »Das also,« flüsterte die Freifrau mit stockendem Atem. »Hast du mir denn
etwas anderes übrig gelassenes die Musik? Hast du nicht wie ein Tiger in meinem
Leben gehaust? Aber es ist ja nicht wahr,« schrie sie auf, »so schlecht bist du
nicht, sonst würde ich selbst zur Lüge vor dem ewigen Richter, und dass ich
Kinder von dir empfangen habe, wäre wider die Natur. Geh hinaus, damit ich noch
glauben kann, es ist nicht wahr.«
    Der Baron rührte sich nicht.
    In namenloser Erregung und so schnell als es ihr verfetteter Körper
erlaubte, richtete sich die Freifrau empor. »Ich kenne dich besser,« sagte sie
mit bebenden Lippen; »ich ahne, was dich umhertreibt, ich spüre, was dich nicht
ruhen lässt. Du bist nicht der, der du zu sein vorgibst, du bist nicht der kalte
Unempfindliche. In deiner Brust ist eine Stelle, wo du zu treffen gewesen bist,
und dort bist du getroffen worden. Dort blutest du, Mann! Und wenn wir alle, ich
und deine Tochter und deine Brüder und deine Freunde und deine feigen Kreaturen,
wenn wir dir auch so gleichgültig und so lästig wie Fliegen sind, einer hat dich
verwunden können und das nagt an dir. Und weisst du, warum er dich verwunden
konnte? Weil du ihn geliebt hast. Sieh mich an und leugne. Du hast ihn geliebt,
deinen Sohn, du hast ihn vergöttert, und dass er deine Liebe fortgeworfen hat,
dass sie ihm nichts wert war, diese Liebe, die auf den zertrümmerten Existenzen
seiner Mutter und seiner Schwester blühte, das ist das Leiden, das an deine
Stirn geschrieben ist. Und dass du leidest, daran leidest, das ist meine Rache.«
    Der Baron antwortete mit keiner Silbe, mit keinem Blick. Sein Unterkiefer
schob sich leer kauend von links nach rechts; das Gesicht schien einzutrocknen
und plötzlich um Jahre älter zu werden. Die aus ihren Hinterhalten gescheuchte
Frau stand noch immer wie eine entflammte Sibylle da, als er sich schweigend
umdrehte und das Zimmer verliess.
    »Es ist ihre Rache, dass ich leide,« murmelte er draussen wie geistesabwesend
vor sich hin. »Leide ich wirklich?« fragte er sich.
    Er schraubte eine Gasflamme ab, die über einer Konsole brannte. Ja, ich
leide, bekannte er widerwillig, ich leide. Mit schlürfenden Schritten ging er an
der Wand entlang und kam in einen Raum, in welchem es hell war. Denselben
Überdruss, den ihm vorhin seine Person eingeflösst, empfand er nun beim Anblick
der geschnitzten Sessel, der bemalten Porzellane, der kostbaren Tapeten und der
goldgerahmten Ölgemälde.
    Er trug Verlangen nach einfacheren Dingen. Ihn verlangte nach kahlen Mauern,
nach einem Strohlager, nach trockenem Brot, nach Kargheit und Strenge. Es war
nicht zum erstenmal, dass sein erschöpfter Organismus in dem Gedanken einer
klösterlichen Abgeschiedenheit Trost suchte. Längst war dieser Protestant,
Nachkomme eines uralten Geschlechts von Protestanten, des protestantischen
Wesens müde und betrachtete die römische Kirche als die heilsamere und
begnadetere.
    Aber der Wandel der Gesinnung war sein sorgfältig behütetes Geheimnis und
musste Geheimnis bleiben, bis er, der Zuchtlose, der Sohn seiner Mutter, den
begangenen Frevel gesühnt haben würde. Darauf zu harren, war sein Entschluss, und
wie ein Hypnotiseur durch innere Sammlung das Medium unterwirft, wähnte er, den
Eintritt dieses Ereignisses beschleunigen zu können, wenn er ihm eine
ausschliessliche Herrschaft über seinen Geist einräumte.
 
                                       3
Als Eberhard von Auffenberg das elterliche Haus verlassen hatte, um sich auf
eigene Füsse zu stellen, war er hilflos wie ein Kind, das in einer Menschenmenge
die Hand des erwachsenen Führers verliert.
    Er fragte sich: was soll ich tun? Er hatte niemals gearbeitet. Er hatte an
einigen Universitäten studiert, wie so viele andre junge Leute studieren, d.h.
er hatte mit Müh und Not eine Anzahl von Prüfungen bestanden.
    Das Leben hatte ihm keine Aufgaben gegeben und er besass so wenig Ehrgeiz,
dass er jeden Ehrgeizigen für einen Verrückten hielt. Die geringste praktische
Leistung bot ihm unüberwindliche Schwierigkeiten, und es war ihm in seiner
Freiheit traurig zumute.
    Leute zu finden, die ihm auf seinen Namen Geld geborgt hätten, wäre nicht
schwer gewesen. Aber er wollte nicht Schulden machen, von denen sein Vater hätte
Kunde erhalten können, da wäre ja die ganze feierliche Lösung eines unwürdigen
Verhältnisses Spiel und Phrase geworden.
    Mit seinem künftigen Erbteil durfte er rechnen; und er rechnete damit, wenn
auch in diese Rechnung der Tod des Vaters eingeschlossen werden musste. Er
brauchte einen vertrauenswürdigen Helfer und glaubte ihn in Herrn Carovius
gefunden zu haben.
    »Zwei Leute wie Sie und ich werden sich nicht auf unnötige Formalitäten
versteifen,« sagte Herr Carovius. »Mir genügt Ihr Gesicht und Ihre Unterschrift
auf einem Stück Papier. Zehn Prozent bringen wir gleich in Abzug, damit meine
Auslagen gedeckt sind, das Geld ist heutzutage teuer. Ich gebe Ihnen
Rentenpapiere; das Rentenpapier steht fünfundachtzig im Kurs, leider. Die Börse
ist ein bisschen krank, aber der kleine Verlust spielt ja bei Ihnen keine Rolle.«
    Für zehntausend Mark, die er schuldete, empfing Eberhard
siebentausendsechshundertfünfzig an Barwert. Nach weniger als einem Jahr war er
abermals ohne Geld und verlangte von Herrn Carovius zwanzigtausend Mark. Herr
Carovius sagte, er habe eine so grosse Summe nicht flüssig und müsse erst einen
Geldgeber suchen.
    Eberhard erwiderte grämlich, er möge das nach seinem Gutdünken halten, nur
bitte er sich aus, dass vor einem Dritten sein Name nicht genannt werde. Ein paar
Tage später berichtete Herr Carovius von haarspalterischen Verhandlungen, von
unbescheidenen Provisionen, die von einer Mittelsperson begehrt würden und von
Wechseln, die ausgestellt werden müssten. Er schwor, dass ihm das Talent zu
dergleichen Verrichtungen fehle, die er nur übernommen habe, weil er sich von
einer fast närrisch zu heissenden Affektion für seinen jungen Freund erfasst
fühle.
    Eberhard blieb ungerührt. Der aalhaft bewegliche Mann mit der piepsenden
Stimme gefiel ihm nicht, ach, ganz und gar nicht, eher fing er an, ihn zu
fürchten, und diese Furcht stieg im selben Mass, in dem er sich im Netz
verstrickte.
    Die zwanzigtausend Mark wurden gegen einen Zinsfuss von fünfunddreissig
Prozent beschafft. Die Wechsel zu unterschreiben weigerte sich Eberhard anfangs;
erst als Herr Carovius beteuerte, sie seien nicht für den Umlauf bestimmt, man
könne sie später mit neuen Darlehen ohne Mühe einlösen und sie lägen in seinem
Kassaschrank so ruhig wie die Gebeine der Auffenbergschen Ahnen in ihren
Sarkophagen, gab der von solchem Wortschwall Ermüdete nach.
    Mit jedem Federzug, den er tat, spürte er die Gefahr wachsen. Aber er war zu
träg, um sich zu schützen, er war zu vornehm, um sich in kleinliche Erörterungen
einzulassen, und er war nicht imstande, sich Einschränkungen aufzuerlegen.
    Die unterschriebenen Wechsel wurden mahnend vorgezeigt; neue Darlehen
beseitigten sie. Die neuen Darlehen erzeugten neue Wechsel; diese wurden
prolongiert. Die Prolongation verursachte Kosten; ein unheimlicher Namenlos
wurde ins Vertrauen gezogen, der Hypoteken aufnahm, Diamanten an Geldesstatt
gab und minderwertige Börsenpapiere verkaufte. Als die Schuldenlast eine gewisse
Höhe erreicht hatte, forderte Herr Carovius, dass der junge Freiherr sein Leben
versichern lasse. Eberhard musste willfahren; die Prämie war sehr hoch. Nach
Verlauf von drei Jahren hatte Eberhard jeden Überblick verloren. Das Geld, das
er bekam, verbrauchte er in gewohnter Weise, fragte nicht um die Bedingungen,
wusste nicht, wohin all dies führen, wie es enden sollte und wand sich vor
Abscheu bei den täppischen Annäherungen, den boshaften Stichelreden und den von
Zeit zu Zeit geäusserten Drohungen des Herrn Carovius.
    Wie abgeschmackt sein Lächeln war, wie leer einmal und wie tiefsinnig dann
wieder sein Gespräch! Er masste sich die unverschämte Freiheit an, bei Eberhard
ein- und auszugehen, so oft es ihm passte. Er langweilte ihn mit der Besprechung
philosophischer Systeme oder mit erbärmlichem Klatsch über seine Mitbürger. Er
bewachte ihn Tag und Nacht.
    Er folgte ihm auf der Strasse, schrie: »Herr Baron! Herr Baron!« und
schwenkte den Hut. Seine Besorgnis für Eberhards Wohlbefinden glich der eines
Kerkermeisters. An einem Winterabend lag Eberhard fiebernd zu Bett. Herr
Carovius lief zum Arzt und verbrachte dann die ganze Nacht im Zimmer des
Kranken, ohne sich um dessen ausdrücklichen Wunsch, dass er ihn allein lassen
möge, zu kümmern. »Soll ich nicht an Ihre Frau Mutter schreiben?« fragte er
zärtlich, als am Morgen das Fieber noch nicht gefallen war. Mit einem Wutschrei
sprang Eberhard aus dem Bett und Herr Carovius ergriff die Flucht.
    Herr Carovius liebte es, zu wehklagen. Er rannte um den Tisch herum und
jammerte, er sei ruiniert. Er schleppte das Kontobuch herbei, addierte die
Ziffern und rief: »Noch zwei Jahre so gewirtschaftet, lieber Baron, und mir
blüht das Armenhaus.« Dann verlangte er Deckung, neue Sicherheiten, neue
Versprechungen und legte zur Unterschrift einen Schein über die Gesamtsumme vor,
der aber von dem Wirrsal der Zinsenberechnungen, Provisionen, Vergütungen und
Wuchergelder nichts ahnen liess. Herr Carovius selbst konnte sich nicht mehr
zurechtfinden, denn es hatte sich auf sein Betreiben ein Konsortium stiller
Hintermänner gebildet, denen er seinerseits verschuldet war, und die seinen
Eifer im Dienst des jungen Freiherrn nach Kräften ausbeuteten.
    »Was ist's denn mit den Weiberlein?« fragte Herr Carovius zu anderer Stunde
wieder, »was wär's denn mit einem kleinen Abenteuer?« Und er merkte, dass es im
Leben des jungen Freiherrn ein Geheimnis gab; er merkte es und war wütend, dass
er das Geheimnis nicht ergründen konnte.
    Eines Tages kam er dazu, als Eberhard seinen Koffer packte. »Wohin,
Verehrtester?« krähte er erschrocken. Eberhard antwortete, er wolle in die
Schweiz reisen. »In die Schweiz? Was wollen Sie denn dort machen? Ich lasse Sie
nicht fort,« sagte Herr Carovius. Eberhard musterte ihn kalt. Herr Carovius
verlegte sich aufs Bitten; umsonst, Eberhard reiste. Er suchte Einsamkeit, die
Einsamkeit quälte ihn, er kehrte zurück, um abermals wegzureisen, er kehrte
wieder zurück und hatte das Gespräch mit Lenore, das ihm die letzte Hoffnung
raubte, da ging er nach München und wurde in das Treiben einer
Spiritistengemeinde gezogen.
    Seelische Müdigkeit beraubte ihn des Widerstandes; es war etwas zerbrochen
in ihm. Eine angeborene Zweifelsucht hinderte ihn nicht, sich einem Einfluss
hinzugeben, der seiner Natur ursprünglich noch fremder gewesen war als die
pöbelhafte Geschäftigkeit der Alltagswelt. Mit eingeschläfertem Urteil schürfte
er in einem Bezirk, wo das Trugbild und die oberflächliche Bezauberung herrscht,
nach Quellen des Lebens.
    Herr Carovius aber besoldete einen Spion, der den Freiherrn nicht aus den
Augen lassen durfte und über alle seine Schritte Bericht erstatten musste.
Brauchte Eberhard Geld, dann war er gezwungen, zu Herrn Carovius zu kommen. Dann
stand Herr Carovius schon eine Stunde vor Ankunft den Zuges auf dem Bahnhof und
benahm sich so auffallend, dass die Amtspersonen und die Reisenden über ihn
lachten. War der Erwartete endlich eingetroffen, so schwätzte Herr Carovius vor
Freude lauter Unsinn und trippelte erregt rings um ihn herum.
    Es könnte demnach scheinen, als hätte Herr Carovius eine redliche Liebe für
den jungen Freiherrn empfunden. Und er liebte ihn in der Tat.
    Er liebte Eberhard wie ein Spieler die Karten liebt, oder auch wie das Feuer
die Kohle liebt. Er idealisierte ihn; er träumte von ihm; er atmete gern die
Luft, die jener atmete; er sah in ihm einen Auserwählten, er dichtete ihm
heldenhafte Züge an und war entzückt von der adeligen Unnahbarkeit seines
Schützlings.
    Er liebte ihn mit Hass, mit der Freude an der Vernichtung, und diese Hassliebe
war zum Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle geworden, in ihr drückte sich
alles aus, was ihn von den Menschen schied und was ihn an den Menschen lockte.
Sie beherrschte ihn unbedingt bis zu dem Zeitpunkt, wo eine zweite, ebenso
furchtbare, ebenso lächerliche Leidenschaft sich ihr zugesellte.
 
                                       4
Daniel hatte lange gezögert, den Empfehlungsbrief der Frau von Erfft zu
benutzen. Da bat ihn Gertrud, zur Baronin Auffenberg zu gehen. »Geh ich dir
zuliebe, so rächt sich's an dir,« sagte er.
    »Wenn ich dein Weigern verstünde, wollt ich nicht bitten,« antwortete sie
erschrocken.
    »Dort in Erfft hab ich so viel gewonnen,« sagte er, »so viel Menschenwärme,
die mir neu war, dass ich keinen Zweck dahinter setzen mag. Verstehst du jetzt?«
Sie nickte.
    »Aber Muss ist stärker als Mag,« schloss er und ging.
    Die Freifrau nahm sich mit Entschiedenheit seiner Sache an. Am Stadtteater
war die Stelle eines zweiten Kapellmeisters frei geworden, und sie bewarb sich
für Daniel darum. Man versprach, ihrem Wunsch zu willfahren, doch hinterrücks
wurden Ränke gesponnen, und wenn sie mahnte, wurde sie gleissnerisch vertröstet.
Sie wunderte sich, eine Feindseligkeit anzutreffen, die sich wie auf Verabredung
von allen Seiten gegen den jungen Musiker kehrte. Keiner der Widersacher liess
sich sehen oder hören; es war das erstemal, dass sie handelnd mit der Welt
zusammenstiess, und ihre Entrüstung über die Feigheit und Falschheit hatte etwas
Rührendes.
    Endlich, nach einer langen und für sie demütigenden Unterredung mit dem
Allerweltsmakler Alexander Dörmaul, wurde ihr das Engagement Daniels für das
nächste Frühjahr zugesagt.
    Die Freifrau nahm indessen Stunden bei Daniel. Es war ihr Wunsch, mit dem
Bestand guter Klavierwerke vertraut gemacht und über ihre Art fasslich belehrt zu
werden.
    Es dauerte lange, bis sie sich an seine mürrische Strenge gewöhnt hatte. Ihr
war, als zerre er sie aus einem wohlig lauen Bad in kalte Zugluft; sie verlangte
nach ihren Dämmerungen zurück, nach ihren Auflösungen, nach ihren wehleidigen
Stimmungen.
    Einmal wagte sie einen entzückten Ausruf, als er einen fugierten Satz
trocken erklärte. Da schlug er den Klavierdeckel unter ihren Händen zu und
sagte: »Adieu, Frau Baronin.« Er kam erst wieder, als sie ihn durch einen Brief
zu kommen bat.
    Verdorbener Saft, vergebliche Mühe, dachte er, ohne doch die menschliche
Würdigkeit der Freifrau zu übersehen. Die acht Stunden im Monat waren ihm eine
bittere Plage; trotzdem fand er sich mit zwanzig Mark für die Stunde zu hoch
bezahlt und sagte es auch. Der Verdacht, dass man ihm ein Almosen reichen wolle,
machte ihn im höchsten Grade unliebenswürdig.
    Ein Diener erlaubte sich eine freche Vertraulichkeit; da packte er den
Menschen am Kragen und schüttelte ihn, dass er blau im Gesicht wurde. Er war
sehnig wie ein Jaguar und im Zorn äusserst zu fürchten. Die Freifrau musste den
Diener entlassen.
    Einst zeigte ihm die Freifrau ein altertümliches Glas aus Bergkristall,
welches schön bemalt war. Indem er es bewundernd anblickte, liess er es fallen
und das Gefäss zerbrach. Er war zerknirscht wie ein Schuljunge, und die alte Dame
musste ihn mit vielen Überredungskünsten beruhigen. Da spielte er ihr zum Dank
den ganzen Karneval von Schumann vor, den sie über alles liebte.
    Man konnte ihn jeden Vormittag über die Fleischbrücke eilen sehen. Er ging
stets rasch; die Schösse seines Mantels flogen. Er hatte stets die Mundwinkel
auseinander gezogen und die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt. Sein Blick
war zur Erde gerichtet; im dichtesten Gedränge schien er allein zu sein. Die
umgebogene Hutkrempe verbarg die Stirn; seine schlenkernden Arme glichen den
Flügelstümpfen eines Pinguins.
    Wenn er bisweilen stillestand und mit einem horchenden Ausdruck im Gesicht
schaute, ohne zu sehen, sammelten sich Gassenjungen um ihn und grinsten. Einmal
fragte ein kleiner Knabe seine Mutter: »Sag Mutter, wer ist das uralte Männlein
dorten?«
    So müssen wir ihn denken, an diesem Punkt seines Lebens, vor den
Gewitterjahren seines Lebens; so eilig, so abgekehrt, so mürrisch, so trocken
scheinend, so von Phantasie und Begierde durch den engen Kreis seines Werktags
gejagt, so jung und so uralt; so müssen wir ihn denken.
 
                                       5
Die Wohnung von Daniel und Gertrud hatte drei Zimmer. Zwei lagen gegen die
Strasse und eines, das Schlafzimmer, lag gegen den düstern Hof.
    Mit geringen Mitteln, aber mit Lust und Fleiss hatte Gertrud alles getan, um
die Räume zu schmücken. Obgleich die Decken niedrig waren und die alten Mauern
massig wuchteten, boten die Stuben einen freundlichen Anblick.
    In Daniels Arbeitszimmer war der Stutzflügel das beherrschende Möbelstück.
Fuchsienstöcke auf dem Sims gaben der Kargheit einen idyllischen Rahmen. Die
Mutter hatte ihm das Ölporträt seines Vaters zum Geschenk gemacht; von seinem
Platz über dem Sofa schaute das ernste Antlitz Gottfried Notafts auf den Sohn,
und es schien, als wende er bisweilen den Blick fragend zur Totenmaske der
Zingarella, die ihm gegenüber ihr unendliches Geisterlächeln an den Schatten des
Raumes verlor.
    Gertrud musste alle häuslichen Arbeiten selbst machen, denn eine Magd konnten
sie nicht halten. Sie hatte aber auch in den Jahren von Daniels Abwesenheit das
Notenschreiben erlernt. Der Provisor Seelenfromm, der beim Apoteker Pflaum
bedienstet war, hatte sie darin unterrichtet. Er war ein Vetter der Notarin
Rübsam, und sie hatte seine Bekanntschaft durch Lenore gemacht. In seinen
Mussestunden komponierte er kleine Walzer und Militärmärsche und widmete sie den
Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses. Auch Gertrud widmete er eine
Komposition, betitelt Feenzauber, eine Gavotte.
    Als Daniel von ihrer Fertigkeit erfuhr, schlug er vor Erstaunen die Hände
zusammen. Das seltsame Wesen sah in einem Glücksrausch zu ihm empor. »Ich will
dir helfen,« sagte sie, und sie schrieb seine Notenschriften ins Reine.
    Auf der Strasse gehend, schloss sie bisweilen die Augen. Eine Tonfolge zog an
ihr vorüber, deren eigentümliche Sprache sie erst in diesem Augenblick verstand.
Während sie mit einem Marktweib um den Preis des Gemüses handelte, war ihr
Inneres voll Gesang.
    Bestimmte Töne und Tonverbindungen traten figürlich vor ihr Auge. So zum
Beispiel glich das zweigestrichene B des Basses einer schwarzverschleierten
Frau; das E der Mittellage einem Jüngling, der die Arme dehnte. In den Akkorden,
Harmonien und harmonischen Verwandlungen wurden diese Gestalten von einer
Bewegung erfasst, die sich nach dem Charakter der Komposition richtete. Ein Zug
trauernder Gestalten zwischen Wolken und Sternen; wilde Tiere, die von
berittenen Jägern gehetzt werden; Mädchen, welche Blumen aus den Fenstern eines
Palastes werfen; Männer und Frauen, die verzweiflungsvoll umschlungen in einen
Abgrund stürzen; Weinende und Lachende, Ringer und Ballspieler, Tanzpaare und
Traubenpflücker. Die Fermate erschien ihr als ein Mensch, der nackt aus einem
Schachte steigt, eine brennende Fackel in der Faust; der Triller als ein Vogel,
der ängstlich um sein Nest flattert.
    In Daniels Schöpfungen ging ihr alles nah, waren alle Bilder farbig, alle
Gestalten wie voll Blut. Blieben sie tot und fern, so stockte ihr Mitgefühl, ja
ihr Gesicht wurde leer und müde, und ohne dass sie ein Wort miteinander
gesprochen hatten, wusste Daniel, dass er irre gegangen war. Dieses aber
schmiedete ihn wie mit Ketten an das junge Weib, das von Gott eingesetzt schien
als sein lebendiges Gewissen und als unfehlbare, wenn auch stumme Richterin.
    Er hasste sie, wenn ihr Gefühl schwieg; hatte er sich dann nach tiefer
Einkehr überzeugt, dass ihr Gefühl im Rechte war, dann hätte er die unbekannte
Macht anbeten mögen, die ihm so unerbittlich seine Wege wies.
    Der Kantor Spindler hatte eine schöne Harfe besessen, die hatte er in seinem
Testament Daniel vermacht. Die Harfe war damals in Ansbach bei der alten
Wirtschafterin des Kantors geblieben, erst nach seiner Heirat hatte sich Daniel
des Geschenkes wieder erinnert und die Harfe wurde ihm zugeschickt.
    Sie stand in der Wohnstube, Gertrud hatte sie von Anfang an gern betrachtet.
Die Harfe lockte sie und einmal setzte sie sich hin und suchte Töne auf den
Saiten. Ganz leise strich sie mit den Fingern über die Saiten und war vom
Wohlklang entzückt. Allmählich fand sie das Gesetz; eine angeborene Gabe machte
ihr das Instrument untertan und sie vermochte auf ihm auszudrücken, was in
stillen und einsamen Stunden sehnsüchtig in ihr drängte.
    Sie spielte meist sehr leise, suchte keine gebundene Melodie, weil sich das
Wesen der Harfe am schönsten in träumerischen Harmonien offenbarte. Die Töne
zogen in den Flur und auf die Stiege und empfingen Daniel, wenn er das alte Haus
betrat.
    Kam er in die Stube, so sass Gertrud im Winkel beim Ofen, hatte die Harfe
zwischen den Knien und lächelte geheimnisvoll in sich hinein, während ihre Hände
gleich fremd von ihr losgelösten Wesen Akkorde suchten, Klänge, die seine
eigenen waren und die sie in ihre Traumwelt übertragen wollte.
 
                                       6
Des Wortes war sie noch weniger mächtig als vordem. Schmerzliches Erstaunen
ergriff sie, als sie bemerkte, dass Daniels Geist im täglichen Verkehr nicht
hinter die Hülle drang, in der sie lebte.
    Er sagte sich: sie ist zu schwer. Er verstummte gegen sie.
    »Das finstere Haus drückt dich,« äusserte er unbehaglich, wenn sie hilflos
lächelte.
    »Lass uns wettlaufen,« bat er auf einer Landpartie und bezeichnete einen vom
Blitz getroffenen Baum als Ziel.
    Sie lief so schnell ihre Füsse konnten. Zehn Meter vor dem Baum brach sie
zusammen. Er trug sie auf die Wiese.
    »Wie schwer du bist,« sagte er.
    »Zu schwer für dich?« hauchte sie mit weit aufgerissenen Augen. Er zuckte
die Achseln.
    Da entwand sie sich ihm, sprang empor und rannte wunderbar geschwind eine
fast doppelt so lange Strecke als die war, die er vorhin bemessen hatte. Sie
fiel nicht mehr, sie wollte nicht, durfte nicht fallen.
    In Stössen atmend, leichenblass, wartete sie, bis er heran gekommen war. Aber
er hatte keine Zärtlichkeit, er schalt nur. Arm in Arm gingen sie weiter;
Gertrud suchte seine Hand, und als er sie ihr überliess, presste sie sie an ihre
Brust.
    Erschrocken schaute Daniel in ihr Gesicht, in dem ihr Gedanke wie mit
Feuerbuchstaben geschrieben stand: wir gehören einander für Zeit und Ewigkeit.
    Dies war ihr Glaubensbekenntnis.
 
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Sie lag schlaflos, spät in der Nacht. Sie hörte, wie er in die Küche ging und
Wasser zum Trinken holte, dann kehrte er wieder in seine Stube zurück. Er hatte
ihr verboten, an die Türe zu schleichen und zu fragen, ob er nicht bald käme,
wenn es auch noch so spät wurde.
    Dann lag er neben ihr, den Kopf auf den Arm gestützt und sah sie an mit
Augen ohne Irdischkeit. Mann, wo sind deine Augen? hätte sie rufen mögen. Und
sie wusste doch, wo; wusste auch, dass man die Mondsüchtigen durch Zuruf gefährdet.
    In einer andern Nacht hatte er sein Werk nicht fördern können, kauerte
stundenlang auf dem Bettrand und stierte voll Selbstass in die Flamme der Lampe.
Gertrud fühlte, wie er gegen sich wütete und mit Wollust seine Zweifel nährte.
Sie war nicht fähig, zu sprechen.
    Ein Verleger hatte ihm eine Arbeit zurückgeschickt und ihn mit platten
Höflichkeiten vertröstet. Da redete er wegwerfend von seinem Talent,
hoffnungslos von seinen Aussichten und bitter von der Welt, die ihn zu einem
Leben in beständiger Dunkelheit verdammen werde.
    Sie konnte ihn nur anschauen; nur anschauen.
    Ihm war aber des Anschauens zu viel. Ein frisches, kräftiges Wort hätte ihm
besser gedient, so glaubte er.
    Sie mass die Arbeit nicht am Lohn, Entbehrung nicht an der Hoffnung; sie mass
auch Daniels Liebe nicht an seinen Liebesbeweisen, weder an zärtlichen
Äusserungen noch an Umarmungen. Sie wartete auf ihn mit grosser Geduld. Mit der
Zeit machte ihn diese Geduld verdriesslich. »Etwas mehr Rührigkeit stünde dir
nicht übel an,« sagte er einmal und wies ihre schüchtern bittende Gebärde
zurück.
    Er sah sich nun umfriedet, er hatte ein Heim, er hatte einen Menschen, der
für ihn sorgte, sein Essen bereitete, seine Wäsche wusch, sein Leben treulich
regelte, und er hätte dafür dankbar sein müssen. Er war es auch, er war dankbar,
aber er konnte es nicht zeigen; er war es, wenn er allein war, doch in Gertruds
Nähe verwandelte sich der Dank in Trotz. War er fern von ihr, so freute er sich
auf die Rückkehr und malte sich ihre Freude aus. War er bei ihr, so übte er
stille Kritik und wollte alles an ihr anders haben.
    Die Kanzleirätin im ersten Stock beklagte sich, dass Gertrud sie nicht
gegrüsst habe. »Sei doch freundlich mit den Nachbarn,« schalt er. Am nächsten
Sonntag gingen sie zusammen aus, die Kanzleirätin kam ihnen entgegen, und
Gertrud grüsste sie. »So ergeben brauchst du nicht zu lächeln,« murrte er. Da
dachte sie lange darüber nach, wie man grüssen müsse, ohne die Leute zu verletzen
und ohne Daniel zu ärgern. Sie wurde befangen und fürchtete sein Urteil.
    An solchen Tagen versalzte sie die Suppe, nichts ging ihr von der Hand und
aus lauter Beflissenheit, pünktlich zu sein, verfehlte sie die Zeit. Wie grausam
war es dann, wenn er schwieg, wenn er wortlos in seine Stube ging. Ohne Regung
sass sie da und lauschte; zitterte, wenn er sich erhob, um ans Klavier zu treten
und ein Motiv zu erproben, sah gespannt in sein Gesicht, wenn er wieder
hereinkam. Und es geschah dann wohl, dass er sich zu ihr setzte und plötzlich
gütig war. Von seinem Leben erzählte, von seiner Heimat, von seinem Vater und
seiner Mutter. Da hätte sie jedes seiner Worte zweimal hören mögen und jeden
seiner Blicke trinken. Da wurde sein Auge ruhig und seine reizbaren Hände lagen
still auf den Knien. Da nahm sein zuckendes, eckiges, von Wettern überstürmtes
Gesicht einen Ausdruck der Trauer an, der es verschönte.
    Und wenn sie Kopfschmerzen hatte oder müde war, äusserte sich seine Besorgnis
in rührender Weise. Auf den Fussspitzen ging er dann umher und schloss die Türen
mit Behutsamkeit. Bellte ein Hund auf der Strasse, so stürzte er ans Fenster und
schaute wütend hinaus. Und am Abend half er ihr beim Auskleiden und brachte ihr,
was sie verlangte, ans Bett.
    Auch war es seltsam, dass er sie nicht gern allein ausgehen liess. Seine
Unruhe, wenn sie fort und er zu Hause war, hatte etwas Kindliches. Sie schien
ihm ohne seine Gegenwart von Gefahren umdroht und am liebsten hätte er sie
eingesperrt und gefangen gehalten, um sicher zu sein, dass sie in Sicherheit war.
Dies machte sie schwächer und von ihm über alle Massen abhängig, während er einem
Menschen glich, der mit Angst und Qual das an sich presst, was er errungen hat;
es an sich presst, weil es sein einziger Besitz ist, dieses wohl; aber auch darum
es umklammert, um nicht hindenken zu müssen an ein anderes, Kostbareres, das er
verloren hat.
    Einmal kam er zu Gertrud, als sie die Harfe spielte, schlang die Arme um
sie, schaute ihr wild und finster ins Gesicht und stammelte: »Du, ich liebe
dich, liebe dich.« Es war das erstemal, dass er dieses ewige Wort sagte, und sie
wurde bleich, erst vor Glück, dann vor Schrecken. Denn in seinem Ton lag eher
Hass als Liebe.
 
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Er meinte, der Umgang mit wahlverwandten Männern könne ihn über manche schlimme
Stunde bringen. Aber als er nach solchen Männern zu suchen begann, wurde die
Stadt zur Einöde.
    Der Provisor Seelenfromm kam einige Male ins Haus. Daniel war unduldsam und
auffahrend gegen den scheuen Menschen, der einen hohen Respekt vor ihm an den
Tag legte und Gertrud stumm verehrte. Ein junger Architekt, der bei der
Renovierung der Sebalderkirche beschäftigt war und die Musik liebte, hatte
Daniels Gefallen erweckt, aber der Mann hatte die leidige Gewohnheit, beim Reden
hie und da mit der Zunge zu schnalzen, das machte Daniel rasend, sie hatten
einen Wortwechsel darüber und trennten sich im Zorn. Dauernder war die Beziehung
zu einem Franzosen namens Rivière, der für einige Jahre in der Stadt Aufentalt
genommen hatte, weil er ein Buch über Caspar Hauser schreiben wollte. Er hatte
ihn bei Frau von Auffenberg kennen gelernt und sich ihm angeschlossen, weil er
ihn an Friedrich Benda erinnerte.
    Monsieur Rivière liebte es, wenn Daniel am Klavier phantasierte; er verstand
so wenig Deutsch, dass er Daniels Bissigkeiten höflich belächelte und bei seinen
Wutausbrüchen ängstlich auf seinen Mund starrte. Er hatte eine Warze auf der
Wange und trug Sommer und Winter hindurch einen Strohhut. Er kochte sich seine
Mahlzeiten selbst, denn es war seine fixe Idee, dass man ihn wegen seiner
Forschungen über das Leben Caspar Hausers vergiften wolle.
    Wenn der Provisor und Monsieur Rivière an Sonntagabenden in der Stube sassen,
griff Daniel bisweilen nach einem Band E.T.A. Hoffmann oder Brentano, nur um im
Bogen einer fremden Welt Ruhe zu gewinnen, um nicht weinen zu müssen beim
Anblick der unbewegten Menschengesichter und las vor, bis seine Stimme heiser
wurde.
    Da heftete Gertrud tiefe Blicke auf ihn und stellte sich die Frage, wie ein
Mann, dessen Leben die Musik war, das Paradies des Herzens und des Geistes, so
dumpf, so zerstört, so umwölkt sein könne. Sie begriff die Pein, in der er
schuf; sie ahnte die labyrintische Verschlingung seiner inneren Schicksale, aber
ihr Gemüt erkrankte im Mitfühlen und sie wünschte, wünschte es glühend, mehr
Glauben und mehr Freude in seine Seele pflanzen zu können.
    Sie ging mit sich zu Rate und es wollte ihr scheinen, dass er in der Zeit, wo
er mit Lenore viel verkehrt, gläubiger und froher gewesen war. Sie sah Lenore
mit ganz anderen Augen an als früher; nicht allein, weil sie in der Schwester
die Urheberin ihres Glückes erblickte, sondern auch, weil durch die Verwandlung
ihres Wesens dort Liebe und Erleuchtung entstanden war, wo früher Argwohn und
Unwissenheit geherrscht hatten.
    Sie schrieb Lenore diejenigen Kräfte zu, die ihr mangelten, Überlegenheit
und aneifernde Gewalt, ein Spielenkönnen, das den Ernst versüsste und das Schwere
leichter machte, Helligkeit des Wortes und Zarteit der Hand. In den Grübeleien
ihrer vielen einsamen Stunden erschien ihr Lenore als die einzige, die ihr
helfen konnte, und sie ging in die Wohnung des Vaters, um Lenore zu fragen,
weshalb sie so selten komme.
    »Ich geh nicht gern zu euch hinüber, Daniel ist so unfreundlich mit mir,«
sagte Lenore.
    Gertrud antwortete, er sei unfreundlich gegen alle Menschen, auch gegen sie
selbst, und sie möge sich doch daran nicht kehren. Sie wisse genau, dass er
Lenore gern habe, vielleicht sei er seinerseits gekränkt, weil sie nicht mehr
kam.
    Lenore liess sich überreden und kam nun wieder häufiger zu Daniel und
Gertrud. Aber wenn es auch nicht gerade den Anschein hatte, dass Daniel ihr
auswich, so redete er doch nur das Notwendige mit ihr und ergriff gern einen
Vorwand, das Zimmer zu verlassen, wenn sie da war. Lenore fühlte es, und es tat
ihr weh.
 
                                       9
Eines Morgens kehrte Gertrud vom Markt zurück und trug schwer an ihrem
Einkaufskorb. Als sie ins Haus trat, hörte sie, dass Daniel spielte. Sie hörte
sogleich, dass es kein Phantasieren war, sondern ein zusammenhängendes Gebilde,
dessen Töne ihr unbekannt waren.
    Während sie die Stiege hinauf ging, spürte sie kaum mehr die Schwere des
Korbes, und oben schlich sie in die Wohnstube und lauschte. Aber es zog sie
näher und näher ans Klavier; Daniel merkte es nicht, als sie in sein Zimmer trat
und sich auf einen Stuhl setzte; er war ganz versunken und wandte den wunderbar
erfüllten Blick nicht ab von den beschriebenen Notenblättern auf dem Klavier.
    Es waren die Entwürfe zur »Harzreise im Winter«. Seit andertalb Jahren,
seit er sie in Ansbach niedergeschrieben, hatte er sie liegen lassen und nicht
mehr daran gearbeitet. Plötzlich war das Feuer wieder aufgeflammt und in
Schöpferglut konnte er das Unverbundene binden, das Angedeutete gestalten.
    Immer wieder begann er einen Teil von neuem und suchte Brücken, bald hier,
bald dort, griff zum Bleistift, schrieb Noten hin, suchte wieder, sang und
lächelte sonderbar irr und beglückt, wenn auf den Blättern ein Motiv in
abgerundeter Form erschien. Und Gertrud wurde noch näher gezwungen; in ihrer
Ergriffenheit kauerte sie sich dicht neben ihm auf den Boden, am liebsten hätte
sie in das Instrument hineinkriechen mögen, um ihre ganze Seele in den Saiten
mit austönen zu lassen, und als Daniel geendet hatte, legte sie ihre Stirn auf
seinen Schenkel und ihre heissen Hände langten nach ihm empor.
    Daniel erschrak, denn er erinnerte sich einer Stunde, wo ein anderes Weib
die Stirn auf seinen Schenkel gelegt hatte, und da fiel plötzlich sein Blick an
die Wand, dortin, wo die Maske der Zingarella hing. Er ward sich des
Zusammenhangs nicht bewusst, hier war keine Brücke, zu verschieden war das
Antlitz von seinem Urbild, aber mit einem leisen Schauer ahnte er doch
rätselvolle Verknüpfungen und glaubte einen Herüberruf von jenseitigen Gestaden
zu vernehmen.
    Still legte er seine Hand auf Gertruds Haar, und ihr war es, als habe sie
damit sein Versprechen erhalten, dass dieses Werk ihr zu eigen gehöre, dass er es
für sie schuf, es aus ihrem Herzen genommen habe und ihrem Herzen zurückschenken
werde.
 
                                       10
Der Musikalienhändler Zierfuss hatte Karten zu einem Konzert geschickt. Daniel
mochte nicht gehen, und so bat Gertrud ihre Schwester, dass sie mit ihr gehen
solle. Daniel holte die beiden vom Konzert ab.
    Da sagte ihm Lenore auf der Strasse, dass sie am Nachmittag einen für ihn
bestimmten Brief mit dem Londoner Poststempel bekommen habe.
    »Von Benda?« fragte Daniel rasch.
    »Die Schrift ist Bendas Schrift,« erwiderte Lenore. »Ich wollt ihn dir eben
bringen, da hat mich Gertrud abgeholt. Warte vorm Haus, dann bring ich ihn
herunter.«
    »So iss mit uns zu Abend,« forderte Gertrud die Schwester auf und sah Daniel
unsicher an.
    »Wenns Daniel recht ist -?«
    »Keine Flausen, Lenore, es ist mir recht,« sagte Daniel.
    Eine Viertelstunde später sass Daniel bei der Lampe und las Bendas Brief.
    Zuvörderst teilte ihm der Freund mit, dass er sich an einer
wissenschaftlichen Expedition beteiligen werde, deren Arbeitsfeld das
Kongogebiet sei und die sich gleichsam im Kielwasser der zur Aufsuchung Emin
Paschas ausgerüsteten Stanleischen Expedition halten werde.
    »Dieser Brief ist also ein Abschiedsbrief, mein lieber Freund, es gilt einen
Abschied für Jahre, vielleicht fürs Leben. Ich fühle mich wie neu geboren. Ich
habe wieder Augen, und die Ideen, die mein Hirn hervorbringt, sind nicht mehr
zum Erstickungstod im Morast der verbrüderten Sippe verurteilt. Die Arbeit im
Laboratorium einer gigantischen Natur wird mich die erlittene Niedertracht und
Ungerechtigkeit vergessen lassen; Hunger und Durst, Krankheit und Gefahren sind
leichter zu ertragen als die Wirkungen jener zivilisierten Laster, die den
Körper schonen, indes sie Seele und Geist verderben.«
    Weiterhin hiess es: »An die Heimat binden mich nur noch zwei Menschen, meine
Mutter und du. Vergegenwärtige ich mir dein Bild, so kommt eine stolze Stimmung
über mich und jede Stunde, die wir zusammen verbracht haben, ist meinem
Gedächtnis unverwischbar eingeprägt. Aber es gibt da einen heiklen Punkt, einen
Gewissenspunkt; nenn es meinetwegen einen Span, nenn es, wie du willst, fass es
auf, wie du willst, ich hab mich nun einmal donquichotisch festgerannt und muss
den Posten verteidigen.«
    Kopfschüttelnd las Daniel weiter. Von seiner Verheiratung wusste Benda noch
nichts. Er schien sogar nicht einmal zu wissen, dass Daniel und Gertrud verlobt
gewesen. Oder wenn er es gewusst hatte, schien er es vergessen zu haben. Oder
wenn er es nicht vergessen hatte, schien ihm das Vergessen wünschenswert.
    Daniel traute seinen Augen nicht, als er zu der Stelle kam: »Meine grösste
Angst war stets, du könntest an Lenore vorübergehen. Ich war zu feig, diese
Angst zu äussern, und diese Feigheit hab ich mir ohne Unterlass zum Vorwurf
gemacht. Jetzt, da ich scheide, soll es nicht mit dem Gefühl eines Versäumnisses
geschehn.«
    Ums Himmelswillen, dachte Daniel, was tut er mir an!
    »Ich habe es oft im Stillen bewundert, es war wie die Befriedigung bei einem
chemischen Experiment, wenn die Reaktion der Stoffe sich in der erwarteten Weise
vollzieht: was sie spricht, ist dein Wort, was du empfindest, ist ihr Gesetz.«
    Er sieht Gespenster, bäumte sich Daniel auf, verwirrt mir meinen Faden.
Wozu? wozu?
    »Sei nicht achtlos! Zerstampf mir nicht die wunderbare Blüte! Das Mädchen
ist von seltener Art, von der seltensten. Man braucht das ganze Herz mit seiner
ganzen Güte, um sie zu ahnen und zu fassen. Kommen meine Worte aber zu spät, so
zerreiss dieses Blatt und denk es aus deinem Geist und aus der Welt wieder fort.«
    »Komm und iss, Lenore,« sagte Gertrud, die mit einer Schüssel voll
marinierter Heringe ins Zimmer trat.
    Lenore sass auf dem Sofa und blickte Daniel, der in Gedanken versunken war,
forschend an.
    Daniel schaute empor und betrachtete die beiden, als seien sie Gestalten
einer Halluzination. Die eine im rostbraunen Kleid, die andere im dunkelblauen,
wie Moll und Dur. Nebeneinander stehend beide, und doch so fern von einander,
die Endpunkte seiner Welt.
 
                                       11
»Was schreibt denn Benda?« fragte Gertrud zaghaft.
    »Denkt euch nur, er geht nach Afrika,« antwortete Daniel mit einer Stimme,
als löge er. »Kurios, nicht wahr? Zur Stunde ist er vielleicht schon auf dem
Meer.«
    Während in seiner Miene die Furcht war, als könnten die sich nähernden
Schwestern erraten, was er von dem Inhalt des Briefes verschweigen musste, las er
vor, was er mitteilen durfte.
    »Warum liest du denn nicht weiter?« erkundigte sich Lenore, als er abbrach.
    Sie beugte sich über den Tisch, um wissbegierig in den Brief zu schauen,
dabei verwickelten sich ihre Haare in der Metallverzierung der Hängelampe.
Gertrud erhob sich, um sie zu befreien.
    Daniel hatte die Hand über den Brief gelegt und schaute Lenore drohend an.
Das gefesselte Mädchen, seinem Blick begegnend, kämpfte zwischen Lachen und
Verdruss, und es war ihm unbehaglich, ihre Augen so nah vor sich zu sehen.
    »Weisst du nicht, dass sich das nicht passt?« fragte er. »Wir haben vielleicht
ein Geheimnis, Benda und ich.«
    »Ich hab gedacht, Benda lässt mich grüssen,« erwiderte Lenore und errötete
beschämt.
    Da hielt Daniel den Brief über den Zylinder der Lampe, wartete, bis er Feuer
fing, und warf ihn dann auf den Boden, wo er verbrannte.
    »Es ist schon spät, der Vater wartet,« sagte Lenore, als sie in aller Eile
gegessen hatte.
    »Ich begleite dich hinüber,« erklärte Daniel. Überrascht von so ungewohnter
Ritterlichkeit schaute ihn Lenore an. Er blickte finster drein und sie
verwunderte sich noch mehr. »Ich kann auch allein gehen, Daniel,« sagte sie
ernst; »brauchst dich nicht zu inkommodieren.«
    »Inkommodieren, Lenore? Was soll denn das wieder heissen? Bist du auch von
der Sorte, die keinen Ton halten kann und das Pedal tritt, wo die Empfindung
versagt?«
    Lenore schwieg.
    »Zieh deinen Mantel an, Daniel,« bat Gertrud im Flur, »es weht ein kalter
Wind.«
    Sie wollte ihm den Mantel umhängen, aber er warf ihn ärgerlich auf die
Truhe.
    Schweigend ging er neben Lenore über den menschenleeren Platz.
    Sie hatte schon den Schlüssel ins Torschloss gesteckt, da schaute sie
bekümmert auf. »Daniel, was ist denn mit dir?« fragte sie. »Wenn ich dich anseh,
wird mir angst und bange. Was hab ich denn verbrochen, dass du jetzt immer so
hässlich gegen mich bist?«
    »Lass das, Lenore, ich bitt dich, lass es sein,« sagte er mit rauher Stimme.
Aber der Blick, den sie auf ihn geheftet hielt, war streng und unerbittlich
prüfend, so wenig mädchenhaft, so stark und kühn, dass ihm plötzlich weich ums
Herz wurde. »Geh noch ein Weilchen mit mir auf und ab,« bat er.
    Lange redeten sie nichts, bis endlich Lenore fragte, was er arbeite. Nur
zögernd gab er Bescheid, aber auf einmal flammten die Worte. Er sagte, oft sei
ihm zumut, als ringe er in der Finsternis mit Kobolden. Was zu tiefst aus der
Seele gequollen, sei so schwer an Laut und Zunge und ersterbe ihm in der Mühe um
die Form. Ihm könne nichts gedeihen als das Entrückte, das Erdentbundene, dessen
Melodie noch in keiner Menschenbrust Widerhall finde. Deshalb erscheine er oft
so haltlos und unglücklich ins Schweifen gewiesen, denn je herrischer die
Ordnung sei, unter die er Geist und Phantasie gestellt, je verlorener treibe
sein leibliches Teil im Chaos der Werktagswelt. Den Himmel trage er nur als
Traum in sich, unter den Menschen sei für ihn die Hölle. Und wie tot alles um
ihn liege, ein Kirchhof; sein beherztestes Leben werde allgemach zu Schatten und
Ungestalt entfleischt, aber dass er grausam sei gegen die Menschen, spüre er
wohl, denn jene lebten ja auch, unschuldiger als er und nützlicher.
    »Aber du hast doch eine, die dich hält,« wagte Lenore einzuwerfen, »du hast
doch Gertrud.«
    Darauf antwortete er nicht. Sie wartete, dass er antworten solle, und als sie
begriffen hatte, dass er nicht antworten würde, lächelte sie zu ihm hinüber wie
mit einem letzten Versuch, ihn zu einer Bestätigung zu bewegen. Dann schwand die
Ruhe aus ihren Zügen; jedesmal, wenn sie an einer Laterne vorbeigingen, drehte
sie den Kopf zur Seite.
    »Sie ist vor Gott dein Weib,« sagte sie endlich leise und mit wundersamer
Feierlichkeit.
    Daniel horchte bestürzt auf. In den Wind hinein redend, entgegnete er: »Die
Oberstimme, Lenore; ein Vogel, der in den Bäumen zwitschert. Vor Gott mein Weib!
Aber in den Wurzeln heult der Bass. Ein teuflisches Tremolo; hörst du's?«
    Er lachte toll und sein Gesicht war ihr mit gebleckten Zähnen zugewandt, sie
aber packte beschwörend seinen Arm.
    Da drückte er die Hand wider die Stirn und sagte: »Der Brief, Lenore, der
Brief ...«
    »Siehst du, ich hab's ja gleich gewusst, Daniel, der Brief. Was steht denn in
dem Brief?«
    »Das kann ich nicht sagen,« antwortete er, »sonst purzelt mir die süsse
Oberstimme in den finstern Bass, da wär's um sie geschehen.«
    Lenore schaute ihn erstaunt an, so närrisch war er ihr noch nie erschienen.
    »Pass auf,« fuhr er fort und legte seinen Arm in den ihren, »ich hab ein Lied
komponiert, das geht so.« Und er sang zu Versen von Eichendorff eine Melodie von
zarter Schwermut. »Weil jetzo alles stille ist und alle Menschen schlafen, mein
Seel' das ewige Licht begrüsst, ruht wie ein Schiff im Hafen.«
    Sie standen wieder bei der Haustüre; aus dem Weilchen waren zwei Stunden
geworden und Lenore sagte ihm gute Nacht.
    Ungern stieg er die Treppe zu seiner Wohnung empor.
    Gertrud sass im Vorplatz auf der Truhe. Mit dem Mantel, den er vorhin von
sich geworfen, hatte sie ihre Beine bedeckt, der Rücken war an die Mauer
gelehnt, der Kopf auf die Schulter gesunken und so schlief sie, ohne bei seinem
Kommen zu erwachen. Neben ihr auf der Truhe stand die bis aufs Metall
herabgebrannte Kerze und flackerte nur noch mit letzten Zuckungen, welche das
Antlitz der Schläferin durch rasch wechselnde Schlagschatten fremdartig leidend
machten.
    »Vor Gott mein Weib,« murmelte Daniel, und erst, als die Kerze verlöscht
war, weckte er Gertrud auf und sie gingen in der Finsternis in die Schlafkammer.
 
                          Die gläserne Kugel zerbricht
                                       1
Daniel wollte einmal Lenore beim Schlittschuhlaufen zusehn, und so ging er aufs
Maxfeld zu einer Stunde, wo er sie dort wusste.
    Er gewahrte sie bald und freute sich, wenn sie vorüberschwebte, und runzelte
die Stirn, wenn sie sich im Gedränge verlor. Es folgten ihr die Gymnasiasten mit
feiger Aufdringlichkeit, und ein Student, der eine rote Mütze trug, fiel auf den
Bauch, während er sich vor ihr verbeugte.
    Zwei Offiziere, in deren Mitte sie lief, hemmten die beseelte Grazie ihrer
Bewegung, und als sie wieder allein die schönen Bogen zog, entdeckte sie endlich
Daniel und kam heran. Sie lächelte vertraut, plauderte ein wenig, glitt
rückwärts im Kreis um ihn herum, lachte ausgelassen über seine Ungeduld, dass sie
nicht stehen blieb, warf ihm ihren Muff wie einen Ball zu, forderte, dass er ihn
zurückwerfe und beschrieb, indes der Muff hoch oben war und sie die Arme
ausstreckte, ihn zu fangen, eine kunstreiche Figur.
    Das Bild, das sie ihm darbot, erfüllte ihn mit Ehrfurcht vor der Harmonie
ihres Wesens.
 
                                       2
Sie gingen nun häufig um die Dämmerstunde vor die Stadt und auf die Burg. Als
Gertrud sah, dass Daniel und Lenore wieder gut miteinander waren, freute sie
sich.
    Als sie einmal auf die Burg gingen, erzählte Lenore, dass sie oben von
Eberhard von Auffenberg Abschied genommen. Sie wusste noch jedes seiner Worte,
und was sie selbst gesagt, bekannte sie offen. Die Geschichte mit dem alten
Kräuterweib entlockte Daniel keinen Spott. Er blieb stehen und sagte:
»Menschenskind, geistere du nicht; vergreif dich nicht an deiner schönen
Wirklichkeit.«
    »Sprich nicht so,« erwiderte Lenore, »ich mag's nicht, wenn mich dein Blick,
wie eben jetzt, zum Frauenzimmer macht.«
    Sie gingen in die Sebalderkirche und entzückten sich an den erzgegossenen
Figürchen des Sebaldergrabs. Auch ins Germanische Museum gingen sie, verirrten
sich gern in den zahllosen öden Gängen, standen still vor den alten Bildern,
wurden nicht müde, die alten Spielwaren, die alten Globen, die alten Küchen, die
alten Rüstungen zu beschauen.
    Lenores grösstes Vergnügen war aber, in den engen Gassen zu wandern; von
einem Tor in den Hof zu spähen, wo eine verwitterte Statue stand; vor dem
Schaufenster eines Altändlers zu verweilen und Brokatstoffe, silberne Ketten,
Ringe mit bunten Steinen, gravierte Zinnteller und seltene Uhren zu betrachten.
Da fiel ihr allerlei Schalkhaftes ein, und um jeden Wunsch dichtete sie ein
kleines Märchen. Der dürftigste Anlass genügte, und ihr Geist flog in ein
Wunderland, als ob die Fabeln und Legenden, die das Volk seit Jahrhunderten von
Herdfeuer zu Herdfeuer getragen, in ihm ein bewahrtes Leben führten.
    Der Schneider, der mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tisch hockte; der
Schmied, der auf das glühende Eisen hämmerte; der Gaukler, der mit dressierten
Affen durch die Stadt zog; der jüdische Hausierer, der Schlotfeger, der
einbeinige Veteran, ein verschlumptes Weib, das aus einem Kellerloch lugte, ein
Spinnengewebe im Mauerwinkel, an all das knüpfte sie bestimmte Vorstellungen von
gruseliger oder lustiger Art. Was sie anschaute, war immer wie zum erstenmal
angeschaut. Die Dinge und Menschen, von denen sie sprach, schienen einen
Augenblick früher noch nicht vorhanden gewesen. Darum war sie niemals
missgelaunt, nie gelangweilt, nie faul und matt.
    Aber irgend etwas war Daniel rätselhaft an ihr. Er wusste nur nicht, was.
Reichte sie ihm die Hand, so dünkte es ihm, als gäbe sie nur zum Schein die
Hand. Forderte er im Gespräch ihren Blick, so schlug sie wohl das Auge zu ihm
empor, doch war es, als zerspalte sich ihr Blick und fliesse rechts und links an
ihm vorbei. Schritt sie ihm gleich so nah, dass ihre Arme sich berührten, so
hatte er doch das Gefühl, als könne er sie nicht fassen, wenn er wollte.
    Er kämpfte gegen die Verlockung, die darin lag.
    Ihre Gegenwart adelte seinen Ehrgeiz und verscheuchte seine Grillen. Sie
schenkte ihm die schöngestaltete Wolke, den Baum, der sich mit jungem Laub
schmückte, den Mond, der sich über die Dächer erhob, die ganze Erde schenkte sie
ihm, über die er friedlos hastete.
    Er hatte kein Arg. Er ahnte nichts vom Schicksal. Und Lenore hatte keine
Scheu vor ihm und fürchtete ebenfalls keine Gefahr.
 
                                       3
An einem Sonntagnachmittag im April wanderten sie über Land. Gertrud litt seit
einigen Wochen an beständiger Müdigkeit und konnte nicht mitgehen.
    Lenore war eine treffliche Fussgängerin, und es bereitete Daniel einen Genuss,
mit ihr in gleichem, starkem Schritt dahinzueilen. Die rasche Bewegung steigerte
seine Empfänglichkeit für die wechselnden Landschaftsbilder, ganz anders als bei
den Spaziergängen mit der bedächtigen und gern selbstvergessen schmachtenden
Gertrud.
    Nach einer Stunde trübte sich der blaue Himmel, die Sonne hörte auf zu
scheinen und grosse Tropfen begannen zu fallen. Lenore hatte weder Schirm noch
Mantel mitgenommen und ging rascher. Bei einiger Bemühung konnten sie das hinter
dem Wald gelegene Gastaus erreichen und sich dort vor dem ärgsten Unwetter in
Schutz bringen.
    Als sie in dem Gedränge vieler Leute, die über die Landstrasse zu demselben
Asyl geflüchtet waren, in den Flur des Wirtshauses schlüpften, öffneten sich die
Schleusen des Himmels und ein Wolkenbruch stürzte nieder. Lenore, die erhitzt
war, wollte nicht in der Zugluft stehen bleiben, und sie gingen daher in den
Saal, der so voller Menschen war, dass sie lange nach einem Platz suchen mussten.
Eine Arbeiterfamilie, Mann und Frau und vier kränklich aussehende Kinder, rückte
willig zusammen, die beiden jüngsten Knaben überliessen ihnen ihre Stühle und
suchten sich zwei andere.
    Die tiefziehenden Wolken hatten eine verfrühte Dunkelheit verursacht, und es
wurden Öllampen angezündet, deren Qualm sich mit den übrigen schlechten
Ausdünstungen vermischte. Ein paar Dorfmusiker bliesen ein unnennbares Stück,
und den Kindern des Arbeiters leuchteten die Augen. Weil sie so artig und
blässlich dasassen, strich Lenore jedem ein Butterbrot. Die Frau bedankte sich
schön, und mit dem Mann, der sich als Aufseher in einer Spiegelglasfabrik zu
erkennen gab, liess sich Daniel in eine Unterhaltung über die Not der Zeit ein.
    Plötzlich gewahrte er an einem unfernen Tisch eine bekannte Physiognomie,
die dann zur Seite wich, um in dem brandigen Zwielicht einer zweiten, ebenfalls
bekannten Raum zu schaffen, hierauf einer dritten und einer vierten. Es sah
gespenstisch aus, und erst nach einer Weile wusste er, wohin die Leute gehörten.
    Herr Hadebusch und Frau Hadebusch, Herr Francke und Herr Benjamin Dorn
hatten sich einen vergnügten Sonntag gemacht. Die Bürstenmachersgattin strahlte,
als sie ihren ehemaligen Mieter entdeckt hatte. Sie nickte, sie blinzelte, sie
faltete gerührt die Hände, und Herr Hadebusch erhob prostbietend sein Bierglas.
    Es musste ein Missverständnis in bezug auf die Person Lenores obwalten;
sicherlich hielten sie Lenore für Daniels Frau. Dieses Missverständnis schien
dann durch den Metodisten, der den Schwanenhals gierig reckte, aufgeklärt zu
werden. Zwar blinzelte und nickte das dämonische Weib noch immer, aber mit einem
klagenden Ausdruck im Gesicht. Ihr Maul war geöffnet, und die Hauer im
Oberkiefer starrten unheilvoll aus dem schwarzen Schlund.
    Der Schwanenhals des Metodisten schraubte sich so verwegen und pittoresk
über alle andern Köpfe, dass Lenore nicht umhin konnte, seinen Eigentümer zu
bemerken. Sie runzelte die Stirn und sah Daniel fragend an.
    Sie schaute im Kreis herum und gewahrte überall Leute aus der Stadt, die sie
teils mit Namen, teils von häufigen Begegnungen kannte. Ein Ladenfräulein aus
der Ludwigstrasse; einen pockennarbigen Kommis aus einer Kolonialwarenhandlung;
die würdige Vorsteherin eines Kindergartens; einen Beamten von der Sparkasse;
den Hutmacher von der Ecke am Marktplatz samt seiner verwachsenen Tochter; den
Feldwebel, der stets salutierte, wenn er ihren Weg kreuzte.
    Alle diese Leute waren im Sonntagsstaat und sahen sorglos und gutmütig aus.
Aber sobald ihre Blicke sich gegen sie richteten, war etwas Böses in ihren
Mienen. Die flackernden Flammen übermalten die Gesichter unheimlich, leichte
Trunkenheit machte die trägen und schmutzigen Gedanken leserlich, und voll Sorge
blickte Lenore zu Daniel auf, als müsse sie sich an seine grössere Erfahrung und
Überlegenheit wenden.
    Es tat ihm leid um sie und leid um sich. Er wusste, was ihrer und seiner
harrte. Sah er in die Höllenbreughelsche Versammlung, in der trotz Kneip- und
Festtagslaune dunkle Gelüste jeder Art, verkrüppelte Leidenschaften,
geheimnisvoller Neid und geheimnisvolle Rachgier etwas wie Blutgeruch
verbreiteten, so konnte er sich keiner Täuschung hingeben über das, was ihnen
bevorstand. Lenore zu schonen und zu schützen, eher von ihr zu lassen, als
schuldig daran werden, dass das Kinderlächeln auf ihren Lippen erstarb, dies
glaubte er im stillen sich und ihr versprechen zu können.
    Die Arbeiterfamilie war aufgebrochen, und da es nicht mehr regnete,
entfernten sich auch die meisten andern Gäste bald. In einem Raum über dem Saal
wurde getanzt. Die Lampen klirrten, und man hörte nur das Brummen einer
Bassgeige. Daniel schrieb mit dem Bleistift Noten auf den Tisch; Lenore beugte
sich herzu, sah ihn fragend an und verfiel dann wieder, so wie er, in
träumerisches Sinnen.
    Keines trug nach den Worten des andern Verlangen; sie unterhielten sich
stumm und wurden durch eine unwiderstehliche Gewalt innerlich zueinander
hingezogen. Sie merkten nicht, dass es Abend wurde, dass der Saal sich indessen
ganz geleert hatte, dass die Schankburschen die Gläser wegräumten, und dass
schliesslich auch die Tanzmusik verstummt war.
    Wie in einer öden Höhle sassen sie Seite an Seite im halbfinstern Winkel, und
als sie aus dem tiefen Schweigen emportauchten, blickten sie einander in die
Augen, erst verwundert, dann in aufwallender Bestürzung.
    »Was ist denn? was machen wir denn!« rief Lenore halblaut, »es ist spät, wir
müssen heim.«
    Der Himmel war umzogen, ein lauer Wind strich über die Ebene, auf der
Landstrasse standen breite Wasserlachen. Hie und da blitzte ein Licht aus der
Dunkelheit, in fernen Dörfern schallte Hundegebell. Als die Chaussee in den Wald
bog, reichte Daniel Lenore den Arm. Sie nahm ihn, liess ihn aber bald wieder los.
Daniel stockte im Schreiten und sagte fast zornig: »Sind wir denn verhext, alle
beide? Sprich doch, Lenore.«
    »Was soll ich denn sprechen?« erwiderte Lenore leise, »ich weiss nicht, was
ich sprechen soll. Mir ist so bang; die Nacht ist so finster.«
    »Dir ist bang? dir, Lenore? Du kennst eben nicht die Nacht. Um dich und in
dir war's noch nie Nacht, und jetzt verstehst du vielleicht, wie's einem
Nachtmenschen zumut ist.«
    Sie antwortete nicht.
    »Gib mir die Hand,« bat er, »ich will dich führen.«
    Sie gab ihm die Hand. Bald sahen sie die Lichter der Stadt.
    Er geleitete sie ans Haus, aber statt Abschied zu nehmen, schauten sie
einander wieder mit verwirrten, suchenden, hilflosen Augen an, beide bleich und
stumm.
    Lenore eilte in den Flur, drehte sich bei der Stiege um und winkte lächelnd
wie aus einem Nebel zurück. Mit geschnürter Kehle starrte er auf die Stelle, wo
die schlanke Gestalt verschwunden war.
 
                                       4
Ohne der Zeit zu achten, ohne Müdigkeit, ohne bestimmte Gedanken, abgelöst von
Pflicht und Gegenwart, wanderte er dann planlos durch die Gassen. Eine Spelunke
auf der Insel Schütt sah ihn spät noch als Gast. Zusammengekauert, die Hand vor
die Augen gepresst, nicht sehend, hörend, fühlend, sass er da. Verschütteter
Schnaps glitzerte auf dem Tisch wie Grind, Kartenspieler fluchten, der Wirt war
betrunken.
    Feuerlärm auf der Strasse trieb ihn hinaus. Es brannte in der Vorstadt
Schoppershof. Der Himmel war gerötet, Rieselregen fiel. Es schien Daniel, als ob
die Atmosphäre von einer herzzermalmenden Unglücksahnung durchzittert sei. Über
dem Laufertor wirbelte eine Funkengarbe in die Höhe.
    Da stieg in grandiosem Bogen die Melodie empor, auf welche er so lange und
in vielen verzweifelten Nächten geharrt, und offenbarte sich wie mitgeboren zu
den Worten der Harzreise: Mit der dämmernden Fackel durchleuchtest du ihm die
Furten bei Nacht, über grundlose Wege, auf öden Gefilden.
    In schluchzenden Terzen, immer noch einmal zurückstrebend, senkten sich die
Stimmen, und oben blieb eine einsam, in der Umkehrung fromm entrückt.
    Er summte die Melodie mit bebenden Lippen laut vor sich hin, als ihm im
Rosental der Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts mit seiner Bande begegnete.
Diese also zigeunerten noch immer durch die Nächte.
    Sie redeten alle durcheinander; ihr Wegziel war die Feuersbrunst. Unerkannt
ging Daniel vorüber, da gellte die Stimme des Malers Krapotkin durchdringend:
»Heil dem, was flammt! Heil den Kommenden!« Das Gelächter der Sumpfbrüder
verhallte in der Ferne.
    Gertrud stand oben am Treppengeländer der Wohnung, mit der Kerze in der
Hand. Seit zwölf Uhr wartete sie bei der Stiege. Um elf Uhr hatte sie am Haus
des Vaters angeläutet; die erschrockene Lenore hatte ihr, vom Fenster herunter,
mitgeteilt, dass sie sich schon um neun Uhr von Daniel getrennt habe.
    Er führte die halb entseelte Frau in die Stube. »Warte niemals auf mich,
niemals,« sagte er.
    Er öffnete das Fenster, wies in den glühenden Himmel hinter der Kirche, und
während sie den Kopf mit geschlossenen Augen an seine Schulter lehnte, sagte er
mit einer skurrilen Verzerrung seines Gesichts: »Schau hin, es brennt. Heil dem,
was flammt. Heil den Kommenden.«
 
                                       5
Lenore hatte am andern Morgen keinen Gedanken mehr für die Frage übrig, warum
Daniel nicht nach Hause gegangen war.
    Der Inspektor war eben mit dem Frühstück fertig, als mit Heftigkeit die
Klingel gezogen wurde. Lenore ging hinaus, um zu öffnen, und kehrte alsbald mit
Herrn Zittel zurück, der sich in ungewöhnlicher Aufregung befand.
    »Ich komme, um mich nach Ihrem Sohn zu erkundigen, Herr Inspektor,« fing er
an und hüstelte verlegen.
    »Nach meinem Sohn?« entgegnete Jordan erstaunt; »ich war der Meinung, Sie
hätten ihm für drei Tage Urlaub gegeben.«
    »Davon ist mir durchaus nichts bekannt,« sagte Herr Zittel.
    »Er ist am Samstagabend nach Bamberg zu seinem Freund Gerber gefahren, um
ein Stiftungsfest oder dergleichen mitzufeiern, und wir erwarten ihn erst
morgen. Wenn Sie nichts davon wissen, wird ihm wohl Herr Diruf den Urlaub
gegeben haben.«
    Der Bureauchef presste die Lippen zusammen. »Können Sie mir die Adresse
dieses Herrn Gerber mitteilen?« fragte er. »Ich möchte telegraphieren.«
    »Um Gottes willen, was ist geschehen, Herr Zittel?« rief der Inspektor
erblassend.
    Herr Zittel starrte mit seinen grünglitzernden Augen düster in die Luft. »Am
Samstagnachmittag übergab Herr Diruf Ihrem Sohn einen Scheck über
dreitausendsiebenhundert Mark mit dem Auftrag, ihn bei der Filiale der
bayrischen Bank einzulösen und das Geld mir abzuliefern. Ich hatte Geschäfte und
kam an dem Nachmittag nicht mehr ins Bureau. Heute nun, vor einer halben Stunde,
frug mich Herr Diruf, ob ich das Geld erhalten habe. Es stellte sich heraus, dass
Ihr Sohn sich am Samstag nicht mehr hatte sehen lassen, und da er auch diesen
Morgen nicht gekommen ist, werden Sie unsere Unruhe begreiflich finden.«
    Der Inspektor reckte sich steif in die Höhe. »Herr, soll das etwa heissen,
dass man meinen Sohn einer verbrecherischen Handlung bezichtigt?« donnerte er und
drückte die Knöchel der geballten Faust auf den Tisch.
    Herr Zittel zuckte die Achseln. »Es ist ja möglich, dass ein Missverständnis
oder eine Nachlässigkeit vorliegt,« antwortete er; »immerhin sind die Umstände
bedenklich; man muss rasch eingreifen, und wenn Sie mich im Stich lassen, muss ich
polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen.«
    Jordans Gesicht wurde fahl. Er suchte an seinem langen schwarzen Rock aus
irgendeinem Grund nach der Tasche. Der Rock hatte keine Tasche, trotzdem fuhr er
mit hastigen Fingern zu suchen fort. Er wollte sprechen, aber die Zunge
gehorchte ihm nicht; seine Stirn bedeckte sich mit Schweiss.
    Lenore umfasste ihn mit geängstigter Zärtlichkeit. »Ruhig, Väterchen,« redete
sie ihm zu, »nur nicht gleich ans Schlimmste denken. Setz dich schön hin und lass
uns überlegen.« Sie wischte mit dem Taschentuch seine Stirn ab und hauchte einen
Kuss darauf.
    Der Inspektor fiel widerstandslos in den Sessel und blickte Lenore voll
flehender Spannung in die Augen. Von der ersten Sekunde an hatte sie gewusst, was
sich ereignet hatte und was kommen musste. Aber sie durfte ihm nicht zeigen, dass
sie ohne Hoffnung war und bot ihre ganze Kraft auf, um den alten Mann vor dem
Zusammenbruch zu bewahren.
    Mit Zittels Beistand verfasste sie eine Depesche an jenen Gerber. Die als
dringlich vorbezahlte Antwort sollte an die Generalagentur gelangen, und Lenore
sollte zwischen elf und zwölf Uhr dortin kommen. Sie begleitete Herrn Zittel in
den Flur, und der Bureauchef sagte: »Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, um das
Geld herbeizuschaffen. Wird der Schaden sofort beglichen, so verzichtet Herr
Diruf auf eine gerichtliche Verfolgung.«
    Lenore wusste aber, dass eine solche Summe schwerlich zustande gebracht werden
konnte. Der Vater besass keine Ersparnisse mehr. Auch hatten seine Arbeitgeber
kein Vertrauen mehr zu ihm. Er war keiner Anstrengung mehr gewachsen und der
Ruhe bedürftig.
    Mit freundlicher Miene betrat sie die Stube und sagte lebhaft: »So, Vater,
nun wollen wir abwarten, was Benno antwortet, und damit du dich nicht
vergrübelst, les' ich dir was Hübsches vor.«
    Auf einem Schemel zu Füssen des Vaters sitzend, las sie ihm aus einer Nummer
der »Gartenlaube« die Schilderung einer Montblancbesteigung vor; und dann
anderes, worauf gerade ihr Auge fiel. Während ihre helle Stimme einsam durch das
Gemach schwirrte, rang sie mit Entschlüssen und lauschte auf den Pendelschlag
der Uhr. Dass der Vater ebensowenig wie sie selbst den Sinn des Gelesenen
aufnahm, war ihr klar.
    Endlich schlug es elf Uhr. Da erhob sie sich und sagte, sie müsse in die
Küche, um Feuer zu machen. Es kam an Mittagen sonst eine Bedienerin, die das
Essen kochte, diese war noch nicht da. Im Flur riss Lenore ihren Strohhut vom
Nagel und flog schnell wie der Wind zu Gertrud hinüber. Daniel war nicht zu
Hause; Gertrud schälte Kartoffeln.
    Drei Sätze, und Lenore hatte der Schwester alles gesagt. »Geh gleich mit mir
und geh hinauf zum Vater,« schloss sie; »acht auf ihn, halt ihn zurück, wenn er
fortgehn will, in einer halben Stunde bin ich wieder bei euch.«
    Gertrud wurde von Lenore die Stiege förmlich hinuntergezerrt, und eh sie
noch eine Frage stellen konnte, war Lenore verschwunden.
    In der Generalagentur kam ihr Herr Zittel mit dem geöffneten
Antworttelegramm entgegen. Es war von jenem Gerber, Bennos Freund, unterzeichnet
und lautete: Benno Jordan ist nicht hier gewesen.
    Benjamin Dorn stand hinter Herrn Zittel und trug eine Miene süsslich
klagenden Bedauerns zur Schau.
    »Herr Diruf lässt Sie bitten, sich zu ihm zu bemühen,« sagte der Bureauchef
kalt.
    Mit bleichem Gesicht trat Lenore in Dirufs Privatkanzlei. Herr Diruf schrieb
an die drei Minuten weiter, ehe er von ihrer Gegenwart Kenntnis nahm. Dann
öffneten sich die Pflaumenaugen träge, ein seltsam genusssüchtiges Lächeln
huschte blitzschnell unter seinem Schnurrbart hervor, und er sagte: »Der Filou
ist also gepurzelt. Nicht wahr?«
    Lenore rührte sich nicht.
    »Kann die veruntreute Summe binnen vierundzwanzig Stunden ersetzt werden?«
fragte der fette und finstere Fürst der Schreiber.
    »Mein Vater wird tun, was menschenmöglich ist,« flüsterte Lenore gepresst.
    »Haben Sie die Güte, Ihrem Vater auszurichten, dass ich morgen Mittag um
zwölf Uhr die Anzeige erstatten werde, wenn bis dahin die
dreitausendsiebenhundert Mark nicht an meine Kasse bezahlt sind.«
    Lenore eilte nach Hause. Nun musste der Vater aufgerüttelt werden. Gertrud
und der Inspektor sassen in einem furchtbaren Schweigen beieinander. Lenore
entüllte das nicht mehr zu verbergende Unglück.
    »Mein guter Name,« stöhnte Jordan gemartert.
    Vor der Schande musste er sich retten. Die gewährte Gnadenfrist erschien ihm
als ein sicheres Mittel zur Rettung. Er zweifelte nicht, dass er dienstbereite
Freunde finden würde, denn er hatte ja etwas, worauf er pochen konnte: eine
makellose Vergangenheit und den Ruf eines zuverlässigen Mannes.
    So sagte er sich; und als er einmal den Entschluss gefasst hatte, die Dienste
der Freunde, deren er sicher zu sein wähnte, aufzurufen, schien ihm auch der
schwierigste Teil seines Vorhabens überwunden. Das Leiden, zu dem ihn der
tödlich getroffene Stolz, die enttäuschte und zertretene Vaterliebe verurteilte,
hatte er allein zu tragen; das stand auf einem Blatt für sich.
    Und er ging aus, sich an die Freunde zu wenden.
 
                                       6
Sein erster Gang galt dem Schwager seiner Schwester, dem pensionierten
Oberstleutnant Kupferschmied. Seine Schwester war vor einem halben Jahr
gestorben und hatte nichts hinterlassen, der Oberstleutnant jedoch war
vermögend; er hatte in die Familie eines reichen Fabrikanten geheiratet. Jordans
Beziehungen zu ihm waren stets angenehm gewesen, ja der alte Militär schien eine
besondere Vorliebe für ihn gefasst zu haben. Kaum vernahm er aber jetzt, was von
ihm gefordert wurde, so zeigte er sich höchst aufgebracht. Er sagte, er habe das
Unheil kommen gesehen; wer seine Kinder über die Verhältnisse erziehe, müsse
sich nicht wundern, wenn schlechte Menschen aus ihnen würden, und nichts in der
Welt könne ihn bestimmen, auch nur einen roten Heller herzugeben.
    Jordan entfernte sich wortlos.
    Der zweite Gang führte ihn zu seinem alten Bekannten, dem Notar Rübsam. Da
vernahm er viel Bedauern, zahlreiche Ausrufe des Entsetzens, ein Ach übers
andere, Klagen über die elenden Zeiten, Verwünschungen säumiger Zahler, endlose
Trostsprüche und leere Ratschläge. Gestern noch sei das Geld annähernd beisammen
gewesen; künftigen Monat fliesse vielleicht wieder etwas ein, aber heute, gerade
heute habe man die fälligen Steuern erlegen müssen, und so weiter, und so
weiter.
    Niedergedrückt von dem Gewicht der Demütigung, wanderte Jordan zum Dritten,
einem Kaufmann namens Hornschuch, dem er einst wichtige Hilfe geleistet. Diese
hatte Herr Hornschuch vergessen, nicht aber die Warnungen, die er dem Inspektor
im Hinblick auf den zutage tretenden Leichtsinn des jungen Benno angeblich habe
zufliessen lassen. An Geld fehle es ihm selber; er habe ultimo vorigen Monats
eine Hypotek kündigen müssen, und seine Frau habe sogar ihren Diamantschmuck
verpfändet.
    Und so ging es beim vierten, einem Baumeister, der einmal zu Jordan gesagt,
er werde Hab und Gut für ihn opfern, wenn Not am Mann sei; und so beim fünften
und beim sechsten und beim siebenten. Mit wehem Herzen tat Jordan schliesslich
das äusserste: er ging zu Diruf, um ihn zu bitten, die Frist auf drei Tage zu
verlängern. Aber Herr Diruf sass unnahbar auf seinem Schreibsessel. Er rauchte
eine knüppeldicke Havannazigarre, der Solitär warf ein blendendes Feuerwerk, er
lächelte müd, kalt und erstaunt und schüttelte den Kopf.
    Als Jordan gegen Abend nach Hause kam, befanden sich Daniel und Gertrud im
Zimmer. Gertrud stützte den Wankenden und brachte ihm ein Glas Wein zur
Stärkung. El hatte seit dem Frühstück nichts zu sich genommen.
    »Wo ist Lenore?« murmelte er, schien jedoch kein Interesse an der Antwort zu
haben, sondern liess sich auf einen Stuhl fallen und presste den Kopf zwischen
beide aufgestützte Arme.
    Gertrud, die ihn erlöschen sah wie ein Licht verlischt, wurde es schwindlig
vor Mitleid. Ihre letzte Hoffnung war auf Lenore gerichtet, die um fünf Uhr
fortgegangen war, weil sie es unerträglich gefunden hatte, Stunde um Stunde
nichtstuend auf den Vater zu warten. Bei jedem Geräusch, das im Hause
erschallte, horchte sie begierig auf.
    Daniel stand am Fenster und starrte in die violette Dämmerung über dem
stillen Platz.
    Es schlug sieben Uhr, es schlug halb acht, es schlug acht, Lenore kam nicht.
Daniel fing an, erregt durch das Zimmer zu gehen. Wenn er mit dem Fuss an einen
Sessel stiess, zuckte Gertrud zusammen.
    Kurz nach acht Uhr ertönten Schritte auf der Stiege. Der Schlüssel kreischte
im Gatterschloss, die Stubentür ging auf, und herein traten Lenore und Philippine
Schimmelweis.
 
                                       7
Alle sahen Philippine an; sogar der Inspektor heftete einen matten Blick auf
sie. Daniel und Gertrud waren sehr befremdet. Daniel erkannte seine Base nicht,
denn er wusste nichts von ihr und hatte sie nur einmal als Kind gesehen. Er wusste
nicht, wer das abschreckend aussehende Wesen war und forderte mit einem
fragenden Emporheben der Brauen von Lenore eine Aufklärung.
    Lenore war die einzige, die Philippine wohlwollend betrachtete, und ausserdem
lag in ihrer Miene eine gewisse Neugier.
    Philippines ganze Erscheinung hatte etwas Monströses. Schon ihre Toilette
war abenteuerlich. Der grosse, braune Strohhut mit dem steif in die Höhe
strebenden Band war ein wenig nach hinten geschoben, damit die über die Stirn
hängenden modischen Simpelfransen nicht um ihre Wirkung gebracht würden. Das
grell karierte Kleid war unterhalb der Brust mit einem gelben Stoffgürtel so
fest umschnürt, dass die Plumpheit des Körpers dadurch ins Lächerliche wuchs und
ihn einer grossen Sanduhr ähnlich machte. Die grob geschnittenen Züge hatten den
Ausdruck lauernder Tücke.
    Nach einigen Minuten peinlicher Stille schritt sie auf Daniel zu und zupfte
ihn am Ärmel. »Gell, du weisst gar nicht, wer ich bin?« fragte sie, und ihre
kleinen Augen blitzten ihn mit rätselhafter Wildheit an; »ich bin die
Philippine; die Philippine Schimmelweis bin ich.«
    Daniel wich vor ihr zurück. »Nun gut, was soll's?« fragte er stirnrunzelnd.
    Sie folgte ihm, packte ihn abermals am Ärmel und zog ihn in eine Ecke. »Hör
zu, Daniel,« lispelte sie, »mein Vater, der muss dir Geld geben, so viel du
brauchst. Dein Vater nämlich hat vor vielen, vielen Jahren alles Geld, was er
gehabt hat, dreitausend Taler, meinem Vater gebracht, damit er's für dich
aufhebt. Verstehst? Ich hab's erhorcht, wie mein Vater mit meiner Mutter davon
gesprochen hat. Das ist auch schon an die sieben Jahre her, aber ich hab mirs
damals hinter die Ohren geschrieben. Mein Vater hat das Geld für sich verwendet;
er denkt, er kann's behalten. Geh hin und verlang, was du haben musst, um denen
da zu helfen. Darfst mich aber nicht verraten, sonst schlagen sie mich tot,
verstehst? Darfst kein Sterbenswort von mir sagen, gell?«
    »Ist das wahr?« entrang es sich Daniel, in dem unsäglicher Zorn mit
unsäglichem Ekel kämpfte.
    »Es ist wahr, Daniel, bei meiner Ehr und Seligkeit,« erwiderte Philippine,
»geh nur hin; wirst schon sehen, dass es wahr ist.«
    Lenore wandte während des Zwiegesprächs der beiden, aus dem kaum der Ton der
Stimmen zu ihr drang, keinen Blick von ihnen ab.
 
                                       8
Seit dem Tage, an welchem Philippine ihren Bruder Markus zum Krüppel gemacht
hatte, war sie eine Geächtete im Haus ihrer Eltern gewesen.
    Schwerlich hatte sie jemals Anlagen zur Güte und Heiterkeit besessen, aber
die barbarische Züchtigung ihres Vaters hatte ihre Seele für immer verdunkelt
und befleckt. Von ihrem zwölften Jahr an wurde ihr Geist ausschliesslich vom Hass
regiert.
    Der Hass erweckte sie, zeugte Gedanken und Pläne in ihr, verlieh ihr
Willenskraft und Kühnheit und gab ihr eine frühzeitige Reise.
    Sie hasste ihren Vater, ihre Mutter und ihre Brüder.
    Sie hasste das Haus und seine Stuben, das Bett, in dem sie schlief, den
Tisch, an dem sie ass. Sie hasste die Leute, die in die Wohnung, die Kunden, die
in den Laden kamen, die Müssigsteher am Schaufenster, den langen Zwanziger, die
Bücher und die Zeitschriften.
    Aber an jenem Mittag, als sie das Gespräch zwischen Vater und Mutter
belauscht, hatte sich in ihrem finsteren und verwahrlosten Gemüt dem Hass eine
zweite Macht beigesellt. Mit brennendem Kopf hinter der Tür stehend, hatte sie
gehört, dass sie mit Daniel sollte verheiratet werden. Dieses Wort hatte sich die
Dreizehnjährige mit der ganzen Wildheit einer Gefesselten, mit der ganzen
Verbissenheit einer Phantasielosen zu eigen gemacht.
    Sie hatte darin nicht einen mehr oder weniger aussichtsvollen Plan des
Vaters, sondern eine Schicksalsbotschaft hatte sie vernommen und lebte von nun
an einer Idee, die Licht und Zweck in ihr Dasein brachte.
    Kurz nach seiner Ankunft in Nürnberg hatte sie Daniel unter den Messbuden auf
der Insel Schütt zum erstenmal gesehen; der Vater hatte ihn ihr gezeigt. Sie
wusste, dass er Musiker werden wollte; sie empfand dabei nichts. Sie wusste, dass es
ihm schlecht ging; sie spürte weder Mitleid noch Bedauern. Als sie ihn später im
Konzertsaal erblickte, war er ihr schon der Versprochene; er gehörte ihr; ihn zu
erringen, ihn in ihre Gewalt zu bekommen, gleichviel auf welche Art, war ihr
unveränderliches Trachten, ein Gefühl, in welchem sich Tierisches und Wahnsinn
seltsam mischte.
    Die Diebstähle, die sie entschlossen und regelmässig verübte, häuften sich im
Laufe der Jahre zu einer stattlichen Summe. Nicht frech wie Diebe sonst, wurde
Philippine mit der Zeit immer vorsichtiger. Darin, eine ehrliche Miene zur Schau
zu tragen, erreichte sie eine solche Meisterschaft, dass selbst Jason Philipps
Argwohn, als es einmal doch zu einer strengen Untersuchung kam, durch ihr
Benehmen zerstreut wurde.
    Sie hoffte wohl, sich mit dem gestohlenen Geld eine gewisse Unabhängigkeit
zu sichern. Denn stets war sie darauf gefasst, dass ihr die Eltern eines Tages das
Haus verbieten würden. Sie war überzeugt, Vater und Mutter warteten nur auf die
Gelegenheit, sich ihrer unter einem Schein von Recht zu entledigen.
    Ferner hatte sie zwei Leidenschaften: eine für Süssigkeiten und eine für
bunte Bänder.
    Die Süssigkeiten kaufte sie am Abend; da schlich sie heimlich in den Laden
des Zuckerbäckers Degen und verlangte mit lüstern aufgerissenen Augen für
zwanzig Pfennige gefüllte Pralinees, an denen sie bis zum Schlafengehen
schleckte.
    Die Bänder nähte sie zu Schleifen, um sie entweder auf dem Hut oder am Hals
oder am Kleid zu tragen. Je greller eine Farbe war, je mehr gefiel sie ihr.
Fragte die Mutter, woher hast du das Band? so musste sie lügen, und obwohl sie
keine Freundin hatte, überhaupt keinen Verkehr, sagte sie, dies oder jenes
Mädchen schenke ihr bisweilen Bänder. Wenn der Reichtum gar zu auffällig schien,
zierte sie das Kleid erst nach dem Verlassen des Hauses in irgendeinem dunklen
Torweg mit dem Band.
    Den Gang auf den Dachboden wagte sie höchstens einmal in der Woche. Da
mussten die Brüder in der Schule und die Eltern im Laden sein. Die Angst, man
könne sie ihres Schatzes berauben, machte sie von Jahr zu Jahr unsteter und
drücke sich in ihrem Gesicht als ein bösartiges Misstrauen aus.
    Zitternd stieg sie die dreizehn Stufen vom Vorplatz der Wohnung zum
Bodenraum empor. Dass es gerade dreizehn Stufen waren, gab den ersten Anstoss zu
dem Aberglauben, dem sie sich in späterer Zeit mit wollüstigem Schaudern
überliess. Hatte sie die unterste Stufe mit dem linken Fuss betreten und merkte es
in der Mitte der Treppe, so kehrte sie um und verzichtete für diesen Tag auf den
Anblick ihres Reichtums.
    Sie fürchtete sich vor Gespenstern, Hexen und Zauberern und wurde
kreideweiss, wenn eine Katze vor ihr über die Strasse lief.
    Terese hielt keine Magd mehr, und durch die Arbeit in der Küche wurde
Philippines Teint rauh und an ihren Händen sprang die Haut. Oft entzog sie sich
dem Geschirrwaschen und Tellerspülen durch die Flucht, dann keifte und schrie
Terese, dass die Nachbarinnen die Köpfe zu den Fenstern herausstreckten. Da
rächte sich Philippine, indem sie Bettüberzüge, Hemden und Handtücher, die im
Flickkorb lagen, absichtlich beschädigte und zerriss. Sie bediente sich hierbei
einer Verwünschungsformel, die sie sich erdacht hatte, und die aus
bedeutungsvoll klingenden, aber völlig sinnlosen Worten zusammengesetzt war.
    Sie hegte den absonderlichen Wahn, dass es ihr gegeben sei, Unglück über die
Menschen zu bringen. Um die Zeit, als Jason Philipp anfing, über schlechten
Geschäftsgang zu klagen, verspürte Philippine eine teuflische Genugtuung. Sein
Gesinnungswechsel hatte die ehemaligen Parteigenossen vertrieben und die neuen
glaubten ihm nicht. Er musste wieder zu zweideutigen Druckwerken greifen, um Geld
zu verdienen, und bald war es üblich, dass die Leute verächtlich lächelten, wenn
von der Schimmelweisschen Buchhandlung die Rede war. Die Arbeiter-Assekuranz
warf lange nicht mehr so viel ab wie am Anfang, denn der Kredit der Prudentia
und ihrer Werber war untergraben.
    Es gibt ein Gesetz beim Fallen und Steigen bürgerlicher Existenzen. Von
heute zu morgen veralten des einen Redlichkeit und Fleiss, veralten die Schliche
und Winkelzüge des andern. So fiel der Inspektor Jordan, so ging es mit Jason
Philipp Schimmelweis bergab.
    Philippine schrieb dies ihrem stillen, verderblichen Wirken zu. Jedes
Missgeschick, das den Vater traf, lockerte die Kette, die sie an freier Bewegung
hemmte. In verruchten Stunden träumte sie von Not und Hunger, Bankrott und
Verzweiflung der Ihren. Dann brauchte sie nicht länger das Aschenbrödel zu sein,
früh aufzustehen, um Holz zu spalten und den Brüdern die Stiefel zu putzen; dann
war offener Weg zwischen ihr und Daniel.
 
                                       9
Manchmal dachte sie, sie könne einfach hingehen und bei ihm bleiben. Manchmal
schien es ihr, als werde er kommen und sie mitnehmen. Eines oder das andere
musste geschehen, so dachte sie.
    An einem Sonntagabend, es war gerade der Tag, an dem sie achtzehn Jahre alt
geworden, kam ein Unteragent Jason Philipps, ein Mensch namens Pfefferkorn, in
die Wohnstube und erzählte beiläufig, dass die ältere der Jordanschen Töchter
seit langer Zeit mit dem Musikus Notaft verlobt sei, dass dieses Verlöbnis
geheim gehalten worden sei, dass aber nun die Hochzeit unmittelbar bevorstehe.
    »Wie ich höre, ist ja der Musikus Ihr Neffe,« schloss Pfefferkorn seinen
Bericht.
    Jason Philipp starrte finster vor sich hin, Terese, die ihren
Zichorienkaffee schlürfte, stellte die Tasse auf den Tisch und musterte ihren
Mann mit geringschätzigem Blick.
    Da brach Philippine in ein Gelächter aus, das allen durch Mark und Bein
ging. Sie rannte aus dem Zimmer und schlug die Türe krachend hinter sich zu.
»Die ist wohl nicht bei Trost,« murmelte Jason Philipp wütend.
    Es kam dann jene Julinacht, in der sie ganz vom Hause fortblieb. Jason
Philipp wetterte und brüllte, als sie am andern Morgen zurückkehrte, aber sie
blieb stumm. Er sperrte sie sechzehn Stunden lang in den Keller; sie blieb
stumm.
    Hierauf verliess sie monatelang das Haus nicht mehr; wusch und frisierte sich
nicht mehr; hockte in der Küche und die versträhnten Haare hingen wüst über
Nacken und Schultern.
    Eine verzehrende Rachgier tobte in ihrer Brust, und die Geduld, die sie
wider Willen üben musste, erstarrte nach und nach zur Miene heuchlerischen
Stumpfsinns.
    Plötzlich fing sie wieder an, sich zu schmücken und schlenderte an
Nachmittagen durch die Strassen. Ihre geschmacklos grellen Bänder erregten Spott
bei jung und alt.
    Sie hatte auskundschaftet, dass Lenore Jordan häufig die Vorträge im
Kulturverein besuchte. Sie ging gleichfalls dortin, drängte sich immer dicht an
Lenore heran, aber deren Aufmerksamkeit zu erregen wollte ihr lange nicht
gelingen. Einmal sass sie neben Lenore; ein Wanderprediger hielt eine Rede über
Leichenverbrennung. Philippine zog ihr Taschentuch und drückte es an die Augen,
als ob sie weine. Betroffen wandte sich Lenore zu ihr und fragte, was ihr fehle.
Es sei halt gar so traurig, was der alte Herr dort oben vorbringe, antwortete
Philippine. Lenore verwunderte sich, da in den Ausführungen des Redners nichts
entalten war, was traurig genannt werden oder irgendeinem Menschen Tränen
entlocken konnte.
    Nachher ging sie mit Philippine zusammen weg, und als ihr das hässliche
Geschöpf sein Elend schilderte, wie sie von den Eltern und Brüdern Misshandlungen
erleiden müsse und niemand auf der Welt habe, der sich um sie kümmere, wurde
Lenore von diesen Klagen bewegt; der Umstand, dass Philippine Daniels leibliche
Base war, beschwichtigte ihren Widerwillen und sie versprach ihr, sie bisweilen
zu einem Spaziergang abzuholen.
    Sie hielt ihr Versprechen. Sie achtete nicht auf das Kopfschütteln der ihnen
Begegnenden, wenn sie mit der vierschrötigen, marktschreierisch aufgetakelten
jungen Dame in den Anlagen am Stadtgraben wandelte. Aber später zog sie es doch
vor, die Promenaden, die zwei- oder dreimal jeden Monat stattfanden, in die
Abendstunden zu verlegen.
    Philippine wünschte es selbst. Sie deutete an, dass zwischen den Familien
Notaft und Schimmelweis eine geheimnisvolle Feindschaft herrsche und beschwor
Lenore, sie möge Daniel den Verkehr mit ihr verschweigen. Es war Lenore
peinlich, dies von Philippine immer von neuem gefordert zu hören. Die lauernde
Art, mit der Philippine das Gespräch auf Daniel und Gertrud zu bringen suchte,
hatte etwas Zudringliches; sie wollte bald dies bald jenes wissen, fragte
unverschämt nach Gertruds Mitgift und verlangte schliesslich, Lenore solle ihre
Schwester einmal mitbringen.
    Da verspürte Lenore ein heftiges Grauen vor dem Mädchen, und Bestürzung
erfasste sie, als sie trotz der Dunkelheit die megärenhafte Bosheit in
Philippines Gesicht bemerkte. Eine unüberhörbare Stimme warnte sie; soweit sie
es ohne beleidigende Abwehr zu tun vermochte, entzog sie sich dem Umgang wieder.
Hätte sie auch nicht Verschwiegenheit zugesagt, ein Gefühl, halb Furcht, halb
Scham, hätte sie gehindert, vor Daniel den Namen Philippines zu nennen.
    Sie ahnte nicht, dass sich Philippine im verborgenen an ihre Fersen heftete.
Philippine kannte alsbald die Stunden, in denen sich Daniel und Lenore zu
treffen pflegten, und folgte ihnen in bemessenem Abstand auf allen ihren Wegen.
Warum sie dies tat, wusste sie kaum; es zwang sie dazu.
    Und was sie bei Lenore erreicht hatte, wollte sie auch bei Gertrud
erreichen. Im Metzgerladen, auf dem Buttermarkt, bei der Gemüsehändlerin,
tauchte sie auf einmal auf, starrte Gertrud frech ins Gesicht, gab sich eine
alberne Wichtigkeit und sagte etwa: »Gottich, Gottich, wie teuer sind heuer die
Bohnen;« oder: »ein kaltes Lüftla weht, da kann man das Reissen kriegen.« Aber
Gertrud war viel zu weltverloren und viel zu empfindlich gegen fremde Berührung,
um so plumpe Annäherungsversuche zu beachten.
    Warte nur, dachte dann Philippine ergrimmt, dein Hochmut wird dir noch
heimgezahlt.
 
                                       10
An dem für die Jordansche Familie so verhängnisvollen Montag hatte es wegen
Philippines beständigen Streunens wieder einen heftigen Zank mit ihrer Mutter
gegeben. Terese keifte noch, als Jason Philipp aus dem Laden heraufkam und sich
erkundigte, was denn schon wieder los sei.
    »Frag nicht,« rief Terese gellend, »lehr lieber deine Tochter Mores. Die
Kanaille wird noch im Zuchtaus enden, das prophezei ich dir.«
    Philippine verzog hämisch das Gesicht. Jason Philipp schien aber heute keine
Lust zu haben, als strafende Macht aufzutreten; er hatte eine Neuigkeit im Sack
und strahlte.
    »Da bin ich dem Hornschuch begegnet,« wandte er sich an Terese, »du kennst
ihn ja, Firma Hornschuchs Erben, schwerreiche Leute übrigens, und der Mann
erzählt mir, der junge Jordan hätte bei der Prudentia Geld unterschlagen und
sich aus dem Staub gemacht. Ich laufe gleich auf die Generalagentur, und Zittel
bestätigt es mir Wort für Wort. Beinahe viertausend Mark sind es! Der Inspektor
soll das Geld ersetzen, hat aber nicht das Schwarze unterm Nagel im Vermögen und
ist infolgedessen bös in der Klemme, denn Diruf droht mit dem Gericht. Diruf
versteht da keinen Spass. Was sagst du dazu?«
    Terese wickelte die Hände in ihre Schürze und warf einen schrägen Blick auf
Jason Philipp. Sie erriet den Grund seiner Freude und liess schweigend den Kopf
sinken.
    Jason Philipp schmunzelte vor sich hin. An den Ofen gelehnt, pfiff er
behaglich. Immer noch die Marseillaise, aus Vergesslichkeit und in jahrelanger
Gewöhnung.
    Er hatte nicht gesehen, wie Philippine seinen Worten mit verhaltenem Atem
gelauscht und wie ein schreckliches Flammen ihre Züge von innen erleuchtet
hatte. Sie erhob sich und verliess mit raschelnden Schritten die Stube.
    Fünf Minuten später stand sie vor dem Jordanschen Haus. Sie schickte einen
kleinen Buben hinauf und liess sagen, das Fräulein Lenore möge herunter kommen.
Sie erhielt den Bescheid, Lenore sei fortgegangen. Da blieb sie am Tor stehen
und wartete.
 
                                       11
Von ihrer Qual getrieben, war Lenore zu Marta Rübsam geeilt und hatte erfahren,
dass der Vater schon vor drei Stunden dort gewesen war. Aus dem verlegenen Wesen
der Freundin erriet sie, dass der Vater eine Bitte, und eine vergebliche Bitte,
getan hatte.
    Dann stand sie auf einer Hauptstrasse und schaute verstört in die
vorbeiflutende Menge. Alles war so grauenhaft wirklich.
    Sie dachte nach. An wen sich wenden? Eine Purpurwelle schoss in ihr Gesicht,
als ihr Eberhard einfiel. Unwillkürlich machte sie eine leidenschaftlich
wehrende Bewegung. Der erste Strahl dieser Hoffnung war zugleich der letzte. Das
Gewissen schlug ihr, doch konnte sie nicht anders; hier war ein Gefühl,
unzugänglich für Gründe, gegen jeden Zuspruch zehnfach gewappnet. Er war
ausserdem verreist; mit einem Seufzer der Erleichterung entsann sie sich, es
erfahren zu haben.
    Ob Daniel nicht zur Freifrau gehen würde? Nein, es war nicht zu denken.
    Sie ertrug die Stadt nicht, die Menschen nicht mehr und ging durch die
Gärten der Beste aufs Feld. Sie ertrug den Himmel nicht, die weiten Blicke nicht
und kehrte wieder um. Sie kam durch die Füll, trat ins Caroviussche Haus und
läutete bei Frau Benda an. Sie wusste, dass die alte Dame fort war; trotzdem, wie
mit verwirrten Sinnen, läutete sie viermal. Wenn doch Benda käme, wenn doch der
gütige Freund in seinem Zimmer sässe und zu ihr herauskäme!
    Aber es rührte sich nichts. Aus dem ersten Stock drangen die Töne eines
Klaviers in vollen Akkorden herauf, im Hof heulte Cäsar, der Hund.
    Mit pochendem Herzen begab sie sich auf den Heimweg. Am Tor gewahrte sie
Philippine.
    »Hab von euerm Unglück gehört,« redete Philippine sie mit ihrer krähenden
Stimme an. »Keiner kann euch helfen, nur ich.«
    »Sie? Sie können helfen?« stammelte Lenore und der ganze Platz drehte sich
im Kreis um sie.
    »Ehr und Seligkeit, ich kann's. Muss bloss mit dem Daniel sprechen. Fackeln
wir nicht lang. Ist er droben?«
    »Ich glaube, er ist droben. Wenn nicht, hol ich ihn.«
    »Also gehn wir hinauf.«
    Sie schritten zur Stiege.
 
