
        
                                 Gustav Meirink
                                   Der Golem
                                   Ein Roman
                                      Schlaf
Das Mondlicht fällt auf das Fussende meines Bettes und liegt dort wie ein grosser,
heller, flacher Stein.
    Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine rechte
Seite fängt an zu verfallen, - wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht,
zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, - dann bemächtigt sich meiner
um solche Zeit des Nachts eine trübe, qualvolle Unruhe.
    Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner
Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe
und Klarheit zusammenfliessen.
    Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich
niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von vorne
beginnend durch meinen Sinn:
    »Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und
dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krähe dort nichts
Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich dem Stein
genähert, so verlassen wir - wir, die Versucher, - den Aszeten Gotama, da wir
den Gefallen an ihm verloren haben.«
    Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins
Ungeheuerliche in meinem Hirn:
    Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flussbett und hebe glatte Kiesel auf.
    Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, über die ich nachgrüble und
nachgrüble und doch mit ihnen nichts anzufangen weiss, - dann schwarze mit
schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche eines Kindes, plumpe,
gesprenkelte Molche nachzubilden.
    Und ich will sie weit von mir werfen, diese Kiesel, doch immer fallen sie
mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht bannen.
    Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen auf
rings um mich her.
    Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande ans Licht
emporzuarbeiten - wie grosse schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut
zurückkommt, - und als wollten sie alles daran setzen, meine Blicke auf sich zu
lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen.
    Andere - erschöpft - fallen kraftlos zurück in ihre Löcher und geben es auf,
je zu Worte zu kommen.
    Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser halben Träume und sehe für
einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fussende meiner
Decke liegen wie einen grossen, hellen, flachen Stein, um blind von neuem hinter
meinem schwindenden Bewusstsein herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend,
der mich quält - der irgendwo verborgen im Schutte meiner Erinnerung liegen muss
und aussieht wie ein Stück Fett.
    Eine Regenröhre muss einst neben ihm auf der Erde gemündet haben, male ich
mir aus - stumpfwinklig abgebogen, die Ränder von Rost zerfressen, - und trotzig
will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um meine aufgescheuchten
Gedanken zu belügen und in Schlaf zu lullen.
    Es gelingt mir nicht.
    Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine
eigensinnige Stimme in meinem Innern - unermüdlich wie ein Fensterladen, den der
Wind in regelmässigen Zwischenräumen an die Mauer schlagen lässt: es sei das ganz
anders, das sei gar nicht der Stein, der wie Fett aussehe.
    Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.
    Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebensächlich, so
schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder auf und
beginnt hartnäckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber doch nicht der
Stein, der wie ein Stück Fett aussieht. -
    Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit zu
bemächtigen.
    Wie es weiter gekommen ist, weiss ich nicht. Habe ich freiwillig jeden
Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt, meine
Gedanken?
    Ich weiss nur, mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind
losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. -
    Wer ist jetzt »ich«, will ich plötzlich fragen, da besinne ich mich, dass ich
doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte; dann fürchte
ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das endlose Verhör
über den Stein und das Fett beginnen.
    Und so wende ich mich ab.
 
                                      Tag
Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hofe und sah durch einen rötlichen
Torbogen gegenüber - jenseits der engen, schmutzigen Strasse - einen jüdischen
Trödler an einem Gewölbe lehnen, das an den Mauerrändern mit altem
Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen, verrosteten Steigbügeln und
Schlittschuhen und vielerlei anderen abgestorbenen Sachen behangen war.
    Und dieses Bild trug das quälend Eintönige an sich, das alle jene Eindrücke
kennzeichnet, die tagtäglich so und so oft wie Hausierer die Schwelle unserer
Wahrnehmung überschreiten, und rief in mir weder Neugierde noch Überraschung
hervor.
    Ich wurde mir bewusst, dass ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung zu
Hause war.
    Auch diese Empfindung hinterliess mir trotz ihres Gegensatzes zu dem, was ich
doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt, keinerlei
tieferen Eindruck. - -
    Ich muss einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und
einem Stück Fett gehört oder gelesen haben, drängte sich mir plötzlich der
Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer emporstieg und
mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen flüchtige Gedanken machte.
    Da hörte ich Schritte die oberen Treppen über mir vorauslaufen, und als ich
zu meiner Tür kam, sah ich, dass es die vierzehnjährige, rotaarige Rosina des
Trödlers Aaron Wassertrum gewesen war.
    Ich musste dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rücken gegen das
Stiegengeländer und bog sich lüstern zurück.
    Ihre schmutzigen Hände hatte sie um die Eisenstange gelegt, - zum Halt - und
ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trüben Halbdunkel
hervorleuchteten.
    Ich wich ihren Blicken aus.
    Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem wächsernen
Schaukelpferdgesicht.
    Sie muss schwammiges, weisses Fleisch haben wie der Axolotl, den ich vorhin im
Salamanderkäfig bei dem Vogelhändler gesehen habe, fühlte ich.
    Die Wimpern Rotaariger sind mir widerwärtig wie die eines Kaninchens.
    Und ich sperrte auf und schlug rasch die Türe hinter mir zu. - -
    Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor seinem
Gewölbe stehen sehen.
    Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und zwickte mit einer Beisszange an
seinen Fingernägeln herum.
    War die rotaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte keine
Ähnlichkeit mit ihr.
    Unter den Judengesichtern, die ich Tag für Tag in der Hahnpassgasse
auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stämme unterscheiden, die sich
so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen verwischen
lassen, wie sich Öl und Wasser vermengen wird. Da darf man nicht sagen: die dort
sind Brüder oder Vater und Sohn.
    Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was
sich aus den Gesichtszügen lesen lässt.
    Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler ähnlich sähe!
    Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der sogar
die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, - aber sie verstehen
ihn geheimzuhalten vor der Aussenwelt, wie man ein gefährliches Geheimnis hütet.
    Kein einziges lässt ihn durchblicken, und in dieser Übereinstimmung gleichen
sie hasserfüllten Blinden, die sich an ein schmutzgetränktes Seil klammern: der
eine mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig mit einem Finger, alle aber
von abergläubischer Furcht besessen, dass sie dem Untergang verfallen müssen,
sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben und sich von den übrigen trennen.
    Rosina ist von jenem Stamme, dessen rotaariger Typus noch abstossender ist,
als der der andern. Dessen Männer engbrüstig sind und lange Hühnerhälse haben
mit vorstehendem Adamsapfel.
    Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie unter
brünstigen Qualen, diese Männer, - und kämpfen heimlich gegen ihre Gelüste einen
ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von immerwährender widerlicher Angst um
ihre Gesundheit gefoltert.
    Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina überhaupt in verwandtschaftliche
Beziehungen mit dem Trödler Wassertrum bringen konnte.
    Nie habe ich sie doch in der Nähe des Alten gesehen oder bemerkt, dass sie
jemals einander etwas zugerufen hätten.
    Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drückte sich in den dunklen
Winkeln und Gängen unseres Hauses umher.
    Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für eine nahe Verwandte oder
zumindest Schutzbefohlene des Trödlers, und doch bin ich überzeugt, dass kein
einziger einen Grund für solche Vermutungen anzugeben vermöchte.
    Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreissen und sah von dem offenen
Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpassgasse.
    Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefühlt, wandte er plötzlich sein
Gesicht zu mir empor.
    Sein starres, grässliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der
klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.
    Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berührung ihres
Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
    Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?
    Ich wusste es nicht.
    An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag, jahraus
jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.
    Mit geschlossenen Augen hätte ich sie hinzeichnen können: hier die verbogene
Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier gemalt, mit den so
sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine Girlande verrosteter Sporen an
einem schimmligen Lederriemen und anderes halb vermodertes Gerümpel.
    Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so dass niemand die
Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner
Herdplatten. -
    Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier und
da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des einen oder
anderen, geriet der Trödler in heftige Erregung.
    In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippen mit der Hasenscharte
empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverständliches in einem gurgelnden,
stolpernden Bass hervor, dass dem Käufer die Lust weiter zu fragen verging und er
abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
    Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen abgeglitten
und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen Mauern, die vom
Nebenhause an mein Fenster stossen.
    Was konnte er dort nur sehen?
    Das Haus steht doch mit dem Rücken gegen die Hahnpassgasse, und seine Fenster
blicken in den Hof! Nur eines ist in die Strasse gekehrt.
    Zufällig schienen die Räume, die nebenan in derselben Stockhöhe wie die
meinigen liegen - ich glaube, sie gehören zu einem winkligen Atelier - in diesem
Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hörte ich plötzlich eine
männliche und eine weibliche Stimme miteinander reden.
    Unmöglich konnte das aber der Trödler von unten aus wahrgenommen haben! - -
    Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch
Rosina, die draussen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, dass ich sie doch
vielleicht zu mir hereinrufen wolle.
    Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,
halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tür öffnen
werde, und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine schäumende
Eifersucht bis herauf zu mir.
    Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er weiss
sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und möchte doch
am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die Zügel schiessen lassen!
- - -
    Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und
Stichel hervor.
    Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig genug,
die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.
    Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause hängt, lässt mein Gemüt nicht
still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.
    Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als
Rosina.
    An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr
erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube ich, ein altes Weib.
    Ich wusste nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im Hause
wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel.
    Sie sorgt für die beiden Jungen, das heisst: sie gewährt ihnen Unterkunft;
dafür müssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen oder erbetteln. -
    Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken, denn
erst spät abends kommt die Alte heim.
    Leichenwäscherin soll sie sein.
    Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft harmlos im
Hof zu dritt spielen.
    Die Zeit aber ist lang vorbei.
    Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rotaarigen Judenmädel her.
    Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden kann,
dann schleicht er sich vor meine Tür und wartet mit verzerrtem Gesicht, dass sie
heimlich hierher komme.
    Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste draussen in dem
winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick horchend
vorgebeugt.
    Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm.
    Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine ununterbrochene
wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt, irrt wie ein wildes Tier im Hause umher,
und sein unartikuliertes heulendes Gebell, das er, vor Eifersucht und Argwohn
halb von Sinnen, ausstösst, klingt so schauerlich, dass einem das Blut in den
Adern stockt.
    Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet - irgendwo in einem
der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt - in blinder Raserei, immer von
dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen sein zu müssen, dass nichts
mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.
    Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist, ahnte ich, das
Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern
einzulassen.
    Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so ersinnt Loisa immer
wieder besondere Scheusslichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu entfachen.
    Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen und
locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo sie aus
rostigen Fassreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie tritt, und
eisernen Rechen - mit den Spitzen nach oben gekehrt - bösartige Fallen errichtet
haben, in die er stürzen muss und sich blutig fällt.
    Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs äusserste anzuspannen,
auf eigene Faust etwas Höllisches aus.
    Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als fände
sie plötzlich Gefallen an ihm.
    Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit, die
ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich dazu eine
geheimnisvoll scheinende, nur halbverständliche Zeichensprache ersonnen, die den
Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von Ungewissheit und
verzehrenden Hoffnungen verstricken muss. -
    Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so heftigen
Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, dass ich glaubte, jeden
Augenblick würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.
    Der Schweiss lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung, den
Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilungen zu erfassen.
    Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf den
finsteren Stiegen eines halb versunkenen Hauses, das in der Fortsetzung der
engen, schmutzigen Hahnpassgasse liegt, - bis er die Zeit versäumt hatte, sich an
den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.
    Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte, hatte
ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt. - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstossenden Atelier durch die
Mauern herüber zu mir.
    Ein Lachen? - In diesen Häusern ein fröhliches Lachen? Im ganzen Ghetto
wohnt niemand, der fröhlich lachen könnte.
    Da fiel mir ein, dass mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler Zwakh
anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hätte ihm das Atelier teuer abgemietet -
offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens unbelauscht zusammenkommen zu
können.
    Nach und nach, jede Nacht, müssten nun, damit niemand im Hause etwas merke,
die kostbaren Möbel des neuen Mieters heimlich Stück für Stück hinaufgeschaft
werden.
    Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er es
mir erzählte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt angefangen
habe: keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von dem romantischen
Liebespaar haben.
    Und von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig in das Atelier zu
gelangen. - Sogar durch eine Falltüre gäbe es einen Zugang!
    Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraumes aufklinke, - und das sei von
drüben aus sehr leicht, - könne man an meiner Kammer, vorbei zu den Stiegen
unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benützen ...
    Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und lässt in mir die undeutliche
Erinnerung an eine luxuriöse Wohnung und an eine adlige Familie auftauchen, zu
der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren Altertümern kleine Ausbesserungen
vorzunehmen. -
    Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche erschreckt.
    Die eiserne Bodentür klirrt heftig, und im nächsten Augenblick stürzt eine
Dame in mein Zimmer.
    Mit aufgelöstem Haar, weiss wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff über die
blossen Schultern geworfen.
    »Meister Pernat, verbergen Sie mich, - um Gottes Christi willen! - fragen
Sie nicht, verbergen Sie mich hier!«
    Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür abermals aufgerissen und
sofort wieder zugeschlagen. -
    Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers Aaron Wassertrum wie eine
scheussliche Maske hereingegrinst. -
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    Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Schein des
Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fussende meines Bettes.
    Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der Name
Pernat steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.
    Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? - Atanasius Pernat?
    Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo
meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, dass er mir so genau passe,
wo ich doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe.
    Und ich sah in den fremden Hut hinein - damals und - - ja, ja, dort hatte es
gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem weissen Futter:
                              ATHANASIUS PERNATH.
    Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wusste nicht warum.
    Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer von
mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe, auf mich los
gleich einem Pfeil.
    Schnell male ich mir das scharfe, süsslich grinsende Profil der roten Rosina
aus, und es gelingt mir auf diese Weise, dem Pfeil auszuweichen, der sich
sogleich in der Finsternis verliert.
    Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker als die stumpfsinnige
plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in meinem Zimmer in der
Hahnpassgasse geborgen sein werde, kann ich ganz ruhig sein.
 
                                       I
Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung, dass jemand in einem
gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe heraufkommt, in der
Absicht, mich zu besuchen, so muss er jetzt ungefähr auf dem letzten
Stiegenabsatz stehen.
    Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine Wohnung
hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur des oberen
Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
    Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, muss er,
mühsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Türschild lesen.
    Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
Eingang.
    Da öffnete sich die Türe, und er trat ein.
    Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab, noch
sagte er ein Wort der Begrüssung.
    So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, und ich fand es ganz
selbstverständlich, dass er so und nicht anders handelte.
    Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.
    Dann blätterte er lange darin herum.
    Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von
Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt.
    Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf.
    Das Kapitel hiess »Ibbur«, »die Seelenschwängerung«, entzifferte ich.
    Das grosse, in Gold und Rot ausgeführte Initial »I« nahm fast die Hälfte der
ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog, und war am Rande verletzt.
    Ich sollte es ausbessern.
    Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in alten
Büchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu bestehen, die
im Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden um die Ränder des
Pergaments griffen.
    Also musste, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten sein?
    Wenn das der Fall war, musste auf der nächsten Seite das »I« verkehrt stehen?
    Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
    Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die gegenüberliegende.
    Und ich las weiter und weiter.
    Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage.
    Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen auf
mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie buntgekleidete
Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie schillernder Dunst in
der Luft und gaben der nächsten Raum. Jede hoffte eine kleine Weile, dass ich sie
erwählen würde und auf den Anblick der Kommenden verzichten.
    Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
    Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider gefärbt, -
mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit hässlicher Schminke
verdeckt.
    Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt über
lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewöhnlich und ausdrucksarm, dass
es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
    Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und riesenhaft
wie ein Erzkoloss.
    Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu mir.
    Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm auf
den Puls ihrer linken Hand.
    Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war das Leben einer ganzen
Welt in ihr.
    Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
    Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen, und
immer näher brauste der Zug.
    Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten dicht vor mir, und meine
Augen suchten das verschlungene Paar.
    Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und sass, halb
männlich, halb weiblich, - ein Hermaphrodit - auf einem Trone von Perlmutter.
    Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
darein hatte der Wurm der Zerstörung geheimnisvolle Runen genagt.
    In einer Staubwolke kam eilig hinterdreingetrappelt eine Herde kleiner,
blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem Gefolge
führte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
    Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde strömten,
etliche, die kamen aus Gräbern, - Tücher vor dem Gesicht.
    Und blieben sie vor mir stehen, liessen sie plötzlich ihre Hüllen fallen und
starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, dass ein eisiger Schreck mir
ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom, in den Felsblöcke
vom Himmel herniedergefallen sind - plötzlich und mitten in sein Bette. -
    Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte es
ab, und sie trug einen Mantel aus fliessenden Tränen. -
    Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich.
    Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurück.
Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es ein
Spiegel.
    Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
zögernd, bald blitzschnell, dass sich meiner ein gespenstiger Trieb bemächtigt
ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern, mit den Achseln zu zucken und die
Mundwinkel zu verziehen.
    Da stossen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor
meine Blicke wollen.
    Doch keines der Wesen hat Bestand.
    Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen Töne
nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Mund entströmen.
    Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine Stimme,
die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich mich auch abmühte.
Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen Fragen.
    Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und ohne
Widerhall.
    Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie
jegliches Ding einen grossen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch diese
Stimme hatte keine Echos mehr, - lange, lange schon sind sie wohl verweht und
verklungen. - - -
    Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den Händen,
da war mir, als hätte ich suchend in meinem Gehirn geblättert und nicht in einem
Buche! - -
    Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor meinem
Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich blickte auf.
    Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?
    Fortgegangen!?
    Wird er es holen, wenn es fertig ist?
    Oder sollte ich es ihm bringen?
    Aber ich konnte mich nicht erinnern, dass er gesagt hätte, wo er wohne.
    Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es
misslang.
    Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? - Und welche
Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?
    Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. - Alle Bilder, die ich
mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
zusammenzusetzen vermochte.
    Ich schloss die Augen und presste die Hand auf die Lider, um einen winzigen
Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
    Nichts, nichts.
    Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tür, wie ich es
getan - vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt biegt er um die
Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden, liest jetzt draussen mein
Türschild »Atanasius Pernat« und jetzt tritt er herein.
    Vergebens.
    Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
wollte in mir erwachen.
    Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte mir im Geiste die Hand
dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
    Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblösst gewesen, ob
jung oder runzlig, mit Ringen geschmückt oder nicht, konnte ich mich entsinnen.
    Da kam mir ein seltsamer Einfall.
    Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.
    Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den Gang
und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurück in mein Zimmer.
    Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und als ich die Tür
öffnete, da sah ich, dass meine Kammer voll Dämmerung lag. War es denn nicht
heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
    Wie lange musste ich da gegrübelt haben, dass ich nicht bemerkte, wie spät es
ist!
    Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und konnte
mich an sie doch gar nicht erinnern. -
    Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.
    Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
    Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne es
dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht wünschte und nicht
beabsichtigte.
    Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten!
    Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, als ich ein
paar Schritte im Zimmer machte.
    Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriffe ist, vornüber zu
fallen, sagte ich mir.
    Ja, ja, ja, so war sein Gang!
    Ganz deutlich wusste ich: so ist er.
    Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen
und schaute aus schrägstehenden Augen.
    Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen.
    Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in die
Tasche und holte ein Buch hervor.
    Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. -
    Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin ich.
Ich, ich.
    Atanasius Pernat.
    Grausen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz raste zum Zerspringen, und
ich fühlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn
herumgetastet, haben von mir abgelassen.
    Noch spürte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Berührung. -
    Nun wusste ich, wie der Fremde war, und ich hätte ihn wieder in mir fühlen
können - jeden Augenblick -, wenn ich nur gewollt hätte; aber sein Bild mir
vorzustellen, dass ich es vor mir sehen würde Auge in Auge - das vermochte ich
noch immer nicht und werde es auch nie können.
    Es ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren
Linien ich nicht erfassen kann - in die ich selber hineinschlüpfen muss, wenn ich
mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewusst werden will - -
    In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; - in diese
wollte ich das Buch sperren und erst, wenn der Zustand der geistigen Krankheit
von mir gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen und an die
Ausbesserung des zerbrochenen Initialen »I« gehen.
    Und ich nahm das Buch vom Tisch.
    Da war mir, als hätte ich es gar nicht angefasst; ich griff die Kassette an:
dasselbe Gefühl. Als müsste das Tastempfinden eine lange, lange Strecke voll
tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewusstsein mündete, als seien
die Dinge durch eine jahresgrosse Zeitschicht von mir entfernt und gehörten einer
Vergangenheit an, die längst an mir vorübergezogen!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit dem
fettigen Stein zu quälen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich nicht gesehen.
Und ich weiss, dass sie aus dem Reiche des Schlafes stammt. Aber was ich erlebt,
das war wirkliches Leben, - darum konnte sie mich nicht sehen und sucht
vergeblich nach mir, fühle ich.
 
                                      Prag
Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dünnen, fadenscheinigen
Überziehers aufgeschlagen, und ich hörte, wie ihm vor Kälte die Zähne
aufeinanderschlugen.
    Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte ich
mir, und ich forderte ihn auf, mit hinüber in meine Wohnung zu kommen.
    Er aber lehnte ab.
    »Ich danke Ihnen, Meister Pernat,« murmelte er fröstelnd, »leider habe ich
nicht mehr so viel Zeit übrig; - ich muss eilends in die Stadt. - Auch würden wir
bis auf die Haut nass, wenn wir jetzt auf die Gasse treten wollten - schon nach
wenigen Schritten! - - Der Platzregen will nicht schwächer werden!«
    Die Wasserschauer fegten über die Dächer hin und liefen an den Gesichtern
der Häuser herunter wie ein Tränenstrom.
    Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drüben im vierten Stock
mein Fenster sehen, das, vom Regen überrieselt, aussah, als seien seine Scheiben
aufgeweicht, - undurchsichtig und höckerig geworden wie Hausenblase.
    Ein gelber Schmutzbach floss die Gasse herab, und der Torbogen füllte sich
mit Vorübergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten wollten.
    »Dort schwimmt ein Brautbukett«, sagte plötzlich Charousek und deutete auf
einen Strauss aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser vorbeigetrieben kam.
    Darüber lachte jemand hinter uns laut auf.
    Als ich mich umdrehte, sah ich, dass es ein alter, vornehm gekleideter Herr
mit weissem Haar und einem aufgedunsenen, krötenartigen Gesicht gewesen war.
    Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas vor
sich hin.
    Unangenehmes ging von dem Alten aus; - ich wandte meine Aufmerksamkeit von
ihm ab und musterte die missfarbigen Häuser, die da vor meinen Augen wie
verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.
    Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!
    Ohne Überlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden
dringt.
    An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden Überrest
eines früheren, langgestreckten Gebäudes, hat man sie angelehnt - vor zwei, drei
Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die übrigen zu nehmen. Dort
ein halbes, schiefwinkliges Haus mit zurückspringender Stirn; - ein andres
daneben: vorstehend wie ein Eckzahn.
    Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen sie im Schlaf, und man
spülte nichts von dem tückischen, feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen
ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt und ihr leises,
kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft.
    In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in mir
festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden des Nachts
und im frühesten Morgengrauen für sie gäbe, wo sie erregt eine lautlose,
geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fährt da ein schwaches Beben durch
ihre Mauern, das sich nicht erklären lässt, Geräusche laufen über ihre Dächer und
fallen in den Regenrinnen nieder, - und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen
achtlos hin, ohne nach ihrer Ursache zu forschen.
    Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser belauscht in ihrem spukhaften
Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, dass sie die heimlichen,
eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fühlens entäussern und
es wieder an sich ziehen können, - es tagsüber den Bewohnern, die hier hausen,
borgen, um es in kommender Nacht mit Wucherzinsen wieder zurückzufordern.
    Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen, wie
Wesen - nicht von Müttern geboren, - die in ihrem Denken und Tun wie aus Stücken
wahllos zusammengefügt scheinen, im Geiste an mir vorüberziehen, so bin ich mehr
denn je geneigt zu glauben, dass solche Träume in sich dunkle Wahrheiten bergen,
die mir im Wachsein nur noch wie Eindrücke von farbigen Märchen in der Seele
fortglimmen.
    Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem
künstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger
Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen
Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob.
    Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in der
die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so müssten auch,
dünkt mich, alle diese Menschen entseelt in einem Augenblick zusammenfallen,
löschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein nebensächliches Streben,
vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem einen, bei einem andern gar nur ein
dumpfes Warten auf etwas gänzlich Unbestimmtes, Haltloses - in ihrem Hirn aus.
    Was ist dabei für ein immerwährendes, schreckhaftes Lauern in diesen
Geschöpfen!
    Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie früh
beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem Atem - wie auf
ein Opfer, das doch nie kommt.
    Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte jemand in ihren Bereich,
irgendein Wehrloser, an dem sie sich bereichern könnten, dann fällt plötzlich
eine lähmende Angst über sie her, scheucht sie in ihre Winkel zurück und lässt
sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.
    Niemand scheint schwach genug, dass ihnen noch so viel Mut bliebe, sich
seiner zu bemächtigen.
    »Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe genommen
ist«, sagte Charousek zögernd und sah mich an. -
    Wie konnte er wissen, woran ich dachte? -
    So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, dass sie imstande sind, auf
das Gehirn des Nebenstehenden überzuspringen wie sprühende Funken, fühlte ich.
    »- - - wovon sie nur leben mögen?« fragte ich nach einer Weile.
    »Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!«
    Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
    Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
    Für einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen gestockt, und
man hörte bloss das Zischen des Regens.
    Was er nur damit sagen will: »Mancher unter ihnen ist ein Millionär!?«
    Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken erraten.
    Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des
Eisengerümpels in fliessenden, braunroten Pfützen vorbeispülte.
    »Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär, - fast ein Drittel der
Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr Pernat?!«
    Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. »Aaron Wassertrum! Der Trödler
Aaron Wassertrum Millionär?!«
    »Oh, ich kenne ihn genau«, fuhr Charousek verbissen fort, und als hätte er
nur darauf gewartet, dass ich ihn frage. »Ich kannte auch seinen Sohn, den Dr.
Wassory. Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem - berühmten -
Augenarzt? - Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt begeistert von ihm
gesprochen, - von dem grossen - - Gelehrten. Niemand wusste damals, dass er seinen
Namen abgelegt und früher Wassertrum geheissen hat. - Er spielte sich gerne auf
den weltabgewandten Mann der Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede
kam, warf er bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, dass sein Vater
noch aus dem Ghetto stamme, - sich aus den niedrigsten Anfängen heraus unter
Kummer aller Art und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten müssen.
    Ja! Unter Kummer und Sorgen!
    Unter wessen Kummer und unsäglichen Sorgen aber und mit welchen Mitteln, das
hat er nicht dazu gesagt!
    Ich aber weiss, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!« Charousek
fasste meinen Arm und schüttelte ihn heftig.
    »Meister Pernat, ich bin so arm, dass ich es selbst kaum mehr begreife; ich
muss halbnackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin doch Student
der Medizin, - bin doch ein gebildeter Mensch!«
    Er riss seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, dass er weder
Hemd noch Rock anhatte und den Mantel über der nackten Haut trug.
    »Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmächtigen,
angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, - und noch heute ahnt keiner, dass ich,
ich der eigentliche Urheber war.
    Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der seine
Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord getrieben hat. -
Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich Ihnen. Ich allein habe den
Plan erdacht und das Material zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und
leise und unmerklich Stein um Stein in dem Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis
der Zustand erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghettos mehr
vermocht hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen
Anstosses bedurfte, abzuwenden.
    Wissen Sie, so - so wie man Schach spielt.
    Gerade so wie man Schach spielt.
    Und niemand weiss, dass ich es war!
    Den Trödler Aaron Wassertrum, den lässt wohl manchmal eine furchtbare Ahnung
nicht schlafen, dass einer, den er nicht kennt, der immer in seiner Nähe ist und
den er doch nicht fassen kann, - ein anderer als Dr. Savioli - die Hand im
Spiele gehabt haben müsse.
    Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu schauen
vermögen, so fasst er es doch nicht, dass es Gehirne gibt, die auszurechnen
imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren, vergifteten Nadeln durch solche
Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold und Edelsteinen vorbei, um die
verborgene Lebensader zu treffen.«
    Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.
    »Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er Dr.
Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!
    Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. - Diesmal
wird es ein Königsläufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen Zug bis zum
bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche Entgegnung wüsste.
    Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einlässt, der hängt in der
Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden, - an Fäden,
die ich zupfe, - hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit dessen freiem Willen
ist's dahin.«
    Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
    »Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, dass Sie so voll Hass
sind?«
    Charousek wehrte heftig ab:
    »Lassen wir das - fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen hat!
- Oder wünschen Sie, dass wir ein andres Mal darüber sprechen? - Der Regen hat
nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?«
    Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz ruhig wird. Ich
schüttelte den Kopf.
    »Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den grünen Star heilt? - Nicht?
- So muss ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau verstehen, Meister
Pernat!
    Hören Sie zu: Der grüne Star also ist eine bösartige Erkrankung des
Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
Fortschreiten des Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte Iridektomie, die
darin besteht, dass man aus der Regenbogenhaut des Auges ein keilförmiges
Stückchen herauszwickt.
    Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche Blendungserscheinungen,
die fürs ganze Leben bleiben; der Prozess des Erblindens jedoch ist meistens
aufgehalten.
    Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
    Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurücktreten, und in solchen Fällen darf
ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch niemals mit
Bestimmteit sagen, dass sein Vorgänger, der andrer Meinung gewesen, sich
notwendigerweise geirrt haben müsse.
    Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich natürlich genauso an
einem gesunden Auge wie an einem kranken ausführen lässt, stattgefunden, so kann
man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner Star vorgelegen hat
oder nicht.
    Und auf diese und noch andere Umstände hatte Dr. Wassory einen scheusslichen
Plan aufgebaut.
    Unzählige Male - besonders an Frauen - konstatierte er grünen Star, wo
harmlose Sehstörungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die ihm
keine Mühe machte und viel Geld eintrug.
    Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehörte zum
Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr!
    Sehen Sie, Meister Pernat, da war das degenerierte Raubtier in jene
Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft seine Opfer
zerfleischen konnte.
    Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! - Begreifen Sie?! Ohne das geringste wagen
zu müssen!
    Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich Dr.
Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen verstanden und
sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig waren, um ihn zu
durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewusst.
    Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die natürliche
Folge.
    Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu ihm und liess sich
untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tückischer Planmässigkeit zu Werke.
    Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte aber geschickt
immer nur, um für alle Fälle gedeckt zu sein, jene Antworten, die eine Deutung
auf grünen Star zuliessen.
    Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere Diagnose vorläge.
    Gesprächsweise liess er einfliessen, dass ein dringender Ruf aus dem Auslande
behufs wichtiger wissenschaftlicher Massnahmen an ihn ergangen sei und er daher
schon morgen verreisen müsse. -
    Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie möglich.
    Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
    Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange Frage des Patienten, ob Grund
zur Befürchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen ersten
Schachzug.
    Er setzte sich dem Kranken gegenüber, liess eine Minute verstreichen und
sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:
    »Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten Zeit wohl
unvermeidlich!«
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    Die Szene, die naturgemäss folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute in
Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung zu Boden.
    Das Augenlicht verlieren, heisst alles verlieren.
    Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie Dr.
Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar keine Hilfe mehr
gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und verwandelte sich selbst in
jenen - Gott, der helfen konnte!
    Alles, alles in der Welt ist wie ein Schachzug, Meister Pernat! -
    Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
einzige, was vielleicht Rettung bringen könne, und mit einer wilden, gierigen
Eitelkeit, die plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem Redeschwall in
weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die alle mit dem vorliegenden
eine ungemein grosse Ähnlichkeit gehabt hätten, - wie unzählige Kranke ihm allein
die Erhaltung des Augenlichts verdankten und dergleichen mehr.
    Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art höheren Wesens gehalten zu
werden, in dessen Hände das Wohl und Wehe seines Mitmenschen gelegt ist.
    Das hilflose Opfer aber sass, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen vor
ihm, Angstschweiss auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die Rede zu
fallen, aus Furcht: ihn - den einzigen, der noch Hilfe bringen konnte - zu
erzürnen.
    Und mit den Worten, dass er zur Operation leider erst in einigen Monaten
schreiten könne, wenn er von seiner Reise wieder zurück sei, schloss Dr. Wassory
seine Rede.
    Hoffentlich - man solle in solchen Fällen immer das Beste hoffen - sei es
dann nicht zu spät, sagte er.
    Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten, dass sie unter
gar keinen Umständen auch nur einen Tag länger warten wollten, und baten
flehentlich um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt sonst wohl als
Operateur in Betracht käme.
    Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag
führte.
    Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des
Grams und lispelte schliesslich bekümmert, ein Eingriff seitens eines andern
Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges mit elektrischem
Licht, und das müsse - der Patient wisse ja selbst, wie schmerzhaft es sei -
wegen der blendenden Strahlen geradezu verhängnisvoll wirken.
    Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, dass so manchem von ihnen gerade
in der Iridektomie die nötige Übung fehle - dürfe, eben weil er wiederum von
neuem untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer Zeit, bis sich die
Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem chirurgischen Eingriff schreiten.«
    Charousek ballte die Fäuste.
    »Das nennen wir in der Schachsprache Zugzwang, lieber Meister Pernat! - -
Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, - ein erzwungener Zug nach dem andern.
    Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr. Wassory,
er möge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise verschieben und die
Operation selber vornehmen. - Es handle sich doch um mehr als um schnellen Tod,
die grauenhafte, folternde Angst, jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja
das Schrecklichste, was es geben könne.
    Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte: ein Aufschub seiner
Reise könne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto höhere Summen boten
freiwillig die Kranken.
    Schien schliesslich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und fügte
bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken konnte, den
Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren Schaden zu, jenes
immerwährende Gefühl des Geblendetseins, das das Leben zu stetiger Qual
gestalten musste, die Spuren des Schurkenstreiches aber ein für allemal
verwischte.
    Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht nur
seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch jedesmal
gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, - es befriedigte gleichzeitig
seine masslose Geldgier und frönte seiner Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an
Körper und Vermögen geschädigten Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und
ihn als Retter priesen.
    Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen,
unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von Kindheit an
gelernt hat, auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der jeden Menschen in der
Stadt kannte und bis ins kleinste seine Beziehungen und Vermögensverhältnisse
erriet und durchschaute, - nur ein solcher - »Halbhellsehender« möchte man es
beinahe nennen, - konnte jahrelang derartige Scheusslichkeiten verüben.
    Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch, würde es
bis ins hohe Alter weiterbetrieben haben, um schliesslich als ehrwürdiger
Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren, künftigen
Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu geniessen, bis - bis
endlich auch über ihn das grosse Verrecken hinweggezogen wäre.
    Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener
Atmosphäre höllischer List gesättigt, und so vermochte ich ihn zu Fall zu
bringen, - so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen, - wie aus
heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
    Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der Entlarvung, -
ihn schob ich vor und häufte Beweis auf Beweis, bis der Tag anbrach, wo der
Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory ausstreckte.
    Da beging die Bestie Selbstmord! - Gesegnet sei die Stunde!
    Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden und ihm die Hand geführt,
nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich absichtlich in
seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehenlassen, als ich selbst
ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche Diagnose des grünen Stars zu
stellen, - absichtlich und mit dem glühenden Wunsche, dass es dieses Amylnitrit
sein möchte, das ihm den letzten Stoss geben sollte.
    Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hiess es in der Stadt.
    Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
Gerücht nicht aufrechterhalten werden.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein tiefes
Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel nach der Richtung,
wo Aaron Wassertrums Trödlerladen lag.
    »Jetzt ist er allein,« murmelte er, »ganz allein mit seiner Gier und - und -
und mit der Wachspuppe!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Mir schlug das Herz bis zum Hals.
    Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
    War er wahnsinnig? Es mussten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
erfinden liessen.
    Gewiss, gewiss! Er hat alles erfunden, geträumt!
    Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt Grauenhaftes erzählt
hat. Er ist schwindsüchtig, und die Fieber des Todes kreisen in seinem Hirn.
    Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine Gedanken
in eine freundliche Richtung lenken.
    Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung das
Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in mein Zimmer
mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür hereingeschaut hatte.
    Dr. Savioli! Dr. Savioli! - ja, ja, so war auch der Name des jungen Mannes
gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flüsternd anvertraut als den des
vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier gemietet hatte.
    Dr. Savioli! - Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine Reihe
nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit schreckhaften
Vermutungen, die auf mich einstürmten.
    Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was ich
damals erlebt, da sah ich, dass ein heftiger Hustenanfall sich seiner bemächtigt
hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie er sich mühsam
mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen hinaustappte und mir einen
flüchtigen Gruss zunickte.
    Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, - fühlte ich, - das
unfassbare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen schleicht Tag
und Nacht und sich zu verkörpern sucht.
    Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich schlägt es sich
nieder in einer Menschenseele, - wir ahnen es nicht, - da, dort, und ehe wir es
fassen können, ist es gestaltlos geworden und alles längst vorüber.
    Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches Geschehnis kommen an
uns heran.
    Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, die rings um
mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs Dasein von
einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt - - so, wie vorhin das Brautbukett
in dem schmutzigen Rinnsal vorüberschwamm.
    Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen Gesichtern voll
namenloser Bosheit auf mich herüber, - die Tore: aufgerissene schwarze Mäuler,
aus denen die Zungen ausgefault waren, - Rachen, die jeden Augenblick einen
gellenden Schrei ausstossen konnten, so gellend und hasserfüllt, dass es uns bis
ins Innerste erschrecken müsste.
    Was hatte zum Schluss noch der Student über den Trödler gesagt? - Ich
flüsterte mir seine Worte vor: - Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit seiner
Gier und - - seiner Wachspuppe.
    Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?
    Es muss ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, - eines jener
krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu überfallen pflegt, die man nicht
versteht, und die einen, wenn sie später unerwartet sichtbar werden, so
tieferschrecken können wie die Dinge von ungewohnter Form, auf die plötzlich ein
greller Lichtstreif fällt.
    Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck, den
mir Charouseks Erzählung verursacht hatte, abzuschütteln.
    Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten: Neben
mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich gelacht hatte.
    Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenüber.
    Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zügen zuckte vor
Erregung.
    Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, dass sie wie gebannt an
der rotaarigen Rosina hingen, die drüben jenseits der Gasse stand, ihr
immerwährendes Lächeln um die Lippen.
    Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, dass sie es wohl
wusste, aber sich benahm, als verstünde sie nicht.
    Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf den Fussspitzen
hinüber und hüpfte mit lächerlicher Elastizität wie ein grosser schwarzer
Gummiball über die Pfützen.
    Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die
darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch um den
Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr, machte mit
grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
    Ich begriff nur, dass sie den Alten in der Judenstadt den »Freimaurer«
nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen wollten,
der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber durch intime
Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. - - -
    Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des Hausflures
verschwunden.
 
                                     Punsch
Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen Zimmer
strömen zu lassen.
    Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die an
der Türe hingen, dass sie leise hin und her schwankten.
    »Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten davonfliegen«, sagte Zwakh
und deutete auf des Musikers grossen Schlapphut, der die breite Krempe bewegte
wie schwarze Flügel.
    Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
    »Er will,« sagte er, »er will wahrscheinlich - - -«
    »Er will zum Loisitschek zur Tanzmusik«, nahm ihm Vrieslander das Wort
vorweg.
    Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klängen, die die dünne
Winterluft her über die Dächer trug.
    Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als zupfe er
die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und gespreizter
Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
»An Bein-del von Ei-sen
recht alt
An Stran-zen net gar
a so kalt
Messinung, a' Räucherl
und Rohn
und immerrr nurr putz-en« - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Wie grossartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!« und
Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:
»Und stok-en sich Aufzug
und Pfiff
Und schmallern an eisernes
G'süff.
Juch, -
Und Handschuhkren, Harom net san« - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim Loisitschek der meschuggene
Nephtali Schaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein geschminktes Weibsbild
spielt Harmonika und grölt den Text dazu«, erklärte mir Zwakh. »Sie sollten auch
einmal mit uns in diese Schenke gehen, Meister Pernat. Später vielleicht, wenn
wir mit dem Punsch zu Ende sind, - was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen
Geburtstages?«
    »Ja, ja kommen Sie nachher mit uns«, sagte Prokop und klinkte das Fenster
zu, - »man muss so etwas gesehen haben.«
    Dann tranken wir den heissen Punsch und hingen unsern Gedanken nach.
    Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
    »Sie haben uns förmlich von der Aussenwelt abgeschnitten, Josua,« unterbrach
Zwakh die Stille, »seit Sie das Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein
Wort gesprochen.«
    »Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie seltsam
es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,« antwortete Prokop schnell, wie um
sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: »Es sieht gar so wunderlich aus,
wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben, die sonst immer tot daliegen.
Nicht? - Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu, wie grosse
Papierfetzen, - ohne dass ich vom Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein
Haus gedeckt, - in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als
hätten sie sich den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich
beruhigt zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über
sie, und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen Winkel
zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und schliesslich hinter
einer Ecke zu verschwinden.
    Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem Pflaster
liegen und klappte hasserfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und
als schnappe sie nach Luft.
    Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? - Ob nicht
vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher Wind auch uns hin und her treibt
und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer Einfalt glauben unter
eigenem, freien Willen zu stehen?
    Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter
Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weisst du, von wannen er kommt
und wohin er geht? - - - Träumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen in tiefes
Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist geschehen, als dass ein
kalter Luftzug unsere Hände traf?«
    »Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernat, was ist's mit Ihnen?« sagte
Zwakh und sah den Musiker misstrauisch an.
    »Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, - schade, dass Sie
so spät kamen und sie nicht mit anhörten, - hat ihn so nachdenklich gestimmt«,
meinte Vrieslander.
    »Eine Geschichte von einem Buche?«
    »Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah. -
Pernat weiss nicht, wie er heisst, wo er wohnt, was er wollte, und obwohl sein
Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch nicht recht
schildern.«
    Zwakh horchte auf.
    »Das ist sehr merkwürdig,« sagte er nach einer Pause, »war der Fremde
vielleicht bartlos, und hatte er schrägstehende Augen?«
    »Ich glaube,« antwortete ich, »das heisst, ich - ich - weiss es ganz bestimmt.
Kennen Sie ihn denn?«
    Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: »Er erinnerte mich nur an den
Golem.«
    Der Maler Vrieslander liess sein Schnitzmesser sinken:
    »Golem? - Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas über
den Golem, Zwakh?«
    »Wer kann sagen, dass er über den Golem etwas wisse?«, antwortete Zwakh und
zuckte die Achseln. »Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines Tages
in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich wieder aufleben lässt.
Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins
Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und aufgebauscht, dass sie schliesslich an
der eigenen Unglaubwürdigkeit zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht
wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen
Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen - den
sogenannten Golem - verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die Glocken
in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue.
    Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes,
halbbewusstes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heisst, auch das nur tagsüber und
kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hinter den Zähnen stak und
die freien siderischen Kräfte des Weltalls herabzog.
    Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der
Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, was ihm in den Weg
kam.
    Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
    Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm übrig
als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der Altneusynagoge
gezeigt wird.«
    »Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen worden
sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht haben,« warf
Prokop ein, »moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu einer Laterna magica
bedient.«
    »Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, dass sie bei den Heutigen
nicht Beifall fände,« fuhr Zwakh unbeirrt fort. - »Eine Laterna magica!! Als ob
Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen Dingen nachging, einen so plumpen
Schwindel nicht auf den ersten Blick hätte durchschauen müssen!
    Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen lässt,
dass aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesen
treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich sicher. Von Geschlecht zu
Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt, und niemand kann wohl auf mehr
erlebte und ererbte Erinnerungen an das periodische Auftauchen des Golem
zurückblicken als gerade ich!«
    Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man fühlte mit ihm, wie seine
Gedanken in vergangene Zeiten zurückwanderten.
    Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische sass und beim Scheine der Lampe
seine roten, jugendlichen Bäckchen fremdartig von dem weissen Haar abstachen,
verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den maskenhaften Gesichtern
seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
    Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah!
    Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
    Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich, und
wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen liess, da schien es mir
mit einemmal gespenstisch und ungeheuerlich, dass ein Mensch wie er, obschon er
eine bessere Erziehung als seine Vorfahren genossen hatte und Schauspieler hätte
werden sollen, plötzlich wieder zu dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren
konnte, um nun abermals auf die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die
schon seiner Vorväter kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre
ungelenken Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
    Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben mit
von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich in Gedanken
verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und ruhelos gemacht, bis
er wieder heimkehrte. Darum hält er sie jetzt so liebevoll und kleidet sie stolz
in Flitter.
    »Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?« forderte Prokop den Alten auf
und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen Wunsches
seien.
    »Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll,« meinte der Alte zögernd, »die
Geschichte mit dem Golem lässt sich schwer fassen. So wie Pernat vorhin sagte:
er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch könne er ihn
nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreissig Jahre wiederholt sich ein Ereignis
in unsern Gassen, das gar nichts besonders Aufregendes an sich trägt und dennoch
ein Entsetzen verbreitet, für das weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung
ausreicht:
    Immer wieder begibt es sich nämlich, dass ein vollkommen fremder Mensch,
bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus, aus der Richtung der
Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, gleichmässigen
und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornüber
fallen, durch die Judenstadt schreitet und plötzlich - unsichtbar wird.
    Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
    Ein andermal heisst es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben und
sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem uralten Hause in
der Nähe der Synagoge.
    Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf sich
zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich entgegengeschritten, sei er
dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt sich in weiter Ferne verliert, immer
kleiner und kleiner geworden und - schliesslich ganz verschwunden.
    Vor sechsundsechzig Jahren nun muss der Eindruck, den er hervorgebracht,
besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich - ich war noch ein ganz
kleiner Junge -, dass man das Gebäude in der Altschulgasse damals von oben bis
unten durchsuchte.
    Es wurde auch festgestellt, dass wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
Gitterfenster vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
    Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen
Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur
gekommen.
    Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem Strick
vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nähe des
Fensters gelangt, da riss das Seil, und der Unglückliche zerschmetterte sich auf
dem Pflaster den Schädel. Und als später der Versuch nochmals wiederholt werden
sollte, gingen die Ansichten über die Lage des Fensters derart auseinander, dass
man davon abstand.
    Ich selber begegnete dem Golem das erste Mal in meinem Leben vor ungefähr
dreiunddreissig Jahren.
    Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast
aneinander.
    Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein muss.
Man trägt doch um Gottes willen nicht immerwährend, tagaus tagein die Erwartung
mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
    In jenem Augenblick aber, bestimmt - ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und im
selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, und jener
Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine Flut bleicher,
aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen bestürmten, ob ich ihn
gesehen hätte.
    Und als ich antwortete, da fühlte ich, dass sich meine Zunge wie aus einem
Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte.
    Ich war förmlich überrascht, dass ich mich bewegen konnte, und deutlich kam
mir zum Bewusstsein, dass ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlags
lang - in einer Art Starrkrampf befunden haben musste.
    Über all das habe ich oft und lange nachgedacht, und mich dünkt, ich komme
der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: Immer einmal in der Zeit eines
Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die Judenstadt,
befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der uns verhüllt bleibt,
und lässt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines charakteristischen Wesens
erstehen, das vielleicht vorjahrhunderten hier gelebt hat und nach Form und
Gestaltung dürstet.
    Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es
nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht,
bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
    Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
innewohnendes Bewusstsein, - ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein Kristall nach
stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswächst.
    Wer weiss das?
    Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur Unerträglichkeit
steigert und endlich den Blitz gebiert, könnte es da nicht sein, dass auch auf
die stetige Anhäufung jener niemals wechselnden Gedanken, die hier im Ghetto die
Luft vergiften, eine plötzliche, ruckweise Entladung folgen muss? - eine
seelische Explosion, die unser Traumbewusstsein ans Tageslicht peitscht, um -
dort den Blitz der Natur - hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang
und Gehaben, in allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren
müsste, wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde?
    Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden, so
verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen
jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf einer alten Mauer
nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen
am Fenster bilden sich Züge starrer Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders
zu fallen als sonst und drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf,
eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn
herab und übe sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse
hervorzubringen. - Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten
der Haut, bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende,
bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengrosse auswachsen.
Und immer zieht sich durch solche schemenhaften Versuche der angesammelten
Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu durchnagen, für uns wie ein
roter Faden die qualvolle Gewissheit, dass unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht
und gegen unsern Willen ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms
plastisch werden könne.
    Wie ich nun vorhin Pernat bestätigen hörte, dass ihm ein Mensch begegnet
sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der Golem vor mir, wie ich
ihn damals gesehen.
    Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
    Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklärliches nahe
bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich schon einmal
in meinen Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften Äusserungen des Golem
ihre Schatten vorauswarfen.
    Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen Abend,
an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und in der Familie
der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
    Es wurde damals Blei gegossen - zum Scherz - und ich stand mit offenem Munde
dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, - in meiner wirren,
kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem Golem, von dem ich
meinen Grossvater oft hatte erzählen hören, und bildete mir ein, jeden Augenblick
müsse die Tür aufgehen und der Unbekannte eintreten.
    Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das
Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
    Mit welken, zitternden Händen holte mein Grossvater den blitzenden
Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
    Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein Vater, es wäre damals das
geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt gewesen, -
glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von unheimlicher Ähnlichkeit
mit den Zügen des Golem, dass sich alle entsetzt hätten.
    Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der
Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus Kaiser
Rudolfs Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befasst und meint, jener
Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmassen sei vielleicht nichts anderes als ein
ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall der bleierne Kopf. Und der
Unbekannte, der da umgehe, müsse das Phantasie- oder Gedankenbild sein, das
jener mittelalterliche Rabbiner zuerst lebendig gedacht habe, ehe er es mit
Materie bekleiden konnte, und das nun in regelmässigen Zeitabschnitten, bei den
gleichen astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden -
wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben gequält.
    Auch Hillels verstorbene Frau hatte den Golem von Angesicht zu Angesicht
erblickt und ebenso wie ich gefühlt, dass man sich im Starrkrampf befindet,
solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt.
    Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, dass es damals nur ihre
eigene Seele habe sein können, die - aus dem Körper getreten - ihr einen
Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden Geschöpfes ins
Gesicht gestarrt hätte.
    Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemächtigt, habe sie
doch keine Sekunde die Gewissheit verlassen, dass jener andere nur ein Stück ihres
eignen Innern sein konnte.« - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Es ist unglaublich«, murmelte Prokop in Gedanken verloren.
    Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken.
    Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen Krug
auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
    Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber noch
lange Zeit sprach niemand ein Wort.
    Als sei ein neuer Einfluss mit der Alten zur Tür hereingeschlüpft, an den man
sich erst gewöhnen musste.
    »Ja! Die rotaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen sieht«,
sagte plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. »Dieses erstarrte, grinsende Lächeln
kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die Grossmutter, dann die
Mutter! - Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug anders! Derselbe Name Rosina;
- es ist immer eine die Auferstehung der andern.«
    »Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron Wassertrum?« fragte ich.
    »Man spricht so«, meinte Zwakh, - - »Aaron Wassertrum aber hat manchen Sohn
und manche Tochter, von denen man nicht weiss. Auch bei Rosinas Mutter wusste man
nicht, wer ihr Vater gewesen, - auch nicht, was aus ihr geworden ist. - Mit
fünfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und war seitdem nicht mehr
aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord zusammen, soweit ich mich
entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause begangen wurde.
    Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals sie den halbwüchsigen Jungen im Kopfe.
Einer von ihnen lebt noch, - ich sehe ihn öfter, - doch sein Name ist mir
entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine, sie hat sie alle
frühzeitig under die Erde gebracht. Ich erinnere mich aus jener Zeit überhaupt
nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene Bilder durch mein Gedächtnis
treiben. So hat es damals einen halbblödsinnigen Menschen gegeben, der nachts
von Schenke zu Schenke zog und den Gästen gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus
schwarzem Papier schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine
unsägliche Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte er, ohne
aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, bis sein ganzer
Papiervorrat verbraucht war.
    Aus Zusammenhängen zu schliessen, die ich längst vergessen, hatte er - fast
als Kind noch - eine gewisse Rosina, wohl die Grossmutter der heutigen, so heftig
geliebt, dass er den Verstand darüber verlor.
    Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere als die Grossmutter der
jetzigen Rosina gewesen sein.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. - - - - - -
    Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder zum
selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein hässliches Bild, das ich
einmal mit angesehen - eine Katze mit verletzter Gehirnhälfte im Kreise
herumtaumelnd - trat vor mein Auge. - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Jetzt kommt der Kopf«, hörte ich plötzlich den Maler Vrieslander mit heller
Stimme sagen.
    Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu
schnitzen.
    Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, und ich rückte meinen
Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.
    Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel, und Josua Prokop füllte
wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik durch
das geschlossene Fenster; - manchmal verstummten sie vollends, dann wiederum
wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs verlor oder zu uns von der
Gasse emportrug.
    Ob ich denn nicht anstossen wolle, fragte mich nach einer Weile der Musiker.
    Ich aber gab keine Antwort, - so vollkommen war mir der Wille, mich zu
bewegen, abhanden gekommen, dass ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu
öffnen, verfiel.
    Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich meiner
bemächtigt hatte. Und ich musste hinüber auf Vrieslanders funkelndes Messer
blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biss, - um die Gewissheit zu
erlangen, dass ich wach sei.
    In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei
wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für seine
Puppenspiele erdacht.
    Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin
eines Adeligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu Besuch
komme.
    Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums höhnische, triumphierende
Miene. -
    Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,
überlegte ich, - dann hielt ich es nicht der Mühe für wert und für belanglos.
Auch wusste ich, dass mein Wille versagen würde, wollte ich jetzt den Versuch
machen zu sprechen.
    Plötzlich sahen die drei am Tisch aufmerksam zu mir herüber, und Prokop
sagte ganz laut: »Er ist eingeschlafen«, - so laut, dass es fast klang, als ob es
eine Frage sein sollte.
    Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, dass sie von mir
sprachen.
    Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf, das
von der Lampe niederfloss, und der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen.
    Es fiel ein Wort wie: »irr sein«, und ich horchte auf die Rede, die in der
Runde ging.
    »Gebiete, wie das vom Golem sollte man vor Pernat nie berühren,« sagte
Josua Prokop vorwurfsvoll, »als er vorhin von dem Buche Ibbur erzählte,
schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte wetten, er hat alles
nur geträumt.«
    Zwakh nickte: »Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem Lichte
eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher Decke und Wände
bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fusshoch den Boden bedeckt; ein
flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das Feuer aus allen Ecken.«
    »War Pernat lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst vierzig
sein«, sagte Vrieslander.
    »Ich weiss es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen mag
und was früher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein
altfranzösischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem Spitzbart. Vor
vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter Arzt gebeten, ich möchte
mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine kleine Wohnung hier in diesen
Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und mit Fragen nach früheren Zeiten
beunruhigen würde, aussuchen.« - Wieder sah Zwakh bewegt zu mir herüber. - »Seit
jener Zeit lebt er hier, bessert Antiquitäten aus und schneidet Gemmen und hat
sich damit einen kleinen Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, dass er
alles, was mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen zu haben scheint. Fragen
Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in seiner
Erinnerung wachrufen könnten, - wie oft hat mir das der alte Arzt ans Herz
gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so eine gewisse Metode;
wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe eingemauert, möchte ich's nennen, - so
wie man eine Unglücksstätte einfriedet, weil sich an sie eine traurige
Erinnerung knüpft.« - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein Schlächter
auf ein wehrloses Tier und presste mir mit rohen, grausamen Händen das Herz
zusammen.
    Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, - ein Ahnen, als wäre mir
etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange Strecke Wegs
an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler. Und nie war es mir
gelungen, die Ursache zu ergründen.
    Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte mich unerträglich wie
eine blossgelegte Wunde.
    Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse
nachzuhängen, - dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende Traum,
ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzugänglicher Gemächer gesperrt, - das
beängstigende Versagen meines Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit
betrafen, - alles das fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: ich war
wahnsinnig gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das - »Zimmer«
verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns bildete, und
mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens gemacht.
    Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!
    Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,
vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, - nie würde ich sie erkennen können:
eine verschnittene Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden Wurzel
sprosst. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes verschlossene »Zimmer« zu
erzwingen, müsste ich nicht abermals den Gespenstern, die man darein gebannt, in
die Hände fallen?!
    Die Geschichte von dem Golem, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog mir
durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengrossen, geheimnisvollen
Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne Zugang, in dem jener
Unbekannte wohnen sollte, und meinem bedeutungsvollen Traum.
    Ja! auch in meinem Falle »würde der Strick reissen«, wollte ich versuchen, in
das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.
    Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas
unbeschreiblich Erschreckendes für mich an.
    Ich fühlte: es sind da Dinge - unfassbare - zusammengeschmiedet und laufen
wie blinde Pferde, die nicht wissen wohin der Weg führt, nebeneinander her.
    Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden kann, -
ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen durch die Gassen
tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu tragen! - - -
    Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte unter
der Klinge des Messers.
    Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, ob es denn nicht
bald zu Ende sei.
    Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als habe er
Bewusstsein und spähe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine Augen lange auf
mir, befriedigt, dass sie mich endlich gefunden.
    Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte unverwandt
auf das hölzerne Antlitz.
    Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas zu suchen, dann ritzte
es entschlossen eine Linie ein, und plötzlich gewannen die Züge des Holzklotzes
schreckhaftes Leben.
    Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch
gebracht.
    Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine
Sekunde gedauert, und ich spürte, dass mein Herz zu schlagen aufhörte und
ängstlich flatterte.
    Dennoch blieb ich mir - wie damals - des Gesichtes bewusst.
    Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Schoss und spähte umher.
    Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte meinen
Schädel.
    Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Miene und hörte seine Worte:
um Gottes Willen, das ist ja der Golem!
    Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt das
Schnitzwerk entreissen, doch der wehrte sich und rief lachend:
    »Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar misslungen.« Und er wand sich los,
öffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.
    Da schwand mein Bewusstsein, und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die
von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir schien, nach
einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das Holz klappernd auf das
Pflaster fallen. - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Sie haben so fest geschlafen, dass Sie nicht merkten, wie wir Sie
schüttelten,« - sagte Josua Prokop zu mir, »der Punsch ist aus, und Sie haben
alles versäumt.«
    Der heisse Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich
wieder, und ich wollte aufschreien, dass ich nicht geträumt habe, als ich ihnen
von dem Buche Ibbur erzählte - und es aus der Kassette nehmen und ihnen zeigen
könne.
    Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung allgemeinen
Aufbruches, die meine Gäste ergriffen hatte, nicht durchdringen.
    Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:
    »Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernat, es wird Ihre
Lebensgeister erfrischen.«
 
                                     Nacht
Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen lassen.
    Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Strasse ins Haus drang,
deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren einige
Schritte vorausgegangen, und man hörte, wie sie draussen vor dem Torweg mitsammen
sprachen.
    »Er muss rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum Teufelholen.«
    Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bückte und die
Marionette suchte.
    »Freut mich, dass du den dummen Kopf nicht finden kannst«, brummte
Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht leuchtete
grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen - wie er das Feuer eines
Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
    Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte sich
noch tiefer hinab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:
    »Still doch! Hört ihr denn nichts?«
    Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte
horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und lauschten in
den Schacht hinab.
    Nichts.
    »Was war's denn?« flüsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch sofort
packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.
    Einen Augenblick - kaum einen Herzschlag lang - hatte es mir geschienen, als
klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte - fast unhörbar. Wie ich eine
Sekunde später darüber nachdachte, war alles vorbei; nur in meiner Brust hallte
es wie ein Erinnerungsecho weiter und löste sich langsam in ein unbestimmtes
Gefühl des Grauens auf.
    Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.
    »Gehen wir; was stehen wir da herum!« mahnte Vrieslander.
    Wir schritten die Häuserreihe entlang.
    Prokop folgte nur widerwillig.
    »Meinen Hals möcht' ich wetten, da unten hat jemand geschrien in
Todesangst.«
    Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte, dass etwas wie leise
dämmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.
    Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten Schenkenfenster.
                              »SALON LOISITSCHEK«.
                            »Heinte grosses Konzehr«
stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen
Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.
    Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, öffnete sich die
Eingangstür nach innen, und ein vierschrötiger Kerl mit gewichstem schwarzem
Haar, ohne Kragen - eine grünseidene Krawatte um den blossen Hals geschlungen und
die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszähnen geschmückt - empfing uns mit
Bücklingen.
    »Jä, jä, das sin mir Gästäh. - - - Pane Schaffranek, rasch einen Tusch!«
setzte er, über die Schulter in das von Menschen überfüllte Lokal gewendet,
hastig seinem Willkommensgruss hinzu.
    Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte über Klaviersaiten liefe, war
die Antwort.
    »Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da schaut man«, murmelte
der Vierschrötige immerwährend eifrig vor sich hin, während er uns aus den
Mänteln half.
    »Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir
versammelt«, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene, als im
Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine zweistufige
Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar vornehme junge
Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.
    Schwaden beissenden Tabakrauches lagerten über den Tischen, hinter denen die
langen Holzbänke an den Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten waren:
Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuss, die festen Brüste kaum
verhüllt von missfarbigen Umhängetüchern, Zuhälter daneben mit blauen
Militärmützen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler mit haarigen Fäusten
und schwerfälligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine stumme Sprache der
Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen Augen und blatternarbige
Kommis mit karrierten Hosen.
    »Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schön ungestört
sein«, krächzte die feiste Stimme des Vierschrötigen, und eine Rollwand, beklebt
mit kleinen, tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den Ecktisch, an den wir
uns gesetzt hatten.
    Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer
verlöschen.
    Eine Sekunde eine rhytmische Pause.
    Totenstille, als hielte alles den Atem an.
    Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie die eisernen
Gasstäbe fauchend die flachen herzförmigen Flammen aus ihren Mündern in die Luft
bliesen - - dann fiel die Musik über das Geräusch her und verschlang es.
    Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame Gestalten
aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.
    Mit langem, wallendem, weissen Prophetenbart, ein schwarzseidenes Käppchen -
wie es die alten jüdischen Familienväter tragen - auf dem Kahlkopf, die blinden
Augen milchbläulich und gläsern - starr zur Decke gerichtet - sass dort ein
Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit dürren Fingern wie mit
Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm in speckglänzendem, schwarzen
Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an Hals und Armen - ein Sinnbild
erheuchelter Bürgermoral - ein schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem
Schoss.
    Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus den Instrumenten, dann
sank die Melodie ermattet zur blossen Begleitung herab.
    Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und riss den Mund weit auf,
dass man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der Brust herauf
rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten begleitet, ein wilder Bass:
    »Roo - n - the, blau - we Stern - -«
    »Rititit« (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die
keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)
    »Roonte blaue Steern
    Hörndlach ess i' ach geern«;
    »Rititit«
    »Rotboart, Grienboart
    allerlaj Stern« - -
    »Rititit, rititit.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Paare traten zum Tanze an.
    »Es ist das Lied vom chomezigen Borchu«, erklärte uns lächelnd der
Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlöffel, der sonderbarerweise mit
einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. »Vor wohl hundert Jahren oder mehr
noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart und Grünbart, am Abend des Schabbes
Hagodel das Brot - Sterne und Hörnchen - vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben
in der Judenstadt hervorzurufen; aber der Meschores - der Gemeindediener - war
infolge göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen und konnte die
beiden Verbrecher der Stadtpolizei überliefern. Zur Erinnerung an die wundersame
Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die Landonim und Bocherlech jenes
seltsame Lied, das wir hier jetzt als Bordellquadrille hören.«
    »Rititit - Rititit«
    »Roote blaue Steern - - - -« immer hohler und fanatischer erscholl das
Gebell des Greises.
    Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich in den Rhytmus des
böhmischen »Schlapak« - eines schleifenden Schiebetanzes - über, bei dem die
Paare die schwitzigen Wangen innig aneinander pressten.
    »So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!« rief von der Estrade ein
schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem Harfenisten zu,
griff in die Westentasche und warf ein Silberstück in der Richtung. Es erreichte
sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über das Tanzgewühl hinbljetzte; da war es
plötzlich verschwunden. Ein Strolch - sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich
glaube, es muss derselbe gewesen sein, der neulich bei dem Regenguss neben
Charousek gestanden - hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo
er sie bisher hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen - ein Griff in die Luft mit
affenhafter Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und
die Münze war geschnappt. Nicht ein Muskel zuckte im Gesicht des Burschen auf,
nur zwei, drei Paare in der Nähe grinsten leise.
    »Wahrscheinlich einer vom Bataillon, nach der Geschicklichkeit zu
schliessen«, sagte Zwakh lachend.
    »Meister Pernat hat sicherlich noch nie etwas vom Bataillon gehört«, fiel
Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem Marionettenspieler
zu, dass ich es nicht sehen sollte. - Ich verstand gar wohl: es war wie vorhin,
oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich für krank. Wollten mich aufheitern. Und
Zwakh sollte etwas erzählen. Irgend etwas.
    Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir heiss vom Herzen in
die Augen. Wenn er wüsste, wie weh mir sein Mitleid tat!
    Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine Worte
einleitete, - ich weiss nur, mir war, als verblute ich langsam. Mir wurde immer
kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes Gesicht auf Vrieslanders
Schoss gelegen hatte. Dann war ich plötzlich mitten drin in der Erzählung, die
mich fremdartig umfing, - einhüllte, wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch.
    Zwakh begann:
    »Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon.
    - - - No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller Warzen und
krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jüngling kannte er nichts als Studium.
Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er sich durch Stundengeben mühsam
erwarb, musste er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie grüne Wiesen aussehen
und Hecken und Hügel voll Blumen und Wälder, erfuhr er, glaube ich, nur aus
Büchern. Und wie wenig von Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, wissen
Sie ja selbst.
    Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich
selbstverständlich.
    Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. So berühmt,
dass alle Leute - Richter und alte Advokaten - zu ihm fragen kamen, wenn sie
irgend etwas nicht wussten. dabei lebte er ärmlich wie ein Bettler in einer
Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof schaute.
    So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner
Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. Dass ein Mann wie er
weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, zumal sein Haar schon anfing
weiss zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem als von
Jurisprudenz sprechen gehort zu haben, hatte wohl keiner geglaubt. Doch gerade
in solchen verschlossenen Herzen glüht die Sehnsucht am heissesten.
    An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als
Höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: - als nämlich Seine
Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum Rector magnificus an unserer
Universität ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich mit einem
jungen, bildschönen Fräulein aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt.
    Und wirklich schien von da an das Gluck bei Dr. Hulbert eingezogen zu sein.
Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf
Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend von den Augen
abzulesen vermochte, war seine höchste Freude.
    In seinem Glück vergass er jedoch keineswegs, wie es wohl so mancher andere
getan hätte, seine leidenden Mitmenschen. »Mir hat Gott meine Sehnsucht
gestillt,« soll er einmal gesagt haben, - »er hat mir ein Traumgesicht zur
Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir hergegangen ist seit Kindheit
an: er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt. Und
so will ich, dass ein Schimmer von diesem Gluck, soweit es in meiner Macht steht,
auch auf andere fällt.« - - -
    Und so kam es, dass er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm wie
seines eigenen Sohnes. Vermutlich in der Erwägung, wie wohl ihm selbst ein solch
gutes Werk getan hatte, wäre es ihm am eigenen Leib und Leben in den Tagen
seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun auf Erden manche Tat, die
dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich zieht gleich der einer
fluchwürdigen, weil wir wohl doch nicht richtig unterscheiden können zwischen
dem, was giftigen Samen in sich tragt und was heilsamen, so begab es sich auch
hier, dass aus Dr. Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst
spross.
    Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten, und
ein erbarmungsloses Schicksal wollte, dass sie der Rektor gerade in dem
Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen seiner Liebe
mit einem Strauss Rosen als Geburtstagspräsent zu überraschen, in den Armen
dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte.
    Man sagt, dass die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren
kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter
verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiss ist, dass die Seele des alten Mannes
für immer erblindete an dem Tage, wo sein Gluck in Scherben ging. Am selben
Abend noch sass er, er, der bis dahin nicht gewusst, was Unmässigkeit ist, hier
beim »Loisitschek« - fast bewusstlos vom Fusel - bis zum Morgengrauen. Und der
»Loisitschek« wurde seine Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im
Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaus, im Winter hier auf den
hölzernen Bänken.
    Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beliess man ihm
stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten
Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, dass man Ärgernis nähme an seinem Wandel.
    Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der
Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Gründung jener seltsamen
Gemeinschaft, die man noch heutigentags »das Bataillon« nennt.
    Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle die,
denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein entlassener
Sträfling daran zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf
den Altstadter Ring - und das Amt auf der sogenannten »Fischbanka« sah sich
genötigt, einen Anzug beizustellen. Sollte eine unterstandslose Dirne aus der
Stadt gewiesen werden, so heiratete sie schnell einen Strolch, der
bezirkszuständig war, und wurde dadurch ansässig.
    Hundert solcher Auswege wusste Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenüber stand
die Polizei machtlos da. - Was diese Ausgestossenen der menschlichen Gesellschaft
»verdienten«, übergaben sie getreulich auf Heller und Kreuzer der gemeinsamen
Kassa, aus der der nötige Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals liess sich
auch nur einer die geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, dass
angesichts dieser eisernen Disziplin der Name »das Bataillon« entstand.
    Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das den
alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim »Loisitschek« eine
seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier: Bettler,
Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und Lumpensammler, und eine
lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. - Und dann erzählte ihnen Dr.
Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die beiden Musikanten sitzen, gerade
unter dem Krönungsbilde Seiner Majestät des Kaisers, seine Lebensgeschichte: -
wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben und später Rektor magnificus
geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in der Hand
ins Zimmer seiner jungen Frau trat, - zur Feier ihres Geburtstages und zugleich
zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen und sie
seine liebe Braut geworden war, - da versagte ihm jedesmal die Stimme, und
weinend sank er am Tisch zusammen. Dann geschah es wohl zuweilen, dass irgendein
liederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen
sollte, eine halbwelke Blume auf die Hand legte.
    Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen sind
diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten
unsicher die Finger.
    Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der Moldau.
Er wird, denke ich, erfroren sein.
    Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. Das »Bataillon« hatte
sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten.
    Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das
purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen
in unabsehbarer Reihe - - das »Bataillon« barfuss, schmutzstarrend, zerlumpt und
zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher: Leib,
Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
    So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
    Auf seinem Grabe, draussen im Friedhof, steht ein weisser Stein, darein sind
drei Figuren gemeisselt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern. Von
unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau habe das Denkmal
errichtet. - - - - - - - - - -
    Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, danach
bekommt jeder vom »Bataillon« mittags beim »Loisitschek« umsonst eine Suppe; zu
diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den Ketten, und die
ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die
Kellnerin und spritzt mit einer grossen, blechernen Spritze die Brühe hinein und,
wenn sich einer nicht ausweisen kann als »vom Bataillon«, so zieht sie die Suppe
mit der Spritze wieder zurück.
    Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die
ganze Welt.« - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Letargie. Die
letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewusstsein hinweg. Ich sah
noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und Zurückschieben eines
Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die Bilder, die sich rings um uns
abrollten, so rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer
Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, dass ich in Momenten ganz mich selbst vergass
und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk. Das Zimmer war ein
einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der Estrade: dutzende Herren in
schwarzen Fräcken. Weisse Manschetten, blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit
Rittmeisterschnüren. Im Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen
Straussenfedern.
    Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas hinauf.
Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war da und schaute
unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an der Seitenwand, als
presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
    Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt musste ihnen etwas
zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch, aber leise;
sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte es deutlich. Und doch
lag der Ausdruck hämischer wilder Freude in dem Gesicht des Wirtes.
    - - - - In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär in
Uniform. Er hatte die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen. Hinter ihm
ein Kriminalschutzmann.
    »Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke. Sie
kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!«
    Es klingt wie Kommandos.
    Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt in
seinen Zügen.
    Bloss starrer ist es geworden.
    Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
    Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
    Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen
erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
    Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen herab
und geht langsam auf den Kommissär zu.
    Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den heranschlendernden
schwarzen Lackschuhen.
    Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben und
lässt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füssen und wieder
zurückschweifen.
    Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das Geländer
gebeugt und verbeissen das Lachen hinter ihren grauseidenen Taschentüchern.
    Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem
Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
    Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit
immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
    Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten,
unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.
    Er bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
    Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.
    »So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Händen auf den
Steinsärgen liegen in den gotischen Kirchen«, flüstert der Maler Vrieslander mit
einem Blick auf den Kavalier.
    Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: »Äh - Hm.« - - - er kopiert
die Stimme des Wirtes: »Jä, jä, das sin mir Gästäh - da schaut man.« Ein
schallendes Gejohle explodiert im Lokal, dass die Gläser klirren; die Strolche
halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche fliegt an die Wand und
zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns erläuternd und ehrfurchtsvoll zu:
»Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst Ferri Atenstädt.«
    Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der Ärmste nimmt
sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen.
    Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen
wird.
    Der Kavalier spricht wieder:
    »Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, - äh - sind meine
lieben Gäste.« Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlässigen Armbewegung auf
das Gesindel, »wünschen Sie, Herr Kommissär, - äh - vielleicht vorgestellt zu
werden?«
    Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas von
»leidiger Pflichterfüllung« und rafft sich schliesslich zu den Worten auf: »Ich
sehe ja, dass es hier anständig zugeht.«
    Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund auf
den Damenhut mit der Straussenfeder zu und zerrt im nächsten Augenblick unter dem
Jubel der jungen Adligen - Rosina am Arm herunter in den Saal.
    Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. Der grosse,
kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa Strümpfe und
- einen Herrenfrack auf dem blossen Körper.
    Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend - - - »Rititit - Rititit« - - -
und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir, als er
Rosina gesehen, an der Wand drüben ausgestossen hat. - - - - - -
    Wir wollen gehen.
    Zwakh ruft nach der Kellnerin.
    Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.
    Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
    Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam mit
ihr im Takt.
    Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
    Dann murmelt es von den Bänken: »Der Loisitschek, der Loisitschek«, die
Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch
seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit langem
blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt wie eine Dirne
und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, - hängt schmachtend an
der Brust des Fürsten Atenstädt.
    Ein süsslicher Walzer quillt aus der Harfe.
    Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen.
    Mein Blick sucht voll Angst die Ture: der Kommissär steht dort abgewendet,
um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas
einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
    Die beiden spähen hinüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen
Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt - das Gesicht kalkweiss und
verzerrt vor Entsetzen - stehen bleibt.
    Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das Bild,
wie »Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, - über das Kanalgitter
gebeugt - und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und
biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, dass es wie ein Klumpen
meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
    Ich kann die Finger nicht sehen, weiss, dass sie unsichtbar sind, und doch
empfinde ich sie wie etwas Körperliches.
    Und klar steht es in meinem Bewusstsein: sie gehören zu der gespenstischen
Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpassgasse das Buch »Ibbur« gegeben
haben.
    »Wasser, Wasser!« schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und
leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.
    »In seine Wohnung schaffen, Arzt holen - der Archivar Hillel kennt sich aus
in solchen Dingen - - zu ihm bringen!« - beraten sie murmelnd.
    Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und
Vrieslander tragen mich hinaus.
 
                                      Wach
Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen, und ich hörte, wie Mirjam, die
Tochter des Archivars Hillel, ihn ängstlich ausfragte und er sie zu beruhigen
trachtete.
    Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und
erriet mehr, als ich es in Worten verstand, dass Zwakh erzählte, mir sei ein
Unfall zugestossen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten und mich
wieder zu Bewusstsein zu bringen.
    Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die unsichtbaren Finger hielten
meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefühl des Grauens
hatte von mir abgelassen. Ich wusste genau, wo ich war und was mit mir geschah,
und empfand es nicht einmal als absonderlich, dass man mich wie einen Toten
hinauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels niedersetzte und - allein
liess.
    Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach
einer langen Wanderung geniesst, erfüllte mich.
    Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich die
Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der von der
Gasse heraufschimmerte.
    Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte mich weder darüber,
dass Hillel mit einem jüdischen siebenflammigen Sabbatleuchter eintrat, noch, dass
er mir gelassen »Guten Abend« wünschte wie jemandem, dessen Kommen er erwartet
hatte.
    Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas Besonderes
bemerkt hatte, - trotzdem wir einander oft drei- bis viermal in der Woche auf
den Stiegen begegnet waren, - fiel mir plötzlich stark an ihm auf, wie er so hin
und her ging, einige Gegenstände auf der Kommode zurechtrückte und schliesslich
mit dem Leuchter einen zweiten, gleichfalls siebenflammigen anzündete.
    Nämlich: sein Ebenmass an Leib und Gliedern und der schmale, feine Schnitt
des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.
    Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerzen sah, nicht älter sein als
ich: höchstens 45 Jahre zählen.
    »Du bist um einige Minuten früher gekommen«, - begann er nach einer Weile -
»als anzunehmen war, sonst hätte ich die Lichter schon vorher angezündet.« - Er
deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre und richtete seine dunklen,
tiefliegenden Augen, wie es schien, auf jemand, der mir zu Häupten stand oder
kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte. dabei bewegte er seine Lippen und
sprach lautlos einen Satz.
    Sofort liessen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der Starrkrampf
wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich: Niemand ausser
Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.
    Sein »Du« und die Bemerkung, dass er mich erwartet habe, hatten also mir
gegolten!?
    Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich, dass
ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber zu
empfinden.
    Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lächelte freundlich, wobei er
mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen Sessel wies, und
sagte:
    »Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die
gespenstischen Dinge - die Kischuph - auf den Menschen; das Leben kratzt und
brennt wie ein härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen Welt sind
mild und erwärmend.«
    Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen. Er
schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir gegenüber und
fuhr gelassen fort: »Auch ein silberner Spiegel, hätte er Empfindung, litte nur
Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glänzend geworden, gibt er alle
Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne Leid und Erregung.«
    »Wohl dem Menschen«, setzte er leise hinzu, »der von sich sagen kann: Ich
bin geschliffen.« - Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und ich hörte ihn
einen hebräischen Satz murmeln: »Lischuosècho Kiwisi Adoschem.« Dann drang seine
Stimme wieder klar an mein Ohr:
    »Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach gemacht. Im
Psalm David heisst es:
    »Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist es,
welche diese Veränderung gemacht hat.«
    Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, so wähnen sie, sie
hätten den Schlaf abgeschüttelt, und wissen nicht, dass sie ihren Sinnen zum
Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden, als der
war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein wahres Wachsein und das ist
das, dem du dich jetzt näherst. Sprich den Menschen davon und sie werden sagen,
du seist krank, denn sie können dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und
grausam, ihnen davon zu reden.
Sie fahren dahin wie ein Strom -
Und sind wie ein Schlaf,
Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird -
Das des Abends abgehauen wird und verdorret.«
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    »Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir das
Buch »Ibbur« gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?«, wollte ich
fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken in Worte fassen
konnte:
    »Nimm an, der Mann, der zu Dir kam und den Du den Golem nennst, bedeute die
Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf Erden ist
nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
    Wie denkst Du mit dem Auge? Jede Form, die Du siehst, denkst Du mit dem
Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.«
    Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen, sich
losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer.
    Ruhevoll fuhr Hillel fort:
    »Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind
dasselbe.«
    »- - kann nicht mehr sterben?« - ein dumpfer Schmerz ergriff mich.
    »Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des
Todes. Du hast das Buch »Ibbur« genommen und darin gelesen. Deine Seele ist
schwanger geworden vom Geist des Lebens«, hörte ich ihn reden.
    »Hillel, Hillel, lass mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den des
Sterbens!«, schrie alles wild in mir auf.
    Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
    »Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des Todes.
Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: »Ehe Gott die Welt schuf,
hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie die geistigen Leiden des
Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen die einen die Leiden auf
sich. Die anderen aber weigerten sich, und diese strich Gott aus dem Buche der
Lebenden.« Du aber gehst einen Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, -
wenn Du es jetzt auch selbst nicht mehr weisst: Du bist berufen von dir selbst.
Gräm' dich nicht: allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.
Wissen und Erinnerung sind dasselbe.«
    Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede ausgeklungen
war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich geborgen wie ein krankes
Kind, das seinen Vater bei sich weiss.
    Ich blickte auf und sah, dass mit einemmal viele Gestalten im Zimmer waren
und uns im Kreis umstanden: Einige in weissen Sterbegewändern, wie sie die alten
Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und Silberschnallen an den Schuhen -
aber Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen, und die Stube war wieder leer.
    Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende Kerze
mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer. - - - - - - - - - - -
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    Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam nicht,
und ich geriet stattdessen in einen sonderbaren Zustand, der weder Träumen war,
noch Wachen, noch Schlafen.
    Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war alles in der Stube so
deutlich, dass ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. dabei fühlte
ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen qualvollen Unruhe, die
einen foltert, wenn man sich in ähnlicher Verfassung befindet.
    Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen, so scharf und präzis
zu denken wie eben jetzt. Der Rhytmus der Gesundheit durchströmte meine Nerven
und ordnete meine Gedanken in Reih' und Glied wie eine Armee, die nur auf meine
Befehle wartete.
    Ich brauchte bloss zu rufen, und sie traten vor mich und erfüllten, was ich
wünschte.
    Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu schneiden
versucht hatte, - ohne damit zurecht zu kommen, da sich die vielen zerstreuten
Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen decken wollten, die ich mir
vorgestellt, - fiel mir ein, und im Nu sah ich die Lösung vor mir und wusste
genau, wie ich den Stichel zu führen hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu
werden.
    Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke und Traumgesichter, von
denen ich oft nicht gewusst: waren es Ideen oder Gefühle, sah ich mich jetzt
plötzlich als Herr und König im eigenen Reich.
    Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf dem Papier hätte
bewältigen können, fügten sich mir mit einem Mal im Kopf spielend zum Resultat.
Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das zu sehen und
festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen, Gegenstände oder Farben.
Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch derlei Werkzeuge nicht zu lösen
waren: - philosophische Probleme und Ähnliches -, so trat an Stelle des inneren
Sehens das Gehör, wobei die Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers
übernahm.
    Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
    Was ich tausendmal im Leben achtlos als blosses Wort an meinem Ohr hatte
vorübergehen lassen, stand wertgetränkt bis in die tiefste Faser vor mir; was
ich »auswendig« gelernt, »erfasste« ich mit einem Schlag als mein »Eigen«tum. Der
Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen nackt vor mir.
    Die »hohen« Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrätlich biederer
Miene, die Patosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab behandelt
hatten, - demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze und entschuldigten
sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin Krücken für - einen noch
frecheren Schwindel.
    Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel
gesprochen?
    Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
    Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und selig
wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich überzeugt hat, dass der
wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist, wühlte ich mich
wieder in die Kissen.
    Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen
Rätsel, die mich rings umgaben.
    Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurückzugelangen, bis zu
dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus - glaubte ich - könnte es mir
möglich sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken, der für mich, durch eine
seltsame Fügung des Schicksals in Finsternis gehüllt lag.
    Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht weiter, als dass ich mich
wie einst in dem düsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch den Torbogen
den Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied - als ob ich ein Jahrhundert
lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt hätte, immer gleich alt und
ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!
    Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schürfen in den
Schächten der Vergangenheit, da begriff ich plötzlich mit leuchtender Klarheit,
dass in meiner Erinnerung wohl die breite Heerstrasse der Geschehnisse mit dem
gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge winzig schmaler Fusssteige, die
wohl bisher den Hauptpfad ständig begleitet hatten, von mir jedoch nicht
beachtet worden waren. »Woher«, schrie es mir fast in die Ohren, »hast du denn
die Kenntnisse, dank derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich
Gemmenschneiden gelehrt - und Gravieren und all das andere? Lesen, schreiben,
sprechen - und essen - und gehen, atmen, denken und fühlen?«
    Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein Leben
zurück.
    Ich zwang mich in verkehrter aber ununterbrochener Reihenfolge zu überlegen:
was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und
so weiter?
    Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt - - jetzt! Jetzt! Nur ein
kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem Vergessen trennte,
musste überflogen sein - da trat ein Bild vor mich, das ich auf der Rückwanderung
meiner Gedanken übersehen hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit der Hand über die
Augen - genau wie vorhin unten in seinem Zimmer.
    Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.
    Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der
Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch zu sein
scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die verlorene Heimat
zurückführen: das, was mit feiner, kaum sichtbarer Schrift in unserem Körper
eingraviert ist, und nicht die scheussliche Narbe, die die Raspel des äusseren
Lebens hinterlässt, - birgt die Lösung der letzten Geheimnisse.
    So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner jugend, wenn ich in der
Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornähme von Z bis A, um dort anzulangen,
wo ich in der Schule zu lernen begonnen, - so, begriff ich, musste ich auch
wandern können in die andere ferne Heimat, die jenseits allen Denkens liegt.
    Eine Weltkugel an Arbeit wälzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules trug
eine Zeitlang das Gewölbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir ein, und
versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und wie Herkules
wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas bat: »Lass mich nur
einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit mir die entsetzliche Last
nicht das Gehirn zersprengt«, so gäbe es vielleicht einen dunklen Weg - dämmerte
mir - von dieser Klippe weg.
    Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken weiter blind zu
vertrauen, beschlich mich plötzlich. Ich legte mich gerade und verschloss mit den
Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die Sinne. Um jeden
Gedanken zu töten.
    Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur
einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon mästete
sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den brausenden Strom
meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem Fuss; ich verbarg mich im
Hämmerwerk meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie hatten mich entdeckt.
    Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte: »Bleib
auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlüssel zur Kunst des Vergessens gehört
unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln; du aber bist geschwängert vom
Geiste des - Lebens.«
    Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf: der
eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig, gleich einem
Erdbeben, - der andere in unendlicher Ferne: der Hermaphrodit auf dem Tron von
Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz.
    Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand über meine Augen,
und ich schlummerte ein.
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                                     Schnee
            »Mein lieber und verehrter Meister Pernat!
        Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster Angst.
        Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, - oder
        besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. - Ich hätte keine Ruhe
        sonst.
        Sagen Sie keiner Menschenseele, dass ich Ihnen geschrieben habe. Auch
        nicht, wohin Sie heute gehen werden!
        Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir - »neulich« - (Sie werden durch
        diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren,
        erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen
        Namen darunter zu setzen) - so viel Vertrauen eingeflösst, und weiter,
        dass Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, - alles
        das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen,
        der noch helfen kann, zu wenden.
        Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche
        auf dem Hradschin.«
                                                       Eine Ihnen bekannte Dame.
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    Wohl eine Viertelstunde lang sass ich da und hielt den Brief in der Hand. Die
seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her umfangen gehalten,
war mit einem Schlag gewichen, - weggeweht von dem frischen Windhauch eines
neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheissungsvoll -
ein Frühlingskind - auf mich zu. Ein Menschenherz suchte Hilfe bei mir. - Bei
mir! Wie sah meine Stube plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte
Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte
Leute, die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
    Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum und
Glanz.
    So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?
    Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher schlafen
gelegen in mir - verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet von
dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn
der Winter zerbricht.
    Und ich wusste so gewiss, wie ich den Brief in der Hand hielt, dass ich würde
helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die
Sicherheit.
    Wieder und wieder las ich die Stelle: »und weiter, dass Ihr lieber seliger
Vater mich als Kind unterrichtet hat - - - - - -«; - mir stand der Atem still.
Klang das nicht wie Verheissung: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein?«
Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk
entgegen: die Rückerinnerung, nach der ich dürstete, - würde mir das Geheimnis
offenbaren, den Vorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit
geschlossen hatte!
    »Ihr lieber seliger Vater« - -, wie fremdartig die Worte klangen, als ich
sie mir vorsagte! - Vater! - Einen Augenblick sah ich das müde Gesicht eines
alten Mannes mit weissem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner Truhe auftauchen -
fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; - - dann kamen meine Augen
wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens schlugen die greifbare Stunde
der Gegenwart.
    Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf die
Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.
    Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt die
Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunklen Winkel, die
bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von ihnen aufstiegen:
»Wir lassen dich nicht, - du bist unser, - wir wollen nicht, dass du dich freust
- das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!«
    Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und
Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem lebendigen
Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels Tür.
    Sollte ich eintreten?
    Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders heute,
- so, als dürfe ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des
Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. - -
    Die Gasse lag weiss im Schnee.
    Ich glaube, dass viele Leute mich gegrüsst haben; ich erinnere mich nicht, ob
ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch
bei mir trüge:
    Es ging eine Wärme von der Stelle aus. - - - - - -
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    Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem Altstädter
Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing,
hinüber über die steinerne Brücke mit ihren Heiligenstatuen und dem Standbild
des Johannes von Nepomuk.
    Unten schäumte der Fluss voll Hass gegen die Fundamente.
    Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen
Luitgard mit »den Qualen der Verdammten« darin: dicht lag der Schnee auf den
Lidern der Büssenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen.
    Torbogen nahmen mich auf und entliessen mich, Paläste zogen langsam an mir
vorüber, mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe in bronzene
Ringe bissen.
    Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiss wie das Fell eines riesigen
Eisbären.
    Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
teilnahmslos zu den Wolken empor.
    Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.
    Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so breit,
wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um Schritt die Stadt mit
ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn. - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf den
einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Tron der Engel.
    Fusstapfen - die Ränder mit Krusten aus Eis - führten hin zum Nebentor.
    Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne eines
Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der Schwermut fielen sie
in die Verlassenheit.
    Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre
mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer
Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes, das
durch die farbigen Fenster auf die Betstühle niedersank. Funken sprühten aus
roten, gläsernen Ampeln.
    Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
    Ich lehnte mich in eine Bank. Mein Blut ward seltsam still in diesem Reich
der Regungslosigkeit.
    Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum - ein heimliches, geduldiges
Warten.
    Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
    Da! - Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen gedämpft,
kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
    Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt. - - - - - - - - - - - -
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    Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine zarte,
schmale Damenhand hatte leicht meinen Arm berührt.
    »Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt mir,
hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen muss.«
    Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag
hatte mich plötzlich angefasst.
    »Ich weiss gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernat, dass Sie mir
zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht haben.«
    Ich stotterte ein paar banale Worte.
    »- - Aber ich wusste keinen andern Ort, wo ich sicherer vor Nachforschung und
Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns gewiss niemand
nachgegangen.«
    Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
    Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen
vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpassgasse flüchtete. Ich war auch nicht
erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anderen erwartet.
    Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der Mauernische
wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit
benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am liebsten wäre ich vor
ihr niedergefallen und hätte ihre Füsse geküsst, dass sie es war, der ich helfen
sollte, dass sie mich dazu erwählt hatte.
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    »Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, - wenigstens solange wir
hier sind - die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben«, sprach sie
gepresst weiter, »ich weiss auch gar nicht, wie Sie über solche Dinge denken - -«
    »Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben war
ich so vermessen, dass ich mich Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen«,
war das einzige, was ich hervorbrachte.
    »Ich danke Ihnen, Meister Pernat«, sagte sie warm und schlicht. »Und jetzt
hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder
wenigstens einen Rat geben können.« - Ich fühlte, wie eine wilde Angst sie
packte, und hörte ihre Stimme zittern. - »Damals - - im Atelier - - - damals
brach die schreckliche Gewissheit über mich herein, dass jener grauenhafte Oger
mir mit Vorbedacht nachgespürt hat. - Schon durch Monate war mir aufgefallen,
dass, wohin ich auch immer ging, - ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -
- - mit - mit Dr. Savioli, - stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses
Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen verfolgten
mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er
vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann wirft er mir
die Schlinge um den Hals!
    Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein armseliger
Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte - schlimmsten Falles
könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder dergleichen handeln,
aber jedesmal wurden seine Lippen weiss, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne:
Dr. Savioli hält mir etwas geheim, um mich zu beruhigen, - irgend etwas
Furchtbares, was ihn oder mich das Leben kosten kann.
    Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: dass ihn der
Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat! - Ich weiss es,
ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas vor, das sich langsam
um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. - Was hat dieser Mörder dort
zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe
das nicht länger mit an; ich muss etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den
Wahnsinn treibt.«
    Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie liess mich
nicht zu Ende sprechen.
    »Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht, immer
greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, - ich kann mich nicht
mehr mit ihm verständigen - darf ihn nicht besuchen, wenn ich nicht stündlich
gewärtigen soll, dass meine Liebe zu ihm entdeckt wird -; er liegt in Delirien,
und das einzige, was ich erkundigen konnte, ist, dass er sich im Fieber von einem
Scheusal verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: -
Aaron Wassertrum!
