
        
                                 Robert Müller
                                     Tropen
                              Der Mytos der Reise
                      Urkunden eines deutschen Ingenieurs
                                     Vorwort
Im Jahre 1907 war an der Grenze zwischen Brasilien und Venezuelas im
Quellgebiete des Rio Taquado ein Indianeraufstand ausgebrochen. Die europäischen
und nordamerikanischen Reisenden, die sich innerhalb der Aufstandszone
herumtrieben, waren Angriffen und Misshandlungen ausgesetzt und konnten von den
anrückenden venezolanischen Regierungstruppen mit knapper Mühe vor einem
Massaker bewahrt werden. An der Spitze der Stämme, die sich gegen die immer
merkbarer übergreifende Zivilisation auf den Kriegspfad begeben hatten, stand
eine Priesterin namens Zaona. Sie hatte durch geheimnisvolle Weissagungen den
Sieg der indianischen Sache verkündigt und die wilden Triebe der Urwaldnationen
geweckt. Man hätte in San Franzisko, Kalifornien, wo ich mich damals aufhielt,
wie überhaupt an den fortgeschrittenen Punkten der Welt von diesen Ereignissen,
die in den genannten Landstrichen keine Ausnahme vom gewöhnlichen Jahresablauf
darstellen, kaum Notiz genommen, wenn nicht der bedeutende Umfang der Erregung,
gleichwie der Umstand, dass ihr weisshäutige Ausländer zum Opfer gefallen waren,
die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten. Eine Expedition von
sieben Nordamerikanern und drei Deutschen, die in der Absicht, eine sogenannte
Freelandkolonie zu begründen, ausgezogen war und von den Regierungen der in
Betracht kommenden Republiken militärischen Schutz erhalten hatte, war
schliesslich zusamt ihrer Bedeckungsmannschaft aufgerieben worden. Die
Kolonisationspläne dieser kleinen Gesellschaft stammten von dem deutschen
Ingenieur Hans Brandlberger, der mit amerikanischem Kapital den grosszügigen
Vorsatz verwirklichen wollte, fruchtbare Gebiete des inneren Südamerika, die
heute noch von unendlichem Urwald überzogen sind, weissen Farmern zugänglich zu
machen und auf kommunistischer Grundlage eine ideale Verwaltung der kultivierten
Gebiete durchzuführen. Brandlberger hatte das Schicksal seiner Begleiter
geteilt.
    Die Zeitungen brachten das Ereignis in Extraausgaben mit grossen roten
Lettern. Zuerst las ich an dem Namen Brandlbergers, der als Führer genannt war,
vorbei. Dann, als ich mit der Ungeheuerlichkeit der ausgiebig geschilderten
Greuel vertraut war, fesselte die immerhin bemerkenswerte Tatsache mein Gemüt,
dass ein Deutscher die grossen und interessanten Pläne des von den Zeitungen
ausführlich behandelten Freelandunternehmens ausgearbeitet hatte. Mein
Gedächtnis beschwerte sich mit dem Namen Brandlbergers. Es war nicht eben ein
heroischer oder auch nur charakteristischer Name, und kein blendendes Schicksal
von Heldentum eines Forschers war in ihm vorgesehen. Er mochte häufig genug sein
und klang eher nach behaglichem Lebensgeschmacke denn nach eifernder Tatenlust.
Aber ich fühlte eine Verbindung zu diesem Namen. Hatte nicht einer meiner
Schulkameraden ihn getragen? Mein Gedächtnis quälte sich wie über eine seiner
bösesten Sünden. Ach nein, ich hatte niemals einen Träger dieses Namens gekannt!
Was mich quälte, war der Bleistift, den ich soeben verlegt hatte und inzwischen
mechanisch suchte. Ich suchte ihn über und unter dem Schreibtisch, ich
durchstöberte den Papierkorb, ich schaute, im vorhinein hoffnungslos, ins
Gestänge der Schreibmaschine; ich riss endlich die Schubladen auf, in denen sich
die Manuskripte häuften - - - da schoss mir, von dieser Bewegung zitiert, eine
Erinnerung durch den Kopf, und ich verschmähte den Bleistift. Nach ein paar
tastenden Griffen zwischen staubiges Papier hielt ich das umfangreiche
maschingeschriebene Manuskript in Händen, das Hans Brandlberger mir vor langer
Zeit persönlich übergeben hatte.
    Dieser Vorgang spielte sich in den drei gut auf ihre Zwecke hin
ausgestatteten Räumen ab, die sich Redaktion der »tree worlds« nannten. »Tree
worlds«, für die ich damals die Lektüre einlaufender Manuskripte besorgte, waren
eine internationale Monatsschrift, die philantropischen Zwecken gewidmet war
und in Peking, Frisko und Berlin, das heisst in den bedeutendsten und
meistgesprochenen Sprachen der Welt erschien. Sie veröffentlichten Arbeiten
jeder schriftstellerischen Art auf allgemein verständlicher Grundlage. Ein
kurzer Einblick in das Manuskript Hans Brandlbergers hatte dessen
Unbrauchbarkeit für unsere Zwecke erwiesen. Der Gang der Erzählung wird durch
langwierige Ausführungen unterbrochen und die Technik des Vortrages ergeht sich
streckenweise in so ungeheuerlichen philosophischen Abschweifungen, dass es
fraglich erscheint, ob der Verfasser überhaupt je so etwas wie einen erzählenden
Stil beabsichtigt habe. Aber dies war der ganze Grund nicht, aus dem »tree
worlds« die Aufnahme und Veröffentlichung der Arbeit trotz aller aktuellen
Beziehungen zurückwiesen. Der Herausgeber der Zeitschrift, ein hochstehender und
vielvermögender protestantischer Missionsleiter, dem ich das Manuskript nunmehr
nach eingehender Lektüre mit leidenschaftlicher Empfehlung übergab, wies es nach
Einsicht in ein paar Stellen wegen inhaltlicher Bedenken zurück. Es widersprach
in seinen Ideen und Beweisführungen den philantropischen Grundsätzen der von
ausbeuterischen Millionären geförderten Zeitschrift.
    Ich habe mich nun, angestachelt vielleicht durch die Leichtfertigkeit, mit
der den Redaktionen dogmatische Einwände gegen oft wenig geprüfte Werke einer
freien und unabhängigen Schöpfung geltend gemacht werden, entschlossen, das
herrenlose Manuskript als Buch zu veröffentlichen. Ich bin mir vollständig
darüber klar, dass ich durch diese Tat kaum die Literaturgeschichte, aber
vielleicht die Geschichte der Menschheit um einen wertvollen Beitrag bereichere.
Irgendwelche anderen künstlerischen Absichten, als scharf und umfassend zu
beschreiben, treten darin nicht zutage, wie es von einem Manne, der
naturwissenschaftliche und technische Studien betrieben hat, auch nicht anders
zu erwarten ist. Wenn gleichwohl hier und da die Anstrengung deutlich wird,
etwas zu schaffen, das ein Ergebnis von Kunst sein könnte, so möchte ich die
Ermüdung des Verfassers im reinen Zeugenschaftablegen darauf zurückführen, dass
es ihm mitunter wohl auch darum zu tun war, sein Erlebnis so gegenständlich und
gegenwärtig als möglich zu verdeutlichen. Es war keineswegs ein klarer und in
seinen Absichten ausgesprochener Mensch; dies geht aus seinen Schriften nur
allzu deutlich hervor; er wollte vielleicht, während er Zeugenschaft ablegte, zu
vieles zugleich, denn er besass eine einzige Tugend: er war gründlich! So dass man
seiner Arbeit zwar nicht die eines Kunstwerkes, aber immerhin die eines
Dokumentes zuweisen kann.
    Er legt Zeugnis ab von einem Typus, und dies ist selten genug. Hans
Brandlberger war ein junger Mann vom Beginn des 20. Jahrhunderts, und er war
durchaus so, wie alle jungen Leute dieser alten Zeit. Ich erinnere mich seiner
persönlichen Erscheinung jetzt deutlich genug. Er war klein, schmal, aber
kompakt in den Schultern, und trug in dem länglichen, blassen Gesichte ein
ziemlich starkes Augenglas. Sein Haar war sehr blond und auf der linken Seite
gescheitelt. Über die rechte Wange lief ein zarter Mensurschmiss, und diese Narbe
gab ihm jenes Charakteristikum, nach dem man ihn einschätzte. Er schien ein
junger Durschnittsdeutscher zu sein. Diesen Eindruck jedoch straft die
Durchsicht seines Buches ein wenig Lügen. Er war mehr als einer jener jungen
deutschen Männer mit Überzeugungen, Mangel an Taschengeld und mehr oder weniger
Aussichten auf eine bürgerliche oder staatliche Laufbahn; er war aber auch
vielleicht weniger. Er war ein Grübler. Er war als der Typus des beginnenden 20.
Jahrhunderts vor dem grossen Kriege ein Mann ohne eigentliche Begabung und ohne
Charakter, ja, kaum ein Mann von Geist - - wenn man unter Geist die harmonische
Mischung von Freiheit und Gebundenheit des Urteils versteht. Und um Geist zu
haben, war er zu frei und zuviel Wühltier. Aber er besass die gewisse geistige
Energie, die dieses Jahrhundert in seinem Beginne auszeichnete. Er war tief - -
das heisst kleinlich, bei starkem, etischem Interesse amoralisch und in mehr als
einem Sinne liberal. Er war stets ein wenig böse und gereizt gegen sich. Er war
analytisch.
    Um sich einen Halt gegen seine Fehler zu schaffen, war er ehrlich. Es ist
vielleicht die gewöhnlichste und heute nicht mehr verzeihlichste Art, seine
Schwäche zu beschönigen. Und schon, glaube ich sagen zu dürfen, ahnte er dies.
Sein Verhältnis zu Jack Slim, dem Amerikaner, wurde ihm zum Problem. Er geriet
so ausserordentlich unter den Einfluss dieses Mannes, arbeitete sich so gründlich
an dieser ihm ganz entgegengesetzten und darum seiner Sehnsucht kaum fremden
Natur zu einer Art Nachfolgerschaft durch, dass es beinahe scheinen möchte, als
sei sie eine freie Erfindung seines spekulativen Dranges, seines heftig
monologisierenden Innenlebens. Ja, ich würde, von der Lektüre seines
Manuskriptes scharf, argwöhnisch und kombinationslustig gemacht, nicht anstehen,
eine solche Behauptung einfach aufzustellen und aus gewissen Stellen zu belegen,
wenn nicht Jack Slim eine historische Figur gewesen wäre, von der die meisten
unter uns erfahren und sich ein Urteil gebildet haben.
    Man weiss ja, wer Jack Slim war; der seltsamste Mensch vielleicht, der seit
Cagliostro Europa zum Aufhorchen oder Lächeln veranlasst hat. Er war berüchtigt
durch seine politische Exzentrizität, seine unmöglichen Prophezeiungen über die
Entwicklung des menschlichen Geschlechtes und seine teosophischen Bestrebungen.
Er hatte Verbindungen an allen Ecken der Welt, war ein Freund Tolstois, kannte
als Student Gauguin, sass in Wiener Kaffeehäusern an der Tafelrunde Altenbergs
und beriet den deutschen Kaiser. Man weiss heute, dass er es war, der Kaiser
Wilhelm II. beim Ausbruch des Burenkrieges zur Abgabe jener drohenden Depesche
gegen E. veranlasste. Er war aus irgendeiner seiner vielen Paradoxien her ein
politischer Gegner der Engländer; vielleicht auch nur darum, weil seine
orientalische Herkunft, die sich gern mit Indien identifizierte, mächtiger war,
als bekannt ist. Denn es ist in der Tat so ziemlich nachgewiesen, woher Slim,
der Amerikaner, eigentlich kam. Sein Grossvater, Selim Bukabra, ein Araber aus
dem Hedjas, war gerade zur Zeit, als der preussische Hauptmann Helmut Moltke in
türkischen Diensten weilte, Offizier des Sultans gewesen. Er war einer der
intelligentesten und fähigsten Soldaten der Reorganisationsperiode und schloss
sich dem Preussen in Freundschaft an, als dieser in seinen ursprünglichen Dienst
zurückkehrte. Er heiratete eine deutsche Offizierstochter und begab sich später
mit ihr nach Nordamerika, wo er sich in der Marine eine Laufbahn zu schaffen
wusste. Er trug hier seinen verkürzten verstümmelten Vornamen als Familiennamen.
Sein Sohn Jack, in der Kriegsmarine der Union erzogen, trat später in die
Handelsmarine über und verlegte den Schwerpunkt seiner Tätigkeit nach Peru. Dies
ist der Vater des historischen Jack Slim. Die Herkunft von Jack Slims Mutter war
in jeder Beziehung dunkel. Man hat über sie nie etwas anderes in Erfahrung
bringen können, als dass sie, ungebildet, aus der Hefe des eingeborenen Volkes
stammte und niemals mit Jack Slim dem Älteren verheiratet war. Der junge Jack
wurde gleich seinem Vater auf einem U. S. A. Schulschiff erzogen und ging später
in die Welt hinaus.
    Seine Vorliebe für das deutsche Volk ist bekannt. Alle seine politischen
Projekte beschäftigen sich mit der Zukunft des Deutschtums. Er hatte drei Ideen,
die er immer wieder vertrat. Er befürwortete die Gründung eines grossen deutschen
Kolonialreiches in dem noch unerforschten Arabien. Er, der nächst Palgrave der
grösste Arabienreisende gewesen ist, pflegte zu beteuern, dass Arabien reichlich
so vielversprechend sei wie Kanada oder Sibirien; und dass die deutsche Nation
hier ein Kulturwerk schaffen könnte, das selbst Indien hinter sich lassen würde.
Seine zweite Idee hängt mit den mystischen Neigungen seines Temperaments
zusammen. Er war Katolik und wusste sogar auf den deutschen Kaiser eine Zeitlang
einen starken Einfluss in dieser Richtung geltend zu machen; Katolizismus und
Weltmannstum schienen ihm identisch. Seine Broschüre über die Zukunft des
österreichischen Staates gipfelte in der Aufforderung, dem Papsttum dadurch
seine Unzukömmlichkeit für die nördlicheren Nationen, Deutsche und Slawen, zu
nehmen, dass man seinen Sitz in eine österreichische Provinz, nach Steiermark
oder Tirol, verlegte. Er erhoffte sich von dieser staatsmännischen Tat eine
vollständige Umwälzung der geistigen Richtung; worauf es nach seiner Meinung in
dem vom Liberalismus zersetzten Österreich ankam. Im Zusammenhang damit mochte
seine Idee über die Schöpfung eines jüdischen Reiches am Schwarzen Meere stehen.
Es war als Reservoir für das die übrige Welt mit auflösenden Tendenzen speisende
jüdische Volk und als Pufferstaat gegen die asiatischen Gebilde der Zukunft im
Tibet und in Kaukasien gedacht. Vielleicht war hier übrigens nicht nur die
Sympatie für den reinen Typus des Westariers, sondern auch jene für das
semitische Element, von dem er einen guten Teil in sich trug, ausschlaggebend.
Solchen Einflüssen entzieht sich auch der freieste Geist nur schwer. Und Slim
wollte sich ihnen gar nicht entziehen: er sah in ihnen im Gegenteil die Werte
für jede Kulturbildung. Es geschieht das Eigentümliche, dass wir hier einen Mann,
dessen geistige Erfahrung, Blutzusammensetzung und Bildung ihn zu einem
Nihilisten bestimmen, als konservativen Typus wirken sehen. Es ist, als ob die
Natur in ihm nach Kämpfen, Mischungen und Versetzungen einen wirklich reifen
Typus hätte schaffen wollen.
    Immer wieder hat es Männer, die dieses interessante Leben verfolgten,
beschäftigt, warum trotz alledem Slims Pläne, die eine Welt hätten neu aufbauen
können, scheiterten. Nichts von seinen Ideen ist bis heute verwirklicht;
vielleicht nicht einmal er selbst. Nun, nachdem ich das Manuskript des deutschen
Ingenieurs gelesen habe, glaube ich es zu wissen. Er war zu langschrittig; er
liess die allgemeine und naturgemässe Entwicklung nie an sich herankommen; die
Folge davon war, dass Menschen, die weniger begabt waren als er und ihm nicht
folgen konnten, es im allgemeinen weiter brachten. Was sich niemand bei seinem
Anblicke, der einen sachlichen, lebhaften und waghalsigen Blutmenschen
entüllte, hätte einfallen lassen, wird aus einer Bemerkung deutlich, die er
über sich selbst dem Ingenieur gegenüber fällt: er war ein durchaus
teoretischer Mensch, für den auch die höchste und brutalste Aktivität nur ein
geistiges Entwicklungssymbol war. In dieser Offenbarung aber einen historischen
Menschen, der uns alle durch sein reiches und groteskes Leben beschäftigt hat,
suche ich den Wert des vorliegenden Buches, das ein alltägliches und
unrühmliches Ende erzählt. Es ist kein Zweifel, dass der Jack Slim des Buches und
jener Jack Slim eine Person sind. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen,
dass diese Überraschung der letzte und wirksamste Grund zur Veröffentlichung des
vorliegenden mangelhaften Manuskriptes geworden ist. Slim wurde das Opfer einer
Eifersucht. Man denke sich drei weisse Männer, die mit der Glut der Tropen im
Blute um eine Indianerin werben - da fällt mir ein, sie hiess Zana. Ob die
Trägerin dieses Namens mit jener Priesterin Zaona identisch ist, die Jahre nach
den Geschehnissen, die hier erzählt sind, den grossen Indianeraufstand
entfesselte, war nicht zu erweisen. Vielleicht war sie es wirklich, dann lag nur
eine individuelle Lautauffassung ihres Namens vor. Und dann hätten wir wieder
einen der seltsamen Züge aber die Beziehungen der Menschen in der Wirklichkeit
vor uns, einen jener Züge, an denen dieses geheimnisvolle Buch so reich ist.
    Und geheimnisvoll ist es, dieses Buch. Es vermeidet die Aussprache von
gewissen tiefen und bösen Dingen und verhütet so, dass sie zu moralistischen
Dingen werden. Es hat ersichtlich das Bestreben, ehrlich zu sein, und ist darum
ersichtlich unaufrichtig und indirekt. Die Absicht des Verfassers, die
Brutalität des Tiefsten der Ergänzung statt der Erzählung zu überlassen, scheint
sein leitender Gedanke und seine heikelste Scham gewesen zu sein. Wie also Slim
und der Holländer starben - ich erwarte da mit dem Verfasser vieles von dem
Verständnis und dem Takt der Leser.
    Dies nun ist die Geschichte eines deutschen Ingenieurs.
    
 
                                       I
Mädchen und Frauen aller Länder und Rassen habe ich gesehen, farbige Schönheiten
von verschiedenstem Reiz, aber die übernatürliche seltsame Wirkung, die von Zana
ausging, habe ich nie mehr erfahren. Und doch war Zana nur eine armselige
Indianerin und urwüchsig vom kostbaren Gürtel, der ihre sonst nackten Lenden
umgab, bis zu den kräftigen Fingerspitzen, die mitleidlos in die Wunden von
Männern greifen mochten.
    Dann war da jener Mensch, Slim, der Amerikaner. Er besass Mut und doch
Gewissen, und war wie der unzeitgemässe Mensch einer mittelalterlichen
Abenteurerlust, ein verspäteter Nachkomme eines Konquistadorengeschlechtes, kühl
und hitzig, baumlang, stark und furchterregend. Von seinem Vater, einem
amerikanischen Seemann, hatte er die Vernunft und Willenskraft des Nordens, von
seiner farbigen Mutter die Launen des Blutes geerbt. Diese eigentümliche
Zusammenstellung in Slims Begabung machten ihn zu einer charakteristischen
Persönlichkeit jener mittel-und südamerikanischen Zone, die noch heute den
Sammelplatz für brutale Herrennaturen und Flibustiertypen darstellt.
    Das Jahr 19.. fand mich in Curaçao, wohin mich eine technische Mission für
die Vereinigten Staaten des Nordens verschlagen hatte. Man hatte mich schon im
vorhinein mit den Abenteuern und den ausgefallenen Situationen jener
Halbzivilisation vertraut gemacht, und begierig harrte ich kommender Dinge. Da
lernte ich einen Holländer namens Van den Dusen kennen. Er war ursprünglich
Offizier der Kolonialtruppe auf Java, dann Kaufmann von Beruf, mit jener gar
nicht unmodernen Beimischung von Lanzknechttum, das in fremdem Dienste seine
Energie und Erfindungsgabe an die verwegensten Aufgaben wagt. Er führte auch
diesmal eine ganze Liste von Unternehmungen im Kopfe, die er mir nicht
vorentielt und mit denen seiner Meinung nach Sensationen und Reichtümer bis ans
Lebensende zu gewinnen waren.
    Ich verhielt mich zweifelnd. Er war nahezu beleidigt, er nannte, er rückte
mit Vorschlägen heraus. »Zwei Jahre sind es her«, sagte er nachrechnend, »und
ich war damals in Cartagena. Da hatte ich mit einem Manne namens Slim zu tun. Er
schleppte den unerhörtesten Gedanken mit sich herum, mit dem ich jemals
Bekanntschaft machte. Alles, was man zu tun hatte, war, verstehen Sie mich
recht, war wörtlich, das Gold dort wegzunehmen, wo es lag - Millionen Goldes,
sage ich Ihnen!«
    »Schön«, sagte ich, »und warum geht er nicht hin und nimmt es weg, wie Sie
sagen - - - ?«
    »Ja«, antwortete der Holländer, aus seiner Begeisterung plötzlich in eine
fremde kühle Logik verfallend, und musste, als Kenner, diese Möglichkeit nun
plötzlich ein für allemal durch ein Achselzucken ablehnen, »er selber kann's
nicht schleppen, und die Geschichte flüssig machen, das kostet Geld, Geld, - und
er hat schlecht gespielt in den letzten Zeiten«, setzte er bedauernd hinzu.
    »Hm. Tja, und wo soll denn dieses Gold liegen«, frug ich mit nur halbem
Interesse. Soviel wusste ich schon, die Schatzlegenden waren in Südamerika und in
jener Weltgegend so zahlreich wie die Moskitos.
    Der Flämische machte ein schlaues Gesicht und sah mich belustigt an:
»Geheimnis!« warf er hin. Wir liessen das Tema fallen.
    Vierzehn Tage später bekam ich Slim zu Gesicht. Auf einem holländischen
Postdampfer kam er an. Van den Dusen begrüsste ihn vertraulich und frug nach dem
Stand seiner Geschäfte, mit bedeutungsvoll gehobener Stimme. Nun, Slim schien
nicht gerade angeregt. Es war mir aufgefallen, dass er alle Menschen, die ihn,
eine pittoreske Erscheinung selbst nach romanischen Begriffen, einen Augenblick
lang ihrer Neugier für würdig hielten, finster betrachtete. Und da kam's auch
schon heraus. Er sei, so sagte er, von Spionen umgeben und jede freie Aktion sei
ihm dergestalt verwehrt. Ich sah jene aufdringlichen Fremden unter seinem Blicke
schüchtern werden, sie gingen verwirrt weiter, und kein einziger hat es mehr
gewagt, sich umzudrehen. Das geierhafte Gesicht mit den stechenden schwarzen
Augen wurde mir interessant. Er war entweder ein Spitzbube oder ein
lebenstüchtiger, durchaus eindeutiger Mann, der wusste, was er wollte, und in
aller Preisgabe seiner selbst noch ein einsamer Tuer blieb. Die Notizen, die er,
mehr unterrichtend als erzählend, von der Geschichte des Schatzes gab, flüssig
und präzise und anerkennenswert disponiert, brachten mich ihm zum ersten Male
näher und gaben für die sympatische Alternative meiner unentschlossenen
Freundschaft den Ausschlag.
    Auf einer seiner vielen Irrfahrten hatte er während einer kolumbianischen
Revolution einem indianischen Soldaten, der von irgendwoher aus dem Innern kam
und gewaltsam den friedlichen Hütten seines Stammes entrissen worden war, das
Leben gerettet. Unter den freibeuterischen Zufallsarmeen befehdeter
südamerikanischer Parteigeneräle befinden sich genug solcher Individuen, die
sich erst weigern, durch die Peitsche, vielleicht auch durch Todesdrohungen zum
Dienst gezwungen werden und später von selbst mitlaufen, weil sie wissen, dass
sie am nächsten Baume gehenkt werden, wenn ihr unbürgerlicher Beruf sie einmal
irgendwo allein in einer Ansiedlung oder unter dem allzeit unruhigen Mob einer
feindlichen Stadt verrät. Aus Dankbarkeit gab der braune Bursche, der seinem
Schicksal später doch nicht entging, seinem Offizier einen kuriosen Scheck auf
das Glück, eine gebackene Sandmasse, eine Art Ziegel, auf der eine Menge
indianischer Buchstaben geheimnisvoll durcheinandertanzten. Die Geschichte, die
er dazu erzählte, klang gefabelt, aber Slim schwor, dass er schon Ärgeres in
seinem Leben bestätigt gefunden habe. Die Hieroglyphen waren seiner Aussage nach
das Faksimile einer Inschrift, die ein Felsen im Innern Gujanas trug. Ein
Wasserfall zerschellte dort am anfragenden Steinklotze und die tosenden Wasser
schossen in winkelig zueinanderstehenden Silberbändern in ein braun lasiertes
Becken zwischen dichtestem Urwald hinab. Hinter dem unaufhörlich rollenden
Silberfilm aber lagen gehäuft die Schätze einer Karawane, deren weisse Begleiter
die indianischen Pfadfinder und Arbeiter, nachdem sie überflüssig geworden
waren, an dieser Stelle vor Jahrhunderten dem Schwerte preisgegeben hatten und
schliesslich der Blutrache des überlebenden Stammes, dem auch jener
kolumbianische Söldling später entspross, bis auf den letzten Mann erlegen waren.
    Slim, dessen Patos mich fortzureissen begann, erzählte, dass zwei fruchtlose
Versuche, das Lokale des Schatzes zu finden, hinter ihm lägen. Eine
Schwierigkeit bestand in der Entdeckung jenes Stammes, dessen Medizinmänner und
Priester das Geheimnis noch heute hüten mussten.
    Die Geschichte des Felsens mit den Meisselzeichen klang nicht unannehmbar.
Allentalben ragten die primitiven Denkmäler indianischer Raufereien, Duelle und
mysteriöser politischer Stammesereignisse an Flüssen und bewohnbaren Oasen im
Djungle des inneren Südamerika auf. Mochte ich auch dem Ausgange und der
Erfüllung des letzten Zweckes einer solchen Expedition zweifelnd
gegenüberstehen, so hatte meine Unternehmungslust doch einen Antrieb erhalten,
ich wurde nervös, schien ungesättigt, mein Gehirn kam ins Spekulieren, und die
Kaffeehäuser der venezolanischen Provinzstädte, in denen wir uns jetzt zu dritt
herumtrieben, wurden mir bald die lästigsten Gefängnisse der Welt. Eines Tages
aber begannen wir zu rüsten, mein Tätigkeitsdrang erhielt ein Feld, es dauerte
einen Monat, und da ward es plötzlich stille um uns, unheimlich stille, der
Urwald schlug über uns zusammen und die Welt der Maschinen und der Konversation
da hinten blieb ein Traum unserer hartnäckig arbeitenden Phantasie, die einen
Strom von Gold in jene Kulturen zurückführte.
 
                                       II
Wir befanden uns in diesen Tagen auf den braunen klein gewellten Wassern des Rio
Taquado. Vier Indianer, geübte Flussleute und Pfadfinder durch den Djungle,
ruderten uns in zwei Booten. Die Breite des Wassers, das saumselig gegen unseren
stromaufwärts gekehrten Kiel spülte, war nirgends bestimmt festzustellen.
Lagunen fielen ins Land und fingen im braunglasigen Spiegel die träge dampfende
Ruhe eines schweigenden Urwalds, den kilometerlange Systeme von Schlinggewächsen
zu einem einzigen quirligen Laubfilz zusammenspannen. Inseln und Halbinseln
krochen vor und trugen sichtbar die Knoten verschlungener Riesenpflanzen und
Bäume, sie stellten eine gefahrvolle Barre dar und zwangen uns zur Steuerung in
Mäandern. Wenn wir aber vorbei waren und die Wellen unserer flinken Kähne sie
erreichten, begann, was massiv geschienen hatte, zu schaukeln. Schleimige,
schwarz glänzende Bildungen tauchten auf und nieder, wurmartige Äste, die im
klaren Wasser wie Spiesse gedroht hatten, begannen rhytmisch zu bändern und
zuckend zu greifen. Der Flusslauf war eine aufgereihte, in weiten Schlingen sich
schlängelnde Schnur von kleineren und grösseren Seen, ein ununterbrochenes
Szenarium von Buchten. Bald verflachten sie zu morastigen Untiefen, aus denen
die herzblattförmigen Stechruder Blasen und lehmige Wirbel auflöffelten, bald
zwängten sie sich zu laubüberschatteten Tunnels, in denen das Wasser
stillzustehen schien, schwarz, ungesund und fettig, wie es uns da fühlbar trug.
Denn das war das Erregende an solchen Stellen, dass sie plötzlich das eigene
Schwergewicht ins Bewusstsein riefen. Man empfand den zähen breiten Widerstand
der brodemhaften Wassermassen gegen die Bootswände. Während im harmlosen Gleiten
des Fahrzeugs die Wasserfläche das Letzte und Sicherste schien wie die
Oberfläche der festen Erde, entstand hier die Beobachtung einer im Mittel
schwebenden Situation; das gewohnte Gefühl, am äussersten Grunde aller Dinge zu
sein, das man gegenüber dem unendlichen All des Himmels auch noch auf den
höchsten Bergen in sich weiss, dieses Gefühl fehlte hier; es war ein Schweben
über unreiner Tiefe, und eine Distanz, die nur nach der einen Seite gewohnt war,
stellte sich nun nach einer zweiten hin ein.
    An seichten Stellen schwammen warzige Eidechsen und Alligatorenfamilien,
ineinander verschränkt, von ferne karstigen Klippen ähnelnd. Der Schlag der
Ruder versprengte sie wimmelnd ins kreiselnde Wasser, Perlen schossen aus
Luftminen auf und setzten sich zu weissen und rosigen Schaumaugen an. Zur Rechten
und Linken, vorne und hinten hielt der Wald sein Schweigen, nur das Tropfen
reifer Früchte und der drahtige Klang vom Fallen knusperiger abgestorbener
Zweige störte das Brüten. Wo ein Ende schien, öffnete sich plötzlich die graue
Laubwand auf lautlose Zauberformel hin, glitt im Vorschiessen des Kahns täuschend
wie Vorhänge zurück und gab ein neues Stück der Flusslandschaft blendend frei. Im
Rücken schlugen die Ufer wie für immer zusammen, böse, erregt, anders, als wir
sie fanden, verstört über die unheimliche Kraft: Mensch, die hier ihre gewohnte
Glätte in schaudernde Vibrationen und alpschwer empfundene Störungen ihres
Traumes brachte ...
    Halt; was war das? Einen Augenblick lang rafften sich die eingeschläferten
Geisteskräfte auf, die Letargie platzte wie eine der Fruchtkapseln im
brütendstillen Walde, sechs Sekunden lang fühlte ich mich so frisch und hell,
als ginge ich auf dem Sonntagspflaster einer hübschen mitteleuropäischen Stadt
und dächte einen unbekannten Gedanken. Ich hatte eine blitzartige
vorüberhuschende Erkenntnis, eine Erinnerung wollte sich formen, ein paar
Vorstellungen liefen vage zu einem Urteil zusammen ... und da wurde das weisse
Licht des Tages grau vor Weisse, es türmte sich zu einer sinnlichen Mauer von
Widerstand, an der das Denken zerbrach. Ich nahm mich in Zucht, quälte mich zu
einer höchsten Verengung zusammen, aber die graue Masse meiner Gedanken, die
sich der Monotonie der Aussenwelt angeglichen zu haben schien, rührte sich nicht.
Meine Spannung wurde weich, sie löste sich wieder in jene einförmige dicke
Empfindung auf, in ein üppiges Dahinsein, eine gierige Benommenheit. Aber die
Wollust der Öde war durch ein lauerndes Interesse getrübt. Ich konnte unter
diesen Verhältnissen die angemessene Lebensfreude nicht mehr zurückgewinnen,
inmitten des süssen Stumpfsinns quälte eine Plumpheit, ein Rest, eine unbequeme
Originalität, am Grunde meines Bewusstseins hing ein Ballast und machte
Schwierigkeiten. Der Gedanke, der meinen entwöhnten Kräften entglitt, bevor er
unter dieser sengenden Hitze reif ward, er kam wieder, er machte sich lästig:
plötzlich summten mir die Ohren von ihm, als hätte ihn einer ausgesprochen. Der
Gedanke war: All dies hatte ich schon einmal erlebt. Diese milden müden Wasser
hatten um mich gespült. Dieses scheinhafte Licht, diese Süsse, diese Laune,
dieses Dämmern im Unausgesprochenen war nicht neu, es traf auf Erinnerung im
Menschen, es war eine - Wiederholung. Wo aber, wo hatte ich diesen Zustand der
Tropen, diese Szene willenlosen Wachsens durchgemacht, wo, wo?
    Es war heiss, ha, heiss, und der Fluss mochte vielleicht eben den Äquator
schneiden; diese lächerliche Versicherung, lächerrlich, weil ich sie mir geben
musste, durfte ich mir geben: dass ich hier noch nicht gewesen bin. Aber nun
beginne ich zu zweifeln, ich lache dabei innerlich, aber ich beginne regelrecht
zu zweifeln. Ob ich mich nicht vielleicht doch irre? Es ist mir nun einfach
unmöglich, zu verzichten. Ich kann meinem Extragedanken nicht unrecht geben, ich
bin bereits einmal unter sengenden brütenden lichtbeflissenen Umständen
dagewesen. Dagewesen ... hm. Ich habe eine heftige aber umrisslose Erinnerung.
Ja, ich bin hier Bürger, hier stehe ich und falle ich, ich brauche mir vom
Bewusstsein nichts vorschreiben lassen. Donnerwetter, wie ist das nun, wenn,
sagen wir, jemand verrückt ist? Ich bin ein wenig gelähmt vor Schreck, ich rühre
mich nicht, um nicht an den drohenden Wahnsinn zu stossen, es ist in diesem
Augenblicke alles ungewiss und vielleicht bin ich gar nicht vorhanden. Vielleicht
bin ich nur eine von den Flechten, die hier merkwürdig im Wasser rotieren, eine
mit einem Gehirn, mit einem kranken bösen Gehirn ... Aber gleichzeitig reckt
sich eine Art Schadenfreude in mir, hehe, ich bin tralalla, tralalla - - ffst -
peinlich genug, ich glaube, nun habe ich wirklich gesungen, so geflötet à la
süsse Ophelia, hm, hm, hm, hm, - - eine sachte, aufrichtige Freude beherrscht
mich. Ist es nicht unglaublich ... und ich bin doch dagewesen. Dagewesen,
dagewesen - ich möchte es singen, ich möchte es kauen und essen vor Vergnügen.
Dies alles sollte ich nicht kennen, diesen trägen Lass der Wasserpflanzen, die
schwimmen, schaukeln und in dem Brudel vergehen möchten, alle diese fleischigen
aufgelösten Körper von Blumen, Getieren und Wasserwesen, all dies Gelefze und
dies Schlampampen, das so anschaulich ist, das ich mit der Haut erfasse, mit dem
ganzen Leibe erlebe - dies alles sollte ich nicht kennen?
    Vor Vergnügen lief es mir kalt über den Rücken. Mitten in dieser rasenden
Sonnenglut? Hatte ich Fieber? Augenblicklich focht es mich nicht an. Die
Hauptsache war, dass ich das Wiedersehen feierte. Dieses träge dumpfe Glück war
mir ein alter lieber Freund, mir, der ich aus einer nervösen, in jeder Minute
fatalen, aus einer so unbeschaulichen Stadt kam! Ich strengte meine Augen an, um
die Bekanntschaft mit den Einzelheiten der Szenerie zu erneuern. Ich schaute und
schaute den plötzlich vertrauten Dingen die Seele aus; aber leider wollte sich
noch nichts Bestimmtes im Gedächtnis einstellen. Statt dessen bekamen die
Konturen des Laubes rote Säume und die Luft begann wie ein überzartes Netz vor
den Augen zu rieseln. Meine Gewaltsamkeit führte nur dazu, dass ich eine Art
Spektrum in diese grellweisse Luft hineinsah.
    Wie es dann endlich geschah, dass ich meinen Extragedanken vollerblüht zu
Gesicht bekam, das entzieht sich beinahe meiner Kontrolle. Nachdem ich mich zwei
Tage lang appetitlos durch diese Misere hindurchgeschleppt hatte, wurde die
Geschichte auf eins, zwei, drei erledigt. Nach wie vor schlängelten wir uns den
Fluss entlang, dessen Ufer, so unausgesprochen wie die eines Sumpfes, sich nie
und niemals zu einer schönen Parallelität bequemen wollten. Aus dem Reich des
Waldes gelockert, standen immer ein paar der Bäume im Wasser. Milde wie
fliessender Honig trieb die unmerkliche Strömung dazwischen hin, mehr eine
Überschwemmung denn ein Flussbett. Immer noch barg die Tiefe ihre Rätsel, noch
hatte ich mich nicht mit ihr ausgesöhnt. Inseln von Wasserlilien drehten sich um
ihre Achsen, schoben dabei sich langsam fort, vielleicht in eine nahrhaftere
Wassergegend, vielleicht in die Sonne, vielleicht in den Schatten, dann machten
sie in ihrer weilsamen Drehung halt und begannen sich, wie von einer Feder
getrieben, in der entgegengesetzten Richtung aufzurollen. Feiste Lianenarme
halsten die überhängenden Bäume und nährten ein Gefolge von laszive blickenden
Blüten. Orchideen spreizten ihre kleinen dicken Rüssel mitten durch die
Laubknoten, saftig und geschwellt bogen sich die Schenkel ungewöhnlich geformter
Blumen auf handgrosse behaarte Blätter herab. Im Wasser trieb eine Welt des
kleinen Grauens. Graugrüne Knorpel, wuchernde Blütennarben, Köpfe, die begonnen
hatten sich zu spalten und aus deren klaffenden Hirnen es in winzigen spitzen
Zungen starrte. Umgekrempelte Lappen, die sich faserten, Finger, zwischen denen
Schwimmhäute wuchsen, regungslos lebende Leiber, Leiber von einem unheimlichen,
unbeurteilbaren Leben, mit Spuren von Menschenähnlichkeit und Zügen, die nach
Entwicklung drängten. Wie im Traume sah ich Dinge, die im Näherkommen
gewöhnlicher wurden. Der Umstand, dass ich sie ergreifen konnte, gab mir etwas
von meiner Kühle zurück ... aber dann lagen sie wieder hinten und plusterten aus
vollen Backen, wenn die Wellen unserer Boote sie auf und nieder schaukelten. Sie
drehten sich, hundert Augen sahen uns gespenstisch nach, und in diesen kalten
Augen lag ein Vorwurf. Diese Augen sprachen ein Todesurteil, einen Racheschrei.
Ihre Ruhe, die Majestät ihres Grauens ward verstört, sie blickten böse und
begannen lächerrlich auszusehen, wie der entweihte Nimbus einer Angstpuppe, einer
kompromittierten Angstpuppe, haha, einer dummen starren Panoptikumsfigur - -
diese Fötusse, die halb geistreich und fähig, wissend und werdend, halb
verlassen und zurückgeblieben, satt und seelenlos ein gestopptes Dasein von
Möglichkeiten führten, träumerisch, träge, willenlos gedreht und von
Nachgiebigkeit und Wohlsein trunken -
    Ahh! Was war das - - -
    - - - als es auch schon licht in mir wurde, ja, geradezu überirdisch zu
tagen begann. Das also war es! Das also war das Geheimnis, das ich mit diesen
unlauteren, trügerischen Nährwassern der Tiefe gemeinsam hatte! Das also feierte
ein Wiedersehen von Morgen und Abend des Lebens! Im Schachte meines Bewusstseins,
im Berge meiner Herkunft schlummerte eine Stimmung aus der Vorzeit von Millionen
Wesen, das mütterliche Säugen und Tränken des Stromes, die brütende Wärme der
Zone, die hilfreiche Ruhe des Müssiggangs hatten meinem simplen Triebe
geschmeichelt. Wie lange war es her: ... dreiundzwanzig Jahre und neun Monate
hatte ich zurückzugehen, dann hatte ich die Lebenshöhe eines dieser knorpeligen
Zellenstöcke erreicht. Meine Identität mit diesem Zustande war festgestellt. In
diesen seimigen Tiefen hausten Wesen, denen ich einmal ein lieber Kollege
gewesen war. Vorzeiten siedelte sich die stammhaltende Zelle in diesen
Urwaldpfützen umher, kugelte sich an den Rändern fremder Pflanzen
schmarotzerisch entlang, liess ihre wimpeligen Fühler unter den wenigen Stössen
sich mischender Wasser flattern und ihre gefiederten Muskelfäden nach anderen
Organismen angeln, strangulierte ein Pflänzchen, ein Mikröbchen, ein Flöhchen
und sog ihm alles Mark aus der einen Pore, aus der es vielleicht nur bestand.
Oder war selbst ein so wundervoll kompaktes Knöspchen mit einem prall sitzenden
Mieder von Blumenblättern, ein Kelch, der langsam die Fächer seiner bunten
Schönheit entfaltete und Nahrung und Genuss bürgerlich durch ein Domestikensystem
von Wurzeln bezog, die in der Fäulnis eines Brackwassers oder eines schwammig
gewordenen Holzklotzes häuslich ihren Herd eingerichtet hatten und mittels der
einfachen Kost der zart zubereiteten Stickstoffe jenen Appetit stillten, der
notwendig mit der Schönheit eines glutigen Rots oder wellig verblassenden
Violetts verbunden sein muss. Alle diese Lebewesen, all dies Generelle um mich
her war einmal ich. Nun lag es da, von meinem Reinlichkeitstriebe verabscheut,
die Schlangenhaut auf meinem Entwicklungspfade!
 
                                      III
Nach zwei Tagen Unzufriedenheit und Irrsinn durfte ich meine Vernunft
rehabilitieren. Mein Glaube behielt recht wider mein besseres Wissen. Indien,
das antipodische Tropenland, hat nach der Übung dieses Bewusstseins am
Technischen seines Alltags eine Weltanschauung daraus geformt: Tatwamasi: das
bist du! Nein, der grosse deutsche Philosoph hatte doch niemals soviel
Wirklichkeit mit seiner Vergeistigung dieses Prinzips gedeckt wie jener alte
Inderglaube. Zwischen mir und diesem Leben rings existiert nicht nur vielleicht
eine metaphysische, es existiert sogar eine sehr hervorragende, ganz materielle
Identität: In der Tat, diese Blume und ich sind weitläufige Vettern. Meine
nähere Verwandtschaft hat es mittlerweile weit gebracht, dank der günstigen
Umstände; jene hingegen hat Pech gehabt mit ihren Ureltern, und die Sünden der
Väter werden bekanntlich gerochen an den Kindern. Gehe ich konsequent in meinem
Gedächtnis zurück, lasse ich allmählich das Bewusstsein fallen, so gelange ich zu
dieser einen Tatsache: Ich bin ein naschhaftes Zellenbündel und liege im Wasser.
Sie bildet den Kern meiner Vertrauteit mit jedem somnolenten Zustande. Meine
Lauheit und mein träger Sinn finden eine Erklärung. Arbeit ist mir noch heute
zuwider, und ich liege noch heute hundertmal lieber am Diwan und rauche
Zigaretten, wenn es nicht gerade um vitale Interessen geht. Aber geht es einmal
darum, dann zeigt sich mein vegetativer Selbsterhaltungstrieb und die robuste
Kraft meiner Abstammung. Meine Nerven laufen und verzweigen sich so infam, so
raffiniert, üben sich so unermüdlich im Suchen, Fassen und Drosseln wie die
dünnen, reiherartigen Fänge von Wassertierchen, wie die empfindlichen,
schleppenden Greifarme dieser blöden, nichts als eine ums tägliche Brot
bekümmerte Blase darstellenden Quallchen. Die Lauheit des Wassers ist die meines
Blutes. Mein Herz ist ein fleischiger Sack und pumpt eine rote, warme, nahrhafte
Flüssigkeit durch sich hindurch. Schwimme ich nicht in meinem eigenen Blute, bin
ich nicht ein architektonisches Inselchen in der Strömung dieses Blutes, ein
halb daraus emportauchendes Schuppengebilde? Was tut es, dass die
Benetzungsflächen nach innen liegen, es ist die höchst geistvolle Umstülpung
eines Prinzips, die praktische Lösung einer nahrungsökonomischen Frage. Es ist
eine maschinelle Erfindung ersten Ranges, eine Raum und Zeit sparende Metode.
Das Prinzip des nahrungspendenden Stromes besteht, aber während ich früher mit
allen in eine Schüssel langte, habe ich jetzt einen kleinen Strom zum
Selbstgebrauch, der mir soviel Substanz liefert, dass ich mir diesen Strom sofort
wieder künstlich erneuern kann. Die Vorteile dieses Instituts sind
handgreiflich, ausserdem hat jedermann es erlebt, dass man die verschiedensten
Dinge verdrehen kann, und sie ergeben dennoch einen höchst produktiven Sinn. Das
Gefühl, das ich jetzt gegenüber dieser Tropenlandschaft habe, ist ungefähr jene
selbstgefällige Wehmut, die eine moderne Lokomotive beim Anblick eines James
Wattschen Teekessels empfindet. Ich bin eine vielfach verbesserte
Tropenlandschaft. Wo ich gehe und stehe, trage ich eine Normaltemperatur von
sechsunddreissig Graden mit mir herum, ein üppiges Anschiessen der Säfte, eine
Vegetation von warmer Pracht. Habe ich es geahnt? Die ersten Träume meiner
Kindheit waren die von Sonne, Fülle und Reichtum. Plagen, Krämpfe, Verzerrungen
gingen mir wehleidig wider den Geschmack, das äussere Leben des Unterhalts schien
mir selbsttätig und selbstverständlich geregelt. Es handelte sich um Genüsse,
nicht um Arbeit, um ein Büfett von Erlebnissen, nicht um einen Teller Suppe.
Noch sass meine tropische Verwöhnteit mir in den Gliedern. Die Geschichte
erzählte mir von meinen Vorfahren, nordischen Barbaren, die mit Kälte in den
blonden Haupt- und Bartaaren und quarzenem Frost in den gierigen, hungrigen,
bösen Augen ungestüm nach dem Süden drangen, und ich fühlte mit ihnen. Immer
hing meine Schwermut der Freundlichkeit eines solchen Daseins nach. Nun der
erste starke Eindruck einer südländischen Szene mich noch frisch zur Aufnahme
vorfindet, rührt sich meine eigene prähistorische Existenz in mir, gibt aus
tiefen Gründen eine Art Antwort in Stimmungslauten.
    Der in Adern zwischen den Waldvorposten sich durchzwängende Strom stellte
ein grosses Herz dar. Stille wie er ging, leise wie sein Gefälle gegen die vagen
Ufer pochte, brachte und sammelte er Nahrung für eifrig vermittelnden Humus, der
sich in den seltsamsten Zellkonfigurationen, Bäumen, Gewächsen, Tieren zur Sonne
emporblähte. Die Stille rings war unheimlich und klebte im Ohre. Ein
schmatzender Zuck, ein Gurgeln unterm zotteligen Vorhang in den Lehmhöhlen des
Ufers, das Schlürfen verdächtiger Löcher, das hin und wieder wie Detonationen
zwischen die fadenlang gesponnene Zeit trat, zeugte von der steten Monotonie des
Vorgangs. Aus dem Walde selbst kam ein knisternder Rhytmus. Dort rumorte noch
der grosse Pan.
    Mein Puls ging überleise, ich fühlte das freudige Wachsen mit. Eine Woche
lang fuhren wir so den Fluss hinauf, die Szene blieb dieselbe. Die Trägheit nahm
vollends Besitz von mir. Es kam eine Zeit, da interessierte mich mein
Spezialgedanke nicht mehr. Die Sonne stand jetzt über dem letzten Wirbel, wenn
wir im Boote sassen. Die Dinge blieben süss und fuhren fort zu zaubern, aber die
Beobachtung begann sich zu lässigen. Alles wurde dicker und banaler. Wohl, ich
trug die Tropen in mir - aber war es nicht eine ungerechte Benachteiligung, eine
unnatürliche Belastung, war ich nicht gerade dadurch einer doppelten Erhitzung
ausgesetzt? Durch Generationen war mein Organismus an die Überwindung von
Kältewiderständen gewöhnt. Sein Verbrennungsprozess war eigenmächtiger, seine
Molekulartätigkeit eine regere. Die Exzesse meines Gehirns bewiesen es, diese
krankhafte Schärfe des Stimmungsbewusstseins und der gedankliche Apparat, der
dergestalt in Betrieb gesetzt wurde. Eine Weile mochte das angehen und ein
Rekord an Selbsterkenntnis erzielt werden wie bei den alten Indern. Deren
Vorfahren waren als eingewanderte Kaukasier in die Djungles und in die Güte
ihres heutigen Wohnsitzes zurückgekehrt und hatten dann jene merkwürdigen
Systeme telepatisch-spiritistischer Kräfte, pure Erscheinungen eines
exorbitanten Erinnerungsvermögens, geschaffen. Das Surrogat: Gehirn, das für das
Original tropischer Hitze eingetreten war, war zurückgenommen; im Schuss und
Schwung der Trägheit blieb es erhalten und steigerte den Lebensgrad, den es
vorher nur kompensiert hatte. Eine Weile konnte das dauern und Kulturen
schaffen; tropische Schwüle, die sich zu Gehirn verflüchtigt hatte, verdichtete
sich, wo sie auf die Reserven ihrer eigenen früheren Form stiess, und nordische
Innerlichkeit, in äquatoriale Äusserlichkeit gekommen, kristallisierte monströse
Bildungen, Kultur genannt. Aber dann musste der Moment eintreten, wo die an harte
Leistungen nach aussen gewohnte Maschine den Dienst einstellte; der Mangel an
Widerstand war unüberwindbar. Kamen nicht alle Eroberer und Schöpferrassen aus
dem Norden, Chinesen, Inder, Hetiter und Juden, Hamiten, Türken, Germanen?
Wurde der Mensch nicht hart, als er den Süden unfreiwillig zum Norden verliess,
aber fing diese Härte nicht Funken und Feuer, wenn sie in den Süden zurückfiel?
Entstanden nicht höchste Organisationen der Welt? Und brachen sie nicht
zusammen? Auf die Dauer konnte die Maschine diesen Mangel an Arbeit nicht
leisten; sie verausgabte sich. Sie war auf dieses bisschen Sonne mehr nicht
angewiesen; aber es verdarb sie. Die Menschmaschine, die aus dem Norden kam, war
das Dienern der Natur nicht wie der gegebene menschliche Organismus des
Landstrichs gewohnt. Jene produzierte sich nicht nur ihr eigenes Bespülungsnetz,
sondern auch ihre Beleuchtungs- und Ernährungsquelle. An ihrem Horizonte ging
die Sonne auf und unter. Das Sonnenkind, der agilste, tapferste, beste und
tüchtigste Typus einer bis jetzt erfundenen Menschlichkeit, war ja das Geschöpf
des fernsten aller fernen Norden. In seinem Scheitel brannte ewig der glühende
Ball der Sehnsucht. Seine Phantasie erwärmte ihn.
    Die Menschen in der Nähe des Äquators aber sind nüchtern und sachlich, und
seltsamerweise gleichwohl ohne die Tüchtigkeit des spintisierenden Nordländers.
Sie sind nie Abenteurer im romantischen Verstande des Wortes, sondern entweder
Poseure knallreicher Effekte oder bornierte Spiessbürger mit zufälligen
rücksichtslosen Geschäftsprinzipien. Jeder, der eine Erfahrung um des inneren
Gehaltes willen gesucht, seine Einsamkeit im Strudel des Lebens um ihrer selbst
willen exportiert hätte, wäre gesellschaftsunfähig geworden. Die Frauen? Die
Frauen der Gesellschaft waren so glänzend und falsch wie ihre Diademe und
pfundschweren Geschmeide, sie waren kalt und ohne erotische Einbildungskraft und
benutzten innerlich stets die Hängematte zu einem faden Geschaukel. Stellt nicht
die bevorzugte Hängematte an und für sich mit ihrer halbmondförmigen Grazie die
ganze fruchtlose, für den Temperamentsausbruch vollkommen ungeeignete leibliche
und seelische Indisposition eines Frauentyps dar, dem das Symbol des
schlagfertigen, ebenso soliden als in seinen Möglichkeiten reichen Kanapees
gegenübergesetzt war? Dies aber ist die Hängematte, das Erlebnis der
amerikanischen, der westlichen Orientalin, diese Pendelbewegung zwischen Laster
und Kälte, diese unheroische Andeutung von süssesten und heftigsten Situationen,
die nicht erschöpft, ausgekostet und genossen werden. Diese literarische Art von
Liebe, die nicht bis zum letzten geht, sondern vor der Tat langsam in den Traum
zurückgleitet. Diese korrupte und gehemmte Leidenschaft, diese Süssigkeit der
Schwäche und diese Spiessbürgerlichkeit der moralischen Kraft ist die Hängematte,
die Toilette der Kreolin, ein Garn von schlechtem Blute, eine krankhafte Fläche
aus bösen Mischungen am Leibe einer Rasse. Die Hängematte war die enttäuschende
Erfahrung des Nordländers. Was dann da von mehr oder weniger bürgerlichen
Frauenschicksalen dem geübten Episodisten und forscherlustigen Chronikeur
europäischer Zirkel erreichbar gewesen wäre, war so gut wie im Fusel ersoffen
oder vom Heiratsgeschäft absorbiert. Der Glanz und Erfindungsgehalt
mitteleuropäischer Liebesverhältnisse wurde umsonst irgendwo, und sei's auch mit
Teilnahme am fremden Abenteuer, gesucht. Ich rechnete nach. Wie lange war's her,
dass ich das Leben nach mondänen Genüssen gemessen hatte? Vor einer Woche hatten
wir in einer kleinen Garnisonsstadt des holländischen Guyana die Zeit in
Gesellschaft der paar anwesenden weissen Offiziere und einiger Negerdonnas
verbracht. Vor drei Wochen hatte ich mit van den Dusen in Rio zum letzten Male
einen Tanzsaal betreten. Und vor einem Monat, genau soviel vom heutigen Tage an
zurück, war ich mit dem Manhattangirl, einem distinguiert verdorbenen
Geschöpfchen, die grosse Schleifenbahn, das looping the loop, in Conei Island,
immer und immer wieder abgefahren - hopp, da standen wir auf dem Kopfe, hopp, da
waren wir herum, hopp, da sausten wir die Vertikale hinunter und hatten den
Magen zwischen den Zähnen, weil er oben bleiben wollte!
    Hopp, wie meine Gedanken sprangen, wie mein Gehirn in rasend fallender Kurve
die grosse Schleifenbahn des Lebens nahm! Nun sass ich also hier und fühlte, dass
der Äquator tatsächlich ein glühender Reifen ist, der durch die Eingeweide
hindurchgeht. Ich muss gestehen, ich sass mit einer leisen, satten Verliebteit
da. War es sonderbar, mein Verhältnis zu dieser Umgebung hatte einen erotischen
Beigeschmack. In den ersten zwei Tagen war es eine Leidenschaft gewesen. Ich
ahnte die Tiefe, ich suchte sie. Das mütterlich Nährsame der Landschaft,
dämonisch an Urerinnerungen rührend, hatte den stechenden Zauber einer begehrten
Frau, der goldene Tore vor himmelblauen Schicksalen aufspringen lässt. Die Natur
war hier erkenntlich an dem Reiz der Gebärerin, in der ein Mann die ersten
Anfänge und letzten Bedeutungen des Ichs sucht.
    Erotik, wie sie von den klügsten und tiefsten Geistern einer Kultur, der das
altruistische Empfinden eigentlicher Liebe verloren gegangen war, geübt wurde,
war und wird noch lange ein Suchen des Ichs im andern sein. Was ist die moderne
Liebe, wo sie am prächtigsten ist, die Liebe ohne und wider das Geschlecht? Ein
ungeheurer, widernatürlicher, aber in seinem Verfall noch sittlicher und
schöpferischer Eitelkeitsakt! Der Kraftaufwand gilt nicht dem Problem, wie zwei
zusammen leben, sondern wie der eine durch das andere in den Genuss eines höheren
und raffinierteren Bewusstseins gelangen könnte. Ist es stattaft? Es ist
stattaft. Es ist vor allem besser als das Nichts, es ist, als Durchschnitt,
besser als die Vereinzelung wirklich altruistischer Liebe. Je mehr man sich
dieses goldhaltigen, seltenen, feiertäglichen Falles für fähig halten mag, desto
begehrlicher wächst das Bestreben, die erotische Mappe zu füllen und die Mission
zu Ende zu führen. Jener Fall ist so erhaben, er ist so sehr über jedes
gewöhnliche Mass hinaus, dass er uninteressant ist; er ist der Gegenstand von
Idyllen, die heute nicht mehr geschrieben werden und erst wieder auf eine
heroische und absolute Zeit warten. Er ist vollständig, er ist erledigt, er
benötigt keine Berichterstattung irgendwelcher Art, er benötigt weder
Geständnisse noch Missionen. Aber die kleinen, die unvollkommenen Fälle sind es,
die dem Menschengeschlechte die Mission hinterlassen haben, sie zu
komplettieren, damit es sich wieder dem grossen, uninteressanten Ernstfalle
zuwenden kann. In diesem Sinne habe auch ich eine erotische Mission auf mich
genommen, ich bin bereit, zum Wohle der Allgemeinheit ein gut Teil ihrer
Inferiorität zu tragen, sie zu erleben, zu erfühlen, vor allem aber, sie zu
schildern und an ihrer Hand Lehren zu geben. Ich bin überzeugt, dass ich den
Menschen mit schrankenloser Aufrichtigkeit über alles, was uns betrifft, einen
wesentlichen Dienst leiste, und ich will mit meiner erotischen Naturgeschichte
nicht zurückhalten; indes vermag ich mir auch vorzustellen, dass man in späteren
Zeiten diese selbe Erotik, die uns heute noch so gründlich beschäftigt,
vorsintflutlich finden wird.
    Einen solchen lehrreichen Fall habe ich vor mir. Ich habe Beziehungen zu
einer Natur, die ganz Weib ist. Geschlechtliches schwebt über den Wassern und
Blutgesänge mische ich in einen Chor. Der Wald ist das grosse Herz, und das
braune Wasser des Stromes ist mein heiligstes Herzblut. Liebe entsteht, wenn es
fliesst, eine Liebe, an der ich beteiligt bin; aber es ist nicht das grosse
geistliche altruistische Gefühl, es ist eine rasende, eine wilde und begehrliche
Liebe, es ist eine mondäne und grausame Liebe, niedrig, interessant und höchst
lehrreich. Es ergeben sich in ihrem Umkreise, soweit ein Urwald, ein Strom und
eine Sonne Herren sind, Zwischenfälle der schamlosesten Art, wie ich mir denken
kann. Trübe Geheimnisse tauchen aus der Seele eines Mannes auf, und ich ahne
Demütigendes, Verwirrendes, Sinnloses, poetische Kräfte, die demoralisieren,
Leidenschaften, die Selbstachtung mit schärferen Zähnen stumpf machen, spüre im
Schwanken schon jetzt Erstreckungen voraus, die nicht in Raum und Zeit, und was
der Mensch der Städte davon weiss, gegeben sind. Ich atme, fiebernd, Welten,
unsagbar wo hinter der meinen, links, rechts, oben, unten? ... und stürze in
Existenzen hinab, die sich vor Urzeiten ereigneten. Das grosse Geschlecht der
ursprünglichen Natur, Mutter und Hure zugleich, fordert meine Mannbarkeit
heraus: ich entülle mich, zeuge und reise.
    Ich halte meine Selbstgespräche geflissentlich, weil sie über die
Beschaffenheit meiner erotischen Art Anhaltspunkte geben. Diese könnten später
einmal tauglich erscheinen. Denn in dieser Geschichte handelt es sich, wie bei
allen richtigen Geschichten, um ein Weib. Ich denke dabei nicht einmal an Zana,
in der vielleicht erst all dieses zur Auslösung kam; ich denke an den Wald, den
Urwald, an die Sinnlichkeit dieser Natur, ihre Roheit, ihren ursprünglichen
Elan, ihren schrecklichen, verwirrenden Trieb, ich denke an den Trieb, die
Tropen im Gemüt des weissen Mannes. Die Frau nämlich ist ihrerseits nie aus den
Tropen herausgekommen; und so gewiss der weisse Mann ein gänzlich verändertes
System im Verhältnis zu seiner Urwaldherkunft darstellt, so gewiss ist es, dass
Zana sich von keiner Boulevarddame wesentlich unterschieden hat. So gewiss ist es
aber auch, dass die weibliche Natur der Tropen in jener weiblichen einer modernen
Grossstadt wiederkehrt, und, dass der Schritt vom europäischesten Europa mitten in
den Djungle hinein nicht so abenteuerlich ausfällt, als man es sich erwartet
hat. Denn was immer man erlebt, es ist stets dasselbe Abenteuer, es ist
gleichgültig, ob man unter einen Panter oder einen Autobus gerät, das
Gleichgültigste aber ist, ob sie Zana oder Fräulein Soundso heisst. Ich will
jedoch nicht vorgreifen; es zu beweisen, bin ich gekommen.
    Soviel will ich verraten, ich trage mich mit einer löblichen Absicht; die
Aufgabe ist, die Allmählichkeit einer Wirkung tropischer Zustände auf ein
nordisches Nervenleben festzuhalten; oder als Frage gestellt: Wie kann man auf
distinguierte Weise verrückt werden?
    Ruhe! »Die seltsamen, tiefen Einblicke in mein Inneres, die mir während der
verschiedenen Phasen der Reife gewährt werden, bringen mich gleich das erstemal,
damals als ich die Sprache des Waldes, die leben heisst, zu verstehen beginne,
auf die Idee, dass es sich um eine Art erotischer Vertauschungen, eine Art etwas
gescheiterer Hysterie handelte. Heute denke ich, dass Liebe und Erotik niemals
Untergründe, sondern Folgen sind. Man hat die Entwicklung des Menschen auf sein
Geschlechtsleben zurückgeführt und behauptet, dass der Mensch sich in eben jenem
Augenblicke mit sich zu beschäftigen beginne, da er liebe. Dies erscheint mir
nunmehr unrichtig; in dem Augenblicke, da der Mensch zur Selbstbeobachtung reif
wird, wird er erotisch; er sieht sich nach einem Werkzeug um und entdeckt es in
irgendeinem weiblichen Wesen, dessen passives Temperament ebenso stark ist, wie
sein aktives. Sie studiert ihn auf diese Weise in sich; er studiert sich in ihr.
Die erotischen Wettläufe des intellektuellen Mannes haben um so weniger mit der
Weltreise: Liebe zu tun, je höher sein Intellekt steht« - werde ich schreiben.
Ich bitte zu bemerken, dass ich referiere, die Gedanken eines von Hitze
verbrannten und zu Asche gewordenen Gehirnes wiedergebe; ich schildere einen
Mann, der inmitten gesegneter, abenteuerlicher Umstände, wie er sich einbildet,
das Buch schreibt, das er erst erleben wird. Dieser Mann war ich. Ich war mit
visionärer Kraft meiner eigenen Zukunft vorangeeilt. Ich fuhr als Schreibtisch
einen Strom hinauf und vermengte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zeit. Mein
Gehirn aber war, zu meiner Entschuldigung sei's gesagt, der Brennpunkt eines
Dutzends ehrgeiziger Sonnen, die sich einander eine Schlacht um die
Welterrschaft lieferten.
 
                                       IV
Dies ereignete sich, dies und nichts anderes, blosse Gedanken, die eine grosse
majestätische Langeweile gebar, als ich eines Tages an einem südamerikanischen
Flusse unter einem dem Äquator ziemlich nahen Breitegrade, inmitten des
Urwaldes, jenen Vergleich zwischen der sich aufdrängenden Natur und dem
Geheimnis der Mütter anstellte. Würde ich meinen Zustand von damals erschöpfend
zusammenfassen, so möchte ich ihn dahin ausdrücken, dass er jeden Humores bar
war. Mit dem sauersten Fleisse, mit dem kostspieligsten Ernste stürzte ich mich
in logische Unternehmungen, die sich kaum rentierten, aber ich wartete die
Befriedigung der Voraussetzungen nicht erst ab, sondern ging ungehemmt weiter.
Es war nicht eine Spur von Humor mehr in meiner Seele. Denn der Humor ist ein
Geschöpf des Nordens und braucht das schlechte Wetter, die Veränderlichkeit und
die Laune. Die launenlose Schönheit des Lebens, diese unvariable Grösse des
Südens, sind ihm ungünstig. Nur so ist der humorlose Ernst aller
morgenländischen Philosopheme, vom Talmud bis zur Mahabharata und bis zur
arabischen Schnörkellogik zu verstehen. Ich erfand Sitzungen wie ein maurischer
Teologe, unverdrossen mischte ich Begriffe und Symbole wie ein blumiger Poet
aus Farsistan. Die Backen waren dick vom Schweigen und ich verzog sie nicht mehr
zum Lächeln.
    Schuld an dem trug die unerträgliche Hitze; die Hitze und das Schweigen.
Dieses Schweigen, dieses fürchterliche Schweigen - einmal lenkte sich meine
Aufmerksamkeit wie von selbst auf den Umstand, dass auch die andern verändert
waren. Slim sprach so gut wie nichts. Van den Dusen hatte am ersten Tage
Stichproben seines niederdeutschen Humors gegeben. Da aber niemand darauf
einging, wurde er endlich seiner selbst müde und verblieb während dieser Zeit
schweigsam. Er prahlte gerne und war auch sonst kein Muster an Wahrheitsliebe,
das hatte ich schon heraus; aber er war gutmütig und bis zu einem gewissen Grade
Gentleman. Jetzt brütete er wie wir stumpf dahin, seufzte gähnend auf und blieb
mürrisch gleich Slim. Unsere vier indianischen Scouts unterhielten sich gedämpft
und trocken in ihrem unverständlichen Dialekte. Von ihnen war keine Auffrischung
der Gesellschaft zu erwarten. Ihrer zwei ruderten uns in einem langen
torpedoähnlichen Kanoe, das aus einem massiven Baumstamm herausgehauen war,
voraus; das beladene Proviantboot mit den beiden andern folgte nach. An breiten
Stellen fuhren die Boote nebeneinander her. Ich spornte den Holländer zu einer
kleinen Regatta an und wir versuchten das Boot mit den herzblattförmigen Rudern
fortzutauchen, wie wir es von den Indianern sahen. Das Gewässer aber rebellierte
in Schlammwolken, die sich unheimlich wie ein drohendes Gewitter von unten
zusammenzogen, der Bootstamm begann zu rollen und Wasser zu fassen. Slim grunzte
ein wenig missmutig und wir gaben es auf. Dieses Gewitter, das sich unter uns
gebildet hatte, erregte jedoch meine Phantasie. Plötzlich fühlte ich mich und
meine Umgebung unwahrscheinlich; ich entäusserte mich spielend des
Weltmittelpunktes, der in mir lag, ich begriff mit erkälteten Nerven die
Gleichgültigkeit meiner Person und ihres Aufentaltes: denn unter mir gab es
eine Welt, die auf eigenartige Weise eigene Gewitter und Elementarereignisse
erzeugte, wenn ein Mensch ausserhalb ihrer Grenze nicht rudern konnte und ihren
Gang störte. Vielleicht entstanden auch meine Gewitter, wenn ein fremdes Wesen
ungeschickt war - wer konnte in diesem Augenblicke darauf schwören, darauf oder
auf sein Gegenteil? Vielleicht konnte Gott nicht rudern? Aber wie gleichgültig
war dann Gott, wie gleichgültig war jedes Ich, jeder Geist! Eine fröhliche
somnolente Verlassenheit kam mich an, ich fühlte mein kniffliches altes Ich
vergehen und löste mich in eine unendliche, von keiner bewussten Einheit
zusammengehaltene Empfindlichkeit für das heftige selbstische Leben ringsherum
auf. Weise wie ein alter Inder in die Einzelheit verloren, dem Ursein gewonnen,
sah ich mit tausend Augen und verfing mich mit tausend Sinnen, die Gott besass -
und während all dieser Augenblicke wurde ich elend von Langeweile geplagt.
    Der Müssiggang lag mir in allen Gliedern. Die Folge war, dass ich schlecht
schlief. Wir landeten tagsüber nur, wenn es galt, Mahlzeit zu nehmen, oder wenn
wir vom Boot aus einen Vogel, der sich nur sehr selten einmal auffällig dem
Visier bot und dann starr und farbenprächtig wie ein uralter Giftschwamm
zwischen dem Laub sass, geschossen hatten. Des blossen wohltuenden Lärmes halber
durften wir unsere Munition nicht vergeuden, denn vor uns lag noch die ganze
ungewisse Expedition, vielleicht manches Zusammentreffen mit Mensch und Tier,
deren gefälligen Benehmens wir nicht sicher waren. Darum sparten wir unsere
Jagdlust und unser Pulver und verzichteten auf einen Grund, ans Land zu gehen
und uns Bewegung zu machen.
    So wie die Sonne aber nicht mehr aufs Wasser selber schien, sondern die
Waldspitzen in schrägem und scharfem Schnitt mit Kupferflammen entfachte, fingen
wir an, die Ufer nach einem Lagerplatz abzusuchen. Der Instinkt der Indianer gab
den Ausschlag. In diesen zehn Minuten, da die Sonne uns geradezu auf und davon
lief, ging im Wald eine Veränderung vor sich. Hätten wir nicht selbst auf den
flinken Einbruch der Nacht gewartet, die ozeangleiche Bewegung, die jetzt auf
allen Seiten entstand, hätte uns allein als Signal dienen müssen. Im Laube
rauschte es, das Rascheln pflanzte sich fort, siedendes Leben ergoss sich vom Tag
zur Nacht, ein Heer von Schlangen schien auf dem Marsche; misstönende
Vogelstimmen schrien wie weinende Hunde durcheinander, verehrten und befehdeten
sich mit köterigen Lauten. Mit einem Male zeigte es sich, dass ein eminentes
Leben da war, dass die trügerische Stille eine wimmelnde Fülle tierischer Wesen
geborgen haben musste. Affennationen begannen zu hadern und zu keifen, brachen in
die Haine eines fremden Stammes ein, zerknackten mutwillig die dürren Zweige.
Vögel erhoben sich schlupfend zu einem kleinen Fluge über den Laubozean, um sich
einmal kräftig von den Anstrengungen der Diskretion, die tagsüber in ihrem
Beginnen wartete, zu erholen; war es Hohn, eine Manier der Genugtuung, als sie
jetzt in einen fürchterlichen Skandal zusammenstimmten: eins war sicher, aus dem
ganzen Phantom von prächtigen intensiven Farben, aus dieser ganzen aufreizenden
Explosion einer Malerpalette drang kein einziger sympatischer Laut. Unten am
Boden aber zogen die Echsen und Reptile los, ein widerliches Schleichen von
tausend Leibern, die von warmen Sitzungen in Sonnenflecken sich zu vertrackten
Löchern durchbohrten, behelligte das Ohr und wirkte bis in die Zähne: eine
Vorstellung von kalten Muskelwesen, die an rissigem Holze entlang emporkrochen,
bot sich an. - Da sank die Sonne, und schon hatte auch das Manöver geendet. Hin
und wieder plumpste ein Katzenleib dumpf auf den Boden; hinter dem Feuerkranz,
der uns gegen das Land und den Djungle hin abschloss, fauchte es ärgerlich. Ein
Puma krakeelte in langen Arien. Sonst war es still, wieder still, nicht ganz so
still wie am Tage, aber doch still. Das Glucksen und Schluchzen des Wassers war
deutlicher hörbar. Und zwischen dem Spalt überm Flusse stand der Himmel in
weisser atmender Glut; eine Sternschnuppe fiel, sauste in der Nähe nieder, links
da brach sie ein, man hält den Atem an - wird sie im tintenschwarzen Wasser
verzischen?
    Am Morgen, eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang etwa, wird uns das gleiche
Teater wecken; der ganze Wald schlägt dann Reveille. Bis dahin können wir
ungestört schlafen. Zur Feuerwacht aber wechseln immer je drei ab während der
zwölfstündigen Finsternis. Der, an dem gerade die Reihe ist, kann allerlei
Beobachtungen machen. Er kann auf die Töne des Urwalds lauschen; es wird sich
herausstellen, dass gewisse Geräusche immer wieder nach denselben Intervallen
auftauchen. Ein bestimmter Rhytmus beherrscht alle Äusserungen dieses wilden
Lebens. Ein Raunen hebt sich, schwillt ab. Eine grosse Brust atmet, ein
geräumiges Schnarchen rollt vage in das blaue Fieber des Sternenraumes hinaus.
Pan liegt am Rücken, er verschnauft und träumt lebhaft. Wer ist dieser Pan? Ist
er ein Wilder, ein Indianer, ein griechischer Literat aus einem sokratischen
Kaffeehause und mit einem Nasenfehler? Es fällt mir auf, dass von den sechs
Schläfern zu meinen Füssen ein vereinzeltes Schnarchen ertönt. Ich muss doch
nachsehen - es ist der Holländer. Er liegt schwer am Rücken. Ich sehe zu den
Indianern hinüber, diese krümmen sich auf den Bauch, auf ihre Lenden und
Schulterknochen. Zorre, der Fünfziger, liegt auf der Seite. Er allein atmet
unrein, die Luft bricht sich an seinen alten Knorpeln, seine Organe sind nicht
mehr glatt und geschmeidig. Die andern mit ihren schmächtigen und zähen
Gestalten liegen da wie grosse Kinder, und so wie sie sich ausgerenkt und
verdreht an die wohltuende Lagerstatt drücken, sehen selbst ihre männlichen
Formen noch kindhaft aus. Ihre Beine sind von der erlesensten Magerheit, dünn,
unbehaart, kupfern; nicht weit unter der Kniekehle haftet eine wunderschöne
Muskelschnecke. Eine Prima-Ballerine her, sie möge Fusspflege lernen! Um wieviel
gebrechlicher mögen diese Gelenke sein als das Schock Laternenpfähle von der
Wiener Hofoper! Und doch tragen ihre Besitzer, wenn's sein muss, kleine Berge.
Wenn nun alle Knöchelchen und Wirbel so zierlich sind, dann muss freilich die
Puste wie geölt gehen. Die Organe sind klar gemacht zum Gefecht. Der grosse Balg
über den Schenkeln wird nicht vom Fett gesteift und gedrückt. Die Eingeweide
liegen gleich unterm glacéledernen Fell und bilden, wenn das Nachtmahl sie
gefüllt hat, einen legeren Ballen. Dort aber streckt Mynherr sein Bäuchlein wie
eine Fussballdose in den gestirnten Himmel, er liegt habtacht auf den Schultern,
mit soldatischem Rücken, sein Kinn hängt wie eine geöffnete Zugbrücke in den
Scharnieren, während er aus einem Brustkasten, in dem scheinbar drei
Indianerlungen Platz hätten, einen Herbststurm nach dem andern herausbefördert.
    Wer die Wache hat, hat das Wort. Er kann beobachten. O diese schwellenden
reifen Nächte, über denen das südliche Kreuz steht! Der Nachtwind, der zwischen
Wassern und Wäldern wandert, ist herb und sauer vom Geruch zerstampfter Blätter;
aber plötzliche süsse Wellen zucken aus einem grossen Strauch und steigen auf zu
einem flimmernden kleinen Stern! Das Blut strömt lau und schwer wie Quecksilber
in die Schläfen - da ist es vorüber, die Schläfer seufzten verzückt im Traume,
sonores Behagen dankt schöpferisch im Walde! Slim hat sich geregt! Sein Gesicht
liegt gelb im Schein des Feuers, seine Nüstern haben leise gezittert. Vorsicht!
Schlauheit! Die Macht der Beobachtung liegt in meinen Händen, kann ich den Feind
listig ahnen, jetzt, da alles Leben geoffenbart vor mir liegt? Ist er mein
Feind, dieser Slim, ist er mein Freund, mein Bruder, deute ich seine Seltsamkeit
recht und billig wider mich, für mich? Wer ist dieser Slim, ein Gaukler, ein
Mensch, ein Wilder - eine raffinierte und beherrschte Gehirnmaschine der letzten
Rassen, oder ein brutaler Lebensinstinkt mit dem Blut von Urmenschen in sich? So
wie Slim daliegt, ohne Muskelanspannung, indianisch, mit dem vollendeten
Verständnis zu ruhen, ist er der Sohn seiner Mutter mehr als der seines Vaters.
Die Kreolin hatte ihm dunkle Herkunft vererbt, eine knochige Wildheit aus dem
Innern Amerikas in den Zügen, dunkles, rotes und vielleicht schwarzes Blut unter
der gelben Haut und tiefsitzende Manieren, Liebenswürdigkeit und Herrschsucht im
gleichen Wink. Was gilt die Wette, sie war nicht eben eine reine Kastilianerin?
    Slims Schlaf ist unruhig. Er hat vielleicht einen schlechten Magen, das
gewöhnliche Erbteil eines nordamerikanischen Vaters. Je länger ich nachdenke,
desto seltsamer beginnt es mir mit Slim zu ergehen. Ich denke nach, und Slims
Person fängt an zu wachsen. Er ist unheimlich wie ein Mörder, lächerrlich wie ein
Dichter, sympatisch wie ein Spiessbürger. In meiner schwachen Stunde, da ich ihn
so kraftvoll, so eingewohnt, so überalldaheim auf diesem Boden hingestreckt
sehe, der nur zur Hälfte der seine ist, zur Hälfte ihm fremd und stets ein wenig
feindlich sein müsste, wie mir, in dieser meiner schwachen nachdenklichen Stunde
wächst sein Geist hinaus und ich sehe das Prototyp des zukünftigen Menschen vor
mir, bekannte Züge, Eigenschaften aus einer modernen Kultur, eine zerebrale
Spannung, gemischt mit der eigentümlichen Relaxation des Urmenschen. Dann seufzt
er auf, wirft sich herum, irgendeine Wut scheint in seinem Körper zu toben; und
in diesem Augenblicke, da er gewöhnlich wie ein Landstreicher wird, kann ich ihn
bedauern, meine Hochachtung sinkt und ich mache ihm Vorwürfe wegen seiner
amerikanischen Dyspepsie. Eines Nachts, während ich die Wache hatte, sprang er
auf, sah mir mit einem schlaftrunkenen Blick ins Gesicht, legte sich hin und
schlief weiter. Oft ist er mir das Symbol der Sympatie, die ich als Weisser für
diese wilde Welt rings um mich her empfinde, bald ist er ein zuwiderer Mensch.
Er ist ein Ausdruck von durchaus gemischten und unaufgeklärten Gefühlen. Die
warme träge Nacht stimmt mich milde, ich vergebe Rücksichtslosigkeiten und bin
für das Grosse. Also votiere ich für Slim, Slim soll leben und es gut von mir
haben. Meine Augen schweifen von ihm ab und hinüber über die Schar. Als sie den
jungen Indianer treffen, erschrecken sie plötzlich und laufen davon, schnell,
nach der andern Seite. Er ist schön und ich weiss nicht, warum ich erschrecke.
Eine Empfindung von Entbehrung, Härte und Einsamkeit wird mir bewusst, plötzlich
wird es drohend klar, dass ich mich inmitten der Wildnis, ohne Freund, ohne warme
Hand, ohne ein weiches lichtes Geschöpf, das ich in den Arm nehmen könnte,
befinde, einen gefährlich verstopften Weg zwischen mir und der gut bedienten
Zivilisation. Lau dreht sich der Wind vom Uferrand los, die tierischen Laute
bekommen einen menschlichen entbehrungsvollen Sinn, die Kargheit meiner Lage
wird als Gegensatz empfindlich inmitten soviel überflüssiger Natur, die schweren
vornehmen Düfte geben mir deutlich ihre Nutzlosigkeit für mich zu verstehen. Je
wunderbarer die Nacht sich anlässt, desto ärmer komme ich mir vor. Wenn Slim
endlich seinen Rippenstoss bekommt, um meine Stelle am Feuer anzutreten, bin ich
ein Bettler und sinke hoffnungslos in einen überfüllten machtvollen Schlaf.
    Aus Slims Plänen suchten wir uns zu orientieren; sie stammten von Reisenden,
aus Büchern, oder bildeten das Kroki eines Regierungsbeamten, der seine vage
Ahnung über die Lokation eines Platzes in dieser Art aufgemalen hatte.
Eigentliche Karten gab es wohl, aber an den Punkten, die wir gebraucht hätten,
waren sie offen. Wir selbst trugen einige markante Plätze ein so gut es ging.
Unser Fluss wurde ein fingerslanger summarischer Strich, mit Ersparnis aller
seiner Launen und Beschränkung auf die jeweilige Hauptrichtung.
Vermessungsapparate hatten wir nicht mit, denn unsere Expedition und ihr Ziel
sollte ja geheim bleiben und auffallende Rüstungen in dem kleinen Nest, das
unseren Ausgangspunkt bildete, hätten diese Vorsicht vereitelt.
    Nichts ereignete sich; wir kamen soweit unangefochten durch. Die Langeweile
begann sich aufzudrängen. Slim hatte nun einmal die fixe Idee von seinem Schatze
und plagte sich sichtlich mit ihr ab; er grübelte und baute Spekulationen über
Spekulationen. Ich gönnte seinem Yankeeblut diesen Rausch und war geschmeichelt
darüber, dass er mir in ihnen eine bedeutende Stelle eingeräumt hatte. Diese
Protektion machte mich stolz, ich war jung, geschmeidig, begabt für Abenteuer,
und wenn ich in der heuchlerischen Tiefe meines Herzens auch nicht an unseren
oder überhaupt an einen anderen Schatz glaubte als an den, der in einem
grosszügigen bürgerlichen Betriebe liegt, so war ich durch meine angelsächsische
Bildungsstatt, einem amerikanischen Paukboden für Technik und Romantik im
Nebenfach, auf jede Eventualpoesie dieser Reise präpariert. Aber wie gesagt,
ganz menschlich fühlte ich mich nur in der altbewährten deutschen Skepsis des
wahren Hans Brandlberger. Dass mir Slim gefiel, lag in dem gleichzeitig mit
meiner Generation aufgekommenen Wunsche nach Renaissancemenschentum. Dass aber
nebenbei ein gewisser Argwohn gegen das brillante Wesen dieses modernen Pizarro
in mir lag, war vorerst nur natürlich. Doch hat mich diese Reise gelehrt, den
Menschen zu verstehen. Gibt es für mich noch Überraschungen über mich oder
irgendeinen meiner Art? Es ist unmöglich, die Beziehungen, die sich in dieser
Phase zwischen Slim und mir ergaben, bürgerlich auszudrücken. Fragwürdig aber
wird mir immer wieder sein, wie ich damals über all das Peinliche hinweg kam,
das vor meiner Feder heute Barrieren aufrichtet. Ich sage vor Damen, die Hitze
war es. Unter Libertinern will ich die Ansicht vertreten, dass wir alle Menschen
sind und uns der Gefühle nicht schämen müssten, die uns die Sonne gegeben hat.
    Als wir dem Oberlauf des Flusses zudrängten, vom zehnten Tage unserer
Abreise an gerechnet, konstatierte ich an einem toten Punkte eine eigentümliche
Stimmung, die alle Weissen überfallen hatte. Ich wurde plötzlich wach, meine
Geweckteit aber erfolgte durch eine blitzartige und befremdende Entdeckung. War
es möglich, trugen Hitze und ungewohntes Klima die Schuld daran, oder musste man
seinen mannbarsten und treuesten Instinkten Misstrauen entgegenbringen? Ich
begann eine heftige Unruhe zu verspüren, einen Hunger nach Brutalität, und ich
fröhnte ihm, indem ich infam nach den Augen schwimmender Alligatoren schoss. Ich
kannte mich nicht mehr aus vor Aufgeregteit, ich verlangte nach einem rohen
sinnlichen Glücke, nach einem deutlichen körperlichen Gefühle von Macht, und es
kostete mich Zurückhaltung, den jungen Indianer nicht in den kräftigen Hintern
zu treten. Einmal ging es wie ein Blitz des Verständnisses durch mich hindurch.
Slim sah mich an, mit einem ellenlangen zweideutigen Blick. Mit einem solchen
Blicke mustert man eine Sache, einen Sklaven, ein Pferd und nur in den letzten
Fällen eine Frau. Es war der trübe Blick des Lebemannes. ich sass einen
Augenblick lang leer und innerlich heruntergekommen da. Aber dann, nein, dann
wurde ich nicht rot: ich wurde frech. Mein Innerstes kehrte sich zu einer
empörenden Frechheit nach aussen. Ich wurde stark physisch, eine Brutalität und
ein selbstbejahender Wahnwitz von ungekannter Art ergriffen mich, ein
manierierter Rausch des Sehens, der Betrachtung fleischiger, sich rhytmisch
bewegender Körper durchrieselte mich mit Gesundheit. Also das gab es - ein
ungeheurer abenteuerlicher Geschmack am Leben brannte mir auf der Zunge, in den
Lenden, in den Fäusten. Blitzartig erschien die Strasse einer glänzenden Stadt
vor mir, Formen rührten sich unter Massen reklamemachender Stoffe und Schnitte
und stürzten auf mich zu, alles Fleisch, das wie eine gigantische Maschine mit
Kolbenstössen um mich herum rotierte, feierte zwischen Dämmerung und beissend
weissem Lichte aus elektrischen Ampeln ein rasendes Fanale. Hier aber war's die
Sonne, die betäubende Symbiose von Fäulnis und Pracht, der Atem des Verlangens,
der Duft und Gestank der Wollust, der laszive Wille der allgemeinen Hingabe, die
das Blut würzig, überleicht und sprengkräftig machten, dass es wie ein glühendes
rotes Gas durch die Adern pfiff. Da erkannte ich - wir waren hungrig nach
demütigen Leibern, aufgerieben von einer Überproduktion an Zärtlichkeit,
indifferent inmitten von Tatsachen, die nichts boten. Ausgehungert waren wir. Es
war der erste Anfall des schrecklichen Duldens, das den Mann überfällt, ganze
Karawanen in den Wahnsinn treibt, wenn mit der letzten Grenze der Zivilisation
auch der weiche Nacken des Weibes da hinten verschwindet!
    Ich wandte mich um, ich wollte sehen, was van den Dusen so ruhig machte. In
seinem ermatteten Gesichte lag der Stumpfsinn, und seine Augen waren krank und
scheu, unsicher vom Verkehr mit schlimmen Lüsten, wie ich mir sagte. Er war
stark zurückgegangen, im Gegensatz zu mir und Slim. Slim sah faul aus, aber er
gedieh. Er setzte Fett an, und es stand ihm nicht schön, er hatte eine unsaubere
Art zu gedeihen, wie alle Körper, die auf Magerkeit angelegt sind. Er
verbrauchte sichtlich die Stoffe nicht, die Milde und Musse des Lebens in ihm
angesammelt hatten. Van den Dusen aber tropfte weg wie eine heisse Kerze. Die
Hitze schlug ihm schwerlich an, vielleicht raubte ihm eine gewisse Entbehrung
jene Behaglichkeit, die seinem Körper von Natur aus angemessen erschien. Wo war
unser eleganter holländischer Offizier, der javanischen Damen und pazifischen
Schönen den Hof gemacht haben sollte? Seine stattlichen Schultern waren
eingeschmolzen wie ein Bronzebarren und ein Schlackenrest von Knochen und
Schlüsselbeinen war geblieben. Das weisse Jackette sass schon lange nicht mehr
knapp, und seine nussbraunen Haare, ein ehemaliger schnurgerader
Offiziersscheitel und wie bei einem Frauenzimmer glatt um das marmorne Stirnbein
gebügelt, waren eine Versuchung für jede Taschenschere. Der ganze
wohlproportionierte Rundkopf trug die Spuren der Erschlaffung.
    So erging es uns Weissen. Wir verwandelten uns im Verlaufe von vierzehn Tagen
zu abnormalen Gebilden. Unsere Indianer aber blieben immer gleichmässig hart,
temperamentlos und mager. Sie strengten sich nicht an, aber sie blieben in
Fassung und liessen sich vom Rhytmus treiben. Zorre, ein Fünfziger, war
elastisch und besass einen vollständig erhaltenen jungen Körper; im Gegensatz
dazu war sein Gesicht borkig wie alte Rinde und von Tätowierungen zerfressen.
Der andere war eine Schönheit, hiess Checho und mochte sechzehn indianische
Sommer zählen. Dünn und lang war er wie ein Buchstabe. Ich hatte seinen Rücken
vor mir. Im Nacken, um Fingersbreite getrennt, verliefen zwei parallele,
strählige Längsnarben. Sonst war die rotbraune Haut glatt und geschmeidig und
spannte sich über den kleinen Muskelschlangen, die während der Bewegung unter
den Achselhöhlen hervorhuschten und sich blitzschnell wieder dahin zurückzogen.
Dieser Rücken, der sich nach dem Gesäss zu schmachtend verengte, der kindliche
Hals, die mädchenhaften Wirbel, dies graziöse Kaleidoskop bewegter Muskeln
hätten einen Affen verliebt machen können. Der Bursche war ein junger Gott.
Seine Schultern waren schmächtig und lagerten als volle Kugeln wohlgefasst über
der tiefen Brust. Der Schenkel, der schmal und strähnig war, wenn er stand, lag
breitgedrückt auf dem Sitze. Die Knieknospe prangte schlank über der
hochsitzenden Wade, mit hinreissendem Schwunge schnürte sie die Längslinie der
Extremität ein. Dazu hiess er Checho. Seine Augen waren grün und schwarz und
frisch aus der Hand des Juweliers, noch vollkommen unberührt, ungereizt, ein
unbeeinträchtigtes Oval. Er war ganz in Rhytmus getaucht, mit Rhytmus genährt
und auferzogen, von Rhytmus betrieben und während seines ganzen Lebens
vermutlich in eine wilde Sanfteit hineingeleiert. Dort wo bei uns das Gehirn
sitzt, sass bei ihm eine präzise Taktmaschine.
    Ich habe feste Anhaltspunkte, dass ich nicht der einzige war, der in ihm
einen jungen Gott sah. Und wir verstanden uns, ohne uns sonderlich exponiert zu
fühlen. Wir waren in der Wildnis und jedem Sinn war erlaubt, zu nehmen, was ihm
passte. An diesem Abend entspann sich das erstemal ein Gespräch am Lagerfeuer.
Van den Dusen erzählte aus einem unerschöpflichen Borne schmutzige Geschichten,
Witze vom echten Biertischkaliber mit bleischweren Pointen, und man hörte
angeregt zu. Verhungert, wie wir waren, bot die Unterhaltung eine kleine
Erleichterung. Teorien, wie es auf langen Expeditionen und auf Seereisen zu
ergehen pflegt, wurden zum besten gegeben und diskutiert. Wie es der Kapitän
hält, wie die Matrosen und wie die Männer ganz unten im Kielraum der Schiffe,
dieser Auswurf der Menschen, wurde aus einzelnen Fällen anschaulich geschildert,
und welche Rolle die Schiffskatze bei solchen Gelegenheiten zu spielen pflegt.
Die Sehnsucht machte derb, die Unterwürfigkeit, die der Trieb unter günstigen
Aussichten hervorzurufen pflegt, grausam. Ohne an dem Niveau zu leiden, auf das
wir unsere Aussprache herabgeschraubt hatten, legten wir uns etwas froher als
sonst in unsere Träume nieder.
 
                                       V
Mit dem Rhytmus verhält es sich seltsam. Es scheint, dass er das Wesen aller
jener Kulturen darstellt, die der unsern entgegengesetzt sind, und die wir zu
leugnen suchen: die im Süden und Osten. Aber der Rhytmus bringt dort am
menschlichen Körper Leistungen hervor, denen wir nichts Gleichartiges
entgegenzustellen haben und die in ihrer steifen und von uns aus unnachahmbaren
Einseitigkeit nur mit unserer Spezialität Technik verglichen werden können. Wer
in das Wesen von Urwäldern und Wilden oder doch fremdrassigen Kulturen
eindringt, der erfährt, eine wieviel grössere Bedeutung dem Begriffe Rhytmus im
Leben dieser Menschen zukommt, als für uns in ihm zu liegen pflegt. Diese
Erfahrung kann jeder machen, der eine längere und gründliche Reise unternimmt.
Ich aber habe eine Entdeckung mehr gemacht, ich habe den Rhytmus, und was damit
zusammenhängt, die Betonung, den Akzent, für unsere Kultur fruktifiziert, ich
habe einsehen gelernt, dass wir schon am besten Wege zu einem Erfolge sind, und
dass wir nun nur mehr darum zu wissen haben.
    Ich sass als vorletzter im Boote, mit den beiden indianischen Ruderern vor
mir. Sie stocherten mit ihren Blättern ins Wasser, das war ungefähr der Stil, in
dem sie ruderten. Rhytmisch setzten sie ein und stachen zu, als gälte es, einem
grossen sulzigen Stück Pudding sorgfältig glatte Scheiben herauszuspalten. Das
dostige, träge Wasser bekam hinter den Ruderblättern kleine Quirle; hautige,
gewölbte Warzen blieben im Kielwasser zurück. Eines dieser Male entstand schräg
zu meinen Seiten, schien wie die rasend gedrehten Rippen eines Tellers und
saugte ein ähnlich geartetes Gebilde hintendrein. Das Malerische und Runde der
Bewegung faszinierte mich, unwiderstehlich zog es meine Aufmerksamkeit an. Unter
jedem Ruderstich kam es in gleichen Abständen zum Vorschein, kam herauf wie die
Speichenköpfe eines grossen unterschlächtigen Rades. Richtig, mochte es uns oben
erscheinen wie immer, unser Fortkommen war von der Tätigkeit dieses Rades
abhängig - es war aus Wasser gegossen und bewegte uns mystisch weiter. War ich
einem unserer erfolglosesten Rechenfehler auf die Spur gekommen? Nein, diese
Welt da unten war kein gleichartiger Wasserraum; es gab Verdichtungen von einer
gewissen Sternform, die für unser Auge unwahrnehmbar bleiben, und das waren die
von mir erfundenen berühmten Wasserräder! Sie bewegen ein Boot, das oben von
Menschenarmen geleitet wird, von unten, sie greifen in den Rhytmus oben ein,
sie unterstützen ihn, sie lösen ihn vielleicht überhaupt erst aus, sie sind das
erste und ihre Tätigkeit ist ausschlaggebend. Die Menschenarbeit aber ist ein
Schein, ein Schwindel, eine faule Nachahmung von freiem Willen, der hindroht, wo
er von unten, von den Geheimnissen, von den dunklen, unsichtbaren Gründen
hergedroht wird - - -
    Ich dachte diesen Anblick nach unten, ins Verkehrte, so intensiv aus, dass
ich eine leichte Übelkeit verspürte. In diesem Augenblick kam in den
Ringelreihen der Ornamente über der ölglatten Fläche eine Störung, ein Knäuel
entstand durch falschen Ruderschlag und zerknüllte den Bann. Ich erwachte mit
einem leisen Anflug von Seekrankheit. Der Reflex der glatten, weissbelichteten
Fläche musste eine vorübergehende Blendung meines Bewusstseins herbeigeführt
haben. Ich sah überscharf, krankhaft - darum konnte ich gleichsam in das Motiv
einer völlig neuen Realität sehen. Wenn ich mich ein wenig anstrengte, konnte
ich in diese Stimmung zurückschnellen: und dann war es wieder da, dann hatte
ich, gleich dem Reisenden im Eisenbahnkupee, der in seinem Bewusstsein den Zug
stillstehen und die Landschaft sich daran vorbeibewegen lässt, den widersinnigen
und subjektiven Eindruck, in einem Boote zu sitzen, dessen Ruderer einem Rade
unterm Wasser mit ihren Stangen entgegenkämen. Ich übte die Sache ein wenig und
bald konnte ich mich wie eine Blechmembrane hin und her schnappen lassen. Diese
Sinnestäuschung ging perfekt. Der Akzent sprang einfach um - - -
    Der Akzent, halt! Da hatte ich es. Der Akzent gibt ganze Perspektiven
wieder, ganze Realitäten lasten auf ihm. Mittels einer sogenannten
Sinnestäuschung konnte die Welt zu einer andern umgestülpt werden. Wer wird nun
sagen können, diese ist die richtige und jene ist die falsche? Wer kann
beweisen, wo die Störung und wo der Normalzustand liegt? Wer von uns Weissen aber
kann erzählen, welche Störungen einen indischen Fakir in den Stand setzen,
widernatürliche Leistungen mit seinem Körper hervorzubringen, denen wir kein
vernünftiges Bewusstsein abringen können? Es ist ein unerforschtes und
merkwürdiges Gebiet, und keine Hypotese ist gut genug dazu, den ganzen Ausblick
zu umfassen. Ich habe indes doch eine, aber sie ist mehr raffiniert als
vernünftig, mehr mystisch als gelehrt - nämlich genau so, wie es sich mir für
diese Angelegenheit zu ziemen scheint.
    Das, was ich hier entdeckt habe, ist ja nichts anderes als das Symbol der
Paradoxie. Wir alternieren eine Sache, wir machen es anders, absurd, verkehrt,
und siehe da, es ist auch etwas. Wir denken einen Gedanken pervers, und er ist
frisch wie eine Jungfrau. Wir stellen einen Akzent um, und das Neue ist eine
neuere Welt als irgendein Amerika. Und bitte, wie wurde Amerika entdeckt? Durch
eine Paradoxie. Kolumbus fuhr zu einem Osten; daraus ergab sich der Westen.
Ticke tack, macht die Uhr; aber macht sie nicht ebenso gerne Tack ticke, wenn
wir bloss wollen? Es hängt durchaus von unserem Belieben ab, von unserem
schöpferischen Willen, zu alternieren, und ich kann es beweisen, wir alternieren
auch, ein Zeitalter ist das Paradox des anderen. Bald lassen wir den Zug, bald
die Landschaft laufen. Lernet die Wirklichkeiten skandieren! Gleichberechtigung
für das Paradoxe. Es eröffnet neue Welten, es gibt Glück, es erweitert die
Möglichkeiten, und wir fügen den künstlichen Paradiesen, die ein Wicking des
Geistes erfahren, erfahrtet hat, weil die alten Paradiese übervölkert waren, die
künstlichen Realitäten hinzu, denn die normalen hat eine Volkszählung uns
komplett erwiesen! Treibet Wasserräder! Heiliger Humbug, ich begrüsse dich;
schwanger, trügerisch und produktiv bist du wie die gleissende Wölbung eines
Tropenstromes! Ist dieser Strom nicht eben wie ein Kupferbalken und schweift er
sich nicht auch für uns unter dem Zwange einer Äterkuppel, die in ihm
reflektiert? Gilt es nichts, wenn wir in Symbolen und Gleichnissen sprechen,
gilt die Erholung, die in der fruchtbaren Lüge liegt, nichts? Nieder mit den
Gegnern der Lebenslüge! Wir, die wir um sie wissen, die wir sie durchgemacht
haben mit allen ihren Versuchungen, wir bejahen sie, wir machen sie mundtot,
indem wir sie dichten lassen, wir denken technisch und heben eine blühende
Industrie aus ihr empor! Unser Geschlecht ist nicht anmassend, nein, es will die
Weisheit nicht ausschöpfen, es will vom Flecke kommen, sich nicht umsehen und
jeden Gott anbeten, der ihm mit Schnelligkeiten Wunder zeigt. Ist es nicht
verdammt gleichgültig, ob das Wasserrad oder zwei indianische Knechte Anspruch
erheben auf unser Fortkommen, wenn wir nur weiterkommen, und sei's auch um
keines anderen Zweckes willen, als um unserer Nervosität genug zu tun! Denn
letzten Endes schwimmen wir ja alle doch nur in unserem eigenen Blute - auch das
ist eine Inversion der Natur, eine paradoxe Verdrehung von Urtatsachen vor uns -
und sumpfen!
    Und wir kommen fort dabei, schon spüre ich es! Hei! Ich verkündige den
Spiegel, die Verkehrteit, das Paradox! Es soll meine andere grosse Arbeit für
die Menschheit werden. Auf den Spiegel kommt es an! Spiegel akzentuieren! Seid
eitel, turnet vor Spiegeln! Beäuget euch von vielen und allen Seiten, lasset
euch hin- und herschnappen! Steht still und lasst die Welt rasen, raset und
überholt die Welt! Lasst euch von realen Rudern treiben und von unsichtbaren
Mächten, werdet seekrank vor Anbetung des Unbekannten und irrsinnigem Lichte,
bauet Mühlen von Wasserrädern, berauscht euch und seid trocken, phantasiert und
seid zynisch, verliebt euch wider die Sitte und seid moralisch, seid aus dem
Norden und tragt den Süden in euch - dies sage ich, denn ich schreibe das
katechetische Buch unserer verrückten Nerven, dieser Nerven, die ich als
Nachkommen des Urwalds entdeckt habe!
    Ja, wir kamen vorwärts! Schon spürte ich es. Unsere Fahrt bekam plötzlich
eine Projektion ins Emotionale. Bergab sauste ich in die Tropen der Menschheit,
in Urzustände der Kräfte, in einen ökonomischen Grossbetrieb des Wachsens und
Werdens. Was ging mich Slims Schatz an? War die Reise für mich nicht schon
erfolgreich, hatte ich nicht schon meinen Schatz entdeckt? Symbole, akzentuierte
Spiegelungen waren vollwertiger Ersatz. Dies und jenes war unsere Art, den
Rhytmus, das Welttempo für uns zu gestalten. War das nichts? Der alte Praktikus
Slim wird seinen Schatz nicht finden. Ich, der Ideologe, habe gesiegt. Es wird
sich herausstellen, dass rationaler Idealismus dem romantischen Materialismus
überlegen ist. Wasserräder kann man in Pferdekräften messen, Kultureinbildungen
sind blutbildend. Dieses Geschlecht kehrt wieder zu den Vätern, in seinen Urwald
zurück!
 