                                       12
Jason Philipp war zu einem gemütlichen Abend in der Gesellschaft
»Schlapperatzen« geladen und benutzte die Siesta nach dem Nachtessen zur Lektüre
des Leitartikels im Kurier. Darin war eine Rede Bismarcks so witzig glossiert,
dass Jason Philipp einigemale ein schadenfrohes Beifallsknurren hören liess.
    Er hatte sich eine Apfelsine mitgebracht; die Frucht lag zerschnitten und
mit Zucker bestreut neben ihm auf einem Teller. Von Zeit zu Zeit langte er hin,
ergriff ein Stückchen, schob es in den Mund, schmatzte umständlich und leckte,
wenn es verschlungen war, die Lippen. Da stierten dann beide Söhne lüstern auf
seine Hand und leckten im geistigen Mitgenuss ebenfalls ihre Lippen.
    Willibald stöhnte über einer algebraischen Gleichung; auf seinem grauen,
finnigen Gesicht lag Unbegabteit und üble Laune. Markus durfte seines
Gebrechens halber nicht bei Lampenlicht arbeiten; er half seiner Mutter beim
Linsenlesen und machte, um diese gegen Philippine aufzureizen, fortwährend
giftige Bemerkungen über das Ausbleiben der Schwester.
    Das letzte Stück der Apfelsine verschwand hinter Jason Philipps Bart, da
bimmelte das Gatterglöckchen.
    »Es ist ein Mann draussen,« sagte Markus, der hinausgegangen war und nun mit
seinem einzigen Auge dumm glotzend auf der Schwelle stand.
    Jason Philipp reckte den Hals. Gleich darnach sprang er vom Stuhl empor. Er
hatte den im halbdunkeln Flur stehenden Daniel erkannt.
    »Ich habe mit dir zu sprechen,« sagte Daniel, indem er ins Zimmer trat. Er
zerknüllte den Filzhut in den Händen, und die Blicke, mit denen er umherschaute,
zeugten von grosser Erregung.
    Er sah weder Jason Philipp, noch Terese, noch einen der Knaben an. Sein
Auge flog über die Wände und die geringen, unschönen und seltsam gemeinen
Gegenstände, die an ihnen hingen: ein Zeitungshalter mit gestickten Bändern; ein
Eckbrett, auf welchem ein Bierkrug den dicken Leib und Kopf eines Mönches
darstellte; ein Öldruck mit einem in den Krieg ziehenden und von seiner
zahlreichen Familie Abschied nehmenden Landwehrmann. Diese Dinge hatten für
Daniel etwas wie ein unsinniger Traum. Tiefatmend bohrte er endlich seinen Blick
in den Jason Philipps. Da waren viele Jahre weggewischt, da sah er sich am
Brunnen in Eschenbach stehen; ringsum glühten die Steine sowie die gekreuzten
Balken in den Häusermauern, und Jason Philipp hastete in scheuem Bogen erbittert
vorbei, als fliehe er vor der Welt vor der Sonne, vor den Menschen und vor der
Musik.
    »Ich habe mit dir zu sprechen,« wiederholte er.
    Terese schien es, dass sich nun ihre schlimmen Ahnungen erfüllten. Mit
schlotternden Knien stand sie auf. Sie wagte nicht, in die Richtung zu schauen,
wo Daniel sich befand und sie gewahrte nicht, sie spürte nur den Wink Jason
Philipps, mit dem er ihr und den Knaben das Zimmer zu verlassen befahl. Sie
packte Markus bei der Hand und Willibald beim Rockärmel und zwischen beiden
wankte sie hinaus.
    »Was gibts?« fragte Jason Philipp, verschränkte die Arme und blickte finster
in den Linsenhaufen auf dem Tisch. »Du hast eine sehr, wie soll ich sagen, eine
sehr eindringliche Manier. Es ist eine Manier, die einen erinnert, dass wir
Gesetze gegen Hausfriedensbruch haben. Deine Aktien müssen in letzter Zeit
ziemlich hoch im Kurs gestiegen sein. Also was ist los?«
    Er räusperte sich und trommelte mit den Fingern an die Ellenbogen der
verschränkten Arme.
    Daniel fühlte, wie er die Ruhe verlor; er fühlte seine eigenen Arme wie eine
Gefahr; es prickelte in ihnen. Aber noch fand er kein Wort; noch dünkte ihn die
Frage, die er zu stellen hatte, zu ungeheuerlich, als dass er die Furcht vor
Irrtum und Übereilung ganz hätte unterdrücken können.
    »Wo ist das Geld hingekommen, das dir mein Vater gegeben hat?« kam es
endlich dumpf grollend über seine Lippen.
    Jason Philipp entfärbte sich und seine Arme sanken herab. »Das Geld? Wo das
Geld hingekommen ist? Das dein Vater -? wo es hingekommen ist?« stotterte er
verworren. Er wollte Zeit gewinnen; er wollte überlegen, was er gestehen müsse,
was er verbergen durfte. Ein scheuer Blick in das Gesicht Daniels verriet ihm
nichts Gutes. Er fürchtete sich vor diesem mageren, muskulösen und verwegenen
Gesicht.
    Er fauchte vor Zorn bei dem Gedanken, der junge Mensch, für den er, Jason
Philipp, einst die höchste Autorität gewesen, wolle sich unterfangen, ihn zur
Rechenschaft zu ziehen, und in dieser Vorstellung fühlte er sich als der
tadellose Ehrenmann, der er in den Augen aller seiner Mitbürger zu sein wünschte
und zu sein glaubte. Zugleich würgte ihn eine unbeschreibliche Angst vor dem
Verlust des Geldes, das als sein Eigentum zu betrachten er sich längst gewöhnt,
mit dem er spekuliert und gearbeitet hatte und das zu einem Teil seines Wesens
geworden war wie sein Haus, wie sein Geschäft, wie seine Projekte. Er vergrub
die Hände in den Hosentaschen und prustete; die feige Furcht vor den Folgen
eines Betrugs zwang ihn zu einem halben Geständnis des Betrugs, aber in seinen
Worten lag auch die fieberhafte Rabulistik des Geldmenschen, der in tobender
Verzweiflung um den Mammon kämpft.
    »Das Geld ist da. Natürlich ist es da. Wo soll es sonst sein? Was von Zinsen
und Vorschüssen nach Eschenbach gewandert ist, darüber geben meine Bücher
Auskunft. Meine Bücher können eingesehen werden bis auf den heutigen Tag. Ich
habe es ein gutes Stück vorwärts gebracht im Leben. Wer so wie ich in der Welt
dasteht, hat keinen Menschen zu scheuen. Denkst du vielleicht, Jason Philipp
Schimmelweis ist so mir nichts dir nichts zum Zähneklappern zu bringen? Da
müssen schon andere kommen. Wer bist du denn? Was für ein Amt hast du? was für
eine Befugnis? Mit welchem Recht überfällst du mich zwischen meinen vier Wänden?
Bildest dir vielleicht was auf deine Künstlerschaft ein? Deine ganze Kunst ist
mir piepe. Der ganze Schnickschnack ist nicht wert, dass man darauf spuckt.
Musike machen, Blödsinn. Wer braucht denn das? Ein Mensch, der was auf sich
hält, treibt dergleichen höchstens am Feierabend. Mir imponierst du noch lange
nicht. Bei dir rappelts im Koppe, und wenn du glaubst, dass du Geld von mir
bekommst, da lach ich einfach, da verlang ich schon eine andere Frisur, da muss
man mit schon eine Reverenz erweisen, und nicht so: Mutter jib mir wat fors
Vergniegen. Nee, mein Lieber, nee.«
    Auf Daniels Gesicht zeigte sich ein Lächeln, das Jason Philipp grässlich
erschien. Er verstummte jäh. Er beschloss, einzulenken und den Vorschlag einer
kleinen Zahlung zu machen; er hoffte, sich mit ein paar hundert Mark einstweilen
Ruhe verschaffen zu können.
    Aber Daniel war nun seiner Sache sicher. Er gedachte des Elends, das er
hatte erleiden müssen und es ward ihm heiss ums Herz. Zugleich schämte er sich
für diesen Mann und empfand Ekel vor ihm.
    Er sagte ruhig und fest: »Ich muss bis morgen früh um zehn Uhr
dreitausendsiebenhundert Mark haben. Es handelt sich darum, eine ehrenhafte
Familie vor dem Untergang zu bewahren. Wird dieser Betrag pünktlich abgeliefert,
so verzichte ich auf alles übrige in gültiger Form. Das Schriftstück wird in
meiner Wohnung bereit liegen. Ist das Geld um zehn Uhr nicht in meinen Händen,
so werden wir uns auf einem andern Schauplatz wieder treffen, vor Männern, die
dir gewiss imponieren.«
    Er wandte sich zum Gehen.
    Jason Philipps Mund tat sich weit auf, und er drückte die Faust an das Loch.
»Dreitausendsiebenhundert Mark?« röchelte er; »der Mensch ist verrückt. Komplett
verrückt ist der Mensch. Mensch, Mensch, bist du verrückt?« schrie er, um Daniel
aufzuhalten. »Bist du verrückt, Mensch? Willst du mich zugrunde richten? Hörst
du nicht, verdammter Mensch?«
    Mit Grauen schaute Daniel Jason Philipp an. Da wurde die Tür zum Nebenzimmer
aufgerissen und Terese stürzte herein. Ihr Gesicht war erdfahl, nur auf den
Wangenknochen waren zwei kleine, kreisrunde rote Flecken sichtbar. »Du kriegst
das Geld, Daniel,« heulte sie hysterisch. »Du kriegst das Geld, oder ich geh in
die Pegnitz. In die Pegnitz geh ich und ersauf mich.«
    »Weib!« knirschte Jason Philipp und packte sie an der Schulter.
    Sie sank auf einen Stuhl, und mit den Händen in die Haare greifend fuhr sie
fort: »Überall steht er, der selige Gottfried und sieht mich an. Vorm
Wäscheschrank steht er und an der Speis' steht er und am Bett steht er und nickt
und mahnt und hebt den Finger und hat keine Ruh im Grab und lässt mich nicht
schlafen, all die Jahre her nicht schlafen.«
    »Nanu, jetzt denk mal an deine Kinder!« herrschte Jason Philipp sie an.
    Terese liess die Hände in den Schoss fallen und blickte mit leeren Augen zu
Boden. »Das viele schöne Geld,« klagte sie dumpf, »das viele schöne Geld.« Dann
wieder, mit verzerrten Zügen und kreischend: »Aber du wirst's kriegen, Daniel,
ich steh gut dafür, ich bring's dir selber.« Dann wieder klagend und leise: »Das
viele, schöne Geld.«
    Daniel war erschüttert. Ihm schien, als habe er nie zuvor das Geld
begriffen, als habe sich ihm die Bedeutung des Wortes erst in dieser Stunde und
mit Tereses Stimme offenbart.
    »Morgen früh um zehn Uhr also,« sagte er.
    Terese nickte stumm beteuernd und erhob, wie um sich zu schützen, die Hände
mit gespreizten Fingern gegen Jason Philipp. Willibald und Markus hatten sich
unter die Türe gedrängt; das Gatter musste nicht geschlossen worden sein, denn
plötzlich trat auch Philippine ein, die Daniel bis zum Haus begleitet und dann
auf der Strasse geblieben war. Langer hatte sie nicht warten gewollt; sie war zu
begierig, zu erkunden, welche Folgen ihr Verrat gehabt hatte.
    Mit gespielter Unbefangenheit schaute sie umher. War es nun ihr Anblick
allein, der Jason Philipps Grimm erweckte, das halb feige, halb zynische
Lächeln, das um ihren Mund zuckte, oder war es die gehäufte blinde Raserei, die
sich entladen wollte, oder ahnte er dunkel, was sie getan; genug, er schritt auf
sie zu und schlug sie mit der geballten Faust ins Gesicht.
    Sie verzog keine Miene.
    Empört von der Roheit der Züchtigung, trat Daniel zwischen Jason Philipp und
seine Tochter. Aber der giftige Hohn in den Augen des Mädchens erstickte sein
Mitgefühl, und er kehrte sich zur Türe und ging schweigend fort.
    »Das viele schöne Geld,« murmelte Terese.
 
                                       13
Als Daniel die Nachricht zu Jordans brachte, dass das Geld am nächsten Morgen da
sein würde, starrte ihn der Inspektor erst ungläubig an, dann weinte er wie ein
Kind.
    Lenore reichte Daniel wortlos beide Hände. Gertrud, die auf dem Sofa lag,
richtete sich empor, lächelte weich und sank wieder zurück. Daniel fragte, was
ihr fehle und Lenore antwortete an ihrer Statt, sie fühle sich schon seit dem
Nachmittag nicht wohl. »Sie muss ins Bett, sie ist müde,« fügte sie hinzu.
    »Nun, so komm,« sagte Daniel und half Gertrud beim Aufstehen. Aber die Beine
gehorchten ihr nicht und mit beklommener Miene schaute sie von Daniel zu Lenore.
    »Macht's dir nichts aus, Väterchen, wenn ich mit hinübergehe?« wandte sich
Lenore schmeichelnd an den Inspektor.
    »Geh, nur, Kind,« erwiderte Jordan, »es ist gut, wenn ich jetzt ein wenig
allein bin.«
    Daniel und Lenore nahmen Gertrud in ihre Mitte. Auf der zweiten Stiege zur
Wohnung trug Daniel seine Frau auf den Armen bis in die Schlafkammer. Sie wollte
nicht leiden, dass er ihr beim Ausziehen helfe und schickte ihn hinaus. Eine
Tasse heisse Milch war alles, worum sie bat.
    »Es ist keine Milch da,« sagte Lenore, zu Daniel in die Wohnstube tretend.
Er hielt in seinem Hin- und Herwandern inne und schaute sie wie in flüchtigem
Erwachen an. »Ich lauf schnell in die Tetzelgasse und hol einen halben Liter,«
erklärte sie; »ich lass die Gangtür offen, damit Gertrud nicht erschrickt, wenn
ich komme.«
    Sie war schon hinaus geeilt, auf einmal kehrte sie um und sagte mit
freudiger Dankbarkeit, und ihre blauen Augen schwammen in seelenvollem feuchten
Schimmer: »Du Lieber.«
    Sein Gesicht verfinsterte sich.
    Es war eine schreckliche Regelmässigkeit in seinem Hin- und Herwandern. Die
Ketten der Hängelampe klirrten. Die Flamme entsendete einen dünnen Rauchfaden,
doch er merkte es nicht. Wie lang sie fortbleibt, dachte er in bewusstloser,
trunkener Ungeduld und erschien sich sehr verlassen.
    Er ging in den Flur und lauschte. Da schwebte ihm aus der Dunkelheit das
Gesicht Philippines entgegen, in der höhnischen Unbeweglichkeit, mit der sie den
Faustschlag empfangen hatte. Er trat ans Geländer und setzte sich in einer
Anwandlung von Schwäche und ziellosem Trotz auf die oberste Stiegentreppe. Den
Kopf auf die Hand gestützt, vernahm er Tereses Worte: Das viele schöne Geld,
das viele schöne Geld.
    Schatten überall; überall Schatten und Nacht.
    Da kam sie endlich, Lenore, mit ihrem leichten Tritt. Als sie ihn gewahrte,
blieb sie stehen. Er erhob sich und streckte den Arm aus, als ob er ihr das
Milchkännchen abnehmen wolle. Sie verstand es so und reichte ihm verwundert das
Kännchen. Er aber stellte es auf den Treppenabsatz, wo es im Lichtschein, der
aus der Stube drang, weisslich funkelte. Er zog Lenore zu sich heran, umschlang
sie und küsste sie auf den Mund.
    Nur noch Kreatur, nur Weib, nur Herz und Atem, nur Sehnsucht und Vergessen,
für einen Augenblick Vergessen, in einem Augenblick sich selber findend und um
sich wissend, schmiegte sie sich an ihn, aber ihre Hände waren zwischen seiner
Brust und ihrer Brust gefaltet und schieden sie voneinander.
    Dann riss sie sich los, rang die Hände, blickte an ihm empor, schmiegte sich
abermals an ihn, wich wieder zurück, rang abermals die Hände, dies alles stumm,
ganz stumm, mit einer fast schaurigen Anmut und Lieblichkeit.
    Es war nun alles anders, als sie sich's gedacht, tief und furchtbar anders.
Da verlor sie sich, da verging sie, da wurde es dunkel in ihrem zuchtvollen
Herzen und sie trat in ein zweites Sein, das mit dem ersten keinerlei
Ähnlichkeit mehr hatte.
    Sie war ihm nun verbunden und verfallen, es hatte sie gezwungen, das Gesetz
war gültig geworden. Aber die gläserne Kugel war in Stücke zersplittert und sie
stand da, unbeschützt, ja gleichsam entblösst unter den Menschen, ihren Blicken
und ihren Betastungen erreichbar und preisgegeben.
    Sie ging in die Küche und wärmte die Milch. Daniel kehrte in die Stube
zurück. Seine Adern klopften, seine Augen brannten. Er spürte die Zeit nicht,
die verfloss, und als Lenore herein kam, begann er zu zittern.
    Sie näherte sich ihm und redete ihn leidenschaftlich traurig an: »Weisst du's
von Gertrud? Weisst du's nicht? Sie ist guter Hoffnung, deine Frau.«
    »Ich hab's nicht gewusst,« flüsterte Daniel; »hat sie dir's gesagt?«
    »Jetzt eben hat sie mir's gesagt.«
 
                             Tres faciunt collegium
                                       1
Am Stammtisch im Krokodil wusste man so ziemlich alles, was bei Jordans und bei
Schimmelweis vorgegangen war. Es wurden Einzelheiten erwähnt, die die Vermutung
nahelegten, dass die Mauerritzen und die Schlüssellöcher in beiden Häusern
Lauscher beherbergt hatten.
    Einige wollten es nicht glauben, dass Jason Philipp die vom jungen Jordan
unterschlagene Summe ersetzt habe; denn, meinte der Zuckerbäcker Degen,
Schimmelweis habe keine leichte Hand und wer Geld von ihm bekommen wolle, müsse
schlauer als schlau sein.
    Er habe aber doch bezahlt, versicherte der Uhrmacher Gründlich; am Dienstag
vormittag sei die Frau des Buchhändlers zu den Notafts gegangen. Sie habe
ziemlich viel Silber in einem Sack geschleppt; als sie dann wieder zu Hause
gewesen, habe sie sich niedergelegt und seitdem sei sie krank.
    Da sei irgend etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, sagte der
Postassistent Kitzler; oder man müsse annehmen, dass der Musikus Notaft ein
höchst gefährlicher Bruder sei, der es verstanden habe, seinem Onkel die Pistole
auf die Brust zu setzen.
    
    »Jetzt wird er ja gar Kapellmeister am Stadtteater,« berichtete der
Redakteur Weibezahl, das jüngste Mitglied der Tafelrunde; »die Ernennung steht
unmittelbar bevor.«
    Soso, Kapellmeister; was Sie nicht sagen! Dies werde den Andreas Döderlein
bass verdriessen.
    Herr Carovius, der mit dem Munde eben am Bierglas hing, lachte, dass ihm der
Trunk in die unrechte Kehle geriet und er lange husten musste. Der Fiskalrat Korn
klopfte ihm den Rücken.
    Es sei aber doch fatal, dass man so unsichre Kantonisten wie den Notaft
unter dem friedlichen Bürgerstand zu dulden habe, äusserte sich Herr Kleinlein,
der nun schon längst Amtsrichter war. Ob es denn seine Richtigkeit habe mit den
Geschichtchen, die man sich über den Musiker erzähle?
    Freilich, wurde erwidert, man munkle dies und jenes. Etwas Bestimmtes sei
aber nicht zu erfahren. Der Herr, Apoteker, der wisse vielleicht etwas
Bestimmtes, sein Provisor verkehre bei dem Musikus.
    Apoteker Pflaum gab sich den Anschein, als wisse er in der Tat Bestimmtes,
dürfe aber nicht sprechen. Ja, ja, sagte er obenhin, es sei ihm mancherlei zu
Ohren gelangt von leichtsinniger Wirtschaft, anrüchiger Vergangenheit und
Vernachlässigung der Frau.
    Ei der Tausend, Vernachlässigung der Frau? Bei so kurzer Ehe? Da sei wohl
eine andere im Spiel? Wer denn? Hm, da müsse man in seinen Angaben vorsichtig
sein. Warum denn vorsichtig? Nur heraus mit der Farbe, es handle sich ja auch um
die Beschützung der eigenen Frauen und Töchter.
    Es war etwas Unergründliches in ihrem Hass gegen den Musiker. Sie waren darin
so einig, als ob er ihre Geldschränke ausgeleert, ihre Fenster eingeschlagen und
ihre Würde dem öffentlichen Spott preisgegeben hätte.
    Sie wussten nicht, wessen sie sich von ihm zu versehen hatten. Sie gingen an
ihm vorüber wie an einer Bombe, die platzen kann.
 
                                       2
Als Herr Carovius allein war, las er die Berichte über eine Grubenkatastrophe in
Schlesien. Die Anzahl der Toten befriedigte ihn. Die Schilderung, wie die
Ehefrauen der vermissten Bergleute um den Schacht standen und weinend die Namen
ihrer Gatten riefen, verursachte ihm jenes angenehme Gruseln, das er ebensosehr
liebte wie den schwermütigen Schluss eines Chopinschen Nokturnos.
    Doch konnte er den Blick nicht vergessen, mit dem der Apoteker Pflaum davon
gesprochen hatte, dass Daniel Notaft seine Frau vernachlässige. Es war ein
Blick gewesen, der gleichsam durch den Spalt zwischen den Gardinen eines
Schlafzimmers drang. Da ging etwas vor, da ging etwas vor.
    Ziemlich lange schon hegte Herr Carovius den Argwohn, dass da etwas vorging.
Zweimal war er Daniel und Lenore in der Dämmerungsstunde auf der Strasse begegnet
und sie hatten in einer ganz besonderen Art miteinander geplaudert. Da ging
etwas vor. Es spielten sich hinter dem Rücken des Herrn Carovius Ereignisse ab,
die er nicht ausser acht lassen durfte.
    Seit jenem Tag, wo ihm Lenore das Kettchen seines Zwickers vom Mantelknopf
losgenestelt hatte, war ihm das Bild des jungen Mädchens unverwischbar
eingeprägt. Noch jetzt sah er die Wölbung ihres jungen Busens vor sich, als sie
den Arm aufgehoben hatte.
    Andertalb Jahre nach diesem Vorfall war es gewesen, dass er unter den
Papieren Eberhards von Auffenberg einen an Lenore Jordan gerichteten, nicht
abgeschickten und nicht beendeten Brief gefunden hatte. Eberhard war wegen der
Verhandlungen über ein neues Darlehen nach Nürnberg gekommen, er hatte sein
Hotelzimmer verlassen und Herr Carovius hatte lange auf ihn warten müssen. Diese
Wartezeit hatte er benützt, um die unverschlossenen Schriftstücke des nicht sehr
sorgsamen Freiherrn zu durchstöbern.
    Da hatte er den Brief entdeckt. Welche Worte! welche Leidenschaft! Nie und
nimmer hätte Herr Carovius dem pedantischen Griesgram solche Gefühlsmacht
zugetraut. Ihm war, als habe sich ihm Eberhards verborgenste Herzenskammer
aufgetan. Er war erbebt in der Wollust, die ihm das entüllte Mysterium dieser
Seele bereitete. Sie sind auch Menschen, die da oben, triumphierte er, sie
werfen sich weg, sie fallen auf eine glatte Fratze herein, sie verlieren ihre
Haltung beim Rascheln eines Unterrocks.
    Was aber den Freiherrn anging, das ging auch Herrn Carovius an. Eine
Leidenschaft, die den Freiherrn erfüllte, musste von Herrn Carovius bewacht,
verstanden und am Ende auch geteilt werden.
    Die Einsamkeit hatte Herrn Carovius allmählich aus dem Gleichgewicht
gebracht. Verdrängte Triebe überwucherten seinen Geist. Die abenteuerlichen
Geschäfte, in die er sich gestürzt, um sich der Gewalt über Eberhard zu
versichern, hatten ihn nahezu ruiniert; das Netz, das er für den hilflos
flatternden Vogel geflochten, hielt ihn selber umstrickt. Die Welt war ihm wie
eine Haut voll Wunden, an denen sich seine neronischen Begierden stärkten; doch
sie war ihm auch wie ein Teppich mit bunten Bildern, die lebendig und wirklich
zu machen er die Zauberformel noch nicht gefunden hatte.
    Bei den Andeutungen des Apotekers richteten sich alle seine Stacheln auf.
In ihm verjährte kein Gefühl, in ihm verlosch kein Gelüst. Als er sich zu Hause
zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa legte, tänzelte die Gestalt Lenores in
reizender Verkleinerung vor seinen Augen herum. Als er am Klavier sass und Etüden
spielte, stand Daniel Notaft daneben und rügte hochmütig seinen Fingersatz.
Als er am Abend aus dem Tor trat, war auf allen Ladenschildern der Namen
Notaft zu lesen, und jedes Frauenzimmer hatte Lenores Züge.
    Es schien ihm auf einmal, als ob Lenore Jordan sein Eigentum sei, als ob er
ein Anrecht auf sie habe. Sein Leben dünkte ihn in bemitleidenswerter Weise
entbehrungsvoll. Andere hatten alles und er hatte nichts. Andere verübten
Verbrechen, und sein Los war es, die Verbrechen zu notieren. Man wurde nicht
satt und nicht reich davon, wenn man die Verbrechen der andern notierte.
    Um Mitternacht stellte er sich im Schlafrock vor den Spiegel und bis zum
Morgengrauen las er in einem Roman, in dem ein Herr von fünfzig Jahren bei einer
jungen Dame ein verschwiegenes Liebesglück findet. dabei war er sich fortwährend
bewusst, dass etwas vorging. Draussen in der Welt, in einem gewissen Haus am
Egydienplatz ging etwas vor.
    Er sah Zusammenkünfte auf finstern Stiegen, Verständigungen durch
Händedrücke und ehebrecherische Signale. So machten sie es ja, so hatten Benda
und Margaret es gemacht. Alter Hass wurde neu. Er trug seinen Hass in die Musik,
aber auch seine Hoffnung. Die Musik sollte ihm eine Brücke schlagen zu Daniel
und Lenore; er wollte ihnen seine Einsicht schenken, seine Kniffe, seine
Erfahrungen, nur um dabei zu sein, wenn sie das Schauerliche begingen; nur um
nicht hinter der Wand stehen zu müssen, von wesenloser Eifersucht gequält, um
mitleben zu können, das Auge zu füllen, die Hand auszustrecken, die leere, die
altwerdende Hand.
    Ich bin, sagte er sich, vom selben Fleisch und Blut wie jener; auch in mir
ist Wolfgang Amadeus Mozart. Wohl habe ich die Weiber verachtet, sagte er sich,
denn verächtlich sind sie. Tritt mir aber eine in den Weg, die zu was Besserm
taugt, als die Zahl der ohnedies schon wimmelnden Idioten um zwei oder drei zu
vermehren, so will ich Busse tun und ihr Ritter sein.
    Er schlief nicht mehr und ass nicht mehr und wusste nichts Vernünftiges mit
sich anzufangen. In einer verspäteten Wut des Geschlechts, einer zweiten
Pubertät, erhitzte sich seine Phantasie an einem Bildnis, das er mit allen
Vollkommenheiten des Leibes und der Seele schmückte.
    Da hörte er, dass ein Werk Daniels im Hause der Freiin von Auffenberg vor
geladenen Gästen aufgeführt werden sollte. Er telegraphierte an Eberhard und
verlangte, dieser möge ihm zu einer Einladung verhelfen. Die Antwort lautete
abschlägig. In seiner Wut hätte er den Postboten beinahe misshandelt. Sodann
schrieb er an Daniel, und indem er auf seine Teilnahme für dessen Schaffen
pochte, bat er, unter den Zuhörern sein zu dürfen. Er bekam nun ein gedrucktes
Kärtchen, worin die Freifrau die Hoffnung äusserte, ihn an einem bezeichneten Tag
bei sich begrüssen zu können.
    Er war im siebenten Himmel. Er beschloss, Daniel einen Besuch abzustatten und
ihm zu danken.
 
                                       3
Man müsste fort, man müsste weit weg von hier, dachte Lenore an jenem Abend, der
anders gewesen war als alle andern Abende ihres Lebens.
    Während sie sich kämmte, war es ihr, als müsse sie ihr Haar vom Kopf
scheren, um sich hässlich zu machen. In der Nacht trat sie ans Fenster, um die
Sterne zu suchen. Wenn es doch nicht geschehen wäre, wenn es doch ein Traum
wäre, rief es in ihr.
    Als der Morgen dämmerte, erhob sie sich. Sie eilte durch die menschenleeren
Strassen vor die Stadt wie gestern. Doch es war alles anders. Baum und Busch
blickten streng auf sie. Die Nebel hingen tief, aber die graue, kalte Frühe war
wie ein Bad. Später brach die Sonne durch, und Himmelsschlüssel auf einer Wiese
leuchteten golden. Könnt es doch ein Traum gewesen sein, flehte sie stumm.
    Als sie nach Hause kam, hatte der Vater bereits die Nachricht erhalten, dass
das Geld an Diruf bezahlt worden sei. Daniel hatte es hingetragen.
    Der Inspektor blieb den ganzen Tag in seinem Zimmer. Auch an den folgenden
Tagen liess er sich nur beim Mittagessen sehen. Da sass er dann schweigend und mit
gesenkten Augen. Bisweilen lauschte Lenore an seiner Tür. Es regte sich nichts
drinnen; das Haus sang vor Ödigkeit.
    Jordan hatte den Hausherrn gebeten, die Wohnung, die er für seine
gegenwärtigen Verhältnisse als zu geräumig und zu kostspielig bezeichnete, vor
der Kündigungszeit ausbieten zu dürfen. Dies wurde bewilligt. In dem Haus, wo
Daniel und Gertrud wohnten, waren zwei Dachzimmer frei, und Gertrud hatte ihrem
Vater nahegelegt, sie zu beziehen. Der Inspektor war damit einverstanden.
    Lenore überlegte: wenn der Vater dort hinüberzieht, könnte ich weg von ihm.
Sie erfuhr von Gertrud, die jeden andern Tag kam, um den Vater zu sehen, dass
Daniel endlich die Kapellmeisterstelle am Teater erhalten habe. Noch beruhigter
konnte sie also ihr Vorhaben fördern, denn Schwager und Schwester lebten ja nun
in geregelten Umständen.
    Sie erinnerte sich an Gespräche mit Monsieur Rivière, in denen er ihr
oftmals geraten hatte, nach Paris zu gehen. Seit Weihnachten, wo er zur
Bescherung eingeladen gewesen, war Monsieur Rivière häufig zu Jordans gekommen,
um auf Lenores Wunsch mit ihr französisch zu sprechen.
    Eines nachmittags ging sie aus, um Rivière zu besuchen. Er hatte den
romantischesten Platz zur Wohnung gewählt, oben beim Gärtner auf der Burg. Das
Zimmer hatte einen Altan, der von Efeu und Flieder überwuchert war, und in der
Tiefe bildeten die Büsche und Bäume des Stadtgrabens ein undurchdringliches
grünes Gewirr. Die Frühlingsluft stürzte in Wellen herein, und während Lenore
ihr Anliegen hervorbrachte, heftete sie den entzückten Blick auf einen
Maiglöckchenstrauss, der in einem kupfernen Gefäss auf dem Tische stand.
    Rivière nahm eine Handvoll heraus und schenkte sie ihr; es waren noch die
Knollenwurzeln daran und Lenore lachte glücklich über den Duft.
    Monsieur Rivière sagte, er wolle sogleich an seine Mutter nach Paris
schreiben, die durch ihre Beziehungen in der Lage sei, Lenore zu nützen.
    Lenore trat auf den Altan. Die Welt ist schön, dachte sie und lächelte über
die fruchtlosen Versuche eines kleinen Käfers, an einem senkrecht hängenden
Blatt emporzuklimmen. Vielleicht war alles nur ein Traum, tröstete sie sich.
    Zu Hause traf sie Daniel beim Vater. Die beiden Männer sassen in der
Dunkelheit.
    Lenore zündete die Lampe an. Dann füllte sie ein Glas mit Wasser und stellte
die Maiglöckchen hinein.
    »Daniel fragt, warum du nicht mehr hinüber kommst,« sagte der Inspektor,
matt und zerstreut, wie er jetzt immer war. »Ich habe ihm mitgeteilt, dass du
dich mit grossen Plänen trägst. Nun, was ist denn die Meinung des Franzosen?«
    Mit halber Stimme gab Lenore Auskunft.
    »Geh du nur fort, Kind,« sagte Jordan. »Du bist schon lange reif für die
grosse Welt. Das unterliegt keinem Zweifel. Da sei Gott vor, dass ich dir
Hindernisse in den Weg lege.« Er stand schwerfällig auf und wandte sich zur Tür
seines Zimmers. Die Klinke fassend, blieb er stehen und fuhr grüblerisch fort:
»Es ist eigen, dass man so bei lebendigem Leib absterben kann. Dass man so das
Gefühl haben kann: du bist nicht mehr für die Zeit. Und dass man nicht mehr mit
kann, nicht mehr begreifen kann, nicht mehr weiss: ist es gut, ist es böse, was
da kommt. Fürchterlich ist das, fürchterlich.«
    Kopfschüttelnd verliess er das Zimmer. Daniel klangen seine Worte wie Rufe
aus dem Grab.
    Sie hatten lange geschwiegen, er und Lenore. Plötzlich fragte er schroff:
»Ist das dein Ernst mit Paris?«
    »Natürlich ist es mein Ernst,« antwortete sie; »kann ich etwas anderes tun?«
    Er sprang auf und starrte ihr zornig ins Gesicht. »Man muss sich vor sich
selber schämen,« knirschte er; »die menschliche Sprache widert einen an. Graut
dir denn nicht, wenn du denkst? Graut dir nicht vor dem Fratzending, das ihr
Herz oder Gemüt nennt oder so?«
    »Ich versteh dich nicht, Daniel,« hauchte Lenore. Nie hätte sie für möglich
gehalten, dass er ihre Reue und den Entschluss, der daraus entsprungen, nicht
guteissen könne. Also war es nicht Flamme einer einmaligen Sekunde gewesen,
nicht was sie bis jetzt gehofft, als Selbstanklage von ihm zu hören erwartet,
was sie auch sich hätte verzeihen, vergessen dürfen? Wo war sie denn? Wo lebte
sie?
    »Glaubst du, ich hab ein Spiel haben wollen?« begann Daniel wieder, indem er
sie von oben bis unten mass. »Glaubst du, man kann mit der heiligsten Natur
spielen? Hast eine gute Schule gehabt, machst deinen Lehrmeistern Ehre. Geh nur,
ich brauch dich nicht, geh nur nach Paris und lass mich verkommen.«
    Er schritt zur Türe. Er kehrte wieder um. Er nahm die Lampe, die sie beim
Anzünden aus der Hängeschale genommen und auf dem Tisch hatte stehen lassen. Die
Lampe in der Rechten haltend, trat er dicht vor sie hin. Unwillkürlich schlössen
sich ihre Augen »Ich will nur sehen, ob du's wirklich noch bist,« sagte er mit
leidenschaftlicher Verachtung. »Ja, du bist's,« höhnte er, »du bist's.« Und er
stellte die Lampe wieder auf den Tisch.
    »Ich versteh dich nicht, Daniel,« hauchte Lenore. Ihre Blicke suchten in der
Luft einen Halt.
    »Das merk ich. Gute Nacht.«
    »Daniel!«
    Aber er war schon draussen. Die Flurtür krachte ins Schloss. Dann sang die
Ödigkeit des Hauses.
    Das verschossene grüne Sofa, der uralte Rauchfleck an der getünchten Decke,
die fünf Stühle, kränklichen alten Männern ähnlich, der Spiegel mit dem
vergoldeten Gipsengel oben, all das war so ermüdend, so lästig, wie Gestrüpp im
Wald.
    Brüderlein! Brüderlein!
 
                                       4
Drei Abende in der Woche waren der Oper gewidmet, die andern Abende gehörten dem
Schauspiel.
    Der erste Kapellmeister war ein Herr in mittleren Jahren mit einem
Lockenkopf, der das Entzücken der Backfischwelt bildete. Er war faul und
ungebildet und hiess Lebrecht.
    Der Direktor war ein alter Praktikus, der vom Publikum sprach wie ein
respektloser Lakai von seinem Herrn. Für die Vorschläge Daniels zur Hebung des
Repertoires hatte er meistens nur ein Achselzucken. Die Afrikanerin, Robert der
Teufel, der Bettelstudent, Fra Diavolo, das ungefähr waren die Werke, auf deren
Zugkraft er Vertrauen setzte. Sänger und Orchester waren nicht viel besser als
bei der Wanderoper und die Möglichkeit, zu erziehen und anzufeuern, war noch
viel geringer. Eingewurzelte Rechte und Überlieferungen der Trägheit
widerstanden jeder Neuerung.
    Findet man ängstliche Philister und arbeitsscheue Brotsitzer dort, wo die
Kunst ihre Stimme erheben soll, so gibt es keinen Aufschwung mehr, sondern nur
noch bürgerliche Pflichten. Da welkt die Blüte, da verkümmert der Traum, da muss
der freigeborene Geist gegen alle Dämonen der Kleinlichkeit und Mittelmässigkeit
in Waffen stehen, oder er wird niedergeschlagen.
    »Leichtverdauliche Kost, mein Lieber, das ist die Hauptsache,« sagte der
Direktor.
    »Was legen Sie sich so ins Zeug? Die guten Leutchen haben ja doch keinen
Dunst,« sagte Herr Lebrecht.
    »Seit neun Jahren sing ich an dieser Stelle Fis und werde mir nicht von
einem hergelaufenen Musikanten befehlen lassen, auf einmal F zu singen,« sagte
Fräulein Varini, die Primadonna, deren ungeheurer Busen für die Augen der
Galerie und des Parketts ein Gegenstand des Genusses war.
    »Ein Streber,« sagte der erste Geiger.
    »Ein Hitzkopf,« sagte das Jüngelchen, das die Pauke schlug, nachdem es bei
einem falschen Einsatz von Daniel mit einer Maulschelle bedroht worden war.
    Die Freifrau hatte ihm für einen Zyklus von sechzehn Liedern einen Leipziger
Verleger gewonnen, der die Kompositionen auf ihre Kosten stechen liess. Das gab
die rechte Freude nicht. Es war nichts Errungenes und Bezwungenes. War ihm doch,
als schenke er selbst damit; und wurde nun beschenkt; und sollte am Ende gar
noch danken. Die Freifrau liebte Dank. Sie ahnte kaum, dass er nicht Wohltäter
suchte, sondern Ergriffene. Die Reichen spüren die Armen nicht; die Oberen
spüren die Unteren nicht.
    Die Reizbarkeit seines Wesens bewahrte ihn. In der herrlichen Angst um die
Sendung, die das Zeichen und der Fluch der Gesandten ist, schloss er sich aus von
einer Welt, von der er Brot haben wollte; nur Brot und sonst nichts.
    Als die Lieder erschienen waren, stand im »Phönix« eine Kritik, die für die
Ohren der Unsachlichen sachlich klang, in Wirklichkeit aber nicht viel anderes
war als ein heimtückischer Mord. Das Elaborat war mit dem Buchstaben W
unterzeichnet. Wurzelmann, das Knechtlein, schoss aus dem Hinterhalt.
    Andere Fachzeitungen druckten das Urteil nach. Ein halbes Dutzend Personen
kaufte die Lieder, dann wurden sie vergessen.
    Es war nichts zu hoffen. Nur Brot musste beschafft werden, nur Brot.
 
                                       5
Schwer war es oft, Arbeitsruhe zu gewinnen. Der Mai brachte kalte Tage, es musste
geheizt werden, der Ofen rauchte. Der Hafner kam, die Kacheln wurden entfernt,
die Stube glich einer schmutzigen Hölle.
    Gertrud klopfte Zucker. »Sei mir nicht bös, Daniel, ich muss den Zucker heute
klopfen.« Und sie klopfte, dass der Hammer bis ins Gehirn des gelähmt Lauschenden
drang.
    Die Tür kreischte in der Angel. »Du musst sie ölen, Gertrud.« Gertrud suchte
die Ölflasche in allen Winkeln und als sie sie endlich gefunden hatte, fehlte
eine Feder zum Schmieren. Sie holte sich eine von der Magd der Kanzleirätin,
indessen lief die Milch über, die sie zum Kochen hingestellt hatte, und der
Gestank verpestete das Haus.
    Es läutete. Der Schuster war es, der das Geld für die Lackstiefel haben
wollte. Die Hofrätin Kirschner sowohl wie die Notarin Rübsam hatten gesagt, er
könne bei der bevorstehenden Aufführung im Hause der Freifrau ohne Lackstiefel
nicht erscheinen.
    »Ich hab das Geld nicht, Gertrud; hast du noch so viel?«
    Gertrud stöberte in ihrem Schränkchen und fand noch sechs Mark. Fünf davon
gab sie dem Schuster als Abzahlung. Der Mann brummte und Daniel verbarg sich vor
ihm.
    Gertrud sass im Wohnzimmer und nähte an der Wäsche für das Kind. In ihrem
Gesicht war ein freudiger Ausdruck. Daniel wusste wohl, dass es die Mutterfreude
und -erwartung war, aber da er diese Freude nicht teilen konnte, sondern eher
Furcht vor dem Erscheinen des Kindes empfand, verstimmte ihn ihr Glück.
    Zwischen den Fuchsienstöcken am Fenster stand ein Rotkehlchen und guckte mit
zur Seite geneigtem Kopf in die Stube. »Komm heraus,« piepste es. Und Daniel
ging fort.
    Er hatte sich im Caféhaus am Markt mit Monsieur Rivière verabredet. Da er
Lenore nicht mehr zu Gesicht bekam, wollte er ihn fragen, wie es mit dem Pariser
Projekt stehe.
    Der Franzose erzählte von den Ergebnissen seiner Caspar-Hauser-Forschungen.
In seinem gebrochenen Deutsch liess er sich über den Leibes- und Seelenmord
vernehmen, der an dem Findling begangen worden. »Er war ein Mensch comme une
étoile,« sagte er; »die Bürgerwelt hat ihn zerschmettert. Die Bürgerwelt ist die
racine von alles Böse.«
    Daniel brachte Lenores Namen nicht über die Lippen. Er wollte sich damit
abfinden, dass sie sich ihm entzog. Er biss die Zähne zusammen und sagte sich: ich
will. Aber ein Stärkeres in ihm wollte nicht. Und dieses Stärkere wurde zum
Bettler. Gib mir, bettelte es, gib mir.
    Die Billardbälle klapperten. Ein sammetröckiger Herr hatte einen lauten Zank
mit einem schäbigen Männchen, das seit zwei Stunden die »Fliegenden Blätter«
las, immer wieder von vorn anfing und bei denselben Witzen immer wieder von
leisen Lachkrämpfen geschüttelt wurde.
    Da Daniel schwieg und schwieg, fragte ihn Rivière nach der Harzreise und
äusserte schüchtern den Wunsch, etwas zu hören. »Sans la musique, la vie est
insupportable,« sagte er, »es hat etwas wie Wahnsinn.« Es gäbe Nächte, wo er ein
Heft mit Schubertschen oder Brahmsschen Liedern aufschlage und Noten stammle,
Melodien lalle, um nicht der Verzweiflung zu unterliegen, mit der ihn das Leben
erfülle, das die Menschen führten. »Ick sollte sein Stoiker,« schloss er, »aber
ick bin es nicht. In mir ist trop de musique, et c'est le contraire.«
    Daniel sah ihn gross an. »Kommen Sie mit,« sagte er plötzlich, stand auf und
packte ihn am Arm.
    Im Flur des Hauses begegneten sie Lenore, die mit dem Tünchermeister oben in
der neuen Wohnung gewesen war. Am andern Tag sollte schon der Umzug sein.
    »Wieso hat sich denn das so schnell gemacht?« fragte Daniel, voll von einem
unbestimmten Glück, das seine Nahrung aus Lenores sichtlicher Erregung zog.
    »Zufall,« antwortete sie und vermied es, ihn anzuschauen. »Ein Hauptmann,
der aus Regensburg hierher versetzt worden ist, zieht drüben ein. Es ist
traurig, die guten alten Stuben verlassen zu müssen. Eine Menge Sachen holt der
Trödler, in den zwei Kammern oben ist kein Platz. Wie geht's der Gertrud? Kann
ich ein wenig zu ihr hinauf?«
    »Geh nur mit uns,« sagte Daniel steif, »du kannst zuhören, wenn du Lust
hast. Ich spiele die Harzreise vor.«
    »Lust? Ich hab fast ein Recht darauf; du hast es mir lang schon
versprochen.«
    Am Ende denkt sie, ich will sie fangen, grübelte er selbstquälerisch;
besser, ich lass es ganz, als dass sie sich in ihrem dummen Weiberschädel
einbildet, mein Werk soll unsere Privatgeschichten fördern. Mit gesenktem Kopf
stieg er vor Rivière und Lenore die Treppe hinauf, angespannt horchend, ob nicht
das Wort Paris über ihre Lippen kam. Doch sie sprachen vom Wetter.
    Als sie in die Wohnstube traten, hatte Gertrud die Harfe zwischen den Knien.
Aber sie spielte nicht. Ihre Hände lagen an den Saiten, ihr Kinn war auf den
Rahmen gestützt. »Warum machst du denn kein Licht?« fuhr Daniel sie gereizt an.
    Sie erschrak und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht. Der Blick brachte ihm
vieles zu Bewusstsein, was er in den alltäglichen Stunden seinen Gedanken
unterschlug; ihr unbedingtes Fürihnsein; die edle Grösse ihres Herzens, dessen
Hoffen und Fürchten von seinem so abhängig war wie die Bewegung des Quecksilbers
im Termometer von der Atmosphäre; ihre stumme Opferfähigkeit bei all den
tausend kleinen Dingen des Lebens; ihr verwundbares Gemüt und ihre Kraft, Wunden
zu verheimlichen; ihre fast übersinnliche Gabe, mitzuschwingen, wenn sein Geist
Tiefstes an Höchstes zu binden sich vermass.
    Darum erkannte er in ihrem Blick etwas wie eine ernste, ferne Warnung. Feig
und ehrfürchtig zugleich, schuldbewusst und ungeduldig zugleich, ging er hin und
küsste sie auf das Haar. Sie lehnte flüchtig die Stirn an seine Brust und da er
die ganze Last, die sie ahnungslos ihm aufbürdete.
    Er sagte ihr, dass er spielen wolle. Er sagte: »Ich hab mein Bild wieder
einmal verloren und will's in andern suchen.«
    Gertrud bat ihn mit blassem Gesicht, hier im Wohnzimmer bleiben zu dürfen,
und sie lehnte die Türe nur an.
 
                                       6
Es liegen in den Goeteschen Versen, die den Titel »Harzreise im Winter« führen,
Gedanken wie Felsblöcke und Empfindungen so schauerlich und gross wie das Flammen
aufgehender Sternenwelten. Die ungeheure Schmerzgewalt, die ungeheure
Erhabenheit schien sich in Daniels Werk wie von selbst in Musik verwandelt zu
haben.
    Wenn in der zweiten Hälfte die Motive von Menschenstimmen übernommen wurden,
diese Stimmen erst einzeln aus dem brodelnden Tonmeer drängten, dann immer
williger, sehnsüchtiger, offenbarender sich zum Chor sammelten, war es, als
müssten sie ohne diese Befreiung in der Finsternis ersticken.
    Erschütternd klang das Pianissimoraunen der Bässe, bevor der Sopran
einsetzte: dem Geier gleich, der auf schweren Morgenwolken mit sanftem Fittich
ruhend nach Beute schaut, schwebe mein Lied; ein Siegesruf war das Posaunensolo,
das dem versunkenen Orchester neues Leben wies.
    Daniel hatte grosse Mühe, dies alles durch Gesang, Wort und Gebärde neben
seinem Spiel begreiflich zu machen.
    Das Werk war voll von den Brechungen und Halbtönen, die es trotz des
strengen Baues zum Kinde seiner Zeit, und mehr noch einer werdenden Zeit,
stempelte. Es hatte keinerlei erschlossene Süssigkeit; es war rauh wie die Rinde
der Bäume, wie alles, was mit der Zuversicht innerer Dauer geschaffen wird.
    Sein Rhytmus war einförmig, nur auf Steigerung berechnet. Es hatte nichts
von Verführung, nichts von Tanzgelüsten, keine Billigkeit, nichts was trägem Ohr
schmeichelt. Keinen Schmelz, nur Fülle und Äusserstes; die Melodie verborgen wie
der Kern in harter Schale und nicht bloss verborgen, sondern zerteilt und immer
wieder zerteilt; hinabgepresst, unterirdisch gebunden, um nur ein einziges Mal
überwältigend emporzusteigen, emporzujubeln: Aber den Einsamen hüll' in deine
Goldwolken! umgib mit Wintergrün, bis die Rose wieder heranreift, die feuchten
Haare, o Liebe, deines Dichters!
    Es war um fünfundzwanzig Jahre zu früh geboren. Es hatte keine Beziehung zu
den Nerven seiner Umwelt; es konnte auf keinen Verkündiger, keinen Versteher
zählen, nicht weiter getragen werden durch das Wohlwollen Gleichfühlender; das
Merkmal tödlicher Verlassenheit haftete ihm an; es glich einem tropischen Vogel,
der an der Eisküste Grönlands ausgesetzt worden ist.
    Aber für die herzlich Nahen ist ein Fluidum in der Luft, das die höhere
Wahrheit vermittelt. Monsieur Rivière und Lenore sassen kaum atmend da. Lenores
grosse Augen waren unendlich still und schlossen und öffneten sich langsam. Als
Daniel zu Ende war, mit dem Taschentuch die nasse Stirn trocknete und dann die
Arme schlaff hängen liess, war es ihm, als ob der Glanz ihrer Augen bis an seine
Haarspitzen dringe und sie elektrisiere.
    Umgib mit Wintergrün, bis die Rose wieder heranreift, die feuchten Haare, o
Liebe, deines Dichters.
    »Man kann keine Vorstellung davon geben,« murmelte Daniel, »das Klavier ist
wie ein spanischer Stiefel.«
    Da vernahmen sie aus dem Wohnzimmer eigentümliche Laute. Sie gingen hinein
und sahen Gertrud, die sehr bleich war und mit über der Brust gekreuzten Händen
auf dem Sofa sass und halb wie aus dem Traum, halb wie eine Betende vor sich
hinredete. Man konnte nicht verstehen, was sie sagte; sie schien abgewandt und
fern.
    Lenore eilte zu ihr hin, Daniel betrachtete sie düster, indessen läutete es
draussen und Monsieur Rivière ging hinaus. Eine gilfende Männerstimme erschallte,
die Tür wurde aufgetan, und Herr Carovius trat ein.
 
                                       7
Herr Carovius verbeugte sich nach allen Seiten. Er trug gelbe Schuhe mit
Messingschnallen, schwarze Hosen, einen grünlich schimmernden Rock und eine
nicht mehr ganz weisse Krawatte. Seinen Schlapphut legte er auf einen Stuhl und
sagte, er bitte um Verzeihung, falls er ungelegen komme, aber er habe seinem
lieben jungen Meister für die bewusste Einladung danken wollen.
    »Mir scheint, mir scheint,« fügte er mit neckischem Augenzwinkern hinzu,
»ich habe da in aller Unschuld eine interessante Produktion gestört. Unten vor
dem Hause stehen die Leute, und ich habe mirs gleichfalls nicht versagen können,
zu horchen. Es wird ja nicht abgesammelt, hihihi. Hoffentlich unterbrechen Sie
das Opferfest meinetwegen nicht. Was haben Sie denn zum besten gegeben, Maestro?
Doch nicht etwa die Symphonie?«
    »Ja, die Symphonie,« antwortete Daniel, der aus lauter Verblüffung über das
Erscheinen und das Benehmen des Herrn Carovius höflich war.
    »Hat mich schon Geld gekostet, die Symphonie, mögen Sie's glauben oder
nicht; einen Gehrock wie für einen Marquis, neuester Schnitt, Sammetkragen,
Schösse bis an die Waden. Höchst vornehm, höchst vornehm.« Er stierte über
Gertruds Kopf hinweg in die Ecke und kicherte mindestens eine Viertelminute
lang.
    Niemand antwortete. Alle sahen dumm und bestürzt aus.
    »Mein Gott, die gesellschaftliche Pflicht,« fuhr Herr Carovius fort; »man
ist doch kein Hinterwäldler. Die Musik soll ja den Menschen auch äusserlich
veredeln. Übrigens, es geht das Gerücht, dass es eine Symphonie mit Chören ist.
Wie sind Sie denn auf den Einfall geraten? Die Lorbeeren der Neunten lassen Sie
wohl nicht schlafen? Hatte mir gedacht, Sie scheren sich den Teufel um
klassische Vorbilder. Man ist ja jetzt ganz auf das musikalische Säuglingsgelall
versessen, Wagelaweia und so. Aber das ist nur ein Übergang, wie der Fuchs
sagte, als er geschunden wurde.«
    Er nahm den Zwicker ab, putzte ihn hastig, nestelte am Kettchen und setzte
ihn wieder auf. Nachdem er so Zeit gewonnen hatte, begann er sich über den
Verfall der Künste zu verbreiten, erkundigte sich bei Daniel, ob er etwas von
einem gewissen Hugo Wolf gehört habe, der jetzt von sich reden mache und hinten
im dunkelsten Österreich Lieder fabriziere wie ein Hottentott, schimpfte über
einen neuen Brunnen, der auf dem Plärrer errichtet werden sollte, erzählte, dass
im Kulturverein eine Grotesk-Tänzer-Pantomimengesellschaft auftrete, dass er auf
dem Herweg die Entdeckung gemacht, es gebe in der Stadt eine Leihanstalt für
Kartoffelsäcke und dass in Konstantinopel eine schreckliche Feuersbrunst gewütet
habe.
    dabei schaute er Daniel und Monsieur Rivière an, bald den einen, bald den
andern, hielt die Knurrlaute des einen und die verlegenen Blicke des andern für
ermunternd genug, um sein Geschwätz fortzusetzen, rückte an seinem Zwicker,
schneuzte sich, strich die ohnehin glatten Haare noch glatter, rieb die Hände
umeinander, als ob er sich in besonderer Weise angeheimelt fühle, und kicherte,
wenn in seinem Redefluss eine Pause entstand.
    Auf Gertrud heftete er nur hie und da einen verstohlenen Blick, der sich
gleich darauf zurückzog wie der Arm eines Diebes, der sich beobachtet glaubt;
Lenore schien überhaupt nicht für ihn vorhanden zu sein. Als sie endlich
aufstand, gepeinigt von seinem Wesen, von der Zerstörung des eben erlebten
Eindrucks durch seine Gegenwart, seine herausfordernden, platten, grundlos
hämischen, grundlos süsslichen Phrasen, erhob er sich gleichfalls, zog
erschrocken die Uhr, bat, seinen Besuch wiederholen zu dürfen und empfahl sich
mit einem lächerrlich altmodischen Bückling von Gertrud, mit vertraulichem
Händeschütteln von Daniel und mit unsicherer Höflichkeit von dem Franzosen.
Lenore schien er wieder zu übersehen.
    Draussen auf der Stiege blieb er stehen, nickte mehrmals mit dem Kopfe und
sagte mit einem fast irren Grinsen in die leere Luft hinein: »Auf Wiedersehen,
Schönste. Auf Wiedersehen, Allerschönste. Gehab dich wohl, mein Engel, vergiss
mich nicht.«
    In der Stube drinnen flüsterte Lenore beklommen: »Was war das? Was war das?«
 
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Um Lenore beim Umzug zu helfen, stellte sich Philippine Schimmelweis ein. Zuerst
befremdet, war Lenore schliesslich des Beistands froh. Der Inspektor nahm kaum
irgendwelchen Anteil an einem Vorgang, der ihm als letzte, alle Hoffnung
vernichtende Niederlage erschien.
    Auch an den folgenden Tagen kam Philippine, und allmählich wurde es ihr zur
Regel, jeden Tag ein paar Stunden im Haus zu verbringen, entweder bei Lenore
oder bei Gertrud unten, so lange diese in der Küche zu tun hatte. Man gewöhnte
sich an ihren Anblick und duldete sie. Sie bemühte sich, geräuschlos zu sein und
hatte die Miene eines Menschen, der ein wichtiges, aber noch nicht gewürdigtes
Amt versieht.
    Sie studierte das Haus. Sie kannte alle Räume. Am liebsten kam sie um die
Dämmerungszeit. Dann sagte sie zu Lenore, sie habe auf der Treppe einen
geheimnisvollen Kerl gesehen. Lenore holte die Kerze und sah nach, aber da war
nichts zu finden. Dennoch behauptete Philippine steif und fest, es sei einer
dagestanden in einem grünen Kamisol und habe ihr eine Nase gedreht.
    Der Dachboden lockte sie vornehmlich. Sie erzählte in der Nachbarschaft, dass
eine Eule droben sässe. Infolgedessen geschah es, dass die Kinder, die ringsum
wohnten, das Haus zu fürchten begannen, und dass die Kanzleirätin im ersten
Stock, durch die Gerüchte verängstigt, ihre Wohnung kündigte.
    Die neue Inspektorswohnung hatte kein Schutzgitter. Man trat von der Stiege
unmittelbar in Lenores Kammer, wo sie schlief und arbeitete. An diese Kammer
stiess die ihres Vaters. Die Leute nannten ihn noch immer Inspektor, obwohl er
keine Inspektorstelle mehr hatte.
    Den ganzen Tag blieb er bei geschlossenen Fenstern in seiner engen Kammer,
deren eine Wand geneigt war. Wenn ihm Lenore das Frühstück brachte oder ihn zum
Mittagessen rief, das sie in der verschlagartigen, winzigen Küche aufgewärmt und
in ihrem gleichfalls winzigen Stübchen angerichtet hatte, sass er am Tisch und
hatte viele Blätter vor sich liegen, alte Rechnungen und alte Briefe. Und sie
lagen immer in derselben Ordnung da.
    Einmal trat sie unerwartet ein, ohne zu klopfen, da schloss er hastig den
Schrank zu, steckte den Schlüssel in die Westentasche und versuchte in einer
Weise harmlos zu lächeln, die Lenores Herz stocken liess.
    Erst wenn es dunkel war, ging er aus, und wenn er heimkehrte, trug er
manchmal ein Paket unterm Arm, das er mit in seine Kammer nahm.
    Anfangs war Lenore immer unruhig, wenn sie fortgehen musste. Da bat sie
Philippine, sie möge acht geben und keinen Fremden hereinlassen. Philippine
hatte eine Schachtel mit Bändern in Lenores Kommode stehen; sie stellte einen
Stuhl neben die Tür, die zur Kammer des Inspektors führte, und wenn ihre Hände
müd waren vom Wühlen in den Bändern und ihre Augen sich gesättigt hatten an der
Buntfarbigkeit, presste sie das Ohr an die Türe, um zu lauschen, was der alte
Mann trieb.
    Bisweilen hörte sie ihn sprechen. Es war, als rede er mit einem Menschen.
Seine Stimme klang mahnend, ja auch zärtlich. Da erzitterte Philippine vor
Furcht und Grauen. Einmal drückte sie die Klinke herab und wollte leise die Tür
öffnen, um hineinzuspähen, aber zu ihrem Ärger war das Schloss drinnen
verriegelt.
    Bei Gertrud verrichtete sie kleine Handreichungen und lief zum Krämer oder
zum Bäcker. Gertruds Beweglichkeit nahm zusehends ab, das Stiegensteigen fiel
ihr schwer, und Philippine ersetzte ihr beinahe eine Magd. Nur solche Dienste,
bei denen ihre Kleider schmutzig werden konnten, verweigerte sie. Gertruds
scheue Zurückhaltung verdross sie oft und, eines Tages fragte sie bissig: »Gell,
Sie sind recht stolz? Sie mögen mich wohl nit leiden, gell?« Gertrud sah sie
verwundert an und wusste keine Antwort.
    Vor Daniel verkroch sich Philippine, sobald sie nur seinen Schritt hörte.
Gewahrte er sie dann doch, so zuckte er die Achseln über das Gestell, wie er sie
geringschätzig nannte. Aber es wollte ihm scheinen, als ob es nicht ungefährlich
sei, sie schlecht zu behandeln, und als ob sie sich's verdient hätte, dass man
sich ihre unerklärliche Beflissenheit, gefällig zu sein, gefallen liess.
    So überwand er sich einmal und gab ihr die Hand, zog sie aber gleich darauf
erschrocken zurück, denn etwas so Glitschiges und Froschhaftes glaubte er vorher
nie berührt zu haben. Philippine tat, als habe sie nichts bemerkt, doch kaum war
er ins Zimmer gegangen, so wandte sie sich mit diabolisch glimmenden Augen zu
Gertrud und rief mit ihrer ordinären Stimme: »Gottich, der Daniel hat's aber
gnädig! Hat's der aber gnädig! Kein Wunder, dass ihn die Leut nicht ausstehen
können. So gnädig!«
    Als sie sah, dass Gertrud die Brauen zusammenzog, drehte sie sich mit einem
plumpen Schwung auf dem Absatz herum und schrie wie besessen: »Oi, Gertrud! ioi!
Der Braten brennt an! Der Braten brennt an!«
    Es war falscher Alarm. Der Braten schmorte ganz friedlich in der Pfanne.
 
                                       9
An einem stürmischen Spätnachmittag im Juni kehrte Daniel von der letzten Probe
zur »Harzreise« müde und verstimmt heim. Die Proben waren in einem kleinen Saal
im Weirautersgarten abgehalten worden. Nach und nach hatte er sich mit
sämtlichen Musikern und sämtlichen Sängern und Sängerinnen überworfen.
    Als er auf den Egydienplatz kam, rieselte auf einmal ein Schauder über
seinen Körper. Er musste die Hand über die Augen legen und im Gehen innehalten.
Er glaubte sterben zu müssen vor Sehnsucht nach etwas Jungfräulichem, das er
verscherzt hatte.
    Er ging die Stiegen hinauf, ging an seiner Wohnung vorüber und erklomm die
finstere Treppe zur Inspektorswohnung.
    Sein Blick fiel in den Bretterverschlag, in dem sich der Herd befand und das
Kupfergeschirr an der Wand glänzte. Dort sass Lenore, den Arm auf das
Fensterbrett, den Kopf in die Hand gestützt, in tiefem Sinnen eigentümlich
kraftvoll ruhend. Ihr Gesicht war abgekehrt gegen die steile Senkung eines
Daches, uraltes Fachwerk, graue Mauern, erblindete Fensterscheiben und
verfallene Holzgalerien, über denen die Stille und ein wolkenbedecktes
Himmelsquadrat lag.
    »Guten Abend,« sagte Daniel, aus dem Dunkel in das Halbdunkel tretend; »was
tust du da, Lenore, was denkst du?«
    Lenore fuhr zusammen. »Ach, du bist es, Daniel? Du lässt dich auch einmal
sehen? Und fragst, was ich denke; gleich so neugierig! Willst in mein Zimmer
kommen?«
    »Nein, bleib nur,« antwortete er und hinderte sie durch eine Berührung der
Schulter am Aufstehen. »Ist der Vater zu Hause?«
    Sie nickte. Er zog ein schmales Bänkchen, von dem er die Kaffeemühle und
einen Trichter wegnahm, an das Anricht und setzte sich in die grösstmögliche
Entfernung von Lenore, wobei sie einander immer noch so nahe waren, als hätten
sie sich in einer Kutsche gegenüber gesessen.
    »Wie geht's dir?« fragte sie befangen, mit einem Blick ohne Wärme.
    »Du weisst doch, dass ich auf eine durchlöcherte Trommel schlage, Lenore.« Und
nach einer Pause fügte er hinzu: »Aber was die Menschen auch tun und unterlassen
mögen, zwischen uns zweien muss es ins Klare kommen. Gehst du nach Paris?«
    Sie schwieg und senkte den Kopf. »Ich könnte gehen, es steht nichts mehr im
Weg,« sagte sie dann leise zögernd. »Doch du siehst ja ungefähr, wie ich bin.
Ich bin nicht mehr so ... so wie früher. Früher hätte ich gedacht, wunder was
für ein Glück das ist, jemand, dem ich mich dort anvertrauen kann und der sich
für mich interessiert. Hätt mich nicht lang besonnen. Und wenn ich gehe, was
wird damit klar? Und was wird klar, wenn ich bleibe? Ich hab dir schon neulich
gesagt: ich versteh dich nicht, Daniel. Wie entsetzlich ist jedes Wort davon!
Was willst du nur? Was soll denn daraus werden?«
    »Erinnerst du dich an Bendas letzten Brief, Lenore? Du selbst hast ihn mir
gebracht, und ich war nachher wie ausgewechselt. Er schrieb mir damals, wie wenn
er von Gertrud nichts wüsste, ich solle nicht an dir vorübergehen. Wir beide
seien füreinander bestimmt wie nichts auf der Welt, schrieb er. Du musst dich
doch erinnern, wie ich darnach war. Und schon vorher, erinnerst du dich, wie du
am Hochzeitstag den Myrtenkranz aufgesetzt hast? Da hab ich gewusst: alles
verloren, alles hin. Aber nein, vorher noch, wie das Fräulein Sylvia von Erfft
deine Haut gehabt hat, deine Gestalt, deine Haare und deine Hände! Und vorher,
vorher. Wenn du im Wald mit Benda gegangen bist und ich hinterdrein, und es war
mir so was Liebes, deinem Gehen zuzuschauen, nur wusst ich's nicht. Und wenn du
ins Zimmer gekommen bist dort in der langen Zeile und die Gipsmaske gestreichelt
hast und am Klavier gesessen bist und die Wange aus Holz gelehnt hast, wie mir
das unentbehrlich war, tief drinnen unentbehrlich, nur wusst ich's nicht, wusst es
nicht.«
    »Es mag nun gewesen sein, wie es will, es ist eben gewesen,« erwiderte
Lenore mit angehaltenem Atem, und eine Röte, die sie quälte, überflutete ihr
Gesicht, um erschreckend schnell wieder der Blässe zu weichen.
    »Glaubst du, ich bin einer, der sich mit Gewesenem abfindet? Jeder Mensch,
Lenore, ist sich sein Glück schuldig und kann es erringen, wenn er dazu
entschlossen ist. Erst, wenn er's versäumt hat, macht ihn das Schicksal zum
Hund.«
    »Das ists eben, was ich nicht begreife,« sagte Lenore und blickte ihm mit
heiterer Freiheit ins Gesicht. »Es drückt mir ja das Herz ab, dich so im
Selbstbetrug und hässlichen Trotz zu wissen. Wir beide können doch nicht eine
Schlechtigkeit begehen, Daniel, das ist doch ganz unmöglich, nicht wahr?«
    Erregt beugte sich Daniel näher zu ihr hin. »Weisst du denn, wo ich stehe?«
fragte er, und die blauen Adern an seinen Schläfen schwollen an; »ich will dir's
sagen. Ich stehe auf einem morschen Brett über einem Abgrund. Rechts und links
von demselbigen Abgrund sind lauter blutgierige Wölfe. Ich habe nur die Wahl,
entweder in den Abgrund hineinzuspringen oder mich von den Wölfen zerreissen zu
lassen. Wenn nun so ein Wesen durch die Lüfte herunterschwebt, so ein
Flügelwesen wie du, und kann einen nach oben retten, gibts da ein Bedenken?«
    Lenore verschränkte die Arme über der Brust und schloss die Augen halb. »Ach
nein, Daniel,« sagte sie wie begütigend, »da übertreibst du wirklich. Da siehst
du zu weiss und zu schwarz. Ein Flügelwesen, ich? Wo wären Flügel an mir? Und
Wölfe? All die unbedeutenden närrischen Leutchen - Wölfe? Ach nein. Und
blutgierig! Geh doch zu!«
    »Zertritt mir nicht mein Gefühl, Lenore!« rief Daniel mit unterdrücktem Ton
und leidenschaftlicher Wildheit; »zertritt mir nicht mein Gefühl, denn sonst
besitz ich nichts. So kannst du nicht denken, so nicht empfinden, so lau, so
flau, so gemein. Oberstimme! Oberstimme! besinn dich doch! Siehst du nicht, wie
sie mir die Zähne weisen? Hörst du nicht ihr Geheul bei Tag und Nacht? Kannst du
sie gut nennen oder mitleidig? Oder sind sie willig, wenn einer kommt, um gut
und gross zu sein? Glaubst du an einen, an einen einzigen unter ihnen? Haben sie
nicht sogar deinen süssen Namen begeifert? Ist ihnen etwas heilig von dem, was
dir oder mir heilig ist? Werden sie durch deine oder meine oder irgendeines
Menschen Not um Millimetersbreite von der Stelle gerückt? Klebt nicht an jedem
ihrer Mäuler der Schlamm der Verleumdung? Ist ihnen nicht dein Lachen ein Dorn
im Auge? Neiden sie mir nicht den bittern Bissen, um den ich mich schinde, und
die Musik, die ihnen unbegreiflich ist und die sie hassen, weil sie ihnen
unbegreiflich ist? Müsst ich nicht Steine klopfen oder Latrinen säubern, wenn es
nach ihrer Herzenslust ginge, weil sie mir mein Leben nicht verzeihen und das,
was mein Leben ausmacht -? Und das keine Wölfe? Das keine Wölfe? Sag mir, dass du
vor ihnen Angst hast, sag mir, dass du sie nicht auf dich hetzen willst, aber sag
mir nicht, dass du eine Schlechtigkeit begehst, wenn ich dich zu mir rufe, dich
mit deinen Flügeln, und du kommst.«
    Seine Arme lagen, ausgestreckt nach ihr, auf der Platte des Küchentischs und
bebten bis in die Fingerspitzen.
    »Die Schlechtigkeit, Daniel,« flüsterte Lenore, »die hat doch nichts mit
denen zu tun, die begingen wir doch gegen die höhere Sitte, gegen unser inneres
Gefühl von Brauch und Ehre ...«
    »Falsch,« zischte er, »falsch. Das haben sie dir weisgemacht. Das haben sie
Jahrhunderte und Jahrhunderte lang in dich und deine Mutter und deine
Muttersmutter und deine Urmütter hineingepredigt. Falsch. Lüge. Alles Lüge. Mit
dieser Lüge stützen sie ihre Macht, schützen sie ihre Organisation. Wahrheit
dagegen ist, was das Herz erfüllt, was Freude schafft, was mich weiterbringt.
Wahrheit ist, was die Natur gebietet, und der Gehorsam gegen die Natur. Wahrheit
ist in deinen Sinnen, Mädchen, in deinen geknebelten Sinnen, in deinem Blut und
in dem Ja, das dir deine Träume sagen. Freilich weiss ich nur zu gut, dass sie
ihre Lüge brauchen, denn sie müssen organisiert sein, die Wölfe, sie müssen ein
Rudel sein, denn sonst sind sie nichts. Ich aber hab nur meine Wahrheit; auf
meinem Brett über dem Abgrund nur meine Wahrheit.«
    »Deine Wahrheit,« sagte Lenore; »deine. Das ist aber nicht meine.«
    »Nicht, Lenore? Nicht deine? Wozu spräch ich dann mit dir? Und wenn alles
andere Irrtum und Schwindel ist, davon bin ich überzeugt wie vom Licht meiner
Augen, dass es deine ist.«
    »Du kannst dich doch nicht gegen die ganze Welt stellen,« brach es aus
Lenores beengter Brust, »du bist doch auch drinnen in der Welt.«
    »Ja, gegen die Welt will ich mich stellen,« antwortete er, »eben dazu bin
ich entschlossen. Ihre Münze zahl ich ihr zurück. So wie sie gegen mich steht,
so steh ich gegen sie. Ich bin kein Verträgemacher, bin kein Händler, bin kein
Bettler. Ich lebe nach meinem Gesetz. Ich muss, wo alle bloss sollen oder dürfen
oder nicht dürfen. Wer das nicht fasst, mit dem hab ich nichts gemein.«
    Ihr graute vor der Vermessenheit seiner Worte, doch regte sich in ihr etwas
wie Jubel und Stolz, und die Lust regte sich, für ihn zu sein, mit ihm zu sein.
Bäumte er sich auf wider die Gewalt, die ihn vernichten musste, so tat er es doch
um ihretwillen, und so glaubte sie nicht das Recht zu haben, sich ihm zu
entziehen. Was sie wunderlich beruhigte, zugleich schlaff machte und hinriss, war
die Glut und die Unbeirrbarkeit seines Willens und seines Gefühls.
    Aber da begegneten sich ihre Blicke, und im Auge eines jeden war der Name
Gertrud zu lesen.
    Gertrud stand ja lebendig zwischen ihnen; alles, was sie gesprochen hatten,
war von Gertrud ausgegangen, ging zu Gertrud zurück. Dass Daniel an die Lösung
seiner Ehe nicht dachte, nicht denken konnte, das wusste Lenore. Ein Kind sollte
kommen; wie war es möglich, die Mutter zu verstossen? Wie war es möglich, bei der
Dürftigkeit der Umstände, Mutter und Kind dem Elend preiszugeben? Hierzu war
Daniel nicht fähig, das wusste Lenore.
    Doch wusste sie auch, sie kannte ihre Schwester gut genug, um dies zu wissen,
dass eine Trennung von Daniel so viel hiess, wie Gertrud töten. Sie wusste ferner,
dass Daniel sich in seiner Ehe für unverbrüchlich gebunden hielt, nicht nur wegen
seiner Kenntnis von Gertruds Charakter, sondern auch, weil in seiner Ehe mit
Gertrud etwas entalten war, unabhängig von Leidenschaften, Einsichten und
Entschlüssen, etwas, das sogar im Hass noch fesselt und in der Verzweiflung
kittet.
    Dies alles wusste sie. Und sie wusste, dass Daniel es wusste. Und wenn sie nun
die einzig mögliche Folgerung aus seinen Worten und aus seiner Seelenverfassung
zog, so wusste sie auch, was er von ihr verlangte.
    Er verlangte von ihr, dass sie sich opfern solle. Darüber gab es keinen
Zweifel mehr.
    Wie aber opfern? In Heimlichkeit? Konnte daraus ein Glück erwachsen? Mit
Gertruds Einverständnis? Konnte Gertrud dies ertragen, selbst wenn sie grossmütig
war wie eine Heilige? Wo gab es da einen Weg? Wo drohte nicht Verwirrung, Angst
und Untergang?
    Sie beugte das Gesicht nieder und bedeckte es mit den Händen. Lange sass sie
so. Über die Dächer draussen senkte sich die Dämmerung.
    Plötzlich richtete sie sich auf, streckte ihm die Hand hinüber, lächelte mit
Tränen in den Augen und sagte mit einem letzten Versuch, dem Ungeheuren zu
entgehen, mit einer wunschdurchflammten Eindringlichkeit und einer ergreifenden
Schelmerei in der Stimme: »Brüderlein ...«
    Er schüttelte traurig den Kopf, nahm aber ihre Hand und hielt sie zart
zwischen seinen beiden.
    Da verdunkelte sich ihr Gesicht wie eine Landschaft beim Anbruch der Nacht.
Ihr abgewandter Blick sah die Bäume eines grossen Gartens, sah ein hässliches,
krankes Weib unter einer Hecke und sah zwei kleine Mädchen, die sich fürchteten
und zukunftsbang in die untergehende Sonne schauten.
    Ein Geräusch liess sie und Daniel zusammenfahren. Auf der Schwelle stand
Philippine Schimmelweis. Ihre Augen glitzerten wie die Haut eines Reptils, das
aus dem Sumpf emportaucht.
    Daniel ging in seine Wohnung hinunter.
 
                                       10
Seit neun Jahren war der Rokokosaal im Auffenbergschen Haus festlichen
Veranstaltungen jeder Art verschlossen gewesen. Es hatte eines langwierigen
Briefwechsels zwischen dem Sekretär des in Rom weilenden Freiherrn und dem
Sekretär der Freifrau bedurft, um die Erlaubnis zur Benützung des Saales von
jenem zu erlangen.
    Die Entrüstung über das Notaftsche Werk war allgemein. Die Leute aus der
Gesellschaft wussten sich nicht zu fassen, und die als Liebhaber und auf
Empfehlung Geladenen waren gleichfalls wenig erbaut. Das Hauptvergnügen hatte
darin bestanden, den Komponisten dirigieren zu sehen. Der Anblick des
zappelnden, hopsenden Gesellen hatte den Konsistorialrat Zöllner vor Lachlust
beinahe zum Bersten gebracht.
    Der alte Graf Schlemm-Notteim, der nicht nur eine Vorliebe für
pornographische Literatur besass, sondern auch jeden Nachmittag einen
Viertelliter von Doktor Rosas Lebensbalsam trank, erklärte, das Unisono
sämtlicher Schaubudeninstrumente auf dem Jahrmarkt sei eine musikalische
Offenbarung gegen solche Katzenmusik; der Oberlandesgerichtsrat Braun sprach
unverhohlen von einer Verschwörung wider den guten Geschmack.
    Dies wurde in den Ecken ausgemacht. Um die Freifrau nicht zu beleidigen,
spendeten alle ziemlich lebhaft Beifall. Dann vereinigten sich Zuhörer und
Mitwirkende an einer riesigen Hufeisentafel zum Diner.
    Graf Schlemm-Notteim war der Tischherr der Freifrau und erkundigte sich bei
ihr nach den verschiedenen Persönlichkeiten der Kunstwelt. Er fragte, wer die
interessant schwermütige Dame neben dem Major Bellmann sei? Es sei die Frau des
Komponisten. Die Frau? gar nicht übel, diese Frau; damit liesse sich leben, in
der Tat. Und wer sei die dort, zwischen dem alten Herold und dem Franzosen? ein
entzückendes Geschöpfchen; die habe ja Augen wie das ligurische Meer und
Händchen wie eine Prinzessin. Das sei die Schwester der Frau. Die Schwester? ei,
der Kuckuck, eine prächtige Familie, der Unterstützung nicht unwürdig.
    Es wurden Trinksprüche ausgebracht. Der Fabrikant Ehrenreich liess den
Schöpfer der »Harzreise« leben; der Graf die anwesenden Frauen.
    Peinliches Aufsehen erregte Herr Carovius. Er sass bei den Herren vom
Gesangverein »Liedertafel«, die im Chor mitgesungen hatten, und sie schämten
sich seiner. Denn er benahm sich ungeziemend.
    Es war ihm gelungen, einen Handschuh, den Lenore verloren hatte, unbemerkt
aufzuheben und in seine Tasche zu stecken. Vielleicht war er deshalb von so
geräuschvoller Lustigkeit. Er warf dem Fräulein Varini eine Krachmandel zu, die
er vom Tafelaufsatz genommen hatte. Er liess den feuchtseligen Blick über den
Kristall-Lüster und die mit Goldleisten verzierten Wände schweifen und wurde
nicht müde, den Glanz und den Reichtum des Hauses zu preisen, so, als ob er
selbst zum Hause gehöre. Er hob das Weinglas und äusserte sich verzückt über
Farbe und Blume des Getränks, so, als ob er die Weine des Hauses aus langer
Erfahrung kenne.
    Da geschah es aber, dass er bei einer heftigen Bewegung seinen Teller
umstülpte, und über seine weisse Weste floss ein Bach von braunem Bratensaft. Er
verstummte. Er versank in sich selbst. Er tauchte die Serviette ins Wasser und
rieb und rieb. Die Lakaien kicherten. Er schloss seinen Gehrock zu und glich
einem Auslagefenster in tiefer Nacht.
    Noch ein anderes Phänomen bot sich den spöttischen Augen bei Lakaien. Sie
bemerkten, dass der Kapellmeister Notaft in blossen Strümpfen an der Tafel sass.
Die neuen Lackstiefel hatten ihn so unleidlich gedrückt, dass er kurzen Prozess
gemacht und sich ihrer während des Essens entledigt hatte. So standen sie
herrenlos, einer rechts von seinen Füssen, einer links. Wenn die Lakaien
vorübergingen, schauten sie unter den Stuhl und pressten grimmig die Lippen
aufeinander, um nicht herauszuplatzen.
    Der grobe Verstoss gegen den Anstand blieb auch den Nachbarn nicht verborgen.
Es wurde getuschelt und gelächelt, Achseln wurden gezuckt, Köpfe geschüttelt. Da
sich nun Daniel beim allgemeinen Aufstehen von der Tafel gar keine Mühe gab,
seine Stiefellosigkeit zu verschleiern, sondern die lackledernen Quälgeister
ohne Rücksicht auf die erstaunten Zuschauer unbekümmert wieder an seinen
Extremitäten befestigte, hatte er verspielt, hatte er gründlich verspielt.
    Die Kunde der ausserordentlichen Begebenheit wurde in den nächsten Tagen,
reizvoll ausgeschmückt, von Haus zu Haus weitererzählt, drang aus den hohen
Regionen in die niedrigen und erregte Stürme von Gelächter. Niemand wusste etwas
über die Symphonie zu sagen, dafür war jeder aufs genaueste mit den Einzelheiten
der Lackstiefel-Episode bekannt.
 
                                       11
Auf dem Heimweg ging Daniel mit Lenore. Gertrud folgte mit Monsieur Rivière in
weitem Abstand, denn sie konnte nur sehr langsam gehen.
    »Wie war dir denn, Lenore?« fragte Daniel, »war dir nicht wie bei einem Fest
der Leichen?«
    »Lieber,« murmelte sie. Und sie gingen weiter.
    Und als sie eine Weile schweigend gegangen waren, kamen sie unter einen
engen Torweg. Da war es Lenore, als ertrüge sie Daniels stummes Fragen nicht
mehr. Sie zog den seidenen Schal fester an ihre Wangen und flüsterte: »Lass mir
Zeit. Dräng mich nicht. Lass mir Zeit.«
    »Liess ich dir nicht Zeit, du teures Herz, ich hätte den jetzigen Augenblick
nicht verdient,« antwortete er.
    »Ich kann nicht, ich kann nicht,« brach es verzweifelt aus ihr. Noch eine
einzige Hoffnung hatte sie, einen letzten Schimmer von Hoffnung, und ihre ganze
Seele drängte dortin. Doch sie musste schweigend handeln.
    Mit Gertrud in der Wohnstube stehend, gewahrte Daniel, dass die Maske der
Zingarella mit Rosenzweigen bekränzt war. Unter den jungen Blättern leuchteten
Blütenknospen hervor, die wie rote Laternchen um den weissen Gips hingen. »Wer
hat das gemacht?« fragte er.
    »Lenore war am Nachmittag da, sie hat es gemacht,« erwiderte Gertrud.
    Sein flammender Blick war auf die Maske geheftet, als Gertrud ihn umschlang
und in der Fülle ihrer Empfindung ausrief: »Ach, Daniel, wie herrlich ist dein
Werk, wie herrlich!«
    »So? Gefällt es dir? Das freut mich,« entgegnete er trocken.
    »Die Menschen fassen es ja nicht,« fügte sie leise und errötend hinzu, »nur
ich weiss es, nur ich, weil es mir gehört.«
    Am andern Tag legte er die Partitur der »Harzreise« samt allen Stimmen in
eine grosse, alte Truhe und sperrte sie zu. Es war wie ein Begräbnis.
 
                                       12
In den gewundenen und finstern Gässchen hinter der Stadtmauer stehen die kleinen
Häuser mit grossen Nummern und farbigen Laternen. Sie sind von einem
süsslich-fauligen Geruch erfüllt und aus mühsam aufgeschmückten morschen
Rumpelkammern zusammengesetzt. Durch die geschlossenen Fensterläden dringt
allnächtlich gellendes Gelächter, und den Eintretenden empfangen halbnackte
Scheusale und nötigen ihn auf scheusälige, mit rotem Plüsch überzogene Sessel
und Sofas.
    Der Bürger nennt diese Baracken Lasterhöhlen, und an die Bewohnerinnen mit
den gedunsenen oder abgezehrten Körpern, den traurig oder trunken glotzenden
Augen denkt er zwischen Freitag und Sonntag mit lustvollem Grauen.
    Dahin lenkte Herr Carovius seine Schritte. Weil es nur ein Schatten war, den
er umarmte in Stunden, wo seine von allem Gift der Erde entzündete Phantasie
einen Menschenleib beschworen hatte, ergrimmte er, ging hin und kaufte sich
einen Menschenleib.
    Nachdem er in einem halben Dutzend dieser Häuser gewesen, jubelnd begrüsst
und unter unflätigen Beschimpfungen entlassen worden war, fand er schliesslich,
was er suchte, ein Geschöpf, dessen Abgefeimteit noch nicht verjährt war, das
noch Menschenzüge hatte und dessen Gestalt und Wesen eine Erinnerung
wachzuhalten vermochte, wenn man entschlossen war, zu sehen, was man sehen
wollte, und zu vergessen, was man vergessen wollte.
    Sie hiess Lena. Holder Anklang an eine begehrte Wirklichkeit! Er folgte ihr
aus dem Kreis der Gefährtinnen in die elende Zelle zwischen Winkelstiege und
Dachwinkel. Er klimperte mit Geld und gab seine Befehle. Die Nymphe musste ein
Strassenkleid antun, einen bescheidenen Hut auf den Kopf setzen und einen
Schleier über das rohgeschminkte Gesicht ziehen. Hierauf näherte er sich ihr,
redete sie höflich an und küsste ihr die Hand. Niemals hatte er sich gegen
irgendeine Dame draussen in der Welt so fein und zurückhaltend benommen.
    Der Dirne ward es angst und sie lief davon. Sie bedurfte der Belehrung.
Durch die Hüterin des Hauses ward ihr Belehrung zuteil. Denn Herr Carovius
klimperte mit Geld. »Sie müssen Nachsicht haben,« sagte die Hüterin, »wir sind
für so was Raffiniertes nicht eingerichtet.«
    Er kam wieder. Lena war belehrt. Allmählich fand sie sich in ihre Rolle.
    »Offengestanden,« sagte er zu Lena, »ich habe keine Übung in den Künsten der
Liebe. Ich war zu stolz, den Kotau vor dem berockten und bemiederten Idol zu
machen. Weibchen ist Weibchen, Männchen ist Männchen. Da lügen sie denn einander
vor, dass jedes Weibchen ein besonderes Weibchen, jedes Männchen ein besonderes
Männchen sei. Stumpfsinn.«
    Die Dirne grinste.
    Er ging auf und ab; der Raum erlaubte ihm nur drei Schritte nach jeder
Seite. Er entsann sich des Ausdrucks, den Lenores Gesicht während der Aufführung
der Symphonie gezeigt, und den er aus dem Hinterhalt gierig beobachtet hatte. Er
geriet in Zorn. »Du wirst dir doch nicht einbilden, dass mit solchen
dilettantischen Jämmerlichkeiten ein Fortschritt erzielt wird?« keifte er. »Es
ist der reine Hokuspokus. In der Kunst gibt es überhaupt keinen Fortschritt, so
wenig wie es in der Bahn der Gestirne einen Fortschritt gibt. Hör mal zu!«
    Und er brüllte das wuchtige Anfangsmotiv aus der Sonata quasi una fantasia
von Mozart. »Da-dada-da-daddaa! Ist darüber hinaus ein Fortschritt möglich? Lass
dich doch nicht beschwatzen, mein Engel. Sei aufrichtig gegen dich selbst. Er
hat dich narkotisiert. In deinem arglosen Herzchen ist das unterste zu oberst
gekehrt. Schau mich doch an! Fürchtest du dich vor mir? Ich tue für dich, was in
meinen Kräften steht. Gib mir die Hand. Sprich mit mir.«
    Die Dirne musste verlangend die Arme ausstrecken, und er nahm mit
gravitätischer Umständlichkeit neben ihr Platz. Hierauf zog er die Nadel aus
ihrem Hut, legte den Hut zärtlich beiseite, und sie musste den Kopf an seine
Schulter lehnen.
    Dann verfiel er in träumerisches Sinnen.
 
                                       13
»Drah' di, Madel, drah' di, morgen kommt der Mahdi.« Diesen neuesten Gassenhauer
plärrend, trat Philippine zu Gertrud in die Wohnstube. Daniel war nicht zu
Hause.
    »Da hast,« sagte sie und warf eine Zwirnrolle auf den Tisch.
    Gertrud hatte dem Drängen des Mädchens nachgegeben und duzte sie und liess
sich von ihr duzen. »Weil wir doch eigentlich Verwandte sind,« hatte Philippine
gemeint.
    Gertrud fürchtete sich vor Philippine, aber sie fand kein Mittel, ihre
übertriebene Dienstwilligkeit abzuwehren. Was sie vor keinem Menschen empfand,
das empfand sie bisweilen vor Philippine: Scham über ihren Zustand.
    In der Tat erblickte Philippine in Gertruds Schwangerschaft etwas
Unanständiges und schaute stets auffällig in die Luft, wenn sie mit Gertrud
redete.
    »Nein, was die Leut unverschämt sind,« begann Philippine, nachdem sie sich
auf einen Stuhl gelümmelt hatte. »Da fragt mich der Kommis im Geschäft, ob der
Daniel und die Lenore was miteinander haben. Eine Frechheit, gell? Bin ihm aber
schön übers Maul gefahren.«
    Die Nadel in Gertruds Fingern ruhte. Es war nicht das erstemal, dass sich
Philippine solche Andeutungen erlaubte. Bald kam sie und raunte Gertrud zu,
Daniel sei bei Lenore droben, bald äusserte sie in heuchlerischem Mitleidston,
Lenore sehe so abgehärmt aus. Dann berichtete sie von dem und jenem, der dies
und jenes gesagt habe. Dann machte sie sich wieder zum Verteidiger der guten
Sitte und behauptete, man dürfe die Leute nicht vor den Kopf stossen.
    Ihr drittes Wort war: die Leute. Sie selbst wisse ja ganz genau, was für ein
tadelloser Charakter die Lenore sei und wie gern Daniel seine Frau habe, aber
die Leute, die Leute! Und man könne ja auch nicht jedem gleich die Augen
auskratzen, der einen mit zweideutigen Fragen ärgere, da würde es wenig Augen
mehr in der Stadt geben.
    Philippines Simpelfransen hatten eine ungewöhnliche Länge erreicht; sie
verdeckten die ganze Stirn und hingen bereits bis an die Wimpern. Infolgedessen
hatte der Blick, mit dem sie Gertrud betrachtete, etwas über die Massen
Tückisches. So ganz sicher ist die ihrer Sache auch nicht mehr, fuhr es ihr
durch den Kopf, und mit einer plumpen und sonderbar lasterhaften Bewegung ihrer
Beine machte sie sich auf dem Stuhl breiter.
    »Ich glaub halt, der Daniel sollt vorsichtiger sein,« plauderte sie mit
ihrer rasselnden Stimme; »das stundenlange Beisammenstecken tut kein gut. Es tut
kein gut, sag ich dir. Und immer auf der Lauer alle zwei, er nach ihr und sie
nach ihm. Jetzt sollst es einmal wissen. Erwischt man sie, fahren sie
auseinander wie Verbrecher. Seit sechs Wochen geht's so, jeden Tag und jeden
Tag. Schickt sich das vielleicht? Das brauchst du dir nicht gefallen zu lassen,
Gertrud,« schloss sie mit einem übel aussehenden Versuch zu einer kokett
schmollenden Miene. Dann schlug sie die Augen zu Boden und blickte unschuldig
drein.
    Gertrud war es kalt um die Brust geworden. Ihr Vertrauen zu Daniel war
unerschütterlich, aber die giftigen Reden benahmen ihr Klarheit und Ruhe. Schon
dass es möglich war, so über Daniel und Lenore zu sprechen, und dass ihr die Worte
fehlten, es zu verhindern, weil sie es von Anfang an mit der Gelassenheit ihres
Vertrauens und der Verachtung gegen den Klatsch geduldet, bereitete ihr Schmerz.
    Wie schal hätte auch jeder Einwand geklungen, wie nichtig ein Verweis!
Konnte sie der böse redenden Zunge Einhalt tun mit dem Hinweis auf Daniels
besondere Art? Sollte er Rechenschaft ablegen vor einer Philippine? Ein
geringschätziges Lächeln glitt über ihr Gesicht.
    Und doch, warum das wehe Herz? Kam es nun endlich, das Wissen um
Liebesentbehrung?
    Unwillkürlich fiel ihr Blick auf die Gipsmaske, die noch immer mit den
längst verwelkten Rosenzweigen bekränzt war. Sie erhob sich und nahm das
Blätterwerk herunter. Ihre Hand zitterte dabei, als begehe sie etwas Schlechtes.
    »Geh heim, Philippine, ich brauch nichts mehr,« sagte sie.
    »Oi, 's is wahrhaftig spät, ich muss fort,« rief Philippine. »Mach dir nur ja
keine Gedanken, Gertrud,« tröstete sie. »Und verklag mich nicht bei deinem Mann.
Der ist imstand und macht einen Mordskrawall. Wenn du mich verklagst, dann
gibt's ein Unglück, das sag ich dir. Ich bin halt eine rechte Gans, dass mir
alles rausrutscht. Mein Maul hat kein' Balken, drum kann ich's nit halten. Also,
gut' Nacht.«
    Sie strich mit komischer Behutsamkeit ihren Rock glatt und ging.
    Auf der Stiege plärrte sie wieder: »Drah' di, Madel, drah' di, morgen kommt
der Mahdi.«
 
                                       14
Als Daniel nach Hause kam, war es spät. Trotzdem setzte er sich in seinem Zimmer
noch zur Lampe und las im Titan von Jean Paul. Nach einer Weile befreiten sich
seine Gedanken von dem Buch und zogen ihre eigenen Wege. Er stand auf, ging zum
Klavier, öffnete den Deckel und schlug leise einen Akkord an. Er lauschte mit
geschlossenen Augen. Ihn dünkte, es rief ihn jemand. Die Nacht war schwül, die
Stille unheimlich.
    Noch einmal den Akkord; Glocken aus der Unterwelt. Und wenn sich die in
ihrer Zarteit hinaufschwangen, durch grüngraue Nebel hinauf, und jeder Ton
entsandte seine dienende Schar wie Funken, die aus einer Rakete stieben, und
Gleichgeartete trafen aufeinander, und was fremd war, fiel zurück, und oben,
ganz unerreichbar, berückend deutlich, doch fern wie eine Todesvision der
Vollendung, die Melodie der Liebe, die Melodie von Lenore ...
    Ja, es rief ihn jemand; aber aus welchem Winkel der Welt? Sein Weib? Die
Ferne, die Düstere, die Wartende? Er liess den Klavierdeckel fallen, so dass das
Echo des Geräuschs von der Kirchenmauer drüben durch das offene Fenster
zurückkehrte.
    Er löschte die Lampe aus, betrat ohne Licht das Schlafzimmer und entkleidete
sich beim Schein des Mondes. Der Rand des Vorhangs war mit schwarzen Mäandrinen
geziert, und diese zeichneten sich auf dem Boden des Raumes ab; gezackte Pfade
und ziellos; alle die vielen Linien bestanden im Grunde nur aus einer einzigen.
    Er lag im Bett, und sein Herz fing an zu klopfen. Plötzlich wusste er, ohne
hingesehen zu haben, dass Gertrud nicht schlief, sondern so wie er nach oben, ins
Leere, starrte. »Gertrud!« rief er.
    Aus dem leisen Rascheln des Kissens schloss er, dass sie ihm das Gesicht
zuwandte.
    »Hörst du mich?«
    »Ja, Daniel.«
    »Du musst mir raten; du musst mir helfen. Hilf mir und deiner Schwester, sonst
weiss ich nicht, was geschieht.«
    Er hielt inne, um zu lauschen, doch es regte sich nichts.
    »Man kann aus Rücksicht lange schweigen,« fuhr er fort; »schweigt man zu
lang, so wird Lug und Trug daraus. Was soll aber die Offenheit, wenn man dem
andern dadurch, nur um freie Bahn zu bekommen, das Messer in die Brust stösst?
Was hilfts, zu gestehen, wenn der andere nicht begreift? Zwei verbluten schon;
und der dritte soll auch verbluten, bloss damit geredet ist? Wird ohnehin zu viel
geredet. Die Worte, die schauderhaften, schamlosen Worte, vor denen die
unschuldige Nacht der Sinne vergeht! Und muss man denn verbluten, wenn einem
immer klarer und klarer wird: das, wogegen du dich aufbäumst, sind ja nicht die
ewigen Gesetze, wie kann ich Zwerg den ewigen Gesetzen etwas anhaben? Nein, es
sind die gebrechlichen und wandelbaren Einrichtungen der Menschen -? Hörst du
mich, Gertrud?«
    Ein Ja wie ein Vogelton aus weiter Ferne antwortete ihm.
    »Nun kann ich aber nimmer schweigen. Ohne dich geht der Weg nicht weiter.
Ich will den Mund nicht voll nehmen, nicht von Leidenschaft und
Nichtanderskönnen sprechen. Möglich, dass man immer noch anders kann, wenn man
beizeiten anfängt. Aber wer die Zeit wüsste! Und Leidenschaft? Es gibt gar
vielerlei von der Sorte. Jeder Schwengel nennt sein Gelüstchen so. Ich hatte von
keiner was gespürt, an der ein Weib die Schuld getragen. Jetzt hats mich gepackt
mit Haut und Haaren. Hab mir eingebildet, ich könnte mich und dich darüber
wegbringen. Verlorene Müh. Es brennt, Gertrud, es verbrennt mich, ich bin nicht
mehr da, wo ich bin, mein ganzer Mensch ist umgewandelt, und wenn nicht Rat
geschafft wird, geh ich zugrund.«
    Eine Zeitlang blieb es totenstill; dann begann er wieder.
    »Wie aber Rat schaffen? Es ist so wunderlich; seitdem das geschehen ist,
weiss ich erst, was uns beide, mich und dich, zusammenhält. Da spinnen sich eben
Fäden hinüber und herüber, an die keine Hand greifen darf, ohne zu verdorren,
wie's in der Schrift heisst. Da ist ein Geheimnis, ein heiliges Geheimnis, und
verletzt' ich's, so wär mir's, als würgt ich nicht nur das Kind in deinem Leib,
sondern auch all die ungebetenen Lieder in meiner Brust. Es gibt im Leben jedes
Mannes eine Frau, in der ihm die Mutter wieder jung wird, an die ihn eine
unsichtbare, unzerreissbare Nabelschnur bindet, und der gegenüber seine Liebe,
gross oder klein, sein Hass sogar, seine Gleichgültigkeit zum Phantom wird, wie
alles, was wir austeilen, zum Phantom wird an dem, was uns ausgeteilt wird. Und
es gibt eine andere Frau, die ist mein Geschöpf, die Frucht meiner Träume, die
ist mein Bild, die hab ich aus meinem Blut gezeugt, die ist in mir gelegen wie
der Samen in der Blüte, und die muss mein sein, wenn sie sich entüllt hat, oder
ich sterbe vor Einsamkeit und Sehnsuchtswut.«
    Der masslose Mensch drückte sein Gesicht in das Kissen und stöhnte: »Die muss
mein sein, oder ich steh nimmer auf vom Bett. Aber trät ich über dich hinweg,
Gertrud, so müsst ich rufen wie Faust: o, wär ich nie geboren.«
    Gertrud gab keinen Laut von sich. Als nun Minute auf Minute verfloss und
Daniel, ruhiger werdend, ins Zimmer horchte und das Schweigen der Frau ihn mit
Angst erfüllte, richtete er sich empor. Der Mond war untergegangen, es war
stockfinster geworden. Daniel tastete nach Zündhölzern und machte Licht. Die
brennende Kerze in der Hand, beugte er sich zu Gertrud hinüber. Sie war
totenbleich. Mit weiten Augen schaute sie in die Höhe.
    »Lösch das Licht aus, Daniel,« flüsterte sie, »ich muss dir was sagen.«
    Er blies das Licht aus und stellte den Leuchter weg.
    »Gib mir die Hand, Daniel.«
    Er suchte ihre Hand, ergriff sie, die eiskalt war, und legte sie auf seine
Brust.
    »Darf ich bei dir bleiben, Daniel? Willst du mich bei dir dulden?«
    »Dulden, Gertrud, wie denn dulden?« fragte er tonlos; »du bist mein Weib;
vor Gott mein Weib,« fügte er hinzu, in dumpfer Erinnerung des Wortes einer
andern.
    »So will ich auch deine junggewordene Mutter sein. Wie du es willst.«
    »Ja, wie denn Gertrud, wie?«
    »Ich will euch helfen, dir und Lenore. An mir sollt ihr nicht verbluten. Nur
lass mich da sein.«
    »Das sagt sich leicht, Gertrud, aber es ist schwer.« Er schmiegte sich dicht
an sie, schloss sie in seine Arme und schluchzte mit unerwarteter Heftigkeit.
    »Es ist schwer. Ja, es ist schwer. Aber du darfst nicht an mir verbluten.«
    Sein Kopf lag an ihrer Brust; Krämpfe schüttelten ihn, bis der Tag
heraufdämmerte.
    Da kam es plötzlich wie ein Schrei von Gertruds Lippen: »Ich bin ja auch
eine Kreatur!«
    Als er sie dann fest umschlang, murmelte sie: »Es ist schwer, aber sei nur
getrost, Daniel, sei nur getrost.«
 
                                       15
Dem Apoteker Pflaum war es zu eng in seinem Haus an der Heiligengeistkirche
geworden. Er hatte in letzter Zeit mehrere Häuser besichtigt und sich
schliesslich für das Schimmelweissche entschieden, das zum Kauf ausgeboten war.
Die Apoteke blieb vorläufig, wo sie war, auch Jason Philipp Schimmelweis
behielt Laden und Wohnung. Der Apoteker wollte als Hausherr den ersten und den
zweiten Stock beziehen; er hatte eine zahlreiche Familie.
    An einem schönen Augustnachmittag verliessen beide Herren, der Apoteker und
der Buchhändler, die Kanzlei des Notars Rübsam, wohin sie sich verfügt hatten,
um wegen der Umschreibung der auf dem Kaufstück lastenden Hypoteken zu
verhandeln. Ein wolkenloser Himmel mit schon abendlich gefärbtem Blau strahlte
über der Stadt.
    Der Apoteker Pflaum sah aus wie ein Mann, der alle Kümmernisse hinter sich
hat und sich seiner Sorgenlosigkeit freut. Jason Philipp Schimmelweis hingegen
war verdüstert. Er sah aus wie ein Mann, der heruntergekommen ist. Auf seinem
Rock glänzte ein Fettfleck. Dieser Fettfleck erzählte von häuslichen
Unannehmlichkeiten; er erzählte, dass Jason Philipp eine Frau hatte, die seit
Monaten krank darniederlag, ohne dass ein Arzt zu sagen wusste, an welcher
Krankheit sie litt. Jason Philipp war erzürnt gegen die Frau, gegen die
Krankheit, gegen die Doktoren und gegen die wachsende Verwirrung und Unordnung
seiner Lebensumstände.
    Als sie über den Egydienplatz gingen, warf er auf das Haus, in welchem
Daniel wohnte, einen Blick unbändigen Hasses. Aber er sagte nichts, er kniff
bloss die Lippen zusammen und senkte den Kopf. dabei bemerkte er den Fettfleck
auf seinem Rock und liess ein ärgerliches Brummen hören. »Ich werde mit Ihnen
gehn, Herr Apoteker, und mir ein Fläschchen Benzin mitnehmen,« wandte er sich
an seinen Begleiter, und seine Stimme hatte jene kaum wahrnehmbare, wenn auch
widerwillige Demut, die der Arme dem Reichen gegenüber an den Tag legt.
    »Schön, schön,« antwortete der Apoteker, »kommen Sie nur.« Und er blies
Luft von sich, weil ihm heiss war. »Grüss Gott,« schrie er plötzlich und schwenkte
den Arm, »grüss Gott! Was machen denn Sie hier?«
    Der Anruf galt Herrn Carovius, der in eigentümlicher Versonnenheit vor dem
Gänsemännchen-Brunnen stand.
    »Ihr Diener, meine Herren,« sagte Herr Carovius.
    »Ich sehe, es gibt noch Einheimische, die unsere einheimischen Kunstwerke
studieren,« spöttelte der Apoteker und blieb stehen. Auch Jason Philipp blieb
stehen und schaute zerstreut und verwundert auf den bronzenen jungen Mann mit
den zwei Gänsen. In der Nähe spielten Knaben mit einem Ball, und als sie die
drei Männer vor dem Brunnen stehen sahen, unterbrachen sie ihre Beschäftigung
und stellten sich grinsend herum, wie wenn etwas Neues zu bestaunen wäre.
    »Wir wissen gar nicht, was für Reichtümer wir besitzen,« sagte Herr
Carovius.
    »Stimmt, stimmt,« nickte der Apoteker.
    »Und ich denke eben darüber nach, was für eine Bedeutung diese Gruppe haben
mag,« fuhr Herr Carovius fort, »es ist etwas Musikalisches in dem Motiv, ganz
unleugbar etwas Musikalisches.«
    »Stimmt, stimmt,« wiederholte der Apoteker, um nach einer Pause verblüfft
hinzuzusetzen: »Ja, wieso denn etwas Musikalisches?«
    »Ausgerechnet etwas Musikalisches?« murrte Jason Philipp Schimmelweis, den
das blosse Wort Musik in Unbehagen versetzte.
    »Ja, das muss man halt kapieren,« sagte Herr Carovius spitzig und zog einen
Jungen, der sich bis an sein Hosenbein gewagt hatte, am Ohr, dass er ein
Jammergeschrei von sich gab.
    Auf einmal brach Jason Philipp Schimmelweis, nachdem er noch einen wütenden
Blick auf das Monument geworfen hatte, in ein Gelächter aus. »Jetzt begreif
ich,« stotterte er hustend, »Sie sind ein Fuchs, bester Herr Carovius, Sie sind
ein Schlauberger.«
    »Was gibts denn, meine Herren?« fragte der Apoteker, der unruhig war, weil
er argwöhnte, der Heiterkeitsausbruch sei irgendwie gegen ihn gerichtet.
    »Na, sehen Sie denn nicht? Verstehen Sie denn nicht?« keuchte Jason Philipp
mit scharlachrotem Gesicht, »die beiden Gänse -? Das Musikalische und die beiden
Gänse -? Geht Ihnen noch immer kein Licht auf?«
    »Nicht im Allergeringsten,« sagte der Apoteker und bemühte sich, einen
Grund zu entdecken, um mitlachen zu können.
    Carovius aber hatte verstanden. Er streckte den Zeigefinger der linken Hand
kerzengerade in die Luft und brach gleichfalls in ein wieherndes Gelächter aus.
Er packte den Apoteker am Arm und immer in den Pausen zwischen zwei Lachsalven
meckerte er: »Grossartig! - Unter jedem Arm eine Gans! - Unbezahlbar! - Herr
Schimmelweis, das mög Ihnen Gott vergelten! Das haben Sie ausgezeichnet
gegeben.«
    Nun war sich auch endlich der Apoteker über den Zusammenhang klar. Er
patschte sich auf die Schenkel und rief: »Der Teufel soll mich holen, wenn das
nicht der beste Witz ist, den ich in meinem ganzen Leben gehört habe.«
    Jason Philipp Schimmelweis fasste sich wieder. Er drückte die Hände auf
seinen Magen und sagte atemlos: »Wer hätte gedacht, dass das Gänsemännchen
leibhaftig unter uns wandelt?«
    »Ja, wer hätte das gedacht,« gab Herr Carovius zu. »Ein Fund! ein
Kapitalschuss! Wir beschliessen einfach: Gänsemännchen! Wir sind ja beschlussfähig.
Wir sind ja drei. Ist doch ein alter Satz: tres faciunt collegium.«
    »Und die,« stotterte Jason Philipp, mit dem Finger auf die Brunnengruppe
deutend, indem Lachtränen über seine runden Bäckchen flossen, »die sind auch
drei, die auch!«
    »Die auch, die auch, das ist wahr,« kreischte Herr Carovius.
    »Eine Prise, meine Herren,« sagte der Apoteker, seine Tabaksdose ziehend.
    »Nein, auf den Spass muss ich mir eine Zigarre anstecken,« erwiderte Jason
Philipp schluckernd.
    »Ich denke, wir begiessen die Geschichte mit einem Glas Salvator,« schlug
Herr Carovius vor.
    Die zwei andern erklärten sich einverstanden, und so marschierte das
Kollegium über den Platz, machte bisweilen, von einem gemeinsamen Lachkrampf
neuerdings bezwungen, halt und wandte sich mit vertrockneten Kehlen dem
Wirtshaus zu.
    Vielleicht war es nur ein Abendschatten, der den Ausdruck hervorbrachte,
vielleicht eine seltsame Beseelung, aber das stolzstehende Brunnenmännchen
hinter seinem Gitter schien ihnen traurig und erstaunt nachzublicken, während
die spielenden Buben den ergötzlichen Zwischenfall bald vergessen hatten.
 