    Ich weiss, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher - können Sie sich
das vorstellen? - wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich
selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels empfinde,
zusammengebrochen zu sehen.
    Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu Dr.
Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe -: alles,
Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber -« sie schrie es förmlich heraus, dass es
widerhallte von den Chorgalerien, - »ich kann nicht! - Ich hab' doch mein Kind,
mein liebes, blondes, kleines Mädel! Ich kann doch mein Kind nicht hergeben! -
Glauben Sie denn, mein Mann liesse es mir?! Da, da, nehmen Sie das, Meister
Pernat« - sie riss im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit
Perlenschnüren und Edelsteinen - »und bringen Sie es dem Verbrecher; - ich weiss,
er ist habsüchtig - er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind
soll er mir lassen. - Nicht wahr, er wird schweigen? - So reden Sie doch um Jesu
Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, dass Sie mir helfen wollen!«
    Es gelang mir mit grösster Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu beruhigen,
dass sie sich auf eine Bank niederliess.
    Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, zusammenhanglose
Sätze.
    Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so dass ich selbst kaum verstand, was
mein Mund redete, - Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum dass sie
geboren waren.
    Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in der
Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die Züge der
Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit hochgeklapptem
Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen und hektischen
Flecken wuchs daraus empor.
    Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine Pulse
schlugen zu laut.
    Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte still.
    Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als ich
den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich
sah, wie sie langsam daran genas.
    »Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe, Meister
Pernat«, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. »Es waren ein paar
Worte, die Sie mir einmal gesagt haben - und die ich nie vergessen konnte die
vielen Jahre hindurch -«
    Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
    »- - Sie nahmen Abschied von mir - ich weiss nicht mehr, weshalb und wieso,
ich war ja noch ein Kind, - und Sie sagten so freundlich und doch so traurig:
    Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je im
Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, dass ich es
dann sein darf, der Ihnen hilft. - Ich habe mich damals abgewendet und rasch
meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, damit Sie meine Tränen nicht
sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote Korallenherz schenken, das ich
an einem Seidenband um den Hals trug, aber ich schämte mich, weil das gar so
lächerrlich gewesen wäre.« - - -
    Erinnerung!
    - Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer wie
aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich - unvermittelt
und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weissem Kleid und ringsum die dunkle
Wiese eines Schlossparks, von alten Ulmen umsäumt. Deutlich sah ich es wieder vor
mir. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich musste mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
fortfuhr: »Ich weiss ja, dass Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds
entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und - und ich danke Ihnen dafür.«
    Mit aller Kraft biss ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden Schmerz,
der mich zerfetzte, in die Brust zurück.
    Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor meiner
Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewusstsein geschrieben,
was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen: Eine Liebe, die für
mein Herz zu stark gewesen, hatte für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht
des Irrsinns war damals der Balsam für meinen wunden Geist geworden.
    Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte die
Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch
den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen sehen, die gekommen
war, Hilfe bei mir zu suchen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
Hufe. - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
    Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus geschichteten
Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und vom
kommenden Christfest.
    Auf dem Ratausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die alten
Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren Rosenkranz.
    Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von
schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines Marionettenteaters.
    Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und daran
an der Schnur einen Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem Schimmel über die
Bretter.
    In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen - die Pelzmützen tief
über die Ohren gezogen - mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt den
Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund Zwakh da drinnen im
Kasten sprach:
»Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
Der Kerl war mager wie ein Dichter
Und hatte bunte Lappen an
Und torkelte und schnitt Gesichter.« - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete. Dicht,
Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem
Anschlagszettel.
    Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen
bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewusstsein ein paar Worte
auf:
                                    Vermisst!
                               1000 fl Belohnung
        Älterer Herr ........... schwarz gekleidet .......
        ................................ Signalement:
        ........... fleischiges, glattrasiertes Gesicht ....
        ........................... Haarfarbe: weiss ...............
        ......... Polizeidirektion ........ Zimmer Nr. .....
    Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein in
die lichtlosen Häuserreihen.
    Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen Himmelsweg
über den Giebeln.
    Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in den Dom, und die Ruhe meiner
Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz herüber, schneidend
klar - als stünde sie dicht an meinem Ohr - die Stimme des Marionettenspielers
durch die Winterluft:
»Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hing an einem Seidenbande,
Und funkelte im Frührotschein.« - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                      Spuk
Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir das
Gehirn zermartert, wie ich »ihr« Hilfe bringen könnte.
    Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen, ihm
zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber jedesmal
verwarf ich den Entschluss.
    Er stand im Geist so riesengross vor mir, dass es eine Entweihung schien, ihn
mit Dingen, die das äussere Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder kamen
Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in Wirklichkeit alles das
erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit zurücklag und doch so seltsam
verblasst schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen des
verflossenen Tages.
    Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich - ein Mensch, dem das Unerhörte
geschehen war, dass er seine Vergangenheit vergessen hatte, - auch nur eine
Sekunde lang als Gewissheit annehmen, wofür als einziger Zeuge bloss meine
Erinnerung die Hand aufhob?
    Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel lag.
Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in persönlicher
Berührung gewesen!
    Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie umfassen
und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, dass ein unsägliches Weh an meinem Herzen
frass?
    Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da liess ich wieder los; ich sah
voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen fahren und - - -
nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung zu begehren. »Sie«
vertraute auf mich und meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte,
mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen mochte, - sie empfand sie
sicherlich als riesengross!
    Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit - ich zwang mich, kalt und
nüchtern zu denken; - ihn jetzt - mitten in der Nacht zu stören? - es ging nicht
an. So würde nur ein Verrückter handeln.
    Ich wollte die Lampe anzünden; dann liess ich es wieder sein: der Abglanz des
Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab mehr
Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte noch langsamer
vergehen, wenn ich Licht machte.
    Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden, nur
um den Tag zu erwarten, - eine leise Angst sagte mir, der Morgen rücke dadurch
in unerlebbare Ferne.
    Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender
Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben - Leichensteine mit
verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunklen Modergrüfte, diese
»Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden Höhlen und Gänge genagt.
    Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu
wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch von
verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang.
    Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze Ächzen
der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.
    Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so
presste sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören. Jedes
Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.
    Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig abbrach.
Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr eigener Verräter
ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
    Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl in
der Kehle, dass drüben einer stand, genauso wie ich und dasselbe tat.
    Ich lauschte und lauschte:
    Nichts.
    Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
    Lautlos - auf den Zehenspitzen - stahl ich mich an den Sessel bei meinem
Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.
    Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draussen auf dem Gang, die zum
Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.
    Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter meinen
Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlösser springen leicht auf. Schon
beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
    Und was würde dann geschehen?
    Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, - vielleicht
in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen, legte ich
mir zurecht.
    Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat?
    Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare
Warten auf den Morgen zerfetzen!
    Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob
vorsichtig den Haken ins Schloss und horchte. Richtig: Ein schleifendes Geräuch
drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
    Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.
    Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war und
meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem schwarzem Mantel entsetzt
vor einem Schreibtisch aufsprang, - eine Sekunde lang unschlüssig, wohin sich
wenden, - eine Bewegung machte, als wolle er auf mich losstürzen, sich dann den
Hut vom Kopf riss und hastig damit sein Gesicht bedeckte.
    »Was suchen Sie hier!« wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:
    »Pernat! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!« Die Stimme kam mir
bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.
    Automatisch blies ich die Kerze aus.
    Das Zimmer lag halbdunkel da - nur von dem schimmrigen Dunst, der aus der
Fensternische hereindrang, matt erhellt - genau wie meines, und ich musste meine
Augen aufs äusserste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten, hektischen Gesicht,
das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge des Studenten Charousek
erkennen konnte.
    »Der Mönch!« drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit einem
Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! Charousek! Das war der Mann, an
den ich mich wenden sollte! - Und ich hörte seine Worte wieder, die er damals im
Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: »Aaron Wassertrum wird es schon erfahren,
dass man mit vergifteten, unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an
dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will.«
    Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wusste er ebenfalls, was sich
zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde liess fast darauf
schliessen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten.
    Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die
Gasse.
    Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze
wahrgenommen haben.
    »Sie denken gewiss, ich sei ein Dieb, dass ich nachts hier in einer fremden
Wohnung herumsuche, Meister Pernat,« fing er nach langem Schweigen mit
unsicherer Stimme an, »aber ich schwöre Ihnen - -«
    Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
    Und um ihm zu zeigen, dass ich keinerlei Misstrauen gegen ihn hegte, in ihm
vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzählte ich ihm mit kleinen Einschränkungen,
die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem Atelier habe, und dass ich
fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in Gefahr, den erpresserischen
Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen.
    Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu
unterbrechen, entnahm ich, dass er das meiste bereits wusste, wenn auch vielleicht
nicht in Einzelheiten.
    »Es stimmt schon«, sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war. »Habe
ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren, das
ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material beisammen. Weshalb
würde er sich sonst noch hier immerwährend herumdrücken! Ich ging nämlich
gestern, sagen wir mal: zufällig durch die Hahnpassgasse,« erklarte er, als er
meine fragende Miene bemerkte, »da fiel mir auf, dass Wassertrum erst lange -
scheinbar unbefangen - vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als
er sich unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und
tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heisst, ich klopfte bei Ihnen an, und
dabei überraschte ich ihn, wie er draussen an der eisernen Bodentür mit einem
Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam,
und klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu
Hause gewesen zu sein, denn es öffnete niemand.
    Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich, dass
jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier heimlich
ein Absteigequartier besässe. Da Dr. Savioli schwerkrank liegt, reimte ich mir
das übrige zurecht.
    Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um
Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen«, schloss Charousek und deutete auf ein
Paket Briefe auf dem Schreibtisch; »es ist alles, was ich an Schriftstücken
finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr vorhanden. Wenigstens habe ich
in sämtlichen Truhen und Schränken gestöbert, so gut das in der Finsternis
ging.«
    Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben
unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel,
dass Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang führe von unten
herauf ins Atelier.
    Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.
    »Wo sollen wir die Briefe aufheben?«, fing Charousek wieder an. »Sie, Herr
Pernat, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die Wassertrum harmlos
vorkommen, - warum gerade ich, das - hat - seine - besonderen - Gründe«, - (ich
sah, dass sich seine Züge in wildem Hass verzerrten, wie er so den letzten Satz
förmlich zerbiss -) »und Sie hält er für - -« Charousek erstickte das Wort
»verrückt« mit einem raschen, erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte
sagen wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefühl, »ihr« helfen zu können, machte
mich so glückselig, dass jede Empfindlichkeit ausgelöscht war.
    Wir kamen schliesslich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und gingen
hinüber in meine Kammer.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht
entschliessen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte an
mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fühlte ich, aber
was? was?
    Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte?
    Das allein konnte es nicht sein. Charousek liess den Trödler sowieso nicht
aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Hass
dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
    Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
    Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur
Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich verstand
nicht.
    Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reissen am Zügel spürt
und nicht weiss, welches Kunststück er machen soll, den Willen seines Herrn nicht
erfasst.
    Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
    Jede Faser in mir verneinte.
    Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der
Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab
mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne weiteres zu
verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewiss:
ich empfand es zu übermächtig, als dass ich auch nur den Versuch gemacht hätte,
es wegzuleugnen.
    Buchstaben zu empfinden, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu lesen, -
einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte
ohne Worte raunen, darin muss der Schlüssel liegen, sich mit dem eigenen Innern
durch klare Sprache zu verständigen, begriff ich.
    »Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht«, fiel mir
eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein.
    »Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, wiederholten mechanisch meine Lippen,
derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich
plötzlich.
    »Schlüssel, Schlüssel - -?« Mein Blick fiel auf den krummen Draht in meiner
Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte, und eine heisse
Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem Atelier führen könnte,
peitschte mich auf.
    Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und zog
an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schliesslich gelang, die Platte zu
heben.
    Zuerst nichts als Dunkelheit.
    Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.
    Ich stieg hinunter.
    Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber es
wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, - Windungen,
Ecken und Winkel, - Gänge geradeaus, nach links und nach rechts, Reste einer
alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen, Stufen, Stufen hinauf und
hinab.
    Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.
    Und noch immer kein Lichtstrahl. -
    Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte!
    Endlich flacher, ebener Weg.
    Aus dem Knirschen unter meinen Füssen schloss ich, dass ich auf trockenem Sand
dahinschritt.
    Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die scheinbar ohne Zweck und
Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluss.
    Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen
Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten von
jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
    Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir, dass ich mich
immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist,
befinden musste, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. Belebtere Strassen
oder Plätze über mir hätten sich durch fernes Wagenrasseln verraten.
    Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise
herumging!? In ein Loch stürzte, mich verletzte, ein Bein brach und nicht mehr
weiter gehen konnte?!
    Was geschah dann mit ihren Briefen in meiner Kammer? Sie mussten unfehlbar
Wassertrum in die Hände fallen.
    Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines Helfers
und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich.
    Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und
hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls
der Gang niedriger würde.
    Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stiess ich oben mit der Hand an, und
endlich senkte sich das Gestein so tief herab, dass ich mich bücken musste, um
durchzukommen.
    Pötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.
    Ich blieb stehen und starrte hinauf.
    Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum
merklicher Schimmer von Licht.
    Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgendeinem Keller herunter?
    Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um mich
herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert.
    Allmählich konnte ich darin als Abschluss die schattenhaften Umrisse eines
wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir, seine Stäbe zu
erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen.
    Ich stand jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
    Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn
mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte?
    Lang, unsagbar lang musste ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden
konnte, dann klomm ich empor.
    Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshöhe über der
andern.
    Sonderbar: die Treppe stiess oben gegen eine Art horizontalen Getäfels, das
aus regelmässigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein herabschimmern liess,
den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
    Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung besser
unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen,
dass sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf den Synagogen findet,
bildeten.
    Was mochte das nur sein?
    Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die an den Kanten Licht
durchliess! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes.
    Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie aufwärts
und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfüllt
war.
    Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen Haufen Gerumpel in der
Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.
    Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben
benützt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern immer
wieder von neuem absuchte.
    Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als dass ich den Kopf hätte
durchstecken können, so viel aber sah ich:
    Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks, denn
die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer.
    Das eine Ufer der Strasse unten war für mich noch knapp sichtbar, aber
infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe
Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten, Einzelheiten zu
unterscheiden.
    Zum Judenviertel musste die Gasse unbedingt gehören, denn die Fenster drüben
waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur im Ghetto
kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken.
    Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen was das wohl für ein
sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
    Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen
Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge?
    Die Umgebung stimmte nicht.
    Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten
Aufschluss gegeben hätte. - Die Wände und die Decke waren kahl, Bewurf und Kalk
längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, die verraten hätten, dass
der Raum einst bewohnt gewesen.
    Der Boden lag fusshoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten kein
lebendes Wesen betreten.
    Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in tiefer
Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es bestand.
    Dem äusseren Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt.
    Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
    Ich tastete mit dem Fuss hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen Teil
davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer übers Zimmer
warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da langsam aufrollte.
    Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
    Ein Metallknopf vielleicht?
    Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, altmodischem Schnitt
hing da aus dem Bündel heraus.
    Und eine kleine weisse Schachtel, oder dergleichen lag darunter, lockerte
sich unter meinem Fuss und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.
    Ich gab ihr einen leichten Stoss: Ein Blatt flog ins Helle.
    Ein Bild?
    Ich bückte mich: ein Pagad!
    Was mir eine weisse Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel.
    Ich hob es auf.
    Konnte es etwas Lächerrlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem
gespenstischen Ort!
    Merkwürdig, dass ich mich zum Lächeln zwingen musste. Ein leises Gefühl von
Grauen beschlich mich.
    Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie die Karten wohl hierhergekommen
sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es war vollständig: 78
Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf: Die Blätter waren wie
aus Eis.
    Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket geschlossen in
der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so erstarrt waren meine
Finger. Wieder haschte ich nach einer nüchternen Erklärung:
    Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den
unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der
entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloss: - sonderbar
genug, dass ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in der ich mich die
ganze Zeit befunden, musste mich darüber hinweggetäuscht haben. -
    Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut. Schicht um Schicht
drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Körper ein.
    Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen Knochens
bewusst wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch festfror.
    Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Füssen und nicht das Schlagen
mit den Armen. Ich biss die Zähne zusammen, um ihr Klappern nicht zu hören.
    Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den Scheitel
legt.
    Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des
Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel einhüllen kam.
    Die Briefe, in meiner Kammer, - ihre Briefe! brüllte es in mir auf: man wird
sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in
meine Hände gelegt! - Hilfe! - Hilfe! - Hilfe! -
    Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse, dass es
widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
    Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben, durfte
nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen Knochen
schlagen sollte, um mich zu erwärmen.
    Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu und
zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider.
    Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von uraltmodischem,
seltsamem Schnitt.
    Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
    Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und
spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche Gefühl
des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen. Regungslos sass ich da
und liess meine Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen, - der Pagad, -
lag noch immer inmitten des Zimmers in dem Lichtstreifen.
    Unverwandt musste ich sie anstarren.
    Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in
Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den hebräischen
Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfränkisch gekleidet, den grauen
Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben, während der andere
abwärts deutete.
    Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem,
dämmerte mir ein Verdacht auf? - Der Bart - er passte so gar nicht zu einem
Pagad, - - ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke zu dem Rest des
Gerümpels, um den quälenden Anblick los zu sein.
    Dort lag sie jetzt und schimmerte - ein grauweisser, unbestimmter Fleck - zu
mir herüber aus dem Dunkel.
    Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um wieder
in meine Wohnung zu kommen:
    Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen,
damit sie mir von aussen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne
heraufbrächten! - Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge
zurückzufinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende Gewissheit. -
Oder, falls das Fenster zu hoch läge, dass sich jemand vom Dach mit einem Strick
- -? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wusste ich, wo
ich war: Ein Zimmer ohne Zugang - nur mit einem vergitterten Fenster - das
altertümliche Haus in der Altschulgasse, das jeder mied! - schon einmal vor
vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um
durchs Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und - Ja: ich war in dem
Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!
    Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht
einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte, lähmte
jedes Weiterdenken und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
    Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da so
eisig aus der Ecke herüberwehte, sagte es mir vor, schneller und schneller, mit
pfeifendem Atem - es half nicht mehr: dort drüben der weissliche Fleck - die
Karte - sie quoll auf zu blasigem Klumpen, tastete sich hin zum Rande des
Mondstreifens und kroch wieder zurück in die Finsternis. - Tropfende Laute -
halb gedacht, geahnt, halb wirklich - im Raum und doch ausserhalb um mich herum
und doch anderswo, - tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer -
erwachten: Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz
stecken bleibt!