                                       VI
Und dann fand die Flussfahrt doch einmal ihr Ende und wir kamen in den Wald. Das
Tema der Zärtlichkeiten trat in neue Variationen ein. Indianerin, süsse Wilde,
du schönste der Frauen, du Musterstück der Weiblichkeit, womit vergleiche ich
dich? Mit dem grossen, bösen Somnambulen, dem Urwalde, deiner Heimat, diesem
raffinierten, grossartigen Tiere der Bewusstlosigkeit? Den deutschen schlichten
Hochwald mit der schummerigen Kühle seiner Quellen und dem mystischen Brausen
seiner Bäume vergass ich um deinetwillen und vergaffte mich in die beizenden
Lockungen eines verräterischen Wesens. Nein, Treue und Gemüt lagen nicht in dir,
süsse Eingeborene des tropischen Urwalds.
    Eines Tages wurde der Fluss enger und enger, die beiden Ufer zeigten Neigung,
ineinander zu wachsen, Lianen verbanden sie mit fliegenden Brücken und nur
mühsam bahnten wir uns einen Weg mit den blinkenden Machettas, einer Art
länglicher Haubajonette. Dann kam von rechts ein kleiner Fluss herein, ein Bach
von vager Gangart. Wir stiegen aus und versteckten die Boote, indem wir sie wie
Masten zwischen den Gabeln der Baumäste lotrecht aufpflanzten. Zwei der Indianer
stellten aus Stecken eine Tragbahre her, auf denen die Felleisen und der
Proviant befestigt wurden. Mit Äxten und Machettas zogen wir, hurra! kopfüber in
den Wald!
    Der Djungle hallte wider von Gewaltsamkeit. Stumpfes, dichtes Schweigen
setzte der unbetretene Wald unserem Vordringen entgegen. Erst zäh und träge,
vereinzelt und ohne Ordnung folgten inmitten der Stille einander die Pointen
eines platten Lärms, wenn die Beilschneide gegen junges Stammgrün flog und
wirkungslos von dem biegsamen nassen Holz abprallte. Hin und wieder explodierte
ein morscher Ast, die Wohltat des Erfolgs ging stärkend in die Nerven, das
seufzende Brechen und Reissen der Holzfasern erfreute bis in die Knochen mit
seiner brachialen Musik. Einen Meter weit ist die Bahn geschlagen. Schwitzend
und mit gekrümmtem Rücken gehen wir kopfüber wie die Bullen vor, suchen den Wald
auf unsere Köpfe zu spiessen und werden von einem überlegenen Sprungnetz
verflochtener Zweige sanft zurückgeworfen. Es ist, als ob wir gegen Matratzen
anliefen. Der Rückstoss bleibt aus; die ganze Stosskraft geht wie durch eine
Ableitung irgendwohin in den Boden hinein. Alles ist zäh wie im Traume, und
diese Ohnmacht traumbeschwerter Kraftentfaltung stimmt weinerlich. Der Wald ist
eng und durch und durch ein Korb. Hopla, da hat es uns aufgefangen! Heda, get
on, adelante, mach' ran, da, dort, hier, links, nein, rechts, zum Teufel rechts
- nun kommt der Elan. Aufgepasst! Was wühlt sich dort durch den Wald, was hackt,
fljetzt, spreizt, dehnt diese unregelmässige Röhre, diese ungehobelten zwei Brüche
durch das Dickicht, was verursacht dieses klaffende Dreieck im Schnitt einer
kurzen Lichtung? Eine Karawane von sieben Menschen ist eingebrochen! Nun haben
wir es, wir haben es, wir haben die Pace der Arbeit, wir rasen vor Begeisterung,
wir sind weder träge noch wehleidig, der Rhytmus prasselt wie Trommelwirbel auf
uns ein, er wirkt als kräftigende Massage. Flipp, flapp, spalten und sprengen
die Äxte, fssss, zischen die Machettas trennend in Lianenlauben, dass die Schnüre
links und rechts herniedersinken. Wir marschieren mit federnden Waden, mit
versteiften Oberschenkeln, wir kommen aus der tiefen Kniebeuge nicht mehr
heraus. Abends wird es wohlig sein, sich auszustrecken; am Morgen werden wir die
Beine steif wie Bäume finden. Dann eine Viertelstunde Widerwillen und gemusste
Übung, und der Elan kommt wieder und wird aus einer Karawane Menschen einen
Dampfpflug machen. Ahne ich, woher meine Indianer ihre Balleteusenbeine
beziehen? Schon spüre ich unter meinen Knien innseits eine hübsche Mandel und um
meine Schienbeine fatschen sich Spuren von Sehnen. Von Minute zu Minute lassen
wir zerwühlte Stätten hinter uns, zerquetschtes Laub und in den Boden gestampfte
Früchte, helle Brüche von Ästen und jungen Schösslingen, deren spiralige Späne
wie gekrampfte Zungen Erstickender Reue wecken könnten! Der Wald fällt rasselnd
wie ein Epileptiker! Aber in uns rauscht das grausame Blut der Tropen, und unser
Hass gegen den Wald besiegt alle Müdigkeit und allen Ekel. Bloss um den Takt zu
halten, fallen die Äxte auf nachgiebig schaukelnde Sprossen und zerfleischen
Machettas wie ein fort sich schraubendes Sichelsystem die grüne Wunde an der
Front, aus purem Eifer schaffen sie rege, die Mensur nicht zum Stillstand kommen
zu lassen. Aus dem geilen Boden sickern Flüssigkeiten, zwischen Wurzeln und
krautigem Moos bleicht perlmuttern der Schleim von Kriechtieren. Zwielicht
herrscht unterm Laube dicht und wächsern wie eine Haut, und die Röhre zurück,
die wir kamen, rollt es im Flimmern der brechenden Lichter wie eine grosse
dampfige Walze. Aus allen Poren des Djungles steigt der Dunst, die Luft wird
schlürfbar und brühwarme Wellen umrieseln den Körper, wo ein Balken Licht sich
zur Erde durchgezwängt hat.
    Die Tiere fliehen. Wilde Säue lassen sich wie ein Spiel von Kugeln durch
Lücken und Löcher im Dickicht fallen. Ein Puma wartet mit verdutzter Nase und
vorgestemmten Beinen, schräge zum Rückzug geneigt, bis wir in Sehweite sind.
Dann nimmt er Reissaus, er rennt als wäre er vor seinem eigenen Teufel feige
geworden, er rennt über eine Linie im Walde davon, eine gerade Strasse sich
fortsetzender Äste, im Galopp, wie ein Seiltänzer, und nimmt sich nicht einmal
die Zeit zu springen. Schlangen schiessen zur Seite und lassen ihr Schwanzende
dumm und unverschämt gerade auf unserem Pfade liegen. Plötzlich schiesst eine auf
wie eine losgelassene Uhrfeder. Der alte Indianer an der Spitze springt zurück,
die Machetta pfeift und die geteilten Enden des Schlangenleibes rollen sich
vergrämt, leidend, seelisch zu dicken Spulen zusammen. Einsiedlerische Affen
stellen von den sicher gelegenen Astbalkonen irgendeines Urwaldmonarchen aus
geistvolle Beobachtungen mit uns an, indem sie Rindenstücke, Zweige, Nüsse oder
zu Ballen gequetschte Blätterbuschen auf uns herab schmeissen und mit gelehrten
Gesichtern nachsehen, wie wir reagieren. Ihre Nasen strahlen von
Erfindergenüssen. Wir sind gezwungen, uns die Belästigungen von Zeit zu Zeit
durch Revolverschüsse vom Leibe zu halten: Kreischend und in voller Auflösung
ergreifen sie das unrühmliche Panier, kommen aber völlig umgestimmt zurück und
verhalten sich ruhig. Ein Griff an die Hüfte genügt jetzt, sie fortzujagen. Dann
sind sie uns satt, bezeigen uns durch einen flink bewerkstelligten
Verdauungsprozess ihre Missachtung und treten ihren Platz anderem Volke ab. Ein
allerliebstes Fräulein, oder ist es eine Frau, zeigt ihre vollendeten Reize; sie
bestehen aus einem wunderhübschen, goldigen Fell, das aber an der Innenseite der
Schenkel die rosige zarte Haut preisgibt. Ich nenne sie meine kleine Lorelei,
weil sie sich mit ihren eleganten, langen Fingern kokett durch den Pelz fährt,
und ich bin sogar geneigt, sie gülden zu nennen und überhaupt ihr meine Poesie
zu Füssen zu legen. Ich glaube wirklich, diese Tierfrau kommt sich verführerisch
vor, so wissend sind ihre Augen, aus denen sie perlende Blicke rieselt.
    Gegen Mittag wurde der Wald einsam. Nichts war da als dies Anschiessen der
Säfte in den Zellen, das grüne Wuchern des Chlorophylls im Laube, das Blühen und
Wachsen von Stengeln, Stämmen und Sprossen. Aller dieser Reichtum lag in einem
desolaten Zustande da. Kein Luftauch bewegte ein Blatt, und Hitze und lauer
Dampf strömten gleichmässig aus dem Filter schwarzer Erden und Fäulnisschichten.
Der Tag hing mit mattem Glast zwischen den Bäumen. Wo eine Lücke im Laubdach
klaffte oder ein entwurzelter Baumelefant seine Umgebung niedertrat, bis eine
Lichtung entstand, stürzte die Sonnenflut wie über eine Schleuse prallend herab.
Eine dunstende, reglose Masse, brütete der Djungle in seiner Verlassenheit.
    Hei, und wie dann die Äxte wieder im saftigen Holz knirschten und
ergebnislos von allzu jungem Grün abglitten! Schon waren sie stumpf, und der
Abend galt der sorgfältigen Pflege ihrer Schneiden. Hallo, hierher kommt, hier
führt ein Gang, dort, haut mir die Liane durch, Pest, mein Arm und die Machetta
sind drin verfangen; vorwärts, Jungens, bald sind wir durch; Stunden noch und
wir stehen im Gebiet der Dumara! Am Nachmittage, nach Mahl und Rast, hörten auch
diese Zurufe auf. Wir arbeiteten stumm und ekstatisch. Unser Haar troff von
Schweiss und Dampf. Unsere Sombreros mit den hohen Strohkegeln hingen schleppend
in den Rücken, dort machten wir sie fest, sonst wären sie uns alle Augenblicke
von den tausend Händen des Laubes entführt worden. Plage und Wut prägten sich in
unsere Gesichter ein und unsere Züge waren wild vor Nervosität wie die von
Eingeborenen.
    Und am vierten Tage endlich sahen wir, wie eine Gnadenerscheinung, ein Weib,
ein Menschenweib. Slims gute Augen erblickten es zuerst. Bevor er sprechen
konnte, aber begriffen wir blitzartig, worauf er uns aufmerksam machen würde.
Wir witterten das Weib, denn sehen konnten wir es kaum, es stand gut fünfzig
Schritte vor uns im Gehölz innerhalb eines gelichteten Saumes. Die Indianer
hielten eine kurze Konferenz in Hauchlauten. Sie steckten ihre Werkzeuge in den
Gurt und begannen sich langsam mit den Händen fortzutasten. Wir folgten ihrem
Beispiel und glitten vorwärts. Aber auch wir waren entdeckt. Die Frau, die ein
Bündel dürrer Hölzer im Arm trug, hielt plötzlich, in der Haltung des Auflesens
beharrend, inne. Eine Minute lang bückte sie den Oberkörper zur Erde, den Kopf
im Nacken emporgeschnellt, und ihre Augen deuteten mit peinvoller Konzentration
die geahnte Veränderung der Buschwand, hinter der wir jetzt hervorbrechen
werden. Vielleicht wollte sie sich durch ihre Unbeweglichkeit nur unauffällig
machen, sich abwesend stellen: da stürmen wir auch schon losgelassen in die
Lichtung, und sie - nun, das Frauenzimmer hockt in diesem Augenblick auf die
Zehen nieder und verschränkt die Arme über dem Hinterkopfe. Sie bietet ihren
lieblichen Nacken unseren Machettas dar. Wir springen in die Luft, ich stosse
rasende Schreie aus, sause die Machetta die Kreuz und die Quere und lasse sie
auf einen braunen Nacken hüpfen - und als ich noch immer luftschnappend dastehe,
hält Checho soeben eine feierliche Ansprache in Rachenlauten.
    Wäre ich erstaunt, erregt gewesen, wenn wirklich einen von uns im Eifer das
Unglück versucht und die Machetta in gewohnter Grausamkeit ihr Werk verrichtet
hätte? Wir waren aktiv bis zur Tollheit, nervös bis zur Unzurechnungsfähigkeit.
Verlegen über die Situation und mein schlimmes Gewissen sah ich zu Slim hinüber.
In seinen Augen wandte sich der winzige metallene Wurm, den ich schon kannte.
Ich verstand ihn. Das Verführerische dieser Demut machte schwach vor Wollust.
Der Holländer schmunzelte fettig. Da erkannte ich endgültig, dass unser Herz mit
dem wilden Trieb des Urwalds zusammenschlug und die Sitten seiner Erholungen
angenommen hatte. Wir waren Barbaren geworden.
    Checho als der jüngste und wahrscheinlich harmloseste, vielleicht auch als
der präsentabelste, übernahm sofort die Verhandlungen, indem er sich ein paarmal
auf indianisch verkutzte. Aha, das mütterliche Geschöpf hatte richtig Erbarmen
mit seinem Katarrh, die gute Seele räusperte sich zurück und zeigte Verständnis:
möglich auch, dass dieser Hustenanfall von Sprache ein Friedenszeichen war,
jedenfalls erhob sich die kauernde Gestalt und bot sich als vollendete junge
Dame dar. Ihre Brüste, die auf den Knien wie auf Lafetten gelegen waren,
schienen zwar etwas ungewohnt lang. Aber sofort gestand ich mir, dass zwei
Handspannen das Normalmass für den Reiz eines weiblichen Busens darstellen. Dazu
muss ich bemerken, dass ich ähnlich makellose Schultern noch niemals gesehen
hatte. Die Glieder waren fein und gefällig, die Beine charakterlos und knieeng.
Über den Weichen faltete sich ein kräftiger Bauch. Ich gestehe, erst nach diesem
Chock von faustdick aufgetragener naturalistischer Weiberschönheit sehe ich mich
nunmehr imstande, die Klasse eines Weibes einzuschätzen.
    Checho und die Indianerin verliessen den Waldsaum, schritten über die
Lichtung und verschwanden in einer Insel von grossfächerigen Palmen. Blassgelb
leuchtete ein Strohwall durch, ein Block von Hütten fiel, noch formlos, ins
Auge. Hunde kläfften mit immer neu einfallendem Hasse, und ein Trupp Menschen
bricht zwischen der Strohburg hervor. Er bewegt sich würdig auf uns zu. Checho
spricht, Slim spricht, wir klatschen taktvoll in die Hände und verbeugen uns.
»Rah, rah«, ein Vereinigte-Staaten-Hurra für unsere Wirte! Slim lüftet seinen
Sombrero, um dessen Kopf ein Fetzen Stars and Stripes prangt. Er reisst ihn herab
und spricht und verehrt ihn dem Prinzen, vermutlich behauptet er, dies sei die
Fahne Gottes, das Banner der allerhöchsten Sonnengotteit, ein Fetzen
Himmelsgewölbe; er beschreibt einen grossen Bogen in der Luft, er wirft seine
Hand weit, weit über den Wald hinweg, denn dort kommen wir her, vom Ende, vom
Anfang, wir sind die Abgesandten einer furchtbaren Macht. Dies fühlen auch die
Hunde. Sie schnüffeln misstrauisch an unseren Beinen; zuletzt aber werden wir in
die Mitte genommen und halten unseren Einzug. Ungefähr in der Mitte des Dorfes
wird uns Quartier gewiesen; es besteht aus einem rechten Winkel - buchstäblich
einem rechten Winkel, der von zwei Palmstrohwänden gebildet wird. Der Plafond,
gleichfalls mit gebleichten Palmblättern gedeckt, böscht sich zum Eingang hin
ab. Wir bücken uns, treten ein, legen ab. Etappe! Ich sehe hinaus, wobei ich
mich ein wenig bücken muss. Draussen sammelt sich ein Volk magerer Affen, und rot
und grün, in den Stammesfarben, wimpeln die kargen Schürzlein bei Mann und Weib.
 
                                      VII
Ein tiefer Schmerz sollte mir beschieden sein. Ich erwachte eines Morgens und
befand mich unter einem schützenden Palmdache, unter dem es vorläufig noch kühl
blieb, während draussen die Sonne den Erdboden zu einem knochenharten Ziegel
glühte. Aus Spalten und Fugen frass das Licht sich durch, wie ein Gift sickerte
es durch dünne Stellen in der Wand. Es roch süss nach Staub und zerriebenem
Palmblattmulm. In den warmen Schatten geschlossen lag ich unfroh. Ich stand
nicht mehr auf der Landkarte! Zu diesem lächerlichen Gedanken konzentrierte sich
meine schlechte Laune. Ich war verschollen für die Geographie. Und doch hatte
ich sie ewig hochgehalten, und doch war sie auf der Schulbank meine Leidenschaft
gewesen. Sie war das Symbol der Reize aufkeimender Wissenschaftlichkeit und
Forschung, sie besass das Prickelnde der grossen raumbezwingenden Erfahrung. Ein
kleiner runder Kreis auf der Landkarte bedeutete meine Stadt, bedeutete mich.
Ich war eine kleine zackige Krone mit soundsoviel tausend Einwohnern unter einem
Gewimmel von anderen charakteristischen Punkten, ich war eine Hauptstadt, eine
Residenz, ich erwartete nichts weniger, als dass die Blicke Europas auf mich
gerichtet seien, ohne dass ich gezwungen war, aus meiner eigenen Anonymität
herauszutreten, meine Bescheidenheit aufzugeben und vorzugehen. An dieses
kindliche Gefühl erinnerte ich mich jetzt, ich lernte es von der anderen Seite,
in seiner Abwesenheit, kennen. Und ich brachte auch heraus, warum diese
verrückte Stimmung sich mir gerade jetzt wieder nach einer so langen Pause
aufdrängte. Ich fühlte mich verlassen. Zur Zeit der zackigen Krone genoss ich
alle Vorteile der Majorität, der ich angehörte. Wir zwei repräsentierten
einander; es war ein unglaublich seliges und kostbares Verhältnis. Wer immer die
Landkarte in die Hand bekam, hatte es mit mir zu tun, ob er nun Notiz von uns
nahm oder nicht. Meine Existenz war gewährleistet, sie war mit unverlöschbaren
Zeichen ins Buch der Wirklichkeit eingetragen. Meine Lebenszuversicht und mein
Selbstbewusstsein wuchsen, während ich mit schwimmenden Augen vor der Landkarte
sass und mich stets von neuem identifizierte, eine künstliche Verwirrung und
Vergesslichkeit schaffend, um immer wieder die Entdeckung zu geniessen. Und nun
war ich einsam, ich stand nicht mehr auf der Landkarte und war keine Majorität
mehr! Ich erschrak so grundlos aber so heftig, dass mir das Herz zu klopfen
anfing. Und es war vermutlich gar nicht dieser absurde Gedankengang, über den
ich erschrak, sondern ich erschrak über das verzweifelte Bewusstsein meiner
Verlassenheit, in das ich traumhaft vergrössernd wie in einen unendlichen Schacht
hinunterglitt.
    Ich war einsam; und weil ich einsam war, begann ich zu beobachten.
    Slim und der Holländer waren bereits wach; sie kochten Tee und zerknackten
Zwieback hinter den mageren Gesichtern, deren Teint von einem Bartanflug bis
unter die Augen schraffiert war. Die Indianer waren aus. Slim vermutete sie bei
Geschäft und Tausch. Er selbst ging gleich darauf mit seinem Hieroglyphenziegel
bei den Experten der Ansiedlung Aufklärungen einsammeln. Van den Dusen schlug
vor, Toilette zu machen.
    In einer Stunde waren wir, so gut es ging, auf den Glanz hergerichtet. Van
den Dusen trug sein restauriertes Madonnengesicht mit den braunen, von Strapazen
ganz milde gewordenen Augen auf die sonnverbrannte Gasse hinaus, all dies und
seine neuhergestellte Bartlosigkeit, seinen pomadisierten Scheitel und einen
verknitterten Leinwandanzug. Ich wählte eine Kartusche und hing sie malerisch
über die Schulter. Ein Khakihelm vervollständigte die Absichten. Fertig. Marsch!
Wir erobern dieses Land! Wir sind die Vertreter der allerneusten Zustände auf
dem Gebiete der Kultur, wir ergreifen Besitz von der Schönheit dieses Erdstrichs
und wollen nebenbei eine Landkarte verfassen. Respekt vor unserem Wissen,
unserer abstrakten Tiefe, unserer Humanität, andernfalls wird geschossen! Punkt;
Amen. Wir sind ein Geschlecht von Herren.
    Die Lichtung, in der das Dorf lag, war durch ein Rechteck von zweihundert
mal sechshundert Schritt gebildet. Ein Flüsschen mit braunem sanftem Wasser und
ausgeleckten Ufern floss mitten durch. Daran stand mit dem Rücken die Siedlung.
Ein Teil der Lichtung war Savanne, fünfzig Prozent davon waren mit Tapioka und
Indigo bebaut. Überm Flusse lagen verstreute Granittrümmer, durch sie
durchbahnte sich ein kleines rascheres Gewässer in Kaskaden einen Weg.
    Hier ist gut sein, sagten wir. Van den Dusen inspizierte scharf, machte
Bemerkungen über die Lage, die Agrikultur, schnupperte ein wenig gestört nach
dem Fischgeruch, der von einem gräten- und schuppenbesprenkelten Platze des
Ufers kam - nach fünf Minuten aber waren wir entschlossen, hier eine
holländische Stadt zu bauen und dem Fortschritt einen wesentlichen Dienst zu
erweisen.
    Auf den Feldern trafen wir Indianer, die ihre einfachen Holzgeräte nicht
stehen liessen und uns nicht nachsahen, uns aber doch ein grösseres Interesse
widmeten, als Erziehung und Stolz ihnen gestatten mochten. Eine feine
Unbehaglichkeit, ein gestenloser Trotz drückte sich in ihrem Schweigen aus. Van
den Dusen sagte: »Vorgeschmack der Eroberung! Ich erinnere mich an meine
Garnisonszeit daheim und auf Java. Die ersten Tage fühlten wir Offiziere uns
gleichsam als Feinde und Eroberer. Hinter der gegenseitigen Förmlichkeit steckte
etwas Ungutes, wie Gegnerschaft. Später ist man dann auf du und du gestanden.«
Wir lachten und sahen uns spöttisch um. Wir wären in Verlegenheit gewesen, uns
unter diesen Tieren einen Dutzbruder ausfindig zu machen.
    Aber die Anwesenheit von Menschen ermuntert dennoch. Dieses Nestchen war ein
kleines Paradies. Es war Bewegung da, eine gewisse Betriebsamkeit hinterliess
ihren Erreger, es bestand eine erfrischende Ansteckungsgefahr für Seelen. Ein
Takt, dessen Masse wir noch nicht begreifen konnten, liess sich ahnen. Wir
durchschritten das Dorf mit seinen fünfzig triangulären Hütten; und siehe da,
diese Gruppe blanker Kegel wies einen erhöhten Lebenstonus auf. Fünfzig kleine
Rauchsäulen krochen seitlich an den Spitzen heraus und erhoben sich alle in der
gleichen Richtung der Sonne zu. Der Rauch sah flügge aus, er hatte es
schrecklich eilig. Die Savanne mit dem kochgeschäftigen Dörfchen bot sich als
ein Präsentierbrett voll Teekannen dar. Ein Indianerdörfchen gefällig? Wenn man
sich die Portion besah, erklärte sich ihr sehr rationelles Wesen. Ich fand drei
Ringstrassen, die in konzentrischen Kreisen um ein mittleres Prachtgebäude, eine
grosse bemalte Hütte, angelegt waren. Nach diesen Strassen öffneten sich die
Interieurs der verschiedenen Hütten, hier lagen im scholligen Boden
glattgetretene Pfade, Staub und brüchiges Gestein. Ein System von
durchmesserförmig gestellten Durchsichten aber strömte im Mittelpunkt der grossen
Hütte zusammen. An jeder dieser Durchsichten, deren Hintergrund eine Ansicht der
Hütte ergab, pflanzten sich die Kaminluken fort, allerlei Gerümpel und
Überzähliges hauste zwischen den Flankenwänden der Hütten. Ein einziger
Durchmesser nur führte breit und anscheinend gepflegt auf die grosse Hütte zu.
Hier gab es also etwas wie Plan und Anlage, ho, sozusagen eine kleine herzige
Technik?
    Wir gingen auf die grosse Hütte zu. Sie war von Holzwänden bis in Mannshöhe
umzimmert; phantastische Figuren mit ungeheuerlichen verrenkten Gliedmassen waren
in fleischlicher Pracht dargestellt. Entzückend festgestellte Linien der Leiber,
ein anschauliches Muskelspiel und eine Malerei auf Zusammenklang ausfleckender
Farben gaben ein schönes Zeugnis vom Impressionismus einer naiven Kunst. Der
Maler hatte Sympatie für eine grosse schlanke Rasse von Menschen, deren
Oberkörper, lang und walzenförmig, einer gewissen Aristokratie nicht entbehrte.
Die Büsten seiner Männer waren übertrieben; sie waren mager und ihre Rippen
hervorgetrieben; die Brüste lagen hoch wie muskelige Brünnen und gleich bei den
Achselhöhlen. Die Frauen hatten Arme flach wie Reissschienen und schienen über
das jungfräuliche Stadium noch nicht hinausgekommen. Babies mit helmhohen
Stirnen und kleine koboldartige Kinder waren erkennbar. Ich gewann den Eindruck
eines Krippenkults.
    Die offene Seite der Hütte war durch eine Matte abgeschlossen. Diese war aus
farbigen Beeren gewirkt, ein Gehenke von bunten Schnüren, fiel sie bis auf
Handbreite straff zum Boden herab. In diesem Augenblicke lockerte sie sich, von
einem unsichtbaren Willen bewegt. Erst entstand ein kleiner Faltenbruch, dann
bekam man eine Handvoll Menschentum zu sehen. Ich streckte den Kopf vor und
prallte zurück. Vor mir funkelten im Dunkel zwei Augen an einer platten Nase
vorbei. Die Matte fiel, meine Unzarteit war bestraft. Als wir uns entfernten,
sahen wir in dem Spalt zwischen Schwelle und Matte ein Paar zierlicher nackter
Füsse stehen.
    Wir gingen rund um das Dorf, wir stellten uns allwirselbst dem Dorfe vor;
dies war unsere Anerkennung für den vortrefflichen Anstand seiner Bewohner, den
ich mit Begeisterung bemerken zu müssen glaubte. Hier wurden wir nicht moralisch
in Schach gesetzt, nicht ausgebettelt und nicht unter der Form von Freundschaft
gedemütigt. Die kleinen Kinder, die zwischen den Zelten gespielt hatten,
verschwanden, während wir näher kamen, im Innern. Und dann waren es behutsame
und zurückhaltende Blicke, die uns überall her aus den Behausungen folgten. Dies
war gute Art, eine vorbildliche Erziehung für den Fremdenverkehr. Frauenstimmen
riefen und die Kinder zogen sich vor uns zurück. Da kam Slim des Weges daher. Er
schien nicht gerade gut aufgelegt. »Lasst doch eure verdammten Schiesseisen zu
Hause«, schrie er schon von weitem. »Ihr macht mir doch die Leute scheu. Die
Mütter fürchten für ihre Rangen, und die Alten wollen angesichts solcher
Manieren nicht mit ihrer Weisheit heraus.« Ach so! Dies bezog sich also alles
auf unsere Revolver? Wir trugen nämlich jeder eines solcher langen Dinger,
amerikanisches Fabrikat, nach Cowboyart an einer umfangreichen Lederkoppel, die
am lockern Gurt vorm Magen baumelte. Welcher Zusammenhang besteht zwischen guten
Sitten und Revolvern? ist ein Gegenstand für Seelenkundige und Politiker.
    »Hallo, Slim, was ist's mit dem Schatz?« frugen wir. Er zuckte, sparsam, wie
er oft mit Temperament sein konnte, mit Augen und Ohren. »Vorläufig nichts. -
Aber, haben Sie schon Zana gesehen? Dieses Wunder von einem wilden Vogel muss
mit, darauf gebe ich meinen Kopf!« Nein, Zana hatten wir noch nicht gesehen. Wer
war Zana? Nun, Zana war - wir mussten uns gegen das grosse Zelt im Mittelpunkt
wenden, Zana war die Priesterin und das dort, das bemalte Gezelt, war das
Allerheiligste.
    Wir schritten zurück zu unserer Hütte. Sie lag am zweiten Ring. Etwas
ältlich schien sie, ihr Dach gab nach wie eine Hängematte, aber sie hatte Raum.
Wir konnten zufrieden sein, wir bewohnten ein vornehmes Gebäude, das stand fest,
wie Slim sagte; wir setzten uns gemächlich vor der Tür nieder, walzten, stopften
und entzündeten uns Zigaretten und sprachen übern Rücken mit unseren Indianern,
die in einer Ecke faulenzten. Dies war ein Idyll. Wo blieben die grossen
Abenteuer? Wir spotteten reichlich; Slim redete in derben Ausdrücken von seinen
Hoffnungen. Zana, haha, wer war Zana für uns? Zana, nun bitte ich einen
Menschen, Slim schien ja ganz vernarrt in dieses Gespenst von der grossen Hütte.
Wie konnte man einer von diesen schlecht ausdünstenden splitternackten Bestien
gewogen sein? Nein! Niemals! Nimmermehr! Sah sie wohl den Bildern ihres Wigwams
ähnlich, war sie eine Frau mit Reissschienen statt Armen und Beinen und mit den
Eutern einer Ziege? Nein, dieser Slim, wissen Sie, van den Dusen, ich habe ihn
überhaupt in dem Verdachte, dass er - - Slims Perversität lag offen am Tage. Wir
kamen zu einer Entscheidung und zu einem geläuterten Gewissen. Wir lachten, wir
lachten alle drei, inmitten dieser Harmlosigkeit nach all den Qualen und
Anstrengungen der letzten Tage, die vergessen waren. Wir fühlten uns fürstlich,
riesenstark genug inmitten des Guten, allen Erfolg nun auch noch zu verachten.
 
                                      VIII
Und dann kamen die Tage, da wir nicht mehr lachten. Seltsame und regellose Dinge
ereigneten sich und gewannen Metode. Stimmungen zischelten scheu und feige in
uns auf, wie wir sie nur aus den frühesten Kindheitsträumen in bleierner
Erinnerung hatten. Wesenszüge traten in Erscheinung, setzten sich durch, die
Akzente sprangen um, barbarische Lebensformen nahmen verbriefte Rechte ein, wo
seelische Hohlräume sich gedehnt hatten, gab es dunkle Bewegungen und aus Wüsten
des Blutes schäumte es über. Uraltes wurde rege. Und dann kam das grosse
Ereignis, das Fieber frass den letzten Funken zivilisierten Bewusstseins. Van den
Dusen und Slim gingen dahin und Zana war verschollen. Die Gesänge ihres Stammes
trauerten ihr wohl nach, der Künstler, der sie dichtete und zeichnete, mochte
kommen, atemlos folgte die Menge den Übungen seines Werkzeugs, und eines Tages
mochten sie Zanas Bild als das der Göttin verehren. Ich aber stehe schon auf
heiligem deutschen Kulturboden, mein Fuss tritt auf hindernislosen Asphalt und
mein Geist geht prüfend wieder mit dem Takt von Kolbenstangen und Propellern
durch die Tiefen rätselvoll arbeitender und doch bis ins kleinste begreiflicher
Maschinen.
    Zana war viel einfacher, sie bestand aus wenigen handgreiflichen Begierden
und doch war sie unbegreiflicher. Ich zermartere mir das Hirn, zu sagen, was
Zana war. Was war mir Zana? Nein, Zana war nichts, sie war ein menschliches
Scheusal und ein dämonischer Halbaffe, eine gefärbte Kröte und ein
zurückgebliebener Kretin. Nicht ihretalben ist alles so gekommen, wie ich es
noch vor kurzem glaubte. Und doch werde ich, schwankend und zerrissen und in der
Erinnerung betört, immer wieder auf sie zurückkommen. Die Tropen, die Hitze, die
Nervosität dieses unerträglichen Klimas trugen die Schuld und unsere eigenen
dunklen Herkünfte und menschlichen Vieldeutigkeiten. Zana ist unschuldig. Zana
ist nur ein Name, eine Überschrift für eine Episode. Zana, dich liebte ich, und
du sollst rein dastehen vor meinen weissen Brüdern. Alles kam, wie es kommen
musste, und wären nicht unsere trüben Instinkte gewesen, die sich an den
Mysterien deines Leibes und deiner wilden Seele ergötzten, wir wären unbeschadet
durch das Land des harmlosen friedlichen Volkes gekommen.
    Ich überschreibe eine ganze Folge von Ereignissen mit dem Namen Zanas, aber
ich denke dabei an den grossen Wald, den Urwald. Und gerade weil ich dabei an den
Wald denke, schreibe ich Zana, denn eins steht fürs andere und die Gründe der
Katastrophe, die über unsere kleine Expedition hereinbrach, sind so verworren,
dass ich sie nur mit lebensgrossen Bildern und Symbolen einigermassen anschaulich
machen kann. Aber zuerst waren wir ja noch nicht im Walde, sondern in der grossen
üppigen Ebene des Limo, und so beginne ich denn die Reihe meiner Leidenschaften
nicht mit Zana, mit Zana, die ich liebte, aber nicht bekam, sondern mit der
süssen dicken Aruki, die der häuslichen Ebene entsprach, Aruki, die ich nicht
liebte und bekam.
    Vielleicht war sie gut genug für mich und ich hätte meine Augen nicht zu der
Priesterin erheben sollen. Inmitten des Lebens unbekannter und fremder
Daseinswerte mussten wir auf die Dauer unsere Haltung verlieren. Wir kamen
sozusagen auf den Hund, wir büssten an gesellschaftlicher Achtung ein und hatten
keine Übung, diese Verluste durch ältere und wildere Tugenden auszugleichen.
Nein, es war vorauszusehen, Leute wie wir waren hier nicht am Platze, und
niemals habe ich das Ganze besser übersehen als in jenen hellen vorausgehenden
Äquatornächten, wenn ich ruhelos und vom Gram einer gegenstandslosen
Leidenschaft verzehrt, hinauslugte auf die mondbestrahlte Dorffassade, die, so
klein sie war, für mich zu etwas Bedeutsamem wuchs, seit ich hier unter
Geschöpfen wohnte, deren kleiner, unbegreiflich kleiner Horizont der meine
geworden war.
 
                                       IX
Wieder kam die Nacht. Ich lag wach in meiner Hütte. Ein brenzlicher Dunst
lastete auf mir, ich erhob mich und streifte mein Lager aus Palmstroh in den
Eingang. Hier lag ich am Rücken und sah in den Himmel, in dessen Silberkraut ich
den wehen schlaflosen Blick kühlte. Gedankenvoll klomm ich, zwischen Räumen voll
weisser gasiger Helligkeit, von Stern zu Stern. Ein verblasener Brand schwoll
stellenweise am Firmament auf, verhauchte narkotische Schwülen in die unendliche
Leere zwischen Himmel und Erde, zuckte wie blasse matte Blitze über die
Weltengegenden. Es war wie das falsche Flammen einer lungenkranken Brust.
Nebenan aber stand die hohe Palme und spreizte starre grüne Messer, gierige
Bündel von Blitzableitern in das Licht. Ein grosser trockener Mund saugte sie den
dichten Tau, der aus der lauen Luft entquoll. Hart und hungrig, unromantisch und
ohne Sehnsucht stand sie in einer Landschaft von unwahrscheinlicher Poesie; aber
der Roman der Nacht wurde vollkommen durch ihre verständnislose Trockenheit.
Lange blieb es still, kein Luftauch regte sich. Dann plötzlich schien irgendwo
in einer der Hütten etwas vor sich zu gehen, ein Kleines wimmerte, ein Tier
drückte sich im Schatten vorbei. Es war einer der hier gezüchteten Wolfshunde,
klein wie ein Marder, stinkend aber rassig; perplex den Schwanz einziehend
pfotete er davon, wenn er meine Aufmerksamkeit fühlte.
    Da war ich nun mein eigener Herr, Herr einer neuen Hütte. Sie lag, wie die
erste, am zweiten Ring. Aus unserer ersten Unterkunft, der geräumigen
Versammlungshütte, wie ich später erfuhr, war ich in diesen eigenen Haushalt
gekommen. Checho war bei mir; diese Hütte war kleiner, aber sie bot Raum genug
für uns beide. Slim hatte eine schöne Hütte im ersten Ring erhalten, der
Holländer gleich mir die seine im zweiten. Ob dies ein Zufall war, oder ob es
eine Bewertung unserer Persönlichkeiten darstellte? Mein Ehrgeiz erhielt einen
tückischen Stoss. Ich fühlte die Missachtung des Volkes auf mir ruhen, jetzt, in
dieser prangenden Nacht ging mir der Sinn gewisser kleiner Beobachtungen auf,
die ich gemacht hatte. Die Indianer waren nicht mehr wie in den ersten Tagen.
Seit unser Vorrat an putzigem Tauschkram, an leeren Konservenbüchsen und
Zigarettenschachteln auf die Neige gegangen war, war unser Ruhm im Verblassen.
Die guten Sitten wurden nicht mehr so eifrig eingehalten, unsere beginnende
Armut demoralisierte das Volk. Die Riesentrauben der Bananen wurden uns nicht
mehr so erstaunlich gross zugeschleppt wie die ersten Male, dies Dutzend Ananas,
das man uns anbot, war im Verhältnis zum Überflusse dieses Obstes, an dem ein
mehrhundertköpfiger Stamm misswirtschaftete, von rührendem Humor. Und jene
Handvoll Beeren war erschrecklich anzusehen, beängstigend wie eine Krankheit,
ekelerregend wie ein Schwund, sie stellten die äusserste Grenze der Verachtung
dar, sie waren die Verachtung selber. Das Volk! Das Volk hielt nicht viel von
unserer geistigen Regsamkeit, von unseren Lebenswünschen, der Kraft unseres
Appetits, dem Ehrgeiz unserer Ansprüche. Mit welcher Unverfrorenheit behandelte
uns das Volk?
    Kelwa, der Schildermaler, kommt eines Tages daher und bringt mir den
lumpigsten Kitsch aus seinem Atelier, den ich dort bereits hatte in einer Ecke
herumliegen sehen. Er verlangte mein Gewehr dafür. Ich nahm das Gewehr, ich gab
es ihm so in die Hand, dass der Schuss in dem Augenblicke losging, da er es
berührte. Die Kugel klatschte an das Palmstrohdach, Staub und Strohmist
rieselten auf uns herab, Kelwa zitterte. Kelwa, du tapferer Krieger, du
Pinselnovellist des Krieges - Kelwa ging schnell fort und sieht jetzt mit bösen
Blicken an mir vorbei, wenn wir einander begegnen. Das Blut steigt mir zu Kopfe,
wenn ich, Kelwa, deine Verachtung sehe, diese Überlegenheit einer gebildeten
Rotaut über den weissen Rüppel. Dein Blick frägt klar, würdest du jemals so
handeln und eine zarte Gabe, ein edles und höchst vernunftgemässes Geschäft durch
unziemliche Schüsse verderben? Ich weiss, ich weiss, du hast mehr Takt, mein roter
Bursche; du hältst dich für fein, ich erkläre dich für intrigant, du hältst mich
für einen Bettler und verstehst nicht, he, wie man sich so ohne Scham einem
fremden Stamme anbiedern könne? He, sehe ich dir auf die Gründe deiner Seele?
Wohlan, du brauner Stengel du, du nette Pflanze von einem Künstler, ich
behaupte, du könntest, wie du bist, auch in Europa vorkommen, du Pharisäer, du
besserer Mensch - Dichter - Spitzbube ... Spitzbube, verdammter roter malender
Spitzbube ...
    Dies ist die tropische Nacht und ihr Fieber. Hass, Schuldbewusstsein,
Gewissen, Ekel. Schwäche, Elend der Erkenntnis, sinnlose Selbstanklage kommen
aus der Hitze und Schlaflosigkeit zur Welt und foltern den Entwurzelten, den
Verschlagenen, den Reisenden. Grundlose Gewissensbisse verfolgen ihn. Das Blut
strömt aus Zorn und Widersinn verkehrt zum Herzen, und verkehrt strömt es wohl
wieder an seine Plätze ab. Es kreischt wie ein Strom, eine Kette widerspenstiger
Achsen. Ich stützte mich kochend auf meinen linken Arm und schabte die Zähne
gegeneinander. Diese Bewegung schreckte einen herumschnüffelnden Hund auf. Er
bekam es mit dem Todesschrecken, flog entsetzt zur Seite und streifte die Matte
an der Hütte gegenüber. Erregt über diesen Akt nächtlicher Ruhestörung in einem
ehrbaren Indianerdorfe heulte er aus gestreckter Kehle auf und schoss davon, als
ich mit den Fingern flapste.
    Und nun begann es drüben unruhig zu werden, ein Kopf schob sich längs der
Matte unterm Vordach vor und zeigte ein vertrautes Gesicht. Es war Aruki, die
hübsche Aruki; sie war dick, und ich dachte, schade, dass sie verheiratet ist.
Aruki aber schien beunruhigt, kam - und nun wurde ich aufmerksam - auf lautlosen
Ballen näher. Was war das? Was hatte Aruki vor? Ja, auf welchen Wegen erging
sich die süsse Aruki? Als sie näher kam, ging es wie eine wunde Seligkeit in mir
auf. Wo ging sie hin, wen suchte sie - -? Wie ihre kleinen huschenden Schritte
mich schaukelten! Sie sah mich wohl erst, als sie in Greifweite vor mir stand.
Sie erschrak mit einem Ruck, den sie stumm unterdrückte. Aber schon war es für
sie zu spät. Das Mondlicht glitt an ihrem blanken Fell nieder, vor ihrem Schosse
pendelte das aus Perlen und Beeren gewobene Schürzchen. Die Zikaden sangen. Ganz
plötzlich hörte ich sie. Ich wurde im Nu so hinfällig, dass mich die kleinsten
Geräusche wie brechender Donner berührten. Ich empfand das helle Schwingen der
Tropennacht und sah die silbernen Schauer über den blauen Rücken der Nacht
huschen. Arukis feste Waden standen über meinem Kopfe, ich fühlte sie mit den
Haaren. Meine Sehnsucht sprach in Tastempfindungen, ein Festigkeitshunger
überfiel mich, ein tiefsitzendes Verlangen nach Kurven, Formen, runden
Widerständen. Schnell griff ich zu und schloss mit einem erhebenden Gefühle die
Faust eng um den Knöchel. Aruki stürzte vornüber auf meine Brust, ihr üppiger
Körper floss nachgiebig um die Prägungen meines Systems, meine erhabenen Muskeln
und Knochenbüge sanken hingebend in ein liebliches Lager von Fleisch und Fett.
Mein Kopf lag an ihren Hüften, ich schnürte die Arme träumerisch um die breite
Taille und küsste die Wölbungen der glatten Haut.
    Wir rangen stumm, mit Hass und Inbrunst, und sagten uns heisse Liebesworte,
schmachtende Gemeinheiten in die Bäuche. Dann war mein Atem einen Augenblick
lang frei; der geschweisste Lärm arbeitender Zikaden drillte wie ein grosser
Bohrer den Raum. Ich spürte einen fatalen Moskitostich am Bein und zuckte
zusammen. Gleich darauf erhielt ich einen Schlag auf die Wange. Eben noch hielt
ich Arukis festen Knöchel in der Hand, sie bückte sich blitzschnell zwischen den
Sternenhimmel und mich, Donnerwetter - ich liess los, da war sie fort.
    Auf dem Pfade meiner Wehmut ging sie hin, wandelte auf einem roten Strahle,
der von meinem Herzen ausging. Verzweifelt kratzte ich an den Beinen, wo die
Moskitos unter die Hosen geschlüpft waren. Meine Sehnsucht spielte mir Streiche.
Au! Auf der Stirne, am Hals, an der Handfläche begann es zu stechen. Ich stand
auf und holte das Moskitonetz, das beim Gepäck lag. Beim Schein der elektrischen
Taschenlampe erkannte ich, dass Checho fort war. Ich fand das Netz, kroch
darunter und setzte mich leidend vor der Tür draussen nieder.
    In Arukis Hütte wimmerte eines der Kinder. Sie war Mutter von zehn. Nun nahm
sie das eine, das kleinste, das sie immer überm Rücken trug, sie nahm es und
legte es vor die nährenden Brüste. Aruki war keine Schönheit, mein Gott, aber
ich fand Aruki hübsch. Ich liebte sie und sie hatte mir eine Ohrfeige gegeben.
Aruki, dieser Demutsknoten, besass also Temperament. Herrlich, geradezu herrlich
war sie, ein unschätzbares Kleinod von Weiblichkeit! Welchen anderen Wunsch
hatte ich, als sie in meine Hütte heimzuführen, für sie zu arbeiten und zu
jagen, von ihr meine Kinder gebären zu lassen und an ihrer Seite das Leben eines
Kriegers, der ihrer wert wäre, zu führen? Ihre Demut war eindrucksvoll,
charakteristisch, originell, schon damals, als wir aus dem Walde hervorbrachen
und sie sich wie ein geängstetes Wild den Fremden ergab! Immer steht sie mir so
vor Augen, in die Knie gebeugt und die Arme hinterm Kopfe verschränkt - - - ich
überlege es recht, das Leben ist vollkommen erst im Genusse. Fremde Schönheit
ist zuletzt der Kraftaufwand des Einzelnen, eigene Schönheit ist die
Vorbereitung zum Genusse fremder. Jeder schmiedet an sich, dass er fremder Lust
die Hemmungen beseitige, um an ihr die eigene zu steigern. Es lebe die Lust, das
Rauschen des törichten Blutes! Prangende Sinne und einzige Weisheit des
Fleisches! Kamt ihr aus einer Tropennacht zu mir, aus Siedehimmeln und
schwärmenden Gestirnen, aus Fruchtbarkeit, die im alten Mark des Urwalds quillt
und sprosst, und aus fleischlichem Wuchern, aus der stehenden Schwingung lauer
Luft, die von der Riesenraspel membranöser Zikadenflügel erzittert, kamt ihr zu
mir aus gespreiteten Palmenwedeln über dem Kopfe oder von Arukis schlenkernden
Brüsten! Süsse Mutter, wie das Baby schmatzt! Um der Süssigkeit willen und der
schläfrigen Wollust, die in Frauenschenkeln ruht und aus der Mohnrose ihres
Schosses aufblüht, will ich ein Vater werden und die Welt meiden, der ich
entstamme. Eine Indianerhütte und das Glück empfangener Demut sollen meinen
Blick begrenzen. Aus Lüsten der Gewalt und undenkbaren Arten der Hingabe will
ich meine Freude nähren. Aruki, dich liebe ich, aber kannst du nicht die Meine
werden, dann sei's eine andere. Sie sagen, Zana sei die Schönste. Ich will
versuchen, sie so zu sehen. Diese Falschheit fällt uns Europäern leicht. Ja, sie
ist schlank und lang, und mutwillig hüpft ihr das Hinterteil, wenn sie geht. Sie
ist ein Kind, eine Tochter, ein Schwesterlein. Ja, und Aruki, mein Herz bricht -
- - du aber, Aruki, um die ich hier weine, bist die Reife; ich liebe deine leise
Welkheit, die eingefallenen Ränder deiner schwarzen Augen, die Sprünge, die
deine Wangen furchen wie die Falten einer geliebten Handfläche. Da sitzest du
und singst deinem wimmernden Kinde das Lied vom schlanken Mondfräulein, das
voller und trächtiger werdend zur reifen Mütterlichkeit sich rundet und spät und
letzt blasse Schatten und Makel seiner silbernen Fülle blossgibt. Ich liebe deine
lädierte Schönheit, ich fühle ein beseligendes Erbarmen für die verlöschende
Orgie deiner Formenpracht; mein Herz hüpft beim Anblick deiner hüpfenden Brüste,
ich erschaure tief vor dem mysteriösen Gram gebrochener Zähne, mir schwindelt
vor den gelben Hauern junger Eber, die feierlich den entzückenden Narben deiner
Oberlippe entwachsen. Du mein geliebtes altes Mädchen, ich ahne in dir die
sinnliche Tiefe eines Volkes, der erst wieder die Tiefe meiner Intelligenz
entspricht. Und sehe in eurer Kosmetik nur die kluge Technik der perfekten
Ausnützung menschlicher Unvollkommenheit und Ungesundheit!
    Hier lebte ich unter Wilden, unter diesen nicht einmal gesunden Tieren mit
abergläubischen Körpern. Ich war ein Fremder und kam von der anderen Seite,
dorter, wo der Versuch, auf intellektuellem Wege Lust herzustellen, schon seit
Jahrtausenden missglückte; von dorter, wo man aus dem periodisch verbleibenden
Bruch eines Unlustresiduums immer wieder nach derselben Operationsmetode:
Fortschritt auf immer dieselben Rückstände getroffen war. Hier aber befand ich
mich unter Tieren, deren physisches Raffinement in eben demselben Grade Geist
sein mochte, wie die europäische Art, das Problem zu erledigen: Es besass Tiefe,
die sich mit dem Dasein deckte. Zerstreuungen, Ablenkungen von der wichtigsten
Lebensfrage waren wider den guten Ton. Hier schien der Weisse indolent, und die
braunen Blicke entielten den Vorwurf seiner Minderwertigkeit, weil er sich
nicht mit dem ganzen Wesen auf die brennende Frage warf, wie aus dem Dasein der
Honig der leiblichen Anwesenheit gesogen werden könnte. Denn dieses Leben schien
mit Genuss, Wachstum und Üppigkeit durchtränkt.
    Hier hatte ich Gelegenheit, auf eine früher erfundene Figur meines Denkens,
das sogenannte Wasserrad, zurückzugreifen. Ich erkannte: das Leben war durch
Mühlen betrieben, die nie gebaut wurden! Dass man stille lag, war die schnellste
Art, vom Fleck zu kommen. Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen
dem Geist zweier Rassen. Ich bin auf den Dampfer gestiegen, bin durch den Urwald
gestampft, durch Schweiss und Entbehrung und Fieber gerannt, um den Weltgeist zu
tippen. Ich komme im rechten Augenblick, um den Sieg des farbigen Gedankens zu
erleben und meiner eigenen Rasse den Fuss auf den Nacken zu setzen! Soll ich
recht behalten mit meinem Wasserrade, dem Symbol der Gleichgültigkeit
menschlicher Direktionen? Sind wir falsch orientiert, tappen wir ins Blinde,
sind wir monströse Wucherungen auf dem hellen Erkenntnisauge der Menschlichkeit?
Mein Fall liegt klar. Dies ist mein Fall, der Fall eines dreiundzwanzigjährigen
Lebens, während dessen ich um den Augenblick eines vollkommenen Vergehens
gebetet hatte. Leidenschaften und Genüsse zeigten mir einen blassen Schatten,
zwischen ihnen und mir stand mein Gehirn, mittels des ich die altruistische
Maschine virtuos und staunenswert beherrschte, aber nicht die kleinste Spur von
Talent im Geniessen bewies. Die Augenblicke des Versuchs hatten noch stets den
untilgbaren Rest des Misslingens geborgen, wo die Vorbereitung nahe an die
Vorwegnahme herankam. Das Resultat, das für den Menschen angestrebt wurde, frass
den Menschen, setzte sich an seine Stelle und machte sich sein Glück botmässig,
statt ihm zu dienen.
    Bei diesen Tieren aber lag das Heil. Ihr Genie war einfach, es bestand
darin, die Krankheit zu Genuss und Schönheit zu erheben. Das Glück, das unsere
Humanität anstrebte, erreichte ihr Egoismus. Sie entfalteten sich einer an des
anderen duldsamer Lust. Es gab Beispiele. Warum schlug Kelwa, der Künstler,
Feigling und Pantoffelheld, Rulc, dieses seltsame Weib, dieses grausame Abbild
eleganter Hässlichkeit, diese fashionable Inhaberin dreier tadelloser Eberzähne
und Reissnägel in den Nüstern?
    Warum liebe ich nun Aruki, die mich geohrfeigt hat? Wohin bin ich gekommen?
Mit sechs Jahren begannen meine Leidenschaften, und ich war der erträumte Tyrann
meiner in der Wirklichkeit zartesten Verhältnisse. Mit zehn Jahren, als die
Bücher der Kämpfe und Abenteuer mir zur Hand kamen, suchte ich in ihnen wie ein
rasender Held nach den Gestalten der demütigen Frauen, um meine hungernde
Phantasie zu stillen. Damals habe ich den Traum planvoll angelegt, der mich mit
einer süssen Wilden in Urzustände der Sittlichkeit verschlug. Ich habe ihn lange
und immer wieder und wieder geträumt, und immer war es das fremdrassige dunkle
Mädchen, dem ich die höchste Vollendung der Freuden zutraute. Über einem
abgeschmackten bürgerlichen Turnier mit Scharen zu Seelen verkrüppelter Weiber
habe ich diese Seligkeit keimender Kindertiefen vergessen, vergewaltigt,
verlebt. Diese Tropennacht und Arukis seltsame Süssigkeit geben sie mir wieder.
Der Kampf der Rassen und Sinne ist in meinem Herzen entschieden.
    Ich beuge mich vor der überlegenen Bildung dieser Wilden, vor dem Geiste,
der in der Ausgelassenheit ihres Geschmackes steckt. Ich schwöre die Kultur des
deutschen Bürgers ab. Ich will zu diesen geborenen Priestern der Sinne wie zu
Brüdern sprechen und meine Würdigkeit vor ihnen erkämpfen! Hai, ich will nach
dieser Jugend voll zerbrechenden Kampfes endlich meiner Sehnsucht ihr Recht
geben, die von mir heischt, ein zitterndes Weib bei den Haaren zu zerren und aus
fallenden Blicken Glückssterne zu klauben!
    In Arukis Hütte gegenüber war alles wieder still. Da schob sich vorsichtig
die Matte zurück, und heraus trat sie selber, Aruki. Der Schatten der Palme
verbarg mich. Aruki lief die Seitenallee entlang, dem Walde zu. Eine schwächende
Unruhe erfasste mich, ich war unglücklich und sah tränenlos ins flimmernde
Sternenlicht, in die kühle, zahlenhafte Reihe des südlichen Kreuzes. Nach einer
Stunde etwa kam Aruki zurückgeschlichen, horchte von der Tür her, ob sich in
ihrer Hütte etwas rege und verschwand dann im Innern. Es war frisch geworden,
und eine Art kalten Unwohlseins befiel mich. Ich stand auf, ging zurück in die
Hütte und warf mich ermattet auf mein Lager. Zehn Minuten später erschien Checho
in dem blossen Licht der Türfüllung und begab sich lautlos an seinen Platz.
 
                                       X
Slim wurde von Tag zu Tag nervöser. Er brauste leicht auf, hatte Skandale an
allen Fingerspitzen und schien mit seinem Schatze nicht ins Reine zu kommen.
Seine Stimmung färbte auf uns ab. Ich konstatierte auch bei uns andern eine
bedenkliche Neigung, uns gehen zu lassen. Dazu kam, dass unser Wirtschaftskapital
auf die Neige ging. Aber das war es nicht. Was mir schwere Sorgen bereitete, war
die Einsicht, dass wir litten. Eine leise Depression lastete auf uns, ein Zustand
psychischer Stopfung war plötzlich eingetreten, und mit ihm schien das äussere
Leben sich zu stauen. Diese Schoppkur von Eindrücken hatte unserer Konstitution
nicht gut getan. Aber ein Ventil zur Handlung oder Produktion war nicht
vorhanden. Wir litten.
    Und warum? Wegen einiger Kleinigkeiten und fataler Differenzen mit dem hier
landläufigen Geschmacke. Unser Ehrgeiz konnte sich in manches nicht einfinden.
Niemand kann sagen, dass wir, van den Dusen und ich, uns nicht die grösste Mühe
gaben, unsere Zivilisation zu repräsentieren. Und dennoch lauerte uns stets der
Angstschweiss im Hinterhalte, wenn wir durch das Dorf schritten. Was würden wir
nun wieder auszustehen haben? Es war ein höchst ungemütliches Gefühl, in einer
Masse zu leben, mit der man in nichts d'accord war. Das Niederträchtige an
dieser Stimmung war der grob empfundene Mangel an Selbständigkeit, das
beschämende Bewusstsein, dass einem die eigene Rasse - ein wenig unbequem zu
werden begann.
    »Unter einer Million Menschen ist es kein Kunststück, ein Eigener zu sein.
Das kommt von selbst. Aber versuchen Sie es mal unter hundert Wölfen - Sie
werden nicht nur miteulen, nein, Sie werden selbst diese Klaviatur erst
vollständig und harmonisch finden, wenn Sie mit von der Partie sind. Man lernt
die Annehmlichkeiten nur allzubald schätzen. Sehen Sie, jetzt haben wir den
kleinen Horizont, wir stehen wieder auf einer Art Landkarte, wir haben uns
bereits mit einer leichtfasslichen Zahl identifiziert. Können Sie sich noch an
Ihre Schulbubenzeit erinnern - an die Geographiestunde - wissen Sie - verstehen
Sie das?«
    So sprach ich erregt und froh der Aussprache nach Tagen schlimmster
Überlegsamkeit zu van den Dusen. Ja, er konnte sich erinnern. Wir traten den
Heimweg ins Dorf an. Schon umschwärmte uns die gutgelaunte Jugend. Sie bettelte
oder machte sich über uns lustig. Sie drängten sich mit ahnungsloser Miene an
uns heran und setzten sich plärrend auf die Hintern, so bald wir nur geringfügig
anstiessen. Sie fielen bewunderungswürdig um, ohne sichtbare Störungen des
Gleichgewichts. Ich trat einem der Racker unversehens auf seine Kautschukbeine;
ich dachte, nun würde das Hilfegeschrei losgehen; aber auffällig blieb gerade er
mäuschenstill. Ich hob ihn bestürzt empor. Verständnisinnig ergriffen die
anderen den Witz dieses Spieles, und was nun folgte, muss für die winzigen
Kreaturen höchst unterhaltsam gewesen sein. Es hiess in ihrem Idiom so etwas wie
»Aufgehoben-werden spielen« und bestand in dem sinnigen Schema, sich bei unserer
Annäherung niederzusetzen, um sich von uns aufhelfen zu lassen. dabei vollführte
diese Käserinde von Menschlein einen solchen Höllenlärm, dass die Mütter
erschreckt ihre Köpfe zu den Hütten herausstreckten. Stirnrunzelnd fühlte ich,
wie sie lächelten. Puppa, Puppa, sagte ich zärtlich und hob einen, den zweiten,
den dritten Bengel empor. Er zog die Beine in die Hocke und liess sich wie ein
Brunnenschwengel auf und ab ziehen. Da wurde ich ängstlich. Ich konnte doch
nicht mein ganzes Leben damit verbringen, kleine Jungens auf und ab zu
schwenken. Und heimlich und voller Rachsucht zwickte ich den vierten, zugleich
aber sagte ich mit süsser Stimme »ai, du Püppchen« und schielte ein wenig nach
seiner Mama, die dort in der Tür stand und meine Sympatien für ihr Kind als
vollkommen gerechtfertigt anzusehen schien. Dieser mütterliche Standpunkt aber
war mir denn doch zu viel. Ich zwickte nun etwas stärker, aber die gewünschte
Wirkung blieb vorerst einmal aus. Im Gegenteil, meine heimtückische Zarteit
erhöhte anscheinend den Reiz dieses Spieles bedeutend. Mein Temperament zog mir
Liebhaber und Liebhaberinnen zu. Als wir in völliger Ratlosigkeit Numero zehn
auf die Beine gestellt hatten und er sich eben wieder zurückplumpsen liess,
erschien Slim auf der Bildfläche.
    »Hallo«, schrie er, »ihr seid ja verrückt, spielt euch gefälligst mit etwas
anderem! Aber meine Herren«, sagte er belehrend, »machen Sie uns doch nicht
lächerrlich! Das macht man so!« Er hob einen der Buben auf und warf ihn auf den
Boden. Wie ein Ball kam dieser wieder auf die Beine zu stehen und lief
verschreckt in eine der Hütten. »Das steht besser, als Sie glauben«, sagte Slim
und machte uns auf eine Eigentümlichkeit aufmerksam. Keines der Kinder
gebrauchte, mochte es noch so hilflos daliegen, um aufzustehen, die Hilfe seiner
Arme. Schwupsdich, griffen sie sich mit den Füssen einfach in die Höhe. Betreten
sahen wir auf unsere zehnfach verratene Humanität an Herz und Beinen zurück.
    Diese Art von Erlebnissen, die nachgerade an die Tagesordnung kamen,
brachten mich langsam herunter. Dann kamen die Zustände der Besessenheit, meine
zurückgewiesene Koketterie fachte sich zum Wahnwitz an und gab mir Rachegedanken
wider meine eigene Person ein. Ich hatte mit meiner Noblesse gewüstet, hatte sie
mit vollen Händen hinausgeschmissen, jetzt traten die Gelegenheiten, scharf zu
sehen, in Masse auf. Ich war bettelarm, ich stand mitten im Bankerott. Ein
grosses Unglück, welches, hätte ich nicht auf deutsch sagen können, war
geschehen. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass es einen Platz in der
Welt geben könnte, den ich nicht auszufüllen vermögen würde. Wo waren meine
Projekte geblieben, wo blieb die kulturelle Annexion dieses Landes, die wir uns
in riesengrossen Hirngespinsten ausgemalt hatten? Während ich so in mein Inneres
verfilzt war und Tag über Tag, Nacht über Nacht mit diesem Geschicke haderte,
erhielt ich mehrere Schläge auf den Kopf. Veritable Schläge, die meinem
Selbstbewusstsein das Genick brachen und meiner Vernunft ein für allemal den
Garaus machten. Erst mit dem heilsamen Fieber, aus dem ich in Panama sechzig
Tage später erwachen sollte, wich diese dumpfe Überreizung. Jene Schläge aber
kamen von Slim.
    Heute liegt das alles hinter mir. Ich habe einen weiten Kreis von Bekannten
und bin imstande, den Menschen Figur abzusehen. Dennoch will es mir nur schwer
gelingen, aus Slim, so wie ich ihn bruchstückweise kennen gelernt habe, etwas
herauszuschlagen. In der Zeit, in die sein Verhältnis zu mir fällt, war es für
mich ausgemacht, dass sein Glanz so gut spiesserhaft war, wie der irgendeines der
südamerikanischen Bravos, die ich kennen lernte. Sein Feuer schien mir banal und
seine Rassigkeit bäurisch. Er stand mit beiden Beinen in der Eleganz, klirrend
und kürassiert von oben bis unten, impulsiv, zynisch und, wie mir damals schien,
humorlos. Und doch konnte ich zu keinem abschliessenden Urteil über ihn gelangen,
so sehr dieses Urteil zur Überwindung meiner Demut gelegen gekommen wäre. Dann
gestand ich mir einmal, dass ich im Laufe jener Tage Ausflüchte vor jeder
Anerkennung getroffen hatte, die ich ihm hätte zollen müssen. Kein Zweifel, Slim
war ein grosser Mensch; ich sah ihn zu allen Tageszeiten und unter allen
Verhältnissen; er schien mir das eine Mal belanglos und schmetterte mich das
nächstemal durch die einfache Grösse, die in einem Wort, einem Gedanken, einer
Handlung zum Ausdruck kam, zu Boden. Und ich kam dahin, meiner uneingestandenen
Bewunderung freien Lauf zu lassen. Ich war reif zur kampflosen Aufgabe meiner
Überlegenheit, des gesunden Gefühls jedes Menschen, der sich zumindest in einer
Spezialität jeweils unnachahmlich weiss. Diese Gesundheit hinterhältiger
Selbstüberschätzung ist eine Gottesgabe; ohne sie wären die bedeutenden
Zweitklassigen erdrückt, und jeder Grenadier müsste seinen Napoleon hassen.
Wieviel haben davon Begeisterte und Anerkennende in ihrer Hingabe an fremde
Grösse nötig? Mir aber war diese hygienische Selbstgefälligkeit in eben dem
Augenblicke abhanden gekommen, da mich schon das Selbstgefühl meiner Kultur vor
dieser Portion Indianerhütten verlassen hatte. Von Hingabe war darum nichts mehr
in mir; ich nährte mich von kleinen Zweifeln in Slims Persönlichkeit. Und doch,
Slim war und blieb ausserordentlich.
    Er war voller Widersprüche, aber er war der interessanteste Mensch, den ich
mir noch heute vorstellen kann. Er machte den Eindruck launenhafter
Gewissenlosigkeit, und am Ende stellte sich in seinem Schwanken Metode heraus.
So besass er grosse Körperkraft, sie machte sich selbst im Verkehr zwischen uns
Weissen nicht immer ohne Drohung bemerkbar. Mir schien, er mache oft den
billigsten Gebrauch davon. Er liess seine masslose Wut an den Indianern aus, wo es
ungefährlich war, und ein anderes Mal stellte er uns zur Rede, weil wir ihm
durch Krakeel bei den Rotäuten seine Position verdürben und uns unbeliebt
machten. Er liebte, zynische Bemerkungen, und ich hielt ihn für platt. Ich war
vergnügt, und noch in derselben Stunde sprach er aus tief seherischem Geiste:
ich stand beschämt über meine zurückgebliebenen Freuden!
    So geschah es, als wir bei Kelwas, des Malers, geräumigem Gehöft
vorbeikamen. Aus dem Innern drangen Aufruhr und Lärm, die Matte vor der Hoftür
war zurückgeschlagen, und wir konnten sehen, dass der Künstler sein kleines Weib
mit der Faust ins Gesicht schlug. Das botmässige Geschöpf gab keinen Laut von
sich. Ich wusste, dass diese häuslichen Szenen sich hier öfters ereigneten, aber
niemand nahm daran Anstoss. Slim stand zwei Köpfe höher da als ich, mit massiven
Schultern und langen Armen, er lachte nur dreckig und liess Kelwa, ein mageres,
zartes Kerlchen, gewähren. Konnte er es als Spass betrachten? Ich sagte etwas
dergleichen. »O, blamieren Sie sich nicht«, lautete seine Antwort, »Kelwa
studiert soeben, davon verstehen Sie nichts. Er ist ein Minnesänger und kennt
seine galanten Pflichten. Woher sollte er sonst seine sinnreichen Bilder nehmen?
Dieses Gemüt will geübt sein wie irgend etwas. - Merken Sie nicht die
Zärtlichkeit der vergewaltigten Leiber auf seinen Bildern? Diese Humanität der
Empfindung in den schiefgelegten Köpfen auf langen Leibern?« Wir gingen um die
Hofmauern herum und nahmen die ausgestellten Prachtschilde in Augenschein.
    In der Tat, schon lehrte Slim mich sehen. Ich begann dieses wilde
Künstlergemüt zu begreifen. Diese wagerecht gelegten Köpfe waren das
Weinerlichste, das ich jemals gesehen hatte. Diese Linien sehnten sich, ganze
Himmelreiche von Leiden offenbarten sich in den scheusslichen Greuelszenen, die
sie darstellten. Muskulöse Männer vergingen sich an unterwürfigen, dankbaren
Frauenzimmern. Akte der wildesten Sanftmut konnten einem in dieser
künstlerischen Fassung das Herz brechen. Niemals war Liebreiz so flötend,
niemals Gewalt süsser dargestellt worden. Die Weiber bestanden aus schwellenden
Pinselstrichen und verloschen unter den Würghänden und Dolchstössen ihrer
kahlschädeligen Anbeter. Die Männer waren verzückte Heldengestalten, mit
Oberkörpern wie edle Champagnerkelche, dünn und unansehnlich an den Lenden und
fleischig moussierend an Schultern und Brüsten, wie gärender Schaumwein. Ihre
Schädel waren kahl bis zu den Wirbeln, ausgenommen ein fransiges Haarbüschchen
am Stirnsaum, das einem grinsend gefletschten Gebisse nicht unähnlich aus dem
Hirn hervorwuchs. Körper beiderlei Geschlechts waren zu ergreifender
Fleischlichkeit verwoben, Brüste klafften steil vor Lust und nervige Schenkel
bäumten sich aus Knäueln. Eines der Gemälde duftete von Liebespracht und
Lustaufwand, und ein Hundevieh lief darauf hinzu und schnupperte flüchtig zu dem
Paare. Dieser Hund war das Hündischeste, das je an Hundetum geleistet worden
war, er war hündischer denn je ein Hund, er war die reinste Geniesslichkeit, die
je zu Verkörperung gelangt ist. Er bestand aus fünf braunen Pinselstrichen, vier
Beinen und einem Rückgrat, und schliesslich einer langen Schnauze. In dieser
Schnauze lag ein ganzes Hundeleben. Er roch und streckte seinen Körper.
    »Empfinden Sie, wie sehr das - Gemüt hat?« frug Slim. Fast verstand ich ihn.
    Am Abend sassen wir zu dritt vor Slims Hütte. Das Zigarettenpapier war
ausgegangen, und wir rauchten Pfeifen, um die blödsinnigen Moskitos
fernzuhalten. Jeden Augenblick klatschte sich einer von uns fluchend auf den
belästigten Körperteil. Moskitos sind die geborenen Feinde grosser Männer, sie
sind imstande, das Genie zu stürzen. Nicht, dass ich es Slim gegönnt hätte, der
sich geradezu verrückt ohrfeigte, während er Kernsprüche von beleidigendem
Scharfsinn fällte - nein, für alles, was er sagte, hatte ich eigentlich schon
vorher die Witterung gehabt, und er schrieb also eigentlich bloss von mir ab,
wenn er sprach. Nein, sagte ich mir, ich gönne ihm seine Intelligenz; der
Unterschied zwischen uns war bloss der, dass ich delikat verschwieg, wenn ich
etwas Geistreiches wusste, während er es gleichsam an die grosse Glocke hängte.
Dennoch, ich konnte mich beim Anblick der Moskitos, die in Slims Hemdkragen
krochen und dort in dem gelben Fell pflügten, nicht erwehren. Ich schluckte den
Triumph hinunter, er kam aber wie geölt sogleich wieder an die Oberfläche. Ich
weinte vor Wut über meine hässliche Seele, aber ich musste sie hilflos mitansehen.
Meine Selbsterziehung war zum Teufel, meine Noblesse war an die Anfangsgründe
der Tropenlehrzeit unnütz verpulvert, und die kleinlichen Roheiten des Knaben
wagten sich wieder hervor. Das war die Wirkung des kleinen Horizontes, dies war
das Beschränkteitsgift des Quadratmeterkleckses von Ansiedelung! Wie lange
noch, und ich würde vom Tratsche leben, würde zu Kelwa schleichen und ihm
melden, dass Aruki, das Weib Memes, ein Verhältnis habe mit - ah? - - - und würde
wie eine Frau in die Hände klatschen, wenn van den Dusen mir ins Ohr flüsterte,
dass er Slim des Nachts zu der stinkenden Hündin Zana ins Zelt habe schleichen
sehen?
    Moskitos sind eine Grundtatsache gegen Grösse, und kleine Verhältnisse sind
es auch. Aber Slim gewann doch gewissermassen meine Bewunderung dadurch, dass er
sich, während die Moskitos auf seinen Schienbeinen und Handgelenken Cancan
tanzten, mit Gleichgültigkeit in diesen Sturz vom Hohen ins Groteske ergab. Die
Hitze und die tropische Langeweile gingen ihm nicht auf die Nerven, er hatte ein
phantastisch reelles Ziel im Auge und produzierte in seinem Auftreten die
entgegengesetztesten Stimmungen. Das Dorf kriegte ihn nicht unter. Er fühlte
sich hier zu Hause und war doch nicht anders als auf dem Parkettboden
irgendeines Konsulats in den östlichen Städten. Er bewegte sich als Hidalgo und
Geschäftsmann, als Militär und Kenner, er war so banal als ein praktischer
Tourist nur sein konnte, das Exotische und Lähmende der Umgebung prallte an ihm
ab. Er war auch hier auf dem Höhepunkte der Zeit. Sein Zivilisationsbewusstsein
musste rasend wach sein, musste die Gleichzeitigkeit alles im Augenblick
Geschehenden erfassen. Mit einem Worte: er kannte keine Stimmung. Da hatte ich
ihn: er war kein Dichter. In seinem Ablauf sah ich den Rhytmus von Rädern, in
der durchdringenden Sachlichkeit seiner zynischen Bemerkungen hörte ich die
Lokomotive pfeifen. Ich aber, der Ingenieur, ich hatte den Beruf verfehlt. Ich
war zum Dichter bestimmt, mein Element war von Natur aus die Poesie!
    Dieser Gedanke entielt eine ungeheure Anregung. Sofort wurde meine Laune
gnädig. Ich war der Dichter, Slim der Mann der Zeit. Sein Vater, der
Schiffskapitän, war ein Yankee; seine Mutter Chilenin, spanisches Halbblut. Es
gibt nichts herzlich Trockeneres als den Südländer, nichts Stabileres als diesen
gebräunten Sohn des Sonnenlandes. Von hier bezieht Slim seine dürren,
schneidenden Eigenschaften. Als Dichter bin ich zu dem Zeugnis ermächtigt, dass
er damit in Mode kommt. Ich bin hierfür als Dichter nachgerade verantwortlich.
Wer selbst keine Sehenswürdigkeit ist, beruhigt seinen Ehrgeiz als Impresario
einer solchen. Mister Slim, es mindert den Respekt vor meinem Genie nicht im
mindesten, dass Sie das sind, wozu ich die Idee in mir trage, das Schema, dem Sie
als Füllung dienen; und ich bin auch ein anständiger Kerl mir gegenüber, das
heisst ein Psychologe, so ist dies doch eine Privatsache, und niemand braucht
darum zu wissen. Dass ich mich für einen Schurken hielte, wäre Grund genug, einer
zu sein. Ich weiss, dahinter steckt ein schofles Geschäft, hat aber trotzdem für
andere eine redliche und achtunggebietende Arbeit zu sein wie irgendwas. Schon
sehe ich die fremde Bereitwilligkeit voraus, die Ironie, die ich selber gegen
mich verwende, zu akzeptieren. Es ist mir ein Beweis für meine Verdienste als
Impresario des modernen Menschen; wäre ich um ein Jota weniger originell, ich
selbst würde einen ganzen Rattenkönig von Impresarios inspirieren. Denn, meine
Herren, der Dichter ist stets genialer als sein Geschöpf. Da ich aber nicht
hilflos bin - - -
    Die Moskitos wurden jetzt noch einmal zudringlich, weil die Sonne sank, und
dies die Stunde ihres Frohlockens war. Schnell wurde es dunkel, und zwischen den
Hütten des Dorfes begann ein blauer, scharfer Rauch aufzusteigen, der die
Moskitos vertrieb. Grosse Männer und kleine Weiber, mit Fruchtkörben auf dem
Kopfe, kamen aus der Savanna zurück.
    Man beachtete uns um diese vorgeschrittene Zeit unseres Aufentalts wenig.
Am ersten Tag hatten sie uns höflich ignoriert. Später erfuhr ich, dass
Feindlichkeit und Misstrauen oft das Beste hinter guten Sitten sind. Denn kaum
hatte Slim uns durch Luluac, den Häuptling, dem Parlament vorstellen lassen, als
auch schon die nette Förmlichkeit umschlug und wir eine Periode ärgsten
Belagerungszustandes, Spiessrutenlaufens und anderer etnologischer Metoden
durchzumachen hatten. Stumm und im Innern vor Wut knurrend sassen wir zur Schau.
Slim gab hin und wieder Aufklärung über verschiedene Eigentümlichkeiten des
Stammes, dem wir angehörten, während wir so auf Klappsesseln hockten und der
Wissenschaft dienten. Als besonderes Merkmal mussten wir geladene Revolver in den
Händen halten. Der psychologische Grund dieser von mir veranstalteten Massnahme
war aber ein anderer. Jeden Augenblick war ich bereit, aufzuspringen und eine
kleine Vorstellung zu geben, wenn das wissenschaftliche Interesse unserer Gäste
zu weit ging. Denn dieser Forschungsdrang war konsequent genug, auch hinter die
Geheimnisse unserer Wäsche eindringen zu wollen. Zumal unsere Hosen erregten als
phantasievolle Abart der hierzulande getragenen Schosslätze ein enormes Aufsehen.
Damit hatte es nun überhaupt einmal so seine Bewandtnis und hatte eine
Geschichte zur Folge, bei der van den Dusen nur mit Mühe von einer uns Europäern
nun einmal angeborenen Roheit zurückgehalten werden konnte. Sie passierte, als
eines Tages eine der Damen nähertrat und unschuldsvoll seine seidengestickten
Hosenträger aufzuknöpfeln begann. Der dicke Holländer barst in ein
fürchterliches Gelächter aus, in einer Art hysterischen Anfalls fing er mit dem
Revolver zu fuchteln an und behauptete zwischen Weinen und Lachen, er sei
gekitzelt worden, ja, man habe hier die Absicht ihn zu kitzeln, er habe schon
seit langem bemerkt, dass dies für die schwarzen Damen ein noch ungelöstes
Problem sei, dass ihre Neugier fessle. Aber soweit brauche er sich nicht demütigen
lassen, er würde schiessen, sofort, dies lasse er sich nun und nimmermehr
gefallen. Die wissbegierigen schwarzen Schülerinnen kicherten sehr, als sie ihn
so erregt gewahrten. Sie verstanden nicht, wie man so verrückt, ungalant oder
weiss Gott was sein konnte, sich der Wissenschaft entgegenzustemmen. Aber der
Holländer blieb dabei, dass man es darauf abgesehen hätte, ihn zu kitzeln. Slim
musste ihm in den Arm fallen, um ein Unglück zu verhüten.
    Slim managete uns als europäische Show ziemlich glücklich. Ich wusste, dass er
bereits einmal als Manager einer Buffalo-Bill-Truppe auf der Pariser
Weltausstellung runde Summen gemacht hatte. Ich sah ja, was als Entree einlief.
»Heute grosse Vorstellung Europa in Pomacco. Kinder haben freien Zutritt! Die
weissesten Indianer der Welt! Ein Stamm ohne Füsse, einzig in seiner Art! Der
dickste Mann der Welt, besondere Attraktion für das weibliche Geschlecht, gross
und klein! Hereinspaziert! Noch nie dagewesen! Erstes und letztes Auftreten der
dümmsten und ungeschicktesten Kerle auf Gottes Erdboden. Grösster Lacherfolg des
Jahrhunderts! Herrein, herreinspaziert meine Herrschaften!!«
    Als Entree gingen ein: Wildpret, Speere, Pfeile, Bananen, Brotfladen,
Vogelpasteten, Gemüsesuppen und anderes Verderbenbringendes. Aber dies dauerte
nur so lange, bis die Sache sich eines Tages überlebt hatte und die Dorfbörse
auf ein anderes Gebiet überging. Und da begann die Zeit, wo nur um den Preis von
Sardinenbüchsen, Glasperlen, Zigarettenschachteln, bunten Lappen, mechanischen
Bestandteilen, Bleistiften und alten Kleidungsstücken der Hunger gestillt werden
konnte; wo man, wie am Beginne, keine Notiz mehr von uns nahm, uns die
Gassenjugend auf den Hals hetzte und sich ungeniert einer Lustigkeit überliess,
über deren Gründe allerlei Vermutungen angestellt werden konnten.
    Unsere abendlichen Sitzungen zeigten unsere Lage von Tag zu Tag deutlicher.
Nichts aber ärgerte, nichts kränkte, nichts verbitterte mir den Aufentalt hier
mehr, als wenn ich des Abends sah, wie Checho zu Aruki hinüberschlich, dienerte,
sie hofierte und vor ihr mit seinem Jünglingsgerippe prahlte. Es schnitt mir ins
Herz, wenn sie beide lachten und ich es nicht verstand. Freilich, Checho war
schön. Aber hier handelte es sich um ein wenig Grammatik, soviel ich sehen
konnte. Checho sprach ein tüchtiges Indianisch; er war der geborene Verführer;
ich durchschaute ihn. Wen ich aber nicht verstand, das war Meme, dieser Riese
von einem Manne. Wenn es schon spät war, sass er noch fleissig in seiner
eigentümlichen Stellung vor dem Spannbolzen und schoss das Webgarn rhytmisch hin
und her. Seine langen Waden standen auf den flachgepressten breiten Sohlen, und
zwischen ihnen hing wie der Buchstabe M der Oberkörper, eine schmiegsame
Pyramide aus feinen Knochen, Muskeln und Nerven. Seine Füsse waren gross und
wohlgeformt; wenn er sass, traten die blutgespreizten Adern wie helles Reisig auf
der dunkleren Haut hervor. Auch er hob seinen starken Körper mühelos empor, ohne
der Hände als Stütze zu bedürfen, ohne die Pose zu ändern, lediglich aus der
elementaren Muskelkraft seiner knabenhaften Hüften heraus. Wenn er stand, war er
ein Hüne, und Aruki war neben ihm ein kleines, plumpes Weibchen. Seine Oberarme
waren breit und lagen wie flachgedrückte Keile auf den Brustringen. Checho
schien, an ihm gemessen, armselig an Stärke, und ich begriff nicht, ob Meme den
fremden Indianer fürchtete oder ob er in seiner Arbeitsleidenschaft ein kühler
Gatte war. Hin und wieder fiel sein Blick auf die beiden, ohne dass sein Gesicht
eine Spur von Bewegung zeigte. Aber oftmals betrachtete ihn Aruki verstohlen und
verzweifelt. Eben fuhr sie Checho über den Rücken, prahlerisch deutete er mit
dem zurückgelegten Daumen auf eine Stelle. Aruki schien bewundernd. In der Tat
ein schöner Rücken, was aber mochte so besonders reizvoll daran sein?
    Ich machte Slim aufmerksam. »Seine Narben«, sagte er. »Haben Sie es noch
nicht bemerkt? Er hat zwei Narben am Nacken, dort hat ihm sein Stamm bei
irgendeiner Feierlichkeit die Probe auferlegt, sich die Haut lösen und einen
Pfeil durchklemmen zu lassen. Das ist erstens heroisch, zweitens ist es für den
Burschen ein Kapitalvergnügen. Alle Arten von Verwundung und Grausamkeit sind
bei diesen Stämmen bis zu Objekten der Gelehrteit gediehen. Zana, Sie kennen
sie?« - - sein Gesicht konnte einen falschen Ausdruck nicht verbergen - - -
»Zana ist Doktorin in dieser Disziplin. Das Wundfieber ist eine Art Rausch.
Jedes Fieber - - Sie werden noch Gelegenheit haben, diese Teorie zu
überprüfen«, fügte er hinzu und sah mir aufmerksam in die Augen. Er machte eine
Pause und sah plötzlich auf meine Handgelenke; da bemerkte ich, dass sie blass und
gelb wurden. Es war das erstemal, dass ich vor Slim erschrak und die Macht, die
bestimmende suggestive Macht, die in ihm lag, erkannte. Jetzt sah er starr und
mit leerem Blicke vor sich hin; er schien mit in grosser Kraft einer bösen innern
Macht zu widerstehen, die er nicht ganz beherrschte; er hatte einen
unglücklichen Zug im Gesichte. Dann schlug er den verlassenen Weg der
Unterhaltung wieder ein und sagte mit gleichgültiger Stimme: »Im Prinzip ist die
Art, wie man hierzulande das Leben tonisiert, in nichts verschieden von unserer
Zivilisation. Sind Sie in Asien gewesen? Haben Sie jemals die Metoden studiert,
mit denen Ekstatiker und Derwische arbeiten? Alle diese Menschenrassen kennen
nicht das süsse Gift der Reflexion: sie sind auch nichts weniger als erotisch;
aber ihr epileptischer Manierismus ist genau jene göttliche Steigerung der
Gesundheit ins schier Krankhafte, die wir in unsern Grossstädten auf unsere Weise
erzielen.«
    Gesundheit, hatte er gesagt. Schon damals, vor den Bildern des lasterhaften
Kelwa, hatte er das Wort gebraucht. »Gesundheit, hm!« machte ich spöttisch.
    Er sagte nichts weiter. Ich bekam zu fühlen, dass er seine Weisheit nicht vor
einen dummen Hund warf - übrigens, ich irrte mich vielleicht. Er sah mich wieder
aufmerksam an, mit Interesse wie für eine Person, mit der man sich aussprechen
möchte, die man aber vorher einer sorgfältigen Prüfung unterwirft. Und plötzlich
stand drüben Meme auf. Er stand auf und stiess seinen Apparat geräuschvoll
zurück. Wirklich, seine Riesenlänge sah bedrohlich her. Hallo, Checho,
geschwind! Meme aber hing sich eine Kette fingerslanger Geierschnäbel um den
Hals und ging mit gebogenen Knien aus der Hütte, die Strasse hinauf, flink,
leicht, sich wiegend, ohne die Wirtschaft unter seinem Dache auch nur eines
Blickes zu würdigen.
    Von diesem Augenblicke an wurde Aruki einsilbiger. Slim witterte mein
Interesse an diesem Vorgang und sagte: »Das Weib wünscht sich nichts Besseres
als den langen Mann auf den Hals. Verstehen Sie die alte Tatsache noch immer
nicht? Wenn ein Mann seine Frau nicht mindestens zweimal in der Woche prügelt,
spricht er ihr damit ein vernichtendes Urteil.« Dies klang mehr bäurisch als neu
und ich sah dem Sprecher ins Gesicht. Und erinnerte mich an eine Situation im
Kanoe, auf dem trägen Urwaldflusse, mitten im Schweigen, wo Slims Froschblick
mich betastet hatte. Sein männliches, hartes Gesicht mit dem zottigen
Knebelbarte war soeben die böseste Lebemannsfratze gewesen.
    Van den Dusen, der in der Hütte hinter uns am Gepäck zu schaffen gehabt
hatte, trat in diesem Augenblick herzu. »Slim«, rief er in unser Gespräch
hinein, »hören Sie auf, Sie wollen uns gern den Kannibalen vorspielen. Wir
glauben es Ihnen auch so. Hat nicht erst jüngst noch eine Dame in fette Schenkel
gebissen und sich Eberzähne in die Nase gepflockt, die sich vielleicht Ihre
Grossmama nannte?«
    »Und wenn es so wäre«, sagte Slim und lachte, »ich würde nicht gerade
beunruhigt darüber sein. Hüten Sie sich nur, M'nherr, auch in diesem idyllischen
Neste hat man schon à la bête gespeist. Sehen Sie mal diese langen Kerle von
Männern an und diese winzigen Frauenzimmerchen. Die Frauenzimmer waren einst vom
Volk der Arrauaken; es war ein kleiner, wenig begünstigter Menschenschlag. Da
kamen Karaiben, lange Soldatenschlingel, erstklassiges Menschenmaterial, und
frassen den Arrauakenmädchen ihre Verehrer und Männer buchstäblich vor der Nase
weg. Dann wurde Hochzeit gemacht, und seiter hat sich dieses poetische
Verhältnis schon durch Generationen hindurch fortgepflanzt. Die Jungens werden
gross, die Fräuleins bleiben hübsch zierlich. Draussen am dritten Kreis, in der
Vorschanze bei den Proleten, Unedlen und Unterdrückten, die am ersten dran
glauben müssen, wenn ein feindlicher Stamm das Nest berennt, wohnen noch die
Überbleibsel des männlichen Arrauakismus. Lakaien und Kirchendiener, die auf das
Zeichen einer göttlichen Inspiration hin eines Tages vom Stamme eingepökelt
werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass beim nächsten Mal Sie dran glauben
müssen, van den Dusen!«
    »Ah«, piepste der Holländer, »verflucht noch einmal, Slim, Sie haben aber
eine recht dumme Art von Humor. - Wollen Sie mir nicht lieber sagen, was man von
Aruki zu sagen hat? Checho macht ihr den Hof. Ob sie darauf eingeht - -«
    »- - und nachts halten sie Zusammenkünfte ab, dort, am Saum des Djungles.
Die Moskitos blasen ihnen den Hochzeitsmarsch. Aruki zieht schmachtend aus, das
muss man erleben, und kommt schwärmend heim um Mitternacht. dabei hinkte sie
einmal; Checho muss eine merkwürdige Art haben, Knöchel auszurenken. Ich selbst
habe einmal zugesehen, als er sie, sozusagen, seine Süsse nannte!«
    »So?« sagte Slim und sah weg. »Tja, ja«, schnalzte van den Dusen und zog die
Augenbrauen schlau in die Höhe. Plötzlich bog sich Slim hinüber. »Wie ist das
eigentlich«, sagte er leichtin zwischen den Zähnen, »wo flanieren Sie denn des
Nachts umher, Söhnchen Charlie?« »Und wer machte bei Zana Visite?« feixte der
Holländer. Ich gewann den Eindruck, dass ich nicht der einzige war, und dass wir
alle drei unsere Abenteuer hatten.
    Ja, was wohl dieses Dorf sonst noch an Geheimnissen barg? Mit diesem
Gedanken geriet ich in gute Laune. Denn nun konnte ich vielleicht doch noch
etwas erleben, eine kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen in die Heimat, eine
Serenate unter brasilianischen Palmen, ein tête à tête in einer Indianerhütte,
ein herziges nerv- und sinnerfreuendes Erlebnis. Ich war eben ein Dichter; und
nun begann ich zu sprechen und zu fragen, liess Arukis glänzendes Fell im
Feuerschein auf mich wirken, gab meiner Wissbegierde für alles, was sich auf das
Leben und Treiben dieses Völkchens bezog, lebhaften Ausdruck. Malend und
farbensuchend in meinen Worten, spann ich auch Slim in diese Erregung hinein; er
wurde mir jetzt als Autorität auf diesem Gebiete plötzlich lieb; und schon
fühlte ich, dass wir in einer gewissen Art ein Herz und ein Gedanke waren.
    »Erzählen!« verlangte ich. Eine homerische Stimmung, eine zarte Einfalt des
Hörens beherrschte unsern kleinen Kreis. Selten kamen wir Weisse, die wir in der
Intimität des Reisens doch so nahe aneinandergedrängt waren, so sehr zu uns
selbst, wie an diesem ruhigen ausgeglichenen Tropenabend. Hier war es, wo ich
ein gutes Stück mehr von dem wirklichen Slim erfuhr. Schon sank der Abend
dunkelblau durchleuchtet vor die Hütten; die Interieurs wurden kleine Schmieden
der Häuslichkeit, vor den flackernden Feuern bewegten sich bückende und fleissige
Gestalten, Weiber hielten ihre entfesselten Brüste in den Schein und durch die
aus Glasperlen und Beeren geflochtenen Schürzen hindurch bewegten sich
schattenhafte Hüften. Ich sass unter Wilden und kam mir nicht sonderlich fremd
vor. Und so begann eines der grössten und bedeutsamsten Gespräche, die ich mit
Slim hatte.
    Slim fing mit der Behauptung an, in dem Dasein des Wilden gebe es ein Glück
mehr: die Lust. Man habe darin Erfahrung, man habe darin mehr Kultur als in dem
kultiviertesten Zentrum der Welt, Paris. »Nehmen Sie zum Beispiel nur diesen
einen Umstand, die schreckliche physische Überlegenheit des Mannes. Ich wage zu
sagen, wo die fehlt, da ist im Geschlechtsleben etwas nicht richtig. Was ist nun
richtig? Richtig, das heisst gesund, ist der Mensch mit dem vielseitigsten und
von keiner Moral verschnittenen Lusttriebe. In den europäischen und deren
Töchterzivilisationen aber fehlt es an physiologischer Aufklärung; die Menschen
wissen nicht, was das ist: gesund. Den Urbegriff verstehen sie nicht, sie sind
trotz jahrtausendelangen Denkens und systematischen Wertens noch zu keinem
blutigen Bilde von dieser Angelegenheit gelangt. Einen einzigen Mann habe ich
unter ihnen gefunden, einen Weisen in einem Wiener Kaffeehause. Er hat ein
Ashanteebuch geschrieben, in dem er die Seele Afrikas - -«
    »Ach ja«, sagte ich, »den kenne ich. Er heisst, warten Sie mal, er ist ein
grosser Dichter - er war aber nie dort - - -«
    »Ppp ... « machte Slim und blies Luft aus den Backen. »Aber gewusst, was zu
wissen ist, und was man nur in Afrika lernen kann, hat er doch. Er sagte, ich
erinnere mich nunmehr des Sinnes, ungefähr das: ein richtiger Kranker ist
wertvoller als ein falscher Gesunder.« Es entstand eine kleine Pause, während
welcher Slim uns erwartungsvoll und mit offensichtlichem Hohn ansah. Dann fuhr
er fort, indem er dieses überflüssige Gespräch beleidigend kürzte und sofort die
Nutzanwendung zog: »Das ist es: in den europäischen Zivilisationen fehlt es an
physiologischer Aufklärung. Man führt dort gewissermassen noch immer
Hexenprozesse gegen die schönsten nymphischen Eigenschaften des Menschen!«
    In diesem Augenblicke wandte sich van den Dusen mir rasch zu. Es war die
Erregung eines Menschen, dem die unverständliche Art eines dritten denn doch
über die Hutschnur geht. »Das muss man nämlich wissen«, schrie er, von ehrlicher
Heiterkeit geschüttelt, »diese Logik eines Slim, diese Spezialität des
Schweinehundes als Philosophen!«
    Nun hätte Slims Zynismus, dieses beim Namen genannte Kind seiner Seele, das
er also gern als Tiefe verschwieg, doch wohl offenbar sein sollen! Ich erschrak.
Gespannt betrachtete ich Slim. Und während ich mich vergewisserte, was da jetzt
in ihm vorgehen mochte, gewann ich ihn plötzlich lieb. Er wurde nämlich nicht
laut, nicht drohend, nicht boshaft. Im Gegenteil, sein Gesicht verzog sich zu
einem weinerlichen Lächeln, er wurde hilflos und verlegen. Liess ihn seine
Geistesgegenwart im Stich? In diesem Augenblick stellte ich die absolute
Ehrlichkeit und Naivität seines Charakters und seiner Gesinnung fest. Sie mochte
nie und nimmer auf unpassende Überlegenheiten angewiesen, noch auf überraschende
persönliche Anspielungen gefasst sein. Ich liebte Slim jetzt wegen seiner
Zarteit und weil er das Tema nicht mit einer persönlichen Spitze erweiterte,
sondern nach einer Pause des Stotterns sicher auf seinen Gegenstand zurückkam.
Er schlug den Holländer, indem er ihn ins Sachliche missverstand.
    »Nein«, sagte er, »gesund, - - normal ... das ist so eine unsichere
Nomenklatur. Das ist alles so verteufelt - - wie soll ich sagen? - fade. - Sie
werden zugeben, dass man die Hand gesund nennen darf, die in jedem Sinne im
Vollbesitze ihrer zehn Finger ist. Sie können dieses Bild nach den Richtungen
aller menschlichen Talente hin verwenden. Nun, die Kultur, die sich als einzig
bestehende und gegenwärtige dünkt, ist eine Rechtser-Kultur. Sie neigt zum
Extrem, sie ist unausgeglichen, sie ist in ihren Wertungen ungesund. Die
Atrophie ihrer einen Seite dient ihr als Bezeichnung des Abfälligen, sie meint
das linkisch böse und heisst alles, was ihr passt, nach der bevorzugten Seite. In
allen zivilisierten Sprachen ist rechts und richtig gleich an Urteils- und
Spruchkraft. Es gibt aber kein Links oder Rechts mit Bezug auf die Güte einer
abstrakten Fähigkeit. Der körperliche Linkser gilt als Abnormität und besitzt
doch nichts anderes als die komplette, gesunde Konstitution. - Verstehen Sie
mich?«
    »Gewiss«, sagte ich schnell; »was ist daran nicht zu verstehen?« »Nein, dann
verstehen Sie es nicht«, sagte Slim. »Ich dachte, Sie wüssten es schon.« Er sah
mich starr an, und auf einmal spürte ich seine Blicke wie eine magnetische Kraft
mich aufheben und entwuchtigen; dieses entsetzliche Gefühl schien mir falsch und
lächerrlich, und ich muss wohl auch eigen gelächelt haben, als ich ihn jetzt
ergeben ansah. So rein und sprungfertig hatte sein Blick, ich erinnerte mich,
damals auf mich gewirkt, als ich ihn das erstemal im Osten traf. Dieser
Augenblick, der reich und vielfältig gewesen sein muss, ist mir nur als etwas
Entsetzliches, aber ganz Verschwommenes im Gedächtnis geblieben. Die Idee, dass
dieser Mann Macht über mein Gehirn hätte, kam mir damals nicht, sondern kommt
mir erst heute. So natürlich, ja alltäglich spielte sich dieser mir
unverständliche Eingriff damals ab.
    Plötzlich lächelte Slim süss: »Sie wissen es noch nicht; ah? Ich bin
enttäuscht. Ich dachte, Sie würden es schon wissen.« Er dachte einen Augenblick
lang nach. »Nun, wir werden ja sehen, was mit uns ist.« Sein Gesicht wurde
heiter und einfach. »Ich werde jetzt ein wenig langweilig werden. Interessiert
es Sie?« »O ja, doch«, gab ich zurück und empfand eine aufrichtige Neigung, zu
horchen.
    »Nun«, begann Slim, »nehmen Sie einen Punkt an, einen wirklichen Punkt ohne
alle Stofflichkeit; ein solcher Punkt ist dann gleichbedeutend mit Existenz.
Bewegen Sie, bitte, diesen Punkt: so kommen Sie zur Linie, von da zur Fläche und
von da durch das gleiche Verfahren zum Raum. Nun denken Sie sich den Raum
weiterbewegt, so entsteht die Zeit. Die Zeit. Die bewegte Zeit ist Leben. Das
bewegte Leben ist Bewusstsein. Wir gewinnen also als letzte Dimension das
Bewusstsein. Was aber ist der Inhalt dieses Bewusstseins? Wir fangen beim
Vorletzten an, beim Leben. Das Leben zutiefst gefasst, ist Ich; Ich zutiefst
gefasst ist Lust. Lust ist der direkteste Inhalt des Bewusstseins. Denn um gleich
die Metode zu nennen, die letzten Dinge werden die ersten sein. Es ist ein
tiefsinniges Wort, merken Sie sichs. Der tiefste Inhalt am anderen Ende des
Bewusstseins aber ist Existenz. Von dort aus erfolgt eine Bewegung, die man ganz
gut Dekadenz nennen kann. Denn die zweite Dimension, Linie, die Grundlage von
Form, ist eine schon entartete Existenz. Wie alle Form in der Folge. Bleiben wir
aber bei der Lust, das ist: Leben; der Inhalt ist hier die Zeit, das heisst die
Bewegung im engeren Sinne, die Änderung« - verbesserte sich Slim. Er fuhr fort:
»Der Raum, nun haben wir es leichter, ist schon wieder eine weniger originelle
Dimension, für die uns die Grammatik noch gutsteht.« - Hier unterbrach er sich,
sah mich höflich an und frug: »Sage ich Ihnen schon Bekanntes?«
    Ich erschrak; seine Augen waren stark und von einer eigentümlichen
Leidenschaft belebt. Ich fand es wunderlich, zu erschrecken, da geselligerweise
gar kein Grund dazu da war, und alle gewöhnlichen sinnlichen Dinge ihren
richtigen Verlauf nahmen, und sagte schnell: »Ja, ja, ich verstehe schon;
darüber habe ich gerade in letzter Zeit soviel nachgedacht; man denkt hier
soviel, diese Sonne wirbelt die Gedanken so mechanisch durcheinander, es ist ein
Fieber, hier zu denken, und man kommt auf so verrückte Einfälle. Finden Sie
nicht auch?« Dies sagte ich schnell, ohne es jemals vorher gedacht zu haben; es
fiel mir gerade ein, war mir aber durchaus vertraut. Ein wenig überrascht war
ich durch Slims offensichtliche Neugier. Er nickte unmerklich mit den
Augenbrauen und den Ohren und fuhr fort:
    »Dies ist nun wirklich ein Punkt hinter allem. Die Grammatik durchschaut; es
ist das alte Mysterium des Logos. Das Erste wird das Letzte sein. Akzent ist
alles.« »Jawohl«, stimmte ich zu. Es war eigentümlich und unbehaglich, dass Slim
gerade dies so ausdrückte. Aber es kam mir vor, als hätte ich mit ihm schon
vorher darüber gesprochen. Und plötzlich hatte ich während einiger Sekunden ein
seltsames Gefühl: es war mir, als hätte ich dies alles überhaupt schon einmal
erlebt, als sei ich schon vor Urzeiten mit Slim so dagesessen und hätte dieselbe
Unterhaltung gepflogen.
    Slim fuhr fort: »Die Reihe ist an einer Stelle durchbrochen. Der Mensch
platzt als Bewusstseinsträger herein und sofort beginnt sein Geschäft als
Lustsammler. Er vierteilt, grob gesagt, die Dimensionen; sein erster
Augenaufschlag ist ein Willkürakt. Er zerreisst und halbiert das Ganze: Leben und
verschafft sich die Effekte: Links und Rechts. Ist Ihnen das plausibel?«
    »Jawohl«, stürzte ich heraus, »dieser Gedanke ist ganz mein Fall. Ich muss
Ihnen endlich gestehen, welche Entdeckung ich gemacht habe. Ich nenne sie das
Wasserrad, sie ist ein Technikum für eine Art Paradoxon ...«
    »Soso, ja ...« sagte Slim und seine Augen wurden spitz wie Enterhaken; dann
wurde er zerstreut und versank in seinen eigenen Gedankengang. Er war still
geworden wie ein Schwungrad, das zum Stillstand kommt. Eine Weile herrschte
Schweigen. Dann lächelte er, dieses grauenhafte Lächeln eines vollständig
verkommenen und haltlosen Menschen, das ich niemanden mehr so habe lächeln sehn
wie ihn. Ein weniger schönes und edles Gesicht, wie das seine, hätte niemals so
furchtbar und abstossend lächeln können.
    Er sagte: »So spricht man und schwätzt man. Das Gehirn, dieser Lustspeicher,
ist der phänomenalste Dialektiker. Ja, wer den Eingeweiden und Organen auf alle
ihre Phrasen käme, auf alle ihre Stilblüten! Könnte er danach seine Effekte
dressieren, er wäre der grösste Künstler. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen,
wieviel Ausreden, schlechtes Gedächtnis, Hysterien, kataplektische Unarten noch
in unserer lautersten Weisheit stecken? Wie unsere Reflexion dialektisch
verläuft, zehnmal neue grausame Kitzel versucht, schmeichelt und wohltut? Ich
habe Sie vorhin auf eine alte, aber sehr tüchtige Idee aufmerksam gemacht, ich
erinnere Sie jetzt an eine andere, jene, die den Wunsch als Vater des Gedankens
bezichtigt. Es ist ein Gesetz, das hier der Wortlaut trifft. So bin ich mir zum
Beispiel wohl bewusst, dass meine Teorie von den Dimensionen höchst auffallende
Fehler zeigt. Ich schaffe mir einen Standpunkt abseits aller Erklärung, der
nicht in ihr lokalisiert ist. Damit fehle ich gegen die Natur. Es ist nichts
ausserhalb des Seins. Es ist nichts ganz, das nicht diese Harmonie seines Seins
und seiner Erklärung in sich trägt. Ganz ist nur, wie soll ich sagen: das
Gefühl? Der Glauben? Eine befriedigte Lösung, eine beantwortete Frage. Was
bedeutet alle Intelligenz schliesslich gegen das Gefühl? Was wir wirklich
erleben, was uns wirklich reizt und schafft, ist nur das Gefühl. Und das Gefühl
vollzieht sich lächerrlich selbständig, fliesst und stockt und reagiert wie eine
Drüse, die man beschreiben, sezieren, heilen und hochmütig behandeln, aber doch
niemals als Lebensform herstellen kann. Das Denken ist nur ein Ausfluss dieser
Drüse: Gefühl; es hat taktische, aber keinerlei strategische Bedeutung. Und nun
begehe ich den Fehler der Einsamkeit wie ein Philosoph. Diese stellen sich auf
den Mars, um die Erde zu beschreiben, aber nun, sie selbst kommen nicht vom
Flecke weg, sie lassen sich aus, sie vergessen sich mitzuzählen, sie sind in
einer raffinierten Weise egoistisch. Sie schreiben einen Roman über das
Erdenleben - man schreibt immer einen Roman über das Erdenleben. Immer, mit
jedem starken Gedanken. Das zerriebene Leben wird mit dem eigenen Speichel
geknetet: und man zapft ihm Form ab. Form! Wenn ich Form sage, so fühle ich eine
Art Hohn. Und dennoch, ich schätze die Form über alles; dennoch - - -« Er sah
mich wieder prüfend an, wie ein Opfer, das er die Absicht hatte zu verwirren,
mit einer geistigen Koketterie im Blicke, aus Schlauheit und Naivität gemischt.
»Meine Teorie ist aber praktisch«, sagte er plötzlich mit einem frivolen Zug um
den Mund, als ob er seine sprunghaften Übergänge als geistige Erschwerung
geniesse. »Sie hat Betriebsmöglichkeiten. Sie leistet Arbeit, wie die
Wissenschaft sagen würde. Sie verhilft zu Entdeckungen.« Es entstand eine Pause;
während dieser wurden die Grimassen auffällig, die der Holländer während des
ganzen Gesprächs geschnitten hatte, und man sah nun, dass man jemanden
vernachlässigt hatte, der sich alle Mühe gab, aus gemischten Gefühlen zu
bestehen. Van den Dusen seufzte, da mit uns nichts anzufangen war und wir uns
offensichtlich in den Ehrgeiz tiefsinnigen Dialogisierens verrannt hatten. Wie
weit war er über diese Bedürfnisse nutzloser Geister hinaus! Aber auf Slims
Gesicht trat ein eiskalter Zug hervor, ein barbarisch entwickelter Muskel der
Verachtung, wie ich sie bei keinem Manne mehr, wohl aber bei edlen Frauen
beobachtet habe, spannte sich ausdrucksvoll und kenntlich bis unter die Stirne.
Dieser Augenblick entüllte die tiefe Antipatie der beiden Männer und ich
bemerkte zum ersten Male mit Erstaunen, wie geheime und unlautere Kräfte in
unserer kleinen europäischen Gesellschaft am Werke waren.
    »Ich habe Ihnen eine Teorie an die Hand gegeben«, wandte Slim sich mir mit
deutlicher Bevorzugung zu, »die Sie glücklich machen könnte.« Er liess das Wort
»glücklich« in einem singenden Tonfall entschweben und lächelte mild. »Ein Leben
hat zwei Hände. Das Rechts haben wir entwickelt. Das Links die anderen Rassen.
Nehmen Sie sich dieser links liegengelassenen Kultur an, Sie sind ein junger
Mann, Sie haben vielleicht Zukunft.« Hier wurde sein Blick schwer, aber in der
Art, dass man sich verpflichtet fühlte, dieses Schwerwerden mit Erschütterung zu
bemerken. Wieder stieg ein Verdacht an Slim in mir auf, aber er erlosch sofort
an der Herzlichkeit, mit der die folgenden Sätze gesprochen wurden: »Das Leben
links - ist näher dem Herzen ... Man darf nicht schlecht denken von diesen
Witzen, diesen Trugschlüssen der Sprache. Sie entalten den furchtbarsten
Tiefsinn. Ich selbst bekenne mich zum Wortspiele, bin so stolz wie irgendwer auf
den persönlichen Geschmack seines Aberglaubens. Napoleons Stern funkelt in einem
anderen System als dem astronomischen; und stets hat Aberglaube den Aberglauben
am meisten gehasst; der Glaube allein ist Grandseigneur. Und Worte sind Amulette,
mit geheimen Kräften Tiefe anziehend wie der Keim die Stoffe: wer weiss, warum
und wie er wächst und sich füllt?«
    Wir schwiegen. Van den Dusen spielte mit der goldenen Kapsel um seinen Hals.
    Slim begann wieder: »Meine Teorie ist kreisrund. Der Wille zur Lust ist
sophistisch. Dies Wort ist eine aus der Lust geborene, zur Lust strebende
Erkenntnis. Es hat keinerlei Richtigkeit ausserhalb seiner für sich. Ich bejahe
in ihm, was ich mit ihm verneine. Nun glauben Sie wohl, ich sei kokett. Johnny,
Sie halten mich für frivol. Das ist es nicht. Ich bin der Mystiker, der kommt.
Ich sage nicht nein! zu dieser Kultur Europas; ich schmähe nicht auf die
Reflexion, ich verachte sie nicht, die Analysengeschmeidigkeit dieses getigerten
Gehirnes, dieses zweifelgefleckte Wissen, diesen müden Blutdurst der
Überzeugung; ich preise sie, ich besinge sie in mir, ich übertreibe sie zu einem
ewig neuen Grauen und Wunder - und, Johnny«, sagte er, mich nun auffallend zum
zweiten Male beim Namen nennend, während seine Augen schmal wie die Knöpfe von
Siegelringen wurden, »lassen Sie sich nichts einreden von mir: es ist wirklich
eine Kultur, diejenige des Gehirnes. Und ich habe nur den Einwand zu machen, dass
sie nicht genug bunt und übertrieben ist - - -«
    »Kultur ist einfacher und strenger Geist«, fiel ich strafend ein, obwohl ich
fühlte, dass meine Replik nicht auf der Höhe des Gesprächs stand.
    »So ist es. Aber wäre eure Kultur übertriebener, so wäre sie einfacher und
strenger als sie ist. Es ist dies, dass sie nicht sonderlich übertrieben und
heroisch ist. Sehen Sie denn nicht, Johnny, wie mir Exzess mit der höchsten
Gesundheit identisch ist und dass das Einfache nur das Übertriebene ist? Darum
eben ist ja eure Kultur - ich sagte Ihnen schon, Sie sollten mir nicht glauben,
ich verführe allzugerne - eben eine Kultur, weil sie übertrieben ist, weil sie
das Gehirn überbetont. Und sie ist keine Kultur, - versuchen Sie zu folgen, Sie
können es - weil sie zu wenig überbetont. Sie ist so wacker, so philiströs, so
von Rechts wegen - so war es nicht immer. Aber so ist es heute. Und sie ist es
heute, weil sich rings etwas anderes regt. Seit diese Kultur heute äusserlich die
Welterrschaft antritt, ist sie nicht mehr die stärkste. Ganz andere, ihr
abgelegene Dinge, weltverschiedene Perspektiven, ihr geradezu entgegengesetzte
Rasse- und Kulturgedanken heben den Kopf - den Kopf, nein, wie soll man sagen:
das ihnen sinngemässe Organ. Die Linkserkulturen regen sich. Es geschieht etwas
Furchtbares auf dem Erdball, der Akzent springt um.« Er lächelte milde und
schien in meinem Gesicht zu lesen. In meinem Hirn und meinem Halse sass ein
verdurstetes Sprechen, das nicht flüssig werden konnte. »Sehen Sie um sich! Und
verstehen Sie: Ihre Reflexion ist das Einzige, das als Lustinstrument einen
Vergleich mit diesem Leben hier standhalten kann. Das Bewusstsein«, hier drückte
sein Gesicht Ekel und Weisheit wie das eines alten verkommenen Fakirs aus, »ist
eine Lustmaschine. Versuchen Sie doch, einem von den Ihren die Reflexion zu
nehmen - er wird sich immer wieder an der Stelle wundkratzen, wo er sie
vermutet. Zudem ist euer Grad von Reflexion nichts so Neues auf dieser Welt. Es
ist ein uralter und geschärfter Jägerinstinkt, eine Raubtierbeobachtung, die in
euren neurotischen Zuständen aufwacht. Der Neurasteniker ist eine atavistische
Jägernatur; das aber ist der monumentale Witz aller Reflexion, aller Psychologie
und ebenso alles Nimrodtums: der beste Jäger muss Wild sein können. Er muss alle
Arten von Vergnügen umständlich lernen, um zu dem Seinen zu kommen. Nun, und«,
sagte Slim gedehnt, »Nummer vier in dieser Reihe ist das, was Ihr Erotik nennt.
Andere Kulturen, verzeihen Sie, Rassen kommen schneller zu diesem Resultat. Sie
haben die physiologische Seite ihres Lebens ohne Apparat entwickelt. Bei ihnen
ist das Bewusstsein noch nicht im Gehirn vergesellschaftet, und Ihr erkennt es
nicht, weil es keine Grossstadt bildet, sondern als Provinzialismus in den
einzelnen Gliedern sitzt. dabei haben sie sich ein Element der Lust bewahrt, das
Ihr darangegeben habt. Das Grauen. Wahrlich, die Seligkeit und der Schrecken
sind Schlafkameraden. Das Glück der Faszination geht in den kaukasischen Leibern
nicht mehr um! Eure Weiber umarmen keine Gefahren. Hier aber ist Schaudern das
direkt gedeckte Erzbedürfnis.«
    Ich sah hinüber zu Aruki; sie arbeitete mürrisch, die Sehnsucht wütete in
ihren Gliedern und machte sie unfroh. In der Tat, von einem grossen Manne, der
sonst gleichmütig hinter dem Webstuhl hockte, konnte ihr vielleicht geholfen
werden. Aber, war das die ganze Weisheit Slims, und war das alles, womit er sich
so patetisch identifizierte? Warum sagte er stets »euch«?
    »Warum sagen Sie stets euch?« frug ich ihn. »Weil wir hier eben andere
Menschen sind. Unser Sinn ist anders. Unsere Wirklichkeit ist gesünder. Wir sind
eine Drohung für euch - oh, die Künstler unter euch ahnen es. Zu der Zeit, da
ich als junger Student mich in Paris herumtrieb, habe ich die Bekanntschaft
eines merkwürdigen Menschen gemacht. Er war ein Maler und hatte seine eigene
Anschauung - Anschauung, sage ich. Er begann zu malen, legte es hin, und eines
Tages machte er sich davon und tauchte irgendwo im Archipel auf. Ich habe ihn
später in Tahiti wiedergetroffen. Er studierte von den Eingeborenen
Farbenauffassung und die Fläche und gab sich auch mit dem lustvollen
paradiesischen Käferdasein dieser Insulaner ab. Seiner Meinung nach waren sie
die einzige, noch junge, unerschöpfte Rasse der Welt. Eine Auffassung, die ich
mir nach vielen Reisen gleichfalls angeeignet habe. Sehen Sie sich diesen Punkt
unter den Sternen gut an: wenn Europa einstmals eine einzige grosse
Fabriksmetropole sein wird, wird man hier noch zu leben wissen.«
    Slim endete hastig, wie von plötzlicher Langeweile ergriffen. Sein Gesicht
drückte Unzufriedenheit, vielleicht Scham aus. Vielleicht sollte es das auch
ausdrücken. Ich umfasste mit einem blitzschnellen Verständnis diese ganzen
menschlichen Beziehungen seiner Persönlichkeit, die ihn ebensogut ein Kind der
geistgesättigten Pariser Luft, wie eine passende Figur dieses Jägeridylls sein
liessen. In ihm lag jene Universalität, die auf die tiefsten menschlichen Gründe
zurückgeht. Sein Nervensystem war ein Rest Tropen, in ihm war der Geist des
Boulevards wieder mit seiner Urform, der animalischen Tiefe des Lebens, eins
geworden. Ich ahnte in ihm den Vertreter einer neuen Menschlichkeit. Über sein
Verhältnis zu diesen ihm verständlichen Eingeborenensitten mochte er sich einem
koketten Irrtum hingeben. Ich reklamierte ihn für den technischen Weltteil. In
ihm war die Analyse eine neue Energie geworden.
    Während Slim die Strassenkurve hinaufsah und ich meinen strömenden Einfällen
freien Lauf liess, kam Zana daher. Slim sagte laut: »Da kommt Zana.« Die Grillen
geigten unverdrossen auf Millionen winziger Violinen und die Nacht war blau über
den Hütten aufgehängt. An den Rändern des Horizontes lagen die Sterne dicht
beieinander, ein kalkiges weissblaues Licht, wie von einer vagen Mauer
zurückgeworfen, fasste das silbern gesträubte Zenit ein. Zana ging vorüber und
wir blickten ihr mit einer leisen Rührung nach. Das also war Zana! Ich muss
gestehen, ich war ein wenig enttäuscht. Denn ich sah sofort, woher diese
eigentümliche Wirkung kam; sie ging von den Beinen aus, die ein wenig knieeng
waren; die Kniekehlen spannten sich beim Gehen flach und breit wie kleine
Trommeln. Sie hatte tüchtige Waden, aber nun waren da wieder die Füsse!
Befremdend frei ging sie mit ihnen, wie die Hand eines Klavierspielers über die
Tasten. Das rotgrüne Perlenschürzchen schlug kühl und schlank in die Mulde
zwischen ihren Schenkeln. Sie ging gerade an uns vorüber, man sah ihren
tätowierten Rücken und die gestrafften Kniekehlen, und sie verschwand, während
sie die Kurve hinabging, mit einer Achseldrehung. Der volle Wuchs ihrer Schenkel
war für einen Augenblick sichtbar. Es waren die Schenkel eines Tieres,
kegelförmig und kompakt.
    Zana! Wir stopften in den Pfeifen und schlugen nach den Moskitos. Der Rauch
von den Zuglöchern der Hütten kam hin und wieder beizend in die Augen. Ich
fühlte mich stark, weil mir Zana nicht gefiel. Sie konnte mir nichts anhaben.
Mein Geschmack war eben Aruki. Jetzt nachträglich erinnerte ich mich, dass Zana
ein kleines, verdrücktes Hundegesicht hatte; eine breite Nase mit einem tiefen
Sattel. Und ihre Brüste? An die konnte ich mich wahrhaftig nicht mehr erinnern,
wahrscheinlich waren sie nur sehr schwach vorhanden. Das war doch bei Aruki
anders!
    Ich suchte zum Genuss dieser Situation zu kommen. War es nicht eine seltsame
exotische Sache, dass ich hier vor einem indianischen Wigmam sass und mit Slim,
dem ersten neuzeitlichen Menschen, tiefsinnige Erörterungen tauschte, während
die Weiber hier vorbeigingen und mit jeder Bewegung ihres Körpers um meine
günstige Kritik ersuchten? Nun wollen wir uns einmal hineinknien in dieses
Mysterium, an dem ich drei Punkte unterscheide: Mich, die exotische Stimmung der
Umgebung und meine vollständig neuen Gedanken, die ich Slim soeben
ausgesprochen, nein, aber doch geheimnisvoll vermittelt habe - aber da merke ich
plötzlich, dass etwas an diesem Kleeblatte nicht in Ordnung ist. Plötzlich war es
aus, die Stimmung war verflogen. Ich sah mit einem Male anders, sah die Dinge
furchtbar total und deutlich. War es die Überschärfe meines Bewusstseins - dann
musste es sich nach dem soeben gehaltenen sonderbaren Gespräche jetzt um ein
besonderes Vergnügen handeln. Und wirklich, ich stand vor einer neuen Rauschart,
zu sehen. Ich war gelassen und nahm es, wie es kam. Aber wie kam es? So wie ich
es brauchte. Ich brauchte Heimlichkeit, Sicherheit und Realität. Und da war es.
Die Exotik und das Stimmungshafte, das mich seit meiner Anwesenheit so stark
beherrscht und behelligt hatte, waren überwunden. Ich wusste nun alles, wie es
wirklich war. Zana hatte ganz frauenhafte Beine und war auch kein Dämon, und ich
sah ein, wie schwer so viel Unbekanntes auf mir gelegen hatte; nun aber war es
weg, und ich atmete erleichtert auf. Mit der Exotik war ich fertig. Dies war ein
veralteter Standpunkt. Impressionismus? Er war falsch; er war ein Defekt der
Beobachtung. Er war nicht tief, absolut nicht tief. Oh, ihr Exotiker, nun habe
ich euch? Welches stammelnde Geschrei, welche Überraschungen und Perspektiven,
welches schäbige Glück der Vagheit würdet ihr an meiner Stelle aus diesem
Amerika erdichten? Welche Melodien würdet ihr diesem Ansichdasein abhören? Wie
sieht nach euch die Wüste aus, ihr kahlstelligen Herzen mit eurer
Oasensehnsucht? Drei Kubikzentner Sand auf euer Lügenmaul ist alles, was sie für
euch haben sollte. Ich höre und sehe klar. War's möglich, dass Zana, die
Unbekannte, mich solange beunruhigen konnte? Ha, Slim und ich, wir beide sind
die modernen Menschen. Bei uns ist die Analyse eine Energie geworden. Nun erhebe
ich mich, ich klopfe ruhigen Herzens meine Pfeife aus und begebe mich hungrig zu
Slims Gasterei. Ich glaube, er ist heute jagen gewesen. Ja, nicht wahr, ein
wundervoller Abend! Das südliche Kreuz ist so nahe, dass ich es mit einer Stange
herunterholen könnte, wenn ich auf einer Wolke stünde. Im Herz der Palme nebenan
muss eine Grille sitzen. Welch ein Dingelchen, welch ein schwarzer,
unerschrockener Arbeitsnerv! Ich liebe Aruki. Aber ich könnte vielleicht auch
Zana lieben. Sie hat mich angesehen. Immerhin, um die Knie hat sie etwas, das
rührt. Es sieht ein wenig rachitisch aus; möglicherweise ist es nur hässlich.
Dennoch. Es liegt eine Menge von Lust in allem Wirklichen. Ja, mit der Stimmung
ist es jetzt ein für allemal aus. Das menschliche Bewusstsein ist grausam. Es
tötet Stimmungen, liebt Chirurgie, Wunden und Operationen. Ich sehe dieses Dorf,
und es fällt mir nicht ein, es exotisch zu finden. Wenn der Himmel nicht wäre:
liegt es auf einer Alpendrift oder unter dem Äquator? Hier ist Arbeit, Betrieb,
Geschäft und Transaktion. Eine kleine, niedliche Technik. Die Hauptsache ist,
dass sich alles ziemlich eng um den Punkt des Daseins bewegt. Es könnte in einem
Ameisenhaufen nicht stimmungsloser hergehen. Jawohl ja, Beobachtung ist alles.
Slim hat recht, dieses Leben ist unsereinem im Grunde gar nicht so fremd - nur
kompletter ist es. »Nun, Slim, wie denken Sie über ein Abendessen?« Ich ahnte,
dass ich mich hier einmal heimisch fühlen würde.
    »Passen Sie auf«, sagte Slim, »Zana wird - wird mit uns kommen!«
 