                         Philippine zündet ein Feuer an
                                       1
Wie in einer früheren Zeit, deren sie ungern gedachten, waren Daniel und Lenore
ganz in ein gegenseitiges Verstummen geraten. Oft gingen sie auf der Stiege bloss
mit einem flüchtigen Nicken aneinander vorüber, und kam Lenore zur Schwester, so
zog sich Daniel wortlos zurück.
    Einmal kam sie, als Gertrud nicht zu Hause war. Daniel war verstockt, und
Lenore brachte ebenfalls kein vernünftiges Wort über die Lippen. Er ertrug ihren
Anblick nicht; ihre Blässe und die äussere Heiterkeit, die sie sich erkämpft
hatte, verdächtigte er. »Es ist ein unwürdiger Zustand, Lenore,« stiess er
hervor, »machen wir ein Ende.«
    Ein Ende machen? Ja, wie denn? dachte Lenore. Jeder Tag schmiedete die Kette
fester.
    Auch Gertruds Anblick war für Daniel eine Qual. Er fühlte sich von ihr
beobachtet und spürte ihre Angst um ihn. Dazu rückte das Ereignis immer näher,
das sie mit dem Schimmer des Leidens umgab und der Schonung empfahl. Ihre Züge,
obwohl hager und entstellt, hatten im Ausdruck etwas dunkel Verklärtes.
    Als Gertrud es eine Weile mit angesehen hatte, wie er seiner Arbeit
entfremdet wurde und an nichts mehr Freude hatte, beschloss sie, mit Lenore zu
reden. Sie tat es ohne Vorbereitung und ohne Zarteit.
    »Siehst du denn nicht, dass du ihn zugrunde richtest?« rief sie ihr zu.
    »Du willst also, dass ich zugrunde gehe?« fragte Lenore überrascht und
erschrocken. Sie hatte den ganzen Umfang von Gertruds Verzicht sogleich
begriffen.
    »Was liegt an dir?« entgegnete Gertrud hart, »wofür hebst du dich auf?«
    Dieses Wort brachte in Lenore alle Vorstellungen von Pflicht und Ordnung ins
Wanken. Mit ungläubigen Augen schaute sie die Schwester schweigend an. Nicht
mehr die glückliche und sanfte Gertrud hatte so gesprochen, sondern die von
ehedem, die einsame und lieblose.
    Was liegt an dir, wofür hebst du dich auf! Das hiess so viel als: mach kurzen
Prozess mit deinem Leben und spinn' die kleine Episode in seinem nicht
überflüssig in die Länge.
    Da fasste sich Lenore ein Herz, um das Vorhaben endlich auszuführen, das sie
lange Zeit bei sich erwogen hatte und auf das sie ihre letzte Hoffnung setzte.
    Eines Abends ging sie auf Daniel zu und sagte: »Ich möchte mit dir nach
Eschenbach gehen, Daniel, und deine Mutter besuchen.«
    »Warum möchtest du denn das?« fragte er verwundert. Er und die Mutter
schrieben einander nicht, das lag nun einmal im Wesen beider und in ihrem
Verhältnis; aber er wusste, dass Lenore dann und wann einen Brief aus Eschenbach
erhielt und dass sie ihn beantwortete, ohne mit ihm darüber zu sprechen. Erst
jetzt im Zusammenhang mit ihrer Bitte fiel ihm dieses als merkwürdig auf.
    Als sie nach ein paar Tagen den Wunsch wiederholte, willfahrte er ihr, und
sie vereinbarten den nächsten Sonntag für den Ausflug.
 
                                       2
Matt und warm lag die Oktobersonne über dem Land; die Wälder flammten im
Herbstlaub, die Äcker dehnten sich kahl, den Hügeln der Frankenhöhe entlang
zogen Wolken als föhniger Flaum.
    Sie waren bis Triesdorf mit der Bahn gefahren, dann mit dem Postwagen bis
Merckendorf. Von hier aus gingen sie zu Fuss. Daniel wies auf eine Gänseherde
hin, die am Ufer eines abgelassenen Weihers trottete, und sagte: »Das ist unser
Heimatsvogel, sein Gackgack ist unsere Musik. Es klingt aber gar nicht übel.«
    Eine Bäuerin ging vorüber und bekreuzigte sich vor einem Heiligenbild.
»Sonderbar, dass hier plötzlich alles katolisch ist,« sagte Lenore.
    Daniel nickte und erwiderte, als sein Vater nach Eschenbach gezogen, hätten
noch einige protestantische Familien dort gewohnt, die sich zum Gottesdienst
zusammengetan. Später seien die meisten ausgewandert, und jetzt sei seine Mutter
vielleicht noch die einzige Protestantin im ganzen Ort. Aber sie habe dadurch
nie Schlimmes erfahren, und er selbst sei als Knabe häufig in die Kirche
gegangen, freilich bloss, um die Orgel zu hören, doch habe niemand daran Anstoss
genommen. »Immerhin ists ein anderer Schlag Menschen,« fügte er hinzu,
»äusserlicher als wir und heimlicher zugleich.«
    Lenore hielt den Blick auf den Kirchturm gerichtet, dessen spanisch-grünes
Dach aus der Talsenkung emporstieg. Nach langem Schweigen sagte sie: »Ob es ein
Bub sein wird oder ein Mädchen, Gertruds Kind? Sicherlich ein Mädchen. Eines
Tages wird es auf der Welt sein und wird mich anschauen mit Augen, mit
wirklichen Augen. Wie seltsam, dein Kind wird mich anschauen!«
    »Was ist da zu staunen? Viele werden geboren, viele schaun einen an.«
    »Und wie willst du's heissen?« fragte Lenore.
    »Wenn es blond ist und blaue Augen hat wie du, soll's Eva heissen.«
    »Eva!« rief Lenore aus, »nein, so kann's nicht heissen.« Sie selbst hatte
damals für das Kind der Dienstmagd den Namen Eva gewählt, und dass er jetzt
gerade auf diesen Namen verfiel, erschien ihr sonderbar.
    »Warum denn nicht Eva?« forschte er, »da steckt wieder etwas dahinter. So
ein Weibsvolk hat doch immer was im Extratopf zu kochen. Heraus mit der Farbe!«
    Lenore schüttelte lächelnd den Kopf. Gern hätte sie ihm alles gestanden,
aber sie wusste nicht, wie er es aufnehmen würde; sie fürchtete, er werde
umkehren im Zorn über ihre Listigkeit. Trat das Kind einmal vor ihn hin, dann
hielt es ihn auch, das wusste sie.
    Sie waren stehen geblieben und blickten über die sonneglänzende Ebene. »Wie
allein wir sind,« sagte Daniel.
    »Alles ist leichter hier,« antwortete Lenore gedankenvoll; »könnte man nur
vergessen, woher man kommt, man könnte glücklich sein.«
 
                                       3
»Sieben Jahre lang bin ich fort gewesen,« sagte Daniel, als sie durch das Tor
schritten. Alles erschien ihm lächerrlich klein, das Rataus, die Kirche, der
Platz und der Wolframsbrunnen. Auch hatte er sich die Strassen reinlicher und die
Häuser wohlhabender aussehend gedacht. Als er über die drei wie Muscheln
ausgebogenen Stufen am Tor hinaufstieg und in den Kramladen mit seinen
Würzgerüchen trat, schwand die vergangene Zeit zu einem Nichts.
    Marianne konnte vor Freude kein Wort sprechen. Sie reichte Daniel die eine,
Lenore die andere Hand. Ihre erste Frage war nach Gertrud.
    Aber da sass in der Stube ein vierjähriges Kind mit reichem Blondhaar und
märchenhaft blauen Augen. Das Gesichtchen war von zartester Schönheit, der
Körper von zartestem Bau.
    »Wer ist das Kind? Wem gehört es?« fragte Daniel.
    »Es ist dein eigenes Kind, Daniel,« antwortete seine Mutter.
    »Mein eigenes Kind? Ja um Gott -!« Errötend und erblassend schaute er von
der Mutter zu Lenore.
    »Dein Fleisch und Blut. Gedenkst du an Meta nicht mehr?«
    »An Meta ... Also das. Und ihr, ihr habt's genommen? Und du, Lenore, hast
darum gewusst? Und du, Mutter, hast's genommen?« Er setzte sich an den Tisch und
verbarg sein Gesicht. »Das also war drin in dem Extratopf,« murmelte er scheu
vor sich hin; »es heisst wohl am Ende gar Eva ...?«
    »Ja, Eva heisst es,« flüsterte Lenore bewegt. »Geh hin zu deinem Vater, Eva,
und gib ihm die Hand.«
    Das Kind tat, wie ihm befohlen worden. Dann erzählte Marianne ihrem Sohn,
dass Lenore es gewesen, die die Magd nach Eschenbach gebracht und dass Meta später
geheiratet habe und mit ihrem Mann nach Amerika gegangen sei.
    Jeder Blick und jede Miene Mariannes verriet, mit wie grosser Liebe sie an
dem Kind hing und dass sie es wie ihren Augapfel hütete.
    Der Ring des wunderbaren Geschehens umschnürte Daniels Herz. Wo
Verantwortung lag und wo Schuld, wo der Wille endete und die Fügung begann,
konnte er nicht entscheiden. Dank zu äussern, war gemein; die innere Wallung zu
verhehlen, schwer. Er schämte sich vor beiden Frauen; als er aber das lebendige
Geschöpf anschaute, verlor die Scham ihren Sinn. Und wie hoch Lenore emporwuchs
in seinen Augen, als tätiges wie als empfindendes Wesen schien sie ihm gleich
verehrenswert. Beinah schauderte ihn davor, sie so nah zu wissen, und dass das,
was sie getan, für ihn getan worden, erfüllte ihn mit Demut.
    Am allerseltsamsten aber war die kleine Eva. Er wurde nicht satt, sie zu
betrachten und staunte über das Spiel der Natur, die sich darin gefallen hatte,
aus einer plumpen Magd ein Menschenbild von adeligster Prägung entstehen zu
lassen. Es war etwas himmlich Leichtes an dem Kind. Es hatte feine Hände, feine
Gelenke und eine durchsichtige Stirn, deren bläuliches Geäder sich nach
verschiedenen Richtungen verzweigte. Sein Lachen war die reinste Musik, und in
Gang und Gebärden hatte es einen Rhytmus, der hohe Versprechungen auf künftige
Freiheit und Anmut gab.
    Daniel führte Lenore durch das Städtchen, dann vors Tor. Es war Jahrmarkt,
und es herrschte grosses Gedränge. Sie kehrten daher wieder in die stillen Gassen
zurück und gingen schliesslich in die Kirche. Der Messner kam; er erkannte Daniel
noch und sperrte ihm den Chor auf. Daniel setzte sich an die Orgel, der Messner
trat die Bälge, Lenore nahm auf einem Bänkchen an der Wand Platz.
    Daniels Augen blickten fest, die Finger griffen mit Geistergewalt in die
Tasten. Es waren zwei Motive, die in freien Quinten gegeneinander drängten, sich
dann vereinigten und, zu einem geworden, von den tiefen in die hohen Register
zogen, von der Hölle durch die Welt zum Himmel. Ein Hymnus krönte das
improvisierte Gebilde.
    Lange stand er noch mit Lenore in der Stille. Unter der gewölbten Höhe
atmeten die Gesänge weiter. Es dünkte beide, als fliesse das Blut des einen in
den Körper des andern hinüber. Früher Erlebtes schwand aus dem Gedächtnis, eine
weite Reise schien hinter ihnen zu liegen, keine Stimme mahnte an die Rückkehr,
sie waren von Pflicht und Angst erlöst.
 
                                       4
Lenore sollte bei Marianne und Eva schlafen, Daniel in seinem alten Zimmer. Er
zeigte es Lenore, und sie traten aus Fenster und schauten hinaus. Da gewahrten
sie Eva, die drunten im Hof auf einem Holzgeländer barfüssig hintänzelte. Mit
ausgestreckten Ärmchen hielt sie sich im Gleichgewicht, und die Grazie ihrer
Bewegungen war so elfenhaft, dass sich Daniel und Lenore einander verwundert
zulächelten.
    Nach dem Abendessen ging Daniel vors Haus. Marianne und Lenore sassen eine
Weile beim Fenster, hinter ihnen glomm der Lampenschein. Später kamen sie
ebenfalls auf die Strasse und gesellten sich zu Daniel. Marianne war aber des
Kindes wegen unruhig; sie meinte, es sei heute erregt gewesen und könne nach ihr
rufen. »Bleibt nur draussen solang ihr wollt, ich lass die Tür halt offen,« sagte
sie und kehrte um.
    Da gingen Daniel und Lenore wieder auf den Jahrmarkt. Es war noch früh am
Abend, doch das Gedränge war nicht mehr so dicht. Sie wanderten langsam durch
die Budengasse, blieben stehen, um den Tiraden eines Ausrufers zu lauschen, oder
um zuzuschauen, wie die Bauernburschen nach Figuren schossen und nach einer
Glaskugel, die auf einem Wasserstrahl tanzte. Allentalben brannten grüne und
rote Lampen, vom Wall droben zischten Raketen in die Nacht, in den Wirtschaften
spielten Musikanten und johlten betrunkene Zecher.
    Dann kamen sie auf einen Rasenplatz, der nur durch das Licht aus einem
Zirkuswägelchen beleuchtet war. Auf der Treppe des Wagens sass ein Mann in Trikot
und hielt den Kopf eines schwarzen Pudels auf den Knien.
    »Das waren die letzten Bewohner der Erde,« sagte Daniel, als sie den Platz
überschritten hatten. Der Lärm erstarb, die bunten Lichter verschwanden.
    »Wie weit willst du noch gehen?« fragte Lenore, ohne Furcht in der Stimme.
    »So weit, bis ich bei dir bin,« war die rasche Antwort.
    Eine Brücke zeigte sich in undeutlichem Umriss, lautlos floss das Wasser unter
ihr. Der Pfad schimmerte gelblich, der Himmel war ohne Sterne. Plötzlich schien
der Weg zu enden, Bäume standen da und rückten immer näher aneinander, aus der
Dunkelheit wurde Finsternis, die Füsse stockten.
    »Wir haben einander alles gesagt,« sprach Daniel, »in Worten sind wir
einander nichts mehr schuldig. Genug geschwatzt, genug gezaudert, Schmerz genug
und Irrtum genug; wir können nicht mehr anders, deshalb dürfen wir nicht mehr
anders.«
    »Sei still,« flüsterte Lenore, »ich mag dein Hadern nicht, es ist so
friedlos und böse, was du redest. Gestern hab ich geträumt, du lägest auf den
Knien und hättest die Hände emporgefaltet. Da liebt ich dich sehr.«
    »Brauchst du Träume, um mich zu lieben, Mädchen? Ich nicht. Ich brauche
dich, so wie du bist. Dreissig werd' ich jetzt, Lenore; mit dreissig wird der Mann
erst wach, da gewinnt er erst die Welt. Du weisst, was in mir ruht, du ahnst es.
Du weisst auch, wie ich dich brauche, du fühlst es. Du bist mein Inwendiges, bist
aus meiner Musik erschaffen, ohne dich bin ich eine leere Hülse, Stückwerk, eine
Geige ohne Saiten.«
    »Ach Daniel, ich glaub dir's ja, und doch ist alles nicht wahr,« erwiderte
Lenore und ihm dünkte, als könne er in der Finsternis ihr
spöttisch-melancholisches Lächeln sehen; »irgendwo, fast möcht ich sagen in
Gott, ist es nicht wahr. Und wenn wir bessere Menschen wären, Gottesmenschen,
dann müssten wir verzichten. Dann wär es schön zu leben; wie über den Wolken
wohnte man, froh und rein.«
    »Sprichst du das aus deinem Herzen? Spricht so dein Herz, Lenore?«
    »Liebster, ach Liebster! Mein Herz ist so wie deins verdunkelt und
verzaubert. Ich kann ja nicht mehr von dir lassen. Ich hab mich abgefunden mit
allem. Ich bin mir der ganzen Schuld in meiner Seele bewusst. Ich weiss, was ich
tue und nehm es auf mich. Es nützt ja kein Sträuben mehr, über uns schlagen die
Wasser zusammen. Ich meine nur, du sollst dir kein Wahnbild vorgaukeln, als ob
wir damit emporgestiegen wären über andere, als ob wir uns einen Dank des
Schicksals verdient hätten. Nein, Daniel, was wir tun, tun alle, die sich
verlieren, tun alle, die hinuntersteigen. Lass mich bei dir sein, Liebster, küss
mich, küss mich zu Tode.«
 
                                       5
Philippine hatte Lenore versprochen, am Sonntag nach dem Inspektor zu sehen und
sich um Gertrud zu kümmern.
    Als sie über den Fünferplatz ging, trat sie in den Kolonialwarenladen und
verlangte für drei Pfennige Heftpflaster. Sie hatte sich zu Hause an einem Nagel
die Haut blutig gerissen. Der Gehilfe schnitt das Pflaster ab und fragte, was es
Neues gebe.
    »No, Sie Lamabaz, wollen S' das Allerneueste wissen?« schnarrte Philippine
mit selbstgefälligem Grinsen.
    »Je neuer, je besser,« versetzte der Gehilfe lüstern.
    Philippine beugte sich über den Ladentisch und raunte: »Heut machen sie
zusammen die Hochzeitsreis'.« Sie lachte scheppernd, der Gehilfe riss die Augen
auf. Zwei Stunden später lief das Wort durch die Mäuler aller Weiber des
Viertels.
    Gertrud lag im Bett. Das Aushilfsweib, das in der Küche kochte, gab
Philippine einen Teller, auf dem sich das Mittagessen für den alten Jordan
befand, Fleisch, Gemüse und ein paar saure Pflaumen. Auf der Stiege naschte
Philippine zwei von den Pflaumen und leckte ihre Finger ab.
    Den ganzen Nachmittag hindurch stöberte sie in Lenores Kammer. Sie
durchsuchte die Schränke, die Schubladen und die Taschen der Kleider. Als es
dämmerte, stand plötzlich, in Hut und Mantel, der Inspektor vor ihr und schaute
stumm, mit vergrämtem Gesicht, der unerklärlichen Geschäftigkeit des Mädchens
zu.
    Philippine griff nach dem Besen, der in der Ecke lehnte, und fing an zu
kehren. dabei sang sie, falsch, frech und wild: »Kein Feuer, keine Kohle kann
brennen so heiss, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiss.«
    Jordan ging fort, ohne etwas zu sagen. Er hatte vergessen, sein Zimmer
abzusperren. Kaum gewahrte Philippine, dass der Schlüssel steckte, so öffnete sie
die Tür und trat in die Kammer.
    Mit abergläubischen, feigen Blicken spähte sie um sich her. Sie hatte Angst
vor dem Inspektor wie vor einem überlegenen alten Zauberer. Für solche Fälle
hatte sie gewisse Beschwörungsformeln parat; sie murmelte: »Tu Erden hinein,
machs Büchslein zu, den Daumen drauf, bespuck den Schuh.« Und sie spuckte auf
ihren Schuh.
    Hernach hantierte sie am Schrank herum, weil sie darin die Geheimnisse des
Inspektors vermutete. Aber das Schloss trotzte ihren Bemühungen, und so setzte
sie sich missmutig an den Schreibtisch. Dort standen in einfachen Holzrähmchen
die Photographien Gertruds und Lenores. Sie lief hinaus, holte eine Stopfnadel
und stach diese in Lenores Bild, gerade zwischen die Augen. Dann griff sie nach
dem Bild Gertruds, und als sie es eine Weile in Händen gehalten und düster
betrachtet hatte, gewahrte sie, dass es blutbefleckt war. Das Pflaster hatte sich
von ihrem Finger losgelöst, und die Wunde hatte wieder zu bluten begonnen.
    »Jetzt geh, Philippinchen und schau nach, was die Gertrud macht,« sprach sie
zu sich selber. In die Kammer Gertruds tretend, fand sie diese im Schlaf. Auf
den Fussspitzen schlich sie zum Bett, nahm einen Stuhl, setzte sich rittlings
darauf, stützte das Kinn auf die Lehne und stierte unbeweglich in das kaum als
ein Schein in der Dunkelheit wahrnehmbare Gesicht der jungen Frau.
    Da träumte Gertrud, dass sich ein schwarzer Vogel über sie herabsenkte und
mit dem Schnabel nach ihrer Brust hackte. Sie schrie laut auf und erwachte.
    Kurz danach musste Philippine die Wehmutter holen.
    Gegen Mitternacht brachte Gertrud nach vielen Schmerzen ein Mädchen zur
Welt. Philippine hatte alles mit angesehen. Stundenlang war sie mit
aufgerissenen Augen von der Küche in die Kammer, von der Kammer in die Küche
gelaufen und hatte wie eine Verrückte unverständliches Zeug gemurmelt.
    Umsonst hatte Gertrud in ihrer Qual nach Daniel gerufen, umsonst wartete sie
den ganzen Tag auf ihn.
    »Wo nur der Daniel bleibt,« jammerte Philippine, »wo er nur bleibt mit
seiner verfluchten Lenore!« Die Hände im Schoss gefaltet, mit wirren Haaren und
verworrenen Blicken sass sie in der Ecke. Die Wehmutter war noch um Gertrud
bemüht, das Neugeborene schrie kläglich.
 
                                       6
Daniel hielt das Kind im Arm und betrachtete es aufmerksam, doch ohne Liebe.
»Was willst denn du, armer Wurm, auf der Welt?« redete er es an. Er hatte den
Hut noch auf dem Kopf, Lenore ebenfalls, denn so wie sie von der Bahn gekommen
waren, standen sie noch da, bestürzt und erregt von dem Geschehenen. Lenore war
auffallend blass, ihre Augen blickten gross verträumt, ihre Gestalt erschien fast
knabenhaft schlank. Bisweilen lächelte sie, dann erstarb das Lächeln wieder, als
fehle ihr der Mut dazu.
    Auch der Inspektor war in der Stube, wie immer seit seinem Sturz in der
Haltung eines Gastes, der lästig zu fallen fürchtet. Er sagte bescheiden: »Ich
habe Gertrud den Vorschlag gemacht, dass ihr das Kind Agnes nennt, nach meiner
seligen Frau.«
    »Gut, mag es Agnes heissen,« stimmte Daniel bei.
    Gertrud verlangte den Säugling zum Stillen, und Lenore trug ihn hin und
legte ihn an Gertruds Brust. Indem sich die Hände der Schwestern berührten, sah
Gertrud rasch empor, mit einem unbeschreiblich tiefen, wissenden, dabei zugleich
freundlichen Blick. Lenore sank plötzlich in die Knie, schlang die Arme um
Gertruds Hals und küsste sie leidenschaftlich. Gertrud streckte die linke Hand
nach Daniel aus, und zögernd reichte er ihr seine Hand. Der Inspektor strahlte.
»Es ist schön, Kinder, dass ihr euch untereinander gern habt, es ist sehr schön,«
sagte er gerührt.
    »Du, Daniel, musst hinaufziehen zum Vater,« sagte Gertrud. »Dein Klavier und
dein Bett und alle deine Sachen kommen heute noch hinauf, und Lenores Sachen
kommen in dein Zimmer. Ich habe schon mit Vater gesprochen, und ihm ist es
recht. Er wird auch sehr ruhig sein, damit du nicht gestört wirst. Das
Kindergeschrei hier unten und all das Getriebe wär ja zu arg für dich.«
    »Eine höchst praktische Anordnung,« antwortete Jordan an Daniels Statt und
sah auf seine Rockärmel nieder, die ausgefranst waren und die er deshalb eilig
hinter dem Rücken verbarg. »Es ist mir auch lieb, dass du Lenore bei dir hast.
Ein Mann schläft noch lange, wenn ein Weib längst auf den Beinen ist, nicht
wahr, Schwiegersohn?« Er klopfte Daniel lächelnd auf die Schulter.
    »Solang Gertrud bettlägerig ist, schlaf ich hier in der Stube,« sagte Lenore
und wich Daniels Blick aus, »allein kann sie doch nicht bleiben, und eine
Wärterin kostet zu viel.«
    »Sehr richtig, sehr richtig,« bemerkte der Inspektor und schritt zur Türe.
Dort kehrte er sich aber wieder um. »Ich möchte nur wissen,« sagte er in
klagendem Ton, »wer mir Gertruds und Lenores Bilder beschädigt hat. Das eine ist
durchlöchert, das andere hat rote Flecken wie von Blut. Das ist doch
eigentümlich, wie? Ich kann mir das gar nicht erklären. Wer mir bloss den Tort
angetan hat!« Er schüttelte den Kopf und ging.
    »Weisst du, dass übermorgen der erste November ist?« fragte Gertrud ihre
Schwester. »Habt ihr denn die Miete? Hat der Vater was verdient?«
    »Der Vater hat nichts verdient,« erwiderte Lenore, »aber ich hab das Geld
fast beisammen.«
    Es war auf den Inspektor in keiner Weise mehr zu rechnen. Er wurde von
seinen Kindern erhalten, schien dies jedoch nicht als demütigend zu empfinden.
Manchmal machte er geheimnisvolle Anspielungen auf eine grosse Sache, die ihn
beschäftigte und die Geld und Ehre einbringen würde. Befragte man ihn des
näheren, so zog er die Brauen hoch und drückte den Zeigefinger auf die Lippen.
    »Ich bin dem Manne mehr schuldig als seine Miete,« liess sich Daniel
vernehmen. Er küsste Gertruds Stirn und ging hinaus.
    »Leg das Kind in die Wiege und komm dann zu mir,« sagte Gertrud zu Lenore,
als sich die Türe hinter Daniel geschlossen hatte. Lenore tat, wie ihr geheissen.
Der Säugling schlief. Sie trug ihn und sah mit tiefer Bewegung in das hässlich
verfaltete Gesicht. Dann trat sie zu Gertrud.
    Gertrud packte sie an beiden Händen und zog sie mit unerwarteter Kraft zu
sich herunter, bis Lenores Augen den ihren ganz nahe waren. »Du musst ihn
glücklich machen, Lenore,« sagte sie mit heiserer Stimme und einem krankhaften
Leuchten ihrer schwarzen Augen, »sonst wärs besser, eine von uns wär unter der
Erde.«
    Trotz ihres Schreckens befreite sich Lenore mit Sanfteit. »Es ist schwer,
darüber zu reden, Gertrud,« hauchte sie und wurde bleich; »es ist schwer, es zu
leben und schwer, daran zu denken.«
    »Du musst ihn glücklich machen, und du musst glücklich sein,« fuhr Gertrud wie
ausser sich fort. »Sag dir das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Du musst, du
musst, du musst.«
    »Ich will es lernen,« antwortete Lenore langsam und ernst. »Ich bin ... ich
weiss nicht, was ich jetzt bin und wie mir zumut ist. Hab nur Geduld mit mir, ich
will es lernen.« Mit angstvoller Neugier schaute sie in Gertruds Gesicht. Diese
aber presste beide Hände an Lenores Wangen, zog sie abermals zu sich herab und
küsste die Schwester mit sonderbarer Inbrunst. »Auch ich muss es lernen,«
flüsterte sie dann kaum vernehmbar, »das ganze Leben muss ich von neuem lernen.«
    Es wurde an die Tür gepocht, und die Hebamme kam, um nach ihrer Patientin zu
sehen.
 
                                       7
Zu jener Zeit herrschte noch allgemein der Aberglaube, dass im Zimmer einer
Kindbetterin das Fenster nicht geöffnet werden dürfe. Deshalb war immer eine
üble Krankenluft in der Stube, die Lenore nur mit Mühe ertrug, und in der sie
nicht schlafen konnte. Ferner war dem Tageslicht der volle Zutritt nicht
gestattet, und da der Raum ohnehin düster war, machte ihn der grüne Vorhang, der
bis zur halben Höhe des Fensters herabgelassen war, noch düsterer.
    Das Unbequemste aber waren die vielen Visiten von Frauen, die anzunehmen
durch den Brauch vorgeschrieben war. Es kam die Gattin des Teaterdirektors, es
kam Marta Rübsam, es kam die Hofrätin Kirschner, es kam die Metzgerin und die
Bäckerin und die Frau Pfarrer und die Frau Medizinalrätin und die Frau
Apoteker, und alle erteilten Ratschläge und alle brachen in Rufe des Erstaunens
aus über die Schönheit des Neugeborenen. Einmal traf Daniel eine solche
Versammlung in der Stube, blickte wortlos von einer zur andern, warf den Kopf
zurück und ging wortlos wieder hinaus.
    Der Provisor Seelenfromm und Monsieur Rivière liessen sich ebenfalls den Weg
nicht verdriessen, und sie wurden im Flur von Lenore abgefertigt. Und eines Tages
erschien gar Herr Carovius, um sich teilnehmend zu erkundigen. Diesem gab
Philippine Auskunft, Philippine, die jetzt schlechte Zeiten hatte, da sie nicht
zu Gertrud in die Stube durfte. Gertrud wollte sie durchaus nicht sehen.
    Um mit ihrer Arbeit, die ja Brotverdienst bedeutete, nicht gar zu weit im
Rückstand zu bleiben, schob Lenore den Tisch ans Fenster und schrieb trotz des
ungenügenden Lichts und abends bei der Lampe, obwohl ihr vor Müdigkeit die Augen
zufielen.
    Nach drei Tagen hatte aber Gertrud keine Milch mehr in der Brust. Da musste
das Kind künstlich ernährt werden, und es schrie nun viele Stunden hindurch
ununterbrochen. Beruhigte es sich endlich, so mussten Windeln gewaschen oder ein
Bad gerichtet werden, oder Gertrud wollte etwas haben, oder es kam eine der
lästigen Besucherinnen. Lenore musste die Arbeit ganz beiseite legen, am Abend
fiel sie aufs Bett und schlummerte zwei Stunden schmerzhaft tief; war es nicht
der Säugling, dessen hungriges Geschrei sie weckte, so war es der Druck der
schlechten Luft. Der Kopf tat ihr weh und immer weher, doch sie verbarg ihre
Schwäche, ihre Sehnsucht, ihre Beklommenheit, und nicht einmal Daniel merkte ihr
etwas an.
    Sie konnte in dieser Zeit wenig mit ihm sprechen. Aber vielleicht gab es auf
der Welt nicht ein zweites Paar Augen, das so beredt sein konnte wie ihres in
Mahnung, in Verheissung, in Bitte, in herzlicher Resignation. Eines Abends trafen
sie sich vor dem Kücheneingang. »Lenore, ich ersticke,« raunte er ihr zu.
    Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und blickte ihn ruhig an.
    »Geh mit mir,« drängte er wie ein dummer Bub, »geh irgendwohin mit mir, geh
ganz und gar fort mit mir.«
    Lenore lächelte. Sie dachte: das menschliche Gemüt geht in seinen
Forderungen immer um einen Schritt über das Mögliche und Erreichte hinaus.
    Am anderen Morgen stürmte er ins Zimmer; Lenore sass noch halbangekleidet da,
und mit wunderbarem Zorn schaute sie ihn an, während sie nach einem Tuch langte
und es um die Schultern schlug. Doch er setzte sich zu Gertrud ans Bett, und
seine Worte überstürzten sich: »Ich will Wanderers Sturmlied komponieren. Ich
denk es als Seitenstück zur Harzreise und zyklisch mit ihr verbunden. Die ganze
Nacht hab ich nicht geschlafen; das Hauptmotiv ist gar zu herrlich.« Und er fing
in Fisteltönen an zu krähen: »Wen du nicht verlässest, Genius, nicht der Regen,
nicht der Sturm haucht ihm Schauer übers Herz. Wie gefällt dir das?«
    Gertrud sah ihn begeistert an.
    »Darauf müsste man einen guten Tropfen trinken,« fuhr er fort, »selten hab
ich solche Lust auf eine Flasche Wein gehabt. Hundsföttisch, dass man sich so was
nicht leisten kann. Aber wartet nur, lasst mich nur zu Geld kommen, dann steht
jeden Tag eine Bouteille Tokaier auf meinem Tisch.«
    »Joi, der gibt's nobel,« liess sich Philippine boshaft vernehmen, die
unhörbar eingetreten war und Daniels Worte gehört hatte.
    Daniel winkte ihr unwirsch zu, sie solle schweigen und hinausgehen. Er
achtete nicht auf ihre Erwiderung, sondern unterbrach sie gleich und rief:
»Irgendetwas muss geschehen. Kann ich nicht trinken, so will ich wenigstens
tanzen. Tanz mit mir, Lenore, zier dich nicht, komm, lass uns tanzen!« Er umfing
Lenore, presste sie an seine Brust, sang eine Walzermelodie und zog die verlegen
Widerstrebende mit sich fort.
    Philippine schlug ihr schepperndes Gelächter auf, dann sagte sie laut, die
Hofrätin Kirschner sei draussen und wolle die Frau Kapellmeister besuchen.
Gertrud machte eine flehende Gebärde gegen Daniel, im selben Augenblick begann
das Kind zu weinen, Lenore riss sich aus Daniels Armen los, ordnete ihre Haare
und eilte an die Wiege. Philippine öffnete die Tür, um die Hofrätin
hereinzulassen, da erschallte draussen ein heftiger Wortwechsel. Man hörte die
Stimme des Inspektors und die eines fremden Mannes.
    Es war der Möbelhändler, der auf eine barsche Weise das Geld für die Wiege
verlangte, die er geliefert hatte. Er behauptete, schon viermal dagewesen und
immer vertröstet worden zu sein. In der Tat ging es Daniel jetzt äusserst knapp
mit dem Gelde.
    Die Hofrätin zog Daniel beiseite und bot ihm in freundlicher Weise ein
Darlehen von zweihundert Mark an. Als Daniel schwieg und mit verkniffenen Lippen
zu Boden schaute, schalt sie ihn aus. »Immer sich selber Feind sein,« sagte sie;
»keine Umstände, lieber Notaft, heute mittag schick ich's Ihnen, und wenn Sie
mal was übrig haben, zahlen Sie mir's zurück.«
    Daniel ging hinaus und gab dem polternden Händler sein letztes
Zehnmarkstück.
    Die Hofrätin hatte für Gertrud eine Flasche Tokaier mitgebracht, denn der
Tokaierwein galt damals für eine Art Lebenselixier.
    »Siehst du, so schnell werden Wünsche erfüllt,« sagte Gertrud am Abend zu
Daniel, als er in ihre Stube kam. Und sie schenkte ihm ein Glas voll ein.
    »Habt ihr noch Rechnungen zu bezahlen?« wandte sich Daniel halb an Gertrud,
halb an Lenore und klappte sein Portemonnaie auf, in welchem es von Gold
funkelte. »Hofratsgold,« sagte er, »echtes Hofratsgold. Wie schön es dreinsieht,
lausig schön. Und von so was hängt das Heil meiner armen Seele ab!« Er schüttete
alles Gold auf Gertruds Bettdecke, streckte die Zunge heraus und kehrte ekelnd
sich hinweg.
    Lenore hielt ihm das Glas Tokaier hin, ihre Augen schimmerten feucht.
    »Nein, Lenore,« sagte er, »ich hab mir's verscherzt heute. Hab in meinem
Übermut gedacht, ich könnt was vorwärts bringen. Setz mich hin und brüte, aber
es war nur ein Windei. Da ist einem dann zumut, als hätte man einen falschen
Schwur getan. Zu was bin ich nutze, Lenore, zu was bin ich nutze, Frau? Sagt mir
das doch!«
    »Trink nur,« bat Lenore, »vielleicht vergehn die Grillen.« Und sie strich
ihm mit der Hand über die Stirn.
    Da rief Gertrud der Schwester zu: »Lass ihn! Stell das Glas weg!« Mit so
harter Stimme rief sie es, dass Lenore bestürzt zurücktrat und Daniel sich erhob.
    »Lasst mich jetzt allein,« sagte sie nach einer Weile, und Daniel und Lenore
gingen aus dem Zimmer.
    Drüben in der Wohnstube setzte sich Lenore an den Tisch und stützte den Kopf
in die Hand. »Was soll denn nun werden, Daniel?« fragte sie, und der Geigenton
in ihrer Kehle hatte etwas Ergreifendes.
    Daniel stellte die Kerze, die er getragen, in den Erker. Er beugte sich über
den Tisch und fasste Lenores Hände bei den schmalen Gelenken. »Nimm das Bittre
hin um des Süssen willen,« murmelte er. »Glaub an mich, glaub an dich, glaub an
das höhere Gesetz. Ich darf's mir nicht bloss eingebildet haben, dass es ein
Flügelwesen für mich gibt. Ich muss mich an irgend etwas klammern können, an
etwas Unzerstörbares, ja, ich sag's gerade heraus, an etwas Übermenschliches.«
    »An etwas Übermenschliches,« wiederholte Lenore mechanisch, und sie dachte
daran, dass er ja auch von der andern, von seinem Weib, das Übermenschliche
forderte. Mit einer unendlich scheuen Bewegung hob sie den Zeigefinger, wie um
ihn zu warnen.
    Doch Daniel sah es kaum. In seiner Anmassung und Leidenschaft hätte er den
ganzen Weltbau zertrümmern und neu schaffen mögen, nur um dieses einzige
Geschöpf so zu formen, wie er es wollte, grenzenlos gefügig und tätig liebend
zugleich, ehrwürdige Gebote selbsterrlich verwerfend und den aus Not und Trotz
erzeugten heiter vertrauend.
    »Mir ist's kalt,« flüsterte Lenore erschauernd und sah in die tiefen
Schatten des Raumes.
 
                                       8
Diese Augen so nahe zu wissen und ihre reine Glut; diesen aufrichtigen, kühlen,
stummberedten Mund mit den Lippen berühren zu dürfen, diese Hände halten zu
können, in denen Leidenschaft wohnte wie in der schweigsamen Unruhe eines Boten;
diese bebende Gestalt in ihrer Bereitwilligkeit, ihrem holden Zögern an die
Brust zu pressen, es war fast zu viel für Daniel, es war ein Schmerz darin, eine
Ungeduld, ein Durst nach Mehr und immer Mehr, die sein tägliches Tun und
Treiben, seine Gedanken, Pläne und Verrichtungen aus dem Zusammenhange rissen.
    Mit Personen, die er kannte, sprach er wie mit Fremden; Unbekannte setzte er
durch treuherzige Vertraulichkeit in Erstaunen; er vergass seinen Hut
aufzusetzen, wenn er auf die Strasse ging, und legte bei zahllosen Anlässen eine
Zerstreuteit an den Tag, die ihn dem Gelächter preisgab. Er wusste nicht, wann
es Mittag war; er kam um drei Uhr und dachte, es sei zwölf; einmal wäre er auf
ein Haar am Mariengraben von galoppierenden Pferden niedergerissen worden; ein
anderes Mal wurde ihm am Ludwigsbahnhof sein Regenschirm aus der Hand gestohlen,
ohne dass er es merkte.
    O, Flügelwesen, Flügelwesen, sagte er bisweilen vor sich hin und lächelte
wie ein Nachtwandler. Tief in seiner Seele brauste ein aufgeregtes Meer von
Tönen; er horchte nur hin, trotz gelegentlich hervorbrechenden Zornes über ein
Misslingen des Besitzes und künftiger Windstille sicher. Er lebte so in sich
selbst versponnen, dass er kaum den Himmel sah, und Häuser und Menschen und Tiere
und was zur Notdurft des Daseins gehört, nur wie im Traum.
    Flügelwesen, Flügelwesen!
 
                                       9
Als Gertrud vom Wochenbett aufgestanden war, folgte Lenore einer Einladung
Marta Rübsams und begleitete die Freundin nach Altdorf, zu ihrer Tante
Seelenfromm. Der Aufentalt sollte vierzehn Tage dauern, und Lenore betrachtete
dies als eine Probe, ob sie sich selber noch etwas sein könne, sich allein, ohne
Daniel.
    Aber sie sah, dass sie ohne ihn nicht mehr zu leben vermochte. In dem
einsamen Forstaus kam sie zu der Erkenntnis, dass ihre Liebe gross genug war, um
das Ungeheure des ihr auferlegten Schicksals tragen zu können, dass weder Flucht,
noch Sichverbergen imstande war, sie zu retten, Daniel zu heilen und Gertrud das
Verlorene zu ersetzen.
    Freilich gab es Stunden, wo sie sich fragte, ob es denn wahr und wirklich,
ob es überhaupt möglich sei. Sie wandelte in der Schwärze, von Dämonen umringt;
ihre Natur war in die tiefste und seltenste Verwirrung gestürzt und wehrte sich
mit leidvollen Gebärden gegen das Unerbittliche.
    Doch in einer ihrer schlaflosen Nächte schien es ihr, als überflamme sie
Daniels Geist und als rufe seine Stimme nach ihr mit niegekannter Macht.
    So wie er lebendig war, war's keiner, den sie je gesehen. Ihre schlummernde
Phantasie war aufgewacht unter seinem Laut und Atem. Sie fand, dass ihm die
Menschen vieles schuldig seien und dass, da sich niemand anheischig machte, diese
Schuld zu zahlen, es an ihr liege, das Versäumnis nachzuholen.
    Die Wege seiner Kunst überblickte sie nicht. Der Musiker in ihm sagte ihr
nichts Sonderbares und Besonderes. Sie fasste und fühlte nur ihn selbst. Fasste
und fühlte nur den Mann, der zu Hohem und Höchstem geboren und entschlossen war
und über das Schlechte und Niedrige schweigend hinwegschritt; der sich erwählt
wusste und auf Herrschaft verzichten sollte; der stumm erglüht in Waffen stand,
um ein stets bedrohtes Heiligtum zu hüten.
    Von einem solchen Mann, einem Ritter und einem Kämpfer, hatte sie schon in
Kindertagen fromm geträumt. Denn wiewohl sie alle Dinge und Verhältnisse mit
Blicken der Wahrheit ergriff, war doch ihre Seele voll heimlicher Schwärmerei
gewesen. Hinter lieblich sich bewährender Tätigkeit webten Genien der Romantik
ihre bunten Fäden und hatten auch die gläserne Kugel gebaut, in der sie sich so
lange vor der Welt verborgen hatte.
    Am Morgen nach jener Nacht erklärte sie ihrer Freundin, dass sie heimfahren
wolle. Marta versuchte, sie davon abzubringen, aber sie blieb beharrlich. War
sie doch vor Sehnsucht beinahe krank.
    Marta liess sie ziehen; sie hatte die traurigsten Gedanken über Lenores
Zukunft, da ihr ja zu Ohren gedrungen war, was in dem unglücklichen Hause vor
sich ging. Nicht aus Grüben der Moral sorgte sie sich, dazu war sie nicht die
Frau; sondern aus echter Zuneigung. Es tat ihr weh, Lenore nicht mehr bewundern
zu können.
 
                                       10
Indessen hatte Daniel seiner Frau gesagt, dass ein Kind von ihm bei der Mutter in
Eschenbach lebte und dass er dies erst an dem Tage erfahren, als ihn Lenore
hingeführt. Er sagte ihr den Namen des Kindes und wie alt es sei und wer die
Mutter war und schilderte ihr jene wildgärende Neujahrsnacht, in der er die Magd
umarmt. Er erzählte, wie er damals vor dem Haus drunten gestanden sei, Gertrud
mit allen Sinnen zu sich gewünscht habe, und wie es ihm jetzt beim Anblick der
kleinen Eva zumut gewesen, als ob die Vorsehung sich nur zum Schein des Leibes
einer Fremden bedient habe und das Kind in Wirklichkeit Gertruds Kind sei.
    Darauf antwortete Gertrud: »Ich will das Kind nie sehen.«
    »Wenn du Eva einmal kennst, wirst du dich dieses Wortes schämen,« versetzte
Daniel. »Du solltest nicht eifersüchtig sein auf ein Wesen, durch das Gott die
Erde hat schöner machen wollen.«
    »Sprich nicht von Gott!« sagte Gertrud rasch und mit erhobener Hand. Dann,
nach einer Pause, während der Daniel sie unwillig betrachtet hatte, fügte sie
schmerzlich lächelnd hinzu: »Ich eifersüchtig? O nein, Daniel.«
    Die Art, wie sie die Hände auf die Brust presste, überzeugte Daniel sehr
nachdrücklich davon, dass sie ein solches Gefühl nicht kannte. Er schwieg, blieb
aber lange bei ihr in der Stube sitzen. Als sie den Brotlaib anschnitt, fiel ihr
das Messer herunter; er sprang schnell hin und hob es auf. Niemals früher hatte
er dies getan. Gertrud schaute auf ihn nieder, indes er sich bückte. Ihr Auge
erlosch, flammte auf, erlosch wieder.
    Sprich nicht von Gott! Diese Worte wollten Daniel nicht aus dem Sinn.
    Wie nun Lenore zurückkam, erschrak sie bei Daniels Anblick. Er war verstört,
seine Lider waren entzündet, als habe auch er die Nächte schlaflos verbracht, er
konnte kaum sprechen, und endlich forderte er einen Schwur von ihr, dass sie
nicht mehr weggehen werde.
    Sie weigerte sich sanft, zu schwören, aber er wurde immer wilder und wilder,
da schwor sie es ihm zu. Und als er sie ungestüm in seine Arme schloss, ging die
Tür auf und Gertrud stand auf der Schwelle. Daniel eilte hin und wollte sie bei
der Hand fassen, doch sie wich Schritt um Schritt zurück, bis sie an ihrer
Schlafkammertür angelangt war.
    Es war Abend, und vier Gedecke befanden sich auf dem Tisch in der Wohnstube,
denn auch der Inspektor sollte unten essen. Er kam pünktlich, Lenore trug die
Speisen herein, aber Gertrud liess sich nicht blicken. Da ging Lenore zu ihr. Sie
sass an der Wiege und kämmte mit Bedächtigkeit ihre Haare.
    »Willst du nicht mit uns essen, Gertrud?« fragte Lenore.
    Gertrud schien nicht gehört zu haben. Nach etlichen Minuten erhob sie sich,
schritt an die Wand, wo der Spiegel hing, drückte mit beiden flachen Händen das
Haar an beide Wangen, und so, mit weitgeöffneten Augen, schaute sie in den
Spiegel.
    »Komm doch, Gertrud,« rief Lenore zaghaft, »Daniel wartet schon.«
    »Dass man da drinnen noch einmal da ist,« murmelte Gertrud, »es ist wie
Sünde.« Sie drehte sich um und winkte Lenore zu sich her.
    Gehorsam trat Lenore an ihre Seite. Gertrud schlang den Arm um Lenores
Nacken, bis deren linke Schläfe ihre eigene rechte berührte und nur Gertruds
Haar wie ein Vorhang zwischen den Gesichtern lag. Gertrud schaute wieder in den
Spiegel, ihr Blick wurde starr, und sie sagte: »Ja, du bist schöner, du bist
viel schöner, du bist hundertmal schöner.«
    Da regte sich das Kind, und weil Gertrud noch immer wie versunken stand,
schritt Lenore zur Wiege. Kaum hatte aber Gertrud dies bemerkt, als sie
hinstürzte und mit einer befremdlichen Rauhheit ausrief: »Rühr's nicht an!
Rühr's nicht an!« Sie riss das Kind aus der Wiege, trug es mit fliegender Eile
bis an ihr Bett und sagte leise und drohend: »Es gehört mir, mir ganz allein.«
    Seit dieser Stunde wusste Lenore, dass eine furchtbare Veränderung mit Gertrud
vor sich ging.
    Sie wusste nicht, ob andere Leute es bemerkten, ja, nicht einmal, ob Daniel
dessen inne wurde, aber sie sah es, und mit Bangigkeit.
    An einem Nachmittag, zur Dämmerungszeit, kam sie dazu, wie Gertrud im
Vorplatz kniete und mit der Bürste den Fussboden rieb.
    »Das solltest du nicht tun, Gertrud, du bist noch nicht gesund genug, es
schadet dir, wenn du so grobe Arbeiten verrichtest,« sagte Lenore.
    Gertrud gab keine Antwort und rieb weiter.
    »Warum ziehst du dich nicht mehr hübsch an?« fuhr Lenore betrübt fort.
»Daniel mag's nicht, wenn du so herumschlampst, immer in dem hässlichen Kittel,
glaub mir, er ärgert sich darüber.«
    Gertrud richtete sich auf den Knien empor und entgegnete mit sonderbarer
Demut: »Schmück du dich nur. Es ist nicht gut, wenn zwei sich schmücken. Was
soll ich tun?« fragte sie und liess den Kopf sinken; »du trägst dein goldnes
Kettlein und die Korallen in den Ohren. Das gefällt mir, und es soll auch so
sein. Aber ich hab kein goldnes Kettlein und keine Korallen, und hätte ich sie
auch, ich trüg sie nicht, und trüg ich sie auch, so wär's von Übel.«
    »Ach, Gertrud, wie redest du denn!« klagte Lenore.
    Da tönten plötzlich die Kirchenglocken in den Flur. Mit einer strengen
Feierlichkeit faltete Gertrud die Hände zum Gebet, und es war, als sei sie in
ihrer knienden Stellung versteinert.
    Schweren Herzens ging Lenore in die Stube.
 
                                       11
Durch trennende Räume wurden Daniel und Lenore unwiderstehlich zueinander
gezogen. In ihren Gedanken begleiteten sie einander, und jedes erriet des andern
Wunsch und Meinung. Kam er verstimmt und gereizt nach Hause, war sie geängstigt
und ruhelos, so brauchten sie sich nur Seite an Seite zu setzen, und es war
Friede in ihnen.
    War Daniels Überredungsgewalt gross, so war es bei Lenore die Macht des
Beispiels. Eine Speise war verdorben, und Daniel mochte sie nicht essen; Lenore
ass sie nicht bloss, sondern gewann es auch über sich, sie zu loben, da ass er
gleichfalls, und sie schmeckte ihm. Gertrud hatte die Speise zubereitet, und
Lenore glaubte die Schwester schonen zu sollen; aber Gertrud wollte nicht
geschont sein, sie legte Messer und Gabel hin und sagte: »Daniel hat recht, man
kann's nicht essen.« Sie stand auf und ging in die Küche, um einen Milchbrei zu
kochen und so für das verdorbene Gericht Ersatz zu schaffen. So war sie nun,
immer ergeben, stumm beflissen; stumm bemüht, keine Pflicht zu verabsäumen.
Daniel und Lenore schauten einander verlegen an, bald jedoch verwandelte sich
die Verlegenheit in wechselseitiges Entzücken, und sie konnten die Blicke nicht
mehr eins vom andern losreissen.
    In Daniels sinnlicher Anlage war nichts von Verführertum. Dafür war er von
seinen Wünschen und Begierden in hohem Grad abhängig, und in seinem
leidenschaftlichen Eigensinn wurde er nicht selten rücksichtslos. Doch hatte
dann Lenore eine tiefkundige Ruhe, heitere Bestimmteit an ihrem Ort und
Nachgiebigkeit an ihrem Ort. So viel Ansprüche an Geduld und Mass hätten einen
politisch gestählten Geist und das erfahrenste Herz müde machen können, sie aber
fand sich durch den unbeirrbaren Instinkt ihrer Natur zurecht und war niemals
müde.
    Wogegen er sich am häufigsten aufbäumte, war das, was er die bürgerliche
Vorsicht an ihr nannte, die Wahrung des notwendigen Scheins. Er wollte die
Stunden seiner Liebe nicht wie ein erstohlenes Gut in Besitz nehmen, nicht über
Flur und Stiege schleichen, nicht flüstern, nicht die heimlichste Stunde
abwarten, nicht mit Bangen und Zagen kommen und gehen.
    Es ist nicht erforderlich, diesen Heimlichkeiten nachzulauschen; wir wollen
nicht dem bösen Geist Asmodei ins Handwerk pfuschen, der die Dächer durchsichtig
macht und in die Schlafkammern blickt, wir wollen nicht Daniels Spion sein, wenn
er in mitternächtiger Stunde die Mansarde verlässt und auf Filzschuhen sich am
Geländer heruntertastet, wir wollen nichts von Lenores Qual und Verlangen, von
ihrem Harren, von ihrem Flüchten, von ihrer Abwehr, von ihrem Unterliegen
erzählen; über diese Dinge wollen wir hinwegsehen, ein erbarmender Vorhang falle
über sie, denn sie sind gar zu menschenhaft und wunderlos.
    Nur an eine einzige Nacht sei gerührt, wo Daniel in Lenores Kammer trat und
zu ihr sagte: »Ich habe dich noch nie gesehen wie ein Liebender seine Geliebte.«
Lenore sass auf dem Rand ihres Bettes und begann zu zittern. Darnach blies sie
die Kerze aus, Daniel hörte das Rascheln ihrer Gewänder, und nun ging sie zum
Ofen, machte das Feuertürchen auf, und weil im Ofen helle Kohlenglut war, stand
sie von Purpurdunst beleuchtet da, und der magere, zarte, nackte Leib,
eigentümlich figurenhaft, war von der harmonischesten Beseelung erfüllt. Und da
nun das Spiel der Glieder, als sie das Licht wussten, plötzlich von Scham gehemmt
wurde, bog Lenore den Kopf zur Wand, wo immer noch die Maske der Zingarella
hing, die Daniel ihr gelassen hatte. Sie nahm die Maske vom Nagel, hielt sie mit
beiden Händen, so dass die Glut auch auf den weissen Gips fiel, dabei senkten sich
ihre Augen, und sie lächelte in einer Weise, die Daniel durch und durch
erschütterte. Etwas Ewiges langte an sein Herz, Ahnung des Endes,
Schicksalsfurcht.
    Zur gleichen Zeit hatte sich Gertrud in ihrem Bett aufgerichtet und starrte
mit Augen, als erblicke sie dorten wen, gegen ihre Stubentür. Nachdem sie lange
hingestarrt hatte, erhob sie sich, öffnete die Tür, ging unhörbar in den Flur,
kehrte wieder um, ging noch einmal hinaus und begab sich dann, die Tür offen
lassend, wieder ins Bett, wo sie aufrecht sitzen blieb und nun auf die Tür
draussen überm Flur starrte, hinter welcher sie Daniel und Lenore wusste. Von
ihrem Haupt hing links und rechts ein Zopf herab, und inmitten des dunkeln Haars
oben und der dunkeln Zöpfe an den Seiten glich ihr Gesicht einer Wachsform in
einem düstern alten Rahmen.
    Kein Zucken der Muskeln gab Kunde von den Bildern, die sich in ihrem Geiste
drängten.
    Hinter jener Tür lag für sie die ganze Welt. Ihr schien, sie könne es nicht
mehr aushalten, das Wissen darum. Überall schlichen sie über die Gänge der
Wohnungen, überall lockte ein Weib, zu jedem Weib gesellte sich ein Mann, und
sie umschlangen einander und gruben einander die Zähne ins Fleisch. Es war so
lästerlich als unsinnig, ein Elend und ein Grauen. Überall sah sie das
verwerflich Entblösste, alle Kleider waren wie aus Glas, sie konnte weder Weib
noch Mann anschauen, ohne zu erbleichen. Sie hatte nur eine einzige Zuflucht, an
der Wiege des Kindes hinzustürzen und zu beten. Stand sie aber wieder auf, so
atmete sie wieder in der vergifteten Luft, und das Verlangen, sich zu reinigen
von dem Verbrechen, an dem sie sich schuldig fühlte, ohne dass sie bis jetzt
hatte ergründen können, was für ein Verbrechen es eigentlich war, raubte ihr den
Schlaf. Ihr war nur zumut, als hänge über ihrem Kopf ein schwerer Stein, der
sich langsam löste und jeden Tag schrecklicher mit seinem Sturz drohte.
    Stunde um Stunde war verronnen, da trat endlich Daniel in den Vorplatz. Er
erschrak nicht wenig, als er den Lampenschein und die aufrecht im Bett sitzende
Gertrud gewahrte.
    Er ging in die Kammer, schloss die Tür, ging an die Wiege, schaute auf das
schlummernde Kind nieder und trat dann zu Gertrud. Sie heftete einen unendlich
aufmerksamen Blick in sein Gesicht, einen Blick, der um ein Urteil zu fragen, um
einen Richterspruch zu flehen schien. Zugleich aber streckte sie abwehrend die
Arme gegen ihn, und als er betroffen stehen blieb, milderte sich der Ausdruck
ihrer Augen, und sie sagte: »Gib mir die Hand.«
    Sie nahm seine Rechte, streichelte sie und flüsterte: »Die arme Hand, die
arme Hand.«
    Daniel biss die Zähne zusammen. »O, Frau,« sagte er.
    Er setzte sich an den Rand des Bettes und schwieg. Gertrud sah ihn wieder
mit demselben gespannten und flehenden Ausdruck an wie vorhin. Aber er liess sich
neben sie hinsinken, und den Kopf an ihre Brust gelehnt, schlief er ein.
    Sie hielt noch immer seine Hand. Sie schaute in sein fahles, schmales
Gesicht und auf die geeckte Stirn, deren Haut unter den wirr hängenden Haaren
bisweilen leise zuckte. Das Öl in der Lampe ging zur Neige, und der Docht fing
an zu riechen, aber sie getraute sich nicht, die Lampe auszublasen, aus Furcht,
Daniel könnte erwachen. Sie sah still zu, wie das Licht verlosch und an seiner
Statt ein rotes Glimmern war, bis auch dieses erlosch und es finster wurde.
 
                                       12
Seit einiger Zeit bemerkte Lenore, dass der Bäckergeselle, statt des Morgens die
Semmeln in das Säckchen zu legen, wie er stets getan, sie achtlos durch das
Gatter auf die Erde warf.
    Der Zeitungsträger grüsste sie nicht mehr, der Postbote lächelte höhnisch,
und sogar die Bettler, so schien es ihr, forderten Almosen mit unverschämter
Miene.
    Einmal kam sie durch die Schmausengasse, da lehnte ein Weib am Fenster eines
Hauses, rief bei ihrem Anblick etwas in die Stube zurück, und sogleich stürzten
ein junger Mensch und drei halbwüchsige Mädchen ans Fenster, tauschten
Bemerkungen aus und stierten sie mit Blicken an, die sie erbleichen liessen.
    Ein andermal brachte ihr Daniel eine Freikarte zu einem Konzert. Sie ging
hin, und schon bei ihrem Eintritt fiel ihr das gierige und unanständige Schauen
der Leute auf. Eine geputzte Dame rückte von ihrer Seite weg, einige Herren vor
ihr drehten sich beständig um und grinsten sie an. Sie konnte nicht bis zum Ende
bleiben und floh.
    Bewegung in freier Luft hatte ihr schon über manche böse Stunde
hinweggeholfen; sie ging zum Schlittschuhlaufen aufs Eis. Als man sie gewahrte,
entstand ein Wispern. Sie kümmerte sich nicht darum, sie lief ihre schönen Bogen
und Figuren. Aus einer Gruppe junger Mädchen wurde mit Fingern auf sie gedeutet.
Mit stolz blitzenden Augen näherte sie sich der Schar, und alle stoben
auseinander. Die ihr früher gehuldigt hatten, mieden sie jetzt. Ihr Gefühl war
in Aufruhr und lohte bei der Erfahrung von so viel unerwarteter und
zurückweichender Gemeinheit in edlem Trotz empor.
    An einem Dezembertag schritt sie über den Weinmarkt und wollte durch ein
enges Gässchen zum Hallertor. Vor dem Gässchen standen einige Männer im Gespräch.
Sie erkannte Alfons Diruf unter ihnen. Sie dachte, die Leute würden Platz
machen, um sie durchzulassen, aber keiner rührte sich. Sie starrten sie frech
an. Nun hätte sie ja weitergehen und einen andern Weg wählen können, doch jener
Trotz zwang sie, zu verharren, und unter der Flammenbläue ihrer Augen bequemten
sich die Niederträchtigen endlich zu trägem Ausweichen. Sie bildeten ein
Spalier, durch welches sie gehen musste, und ärger als dieses war es, sich von
den unzüchtigen Blicken verfolgt zu fühlen, das Lachen vernehmen zu müssen, das
sonst bei Nacht aus Wirtshäusern klang, wenn sie beieinander hockten und Zoten
erzählten.
    Manchmal in der Dämmerung und am Abend dünkte es ihr, es gehe jemand hinter
ihr her. Einst drehte sie sich um, und wirklich sah sie einen Menschen. Der
Mensch trug einen Havelock; er trat dann hastig in ein Tor. Wenige Tage später
ereignete sich das gleiche, aber nun erschrak sie zu tiefst, weil sie Herrn
Carovius erkannt zu haben glaubte.
    Eines Abends verliess sie das Haus, da bemerkte sie dieselbe Gestalt an der
Kirche drüben. Und als sie zögerte und überlegte, kam noch eine andere Gestalt
hinzu. Es schien ihr, als ob dies Philippine sei. Sie sprachen leise
miteinander, aber Lenore konnte sie nicht genau sehen, der Schnee fiel zu dicht,
die Laterne war zu weit.
    Sie wusste nicht, weshalb, aber plötzlich hatte sie Angst um Daniel. Bloss um
ihn; ihm drohte Gefahr, so schien es ihr, wenn sie nicht umkehrte. Und sie
stürmte die Treppe hinauf bis zur Dachkammer. Sie pochte an die Tür; kein Laut.
Sie öffnete; es war finster. Aber sie sah, dass sich sein Körper im finsteren
Raum gegen das Schneelicht draussen abhob. Er sass am Klavier, hatte die Arme auf
den Deckel und den Kopf zwischen die Hände gestützt. Mit einem süssen Weheton
eilte Lenore hin und umschlang ihn.
    Daniel nahm sie auf seinen Schoss, drückte ihren Kopf an seine Brust und
lachte mit offenem Mund und gleissenden Zähnen, aber ohne einen Laut. So lachte
er jetzt oft.
 
                                       13
So lachte er über die Ränke, die die Sängerin Varini, seine erbittertste
Feindin, gegen ihn spann und die zur Folge hatten, dass er beim Teater überall
auf Widerstand und Misstrauen stiess.
    So lachte er über die anonymen Schmähbriefe, mit denen ihn seine Mitbürger
bedachten, und die er in naiver Wissbegier las, weil er erfahren wollte, bis
wohin sich Unflätigkeit und hündisch-feiger Hass verirrten.
    So lachte er, als die Absage der Freifrau von Auffenberg kam. Sie schrieb
ihm, dass ihre Konstitution geschwächt sei und dass sie infolgedessen den Winter
auf ihrem Landgut bei Hersbruck verbringen werde. Aber Daniel erfuhr, dass sie
häufig in der Stadt war und die Einrichtung regelmässiger musikalischer Abende
getroffen hatte, was sie unter seiner Herrschaft nie zu tun gewagt. Andreas
Döderlein war nun ihr Beirat; da konnte sie schwelgen und schwärmen und in
Stickluft und künstlichem Aroma ihre kraftlose Seele bis zum Überdruss betäuben.
    Und so lachte er über die wöchentlich wiederkehrenden Angriffe des
»Fränkischen Herold«, die ihm ins Haus geschickt wurden; es waren schlaue und
bissige Sticheleien, erschnüffelte Heimlichkeiten, breitgewalktes Hörensagen,
perfide Verdächtigungen des Künstlers, des Menschen.
    In den Artikeln war stets vom Gänsemännchen die Rede. Daniel fragte sich
verwundert, worauf der Name zielen mochte. Das Gänsemännchen wurde zu einer Art
von humoristischem Original erhoben. Was gibt es denn Neues vom Gänsemännchen?
lautete etwa der Titel, oder man stiess auf folgende kurze Notiz: Das
Gänsemännchen lenkt schon wieder die Aufmerksamkeit der Musikfreunde auf sich;
es versteift sich darauf, die Oper Stradella durch Einfügung eines
Trauermarsches eigenen Fabrikats geniessbarer zu machen, und die ergebenen
Hausvögel, die es unter den Armen trägt, haben es für dieses Vornehmen mit
lieblichem Dankesgeschnatter belohnt.
    Die Geburtsstätte dieser ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiet
journalistischen Witzes war der Stammtisch im Krokodil. Wenn je in der Welt
ehrliche Mannestränen gelacht wurden, so geschah es bei Abfassung solcher
Nachrichten über das Leben und Treiben des Gänsemännchens. Der Redakteur
Weibezahl war der Protokollführer dieser geistigen Wettkämpfe, bei denen sich am
meisten Herr Carovius hervortat. Herr Carovius schöpfte aus sicheren Quellen,
wie es im Zeitungsdeutsch hiess, und jeden Abend überraschte er die Tafelrunde
mit neuen Köstlichkeiten für Weibezahls Aktentasche.
    Davon wusste Daniel nichts, aber das Gänsemännchen, als Wort wie als Gestalt,
verwob sich in sein Denken und gewann irgendwo und -wie im Zeitverlauf eine
verwandelte Wesenheit.
 
                                       14
Eines Tages schrieb die Hofrätin Kirschner an Daniel und liess ihn wissen, dass
sie nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wolle. Zugleich forderte sie das Geld
zurück, das sie ihm geliehen hatte, und er konnte es nicht aufbringen. Im
Teater stand er bereits in Vorschuss; einen Freund besass er nicht; Monsieur
Rivière, der einzige, der vielleicht hätte helfen können, war nach Frankreich
abgereist.
    Die Sache lief den üblichen Weg; ein Advokat stellte eine Frist; als die
verstrichen war, wurde der gerichtliche Zahlungsbefehl ausgefertigt, dann kam
der Gerichtsvollzieher, und in Ermangelung anderer Gegenstände von Wert pfändete
er den Flügel.
    Der Einspruch Daniels hatte keine aufhaltende Rechtskraft. Noch ein paar
Tage, und das Klavier musste versteigert werden.
    Es war ein trüber Januarmorgen, da trat Philippine in seine Kammer.
    »Du, Daniel,« begann sie, »willst Geld von mir haben?«
    Daniel drehte langsam den Kopf und musterte sie erstaunt.
    »Hab Geld genug,« fuhr sie mit heiserer Stimme fort, und ihre Augen
glitzerten gläsern unter den Simpelfransen, »hab's pfennigweis zusammengescharrt
von kleinauf, Jahr um Jahr; kann dir geben, was d'für die Hofrätin brauchst.
Schmeiss es ihr hin, der alten Hadltrut. Sag zu mir: bitt dich, Philippine, gib
mir das Geld, und es liegt auf'm Tisch.«
    »Du bist wohl närrisch?« erwiderte Daniel, dem das Mädchen auf einmal
unheimlich wurde, »mach, dass du hinauskommst.«
    Da packte Philippine, ausser sich vor Wut, seine Hand, und ehe er es hindern
konnte, biss sie ihn unterhalb des kleinen Fingers ziemlich tief ins Fleisch. Mit
einem dumpfen Schrei schüttelte Daniel sie ab und stiess sie zurück. Sie sah ihn
frohlockend an, doch ihr Gesicht war gelb geworden.
    »Geh zu, Daniel,« sagte sie bettelnd, »sei nit so garstig mit mir. Alleweil
so garstig, alleweil so neidisch, geh zu.«
    Dies infame Lächeln, und die Haare über den Augen, und die roten, plumpen
Hände, und die Schneeflocken auf dem zu kurzen Mantel, und unten der Saum des
knallroten Kleids, und auf dem Hut das giftgrüne Band; Daniel verspürte ein
Grausen wie beim Anblick des hässlichsten und verderblichsten Bildes, das ihm aus
der Menschenwelt entgegentreten konnte. Aber indem er die Augen abwandte, kam
Mitleid über ihn, als ahne er plötzlich, dass dieses Wesen an ihn gekettet war
durch Bande, die erst in allen Finsternissen unterirdischer Labyrinte liefen,
bevor sie zu ihm gelangten. Was sie getan, hatte ihn in Bestürzung versetzt,
doch als Offenbarung einer Natur überraschte es ihn zugleich und gab ihm zu
denken.
    Er ging zum Waschtisch, um die blutende Hand ins Wasser zu tauchen.
Philippine nahm ein frisches Schnupftuch aus der Kommode und reichte es ihm zum
Verbinden. Er sah sie durchdringend an und sagte: »Was bist denn du für eine?
Was steckt denn für ein Teufel in dir? Nimm dich in acht, du
Jasonphilippstochter, nimm dich in acht.«
    Da aus diesen Worten ein Ton von Güte klang, vibrierte es seltsam in
Philippines Gesicht. Ihre Züge waren wie zum Grinsen verzerrt; aber es war
dennoch kein Grinsen. Nach einer kurzen Weile zog sie eine lederne Börse aus
ihrer Manteltasche und brachte zwei in ein Papier gewickelte Hundertmarkscheine
sowie ein Goldstück hervor. Sie entfaltete die Scheine und das Papier, legte
erstere samt dem Goldstück auf den Tisch und reichte Daniel das beschriebene
Blatt.
    Er las: Ich unterzeichneter Daniel Notaft bin der Philippine Schimmelweis
zweihundertundzwanzig Mark schuldig und werde ihr das Geld vom heutigen Tage an
mit fünf Prozent verzinsen.
    »Damit zahlst den Gerichtsvollzieher und bist aus der Schlemassel,« redete
Philippine eigentümlich dringend auf ihn ein. »Kannst doch nit auf'm Nudelholz
Klavier spielen, ist ja dein Handwerkszeug, der Klapperkasten. Unterschreib und
du hast Ruh.«
    »Woher ist das Geld?« fragte Daniel. »Wie kommst du zu so viel Geld? Sprich
die Wahrheit!« Und er hörte auf einmal Tereses Stimme: das viele schöne Geld,
das viele schöne Geld ...
    Philippine biss an ihren Nägeln. »Das geht dich nix an,« erwiderte sie grob,
»g'stohlen is es nit. Übrigens kann ich dir's ja sagen,« fuhr sie eilig fort,
als sie sein Misstrauen bedrohlich werden fühlte, »die Mutter hat mir's
zugesteckt. Damit ich nit ganz armselig dasteh, wenn was passiert. Denn der
Vater, der möcht mich am liebsten verrecken lassen. Heimlich hat sie's beiseite
geschafft, und ich hab ihr beim Kruzifix schwören müssen, dass niemand was
erfährt.«
    Diese Schauergeschichte veranlasste Daniel zu bedenklichem Kopfschütteln. Er
spürte die Lüge, aber von Philippines Blick und Wort ging eine sonderbare Gewalt
aus. Er war unschlüssig, er überlegte. Seine Arbeit stand auf dem Spiel. Wochen
konnten verfliessen, Monate, ehe er wieder zu einem Instrument gelangte.
Philippines Dienstwilligkeit war ihm rätselhaft, alles was sie sagte, war
abstossend und gemein, aber sie brachte Hilfe, und dem gegenüber musste er die
warnenden Stimmen ersticken.
    Ist ja nur Geld, dachte er verächtlich und setzte sich hin, um seinen Namen
auf den Zettel zu schreiben.
    Philippine zog die Schultern hoch hinauf und wagte nicht zu atmen, bis er
ihr den Zettel wortlos überreichte. Dann blickte sie ihn flehend an und sagte:
»So Daniel, jetzt darfst mich aber nimmer wie eine räudige Katz behandeln.«
 
                                       15
Man versprach sich heuer sehr viel vom Fastnachtszug, und am Karnevalsdienstag
war nachmittags die ganze Stadt auf den Beinen.
    Daniel war gerade auf dem Nachhauseweg, als er an der Ecke der
Teresiengasse in den Tumult geriet. In lässiger Neugier blieb er stehen, und
bald zeigten sich die ersten Gruppen des Zuges: drei Herolde in prächtigen,
mittelalterlichen Gewändern, und hinter ihnen berittene Ratsherren.
    Hernach kam auf einem Schubkarren eine zum Tod verurteilte Hexe; ihr Gesicht
war scheusslich bemalt, und in der Hand schwang sie eine gewaltige
Schnapsflasche. Darauf folgte eine Schar bezopfter Chinesen, denen wieder eine
Gesellschaft tanzender Kameruner. Dann kam ein Riese, der siebenundzwanzig
Masskrüge trug; dann eine Damenkapelle, aus lauter alten Weibern bestehend; dann
ein Bauerngemeindewagen mit der Aufschrift: die Steueranbeter; dann ein
Rauchklub mit dem schwedischen Zündholzhändler; dann ein Wagen mit dem aus
Bierfässern gebauten Spittlertor; dann die sogenannte Funkengarde; ferner eine
Amme mit einem erwachsenen Wickelkind, welches Husarenstiefel trug; die sieben
Schwaben dann, die auf Velozipeden fuhren; eine Chaise mit einer lustig
herausgeputzten englischen Familie; ein Fuhrwerk, auf welchem Schriftgelehrte
sassen und das eine Tafel zeigte: die Undsoweiterer, auch Etceteristen geheissen.
    Zuletzt kam ein Wagen, auf dem sich eine aus Brettern, Reifen, Ton, alten
Lappen und altem Eisen geschickt verfertigte Nachahmung des
Gänsemännchen-Brunnens befand. Das Männchen selbst war mit einem zerschlissenen
Sammetröckchen bekleidet, aus dessen Taschen überall gerollte Notenblätter
hervorschauten. Statt des Hütchens hatte es eine verrostete Pfanne auf dem Kopf,
und an den Füssen staken ein paar alte Lackschuhe. Unter jedem Arm trug es eine
Gans. Die Gänse waren aus Brotteig hergestellt und hatten nicht Gänseköpfe,
sondern die Köpfe von Frauen, künstlich bemalt und mit sogenannten Schussern in
den Augenhöhlen. Das Gesicht zur Linken sah melancholisch, das zur Rechten
vergnügt aus.
    Um diesen Wagen herrschte das grösste Gedränge, und ein unbändiges Hallo
erhob sich jedesmal, wenn er neuen Zuschauergruppen in Sicht kam, auch dort, wo
die Leute das Beziehentliche der Darstellung nicht verstanden. Pulzinells hieben
mit ihren Pritschen in die Luft, Indianerhäuptlinge umtanzten ihn schreiend, ein
Mephistopheles machte Purzelbäume, auf Steckenpferden reitende Ritter
salutierten, und Kinder mit Wachsmasken vor den Gesichtern schrien
ohrenbetäubend.
    Mit ziemlich teilnahmlosen Blicken hatte Daniel den vorhergehenden
Schabernack betrachtet, der ihm nur als eine Ausgeburt spiessbürgerlichen
Behagens erschien. Da kam der Wagen mit dem falschen Gänsemännchen. Oben stand
der Bildhauer Schwalbe, toll und voll betrunken, neben ihm, trotz der Kälte in
Hemdärmeln, der Maler Krapotkin. Ein ungeheuer dicker Jüngling, seines Zeichens
Schulamtskandidat, hatte den Einfall, den Titeldruck von einem Exemplar des
»Fränkischen Herold« an das Hütchen des Gänsemännchens zu heften und erntete
damit bei den Wissenden grossen Jubel.
    Der Maler Krapotkin erkannte Daniel. Er rief ihn an, warf Kusshände hinunter,
liess sich eine Pritsche reichen und ahmte damit die Gesten eines Musikdirigenten
nach, der Schulamtskandidat schleuderte eine Handvoll Bretzeln gegen den Platz,
wo Daniel stand, eine Posaune begann zu schmettern, der Engländer streckte erst
den Kopf aus der Chaise und hopste dann mit einer Stange, auf welcher weibliche
Gewänder und ein Federhut mit einem Schleier hingen, auf Daniel zu, auf dem
Gambrinuswagen wurde ein frisches Bierfass angezapft, und an den Fenstern der
Häuser drängten sich lachende Menschen.
    »Ihr habt ja das Gitter vergessen!« rief Daniel mit lauter Stimme denen auf
dem Gänsemännchen-Wagen zu.
    »Was hat er gesagt?« fragten sie und sahen einander verblüfft an. In der
Zuschauermenge trat ein neugieriges Schweigen ein, und viele blickten verwundert
auf Daniel.
    »Ihr habt das Gitter vergessen!« wiederholte er mit blitzenden Augen, »das
geschmiedete Gitter. Ohne seinen Schutz ist das arme Gänsemännchen freilich euer
Hanswurst.«
    Er lachte still, mit offenem Munde und gleissenden Zähnen und entzog sich
eilig den zahllosen Gaffern. Und in einem einsamen Gässchen angelangt, fing er
mit frenetischem Gesichtsausdruck an zu singen: »Den du nicht verlässest,
Genius, wirst ihn heben mit den Feuerflügeln; wandeln wird er wie mit
Blumenfüssen über Deukalions Flutschlamm, Pyton tötend, leicht, gross, Pytius
Apollo!«
 
                                       16
Einige Wochen darnach ereignete es sich, dass eine wirkliche Sängerin zu Daniel
kam, und dass er von ihr, in wunderbarer Vollendung des Gesangs, mehrere von den
Liedern hörte, die er komponiert und die er schon gänzlich von der Welt
vergessen geglaubt.
    Es war dies ein sehr geheimnisvoller Besuch. Eines Nachmittags, bei
schrecklichem Schneetreiben, hatte es an der Wohnung unten geläutet, und als
Gertrud öffnete, sah sie eine schwarzverschleierte Dame vor sich stehen, die den
Kapellmeister Notaft zu sprechen verlangte. Gertrud führte sie zu Daniel
hinauf; die Fremde sagte ihm, sie habe sich seit langem gewünscht, seine
Bekanntschaft zu machen, und da sie, auf der Durchreise nach Italien begriffen,
durch die Erkrankung einer nahen Angehörigen genötigt, hier habe Aufentalt
nehmen müssen, sei ihr dies wie ein Wink des Schicksals erschienen, und sie
komme nun, ihn zu begrüssen, vor allem aber, ihm für die Lieder zu danken, die
ihr einstmals, in einer schweren Stunde ihres Lebens, ein Freund geschenkt habe.
    Sie sprach mit einem Akzent, der nordisch klang, dabei leicht, fliessend und
wie jemand aus der grossen Welt. Daniel fragte, mit wem er das Vergnügen habe, da
lächelte sie und bat um die Erlaubnis, ihm ihren Namen vorentalten zu dürfen;
es sei ja nichts daran gelegen, wie sie heisse; vielleicht denke er späterhin
lieber an eine Unbekannte, die ihm nur ihre Verehrung und Dankbarkeit habe
beweisen wollen, als an ein Fräulein Soundso; als Namenlose hoffe sie besser in
seinem Gedächtnis zu bleiben wie als eine, von der man nur wisse, was alle von
ihr wüssten.
    Die Mischung von Scherz und Ernst, von Geist und Empfindung in den Worten
der Fremden behagte Daniel wohl. Er antwortete zwar knapp und kühl, es war
jedoch zu bemerken, dass er sich mit der Besucherin freute, brachte sie ihm doch
zum Bewusstsein, dass sein Geschaffenes nicht in einen echolosen Abgrund gesunken
war. Nach einer Weile kam das Gespräch neuerdings auf die Lieder, und da sagte
die Fremde, sie möchte ihm gern das eine oder das andere Lied vorsingen. Daniel
war gleich damit einverstanden, er holte die Noten hervor, setzte sich aus
Klavier, und die rätselhafte Frau fing an zu singen. Schon bei den ersten Tönen
horchte Daniel hoch auf, eine solche Stimme hatte er noch nie vernommen; so
weich, so rein, so seelenvoll, so über alle Schule und Konvention hinaus. Nach
dem ersten Lied sah er befangen an der Sängerin empor und murmelte: »Wer sind
Sie denn? Wer sind Sie?«
    »Keine Recherchen, bitte,« erwiderte die Sängerin lachend und über das
mittelbare Lob, das ihr sein Benehmen spendete, froh errötend, »das nächste
noch, das Eichendorffsche.«
    Gertrud, die sich in ihrem vernachlässigten Anzug nicht länger als nötig war
hatte zeigen wollen, war wieder in ihre Küche hinuntergegangen; jetzt trat, nach
schüchternem Pochen, Lenore ein. Als sie die Stimme gehört, war sie überrascht
in den Flur geeilt, und dann hatte sie nicht widerstehen können, sie wollte die
Sängerin sehen.
    Daniel nickte ihr mit strahlenden Augen zu, die Fremde grüsste gelassen und
heiter, hierauf begann sie das nächste Lied, dann das dritte, und so alle sechs.
Hinter der Tür aber stand der alte Jordan, hatte die Hände vor das Gesicht
gedrückt und lauschte erschüttert.
    »So, nun muss ich aber fort,« sagte die Fremde, als sie das letzte Lied
geendet hatte. Sie reichte Daniel die Hand und fügte hinzu: »Es war eine schöne
Stunde.«
    »Es war eine der schönsten, die ich erlebt habe,« antwortete Daniel.
    »Leben Sie wohl.«
    »Leben Sie wohl.«
    Und die fremde Dame ging und hinterliess nichts als die Erinnerung an ein
Glück, das je märchenhafter wurde, je weiter es die stürmische Zeit entrückte.
Daniel sah sie nie wieder, hörte nie wieder von ihr.
 
                                       17
Während des Gesanges war auch Gertrud unten im Flur gestanden und hatte
gelauscht. Sie kannte jeden Ton eines jeden Liedes; jede melodische Figur in der
Begleitung war ihr wie ein altvertrautes Bild, und sie hatte auch sogleich
begriffen, dass da eine begnadete Künstlerin sang.
    Aber wie eigen es doch war: sie spürte nichts dabei. Es regte sich nichts in
ihr. Ihr war, als sei ein lebendiger Strom in ihrer Brust versiegt und hätte nur
Sand und Steine übrig gelassen. Dieses Nichtfühlen äusserte sich wie eine
bohrende Gewissensqual.
    »Mein Gott, mein Gott,« stöhnte sie, »was ist mit mir geschehen!« Sie schlug
die Hände zusammen.
    Am Abend ging sie in die Frauenkirche und betete lange. Das Gebet beruhigte
sie jedoch nicht und verstörter als sie ausgegangen war, kehrte sie wieder heim.
    Die Wohnzimmertür war offen; Daniel und Lenore sassen unter der Lampe und
lasen gemeinsam in einem Buch. Der Säugling in der Wiege regte sich eben; Lenore
hatte deshalb die Türe offen gelassen, damit sie das Kind hören konnte, wenn es
aufwachte. Gertrud nahm das Kind in die Arme, beschwichtigte es und trat mit ihm
auf die Schwelle des Wohnzimmers. Die beiden wandten ihr den Rücken zu und waren
in ihrer Lektüre so vertieft, dass sie von Gertruds Anwesenheit nichts merkten.
    Da kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über Gertrud, und sie wusste um ihre
Schuld, die Schuld, die zu ergründen sie so viele Wochen vergeblich gegrübelt
hatte.
    Sie besass nicht Liebeskraft genug, das war ihre Schuld. Sie hatte etwas auf
sich genommen, was über ihr Vermögen ging. Sie hatte eine Ehe auf sich genommen
ohne die dazu erforderliche Stärke des Herzens.
    Die Ehe war ihr als das Heiligtum der Heiligtümer erschienen. Die
Verbundenheit mit dem Mann, den sie geliebt, war ihr gleichen Sinnes gewesen wie
die Verbundenheit mit Gott. Als sie aber dieses Band zerrissen sah, stürzte die
Welt in einen Abgrund, unermesslich weit weg von Gott. Und nicht ihr Gatte
erschien ihr als der Ungetreue, nicht ihre Schwester war ihr eine Schuldige,
nein, sie selbst war ungetreu und schuldig in ihren Augen. Sie hatte sich nicht
bewährt, hatte sich über ihre Kraft vermessen, und Gott hatte sie verworfen.
Diese Überzeugung befestigte sich unumstösslich in ihrer Brust.
    Und da ihr im Bunde mit Daniel die Musik ein Göttliches geworden war,
erblickte sie jetzt, wo dieser Bund zerstört war, das Gefährliche und zu
Meidende wie ehedem darin, und sie verstand es also, warum ihr Gefühl stumm
geblieben war.
    Doch wollte sie sich eine letzte Gewissheit verschaffen. Eines Morgens ging
sie zu Daniel hinauf und bat ihn, ihr eine Stelle aus der »Harzreise«
vorzuspielen, den Schluss des langsamen Mittelsatzes, der sie immer ganz
besonders ergriffen hatte. Ihre Bitte klang so dringlich, ja angstvoll, dass
Daniel ihr willfahrte, trotzdem er keineswegs in der Stimmung war. Indes Gertrud
zuhörte, wurde sie bleicher von Minute zu Minute. Alles bestätigte sich
furchtbar; was früher Wonne gewesen, war nun Qual; die Töne und Harmonien
wirkten wie etwas Ätzendes auf ihr Inneres, und der Schmerz, den sie empfand,
war so ungeheuer, das sie nur mit grosser Selbstbeherrschung imstande war,
aufrechten Schrittes das Zimmer zu verlassen. Voll Unruhe schaute ihr Daniel
nach.
    Als sie unten angelangt war, vernahm sie ein wunderlich klingendes Geräusch
aus ihrer Kammer. Sie ging hin und sah, dass die kleine Agnes in die Ecke des
Raumes gekrochen war, wo die Harfe stand und mit einem Messinglöffelchen emsig
gegen die Saiten schlug, wobei sie freudig lallte. Gertrud spürte einen
unbestimmten Schrecken; sie packte die Harfe und schleppte sie in die Küche
hinaus, und dort schraubte sie die Saiten aus dem Rahmen, rollte sie zusammen,
versteckte sie in eine Schublade und trug den leeren Rahmen in die Rumpelkammer
auf den Dachboden.
    »Was soll ich tun?« flüsterte sie vor sich hin und sah sich hilfesuchend auf
dem Dachboden um. Sie hatte Sehnsucht nach Frieden, und hier schien es ihr
friedlich, darum blieb sie eine Weile und lehnte sich mit geschlossenen Augen an
einen Balken.
    Was soll ich tun? fragte sie sich Tag und Nacht. Ich kann meinem Mann nichts
mehr sein; nur des Kindes halber ihm im Weg zu stehen, dazu habe ich kein Recht,
argumentierte sie. Sie sah, wie er litt und wie Lenore litt, jedes durch sich
selbst und eins durchs andere und dann noch durch die Gemeinheit der Menschen,
da dachte sie: wär ich nicht da, alles wäre gut. Ihr dünkte, ja, sie war endlich
dessen sicher, dass alle Wahrheit, die er ihr gegeben, nur den Zweck gehabt
hatte, die eine Lüge zu übertünchen, die sie glauben lassen sollte, ihr Dasein
sei eine Notwendigkeit für ihn. Das Gewicht dieser Lüge drückte ihn zu Boden,
das wusste sie, und sie wollte ihn davon befreien; aber wie, das wusste sie nicht.
Und wenn Daniel und Lenore einander in Ehren angehörten, dann standen sie auch
vor der Welt gerechtfertigt da, vor der Welt und vor Gott; aber wie das zu
erreichen wäre, wusste sie nicht.
    Und sie suchte und suchte, mit schwerfälligen, jedoch beharrlichen Gedanken.
Es war, als liefe sie fortwährend um einen Punkt im Kreise herum und könne
nichts anderes tun als auf diesen einen Punkt starren. Jeden Morgen um fünf Uhr
stand sie auf und ging in die Kirche. Sie betete mit einer Leidenschaft, die ihr
Herz physisch erschöpfte.
    Eines Morgens kniete sie noch verzweifelter als sonst am Altar, da glaubte
sie plötzlich ein Stimmchen zu hören, welches ihr zurief: du musst dich
umbringen.
    Sie fiel in Ohnmacht, und Leute eilten herbei, die ihre Stirn mit Wasser
benetzten. Da konnte sie aufstehen und nach Hause gehen. Ein eigentümlich weher
und verträumter Zug lag um ihren Mund.
    Sie wollte sticken, sie erinnerte sich, dass ihr diese Beschäftigung, als sie
noch Mädchen gewesen, die beklommensten Gedanken verscheucht hatte. Aber jedes
Gewebe ihrer Hand wurde zu dem Spruch: du musst dich umbringen.
    Schluchzend sank sie an der Wiege der kleinen Agnes hin, aber das Kind sagte
deutlich: du musst dich umbringen, Mutter.
    Lenore trat zur Tür herein; um ihre Stirn leuchtete genossenes Glück, ihr
ganzer Leib war Glück, ihre Lippen zitterten vor Glück, und ihre Augen sprachen:
du musst dich umbringen, Schwester.
    Philippine stand am Herd und raunte es in die Kohlenglut: bring dich um,
Gertrud, und der Vater holte sich seinen Teller mit Essen, bedankte sich
schüchtern und murmelte im Hinausgehen: bring dich um, Tochter, glaub mir, es
ist das beste.
    Ging sie an einem Brunnen vorüber, so zwang es sie an den Rand, und die
Tiefe lockte mächtig. Aus jedem Becher, den sie hielt, um zu trinken, schaute
ihr Ebenbild sie an mit Blicken von jenseits des Grabes. An einem Sonntag stieg
sie auf den Vestnerturm, ihr Auge schweifte mit Abschiedskummer über das ebene
Land, und in wohligem Grauen lehnte sie sich über die Brüstung des Fensterchens.
Doch der Türmer hatte sie beobachtet und umklammerte gebieterisch ihre Arme.
    Der Hahn, der krähte, krähte den Tod. Die Uhr, die tickte, tickte den Tod.
Der Wind, der wehte, wehte den Tod. Du musst dich umbringen, du musst dich
umbringen, davon war die Luft voll, die Erde, das Haus, die Kirche, der Morgen,
der Abend und der Traum.
    Im April wurde Lenore krank und bekam das Fieber. Gertrud wachte Tag und
Nacht an ihrem Bett und pflegte sie mit Aufopferung. Aus Angst um Lenore irrte
Daniel verstört umher, und wenn er an ihr Lager trat, hatte er für Gertrud
keinen Blick. Als es Lenore besser ging, legte sich Gertrud zum Schlafen nieder,
denn sie war sehr müde. Sie konnte aber nicht schlafen, und sie stand wieder
auf.
    Mit blossen Füssen ging sie in die Küche, wusste jedoch nicht, was sie dorten
solle. Es war nur die brennende Unruhe ihres Herzens gewesen, die sie von ihrem
Lager aufgescheucht hatte. Die Glieder waren ihr so schwer, aber an keinem Platz
mochte sie weilen. Später kam Daniel aus der Stadt und brachte ihr eine silberne
Spange, die er an ihrem Handgelenk befestigte. Hierauf berührte er ihre Stirn
mit den Lippen und sagte: »Ich danke dir, dass du so gut zu Lenore warst.«
    Gertrud blieb wie angewurzelt stehen. In ihrem Innern schrie es fortwährend;
es war, als wälze sich in ihrer Brust ein tödlich verwundetes Tier in seinem
Blut. Daniel war schon längst in seiner Stube, aber sie stand noch immer. In
düsterer Bedächtigkeit löste sie die Spange wieder von ihrem Gelenk, und sie
glaubte ein hässliches Mal dort wahrzunehmen, wo das Metall die Haut berührt
hatte. Sie ging in ihre Kammer, öffnete das Spind und vergrub das Schmuckstück
tief unter einem Stoss weisser Wäsche.
    Sie hatte nur den einen Wunsch, zu schlafen. Aber sobald sie die Augen
zumachte, begann ihr Herz mit verdoppelter, verdreifachter Geschwindigkeit zu
klopfen. Dann musste sie, nach Atem ringend, in der Stube auf- und abgehen.
 
                                       18
Ein paar Tage später geschah es, dass sie bei strömendem Regen ziellos in den
Strassen herumlief. Jeden Augenblick fürchtete, hoffte sie, umzufallen und nichts
mehr von sich und der Welt zu wissen. An zwei Kirchen war sie vorüber gekommen;
die Tore waren versperrt gewesen. Es dämmerte schon, da kam sie zur Pflaumschen
Apoteke. Sie schaute durch die Glastüre in den Laden. Der Provisor Seelenfromm
stand an dem langen Tisch und rieb eine Mixtur in einem Mörser. Endlich ging sie
hinein und fragte den Provisor, ob er ihr kein Schlafmittel verkaufen könne. Er
antwortete, ja, das könne er und was es denn sein solle. »Eines, bei dem man
halt recht lang nicht mehr aufwacht,« sagte sie und lächelte ihm zu, um ihn
ihrer Bitte geneigt zu machen. Es war das erste Lächeln, das seit vielen Tagen
ihr abgehärmtes Gesicht verschönte. Der Provisor wollte ihr eben ein Mittel
vorschlagen und setzte sich hierzu in eine etwas eitle Positur, da er die
Gelegenheit benutzen wollte, um ein wenig mit der von ihm bewunderten Frau zu
scharmuzieren, da kam der Apoteker selbst, und als er vernommen hatte, worum es
sich handelte, warf er einen durchdringenden Blick auf Gertrud und sagte: »Gehen
Sie nur erst zum Doktor, liebe Frau, und lassen Sie sich was verschreiben. Ich
habe mit solchen Sachen schon mancherlei Unannehmlichkeiten gehabt.«
    Als Gertrud sich endlich bis nach Hause geschleppt hatte, sass Philippine an
der Wiege der kleinen Agnes und schaukelte die Wiege unter leisem Gesumm. »Wo
ist denn Lenore?« fragte Gertrud.
    »Wo soll sie sein,« erwiderte Philippine gehässig, »bei deinem Mann droben.«
    Gertrud hörte, dass Daniel Klavier spielte. Sie hob lauschend den Kopf.
    »Sie hat gesagt, ich soll sie nach Glaishammer begleiten,« fuhr Philippine
fort, »sie will zu einer Waschfrau gehn, die soll für euch waschen.«
    »Ach, wozu brauchen wir denn eine Waschfrau,« antwortete Gertrud müde, »dazu
sind wir ja zu arm. Das kostet ja alles Geld. Alles ein Stück Herzblut von
Daniel. Nein, lass das nur. Geh nicht nach Glaishammer. Ich will selber waschen.«
    In derselben Sekunde wusste sie aber schon, dass sie nie mehr waschen werde.
Die Lampe brannte so traurig, das Kindergesichtchen lugte so blass aus dem
Linnen, Philippine kauerte so unheilvoll auf der Erde, aber das war nur jetzt,
nur jetzt, sie konnte das alles mit hinauftragen in eine bessere Welt.
    Sie beugte sich über das schlafende Kind und küsste es lange, lange, mit
heissen Lippen, inbrünstig. Eine lauernde Unruhe malte sich in Philippines Zügen.
»Du, Gertrud, du kommst mir aber spanisch vor,« sagte sie.
    Gertrud ging in Lenores Stube hinüber; zitternd stand sie im Finstern und
überlegte. Manchmal zuckte sie zusammen, weil sie Schritte vernahm und das
Öffnen der Tür erwartete. Die Ungeduld, die sie fühlte, war kaum mehr
auszuhalten. Da erinnerte sie sich des Dachbodens und wie still es neulich
droben gewesen war. Dort konnte sie keiner stören. Sie beschloss hinaufzugehen,
und auf dem Weg ging sie noch in die Küche und nahm eine dicke Schnur mit, die
von einem Zuckerhut stammte.
    Als sie an Daniels Zimmer vorbeikam, sah sie, dass die Tür halb offen war. Er
spielte noch, zwei Kerzen standen auf dem Klavier, Lenore war an der Seite
hingelehnt, hatte den Kopf auf den Arm gestützt und trug ein Kleid von kargem
Blau, welches an ihrer schönen Gestalt ruhig herabfloss.
    Mit grossen Augen betrachtete Gertrud dieses Bild. Ein unsägliches Drängen,
ein Emporlangen und schmerzliches Zurücksinken lag in Daniels Spiel. Gertrud
ging unhörbar weiter, ins Dunkel hinauf, und tastend fand sie sich zurecht.
 
                                       19
Als eine halbe Stunde verflossen war, begann sich Philippine über das Ausbleiben
Gertruds zu wundern. Sie schaute im Wohnzimmer nach, dann in Lenores Zimmer,
dann eilte sie die Stiege hinauf und spähte durch die offene Tür in Daniels
Stube. Daniel hatte aufgehört zu spielen und unterhielt sich mit Lenore.
Philippine kehrte um; auf der Stiege begegnete ihr der Inspektor, der von seinem
abendlichen Gang nach Hause kam. Sie zündete eine Kerze an und schaute in der
Küche nach. Gertrud war nicht drinnen.
    Es regnet doch, und ihr Mantel hängt am Halter und ihr Schirm steht da,
fortgegangen kann sie also nicht sein, dachte Philippine. Sie setzte sich auf
das Küchenbänkchen und starrte vor sich hin.
    Etwas grässlich Ahnungsvolles war in ihr. Sie witterte ein Unglück in der
Luft. Abermals war eine halbe Stunde vergangen, da erhob sie sich mit der
brennenden Kerze in der Hand, und es jagte sie hin und her, von der Stiege in
die Stuben und zurück.
    Plötzlich fiel ihr der Dachboden ein. Als sie sich des Aussehens Gertruds
entsann, wie sie das Kind geküsst hatte, fiel ihr der Dachboden ein. War doch in
jedem Hause und in diesem besonders, der Dachboden der Raum, der die grösste
Anziehung auf sie ausübte und den ihre lichtscheuen Phantasien stets zum
Schauplatz erwählten.
    Rasch und geräuschlos stieg sie hinauf. Sie hielt den Leuchter vor sich her,
starrte gegen den Balken, an dem eine Gestalt in Frauenröcken hing und drehte
sich mit einem erstickten Gurgellaut rund um ihre Achse. Es erfasste sie eine Art
von Trunkenheit, ein fürchterlicher Trieb zu tanzen, und sie erhob das eine
Bein, während die Zähne krampfhaft an den Nägeln der rechten Hand herumbissen.
Gleichzeitig dünkte es sie, als befehle ihr jemand mit starker Stimme: Zünde an!
Zünde an!
    Neben der Kaminmauer war ein Haufen von Papier und alten Zeitungen. Sie
stürzte auf die Knie und schrie. »Lichterloh!« schrie sie, »lichterloh!« Dann
stiess sie Laute aus, die wie Huhu und ioi-ioi klangen, halb schaudernd und halb
jauchzend.
    Der Papierhaufen flammte auf, dann lief sie mit markerschütterndem Gebrüll
die Stiegen hinunter.
    Ein paar Minuten später war das Haus in Aufruhr. Daniel stürzte die Treppe
empor, hinter ihm Lenore. Aus den tiefer gelegenen Wohnungen kamen die Frauen
und kreischten nach Wasser. Daniel und Lenore kehrten um und schleppten ein
grosses mit Wasser gefülltes Schaff hinauf. Schon wurde auf dem Platz Feuer
gerufen, fremde Männer drangen ins Haus, und mit Hilfe der vielen Arme wurde der
Brand im Keim gelöscht.
    Der Inspektor war es, der die tote Gertrud zuerst entdeckte. In Glut und
Asche stehend, brach er mit dumpfem Seufzen, wie von einem Beilhieb getroffen,
zusammen. Die fremden Männer trugen den Leichnam herab, an dem die angesengten
Kleider noch rauchten.
    Philippine war verschwunden.
 
                                     Lenore
                                       1
Es war nun alles vorüber.
    Der Besuch des Doktors war vorüber und der des Totenbeschauers; die
Nachschau der behördlichen und der Feuerkommission; die Verhöre, die
Protokollierungen, die Feststellungen.
    Die Ursache des Brandes blieb unaufgeklärt; kein Schuldiger war zu finden.
Philippine Schimmelweis hatte beteuert, die Flamme habe schon gelodert, als sie
den Dachboden betreten. So nahm man an, die Selbstmörderin habe in ihren letzten
Lebensminuten eine brennende Kerze umgestossen.
    Auch der Zudrang der Bekannten und der guten Freunde war vorüber. Dürre
Gemüter übten sich in wohlfeilem Mitleid mit dem Kapellmeister Notaft. Dass
einer, der den Kopf so hoch getragen, ihn nun zur Erde beugen musste, erweckte
Befriedigung. Der bestrafte Übeltäter gewann wieder öffentliche Gunst. Damen der
besseren Kreise erörterten die Frage, ob ein Verhältnis, welches mit Fug als ein
verbrecherisches hatte bezeichnet werden müssen, so lange die arme Frau am Leben
gewesen, nach Ablauf der gebührenden Frist zu einem gesetzlichen werden würde.
In kupplerischer Milde waren sie entschlossen, alles Vergangene zu vergeben, im
Falle dieses geschah.
    Und das Leichenbegängnis war vorüber. An einem stürmischen Tag war Gertrud
in Sankt Johannis begraben worden.
    Der Pfarrer hatte eine Predigt gehalten, die Leidtragenden hatten ihre Hände
frierend in die Manteltaschen und Müffe gesteckt. Als der Sarg in die Erde
gesenkt wurde, rief der Inspektor Jordan: »Lebwohl, Gertrud! Auf Wiedersehn,
mein Kind!«
    Ein Mann drängte sich bis an den Rand des offenen Grabes vor. Das war Herr
Carovius. Er stierte über seinen Zwicker hinweg den Inspektor und Daniel und
Lenore an. Es schien ihm, dass die letztere in ihrer Blässe und mit dem schwarzen
Gewand schöner sei als die schönste Madonna, die je ein Italiener oder Spanier
auf eine unvergängliche Leinwand gezaubert.
    Er wandte erschrocken den Blick ab und wäre beinahe über die aufgeworfene
Erde gestolpert.
    Im Hinblick auf die Haltung Daniels sagte der Apoteker Pflaum: »Ich hätte
mehr Gram und Trauer erwartet, nicht solche Verbissenheit.«
    »Ein harter Mensch, ein äusserst harter Mensch,« bemerkte der Provisor
Seelenfromm in seinem Schmerz.
    Es wurde Daniel arg verdacht, dass er die Herren und Damen vom Teater, die
sich vollzählig auf dem Kirchhof eingefunden hatten, mit barschem Hochmut
behandelte. Als ihm mehrere die Hand reichten, nickte er nur kurz und verkniff
die Augen hinter den kreisrunden Gläsern der Brille, die er seit einiger Zeit
trug.
    Der Amtsrichter Kleinlein sagte: »Er sollte dankbar sein für die christliche
Bestattung, denn die behauptete Sinnesverwirrung der Frau ist trotz
dahingehender Zeugenschaften durchaus nicht einwandfrei erwiesen.«
    Lenore blickte in das offene Grab. Sie dachte: Schuld häuft sich auf, tiefe,
tiefe Schuld.
    Alles dies war jetzt vorüber. Daniel und Lenore und der alte Jordan waren in
ihr Haus zurückgekehrt.
 
                                       2
In den Stuben war ihnen öde zumut. Der Inspektor schloss sich in seine Kammer
ein. Nur noch selten trat er seine abendlichen Gänge an, und seine Rockärmel und
seine Hosenenden bekamen immer längere Fransen. Er verfiel; sein Haar wurde
schlohweiss, sein Schritt unsicher, und sein Auge erlosch. Aber er war niemals
krank, er beklagte sein Schicksal nie. Er war ein stiller Kostgänger, ein
stiller Mann.
    Lenore zog wieder zum Vater hinauf, und Daniel bewohnte wieder sein Zimmer
neben der Essstube. Auf einmal war so viel Raum geworden; er wunderte sich, dass
das Fortgehen eines einzigen Menschen so viel Raum schaffen könne.
    Den Tag über blieb Lenore bei der kleinen Agnes, bis Philippine kam und sie
ablöste. Dort arbeitete sie auch.
    Wenn sie mit dem Schreiben fertig war, musste sie sich um die Wirtschaft
kümmern. Sie konnte nicht kochen und hatte auch eine Abneigung dagegen, es zu
lernen. Deshalb hatte sie es eingerichtet, dass dreimal in der Woche eine Frau
kam, die jedesmal für zwei, am Montag für drei Mittage das Essen bereitete. Die
Frau war bescheiden und verlangte nicht viel. Die aufgehobenen Speisen brauchten
dann nur gewärmt zu werden, und am Abend gab es Wurst und Butterbrot.
    Es war eine praktische Anordnung, aber niemand lobte sie dafür.
    Zuerst hatte sie auch die Nächte bei dem Kind verbracht, in Gertruds Kammer.
Sie ertrug es bloss drei Wochen lang. Entweder konnte sie kein Auge schliessen,
oder sie hatte die schrecklichsten Träume.
    Da nahm sie das Kind am Abend mit in ihre eigene Stube und machte ihm ein
Bettchen auf dem Sofa. Das Kind war oben viel unruhiger als dort, wo es früher
gewesen, und Lenore merkte wohl, dass sie bei einem so aufreibenden Leben von
Kräften kam.
    Oft in der Nacht, wenn sie bang und matt das weinende Kind in den Armen
hielt, fasste sie den Vorsatz, mit Daniel zu reden, aber sobald es Tag geworden,
konnte sie es nicht über sich gewinnen. Ihr dünkte, als ermahne sie Gertruds
Stimme aus dem Land der Toten zur Geduld.
    Indes fühlte sie mit Angst die Zeit nahen, wo sie der harten Pflicht
erliegen musste, und da erschien wieder Philippine als Helferin.
 
                                       3
Im Anfang, als Jason Philipp erfahren hatte, dass Philippine täglich zu den
Jordanschen Töchtern ging, hatte er ihr diesen Verkehr streng untersagt und zu
wiederholten Malen. Philippine kümmerte sich nicht darum und tat, was ihr
beliebte.
    »Ich schlag dich tot,« schrie Jason Philipp das Mädchen an.
    Philippine zuckte die Achseln und lachte frech.
    Da sah Jason Philipp, dass eine erwachsene Person vor ihm stand; er fürchtete
sich vor dem tückischen Blick seiner Tochter.
    Lange wusste er nicht, was sie zu seinen Feinden trieb; dann kam er dahinter,
dass sie in der Nachbarschaft, bei Bekannten und Fremden, überall, wohin sie den
Fuss setzte, die boshaftesten Gerüchte über Daniel und dessen Familie ausstreute.
Nun wurde er zahmer und wollte auch etwas von dem Ohrenschmaus abkriegen.
Bisweilen liess er sich herbei, mit Philippine ein Gespräch anzuknüpfen, und wenn
sie ihm ihre Neuigkeiten erzählte, freute er sich diebisch. »Der Tag wird auch
noch kommen, wo ich mein Mütchen an dem Musikemacher kühlen kann,« sagte er.
    Terese lag noch immer im Bett. Willibald musste ihr in seinen freien Stunden
vorlesen, entweder aus der Zeitung oder aus einem Schundroman. War sie allein,
so starrte sie regungslos gegen die Zimmerdecke.
    Dann kam die Zeit, wo Willibald die Schule verliess und zu einem Fabrikanten
nach Fürt in die Lehre gegeben wurde. Es war kein Zweifel, dass er einer von den
pflichttreuen und nüchternen Arbeitsmenschen werden würde, die der Stolz ihrer
Eltern sind und mit jedem Jahr um dreissig Mark Gehalt mehr auf der sozialen
Stufenleiter emporsteigen.
    Der einäugige Markus trat in die väterliche Buchhandlung und wusste alsbald
in der Romanliteratur von Dumas und Luise Mühlbach bis Ohnet und Zola Bescheid,
und in den populären Wissenschaften von Darwin bis Mantegazza. Sein Gehirn war
ein Bücherkatalog und sein Mund ein Orakel des Geschmacks von der letzten
Ostermesse. Aber er liebte die Bücher nicht nur nicht, sondern all das gedruckte
Zeug erschien ihm als ein lustiger Betrug an Leuten, die nicht wissen, was sie
mit ihrem Geld anfangen sollen. Der Kommis Zwanziger hatte die Witwe eines
Käsehändlers geheiratet und betrieb einen Laden auf der Regensburger Chaussee.
    »Ein miserabler Geschäftsgang,« äusserte sich Jason Philipp bei jedem
Wochenabschluss. »Ich war Zeit meines Lebens ein zu grosser Idealist,« pflegte er
hinzuzufügen; »hätt ich mich mehr für mein eigenes als für das Wohl der andern
eingesetzt, ich stünde heute nicht so belämmert da.«
    Und er ging ins Wirtaus und politisierte. Er hatte sich allmählich zu einem
richtigen Querulanten herausgebildet, dem niemand etwas recht machte, weder die
Regierung, noch die Opposition. Wenn man ihn hörte, musste man glauben, dass die
Gegensätze sich mit Notwendigkeit auf einen geistigen Zweikampf zwischen dem
Fürsten Bismarck und Jason Philipp Schimmelweis zuspjetzten. Als der Kaiser
Wilhelm starb, trug Jason Philipp eine Miene zur Schau, wie wenn er demnächst
das Reichskanzlerpalais beziehen sollte, und als wenige Monate später in diesem
denkwürdigen Jahr auch der Kaiser Friedrich seinem Leiden erlag, glich Jason
Philipp dem Steuermann, von dessen Unerschrockenheit allein die Rettung des vom
Sturm umhergeworfenen Schiffes abhängt.
    Geborene Helden erobern stets ein Forum, wo sie sich betätigen können; hat
sie das öffentliche Leben zurückgestossen, so finden sie in der Kneipe ein
freundliches Element.
    Eines Tages erhob sich Terese von dem Lager, auf welchem sie fünfzehn
Monate verbracht hatte und schien plötzlich wieder gesund. Der Arzt sagte, es
sei der eigentümlichste Fall, der ihm je untergekommen. Jason Philipp erwiderte:
»Das ist der Triumph einer guten Konstitution.« Und er ging ins Wirtshaus, trank
Bier, hielt zündende Reden und spielte Skat.
    Aber Terese stand auf nicht wie eine Frau von sechsundvierzig Jahren, so
viel zählte sie, sondern von siebzig. Sie hatte nur noch spärliche graue Haare
auf dem viereckigen Kopf, ihr Gesicht war voller Runzeln, ihr Auge hart und
kalt. Von der Zeit an schien sie jedoch nicht weiter zu altern; sie keifte nicht
mehr, traf ihre Verfügungen kurz und bestimmt und betrachtete die wachsende
Verarmung mit Ruhe.
    Heringe, Kartoffeln und Kaffee bildeten ihre Nahrung; auch Philippine und
Markus bekamen nichts anderes; Markus, als der ihrem Herzen Nächste, durfte sich
ein Stück Zucker zum Kaffee nehmen, das war der ganze Unterschied. Auch Jason
Philipp wurde auf schmale Kost gesetzt. Er wagte nicht aufzumucken.
    Eine Weile sah Philippine dies mit an; endlich sagte sie zu ihrer Mutter:
»Ich mag die Zichorienbrüh nimmer.«
    »Dann sauf Wasser,« entgegnete Terese.
    »Nein, in Dienst will ich gehen,« sagte Philippine.
    »So geh in Dienst,« war die Antwort; »ein Maul weniger.«
    »Deine Tochter will in Dienst gehen,« meldete sie, als Jason Philipp nach
Haus kam.
    Jason Philipp hatte im Kartenspiel verloren. »Meinetwegen geht sie zum
Teufel,« erwiderte er übellaunig.
    Am Morgen schlich Philippine auf den Dachboden und holte ihre Barschaft aus
dem Loch in der Mauer. Es waren neunhundertundvierzig Mark, zumeist in
Goldstücken, die sie im Lauf der Jahre gegen die Kleinmünze umgewechselt hatte.
Durch die offene Luke fiel die Junisonne in ihr Gesicht, das niemals jung
gewesen war und das nun vor der Beute langjähriger Verbrechen wie das einer Hexe
aussah.
    Sie steckte das Geld in einen mitgebrachten Wollstrumpf, wickelte diesen zu
einem Knäuel und schob ihn in ihr Korsett zwischen die Brüste, wobei sie sich
bekreuzigte und einen ihrer albernen Heilsprüche murmelte. Ihre Kleider, Bänder
und sonstigen Besitztümer hatte sie schon in einem Korb verpackt; den trug sie
die Stiege hinunter, und ohne von jemand Abschied zu nehmen, verliess sie das
Haus.
    Ihr Bruder Markus stand mit gespreizten Beinen im Sonnenschein vor der
Ladentüre und pfiff ein Liedchen. Er blickte sie mit seinem einzigen Auge an und
lächelte höhnisch. »Gute Wanderschaft!« rief er ihr zu.
    Philippine drehte den Kopf gegen ihn und sagte: »Du Gezeichneter, du, auf
dir ist kein Segen. Dir wird's noch rotzig schlecht ergehn, das merk dir.«
    So also kam sie zu Daniel. Sie sagte: »Ich will bei dir bleiben; brauchst
nichts zu zahlen, wennst nicht kannst.«
    Daniel hatte es längst gespürt, dass Lenore den Anstrengungen nicht mehr
gewachsen war, die durch die Umstände an sie gestellt wurden.
    »Willst du das Kind pflegen und bei ihm schlafen?« fragte Daniel Philippine.
    Philippine nickte. Sie schaute zu Boden.
    »Wenn du dich seiner annimmst und es treulich meinst mit ihm und mir, das
wollt ich dir danken,« sagte er aufatmend.
    Da schlug Philippine die Hände vors Gesicht, und es schüttelte sie von oben
bis unten. Nicht als ob sie geweint hätte; es war etwas viel Düstereres denn
Weinen. Eine dämonische Gewalt schien sie zu durchwühlen, ein gespenstischer
Traum sie in einem Augenblick höheren Bewusstseins schrecklich anzufassen. Sie
kehrte sich um und trottete in die Kammer, wo das Kind war und mit einem
hölzernen Pferdchen spielte.
    Sie setzte sich auf einen Schemel und starrte versunken auf das ruhelose
kleine Wesen nieder.
    Daniel blieb stehen und sah ihr trübe sinnend nach.
 
                                       4
Während einer Probe zur Traviata herrschte Daniel die Sängerin Varini an:
»Achten Sie auf den Einsatz und rennen Sie nicht aus dem Tempo. Es ist ja um
verrückt zu werden, wie schamlos Sie in die Galerie hinaufquietschen; das soll
doch Gesang sein und nicht Beifallsgebettel.«
    Die Sängerin trat hochbusig an die Rampe. Ihre beleidigte Würde bildete
etwas wie einen Pfauenschweif rund um ihre Hüften. »Wie können Sie es wagen?«
schmetterte sie; »sofort leisten Sie Abbitte, oder Sie fliegen noch heute. Meine
Macht werden Sie kennen lernen.«
    Daniel verschränkte die Arme und liess den Blick über die Musiker schweifen.
Er sagte: »Leben Sie wohl, meine Herren. Da der Direktor zwischen mir und dieser
Dame zu wählen hat, besteht kein Zweifel, dass meine Wirksamkeit hier zu Ende
ist. In einem Institut, wo das Fleisch höher im Wert steht als die Musik, bin
ich ohnedies überflüssig.«
    Die übrigen Sänger und Sängerinnen hatten sich aus den Kulissen auf die
Bühne gedrängt und schauten schweigend ins Orchester. Als Daniel seinen Platz am
Dirigentenpult verliess, erhoben sich auf einmal sämtliche Musiker von ihren
Sitzen. Es war ein unwillkürlicher und beinahe ergreifender Ausdruck von stummer
Ehrerbietung. Hatten sie diesen Mann auch nicht geliebt, ihn auch stets wie
einen fremden, bösen Störenfried im Bezirk ihrer gemütlichen Neigungen
empfunden, so ahnten sie doch seine Markigkeit und seinen Adel.
    Die Sängerin Varini erlitt einen hysterischen Weinkrampf. Der Direktor wurde
herbeigerufen. Er versprach Abhilfe und forderte Daniel in einem Brief auf, sich
bei der Sängerin zu entschuldigen.
    In aller Kürze schrieb Daniel zurück, dass er bei seinem kundgegebenen
Vorsatz beharre; er könne mit der Sängerin Varini nicht mehr arbeiten und wenn
sie nicht das Feld räume, müsse er es tun. Darauf wurde er von seiner Entlassung
verständigt.
    Am gleichen Abend sass er mit Lenore bei Tisch und nach einem langen
Schweigen teilte er ihr in wenigen Worten das Geschehene mit. Lenore hatte nur
einen erschrockenen Blick als Antwort.
    »Es war höchste Zeit,« sagte Daniel, ohne von seinem Teller emporzuschauen,
»ich hab's satt gehabt, über- und übersatt.«
    »Und wovon willst du leben, du und dein Kind?« stammelte Lenore.
    Sein Auge wurde noch finsterer, als es bisher gewesen. »Du weisst doch, der
Gott, der die Lilien auf dem Felde ..., ich kenn das Sprüchlein nicht weiter;
bin schwach in der Bibel.«
    Sie sprachen dann nichts mehr. Das Fenster war offen; in der Erde war ein
geheimes Beben, die warme Luft schmeckte widrig wie süsses Öl.
    Als es von den Türmen zehn Uhr schlug, erhob sich Lenore und sagte gute
Nacht.
    »Gute Nacht,« antwortete Daniel mit gesenktem Haupt.
 
                                       5
So war es nun jeden Abend zwischen den beiden, denn am Tage sahen sie sich kaum.
    Stundenlang sass Daniel, ohne sich zu rühren, und brütete.
    Er konnte nicht vergessen. Den angesengten, rauchenden Kleidsaum nicht; die
Schuhe nicht, an denen Kot von der Strasse klebte; das Antlitz nicht mit der
verzogenen Oberlippe, die Haare, armselig in ihrem Gewirr, die ängstlich
verzogene Braue.
    Im Spind unter der Wäsche hatte er die Armspange gefunden, die er ihr
geschenkt. Warum hat sie das Schmuckstück dort vergraben? fragte er sich. Der
Seelenzustand, in welchem sie das Spind geöffnet und die silberne Spange
versteckt hatte, wurde ihm so lebhaft gegenwärtig, dass er mit seinem eigenen
verschmolz.
    Dann entdeckte er die Harfe ohne Saiten. Er stellte sie in seine Stube, und
wenn er sie anschaute, glich sie einem Gesicht ohne Fleisch.
    Bin ich dir zu schwer? tönte es aus der Vergangenheit herüber. Und das
andere Wort: ich will deine junggewordene Mutter sein; und dieses: ich bin ja
auch eine Kreatur.
    Er erinnerte sich an einige alte Briefe von ihr, die er aufbewahrt hatte. Er
las sie mit der Aufmerksamkeit durch, mit der man Verträge studiert, in denen es
um Gut und Blut geht. Und es waren Stickereien aus ihrer Mädchenzeit vorhanden,
deren er sich jetzt versicherte, um sie wie Heiligtümer zu verschliessen.
    Sie wurde ihm von Tag zu Tag lebendiger. So oft er daran dachte, wie sie
dagesessen, wenn er gespielt oder über sein Geschaffenes gesprochen, würgte es
ihn im Halse. Und wie sie einst hergekrochen war und die Stirn auf seinen
Schenkel gelegt hatte, dieses Bild war vom Schauer des unergründlichsten
Geheimnisses umweht.
    Es war nicht Schuldgefühl, was ihn so an die Tote schmiedete. Auch nicht
Reue oder Selbstvorwurf oder die Sehnsucht, die durch die Empfindung gehäufter
Versäumnisse zum Ausdruck kommt. Die Phantasie wehrte sich gegen den Tod. In
ihrem schöpferischen Trotz verlieh sie der Hingegangenen eine Wirklichkeit, die
sie nie besessen hatte, solange sie als wirkliche Gestalt auf der Erde gewandelt
war.
    Für Daniel wurde sie erst jetzt zur Gestalt. Dies ist das Wunderbare und das
Lasterhafte am Musiker. Ihm gehören die Dinge und die Menschen nicht, während
sie sein eigen sind. Er lebt mit Schatten, und nur, was er verloren hat, wird
ein Lebendiges. Losgelöst vom Augenblick greift er nach dem, der gewesen ist,
nach dem gestrigen Tag und stürmt ungeduldig in den morgigen. Was er in Händen
trägt, ist verdorrt, was hinter ihm am Wege liegt, ist in Blüte. Sein Denken ist
ein Winter zwischen zwei Frühlingen, dem wahren, der vorüber ist, und dem
kommenden, den er nur träumt und, wenn er einbricht, versäumt. Er sieht nicht,
er hat gesehen; er liebt nicht, er hat geliebt; er ist nicht glücklich, er war
nur glücklich. Gebrochene Augen öffnen sich im Grabe und die lebenden, die
hineinblicken, jetzt alles erblicken, alles verstehen, alles verklären und
schmücken, erscheinen sich vom Tod und seiner immerwährenden Dauer wie betrogen.
    Jetzt wurde Gertrud zur Melodie. Was sie getan und gewirkt, war Melodie. Ihr
Dumpfes wurde wach, ihr Schweigen beredt. Einst hatte er sie und Lenore
geschaut, im braunen Kleid die eine, im blauen die andere, Moll und Dur, die
Endpunkte seiner Welt. Nun stieg das Moll empor gleich der Nacht über der
einsamen Erde und hüllte alles in Trauer. Der Schmerz nährte sich an Bildern,
die einst alltäglich gewesen waren, nun aber die Leuchtkraft einer Vision
bekamen.
    Wie sie im Bett gelegen, rechts und links die Zöpfe und das Gesicht wächsern
aus dem dunkeln Rahmen geleuchtet hatte. Wie sie eine Schüssel ins Zimmer
getragen, eine Nadel eingefädelt, ein Glas an die Lippen gesetzt, einen Schuh am
Fuss festgebunden, und welchen Ausdruck das Auge gehabt, wenn es warnte, bat,
staunte oder lächelte. Wie unvergleichlich sternenhaft war dieses Auge auf
einmal! Immer emporgeschlagen, immer erfüllt, immer gegen ihn gewendet. Unter
diesem Blick fand er in einer Dämmerungsstunde das dämonisch rufende Motiv einer
B-moll-Sonate; eine Gebärde, deren er sich entsann, es war damals gewesen, als
Lenore mit dem Myrtenkranz vorm Spiegel gestanden, gab den Impuls zu dem
unterirdisch wühlenden Presto im ersten Satz eines Quartetts, und den
zweiundzwanzigsten Psalm, der mit den Worten beginnt: mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen, skizzierte er, als er von einem Traum erwachte, in
welchem ihm Gertrud in stiller Haltung, unendlich blass, das Kinn auf die Hand
gestützt, erschienen war.
    Doch arbeitete er nicht. Was so zu Papier gebracht wurde, drang wie aus
fieberhaften Anfällen hervor. In aller Eile kritzelte er Noten hin, in
schuldbewusster Eile gleichsam. Er stahl es sich selbst. Töne dünkten ihm
Verbrechen. Als die ergreifende Hauptmelodie des Psalms in ihm entstand,
zitterte er vom Kopf bis zu den Füssen, und wie von Furien gepeitscht verliess er
das Haus, trotzdem es mitten in der Nacht war. Die wiederkehrende Bassfigur des
Prestos klang wie ein schaurig-angstvoll gestammeltes: Mensch, halt den Atem an,
Mensch, halt den Atem an. Und er hielt den Atem an, voller Angst, indes seine
Eingebungen den eisigen Bann durchbrachen, in welchen sie eine leidenschaftliche
Verhaltenheit seiner Natur gezwungen.
    Denn in immer weiterem Umkreis sah er die Menschheit von sich zurückweichen,
und da er sich nicht von der Zeit gefordert fühlte, verschmähte er die Zeit. Es
kam dahin, dass er seine Produkte als etwas behandelte, das für die Welt in
keinem Sinn bestimmt war, gegen niemand davon sprach und nie den Wunsch hatte,
dass jemand von ihnen erfuhr. Je geheimer er sie hielt, je wahrhaftiger wurden
sie ihm, und der Gedanke, man könne ein Werk der Musik für Geld hingeben, war
ihm allmählich so unsinnig geworden wie der, dass man seine Mutter, seine
Geliebte, sein Kind oder eines seiner Gliedmassen veräussern könne.
    Infolgedessen empfand er nur Ekel, wenn er von den geschickten Händlern
hörte, die von der Mode hochgetragen wurden. Es graute ihm vor allem, was
berühmt war, denn der Ruhm der Mitwelt schmeckte und roch nach dem Gelde. Es
graute ihm vor der Wirrnis der Meinungen und Urteile, vor dem Streit über
Schulen und Richtungen, vor den herumziehenden Virtuosen aller Zonen und
Nationen, dem Lärm, den sie zu entfachen wussten, den Wahrheiten, die sie
verkünden liessen, den Lügen, in denen sie plätscherten. Es graute ihm vor
Konzertsälen und Teatern, vor dem Geklimper aus den Fenstern der Bürger, vor
der falschen Andacht der Menge und ihrer ohnmächtigen Verzückung.
    Ihre ganze Musik roch und schmeckte nach Geld.
    Er hatte sich die Lebensbeschreibungen der grossen Meister angeschafft. Er
erfuhr deren Not und Mühsal und kleinliche Umstände, die schale Alltäglichkeit,
die zu ihrem unsterblichen Bild nun nicht mehr hinaufreichte. Doch als er eines
Tages las, dass Mozarts Leichnam in einem Massengrab verscharrt worden war,
schleuderte er das Buch fort und verschwor sich, dergleichen Bücher nie wieder
anzufassen. In das Feuer der Vergötterung schlug der beissende Rauch des
Menschenhasses; er wollte keinen sehen, er eilte aus der Stadt und hatte nicht
eher Ruhe, als bis er sich in der tiefen Abgeschiedenheit eines Waldes vor jedem
Menschentritt und -blick geborgen fühlte.
    In der Nacht ging er durch die Gassen, stets schnell und mit gesenktem Kopf.
Wenn er müde war, landete er in einer kleinen Kneipe, wo er sicher sein konnte,
keinen Bekannten zu treffen. Begegnete ihm einer auf der Strasse, so grüsste er
nicht, sprach ihn einer an, so war er überlaut und sonderbar in seinen Antworten
und entfernte sich mit einem kaustischen Witz.
    Die Stube zu betreten, in der Philippine mit dem Kind hauste, hatte er im
Anfang nur mit Widerwillen vermocht. Später rührte ihn an dem Kind die Bewegung
und die Gestalt, er kam ein paarmal am Tage, immer nur für wenige Minuten, nahm
es auf den Arm, liess sich von seinen Händchen betasten, duldete, dass es an
seiner Brille zerrte und lauschte verwundert auf sein Lallen und Plappern.
Philippine stand währenddessen in der Ecke, hatte die Augen niedergeschlagen und
war schweigsam. Da wurde er sich drückend der Verpflichtung bewusst, die ihm
durch die rätselhafte Treue dieser Person auferlegt wurde und die er auf keine
Weise einlösen konnte, auch quälte es ihn, das Kind so mutterlos, so seltsam
verlassen zu sehen, der helle Blick, die ausgestreckten Ärmchen quälten ihn, er
hatte Furcht vor dem in der Kinderbrust noch tief schlummernden Gefühl, und es
trieb ihn hinaus.
    Eines Morgens im August erhob er sich bei Sonnenaufgang, bereitete sich sein
Frühstück in der Küche selbst, und als er fertig war, griff er nach seinem Stock
und verliess das Haus. Er wollte zu Fuss nach Eschenbach wandern.
    Er wanderte den ganzen Tag mit kurzen Rasten. Nur während der heissesten
Mittagszeit erbat er sich von einem Bauern, der ihn mit seinem Leiterwagen
einholte, die Erlaubnis, ein Stück mitfahren zu dürfen.
    Er hatte keine bestimmte Absicht, keinen Plan. Etwas Dunkles, dem er nicht
widerstehen konnte, zog ihn in die Heimat.
    Als er endlich das Städtchen erreicht hatte, war es tiefe Nacht und der Mond
schien. Die Gassen waren wie ausgestorben. Die Fenster am Haus der Mutter waren
alle schwarz, er setzte sich auf die oberste Stufe am Tor hin und es war ihm,
als höre er die Atemzüge der alten Frau und des jungen Kindes, das sie behütete,
durch die Fugen der Tür dringen.
    Es war ihm sonderbar, zu denken, dass die Mutter von seinem Hiersein nichts
wusste. Hätte sie darum gewusst, sie hätte das Tor aufgesperrt und ihn erschüttert
angesehen, und wenn er nicht hätte reden wollen, hätte er den Kopf in ihren
Schoss legen und still weinen müssen. Etwas anderes war nicht möglich; zu reden
war nicht möglich; die Furcht aber, er werde dennoch reden, er werde erzählen
müssen, packte ihn so heftig, dass er beschloss, sich wieder auf den Rückweg zu
begeben, ohne die Mutter und sein Kind gesehen zu haben. Die eigentümliche
Unruhe, die ihn hergetrieben, war beschwichtigt, seit er im Schatten des
Häuschens sass.
    Aber weil er sehr müde war, versank er in Schlaf. Er träumte, das Kind und
die Greisin stünden vor ihm, und jenes trug Trauben in der Hand, indes diese
eine Schaufel hielt und mit trauriger Miene die Erde aufgrub. Eva dünkte ihm
noch viel schöner als vor einem Jahr, und er fühlte zu dem Kind eine
unbezwingbare, schmerzhafte Liebe, die in einer wunderlichen Beziehung zu dem
Tun der Mutter stand. Je länger sich die alte Frau mit dem Aufschaufeln der Erde
abmühte, je schwerer wurde ihm ums Herz, aber er konnte nichts sagen, und es war
ihm, als ob aus seinem Innern ein herrlicher Gesang ströme, dessengleichen er
nie zuvor gehört. In dem Entzücken darüber wachte er auf; zuerst glaubte er den
Gesang noch zu vernehmen, doch es war nur das Plätschern des Wassers am
Wolframsbrunnen.
    Der Mond stand hoch am Himmel. Daniel ging hinüber zum Brunnen, da kam der
Nachtwächter daher, blies sein Pfeifchen und sang: »Hört ihr Herrn und lasst euch
sagen, unsre Glock hat zwei geschlagen.« Er wurde des einsamen Menschen am
Brunnen gewahr, stutzte, fuhr aber dann in seinem Gesang fort.
    Schon oft, als Kind und als Jüngling, hatte Daniel gelesen, was auf dem
Sockel der Wolframsfigur geschrieben war. Heute las er die vom Mond bestrahlten
Worte mit ganz andern Augen.
Vom Wasser kommt der Bäume Saft, Befruchtung gibt des Wassers
Kraft aller Kreatur der Welt.
Vom Wasser wird das Aug erhellt,
Wasser wäscht manche Seele rein, dass kein Engel mag lichter sein.
    Er tauchte seine Hände in das Becken, strich damit über seine
schlaftrunkenen Augen, und nachdem er noch einen Blick auf das Haus der Mutter
geworfen, wandte er seinen Fuss gegen die Landstrasse.
    Im Feld war es überall zu feucht, als dass er dort hätte ruhen können. Bei
einem alleinstehenden Bauernhaus befand sich ein Heuschober, und er ging hinein
und legte sich nieder.
 
                                       6
Eine immer gleiche Angst erfüllte Lenores Brust, wenn sie Daniel betrachtete.
Sie begriff ihn nicht, nichts an ihm begriff sie, und Freudigkeit haftete ihr
nur noch aus vergangenen Tagen an.
    Er schien sich ihrer kaum mehr zu entsinnen. Ein Wort hätte sie von ihrem
Kummer befreit, irgendein Wort. Aber er sprach mit ihr wie er mit Philippine
sprach, oder mit Frau Kütt, der Zugeherin.
    Schlimm, mit Philippine zu hausen, den steten Hass der Unheimlichen zu
spüren; zu ahnen, dass sie um Dinge wusste, die das Licht scheuten. Ihr das Kind
ausgeliefert zu sehen, welches sie als ihr gehörig behandelte und mit solcher
Eifersucht bewachte, dass sich ihr Gesicht vor Wut verzerrte, wenn Lenore bloss
fünf Minuten bei ihm weilte.
    Schlimm auch die Gesellschaft des stummen alten Vaters, der Tag und Nacht
seinen mysteriösen Verrichtungen oblag und friedlos einem unbekannten Ziel
zustrebte. Es war so schaurig oft, in den Stuben unten und in denen oben; Lenore
hatte Angst vor dem Winter. Manchmal war ihr, als habe ihre Stimme einen
unwirklichen Klang, und das Gewöhnlichste, was sie sagte, hatte einen düsteren
Widerhall.
    Sie flüchtete in ihre früheren Sehnsuchtsbilder, die Landschaften des Südens
mit Hainen, Statuen und einem Meer von sagenhafter Bläue. Aber sie war nun doch
zu reif, um sich an leeren Traumspielen dauernd zu genügen, lieber wollte sie
sich in mühseligster Arbeit vergessen. Erst wenn die Feder ihrer Hand entsank,
in dem Leid um die schmucklosen Stunden, drängte es sie mit Macht ins Bilder-
und Geisterreich zurück, aber da suchte sie Anhalt bei den Gegenständen ihrer
sichtbaren Welt.
    Da nahm sie etwa eine Birne und sann sich in das Innere der Frucht hinein,
wie wenn es möglich wäre, drinnen in der engsten Sphäre Schutz zu gewinnen. Oder
sie hielt ein farbiges Glas zwischen den Fingern und schaute hindurch, damit das
Gewohnte schöner werde. Oder sie sah ins Herdfeuer und beobachtete lächelnd das
romantische Züngeln der Flammen; oder sie hatte Begierde nach alten Gemälden, da
feierte sie einen Morgen lang und ging ins Germanische Museum. Dort stand sie
vor einer Kreuzigung, einem Abendmahl, ganz Auge, das Herz voll fliessender
Bewegung.
    Dann regte sich ihre Vorliebe für Blumen stärker als je, und sie fing an,
sich mit den Blumen abzugeben. Die meisten pflückte sie selbst, die nur in
Gärten wuchsen, kaufte sie billig bei einigen Gärtnern. Nachdem sie mehrere Male
gekommen war, nahmen die Gärtner kein Geld mehr und schenkten ihr Blumen, so
viel und welche sie haben wollte. Sie trug sie heim und band sie zu Sträussen.
    Eines Abends wurde sie dabei von Philippine gestört, die sie rief, weil die
kleine Agnes fieberte. Lenore holte den Doktor, der beruhigte sie, und als sie
wieder hinaufkam, blieb sie verwundert auf der Schwelle stehen. Der Blumenstrauss
den sie gebunden, erschien ihr so schön, im Zusammenklang der Farben so eigen,
dass sie sich unwillkürlich umschaute, im Wahn, ein Fremder habe während ihrer
Abwesenheit das kunstvolle Werk getan.
    Indessen meldete sich der Mangel im Hause. Metzger und Bäcker wollten die
Waren nicht mehr auf Kredit liefern; fünf Menschen konnte Lenore aber mit ihrer
Schreibarbeit nicht ernähren, von der Kleidung und der Miete zu schweigen. Wenn
sie sich auch noch so sehr anstrengte, konnte sie bloss das Notdürftigste
beschaffen, und ihre Sorge wurde von Tag zu Tag grösser.
    Vom Schuldenmachen war sie eine Feindin, aber man konnte ja nicht hungern,
und so mussten eben Schulden gemacht werden. Da waren denn bittere Demütigungen
unvermeidlich, und mit Bangigkeit blickte Lenore in die Zukunft. Sie zerbrach
sich den Kopf mit Pläneschmieden, beklagte ihre Schwäche, ihre lückenhafte
Bildung, ihre und Daniels Verlassenheit und bemerkte voller Furcht, wie
Philippine an der zunehmenden Bedrängnis ihre Freude zu haben schien.
    Zweimal am Tag schickte der Drogist um das Geld für die letzte Rechnung,
endlich kam er selber. Am Abend kam er und läutete. Philippine war grob mit ihm,
darauf wurde er unverschämt und schrie, dass die Bewohner der untern Stockwerke
ans Stiegengeländer eilten. Lenore lief herab, mit gefalteten Händen stand sie
vor dem Manne, auch der Inspektor trat aus seiner Kammer und schaute seufzend
über die Stiege.
    Auch andere kamen am Abend und machten Skandal. Da huschte Philippine zu
Lenore und sagte mit einem Lachen im Gesicht, als ob sie wunder was für ein
Glück zu berichten habe: »Es ist schon wieder einer drunten; komm, Lenore, und
geh ihm ein bisschen um den Bart, sonst holt er vielleicht gar die Polizei.«
    War es dann still im Haus geworden, so räsonierte Philippine und maulte vor
sich hin. »Schön dumm ist der Daniel. Könnt's haben wie ein Kaiser, wenn er sich
an die richtige Person wenden tät. Ich weiss eine, die hat Geld und kriegt noch
viel mehr, aber so ein Stockfisch wie der hat ja keinen Schimmer vom
menschlichen Leben.« Und sie lachte ingrimmig oder schmiss irgendeinen Gegenstand
wütend auf den Boden.
    Lenore hörte nicht, was sie sagte. Ihr war alle Hoffnung geraubt. Drei
Monate war es nun her, dass Daniel in rätselhafter Untätigkeit verharrte. Bald
war die Miete fällig und was sollte dann geschehen?
    Eines Morgens trat sie in Daniels Zimmer und redete ihn an: »Daniel, es ist
kein Geld mehr da.«
    Er sass lesend am Tisch und schaute sie an, als müsse er sich erst besinnen,
wer sie sei. »Nur Geduld,« antwortete er, »ihr werdet nicht umkommen.«
    »Ich tue ja, was möglich ist,« fuhr Lenore fort, »aber du, Daniel, wie
willst du's nun einrichten mit der Wirtschaft? Ich kann mir nimmer helfen. Fass
dich doch, Daniel, sag mir, wie du dir's denkst.«
    »Ein Musiker muss arm sein, Lenore,« entgegnete Daniel mit Augen, die wie
gefroren aussahen.
    »Aber er muss auch leben, sollt ich meinen.«
    »Vom Frass allein kann man nicht leben, und für den Frass kann ich nicht
schuften.«
    »Daniel, ach Daniel, wo bist du mit deinem Geist und Herzen!« rief Lenore
verzweifelt.
    »Dort, wo ich schon längst hätte sein sollen,« war seine finstere
Erwiderung. Er erhob sich und sprach halblaut, das Gesicht von Lenore
weggekehrt: »Nur jetzt keine Argumente, keine Triftigkeiten, keine
Zwangsmassregeln. Nur jetzt nicht, wo ich mit meinem Lichtstumpf noch an der Erde
krieche und den Ausweg aus der Höhle suche. Man verreckt nicht so schnell,
Lenore; der Magen ist ein elastisches Stück Haut.«
    Er ging in die andere Stube, setzte sich an den Flügel und schlug ein
schleppendes Bassmotiv an.
    Lenore wandte sich gegen die Mauer und drückte die heisse Stirn in die
verschränkten Hände.
 
                                       7
Es lag aber nicht in Lenores Art, sich ohne äusserste Kraftanstrengung in ein
Unglück zu fügen.
    Sie schrieb vierzehn bis sechzehn Stunden am Tage. Die Folge war, dass sie
mit ihrem Quantum viel schneller fertig wurde und mehr als dieses Quantum wurde
nicht von ihr verlangt.
    Dann sah sie sich nach einer einträglicheren Beschäftigung um. Es war
vergeblich; Frauenzimmerarbeit stand nirgends hoch im Preis; auch hatte sie
keine Empfehlungen, keine Zeugnisse, nichts, worauf sie hinweisen konnte.
    Schliesslich hatte sie den Einfall, ob sie nicht ihre Blumenkünste verwerten
könne. Sie ging zu einem Blumenhändler am Lorenzerplatz und nahm einen aus
Nelken und Reseden gewundenen Kranz mit, den sie tags zuvor verfertigt. Sie
sagte, sie verstehe sich auf die Hantierung und habe auch hübsche Sträusse
gemacht.
    Der Mann lachte und antwortete, für dergleichen habe er wenig Verwendung,
und wenn sich auch Käufer fänden, sei die Bezahlung allzu gering, als dass dem
Fräulein die Arbeit lohnen könne. Tief entmutigt trug Lenore ihren Kranz wieder
heim. Sie sah ja selbst, was für ein vergängliches Ding es mit den Blumen war;
am Abend welkten sie schon dahin.
    Sie hatte nicht wahrgenommen, dass ein Herr, als sie den Laden des
Blumenhändlers verlassen, auf der andern Seite der Strasse stehen geblieben war,
um ihr nachzuschauen. Es war ein hagerer, junger Herr von verdrossenem,
blässlichem Aussehen, ein Herr mit einem Drosselbart-Kinn.
    Er schaute lange in die Richtung, nach der sich Lenore entfernt hatte.
Sicherlich hatte etwas im Wesen und im Gesichtsausdruck des Mädchens seine
besondere Aufmerksamkeit erweckt, ein Gefühl, das edler war als Neugierde und
ernster als das Wohlgefallen eines Müssiggängers.
    Der junge Herr setzte sich endlich in Bewegung, stelzte gravitätisch über
den Platz und betrat den Laden des Händlers. Eine Weile später riss der
Blumenhändler, ein bejahrter Mann mit einer Säufernase, die Türe auf und
zugleich sein Käppchen vom Kopf, und dies wie auch sein tiefer Bückling
verkündeten den benachbarten Ladeninhabern, dass er ein nicht alltägliches
Geschäft mit dem jungen Herrn abgeschlossen habe, der mit lässigen Schritten von
dannen ging.
    Am nächsten Morgen kam ein Bursch zu Lenore, der Abgesandte des
Blumenhändlers, und richtete ihr aus, sie möge sogleich zu seinem Prinzipal
kommen, er habe ihr was Wichtiges mitzuteilen. Lenore folgte dem Ruf und als sie
im Laden des Händlers war, begrüsste sie der mit einer seltsamen Artigkeit und
sagte ihr, es habe sich gestern noch ein Liebhaber für derlei Sträusse und Kränze
gefunden, wie sie ihm gezeigt, und er könne ihr in jeder Woche zwei,
nötigenfalls auch drei Stück zu je zwanzig Mark abnehmen; sie solle sich nur
fleissig dranhalten, bei solchem Glücksregen müsse man das Schaff vor die Türe
stellen. Das einzige, worum er sie ersuche, sei Verschwiegenheit, die
betreffende Kundschaft wolle weder gesehen werden, noch sich mit Namen nennen;
offenbar stecke dahinter eine Schrulle, wie man sie bei vornehmen Leuten häufig
finde.
    Wer war seliger als Lenore! Sie machte sich gar keine Gedanken über das
Ungereimte und Märchenhafte in dem Angebot eines Mannes, der ihr vorher so
schlau und vorsichtig erschienen war. Sie glaubte ohne weiteres an die
wortreiche Erzählung des Händlers, glaubte, dass es in dieser Stadt und unter
ihren Menschen einen Sonderling gäbe, der für ihre Blumengebinde solch
fürstliche Preise aus reiner Liebhaberei zahlen wolle. Sie war nicht verwöhnt
vom Glück, dennoch erweckte die Wandlung der Umstände durchaus keinen Argwohn,
ja nicht einmal Befremdung in ihr; sie war zu froh, um zu misstrauen, zu dankbar,
um zu zweifeln, und sie dachte nur an Daniel und dass er nun gerettet war. Den
ganzen Weg nach Hause lächelte sie traumverloren.
    Dann sass sie Abend für Abend bei den Blumen, die sie am Vormittag aus dem
Wald, von den Wiesen und aus den Gärten hinter der Feste geholt hatte. Dort war
ein alter Gärtner, der sie begleitete und ihr immer die prächtigsten Zierblumen
aussuchte. Auch hatte er einen lahmen Sohn, der verliebte sich in Lenore und
stand meist mit strahlender Miene an der Pforte, wenn sie kam. Er versprach ihr
auch für den Winter Blumen aus den Treibhäusern.
    Der Metzger wurde bezahlt, der Bäcker wurde bezahlt, der Drogist wurde
bezahlt, die Miete wurde bezahlt, und Philippine riss die Augen auf, schüttelte
den Kopf und sagte, da sei etwas nicht geheuer; was es sei, werde gewiss ans
Tageslicht kommen, und wenn's der Hinkel vom Mist kratzen sollte. Sie berichtete
den Leuten von einem Gespenst, welches allnächtlich auf dem Dachboden des Hauses
sein Unwesen treibe und einmal, bei Mondschein, rannte sie schreiend aus ihrer
Kammer und beteuerte, ein knöcherner Finger habe ans Fenster geklopft.
    Lenore aber band Rosen und Levkoien und Tulpen und Stiefmütterchen und
Moosblumen und allerlei anderes Gewächs zu reizenden, teppichartigen Gebilden
oder zu Girlanden; mit vieler Liebe gab sie sich dieser Beschäftigung hin und
atmete dabei in solchen Wohlgerüchen, dass ihr manchmal schwindlig wurde. Dann
lehnte sie sich aus dem offenen Fenster und sang leise in die Nacht hinein.
    Daniel wusste nichts von ihrer Tätigkeit. Wie er sich um die Not nicht
gekümmert hatte, so fragte er auch jetzt nicht, woher die Fülle kam.
 
                                       8
Kurze Zeit nach dem Tod Gertrud Notafts war Eberhard von Auffenberg in die
Stadt zurückgekommen. Die letzte grosse Summe, die er ein Jahr zuvor von Herrn
Carovius erhalten hatte, war nahezu aufgebraucht. Er fand Herrn Carovius in
seinem Betragen ihm gegenüber bedeutend verändert. Herr Carovius erklärte, dass
er ruiniert sei und kein Geld mehr aufbringen könne. Statt zu wehklagen oder zu
prahlen oder seinen freiherrlichen Freund zu umschmeicheln und anzustacheln, wie
er sonst getan, hüllte er sich in ein Schweigen, das nichts Gutes hoffen liess.
    Eberhard hatte nicht Lust, zu bitten. Die Person des Herrn Carovius war ihm
zu verächtlich, als dass er Betrachtungen hätte über ihn anstellen mögen. Seine
Gedanken gingen andre Wege.
    Der Klatsch, der über Lenore im Schwung gewesen, war natürlich auch zu ihm
gelangt. Herr Carovius hatte es an Andeutungen, brieflichen wie mündlichen,
nicht fehlen lassen. Jedoch Eberhard hatte sie ignoriert. Unglimpf, der sich an
Lenore wagte, hatte ihm nicht glaubhafter gedünkt als Strassenschmutz am
strahlenden Mond.
    Eines Tages musste er eines Wechselprotestes halber Herrn Carovius aufsuchen.
Sie besprachen die Angelegenheit ganz trocken und geschäftlich, plötzlich
fixierte Carovius den Freiherrn mit durchdringendem Blick, wanderte sodann in
seinem Schlafrock beständig um den Tisch herum und fing an, sich über das
schreckliche Ende von Daniel Notafts junger Frau zu verbreiten.
    Er geriet in eine unbegreifliche Aufregung. »Nun wird aber das
Kapellmeisterlein hoffentlich zur Vernunft kommen,« schrie er mit seiner
Fistelstimme. »Am Hungertuch nagt er sowieso schon. Bergab geht's, bergab. Man
wird sammeln müssen für das verkannte Genie. Eine ist dabei hin geworden; die
andere zappelt noch. Wie gefällt Ihnen der zappelnde Engel, Baron? Tut's Ihnen
nicht leid um den netten Heiligenschein, der wie alter Trödel an einer
ehebrecherischen Bettstatt hängt? Freilich, dem Genie ist ja alles erlaubt. O,
Lenore! Verfratzte Lüge, die du bist, heuchlerische duckmäuserische Lüge!«
    Ganz gelassen schritt Eberhard auf den entfesselten Dämon im Schlafrock zu,
packte seine Kehle und drückte sie mit eisernem Griff derart zusammen, dass Herr
Carovius in die Knie brach und im Gesicht blau wurde wie ein gesottener Karpfen.
Später war er merkwürdig still; er verkroch sich. Bisweilen kicherte er
einfältig, bisweilen schoss ein giftiger Blick unter seinen Lidern hervor.
    Eberhard goss Wasser in ein Becken, tauchte die Hände hinein, trocknete sie
und ging fort.
    Das Bild des winselnden Menschen mit den herausgequollenen Augen und dem
blauen Gesicht war unverwischbar. Er hatte die Wollust des Mordens gespürt; ihm
war gewesen, als richte und strafe er nicht nur seinen Peiniger und Verfolger,
sondern zugleich den heimlichen Feind der Menschheit, den Erzbösewicht, den
hämischen Zerstörer aller edlen Saat.
    Desungeachtet hatte der exaltierte Ausbruch des Herrn Carovius gerade
diejenige Wirkung, die Eberhard am wenigsten erwartet hatte. Sein Vertrauen in
die Schuldlosigkeit Lenores war plötzlich erschüttert. Vielleicht war bei aller
feigen Verleumderwut ein Etwas in Herrn Carovius' Stimme aufgeklungen, das
wahrer zeugte, als der Elende selbst es ahnte, und Eberhard erblickte in dieser
Stunde die angebetete Gestalt zum ersten Male als Gleichgeartete unter den
Menschen und erfuhr das Geschehene wie durch ein Ferngesicht.
    Seine Illusionen waren vernichtet.
    Entsagt hatte er in seinem Innern schon längst. Seine leidenschaftlichen
Wünsche von ehemals hatten einen Verblutungsprozess durchgemacht. Er hatte
gelernt, sich ins Unabänderliche zu fügen; er hatte darum gerungen. Wenn er das
Leben überschaute, das er in den vergangenen fünf Jahren geführt, so glich es
trotz seiner Unsteteit und dem fortwährenden Wechsel der Städte und Länder dem
Aufentalt in einem Raum mit geschlossenen Läden.
    Als er in die Stadt zurückgekommen war, die er nur deshalb liebte, weil sie
Lenore beherbergte, hatte er nicht die Absicht gehabt, Lenore an die abgelaufene
Frist zu mahnen. Es wäre ihm geschmacklos erschienen, neuerdings als lästiger
Bewerber aufzutreten und das Garn dort wieder anzuknüpfen, wo es vor fünf Jahren
gerissen war. Er hatte sich vorgenommen, Lenore in keiner Weise zu beunruhigen.
Aber zu ihr gehen, mit ihr zu sprechen, das war die lichtvolle Hoffnung in all
den öden Jahren gewesen.
    Nach dem Vorfall mit Herrn Carovius hatte er den Entschluss gefasst, Lenore
aus dem Weg zu gehen.
    Seine Barmittel waren auf wenige hundert Mark zusammengeschrumpft. Er
entliess seinen Diener, veräusserte einen Teil seiner Schmucksachen und mietete
sich in einem der winzigen Häuschen ein, die gegenüber den Felsen, auf denen die
Burg steht, wie Wespennester eins am andern kleben. Das betreffende Häuschen
hatte vordem ein Pfragnersehepaar bewohnt, und es war mitsamt seinen drei
Kammern nicht viel geräumiger als ein mittlerer Tierkäfig in einer Menagerie.
Doch er hatte sich's in den Kopf gesetzt, dort oben zu residieren. Er kaufte
sich einige alte Möbel und schmückte die krummen Wände der altertümlichen
Baracke mit den Bildern, die er besass.
    Eines Abends wurde an die grüne Tür des Häuschens gepocht. Eberhard öffnete
und sah Herrn Carovius vor sich stehen.
    Herr Carovius trat in die puppenhaft kleine Wohnstube des Freiherrn, schaute
sich verwundert um und sagte schliesslich, ganz bleich: »Straf mich Gott, aber
mir scheint, Sie wollen hier den Eremiten spielen. Daraus wird nichts, lieber
Baron, das ist kein Quartier für einen Edelmann, die Schande lass ich nicht auf
mir sitzen, das kann nicht sein, das dürfen Sie mir nicht antun.«
    Eberhard griff nach dem Buch, in dem er gelesen, einem Band von Carl du
Prels Schriften, und las weiter, ohne zu antworten und ohne auf die Gegenwart
des Herrn Carovius zu achten.
    Herr Carovius trippelte von einem Fuss auf den andern. »Vielleicht geruhen
Euer Gnaden, dero Konto in Augenschein zu nehmen,« sagte er mit sonderbar
flehentlichem Hohn. »Ich bin in einer bösen Klemme. Das Kapital futsch und eine
Zinsenschuld, die anschwillt wie die Pegnitz im Frühjahr. Wollen Sie wissen,
wovon ich seit drei Monaten lebe? Von Rüben lebe ich, von Wurstabfällen, von
Backsteinkäse. Alles für Sie, alles für meinen Baron.«
    »Es interessiert mich nicht, wovon Sie leben,« erwiderte Eberhard hochmütig
und las weiter.
    Herr Carovius fuhr mit einem albernen Ausdruck von Schmollen fort: »Wie Sie
neulich von mir weggegangen sind, nach dem kleinen Zank, den wir wegen dem
Gänsemännchen hatten, da dacht ich nicht, dass Sie blutigen Ernst machen würden.
Was sich liebt, das neckt sich, dacht ich mir. Kommst schon wieder, Barönlein,
dacht ich, kommst so sicher wie's Lachen auf's Kitzeln. Na, ich habe mich
geirrt. Habe Sie für sanftmütiger gehalten, für nachsichtiger mit einem alten
Freund. Man irrt sich eben.«
    Eberhard blieb stumm.
    Nun seufzte Herr Carovius und setzte sich schüchtern auf das schmale
Kanapee, das an der gelbgetünchten Mauer stand. Fast eine Stunde lang sass er
schweigend da und Eberhard empfand weder das Lächerliche noch das Unheimliche in
diesem Schweigen und in dem Benehmen seines Gastes. Er las.
    Auf einmal zog Herr Carovius seine Brieftasche aus dem Rockfutter, klappte
sie auf, nahm mit zitternden Fingern einen Tausendmarkschein heraus, legte ihn
nebst einem Quittungsformular mit einer hastigen Gebärde auf das Blatt, über
welches Eberhards Auge glitt, und ehe sich der Freiherr von seinem Erstaunen
erholt hatte, war er bereits verschwunden, hatte die Haustür zugeschlagen und
von der Gasse tönte sein geschwindes Trippeln in die Stube.
    Was für seltsame Lebendige hast du, Welt, und was für seltsame Tote, ging es
Eberhard durch den Sinn.
 
                                       9
Dass zwei so grundverschieden geartete Naturen wie Eberhard und Daniel eben zu
der Zeit, wo beide freiwillig auf den Verkehr mit Menschen verzichtet hatten,
einander begegneten und näher traten, beruhte auf einer jener Fügungen, die ein
Gesetz der Kristallisation oder der Anziehung polarer Kräfte entalten, so
zufällig sie auch scheinen.
    Das Zusammentreffen ereignete sich am Tag nach jener Wanderung, die Daniel
nach Eschenbach unternommen hatte. Als der Morgen anbrach, hatte er sich
entschlossen, den Rückweg über Schwabach einzuschlagen, sowohl der Abwechslung
wie der geringeren Dauer wegen. Die Sonne brannte noch sengender vom Himmel als
am Tag vorher und in den Stunden der grössten Glut legte sich Daniel in den Wald.
Wie er nun spät am Nachmittag in die Nähe von Schwabach kam, zogen schwere
Wolken von Westen herauf, ein unheilverkündender Sturm begann zu wehen, Blitze
zuckten über das finstere Firmament, und so sehr auch Daniel seinen Schritt
beschleunigte, das Wetter überfiel ihn doch: ehe er den Schutz eines Hauses
erreichte, war er am ganzen Leibe nass.
    Es goss in Strömen weiter; nach langem Harren musste er in den Regen hinaus
und, vor Nässe und Kälte schlotternd, gelangte er auf den Bahnhof. Als er das
Billett nehmen wollte, stand am Schalter vor ihm ein hagerer, apart gekleideter
Mann. Daniel mochte sich wohl in seinem Ärger und Unbehagen zu hart an ihn
gedrängt haben, denn der Herr wandte sich unwillig um, und Daniel erkannte den
jungen Freiherrn in ihm. Eberhard seinerseits erkannte auch Daniel sofort. Es
gab nicht leicht ein Gesicht, das so sehr nur einem einzigen Menschen gehören
konnte wie das Daniels.
    Was den Freiherrn nach Schwabach geführt hatte, war die Anhänglichkeit an
einen bestimmten Menschen, die er sich seit seiner Kindheit bewahrt hatte. Es
lebte dort seine Amme, eine Frau, die ihm von jeher mit rührender Liebe ergeben
war, die stolz auf ihn war, als hätte sie in ihm das erlesenste Exemplar der
Männerwelt an ihrer Brust gesäugt, und an deren Märchen und Geschichten er sich
noch jetzt oft und gern erinnerte. Sie hatte den Werkführer einer Zinngiesserei
geheiratet, besass nun selber schon Söhne und Töchter, und Eberhard hatte sich
seit Jahren vorgenommen, sie einmal zu besuchen. Dies war nun geschehen. Er
hatte nicht viel Freude davon gehabt, er musste sich sagen, dass ihm der Besuch
eine innere Gestalt geraubt hatte, und ob die Amme bei dem Anblick des
grämlichen, steifen und hochaufgeschossenen Milchsohnes das Entzücken empfunden,
das sie sich ausgemalt, bleibe dahingestellt.
    Als Eberhard den Zustand gewahrte, in welchem sich Daniel befand, regte sich
sein ritterliches Gefühl. Tapfer besiegte er eine Abneigung, die so alt war wie
sein Wissen von diesem Mann, und der sich vor wenigen Wochen Abscheu und
quälende Eifersucht beigesellt hatten. »Sie sind ins Unwetter gekommen?« fragte
er höflich, obschon in strenger und abweisender Haltung.
    »Wie Sie sehen,« antwortete Daniel kurz und musterte den Freiherrn mit
gerunzelter Stirn.
    »Sie werden sich erkälten, darf ich Ihnen nicht meinen Mantel anbieten?«
fuhr Eberhard noch höflicher fort, und es war ihm, als tauche hinter Daniel
Lenores Antlitz auf, von Blumen umgeben, und lächelte ihm freudig und dankbar
zu. Er presste die Lippen zusammen und verfärbte sich.
    Daniel schüttelte den Kopf. »Ich bin an allerlei Wetterstürze gewöhnt,« gab
er zurück; »danke.«
    »So wickeln Sie wenigstens das hier um den Hals; das Wasser läuft Ihnen ja
von den Haaren herunter.« Und Eberhard reichte ihm ein weisses Seidentuch, das er
aus der Tasche seines Mantels zog. Daniel machte eine Grimasse, nahm aber das
Tuch, schlang es um den Nacken und band einen Knoten unter dem Kinn.
    »Sie haben recht,« gestand er dann und zog den Kopf zwischen die Schultern,
»es erinnert einen gleich an ein warmes Bett.«
    Eberhard starrte gegen die Lokomotive des einfahrenden Zuges. Plebejer,
dachte er geringschätzig.
    Gleichwohl setzte er sich zu diesem Plebejer ins Kupee dritter Klasse; und
er hatte ein Billett erster Klasse gekauft. War es das weissseidene Tuch, das ihn
plötzlich an den Plebejer fesselte? Was konnte es anders sein, da sie während
der ganzen Fahrt einander schweigend gegenüber sassen, ein höchst wunderliches
Paar, der eine im armseligen, feuchtglänzenden Anzug, einem Hut, der halb an
einen Tünchermeister, halb an einen zigeunernden Barden gemahnte und einer
Riesenbrille, aus der die Augen grün und flackrig blitzten; der andere wie aus
dem Ei geschält, stäubchenlos, in Lackstiefletten, englischem Strohhut und einer
amerikanischen Zigarette im Mund.
    Daneben sass eine Bäuerin mit einem Geflügelkorb, ein rotaariges Mädchen,
welches das Hinterteil eines Schweins auf den Knien hielt und ein Arbeiter,
dessen Gesicht verbunden war.
    Bisweilen trafen sich ihre Blicke. Dann senkte der Freiherr erschreckt die
Lider, und Daniel schaute gelangweilt in den Regen hinaus. Aber es musste
irgendeine Mitteilung oder Verständigung in der kurzen Begegnung der Blicke
verborgen gewesen sein, denn als sie am Ziel ihrer Reise das Kupee und den
Bahnhof verlassen hatten, schritten sie friedlich nebeneinander durch die
Strassen, wie wenn es sich von selbst verstehe, dass sie jetzt beisammen blieben.
    Der Mensch sucht den Menschen. Da hilft kein Trotz und keine
Verschlossenheit, da ist etwas, das den Stärksten zwingt, wenn er einen spürt,
der willig ist, sich zu geben, und das geglaubte Genügen an der Einsamkeit
entüllt sich als Selbstbetrug.
    »Sie werden wohl nach Hause gehn und sich umkleiden,« sagte Eberhard und
blieb an einer Strassenkreuzung stehen.
    »Ich bin schon trocken,« antwortete Daniel, »und zum Heimgehn hab ich keine
Lust. Da drüben an der Insel Schütt ist ein kleines Gastaus, nennt sich zum
Peter Vischer. Ich mag's gern, weil bloss alte Leute drin verkehren, die von
alten Zeiten erzählen und weil's auf einer Brücke liegt, so dass man in einem
Schiff zu schwimmen meint.«
    Eberhard ging mit. Sie sassen von acht Uhr bis Mitternacht einander
gegenüber. Ihre Unterhaltung beschränkte sich auf Wendungen wie: »Es ist
wirklich recht angenehm still hier.« - »Es scheint, der Regen hat aufgehört.« -
»Ja, er hat aufgehört.« - »Der weissbärtige Schwätzer am Ofen ist ein Uhrmacher
vom Unschlittplatz.« - »So? er sieht noch recht rüstig aus.« - »Er soll die
Schlacht bei Wört mitgemacht haben.« Und dergleichen mehr.
    Als sie sich trennten, wusste Eberhard, dass Daniel am nächsten Mittwoch
wieder beim Peter Vischer sein, und Daniel, dass er den Freiherrn dort finden
werde.
 
                                       10
Philippine kniete am Herd und schob Spreisel in das Feuerloch, Lenore sass vor
der Anricht und addierte in einem schmalen Heftchen die Ausgaben der Woche.
    »Du solltest heiraten, Lenore,« sagte Philippine und blies auf einen
glimmenden Span, »es wär schon Zeit für dich.«
    »Lass mich zufrieden mit solchem Gerede,« erwiderte Lenore unmutig.
    Philippine kauerte sich noch tiefer am Herd hin. »Ich mein's dir gut,« sagte
sie. »Du rackerst dir ja deine Jugend vom Leib. Mit einer so feinen weissen Haut
und so zuckrigen Augen, ioi! da wollt ich schon einen kapern, wenn ich du wär.
Die Mannsbilder sind ja alle so saudumm.«
    »Sei still,« sagte Lenore und zählte: »sieben von fünfzehn, bleibt acht ...«
    »Ein Englein hat's Bett gemacht,« warf Philippine kichernd ein. »Ich wüsst
jemand für dich,« fuhr sie dann fort, und ihr Blick lauerte, »einen Reichen;
einen, der sich in dich vergafft hat. Wenn ich zu dem geh und sag ihm: die
Lenore Jordan hat nichts dagegen, ich glaub, der tät mir einen Sack voll Gold
schenken, der alte Spitzbub. Ehr und Seligkeit, Lenore, 's ist ein feiner Mann,
und Klavier spielen kann er so gut wie der Daniel, wenn nicht noch schöner. Da
fliegen die Fetzen nur so, wenn der spielt.«
    Lenore erhob sich und schlug das Heft zu. »Willst dir einen Kuppelpelz
verdienen, Philippine?« sprach sie, mitleidig lächelnd; »und fragst bei mir an?
Geh doch zu, du Närrin.«
    »Komm Wind und weh mein Feuer an, damit mein Süpplein kochen kann,« raunte
Philippine mit einem finstern Gesicht.
    Lenore verliess die Küche und stieg die Treppe hinauf. Sie sehnte sich; ihr
Herz wollte schier bersten vor Sehnsucht.
 
                                       11
Es war Anfang Oktober, als Daniel den Freiherrn zum erstenmal in seinem
Zwergenhaus an der Burg oben besuchte.
    Sie hatten sich am Abend in dem Wirtshaus auf der Schütt getroffen, dort
aber waren eines Fischessens halber mehr Gäste als sonst gewesen, der Lärm war
ihnen unbequem, und sie waren beizeiten aufgebrochen.
    Sie gingen schweigend bis zum Rataus, da sagte Eberhard: »Kommen Sie noch
auf eine Stunde zu mir.« Daniel nickte.
    In dem winzigen Stübchen zündete Eberhard die sechs Kerzen eines Leuchters
an. Daniels verwunderten Blick bemerkend, sagte er: »Mir ist nichts
widerwärtiger als Petroleum oder Gas. Das da ist Licht, das andere illuminierter
Gestank.«
    Eine Weile blieb es still. Daniel hatte sich aufs Kanapee gerekelt.
    »Illuminierter Gestank,« wiederholte er plötzlich mit befriedigtem
Auflachen; »nicht übel. Das ist eben die neue Zeit. Ich glaube, sie heissen's fin
de siècle. Nichts soll blühen mehr, alles wird fabriziert. Die Männer sind
Amerikaner, greuelhaft ernüchtert vom Erwerbsrausch, die Weiber verlieren den
edlen Eigensinn des Instinkts, die Städte sind zu ungeheuren Dampfmaschinen
geworden, alt und jung liegt vor den sogenannten Wundern der Technik auf dem
Bauch, als ob es für die Menschheit wirklich etwas zu bedeuten hätte, wenn
irgendein Faulenzer in Paris schon beim Frühstück erfährt, dass der Papst gut
geschlafen hat, oder wenn eine Gewehrkugel vierzehn Leute hintereinander
durchbohrt statt wie bisher sieben. Wer will da noch aus seiner innern Seele
schaffen? Es ist wie Wahnsinn und Unzucht.«
    »Doch, man kann aus seiner innern Seele schaffen,« sagte der Freiherr, in
dessen Gesicht der verdrossene Ausdruck einem angespannten wich, »man kann den
unsichtbaren Geist in die Sichtbarkeit bannen.«
    Daniel, der noch nicht ahnte, dass der Freiherr gewissermassen aus einem ganz
andern Land und mit einer ganz andern Sprache redete, fuhr fort: »Aller Vorrat
von Anteil und Entusiasmus, den die Nation zu vergeben hat, ist aufgezehrt.
    Die altehrwürdigen Werke bestehen in ihrer Gültigkeit, sie werden bestaunt
und gepriesen, zeugende und umbildende Kraft haben sie nicht mehr. Sonst gedeiht
nur der Hokuspokus, und wer ihm nicht vergibt, dem wird nicht vergeben. Das
Leben aber ist kurz, ich spür's an jedem Tag, und hegt man die Pflanze nicht, so
welkt sie hin.«
    »Es ist nicht nur Hokuspokus,« erwiderte Eberhard, der jetzt völlig
verwandelt war, jedoch auch seinerseits die schmerzliche Empörung des Musikers
nicht begriff; »sehen Sie, ich habe mit Menschen wenig verkehrt; meine Zuflucht
war das Reich der Abgeschiedenen, der unsichtbaren Geister, die in die
Erscheinung treten, wenn das gläubige Gemüt nach ihnen ruft. Meine Aufgabe war
es, mich zu entsinnlichen, zu entmaterialisieren, dann bekamen die Geister Stoff
und Gestalt.«
    Daniel richtete sich überrascht empor und sah, was für einen bleichen Blick
der Freiherr hatte. Ihm schien, dass sie ganz nah und ungeheuer fern voneinander
waren. Er musste aber seinen Faden weiter spinnen. »Ja, ja, ja,« rief er mit
demselben kurzen Auflachen wie am Anfang des Gesprächs, »auch meine Geisterchen
verlangen Gläubigkeit und wimmern und klagen um Form und Gestalt. Das haben Sie
fein ausgedrückt, Baron.«
    »Und haben Sie ihnen gegenüber, den Geistern gegenüber, auch Verzicht
geleistet?« fragte Eberhard streng.
    »Verzicht? Worauf? Denken Sie, das braucht's bei mir? Ich bin das Widerspiel
zu Kronos. Mich fressen meine Kinder, und das bei lebendigem Leibe. Ich
beschwöre Geister und geb ihnen Fleisch und Blut, dafür machen sie mich zum
Schatten. Es sind rebellische Burschen, sag ich Ihnen, die kein Erbarmen kennen.
Ich soll eine zur Gleichgültigkeit erstarrte Bürgerwelt für sie alarmieren. Was
mich kränkt und ekelt, soll ich auf die leichte Achsel nehmen; ich soll ihre
Hure sein und mich feilbieten; ich soll ihr Krämer sein und für sie schachern.
Kampf ist ja was ganz Schönes, und wenn's gegen Feinde geht, kann man sich ins
Zeug legen. Aber meine Geisterchen wollen bejubelt und verhätschelt werden, und
was sich an Hass in mir aufhäuft, ist vielleicht nur die Wut über das vergebliche
Werben. Nein, es ist kein ehrlicher Hass, weil ich nach jedem Lumpenkerl
schmachte, der nichts von meinen Geistern wissen will, weil meine ganze Existenz
darin besteht, Gehör von denen zu erbetteln, die nicht hören mögen,
Liebespfennige bei denen zusammenscharren, die nicht lieben können, weil mir
einer oder zwei oder drei nicht genügen, sondern weil ich Tausende haben muss,
weil ich nichts bin ohne die Tausende, und mich in Angst und Not verblute, wenn
ich mir nicht einbilden kann, die Welt geht nach meinem Schritt und Takt. Den
Michel Pfifferling kann ich verachten, der sich besoffen zu seinem Weibe legt
und für den der Name Beetoven ein unverständlicher Schall ist; Jason Philipp
Schimmelweis macht mich lachen, wenn er mir ins Gesicht schreit: die ganze Kunst
ist mir piepe. Aber es steckt doch wieder Menschheit in ihnen, und soweit
Menschheit in ihnen steckt, muss ich sie haben, muss sie von mir überzeugen, und
wenn sie mir das Herz darüber aus dem Busen reissen. Ist das ein Leben? Einen
Kirchhof aus den Gräbern graben und den Leichnamen Atem einhauchen müssen, damit
sie tanzen? Und immer mit dem Bewusstsein: dieser Augenblick ist der einzige! Ich
bin, ich bin; da steht der Tisch, da brennen die Kerzen, da vor mir sitzt ein
Mensch, und wenn ich aufgehört habe zu reden, ist schon alles anders, als ob ein
Jahr vergangen wäre, alles unwiederbringlich. Zeigt mir einen Weg zur
Menschheit, ihr Menschen, dann glaub ich an Gott.«
    Dem Freiherrn wurde es schwül zu Sinn. Er musste an gewisse aufregende
Zusammenkünfte denken, wo man in zitternder Erwartung im Dunkel gesessen war,
und dann war eine Stimme aus dem Jenseits gekommen, bei der einem das Mark in
den Knochen gefror. Er wagte kaum nach der Stelle hinzusehen, wo Daniel sich
befand; die Worte des Musikers verursachten ihm eine tiefe Pein; es lag in ihnen
eine Gefrässigkeit, eine Schamlosigkeit und eine Grausamkeit, die ihm Schrecken
einflössten.
    Beinahe hätte er gefragt: und Lenore? und Lenore?
    Aber so sehr er sich, aus seiner Erziehung, seinen Gewohnheiten und
Lebensansichten heraus, abgestossen fühlte, es war da noch etwas anderes, wovor
er sich beugte. Er hätte nicht genau sagen können, was es war; es schloss
Empfindungen zwischen Furcht und Erschütterung in sich.
    Während er darüber nachdachte, vernahm er ein Klirren der Fensterscheibe. Er
blickte hin und sah das Gesicht des Herrn Carovius, angepresst an die Scheibe, so
dass die Nase schier plattgedrückt war und die Zwickergläser zwei schillernden
Fettflecken auf dem Wasser ähnelten.
    Auch Daniel schaute empor; auch er gewahrte das von Ingrimm und Drohung
verzerrte Gesicht des Herrn Carovius. Bestürzt sah er den Freiherrn an. Dieser
erhob sich und sagte: »Entschuldigen Sie die Störung; ich habe vergessen, den
Vorhang herunterzulassen.«
    Er ging ans Fenster und liess den dunklen Vorhang über das Gesicht des Herrn
Carovius fallen.
 
                                       12
In derselben Nacht, als Daniel über den Flur in seine Stube treten wollte, fiel
ihm ein intensiver Blumenduft auf. Schon mehrmals hatte er den Geruch verspürt,
nur war er nie so stark gewesen; dazu kam, dass die Jahreszeit eine solche
Wahrnehmung doppelt ungewöhnlich machte.
    Er schnupperte eine Weile und bemerkte dann, dass im oberen Stock Lenores
Kammer offen war. Der Lichtschein drang auf die Stiege.
    Wenn Daniel am Abend nicht zu Hause war, öffnete Lenore immer die Tür ihrer
Stube, damit sie ihn hören konnte, wenn er heimkehrte. Davon wusste Daniel
nichts; er hatte in keiner früheren Nacht den Lichtschein gesehen.
    Er besann sich eine Weile, schloss hernach das Gatter wieder auf und ging die
Treppe empor. Aber Lenore musste wohl seinen nahenden Schritt erlauscht haben;
sie trat hastig auf den kleinen Vorplatz und sagte befangen: »Bleib unten,
Daniel, der Vater schläft. Ist dir's angenehm, so komm ich noch auf eine
Viertelstunde ins Wohnzimmer hinunter.«
    Sie wartete seine Antwort nicht ab, ging in die Kammer zurück, holte die
Stehlampe und folgte Daniel ins Wohnzimmer. Daniel machte das Fenster zu und
schüttelte sich fröstlich, denn es war nicht geheizt und die Nacht war kühl.
    »Was ist das für ein Blumengeruch im Hause?« fragte er. »Hast du so viele
Blumen oben?«
    »Ja, ich hab Blumen,« erwiderte Lenore und errötete.
    Er blickte sie scharf an, wollte jedoch nicht weiter forschen, oder es
interessierte ihn nicht, zu erfahren, was es bedeutete. Die Hände in den Taschen
vergraben, ging er im Zimmer herum.
    Lenore hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und liess den Auf- und
Abschreitenden nicht aus den Augen.
    »Du, Daniel,« sagte sie plötzlich, und der Wohllaut ihrer Geigenstimme riss
ihn aus seinem dumpfen Sinnen, »ich weiss jetzt, was der Vater treibt.«
    »Nun also, was treibt er, der Alte?« fragte Daniel zerstreut.
    »Er arbeitet an einer Puppe, Daniel.«
    »An einer Puppe? Hältst du mich zum besten?«
    Lenore, deren Wangen wieder blass geworden waren, erzählte: »Gestern, gegen
Abend, hat er das schöne Wetter benutzt und ist, zum erstenmal nach langer Zeit,
spazieren gegangen. Wie er fort war, bin ich in seine Stube hinein, um ein
bisschen Ordnung zu machen. Da seh ich, dass die Türe von dem grossen Schrank nicht
zugesperrt ist wie sonst immer, sondern bloss angelehnt. Wahrscheinlich hat er
vergessen, sie zuzusperren. Ich denke mir nichts Arges und mach die Schranktür
auf und da seh ich nun eine grosse Puppe, so gross wie ein vierjähriges Kind
vielleicht, ein Wachsgesicht, und die offenen Augen und langes gelbes Haar. Aber
keine Kleider; und von dem Leib nur der hintere Rumpf, der vordere Teil vom Hals
bis an die Beine war weggenommen. Und im Innern, da, wo bei Menschen Herz und
Eingeweide sind, da war ein Gewirr von Rädern und Schrauben und dünnen Röhrchen
und Draht, alles aus purem Metall.«
    »Sonderbar,« sagte Daniel, »wirklich sonderbar. Was hältst du davon?«
    »Er konstruiert etwas,« fuhr Lenore fort, »so viel ist klar. Doch wenn ich
dir nur schildern könnte, wie mir dabei zumut gewesen ist, Daniel! Ich war so
traurig wie noch nie in meinem Leben. Ich bin mir so lieblos gegen ihn
erschienen, wie es das Schicksal gegen ihn war. Und alles, die Luft und das
Licht und die Menschen und was man für die Menschen fühlt und was Menschen für
einen fühlen, alles ist mir so unbeschreiblich lieblos erschienen, dass ich mich
vor die Puppe mit ihrer Maschine im Leib habe hinsetzen müssen und weinen. Der
arme Mann! Der arme alte Mann!«
    »Sonderbar, wirklich sonderbar,« sagte Daniel immer nur.
    Nach einer Weile nahm er schuldbewusst am Tisch neben ihr Platz. Da stand
aber Lenore auf, trat zum Fenster und lehnte die Stirn ans Glas.
    »Komm zu mir, Lenore,« sagte er mit veränderter Stimme.
    Sie kam. Er ergriff ihre Hand und schaute ihr ins Gesicht. »Wie hast du's
eigentlich die ganze Zeit her mit dem Haushalt zustande gebracht?« fragte er in
der Erleuchtung seines Schuldgefühls.
    Lenore senkte die Augen. »Ich hab geschrieben,« erwiderte sie; »und mit dem
Blumenbinden hat sich's auch glücklich gefügt. Hab sogar einiges sparen können.
Schau mich nicht so an, Daniel; es war nichts Grosses, hast mir nichts zu
verdanken.«
    Er zog sie auf seine Knie und umschlang ihre Schultern. »Du meinst
vielleicht, ich hab dich vergessen,« sagte er leidvoll und blickte in die Höhe;
»meine Lenore vergessen? meine Geisterschwester? Nein, nein, du liebes, gutes
Herz, du weisst ja längst, dass wir unsere Wanderschaft zusammen auf Leben und Tod
angetreten haben.«
    Lenore lag in seinem Arm, vollkommen weiss im Gesicht, vollkommen starr am
Körper. Ihre Augen waren geschlossen.
    Daniel küsste ihre Augen. »Du musst mich halten, auch wenn ich dich scheinbar
lasse,« murmelte er.
    Dann trug er sie auf den Armen durch die Tür in seine Stube.
    »Ich hab mich so gesehnt,« hauchte Lenore, mit den Lippen an seinem Hals.
 
                                       13
Schneller als man gedacht, kam der Winter, und der Platz mit der Kirche lag im
Schnee.
    Lenore war aufs Eis gegangen und als sie zurückkehrte, wartete sie in der
Wohnstube auf Daniel. Mit ihrem Pelzkäppchen sass sie da, müd und versonnen und
hielt am Riemen die Schlittschuhe in der Hand.
    Als nun Daniel ins Zimmer getreten war und sie begrüsst hatte, blickte sie
empor und sagte mit leiser Stimme: »Ich bin guter Hoffnung, Daniel. Seit heute
weiss ich's.«
    Da liess er sich auf die Knie vor ihr nieder und küsste ihre Fingerspitzen.
Lenore atmete auf, und ein Lächeln von traumhafter Heiterkeit glitt über ihre
Züge.
    Am andern Tag ging Daniel aufs Rataus und bestellte das Aufgebot.
    Kaum hatte Philippine gehört, dass Daniel und Lenore im Februar heiraten
sollten, so verschwand sie spurlos. Die kleine Agnes rief umsonst nach ihrer
»Pine«. Erst am sechsten Tag erschien die Unheimliche wieder, ebenso plötzlich
wie sie fortgegangen war. Ihre Züge waren abschreckend finster, ihre Haare
zerzaust, ihre Kleider zerdrückt und an ihren Stiefeln hingen die Sohlen in
Fetzen. Sie war stumm wie ein Klotz und blieb es wochenlang.
    Kein Mensch wusste, und keiner hat es je erfahren, was sie während dieser
sechs Tage getan und wo sie sich aufgehalten hatte.
    Eine kirchliche Trauung war Lenores inniger Wunsch und dessen Erfüllung
verursachte Daniel manche Mühe und manchen verdriesslichen Weg. Aber er nahm es
auf sich, weil er Lenore nichts von ihrem Glück abhandeln mochte. Und Lenore
nähte sich selbst ihr weisses Kleid und ihren Schleier. Gisela Degen, eine
jüngere Schwester von Marta Rübsam, und Else Schneider, die Tochter des
Pfarrers von Sankt Egydien, sollten Brautjungfern sein. Auch Marianne Notaft
und Eva sollten von Eschenbach hereinkommen; Lenore hatte ihnen schon das
Reisegeld geschickt.
    »Hilf mir nähen, Philippine,« sagte Lenore eines Abends zu der finstern
Hausgenossin, und sie reichte Philippine den Schleier, an welchem der Saum zu
nähen war.
    Philippine setzte sich schweigend Lenore gegenüber und fing an zu nähen.
Unterdes fiel die kleine Agnes bei ihren Gehübungen auf den Boden und schrie
kläglich. Lenore eilte hin und hob das Kind auf, da knisterte es plötzlich und
wie sie sich umwandte, sah sie, dass der Schleier einen langen Riss hatte. »Was
machst du, Philippine, du böses Ding!« rief sie aus.
    »Ich hab nichts getan, er ist von selber entzwei gerissen,« brummte
Philippine, und ihr Blick entfloh feig.
    »Lass es sein, lass die Hände davon, du nähst böse Gedanken hinein,« erwiderte
Lenore ahnungsvoll.
    Philippine erhob sich. »Zerrissen ist er nun einmal, der Schleier,« sagte
sie in düsterm Trotz; »soll's Böses bedeuten, so kommt das Böse doch, ob du mich
fortschickst oder nicht.« Sie ging hinaus.
    Der Schaden war nicht so arg, wie Lenore gefürchtet. Das zerrissene Stück
konnte abgetrennt werden und der Schleier war auch dann noch brauchbar.
    Aber von jener Stunde an war eine Traurigkeit über Lenore gebreitet wie
erster Nebel des Herbstes über eine schöne Landschaft. Vielleicht war nicht der
Riss im Schleier daran schuld; in ihrem Gemüt war kein Schatten eines
Aberglaubens; vielleicht war es nur das Glück und die Erfüllung. Es mochte sein,
dass Glück und Erfüllung ihr als ein Ende erschienen, weil hernach nichts kommen
konnte als der Alltag, der nicht mehr spendet, nur noch raubt.
    Vielleicht auch wurde ihr Sinn von dem verspürten Leben in ihrem Leibe
umdunkelt, denn das Werdende strahlt seine Melancholien aus so wie das
Vergehende. Warum sollte eine reingestimmte Seele nicht innerliche Kunde haben
von dem Schicksal, das ihrer harrt und in ihren Träumen nicht um das
Unabänderliche wissen?
    Anmerken konnte man ihr nichts. Ihr Auge war hell, ihr Blick voll Ruhe. Oft
sass sie vor der Maske der Zingarella, die sie jeden Tag mit frischen Blumen
umkränzte und die ihr ein geheimnisvolles Bild alles dessen war, was ihr Dasein
in sich fasste.
    Marianne Notaft kam allein zur Trauung. Wie damals bei Gertruds Hochzeit
hatte sie Eva zu einer Nachbarin gegeben. Sie sagte zu Daniel und Lenore, dass
sie es nicht hätte über sich gewinnen können, das Kind mitten im Winter auf die
Reise mitzunehmen. Sie sprach von Eva nur mit halblauter Stimme, und ein
zärtliches Lächeln spielte um ihren harten Mund.
    Bei der Trauung in der Egydienkirche waren der Notar und die Notarin Rübsam
anwesend, der Archivrat Bock, der Impresario Dörmaul, Philippine Schimmelweis,
ferner Marianne und der Inspektor Jordan. Auf der letzten Bank sass der Herr
Carovius, und unter einem Pfeiler stand, ungesehen von den meisten, Eberhard von
Auffenberg.
    Philippine hockte hässlich zusammengekauert neben dem Inspektor, und hätte
sie nicht an ihren Fingernägeln gebissen, so hätte man glauben müssen, sie
schlafe.
    Während das Brautpaar zum Altar schritt, fiel plötzlich die volle Sonne
durch die Kirchenfenster, und es wirkte eigentümlich rührend, als dabei Lenore
das Haupt erhob, den Schleier zurückstreifte und mit schimmernden Augen das
goldene Licht empfing.
    Der alte Jordan hatte die Stirn auf das Betpult gelegt und sein Rücken
zitterte.
 
                                       14
Spät in der Nacht, und in unsinniger Erregung, weil eines hochzeitlichen Bettes
denkend, das ihn den äussersten Qualen der Eifersucht preisgab, spielte Herr
Carovius auf seinem Klavier die Revolutionsetüde von Chopin. Immer wieder begann
er von vorn, immer wuchtiger wurde sein Anschlag, immer toller das Tempo, immer
grossartiger der Schwung seiner Gebärden und immer drohender sein Gesicht.
    Er hielt Abrechnung mit dem Weibe, das er leibhaftig vor sein neronisches
Tribunal nicht ziehen konnte und schüttete, was er gegen den Musiker Notaft
auf dem Herzen hatte, in die Musik eines andern. Der Neid des Nachempfinders
vergriff sich am Schöpfer, die Ohnmacht des Schmeckers raste gegen den Koch. Es
war, wie wenn ein durchgefallener Komödiant in der Wildnis deklamiert, wo ihm
nur das Echo seiner eigenen Stimme antwortet.
    Sein Hass gegen das Allgemeine, gegen die Einrichtungen der Gesellschaft,
gegen Gesetz und Wohlfahrt, Staat und Familie, Liebe und Ehe, Weib und Mann war
zur höchsten Flamme aufgelodert. Selten hat einer so sich selber aufgerissen,
zerfleischt und besudelt wie dieser entbürgerte Bürger, indem er musizierte. Er
machte die Musik zu einer ausschweifenden Orgie, zu einem erniedrigenden Laster.
    »Genug!« röchelte er, mit einer grellen Disharmonie schliessend. Er schlug
krachend den Deckel des Instruments zu und warf sich in einen abgeschabten
Ledersessel.
    Was sein inneres Auge sah, spottet des Wortes. Er war in dem Haus dort. Er
hatte die Macht, seinen Nebenbuhler zu zerschmettern. Er durfte das Weib
misshandeln, das ihm durch die Tücke der Umstände versagt war. Er züchtigte sie,
er zog die Wimmernde bei den Haaren aus dem Bette der Lust. Er weidete sich an
ihrer Scham, wie auch an den zornigen Zuckungen des geknebelten Musikers. Er
ersparte ihnen keine Beschimpfung, die ganze Stadt war Zeuge seines
Strafgerichts, und alle Menschen fürchteten sich vor ihm.
    So befriedigt der Kleinbürger seinen Rachedurst. So ahndet der Nero unserer
Zeit die Verbrechen, die die Menschheit dadurch an ihm verübt, dass sie sich
Genüsse und Glücksgüter verschafft, deren er nicht teilhaftig werden kann.
    Weil er aber heute mehr als je seine grauenhafte Verlassenheit empfand und
ihm das Unrecht zu Bewusstsein kam, welches ihm der eine Mensch zufügte, an dem
er seit Jahren mit hündischer Treue hing und der ihn jetzt mied, wie man einen
zum Dienst nicht mehr tauglichen Hund meidet, so beschloss er in seinem
erbitterten Gemüt, hierfür eine Sühne zu nehmen, die nicht in blossen
Phantasiespielen bestand.
    Mit diesem Vorsatz suchte er endlich den Schlaf.
 
                                       15
Der Inspektor hauste nun allein in den beiden Dachstuben. Er hatte sich von
selbst erbötig gemacht, an Lenores Stelle die Schreibarbeiten anzufertigen, und
die Arbeitgeber hatten sich damit einverstanden erklärt. So verdiente er
wenigstens die Miete und konnte auch ein paar Taler für seine Beköstigung
zahlen.
    Lenore und Daniel schliefen in dem vorderen Eckzimmer; in der Wohnstube, wo
jetzt auch das Klavier stand, arbeitete Daniel. Philippine und Agnes blieben in
der Kammer neben der Küche.
    Noch immer band Lenore Blumen, noch immer bezog sie von dem mysteriösen
Unbekannten reichlichen Lohn dafür. Sie trieb diese Beschäftigung nicht in
Daniels Nähe, sondern in ihrem früheren Stübchen unterm Dach.
    Da sass oft der Vater bei ihr und schaute ihr gedankenvoll zu. Sie hatte
bisweilen das Gefühl, als ob er um alles gewusst habe, was zwischen ihr und
Gertrud und Daniel vorgefallen war, und als habe er nur in unendlicher Zarteit
und Bescheidenheit, wohl auch in Furcht und Schmerz, darüber geschwiegen. Denn
vor dieser Zeit war er nie bei ihr gewesen, hatte sie nie so still angeschaut,
war immer vorübergegangen, immer bestrebt gewesen, allein zu sein.
    Es dünkte ihr, als wisse er überhaupt vieles von Menschen und Dingen und
schweige nur aus sanfter und mitleidiger Überlegenheit.
    Daniel lebte nicht viel anders denn vor der Hochzeit. Nächtelang sass er am
Tisch und schrieb. Oft traf ihn die frühaufstehende Lenore, mit der Feder in der
Hand und eingeschlummert. Dann lächelte sie eigen und weckte ihn durch einen Kuss
auf die Stirn.
    Er schrieb die Noten aus dem Kopf wie andere Leute ihre Briefe. Er brauchte
gar kein Instrument mehr zur Probe und Unterstützung.
    Einmal zeigte er Lenore achtzehn verschiedene Fassungen von ein und
derselben Melodie. Die ganze Arbeit der Nacht hatte darin bestanden, zu ändern
und wieder und wieder zu ändern. Lenores Herz war beklommen, und beinahe hätte
sie gefragt: Für wen, Daniel? Alles für die Truhe?
    Langsam fing sie an zu begreifen, dass nicht der grübelnde Verstand die
Stufenfolge der Vollendung erzwingt, sondern der sittliche Wille. Es kam wie ein
Blitz, dass sie eines Tages das dämonische Element in diesem Trieb erkannte, den
sie ehedem seiner Bastelsucht und seinem nörglerischen Wesen hatte zuschreiben
wollen. Da schauderte sie vor der ungeahnten Not und fühlte Erbarmen mit dem
Mann, der sich in Finsternis vergrub, um die Welt lichter zu machen.
    Die Welt? Was wusste die Welt von den Gebilden ihres Daniel? Opus auf Opus
lag in der grossen Truhe, und kein Mensch bekümmerte sich um die in einem Sarg
ruhenden Schätze von Musik.
    Das ging nimmermehr mit rechten Dingen zu. Es war etwas verdorben im Uhrwerk
der Zeit; es war etwas krank in den Menschen, da war irgendein Gift, irgendein
Übel, irgendein arges Versäumnis.
    Sie konnte an gar nichts anderes mehr denken. Eines Tages machte sie sich
auf und besuchte den alten Herold. Zuerst liess er sie bärbeissig an, dann hörte
er immer aufmerksamer zu. Ihre Züge waren wunderbar belebt, während sie sprach,
und Professor Herold äusserte sich später: »Wenn man mir die ewige Seligkeit
dafür verspräche, dass ich das Bild dieser schwangeren Frau vergessen soll, wie
sie vor mir stand, um in Sachen Daniel Notaft gegen Publikus zu plädieren, ich
tät's nicht, ich könnt's nicht vergessen.«
    Der Alte bat Lenore, sie möge ihm womöglich eine von Daniels letzten
Kompositionen bringen. Sie sagte es zu und entwendete am anderen Morgen das
Streichquartett in B-Moll aus der Truhe. Sie trug es zum Professor hin, er
schlug die Partitur auf und begann zu lesen. Lenore setzte sich und betrachtete
geduldig die vielen gemalten Bilderchen, die an den Wänden der Stube hingen.
    Eine Stunde war verflossen. Der weisshaarige Mann schlug das letzte Blatt um,
stemmte die geballte Faust auf das Papier, und um seinen Löwenmund zuckte es
halb grimmig, halb im erschütterten Gefühl, als er sagte: »Der Prozess wird in
Gang gebracht, Sie würdigste aller Lenoren, oder ich bin nicht mehr der Herold.«
    Er schritt erregt hin und her, rang die Hände und rief: »Welch ein Aufbau!
welche Klangfarbe! was für ein Reichtum an Melodie, an Rhytmus, an
Ursprünglichkeit! Welche Bändigung! welche Süssigkeit! welche Kraft! Was für ein
Kerl überhaupt! Und so einer lebt! Hier unter uns lebt so einer, plagt sich,
sorgt sich. Schimpf und Schande! Marsch, liebe Frau, gehen wir zu ihm, ich muss
ihn an meine Brust drücken ...«
    Aber Lenore, deren Gesicht heiss war vor Glück, unterbrach ihn und sagte:
»Dann würden Sie alles verderben. Raten Sie mir lieber, was zu tun ist. Er wird
immer eigensinniger und immer bissiger, wenn nicht endlich ein Sonnenstrahl von
aussen auf sein Geschaffenes fällt.«
    Der Alte sann. »Lassen Sie mir die Partitur, ich möchte was damit
unternehmen,« erwiderte er nach einer Weile.
    Voll Hoffnung ging Lenore von ihm weg.
    Das Quartett wurde nach Berlin geschickt und kam in die Hände eines Mannes
von Einfluss und Verständnis. Einige Leute vom Fach lernten alsbald die
Komposition kennen. Professor Herold erhielt einige begeisterte Briefe und
beantwortete sie klug. Es bildete sich dort ein Sagenkreis um die Person des
unbekannten Meisters. Man erzählte sich, dass er als Klausner in den fränkischen
Wäldern lebte und Entaltsamkeit von irdischen Genüssen predige.
    In Leipzig wurde das Quartett einem Zirkel von Musikfreunden vorgespielt.
Der Beifall klang ganz anders als man ihn bei einer mit musikalischen
Neuigkeiten überfütterten Versammlung gewohnt war.
    Dadurch erfuhr Daniel endlich das Geschehene. Eines Tages bekam er einen
Brief von dem Veranstalter des Konzerts, einem Geheimrat Löwenberg. Der Brief
schloss mit den Worten: »Eine Gemeinde von Verehrern ist nach Ihren Schöpfungen
begierig und grüsst Sie in herzlicher Dankbarkeit.«
    Daniel traute seinen Augen nicht. Es war wie Hexerei. Stumm reichte er den
Brief Lenore. Sie las ihn und blickte Daniel ruhig an.
    »Ja, ich bin schuld,« sagte sie, »ich habe das Quartett gestohlen.«
    »Soso; weisst du denn auch, was du mir damit angetan hast, Lenore?«
    In Lenores Gesicht malte sich Verwunderung und Schrecken.
    »Du sollst es wissen,« sprach er ernst, »vielleicht vergeht dir künftighin
die Lust zu solchen Weiberstreichen.«
    Er ging auf und ab und blieb dann dicht vor ihr stehen. »Du hältst mich
wahrscheinlich für einen Dickkopf und Justamentschädel; für einen, dem einmal
der Frost die Finger zerbeult hat und der nun hinterm Ofen sitzt und raunzt und
das Wetter scheut. Da bist du auf dem Holzweg. Früher war etwas Ähnliches bei
mir im Verzug, jetzt hat's keine Gefahr mehr.«
    Er ging wieder auf und ab, blieb wieder stehen. »Nicht weil sie mir zu gut
scheinen, oder weil ich zu faul und zu feig bin, verwahr' ich meine Elaborate
unter Schloss und Riegel. Da müsst ich ja Heu im Kopf haben, wenn ich nicht
begriffen hätte, dass die Wirkung zum Werk gehört wie die Wärme zum Feuer. Ein
Werk, das nicht zu den Menschen redet, ist so gut wie nicht geschaffen. Es sind
Lügner, die sich einbilden, sie könnten auf Anerkennung oder Erfolg verzichten.
Was ich gemacht habe, ist gar nicht mehr mein Eigentum; es strebt zur Welt und
ist ein Stück der Welt und ich muss es ihr geben, wohlgemerkt, falls es etwas
Lebendiges ist.«
    »Nun also, Daniel,« kam es erleichtert von Lenores Lippen.
    »Eben, da liegt der Hase im Pfeffer,« fuhr er unbeirrt fort, »um die
Lebendigkeit handelt's sich, um die wahre Wesenhaftigkeit. Wozu die Leute mit
dem Halbfertigen und Unausgereiften abspeisen? Sie haben sich mit zu vielem von
der Art zu plagen. Zu viele wollen, zu viele können heutzutage, aber es ist kein
Himmelszwang dabei, kein göttliches Muss. Mein Unvollkommenes würde meinem
Vollkommenen nur die Bahn sperren. Hat einen das Publikum mal verführt, dass man
sich am Halben genügt, dann wird das Ohr taub und die Seele blind, eh man's
recht weiss, und man ist dem Teufel verfallen. Der falsche Schritt ist schnell
getan, ein Zurück gibt's nicht, denn so zahllos wie die Möglichkeiten, so
einmalig ist die Tat, und so erspriesslich die Ermunterung von aussen sein kann,
so mörderisch ist sie, wenn sie das Gewissen überlärmt. Was ich da in all den
Jahren verfertigt habe, es sind ja gute Sachen, aber es sind schliesslich nur
Versuche zu dem Grossen, was mir vorschwebt. Vielleicht schmeichl' ich mir mit
Trug und Traum, vielleicht überschätz ich meine Kraft, aber es steckt in mir
drinnen und muss an den Tag. Es wird sich ja dann zeigen, was für eine Kreatur es
ist. Dann hat das Dahintenstehen ein Ende, dann will ich mich schon rühren, dann
tret ich hinaus, dann will ich auch als der gelten, der ich bin. Darauf kannst
du dich verlassen.«
    Kaum jemals hatte Daniel so zu Lenore gesprochen. Als sie ihn anschaute, von
der Leidenschaft seiner Worte bezwungen und ihn dastehen sah, so furchtlos, so
ehern unerbittlich, hob ein Seufzer ihre Brust, und sie sagte: »Gebe Gott, dass
es gelingt und dass du's erlebst.«
    »Es ist alles Schicksal, Lenore,« entgegnete er.
    Er forderte und erhielt das Quartett zurück.
    Von da an unterdrückte Lenore jede Regung der Unzufriedenheit in sich. Sie
spürte, dass er Grausamkeit und Härte für das kleine Leben brauchte, um Geduld
und Liebe für das grosse zu bewahren.
    Ja, sie betete zur Vorsehung, dass sie ihn grausam und hart bleiben lasse.
 