                                       XI
Wir standen, je hundert Schritte voneinander postiert, bis an die Brust im
Farnkraut und schossen den Pumaprinzen tot, den uns eine Korona von Dumaraleuten
zujagte. Er hatte sich nah dem Dorfe eingenistet und letztin ein Kind vom
Djunglerande weggeholt. Jetzt kamen die Weiber gelaufen, sangen während seiner
Agonie, traten ihn in den schlaffen Bauch und drehten ihm die Scham aus.
    Bevor ich schoss, hatte ich mir eine Vorstellung geben lassen. Er benahm sich
mir nicht unbekannt, wie ein gewiegter Neurastenikus; war wachsam und
argwöhnisch, häufig peinlich berührt, frequentiert von Eindrücken, eine
Künstlerseele, was findige Phantasie und Beobachtung anlangt. Und doch war er
letzten Grades höchst unvorsichtig und galoppierte dummerweise gerade vor der
grössten Gefahr, meiner schussbereiten Büchse, blindlings vorbei. Aber ich schoss
nicht. Ein guter Jäger muss Wild sein können. Hier stand ich mitten in einem
Farnwalde, in einem reichen Gekräusel grüner Fasern, und solange ich nicht
losdrückte, unterschied mich nichts von einem Jäger der Tertiärzeit. Mein ganzes
System war bis zum äussersten gespannt, noch auf zwei Schritte Distanz hätte ich
gegenüber diesem krummbeinigen, schwarzfelligen Kater meine Kaltblütigkeit
bewahrt. Es fiel mir ein, dass ich und diese Katze im Augenblicke vieles
gemeinsam hatten, gleichsam eine einzige Lebensstufe in ihren polaren
Gegensätzen darstellten. Denn nach Katzenart war auch ich als Jäger nicht nur
Futterbeamter, sondern Beobachter. Ich experimentierte mit meinem Opfer, bevor
ich meinen endgültigeren Wünschen freien Lauf liess. Es fehlte nur noch, dass auch
diese stämmige Katze mit Selbstkontrolle ausgerüstet war - auf jeden Fall benahm
sie sich höchst zweideutig und interessant. Statt einen der Treiber anzugreifen
und sich einen Weg durch die entstehende Lücke zu bahnen, rannte sie in
buckligen Sprüngen die Kreuz und die Quer und fljetzte lange Furchen in das
hochaufgeschossene Kraut. Sie war zu träge zur Aktion, war nicht in Stimmung,
stand vielleicht im Augenblicke auf einem höheren philosophischen Standpunkte
und empfand solche unbegründete Lebhaftigkeit der Mitwelt als abgeschmackt. Als
aber der Kreis sich verengerte, hatte sie ihre Nerven vollständig verloren, es
wurde ihr flau zumute, sie blieb vor mir stehen, zwinkerte mit den Augen und
flaggte mit den Bartspitzen, weinte schliesslich aus ihren Schlitzen und kotzte
ein kleines Frühstück aus. Zugleich verbreitete sie Gase wie eine chemische
Werkstatt in voller Arbeit. Ich war ungeheuer entrüstet, aber da ich sah, dass
sie noch immer nicht den Rest ihres Daseins meinte, zögerte ich am Druckbolzen.
Sie hielt es noch immer bloss für ein unerwünschtes Erlebnis. Zudem war stets
etwas Unerklärliches an ihr, etwas schnurrig Behagliches, eine Art wilder Wonne,
und ich erinnerte mich pietätvoll an die Zustände der Kindheit, wenn ich
versteckt auf die verfolgenden Kameraden harrte und der nächste Augenblick über
»Leben und Tod« sozusagen entscheiden konnte. Dieser schwarze Buckel auf den
vier krummen Beinen, mit dem flachen Kopfe, hatte etwas entschieden
Abenteuerliches. Die Geschichte entwickelte sich weiter. Da streiften Pfeile ins
Kraut und begrüssten meinen Kater. Ich sah etwas wie ein böses, gefälteltes
Lächeln auf seiner Oberlippe, und nun änderte sich das Bild. Ein Pfeil traf ihn
in die Lunge und zitterte nach. Eine fessellose Angst bemächtigte sich seiner.
Er drehte sein Hinterteil vollständig nach aussen, streckte den Kopf hoch in den
blitzendblauen Himmel und riss die Kiefer aufkreischend zu einem flachen
Kreissegment auseinander. Dieser Schrei klang mystisch wie die Explosion
sämtlicher Töne, die in einer Flöte stecken, und war so schrecklich, dass mir
übel davon wurde. Es war ein vollständig neuerfundener Vokal, der sich hier, wie
ein Fetzen Fleisch, heiss aus den drahtstiftdünnen Fängen loslöste. Langsam trat
Blut zwischen den Zähnen hervor. Alles Fleisch, alle Haut war schmerzlich zur
Nase zurückgezogen, zwischen den beiden weitgetrennten Fängen zitterte ein
Speichelfaden wie eine silberne Saite, und die Silhouette des Schädels war
gewaltsam dünn wie eine Mondsichel. Die Augen waren krampfhaft geschlossene
Spalten. Ein, zwei, drei Sekunden sah ich ihm zu, er ergötzte mich, er
inspirierte mich, dann fiel mir etwas ein, ich schämte mich und schoss, indem ich
alle sechs Mauserplomben hintereinander aus dem aufzuckenden Gewehr auf seinen
Körper losspringen liess: ich schoss aus den Händen von der Hüfte aus und traf ihn
schlecht. Er purzelte zusammen und riss die Farnwurzeln aus. Die Indianer liefen
vorsichtig herbei und standen würdig an seinen Seiten. Der langgefiederte Pfeil
ragte, während das Tier am Rücken verendete, lotrecht in die Luft. Dann kamen
die Weiber und zerrten und traten ihm das letzte Lebensrestchen aus dem Leib,
bis man ihnen den schwarzen Balg abjagte. Und ich sah ihnen zu, sah, wie ihre
Hände und Füsse gierig zugriffen, und in mir brüllte die Sehnsucht aus der Tiefe
meiner Eingeweide wie ein leidender, lebensfroher Puma. Ich spürte meine
Kaumuskeln steinhart werden vor Energie, von einem Lebenswillen, der mir das
Zwerchfell zu einem glücklichen Seufzer reizte und mir mit herausfordernden
Kräften in die Muskeln an Schulter und Oberarm stieg. Das Blut strömte zu meinen
Händen, sie entwickelten ein von mir unabhängiges Verlangen zu greifen, ihr
Fleisch spannte sich und hing sich schwer an meine Ellenbogen. Als ich sie van
den Dusen auf die Schulter legte, hätte ich ihn ohne böse Absicht beinahe
umgeworfen. So musste ein Panter seine Pranken fühlen, wenn sie nach Fleisch
lechzen.
 
                                      XII
Aber man kann nicht immer im Farndickicht jagen. Eine Katastrophe der Langeweile
breitete sich vor. Oder war es Sehnsucht? Meine Hände waren matt, feucht und
klebrig. Ich wollte bemerken, dass in dieser Zeit meine Fingernägel ein
beschleunigtes Wachstum zeigten. Ich war lasterhaft, und darum begann ich sie
abzureissen. Mit dem Panterspielen war es nun ja doch vorbei; ein paar
hunderttausend Jahre kam es zu spät; es war jetzt wohl eine blosse belanglose
Gewohnheit meiner Sinnlichkeit, mich mit Krallen zu versehen. Seit mein
Geschlecht die wilde Kraft seiner Lust verlassen hatte, wurde es genäschig, wie
alle Krallentiere, denen man den Raubtieraplomb geschlechterweise abgezogen hat.
Und nun sah ich auch zum ersten Male, dass ich Gefährten hatte. Bei Zana hockten
ein Äffchen und ein Papagei nebeneinander auf einem morschen Gabelsystem von
Ästen und frassen einander mit vor Neid hässlichen Gesichtern die Leckerbissen
weg. Aber noch intimer fühlte ich mich mit den niedrigstehenden Schmetterlingen
des Llanno, minderwertigen Geschöpfen, Degeneraten aus einstmals sicherlich
furchtbarem Geschlechte. Möglicherweise waren sie die direkten Nachkommen des
mystischen Drachen; ihre fingerdicken, ein wenig gekrümmten Leiber waren noch
jetzt in ihren Ringen faul und räckelig, kleine, schlappe Teleskope, ganz
unproportioniert zwischen den wundervoll gegitterten Membranen hängend, die mit
ihren Tinten, Flecken und Augen aufregend gegen die übrige Hässlichkeit
abstachen. Der Schmetterling der Prärie! Auch der Saugapparat, ein veritables
Taschenuhrwerk in seiner Diffizilität und entsetzenerregenden Komplizierteit,
schien der Myte entsprechend. Hatte ich hier also eine kleine Ausgabe der
Vorzeit vor mir? Wenn das Tier durch den entrollten Rüssel wie ein Küfer zu
süffeln begann, schien ein blaues Flämmchen die Spirale entlang zu fliegen, und
die Schenkel der Orchidee, die seiner Süchtigkeit herhielt, begannen verbrannt,
entseelt dahinzuwelken. Oder war es Täuschung? War es der Reflex der stählern
schimmernden Faltersegel, deren Myriaden Flicken in das Netz von grätigen Fasern
eingesetzt waren? Bange blickte ich auf den stacheligen Maulzierat und den seine
Wollust starr hinaustrompetenden Leib, ein Schauer von Abscheu und Anziehung
schüttelte mich und zog meinen faszinierten Blick an diesen unverständlichen
Gegensatz von Schön und Hässlich heran. Da, während ich es gequält ansah, wuchs
es ins Ungeheure. Der Schmetterling wurde grösser und grösser, und der Drache der
Vorzeit entstand vor meinen Blicken. Wer wollte mir ableugnen, dass dieser
Schmetterling nicht ein unendlich verharmloster Typ eines einst gefährlicheren
Wesens war? Wer hatte jemals den Drachen in seiner tausendmal verdeckten
Schmetterlingsepidermis ungestraft aus der Nähe in Augenschein nehmen können?
Wer hatte sich aus der Gefahr tatsächlich in ihre Beschreibung zurückgerettet?
Einem solchen Ungeheuer, mit allem Komfort der Munition, mit Fängen, Flügeln,
Rüsseln und einer Rostra ausgerüstet, hatte kein Menschlein mit seiner
einfältigen Keule entgehen können. Der Feueratem war ein Missverständnis; er
beruhte auf den mephitischen Dämpfen, die aus der Verdauung eines solchen
Vielfressers hervorgehen mussten. Man konnte sich ja den älteren Vorgang nach
dem, was ich jetzt sah, rekonstruieren. Warum hatte der Drache gerade für
Jungfrauen und Jünglinge, gerade für besonders eitle und prinzenhafte Wesen
solche Vorliebe? Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht, sondern dumm und stark
wie er war, frass er, was sich ihm opferte. Seine wunderbar schillernden Flügel
aber zogen die Neugier der Menschenkinder tödlich an. Die Kleinen,
Aufgewecktesten und Sinnlichsten liefen herbei, um das Farbenphänomen zu sehen.
War das Abendrot dort in die düstere Waldschlucht zwischen hohe Kieferstämme
gefallen, lag dort ein Schatz seltener magischer Steine, hauste dort in den
schroffen Klippenhöhlen am Kreidesteinsee der Regenbogen, der den Gang der
Wasser begleitet? Sie liefen hin, und das Vieh lauerte, plötzlich erhob sich ein
Schlagen und Blitzen von wolkengrossen Flügeln, feurige Farben waren zugleich mit
heiss verkohlenden Gasen in der Luft entfaltet, ein ungeheurer, aus zehn
Öffnungen maulender Schlauch senkte sich vor dem kalkweissen Monde zur Erde,
purpurne Dämmerung legte sich über das grässliche Schauspiel solchen Untergangs.
Ach, war es süss für die Süssen, so grauenvoll zu sterben? Konnte es anders, als
romantisch den Traum Ungereifter beflügeln? Wer's hätte sagen können, kam nicht
wieder; wer's aus der Ferne sah, gewahrte, dass hier der Tod mit einem
unerträglich rätselhaften Farbenrausch verbunden war. Er erzählte es daheim am
Feuer des Stammes, wie die Gluten zwischen den scheinbar am ganzen Körper
verteilten Kiefern hervorbrachen. Und Jüngling und Mädchen gingen hin, die Lust
versuchen, kamen nicht wieder, und man sagte, halb begreifend, der Drache habe
sie gefordert.
    Jetzt war der Falter da eine Nymphe der Hässlichkeit. Alles war zart an ihm
geworden bis ins Unendliche. Noch glomm in seinen vorgetriebenen Bukettaugen ein
grünliches Feuer. Er war genäschig, unstet und taumelig. Sein Flug hatte keinen
Charakter, kein Ziel, nichts Arbeitsames, Ordentliches war an ihm zu bemerken.
Er war das Endresultat der Entwicklung vom Menschenfresser zum Vegetarier.
Verkommen war er, wie nur mehr unsere Wertungen, wie nur mehr wir, wie nur mehr
ich. Auch ich stammte von einer grösseren Pracht ab. In meinem Blute bellte der
Panter. O du krumme, schwarze Katze des Urwalds! O du Schmetterling des Llanno,
kleiner, seidener Drache unter Blüten! Wir entsprechen einander, wir sind dieser
Zeit der Verkleinerungen würdig. Was bei meiner Ahne, der Tropenkatze, die
schöpferische Kraft des Augenblicks gewesen war, ist bei mir nur mehr Talent. Er
jagte, ich beobachte. Er war heroisch, ich bin tief. Er war ein Realist, ich
habe Phantasie, diese abgelebte Realität. Die Grösse stirbt aus, das Talent wehrt
sich. Dafür sitzt es freilich fest. Meine Art hatte es doch gewissermassen zu
etwas gebracht. Wir waren das glorreichste Jägergeschlecht, das die Natur
gezeugt und bemuttert hatte. Alles ward uns zur Beute, unsere Jagd dehnte sich
nicht bloss auf den naheliegenden Magenverdienst aus, sondern leistete auch
Überschüssiges und sparte das Errungene als geistreiche Beobachtung. Ein Panter
geht nicht um des Fressens willen in den Busch, er will was lernen. Der Drache
aber hat geprasst und gevöllert und verschlungen, was immer ihm unterkam, ohne
gescheiter zu werden.
    Den Ruin solcher Weltanschauung hatte ich im drastischen Bilde der
Verzwergung vor mir. Welch naschhafte Verkommenheit! Der Schmetterling des
Llanno war der Nachkomme der alten Aristokraten des Fleisches, dieser
Prachtgeschlechter unter den Organismen. Dagegen gehalten, musste der Mensch
immer nur ein Parvenu sein. Aber die Betriebsamkeit der Menschenkatze hatte mit
ihrem anfänglich bescheidenen Geschäfte Erfolg gehabt, nicht der Fresser und
Geniesser, sondern der primitive Jägerinstinkt war nach allen Richtungen hin
siegreich über die Welt ausgestrahlt. Einst mochte der Drache für eine armselige
Katze nur eine uneinnehmbare, stupide Festung aus Fleisch und Schildpatt gewesen
sein, mit Blendwerk und Schlünden, aus denen mit Gasen geschossen wurde; heute
aber war der Tag der Rache; nach Milliarden von Jahren standen wir uns endlich
wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber, das erschlaffte aristokratische und
das rege demokratische Prinzip. Der Geniesser und der Jäger. Der Lebende und der
Beobachtende. Das Fleisch und das Gehirn. Aufgepasst!
    Aufgepasst! Ich nahm meine Browningpistole zur Hand, diese metallene
Nachbildung eines ominösen Insektenleibes, diese Zulage an reeller
aristokratischer Erscheinung, diese dumm aber perfekt losgehende Gefährlichkeit.
Eins, zwei, drei! Im Augenblicke, da ich schoss, klappte der Falter seine blauen
Segel hoch wie ein Zweimaster unter einer steifen Brise. Gleich darauf pfiff die
Kugel durch seine Fittiche hindurch. Es muss einen Mohrenlärm für den armen
Teufel bedeutet haben, das Brechen der feinen knorpeligen Gestänge übertönte die
Detonation des Schusses und das lokomotivartige Sausen des Projektils. Man
denke, ein Expresszug rast durch die bunten Venetianerscheiben einer haushohen
Glasflügelfassade, zertrümmert das kunstvolle System der Fazettspiegel und stört
eine nymphisch verzückte Röhre der Geniesslichkeit aus ihrem Schleimtraum! Der
Schmetterling fiel ohnmächtig von der Blüte auf einen Blätterstrauss herab, wurde
aber schnell munter und taumelte in zackigen Schwüngen mit verdoppelter
Anstrengung davon. Zwei gewaltig aufgestülpte und gerissene Löcher klafften in
seinen Schwingen, in ihrer Nähe waren die spröden Häute zackig gebrochen und
farblos wie Horn. Die schwarzsamtenen Augen blickten geschwollen und seine
Koloraturen waren verwischt, wie Dünen nach dem Sturm.
    Ich sah ihm neugierig nach und konstatierte ohne Befriedigung meine
Jägertat. Aber es war dennoch ein Erfolg. Ich hatte geschossen und die
Erkenntnis besiegelt. Der grosse Pfad der Entwicklungen lag klar und
übersichtlich vor mir, die Missverständnisse waren zu Ende und die Jagd der
Symbole hatte Wirklichkeiten erlegt. Schwarzer Panter meines Herzens, bunter
Schmetterling meiner Sinne! Ich erkannte, dass mein Verhalten ein System in sich
barg, an dem ich nicht Schuld trug, das vielmehr mein Empfinden lenkte. Alles in
mir war auf das Natürliche und Notwendige gerichtet. Ich schritt die Leiter der
Entwicklungen zurück und schreite sie nun wieder nach vorne zu. Bald werde ich
wieder beim Menschen der Zukunft sein, nachdem ich bei den Wesen der Vorzeit
gewesen bin.
    Stimmung, südamerikanische Djunglestimmung, was war das? Als ich die Tropen
noch nicht kannte, vermeinte ich's zu wissen. Ich trug es damals in mir, die
Tropen waren in mir vorweggenommen, irgend einmal in grauer Vorzeit musste ich
sie erlebt haben, als ich noch in meiner Mutter Schoss im lauen Klima, von
Nahrung umbrandet und umspült, lag. Später kam ich hin und sah den Dingen auf
den Grund, sah buchstäblich in ein schleimiges wimmelndes Wasser von Zellenleben
zwischen Urwaldufern hinab. Ich begegnete einem Panter und erkannte den
Lebensmodus meiner Nerven in ihm wieder. Ein Schmetterling des Llanno belehrte
mich, dass meine etwas schüchtern machenden demokratischen Nerven, wenn sie auch
das Zeichen waren, dass ich aus kleinem Hause herstammte, doch endgültig über das
Weltprinzip der fetten Seelenruhe gesiegt hatten und eine grosse Karriere ahnen
liessen. Und die gut konstituierten Menschen eines Indianerdorfes erinnerten mich
an meine vernehmlichsten Wünsche, die Lust, die fröhlichen Begleiterscheinungen
meines Jagdtriebes. Es war alles wohl abgestuft. Einen Schritt weiter noch auf
dieser Skala und ich stand wieder mitten auf einem Platze in Paris oder Berlin,
und war in meiner Art ein Staatsmann, so wie ich das Leben um mich her nun auf
seine treibenden Urelemente hin übersah. Ich war bei Zellen, Insekten und
Raubtieren gewesen und hielt mich in der Seele des Indianers, des schönsten
aller wilden Menschen auf. Langsam näherte ich mich mir selber - dem
intellektuellen Kaukasier, dem nervösen Nordlandmenschen - da war ich schon über
mich hinaus, ich war in der Seele Slims, des Weltmenschen.
 
                                      XIII
Als diese klaren Tatsachen festgelegt waren, wollte ich nun endlich einmal an
die schon lange geplante Eroberung dieses Indianerdorfes und seiner Weiber
schreiten. Ich dachte da besonders an Aruki; aber nicht etwa, weil sie leichter
erreichbar war, sondern aus Überzeugung von der Unübertrefflichkeit ihrer
leiblichen Eigenschaften. Da hatte sie Brüste; und Brüste, die ihre aparten
Reize besassen. Mit der Rührung, die ihre Länglichkeit hervorrief, konnte ich nur
mehr eines vergleichen: Zanas eigentümliche Wirkung, ihre festen Beine, ihre
festen Knie! Da lag das Dorf, hellgelb und braun und mit hagerer Klarheit unter
einem überallhin eindringenden Sonnenlichte wieder vor mir wie eine Partie
Kegel. War es eine Aufforderung zum Spiele? Ich aber rollte sozusagen die Kugel,
abgerundet von den Erfolgen meiner heutigen Jagd auf ein epigonenhaftes
Drachengeschlecht, schnurstracks den ausgetretenen Hauptweg unter die Hütten
hinein. Es galt die Königin - und in der Tat stand Zana vor der Tür. Als ich
kam, verschwand sie mit einer unzweideutig wegwerfenden Gebärde, die den
dabeistehenden Frauen das Grinsen ins Gesicht lockte, hinter der Matte. Ich
dachte, nein, wo hat Slim nur seine Augen, Zana ist doch absolut nicht hübsch!
Und ging zu meinem Zelte, wo Checho bemüht war, der Dame seines Herzens ein
ziemlich grosses Stück blaues Packpapier unter das Taillenbastband zu knittern
und es mit meiner Schere in breite flatternde Fransen zu schneiden.
 
                                      XIV
Eine grosse religiöse Feier der Dumaraleute fand statt. Sie war mit kriegerischem
Spiel verbunden. Draussen in der Savanne hielt der Häuptling Luluac am Vormittage
Parade ab. Die Krieger, lang gebaute Männer, marschierten je eins und eins
hintereinander an ihm vorbei. Sie trugen körperlange Speere aus Eisenholz und
Schilde, deren Aussenseite bei den Vornehmen mit Kelwas Kunstwerken geschmückt
war. Zu dem Triumphzuge von Fleisch, Muskeln und barbarischen Stärke, der sich
vor unseren Augen abwickelte, war in diesen Gestaltungen der richtigen
Weltanschauung Ausdruck gegeben.
    Die Menschenschlange zerstückelte sich auf einen lauten Schrei Luluacs hin
in hundert wild laufende Männer. Sie rannten mit langen Sätzen an einen Punkt in
die Savanne hinaus. Dort sammelten sie sich zur phalanxartigen Formation, die
sich in Marschlinie näherte. Das Schauspiel gab einen Begriff von Takt, wie ihn
kein preussisches Garderegiment annähernd erwecken könnte. Luluac war mitgelaufen
und näherte sich jetzt an der Spitze. Die grossen Leiber schwankten rhytmisch
nach rechts und links, die Reihen schlugen einen leichten Trab an, bei dem die
Knie bis vor den Bauch gezogen wurden, die Phalanx machte halt und trat am Orte,
wie auf Velozipeden, von einer Sohle auf die andere. Die Bewegungen der langen
Gliedmassen waren ausserordentlich schnell. Der ganze Haufe stand plötzlich vor
unserer Nase, retirierte im Schritt, sank speerzielend auf ein Knie zurück,
stand da, schwankte in parallelen Gliedern links und rechts und begleitete seine
Exerzitien mit bald leisen, bald unartikuliert heftigen Lauten. Vor uns, das
Angesicht nach der tanzenden Savanne, sass die Musik; Männer mit vorbauten
Körpern, unproportionierten Köpfen und abstehenden Ohren; sie schlugen
abgestimmte Hölzer gegeneinander, klöppelten auf Holzkapseln verschiedener Grösse
und erzeugten einen klingelnden, fortlaufend prasselnden Trommelwirbel. Und dann
unterstützten sie allemal die Weiber. Diese stiessen ekstatische Schreie aus, die
Gesellschaft fiel miteinander in die Pace, sie zuckten mit den Armen, wiegten
sich in den Hüften, die Muskeln unter ihrer weichen Haut rührten sich in
rhytmischer Ergriffenheit. Ich sah Slim unruhig werden; er taktierte mit den
Fingern seiner rechten Hand in die linke Handfläche und warf seinen Schädel mit
ungemütlichen Rucken nach allen Weltgegenden. Van den Dusen folgte dem Lärm
vorsichtig mit den Schultern. Da gab ich dem in mir aufsteigenden nervösen
Unbehagen nach und klatschte befreit mit den Weibern zugleich in die Hände,
zählte mit den Fersen am Boden, sang die paar ewiggleichen Noten mit und juchzte
laut hinaus, wenn ich mir in einem Bruchteil von Sekunde die musikalische
Schönheit einer solchen Unterbrechung des Gesanges vorausberechnet hatte. Unser
aller bemächtigte sich ein harmonischer Rausch, ein Entzücken der Muskeln. Der
Tanz, das animalischste, tiefste und befreiendste Kunstwerk, gelang uns spielend
und mit einem grenzenlosen Ergötzen. Indem wir uns den ausdrucksvollen Launen
unserer Fibern hingaben, gestalteten wir mit allen Fähigkeiten des Leibes unsere
menschliche Seele. Die unwandelbaren Lustelemente hinter unserer Epidermis
nahmen beseligende Form an. Die wir bloss zusahn und an uns das Beobachtete
nachskizzierten, erlebten die Erregung in der Anschauung geschmälert und
übertroffen. Wir überschlugen uns wie stehende Wellen, knicksten in den Knien
ein, arbeiteten mit Ohrmuscheln, Kopfhaut und Kinnbacken, und gehorchten tapfer
den drei Noten der ewigen Flöten.
    Die tanzende Phalanx machte kehrt, so pünktlich, als ob es hundertmal
derselbe Mann gewesen wäre. Die gefiederten Gürtel flogen wie Räder und senkten
sich mit derselben abgestimmten Langsamkeit über die braunglänzenden Hintern
herab. Als sie ein gutes Stück in die Savanne hinausgelaufen waren, mit den
kriegerischen Federkronen schräg vor den Köpfen, begannen sie den originellen
rhytmischen Schuhplattler von vorne. Ihre Leiber schwitzten, die Augen rollten
wild unter den roten und blauen Kerben zwischen den Brauen, aus den von der
Anstrengung geblähten Nüstern stiessen gleich kleinen Giftwolken je zwei Federn
hervor. Die Kerle tanzten und tanzten wie die Teufel, sie heulten und weinten
vor Glück, und die Adern an ihren Waden waren krampfig angeschwollen. Dann
plötzlich gab Luluac ein Zeichen und brach die Vorstellung ab. Die Phalanx glitt
auseinander. Ich sah auf die Uhr, eine geschlagene Stunde war vorübergegangen
und ich war todmüde, als hätte ich selber diese erschöpfenden Tänze getanzt.
    Die langen Kerle kamen, die Weiber hingen sich begeistert an ihre Männer. Im
Kriegsschmucke mit den Bemalungen in den mageren, zwischen Kinn und
Backenknochen eingeschnürten Gesichtern sahen die Dumaraleute wenig geheuer aus.
Der Beweis von Kunst und Kraft, den sie uns soeben gegeben hatten, machte sie
ein wenig üppig; sie schwatzten laut, ignorierten uns Weisse und rannten uns
geschäftig ihre Ellenbogen in die Seite. Ich sah mich nach Slim um, um in seinen
Mienen gleichsam Verhaltungsmassregeln zu lesen. Aber Slim war nirgends zu
bemerken. Doch, dort stand er unter den Weibern von Luluacs Gefolge und sprach
auf ein kleines Geschöpf ein. Es war - ja, richtig, es war Zana.
    Van den Dusen kam zu mir und schüttete mir sein Herz über die
Respektlosigkeit der Eingeborenen aus. Ich war also nicht allein mit meiner
Hypochondrie, auch der dicke Holländer litt unter der Niedertracht, die zu
unserer Demütigung von diesen gesunden Körpern förmlich ausdünstete. Es war
dasselbe Lied bei allen Wilden. Er diente mit einem Beispiel.
    »Staunen«, sagte er, »ist bereits das Symptom einer höheren Aufgeweckteit.
Diese Menschen staunen nie wirklich, sind nie voll von ehrlicher Bewunderung,
wenn sie etwas Unbegreifliches zum ersten Male sehen. Ihre Seelen sind so
fürchterlich gesund und selbstbewusst; alles appelliert sofort an ihr
Lächerrlichkeitsempfinden; alles Neue finden sie abgeschmackt wie Kinder. Ich
habe einmal einen Orinocomann nach den grossen Städten mitgenommen, eigens, um
mich an seinem Erstaunen zu weiden. Was, glauben Sie, tat er? Nichts tat er; er
schwieg beharrlich, mit einer stoischen Ruhe, die mich verrückt hätte machen
können, und tat, als gäbe es da überhaupt nichts zu sehen. Wir stehen absolut
nicht hoch in der sozialen Achtung. Soviel verstehe ich von ihrem Geschwätz, dass
man sich über uns mokiert. Denken Sie doch, wir sind schlecht angezogen, tragen
höchst überflüssige Dinge und haben anderseits nicht die notwendigsten Eberzähne
an, nicht das obligateste Stückchen Federkiel im Nasenknorpel stecken! Diese
Wilden, die kein Dasein ausserhalb ihrer Gebräuche und keinen Horizont über dem
ihren ahnen, sind die gefährlichsten Philister, denen man begegnen kann - - -«
    »Sehr gut, bloss verkehrt«, sagte Slim, sich anschliessend. »Eine prachtvolle
Idee, die weit tiefer ist, als Mynherr wohl ahnt, aber«, und Slim setzte ihm
belehrend, wie es seine Art war, den Finger auf die Brust: »Sie sprechen einen
Anachronismus. Die Sache ist perfekt; nur, dass die Philister die gefährlichsten
Wilden sind. Aus eben den Gründen, die Sie genannt haben: dieser beschränkte
Horizont, glaube ich, nicht wahr? - Dieses Eingeborenenleben in den
Gesellschaften einer Stadt, zähe Urwaldgebräuche, nicht wahr, lustvolle
Verkrüppelungen, freudevoller Blödsinn, alles das, missverstehen Sie das nicht,
ist höchst wild und pikant!«
    Die Festlichkeiten nahmen ihren Fortgang. Die Männer warfen mit Speeren,
schossen mit Pfeilen. Sie gingen mit federnden Schritten und geradegestellten
Füssen durch das Lager, auf den Zehenballen schnellten sie sich fort. Ihre Beine
hatten ein Mindestmass von Masse an sich und waren an den Waden nach aussen
gekehrt wie die Gliedmassen eines Raubtieres. Es verlieh ihrem Gang Beherrschung
und Ökonomie, sie konnten mitten in einer Bewegung halt machen und die Richtung
ändern wie Katzen. Mit grosser Spannung fühlte ich da meinen Blick auf van den
Dusen gerichtet; da ging er auch schon, mit den Füssen schräg nach auswärts, mit
steifen Hüften. Er hatte irgendeine Meinungsverschiedenheit mit Slim, plötzlich
warf er seinen Rock ab, lockerte den Hemdkragen und zupfte an seinen Hosen. Herr
des Himmels, er wollte doch nicht etwa das Wettrennen mitlaufen? Als aber die
Konkurrenten aufmarschierten, beruhigte er sich von selbst. Es waren gestreckte
Figuren, Windhunde mit unansehnlichen Schenkeln und blossdaliegenden Längswülsten
an den Aussenwaden. Sie liefen. Die Zehen packten den Boden in die Faust und
warfen ihn nach rückwärts. Sie rannten weit in die Savanne hinaus. Van den Dusen
erklärte sich mit dieser Technik nicht einverstanden. »Das sind keine Beine, das
sind Pfoten«, sagte er. »Ich war der beste Läufer in der Kadettenschule.« Nach
zehn Minuten kam der Schwarm gelichtet zurück. An der Spitze führte ein magerer
Mann mit einem Brustkasten, an dem sich die Rippen sträubten. Schultern, Magen
und Becken waren wie auf geheimnisvolle Weise abgefressen, aber über dem
Knochensystem kreuzten sich bandelierartig die Sehnen. Seine Lippen, an denen
Serien von winzigen Metallplatten in stets kleiner werdendem Format wie die
Armatur eines Wikingerdrachen eingeheftet standen, waren vor Erschöpfung nahezu
eingezogen. Aber er versuchte Ruhe zu heucheln, schneuzte seinen metallenen Bart
und atmete besonnen, nicht eingerechnet die kreischenden Schreie, die der wilde
Mensch aus seiner abgeknabberten Büste hervorholte, hohe, weibliche
Diskantlaute. Das war kaum ein Mensch, sondern ein Stück Lauf. Die Weiber
schnatterten um ihn herum und warfen ihm verliebte Blicke zu, für die er sich in
übereifrigen Vogeltönen bedankte. Die Musiker brachten einen Tusch auf den
Läufer aus, sangen ihm zu Ehren und verklöppelten wie rasend ihre Hölzer.
    Die Musiker fielen mir auf, sie zeigten einen ganz anderen und nicht weniger
interessanten Typus. Es war eine körperlich untergeordnete Menschengattung.
»Mischrasse, wie alle Musiker«, sagte Slim. Ihre Musik begann mir zu gefallen.
Eine leise Verachtung gegen Muskelmenschen stieg in mir auf. Diese Musiker sahen
viel weniger übelwollend aus. Sie hatten feine, intelligente, melancholische
Gesichter. Um es nur zu sagen, sie sahen zivilisierter aus, gaben sich
bescheidener. Meine Antipatie gegen die aufdringliche Wildheit von Leibern, die
mich umgaben, stiess hier an eine beruhigende Küste: ein kleines, wohlgenährtes
Bäuchlein. Das Aufregende jener bronzenen, magenlosen Wandelstatuen machte
widerwillig; die Arbeit, die in all diesen Muskeln lag, ermüdete vom Ansehen;
das tagelange Regaliertwerden mit einer Anmut, die ich seit Kindheit in meiner
Kultur nur als Ausnahme und Festtagsgeschenk kennen gelernt hatte, schnürte mir
den Hals zu. Ich sehnte mich nach Fett und Gemütlichkeit. Welch ein prächtiges,
ruhiges Exemplar war doch dieser massige Musikkapitän! Von dem dicken Musiker
sprangen meine Gedanken begierig auf die kleine Aruki, mit ihren Brüsten und
breiten Lenden; ich suchte sie, aber während mein Blick über die Weiber hinging,
traf er auf Zana. Ich sah sie, klein und unentwickelt und mit dem verdorbenen,
schiefen Blick. Sie stand bei Slim. Da fühlte ich die unübersteigbare Kluft
zwischen mir und diesen Gestalten indianischen Heldentums, und kränkende
Gedanken fuhren mir durchs Hirn. Plötzlich kam mir eine Idee. Ich lief in meine
Hütte, hängte mir den Mauser kavalleristisch quer über den Rücken, warf die
Bagage durcheinander, bis ich auf meinen Klemmer stiess, und trat hervor.
    Als ich kam, war eine Anzahl Männer damit beschäftigt, über wagerecht
gelegte Speere zu springen. Sie alle sahen aus, als ob man in ihrer Bronze
kleine Sprengungen vorgenommen hätte. Der Championläufer trug den Sieg davon. Er
sprang über einen Mann hoch, den Kopf voran, und fiel regelmässig wie ein Tier
auf alle viere. Die Muskelschnallen an seinen fibrösen Waden traten von der
Anstrengung in einem deutlichen Relief hervor.
    Und nun werde ich euch zeigen, was wir können! Slim hatte den Häuptling zu
verständigen. Die Erlaubnis war erteilt, die Aufmerksamkeit konzentrierte sich
auf mich. Ich putzte bedächtig meinen Klemmer und suchte in der Savanne draussen
ein Ziel. In der lächerlichen Entfernung von fünfzig Schritten gewahrte ich
einen alten Bekannten, einen blauschillernden Falter mit handgrossen Segeln. Ich
hieb den Klemmer auf die Nase, zog das Gewehr rasch an die Schulter und schoss.
Der Falter brach geknickt zur Erde. Einige Buben liefen, ihn aufzuheben. Dann
wandte ich mich um; da hinten auf einer der Hütten ragte ein Schild übers
Dachstroh. Es war Kelwas Hütte. Ich gab hintereinander vier Schüsse ab, das Bild
brach mit dem oberen Rande ab, und die Figur, die es dargestellt hatte, war nun
kopflos. Das war kein Kunststück, aber es machte Effekt. Als ich durch den
Klemmer zufällig auf die Frauen sah, schrien sie entsetzt und versteckten sich
eine hinter der anderen. Ein bisschen verlegen über meine Wirkung ging ich, wo
Slim neben Luluac stand. Als ich Zana ansah, verschwand sie. Erst als ich den
Zwicker abnahm, schien sie sich wieder glücklich zu fühlen.
    Ich hatte mich gerächt. Mein Selbstgefühl stieg um ein bedeutendes.
 
                                       XV
Meine Anstrengungen, meine Siege, meine Einfälle waren fruchtlos. Ich war der
Schwächere in diesem Kampfe mit der fremden wilden Seele, die aus Land, Tier und
Mensch zu mir flüsterte. Ich rang mit einer Erde, mit einem Klima, mit einer
Existenz, mit einem Prinzip von all diesem, das höhere Art darstellte, als die,
aus der ich lebte. Bald fasste ich den Feind mit meinem Denken, bald liess er mich
klein unter sich zurück. Ich erledigte ihn endgültig mit einer Handvoll
prachtvoller Tesen, da schnellte er mich mit einer Empfindung in den bösen
Zustand der Verlassenheit. Verfolgte mich seine Seele, weil sie in mir den
Fremden ahnte? Wer und wo war dieser Feind? Ich griff ihn nicht. Er verfolgte
mich in Wassern, Tieren, Urwäldern und sprang in rätselhafte Weiberknochen, die
mich unter anderen Umständen wohl mehr als abgestossen hätten.
    Es wurde Abend. Der Nachmittag, die warme Zeit, verging mit Schlafen und
Lungern. Aus Nervosität begann ich zu träumen, aus purer Langeweile, um mich mit
irgend etwas zu beschäftigen. In Gedanken an meinen Coup rieb ich mir die Hände,
ich wiederholte ihn mehrere Male von Anfang an, bis er glatt und rund und
praktisch war wie ein Kiesel, geschliffen und sicher wie Memorierstoff, mit
Vergangenheit und Zukunft und Gründen und Möglichkeit, geradezu etwas
Klassisches von einem Coup, an dem man seine Freude haben konnte. Wie ein Kind
vor seinem Schatze begann ich in Erwägung zu ziehen, wozu man ihn möglicherweise
verwerten könnte. Sollte ich mit Hilfe meines Klemmers und des Mausers das Land
der Dumaraleute erobern, eine Stadt gründen, Eisenbahnen anlegen, Kaffee- und
Maniokplantagen errichten, eine Armee nach preussischem Muster formieren mit van
den Dusen an der Spitze, oder eine Ingenieurschule für heranwachsende Indianer
unter meiner höchsteigenen Leitung? O, Brasilien ist ungeheuer und ein Land der
Zukunft, wer aber weiss etwas von Brasilien und wer kennt seine Seele als ich,
der Dichter? Ich bin dazu geschaffen, sein Kaiser zu werden, ich gründe nicht
bloss ein Reich, ich gründe eine neue Rasse, ich erfinde ihr eine eigene moderne
Seele nach dem neuesten Schnitte, ich kreiere einen brasilianischen und
menschlichen Erztypus, in dem die Talente aller Organismen vereinigt sind. Wir
schiessen mit Dreadnoughts und gehen mit den Waden, wir philosophieren und singen
einfältige wilde Indianergesänge, die ins Blut gehen. Wir haben schlanke
demütige Weiber und stürzen uns für sie in den Tod. Wir sind die Schnellsten,
wir sind die Wildesten, wir sind die Geistigsten und wir besitzen die stärksten
und tiefsten Lüste. - Oder soll ich bescheidener sein und nur das ganze Dorf
zusammenpacken und eine Zirkusturnee durch heimatliche europäische Grossstädte
antreten? War Herr Hagenbeck nicht reich und angesehen geworden, nachdem er nur
erst einmal den commis voyageur in Wildnis gemacht hatte? Ich konnte dabei als
Scharfschütze in elegantem Tropengewande auftreten und mit den bekannten Kniffen
aus fünf Meter Höhe Glaseier mittels Rehposten herabholen. Doch nein, das sollte
mir nicht passieren. Der heutige Tag hat gezeigt, dass ich Talent habe; und von
nun an würde ich mit äusserster Sorgfalt und geradezu wissenschaftlicher Umsicht
an die Ausbildung meiner Schiesskunst gehen - ferner könnte ich als Impressario
Kelwas der modernen Kunst einen grossen Dienst erweisen. Es galt, einen neuen
Standpunkt einzuführen, das Auge zu verbessern, und dazu war ich sozusagen als
der Scharfschütze unter den Künstlern gerade der richtige Mann. Ich würde den
Leuten beweisen, dass sie nicht sehen können, wenn sie die primitive und wilde
Kunst unterschätzen. Nachdem wir bereits alles reformiert, verändert und
renasziert haben, gilt es noch, unsere Augen, die letzte Zuflucht der
Konvention, zum Teufel zu jagen und eine wieder unbefangene Netzhaut an ihre
Stelle einzusetzen. Kelwa, dieser grosse reinmenschliche Künstler, müsste der
Menschheit den grauen Star stechen. Er hatte einen neuen anatomischen Schlüssel
zu geben, einen viel wesentlicheren formalen Kern zu entdecken, als es der alte
und schon fad gewordene war. War es möglich, dass sehende Augen, wenn sie sich
nicht gerade borniert auf ein gewisses eingelerntes Schema beschränken, die
Farben in den Gesichtern der Menschen nicht wahrnehmen mochten, die betroffen
machende, nur scheinbar disharmonische Anmut verrenkter Gliedmassen, diese
Tiergesichter, Katzen oder Schmetterlinge, die aus Physiognomien glotzten, diese
Körper, die sich in Flächen ereigneten, statt in kubischer Dreifaltigkeit?
Jawohl ja, die artistische und vitale Wahrheit Kelwascher Figuren war
durchdringend, peinigend und erlösend. So wie er hatte noch kein Pariser
Akademiker Menschen gemalt, die modern waren aus dem Effeff, ja, ganz Jäger,
ganz Beobachter, ganz sinnliche Lebensfreude waren bis in die infamsten Regungen
ihrer Seele. Dass die Mittel, mit denen er arbeitete, unsäglich elend waren, was
verschlug das? Seine Kunst war so ganz Form, dass er sich wohl kaum darüber
Rechenschaft gab, es gäbe so etwas wie Mittel. Und nun würde ich sagen, nehmen
Sie dieses - wie soll man sagen - diesen Harm Kelwascher Frauengestalten, diese
Katzenverliebteit jedes einzelnen Müskelchens, das Feste feiert, die Sie
Verrenkung nennen, Herr, weil Sie nicht sehen können, Herr, nun wissen Sie es,
würde ich sagen. Ich würde Pamphlete schreiben, eine neue Teorie aufstellen,
das Fleisch im Menschen erlösen, diese oft angekündigte Auferstehung endlich
einmal stattfinden lassen!
    Und ich würde eine neue unantastbare Menschlichkeit begründen, eine gesunde
unsentimentale Humanität, bei der auch einmal einer draufgehen dürfte. Leben
links und Leben rechts, Leben auf allen Seiten, Leben mit und gegen das Leben!
Die Bewegung macht den Atem rein. Wie diese Luft sich köstlich schnappen liess!
Im Suchen nach etwas an und für sich Belanglosem stiess ich auf mich. Wie ein
Berg erhob ich mich plötzlich vor mir selber! Was ist das Leben des Menschen?
Jahrelang schlägt er sich mit Nutzlosem und Verfehltem herum, schwankend und
irrend, mit seinem kleinen Sehkreise die Taktik nicht begreifend, die das
Generalhauptquartier irgendwo in seinem Zwerchfell ihm peinlich und blindlings
vorgeschrieben hat. Und eines Tages, in der sanftmütigsten Minute seines Lebens
ist die Frucht aller dieser Übung reif geworden und fällt ihm in den Schoss. Die
glückliche Idee kommt spät, ein gutes Stück hinter den Qualen. Zum Wohlsein!
sagt dann alles zu einem, der sich jahrelang gekitzelt hat, um zu niesen. Er hat
jetzt etwas Neues zu sagen, eine Technik zu geben, einen Gebrauchsgegenstand zu
lehren. Zu diesem Zwecke hält seine Phantasie eine Handvoll Unternehmungen
geläufig bereit.
    Wir gründen einen neuen Kultus der Astarte, retten die Gesellschaft und die
heraufkommende Jugend vor dem körperlichen Untergange, in den sie die
verdorbenen Liebessitten der bürgerlichen Gesellschaft gestürzt haben. Einen
Titel, einen Titel, schnell, ein lebenskräftiges Wort, das die Gehirne in
Schwung bringt. Sagen wir, zum Beispiel, also: Tropische Nächte. Aber das
»tropisch« weckt vielleicht eine falsche Stimmung, einen kitschigen und ganz
lebensfalschen Dunst. Man muss den irreführenden und laxen Impressionismus
tunlichst vermeiden. Tropen gibt es nicht; das ist ein Wortspiel, wir aber
entdecken von Tag zu Tag die Wirklichkeit und den ehrlichen Stil. »Tropen« ist
ein Appell an das Gedächtnis meiner Eingeweide, aus den Zeiten, da ich noch aus
nichts anderem denn jenen bestand; die biographische Erinnerung an die
Faulenzerperiode, als auf Nowaja Semlja noch meine Krokodile im warmen Flussbad
plätscherten. Alles dies ist jetzt internisiert, die ganze Tropenlandschaft
fahrbar gemacht auf zwei Hinterfüssen, und nur innerlich ist die Sonne poetisch,
da gibt es glutige Seufzer und wuchernde Pracht, mannshohes Dickicht, ein
Jägerleben, Lauerposten, Überfälle und Wildhatzen. Und dort haben wir auch die
ganze gärende Poesie; die Tatsachen draussen aber stehen für sich da. Dieses Land
hier liegt unter dem Äquator, ist ein wenig heiss, spröde und langweilig und wird
erst vernünftig sein, wenn eine Eisenbahnschiene quer durch den Djungle gelegt
ist. Tropen, Tropen, das ist ein verdammtes Wort, ein Salonvokabel, um für die
paar Orchideen Platz zu machen, die an diesem Platze herumwelken. Auf die
Wahrheit angewandt, ist es eine Ausrede vor der Arbeit, die in diesem
Sonnenstrich wartet. Aber ich kenne meine Miteuropäer. Sie möchten nichts daraus
machen als eine Mondscheinpartie am Urwaldfluss, moskitolos, oder eine
Liebesgeschichte frei nach Pierre Loti, wobei der Kreuzfahrer einen exotischen
Bund einzugehen hat. Ich bin fanatisch dagegen. Sind wir Journalisten? Im
Gegenteil. Das Leben ist schon nicht so sauber und es gehört ein gut Stück
Gehirnmasse dazu, um auf das Einfache draufzukommen. Nein, meine poetischen
Kontrakte mit der Welt erachte ich als gelöst. Das Dichten ist nicht mein Beruf.
Ich fühle mich aller Pflichten als Kalfakter los und ledig. Ich eröffne mein
Etablissement in Berlin unter einem würdigen, ernsten Titel, der die Prinzipien
meines Liebeskults schlagend zusammenfasst. Sagen wir »Emanzipation des
Fleisches« oder so ähnlich. Übrigens, wenn mir kein geeigneter Titel einfällt,
kann ich das Unternehmen auch fallen lassen. Ich bin mein eigener Herr, bin
moralisch niemandem verpflichtet, mich zu blamieren. Einmal werde ich das ernste
Wort mit dem Gesindel reden. Und dann will ich dem Menschen vom Menschen
sprechen, ein kleines Liedchen in der Umgangssprache singen, einen Tanz vom
Leben lehren, in den ein ganzer Menschenkörper mit allen seinen herrlichen
Funktionen hineingetrommelt und gepfiffen ist, wovon aber Grasaffen nichts
verstehen. So und so habe ich ihn kennen gelernt, den Menschen, wohlverstanden,
dort unten, wo alles so hell und wirklich ist, wo Mensch sein heisst, ein
Gliederspiel sein, und wo das Leben restlos aufgeht in der Gesundheit der
unbeschadeten Lust!
    Wahrscheinlich würde ich mein Etablissement mit einem Stab von Dumaraweibern
nun doch errichten. Eine Lehrkanzel für die Bestrebungen einer neuen
physiologischen Kultur. Am naheliegendsten aber unter den gegenwärtigen
günstigen Umständen und der Hochkonjunktur meiner Seele war es, Zana zu erobern.
Es war die nützlichste Verwendung meines neugewonnenen Ruhmes und schwebte mir
schon seit langem vor. Ach Mensch, du bist ein losgerissenes Stück Klima und
ereignest dich, ob schön, ob Regen, mit Sonne, Nacht und Winden zusammen.
Gelber, quälender, brasilianischer Nachmittag, Träumer über wolkenloser, herber
Wirklichkeit!
 
                                      XVI
Zana sollte tanzen!
    Und Zana tanzte, vor Moki, dem Götzen und wilden lüsternen Gesellen!
    In der grossen Hütte mitten im Dorfe sassen auf den Reisstrohmatten Luluacs
Höflinge. Sie schlugen in die Handflächen, sangen einförmige Lieder und sahen
mit berauschten Augen auf die Bewegungen eines dünnen Rumpfes, dessen Glieder
sich in den Stichlichtern des flackernden Lagerfeuers verkürzten, verzerrten und
verknäuelten wie ein Spiel phantastischer Katzen. Dieser Rumpf war Zana. Sie
fuhr in dem breiten Raume wie ein Wirbelwind hin und her, näherte sich dem
Feuer, machte krumme Beine, plötzliche Sprünge, man sah, hier war eine Katze,
die mit dem Feuer spielte. Sie schüttelte sich wie ein Tier, bog sich in ihrem
Rumpfe, der lang und biegsam war wie ein Mannesarm, stiess gellende Schreie aus
und stampfte den hartgetretenen Erdboden, der dumpf widerhallte. Ihre
beweglichen Füsse zauberten einen hohlen, erregenden Rhytmus hervor. Sie sassen
lose im Gelenk, hatten metallene Bracelets um die Knöchel und besassen kräftige
feingegliederte Zehen. Der rechte Knöchel war innen aufgescheuert und zeigte
eine schründige Wunde. Zana bearbeitete den gestampften Boden wie ein Tambourin,
an der engsten Stelle ihres Beines klimperten die Metallreifen, mit Ballen und
Ferse holte sie die charakteristischen Läufe dieser Musik, dumpfe ungepflegte
Töne, eine niedrigstehende Lautskala, aus der Unterlage hervor. Es bedurfte
eines wahnwitzigen Gehörs, um auf diese Trommelfellreize verstehend einzugehen.
Angestrengt gab ich mich dem Eindruck hin, der huschenden Gestalt in ihrer
wilden Anmut, der Unruhe des Feuers, dem Refrain der brachial einfallenden
Männerstimmen. Da hatte ich's heraus und begriff die Melodie, die diesen Füssen,
Händen, Stimmen und Instrumenten, hölzernen Zimbeln, gemeinsam war. Diese
rätselhafte Rhytmik ahmte den Pulsschlag unseres Blutes nach, nicht den
komplizierten Prozess unseres ornamentalen Gehirnes. Hier entsprach, was Musik
hiess, noch einer primitiven physiologischen Gesetzmässigkeit, alles Funktionelle
und alles periodisch Geschehende wurde an sich musikalisch empfunden. Eine
einfach repetierte Folge von Handlung und Laut entielt für das Gehör ein
Element der Befriedigung, der blosse Lärm als Produkt einer Tat rhytmischen
Wert. Musik wohnte noch in jeder Aktion, jeder Passivität, jeder körperlichen
Verwandlung. In diesen gesunden Leibern war die Musik noch so geradlinig
erhalten wie der Übergang vom Bedürfnis zum Genuss, erfolgte so wenig
systematisch wie die Lust, auf die sich das ganze Weltgeschehen hin zuspjetzte,
die Lust, die nur in der Einkleidung der Kultur bei avancierten Rassen Ereignis
wird. Die körperliche Paarung war der gegebene musikalische Urakt, geeinte Zwei-
oder entzweite Einheit erwies sich als hochgradig musikalischer Takt. Dies war
das Kommen und Gehen, das Nahen und Flüchten in Zanas Körper. Und diese Musiker
hier waren Mischlinge; der Zusammenstoss zweier Rassen erzeugt Musik. Eins, zwei,
eins, zwei, horch, wie die Natur marschiert! Was immer du tust, skandiert sie
selbst. Die Pace, die Pace, ist alles in der Welt, das Um und Auf der Musik, die
Urmusik, das Urereignis!
    Vor meinen Augen, in meinen Ohren spielt es sich ab. Zana macht Krawall mit
ihren Füssen, trommelt mit ihren lieblichen Fersen auf die feste Erde, dass mir
der Speichel im Munde stockt und mein trockener Kopf zu fiebern beginnt. Ich
höre die Besessenen heulen und sehe, wie Bewegung auf Bewegung sich an dem
Püppchen folgt. Die Pace ergreift mich, ich bin mitten in der Pace, ich wohne
mit Schauern dem Urtanz bei. Die Pace, die Pace fällt es mir ein, wir haben die
Pace nicht mehr, Europa hat die Pace verloren, dies ist das grosse unheilbare
Leiden! Da geht Zana wieder auf uns los, duckt sich und springt wie ein Panter,
trägt ein Scheit vom Holzstoss fort und schwingt es rasend mit den Zähnen, einen
feurigen Kreis rund um sich ziehend, in dem ihre magere Figur bis in jedes
Schlüpfchen erleuchtet dasteht. Ihr wildes kleines Gesicht glüht verkniffen vor
Gier und Ekstase wie durchhjetzte Bronze. Der Chor der harten Männer im Schatten,
die in den gekrätschten Knien hängen, antwortet ihren dünnen Gaumenschreien mit
einer Art tierischen Wohllautes, einem sehr physischen Sehnsuchtsmotiv, von
zittern- und hoffenmachender bestialischer Melancholie. Auf! meine Panter in
den Djungeln, weint hinauf in den bestirnten Himmel über eurem Sehnsuchtslager,
wenn die flaumige hingegebene Gattin eurem entbehrenden Leibe fehlt! Ha, wie
meine Männerkatzen fauchen, hei, wie meine Panter raunzen, wenn die schöne
Katze Zana, den flachen Leib auf krumme Pfoten gepresst, ums prasselnde Feuer
schleicht! Was singen die Männer, Slim, alter, irrsinniger, schreihalsiger Slim,
wenn du nicht schon ganz verrückt bist, was singen sie, gib Bescheid!
    Zana, singen sie,
Zana, kleines Pumaweib,
Kleiner bist du
Denn Mokis Herz!
    Kleiner bist du, denn Mokis Herz! Klein bist du, denke ich, und wer ist
Moki? Da stürzt das Feuer zusammen. Zana beendet aus einem Wirbel heraus ihren
Tanz. Ein paar Männer fachen den Brand wieder an, er wird heller, wächst rapide,
gleich darauf ist die geräumige Hütte von einem gelben gleichmässigen Lichte
ausgefüllt. Zana steht an der Wand gegenüber. Sie ist ganz nackt, selbst das
Schürzchen, das die Frauen sonst aus Reinlichkeitsrücksichten tragen, hat sie
abgelegt; nur eine Schnur roter Beeren hängt um Ihre Taille und umgleitet den
Bauch, der von der Anstrengung in muskulösen Bändern hervorgetrieben ist. Er
fällt rasch zu dem spitzen buschigen Winkel zwischen ihren Schenkeln ab. Um den
Nabel herum ist eine gelbe tätowierte Sichel gezeichnet und farbige Kurven
verlaufen über den Magen. Ich folge magnetisiert den kunstvollen Striemen auf
der glatten Haut und glaube zu sehen, dass die Sichel das aufgerissene Maul einer
jappenden Katze darstellt. Je länger ich hinsehe, desto sicherer werde ich, nun
geht es mir ein, dass die Muskeln des Mädchenbauches mit dem Relief des
Katzenkörpers zusammenfallen. Mag sein, dass es ein brünstiger Panter ist, den
Hunger oder Sehnsucht zum gequälten Schrei treiben. Um die flachen Brüste laufen
Ringe und Strahlen, ein grüner Mond und eine rote Sonne. Wenn Zana sich wendet,
zeigt ihr Rücken bis zu den Lenden hinab prächtige Verschnürungen. Ihr Hals ist
für eine Manneshand leicht zu umspannen; ihre Beine sind kräftig, schmal, so
schmal in den Gelenken und prall geschwellt um die Wade, aber ohne einen Faden
Fett. Das Betörendste sind ihre Knie. O, Zana ist bezaubernd und echt, wenn sie
mit ihren akrobatischen Beinen eine krummbeinige Panterkatze nachahmt; aber
wenn sie sich ohne Zwang hinstellt, ist die Flucht der Linien an den Knien am
engsten, fast so enge wie am Halse, und die Beine laufen wie die Teile eines
ganz, ganz stumpfen Kreuzes nach aussen. Und siehe da, dies macht ihre Hüften
breit, und sie ist doch nur ein Mädchen. Und über ihre Kniekehlen ist die Haut
glatt gespannt wie über kleine Trommeln. In Zanas Kniekehlen ist alle
Arglosigkeit, alle Demut und alle Süssigkeit zu Hause. Und doch blicken die
braunen gewachsten Augen ihres kleinen Gesichtes wie Hundeaugen, und aus den
Spaltnarben ihrer Oberlippe lugen böse Eberzähne schräg hervor, wie die Spitzen
eines kleinen gelben beinernen Bartes. Zana sieht aus wie ein junger Krieger und
ist doch ganz Sanftmut, ganz Weib. Trägt die Priesterin, die Tänzerin, die
Kurtisane im Urzustand die künstlichen Zahnmale ihrer Mannbarkeit wie ihre
Nachkommin nach Tausenden von Jahren? Es ist stets dieselbe alte Kunst, ob sie
die Wilde oder die Bürgerstochter pflegt. Auf Zanas Backenknochen prangen
grellrote Flecke - und ich muss an Schminke denken. Aber der Kopf ist um die
Augenlinie befremdlich eingesunken und sieht guterzig aus. Man darf sich nicht
täuschen lassen, dies ist kein junger feuriger Krieger, sondern ein sanftes
Mädchen, das in einer sinnlichen und betörenden Art sein Teater spielt.
    Mächtige Jäger sassen im Halbkreis, die Tür im Rücken. Es waren Luluacs beste
Leute, und wenn man ihre Kraft zusammentat, konnte man damit einen kleinen Berg
sprengen. Ihre Muskeln schwollen im Rausche, lebten im Zucken des Feuerscheins
wie ein erstarrtes Getümmel von vielerlei Rund. Das Fleisch nahgerückter
Gestalten wölbte und verschlang sich in merkwürdigen Knoten und Schnecken wie
eine seltsam quellende mystische Masse. In faustgrossen Bildungen und Wüchsen
sassen erschreckende Kräfte gespeichert. Ein einziger wilder Organismus von
Fleisch war diese Versammlung. In die braun zerklüfteten Gesichter waren
Metallstücke geklemmt, und die Oberlippen starrten von scharfen Tierzähnen.
Prächtig geflaumte Federn brachen aus den Nasenknorpeln, auf den Köpfen
strotzten üppige Federkronen. Eine fremde, vogelhafte Bewegung herrschte rings
in der Höhe dieser Zierate, ein Eindruck von Macht und zeremoniösem Patos
steigerte kleine Bewegungen ins Riesenhafte. Die Köpfe darunter aber benahmen
sich wie die ausgelassener Knaben und verschuldeten ein pompöses Spiel der
Büsche. Dem allem sah der Götze Moki mit blöde verzogenen Lippen zu.
    Denn es war noch jemand im Raume; eine Persönlichkeit voll ordinärer Absicht
zu wirken, die ich, darob gelangweilt, gerne übersehen hätte, eine Kraft, die
meine guten Nerven und meinen sauberen Geschmack kalt liess, aber langsam und
durchdringend einen erschlaffenden Schleier über meine Augen zu spinnen begann;
eine rätselvolle Existenz, deren herausfordernde Erscheinung fortschreitend
meine seelische Indisposition zu widerlegen anfing und mich in eine wirbelnde
Niederlage, blutvoll und blamabel, hinunterriss. Oder wie war dieses Antlitz zu
deuten, diese Doppelausgabe eines Kopfes, diese Verkropfung von Gesichtern, die
sich kinnlos in einem senkrecht gestellten Maule vereinigten? Jeder dieser zwei
wagerechten Schädel des Götzen trug auf der Stirne ein Tausendauge, eine
Riesenbrombeere, das göttliche Unterteil aber bestand aus einem übermannshohen
dicken schafft, einem einfachen borkenlosen Baumstamme, der wie ein unendlicher
Kragen den halslos schwebenden Kopf trug. Aus dem Schafte wuchsen vorn sechs
Paar klauenartiger Knäufe, wie zwei Reihen Euter angeordnet. Sie deuteten auf
grässlich verkümmerte Greiforgane hin. Noch verkümmerter, geradezu ärmlich,
ungeschickt ärmlich, so dass man dem armen Teufel darüber gram sein mochte wie
über etwas sehr unverschuldet Ärmliches und Hässliches, waren seine zwei Arme.
Die beiden prackerartigen Gebilde, die seitlich steif hervorstanden, wie ein
paar Tennisraketts, konnten füglich keine andere Absicht hegen, als kurze Arme
und hypertrophische Tatzen zu sein. Ich hätte über diese Poverkeit in Raserei
geraten können, in blinde, unvernünftige Wut über diese Zumutung an meine
schönheitsdurstigen Sinne; und gewiss hätte ich mich zu einer Inhumanität und
Gemütslosigkeit niedrigster Sorte hinreissen lassen, wenn mich nicht der überaus
fragwürdige Kopf beschwichtigt und gefesselt hätte. Unmerklich zwang er mich zur
Anerkennung seiner Macht, stach mit verrückten Einzelheiten nach mir, zwinkerte
mich steif aus verborgenen Augenschlünden an, sog mich ein in starr allwissende
Lappen, schoss aus mystischen Öffnungen mit Glühgarn und Schattenschnack nach mir
und rüsselte Gesichte von unerlebter Steifbeweglichkeit aus meinem
wildklopfenden Herzen. Das Maul klaffte ihm so stark, dass nur ein lotrechter
Schlitz zurückblieb, und ringsherum waren seine Kopfhälften reich mit Hörnern,
Bügeln und Stacheln jeder Konstruktion versehen. Aus seinen grünen Augen zuckte
der elevatorische Blick; er konnte die Wucht nehmen; er, das Scheusal, konnte
elfische und leichte Gefühle erwecken, tanzende Anmut ins Herz einer Versammlung
zaubern, konnte unausdrückbar schwebende Schönheit verkörperlichen, konnte aus
widerwärtigem Glotzen leiblichen Segen greifbar spenden und das Gesetz
beschwerender Erde mit schöner Lüge verschleiern. Stumpf stehend, löste er sich
nach Belieben von seinem Ruhepunkt; teilnahmslos stotzig, beschwingte er eines
menschlichen Wesens schwache Kunst, wenn es sich innig und glaubend ihm hingab.
Unentzifferbar, nur in ihren Wirkungen demütig zu fassen, zog seine sinnig
blutsaugerische Miene die Versammlung empor und die Schwere aus ihren Leibern,
und Zana begann zu tanzen. Gott trug sie. Sie balancierte auf einem Bein, ihr
Rumpf war rückwärts gebogen und ihr straffes, achsellanges Haar fegte den Boden.
Das andere Bein war gehoben und im Knie geknickt. Um den Knöchel klimperte ein
Bracelet von Metallstückchen. Die Sohle war rosig und die Zehen waren wie kleine
Finger, am Ende aber waren sie ein ganz klein wenig verdickt. Der Rumpf bildete
einen raffinierten dünnen Bogen, eine kitzelnde Kurve, die verrückt machte. Man
musste aufstehen und dieses menschliche Ornament in die Arme nehmen. Es prägte
sich tief, tief ins Herz, es erregte die Sehnsucht des Gesichts und ein scharfes
Herzeleid. Diese Gliederzucht krampfte die Brüste der wilden Männer zusammen,
und sie stiessen rhytmisch wehevolle, brennende Schreie aus. Ach Zana! Da flog
das schmale, splitternackte Ding, eine Schlinge aus Nerven, Muskeln, Wirbeln und
zahmen Knochen geflochten, gleichsam durch den Raum, sauste wie ein
Peitschenhieb von Eck zu Eck, lag wie ein Faden am Boden vor Moki, dem wülstigen
Götzen, kreiselte dünn wie eine Mücke mit ausgebreiteten Armen und Fuss vor Fuss
um das Feuer. Und Gott stand still und war mächtig. Seine Ruhe gebar Rhytmus,
sie war der Grundton, von dem sich Bewegung abhob. Er liebte Zana, und darum
liess er sie tanzen. Ihr Körper zeigte leichte, glänzende Spuren von Schweiss, und
ein kräuteriger Geruch strömte von ihr aus. In den Lichtschein des Feuers fiel
etwas Buschiges, Dunkles, eins, zwei, dann ein ganzer Regen von Blumen, Zweigen,
farbigen Blüten, von den wilden Männern geworfen: und die Orchideen, die nun am
Boden lagen, sich im Stroh des Daches verfingen, auf Zanas Schultern hafteten,
blickten erloschen wie gesprengte Muscheln, aus denen ein Perlenauge brechend
starrt. Und was bedeutete der Zauber? Slim erzählte im Flüsterton, während Zana
mit vorgebeugtem Körper dahinflatterte. Ihre Arme liefen längs des Körpers mit
steif nach oben gekehrten Ellbogen zurück, ihre Hände bewegten sich an den
Wurzeln mit sanften, flüchtigen Schlägen, ein Rhytmus brandete auf in ihnen,
der sich über die Arme, gefügig wie Satin, und die wenigen Schultern hinflutend
verbreitete. Der Körper lief wie eine Schraube aus dem edelsten Stoffe,
menschlichem Fleische. Die Männer ringsumher summten aus gepressten Zähnen gleich
einem Schwarm toller Mücken, die gestimmten Klöppel der Holzmusik prasselten
melodisch gegeneinander. Die Mannsbilder erhoben ihren Gesang. Zana also war
eine kleine, winzige Mücke und tanzte vor ihrem Herrn, dem Gotte Moki, dem
Blutsauger, dem Vampir der Menschen, dem Tanz-in-die-Luft-Dämon, der rotes
Menschenblut soff und frohe Tänze um die Abendstunde genoss.
    Zana, sangen sie,
Kleine Mückenfrau,
Bist nicht grösser
Als Mokis Herz.
Aber nun sah ich auch meinen Irrtum über Mokis Hände ein. Es waren ja keine
Hände, sondern Flügel. Zana tanzte sie, und darum verstand ich sie. Ich verstand
alles, was Zana tanzte, ich las deutlich das Gesicht des Gottes, so wie sie es
beschrieb, ich folgte bezwungen den Schauern ihrer Sinne und fühlte Sinn und
Macht des allmächtigen Gottes sich mir unzweideutig gestalten. Da, was war das?
Seine Zufriedenheit, seine allerhöchste Zufriedenheit kundgebend, begann er aus
seinem Leibe wie eine unerhört grosse Trompete zu röhren, erhob aus seiner
monumentalen Seelenruhe sozusagen einen Mückengesang in Vergrösserung. Er schlug
mit den Ärmchen witzig Takt, hob sich zwei Fuss hoch über die glänzende Erdbacke,
auf der Zana tanzte, schwebte getragen umher und stiess mit einem heftigen Ruck
durchs Dach hinaus in die sternige Nacht. Als er in das blaue Licht gelangte,
sah ich, dass seine Flügel hübsch glasuriert waren, sie vergrösserten sich,
gewannen Proportion, er schlug mit blendenden Feuern um sich und benahm sich mit
dem grossartigen Glanze eines echten Liebhabers von Metzeleien. Seine Knäufe
wuchsen sich zu Fängen aus, von denen jeder ein Elementarereignis für sich
bedeutete, und die Rudimente an seinem Schädel wurden Rammstifte der
gefährlichsten Art. Seine Augen glotzten wie eine Riesentraube von grünen
Laternen. Da erkannte ich ihn wieder. Seine ganze Geschichte lag klar vor mir.
Hier also stehst du, altes Prinzip der Seelenruhe, herabgekommener Greis
antiquarischer Furchtbarkeiten, und heimsest von den regsamen Panterkindern den
konventionellen Tribut deiner harmlos gewordenen Launen? Spielst, alter
Mechanismus der Göttlichkeit, mit Prinzmädchen wie ehemals, lässt dich von
tanzenden Gebärden ankurbeln und beziehst deine Wirkung aus den Händen einer
gerissenen Panterin? Steifer, alter Drachenochse, bettelhaft gewordener
Sauggott, verholztes Monument der Seelenruhe! Ich habe dich jüngst mit einer
Pistole erledigt, nun stehst du wieder da und foppst mich? Aber du foppst mich
nicht. Du bringst mich über die Erkenntnis nicht weg, dass Gott sein Leben dem
Blute verdankt, dass Wunder und Erleuchtungen aus dem Rhytmus schnellen, den
reelle Menschenbeine stampfen, dass du, Moki, dein Leben den dünnen Knochen Zanas
verdankst. In ihrem Spiel sitzt die Kraft der Elevation. Sie deutet, und du
fliegst. Sie blickt schief aus ihren Augen, und du schleuderst Blitze. Dein
Gesicht ist töricht ohne sie; wenn sie seine Wirkungen tanzt, heben dich die
Schauer ihres Urtanzes, ihres endgültigen Leibes, ins Grauen der Götter. O, du
Gott, du Geschöpf des in seinem Blute tanzenden Menschen, du Drachenhohn vor dem
Wahnwitz des Pantersohnes und seines Weibes!
    Als ich aus dem Qualm verbrannter Blumen, ölig schwitzender Körper,
abschüssiger wilder Bewegungen des Mädchenleibes zu mir kam, stand Moki ruhig,
gesättigt und verkommen wie früher an seinem Platze in der sechseckigen Hütte
und markierte den letzten stoischen Sprössling aus Drachenblut. Nicht weit von
ihm sass ein ekstatischer, alter Indianer und böhte in eine lange, lange Röhre,
eine zusammengerollte steife Reismatte. Oben im Dache wurde eine Luke, die
plötzlich entstanden war, von geheimnisvoller Hand geschlossen. Ich musste mich
der Bewegung Zanas erinnern, hatte deutlich zu merken, was sie mit ihren
Gebärden, ihrem Grausen, ihrem Jubel, ihrem Flügelschlag und ihrem lüstern
vorgebeugten Rumpfe von meiner Phantasie verlangte. Gern, liebe, hübsche Mücke,
sollst du mein Blut und meinen Glauben haben. Alle hatten wie besessen zum Dache
hinaufgeschaut, als Zana dort hinauswies, und es wäre nur unanständig von mir
gewesen, mich dem allgemeinen Ereignis nicht anzuschliessen. Ich war vollauf
befriedigt von mir. Furcht und Hohn standen in den Gesichtern der Dumaraleute zu
lesen. Und, war es nicht auch eine kleine Bosheit, dass sie den grossen, bösen
Gott so nach Belieben mit seinem schäbigen Flügelpaar in die Lüfte steigen
liessen, dass sie ihre Demut und ihr echtestes Erschauern von ihrem guten Willen
abhängig machten, dass sie ihren Übermut schärften, indem sie ihm plump die
Spitze abbrachen und anbeteten? Menschenseele, von wilder Deutlichkeit in der
Seele des Wilden!
    So standen die Dinge. Nämlich, Moki stand wieder fragmentarisch dort in
seiner Ecke, und Zana - Zana aber war tot. Man hatte die Mücke erschlagen. Man
hatte ihr den Garaus gemacht. Umgebracht hatte man sie, mit Orchideenzweigen
hatte man sie totgeworfen. Die Mücke war tot.
    Zana tanzte den Pumatanz und den Mückentanz. Sie tanzte den Blutdurst ihrer
Seele. Aber Zana war auch eine sehnsüchtige Grille und legte die Arme, nein, die
schmalen, langen Flügel dicht hinten an den Leib. Sie bog den Kopf zurück in den
Nacken, ihre Brust trat hervor, stark, stärker, in unendlichem Schmerze, und nun
gewahrte man an dem blossen Spiel ihrer Brüste und ihres Magens, dass sie
schluchzte.
Zana, kleine Grillenfrau,
Weint um ihren
Fernen Liebsten,
sangen die Jäger. Sie rasselten und feilten schrill mit allem Metall, das sie
hatten aufbringen können, und hierbei war es, dass unsere leeren Sardinenbüchsen
sich als ingeniös musikalisch erwiesen.
    Die Folge davon, dass Grillen um den Liebsten weinen, ist, dass man die
wundervolle Architektur ihrer Eingeweide zu sehen bekommt. Zana hatte zwischen
den Lenden einen weiblichen Anflug von Wölbung; eine flache Schale bildete den
Unterleib. Aber sie war so flach, dass sie mehr ein dunklerer Schmelz der
flaumigen Haut als eine plastische Erhebung schien. Der Tätowierkünstler hatte
der bildhauerischen Natur überflüssig nachgearbeitet. Jetzt aber wurde seine
Kunst ganz zuschanden. Denn die Grille litt unsagbar und ihr eingezogener Magen
unter der verdrängenden kleinen Büste zeigte fibröse Rillen wie bei einem
Knaben. Die ganze Monotonie ihres Schmerzes lag in den Hüpfschritten, mit denen
sie unzählige Male im Schwirren der Instrumente denselben Kreis vollendete. Dann
aber schlug sie hin und war tot vor Schmerz. Abermals war Zana heute gestorben.
    Und nun geschah an diesem unvergesslichen Abende etwas Entscheidendes. Zana
tanzte zum vierten Male. Sie war nicht umzubringen, elastisch und unermüdlich
war sie wie ein wirklicher Künstler; die Anstrengung glückte ihr spielend, ihre
Konzentration vertiefte sich; morgen aber, fürchte ich, wird sie einen trüben
Tag haben. Aus ihrem formenreichen, sanft ergiebigen Körper holte sie einen
neuen Sinn heraus. Als sie wieder aufkam, stand Luluac da, ihr Bruder. Sie ging
ihm bis zu den Hüften. Er war hoch, und sein Oberkörper war wie ein Keil in
Hüften und Gesäss gepflanzt, die, aus der Wurzel der gewölbten Schenkel geeinigt,
den kräftigen Stamm trugen. Seine Brust war mehr hoch als breit und hob sich
hart von dem muskulösen Rückenschilde vor, zu dem die Rippenbänder
zurückstrebten. Der Brustkorb selbst, dessen Bügel eng standen und eine tiefe
männliche Busenkerbe bildeten, war ein stumpfer Kegel. Darunter fiel der
Felsenbruch des Magens ab. Der Kopf war klein und rund, mit starkem
Hinterschädel, glatt rasiert, und nur über der Stirn stand ein Besen dünner
spröder Haare erhalten. Wie dieser Kopf waren auch die übrigen Teile seines
Knochenbaues von einem raumsparenden Prinzipe gebildet, als typisches Produkt
einer langen blutwählerischen Zucht. Diese Knochen waren verbesserte
Urinstrumente, bei denen an Masse zugunsten der Widerstandskraft durch
Biegungen, Schwellungen, Verkolbungen gespart war. Sie wurden von einem
übersichtlichen Muskelsystem in Bewegung gesetzt. Ihr Hauptantrieb sass an den
Gelenken; die Kraft- und Nervenherde in deren Nähe; und hier war es auch, wo der
Mann seine Stärke hatte. Alle anderen Teile schienen von Masse entblösst und
unansehnlich, er war nicht einmal übertrieben muskulös. Über den Knochen spannte
sich die Haut, aber er konnte sie an der Brust wie ein Halstuch in Falten legen.
Der Magen war als sichtbarer Muskel in den Rost der Taille eingefügt. Die Waden
waren hoch, nicht geballt, sondern lang gestreckt. Das Gesicht erschien hässlich,
lauschend, schlau, gierig wie das eines Tieres. Wenn seine Lippen sich unter
einer physischen Anstrengung von den Zähnen zurückzogen, sah man die
weisskantigen Trapeze der Kiefer. Die Zähne waren künstlich geschärft. Dadurch
erhielt der Mund dieses Menschen etwas Verlangendes, sein Gesicht wurde
kindlich. Auf seinem kleinen buchtigen Schädel sass die Krone aller indianischen
Federkronen. Die wildesten und buntesten Flügel des Djungles hatten zu der
wilden Gravität dieses Häuptlings beigesteuert. Die geringste Neigung erhielt in
dieser Weise eine gespenstische Bedeutung, ein ganzer kleiner Wald nickte bunt,
und menschliche Motive wurden in etwas eigentlich Lebloses hineingebracht. Ja,
ja, sagte der Federbusch, wenn er sich ein Stück nach rechts hin schüttelte; und
nein, nein! wenn er sich wie ein steilwerdender Garten gegen den Rücken hin
aufmachte. Und wehe, wehe! hiess es, wenn er auf dem hitzigen Kopfe des jungen
Häuptlings durch die Luft fuhr.
    Dieses Prachtstück von einem Federbusche machte den langen Luluac
übermenschlich, als er mit seiner Schwester Zana zum Tanz antrat. Die groteske
Überlegenheit des Mannes war ein Genuss für alle, die es sahen. Zana selbst
schien bis in die letzten Fasern ihrer weiblichen Demut davon berührt. Gefällig
bog sie sich unter ihm. Ihre familiären Beziehungen schienen etwas seltsamer
Art. Andeutungen kamen mir in Erinnerung. Während sie tanzten, traten an ihren
Körpern die Merkmale wilder geschlechtlicher Erregung zutage. Sie betrachteten
einander aus den Augenschlitzen mit bestialischer Verliebteit. Der Instinkt der
Inzucht, der bei primitiven oder bei überfeinerten Rassen, die noch gesund sind,
auftritt, machte sich in ihren Sympatien geltend. War es Spiel oder Ernst?
Obwohl Zana klein war, zeigte ihr Körper doch auffallende Gemeinsamkeiten mit
dem ihres Bruders. Sie waren beide lang, ihre Gesichter waren nahezu gleich im
Ausdruck. Sie waren in die eigene Art verliebt, und wie sie da tanzten, gaben
sie der Wollust über die Absoluteit und Rassigkeit ihrer Wesen Ausdruck.
    War die Narzisslaune, das Prinzip der Eigenverehrung, nicht eine
Verbesserungs- oder Erhaltungstendenz der Schönheit? Ähnlichkeit wirkt bei
differenzierten Säugetieren abstossend auf die Phantasie. Aber darüber hinaus
wirkt sie bei ausgebauten Rassen mit Gleichgewicht und gereiftem Geschmacke
anziehend, denn sie wird Kern der klassischen Entwickelung. Innerhalb edler
Rassen genügt der verschärfte Geschlechtsunterschied, der in harte und zarte
Typen scheidet, der Sehnsucht nach der Variation.
    Zana tanzte tief und hingegeben. Es verlangte sie nach dem gefiederten
Pfeile Luluac. Unwillkürlich sah ich zu Slim hinüber. Sein Gesicht war verzogen.
In seine nordischen Züge mischte sich der Indianer, unter seinem Barte lauerte
das Tier, das ich hier in allen Gesichtern sich ergötzen sah. Mit einem kranken
Blicke folgte er dem Paare. Van den Dusen aber war hochrot im Gesicht und sah
gezwängt aus; er folgte den Vorgängen mit offenem Munde, förmlich hinten am
Gaumen. Luluac bewegte sich in männlichen kühlen Kurven, mit sichtbarer
technischer Meisterschaft, er blieb hart, rhytmisch, formell, nur seine Augen
gaben sich feurig. Man verstand, er begehrte Zana, er turnte um sie, er warb um
sie, aber er verhielt sich vor ihren Lockungen reserviert; man konnte nicht
wissen, wie gefährlich das kleine Frauenzimmer war, und ob es erlaubt war, sie
zu berühren. Eine Prinzessin, eine Priesterin konnte sie sein und dem
Sterblichen, der sie nahm, konnte Unheil drohen. Zanas Knöchel waren gefesselt,
dies verstärkte ihren demütigen und harmlosen Anblick; die Bracelets waren
ineinander verhakt. Sie sprang mit kurzen federnden Schritten, die wie Bälle
waren, auf ihren Fersen; sie umkreiste Luluac, sank in die Knie, und
verschränkte die Arme hinter dem Nacken. Rührte ihr demütiges Anerbieten den
Häuptling nicht? Soviel war klar, sie war ein Weib, sie war gefesselt, die
Konvention klimperte um ihre Knöchel, und sie hatte nicht die Freiheit ihrer
Wahl und ihrer Lust zum Manne.
    Luluac liess sie nahe herankommen. Schon ergreift er sie in einer Pose, die
seine Nackteit drastisch preisgibt, als er sich wieder zurückzieht. Er verwahrt
sich gegen die Wirklichkeit eines solchen überirdisch begehrlichen Wesens, er
stellt die ganze schöne Tatsache in Frage. Es ist ausgeschlossen, dass soviel
Wünschbarkeit wirklich ist. Sie ist ein Trug der Sinne, der Untergang bedeutet.
Vielleicht ist Zana eine Panterfrau? Sie zerreisst den menschlichen Geliebten,
der sich von ihr betören lässt. Oh über ihre Zahmheit! Er schwingt die Arme und
zückt Speer und Schild, denn es gilt, einen Puma sich vom Leibe zu halten. Er
fällt plötzlich in den bekannten Kriegstanz, hebt die Beine mit wagerechten
Schenkeln und spielt ein Rennen am Ort. Teuflisch, hu! Zana umschmeichelt ihn in
vollendeten Linien. Ihre gehobbelten Knöchel folgen mit unterwürfigen kleinen
Schritten; traurig ist es, wie die Knorpel der gespannten Kniekehlen sich
berühren! Rührend ist es, und es wird uns allen das Herz brechen! Da kann auch
Luluac nicht länger widerstehen. Eine suggestiv getanzte Umarmung bedeutet
Besitznahme. Er hat sie nicht berührt, die Gebärde blieb ästetisch. Und alle
verstehen die Anspielung, die in den gerungenen Armen liegt! Luluac nimmt das
Werben der Panterin an! lautet die Losung. Die geschlechtliche Spannung der
beiden Körper ist gestiegen, oh, oh, oh, beide sind selig, beide sind nahe
daran, sich zu vergehen. Zana rosst wie eine junge Stute. Eine monotone Musik
schwellt die Nerven und Muskeln und weckt den Stich und die Unschuld der
männlichen Empfindung. Der kreisrunde Verfolgungswahnsinn dieser Noten erzeugt
gelinden Schwindel, die Schläfen hämmern und die Augen laufen mit dem Gehirn zu
einer einzigen sehnsüchtigen Masse zusammen. Das Fleisch an den Körpern der
Männer beginnt gleichsam zu gären, ein lauer, niederträchtiger, menschlicher
Geruch macht sich in der Hütte fühlbar. Luluac schreit rasend auf und die Männer
fallen triumphierend und befriedigt ein. Der Höhepunkt ist vorüber. Der wilde,
schöne Krieger hat nun Zana in seine Hütte geführt. Sie hockt hinterm Feuer. Er
ist fortan ihr Herr. Prahlerisch pflanzt er sich im Vordergrunde auf. Wer will
sie ihm entreissen? Niemand; dies ist so Sitte. Schluss! Weg mit dem Tanz und
Spiel und bringt Mandiokamet, dass wir Heiseren und Feurigen uns kühlen und
laben! Da geschieht etwas Unerwartetes; etwas, das nicht ins Programm gehörte.
Slim erhob sich und legte die russige, weisse Jacke ab. Dann zieht er das dünne
Netzhemd über den Kopf und steht mit nacktem Oberkörper da. Slim!
 