                                       16
Lenore ist mein Weib, sagte sich Daniel bisweilen, und es geschah, dass er mitten
auf einem Weg innehielt, um die Süssigkeit dieses Bewusstseins ganz zu halten.
    Er wusste es immer. Doch wenn er bei Lenore war, vergass er nicht selten ihre
Gegenwart. Es gab Tage, wo er an ihr vorüberging wie an einem zufälligen Gast.
    Es gab andere Tage, wo das Glück ihn zweifelsüchtig stimmte und ihn fragen
liess: ist es denn das Glück? warum empfinde ich's nicht schauriger, glühender?
    Oft prüfte er ihre Gestalt, ihre Hände, ihren Schritt und wünschte sich neue
Augen, um sie neu zu sehen. Und er ging fort, um sie besser zu sehen. Wenn er
nachts mit der Kerze an ihr Bett trat, wich ein sanftes Leid aus ihren Zügen,
und die Flammenbläue ihres Blicks liess seine Pulse rascher schlagen.
    Es ist ein Punkt, wo die keuscheste Frau sich nicht von einer Dirne
unterscheidet; das macht den tiefsten Schmerz des Mannes, welcher liebt, und
kein Weib kann diesen Schmerz verstehen oder nur ahnen.
    So grübelnd und bildlos hadernd, in den Armen der Geliebten, empfing er das
abgründig wehvolle Eingangsmotiv in D-moll der Symphonie, die allmählich zur
grossen Vision seines Lebens wurde und der, viele Jahre später, eine Anhängerin
den Namen der prometeischen verlieh. Beim Erklingen des Temas brüllte er auf
wie ein Tier, aber vor Freude. Ihm war, als sei in diesem Augenblick die Musik
überhaupt erst geboren worden.
    Er presste Lenore so heftig an sich, dass ihr der Atem verging und murmelte
zwischen den Zähnen: »Man hat nur die Wahl, aneinander stumpf oder aneinander
wund zu werden.«
    »Die Maske, die Maske,« flüsterte Lenore bang und wies in die Ecke, wo die
Maske der Zingarella aus der Halbdunkelheit wie ein unheimlich-schönes
Gespensterantlitz leuchtete.
    Vor der Tür stand Philippine und horchte. Sie hatte eine Ratte gefangen,
hatte sie getötet und legte den Kadaver auf die Schwelle. Als Lenore am andern
Morgen in die Küche gehen wollte, stiess sie einen lauten Schrei aus und wankte
zitternd in die Stube zurück.
    Daniel strich über ihr Haar und sagte: »Kränk dich nicht, Lenore, auch
Ratten gehören in die Ehe, so gut wie versalzene Suppen, zerbrochene Kochtöpfe
und Löcher in den Strümpfen.«
    »Ach, Daniel, soll das ein Vorwurf sein?« fragte Lenore mit ihrem
melancholischen Kinderlächeln.
    »Nein, Liebe, kein Vorwurf, nur ein Bild der Welt. Du hast eine
Prinzessinnenseele, du weisst nichts von den Ratten. Sieh einmal die starren
schwarzen Perlenaugen, sie erinnern mich an Jason Philipp Schimmelweis und an
Alphons Diruf und an Alexander Dörmaul und an Stammtische und Kaffeekränzchen
und Schweissfüsse und Vereinsabende und alles, was unappetitlich, gemein und böse
ist. Schau mich nicht so erstaunt an, Lenore, ich hab einen hässlichen Traum
gehabt, nichts weiter. Ein lumpig aussehender Mensch wollte immerfort deinen
Namen wissen, ich konnt ihn aber nicht nennen, denke dir, es war mir ganz
entfallen, wie du heisst. Es war unerhört quälend. Lebwohl, lebwohl.«
    Er hatte seinen Hut aufgesetzt und ging. Er rannte in die Gegend von Feucht
und blieb den ganzen Tag im Freien, ohne etwas anderes zu sich zu nehmen als
Schwarzbrot und Milch. Dafür staken seine Taschen am Abend bei der Rückkehr voll
von Notenskizzen.
    Er machte den Umweg über den Burgberg und klopfte am Häuschen Eberhards von
Auffenberg an. Da nicht geöffnet wurde, schlenderte er eine Weile an dem alten
Gemäuer entlang und kam gegen neun Uhr wieder. Auch jetzt waren die Fenster noch
schwarz.
    Seit zwei Monaten hatte er Eberhard nicht gesehen. Er entsann sich jetzt des
bedrückten und erregten Wesens des Freiherrn, als er ihn zuletzt, Ende März war
es gewesen, aufgesucht hatte. Eberhard hatte wenig gesprochen und mit
eigentümlich blicklosen Augen vor sich hingestarrt; er hatte den Eindruck eines
Menschen gemacht, der im Begriff ist, Ungewöhnliches, ja sogar Schreckliches zu
erleben.
    Dies kam Daniel erst jetzt zu Bewusstsein, er hatte in den vergangenen Wochen
nicht mehr daran gedacht und bedauerte sich nicht um Eberhard gekümmert zu
haben.
 
                                       17
Als er nach Hause kam, lag Lenore in verfrühten Wehen. Philippine empfing ihn
mit den Worten: »Es gibt Familienzuwachs, Daniel.« Und sie schlug ein rohes
Gelächter auf.
    »Schweig, Kröte!« herrschte Daniel sie an; »seit wann hat sie Schmerzen?
Warum holst du nicht die Hebamme?«
    »Kann ich's Kind allein lassen? Schimpf einen nicht so,« erwiderte
Philippine mürrisch und drohend. Sie ging fort und holte die Hebamme. Nach einer
halben Stunde kehrte sie mit der Frau zurück. Es war Frau Hadebusch.
    Daniel war unangenehm berührt. Er wollte fragen und Widerspruch erheben,
Frau Hadebusch kam ihm mit ihrer alten Zungengeläufigkeit zuvor. Grinsend,
knicksend, augenverdrehend und auf alle Weise schöntuend, berichtete sie, dass
ihr Ehegespons vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet habe und dass sie sich und
ihren armen Heinrich, den Idioten, als Geburtshelferin schlecht und recht
ernähre. Sie schien sich schon mit Lenore ins Einvernehmen gesetzt zu haben,
denn als sie ins Zimmer trat, wurde sie von dieser wie eine Bekannte begrüsst.
    Während Daniel ein paar Minuten mit Lenore allein war, fragte er entrüstet:
»Wie kommst du denn zu dem lästerlichen Weib?«
    Sanft und arglos antwortete Lenore: »Sie ist halt eines Tages dagewesen und
hat mir zugeredet. Sie hat von dir geschwärmt und hat mir erzählt, dass du bei
ihr gewohnt hast, und da hab ich gedacht: es ist ja gleich, welche es ist, und
hab sie bestellt.«
    Mit Mühe sprach sie zu Ende. Ihr Gesicht, weiss wie Papier, spannte sich im
Ausdruck ungeheurer Qual. Sie langte nach Daniels Hand und umklammerte sie so
stark, dass ihm vor Angst kalt wurde.
    Als sie zu stöhnen begann, wandte er sich ab und drückte die Fäuste
gegeneinander. Frau Hadebusch trug einen Kübel voll heissen Wassers herein. »Hier
hat kein Mannsbild was zu tun!« kreischte sie mit freundlicher
Gesichtsverzerrung, packte Daniel bei der Schulter und schob ihn durch die Tür.
    Die kleine Agnes stand im Flur und sagte: »Vater.«
    »Bring das Kind zu Bett,« schrie Daniel Philippine an.
    Der Inspektor trat aus der Küche. Er hielt ein irdenes Näpfchen, in welchem
sich Suppe befand, die man ihm aufgehoben hatte und die er sich selbst überm
Herdfeuer gewärmt hatte. Er ging auf Daniel zu und sagte mit bebendem Kinn:
»Unser Herrgott schütze sie und verfahre gnädig mit ihr!«
    »Lass das, Vater,« antwortete Daniel ungeduldig. »Unser Herrgott regiert mit
Vorbehalten, die mich toll machen.«
    »Willst der Agnes nicht Gutnacht sagen?« fragte Philippine in unwirschem Ton
aus der Kammer.
    Er ging hinein. Das Kind schaute ihm furchtsam entgegen. Je mehr es zum
Menschen heranwuchs, je grösser wurde seine Scheu vor diesem Kind. Vollends
unerträglich war ihm stets das Beisammensein Lenores mit dem Kind gewesen.
Ergründen hatte er das Gefühl nicht können. Er wusste nur so viel, dass er Lenore
nicht mehr eigenlebend sah, wenn das Kind mit seinen grossen Gertrudsaugen und
dem gebogenen Lenorenmund daneben war, sondern dass sie sich plötzlich in die
Schwester jener andern verwandelte, dass sie nur noch Schwester war. Und dies
empfand er als etwas Verhängnisvolles.
    Aus Agnes' grossen Kinderaugen blickten ihn beide Schwestern an, zu einem
einzigen Wesen verschmolzen, und ein vorauswissendes Entsetzen beschlich ihn.
Schwestern! Das Wort klang auf einmal feierlich in seinen Ohren, voll dunkler
Beziehung, mytisch gross.
    »Schlaf, Kindla, schlaf, da draussen stehn zwei Schaf, ein schwarzes und ein
wei-isses ...« plärrte Philippine. Wunderlich, wie viel Bösartigkeit in ihrem
Singsang lag.
    Daniel hielt es in der Wohnung nicht aus und irrte bis weit über Mitternacht
in den Strassen herum. Immer, wenn er den Entschluss fasste, heimzukehren, musste er
daran denken, dass ihm Frau Hadebusch in den Weg treten würde, und da hätte er
sich lieber aufs Pflaster legen und warten mögen, bis ihm jemand Kunde zutrug,
wie es mit Lenore ging.
 
                                       18
Es schlug eins, als er das Haustor öffnete. Am Stiegengeländer standen die Magd
vom ersten und die Magd vom zweiten Stock. Sie hatten nicht Schlaf finden
können. In ihren Kammern hatten sie die Schreie der jungen Frau vernommen. Jetzt
hatten sie sich zueinander gesellt und lauschten zitternd. Und raunten.
    Daniel hörte die eine sagen: »Da sollte der Kapellmeister doch um den Doktor
schicken.«
    Die andere seufzte und erwiderte: »Ein Doktor kann auch nicht hexen.«
    »Jesus, Jesus,« riefen nun alle beide, als wieder ein markerschütternder
Schrei durch das öde Haus hallte.
    Daniel stürmte die Treppen hinauf. »Zum Doktor Müller, so schnell du
kannst,« sagte er keuchend zu Philippine, die mit struppig aufgelösten Haaren
und barfuss in der Küche stand und Tee kochte. Dann eilte er zu Lenore hinein.
Frau Hadebusch wollte ihn nicht zu ihr lassen, er stiess sie zähneknirschend
beiseite und warf sich am Bett nieder.
    Lenore hob den Kopf. Sie war totenbleich, ihr Gesicht war von Schweiss
überströmt. »Daniel, du darfst hier nicht sein, darfst mich so nicht sehen,«
stammelte sie mit Anstrengung, aber ihr Ton war so bestimmt und so gebieterisch,
dass Daniel aufstand und zögernd aus dem Zimmer ging. Ein seltsamer, rasender
Zorn erfasste ihn. Er trank in der Küche Wasser und schleuderte das Glas zu
Boden, dass es in hundert Scherben zersprang.
    Frau Hadebusch war ihm gefolgt. Sie sah finster aus. Als er dies bemerkte,
schwindelte ihn, und er musste sich setzen. »Der Doktor wird kommen,« sagte er
rauh.
    »Herrjemine, was es jetzet für kotzwehleidige Leut gibt,« keifte die Alte,
doch war ihr die Nachricht ersichtlich ganz angenehm. Sie fand sich durch den
heutigen Fall in Schwierigkeiten verstrickt, denen sie sich nicht gewachsen
fühlte. »Der Satan soll so ein zartgebautes Weibsvolk holen,« hatte sie vor
einer Stunde gegen die grinsende Philippine bemerkt.
    Philippine kam zurück und meldete, der Doktor Müller sei auf Urlaub. »Ist
denn nur der eine in der Stadt, du Vieh?« heulte Daniel, »so geh zum Doktor
Dingolfinger. Der wohnt noch näher, gleich neben dem Pellerhaus. Oder bleib da,
ich lauf selber.«
    Doktor Dingolfinger war ein jüdischer Arzt, ein ziemlich bejahrter Mann
schon, und es dauerte lange, bis ihn Daniel aus dem Schlaf geläutet hatte.
Endlich schritt er an seiner Seite über den Platz. Er hatte das Lämpchen im Tor
stehen lassen und leuchtete dem Doktor voran.
    Dann sass er auf dem Küchenbänkchen, wie lange, das wusste er nicht, den Rumpf
vorgeneigt, den Kopf in die Arme gestützt. Die Schreie wurden immer ärger. Es
war nicht mehr Lenores Stimme, es war eine entmenschte, eine entseelte Stimme.
Daniel hörte, dachte, fühlte nichts anderes als diese Stimme. Bisweilen
durchzuckte ihn der schauerliche Ruf: Schwestern! Schwestern!
    Frau Hadebusch holte mehrmals heisses Wasser. Der gelbe Zahn starrte aus
ihrem Unterkiefer wie ein geiles und aberwitzig freches Überbleibsel des Lebens.
Einmal erschien Doktor Dingolfinger, kramte in seiner Ledertasche, die er im
Flur aufgehängt hatte, erblickte Daniel und sagte mit abirrenden Augen: »Es wird
schon gehen, es wird schon werden.« Danach schlurfte Philippine an den Herd und
warf Kohlen zu. Mit heimlichem Schielen beobachtete sie Daniel und ging wieder.
Von Stunde zu Stunde pochte der alte Jordan am Gatter, damit Philippine ihm
Bericht erstatte.
    Es mochte vier Uhr sein, die düsteren Steinquadern der Hofgebäude
schimmerten bereits im rosigen Frühlicht, da erschallte ein Schrei so
fürchterlich, so namenlos wild, dass Daniel aufsprang und an allen Gliedern
bebend stehen blieb.
    Dann wurde es ruhig, unheimlich ruhig.
 
                                       19
Er setzte sich wieder hin. Nach einer Weile fielen ihm die Augen zu, und er
schlief ein.
    Eine halbe Stunde mochte er geschlafen haben, da weckten ihn Schritte.
    Rings um ihn standen der Doktor, Frau Hadebusch und Philippine. Der Doktor
sagte etwas, wozu Daniel den Kopf schüttelte. Es klang wie: »Leider kann ich
Ihnen die traurige Mitteilung nicht ersparen.« Daniel verstand ihn nicht. Er zog
die Lippen auseinander und dachte: so wirres Zeug zu träumen!
    »Mutter und Kind, beide tot,« sagte der alte Doktor mit Tränen in den Augen,
»beide tot. Ein Knäblein war's gewesen. Hier war die menschliche Wissenschaft
ohnmächtig, ist die feindselige Natur stärker gewesen. Die Verblutung war nicht
aufzuhalten.«
    »So zart gebaut,« murmelte Frau Hadebusch missbilligend, »wie ein
Pflanzenstengel so zart.«
    Als Daniel allgemach die Überzeugung erlangte, dass er nicht träumte, dass
dies Philippines glitzernde Augen wirklich, Frau Hadebuschs geiler Zahn
wirklich, Doktor Dingolfingers Silberbart wirklich war und dass er wirkliche
Worte gehört, fiel er um und verlor die Besinnung.
 
                                       20
Schmerz, Trauer, Verzweiflung, das waren nicht die Worte, die seinen Zustand
bezeichneten.
    Er wusste nichts von sich und hatte keine Gedanken. Er lag auf dem Kanapee in
der Wohnstube, Tag und Nacht, ass nicht, sprach nicht, rührte sich nicht.
    Als sie den leeren Sarg in die Sterbekammer trugen, wühlte er das Gesicht
tief in die Ecke des Kanapees. Der alte Jordan wankte durch den Raum, um sein
totes Kind noch einmal zu sehen. »Er hat sich versündigt,« schluchzte er drinnen
auf, »er hat sich an unserm Herrgott versündigt.«
    Im Flur draussen wurde getuschelt. Marta Rübsam und ihr Mann, der Notar,
hatten sich eingefunden. Marta weinte still. Ihre schmale Gestalt mit dem
blassen Gesicht stand im Türrahmen, und sie suchte Daniel mit den Blicken.
    »Willst deine Lenore nicht noch anschauen, vor sie den Sarg zumachen?«
fragte Philippine dumpf.
    Er rührte sich nicht; seine Züge verzerrten sich grauenhaft.
    Neben ihm auf dem Tisch standen kaltgewordene Speisen, auch Brot und Äpfel.
    Sie trugen den Sarg hinaus. Es schien ihm, als sei an der Stelle seines
Herzens ein schwarzer, leerer Raum. Die Glocken tönten, ans Fenster klatschte
Regen.
    In der zweiten Nacht darauf verspürte er eine wunderliche Lockerung seines
Gemüts. Dann ein kurzes Aufflammen, dann wurde es brennend nass in seinen Augen.
Lautlos ergab er sich und ihm war, als begriffe er zum erstenmal in seinem Leben
die Schönheit des reinen Dur-Dreiklangs.
    Es verging noch ein Tag. Er vernahm, wie der alte Jordan über ihm herumging,
mit schweren Schritten, unablässig. Es fror ihn, und als Philippine ins Zimmer
huschte, bat er sie um eine Decke. Philippine war überaus eifrig, ihm zu
willfahren. Da bimmelte das Flurglöckchen. Philippine ging hinaus und öffnete.
    Vor ihr standen ein Herr und eine Dame. Sie hatten etwas so Vornehmes, dass
Philippine nicht wagte, sie zurückzuhalten, als sie zur Tür der Wohnstube
schritten, die nicht zugemacht war und durch die man Daniel auf dem Kanapee
liegen sah.
    Daniel schaute den Eintretenden gleichgültig entgegen. Ganz allmählich kamen
Sammlung und Erinnerung in seinen Blick.
    Es waren Eberhard von Auffenberg und seine Kusine, Sylvia von Erfft, die ihn
besuchten. Sie waren ein verlobtes Paar.
    In bedeutenden Umwälzungen seines Lebens stehend, hatte Eberhard erst vor
wenigen Stunden vom Tod Lenores Kunde erhalten.
    Es war ein seltsamer Besuch. Keines von den dreien sprach ein Wort, und
Daniel blieb unter seiner Decke regungslos liegen. Nur als Sylvia sich erhob,
sagte sie, zu Daniel gewandt: »Ich kannte Lenore nicht, aber es ist mir doch,
wie wenn wir Freundinnen gewesen wären.«
    Eberhard stiess sein Drosselbartkinn in die Luft und war blass und stumm.
    Sie kamen an den folgenden Tagen wieder, und nach und nach übte die
Gegenwart der beiden einen wohltuenden Einfluss auf Daniel aus.
 
                                  Dritter Teil
                       Das Zimmer mit den verwelkten Blumen
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Herr Carovius führte den Vorsatz, den er in der Erbitterung über Lenores Heirat
gefasst hatte, wenige Tage später aus.
    Es war Ende März gewesen; er hatte erfahren, dass der alte Freiherr eben aus
Berlin zurückgekehrt sei. Er ging hin und liess sich melden. Es wurde ihm gesagt,
der Herr Baron empfange niemand, er möge sein Anliegen schriftlich vorbringen.
    Herr Carovius wollte aber seinem Schuldner Aug in Auge gegenübertreten, das
war ja gerade sein Traum, und als er bei einem zweiten Versuch wieder abgewiesen
wurde, machte er einen gewaltigen Lärm und verlangte, man solle ihn dann
wenigstens zur Freifrau führen.
    Die Freifrau hatte ihre Musikstunde. Die fünfzehnjährige Dorotea Döderlein,
die eine hoffnungsvolle Virtuosin auf der Geige war, spielte mit der Freifrau
Sonaten.
    Andreas Döderlein hatte ihr Talent schon früh erkannt. Seit ihrem zehnten
Jahr hatte sie täglich sechs Stunden üben müssen. Sie hatte verschiedene Lehrer
gehabt, die sie alle durch ihre Ungebärdigkeit zur Verzweiflung brachte. Nur vor
ihrem Vater duckte sie sich.
    Mit Worten voll objektiver Anerkennung hatte Andreas Döderlein der Freifrau
seine Tochter empfohlen. Die Freifrau erklärte sich bereit, mit ihr zu
musizieren, und Andreas Döderlein sagte zu Dorotea: »Du hast nun eine
Gelegenheit, durch Protektion emporzukommen; versäume sie nicht. Die Baronin
liebt das Gefühlvolle. Sei gefühlvoll. Manchmal verlangt sie etwas Dämonisches.
Tu ihr den Willen. Nach Art reicher Leute hätschelt sie irgendeinen Luxuskummer.
Störe sie darin nicht.«
    Dorotea war gelehrig.
    Sie spielten die Frühlingssonate von Beetoven, als der Lärm auf dem
Vorplatz erscholl. Die Zofe kam und flüsterte ihrer Herrin etwas zu. Die
Freifrau erhob sich und schritt zur Türe, Dorotea liess den Geigenbogen sinken
und blickte mit etwas erkünstelter Verwunderung um sich, als erwache sie aus
einem Traum.
    Auf einen Wink der Freifrau gab der alte Diener Herrn Carovius den Weg frei.
Mit rotem Gesicht trat er ins Zimmer und machte einen lächerlichen Kratzfuss.
Seine Augen verschlangen die seidenen Portieren, den geschliffenen Spiegel, die
Kristallvasen, die Bronzefiguren, dabei hatte er den rechten Arm in die Hüfte
gestemmt, ein Bein elegant vor das andere gesetzt und sah aus wie ein
Provinztanzmeister.
    Er schimpfte über die Anmassung der Domestiken und versicherte die Freifrau
seiner Ehrerbietung. Er sprach von seinem guten Willen und vom Druck der
Umstände. Als ihn die ungeduldige Miene der Zuhörerin endlich veranlasste, auf
den Zweck seines Besuches zu kommen, zuckte die Freifrau zusammen, denn von dem
ganzen Schwall von Worten vernahm sie nichts weiter als den Namen ihres Sohnes.
    Mit hauchenden Lauten näherte sie sich Herrn Carovius und packte ihn beim
Ärmel. Ihre glanzlos schwarzen Augen wurden kugelrund, der flehentliche Blick
darin war Balsam für Herrn Carovius.
    Da genoss er sich; da wurde er frech; da wollte er sich an der Mutter für die
Hoffart des Sohnes rächen. Er sah, dass die Freifrau der Vorstellung nicht
entsprach, die er sich vom Wesen einer Aristokratin gemacht. In seiner Phantasie
und Erinnerung lebte sie als eine gebieterische und unzugängliche Erscheinung,
nun stand vor ihm eine fette, ängstliche alte Dame. Infolgedessen verlieh er
seiner Stimme einen schrilleren Klang, seinem Gesicht einen boshafteren
Ausdruck, als er die unglückliche Lage zu schildern begann, in die er durch
Eberhard geraten.
    Seine Gutmütigkeit sei an allem schuld. Freilich, ohne ihn hätte das
Barönlein verhungern oder sonstwie im Elend verkommen müssen, denn mit der
moralischen Widerstandskraft sehe es bei dem jungen Herrn windig aus. Aber was
habe er davon gehabt? Undank, bitteren Undank.
    »Hat mich ausgeplündert bis auf den letzten Heller und dann so getan, als
wär's meine verdammte Pflicht gewesen, für Seine freiherrliche Gnaden ins Feuer
zu springen,« schrie Herr Carovius. »Ehedem war ich ein vermöglicher Mann, ein
Mann, der sich sattessen konnte, ein Mann, der hin und wieder die
Annehmlichkeiten des Daseins genoss. Heute bin ich ruiniert. Mein Geld ist hin,
mein Haus mit Hypoteken überlastet, meine Seelenruhe beim Teufel.
Zweimalhundertsechsundsiebzigtausend Mark ist der junge Herr mir und meinen
Geschäftsfreunden schuldig, alles hübsch aufgeschrieben und unterschrieben und
bei Zins und Zinseszins summiert. Soll ich mir dafür noch die Tür vor der Nase
zuschlagen lassen? Das müssen Sie doch selbst einsehen, Frau Baronin, dass das
nicht angeht. Dafür hab ich mir schon ein bisschen Respekt verdient.«
    Die Freifrau hatte die Hände zusammengepresst und erregt vor sich
hingestarrt. Jetzt liess sie sich, in gramvoller Schwäche, auf einen Sessel
fallen. Ein Grinsen irrte über das Gesicht des Herrn Carovius; er drehte den
Kalabreser zwischen den Fingern, und seine Blicke liefen leer an den Wänden
entlang. Da gewahrte er Dorotea Döderlein, die er bis jetzt in seinem
Glücks-und Wutrausch übersehen hatte.
    Als Herr Carovius eingetreten war, hatte sich Dorotea mit dem Wissen um
Diskretion, aber ohne ernstlichen Vorsatz dazu in den entferntesten Winkel des
Raumes geschmiegt. Zitternd vor neugieriger Erregung, hatte sie in den
gegenüberhängenden Spiegel geschaut und sich so klein wie möglich gemacht, weil
sie von ihrem Onkel Carovius, dessen sie sich schämte, nicht erkannt werden
wollte.
    Sie hielt ihn für einen komischen Sonderling, der ohne Nahrungssorgen,
jedoch in ziemlich beschränkten Verhältnissen lebte. Wie er nun die Summe
nannte, die ihm das freiherrliche Haus Auffenberg schuldete, erfüllte sie ein
verwunderter und freudiger Schrecken, und sie sah ihn plötzlich mit ganz andern
Augen an.
    Herr Carovius seinerseits hatte Dorotea in den letzten Jahren selten zu
Gesicht bekommen. War er ihr begegnet, so war sie hastig vorübergehuscht. Dass
sie das Violinspiel lernte, wusste er; zum Grauen oft hatte er das ihm
abscheulich klingende Gefiedel auf Flur und Stiege vernommen.
    Er fixierte das Mädchen und rief auf einmal aus: »Ein Ross will ich sein,
wenn das nicht die Döderleinische ist! Wie kommst du denn daher, Nichtchen?
Gehst wohl in die Häuser und produzierst dich? Ist euch die Musik noch nicht
genug auf dem Hund, dir und deinem Erzeuger?«
    Die Freifrau, sich der Anwesenheit des jungen Mädchens entsinnend, hob den
Kopf und sah Dorotea vorwurfsvoll an. Zum erstenmal dünkte es sie, dass die
Hilfsquellen versiegt seien, die sie einem Leben der Verlassenheit abgetrotzt;
zum erstenmal überlief sie ein Schauder, als sie ihrer musikalischen Betäubungen
gedachte.
    Sie sagte zu Herrn Carovius, er möge sich einige Tage gedulden, er werde von
ihr hören, sobald sie mit ihrem Mann gesprochen. Seine eifrige Erwiderung
schnitt sie mit einer Geste ab, die ihn einschüchterte, dann nickte sie auch
Dorotea verabschiedend zu, die ihre Geige einpackte, den Kasten in die Hand
nahm, einen Knicks machte und ihrem Onkel aus dem Zimmer folgte.
    Sie blieb an seiner Seite. Sie gingen zusammen durch die Strassen. Herr
Carovius wandte sich bisweilen mit ein paar hämischen Worten an sie. Sie
lächelte bescheiden.
    Damit begann das wunderliche Verhältnis, das von nun ab zwischen den beiden
herrschte.
 
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Seit einiger Zeit hatte es den Anschein, als habe sich der Freiherr von
Auffenberg vom Schauplatz der Politik zurückgezogen. In den Kreisen, die ihn
früher hoch gewürdigt hatten, galt er als eine gefallene Grösse.
    Seine Freunde suchten die Ursache in den fortwährenden Beeinträchtigungen,
welche die Partei erlitten hatte; in der allentalben zutage tretenden
Umwandlung des öffentlichen Geistes, dem heftiger werdenden Druck von oben, der
wachsenden Gärung von unten; in der fieberhaften Bewegung, von der das Bürgertum
ergriffen war, und in der seine Gestalt, seine Lebensformen, seine Ideale, seine
Überzeugungen einen bedeutungsvollen Umwandlungsprozess erlitten, in der
schwierigeren Behandlung, die alle Fragen der nationalen Kultur boten.
    Aber dies konnte nicht den Zug steinernen Widerwillens erklären, den dieses
Antlitz früher unter Menschen nie gezeigt; den harten Blick, die finstere
Ungeduld nicht, und die Schweigsamkeit, die er auch dort übte, wo er ehemals
durch sein scharmantes Plaudertalent entzückt hatte.
    Im Innern freilich hatte er seine Gesinnungsgenossen stets verachtet, ihr
Reden und ihr Tun, ihre Begeisterung und ihre Empörung. Aber er hatte sich
trotzdem nicht von ihnen losgesagt, denn er hatte die Entdeckung gemacht, dass
Geringschätzung und Herzenskälte sich sehr gut eignen, um die Menschen zu
beherrschen.
    Wennschon er im Anfang seiner Laufbahn mit dem Schwung, den ihm seine
Begabung verliehen, für Freiheit und Toleranz gekämpft hatte, so war ihm doch
der ganze Liberalismus nicht viel mehr als eine Zeitungsphrase geworden, ein
Mittel, um den denkfaulen Bürger zu beschäftigen und dem gehassten, heimlich
bewunderten Bismarck Hindernisse in den Weg zu legen.
    Er hatte Macht ausgeübt im Bewusstsein der Lüge, nur durch Gebärde, nur durch
Berechnung, nur durch Gewandteit. Dies aber frisst am Mark des Lebens.
    In seinen Augen war nichts von Bestand als jenes ungeschriebene, doch in
allen Zeiten siegende Gesetz, das die Kleinen unter die Grossen, die Schwachen
unter die Starken, die Unmündigen unter die Erfahrenen, die Armen unter die
Reichen zwang. Demnach teilte sich ihm die Menschheit in zwei Lager: hier
diejenigen, die sich dem Gesetz beugten, dort die Verworfenen, die sich dagegen
auflehnten.
    Von den Verworfenen der Verworfenste war sein Sohn Eberhard.
    Mit dem schmerzenden Stachel in der Brust, inmitten eines lärmenden und
lügnerischen Daseins von dem Gefühl der Einsamkeit bedrängt, von einem täglich
zunehmenden Abscheu gegen den Überfluss und die Verweichlichung seiner Existenz
erfüllt, hatte er aus der Gestalt des Sohnes etwas wie ein leibhaftiges böses
Prinzip gemacht.
    Er erblickte ihn in Verkommenheit und in Ausschweifungen jeder Art; als
einen Verräter seines Namens von Stufe zu Stufe sinkend; wie in einem grausam
befriedigenden Traum sah er ihn im Bund mit den Elenden und Gezeichneten, im
Verkehr mit Dieben, Strassenräubern, Hochstaplern, Falschmünzern, Anarchisten,
Dirnen und Literaten. Er sah ihn in schmutzigen Spelunken, und flüchtig auf
einer Landstrasse, und betrunken in einer Spielhölle, und als Bettler auf einem
Jahrmarkt und als Angeklagter vor der Justiz.
    Den Vorsatz, so lange zu warten, bis der Entartete vor aller Welt
gebrandmarkt war, hatte er aufgegeben. Seine Ungeduld, Frieden zu finden, die
Larven abzuwerfen, nichts mehr zu wissen von den Verstrickungen, Verstellungen
und dem gewohnten Wohlleben war so gross, dass er dem Tag, der ihn erlöste, wie
einer Neugeburt entgegensah.
    Doch warum zögerte er? War noch ein Zweifel in seiner Brust, schlummerte
vielleicht ganz in der Tiefe seines Herzens, wohin Bitterkeit und Rachsucht
nicht dringen konnten, ein anderes Bild des Sohnes? Warum zögerte er von Woche
zu Woche, von Monat zu Monat?
    Inzwischen hatte er viele Hunderttausende für Armenhäuser, Spitäler,
Stiftungen und Spenden ausgegeben. Er wollte noch Millionen verteilen, so viel
jedenfalls, dass den Erben nur die Ährenlese blieb. Die Nutzniesserin der
Brauereibetriebe und der Landgüter sollte Emilie werden.
    Dies stand fest, und als ihm seine Frau berichtet hatte, in welcher Lage
sich Eberhard befand, hielt er sich für berechtigt, seine Verfügungen zu
treffen. Der Nachweis unwürdigen Wandels konnte jetzt erbracht werden; die
Schuldenlast, die leichtsinnig oder betrügerisch auf den Namen des Vaters
gehäuft war, verurteilte ihn zur Genüge. Und wenn nicht, mochten sie über seinem
Grab zanken; mochte ihnen sein letzter Wille als Gespenst alle Freuden
vergällen.
    Seit sieben Jahren lag der Testamentsentwurf bereit; es war nichts weiter
erforderlich, als den Notar rufen zu lassen.
    Aber warum zögerte der Freiherr? Ging mit verkniffenen Lippen Tag und Nacht
in seinem Zimmer umher? Rief seinen Diener, um ihm zu befehlen, den Notar zu
holen und verlangte dann irgend etwas anderes?
    »Dépêche-toi, mon bon garçon,« krächzte der Papagei.
 
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Im Lauf dreier Tage hatte die Freifrau fünf Unterredungen mit ihrem Gatten. Er
schlug ihre Bitte, die Verhältnisse des Sohnes zu regeln, jedesmal rundweg ab,
und wenn sie immer dringender flehte, verstummte er.
    Bei dem letzten Versuch, den sie machte, hörten die Dienstleute sie mit
leidenschaftlicher Heftigkeit reden. Als sie dann das Zimmer des Freiherrn
verliess, gab sie, vor Erregung am ganzen Körper bebend, den Auftrag, dass man
ihre Koffer packe und den Wagen anspannen lasse.
    Eine Stunde später fuhr sie in Begleitung ihrer Zofe auf das sechzehn
Kilometer entfernte Gut Siegmundshof. Sie fand dort jedoch keine Ruhe, ging bei
Tage, dumpf vor sich hinjammernd, durch die Zimmer und lag des nachts schlaflos.
Am vierten Tag kehrte sie in die Stadt zurück, liess den Wagen bis vor das Haus
des Grafen Urlich fahren und schickte den Kutscher hinauf, um die Gräfin zu
holen. Emilie kam und fragte erschrocken nach dem Begehren der Mutter. Die
Freifrau wünschte, dass ihre Tochter sie zu Herrn Carovius begleite, dessen
Wohnung sie aus dem Adressbuch erfahren hatte.
    Herr Carovius hatte umsonst auf die Nachricht gewartet, die ihm die Freifrau
versprochen. Der Ärger übermannte ihn, er beschloss, ein Exempel zu statuieren
und betrat das Auffenbergsche Haus wie die strafende Gerechtigkeit in Person.
Als ihm gesagt wurde, dass er nicht vorgelassen werden könne, begann er wieder
Skandal zu machen, die ganze Dienerschaft lief herzu, schliesslich kam sogar ein
Polizist, der ihn zur Rede stellte, der Portier drängte ihn aus dem Torgang, und
er stand in dem Menschenauflauf vor dem Haus mit blossem Kopf und fuchtelnden
Armen, ein Bild der Wut.
    Alsbald bekamen die stillen Hintermänner Wind von seinen vergeblichen
Versuchen, die Bezahlung der Schuld zu erlangen. Sie wurden besorgt, rannten
Herrn Carovius die Türen ein und betrauten schliesslich einen Advokaten mit der
Führung des Prozesses. Herr Carovius hatte mittlerweile durch einen Späher Kunde
erhalten, dass es zwischen dem Freiherrn und der Freifrau zum Bruch gekommen, dass
die Freifrau bei Nacht und Nebel geflohen sei und unter den Dienstleuten und
Freunden des Hauses grosse Bestürzung herrsche.
    Ein wollüstiges Leuchten huschte über sein Gesicht. Niederlage und
Verzweiflung; Heulen und Zähneklappern; Besseres konnte er sich nicht wünschen.
Er erschien sich als der Vertilger der gesamten Aristokratie, und wenn es schon
ein beglückendes Grauen ist, das zerstört zu sehen, was man verachtet, um wie
viel mehr erst, was man liebt und bewundert.
    In dieser Stimmung trafen ihn die Freifrau und ihre Tochter. Der Anblick der
beiden Damen beraubte ihn der Sprache. Er vergass, zu grüssen, er dachte nicht
daran, sie ins Zimmer zu bitten.
    Die Freifrau wollte wissen, wo sich Eberhard befand. Sie war entschlossen,
zu ihm zu reisen. Als ihr Herr Carovius stotternd mitteilte, der junge Freiherr
wohne kaum dreihundert Schritte von hier, fing sie an zu zittern und lehnte sich
kraftlos an die Mauer. Darauf war sie nicht gefasst gewesen. Sie hatte sich immer
vorgestellt, Eberhard weile an einem geheimnisvollen Ort in geheimnisvoller
Ferne.
    Herr Carovius machte sich sogleich anheischig, die Damen hinzuführen, aber
die Freifrau erklärte plötzlich, sie fühle sich nicht fähig, es werde vielleicht
ihr Tod sein. »Bring mich zu dir nach Hause,« flehte sie ihre Tochter an, »und
sprich erst mit Eberhard.«
    Jedoch Emilie hatte ihren Bruder in den neun Jahren ihrer Ehe nicht gesehen
und fürchtete sich vor der Begegnung noch mehr als ihre Mutter. Die Freifrau in
ihre Wohnung zu bringen, daran war ganz und gar nicht zu denken; die alte Dame
hatte offenbar vergessen, dass sie dem Grafen Urlich vor mehreren Jahren, als es
bekannt geworden war, dass er die Bonne seines Kindes geschwängert, in den
stärksten Ausdrücken ihr Haus verboten hatte.
    Da sich die Freifrau beharrlich weigerte, in ihre Stadtwohnung
zurückzukehren und ebensowenig Lust bezeigte, wieder nach Siegmundshof zu
fahren, blieb Emilie nichts anderes übrig, als sie in ein Hotel zu führen. Herr
Carovius, der den zwei Damen auf die Strasse gefolgt war und ihr klägliches
Gebaren mit innigem Genuss verfolgt hatte, schlug den Bayrischen Hof vor. Er
setzte sich auf den Bock, gab dem Kutscher mit leutseliger Miene Anweisung und
blickte triumphierend auf die Fussgänger hinunter.
    Gräfin Emilie, die sich keinen Rat mehr wusste, sandte eine Depesche an ihre
Tante Agate. Am nächsten Mittag kam Frau von Erfft mit ihrer Tochter Sylvia.
»Clotilde ist wie von Sinnen,« sagte sie zu Emilie, nachdem sie eine Stunde lang
im Zimmer der Schwester gewesen war; »ich gehe jetzt zu deinem Vater, ich muss
einmal mit Siegmund reden.«
    Der Freiherr empfing seine Schwägerin nicht eben freundlich, trotzdem er
gerade vor ihr immer grosse Achtung gehabt hatte.
    Frau von Erfft vermied es klüglich, über die Familienverhältnisse zu
sprechen. Sie erzählte von Sylvia, dass die nun Siebenundzwanzigjährige alle
Heiratsvorschläge gleichmütig abgewiesen habe und dass sie und ihr Mann darüber
in Sorge seien.
    »Sie will sich nicht begnügen,« sagte Frau Agate, »sie sucht in der Ehe
eine Mission und fürchtet nichts so sehr wie den Verlust ihrer Freiheit. So sind
unsere Kinder, lieber Siegmund, und wenn wir sie anders zur Welt gebracht
hätten, wären sie anders. Zu unserer Zeit war Gehorsam das Ideal, jetzt haben
sie die Pflicht gegen sich selbst entdeckt.«
    »Dann sollen sie nur sich selber helfen,« antwortete der Freiherr, der die
Anspielung verstand, mit finsterem Blick.
    Aus den wirren Reden ihrer Schwester hatte Agate doch entnommen, was
zwischen den Eheleuten vorgefallen war. Sie kannte die schmerzliche
Vergangenheit, und als sie nun in das Gesicht des Mannes schaute, erriet sie,
was hier nötig war. Sie fasste den Entschluss, Eberhard zu seinem Vater zu führen.
    Vor allem wollte sie Clotilde beruhigen und zur Rückkehr in ihre
Häuslichkeit veranlassen. Die Aufgabe war bei der Schwäche und Haltlosigkeit der
Freifrau nicht schwer. Sylvia blieb bei ihrer Tante, und ihre stille Festigkeit
übte einen wohltuenden Einfluss auf sie aus. Agate hatte sich unterdessen
Eberhards Adresse verschafft. Nach einigem Suchen fand sie das Haus; Eberhard
war daheim.
 
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Die erste Unterredung mit ihm verlief ohne Resultat. Er wich ihren mutigen
Worten aus und überhörte, was er nicht hören wollte. Er war zugeknöpft, höflich
und verdrossen. Voll Ärger berichtete Agate ihrer Tochter von der Enttäuschung,
die sie erlitten, da äusserte Sylvia den Wunsch, ihre Mutter zu begleiten, wenn
sie wieder zu Eberhard ging. Agate schüttelte den Kopf, doch war sie keineswegs
gesonnen, ihre Absicht aufzugeben.
    Im freiherrlichen Hause änderte sich nichts. Baronin Clotilde befand sich
dauernd in einer Erregung, die sie und alle, die um sie waren, quälte, und der
Baron bildete ein beunruhigendes Rätsel für seine Umgebung. Er verliess seine
Zimmer nie, in denen er viele Stunden lang mit gleichmässigen Schritten, die
Hände auf dem Rücken, hin und her wanderte.
    Agate kam ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal zu ihrem Neffen. Wenn
auch Eberhards Kälte unüberwindlich schien und er sich um nichts nachgiebiger
zeigte, so gelang es ihr allmählich doch, ihn aus seinen Hinterhalten zu reissen,
und als sie dann Sylvia mitbrachte, die bei der Mutter wie gewöhnlich ihren
Willen durchgesetzt hatte, eröffnete er sich plötzlich ganz unerwartet, und man
sah, wie es in seinem Innern kämpfte.
    Stockend und in seiner nicht selten gespreizten und schnörkelhaften
Redeweise erzählte er von seiner Jugend, dem ewigen Unfrieden zwischen Vater und
Mutter, dem hässlichen Gezänke; dass die Mutter, kaum hatte sie einen Befehl
erteilt, stets Gegenbefehl vom Vater erfahren; wie die Kinder bald gemerkt, dass
der Vater seine eigenen Wege ging und die Mutter ihre eigenen; dass sie einander
misstraut, einander Fallen gelegt; dass die Mutter bei all ihrer liebenswürdigen
Sanftmut doch in dem einen Punkt von geradezu teuflisch zu nennendem Drang
besessen gewesen sei, den Mann immer wieder dort zu reizen, zu stacheln und zu
verwunden, wo sie ihn schon tausendmal gereizt, gestachelt und verwundet hatte;
dass dieser Mangel an Vernunft und Überlegenheit auf der einen und von Güte und
Offenheit auf der andern Seite das Haus allmählich zu einer Hölle gemacht, die
Herzen der aufwachsenden Kinder zerrissen und in der Zerrissenheit verhärtet
habe und sie keine freundliche Miene irgend eines Menschen für aufrichtig
genommen, jede Hand, die sich ihnen entgegengestreckt, gemieden hätten. Wie dann
in dieser liebeleeren Ödnis sich Bruder und Schwester leidenschaftlich
aneinander geklammert und diese Beziehung sowohl in Eberhards wie in Emiliens
Innern heiligster, unantastbarer Besitz geworden und sie förmlich einen Bund
gegen alle übrige Welt geschlossen, sich alles mitgeteilt, stets beraten, jedes
Buch gemeinsam gelesen, Glück und Unglück gemeinsam getragen hätten; wie dann
eines Tages der Vater vor Emilie hingetreten, um ihr zu sagen, dass Graf Urlich
um ihre Hand angehalten und dass er sie ihm versprochen hätte.
    Hier schwieg Eberhard, presste die Lippen zusammen und sein fahler Blick, der
Agate nie so sehr wie jetzt an den des alten Freiherrn erinnert hatte,
bekundete einen unheilbaren Schmerz.
    In groben Zügen kannte Agate diese Geschichte; so aber, wie sie sie jetzt
gehört hatte, regte sie ihr tiefstes Gefühl auf. »Man muss vergessen können,«
sagte sie.
    »Vergessen? Nein, das kann ich nicht, hab ich nie gekonnt. Mag's ein Laster
sein oder eine Tugend, vergessen kann ich nicht. Emilie, die noch ein halbes
Kind war, wurde mit der Zeit gefügig gemacht. Aber dass meine Mutter damals nicht
alles aufgeboten hat, um diese Greueltat zu verhindern, dass sie darüber in ihre
wehselige Schwäche versunken ist, das war die furchtbarste Erfahrung meines
Lebens.«
    »Es ist deine Mutter, Eberhard. Nie und nimmer hat ein Sohn das Recht, die
Mutter zu verurteilen.«
    »Nicht dass ich wüsste,« antwortete Eberhard frostig. »Auch Mütter sind
Menschen. Auch Mütter können sündigen, wenn sie uns den Wurmfrass des Zweifels
und des Lebensekels als Mitgift geben. Vater und Mutter, Eltern; sie sind ein
Symbol, ein herrliches, wenn sie über uns schweben, verehrungswert. Sie sind nur
Begriffe, Schemen nur, wenn nichts als Pflicht mich an sie bindet. Es gibt keine
andere Pflicht als die Liebe.«
    Sylvia hatte nichts gesprochen. Unbewusst befolgte sie das schönste Gesetz
harmonischer Seelen, nicht durch Worte und Gründe, sondern durch reines Sein zu
wirken. Zustimmung und Abwehr lagen wie Licht und Schatten auf ihrer Stirn.
    Dadurch erinnerte sie Eberhard immer mehr und mehr an Lenore.
    Vielleicht war es die Macht dieser Erinnerung, die ihn im Lauf des Abends
endlich zu dem Versprechen bewog, am nächsten Tag mit Agate zu seiner Mutter zu
gehen. Die einzige Bedingung, die er stellte, war, dass man ihn vor einem
Zusammentreffen mit seinem Vater sicherte.
    Als Frau von Erfft ihn hierin unerbittlich sah, gab sie sich zufrieden,
hatte aber die vertrauensvolle Vorahnung, dass die Ereignisse und die Stunde
stärker sein würden als Wille und Absicht.
 
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Beim Betreten des Boudoirs seiner Mutter fiel Eberhards erster Blick auf die
Alabasteruhr, deren Zifferblatt von drei Figuren getragen wurde, welche die
Töchter der Zeit darstellten. In seinen Knabenjahren hatte ihm die Uhr immer
etwas höchst Poetisches bedeutet, etwas wie die Erfüllung sehnsüchtiger Wünsche.
    Die Freifrau war von ihrer Schwester vorbereitet worden. Während Eberhard
mit Sylvia im Erkerzimmer gewartet hatte, waren einige Leute von der
Dienerschaft an der Tür gestanden und hatten scheu miteinander geflüstert.
    Eberhard ging auf seine Mutter zu und küsste ihr die Hand. Das Gesicht der
Freifrau hatte eine Färbung wie Blei. Ihre Augen waren weit aufgerissen,
gleichwohl schien sie fast ohne Besinnung. Abseits stand Emilie; die Finger
ihrer auf die Brust gedrückten Hände bewegten sich wie in Konvulsionen.
    Frau Agate suchte der Situation das Feierliche und Unnatürliche zu nehmen
und begann in launigen Worten von Eberhards Asyl auf dem Burgberg zu erzählen.
Baronin Clotilde schaute ihren Sohn gespannt und furchtsam an. »Ich erkenne ihn
ja kaum,« sagte sie mit heiserer Stimme; »er hat sich so verändert.«
    »Auch du, Mutter, hast dich verändert,« brachte Eberhard hervor, und das
Drosselbartkinn verkroch sich in den Ausschnitt des Rocks. Er war stocksteif.
Agate musterte ihn voll Ärger und Befremdung. Er sah aus, als quäle ihn während
des ganzen Vorgangs die unsäglichste Langeweile.
    Aber es war nur eine Maske. Indem er die Mutter anschaute, das alte,
verschwommene, müde, zaghafte Gesicht, wurde er sich seiner Verfehlung bewusst,
spürte er, dass es nicht galt, das Wort: »Mütter sind auch Menschen.« Er hatte
hier etwas gut zu machen, hier war eine Tat notwendig, und es schien ihm, dass
schon sein nächster Schritt zu unabwendbarer Selbstverachtung führen müsse, wenn
er die sittliche Tat der Reue unterliess.
    Als er so mit sich rang und wie gelähmt in den Aufruhr seines Innern
starrte, war der Blick eines Augenpaars hinter die scheinbare Unempfindlichkeit
gedrungen. Über Sylvias Wangen schoss eine jähe Röte; sie schritt auf ihren
Vetter zu und packte seine Hand. Er schrak sichtlich zusammen; sofort begriff
er, dass sie ihn erraten hatte und seinen Kampf zur Entscheidung bringen wollte.
Sie führte ihn aus dem Zimmer; er folgte ihr; sie führte ihn durch den
Speisesaal, den Empfangsraum, das Rauchzimmer, die Bibliotek bis zu den Zimmern
des Freiherrn. Agate, Emilie und die Baronin hatten sich staunend einander
angesehen. Sie waren zur Schwelle des Boudoirs gegangen und lauschten in
atemlosem Schweigen.
    Mutig öffnete Sylvia die Tür. Der alte Freiherr sass auf dem Ledersessel vor
dem Ofen. Seine Beine waren in einen Schal gewickelt; der Ausdruck seines
Gesichts war von einer geradezu steinernen Kälte.
    Kaum hatte er die beiden gewahrt, so sprang er empor, als hätte der Blitz
neben ihm gezündet. Er wankte; er tastete um sich; ein ersticktes Gurgeln kam
aus seiner Kehle.
    Da trat ihm Eberhard gegenüber und streckte die Hand aus.
    Eine Sekunde lang schien es, als wolle der alte Mann niederbrechen. Eine
letzte Flamme von Groll und Hass zuckte wild aus seinen blauen Augen, dann
streckte auch er die Hand aus, und sein Arm zitterte, während sich auf den
Backen dicke, bebende Muskelknoten bildeten. Sylvia hatte die Türe leise
zugemacht und war verschwunden.
    Bange Minuten verflossen, und nichts geschah, als dass jeder des andern Hand
in der seinen hielt und seinen Blick in das Auge des andern bohrte. Nur das
Knistern des Ofenfeuers unterbrach die Stille.
    »Gerade noch zu rechter Zeit,« murmelte der alte Freiherr ohne aufzublicken
verloren vor sich hin, »gerade noch zu rechter Zeit.«
    Eberhard antwortete nicht. Er stand regungslos da, die Hacken geschlossen,
wie ein junger Offizier vor seinem Vorgesetzten.
    Nach einer Weile drehte er sich um und verliess langsam das Zimmer.
    In der Bibliotek wartete Sylvia. Die Dämmerung liess nur den Umriss ihrer
Gestalt erkennen.
    Eberhard fasste sie an und flüsterte: »Ich glaube, ich habe doch keinen Vater
mehr.«
 
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Noch in derselben Nacht war der alte Freiherr abgereist. Mitten in der Nacht; um
vier Uhr hatte ihn sein Diener auf die Bahn begleitet.
    Auf seinem Schreibtisch fand man am Morgen zwei Briefe; einer war an
Eberhard gerichtet, der andere an die Freifrau. Der letztere entielt nur einen
Abschiedsgruss, jener war etwas ausführlicher gefasst, gab die Genugtuung darüber
kund, dass Eberhard, den er als Chef des Hauses willkommen hiess, zu seiner
Familie zurückgekehrt sei, deutete an, dass er ihm alle gesetzlichen
Machtbefugnisse binnen kurzer Frist erteilen werde und schloss mit dem
überraschenden Satz: »Was mich selbst betrifft, so werde ich nunmehr in die
katolische Religionsgenossenschaft eintreten, um den Rest meines verfehlten
Lebens zu Viterbo im Dominikanerkonvent della Guercia zu verbringen.«
    Keine Gefühlsergüsse, keine Erklärungen, keine Bekenntnisse, nur die nackte
Tatsache.
    Die Freifrau war weder erstaunt, noch erschrocken. Sie fiel in dumpfes
Sinnen, dann sagte sie: »Er war niemals froh. Er war niemals in seinem ganzen
Leben froh. Ich habe ihn niemals von Herzen lachen hören, und an seiner Seite
hab ich das Lachen verlernt. Von jeher ist seine Brust ein Kloster gewesen, ein
Ort der Düsterkeit und Strenge. Er hat heimgefunden, weiter nichts, und mag wohl
müde sein von dem langen Weg zu seiner Seele.«
    »Dummes Zeug, Clotilde!« rief da Frau von Erfft heftig. »Das mit dem Lachen
mag schon stimmen, und ein Mensch, der nicht lachen kann, ist ein halbes Tier.
Aber muss deswegen ein gebildeter Mann zu solchem Mittel greifen, um zum Frieden
mit sich und seinem Gott zu gelangen? Ein Mann, der ein Beispiel zu geben
verpflichtet ist? Ist noch nicht genug Finsternis in den Köpfen? Muss man die
Fackeln auslöschen, bei denen man Wache gehalten hat? Hier hat mein Verzeihen
ein Ende, da bin ich Weltkind ganz und gar und steh lieber bei denen, die für
Heiden gelten und uns Werke des Lichts und der Erleuchtung geschaffen haben.«
    Bei diesen Worten trat Eberhard ein, und als sie in sein Gesicht schaute,
war Frau von Erffts Gedanke: auch er kann nicht lachen.
    Der Glaubenswechsel des Freiherrn von Auffenberg verursachte überall im
Lande die grösste Erregung. Die liberalen Zeitungen brachten geharnischte
Artikel, in den liberalen Vereinen wurden flammende Proteste gegen die
schleichenden Umtriebe Roms erhoben; die ultramontanen Parteigänger jubelten und
benutzten die wunderbare Rückkehr eines Ungläubigen in den Schoss der allein
seligmachenden Kirche kräftig zur Werbung neuer Jünger und Anfeuerung alter.
Durch die Bürgerstuben wehte ein Schauer von Priestertyrannei und
Geistesknechtung.
    Wenig berührt vom Wirrwarr der Meinungen, fand sich Eberhard rasch in die
veränderte Lebenslage. Plötzlich Herr zu werden über so vieles und so viele, das
erforderte Ernst und Haltung, klaren Blick und feste Hand. Übereifer und Dünkel
waren seinem Wesen keine Gefahr, eher Bedenklichkeit und Vorliebe für den Platz
im Schatten. Seltsam, die Fülle der Verantwortung heiterte sein Gemüt auf; was
der Anteil an der ihm zugewachsenen, sehr äusserlich bewegten Welt nicht
vermochte, das vollendete Sylvias Einfluss.
    Im Mai begleitete er sie und ihre Mutter nach Erfft. Sie machten dort
täglich gemeinsame Spaziergänge, und immer wieder erzählte Eberhard von Lenore;
erst scheu und verhalten, dann, als er tieferes Vertrauen zu seiner Zuhörerin
gefasst hatte, so offen, dass diese Offenheit schon ein Zeichen innerer Befreiung
war.
    Als er von Lenores Heirat mit Daniel Notaft berichtete, unterbrach ihn
Sylvia lebhaft und stellte einige Fragen in bezug auf Daniel. »Ach, das ist ja
unser Gast von damals,« sagte sie, »das ist ja der Kapellmeister.« Und nun
erzählte sie ihrerseits von dem Aufentalt Daniels in Erfft, mit einem Lächeln,
in dem Nachsicht und wiedererwachte Verwunderung lag.
    Auch dieses Lächeln erschien Eberhard eigentümlich lenorenhaft. Doch kam er
in Sylvias Nähe, gerade weil bei ihr alles ein wenig abgeschwächt war,
deutlicher zur Erkenntnis, was ihn so machtvoll zu Lenore hingezogen hatte. Er
konnte es nicht in Worte oder Begriffe schliessen, er fühlte nur, es war das ihm
unbekannte Reich der Klänge, der unbekannte Schmelz innerer Melodie, die tönende
Ordnung der in Seele verwandelten Musik.
    Anfangs Juni fuhr Sylvia mit Eberhard und ihren beiden Eltern nach Nürnberg
zurück. Ein paar Tage später fand im freiherrlichen Haus die Verlobung statt.
 
                                       7
Herr Carovius war bezahlt worden. Das Konsortium stiller Hintermänner hatte sich
aufgelöst.
    Nie hat es einen befriedigten Gläubiger gegeben, der so unglücklich war wie
Herr Carovius. Er hatte kein Wegziel mehr; auch die Wegweiser waren zerbrochen.
Das Geld hatte er bekommen, schön; auf seinen Teil war sogar ein Profit von über
sechzigtausend Mark gefallen. Aber was wog das gegen die Erwartung des grossen
Kladderadatschs? Was bedeutete Wohlleben und Besitz gegen den Genuss, den man
beim Fall von Gestirnen empfindet? Was hatte noch Reiz in der Welt, nachdem
diese hoffnungsvolle Angelegenheit, die als eine Tragödie begonnen und sich so
gesteigert hatte, dass man glauben durfte, alle Gegensätze der menschlichen Natur
würden vernichtend zusammenprallen, als ein gemeines Rührstück mit allseitiger
Versöhnung geendet hatte?
    Aber es lag nicht an dem allein, dass Herr Carovius, bisher eine elastische
Gestalt, einer von den unverwüstlichen Junggesellen, denen keine Schranke
gesetzt scheint, sich plötzlich alt werden fühlte. Eine Unruhe war in seinem
Gemüt, eine böse Ahnung, eine Angst vor Wetterwechsel.
    Er spürte einen inneren Hunger und hatte gleichwohl keinen rechten Appetit
mehr auf die Dinge. Verloren, seufzte es in ihm, verspielt und vertan. Doch es
konnte denen, die sich auf seine Kosten bereichert hatten, nicht zum Gedeihen
ausschlagen, das wusste er.
    Seine Haare fielen aus, und er bekam das Reissen in den Gliedern. Bei zehn
Grad Wärme schepperte er, und wenn es regnete, blieb er zu Hause. Er fing an,
sich auf eigene Faust mit der Medizin zu beschäftigen, namentlich mit der
Heilwissenschaft der Altvordern. Er las die Schriften des Paracelsus und
erklärte alle, die nach Paracelsus geschrieben und geforscht hatten, für
Quacksalber und Giftmischer.
    So wurde er auch in allem Musikalischen immer krauser und wunderlicher. Er
hatte einen altnürnbergischen Komponisten entdeckt, des Namens Staden, und in
dessen Oper Seelewig, der ersten deutschen Oper überhaupt, wollte er den Gipfel
der Kunst erblicken, über Mozart und Bach hinaus. Er spielte seiner Nichte
Dorotea Arien und Chöre aus »Seelewig« vor.
    »Wenn du das kapierst,« eiferte er, »wenn du's so weit bringst, dass ich in
deinem Spiel hören kann, was da drinnen liegt, Himmel und Hölle in einem Griff
und Bogenstrich, dann, du Maulaffe, bin ich imstand und setz dich zu meiner
Erbin ein.«
    Das war das sehnlich erwartete Wort für Dorotea. Es bestätigte ihre
Berechnung, es krönte ihre Träume. Um es endlich zu vernehmen, war ihr keine
Mühe des Werbens zu viel gewesen.
    Herr Carovius war ja nicht verwöhnt. Seit ihm die Schwester den Haushalt
geführt, hatte sich nie ein Frauenzimmer um ihn bekümmert. Aber damals war er
jung gewesen; hatte sich noch im Wahn befunden, sie warteten auf ihn, die
Weiber, und er habe bloss nötig, mit dem Finger zu winken, damit sie scharenweise
herbeistürzten. Und nur weil er die Misslichkeit der Wahl und die Unkosten
gescheut, hatte er es unterlassen zu winken und ihnen grossmütig die Freiheit
geschenkt.
    Dass so eine kleine weiche Frauenhand wie die Berührung eines Zauberstabs
wirken konnte, erfuhr er jetzt. Was für eine angenehme Fratze das Döderleinsche
Erzeugnis hat, dachte er. Und wenn Dorotea, die ihm noch immer einredete, dass
sie ihn heimlich besuchte, als sie sich der Zustimmung ihres Vaters schon lang
versichert hatte, einige Tage hindurch ausblieb, wurde er ganz wild und hackte
Holz in seiner Küche, um nur etwas zerschlagen zu können.
    Übrigens gaben die musikalischen Unterweisungen, die er Dorotea angedeihen
liess, dem jungen Mädchen einen neuen Begriff von ihrer Kunst und weckten ihren
Ehrgeiz. Befriedigt von ihrer Willigkeit und ihren Fortschritten, nannte sie
Herr Carovius bisweilen scherzhaft den künftigen weiblichen Paganini des
Zeitalters und dichtete für sich selbst die Rolle eines dämonischen Impresarios.
    Aber was ihm an Dorotea immer mehr auffiel und ihn erstaunen machte, war
ihr Verhältnis zu den Spiegeln.
    Der Spiegel übte eine unwiderstehliche Gewalt auf sie aus. Begehrliches
Entzücken malte sich in ihrem Gesicht, wenn sie beim Vorübergehen ihr Bild im
Spiegel fing und hielt, eine lüsterne Unruhe vorher, zurückziehende Ungewissheit
nachher. Im Glanz der Augen lag stets Verlangen nach dem Spiegel, Schritt und
Gebärde schienen sich im Spiegelgefühl Aufgaben zu stellen und Überraschungen zu
bereiten. Die ganze Person lebte wie in Gemeinschaft mit einer geisterhaften
Spiegelschwester, deren geliebten Anblick sie sich so oft als möglich zu
verschaffen trachtete.
 
                                       8
Es war Dorotea gelungen, ihrem Vater den Vorteil klar zu machen, der sich für
sie, als der nächsten Anverwandten, aus einer liebevollen Beziehung zu Herrn
Carovius ergeben musste. Andreas Döderlein sträubte sich eine Weile, aber er
konnte dem vorausblickenden Scharfblick seiner Tochter die Anerkennung nicht
versagen.
    Als sie ihm den Auftritt im freiherrlichen Haus erzählt und die ungeheure
Summe genannt hatte, die Herr Carovius mit Siegermiene eingefordert, hatte
Döderlein ernst vor sich hingeblickt. Des verjährten Zwistes gedenkend, wahrte
er den Schein der Unnahbarkeit und sagte: »Wir wollen uns nicht des elenden
Mammons wegen erniedrigen.«
    Ein paar Tage später jedoch sagte er ganz von selbst, seufzend wie ein Mann,
der einen schweren sittlichen Kampf glorreich bestanden hat: »Tu was du willst,
mein Kind, aber lass es mich nicht wissen.«
    Man war ja arm. Man lebte von der Hand in den Mund. Das geringe Heiratsgut,
das Herr Carovius seiner Schwester mitgegeben, war aufgebraucht. Margaret hätte
Anspruch auf dreissigtausend Mark gehabt, Herr Carovius hatte ihr nur
zwölftausend ausbezahlt, und dagegen war kein Appell möglich, denn Herr Carovius
hatte sich von seiner sklavisch ergebenen Schwester um den Preis seiner
Einwilligung in die Heirat eine schriftliche Verzichtserklärung ausstellen
lassen.
    »Ich bin düpiert worden,« sagte Andreas Döderlein und trug seinen Groll mit
Würde.
    Der Direktor der Musikschule starb, und Andreas Döderlein, der kraft seiner
Leistungen wie auch seiner Persönlichkeit die nächste Anwartschaft auf dieses
Amt hatte, erhielt die Bestallung. Seine ehemaligen Kollegen behaupteten, dass
er, um dieses Ziel zu erreichen, manchen sauern Gang zu den Machtabern
unternommen habe. Döderlein las in ihren Augen den Neid und lächelte.
    Aber es war doch ein mühseliges Leben. »Die Kunst geht nach Brot,« sagte
Döderlein mit einem heroischen Fernblick. »Was für eine Position könnte ich
einnehmen, was für Werke könnte ich schaffen, wenn ich Zeit hätte! Man gebe mir
Zeit, und«, - mit einer Handbewegung nach oben, - »die Adler werden mich
grüssen.«
 
                                       9
Herr Carovius und der Tod waren gute Freunde. So oft der Tod sein trauriges
Geschäft zu verrichten hatte, klopfte er bei Herrn Carovius an, gleich als suche
er neben denen, die sein Handwerk missbilligten und verwünschten, auch einen, der
es zu schätzen wusste.
    Aber als Herr Carovius erfuhr, dass Lenore Notaft gestorben sei, fand er,
dass sein alter Freund diesmal des Guten zuviel getan habe. Der Fall ging ihm
nah. Er hatte ein zusammenziehendes Gefühl in der Magengegend und sperrte sich
für die Dauer eines ganzen Tages in seinem Gerichtszimmer ein. Dort verfiel er
in eine Art von Katalepsie; sein Gesicht veränderte sich grauenhaft, wie wenn
alle Bosheit, alle Hoffnungslosigkeit und alle Verzweiflung des durch Liebe nie
entsühnten Menschen für alle Zeiten darin versteinert wären.
    Die Vorahnung hatte sich erfüllt.
    Es war ein regnerischer Junitag, als sie Lenore begruben, und Herr Carovius,
in den schäbigen gelben Überzieher mit den grossen Taschen gehüllt, war zugegen.
Auch viele andere Menschen gaben Lenore das letzte Geleit. Jede Miene war
ergriffen, jedes Auge aufgelockert wie die Erde ringsum. Die sie nicht gekannt,
hatten doch von ihr gehört; sie hatten gewusst, dass sie dagewesen war, auf
irgendeine Weise, wie man von Himmelserscheinungen hört, und wussten jetzt, dass
sie fort war. Einen Augenblick lang wurden sie zu tiefen, schauenden, fühlenden
Wesen, einen Augenblick lang entäusserten sie sich ihres nichtigen Tuns, ihrer
kleinen Laster, Begierden, Sorgen und Eitelkeiten und wurden inne, dass es nun
weniger Wahrheit, weniger Reinheit, weniger Lieblichkeit und weniger Liebe auf
der Welt gab.
    Herr Carovius ging nach Hause und kochte sich einen Lindenblütentee. Der
half ihm oft gegen übles Befinden.
    Das Regenwasser tropfte auf das Sims am Küchenfenster, und Herr Carovius
sagte vor sich hin: »Das war die letzte Leiche; von nun an geh ich zu keiner
mehr.«
    Um die Abendzeit kam Dorotea, und gleich nach ihr erschien auch Philippine
Schimmelweis. Herr Carovius hatte ihr manches Fünfzigpfennigstück zugesteckt für
die Spionendienste, die sie ihm geleistet, und jetzt wollte sie erfahren, was er
zu dem Unglück sagte. Sein verliebtes Interesse an allem, was die Person Lenores
betraf, hatte sie heimlich belustigt, doch hatte sie sich wohl gehütet, ihn dies
merken zu lassen, sondern hatte bei seinen Fragen, Aufträgen, Belehrungen und
bittern Betrachtungen stets einen scheinheiligen Ernst gezeigt, hatte ihn
aufgestachelt, ihm plump geschmeichelt und jede Gelegenheit benutzt, seine
lächerlichen Hoffnungen zu nähren. Dadurch war eine wachsende Vertraulichkeit
zwischen ihnen entstanden, und die greisenhafte Liebestollheit des Herrn
Carovius hatte in Philippine niedrige und verworfene Lüste geweckt.
    Sie sagte, sie müsse bald wieder heim; das Kind sei eingeschlafen, das
Gatter habe sie zugesperrt, aber man wisse doch nicht, was geschehen könne; mein
Gott, in einem solchen Haus geschehe gar viel, da sei es nicht wie in andern
Bürgerhäusern.
    Die Gegenwart Doroteas störte und ärgerte sie. Sie setzte sich auf die
Ofenbank und sah das junge Mädchen mit giftigen Blicken an. Dorotea ihrerseits
konnte ihren Abscheu vor Philippines unbeschreiblicher Hässlichkeit kaum
verhehlen. Ihr Mund zuckte, und sie liess das mit krächzender Stimme redende, mit
verbundenem Kopf dasitzende Geschöpf nicht aus den Augen.
    Philippine hatte nämlich Zahnweh, und deshalb trug sie das Gesicht
eingebunden. Das Tuch war abenteuerlich bunt gesprenkelt, und unter dem Hut
ragten zwei Zipfel heraus.
    Mit Selbstgefälligkeit und Gruselfreude erzählte sie, einen wie schweren Tod
Lenore habe sterben müssen. Nun sitze der alte Jordan flennend in seiner
Dachkammer, der Daniel esse nicht und trinke nicht und sehe einen mit Augen an,
geradewegs zum Fürchten.
    So weit habe er's nun gebracht, schmälte sie; zwei Frauen unter der Erde,
ein hilfloses Kind im Haus, keine Arbeit, keinen Verdienst, was für ein Ende
werde das nehmen? Die Kosten für die Beerdigung habe die Notarin Rübsam
ausgelegt, der Daniel habe ja nicht einmal verstanden, was man zu ihm geredet,
und der Alte habe keine zwanzig Mark im Vermögen gehabt. Sie werde das Elend
nicht mehr lang mitansehen; wenn der Daniel die brotlose Musiziererei und
Klimperei nicht bald an den Nagel hänge, werde sie wissen, wo der Zimmermann das
Loch gemacht.
    Gegen seine sonstige Gepflogenheit unterliess Herr Carovius alle Zeichen der
Zustimmung. Auch feixte und zwinkerte er nicht, sondern starrte tiefsinnig und
düster vor sich hin. Dieses Schweigen machte Philippine wütend. Sie sprang
plötzlich auf, ging ohne Gruss davon und schlug erst die Zimmer-, dann die
Flurtüre hinter sich zu.
    Dorotea stand beim Klavier und stöberte in den Notenheften. Ihre Gedanken
waren mit dem beschäftigt, was sie eben gehört hatte.
    Sie erinnerte sich Daniel Notafts wohl. Sie wusste, dass zwischen ihm und
ihrem Vater ein unversöhnlicher Hass herrschte. Sie hatte ihn gesehen; man hatte
ihr den grimmig blickenden Menschen auf der Gasse gezeigt. Es war ihr damals
gewesen, als habe sie schon mit ihm gesprochen, doch wusste sie nicht mehr wann
und wo. Sie wusste ungefähr, was man sich über ihn erzählte und dass er in der
Stadt wie der böse Feind geachtet war.
    Ein zielloses Verlangen regte sich in ihrem Innern. Ihr Blut kam ins
Prickeln, die stockige Umwelt geriet in Bewegung, auf einmal ergriff sie Geige
und Bogen und begann mit lachendem Gesicht und verwegen blitzenden Augen einen
ungarischen Tanz zu spielen.
    Herr Carovius erhob den Kopf. »Tempo!« befahl er, »Tempo!« schlug den Takt
mit den Händen und stampfte mit dem Fuss.
    Dorotea lachte, schüttelte die Haare und spielte immer schneller.
    »Tempo!« heulte Herr Carovius, »Tempo!«
    Vom Hof herein drang ein krankes Bellen. Es war Cäsar, der Hund, der in den
letzten Zügen lag.
 
                                       10
Daniels Mutter war gekommen; sie hatte die kleine Eva mitgebracht.
    Aus der Zeitung hatte Marianne den Tod Lenores erfahren; niemand hatte ihrer
gedacht, niemand hatte an sie geschrieben. Und in der Zeitung hatte nicht einmal
sie selbst es gelesen, sondern der Eschenbacher Doktor, der auf den Fränkischen
Herold abonniert war, hatte ihr eines Morgens das Blatt gereicht und zaghaft auf
die Todesanzeigen gewiesen.
    Das Begräbnis hatte sie versäumt. Sie ging aber auf den Kirchhof und betete
an Lenores Grab.
    Daniels Verlust begriff sie ganz. So wie sie ihn antraf, so hatte sie sich
vorgestellt, dass er sein würde. In der Masslosigkeit seines Schmerzes, in der
stummen Verzweiflung erkannte sie ihren Sohn, er war ihr näher dadurch als
irgendwann vorher. Sie würdigte diesen Schmerz, sie hatte nicht das Bedürfnis,
ihn zu verringern oder abzulenken. Sie schwieg, wie Daniel selber schwieg und
legte bloss bisweilen die Hand auf seine Stirn. Da murmelte er: »Mutter, ach
Mutter!« Und sie antwortete: »Lass nur; acht' nicht meiner.«
    Sie sagte sich: Wenn eine Lenore dahingehen muss, in der Jugend Blüte, dann
muss man trauern, bis die Seele von selber wieder hungrig wird nach Leben.
    Eva hatte anfangs versucht, mit ihrem Stiefschwesterchen zu spielen, wurde
aber von Philippine stets aus dem Zimmer gejagt. Einmal kehrte sie sich gegen
die Wütende und rief aus: »Ich werd's meinem Vater sagen.«
    »So? Deinem Vater? Sag's ihm nur, deinem Vater,« versetzte Philippine
höhnisch. »Wer is er denn, dein Vater? Was is er, wo is er? Im Pommerland
vielleicht?« Und sie fügte singend hinzu: »Pommerland is abgebrannt - Maikäfer
flieg!«
    »Mein Vater? der ist doch da; drinnen ist er,« erwiderte Eva verwundert und
gekränkt; »bist ja in seinem Haus. Und das Agneslein ist ja meine Schwester.«
    Philippine riss Mund und Augen auf. »Dein Vater - ist drinnen -?« stotterte
sie, »und das Agneslein - deine Schwester -?« Sie erhob sich, packte Eva roh an
der Schulter und zerrte sie mit sich über den Flur in die Stube, wo Marianne und
Daniel waren. Mit einem Lachen, das irr klang, und einem Ausdruck von Frechheit
und Raserei im Gesicht keuchte sie: »Der Balg behauptet, Daniel wär sein Vater
und das Agneslein seine Schwester. So ein hundsföttischer Balg!«
    Voll Schrecken stand Marianne auf und eilte zu Eva hin, die bleich, das
Gesicht von Tränen überströmt, die Arme nach ihr streckte. »Loslassen!« befahl
sie. Philippine liess das Kind los und wich zurück. »Ist's denn wahr?« lispelte
sie plötzlich furchtsam, »ist's denn wahr?«
    Marianne kniete auf dem Boden und hob ihr Pflegekind empor. »Geh deiner
Wege, du Racker,« sagte sie finster zu Philippine.
    »Daniel?« machte Philippine fragend, mit aufgehobenen Händen zu Daniel
gewandt, und wieder: »Daniel?« So, als wolle sie ihn auffordern, zu sprechen,
als wolle sie ihm vorwerfen, dass er sie betrogen. Es hatte einen unheimlichen
Ton, dies fragende: Daniel, Daniel.
    »Geh zu deinem Agneslein,« antwortete Daniel gequält. Er fühlte sich je
länger, je mehr in Philippines Schuld; und jetzt gar, was sollte er beginnen
ohne sie, die die einzige Hüterin seines Kindes war. Die Mutter konnte nicht in
der Stadt bleiben, sie hatte draussen ihr Brot, und Eva wuchs bei ihr in Frieden
auf. Das Agneslein durfte man Philippine nicht rauben, auch wenn es die Mutter
hätte übernehmen wollen; an dem Kind hing Philippine mit einer richtigen
Affenliebe. Auch für den alten Jordan war Philippine unentbehrlich; Daniel
konnte ihm nicht die Stube aufräumen, konnte nicht für sein Essen sorgen.
    Und Philippine ging hinaus. »Der Luderskerl,« sagte sie vor der Türe und
ballte die Faust, »der Luderskerl! Noch ein Bankert hat er, der Luderskerl! Wart
nur, Bankert! Dir kratz ich die Augen aus.«
    Das in sich hineinschluchzende Kind auf dem Schoss haltend, sass Marianne
neben Daniel. »Tu nicht weinen, Eva,« tröstete sie, »bald fahren wir wieder
heim.«
    Da schaute Daniel seiner Mutter aufmerksam ins Gesicht, und er erzählte ihr,
wie Philippine ins Haus gekommen sei; und erzählte ihr den Betrug Jason Philipps
und wie die eigene Tochter den Vater verraten hatte; erzählte ihr, dass sein
Vater dreitausend Taler zu Jason Philipp getragen und dass Jason Philipp damals,
als der alte Jordan in der schlimmen Not wegen seines Sohnes gesteckt, einen
Teil des Geldes hergegeben und dass er, Daniel, auf das übrige verzichtet habe.
    Mariannes Kopf sank tief auf ihre Brust. »Dein Vater war ein wunderbarer
Mann, Daniel,« sagte sie nach langem Schweigen, »aber auf die Menschen hat er
sich nicht verstanden, und sein Weib hat er erst recht nicht gekannt. Er war wie
einer, der blind ist und das Blindsein verhehlen will und geht und nicht weiss,
wohin und steht und nicht weiss, wo. Kommst mir auch oft so vor, Daniel. Mach die
Augen auf! Bitt dich, Daniel, mach die Augen auf!«
    Das Kind in ihrem Schoss war eingeschlafen. Als Daniel in Evas Gesichtchen
blickte (ja, er machte die Augen auf), als er dies zarte, süsse, holdwehe Antlitz
der Schläferin so dicht vor sich sah, vermochte er nicht mehr an sich zu halten,
er drehte sich gegen die Wand und schrie, wie wenn es ihm das Herz zerrisse:
»Ich bin ein Mörder!«
    »Nein, Daniel,« sagte Marianne leise; »oder jeder, der lebt, ist an jedem
Toten ein Mörder gewesen.«
    Aber Daniel krümmte sich in seinem Schmerz und seine Zähne knirschten.
    »Drinnen ist der Vater,« flüsterte Eva im Traum.
 
                                       11
Am schwersten fiel Marianne das Zusammensein mit dem alten Jordan, denn der war
nur noch ein Schatten seiner selbst. Zu Daniel in die Stube kam er nicht, sie
ging immer zu ihm hinauf, und da sass er, still, hilflos, ausgelöscht, ein Bild
der Verlassenheit.
    Er sprach nicht von seinem Kummer, er geriet in Unruhe, wenn er in Mariannes
Miene Mitleid las. In seinem Benehmen war dann etwas Höfliches, ja
Weltmännisches, das im Verein mit seinem armseligen Aussehen und der armseligen
Umgebung erschütternd wirkte.
    Marianne hoffte von ihm einigen Aufschluss über Daniels Lebenslage zu
bekommen. Die sehr bedrängten Verhältnisse des Sohnes waren ihr bekannt, und sie
war deshalb schon in grosser Sorge; aber sie wollte auch wissen, was er in der
Welt galt, und ob das Musikantentum wirklich eine Sache sei, auf die ein Mensch
seine Existenz stellen könne. In diesem Punkt war ihr Misstrauen und ihre Furcht
noch von gleicher Stärke wie ehemals; nur im Hinblick auf Lenore hatte sie in
den letzten Jahren Vertrauen gefasst; es war, wie wenn ihr Lenores Art, Lenores
Gegenwart eine dunkelferne Ahnung von Musik gegeben hätte. Jetzt kehrten alle
Zweifel zurück.
    Jordan aber zeigte sich verschlossen, sobald sie von Daniel redete. Seine
Augen hatten dann einen gepeinigten Ausdruck. Er schaute nach der Tür, steckte
die Hände in die Rockärmel und zog den Kopf zwischen die Schultern.
    Einmal sagte er: »Können Sie mir erklären, liebe Frau, weshalb ich lebe?
Können Sie mir so einen paradoxen Unsinn erklären, wie es mein jetziges Dasein
ist? Der Sohn, ein Lump, spurlos verschollen für die Welt, und für mich nicht
mehr vorhanden. Die Töchter im Grab; beide; beide im Grab, liebe Frau. Ich bin
ein Mann gewesen, ich bin ein Gatte gewesen, ich bin ein Vater gewesen. Ein
Vater gewesen! Was für ein Hohn der Natur! Essen, trinken, schlafen - was für
widerliche Beschäftigungen! Und doch, wenn ich nicht esse, hungert mich, wenn
ich nicht trinke, dürstet mich und wenn ich nicht schlafe, bin ich krank. Wie
einfältig, wie zwecklos! Für mich singen keine Vögel mehr, läuten keine Glocken
mehr und haben die Musiker keine Musik mehr.«
    Da aber Marianne irgendeine Beruhigung um jeden Preis gewinnen wollte, so
wandte sie sich an Eberhard und Sylvia, die fast täglich zu Daniel kamen. Die
zwei Menschen gefielen ihr; es war so viel Rücksicht in ihrem Betragen, so viel
Feinheit in allem, was sie sagten. Das Fräulein nahm nicht den geringsten Anstoss
an Daniels finsterer Schweigsamkeit; sie behandelte ihn mit einer Achtung, die
Marianne wohltat, weil sie ihr bewies, dass er bei den Guten und Edlen geschätzt
war. Der Freiherr schien auf geheimnisvolle Weise immer von Lenore zu sprechen,
ohne je ihren Namen zu nennen. Es war eine Trauer in seinen Augen, die mit
übersinnlicher Gewalt an die Verstorbene mahnte. Oft war es Marianne zumute, als
seien Daniel und dieser Fremde Brüder und zugleich Feinde im Schmerz der
Erinnerung. Auch Sylvia schien es zu spüren und sich nicht dagegen zu wehren.
    Als Marianne die beiden einmal auf den Flur begleitete, fasste sie sich ein
Herz. »Wie wird's ihm denn nun ergehen?« fragte sie, »er hat kein Amt, spricht
nie von Arbeit, was soll da werden?«
    »Wir haben daran gedacht,« antwortete Sylvia, »und ich glaube, es ist ein
Weg gefunden. Er wird bald Näheres hören, nur, denke ich, darf er nicht wissen,
dass wir die Hand im Spiel haben.« Sie schaute ihren Verlobten an, und dieser
nickte. Marianne atmete auf.
    Darüber waren sich Eberhard und Sylvia von Anfang an klar, dass man Daniel in
keiner Form Geld anbieten konnte. Kleine oder grosse Gaben, sie demütigten ihn,
entwürdigten sie. Von der höchsten zur tiefsten Stufe des Besitzes hinab stösst
die Hilfsbereitschaft auf unüberwindliche Hindernisse; es ist keine Zarteit
möglich, keine Klausel, kein liebevoller Betrug, da steht der Reichtum vor der
Armut so ratlos wie diese vor ihm.
    Entschlossen, der Not des Musikers zu steuern, hatte sich Sylvia an ihre
Mutter gewendet. Auf den Beistand der Freifrau war nicht zu zählen, sie war von
Andreas Döderlein so nachhaltig gegen Daniel beeinflusst worden, dass sie drohend
die Stirn runzelte, wenn man von ihm redete.
    Agate von Erfft setzte sich mit einigen Personen in Korrespondenz, die ihr
dienliche Winke geben konnten. Durch diese wurde sie insofern gefördert, als sie
ohne zeitraubende Irrwege an die rechte Stelle gelangte. Eines Tages erschien
sie vor Eberhard und Sylvia mit dem fertigen Projekt.
    Ein angesehenes Mainzer Verlagshaus hegte schon seit Jahren die Absicht,
eine Sammlung mittelalterlicher Kirchenmusik zu veranstalten und herauszugeben.
Viel Material lag schon vor, ein inzwischen verstorbener Musikschriftsteller
hatte es zusammengetragen; anderes musste erst beschafft werden; hiezu waren
Reisen nötig, bedeutende Geldopfer, ein Mann vor allem, der die Mühe nicht
scheute und dessen Sachkenntnis keinen Zweifel zuliess. Da nun schon im Beginn
des Unternehmens die Kosten den zu hoffenden Ertrag bei weitem überstiegen
hatten, war der Verleger bedenklich geworden und hatte, weil auch eine geeignete
Kraft fehlte, auf die Ausführung des Planes verzichtet.
    Agate hatte schon früher davon gehört. Dass die Angelegenheit wieder in Fluss
gebracht werden konnte, erfuhr sie durch eine mittelbare Erkundigung, eine
unmittelbare bestätigte es. Der Verleger wollte jedoch die geschäftliche Gefahr
nicht mehr allein tragen, er suchte einen Mäzen, der sich mit einem Kapital
beteiligte. Kam dies zustande, so war er bereit, Daniel Notaft, dessen Name
ihm von ungefähr bekannt war, die verantwortungsvolle Aufgabe anzuvertrauen. Da
die verschiedenen Arbeiten, als: das Sammeln in Archiven, Biblioteken und
Klöstern; die Korrekturen; Erläuterungen; Überwachung des Drucks usw. sich über
eine Reihe von Jahren erstrecken würden, müsste man ihn der Firma verpflichten
und sei erbötig, ihm bis zur Beendigung des Werkes einen Jahresgehalt von
dreitausend Mark zu zahlen.
    Eberhard zog verlässliche Nachrichten über den Ruf und Kredit jenes Hauses
ein, und da diese günstig lauteten, erklärte er, die bedungene Kapitalshilfe
leisten zu wollen.
    Ein paar Tage nach dem Gespräch zwischen Sylvia und Marianne erhielt Daniel
mit der Frühpost einen Brief des Verlags Philander und Söhne, worin er
aufgefordert wurde, dem nach Art und Ziel genau bezeichneten Unternehmen seine
Dienste zu widmen. Im Falle seiner Einwilligung hatte er nur seine Unterschrift
auf den mitgeschickten Kontrakt zu setzen.
    Er las alles ruhig von Anfang bis zu Ende durch. Seine Miene erhellte sich
nicht. Er schritt einige Male auf und ab, trat dann aus Fenster und schaute
hinaus. »In diesem Sommer scheint's bloss Regen zu geben,« sagte er.
    Marianne war zum Tisch gegangen. Sie nahm den Brief samt dem Vertrag und las
beides. Ihre Pulse klopften vor Freude, doch drängte sie jede Äusserung aus
Furcht vor Daniels Widerspruchsgeist und unberechenbarer Laune zurück. Kaum
traute sie sich nach ihm hinzublicken und wartete bang auf das, was er tun
würde.
    Endlich trat er wieder an den Tisch, zog eine Grimasse, starrte eine Weile
auf die Schriftstücke und sagte lakonisch: »Kirchenmusik? Ja; das will ich
machen.« Langte nach dem Federhalter, tauchte ihn ein und kritzelte seinen Namen
unter den Vertrag.
    »Gott sei Dank!« flüsterte Marianne.
    Am selben Mittag verabschiedete sie sich von Daniel. Eva hing am Hals ihres
Vaters und wollte sich gar nicht trennen. Ohne Scheu küsste sie ihn unzählige
Male voll natürlicher, sprudelnder Leidenschaft und lachte dabei. Daniel liess es
geschehen. Er blieb ernst. Wenn sein Blick dem Blick des Kindes begegnete,
schauderte ihm vor der grenzenlosen Fülle des Lebens, aber er empfand auch eine
Verheissung, und dagegen sträubte er sich mit aller Macht.
 
                                       12
Es war ein sonniger Septembertag. Eberhard, der den ganzen August in Erfft
verbracht hatte, war zurückgekehrt, um einige dringende Geschäfte zu erledigen,
sowie die Anstalten zur bevorstehenden Hochzeit zu beschleunigen.
    Um die Stunde, wo die Gassen voll von spielenden Kindern waren, schritt er
versonnen den Burgberg hinan. Er wollte sein Häuschen aufsuchen, das er seit
Monaten nicht betreten hatte, es verlangte ihn nach der Stille dort, der tiefen
Stille, nach einem Blick in die Vergangenheit, nach einem der schattenhaften
Bilder seiner selbst, die er in allen Zeiten wandeln sah, in allen Räumen, wo er
gewesen, auf vielen Wegen, wo er gegangen, auf den vergilbten Seiten von Büchern
sogar, die er in der Einsamkeit zu Gefährten gehabt.
    Er zögerte häufig, blieb stehen, schien unschlüssig. Auf einmal kehrte er um
und wandte sich mit ziemlich raschen Schritten gegen den Egydienplatz. Als er
die Tenne von Daniels Wohnhaus betrat, kam dieser die Treppe herunter. Daniel
begrüsste Eberhard und reichte ihm die Hand.
    »Ich wollte Sie gerade abholen,« sagte der Freiherr, »wollte Sie bitten, mit
mir in meine Eremitage zu gehen.«
    Daniel schaute durch seine Brillengläser einer Schwalbe nach, die in
fabelhaftem Schwung über die ganze Weite des Platzes schnellte. »Offengestanden,
Baron, zum Schwatzen fehlt mir die Lust,« antwortete er so schonend, wie es ihm
möglich war, zu sein.
    »Es muss nicht geschwatzt werden,« sagte Eberhard. »Mich drückt ein
Geheimnis, und ich kann es Ihnen mitteilen, ohne dass wir zu reden brauchen.«
    Daniel ging mit.
    In dem Häuschen herrschte eine muffige Luft. Eberhard machte aber die
Fenster nicht auf; es sollte so still bleiben, wie es war. Daniel setzte sich
auf einen der Stühle in der ehemaligen Wohnstube des Freiherrn, Eberhard meinte,
er setze sich aus Müdigkeit und nahm gegenüber seinem Gaste Platz. Die
Abendsonne fiel schräg auf einen alten Stahlstich, der eine Schäferszene
darstellte; eine Maus rumorte in einer Ecke.
    »Was ist es also mit dem Geheimnis?« fragte Daniel nach langem Schweigen
ziemlich brüsk.
    Eberhard erhob sich und machte eine Gebärde, die Daniel aufforderte ihm zu
folgen. Sie schritten über den schmalen Gang, eine winzige Treppe hinauf, und
oben, auf dem winzigen Stiegenabsatz, öffnete Eberhard eine Tür, die in die
Dachkammer des Häuschens führte.
    Ein betäubender Modergeruch schlug ihnen entgegen. Daniel kehrte sich
unwillkürlich ab, der Freiherr jedoch deutete stumm auf die Wände.
    »Was ist das? Was für ein Raum ist das?« stiess Daniel hervor.
    Alle vier Wände des Raumes waren vollständig von Sträussen, Girlanden und
Kränzen verwelkter Blumen bekleidet. Von den meisten Blumen waren längst die
Blütenblätter abgefallen und bedeckten ringsherum den Boden. Die grün gewesenen
Blätter waren braun geworden, hingen zusammengekrümmt da, die Gräser waren
zerfasert, die Zweige morsch. Manche Sträusse und Gewinde hatten Bänder, deren
Rot oder Blau abgeblasst war, manche hatten Goldfäden, an denen sich Rost
angesetzt hatte. Auf manche fiel die schräge Sonne, wie unten auf den Stahlstich
mit der Schäferszene, und in den purpurnen Strahlen zitterte ein dicker Strom
von Staub.
    Es war ein Blumengrab-Gewölbe, eine Leichenkammer der Erinnerungen. Daniel
ahnte. Schwer lag ihm die Zunge im Gaumen, Frost überlief seinen Rücken, und als
Eberhard nun doch sprach, wälzte es sich glühendheiss und nass in seine Augen.
    »Die Blumen sind von ihren Händen gepflückt und gebunden worden, von Lenores
Händen,« sagte Eberhard. Dann, nach einer Pause: »Sie hat die Sträusse für einen
Händler angefertigt, und ich habe sie, ohne dass sie es wusste, gekauft.« Dann
sagte er nichts mehr.
    Da schaute Daniel in sein Leben zurück, als risse ihn ein unsichtbarer Arm
auf einen Gipfel. Und er schaute, und seine Seele verging vor Angst und Qual und
Reue.
    Was war ihm denn geblieben? Zwei Gräber waren geblieben. Und eine
zerbrochene Harfe; und verwelkte Blumen; und eine Maske aus Gips.
    Er sah die abgestorbenen Stengel und die zerfallenen Kelche; einst hatten
Lenores Finger sie alle berührt, und wie Geisterfiguren schwebten die Finger
noch um die toten Blumen. In den staubigen Spinnengeweben nisteten die
ungenutzten Stunden, versäumte gute Worte, versäumter Trost, versäumte
Aufmunterung, versäumte Rücksicht, versäumtes Glück. O, dies Nichtwissen um eine
Gegenwart, um ein lebendiges Leben, um den wunderbaren Tag, die atmende Stunde,
dies Hinschlurfen, Hinstürzen, Hinwüten in die Nacht des Wunschs und Wahns, dies
eitle, verbrecherisch eitle Ungenügen! O, Flügelwesen, Flügelwesen, wo bist du,
wo ruft man dich an?
    Nichts geblieben als zwei Gräber, eine zerbrochene Harfe und verwelkte
Blumen und eine Maske. Und ein helles Kind dort und ein dunkles hier, und ein
drittes, das ins Leben getreten war, um zu sterben. Und über alldem, hoch über
dem Gipfel noch, das Ungeheure, Unausdrückbare, das Meer der Träume, erträumten
Klänge, Odem Gottes und höllischer Finsternis Verkündigung, Botschaft der
Ewigkeit und Wunder der Zeitlichkeit, Tanz und Schalmei, Donnerschall und süsses
Weben, Musik!
    Es war Abend geworden. Der Freiherr schloss die Tür. Daniel reichte ihm
schweigend die Hand und ging nach Hause.
 
                            Prometeische Symphonie
                                       1
Herbst und Winter hindurch führte Daniel ein schweigsames, einsames Leben. Im
Frühjahr schrieb ihm Sylvia von Auffenberg, er möge zu ihr und Eberhard nach
Siegmundshof kommen und einige Wochen bei ihnen zubringen. Er schlug es ab,
versprach später zu kommen.
    Bisweilen besuchte ihn der alte Herold. Er erzählte von den Missständen, die
unter Döderleins Regiment an der Schule eingerissen waren und sagte, die Welt
sei drauf und dran, ein Saustall zu werden.
    Auch der Provisor Seelenfromm stellte sich ein, ferner der Architekt mit dem
Zungenfehler, und Marta Rübsam kam hie und da. Gegen Ende des Winters erschien
auch Herr Carovius. Er hatte ein umgänglicheres Wesen denn ehedem und gab
originelle Ansichten über Musik zum besten.
    Alles Reden klang an Daniels Ohr vorüber. Oft waren mehrere Menschen um ihn,
er schien ihnen zuzuhören, und doch war in seinem Gesicht eine vollständige
Geistesabwesenheit. Wandte sich jemand mit einer Frage an ihn, so geschah es
nicht selten, dass ein kindliches Lächeln auf seine Lippen trat. Keiner hatte
dieses Lächeln früher an ihm bemerkt.
    Er gab Philippine das Geld zurück, das sie ihm damals geliehen, als das
Klavier gepfändet worden war. Philippine sagte: »Joi! mir scheint, Daniel, du
schwimmst in Geld.« Sie brachte ihm den Schuldschein, trug das Geld in ihre
Kammer und rechnete lang auf einem Stück Papier, ob die Zinsen stimmten.
    Das Agneslein sass am Boden und schnullte an einem Süssholz. Es freute sich,
wenn Philippine da war. Vor seinem Vater hatte es Angst.
    Die Freunde hatten gemeint, die Wohnung sei jetzt zu geräumig, Daniel möge
sie aufgeben und eine kleinere und billigere nehmen. Da war er aufgebraust und
hatte erklärt, freiwillig werde er sich hierzu nie verstehen, das Haus bedeute
ihm noch was anderes als ein gemietetes Quartier, und es müsse alles so bleiben,
wie es bisher gewesen.
    Eines Tages im Frühjahr sagte er zu Philippine: »Ich geh jetzt fort für
lange Zeit. Gib acht auf das Kind, und dass es dem alten Mann droben an nichts
fehlt. An jedem Ersten schick ich dir das Geld für die Wirtschaft, und du bist
mir verantwortlich für alles, was geschieht. Und noch was; ich will dir Lohn
zahlen. Du sollst mir nicht umsonst dienen. Ich will dir fünf Taler im Monat
geben.«
    Das Schüttern, das Daniel schon öfter beobachtet hatte, lief über
Philippines Züge. Sie ruckte mit den Schultern, machte ihr hämischestes Gesicht
und antwortete: »Spar deine Batzen, wirst sie schon brauchen, musst nit gleich 'n
grossen Herrn spielen; kauf lieber dem Agneslein orndliche Schuh und orndliche
Kleider, is g'scheiter.« Daniel liess sie stehen.
    Schwerlich war ihre Geldgier geringer geworden, seit sie bei ihren Eltern
gestohlen hatte; sie liebte das Metall; sie liebte, es zu sehen und zu betasten;
sie liebte die Scheine, liebte es, sie glatt zu streichen; sie liebte die
Vorstellung, dass die Menschen sie für arm hielten und dass sie, ihnen zum Possen
gleichsam, in einem alten Strumpf zwischen ihren Brüsten mehr als tausend Mark
herumtrug. Sie liebte es, wenn andre über die schlechten Zeiten jammerten, wenn
Bettler auf der Strasse ihr die Hand entgegenstreckten. Dann dachte sie an ihren
Schatz, blähte ein wenig den Leib auf, um den alten Strumpf besser zu spüren und
freute sich der Sicherheit, die sie sich bei so jungen Jahren bereits verschafft
hatte.
    Trotzdem war ihr zumut, wie wenn sie Daniel mit den Fingernägeln die Augen
auskratzen müsste, als er von Lohn für ihre Dienste sprach. Sie empfand es als
schwärzesten Undank; wenn in ihrer dunklen, neidischen und boshaften Seele ein
Kummer überhaupt Wurzel schlagen konnte, so war es jetzt und aus diesem Grund.
    Sie lief in die Küche und schmiss Messer und Gabeln voll Wut in den
Spülbottich. Nach einer Weile begab sie sich zum alten Jordan, klopfte an seine
verschlossene Kammer, und nachdem er ihr geöffnet hatte, teilte sie ihm
erbittert mit, dass Daniel verreisen wolle. »Kaum is ein übriger Groschen im
Haus, so treibt's ihn schon auf die Juchhee,« räsonierte sie. »Da steckt doch
ganz gewiss wieder so ein Deifelsfrauenzimmer dahinter. Sagen Sie's ihm nur, Herr
Inspektor, sagen Sie's ihm nur, was das für eine Gemeinheit ist, sein Kind und
den alten Vater im Stich lassen. Sagen Sie's ihm, dann kriegen S' zum Sonntag
Kartoffelklöss' mit Lebkuchensaft.«
    Jordan schaute Philippine scheu ins Gesicht. In seinem Auge war etwas wie
Hunger nach der versprochenen Speise, denn Philippine hielt ihn bei schmaler
Kost, und manchmal ging er heimlich, nur um sich zu sättigen, in einen
Wurstladen und kaufte sich für zehn Pfennige Presssack.
    »Ich will mich nach dem Zweck seiner Reise erkundigen,« murmelte er; »aber
ich glaube nicht, dass ich da etwas über ihn vermag.«
    »Jetzt gehn S' 'naus, gehn S' a bisla spazier'n,« befahl Philippine, »die
Fenster müssen geputzt wer'n, die starren ja vor Dreck.«
    Am späten Abend noch kam Daniel zu Jordan, um sich von ihm zu verabschieden.
    »Wohin geht denn die Fahrt?« fragte der alte Mann.
    »Will mir ein wenig das deutsche Reich ansehn,« erwiderte Daniel. »Hab im
Norden droben zu tun, in Städten und auf dem Land.«
    »Glück zu,« sagte Jordan bedrückt, »Glück zu, lieber Sohn. Wie lang bleibst
du denn fort?«
    »Weiss noch nicht. Kann sein, Jahre.«
    »Kann sein, Jahre,« sprach Jordan, und seine Blicke suchten auf dem Boden
Halt; »da werden wir uns auf ewig Lebewohl sagen müssen, scheint mir.«
    Daniel schüttelte den Kopf. »Wann immer ich auch zurückkomme, ich treff dich
noch hier,« sagte er mit seltsamer Bestimmteit. »Hat's das Schicksal zu arg mit
einem Menschen getrieben, dann geht es ihm aus dem Weg. Es kommt mir vor, als
wärst du jetzt ganz schicksalslos.«
    Jordan antwortete nicht. Seine Augen weiteten sich wie vor Furcht, und er
seufzte.
    Am andern Morgen verliess Daniel sein Heim. Er hatte eine braune Joppe an,
die bis zum Hals mit Hirschhornknöpfen geschlossen war. Darüber hing ein Mantel
mit einer Pelerine. Der breitkrempige Hut überschattete das Gesicht, welches
jung aussah, obgleich so ernst, so abgekehrt, dass Stimmen, Blicke und Geräusche
von ihm abzuprallen schienen wie bewegtes Wasser von einer steinernen Mauer.
    Philippine trug ihm den Koffer zum Bahnhof. Ihr Kleid war mit grellfarbigen
Bändern geradezu übersät. Die Weiber auf dem Markt bekamen den Hetscher vor
Lachen.
    Als Daniel ihr adieu sagte und ins Kupee stieg, tat sie den Mund nicht auf.
Mit gerunzelter Stirn, die Fingerspitzen aneinander reibend, stand sie da und
schaute beharrlich zur Erde. Nachdem der Zug längst aus der Halle gefahren war,
stand sie immer noch da, bis ein Beamter sich ihr näherte und sie, mit schlecht
verhehltem Spott über die rare Erscheinung, befragte, worauf sie warte.
    Sie kehrte ihm den Rücken und ging. Sie machte einen Umweg über den
Jakobsplatz und sprach für ein Viertelstündchen bei ihrer Freundin, der Frau
Hadebusch, vor. Es war ein Sonntag. Benjamin Dorn kam eben von der Kirche und
machte Philippine eine tiefe Verbeugung.
    Frau Hadebusch klopfte Philippine auf den Schenkel und zwinkerte
bedeutungsvoll.
    Herr Francke wohnte nicht mehr bei Frau Hadebusch. Herr Francke wohnte im
Gefängnis. Er hatte einer herrschaftlichen Köchin die Ehe versprochen, hatte
sich aber nicht damit beeilt, sondern einstweilen nur die Ersparnisse seiner
Braut im Billardspiel vertan.
 