                                      XVII
Die Herausforderung ist eine unerhörte Novität. Sie findet Anklang. Bis zu
diesem Augenblicke ist die Versammlung nüchtern gewesen. Der Met, aus Tonkrügen
geschlürft, tut jetzt seine Schuldigkeit. Die Musik artet in wahnsinniges
Gebrüll aus, jeder musiziert sein Instrument nach Gutdünken. »Ein indianischer
Ringkampf kündigt sich an«, schreit van den Dusen mir herüber und mir ahnt
nichts Gutes. Die Indianer sprechen durcheinander, man unterhält sich über Slims
Chancen. Slim war ein grosser Mann mit geraden breiten Schultern und einer
flachen Brust, wie sie Yankees haben. Um die Taille war er eng gebaut, aber
seine Beine waren von einer anderen, gedrungeneren Rasse. Das machte ihn kürzer
als seinen Gegner, im ganzen schien er trotz seiner geringeren Vollkommenheit
der Stärkere. Die beiden begannen damit, flache Handschläge auszuteilen. Slims
Unterarme waren lang, breit und viereckig wie die Stiele von Werkzeugen. Seine
grossen Hände aber hatten viel weiche Masse. Er boxte flink und geschickt,
Luluacs Arme flogen wie Blütenstengel zur Seite. Aber diese ochsenstarken Hiebe
landeten fruchtlos, Luluac fing sie weich auf und zog zurück. Er liess die
gegnerischen Hände nicht aus den lauernden Augen, er kämpfte mit einem alten
weisen Lächeln in dem verkniffenen kleinen Gesichte. Seine Federkrone zuckte
raschelnd bei jeder heftigen Wendung. Slim arbeitete derb und freimütig, Luluac
sanft und kraftlos, mit tückischer Sparsamkeit. Endlich bekam er Slims
Fingergelenke an dessen linker Hand zu fassen und zwängte sich wie in einen Kamm
hinein; Slim vergass seine Rechte und schon war auch sie gebunden. Die Hand des
Indianers war klein und zusammenhängend. Er drückte Slims Tatze an der Wurzel
ab; Slims Gesicht verzog sich vor Schmerz, er hob seine Hände, so hoch er
konnte, über den Kopf empor. Die verhenkten Arme bildeten ein Dach, sie standen
schräg Mann an Mann gelehnt, mit der Berührungskante längs der Fingerknöchel.
Der Indianer lenkte die Kraftanstrengungen des Weissen, der sich auf die Zehen
stellte, ab, riss die Arme zur Seite, und Slim verlor das Gleichgewicht; aber
seine Schultern und Arme waren nicht zu biegen. Sein Hals war strähnig wie der
eines Lastträgers. Sie gingen während des Ringens mit zähen Schritten vor und
zurück. Aber auch der Indianer besass ruhige und sachliche Kräfte, auch er wirkte
zäh wie eine Stahlfeder. Wenn Slim durch schnelle Risse die Arme um Luluacs enge
Hüften schlang, band sie sich der Indianer wieder wie einen Gürtel ab. Dann
sprang Luluac allemal auf des Gegners Finger los; und nun zwang er einmal Slims
Arme in die Ellenbogenbeuge, nun hatte er ihn, mit verhenkten Fingern rangen sie
vor den Gesichtern, tauchten einer des anderen Hände bis zu den Hüften herab.
Die Handriste des Amerikaners wurden steif und schmerzten. Luluac liess sich die
Gelenke wie Gummi zurückbiegen, ohne Qual zu verraten. Seine Kraft sass im
Rückgrat und in den Lenden, dort war er biegsam und sicher, unausdrehbar
stählern. Slim konnte den Schmerz nicht länger ertragen, mit einem wuchtigen
Ruck seines schweren Körpers bekam er plötzlich die Hände frei und begann Luluac
in die Brust, auf die Oberarme, ans Kinn zu boxen. Luluac verlor die Haltung,
gleich darauf aber sprang er zurück und wieder vor und hing sich mit beiden
Händen an Slims rechte Faust. Was er dort vornahm, war nicht erkennbar; aber es
musste Slims ganze Aufmerksamkeit verlangt haben, denn dieser vergass seine Linke.
Und schon hatte Luluac auch sie zwischen Puls und Handballen wie ein Kneif
umklammert. Er schraubte die Hand vom Gelenke los. Abgestorben sass sie auf dem
geschwellten Ring, den sein Zeigefinger und Daumen bildeten; es war fürchterlich
anzusehen, weil die Hände jeden Augenblick wie dicke welke Blätter abzufallen
drohten. Slim trat in seiner Pein dem Indianer eins mit dem Knie in den Bauch.
Er war nervös und verzweifelt, er kannte sich nicht mehr aus vor Schmerz.
Luluacs Nacken war von Muskeln steif wie ein Schild. Langsam sank Slim in die
Knie, sein Rücken begann sich zu höhlen, erst streckte er das Hinterteil hinaus,
dann schnellte er es einwärts, und schon rollte er wie eine Welle förmlich in
den Boden hinein.
    Zana sah hundsäugig, mit schnüffelnder Aufmerksamkeit seiner kämpferischen
Gestalt, seiner prächtigen knochigen Wut, seiner grausamen Niederlage zu. Sie
sog es ein, wie einen herrlichen Genuss. Die Indianer umher schwiegen fein und
sieghaft. Dieses Schweigen war unverschämt, es war taktlos und ich ertrug es
nicht. Der Met schmeckte süss und kühn, und Ehrgeiz brannte mir in der Herzgrube.
Aber das allein war es nicht. Der föttische Blick Zanas stachelte mich. Sie
hasste ich am meisten. Ich sah unser Prestige schwinden, und der Gedanke trat mir
nähe, etwas dafür zu tun. Hatte ich heute morgen mit dem Mauser Glück gehabt,
durfte ich auch jetzt eine Ehrenrettung wagen. Turnerische Erinnerungen kamen
mir zu Hilfe. Ich stützte mich auf beide Hände und konnte ein paar Schritte auf
ihnen tun. Aber das Blut schoss mir zu Kopf und die Ellenbogen knickten ein,
meine Beine liefen mir oben weg und ich hatte Mühe, unten nachzukommen. So gut
es ging rettete ich mich auf meine Sohlen zurück, in aller Anmut, so dass man's
hätte für die Pointe halten können.
    Nun wurde mir warm. Ich fühlte mich zwar ein wenig verstört, war jedoch
keineswegs verlegen. Mein Ehrgeiz war nicht umzubringen. Wille, Wille, Wille!
Mochten andere mit dem Erfolg einer Sache vorlieb nehmen, ich hielt es mit einem
eisernen Willen. Zum Handstand gehört Philosophie! Während ich unternehmend zwei
Schritte zurücktrat, um den schönen turnerischen Schwung zu bekommen, schossen
mir die klugen Räsonnements zu Hunderten durch den Kopf! Vielleicht fehlte mir
trotzdem ein wenig das Bewusstsein für meine Situation? Dagegen erinnerte ich
mich just in dem Augenblicke, in dem ich die Handflächen geduldig zum sechsten
Male auf den Boden stemmte und mit den hinteren Extremitäten in der Luft Galopp
anschlug, einer Tatsache, mit der ich es bisher noch nicht recht genau genommen
hatte: Donnerwetter, von meinen vier Schüssen hatten ja eigentlich nur drei!
drei! getroffen! Die Scham schoss mir wie Frost in die Glieder, meine Ellbogen
zitterten wieder, und ich landete totgeschossen so etwas wie an meiner eigenen
Seite. Ich hatte das deutliche Gefühl, neben mir zu liegen, und es brauchte
einige Zeit, bis ich meine Lage im Prinzip feststellen konnte.
    Hu, Met ist doch ein verrückter Stoff. Nun sind sie alle wichtig und keiner
will sehen, was ich da eigentlich treibe. Ich danke für Met, wenn man keine
höheren Interessen damit verbindet. Es ist ein schädlicher Stoff und macht
blasiert. Indianischerseits schien man künstlerische Bestrebungen überhaupt zu
ignorieren. Aber der eiserne Wille, meine Lieben, das ist es, das ist das
Wichtige! Hu, schnurrig ist doch diese Sache mit Luluac; wie er sich prahlt und
seine Metode erklärt, und wie er sein Siegerlächeln hinter Bestürzung und
Verlegenheit verbirgt! Auch dahinter steckt nur eiserner Wille. Willen muss man
haben, hart wie Eisen. Dann sieht man den Menschen auf den Grund, bemerkt in
grossen Buchstaben, wie sich hinter ihrer Zuvorkommenheit Genugtuung versteckt.
Hinaus mit diesem Luluac, er schwindelt! Er hat zuviel Met gesoffen. Warum
schneidet er Gesichter? Ich durchschaue ihn! Warum kichert dieser Holländer? Er
verträgt keinen Met. Man sollte ihm das Mettrinken polizeilich verbieten. Er hat
keinen Met zu trinken!
    Van den Dusen war der einzige, der meine Purzelbäume ernstaft nahm. Ein
Umstand, den ich ihm nicht einmal dankte, sondern läppisch fand. Denn, sagte ich
mir, solch ein Kerl hat kein Recht, an meiner höheren Akrobatik sachverständig
teilzunehmen. Aber vielleicht macht Met boshaft? Van den Dusen war heute viel
boshafter als sonst. Dann, mochte ich mich einmal fragen, hatte ich diesem van
den Dusen schon einmal mein Hinterteil gezeigt? Worauf mir im Grundbass der
Überzeugung nur ein Niemals! einfiel. Nun aber stellte ich mich so, dass er stets
von meinen schlenkernden Beinen bedroht war; und, wich er aus, kam ich pünktlich
auf seinen Standplatz wieder aus der Luft herab. Ich hasste ihn. Ich mochte
Leute, die sich mit Met betranken, nicht leiden. Ihm gegenüber sass Zana, und
diese hasste ich auch. Sie war der zweite Bestandteil meines Publikums. Nur van
den Dusens verhasste Gegenwart trug daran schuld, dass mir das Gehen auf den
Händen nicht gelang. Und ich hätte Zana so Prächtiges vorzumachen gehabt! Ich
hasste sie, wenn ich mir denken musste, dass ich mich vor ihr blossstellte. Hatte
der Met auch sie boshaft gemacht? Alle Menschen waren heute boshaft, und ich
hatte doch gerade heute ein gutes Herz und wollte mit meiner Hände Arbeit etwas
für sie tun. Was, was konnte ich für Zana unternehmen? Womit konnte ich ihr eine
kleine Freude, einen hübschen herzlichen Spass bereiten? Hätte sie mir nur ein
freundliches Gesicht gemacht, so wäre ich ihr um den Hals gefallen. Ich zeigte
statt dessen keinerlei menschliche Rührung, sondern hielt an mich und
rekognoszierte das Terrain. Nach dieser wissenschaftlichen Betrachtung stemmte
ich mich endgültig, noch einmal! auf die Handflächen - verdammt noch einmal, die
Beine blieben richtig oben, aber mit der Tendenz kopfüber. Meine Hoffnungen
waren mehr als erfüllt. Ich dachte nichts Schlechtes dabei, während ich meinen
Beinen, die die Führung übernommen hatten, so hurtig als möglich mit den anderen
Körperbestandteilen nachzueilen trachtete. Aber plötzlich spürte ich ein
Hindernis, das sich schnell entfernte, hörte einen Schrei und sah es
fürchterlich hell werden ringsumher, etwas Heisses, etwas verteufelt Heisses
schlüpfte mir hinter die Kleider, au - da konnte ich das Tempo nicht mehr halten
und schnappte ab. Krachend und prasselnd sauste mir der Boden unterm Kopf weg
entgegen. Ich entsinne mich, dass ich es höchst merkwürdig fand, wie er sich
plötzlich schief stellte und mich auf den Rücken schlug. Er verdreht ja seinen
Akzent, sagte ich und lag in der Feuerstelle. Die Funken gingen wie eine rote
Brause über mich hinaus, kunstgerecht wie ein Braten lag ich da und hörte von
hundert Meilen weit her ein brausendes Triumphgeheul. Zwanzig Fäuste rissen mich
schneller als mein eigener Entschluss empor. Jacke und Beinkleider waren am
Rücken verkohlt. Mein erster Gedanke war, mir künftig einen Tropenanzug aus
Asbest machen zu lassen. Dann schalt ich die Unglücksstelle und sah ein, dass bei
einem so ungleichmässigen, so abschüssigen Boden, ja geradezu einem Abgrunde auch
der beste Turner seine Kunst nur verschwenden konnte. Wo war Zana? Sie war fort,
ich hatte sie verscheucht. O des Herzeleids! Aber dort stand sie doch an der
Mauer, nackt und mit glühendroten Bracelets um die Fussknöchel und band sich
angelegentlich einen Orchideenzweig mit verzupften Blüten um die
enggeschlossenen Knie - und wackelte entsetzlich, brachte die ganze Hütte in
unordentliches Schwanken, ih, weiss der Deibel warum!
    Ich empfand eine grosse Hitze. Die Indianer lärmten und hatten
undankbarerweise mein Kunststück schon vergessen. Waren räudige Hunde, diese
Roten, was? Slim zog die Augenbrauen hoch. Er interessierte sich nicht für mich,
für niemand, für nichts, nicht einmal für Zana. Selbst als sie von ihren
verstrickten Knien aufsah, zu ihm hinsah, rührte er den Kopf nicht von der Luke,
durch die er über sich hinausblickte. He, war die Hitze nicht enorm? Roch es
hier nicht nach Indianern? Roch es hier nicht vielleicht nach gebratenem
Menschenfleisch? Her damit, dieser Geruch gehört mir; es ist mein Fleisch, das
hier verbrannt wird, mich will man hier schlachten und verzehren; dieser Geruch
ist ein Teil von mir und ihr sollt ihn nicht zu speisen bekommen, ihr Saufbolde,
ihr verdammten Metwürmer ... In der spaltartigen Luke sah man Sterne. Der
Holländer kicherte und belehrte mich über das Gehen auf den Händen. Mit seiner
Figur! dachte ich. Dann dachte ich, dass der Met doch ein verdammt starkes Gesöff
sei, weil sie alle betrunken wären. Ich ging zur Tür, die sich flugs auf eine
Ecke stellte, so dass ich über den Pfosten kriechen musste. Draussen war es matt
und lau. Der Himmel hing schwer und niedrig von Sternen.
 
                                     XVIII
Sang- und klanglos fand ich mich zu meiner Hütte. Schräg gegenüber, wo die
Strasse sich ins Verschwinden bog, sah ich van den Dusen in die seine schlüpfen.
Er schien unterdrückt aufgeräumt, mit seiner Nase witterte ich eine Art
Unternehmungslust in ihm. Checho, der mich aus der Hütte begleitet hatte, liess
mich an irgendeiner Stelle im Stich. Das beschäftigte mich vorläufig; obwohl es
mich nichts anging, war ich doch im Augenblick so zerstreut, dieser ganz
gleichgültigen Sache eine abnorme Wichtigkeit zu widmen. Ein leises Missvergnügen
in mir fischte, ohne Köder, irgend etwas anderes wurmte mich; nun wurmte es
mich, dass Checho fortlief - hopp, da fischte es mit diesem Wurme!
    Die Sterne hingen voll am Firmament. Sie hingen so dicht, dass sie sich
gliederten, und flüchtige Verbindungen blitzten zwischen ihnen auf. Wie
metallische Glutspäne kräuselten sie sich, durch die ein Atem geht.
    Checho war in meinen Augen ungezogen; war es etwa manierlich, fortzulaufen?
Sonderbar, dass alle Leute sofort an gutem Ton einbüssen, was sie an Laune
gewinnen. Wo konnte - na, war es nun Checho, den ich meinte, oder war er es
nicht - wo konnte er nur hin sein? Ich rang mit einem Gedanken, einer Vermutung,
die ich schon einmal aufgestellt haben musste. Aha, sieh mal her, da war ja
Aruki; sie war allein, ihr Mann war noch nicht zu Hause, steckte vielleicht bei
der Hexe Zana oder einem anderen Frauenzimmer. Indes pflegte Aruki ihr Baby,
sang zwischen den Zähnen und dachte an weiss Gott was Trauriges. Ich hatte nichts
mehr übrig für sie und war voller Hohn für ihre weibliche Fülle. Auch Checho
half ihr nicht über den schwermütigen Abend hinweg; auch er musste endlich
daraufkommen, dass zierliche Magerkeit das eigentliche Ideal für einen
indianischen Helden bedeute. Geschah ihr recht; nun da es zwischen Checho und
ihr aus war, hatte sie nichts mehr von ihrer früheren Unerreichbarkeit; auch ich
war sozusagen eine Art Held meiner Rasse und hatte meinen Geschmack zu pflegen;
man hatte da doch gewissermassen Verpflichtungen. Wir rächen uns stets an unseren
Träumen; wir verraten stets unsere eine Sehnsucht an die andere. Dass ich nach
dieser Seite hin also gleichsam frei wurde, war für mich erfreulich. Es gab mir
einen regelrechten gesunden Stoss und zugleich sah ich blendend klar.
    Hol's der Kuckuck, man sollte kein Mandioka saufen, wenn man es nicht
verträgt. Nun hatte Slim sich mit dem Häuptling gerauft - Slim. Das fiel mir
ein, und wie ein Berg sass es mir am Herzen. Und was tat nun Slim weiter? Um es
nur gleich zu gestehen, Slim war auch der Wurm, der unterirdisch mein Bewusstsein
benagte, gespenstisch an meine Laune pochte und mit einem formlosen Blick meine
Zufriedenheit beäugte, wann immer sie sich einstellen wollte. Ich frug
vergesslich, wo denn nun dieser Checho hin sei und was er treibe, und war höchst
erbost über sein ganz unverständliches Benehmen - aber eigentlich meinte ich mit
alledem nur Slim. Wenn man überlegte, wie das alles gekommen war, diese ganze
Niederlage, die mich jetzt so beunruhigte! Ich erinnerte mich, dass van den Dusen
betrunken sein musste. Hochrot war er gewesen und sichtlich echauffiert. Hm, und
nicht einmal Slim hatte davon vertragen. Ich dagegen hatte eine gute Schule
hinter mir. Es war nicht die erste Zecherei, die ich siegreich überstanden
hatte, was wäre da anderes zu wollen? Ich hatte Nerven, wohlverstanden Nerven.
Ich konnte Gift wie Käse essen, meine Nerven kamen grossartig hindurch. In mir
stak der ideale Nervenmensch, meine Wachsamkeit bestand über meine Vergiftung
hinaus. Je schaler der Geschmack im Munde, desto überlegener das Gehirn. Je
schlaffer der Magen, desto strenuoser das Bewusstsein. Ich beseitige Krankheiten
durch die Diagnose, ich heile Unstimmigkeiten mittels Analyse. Etwas
Fortschrittlicheres lässt sich kaum denken. Prosit, Slim! Sie sind überholt, Ihre
Nerven sind mit Ihnen durchgegangen. Man rauft sich nicht, wenn man
voraussichtlich den kürzeren zieht. Mit Purzelbäumen ist das anders. Das ist ein
platonisches Vergnügen, zumal wenn niemand zusieht. Übrigens, waren Sie schon
jemals so tapfer, ins Feuer zu steigen? Haben Sie sich jemals freiwillig am
Rücken schmoren lassen? Ich bin wie ein Satan hindurchgeritten, die ganze Hütte
war auf, als ich meinen feurigsten Feuertanz tanzte. Meine Haare sind versengt.
O wie furchtbar hell es um mich war! Immerzu, Slim. Aber Mandioka ist zu süss und
hinterlässt einen faden Geschmack, wie, finden Sie nicht?
    Ich empfand mich intensiv wach. Laue Wellen kamen vom Djungle und von der
Savanna her, kühle feuchte Stösse vom Felsenbach. Ein ehernes Klingen, das
schwärmende Lärmen der Zikadenchöre, schien unter den tiefhängenden Horizont
gepresst, aus dem ein weisses Feuer, in Myriaden von Kombinationen gleich denen
der Lärmschläger, zuckte. Dies war beruhigend, dies läuterte. Aber Slim hatte
nicht sich allein, er hatte uns alle in die Patsche geritten. Was war das für
eine Idee, mit dem lästerlich langen Kerle anzubinden, dieses Mädchens wegen -
wo blieb Slims Überlegenheit? Unser Prestige, mein Prestige war es, das er
verspielte. Er hätte uns nicht mitreissen dürfen. Uns. Die menschliche
Gesellschaft darf nicht durch die Handlungen eines Einzelnen gefährdet werden.
Und ich war das Gewissen dieser Gesellschaft. Wenn ich überlegte, wie Slim sich
da erhob, in seiner ganzen Glorie als grosser und starker Mann, seine imposante
Figur im Feuerkreise aufpflanzte, so fühlte ich, wie sich die Seele der Welt vor
Scham zusammenkrampfte. Ich selbst kam hier gar nicht in Betracht, obwohl auch
ich - aber die Gesamteit war verletzt. Was mussten sich die Indianer gedacht
haben! Die saure Empfindung ungebrauchter Muskeln, die in allen aufstieg, war
Takt, nichts als menschlicher Takt gewesen. O ich kannte ihn gut, wie er
aufsteigt, langsam und sauer wie eine böse Regung; aber er war eine gute soziale
Regung. Männer beneiden einander um jede Art von Aktivität und sei's nur die
einer Ohrfeige. Es war nicht schön von Slim und höchst unlauter, dass er gegen
das Programm auftrumpfte. Man konnte das Missbehagen verstehen, das durch den
Trupp ging, als Slim seine eigenen Heldentänze unterlegte. Es war, mitten unter
der feinen Leistung Zanas und ihres Bruders, ein Schlag ins Wasser. Nein, Slim -
au!
    Mein Rücken schmerzte; ein zähes Kneifen machte ihn widerstandsunfähig und
steif. Um Gottes willen, mein Rückgrat war doch nicht um ein gut Stück kürzer
geworden? Es waren doch am Ende nicht zwei Wirbel ineinandergerutscht? Das also
war das Ende dieses abenteuerlichen Tages, Slim bekam Prügel und ich würde
hinfort nun oder doch eine Zeitlang mit dem schneidigsten Hexenschuss der Welt
durch das Leben wandeln, immer vorausgesetzt, dass da noch zu wandeln war!
    Mit wundem Rücken zog ich eine Matte vor die Tür und legte mich unter die
Palme. Es war nach Mitternacht und die Moskitos lagen jetzt zu Tausenden auf den
Blättern und Blumen des Djungles oder tanzten über einer der lauen Pfützen
seitlich am Flusse, in denen sich ein Stück Mond spiegelte. Über mir funkelten
grosse fette Sterne und kleine, die wie Dreiecke aussahen und an den Scheiteln
richtig zu explodieren schienen. Zwischen den hervorragenden entstanden mittels
drahtiger Linien rohe Figuren, klotzige mytische Gebilde. Der Gesang der Zirpen
ebbte auf und ab. Eine einzige in der Nähe, die mit rätselhaften Umzügen bald
von hier, bald von dort zu tönen schien, konnte alle anderen übertrumpfen. Aber
wenn sie schwieg, stieg an allen Ecken und Enden der Welt ein metallisches
Brausen empor.
    Aus dem Djungle drangen tierische Schreie. Das Dorf selbst war heute abend
lebendiger als sonst. Gestalten huschten die Wege entlang. Ein kleines Wesen
bewegte sich mehrmals in meiner Nähe auf und ab. Es musste ein Weib sein. Was
wollte es? Ich wurde neugierig. Dann verwünschte ich es, weil es dick und
ältlich schien, und es verschwand, als hätte es meinen Unwillen gefühlt. Ich
musste an Zana denken. Aruki, die süsse, nun die profane Geliebte von ehemals
tröstete wieder ihr Kind. Mit trauriger Stimme winselte sie sich und ihm ein
gemeinsames Leid vom Leben vor. Tja, wozu war dies Leben gut? Wozu lag ich hier
in diesem indianischen Neste auf der faulen Haut, statt in gepflasterten Strassen
zu wohnen, zu arbeiten, mich zu ärgern und zu lieben? Das gewöhnlichste Ärgernis
mit etwas mehr Komfort wäre ein Labsal gewesen. Hier aber war ich ausgeschaltet.
Hier war mein Platz nicht. Kummer schloss mir die Augen und ich wünschte den
Schlaf, zu vergessen.
    Was war unter diesen Kannibalen zu holen, diesen Lebemännern von anderer
Leute Schmerzen? Der Wust und Aufwand von Muskeln, Fleisch und Sinnlichkeit
erdrückte mich. Ich wollte fliehen, ich sah braune Menschen auf vier Füssen
hinter mir herjagen, sah sie nach Katzenart sich zum Sprunge rüsten. Einer sass
mir im Nacken und frass. Es schmerzte. Ich hatte ein deutliches Gefühl seines
genusswütigen Gesichtes. Ich nahm alle Kräfte zusammen und schüttelte, schüttelte
mich in einem konvulsivischen Grauen - da fiel es von mir ab. Der Schmerz
schwieg, und sogleich fühlte ich durch die Erleichterung einen vehementen
Schwung, ich krümmte mich zusammen und schnellte mich hinaus in den Himmel,
frisch wie eine Schnuppe. In weitem Bogen flog ich über das All hinweg, in den
Hüften geknickt, mit dem Gesichte voraus. Links von mir stand ein fetter Stern;
dann kamen andere und kamen so dicht, dass ein Zusammenstoss unvermeidlich schien.
Wir stiessen an; aber merkwürdigerweise spürte ich den Schmerz an meinem Rücken.
Dies brachte mich auf die Idee, dass ich eigentlich nach rückwärts flöge. Und es
bestätigte sich. Kommt es denn so selten vor, dass man sich bei Gravitationen
falsch orientiert? Jede Sonne kann das erzählen. Ich habe für diese
Indifferenzen das schöne Symbol des Wasserrades gefunden. Ich flog also mit
meinem Hinterteil voraus; vielleicht stand ich aber auch irgendwo im
Unendlichen, und das gesamte Weltall rotierte gleichförmig an meinem Rücken
vorbei. Die Sterne, dummes Silbergeklingel und steife, eingedörrte Krötenbälge
traten, so oft sie anstiessen, beim Steiss in meinen Körper ein, verursachten ein
sprödes Krachen und nahmen ihren juckenden Weg mit demselben trockenen
Schnalzton wieder beim Hinterkopfe heraus. Auf diese Weise absolvierte ich so
ungefähr das ganze Firmament, es rieselte zart und raspelnd wie eine
Ameisenstrasse durch meine Wirbelsäule hindurch. Unter mir gab es plötzlich hohe
Häuser, eine gepflasterte Strasse heimelte mich an. Und obwohl ich einige Meilen
hoch darüber hinschwebte, war es doch, als ob ich mich mit meinen Augen in
Menschenhöhe über dem Niveau der Strasse befände. Zum zweiten Male musste ich die
Ansicht über meine eigene Lage wesentlich ändern. Es stellte sich heraus, dass
ich in der Tat mit dem Kopfe nach unten, die Beine hoch oben in der Luft, durch
eine Strasse dahinpfiff. Mein Rumpf war so unermesslich ausgedehnt, dass ich
beinahe die Fühlung mit meinem Kopfe verlor. Ich erkannte, dass ich sozusagen im
Handstand durch die Luft segelte und mein Kopf, der nicht mehr mir gehörte und
mit einer Unzahl von Sternen belastet war, die dort nicht mehr herausfanden, mir
den Dienst versagte. Eine ungeheure Sehnsucht befiel mich, auf dieser Strasse,
die mir bekannt schien, haltzumachen. Ich wollte die rechte Hand ausstrecken. Es
ging schwer, es ging zäh, sie schrumpfte plötzlich zu einem tauben Handschuh
zusammen, aber im nächsten Augenblicke wusste etwas in mir Rat: wie ein
brennender Siegellacktropfen fiel, gleichsam bestellt, ein winziger weisser Stern
zur rechten Zeit auf meinen Handschuh, schlüpfte dort auf eine merkwürdige Weise
hinein und beschwerte ihn tüchtig. Jetzt war es wieder eine Hand. Sie berührte
mit einer stumpfen Empfindung den Boden. Es war weicher Asphalt, der sich aber
sofort härtete, als ich mit dem Rücken derb darauf zu liegen kam. Noch ruderte
ich halb rücklings halb kopfab die Hauswände der leeren Strassen entlang, keine
Seele war da, die sich in meiner hilflosen Lage um mich gekümmert hätte. Noch
schossen die Sterne wie Raketen die Leiter meiner Wirbel hinunter; am stärksten
war das Bombardement an der linken Seite, wo ein ganz grosser, fetter, grässlicher
Kerl immer wieder ganze Serien von Verwandten durch mich hindurchsandte. Da kam
ich endlich in Fühlung mit der Strasse, lief eine Weile auf dem rechten Arme eine
Strecke Weges weiter und krachte dann kopfüber hin. Es war plötzlich
fürchterlich helle. Bautz, da lag ich, und alle Sterne, die in meinem Hintern
aufgespeichert waren, explodierten wie ein Schwarm Funken um mich her.
    Da fühlte ich mich vom Leben vollständig besiegt, denn ich entsann mich, dass
es acht Uhr morgens war und dass ich in die Schule musste. Ferner, dass ich meine
morgendliche Träumerei am Strassenpflaster in ungebührlicher Weise ausdehne. Ich
fühlte mich tief geknickt, ohne Lebenslust, ohne das Schwergewicht eines
Charakters, wie ich dalag, jenseits des Lebens, ganz nördlich von den
einfachsten warmen Regungen, ohnmächtig, nur einen Finger zu rühren. Um aber
meine Niedergeschlagenheit nun noch zu begründen, kam ein schlankes Mädchen des
Weges daher. Sie war braun und hübsch, und ich schrie ihr zu: »Hallo, Zana, wie
geht's?« Sie hatte einen dichten Schleier mit Fasern und Punkten vor dem
Gesicht, so dass die Schatten davon auf ihrem Teint fleckten. »Ach, Zana«, sagte
ich voller Sehnsucht, »nehmen Sie doch einmal den Schleier von Ihrer Tätowierung
ab.« Sie sah recht rot an den Wangen aus, aber sie tat nicht, als ob sie mich
gehört hätte. Sie ging weiter und liess mich elend zurück. Heftig suchte ich mich
zu bewegen, die seltsame Last meiner moralischen und körperlichen Pein zu
sprengen. Angestrengt dachte ich nach und suchte mit den Augen nach meinen
einzelnen Gliedern, die sich von mir losgelöst zu haben schienen. Meine ganze
Konzentration legte ich in diesen Blick. Da wurde es mir bewusst, dass ich mich in
einem Dämmerzustande befand, der zwei Tiefen besass.
    Ich dachte exakt, aber ich erlebte zweideutig. Es war die Trance, das grosse
seelische Ereignis der Tropen. Ich wusste über meine geistige Anwesenheit
Bescheid, aber ich vermischte die körperlichen Grundlagen, ich war imstande,
zwei Räume ineinander zu schieben. Es ist ein entsetzlicher Abgrund von Tiefe,
der sich hier auftut. Ich war imstande, zu denken, dass das Bild der Sinne im
Verhältnis zum geistigen Zustande absolut gleichgültig sei; aber ich vermochte
mitsamt der enormen Anstrengung von Gehirn und Willen nicht, dieses Bild zu
beeinflussen, ich kam buchstäblich nicht vom Flecke. Mein Dasein blieb in diesen
Minuten trotz ausserordentlicher geistiger Leistungen ein nur verhältnismässig
Wirkliches.
    Ich befand mich in diesem Augenblicke auf der Strasse einer grossen Stadt.
Aber diese Wirklichkeit ignorierte ich. Ich war gezwungen, eine Vision zu
erleben, die ich leugnete. Mühevoll leugnend nahmen meine angestrengten Augen
eine grüne Spitze aus, die sich hypnotisierend bewegte. Langsam erinnerte ich
mich, dass sie einem Palmblatte ähnlich sah. Ein Fräulein Zauner oder Zana - der
Klang haftete mir nur flüchtig im Ohr - war wieder da. Sie hatte ihre Würde
abgelegt, jetzt frotzelte sie mich und schwang die Palme wie ein Gassenmädel
über mir. Meine Sehnsucht nach diesem Mädchen war grenzenlos. Es stand zu meiner
Linken, irgendwo an ihm, auf einem Stengel hinterm Ohre oder in seinem Haar,
schwankte eine pralle weisse Rose. Das Mädchen sagte nichts, aber es zirpte mit
einem berückenden Laute so unaufhaltsam süss und furchtbar, dass sich meine
Eingeweide vor Leid zusammenzogen und Tränen mir die Augenwinkel herabrannen.
Wie das wollüstige Zirpen, so waren die Tränen schwer, schwer und rund, und ich
konnte jede einzelne nachrechnen, konnte ihr förmlich mit den weinenden Augen
nachblicken. So scharf und vielseitig war meine Beobachtungsunrast und die
Spannung meiner Phantasie. Den kleinsten und intimsten Dingen konnte sie sich
mit der Bewusstseinsfalle zuwenden. Die Schauer dieses Zustandes, eine Mischung
von Lust und Qual, unbegrenzter geistiger Freiheit und körperlicher Starre,
wurzelten in einem Gefühl zartester Lauterkeit. Zana, kleines Grillenweib!
träumte ich schluchzend. Aber mein Geist blieb indem hart bei der Wirklichkeit
oder bei etwas, das er als solche empfand. »Bitte, Fräulein Zana«, sagte ich in
seinem Sinne und sehr sachlich, »ich halte Sie für kokett. Ihr gemusterter
Schleier mit seinen Teintwirkungen ist ein Nachkomme der indianischen
Tätowierung. Geben Sie sich keine Mühe. Ich liebe Sie nicht. Zieren Sie sich
nicht mit dem Schirm, ich weiss schon, dass es keine poesievolle Palme ist. Sie
verwenden schrecklich alte Mittel, um mich zu fesseln. Ich verabscheue Ihre
Pikanterien.« Mein Herz brach, als es so log. Aber es log mit den Wahrheiten
meines Geistes. Er verwertete sie praktisch, benützte sie zu einem an und für
sich simpeln Manöver, indem er auf den Weiberfang ging. Ha, was war es mit den
geistigen Wahrheiten? Waren sie vielleicht überhaupt nur das Rüstzeug der
geschlechtlichen Überlegenheit? Machte ich hier, von einem Frauenzimmer an die
Strasse gefesselt, diese Aperçus nur zu dem Zwecke, um ein Gegengewicht zu haben,
wenn das Mädchen mit den Tupfen im Gesicht prahlte? Liebe macht geistig und
ehrlich. Aber der Geist und die Ehrlichkeit sind so viel wert wie das Rouge
einer Mädchenwange. Heiha, wie ich denken konnte; aber auch dieses Denken, das
sich selbst bedenkt, ist nur ein Schleier, mit dem man etwas Wichtigeres
reizvoll ornamentiert. Körperlich ausgeschaltet lag ich da als idealer
menschlicher Organismus. Die selige Frage des Organs gestaltet sich zu einer
profunden Erkenntnis. Während ich dem Mädchen nachsah, das dahineilte, ging es
mir blitzschnell durch den ausserordentlich klaren und angeregten, Kopf, dass
Beobachtung ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Lust und eine geradlinige
Äusserung tierischer, ja vegetativer Funktionen sein möge.
    Fräulein Zanas Abgang rührte mich. Ein knapper Rock fesselte sie über den
Knöcheln. Sie konnte nicht ausschreiten, sie ging hastig und mit kurzen,
humpelnden Schritten. Ihre Halbschuhe trugen Schnallen und Maschen. Da erkannte
ich es wieder, wie ich es vor vielen Jahren erlebt hatte. War Zierlichkeit eine
Ableitung, eine Verkleinerung, eine Korrumpierung von Grausamkeit? Der Sinn des
Brutalen, Beschränkenden, Verstümmelnden schürzt die Falten am Körper des
modernen Weibes, ringt verlangend in den Formen der Bekleidung, sprengt sich
leer und inhaltslos, müde vom vergeblichen Bitten im sehnsüchtigen Schein des
Tuches an, alte Lüste zu verbildlichen. Alles was der Mann einst hatte, prangt
heute als starre Formel in der Toilette unserer Dame. Alles was der Mann einst
an Männlichkeit vergab, näht, stickt und flickt sie sich heute nach Eigenbedarf.
Sein Körper ist nicht mehr durch Muskeln interessant; sie aber trägt den Fetisch
verwirrender Verschlungenheit, wie ihn der nackte Mann bot, nun zahm und zahnlos
selbst mit sich herum. Und liebt, wie sollte es anders sein, den Halspelz wie
einen Bizeps, den engen Rock, der Formen wirft, wie eine tastende Hand, das
Korsett wie die gewaltige Umarmung, die einst die natürliche Schönheit ihrer
Hüften und Brüste genoss, und schreitet mit dem schlanken Schuh den alltäglich
gewordenen Phallustanz. Wild, grausam, geil prangt die Pracht unserer Weiber,
seit nicht mehr Männer, nur Tuch und Leder ihrer Sehnsucht antworten. In den
ursprünglichen Gewaltakten vom Opferblick gekitzelter Urmenschgatten sah ich die
Eltern unserer Moden. Und so wandelte auch das Mädchen lieb und voll versteckter
Demut in ihrem Gefängnis, trug es mit sich die Strasse entlang und empfand sich
prachtvoll. Ihr Rock brachte die doppelte Sattelung ihres Leibes über den Hüften
und an den Knien zur Geltung. An den Knien wogte die Kontur ihres Rumpfes mit
einer grossartigen Schwingung zurück. Dieser Engpass beschloss die schnittige Mulde
ihres Schosses. Sanftmut und Ergebenheit stiegen aus warmen Formen, folterten
durch eine laue, entnervende Zärtlichkeit, die sich zwecklos in ihnen zu
verschwenden schien. Das Tuch liniierte die Geheimnisse dieses Mädchens. Mein
Kopf barst von uralten Empfindungen, entlegene Eigentümlichkeiten und
Liebhabereien aus Kinderzeit fielen mir nachträglich ein. Schönheit, war es das,
was wir als Fixes, mystisch geregeltes Göttliches anbeteten oder: Pietät gegen
gute Erfahrungen?
    In der langen Strasse einer grossen Stadt geschah es, dass mich die Sehnsucht
nach dem Weibe ankam. Ich sah das Mädchen wandeln. Plötzlich begriff ich unseren
Urzustand und erfasste unser Verhältnis als eine primitive Frage erwünschter
Gewalt diesseits von Sitte und Benehmen. Und nun geschah etwas, dessen
Sonderbarkeit mir deutlich zum Bewusstsein kam. Der böse Palmzweig, den das
Mädchen mit den schadhaften Stöckeln über mir geschwungen hatte, wurde eine
vollständige und wirkliche Palme. Etwas Neues und Zusammenhängendes baute sich
um mich auf. Ich begrüsste es mit einem schwachen Schimmer von Wiedererkennen. Es
erlöste das Gemüt wie Langvertrautes; vage Bilder von Urgefühltem reiften
langsam herauf: und da, mit einem Schlage war es da, hatte ich einen Namen und
nannte es: Tropenlandschaft. Ich lag mit dem Rücken unter einer Palme. Das Kreuz
schmerzte mich, so dass ich Bewegungen unterliess. Meine rechte Hand lag schwer
unter mir, sie war gleichsam eingeschlafen und hing leer herab. Links über mir
glomm in einem wilden Gewimmel von Sternen ein grosser prallweisser Planet mit
intensivem Lichte. Er stach nach meinen Augen, bändigte mich mit seinem Strahl
wie jener lange Muskel, die Schlange. Er übte einen erstarrenden Einfluss aus. Er
bannte mich, und ich träumte schwer, aber mein Scharfsinn blieb wach und
kritisierte den Traum. Ich sah mich in einer Tropenlandschaft vor einer
triangulären Hütte liegen, die aus Palmstroh bestand. Meine Augen waren rund
aufgeschlossen und gebrochen: ich gewahrte sie mit Entsetzen wie etwas Fremdes;
in ihnen sass kalt und fett ein weisser Stern und frass sich wie ein metallischer
Wurm, wie eine weissglühende Entzündung in den aasigen Glanz der Augäpfel ein.
War ich tot oder war ich krank, dass ich so dalag und die Zeichen fiebernder
Verwesung ihren Glanz in meine Augen bohrten? War es Erinnerung oder war es
Vorzeichen? Oder war es Symbol, war alles nur Symbol für einen inneren Zustand?
Ich dachte normal und schnell. Dieser Zustand entbehrte trotz einer leisen Qual,
trotz Schauder und Zweifel nicht der Seligkeit. Ich war vor Glück erfroren, war
in einem frostigen Wohlsein gelähmt. Ich ahnte die Tatsache Trance. In diesem
Zustande waren die zwei Tiefen der Seele, Traum und Untraum, verschiebbar, und
alles war Traum, alles war Wirklichkeit. Die Welt der Logik, das Phantoplasma,
das Bild gewordene System der zureichenden Erklärungen war zwiefach. Es pendelte
zwischen zwei Rhytmen, davon jeder bloss der Umschwung des anderen war. Was ich
hier dachte, konnte ich auch dort denken. Derselbe seelische Verlauf konnte ein
verschiedenes Phantoplasma, sei's Traum, sei's Wachleben, unterlegen.
Phantoplasma, so nannte ich diese Entdeckung, die ich in meinem höchsten
entkörperten Augenblicke, in der Trance, entdeckt habe.
    Diese stramme Kopfarbeit, für die ich sonst ungefähr die Konzentration einer
Stunde berechnet hätte, wurde in wenigen körperlichen Sekunden geleistet. Denn
das Mädchen hatte sich inzwischen erst einige Schritte entfernen können. Sein
Entschwinden erweckte mich. Ich war wieder in der Strasse zwischen den grossen
Häusern. Aber diese Schnelligkeit war gering zu dem Nichts an Zeit, mit dem sich
die bildlichen Grundlagen meiner geistigen Erregung änderten. Diese Erregung war
das einzige Solide und Dauernde während der ganzen Trance. Ich habe einen
ausserordentlich treu überlieferten Zusammenhang meiner Gedanken davon bewahrt.
Mein Leib aber schien indessen doppelt vorhanden, ich fühlte zwei Leben mit
derselben gemeinsamen, geistigen Spitze, ich lebte in der grossen Strasse und
lebte in einem indianischen Dorfe; freilich ahnte ich im Grunde, dass die Stadt
eine Realität, das Dorf aber eine, wenn auch heftig empfundene Vision war.
Manchmal verschmolzen die Eindrücke; der eine war der, dass ich mich in einer
städtischen Strasse befände und mir gegenüber eine Figur, die ich intensiv als
weibliches Wesen empfand, sich entferne. Plötzlich stand das Mädchen nackt da.
Nein, es war nicht ganz nackt, sondern trug bis über die ominösen Knie schwarze
Strümpfe und auf dem ein wenig schiefgelegten Kopfe einen pompösen Hut. Als ich
mich mit den Knien beschäftigte, fielen die schwarzen Strümpfe fort. Die Knie
sahen jetzt um ein gutes Stück harmloser aus. Der Hut mit der grossartig
wallenden Straussfeder machte gleichfalls eine Metamorphose durch. Das
Koturnprinzip, auf Schädel angewandt, das in diesem Hutriesen stack,
vergrösserte den Massstab der Figur, der weibliche Helm gab ein übertriebenes
Zeugnis dämonischer Macht. Sein Nachfolger war ein mystisch und böse blickendes
Geflecht, das nun das weibliche Haupt bedeckte, und Büffelhörner und
Vogelschwingen spielten eine dräuende Rolle darin. Im Nu war auch dieser
Standpunkt überwunden. Das nächste war jetzt ein kleines Gesicht mit schwarzen
Strähnen bis zu den Achseln. Zwei reizende kleine Eberhauer durchbohrten die
Oberlippe. Sie war im Verhältnis zur schmalen unteren, deren Fleisch sich wild
und dunkelviolett durch die ein wenig narbige und verzerrte Haut presste, voll
und überreif wie platzende Beeren im Djungle. Da wusste ich, dass es das Gesicht
der Figur war, die mir gegenüber an der Zeile der Strohhütten entlang mit dünnen
Knien vorbeischlich und jetzt über den Grenzstrich der Schatten ins bleiche
Licht hinaustrat. Sie war in einen Panzer von weich fliessendem Silber gehüllt.
Ihre Füsse schienen ein wenig schadhaft. Obwohl die Entfernung zu gross war, wusste
ich, dass die Figur an ihren Knöcheln eine kleine strählige Schorfwunde haben
musste, wie sie entsteht, wenn die Gelenke zart sind und sich bei einem gewissen
weiblichen Gange scheuern.
    Die Figur entschwand. Unbehagen und Unsicherheit zerstörten meinen
Gedankengang. Ich wollte zurück in die grosse Strasse, aber es misslang. Sie schien
mir plötzlich ebenso unwirklich wie die Landschaft, die ich träumte. Und nun war
mir aller Boden entzogen und ich fiel in eine blasse, unkörperliche
Wirklichkeit. Alles, was mir da erschienen war, schien gar nicht vorhanden, und
ich stand, während ich doppellebig träumte, auf einem Grunde, den ich nicht
wahrnehmen konnte, einer dritten unbekannten Welt, die aber einen Rückhalt in
meinen Sinnen hatte. Und was ich da träumte, träumte ich gar nicht. Ich hörte
es. Ich hörte die Worte und sie schufen mir Sinne, die sie befriedigten. Es war
alles die Erzählung eines merkwürdigen Fremden mit mystischen Augen, den ich
Slim nannte. Er sah mich schwarz und ziehend an und ich näherte mich ihm
schwankend, vom Festen gelöst. Ausser uns beiden gab es nichts, die Welt, die
Stadt, die Landschaft waren nur seine Erzählung. Er erzählte singend und
weitschweifig, stieg eine unendliche steile Leiter von Bildern hinan, um in
einer ekstatischen Höhe die Stimme seiner Weltlust voll ausklingen zu lassen,
formte mit fortgerissener tatkräftiger Hand eine halbdunkle ewige Masse, um den
Funken seiner Seele in ihr verzischen zu lassen. Seine Erzählung war ein
einziges langes, wildes Lied. Und schon begann ich bohrend zu fragen. Wer war
ich in seiner Erzählung? Wer war er selbst? War er ausserhalb seiner Erzählung?
Und ich gewahrte, dass er nur ein Stück seiner Erzählung war. Er war die Gestalt
eines Buches, das ich las. Während ich es aber las, schrieb ich es, und ich
schrieb es ab von meiner Seele mit Schaudern und Staunen und Neugier. Alles was
ich träumte, war nur ein Buch, das ich schrieb, und es sollte alle die schwere
Weisheit meiner Jugend tragen, sollte im kalten Kelch meinen formlosen, doch
feurigen Wein kredenzen.
    Dies Buch sollte den Titel Zana tragen. Die Lautfügung Zana klang wie ein
Orchester fremder Musik, die ich visionär zu hören bekam. Ich fühlte mich
schwach vor diesem Buche, aber ich besann mich, dass es in der Trance geschähe
und gab meine Selbstkritik auf. Noch nie hatte ich Sätze von so wollüstiger
Bedeutsamkeit gelesen. Alle erschienen sie mir als runde und packende Griffe in
mein Beobachterleben, die gewöhnlichsten Worte und Verbindungen waren mir
unschätzbare Fundstücke, so übertrieben gehaltvoll, als hätte ich mich eigens um
ihretwillen den Mühen jener Dinge unterzogen, die sie schilderten.
    Wir waren eine Gesellschaft von Weissen aus aller Herren Länder und kamen in
ein Dorf zu Wilden. Wir hatten zweideutige Erlebnisse, lächerliche Erlebnisse
ohne Humor. Ich verliebte mich in Zana, die Priesterin und Künstlerin, immer mit
dem dummen Gefühl, dass von rechtswegen noch etwas Romanhaftes passieren müsse.
Aber alles Unheil, das wir anrichteten, war, dass wir uns nach Kräften
blamierten. Zana, ach, ich hatte ein tiefes Verhältnis zu ihr und alle meine
Sehnsucht war in ihr verkörpert. Sie war ein Exemplar mit gut erhaltenen
Instinkten. Ich gab mir redliche Mühe, vor ihren Augen zu bestehen. Aber wir
machten unsere Sache grundschlecht. Die Leute hatten bald heraus, dass wir
charakterlos waren und den dringendsten Ansprüchen an Menschlichkeit kaum
genügten. Wir konnten ja nicht einmal gehen, geschweige denn von anderem zu
reden. Wie ich sie hasste und fürchtete, diese Gesichter von Müttern ungezogener
Kinder, die uns mit gutmütigem Hohn auf die Füsse stiegen und für unsere Kleidung
mancherlei tiefgehende Neugier bewiesen! Es war der Stolz von Müttern, die eine
Rasse geboren haben wollten, deren elementare Lebensregungen freudig zu begrüssen
waren. Schon verkündigte sich in ihrem Getrampel der Takt, dem sie sich
einreihen würden. Sie wuchsen auf zur Bildung, sie wurden gross und stark, sie
formierten eine drohende wagende Kriegermasse. Im Sturmschritt tanzten sie vor
ihren Müttern, ihren Frauen! Die Pace, die Pace, diese war es, diese besassen sie
und uns ging sie ab. Eingeborenenleben, lustvolle Verkrüppelungen, freudevoller
Blödsinn des Daseins, all das ist höchst reizvoll und der Pflege wert. Und nun
wusste ich auch, warum ich diese Geschichte aus dem indianischen Djungle schrieb.
Ich hatte mich anzuklagen und zu rechtfertigen vor allen Zanamenschen, allen
Menschen einer höheren Gattung, die den Kopf frei trugen und einen inneren
Rhytmus, eine blutige Bestimmteit mitbekommen hatten, Menschen ohne Masse,
einfache Menschen, die ihre naiven Verrenkungen als schöne Krämpfe empfanden!
    Ich horchte in meine Kultur hinaus. Sie war ein weiter Saal, durch die
Menschen raunend schritten, kalt wie in einem Museum. Da war kein Takt, nur von
den Galerien und Gängen, aus den Saalwinkeln und von den Türrahmen hörte ich ein
Treten von Sohlen, Sohlen, Sohlen. Der Zehengänger waren nicht viele. Nicht
viele waren sprungbereit und straff. Sie huschten mit ihren Illusionen an den
Seltsamkeiten und toten Formen hin, ohne sie zu halten. In atavistischen
Kleidungsformen ohne Kraft, Symbolen, deren seelische Mächte gestorben waren,
die den Körper zwängten und den Schädel öde verlängerten, komplimentierten sie
sich aus dem Leben hinaus. Diesem Leben fehlten Grausamkeit und Würde, ein
später Falter aus heroischerem Geblüte pendelte es mit feudaler Verruchteit im
Gleichgültigen. Mit den Schimmern vergangener Zwecke und dem Atem prahlerischer
Geniesslichkeit behaftet, leidensunfähig und eitel, finden wir die Kelche des
Lebens blass und leer von Honig. Aber dies ist nicht des Menschen Sinn und
Schicksal. Der Mensch ist vom Katzengeschlechte, klein, schlau und beharrlich,
reüssierend, sich steigernd. Die Beobachtung war sein; er war das
scharfsinnigste und jägerischeste aller Wesen. Er hatte durch Beobachtung und
schöpferische Betrachtung seine Masse ins Ungeheure geschraubt, während alle
anderen Systeme in ihrer Grösse zurückgegangen waren. Sein Wille war sein
Schicksal. Seine Beobachtung seine Klaue. Mit seinen Wimpern marschierte er in
Weiten, die die Erde nicht kennt. Mit dem Strahl seiner Augen leitete er Ströme,
die ihn, er muss nicht wissen wohin, ins Gute reissen. Er ist eine schnelle und
eine tüchtige Katze, er passt scharf, und er versteht es, Wild zu sein. Gott hat
ihm Augen gegeben, zu lieben und zu verdauen. Dem Drachen aber den Wanst.
    Beobachtung! Beobachte dich selbst und du nimmst zu! Unter deinem Blicke
schwillt der Muskel. Du entwickelst dich von dir zu deiner Technik, von deinen
Wünschen zu deiner Art, vom Vergnügen zur Lust, von deiner Hast zur Pace. Und
die Pace ist gut. Haben wir sie verloren, so wollen wir sie uns wieder holen.
Wir reisen. Wir bezwingen den Wilden, indem wir ihn sehen kommen. Und nun holen
wir uns wieder, was wir für unser Gehirn eingetauscht hatten, aber wir geben den
Tausch nicht auf. Wir behalten, was wir besitzen. Denn unser Gehirn ist unser
Messer, eine feine Klinge der Beobachtung, die wir nicht vom Leibe geben. Es ist
unsere Pupille in der Nacht, unsere Nüster wider den Wind, unsere Sehne zum
sezierten Glied. Frigide Dichter, die Ruhe statt der Lust suchten und
schwächliche Beobachter waren, haben uns die Analyse verleidet. Ein guter
Beobachter aber freut sich seines Sehens. Er sieht nichts, das er nicht gerne
sieht. Er sieht, auf dass etwas zu sehen sei. Denn der moderne Mensch ist jener,
der solange hört, bis das Gras davon wächst. Es geht ihm gut dabei und er legt
sich darin auf den Rücken und singt in den Himmel, wenn es soweit ist.
    Auf der anderen Seite aber sehe ich im Hintergrunde den Takt der
Arrieregarde, das gerettete Überbleibsel und den Ruin von uralten Lüsten, die
tanzende Phalanx der Bürger, eine Humpelmaschine, lustlos und verdriesslich. Fade
verlängern sie den Hohlraum der Schädel mit steifen Bräuchen und verschönern
ihre Frauen mit engen Symbolen, deren Gleichniskraft erlosch. Das frohe Treiben
alter Wildheiten und die freudige Kunst der Verrenkungen zieht sich langwierig
und unnütz durch die Gesittung. Ein schäbig gewordener Rhytmus zupft noch
galvanisch an ihren Leichen, raunt noch verblasste Musiken zu ihrem Tun und lässt
sie hohlzahnige Lieder singen. Darum sollt ihr Verlorenen und Vergessenen den
Bürger mit dem steifen Helm guter Mächte nicht schelten! Aber ihr, Wildlinge und
Urwaldseelen, scheltet ihn doch, und lachet lustig, wenn die alte Phalanx tanzt.
Denn eine neue Bürgerlichkeit muss kommen! Eine neue strenge Sitte und Zucht,
harte Gesetze und frohe gottgewollte Abhängigkeiten! Lasset die Pace klappern
und freut euch. Die Eingeweide lechzen danach und schon knurren euch die Geister
hungrig ...
    Stille war um mich her und ein weisses Licht. Strahlte so der Geist? Ich lag
an der Grenzschneide zwischen Intellekt und Vegetation, ich fühlte, wie hart und
lebendig hier alles war, fühlte diese Formen weissen Lichtes, die sich willig
banden und lösten. Ich träumte, oh es war so gut, eine Wirklichkeit war's
zwischen zwei Wirklichkeiten, höhere und gültigere Wahrnehmungen aus dem
Lebensgefühle. Und ich kam innerhalb dieses Zustandes zu dem Schlusse, dass jede
Wirklichkeit, je stärker, desto träumerischer sei.
    Da nahte ich wieder, wenige Sekunden waren es, dass ich sie verlassen hatte,
den bunten Schwärmereien des versinnlichten Traumes. Zana war an den Hütten
vorbeigeschlichen. Ich schaute ins leere Sternenlicht. Draussen in der Savanne,
gegen den Djungle zu, erscholl der Heulschrei einer brünstigen Hündin. Ein paar
der Männchen im Lager schlugen an. Der Schrei der Hündin ging meinem
traumbeschwerten Herzen aus irgendeinem Grunde nahe. Ich sah Zana, mit
gefesselten Füssen in die Knie gesunken, die Arme hinterm Genick verschränkt. Da
fühlte ich meine männliche Unzulänglichkeit. Wie Schuppen fiel es mir von den
Augen: all diese Huld konnte mir gelten; auch mir, wenn ich ein anderer wäre,
mit ebeneren Gliedmassen und einer entsprechenden Haltung. Die Kleider, die mir
grotesk um den Leib hingen, missfielen; ich ahnte Zanas abfällige Blicke darauf
gerichtet. Man müsste - ha, es war ein vortrefflicher Gedanke, dieser Gedanke von
den Kleidern. Im Traume merkte ich, dass ich leis und zufrieden vor mich hin
lächelte. Mein Körper spürte ein gutes Wohlsein. Das Lächeln wurde breiter, es
kam aus dem Hirn, aus den Eingeweiden, es nahm den ganzen Körper ein und löste
sich endlich als klingendes Lachen aus meinem Halse los. Hallo? Eine Vorstellung
war mir durch den Kopf geschossen. Ich sah in der Ferne einen Mann vorübergehen,
den ich van den Dusen nannte. Ein guter alter Bekannter, eine geläufige Figur
meiner Phantasie, ein Standard meiner kritischen Beschäftigungen, der Typus des
Durchschnittseuropäers. Er kam aus einer Hütte, die weiter oben an der
Wegbiegung lag. Seine Gestalt war feist und schwerfällig und bewegte sich
verzagt vorwärts. Aber noch etwas war an ihr, das mich lachen machte, das mich
zum Biegen brachte vor Lachen, tiefem, donnerähnlichem Lachen. Mein Rücken
schmerzte, er krachte, sprühte vor rieselndem Schmerz, ich fand plötzlich, dass
mein rechter Arm eingeschlafen war und zog ihn auf Umwegen zu einiger Tätigkeit
heran. Der Himmel stand voller Sterne. Sie gingen in Paaren und koppelten und
bildeten wurmstichige Monde. Ich lag am Rücken und schwelgte in der Schärfe, mit
der ich sah und dachte. Da überkam mich das Lachen, ich lachte fanatisch - - - -
- - - - - - - und drüben kam van den Dusen in einer weissblaugestreiften Badehose
aus seiner Hütte. Ich hatte die Wirklichkeit geträumt!
 
                                      XIX
Am nächsten Tage schien die Sonne so hell wie je zuvor. Wilde Gerüchte
durchsprengten das Dorf. Der Gott war in der letzten Nacht von seinem Standplatz
in der Hütte, den er nun schon seit langem nicht mehr verlassen hatte, gen
Himmel aufgefahren. Er hatte ungeheuerlich gesprochen, hatte zu Herzen gehend
geböht und getutet und war in die sternenhelle Nacht hinaus verschwunden. Vor
den Augen der grossen Jäger war es geschehen. Als er wiederkam, hatte er mit den
Weissen gerungen und sie mit Unterstützung Luluacs furchtbar besiegt. Er hatte
die »helle Haut« mit unauslöschlicher Verachtung und Überlegenheit ins Feuer
geworfen. Zana hatte getanzt wie noch nie. Es waren Zeichen, und grosse Dinge
mochten bevorstehen. Es war ein guter Tag für eine indianische Seele. Aber für
die Nerven war es ein unerklärlicher Tag, denn alles kam sich unerklärlich vor.
Es war einer jener Tage, an dem Frauen mit ihren Männern zetern und die beiden
Geschlechter ihre Rollen getauscht zu haben scheinen, weil sie missvergnügt über
die Abwesenheit ihrer natürlichsten Sehnsucht sind. Ein kalkweisses dürres
Sonnenlicht füllte den Raum, ohne von den Dingen Schatten zu werfen. Das
Geschwätz war obenauf. Überall aus den Hütten ertönten aufgeregte Stimmen, die
Männer waren träumerisch und faul und die Weiber führten das grosse Wort. »Nein«,
sagte ich zu van den Dusen, indem ich ihn mit einem neugierigen Blicke ansehen
musste, »seh' ein anderer, wie er aus diesem Dilemma herauskommt, ob er sich für
Glauben oder Zweifel, für Mystik oder Pferdeverstand entscheidet. Ich habe von
dieser Nacht genug.« Da warf er mir einen rätselhaften Blick zu und ich begann
zu zittern und wusste nicht, warum. Es kam durch die Schwäche in meinen Gliedern,
die von Schmerzen zermürbt waren. Und dann dachte ich gründlich und sonnig über
manches, über soviel, ja soviel Sachen nach.
    Meine Nerven blieben sachlich und ohne Verschwommenheit. Es war ein durchaus
vernünftiger Tag; und ein allgemeines Naturgefühl erlebt fremde Zonen ungefähr
mit dem Eindrucksvermögen des Eingeborenen. Ich habe die Dämonen der Exotik nie
kennen gelernt. Als ich diesen Morgen erwachte, empfand ich Hass, nichts als
wilden Hass gegen die gleissenden Schauer, die von oben kamen, gegen das
ungemünzte lautere Triefgold, gegen die Trivialität dieser steten steifen
Blondigkeit des Raumes. Es war heiss, sehr heiss; aber die poetischen Schwülen und
Feurigkeiten dieses Daseins, die uns die Dichter vorgeredet haben, suchte ich
vergebens. Stimmung, dies ist keine Stimmung in gebundener Form, ein fertiger
Sinn von ein paar netten anschaulichen Sätzen. Stimmung ist vielmehr eine
Unsumme Kleinigkeiten, mit denen man je nach Anlage vertraut ist. Väterliches
klopft mir im Reisen auf die Schulter und fremde Länder sind mir oft allzu
verwandt. Ich entdecke mit Entsetzen, dass die Welt draussen so ist, wie ich bin,
aber nicht sein möchte; eine milde Ähnlichkeit mir entgegenbringt, die mich
überrascht; während die Heimat strenge zu mir ist und stets anders als ich. Ich
ziehe aus, um den Helden zu finden; die vollständige Neuheit und Andersartigkeit
auf dem Gebiet des Menschlichen; aber ich entdecke stets wieder den einen und
denselben, und nun muss ich schon annehmen, dass hier auch alle Heldenhaftigkeit
beschlossen liegt. Die Kreatur in mir, die so allmächtig und stark ist, kehrt in
alte Jagdgründe zurück. Broadways, Boulevards und Ringstrassen sind exotisch,
seltsam und mystisch bewegt. Aber der Äquator ist eine schnurgerade gemütliche
Empfindungspassage. In den Rippen der Kordilleren hat man ungefähr die
Hemmungen, Sorgen und Symptome von Laune wie in der Gloria der grandiosen
Porphyrleiche der Dolomiten. Und der wirkliche Weltmann empfindet die
Anwesenheit der Pittoreske wenig, ob sein Zug von einer Schar verhungerter
Tramps mitten in der texanischen Prärie zum Stillstand gebracht wird, im
Whitechapel zünftige Taschenzieher ihn nach allen Regeln der Kunst in einem
Erdgeschoss an den Kamin knebeln, oder halbwüchsige Pülcher in einer Vorstadt
Wiens mit dem Feitel bedrohen. Whats the difference? würde Slim gesagt haben,
und das war die erlösende Haltung.
    Traun, ich war ausgebrochen, um das subjektive Land, die subjektive Stimmung
und den subjektiven Menschen zu sehen, wobei es sich natürlich immer um mein
eigenes hübsches Subjekt handelte. Aber ich entdeckte nichts, das gerade für
mich dagewesen wäre; denn es war alles für mich da, und statt des wunderbaren
duftigen Landes entdeckte ich einen allgemeinen und gewöhnlichen alten Planeten,
die Erde. Wie ich hier wieder einmal in meiner Hütte lag, unruhig dem tropischen
Morgen trotzend, der mit einer schnurrenden Lebensäusserung des geweckten
Djungles anhob, unterschied ich deutlich das wirkliche Ergebnis meiner
Forschungsreise vom herkömmlichen; ich hatte nicht Brasilien, auch nicht den
brasilianischen Kaiser entdeckt, sondern die brasilianische Seele des Planeten.
Was war meine ganze Reise bisher mit ihren Abenteuern, denen der gewünschte
schöngeistige Zug des Heldenhaften empörend mangelte, anderes gewesen als ein
kurzer Abriss gattungshafter Erfahrungen? Wohin anders reisen wir, als nach
rückwärts in unser eigenes Gedächtnis? Mit erhellterem Kopfe sah ich mich in die
Chancen unmündiger Zustände tauchen, in wilde Ureigentümlichkeiten und
Katzbalgereien, in die Moräste meines Blutes und des pflanzenhaften
Glücksbetriebes. Und langsam reifte die Genesis wieder zu mir heran, ein
Doppelgänger der Entwickelung entstand durch die Spiegelungen meines Gehirns in
einem höheren Kreise, einem unsinnlichen Mittel, in einem anderen Phantoplasma.
Mein Gehirn machte noch einmal den ganzen Weltprozess durch, veranstaltete eine
brennpunktkleine Neuausgabe von ihm. Aber während es die Entwickelung spiegelte,
reifte es sie aus. Man muss nicht nur des Kurzen dorter kommen, woher man
eigentlich des Langen kommt, sondern muss auch darum wissen, darum irren, ja,
vielleicht sogar darum lügen. Was ich tat, war zweierlei in einem, soviel war
klar. Ich tat eine Reise mit sinnlichen Erlebnissen, halb banaler und halb
bedeutsamer Art; und tat eine Reise der abstrakten Erkenntnis, unter der jeder
geographische Boden schwand und ein Fleck des Planeten so gut war wie der
andere. Und ohne dass ich selbst geschult und tatkräftig die Fäden in der Hand
hielt, bloss, indem ich mich mir und dem Leben hingab, schlug sich das Leitmotiv
in der Verquickung der Wirklichkeiten endlich nachdrucksvoll durch. Von der
Zelle bis zur Selbstbespiegelung: dies ist ein langer Weg, ist der Amazonenstrom
der Menschenseele, ist ein brasilianisches Urwald- und Flusssystem des Gemütes!
    Beobachtung, bitte, das ist mein Haupttrumpf, ist Postulat. Der
Schöpferische sieht, hört, schmeckt, riecht und tastet in die Weltdinge hinein,
und siehe da, sie werden unter seinen Sinnen wirklich. Man könnte diese Formel
auch umkehren, sozusagen eine zyklische Vertauschung vornehmen, und an ihrem
Werte wäre nichts geändert. Man könnte nämlich sagen, alles Erkennbare sei
bereits als Masse vorhanden, und die Analyse sei nur die rüstige Pickel, die den
Abbau betreibt. In dieser Form gibt es der selbstverständlichen Ansicht
Ausdruck. Aber hier setzt ein anderer Gedanke ein. Von zwei Auslegungen wird die
reichere und unbestimmtere die bessere sein. Und die reichere war offenbar jene,
nach der mein Drang sich neigte. In jenem höheren Kreise der Vernunft, wo die
stoffliche Welt ein vertauschbarer Schein war und nur ihre Wirkung als Gedanke
zählte, waren beide Auslegungen überholt und das alte Symbol vom Wasserrad fand
seine Anwendung. Innerhalb des einmal bevorzugten Phantoplasmas konnte man sich
an die Norm oder an das Paradox halten. Das Paradox war richtiger, so oft es
sich als fruchtbarer erwies. Wahrheit war Fortbildungsfähigkeit, Stillstand
allein war Lüge. In meinem Falle war, wie schon so oft, das Paradox auf meiner
Seite, es war von Leuchtkraft für ein ganzes Jahrhundert, und, war es auch
vorläufig wie alle Ergebnisse des Denkens, so ging doch eine mächtige Freude von
ihm aus für alle, die guten Willens waren. Es erfordert Kraft, einen Widerspruch
auszudenken, ohne ihn zu löschen oder zu reimen. Ich war nicht in jeder Stunde
trefflich, meine eigenen geistigen Höchstleistungen nachzuahmen. Es gehörte der
Gewaltakt dazu, und er war oft unratsam, wenn die Kräfte nur zur Norm reichten.
Was aber bewies dies? Dass zum hochnormierten Denken nicht bloss die Unrichtigkeit
genügte, sondern dass auf die Beziehungen, die im Phantoplasma gegeben waren,
Rücksicht genommen werden musste: sie mussten überwunden, nicht umgangen werden.
    Aufgepasst! sagte ich mir, und mein Gesicht war vom Schmerz des Nachdenkens
qualvoll wie bei einem Weinenden zusammengezogen, gleichsam auf sein Mindestmass
reduziert. Aufgepasst, Beobachtung ist Postulat. Forschung ist Konstruktion. Ich
trete den Beweis an. Wir haben an der Hand einer emsig betriebenen Beobachtung
mit einer Anzahl von Weltbildern und Weltgefühlen abgewirtschaftet, die früher
bombenfest Gemeingut waren. Sie gestalteten das Leben weder sicherer noch
unsicherer als heute. Was man nicht wusste, machte nicht heiss. Was aber heiss
machte, wusste man um so inniger. Gott war so viel wert wie ein
Universitätsprofessor. Kulturen ohne Psychologie des Ichs und seiner Objekte
verankerten das Menschenkind in seiner Wohlfahrt nicht schlechter als die
unbeschränkteste Aufklärung. Dies beweist, dass durch unsere Analyse, unsere
Skepsis und unsere Aufklärung nicht Dinge entdeckt wurden, die früher übersehen
waren, sondern dass die Beobachtung selbst Ungeheuerliches hervorbrachte. Der
Gedanke des Fortschrittes als des Abbaues einer goldhaltigen Mine ist das
Geschöpf einer fortschreitenden Kultur, einer Seele mit einer Bewegung und einer
Dimension mehr. Aber die Dimension ist erst durch die Seele da, der Fortschritt
erst durch die Kultur; sie schreitet fort, aber sie ist nicht selbst ein
Fortschritt zu anderen Kulturen. Dass Moki durch die Lüfte fliegt, ist nicht mehr
und nicht weniger sicher, wie dass unsere Aviatiker sich die Knochen brechen.
Aber wir beobachten diesen letzten Umstand mit Hilfe von Zeitungsreportern, und
darum ist er wirklich. Nun aber kann man, und dies ist höchst mystisch und
schwindelerregend, Beobachtungen mitteilen, man kann eine ganze Versammlung, ein
ganzes Publikum beobachterisch infizieren, wie übrigens beobachtet wurde. Und so
könnte man wohl auch einem Indianer einreden, dass soeben ein berühmter Aviatiker
auf den Kopf gefallen sei. Und er würde sich diesem religiösen und kulturellen
Ereignis wohl kaum entziehen können. Alle beobachten es, und nun beobachtet er
es desgleichen. Man könnte vermuten, dass die Beobachtung ein Dichter ist, der
sein Buch aus dem eigenen Kopfe abschreibt. Je besser der Beobachter, desto
grösser das Plagiat seines Ichs. Ich sehe Moräste, Raubtiere und Jägermenschen
nur darum, weil alles in mir nach der Gestaltung dieser Erscheinungen drängt.
Ich finde dieses Prinzip in mir vor, und es wird mir der Schlüssel zur
Aussenwelt. Nun beobachte ich den Beobachter, ich falle ihm in den Rücken, ich
recke und turne mich an meinem Gesichtswillen empor und betrete Schritt vor
Schritt erst dämmernde, dann hartgestampfte Dimensionen ... Die gedankliche
Abhängigkeit aber, die zwischen mir und der beobachteten Umwelt entsteht, wirkt
auf mein Wohlergehen zurück. Zwischen den transzendenten und den epidermalen
Vorgängen besteht die wichtigste, nächste, nein, die einzigste Beziehung. Darum
sind Gehirn und Eingeweide einander in der Formation ähnlich, und was dazwischen
liegt, ist nur die Treibung und Verräumlichung endgültigerer und einziger
Lebenswahrheiten. Dieses Zwischending mit den vielen möglichen Dimensionen habe
ich das Phantoplasma getauft. Es ist in Paris anders als am Urwaldfluss, heute
anders, als es vor Jahrtausenden war. Gehirn und Eingeweide aber sind die
gleichen. Das kommende Phantoplasma aber, über dessen Günstigkeit vor anderen
jene letzten menschlichen Tiefen allein Rechenschaft ablegen, die noch jüngst
einer ästetischen Lebensgarnitur den Vorzug geben, dieses zu erwartende
Lebenssystem ist die Welt des Jäger- und Beobachtermenschen. Ich kreiere seinen
Typus. Aber vor meinem Wunsch war die Botschaft schon in mir bereitet. Er wird
mit dem Spiegel geboren werden. Und sein Kopf, diese nackte Spiegelfläche,
dieses an sich Wesenlose, wirft sein verkleinertes und vergrössertes, sein
vergröbertes und verdichtetes Bild auf alles, was ihm begegnet. Wozu reist
dieses Geschlecht? Um den Menschen in sich zu erreisen. Man reist nicht in ferne
Länder mit seltsamen Klimaten und verblüffenden Erlebnissen: täte man's, man
wäre enttäuscht, nichts als Spiessbürgerlichem und Ernüchterndem zu begegnen, zu
dem man nie die Räusche gehabt hat. Aber der Weltmann, der Vorläufer des neuen
Menschen, ist bei seinen Reisen auf andere als impressionistische Ausbeute
bedacht. Scheinbar reist er rückwärts in seine Erfahrung, in die Weltgeschichte,
in die Biologie und nimmt noch die Urzelle als Maske vors Gesicht. Aber auch
dies ist schon ein alter, verjährter Standpunkt. Rund um ein Problem macht er
sich Bewegung, und einer Figur zuliebe, die vielleicht erst in hundert Jahren
mit beiden Beinen im Leben stehen wird, kreuzt er den Ozean. Er hat mörderische
Duelle mit dem Paradox und verwendet Riesenkräfte an die Überwindung der
Dimensionen. Denn er weiss, dass die Richtung, in der er denkt, halb ist. Geht das
reine Denken nicht im Widerspruch vor sich, an jener höheren Grenze, die über
den zureichenden Gründen der Phantoplasmen verläuft? Immer denkt er in die halbe
Dimension, in Traum oder Wachleben, und nie in ihre höhere Einheit. Rund ist die
Welt, und was ist oben, was unten, was links, rechts und hoch und tief? Längs
der Beobachtung läuft er in wunderbare Urgründe zurück - aber, ahnt er, dass er
nach vorwärts stürmt? Sein Hirn ist unantastbar spiegelblank. Die Vergangenheit?
Verzeihung! Die Zukunft! Die Vergangenheit ist ein Buch mit sieben Siegeln. Das
Gedächtnis zeigt in die Zukunft. So ahnt er die Zusammenhänge, die innerhalb des
Phantoplasmas zu liegen scheinen, als eine Abschichtung von Instanzen, deren
niedrigste das Phantoplasma selber ist. In ihr macht er sich eine Vergangenheit,
dass sie ein Gleichnis seiner Zukunft sei. Birgt er Widersprüche in sich, der
Mann, die ihm ein Kind nachrechnen könnte? Ein Kind vielleicht, doch ein
Erfahrener, Erfahrteter wohl nicht. Was tut's? Die Hygiene des Denkens gibt ihm
Kraft, Lust und Recht. Zum prämiierten Denken gehört der Widerspruch. Ahnt man
eine späte ungestückelte Dimension, in der das Physische sich transzendental
äussert? Die Zeit ist als vierte Dimension entlarvt. Gibt es keine fünfte, und
kann man jene nicht bewegen? Ha, ich probier's! Ich stemme mich mit beiden
Schultern gegen die Zeit, ich suche sie aus ihrer Bahn zu drängen, ich fordere
mich zum Gewaltakt heraus. Eine Linie, aus sich selbst gedrängt? Eine Fläche,
gut! Wenn ich nun denke - ich ahne es schon! - und zu gleicher Zeit dawider
denke - hurra, da haben wir's! Denken ist zeitlich. Wenn ich nun denke und
zugleich dawider denke, so verschiebe ich die Zeit in einer höheren
Anschauungsform, die nicht Zeit ist. Die Zeit wird senkrecht zu sich selbst
gebracht. Ich erhalte eine neue Dimension. Der Block Zeit hat sich gerührt, er
schweigt zitternd, eine Dämmerung von Ruck, ein Hauch von Erfolg ist es gewesen.
Passt auf, wir kriegen die Zeit noch herum! Können Sie um die Ecke sehen? Wir
aber, wir denken um die Ecke. Wir denken in Winkeln, Kanten und Kristallen. Und
wir werden es, verlassen Sie sich darauf, dahinbringen, dass wir sozusagen in
Dodekaedern denken, wo der Gedanke zu gleicher Zeit einen ganzen Korb von Malen
gegen sich verschoben hat! Uff, wie es anstrengt!
    Ich richtete mich auf. Vor der Tür lag der von unzähligen Tritten
festgewordene Lehmboden im weissen Lichte. Als ich des bewusst wurde, kam mir der
übellaunige Drang zu schreien. Ich spürte den Eigensinn bis in die Gliedmassen,
die nervös waren und jede einen anderen Plan zu haben schienen. dabei stellte
sich ein unbehagliches Gefühl der Zerstückelung ein. Ich dachte nach. Was war
geschehen? Und glaubte, mich beruhigen zu können. Noch war ich im Vollbesitze
meiner geistigen und leiblichen Güter. In der Hütte war alles in bester Ordnung.
Es fiel mir ein, dass ich zusammenpacken könnte, denn nach all dem, was gestern
vor sich gegangen war, würde Slim mit seinen Absichten nun wohl endlich Ernst
machen! Hurra, da gab es dann doch wieder Abwechslung! - Dieser Ausdruck eines
Aufschwungs an Laune kam aber gleichsam etwas dünn heraus. Na, aber doch. Also?
Tja - nein, es ging nicht. Da kam ich nicht herum. Und weil ich mich mit mir
selbst nicht auskannte, traten mir boshafte Tränen in die Augen. Es war zwar
nichts Besonderes los, aber meine Glücksfähigkeit war doch erheblich vermindert.
Ich fühlte meinen Rücken; es stach noch heftig, in Flächen zuckte der Schmerz
das Kreuz hinab. Es war die deutliche Erinnerung daran, dass ich mich vor Zana
blossgestellt hatte. Denn darüber konnte jetzt kein Zweifel mehr bestehen: mit
peinigendem Gedächtnis erinnerte ich mich an den Gesichtsausdruck der
verschiedenen Personen, die es mit angesehen hatten, und zwar mit einer Schärfe,
die meine gestrige Dreistigkeit und Nonchalance in bezug auf meine Umgebung
Lügen strafte. Durfte ich zugeben, dass ich um Zana litt? Ich litt. Aber es war
nicht Liebeskummer, sondern Geschlechtsgram. Ich wusste mein Geschlecht
beeinträchtigt, mein Selbsterhaltungstrieb in den Lenden war herausgefordert,
und man bestritt mir meine Männlichkeit. Die Verneinung als Geschlechtswesen
wird wie leibliche Tyrannei empfunden. Ich wollte toben, das Stroh
herunterreissen, mit Checho anbinden. Ich war hysterisch.
    Was jetzt? Ich begehre zu wissen, warum man reist. Reist man vielleicht, um
sich zu drücken? Es hat keinen Nutzen. Denn, lieber Hans, willst du auch in
einem neuen Lande und unter andersartigen Menschen endlich das gesunde
Verhältnis zu deiner Umgebung finden, verlierst du dich doch von neuem. Nimmt
einer Reissaus, um in fremde Länder zu gehen, und schlägt sein Zelt in einem
weltverlassenen Dorfe im Djungle auf: gleich tritt die Aufgabe an ihn heran,
sich eine Position zu schaffen. Er sieht sich der tanzenden Phalanx der Bürger
gegenüber, den geschlossenen Kreisen, den Würden und Schönheiten und
Schmuckstücken, mit einem Worte: der Pace. Überallhin trägt er seinen inneren
Menschen mit, für den es keine Geographie gibt. Und exotischer denn eine
brasilianische Wildnis ist die Strasse im Verkehrszentrum einer grossen Stadt. Ein
freier und glücklicher Mensch weiss in sämtlichen Gesellschaften der Welt die
Gleichgewichtslage inmitten der Konventionen einzunehmen, ohne sich und sie zu
stören. Ein schofler Kerl mit einem niederträchtigen Gemüte wird sich überall
belauert finden, annehmen, dass er kaltgestellt wurde und dass seine würdige
Person nicht ins richtige Licht gerückt ist. - Nun mag es Seelen geben, die
überall als Gäste auftreten, nirgends mit anpacken, sondern sich hofieren
lassen. Sie sind von mächtigem persönlichen Zauber, ihre Erwartungen sind
hochgespannt und gleichsam naschhaft; kein Land wird wagen, sie zu enttäuschen,
und ihnen die seltensten Impressionen bieten. Diese gastierende Truppe von
Weltreisenden reist ohne Persönlichkeit. Menschen, die nie bei sich sind, finden
überall das andere. Wer aber in sich daheim ist, sieht überrascht, wie der
Djungle ihm dieselben ewigen Notwendigkeiten mit freigebiger Hand vorstreckt und
nichts anderes zu vergeben zu haben scheint. Er ist der Abkömmling jenes
nordischen Geschlechts, dem man eine Horde Löwen entgegenjagte - die erschlugen
sie mit ihren Knütteln und glaubten, es wären blonde Hunde gewesen. Und immer
wieder werden, wenn die alten, rassigen Kulturträger faul werden und das Leben
nur mehr zu einem aufregenden Zirkusspiel gestalten, wenn die Lust der
Beobachtung greisenhaft zu kindischen Anfängen zurückkehrt und der Jägerinstinkt
zur Behaglichkeit des Varietézuschauers verderbt, diese alten Knüttel in unserem
Blute lebendig. Das Leben ist ein solcher Löwe und das Geschlechtliche und die
fremden Länder und alle die bissigen Dinge, die man uns jüngst noch vorgesetzt
hat. Dann ist es Zeit, dann tritt einer unter uns auf und verkündet die »blonden
Hunde«, wir treten den Gegenständen unserer Beobachtung ehrlich Aug' in Auge
gegenüber, stellen uns einer Wirklichkeit und schlagen die neuen Löwennamen
hundetot.
    Gesetzt, in einer europäischen Gesellschaft würde das Tema angeschnitten.
Was ist's mit den indianischen Djunglen, hoho, erzählen, erzählen! - Meine Damen
und Herren, es tut mir leid, dass ich Sie werde enttäuschen müssen. Mit den
indianischen Djunglen ist es nämlich nichts. Es gibt sie kaum. Ich rate Ihnen zu
irgendeinem Kohlenweiler, oder doch zu einem Kaffeehause. Man hat Ihnen die
Tropen in einer falschen Tonung zur Kenntnis gebracht. Bilden Sie sich nicht
ein, Sie könnten dort auf die Panterjagd gehen; dort erdrosselt man das
Raubtier genau mit einer Kette von Treibern, und das kommt auch bei uns in den
besten Familien vor. Die Gefahren werden aufgerieben, und unter dem südlichen
Kreuze hausen Sie langweiliger als unter der elektrischen Birne Ihres
Hotelzimmers. Würde ich von dem Djungleleben erzählen, seinen Sitten und
Situationen, Sie würden mich in Verdacht bekommen, ich triebe Spass und erlaubte
mir eine Satire auf Ihre Kosten. Fräulein Zauner - und hier verneige ich mich
vor der Inhaberin dieses berühmten Namens und fordere die Herren und Damen zu
einem dreimaligen Hoch! auf die verehrte Freundin und Künstlerin auf! - so,
Fräulein Zauner würde es als eine persönliche Spitze empfinden, wenn ich von
meinen Erlebnissen mit einer ihrer Kolleginnen im fernen Südwesten berichtete.
Und nun muss ich Ihnen in der Tat ein Geständnis machen. Ich bin nicht der Held
und Abenteurer, für den Sie mich halten. Ich danke für Ihre zuvorkommende
Meinung - aber ich muss zugeben, dass sie mich in eine schiefe Stellung drängt.
Sie zwingt mir eine Geste auf. Und wenn Sie so fortfahren, dann wird es nicht
lange dauern und ich werde mich selbst von dem, der ich in Ihren Augen bin,
nicht mehr unterscheiden können. Denn die Wahrheit ist, dass ich auf meinen
weiten Reisen, die ich gründlicher und tiefer zurückgelegt haben mag als mancher
andere, nichts zugelernt, und, was wichtiger ist, nichts vergessen habe, wie
einst die bekannten Berufskönige. Alle meine Kräfte und Sorgen, meine
Leidenschaften und Hemmungen, sind legitim geblieben. Es ist mir nicht, wie Peer
Gynt, dem Phantasten ohne Persönlichkeit, gegangen. Immer habe ich gewusst, wo
mein Kaisertum unerledigt geblieben ist und wo die Arbeit und die Mission des
Lüstebringers auf mich warten.
    Denn zutiefst im Menschen liegt der Hunger nach Lust. Dieses Lustmotiv ist
der Angelpunkt des gesamten vegetabilischen und animalischen Lebens. Es dürfte
Ihnen kaum neu sein, dies zu erfahren. Aber neu ist Ihnen vielleicht das
Folgende: Im Animalischen hat es sich, je höher der Typus steht, einen desto
feineren und verwickelteren Apparat geschaffen, die Phantasie. Diese ist,
obschon sie auf dem Prinzipe der Spiegelung beruht, der Träger aller
Gestaltungs-und Schöpferkraft. Sie beobachtet und reflektiert und holt scheinbar
aus dem Felsen des Bestehenden die Goldader der Erkenntnis; in Wirklichkeit
härtet sie diesen Felsen, das Phantoplasma, erst mittels Erfahrung. Zu den
ewigen Gesetzen einer ewig gleichen Natur, die sich an uns erfüllen, nein, deren
Erfüllung wir wahrscheinlich sind, haben wir uns je einen Zirkel, ein System von
Gründen erfunden. Aber diese Gründe sind nie triftig, auch nicht für unsere
Existenz. So wie wir hier versammelt sind, so sind wir auch die geborenen Lügner
und Heuchler, patologische Schwätzer, die wir die Wirkungen fälschen, die wir
aufeinander ausüben. Unser wirklicher Verkehr findet durch organische Teile des
Körpers statt, die wir nicht kennen und kaum je kennen lernen werden. Wir
beeinflussen einander durch Paniken. Wie grauenvoll abgesperrt und einsam wären
wir für einander, wenn nur der Bewusstseinsakt allein uns vereinigen könnte! Und
nun sehen Sie, die Dinge, die ich auf meinen Reisen erlebt habe, waren so fade,
gemein und abgeschmackt, wie es nur je die Dinge unter Menschen sein können.
Aber mir war es gegeben, für eine kurze Weile in ein fremdes Phantoplasma zu
reisen, einen fremden Lebensakt in mich einzuschalten und abzuspielen.
    Da war ein Indianermädchen namens Zana, von kleinem ausgeprägtem Wuchs. Ich
liebte sie, es war für mich Gesetz, dass ich sie liebte. Aber was wusste ich von
ihr, was konnte ich von ihr wissen? Sie alle, die Sie hier meine Gäste sind,
wären vor der fremden Welt so unklug, hilflos, voreilig oder planlos gewesen wie
ich. Die kleinen Reibungen der vielen Ichs in einer gegebenen Nachbarschaft
nehmen den Ablauf des Lebens ein hier wie dort und schaffen die Qual der Enge,
dann die Linderung oder schmerzhafte Kälte der Trennung hier wie dort. Und
ihretwegen vermeide ich die ausführliche Berichterstattung, dass niemand sich
getroffen fühle. Denn meine Erlebnisse sind stets so gewesen, dass sie immer nur
Anspielungen auf die Grunderlebnisse meiner und Ihrer Kultur wären.
    Das Wesentliche bleibt überall unter den Gestirnen gleich. Alles, was
Abwechselung in die Monotonie des Reisens bringt, ist die geänderte
Anschauungsform, die vage Erinnerung an uralte Zustände; das fremde
Phantoplasma. Niemand von Ihnen, wenn ich so die Tafel hinabblicke und mir die
vollzählig erschienenen Typen unserer Kultur beim Namen nenne, wird sich von
dem, was ich wirklich zu erzählen hätte, eine Vorstellung machen können. Ihre
Anschauung ist zu einseitig, selbst zuviel höherer Djungle und zu organisch, als
dass sich in ihr ein anderes weitaus primitiveres und unmittelbareres
Phantoplasma spiegeln könnte. Wie kann ich Ihnen Existenzen des Djungles vor
Augen rücken - vielleicht, sage ich, könnte ich eine schriftstellerische
Lebensaufgabe daraus machen, ein Erziehungsproblem, eine Modernisierung Ihrer
Vorstellung ins Werk setzen. Denn ich ahne voraus, dass sich Zukunft und
Urvergangenheit berühren. Sie aber, meine Damen und Herren, befinden sich
augenblicklich gleich weit von beiden entfernt. Und doch wäre es wert,
jedermanns Aufmerksamkeit auf die wichtige Tatsache zu lenken, dass er vom
Djungle abstammt und dass das moderne Leben alle die alten Tugenden von ehemals
wieder in ihm zu entfesseln strebt.
    Nun setze ich voraus, dass Sie alle meiner gewagten, aber äusserst
gleichniskräftigen Behauptung zustimmen, wenn ich unsere Kultur in ihrem
Hochstande eine solche der fünften Dimension nenne. Das ist ein Gleichnis, denn
merken Sie wohl, auch ich spreche hier nur als ein Geschöpf des Phantoplasmas,
und die realen Wirkungen, die ich mit Hilfe meiner Dialektik auf Sie auszuüben
scheine, sind schlechterdings nichts anderes denn eine logische Umschmelzung von
Vorgängen, die unserer Aufsicht entrückt sind. - Hm. Geben Sie acht! Der
Djunglemensch hat ein Phantoplasma. Es entrollt sich in der zweiten Dimension.
Nur die tüchtigsten Köpfe unter uns begreifen die fünfte Dimension; diese
eigentümliche Verschiebung des Denkens innerhalb der Zeit. das organisierte
Denken, das, möchte ich sagen, sich zum anorganischen Denken verhält, wie der
dualistische Geschlechtsakt zur Partenogenese. Derer, die so denken können,
sind ganz wenige. Der Djunglemensch aber kennt nicht einmal die vierte
Dimension, die Zeit, den fortgerissenen Raum. Denn erst die Idee des
Fortschrittes konnte den Begriff der Zeit vollständig mit einem
Anschauungsmomente decken. Der Djunglemensch sieht kleine und grosse Organismen,
junge und alte Kreaturen, er kennt ein Wachstum und begreift es als leibliche
Wohlfahrt. Aber er kennt keine Schichtungen und keine Entwickelung. Er bleibt
stationär von der ersten Minute seines Atmens bis zur letzten. Bilden Sie sich
nicht ein, der Djunglemensch würde, wenn Sie als Vertreter einer reiferen Rasse
bei ihm eintreten, ein Einsehen mit Ihrer Überlegenheit haben. Er hat die Zeit,
die in Ihnen vorgespart liegt, nicht begriffen. Er lebt in der Ewigkeit, im
seienden Raum, der ihm niemals unter den Füssen fortbewegt wurde zu einer höheren
Existenzform, zu technischen Umgestaltungen oder geistigen Manövern. Nur wer die
Ewigkeit verliert, entdeckt die Zeit - wir verloren und entdeckten.
    Haust der Djunglemensch also in der dritten Dimension? Nein. In der zweiten.
Sein Leben spielt sich in der Fläche ab. Er ist noch nicht einmal beim Raume
angelangt. Mein Beweis ist kurz: er hat keine Tiefe. Sie werden behaupten, das
sei ein Wortspiel. Und ich erwidere Ihnen, dass ich gelernt habe, meine
Überzeugung aus Wortspielen zu holen. Die Sprache ist verlässlich, oh wie
verlässlich! Alle Philosopheme und Weltanschauungen sind aus Worten geboren, die
man später einmal als Irrtümer bezeichnet hat. Später einmal, das heisst zu spät.
Sie kennen das Sprichwort vom Brechen der blühenden Rose, vom Schmieden des
glühenden Eisens. Zurecht kommen zu einem Schöpfungsakt, nicht träge, sondern
pünktlich sein, dabei sein - das ist alle Wahrheit! Denn sehen Sie, zur
Richtigkeit gehört etwas anderes als Freiheit von Irrtümern: der Takt, die Pace.
Nur Wahrheiten, die Pace haben, gelten.
    Und die Gebilde des Wortes besitzen Takt. Aus ihnen entsteht dem, der dazu
neigt, ein herrliches Phantoplasma. Der Djunglemensch jedoch hat keine Sprache
in unserem Sinn: sie ist ihm nicht eine Anschauung höheren Ranges wie uns. Bei
ihm sind noch die primären Künste daheim: Musik, Tanz und Malerei, und sein
Dasein, seine Wurzelexistenz spiegelt sich in ihren Erregungen. Er beobachtet
sozusagen mit anderen Organen, als wir es tun. Seine Beobachtung ist
zweidimensional. Er beobachtet in die Fläche. Wir beobachten in die Tiefe, in
die Entwicklung und in die Inversion. Unsere Beobachtung erstreckt sich
letzterdings auf uns selbst. Wir sind introspektiv, er ist grausam. Neugierig
sind wir beide.
    Einen Augenblick, bitte. Ich muss zurückgreifen, um Sie mitzunehmen. - Was
erlebt der moderne Reisende? Nicht nur die wunderbaren und abenteuerlichen
Exzesse seines sensiblen Nervensystems, sondern auch die Worte und das
Bewusstsein hierzu. Kommen Sie aber davon ab, gehen Sie noch um einen Grad weiter
in Ihrem Denken, nehmen Sie eine Umstülpung, eine Inversion des zeitlichen
Denkens in die fünfte Dimension vor und denken Sie sich zu diesem kolossalen
verantwortungsvollen Bewusstsein einen bildnerischen Gesichtssinn, so haben Sie
einen Maler, der scheinbar zu den Ursprüngen der Malerei zurückgekehrt ist, und
der der Malerei gibt, was ihrer ist: die Fläche - und der trotz seiner Betonung
des Physischen, trotz seiner urhaften Ausdeutung des Beobachtenden im Menschen
als des Grausamen, der geistigste, wissenschaftlichste und ichgewandtste
Figureur aller bisher gewesenen Künstler ist. Und Sie verstehen, dass ich somit
wiederum nicht etwa Kelwa meine, den Djungleartisten, von dem ich Ihnen ein paar
Brocken hingeworfen haben dürfte, sondern unseren verehrten Malererfinder und
Freund: ich erhebe mich von meinem Sitze und toaste auf unseren Roroschkin,
diesen Lionardo unserer Rasse, das gotische Genie, den Künstler jener letzten
und jüngsten Dimension, in die wir eben eingetreten sind. Wir, die Beweger und
Überwinder von Zeit, Logik und Denken ins höhere Denken! Vivat Roroschkin!
    Sehr gut, meine Damen und Herren. Nun bitte ich wieder um etwas Ruhe. Ihre
Zustimmung für mich und Ihr Jubel für Roroschkin freuen mich. Sie sind mir ein
gutes Zeichen. Mag der Widerhall aus unserer fünften Dimension auch das
Durchschnittsgemüt des heutigen Geschöpfes unserer Kultur betäuben, ich bin
glücklich, dass ich doch wieder einen Takt sehe, der mit eisernen Klammern die
Ichs umfriedet. U mfriedet! Die Kultur unserer Dimension ist sozusagen
hochaufgeschossen, vieles, das sich der Djunglemensch organisch erhalten hat,
wird von uns jetzt nachgeholt werden. Die Hauptsache ist, dass wir über die
Beilegung dieses Versäumnisses einig sind. Wir müssen physischer werden - und
schon sind wir es. Der Takt fliegt uns zu, die Pace legt sich uns ins Schreiten.
Noch gibt es Gelegenheit, noch können wir stark und glücklich werden. Ich
verglich einmal den Laut aus unserem Kulturleben dem fernen unartikulierten
Schleifen von Füssen vor den Vitrinen, Bälgen und anderen Velleitäten eines
Museums. Aber ich höre das Signal. Wir geben eine Parole aus, scharen uns um den
neuen Menschen, fügen uns langsam aber zunehmend aus allen Teilen der
Weltwandelgänge in eine neue Pace. Kurz, wir geben diese Pace aus und
verfestigen uns in unserem Phantoplasma. Neue Menschheitsgüter sind im Anmarsch.
Es ist die höchste Lust, die Pace auszugeben!
    Und um die Lust handelt es sich doch wohl, und wie ich von ihr ausgegangen
bin, so kehre ich zu ihr zurück. Sie ist der Punkt, das Leben an und für sich,
das Element aller Dimensionalität. Ihr Wesen ist in uns ein Spiegelapparat. In
fünfmaliger Endlichkeit brechen sich ihre Strahlen. Denn jede Bewegung einer
Dimension zu ihrer nächstöheren ist eine rückbezügliche. Und sind nicht alle
Anschauungen und Stufen der Beobachtung, ob sie jetzt im Phantoplasma des
paradoxen Menschen oder jenem des Djunglemenschen wirksam sind, oder in jenem
Phantoplasma, dass wir mit seiner vollständig anderen Ursächlichkeit Traum
nennen, ein mehr oder weniger verschränktes System von Spiegeln? Alles was
gespiegelt, bis ins Unendliche gespiegelt wird, alles, dem zu Zwecken Raum und
Zeit und Höheres gebildet sind, ist die Lust. Ich habe sie in barbarischen
Kulturen gefunden, reichen Systemen der Physis mit einer gebundenen Pace, und
finde sie in der asiatischen Intellektkultur, zu der wir uns zählen. Über ein
Primat kann hier die Entscheidung nicht gefällt werden. Kultur ist Kultur und
als solche unvergleichbar. Die Idee der Entwicklung ist erst innerhalb unseres
Phantoplasmas gegeben. Keine andere Kultur wird den Fortschritt zugeben oder
auch nur fassen können; es sei denn, dass sie verderbt und entselbstet ist. Nur
das eine Bezeichnende ist gewiss: jene Kulturen sind physisch, diese ist
intellektuell. Das Spiegelprinzip, die Beobachtung erstreckt sich bei jenen,
welche die Tiefe und die Ferne nicht kennen, auf das nicht ins Innere
gegliederte Äussere. Die Neugier ergötzt sich als Grausamkeit. Unsere Vivisektion
aber heisst Wissenschaftlichkeit. Wir gehen in die Tiefe, kommen in die Dimension
der Zeit, Bewegung und Schnelligkeit, und wenden uns gleichsam in der letzten
Dimension des Paradoxen wieder nach aussen: wir sind scheinbar positiv und
physisch, scheinbar primitiv an Anschauung und schlichtdimensional geworden. Die
Wahrheit ist, dass wir erst jetzt wieder zu einem endgültigen Ergebnis in unserer
intellektuellen Entwicklung gediehen sind. Der Geist ist tot; es lebe der Geist!
Der Geist - - -
 
                                       XX
Hier wurde ich von Checho gestört. Ich erhob mich von der Matte und meinem Lager
aus Palmstroh, trat vor die Türe und sah in die gleissende Vormittagssonne.
Draussen stand Zana. Ich blickte sie ruhig und mit kalten Augen an. In der
Ruhestellung erschien ihre kleine Gestalt mager und unschön. Sie konnte mir
nichts anhaben. Ich hatte meine Seele verloren, sozusagen um einer Djungleseele
willen aufgegeben; nun hatte ich sie wiedergewonnen. Ich hatte meine Pace in
mir; ich wusste, da draussen, ungefähr wo die Sonne seit morgens herkam, wartete
eine Gesellschaft befrackter Herren und pompöser Damen auf mich. Ihrer Art
konnte ich mich anschliessen. Wir hielten Seancen, versetzten uns in die Trance
und konzipierten den neuen Menschen. Wir hatten die Pace, die neue Pace, und
jeder einzelne von uns hatte das Heil. Das Gift der Analyse war zu Räuschen
gewendet. Alles Glück der Zukunft musste darin liegen, dass man mit den Trieben
seiner Neugier in Frieden lebte ...
    Die magere Gestalt der braunen Tänzerin rührte sich nicht; auch dann nicht,
als ich, aus der Türe tretend, mich an ihr vorbeizwängen musste. Sie sah mich mit
flaumigen Blicken an. Während ich mit einem plötzlich emporbrausenden
Energiestrom meinen Blick streng und zwingend auf die schmalen firnisbraunen
Ovale zu stürzen suchte, die sie mir tierisch wie eine elastische Kraft
entgegenhielt, und ich vergeblich gegen diesen verfilzten Blick aufzukommen
suchte, drängte ich sie behutsam mit der Hüfte beiseite. Da geschah etwas
Unerwartetes. Sie lehnte sich mit dem ganzen wesenlosen Gewichte ihres leichten
Körpers gegen mich und versperrte mir den Austritt, stemmte sich mit ihren
kräftigen Muskelchen dagegen, das ganze Persönchen lang Jauchzen und Triumph wie
ein kleines Raubtier, das zur Übung seines Spieltriebes jede entgegenkommende
Bewegung bereitwillig als Aufforderung deutet. Jenes abtötende Gefühl, der
Schmerz der Beherrschung, befiel mich wieder wie damals, als wir den entzückten
Müttern zuliebe die Anhänglichkeit ihrer Bengels duldeten. Die Unkraft dieses
Angriffes, der mit einem Bruchteil des Elans, den ich selbst als gegenwirksames
Mindestmass hätte verwenden müssen, erfolgte, benahm mir meine neugewonnene
Energie. Wir sind der Kleinheit einer Aufgabe nicht gewachsen, weil wir uns
Schwierigem angepasst haben. Wäre hier Luluac selbst gestanden, ich hätte mich
besinnungslos auf ihn gestürzt, so blitzschnell und schlagsicher waren meine
Fäuste, in die Wut das Blut gepresst hatte. Die Gefahr hätte ich in diesem
Augenblicke sehnlichst gewünscht und ohne Umschweife ins Auge gefasst. Das
Ärgernis aber fand mich schwach und verlegen. Ich gab nach und zog mich in die
Hütte zurück, wo Checho an unserem Gepäck hantierte.
    Aber was war das? Kaum sah Zana, dass ich den Kampf aufgab, als sie sich
trotzig wie ein Gassenjunge in den Nacken warf und den Dingen ringsumher Fratzen
schnitt. Es galt nicht mir, es galt den Dingen, die es mitangesehen hatten, wie
ich sie beleidigte. Mit feiner Wut reagierte sie auf die Erniedrigung, die in
meiner Ablehnung lag. Nun würde ich sie versöhnen, wussten wir beide. Und
lächerrlich, wie die Situation war, fiel auch die Sühne aus, rachesüchtig
frischte ich den bitteren Humor des Augenblickes auf. Hurtig griff ich nach
einer der grossen Bouteillen Eau de Cologne, die Checho soeben aus einem Pack des
Holländers zwischen Wäschestücken herausgeschält hatte. Der Zerstäuber sass noch
von Rio her daran. Ich drückte den Ball und sprühte das Zeug dem Mädchen gerade
ins Gesicht. Und nun schien es, als ob Zana doch noch ans Ziel ihrer Sehnsucht
gelangen würde. Sie wollte etwas Gutes erfahren und sie erfuhr es. Als sie die
Kühle des Äters auf ihrer Haut spürte, erschrak sie, schrie leicht auf und trat
Rückzug gegen die Türe hin an. Aber das kühle Feuer ging in ein wohltuendes
Prickeln über. Ein Sturzbad von Kühle war auch für eine hartgesottene
Tropenbewohnerin keine üble Sensation. Sie hielt die wohlriechenden Hände vor
die Nase und schnupperte den fremden, blütenhaften Duft mit verständigen Zügen
ein. Einen Augenblick später hatte ich sie wieder auf dem Halse. Ich musste mich
ihr mehrmals entwinden und hüllte sie von allen Seiten in einen tauigen Duft,
wie sie, ausweichend und nach mir greifend, das Gesicht schützend gegen die
Brust drückte. Schliesslich riss ich den Zerstäuber samt der Kapsel weg und
duschte sie in schiefen, schleunigen Quellgüssen mit dem letzten Inhalt der
Flasche. Lachend zerrten wir uns beide über das Gepäck und die Strohlager der
Hütte hin und her. Sie fasste mich beim Rocke, beim Arme, und suchte mir
stürmisch wie ein Mannsbild das Gelenk auszudrehen. Sie mühte sich, eigensinnig
auf die Zehen gestemmt. Immerhin, es schmerzte, so dass ich böse wurde und rauh
nach ihren eigenen Gelenken griff. An diesen hielt ich sie kategorisch im
Abstande von mir weg. Sie wand sich, verzog ihr Gesicht und ringelte den
nervigen, geblähten Hals mit dem Kopfe über die Achseln, Brüste und den Nacken
hin nach meinen Pulsen, schob die blossgelegten Kiefer, tragend wie eine Viper,
über den eigenen Leib hinaus gegen die Angriffsstellen vor. Jede Bewegung ihres
Systems, das unabänderlich auf die beiden Berührungspunkte an ihren Knöcheln
eingenietet war, kostete sie heftigen Schmerz. Hals und Kopf quollen über den
Achseln förmlich vor wie über den Rand eines Gefässes, brodelnd vor Wut und Hass
wie das Schaumgekröse einer giftigen Flüssigkeit. In diesem Augenblicke hörte
sie auf, Mensch zu sein. In ihren Gebärden war das dämonisch Formlose und
Voraussetzungslose der von engen Instinkten bewegten Masse. Sie war ein
wesenloser Körper mit einem einzigen stumpfen Bewusstsein, der Selbsterhaltung.
Als in ihren entstellten und zu unmöglichen Vorstellungsformen zerlegten Leib
plötzlich das jähe, züngelnde, flatternde Leben kam, war es so gespenstisch, wie
wenn ein faltiger Lumpen wutentbrannt über sich selbst hinausstürzte. Es lag
etwas von dem Hass des Frühorganischen und Elementaren in ihrem Treiben, ein
katzendumpfes Reagieren, gleichsam ein linienlanges, direktes Dasein, eine
formlose, primitive Seinserstreckung. Ihr Kopf wawerte erbost und nach Auswegen
suchend zwischen den Achseln, während ich durch den schmerzhaften Druck auf die
Nerven ihrer Handgelenke die Muskeln ihres Rumpfes steif und schachmatt erhielt.
Es dauerte eine Weile, ihre Augen versanken in einer Art von Überanstrengung
oder höchster Wonne in bläuliche Schatten, als sie diese plötzlich weit aufriss
und mit einem namenlos schmachtenden Blicke auf mich richtete. Zugleich fühlte
ich ihre Muskeln erschlaffen. Sie seufzte tief. Ihre Knöchel lagen willenlos in
den Ringen meiner Hände, an deren Innenflächen ich es prickeln fühlte. Unter der
glatten Haut des Mädchens schmiegten sich milde die strähnigen Sehnen und zarten
Knochen des Armes in das sensitive Fleisch meiner Daumenballen. Ich stand von
Entzückung ergriffen. Aber noch immer lauerte es hinter ihrer Süssigkeit wie eine
Drohung, mir mit einem Biss an den Bauch zu springen, und so hielt ich sie von
mir ab, wie sie so zu mir herstrebte. Checho stand schräg hinter meinem Rücken
über das Gepäck gebeugt; ich sah ihn nicht deutlich; nur ein unscharfes und
gebrochenes Bild fing sich von ihm am äussersten Ende meines Sehfeldes. Trotzdem
wusste ich genau, dass er uns beiden den Kopf zuwandte. In seinem Gesichte musste
ein Lächeln liegen, das Unwillkommenes ausdrückt. Ich spürte dieses Grinsen mir
im Nacken brennen. Meine Reizbarkeit war in diesem Augenblicke peinlich und ich
fühlte mich geniert. Aber da war ich auch schon, bevor ich noch einen Entschluss
gefasst hatte, zurückgesprungen. Ich hatte zugestossen. Zana taumelte gegen die
Türe. Ich brach zurück, Chechos gebückte Figur floh in meinen Sehkreis. Da war
das Lächeln, peinlich und neidvoll. Zana schrie auf. Hinter ihr auf dem
lehmgelben Grunde des Türausschnittes stand ein hoher Schatten. Slim bückte den
Kopf, trat ein und schob Zana unwirsch vor sich her. Sie zeigte sich bockig, er
aber schlug eine Lache auf. Ein paar Worte bewirkten, dass sie sich an die Wand
drückte. Slim stand hart und hoch im Raume und füllte ihn mit einem grossen,
kalten Dasein aus.
    »Morgen reisen wir«, sagte er ruhig und stellte sich neben Checho zum
Gepäck. »Das Luder kommt mit. Sie weiss es schon.«
    Lieblich wie Entspannung legte es sich über mich. Ich sah auf Zana. Ihre
braunen Ovale schaukelten mich elastisch an wie Tierblicke. Wie ein Schleier
umwand mich das Grauen der Hoffnung.
    Eine Viertelstunde, nachdem Slim die Indianerin weggeschickt hatte,
schritten wir durch das Dorf. Vor Kelwas Hütte fühlten wir uns angehalten. Aus
dem umfriedeten Vorhof ertönte Lärm und Zanken. Eine spröde Rachenstimme hatte
die Führung. Hier war nicht alles in Ordnung. Auch sonst zeigte sich an den
Männern, die auf den Wegen des sonnversengten Dorfes dahinschlichen, eine
gewisse Ducknackigkeit. Die Weiber hatten ihre reizende Demut abgelegt und
schalteten mit öder Gleichmütigkeit um das Wohl der Familie. Das Leben schien um
einen Grad gewöhnlicher und leerer; der Nimbus des Exotischen war gefallen und
ich spürte eine kräftige Gleichgestellteit mit dieser mich sonst beherrschenden
Umgebung. Ha, hatte ich endlich den richtigen Ton in mir angeschlagen und die
eigene Pace gewonnen? Stellte sich endlich die alte Siegerlaune ins
Gleichgewicht und würde ich nun dennoch zu meinen Eroberungen gelangen? Morgen
brechen wir auf! Nun, da ich wieder mit einem Bein in der Ferne, im Reisen, in
seinen Mühen und seiner Arbeit stand, erwachte mein gutes Selbstgefühl. Die
Weibergeschichten waren abgetan - was etwa noch Angenehmes von dieser Seite zu
erwarten war - ich dachte an Zana und war fröhlich gestimmt - konnte als
wünschenswerte Zugabe mitgenommen werden. Denn nun ging es wieder los. Los, los,
los! Vielleicht entdeckten wir den Schatz - einen richtigen Schatz. Und dann
wartet auch ein Abenteuer nach dem anderen fidel auf uns. - Also, was sagte Slim
da zu dieser Xantippe von Künstlersgattin? Ich stiess mit dem Kopfwirbel in die
Richtung des Lärmes hin.
    »Jerusalem!« schrie Slim auf, »das Nest ist verkatert! Hier sehen Sie den
originären und wirklichen Katzenjammer. Wenn dieses Katzenpack einmal in
vollster Seligkeit dahingesponnen hat, dann kollert's ihm den nächsten Tag genau
so im Rückenmark wie dem dekadentesten Boulevardier. Auch hier ist die
Aufnahmsfähigkeit für das Glück nur eine beschränkte. Sie werden noch Sehnsucht
nach der gemässigten Zone kriegen, Johnny. Das wirkliche Glück, das der
Organismus braucht, spiegelt sein Bewusstsein, und sei es noch so niedrigstehend,
nicht wider. Darüber und über seinen Konsum ist nichts bekannt. Auch der
Katzenjammer ist eine Art Lebensfreude. Die Demut und die Selbstverachtung und
die Krankheit sind zur Befriedigung just so nötig wie die geraden Kräfte. Diese
Kessel- und Röhrensysteme aus Zellgewebe, die Sie da herumunken und tuten und
aus allen Löchern der Qual des Lebenmüssens pfeifen hören, sind heute
ungefährliche Leute. Ich habe damit gerechnet. Männer und Weiber tauschen für
eine Weile ihre Reize - es liegt vielleicht eine weise Regel aus dem Haushalt
der Natur dahinter verborgen. Wie gesagt, ich wusste, dass es so kommen würde und
habe meinen Plan gemacht. Heute sind sie mürbe. Heute bekommen wir die
Expedition zusammen - und Zana geht mit. Wenn wir bis morgen vor Tagesanbruch
nicht aus dem Dorfe raus sind, wird es uns übel bekommen. Denn gestern abend -
hätten wir eigentlich verspielt. Es war nicht nötig, dass Sie Purzelbäume
schlugen. Sie haben uns lächerrlich gemacht. Sagen Sie, was ist Ihnen eigentlich
eingefallen? Ich glaube, Sie vertragen das Mandioka nicht?«
    »Nun, da irren Sie aber gründlich«, platzte ich ärgerlich heraus. Zuerst
hatten seine Worte meinen Humor geweckt. Seine Ausdrücke für eine Erscheinung,
die mir menschlich nicht fremd war, schienen zutreffend. Aber dass er damit
gerechnet hätte, glaubte ich nicht. Das war aufgelegte Prahlerei. Jedenfalls war
er schlau, es so auszulegen. Ich durchschaute ihn. Er war smart, der Amerikaner.
Sein war die Tat, die kräftige Aktion, mein aber waren Spürsinn und das
aufgeweckte Bewusstsein. Er hatte eine Menge Ideen geäussert, die von mir waren;
er war beeinflussbar. Weiss der Kuckuck ... Er verstand es, sich einen Anschlag in
die Hand spielen zu lassen und dann weiter zu konzentrieren. Ein bisschen
beklemmend war es. Soll man, während Slim sich für meine Idee begeistert und mir
die Bedenken durch den Kopf schiessen, mit einem Empfindungsresultate enden, das
nahe an die Verachtung Slims streift? Nein, es empfiehlt sich, auf kleine
Genugtuungen zu verzichten. Vor Grössenwahnsinnigen und Plagiatoren verleugnet
man seinen Selbsterhaltungstrieb. »Was glauben Sie wohl«, sagte ich, »ich bin
Senior einer deutschen Burschenschaft. Mensch, Sie wissen nicht, was ein solcher
Kerl vertragen kann. Allen Ernstes; ich nehme solche Reden krumm. Sehen Sie
denn, ich bin treuherzig: bitte, lassen Sie das. Kleine Beleidigungen sind
schwer zu übergehen. Also, wenn wir gut Freund sein sollen -«
    »Well«, sagte der Amerikaner und fügte wie beiläufig hinzu, während er sich
Mühe gab, über die Strohpalisade in Kelwas Hof zu blicken, »Selbstpersiflage
oder Selbstübertreibung sind auch eine Metode, um eine neue Situation zu
überbrücken ... Übrigens schwört der Dutchman, der auch von keiner
trinkschwachen Rasse ist, in ganz der gleichen Weise auf seine Gurgel. Und nun
sehen Sie sich den Kerl mal an. Heute nacht hat er sich verpflichtet gefühlt,
den Indianer zu spielen. Er hat im Djungle irgend etwas angestellt. Zana scheint
irgend etwas dabei zu tun gehabt zu haben; aber - -«
    »Van den Dusen?«
    »Yes, Sir. Aber das weiss ich: das Mädchen rührt mir keiner an! Ich habe eine
Patrone für ihn im Lauf!«
    Slim hatte breite Knochen und ein solides Gestell. Was geschah, wenn ich ihm
an die Kehle sprang? Ich habe gegen Drohungen nichts einzuwenden. Aber
Abgeschmackteiten und Übertreibungen gehen mir wider den Strich. Nun konnte ich
einem Unvorbereiteten, auch wenn er kräftiger war als ich, mit der nächsten
Bewegung den Kopf eingeschlagen haben. Slim, Slim, das war nicht nur
unverschämt, das war auch dumm. Im Grund gab es ja kein Mittel gegen mich,
sobald ich mich ernst nahm - »Ja, Donnerwetter«, rief ich, »was ist denn los mit
ihm? Wo ist er denn?«
    »Er liegt in seinem Bau und ist lebensüberdrüssig, denn der Djungle hat ihn
nächtlicherweise geschunden. Vielleicht war es auch das Weibsbild. Er ist
verrückt. Wir wollen ihm nachher einen Besuch abstatten.«
    Da hatte mir Slim seine Überlegenheit kurzerhand klargemacht und das Mädchen
verboten, bevor ich noch Atem geschöpft hatte. Und jetzt war er plötzlich
vergnügter Laune und beantwortete die Zurufe Kelwas, der uns inzwischen bemerkt
hatte, mit Witzen. Beide unterhielten sich drastisch, während wir in den Hof
eingelassen wurden.
    Die Bildwerke, die hier herumstanden, lenkten mich ab. Der Hundegenius mit
seinem langschnauzigen süffisanten Gesichte - es war in der Tat ein Gesicht -
beroch noch mit der gleichen Schleckrigkeit einen Liebesakt und das Leben. Die
leidende Kreatur daneben schien mir bekannt. Es war offenbar ein Puma, der sich
in Hunger oder Geschlechtsnot verzehrte. Sein Unterleib war sackartig gebläht,
die Kopf- und Schulterteile waren mager. Sein Maul war bis zu den Speicheldrüsen
jaunend aufgerissen und gen Himmel gestreckt, dünn gewölbt wie ein Vokalzeichen.
Es beherbergte einen markerschütternden Schmerzensschrei. Neben den Tierbildern
machten sich die gewohnten Räckeleien von Leibern breit, Gestaltungen von zwei
und drei ineinander gepfropften Akten. Ich musste Slim ansehen. Er sprach, vor
den Tafeln stehend, lebhaft mit Kelwa und klopfte ihm auf die Schultern. Da kam
mir eine Idee. Hier stand er wohl und begeisterte sich für das Ganze, weil er
einen Teil begriff ? Wer konnte denn diesem Seelenleben, diesem so
grundverschiedenen Phantoplasma, dieser nach schweren Umwälzungen überlebten Art
von Anschauung in die Nähe kommen? Es war eine Verzweiflungstat, gottverdammte
Dialektik, das war es! Vielleicht machte das Blut, das Blut, das durch das
Hirngebirge rieselt, etwas aus. Wer war nun der eigentliche Maler? Dieser
internationale und raffiniert erfahrene Abenteurer, der das Bewusstsein dieser
Anschauungsformen motivierte und sich eigentlich schon auf einer Retourkutsche
befand, oder Kelwa, der Eingeborene, der einfach malte, vermöge des Kontaktes
zwischen seinem Hirn und seinem Handmuskel?
    Ich starrte auf dieses Nebeneinander von Farben, das sich wie ein Rätsel im
letzten Augenblicke, da man's zu fassen glaubt, verwirrte. Und plötzlich schien
es zu meinen Gunsten verschoben. Der Eindruck von Wirklichem schnellte aus der
Tafel, und als ich soweit gekommen war, hatte ich zum zweiten Male das Gefühl
der Wandlung. Sah ich mit dem Rassenbewusstsein eines Indianers? Eine Formenwelt
eröffnete sich mir, die technisch tief stehen musste. Aber in ihrer Deutung war
das Walten der Wesen nicht weniger erklärt, denn in der verwickeltsten
plastischen Gruppe. Hier war alles entsprechend und befriedigend, restloser denn
je ein Versuch der Natur, heroischer gleichsam als das Urbild. Alles war: Bild.
Ja, gab es überhaupt einen Fortschritt der Technik oder war es nicht vielmehr
das geänderte Bewusstsein, das eine geänderte Anschaulichkeit nach sich zog?
Anschauen, beobachten heisst wollen. Wir unterziehen uns einer grossartigen
Suggestion. Das Wissen von Formen und Dingen ist vor der Wahrnehmung da. Im
wesentlichen liegt allem das undimensional Gestaltete zugrunde. Was ist der
einzelne Mensch? Eine Symbiose von Tieren. Dieser Kelwa besass ein Phantoplasma,
das seiner Art von Jägerleben entsprach. Seine Art Augen heulten und
schnupperten in meinem Kopfe wie Hunde, für sie lag das Menschliche in so
wohlgefälliger Hässlichkeit ausgebreitet wie etwa auf diesem Bilde. Hat man den
Hund schon gefragt, wie die Welt aussieht? Würde er die Frauen Lionardos als
Menschenporträte erkennen und würde er überhaupt Verständliches darin vorfinden?
Wohlan, ich votierte für Kelwas Sehen. Was wir aus dem Sein analytisch
herauskriegen, ist nur eine Syntese dessen, was wir zu unserer Lust brauchen.
Kelwas Leben ist ein vollständiges System - eine Kultur. Kehre ich in der von
mir erfundenen fünften Dimension gelegentlich zu ihm zurück, gut, so ist mir das
Leben nach dreissig Generationen wieder einmal Jagd. Ich sehe Mensch und Tier
unter der verwandten Form - denn die Form ist ein Vorwand für meinen
Lebenswillen. Alle Lüste dieses Daseinszustandes versammle ich in dem Blicke,
mit dem ich sie beschenke. In meiner Dimension ist eine entalten, die
Entwickelung heisst, das Substitut der »Zeit«. Suchen wir der »Zeit« ihre Kunst.
Denn jede Dimension habe ihre Kunst. Die Musik ist das Undimensionale, der
Punkt, das Sein an sich und der springende Punkt: die Lust. Wir haben ja jetzt
Gott sei Dank entdeckt, dass die Lust auch bei Disharmonien nicht aufhöre und dass
sie mit einem Worte allgegenwärtig sei. In der ersten Dimension haben wir die
Kunst der Linie, die Architektur. Sie ist bei den frühesten Völkern zu Hause.
Die Schwerkraft ist die Urlinie. Hat man nicht durch alle Zeiten geahnt, dass die
Architektur der nächste Blutsverwandte der Musik sei? O wie sich alles klärt!
    Kelwa ist ein grosser Künstler, denn er gibt durch seine ausserordentliche
dimensionale Reinlichkeit das sinngemässe Weltbild wieder. Ich werde seinem
braunen Weibe den Hof machen. Wer die Liebe aus diesem Quell schöpft ... Es ist
begreiflich, dass Kelwa den geschärften Blick fürs menschliche Prototyp hat! Wie
sie herübersieht! Es ist die Rührung selbst in ihren Augen. Er muss,
Konterstimmungen abgerechnet, ein glücklicher Gatte und Künstler sein - -
    Mit kühler Studienlust frass ich mich in die simple Symbolistik der Bilder
ein. Der schreiende Puma in seiner Leibesnotdurft mochte ein Stammeszeichen
sein. Ich bemerkte ihn in blauer Tätowierung auf dem Bauche von Madame Kelwa.
Ich schlug mich in ihre Nähe und wies, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, mit
stummem Finger und übertrieben deutenden Blicken auf das, was an ihrem Leibe
mein Interesse anzog. Ich frug nach dem Puma. Da ereignete sich eine höchst
peinliche Szene. Das Weib warf sich plötzlich, mit einem Ausdruck unnennbaren
Grauens im Gesicht, rücklings auf den Boden und blähte bei gespreizten Beinen
den bemalten Körperteil zu gespenstischem Volumen auf. Es war, als ob der
gesamte Unterleib erigierte, der Bauch näherte sich in einer Art magnetischer
Elevation meiner Fingerspitze. Aber diese Nähe war, wie ich hinterher nach der
Lösung des Kontaktes begriff, nur eine eingebildete. Mein Finger wurde nicht
angezogen und festgehalten, ich hielt ihn, trotzdem ich das Gegenteil erlebte,
freiwillig auf sein Ziel gerichtet. Das Fürchterliche, ja nahezu Lächerliche an
dieser Szene war, dass ich während der ganzen Dauer der Faszination, die von
meinem Finger auf das röchelnde, schielende Frauenzimmer und umgekehrt ausging,
meinen schrägen Finger nicht um einen Zoll von dem Bauche abwandte. Der Dämon
einer solchen Sinnlichkeit zwang mich zu einem masslosen Erstaunen, meine
Verwunderung kannte keine Grenzen und war schwer wie ein Alpdruck. Als ich zu
mir kam, musste ich tief und unbändig seufzen. Dass ich den Finger nicht aus
seiner Starre rührte, war seltsam. Aber ich erinnerte mich in jenem Augenblicke
gar nicht an mich, obzwar ich mich über die Tatsache selber, dass ich so unbewegt
dastand, nicht genug wundern konnte. Ich war mir vollständig klar darüber, dass
ich es nicht tun musste, und dass es keine irgendwie geartete Kraft auf Erden gab,
die mich dazu zwang. Um so rätselhafter bleibt mir dieser Vorgang, den ich unter
jener Sonne mehrmals erlebte. Ist unser Wille so schöpferisch, dass er reale
Wirkungen eingebildeter Kräfte in die Beobachtung rückt; oder verschleiert unser
Bewusstsein redliche Wirkungen der Natur mit Hilfe eines bildlichen Willens? Ist
unser Wille Urheber oder Begleiterscheinung? Dieser Gedanke tauchte damals zum
ersten Male in mir auf. Er verschwand wieder. Er hätte das gedankliche
Gesamtresultat der letzten Tage vernichtet. Die Sache war die, meine Besinnung
und mein Entschluss waren teoretisch; praktisch dagegen hatte ich in jenen
Sekunden rein auf mich vergessen. Ich nahm die Wirkung eines Posenwechsels in
Gedanken ruhig vorweg; in der Tat aber war ich, mit dem Finger schräg auf den
gewölbten Bauch vor mir weisend und mit Augen, wie Saugnäpfe starrend,
dagestanden. Ich war geistig frei; mein Körper war gebannt. Und dann war ich
wieder im praktischen Besitz meiner Kräfte. Noch stand ich still; mit einer
leisen und nicht ganz zweifelsfreien Neugier nahm ich mir vor, abzutreten -
jetzt! und bevor ich es dachte, sank meine Hand, eine Spannung liess in mir nach;
doch ermangelte allen diesen Empfindungen etwas, das ich Ernst nennen möchte. Da
war alles bedacht und seelisch motiviert, da war nichts von der illegitimen
Einwirkung geheimer Kräfte. Nur das Verhalten der Indianerin widerrief die
Gewöhnlichkeit des Vorgangs.
    Sie lag drei Schritte vor mir. Ihr Bauch stand da wie eine Schwangerschaft,
eine grosse reife Frucht, geschwellt, gleichsam vielleicht von meinem Finger
angestochen. Als ich zurücktrat und die Hand fallen liess, schwoll er sichtlich
ab. Der Kopf der Frau mit den stellenweise tonsurartig ausgerupften, sonst
schulterlangen Haaren war zurückgebogen, aber seine Augen kletterten kurz unter
den Lidern speergerade auf mich zu. Der Mund zwischen den vollen Backen stand
offen, ich sah in seine violette Höhlung mit den felsigen, trapezförmigen
Kiefern. Ein unregelmässiges Keuchen drang mit dünnem Knattern an den
Schleimhäuten vorbei und brachte schnarchende Geräusche mit sich. Der Leib
streckte alle viere vor, mit dem in trüber Sehnsucht blickenden Unterleibe als
Mittelpunkt bewegte er sich in den dumpfen, niedrigen Sphären, die ich schon an
Zana beobachtet hatte. Während das Gehirn wieder in seine Herrschaft trat,
arbeitete sich das menschliche Wesen allmählich ins Lichtere empor, eine
berauschende Liebenswürdigkeit und Demut zeichneten sich in die fremdartigen
Mienen der Frau ein. Sie rollte sich zusammen und lauschte. Slims und Kelwas
Gespräche kamen von hinter der Hütte her. Ich stand ruhig, mit grosser Würde, und
liess mir die beschuhten Füsse küssen. Meine Hand legte ich in ihr seifiges Haar,
ohne Ekel zu spüren. Ich sprach nichts und nickte bloss mit dem Kopfe. Sie
schnarrte einiges in ihrer Sprache. Ich nickte wieder. Und nun stand sie auf und
entfaltete sich zu einem kleinen, merkwürdig gebauten Frauenzimmer. Der
Oberkörper war mager, die Büste flach mit langen Brüsten, die Schultern wie
gezimmert, die Schlüsselbeine hervortretend als knochige Ornamente, die Arme mit
nach aussen gesenkten Unterarmen, in der Ellbogengegend nahe am Körper liegend.
Die Hüften aber waren wellig und nicht reizlos. Die Wirbelsäule, vibrierend wie
eine gebäumte Schlange, glitt mit einer Schweifung zurück und verschwand in der
Doppelwoge von festem, plastischem Fleisch. Das rotblaue Schürzchen aus Beeren
und Perlen, das sich verschoben hatte, fiel jetzt mit Zucht über den
dreizinkigen Schattenstern.
    Sie sprach zu mir, als könnte ich nicht umhin, den natürlichen Ausdruck
ihrer unfeindlichen Gesinnung zu verstehen. Vertrauensvoll sah sie mich von
unten an. Da gewahrte ich, dass sie grosse, vollständig braune Augen hatte, die
erwärmten. Die Oberlider waren gebrochen wie unsymmetrische Giebel. Unter der
Nase prangte unvermeidlich ein zieres Eberzähnchen. Die Folge davon war, dass sie
die verkürzte Oberlippe stets offen hielt und ihre guten gelben Zähne wies. Ihr
Teint war nicht mehr frisch, aber sanft und samten. Die Babutschen, die aus
allen Ecken des Hofes und dem Innern der Hütte sich vernehmbar machten, waren
ihre Kinder.
    In diese Hütte verschwand sie. Als sie wiederkam, trug sie einen mannsgrossen
Schild in Händen. Sie brach ihn auseinander. Da begriff ich unser gemeinsames
Geheimnis. Es war jener Schild, den ich tags vorher mitten durchgeschossen
hatte. Drei meiner Schüsse hatten ihn getroffen. Er brach entzwei, das obere
Teil krachte herab - nun stand meine liebenswürdige Indianerin da und hielt mir
den Rest mit unterwürfigem Blicke entgegen.
    Sie stand ganz nahe bei mir. Ihr Ellbogen berührte mich an der Hüfte. Ich
roch ihre ölige, bronzene Haut, die mit einem fremden, flachschmeckenden Parfum
getränkt war, einer Blumensalbe, die ganz zutiefst einen vermischten angenehmen
Reiz aufwies, in ihrer stumpfen Penetranz aber abstiess. Es vermengte sich mit
dem leimigen Duft ihrer leicht echauffierten Achselhöhlen. Dies war die
Ausdünstung eines wilden Tieres oder einer geilen, feuchten Djunglepflanze,
kräftig und unfeststellbar wie der Geruch von Protoplasma. Meine Organe
weigerten sich gegen ihn. Ich blieb höflich und standhaft am Platze und empfing
den leichten Druck ihrer Gestalt. Indem ich an die Gesundheit dieses
transpirierenden Fleisches dachte, stärkte ich mich. Trotz der ausserordentlichen
Magerkeit der Schultern zog sich die Haut glatt und gespannt über das Skelett.
Mein Auge tastete über Mulden und elfenbeinartig gemilderte Höckerchen. Und
sofort verhielt ich mich passiv, wehrte mich nicht mehr gegen diese Ausdünstung
und empfand sie vertraut. Ich stemmte den rechten Arm in die Seite. Er berührte
ihren sehnigen Rücken leicht. Sie lehnte sich daran.
    »Rulc!« sagte sie in ihrer Schlucksprache. Sie hiess also Rulc. Schnell fuhr
sie auf dem Bild ein paar Konturen nach. Mühelos gelang es ihr, sich ihrer
leiblichen Identität zu erinnern. Langsam kam ich nach, ihr Finger wiederholte,
dem Lauf einer Linie wie auf einer Landkarte folgend. Ich fasste zusammen, sie
hiess Rulc, und ich hatte ihr Konterfei entzweigeschossen. Ob es sehr geschmerzt
hatte? Sie stand jetzt beinahe in meinem Arm, in einer skizzierten Umarmung, wie
ein europäisches Mädchen. »Soso, wunderbar«, sagte ich englisch, weil ich mich
nicht stumm verhalten wollte. Und plötzlich begann ich, zu ihr zu reden, obwohl
ich wusste, dass sie mich nicht verstand. Ich erzählte ihr, plötzlich voll innerer
Ausgelassenheit, dass sie reizend sei, und löste meine Faust von der Hüfte, sie
gleichsam zum Nachdruck einer sehr wichtigen Mitteilung in das Fleisch ihrer
Taille bettend. Da verspürte ich ein ziehendes Unwohlsein im Nacken. Ein
Gegenstand von packendem Interesse suchte mich von rückwärts her nach sich hin
zu lenken. Es drehte mir den Kopf herum, da folgte ich aus tausend Gründen.
Zuletzt in diesem Bruchteil von Sekunde war wirklich ich es, der mit dieser
Bewegung endigte, nicht das andere. Es war eine uralte Bewegung, deren Gründe
dem Gefühl nach eine Spanne von Ewigkeiten zurücklagen. Ich erinnerte mich an
sie, wie an eine lang vergessene Pflicht. Und ich sah Slims Gesicht hinter der
Hütte hervorlugen.
    Er musste den Kopf etwas vorstrecken, denn seine Figur blieb verdeckt; er zog
ihn auch nicht mehr zurück, sondern trat vollends hervor. Er lächelte; es schien
wohlwollend und konnte böse sein. War er eifersüchtig? Er hatte ein schönes,
tiefliegendes, ein wenig hartes Auge. Es war etwas Scham- und Scheuloses in
diesem Auge, es war frech, liess nichts unbelastet, machte nicht Platz,
beanspruchte den ganzen Raum. Ich weiss nicht, warum mir dies gerade jetzt
auffiel.
    Slim lachte flegelhaft und ich erinnerte mich, dass er ein Yankee sei. Er
trat herzu, dozierte, und wurde mir so mystisch und unbegreiflich wie je. »Ah,
Sie studieren bei Rulc Malerei? Das ist gut, Sie können hier lernen. Lassen Sie
sich lehren, alles dies ist elementarer, als was eure Malerei bis jetzt fertig
gemacht hat. Kelwa lebt in jenem seelischen Stadium, da man noch Schragen sieht.
Die Natur hält keine schönen Reden. Wo aber sind in euren schönen Kunstwerken
die Schiefheiten, Einseitigkeiten, Zufälligkeiten? Wer sieht so aus, wie ihr ihn
beschreibt, zeichnet, malt? Eure besten und idealsten Künstler sind süssliche
Sudler gewesen. In diesen Bildern eines Barbaren liegt die einzige Humanität.
Sie erfassen lebendige Form und die Dinge, die wahrhaft dahinter liegen. Denn,
Johnny, merken Sie sich eins: Was wir wahrnehmen, sind Entschuldigungen unserer
Sinne. Die tieferen Gründe der Reaktionen von Mensch auf Mensch liegen auf einem
anderen Planeten als diese Erde ist oder liegen um Ewigkeiten von Zukunft hinter
den Scheingründen verfrüht. Und den Urgründen ist Kelwa näher als Sie und
Ihresgleichen - er hat die Zeit und die Entwicklung noch nicht entdeckt.«
    In diesem Augenblick fand ich ihn unausstehlich. Gedanken, die ich zart und
zweifelnd in mir trug, gab er einen derben Ausdruck. Er fuhr fort. »Sie werden
dies noch nicht verstehen, nach diesen wenigen Bruchstücken meiner Anschauung.
Ich habe Ihnen zwar schon davon erzählt. Mittlerweile ist aber in mir ein ganzes
System entstanden. Wenn sie wollen ...«
    »O doch«, unterbrach ich ihn gierig, »ich verstehe schon. Dies ist ... ich
will sagen, in einer Manier von Landkarten gemalt. Aber wollen Sie behaupten,
dass ich so aussehe ... scheusslich, einfach scheusslich«, musste ich lachen.
    »No, Sir«, sagte Slim, »das ist es eben. Sie verstehen nicht über,
beziehungsweise unter den Horizont Ihrer Sprache zu blicken. Unter Sprache
verstehe ich jetzt das gesamte bildliche Ausdrucksvermögen. Die Sprache des
Indianers ist seine Malerei; auch seine Wortsprache ist nur malerisch, nicht
begrifflich. Die avancierte Sprache und Philosophie sind eins. Ist es Ihnen
entgangen, dass die Welt auf deutsch bereits anders aussieht als auf französisch
oder englisch? Die avancierte Sprache reagiert in der fünften Dimension. Darüber
haben wir schon gesprochen, wie? Übrigens, was Sie da über die Landkarte gesagt
haben, ist richtig, es stammt ja von mir.«
    »Nein«, sagte ich verwundert, »das tut es nicht. Denn ich erinnere mich ganz
deutlich an die Entstehung des Wortes. Ich könnte schwören, dass es von mir
stammt. Ich habe es im Verlauf von Sekunden erobert, immerhin durch
Beobachtungen erobert.«
    »So?« sagte Slim gedehnt und sah mich lächelnd an. Er war masslos eitel. Er
schien mir wie ein Vampir, der die Gedanken und Ideen der anderen an sich
saugte. Wiederum fiel es mir bei: Wer war hier der eigentliche Maler? Kelwa, das
naive Genie, oder Slim, dem es vermöge seiner eigenen Durchdringungssphäre
seines vielrassigen Ichs möglich war, in die Gedankenläufe anderer einzubiegen?
    »Wie meinen Sie?« sagte Slim feurig. Seine Augen ergrauten in Verwunderung
über meinen Widerstand. Er wurde nachdenklich. »Oh, nichts«, sagte ich schnell.
Aber ich bemerkte, dass ich doch sehr gegen Kelwa war. Darum fing ich zu sticheln
an; denn mager, abgöttisch mager fand ich seine Gestalten. »Zugegeben, es ist,
physiologisch genommen, ein eigentümlicher Menschenschlag; meinetwegen eine
Hochrasse; ihr reproduzierender Künstler ist auch ein Teilchen wahrhaftig in
seinem Sehen. Aber diese Übertreibungen? Es ist unbeholfen, um Gott nicht
künstlerisch, bitte sehr, nicht künstlerisch!«
    Slim fuhr sich durch seinen guterhaltenen Haarschopf. Es war nicht
auszuhalten mit mir! Rulc verschwand in die Hütte. Und vor uns bewegte sich
ebenmässig, klein und gelb der indianische Künstler, gerundet wie eine Statuette,
voll, wie ein gutgenährter Knabe, mit einem zierlichen Wanste und tadellosen
Füssen und Händen. Dies war der Mann, dessen Ideal im rachitischen, verrenkten
Körper gipfelte.
    Slim liess seinen Haarschopf fahren. Ich war sicherlich noch dümmer als ich
aussah. Er schien eines gewissen Einwandes von meiner Seite gewärtig, legte
seine grosse Hand auf die Schulter des Männchens und sagte:
    »Künstler, nun ja, Künstler brauchen nicht selbst ihren Idealen zu gleichen.
Künstler schaffen Rassigkeiten, sind sozusagen das Ahnungsorgan einer Rasse. Sie
werden das natürlich besser verstehen, wenn ich Sie einmal mit meiner ganzen
Lehre vertraut gemacht habe. Künstler sind Maschinen zur Erzeugung neuer - -«
    »Phantoplasmen«, sagte ich zufrieden und gelassen. »Ach nein,
Phantoplasmen?« machte Slim, besann sich aber sofort und sagte: »Phantoplasmen,
doch, das ist gut. Ich verstehe, Phantasie, Plastik. Das ist ausgezeichnet.« Er
sah mich aufmerksam an. »Das ist besser als Phantomien. Phantomien ist nämlich
das Wort, das ich dafür geprägt habe. Es ist doch merkwürdig, wie man auf
dieselben Gedanken kommt, wenn man in der Einsamkeit sich gegenseitig ausgesetzt
ist!« sagte er mit steinernem Gesichte. »Man durchdringt sich förmlich.« Ich
errötete unter seinem Vorwurf. Seine gedankenvolle, nahezu weise Stirne schien
der Ausdruck höchster Ironie. Er hasste mich, weil ich das bessere Wort gefunden
hatte.
    »Ja«, fuhr er fort, »das ist es wohl. Künstler schaffen Glückstypen und
Schicksalsgenüsse. Auch eure rechten Künstler tun nichts anderes, sie schaffen
die Glückstypen eurer Zeit. Der Glückstypus eurer westarischen Kultur ist der
wissenschaftliche Mensch. Das Schicksal, das euch süss erscheint, ist die Plage
der Analyse. Man hat Entwicklung. Es ist leicht möglich, dass man einmal über die
Analyse hinauskommt und wieder zu stationären Typen gelangt, wie der Chinese.
Aber hinter diesem - Phantoplasma von der Entwicklung vollzieht sich ewig gleich
und unbeirrt das physische Urschicksal, das wir nicht kennen, das wir nur
deuten, zu dem unsere Existenzen nur Symbol - wittern Sie die Kunst? - sind, und
dem Kelwa durchaus nicht näher steht als ihr - nein, ich will sagen: wir.
Durchaus nicht. Habe ich einmal etwas Ähnliches behauptet, so mit einem anderen
funktionellen Werte als jetzt; nur bildlich, innerhalb eines Raumgleichnisses.
Denn Kelwa hat ohne das Motiv der Entwicklung sein Phantoplasma, seine
Rassenglücke und seine Dialektik. Seine Sprache ist unfähig, mich und meine
Gedanken auszudrücken. Aber ahnen Sie schon, dass bei ihm das blosse Lustvermögen
an den Farbenvorstellungen seiner Bilder genau so zureichende Erklärungen des
Urempfindens einschliesst wie unsere waghalsigsten Teorien? Er kann niemals
denken wie ich und vielleicht - - -«
    »- - - vielleicht«, rief ich jubelnd, »ist dieser Kelwa nur eine Ausdeutung
des Urempfindens aus Ihrem eigenen Phantoplasma heraus!«
    »Glauben Sie?« sagte Slim mit einem Zuge um die Augen, der alles bisher
Gesagte förmlich zurücknahm. Meine allzu bereitwillige Zustimmung mochte ihn
genieren. Ich verstand, dass er bereits die Einschränkung nötig empfand. »Aber
was bewiese das? Dass meine Teorie rund ist, sich selbst als Teorie behandelt,
also vollkommen alle Chancen auf Wirklichkeit erschöpft!«
    Hier hatte man den ganzen Slim. Einen sublimen Spitzbuben. Intelligenz ist
Gaunerei höchsten Grades. Ich sah zu Kelwa hinüber, der ein Gesicht aufbewahrte,
das mich ärgerte; die Züge der männlichen Sphinx, des Künstlers. Der Künstler,
da war er: eine Mischung aus Idiotenhaftigkeit und Rassenahnung. Ein schweres
unverdauliches Widerstreben stieg in mir empor. Und ich dachte: Wer war ich? Der
Spitzbube oder der Idiot?
    Aus der Hütte zankte eine weibliche Stimme. Kelwa bekam es plötzlich eilig.
Slim rief ihm herausplatzend noch etwas nach. Ich wollte doch sehen, sagte ich;
ging hin und steckte den Kopf hinter die Matte. Gleich darauf war ich mit beiden
Nasenlöchern wieder an der frischen Luft. »Bohemewirtschaft!« nickte Slim. Wir
gingen zusammen in die Pampas hinaus.
    »Ich bin ein guter Leiter!« begann Slim. Er schien mit einem Gedanken, der
ihm schwer nachgehangen hatte, sein Geschäft abgeschlossen zu haben. »So?« sagte
ich, »ein guter Leiter, wieso?« Plötzlich fiel mir etwas ein. Funkelnd vor
Bosheit setzte ich den Einfall hin, mit der bescheidensten und sachlichsten
Miene von der Welt. »Sie meinen wohl ein gutes Medium; das scheint mir auch,
Slim.« Slim schnappte nach Luft, denn er hatte bereits etwas anderes sagen
wollen. »Ach, Medium«, sagte er mit einer Stimme voller Plage, »warum denn immer
diese unoriginellen Worte. Ich sage Leiter, denn es ist etwas Neues und wir
brauchen einen neuen Terminus dafür. Übrigens trifft es den Nagel auf den Kopf.«
    »Also Leiter. Wie meinen Sie denn das?«
    »Sehen Sie, ich meine das so. Ein paar Anhaltspunkte genügen mir, um sofort
mitten in ein Phantoplasma - wie Sie das herrlich genannt haben - versetzt zu
sein. Sie mokieren sich natürlich darüber, dass ich kein Indianer bin, aber doch
schon ein ganzes System über Indianertum zusammengestellt habe. Ist das so
merkwürdig? Ich bin kein intellektueller Gauner. Geben Sie mir Kredit. Nein,
geben Sie der Sprache Kredit. Ich schaffe Neues, vollständig Neues, mit keinem
anderen Mittel als dem der Sprache. Ich brauchte das derbe materielle Erlebnis
gar nicht. Ich denke; ich bin spekulativ veranlagt. Und ich habe die
erschütternde Erfahrung gemacht - es war die ersten Male eine wirkliche
Erschütterung - dass ich die Dinge alle so erlebte, wie ich sie erdacht hatte.
Ich habe mein ganzes Leben zwischen vierzehn und zwanzig erlebt, als Seekadett,
in eine Hängematte, eine Kabuse, ein Schiff eingesperrt. Damals wusste ich, wie
jeder Seemann, nichts von der Welt. Nachher aber, als ich in die Welt kam, habe
ich nichts mehr erlebt. Oder vielmehr, immer das Gleiche, immer wieder diese
sechs Jahre persönlicher Einsamkeit, immer wieder diesen Inhalt von Erdachtem.
Ich habe seiter ein wildes Leben geführt, by Jove. Aber, von reifenden Ideen
abgesehen, habe ich nichts Neues erlebt. Es war alles schon in mir, bevor ich
noch seine Bekanntschaft machte. Ich weiss auch, warum es so ist. Es ist keine
Schwäche, wie ich einmal dachte. Es ist eine merkwürdige Kraft, ja, Johnny, eine
herrische Kraft, die mich anderen gegenüber oft in Verlegenheit bringt. Die
Menschen laufen vor mir ohne eigene Gesichter herum, wie Brocken von meinem Ich.
Ich besitze die Witterung, die Beobachtung, die Kombinationsgabe des Jägers. Ich
habe aber in meinem Köcher Worte, Worte, nichts als Worte. Und ich bringe mein
Wild zur Strecke, unabänderlich - lassen Sie sich sagen, dass die Jagdlust selbst
das wichtigste Wild bedeutet, und dass Sie nicht von der Beute, sondern von der
Jagd leben. Sie ist das einzige, erste und letzte physiologische Ereignis, und
darauf kommt es an. Die Beute ist nur technisch da. An der Tatsache könnt Ihr
verhungern - ich lebe von der Teorie. Ihr seid Träumer und beruft Euch auf den
Augenschein. Just Ihr habt ihn nicht; Ihr habt ihn nie gehabt. Glaubt Ihr, dass
Ihr sehen könnt? Ihr sehet ganz schwächlich. Ich halte mich an die Abstraktion.
Ich stehe ausserhalb des Lebens - ich denke das Leben, erschaffe es nach meinem
Denken. Euch ist gesagt, Ihr sollt Euch kein Bildnis machen, nicht von Euch,
nicht von ihm, von nichts - dies war der Apfel der Erkenntnis, der Euch
verweigert wurde, eben dies! Ich aber mache mir dies Bildnis und die Realität
prangt. Ich wechsle Sein und Denken, der Erfolg ist, dass ich lebe. Als Rest
bleibt ein Schatz. Ein Schatz, Johnny, für den jeder andere nur Vorwand ist. Ich
floriere, ich stehe hell in Blüte. Mir widerfährt das Wunder, und mein dürrer
Stab schlägt aus. Ich erhalte physische Botschaft und höhere Bestätigung meines
Denkens: Ich bin auf jenem menschlichen Maximalgrad von Existenz angelangt, der
Glauben heisst; welcher Art mein Glaube ist, können Sie vielleicht erraten; ich
will es Ihnen auch ein anderes Mal erklären. Nun fordere ich Sie auf zu lächeln,
ich werde eine Antitese gebrauchen: ich habe Praxis im Erkennen. Sie sehen in
mir das Endglied mehrerer Rassen von Jägern und Abenteurern, von
Beobachternaturen. Ich habe wahrscheinlich ein Training von Jahrtausenden
genossen - bitte, sofort dürfen Sie reden - ähnlich dem buddhistischer Fakire,
die ihren Organismus in einer uns unverständlichen Weise beherrschen und sich
nach vierundzwanzig Stunden Totenstarre und Begräbnis exhumieren lassen. Auch
ich bin begraben und lebe. Ich bin der typische Lebenslaie; dass ich trotzdem im
Leben stehe und erlebe, ist mein Spezialvergnügen, aber es ist unwesentlich. Ich
könnte geradesogut in einem Pariser Hotel sitzen und Bücher schreiben oder
Bilder malen. Der Jeweilslaie ist der Beobachter, er ist der Schöpferische. Er
kann ...«
    »Unsinn«, sagte ich; er hielt betroffen inne. »Ich muss zugeben, ich bin
Ihren Behauptungen gegenüber hilflos, denn ich konnte sie nicht alle fassen. Ich
bin Ihren Anschauungen gegenüber wahrhaftig ein Laie; was folgt daraus? - aber
ich weiss trotzdem ganz bestimmt, dass das alles dialektisch ist. Es liegen
Druckfehler vor; ich vermag sie nicht alle zu übersehen -«
    »Well«, sagte Slim, »also dialektisch, if you please. Das ist gut. Was aber
ist nicht Dialektik? Alle Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft beruhen
auf dialektischen Resultaten. Staat, Ehe, Patriotismus. Das sind Dinge, die es
nicht gibt. Aber man rechnet mit ihnen. Dialektisch sind die bildenden Künste,
sie sind Schönredereien, Lügen, Tricks. Aber darum nicht wertlos, Johnny, nicht
wertlos. Sie entsprechen einer gewissen Dimension, ich habe Ihnen das schon
erklärt. Euer Empfinden lebt ja in einer gewissen Dimension ...«
    »Und das Ihre?« schob ich schnell den Fuss vor.
    »Das meine noch über dem Euren. Ich lebe in der Dimension des Paradoxen, des
ewig Konträren. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen gestern abend expliziert habe.
Oder haben Sie es verschlafen?«
    »Gestern abend?«
    »Nun ja, gestern abend, nach dieser merkwürdigen Seance, bei der Moki seine
alten Kunststücke aufführte. Wir stritten doch darüber, ob er wirklich
aufgeflogen sei - was ganz lächerrlich ist - oder ob es sich hier um ein
suggestives Sehen handelte, das ich Ihnen erklärte. Ich erkenne wohl, dass Sie
Ihre ganze betrunkene und gläubige Seele von gestern abend verschwjetzt haben!«
    »O nein«, sagte ich halbtot, denn kein Gedanke war weit und breit in meinem
Kopfe, »ich erinnere mich wohl. Ja, und - und ... da erklärten Sie mir also
irgendwie Ihr System, wie ... ja, natürlich, ich erinnere mich schon. Das ist
aber merkwürdig.«
    »Was ist merkwürdig«, sagte Slim grinsend; »Sie waren sehr betrunken,
Johnny, ich weiss. Aber Sie haben verdammt gescheit gesprochen, obwohl Sie mich
immer mit Checho anredeten, als Sie beweisen wollten, dass der Gott auf und davon
geflogen sei. Ich hatte alle Achtung vor Ihrer Beobachtung und Spitzfindigkeit.
Sie sind heute wesentlich dümmer. Was ist denn so merkwürdig ...?«
    »Merkwürdig, ja, nun, nun natürlich Ihr System. Es hat aber etwas für sich.
Ich erinnere mich schon. Sagen Sie mal, habe ich Ihnen vielleicht auch etwas
erzählt?«
    »Erzählt?« machte Slim und sah mir gerade ins Gesicht. »Ja, Sie haben mir
von Ihrer Braut erzählt, jenem spröden deutschen Mädchen, sie ist Soubrette,
glaube ich, haben Sie gesagt. Jawohl, darüber haben wir oben im Zusammenhang mit
meinem System der Dimensionen und den verschiedenen Phantomien gesprochen. Ich
akzeptiere übrigens Ihr Wort, Phantoplasma, es ist besser. Sie haben offenbar
darüber nachgedacht. Ich fand es sehr schön von Ihnen, dass Sie mir aus Ihrem
früheren Leben erzählten. Ihre Bemerkungen dazu waren durchaus interessant. Und
nun fühle ich mich Ihnen gegenüber gewissermassen verpflichtet; ich möchte, da
wir ja nun einmal im Urwalde Freunde geworden sind, nicht, dass Ihnen an mir
etwas dunkel sei; Sie würden es, wie es dem Menschen nun eben geht, gewiss ins
Schlechte deuten.«
    »Keineswegs«, sagte ich, schmächtig an Gefühl. »Mein Physiologismus«, fuhr
Slim fort, »ist Geistigkeit. Greifen wir zur Physik, Herr Ingenieur. Um das
Fluidum zu erzeugen, auf das es jeweils ankommt, ist es gleichgültig, ob Sie den
Körper im Strahlungsfelde des Magneten bewegen, oder ob das Feld am Körper
vorbeispaziert. Nehmen Sie die Inversionsströme! All right, das ist mein
Vergleich! Ich bewege einmal zur Abwechslung sozusagen nicht die letzte uns
fassbare Dimension, das ist die Zeit, sondern führe eine leere objektive Bewegung
gegen sie aus. Das Fluidum, das derart erzeugt wird, ist dann ungefähr diese
meine Dimension; dass ich in ihr auf alte, uralte niedrigdimensionale
Lebensformen zurückgreife, ist eben ihr, wollen sagen, reaktionäres Wesen. Hören
Sie ...« und er begann sich über das zu verbreiten, was er seine dimensionalen
Teorien nannte. Wir schritten in eifrigem Gespräche in die Savanne hinaus und
wieder zurück. Als erst die Hälfte erledigt und geklärt war, standen wir schon
wieder an der ersten Hütte. Ich fand bei mir zu allen diesen Eindrücken das
lösende Wort, dass Slim eine ungeheure syntetische Intelligenz besitze, aber
sich in ihr übernähme.
    »Sie sind ein Ursprung«, sagte ich höflich, wie mir's vor Uneigenheit zumute
war. Das Gespräch endete, als wir zu van den Dusens Hütte traten. Ich ertappte
mich bei dem Gedanken, dass ich wohl ein guter Leiter sein müsse. Irgend etwas
muss der Mensch doch sein, irgendeinen Ehrgeiz muss er zufriedengestellt finden.
Mein Kopf war während dieser Tage nichts als eine Filiale des phänomenalen
Denkorganismus, den Slim in seinem Schädel barg. Er ahnte in diesem Augenblicke
meine Botmässigkeit, behaupte ich, denn plötzlich traf er Anstalten, sich zu
revanchieren - dies durchschaute diesmal ich - fühlte sich aber von meiner
Höflichkeit geplagt und suchte sich aller lästigen Verpflichtungen zu
entledigen, indem er sich mit objektiver Eiseskälte bis ans Herz hinan wappnete.
Er sagte nämlich, höchst unlustig und gleichsam als Massregel, den guten
rücksichtslosen Takt unseres Verkehrs festlegend: »Johnny, Sie sind ein
interessanter Mensch. Eigentlich. Aber wie kommt es, dass Sie trotz Ihres höheren
Intellekts stets mehr Unrecht in Ihren Meinungen haben, als irgendein anderer
Mensch von tieferstehender Intelligenz?« Bei diesen Worten richtete er seine
Augen geradeaus auf die Hütte Dusens, der dort im Schatten sass und aus einer
kurzen Pfeife qualmte. »Es kommt daher, dass Sie ein Deutscher sind und sich auf
keine Realität geeinigt haben. Die Deutschen sind stets um einen Grad klüger als
andere Menschen auf Gottes Erdboden. Ja ja, sehen Sie mich nicht so hilflos an.
Es ist der Natur mit dieser Überlegenheit blutig ernst. Die Natur liebt den
Deutschen offenbar, sie gibt ihm Talente, Chancen zu unerhörter Macht und zu
Glück, aber er geht daran vorbei. Der Deutsche ist universell und liebt die
Nuance; allein die Vorstellung fremder Hautfarben ist für ihn erregend und macht
ihn ehrgeizig. Er liebt den Chinesen und möchte am liebsten selbst einer sein,
weil er feine Seide trägt und inmitten eines Systems uralter Weisheit lebt.
Eines Systems; man stelle sich vor, was das für einen Deutschen ist. Er liebt
den Neger, weil er ihn musikalisch ahnt. Er erwartet nichts weniger als die
endgültige Veredelung der Welt, herbeizuführen durch die Verschmelzung der
Deutschen und der afrikanischen Musik. Und er liebt den Indianer, diesmal mit
den besten Gründen. Denn der rote Mann erinnert ihn unter den fremden Rassen am
nächsten an seine eigene Art und Mytologie. Aber der Deutsche nimmt nicht, was
zu ihm passt. Das empfände er als unetisch. Er hat eine verfluchte ordinäre
Askese im Blute, ein gottverdammtes Stück dieser Sklavenrassen, die in ihm
aufgegangen sind. Kein Volk lebt so wenig, was es denkt und sehnt, wie der
Deutsche. Er ist der interterritoriale Mensch, wie ihn der liebe Gott geschaffen
hat. Aber unter den grossen Völkern ist er heute der territorial Beschränkteste.
Keiner kennt die Fremde, das Fremde, so wie er, denn er ist der
Phantasievollste; aber wo hat man schon gesehen, dass er Phantasie genug besass,
eine Fremde zu regieren? Denn dies ist meiner Meinung nach die höchste
phantasiemässige Spannung: eine Fremdartigkeit organisch zu regieren; es ist der
Ausfluss höchsten und edelsten Herrschersinnes. Aber der Deutsche schämt sich
seiner schönsten gewalttätigen Triebe: die alte Sklavenseele rumort in ihm. Er
hat die wahnsinnige Knechtsidee, der Geist würde durch die Tat geschmälert oder
gar verneint! Als ob der Geist durch Äusserlichkeiten überhaupt zu
beeinträchtigen sei! Der Deutsche verfällt sofort der fremden Umgebung: soviel
Phantasie, soviel mehr Phantasie als andere Nationen besitzt er; aber nicht
genug Phantasie, um diese Umgebung zu beherrschen. Alles in der Welt hat der
Deutsche erfunden; so sehr, dass man von allen früheren Erfindungen sagen kann,
ihre Urheber seien geradezu nur vorweggenommene Deutsche gewesen: aber die
anderen haben seine Ideen eingeführt ...«
    »Die Amerikaner?« warf ich ein, halb lustvoll, halb peinlich berührt.
    Slim riss seinen Rock auf. Auf sein Hemd waren Sterne und Streifen eingenäht.
Seine Brust war breit. Und sie war beschützt von einem unpassenden kleinen
Silberkreuze, das er um den Hals trug. Es fiel mir aber nicht weiter auf, denn
in den südamerikanischen Republiken pflegen die Männer dieser mehr zur Toilette
gehörenden Gewohnheit unbedenklich zu huldigen. Er sah mich hart an. »Ich bin
Amerikaner mit Leib und Seele. Ich bin mit dem Stars and Stripes am Leibe
aufgewachsen, in einer schneidigen und patriotischen Schule. Aber obwohl ich das
gesündeste United States zwischen Seattle und Galveston fluche, kann ich von den
Liedern und Erzählungen der alten Frau träumen. Die alte Frau ist meine
Grossmutter. Sie war eine Deutsche. Well, Johnny, ich, der Amerikaner, sage
Ihnen: mit dieser Nation ist es nichts. Es gibt sie kaum mehr. Die Hoffnungen,
zu denen ein Washington und Lincoln berechtigten, sind als schon erfüllt und
verjährt zu betrachten. Der heutige Amerikaner ist ein Verfallstypus. So schnell
und unmotiviert, wie die Blüte kam, ist sie auch verwelkt. Die Grundlagen waren
zu hastig erschöpft. Und, ich muss es sagen: Es sind zuviel Menschen meiner
Herkunft unter diesem Volke; und nur ein wenig gewisses Blut ist gefährlich, es
fehlt an Ausgleich und ergibt ruinierte, einseitige und charakterlose Figuren
...«
    »Die Engländer?« sagte ich dringend.
    Er lachte. »Geben Sie sich keine Mühe, Johnny. Verbergen Sie den Stolz Ihres
Herzens nicht hinter solchen Höflichkeiten. Johnny, wenn ich bloss daran denke,
dass statt der Engländer die Deutschen in Indien sässen ... Das Herz geht mir auf.
Was hätte das für die Zukunft zu bedeuten; ich würde mir vor dieser Tatsache
wirklich erlauben, allen Respektes von Menschheit und dergleichen zu faseln.
Aber die Deutschen? Johnny, gestehen Sie's nur, Sie sind ein Deutscher - an
Indien haben Sie so überhaupt in Ihrem Leben noch nie gedacht! Haha! Charles
Darwin in allen Ehren; den haben wir jetzt gründlich verbreitet. Ich aber
erwarte noch alles, sogar die Eroberung Indiens, von der Nation, die den
Freiherrn von Münchhausen gezeugt hat. Dieser Mann würde sich am Fusse des Pamir,
wo die Berge bis in den Himmel phantasiert sind, erst wieder daheim fühlen.«
    »Was Sie über den Amerikaner sagen«, sagte ich, »kann ich verstehen.« »O
bitte, bemerken Sie nichts!« fiel er mir ins Wort. »Ich könnte es nicht hören.
Wenn einer seine eigene Nation kritisiert, so klingt das anders, als wenn er
dasselbe aus fremdem Munde hört. Ja, wenn ich ganz fein auf Sie eingehe, muss ich
Sie sogar um Entschuldigung bitten. Auch ein übertriebenes Lob einer Nation
spricht sich leichter aus, als es sich von deren Angehörigen anhört. Denn im
Grunde entält es eben wieder einen boshaften Vergleich, eine Kritik. Was aber
den Amerikaner betrifft, so kann ich dies wiederum klar bekennen. Der
amerikanische Typus, wie er als moderner Standardmensch in den Begriffen lebt,
stirbt in Amerika aus. Er scheint dafür auf Europa, ich will gerne sagen, auf
Deutschland überzugehen.« Er sah mir lächelnd ins Gesicht. »Aber Ihnen, Johnny,
fehlt noch manches dazu. Sind Sie nicht ein wenig romantisch? Nicht ein wenig
überhjetzt? Haben Sie nicht, wenn ich Sie recht durchschaue, zu sehr das
kleinliche Bedürfnis, zu stilisieren, alles zu dem zu machen, was Ihr Poesie,
Überlebensgrösse, nennt? Nein? Nun, es kommt mir eben doch so vor. Mein Lieber,
elementarisieren Sie, seien Sie pur in ihrem Erleben! Nicht steigern, um Gottes
willen nicht steigern! Verfluchte deutsche Sucht! Sie haben gewiss schon
Augenblicke gehabt, in denen Sie annahmen, dass ich gross bin. Sie erröten. Sehen
Sie, ich will Ihnen hiermit noch nicht beweisen, dass ich nicht gross, sondern nur
eitel und brutal bin. Denn beweisen kann ich es nicht; ich müsste mich mit
Bekenntnissen überstürzen und über Worte verfügen, die so schnell
aufeinanderfolgen wie Herzschläge und Nervenströme. Ich kann's nur einfach
aussprechen. Ich bin nicht gross. Laden Sie mir nicht derlei Verpflichtungen auf.
Überhaupt, nehmen Sie mir's nicht übel. Ich fühle Wärme für Sie. Aber lieben Sie
mich nicht. Lassen Sie mich allein. Umgeben Sie mich nicht mit sich. In dem
Augenblicke, wo ich zu beobachten anfange, sind Sie für mich eine Leiche. Ich
bin immer auf der Jagd. Ich bin ohne Bosheit. Aber ich kann nicht schonen. Ich
kann nicht. Es fehlt mir an Talent hierzu. Und ich kann mich nicht einmal
darüber grämen. Bewundern Sie das nicht. Das ist etwas ganz Einfaches. Sie sind
ja kein Frauenzimmer, Johnny, wie? - Hallo, van den Dusen, wie geht's, was ist
denn los?«
    Der Holländer sass gedrückt auf seinem Feldstuhl und wimmerte uns entgegen.
Slim lachte kräftig auf, ganz unmetaphysisch, beinahe gutmütig. Dem Kranken
gegenüber erschien er von einer wahnsinnigen Gesundheit. Dieser aber wurde
kränker. Und plötzlich wurde Slims Übermacht widerwärtig. Etwas in mir kippte
um; ich wurde stolz auf meine Schwäche, ich loderte in heller Begeisterung auf
für die Hemmungen, die mein Hirn wie ein Gebirge umstellten. Gleich darauf
lachte auch ich und ärgerte mich, wie gesund es klang; es war noch ein
Schwächerer da als ich. Van den Dusen machte einen so kläglichen Eindruck, dass
man noch vom Tode aufstehen musste, wenn man ihn ansah. Er war eine Kur gegen
Schwächen und wankelmütige Launen.
    Er war unrasiert und hatte seinen Tropenhelm tief in die Stirne geschoben.
»Hurra«, schrie er grämlich und sah mich zwinkernd an, »ich bin ein Schlagwort
los! Nieder mit den Schlagwörtern! Nieder mit dem Wasserrad! Wasserrad,
Wasserrad, hu, wie es sich in meinem Kopfe dreht!«
    »Wasserrad? He, was ist los mit Ihnen, Dusen?« frug Slim. »Wo haben Sie denn
heute nacht gesteckt? Was haben Sie sich heute nacht denn da draussen geholt?
He?«
    »Wissen Sie, was ein Wasserrad ist?« schrie van den Dusen. »So haben John
und ich eines Tages die Erscheinung getauft, dass Sie Tatsachen umkehren können,
ohne ihre Wirkung zu verändern. Dies tut seine Arbeit und Ihnen bleibt das
Vergnügen, die Dinge aus- und einschnappen zu lassen wie ein schlapp gewordener
Gong. Behalten Sie das! Und nun denken Sie sich einen Menschen, einen gut und
vernünftig angezogenen Europäer, gleichsam einen umgekehrten Adam, er nascht vom
Baume der Erkenntnis - und siehe, da ward er gewahr, dass er zuviel angezogen
sei. Und« - »Und was weiter«, erkundigte sich Slim ruhig, ohne eine Miene zu
verziehen.
    »Nun ja - ach Unsinn, nichts. Das sind eben diese verfluchten Umdrehungen.
Man kann praktisch nichts mit ihnen anfangen. Sie können sich doch nicht etwa
hinstellen und nackt vor den Frauenzimmern herumtanzen, bloss weil diese glauben,
dass unsereins schlecht angezogen sei? Na, erlauben Sie aber - abstrakt, nichts
als abstrakt. Vollständig abstrakt!« Er sprach es aus, als habe er die Absicht,
die grösste Beleidigung zu formulieren.
    Slim ging, schmunzelnd und die Hände in den Hosentaschen. Ich wollte mich
anschliessen, um unsere Gespräche fortzusetzen. Der Holländer aber rief mich
geheimnisvoll und verlegen zurück. Grunzend zog er mich in die Hütte und
entledigte sich der Bekleidung seines Oberkörpers bis auf die Haut. Ich
entfernte ihm mit dem Federmesser eine Anzahl Dornen aus dem weissen
Rückenfleische, die auf geheimnisvolle Art dortin gekommen waren, und legte ihm
Pflaster auf lange Risswunden, die wie Peitschenhiebe über den Nacken geschnalzt
verliefen. Indessen gab mein Mann umständliche Schwüre ab, dass das Paradoxon
nichts für ihn sei.
 
                                      XXI
Dornen in van den Dusens Walrossrücken führten mich in dieser blauen Nacht zu
einem merkwürdigen Abenteuer aus, das nicht ohne unaufgeklärte Hässlichkeit enden
sollte. Es gibt viel Schlangen im Djungle. Ich werde niemals wieder bei Nacht in
den Djungle schleichen, weil mir langweilig ist oder die galanten Taten meiner
Begleiter mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Moki allein weiss es, was
gefährlicher ist, ein vergiftetes Messer in den Händen des eifersüchtigen,
lauernden Weibes oder der Stossbiss einer jener dünnen, langen Schlangen, deren
Schuppen beschleimt im Mondlicht glänzen!
    Die Langeweile soll mich nicht mehr verführen. Ich bleibe brav in meiner
Hütte oder im Bereich des Lagerfeuers, rauche träumerisch aus meiner Pfeife und
sehe mit Sehnsucht zu Aruki hinüber, wenn sie das Kleine mit den Fingerchen an
den langen Brüsten kneten und mit dem Schnäuzchen säugen lässt. Die Langeweile,
die tropische Langeweile, dieses Geschenk des Waldteufels, dieses Schicksal
einer Rasse, die Zeit und Entwicklung noch nicht entdeckt hat, die ewige,
glänzende, grünende, üppige Langeweile hat an jenem Abende auf mir gelastet.
    War das die Pracht des südlichen Himmels oder war es ein trivialer
Sternenhimmel ohne Stimmung, ohne Poesie? Es war ein Himmel mit seiner Bewegung
und mit Witzen, ein geistvoller Himmel, an dem es in Figuren zusammenrann, in
lange Ketten zusammenschmolz, in Lettern und Signalen sich sträubte wie
amerikanische Beleuchtungsreklamen. Es war gewiss ein Himmel, der Geist hatte
statt Schönheit und Stimmung. Ich aber entbehrte die Stimmung, und dieser
Himmelsgeist sättigte meine Sehnsucht nicht. Lange sass ich in Gedanken.
    Schon war das grosse Abendgebet des Djungles verrauscht, das Krähen, Singen
und Brünsten, das Schleifen und Schlüpfen durchs Laub, das Kreuzen horniger
Insekten in den Wipfeln; und in endlosen Zügen waren fusslose Wesen über den
modrigen Humus zum Stillstand gekrochen.
    Nun hatte die Nacht nichts Ahndevolles. Im Dorfe erscholl Lärm, die Hunde
waren unruhig, ihr Gebell verlängerte gleichsam den Tag. Und doch wurde gerade
diese Nacht wild und grausig und erlöste die Taten, deren Keime in all diesem
übermässigen Fleische rings um mich schlummerten. Der Mond hing voll im Zenit.
Eine Gestalt ging vorbei, klein, mit plumpen Schritten. Sie fielen von einem
Paar stämmiger Waden ab, die wie Ballons aufgegangen waren. An den Gelenken
waren sie dünn wie Tüten. Eine Sehnsucht entstand in mir, und ich sah, dass es
Rulc war. Ich stand auf und ging ihr nach. Sie wandte sich um und lief rasch
weiter. Vor der Hütte van den Dusens schritt sie vorüber, sie nickten einander
zu und sprachen kurz. Ich schlug dem Holländer in Gedanken den Kopf ein, feuerte
sechs Schüsse gegen ihn ab, trat ihn in den fetten Bauch und stellte ihn so
allen Frauen des Dorfes aus. Schnell lief ich zurück. Es war mir etwas
eingefallen. In dieser Nacht konnte man seine Waffen brauchen! Ich steckte die
grosse Mauserpistole zu mir, mit der man einen ... Puma totschiessen kann, wenn
man ihn an die Stirn oder in die Herzgrube trifft. Als ich zu van den Dusens
Hütte kam, zitterte ich und tippte an die Pistole. Ich tippte aber bloss. Den
Grund fand ich darin, dass er nicht mehr da war, so dass man also tippen durfte.
    Gleich darauf aber geschah noch etwas, das ich als Verwicklung empfand. Ich
ging jetzt nicht mehr die Kreisstrasse entlang, sondern hatte mich seitwärts in
einen der achsenlang führenden Wege geschlagen. Hier lag Unrat, schlechte und
geräucherte Luft von den Mündungen der Feuerstellen hing sich an die
geschwärzten Palmstrohwände. Darum war es der Schleichweg der nächtlichen
Liebesgänger. Plötzlich tauchte vor mir eine Gestalt auf und verschwand. Es
hätte Zana sein können. Ein heftiger Widerstreit von Verlangen entstand in mir,
einen Augenblick lang war ich todmüde vor Unlust. Dicke Beine sind die Sünde des
Weibes! Rulc? Ich entschied für Zana. Weil ich aber unlustig war, ging ich
mechanisch weiter bis zum letzten Ringe der kleinen Indianerhölle. Wie ich ging,
wehte mich mit einem Male etwas Schönes an. Eine Erregung befiel mich, eine süsse
innere Pein. Es entwickelte sich langsam ins Bewusstsein. Und dann war der zarte
amöne Hauch eine gedämpfte rhytmische Vibration, düster und im Beginn lind und
unmateriell wie ein Geruch. Es wurde stärker, blieb aber pianissimo. Es war der
raffinierteste und beunruhigendste Kitzel, dessen ich mich entsinnen kann. Bommm
- brr, bommbomm - brr ... melodisches Holz. Es war Nochnichtmusik,
Raubtiermelodik, eine stumpfe, organische Süssigkeit, die das Blut erhitzte. Ah,
hier war ich unter die Musiker geraten, war unter den armen Teufeln, den Parias
und Mischlingen, den Kastenlosen, denen mit der Sehnsucht, denen am Aussenposten!
Nur diese konnten ihr Leben in solche Laute zusammenraffen! Diese waren die
Halbfremden, die Derassinierten, die Sucher, die wehmütigen Selbstbehaupter, und
sie empfingen mich, sie spielten unseren Verkümmerungsmarsch, sie tremolierten
unsere Blutzweiheit, unsere Lebensfremdheit! Nein! es war nur der Stabstrommler,
der nächtliche Fingerübungen vornimmt und sich mit Musikerfleiss seine Technik
erwirbt! Vielleicht war es auch der Musikhauslehrer bei einem Prinzen, der
Nachtstunden nimmt, weil er in der offiziellen Schule nicht den gemeinen
Pariafleiss äussert ... aber dann machte die späte, abgeschlossene Stunde doch
wieder den privaten Künstler kenntlich. Auch dies musste ein Irrtum sein. Es
waren wüste, heimliche Orgien, eine Privatseance unter der hiesigen Boheme mit
einer Nackttänzerin Zana II., die ich noch nicht kannte - - - ah, da schmerzte
etwas. Man soll das nicht tun. Man soll lyrische Gedanken sein lassen. Ich
suchte die Musik abzuschütteln, wie den Biss von Schlangen. Aber das Gift sass
schon in mir, es kreiste über mich hinaus, es begann den Himmel wie eine
furchtbare, smaragden durchbrochene Scheibe zu drehen. Das Lebensgefühl der Welt
schwoll an zu lauter Honig des Daseins. Der Himmel, der trockene, gesprenkelte
Himmel der Tropen, zu heiss, um Stimmung zu haben, zu klar, um Phantasie zu
entfachen, wurde quellend und gleichwohl vielversprechend. Ereignisse aus meinem
Blute stimmten ihn szenisch. Er kam frisch aus der Rumpelkammer meiner
Bedürfnisse. Heida, ich brauchte einen tropischen Himmel, einen galanten, etwas
lüsternen Himmel, bitte, etwas Schwüle und Fieber, Ansteckung, den Frass, Frass im
Blute! Und schon war es da. Ich war von Glück und hoffender Unruhe verseucht.
Die Vibrationen der erotischen Höchstmusik hinter den Strohwänden schwächten
sich ab, als ich den Ring verliess und über das mondbeschienene Stück Savanne
gegen den Djungle zulief. Aber ich nahm die Vision davon mit mir, wie ein Egel
haftete die Erregung an meiner Seele und saugte. Ich fühlte, wie ich leichter
ward. Grosse Unternehmungenslust überkam mich. Heute oder nie wird es sich
ereignen. Ich bekomme ein Weib oder ich pulvere das Dorf zusammen. Wozu bin ich
Meisterschütze? Wozu habe ich Rulc bereits moralisch erschossen, leiblich
gezweiteilt sozusagen und mir zu eigen gemacht? Ich nahm die Pistole vom Gurt
und liess die erste Patrone in den Lauf schnappen. Dann trat ich ruhig auf.
Niemand hatte mir hier etwas zu sagen. Ich ging einfach spazieren, wenn es
jemanden interessieren sollte, und es war ein wunderschöner Abend. Warum war ich
darauf nicht schon all die langweiligen Tropenabende verfallen, warum erst
heute, nun wir vielleicht schon morgen wieder abzogen?
    Aber ich hatte noch eine kleine Krise zu bestehen, bevor ich zu dem kam, was
mir tückisch im Blute brannte. An der Grenze bei den Farnen, die über hundert
Schritt hin den Djungle einleiteten, bewegte sich eine schwere Figur. Ich wusste,
dies wäre van den Dusen. Im Mondlicht musste ich ihm ebenso deutlich sein wie er
mir. Wenn die Zikaden heute nicht überlaut gelärmt hätten, hätte ich seinen
ungepflegten Gang hören müssen. Noch jetzt vernahm ich ihn an dem, was ich nicht
hörte. Irgendein Organ in mir war fein genug für ihn. Als er mich bemerkte, gab
er seine Umgehungsversuche längs der Farnlisiere auf und kam mir entgegen. Wir
trafen uns mit entbössten Köpfen in der Mitte des Endchens Savanne, gerade unterm
Monde. Er war bis an die Zähne bewaffnet und schien's auch in der Stimme. Ich
bemerkte nicht weniger an ihm als eine geladene Büchse, die er schussbereit
unterm Arm trug, zwei Repetierpistolen und eine dünne, verschliffene Machetta,
die er in der Faust hielt. »Man kommt nicht durch ohne das«, sagte er
entschuldigend, die weisse Klinge der ondulierenden, feurigen Schneide ins
Mondlicht haltend. Er brummte, dass er müde sei und sich schlafen legen wolle,
übrigens spüre er Schmerzen im Rücken. Ich sagte: »Bei diesem Abende la lalla
lallera, lalla ...« Ich sang, um mich zu verbessern, um gleichsam den geheimen
Klang meiner Worte zu verwischen. Denn mittendrin fiel mir etwas ein. Da sagte
ich, aufs Geratewohl, obwohl ich es ja gar nicht bestimmt wusste. »Ja, wissen Sie
es schon, morgen ziehen wir also ab, schon recht zeitig in der Frühe. Ich habe
es als ganz bestimmt erfahren. Wir sind hier in Gefahr. - - Sie tun vielleicht
wirklich besser daran, sich niederzulegen und auszuruhen.« »Tue ich auch«, sagte
er zurück und funkelte, bewaffnet wie er war und glattaarig, im Mondenschein.
»Tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie da nicht hinein; es wimmelt drin von
diesen Biestern!« »Was für Biestern?« frug ich kalt. »Nun, diesen
Indianerweibchen!« bemerkte er. Aber ich war nicht zu halten, seinen schlimmen
Erfahrungen zum Trotze. Ich drohte ihm lächelnd mit dem Finger. Etwas Seltsames
und Aufgeregtes war an ihm. Ich glaube, er wurde zuletzt eitel; und er erklärte,
er gehe mit. »Nein«, sagte ich mit ehrlichem Gesichte, »sehen Sie, auf das
könnte ich mich nie einlassen. Das widerstrebt meiner Natur. Mit solchen Kröten!
Wie kann man sich als Weisser so weit vergessen! Ich brächte den Geruch nicht bis
an mein Ende aus der Nase!« »Ich begreife Slim nicht«, sagte er. »Was ist an
dieser Zana? Gewiss, sie hat Talent dazu! Dazu! Talent dazu haben alle diese
Weiber. Aber ich kenne doch anderes. Die Kreolinnen in Rio zum Beispiel ...«
»Wieso Zana?« frug ich. Er zeigte, dass er es geflissentlich überhöre, sah mich
mit heimlichem Gesichte an, zwinkerte und sagte: »Mein Lieber, lassen wir die
Nasen. Ich kann Sie aber wirklich nicht begleiten. Werden wir also morgen
losgeeist werden, mit Verlaub zu fragen? Ich wünsche es wahrhaftig. Buonas
Noces, Sennor!« Er lief mit der Büchse wie ein Fuchsjäger im Arm auf das Dorf zu
und verschwand hinter einer Bude.
    Ich stand am Rande des Farnwaldes. Aus dem Dorfe erscholl das engbrüstige
Gebell der Hunde. Einer der dünnen, räudigen Köter flog sausend über die
Hüttenmarke hervor, blieb stehen und bellte pflichteifrigst in die Savanne
hinaus, seine Schnauze nach allen Richtungen steuernd. Er war unaufmerksam,
heuchelte Ernst und dachte bereits an Gott weiss was. Endlich glaubte er seines
Amtes Genüge getan zu haben und zog sich zurück; es herrschte Stille. Eine
weite, hallose Nacht sickerte aus Millionen von Poren über die Erde. Schnell
wandte ich mich in den Farn und drang in das schulterhohe, dichte Kraut ein.
    Ich blieb stehen. Meine Sinne streckten lange Fühler vor. Sie witterten
einen Menschen, obwohl kaum etwas wahrzunehmen war. Schnell sprang ich seitwärts
und im Zickzack wieder vor. Vorne knackte es. Irgend etwas brach, nein, platzte,
kapselartig, etwas Grünes, Saftiges, Faseriges. Und vor mir sah ich da eine
hockende Figur, deutlich erkennbar hinter dem Spitzenvorhang der Farne. Ich
richtete mich rasch auf, um über die schulterhohen Krautbäume wegzugehen. Dort
vorne hockte Rulc. Der Mond stieg steil herab, und ich erkannte ihren Kopf, der
bei den birnförmigen Backen am breitesten war. Sie bewegte sich nicht und sah
mir steif in die Augen, beinahe unberührt. In dieser Gleichgültigkeit lag
vollkommene Hingabe. Ich konnte auf sie zuspringen, sie schlagen, würgen, morden
und lieben. Aber ihre Haltung bannte mich zurück: sie flog auf und weiter ins
flutende Farnkraut hinein. Wie selbstverständlich, zu ihrer Panik gehörig, riss
es mich hinterher. War dieser Typ weiblichen Versagens nach dem Zugeständnis
Furcht oder Lockung? Ich selbst war Jagd und Liebe. Da kam die grosse,
physiologische Güte über mich, die Grausamkeit der Natur, der Geschmack des
Wilden und Jägers. Als Rulc stehen blieb, in die Knie brach und die Hände
hinterm Nacken verschränkte, erkannte ich, dass sie herausforderte. Sie liess
Wasser. Ich scheuchte sie, nahm sie und warf sie zurück. Unsere Umarmungen
glitten ineinander, ihr weicher Körper nahm mich auf, ich hörte ihre Rachenlaute
und spürte ihre geilen Bisse. Ihr Atem quoll dick auf mich und roch nach
Pflanzen.
    Dann sahen wir versöhnt und friedlich in den Mond. Ich streichelte die Fülle
ihrer Wangen und umspannte ihre Knöchel. Wir kannten uns, wie gut wir uns
kannten! Hatten wir uns je anders gekannt als in diesem Zustande? Waren es nicht
Ewigkeiten, die wir bereits miteinander verlebt hatten, waren wir nicht diese
Ewigkeiten mit Tier und Pflanze zusammen in Lust und Versöhnung untergetaucht?
War ich Ich, und war sie, Rulc, ein Anderes? War ich ein Mann aus einer fremden
Zone mit einem anderen Gehirn und konnten wir uns nimmer, nimmer verstehen? Wir
sprachen nicht, aber wir summten uns tiefe Dinge zu. Sie erklärte mir ihre Liebe
durch die Nase und rundete ihre vollkommen braunen Augen unter den hohen,
giebeligen Lidern. Ich nannte sie in unbestimmten Artikulationen meine Süsse,
mein Tierchen, meinen Panter. Aber einmal, da sie an meiner Brust lag, sah ich
ihre Maske vor mir und stockte. Ich hatte in ein wildfremdes, unsympatisches
Gesicht gesehen. Unter der glatten Haut, weich wie konsistentes Öl, mit dem
feinen Porennetze, presste sich ein fremder Schädel durch. Die Oberlippe war
geschürzt, man sah gelbe, schneidige Zähne, ein Eberhauer wuchs unter der
Nasenbasis hervor. Ich wurde kalt, verlor meine Sinnlichkeit, meine Güte, meinen
Wunsch, Lust und Leid anzutun, mein Interesse. Schon wollte ich mich mit
Herzenshöflichkeit entfernen, mich mit Anstand empfehlen, als das Wildeste
dieses Abends geschah.
    In diesem Augenblicke hörten wir ein eiliges Streifen durchs Kraut. Ein
Tier, ein Mensch? Rulc fuhr aus meinen Armen empor und arbeitete sich geduckt
gegen die Savanne hin durch. Kühl blieb ich sitzen; es fiel mir nicht einmal
ein, an die Pistole zu denken. Ein paar Sekunden verstrichen, ich hörte ein
Rauschen von Halmen. Es war, als ob sich von mehreren Seiten Wesen näherten. Und
da, jetzt gab es einen Klang, einen Klang wie von einer Metallgabel, aber
unbestimmter und dünner, und gleich darauf erzitterte ein Seufzer. Aber dieser
Seufzer hatte keinen Vokal, es war kein Laut, nur ein starker, deutlicher Hauch.
Ich stand auf. Das Geräusch, das ich verursachte, ging in dem schneidenden
Brechen und Knallen von frischen Farnstengeln unter, wurde von einem längeren
Prasseln und Knistern übertönt. Ha, da ist es! Was geschah hier? Was ereignete
sich hier Wildes, Unheimliches?
    Zehn Schritte vor mir stand eine kleine, schmale Person von wunderbarer
Gestreckteit. Die Haare hingen ihr in gleichlangen, gestutzten Büscheln bis auf
die Schultern. Das Mondlicht flimmerte auf ihnen. Der Körper war eigentümlich
gelenk von innenher, daumendicke Schnüre von grünem und metallischem Glanze
schnürten sich um Oberarme, Schultern und Brüste. Diese Schnüre waren in
ständiger, schraubender Bewegung, stülpten sich zu Schlingen und Knoten aus,
phosphoreszierten wie metallische Walzen, und plötzlich schoss ein muskulöser
Teil wagerecht ins Licht hinaus und blieb dort schillernd und vibrierend stehen.
Es waren Vipern, die sich zahm um Zanas feine Knochen wanden. Vor Zana war das
Farnkraut auseinandergefaltet. Dort musste ein ansehnlicher Körper liegen, ein
Frauenkörper, der Körper einer üppigen Frau. Und nun hob Zana die Hände hoch wie
eine Tänzerin und rang eine der zuckenden, sich steifenden Bestien behend vom
Arme, hielt den rotierenden Leib und den grünen Glaskopf mit den bösen, steten
Augen in den kräftigen Händen und bückte sich nieder.
    Aber rasch, während sie sich bückte, tauchte eine andere Gestalt hinter ihr
auf, die Gestalt eines Mannes, dessen wilde Frisur und dessen Kinnbart im Lichte
weiss und furchtbar waren wie ein Fell. Zana schnellte mit einem leichten Schrei
empor. Sie griff mit den Händen unter die Achsel, zerrte sich eine der lebenden
Schnüre herab - ihre Schulter war jetzt nackt und kindlich - und schlug mit ihr
nach Slim wie mit einer Peitsche. Slim duckte sich, bekam etwas zu fassen und
sprang zurück. Er stiess an die holzigen Röhren alter Farne, es klang metallisch.
Zana schleuderte die Schlange, die sie in Händen hielt, auf ihn, flocht sich die
übrigen vom Leibe, einmal, zweimal, und suchte die Gebäumten vor Slims Füsse zu
werfen. Aber Slim fing sie mit dem, was er in der rechten Hand schwang, auf. Es
war eine blechdünne Machetta, fein wie ein Degen. Er führte schnelle, gierige
Hiebe, er fing die Tiere im Fluge und trennte sie in blitzschneller
Aufeinanderfolge entzwei. Die fleischigen Fragezeichen kollerten gleich
Uhrfedern herab. Es klang spröde, wenn er traf. Als Zana ihn beschäftigt sah -
ihr Kampf war rhytmisch wie ein Tanz gewesen, eine Schlangenschlacht, ein
Gottesurteil -, floh sie. Aber Slim holte sie ein und überwältigte sie.
    Ich wurde der Zeuge eines wunderbaren Geschehnisses. Die Leiber der
Geschlechter sind zu einer unfassbaren, rührenden Harmonie ineinandergepasst. Es
ist die letzte Entfaltung und Erlösung des Tanzes. Die Tänzerin Zana ging mit
ihrem Leibe in ein einziges menschliches Ornament auf, zeigte die zweckmässige
Fügung für den Sinn und das Zusammensetzspiel eines höchsten, tierischen
Organismus, der vollständig war, erlöst, enträtselt und die vegetative Unschuld
der körperlichen Einheit wie eine verlorene und wiedergefundene Seligkeit
erlangte. Der Wilde, barbarische Zauber, der in den Sinnen des Mannes und des
Weibes verschmolz, war über alle Massen schön. Wieder stand ich inmitten des
Farnwaldes, Jahrtausende hinter mir zurück. Zeit, Entwickelung, sie waren nicht.
Ich war hier, in der Frische und Anständigkeit dieses Ereignisses, reifer, den
Lustkern der Phantoplasmen zu begreifen, als auf der Höhe meiner gesteigerten
Kultur. Dieses Bild vor mir, mit den Menschengliedern als Ornamenten einer
grossen, regsamen Blume, war ein einziges, einheitliches Geschöpf ...
    Dies waren die Gedanken, die mir kamen, als ich im Halbschlummer in der
Hütte lag und mir in Erwartung eines kommenden Aufbruches allerlei Teorien
machte. Ich hatte wahrhaftig Reisefieber! Es hiess ja, dass Gefahr im Anzug sei.
Ich dachte vieles und sann merkwürdig scharfe Bilder aus. Morgens schmerzte mich
mein Kopf. Zwei Stunden nach Mitternacht war Slim erschienen. »Wir gehen«, sagte
er, »sind Sie auch so konfus wie der Holländer, Johnny? Er will fort, und zwar
stürmisch; er zittert aber förmlich, weiss der Teufel, ob das Trennungsschmerz
ist.« Kurz darauf waren wir unterwegs, den Flusslauf entlang eilend und mit
Blicken uns den Rücken frei wünschend. Denn ich hatte nicht beziehungslos
geträumt. Etwas Unerklärliches hatte sich ereignet.
 