                                       2
Daniel hatte Empfehlungen an den Prior des Klosters zu Löhriedt. Dort suchte er
nach einer Handschrift, die von einem Zeitgenossen des Orlando di Lasso, wenn
nicht von diesem selbst sein sollte.
    Er blieb über zwei Monate und arbeitete an dem Sammelwerk. Den Verkehr mit
den Mönchen fand er angenehm und war auch bei ihnen wohl gelitten. Einer, der
ihn wegen seines Orgelspiels besonders schätzte, aber von strenger Frömmigkeit
war, gab ihm zu verstehen, wie sehr er es bedauerte, dass er ihm als Protestanten
nicht mit jenem Vertrauen entgegenkommen könne, mit dem ein Mann seinesgleichen
ausgezeichnet zu werden verdiene.
    »Ei, da wollt ich doch, dass ich ein Jud wär,« erwiderte ihm Daniel, »dann
könntet ihr erst recht sehn, was unser Herrgott ohne euer Zutun zu machen
imstande ist.«
    Der betreffende Klosterbruder hiess Pater Leonhardt und war ein kleiner,
sehniger Mensch mit schwarzen Augen und dunklem Teint. Er schien viel erlebt,
schien manchen Anlass zu Reue und Busse zu haben, denn seine religiösen Übungen
hatten nichts Gewohnheitsmässiges, sondern echte Inbrunst und Hingebung. Seine
Gläubigkeit ergriff Daniel, aber er hatte Angst vor dem Zuschauer in seinem
Innern; er hielt den Zuschauer für einen Feind, für einen Philister, und daher
sah er den Pater Leonhardt lieber gar nicht an.
    Er wohnte in der Nähe des Klosters bei einem Bahnoffizial, und einmal
besuchte ihn der Pater Leonhardt. Daniel sass am Fenster und wollte noch rasch
eine Korrektur beenden, der Pater schaute sich im Zimmer um, und seine Blicke
fielen auf eine runde, hölzerne Schachtel, die auf einem Stuhle lag und einer
Tortenschachtel ähnlich war.
    »Da haben sie Ihnen wohl aus der Heimat was zum Schleckern geschickt,«
bemerkte der Pater, als sich Daniel erhob.
    Daniels Blick folgte dem des Mönchs. Er nahm die Schachtel, zögerte eine
Weile und machte dann den Deckel auf. In der Schachtel befand sich, ganz in
Sägespäne gebettet, die Maske der Zingarella. Sie war ein Teil von Daniels
geringem Gepäck, und er führte sie überall mit sich.
    Erschrocken prallte Pater Leonhardt zurück. »Was bedeutet das?« fragte er.
    »Es bedeutet Sünde, und es bedeutet Reinigung,« antwortete Daniel, indem er
die Maske gegen das vergehende Tageslicht hielt; »es bedeutet Schmerz und
bedeutet Erlösung, es bedeutet Verzweiflung und bedeutet Gnade, es bedeutet
Liebe und bedeutet Tod, es bedeutet Chaos und bedeutet Gestalt.«
    Von dem Tag ab richtete Pater Leonhardt das Wort nicht mehr an Daniel. Und
wenn der fremde Musiker die Orgel spielte, verliess er eilends die Kirche und
floh an einen Ort, wohin die Töne nicht drangen.
 
                                       3
Im Sommer kam Daniel nach Aachen und in die Gegend von Lüttich, Löwen und
Mecheln, von da an wanderte er zu Fuss weiter, nach Gent und nach Brügge.
    An den Stellen, wo er Nachforschungen zu betreiben hatte, konnte er sich
meist nur durch Briefe verständlich machen, die ihm das Verlagshaus geschickt
hatte. Zur Stummheit verurteilt, lebte er fremd und allein.
    Sehenswürdigkeiten lockten ihn nicht. Selten stand er vor einem alten
Gemälde; nur wenn das Schöne seinen Weg versperrte, zwang es ihn zum Aufentalt.
Er ging immer wie zwischen zwei Mauern, immer der Nase nach, kehrte ungern um
und spürte erst Müdigkeit, wenn er sich zum Schlafen hinlegte.
    Auch in der Müdigkeit war noch ein nagendes Gefühl des Beraubtseins, Unruhe
auch noch im Schlummer. Hast drückte sich aus in seinem Auge, in seinem Gang, in
seinen Verrichtungen. Hastig nahm er die Mahlzeiten, hastig schrieb er seine
Briefe, hastig redete er.
    Die Blicke der Menschen auf sich gerichtet zu wissen war ihm eine Pein.
Obwohl er sich in jedem Wirtshaus in die verborgenste Ecke begab und jeden Anlass
vermied, der ihn zum Zielpunkt der Neugier machen konnte, wurde er doch überall
sofort gesehen, beobachtet und bestaunt. Denn alles an ihm war auffallend, die
Energie seiner Mimik, seine heftigen Gesten, das Fletschen der Zähne, der
eilige, hackende Schritt, mit dem er durch Gruppen schwatzender Leute ging.
    Er hatte sich auf den Anblick des Meeres gefreut. Auf Ungeheures war er
gefasst gewesen, auf ein titanisch brodelndes Element, den Sturm der Apokalypse.
Das friedliche Schwanken und harmlose Brausen enttäuschte ihn. Man sollte die
Dinge, vor denen einem die Phantasie Ehrfurcht eingeimpft hat, nicht kennen
lernen, dachte er.
    Er konnte mit der Natur hadern wie mit einem Menschen; was er ihre
Unvollkommenheit nannte, erregte seinen Groll. Doch liebte er eine bestimmte
Stelle in einem Wald, wohin es ihn immer wieder trieb; oder einen Baum in der
Ebene; oder die Abendstunde an einem Kanal.
    Am meisten liebte er die engen Gassen der Städte, wenn aus offenen Fenstern
Stimmengemurmel drang und aus geschlossenen das Licht der Lampen; wenn er an
Höfen und Kellern, an Toren und Zäunen vorbeiging; eines alten Mannes Gesicht
auftauchte, eines jungen Mädchens Gesicht, Arbeiter aus den Fabriken kamen,
Soldaten aus den Kasernen, Seeleute vom Hafen. Da war für ihn Erzählung drinnen;
da war er wie der Leser eines aufregenden Buches.
    Einst ging er in Cleve bei Nacht durch dunkle Strassen. Da sah er vor einer
Kirche einen Mann und eine Frau und fünf Kinder, armselig gekleidet alle; vor
ihnen auf dem Pflaster lagen mehrere Bündel, die ihre Habe entielten. Nach
einer Weile kam ein Mensch und redete herrisch mit ihnen; sie hoben die Bündel
auf und folgten ihm in traurigem Zug. Es waren Auswanderer, ihr Führer hatte vom
Schiff gesprochen.
    Daniel dünkte es, als spanne sich eine Saite in seiner Brust und schwinge
tonlos. Die sich entfernenden Schritte der acht Menschen wurden zum rhytmischen
Gefüge. Verworrenes teilte sich ab; finster Gewesenes schoss ins Licht. Voller
Beklommenheit ging er seinen Weg, die Augen zu Boden geheftet, als suche er; und
er sah nicht mehr, hörte nicht mehr, wusste die Stunde nicht.
    Nach einer Erstarrung von andertalb Jahren wehte Märzwind in seiner Seele.
    Aber es war wie Krankheit. Ungeduld verzehrte ihn. Sein nächstes Ziel war
Kloster Oesede bei Osnabrück, von dort wollte er nach Berlin. Er konnte das
Stillsitzen in der Eisenbahn nicht aushalten; in Wesel gab er seinen Koffer als
Fracht auf und wanderte mit Mantel und Rucksack weiter. Er marschierte acht bis
zehn Stunden täglich, trotz des schlechten Wetters. Es war Ende Oktober, die
Morgen und Abende waren kalt, die Strassen nass, die Quartiere elend. Nichts
beirrte ihn; er ging und ging, suchte und suchte, oft bis in die späte Nacht,
leidenschaftlich in sich versunken.
    Als er ins Eisen- und Kohlenrevier kam, hob er immer öfter den Blick empor.
Die Häuser waren schwarz, die Luft war schwarz, die Erde schwarz, geschwärzte
Menschen begegneten ihm. Kupferdrähte sangen im Nebel, Hämmer dröhnten,
gewaltige Räder surrten, Schlöte rauchten, Dampfpfeifen gellten, es war wie
Traumvision, Landschaft eines unbekannten, verfluchten Sterns.
    Eines Abends trat er aus einer Kantine, wo er in Eile etwas zu sich genommen
hatte. Er war noch zehn Kilometer von Dortmund, wo er nächtigen wollte. Er hatte
die Dorfstrasse verlassen, da flammten ringsum die Feuer der Hochöfen durch den
Nebel, der infolgedessen blutrot glühte. Bergleute kamen schweigend auf das Dorf
zu, und ihre müden Gesichter sahen im Flammenschein wie dämonische Fratzen aus.
Fern oder nah, man konnte es nicht unterscheiden, zog ein Pferd einen Karren
über glitzernde Schienen; oben stand ein Mann und schwang die Peitsche. Tier,
Karren und Mensch zeigten sich riesengross, das Hühott klang wie ein wilder
Geisterschrei, und die eisernen Laute aus den Werkstätten glichen dem Brüllen
gequälter Kreaturen.
    Da fand Daniel, was er gesucht. Da fand er die wehevolle Melodie, welche ihn
von Lenore am Tag ihres Todes fortgetrieben hatte. Wohl hatte er sie damals aufs
Papier gebracht, aber sie war ohne Folge geblieben, war mit Lenore ins Grab
gegangen.
    Jetzt war sie auferstanden, und alle Folge mit ihr, in wunderbarem Bogen
hingedehnt, gegliedert wie ein Leib, erfüllt wie eine Welt.
    Aus der Maschine war ihm die Musik wiedergeboren worden.
 
                                       4
Jason Philipp Schimmelweis hatte das Haus an der Museumsbrücke verlassen müssen.
Die Miete war zu teuer geworden, und die Geschäfte gingen schlecht. Der Zufall
wollte, dass in dem Haus am Kornmarkt, von welchem er vor zwanzig Jahren seinen
Aufstieg genommen, eine billige Wohnung frei war, und er zog dort ein.
    Verstand Jason Philipp seine Zeit nicht mehr? War er zu alt, zu stumpf, um
dem Publikum die literarische Nahrung mundgerecht zu machen? Waren seine
Anpreisungen ohne Kraft, die Reizmittel, die er ersann, ohne Würze? Niemand
wollte mehr Prachtwerke und Lexika auf Raten bei ihm kaufen, auch die reichen
alten Herren, die nach zweideutiger Lektüre lüstern waren, kamen nicht mehr.
Jason Philipp war ein säumiger Zahler geworden, die Verleger schickten ihm keine
Kommissionsexemplare, er kam auf die schwarze Liste.
    Und er schimpfte über die neueren Schriftsteller und sagte, es sei kein
Wunder, dass das Bücherschreiben von lauter nichtswürdigen Subjekten ausgeübt
werde, da ja die ganze Nation am Gehirnschwund leide.
    Es half aber kein Räsonieren, der Zusammenbruch war nicht aufzuhalten. Ein
Mann namens Rindskopf kaufte die Lagerbestände zu Makulaturpreisen, und die
Firma Schimmelweis hatte aufgehört, zu sein.
    In seiner Bedrängnis hatte Jason Philipp bei der liberalen Partei
Unterstützung gesucht. Er pochte auf die Freundschaft, die ihn mit dem
vormaligen Führer, dem Freiherrn von Auffenberg, verbunden hatte. Da kam er übel
an. Ein Renegat beruft sich auf den andern, hiess es; natürlich, gleich und
gleich gesellt sich gern.
    Dann ging er den Freimaurern um den Bart und wollte in die Loge eintreten.
Doch gab man ihm zu verstehen, dass man einigen Grund habe, der Reinheit seiner
Gesinnung zu misstrauen und dass seine Bemühungen deshalb vergeblich seien.
    Eine Zeitlang wurde es ihm schwer, das tägliche Brot aufzubringen. Die
Agentenstelle bei der Prudentia hatte er schon längst gekündigt. Seit einer
Interpellation im Reichstag und einem grossen Prozess, der kurz hernach gegen die
Gesellschaft anhängig gemacht worden war, und den sie verloren hatte, war es mit
dem Ansehen des klug ersonnenen Brandschatzungs-Unternehmens vorbei.
    Jason Philipp hatte keine andere Wahl: er musste wieder zur Buchbinderei
seine Zuflucht nehmen. Er musste wieder leimen, schneiden und falzen. Von wo er
als ehrgeiziger, plänereicher, selbstsicherer, streitbarer Mann ausgegangen war,
dortin kehrte er am Abend seines Lebens arm und verbittert zurück. Nichts hatte
gefruchtet, Beredsamkeit nicht, Pfiffigkeit nicht, Wechsel der Überzeugung
nicht, Einsicht in die wirtschaftlichen Konjunkturen nicht und Spekulation
nicht. Er hatte niemals an eine gerechte Weltordnung geglaubt, weder als
Sozialist noch als ehrenfester Bürger, jetzt schien sie ihm nicht einmal passend
für einen Merkspruch in einer Kinderfibel.
    Willibald war nach wie vor ein braver Handlungskommis; Markus bekam einen
Posten in einem Möbelgeschäft und lernte Volapük, denn er verfocht die Ansicht,
dass sich alle Völker der Erde binnen kurzem nur noch dieser verbrüdernden
Sprache bedienen würden.
    Terese siedelte so ruhig in das Haus am Kornmarkt über, als sei sie schon
seit Jahren mit dem Gedanken vertraut. Es befand sich dort ein Erkerfenster, an
diesem sass sie, wenn die Arbeit in der Küche getan war, und strickte Strümpfe
für ihre Söhne. Bisweilen kratzte sie mit der Nadel ihren grauen Kopf, bisweilen
griff sie nach einem Schälchen ungezuckerten, kalten Kaffees, das stets neben
ihr stand. Ihr Blick war der trübste Menschenblick, den man wahrnehmen konnte,
ihre Hand die schwieligste, runzligste Bauernhand, die je eine Städterin gehabt.
    Ununterbrochen musste sie an das viele Geld denken, das in den zwei
Dezennien, die sie am Ladentisch in der Plobenhofgasse verbracht hatte, durch
ihre Hand gegangen war.
    Sie malte sich aus, wohin das viele Geld gerollt sein konnte, wem es jetzt
diente, wen es jetzt quälte. Denn sie war nun seiner ledig, und sie freute sich
in ihrem Innern, dass sie seiner ledig war.
    Eines Tages trat Jason Philipp aus seinem Arbeitsraum in die Stube, eine
Zeitung in der Hand, und rief mit strahlender Miene: »Endlich, meine Liebe,
endlich! Ich bin gerächt. Jason Philipp Schimmelweis war doch ein guter Prophet.
Nun, was meinst du?« fuhr er fort, als ihn Terese ohne sonderliche Neugier
anschaute, »was meinst du? Rate mal. Ich lass' was draufgehen, wenn du's
errätst. Aber du errätst es ja nicht, das kann kein Weiberschädel fassen.« Er
stieg auf einen Stuhl, hielt die Zeitung wie eine Fahne in die Höhe und jubelte:
»Mit Bismarck ist's aus! Er wird gegangen! Der Kaiser hat ihn geschasst! Nun kann
kommen, was will, ich habe nicht umsonst gelebt.«
    Jason Philipp hatte das Gefühl, als sei es hauptsächlich seinem Wirken
zuzuschreiben, dass dem grossen Kanzler die Zügel der Regierung entrissen worden
waren. Seine Befriedigung äusserte sich auch weiterhin auf eine ebenso
geräuschvolle wie seinem Alter unangemessene Weise. Er fiel die Bekannten auf
der Gasse an und forderte Gratulationen von ihnen. Er spendierte in seinem
Stammwirtshaus ein Fass Bier und legte in einer mit allerlei Sarkasmen und
volkstümlichen Wendungen gespickten Rede die Gründe dar, weshalb er diesen Tag
als den glücklichsten seines Lebens betrachte.
    Er sprach: »Erwiese mir das Schicksal die Gunst, vor diesem Schädling,
diesem gewissenlosen Tyrannen einmal Mann gegen Mann zu stehen, wahrhaftig, ich
nähme mir kein Blatt vors Maul, und er sollte Dinge von mir zu hören kriegen,
die ihm noch kein Sterblicher gesagt hat.«
    Mehrere Monate vergingen, und eines Tages unternahm der mit seinem Geschick
hadernde Bismarck von seinem Sitz im Sachsenwald eine Reise nach München. Eine
gewaltige Erregung machte sich in Nürnberg bemerkbar, als es hiess, der eiserne
Kanzler werde um die und die Stunde den Bahnhof passieren.
    Alles wollte ihn sehen, jung und alt, vornehm und gering, schon in der
Morgenfrühe drängte sich das Volk in dichten Scharen durchs Königstor.
    Bei diesem Schauspiel durfte Jason Philipp nicht fehlen. »Einen Tiger, dem
die Krallen abgeschnitten und die Zähne ausgebrochen worden sind, zu
beaugapfeln, ist ein Vergnügen, das sich meiner Mutter Sohn nicht entgehen
lässt,« sagte er.
    Seine Ellenbogenkraft leistete ihm nützliche Dienste, und als der Zug in die
Halle fuhr, stand unser Rebell in der vordersten Reihe der zu einer
undurchdringlichen Masse zusammengekeilten Menschen.
    Der Zug hatte einige Minuten Aufentalt, und unter dem betäubenden
Hurrageschrei des Volkes verliess der Fürst seinen Wagen. Er drückte dem
Bürgermeister die Hand und begrüsste einige hohe Offiziere.
    Jason Philipp rührte sich nicht. Es fiel ihm nicht ein, Hurra zu rufen.
Nein, es fiel ihm nicht ein. Ein säuerlich höhnisches Lächeln umspielte seinen
Mund, und sein schon weisser Bart zuckte, wenn er die Lippenwinkel in satanischer
Genugtuung auseinanderzog. Es fiel ihm nicht ein, den Hut zu ziehen, trotzdem in
seiner Nähe ein unheildrohendes Murren vernehmbar wurde. Ich bin konsequent,
mein lieber Bismarck, dachte er; ich, Jason Philipp Schimmelweis, bin
unbestechlich.
    Doch schien ihm die Genugtuung, die wir als satanisch bezeichneten, nicht
ganz begründet, da sie in einem zu schroffen Gegensatz zu dem rings um ihn
herrschenden Entusiasmus stand. Was war in den dummen Pöbel gefahren? Was raste
er? Sah den Feind vor sich, den Henker, sah ihn unschädlich, im bürgerlichen
Kleid, und gebärdete sich, als sei der Messias aus dem Extrazug gestiegen!
    Da dünkte es Jason Philipp, wie wenn die Blicke des Fürsten sich geradeaus
gegen ihn richteten, wie wenn der furchtbar grosse Mann mit dem seltsam kleinen
Kopf und den ungeheuerlich blauen Augen Anstoss an seinem Schweigen genommen, wie
wenn er von seiner Gesinnung irgendwie Kunde erhalten hätte.
    Das säuerlich höhnische Lächeln erstarb in Jason Philipps Gesicht, er
verspürte eine laue Unkraft, Angstschweiss perlte auf seiner Stirn, unwillkürlich
drückte er die Knie durch und die Brust heraus, riss den Hut herunter, öffnete
den Mund und schrie: »Hurra!«
    Er schrie Hurra. Der Blick des Fürsten wandte sich wieder von ihm ab.
    Aber Jason Philipp hatte Hurra geschrien.
    Er schlich beschämt nach Hause. Er zog die Pantoffeln an die Füsse (»dem
Müden zum Trost«); sie waren schon recht zerfranst, die Pantoffeln, sie hatten
gelitten im Lebenskampf; er streckte sich auf dem Sofa aus, das Gesicht zur
Wand, den Rücken gegen das Fenster, gegen die Welt gekehrt.
 
                                       5
Wochenlang hatte Daniel in Berlin einsam gelebt, weit draussen, im Osten der
riesigen Stadt. Da kam einer der Leiter des Hauses Philander und Söhne zu ihm.
Er besuchte den Mann wiederum, und im Verlauf von zwei Stunden wurde er gegen
seinen Willen mit einem ganzen Schwarm von Komponisten, Dirigenten, Virtuosen
und Musikkritikern bekannt.
    Einige hatten von ihm gehört, er erschien ihnen merkwürdig, sie warfen ihre
Netze nach ihm aus, er entschlüpfte, musste sich bei unvermuteten Begegnungen
dennoch fangen lassen, musste Rede stehen, sich entüllen, fand sich
verpflichtet, interessiert, aber keiner hatte Gewalt über ihn, er ging nur
zwischen ihnen durch.
    Sie lachten über seine Mundart und seine Unmanierlichkeit. Was sie anzog,
war sein Selbstrespekt, was sie reizte, war sein verschlossenes Wesen, was sie
originell fanden, war, dass er immer wieder für Monate aus ihrem Gesichtskreis
schwand.
    Eine geschiedene junge Frau, eine Jüdin, Regina Sussmann mit Namen, fasste
eine Schwärmerei für ihn. Sie erkannte in Daniel die elementare Natur; je mehr
er ihr auswich, je hartnäckiger warb sie um seine Beachtung. Manchmal tat es ihm
wohl, wieder eine Frau zu spüren, den helleren Laut, den zarteren Schritt, den
reineren Atem, doch glaubte er nicht an Regina Sussmann, weil sie ihm zu wissend
schien. Da war nichts von jener Pflanzenart, ohne die ihm eine Frau bildlos und
verwildert vorkam.
    An einem Wintertag besuchte sie ihn in dem öden Mietszimmer, das er in der
Greifswalder Strasse bewohnte. Sie setzte sich an das Pianino und phantasierte
vor sich hin. Zuerst war es wie Dunst; plötzlich lauschte er betroffen. Was er
hörte, klang ihm auf eine halb unbehagliche, halb schmerzliche Weise vertraut.
Es waren Motive aus dem Quartett, dem Lenoren-Quartett, wie er es für sich
benannt hatte. Es stellte sich heraus, dass Regina Sussmann vor drei Jahren bei
der Aufführung in Leipzig gewesen war.
    Nach einer lastenden Stille griff eine Frage Reginas kühn in sein Inneres.
Sie wollte Fäden vom Werk zum Menschen knüpfen; sie wollte von seinem
unbekannten Schicksal den Schleier reissen. Er stiess sie zurück. Danach tat sie
ihm leid, und zögernd fing er an, von seiner Symphonie zu sprechen. Die
leidenschaftlich-stumme Teilnahme der Frau hatte etwas Verzauberndes; er verlor
sich, er vergass sich, er eröffnete sich. Er baute das Werk in Worten vor ihr
auf, die sieben Sätze gleich sieben Treppen eines Tempelturms, ein herrliches
Empor in die oberen Sphären, ein tragischer Sturm mit tragisch heitern Pausen
der Erinnerung und Besinnung, von lächelnden Genien begleitet, welche die
Pfeiler der Traumregion schmückten und bekränzten.
    Dann begab er sich ans Klavier, schlug das wehvolle Hauptmotiv an und die
beiden Seitentemen, kontrapunktierte sie, steigerte, variierte, modulierte und
sang zugleich. Seine Pupillen hatten sich erweitert und loderten hinter den
Gläsern der Brille in grünem Feuer. Da kniete Regina Sussmann neben dem
Instrument nieder. Vielleicht zwang sie die Ergriffenheit, dies zu tun,
vielleicht wollte sie ihm einen sichtbaren Beweis ihrer Andacht und Verehrung
geben. Da wurde ihm die Frau plötzlich widerwärtig, das gelöste Schmachten ihrer
Augen erregte seinen Ekel, ihre kniende Stellung dünkte ihm wie Spott und
Grimasse, eine Erinnerung war entweiht, er sprang auf, eilte wortlos, mit zornig
verkniffenen Lippen hinweg und liess sie, in seinem Zimmer, allein zurück. Als er
spät in der Nacht heimkehrte, fürchtete er, sie noch zu treffen, aber sie war
nicht mehr da. Nur ein Brief lag neben der Lampe auf dem Tisch.
    Sie schrieb, dass sie ihn verstanden habe; sie habe verstanden, dass er in
seiner Vergangenheit wie in einer Festung wohne, und dass Schatten um ihn seien,
die durch keine Anmassung eines Lebendigen verscheucht werden dürften. Sie wolle
sich nicht in sein Inneres drängen, doch habe sie Angst um seine Zukunft und wie
er den Hunger des Leibes, den Hunger des Herzens einst niederkämpfen würde.
    »Schamlose,« murmelte Daniel, »Spionin!«
    Sie habe seine Grösse erkannt, hiess es in fast perverser Demut weiter, er sei
der Genius, dem sie entgegengeharrt, und sie wünsche sonst nichts, als ihm zu
dienen. In der Ferne, da er ihre Nähe nicht ertragen wolle; er möge es sich um
seinet- und der Menschheit willen gefallen lassen.
    Daniel verbrannte den Brief. In der Nacht wachte er auf und hatte Sehnsucht
nach der zärtlichen Berührung einer Unberührten. Er träumte ein Lächeln auf dem
Antlitz einer Siebzehnjährigen, arglos Spielenden, und es schauderte ihm vor
sich selbst.
    Kurze Zeit hernach fuhr er nach Dresden, wo er in der Königlichen Bibliotek
zu arbeiten hatte.
    Es kamen Menschen zu ihm, die für ihn wirken wollten. An vielen Zeichen
merkte er, dass Regina Sussmann glühende Propaganda für ihn trieb.
    Eines Tages erhielt er von einer Gesellschaft von Musikfreunden in Magdeburg
die Aufforderung, dort ein Konzert zu leiten. Er schwankte lange, endlich
willigte er ein. Äusserlich hatte der Abend nur geringen Erfolg, doch spürten die
Hörer seine Macht. Stümpernde Musikanten, sich vergessend, wurden zu beseelten
Sklaven seines Arms und Blicks. Ein ungewisses Glück, das er in den Guten
weckte, rief ihn weiter auf der Bahn. Zwei Winter lang dirigierte er klassische
Konzerte in den Provinzstädten des Nordens. Er war der erste, der damit begann,
das Publikum an strenge Programme zu gewöhnen. Der erste erntet selten Dank.
Hätte er sich nicht so puritanisch der Darbietung von Süssigkeiten entalten, von
Opernnummern und beliebten Tongemälden, sein Wirken hätte sich besser gelohnt.
Er wurde mit Achtung genannt, dennoch ging er dunkel durch die Städte.
    Regina Sussmann war immer dort, wo er ein Konzert gab. Er wusste es, auch wenn
er sie nicht sah. Bisweilen gewahrte er sie in der vordersten Reihe. Sie näherte
sich ihm niemals. Dann und wann erschienen begeisterte Artikel in den Zeitungen,
die erkennbar von ihr beeinflusst waren. Einmal begegnete er ihr auf der Treppe
eines Hotels. Sie blieb stehen, bleich mit gesenkten Augen. Er ging vorüber. Da
flammte wieder die Sehnsucht auf nach der zärtlichen Berührung einer
Unberührten. Hungerte wirklich schon sein Herz? Er biss die Zähne zusammen und
arbeitete die ganze Nacht hindurch. Es schien ihm, als bedrohe ihn die düstere
Nüchternheit seiner Zeit und seiner Welt schrecklich. Aber bedurfte es, um sie
abzuwenden, eines Weibes? Die Schatten wichen trauernd zurück, Gertrud und
Lenore, schwesterlich umschlungen.
    Lass ab von deinem Tun! riefen sie. Und er sah, dass ihn die provinzlichen
Konzertreisen zu falschen Zielen lockten, falschen Ehrgeiz entfachten, seine
Kräfte zerteilten. Auch ertrug er die blendend hellen Säle nicht mehr, die
geputzten Menschen, die leer kamen, unverwandelt gingen. Es war alles wie Lüge.
Da liess er ab, gerade als die Verführung am stärksten war, als ihn die Berliner
Philharmonie eingeladen hatte, in ihren Räumen seine eigenen Schöpfungen zu
dirigieren.
    Plötzlich war er verschollen. Ehe drei Monate vergingen, war sein Name zur
Sage geworden.
 
                                       6
Sommer, Herbst und Winter des Jahres 1893 verbrachte er mit unstetem Wandern.
Bald sass er an einem entlegenen Ort in Türingen, bald in einem Tal der Rhön,
bald im Erzgebirge, bald in einem Fischerdorf an der Ostsee. Tagsüber arbeitete
er an dem Sammelwerk, in der Nacht komponierte er. Und nur der Firma Philander
war sein jeweiliger Aufentalt bekannt. Vor den Broterren durfte er sich nicht
verstecken.
    Allmählich entwöhnte er sich des Wortes so, dass es ihn Mühe kostete, mit
einem Wirt über den Preis eines Zimmers zu verhandeln. Das beständige Schweigen
meisselte seine Lippen zu unheimlicher Schärfe aus.
    Er hörte nichts von seiner Mutter, nichts von seinen Kindern. Es war, als
hätte er vergessen, dass es Lebendige gab, die seiner mit Liebe, mit Angst
gedachten.
    Die einzigen Boten aus der Welt waren Briefe, die er in Zwischenräumen von
vier bis fünf Wochen durch das Verlagshaus in Mainz nachgeschickt bekam. Die
Briefe waren von der Hand Regina Sussmanns, aber sie trugen ihre Unterschrift
nicht, sondern die Schreiberin nannte sich »die Schwalbe«. Und sie redete Daniel
mit Du an.
    Sie erzählte ihm von ihrem Leben, von Büchern, die sie las, von Menschen,
die sie sah, und von ihren Ideen über Musik. Ihre Mitteilungen wurden ihm nach
und nach unentbehrlich, ihre Treue rührte ihn, und dass sie sich ihres Namens
entäussert hatte, gefiel ihm. Sie hatte eine erstaunliche Feinheit und Kraft im
Ausdruck, und so unwahr, so gespannt sie im persönlichen Verkehr auf ihn gewirkt
hatte, so überzeugend und natürlich war alles, was sie schrieb. Nie ein Wunsch,
dass er geben möge, was er doch nicht geben konnte; nie eine Klage. Dafür eine
Leidenschaftlichkeit des Verstandes, die ihm neu war, die er an Frauen noch
nicht kannte, eine Glut und Sicherheit im Erfassen seines Wesens, vor der er
sich beugte wie vor einer höheren Stimme.
    Er beantwortete keinen Brief, doch wartete er nicht selten mit Ungeduld auf
den, der fällig war. Oft dachte er an die Schwalbe, in der Nacht, wenn er an ein
schwarzes Fenster trat; er dachte an sie wie an einen allsehenden Geist, der in
den Lüften haust. Die Schwalbe, das war sinnvoll, die unruhige, zarte, schnelle
Schwalbe. Und er sah jene eine, die sich damals in fabelhaftem Bogen über den
Kirchenplatz geschwungen hatte, als Eberhard von Auffenberg gekommen war, um ihn
zu den verwelkten Blumen zu führen.
    Da schrieb er an Philippine: »Schmücke meine Gräber, kauf zwei Kränze und
leg sie auf die Gräber!«
    »Du musst zum Wolkengipfel hinan, sonst bist du verloren, Daniel,« lautete
eine Stelle in einem der Schwalbenbriefe; »sobald du um eine Einsamkeit weisst,
musst du in eine andere, ungewusste schlüpfen, sobald ein Weg sich dir bahnt, musst
du ins Dickicht stürmen, sobald ein Arm dich umschlingt, musst du dich losreissen,
und gibt's auch Blut und Tränen. Du musst über die Menschen hinaus, du darfst
kein Bürger sein, nichts Liebliches darf dir lieb werden, keinen Begleiter und
keine Begleiterin darfst du haben, kühl und still müssen die Zeiten um dich
schwingen, erzumschlossen bleibe dein Herz, denn die Musik ist eine Flamme, die
im Menschen, der sie gebiert, alles durchbricht und verzehrt, bloss nicht den
Stoff, den die Götter um den Auserwählten geschmiedet haben.«
    Wie hätte da nicht vollends das Bild der rotaarigen Jüdin entschwinden
sollen, vor der Daniel in Widerwillen geflohen war? Da war eine Muse, wie sie
von Dichtern erträumt wird. Jüdin, wunderbare Jüdin, dachte Daniel, und dieses
Wort, Jüdin, erhielt für ihn eine eigens Bedeutung von Gemütsgewalt und
prophetischem Flug.
    »Das Werk, Daniel Notaft, das Werk,« schrieb diese zweite Rahel ein
anderes Mal, »der Prometeusraub, wann schenkst du ihn der verarmten Menschheit?
Die Zeit ist wie erdig schmeckender Wein, dein Werk muss Filter sein; sie ist wie
ein epileptischer Körper im Starrkrampf, dein Werk sei die heilende Hand, die
man ihm auf die Stirn legt. Wann endlich gibst du, Sparsamer, wann reifst du,
Baum, wann ergiesst du dich, Strom?«
    Aber dem Baum eilte es nicht, die Früchte abzuwerfen; der Strom fand den Weg
lang bis zum Meer; er hatte Gebirge zu durchhöhlen und Felsen zu zerbrechen. O,
qualvolle Nächte, in denen bestehende Form wieder und immer wieder verfiel! O
hundert qualvolle Nächte, in denen kein Schlaf war, nur aufgeregtes Toben vieler
Stimmen! Trübe Morgen, wo die Sonne auf zerfetzte Blätter schien und auf ein
verstörtes Gesicht, ein Gesicht voll alter, immer neuer Leiden. Und Mondnächte,
wo einer singend dahinschweift, nicht fröhlich singend, sondern singend wie
einst die Ketzer auf den Marterbänken der Inquisition; und Regennächte,
Sturmnächte, Schneenächte, wo er dem Phantom einer Melodie nachrast, die halb
schon sein Eigentum ist, halb noch im grenzenlosen Raum unter den Sternen irrt.
    Da wurde alle Landschaft bleiche Vision, Busch und Gras und Blume wie
Gespinst in einem Fieber, Menschen, die vorübergingen, und Nebelschwaden, die
überm Wald faserten, waren von ein und derselben Beschaffenheit; nichts war
greifbar; der Gaumen schmeckte den Bissen nicht, die Finger spürten kein Ding.
Schlechtes Wetter war das willkommene; es dämpfte die Geräusche, machte die
Menschen stiller. Verflucht die Mühle, die klappert, verflucht der Zimmermann,
der den Balken schlägt, verflucht der Fuhrknecht, der die Gäule anruft,
verflucht das Lachen von Kindern, das Quaken der Frösche, das Zwitschern der
Vögel! Ein Fühlloser blickt auf euch, einer, der stumm und taub ist, einer, der
Kleid und Schmuck von der Welt reissen will, damit keine Farbe und kein Glanz
sein Auge ablenkt, einer, der bei Nacht zum Himmel fliegt, um das ewige Feuer zu
stehlen, und bei Tag in Gräbern wühlt, ein Auswürfling.
    Als das Frühjahr kam, begann er den dritten Satz, ein Andante mit
Variationen. Es drückte den schauerlichen Frieden aus, den Lenores schlummerndes
Antlitz eine Nacht vor ihrem Tod gezeigt. Da waren plötzlich alle Quellen
erschöpft, und er wusste nicht, warum seine Hand und seine Phantasie erlahmten.
    Eines Abends kehrte er von einer langen Wanderung nach Arnstein zurück,
einem Marktflecken im Unterfränkischen, wo er um diese Zeit sein Quartier
aufgeschlagen hatte. Er wohnte bei einer Nähterin, einer armen Witwe, und als er
in sein Zimmer trat, sah er das Töchterchen der Witwe, ein zehnjähriges Kind,
vor der geöffneten Schachtel stehen, in der sich die Maske der Zingarella
befand. In harmloser Neugier hatte das Mädchen den Deckel heruntergenommen und
war gebannt von dem unerwarteten Anblick.
    Als es Daniel gewahr wurde, zuckte es erschrocken zusammen und wollte
fliehen. Aber Daniel legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Bleib nur!«
Er fühlte den mageren Körper, die furchtsam bebende Gestalt unter seiner Hand,
und eine ferne Erinnerung schlug ihm wie mit Krallen in die Brust. Der Mund der
Maske schien zu sprechen, Stirn und Wangen leuchteten weiss; wenn er die Augen
abwendete, tanzte oben im Raum ein Elfchen, und das Elfchen erregte eine
schuldvolle Unruhe in seinem Gemüt.
 
                                       7
Philippine wollte nie erlauben, dass das Agneslein mit andern Kindern spielte.
    Einmal war das Kind auf den Platz gegangen und hatte zugeschaut, wie kleine
Mädchen »Schneider, leih mir die Scher'« spielten und lachend von Baum zu Baum
liefen. Gern hätte es sich zu ihnen gesellt, aber niemand forderte das blasse,
scheue Wesen auf, am Spiele teilzunehmen. Da schoss Philippine wie eine Furie
daher und rief erbost: »Geh in die Stuben 'nauf, sonst kriegst a Schell'n, dass
dir drei Tag lang die Zähn im Maul klappern.«
    Auch zog sie immer ein schiefes Gesicht, wenn der alte Jordan sich zu dem
Kind setzte, um mit ihm zu reden. Beachtete er dies Zeichen ihres Unwillens
nicht, so begann sie erst leise zu singen, dann lauter, dann schimpfte sie in
gehässiger Weise und gab sich nicht eher zufrieden, als bis Jordan mit einem
Seufzer aufstand und hinausging. Er durfte es nicht wagen, Philippine zu
trotzen; sie bestrafte ihn, indem sie ihm schlechtes Essen und winzige Portionen
verabreichte. Und er litt viel an Hunger. Er verdiente nur ein paar Groschen in
der Woche und musste das Geld sparen, damit er die Ausgaben bestreiten konnte,
die ihm durch die Arbeit an seiner Erfindung verursacht wurden.
    
    Er glaubte an die Erfindung. Sein Glaube ward mit den Jahren immer fester.
Kein Misslingen beirrte ihn; im Gegenteil, er war überzeugt, dass ihn jeder
Fehlschlag näher zum Ziel brachte.
    Einst fragte er Philippine: »Warum wollen Sie denn nicht, dass ich mich ein
bisschen mit meinem Enkelchen beschäftige? Es tut mir so wohl, es lenkt mich ab,
es mildert die Spannung meines Geistes.«
    »Blödes Geschwätz,« antwortete Philippine, »das Agneslein ist mit seinem
Vater übel genug dran, der Grossvater, der fehlet mir noch, der tät das Kraut
fett machen.«
    Ein andermal sagte der Greis: »Schliessen wir einen Vertrag: Sie lassen mich
täglich eine halbe Stunde bei dem Kind, und ich besorg Ihnen dafür die Gänge in
der Stadt.«
    Philippine erwiderte grob: »Meine Gäng' besorg ich mir selber, und das
Agneslein gehört mir; basta.«
    dabei war Philippine um jene Zeit besonders guter Laune. Es hatte sich
nämlich gefügt, dass Benjamin Dorn, der zusammen mit Herrn Zittel von der
»Prudentia« weggegangen und jetzt bei der Gesellschaft »Exzelsior« beamtet war,
sich lebhaft für sie interessierte. Philippine hatte ihrer Freundin, der Frau
Hadebusch, in einer schwachen Stunde verraten, dass sie beträchtliche Ersparnisse
besass, und mit dieser Wissenschaft hatte Frau Hadebusch den Metodisten auf
ernste Heiratsgedanken gebracht.
    Der Metodist gab sich Mühe, Philippines Gunst zu gewinnen. An ihrer
gottlosen Denkungsart nahm er freilich Anstoss und schüttelte betrübt den Kopf,
wenn sie ihn einen Pfaffen nannte und erklärte, das fromme Getue sei ihr
wurscht, die Hauptsache wäre, dass man Moneten im Sack habe, eine Meinung, der
Frau Hadebusch mit allem Nachdruck beipflichtete. Frau Hadebusch sagte zu
Benjamin Dorn, eine tüchtigere, drallere, vermöglichere, von oben bis unten
besser ausstaffierte Person als das Fräulein Schimmelweis könne er auf dem
ganzen Erdenrund nicht ausfindig machen, er und sie seien für die Ehe geschaffen
wie Essig und Öl für den Salat. Man solle nur sehen, was für stattliche Gewänder
die Person habe und wie sie sich zu putzen verstehe, und von guter
Familienabstammung sei sie noch überdies; kurz, jedem Mann wäre zu gratulieren.
    Und zu Philippine sagte Frau Hadebusch: »Der Dorn, das ist ein Schreiber,
wie es ausgezeichneter keinen gibt. Der führt Ihnen eine Feder, dass es ein
wahrer Staat ist. Er hinkt ein bisla, no ja; wie viele gehen auf zwei gesunden
Beinen und haben bloss Lumpereien im Kopf. Der aber, kein Wässerlein kann er
trüben; er ist so sanft wie Zwetschgenmus, und wenn ihn ein Hund anbellt, gibt
er ihm ein Stück Zucker. So ein Mann ist das.«
    Im Oktober gingen Benjamin Dorn und Philippine auf die Fürter Kirchweih,
und das Agneslein wurde natürlich mitgenommen. Benjamin Dorn wusste, was er sich
schuldig war; er liess Philippine zweimal auf dem Karussell fahren, zahlte das
Entree in ein Wachsfiguren-Kabinett und nahm ein Los am Glückshafen. Es war eine
Niete. Da setzte er Philippine auseinander, dass es unmoralisch sei, in einer
Lotterie zu spielen, und kaufte eine Tüte mit Pfeffernüssen, was doch ein
solider Genuss war.
    Philippine benahm sich ausserordentlich kokett. Sie lachte grundlos, sie
verdrehte die Augen, sie sprach mit gespitzten Lippen, sie wackelte mit den
Hüften und ergriff jeden Anlass, um ihre Bildung zu zeigen. Als sie mit der
Eisenbahn zurückfuhren, sagte sie, sie habe Lust, einmal in einer Chaise zu
sitzen; aber zwei Rosse müssten sein und ein Kutscher mit einem Zylinder.
Benjamin Dorn entgegnete, solches liesse sich machen; und er deutete schalkhaft
an, dass er eine gewisse feierliche Zeremonie nicht ohne ein derartiges Vehikel
veranstalten würde. Philippine kicherte und sagte: »Joi, Sie sind ja ein ganz
Geriebener.« Worauf Benjamin Dorn glücklich und verlegen grinsend zu Boden
schaute.
    Dann trennten sie sich, denn das Agneslein war in Philippines Arm schon
eingeschlafen.
    Wie sich Philippine zu der Bewerbung des Metodisten innerlich verhielt, war
schwer zu ermessen, obgleich sie so tat, als fühle sie sich geehrt und in ihren
Erwartungen geschmeichelt. Benjamin Dorn war seiner Sache keineswegs sicher, und
wenn Frau Hadebusch auch noch so resolut ins Zeug ging, musste sie sich von
Philippine immer wieder vertrösten lassen.
    Nie zuvor aber hatte Philippine so viele Lieder geplärrt, nie waren ihre
Bewegungen so hurtig gewesen. Jeden Tag zog sie ihr Sonntagskleid an und
schmückte es mit den erlesensten Bändern; und wusch ihre Hände mit Mandelseife
und frisierte sich vor dem Spiegel. Simpelfransen waren nicht mehr modern, dafür
baute sie aus ihren Haaren einen Turm und sah aus wie eine Chinesin.
    Bisweilen besuchte sie Herrn Carovius, den sie stets allein traf, denn
Dorotea Döderlein war von ihrem Vater nach München geschickt worden, wo sie
sich in ihrer Kunst vervollkommnen sollte. Mit halben Worten, augenzwinkernd,
dumm und herausfordernd lachend, berichtete sie von Benjamin Dorn und seinen
Absichten, wie wenn es gar nicht anders möglich sei, als dass Herr Carovius die
brennendste Neugier nach ihren Erlebnissen trage. Herr Carovius war ihrer schon
längst überdrüssig, mochte ihr aber die Tür nicht weisen. Es stand mit ihm so,
dass er aufatmete, wenn er eine menschliche Stimme hörte. Es stand mit ihm so,
dass er sich in seinen vier Wänden vor der Stille fürchtete. Keiner kam zu ihm,
keiner sprach mit ihm, und er seinerseits getraute sich keinem zu nähern. Mit
dem Hochmut von ehedem war es aus, und nun fand er keinen Weg mehr zu den
Menschen. Ging er ins Paradieschen, so kannte ihn niemand. Die Brüder vom
Jammertal waren zerstoben, ein anderes Geschlecht sass da, von anderer Herkunft,
mit andern Tiraden, und er war alt.
    Doroteas Abwesenheit konnte er nicht verwinden. Er zählte die Tage bis zu
ihrer Rückkunft, und das Klavier öffnete er nicht mehr, weil alle Musik, und die
zumeist, die er liebte, einen Trübsinn aufschiessen liess, der die Stube erfüllte
gleich Miasmen.
    Der Nero unserer Zeit litt an der Cäsarenmelancholie. Der Kleinbürger war in
die unterste Tiefe des finstern Schachtes hinabgesunken, den er selber gebohrt,
um alle Freuden, alles neue Werden, alle Flügelwesen darinnen zu verscharren.
    Das schlimmste war, dass er keine Beschäftigung hatte und dass hiegegen kein
Kopfzerbrechen half. Die Welt lief ihren Gang, rätselhaft, lief ihren Gang ohne
seine Kritik, ohne seinen Beifall, ohne seinen Richterspruch und seine
Totengräberei.
    Philippine ärgerte sich über den scheelblickenden Ofenhocker, und ihre
Besuche wurden spärlicher. Mit Frau Hadebusch wollte sie sich nicht aussprechen,
die schien ihr zu nahe beteiligt bei der Sache; sonst hatte sie niemand, und sie
musste ihre Ungeduld und Aufregung im Zaum halten.
    Es wurde Weihnachten. Am heiligen Abend hatte sie für Agnes einen kleinen
Tannenbaum geschmückt und Kerzen darauf angezündet. Als Christgeschenke für das
Kind lagen ein grosser, brauner Lebkuchen, ein Körbchen mit Äpfeln und Nüssen und
eine billige Puppe unter dem Baum. Für den alten Jordan hatte sie ein Paar
Stiefel gekauft, deren er dringend bedurfte. Seit dem Herbst ging er mit
zerrissenen Sohlen herum.
    Der alte Jordan sass neben der Tür und hielt die Stiefel auf den Knien. Agnes
betrachtete mit ihren traurigen Augen die Puppe, ohne sie anzurühren. Nachdem
der Inspektor eine Weile in die flackernden Kerzenflammen gestarrt hatte, sagte
er: »Dank Ihnen, Philippine, dank Ihnen. Sie sind eine wirkliche Wohltäterin.
Auch dass Sie des Kindes gedacht haben, dank ich Ihnen. 's ist ja ein armseliges
Ding, so eine Puppe aus dem Fünfzigpfennigbasar, aber wer Kindern schenkt,
verdient sich den Himmel, und es wird dabei nicht gewogen und nicht gezählt.«
    »Lamentieren S' doch nicht alleweil,« wies ihn Philippine schnöd zurecht.
Sie biss an ihren Nägeln und war kaum imstande, ihre Erregung zu verbergen. Frau
Hadebusch hatte ihr Nachricht gegeben, dass Benjamin Dorn noch im Laufe dieses
Abends kommen werde, um ihr einen förmlichen Heiratsantrag zu machen.
    »Warte nur, Agnes,« fuhr der alte Jordan fort, »warte nur, bald wirst du ein
Wunderding von einer Puppe zu sehen kriegen. Noch ein paar Jährchen, und die
Welt wird staunen. Du aber bist die erste, die das vollendete Werk schauen darf.
Die erste bist du, Agneslein. Was haben wir denn heute, am heiligen Christfest
doch, zu essen?« wandte er sich zaghaft an Philippine.
    »Kalte Naundscher und g'sottne Mehlwürmer,« erwiderte diese höhnisch.
    »Und ... und ... keinen Brief von Daniel?« fragte er mit veränderter, trüber
Stimme, »nichts? gar nichts?«
    Philippine zuckte die Achseln. Der alte Mann erhob sich und schwankte
hinaus, um in seine Kammer zu gehen.
    Bald danach hörte Philippine humpelnde Schritte, und die Gatterglocke
läutete. »Mach auf,« befahl Philippine dem Kind. Agnes verliess die Stube und
kehrte mit Benjamin Dorn zurück. Der Metodist trug einen schwarzen Anzug, und
in der Hand hielt er ein schwarzes Filzhütchen, das flach wie ein Pfannkuchen
war. Er verbeugte sich vor Philippine und fragte, ob er nicht störe. Philippine
schob ihm einen Stuhl hin, er nahm umständlich Platz und lächelte schal. Da
Philippine schwieg und nur gespannt in sein Gesicht starrte, fing er an zu
sprechen.
    Zuerst verbreitete er sich über die Vorzüge des Ehestands im allgemeinen,
dann, dass es für ihn im besondern wünschenswert sei, ein braves Weib
heimzuführen. Er habe lange mit sich im Kampf gelegen, doch Gott habe ihn
erleuchtet und auf den rechten Weg gewiesen. So trage er denn kein Bedenken
mehr, dem Fräulein Schimmelweis Herz und Hand anzubieten, könne aber nicht
umhin, den Wunsch auszudrücken, dass sie den wichtigen Schritt noch einmal in
christlicher Weise reiflich erwäge.
    Philippine war unruhig von einem Fuss auf den andern getreten. Plötzlich
lachte sie. Sie bog den Oberkörper vor und lachte heftig. »No, Sie
Kniedlaskupf,« fing sie an, »Sie woll'n g'wiss nur mein Geld! Sagen S' es
aufrichtig, mein Geld wollen S' haben, was?«
    Während Benjamin Dorn dumm und bestürzt dreinsah, geriet sie mehr und mehr
in Wut. »Das tät Ihnen schmecken, Sie Habenichtsnos'n«, schrie sie, »so a Madl,
was gleich den Verstand verliert, wenn sich a Mannsbild blicken lässt, und die
sich ihre paar Batzen z'sammg'spart hat, dass sich der Sprazl auf die Bärenhaut
legen kann. Da wird nix draus, die Philippin' betackelt man nicht, die weiss, was
ihr für Lumpenvolk seid. Marsch, fort mit Ihnen, fort! Hinaus!« Sie warf rabiat
die Arme und wies nach der Tür.
    Benjamin Dorn stand auf, stotterte erschrocken, zog sich rückwärts gehend
nach der Tür zurück und verschwand dann so eilig, dass Philippine neuerdings in
schrilles Gelächter ausbrach. »Kumm her, Agneslein,« sagte sie dann, setzte sich
auf den Tritt im Erker und nahm das Mädchen auf ihren Schoss.
    Lange schwieg sie, und das Kind getraute sich nicht zu sprechen. Beide
schauten in die Kerzenlichter des Christbaums. »Singen wir was,« sagte
Philippine endlich. Mit heiserer Bassstimme begann sie »Stille Nacht, heilige
Nacht« zu singen, und mit hohem, mutlosem Stimmchen fiel Agnes ein.
    Als sie das Lied gesungen hatten, entstand wieder ein Schweigen.
    »Wo ist denn mein Vater?« fragte Agnes plötzlich, ohne Philippine
anzublicken. Es klang, als habe sie seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet,
diese Frage zu stellen.
    Philippines Gesicht wurde grau, ihre Zähne mahlten. »Dein Vater, der lungert
im Land herum,« antwortete sie und blies ein Lichtchen aus, welches im
Niederbrennen einen Zweig zum Glimmen gebracht hatte; »er hat's auf Weibsleut
abgesehen und lässt alle Sieben grad sein. Klimpern tut er und 's Papier
vollschmieren. Da kann eins verrecken, und er kümmert sich nicht drum.« Mit
einem rohen Stoss setzte sie das Kind auf die Erde, sprang empor, ging zum
Fenster und riss es auf, als könne sie's vor Hitze nicht aushalten.
    Sie beugte sich über das schneebedeckte Sims.
    »Es huschert mich,« klagte das Mädchen. Aber Philippine hörte sie nicht.
 
                                       8
Daniel schrieb an Eberhard und Sylvia, ob er zu ihnen kommen könne. Er dachte:
dort sind Freunde, vielleicht brauch ich wieder einmal Freunde.
    Von einer fremden Hand erhielt er den Bescheid, dass die Baronin bedaure, ihn
in Siegmundshof jetzt nicht aufnehmen zu können, aber sie liege im Wochenbett;
sie sende ihm herzliche Grüsse und lasse ihm mitteilen, dass es sowohl dem
Neugeborenen wie auch dem andern Kind, welches nun schon drei Jahre alt sei, gut
gehe; beides seien Knaben.
    »Überall wachsen Kinder auf,« sagte Daniel, und er packte seinen Koffer und
reiste langsam südwärts, der Heimat zu, so langsam, als fürchte er sich vor
einem Ziel, wohin zu gehen es ihn doch zwang.
    An einem Abend im April kam er in Nürnberg an. Als er in die Stube trat,
schlug Philippine laut klatschend die Hände zusammen und blieb wie angewurzelt
stehen.
    Agnes mass den Vater mit scheuen Blicken. Sie war hochaufgeschossen, weit
über ihre Jahre.
    Der alte Jordan kam herunter. »Du siehst schlecht aus, Daniel,« sagte er und
wollte Daniels Hand nicht loslassen, »dürfen wir nun hoffen, dich hier zu
behalten?«
    »Ich weiss nicht,« erwiderte Daniel und schaute geistesabwesend an den Wänden
hin, »ich weiss nicht.«
    Am dritten Tag bemächtigte sich seiner eine ganz ungewohnte Bangigkeit. Ihm
war, als sei er irre gegangen und als habe es ihn innerlich an einen andern Ort
getrieben. Er ging zu Philippine in die Küche. Sie buk für ihn Kartoffelnudeln,
in Schmalz. Es roch gut.
    »Ich fahr nach Eschenbach hinaus,« sagte er zu seiner eigenen Verwunderung,
denn der Entschluss war mit dem Wort gekommen.
    Philippine riss die Pfanne vom Feuerloch, das Feuer stieg jäh in die Höhe.
»Meinetwegen fahrst hin, wo der Pfeffer wächst,« knirschte sie ingrimmig.
Beschienen von den Flammen, sah sie wie eine Hexe aus.
    Daniel schaute sie prüfend an. »Was ist mit der Agnes?« fragte er nach einer
Weile, »warum geht mir das Kind aus dem Weg?«
    »Wird schon wissen warum,« versetzte Philippine tückisch und stellte die
Pfanne wieder aufs Feuer, »die is keine Zuläufige.«
    Daniel verliess die Küche.
    »Zu seinem Bankert fahrt er, der Luderskerl, zu seinem Bankert,« murmelte
Philippine. Sie kauerte sich auf den Schemel und starrte dumpf vor sich hin.
    Die Kartoffelnudeln verkohlten.
 
                                       9
Bei sinkender Nacht betrat Daniel das Häuschen der Mutter. Als er die Mutter
gewahrte, wusste er, dass ein Unglück geschehen war.
    Eva war fort. Eines Abends, vor vier Wochen, war sie verschwunden gewesen.
Eine Seiltänzergesellschaft hatte Vorstellungen im Städtchen gegeben, die wurde
beschuldigt, das schöne Kind geraubt zu haben. In dieser Überzeugung hatten sich
die Eschenbacher Leute auch dann nicht erschüttern lassen, als die Gendarmerie
die umherreisende Gesellschaft aufgegriffen hatte, ohne des vermissten Mädchens
habhaft zu werden.
    Alle Gemeinden des Kreises waren alarmiert worden, im ganzen Land wurden die
Nachforschungen betrieben, noch bis zur Stunde; vergebens, es war nirgends eine
Spur zu finden, der Fall war den Behörden wie den Einwohnern ein Rätsel.
    Die Wälder wurden durchsucht, die Weiher abgelassen, die Landstreicher
befragt, vergebens. Da hatte eines Tages der Bürgermeister einen Brief ohne
Unterschrift bekommen, und sein Inhalt war dieser: »Das Mädchen, nach dem ihr
fahndet, ist wohl aufgehoben. Es ist kein Zwang an ihr geübt worden, freiwillig
und aus Liebe zur Kunst ist sie mit denen gegangen, bei welchen sie weilt. Sie
schickt ihrer Grossmutter zärtliche Grüsse und hofft, sie einst wiederzusehen,
wenn sie erreicht hat, was sie sich wünscht.«
    Darunter hatte Eva mit Federzügen, die Marianne Notaft als ziemlich
zweifellos von dem Kinde herrührend bezeichnet hatte, geschrieben: Das ist wahr.
Lebwohl, Grossmütterchen!
    Die Leute, die mit Marianne um den Verlust des Kindes von Eschenbach
trauerten, sagten, wenn es Eva wirklich sei, die diese Zeilen geschrieben hatte,
so sei sie eben von den Räubern dazu genötigt worden.
    Der Brief trug den Poststempel einer rheinpfälzischen Stadt. Ein Telegramm
ging hinüber, die Antwort lautete, es habe vor kurzem eine Gesellschaft von
Gauklern dorten gastiert, aber sie seien längst abgereist; auf welcher Strasse
sei nicht bekannt, wahrscheinlich nach Frankreich hinüber.
    Marianne war gebrochen. Sie hatte keine Lebenslust mehr, sogar über die
Ankunft Daniels bekundete sie keine Freude.
    Und Daniel war es, wie wenn der hellste Stern an seinem Himmel untergegangen
sei. Als er das Furchtbare aufgefasst hatte, schlich er in die Dachstube, warf
sich auf das verlassene Bett seiner Tochter und schluchzte. Weinst du, Mann,
weinst du endlich? schien eine Stimme zu rufen.
    An vielen Abenden sass er bei der Mutter, und sie grübelten beide vor sich
hin. Einmal fing Marianne an zu sprechen, und sie erzählte von Eva. Die Vorliebe
des Kindes für Schaustellungen aller Art habe sie stets beunruhigt; vor Jahren
sei eins Truppe wandernder Komödianten im Ort gewesen, da habe die damals erst
Achtjährige eine leidenschaftliche Erregung gezeigt und sich vom Morgen bis zum
Abend vor der Bude herumgetrieben, in welcher die Leute gespielt. Auch habe sie
Bekanntschaft mit einigen von ihnen geschlossen, und eine junge Person habe sie
dann zu der Aufführung eines Stückes mitgenommen. So oft ein Zirkus auf dem
Jahrmarkt gewesen, hätte man sie kaum bändigen können; »bisweilen dacht ich mir,
es muss Zigeunerblut in dem Kind sein,« sagte Marianne traurig, »aber es war ein
so gutes und folgsames Kind sonst.«
    Ein andermal erzählte sie folgendes. An einem Sonntag im Frühjahr habe sie
einen Spaziergang mit Eva gemacht. Es sei spät geworden, auf dem Rückweg sei die
Nacht eingebrochen, sie hätten durch den Wald gehen gemusst, da habe sie sich
müde auf einen Baumstumpf gesetzt, um ein bisschen zu rasten. Der Mond habe
geschienen, es war eine kleine Lichtung da, plötzlich sei Eva aufgesprungen und
habe zu tanzen begonnen. »Das war wunderlich anzusehen,« schloss Marianne ihren
Bericht, »das schlanke, zarte Figürchen, wie es sich im Mondschein und auf dem
Moose lautlos um sich selbst gedreht hat. Aber mir hat's das Herz
zusammengeschnürt, und mir war, als sollte sie nicht mehr lange bei mir
bleiben.«
    Daniel schwieg. O, zauberisches Ding du, dachte er, Erbteil und Geschick.
    Drei Wochen blieb er bei der Mutter, dann engte ihn das Gewohnte zu sehr
ein, Haus und Städtchen, und er nahm Abschied. Er fuhr nach Wien; dort hatte der
Kustode an einem kaiserlichen Institut wichtige alte Handschriften für ihn
liegen.
    Andertalb Monate später bekam er einen Brief, der ihn erst nach allerlei
Irrfahrten erreicht hatte. Er meldete ihm den Tod seiner Mutter. Der Lehrer von
Eschenbach schrieb ihm dieses mit dem Hinzufügen, dass die Greisin in der Nacht
friedlich und schnell verschieden sei.
    Ein zweiter Brief folgte, darin wurde er um Anweisungen gebeten, was mit dem
Häuschen geschehen solle, und ob es zum Verkauf auszuschreiben sei; ein Nachbar,
der Getreidehändler Merk, habe sich freiwillig angeboten, Daniels Interessen zu
vertreten.
    Daniel antwortete, sie möchten tun, was ihnen am besten schiene. Es lasteten
Schulden auf dem Häuschen, und der Verkauf konnte keinen grossen Ertrag bringen.
    Er verkroch sich in eine Einöde.
 
                                       10
In kleinen Städten und Dörfern an der Donau brachte er endlich den dritten Satz
der prometeischen Symphonie zu Ende. Als er wie aus Fieberdelirien erwachte,
war es Herbst geworden.
    An einem Morgen im Oktober hörte er einen Heiligen die Orgel spielen. Es war
in Sankt Florian bei Enns. Der grosse Künstler, einst hatte er im Stift gelebt,
kam jetzt nur zuweilen, um Zwiesprache mit seinem Gott zu halten. Hingenommen
bis ins Innerste, war es Daniel zumut, als sitze sein gekrönter Bruder oben an
der Orgel; demütig und erschüttert lauschte er in einem Winkel. Als dann ein
Mensch an ihm vorüberging, ein gebückter, hagerer, etwas wunderlicher Greis mit
einem sorgendurchfurchten Gesicht und in einem schlechten Anzug, da überwältigte
ihn das Grauen vor der Körperlichkeit des Genies, und er erschien sich selber
gespensterhaft.
    Die Schwalbe schrieb: »Uns kann nur einer erlösen, der Musiker. Die Zeit der
Religionsstifter, der Staatengründer, der Waffenhelden und der Entdecker ist
vorüber. Vielleicht sogar die Zeit der Dichter. Die Dichter haben nur Worte, und
unsere Ohren sind müde von Worten; sie haben nur Bilder und Gestalten, und
unsere Augen sind müde vom Sehen. Der letzte Trost der Seele liegt in der Musik,
dessen bin ich gewiss. Wenn etwas die verlorenen Illusionen des Glaubens zu
ersetzen vermag, wenn etwas uns beschwingen und verwandeln kann, wenn es noch
eine Rettung vor dem Abgrund gibt, dem die Menschheit mit verwilderten Sinnen
zurast, ist es die Musik. Wo bist du, Erlöser? Heimatlos ziehst du über die
Erde, der ärmste, der entbehrendste, der schuldigste, der verlassenste Mensch.
Wann bezahlst du deine Schuld, Daniel Notaft?«
    Sieben Monate brachte Daniel in Ravenna, Ferrara, Florenz und Pisa zu. Er
suchte nach Handschriften von Frescobaldi, Borghesi und Ercole Pasquini. Als er
die wichtigsten gefunden hatte, durfte er das Sammelwerk als abgeschlossen
betrachten.
    Die Menschen erschienen ihm wie Spielfiguren, die Landschaften wie Malerei
auf Glas, er sehnte sich nach Wäldern, und seine Träume wurden wüst.
    Von Genua wanderte er zu Fuss durch die Lombardei und über die Alpen. Er
schlief in harten Betten, um die Erhitzungen des Blutes zu mindern und nährte
sich von Brot und Käse. Die Anfälle von Erschöpfung, denen er ausgesetzt war,
beachtete er zuerst nicht, aber in Augsburg stürzte er auf der Strasse zusammen.
Er wurde in ein Spital geschafft und lag dort drei Monate lang am Typhus. Von
seinem Fenster aus sah er Fabrikschlöte und ewig ziehende Wolken. Es war Winter
geworden, und der Schnee fiel.
    Zwei Jahre nach seinem letzten Abschied betrat er wieder das Haus am
Egydienplatz. Als ihn Philippine gewahrte, so abgezehrt und bleich, stiess sie
einen Schreckensschrei aus.
    Agnes war noch länger, noch dürrer, noch ernstafter geworden. Bisweilen,
wenn sie ihren Vater anschaute, hätte er ihr zornig zurufen mögen: Was soll dein
Gefrage? dabei war kein Wort über ihre Lippen gekommen.
    Da Philippine sah, dass Daniel so einsam zurückgekehrt war, wie er ausgezogen
war, legte sie in ihrem Benehmen gegen ihn eine eigentümliche Sanfteit an den
Tag. Der alte Jordan lebte unverändert dahin. Alles ging seinen vorgeschriebenen
Weg, alles war, wie wenn Daniel nicht sechs Jahre, sondern sechs Tage
fortgewesen wäre.
    Er fühlte sich noch nicht ganz gesund, trotzdem arbeitete er Nacht für
Nacht. Der vierte Satz versprach ein Wunder an Polyphonie zu werden. Ursein,
Ursehnsucht, Urschmerz tönten in ihm. Der ewige Wanderer gelangte an die
Himmelspforte und wurde nicht eingelassen. Überirdisch bewegte Harmonien hatten
ihn emporgetragen; dumpfe Paukenschläge bezeichneten sein stehendes Pochen an
verschlossenen Toren; drinnen erklang das schauerliche Nein der Posaunen.
Umsonst war das Bitten der Geigen, umsonst der Fürspruch des Engels, der zur
Rechten stand, auf eine Harfe ohne Saiten gelehnt, umsonst die süsse Beschwörung
des andern, blumenbekränzten, zur Linken, umsonst der Elfenchor der oberen
Stimmen, umsonst die aufschäumende Klage der unteren; hie führt kein Pfad, hiess
es, hie ist für ihn kein Raum.
    Eines Abends erblickte Daniel am Fenster seiner Stube ein fremdes Mädchen.
Sie war schön. Betroffen erhob er sich, um sich ihr zu nähern. Da war sie
verschwunden. Es war eine Halluzination gewesen. Er fürchtete sich vor sich
selbst, verliess das Haus und wanderte wie in vergangenen Zeiten durch die
Gassen.
 
                                       11
Es war Faschingstag, und die Bürger waren wieder einmal lustig. Maskierte Knaben
und Mädchen zogen in lärmenden Scharen umher.
    Als Daniel durch die Füll ging, stutzte er; die Fenster in der Bendaschen
Wohnung waren erleuchtet. Da erinnerte er sich, dass ihm der Provisor Seelenfromm
gesagt, Frau Benda sei schon vor langer Zeit aus Worms zurückgekehrt; sie lebe
mit einer Nichte, denn sie sei völlig erblindet.
    Er stieg die Treppe hinauf und läutete. Eine grauhaarige, vergrämt
aussehende Frau öffnete ihm; es musste wohl die Nichte sein. Daniel sagte seinen
Namen, die Frau hatte von ihm gehört.
    »Sie wissen ja wahrscheinlich, dass Friedrich verschollen ist,« sagte sie in
schläfrig singendem Ton. »Acht Jahre sind vergangen, seit er den letzten Brief
aus Innerafrika geschickt hat. Wir haben schon auf alle Hoffnung verzichtet;
auch in den Zeitungen ist es schon ganz still geworden.«
    »Ich habe nie was gelesen,« murmelte Daniel. »Aber Friedrich kann nicht tot
sein,« fuhr er kopfschüttelnd fort, »daran glaub ich nun und nimmer.« Er heftete
seine Augen mit einem zugleich zerstreuten und intensiven Blick auf die Frau,
die gebannt auf seine Brillengläser starrte.
    »Wir haben alles versucht, was menschenmöglich ist,« erwiderte sie; »haben
uns an die Konsulate, die militärischen Stationen und die Missionsvorstände
gewandt, es hatte gar keinen Erfolg.« Nach einer Pause sagte sie ein wenig
lebhafter: »Sie werden nicht wollen, dass ich Sie ins Zimmer führe. Es ist
qualvoll für die Tante, wenn sie eine fremde Stimme hört, und dass Sie mit ihr
reden, könnt ich nicht zulassen, da würde der ganze Schmerz von neuem in ihr
aufgewühlt.«
    Daniel nickte und ging. Vom Flur herauf drang ein übermütiges Gelächter, das
peinigend in seine dunkle Stimmung fiel. Sein Herzschlag dünkte ihm matt; er
empfand ein wehtuendes Verlangen nach etwas, wofür er keinen Namen wusste, nach
etwas Süssem und Strahlendem.
    Auf dem letzten Treppenabsatz blieb er verwundert stehen und schaute in den
Flur hinunter.
    Herr Carovius tänzelte wie ein Bajazzo vor seiner Wohnungstür herum. Er
hatte eine silberpapierene Krone auf dem Kopf und suchte sich mit einem
greisenhaften und zärtlichen Grinsen der mutwilligen Zudringlichkeit eines
jungen Mädchens zu erwehren. Das Mädchen befand sich in einem Karnevalsaufzug.
Das dunkelblaue Sammetkleid, welches die üppige Gestalt fast schlank erscheinen
liess, war über und über von Silberfäden behangen. Von ihren Schultern bis auf
den Boden, wo es noch drei Schritte hinter ihr schleppte, hing ein
schleierartiges, schwarzes Tuch herab, das mit glitzerndem Flitterwerk besät
war. In der Hand hielt sie eine scheussliche Wachsmaske, das Gesicht eines
Saufbolds mit einer roten Nase darstellend, und ihre Bemühungen zielten darauf
hin, das Gesicht des Herrn Carovius mit der Maske zu bedecken.
    Sie wollte, dass er sich ihr füge, sie versicherte, sie werde nicht eher vom
Fleck gehen, als bis Herr Carovius die Maske aufgesetzt habe. Herr Carovius
rüttelte an der Tür, die zugefallen war, er kramte in seinen Taschen nach dem
Schlüssel, aber das Mädchen gab ihm keine Ruhe.
    »Komm, Butzi,« rief sie dabei, »komm, Onkelchen, sei nicht langweilig,« und
näherte sich immer wieder mit der Maske.
    »Wart, ich will dich lehren, Respektspersonen zum Narren zu halten,« gilfte
Herr Carovius in wohlwollendem Ärger und glich einem alten Hund, der Sprünge
macht, wenn sein Herr einen Spazierstock ins Wasser wirft. Da er aber in dem
Eifer, das Attentat auf seine Würde zu verhindern, die Papierkrone auf seinem
Haupt vergessen hatte und diese bei all seinen Bewegungen komisch wackelte,
geriet das junge Mädchen vor Lachen völlig ausser Atem.
    Nun trat eine Magd ins Tor und brachte Schnee, den sie vom Hof geholt und in
ihre Schürze getan hatte. Das Mädchen lief ihr entgegen, füllte die Hand mit
Schnee und erhob sie scherzhaft drohend gegen Herrn Carovius. Herr Carovius
winselte um Gnade, mit dem Schnee als wirksamem Zwangsmittel kam sie heran, und
Herr Carovius hatte solche Furcht vor dem kalten Bombardement, dass er keinen
Widerstand mehr leistete und sich die Larve umbinden liess. Das Mädchen legte,
erschöpft vom Lachen, die Stirn auf seine Schulter, und die Magd, es war
Döderleins Magd, stiess vor Vergnügen Laute wie ein gackerndes Huhn aus.
    Die Szene wurde vom dürftigen Licht eines an der Mauer hängenden Lämpchens
beleuchtet und hätte deshalb auch ohne den Anblick des Herrn Carovius mit der
Papierkrone und der Säufermaske etwas Phantastisches gehabt.
    Dass das Mädchen Dorotea Döderlein war, wusste Daniel nicht, obwohl er es
halb und halb erriet. Doch wer sie auch sein mochte, er war betroffen von dieser
Fröhlichkeit, dieser Lachlust, dieser unbändigen Ausgelassenheit. Er kannte
dergleichen nicht, und wenn er es jemals gekannt hatte, erinnerte er sich nicht
mehr daran. Die jungen Züge, die leuchtenden Augen, die weissen Zähne, die
behenden Gesten, das alles flösste ihm Ehrfurcht ein, und in seinen Augen malte
sich ein erschüttertes Gemüt. Er fühlte sich so alt, so fremd; so ohne Sonne und
ohne Blüte; ihm war, als zeige sich ihm das Leben mit einem Mal von einer neuen,
freundlichen und verlockenden Seite.
    Zögernd schritt er herab.
    »Ist's die Möglichkeit!« schrie Herr Carovius und riss die Larve von seinem
Gesicht; »was sehen meine Augen! Unser Maestro! Oder ist's sein Geist?«
    »Er und sein Geist, beide,« entgegnete Daniel trocken.
    »Geister haben hier nichts zu tun,« rief Dorotea und schleuderte einen
Schneeball, der seine Schulter streifte.
    Unter Daniels Blick errötete sie plötzlich und schaute Herrn Carovius
fragend an. »Kennst du denn unsern Daniel Notaft nicht, du ungebildete Katze?«
sagte dieser; »weisst du nichts von unsrer Koryphäe? Wieder in der Heimat,
Meister? Ruhmbedeckt zurückgekehrt?«
    Zu anderer Zeit hätte der gallige Spott des Herrn Carovius Daniels Unwillen
erweckt; jetzt bemerkte er ihn kaum. Wie jung sie ist, dachte er, indem er die
befangen lächelnde Dorotea musterte, wie herrlich jung!
    Dorotea ärgerte sich, dass sie nicht ihr rotes Kleid anhatte, das sie sich
in München hatte machen lassen.
    »Dorotea!« tönte eine gewaltige Stimme im ersten Stock.
    »Och, der Vater!« flüsterte Dorotea erschrocken und lief auf den
Fussspitzen, den langen Schleier raffend, die Treppe empor. Die Magd folgte ihr.
    »Ein Teufel, ein wahrer Teufel, Maestro,« wandte sich Herr Carovius
triumphierend zu Daniel. »Sie müssen einmal zu mir kommen und hören, wie sie den
Fiedelbogen streicht. Ein Teufel, sag ich Ihnen.«
    Daniel wünschte Herrn Carovius gute Nacht und trat gesenkten Hauptes auf die
Strasse.
 
                                       12
Für unsere Provinz war Dorotea Döderlein, nachdem sie aus der Hauptstadt
zurückgekehrt war, eine Erscheinung, die alles Interesse auf sich lenkte. Ihr
Betragen erschien zwar etwas frei, aber da sie eine Künstlerin war und ihr Name
bisweilen in den Zeitungen genannt wurde, sah man ihr vieles nach. Als sie ihr
erstes Konzert gab, war der grosse Adlersaal beinahe ausverkauft.
    Der Musikkritiker des »Herold« war begeistert von ihrem kapriziösen Spiel.
Er nannte sie eine phänomenale Kraft und prophezeite ihr eine glänzende Zukunft.
Andreas Döderlein nahm gönnerhaft die Gratulationen entgegen, Herr Carovius
schwamm in Wonne. Von Kritik war bei dem ehemals so Gestrengen keine Rede mehr;
der Kultus, den er mit Dorotea trieb, machte ihn ganz urteilslos.
    Anfangs fehlte es Dorotea nicht an Einladungen zu allerlei Kränzchen,
Hausbällen und Familienassembleen. Sie wurde lebhaft umschwärmt, und die
heiratsfähigen Töchter konnten vor Neid nicht schlafen. Bald aber zogen sich die
soliden jungen Männer, gewarnt durch ihre Mütter, Schwestern und Basen,
ängstlich zurück.
    Es erregte Missbilligung, dass sie mit ihren Verehrern öffentlich
lustwandelte. Auch sah man sie häufig in Gesellschaft mehrerer Offiziere in der
Eisenbeissschen Konditorei sitzen, wo sie Schokolade trank und ausgelassen
lachte. Einmal war sie mit einem blonden Schweden von den Schuckertwerken im
Tingeltangel gesehen worden; dann verbreitete sich das Gerücht, sie habe in
München ein lüderliches Leben geführt, die Nächte durchschwärmt, Schulden
gemacht und mit allen möglichen Männern kokettiert.
    Indessen tauchten doch einige ernstafte Bewerber auf, die durch Andreas
Döderleins diplomatisches Wirken ins Haus gezogen wurden und am Sonntag mit
Vater und Tochter speisten. Aber Dorotea schien es nur darauf anzulegen, einen
gegen den andern zu hetzen, und da es bürgerlich denkende Männer waren, wurden
sie unsicher und verwirrt. Um sie geduldig zu stimmen, hielt ihnen Döderlein
bisweilen Vorträge über die verwickelte Anlage der Künstlernatur, oder er machte
geheimnisvolle Andeutungen über die grosse Erbschaft, die seine Tochter zu
gewärtigen habe.
    Eben dieser Umstand nötigte ihn zur Rücksicht gegen Dorotea. Von ihrem
Trotz und ihrer Unberechenbarkeit war zu befürchten, dass sie eine Dummheit
beging und den alten Narren Carovius beleidigte. Es war ja schon eine grosse
Hilfe, dass er Dorotea hie und da ein wenig Taschengeld gab.
    Denn die Vermögenslage Andreas Döderleins war trostlos. Nur mit Mühe hielt
er den Schein der Wohlhabenheit noch aufrecht. Die Hauptschuld hieran trug eine
langjährige Beziehung zu einer Frau, mit der er drei Kinder gezeugt hatte. Diese
zweite Familie zu ernähren, von deren Existenz niemand in seiner Umgebung etwas
wusste, bürdete ihm eine Sorgenlast auf, unter der er die heitere Jupitermiene
kaum bewahren konnte.
    Seit vierzehn Jahren führte er ein Doppelleben; seine regelmässigen Gänge zu
der Geliebten, die zurückgezogen am äussersten Ende einer Vorstadt hauste,
unauffällig zu machen, das Verhältnis selbst mit all seinen Folgen vor den
wachsamen Augen seiner Mitbürger zu verbergen, erforderte eine beständige
Verstellung, Vorsicht und Schlauheit; unter dem Druck der Geldnot erfüllten sie
den Mann, der sie üben musste, mit stiller Wut und Furcht.
    Er fürchtete sich auch vor Dorotea. Es gab Augenblicke, wo er sie am
liebsten mit Fäusten traktiert hätte; und sah sich doch gezwungen, sie mit süssen
Worten in Schach zu halten. Sie war ihm undurchdringlich. dabei war sie immer
da, immer in lästiger Weise gegenwärtig, immer voll von Wünschen, Plänen,
Geschäften und Intrigen. Man glaubte sie zu beherrschen und entdeckte plötzlich,
dass sie einen tyrannisierte. Eben war sie einer Lappalie wegen in Tränen
ausgebrochen, jetzt lachte sie, als ob nichts gewesen wäre. Die Rosen, die ihr
die ernstaften und wohlhabenden Bewerber brachten, zerpflückte sie vor deren
Augen und warf sie dann ins Kehrichtfass. Man liess ihr herzliche Ermahnungen im
Hinblick auf Sittsamkeit und Haltung zuteil werden, sie hörte zu wie eine
Heilige, fünf Minuten später lag sie am Fenster und liebäugelte mit einem
Friseurgehilfen.
    Ich bin ein unglücklicher Vater, sagte sich Andreas Döderlein, als er zu
allem Überfluss auch an der künstlerischen Begabung Doroteas zu zweifeln begann.
Kurz nach dem Nürnberger Erfolg hatte sie in Frankfurt gespielt, aber es blieb
ziemlich still danach. Dann produzierte sie sich in einigen Mittelstädten, wurde
bejubelt und mit Lorbeerkränzen bedacht, doch davon war nicht viel zu halten.
    Eines Abends lernte sie bei der Kommerzienrätin Feistmantel, einer Frau,
deren Vergangenheit mancher stadtbekannte Skandal verunzierte, den Schauspieler
Edmund Hahn kennen. Er hatte wollige, blonde Haare und ein aufgeschwemmtes
blasses Gesicht. Er war ziemlich gross und hatte lange Beine. Dorotea schwärmte
für lange Beine. Es war eine sinnliche Atmosphäre um ihn, und er verschlang
Dorotea mit frechen Blicken. Seine Person, sein Auftreten, seine bald
blasierte, bald emphatische Redeweise machten Eindruck auf Dorotea. Bei Tisch
sass er neben ihr und suchte mit seinen Füssen die Füsse des Mädchens. Endlich
erwischte er mit seinem linken Stiefel ihren Halbschuh und trat darauf. Sie
wollte den Fuss zurückziehen, er trat fester darauf. Verwundert schaute sie ihn
an. Er lächelte zynisch. Bald hernach waren sie schon ganz vertraut miteinander
und zogen sich in eine Ecke zurück, von wo man Dorotea kichern hörte.
    Es wurde ein Stelldichein verabredet, und sie trafen sich in der Dunkelheit
an einer Strassenecke. Er schenkte ihr Freikarten zu »Maria Stuart« und zu den
»Räubern«; er gab den Mortimer und den Kosinsky und brüllte, dass das Gebälk
zitterte. Er machte Dorotea mit mehreren seiner Freunde bekannt, diese brachten
ihre Freundinnen mit, und sie sassen im Nassauerkeller, bis der Morgen graute.
Ein gewisser Samuelsky war darunter, Prokurist des Bankhauses Reutlinger; er
hatte die Manieren eines Lebemanns, zahlte Champagner und war von Dorotea ganz
hingerissen. Sie liess sich seine Anbetung gefallen, auch nahm sie kleine
Geschenke von ihm an, doch schien es stets, als ob sie sich zuvor der Zustimmung
Edmund Hahns versicherte. Einmal wollte er sie küssen, da gab sie ihm eine
schallende Ohrfeige. Er wischte sich die Backe und nannte sie eine Sirene.
    Die Bezeichnung gefiel ihr. Sie stand bisweilen vor dem Spiegel und
flüsterte lächelnd: »Sirene.«
    Als Andreas Döderlein von dem Treiben erfuhr, bekam er einen Anfall von
Raserei. »Ich verstosse dich,« schäumte er, »ich schlage dich zu einem hässlichen
Krüppel.« Aber in seinen Augen war wieder jene Furcht, die seinen Berserkerzorn
Lügen strafte.
    »Eine Künstlerin braucht sich nicht nach den Vorschriften der Philistermoral
zu richten,« sagte Dorotea mit grösster Unverfrorenheit; »es sind feine Leute,
mit denen ich verkehre; jeder ist ein Herr.«
    Ein Herr; das war ein Argument, gegen welches kein Einspruch bei ihr galt.
Der war ein Herr in ihren Augen, der sich's was kosten liess, Kellnern und
Kutschern imponierte und gebügelte Hosen trug. »Keiner darf mir zu nahe kommen,«
sagte sie stolz, und das entsprach der Wahrheit, denn noch keiner hatte ihre
tiefste Neugierde aufgeweckt, und sie war entschlossen, sich teuer zu verkaufen.
Nur Edmund Hahn hatte Macht über sie, weil er vollkommen fühllos war und eine
Art von Schamlosigkeit besass, die sie entwaffnete und erschreckte.
    Andreas Döderlein musste sie gewähren lassen und sich mit der Überlegung
trösten, dass eine echte Döderlein sich nicht wegwerfen würde. War Dorotea eine
echte Döderlein, so marschierte sie zielbewusst auf das Erspriessliche und
Nützliche des Lebens zu; ging sie darin fehl, so war eben ein Makel an ihrer
Geburt. Und er hüllte sich kühlbeschauend in die Wolken seines Olymps.
    Ihrem Onkel Carovius aber erzählte Dorotea ausführlich, wie sie die jungen
und die alten Courmacher zappeln liess. Wie der Schauspieler zappelte und der
Bankmensch zappelte und der Kerzenfabrikant zappelte und der Oberingenieur
zappelte und wie sie sie alle miteinander an der Nase zog. Da strahlte Herr
Carovius und hiess sie seinen süssen Maulaffen und das Glück seines Alters. Er
sagte sich, dass sie eine echte Carovius und ausersehen sei, Grosses zu
vollbringen.
    »Du hast's nicht nötig, zu heiraten,« eiferte er und rieb sich die Hände;
»wenn ein Graf kommt mit einem Schloss und ein paar Millionen im Hintergrund,
darüber lässt sich reden, aber dass dich der erste beste Schmierenkomödiant mir
wegstibjetzt oder irgendein dickärschiger Bureaugaul dich in seinen Stall
schleppt, das wär noch schöner. Gib's ihnen nur, gib's ihnen tüchtig, den geilen
Lumpenkerlen.«
    »Ach, Onkelchen,« klagte dann Dorotea, »ich weiss, du meinst es gut mit mir,
du bist der einzige, der's gut meint. Aber wenn ich nur nicht gar so armselig
dastünd! Schau mich an, was ich für ein Kleid tragen muss! Eine Schande.« Und sie
drückte das Gesicht in den aufgehobenen Arm und schluchzte.
    Herr Carovius zerrte an seinem Schnurrbart, zog die Augenbrauen hoch, dann
ging er zu seinem Sekretär, öffnete eine Lade, zog einen Hundertmarkschein
heraus und reichte ihn Dorotea mit abgewendetem Kopf und mit Bewegungen, als
fürchte er sich vor dem erzürnten Schutzgeist des Geldschranks.
    So lagen die Dinge, als Daniel im Haus des Herrn Carovius der jungen
Dorotea begegnete und mit ihrem unverlöschlichen Bild in der Seele hinwegging.
 
                                       13
Die nahenden Vierzig erschienen Daniel wie ein finsteres Tor zum Niedergang.
Erraffe, was noch zu erraffen ist, rief eine Stimme in ihm, auf den Gräbern
wächst Gras.
    Die Sinne tobten wider den Geist, wider das Herz. So wie jetzt hatte er
Frauen nie angeblickt.
    Eines Tages fuhr er nach Siegmundshof hinaus. Eberhard war auf Reisen. In
Sylvias Gesicht lag eine stille Melancholie. Sie hatte drei Kinder, eins
hübscher als das andre, aber wenn ihr Auge auf ihnen ruhte, war es voll Trauer.
Frauen, die in der Ehe leiden, haben erloschene Züge, und ihre Hände sind
durchsichtig und gelb.
    Rascher, als er gewollt, nahm Daniel wieder Abschied. Er empfand einen
egoistischen Unwillen gegen die Freudlosen.
    Er ging zu Herrn Carovius. Die Lachende, die er suchte, traf er nicht.
    Herr Carovius sah ihn bisweilen argwöhnisch an. Das Gesicht seines alten
Feindes gab ihm zu denken. Es war durchpflügt wie ein Acker und von Flammen
verbrannt wie ein Herdstein. Es war ein Sträflingsgesicht, verbissen,
ausgemergelt, gespannt und bedrohlich umwittert. Herr Carovius verstand sich auf
Gesichter.
    
    Um dem leeren Gerede zu entkommen, spielte Daniel Herrn Carovius einige alte
Motetten vor. Herr Carovius war so begeistert, dass er in seine Vorratskammer
lief und ein halbes Dutzend Borsdorfer Äpfel holte, die er Daniel in die Taschen
steckte. Diese Äpfel kaufte er im Herbst metzenweise und hütete sie wie einen
Schatz.
    »Bei solcher Musik könnte man wahrhaftig ein frommer Christ werden,« äusserte
er sich.
    »Es ist Frühling drin,« antwortete Daniel, »da ist die Kunst noch unschuldig
wie junge Saat. Aber Ihr Instrument ist verstimmt.«
    »Symbol, Symbol, geschätzter Freund,« rief Herr Carovius und blähte die
Backen auf; »aber wenn Sie wiederkommen, ist der Schaden gerichtet. Kommen Sie
nur fleissig, Sie verdienen sich einen Gotteslohn damit.«
    Herr Carovius, um Gesellschaft bettelnd; es hatte etwas Ergreifendes. Daniel
versprach, einige von den Handschriften mitzubringen, die er gesammelt. Als er
ein paar Tags später kam, war Dorotea da, und dann jedesmal. Und seine Besuche
wurden immer länger. Als Herr Carovius bemerkte, dass nun auch Dorotea häufiger
kam, setzte er alles daran, um Daniel zu bewegen, täglich zu kommen. Er
überschüttete ihn mit Vorwürfen, wenn er einmal ausblieb; selbst bei
Verspätungen begrüsste er ihn mürrisch und scheute nicht vor indiskreten Fragen
zurück. An den Nachmittagen, wo er allein war, rückte die Zeit nicht vom Fleck;
da glich er einem Trinker, dem man das gewohnte Quantum Schnaps vorentält. Die
Gegenwart der beiden Menschen wurde ihm so unentbehrlich, wie ihm in vergangenen
Jahren die Zeitungslektüre, die Brüder vom Jammertal, die Bedrängnisse Eberhards
und die Beerdigungen unentbehrlich gewesen waren. Dem Kleinbürger wird jede
Gewöhnung zur Leidenschaft.
    Wenn Daniel die alten Kirchenchöre spielte, hörte Dorotea ruhig zu,
verhehlte aber die Langeweile nur schlecht, die sie dabei empfand.
    Einmal geriet die Rede auf ihr Geigenspiel, und Herr Carovius drang in sie,
sie möge doch etwas zum besten geben. Sie weigerte sich ohne Ziererei. Daniel
sprach kein Wort der Aufmunterung. Er fand, dass diese Bescheidenheit sie
lieblich kleidete; er glaubte, Erkenntnis und Entsagung darin zu spüren und
lächelte ihr freundlich zu.
    »Erzählen Sie lieber etwas!« sagte sie zu Daniel. Allmählich trat es zutage,
dass sie keinen andern Wunsch hatte als diesen.
    »Ich bin ein schlechter Erzähler,« versetzte Daniel, »ich hab eine schwere
Zunge.«
    Sie bat ihn aber mit gestammelten Worten und flehentlichen Gebärden. Herr
Carovius kicherte. Daniel nahm die Brille ab, putzte sie und schaute das Mädchen
mit verkniffenen Augen an. Es war, als hätte ihn die Brille gehindert, Dorotea
genau zu sehen, oder als ziehe er es vor, sie undeutlich zu sehen. »Wüsste nicht,
was ich erzählen sollte,« meinte er kopfschüttelnd.
    »Alles, alles!« rief Dorotea in seltsamer Begehrlichkeit und streckte die
Hände aus. Ihm erschien das kindlich. Er hatte nie einem Kind erzählt. Er hatte
überhaupt nie erzählt; Gertrud und Lenore gegenüber hatte ihm die Not einer
Stunde Bekenntnis und Klage entrissen, mehr war es nicht gewesen, hatte es nicht
sein dürfen.
    Plötzlich lockte ihn das Wort, in welchem sein Schicksal sich ruhig spiegeln
würde; lockte ihn das feurig-junge Auge, in dessen Glanz das Wirre einfach, das
Dunkle hell werden konnte; lockte ihn der böse alte Mann, dem in seinem
Sumpfloch die ganze Welt zur giftigen Speise geworden war.
    Und mit seiner brüchigen Stimme erzählte er von den Ländern, in denen er
gewandert war; vom Meer und von den Städten am Meer; von den Alpen und ihren
Seen, von Domen und Palästen und Klöstern, von wunderlichen Leuten, denen er
begegnet war, von seiner Arbeit, seiner Einsamkeit, alles ohne rechten
Zusammenhang, trocken und lieblos. Trotz der Lockung wich er dem, was an inneres
Erlebnis streifte, im letzten Augenblick stets aus. Als er von der Jüdin sprach,
von der Schwalbe, beendete er sogar den Satz nicht, machte eine lange Pause und
schilderte dann ganz unvermittelt, wie er nach Eschenbach gegangen war. Auch
hier stockte er wieder.
    Aber Dorotea fragte. Es war ihr alles zu allgemein, und sie schien
unzufrieden. »Was war in Eschenbach?« fragte sie kühn, »warum sind Sie dort
gewesen?«
    Er täuschte sich über die brennende Begehrlichkeit in ihren Augen. Es
überlief ihn wohlig, er glaubte edle Menschenwärme zu spüren. Es ergriff ihn das
Verlangen des reifen Mannes, eine unberührte Seele nach einem erträumten Bild zu
formen. »Meine Mutter hat dort gelebt,« antwortete er zögernd, »sie ist
gestorben.«
    »Ja, - und?« hauchte Dorotea. Sie hatte erfasst, dass das nicht alles war.
    Da fühlte er seine starre Zurückhaltung wie Schuld. Noch zögernder, sofort
bereuend, fügte er hinzu: »Auch ein Kind von mir hat dort gelebt; elf Jahre alt.
Es ist verschwunden, niemand weiss, wohin.«
    Dorotea faltete die Hände. »Ein Kind? Und verschwunden? Ganz einfach
verschwunden?« flüsterte sie erregt.
    Herr Carovius sah aus wie einer, der auf einem heissen Rost sitzt. »Elf Jahre
alt?« fragte er sensationshungrig, »das war ja dann noch ... vor der Zeit ...«
    »Ja, es war vor der Zeit,« bestätigte Daniel düster. Er hatte sich verraten;
er war sich gram. Er schwieg, und es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen.
    Herr Carovius beobachtete, wie Dorotea mit ihren Blicken an Daniel hing.
Ein quälender Verdacht stieg in ihm auf. »Gestern auf dem Josefsplatz Hab ich
einen deiner Verehrer gesprochen, den Kulissenzertrümmerer,« begann er mit
vorbedachter Bosheit; »der Kerl hat die Stirn gehabt, mir zu sagen: Sorgen Sie
nur, dass die Dorotea Döderlein bald einen Mann kriegt, sonst reden sich die
Leut noch die Zunge aus dem Hals.«
    »Das ist nicht wahr!« rief Dorotea entrüstet und wurde rot bis in die
Haarwurzeln, »das hat er nicht gesagt.«
    Herr Carovius lachte schadenfroh; »wenn's nicht wahr ist, ist's doch gut
gedichtet,« sagte er meckernd.
    Als Daniel sich verabschiedete, ging auch Dorotea und begleitete ihn in den
Hausflur.
    »Schade,« murmelte Daniel, »schade.«
    »Warum schade? Ich bin frei, keiner hat ein Recht auf mich.« Sie sah ihn mit
einem mutigen Weiberblick an.
    »Es gibt Worte, die sind wie Schmutzflecken,« entgegnete er.
    »Wer kann sich hüten vorm Schmutz?« fragte sie fast wild.
    Daniel liess sein Auge prüfend auf ihrem Gesicht ruhen wie auf einem
Gegenstand. Langsam und ernst sagte er: »Lassen Sie die Hände und Augen von mir,
Dorotea. Ich bring kein Glück.«
    Ihre Lippen öffneten sich durstig. »Möcht gern einmal mit Ihnen spazieren
gehen,« flüsterte sie, und ihre Züge zitterten in einem Entzücken, von dem er
betört glaubte, es gelte ihm, während es nur der Erwartung des Abenteuers galt
und der Entüllung des Geheimnisses.
    »Vor vielen Jahren,« sagte Daniel, »Sie werden sich kaum mehr erinnern, hab
ich Sie hier unterm Tor vor einem grossen Hund in Schutz genommen. Erinnern Sie
sich?«
    »Nein. Oder doch; ja, ganz dunkel erinner' ich mich. Das waren Sie?«
Dorotea ergriff dankbar seine Hand.
    »Gut, gehen wir morgen, gehen wir irgendwo hinaus,« sagte Daniel.
    »Sie müssen mir aber alles erzählen, alles, alles,« drängte Dorotea wie
vorhin im Zimmer, nur noch ungestümer und ungeduldiger.
    Sie bestimmten den Ort, wo sie sich treffen wollten.
 