                                      XXII
Wieder blitzten die Machettas. Slim in der Vorhut führte einen dünnen, stark
verbrauchten Stahl, der unter seiner Reckenarbeit nicht aus dem Sumsen kam. Er
führte ihn mit kräftiger Hand, arbeitete mit angestrengter Umsicht und fegte
Äste, Bänder und Büschel hinweg, die uns wie Peitschenschläge und Wimpelklatsche
entgegenschnellten. Er hatte die feine Waffe eines Tages dem Holländer verehrt;
jetzt sah ich sie wieder in seinen Händen, sie wuchs aus seiner Faust, er
stürzte vor, und Zana lief geduckt wie ein Panterweibchen hinter ihm und stiess
begeisterte Rachenlaute aus, wenn er mit blitzschnellen Streichen ein Hindernis
erledigte. Sie gehörte ihm mit Haut und Haaren. Sie schrie: Achi, achi! In ihren
Augen sass ein beseligtes Grauen. Slim kümmerte sich nicht um sie. Es war nichts
an ihm zu bemerken als eine vage Unrast. Wir gingen wie auf einer Flucht,
parallel zum Flusse, talab.
    Alle waren von Reisefieber besessen, von der Lust des Wanderns nach soviel
Tagen der trägen Ruhe. Aber in dieser Nervosität wirkte noch ein anderes Gift,
eine Art Angst und Besorgnis. Dieser Zustand sass seit dem Morgen in uns. Ein
ungünstiges Vorzeichen für unsere Reise war uns entgegengetreten und unsere fünf
Indianer von der Küste hatten sorgenvolle Mienen. Im Farnwald, mit dem der
Djungle und unsere Reise begann, war Checho plötzlich, vom Geruch geführt, auf
eine Leiche gestossen. Es war ein totes Weib. Als wir hinzukamen, lag feist wie
ein Schlauch eine geringelte Schlange in dem gepressten Schoss, erhob sich und
stand steif wie ein Stecken auf dem Endchen Schwanz, tanzte förmlich vor Wut und
Furcht wie auf einem einzigen Beine. Es war ein langes, warziges Tier mit
rauhgelben Häuten, die feucht umspannen schienen. Bei Nacht mochte es schöner
sein. Ich hatte so meine Gedanken darüber, dachte, es könnte wohl so sein
vermöge einer inneren Eigenstrahlung. Es hatte einen kleinen, dummen Kopf, ein
winziges Kistchen, dessen Deckel oben etwas klaffte. Slims Machetta tat ihr
Werk. Sie fuhr wie Bleistiftgekritzel durch die steife Linie dort über dem Bauch
der Frau, es schnalzte zwei-, dreimal, und dann wanden sich die Bestandteile des
eiterspeienden Schlauches auf der gelblichen Unterlage des Leichnams. Der Kopf
war durch eine humoristische Bewegung Slims van den Dusen an die Brust
gesprungen. Dieser wurde so bleich, dass ich mich übel fühlte. Der Schlangenkopf
war zwischen den Rockschlüssen stecken geblieben. Als der Holländer sich gefasst
schüttelte, fiel es wie eine reife Pflaume heraus, und während es am Boden lag,
bewegte es mit zarter Andeutung seine Kiefer. Warum Slim dies tat und gerade in
diesem Augenblicke, wo wir einer Leiche gegenüberstanden, mit einer gewissen
Schadenfreude tat, blieb mir rätselhaft. Ich gestehe, dass es wieder einmal kein
gutes Licht auf unseren Freund Slim zu werfen droht, und dies ist mir an dieser
fortgeschrittenen Stelle meiner Erzählung nicht mehr so gleichgültig oder gar
erwünscht wie früher. Man schien sich überhaupt angesichts dieser bedauerlichen
Tatsache nicht richtig zu benehmen; man hätte für die Leiche doch eine kleine
Christlichkeit tun sollen. Das Merkwürdigste aber blieb, dass eigentlich niemand
so recht überrascht schien, sondern sich wie vor einer bekannten und
überschlafenen Tatsache benahm. Checho fand die Leiche; er behauptete, sie zu
riechen. Ich merkte aber weder einen Geruch, noch ein Anzeichen von Verwesung,
die Vergiftungserscheinungen abgerechnet.
    Die Indianer erklärten, diese Frau sei von der Schlange getötet worden. Es
waren in der Tat zwei Bissstellen sichtbar. Eine kleine stichartige Wunde in der
Herzgrube, aus der die rostigen Spuren eines Blutstrahles über den Leib liefen,
der hart und gelb wie Bernstein schien, und eine grössere Wunde im Unterleib,
knapp über den Schenkeln. Dieser Unterleib war rund aufgeschwollen wie eine
Blase, seine Haut war stellenweise durch die Expansion schäbig geworden und
zeigte faulfarbige lila Schatten, ockergelbe Striemen oder Flecke von gänzlicher
Farblosigkeit. Der gedunsene Leib mit dem nahtig verengten Geschlecht, dieser
beinahe mütterliche Leib sah so traurig aus in dem Mysterium seines
Stillstandes, dass ich hätte weinen mögen. Ich behauptete, Rulc, die Gattin
Kelwas, des Malers, zu erkennen, aber ich gab zu, dass ich mich irren könne, denn
schliesslich waren alle diese Gesichter nicht genau zu unterscheiden. Indes
stimmte Slim mir bei. Es war Rulc, sicherlich Rulc, er wüsste es ganz genau, ob
ich ein so schlechtes Physiognomiengedächtnis hätte. »Schrecklich schlecht«,
sagte ich. In diesem Augenblicke fühlte ich, dass van den Dusen mich ansah. Da
beteuerte ich, dass ich in der Tat Gesichter nur sehr schwer behalten könne. Erst
nach einer genaueren Bekanntschaft, nach einem sozusagen intimeren Verkehr wäre
ich imstande, mir einen Menschen zu merken. Ich müsste mal erst meinen Klemmer
aufsetzen - so, ja ja, allerdings, das wäre also Rulc, hm ...
    Ich sah auf und entdeckte, dass der Holländer wieder vollauf mit sich
beschäftigt war. Das machte mich etwas ruhiger. Er war der einzige von uns, der
vielleicht trauerte. Er war eine gute Seele von einem Manne. Er schien absolut
keine Lebenslust zu besitzen, er war vollkommen entäussert, er war ein
ungefährlicher Mann und gewiss kein Traumdeuter oder Gedankenleser.
    Slim schlug zu meiner Verwunderung ein Kreuz über das Opfer und hielt eine
kurze Leichenrede, die aber vorzüglich unserer eigenen Sicherheit galt. Er sagte
es zuerst den Indianern und dann auf englisch zu uns. Nu aber man raus! war
ungefähr der Sinn seiner Worte. Er war dicht an Zana, in Griffweite und mit dem
Blicke auf ihr. Zana stand die ganze Zeit über mit verhängten Brauen und sehr
ruhig dabei. Die Arme war gelangweilt, sie hatte ganz und gar kein Interesse an
Leichen. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie fort wollte. Das Leben war doch
sowieso nicht amüsant. »Hier sehen Sie ein indianisches Eifersuchtsdrama«, fuhr
Slim fort und starrte unausgesetzt und nachdenklich den Holländer an, der ihm
zufällig gegenüberstand und kein Auge von der Leiche wandte. »Es ist das Werk
einer Nebenbuhlerin. Rulc wurde erstochen. Ein kachiertes Verbrechen; höchst
merkwürdig und schlau. Diese Schlange ist angesetzt worden, sozusagen direkt in
die Wunde getaucht, nachdem bereits zwei Stiche geführt worden waren. Bitte,
hier, sehen Sie, warum zeigt nicht auch die Brustwunde
Vergiftungserscheinungen?« Sein Blick bekam einen triumphierenden Glanz. Er
wartete, dass jemand von uns beiden widerspräche. Als dies nicht geschah, fuhr er
fort: »Es sind zwei Wunden, beide sehr tief. Sie rühren von einem langen sehr
dünnen Messer her. Es ist ziemlich kräftig gestossen worden. Betreffs der
Schlangen mag ich mich übrigens irren. Es gibt sie hier herum in grosser Anzahl
und es ist wohl möglich, dass sich die eine oder die andere gerade an die Wunde
verirrt hat. Ich möchte mich jetzt lieber zu dieser Ansicht bekennen und sogar
noch weitergehen. Es ist wahrscheinlich, dass die Leiche mehreren Schlangen
ausgesetzt war. Hier - und hier - vielleicht auch hier, aber das ist undeutlich,
zeigt sie eingetrocknete Verschleimungen. Es scheint also inzwischen jemand hier
gewesen zu sein, der die Schlangen fortnahm, jemand, der gegen sie gesichert
ist. Warum - das kann ich natürlich nicht sagen. Vermutlich aus Pietät. Oder
auch aus Spielsucht. Es ist gleichgültig. Viel interessanter wäre es, zu wissen,
ob die Schlangen angesetzt wurden und von wem, vom Mörder, oder von einer
gleichgültigen später eintreffenden Person, oder von beiden gemeinsam - - -
diese Doppelheit ist es, die mir am interessantesten scheint. Was konnten - was
durften, jawohl durften diese zwei miteinander zu tun haben? Denn nun bin ich
wieder überzeugt, dass die Schlangen angesetzt wurden. Es sammeln sich nicht so
schnell so viele Schlangen an einem Orte, auch nicht an einer Leiche. Was meinen
Sie, van den Dusen?«
    Der Holländer nickte nur. Der Anblick einer Leiche schien ihn zu schwächen.
Slim lachte plötzlich seltsam und sagte: »Die Indianer werden glauben, dass es
die Schlange getan hat. Aber das ist gleichgültig für uns. Wir müssen eilen.
Wenn es entdeckt wird, ist es ihnen ein Wink des Schicksals. Es gibt Aufruhr im
Dorf. Vorwärts, Zana, marsch!« Er schloss seine grosse Hand rückwärts um ihren
Hals, sie folgte ihm demütig wie unter einem Joche.
    »Ich verstehe das nicht«, gestand ich ihm, »wie können Sie Zana so ohne
weiteres mitnehmen?« »O, das ist meine Sache«, sagte er, »ich habe sie in der
Hand.« Er sah glücklich und gesund aus, als er das sagte.
    Die Machettas sprengten einen Pfad in den ewigen Djungle, in diese fühlbare
Räumlichkeit. Die harte Arbeit erzeugte in uns eine gewisse Überreizung. Ich
konnte beobachten, wie sich unter uns Weissen eine erregte Nervengemeinschaft
bemerkbar machte. Eine nahe das Grauenvolle streifende Gleichförmigkeit unserer
Einbildungskraft machte uns misstrauisch gegeneinander. Und ich gewahrte, wie ich
selbst von den anderen beobachtet war. Ihr Dasein in mir, der Umstand, dass sie
gleichsam an mir partizipierten, machte mich matt. Vom ersten Tage an, von der
Minute an, wo wir die Leiche des toten Weibes getroffen hatten, zerfrass ich mich
in peinlichen Analysen. Ein panischer Schrecken bebte in mir nach. Und ich sah
dieses selbe Symptom an uns allen wiederkehren, planvolle Ausdeutungen,
willkürliche Vervollständigungen der Geschehnisse, die harmlos und zufällig um
uns herum vor sich gingen. Es war ein Irresein, ein ungeheuerliches
Syntetisieren. Seit jenem Abende nach dem Tanze Zanas, nach jener aus meinem
Gedächtnis verdrängten Unterredung waren mir Zweifel und eine beängstigende Art
des Träumens haften geblieben. Ich verwechselte die Welten; ich legte zwei
verschiedene Talente meiner Gehirnzellen sozusagen kreuzweis und vertauschte die
Fähigkeit zur Analyse und zum Erkennen mit jener der Phantasie und Formkraft -
oder sollte ich im Ernste an meinen Satz glauben, dass die beiden sich deckten,
und dass das, was war, nur das war, was ich sann? An jenem Abende, der vor
unserem plötzlichen frühen Aufbruch lag, hatte ich einen überdeutlichen Traum
voll schwerer Lust gehabt. Er war von einer furchtbaren Klarheit und Sicherheit
gewesen. Der Gegenstand solcher überstarker Sensationen ist nie wirklich; die
Wirklichkeit ist stets verschwommener als der Traum; und, wie ich es auch drehen
mochte, ich konnte mich nicht entschliessen, jene Wirklichkeit anzunehmen, es war
mir physisch unmöglich, an etwas anderes als an einen Traum zu glauben. Ich
erwachte damals - Slim weckte mich plötzlich, ich besinne mich darauf - ich
erwachte mit einem ganz voraussetzungslosen Kopfe. Nur dass wir sofort und ohne
zeremoniösen Abschied, gleichsam fluchtartig aufbrechen sollten, machte mich
nicht erstaunt. Es kam mir nicht einmal überraschend vor, sondern einfach wie
eine Verabredung. Wir ziehen aus, geräuschlos und ohne Abschied; plötzlich
stehen wir mitten im Farn vor einer toten Frau. Checho hat uns gerufen. Ja, dies
ist Rulc, ich erkenne sie auf den ersten Augenschein, Rulc, die gestern abend
noch an meiner Hütte vorbeigekommen ist, der ich sehnsüchtige Blicke nachgesandt
habe, Rulc, die schon einmal mit brennendem Schoss, in einem unnatürlich steifen
und gedunsenen Zustand vor mir gelegen hatte. Und in demselben Augenblicke
wiederholt sich die Erinnerung an diese elevatorische Erscheinung, ich habe mit
einem Male eine klare Vision. Ich sehe, was mit Rulc, vor deren Leiche wir
stehen, vorgegangen sein mag. Ein kurz zurückliegender Traum fällt mir ein, der
Traum, aus dessen reflektierten Ausläufern Slim mich zur Reise aufgeweckt. - - -
In diesem Traume habe ich einen Teil des Verlaufs geschaut. Merkwürdig, Slim
sagt, man habe Rulc ermordet ... Hörst du den unbestimmten dünnen Klang ...
hörst du die Machetta vibrieren?
    Wie konnte Slim das wissen?
    Die Machettas blinken, wir schlagen wieder die tagelange Schlacht gegen den
Djungle, wir plänkeln uns durch ihn hindurch, wir siegen und wir sind krank vor
Tatkraft. Wie einen Wirbel von Leben in der ungeheuren Lagune des Urwalds lassen
wir hämische Rufe und hassvolle Blicke zurück. Vögel und Affen senden uns ihr
weinerlich imitiertes Geschrei nach. Ein bösartiges Schimpfen in Naturlauten ist
die Fama, die hinter uns dreinzieht und uns dem Walde da vorne schlecht
empfiehlt. Unser Renommee scheint unerquicklich, wir gewinnen Einblick in
verlassene Affensitzungen und abgebrochene Zelte, hin und wieder stellt sich ein
Stamm der Handfüssler uns kriegerisch entgegen, bespritzt uns mit Jauche und
schleudert das nächstbeste Mobiliar auf uns herab. Ein paar Pistolenschüsse
schaffen uns Respekt; wir wenden sie wieder bei der geringsten Kleinigkeit an,
um des Abwechslung bietenden Knalles, der kleinen Liebhaberei der Massage
willen, die dem Schützen in die Hand fährt. Denn die Arbeit ist und bleibt
einförmig. Hin und wieder ergeben sich Zwischenfälle. Plötzlich windet sich
einer der beiden Hunde, die zugleich mit Zana sich der Expedition angeschlossen
und bisher ängstlich und vorsichtig zwischen unseren Beinen aufgehalten haben,
heulend am Boden. An seinem Hals und Rumpf liegt ein dicker Ring. Zana springt
herzu und führt eine rasche Bewegung aus. Da baumelt eine lange krötenhautige
Schlange längs ihres Armes, Zana vollzieht rhytmische Schraubungen und hält das
schnauzige Gesichtchen des Tieres dicht vor das ihre. Und nun steht es wieder
klar vor mir. Ich sehe sie im Traum wieder am Werke, sehe Rulc breit im
Farnkraut liegen. Der ganze Tatbestand ist in meinem Gehirn, es wird mir immer
durchsichtiger, dass ich den Vorgang der Mordgeschichte ungefähr ahne. Ich habe
ein zweites Gesicht. Ein zweites Gesicht!
    Vermittelst meiner automatischen Spürnase und meines Traumlebens bin ich
imstande, mir den Hergang teilweise zu rekonstruieren. Übrigens könnte ich mir
Gewissheit verschaffen, ich brauchte nur den Holländer so nebenbei einmal zu
befragen, was er denn an jenem schönen Abende vor unserem Aufbruche getrieben
habe, und ob er sich nicht entsinnen könnte, was wir draussen auf der Savanna
miteinander gesprochen hätten; ob er dann gleich schlafen gegangen sei - - -
oder in diesem Sinne. Ich zweifelte nicht, dass er darüber sehr erstaunt gewesen
wäre und gesagt hätte: »Aber, Mensch, Sie scheinen zu träumen.« Ich hätte mir
diese Sicherheit doch holen sollen. Aber arglos und ohne vor mir den Verdacht
aufkommen zu lassen, dass es mir im Grund gar nicht so sehr darum zu tun sei,
verbummelte ich die Gelegenheit, so oft sie sich bot. Ich fürchtete die
Aufklärung. Meine Ungewissheit war eine Existenzfrage. Ich fühlte mich in dieser
Beziehung Jungfrau.
    Dies war nicht alles, was in mir kämpfte. Ich trug eine starke Neugierde
bezüglich der anderen mit mir herum. An diesem Punkte begegneten wir uns. Aber
wir sprachen kein Wort über die Sache. Slim sah mich manchmal an. Wir hatten
einen gemeinsamen Gedanken; nämlich, dass wir jeder des anderen Zustand kannten,
einander förmlich in Trance erhielten. Ich hätte darauf geschworen, dass seine
verlegen kalten Augen es ausdrückten. Slim musste seltsame Träume haben. Er
brauchte zum Beispiel nur die Leiche einer Frau zu sehen, die natürlicherweise,
etwa durch Schlangenbisse, ums Leben gekommen war; und sofort entstand in ihm
innerhalb weniger Sekunden ein Bild des Hergangs. Dieses Bild war natürlich
falsch. Es war eine sehr plausible und zureichende Erklärung des Falles. Aber es
war eben doch nur die Erinnerung an einen ehemaligen Traum, der durch die
Effekte der Wirklichkeit scheinbar bestätigt wurde. O ich kannte das. Ich wusste,
wie überraschend diese Manier war. Ich wusste aber auch, dass Slim um sie wusste.
Von ihm stammte ja grösstenteils dieses abstrakte System, das er sich darüber
zurechtgelegt hatte. Es gab also ixbeliebig viele Gesichte, nicht nur ein
zweites; und jedes war zureichend, irgendwelche Effekte, die in Erscheinung
traten, zu motivieren? Ich konnte da nicht mitgehen, denn ich sah den Grund dazu
nicht ein. Wenn ich recht vermutete, erging es Slim just ebenso. Aber er, der
Mann der fünften Dimension, war imstande, etwas zu glauben, aus geistiger
Eigenwilligkeit zu glauben, auch wenn es einfach nicht zu glauben war und er
dies wusste. Denn ich kannte meinen Slim genau, ganz genau, ich kannte ihn
wortwörtlich, ich konnte ihn memorieren!
    Ich kannte ihn so genau, dass sich zwischen uns beiden ein Analogieverhältnis
herausbildete. Slim war ein mutiger Mann. Als eines Tages vor uns im Gebüsch ein
Panter pfauchte, auf einen Baum sprang und auf seinen krummen Gliedmassen, die
ihn wie geschmeidige Arme in Pelzhandschuhen beliebig lancierten, zum Sprunge
zurückwippte, geschah nichts anderes, als was zu erwarten gewesen war. Slim
schoss seine langläufige Coltpistole ab und tötete das Tier, während es
herunterpurzelte, mit dem fünften Schuss. Aber ich wusste, dass Slim später an
diesem Tage Kopfweh hatte, obwohl er vortrefflich aufgelegt war. Und als ich
eines Tages mit einem sonnengesichtigen alten Pavian eine Balgerei bestand, der
mit beiden Händen in die Schneide meiner Machetta griff und einen gänzlichen
Mangel an Absicht zeigte, loszulassen, bis sie ihm die Sehnen und Nerven bis zum
vollständigen Kraftverlust durchschnitt, da wusste ich, dass Slim nun von mir das
gleiche denke wie ich damals von ihm. Aber dies stimmte bei mir nicht. Ich
konnte mich also damals ebenfalls verrechnet haben. Jedenfalls kannte ich Slim
doch so genau, dass ich ebensogut annehmen konnte, er habe bei dergleichen
Angelegenheiten weder Kopfweh noch gute Laune, sondern eine Art Scham und
Katzenjammer über das Abenteuer zu empfinden. Irgendwie war ich doch im Rechte
über ihn. Das nächste Mal, als wir gegen eine Affenhorde demonstrierten, kam mir
die Erleuchtung, dass Slim nun gewiss wüsste, ich dächte, dass er Ekel vor diesem
Handwerk empfände. Möglicherweise machte es ihm aber auch Spass und hinterliess
lediglich einen kleinen Druck im Hinterkopfe, wie von einem grossen Schrecken.
Sicherlich stellte er dieselbe Alternative für mich auf, zugleich wusste er aber
auch, dass er damit denselben Gedanken über sich in mir produziere. Wir lasen
einer den anderen von der eigenen Seele ab.
    Slim machte sich Gedanken über die Geschichte mit Rulc. Er freute sich über
sein Witterungsvermögen. Hätte ich ihm gesagt, was ich selber nicht glaubte,
aber zu diesem Zwecke gern zu glauben probiert hätte, dass das, was er für Ahnung
gehalten hatte, einfach eine Erschütterung seines Gedächtnisses darstelle, und
dass er wirklich erlebt habe, was ihm erträumt schiene, er hätte sicherlich
geschluchzt und mir geradeheraus gesagt, das hätte er auch gewusst und er hätte
es mir ebensogut sagen können, jedenfalls sei es eine Platteit von mir und er
brauche sich das nicht bieten zu lassen. Denn ich fühlte, dass er sich mir
gegenüber mit demselben Experimente trug. Im Grunde waren wir beide darüber
einig, dass wir jeder dem anderen Selbsttäuschungen zutrauten. Auf diesem Wege
musste ich zu dem Schlusse kommen, dass Slim sich doch etwas ungemütlich fühle.
Denn es war nicht ausgeschlossen, dass der Auftritt und die Ermordung Rulcs vor
seinen eigenen Augen stattgefunden hatten. Nun war dieser Umstand für einen
Menschen wie Slim von keiner tragischen Bedeutung. Unheimlich war allein das
Seelische an der Sache, diese seltsame Unklarheit der Erinnerung, gewissermassen
eine Erscheinung von Gedächtnisschwund, ein Irrsinn, eine Bewusstseinstrübung bei
intakter, ja vielleicht gesteigerter Denkfähigkeit. Aller dieser Zweifel konnte
Slim zum Beispiel überhoben sein, wenn er geradewegs auf mich zuging und frug:
»Sagen Sie doch, Johnny, sind Sie an diesem Abende, wissen Sie, diesem hellen
Abende vor unserem Abmarsch nicht in der Savanna gewesen?« Worauf ich ihm, der
Wahrheit gemäss und mit teuflischer Berechnung gesagt hätte - das konnte er sich
an den Fingern abzählen - »Ja, lieber Slim, wo haben Sie denn Ihre Gedanken? Ich
will nicht indiskret sein, Sie verstehen. Aber ich habe in jener Nacht zwei
Männer hintereinander aus dem Farn kommen sehen. Dies war kurz nach dem Seufzer
Rulcs, kurz nach diesem stumpfen Metallklang, der mir so schrecklich im Ohr
haftet, und nach dieser Szene - das alles spielte sich ja so rasch ab. Einer
jener Männer waren Sie. Erinnern Sie sich, Sie haben weggesehen, und haben damit
gleichsam ein Zeichen gegeben, dass Sie nicht erkannt sein wollen. Die Folge
davon ist, dass ich auch wirklich nicht genau hingesehen habe; vielleicht ist es
auch van den Dusen gewesen; aber den hatte ich schon vorher am Rückweg
gesprochen. Vielleicht aber haben Sie doch recht. Dann ist das alles nur unsere
Einbildung; wir suggerieren uns das auf eine Art, weiss der Teufel, wie wir beide
in diesen Zusammenhang kommen. Das ist Ihnen doch nicht sehr angenehm?«
    Auf diese Weise konnten wir beide einmal ins Reine kommen. Nicht über die
Tatsache, denn die war schlechterdings nicht festzustellen, ja destoweniger
festzustellen, je strenger unsere Gedanken im Akkord abliefen. Aber dieser
Akkord selbst war noch zu beweisen. Es war nicht unbedingt nötig, ihn durch eine
Aussprache zu realisieren. Der Glaube an ihn war ohne sinnfällige Mittel für uns
beide erwiesen. Aber ich hatte das Bedürfnis, Slim bei mir in Audienz zu
empfangen. Er und ich stellten ja eine Panik dar. Es wäre schön von ihm gewesen,
wenn er sich Gewissheit darüber verschafft hätte, aber ich roch genau, dass er
Furcht davor hatte. Ich meinerseits fürchtete mich, ihn dafür zu verachten, ich
hatte begreiflicherweise überhaupt Angst vor allen Gefühlen, die sich auf ihn
bezogen. Denn sie mussten alle Gefühle vermehren, denen ich selbst Gegenstand
war. Möglicherweise war dieser Gedanke aber schon nicht mehr Ursache, sondern
Folge. Slim hatte ihn gewiss schon vorausgedacht. Seine Blicke wurden immer
problematischer. Ich bemerkte bei aller Antipatie, die sich darin gegen mich
auftat, einen Schimmer von Schwermut. Ich habe solche Blicke sonst nur bei
Wahnsinnigen gesehen. Und da kam mir ein Gedanke: es war eine Art gegenseitigem
Verfolgungswahnsinns, unter dem wir litten. Wir waren auf der Flucht. Wir liessen
unsere seelischen Schnittpunkte zurück, wir strebten mechanisch Raum und Zeit
zwischen uns zu legen, wir suchten durch Entwickelung voneinander loszukommen.
Aber an jenem Punkte, dem gemeinsamen Traume, an der Leiche Rulcs, deckten sich
unsere Wesenskerne nach wie vor. Unsere Gehirne lebten wie die siamesischen
Zwillinge, sie hassten sich, aber sie waren so gleich wie ein Ei dem anderen. In
der Wut dieses Schicksals sah ich Slim mit verdoppelter Heftigkeit vorwärts
eilen. Es schien, als wolle er fliehen, fliehen vielleicht vor mir. Da kam
Berserkerstärke über mich. Ich war nach dieser Seite hin nicht nur der
Gebundene. Ich war auch Anteilhaber an einem grösseren Betriebe. Ich sah meine
seelischen Kräfte auf Slim überströmen. Jetzt war auch er nicht mehr allein vor
sich. Auch ihm sah jemand bei seiner Seelentätigkeit zu. Wir entwickelten uns
wie eine Lawine, wir multiplizierten uns gegenseitig in unendlicher Reihenfolge.
Wir flohen, aber wir flohen nicht allein innerhalb des Lokales, wir flohen vor
einem überreizten und gleichsam sich schuldig fühlenden Denken. Wir hatten die
brausende Empfindung zeitlichen Ablaufs, des Denkens. Aus dem Raum, dem
fühlbaren Raum in Gestalt eines dickichtverschanzten dicken Waldes in die
streckenlose Zeit! Der Raum wurde von uns entführt. Wir schleppten den Raum.
    Es war ein Wort Slims: Wir schleppten den Raum und liefen Sturm wider die
Zeit. Wir lebten uns widereinander, lebten uns jeder wider sein eigenes Leben.
Wo begann es, wo hörte es auf? Wo war Wirklichkeit und wo Einbildung? Gewissheit
und Zweifel waren behoben. Die Gesichte bestanden für uns nebeneinander. Slim
schlief, aber als Nummer zwei war er unterdes zugegen und liess es zu, dass Rulc
von Zana erstochen wurde. Wie ihn das quälen musste! Ungefähr wie es mich quälte,
diese unermessliche Leere meines Gehirnes an einer wichtigen Stelle des
Begebnisses. Denn es quälte mich, um es kurz zu sagen, dass Rulc auf so
sonderbare Weise erstochen worden war. Ich fühlte eine geheime Schuld, dass ich
förmliche Anklagen gegen meine Gefährten träumte, gerade als gebrauchte ich
Ausreden über ein Verbrechen, das ich heimlich und unbewusst selbst begangen
hätte. Alles war so merkwürdig klar wie etwas Ausgeklügeltes, ausgenommen dieser
eine Punkt, der Todesstoss. Es bedeutete einen glücklichen Anhaltspunkt für meine
Logik, dass ich niemals im Besitze einer besonders dünnen, verschliffenen
Machetta war. Denn manchmal hatte es mir scheinen wollen, als wäre jene
Traumgestalt, die ich in ihrem waffenstarrenden, komischen Aufzuge van den Dusen
nannte, eine Transformation gewesen. Was es war, konnte ich nicht sagen; aber es
war damals eine tiefe, selbstquälerische Unruhe in mir.
    Aber dies alles war vielleicht wirklich nur eine allzu genaue Probe auf ein
abstraktes System, das die Tropensonne in uns ausgegoren hatte. Hatte man's
nicht schon erlebt, welche grotesken Ordnungen und Mechanismen sie im Gehirn des
Orientalen zeugen konnte? Welche rhytmisch und tief geklügelten Fiktionen,
welche matematisch und equilebristisch richtigen Gebäude von Trugschlüssen
üppig aus ihrer Hitze quollen und aus Entbehrungen und Strapazen, wenn die
Nerven arischer Menschen ihnen ausgesetzt waren? Zeit und Raum waren, um mit
Slims Worten zu sprechen, für uns nur Skelett, Technik, um zu unserem eigenen
Leben, dem Widersinnlichen und Unsinnlichen, zu kommen. Indem wir eine saftige
Bresche in den räumlichen Widerstand des Waldes schlugen, eroberten wir die
fünfte Dimension. Unsere Indianer krabbelten über das Leben wie über ein Laken.
Denn der rote Mann hat den Raum nicht, das Gleichzeitige vieler Flächen. Er
bewegt sich ewig in der Wagerechten. Man sieht ihn wie ein Tier mit der Stirn
vorausrennen. Er beugt den Kopf in den Schultern. Das ist der Energische, der
Geradewegsmensch, der geistlose Tatkräftige. Er fühlt die Zeit nicht wirklich,
das Gleichzeitige vieler Räume. Er ist nicht zugleich als dieser und jener Typus
auf der Welt, ohne Breitegrad und Erstreckung, und er hat den Gedanken nicht,
das Gleichzeitige vieler Zeiten. Wir aber sind im Gedanken! Für uns ist die
Realität, ein Urwald zum Beispiel, eine Kleinigkeit: wir bewältigen sie linker
Hand, wir ministrieren sie a latere, wir erschauen sie aus einer Perspektive (da
es sich als wesentliche Erleichterung zeigt). Wir sind die Söhne der fünften
Dimension und zwei ist eins, und eins ist hier zwei. Alles zerfällt zu seiner
Gänze. Vorwärts, schwinget die Machettas, durch, durch, durch ... da, durch
diesen Busch - ah, durch!
    Am siebenten Tage spüren wir eine Veränderung. Etwas in der Luft ist
verändert. Das Tastgefühl unserer Hand reagiert darauf gleichsam wie auf ein
mattes Tönen. Dünneres liegt in der Atmosphäre. Wir atmen die Lichtung.
    An den Abenden, wenn die grosse, schwebende Unruhe des Waldes unsere Arbeit
plötzlich abstellt, sinken wir müde am Lagerfeuer nieder. Zana, die nie spricht,
sieht träge und ohne einen Finger zu rühren, zu, wie unsere Indianer die
Mahlzeit rüsten. Wir essen schweigend, niemand erfreut sich ihrer Gunst. Aber
wenn sie tanzt, plötzlich aufsteht und vom Flecke weg tanzt, während wir
rhytmisch in die Hände klatschen, dann sieht sie nicht etwa mich oder Slim oder
Checho an: aus einem unbegreiflichen Grunde hält sie sich an den Dutchman, der
wieder mager geworden ist und unter der Hemdbrust und an den Gelenken sein
rosenrot gegerbtes, haariges Fell sehen lässt. Er ist mürrisch und widersetzlich
in seinen Meinungen, wenn wir, Slim und ich, unser Dimensionensystem feststellen
und ausbauen. Wir sprechen dann in deutscher Sprache weiter, ohne ihn zu
berücksichtigen. Slim behauptet, er könne manches derlei nur deutsch sagen. Zana
tanzt im Feuerschein ihre primitiven Tänze, ohne grossartige Figuren, aber mit
edlen, praktischen Bewegungen, idealisierten Bruchstücken ihrer
Alltagserfahrung, und mit stark physischer Einbildungskraft. Das Repertoire
ihrer Hingabe ist nicht gross. Aber immer wieder entzückt sie durch eine neue
Idee, durch eine neue, schlagende Zote, die ihr gottesdienstlich vorkommt, von
dem Holländer aber mit Grinsen aufgenommen wird. Sie deutet Liebesberührungen an
und schüttelt ihren Kindschoss. Slim schlägt sie, sie streiten, dann kauert sie
sich verschüchtert zum Feuer und starrt in die Glut. Wir alle möchten sie
schlagen.
    Die Ermüdung zwingt uns bald in den Schlaf. Plötzlich erwache ich vom Ohre
her. Ich habe brünstige Laute vernommen und finde, dass meine Augen nass sind.
Mein Herz brennt. Ich habe keine Scham, in dem grossen, verschluckenden Walde bin
ich vor der Scham versteckt, aber dünne braune Glieder, die ein anderer besitzt,
sind meinem Fleische ein Stachel. Ich bin aus Eifersucht erwacht, mein Gehirn
hat sich die Laute gemerkt, mit denen meine Sehnsucht umgeht. Ich sehe zu dem
Himmelsausschnitt empor und fixiere einen Stern. Er sollte herabfallen und das
Paar zermalmen. Ich knabbere mit den Augen an ihm herum, ob er sich nicht
loslösen lassen wolle. Und siehe da, plötzlich spüre ich es lau in meinem Munde
und meine Kaumuskeln sind gleichsam befreit, und eine Sternschnuppe segelt über
das Firmament. Ich habe sie ausgehaucht, mein Atem ist feurig von verhaltenen
Küssen. Wie eine laue Kugel quillt meine Sehnsucht mir aus dem Munde, da höre
ich mich seufzen. In diesem Augenblicke werde ich gewahr, dass das Band zu Slim
gerissen ist. Ich fühle mich allein, bin eine gesunde Persönlichkeit mit
bohrendem Lebenstrieb. Und gleich darauf erledige ich die Angelegenheit ein für
allemal. Hier unter diesem strahlend guten Himmel, mit der Brunst eines
Raubtieres im Herzen, kommt mir das Gedächtnis wieder. Ich gebe jetzt zu, dass
ich mich noch immer irren und meine Meinung wieder ändern kann. Aber entweder
habe ich bisher überhaupt nicht gelebt, dann ist alles nur ein Traum gewesen,
oder es muss stehen bleiben, dass ich diesen Atem zweier Menschen, genau diesen
selben Atem, schon einmal gehört habe. Dann habe ich mit Slim ein Erlebnis,
keinen Traum gemeinsam, und nichts bindet mich an ihn. Und ich habe und habe sie
gehört: in jener Nacht vor dem Aufbruche!
    Sofort spürte ich mich in einem Zustand der Schwebe. Eine übernatürliche
Grelligkeit umgab mich. Es war, als ob ich den Ballast, den ich im Kielraum
meiner Seele verstaut hatte, verlöre, mein Empfindungsleben war von einer
überraschenden Wachheit und Lauterkeit. Der geringste Ton und die unbestimmteste
Farbe berührten mich mit süsser Macht. Es war die ungestillte, schmerzlich
gesteigerte Sehnsucht, die mich zart machte. Ich befand mich in einer
exaltierten Wonne, regte mich nicht, sah mit ungeblendeten Augen gerade vor mich
hin. Ich hörte ein Schnauben, einen starken Luftzug aus einer Nase und erkannte
Slims Atem wieder. Ich hörte einen unbestimmten, schluchzenden Ton, es war Zanas
Liebesschrei. Der Schmerz über das fremde Glück erregte in mir eine scharfe
Hellsinnigkeit. Ausserdem machte ich noch folgende Entdeckungen.
    Das Feuer frass an einem frischen Stück Holz, ich hörte wie seine lange,
gewundene Sägelippe mit den winzigen Zähnen jede einzelne der grünen Zellen in
sich kaute. Es war das Zischen tausender kleiner Zähne, die an der Arbeit waren.
Zugleich war ich von einer übernormalen Empfindlichkeit für einen Vorgang zu
meiner Seite, den ich nicht genau sehen konnte, weil ich mein Auge nicht aus der
Richtung des Himmelsausschnittes herausdrehte. Dieser Vorgang spielte sich auf
einem stark verästelten Baume ab, der von anderen Bäumen teilweise verdeckt war,
und war eigentlich unbedeutend. Der Baum aber war so ausserordentlich geformt und
zeigte innerhalb seines Systems eine so unerwartete Bewegung, dass sie mich von
ihrer schiefen Richtung her förmlich faszinierte. Die Konvulsionen schoben sich
rhytmisch weiter. Ein grüner Schimmer, intensiv wie Katodenstrahlen, füllte
den oberen Raum, und hier breitete sich eine knorrige, aus Knien und Gelenken
gestückelte Palmenart aus, zwischen deren Gliedern ein lebendiges Riesengedärm
in Knäueln hing. Die unendlich langsame Faltung, die daran emporzitterte, schien
aus dem Nichts zu kommen und in das Nichts zu münden. Das Ding war stark wie ein
Mannsschenkel und prall wie ein voller Balg aus grüner Seide. In dieser
Selbstfortpflanzung eines Lebewesens war die Grundsensation, die
Einheitsanschauung des Wortes »rücken« gekennzeichnet. Dieses Tier war blosser
Rücken, fiel mir ein, seine Bewegung, sein Leben war analysiert im Ruck, durch
Serien von Chocks, sie waren ihm zugleich Fortbewegung und Verdauungsleistung.
Als ich eine Zeitlang, die ewig schien, aus einem Teile des Gehirnes dieser
Bewegung gefolgt war, kam sie mir erst in einem Wetterbruch von Gedanken klar zu
Bewusstsein. Ich bemerkte jetzt in einem das grünfalbe Licht, das aus seinem
Innern auf das Tier strahlte und in dem Sternenreflex unterm Laub eine sachliche
Begründung erfuhr, ferner ebensowohl die sensationelle Langeweile des
motivischen Ruckes und einen plötzlich als Zweck der Bewegung vorgestemmten
Schlangenschädel. Der Schädel war flach und wie eine Faust um die kalten, grünen
Augen geschlossen. Da fühlte ich, wie von einem unsichtbaren Drahtfaden zwischen
den Augen des Tieres und den meinen die grüne Strahlung ausglühte, die von den
Sternen herzurühren schien. Die ankerförmige Zunge, scharf wie eine gespaltene
Locke, wurde von den gasigen Stössen aus dem Innern in rasender Perpendikulation
gehalten. Sie schmeckte den brenzlichen Geruch des Feuers und schnellte zurück,
gleich darauf legte sich der Kopf treu und lotrecht an den Stamm und der Marsch
nach oben begann.
    Das Tier kannte den Raum nicht. Es marschierte buchstäblich mit der Stirne
am Boden, es war imstande, sich wie ein Balken über einen Abgrund hinzurecken,
sein Medium war allentalben die Fläche. Dieser lange, langweilige Muskelsack
überwältigte die Schwerkraft, oder, was dasselbe bedeutet, er kannte sie nicht.
Von dieser eigentümlichen, ungereimten Beobachtung fiel eine Lehre ab. Der Raum
ist ein Produkt der Erkenntnis der Schwerkraft. Je mehr Schwerkräfte im Leben,
desto hochartiger die Verräumlichung und Dimension. Das Tier kannte nicht die
Zeit, vielleicht starb es nicht, starb nicht im menschlichen Sinne. Denn der Tod
ist die Schwerkraft innerhalb der Zeit. Durch ihn erst, durch den Widerstand und
die Verneinung, wird die menschliche Zeit. Denn erst was wird, ist erkannt. Es
wird durchs Erkanntwerden. Die Sensation der Schwerkraft ist eine Schwächung und
Fähigkeitsminderung, aber Hemmung schafft höhere Dimension. Erst durch das
Dawiderdenken entstand das höhere Denken, mit dem Tode des Gedankens nähre ich
ihn höher, in der Schwerkraft einer Realität beschwinge ich die nächste. Meine
Sicherheitsfähigkeiten, meine Stabilität sind vermindert. Aber meine Erkenntnis
ist gemehrt. Für jeden Schwindelanfall gewinne ich mir eine neue Dimension ein.
Für jede Direktion, auf die ich im Leben verzichte, erhalte ich eine
Perspektive. Ich kann nicht mit meinen Haaren gehen und mit meinen Flanken
bergab an einem Baumstrunk kleben. Ich muss Verzicht leisten auf diese einfachen
Kräfte und Genüsse. Der tierische Kopf ist ein Wegweiser nach vorne, immer zeigt
er nur in die Horizontale. Der Kopf des Menschen aber ist eine Pfeilspitze nach
oben, hinaus in den unendlichen Raum, und deutet an, dass die lanzenschädligen
unter den Menschen die menschlichsten sind, die Gotiker, die Hochbaurassen. Die
Erde ist rund und ein Raum und eine Rückkehr, und wenn man ganz weit gekommen
ist, ist man wieder dort, wo man ausging. In der Erde als Raum ist der
Widerspruch ausgesprochen, und gewiss ist sie kein Servierbrett zu Frass und
Sumpfglück. Ich bin abgekommen von meinen früheren Sentimentalitäten. Lasset
Tieren und Wilden ihre Glückseligkeiten. Sie liegen sicher in uns aufgestapelt.
Um den Baum des Gekröses ringelt sich konvulsivisch die Darmschlange, führt ein
dummes, seliges Leben auf einem Seitenaste der Entwicklung. Am Ende bist du eine
Abnormität, ein Auswuchs von einer Schlange, der es schlecht gegangen ist, und
die es weit gebracht hat. Auch den Wilden trägst du in dir, den Paniker, den
Typus mit der Duplikatseele, die in jedem das Gleiche träumt und einen Gottpfahl
lächerrlich gemeinsam beschwingt. Ich aber bin davon abgekommen; in diesem
Augenblicke bin ich davon abgekommen, weiss Gott, welche Einbusse ich hiermit
wieder erlitten habe, welche neue Schwere mir die Anmut beeinträchtigt, und was
ich habe zahlen müssen für diese Sekunde der Erkenntnis. Ich bin wieder Ich
selbst, ich habe mich gefunden, ich hänge meine Sentimentalität und
Tropenschwärmerei an den Nagel. Denn ich halte es mit Schwerkraft und
widersprüchlichem Denken. Gute Nacht, Slim, es wird dir auch wohltun, dass diese
Geschichte jetzt zwischen uns erledigt ist. Ich gebe dich frei. Schlafe du mit
Zana - ich liege hier und darbe, ich verbrenne mein Herz wie einen Ketzer, ich
leide, wenn andere braune Glieder lieben, aber ich schaffe mir Gedanken und
modle Leid in Lust. Lüget nicht: Das Gehirn ist kein schlechterer Mechanismus
als die Natur selbst. Ich bin jetzt fürs Gehirn eingenommen, ich gebe mich mit
aller Leidenschaft dem hin, was am notwendigsten ist: Schwerkraft, Tod und
Verkehrung! Werdet schwerer, mordet die Realität und tut ewig Busse um eure
Gedanken, kehret um und kehret euch wider euch in euren Gedanken. Vertite,
vertite, anachoreite!
    Die grüne Schlange löste sich aus ihrer Verstrumpfung, der Knoten streckte
sich zu einer langen Linie. Ich fühlte mich einsam und klar, inmitten der
zartesten Lebensvorgänge von greller Auffassungsgabe. Drüben bei Slim und Zana
war das Geflüster erstorben. Ich wandte den Kopf nicht. Kaum spürte ich das
hämische Nagetier der Verliebteit, das auf meinem Magen hockte; ich fütterte es
mit den spirituellen Gluten selber, die mir das Grauen vor ihm erweckte, und
machte es zutraulich. Gequältes Herz macht scharfen Sinn. Meine Gedanken waren
von Slim befreit, sie lebten nicht mehr mit den seinen in einer Symbiose. Ich
vermochte klar und einsam zu denken. Während die Riesenschlange tastend ihren
ungeheuren langweiligen Kreuzzug fortsetzte, schlief ich ein.
    Am nächsten Morgen erwachten wir gut. Ich traf auf die Augen Slims, der
glücklich und froh erschien. Er reckte sich und sagte freundlich: »Nun, heute
ist ein guter Tag. Sie fühlen sich wohl recht frisch? Heute kommen wir an den
Strom, jawohl!«
    Hurra durch! - am achten Tage kam es heraus, dass der eigentümliche Gehalt
der Atmosphäre Töne waren. Die Luft in dieser Gegend musste damit gleichsam
chemisch gesättigt sein. Die Vibrationen waren vielleicht ungeheuer kleine
Bestandteile. Unter Qualen der Erinnerung kam es mir zur Gewissheit, dass ich
dieses Phänomen bereits einmal vorausgeträumt haben musste. Irgendwann ...
Richtig, das war wieder jener problematische Traum vor dem Aufbruch. Seine
prophetische Art machte mich unruhig. Es war also möglich, dass man zu
Erfahrungen, die nachkommen, das Schulbeispiel, das Prinzip vorausträumte? Wie
mächtig war der Geist! In diesen Stunden harter Gedankenarbeit, während wir uns
durch den Djungle hindurchschlugen, begann ich an ein Schicksal zu glauben. Wir
haben so und so viele Leiden und Leidenschaften zu erschöpfen - woran wir sie
erschöpfen, bleibt gleichgültig. Hier tritt das Phantoplasma, das innere Gesicht
in Kraft.
    Bisher hatten wir uns, Zanas Orientierungssinn vertrauend, parallel zum
Flusslauf gehalten. Manchmal waren wir auf ihn gestossen, wenn er uns ein Knie
oder eine Schlinge vorgelagert hatte. Dann waren wir so knapp als möglich
ausgebogen. Und nun hörten wir ein Brausen. Zana verkündete, dass es die
Wasserfälle seien. Obwohl wir uns dem praktischen Ziel dieser Reise gegenüber
ziemlich skeptisch verhielten, überfiel uns doch eine kleine Unruhe. Wie, wenn
wir wirklich auf ein altes spanisches oder portugiesisches Lager träfen? Der
Fluss weitete sich zu einem Trichter. Seit zwei Tagen waren wir, langsam vom
Hochplateau dieser Region abfallend, ins Gebirge gekommen. Hügel bildeten, Täler
vertieften sich; das Plateau franste in Höhenzügen aus, schob wie ein
Wurzelblock Ausläufer und Füsse voraus. Der Lauf des Flüsschens war steiler
geworden, jetzt stauten sich seine Wasser und wurden grünlich und träge. Um die
Mittagsstunde, als die Sonne sich im Zenit befand, waren wir an unserem Ziel.
    Das Gestirn lag mitten in einem glatten Spiegel wie eine ovale strahlenlose
Scheibe. Die Reflexion des Wassers zog sein Bild auseinander. Zweihundert
Schritte unterhalb der Einmündung unseres Flüsschens in das grössere Wasser war
ein natürliches Wehr von Felsblöcken abgetürmt. Das hurtig gewordene Wasser
eilte mit grossen Bauschen in drei verschieden breiten Bändern darüber hinaus und
fiel etwa vierzig Meter tief in einen brodelnden felswimmelnden Tümpel hinab.
Das mittlere der Bänder war das grösste; wie eine ungeheure schimmernde Walze
drehte und drehte es sich vom Scheitel herab und lud weisse Gischtmassen in das
Becken ab. Der Fall sah nicht hoch aus. Aber die Wasser hatten guten Schwung.
Wir warfen einen Blick in das Becken. Wer in diesen Fall geriet, war gerichtet.
Er musste mit zertrümmertem und ausgedrehtem Körper unten landen.
    Unter Zanas Führung machten wir uns sogleich an die Arbeit, ohne zu rasten.
Das Band der Wasser war zweimal von je einem breiten natürlichen Felsobelisken
zerschnitten. Er biss wie ein grosser Zahn in die Flutmassen. Auf der
flachgespülten flussabwärts gekehrten Seite waren mit plumpen Werkzeugen Figuren
in den Stein geritzt. Sie stimmten ungefähr zu denen, die Slim auf einem Ziegel
vorwies, den er mit sich führte. Sie stellten das topographische
Erkennungszeichen dar. Eine Weile sahen wir den täuschenden Drehungen der
Riesenwalze, dem ewigen glatten Gleiten des Wasserfilms zu; dann sprangen wir
von Stein zu Stein und traten, wo über uns der Steinobelisk das Wasser abhielt,
hinter den milchig durchschienenen Glast ein. Wir waren jetzt in einer Höhle,
die durch das schräge Zurückfallen der Wand entstand. Über uns und vor uns
rollte der hautige Vorhang vorbei. Ein Donnern, das jeden anderen Laut
erstickte, splitterte im Raum - er war leer. Nur hie und da hockten schnittige
Blöcke, über die wir klettern mussten. Feuchtigkeit tropfte in Rinnsalen an der
zackigen Wand entlang. Da haben wir uns stumm und mit Bosheit in den
enttäuschten Mienen angesehen. Wir schämten uns voreinander. Slim stand
spreizbeinig auf zwei Steinen und öffnete und schloss abwechselnd den Mund. Er
sah sonderbar aus. Plötzlich ging es mir ein, dass er lachte und sprach. Indes
war kein irgendwie deutbarer Laut zu vernehmen.
    Wir alle standen im Halbdunkel mit verstiegenen Haltungen da, hielten uns
gegenseitig Reden und wirkten so aufreizend auf unsere Lachlust, dass wir in ein
fürchterliches lautloses Prusten und Brüllen ausbrachen. Die Felsenecke war von
einem feinen Wasserstäubchenregen umsprüht. Elemente von Regenbogen hielten sich
eine Weile in der Luft auf, wurden Augenblicke lang gleichsam materiell und
verschwanden plötzlich, wenn die Dichtigkeit des Wasserschleiers in einem
rhytmisch wiederkehrenden Verhältnisse ab- und zunahm und den eindringenden
Lichtschimmer nach Graden abblendete. Ein apfelgrünes Licht beherrschte den
Raum. Die Situation, die derart geschaffen wurde, war äusserst merkwürdig. Sie
wurde gespenstisch, und ich sah es an den verdutzten Gesichtern der anderen, dass
sie ihnen nicht geheuer war. Wir bemerkten an unserem Wesen sofort einen Abzug.
Irgend etwas an uns war weggegeben, wir fühlten uns getragen, ein wenig
entkörperlicht. Die Wirkung war die gleiche, wie wenn hier herum irgendwo eine
Quelle von Lustgas ausgeströmt wäre. Wir fühlten uns ausserordentlich wohl, aber
vergebens suchte mein Gehirn gegen das Aufgedrungene dieses Zustandes
anzukämpfen. Das Lachen in meiner Kehle war ein Element; die anderen lachten
mit, Zana und selbst die würdigen Indianer schüttelten sich, wir alle bogen uns
in unhaltbaren Stellungen umher. Aber zugleich lag etwas Beunruhigendes in
dieser Erscheinung, das apfelgrüne Licht. Ich drückte das Gehirn zusammen,
drückte mit den geschlossenen Augäpfeln tief nach rückwärts: Langsam
rekonstruierte sich eine lange, grüne, sich emportürmende Schlange. Rings um sie
war gehobenes Licht. In diesem Augenblicke befanden wir uns selbst schier
gewichtlos in diesem Medium; die verlorene Hörfähigkeit hatte einen
Gewichtsverlust zur Folge. Das Grün ging wie Katodenstrahlen oder siderische
Einwirkungen durch uns hindurch. Es war kein Licht, sondern eine fühlbare dichte
Flut. In dieser Flut schwammen Regenbogenelemente, sie sanken, sie flossen und
stiegen, sie waren tastbar, man konnte sie wie Strähnen durch die Finger gleiten
lassen. Zana legte die Hand in ihr zartes Gewebe; geknickt und aller Prägung
gehorsam floss es darüber hin. Die grünen Hauptstrahlen aber drangen durch uns
hindurch. Sie hafteten nicht an der Haut, sondern brachen organisch aus dem
Fleische hervor, sie gestalteten um, materialisierten den Körper neuerdings in
einem zweiten Medium. Der Raum, den unsere Leiber füllten, entstand auf neuen
Grundbedingungen. Ich erinnerte mich flüchtig, dass ich dieses Licht in einer
Vision gleichsam aus meinen eigenen Augen hatte hervorbrechen sehen. Über diese
Vorahnung erschrak ich, da es gleichsam von Bedeutung war für diese Höhle, in
der sich die geeignete Stelle für ein Ereignis oder einen Anblick bot, deren
Bild allerdings in meinem Kopfe noch nicht vorhanden war. Ich hatte die
peinliche und törichte Empfindung, dass diese fortgesetzten Anspielungen meiner
müssigen Träume schliesslich doch einen Sinn besässen, und dies war vielleicht der
Grund, warum ich alles mit geschärften und halluzinierenden Sinnen aufnahm. Eine
schleichende Veränderung ging mit uns vor. Wir wechselten Stoffe aus, bildeten
die Strukturen um und traten an die Stelle duftigerer Wesen. Aber dieser Wechsel
kostete unserem Bewusstsein ein taubes Schmerzgefühl, wir vermochten unser
Entsetzen mehr oder minder nicht zu verbergen, und darum lachten wir, da wir in
unserer rationalen Art den Vorgang absurd fanden. Plötzlich beugte sich Zana vor
und sah van den Dusen ins Gesicht. Es war apfelgrün, eine grosse apfelgrüne
Aureole, lächerrlich und lyrisch und in seiner Lyrik noch lächerlicher bis zum
Schmerz. Diese Panik war ein höherer Grad von sich selbst, sie war Entsetzen. Es
bemächtigte sich unser in einem tollen, widerstandslosen, verrückten Lachen.
    Sonderbar war der Umstand, dass es keinem von uns einfiel, aus dieser Sphäre
zu flüchten. Als Slim in einem Spalte eine Entdeckung machte, waren wir so
betäubt, dass wir dessen gar nicht achteten. Was er emporhielt, mochte ein langes
Stück Eisen sein. Es fiel mir ein, dass wir ja wegen des Schatzes hergekommen
waren, und nun hatte Slim etwas in Händen. Mein Herz stand still. In diesem
Augenblicke waren tausend Hoffnungen auf mich eingestürmt. Und obwohl ich
felsenfest und unromantisch das Nichts erwartete, erlaubte ich mir in dieser
Spanne Zeit dennoch wie der Delinquent, dem der Tod bestimmt ist, allerlei
Kühnheiten. Slim hielt wirklich einen Augenblick lang ein Stück in die Höhe;
dann begann es, ihn zu jucken, und er warf es weg. Unsere kleine Gesellschaft
geriet in Bewegung. Und nun gewahrten wir nicht mehr und nicht weniger als ein
Lager von altem Eisen. Es waren Gabelbüchsen von uralter Konstruktion, Helme,
Panzer, Hellebarden und Lederzeug. Aber das Leder war durch die Nässe verfault
und zu Asche zusammengesunken. Die Waffen und ein paar metallene Nutzgegenstände
aus einem früheren Jahrhundert waren teils von wolkigem Grünspan gesprengt und
überzogen; teils machte das apfelgrüne Licht eine pelzige Schimmelkruste, ein
feistes Gewebe aus Grünspan aus ihnen. Es war kein Schatz. Die Besitzer dieser
Gegenstände waren arme Teufel gewesen wie wir, Soldaten, Globetrotter,
Erdteilentdecker und Schatzsucher wie wir. Das Gewaffen bestand aus schartigem
Eisen, die Griffe der Schwerter und Degen bleckten skelettiert ihren einzigen
langen Stosszahn vor. Wir wandten dem freudlosen Anblick den Rücken, nachdem wir
vergebens mit den Fussspitzen einige Unruhe und den Verfall in diesem Stilleben
erregt und fette Moder- und Schimmelschichten entblösst hatten.
    Die physischen Anstrengungen der Lachepidemie und die Inanspruchnahme des
Bewusstseins innerhalb dieser Lichtexistenz entkräfteten uns. Wir bestanden in
dieser Sphäre als Lichterscheinungen, wir waren lediglich eine Spezialität und
Verdichtung des grünen Lichtes, das hier Herr war. Der Gehörsinn war
ausgeschaltet. Das Tosen dröhnte so laut, dass wir unser eigenes fischgleiches
Lachen nicht vernahmen. Es war nämlich noch eine Überraschung zu verzeichnen.
Unser Tastsinn und unser Gesicht verschmolzen. Licht und Materie wurden
identisch und die Folge war, dass wir raumlos dastanden, gleichsam an die grüne
Wand gemalt, plattgedrückt von der räumlichen Herrschaft des grünen Lichtes. Ich
sah die anderen die Kiefer bewegen und mit Löchern aus grünen Masken schauen.
Der Mensch war hier ein geändertes Wesen. Zanas Haare flossen in grünem Geringel
auf ihre Schulter wie Nymphenhaare. Waren wir Symbole der Wasserwelt? Waren wir
Typen von Wassergeistern? Unsere organische Heiterkeit machte unserem
menschlichen Bewusstsein scharfe Mühe. Es war eine Dissonanz in unserer
Anwesenheit und wir litten unter ihr. Die Indianer waren weniger ergriffen als
wir. Bei ihnen gelang die Illusion. Da sie reine Physis waren, hatten sie nicht
gegen die selbsterrlichen Kräfte des Gehirnes anzukämpfen. Das Problem der
Mytologie war gelöst, der Undinentypus war gerettet. Zana lehnte sich leicht an
van den Dusen. Da ging Slim plötzlich fort, er sprang über die klitschigen
Klippen und verschwand in dem Riss des opalisierenden Wasservorhanges, der
unaufhörlich von oben nach unten glitt, dröhnend und zitternd wie eine
Stahlplatte.
    Wir drängten ihm nach. Hier war der Spalt. Als wir draussen standen, ging ein
Wechsel mit uns vor. Die sachliche Tageshelle, die uns umgab, war uns
willkommen, nicht uns, aber doch einem gewissen Teil unseres Sinnes. Sie war
seine Heimat. Wir erkannten uns mitten in der Sonne, mit dem zähen
quecksilbernen Wasserfladen im Rücken, wieder. »Was war das?« frug der
Holländer.
    »Der zweite Leib!« sagte Slim. »Wenn man einmal den ersten vermisst, - kann
man hier immer noch in der Reserve hausen!«
    »Ach ja«, sagte ich, »gerade das habe ich mir auch gedacht!«
 
                                     XXIII
Der Spitzhund, der draussen auf einer Klippe gewartet hatte, weil er sich vor dem
Wasser und dem schäumenden Fall fürchtete, empfing uns mit Zeichen von Unruhe.
Er unterliess ein Freudegebell, das er sozusagen schon auf der Zunge hatte,
beroch uns vielmals und auf verschiedene Arten, um seinem Misstrauen Genüge zu
tun, und warf uns verdrehte, gespenstische Blicke zu. Vielleicht rochen wir zu
sehr nach Feuchtigkeit, nach Moder und Schimmel, nach apfelgrünem Licht, nach
Gift. Wir schienen ihm nicht vertrauenerweckend und seine Liebe und sein
Lebensgefühl welkten sichtlich dahin. Wir beide zumal machten einen starken
Eindruck aufeinander. Er mied mich, nachdem er mich beschnüffelt hatte, wie
einen Kranken. Ich aber fasste plötzlich einen scharfen Hass gegen ihn, den ich
mit einem tückischen Fusstritte einleitete. Er war zu feige gewesen, in die Höhle
zu gehen. Gewiss blieb er nun allein von der ganzen Expedition unversehrt. Er
heulte auf und bellte mich aus der Ferne an, ohne mich jedoch anzusehen; er
dirigierte seinen Protest vielmehr in eine durchaus neutrale Richtung, als ob er
weiss Gott welches Stück in der Natur für diesen Unfug verantwortlich machte. Und
von nun an war mir dieser Hunderest, ein bettelarmes, räudiges Tier,
interessant, ich liess es nicht aus den Augen. Unsere Leben standen im
Zusammenhang. Denn er würde gerettet werden.
    Ich blieb nicht allein. Auch den Holländer und Slim ärgerte das Tier. Sie
behandelten es schlechter als bislang, darauf wollte ich schwören. Da wir alle
recht schweigsam lebten, wurde der Hund ein Gegenstand der Beobachtung. Und
eines Tages war es für mich erkennbar, dass wir uns seit geraumer Zeit in einem
Niedergangszustande befanden. Die Enttäuschung über den missglückten Schatzfund
demoralisierte uns. Wir lagen zusammen in einer der Höhlen am Ufer und
faulenzten liebe Tage lang. Die Indianer taten hin und wieder ein paar
Handgriffe. Sie richteten die Mahlzeiten her, die aus mitgebrachten Vorräten
bereitet wurden, und pflückten Früchte vom Rand des Djungles. Aber wir Weisse und
Zana liessen die Zeit verstreichen und taten nichts. Die Steine, ungeheuere
kantige Blöcke, die das Wasser vom Tafellande abgesägt hatte, gaben uns
Schatten. Agaven wuchsen über unseren Köpfen schräg hinweg. In diese Höhlen kam
nie ein Schüppchen Sonne, sie blieben immer noch verhältnismässig kühl. Draussen
aber tanzte die fiebernde Luft über dem Flussbett. Wir vermieden es, da
hinauszutreten. Eine schwergerüstete Trägheit war über uns gekommen.
    Nachts aber, wo es frischer gewesen wäre, erschien die Gegend zu gefährlich.
Die Indianer zündeten Feuerkreise an, und jenseits hörten wir die Tiere bei
Tag-und Nachtanbruch zur Tränke ziehen. Das Leben ging dort seinen
unbarmherzigen Gang. Vor Anbruch des flinken Abends spielten sich auf diesen
Fährten und Karawanenstrassen der Tierwelt blutige Schlachten ab. Man hörte die
Schreie von Sterbenden, Kommandorufe und Fluchtmahnungen. Wir lagen hinter dem
Feuer und lauschten diese Viertelstunde lang mit gespanntem Ohre. Ein Panter,
der im Trabe über uns herangekommen sein mochte, sah plötzlich unser Feuer vor
sich. Es war noch knapp vor Torschluss, er nahm seinen blindlings angesetzten
Sprung zurück, seine Hinterpfoten glitten am Steine aus, wir hörten ihn kratzen
und atmen und sahen einen Schweif. Einer der Indianer sprang auf, um ihn mit
einem brennenden Scheit zu schlagen. Das verlieh ihm ungeheuere Energie, an
einem Minimum von Widerstand und Halt arbeitete er sich, rasend vor Angst,
empor.
    Und Tag auf Tag blieb das gleiche Bild vor uns haften. Die Sonne war ein
glühendes Bronzestück, das lanzenweise Hitze verschoss, in grellen Bündeln, in
schlohweissen Zacken. Warum standen wir nicht auf und gingen fort, was hatten wir
hier zu suchen, was ging vor mit uns? In Augenblicken tauchte dieser Gedanke in
uns auf und wurde ausgesponnen. Was wir hätten unternehmen sollen? Wir hätten
auf der Stelle aufbrechen können, nichts hätte uns daran gehindert! Aber wir
verschlampten unsere Willen, wir nahmen uns nicht mehr ernst, wir fanden unsere
Energielosigkeit selbstverständlich. Waren wir krank? Kalte und warme Schauer
liefen mir vom Scheitel bis zu den Zehen. In meinen Pulsen war trotz aller
Behäbigkeit Jagen und Unrast. Ich betrachtete die Gefährten. Ihr Blick lag blöde
zwischen den halbgeschlossenen Lidern. Und Slim stand auf, untersuchte die
Apoteke und holte eine Trockendose hervor. Darauf begannen wir an diesem Tage
Chinin zu fressen.
    Aber das Fieber, das uns gepackt zu haben schien, war nicht der einzige
Grund, warum wir nicht vom Flecke kamen. Zana weigerte sich, uns irgendwohin, wo
Slim hinwollte, zu führen. Sie hatten Auftritte. Er begann sie zu schlagen. Sie
beugte sich demütig und liess mit undeutbaren, verhässlichten Mienen alles über
sich ergehen. Sie wollte zurück. Slim wollte nicht. Er behauptete, es würde
unsere Köpfe kosten. Wir hätten die Schlangen auf Rulc gehetzt. Moki selbst
könne uns nicht gegen das Gesetz der Dämonen schützen. So blieben wir denn und
warteten ab, ob Zana anderen Sinnes würde.
    Sie wurde es nicht. Sie lag mit ihrem praktischen Körper zwischen runde
Steine wie zwischen Kissen gebettet, klaubte Asche und Abfall mit den Händen
rings um sich her auf und warf es hinaus in das Flussbett. Den Hund hetzte sie
hinterher. Aber er benahm sich dumm. Er war zu keinem kultivierten Apport
erzogen. Mit seinen von der Sonne verdorbenen Augen rannte er an dem Gegenstande
vorbei und Zana grinste. Unbestürzt vor der Sonne, die ihn anprallte, sooft er
sich im Jagdeifer hinausbegab, flog er hin und her. Wenn er etwas gefunden zu
haben glaubte, das man ihm seiner Meinung nach als allegorische Beute zumuten
durfte, ohne den Respekt vor seiner Urteilskraft zu verletzen, legte er sich mit
seinem schier entaarten, violetten Bauche auf die heissen Steine und hielt das
Ding gemütlich zwischen den Vorderpfoten. Als ich ihn einmal in dieser Lage sah,
überkam mich die Sehnsucht, ihm eine Kugel in seinen dummen, glücklichen Bauch
zu jagen. Der Revolver lag dicht bei mir. Meine Finger lechzten nach seiner
handlichen Form, ein schmackhaftes Vorgefühl bemächtigte sich meiner. Ja ja, ich
wollte doch wieder einmal schiessen hören, ich wollte einen kleinen Todeskampf
mitanschauen, ich wollte endlich wieder einmal ein menschenwürdiges Erlebnis
haben. Fiebrig griff ich nach der Waffe und wog sie kennerisch. Das, was nun
geschehen würde, kam mir als von ungeheuer differenziertem Geschmacke vor, es
schmeichelte mir, dass ich solche Gelüste hatte, es lag eine gewisse, originelle
Romantik in der Sache. Zufällig sah ich zu Zana hinüber. Ihre Augen grinsten
erwartungsvoll. Dieser Umstand machte mich kalt, er entgeisterte mich. Es war
mir unappetitlich, den Genuss zu teilen. Und so würde ich den Hund denn nicht
erschiessen. Um aber auf meine Rechnung zu kommen, führte ich doch einen kleinen
Coup aus. Ich brannte die Pistole gegen ein x-beliebiges Ziel ab. Neunmal
hintereinander krachte der Schuss. Die Hülsen hüpften energisch über uns weg. Ein
leichter, blauer Dunst lag vor der Sonne, die Detonation klang betäubend von den
Steinen zurück, und ich dachte, nun singt das Blut in ihren Ohren. Ich fühlte
aber auch etwas anderes, eine neue, frische Belebung. Ich stand schnell auf und
machte Bewegung.
    Ich war voll Teufelei und Unternehmungslust. Zwar wütete ein Ozean von
Kopfweh an meinen Schläfen und meine Glieder waren nicht ganz sicher. Aber ich
fühlte den Rausch der Tat. Heute wollte ich mal spazieren gehen. Marsch hinaus!
Auf da! Reise, Reise, Reise ...! fort mit dem faulen, aasigen Luderleben!
Schwankend, aber unbekümmert um meinen Zustand, galoppierte ich das Flussbett
abwärts entlang. Ich lud die Pistole und entleerte sie auf müssige Ziele. Da, an
den Seiten, etwas über dem Lehmbruch des Flussbettes, starrte der Djungle. Er war
fremd und gefährlich. Konnte man in ihn eindringen? War es möglich, ihn ohne
furchtbare Todesstrafe zu betreten? Eine Angstvision erfasste mich bei der
Vorstellung eines Lebens zwischen seinen Tieren und Pflanzen, und es wurde mir
unerinnerlich, wie ich es jemals hatte ertragen können, ohne vor Furcht zugrunde
zu gehen. Ich vermied es, ihm nahe zu kommen. Ich war ein Ausgeschlossener, der
trübe Betrachter eines überlegenen und gesperrten Geheimnisses. Hatte ich
wirklich jemals den Djungle von innen gesehen oder war es ein sanfter und
harmloser Traum? Alles verwirrte sich. Alles wuchs ins Riesengrosse. Ich fühlte
mich dem Walde gegenüber gefährdet in meiner Schwäche, ich erkannte seine
moralische Überlegenheit, seine Grösse, seine Dämonie und sein Elementares
zaghaft an. Nein, ich war nicht für den Djungle und ein poweres Geschöpf vor dem
Djungle, zu schlecht und zu elend, um meinen Fuss in ihn zu setzen. Das geziemte
nur Riesen und Unerschrockenen wie Slim, oder einem Indianer, braun, stark und
wild und mit einem Herzen von Eisen. Lockte es mich? Zurück in deinen Winkel,
schleimiger, weisser Mann, altes, schwankes Fieberross! Ein Ekel fasste mich vor
meiner weissen Haut, ein Abscheu vor meinem talgigen, widerstandslosen Fleische.
Soll ich, muss ich, darf ich in den Djungle? Ich kapituliere. Ich gebe mich
geschlagen. Ich bin die letzte Lehmknolle in Gottes Natur. Ich bin ein Paria
gegen den Djungle. Retraite, altes Fieberross!
    Ich war vor ungefähr zehn Minuten aufgestanden und nicht so sonderlich weit
gekommen, als ich glaubte. Und nun wurde mir trübe zumute, das Elend packte mich
in seiner heillosesten Form. Körperlich ging es mir keineswegs schlechter, der
Rausch der Aktion drängte sogar das Kopfweh zurück. Aber der Zustand war seltsam
genug, mir war einfach fade, ich war in dieser Sekunde das Opfer einer
trostlosen Langeweile. Ich warf mich nieder und weinte. Und hob in purer,
schlechter Laune, im Zorn, im Exzess der Langeweile einen mannschweren Block auf
und zertrümmerte ihn an den Klippen. Nach diesem Erfolge affektierte ich Freude.
Meine physischen Kräfte waren keineswegs geschwächt! Aber nun wollte ich nicht
mehr weiter. Ich hatte des Gehens genug. Ich war des Anblickes dieses Flussbettes
und des starren, undurchdringlichen Djungles mit seiner imponierenden Teufelei
müde. Eine heftige Unlust, die Beine zu bewegen, in denen ich doch zu gleicher
Zeit die Kraft von Maschinenkolben fühlte, ergriff mich. Ich hatte gerade noch
genug Willenskraft zurückzukehren. Slim und van den Dusen empfingen mich
lächelnd. Die Indianer schliefen. Der Hund drückte sich schielend beiseite. Der
Fieberhauch, der von mir ausging, imitierte ihn. Oder ahnte er meine
menschlichen Bosheiten?
 
                                      XXIV
Die Sonne stach mit einem steifen durchdringenden Lichte herab; die Landschaft
stand, mit bitterem Realismus in diese schräge angegilbte Wand vor unseren
Stirnen hineingesetzt, da. Fluch allen Malern und Fälschern! Das Leben war eine
Zeichnung, und Bitterkeit steigt aus den trockenen zähen Stengeln auf, die, eng
und planlos zusammengepackt, den Djungle darstellten. Alles Wesen war
erschreckend sachlich in diesem Lichte, befangen im nüchternen Ernste seines
Daseins. Blüten von unerhörter Farbe, ereignislos, reihten sich buschig auf, sie
waren ohne eigenen Glanz und Ton, gefressen waren sie von dem alles
verschluckenden, alles einschmelzenden Lichte. Bunte Arasvögel steckten ihre
Köpfe mit den wilden erregten Federgeweihen durchs Laub und fixierten uns
gehässig; lauernd vor Bosheit duckten sie sich wagrecht auf Äste nieder und
führten mit ihren angelförmigen Schnäbeln einen verzweifelten Phantasiekampf,
ein leidenschaftliches Scheingefecht gegen unsere verhasste Anwesenheit aus. Ein
Storchenpaar stolzierte in den Wassertümpeln abseits vom Stromgerinne und
harpunierte in der Frühe und am Nachmittag Frösche, Frösche als Vor- und
Nachspeise und Frösche zur Verdauung. Diese Sparsamkeit angesichts der
mutmasslichen Delikatessen des Djungles war heroisch. Aber sie lag in der Natur.
Sie bestimmte den Stil, die Entfaltung. Die unerhörtesten Mittel wurden hier nur
einer andeutungsweisen, gleichsam fleckenden Verwendung für wert gehalten. Ein
magisches Verwischen aller letztlich doch so brutalen Triebe zeichnete den Wald
aus, eine redselige Heimlichtuerei nutzte oberflächlich alle die mystischen und
tiefen Kräfte seines Getriebes. Die Natur war überschüssig, gleichsam
geistreich; darum brauchten es hier die Menschen nicht zu sein und nicht das
Faultier, das da oben mit menschlichen Gebärden, zu träge selbst zu einer
Grimasse seines ewig schnauzigen Gesichtes zwischen den dreimannshohen Stengeln
mit Bedacht emporkroch. Die Natur als Totalität war geistreich. Darum brauchten
es ihre Geschöpfe nicht zu sein. Sie durften ausser Betrieb gesetzt im Schatten
liegen und gähnen und weiss Gott wie es zuwege bringen und keinen verständigen
Gedanken mehr produzieren.
    Herrgott, diese Störche speisten Frösche mit Leib und Seele, und indes war
der Djungle, ein Riesenbraten, für sie aufgetragen. Und so war diese Natur,
sparsam trotz grossen Reichtums; sie war nun einmal eben gar nicht, wie man auch
denken könnte, Stil, sondern ganz Wesen, ganz Sache. Es war eine durchaus
praktische, unästetische Natur, sie kümmerte sich keinen Schimmer um den Effekt
ihrer Schönheit, sondern war ganz auf Glück eingestellt, ja, auf das Glück
sommerlicher Körper. Ich aber protestierte heftig gegen die Partei, die sie
nahm. Ich wurde krank an ihr und fühlte schwere Hemmungen aus ihren Rückständen
an Phantasie und Romantik aufsteigen. Denn in mir herrschten Frühling und
Herbst, in mir war kein Sommersein, wohl aber Frühlingswerden, ich reifte zum
Blonden, zum Prinzip des Blonden, nur Sommerglück war nicht in mir. Darum zehrte
mich der Ärger auf, das Ärgerfieber, wogegen es Chininpastillen gab, die ich mit
Ausdauer schluckte. Aber es war doch immer dasselbe Bild; wieder drückten sich
die polsterigen Brüste feistleibiger Vögel durchs Laub, sie entfalteten mächtige
Garnituren von Federn in allen Farben, steckten ihre Schwanzstutzen aus dem
Busch heraus und schlugen Räder. Aber diese Schönheit war ein gelüftetes, ein zu
durchsichtiges Geheimnis; es war eine magazinierte Schönheit, sozusagen
kaufmännisch, aber ein bisschen unsolid ausgestellt, ich konnte mich mit ihrem
nüchternen Zuge nicht befreunden. Der Schauer fehlte. Das war es.
    Alles war ein gelöstes Rätsel. Alles war klar. Ich begriff alles. Ich
begriff es, wenn eines Tages plötzlich zwei Kakadumännchen aufeinander
loszusäbeln begannen, bis das Gehirn des einen blossgelegt war. Das langweilte
mich. Es langweilte mich auch - ich erinnerte mich schwach, dass das nicht immer
der Fall gewesen war - sass der Geköpfte in einem letzten Sterbeschauer ein süsses
Piepsen ausstiess, während er in gesünderen Zeiten eine schnurrende Stimme hatte
hören lassen.
    Die Klarheit, die auf Stadien der Verwirrung gefolgt war, wurde lähmend.
Mittendrein begann ich unruhig zu werden, die Angst kam schwül an mich heran und
ich sprang auf. Das heisst, nein, ich sprang eigentlich nicht auf, ich wollte nur
aufspringen und es stand mir sehr augenscheinlich vor Augen, was dann geschehen
würde. Ich würde flüchten, würde die Freunde verlassen und mich irgendwohin
zurückziehen, um allein zu sein, nur um allein zu sein. Denn in dieser Zeit
machte sich wieder der Kontakt mit Slim bemerkbar. Ich wusste, dass er sozusagen
stets mit mir dachte, mit den Kräften meines Gehirns gleichsam seine Gedanken
und Leidenschaften dachte. Das war vielleicht auch die Erklärung, dass nichts von
alledem, was mir durch den Kopf ging, geschah. Ich verbrauchte die ganze
Handlung in der Anschauung und Slim zehrte mit. Mein Vegetieren war ein
schäbiger Rest von Wirklichkeit. Alles andere fand allein in meinem Gehirn
statt. Ich dachte ein feines Ding von Vergnügen aus, ein bis zum Zerreissen
dieses süss gespannten Gehirnes verfeinertes Ding. Und blieb an Ort und Stelle
liegen, obwohl die Leidenschaft mich durchwühlte und die Fröste der Langeweile
mich aufjagten.
    
    Mein Zustand war bekannt. Das Wort Tropenkoller fiel mir wie ein
Gnadengeschenk zu. Damit konnte ich arbeiten, erklären. Jetzt also wusste ich,
woran ich war. Ich würde schleunigst Abhilfe schaffen, aufstehen, arbeiten,
sozusagen ein anständiges Leben führen und so praktisch wie möglich mich den
gegebenen Verhältnissen anpassen. Eingerichtet werden musste das Leben! Hatte ich
nicht die Möglichkeiten einer unendlichen, natürlichen Praxis vor mir, das weisse
Blatt einer unbeschriebenen Robinsonade? Ich konnte ein Kanoe bauen und mich den
Fluss hinabbegeben. Oder mit Zana durchbrennen, sie heiraten und das Leben eines
Djunglemenschen führen. Meine ungeheure Assimilationsfähigkeit, mein
Rückbildungsgenie kamen mir hier zugute. War ich nicht voll guten
vertrauensvollen Willens?
    Nach einer Stunde der kühnsten Unternehmungen und Aufpeitschungen war mir
der Begriff Koller so fade wie nur je ein Wort. Mit hysterischer Lust glitt ich
in die Tiefen meines Zustandes. Ich war eitel auf mich; ich war es auf mein
Affengesicht; auf meinen Mangel an Willenskraft und Persönlichkeit, das heisst,
auf meine geniale Assimilationsfähigkeit: denn, in der Tat, wenn ich die anderen
um mich her betrachtete, so wusste ich, dass wir bereits Affengesichter besassen.
Wir verzwickten die Gesichter, weil die Sonne uns blendete. Das Tierische in
Zanas glatten Zügen reizte mich zu einer prickelnden Nachahmung. Ich buhlte um
den Ausdruck ihrer Lüste; diese Lüste müssen erschlichen werden, man muss unter
einer Art Mimikry an sie herankommen. Wohlan, präparieren wir uns im Hinblick
auf den Indianer! Wenn Zana mein Weib ist, werde ich sie bei den Haaren ziehen
und auf ihrem Gesichte spazieren gehen. Ich habe infame Pläne mit ihr vor. Ich
nehme keine Rücksichten mehr. Ich halte mich an die ältere Humanität; was die
Lust der Rassen anbetrifft, geht es nach Anciennität.
    Mit den Vorsätzen war es getan. Die Natur produzierte hier, draussen und in
meinem Hirn, in überschwenglichem Masse. Aber sie verlumpte die Million aus
Sparsamkeit, um Bewegung zu sparen und die alten Formen zu schonen, die sonst zu
schnell ausstarben. Diese Natur war nicht auf den Europäer berechnet, auf nichts
Avanciertes, Humanes, Intelligibles. O, sie hasste die Maschine, diesen paradoxen
Vogel des Nordens, und ihre andersartige Ökonomie. Sie hatte es eilig wie ein
Krösus, der so schnell als möglich zum Bettler avanciert, um vom guten Leben
nicht draufzugehen und genügsam sein zu können. Diese Natur war, wie gesagt,
geistreich, geistreich als solche, obwohl ihrer Geschöpfe Mangel gerade in
diesem Punkte auffiel. Sie war darum in ihrer Fülle auch ein Dichter, ein
solcher Praktiker, der das Leben lieber schnell teoretisch absolviert, um nur
ja sich selbst aufzusparen und nicht in Stücke zu gehen. Der Dichter ist ja
bekanntlich der feinste Kaufmann, er kauft alles und bezahlt mit Phantasie. Ein
solcher Dichter, ein solches Stück Tropennatur, bitte zu bemerken, ein solcher
Verfertiger von Tropen bin ich. Ich habe Zana schon längst glücklich geheiratet,
aber gleichwohl, ich liege noch immer hier. Da sieht sie her, so schmachtend wie
möglich, mit einem Blick, als würde ich ihr sofort, auf der Stelle, mit einem
Messer den Bauch schlitzen. Ich aber liege hier, bin faul wie ein Alligator und
von meinen Knochen fällt langsam das Fleisch ab.
    Die Zeit hatte die Auszehrung, und wir verstorben an galoppierender
Langeweile. Über unseren Köpfen zog ein Storchenpärchen seine Kreise. In diesem
Zeichen stand unsere Lage; es war eine wirkliche Lage, die wir nun in der Welt
einnahmen, und das Kreiseln über uns war der Singsang unseres Blutes. Die zwei
Störche stiegen herab, ach, da hatten sie lange rote Schnäbel, und so rot waren
ihre Schnäbel, dass einem wirklich bei ihrer Betrachtung nichts anderes einfiel,
als dass sie rot waren. Zwei wunderschöne rote Griffel, die rapide klapperten,
waren das, zwei Zinnoberstempel aus elegantem, einförmigem Farbstoff, zwei
grelle Blutfasern in der Lichttafel, die uns vor den Stirnen schwamm. Sie
beschäftigten die Phantasie, anderseits aber waren sie so anschaulich, dass sie
ganz sie selbst waren, ganz Sache, ganz Schnäbel, rote Storchenschnäbel, eine
praktische Angelegenheit, zum Klappern etwa! Ich weiss nicht, warum wir über den
Unsinn soviel nachdachten, warum wir insbesondere über diesen roten Schnabel
soviel Wesens machten, der uns gar nichts anging. Das Rot war so eigen, und es
erregte uns anscheinend mächtig. Es hing den Vögeln ein dünner erstarrter
Fleischlappen mitten aus dem Gesichte und machte uns sieden. Vielleicht weil wir
kollerig waren. Ich dachte an den zerstückelten Kopf des piepsenden
Arasmännchens, an seinen blutenden Kamm. Es ist merkwürdig, dass es Tiere gibt,
die mit dem Zeichen ihrer Blutgier unverhüllt umherlaufen. Aber das ist gar
nicht merkwürdig. Bei den Säugetieren sind es die Lippen, Blutfetische, und die
Geschlechtsorgane, in ihnen tritt die grundlegende Blutsympatie der Leiber
nackt zutage. Ha, wie wir morden, wenn wir küssen! Wie wir dieses süsse
Überbleibsel eines Bisses schlauerweise ungestillt lassen, in unserer
unerhörten, listigen Ökonomie der Lust! Der Kuss der Vögel nähert sich dem
älteren Ideal. Wenn der Kakaduhahn das Huhn unter Geflatter belegt, führt er
flagellantische Hiebe gegen die roten Teile ihres Gesichtes, markierte Hiebe, er
kraut sie leidenschaftlich an den feinen roten Häuten über den Nasenlöchern. Ich
blickte seitwärts. Da prangten Zanas künstlich aufgestülpte Lippen, sie
entüllten ein breites Stück Rot wie eine Blutorange; zwei Eberzähne waren durch
das Nasenbein gebrochen, und die Narben zerrten die Lippen hoch. Nun musste ich
finden, wer von den Männern die verfänglichsten Lippen hatte. Slim besass dünne,
herbe Exemplare, scharf wie zwei Messer. Damit schied er aus der Konkurrenz aus.
Der Holländer hatte ein paar himbeerfarbener unter seinem Struppbarte. Ich
erschrak tödlich, als ich es bemerkte. Im gleichen Augenblicke hatten wir uns
auf den Mund gesehen. Es war erklärlich, dass er sich der offenen Aufmerksamkeit
Zanas erfreute. Sie schielte wie eine Äffin mit schräg gestellten Blicken zu ihm
hinüber. Slims Gesicht, das unter einem rötlichen Barte vollständig gelb war,
drückte in diesem Augenblicke eine Katastrophe aus.
    Die Sonne fuhr wie ein weissglühendes Projektil über den zwölfstündigen
Himmel dahin, Tag um Tag den Weg, den wir verfolgen konnten. Zur Linken unserer
Robinsonade tönte fern das Zischen der Fälle. Vor uns lag der weisse Flusssand im
halbberieselten Bette, gegenüber brodelte der Djungle, die Luft dazwischen war
vor Hitze in beständigem Flittern begriffen und zerfranste farbig. Wir hatten
schmerzliche, eintönige Erlebnisse, oh. Ich sagte »wir« in jener Zeit, hm. Die
Langeweile rotierte, und dann schoss das Storchenpärchen in Kreisen, Schrauben
und Korkenziehern über uns hin. Und dann stand Slim plötzlich auf, es kam Leben
in ihn, er kommandierte die Indianer, man schlug einen Baum und begann ein Boot
auszuheben. Ich aber stand nicht auf und half. Ich hasste die Tat und alle Tat.
Die Energie Slims machte mich schwächer, während er sich gleichsam an der
Ursprünglichkeit des Unternehmens berauschte. Er schlug ein Kanoe. Er entfernte
sich mit meiner Lebenskraft, verbrauste mein Vermögen und liess mich mit Passiven
zurück. Und ich hasste ihn, diesmal vielleicht zum ersten Male aus vollem Gemüte,
ohne dialektische Umwege, aus dem vollen Gemütshasse des Beraubten. Er jedoch
gedieh dabei. Er begann am Lagerfeuer Debatten zu eröffnen und traktierte seine
Lieblingsidee, seine funkelnagelneue Dimensionenlehre. Warte Mal, ich gebe ihm
den Todesstoss. »Sie sind ein Dialektiker«, sagte ich drohend. Ich war ein grosser
Entlarver. dabei schüttelte mich das Fieber, und meine Pulse evaporierten, sie
rauchten förmlich vor Arbeit.
    Da geschah das Unerwartete, dass der Holländer zu sprechen begann. Er ergriff
meine Partei. Er war ein gerader Kerl, und ich musste eine schwärmerische
Vorliebe für derlei Charaktere in mir vorfinden. Ich überschüttete ihn innerlich
mit Dankbarkeit und schwur ihm Treue und Solidarität. Die Situation war nicht
unangenehm, wir waren jetzt zu zweit und marschierten siegreich aufs Ziel los.
Aber eine kleine Verlegenheit trat doch ein. Slim fiel es mitten im Debattieren
ein, nach seiner Coltpistole zu greifen. Er wog sie in der Hand, fühlte
gleichsam seine eigene Solidarität und kostete das Vertrauen aus, dass auch er zu
zweit da war. Sein gelbes, bärtiges Gesicht bekam einen lasziven, geradezu
lasterhaften Zug, er sah nicht nach uns, sondern nach Zana, und so war es
ungewiss, wem von seinen beiden Gegnern die Worte galten. Er sprach gutmütig;
aber ich hätte gewettet, dass in seiner Stimme etwas ungeschickt verbissene
Gereizteit, eine Art falscher Gesang zu hören war. Am merkwürdigsten war, dass
er das englische »du« gebrauchte, als ob er eine Art Bibeltext spräche, etwas
besonders Herzergreifendes, vielleicht Verächtliches. Er sagte:
    »Ich weigere mich, mit dir zu debattieren, my boy. Du bist langweilig. Ich
bin dir viel zu sehr Problem. Du beschäftigst dich zuviel mit meiner Person,
jedenfalls mehr als anständig und gesund wäre. Das geht nicht; wir sind
füreinander einfach unmöglich. Aber das kann ich dir sagen, du bist vollständig
irrsinnig, du bist toll, du hast den Koller. Denn das, was du dir einbildest,
gibt es nicht. Es gibt keinen Parallelismus zwischen zwei Menschen. Das ist die
Spiegelmanie deines Gehirns. Wie du mich krank machst!« Er stand auf und ging
hinaus und kam erst am folgenden Morgen wieder zurück. Um Mitternacht fiel ein
Schuss und das Klagegeschrei von Affen scholl lange fort.
    Am dritten Tage wurde die Arbeit am Boote eingestellt. Die alte traumselige
Monotonie beherrschte unser kleines Lager zwischen den Flussklippen im Schuttloch
wieder. Slim war es eingefallen, dass wir Futter brauchten. Er nahm wortlos seine
amerikanische Büchse auf und lockte den Hund an. Dieser gehorchte
schwanzwedelnd, trabte dreissig Schritte hinter ihm her, machte aber plötzlich
kehrt und kam mit gedruckter Miene zur Höhle zurück, wo er sich an seinem
Stammplatz zwischen gewisse grosse Steine legte. Slim rief und kommandierte, Zana
warf mit Steinchen und Erdknollen nach ihm und gebärdete sich, als hätte sie nie
im Leben ein wichtigeres Sittengesetz zu verteidigen gehabt. Das Tier erhob sich
mit lassen Gliedern und drückte seine Augäpfel mit sterbenstraurigem Appell an
unsere Barmherzigkeit in die eine Ecke, während es mit seiner Schnauze bang in
die Luft hinausschnüffelte. Slim ging geradewegs an das gegenüberliegende Ufer,
wo der Djungle am schüttersten schien, und verschwand mit dem Hunde in den
Büschen.
    Unter den Zurückbleibenden entstand eine eigentümliche Bewegung. »Uff«,
sagte der Holländer ungewiss, »nun ist doch eine Seele weniger im Raume oder in
der Zeit oder, was weiss ich, in welcher Dimension!« Er sagte nichts weiter
darüber, schien aber boshaft vergnügt, dass er das Drama unseres Zusammenlebens
angedeutet hatte.
    Einige Zeit später, während ich mit müdem Kopfe die Vorgänge um mich herum
anreihte, waren van den Dusen und Zana in ein entzückendes Spiel verwickelt. Sie
bewarfen sich, mit was immer ihnen locker in die Hand kam, gerieten zufällig
nahe aneinander, und ich hörte Zana eigentümlich lachen, als ob sie gekitzelt
würde. Ich vermied es, schräg hinter mich zu sehen. Glühende Träume von
brasilianischer Urwaldzärtlichkeit wucherten in meinem Hirne, das wie eine
Sonnenlandschaft aus der Vegetation von Glutbrocken bestand. Im Paroxysmus der
Wünsche, Hemmungen und Leiden über mein tatenloses Dasein krampfte ich mich zu
einem Bündel zusammen und drückte mich mit voller, wahnwitziger Kraft rücklings
an die Erde; ich folgte dem instinktiven Drange, mich zu begraben, mich vor dem
Lichte, hei, dem weissen Lichte, vor dem meine Ohnmacht so krass blosslag, in den
ewigen Schatten hinabzudrücken. Aus meinen Absichten wird nie und nimmer etwas
werden. Nie und nimmer werde ich Zanas dünne Glieder umfassen dürfen, nie und
nimmer werde ich ein Indianerprinz werden wie Luluac. Ich konnte das Rätsel
nicht lösen. Es muss geheime natürliche Reize geben, denen das Weib sich unbewusst
erschliesst, oder doch solche, an die ein Europäer nicht zu denken wagt - denn
mir fielen gewisse Süssigkeiten von den indianischen Gemälden ein, natürliche
geschlechtliche Reflexe, die aus meinem Hirn gewaltsam weggestaut sein mussten.
»Ich habe das Rätsel auch später nie gelöst.« Dieser Satz fiel mir damals ein;
ich würde ihn zukünftig denken. »Ich habe Frauen aller Länder gesehen und
genossen, aber immer wieder musste ich mich an dieses seltsam hässliche Geschöpf
voll verwickelter Reize erinnern. Der natürliche Egoismus eines anmutigen und
starken Menschen hat saugende Kraft; die schwächere Seele wird leidend in ihn
verarbeitet«, schrieb ich in Gedanken nieder. Hässlich - habe ich Zana wirklich
jemals schön gefunden, wie oft ich sie auch so nannte? Zana, nein, besass
keinerlei von bleichgesichtigen Idealen und Künstlern her beeinflusste Schönheit.
Sie war abnorm dünn, flötenhaft dünn, die Knochen sprangen unter ihrer braunen
Haut durch wie Drähte, aber diese Haut war glatt und knapp und folgte
geschmeidig dem Ornament des Baues. »Immer wieder habe ich auch dies Rätsel
gefunden, dass das Geschlecht des Mannes einen originelleren Geschmack in seiner
Wahl zeigt, als das an Prinzipien und Einmaligkeiten gewöhnte Kulturhirn.« Ich
erinnerte mich nämlich in die Zukunft, ich nahm mit meinen Worten alles Kommende
voraus; es war mir mit einem Male gewiss, dass ich diese Phrasen einst mit gutem
Gewissen würde gebrauchen können. Plötzlich klangen Schüsse aus dem Djungle,
abgeschwächt vom Laube. Wir horchten. Van den Dusen sagte: »Nun wird er bald da
sein.« Er roch ihn gleichsam und wurde missmutig.
    Und Slim kam, ohne Beute und ohne Hund. Niemand verlor darüber ein Wort. Und
auch ich will darüber kein Wort verlieren, denn ich kann diese tiefen und bösen
Dinge nur andeuten, wenn ich sie nicht entkräften will. Alle atmeten auf. Der
Hund war nicht mehr Überlebender, die Ahnungen waren lügengestraft. »Schlange«,
erzählte Slim lakonisch in dieses Schweigen, und alle lächelten in sich hinein.
Sofort empfanden alle anders. Wir fühlten das Lächerliche dieser nutzlosen
Handlungen, diese karikaturartigen Äusserungen plötzlicher Lebenslust. Ein noch
so langweiliger Slim mit symmetrischen Lebenskräften war ein Ding, das Respekt
einflösste. Ein kapriziöser Slim aber fiel unserer Verachtung anheim.
    Er kam mit harten Schritten und breit gehobenen Schultern über das Gerölle
daher. Van den Dusen war blass. Was konnte Slim wissen? Alles. Wir lasen einander
die Gedanken ja vom Kopfe ab, wir wussten, dass jemand gegenüber im Djungle
versteckt dagestanden und zu uns herüberspioniert haben konnte. So weit waren
wir schon, dass wir alle zusammen mit unseren Einbildungen an der Leimrute einer
allgemeinen Stimmungskrankheit kleben blieben. Nun trat die Katastrophe ein.
Slim ging mit dem geladenen Gewehr in der Richtung auf den Holländer zu. Ich
hörte es knacken; er hatte die Patrone im Lauf nachgesehen. Mitten im siedenden
Kessel dieser Atmosphäre packte mich der Frost, zwei, drei Sekunden lang hatte
ich eine deutliche Wahrnehmung des Fiebers, das sonst rhytmisch in mir
dahinflutete. Ha, jetzt kam die Geschichte zum Klappen, jetzt entlud sich aller
aufgestapelter Hass, jetzt gab es Blut und Befreiung von dieser gefährlichen
Gemeinsamkeit. Und nun - - -
    - - - und nun begann Slims Schritt auf dem Kies schwach und gewöhnlich zu
werden. Es waren Dutzendschritte, die da herankamen, nicht Slims Kraftschritte.
O über die Armseligkeit dieser Schritte! Ich dachte an die Triumphe, die Slim
mit seinem Gange gefeiert hatte, an meine knabenhafte Verzagteit vor diesem
machtvoll scheinenden, gleichmässigen Tempo. Um es nur zu sagen, ich war
kleinlich geworden in seiner erdrückenden Nähe und auf eine Bagatelle von
Überlegenheit erpicht. Nun, Slim machte schlapp; er büsste seine Haltung ein, als
er unser ansichtig wurde, sein Zorn wurde zu einem Brei von Leidenschaft und
versagte wie nasses Pulver. Er sank mit vertretenen Füssen in das Flussgeröll ein
und sah uns wenig an. Slim pflegte in seiner Brutalität oder Gutmütigkeit gut
auszusehen; aber seine Symmetrie war verschoben, das Charakteristische seiner
Haltung entwürdigt, wie er sich mit dem Flussgerölle abmühte, und nun sah er im
Widerstreit seiner Empfindungen lächerrlich aus. Ein Gedanke stieg in mir auf,
ich blickte scharf auf seine Füsse: Slim zitterte in den Knien!
    Und so kam es denn, dass ausser einem einzigen Worte Slims nichts gesprochen
wurde. Nach dieser Demütigung Slims hätte man ein ehrliches Wort sprechen, das
Übel abstellen und einander von mancher Last befreien können. Aber dies Wort kam
keinem von uns dreien über die Lippen. Slims Gesicht bewegte sich beinahe
schmerzhaft in Grimassen, er lachte aus Scham und Gott weiss was für Gefühlen,
als er mit den Sandbänken im Flussbett kämpfte. Und angesichts dieses Lachens,
das alles leugnete, wurden uns die braven und tapferen Worte, verstockt und
elend wie wir waren, auf der Zunge dick. Unsere Gesichter verschieften sich
gleich dem Slims, wurden unsymmetrisch wie unser Inneres. Ha, wir liebten und
wir hassten einander, wir waren aufeinander angewiesen und waren doch
unerträglich füreinander. Wir konnten einander nichts mitteilen, aber unsere
Gedanken lagen offen wie geschljetzte Därme da. Wir platzten vor innerlichen
Freisen, unsere Seelen waren wund und geschwollen und schon die Nähe der Fremden
schmerzte. Im Höhepunkt dieser Erregteit wollte ich schreien, bloss furchtbar
und töricht herausschreien; aber ich hielt mich am letzten Haar zurück, denn ich
wäre daran gestorben. Ich hätte mich totgeschrien.
    Diese Krise, während der wir uns aufmerksam und mit leisen Spuren von
Spannung beobachteten, dauerte nur Sekunden. Es waren Zeitmasse voll von einer
ungeheuren langsamen Ödigkeit. Als diese epileptische Anwandlung sich
abschwächte, nahm Slim mit deutlichen Anzeichen der Erschöpfung einen der
umherliegenden Menagebeutel und stampfte brummend nach rechts davon.
    Da tat ich denn desgleichen und marschierte nach links ab. Ich war ihm mit
dem Blicke gefolgt, wie er über den weissen Schotter paddelte. Nun wusste ich mich
selbst darüber hinpflügend, fühlte den Schmerz und die Wärme am Knöchel und sah
die grelle Fläche unter mir. Einmal blickte ich um, ich hatte ein peinliches
Gefühl im Rücken verspürt. Es war alles in Ordnung. Niemand hatte ein
Schiesseisen in Händen. Im Verhältnis zu dem schweren Kies waren meine Beine zu
zerbrechlich, zu leicht und zu massearm waren sie. Es ging immer zäher und
zäher, und als ich bei der grossen schönblühenden Distel stand, die von der
Robinsonade noch ersichtlich sein musste, überkam mich die Sehnsucht. Mein Herz
tat weh, ich liebte meine liebe alte Höhle mit dem wunderbaren Schatten, ich
verlangte gierig nach van den Dusen, meinem weissen Freunde, nach Zana und den
Indianern. Und da lag ich auch unter ihnen und war höchst peinlich berührt von
der Anwesenheit eines anderen Weissen. Denn ich war erst gar nicht fortgewesen
und legte das Gewehr, mit dem ich nachdenklich gespielt hatte, wieder an seine
Stelle. Slim war ungefähr so weit, wie ich gerade in Gedanken gekommen war. Er
hatte sich umgesehen. Er bog ein und verschwand von der Bildfläche.
    Was war die Grundstimmung dieses Strategems? Ja, ich hatte aparte Pläne. Ich
wollte mir eine Robinsonade auf eigene Faust gründen. Dort wollte ich leben und
schlafen und arbeiten. Ich wollte jagen und mir mein Brot verdienen. Wie
köstlich war es, des Morgens einsam zu erwachen, den ganzen Tag über sozusagen
nur einmal statt dreimal auf der Welt zu sein, unbeobachtet und unverantwortlich
für die Gedanken anderer, und mit der Aussicht, sich gehen lassen zu dürfen, wie
man wollte? Ach Gott, Einsamkeit ist die Gunst des Schicksals. Besser, laute
nutzlose Rede führen und in die Luft singen, statt das Tiefste, das man zu sagen
hätte, verschweigen zu müssen. Einsam die Elegie dieser Einsamkeit bis zur Neige
geniessen, im schönen Singsang der Unbegrenzteit des eigenen Ichs die Zeit
verbringen zu können! Ferne du, du selten gehaltenes Versprechen der Einsamkeit.
Dich gedachte ich mit der geringen Distanz von fünfhundert Schritten zu erobern!
    So hausten wir an Ort und Stelle, während unsere Gedanken sich um Slim
drehten. Seine Abwesenheit hinterliess in unserem kleinen Haushalte eine
klaffende Lücke. Wäre der Holländer nicht mit einem Schlage so seltsam geworden,
so hätte ich gerne eine kleine Unterhaltung über dieses Tema angeknüpft. Es war
nicht hübsch von ihm, dass er Slim auf diese Weise hinausgeekelt hatte. Alles in
allem genommen war Slim doch ein kapitaler Mensch, ein seltenes und gelungenes
Exemplar von einem Manne. Man konnte ihm gut sein. Wie kam der faule
gedankenlose Holländer dazu, ihm das bisschen Lebensfreude, das man hier hatte,
zu vergällen? Schon hatte ich eine Apostrophe auf den Lippen und gedachte eine
längere Rede zu entwickeln, ein Mordsstückchen Rhetorik, zu dem mir in meinem
rastlosen Kopfe bereits die Worte und ein Arsenal von Gründen in ihnen
eingefallen waren. Ich begann diplomatisch mit einer Fragestellung. »Was wohl
Slim treibt?« sagte ich. Da setzte sich van den Dusen auf und platzte in
weinerlichem Tone heraus: »Fort ist er, in eine andere Höhle ist er hin. Nun
sehen Sie wohl, Sie hätten ihn nicht derart vertreiben sollen. Sie haben
natürlich unrecht mit Ihren Behauptungen. Sie sind kein metaphysischer Kopf,
überlassen Sie das doch Slim! Er ist nicht der Mann, der solchen Unsinn
verträgt. Man könnte wirklich aus der Haut fahren bei Ihnen.«
    Ich stöhnte. »Mir ist todübel«, sagte ich statt aller Replik. »So?« sagte
er, »na ja, da haben wir's ja. Sie sind den Strapazen nicht gewachsen. Sie
vertragen das tropische Klima einfach nicht. Nun ist die ganze Expedition durch
Sie in Frage gestellt!« Ich fiel todmatt zurück.
    An demselben Tage noch kam es über van den Dusen. Er konnte es nicht mehr
länger ertragen. Er stand auf und begann nach links hin fortzulaufen, seine
traurige, nunmehr stark ramponierte Gestalt zog wie ein gebrochenes Herz über
den weissen Flussschotter. Wie ein gebrochenes Herz, jawohl, hing der gute Kerl
über, die Kleider schlotterten an seinem abgemagerten Leibe und er schlingerte
mit schwankenden Knien. Alles an ihm war Trübnis. Einmal sah er sich halb um,
mit einem kurzen scheuen Ruck und rollte weiter. Da kämpfte ich einen wilden
verzweifelten Kampf mit dem unschuldigen Gedanken, der tückisch an mich
heranschlich, ein Monstrum von Gedanke, das ich nicht denken wollte, das aber
glatt und geschwind sich gegen meine Vertuschungsversuche behauptete. Wieviel
Schritte? Dreihundert, innerhalb Treffsicherheit. Van den Dusen kam
unangefochten fort. Erstarrt blickte ich ihm nach. Gleich musste er meinem
Gesichtskreis entschwinden. Da war er bei dem schönen blühenden Distelbund
angelangt.
    Ich begann zu singen. Aus Schmerz oder aus Freude? Ein hysterisches Ringen
entspann sich in mir. Ich war einsam. Allein unter Indianern, ein einzelner
Weisser, lag ich von Sonne und Fieber von aussen und innen her gekocht am Ufer
eines brasilianischen Flusses! - Da wandte sich van den Dusen langsam um.
Langsam kam er wieder zurück, dann schneller, bevor ich würde schiessen können,
heia, wie schnell, zuletzt aber verlangsamte er das Tempo, er setzte sich der
Gefahr eigensinnig aus! Wie weh mir sein Verdacht tat! Sein Gesicht war zur Erde
gekehrt; Ja, sein glattes muskulöses Schauspielergesicht war von einem Dutzend
kleiner Höcker und Wellen geteilt, es war vor physischem Schmerze zersprungen
und spiegelte das Elend seiner Seele. Meine Seele aber empfing ihn im
bräutlichen Schmucke. Wir werden zusammen dieses Wiedersehen feiern und einen
ewigen Pakt der Freundschaft schliessen. Wir lassen die Feuer unserer
Menschlichkeit lodern, wir werden uns im Geiste schlicht und ohne Patos
umarmen, wie es einem Kameradenpaare geziemt. Slim aber wird als Festopfer
serviert. Denn Slim trug an allem Schuld. Slims ungemütliche Art des Verkehrs
hatte unsere Nerven imitiert und zu einer künstlichen überempfindlichen Funktion
gebracht. Slim war ein Ketzer wider die Natur, ein Phantast, ein vollständig
verdrehter Querkopf. Er verzauberte des Exempels wegen unsere Gehirne, er
gebrauchte uns als Versuchskarnikel für telepatische Wirkungsgesetze. Ah,
dieser Slim! Man müsste ihm den Schädel einschlagen, just so einschlagen, dass
sein überentwickeltes Gehirn mit der rohesten Wirklichkeit in Berührung käme.
Charlie, der es fertig gebracht hatte, bis zum Horizonte dieser kleinen Welt zu
marschieren, der leibhaftige fünfhundert Schritte hin und her zurückgelegt
hatte, er war Slim möglicherweise doch gewachsen. Nicht wahr, Charlie, wir beide
verstehen uns auf diesen Slim? Die Metode Mister Slims ist uns ein offenes
Geheimnis. Eines Tages jedoch muss die Rache kommen! - Mein fiebernder Kopf war
in festlicher Stimmung. Jetzt kam das grosse Verbrüderungsfest, jetzt endlich war
die grosse historische Intrige fällig! Mein Schädel brummte von
marktschreierischen Gedanken.
    Van den Dusen war in der Sonne stehen geblieben. Er schien zu kämpfen.
Plötzlich schloss er die Augen und bekam einen Schwindelanfall, bei dem er
taumelte. Nun bildete er sich ein, es hätte ihn jemand angeschossen. Wie ein
Schlafender stand er da und drohte umzustürzen. Oder er hatte Hemmungen, der
Arme, und war sich selbst zuwider, weil er so schnöde hatte handeln und von mir
fortgehen wollen. Er kämpfte sichtbar mit dem Ekel; der Gedanke, dass er beinahe
da draussen irgendwo abseits von diesem Mittelpunkte des Daseins hätte hausen
sollen, erschütterte ihn. War diese Robinsonade nicht doch das Liebste und
Beste, das es für uns verlorene Weltenbummler noch auf Erden gab, und war es
nicht ein Geschenk, in diesem Schatten zu liegen, den Gott oder Moki oder sonst
ein anbetungswürdiger Geist gespendet hatte?
    Van den Dusen trat nahe an mich heran. Ich suchte sein Gesicht zu erkennen.
Es war eine zusammengeballte Hand, die Innenseite einer Faust, eine Hohlfaust!
Es war rot von der Sonne und wulstig und verkrampft. »Um Gottes willen, Mensch,
haben Sie den Sonnenstich?« Giftig schnüffelte er umher und nun, er öffnete den
Mund, nun sollte die Liebeserklärung kommen. Er sagte:
    »Hier kann man nicht bleiben. Hier kann es kein Mensch aushalten. Sie sind
ja krank. Sie haben einen schlechten Atem, ich rieche es bis hierher. Sie
sollten eigentlich anderswohin. Es ist nicht auszuhalten neben Ihnen!« Bei
diesen Worten legte er sich drei Schritte von mir in den fettesten Schatten
neben Zana und steckte das verbissene weinerliche Gesicht in die Arme.
    Ich bin tot, ich bin gestorben, addio. Der Holländer hat mich gemordet. Er
hat mir sein Gift ins Herz getrieben und ich bin daran verreckt. Ich werde nie
wieder aufkommen, ich bin nur ein namenloses Etwas, das keine Kraft mehr hat. Da
fällt mir ein, dies ist riesig bedauerlich, denn ich werde das Buch, das ich
über meine Erfahrungen vom Verkehr und der Wirkung von Mensch auf Mensch
schreiben wollte, nie mehr schreiben. Ich hätte es »die Tropen« genannt; nicht
nur dem Milieu zuliebe und gleichsam der hypertrophischen und deutlichen
Entfaltung aller menschlichen Beziehungen wegen, die hier rein und ungehemmt,
tropisch sozusagen ins Kraut schiessen; nicht nur, weil das gesamte menschliche
Gefühlsleben auf sein Vegetatives zurückgeführt ist: sondern aus Hinterlist, aus
Spitzfindigkeit, weil alles Gegebene immer nur eine poetische Metode, ein
Tropus ist, und weil mich dieses seltsame Gewächs reizt, das wie eine Vegetation
von purem Stoff haushoch, elefantiasisartig anschiesst, mir unter die Füsse wächst
und meinen Standpunkt hebt, und dessen Säfte doch immer wieder mein eigenes
rollendes Blut sind und nichts Fremdes. Ha, wie ich dieses Buch geschrieben
hätte, flott und fürstlich und überlegen und ohne die Sentimentalität jener
Demütigungen, die es mir eingaben! Jetzt ist es zu spät, mein Gehirn ist noch
zärtlich wie ein indianischer Sommer, aber ohne Kraft. Ich bin tot und werde es
nie schreiben; tot wenigstens zum Bücherschreiben, denn meine Schmerzen haben
mich weise gemacht und ich kann schweigen. Ich habe keine Aufmerksamkeit mehr
dafür, verborgenen Zusammenhängen nachzuspüren, und menschliche Tiefen und
geistreiche Falschheiten sind mir selbstverständlich geworden. Ich will ein
einfaches Leben führen, ohne Einfälle und Beobachtungen, ohne Entdeckungen in
Raum und Zeit, ohne europäisches Indianertum und Erotik. Ich pfeife auf alle
Weiber unter der Sonne, wenn ich sie nicht haben und jeder dahergelaufene
Duselkopf und Rohling sie gewinnen kann. Ich habe der wirklichen Tropensonne ins
Gesicht gesehen und bemerkt, dass sie noch immer dieselbe ist wie daheim in
meinen Knabenjahren. Ich verzichte daher auf sich drehende Maschinenhallen in
Hochglut und kollerige Eisenstangen, ich verzichte aber auch auf meine eigene
Erfahrung und ihre Bücher, auf jede Lebensbetätigung, die ein Surrogat für das
Tropenleben in unserem Blute ist, und wähle eine bescheidene und sinngemässe
Existenz. Vielleicht habe ich bis zu diesem Augenblicke nicht daran gedacht,
dieses sogenannte »Buch« zu schreiben. Aber meine Bekanntschaften mit Menschen,
Dingen und Gedanken gehen im Galopp, sie rasen wie ein Kienspan in Sauerstoff
und sind nach der ersten Sekunde seit je gewesen. Ich habe nicht die Ehrfurcht
vorm Neuen und werde nur allzubald intim. Ein Buch, das mir in einem gesegneten
Momente einfällt, habe ich nachträglich seit je geschrieben. Solche Momente sind
während ihrer Passage uralt und ehrwürdig und wir sind einander nicht fremd. Ich
habe kein Gedächtnis an Nichtgewesenes. Nichts kommt ja aus dem Menschen, das
nicht schon irgendwie in ihm dagewesen wäre, und nichts ist für ihn da, das
nicht in ihm da wäre. Was spreche ich da viel von den Tropen? Der Wilde kennt
sie nicht, nur der Nordländer, sie sind ihm ein Tropus für seine Glut und das
verzehrende Fieber in seinen Nerven. Er erfindet sie, um sich ein Gleichnis zu
setzen. Aber sie sind nicht vorhanden, sondern nur eine langweilige monotone
Wachstumsbeziehung. Es ist überhaupt nichts da, als diese Wachstumsbeziehung.
Was wir nicht mit Leidenschaft erfassen, gibt es nicht. Ich glaube nicht an ein
Buch, das ich nicht als eine Notwendigkeit, als ein nicht zu ersetzendes Faktum
angesehen hätte, und ich glaube nicht an Leser, in die ich nicht
leidenschaftlich verliebt bin. Alles ist erst in der Leidenschaft und die ist
ein Diktando unserer Eingeweide. Meine Schilddrüse ist mit Ihnen nicht
einverstanden, Fräulein Leserin. Sie kennt Sie nicht, sie liebt Sie nicht; sie
leugnet, zu Ihnen in irgendwelchen näheren Beziehungen zu stehen. Ich kann also
nichts tun und muss dieses Buch unterlassen. Ich bin über das Buch
hinausgewachsen. Es ist immer eine schmutzige Sache, wenn einer Bücher schreibt,
zumal aber solche über die Tropen. Denn die Tropen sind die Kinderschuhe der
Menschheit. Wer sie ausgetreten hat, wäre reif und dichtete sie nicht. Die
Tropen sind die Pubertät eines jungen Europäers. Aber das ist nun der Fluch, den
wir aus unserer Herkunft mitgebracht haben: wir reifen eine Zeit und dann ist es
aus, die Reife tritt zugleich mit dem Untergange ein. Nun, ich bin reif; ich
entsage Weib, Beruf und Buch. Welch herrliches Leben könnte ich mit diesem
seelischen Reichtum an Entsagungen führen, wie könnte ich in Primitivitäten
prassen und mir durch diese Mässigung das Leben versüssen? Aber da ich mich nun
einmal entschlossen habe, tot zu sein, will ich es auch durchsetzen. Wie spät
ist es? Ist es Morgen oder Abend? Fliegen die Störche zum Morgenspaziergang oder
holen sie sich bereits die Abendration? Jetzt nimmt die Sonne den höchsten
Buschen des Urwaldes ins Maul und kaut mit roten Kiefern sich in ihn hinein. Es
ist Abend und es ist Zeit. Ich, auf dem Gipfelpunkte meiner Einsicht angelangt,
werde ein kleines Harakiri vollziehen. Störche mit roten Schnäbeln sind ein
Zeichen; rote Schnäbel sind Blutzeugen von des Menschen Herkunft, Sehnsucht und
Hingang. Soll es eine Browningpistole oder ein Mauserrepetierstutzen sein? Ich
wähle den Stutzen - und schiesse.
    Der Storch stand einige fünfzig Schritt vor mir im Flusssande und sondierte
in den überwucherten Wasserlöchern am gegenüberliegenden Ufer. Er war auf den
Schuss hin umgefallen, lag einige Sekunden wie tot da, bekam Zuckungen, als ich
plötzlich in wilder Pein und mit energischer Reue in der Herzgrube auf ihn
zulief, und erhob sich geduckt auf beide Beine. Du erbarmungswürdiger Mensch!
Nun war es also doch geschehen, nun hatte der Eigensinn meiner Phantasie doch
recht behalten. Bei Gott, ich hatte es nicht gewollt, bei Gott und allem
Familienschmerze schwöre ich, ich habe es nie gewollt! Ich habe nie die Absicht
gehabt, eine Storchenwitwe zu versorgen, dieweil ich ihr den Ernährer mordete,
niemals habe ich im Ernste an das Vergnügen gedacht, meine Schiesskunst an einem
Storchenschnabel zu beweisen. Aber das ist es eben, mein Lieber. Du zielst auf
eine Sache ausser dir, auf einen schönen, roten Fetisch, auf ein rotes Ideal, und
zuletzt hast du doch dich gemeint. Aber wenn du eines Tages den förmlichen
Beschluss fasst, dir ein Leides anzutun, dann ist die Zerstreuteit dazu da, du
irrst dich ein wenig und tust es deinem Nächsten. Deine Selbstinrichtungen
vollziehst du an einer Puppe - Mensch, du bist mir verdächtig, mir deucht, du
bist ein unheilbarer Dichter. Exponierte Tode mit beschaulichem Weh und anderen
fragwürdigen Begleiterscheinungen haben den Vorteil, dass sie die Energie stählen
und die Lebenslust ein wenig aufpulvern. Jahrelang kannst du in der Schaukel
deiner wogenden Gefühle liegen, abgedriftet im Auf und Nieder seelischer
Gezeiten; aber wenn du beschlossen hast, wie dir gebührt und besser wäre, mit
dem Mühlstein um den Hals dich zu ersäufen, wo es am tiefsten ist, da erst
schnellst du in die Höhe und bekommst Kurs. Siehe da, ist dir der Mühlstein, die
steife Krause, nicht ein Rettungsgürtel gewesen? Hast du dich nicht trügerischen
Hoffnungen hingegeben über die Schwere deiner Missetaten, und hast du den
Auftrieb deines Elends niemals unterschätzt, um nicht schwimmen zu müssen? Wie
schwach du dennoch bist in deiner Stärke. Es bedarf nur des Anstosses, und du
rollst unaufhörlich wie ein Satellit. Dein Gesetz ist die Trägheit. Zum Fixstern
bist du zu dumm; zu feige, um dich durch das fallen zu lassen, was du im Symbol
Weltraum heisst. Hoiohoho, wie du springst, das Opfer deines Symbolismus zu
beweinen! Nichts ist köstlicher, als Reue über angetanes Leid. Nichts ist
raffinierter als Humanität. Nichts ist praktischer, um das Leben zu steigern.
Schiesse einen Storch, und du kommst noch einmal zur Welt. Opfere nach gutem,
altem Brauche, und der Satan fährt aus dir in die Säue, die du nun dichten musst.
Verschweine die Hölle, das ist Dichterhandwerk, du Liebling der Phantasie. Die
Hölle ist der Schmerz. Wenn du ihn aber protegierst, wird er eine
Altersversorgung. Und du und wir - ach, wir alle wollen trotzdem leben, obwohl
wir zuviel Phantasie haben. Aus Phantasie vergessen wir den Schmerz, aus
Phantasie fühlen wir ihn, aus Phantasie leugnen wir ihn. Aber er ist dennoch!
Was sitzt, Mensch, hier in diesem Augenblick vor dir? Welche Unendlichkeit? Der
Schmerz - ein zerschossener Vogel!
    Da stand er auf seinen schrägen zwei Röhren, die in der Mitte Auswüchse
trugen, geschweisste Stellen, und benahm sich seltsam genug. Die Federn an seinem
torpedoförmigen Leibe, der unter einem gewissen Winkel sichtbar wurde, waren wie
eine grosse Krause aufgestülpt. Ha! dachte ich, bist du nicht eigentlich selbst
ein Fisch, du Fischverspeiser? Willst du besser sein als ich? Bin ich deinen
Leidenschaften und deinen Askesen auf den Grund gekommen? Ich habe doch mich in
dir getroffen. Du verschmähst die üppige Tafel eines brasilianischen Djungles
und hältst dich an die Lanzetten, die kleinen Torpedos, die reizvollen Elipsoide
in der Zoologie, du hast einen persönlichen Geschmack und bleibst noch dort
selbst du, wo du dich in deinen höchsteigenen Abbildern verzehrst. Du bist mir
eine Maschine, die sich von ihren eigenen Bestandteilen nährt, in dir habe ich
das Symbol aller Entwicklung und aller Lebenstechnik entdeckt. Dein Schnabel ist
praktisch genommen ein Futteral für einen länglichen Fisch. Dein Hals hat sein
individualisiertes Vorbild in einem Wurm, dein Rumpf aber hat einmal einem
kecknasigen Eisfisch als Figur gedient. Deine dünnen Beine beziehst du von der
Wasserspinne, die du so sehr liebst; als ersten Gang ein halbes Dutzend vor
Tische. Du gibst dich nach deinen Atavismen. Du wirfst keinen Blick auf die
brasilianische Menukarte, die dir zur Verfügung steht, sondern trachtest, in
Form zu bleiben, und wenn dein Verdauungshorizont auch keineswegs weit ist, so
muss man ihm doch zugeben, dass er Rasse hat. In deine gastrischen Verhältnisse
spielt das erotische Prinzip der Ähnlichkeit hinein, das wir schon kennen. Du
hältst etwas auf erbliche Schönheit, sie allein steht dir zugleich zu Gemüte und
zu Magen. Übrigens habe ich in dir einen Typus getroffen. Er pflegt, aus einem
Mangel an Unternehmungsgeist und einem zu rassigen Appetite, die aufgelegte
Speisekarte des Lebens beiseite zu schieben und hält sich an reine Formalitäten.
Er akzeptiert nur Dinge und Geschöpfe, die ihm ähnlich sind, oder solche, die in
ihm enmaschiniert wurden. Obwohl er selbst eine technische Fusion niedrigerer
Organismen darstellt, ist er einer Weiterbildung nicht mehr fähig. Denn, merkt
euch das alle, ihr Störche auf stolzem Einbein, mit den Aristokraten ist es
heute vorbei. Sie haben ausgespielt, sie sind ein überlebter Typus. Denn nun ist
die Reihe an den Grobrassigen, den Eroberern, den Kolonisatoren und Entwicklern
mit dem schlechten Geschmacke und der Initiative des Hungers. Aus dem Chaos, aus
dem Djungle werden neue Satteiten herausgearbeitet. Gifte stellen sich als
harmlos und nahrhaft heraus. Moräste erweisen sich als ergiebig. Aus Bohrlöchern
brechen unterirdische Quellen, und die Dürste werden mehr von dem brenzlichen
Beigeschmack des Vulkanischen, des Erdinnersten und Tiefen gestillt, denn vom
kühlen Wasser. Die Formen hierfür sind vorläufig Nebensache; sie kommen noch
frühe genug. Denn all dies ist das Werk der Mischrassigen und Geschmacklosen,
der Entwicklungsbedürftigen, der Formlosen, der kecken Abenteurer und losen
Schnäbel. Sie greifen zu und haben das Leben. Sie nähren sich nicht nur vom
Gebotenen, sondern auch vom Bietenden und werden von Speisekarten fett;
Programme sind ihr Salz; denn es sind auch Dichter darunter, eine Art Dichter
wenigstens mit sehr gesunder oder doch höchst gesunder Verdauung. Wenn sie
Krämpfe haben und sich erbrechen, befinden sie sich eben erst am Gipfelpunkte
ihrer Behaglichkeit. Vor den anderen heisst dieser Zustand Poesie, und alle
gedeihen sie daran. Sie bilden und vereinigen sich zu ungeheuren Organisationen,
grosszügigen Kriegs- und Köpfmaschinen, bei denen der einzelne genau so
verschluckt wird wie ehedem. Aber das tut nichts; das Glück hat sich
mitentwickelt. Mit den antiquierten und prüde eingehaltenen Formen, aus denen
der Mensch besteht, wird kehraus gemacht. Es gibt weitaus entwickeltere Grade
von Leid, keine kräftige Seele, die auf dem Höhepunkte ihrer Zeit ist, sollte
sich vom Schreckgespenst eines leidenden Storchen in Entsetzen verwickeln
lassen, was immer Faszinierendes daran sein mag. Kusch, Seele, von einem
Menschen. Welches Schauspiel, ein vom Mitleide verlaustes Jägertemperament! Habe
Ehrfurcht vor dem Gesetze der höheren Kraft!
    Das Tier ringelt den Hals und duckte ihn in den Kropf zurück, durch dessen
Haut man den Puls pochen sah. Die blassen Lider waren herabgelassen, dahinter
zuckten bläuliche Schatten; es waren die Augäpfel. In den Winkeln stand eine
dicke, schmutzige Zähre. Wehe, der Storch weinte! Den Schnabel hielt er offen
und spreizte ihn gegen den Himmel, wo die Störchin kreisend und mit entsetzt
herabgebogenem Halse wie an einem Faden hing. Der Vogel unten bot ein Bild
vollständiger Verlassenheit. Ein Streifschuss hatte den oberen Deckel des
Schnabels lädiert, das Ende war abgesprengt. Diesen Span reckte er mit
steinerner Geste zum Himmel. Als ich ganz nahe war und ihm einen Puff mit dem
Gewehrkolben gab, begann er wie verrückt mit seinem Instrument zu knattern, aber
es gab keinen Laut mehr. Diese Erregung wirkte schädlich. Er machte
Schlingbewegungen und übergab sich. Bei dieser Gelegenheit wurde in seinem
Schnabel ein kleines Fischlein sichtbar, es war eingeklemmt und schoss von Zeit
zu Zeit Reflexe, es lag dort und bewegte sich wie eine kleine Mine von Leben.
Diese explosiven Reize mochten unter andern Umständen einen trefflichen Kitzel
ausmachen, eine Art motorischen Pfeffers. Jetzt waren sie aber überflüssig, das
bewies die Haltung des Blessierten. Ich stellte schnell meine Diagnose. Heftige
Kopfschmerzen, Gehirnerschütterung, vermutlich Irrsinn und Versagen des
Sensoriums. Ich stupste den Vogel, als er bereits wieder mit seinem Spachtel
stumm zum Himmel sang. Er bediente sich immerhin zweier Beine, er, der Dünne,
hatte das aristokratische Dicketun in diesem ernsten Augenblicke aufgegeben.
Solange meine Rippenstösse zart blieben, rührte er sich nicht; erst auf eine
heftigere Attacke hin reagierte er mechanisch nach dem Gesetze der Schwerkraft
und verlegte seinen Standpunkt nach rückwärts. Durch sein gesträubtes Gefieder
sah ich ihm unter einem Winkel bis auf die warzige Haut. Ich schoss ihm eine
Kugel durch und durch. Er brach mit laffen Gliedern zusammen, nachdem er kurz
nach dem ersten Chock versucht hatte, die Flügel zu spannen. In seiner
Zerstreuung versuchte er den gewohnten Aufstieg, vergass für den Bruchteil einer
Sekunde aufs Sterben, gab aus Gedankenlosigkeit einer alten, lieben Gewohnheit
nach. Aber in diesem Stückchen Sekunde musste sich in ihm eine rapide Entwicklung
vollziehen. Die Stadien seines Seelenlebens prasselten aneinander vorbei. Und
unter dem Hochdruck dieser Schnelligkeit hatte er sich einmal umgedreht, war
einmal kurz und rund um sein ganzes Storchendasein herumgekommen und zu Boden
gestolpert. Sein zerspänter Schnabel stand noch immer voll ungeklapperter
Klagelaute offen.
    Plötzlich hörte ich einen Laut, ein Geheimnis von einem Schrei, das Sigel
einer menschlichen Stimme, wie ich es deutete. Als ich mich emporrichtete,
geriet ich in die Flugbahn eines Dings, das von oben auf mich zukam. Es war die
Störchin, die mit an den Busen geknallten Beinen ihren roten Schnabel nach mir
dehnte. Schöne Geschichte das! Ich zielte. Sie kam einige Schritt von ihrem
Gatten zu liegen. Unter den Leichen kroch jetzt der Blutwurm hervor, es machte
mir aber nicht wohl. Ich sah schnell weg. Meine Empfindlichkeit war krankhaft
geworden. Kaum aber sah ich weg, juckte es mich, wieder hinzusehen.
    Im übrigen schien mein Fieber ausgetobt zu haben. Nach diesem Coup kam Leben
in mich. Hungrig stürzte ich mich in den Djungle, mein ganzes Nervensystem war
wie eine Vergrösserungslinie, die die feinsten Vorgänge und Effekte des
gepferchten Lebens aufnahm. Die tatzengrossen Blätter schlugen hinter mir
zusammen, ich trat in ungewisse Löcher und balancierte über schlüpferige Stämme.
Ha, war das der Djungle, der mich einmal so schaurig grün angestarrt hatte wie
das Gespenst einer länderlangen Schlange? Dieses Gewimmel kam mir bekannt vor.
Ach, ich war krank gewesen, hinfällig an Körper und Seele, und ich hatte die
Philosophie eines Schwächlings gehabt. Es gab doch nichts über einen lustigen,
allezeit appetitanregenden Positivismus! Alte Pläne tauchten in mir auf und
Sehnsucht nach Urälterem. Ich wollte all meinen Lebensrest der prächtigen
Existenz unter breitblätterigen Pflanzen weihen, wollte ohne die Hemmungen der
Zivilisation meinen reinen menschlichen und tierischen Trieben opfern; ja, ich
wollte mir ein Weib nehmen und als ebenbürtiger Sohn der Tropen gebotene
Süssigkeiten auskosten. Mit den Ideen wird Schluss gemacht, ich verlege mich ganz
auf die benachbarte Realität, ich ziehe mich in die tiefstmögliche Dimension
zurück. Ich werde mein Buch nie schreiben, denn es ist niemand da, für den ich
es schreiben möchte. Da ich weiss, dass die Welt dadurch nicht verändert wird, da
ferner die Dinge schön sind, auch ohne dass ich davon erzähle, werde ich dieses
Buch nie schreiben. By Jove, das war die verrückteste Idee von mir, das mit dem
Bücherschreiben. Wie mochte ich alter Mechanikus nur auf diese Idee verfallen?
Die Antwort steckt in meiner Geburt; ich bin aus dem literarischesten Volke der
Welt geboren. Dies kommt davon, dass die gotischen Sprachen ein wahrer
Teufelsspuk von Formen und Ideen sind, ein umgebautes Münster in Bestandteilen,
eine unerhörte Verführung für das arme Menschenkind, zu dichten und zu denken.
Jetzt aber ist die Affäre beigelegt und jetzt erst ist mir ein Dom vom Herzen
gefallen. Hurra, ich habe ewige Ferien, ich kann den Gedanken schwänzen und vom
Nichtstun leben. Ist es nicht meine eigentliche Bestimmung? Der lustige Bruder
hat mir seit je im Blute gesteckt, soweit ich zurückdenke, bin ich nie was
anderes als ein besserer Vagabund gewesen. Ich nehme mir ein Weib. Heute noch
gehe ich mit Zana durch, wir leben als Adam und Eva und zeugen ein vollständig
neues Geschlecht von Menschen. Das letzte war etwas verpfuscht. Da wir keine
Hemmungen kennen, gibt es bei uns auch keinen Sündenfall. Damit erlöschen auch
die hygienischen Verkehrteiten, Syphilis, Schwindsucht und Konsorten sterben
aus, denn von nun an leben wir naturgemäss. Zana ist ein gesundes Mädel. Wenn sie
sieht, was für ein Kerl ich jetzt bin, sticht sie um meinetwillen zehn andere
tot. Ich bin der beste Schütze des brasilianischen Urwaldes. Hört! hört! Ich
treffe - oho, was ist los?
    Von der Seite her nahte sich ein Brechen und Knacken von Zweigen. Eine
Bewegung glitt durchs Unterholz. An den Spitzen der Bäume, die sich schüttelten,
konnte man ihr Fortschreiten beobachten. Es war ein Tier, schon begann ich
Farben zu sehen, vorwiegend Weiss, das zwischen dem Netz von Blättern auftauchte.
Konnte es ein Panter sein? Ich stieg auf den nächsten höheren Ast und
verschafte mir eine Position. Es war ein kleines pantergrosses Tier, es
pürschte sich aber mit auffallendem Lärm und kunstlos durch den Djungle heran.
Sein Kurs lief an mir vorüber schräg zum Flusse hinab und musste ungefähr
gegenüber unserer Lagerstelle münden. Nun war es einige zwanzig Schritte vor
mir, aber über sein Wesen war ich noch nicht im klaren. Es wandte einen
menschenähnlichen Kopf hin und her, es war weiss, für ein Faultier war es aber
trotzdem zu schnell. Donnerwetter, es hatte einen verdammt menschlichen Kopf,
war es ein weisser Affe? - - - Hahahaha, hahaha, das war es? Also das war es,
nein, hoho, das war doch - - - Bis zum letzten Augenblicke sah es her wie ein
verhältnismässig kleines Tier, so gross war der Djungle, so gross und stark waren
die Bäume. - Nämlich, es war das Lachen, das weisse blanke Lachen. Es war das
Lachen im Urwalde, eine ganze Symphonie von Lustigkeit, es war ein homerisches
Gebrüll der Natur ob ihrer Überlegenheit über den schmächtigen Menschen. Die
Natur lachte, der Djungle lachte, meine Seele aber lachte mit. Denn dieses
Weisse, dies kleine weisse Tier da - - -
    Es lag wirklich ein unerschöpfliches Lachen in Slims Haltung. Er sah so
klein aus inmitten dieser Umgebung, so untergeordnet. Er ging mit heftigen
Bewegungen ins Zeug, ich konnte einen Augenblick sein Gesicht sehen, es zeigte
den Ausdruck von Spannung. Dieser Mann folgte einer Sehnsucht. In bübischer
Haltung sass er dann endlich hinter dem Buschwerk an der Lisiere und starrte mit
kranken Augen zu unserem Lagerfeuer hinüber. Er hielt ein Binokel vor die Augen
und sah und sah sich satt. Das tat er eine Viertelstunde lang. Dann kroch er
langsamer, als er gekommen war, den Weg zurück. Ich sass still. Er kam ganz nahe
an mir vorbei, warf mir seine Traurigkeit ins Gesicht, aber er erfasste meine
Anwesenheit nicht. Ich horchte den Lauten der Gewaltsamkeit, mit denen hier
jedes Weiterkommen verbunden war, gedankenvoll nach. Warum hatte ich ihn nicht
angerufen?
 