                                       14
Anfangs gingen sie kurze Wege, die entlegen waren, dann dehnten sie ihre
Spaziergänge aus. Am Johannistag wanderten sie nach Kraftshof und zum Irrhain
der Pegnitzschäfer. Die Wege zu vermeiden, die er einst mit Lenore gegangen, war
Daniel unbewusst bestrebt.
    Nicht selten machte ihn Doroteas überschäumende Laune still und schwer, und
er spürte seine Jahre hypochondrisch als Last. War es Schicksalsrache, dass er
bisweilen, wenn ein Hügelanstieg kam, den Schritt verlangsamen musste, während
Dorotea vorauseilte und lachend oben wartete?
    Sie sah keine Blumen, keine Bäume, keine Tiere, keine Wolken; aber wenn
Menschen sichtbar wurden, geschah immer eine Wandlung in ihr; da war immer eine
Gebärde mehr; oder ein Zusammenraffen, ein Hinüberspielen. War es auch bloss ein
Bauernbursch oder ein Landstreicher, sie drehte sich in den Hüften und lachte um
einen Ton höher empor.
    Die Jugend ist ihr wie Wein zu Kopf gestiegen, dachte Daniel dann.
    Einmal brachte sie eine Tüte Schokoladeplätzchen mit, und als sie sich satt
gegessen hatte und Daniel nichts nehmen wollte, warf sie, was übrig war, achtlos
auf die Wiese. Daniel tadelte sie deshalb. »Warum soll ich mich schleppen?« war
ihre unbefangene Antwort; »wenn man an einer Sache genug hat, wirft man sie
weg.« Sie zeigte ihre Zähne und sog gierig die Luft ein.
    Daniel betrachtete sie. Die ist gefeit, sagte er sich, die ist unverwundbar
in ihrer Wunschkraft und Lebensfülle. Und es wollte ihm scheinen, als sei sie
von der Art seiner Eva, der Art jener Lichtelfen, deren Heiterkeit manchmal
etwas Grausames an sich hat. Aber nun nahm er sich vor, nicht mehr das tückische
Ungefähr walten zu lassen, sondern die Hand auszustrecken, wenn es not tat.
    »Wann werden Sie endlich erzählen?« fragte Dorotea; »ich muss, ich muss es
wissen,« fügte sie mit Glut des Ausdrucks hinzu, »es gibt mir Tag und Nacht
keine Ruhe.«
    Das war die Wahrheit. Um in seine Vergangenheit einzudringen, die sie sich
von bunten und leidenschaftlichen Begebenheiten erfüllt vorstellte, hätte sie
alles getan, was er von ihr gefordert hätte.
    Daniel weigerte sich stumm. Er glaubte, den reinen Sinn des Mädchens zu
trüben, ihre Ahnungslosigkeit zu gefährden. Und er hatte Furcht davor, die
Schatten heraufzubeschwören.
    Eines Tages plauderte sie in ihrer leichten Weise, und im Plaudern
verstrickte sie sich. Sie hatte begonnen, ihm von den Männern zu berichten, mit
denen sie sich abgab, und war dabei unversehens in den Ton gefallen, in welchem
sie darüber zu ihrem Onkel Carovius sprach. Als sie ihrer Unvorsichtigkeit inne
wurde, stockte sie verlegen. Daniels ernste Fragen zwangen ihr Geständnisse ab,
die sie freiwillig nie gemacht hätte; da kam dann viel Trübes und Hässliches
zutage, und es war schwer für sie, sich ganz unschuldig und als Opfer
hinzustellen. Zuletzt, da sie nicht mehr entrinnen konnte, mischte sie die
Farben zum grellsten Bild und wartete ängstlich und angenehm erregt auf die
Wirkung.
    Daniel schwieg eine Weile, dann bewegte er die flache Hand, als schnitte er
etwas entzwei und sagte schroff: »Weg von denen, Dorotea, oder weg von mir!«
    Dorotea senkte den Kopf und sah ihn scheu von unten her an. Die
Entschiedenheit, mit der er sprach, war ihr neu, missfiel ihr aber keineswegs.
Ein wollüstiger Schauer lief über ihre Glieder. »Ja,« flüsterte sie magdhaft,
»ich will ein Ende machen. Ich hab ja gar nicht gewusst, was das alles eigentlich
bedeutet. Sei'n Sie mir nur nicht böse. Nicht bös sein, gelt?«
    Sie trat näher zu ihm heran; ihre Augen waren feucht umschleiert. »Nicht
zornig sein,« bat sie noch einmal, »die arme Dorotea kann ja nichts dafür.«
    »Wie ist's denn möglich!« sagte Daniel; »hat Ihnen denn nicht geekelt bis
ins Herz? Wie ist's möglich, mit dem Gedanken an solche Hyänen unter Gottes
freiem Himmel zu wandeln? Mädchen, in mir zweifelt alles.«
    »Was hätt ich tun sollen, Daniel,« antwortete sie, und zum erstenmal nannte
sie ihn beim Vornamen, mit einer tiefberechneten Mischung von Unterwürfigkeit
und Kühnheit, die ihn bezauberte und rührte; »was hätt ich tun sollen! Sie
kommen, sie reden, sie spinnen einen ein, zu Haus ist's so traurig, das Herz ist
so öd, der Vater ist so schlecht mit einem, man hat niemand, keinen Menschen auf
der Welt!«
    Sie setzten ihren Weg fort. Es war ein Waldtal, durch das sie gingen, rechts
und links standen hohe Fichten, auf deren Kronen die Abendsonne lag.
    »Das Schicksal lässt nicht mit sich spassen, Dorotea,« sagte Daniel; »es
verstattet uns keine Sudeleien und Manschereien, wenn wir in unserer Seelenkraft
vor ihm bestehen wollen. Unbestechlich führt es Buch über unser Soll und Haben,
und alle Schulden, die wir machen, müssen irgendwo und -wann bezahlt werden.«
    Dorotea fühlte, dass er im Zuge war, dass nun das Grosse, Beglückende kam. Sie
blieb stehen, breitete ihren Schal auf die Erde und setzte sich in anmutig
aufmerksamer Haltung hin. Daniel warf sich neben ihr ins Moos.
    Und er erzählte, ins Moos hinein, wo kleine Tiere krochen. Er erhob das Auge
nicht, die Stimme nicht. Manchmal musste Dorotea den Kopf niederbeugen, um
besser zu hören.
    Er erzählte von Gertrud, ihrer Dumpfheit, ihrer Erweckung, ihrer Liebe,
ihrem Verzicht; von Lenore, wie er sie geliebt, ohne es zu ahnen. Und wie Lenore
im Übermass des Leidens und der Liebe die Seine geworden, und wie dann Gertrud
herumgeirrt war, unselig verloren und sich getötet hatte. »Da kamen wir auf den
Dachboden, und da war Feuer, und sie hing als Leiche an einer Zuckerschnur.«
    Und wie Gertrud als Schatten neben Lenore weitergelebt, und wie Lenore
Blumenbinderin gewesen, und wie Philippine, die unbegreifliche, heute noch
unbegreifliche Philippine ins Haus gekommen, und Gertruds Kind wie ein
frierender Findling da gelebt, und wie dennoch das andere Kind, das Kind der
Magd, ihm ans Herz gewachsen war.
    Und das Zusammenkommen, das Sprechen und Schweigen, das Begegnen auf den
Gassen, das Hin und Her in Stuben, das Aufklingen von Liedern, das frühe Wandern
mit Dörmauls Truppe, das Hereinleuchten einer Maske in das ungeschmückte Leben,
und den Freund, die Hilfe, die er geleistet, den Abschied von ihm, das
Bürstenmachershaus am Jakobsplatz, die drei sonderbaren Fräulein in der Langen
Zeile, die Tage in Schloss Erfft, den alten Vater der Schwestern und sein
geheimnisvolles Treiben, das alles schilderte er wie einer, der aus dem Schlaf
redet, und es war ein Vertrauen darin, das vielleicht die schwebenden Geister
der abendlichen Natur erschütterte, aber Doroteas metallisch glänzende Augen
mit keinem innigeren Licht begabte.
    Als er emporschaute, war es ihm, als gewahre er zwei dunkle Gestalten am
Rand des Waldes, Schwestern, die trauernd und vorwurfsvoll nach ihm blickten.
    Er erhob sich. »Und das alles,« schloss er, »das alles, Mädchen, ist, wie
Regenwasser von trockenem Boden, aufgetrunken worden von einem Werk, an dem ich
nun seit sieben Jahren schaffe. Seit sieben Jahren. Noch zwei, und ich geb's der
Welt, falls nicht vorher der schwanke Erdball in die Sonne stürzt.«
    Ganz von ungefähr, ganz verworren ahnte Dorotea, was für ein Mensch vor ihr
stand. Sie spürte ein prickelndes Gelüste nach ihm, wie sie es bis jetzt nach
seinen Erlebnissen gespürt. Sie begann ihn zu lieben, in ihrer Weise. Es trieb
sie, sich bei ihm zu bergen, wie es einen Vogel bei Anbruch der Nacht unter den
Wipfel eines Baumes treibt. Daniel begriff, dass die schüchterne Bewegung, mit
der sie ihren Arm in seinen schob, Dankbarkeit bezeigen sollte.
    So führte er sie der Stadt entgegen.
 
                                       15
In der frohpulsierenden Stimmung dieser Zeit schrieb und vollendete Daniel den
fünften Satz seiner Symphonie, ein Scherzo grossen Stils, das mit einer
Klarinettenfigur wie mit einem sorglosen Lachen einsetzte. Aus dem einfachen
Motiv entwickelten sich alle Möglichkeiten der Freude; auch stiller Rückblick
und Trost. Wenn die Haupttemen, sich ihres früheren Vorrangs entsinnend,
breiter fluten wollten, wurden sie immer wieder mit kunstreichen Mitteln, die
launig wechselten, beschwichtigt und in die Tiefe gedrängt. Einmal flossen alle
drei Temen zusammen, schienen in der Vereinigung Kraft zu gewinnen, schwollen
in wunderbarer Fugierung empor, ihr Sieg schien nahe, da wurde über dem
Septakkord in D das ganze Orchester vor der Tanzmelodie ergriffen, und in den
Geigen flohen jene schwermütigen Schwesterweisen klagend dahin. Vor der
jubelnden Steigerung des Schlusses hielt ein Solofagott die eine, wehevolle, in
ferner Höhe fest.
    In vierzehn Nächten entwarf er dann auch den sechsten Satz.
    Dass ihm dergleichen vorher nie gelungen war, wusste Daniel. Wer das
Ausserordentliche hervorbringt, weiss es. Es packt ihn an wie Krankheit und
erfüllt ihn wie ein tiefer Traum.
    Manchmal war die Versuchung gross, es zu verkündigen; einem, irgendeinem, und
wenn es Herr Carovius sein musste. War die Flamme niedergebrannt, so belächelte
er den Trieb. Geduld, sagte er sich dann im ruhigen Gefühl, nur Geduld.
    Da das Sammelwerk fertig und seine Verbindung mit dem Haus Philander gelöst
war, hielt er nach anderm Broterwerb Umschau. Er hatte im Laufe der letzten
Jahre viertausend Mark erspart, aber das Geld wollte er nicht anrühren.
    Er erfuhr, dass die Organistenstelle an Sankt Egydien frei geworden sei und
ging zum Pfarrer, der ihn seinen Oberen empfahl. Es wurde beschlossen, dass er
den Herren der Kirchenbehörde vorspielen solle. Dies geschah eines Morgens im
Oktober. Die Prüfung fiel zur merkbaren Zufriedenheit der gestrengen Hörer aus.
    Er wurde also Organist an Sankt Egydien mit zwölfhundert Mark Gehalt. Wenn
er an Sonn- und Festtagen die Orgel spielte, kamen immer viele Leute in die
Kirche, nur um ihn zu hören.
 
                                       16
Unter den Freiern, auf die Andreas Döderlein ein Auge geworfen hatte, befand
sich auch der Mühlenbesitzer Weisskopf, ein Liebhaber der Musik. Er hatte
Dorotea seinerzeit im Konzert bewundert und ihr einen Lorbeerkranz geschickt.
    Eines Mittags war Weisskopf zum Essen dagewesen, und als er fortgegangen war,
sagte Döderlein zu seiner Tochter: »Meine liebe Dorotea, du darfst dich von
heute ab als eine Braut betrachten. Dieser vorzügliche Mensch begehrt dich zum
Eheweib. Es ist ein Glücksfall, der Mann ist reich wie Krösus.«
    Statt zu antworten, lachte Dorotea nur belustigt auf. Aber sie wusste nun,
dass etwas geschehen müsse, und in ihrem beweglichen Gesicht zuckten Hohn, Furcht
und Begierde.
    »Überlege dir's, überschlafe es, ich habe dem Manne bis morgen Bescheid
versprochen,« sagte Andreas Döderlein finster.
    Schon vor einer Woche hatte Andreas Döderlein in der sicheren Erwartung des
Heiratsantrags den Mühlenbesitzer um ein Darlehen von tausend Mark ersucht. Der
Mühlenbesitzer hatte ihm das Geld gegeben und glaubte dadurch gleichsam eine
Wechselpromesse auf Dorotea zu haben. Döderlein hatte sich gebunden und war
fest entschlossen, das Heiratsprojekt durchzusetzen.
    Doch Doroteas Betragen liess Auflehnung vermuten. Er war in Sorge. Er sann
auf Zerstreuung. Vor sechzehn Jahren hatte er einmal eine Komposition begonnen,
die den Titel führte: Allerseelen, ein symphonisches Gemälde. Fünf Seiten
Partitur waren damals niedergeschrieben worden, seitdem hatte er sich keiner
produktiven Arbeit mehr unterzogen. Er kramte die Handschrift aus einer
Schublade und setzte sich damit aus Klavier. Er wollte dort wieder anknüpfen, wo
er vor sechzehn Jahren den Faden verloren hatte, als ob die Pause in einem
Mittagsschläfchen bestanden hätte.
    Es ging nicht. Er seufzte tief. Stumm sass er vor dem Instrument, starrte auf
das Papier wie ein Schüler, der eine Rechnung lösen soll, zu der er die Regel
vergessen hat und betrauerte den Verlust seiner künstlerischen Kraft. Es war
alles so leer innen. Die Noten grinsten ihn spöttisch an, und seine Gedanken
kehrten ungehorsam immer wieder zu dem Mühlenbesitzer zurück. Eine Weile
phantasierte er auf den Tasten, da steckte Dorotea den Kopf zur Türe herein und
sang mit: »Rheingold, Rheingold, reines Gold.«
    Wütend schlug er den Deckel zu, nahm Hut und Mantel und verliess das Haus, um
den heimlichen Weg in die Vorstadt anzutreten.
    Als er in der Nacht zurückkam, sah er unterm Haustor Dorotea mit einem Mann
stehen. Es war der Schauspieler Edmund Hahn. Im Flüsterton führten sie ein
ziemlich erlegtes Gespräch, der Mann hielt Dorotea an den Armen gepackt, aber
als Andreas Döderlein sichtbar aus dem Dunkel der Strasse auftauchte, stiess er
einen Fluch aus und verschwand eilig.
    Dorotea schaute ihrem Vater frech ins Gesicht und folgte ihm dann ins
dunkle Haus.
    Oben, als er Licht angezündet hatte, wandte sich Döderlein ihr zu und fragte
drohend: »Was bedeuten diese unzüchtigen Zusammenkünfte? Antwort will ich
haben.«
    »Ich mag deinen Mehlsack nicht heiraten, da hast du meine Antwort,«
versetzte Dorotea und warf trotzig den Kopf zurück.
    »Na, das werden wir ja sehen,« sagte Döderlein, bleich vor Zorn, und pflügte
mit den Fingern durch die schütter gewordene Lockenmähne, »das werden wir ja
sehen. Marsch hinaus jetzt mit dir, ich habe nicht Lust, mich von einer solchen
undankbaren Kröte um den wohlverdienten Schlaf bringen zu lassen. Morgen reden
wir weiter.«
    Am andern Morgen eilte Dorotea zu Herrn Carovius. »Onkelchen,« stammelte
sie, »er will mich an den Mehlsack verkuppeln.«
    »So? Da werd ich dem Dreipfennigmusikanten wieder einmal auf die Bude
steigen müssen,« sagte Herr Carovius. »Nur ruhig, Kindchen, nur ruhig!« fügte er
hinzu und streichelte zärtlich ihre braunen Haare, »der alte Carovius lebt
noch.«
    Dorotea schmiegte sich an ihn und lächelte. »Was würdest du sagen,
Onkelchen,« begann sie mit schelmischem und zugleich sehr aufmerksamem Blick,
»wenn ich den Daniel Notaft zum Mann nähme? Der gefällt dir doch,« fuhr sie
schmeichelnd fort und hielt ihn, als er zurückwich, bei den Schultern fest, »der
muss dir doch gefallen. Einen will ich endlich haben, eine alte Jungfer will ich
nicht werden, und beim Vater halt ich's nimmer aus.«
    Herr Carovius riss sich los. »Ins Tollhaus mit dir, du Kanaille!« schrie er.
»Da wollt ich lieber, du gingst mit dem Mehlsack ins Bett. Ist der Gottseibeiuns
in dich gefahren, Dirne? Juckt dich die Haut, dann kratz dich, oder nimm dir
meinetwegen einen Stallknecht dazu wie die selige Kaiserin Katarina. Schaff dir
schöne Kleider an, behäng dich mit Firlefanz, geh tanzen und sauf Champagner,
mach Musik oder schmeiss deine Geige auf den Mistaufen, treib was du willst, ich
geb dir Geld, soviel du willst, aber den grünäugigen Phantasten, den
habergasigen Rattenfänger, den Weiberfresser und Unmusikanten, den schick seiner
Wege, das tu mir um Gottes und seiner Heiligen willen nicht an, sonst ist's aus
zwischen uns, sonst hab ich nichts mehr mit dir zu schaffen.«
    Ein solcher Hass, eine solche Angst war in Herrn Carovius' Gesicht, dass
Dorotea staunte. Seine Haare waren verwirrt wie die Reiser eines Vogelnests,
aus seinen Mundwinkeln rann Nässe, die Augen loderten rötlich, der Zwicker sass
auf der Spitze der Nase.
    Nichts hätte Dorotea mehr locken und reizen können als die Worte, die sie
über Daniel vernommen, als das Gebaren des Herrn Carovius. Ihre Augen blickten
gross, ihr Mund öffnete sich lüstern. War noch ein Schwanken in ihr gewesen,
jetzt war keines mehr. Sie liebte das Geld; sie war mit Habsucht in der Brust
geboren; aber wenn Herr Carovius ihr alle seine Schätze zu Füssen gelegt und
dagegen gefordert hätte, sie solle Daniel entsagen, sie hätte es nicht vermocht,
jetzt nicht mehr.
    Etwas grauenhaft Angenehmes zog sie nun zu dem hin, den sie so verfluchen
hörte, so gefürchtet sah. In seiner Nähe war das Prickeln sinnlicher Gefahr
heftiger als in der Nähe aller andern Männer, die sie kannte. Er war ihr
rätselhaft und unzugänglich; sie wollte ihn erraten und aufschliessen. Er hatte
so viele besessen, gewiss mehr, als er bekannt hatte; sie wollte ihn besitzen. Er
war so still, so klug, so fest; sie wollte Stille, Klugheit und Festigkeit von
ihm haben, alles wollte sie haben, allen Zauber, alle Menschenmacht und alles,
was er verbarg, alles wollte sie von ihm haben.
    Sie dachte fortwährend an ihn, nur an ihn. Ihre Gedanken umflatterten sein
Bild, scheu, begierig und spielerisch. Er hatte es verstanden, einen Willen und
eine Einheit in ihre Sinne zu bringen. Sie wollte ihn haben.
    Der Regen klatschte ans Fenster. Voll Schrecken über Doroteas Versonnenheit
presste Herr Carovius beide Hände an die Backen. »Ich seh schon, du willst mich
allein lassen,« wehklagte er schauerlich, und es klang wie das Geheul eines
Hundes in der Winternacht; »betrügen willst du mich, zum Feind willst du
übergehen, und ich soll meine vier Wände anglotzen. Ich seh schon, ich seh
schon.«
    »Sei still, Onkelchen, es geschieht ja nichts, es war ja nur ein Scherz,«
sagte Dorotea heuchlerisch begütigend und ging mit zögernden Schritten,
bisweilen lächelnd zurückschauend, zur Tür.
 
                                       17
Es war zur frühen Mittagsstunde, als Dorotea an Daniels Wohnung läutete.
Philippine machte das Gatter auf und wollte sie nicht in die Stube lassen. Sie
erzwang sich den Eingang und musterte von der Zimmerschwelle aus Philippine
hochmütig.
    »Pass auf, Philippin', da stinkt's nach Unrat,« murmelte diese vor sich hin.
    Daniel sass bei der Arbeit. Er erhob sich stumm und blickte Dorotea an, die
behutsam die Türe schloss.
    »Da bin ich, Daniel,« sagte sie und atmete wie ein Schwimmer, der ans Land
kommt.
    »Was bedeutet's?« fragte Daniel regungslos.
    »Dass ich getan hab, was Sie wollten, Daniel. Weg von denen. Beim Vater kann
ich nimmer bleiben. Wo anders sollt ich hin als hierher?«
    Daniel ging auf sie zu und legte beide Hände schwer auf ihre Schultern.
»Mädelchen, Mädelchen!« sagte er mahnend und erschüttert.
    Sie sahen sich eine unendlich scheinende Zeit in die Augen. Es war, als
wolle Daniel bis in die verborgensten Falten ihrer Seele schauen. Doroteas
Blick funkelte verwegen, sie senkte die Lider nicht. Plötzlich beugte Daniel den
Kopf und küsste ihre Stirn.
    »Du weisst, wer ich bin,« sprach er und schritt im Zimmer auf und ab. »Du
weisst, wie ich gelebt habe und wie ich lebe. Ich bin ein schuldvoller Mann, ich
bin ein einsamer Mann. Meine Natur verlangt nach Zärtlichkeit, aber Zärtlichkeit
hergeben kann sie nicht. Mein Los ist hart, und wer es mit mir teilt, muss
entschlossen sein, die Härte zu ertragen. Ich bin oft mein eigener Feind und oft
der Feind derer, die es gut mit mir meinen. Ich bin kein Spassmacher und kein
Gesellschafter. Ich kann grob, beleidigend, hämisch, unversöhnlich und
rachsüchtig sein. Ich bin hässlich, ich bin arm, ich bin nicht mehr jung.
Fürchtest du nicht für deine dreiundzwanzig Jahre, Dorotea?«
    Dorotea schüttelte energisch den Kopf.
    »Prüfe dich, Dorotea,« fuhr er eindringlich fort, »nimm es nicht ungenau
mit dir und mir, nimm es ganz und tief genau, damit wir nicht falsche Rechnung
mit dem Schicksal machen. Liebe kann meiner mächtig werden, mehr, als ich selbst
meiner mächtig bin, und dann setz ich alles dran, dann muss ich vertrauen können,
ohne Mass. Könnt ich nicht mehr vertrauen, ich wäre wie ein zur Hölle
Verstossener, ein böser Geist. Prüfe dich, Dorotea, du musst wissen, was du tust,
es ist eine heilige Sache.«
    »Ich kann nicht anders, Daniel!« rief Dorotea und warf sich an seine Brust.
    »Dann also sei Gott uns gnädig,« sagte Daniel.
 
                                       18
Daniel brachte Dorotea zu Sylvia von Erfft nach Siegmundshof. Er hatte ihr
geschrieben, ihr die Verhältnisse geschildert und sie gebeten, sie möge Dorotea
bis zum Tag der Hochzeit bei sich aufnehmen. Sylvia hatte sich herzlich bereit
gezeigt, seine Bitte zu erfüllen.
    Zwei Nächte hatte Dorotea noch zu Hause verbracht, und es war ihr gelungen,
allen Auseinandersetzungen mit ihrem Vater aus dem Weg zu gehen, indem sie sich
drei Tage Bedenkfrist erbeten hatte. Am Morgen des dritten Tages, als der Vater
zur Musikschule gegangen war, hatte sie ihre Habseligkeiten gepackt und das Haus
verlassen.
    Andreas Döderlein fand folgenden Brief von ihrer Hand vor: »Lieber Vater,
mach dir keine Hoffnungen mehr bezüglich des Herrn Weisskopf. Ich bin grossjährig
und kann heiraten, wen ich will. Meine Wahl ist bereits getroffen, der Mann, mit
dem ich vor den Altar trete, heisst Daniel Notaft. Er liebt mich mehr als ich's
vielleicht verdiene, und ich will ihm eine gute Frau sein. Daran ist nichts mehr
zu ändern, und sicherlich kommst du auch zur Einsicht, dass es edler ist, dem Zug
des Herzens zu folgen, als sich von materiellen Vorteilen locken und blenden zu
lassen. Deine dich liebende Tochter Dorotea.«
    Es schwindelte Andreas Döderlein. Das Briefblatt glitt ihm aus den Fingern
und zu Boden. Am ganzen Körper zitternd, schritt er zum gedeckten Tisch, ergriff
ein Wasserglas und schleuderte es gegen die Wand, dass es in zahllose Scherben
zersplitterte. »Ich werde dich erdrosseln, Kröte!« keuchte er, streckte die
geballte Faust empor, ging in Doroteas Zimmer und warf in seiner unmässigen Wut
die Stühle und den kleinen Toilettetisch um.
    Die Magd war erschrocken in die Wohnstube geeilt. Sie sah Doroteas Brief
auf dem Boden liegen, hob ihn auf und las ihn. Als sie ihren wütenden Herrn
zurückkommen hörte, flüchtete sie, lief ins Erdgeschoss, läutete an Herrn
Carovius' Tür und zeigte ihm den Brief. Sein Gesicht wurde gelb, während er die
Zeilen überflog. Da stiess die Magd einen leisen Schrei aus, riss Herrn Carovius
den Brief aus der Hand und rannte in den Hof, denn von oben kam Andreas
Döderlein herunter. Er wollte auf die Polizei und dort fordern, dass man den
Entführer seiner Tochter verhafte. Als er Herrn Carovius im Flur gewahrte, blieb
er stehen und fixierte ihn mit einem hasserfüllten Blick, in welchem gleichwohl
etwas wie eine scheue Frage entalten war. Ja, es hatte fast den Anschein, als
ob ein einziges versöhnendes Wort, eine Gebärde nur des Langgemiedenen alles
Vergangene hätte auslöschen und jenen zum Bundesgenossen beim Werk der Strafe
und Rache hätte machen können.
    Aber Herr Carovius war fertig mit der Welt. Seine Züge verzerrten sich zu
einer Grimasse der Bosheit und der Verachtung, dann kehrte er sich um und schlug
die Türe seiner Behausung krachend hinter sich zu.
    Andreas Döderlein ging nur bis zum Portal des Ratauses. Dort überfielen ihn
plötzlich allerlei Bedenklichkeiten, er starrte eine Weile düster auf das
Pflaster und begab sich dann wieder auf den Heimweg, mit Schritten, die nur halb
so ungestüm waren wie vorher und auf eine gebrochene Tatkraft deuteten.
    Kaum war er zu Hause angelangt, so wurde ihm Daniel gemeldet. »Sie erkühnen
sich, Herr?« schrie er dem Eintretenden entgegen, »Sie erkühnen sich, vor meinem
Angesicht zu erscheinen? Beim Himmel, das ist viel!«
    »Ich nehme jeden Kampf auf,« sagte Daniel mit der kalten Würde, die ihm bei
solchen Gelegenheiten eigen war und die einschüchternd wirkte. »Ich habe nichts
zu fürchten. Mit dem Vater meines Weibes möcht ich gern in Frieden leben,
deshalb bin ich da.«
    »Wissen Sie denn auch, was Sie mir tun? Sie haben mir die Tochter gestohlen,
Mann!« rief Döderlein mit Patos. »Aber ich werde Ihre Absichten durchkreuzen,
verlassen Sie sich darauf, ich werde Ihnen meine Macht zu spüren geben.«
    Daniel lächelte verächtlich. »Dessen bin ich sicher,« antwortete er. »Ich
kenne diese Macht, so lang ich lebe. Nur hab ich mich ihr nie unterworfen, und
bisweilen ist es mir gelungen, sie zu brechen. Denken Sie ein wenig über mich
nach, und über Ihr Kind, und über sich selbst. Adieu.« Damit ging er.
    Andreas Döderlein war beunruhigt. Das Lächeln des Menschen verfolgte ihn.
Was mochte der Desperado wieder einmal im Schilde führen? Böses Gewissen lähmt
böse Entschlüsse. Länger als eine Woche rang Döderlein mit seinem Stolz, und als
Daniel nichts mehr von sich hören liess, auch von Dorotea keine Nachricht kam
und zu allem Unheil der Mühlenbesitzer das Darlehen zurückforderte, sagte er
sich, dass an dem Geschehenen nichts mehr zu ändern sei, und eines Tages stieg er
die drei Treppen des Hauses am Egydienplatz empor.
    »Das freut mich,« sagte Daniel und streckte dem Besucher die Hand hin.
    Andreas Döderlein sprach von einem blutenden Vaterherzen, von der
Vernichtung grosser Hoffnungen, von der Pietätlosigkeit der Jugend und der
Einsamkeit des Alters, dann, ziemlich unvermittelt, mit den Fingern seiner
gewaltigen Hand auf die Tischplatte trommelnd, von der Zwangslage, in die er
gegenüber dem Mühlenbesitzer geraten sei. Er habe für einen Freund Bürgschaft
geleistet, sei zur Zahlung genötigt worden und habe sich nur helfen können,
indem er bei dem reichen Bewerber um Doroteas Hand eine Anleihe aufgenommen
habe.
    Daniel musste zugeben, dass die Sorge demütigend sei und die Schuld beglichen
werden müsse. Es seien fünfzehnhundert Mark, sagte Döderlein; er war selbst
überrascht, als er diese Summe nannte, die ihm fünfzig Prozent Gewinn sicherte;
es war ein kluger Einfall gewesen, der zugleich dazu diente, die Generosität des
künftigen Schwiegersohnes auf die Probe zu stellen. Im Grunde fand er seine
Handlungsweise nicht honett und war daher gerührt, als Daniel, der die
Schmälerung seiner Ersparnisse nur kurz bedachte, ihm das Geld am andern Tag zu
bringen versprach.
    »Sie beschämen mich, Daniel,« sagte er, »wahrlich, Sie beschämen mich.
Lassen Sie uns die Streitaxt begraben und gute Freunde werden. Sind wir doch
ohnehin Kollegen in Apoll. Oder nicht? Nennen Sie mich Vater, ich will Sie Sohn
heissen, sagen Sie du, ich will ein gleiches tun.«
    Daniel reichte ihm schweigend die Hand.
    Döderlein fragte nach Dorotea, und als ihm Daniel mitgeteilt, wo sie sich
aufhielt, zeigte er sich sehr zufrieden darüber. »Mein Haus und meine Arme sind
ihr geöffnet, unterrichte sie davon, melde ihr die veränderte Konstellation,«
sagte er weich; »wir haben unrecht aneinander gehandelt, beide; wir haben es
beide gebüsst.«
    Daniel erwiderte trocken, er halte es für besser, wenn Dorotea bei Sylvia
von Auffenberg bleibe.
    »Wie du willst, mein Sohn,« sagte Andreas Döderlein, »ich füge mich den
Forderungen eures jungen Glückes. Nun aber sollten wir eine Flasche Malvasier
oder Mosel haben und auf die Zukunft meines lieben Wildfangs trinken. Oder
widerstrebt es dir?«
    Daniel ging hinaus, um Philippine ins goldene Postorn zu schicken.
Philippine war aber mit Agnes fortgegangen; er gewahrte eine der Mägde des
Hauses auf der Stiege und bat sie um die Besorgung. Es dauerte lange, bis sie
mit der Flasche kam, und als der Wein eingeschenkt war, erwies es sich, dass
Döderlein keine Zeit mehr hatte, weil er um sieben Uhr eine Unterrichtsstunde
erteilen musste. Er leerte sein Glas nur halb und verabschiedete sich mit einem
kräftigen Händeschütteln von Daniel.
    Eine Weile war Daniel sinnend gesessen, da pochte es an der Tür, und der
alte Jordan trat ein. »Ist's erlaubt?« fragte er.
    Daniel nickte, und er nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem Andreas Döderlein
gesessen. Forschend schaute er Daniel ins Gesicht; plötzlich sagte er: »Ist's
denn wahr, Daniel, dass du wieder heiraten willst? Dass du die Döderleinsche
heiraten willst?«
    »Ja, Vater, es ist wahr,« antwortete Daniel. Er holte ein frisches Glas, goss
Wein hinein und schob es dem alten Mann hin. »Trink, Vater!« sagte er.
    Der Alte nippte andächtig. »Es dürften wohl, meiner Schätzung nach, neun bis
zehn Jahre vergangen sein, dass ich leinen Wein getrunken habe,« redete er vor
sich hin.
    »Dein Leben ist nicht gut gewesen,« erwiderte Daniel.
    »Ich beklage mich nicht, Daniel. Ich trag's, weil ich's tragen muss. Und wer
weiss, vielleicht ist mir noch ein kleines Glück beschert. Vielleicht; wer weiss.«
    Dann sassen sie schweigend und tranken hie und da. Es war so still, dass sie
die Flamme der Lampe rauschen hörten.
    »Wo bleibt denn die Philippine?« fragte Daniel endlich.
    »Ja, die Philippine, das hatt' ich ganz vergessen,« begann der alte Jordan
sorgenvoll. »Am Nachmittag ist sie zu mir hinaufgekommen und hat mir mitgeteilt,
sie gehe zur Frau Hadebuschin und werde mit der Agnes dorten bleiben, bis die
Hochzeit vorüber ist. Sie hat sich aber so verworren ausgedrückt, dass ich ihren
Worten nicht entnehmen konnte, was sie damit bezweckt. Auch hat es so geklungen,
als wollte sie überhaupt aus dem Hause gehn. Ob das Frauenzimmer nicht ein wenig
gestört im Kopfe ist? Vorgestern war ein Geklapper und Gepolter in der Küche,
und wie ich nachsehe, liegen mindestens sechs Teller zerbrochen auf der Erde,
dabei droht sie noch, mich mit dem Spülwasser anzuschütten und schimpft
gotteslästerlich. Wie ist denn das? Kann sie denn so mir nichts dir nichts mit
dem Kind zur Hadebuschin übersiedeln?«
    Daniel blieb die Antwort schuldig. Der Gedanke an Philippine erfüllte ihn
auf einmal mit Angst vor Unheil. Es schien ihm, dass er sie gewähren lassen
müsse.
 
                                       19
In der Nacht bemächtigte sich Daniels eine tiefe Erregung. Er verliess das Haus,
und trotz der Finsternis und des fallenden Schnees ging er weit vor die Stadt,
merkte die Nässe, die Kälte und den Wind nicht.
    Er lauschte in sein Inneres, hielt letzten Rat mit sich und schaute oft, als
flehe er um Erleuchtung, zum schwarzen Himmelsgewölbe empor. Schwärzer noch
dünkte ihn das Morgen, in Bangigkeit verlor er sich, und es trieb ihn zu den
Gräbern.
    Erst auf dem Weg zum Kirchhof bedachte er, dass das Tor in der Nacht
zugesperrt sein musste, dennoch ging er weiter. Lange suchte er nach einer Stelle
an der Mauer, wo er hinüberklettern konnte. Endlich fand er eine, klomm hinauf,
schürfte sich die Hände wund, sprang in schneebedecktes Strauchwerk hinab und
irrte mit beklommener Brust über das stürmische, öde Gefilde. Als er dann vor
Gertruds Grab stand, überwältigte ihn das Gefühl der Stunde, Stimmen waren im
Sturm, Grauen und Erinnerung wollten ihn schier zu Boden reissen, aber vor
Lenores Grab wurde es ruhig in seiner Brust, auch öffneten sich plötzlich in der
Tiefe des Horizonts die Wolken, und ein Mondstrahl zitterte hindurch.
    Spät, der Morgen war schon nahe, kam er heim.
    Acht Tage darauf holte er Dorotea von Siegmundshof ab.
    Sylvia und Dorotea kamen ihm durch eine beschneite Allee entgegen. Sie
gingen Arm in Arm, und Sylvia lächelte zu Doroteas Geplauder. Sie schienen in
gutem Einverständnis, das Bild konnte nicht täuschen, und Sylvia sagte auch, als
sie mit Daniel allein war, dass sie Dorotea liebgewonnen. Ihrem Frohsinn könne
niemand widerstehen, und mit den Kindern werde sie selber zum Kind.
    Trotzdem betrachtete Sylvia Daniel, und wenn Dorotea dabei war, auch diese
bisweilen mit einem schnellen, forschenden, sonderbar unsicheren Blick.
    Es war ein sonniger Dezembertag, als Daniel und Dorotea Hochzeit hielten.
 
                                    Dorotea
                                       1
Seit vierzehn Tagen wohnten Philippine und Agnes bei Frau Hadebusch; da kam eine
Botschaft von Daniel, die beiden sollten nach Hause zurückkehren, oder wenn es
Philippine vorziehe, zu bleiben, solle sie Agnes schicken, und zwar sogleich.
    »Da ham Se's,« sagte Frau Hadebusch, »der Herr befiehlt.«
    »Der befiehlt mir lang gut,« antwortete Philippine tückisch. »Das Kind
bleibt bei mir, und ich geh nit hin, basta. Was, Agneslein?«
    Agnes hockte auf der Ofenbank neben dem schwachsinnigen Heinrich und las in
dem abgeschmierten Heft eines Kolportageromans. Bei Philippines Anruf blickte
sie zerstreut empor und lächelte stumpf. Das zwölfjährige Mädchen hatte
ausdruckslose Züge und, da sie selten ins Freie kam, eine von der Zimmerluft
fast gelbgewordene Haut.
    »Nutzt nix,« fuhr Frau Hadebusch fort, die uralt aussah und einer bösen,
verkrüppelten Zwergin glich, »er kann das Madel fordern, und er muss es kriegen.
Da käm ich am End noch mit dem hohen Gesetz in Umständlichkeit.«
    »No, was is, Agneslein, willst zurück zu dein' Vatter?« wandte sich
Philippine an das Mädchen und sah die Habebuschin bedeutungsvoll an.
    Agnes Gesicht verfinsterte sich. Sie hasste ihren Vater. So weit hatte es
Philippine durch ihre steten Einflüsterungen, ihre gehässigen Erzählungen
gebracht. Agnes war überzeugt, dass sie ihrem Vater im Wege sei, und seine Heirat
hatte diesen Glauben nur noch mehr befestigt. In ihrem dumpfen Innern trug sie
das Bild ihrer früh verstorbenen Mutter als das einer Gemordeten, einer
Geopferten. Gar schauerlich hatte ihr Philippine den Selbstmord der Mutter zu
schildern gewusst; es war der immer wieder erneute Gesprächsstoff vieler
Winterabende, vieler Dämmerstunden gewesen. Dereinst, wenn sie gross sein, wenn
sie würde reden können, wollte Agnes Rechenschaft vom Vater verlangen.
    Wenn sie würde reden können! Dies war ihr heissester Wunsch. Denn sie war
eine Stummgeborene, ihre Seele schmachtete in viel härterer Gefangenschaft als
ehemals die ihrer Mutter, weil sie keines Aufblicks und Aufschwungs fähig war,
weil nichts in ihr bloss schlief, sondern alles hoffnungslos verdorrt war.
    »Zu der Döderleinischen geh ich nicht,« grollte sie.
    Aber am Abend kam Daniel. Er zog Philippine beiseite und hatte mit ihr eine
ernste Auseinandersetzung. Er erklärte ihr die Gründe seiner Heirat, so gut er
es vermochte, ohne auf das Tiefere einzugehen. »Ich hab eine Hausfrau gebraucht,
eine junge Gefährtin. Dir, Philippin', schuld ich Dank, doch es muss auch eine
neben mir sein, die mich höher stimmt, denn von meinem schweren Beruf weisst du
ja nichts. Also bock nicht, Philippin'; schnür dein Bündel und komm heim. Was
sollen wir ohne dich anfangen?«
    Zum erstenmal sprach er mit ihr wie mit einem Weib und wie mit einem
Menschen. Philippine starrte ihn an. Sie schlug eine wilde Lache auf und höhnte:
»Joi, Daniel, wie du einen flattieren kannst. Das hätt ich nit von dir gedacht,
bist immer ein ekelhafter Griesgram gewesen. Gut! Sag: liebe Philippine. Sag
ganz langsam: liebe Philippine, dann komm ich.«
    Daniel schaute verwundert in das nie jung gewesene und schnell alt gewordene
Gesicht Philippines. »Narrenspossen,« sagte er unwillig und kehrte sich ab.
    Philippine stampfte mit dem Fuss auf den Boden. Der idiotische Heinrich trat
in den Flur und hielt ein Lämpchen hoch.
    »Wohnt der fromme Schreiber noch da?« fragte Daniel und schaute voll
Erinnerung an der windschiefen Treppe empor.
    »Gott sei Dank, nein,« schnarrte Philippine, »das tät noch fehlen. Mir wird
übel, wenn ich ein Mannsbild seh.«
    Abermals schaute Daniel in ihr hässliches, boshaft verzerrtes Gesicht. Er war
gewohnt, alle Dinge, alle Augen, alle Körper um ihr Dasein in Tönen, ihre
Verwandlung in Töne zu befragen. Hier fühlte er plötzlich das Tonlose, so wie
man beim Anblick eines Tiefseefisches fühlen würde: das Lichtlose. Er dachte an
Eva, er sehnte sich in diesem Augenblick nach seiner Eva, und da eben kam Agnes
aus der Tür, um nach Philippine zu sehen.
    Er legte die Hand auf Agnes' Haar und sagte gutmütig zu Philippine hinüber:
»Na also, - liebe Philippin', komm heim!«
    Agnes duckte sich hastig und entzog sich seiner Hand, so dass er das Mädchen
mit finsterer Überraschung musterte. Philippine jedoch faltete ihre Hände,
senkte den Kopf und murmelte ganz demütig: »Is recht, Daniel, wir kommen
morgen.«
 
                                       2
Um zehn Uhr vormittags erschien Philippine vor dem Wohnungsgatter. In der einen
Hand schleppte sie ihr Bündel, an der andern führte sie die ängstlich
dreinblickende Agnes.
    Dorotea öffnete die Tür. Sie war sauber und adrett angezogen, trug ein
blaugeblümtes Kattunkleid, darüber eine weisse Schürze mit Spitzenumsäumung, und
um den Hals ein goldenes Kettchen, an welchem ein Medaillon hing.
    »Och, die Kinder!« rief sie lustig, »die Philippine und die Agnes! Grüss
Gott, Kinder, seid ihr endlich da?« Sie wollte Agnes umarmen, die aber wich
ebenso scheu zurück, wie sie es gestern vor ihrem Vater getan.
    Philippine verzerrte hämisch die Lippen, als sie von der um zehn Jahre
Jüngeren ein Kind genannt wurde und mass Dorotea von oben bis unten.
    Dorotea bemerkte es kaum. »Die Kochfrau, denken Sie bloss, Philippin', ist
heut nicht gekommen, und da wollt ich's selber probieren,« erzählte sie mit
zungenfertiger Wichtigkeit, »aber ich weiss nicht, das Suppenfleisch ist noch
immer steinhart. Schauen Sie einmal nach.« Sie zog Philippine in die Küche.
    »Der Topf muss einen Deckel haben,« urteilte Philippine mit geringschätziger
Miene, »und ausserdem brennt das Feuer nicht or'ntlich.«
    Aber Dorotea war bereits bei einer andern Sache. Sie hatte ein Glas mit
eingemachten Früchten entdeckt, öffnete es, nahm einen langstieligen Holzlöffel,
brachte ihn gefüllt an ihren Mund und naschte vorsichtig. »Das schmeckt gut,«
sagte sie, »das schmeckt wie Zitronat. Versuchen Sie's doch, Philippin'.« Sie
hielt Philippine den Löffel an die Lippen, damit sie kosten solle. Philippine
stiess den Löffel unwirsch beiseite.
    »Das gibt's nicht, Sie müssen versuchen, ich will's, ich will's,« beharrte
Dorotea und hielt den Löffel eigensinnig dicht vor Philippines Nase. »Ich
will's, ich will's,« wiederholte sie, halb bittend, halb befehlend, so dass
Philippine, die diesem Wesen gegenüber den rechten Widerstand nicht gleich zu
finden wusste, um Ruhe zu haben, sich den Löffel in den Mund schieben liess.
    Da kam der alte Jordan auf den Flur und hinter ihm der Schlotfeger, der den
Kamin putzen sollte.
    »Herr Inspektor! Herr Inspektor!« rief Dorotea lachend, und als der Alte
ihrem Ruf folgte, reichte sie ihm ebenfalls einen vollen Löffel, und dann musste
auch der Schlotfeger einen nehmen, und zuletzt kam Agnes an die Reihe.
    Jetzt lachten alle, sogar über Agnes' blasses Gesicht flog ein heller
Schimmer, und Daniel, durch den Lärm aus seinem Zimmer gescheucht, stand in der
Küchentür und lachte mit.
    »Siehst du, Daniel, siehst du!« sprach Dorotea befriedigt. »Alle fressen
mir aus der Hand. So hab ich's gern. Lasst's euch nur schmecken, Leutlein.«
 
                                       3
Mit einem offenen Brief in der Hand schoss Dorotea eines Nachmittags in Daniels
Stube, wo er arbeitete.
    »Du, Daniel, die Kommerzienrätin Feistmantel fleht mich an, morgen auf ihr
Kränzchen zu kommen. Darf ich?«
    »Du störst mich jetzt, Liebe. Siehst du nicht, dass du mich störst?« fragte
Daniel vorwurfsvoll.
    »Ja, ja, verzeih,« hauchte Dorotea und blickte hilflos auf den mit
Notenpapier bedeckten Tisch. »Ich soll auch meine Violine mitbringen,« fuhr sie
fort, »ich soll vorspielen.«
    Mit gesammeltem Ausdruck schaute Daniel, ohne ihre Worte aufzufassen, ins
Leere.
    Dorotea wurde ungeduldig. Plötzlich trat sie zu der Stelle an der Wand, wo,
seit Daniels Heimkehr, wieder die Maske der Zingarella hing. »Schon lang wollt
ich dich fragen, Daniel, was das Ding da soll. Wozu hast du's, wozu brauchst
du's? Es ärgert mich mit seinem ewigen Grinsen.«
    Daniel wachte auf. »Das nennst du Grinsen?« fragte er kopfschüttelnd. »Ist's
möglich, dies Lächeln aus der Überwelt grinst dir?«
    »Ja,« erwiderte Dorotea trotzig, »es grinst. Und ich mag's nicht, mag die
Fratze nicht leiden, grad' weil du sie so gern hast. Hast sie wohl lieber gar
als mich?«
    »Keine Kindereien, Dorotea!« sagte Daniel ruhig; »musst deinen Sinn ein
wenig höher richten, musst mir auch meine Geister respektieren.«
    Dorotea schwieg. Sie verstand ihn nicht. Sie sah ihn mit leisem Misstrauen
an. Sie dachte, die Maske sei ein Bildnis einer von seinen früheren Geliebten.
Und sie verzog spöttisch die Lippen.
    »Du hast eben etwas von Vorspielen erwähnt, Dorotea,« begann Daniel wieder;
»weisst du, dass ich dich noch nie spielen gehört habe? Ich gesteh dir aufrichtig,
dass ich bisher Furcht davor gehabt. Nur das vortreffliche ertrüg ich; auch die
Verheissung; beides könnte ja sein, und doch, woher kommt mir die Angst? Du hast
lange nicht geübt, nicht ein einziges Mal, seit wir beisammen leben; trotzdem
willst du dich vor Fremden produzieren? Das ist wunderlich, Dorotea. Sei doch
so gut und hol deine Geige und spiel mir vor.«
    Dorotea ging ins Nebenzimmer, brachte den Geigenkasten, bestrich den Bogen
mit Kolophonium, und während sie die A-Saite stimmte, fragte sie mit
emporgezogenen Brauen: »Willst du's wirklich?«
    Sie presste die Lippen aufeinander und spielte eine Etüde von Fiorillo. Als
sie fertig war und Daniel nichts verlauten liess, setzte sie das Instrument
wieder an und spielte ein ziemlich lamentables Stück von Wieniawski.
    Wieder schwieg Daniel lange. »Recht hübsch, Dorotea,« sagte er endlich;
»das ist unter Umständen ein ganz netter Zeitvertreib für dich.«
    »Wie meinst du das?« erwiderte Dorotea hastig, und eine dunkle Röte stieg
in ihre Wangen.
    »Soll es mehr sein, Dorotea?«
    »Wie meinst du das?« wiederholte sie verlegen und unwillig, »ich denke
schon, dass es mehr ist.«
    Daniel stand auf, trat zu ihr hin, nahm ihr den Bogen sanft aus der Hand,
ergriff ihn an beiden Enden und zerbrach ihn in zwei Teile.
    Dorotea stiess einen bestürzten Schrei aus und sah ihn fassungslos an.
    Tiefernst sagte Daniel: »Ist die Musik, die ich höre, nicht ein
Niedagewesenes, so ist sie ein hunderttausendmal Dagewesenes. Für ein leidlich
wohlklingendes Dilettieren muss sich mein Weib für zu gut halten.«
    Doroteas Augen füllten sich mit Tränen. Abermals fehlte ihr das
Verständnis, und nun so völlig, dass sie sich einbildete, Daniel sei mit Absicht
grausam gegen sie.
    Ihr war das Geigenspiel ein Mittel gewesen, um zu gefallen, sich selbst zu
gefallen, der Welt zu gefallen, ein Mittel, sich zu steigern, andere zur
Bewunderung zu zwingen und zu blenden. Nur deshalb hatte sie sich der strengen
Zucht ihres Vaters von früh an gefügt. Sie besass auch Ehrgeiz, doch verdingte
sie sich jedem Lob, ohne des Lobers zu achten, und was eine Übereinkunft von
unbekannter Entstehung an Gefühl forderte, wähnte sie zu geben, indem sie beim
Spielen an ihre persönlichen Wünsche, Freuden und Vergnügungen dachte.
    Daniel umarmte sie und küsste sie. Sie riss sich los und stellte sich trotzig
ans Fenster. »Hättest es ja nur sagen müssen, dass ich dir zu schlecht spiele,«
stiess sie hervor und schluchzte zornig auf, »hättest nicht gleich so roh den
Bogen zerbrechen müssen. Ich spiel ja nimmer. Wär mir gar nicht in den Sinn
gekommen, dich zu belästigen.« Und sie weinte wie ein verzogenes Kind.
    Daniel liess sich's viele Worte kosten, sie zu beschwichtigen. Schliesslich
sah er ein, dass keine Worte fruchteten, und seufzend schwieg er still. Nach
einer Weile nahm er ihr das Taschentüchlein aus der Hand, trocknete lächelnd
ihre Tränen und sagte: »Ich hätte ja lieber gewollt, dass du nicht zur
Kommerzienrätin aufs Kränzchen gehst. Denn siehst du, ich halte nicht viel von
einem solchen Verkehr. Er bereichert nicht und zieht allerlei Gelüstchen gross.
Aber weil ich dir so weh getan hab, magst du ruhig hingehen, vielleicht vergisst
du dann den Schmerz, du Närrchen.«
    »Dank dir schön, ich verzichte,« antwortete Dorotea schnippisch und ging
aus dem Zimmer.
 
                                       4
Desungeachtet erklärte Dorotea am andern Tag beim Mittagessen, dass sie der
Einladung der Kommerzienrätin doch folgen werde. Es sei viel einfacher,
hinzugehen, äusserte sie mit einer Miene, als ob ihr der Entschluss schwer
geworden wäre, als sich den Vorwürfen und dem beständigen Gefrage auszusetzen.
    »Tu es nur,« ermunterte sie Daniel, »ich hab dir ja selbst dazu geraten.«
    Sie hatte sich ein dunkelblaues Sammetkleid machen lassen; es war sehr
schön, und sie wollte es bei dieser Gelegenheit zum erstenmal tragen.
    Als nun Daniel gegen fünf Uhr ins Schlafzimmer trat, sah er Dorotea mit dem
neuen Kleid vor dem Spiegel stehen. Es war ein hoher, schmaler Spiegel auf einer
Konsole. Dorotea hatte ihn von ihrem Vater als Hochzeitsgeschenk erhalten.
    Was ist mit ihr? fuhr es Daniel durch den Kopf, da er die seltsame
Regungslosigkeit des jungen Weibes gewahrte. Sie war wie verloren in den Anblick
ihres Spiegelbildes; ihr Auge hatte etwas Starres, Saugendes und krankhaft
Entzücktes. Sie bemerkte nicht, dass Daniel in der Stube stand; als sie den Arm
rührte und den Kopf drehte, geschah es, um diese Gesten im Spiegel zu geniessen.
    »Dorotea!« rief Daniel leise.
    Sie zuckte zusammen, schaute ihn sinnend an und lächelte benommen.
    Da ward es Daniel angst und bang.
 
                                       5
»Ich bin eine Verwandte von Daniel, und wir müssen uns duzen,« sagte Philippine
zu Dorotea. Dorotea war damit einverstanden.
    Jeden Morgen, wenn Dorotea in die Küche kam, erkundigte sich Philippine:
»Was hast denn geträumt?«
    »Ich war auf dem Bahnhof, es war Krieg, und Zigeuner haben mich
fortgeschleppt,« antwortete Dorotea einmal.
    »Bahnhof bedeutet unerwarteten Besuch, Krieg bedeutet Zwietracht mit
verschiedenen Persönlichkeiten, und Zigeuner bedeuten, dass du's mit
leichtsinnigen Menschen zu tun bekommst,« ratschte Philippine im Hochdeutsch
ihres Geheimbuchs.
    Philippine wusste auch in der Punktierkunst Bescheid; oft sass Dorotea bei
ihr und stellte Fragen, z.B. ob der oder der in sie verliebt sei, oder ob die
und die den und den liebe; Philippine malte Punkte auf ein Blatt Papier, schrieb
die Zahlen daneben, schlug das Verzeichnis auf und teilte die Antwort des
Orakels mit.
    Binnen kurzem waren die beiden ein Herz und eine Seele. Bei ihren
Ausgelassenheiten durfte Dorotea stets auf das Beifallsgelächter Philippines
zählen, und wenn Agnes apatisch zuschaute, stiess Philippine sie in den Rücken
und fuhr sie an: »Dummes Luder, kannst gar nit 's Maul aufmachen?«
    Da schlich Agnes traurig zu ihren Schulheften und sass stundenlang über einer
einfachen Rechenaufgabe. Dorotea brachte ihr bisweilen ein Stück Gugelhupf; den
wickelte sie ein, steckte ihn in die Tasche und gab ihn am andern Morgen einer
Kameradin, aus deren Heft sie die Aufgabe abschreiben durfte.
    Der Provisor Seelenfromm hielt Philippine auf der Gasse an und fragte: »Na,
wie stehts denn bei euch? Wie macht sich die junge Frau?«
    »Joi, wir leben wie Gott in Frankreich,« versetzte Philippine, und ihr Mund
dehnte sich bis an die Ohren, »jeden Tag Braten, jeden Tag Kuchen, der Wein
steht immer auf'm Tisch, und ein Besuch gibt dem andern die Tür in die Hand.«
    »Da muss der Notaft aber hundsmässig reich geworden sein,« meinte der
Provisor verblüfft.
    »Muss wohl so sein, ums Geld sorgt sich keiner mehr bei uns, unsere Frau
wenigstens hat alleweil das Portemonnaie voll.«
    Der Himmel war blau, die Sonne schien, der Frühling war gekommen.
 
                                       6
Jeden Sonntag mittag ass Andreas Döderlein bei seinen Kindern. Er liebte eine
saftige Schweinskeule, einen Salat in Eierbrühe und eine Torte mit Zuckeraufguss.
Der alte Jordan, der an den sonntäglichen Mahlzeiten teilnehmen durfte, liess die
einzelnen Bissen auf der Zunge zergehen. In seinem ganzen Leben waren ihm so
leckere Dinge nicht vorgesetzt worden, und bisweilen warf er einen verwunderten
Blick auf Daniel.
    Ins Gespräch mischte er sich selten. Wenn die Teller abgetragen wurden,
erhob er sich und ging in seine Kammer hinauf.
    »Höchst sonderbarer Greis,« sagte eines Sonntags Andreas Döderlein, indem er
sich die Zähne stocherte.
    »Mit dem hat man auch seine liebe Not,« schalt Dorotea; »ist ein
unverbesserlicher Topfgucker; zehnmal am Tag kommt er in die Küche, steckt die
Nase in die Luft, fragt, was es zu essen gibt, und steht im Flur herum, dass die
Gäste über ihn stolpern.«
    Andreas Döderlein gab ein bedauerndes Brummen von sich.
    »Wie sieht es denn eigentlich mit deinen Finanzen aus, mein Sohn?« wandte er
sich leutselig an Daniel. »Möchtest du nicht zur Verbesserung deiner
wirtschaftlichen Lage neben dem Organistenamt eine Stelle an unserer Anstalt
übernehmen? Herold geht in Pension, er ist über fünfundsiebzig und ist den
Anforderungen nicht mehr gewachsen. Mein Fürwort genügt, dir seine Stelle zu
sichern. Dreitausend Mark jährlich, Versorgung der Witwe nach zehnjähriger
Dienstzeit, Stundengelder, ich denke, das ist verlockend. Oder nicht?«
    Dorotea lief jubelnd zu ihrem Vater, umschlang seinen ungeheuren Rumpf und
küsste ihn auf die schlotternde Backe.
    »Keinen Dank, mein Kind,« wehrte der Olympier, »euch zur Seite zu stehen ist
meine selbstverständliche Pflicht.«
    Was sitzt da für ein aufgequollener fremder Mensch? fuhr es Daniel durch den
Kopf; was will der Mensch von mir? warum dringt er in meine Stube und sitzt an
meinem Tisch? warum duzt er mich und haucht mich mit seinem Atem an? Er schwieg.
    »Ich begreife ja, lieber Sohn, dass du deine Musse nicht gern aufgibst,« fuhr
Döderlein mit verstecktem Sarkasmus fort, »aber wer von uns kann völlig seiner
Neigung leben? Der Alltag ist das Mächtige; Ikarus muss zur Erde stürzen. Jetzt,
wo dein Weib einem freudigen Ereignis entgegensieht, gibt es doch
vernünftigerweise kein Schwanken.«
    Dorotea warf Daniel einen bösen Blick zu.
    »Ich will mir's überlegen,« sagte Daniel, erhob sich und ging aus dem
Zimmer.
    »Es ist ihm unbequem,« grollte Dorotea; »seine Bequemlichkeit geht ihm über
alles. Aber ich werd ihn schon dazu bringen, Vater; tu nur, was du tun kannst,
er wird sich nicht sperren.«
    Somit lag es am Tage, dass Daniel der Geheimnisvolle und Unergründliche
längst nicht mehr für sie war. Sie hatte ihn geöffnet, sie hatte ihn erraten,
nach ihrer Weise freilich. Es war viel einfacher gewesen, als sie gedacht, und
sie zürnte ihm, dass er ihrer Neugier ein so nahes Ziel gesteckt hatte. Was sie
für interessant, für aufregend, für berauschend gehalten, hatte sich als etwas
ganz Simples und Gewöhnliches entpuppt; es waren gar keine Reize mehr da, und
das einzig Spannende lag noch darin, durch ihre Jugend, durch ihre Sinne eine
ausschliessliche Herrschaft über ihn zu erlangen.
    Daniel spürte es, dass sie enttäuscht war; er hatte Angst davor gehabt. Die
Angst wuchs, denn alles, was er tat und sagte, vermehrte ihre Enttäuschung
sichtlich. Aus Angst wurde er nachgiebig, wo er früher unerbittlich gewesen
wäre. Der Unterschied der Jahre machte ihn geduldig und jeder Einrede fügsam; er
fürchtete, ihr nicht so viel Liebe geben zu können, wie sie in ihrer Frische und
natürlichen Derbheit begehrte, deshalb verzichtete er auf manches, was er vordem
nicht hätte entbehren, ertrug er manches, was er vordem nicht hätte ertragen
können.
    Es bedurfte nur einer Stunde in der Nacht, und Dorotea hatte ihm die Zusage
abgeschmeichelt, dass er die Stelle des alten Herold übernehmen werde. Er, so
karg an Worten wie in der Äusserung von Gefühlen, erlag dem kätzchenhaften
Anschmiegen, dem übermütigen Spott, der prickelnden Hurtigkeit eines jungen
Leibes. Da walten dunkle Mächte, die zwischen Mann und Weib Abhängigkeiten
stiften; da ist nichts berechenbar, nichts mehr dem angeborenen Wesen gemäss, da
kann, in einer Stunde der Nacht, die heiligste Wahrheit eines Lebens zur Lüge
umgebogen werden.
 
                                       7
Es erwies sich auch als notwendig, dass Daniel für eine Vermehrung des Einkommens
Sorge trug. Dorotea hatte viele neue Anschaffungen gemacht. Sie hatte einen
Toilettetisch, ein paar Schränke und eine Badewanne gekauft. Lampen, Gläser,
Vorhänge, Decken waren ihr zu unmodern gewesen, und sie hatte sie durch schönere
ersetzt.
    Ihr Hauptvergnügen war, in die Geschäfte zu gehen und einzukaufen. Dann
kamen die Rechnungen, und Daniel schüttelte den Kopf. Er bat sie eindringlich,
sich zu beherrschen, aber sie hing sich ihm an den Hals und bettelte so lange,
bis er sich in jeden ihrer Wünsche seufzend ergab.
    Mit leeren Händen kam sie selten heim. Und wenn es nur ein paar billige
Nippsachen waren, ein Männchen aus Porzellan mit Zylinder und Regenschirm, oder
eine Pagode mit einem Wackelkopf, sogar eine Mausefalle konnte es sein, aber
Geld musste sie ausgeben.
    Dann wurde Philippine herbeigerufen; Philippine sollte bewundern. Und
Philippine sagte scheinbar entzückt: »So was Liebes aber auch! Gott, wie lieb!«
Oder: »Grad eine Mausfall brauchen wir; gestern nacht war eine Maus auf'm
Spülrahm, Ehr und Seligkeit, Daniel.«
    Und die Hüte, die Kleider, die Strümpfe und Schuhe, die Spitzen und Blusen,
darin hatte Dorotea kein Mass und keine Bescheidenheit. Sie wollte mit den
reichen Bürgersfrauen wetteifern, deren Kaffeekränzchen sie besuchte, neben
denen sie im Teater und in der Konditorei sass.
    Für die Teater und Konzerte bekam sie Freikarten. Aber einmal, als sie zu
Daniel sagte, der Direktor habe ihr eine Freikarte geschickt, erfuhr er von
Philippine, dass sie sich die Karte gekauft habe. Er stellte sie nicht zur Rede,
aber es ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, dass sie geglaubt hatte, ihn belügen zu
müssen.
    Er begleitete sie nicht zu ihren Vergnügungen; er wollte bei der Arbeit
bleiben und selbst die kleinste Ausgabe nicht durch sein Mittun verdoppeln.
Dorotea hatte sich darein gefunden. Seine Abneigung gegen das Teater und die
geselligen Zerstreuungen nahm sie für Schrulligkeit und Grillenfängerei. Sie
erwog nicht, was an Erfahrung hinter ihm lag, sie hatte vergessen, was er ihr in
einer entscheidenden Stunde gebeichtet.
    Wenn sie spät abends mit glühenden Wangen und blitzenden Augen nach Hause
kam, fand Daniel den Mut nicht zu der ernsten Mahnung, mit der er ihr
entgegentreten gewollt. Weshalb sie aus ihrem Himmel reissen? dachte er, die
wilde Lust wird sich schon legen.
    Er hatte Angst vor ihrer schmollenden Miene, vor ihren Tränen, vor ihrem
ratlosen Blick, vor ihrem trotzigen Hinausgehen. Aber es fehlte ihm auch das
Wort. Er kannte die Vergeblichkeit von Vorhaltungen und Vorwürfen; leeres
Räsonieren war ihm unleidlich, und seine menschliche Rede blieb ohne Widerhall.
Sie fasste den Ton nicht, sie missdeutete alles, missverstand alles. Sie lachte,
zuckte die Achseln, grollte, schalt ihn einen Brummbären, gurrte wie eine Taube;
sie schaute ihn nicht mit wirklichen Augen an, keine flutende Seele war zu
spüren.
    In seinem Gemüt wurde es finster.
    Der Verbrauch im Haushalt stieg von Woche zu Woche. Daniel wäre sich als ein
Krämer erschienen, wenn er seine Ersparnisse vor seinem Weib verborgen, ihr nur
in verrechneten Beträgen davon gegeben hätte. Und so war alles Geld bald dahin.
Um die Wirtschaft kümmerte sich Dorotea kaum; sie erteilte ihre Befehle und
geriet in Zorn, wenn sie von Philippine nicht pünktlich ausgeführt wurden.
    »'s is ihr halt zu fad; mein Gott, so eine junge Person,« sagte Philippine
mit hinterhältigem Bedauern zu Daniel; »die will sich erlustiern, die will ihr
Leben geniessen, mein Gott, das kann ihr der Feind nicht verdenken.«
    Philippine war die Herrin im Hause. Sie ging auf den Markt, bezahlte die
Rechnungen, beaufsichtigte die Kochfrau und Waschfrau und frohlockte heimlich,
als sie merkte, wie alles bergab ging, unaufhaltsam bergab.
 
                                       8
Als die Schwangerschaft vorschritt, verliess Dorotea nur noch selten das Haus.
Sie blieb bis um elf Uhr vormittags im Bette, dann frisierte sie sich
umständlich, hielt Musterung unter ihren Kleidern und schrieb Briefe.
    Sie hatte eine seltsam ausgebreitete Korrespondenz, und die Empfänger der
Briefe rühmten ihren amüsanten Stil.
    Nach Tisch legte sie sich wieder ins Bett, und spät am Nachmittag kamen
Besuche, nicht nur Frauen, sondern auch allerlei junge Männer. Meist wusste
Daniel gar nicht, wie die Leute hiessen. Er zog sich dann in die Kammer zurück,
wo Lenore einst gehaust hatte, und hörte Gelächter und lautes Reden über die
Stiege heraufschallen.
    Des Abends war Dorotea müde; ein wenig verdrossen sass sie im Schaukelstuhl
und las die Zeitung oder die »Wiener Mode«.
    Daniel hoffte zuversichtlich, dass all dies nach der Geburt des Kindes besser
werden, dass Muttergefühl, Mutterpflicht belehrend und bekehrend wirken würde.
    Im Späterbst brachte Dorotea einen Knaben zur Welt, der auf den Namen
Gottfried getauft wurde. Sie konnte sich nicht genug tun an Überzärtlichkeit;
ihr Entzücken äusserte sich in kindischen Ausdrücken.
    Sechs Tage lang reichte sie dem Säugling die Brust; als es kein Spiel mehr
sein konnte und die Freundinnen sie warnten, wurde sie des Stillens überdrüssig.
»Es verdirbt einem die Figur,« sagte sie zu Philippine, »Kuhmilch ist so gut wie
Menschenmilch, wenn nicht besser.«
    Philippine sperrte Mund und Augen auf, als Dorotea mit nacktem Oberkörper
vor den Spiegel trat und ihr Ebenbild mit einem Ernst anschaute, der sonst nie
an ihr zu bemerken war.
    Dorotea wurde kalt gegen ihr Kind, und es schien, als habe sie vergessen,
dass sie Mutter war. Der Säugling lag bei Philippine und Agnes in der Stube, und
beide pflegten ihn an Stelle der Mutter.
    Wie wenn sie Versäumtes nachholen und sich entschädigen müsste für die Leiden
und Beschwerden der vergangenen Zeit, stürzte sich Dorotea mit gesteigerter
Gier in Vergnügungen. Bald aber fand sie sich durch Geldmangel auf allen Seiten
gehemmt. Gütig und fest stellte ihr Daniel vor, dass die Gehälter, die er als
Organist und als Lehrer bezog, gerade für das Hauswesen reichten und er seine
eignen Bedürfnisse ohnehin so viel wie möglich beschränke, um es in der
bisherigen Wohlhäbigkeit weiterzuführen. »Wir sind keine Bürger,« sagte er, »und
dass wir nicht ganz von Zufalls Gnaden leben, ist eher mein Makel als mein
Vorzug.«
    »Och, du Knauser,« schmollte Dorotea. Hässliche Falten zeigten sich auf
ihrer Stirn. »Hättest du mir nicht meine Kunst verekelt, so könnt ich auch was
verdienen,« fügte sie hinzu.
    Er sah stumm zu Boden. Sie aber sann auf Mittel und Wege, um zu Geld zu
kommen. Onkel Carovius, der könnte mir helfen, dachte sie. Sie ging nun oft zu
ihrem Vater ins Haus und wartete eine Weile vor der Stiege, ob sich Herr
Carovius nicht zeigen würde. Eines Tages trat er endlich aus seiner Tür; sie
wollte grüssen, wollte freundlich lächeln, aber ein einziger Blick in dieses von
einem gefrorenen Ingrimm erfüllte Gesicht belehrte sie darüber, dass jeder
Versuch, den Alten umzustimmen, fruchtlos war.
    Der Zufall liess sie auf dem Heimweg Edmund Hahn begegnen. Sie hatte ihn
nicht mehr gesehen, seit sie verheiratet war. Der Schauspieler schien
hocherfreut, sie zu treffen. Sie gingen zusammen weiter, und es entwickelte sich
ein eifriges Gespräch, das zuerst laut, dann immer leiser geführt wurde.
 
                                       9
An dem Tag, an welchem Dorotea geheiratet hatte, war Herr Carovius zum Notar
gegangen, um das Testament, das er in der Nacht zuvor niedergeschrieben,
beglaubigen zu lassen. In diesem Testament hatte er sein ganzes Barvermögen, das
Haus und sämtliche Mobilien einer nach seinem Tod zu errichtenden
Erziehungsanstalt für adelige Waisen vermacht. Zum Protektor des Instituts wie
zum Verwalter des Nachlasses war der Freiherr Eberhard von Auffenberg bestimmt.
    Von der Musik wollte Herr Carovius nichts mehr wissen. Der lange schmale
Flügel, den er hatte, bekam eine Lederhülle und glich einem ausgestopften Tier.
Seiner Leidenschaft für die Kunst gedachte er wie einer jugendlichen Verirrung,
doch dass er seinen Geist kasteite, blieb ihm dabei, oft bis zum Schmerz, trotzig
bewusst.
    Recht eigentümlich war die Beschäftigung, der er sich ergab, um nicht in
Langeweile zu verkommen. Er durchsuchte nämlich alle Bücher seiner Bibliotek
nach Druckfehlern. Viele Stunden des Tages widmete er dieser Arbeit, las die
wissenschaftlichen Werke und die der schönen Literatur mit einer nur am
Buchstaben haftenden Aufmerksamkeit, und wenn es ihm gelungen war, ein falsch
gesetztes Wort oder gar einen grammatikalischen Schnitzer zu entdecken, war ihm
wie einem Fischer zumut, dem nach langem Harren endlich ein Fisch an der Angel
zappelte.
    Sonst war es trübselig um ihn bestellt. Der schöne Gleichschnitt seiner
Haare am Nacken hatte sich in eine struppige Wildnis verwandelt; auf der Strasse
sah man ihn mit einem Rock voll Flecken, und der Kalabreser hatte Ähnlichkeit
mit einem zerschossenen Kriegszelt.
    Er hatte sich wieder angewöhnt, zwei- oder dreimal wöchentlich ins
Paradieschen zu gehen, nicht etwa, um sich wehmütigen Erinnerungen zu
überlassen, sondern weil dort der Kaffee noch zwanzig Pfennige kostete, nicht
fünfundzwanzig, wie in den neumodischen Kaffeehäusern. Und sein ganzes Abendbrot
bestand aus einer Schale Kaffee und ein paar Semmeln.
    Es fügte sich, dass auch der alte Jordan das Paradieschen zu seiner Zuflucht
wählte. Lange Zeit studierten sich die beiden von Tisch zu Tisch, dann kam ein
Tag, wo sie sich zueinander setzten, zuletzt wurde es die Regel, dass sie sich in
der Ecke beim Ofen zusammenfanden, und ohne dass sie mehr als die äusserlichsten
und plattesten Redensarten wechselten, entwickelte sich zwischen den beiden
einsamen Greisen eine stille Kameradschaft.
    Herr Carovius gab sich zwar den Anschein, als ob er den alten Jordan bloss
dulde; doch vertiefte er sich erst dann in die Lektüre der Zeitung, wenn dieser
gekommen war und sich mit achtungsvollem Gruss an das winzige Tischchen gesetzt
hatte. Jordan seinerseits verhehlte nicht seine Freude, Herrn Carovius auf dem
Stammplatz zu sehen, und während er seine Tasse Kaffee schlürfte, liess er die
Augen nicht von dem bösen Gesicht seines Gegenübers.
 
                                       10
Philippine wurde Doroteas Vertraute.
    Anfangs war es nur die Lust am Schwatzen gewesen, die Dorotea zu Philippine
hindrängte; später gewöhnte sie sich daran, ihr alles zu sagen. Vor ihr konnte
sie sich schmucklos geben. Die regungslose Aufmerksamkeit, mit der ihr
Philippine zuhörte, schmeichelte ihr und benahm ihr jeden Argwohn. Sie hielt
Philippine für zu dumm und ungebildet, als dass sie sie fähig glaubte, ihr
Treiben zu überschauen und zu beurteilen.
    Es reizte sie, dem alten Mädchen, das so ergötzlich über die Mannsbilder zu
schimpfen wusste, verführerische Bilder auszumalen. Wenn sie einen kecken Plan
hatte, sprach sie mit Philippine darüber wie von etwas Geschehenem; auf diese
Art prüfte sie die Möglichkeit der Ausführung und verschafte sich einen
Vorgeschmack des Genusses.
    Hauptsächlich war es Philippines Hässlichkeit, die sie sorglos stimmte. Ein
so hässliches Geschöpf war in ihren Augen kein Weib, kaum ein Mensch, und mit ihm
konnte man alles reden, was einem durch den Kopf ging. Und da Philippine nie
anders als wegwerfend und höhnisch von Daniel sprach, wurde Dorotea immer
argloser.
    Sie kam zu Philippine in die Küche, setzte sich auf das Bänkchen und
erzählte; von einem Seidenkleid, das sie in einer Auslage gesehen hatte; von den
Elogen, die ihr der Hofrat Finkeldei gemacht; von den Liebesverhältnissen dieser
und der Ehescheidung einer andern Bekannten; von den Perlen der Kommerzienrätin
Feistmantel, und dass sie zehn Jahre ihres Lebens dafür gäbe, wenn sie auch
solche Perlen hätte. Das Auch war überhaupt ihr grosses Wort. Alles in ihr
zitterte und dampfte vor Begierden und Wünschen, von niederer Unruhe und trüber
Lust.
    Oft erzählte sie Geschichten aus ihrer Münchener Zeit. Wie sie eines Nachts,
des Schabernacks halber, mit einem Maler in sein Atelier, und einmal zu einem
Offizier in die Kaserne gegangen sei; was für schöne, stramme Leute ihr da die
Cour geschnitten; alle hinter ihr her und sie, eh die Schafsköpfe sich besonnen,
um die Ecke. Ein Kuss, das wohl; ein Kuss in der Dunkelheit; ein Arm- in Armliegen
in einem Wäldchen, mehr nicht. Zur rechten Zeit Polizeistunde, das dürfe man bei
solchen Sachen nicht vergessen, sonst könne es schief gehen. Zum Beispiel sei da
ein schwarzer Italiener gewesen, ein richtiger Conte, der habe ihr nachgestellt
wie verrückt. Einmal sei er in ihr Zimmer gestürzt und habe ihr einen Revolver
vor die Stirn gehalten, da habe sie geschrien, dass das ganze Haus
zusammengelaufen sei.
    Als Daniel sich bemühte, ihrer Verschwendungssucht zu steuern, erhob sie bei
Philippine Klagen darüber. Philippine hetzte sie auf. »Lass dir's nicht
gefallen,« sagte sie, »einen Geizkragen hätt'st du mit deiner Visage nicht zu
heiraten brauchen.«
    Auch als sie wieder mit Edmund Hahn verkehrte, berichtete sie es Philippine.
»Den solltest du mal sehen, Philippine,« flüsterte sie geheimnisvoll, »das ist
ein wahrer Don Juan, verdreht allen Weibern die Köpfe.« Seit zwei Jahren schon
sei er närrisch in sie verschossen, jetzt habe er ihr zugesagt, in einem
Spielklub für sie zu spielen, einem intimen Zirkel, wo nur ganz vornehme Leute
verkehrten. »Wenn ich gewinn, Philippine, schenk ich dir was Hübsches,«
versprach sie.
    Von da an wurden ihre Erzählungen ziemlich wirr. Sie war viel vom Hause weg,
und wenn sie heimkehrte, war sie nicht selten in einem aufgelösten Zustand. Sie
liess sich von Philippine für die Nacht frisieren, und was sie sagte, war
gelogen. Einmal aber gestand sie, dass sie nicht im Teater gewesen, wie Daniel
annahm, sondern bei einer Frau Bäumler, einer Freundin Hahns, bei der auch
gespielt wurde. Sie habe sechzig Mark gewonnen. Scheu blickte sie nach der Tür,
zog ihre Börse heraus und zeigte Philippine drei Goldstücke.
    Philippine musste schwören, dass sie Dorotea nicht verraten würde. Ein paar
Tage danach wurde Dorotea wieder besorgt, und Philippine musste den Schwur
erneuern. Philippine schwor mit einer Leichtigkeit und Gefälligkeit, als wünsche
sie gute Mahlzeit. Im Innern erteilte sie sich während des Eides Absolution für
den Meineid. Einstweilen wollte sie sammeln, sich alles merken, dem Wild auf
allen Fährten folgen; zudem lag für sie eine Befriedigung finsterer Sinnentriebe
darin, von Verhältnissen und Situationen zu erfahren, die ihr nie zum Erlebnis
werden konnten.
    Immer tiefer verstrickte sich Dorotea. Ihre Augen waren wie Irrlichter, ihr
Lachen klang flüchtig und krampfhaft. Sie hatte nie Zeit, nicht für ihren Mann,
nicht für ihr Kind. Bisweilen wurden ihr durch Boten Briefe gebracht, die sie
gierig las und schnell zerriss. Einmal trat Philippine unerwartet ins Zimmer, da
versteckte sie erschrocken eine Photographie, die sie in der Hand gehalten
hatte. Als Philippine über die Heimlichkeit entrüstet war, sagte Dorotea
schnippisch: »Das verstehst du nicht, Philippine, davon kann ich mit niemand
sprechen.«
    Aber Philippines Verdrossenheit setzte sie in Angst. Sie zeigte ihr die
Photographie. Es war das Bild eines jungen Mannes, der kalt und mürrisch
dreinblickte. Dorotea sagte, es sei ein Amerikaner, den sie bei der Bäumler
kennen gelernt; er sei steinreich und alle seien ganz weg von ihm.
    Jeden Abend wollte nun Philippine etwas vom Amerikaner wissen. »Erzähl vom
Amerikaner,« drängte sie.
    Eines Abends, schon spät, kam Dorotea im Nachtkleid zu Philippine in die
Stube. Agnes und der kleine Gottfried schliefen. »Morgen hat der Amerikaner eine
Loge im Teater, wennst mich abholst, kannst ihn sehen,« raunte sie.
    »Ich halt's schon nicht mehr aus vor Neugier,« erwiderte Philippine.
    Eine Weile sass Dorotea stumm, dann rief sie aus: »Wenn ich Geld hätt,
Philippinchen, wenn ich nur Geld hätt!«
    »Hab gemeint, der Amerikaner hat so viel,« versetzte Philippine trocken.
    »Natürlich, der hat Geld wie Heu,« sagte Dorotea, und ihre Augen loderten,
»aber -«
    »Was, aber?«
    »Denkst du denn, die Männer tun umsonst was?«
    »Ach so,« machte Philippine nachdenklich, »ach so.« Sie kauerte sich auf
einen Schemel zu Füssen Doroteas. »Wie hübsch du bist, wie niedlich,« schnarrte
sie mit ihrer Bassstimme; »was für zierliche Füssli du hast! Und wie glatt das
Fleisch ist, Marmorstein ist nix dagegen.« Mit einer grauenhaften Lüsternheit
legte sie ihre Hand um Doroteas Bein und streichelte die Haut bis zum Knie
hinauf.
    Dorotea schauderte zusammen. Als sie zu der hockenden Philippine
niederblickte, sah sie, dass an deren Jacke ein Knopf gerissen war; durch die
Öffnung gewahrte sie zwischen den schlaffen Brüsten etwas Braunes. »Was hast du
denn da am Leibe?« fragte Dorotea.
    Über Philippines Gesicht schoss eine jähe Röte. »Nix für dich,« antwortete
sie rauh und hielt die Jacke mit der Hand zu.
    »So sag's doch, Philippinchen, sag's doch,« bettelte Dorotea, die es nicht
ertrug, wenn man Geheimnisse vor ihr hatte; »ist's vielleicht dein Brautschatz?
Hast dir deinen Busen als Sparkasse eingerichtet?« Sie lachte belustigt.
    Philippine erhob sich. »Ja, es ist mein Geld,« bekannte sie mit Widerstreben
und schaute Dorotea feindselig an.
    »Sicher ist's eine ganze Masse. Gib nur acht, dass dir's keiner stiehlt. Musst
dich auf den Bauch legen beim Schlafen.«
    Daniel kam von der Arbeitsstube herunter und hörte Doroteas Lachen. Dunkler
Kummer frass an seinem Herzen, und er schritt eilig an der Tür vorüber.
 
                                       11
Eines Abends trat Philippine von der Strasse in den Flur, da kam ihr aus dem
Schatten ein Mann entgegen, der sie beim Namen rief. Die Stimme erschien ihr
bekannt, und als sie näher hinschaute, sah sie, dass es ihr Vater war.
    Seit zehn Jahren hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Hin und wieder
hatte sie ihn auf der Gasse von fern gesehen, war ihm aber in weitem Bogen aus
dem Weg gegangen.
    »Was gibt's?« fragte sie unfreundlich.
    Jason Philipp räusperte sich und suchte aus dem beleuchteten Teil des Flurs
wieder in den unbeleuchteten zu gelangen. Er wollte seinen schäbigen Anzug vor
den Augen seiner Tochter verbergen.
    »Na, hör mal, du,« begann er mit erzwungener Unbefangenheit, »du könntest
dich auch hin und wieder nach deinen Eltern umsehen; die paar Schritte täten dir
keinen Beinbruch zuziehen. Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohlergehe. Deine
Mutter hat's schliesslich um dich verdient; ich selbst, na, ich hab dich zuzeiten
ein bisschen gezwiebelt, aber nur wenn's dringend nötig war. Ein Racker warst du
ja, das musst du zugeben.«
    Er lachte, jedoch seine Äuglein glänzten furchtsam. Philippine schwieg.
    »Was ich sagen wollte,« fuhr Jason Philipp eilig fort, wie um keine
feindseligen Erinnerungen in seiner Tochter entstehen zu lassen, »leih mir mal
ein kleines Goldstück. Hab morgen früh eine dringende Zahlung zu leisten und bin
ganz auf dem Trockenen. Die Jungens, weisst du, deine Brüder, sie benehmen sich
ja sonst tadellos, geben mir am Monatsersten gewöhnlich von ihrem Salär was ab;
wegen so ner Lappalie mag ich sie aber nicht behelligen. Da hab ich gedacht,
weil du so in der Nachbarschaft bist, könnt ich dich ja auch mal bitten.«
    Jason Philipp log. Seine Söhne unterstützten ihn nicht. Willibald lebte in
Breslau, hatte einen geringbezahlten Buchhalterposten und schlug sich kümmerlich
durch; Markus war ein Tunichtgut und steckte bis über die Ohren in Schulden.
    Nachdem Philippine eine Weile überlegt hatte, wies sie ihren Vater an, zu
warten und ging die Stiege hinauf. Jason Philipp stellte sich unters Tor und
pfiff leise. Seit er in edlem Geistesaufruhr die staatlichen Gewalten bekriegt
hatte, waren viele Jahre verflossen; und viele Jahre auch, seit er seinen
Frieden mit ihnen gemacht hatte. Nichtsdestoweniger pfiff er noch immer die
Marseillaise.
    Philippine polterte die Stiege herunter, schlurfte zum Tor und gab ihrem
Vater ein Fünfmarkstück. »Da,« fuhr sie ihn an, »mehr hab ich selber nicht.«
    Aber Jason Philipp war auch mit der Hälfte der geforderten Summe zufrieden.
Er konnte nun wieder einmal ins Gastaus zum Essigbrätlein gehen und zu frischem
Bier ein Paar Weisswürste verzehren.
    Von da an kam er öfter in das Haus am Egydienplatz, lauerte im Flur auf
Philippine und bat sie um Geld. Mit immer kleineren Beträgen speiste ihn
Philippine ab; zuletzt gab sie ihm nur noch zehn Pfennige, wenn er kam.
 
                                       12
Häufig geschah es, dass Daniel gar nicht antwortete, wenn man eine Frage an ihn
richtete. Sein Ohr verlor die Worte, sein Auge die Bilder, die Zeichen, die
Gesichter, die Gebärden. Er war sich selbst im Wege, sich selbst eine Qual.
    Dahin trieb es ihn, dortin; heim trieb es ihn und wieder fort. Flüchtig
gewahrte er, dass Menschen über ihn lächelten, spürte, dass sie hinter ihm die
Achseln zuckten. In den Mienen seiner Schüler las er Spott; die Mägde im Haus
kicherten, wenn er vorüberging.
    Was konnten sie wissen? was verhehlen? Vielleicht war seinem Innersten nicht
unbekannt, was sie wussten und verhehlten, aber er wollte es nicht in den Bereich
der benennbaren Dinge treten lassen.
    Als ob ein unsichtbarer Ohrenbläser ihm nicht von der Seite wiche, wuchs
eine stille Verzweiflung. Was hast du getan, Daniel, schrie es in ihm, was hast
du getan! Die schwesterlich umschlungenen Schatten standen auf.
    Das Gefühl eines nicht wieder gut zu machenden Irrtums, einmal zur Gewissheit
geworden, brannte wie Feuer. Das Werk, so nah der Vollendung, starb ihm
plötzlich ab.
    Um des Werkes willen zwang er sich in den Nächten zur Ruhe, gab zaghafter
Hoffnung Raum, lullte sein ahnungsvolles Gemüt ein.
    Der Blick, mit dem ihn Philippine betrachtete, peinigte ihn am ärgsten.
    Seit der Geburt des Kindes wohnte er in Lenores Kammer. Der alte Jordan war
die Rücksicht selbst und ging in seiner Stube auf Strümpfen, um ihn nicht zu
stören.
    Eines Nachts ging Daniel hinunter und trat mit der Kerze in der Hand an
Doroteas Bett. Sie erwachte, stiess einen Schrei aus, schaute verstört, dann
erkannte sie ihn und war ungehalten; schliesslich lachte sie spöttisch und
sinnlich.
    Er setzte sich an den Rand des Bettes und nahm ihre rechte Hand zwischen
seine beiden. Doch es war ihm auf einmal so eigen unbehaglich, ihre Hand zu
spüren, und er sah die Finger an. Sie waren ohne Feinheit in der Form, an den
Spitzen dicker als in der Mitte; sie konnten nicht ruhig liegen, beständig
zuckten sie.
    »Es geht so nicht weiter, Dorotea,« sprach er liebreich, »du zerstörst
deine und meine Existenz. Was sollen die vielen Menschen um dich? Ist denn dein
Vergnügen an ihnen so gross, dass es dein Gewissen übertäubt? Ich weiss nicht, was
du treibst. Sag mir doch, was du treibst. Die Wirtschaft verkommt, es ist keine
Ordnung mehr. Wie's da draussen im Wohnzimmer nach Zigarrenrauch riecht! Ich hab
die Fenster aufgemacht. Und dein Kind; es entbehrt die Mutter. Schau dir doch
sein Gesichtchen an, wie kränklich und gelb es ist.«
    »Och, da kann ich nichts dafür, die Philippine tut ihm Mohn in die Milch,
damit es langer schläft,« antwortete Dorotea nach der Art schuldiger Weiber,
aus vielen Vorwürfen einen herauszugreifen, der ihnen ungerecht dünkt. Aber
diese Antwort brachte Daniel zum Verstummen.
    »Ich bin so müd und schläfrig,« klagte Dorotea und schielte wieder mit dem
spöttischen und sinnlichen Ausdruck nach ihm. Da er regungslos blieb, gähnte sie
laut und fuhr ärgerlich fort: »Was weckst du einen denn mitten in der Nacht,
wenn du bloss schimpfen willst? Geh doch hinaus, du ekelhafter Mensch!«
    Sie kehrte ihm den Rücken und stützte den Kopf auf die Hand. Dem Bett
gegenüber hing ein goldgerahmter Spiegel. Sie erblickte ihr Bild darin, sie
gefiel sich in ihrer beleidigten Haltung und begann zu lächeln.
    Daniel, der so hart und grausam gegen edle, nun zu Schatten gewordene Wesen
hatte sein können, sah, wie sie sich verliebt anlächelte, im Spiegel, und fühlte
Erbarmen mit dieser kindlichen Eitelkeit.
    »Es gibt ein chinesisches Märchen von einer Prinzessin,« sagte er und beugte
sich über Dorotea, »die bekam von ihrer Mutter als Brautgabe eine Garnitur von
Schachteln. In jeder Schachtel war ein kostbares Geschenk, nur die letzte,
innerste, kleinste Schachtel war zugesperrt, und die Prinzessin musste
versprechen, sie niemals zu öffnen. Eine Weile hielt sie das Versprechen, aber
die Neugier quälte sie immer heftiger, sie vergass ihr Gelöbnis und machte die
letzte, kleine Schachtel mit Gewalt auf. Da war ein Spiegel drinnen, und als sie
nun ihr Bild erblickte und sah, wie schön sie war, fing sie an, ihren Gatten
schlecht zu behandeln, und quälte ihn so, dass er sie eines Tages tötete.«
    Erschrocken starrte ihn Dorotea an. Dann lachte sie und erwiderte: »Och,
wie dumm! Solche Schauergeschichte.« Sie legte die Wange auf das Kissen und
blinzelte wieder in den Spiegel.
    Am andern Morgen erhielt Daniel einen anonymen Brief folgenden Inhalts:
»Haben Sie acht auf Ihre Frau, denn Sie erweisen dadurch Ihrer Ehre einen
Dienst. Ein Gutgesinnter.« Er zerriss den Brief und warf die Fetzen in den Ofen.
    Ein kaltes Fieber schüttelte ihn. Ein paar Tage lang schleppte er sich wie
mit vergiftetem Körper herum, allen im Hause wich er aus; eines Nachts wieder
trieb es ihn neuerdings zu Dorotea. Als er in ihr Schlafzimmer treten wollte,
fand er die Türe zugeriegelt. Er klopfte und bekam keine Antwort. Er klopfte
stärker, da rührte es sich in den Kissen drinnen. »Lass mich schlafen!« rief
Dorotea zornig.
    »Mach auf, Dorotea!« bat er.
    »Nein, ich mach nicht auf, ich will schlafen,« schallte es heraus.
    Noch drei- oder viermal drückte er auf die Klinke, drei- oder viermal flehte
er, dass sie ihn einlassen möge, aber sie gab keine Antwort. Da wollte er nicht
weiter lärmen, stand noch eine Weile und schaute vor sich hin wie in ein
schwarzes Loch und kehrte dann in seine Dachkammer zurück.
 
                                       13
Friedrich Benda befand sich wieder in Europa. Alle Zeitungen hatten die
Auffindung des Forschungsreisenden gemeldet. Im Herbst des vergangenen Jahres
hatten ihn arabische Elfenbeinhändler im Lande der Niam-Niam getroffen, hatten
sich seiner angenommen und den schwer Erkrankten zum Nil transportiert. In
England wurde er als Held und kühner Pionier gefeiert, die Geographische
Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied, und seine Erlebnisse bildeten
das Tagesgespräch.
    Ende April kam er nach Nürnberg, um seine Mutter zu besuchen. Man hatte die
blinde Greisin mit äusserster Behutsamkeit vorbereitet; dennoch erlag sie fast
der Freude, und eine Zeitlang war ihr Leben in Gefahr.
    Benda hatte nur eine Woche bleiben gewollt; seine Geschäfte und seine
Arbeiten riefen ihn nach London zurück; er sollte Vorträge halten und den Druck
eines Buches überwachen, in dem er die in Afrika verbrachten Jahre geschildert
hatte.
    Die inständigen Bitten seiner Mutter bewogen ihn, seinen Aufentalt zu
verlängern. Zudem erlitt er gleich in den ersten Tagen einen Anfall jenes
furchtbaren Fiebers, das er aus den Tropen mitgebracht hatte, und das ihn das
Bett zu hüten zwang. Allmählich verbreitete sich in der Stadt das Gerücht von
seiner Anwesenheit, und er wurde durch die Neugierde vieler belästigt, die sich
vordem nicht im mindesten um ihn gekümmert hatten.
    Zu Daniel zog ihn eine tiefe Unruhe, und jede versäumte Stunde wurde zum
Vorwurf. Aber seine Mutter wollte ihn tagsüber nicht von ihrer Seite lassen; er
musste immer bei ihr sitzen und erzählen.
    Als er von den äusseren Ereignissen hörte, die sich in Daniels Leben
abgespielt, erfüllte ihn Schrecken. Den stärksten Eindruck übte auf ihn die
Kunde von seiner Verheiratung mit Dorotea Döderlein. Dann trug man ihm allerlei
Nachrichten über die Ehe der beiden zu, und mit jedem Tag dünkte ihn der Gang zu
Daniel schwerer. Eines Abends hatte er sich entschlossen, hinzugehen und befand
sich schon auf dem Egydienplatz, da überfiel ihn eine solche Furcht vor der
Veränderung, die durch Zeit und Schicksale mit dem Freund geschehen sein mochte,
dass er wieder umkehrte. Es war ihm zumut, als könne er durch ein Bild getäuscht
werden, das vielleicht noch die Züge des Daniel aus vergangenen Jahren zeigte,
aber so verwandelt im Innern war, dass Worte nicht mehr imstande waren, sie
zueinander zu führen.
    Es verlangte ihn, mit einem Menschen zu sprechen, der Daniel liebte und
seinen Weg mit reinen Gesinnungen begleitet hatte. Da musste er freilich lange
Umschau halten. Endlich fiel ihm der alte Herold ein, und er besuchte ihn. Ohne
Umschweife lenkte er die Unterhaltung auf den Punkt, der ihm wichtig war, und um
den Alten vertrauensvoller zu stimmen, erinnerte er ihn an eine Nacht, wo sie
selbdritt, Daniel, Herold und Benda, im Mohrenkeller Wein getrunken und von
kleinen und grossen Dingen des Lebens gesprochen hatten.
    Der Greis nickte. Mit einer Bescheidenheit und Ehrfurcht, die Benda das Herz
weit machte, sprach er von Daniels Genie. Er hob den Zeigefinger und sagte mit
seinem schönen Feuerblick: »Für den steh ich ein. Da prophezei ich nach dem Wort
der Bibel: Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob.«
    Dann schwärmte er von Lenore, erzählte, wie sie ihm einst das herrliche
Quartett gebracht und von Begeisterung und Helferdrang geglüht habe. Auch von
Gertrud wusste er manches, von ihrer Verstörung und von ihrem Tod.
    Zugleich beruhigt und noch schmerzlicher aufgewühlt verliess Benda den Alten.
Gedankenvoll schritt er lange Zeit dahin. Als er emporschaute, befand er sich
vor Daniels Haus. Er ging hinein.
 
                                       14
Daniel wusste, dass Benda zurückgekehrt war. Philippine hatte es in der Zeitung
gelesen und ihm gesagt. Dorotea, die es von ihrem Vater erfahren, hatte
gleichfalls darüber gesprochen. Auch andere Leute hörte er davon reden.
    Die erste Kunde hatte ihn erbeben gemacht. Ihm war, als müsse er hineilen,
hinfliehen zu dem Freund. Dann kam die nämliche Furcht über ihn, von der Benda
beseelt war: Ist es noch zwischen uns wie einst? kann es noch so werden, wie es
einst gewesen? Und der Gedanke an die Begegnung erweckte eine Scham in ihm, der
sich Bitterkeit beimischte, als Tag um Tag verging, ohne dass Benda etwas von
sich hören liess. Es ist vorbei, dachte er, er hat vergessen. Da wollte auch er
vergessen, und er konnte es, denn sein Geist wandelte ruhlos in der Irre.
    Als er an einem Regenabend über den Platz schritt, sah er, dass die Fenster
seiner Wohnung strahlend erleuchtet waren. Er trat in die Küche, wo Agnes an der
Anricht sass und Zwetschgen auskernte.
    »Wer ist denn wieder da?« fragte er. Lautes Sprechen und Lachen drang aus
der Wohnstube.
    Agnes, kaum aufblickend, leierte Namen her: »Der Hofrat Finkeldei, der Herr
von Ginsterberg, der Herr Samuelsky, der Herr Hahn, noch ein fremder Herr, die
Kommerzienrätin Feistmantel und ihre Schwester.«
    Daniel schwieg eine Weile. Dann ging er zu Agnes, fasste sie mit der Hand
unter dem Kinn, hob ihren Kopf und murmelte: »Und du? und du?«
    Agnes zog die Brauen zusammen und war fast ängstlich bemüht, seinem Auge
nicht zu begegnen. Plötzlich sagte sie: »Heut ist Mutters Sterbetag,« und
heftete einen stechenden Blick auf ihn.
    »So?« erwiderte Daniel, setzte sich an die schmale Seite der Anricht und
stützte den Kopf in die Hand. Drinnen in der Stube spielte jemand Klavier;
Dorotea hatte sich, da Daniel den Flügel oben in seiner Kammer hatte, aus einer
Leihanstalt ein Pianino kommen lassen. Man hörte das rhytmische Schlürfen von
Tanzpaaren.
    »Möcht fort aus dem Haus,« begann Agnes wieder und warf eine wurmige
Zwetschge in den Blechkübel; »in der Beckschlagergasse wohnt eine Weissnäherin,
die will mich's Nähen lehren.«
    »Geh nur fort,« antwortete Daniel, »ist ganz vernünftig. Aber wird's auch
der Philippine recht sein?«
    »Ja, der Philippine ist's recht, wenn ich nur am Abend und alle Sonntag bei
ihr bin.«
    Es läutete am Gatter, und Agnes ging hinaus. Jemand fragte nach Daniel.
Zögernd trat Daniel auf die Schwelle, zuckte zurück, ergriff mit bebender Hand
das Küchenlämpchen, um zu sehen, ob ihn die Halbdunkelheit nicht trog; aber es
war kein Zweifel, es war Benda.
    Sie blickten einander erschüttert an. Benda streckte zuerst die Hand hin,
Daniel gab die seine, es löste sich etwas in ihm, ein Schwindel befiel ihn,
seine starr aufrechte Gestalt wankte, und er stürzte dem Freund, den er siebzehn
Jahre lang entbehrt hatte, an die Brust.
    Benda war auf eine so schreckliche Bewegung nicht gefasst und konnte kein
Wort hervorbringen. Alsbald machte sich Daniel los, strich die wirren Haare aus
der Stirn und sagte hastig: »Komm mit mir hinauf; droben sind wir ungestört.«
    Nachdem Daniel in seiner Kammer die Lampe angezündet hatte, sah er nach, ob
der alte Jordan daheim sei. Aber es war finster in dessen Stube; er schloss die
Tür wieder und setzte sich Benda tiefaufatmend gegenüber.
    Was bedeuten nach solchem Wiedersehen erste Fragen und Antworten? Wie geht's
dir? wie lange bleibst du? du lebst also noch in der alten Weise? nun musst du
aber erzählen. Was können solche Wendungen bedeuten? Es soll nichts gesagt
werden; man gräbt die verschütteten Wege auf, will neue Brücken an Stelle der
zerbrochenen schlagen.
    Benda war noch dicker geworden. Sein Gesicht war braungelb wie altes Leder,
und die tiefgehöhlten Furchen um den Mund und auf der Stirn sprachen von
erduldeten Leiden und Strapazen. Sein Auge hatte einen völlig veränderten
Ausdruck; es besass den starken, lebhaften, dabei ruhigen Blick der Jäger und der
Bauern.
    »Du kannst dir denken, dass ich schon hundertmal und immer auf dieselbe Weise
meine Abenteuer zum besten gegeben habe,« sagte Benda. »Es ist alles
niedergeschrieben, und in kurzer Zeit kannst du's lesen. Es war eine Kette von
Mühsalen, oft war ich dem Tod so nah wie hier der Wand. Chinin hab ich vertilgt,
so viel, dass man einen Frachtwagen damit füllen könnte, und trotzdem Fieber,
immer wieder Fieber, sechs Monate im Jahr. Meine Gesundheit hab ich vertan, lang
wird's das Herz nicht mehr aushalten, fürchte ich. Und das ewige Aufderhutsein,
der unablässige Kampf um den Pfad, um Nahrung, um Wasser; die Sonne eine Plage,
der Regen eine Plage, ohne Bequemlichkeit, oft ohne Bett, niemals eine
Ansprache, nirgends Sicherheit. Aber schau ich jetzt zurück, so möcht ich doch
keine Stunde von allen im Gedächtnis missen. Ich habe Grosses erreicht, wichtige
Entdeckungen gemacht, Arbeit für Jahre mitgebracht, sechsunddreissig Kisten mit
Pflanzenpräparaten, obgleich mir die Ausbeute der sieben ersten Jahre in einem
Zelt bei den Nembos verbrannt ist. Aber ausserdem hat es so etwas unendlich
Wahres und Feierliches, ein solches Leben, nur mit dem Himmel über sich und den
wilden Menschen um sich. Diese Wilden, sie sind wie Kinder. Freilich wird's bald
anders werden, Europa haucht schon seine Pest ins Paradies; ihre Unarten,
Schwächen und Laster haben das Rührende wie beim Tier. Einen Knaben hatt ich mir
mitgenommen, einen Zwerg aus dem ungeheuern Urwald nördlich vom Kongo. Er war
mir ergeben auf den Wink, und ich hab ihn liebgehabt, das kann ich ruhig sagen.
Als wir zu den italienischen Seen kamen, wo ich des klimatischen Übergangs wegen
eine Weile bleiben wollte, eh ich nach England fuhr, ergriff ihn beim Anblick
der schneebedeckten Berge eine lähmende Angst, er bekam Heimweh, und nach ein
paar Tagen starb er mir an einer Lungenentzündung.«
    »Wieso hat man so lange nichts von dir gehört?« fragte Daniel mit einer
Schüchternheit, die Benda weh tat.
    »Das ist eine weitläufige Geschichte,« antwortete er. »Hat es doch zwei
Jahre gedauert, bis ich durch jenen fürchterlichen Wald gekommen war, an einen
See, der Albert-Njansa heisst. Von dort wollt ich nach Ägypten durchdringen, aber
das Land war noch immer in Aufruhr und von den Kriegern des Mahdi besetzt. Ich
wurde nach Nordwesten gedrängt, in weglose Wildnisse, und war fünf Jahre in
Gefangenschaft bei einem Stamm der Wadai. Die Niam-Niam, die mit ihnen Krieg
führten, befreiten mich; ich konnte ziemlich nach meinem Gefallen unter ihnen
leben, doch aus ihrem Lande liessen sie mich nicht fort, denn sie schätzten mich
als Medizinmann und fürchteten, ich könne sie verzaubern, wenn sie meiner Person
nicht mehr versichert waren; ich hatte auch keine Leute mehr, kein Geld, um
Träger anzuwerben. Was ich brauchte, um mit meiner verfeinerten Beschaffenheit
nicht zu verkommen, liess mir der Häuptling durch die arabischen Händler bringen,
vor denen er mich verborgen hielt, aber endlich gelang es mir doch, mich mit
einem der Scheichs zu verständigen, und es war die höchste Zeit, ich hätte kein
Jahr mehr überlebt.«
    Daniel schwieg. Es war so seltsam; er konnte sich in Bendas Art und Stimme
kaum finden. Die Erinnerung versagte; die Sphäre, aus der jener trat, hatte
etwas Allzufremdes, und was er selber fühlte, musste dort ohne Gewicht sein, ja
fast ohne Sinn. Mit düsterm Trotz lockte er das Gespenst der Enttäuschung zu
sich heran, und sein Gemüt war von nächtiger Schwärze bedrückt wie das Glas des
Fensters.
    »Nun geniess ich die Heimat,« sagte Benda versonnen, »freu mich am milderen
Licht, am geordneten Wesen. Ich habe Deutschland als Gestalt begriffen, als
Gebilde lieben gelernt. Die Natur, die wirkliche grosse Natur, die meiner
Sehnsucht einst kaum erreichbar schien, die mir Idee und Ahnung der
Vollkommenheit war, die ist mir nun Erfahrung geworden; sie hat mich gelockt,
hat mich belehrt und beinahe zerstört. Alle menschliche Organisation hat sich
mir dagegen mehr und mehr zur Idee entwickelt. In Stunden, die so voll vom
Gefühl der Dinge waren, wie das Herz voll von Blut ist, hab ich die Schalen mit
den Gewichten zweier Welten schwanken sehen. Die Einsamkeit, die Nacht, der
nächtliche Himmel, der Wald, die Wüste haben mir ihre wahren Gesichter gezeigt,
und das Grauen, das bisweilen von ihnen ausgeht, hat kein Gleichnis in
irgendeinem andern Zustand des Daseins. Da hab ich erst das Gesetz begriffen,
das Familien, Völker und Staaten zusammenhält. Da hab ich alle Rebellion
abgeschworen und nur mitzuwirken beschlossen, nichts andres als mitzuwirken. Ich
will dir etwas gestehen: ich habe früher nichts vom Rhytmus des Lebens gewusst.
Ich hatte gewusst, wie langsam ein Baum wächst, wie viele Metamorphosen eine
Pflanze hinter sich haben muss, um das zu sein, als was sie sich darstellt, aber
die Anwendung auf unser Leben zu machen, war mir nie in den Sinn gekommen. Ich
hatte zu viel gefordert und alles zu rasch. Egoistische Ungeduld hatte mir
falsches Mass und Gewicht in die Hand gespielt. Was ich in der schweren Schule
vieler Jahre gelernt habe, ist Geduld. Es geht alles so sehr, sehr langsam. Die
Menschheit ist noch ein Kind, und wir verlangen schon Gerechtigkeit von ihr.
Gerechtigkeit! wie weit ist es noch bis dahin! So weit wie vom Urwald zum
Garten. Wir müssen Geduld üben für viele Generationen, die nach uns kommen.«
    Daniel erhob sich und ging auf und ab. Nach einer Stille, die Benda
marterte, sagte er gepresst: »Lass uns fortgehen, in ein Wirtshaus oder auf den
Gassen herum, wohin du willst. Oder wenn ich dir lästig bin, begleit ich dich
ein Stück und bleib dann allein. Nur hier kann ich nicht länger sein.«
    »Mir lästig, Daniel?« erwiderte Benda vorwurfsvoll. Das war der Ton von
ehemals, der Blick von ehemals. Und Daniel spürte plötzlich, dass er seinerseits
nicht nötig hatte, viel zu erzählen; diesem Ton und Blick entnahm er, dass Benda
vieles wusste, alles ahnte. Es wurde ihm leichter ums Herz.
    Sie gingen hinunter.
 