                                      XXV
Die Indianer strichen den lieben Tag lang unnütz am Flusse herum oder lagen im
tropischen Halbschlafe. Zana pflegte desgleichen, wenn sie nicht die Wirtschaft
besorgte. Nun, und am dritten Tage traf Slim bei uns ein. Er war voll Leben, sah
ungeheuer vergnügt aus und schlug gleich einen energischen Ton an. Die Indianer
wurden an das halbfertig im Stich gelassene Boot geschickt. »Das ist geradezu
unsittlich, ihr faulenzt ja nach Noten!« sagte Slim. »Ja, ich habe nun einen
Plan. Wenn wir von hier flussab gehen, müssen wir an den Amazonas kommen, das ist
klar. Und lasst uns nur einmal dort sein: dann bekommt die Sache noch immer ein
gemütliches Gesicht.«
    Am Abend sassen wir innerhalb des Feuerkreises und knabberten an den Gräten
eines Fisches, der eine Beute von Chechos Geschicklichkeit geworden war. Slim ass
mit verzücktem Gesicht. Er blinzelte; um seine Augenwinkel war ein Kranz von
lustigen Falten. Er hatte etwas Lallendes in den Zügen, den Ausdruck eines
sonderbaren Zustandes, etwas Neues und Unerklärliches. Ich dachte an die
komische Situation im Walde und lächelte in mich hinein. Wie seltsam das Leben
war! Da sassen wir drei mit langen Bärten, die Gesichter dicht beieinander im
Feuerschein, wackelten mit den Köpfen und - hahaha, es war zum herausplatzen.
Ich wollte ein Wort darüber fallen lassen. Da erstarrte ich plötzlich bis ins
Mark. Ein Gedanke war in mir aufgetaucht. Ich betrachtete Slim. War es möglich,
war er nun irrsinnig oder nicht?
    Mein entsetzter Blick hatte eine verwirrende Folge. Slim unterbrach sich im
Kauen, sah mich mit nackter Verwunderung an und begann vergnügt zu nicken. Sein
Blick besass einen so klaren naiven Glanz, dass ich ihn nicht vertrug. Ich sah
weg, sah zu van den Dusen hinüber. Dieser ass mit trägen Bewegungen, seine Augen
schielten kreuzweis übers Nasenbein auf das Skelett, das er in der Hand hielt,
und aus dem er mit seinen Fingern das Fleisch herausbohrte. Slims Augen
wanderten von mir zu ihm. Als der Holländer bemerkte, dass wir uns mit ihm
beschäftigten, hob er seine Blicke zu uns auf, aber langsam, in Etappen, als ob
sie eine Wendeltreppe emporgingen. dabei fuhr er mit der gleichen trägen
Gelassenheit fort zu kauen und das Fleisch zu seinem Munde zu führen. Er sah
tierisch aus und aus seinem Kopfe blickte der Schädel einer Katze oder einer
Schlange. In seinen Augen war gleichsam eine fremdartige Tageszeit, nicht die
milde menschliche Nacht und vertrauter Lagerschein. Im gleichen Augenblicke, da
ich dies erfasste, fühlte ich ein warmes zwanghaftes Gefühl auf meinem Gesichte.
Es war, als ob mir eine fremde Maske aufgedrückt würde, mein Gesicht nahm
krampfhafte Formen an, mein Hals wurde dick und meine Augen schoben sich wie auf
Stielen vor. Sie wurden mir von einem Magneten fortgezogen und ich konnte ihnen
nicht folgen. Während ich zu van den Dusen hinflog und unsere Augen sich
ineinanderschraubten, erwartete ich ängstlich die Kollision unserer Stirnen.
Aber wir kamen einander nicht näher. Der Holländer lenkte seinen Blick langsam
auf Slim ab. Schliesslich wandte er sich fort, er zeigte uns den Rücken und
atmete mit starken Hebungen des Brustkorbs. In der Hand hielt er eine Portion
Fisch, die ekelhaft zerpflückt und zerquetscht war. Sein Gesicht gewann einen
Zug unendlicher Qual.
    Wir sind irrsinnig, überlegte ich. Ein Wohlgefühl überkam mich. Ich befand
mich auf der Höhe meiner Pflicht. Ich grinste, ich fletschte die Zähne, ich
stiess schnalzende Laute aus. Wir waren irrsinnig! Wir waren sämtlicher
Verantwortlichkeiten los und ledig! Wenn uns jetzt jemand sehen könnte, wenn
doch ein einziger dagewesen wäre, uns zu bewundern! Die Indianer verstanden es
nicht. Wir waren die Helden unseres Berufes, unsere Tropenfahrt hatte uns
irrsinnig gemacht, der Djungle hatte uns durch Gemütserschütterungen aus dem
Gleichgewichte gebracht! Wir armen Seelen, wie hoch standen wir über dem
gesunden Durchschnittsmass! Wir waren den entgegengesetztesten Affekten
zugänglich ...
    Ja, wir Irre sind ein schlaues Volk. Wir sind doppelt so schlau als die
Klügsten unter den Menschen. Wir wissen im Grunde unserer Seele sehr wohl, dass
wir nicht eigentlich irrsinnig sind, sondern dass wir das Ganze nur aus Vergnügen
betreiben. Wer dumm genug ist, nicht zu wissen, welcher Spass Irrsinn ist! Immer
noch einen Schritt sind wir vor dem Dutzendverstande voraus. Wir Narren halten
alle zum Narren. Wir sind die Geschöpfe der Sprache, die Windhunde des
Begriffes; wir sehen die Welt mit Worten und durchdringen die Wahrheit im System
der Laute. Wir können uns zurücknehmen; aber wir nehmen uns niemals zurück. Ihr
könnt uns keinen Ersatz bieten für den Rausch unserer spitzfindigen Logik und
die Schadenfreude unserer krassen Schlüsse. Die Komödie, mit der wir unsere
Lüste fristen, geht nicht in euer Hirn. Darum sind wir Narren, wir perfekte und
menschlichere Menschen, am Ende nur die Klügeren. Wir denken das, wozu wir Lust
haben. Wir lassen uns tief in unsere Seligkeit fallen. Ein recht fideler
Trübsinn, wie der van den Dusens, ist ein Stück wohlgefälliger Übung inmitten
der Einsamkeit zu dreien. Recht so, lasst uns irrsinnig sein, lasst uns die
Langeweile und die Furcht vorm Dasein durch phantasievolle Grimassen vertreiben!
Stürzen wir uns kopfüber in alle verkehrten Metoden, hängen wir das Leben und
seinen Verstand bei den Beinen auf! Ah, wie ich sie alle durchschaute, sie und
mich, wie ich mich mit ihnen auf derselben Staffel bewegte und mit ihren
Sensationen im Schritt blieb! Irrsinnig wollten sie nun zur Abwechselung einmal
sein und waren es auch, und irrsinnig wollte auch ich sein, und, Gott verdamme
mich, die Geschichte entwickelte sich! War es nicht an und für sich schon eine
verrückte Idee, Irrsinn zu simulieren! Es geht, es geht! Endlich sind wir vom
Verstande erlöst! Wir lösen uns in das wildeste Denken auf. Die Worte tanzen wie
Götter, jeder Klang hat einen meilenweiten Geruch nach Himmel oder Hölle, der
Wortegeist ist in uns gefahren, im Wortschwall sprudeln wir die Welt noch einmal
hervor. Und dennoch sind wir nicht irrsinnig. Wollt ihr es bewiesen sehen? Wir
können vernünftig sein. Doch scheint es uns nicht wünschenswert. Wir sind
seliger im Irrsinn. Adieu, Räson, öffne dich, flackernde Nacht der Intellekte!
Auf Erden geschieht alles nur aus Angst vor der Langeweile! Die Erde, nein, ist
das Fiebern eines Gottes! Er ist durstig, er will saufen; er will leben und
alles ist öde; da schneidet er seine Kehle auf, einen zweiten grossen, einen
grösseren Mund, und er hört sein Blut quellen und glaubt eine Oase damit zu
tränken, er hört es in der grossen Stille, die um ihn ist, klirren wie Metall,
seine Rhytmen schlagen gegeneinander und er tanzt, tanzt Worte, dass sie wie
rote Kugeln von ihm fliegen, und fängt mit den Lippen durstig auf, was dunkel
aus seinem eigenen Munde an der Kehle brach. Er nährt, schluckt und verdaut sich
selbst, der Gott der Erde, welcher ist gleich dem Gotte des Irrsinns und der
Worte! Sein Fieber ist Erde, und darum werde ich ein Buch schreiben und es
»Fieber« heissen, ein Buch für alle jene, die nicht dabei sind, wenn ich
irrsinnig bin und in Lauten rase!
    In meinem pytischen Wahnsinn ist Tiefe. Die Nacht ist still, die Lagerfeuer
kreisen. Auf Slims bärtigem Gesicht liegt das Lächeln süss und frisch wie bei
einem Naturkinde. Und er wandte sich an mich: »Dieser melancholische Dutchman
kann mich nicht ausstehen. Ich mache ihn krank, er kann mein Gesicht nicht
verknusen. Eines Tages wird er mir im Schlafe den Kopf abschneiden. Ich kenne
ihn; er ist harmlos, das ist stets gefährlich. Er kann wütend werden, dieser
Trübselige; und, sehen Sie, Johnny, das kann unsereiner nicht. Wir haben
Phantasie. Wir tun keinem Vogel was zuleide, sofern es nicht gerade praktisch
ist. Aber als Praktiker sind dann wir gefährlich. Wir Phantasien haben das
Pulver erfunden. Man traut uns nichts zu. Aber wir sind es, die den Anstoss
geben. Wir haben's als erste herausbekommen, dass es keine Realität gibt, und wir
sind auch die ersten, die alle jeweils neuen erfinden!«
    »Ach, Slim, Sie sind doch kein Phantast. Ich denke, Sie sind gerade das
Gegenteil. Ich habe Sie wohl einmal unter dieser Marke beschimpft. Aber damals
war ich schlechter Laune. Das müssen Sie mir zugute halten, Slim, ich bin jetzt
manchmal recht nervös. Ich weiss nicht, was das ist. Ich glaube, es fehlt mir an
Anregung. Oder ist es die Hitze? Ich weiss nicht - gerade vorhin habe ich einen
solchen Anfall gehabt. Ihr beide waret so merkwürdig, ich hielt euch für
irrsinnig, geradeheraus gesagt. Das lag aber wohl nur an mir. Ich kann übrigens
bemerken, dass wir alle unter dieser Überreizung leiden. Auch Sie, Slim, was
sagen Sie dazu?«
    Slim lächelte und starrte versonnen ins Feuer. Als van den Dusen die
Harmonie gewahrte, die sich zwischen uns anspann, zog er sich verletzt in die
Interieurs des Lagers zurück und demonstrierte das Opfer. Der arme van den
Dusen! Da sassen die zwei und machten Partei gegen ihn!
    Die schlechte Lebensart des Holländers brachte uns unwillkürlich einander
näher. Slim bekam einen biederen Ton in die Stimme, der mich anheimelte. »Sie
sind ein pedantischer Geist«, sagte er gutmütig, »Sie versuchen eine
kleinherzige Ordnung in Dinge zu bringen, die in einer grösseren sinnvoller
aufgehoben sind. Sie denken zuviel und zu wahllos. Träumen Sie stark? ... Ja ja,
ich weiss, Sie verachten den Traum. Sie misstrauen den Resten, die davon in Ihrer
Erfahrung zurückgeblieben sind. Das tut jeder. Aber tun Sie es nicht. Es wird
Ihnen dann manches selbstverständlicher werden und Sie werden sich unerklärliche
Dinge von innenheraus geschmeidig machen.«
    »Das ist es, was ich Ihnen nicht glaube, Slim. Sie sind gar nicht so -
fraulich, hätte ich beinahe gesagt, wie Sie sich oft äussern. Aber fraulich ist
nicht das richtige ...«
    »Ursprünglich?« half Slim aus. »Sie meinen, ich besässe wohl gar nicht diese
anmutige Weichheit des Geistes, wie sie - nun, sagen wir - den Wilden
auszeichnet? Hm, das ist wohl möglich. Sie entschuldigen, wenn ich darauf
überhaupt nicht eingehe. Aber es wäre beinahe ein Zeichen dieser Anmut, dass ich
mir gar nicht über sie, beziehungsweise über mein Verhältnis zu ihr und ihre
Echteit an mir klar werden will: jedenfalls ist es ein Zeichen ihrer
Abwesenheit, sobald jemand sich in dieser anmassenden und misstrauischen Weise mit
sich selbst beschäftigt. Es liegt etwas Sklavisches und Furchtsames darin. Der
herrische Geist kritisiert sich nicht; es wäre ihm vermutlich gleichgültig, sich
auf Lügen oder Lücken draufzukommen; er ist vertrauensvoll durch sein Dasein.
Ich bin bereit zuzugeben, dass Ursprünglichkeit und geistige Hingabe bei mir
Programm sind: aber da mich diese Erkenntnis nicht erschüttern würde, entfällt
sie. Denn eine seelisch so wirkungslose Erkenntnis ist überhaupt keine. Sie
verstehen das Wesen des Glaubens nicht. Ihnen ist der Gläubige ein Dummkopf.
Aber das ist er gar nicht. Er beherrscht Biologie und höhere Matematik. Es ist
diese ganz unäusserliche und der logischen Pölzung entratende Stabilität - ich
sehe mich ausserstande, Ihnen dies auch nur entfernt anzudeuten. Sie haben es
nicht. Und der es hat, hat es. Damit ist die Sache entschieden. Ein Sklave kann
ein Freigelassener werden - aber kein Herr. Haben Sie bemerkt, dass alle
Herrennaturen gläubig waren und dass der Skeptizismus aus dem Geist der Sklaven
kommt: ja, aus dieser hämischen Kammerdienerseele vor dem Schlüsselloche, he?
Ich will gleich sagen, die Anwesenden sind ausgenommen, hehe ...«
    »Danke schön. - Aber wie meinen Sie das nun: Sie glauben - woran? An Träume
- -?«
    »Nein. Ich glaube nicht an Träume. Ja, ja. Das ist so eine Sache. Ach, ich
kann es nicht erklären. Es ist ganz anders, als so gerade drauflos. Nein ich
erkläre es Ihnen doch. Der Traum ist nicht unlogisch. Seine Logik ist im
Gegenteile strenger. Ein Spazierstock, der im Boden steckt, kann etwas
Furchterregendes, er kann das Grauenvolle selbst sein. Denn es ist unmotiviert,
dass er dasteht. Er steht ein wenig schief: und dieser stumpfe Winkel hat eine
infame Bedeutung, er kann eine Katastrophe versinnbildlichen. Eine ganz
schäbige, flüchtige, gemeine Handlung kommt in ihm zum Ausdruck. Es ist eine
stählerne Logik darin. Nur der Traum ist rational. Er kennt nichts Zufälliges
oder Wirkungsloses.«
    »Aber er ist doch nur etwas Sekundäres«, sagte ich. »Er ist ein Anhängsel
zum Leben, ein Nebengebäude.«
    »Nein«, sagte Slim rasch, »Sie irren. Was Sie im Traum erleben, erleben Sie
in einer anderen Welt; aber es gehört zur Totalsumme Ihrer Erlebnisse; jetzt
leben Sie. Sie wissen nichts vom Traum. Sie träumen: Sie wissen nichts vom
Leben, Sie erinnern sich daran wie an einen Traum. Beide Erlebnisse sind real,
nur der Akzent ist geändert. Solange Sie wachen, scheint Ihnen die Wachlogik die
kompaktere; im Traum aber zweifeln Sie keinen Augenblick an der Traumlogik. Was
ist schliesslich jede logische Deutung: etwas Unlogisches, eben eine Deutung,
eine Dichtung. Nehmen Sie allein den Fall an, dass Sie sich während eines
unruhigen Schlafes den Rücken an der Bettkante verletzt haben; Sie träumen im
gleichen Augenblick, dass Sie jetzt jemand, und zwar auf der Stelle, in den
Rücken stossen wird. Vermutlich ist beides eine Ausrede; aber jedes ereignet sich
in einer logischen Welt für sich, an der Sie teilhaben ...«
    »Ja, aber wie erklären Sie das? Es muss doch eine Erklärung geben?«
    »Nein, ich erkläre es gar nicht. Ich gestehe Ihnen hier, und mit einigem
Stolze, dass ich absolut kein Bedürfnis nach solchen Erklärungen habe. Das
Wunderliche an den Dingen ist für mich genau so befriedigend wie das
Erklärliebe. Das Erklären ist eine bürgerliche Konvention und man wird es
überwinden, wie man die bürgerliche Moral überwunden hat. Der vollständig
voraussetzungslose Mensch ist gläubig; abergläubisch wenn Sie wollen; aber gewiss
in einem stark menschlichen und reifen Sinne. Erklären? Erklären muss man das,
was man nicht einordnen kann. Aber ich ordne das Seltsame ein; ich begreife es
so rund und innig, wie ich etwas Begründetes begreife. Es ist gar kein Trieb zur
Erklärung in mir; es macht mich nicht zwiespältig. Das Seltsame ist das
Vollendete. Es ist gerade und rüstig wie eine Tatsache.«
    »Tatsache?«
    »Tatsache! Warum missverstehen Sie mich? Ich leugne ja die Tatsachen nicht,
vor allem nicht ihren Wert. Im Gegenteil; ich bin ein solcher Liebhaber von
Tatsachen, dass ich sie verkürzt finde. Es gibt viel mehr Tatsachen, als deren
hingenommen werden. Es gibt Wachtatsachen und Traumtatsachen. Und was ich nun
behaupte, ist dies: dass beide für das Individuum konstitutiv sind. Der Mensch
besteht nicht nur aus dem, was er im Wachzustande, sondern auch aus dem, was er
im Traume erlebt. Wir geben zu, dass er sich körperlich im Schlafe entwickelt.
Aber auch seine Traumerfahrungen, dem Wachbewusstsein nur selten geläufig,
gehören zu seinem seelischen Wachstum. Haben Sie das noch nicht bemerkt? Ich
dächte, Sie wüssten dergleichen schon. Ich habe Sie eine Zeitlang beobachtet. Sie
sind empfindlich, analytisch und hellseherisch. Ich berechne dies aus Ihrem
Verhalten. Ich weiss, dass Sie den Hund erschiessen wollten. Da ich dieselben
Eigenschaften an mir habe, kann ich gewisse Handlungen mit einer nahezu exakten
Metode zurückdatieren. Sie haben schwere Träume. Ich habe Beweise dafür. Es
würde mich wundern, wenn Ihnen meine Gedankengänge zu schwer fielen - aber
vielleicht sind Sie doch ein konventionellerer Geist als ich annahm!«
    Ich war konventionell, aber ich sagte: »Ich verstehe Sie!«
    »Ja«, fuhr er fort, »nun, sind Sie nicht auch der Meinung, dass der Traum
rational ist? Es ist ganz seltsam. Was er nicht versteht, quittiert er mit
Grauen. Ich habe jetzt zum Beispiel öfters einen Traum. Da steckt eine Klinge im
Boden, sowie ich es vorhin von dem Spazierstock erzählt habe. Es ist eine dünne
stark verschliffene Machetta. Sie steckt inmitten eines Farndickichts. Wer hat
sie dortin gesteckt? Es ist merkwürdig, wie sie da steckt, und es beschäftigt
mich. Gleich daneben liegt ein Körper, der Körper einer toten Frau. Dieser
Körper ist mir gleichgültig; ich fürchte mich nicht vor Leichen. Aber das
Geheimnis, das in dieser schrägen Klinge steckt, erregt mir ein Grauen. Es muss
etwas Furchtbares in der Nähe sein, etwas Harmloses, Dummes, Durchschnittliches
von einer sinnlosen Leidenschaft. Die Leiche könnte mich beruhigen, denn nun ist
die Drohung, die aus dieser Klinge schielt, schon ausgeführt. Aber der Urheber
ist unerkennbar. Dies beunruhigt mich im Traume. Sie sehen, wie gründlich und
logisch, ich möchte beinahe sagen, wie moralisch der Traum verfährt!«
    Ich zitterte. Eine unerklärliche Angst überlief mich. »Wieso haben Sie denn
gerade diesen Traum?« sagte ich.
    Ich glaubte zu sehen, dass Slim lächelte. »Kennen Sie ihn?« frug er. Es
entstand eine Pause. Plötzlich sagte er mit betontem Leichtsinn in der Stimme.
»Johnny, sagen Sie mal, hatten Sie an jenem Abende etwas mit Rulc zu tun?«
    Ich erstarrte. Mein Gehirn stand still. Eine Erinnerung wollte sich formen
und versagte.
    »Erinnern Sie sich«, drängte Slim, »es war die Nacht vor dem Aufbruch.« Eine
Erschütterung ging durch mein Gehirn, ich befand mich in blauem Lichte und wurde
von einem schönen weichen Wehen getragen. Es war der Klang melodischer Hölzer.
»Ich weiss es nicht!« schrie ich auf.
    »Sie wissen es nicht?«
    »Nein, um Gotteswillen, ich weiss es nicht. Ich hatte damals eine erregte
Nacht. Ich schlief schlecht. Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ja, es ist möglich,
dass ich bei Rulc war. Aber ich habe den Verdacht, dass ich es mir während meines
Fiebers nur zusammengereimt habe. Meine Phantasie arbeitet rastlos. Ich habe die
Feuchtigkeit des Waldes nie recht vertragen. Sie wissen, wie das im Fieber ist:
eine Kleinigkeit, ein Wort, ein Anblick genügen, um Selbsttäuschungen daran zu
spinnen!«
    Slim nickte unmerklich. »Erinnern Sie sich«, wiederholte er und sah mich
ohne Härte, aber ruhig an, leise drückend wie ein Hypnotiseur. Er lächelte;
dieses Lächeln war das Entsetzliche. »Erinnern Sie sich. Sie haben die Machetta
in den Boden gesteckt. Sie taten dies aus zwei Gründen: es ekelte Sie, denn Sie
sind zart, und Sie steckten die Klinge in die reine Erde. Sie haben guten
Geschmack: Sie würden aus gutem Geschmack eine besonders leidenschaftliche Tat
unterlassen - oder dann vergessen. Ihr Gedächtnis will nicht aufbewahren, womit
Sie sich vor sich brüsten könnten. Sie fürchten Ihren Heroismus, denn Sie würden
selbst dann nicht an ihn glauben, wenn er erwiesen wäre. Zweitens: Sie steckten
die Klinge in den Boden, damit sie nicht so leicht gefunden würde. Dies war
natürlich falsch. Denn wenn jemand an die Leiche heranlief, weil er einen ganz
tonlosen Seufzer gehört hatte, der ihm auffiel, so musste er daran stossen; es gab
einen zitternden metallischen Klang, er bückte sich und bekam das Ding in die
Hand - - -«
    Er flüsterte und schielte mich mit kreuzweis gerichteten Augen über das
Stirnbein an. Da löste sich der Draht, den er von seinen Augen aus um meine
Stirne gedreht hatte. Ich musste innerlich befreit lachen. »Ich verstehe Sie
nicht«, konnte ich kalt sagen. »Ich habe mit dem Messer nichts zu tun gehabt. Es
ist ja das Ihre. Ich habe es bei Ihnen gesehen - - -«
    »Ja, es war einmal das Meine«, antwortete er nachdenklich, sich aus seiner
zusammengefassten Haltung streckend, »ich hatte es lange Zeit bei mir geführt -
und nun ist es wieder in meinen Händen. Jaja, so habe ich es mir auch gedacht.
Ich war aber nicht ganz sicher. - Nun sagen Sie mal«, rief er freudig, »da haben
Sie gleich eine dieser sonderbaren Beziehungen zwischen den Wach- und
Traumerfahrungen. Diese Machetta, mit der ich tagsüber den Wald dranchiere,
kehrt in meinen Träumen wieder. Warum sollte also ich nicht noch einmal
vorkommen?«
    »Dies ist ein Fehlschluss!« lachten wir beide, eine versöhnliche Stimmung
verpflichtete uns und wir besprachen diese seltsame Erscheinung des heftigen
Traumes. »Tja, das ist sehr merkwürdig«, ging Slim von diesem Ausbruch der
Heiterkeit zum Ernst der Debatte über. »Das Unerklärliche ist wohl ebenso vital
wie das Erklärliche. Es ist unnütz, es verdrängen zu wollen. Ich werde dieses
Rätsel der Machetta aus meinem Traum wohl nie lösen. Als Tatsache kommt es für
mich kaum in Betracht; denn alles was um diese Machetta herum vor sich gegangen
ist, kann kein Problem sein. Das Problem liegt allein im Etischen möchte ich
sagen, im Unerklärlichen, im Seltsamen; in dem Umstände, dass eine immerhin
energische Tat so unvorhergesehen und vielleicht von der dazu gerade
ungeeignetsten Person ausgeführt wird. Diese Verwunderung des natürlichen
Geschehens über sich selbst kommt in meinem Träume durch die eigentümliche
Stellung der in den Boden gesteckten Machetta zum Ausdruck: ja, der Traum
wundert sich über die Unlogik des Wachzustandes. Er findet ihn schlecht
motiviert und von widersinnigen Zufällen beherrscht. Er ist mit ihnen durch
Gemeinsamkeiten verknüpft; es ist zum Beispiel möglich, dass zwei Individuen sich
sowohl im Traume wie im Wachzustande treffen; es wäre vielleicht der Beweis für
eine Art seelischer Identität. Aber soweit will ich nicht gehen; es
überanstrengt unseren Glauben und verletzt die Konvention unserer Erfahrungen
allzusehr.«
 
                                      XXVI
Er warf mir einen langen sprechenden Blick zu und sagte dann: »Wissen Sie,
Johnny, Sie sind schon ein gesundes Kind, Ihnen kann ich das also sagen. Als ich
diese Tage her von euch fortlief, machte ich eine ganz ausserordentliche
Bekanntschaft. Es war ein Gedanke. Er heisst die Gravitation der Intellekte.
Darin liegt die mechanische Erklärung für so manches - - -«, er hielt inne,
schloss die Augen und schien sich eine Reihe von Erinnerungen vergegenwärtigen zu
wollen.
    »O, Gravitation der Intellekte«, sagte ich und Schauer der Begeisterung
kühlten mir den Rücken. »Es ist schon ein Genuss, das zu hören. Das ist ja sehr
interessant. Und wie meinen Sie das nun? Gravitation der Intellekte - das ist
schon als Worterfindung ein Coup. Nun ...?«
    »Ja ja, das finden Sie also wirklich? Well, das ist die Lehre von der
Anziehung der Geister. Es ist eine ganz neue Lehre. Eigentlich ist es nur der
Schlussstein zu meiner Dimensionenlehre, verstehen Sie. Aber es ist noch nicht
ganz eingearbeitet. Ich bin noch nicht ganz im Material und da geht es vorerst
ein wenig zäh. Wenn ich wieder in die Staaten hinaufkomme - ja, was ja doch
anzunehmen ist, wenn ich heil zurückkehre, baue ich eine Universität, die sich
ausschliesslich mit dieser Disziplin beschäftigt. Wollen Sie mitkommen? Ich
stelle Sie als Professor an. Wollen Sie?«
    Mir wurde sehr kühl zumute. Mit diesem Menschen sass ich jetzt mitten im
Kontinent, wie sollte ich ohne ihn nach Rio kommen? Ich hatte ja selbst eine
Lebensaufgabe vor mir. Ich wollte ein Buch schreiben, das musste »Irrsinn«
heissen. Slim war darin die Hauptperson, das heisst, der repräsentative Typus. Zu
diesem Zwecke schien es ja schön, dass er irrsinnig war. Aber die Frage stand so:
wie kam ich mit oder ohne ihn an die Küste zurück?
    »Selbstverständlich!« rief ich schwungvoll, »das nehme ich ohne weiteres an.
Ich freue mich schon darauf. Können wir nicht gleich morgen aufbrechen? Es wäre
das Beste. Wir verlieren sonst soviel Zeit, und, Slim, am Ende vergessen Sie
dann die Hälfte dieses Ideenelixiers, wenn Sie sich hier mit anderem Zeug
abplagen. Das wäre jammerschade. Wann brechen wir also auf?«
    »Ideenelixier, Ideenelixier, das lässt sich hören. Nun haben Sie auch ein
Wort gefunden. Ich habe immer gewusst, dass Sie ein feiner Kerl sind, Johnny.
Gestatten Sie mir, dass ich von diesem Worte in meinem nächsten Buche Gebrauch
mache? Sie müssen nämlich wissen, ich wälze ein Buch im Kopfe. Es ist eine
verdammt metaphysische Geschichte; ich will damit dem rein und ordinär
geschäftlich interessierten Positivismus, dem, was man Amerikanismus nennt, das
Genick brechen und einen neuen geistigeren Standpunkt aufstellen. Es handelt
sich um eine neue Gesundheit. Das Leben erobern, kneten, biegen und brechen, das
ist ungefähr mein Typus, natürlich ideal - denn Sie verstehen schon, my boy, dass
ich eigentlich ganz anders bin. Ich bin, so wie Sie mich hier sehen, das Produkt
eines Trainings. Denn Rasse besitze ich nicht; das heisst, ich habe alle Rassen
in mir, ich bin eigentlich, was der Franzose einen deraciné nennt. Dies ist
meine Rätselhaftigkeit; das Beunruhigende an mir für Leute, wie Sie sind.
Training ist ein verkürztes Verfahren für Rasse. Rasse hat die Hündin Zana und
jedes Tier hier im Walde. Ich aber habe Training - ja, also was ich sagen
wollte, das Buch soll in Berlin erscheinen. Just in Berlin - in Paris oder
Newyork sind sie zu dumm dafür. London gibt es in dieser Beziehung überhaupt
nicht. Sie können mir dabei helfen, Johnny; mein Deutsch ist nicht ganz
tadellos; ich möchte übrigens gerne wissen, wie Sie schreiben. Sie müssen eine
kräftige und gesunde Sprache haben, denke ich. Ahem, Berlin ist der möglichste
Ort der Welt, gegenwärtig, heisst das. Es ist der Erbe von Rom und Paris. Die
Hälfte von all dem, was jetzt als Amerikanismus das Leben ausfüllt, ist in
Berlin gemacht worden. Beherrschen Sie das Englische in der Schrift?«
    »Selbstverständlich«, sagte ich, auf seine Irrfahrten eingehend. »Was sollte
das nun für ein Buch sein?«
    »Ach, ich sagte Ihnen doch schon, es handelt sich um eine Rassigkeit. Nehmen
wir an, ich bin der moderne Parvenü. Ich habe, so wie ich da sitze, noch keine
Kulturvergangenheit. Ich bin nichts Geschlossenes. Ich habe natürlich eine Menge
Instinkte gesammelt, mein Blut hat alle möglichen alten Praktiken, ich reiche
sehr weit zurück, vermutlich bis zu den Azteken und vielleicht sogar bis zu den
Ägyptern; das ist so mit uns Amerikanern. Sie kennen doch die Atlantisteorie?
Wir haben vieles von den indianischen Urmüttern. Vielleicht haben wir auch
Negerblut in uns. Unsere schlenkerigen Bewegungen deuten darauf hin. Dazu kommt
aber nun, dass ich einen Fundus deutsches Europa in mir habe. Dies alles wirkt
auf die Phantasie. Es ergibt aber, zusammengenommen, keineswegs das, was man
Rasse nennt. Diesen ausschlaggebenden Mangel ersetze ich durch Training. Ich
bringe jede, auch die heterogenste Saite in mir zu einem Klingen. Ich bin ein
Urweltmensch in einem Londoner Hotel erster Klasse, der ein metaphysisches Buch
- wie gesagt, alles an mir ist irrsinnig entwickelt. Meine vielen Talente sind
verdorben, weil sie sich kreuzen. Ich bin der Amerikaner, der Parvenü, der sich
aber zugleich überwunden hat. Ist es Ihnen nicht aufgefallen - doch, sehen Sie
sich die Literatur der letzten Generation nur einmal an. Der repräsentative
Typus ist der Parvenü. Diese Männer, Dichter und Denker, kamen nie aus guten
Familien her. Sie waren Bauern, Arbeiter und Juden. Plötzlich marschieren sie
mit ihrem phänomenalen Kopfe an der Spitze. Da tut sich eine Salontür vor ihnen
auf, sofort verwickeln sie sich in den ersten Teppich, der erste Hauch eines
Parfüms macht sie ohnmächtig. Und jetzt ertönt ein Lachen, dieses Lachen, das
sie entmannt. Die erste beste Figur, die dieses Lachen, dieses Parfüm, diesen
Teppich repräsentiert, ist stärker als sie. Sie fallen irgendeinem Typus
Frauenzimmer aus diesen Sphären anheim. Sie schreiben ungeheure Schönheiten, sie
schreiben sie unter dem Druck ihrer Sehnsucht. Sie nehmen einen ungeheuren
Liebesschatz in all ihre Betrachtungen mit - und niemals ist das Leben um so
viele Beobachtungen bereichert worden, wie in dieser Zeit. Diese Menschen waren
hypersensibel, wie ein Wilder in einem fremden Walde - sie standen, was auf
jeden Fall günstig ist, mit beiden Beinen in einer Fremdheit. Die Kultur war für
sie etwas Kontagiöses, ein Bazillus, nichts, das sich einverleiben liess. Ihr
ungeheurer Appetit konnte dadurch nicht beeinträchtigt werden; aber es zeitigte
Störungen. Und so kam denn die Welt, das Weltenglück, das panische Glück, das
gerade sie anstrebten, nicht vom Flecke. Diese ewig Rekonvaleszenten haben feine
Beobachtungen gemacht, die nicht einzuholen sind; wir besitzen davon nur mehr
die Metode. In ihrer Sehnsucht nach Eleganz und gutem Geschmack wurden sie
unpraktisch, nichts ging ihnen von der Hand, sie waren nie glücklich, es blieb
immer bei dem Haschen nach den zierlichen Unterröcken, sie kriegten nie ein
solides Frauenstück in die Faust. In der Sehnsucht erfanden sie wieder dieses
alte Eisen, die Ferne. Ferne Länder, exotische Landstriche, seltsame
Erfahrungen. Und darin haben wir sie heute überholt. Wir haben die Sehnsucht
überwunden; mit ihr wohl auch die Beobachtungen, all das, was man unter der
Etikette der Analyse verstand. Wir sind zu einer syntetischen Lebensform
gekommen. Den Kombinationen ist freier Spielraum gelassen, die Kombination ist
das Merkmal dieser Zeit. Es ist eine im letzten Grunde artistische Zeit; aber
nicht dem Geschmack, sondern dem Wesen nach; denn dem Geschmack nach sind wir
natürlich. In dieser Zusammenstellung haben Sie gleich wieder den
kombinatorischen Zug. Die grosse Syntese bricht an. Wir stülpen Asien und Europa
und Amerika aufeinander. Und was entsteht, ist eine Menschheit. Nicht nur
Amerika ist jung; Europa ist noch viel jünger; viel jünger und seltsamer! Man
sollte Forschungsreisen nach Europa antreten, nach dem wirklichen Europa! Sehen
Sie, wir, die wir die Sehnsucht überwunden haben, wir kennen auch die Ferne
nicht. Für uns ist das eine Frage des Kurriers. Erst, wenn Sie sich den Djungle
wie einen etwas altertümlichen Boulevard vorstellen, werden Sie sich darin
zurechtfinden. Wir stolpern über keinen Teppich mehr, lassen uns von keinem
Parfüm imponieren und werden von keinem Frauenzimmer aufgebraucht. Wir sind ein
neues Geschlecht. Wir haben die Sehnsucht überwunden. Wir verstehen unsere
Vorgänger, die wir selbst einmal gewesen sind, nicht mehr. Wir lesen diese
Bücher. Nein, wir verstehen sie nicht. Sie ärgern uns. Es ist eine vorstädtische
Noblesse, den guten Geschmack, nach dem sie sich so sehr sehnten, besassen sie
nie, denn nie besassen sie ihren eigenen. Sie waren zu wenig hart und trainiert.
Diese Menschen haben wir aus Instinkt und bewusstermassen überholt. Wir stellen
einen neuen Typus auf, wir tragen Sorge für einen neuen Geschmack. Wir schreien
Zeter und Mordio über die alte Eleganz, wir schreien uns heiser und lassen uns
als irrsinnig auf der Gasse auspfeifen, aber weil wir ohne Sehnsucht sind und
aus praktischen Motiven handeln, weinen wir nicht nachts in unsere Polster und
machen Gedichte; sondern wir schlafen gut und stehen am Morgen mit gestautem
Blut in den Fäusten auf. Wir sind Handwerker, Meister und Zimmerleute; wir haben
Ideen, um eine ganze Generation neu einzurichten. Unsere Eleganz ist etwas
vierschrötig und solid. Können Sie sich unsere Frauen vorstellen? Sie sind wild,
grosszügig und brutal angezogen, sie haben Kittel an und kräftige Schuhe an
breiten Füssen mit schlanken Fersen. Ein solches Geschlecht kennt die Sehnsucht
nicht, aber es lebt gut. Diesem Geschlecht will ich seine Gesänge singen. Wir
werden nicht mehr aus Sehnsucht produktiv. Wir wollen nicht besser sein, als wir
sind, aber just so gut, als wir es von uns verlangen dürfen. Wir glauben mit
Vergnügen an geriebene Deutungen dieser sichtbaren Welt, Metaphysik ist wieder
unsere Leidenschaft. Aber, Sehnsucht, nein, aus Sehnsucht tun wir nichts. Meine
Haltung als Schriftsteller ist durchaus praktisch: erste Hilfe bei
Unglücksfällen! Als Erzähler gebe ich dann diese Unglücksfälle. Sie sind
gleichsam das Exempel. In dieser Art soll mein Buch sein, Johnny. Es soll Tropen
heissen!«
    »Soso, Tropen«, sagte ich, »das klingt sehr gut. Nein, das ist einfach
fabelhaft, das ist ja ein gefundenes Stück. Das hat so was Vielsagendes. Man
könnte eigens um diesen Titel herum ein Buch schreiben.«
    »Ja, finden Sie?« entgegnete Slim mit sichtlicher Genugtuung. »Ich denke das
auch. Ich habe dabei eine verschlagene Absicht. Das Wort hat noch einen
Nebensinn. Und das Schönste ist dies, ich lasse die ganze Geschichte von einem
erzählen, der gar nie in den Tropen gewesen ist. Das ist nämlich die Pointe. Es
stellt sich heraus, dass er, der Nordländer, die Tropen in sich hat. Er braucht
gar nicht erst an den Äquator zu gehen, er hat ihn in sich. Sein Gehirn, mit
einer üppigen Vegetation von Tropen und Gleichnissen angefüllt, ist aus den
Rückständen seiner Abstammung zu erklären. Inmitten der kalten Zone ist er ein
klimatisches Residuum. Dieser Mensch, den ich dort zeige, ist bei aller Kultur,
die er besitzt, gleichsam ein neuer Wilder. Die Verhältnisse, denen er begegnet,
sind Transplantationen seiner nächsten Umgebung, die Tropen mit all ihren
Einzelheiten sind also gleichsam ein Schlüsselbegriff. Ich werde sogar so weit
gehen, eine diesbezügliche Gebrauchsanweisung einzuflechten - - -«
    »Aber nein, das ist doch wirklich - - na ja, aber ist es nicht doch ein
bisschen zu verwegen? Ich glaube, dieser Djungle ist für den Leser unzugänglich.
Bewegen Sie sich denn während der ganzen Erzählung auf solchen Schleichpfaden?«
    »Ja, sehen Sie«, sagte Slim gierig, plötzlich seine ganze Neigung für dieses
offenbar fesselnde Gespräch preisgebend, »das ist es eben. Mein Mann ist ja ein
Typus. Und es gilt, diesem Typus sich etablieren zu helfen. Auch ein solcher
vertrackter Kerl kann leben, und wie, das sollt ihr einmal sehen. Die Analyse
hat ihn nicht gelähmt. Ihr seid ja schliesslich doch immer noch der Meinung, dass
sie krankhaft sei. Eure ganze Lyrik besteht aus den Seufzern, die euch euer
Kraftballast kostet. Aber er, der Neue, ist stahlhart dabei geworden. Die
Analyse als Affekt hat er überwunden. Er ist ganz unsentimental. Er hat keine
Sehnsucht. Nicht einmal die nach der Sehnsucht, die ihr alle doch bis vor kurzer
Zeit noch gehabt habt. Er weint ihr keine lyrische Träne nach. Er ist ganz klar,
ganz unromantisch, und die Analyse verdirbt ihm keine eingefleischten Räusche.
Seine Räusche sind ganz anderer Art -«
    »Ich errate es; sie sind vermutlich sehr alt und primitiv -«
    »Well, so erscheinen sie euch. Er weiss, dass sie für ihn sehr neu sind. Darum
weiss er auch, dass sie einmal wieder alt und reizlos werden können. Er weiss das
am besten. Er setzt es voraus. Er stösst sich selbst bereits fortlaufend um. Und
eben diese feine Fähigkeit, in der Bewegung zu leben, ohne unglücklich zu
werden, ist neu. Er will gar nichts Ewiges schaffen. Er leistet der Zukunft
Vorschub, tat's all.«
    »Ich weiss. Er ist sentimental nach vorwärts!«
    »Was? - je nun - - doch, das kann man sagen. Das würde stimmen. Überhaupt
kann man alle Umdrehungen famos auf ihn anwenden. Das Wichtigste ist stets:
eppur si muove! So oder so gefahren, die Bewegung zählt. Gravitation beruht auf
Gegenseitigkeit. Ich habe Ihnen zum Beispiel klargemacht, dass er die Analyse
überwunden hat und seiner Bewegung nach Syntetiker ist. Ich muss hinzufügen, er
ist es so stark, dass das Kritische und Kombinatorische in ihm identisch sind.
Damit wird er, der doch eigentlich praktischer Physiologe ist, zum Metaphysiker.
Er hat Organ für die schwebende Realität. Er praktiziert das Gesetz von der
Durchdringlichkeit der Realität!«
    »Wie?«
    »Wo eine Realität ist, kann auch die andere sein. Realität ist ein Plus; ein
Deposit. Darum ist Analyse dasselbe wie Syntese. Der Natur etwas abbeobachten,
heisst ihr etwas zuschöpfen. Sehen und Produzieren ist das Gleiche. So wie ein
Buch entsteht: man schreibt es ab. Weiss der Teufel woher. Es ist scheinbar schon
dagewesen, man reproduziert bloss eine Beobachtung. Der Skribent ist ein
Forscher. Niemand ist neugieriger als der Produktive. Das leuchtet doch ein?«
    »Tja. Das mit der Realität - -«
    »Mit der Realität?«
    »- - mhm, das - das kommt mir bekannt vor. Woher haben Sie das?«
    »Woher? Sie meinen - ach ja, vielleicht habe ich es von Ihnen. Das wäre doch
nicht unmöglich. Sind Sie müde? Sie sehen so verwirrt aus. Wissen Sie, ich bin
nicht eifersüchtig. Wenn ein anderer meine Gedanken hat - never mind! Es ist
dann ein Beweis für das Zwingende an ihnen. Wenn man lange und enge miteinander
verkehrt, ist man stets ein wenig gleichstimmig, man verfällt auf dieselben
Ideen. Man wird einander Haustier. Das ist ja eben meine Gravitation der
Intellekte.«
    »Sie sind so fruchtbar. Was ist das nun eigentlich?«
    »Das ist das System der Gehirne. Sie stehen in gegenseitigem Banne.« Slim
beugte sich vor, er schien einen peinlichen Punkt zu berühren. »Sie wissen doch,
dass es gewisse Ströme von Mensch zu Mensch gibt?« frug er nach einer kleinen
Stockung.
    »Ströhhhme - tja, zum Beispiel diesen da vor uns. Ich wünschte, ich wäre
schon bei den Menschen, zu denen es ihn gibt. Wir gehen doch morgen ab?«
    Slim lächelte plötzlich, sah nachdenklich, beinahe mitleidig ins Feuer und
nickte ein paarmal kurz mit dem Kopfe. Sieh da, er wurde also nicht ernst
genommen? »Johnny«, sagte er, »dein Übersetzertemperament in Ehren: Du wirst
morgen Bäume fällen. Alle Rechte bis auf weiteres vorbehalten. Diesmal hast aber
du recht!«
    Er rieb sich mit der Hand über das bärtige Gesicht. Ach, es war nicht in der
Ordnung, abweisend gegen ihn zu sein. »Ja, Slim, was ich noch fragen wollte: Hat
Ihr neuer Mensch etwas mit der Gravitation zu tun?« frug ich schnell.
    »O ja«, sagte er, »nichts anderes, als dass es eben eine seiner verrückten
Ideen ist!«
    Wir lachten beide. Er war damals wohl noch ganz gesund, nur ein wenig
überspannt. »Good night, my boy!« sagte er und gab mir kräftig die Hand. Wir
standen beide vorm Feuer. »Aber in den Tropen wird er doch gewesen sein?« sagte
ich des Abschlusses halber. Es sieht gut aus, wenn man sein Interesse über das
Ende eines Gespräches hinaus nachschleppen lässt. »Wer?« frug er, »der Neue?«
»Ja!« »Well«, war die Antwort, »aber dann wär's kein Kunststück. Er soll ja ein
Tausendsassa der Analyse - Pardon, der Syntese sein. Ich gehe sonst des ganzen
Beweises seiner phänomenalen Schnüffelnase verloren!«
    »All right, Slim. Danke für den schönen Abend.« Man ist stets froh, wenn man
seinen Frieden mit einem gemacht hat, den man eine Zeit hindurch unter die
Unvernünftigen rechnete.
 
                                     XXVII
Viel seltsame und überraschende Dinge sind auf meiner Reise vor sich gegangen.
Aber es hat sich für alle eine rationale und logisch gerechtfertigte Erklärung
finden lassen.
    Es ist gefährlich, in den Djungle zu gehen und den Rücken des Vordermannes
beständig vor der eigenen Büchsenmündung zu haben. Ein paarmal hörte man
schiessen. Slim und der Holländer würden heute gute Beute bringen! Macht flott,
ihr Jungens, wann wird das Boot fertig sein? Hallo, Zana? Wie geht es dir, rotes
Mädchen? Nun, nun, koche nur zu. Heute ist ein feiner Tag, alles klappt, alles
ist frisch, alles geht wie am Schnürchen und mit dem alten Jeremias in uns ist
es vorbei. Hier sind wir sicher wie auf einem Boulevard; hier beginnen wir ein
neues Leben und gondeln einen Strom hinunter in die Zivilisation. Wir kommen als
Frischlinge. Habt acht, ihr Völker, wir bringen euch ein unverbrauchtes, herbes
Glück. Eine nacktäutige, sonnverbrannte Weisheit bringen wir. Was da, Tropen!
Einmal eins ist eins, und die Erde kann nicht zweierlei sein. Es ist eine Erde,
die uns trägt, es ist eine Erde, die uns abgeschuppt hat, und Berlin mal
Amazonas, wir stehen auf beiden Sohlen, und unsere Köpfe sind heute frei!
    Ich hatte die Zimmerung eines zweiten Bootes zu beaufsichtigen. Das erste
lag mittels eines grossen Steins ins seichte Flussbett versenkt, um Wasser zu
ziehen. Es hatte sich als zu klein erwiesen und trug nur drei Personen, es war
ein ungeschicktes Ding ohne Konstruktion, das bei einem kleinen Balanceverstoss
sich wie eine Walze wasserwärts legte. Wenn die fünf braunen Bootsbauer nicht
stramm unter Kurs gehalten wurden, trieben sie gleich arbeitsab und zerstreuten
sich mit allerhand leichteren Lebensbeschäftigungen.
    Da kam van den Dusen zurück. Es fehlte irgend etwas an ihm. »Aber, Charlie,
wie sehen Sie denn aus?« Er sagte nichts, war sichtlich krank und bleich und
schlich sich sofort als Marodeur ins Lager. Zana präsentierte eine mimische
Neuheit in Verachtung, sie blies aus ihren Lippen Luft aus und tat, als ob kein
Mensch am Krepieren wäre. So, jetzt war die Reihe an mir, und ich stellte meine
überschüssige Gesundheit an sichtbarer Stelle zur Verfügung. Ich suchte van den
Dusen allerlei Gefälligkeiten zu erweisen, ich Kraftbursche konnte mir das jetzt
ja erlauben, und fand eiligst das Chinin für ihn aus dem Gepäck; aber Kranke
sind launisch und undankbar, und so erntete ich denn zu meinem grössten
Märtyrerstolze nichts als ein höchst unmusikalisches Grollen. Er delirierte und
erzählte in rasendem Tempo auf holländisch. Ich nahm ihm die Kartusche ab. »Aber
Menschenskind, wo haben Sie denn Ihre Büchse?« Die Büchse war fort. Er hatte sie
nicht mehr mitgebracht.
    Slim kam düster zurück und warf ein paar geschossene Vögel ins Lager. Er
machte kurze Angaben über van den Dusen. Dieser war von irgendeinem
Djunglebewohner retiriert; plötzlich hatte er die Büchse in seiner Hast fallen
lassen, sie verschwand in den Lücken einer natürlichen Bambuspalissade und war
nicht mehr zu finden. Um Gottes willen, was kann das für ein Tier gewesen sein?
Ach, wahrscheinlich hatte er Krach mit einem alten Affen wegen eines
Sittlichkeitsdeliktes, begangen durch Flirt mit einer extravaganten Haremsdame
aus königlichem Besitz. Slim schien aber im übrigen nicht spasshaft aufgelegt.
    Sicherlich hatte er den Kopf mit neuen Gedanken über einen Reformdjungle
oder dergleichen voll, was ihm ähnlich gesehen hätte. Gott sei's gedankt, dass
sie beide halbwegs heil zurück waren. Um die Büchse war's schade. Wir hatten
keinen Ersatz. Wie man nur eine Büchse verlieren konnte! Es war zum
Kopfabschütteln. Slim schien diesmal für diese arge Einbusse gar kein Interesse
zu haben; es war natürlich, dass er den kranken Leichtsinnigen schonte, aber er
tat auch sonst keinerlei darauf bezügliche Bemerkungen. Fing er wieder an, in
sich hineinzubrüten? Fffft - wenn Slim krank würde! Aber er würde es am letzten
werden, er hatte eine Indianernatur.
    Wir sannen viel und schwer über gewisse Dinge nach. Grosse Teorien
beschäftigten unseren Geist. Am Abend vereinigte uns das Lagerfeuer zu langen
Debatten, auf die wir den ganzen Tag über wie auf Weltereignisse gewartet
hatten.
    »Haben Sie darüber nachgedacht?« frug Slim. In diesem Augenblicke machte van
den Dusen eine Bewegung. Bisher war bis auf das Geprassel des Feuers kein Laut
vernehmbar gewesen. Die Indianer lagen in tiefem Schlafe, den Alten ausgenommen,
der ins Feuer blinzelte. Als van den Dusen sich regte, musste ich zu ihm
hinblicken. Er sah mit grossen Augen auf uns herüber, die wir die Urwaldstille
störten. Er fixierte Slim; es war etwas wie Erstaunen in seiner Art; er hatte
nicht erwartet, den Mann hier zu sehen. Er liess sich zurückfallen und wir
sprachen leise fort.
    Und in die grosse Stille, die jetzt eintrat, in diese hohle flaumige
Windstille schlugen unsere Stimmen wie Widerhaken in Seide. Sie kratzten auf
einem feinen Instrument, das sie gleichsam nicht zu behandeln wussten. Irgendeine
anmutige, aber wilde Sanfteit, die über der Welt lag, wurde durch sie verletzt.
Wir selbst fühlten uns gestört. Wir sprachen mit breiten Mündern und zischenden
Stimmen, die Laute streiften den Rachen. Das Leben im Walde gab uns die Kehlen
von
    Indianern.
    »Nun?« sagte Slim. »Was denn?« machte ich zurück. »Nun, was denken Sie also?
Über - na, über unser Buch?«
    »Entschuldigen Sie«, sagte ich, »Sie sagen da unser Buch - das geht nicht,
das ist eine Beleidigung. Ich erkenne Ihre Höflichkeit an, hehe, - aber es ist
stets verletzend, wenn man dem anderen etwas zuerkennt, das ihm nicht zukommt.
Nicht wahr?«
    »Sicher«, sagte Slim gedehnt, »das ist es eben, Johnny. Es ist so
merkwürdig. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen - - -?«
    »Was?«
    »Nun, diese stacheligen Fragen - im Verkehr zwischen Menschen. Es gibt ganz
feine Beziehungen zwischen ihnen. Da sind Dinge, die auf der Goldwage gemessen
werden müssen. Superbe Kleinigkeiten - aber sie machen den ganzen Mechanismus
aus. Kennen Sie das nicht?« Doch, das musste ich zugeben. »Also, sehen Sie, das
ist nun auch eine meiner Sorgen. Diese Technik muss gefunden werden. Wie kommt
das heraus? Wie stelle ich das hin? Man muss das gestalten, es soll nicht mir
nichts dir nichts vom Stapel gelassen werden wie fertige Wissenschaft. Es muss
Bau haben. Es muss sich kristallisieren - verstehen Sie es?«
    »Ja!« sagte ich.
    »Ich spreche natürlich von meinem Buche!« sagte er. »Ja, ja!« sagte ich
wieder, vielleicht ein wenig unentschieden. Er sah mich von der Seite her an. Er
dachte nun entweder scharf nach und die Augenverdrehung kam ihm dabei zu Hilfe -
oder sie war ein Zeichen seines Misstrauens. Interessierte mich das vielleicht
alles nicht? War ich ein Leimsieder und wollte lieber schlafen gehen ... »Das
muss sehr schwer sein«, sagte ich. »Sehr schwer; soviel ich davon verstehe - kann
man nicht einfach die Resultate hinschreiben? Einfach von der Leber weg
sprechen, einen Berichtzettel abgeben?«
    »Nein, das geht nicht. Man muss erfinderisch Rechenschaft ablegen,
heimtückisch motivieren, die seelischen Vorgänge im Fluss erstarren lassen und
dennoch nie das Gefrorene daran zur Empfindung bringen. Man muss die logischen
Verbindungsglieder vernachlässigen, wie sie die Wirklichkeit vernachlässigt, und
die Verlaufskette erst nachträglich lückenlos schliessen. Ein Kunstwerk soll es
nun nicht eben sein, blosse Kunstwerke sind zwar sehr erfreulich, aber doch auch
recht unwesentlich für die Menschheit. Aber eine Geschichte soll doch wirksam
und überzeugend sein und nur das Gute hat diese Eigenschaften. Man muss also
gestalten. Und ich muss also den neuen Menschen höchsteigens auftreten lassen, es
muss sich so beiläufig herausstellen, dass er es ist, den ich meine. Er soll nicht
nur rezensiert werden, er soll auch singen und handeln. Ich muss die
Verbindungslinien zu den anderen ziehen, auch die ganz zarten. Der intimste
Menschenverkehr muss sich vor aller Augen ergeben, zugleich aber soll er doch
auch das bleiben, was er ist, ein Apparat von Ahnungen. Meinen Sie nicht auch?«
    »Jawohl, Slim. Ich verstehe Ihren Ehrgeiz vollkommen. Man muss sagen, was man
nicht sagen darf, ohne es zu verderben. Der Mensch ist so seltsam.«
    »Ei ja; es handelt sich, wie gesagt, darum: mit meinem neuen Menschen steht
es ganz eigentümlich. Er ist sonst ein gesundes Kind. Aber er hat eigentümliche
Dispositionen. Gerade er - was sagen Sie zu diesem Einfall: er geht
beispielsweise eines Tages mit einem Freunde auf die Jagd, einem Menschen, der
ihm gleichgültig ist, wenn er auch gewisse unausgesprochene Antipatien gegen
ihn hat. Und da geschieht es ihm, dass er den Mann, als dieser zufällig vor
seinen Büchsenlauf gerät, gerade für jene Gleichgültigkeit und jene gewissen
Antipatien, auf die er sonst keinen Wert gelegt hat - -«
    »Aber Slim, pfui Teufel! Ihr neuer Mensch ist doch ein Muster von
Selbstdisziplin und ein anständiger Kerl, wie ich ihn kenne, er ist doch
hoffentlich - - -«
    »Kein Meuchelmörder? No, eben nicht. Er tut ja nichts und er käme ganz
unangefochten über dieses Phantasiestückchen hinweg. Aber er hat eine andere
Eigenheit. Er denkt laut.«
    »Er denkt laut?«
    »Ja, er denkt laut. Er denkt suggestiv. - Kennen Sie das übrigens?«
    »Nein!« sagte ich stark mit meiner ganzen normalen Stimme und schaute Slim
dabei in die Augen. Das heisst, ich heftete dabei die meinen auf sein Gesicht. Er
aber sah nicht mich an, sondern blickte ins Feuer, wie - hm, als ob er nicht ins
Feuer blickte. Er spiegelte die Vorgänge in einer intensiv empfindlichen
Unschärfe seines Blickes. Er sah mit Blicklosigkeit. »Soso«, fuhr er fort und
verzog ein wenig gemacht den Mund. »Nun stellen Sie sich aber folgendes
Experiment vor - mein neuer Mensch hat immer Experimente, bei denen es ihm ganz
egal ist, inwieweit er sich selbst exportiert - stellen Sie sich vor, der
andere, der vor dem Flintenlauf, erweist sich für diese Gedankensprache
empfänglich. Er hört die Drohung so deutlich, dass er in panischem Schrecken
davonläuft - er glaubt nichts anderes, als dass das Ende gekommen ist und springt
und wirft alles von sich, um leichter weiter zu kommen - es wäre aber nie etwas
geschehen. Das kennen Sie also nicht?«
    Und da sagte ich endlich keck: »O ja, gewiss, das kenne ich. Ist es nicht zum
Beispiel derselbe Fall: statt in die Augen zu sehen, starrt einer in - einen
Spiegel, und der Blick, der durch diesen Spiegel geht, wirkt in dieser Weise
ausserordentlich gewaltsam, während der gewöhnliche Blick aus Fleisch und Blut
gewiss viel weniger, ja vielleicht gar nicht gewirkt hätte? Ist es nicht das?«
    Einen Augenblick herrschte Stille. Dann sagte Slim sehr hoch: »Ah? - Und was
sagen Sie dazu?«
    »Oh, ich entalte mich jedes moralischen Urteils, wenn Sie das meinen. Ich
finde es bloss sehr raffiniert. Es ist ein meisterhafter Umweg - eine Analogie
gibt es vielleicht nur beim Geschlechte und in der Kunst. Hier ist bekanntlich
jeder Umweg ein Zeitgewinn. Ein sichergestelltes Verfahren. Nein?«
    Slim nickte lächelnd und sah ins Feuer. Er sagte: »Sie kennen das also. So.
Ich sage immer, Johnny, Sie haben Chancen. Wir verstehen uns. Wir wollen aber
nicht stolz sein, nicht wahr, und zusammen arbeiten. Sie haben Ihren Anteil an
der Idee, so oder so, von welcher Seite auch die Idee datieren mag.« Er schwieg,
sprach fort: »Aber das geht nicht ohne Pflichten ab. Sie sind zum Zuhören
verurteilt. Sollte ich zufällig die Küste nicht mehr erreichen, so wissen Sie,
was zu tun ist. Sehen Sie, gerade dies, dieser merkwürdige Kontakt zwischen
Mensch und Mensch, muss in das Buch. Diese Einzelzüge sind die Moleküle, die
zusammengespart werden müssen. Rücken Sie sich gefälligst die Schwierigkeit vor
Augen, einen Menschen nicht als Haut, sondern als System zu erzählen. Ihn just
aus diesen Partikeln heraus aufzubauen. Denn, unter uns gesagt, was ist der
Mensch denn anderes, als eine Schnittlinie im jeweiligen Augenblick
losgelassener, noch unerkannter Einzelvorgänge? Es gibt doch keine Charaktere
mehr. Das heisst, man ist dieser Formel draufgekommen und hat auch sie zerteilt.
Es gibt keine Charaktere, keine grossen und keine kleinen. Nehmen Sie unseren
neuen: Er ist ein Kraftmonstrum, alles an ihm ist Training, er hat sich so lange
das Zopfige abgeschnitten, bis er nach rückwärts kahlrasiert dasteht. Aber nein,
jetzt hängt ihm der Zopf nach vorne, er ist einseitig für die Zukunft
eingenommen, er ist baufällig nach vorwärts, gebrechlich wie alles Menschliche.
Er ist gar nicht positiv, sondern er ist nur eine radikale Ausweitung des
bisherigen Prinzipes, er ist ein Negativ vom Negativ und seine Lebenskraft ruht
im Paradoxen. Aber er ist ein Charakter! wird man sagen. Nun ja, er ist
lebenszäh. Aber Charakter, Charakter - das gibt es ja nicht. Es gibt nur
Situationen, es gibt nur diese Beziehungen zwischen den Menschen, Ausflüsse
magnetischer Art, von denen der Europäer bis heute noch immer weniger weiss, als
zum Beispiel ein halbgebildeter Inder. Da ist eine Schablone, ein Arrangement
von erteilten Kräften: in jedem Winkel, wo Menschen hausen, ist es dasselbe. Die
Positionen bleiben konstant; es ist aber nicht stets derselbe Mensch, der sie
einnimmt; im Gegenteil, bald sieht er sich selbst, wo er einmal war, und wenn er
kein schlechtes Gedächtnis hat, kann er sich dergestalt von allen Seiten
beschauen. Das Ganze beginnt sich wie ein Kreisel um ihn zu drehen, er macht den
Kursus durch, behält ihn gut im Kopfe, speit, flucht und reitet auf sich herum,
ist demütig und erhaben, wandelt sich in allen Tonarten ab und landet bei der
vorgeschriebenen Verzweiflung - halt, jetzt ist es nämlich Zeit für das
Neuartige. Denn wenn er diesen Kursus durchgemacht hat, sein Stolz und sein
Selbstgefühl in alle Windrosen gezerrt, gestreckt und gemahlen sind, wenn ihm
die Drehkrankheit aus den Augen schaut, dann ist er für die Neuheit und für eine
ewige Jugend reif. Er verzweifelt mitnichten, er wird weder Pessimist noch
Dichter, nein, er trachtet sich und seinesgleichen, seinen Nächsten und
Fernsten, fest auf die Erde zu pflanzen. Er ist vollständig gewissenlos, er
kennt die gespannten Hähne in sich, die wohl nie faktisch losgehen, aber auf
einem raffinierten Umwege denselben Meuchelmord versenden - und er sagt nicht:
Schlaf! dazu, sondern: Wach auf, Junge, und hüte das Zündel! Er weiss, dass er
kein Charakter, sondern bloss ein anständiger Mensch ist. Im übrigen ist er eine
Nummer in einer Situation und nicht immer die höchste. Er entsteht eigentlich
erst durch die Dispositionen der anderen, durch die anderen Nummern, und er hat
eine gewisse Ehrfurcht, vielleicht seine einzige, vor diesen Zahlen. Vergessen
Sie diese Züge nicht an ihm. Ich will es Ihnen einprägen, wenn ich darüber
spreche. Nun soll ein Buch entstehen, in dem er alle Nummern vorübergehend
besetzt, auch diejenige, die eine Einsicht über sein zahlenhaftes Dasein deckt,
er soll in diesem Buche, in dem alles an ihm demonstriert wird, auch schliesslich
selbst an sich demonstriert werden, er soll nicht bloss Figur, er soll auch
Abhandlung sein. Er muss in der Rezension aufatmen wie in der Handlung. Das muss
mit bestialischen Finessen geschehen. Das Buch soll Ideen haben, die spazieren
gehen. Damit man erkenne, aha, so funktioniert man also! Man gibt im Buch wohl
noch Charaktere, aber nur als Träger von Ideen. Mein Buch soll das Epos der
Ideen sein, die Komödie der Gedanken; es handelt sich letzten Endes um die
Entwickelung von Ideen, eine dramatische Entwicklung mit Expositionen und
Peripetien. Es wird ein indisches Buch sein. Das ist höchst modern. Was sagen
Sie dazu, Johnny?«
    »Tja - ich habe das schon bemerkt. Ihr neuer Mensch ist wohl selbst eine
Ihrer Ideen?«
    Slim sah mich etwas gereizt an. »Ach so«, sagte er. - »Nun, das habe ich
eigentlich nicht gemeint. Ich dachte dabei an das andere.«
    »An das andere?«
    »Ja, nämlich an die Gravitation der Intellekte.«
    »Mhm.«
    »Das soll sozusagen im Anschauungsunterricht gezeigt werden.«
    »Sie machen alles so schwierig. Gravitation -«
    »Nun, eben diese Abhängigkeit der Geister voneinander, diese sublimen
Kontakte, die den Verkehr von Mensch zu Mensch bestimmen - Sie wissen, was ich
meine?«
    »Ja!«
    »All right! das ist die Achse; darum dreht sich die Erde des Erlebens mit
ihren Kontinenten des Charakters.«
    Es entstand eine Pause. Danach sagte Slim: »Hören Sie doch, wie unsere
Stimmen spröde tönen! - Indianer sprechen leise und harsch, wie es der Djungle
verlangt. In unserem Gespräch klingt der Tonfall der einsamen Jäger nach. Sind
wir nicht auch Jäger im Gebiet des Geistes? Ist nicht alles ewig Symbol für ein
und dasselbe: den Menschen?«
    »Ist der neue Mensch Okkultist?«
    »Nein; aber er hat die Metode und das Genie seiner Urvorgänger. Er ist
Beobachter. Sein Gehirn ist Trommelfell und Linse und empfängt Eindrücke ohne
den Umweg über die Sinne. Die Reizschwelle der Organe liegt so tief, dass sie für
das Bewusstsein begraben bleibt. Er ist suggestibel; seine Ausstrahlung - -«
    »Slim? - - -«
    Slim begann plötzlich zu lachen; aber er lachte ungern. Er schlug sich auf
die Schenkel und rieb sich die Hände vergnügt über dem Feuer. Er schlug sogleich
einen lustigen Ton an und sagte: »Sehen Sie, Johnny, ich habe Ihnen schon
gesagt, der Zopf hängt ihm nach vorne, nach vorne. An ihm zieht er sich nämlich
aus der Affäre.« Er versuchte, mich für seine Heiterkeit und seine gesunde
Ironie zu gewinnen.
    Van den Dusen starrte mit aufgerissenen Augen zu uns herüber. Wir gingen
still schlafen. Statt voll weltlicher Abenteuer hatten wir den Kopf voll von
Teorien. Das tropische Klima begünstigt das Entstehen abstrakter und
weltfremder Systeme. Unsere Seele wiederholte den geschichtlichen Typus des
orientalischen Heiligen und Ekstaten. Slim hat sich aber niemals mehr des
näheren über seine »Gravitation« ausgesprochen.
 
                                     XXVIII
Auf zum Fischfang!
    Das Boot rollte, als wir es bestiegen.
    »Oho«, sagte Slim und zog die Augenbrauen in die Höhe. »Das kann gut werden.
Wenn es nur nicht schief geht. Das ist eine faul gemachte Sache.« Und zu van den
Dusen: »Donnerwetter, geben Sie acht, geben Sie acht - - -«
    Van den Dusen wandte ihm sein kupferiges Gesicht mit roten lodernden Flecken
an den Backen und an der Stirne zu. Er wollte etwas erwidern, aber plötzlich
verlor er die Energie. Slim fuhr fort: »Das Dickchen kommt achteraus. Er wird
uns, wenn er einmal verstaut ist, vermittelst seines Tiefganges die nötige
Stabilität verleihen. Sie, Johnny, besetzen am besten den Vordersteven. Und ich
- -«
    Er nahm die Mitte des Kanoes ein und wir paddelten in den Fluss hinaus; wir
befanden uns auf der seeartigen Ausweitung oberhalb der Wasserfälle, wohin wir
das Boot hatten bringen lassen. Der Spiegel lag geglättet vor uns. Kleine
Kreissysteme fältelten ihn, wo ein Fisch nach Beute geschnappt hatte. Jeden
Augenblick fljetzte ein grosser Kerl aus dem stilliegenden häutigen Wasser. Die
Ruder, die herzförmige Blätter an langen Stielen darstellten, verursachten
kleine Wirbel. Der Strom zwängte hier mächtige seebreite Buchten ins Land. Dort
wo der Trichter des Baches, der hier einmündete, herzukam, schlossen hohe grüne
Djunglemauern diese glatte Wasserarena im geräumigen Rund ein. Die Natur hatte
hier die Bühne für ein Menschendrama errichtet, sie hatte aus Wald und ziehenden
Wassern eine Falle aufgestellt. Diese Falle war nach der vierten, südöstlichen
Seite, die flussab verlief, von der natürlichen Felsenschwelle begrenzt, über die
der zähe weissschimmernde Reifen der Wasser mit ununterbrochener Eile dahinglitt.
    Wir trieben hinaus und schon begann die Strömung leise, ganz leise aber
beharrlich wie eine mystische Kraft am Boote zu ziehen. Wir mussten sicher und
mit solidem Schlag rudern, wenn wir dort in die Tiefen oberhalb der Felsenkante
wollten, wo die allerschönste Beute, kräftige elastische Fischjungfern mit
vielversprechenden Leibern, sirenengleich über den Spiegel emporschnellten. Aber
wir waren aufgeregt und machten Fehler. Der Holländer hatte heute seinen lieben
Tag; er patzte ein paarmal mit dem Steuerruder und das Kanoe neigte sich zu
stark: wir fassten Wasser. Slim schnalzte ungeduldig mit der Zunge. Im
Wasserspiegel vor mir konnte ich ihn sehen. Sein Gesicht war vom Spiegel
gefälscht, blass und mit einem Zug des Staunens oder der Angst. Vorsichtig warfen
wir die mitgebrachten Reusen aus, Zanas widerwillige Fleissaufgabe aus biegsamen
Ruten. Was war das doch? Wenn man in die glitzernde Sonne hinterm Wasserspiegel
sah, raubte es einem Überlegung und Gedächtnis. Man musste alle Kräfte
zusammennehmen, um bei Bewusstsein zu bleiben. Leise schaukelte das Boot und eine
schwere Trägheit fesselte die Gedanken.
    Der Gedanke fing sich in den Reusen und glitt mit ihnen zu Boden. Die
Reusen! Zana hatte Prügel ihretwegen bekommen. Heraus mit der Vorstellung! Zana
und - Prügel? Gut. Was weiter? O, Zana wollte nicht heran, die Prinzessin war
faul und vornehm und wollte keine Fischreusen für die weissen Scheusale machen.
Sie legte sich auf den Boden und trotzte. Lieber wollte sie da verhungern und
verdorren, bevor sie hülfe, einen Fisch zu fangen. Da hatte Slim die
entblätterten Ranken, die zusammengebracht worden waren, pfiffig geprüft, eine
kurze schmale Gerte ausgesucht und Zana über die Beine geschlagen. Als es zu weh
tat, schlich sie demütig und mit einem Tierblick an die Arbeit. Binnen eines
Vormittags hatte sie mit Hilfe der Männer mehrere Reusen hergestellt; aber die
Maschen sassen schlampig und es war nicht viel Hoffnung, dass wir damit einen
grossen Fang machen würden. Die Stimmung war gedrückt. Langsam verankerten wir
die Reusen, an denen sozusagen Zanas Blut und Schweiss hingen. Vielleicht knüpfte
sich das Jagdglück gerade daran, es hatte sonderbare Launen. Hoffen wir das
Beste! Die Strömung wurde stärker. Dort war der weissschaumige Scheitel des
Falles. Aufgepasst da!
    Die gleichmässig samtene Oberfläche bekam Flicken, zerdehnte reissende
Stellen, lange eilige Streifen mit glotzenden Schaumaugen, die dahinschossen.
Wenn das Kanoe hineingeriet, zog es wie Gummibänder an ihm. »Hallo, Johnny, was
ist los mit Ihnen, wo steuern Sie denn hin? Kräftig, Jungens - Zurück! Zurück!
Schaut nur, dass ihr kehrt macht, wir kippen um!« Man war ein wenig dumm von all
dem Glanz und Reflex. Es benahm die Gedanken und den Lebensernst, es gehörte
moralische Anstrengung dazu, die Lage nicht für nebensächlich zu halten und
geradewegs die schäumende Wirklichkeit da vorne hinabzusausen. Der Himmel im
rosafarbenen Wasser war eine ungeheure weisse erhitzte Scheibe, die irritierte.
Ich sah mich selbst in übernatürlicher Schärfe der Umrisse wieder, erkannte mich
in mehrmals übertriebener Wirklichkeit, stach mit meinem Gegenüber zugleich und
taktmässig auf den Strich nieder, an dem wir trennend verwachsen waren und
starrte fasziniert das Doppelgängerbild an, das mich unten mit seiner
verfluchten Klarheit bannte. Und plötzlich spielte sich da unten etwas
Überraschendes ab, dessen traumhafte Sicherheit und Schärfe mich schwanken
macht, so oft ich daran als an etwas Wirkliches zurückdenke.
    »Ah, Charlie, you fool«, hörte ich Slim plötzlich schreien. »Sind Sie
verrückt?« Ich sah im Wasser seinen Kopf hinter meinem verschwinden und
erscheinen; das andere sank in eine Verkürzung zusammen. Da erhob sich weiter
rückwärts ein mannshoher Schatten, der in den imaginären Himmel hinabragte. Ich
hörte Slim rufen und fühlte, dass das Boot sich zu drehen begann. Ich starrte auf
das Wasser. Irgend etwas stieg blitzschnell wie ein Projektil aus dem Grunde
auf, so schnell, dass es kaum wahrzunehmen und möglicherweise nur eine Täuschung,
eine dunklere Stelle im Wasser selbst war - sie senkte sich schnurgerade auf
Slims Scheitel nieder. Ein Ton sang mir in den Ohren. Im gleichen Augenblicke
rollte das Boot links, dann rechts, und zog einen dicken faltigen Wasserschwaden
in seinen Bauch ein. Noch immer hafteten meine Augen gebannt an der Welt unter
mir; mit einem aufdämmernden Instinkt für die Gefahr sah ich zu den grünen
Bänken unterm Wasserspiegel, die ihn weit draussen einrahmten. Klatsch - mir war,
als wäre jemand ins Wasser gefallen. Ich neigte mich sitzend in eine laue
fühlbare Umgebung hinein, die Welt stieg an meinem Ohr empor, ich streckte die
Hand aus, und schwamm. Zugleich gewahrte ich, wie ein Mann kopfüber aus dem
verschwindenden Boote ins Wasser flog, ich sah ihn kräftig schwimmen und
erkannte den Holländer. Ha, ich fühlte mich getragen, unter die Arme gegriffen;
es war die Strömung, die mich bugsierte und mit sich nahm. Ich arbeitete mich
heftig gegen das Ufer hin, im Winkel zur Strömung, die mich an Backbord aufhob.
Sie trieb mich abwärts und presste mich an die Klippe, die kahl und hart vor mir
aufstieg. Sie spaltete den Strom. Als ich nach oben geklettert war, tauchte an
der Klippe gegenüber im Strome der Holländer auf.
    Wo war Slim? Ich ergründete den Kanal zwischen den beiden strategischen
Punkten, die wir besetzt hielten. Ich war überanstrengt, rote Wolken stiegen mir
vor den Augen auf und trübten mir den Blick ins Wasser. Ich hatte zu lange in
die gleitende Scheibe im Wasserspiegel gesehen. Aber Slim - mein Gott, was war
das? Slim hing wie ein geschlachtetes Tier an der Felsenkante, die eilende
Wassermassen im Schuss übersprangen. Sein nasses Hinterteil stand in die Luft,
Kopf und Beine waren von schäumenden Wassern umbrandet. Ein paar Sekunden
vergingen; dann drehte der Strom die Beine wie ein Steuer herum und hob den
Körper über die Zinke. Slim schoss den steilen Bogen mit dem Wasserschwall in die
Tiefen hinab.
    Wir trugen unsere Pistolen am Leibe und eröffneten ein andauerndes Schiessen,
bis die Indianer mit dem halbfertigen zweiten Boot und geflickten und gedrehten
Lianensträngen uns holten. Als van den Dusen und ich am Lande standen, sahen wir
uns wortlos an und sahen schnell weg. Der Holländer lachte. Das Wasser hatte ihn
erfrischt.
    Wir verloren kein Wort über das Ereignis. Kein Wort des Bedauerns kam über
unsere Lippen, wenn wir an Slim dachten. Wir dachten gar nicht an ihn. Träge
blickten wir in das heisse Wetter. Wir waren von dem Ereignisreichen der letzten
Stunde gesättigt, unsere Einbildungskraft besass keinen Spielraum mehr. Unser
Gemüt behandelte die Angelegenheit als glatte Rechnung.
 
                                      XXIX
Van den Dusen trug seit neuestem schwarze Augengläser, grosse Reliefe an
Gummizügen. Es flimmerte ihm vor den Augen. Er sah fette rote Wolken aufsteigen
und getragen dahingleiten. Er hatte entschieden zuviel in das gleissende Trugbild
der Wasser gesehen, als wir damals mit Slim oberhalb des Wasserfalles mit den
Reusen ausgezogen waren.
    Auch ich hatte seit damals einen Klaps weg. Die Hitze war gross und unsere
Organe erlitten Störungen. Ich fühlte einen seltsamen Ton im Ohre sitzen, einen
unaussprechlichen Klang, der mich quälte. Wenn ich in mich versunken eine
mechanische Arbeit verrichtete, ertappte ich mich plötzlich auf der Anstrengung,
ihm eine Form zu geben. Es misslang. Ich träumte ihn. Er schien von allem
auszugehen. Mir graute; alles schien ihn nachzuahmen. Die Enge, Einsamkeit und
Hitze dieses Daseins brütete die geringste irrationale Empfindung zu einem
Monstrum von Erscheinung aus.
    Es war, muss ich sagen, ein niederträchtiger Ton. Er hatte etwas von dem
Singsang einer lax gewordenen Saite. Auf irgendeinem Umwege des Gefühls brachte
ich ihn übrigens mehr oder weniger willkürlich mit van den Dusen in
Zusammenhang. Unser gegenseitiges Verhältnis verschärfte sich wieder. Wir waren
eben beide von erheblicher Nervosität; wir verloren den Kopf, denn Slim fehlte
an allen Ecken und Enden, und der Bau eines neuen Bootes ging nur langsam
vonstatten. Es irritierte mich, dass van den Dusen eine pechschwarze Brille trug.
Er hatte schlechte Augen! Gut. Das war eins. Es gab aber noch ein zweites.
Dieses zweite war, dass er die Gläser nur aufnahm, um mich dahinter zu belauern.
Er war kindisch geworden, der Alte, in diesem Mangel an Abwechselung. Ich wusste,
dass seine Augen sich schämten; wie durch Schiessscharten suchten sie mich aus
ihrem schwarzen Schatten hervor, auch wenn er mit seinen Ovalen in eine andere
Richtung blickte. Er spielte Verstecken wie ein kleiner Junge, er bildete sich
gleichsam etwas auf ein Sondergeheimnis ein, dessen geheimnisvoller Ausdruck die
halb verhüllenden, halb verräterischen schwarzen Gläser waren. Er machte
fühlbar, dass er unsichtbare Augen besässe. Ich war im Rechte, es ihm zu verübeln.
Er aber war bereits so verwildert, dass ihm diese Koketterie ein
ausserordentliches Vergnügen bereitete. Er trug das Ding wie ein Eingeborener,
der sich damit noch begraben lassen würde. Darum standen wir auf unfreundlichem
Fusse und unsere Gespräche waren voll von Launen.
    Am wenigsten verstand er, dass ich an jenem Tage, als Slim ins Wasser fiel
und ertrank, so schwächlich geblieben war. Ich hatte aber auch rein gar nichts
gerudert! - Ich fühlte, wie er mich wieder von der Seite her ansah, während die
dunklen Linsen an mir vorbeizublicken schienen. Das Blut stieg mir in den Kopf.
Wir waren zu weit herabgerudert, die Strömung hatte uns fortgetrieben und wir
hatten uns zu wenig gewehrt - van den Dusen sagte nur, dass ich zu wenig gerudert
hätte. Er sagte sonst wirklich nichts. Und es legte sich mir aufs Herz, dass er
vielleicht recht hätte. Der Zusammenhang wurde drohend und deutlich klar. Ich
stand auf, um mich nicht zu vergreifen.
    Wie ist eigentlich alles gekommen? Wissen Sie's? Nein. Und Sie? Ich auch
nicht. Er verstand es nicht, wie Slim ertrinken konnte. Dass das Boot umkippte,
gut, das war also auf unsere Nachlässigkeit zurückzuführen. Aber Slim, war Slim
nicht ein vorzüglicher Schwimmer? Er fasste nichts, rein gar nichts, er zuckte
mit den Achseln und gestand, dass ihn sein gewohnter Scharfsinn hier verlasse.
Nun war die Reihe an mir. Aufs Geratewohl setzte ich ihm zu; ich quälte ihn, bis
sein Gesicht zuckte und der arme Mensch aufstand und mich allein liess. Er war
rückwärts gesessen - ja; aber er hatte genug mit sich selber zu tun gehabt, als
er kopfüber ins Wasser sprang und mit ein paar kräftigen Stössen aus der Strömung
herausschwamm. Er konnte es ja nicht ahnen, dass Slim Hilfe brauchte; Slim,
dieser Mordskerl; und Slim hatte auch kein Wort mehr gesagt, kein
Sterbenswörtchen mehr, man bekam weiter gar nicht Notiz von ihm, bis er da vorne
an den Zinken hing. Wenn man wenigstens von der Leiche etwas zu sehen bekommen
hätte! Das Boot war zersplittert unten angelangt und wurde Strecken abwärts ans
Land gespült. Die Leiche aber blieb im Wasserwirbel zurück. Dort hielt sie
vermutlich der Fall unter einem steifen Drucke fest, trat sie immer wieder
zurück, wenn sie Auftrieb bekam, und spielte, ein formloser Sack Knochen, wie
sie sein mochte, Fangball mit ihr bis in alle Ewigkeit.
    Van den Dusen legte Wert auf die naturalistische Beschreibung ihres
Zustandes. Man erkannte, dass er ein gutes und gesundes Gewissen besitzen musste.
Er ging höflich und voll Zarteit von mir hinweg. Aber ich sah wohl, dass er mich
belauerte. Durch hundert Kleinigkeiten wurde er zum Verräter an sich; und
anderseits liess sein Benehmen keine Zweifel darüber, dass er mich durchschaue.
Und dann gab es diese Überraschungen, wenn wir einander auf dieselben Gedanken
kamen.
    »Ich gehe heute jagen«, sagte ich. »Kommen Sie mit?« »Nun ja, warum nicht?«
gab er zur Antwort, aber sie kam unbehaglich aus ihm heraus. Ich nahm Büchse und
Kartusche um. »Na, wissen Sie, John, ich habe eigentlich heute keine Lust dazu.
Bleiben Sie lange aus? Bis Abend, so? Also, ich bleibe lieber doch hier!« Ich
schulterte und drang an irgendeiner Stelle in den Djungle ein.
    Aber ich jagte nicht. Ich kauerte mich in das Gebüsch und spähte sorgsam auf
den Lagerplatz hinaus. Dort kam nach einer Weile van den Dusen zum Vorschein.
Man konnte bemerken, dass er sich über die Bagage beugte und mit den Händen
tastete. Ich sass auf altbewährtem Posten, schien es mir. Wo und wann war ich
genau an dieser Stelle hier im Gebüsch gesessen und hatte die Flussbank
ausspioniert? Meine Augen blinzelten, und dieses Blinzeln machte mich
aufmerksam. Richtig; damals musste ich etwas vor den Augen gehabt haben. Den
Zwicker? Vielleicht; oder ein Fernglas? Oder -? Halt, ein Binokel! Die
Erinnerung konzentrierte sich auf die Augen, die Nerven dort herum stellten sich
auf einen alten Reiz ein; ich spürte zwei Rundungen vor den Augenhöhlen,
plötzlich wuchs daraus das Bild eines Binokels hervor. Ach, damals war es Slim
gewesen! Wie sich alles im Leben wiederholt, wie du doch immer wieder in die
gleiche Situation gerätst! Da sass ich und führte denselben moralischen Kampf mit
mir wie damals Slim. Denn schon seit einiger Zeit, da ich hier sitze, greift die
Unruhe nach mir, und nun habe ich mich gegen irgend etwas zu verteidigen. In
diesem Augenblicke richtet sich van den Dusen drüben in die Höhe. Slims Gewehr
ist nicht zu finden. Unbegreiflich, wohin es verschwunden ist? Hähä! Merkwürdig!
Am Ende hat es einer von den Indianern genommen, hä, und darum muss man diese
Burschen näher in Augenschein nehmen, ob nicht einem von ihnen etwa das Gewehr
aus der Tasche hervorstünde? He? Van den Dusen richtete seine beiden schwarzen
Ovale deutlich wie Kanonenrohre auf die Indianer, die ihr Mittagsschläfchen
hielten. Und doch hätte ich gewettet, dass er in diesem Moment einen Blick zu mir
herüberschnellte, einen knappen dichten Blick, den ich ahnen sollte, um ihn
nachdrücklicher wahrzunehmen. Er war überaus berechnend. Um mich zu betrügen,
überliess er es mir, ihn zu erraten. Als er die Büchse nicht fand, schritt er
rechter Hand den Fluss hinauf, gegen die Wasserfälle zu. Er schob den Revolver
vor den Bauch, rückte den Gürtel praktisch zurecht. Jeder, der nun zum Beispiel
schurkisch genug war, ihn im Gebüsch zu beaufsichtigen, war gewarnt.
    Und nun wollen wir einmal rechnen. Aufgepasst, ihr, die ihr in Gebüschen
sitzt und eure Mitmenschen belauert. Jetzt werdet ihr erleben, wie van den Dusen
mit einem Revolver oben beim Wasserfall Jagd machen geht. Der Hauptspass kommt
aber erst. Ihr hinter dem Gebüsche, ihr schmutzigen Buschleute, habt jetzt in
eurer Blamage nichts Eiligeres zu tun, als schleunigst von eurem schandbaren
Posten zu verschwinden! Wartet! Tausend gegen eins, dass ihr jetzt Hals über Kopf
zu den Wasserfällen hinausgaloppiert. Aber dort werdet ihr van den Dusen nicht
vorfinden. Van den Dusen kennt eure Räsonnements, er riecht eure
Indianerschliche; und kommt er jetzt wieder am Lager vorbei, so seid ihr schon
längst auf und davon und treibt euch nutzlos am oberen Flusslauf herum.
    Hm. Da wäre also wieder das Lager und unser Mann. Er sieht strapaziert aus,
er hat Gedanken. Verdammt, denkt er; sitzt hier nun einer im Busch oder nicht?
Vielleicht habt ihr Buschleute doch zu wenig Gewissen gehabt, um euch aus eurer
schmachvollen Position wegzurühren, da ihr nun einmal durchschaut seid. Dann
sitzt so ein Lauerfritze jetzt da im Busch und schiesst dem armen, gehetzten
Charlie, weil er ein bisschen superklug im Rechnen ist, ein Loch in die Kleider.
Vielleicht aber hattet ihr im Gegenteil soviel Gewissen, dass ihr nicht einmal
die bösen Gedanken des anderen rechtfertigen wolltet und euch gar nicht im
oberen Teil des Djungles herumtreibt, sondern nach dem unteren ausgerissen seid,
gleichsam vor euch selbst und vor der Versuchung. Je nun, Gewissen habt ihr
keines; damit kann man rechnen; wohl aber Schlauheit statt des, eine Schlauheit,
die euch berechnet, dass der andere euch trotz eurer Schlauheit, gleichsam als
aus Feinheit derselben, im Verdacht von Gewissen hat. Unter solchen Umständen
wäret ihr schon Meilen weit über die Berge flussab, und die Luft hier herum wäre
rein. Vorausgesetzt, euer Gewissen ist nicht derart verfeinert, dass ihr einen
möglichen irrtümlichen Zusammenstoss vermeiden wollt, der aus einem Schritt mehr
oder weniger im Denkprozess des Gegners folgen kann. Das aber muss vermieden
werden. Ihr könnt nicht ein Gewehr gegen eine Pistole konkurrieren lassen. Das
Ganze ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, he? Dass sich die Berechnungen zweier
Menschen über ihre gegenseitigen Unternehmungen decken, ist einmal
wahrscheinlich; dass der eine dem anderen aber um einen Punkt voraus oder zurück
ist, ist beide Male wahrscheinlich. Die Chancen liegen also hier. Jemand, der
sich zum Buschklepper talentiert weiss, flüchtet sich aus Gewissensfeinheit
weitab vom Ort der Verführung. Er streicht freiwillig die letzte Möglichkeit, da
er nicht erwartet, dass es der andere tut. Bei dieser Logik siegt der, der dem
anderen den Vorsprung lässt; denn er hat ihn berechnet. Angenommen, ihr sitzt
hier hinter dem Busch, so sitzet ihr gewiss nicht dahinter, denn ihr könnt es
euch an den Fingern abzählen, dass man von euch erwartet, ihr sitzet dahinter. Da
ihr aber gewiss nicht dahinter sitzet, muss man, um euch nicht zu treffen, sich
dortin begeben, wo ihr nach aller Wahrscheinlichkeit hingelaufen seid. Also
los, Aufbruch flussab, um den armen Sünder nicht in Versuchung zu bringen, der
hier, um den Gesetzen seines Triebes und vielleicht seines Fatums zu trotzen,
hinter dem Busch sitzt. Man muss Rücksicht nehmen auf solche Veranlagung und ein
bisschen entgegenkommend sein. Vorwärts marsch!
    Da hatten wir das Malheur. Van den Dusen ging ein Stück Weges flussab, kehrte
sich plötzlich um und schwankte auf das Gebüsch zu. Was war geschehen? Hatte er
eine Masche in seinen Berechnungen ausgelassen oder zuviel aufgenommen? Wie ein
ertappter Dieb flog er ins Gebüsch herein, arbeitete rasend mit Händen und Füssen
und sah sich misstrauisch nach rückwärts hin um. In der nächsten Sekunde stand er
vor mir. Verdammt. Was war da zu machen?
    »Ach, guten Morgen«, sagte ich. Es war drei Uhr nachmittags. Sein Gesicht
war aschfahl. Er zitterte und bekämpfte eine Schwäche in den Knien. »Ja«, sagte
ich, »ich bin es wirklich. Sie sehen mich hier auf der Lauer nach unseren roten
Spitzbuben. Ich möchte wissen, was das Gesindel treibt, wenn es unter sich ist.
Unser Gepäck nimmt reissend ab. Ausserdem, haben Sie es schon bemerkt, stecken
Checho und Zana stets zusammen.«
    Van den Dusen betrachtete mich mit Kennermiene, er schob seine Ovale wie auf
Fühlhörnern vorwärts. »Ach so?« sagte er. »Da fällt mir ein, Slims Büchse ist
verschwunden. Die hat gewiss das Pack geklaut.«
    »Slims Büchse, wieso - ach ja, richtig, das ist mir auch schon aufgefallen.
Das ist aber wirklich - es ist jammerschade, es war solch ein gutes Stück!«
    »Ja, nicht wahr. Sie war ja ein unheimliches Prachtstück. Aber sie ging so
leicht los. - Es war etwas nicht ganz in Ordnung damit. - Es war, glaube ich,
gefährlich, damit zu hantieren - - - Slim selbst war ja vorsichtig. Aber wenn
nun jemand dabei in der Nähe ist - stellen Sie sich vor, dass die Geschichte mir
einmal aus der Hand gelaufen wäre, während wir zusammen jagten - ja, nicht wahr,
denn schliesslich wäre sie ja doch an mich gefallen!« Wir lachten beide laut und
angeregt über seine verwegenen Spintistereien und schüttelten uns die Hände. Es
wurde beschlossen, dass wir aufwärts zum Wasserfall hinaufgingen. Eine kleine
Flusspromenade, ein Stückchen Naturschönheit, nicht wahr, haha. So lenkten wir
denn unsere Schritte im Flussbett aufwärts.
    Van den Dusen sah sich öfter um. Gegen das Ende des Weges zu wurden seine
Schritte immer langsamer. Eigentlich war es hier ein bisschen fade! Er ging nicht
gern herauf seit Slim tot war! Was war das für ein merkwürdiges Gebüsch? Er
blickte alles aufgeweckt an, suchte nach Einfällen zu einem Gespräch und
übertrieb. Das Leiden hatte ihn übermässig geschärft; seine Phantasie war von
Gewissensbissen gedrängt und konstruierte intellektuelle Ereignisse, unechte
Tatsachen, die sein Schuldgefühl weckten. War nun der Djungle wirklich so rot?
Er beklagte sich, dass er unausgesetzt Prozessionen von roten Ringen und Ballen
vor Augen sehe. Das käme vom Magen. »Merkwürdig ist das mit Slim doch
zugegangen«, sagte er mittendrin. »Denken Sie, ich bin beinahe überzeugt, dass
die Leiche trotzdem irgendwo ans Land gespült ist. Sie kann doch nicht immer im
Wirbel geblieben sein, sie muss einmal einen faulen Augenblick benutzt haben, um
aufzutreiben. Vermutlich ist der ganze Körper zertrümmert, der Kopf ist
wahrscheinlich stark von Brüchen und Schürfungen entstellt. Ich sehe das vor mir
- Sie nicht auch? Geht es Ihnen nicht auch so? Es kommt mir öfters in die
Vorstellung. Wissen Sie, was ich mir in der letzten Zeit schon oft gedacht habe?
Ich nehme an mir so etwas wie eine hellseherische oder telepatische Kraft wahr.
Ich habe gehört, dass es das gibt. Manche Menschen sehen entfernte Personen vor
sich; sie wittern sie von einer bestimmten Stelle im Raume ...«
    »Das ist die Wirkung der Sonne. Es dürfte nur auf die verschärfte
Innerlichkeit des Erlebens zurückzuführen sein. Die Inder behaupten diese
Disposition zu besitzen. Aber es konnte nirgends bewiesen werden.«
    »Das habe ich früher auch gedacht. Aber es beschäftigt mich nun schon seit
mehreren Malen. Ein anderer Fall ist zum Beispiel die Leiche. Sie geht mir nicht
aus dem Kopfe. Glauben Sie, dass die Leiche unversehrt ist - das heisst, sie ist
natürlich verquollen und aufgeschwemmt, aber ich meine, glauben Sie, dass der
Körper intakt sein könnte? Das Ruder, das ich gefunden habe, sah ganz gut - - -«
    »Ah, Sie haben ein Ruder gefunden?«
    »Ein Ruder? - Nun ja, allerdings. Ich sah es eines Tages da vorne am Sand
liegen. Es war ganz erhalten, und man hätte es vielleicht auch benützen können;
aber, aufrichtig gestanden, es hat mich davor ein bisschen gefroren. Es ist
vielleicht kindisch, ich kann mir aber nicht helfen, und so habe ich es denn
wieder in den Flussgang geworfen. Vielleicht ist es weiter unten im Seichten
wieder aufgefahren. Man könnte es also noch finden!«
    Als wir ein Stück weitergegangen waren, begann van den Dusen abermals von
Slim zu sprechen. »Es ist doch seltsam, wenn man sich vorstellt, dass Slim tot
ist; dass es fix und fertig ist mit ihm; da er doch ein Mensch voll Lebenskraft
war - man kann es kaum fassen. Ich muss sagen, ich habe ihn eigentlich sehr gerne
gehabt. Er war ein sympatischer Mensch, ein guter Kamerad und ohne alle
Hinterlist. Und dann hatte er auch brillante Ideen. Er war eine wirkliche
Jägernatur, in jeder Beziehung. Finden Sie nicht?«
    »O ja; ich denke es auch. Es hätte was aus ihm werden können. Es ist
lächerrlich, dass er so zugrunde ging. Er war besser als irgendein Mensch, er war
stets sehr übertrieben, aber dabei besass er doch eine eigentümliche Harmonie. Er
hatte soviel überwunden. Und das Beste war, man konnte ihn hinstellen, wo man
wollte, er passte überall hinein. Ich speziell - -«
    »Ja, seine Harmonie war wohl da; er sprach wenigstens immer davon. Aber er
war doch auch sehr zerrissen, wie man so sagt, so kompliziert, er hatte eine
Neigung zum Paradoxen. - Was ich noch sagen wollte: er hat da zum Beispiel diese
eine Idee von den Tropen gehabt. Damit war er sicher im Rechte. Sie kennen sie
doch, er sagte, der moderne nervöse Mensch sei eigentlich nur eine Art Wilder,
ein Mensch mit geschärften Jägerinstinkten. Ich glaube, er hatte recht. Sollten
Sie diese Zustände nicht kennen?«
    »Nun ja. Ich weiss nicht recht. Ich kenne es möglicherweise schon, aber ich
lege dem kein Gewicht bei. Sie überschätzen mich wahrscheinlich, haha, ich bin
ein ganz simpler, normaler Kadaver mit Durchschnittsnerven. Ich bin Ingenieur,
wie Sie wissen, also Realist, bei uns gibt es derlei Verwicklungen des
praktischen Lebens nicht. In mir sehen Sie einen ehrlichen, geraden Kumpan mit
menschlichen Instinkten, einen, der keinem Käfer was Böses tut, einen, der lebt
und leben lässt. Das, was Slim über derlei Sachen dachte, ist gewiss sehr fesselnd
und amüsant - ich für mein Teil habe aber durchaus keine Prätention zum
Nervenmenschen. Sie fühlen sich also krank. Das kommt vom Magen, Charlie, wie
Sie vorhin sehr richtig gesagt haben. Sie vertragen einfach diese langweilige
Kost auf die Dauer nicht.«
    Van den Dusen sagte: »Aber Johnny, Sie sind ein Unglücksmensch, wenn Sie so
gesund sind. Übrigens ist das erst die Frage. Jetzt wollte ich Sie dekorieren,
ich glaube Slim aufs Wort, dass Nervosität ein Gradmesser der natürlichen
Intelligenz ist. Der moderne Mensch läuft durchs Leben wie ein Indianer. Er ist
immer am Sprunge. Er ist immer in Fühlung mit den Dingen. Er ist gleichsam der
Scharfschütze - er hat den entferntesten Reiz wie eine Kugel im Lauf, er hat
schon getroffen, bevor es noch losgeht. Sie verstehen, was ich meine. Für einen
guten Schützen ist sein Gewehr zusamt der Flugbahn des Geschosses nur gleichsam
ein langer Arm, er beherrscht die ganze Distanz wie ein Organ; wenn er zielt,
wippt er mit der Distanz wie mit einem Peitschenende - so geht es auch dem
Nervenmenschen. Er hat alle Geschosse im Lauf - er ist ungeheuer voll mit
Möglichkeiten, mit Treffern; er hat die Distanz in der Faust. Und nur ein
solcher Kerl konnte das entwickeln, was wir Intelligenz nennen, nur ein solcher
konnte die distanzüberwindende Maschine erfinden. Wollen Sie das nicht zugeben?
Das ist doch klipp und klar?«
    »Ach Gott, ja«, sagte ich, »ich bin doch selbst vom Bau, ich müsste das doch
auch wissen. Ich bin in derlei Sachen ziemlich skeptisch. Woher wissen Sie denn
das alles, wenn ich fragen darf? Wozu denn eine einfache Tatsache durch
meilenweite Erklärungen romantisch gestalten? Ich bin prinzipiell dagegen. Woher
nehmen Sie das alles?«
    »Woher? Wenn Sie damit meinen, dass ich es von Slim habe - na ja, das ist
wieder so ein Fall. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, dass man im Leben die
Standpunkte innerhalb einer Situation wie Handschuhe wechselt? Es ist
unerklärlich, aber es ist doch so. Ich habe da früher, als Slim noch lebte,
seinen Ideen stets den Rücken gezeigt. Aber auf einmal denke ich darüber ganz
anders und ich bin überrascht, dass ich bei Ihnen auf so prinzipiellen Widerstand
stosse. Ich dachte nämlich bestimmt, Sie kännten das auch. Denn seit ich es
kenne, und das ist nun schon ziemlich lange her, habe ich darüber nachgedacht.
Die Maus zum Beispiel lebt in steter Angstneurose. Bei einem Pferde ist es
ausgemacht, dass seine Scheubarkeit in geradem Verhältnis zu seiner Güte steht.
Nun sehen Sie aber mal in einen Djungle hinein: wieviel krankhafte
Aufmerksamkeit und Wachsamkeit hier herrscht. Wie hier alles auf den Zehen und
als wandelndes Arsenal von Beobachtungen geht. Ein solches Tierherz hat keinen
Augenblick Ruhe, es kommt aus dem Pochen nicht heraus. Es riecht, ja riecht
überall den Feind. Es hat einen ganz subtilen, nahezu schon übersinnlichen, ja
telepatischen Apparat in seinen verflixten Nerven. Und genau so wie diese
Bestie aus den Tropen lebt heutzutage der Mensch, ein aufreibendes, gefährdetes,
wildes Leben. Es sollte mich wundern, wenn Sie das nicht verstehen!«
    »Nicht verstehen, davon ist keine Rede. Ich verstehe es wohl. Ich kann es
aber nicht billigen. Ich finde, das ist alles - Jägerlatein.«
    »Jägerlatein, ja, das ist es wohl. Da haben Sie einen Fund gemacht. Es gibt
heute mehr Jägerlatein als je. Ich werde überhaupt ein Buch schreiben, das
Jägerlatein heisst. Das fügt sich gut, Sie treten mir doch das Wort ab? Das ist
es ja gerade; gerade weil heute das Jägerblut durchschlägt, gibt es auch mehr
Jägerlatein, das gehört mit zur Sache. In diesem Worte haben Sie vielleicht den
ganzen Slim. Seine Harmonie bestand darin, dass er alle diese negativen Dinge,
dieses Krankhafte, Neurastenische, Sinnliche und Barbarische in uns betonte. Er
war einfach das gotische Prototyp.«
    »Charlie, um Ihre Nerven zu beruhigen, schreiben Sie schnell ein Buch, das
die Goten heisst.«
    »Die Goten sind nämlich die blonden Indianer. Ist die Ähnlichkeit dieser
knochigen, langen, mit scharfen Nasen versehenen Profile denn ein Zufall? Ist
die von den Römern bemerkte Schärfe der Augen denn ein Zufall? Ist es ein
Zufall, dass sie beide lange federnde Knochensysteme haben? Ich wage die
Behauptung, ein ähnlich sinnliches Volk, wie die Goten, hat es vorher nur als
Indianer gegeben. Schauen Sie sich die alten germanischen Yankees, bevor die
heutige Keltisierung noch eingesetzt hatte, an. Da ist gar kein Unterschied mehr
bis auf den Teint. Und wenn Sie eine Reise mitten in die Tropen unter ein
indianisches Volk hineintun, was erleben Sie da anders als eine Art Gotik? He?
Ich frage einen Menschen, ob das nicht auffallende Dinge sind? Die Goten sind
ein nervöses Volk von Urbeginn an. Als sie nach Europa kamen, Johnny, nehmen Sie
Ihre Schulvergangenheit zusammen, was fanden sie da? Ja, da fanden sie den
Bürger, den Ureuropäer, den Flachschädel, verstehen Sie? So lange sie sich
rassekräftig hielten, hatten sie eine prachtvolle wilde Kultur, ein
wunderschönes edles Ding von Leben. Dann aber ging die Rasse der Langschädeligen
mit den monströsen Gehirnbildungen in der der Flachköpfe unter. Ihre hysterische
Kultur versank in einem apatischen Mittelmass. Aber die Zeit ist jetzt wieder
vorüber. Die gotische Jägerrasse setzt sich siegreich im Mischblut der
Kontinente durch. Slim, fürwahr, ist trotz seiner Unzen Afrika und Peru ein
solcher Gote gewesen!«
    »Zweifellos, zweifellos, das ist alles nicht unsympatisch. Ich glaube Ihnen
auch gerne, dass Sie ein solcher Nervenmensch, ein solch gotischer Nervenmensch
sind. Ich kann das ja nicht wissen, ob Sie an Angstzuständen leiden oder nicht.
Und Slim ist zweifellos ein schwerer Hysteriker gewesen. Er hat es mir selbst
einmal gesagt, er hat eine fabelhafte Berechnung für die seelischen Prozesse
seiner Umgebung gehabt. Aber es ist mir unverständlich, was das mit diesen
Indianern zu tun hat. Das ist alles Aas. Das faulenzt - wo bleibt die
Entwickelung, die Technik, das Geistige?«
    »Ich sehe wohl«, sagte van den Dusen, »hier fehlt es mir an Studium. Ich
weiss das noch nicht. Aber wissen Sie etwas von dem Sittensystem dieser Leute,
von ihrer Erotik, ihrer Kunst - - das alles mag sich ja nach einer anderen
Richtung entwickelt haben, durch einen Zufall aber überhaupt nicht. Und dann
sind Sie diesmal ein schlechter Psychologe. Der Indianer wäre zu stolz, um den
Goten etwas abzunehmen, das nicht aus ihm selber kommt. Unterschätzen Sie diesen
Stolz nicht. Nehmen Sie bloss den einen Fall an: zwei Menschen gehen
nebeneinander und der eine hat einen Einfall, der andere hat ihn nicht und
erkennt ihn deswegen als für sich ungültig an. - - Oder der andere hat ihn auch,
jetzt geschieht aber das Unglück, dass der andere ihn früher äussert - -«
    »Sie sind ein Schüler Slims!«
    »Mhm! das mag sein. Ich habe Slim vielleicht beerbt. Es gibt doch ganz
merkwürdige Beziehungen. Adieu, Johnny! Ich kehre jetzt um, ich glaube, ich
bekomme wieder Fieber. Am besten ist es, Sie gehen gleich hier in den Djungle.
Beim Wasserfall müssten Sie über die Felsen. - Bessern Sie sich, Johnny!«
    Wir sahen uns an. Ich trat als wurmartiges tintenfarbiges Wesen mit einem
kugelrunden Kopfe in seine Ovale. Sein Mund schien schmerzlich verzogen. Er ging
mit eigenen Schritten den Weg zurück, mit parallel gestellten Füssen und
gewölbten Schenkeln, so dass die Hosen prall anlagen. Es war etwas Neuartiges in
seinem Gang, etwas Schleichendes, das an Slim erinnerte. Und nun sah ich ihm
gleichsam von hinten her sein Gesicht an, es war bärtig, aber hinter dem Bart
hatten sich lange strähnige Falten gebildet. Es war das Gesicht, wie es rasch
lebende, gespannte, hysterische Rassen besitzen. In der Tat, er hatte jetzt
einige Ähnlichkeit mit Slim.
 
                                      XXX
Als ich über mehrere Kanäle gesprungen war, von einem Fusshalt mich zum anderen
schwingend, stand ich seitlich links vom herabrauschenden Wasservorhange vor der
grossen Spaltklippe, die ich suchte. Ich musste hinter sie treten, weil vornean
das Wasser in einer Art Rückstoss an ihrem Fusse emporschäumte; dahinter aber war
es still und seicht und drehte langsam einige weisse Flocken im Kreise. Hier
turnte ich mich noch ein Stück in die Höhe und griff mit der Rechten in den
Spalt - nichts war zu spüren. Ich schob den Kopf in Spaltöhe - sie war weg. Die
Büchse war weg.
    Slims Büchse war weg. Oh, ohoh! Das Wasser ging rund in elipsenförmiger
Strömung. In der Mitte ragten zwei niedrige Klippen auf, zwischen denen ein
gekenterter Balken stak. Ich konnte mich nicht entsinnen, die Klippen bereits
bei meinem ersten Besuche entdeckt zu haben; aber während ich das Lokale
instinktiv nach den Indizien des Büchsendiebes besichtigte, erregte gerade diese
Veränderung meine Aufmerksamkeit. Die Klippen waren unregelmässige Pyramiden, mit
zehn bis zwanzig Zentimeter die Wasserfläche überragend. An der höheren der
beiden waren deutlich zwei Feuchtigkeitsschichten abgesetzt. Das Wasser mochte
also seit den letzten drei Tagen im Abschwellen begriffen sein, irgendwo am
Oberlauf war eine natürliche Schleuse entstanden und der Wasserstand nahm darum
an diesem Platze ab. Als ich die Umgebung auf diese Beobachtung hin noch einmal
musterte, schien sie sich überhaupt verändert zu haben. Der breite schleimige
Wasservorhang zeigte Trennungen, er war schmächtiger geworden und hatte sich
stellenweise zu Tropfen und langen Zacken zersetzt. Kein Zweifel, das Wasser war
weniger geworden. Und jetzt wurde es auch erklärlich, warum dort zwischen den
Klippen ein Stück ausgehöhlten Balkens, ein Getrümmer unseres einstmaligen
Bootes, feststak. Der Wirbel, der nicht mehr genug Nahrung erhielt, war in
seiner Kraft eingegangen und hatte die mitgeführten fremden Bestandteile an
ihren Auftrieb zurückgeben müssen. Die Holzstücke kamen an die Oberfläche und
trieben seitab.
    Die Holzstücke! Der Eingang in die Höhle hinter dem Wasserfall war leichter
denn je. Nach einigen taktischen Flankenbewegungen hatte ich die stärkste Zone
der Sprühregen hinterm Rücken. Durch den feinen Nebel hindurch flossen die
zarten Säulen eines Spektrums und überzogen die Objekte, die sie streiften, mit
einer Schicht in der Art bunten Schimmels. Ich bückte mich, um das eine, das
gleich vorne beim Eintritt mein Interesse festielt, anzusehen. Es war ein gut
erhaltenes Ruder, wie es Indianer schnitzen. Um allen Zweifel zu beseitigen, sah
ich an der Stange hinauf; dicht vor dem kreuzartigen Endknauf bestand die
Struktur aus drei charakteristisch parallelen Schlangenlinien. Diese Laune der
Faserung heimelte mich an. Ich hielt ein bekanntes Stück in Händen. Kaum war ich
zu diesem Schlusse gelangt, war ich reif für die Entdeckung einiger anderer
nicht mehr ganz geheurer Dinge. Hier war sozusagen ein Bündel Ruder abgeworfen
worden, sie lagen, ihrer Stücke drei, wie ich jetzt erst nach der Aufnahme des
obersten sah, mit ihren Mittelpunkten sternförmig übereinander. Es war ein
merkwürdiges Spiel des Wassers, das sie in dieser Lage ans Feste geschwemmt
hatte und ich ziehe daraus den Schluss von einer Art Anziehungskraft des Holzes,
vielleicht des feuchten Holzes. Es war die komplette Garnitur eines kleinen
Bootes, zwei Ruder und ein Steuerruder; sie waren schwer und mit Wasser
vollgesogen. Im übrigen schien die Stelle, wo sie wahrscheinlich eine Zeitlang
im Wirbel rotierten, sehr tief und klippenlos gewesen zu sein, denn die Ruder
waren intakt, bis auf das etwas längere Steuerruder, dessen eine Kante eine
zahnige Scharte aufwies. Wenn man nun bedachte, dass diese Gegenstände bei ihrem
Fall nicht zerschmettert wurden, weil sie im Wasser auf keinen harten Widerstand
trafen, konnte man Hoffnung hegen, dass auch der Körper eines Menschen keinen
Schaden genommen haben musste. Unbegreiflich war es, warum sonst auch nicht ein
Span von dem infolge seiner Grösse zerspellten Boote hier gestrandet war. Die
Ruder lagen ganz allein in ihrer friedlichen Formation am Grunde einer Senkung
des rissigen Felsenbodens. Aber dort lag ja, wie ich in dem grünlichen Scheine,
der trotz der Lücken des Wasservorhanges die Höhle umflorte, erkennen konnte,
ein Etwas, dessen Form mir im ersten Augenblicke undefinierbar schien. Es war
ein grauer Sack und lag auf einem Terrain, das wir schon beim ersten Besuche der
Höhle betreten haben mussten. Während die Ruder dort lagen, wo früher Wasser
gestanden hatte, schien hier das Wasser niemals hergedrungen zu sein. Der Sack
lag nahe am Grunde der schiefwandigen Höhle. Aber ein Umstand sprach doch dafür,
dass in der Zeit zwischen dem ersten Besuch und meinem heutigen hier Wasser
eingedrungen und wieder zurückgetreten war. Denn ein pestilenzartiger Brodem
stieg von dem mit allerlei Stagnationsresten überzogenen Felsenboden auf. Ja,
der Geruch war diesmal stärker, als ich ihn das erstemal hatte beobachten
können. Es lagen also alle Anzeichen dafür vor, dass der Wasserfall und die
Wassermenge stieg und fiel, sei es nach innewohnenden Gravitationsgesetzen, sei
es aus rein äusserlichen Gründen, Niederschlägen, Dammbrüchen grösserer Becken
oder dergleichen. Gewiss war dadurch die Hoffnung auf eine künftig einmal grössere
Wassermenge befestigt, deren erstes Auftreten ich in meinem früheren
Fieberzustande nicht bemerkt hatte. In Zukunft konnte uns diese Spezialität des
Flusses für eine Verschiffung südwärts tauglich werden. Nun, und jener Sack
dort, was hatte es mit ihm für eine Bewandtnis?
    Es war ein grauer ballonartig geblähter Sack, der an dem einen Ende in einen
mit langen Haaren versehenen Kopf, ja einen Kopf, auf der anderen in ein Paar
aufgedunsener langschaftiger Rubberstiefel ausmündete. Der Kopf war, trotz
seiner abnormen Kugelform, ein Menschenkopf. Die Modellierung des Gesichtes war
unter er Expansion der Haut verloren gegangen. Das Haupt- und Bartaar hing in
langen flossigen Strähnen darüber hin; der Anblick entielt nichts
Schreckliches, sondern mehr etwas Lächerliches, denn an dieser Leiche war nichts
Menschliches mehr zu erkennen. Ich zündete ein Streichholz an, zwei, drei, sie
verlöschen sofort, aber in den Augenblicken ihres Aufflammens sah man über der
linken Schläfe einen dicken roten Fleck, eine starke Schwellung dieses
Kopfteiles. Der Kopf erhielt dadurch eine blöde unsymmetrische Form. Ich hielt
mir das Schnupftuch vor Nase und Mund und sah neugierig in dieses Gesicht, um
etwas Bekanntes darin zu finden. Aber es war auch nicht ein Zug darin, der mich
an etwas erinnert hätte. Es war das Gesicht einer stupiden grossen Katze, mit
grünlich blasser Haut und Zottelhaaren. Die Augen stachen falsch und kalt unter
den ungleich geschlossenen Lidern hervor. Diese selbst waren verletzt, sie waren
zerrissen und krustig vom Blute. Sonst hatte das Wasser von aussen und die
Fäulnis im Innern allen Charakter und alle Seele aus diesen Muskeln unter der
Haut verbannt, und was geblieben war, war nichts als ein stumpfes grosses
Tiergesicht, das kein Mitleid erregte.
    Ich holte das lange Steuerruder und versuchte den Oberkörper durch eine
Hebelvorrichtung in den Sitz zu heben. Da fiel der Kopf mitten in den Ballon,
versank darin wie in einem Luftkissen, während an dem breit gewordenen Hautsack
die Knochen sich wie Holzscheite durchdrückten. Wirbelsäule und Brustkorb mussten
in tausend kleine Splitter zerschellt sein, die Längsachse der Leiche bot keinen
Widerstand. Ja, das war der ganze Mensch da, dieser Hautsack. Mit dem Steuer war
ich an die schwammig gewordene Kleidung angestriffen, sie riss nicht, sie schabte
sich ab wie eine graue sulzartige Schicht. Darunter kam wieder die blanke Haut
zum Vorschein. Es musste ein Loch an der linken Seite unter der Achselhöhle
gewesen sein, denn dort war der Stoff weggeschält. Eine eigentümlich geschwärzte
Beule in der Farbe von versengtem Fleisch, eine Wunde mit aufgeworfenen Rändern
zeigte an, dass der Körper dort einen heftigen Aufstoss erhalten hatte.
    Ich sah mich um und verliess die Höhle schnell. Es roch nach Verwesung. In
der dampfigen Atmosphäre war ein Wehen und Wogen, das Spektrum blinzelte im
Nebel, wenn der Wasserfall sich verdünnte, an den Wänden klopfte es mit harten
spröden Lauten. Die weisse singende Luft draussen trieb mir einen Wirbel Blut in
den Kopf, rote Gebirge türmten sich vor den geschlossenen Lidern auf. Ich stand
nach einigen Sprüngen vor jener Klippe, in der Slims Büchse stecken musste. Hatte
ich jetzt geträumt, oder war es wahr, war das alles wahr - - heda, was ist mit
der Büchse? Ich griff in den Spalt, tastete, sah hinein: der Spalt war leer!
    Das Wasser ging hier Kreise, aber es ging jetzt schneller als zuvor, wie mir
schien. Konnte sich das so schnell ändern? Ich sah zum Wasserfall hin: das Tor,
durch das ich eingedrungen bin, ist schmäler geworden. Die Zacken laufen längs
der Felsenkante zusammen, sie wachsen ineinander und stossen in langen Zapfen
herab, plötzlich fällt es wie ein glattes Tuch, die Öffnung ist geschlossen, der
Wasserfall wächst! Er wächst nach den Seiten hin, sein Brausen wird heftiger, wo
er auffällt, ballt sich der Schaum zu weissen Fäusten, die emporzucken. In der
Mitte einer Stromstille wird ein Balken flott, das Wasser hebt ihn von den
beiden tragenden Klippen, er geht drei-, viermal in der Strömung um und wieder
um, plötzlich saust er wie abgepfiffen einer neuen Kraft nach. Ich sehe zu, wie
er dahingeht, es könnte ein Stück von unserem ehemaligen Boote sein, auf dem
Slim in den Tod fuhr, hoiho! Der Strom schwillt! Wie lange und er wird das
seichte gebleichte Bett füllen, in dem wir so lange hausten, und wir werden mit
seiner Hilfe abwärts eilen, dem Süden und dann dem Osten zu, an die Küste, an
die Küste, unter den Bug eines mächtigen Ozeandampfers!
    Wie sich das denkt, wie alles sich denkt! Träume ich, oder bin ich überwach?
Fühle ich die Wollust des Lebens, oder bin ich im Fieber und stürzen Wahne über
mir zusammen und purpurene Gebirge? Auf! Spring in den Fluss, klammere dich an
Balken und schwimme mit dem Wasser, es geht ostwärts ins Meer und ist die grosse
Ader der Bewegung. Gib acht, du stürzest, es ist alles glatt und rot - ja wenn
man wüsste, was Traum ist, was Fieber und was rüstiges Leben! Wenn man wüsste, ob
das Leben klare rinnende Bewegung ist oder grünlicher Dampf und eine verhexte
Spektrengrotte!
 
                                      XXXI
Auf dem Rückwege fühlte ich ein Unwohlsein. Der Aufentalt in der giftigen Höhle
tat nicht gut. Der Kopf war mir heiss vor tiefen Gedanken. Als ich so
hinunterging, gegen unser Lager zu, beobachtete ich meinen Gang. Richtig, wenn
man von dem Schwanken absah, das ein beginnendes Fieber in mir hervorrief,
konnte man merken, dass ich bereits so dahinging, wie zuvor der Holländer. Wie
wir in diesem Zusammensein einander ähnlich geworden waren!
    Als ich ins Lager kam, lag van den Dusen am Rücken und ächzte. Sein Gesicht
war gedunsen, seine Lider waren gesenkt, aber ungleichmässig und aus den Spalten
kam ein kalter, stechender Blick. Die Lider sahen übrigens durch kleine,
violette Äderchen wie verletzt aus; sie färbten sich rot und schienen eiterig am
Augapfel zu kleben. Und dieser Umstand verunstaltete das Gesicht. Ich kannte es,
es war nicht lange her, da hatte ich es gesehen - es war ein kaltes, gemeines
Katzengesicht.
    Ein Stück von dem Holländer entfernt lagen seine Brillen. Ich ergriff sie
und setzte sie zum Spasse auf; dabei sah ich van den Dusen scharf in die Augen.
Sofort wurde die lichte Welt eine violette Grotte. Meine Kindereien machten den
Kranken jedoch nervös, er bog in Verzweiflung den Hals zurück, das Gesicht nach
hinten - es war das einer Leiche. Ein tiefer Seufzer sprengte seinen
verschnürten Gaumen. Dieser Seufzer brachte mich auf einen Gedanken.
    »Was ist das für eine komische Manier, Charlie, ha?« erkundigte ich mich
teilnahmsvoll. »Jetzt weiss ich doch, wo ich diesen Ton her habe. Er wollte mir
eine Zeitlang gar nicht aus dem Kopfe. - Sie seufzen wohl oft so des Nachts? Was
ist denn los mit Ihnen, he, alter Knabe, reden Sie!«
    Er sagte aber nichts und wir schwiegen. Ich untersuchte das Gepäck. »Das
Chinin ist fort!«, rief ich plötzlich. Das war ein böser Fall, aber ich bekam
kein Wort aus ihm heraus. Er hatte sichtlich einen schlimmen Tag.
    Ich war mit meinen Gedanken auf mich angewiesen. Das Chinin war alle! Wenn
jetzt einer von uns kräftig das Fieber bekam - ach, dass doch Slim noch dagewesen
wäre! Dummes Zeug; ein solcher Kerl und musste auf diese stupide Art und Weise
zugrunde gehen. Dass er aber nicht schwimmen konnte - es war unverständlich.
Merkwürdige Dinge! »Charlie, sagen Sie mal«, sagte ich wieder, »Vielleicht haben
Sie schon etwas davon gehört - nämlich feuchtes Holz, nicht wahr, oder Holz in
einem Wasser sagen wir, das zieht doch an - nicht, scheint Ihnen das nicht
plausibel?« Er schwieg. »Es gibt so Gravitationsgesetze, von denen wir noch
nichts wissen«, fügte ich als Erklärung hinzu. »Das heisst, ich meine nur so. Ich
kann mich möglicherweise auch irren. - Soll ich Ihnen Wasser bringen, Charlie?«
    »Nicht vom Fluss«, sagte er. »Warum denn nicht? Aber Charlie, sonst ist ja
keines hier rund herum!« »Ich weiss nicht; lassen Sie mich. Ich weiss nichts.«
Seine Stimme war scharf, sein Gesicht verzerrt. Die Augenlider klafften und
entblössten einen grauen, verschleierten Blick. »Aber ich verstehe Sie nicht,
Mensch, wir haben doch den Filter, warum wollen Sie es denn nicht aus dem
Flusse?«
    »Es ist ja Leichengift darin, Sie Dummkopf, verstehen Sie denn nicht?«
schrie er. Er richtete sich auf und sah mich triumphierend an.
    »Ach so«, sagte ich. »Na ja, ich glaube, das macht nichts. Wir haben ja
früher auch schon immer dieses Wasser getrunken!«
    Er lachte. Ich war offenbar ein unerhörter Idiot. Mit flüsternder Stimme
sagte er: »Man muss die Leiche aus dem Wasser herausziehen. Das Wasser ist jetzt
kleiner, der Wirbel gibt jetzt alles von sich, was er gefressen hat. Man muss die
Leiche in die Höhle bringen, ja - Slim war ja ein grosser Mann hähä, er hatte
dort so ein - eine Art von Mausoleum - - - Sie sind ein Dummkopf, Mann. Was
sehen Sie mich denn so an? Sie verstehen nichts. Gar nichts verstehen Sie.
Verstehen Sie etwa das, dass Slim doch ein Höhlenbewohner ist, ein Urmensch, und
dass er jetzt in die Höhle gehört? Der neue Mensch und der Urmensch. - Sie, Sie -
- - das ist Symbolismus. Haben Sie eine Ahnung, Mann? Sie halten mich für
verrückt. Ich bin auch verrückt. Aber darum denke ich doch scharf. Ich denke
ungefähr zehnmal schärfer, zehnmal mikroskopischer, sagen wir in zehnfacher
Vergrösserung! - Haben Sie noch nie bemerkt, dass Verrückte Sprachfatalisten sind?
Passen Sie auf, Mann. Die Zufälligkeiten der Sprache sind die Schicksale des
Gedankens - - - die Leiche des neuen Menschen gehört also in die Höhle! Man muss
die Leiche in die Höhle bringen. Sie vergiftet den Fluss!«
    »Ach, meinen Sie«, sagte ich sanft, »das könnte ja sein. Aber vielleicht ist
sie schon in der Höhle. Vielleicht ist sie gar nicht mehr im Flusse!«
    »Man sollte die Leiche wirklich in die Höhle bringen. Aber man muss acht
geben« - fuhr er fort - »sie nicht ganz zu zerbrechen. Kein Knochen ist ganz im
Leibe. Man muss sie mit den Rudern heraufschleifen - - -«
    »Ja, mit den Rudern.«
    Er warf mir einen Blick zu und hielt inne, als ob er sich auf etwas besönne.
»Mit den Rudern«, sagte er langsam. »Woher wissen Sie das? Haben Sie das etwa
geträumt? Ich habe es heute geträumt. Man benützt die Ruder als Tragbahre - der
Wirbel gibt seine Beute jetzt wieder her. Es ist wenig Wasser da; das Gift
verbreitet sich in diesem wenigen Wasser zu schnell. Verstehen Sie?« Er legte
sich zurück und zerrte mit den Händen pantomimisch etwas vom Halse weg, das ihn
dort würgte. Sein Gesicht stand nach oben. »Das Gewehr muss auch dazu«, sagte er
plötzlich; »man muss ihn rituell begraben, er war ein grosser Jäger; man muss ihm
eine Kugel geben, er ist an einer Kugel gestorben. Unsinn, ein Mann wie Slim
kann nicht ersaufen. Er stirbt kriegerisch, die Kugel geht mitten durchs Herz.
Puff, da liegt er. Dann haben Sie ihn erschossen. - Geben Sie zu, Sie haben ihn
erschossen? Sie brauchen ihn nie wirklich erschossen zu haben. Aber Sie haben so
einmal unter der Hand daran gedacht, so nebenbei, zum Vergnügen, hähä. Der
Gedanke allein tötet. Die Kugel kommt dann später. Gestehen Sie also, haben
nicht vielleicht Sie ihn getötet? Sie glauben natürlich, ich sei ein Narr, oder
ich triebe meinen Spass mit Ihnen. Aber Sie sind kein moderner Mensch; Ihre Sinne
sind nicht scharf. Riechen Sie zum Beispiel hier - dort, riechen Sie nicht, dass
das Wasser nach Leiche schmeckt? Es schmeckt ganz bestimmt danach. Was sage ich
Ihnen?«
    Sein Gesicht erhielt einen Zug von bösartiger Schlauheit, es drückte eine
erschreckende, verwickelte Intelligenz aus. Er lächelte, seine Lider fielen
herab und bekamen rote und violette Knötchen, darunter kroch glasig sein Blick
hervor. Seine Gedanken waren offenbar mit einem bestimmten Bilde beschäftigt. Er
lächelte immerfort und liess mich nicht aus den Augen. Sein Gesicht wechselte die
Farbe, sein Lächeln verkrampfte sich, Angst und Ironie erhellten seine Züge
etwas und liessen sie einen Augenblick ganz vernünftig erscheinen, seine
Versponnenheit wich. Wir kämpften mit Blicken um den Vorrang! Da verdrehte er
die Augen. Im nächsten Augenblick hatte er aufgeheult. Der Speichel floss ihm
über die Lippen. »Was sehen Sie mich so an? Gehen Sie weg. Weg, weg von hier.
Ich kann Sie nicht ertragen. Sie schleichen sich in meine Gedanken ein, Sie
stehlen mir meine Seele, Sie - weg, gehen Sie weg von hier!«
    »Aber, was ist denn los«, sagte ich; »beruhigen Sie sich doch. Ich tue Ihnen
ja nichts. Ich will Ihnen doch helfen. Ich suche schnell noch einmal nach,
vielleicht ist doch noch etwas Chinin da.« Ich hatte mich zu ihm herabgebeugt
und die Hand auf seine Schulter gelegt. Er krümmte sich zusammen und entzog sich
der Berührung. »Um Gottes willen, tun Sie das nicht«, weinte er. »Rühren Sie
mich nicht an. Ich erbreche, wenn Sie mich berühren. Ich hasse Sie. Nein, ich
hasse Sie ja nicht. Ich habe gar nichts gegen Sie. Ich kann Sie vielleicht ganz
gut leiden. Aber ich vertrage Sie nicht, ich gehe zugrunde, wenn Sie nicht
fortgehen. Ihre Nähe demoralisiert mich, sie braucht das Mark auf, das noch in
mir ist. Wie Sie Slim ähneln! Wenn Sie ahnten, wie Sie ihm ähnlich sind! Alle
sind wir derselbe geworden, seit wir so zusammenleben müssen - ich ertrage es
nicht mehr, ich werde Sie töten, gehen Sie fort, lassen Sie mich verkommen,
lassen Sie mich um Gottes willen verkommen!« Er lag schief auf der Hüfte wie ein
Blessierter, dicke Tränen rannen ihm in den Bart. Ich entfernte mich ein Stück
und blieb ratlos stehen. Wohin sollte ich denn gehen? »Gehen Sie, Hund!« schrie
er mir nach. Ich fühlte einen stechenden Schmerz am Herzen, ich war tief
traurig, ich hatte das paradoxe Bedürfnis umzukehren, um mit ihm zu schluchzen.
Ich entschloss mich niederzuknien und ihn um seine Liebe zu bitten, ich ging aber
schnell weiter, hinaus in die heisse Luft und empfand sofort eine grosse, monotone
Klarheit gegenüber meiner letzten Sentimentalität. Er war geistesgestört. Aber
ich hatte damals kein Mass für Menschliches, ich hatte keine Exemplare zum
Vergleiche, ich nahm ihn also für voll.
 
                                     XXXII
Das Fieber brach ins Lager ein und die Hungersnot kam ihm zuhilfe. Wir beiden
Europäer lagen hilflos in uns begraben. Unsere Macht ging nicht über unsere
Fingerspitzen hinaus und unter unseren Leuten hauste die Empörung. Ein wüster
Tumult war unter ihnen ausgebrochen. Einer der Männer lag von Messerstichen
zerfleischt neben uns; Zanas weibliche Natur kam zum Durchbruch, sie nahm sich
seiner an und heilte ihn mit den Künsten der Priesterin. Sie sprach viel und in
erregtem Ton: sie hatte eine Rolle unter den Männern. Plötzlich schoss mir, der
ich alle diese Dinge im Zustand des Halbbewusstseins wahrnahm, der Gedanke durch
den Kopf: wie, wenn sie nun den Vorschlag gemacht hätte, die beiden höchst
überflüssigen Europäer aus dem Wege zu räumen?
    Zuzeiten konnte man sie jetzt singen hören. Sie sang einförmige tiefe
Lieder, eine natürliche singvogelartige Schwermut lag in ihnen. Vielleicht
besang sie ihr Heimatdorf, vielleicht waren diese halben Noten die Sehnsucht
nach dem Stamme und nach den Tänzen des herrlichen, allgewaltigen Moki? Ach, ich
hatte die süsse Emanzipierte nie gehabt! Mit allen war sie auf behenden Knöcheln
in den Djungle geschlüpft, allen hatte sie sich in ihrer wilden Lust gezeigt,
rings herum hatte sie ihre Liebe verschenkt und niemand hatte sie richtig
gewürdigt. Ich aber, der ich allein Verständnis für die Art ihrer Leidenschaft
gehabt hätte, ich hatte sie niemals besessen. Ich war an ihr verdorben und
verhungert. Denn jetzt war es Zeit, jetzt kam es zutage: dürr und unbefruchtet
war meine Männlichkeit geblieben. Es war die alleinige Ursache aller meiner
Schwächen gewesen. Meine Herren, Sie wissen, das bringt herunter - und ich hatte
ja Zana nie gehabt! Erfolglosigkeit untergräbt den besten Charakter, in der
Liebe aber ist es eine unmögliche Position. Slim hat behauptet, unser Geschlecht
kenne die Sehnsucht nicht mehr. Dies bleibe dahingestellt. Sicher ist, dass es
tausend Gründe für einen Mann gibt, sich zu verlieren, und diese tausend Gründe
sind oft nur ein Weib. Ich habe Zana nie bekommen. Das genügt, um alle diese
Verwickelungen zu erklären und eine Geschichte zu schreiben.
    Es genügt, um sich in Träumen zu nehmen, was einem in der Wirklichkeit
versagt ist. Die Zwiebackkaissons waren erbrochen, die Konservenbüchsen geleert
und eingetreten. Niemand brachte Wildbret ins Lager. Aber je stärker der Hunger
sich meldete und je dünner ich um die Hüften wurde, desto unwiderstehlicher
wurde die gleichfalls magere Schönheit Zanas, diese Hungerschönheit, diese
krankhafte asketische Zärtlichkeit, die in ihren Körperformen festgehalten war.
Ich liebte Zana mit dem Geschmacke, ihr Anblick zerlief mir am Gaumen. In meinen
Hungerdelirien beschäftigte ich mich mit den Reizen ihrer Knochen, über denen
die Haut gespannt lag. In meiner eigenen Bauchhöhle wurden die edlen Organe
muskulös, ich konnte sie gebrauchen wie dressierte Bestien, und ich gebrauchte
sie, um mir auf Grund ihrer originellen Kräfte die unerhörtesten Zärtlichkeiten
für Zana vorzustellen. Der Zusammenhang zwischen den primitiven Nöten der
Menschheit war hergestellt. Jawohl, ich schmeckte damals den Liebreiz Zanas. Ich
umarmte sie mit meinen Eingeweiden, ich bewegte mein Herz aus dem Brustkasten
und legte es sanft an ihre Wange, ich liess es eine Weile stillstehen vor Jubel
und liess es wieder tanzen zum Preise Zanas, ich zog meinen Körper in Demut zu
einem einzigen sehnigen Splitter zusammen und sprengte ihn in die Luft durch
einen einzigen heftigen Willensakt. Dies alles tat ich und viel andere
Muskelkunststücke mehr um Zanas willen, und weil der Hunger mir die Männlichkeit
zurückgab, die ungestillte Liebe mir genommen hatte.
    Träume kamen und Tage. Sie glichen sich und entielten einander. Aber dann
kam ein Tag, und an diesem Tage bekam ich Zana doch. Nichts hatte ich im Magen,
ich war nüchtern bis auf die Knochen aber voll Glut, und ich erfasste die
scharfsinnigsten Dinge im Fluge. Es war die leere Wärme, mit der mein Mastdarm
sich beschäftigte. Doch dieser Dunstumschlag von innen her tat gut, er bewirkte
eine einigermassen lebhafte Verdauung, so dass ich meine eigenen Gifte zu
schlucken und zu fressen anhub. Am zweiten Tage, da ich nichts gegessen hatte,
war ich soweit, dass ich mich inmitten der lustigen Hitze, die mich umgab, zu
dehnen und zu strecken begann, Herz, Leber, Darm und Milz einzeln springen liess,
wie gesagt, und einen deutlichen Aufschwung meiner Energie wahrnahm. Dies war
der Höhepunkt, musste ich mir sagen. Die Hitze war gut aufgelegt, sie krachte,
sie sprudelte vor Klapperdürre. In diesen Tagen hatte ich keine Empfindungen. Es
war, als wäre ich an eine Vergrösserungsvorrichtung angeschnallt, so unermesslich
und ewig war der Ausschlag, den alle Reize in ihrer Art hervorriefen. In diesen
Tagen fiel die Sonne vom Himmel zur Erde herab. Dort lag sie am Buckel wie eine
ungeheure vollgesogene Wanze und zappelte mit tausend Beinen, stach mit tausend
Rüsseln und konnte sich nicht mehr erheben. Ich fühlte nun genau, wie sie am
Rücken lag und nicht mehr aufkonnte. Ich fühlte sie am eigenen Leibe, ihre
Verlassenheit und Breitspurigkeit, es war eine ungeheuer wirkliche Mitempfindung
trotz ihrer Seltsamkeit, die mir übrigens nicht weiter auffiel. Manchmal fühlte
ich, ich selbst wäre die Sonne. Als aber während des Tages die bissige
Riesenwanze sich doch einmal zusammenraffte und langsam in den Schatten hinter
der grünen Laubwand kroch, kam eilig der Mond gefedert und wurde immer
deutlicher und schwerer. Zuletzt spiesste er sich an einen hervorragenden Ast und
beutelte sich zu Tode wie ein kleiner Vogel. In ein paar Zuckungen war es getan.
Der flockige Seidenballon platzte entzwei und daraus schlüpfte zart eine dünne
weisse Frau, die sich bald in Zanas schmachtende Formen verwandelte.
    Sie wechselte die Farbe und wurde rot. Wolken dampfenden Sonnenunterganges
brachen aus ihr hervor und hüllten sie ein. Ich entsinne mich dieser Vision
genau. Plötzlich gingen diese Wolken auf und nieder. Sie trugen etwas dahin, sie
waren Wasser, und was sie trugen, war der Körper eines bärtigen Mannes. Ich
strengte mich an, das Bild zu verfolgen. Und da es Abend war und mein Kopf sich
scharf und klar fühlte, gelang es mir, lückenlose Verläufe zu bilden von Dingen,
die das unberauschte Gehirn nur als Fragmente und Rätsel erlebt. Atemlos folgte
ich den Bewegungen des Körpers, indem ich mich mit Spannung wie in Erinnerungen
verlor. Der Körper tauchte ein paarmal auf und nieder und kam dann wieder über
Wasser. Man konnte sehen, dass er lebte. In mich gehend stellte ich mir vor, was
nun geschehen müsste. Der Mann im Wasser streckte die eine Hand empor und ballte
sie zu einem Griffe. An seiner linken Schläfe klaffte eine lange Wunde, aus der
Blut floss. Diese Wunde speiste das umliegende Wasser mit einem trüben Rot. Dann
kam eine kleine Verwirrung, ein Rudel von Bewegungen, das ich nicht zergliedern
konnte, weil es zu schnell aufeinander folgte. An diesem Punkte war meine
Phantasie etwas weniger exakt. Ich hatte immerhin Zeit genug, zu bemerken, dass
von irgendwoher aus der Luft der schafft eines Ruders sich löste und mit Vehemenz
auf die linke Schädelseite des Mannes herabsenkte. Der Getroffene hatte einen
Seufzer ausgestossen, einen unbedeutenden melodischen Schrei, der alle Töne einer
Brust umfasste. Diesen Ton kannte ich, hihi. Es ist das Liebesflöten des
Kakaduweibchens, wenn der leidenschaftliche Herr und Gebieter von ihm Besitz
nimmt, wenn sein scharfer Schnabel die Geliebte am Halse, an den Augen, an der
grossen Schlagader kitzelt. Diesen tiefen Brunstschrei stiess der Mann aus, dann
sah ich ihn ruhig im Boote sitzen.
    Dort sass ich selbst. Das Boot glitt über zwei Welten dahin. In der einen
konnte ich nur vorwärts und nicht hinter mich sehen. Die untere Welt aber
eröffnete mir ungeheure Möglichkeiten von Teilnahme. Ich war bei verschiedenen
Dingen, zum Beispiel bei mir selbst, gegenwärtig, ich konnte eine ganz
eigenartige reichhaltige Kontrolle über das Leben ausüben. Dort sass ich und
hielt einen grossen berühmten Monolog über Spiegelungen und Phantoplasmen.
Inzwischen kamen die Sterne zu mir herab, sie dufteten warm und waren rot und
grün und bläulich, sie bewirkten eine sanfte Harmonie, während sie flogen.
Manche aber hatten einen giftigen Atem, sie stiessen mich an und bissen mich ins
Blut. Ich schlug sie mit der flachen Hand tot. Dann gab es einen lauten Klatsch,
sie erhoben sich jedoch und verliessen mich in meiner Undankbarkeit. Wenn ich
munter und für Augenblicke kühler wurde, wischte ich mir die blutigen Leichen
zerschmetterter Moskitos von Kinn und Händen. Ich hatte sie unglückseligerweise
mitgetroffen, während ich nach bösen Sternen jagte.
    Das war der Zauberer Hunger. Er machte mich zur Vergrösserungslinie für
Ereignisse des Lebens unbedeutender und brutaler Art. Er stürzte mich ins
tiefste Elend und in die schmutzigste Schmach. Zugleich aber gaukelte er Trug
vor mich hin, und als ich am tiefsten in mich und meinen Niedergang getaucht
war, da riss er mich empor in die Ekstase und gab mir verzweifelte Kräfte. Eine
grosse, schwarze Sammetummel brummte, und da war es wieder wie vor Jahren, als
ich ein Bub war und lag daheim zwischen hohen Gräsern in der Wiese. Das
Hummelchen in dem schönen, schwarzen Pelze mit den goldenen Tressen brachte
seinen kleinen, kräftigen Körper vor einer Blüte zum Stillstand und summte eine
Honigweise. Der Bub lauschte; es war wie die Stimme einer alten Frau hinterm
Walde. Da wusste er, dass er allein sei und ein zärtliches Gefühl zog ihm über den
Magen herauf Alle die Heimlichkeiten seines Körpers kamen da über ihn, seine
Intelligenz wurde scharf und findig, und er erkannte, wer er war. Er erkannte
sich als einen Körper.
    Wenn man die vielen seltsamen Dinge, die man an seinem Körper erlebt,
erzählen könnte, welches Märchen, welche wunderbare, unglaubliche Geschichte
würde das werden, welches wichtige Werk für die Menschheit! Gibt es Abenteuer?
Alle Abenteuer sind nur Abenteuer der Nerven. Hier lag ich unter dem glühenden
Himmel, dessen ich mich damals in meinen Träumereien gleichsam entsonnen hatte.
Nun war da wirklich jenes Blühen und Gedeihen, das mir der heimische Wald nur
ahnungsvoll versprochen hatte. Ein summendes Insekt, ein mystischer Mechanismus,
wie eine kleine fellige Hand, die durch die Luft fliegen und Blüten ergreifen
konnte, hatte die Stimmung der Hummel wieder. Hier war das Original knabenhafter
Wollust der Ahnung. Und nun kamen alle die himmlischen Gefühle wieder und
rumorten in meinen Eingeweiden. O, mein nüchterner Magen war schwer von Liebe!
Ich war mager wie ein Asket, aber meine Nerven waren so fein, dass ich an der
Art, wie das Leinen meines Anzuges sich an ihnen scheuerte, mich über meine
dünnen Sehnen unterrichten konnte, die gute Kraft beherbergten. Ich war biegsam
wie ein Fakir und ekstatisch wie nur ein Hungernder. In diesem Zustande hatte
ich dann mit mir und meinen Nerven ein Abenteuer, das mir bis heute nicht
genügend aufgeklärt erscheint, um Schlüsse für die Wirklichkeit daran zu
knüpfen.
    Mir ist, als hätte ich Zana doch bekommen. Ich fühle mich frei und bereue
nichts. Ich habe nicht die Empfindung, als wäre diese Reise in irgendeiner Art
ein Minderwertigkeitsbeweis für mich geworden. Wäre ich unbefriedigt, so dürfte
ich daraus wohl schliessen, dass ich Zana niemals bekam. Ich fühle mich aber wohl,
und es geht mir gut. Ich möchte es hier gleichwohl nicht als Tatsache
hinschreiben, dass ich Zana bekam. Denn ich weiss über diese letzten Ereignisse so
wenig, wie über die wichtigsten äusseren Ereignisse während dieser Fahrt
überhaupt. Sie sind für mich in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt, den
ich noch heute oft genug zu lüften mich bemühe. Aber ich habe nichts behalten
als die Erinnerung an Gedanken und unerklärliche Vorgänge, die mich seelisch
beeinflussten. Man muss in Rechnung ziehen, dass ich wahrscheinlich von allem
Anfange an bereits unter dem Fieber litt, ohne es in bestimmender Weise zu
merken. Ich erzähle, was ich erfuhr und dachte. Die einzelnen Vorgänge durch ein
sachliches und detektivartiges Schliessen zu verbinden, liegt nicht in meinem
Interesse. Ich kann und darf nicht die letzten Konsequenzen aus den Vorgängen
ziehen, so wie sie sich mir eingeprägt haben. Ich gelangte sonst zu Ergebnissen,
die mich abhalten müssten, dieses Buch zu schreiben. Auf der anderen Seite habe
ich mir bei meiner Berichterstattung schonungslose Aufrichtigkeit zur Pflicht
gemacht. Ich halte es daher für einen wesentlichen Teil dieser Geschichte, meine
damaligen Zustände und Empfindungen in ihrer ganzen Verschwommenheit
festzuhalten.
    Van den Dusen wälzte sich von einer Seite auf die andere, erhob sich und
blickte mich starr aus roten Augen an, als ahne er, was in mir vorging. Er hielt
um diese Zeit lange Selbstgespräche, in denen geheimnisvolle Sätze vorkamen. Er
war irr, und ich gebe sie hier nicht wieder. Ich sprang auf und lief hinaus an
die Sandbänke des Flusses. Dort stand Zanas lange Gestalt. Sie stand mit beiden
Füssen im Wasser. Der Strom war im Steigen und überflutete die verwischten Dünen.
Ein heller Ton, ein Klingen lag in der Luft, an verschiedenen Stellen rieselte
ein seichtes Gefälle über das Geröll, haha, hoho! und Zana stand mit den Füssen
im Wasser. Ihr im Rücken lagen verstreut einige Blöcke. Dahinter duckte ich mich
und pirschte mich an. Bei dem letzten Stein hatte ich eine Begegnung. Dort sass,
Zana zugewandt, unsere alte Rotaut. Der alte Kerl sass ziemlich welk und
vergrämt da und sang leise, sah zu, wie Zana im Wasser stapfte. War vielleicht
verliebt und besang ihre Beine, der alte Herr. O Gott, sie waren jetzt so dünn
wie sein eigener alter Arm. Ich sprang unversehens hervor und verursachte für
Zana ein kleines Bad, sie zeigte sich aber durchaus nicht erschrocken, als ob
sie mich geahnt hätte. »Was hat er denn?« frug ich, auf den alten Indianer
weisend, dessen Anwesenheit mich ein wenig enttäuschte. Ich frug es englisch und
eigentlich nur, um einen Anknüpfungspunkt zu finden, obwohl alle Verständigung
mit solchen bürgerlichen Mitteln hier hoffnungslos war. Zana verstand es aber
nun doch, antwortete zischend und fauchend und legte die Hand auf den Magen,
indem sie ihn einzog.
    Ein darbender Greis! Die Jungen verliessen ihn, seine alten Knochen waren
nicht mehr rüstig genug zur Jagd, nun siechte er dahin und gab in Hungerstimmung
seine letzte Lebensweisheit preis. Wer weiss, vielleicht machte es ihn produktiv,
und er erfand neue Temen über das Leben eines Indianers oder neue Behandlungen,
was das gleiche ist. So wie er dasass, schien er zu seinem Stein zu gehören, ein
Stück Urgebirge, die Verwitterung selbst, ein Abbild alles dessen, was in der
Wildnis an dem Menschen zehrt. Und weil es nun schon einmal sein Schicksal
wollte und weil auch ich mit Hunger gesegnet war, liess ich ihn dort sitzen, wo
er sass, und nahm Zana bei der Hand. Ich inszenierte eine regelrechte Entführung,
rekonstruierte gleichsam das Urbild aller Liebesehen. Zana wog federleicht, als
ich sie auf meine Arme nahm. Ich rannte ein Stück stromauf, bis sich eine
Gelegenheit ergab, dort flogen wir in die Büsche. Sie riss mir die Kleider vom
Leibe, sie selbst war nackt, sie biss mir die Lippen wund und geiferte mir ins
Gesicht vor Liebe. Sie stöhnte und führte Tänze auf, während sie in meiner
Umarmung hing. Ich sah das Weisse ihrer Augen durch einen Spalt, ich hielt mit
rasendem Entzücken ihre dünnen Knochen in meiner Hand ... da krachte ein Schuss.
    Kurz darauf folgte ein zweiter und ein dritter. Die Kugeln vibrierten einen
Augenblick über unseren Köpfen und trafen dann klatschend in fleischige Stengel.
Der Knall war stossartig und dünn und stammte aus einem leichten Gewehr. Den
Knall kannte ich. Zana entsprang mir aus den Armen, ich folgte ihr und befühlte
mein Gewehr, ob es auch das meine war. Denn in diesen Zeiten, da so allerlei
Sonderbares vor sich ging - - -
    Ah, Zana war süss in ihrer Liebe, und es ist fraglich, ob ich sie jemals
anders bekam, als in den schwülen Träumen des Fiebers. Und doch ist es
sonderbar, wie alle diese Visionen von damals in mir haften blieben, während ich
mich auch nicht der kleinsten Tatsache folgerichtig entsinnen kann. Ich
schluchze vor Freude, ich habe noch jenes innige Gefühl von damals in der
Magenhöhle, wenn ich mir die Süssigkeit Zanas aus jenen Zwischenzuständen ins
Gedächtnis rufe, die Wirklichkeit und Ausgeburt zu einem untrennbaren Erlebnis
verschmolzen. Wie anmutig ist sie damals gewesen, als wir unseren Freund van den
Dusen mit allem Pomp der Zärtlichkeit für seine sinnige Art, auf uns zu
schiessen, durch brausende Gunstbezeugung glücklich machten! Ich schoss ihm eine
Kugel durch und durch, sie traf ihn auch richtig an einer kitzlichen Stelle in
die Eingeweide, wo die Liebe wohnt. Aber dann hättet ihr Zana sehen sollen! Ich
entbrannte lichterloh, ich fand sie reizend wie nie, als sie ihm die Nase
abschnitt und nichts zurückblieb, als ein merkwürdiges, interessantes Gehäuse,
das einer entkernten Pflaume ähnlich sah. Ich war verliebt bis zum Wahnsinn, als
sie mit den Füssen auf den Bauch trat, und ich tat mein möglichstes, ihr darin
beizustehen. Aber du mein Gott, mein Talent dazu erwies sich als gering, ich war
europäisch verzärtelt, und ausserdem war es ja nur ein Traum, in dem allerlei
Hemmungen die Tätigkeit zu beschweren pflegen - - -
    Ja, es hatte in der Tat einmal jemand auf uns geschossen, dessen kann ich
mich als bestimmt erinnern. Und gerade als wir, erfreut über diese Zutat zu
unserem Liebesidyll, aus dem Busch herausstürmen, will es der Zufall, dass wir
dem Holländer in die Arme laufen. Wir brechen wie ein Sturmwind über ihn herein,
wie eine zahlreiche und siegestrunkene Armee, wir erschossen, erstachen und
erdrosselten ihn, wir schlugen ihn aus Zufall auf den Kopf, und sofort entstand
dort oberhalb der linken Schläfe eine grosse mystische Beule, die das Gesicht ins
Schiefe verzog. Haj, wie war Zana reizend, als sie ihm mit den Fingern die
Augäpfel aus den Höhlen zog, diese kleinen Globusse mit den merkwürdigen,
graubestrahlten Polarfeldern inmitten quarzweisser Ozeane und Landkarten roter
Adernströme! Der Pol strahlt kühl und abgeblendet und in spektraler Auflösung
wie ein Nordlicht. Schon ist das Auge eine Erfindung der Vernördlichung, Wesen,
denen es gut geht, die noch mit Urzuständen sich verstehen, haben keine Augen
und die einfachsten Organe genügen zum Glücke. Ich weiss nicht mehr, ob just dies
unter den obwaltenden Umständen damals meine Gedanken waren; aber ich habe sie
gefühlt, ich habe das ein wenig Befremdende, um nicht zu sagen Schauerliche des
Vorganges durch diese Teorie intimer gestaltet. Zana hatte damit noch nicht
genug. Sie besass genügend Erfindungsgabe, sie riss ihm also die Kleider in Fetzen
vom Leibe und brachte ihm eine böse Verletzung an seiner Mannbarkeit bei.
Sogleich fühlte ich einen brennenden Schmerz. Solche Liebkosungen waren
unerlaubt und ich wurde eifersüchtig. Die ganze Lustigkeit spielte sich in
selbstverständlicher Art und Weise ab, wie es nun schon einmal mit Träumen geht.
Alle moralischen Hemmungen fallen hinweg, dafür aber treten solche mechanischer
Natur hinzu. Diese waren nun im gegebenen Falle durch eine schwere Last und
einen bösen Druck am Halse dargestellt, der sich erst langsam, dann aber
plötzlich löste. Ich schliesse die Augen und vermag mich noch jetzt an diesen
Druck zu erinnern. Er entielt etwas Grauenhaftes, die unerwartete Erfüllung von
etwas Erwartetem. Wie wenn man lange Zeit hindurch und oft daran gedacht hätte,
dass sich eine Mörderhand einem um die Kehle schliesse ... und nun tritt es
plötzlich ein, und man spürt das Unglaubliche sich nahen. Dieser blosse,
grauenhafte Druck wurzelt so tief in meinem Bewusstsein, dass die Zeit ihn nicht
hat verwischen können. Ja, ich schliesse die Augen und denke angestrengt nach,
ich suche das Traumbild heraufzubeschwören, das diesen wahrscheinlich durch
Blutstauungen und durch eine Schwellung des verdursteten Halses erzeugten Druck
begleitete. Langsam dämmert in mir eine Vorstellung. Sie ist entsetzlich genug,
entsetzlicher dadurch, dass ich nicht weiss, ob sie dem Traum angehört oder doch
der Wirklichkeit. Ja, es muss wohl so gewesen sein. Er lag zuerst auf mir, er war
ein schwerer Mann, er hatte sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf mich
geworfen, während wir rangen, und mir mit seinen Händen den Hals zugeschnürt.
Zana befreite mich, indem sie ihn bösartig auf den Kopf schlug. Ja, das war es,
jetzt erinnere ich mich auch der anderen Kleinigkeiten. Sie war es, sie schlug
ihn auf den Kopf, links oben; und es entstand eine grosse Beule, die sein Gesicht
lächerrlich viereckig erscheinen liess. Er stiess einen langen, piepsenden Laut
aus, als ob ein Vogel in seiner Brunst sich meldete. Dann rollte er von mir
herab, und der Druck liess nach. Wir versüssten ihm seinen Todeskrampf. Jetzt erst
begingen wir feierlichst Slims Todesopfer, wie es gute Sitte ist. Es wurde nach
altbewährtem Geschmacke unter einem Segen von Schönheit vollzogen. Zana sah bei
dieser Gelegenheit entzückend aus, wie gesagt. Ich wunderte mich über nichts,
das ich sah, und erstaunte das erstemal in Rio, als ich aus meinem wochenlangen
Fieber erwachte und gedankenvoll in die Dämmerung meiner Phantasien zurückging.
    Ich muss mich erinnern, wie sie da vor mir stand, wirklich und ein Wesen von
Fleisch und Blut, oh, welchen Blutes, und doch auch in einem Rahmen der
Einbildung und der Halluzination! Sie stand gleichsam nach der Tat als Täterin
vor mir da. Und obwohl sie klein war und mir bis zu den Achseln ging, der ich
kein Riese bin, schien sie mir doch gross und prächtig. Gross und siegestrunken
sah ich sie, und jeder Knochen an ihr schien mir wertvoll; wertvoller als
irgendein anderes Stückchen Mensch. Ich bemerkte nun, dass ihre Füsse und Hände
keineswegs klein zu nennen waren, wie ich sie aus herkömmlicher schlechter
Poesie gemacht hatte. Sie waren im Gegenteile gross und lang, hager, wie alle
ihre Gliedmassen, und es war eine edle Kraft in ihnen. Ich, der ich krank und
schwach auf dem Rücken lag während unserer tagelangen Talabfahrt im Boote, ich
vergötterte diese langen Gelenksketten, ich fühlte meine Minderwertigkeit vor
dieser praktischen fieberlosen Schönheit, ich war bis über die Ohren in das
Skelett ihres Rumpfes verliebt. Man sah, wie weise und sparsam sie erbaut war,
ganz auf Funktion eingestellt wie der Rumpf eines Raubtieres. In diesen Tagen
änderte sich mein Blick.
    Ich bekam einen neuen Blick. Verbraucht, wie ich war, kam ich auf der
anderen Seite des Lebens frisch auf die Welt. Meine Nerven waren zerrüttet, ich
litt unter Hunger, ich verdaute die Pflanzen und Blätterkost, die mir Zana
verabreichte, schlecht; ich war immer schlaflos und immer schläfrig; vielleicht
waren in den Speisen auch opiatähnliche Chemikalien entalten. Kurz, es brach
eine regelrechte Rebellion unter meinen Sinnesorganen aus. Erst jetzt, in diesem
Zustande höchster Nervosität, war ich bei dem geschärften Sinnesleben der
Urvölker angelangt. In diesem Zustande von Hyperästesie kam ich dem
Ausgangspunkte funktionellen Lebens näher, ich empfand, was jener Urmaler hatte
verkünden wollen, eine wahrscheinliche sinn- und zeitgemässe Schönheit, die kein
Abfall von mehr oder weniger Zeichentechnik war, sondern bei der sich's leben
und geniessen liess. Hatte ich nicht Zana, die menschliche Wildkatze, immer schon
geliebt? Plötzlich war es mir klar, dass ich seit je unter dem Banne dieses ganz
andersartigen originalen Knochensystems gestanden hatte, ohne es recht anders
als literarisch zu wissen. Jetzt aber brach die Leidenschaft grün aus mir hervor
und all mein Vegetieren waren Gesänge zum Preise dieses Geschöpfes, das ich mit
pflanzenkühlen Umarmungen beglückte. Zana, wir sprangen ins Boot und fuhren
flussab, als der Strom eines Tages anschwoll; wir gingen deinen Leuten durch, die
sich untereinander spiessten und brieten: Hunger litt ich, aber wir liebten uns
wie Götter und ich lebte weiter dank deiner herrlichen Geschenke. Einen Wechsel
noch hatte ich zu bestehen, ich, der Kranke und Fiebernde bekam den gesunden
Geschmack und verlor erst jetzt die klebrigen poetischen Vorurteile meiner
Kulturherkunft.
    Mit Seelenruhe sah ich Zana ins Gesicht ihres Totenschädels. Ich küsste ihre
Hände, wenn sie nicht rein waren und gab mich hin vor dem Pflanzengeruche aus
ihrem Munde. Sie war eine glühende wilde Südländerin, echte Rasse mit
guterhaltenen Naturinstinkten. Sie war tausendmal besser und begabter als die
schönen und eleganten Kreolinnen, die ich später in den Salons von Rio und an
Bord des Doppelschraubendampfers Albatros kennen lernte. Ich liebte Zana nicht
um äterischer Eigenschaften willen, sie war eine treue Seele und eine Bestie,
sie rettete mich und brachte mich allein in einem kleinen Nachen nach der Küste
und sie schikanierte mich mit tausend weiblichen Abgefeimteiten. Ich aber
liebte eine gewisse Rundung an diesem Knochen und die Verapfelung eines Gelenkes
am anderen, und hätte können Hymnen singen auf ihren weissen schmelzenden Blick
zwischen den langsamen Schlitzaugen. Ich war weit zurückgegangen, ich hatte das
Urweib gesucht, damit es mir, dem neuen Menschen, zur Seite stünde, wenn ich aus
den Tropen, dem Urdasein der Menschen, in das ich studienhalber zur Syntese
einer Zukunft verschwunden war, wieder auftauchte. Denn es war nicht gut, dass
der neue Mensch allein sei - - und ich wäre auch ohne alle Hilfe nie nach Rio
gekommen, abgesehen davon, dass mich meine Leute am Ende doch noch verspeist
hätten!
    Je länger ich nachdenke, desto mehr kommt Ordnung in meine verstreuten
Erinnerungen. Ich bekomme Fahrwasser und alles wird sinnvoll, ich sehe mit
Bewegung, wie Tatsachen und Symbole sich ergänzen und aufs selbe hinauslaufen.
Meine Kameraden sind tot und ich habe sie beerbt. Slim, den ich so lange über
mich stellte, hat mir sein Erbe hinterlassen. Ich bin dazu bestimmt, der neue
Mensch zu werden, und ich habe mir das Weib gesucht, das zu mir passe, das Weib
mit den gut erhaltenen Urinstinkten seiner Sinnlichkeit. Wir sind ein neues
Erdenpaar, wir sind Adam und Eva und gondeln einsam einen verlassenen Fluss
hinab. Nachts wimpeln uns grüne Sterne zu, wenn wir einander in den Armen liegen
und eine neue Menschheit gründen, tagsüber zischt die Sonne auf unser Fell und
sprengt Kniffe in unsere Systeme, dass wir hart würden, wie es uns gezieme. Denn
die Menschheit soll hinfort mager sein wie ein Indianer.
    Slim also ist tot. Er starb einen plötzlichen, etwas unlogischen Tod, an den
niemand gedacht hätte. Van den Dusen ist tot - er war verschwunden, als ich
damals wieder im Lager lag und einen Ausweg aus dem Labyrinte suchte. Ich aber,
dem er ein Doppelgänger gewesen war, war Slims Nachfolger geworden. Slims grosses
furchtbares Erbe war mir zugefallen: ich besass eine Art zweiten Gesichts. Und
wenn ich auch die Geschehnisse in meinen Halluzinationen etwas verschob und
meine Person durch den eigenartigen Verfolgungswahnsinn, der uns alle, Slim
nicht ausgenommen, an einem gewissen Grade unseres Kollers ergriff, zu sehr in
den Mittelpunkt rückte, so dass ich vieles ursächlich auf mich zurückführte, das
von anderen getan worden war - so ist doch auch gewiss, dass sich die Ergebnisse
meiner Visionen mit den Tatsachen deckten. Da hatte ich von dem Tode des
Holländers phantasiert; und nun blieb van den Dusen wirklich aus, er war
verschollen. Dies steigerte meine Erregung zu krampfhaften Ausbrüchen, ich
wollte mich erheben und ihn suchen, unterliess es aber aus irgendeinem Grunde. Es
fand erst ein Ende, als ich beschloss, mit Zana aufzubrechen, eine Angelegenheit,
in der wir uns mühelos erreichten.
    Wie das eigentlich geschah, ist mir allerdings nicht ganz klar. Die wenigen
Spuren, die ich zu den Ereignissen besitze, sind in meinen Visionen entalten.
Ich weiss, dass ich mich mit Zana auf die Suche machte. Was war es - - - doch, es
waren die Ruder, die sie in eben jenem eigentümlichen Augenblicke aus dem Wasser
gezogen hatte, als ich sie damals im Fluss stehend antraf. Der Anblick dieser
harmlosen Gegenstände hatte mich unbegründeterweise in einen solchen Zustand des
Grauens versetzt, dass ich einen meiner schwersten Anfälle bekam. In diesem
Zustande ahnte ich den furchtbaren Untergang des Holländers voraus. Ja, ich
erinnere mich klar an diesen Zusammenhang, der mir zuzeiten verwischt erscheint.
Damals entdeckte Zana die angeschwemmten Ruder und zog sie ans Land. Zwei von
ihnen lagen zwischen den Klippen, auf denen damals der Alte sass. Wir hätten mit
diesen beiden genug gehabt, da wir ja niemand mehr mitnehmen wollten. Aber es
war doch besser, wenn wir alle beschlagnahmten; zu Ersatzzwecken konnten wir
vielleicht auch das dritte gebrauchen.
    Wir liefen, während wir danach ausschauten, ein Stück stromauf und hielten
uns am Rande des Djungles. Unsere Sinne waren so geschärft, dass wir ungefähr die
Stelle errieten, wo wir es finden könnten. Ich ging ein Stück ins Laub hinein -
hier musste eine Stelle kommen, auf die eine vage Vorstellung mich aufmerksam
machte - ah, da war es ja! Und da lag nun ein toter Mann mit einem dicken
schiefen Kopfe, und seine Nase war abgeschnitten und war die Herberge von einem
Dutzend fragwürdiger Kriechtiere geworden. Die Leiche roch stark; an der unteren
Seite war eine Legion von Insekten bemüht, den Rücken zu Mulm zu zermehlen. Sie
waren zu Tausenden in das Innere eingedrungen, ihre lebhafte Minierarbeit
erregte eine gespenstische Lebendigkeit in dem langhingestreckten System, der
Brustkasten ging langsam wie atmend auf und nieder, der Bauch rotierte in Rucken
und die Muskeln zuckten leise wie in Traumbewegungen. Ich lief, dünkt mich,
rings um den Platz herum, auf dem sichtlich ein Kampf stattgefunden hatte. Es
wäre interessant gewesen, zu wissen, auf welche Weise hier ein Mensch ums Leben
gekommen war! Sieh da, war das nicht eine Büchse? Ei, eine Büchse! Es war Slims
Büchse. Seltsam. Nun kam sie plötzlich wieder zum Vorschein. Während ich sie
betrachtete, kam jemand durch das Gebüsch. Ich fällte den Lauf, ich drückte los,
in meinem Leichtsinn drückte ich los - - - der krankhafte, hemmungslose
Leichtsinn war ja das Charakteristische unserer damaligen Zustände. Da trat Zana
hervor und hielt das Steuerruder in Händen. Und nun ging etwas in mir vor, das
alle Psychologen interessieren wird. Kaum wurde ich ihrer ansichtig, als ich
plötzlich meine leichtsinnige Tat motivierte: ich hatte das Bedürfnis,
geschossen zu haben, um mir gleichsam eine Mitwisserin vom Leibe zu schaffen.
Dieses Gefühl war natürlich unsinnig, da ich kein schlechtes Gewissen zu haben
brauchte. Es ist ein Beweis für die Tatsache, dass wir sinnlose Handlungen
nachträglich oft künstlich begründen.
    Ich war aber durchaus nicht verlegen. Ich handelte ja während dieser Epochen
oft grundlos und empfand nachher keine Reue. Wir brachten die drei Ruder
stromaufwärts zum Wasserfall. Dort wollten wir uns einschiffen. Nun mussten wir
zuerst das Boot den Katarakt hinabflössen und im Bassin flott machen.
    Als wir aber nahe an die Stelle kamen, wo das neue geräumigere und stabilere
Boot hatte gebaut werden sollen, hielten wir mitten im Lauf über die Klippen,
die bereits den Fall ankündigten, inne. Da lag ja das Boot! Es war ziemlich
unfertig und selbst nach indianischen Begriffen noch roh. Es lag hier völlig
unerwartet. Nicht weit davon entfernt war eine Feuerstelle, aus der noch ein
dünner brenzlicher Rauch aufstieg. Merkwürdige rotrünstige Lappen und Stücke
siedelten sich hier umher. Manche hatten das Aussehen von menschlichen Füssen und
Händen. Es stank nach Blut wie auf einer Schlachtbank, ein rostiger Geruch hielt
sich hier zwischen den Steinen auf. Einer dieser Steine besass eine
aufsehenerregende Form. Ich stiess danach mit einem Ruder, er fiel um; da war es
ein menschlicher Schädel mit geöffneten Augen und Lippen. Sah dieses Gesicht
nicht Checho ähnlich? Ach, der kleine Checho war der Hungersnot zum Opfer
gefallen!
    Zana hatte auch nicht ein Augenzucken für alle diese Dinge. Sie stiess das
Boot ins Wasser und wir fuhren hinaus. Vorne stand das Ding in die Luft, ach
Zana, sei doch mal so gut und begib Dich soweit als möglich von achter weg, will
ich Dir mit meinen Gesten sagen. Das Kanoe ist eben doch nicht recht stabil, wir
werden es vornean belasten müssen. Ich hob einen schweren Stein herauf und legte
ihn im Vorderteil des Bootes nieder. Ach so, hier ist ja ein Hindernis, auf das
wir schon aufgefahren sind. Doch, das werden wir gleich haben. Ich handhabte das
Ruder, die graue Masse unten schwankte, senkte sich und bekam wieder Auftrieb.
Wir fuhren an ihr vorüber. Es war die gänzlich verquollene und unkenntliche
Wasserleiche eines weissen Mannes in Rubberschuhen. Das Boot drehte sich ein
paarmal aus dem Kurs, um ins Bassin zurückzulaufen. Dann hatten wir es über die
Klippen weg, wir kamen in die seichte Strömung. A-hooi-i- nun lassen wir das
Fieberlager zurück und fahren der Küste zu. Auf zum Amazonas!
    Wir passierten das Lager, es war leer. Wie die Dinge da lagen, schafften wir
sie ins Kanoe. Es war gut, wenn wir Tiefgang bekamen. Wir trieben weiter. Da sass
mitten in der Sonne auf seiner Klippe der alte Indianer und zuckte mit keiner
Wimper, als wir vorbeifuhren. Heute sang er nicht, er hatte einen vollen Bauch
und sah befriedigt in die Welt, die er überlebt hatte. Er hatte die Sehnsucht
zwar nicht überwunden, aber ersichtlich mit Futter geheimnisvoller Herkunft
gestillt. Er sass und verdaute und Zanas hübsche Beine stimmten ihn nicht mehr
lyrisch. Er hielt an sich und unterdrückte jedes sentimentale Adiö. Vielleicht
schwärmte er seit neuem für Knaben in jenem Alter, das die Zarteit des
Fleisches bereits mit Kraft vereint.
    Von den übrigen Indianern haben wir nichts mehr gehört noch gesehen.
Vielleicht waren sie tot, vielleicht hatten sie sich untereinander aufgespeist,
vielleicht lauerten sie sich in diesem Augenblicke erst irgendwo auf, um nur das
nackte Leben zu retten. Ich muss sagen, dieser Urbetrieb der Menschenjagd, der
zuletzt unter dem Zwange des Hungers ausbrach, ist das einzige, dem ich keine
gute Erinnerung bewahre. Ich bin für die raffiniertere und seelischere Art, wie
man sie in dem Verkehr zwischen mir und meinen Reisekameraden hat bemerken
können. Die Metoden, einander zu tranchieren, haben sich verfeinert und das ist
gut so. Wir treiben in den Kaffeehäusern Analyse über den Nächsten wie über uns
selbst. Es macht alle Kultur aus und unsere Werkzeuge sind in dieser Beziehung
hochentwickelt. Ich hoffe es bewiesen zu haben. Der Mensch der Zukunft verfügt
über eigentümliche Kräfte, um in das Leben seiner Mitmenschen einzugreifen. Es
ist das eine der Lehren, die ich aus dieser Reise gezogen habe.
    Über Slims Tod weiss ich nichts zu sagen. Er ertrank, das ist die ganze
Geschichte seines Endes. Seltsam und tragisch genug bleibt es, denn ich weiss,
dass er unter den wenigen war, die den Niagara-Fall überschwommen haben. Es ist
die Tragikomödie alles Grossen. Aber Slim hat dennoch nicht umsonst gelebt, denn
nun habe ich alle seine Ideen geerbt, ich werde meine schwachen Kräfte
verwenden, um ihnen zur Blüte zu verhelfen und ich will Sorge tragen, dass mit
meinem Tode diese Richtung nicht erlischt. Darum habe ich ja dieses Buch
geschrieben, nicht aus Eitelkeit, noch um mich für sie zu strafen, noch um mich
im Glanz von Abenteuern zu zeigen, sondern um die Kleinheit und Kleinlichkeit
des Menschen an seinen Möglichkeiten zu messen und doch dieser froh zu werden.
    Auch über den Tod van den Dusens ist mir nichts Zuverlässiges bekannt. Aber
hier habe ich so meine Vermutungen. Ich selbst habe während der Anfälle von
Tropenkoller, die sich in der letzten Zeit meines Aufentaltes in dem sicherlich
nicht ganz gesunden Flusslager immer heftiger einstellten, ein Stadium kennen
gelernt, in dem die Urtriebe des Menschen, Hunger und Liebe, bis zu einem
gewissen Grade sich als identisch einstellten. Meine gesteigerte Nervosität
mobilisierte alles, was an Uranlagen in mir vorhanden sein mochte. Sie warf
Hemmungen um, die Jahrtausende von Kultur aufgerichtet und an der
dreissiggliederigen Generationskette verankert hatten. Mein Zustand, dessen
spezifische Verwischung der Grenzen zwischen traumhafter Wirklichkeit und
wirklichkeitsartiger Vision meiner Vernunft wohl bewusst, meinem Willen aber
unbotmässig war, hat mich bei diesen letzten Erfahrungen über die menschliche
Seele auch an einen Punkt geführt, von dem aus ich einen Rückschluss auf den
Untergang des Holländers ziehen zu können glaube. Der Kontakt, der seit letzter
Zeit zwischen uns bestand, hatte zur Folge, dass ich in einer symbolischen Vision
seinen Todeskrampf miterlebte. Es ist ja leicht möglich, dass ich mich in bezug
auf den Zusammenhang meiner Eindrücke irre und dass ich gewisse Vermutungen über
den Vorgang erst gewann, als meine Phantasie Gelegenheit hatte, aus meiner
persönlichen Augenzeugenschaft über vorhandene Verstümmelungen der Leiche sich
ein Bild des Kampfes zu machen. Ich selbst möchte, ohne Beweise dafür anführen
zu können, schwören, dass der Mann noch nicht ganz gestorben war, als man ihm die
Nase abschnitt, und dass es ein Akt von grenzenloser Roheit und von Leichtsinn
gewesen sein muss, mit dem man ihn seines Lebens beraubte. Er fiel auf die Seite
und stöhnte noch einmal, es war ein rührender piepsender Laut, der seine Brust
zum letztenmale hob. Es war ein vogelartiger Laut, es war der Liebeslaut der
Organismen, jener Laut, den das Vogelweibchen im Orgiasmus ausstösst, wenn es vom
Männchen belegt wird. Es war aber auch der Todeslaut. Die Beziehung auf den
Liebesakt kehrt also nicht nur beim Hunger, sie kehrt auch bei anderen
Erscheinungen wieder, und wer weiss, vielleicht ist dieser Liebesakt so sehr
Mittelpunkt alles irdischen Geschehens, dass alle Variationen und Möglichkeiten
des Lebens schliesslich nur seine Symbole darstellen? Der Holländer also, nehme
ich mit Bestimmteit an, legte sich auf die Seite und starb. Wer aber ist der
Mörder gewesen? so frage ich. Ich revidiere meine gesamte tropische Erfahrung
und gelange auf den Hunger. Wer hat sich an dem hübschen liebenswürdigen Checho
vergriffen? Wer anders als jener selbe, der vielleicht sein Glück zuerst an
einem Weissen versuchte; aber dann aus irgendeiner unüberwindlichen Antipatie
gegen weisse Menschen seine ursprüngliche Absicht aufgab? Ich stelle mir zum
Beispiel einen alten hartgesottenen roten Sünder vor, der sich nahe vor
Torschluss seinem aufdämmernden Selbsterhaltungstriebe überlässt. Ich stelle mir
sein befriedigtes Lächeln vor, wie er da satt und weise mitten in der Sonne auf
einem Steine sitzt. Und ich erinnere mich der Gefahr, in der ich möglicherweise
selbst geschwebt habe, damals, als ich mit Zana im Busch lag und ihre runden,
kleinen Brüste küsste - - - ist es denn ausgeschlossen, dass dieser Vision, wie
ich sie im Gedächtnis habe, eine recht wirkliche Tatsache entspräche? Was immer
man darüber für Hypotesen aufstellen mag, die Sache bleibt vage und auf
Spielereien gegründet. Aber man möge sich darüber nicht den Kopf zerbrechen,
denn tot ist tot und in der Wildnis gibt es keine Justiz, nur eine Moral der
Triebe und Kräfte, die Reise ist zu Ende und ich sitze nun in Rio de Janeiro, in
Paris und in Berlin herum und habe die Tasche voll Ideen, mit denen ich zur
Aufklärung der Menschen beitragen will.
    Ich habe gelernt, alle Sentimentalität dranzugeben und bin im Begriffe,
falsche Gemütswerte auszurotten. Die Sehnsucht sinkt zunehmend im Kurse, ich
helfe ihr hierin und setze ihre Schwindsucht in Galopp. Gibt es eine Sehnsucht
nach fernen Ländern, nach anderen Ländern, nach wunderbaren Dorados und
Schlupfwinkeln des Abenteuers? Es gibt sie nicht! Was immer der Mensch findet,
er findet es in sich, und wenn er südwärts wandert, dann merkt er mit Befremdung
und Erkältung, dass er, der Nordländer, viel südlicher ist in seinen Trieben als
die südlichste Rasse, und er lernt einsehen, dass der Mensch überhaupt bereits
eine Vernördlichung ist und eigentlich die Tropen in sich trägt. Er ist das
Vehikel der Natur, in dem sie die langsam aussterbenden Tropen konserviert. Die
Tropen sind das Fundament seines Organismus und seiner Kräfte, er ist nach dem
Prinzip der Tropen aufgebaut, alles wiederholt sich bei ihm im kleinen - - man
könnte sagen, er selbst, der Mensch, sei im Verhältnis zu den Tropen ein Tropus.
Wenn man aber nun den Menschen nach seiner Bestimmung entwickeln will, und das
wollen wir ja heute schon alle, so ist es immerhin gut, einen Rückblick auf alle
diese Dinge zu tun, von wannen er kommt. Aber dann, bitte, ohne alle Sentiments;
denn wenn Rechenschaft gegeben wird, läse sichs vielleicht wie eine flotte
Parodie auf die Sehnsucht: und dies war die Absicht nicht, also ist es falsch.
Wenn es aber vielleicht doch des Reisenden Absicht war und er seine eigentliche
Meinung in der Kapsel behält, dann ist es erst recht falsch geworden. Denn eine
Parodie auf die Sehnsucht ist die sehnsüchtigste und sentimentalste
Angelegenheit von der Welt. Nun aber, wir wollen doch Massregeln ergreifen gegen
die Sehnsucht, dieses nordische Erbübel. Der Mensch der Zukunft will etwas
höchst Verfeinertes sein, alle Barbaren aber sind Sentimentaliker. Slim war
nicht eigentlich sentimental, sondern dialektisch, ob er gleich anders aussah.
Aber obwohl er ein Sport von einem Manne war, kann doch kein Zweifel bestehen,
dass er die Form des neuen Menschen nicht rein verkörperte. Dazu war er sich
seiner Entwickelung noch zu bewusst. Man muss nicht wissen, woher man kommt; man
muss es gewusst haben. Slim war noch zu frisch, darum war seine Aufrichtigkeit
nicht immer vollkommen; war sie doch für ihn unmöglich. Zur Aufrichtigkeit
gehört ein gesundes Gedächtnis, das auch vergessen kann. Gewiss ist, der Mensch
der Zukunft wird so voll Härte sein, wie es seine Ureltern in den Tropen waren.
Je kälter es auf dem Erdball wird, desto hitziger wird es in ihm zugehen. Schon
ist der Grossstädter ein Wilder von Gemüt, wie wir das ein paar Breitegrade
südlicher nennen. Ich will ein Beispiel sagen. Es wird viel Geschrei sein über
die paar Toten, die in meinem Buche vorkommen, man wird hin und her raten, wer
die Mörder seien, und besonders geschickte Psychologen werden zuletzt den
Verdacht auf mich lenken wollen: und dies alles, obwohl meine Toten nur durch
das Einschlagen blosser Menscheninstinkte das geworden sein mögen, was alle zum
Schreien veranlasst. Wenn aber der elektrische Funke, dieser Urtrieb der Erde,
einen Mann totschlägt, wird dieser in aller Seelenruhe der grossen Stadt, die ihn
ermordet hat, begraben, und kein Redakteur wird sein Schicksal besonders
unmenschlich finden. Doch der Wilde, der seinen Nebenmenschen durchlocht, hat
seine Hand durchaus nicht näher im Spiele, als der Chauffeur, der ein Kind
überfährt. Wenn man daher Schienenstränge durch die Tropen legt und die grossen
Katzen ausrottet, so bedeutet das nicht, dass die Phantasie und die Jugend jetzt
dahin sind: im Gegenteil, jetzt wird die mörderische Gefährlichkeit erst
eingepflanzt. Das Faustrecht, wo jeder sich gegen jeden feind wusste, war eine
gemütliche Einrichtung zu den Verfolgungen, die eine Gesellschaft heute gegen
einen einzigen loslässt. Man kann sich auch nicht beklagen, dass wir in
Grausamkeiten und Verstümmelungen zurück sind. Bald stehe ich wieder bei meinen
Maschinen, sie sind Kannibalen, auf Ehre! Darum, weil ich jung bin und nun
einmal untröstlich wäre über eine brave Welt, schwärme ich für dieses tropische
Europa, in dem man sich nicht langweilt. Wenn ich unter die Räder komme, werde
ich Au! schreien, ganz wie ein anderer. Immerhin ... Tod und Leben sind keine
Widersprüche, so wenig wie Liebe und Leben. Es ist auch möglich, dass ich wie
Slim den allerlächerrlichsten Tod finde. Dann springt der Dichter ein, dann ist
es Zeit für den Dichter, die Tragikomödie liegt fix und fertig vor ihm da. Wenn
man aber den Menschen der Zukunft fragen wird, ob er schon in den Tropen gewesen
sei - ah, was Tropen, sagt er, die Tropen bin ich!
 
    