                                       15
Daniel bat Benda, an der Stiege zu warten, sperrte das Gatter auf und nahm
seinen Hut vom Haken. Im Wohnzimmer herrschte grosser Lärm und ununterbrochenes
Gelächter. Philippine trat aus ihrer Kammer und brummte: »Was die heut wieder
treiben; machen einen Spektakel wie die B'soffenen.«
    »Was ist denn los?« erkundigte sich Daniel scheu, nur um etwas zu sagen.
    »Blindekuh spielen s' halt,« versetzte Philippine geringschätzig, »lauter
alte Menschen, und spielen Blindekuh.«
    Da erschallte ein Klirren wie von einem zerbrechenden Teller, ein
durchdringender Schrei folgte, dann ein kurzes Schweigen, dann wieder jenes
allgemeine, widrig klingende Gelächter.
    In der schreienden Stimme hatte Daniel die Doroteas erkannt. Er eilte zur
Tür und öffnete sie jäh.
    Sein zorniger Blick umfasste den Tisch, auf dem sich Kannen, leere Tassen und
Bäckereien befanden, die beiseite geschobenen Stühle, den neuen Gaslüster, den
Dorotea angeschafft, mit seinen fünf in Milchglaskugeln brennenden Flammen, und
sieben oder acht Personen, die um Dorotea gruppiert waren und, immer noch
lachend, einen zu Boden gefallenen Gegenstand betrachteten.
    Dorotea hatte die weisse Binde, die sie während des Blindekuhspiels vor den
Augen gehabt, auf die Stirn geschoben. Sie war die erste, die Daniels ansichtig
wurde und rief aus: »Da ist ja mein Mann. Zank nicht, Daniel, es ist bloss das
dumme Gipsgesicht.«
    Der Hofrat Finkeldei, ein weissbärtiger Faun, nickte begeistert in die
Richtung, wo Daniel stand. Es war seine Art, Dorotea zu huldigen, dass er alles,
was sie sagte, mit einem begeisterten Nicken begleitete.
    Daniel aber sah, dass die Maske der Zingarella zertrümmert war.
    Ohne zu grüssen, ohne einen von den Gästen eines Blickes zu würdigen, schritt
er in den Kreis, kniete nieder und versuchte, die zerbrochnen Stücke der Maske
wieder zusammenzulegen. Aber es waren der Trümmer zu viele; die Nase, das Kinn,
Teile der herrlichen Stirn, ein Stück mit dem wehen Mundbogen, ein anderes von
der Wange, es liess sich nichts fügen.
    Da schleuderte er mit einer einzigen Bewegung die Scherben auseinander und
richtete sich wieder empor. »Philippine, den Besen!« befahl er laut. Und als
Philippine den Besen brachte, fügte er hinzu: »Kehr den Dreck hinaus und wirf
ihn auf den Mist!«
    Philippine kehrte, und Daniel verliess ohne Gruss, wie er gekommen war, die
Stube.
    Die Kommerzienrätin Feistmantel machte ein entrüstetes Gesicht, Edmund Hahn
blies den Atem durch die Nase, Herr Samuelsky, ein dicker Mensch mit einem roten
Bart, murmelte eine verächtliche Bemerkung. Dorotea standen vor Ärger und
Verdruss die Tränen in den Augen.
    Benda hatte am Gatter still gewartet. »Sie hat mir die Maske zerbrochen,«
sagte Daniel mit verzerrtem Lächeln, als er zu ihm trat; »die Maske, die du mir
einst geschenkt hast, erinnerst du dich? Sonderbar, dass es gerade heute ist,
gerade bei unserm Wiedersehen.«
    »Man kann sie vielleicht kitten,« wagte Benda zu trösten.
    »Ich bin nicht fürs Kitten,« antwortete Daniel, und hinter den
Brillengläsern funkelte es grün.
 
                                       16
Als die Gäste fort waren, räumte Philippine die Stube auf. Dorotea sass auf dem
Kanapee; sie hatte die Hände im Schoss, und ihr Gesicht war ungewöhnlich ernst.
    »Warum kommt denn eigentlich dein Amerikaner nie zu uns herauf?« fragte
Philippine plötzlich.
    Dorotea schrak zusammen. »Mach die Tür ganz zu, Philippine,« flüsterte sie,
»ich muss dir was sagen.«
    Philippine schloss die angelehnte Tür und näherte sich dem Sofa. »Der
Amerikaner muss mich sprechen,« fuhr Dorotea mit scheu irrendem Auge fort; »er
sagt, es ist etwas, was für mein ganzes Leben wichtig ist; er wohnt im Hotel,
ins Hotel kann ich aber nicht gehen. Dass er hierher ins Haus kommt, will ich
auch nicht, und auf der Strasse will ich mich auch nicht mit ihm zeigen. Er hat
einen Ort vorgeschlagen, wo ich mich mit ihm treffen soll, aber ich trau mich
nicht, ich weiss nicht, wer die Leute sind. Weisst du mir keinen Rat, Philippine?
Weisst du niemand?«
    In Philippines Augen zeigte sich das böse, wilde Glitzern. Sie dachte einige
Sekunden lang nach, dann erwiderte sie: »O ja, ich wüsst schon wen. Die
Hadebusch'n, meine Freundin, das ist ein verlässliches Weib. Bei der kann
geschehn, was will, da kümmert sich keine Katz drum. 's ist eine Witwe und wohnt
allein in einem Häusla, vermieten tut sie nimmer, weil's zu viel Schererei macht
bei ihrem Alter, nur einen Sohn hat's; aber der is schwach im Kopfe.«
    »Geh einmal zu ihr hin und sprich mit ihr!« sagte Dorotea zaghaft.
    »Gut, ich geh morgen zu ihr hin,« versetzte Philippine, lächelte gefällig
und legte die schwielige Hand auf Doroteas zarte Schulter.
    »Du, Philippin', dass du mir aber vorsichtig bist!« mahnte Dorotea, und ihre
Augen wurden gross und drohend. »Schwör mir, dass du stumm bist, wie das Grab.«
    »So wahr ich da steh!« sagte Philippine. Im selben Moment bückte sie sich,
um eine Haarnadel vom Boden aufzuheben.
    Am andern Vormittag eilte Philippine zu Frau Hadebusch. Auf dem ganzen Weg
trällerte sie vergnügt vor sich hin.
 
                    Der Teufel fährt in Flammen aus dem Haus
                                       1
Ungeachtet des Regens wanderten Daniel und Benda bis nach Mitternacht um den
Stadtgraben.
    Von dem, was ihn so sichtlich erfüllte und quälte, sprach Daniel mit keiner
Silbe. Er berichtete von seinen Arbeiten, von seinen Reisejahren, von seiner
Stellung an Sankt Egydien und von der andern an der Musikschule, jedoch so
allgemein, so abgerissen und hinwerfend, so müd und auch zerstreut, dass Benda
schliesslich vor Beklommenheit kaum mehr zuhören konnte.
    Um eine offenere Rede zu erzwingen, deutete er an, er habe von Gertruds und
Lenores Tod erst nach seiner Rückkunft erfahren; es hätte ihn schrecklich
angefasst, und er müsse fortwährend darüber grübeln. Doch sei es ihm nicht um
nähere Wissenschaft zu tun, jetzt nicht; er wäre froh, wenn er die Überzeugung
gewinnen könne, dass Daniel all des Trüben innerlich Herr geworden sei.
    Statt darauf zu antworten, sagte Daniel mit einem Zucken um den Lippen: »Ja,
ich weiss, du bist schon lange hier. Hab mich auch im stillen gewundert. Aber es
ist nicht leicht, mit einem so problematischen Individuum, wie ich es bin,
neuerdings anzuknüpfen.«
    »Du fühlst, dass du unrecht hast, während du das sagst,« entgegnete Benda
ruhig, »und drum verschmäh ich's auch, mein Warten zu erklären. Problematisch
warst du mir nie, bist du mir nicht. Ich finde dich heute noch so ganz und so
wahr, wie du immer gewesen bist, obgleich du dich vor mir duckst und
verschanzest.«
    Daniels Brust hob sich wie im Krampf. Er sagte stockend: »Lass erst das alte
Vertrauen wieder wachsen. Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass einer
da ist, der mit mir empfindet. Zwar, du willst, dass ich reden soll. Ich kann
aber nicht reden, wenigstens von dem nicht, was du erwartest. Mir graut davor,
ich hab's verlernt, die Worte schänden mich, und wenn ich einmal gute Träume
hab, bin ich in ihnen so wohlig-, so heiligstumm wie das Tier. Mir graut's, dass
ich in mein Inneres langen und dir verrostete Dinge zeigen soll, verschimmelte
Früchte, Schlacken- und Steinzeug, dir, der einst alles kristallen gekannt hat.«
    Sein Auge richtete sich nach oben, dann fuhr er fort: »Doch gibt's
vielleicht noch ein anderes Mittel, Friedrich. Schaue, Freund, schaue! Deine
Sache war von je das Schauen. Schau, aber mach, dass ich mich nicht dabei krümme
wie ein Wurm. Und wenn du geschaut hast, - Weisheit braucht nur ein einziges
gesagtes Wort für zehn verschwiegene. Das eine wirst du mir schon entlocken.«
    Benda, tief ergriffen, antwortete lange nichts. »Liegt's an einem Weibe?«
fragte er sanft, als sie über die Zugbrücke in das öde Tor der Burg gingen.
    »An einem Weibe? Nein. Eigentlich nicht an einem Weibe. Mehr am Manne, mehr
an mir. Manches Schicksal erreicht seinen entscheidenden Punkt im Glück, manches
erst in der Schuld. Der letzte Fall ist bitter. An einem Weibe!« wiederholte er
mit einer Stimme, die im Gewölb des Durchgangs ein schauriges Echo gab;
»freilich, es ist da ein Weib, wenn man mit der zu tun hat, bleibt einem nichts
weiter übrig als die Augen zum Weinen.«
    Sie verliessen den Torweg. Benda legte Daniel die Hand auf die Schulter und
wies mit der andern Hand stumm in die Höhe. Es waren keine Sterne am Himmel, nur
Wolken, aber Benda meinte die Sterne. Daniel verstand die Gebärde; seine Lider
schlossen sich, um seinen Mund war der Ausdruck eines gewaltigen Schmerzes.
 
                                       2
Benda hatte die Gewissheit, nicht bloss, dass ein grosses Unheil geschehen, sondern
auch, dass ein grösseres im Werden war.
    Sooft er an Dorotea dachte, wurde ihr Bild furchteinflössender. Immerhin
müssen wunderbare Eigenschaften in ihr sein, die Daniel bestimmt haben, sie zur
Lebensgefährtin zu wählen, sagte er sich. Und er wollte sie nun endlich sehen.
    Sie liess ihn durch Daniel zum Tee bitten. Früh am Nachmittag ging er hin.
    Sie empfing ihn mit Äusserungen lebhafter Freude. Sie sagte, sie habe es kaum
erwarten können, ihn zu sehen, denn es gebe nichts in der Welt, was solchen
Eindruck auf sie mache wie ein Mann, der wirkliche Gefahren bestanden, sein
Leben aufs Spiel gesetzt habe. Sie wurde nicht satt, zu fragen; bei jeder seiner
spärlichen Antworten schüttelte sie verwunderungsvoll den Kopf, dann stützte sie
die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf auf die Hände, und weit vorgebeugt starrte
sie ihn an wie ein Wundertier.
    Sie fragte, ob er bei den Kannibalen gewesen, ob er Wilde totgeschossen, ob
er Löwen gejagt habe und ob es wahr sei, dass jeder Negerhäuptling Hunderte von
Weibern besitze. dabei machte sie ein verfängliches Gesicht und meinte, das
täten auch die Europäer, wenn man's ihnen freistellte, und nicht bloss die
Häuptlinge.
    Hierauf sagte sie, dass sie sich nicht erinnere, ihn, als sie noch Kind war,
im Haus ihres Vaters gesehen zu haben, und darüber wundre sie sich jetzt, da er
doch so was ganz Eigenes an sich habe. Und ihre Augen verschlangen ihn; sie
begannen zu brennen wie jedesmal, wenn sie einen Fang tun wollte und die blinde
Gefrässigkeit über sie kam. Sie entfaltete sich, sprach mit ihren süssesten
Lauten, und ihr Lachen und Lächeln hatten in der Tat etwas Unwiderstehliches wie
bei einem zutraulichen und guten, nur zuweilen ein wenig eigensinnigen Kind.
    Aber sie merkte, dass dieser Mann sie betrachtete, als sei sie nicht ein
junges Weib, das sich bemühte, ihm zu gefallen und seine Sympatie zu erobern,
sondern wie eine kuriose Spielart. Es war etwas in seinem Blick, das sie zittern
liess vor Gereizteit, und auf einmal war in ihren Augen Argwohn und Hass.
    Benda fühlte Mitleid. Dies Haschen nach der verführerischen Gebärde und dem
beziehungsvollen Wort, dieser Selbstverrat, dieser Rausch um nichts, es stimmte
ihn traurig. Dorotea erschien ihm nicht schlecht; welches Vergehens man sie
auch bezichtigt hätte, schlecht wäre sie ihm nicht erschienen, nur missleitet und
vergiftet, Trugbild und arme Törin.
    Er dachte an gewisse ätiopische Frauen im verschlossensten Kernland des
Kontinents, an ihren adeligen Gang, an die stolze Ruhe ihrer Züge, an ihre
keusche Nackteit und wie sie eins waren mit der Luft und mit der Erde.
    Dennoch begriff er den Freund; der Musiker musste dem Trugbild verfallen, der
Einsame dem uneinsamsten aller Wesen.
    Während er diesen Schluss zog, trat Daniel ein. Er begrüsste Benda und sagte
zu Dorotea: »Es ist ein Mädchen draussen und behauptet, sie habe Straussfedern
für dich. Hast du Straussfedern bestellt?«
    »Richtig,« erwiderte Dorotea mit Hast, »es ist ein Geschenk von der Emmy
Büttinger.«
    »Wer ist das?«
    »Das weisst du nicht? Die Schwester der Kommerzienrätin doch. Da müssen Sie
mir helfen,« wandte sie sich an Benda, »Sie sind ja wahrscheinlich ein
Sachverständiger; dort, wo Sie waren, laufen ja die Strausse herum wie bei uns
die Hühner.« Lachend ging sie hinaus und kam mit einer ziemlich umfangreichen
Schachtel zurück, der sie vorsichtig und beglückt zwei grosse Federn entnahm,
eine weisse und eine schwarze. Indem sie sie an den Stielen hielt, legte sie
beide über ihr Haar, trat vor den Spiegel und schaute sich mit trunkener Miene
an.
    In dieser Miene, dieser Haltung war etwas so Ausserordentliches, beinahe
Unheimliches, dass Benda einen erschrockenen Blick auf Daniel heftete.
    Ich habe bisher nicht gewusst, was ein Spiegel ist, sagte er zu sich selbst.
 
                                       3
Am Abend ging Daniel mit Benda in dessen Wohnung. Benda zeigte ihm Waffen und
Geräte, die er aus Afrika mitgebracht und verbreitete sich bei einigen der
merkwürdigsten Stücke über die Sitten der Negervölker.
    Dann bekam er Kopfweh, setzte sich in den Lehnstuhl und schwieg lange. Er
sah plötzlich wie ein Greis aus; die Zerstörung, die sein Körper erlitten hatte,
wurde augenscheinlich.
    »Hast du einmal Doroteas Mutter gesehen?« fragte er, das tiefe Schweigen
endend.
    Daniel schüttelte den Kopf. »Es heisst, sie vegetiert nur noch da draussen in
der Anstalt,« erwiderte er.
    »Ich habe mir sagen lassen, dass sich weder Andreas Döderlein noch seine
Tochter in all den vielen Jahren um die unglückliche Frau gekümmert haben,« fuhr
Benda fort. »Nun, was von Andreas Döderlein zu halten ist, weiss ich ohnehin.«
    Daniel blickte empor. »Du hast mir einmal eine Andeutung gemacht, als hätte
Döderlein in bezug auf die Frau eine Schuld auf sich geladen. Entsinnst du dich?
Hängt das mit Dorotea und ihrem Leben zusammen? Kannst du darüber sprechen?«
    »Ja, ich kann's,« antwortete Benda. »Es hängt auch mit Dorotea zusammen,
und vielleicht erklärt sich manches in ihrer Art daraus, dass sie unter einem
solchen Vater aufwachsen und eine solche Mutter verlieren musste. Es ist eine
eigene Verkettung, dass ich nun in dein Schicksal verflochten bin.«
    Er schwieg erinnerungsvoll, dann begann er: »Hättest du Margaret Döderlein
gekannt, sie wäre dir ebenso unvergesslich, wie sie es mir ist. Sie und Lenore,
das waren die beiden musikhaften Frauen, denen ich im Leben begegnet bin, ganz
Natur, ganz Seele. Margarets Jugend war ein Kerker. Ihr Bruder Carovius war der
Kerkermeister. Als sie Döderlein heiratete, glaubte sie dem Kerker zu entrinnen,
aber sie vertauschte ihn nur. Trotzdem wusste sie kaum, wie ihr geschah. Sie nahm
alles auf sich, alles mit gleicher Treue, gleicher Sanftmut; ihr Inneres blieb
unzernagt und unverbittert.«
    Er stützte den Kopf auf; seine Stimme wurde leiser. »Wir liebten uns, ehe
wir noch miteinander gesprochen hatten. Ein paarmal trafen wir uns auf der
Strasse, ein paarmal im Park, ein paarmal kam sie heimlich in die Galerie herauf.
Ich war nicht rückhältig, ich habe ihr mein Leben angeboten, aber sie antwortete
stets, ohne ihr Kind könne sie nirgends glücklich sein. Ich achtete dies Gefühl
und bezwang mein eigenes. Eine Weile blieb es so, wir quälten uns, wollten
verzichten, wurden wieder zueinander gezogen, da fügte es sich, dass Döderlein
Verdacht schöpfte; ob durch fremde Einflüsterungen oder durch blosse Beobachtung
der Frau, die zu heucheln nicht fähig war, kann ich nicht entscheiden. In
perfider Weise fing er an sie zu martern, ihr Gewissen zu beunruhigen, und eines
Nachts tritt er an ihr Bett, hält ihr ein Kruzifix vor, zwingt sie durch
Drohungen und grosse Worte, ihm einen Eid zu leisten, zwingt sie, bei dem Leben
ihres Kindes zu schwören, dass sie ihn niemals betrügen würde. Sie schwor.«
    »Ja, Freund, sie schwor, und dieser Schwur dünkte ihr viel feierlicher und
verpflichtender als der erste vor dem Altar. Ich wusste nichts davon, sie entzog
sich mir; ich ertrug es nicht. Da kam sie noch einmal, um Abschied zu nehmen,
und es gab einen Augenblick, wo unsere Kraft und Besinnung dahin war. Nun trat
das Verhängnis ein; das zarte Wesen erlag unter dem Schuldgefühl, Herz und Geist
verdüsterten sich ihr, sie hatte den Wahn, das Kind sieche unter ihren Händen zu
Tode, und eines Tages brach sie zusammen.«
    Benda erhob sich, trat ans Fenster und schaute in die Dunkelheit.
    Daniel war es, als schnüre sich ein Strick um seinen Hals. Er stand
gleichfalls auf, murmelte einen Gruss und ging.
 
                                       4
Am Behaimdenkmal mässigte er seinen Schritt. In geringer Entfernung vor sich
erblickte er einen Mann und eine Frau. Er erkannte sofort Dorotea in der Frau.
    Sie sprachen hastig und mit unterdrückten Stimmen. Daniel folgte ihnen, und
als sie sich am Platz zum Haustor wandten, blieb er im Schatten der Kirche
stehen.
    Der Mann schien ungehalten, ja aufgebracht, Dorotea redete beschwichtigend
auf ihn ein. Sie stand dicht bei ihm, hatte seine Hand ergriffen und behielt sie
in der ihren, bis sie das Tor aufsperrte. Zuletzt flüsterte sie, schaute besorgt
am Haus empor und sagte dann ziemlich laut: »Gute Nacht, Edmund. Träum süss.«
    Der Mann entfernte sich, ohne den Hut zu lüpfen; Dorotea huschte ins Tor.
    Daniel zitterte am ganzen Leibe. In seinen Augen war etwas mystisch
Flehendes. Er sah, wie oben Licht angezündet wurde und der Vorhang über das
Fenster fiel. Die Stille des Platzes folterte ihn, und als die Glocke vom Turm
elf Uhr schlug, glaubte er, sein Blut brülle in den Ohren.
    Mit schweren Schritten schleppte er sich endlich ins Haus. Dorotea, schon
im Schlafrock, sass in der Wohnstube am Tisch und nähte ein Band an dem Kleid
fest, das sie getragen.
    Sie wechselten den Gruss, Daniel stellte sich in ihrem Rücken an den Ofen und
starrte wie gebannt auf ihren niedergebeugten Nacken. Es fröstelte ihn
fortwährend.
    »Von wem sind die Straussfedern?« fragte er auf einmal rauh. Die Frage
entfuhr ihm selbst unerwartet. Er hatte etwas anderes sagen wollen.
    Mit einem Ruck hob Dorotea den Kopf. »Ich hab dir's ja gesagt,« erwiderte
sie, und er nahm wahr, dass sie sich verfärbte.
    »Ich kann nicht glauben, dass dir eine fremde Person, und noch dazu eine
Frau, so wertvolle Geschenke macht,« sagte Daniel langsam.
    Dorotea stand auf und sah ihn unsicher an. »Gut, wenn du's absolut wissen
willst, ich hab sie mir gekauft,« stiess sie trotzig hervor. »Aber brauchst mich
nicht anzuschnauzen, ich werd mir das Geld schon verschaffen. Das passt mir
einfach nicht, dass ich mir jede Ausgabe soll vorschreiben lassen.«
    »Es ist nicht wahr, dass du die Federn gekauft hast,« schnitt Daniel ihr das
Wort ab.
    »Nicht gekauft und nicht geschenkt bekommen, also was denn sonst? Gestohlen
vielleicht?« höhnte Dorotea mit feig entfliehendem Blick.
    Niemals hab ich so mit Menschen gesprochen, niemals haben Menschen so mit
mir gesprochen, durchzuckte es Daniel. Er wurde furchtbar bleich, trat zu ihr,
schloss seine Hand wie eine Eisenklammer um ihren Arm und sagte: »Es soll mir
recht sein, wenn du mein Geld verschwendest. Es soll mir recht sein, dass du in
nichtswürdiger Gesellschaft deine Zeit vertändelst. Es soll mir recht sein, dass
dir mein Wohlbefinden und meine Seelenruhe gleichgültig ist und dass du dein
armes Kind verkommen lässt. Ich will mich in alles dieses fügen. Wozu brauch ich
regelmässiges Essen; wozu muss mein Frühstückskaffee warm, mein Wecken frisch vom
Backofen, wozu muss meine Wäsche ausgebessert, mein Fenster geputzt, mein Spind
in Ordnung gebracht, meine Stube gekehrt sein? Es ist mir ja nicht an der Wiege
gesungen worden, dass ich soll behaglich leben dürfen.«
    »Och, du tust mir weh, Daniel,« sagte Dorotea in bangem Ton, »lass, bitte,
meinen Arm los.«
    Er lockerte den Druck, liess aber den Arm nicht los. »Geh du, mit wem du
willst. Mögen die dich schätzen, die dir wert sind. Und was das Geld betrifft,
da hast du alles, da ist all mein Geld.« Er zog einen gestrickten Beutel aus der
Tasche, der voll Münzen war, und schleuderte ihn auf den Tisch. »Ich will, damit
du schöne Kleider hast, am Sonntag die Orgel spielen. Ich will, damit du
Maskenbälle und Christbaumverlosungen besuchen kannst, noch zwanzig
unmusikalische Idioten mehr unter die Fuchtel nehmen. Ich will ein übriges tun
und mich verpflichten, nie eine Frage über dein Treiben zu stellen, nicht, wo du
herkommst, noch, wo du hingehst; aber hör mich an, Dorotea,« hier schwoll seine
Stimme, und sein Gesicht sah furchteinflössend aus, »vergreif dich an meinem
Namen nicht! Er ist mein einziges Gut. Mit ihm bin ich bei der Menschheit in
höchster Schuld. Er gibt mir nicht bloss das, was man bürgerliche Ehre heisst, er
gibt mir die Ehre, mit der ich vor meinem Geschaffenen bestehe. Womit du dich an
ihm vergreifst, das ist die Lüge. Durch die Lüge besudelst und erniedrigst du
ihn. Nicht so sehr, wie du dir vielleicht einbildest, zittere ich davor, als
Hahnrei verschrien zu werden. Zwar, die Vorstellung macht mein Blut heiss; ich
bin Mann genug, um Mordgelüste zu spüren, wenn ich mein Weib in den Armen eines
andern denke. Aber der unterste Schlund der Verdammnis wär es für mich, wenn du
mir die Wahrheit, die ich dir gegeben habe, mit Lüge heimzahlst. Du kannst mich
nicht für so gemein und selbstsüchtig halten, dass ich's nicht begreifen sollte,
wenn sich dein Herz verändert. Doch nur in der Wahrheit kann ich mit einem
andern Menschen Seite an Seite leben; die Lüge zerstört mein göttliches Teil,
sie ist mir wie Aas und Verwesung. So sage mir also, ob du wahr gegen mich bist.
Fürchte dich nicht, Dorotea, schäm dich nicht; noch kann alles gut werden, sage
mir, ob du mich hintergehst.«
    »Ich dich hintergehen?« hauchte Dorotea und schaute ihm, ohne dass ihre
Wimpern sich regten, wie hypnotisiert in die Augen, »wieso denn hintergehen?
Traust du mir eine solche Niedertracht wirklich zu?«
    »Du hast keinen Geliebten? Kein anderer Mann hat dich berührt, seit du meine
Frau bist?«
    »Einen Geliebten? ein anderer Mann mich berührt?« wiederholte sie mit
demselben hypnotisierten Blick. In ihrem Kindergesicht war der Glanz lauterster
Redlichkeit und Unschuld.
    »Auch hast du keine heimlichen Zusammenkünfte gehabt, keine verräterischen
Briefe empfangen oder geschrieben, nichts versprochen, auch nicht im halben
Spass?«
    »Och, im Spass, Daniel, das weiss ich nicht, man redet so manches, du kennst
mich doch.«
    »Und du versicherst, dass all der dunkle Schimpf, der um mich raunt, und zu
dem du ja manche Veranlassung gegeben hast, nur Bosheit und Verleumdung ist?«
    »Ja Daniel; Bosheit und Verleumdung.«
    »So soll dir also Gott keine ruhige Stunde mehr schenken, wenn du mich
belogen hast? willst du das, Dorotea?«
    Dorotea stockte; sie blinzelte ein wenig. Dann antwortete sie leise: »Das
sind grässliche Worte, Daniel. Aber wenn du darauf bestehst, mag's so sein.«
    Daniel atmete auf, als fiele ihm eine Zentnerlast von der Brust. In
dankbarer Bewegung drückte er die Frau an sich.
    Doch da widerte ihn etwas. Ihm war, wie wenn er gar keinen Rhytmus in dem
Geschöpf verspüre, wie wenn er ein Wesen ohne Schwingung, ohne Gefüge, ohne
Gesetz umarme. Ganz von neuem und von einer neuen Richtung her begann die Qual
an ihm zu nagen.
    Als er die Tür zum Flur öffnete, raschelte es draussen, und eine dunkle
Gestalt floh gegen die hofwärts gelegene Kammer.
 
                                       5
Allein geblieben, schaute Dorotea eine Weile regungslos vor sich nieder, dann
nahm sie Geige und Bogen aus dem Kasten, - sie hatte einen neuen Bogen an Stelle
des zerbrochenen längst gekauft -, und fing an zu spielen. Eine Kadenz, einen
Triller, Takte einer Tanzmelodie. Ihre Züge bekamen einen harten und
entschlossenen Ausdruck.
    Bald liess sie das Instrument sinken und dachte angestrengt nach. Sie legte
die Geige weg, schlüpfte aus ihren Pantoffeln, schlich in Strümpfen aus der
Stube, über den Flur und lauschte an Philippines Kammer. Als sie vorsichtig
öffnete, vernahm sie von Philippines Bett her, das der Tür am nächsten stand,
ein breites Schnarchen.
    Das Ölflämmchen, das in einem Glas ersterbend flackerte, gab so wenig Licht,
dass die Linnen des Bettes nur undeutlich schimmerten.
    Lautlos, Schritt vor Schritt, ging sie zu Philippines Lagerstatt. Sie duckte
sich, streckte den Arm aus, tastete mit der Hand über den Leib der Schläferin,
wollte die Decke heben und nach der Brust greifen; da hörte Philippine plötzlich
auf, zu schnarchen, erwachte so jäh, als hätte sie der Strahl einer Blendlaterne
getroffen, schlug die Augen empor und schaute Dorotea stumm drohend an. Keine
Muskel veränderte sich in ihrem Gesicht.
    Dorotea fasste sich schnell. Wie eine, der ein ausgelassener Scherz gelungen
ist, warf sie sich mit ihrem ganzen Körper über Philippine und legte die Wange
auf deren Gesicht, obgleich ihr vor dem Bett-und Atemgeruch ekelte.
    »Du, Philippine, der Amerikaner will dir was schenken,« wisperte sie.
    »Gottich, du drückst ei'm ja den Bauch ein,« erwiderte Philippine und
schnappte nach Luft. Als sich Dorotea aufgerichtet hatte, fragte sie: »Hat er
denn dir schon was geschenkt? Das ist doch die Hauptsache.«
    »Na, die Straussenfedern, ist das nichts?« versetzte Dorotea; »und einen
Rubinschmuck will er mir auch verehren.«
    »Ich wollt, du hättest's schon. Scheint mir nicht von Gebersdorf zu sein,
der Amerikaner. Hab mir sagen lassen, dass er gar nicht so reich ist. Wann
triffst ihn denn wieder, deinen Liebsten?«
    »Morgen abend, zwischen sechs und sieben. Ich freu mich, ich freu mich. Er
ist so jung, Philippinchen.«
    »Ja, jung; das ist schon was, jung!« murmelte Philippine geringschätzig.
    »Er hat ein so hübsches Muttermal am Hals, ganz unten am Hals, da,« sie
zeigte die Stelle an Philippines Hals; »grad da. Kitzelt's dich? kitzelt's
dich?«
    »Lach nicht so laut, du weckst mir den Gottfriedl auf,« sagte Philippine
unwirsch; »und jetzt marsch mit dir, mich schläfert.«
    »Also gut Nacht, du Schlafratz,« spottete Dorotea und verliess die Kammer.
    Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, so fuhr Philippine wie ein
Dämon aus dem Bett, ballte die Faust und zischte: »Diebshure! Stehlen hat sie
wollen, die Diebshure, stehlen! Wart nur du, du hast bald ausgeschnattert
dahier, dir wird das Handwerk gelegt.«
    Sie zog ihren roten Unterrock über die Beine, schnürte ihn fest und ging zur
Tür, um den Riegel vorzuschieben. Er war seit langem schadhaft und trotzte ihrer
Bemühung. Da trug sie einen Stuhl hin, setzte sich, verschränkte die Arme und
blieb so über eine Stunde mit böse blickenden Augen sitzen.
    Als sie sich dann des Schlafes nicht mehr erwehren konnte, schob sie den
Wickeltisch vor die Tür und stieg unter gehässigem Gemurmel wieder in ihr Bett.
 
                                       6
Der folgende Tag begann mit stürmischen Regenschauern. Daniel hatte wenig
geschlafen und begab sich früh an die Arbeit. Aber der Kopf war ihm so schwer,
dass er ihn beständig aufstützen musste. Seine Ideen waren ohne Blut und ohne
Schwung.
    Gegen acht Uhr kam der Postbote und fragte nach dem Inspektor Jordan. Der
Alte musste einen Schein unterschreiben, wofür ihm ein feierlich versiegelter
Geldbrief überreicht wurde.
    In dem Brief befanden sich zweihundert Dollar in Noten nebst einem Schreiben
von Benno. Dieses war aus Galveston datiert, und Benno schrieb, er habe
Erkundigungen eingezogen und erfahren, dass sein Vater noch am Leben sei. Er habe
es in der Neuen Welt zu etwas gebracht und sende als Beweis davon und als Ersatz
für die Auslagen, die er einst verursacht, die beiliegende Summe mit den besten
Grüssen.
    Eine kalte Epistel; doch der Greis war ausser sich vor Freude, lief zu
Daniel, zu Philippine, hielt die Geldnoten in die Höhe und stammelte: »Seht nur,
Kinder, er ist reich. Zweihundert Dollar hat er mir geschickt! Er ist ein
honetter Mensch geworden; er gedenkt seines alten Vaters! Wahrlich, ein
gesegneter Tag; auch im Hinblick auf etwas andres, lieber Daniel,« fügte er mit
seinem mysteriösen Lächeln hinzu, »im Hinblick auf eine grosse Sache ein
gesegneter Tag.«
    Er kleidete sich an und ging in die Stadt, um die Nachricht seinen Bekannten
mitzuteilen.
    Daniel rief um sein Frühstück hinunter, aber niemand hörte ihn. Da ging er
selbst in die Küche und holte sich ein Töpfchen mit Milch und ein Stück Brot.
Nach einer Weile kam ihm Philippine nach, trat mit struppigen Haaren in die
Kammer und fuhr ihn grob an, ob er nicht warten könne, bis der Kaffee gekocht
sei.
    »Lass mich zufrieden, Philippine,« sagte er, »ich brauche Ruhe.«
    »Ruhe,« höhnte sie, »Ruhe! immerfort Ruhe.« Sie warf einen verächtlichen und
wilden Blick in die offene Kiste, in welcher Daniels Handschriften lagen, dann
stellte sie sich an den Tisch, drückte die Spitzen ihrer schmutzigen Finger auf
das Notenblatt, das er eben vor sich hatte und stiess heraus: »Da ist das ganze
Malheur! Das ganze Malheur ist die saudumme Schmiererei! Tag für Tag und Jahr
für Jahr sich hinsetzen und schmieren! Was soll denn das bedeuten, sag mir nur!
Geht ja alles den Krebsgang dabei. Ein Mannsbild und alleweil schmieren, -
schämen tät ich mich!«
    Auf diesen rätselhaften Ausbruch der Wut und des Hasses nicht gefasst,
blickte Daniel bestürzt in Philippines Gesicht. »Geh,« sagte er dann unwillig
und wies mit dem Arm zur Türe, »geh.«
    Sie ging. »Die verdammte Schmiererei,« maulte sie tückisch vor sich hin.
    Von zehn bis zwölf musste Daniel Unterricht in der Musikschule erteilen. Sein
Herz klopfte beängstigend, aber er hätte den Grund der Erregung nicht sagen
können. Es war mehr als Ahnung, es war fast, wie wenn er eine schreckliche
Nachricht empfangen hätte, deren Sinn jedoch seinem Gedächtnis entschwunden war.
    Zu Mittag kehrte er nicht heim, sondern ass in einer Wirtschaft am
Kartäusertor. Dann strich er lange auf den Feldern und Wiesen herum; der Regen
hatte aufgehört, der starke Wind erfrischte ihn. Er stand am Ufer des Kanals und
schaute bei einer Ziegelbrennerei zu, wie Steine aufgeschichtet wurden. Von Zeit
zu Zeit griff er nach einem Stück Papier in die Tasche und schrieb mit dem
Bleistift Noten.
    Einmal schrieb er neben ein Motiv: Leb wohl, mein Saitenspiel, und seine
Augen füllten sich mit einem schaurigen Nass.
    Als er in die Stadt zurückkehrte, war ein feuerglänzender Sonnenuntergang.
Zwischen zwei schwarzen Sturmwolken glühte der Himmel wie eine Schmiedeesse. Da
musste er an Lenore denken.
    Er trat in die Wohnstube und wanderte auf und ab. Philippine kam herein und
fragte, ob sie ihm die Suppe wärmen solle. Ihr singender, unnatürlicher Ton
erweckte seine Aufmerksamkeit, so dass er sie mit festem Blick musterte.
    »Wo ist meine Frau?« fragte er.
    Ein abgründig schlimmes Lächeln erschien auf Philippines Lippen. Sie
antwortete nicht.
    »Wo ist meine Frau?« fragte er nach einer Pause zum zweitenmal.
    Das Lächeln Philippines wurde breiter. »Ist's kalt draussen?« erkundigte sie
sich und war plötzlich aus dem Zimmer. Daniel starrte ihr nach, als zweifle er
an ihrem Verstand. Es verflossen aber nur wenige Minuten, da trat sie wieder auf
die Schwelle; sie hatte unterdessen einen Mantel angezogen, der ihr zu kurz war
und den karierten Rock sehen liess.
    »Komm einmal mit mir, Daniel,« sagte sie mit einer besorgten Stimme, die ihm
geheimnisvoll und furchtbar klang, »komm mit mir, ich zeig dir was.«
    Er erblasste, setzte den Hut auf und folgte ihr. Schweigend gingen sie über
den Platz, durch die Bindergasse, die Ratausgasse, über den Markt. Daniel blieb
stehen. »Was hast du vor?« fragte er heiser.
    »Komm nur, wirst schon sehen,« raunte Philippine.
    Sie gingen weiter, über die Fleischbrücke, die Kaiserstrasse, durch den
weissen Turm zum Jakobsplatz. Einige Leute schauten dem sonderbaren Paar nach.
Als sie zum Häuschen der Frau Hadebusch kamen, war die Dunkelheit angebrochen.
»Wirst du jetzt endlich reden?« knirschte Daniel.
    »Pscht!« machte Philippine. Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und wisperte:
»Geh nauf über zwei Stiegen, aber schnell, du kennst dich ja aus in dem Häusla,
pumper an die Tür, und wenn s' zug'sperrt ham, schlag die Tür ein. Ich geh
derweil zur Hadebusch'n, dass sie dich nicht zurückhält.«
    Da begriff Daniel.
 
                                       7
Vor seinen Augen wurde es blutrot. Ein Schüttelfrost packte ihn.
    Er war Philippine in einem traurigen, schlaffen Gefühl von Ekel, Furcht und
Zwang gefolgt; jetzt wusste er, sah am Anfang der Ereignisse schon ihre Mitte und
ihr Ende, sah vor der verschlossenen Türe, was sich hinter ihr begab, und ein
Ungeheures rauschte auf in seinem Gemüt, ungeheurer Zorn, ungeheures Weh,
Verachtung und Grauen in Wirbeln von Besinnungslosigkeit.
    Über die knarrende Stiege gelangte er in vier Sprüngen. Er stand vor der
Türe, hinter der er einst gedarbt und geträumt, gefroren und geglüht; da hätte
Stille sein müssen, damit auf dem Grab vieler Hoffnungen die Andacht
rückschauender Geister nicht gestört wurde.
    Er riss an der Klinke; drinnen erschallte ein Schrei. Die Tür war verriegelt.
Er presste seinen Körper so ungestüm wider das zerbrechliche Holz, dass beide
Angeln sich zugleich mit dem Riegelhalter lösten und die ganze Tür mit dumpfem
Gepolter ins Zimmer stürzte.
    Der Schrei wiederholte sich gellend. Dorotea lag bis aufs Hemd entkleidet
auf einem breiten Bett, das die kupplerische Hadebusch von einem Händler
entliehen hatte und das beinahe die Hälfte des Mansardenraums einnahm. Sie hatte
einen Teller voll Kirschen neben sich stehen und hatte sich damit belustigt, die
Kerne gegen ihren Liebhaber zu schnellen, der, gleichfalls in mangelhafter
Bekleidung, rittlings auf einem Stuhl sass und eine kurze Pfeife rauchte.
    Als Daniel mit blutenden Händen, er hatte sich an der Klinke verletzt, mit
wild ums Gesicht flatternden Haaren, keuchend und totenbleich über die Türe
stieg, fing Dorotea abermals zu schreien an, und schrie sieben- oder achtmal
verzweifelt und voll entsetzlicher Angst.
    Daniel stürzte auf den jungen Menschen zu und fuhr ihm mit beiden Händen an
den Hals. Während er die Haut dieses Menschen anfasste, während er, wie in
rosigem Nebel, Dorotea mit aufgehobenen Armen aus dem Bett flüchten sah und ihr
durchdringendes Geschrei vernahm, während ein seltsam betrachterischer Geist
trotz der Raserei, die in ihm tobte, sogar die Kirschen bemerkte, die über das
Bettuch gerollt waren, die grünen Stiele sah, die dunkleren Stellen an
einzelnen, die anzeigten, dass sie faul waren, und er zuletzt noch einen
Geschmack auf der Zunge spürte, als ob er selber Kirschen gegessen hätte,
während all dem dachte er: das ist der Untergang, das ist das Chaos.
    Der Amerikaner, von dem sich später herausstellte, dass er ein wandernder
Artist war, der sich frech und geschickt in die bürgerliche Gesellschaft
gedrängt hatte, stiess den Angreifer mit Wut zurück und nahm eine Boxerposition
ein. Aber Daniel verstattete ihm keine Zeit zum Schlag, er überfiel ihn,
umschlang ihn, riss ihn zur Erde, drückte ihm die Gurgel zusammen. Jener stöhnte,
bäumte sich, befreite seine Faust, schlug um sich; »damned fool,« röchelte er
und versetzte Daniel einen Schlag ins Gesicht, »damned fool!«
    Unten im Haus erschallte Lärm. Auf der Gasse sammelten sich Leute an.
»Polizei! Polizei!« gilfte eine Weiberstimme, und nun kamen sie die Stiege
herauf.
    »Och, och, och!« wimmerte Dorotea. In einer halben Minute hatte sie ihr
Kleid über den Körper gezogen; »fort, fort, fort!« hauchte sie und suchte ihre
Handschuhe und ihren Schirm.
    Händeringend zeigte sich Frau Hadebusch im engen Flur. Hinter ihr stand
Philippine. Zwei Männer drangen über die Schwelle, stürzten sich auf Daniel und
den Amerikaner und wollten sie auseinanderreissen. Aber sie hatten sich gleichsam
ineinander verbissen wie zwei wütende Hunde. Andere mussten zu Hilfe kommen, ein
Soldat und ein Milchmann griffen noch zu, endlich erschienen zwei Polizisten.
    »Muss nach Hause,« wimmerte Dorotea unter dem Gekreisch der Weiber, »meine
Sachen holen, fort, fort, fort!«
    Mit einem Gesicht, das grauenhaft dem einer stummen Besessenen glich, stahl
sich Philippine aus der Mitte der aufgeregt Schreienden und Schwatzenden und
folgte Dorotea. Sie spürte ihren Schritt nicht, das Pflaster nicht, die Luft
nicht. Jene wilde Begeisterung war über sie gekommen, die sie schon einmal in
ihrem Leben empfunden, damals, als sie auf den Dachboden gegangen war und
gesehen hatte, dass Gertrud am Balken hing.
    Eine glühende Zerstörungslust durchrann alle ihre Adern. Zünde an! dröhnte
es wieder in ihrem Hirn, zünde an! Heute wollte sie ein besseres Werk tun, als
Feuer an einen Kehrichtaufen legen. Sie ging immer schneller und schneller;
schliesslich fing sie an zu laufen und sang dabei mit rauher Stimme. Der Mantel
war nicht zugeknöpft und flog im Winde. Die Leute, an denen sie vorüberraste,
blieben erstaunt stehen.
 
                                       8
Herr Carovius und der alte Jordan sassen im Paradieschen.
    »Wie sich doch alle Verhältnisse wandeln und wie sich alles klärt und
ordnet,« sagte der alte Jordan.
    »Ja, die offenen Gräber gähnen schon,« antwortete Herr Carovius zynisch.
    »Ich meinerseits,« fuhr Jordan fort, ohne den Unwillen zu bemerken, den
seine Redseligkeit bei Herrn Carovius erweckte, »ich meinerseits kann dem Tod
nun zufrieden ins Auge sehen. Meine Mission ist beendet; mein Werk ist
vollbracht.«
    »Das klingt ja gerade, als ob Sie den Stein der Weisen gefunden hätten,«
spottete Herr Carovius.
    »Vielleicht,« erwiderte Jordan leise und beugte sich über den Tisch; »Sie
haben nicht so ganz unrecht, geschätzter Freund. Wollen Sie sich selbst
überzeugen? Wollen Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken?«
    Herr Carovius war neugierig geworden; sie zahlten ihre Zeche und begaben
sich auf den Weg zum Egydienplatz.
    Als sie in Jordans Kammer waren, zündete der alte Mann die Lampe an und
verriegelte sorglich die Türe. Dann öffnete er den geräumigen Wandschrank und
nahm zum Erstaunen des Herrn Carovius eine grosse Puppe heraus, die nach Art
einer Älplerin gekleidet war, mit einem geblümten Rock, einer Leinenbluse und
einem rosa Schürzchen. Das messinggelbe Haar war in Zöpfe geflochten, und auf
dem Kopf trug sie ein grünes Filzhütchen.
    »Das alles ist meiner Hände Arbeit,« sagte Jordan stolz; »hab selber das Mass
genommen, selber geschneidert; sogar die Schühchen hab ich verfertigt. Und nun
passen Sie auf, lieber Freund!«
    Er stellte die Puppe in die Mitte der Stube. »Sie wird sprechen,« fuhr er
mit strahlender Miene fort: »sie wird singen. Sie wird ein Liedchen aus ihrer
Tiroler Heimat vortragen. Wollen Sie sich gütigst in diesen Sessel setzen; nicht
so sehr nahe, wenn ich bitten darf, es sind da noch störende Geräusche, denen
ich erst abhelfen muss. Die Illusion ist stärker, wenn Sie sich in einer gewissen
Distanz halten.«
    Er kauerte sich hinter die Puppe, machte sich am Rumpf zu schaffen, das
Surren eines Räderwerks wurde vernehmbar, der alte Mann trat rasch wieder vor
und sagte: »So, mein kleines Fräulein, lass hören, was du kannst.«
    Ein unheimlich heiseres, girrendes Stimmchen erscholl aus dem Leib der
Puppe; es ähnelte dem Vibrieren von Metallfäden, verbunden mit den gedämpften
Tönen einer Wasserpfeife. Schloss man die Augen, so konnte man beinahe an einen
fernen Gesang glauben; sah man aber hin und erblickte das tote, larvenhaft
freundliche Wachsgesicht, aus dessen Innern schrille und dumpfe Laute ohne
Artikulation und ohne Rhytmus kamen, so war es gespenstisch. Herr Carovius
spürte einen kalten Schauder im Rücken.
    Als die Maschine abgeschnurrt war, fielen die Augendeckel und die Lippen der
Puppe zu. Jordans Blick war voll Spannung auf Herrn Carovius geheftet. »Nun, was
ist Ihre Meinung?« fragte er. »Seien Sie ganz aufrichtig; ich vertrage jede
Kritik.«
    Herr Carovius hatte Mühe, seine Lachlust zu bezwingen; es zuckte ihm um Kinn
und Mund. Plötzlich aber vergingen ihm Hohn und Verachtung, es wurde ihm
unbehaglich ernst zu Sinn, eine lästige und seit undenklichen Zeiten nicht
empfundene Weichheit regte sich in ihm, und er sagte: »Ja, das ist eine famose
Sache; unbestreitbar eine famose Sache; obschon der Verbesserung bedürftig.«
    Jordan nickte eifrig und erfreut. Er wollte sich über den Mechanismus und
seine kunstreiche Zusammensetzung verbreiten, da vernahmen beide Männer aus dem
Nebenzimmer ein Geräusch. Sie horchten auf. Ein Möbelstück wurde vom Platz
gerückt, Schritte gingen hin und her, dann erschallte ein Klopfen und Knarren,
als wenn mit einem Meissel eine Kiste aufgesprengt würde. Dann raschelte es laut
und lange wie von zu Boden geschleudertem Papier, dann schimpfte eine Stimme,
dann erhob sich ein eigentümlich grausiger Singsang in Tönen wie: Joi! und Huh!
und auf einmal knisterte es wie von Flammen.
    Der alte Jordan riss die Tür auf und schrie gleich einem Kind.
    Philippine stand in einem Haufen brennenden Papiers. Sie hatte Daniels Truhe
geöffnet, alle Handschriften herausgeworfen und sie in Brand gesteckt. Der
Anblick, den sie bot, war fürchterlich. Ihre Haare hingen verworren über die
Schultern, mit den Armen machte sie unablässige Bewegungen, als ziehe sie an
einem Brunnenschwengel, aus ihrem Mund kamen hohe, lallende, gurgelnde Töne, die
nichts Menschenähnliches hatten, ihr von den Flammen bestrahltes Gesicht zeigte
eine grauenvolle Wollust, und während Herr Carovius und der alte Jordan wie
gelähmt auf der Schwelle standen, fing sie an zu hopsen und streckte dabei die
Hände gegen das Feuer aus, welches immer höher schlug.
    Herr Carovius, aus seiner Erstarrung erwachend, sah, dass es höchste Zeit
war, sich zu retten, und mit dem Arm sein Gesicht bedeckend, floh er, so schnell
ihn seine Füsse trugen, zur Flurtür und zur Stiege. Dem alten Jordan rannen die
Tränen über die Wangen, der Schrecken machte ihn unfähig zu überlegen, er rannte
in seine Stube zurück, öffnete das Fenster und brüllte auf den Platz hinunter,
dann erinnerte er sich seiner geliebten Puppe, eilte hin und nahm sie in den
Arm; aber als er das Zimmer verlassen wollte, strömte ihm der Qualm betäubend
und beizend entgegen, er taumelte hindurch, gelangte bis zur Stiege, tat einen
Fehltritt, stürzte, die Puppe krampfhaft fest umschliessend, kopfüber die Stiege
hinunter, zuckte noch einige Male und blieb dann regungslos liegen.
    Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht.
    Dorotea, die in der Wohnung ihre Habseligkeiten zusammengerafft hatte,
eilte, den Koffer schleppend, mit fahlem Gesicht an seiner Leiche vorüber, ohne
einen Blick darauf zu werfen, und verschwand in dem Gewühl aufgeregter Menschen.
 
                                       9
Im Haus der Frau Hadebusch hatten die Polizisten Daniel und den Amerikaner
endlich voneinander gerissen. Daniel fiel auf einen Stuhl und starrte stupid vor
sich hin. Frau Hadebusch brachte Wasser herbei, der Amerikaner kleidete sich
unter dem Gelächter der Zuschauer an.
    Danach wurden die beiden Männer auf die Wache geführt, und der Kommissär
schrieb auf, was er für die spätere Amtshandlung wissen musste. Daniel gewahrte
eine Gaslampe, einen Federstiel, mehrere grinsende Gesichter, seine eigene
blutige Hand, sonst nichts. Der Amerikaner wurde zur Verhütung weiterer
Feindseligkeiten noch zurückbehalten, indes man Daniel gehen hiess. Er hörte, dass
der junge Mensch in seinem radebrechenden Deutsch und mit wuterstickter Stimme
allerlei erzählte, aber er nahm es nicht in sich auf.
    Er hörte einen Hund bellen, einen Wagen rasseln, eine Glocke schlagen, er
hörte sprechen, murmeln, rufen und das Scharren von Füssen, aber es klang alles
wie durch die Mauern eines Gefängnisses. Taumelnd setzte er seinen Weg fort.
    Als er zur Frauenkirche kam, wandte er sich rechts gegen den Obstmarkt und
sah plötzlich das Gänsemännchen vor sich.
    »Geh heim,« schien das Männchen zu sagen, und seine Stimme war traurig, »geh
heim!«
    Wer bist du und was willst du von mir? fragte es in Daniel. Aber da war es,
als ob die Figur unsichtbar würde und erst in der Ferne wieder, in einem lichten
Glanz, wahrzunehmen sei.
    Über den Egydienplatz rannten Leute, und einzelne schrien: »Feuer!« Daniel
bog um die Ecke und konnte sein Haus sehen. Hinter den Fenstern seiner Stube
loderten Flammen. Er presste die Hände gegen die Schläfen und drängte sich mit
angstvoll geweiteten Augen durch die Menge bis ans Haus. »Um Gottes-,
Himmelswillen,« stiess er hervor, »rettet mir die Truhe!«
    Viele sahen ihn an. Eine Gestalt zeigte sich oben am Fenster, viele Arme
deuteten hinauf. »Das Weibsbild! schaut das Weibsbild!« wurde gerufen; und dann
wieder: »die hat gezündelt! die hat das Feuer gelegt!«
    Daniel stürzte ins Haus. Feuerwehrmänner überholten ihn. Da sah er im Flur,
in der Beleuchtung von hastig hin und her getragenen Laternen, notdürftig und in
Eile aufgebahrt, die Leiche des alten Jordan; die Leiche und neben ihr, wie
überirdischen Hohn, die Puppe, die Älplerin mit der Maschine im Bauch. Dumpf
seufzend fiel er nieder, und seine Stirn berührte die tote Hand des Greises.
    Wie im Schlaf vernahm er das Zischen aus den Wasserschläuchen, die
Kommandos, das geschäftige Vorbeirennen der Männer, dann war es ihm, als tauche
ein Schatten flüchtig auf, eine Gestalt wie aus der Unterwelt; eine geballte
Faust öffnete sich und warf zerknitterte Blätter vor ihn hin, und wie er
emporblickte, sah er nur die rings um ihn sich drängenden Menschen, die Gestalt
hatte sich zwischen ihnen hindurchgeschoben, und niemand hatte in der Verwirrung
ihrer geachtet.
    Mit abwesender Gebärde griff Daniel nach dem Blatt, das ihm zunächst lag. Es
war auf das Gesicht der Puppe gefallen. Er entknitterte es und gewahrte die von
seiner Hand geschriebenen Noten aus der »Harzreise im Winter«. Und unter den
Notenzeilen standen die Worte:
Aber abseits, wer ist's?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
hinter ihm schlagen
die Sträuche zusammen
das Gras steht wieder auf,
die Öde verschlingt ihn.
    Melodie und Rhytmus, die über den Worten sich spannten, waren von
grandioser Düsterkeit, gleich einem Gesang verfolgter Schatten in der Nacht,
überm Meer. Daniel erinnerte sich der Stunde, in der er dies geschaffen,
erinnerte sich an Gertruds Blick und Antlitz, als er es ihr vorgespielt; und
Lenore stand da, in einem weissen Gewand, mit einem Myrtenkranz im Haar, und die
Töne dröselten das Gewebe der unendlichen Zeit auf. Aber abseits, wer ist's?
klagte es tief und schwer, fragte es prophetisch gross; da verhüllte er sein
Gesicht und schluchzte, dass ihm zumut war, als breche sein Herz auseinander.
    Der tote alte Mann und die Puppe lagen gleich still da.
    Nach einer halben Stunde war das Feuer gelöscht. Die beiden Stuben unterm
Dach waren völlig ausgebrannt, sonst war kein Schaden geschehen.
    Philippine war spurlos verschwunden. Da niemand bemerkt hatte, dass sie das
Haus verlassen, glaubte man zuerst, sie sei in den Flammen umgekommen. Doch als
man nachforschte, erwies sich diese Annahme als irrig. Die Polizei fahndete
überall nach ihr, es war ganz vergebens, sie war nicht aufzufinden. Einige
Leute, die sie näher gekannt hatten, verfochten unerschütterlich die Meinung,
sie sei mit Haut und Haar verbrannt, und nichts weiter sei von ihr
übriggeblieben als ein Häuflein schwarzen Aschenstaubes.
    Wie dem auch sein mochte, Philippine kehrte nicht mehr ins Haus zurück, und
nie wieder hörte und sah man etwas von ihr.
 
                            Aber abseits, wer ists?
                                       1
Spät am Abend kam Benda. Er war über das Vorgefallene ziemlich genau
unterrichtet. Im Flur hatte er Agnes getroffen und die sonst so Einsilbige wider
Erwarten mitteilsam gefunden. Sie hatte aber nur bestätigen können, was er von
den Leuten schon erfahren hatte.
    Sie begleitete ihn in den Oberstock, und er stand lange vor den
ausgebrannten Räumen, in denen zwei Männer von der Feuerlöschtruppe Wache
hielten. »Alle seine Noten sind verbrannt,« sagte Agnes, und Benda dünkte es
kaum möglich, dem Freund nach einem solchen Ereignis gegenüberzutreten. Doch
schämte er sich seiner Scheu und ging hinunter zu Daniel.
    Es war im Haus wieder ruhig geworden.
    Daniel hatte in der Wohnstube eine Kerze angezündet. Als es ihm nach einer
Weile zu düster schien, zündete er noch eine Kerze an.
    Er schritt auf und ab. Der Raum wurde ihm zu klein, er öffnete die Tür zum
Zimmer Doroteas und ging nun auch durch dieses, immer auf und ab. Wenn er in
die dunkle Stube kam, bewegten sich jedesmal seine Lippen zu einem Murmeln, und
wenn er in die beleuchtete zurückkehrte, sah er ein paar Sekunden lang ins
Kerzenlicht.
    Seine Züge hatten den Ausdruck eines Leidens, das grösser nicht mehr sein
konnte. Den eintretenden Benda schien er nicht zu gewahren.
    »Alles hin? alles vernichtet?« fragte Benda, nachdem er Daniels Wandern fast
eine Viertelstunde zugesehen hatte.
    »Ein Grab neben andern Gräbern,« murmelte Daniel mit einer Stimme, die nicht
wie seine eigene klang. Er hob dann auch den Kopf, gleichsam erstaunt über die
Stimme. Ihm schien, es sei ein Fremder unhörbar ins Zimmer getreten.
    »Und auch das letzte, das grosse Werk, von dem du mir erzählt hast, die
Frucht vieler Jahre?« fragte Benda weiter.
    »Alles,« entgegnete Daniel in die Luft hinein, »alles, was ich an Musik
geschaffen habe, seit ich Ursache haben durfte, an mich zu glauben. Die Sonaten,
die Lieder, das Quartett, der Psalm, die Harzreise, Wanderers Sturmlied und die
Symphonie, alles bis aufs letzte Blatt.«
    Ja, es war ein Fremder da, denn man hörte ihn leise lachen. »Warum lachst
du?« fragte Daniel streng und rückte seine Brille zurecht.
    Benda antwortete erschrocken: »Ich habe nicht gelacht.«
    
    »Das Gras steht wieder auf, die Öde verschlingt ihn,« sagte der Fremde. Er
trug einen altertümlichen Anzug, ein komisches Mützchen und hatte Stulpenstiefel
an den Beinen. Den sollt ich doch kennen, fuhr es Daniel durch den Sinn, und mit
trübem Blick überlegte er.
    Das ist ja wie Mord, unerhörter Mord, schrie es in Benda; wie kann er es
ertragen, was wird er tun?
    »Was ist nun zu tun?« nahm Daniel laut den Gedanken Bendas auf und schielte
im Hin- und Hergehen bisweilen nach dem Fremden, der langsam durch das Zimmer
gegen den Erker schritt; »was kann irgendeine menschliche Phantasie sich
vorstellen, dass man danach tut? Nichts! Versinken; in Verrückteit versinken.«
    »Oho!« liess sich der Fremde vernehmen, »das ist stark.«
    Wenn er doch schwiege, dachte Daniel gequält. »Du wirst ja wissen, was sich
mit der begeben hat, die ich mein Weib genannt habe,« fuhr er fort. »Dass ich
mich an diesen eitlen und seelenlosen Geist eines Spiegels weggeworfen habe, ist
unerheblich. Sind schon Gewaltigere als ich ins Netz geraten und haben sich
verstrickt. Den Wahn hab ich nie gehegt, als wär ich gefeit gegen alles
Blendwerk dieser Erde. Obwohl ich der Meinung war, dass ich Wahrheit und Lüge
wittern und voneinander unterscheiden könne wie eine Hand das Trockene vom
Feuchten. Aber den Zusammenhang mit dem andern fass' ich nicht, die
Notwendigkeit dieses Grässlichen fass' ich nicht.«
    »Recht ist dir geschehen,« sagte der Eindringling mit den Stulpenstiefeln.
Er hatte sich auf einen Stuhl beim Erker gesetzt und sah ganz freundlich aus.
    »Warum?« brüllte Daniel stehenbleibend.
    Mit bestürztem Gesicht erhob sich Benda. »Sprich dich aus, Daniel,« drängte
er liebevoll, »sprich dir alles von der Seele!«
    »Könnt ich's, Friedrich, könnt ich's nur! Wär mir nur die Zunge gegeben!
Oder dass es einer mit mir fühlte und sagen könnte!«
    »Versuchs; das erste Wort ist oft wie ein Funken und erzeugt Flammen.«
    Daniel schwieg. Der Eindringling sagte an seiner Stelle bedächtig: »Das geht
tief hinab in die Höhlen der Brust und hoch hinauf zu den unsterblichen Dingen.«
    Da blickte Daniel scharf zu ihm hinüber und sah, dass es das Gänsemännchen
war.
 
                                       2
Alle Anstrengung, Daniel zum Reden zu bringen, war vergeblich, und gegen
Mitternacht verabschiedete sich Benda. Agnes sperrte ihm das Tor auf, und er
sagte zu ihr: »Sorg du für ihn, er hat niemand jetzt.«
    Die Hände hinter dem Haupt verschränkt, lag Daniel auf dem Kanapee und
stierte gegen die Decke. Seine Augen waren heiss, manchmal überlief ihn ein
Zittern.
    »Ungemütlich ist's hier,« sagte das Gänsemännchen, »die Luft ist noch voll
Rauchgestank, und von der finstern Stube dorten zieht's herein.«
    Daniel erhob sich, machte die Tür zu und legte sich wieder hin.
    Das metallische Äussere des Gänsemännchens schien biegsam zu werden, ungefähr
wie wenn ein hartgefrorener Körper auftaut. »Viel hast du erlebt,« fuhr es
nachdenklich fort. »Dass einer, der schaffen will, auch erleben muss, ist klar; da
ist seine Muttermilch, da ist sein Wurzelreich, da schiessen die Säfte zusammen,
aus denen ihm Formen und Gestalten werden. Aber erleben und erleben, das ist
zweierlei.«
    »Überflüssiger Tiefsinn,« murmelte Daniel ärgerlich, »Leben heisst erleben.«
Er ging mit sich zu Rate, wie er sich von dem lästigen Schwätzer befreien
könnte.
    Das Gänsemännchen liess wieder sein leises Lachen hören. Es antwortete:
»Viele leben und leben doch nicht, leiden und leiden doch nicht. Worin besteht
Menschenschuld? Im Nichtfühlen, im Nichttun. Man muss da erst einen ganz
bestimmten und ganz falschen Begriff von Grösse beseitigen. Was ist denn Grösse?
Nichts weiter als die Erfüllung einer unendlichen Reihe kleiner Pflichten.«
    »Es ist ein Unterschied zwischen dem Schöpfer und allen andern Menschen,«
gab Daniel zurück, den dieses Gespräch aufregte und peinigte.
    »Berufst du dich nun auf die Musik?« fragte das Gänsemännchen, und sein
gutmütiger Blick wurde spöttisch.
    »In der Musik ist jede Hervorbringung strenger an ein Unbedingtes und
Äusserstes gebunden als in allem, was der Mensch sonst dem Menschen gibt,«
antwortete Daniel. »Der Musikergenius steht Gott am nächsten.«
    Das Gänsemännchen nickte. »Aber sein Sturz beginnt einen Schritt von Gottes
Tron und ist tief. Weisst du, was du bist? weisst du endlich, was du nicht bist?«
    Daniel drückte die Hand auf die Brust. »Hab ich mich um vergänglichen
Lorbeer gebalgt? Hab ich das unmündige Volk mit Surrogaten abgespeist oder den
Himmelsflug durch Veitstänze nachgeahmt? Hab ich nicht nach meinem innersten
Wissen und Gewissen gehandelt? War ich ein Lügner?«
    »Nein, nein, nein,« beruhigte das Gänsemännchen, nahm sein Mützchen ab und
legte es auf seine Knie. »Du warst in deiner Sache; gar kein Zweifel, du warst
in deiner Sache. Alles Leben ist in deine Seele geströmt, und du hast im
elfenbeinernen Turm gewohnt. Wohlverwahrt war deine Seele, von Anfang an
wohlverwahrt. Wie wenn ein Schwimmer sich mit Fett einreibt, bevor er sich ins
Wasser stürzt. Du hast gelitten; das Gift des Nessushemds, das du getragen, hat
deine Haut verbrannt, und der Schmerz hat sich in süssen Klang verwandelt. So
sind sie, die Schöpfer, unverletzlich und unnahbar, so denkst du sie, nicht
wahr? Unmenschen, die das Kreuz der Welt auf sich nehmen und doch im Schmerz
über ihr eigenes Schicksal hinüberwachsen. So bist du, so siehst du aus, heute,
in deinem zweiundvierzigsten Jahr.«
    Der Ton von Bitterkeit traf Daniel unerwartet, und er drehte das Gesicht
gegen die Richtung, wo das Gänsemännchen sass. »Ich versteh dich nicht,« sagte er
langsam. Von der Hofkammer her erschallte das jämmerliche Weinen des kleinen
Gottfried und dann Agnes' beschwichtigender Singsang.
    »Hättest du doch lieber nicht im elfenbeinernen Turm gewohnt!« rief das
Gänsemännchen aus. »Wärst du empfindlicher gewesen und weniger wohlverwahrt!
Hättest du doch gelebt, gelebt, gelebt, ganz wahr und ganz nah wie ein Nackender
im Dornendickicht! Dann hätt es dich niedergetreten, aber deine Liebe wäre
wirklich gewesen, der Hass, den du erfahren, wirklich, das Unglück wirklich, die
Lüge wirklich, Spott und Verrat wirklich, und noch die Schatten deiner Toten
hätten Wirklichkeit gehabt. Und das Gift des Nessushemds hätte nicht bloss deine
Haut verbrannt, es wäre dir ins Blut gedrungen, bis in die stillste, heiligste
Tiefe deines Herzens, da wäre dein Werk nicht im Ringen gegen deine Finsternis
und beschränkte Qual gewachsen, unfrei vor den Menschen, ungesegnet von Gott.
Bilde dir nur nicht ein, dass du das Leiden der Welt getragen hast, dein eigenes
hast du getragen, liebend-lieblos, selbstlos-selbstsüchtig, Unmensch, der du
warst, Unbürger!«
    »Wer bist du? was nimmst du dir heraus?« kam es stockend von Daniels blassen
Lippen.
    »Ei, siehst du denn nicht, wer ich bin? Das Gänsemännchen bin ich,« war die
mit treuherzigem Bückling gegebene Antwort. »Das Gänsemännchen, einsam hinterm
Gitter, einsam auf der Wasserschale, aber mitten auf den Markt hingestellt. Ein
unbedeutendes Wesen, fassbar jedem, der vorübergeht, obwohl man mir eine Art von
Monumentalität zugedacht hat. Doch ich mache mir nichts aus der Monumentalität,
ich pfeife drauf. Ich verleihe dem Markt, auf dem die Bürger um Äpfel und
Kartoffel feilschen, ein bisschen Würde, das ist alles. Sie sehen mich immer
aufrecht unter dem Himmel stehen, und trotz meiner ausgezeichneten Position
haben sie mich stets wie einen Vetter betrachtet. Eine Zeitlang haben sie dir
meinen Namen angehängt, aber ganz mit Unrecht, scheint mir, ganz mit Unrecht.
Ich hab meine Gänse treu gehütet, da kann mir keiner was nachsagen.«
    Das Gänsemännchen lachte harmlos und glücklich, und als Daniel den Blick
wieder gegen den Erker wandte, war der Stuhl leer, der seltsame Gast
verschwunden.
 
                                       3
Aber er kam wieder, und als Daniels Geist und Körper vollends niederbrach und er
sich zu Bett begeben musste, wurden seine Besuche regelmässig. Er sass neben Benda,
denn Benda war oft vom Morgen bis in die Nacht in Daniels Stube, doch Daniel
wurde immer stiller und antwortete bisweilen gar nicht auf Bendas Fragen.
    Hinter dem Doktor Dingolfinger trat das Gänsemännchen ein und reckte sich
neugierig, um ihm über den Arm zu blicken, wenn er seine Rezepte schrieb. Denn
es war klein von Gestalt und reichte dem Doktor kaum bis zur Hüfte.
    Es trippelte um Agnes herum, wenn sie die Suppe brachte und äusserte sein
Mitleid über das schlechte Aussehen des Mädchens, das mit seinen dreizehn Jahren
einen betrübenden Eindruck der Reife machte und dessen Augen furchtsam und
verstohlen nach einem liebevollen Blick aus andern Menschenaugen Ausschau
hielten. »Die müsste man auch pflegen,« sagte das Gänsemännchen kopfschüttelnd,
»der müsste man auch ein gutes Süpplein kochen.«
    Ohne dass man es aufdringlich hätte nennen können, bekümmerte es sich um
alles, was im Hause vorging. Als die Gerichtspersonen kamen, um Daniel wegen des
Brandes zu vernehmen, zeigte es sich ungehalten und wollte die Herren nicht über
die Schwelle lassen. »Gönnt ihm doch endlich Ruhe,« beschwor es sie, »endlich
kann er sich sammeln, endlich zurückschauen.« Und in der Tat entfernten sich
jene bald wieder.
    dabei war es stets guter Laune, stets zu einem Scherz aufgelegt. Manchmal
pfiff es leise vor sich hin und zog dabei sein Röcklein glatt. Eine gewisse
Bauernschlauheit trat an ihm zutage, aber seine liebenswürdigen Manieren und
seine kindliche Heiterkeit liessen diese Eigenschaften nicht unangenehm
erscheinen. Zumeist redete es im Nürnberger Dialekt, nur wenn es mit Daniel
allein war, sprach es im getragenen Hochdeutsch, und seine natürliche Bildung
wie der Reichtum seiner Ausdrucksmittel war dann zum Erstaunen.
    Zehnmal des Tags lief es zum kleinen Gottfried in die Kammer und bezeigte
sein Entzücken über das hübsche Kind. »Wie beneidenswert bist du, dass so ein
lebendiges Geschöpf in deinem Haus herumkrabbelt,« sagte es zu Daniel, und
allmählich spürte Daniel eine ganz neue Zärtlichkeit gegen das Kind in sich
erwachen.
    Als sich das Gänsemännchen heimisch fühlte, brachte es immer seine beiden
Gänse mit und setzte sie behutsam in einen Winkel der Stube. Eines Abends sass es
bei ihnen und scherzte mit ihnen, da läutete es draussen, und Andreas Döderlein
stürmte herein. Er machte grossen Lärm und begehrte zu wissen, wo seine Tochter
sei.
    »Meiner Treu, ein alter Bekannter,« sagte das Gänsemännchen lustig
zwinkernd. »Ich seh ihn jetzt öfter im Wirtshaus sitzen, als seiner Gesundheit
zuträglich ist.«
    »Ich muss dringend bitten, sich zu mässigen,« wandte sich Benda beherrscht zu
Andreas Döderlein und deutete auf das Bett, in welchem Daniel lag.
    »Meine Tochter ist nicht schlecht, das rede man andern ein, die
leichtgläubiger sind,« rief Döderlein mit der Miene und Gebärde des königlichen
Lear und schüttelte die Mähne; »gewaltsam hat man sie ins Verderben gehetzt;
durch niedrige Kniffe hat man mir die Liebe meines Herzblättchens geraubt. Wo
ist es hin, das unglückliche, verratene Kind, womit wird es seine Blösse decken?«
    Da geschah das Wunderliche, dass sich das Gänsemännchen an den riesigen Arm
des Olympiers hing, seinen Mund dessen fleischigem Ohr näherte und ihm mit
trauriger und vorwurfsvoller Miene etwas zuflüsterte. Döderlein wurde rot und
blass, schaute zur Erde und ging mit seinem dröhnenden Schritt schweigend davon.
Das Gänsemännchen verschränkte die Arme über der Brust und blickte ihm in tiefen
Gedanken nach.
    »Er soll sich dem Trunk ergeben haben,« sagte Benda, »soll ein wüstes Leben
führen. Es scheint mir unglaubhaft. Die Döderleins begnügen sich gewöhnlich
damit, am Ufer des Sumpfs zu lustwandeln und andere Leute hineinplumpsen zu
lassen. Die Döderleins werden im falschen Hermelin geboren und sterben auch im
falschen Hermelin.«
    »Und doch ist er ein Mensch,« sagte das Gänsemännchen, nur für Daniel
vernehmlich.
    Daniel seufzte.
 
                                       4
Es war tiefe Nacht. Daniel konnte nicht schlafen. Das Gänsemännchen kauerte ihm
zu Füssen auf dem Bettrand und schaute ihn an, wie man einen teuren Bruder
anschaut, der leidet.
    »Ich kann's nicht leugnen, dass es schwer für dich ist, dein Leben
fortzuführen,« begann das Gänsemännchen und gab sich Mühe, seine helle Stimme zu
dämpfen. »Wenn man so bedenkt, Tag reiht sich an Tag, Nacht an Nacht, und mit
nichts kann man sich freuen. Alles abgeschnitten, alle Fäden zerrissen, der
Grund, auf dem man gebaut hat, zerstört. Du bist wie die Mutter von vielen
Kindern, die an einem Tag mit einem Schlag alle Kinder verloren hat. Das
jahrelange Ringen unbelohnt, umsonst die Arbeit, umsonst das Herzblut vergossen,
umsonst entbehrt, die ganze Vergangenheit wie ein böser wilder Traum. O, ich
begreif es, es ist hart, sehr hart, und schwer scheint es, nicht zu
verzweifeln.«
    Daniel bedeckte das Gesicht mit den Händen und stöhnte.
    »Hast du dich schon gefragt, wie die Mörderhand über dein Schicksal gekommen
ist? Ei, diese Philippine! Diese Jasonphilippstochter! Bin doch fast vierhundert
Jahre alt, aber so eine hab ich noch nie gesehen. Aber blick einmal zurück;
öffne deine Augen, jetzt sind sie rein und fähig, zu schauen. Hast du es nicht
geduldet, dass der Teufel an deinem Leben teilgenommen hat, und warst du nicht
unduldsam gegen die Engel, die ihre Fittiche an dich geschmiegt wie die Gänse
ihre an mich? Der Teufel ist fett geworden bei dir, der Vampir hat sich
gemästet. Das kommt davon, wenn man nicht geben will, wenn man immer bloss nimmt,
nimmt, nimmt; da wird der Teufel fett, der Vampir immer gieriger. Ach, viele
gute Genien sind vor dir geflohen, viele hast du verscheucht, du Behexter, du;
du Verzauberter, du. Nun, die Hölle hat jetzt ihre Beute, der Himmel kann sich
deinem neugeborenen Herzen wieder auftun.«
    »Es ist kein Himmel,« ächzte Daniel, »es ist nur Schwärze, nur Finsternis.«
    »Dein Atem geht, dein Puls schlägt, und an jeder Hand hast du noch fünf
Finger,« versetzte das Gänsemännchen ruhig. »Wer bezahlt hat, ist ein freier
Mann. Du hast deine Schuld bezahlt.«
    »Meine Schuld bin ich selbst. Leb ich weiter, so schuld ich weiter. Lebt'
ich zurück, ich entginge nicht der gleichen Schuld.«
    »Es gibt aber eine Verwandlung, und durch die wird einem Absolution. Wende
deinen Blick ab vom Phantom und werde erst Mensch, dann kannst du Schöpfer sein.
Bist du Mensch, wahrhaft Mensch, dann bedarf es vielleicht gar nicht des Werkes,
dann strahlt vielleicht die Kraft und die Herrlichkeit von dir selber aus. Sind
denn nicht alle Werke nur Umwege des Menschen, nur unvollkommene Versuche zu
seiner Offenbarung? Wenn das Werk alle Liebe verschlingt, wo bleibt der Mensch?
Hast du nicht eine Maske aus Gips mehr geliebt als die Antlitze, die rings um
dich geweint haben? Hast du nicht einem Larven- und Spiegelwesen Gewalt über
dich verliehen und so deine Seele befleckt und deinen Geist mit Lahmheit
geschlagen? Wie kann einer Schöpfer sein, der die Menschheit in sich verkürzt
und betrügt? Es geht nicht ums Können, Daniel Notaft, es geht ums Sein.«
    Daniel wälzte sich gemartert in den Kissen. »Hör auf, hör auf!« würgte er
hervor.
    Das Gänsemännchen beugte sich über ihn und kroch wie ein Tier, das nach
Wärme verlangt, näher an seinen Leib. »Löse den Krampf!« mahnte es; »zerbrich
die Kette! Deine Musik kann den Menschen nichts geben, solang du in dir selbst
gefangen bist. Fühl ihre Not! Fühl ihre grenzenlose Einsamkeit! Schau sie an!
schau sie an!«
    »Es ist so viel,« antwortete Daniel in höchster Qual, »hunderttausend
Gesichter verwirren mich, hunderttausend Bilder engen mich ein. Ich kann nicht
unterscheiden, muss flüchten, immer flüchten.«
    Etwas unsäglich Zartes, unsäglich Beteuerndes und Hinreissendes war im Klang,
als das Gänsemännchen sagte: »Wie Christus sprech ich zu dir: steh auf und
wandle! Steh auf und wandle, Daniel! Geh mit mir auf meinen Platz. Sei ich, vom
Morgen bis zum Abend sei einmal ich, und ich will du sein.«
    Da stand Daniel auf, und eh er sich noch recht besonnen, hatte er seine
Kleider an und befand sich mit dem Gänsemännchen auf der Strasse. Sie gingen zum
Obstmarkt, und Daniel, in einem dämmerigen Zustand der Sinne, stieg mit Hilfe
des Gänsemännchens auf die Wasserschale hinter dem Gitter und nahm die beiden
Gänse unter die Arme. Und blieb stehen, still und steif, genau wie das
Gänsemännchen und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
 
                                       5
Aber es ereignete sich nichts Ausserordentliches. Alles was vorging, war ganz
alltäglich und scheinbar ganz gewohnt.
    Der Morgen brach an und die Marktweiber nahmen die Schnüre und die Decken
von ihren Körben. Frische Kirschen und junge Birnen und überwinterte Äpfel
leuchteten in ihren Farben, und zahllose Sperlinge pickten im Stroh, das auf dem
Pflaster lag. Die Sonnenaufgangsröte am Himmel wich morgendlichem Blau, und
Wolken zogen über das Kirchendach, und die Weiber schwatzten miteinander, und
Karren rasselten, und die Knechte schrien, und von den Fenstern wurden die
Vorhänge weggezogen, und Gesichter von Frauen und Männern schauten heraus und
sahen nach dem Wetter; verschlafene Gesichter, versorgte Gesichter, böse
Gesichter und gute Gesichter, junge und alte.
    Da kamen Mägde und Bürgerfrauen, um ihre Einkäufe zu machen. Prüfend
betrachteten sie die Früchte und suchten den Preis herunterzuhandeln. Die
Bäuerinnen lockten, und wenn ihr Locken vergeblich geblieben war, schimpften
sie. Und wenn ein Kauf abgeschlossen wurde, nahmen sie ihre Wage in die Hand,
taten Gewichte in die eine Schale und die Früchte in die andre und priesen die
Waren so lange, bis sie das Geld eingestrichen hatten. Hierauf überzählten sie
die Münzen und betrachteten sie mit einem Ausdruck, als ob sie sagen wollten:
verdienen, das ist fein.
    Aber diejenigen, die das Geld hergaben, hatten die Miene ängstlicher
Genauigkeit, schienen in ihren Gedanken zu rechnen und, was ihnen auszugeben
verstattet war, noch einmal zu überlegen. Was dabei so sonderbar war, Daniel
bemerkte es immer deutlicher, war, dass sie gleichsam bis an die Grenze des ihnen
wie von einem geheimnisvollen Gebieter gesteckten Bereichs gingen, und dass sie
aussahen, als ob jenseits dieser Grenze das Verderben laure. Es war so viel
Bedacht in der Art, wie die Pfennige hingereicht und so viel Siegerglück in der
Art, wie sie genommen wurden, dass es rührend wirkte und all das Kleinleben sich
plötzlich ungemein seltsam, seltsam gesetzesheilig darbot.
    In respektierten Formen, die nicht verschleiert waren, spielte es sich ab;
die Fülle störte nicht die Ordnung, die Worte verdunkelten nicht den Sinn. Da
war die Ware, da war die Münze; Regel und Richte gaben die Schalen der Wage. Die
Früchte wanderten von Korb zu Korb, und Arme trugen sie nach Hause. Jeder holte
sich nach seinem Bedarf und nach dem Mass seines Vermögens, jeder hielt sich in
seiner Grenze.
    Und die Turmuhr schlug, und die Schatten wanderten um ein jedes Ding im
Kreis. So war es heute, so war es schon vor vierhundert Jahren gewesen.
    So waren die Häuser dagestanden, mit denselben Fenstern, und aus den
Fenstern hatten Menschen geblickt, mit sanften oder finstern Augen. Immer
dasselbe Gesetz, immer derselbe Handel, immer die nämlichen Früchte, die zur
nämlichen Zeit reif geworden waren. Spatzen zwitscherten unterm Kirchendach,
Wolken zogen am Himmel, Wind lief durch die Gassen, das Herz der Welt schlug in
seinem ewigen Rhytmus.
    Ist das nicht Terese Schimmelweis, die dort um die Ecke schleicht? Wie alt,
wie gebrechlich, wie gebeugt von Jahren und Sorgen! Ihr Haar ist steingrau, ihr
Gesicht wie Kalk. Sie ist ärmlich gekleidet und sieht die ihr Begegnenden nicht
an. Nur auf die vollen Obstkörbe wirft sie einen Blick, der begehrlich ist und
den Daniel hinter seinem Gitter mit schmerzlicher Verwunderung bemerkt.
    Und humpelt da nicht Frau Hadebusch einher? Ist ihr Gesicht auch das einer
abgefeimten Verbrecherin, in den Augen liegt es doch wie Panik und Schrecken.
Sie hat keinen Halt als den Boden unter ihren Füssen, sie ist arm, eine
verlorene, arme Seele.
    Da taucht Alfons Diruf auf, der sich längst ins Privatleben zurückgezogen
hat und fett und finster seinen Morgenspaziergang gegen den Stadtgraben antritt.
Und da geht der Schauspieler Edmund Hahn mit Erobererblicken, und auf seinem
übernächtigen Gesicht drücken sich Krankheit und stumpfe Begierden aus. Und da
kauft sich der Bildhauer Schwalbe heimlich ein paar Äpfel, die er zu Hause
braten will, weil er sonst nichts Warmes zu essen hat. Und ist dies nicht Herr
Carovius, der da trippelt, anzusehen wie ein irrender Geist, trübselig und matt?
    Und es kommen Bettler, es kommen Reiche vorbei; es kommen Geehrte, die man
grüsst, und Verachtete, die man meidet; es kommen Frohe und von Sorgen Beladene,
es kommen Eilende und Zaudernde; es kommen solche, die ihr Leben wie eine junge
Braut umfassen, und solche, die heute noch sterben werden. Einer führt ein Kind
an der Hand, einer ein Weib am Arm. Jene schleppen Lasten, und jene gehen
aufrecht und frei. Den fordert das Gericht zum Zeugen, der andere sucht den Arzt
zur Heilung. Der flieht vor häuslichem Unfrieden, der lächelt in Gedanken an ein
Glück. Der hat seinen Geldbeutel verloren, der liest einen schicksalsvollen
Brief. Der geht in die Kirche, um zu beten, jener ins Wirtshaus, um seinen
Kummer zu betäuben. Der strahlt in der Erwartung guter Geschäfte, der ist
niedergeschmettert, weil die Armut vor seiner Türe steht. Ein schönes Mädchen
hat sich festtäglich geschmückt, ein Krüppel rastet unter einem Tor. Ein Knabe
singt ein Lied, eine Matrone geht mit verweintem Gesicht. Der Bäcker trägt Brot
vorbei, der Schuster Stiefel; Soldaten ziehen zur Kaserne, Arbeiter kommen aus
den Fabriken.
    Es ist Daniel, als sei ihm keiner fremd. Es ist ihm, als sei er in eines
jeden Dasein entalten. Auf seinem umgitterten Hochplatz ist er ihnen näher, als
da er mitten unter ihnen gegangen ist. Der Wasserstrahl, den er spendet, ist wie
Schicksal, das rinnt und sich im Becken sammelt. Aus der Quelle empor strömt es
ihm wie ewige Weisheit zu, die Stunde wird zum Säkulum. Wie auch sonst die
Menschen beschaffen sind, wenn er in ihre Augen sieht, ergreift es ihn mit
überirdischem Gefühl. In allen Augen ist das Gleiche; das gleiche Feuer, die
gleiche Angst, das gleiche Bitten, die gleiche Einsamkeit, das gleiche Los, der
gleiche Tod; in allen ist Gottes Seele.
    Und er selbst spürt seine Einsamkeit nicht mehr, er spürt sich ausgeteilt;
sein Hass ist zerflattert wie Rauch. Was jetzt in Tönen webt, kommt aus der
tiefen Quelle herauf, es ist das Blut all derer, die auf dem Markt gehen, und
Wasser ist etwas anderes als es war; Wasser wäscht manche Seele rein, dass kein
Engel mag lichter sein.
    Es wurde Mittag, es wurde Abend, ein Tag der Schöpfung. Und wie es Abend
geworden war, sank ein Nebel herab, da stieg Daniel von der Brunnenschale,
setzte sorglich die Gänse hin und ging heim. Er trat auf den Vorplatz und auf
die Schwelle der Hofkammer, da bot sich ihm ein wunderlicher Anblick.
    Das Gänsemännchen sass bei Agnes und dem kleinen Gottfried und spielte mit
ihnen. Es hatte aus buntem Papier Silhouetten geschnitten und sie mit
umgebogenen Rändern auf den Tisch gestellt. Dort schob es sie gegeneinander und
liess sie so lustige Sachen reden, dass Agnes, die nie in ihrem Leben ordentlich
gelacht hatte, auf einmal zu dem Kind wurde, das sie ja noch war, und von Herzen
lachen musste.
    Der kleine Gottfried konnte nur lallen und in die Händchen patschen, und
wenn er auf dem Tisch, wo er hockte, eine ungeschickte Bewegung machte, schob
ihn das Gänsemännchen sacht und mit kundiger Hand wieder zurecht.
    Als Daniel in die Türe trat, erhob sich das Gänsemännchen und begab sich an
seine Seite. Er grüsste ihn und sagte zutraulich: »Schon wieder zurück von der
Reise? Wir haben uns die Zeit ganz artig vertrieben.«
    Im Zimmer war aber nun derselbe Nebel, der sich über den Brunnen gesenkt
hatte, als Daniel herabgestiegen war. Da fühlten die Kinder, Agnes und
Gottfried, eine schreckliche Bangigkeit und Furcht; der Knabe begann zu weinen,
und Agnes schlang die Arme um ihn und weinte gleichfalls.
    Daniel ging zu ihnen hin und sagte: »Weint doch nicht, ich bin ja bei euch,
ihr braucht nicht mehr zu weinen.«
    Er setzte sich auf denselben Platz, auf dem das Gänsemännchen gesessen,
schaute sich die papierenen Figürchen an und fuhr lächelnd in demselben Spiel
fort, welches das Gänsemännchen angefangen.
    Der Knabe beruhigte sich, und Agnes wurde auch wieder froh.
    »Gute Nacht,« rief das Gänsemännchen, »jetzt bin ich wieder ich, und du bist
du.«
    Es winkte freundlich und verschwand.
 
                                       6
Noch am nämlichen Abend kamen sechs von Daniels Schülern, die gehört hatten, dass
er von seiner Stelle an der Anstalt entlassen worden war.
    Es war kein blosses Gerücht. Andreas Döderlein hatte diese Massregeln
getroffen. Auch seines Organistenamtes war Daniel entsetzt worden. Der
stadtkundige Skandal, zu dem er Anlass gegeben, hatte die kirchliche Behörde
gegen ihn aufgebracht.
    Die sechs Schüler traten in die Kammer, wo er bei seinen Kindern sass, und
einer, den sie zum Wortführer ernannt hatten, sagte, dass sie beschlossen hätten,
nicht von ihm zu lassen, und er möge sie nicht abweisen.
    Es waren kluge und lebhafte junge Leute; in ihren Augen war ein
Entusiasmus, der noch nicht durch Feigheit und Dünkel getrübt war.
    »Ich bleibe nicht in der Stadt,« sagte Daniel zu ihnen, »ich will nach
Eschenbach, in meine Heimat ziehen.«
    Die Schüler blickten einander an. Hierauf sagte der Sprecher: »Wir wollen
mit Ihnen gehen.« Und alle nickten.
    Daniel erhob sich und reichte jedem einzelnen die Hand.
    Zwei Tage nachher, Daniels Hausstand war schon in voller Auflösung, kam
Benda, um sich zu verabschieden. Ihn rief die Arbeit, rief seine grosse Pflicht.
    Zuerst hatte es Benda kaum zu fassen vermocht, dass Daniel noch sollte wirken
können, dass da noch ein ganzes Leben sein sollte und nicht Trümmer einer
Existenz, Ruinen eines Herzens. Und doch war dem so.
    Es war etwas Befreites an Daniel, den Gewöhnlichsten entging es nicht.
Obgleich noch wortkarger als ehedem, hatte sein Auge einen neuen Glanz, ernst
und heiter zugleich; seine Stimmung war milder, sein Gesicht voll Ruhe.
    Die Freunde gaben einander die Hand. Benda ging langsam hinaus, langsam die
Stiege hinunter, langsam durch die Gassen. Er fühlte sich so gering; er fühlte
sich so sonderbar gering.
 
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Und Daniel zog nach Eschenbach, in das elterliche Häuschen. Seine Schüler
mieteten sich bei einigen Bürgern ein.
    Den Leuten im Ort galt er als ein Original, und sie lächelten, wenn von ihm
die Rede war oder wenn sie ihn versunken, nach seiner Art, durch die Gassen
wandeln sahen. Doch es war kein böses Lächeln; der anfängliche Spott darin
verschwand bald und machte einer ungewissen Empfindung des Stolzes Platz.
    Er gewann eine heimliche Macht über die Menschen, die mit ihm in Berührung
kamen, und viele fragten ihn in schwierigen Lebensumständen um Rat. Insbesondere
seine Schüler beteten ihn an. Er hatte die Gabe, sie zu spannen und hinzureissen.
Die Mittel, deren er sich dabei bediente, waren die einfachsten. Die
selbstleuchtende Persönlichkeit, der Einklang zwischen Wort und Tun, der
Menschenernst, der Menschenblick, die Hingebung an eine Sache und das grosse
Gefühl von ihr, das waren seine Mittel.
    Er wurde ein berühmter Lehrer, mit jedem Jahr mehrte sich die Zahl
derjenigen, die seiner Unterweisung teilhaftig werden wollten. Aber er nahm nur
wenige an, die besten nur, und die Sicherheit, mit der er wählte und sonderte,
war untrüglich.
    Keine Lockung konnte ihn bewegen, den abgeschiedenen Ort, auf dem er zu
leben gewillt, zu verlassen.
    Er hatte meist ein freundliches Wesen, war auch nicht zerstreut und
beobachtete mit Genauigkeit und Schärfe, was sich rings um ihn ereignete. In
Zorn geriet er nur, wenn er irgendwo Zeuge von Tierquälereien wurde, und einst
hatte er, zum Hallo der Gassenjugend, einen heftigen Streit mit einem Fuhrmann,
der seinen mageren Gaul vor dem schwerbeladenen Wagen unter wütenden
Peitschenschlägen vorwärtstrieb. Da lachten die Leute ergötzt und sagten: »Er
ist halt närr'sch, der Professor.«
    Agnes führte ihm den Haushalt und sorgte treu für alle seine Bedürfnisse.
Wenn er vom Hause ging, brachte sie ihm Hut und Stock, und jeden Abend, bevor
sie sich schlafen legte, küsste sie ihn auf die Stirn. Sie sprachen fast nie
miteinander, doch auf stille Weise war ein Einverständnis zwischen ihnen
entstanden.
    In Gottfried wuchs ihm ein wohlgeartetes Kind heran. Er hatte Daniels
Körperformen und die Augen Lenores. Ja, es waren die Augen mit dem blauen Feuer,
auch hatte er Lenores märchenhafte Unberührbarkeit und ihren Abscheu gegen alle
Lüge und Verstellung. Daniel erblickte darin ein Naturspiel von ergreifendem
Tiefsinn; alle Gesetze des Bluts schienen wesenlos, und oft irrte sein Gefühl
zwischen Dank und Staunen.
    Von Dorotea hörte er eines Tages, dass sie ihr Leben als Violonistin bei
einer Damenkapelle friste. Er forschte weiter nach, die Spuren führten nach
Berlin, dann verloren sie sich. Ein paar Jahre später wurde ihm mitgeteilt, sie
sei die Mätresse eines böhmischen Gutsbesitzers und fahre im Automobil an der
italienischen Riviera spazieren.
    Auch der Tod des Herrn Carovius wurde ihm berichtet. Seine letzte Stunde,
hiess es, sei schwer gewesen, und er habe in einem fort gerufen: »Meine Flöte,
gebt mir meine Flöte!«
 
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An einem Augusttag des Jahres 1909 feierten Daniels Schüler den fünfzigsten
Geburtstag ihres Meisters. Sie brachten ihm allerlei Geschenke und
veranstalteten ein Essen im Gastaus zum Ochsen.
    Einer der Schüler, ein bildhübscher Jüngling, dessen Zukunft Daniel
besonders am Herzen lag, überreichte ihm einen grossen Strauss Feuerlilien, wie
sie dort in den Wäldern wachsen. Er hatte sie selbst gepflückt und in eine
kostbare Vase getan.
    Es gab frugale Speisen, und dazu wurde fränkischer Landwein getrunken.
Während des Mahles stand Daniel auf, ergriff sein Glas, und mit fernsehendem
Blick sagte er: »Ich trinke auf ein Wesen, das keiner von euch kennt, das hier
in Eschenbach aufgewachsen und mir seit vielen Jahren geheimnisvoll entschwunden
ist. Aber ich weiss, in dieser Stunde ist sie glücklich und geliebt.«
    Alle erhoben die Gläser. Sie sahen ihn an und waren von der Kraft und
Klarheit seiner Züge bewegt.
    Danach begab er sich mit den Schülern in die Kirche. Er liess beide Torflügel
öffnen, so dass das Tageslicht hereinströmte und in der dunkel gewesenen Höhe
eine milchige Helligkeit verbreitete.
    Er stieg zur Orgel hinauf und fing an zu spielen. Ein paar Männer und
Frauen, die über den Platz hatten gehen wollen, traten in die Kirche und setzten
sich still neben den Schülern auf die Bänke. Dann kamen Kinder; schüchtern
trippelten sie durch das Tor, blieben stehen und machten grosse Augen. Und immer
mehr Leute kamen, denn die mächtigen Klänge fluteten bis in die Wohnungen. Alle
schauten schweigend und ernst zur Orgel empor, deren erhabene Harmonien sie dem
Alltag und seiner Niedrigkeit unerwartet entrückten.
    Die Töne schwollen an wie ein Gebet aus übervollem Herzen. Als der
rauschende Hymnus zum Schluss gediehen war, drang aus den Reihen der Zuhörer ein
leises Mädchenweinen.
    Es war Agnes, die weinte. Wurde das Leben in ihr völlig aufgeweckt? Rief
Liebe sie hinaus ins Unbekannte? Wiederholte sich in ihr, was ihrer Mutter
geschehen war?
    Kinder wachsen auf und werden von ihrem Schicksal ergriffen.
    Gegen Abend machte Daniel mit seinen neun Schülern einen Spaziergang über
die Wiesen. Sie gingen weit; letzte Vogelstimmen erschallten, das Rot des
Himmels verblasste.
    Da fragte der schöne Jüngling, der an Daniels Seite schritt: »Und das Werk,
Meister?«
    Daniel lächelte bloss; sein Blick schweifte über die Landschaft.
    Die Landschaft hat vielfaches Grün; an den Weihern steht das Gras höher, so
hoch oft, dass man von den Gänseherden nur die Schnäbel gewahrt, und wäre das
Geschnatter nicht, man könnte die Schnäbel für wunderlich bewegte Blumen halten.
                                      Ende
 
    