    Immer wieder: Der weissliche Fleck - - - der weissliche Fleck - -! Eine Karte,
eine erbärmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir ins Hirn
hinein - - - umsonst - - jetzt hat er sich dennoch - dennoch Gestalt erzwungen -
der Pagad - und hockt in der Ecke und stiert herüber zu mir mit meinem eigenen
Gesicht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Stunden und Stunden kauerte ich da - unbeweglich - in meinem Winkel, ein
frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! - Und er drüben: ich
selbst.
    Stumm und regungslos.
    So starrten wir uns in die Augen - einer das grässliche Spiegelbild des
andern. - - - - - - - - - - - - -
    Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter Trägheit
über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der
Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und fahler werden? -
    Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, dass er sich
auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam.
    Ich hielt ihn fest.
    Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben - um das Leben,
das mein ist, weil es nicht mehr mir gehört. - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in sein
Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinüber zu ihm und steckte ihn in
die Tasche - den Pagad.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.
    Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte lag:
Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge
und doch so merkwürdig bekannt.
    Und auch die Mauern - wie die Risse und Sprünge dann deutlich wurden! - wo
hatte ich sie nur gesehen?
    Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand - es dämmerte mir auf: hatte ich die
nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
    Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen Zeichen. - Nummer 12 muss der
»Gehenkte« sein, überkam's mich wie halbe Erinnerung. - Mit dem Kopf abwärts?
Die Arme auf dem Rücken? - Ich blätterte nach: Da! Da war er.
    Dann wieder, halb Traum, halb Gewissheit, tauchte ein Bild vor mir auf: Ein
geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches Hexengebäude, die linke
Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus verwachsen. - - - Wir sind
mehrere halbwüchsige Jungen - ein verlassener Keller ist irgendwo - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der altmodische
Anzug war mir völlig fremd. - - -
    Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch als ich
hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen an
einem Eckstein.
    Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
    Zwei alte Weiber kamen langsam die Strasse dahergetrottet, und ich zwängte
den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.
    Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als sie
mich sahen, stiessen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
    Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich.
    Und ich erwartete, dass ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde, denen
ich mich verständlich machen könnte, aber wohl eine Stunde verging, und nur hie
und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf zu mir, um sofort in
Todesschreck wieder zurückzufahren.
    Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen
Polizisten kamen - die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?
    Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gänge ein
Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.
    Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht
hinab?
    Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern gekommen
war, fort - über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene
Keller - erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich - - im Hausflur des
schwarzen Schulhauses, das ich vorhin wie im Traum gesehen.
    Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke,
bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang, ein
Junge, der Maikäfer in der Klasse loslässt, Lesebücher mit zerquetschten
Butterbroten darin und der Geruch nach Orangenschalen. Jetzt wusste ich mit
Gewissheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. - Aber ich liess mir keine Zeit
nachzudenken und eilte heim.
    Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein
verwachsener alter Jude mit weissen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt,
bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete
herunter.
    Auf den Lärm hin mussten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen gestürzt
sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los. Ich drehte
mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter Gesichter
sich mir nachwälzen.
    Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: - ich trug noch immer die
seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem Anzug, und die
Leute glaubten, den »Golem« vor sich zu haben.
    Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riss mir die modrigen
Fetzen vom Leibe.
    Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden
Mäulern schreiend an mir vorüber.
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                                     Licht
Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft; - es liess mir
keine Ruhe: ich musste ihn sprechen und fragen, was alle diese seltsamen
Erlebnisse bedeuteten; aber immer hiess es, er sei noch nicht zu Hause.
    Sowie er heimkäme vom jüdischen Rataus, wollte mich seine Tochter sofort
verständigen. -
    Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam!
    Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.
    Eine Schönheit, so fremdartig, dass man sie im ersten Moment gar nicht fassen
kann, - eine Schönheit, die einen stumm macht, wenn man sie ansieht, und ein
unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit in einem erweckt.
    Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein
müssen, ist dieses Gesicht geformt, grübelte ich mir zurecht, wie ich es so im
Geiste wieder vor mir sah.
    Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen müsste, um es als Gemme
festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren: Schon an
dem rein Äusserlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und der Augen, der
alles übertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. - Wie erst die unirdische
Schmalheit des Gesichtes sinn- und visionsgemäss in eine Kamee bannen, ohne sich
in die stumpfsinnige Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen »Kunst«richtung
festzurennen!
    Nur durch ein Mosaik liess es sich lösen, erkannte ich klar, aber was für
Material wählen? Ein Menschenleben gehörte dazu, das passende zusammen zu
finden. - -
    Wo nur Hillel blieb!
    Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.
    Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen - und ich hatte ihn doch,
genaugenommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, - ins Herz gewachsen
war.
    Ja, richtig: die Briefe - ihre Briefe wollte ich doch besser verstecken. Zu
meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal länger von zu Hause fort sein sollte.
    Ich nahm sie aus der Truhe: - in der Kassette würden sie sicherer aufbewahrt
sein.
    Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht
hinschauen, aber es war zu spät.
    Den Brokatstoff um die blossen Schultern gelegt - so wie ich sie das erste
Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier - blickte sie
mir in die Augen.
    Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung unter
dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:
    Deine Angelina.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Angelina!!!
    Wie ich den Namen aussprach, zerriss der Vorhang, der meine Jugendjahre vor
mir verbarg, von oben bis unten.
    Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. Ich krallte die Finger in
die Luft und winselte, - biss mich in die Hand: - - nur wieder blind sein, Gott
im Himmel, - den Scheintot weiterleben, wie bisher, flehte ich.
    Das Weh stieg mir in den Mund. - Quoll. - Schmeckte seltsam süss, - wie Blut.
- -
    Angelina!!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Name kreiste in meinen Adern und wurde - zu unerträglicher
gespenstischer Liebkosung.
    Mit einem gewaltsamen Ruck riss ich mich zusammen und zwang mich - mit
knirschenden Zähnen - das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr darüber wurde!
    Herr darüber!
    Wie heute nacht über das Kartenblatt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Endlich: Schritte! Männertritte.
    Er kam!
    Voll Jubel eilte ich zur Tür und riss sie auf.
    Schemajah Hillel stand Straussen und hinter ihm - ich machte mir leise
Vorwürfe, dass ich es als Enttäuschung empfand - mit roten Bäckchen und runden
Kinderaugen: der alte Zwakh.
    »Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernat«, fing
Hillel an.
    Ein kaltes »Sie«?
    Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im Zimmer.
    Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh, atemlos vor Aufregung,
auf mich losplapperte:
    »Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir
davon, wissen Sie noch, Pernat? Die ganze Judenstadt ist auf. Vrieslander hat
ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer, mit einem Mord
begonnen« - Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?
    Zwakh schüttelte mich: »Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernat? Unten
hängt doch grossmächtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den dicken Zottmann, den
Freimaurer - na, ich meine doch den Lebensversicherungsdirektor Zottmann, - soll
man ermordet haben. Der Loisa - hier im Haus - ist bereits verhaftet. Und die
rote Rosina: spurlos verschwunden. - Der Golem - der Golem - es ist ja
haarsträubend.«
    Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich so
unverwandt an?
    Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine Mundwinkel.
    Ich verstand. Es galt mir.
    Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.
    Ausser mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was zuerst
bringen? Gläser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur eine.) Zigarren? -
Endlich fand ich Worte: »Aber warum setzt ihr euch denn nicht!?« - Rasch schob
ich meinen beiden Freunden Sessel unter. - - -
    Zwakh fing an, sich zu ärgern: »Warum lächeln Sie denn immerwährend, Hillel?
Glauben Sie vielleicht nicht, dass der Golem spukt? Mir scheint. Sie glauben
überhaupt nicht an den Golem?«
    »Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor mir
sähe«, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. - Ich verstand den
Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.
    Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: »Das Zeugnis von hunderten Menschen
gilt Ihnen nichts, Hillel? - Aber warten Sie nur, Hillel, denken Sie an meine
Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt geben! Ich kenne das. Der
Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft hinter sich her.«
    »Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares«, erwiderte
Hillel. Er sprach im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die Scheiben
hinab auf den Trödlerladen - »Wenn der Tauwind weht, rührt sich's in den
Wurzeln. In den süssen wie, in den giftigen.«
    Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.
    »Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns Dinge erzählen, dass einem
die Haare zu Berge stünden«, warf er halblaut hin.
    Schemajah drehte sich um.
    »Ich bin nicht Rabbi, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur ein
armseliger Archivar im jüdischen Rataus und führe die Register über die
Lebendigen und die Toten.«
    Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fühlte ich. Auch der
Marionettenspieler schien es unterbewusst zu empfinden, - er wurde still, und
eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.
    »Hören Sie mal, Rabbi -, verzeihen Sie: Herr Hillel, wollte ich sagen«, -
fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang auffallend ernst,
»ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen mir ja nicht drauf zu
antworten, wenn Sie nicht mögen, oder nicht dürfen - - -«
    Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas - er trank nicht;
vielleicht verbot es ihm das jüdische Ritual.
    »Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.«
    »- - Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, Hillel?«
    »Nur wenig.«
    »Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala lernen
kann: den Sohar - -«
    »Ja, den Sohar - das Buch des Glanzes.«
    »Sehen Sie, da hat man's«, schimpfte Zwakh los. »Ist es nicht eine
himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass eine Schrift, die angeblich die Schlüssel
zum Verständnis der Bibel und zur Glückseligkeit entält -«
    Hillel unterbrach ihn: »- nur einige Schlüssel.«
    »Gut, immerhin einige! - also, dass diese Schrift infolge ihres hohen Wertes
und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist? In einem einzigen
Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie ich mir habe erzählen
lassen? Und überdies chaldäisch, aramäisch, hebräisch - oder was weiss ich wie -
geschrieben? - Habe ich zum Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese
Sprachen zu lernen oder nach London zu kommen?«
    »Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiss auf dieses Ziel gerichtet?« fragte
Hillel mit leisem Spott.
    »Offen gestanden - nein«, gab Zwakh einigermassen verwirrt zu.
    »Dann sollten Sie sich nicht beklagen«, sagte Hillel trocken, »wer nicht
nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, - wie ein Erstickender
nach Luft, - der kann die Geheimnisse Gottes nicht schauen.«
    »Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche Schlüssel zu den
Rätseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige«, schoss es mir durch den Kopf,
und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich immer noch in der
Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden konnte, hatte Zwakh sie
bereits ausgesprochen.
    Hillel lächelte wieder sphinxhaft: »Jede Frage, die ein Mensch tun kann, ist
im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt hat.«
    »Verstehen Sie, was er damit meint?«, wandte sich Zwakh an mich.
    Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels Rede
zu verlieren.
    Schemajah fuhr fort:
    »Das ganze Leben ist nichts anderes als formgewordene Fragen, die den Keim
der Antwort in sich tragen - und Antworten, die schwanger gehen mit Fragen. Wer
irgend etwas anderes drin sieht, ist ein Narr.«
    Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
    »Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder anders
versteht.«
    »Gerade darauf kommt es an«, sagte Hillel freundlich. »Alle Menschen über
einen Löffel zu - kurieren, ist lediglich Vorrecht der Ärzte. Der Fragende
erhält die Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur den Weg ihrer
Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen Schriften sind bloss aus Willkür
nur in Konsonanten geschrieben? - Jeder hat sich selbst die geheimen Vokale dazu
zu finden, die ihm den nur für ihn allein bestimmten Sinn erschliessen, - soll
nicht das lebendige Wort zum toten Dogma erstarren.«
    Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
    »Das sind Worte, Rabbi, Worte! Pagad Ultimo will ich heissen, wenn ich daraus
klug werde.«
    Pagad!! - Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor Entsetzen
beinahe vom Stuhl.
    Hillel wich meinen Augen aus.
    »Pagad ultimo? Wer weiss, ob Sie nicht wirklich so heissen, Herr Zwakh!« -
schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. »Man soll seiner Sache
niemals allzu sicher sein. - Übrigens, da wir gerade von Karten sprechen: Herr
Zwakh, spielen Sie Tarok?«
    »Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.«
    »Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen können, in dem die
ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst Tausende Male in der Hand gehabt
haben.«
    »Ich? In der Hand gehabt? Ich?« - Zwakh griff sich an den Kopf.
    »Jawohl, Sie! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, dass das Tarokspiel
zweiundzwanzig Trümpfe hat, - genausoviel, wie das hebräische Alphabet
Buchstaben? Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluss noch Bilder dazu,
die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der Teufel, das Letzte Gericht?
- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, dass Ihnen das Leben die
Antworten in die Ohren schreien soll? - - Was Sie allerdings nicht zu wissen
brauchen, ist, dass tarok oder Tarot soviel bedeutet wie die jüdische Tora = das
Gesetz, oder das altägyptische Tarut = die Befragte, und in der uralten
Zendsprache das Wort: tarisk = ich verlange die Antwort. - Aber die Gelehrten
sollten es wissen, bevor sie die Behauptung aufstellen, das Tarok stamme aus der
Zeit Karls des Sechsten. - Und so, wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist,
so ist der Mensch die erste Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner
Doppelgänger: - - der hebräische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des
Menschen gebaut, mit der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts:
das heisst also: So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist
es auch oben. - Darum sagte ich vorhin: Wer weiss, ob Sie wirklich Zwakh heissen
und nicht: Pagad - Berufen Sie's nicht,« - Hillel blickte mich dabei unverwandt
an, und ich ahnte, wie sich unter seinen Worten ein Abgrund immer neuer
Bedeutung auftat - »berufen Sie's nicht, Herr Zwakh! Man kann da in finstere
Gänge geraten, aus denen noch keiner zurückfand, der nicht - einen Talisman bei
sich trug. Die Überlieferung erzählt, dass einmal drei Männer hinabgestiegen
seien ins Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur
der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich selbst
begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst begegnet, z.B.
Goete, gewöhnlich auf einer Brücke, oder sonst einem Steig, der von einem Ufer
eines Flusses zum andern führt, - hat sich selbst ins Auge geblickt und ist
nicht wahnsinnig geworden. Aber dann war's eben nur eine Spiegelung des eigenen
Bewusstseins und nicht der wahre Doppelgänger: nicht das, was man den Hauch der
Knochen, den Habal Garmin nennt, von dem es heisst: Wie er in die Grube fuhr,
unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des Letzten Gerichts.« -
Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen - »Unsere Grossmütter sagen
von ihm: er wohnt hoch über der Erde in einem Zimmer ohne Türe, nur mit einem
Fenster, von dem aus eine Verständigung mit den Menschen unmöglich ist. Wer ihn
zu bannen und zu - - verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst. -
- - Was schliesslich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: für jeden
Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trümpfe richtig verwendet, der
gewinnt die Partie - - -. Aber kommen Sie jetzt, Herr Zwakh! Gehen wir, Sie
trinken sonst Meister Pernats ganzen Wein aus, und es bleibt nichts mehr übrig
für ihn selbst.«
 
                                      Not
Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten die
Schneesterne - winzige Soldaten in weissen, zottigen Mäntelchen - hintereinander
her an den Scheiben vorüber - minutenlang - immer in derselben Richtung, wie auf
gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders bösartigen Gegner. Dann hatten sie
das Davonlaufen mit einemmal dick satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen
Wutanfall zu bekommen und sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten
neue feindliche Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel
auflösten.
    Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause Gerüchte über
den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben liessen, ich glaube,
ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels verdächtigen können, das Opfer eines
seelischen Dämmerzustandes gewesen zu sein.
    Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach in
schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer unaufgeklärten Mord
an dem sogenannten »Freimaurer« erzählt hatte.
    Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir nicht
recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht abschütteln konnte, -
fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus dem Kanalgitter ein
unheimliches Geräusch gehört zu haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim
»Loisitschek« gesehen. Allerdings lag kein Anlass vor, den Schrei unter der Erde,
der überdies geradesogut eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf
eines Menschen zu deuten. - - - -
    Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich und ich fing an, alles in
tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die
Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht entworfen hatte,
musste sich vortrefflich auf den bläulich leuchtenden Mondstein da übertragen
lassen. - Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, dass sich etwas so
Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix
von Hornblende gab dem Stein gerade das richtige Licht und die Konturen passten
so genau, als habe ihn die Natur eigens geschaffen, ein bleibendes Abbild von
Mirjams feinem Profil zu werden.
    Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die den
ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des Hermaphroditen aus
dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender Deutlichkeit ins
Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich künstlerisch stark an, aber allmählich
entdeckte ich nach den ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter
Schemajah Hillels, dass ich meinen Plan umstiess. - - - - - - - - - - - - - -
    - Das Buch Ibbur! -
    Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfassbar, was in der kurzen
Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
    Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt sieht,
wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengrossen Einsamkeit bewusst, die
mich von meinen Nebenmenschen trennte.
    Konnte ich je mit einem Freund - Hillel ausgenommen - davon reden, was ich
erlebt?
    Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die Erinnerung
wiedergekehrt, dass mich all meine Jugendjahre - von früher Kindheit angefangen -
ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem jenseits aller Sterblichkeit
Liegenden, bis zur Todespein gefoltert hatte, aber die Erfüllung meiner
Sehnsucht war wie ein Gewittersturm gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei
meiner Seele mit ihrer Wucht.
    Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
Geschehene in seiner vollen markverbrennenden Lebendigkeit als Gegenwart
empfinden musste.
    Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuss auskosten:
Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!
    Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüber zu gehen in mein
Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk
der Unsichtbaren, lag!
    Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas Briefe
dazuschloss!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dumpfes Dröhnen draussen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften
Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von Pausen
tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut verschlang.
    Ich wollte weiterarbeiten, - da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten die
Gasse entlang, dass man's förmlich Funken sprühen sah.
    Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen, war unmöglich: Muskeln aus Eis
verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hälfte
weiss verweht. Ich sah nur, dass Charousek scheinbar ganz friedlich neben dem
Trödler Wassertrum stand - sie mussten soeben ein Gespräch mitsammen geführt
haben - sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer beider Mienen malte, wuchs
und sie sprachlos offenbar den Wagen, der meinen Blicken entzogen war,
anstarrten.
    Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. - Sie selbst konnte es
nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren - in der Hahnpassgasse! -
vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn gewesen. - Aber was sollte
ich zu ihrem Gatten sagen, wenn er's wäre und mich auf den Kopf zu fragte?
    Leugnen, natürlich leugnen.
    Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte sein.
Er hat einen anonymen Brief bekommen, - von Wassertrum - dass sie hier gewesen
sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht: wahrscheinlich, dass
sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir bestellt habe. - - - Da! wütendes
Klopfen an meiner Tür und - Angelina stand vor mir.
    Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied war aus.
    Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich brachte
es nicht fertig, zu glauben, dass das Gefühl, ihr helfen zu können, mich belogen
haben sollte.
    Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und sie
verbarg, todmüde wie ein Kind, ihren Kopf an meiner Brust.
    Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie der
rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch - aufflammte und
erlosch - aufflammte und erlosch - - -
    »Wo ist das Herz aus rotem Stein - - -« klang es in meinem Innern. Ich fuhr
auf: Wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
    Und ich forschte sie aus, - vorsichtig, leise, ganz leise, dass sie nicht
aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht berühre.
    Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es mir
zusammen wie ein Mosaik:
    »Ihr Gatte weiss - -?«
    »Nein, noch nicht; er ist verreist.«
    Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; - Charousek hatte es richtig
erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie
hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff ich.
    Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit Drohungen
und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.
    Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
    Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, dass - -
dass - er wollte, dass sich Dr. Savioli - - ein Leid antue.
    Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem besinnungslosem Hass:
»Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod
getrieben.«
    Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunterlaufen, dem
Trödler alles verraten: dass Charousek den Schlag geführt hatte - aus dem
Hinterhalt - und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war - - -. »Verrat!
Verrat!« heulte es mir ins Hirn, »du willst also den armen schwindsüchtigen
Charousek, der dir helfen wollte und ihr, der Rachsucht dieses Halunken
preisgeben?« - Und es zerriss mich in blutende Hälften. - Dann sprach ein Gedanke
eiskalt und gelassen die Losung aus: »Narr! Du hast es doch in der Hand!
Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und
sie dem Trödler durch die Gurgel zu jagen, dass die Spitze hinten zum Genick
herausschaut.«
    Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich forschte weiter:
    »Und Dr. Savioli?«
    Kein Zweifel, dass er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht rettete.
Die Krankenschwestern liessen ihn nicht aus den Augen, hatten ihn mit Morphium
betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich - vielleicht gerade jetzt - und -
und - nein, nein, sie müsse fort, dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, - sie
wolle ihrem Gatten schreiben, ihm alles eingestehen, - solle er ihr das Kind
nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige
Waffe aus der Hand geschlagen, die er besässe und mit der er drohe.
    Sie wolle das Geheimnis selbst entüllen, ehe er es verraten könne.
    »Das werden Sie nicht tun, Angelina!« schrie ich und dachte an die Feile und
die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht.
    Angelina wollte sich losreissen: ich hielt sie fest.
    »Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne
weiteres glauben?«
    »Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht auch
ein Bild von mir, - alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier versteckt
war.«
    Briefe? Bild? Schreibtisch? - ich wusste nicht mehr, was ich tat: ich riss
Angelina an meine Brust und küsste sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf die
Augen.
    Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
    Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit fliegenden
Worten, dass der Todfeind Wassertrums - ein armer böhmischer Student - die Briefe
und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in meinem Besitz seien und fest
verwahrt.
    Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küsste
mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küsste mich wieder.
    Dann war sie verschwunden.
    Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an meinem
Gesicht.
    Ich hörte wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den rasenden
Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein Grab.
    Auch in mir.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im Zimmer:
    »Verzeihen Sie, Herr Pernat, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen es
nicht zu hören.«
    Ich nickte nur stumm.
    »Hoffentlich nehmen Sie nicht an, dass ich mich mit Wassertrum versöhnt habe,
weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?« - Charouseks höhnisches Lächeln
sagte mir, dass er nur einen grimmigen Spass machte. - »Sie müssen nämlich wissen:
Das Gluck ist mir hold; die Kanaille da unten fängt an, mich in ihr Herz zu
schliessen, Meister Pernat. - - Es ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme
des Blutes«, setzte er leise - halb für sich - hinzu.
    Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte etwas
überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in mir.
    »Er wollte mir einen Mantel schenken«, fuhr Charousek laut fort. »Ich habe
natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut genug. - Und
dann hat er mir Geld aufgedrängt.«
    »Sie haben es angenommen?!«, wollte es mir herausfahren, aber ich hielt noch
rasch meine Zunge im Zaum.
    Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
    »Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.«
    Mir wurde ganz wirr im Kopf!
    »- an - genommen?«, stammelte ich.
    »Ich hätte nie gedacht, dass man auf Erden eine so reine Freude empfinden
kann!« - Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. - »Ist
es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur Mütterchens Vorsehung
ökonomischen Finger allentalben in Weisheit und Umsicht walten zu sehen!?« - Er
sprach wie ein Pastor und klimperte dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -
»wahrlich, als hehre Pflicht empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von
milder Hand, auf Heller und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke
zuzuführen.«
    War er betrunken? Oder wahnsinnig?
    Charousek änderte plötzlich den Ton:
    »Es liegt eine satanische Komik darin, dass Wassertrum sich die - Arznei
selber bezahlt. Finden Sie nicht?«
    Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg, und
mir graute vor seinen fiebernden Augen.
    »Übrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernat. Erledigen wir erst die
laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war sie doch? Was ist ihr denn
eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?«
    Ich erzählte Charousek, was geschehen war.
    »Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen«, unterbrach er mich
freudig, »sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier durchsucht. -
Merkwürdig, dass Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle Stunde lang war er
drüben.«
    Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.
    »Darf ich?« - als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch, zündete
sie an und erläuterte: - »Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür öffnen, bringt die
Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabakrauch aus der Richtung. Es ist
das vielleicht das einzige Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für
alle Fälle hat er in der Strassenmauer des Ateliers - das Haus gehört ihm, wie
Sie wissen - eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art
Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer betritt
oder verlässt, das heisst: die Zugtür öffnet, so merkt es Wassertrum unten an dem
heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings weiss ich es ebenfalls,« setzte
Charousek trocken hinzu, »wenn's mir drum zu tun ist, und kann es von dem
Kellerloch vis-à-vis, in dem zu hausen ein gnädiges Schicksal mir huldreichst
gestattet, genau beobachten. - Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar
ein Patent des würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.«
    »Was für einen übermenschlichen Hass Sie gegen ihn haben müssen, dass Sie so
jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie sagen!« warf
ich ein.
    »Hass?« Charousek lächelte krampfhaft. »Hass? - Hass ist kein Ausdruck. Das
Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muss erst geschaffen werden.
- Ich hasse, genaugenommen, auch gar nicht ihn. Ich hasse sein Blut. Verstehen
Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen von seinem
Blut in den Adern eines Menschen fliesst, - und« - er biss die Zähne zusammen -
»das kommt zuweilen vor hier im Ghetto.« Unfähig weiter zu sprechen vor
Aufregung lief er ans Fenster und starrte hinaus. - Ich hörte wie er sein
Keuchen unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.
    »Hallo, was ist denn das?« fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig:
»Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?«
    Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:
    Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot,
soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen kleinen
blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf an. Wassertrum
fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine Höhle zurück.
    Gleich darauf stürzte er wieder hervor - totenblass - und packte Jaromir an
der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. - Mit einem Mal liess Wassertrum
los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner gespaltenen Oberlippe. Warf
einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog dann Jaromir am Arm friedlich in
seinen Laden.
    Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig werden
zu können mit ihrem Handel.
    Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging
seines Weges.
    »Was halten Sie davon?«, fragte ich. »Es scheint nichts Wichtiges zu sein?
Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand versilbert.«
    
    Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
Tisch.
    Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr nach
einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
    »Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. - Unterbrechen Sie mich, Meister
Pernat, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine
besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst nachher wie
Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in kühlen Worten reden, nicht mit
Patos wie eine Prostituierte oder - oder ein Dichter. - Seit die Welt steht,
wär's niemand eingefallen, vor Leid die Hände zu ringen, wenn nicht die
Schauspieler diese Geste als besonders plastisch ausgetüftelt hätten.«
    Ich begriff, dass er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe zu
bekommen.
    Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab,
fasste alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an ihren
Platz.
    Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Tema:
    »Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich mir
dieses Blut. Ich kenne Kinder, die ihm ähnlich sehen und als seine gelten, aber
doch sind sie nicht vom selben Stamme - man kann mich nicht täuschen. Jahrelang
erfuhr ich nicht, dass Dr. Wassory sein Sohn ist, aber ich habe es - ich möchte
sagen - gerochen.
    Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
Beziehungen Wassertrum zu mir steht,« - sein Blick ruhte eine Sekunde forschend
auf mir, - »besass ich diese Gabe. Man hat mich mit Füssen getreten, mich
geschlagen, dass es wohl keine Stelle an meinem Körper gibt, die nicht wüsste, was
rasender Schmerz ist, - hat mich hungern und dursten lassen, bis ich halb
wahnsinnig wurde und schimmlige Erde gefressen habe, aber niemals konnte ich
diejenigen hassen, die mich peinigten. Ich konnte einfach nicht. Es war kein
Platz mehr in mir für Hass. - Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen
getränkt damit.
    Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan - ich will damit
sagen, dass er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie
beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb: ich weiss das
genau, - und doch richtete sich alles, was an Rachsucht und Wut in mir kochte,
gegen ihn. Nur gegen ihn!
    Merkwürdig ist, dass ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack gespielt
habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang
konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustür versteckt, durch die
Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor unerklärlichem
Hassgefühl schwarz vor den Augen wurde.
    Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das
sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung
komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muss wohl jede seiner Bewegungen:
seine Art, den Rock zu tragen und wie er Sachen anfasst, hustet und trinkt, und
all das Tausenderlei damals unbewusst auswendig gelernt haben, bis sich's mir in
die Seele frass, dass ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit
unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen kann.
    Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände von
mir, bloss weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt haben, -
andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie Freunde, die ihm
Böses wünschten.«
    Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins Leere
blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.
    »Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich
Philosophie und Medizin studierte - - auch nebenbei selbst denken lernte -, da
kam mir langsam die Erkenntnis, was Hass ist:
    Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von uns
selbst ist.
    Und wie ich später dahinter kam, - nach und nach alles erfuhr: was meine
Mutter war - und - und noch sein muss, wenn - wenn sie noch lebt, - und dass mein
eigener Leib« - er wendete sich ab, damit ich sein Gesicht nicht sehen sollte, -
»voll ist von seinem eklen Blut - nun ja, Pernat, - warum sollen Sie's nicht
wissen: er ist mein Vater! - da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. - - -
Zuweilen kommt's mir sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, dass ich
schwindsüchtig bin und Blut spucken muss: mein Körper wehrt sich gegen alles, was
von ihm ist, und stösst es mit Abscheu von sich.
    Oft hat mich mein Hass bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht mit
Geschichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich ihm zufügen durfte, aber
immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack des -
Unbefriedigtseins in mir hinterliessen.
    Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muss, dass es so gar
niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, - ja nicht einmal als
antipatisch zu empfinden imstande wäre, ausser ihn und seinen Stamm, -
beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte das sein, was man einen
guten Menschen nennt. Aber zum Glück ist es nicht so. - Ich sagte Ihnen schon:
es ist kein Platz mehr in mir.
    Und glauben Sie nur ja nicht, dass ein trauriges Schicksal mich verbittert
hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies erst in späteren
Jahren) - ich habe einen Freudentag erlebt, der weit in den Schatten stellt, was
sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich weiss nicht, ob Sie kennen, was innere,
echte, heisse Frömmigkeit ist, - ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt - als
ich aber an jenem Tage, an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden
unten stand und sah, wie er die Nachricht bekam, - sie stumpfsinnig, wie ein
Laie, der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, -
hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
Hasenscharte nur ein ganz klein bisschen höher über die Zähne gezogen als sonst
und den Blick so gewiss - - so - so - so eigenartig nach innen gekehrt, - - - -
da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des Erzengels. - - Kennen Sie
das Gnadenbild der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich
nieder und die Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« -
    - - - Wie ich Charousek so dastehen sah, die grossen, träumerischen Augen
voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der Unbegreiflichkeit des
dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.
    Charousek fuhr fort:
    »Die äusseren Umstande, die meinen Hass rechtfertigen oder in den Gehirnen der
amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen könnten, werden Sie
vielleicht gar nicht interessieren: - Tatsachen sehen sich an wie Meilensteine
und sind doch nur leere Eierschalen. Sie sind das aufdringliche Knallen der
Champagnerpfropfen an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige für das
Wesentliche eines Gelages hält. - Wassertrum hat meine Mutter mit all den
infernalischen Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu
Willen zu sein, - wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann - - nun ja -
und dann hat er sie an - ein Freudenhaus verkauft, - - - so etwas ist nicht
schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, - aber nicht etwa, weil
er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel seines
Herzens: an dem Tage hat er sie verkauft, wo er sich voll Schrecken bewusst
wurde, wie heiss er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da
scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen
quietscht auf, sowie jemand kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner
Trödlerbude gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den Zwang des
Hergebenmüssens. Er möchte den Begriff haben am liebsten in sich hineinfressen
und könnte er sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär's das, sich dereinst in
den abstrakten Begriff Besitz aufzulösen. - -
    Und da ist es damals riesengross in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
Angst: »seiner selbst nicht mehr sicher« zu sein, - nicht: etwas an Liebe geben
zu wollen, sondern geben zu müssen: die Gegenwart eines Unsichtbaren in sich zu
ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er möchte, dass es sein Wille sein
sollte, heimlich in Fesseln schlug. - So war der Anfang. Was dann folgte,
geschah automatisch. Wie der Hecht mechanisch zubeissen muss, - ob er will oder
nicht - wenn ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.
    Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche
Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier
nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. - - - Verzeihen Sie, Meister
Pernat,« - Charouseks Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern, dass ich
erschrak, - »verzeihen Sie, dass ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn
man an der Universität ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter
die Hände; unwillkürlich verfällt man dann in eine teppenhafte Ausdrucksweise.«
-
    Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich gar
wohl, dass er mit dem Weinen kämpfte.
    Irgendwie muss ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste Not
zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die
Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und
steckte sie in die Tasche.
    »Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf als
Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek«; sagte ich, um
dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, - »machen Sie bald Ihr
Doktorat?«
    »Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja keinen,
denn meine Tage sind gezählt.«
    Ich wollte den üblichen Einwand machen, dass er doch wohl zu schwarz sehe,
aber er wehrte lächelnd ab:
    »Es ist das beste so. Es muss überdies kein Vergnügen sein, den
Heilkomödianten zu mimen und sich zu guterletzt noch als diplomierter
Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. - - Andererseits«, - setzte er mit
seinem galligen Humor hinzu, - »wird mir leider jedes weitere segensreiche
Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal abgeschnitten sein.« Er griff
nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber nicht langer stören. Oder wäre noch etwas
zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich
jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen
Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, dass ich Sie besuchen soll. Zu mir in den
Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum wurde sofort Verdacht
schöpfen, dass wir zusammenhalten. - Ich bin übrigens sehr neugierig, was er
jetzt tun wird, wo er gesehen hat, dass die Dame zu Ihnen gekommen ist. Sagen Sie
ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn
er zudringlich wird, spielen Sie eben den Rabiaten.«
    Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die Banknote
aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und
sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen hinunter. - Hillel
erwartet mich«, log ich.
    Er stutzte:
    »Sie sind mit ihm befreundet?«
    »Ein wenig. Kennen Sie ihn? - - Oder misstrauen Sie ihm«, - ich musste
unwillkürlich lächeln - »vielleicht auch?«
    »Da sei Gott vor!«
    »Warum sagen Sie das so ernst?«
    Charousek zögerte und dachte nach:
    »Ich weiss selbst nicht warum. Es muss etwas Unbewusstes sein: so oft ich ihm
auf der Strasse begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und
das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie trägt. - Sehen Sie,
Meister Pernat, da haben Sie einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil
von Wassertrum ist. Er gilt z.B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie
immer, so auch in diesem Fall falsch informiert sind, als Geizhals und
heimlicher Millionär und ist doch unsagbar arm.«
    Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«
    »Ja, womöglich noch armer als ich. Das Wort nehmen kennt er, glaub' ich,
überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem Rataus
kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, weil sie wissen, er
würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand
drücken und ein paar Tage später - samt seiner Tochter selber verhungern. -
Wenn's wahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: dass von den
zwölf jüdischen Stämmen zehn verflucht sind und zwei hellig, so verkörpert er
die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern zusammen. - Haben Sie noch nie
bemerkt, wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht?
Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, solches Blut kann sich gar nicht
vermischen; da kamen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, dass die Mütter
nicht schon früher vor Entsetzen stürben. - Hillel ist übrigens der einzige, an
den sich Wassertrum nicht herantraut; - er weicht ihm aus wie dem Feuer.
Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für
ihn bedeutet. Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.«
    Wir gingen bereits die Stiegen hinab.
    »Glauben Sie, dass es heutzutage noch Kabbalisten gibt - dass überhaupt an der
Kabbala etwas sein konnte?«, fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde,
aber er schien nicht zugehört zu haben.
    Ich wiederholte meine Frage.
    Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus
Kistendeckeln zusammengenagelt war:
    »Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme
Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,
Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit den
kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an den Daumen
zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen alten Hühnerkäfig
und unterweist sie im Gesang, wie er es nennt, damit sie später ihren
Lebensunterhalt selbst erwerben können, - das heisst, er lehrt sie die
verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, die er irgendwo
aufgeschnappt hat und im Dämmer seines Seelenzustandes für - preussische
Schlachtymnen oder dergleichen hält.«
    Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein
Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und demselben Ton
die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen sangen dazu:
»Frau Pick,
Frau Hock,
Frau Kle - pe - tarsch,
se stehen beirenond
und schmusen allerhond - -«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich musste wider Willen hellaut
auflachen.
    »Schwiegersohn Schaffranek - seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt
Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend - läuft den ganzen Tag in den Büros
herum«, fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich alte Briefmarken. Die
sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande
gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und schneidet sie durch. Die
ungestempelten Hälften klebt er zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs
blühte das Geschäft und warf manchmal fast einen - Gulden im Tag ab, aber
schliesslich kamen die Prager jüdischen Grossindustriellen dahinter - und machen
es jetzt selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«
    »Würden Sie Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld hätten?«
fragte ich rasch. - Wir standen vor Hillels Tür und ich klopfte an.
    »Halten Sie mich für so gemein, dass Sie glauben können, ich täte es nicht?«,
fragte er verblüfft zurück.
    Mirjams Schritte kamen näher, und ich wartete, bis sie die Klinke
niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche: »Nein, Herr
Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich müssten Sie für gemein halten,
wenn ich's unterliesse.«
    Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die Tür
hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüsste, lauschte ich, was er tun
würde.
    Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging langsam
mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer
halten muss. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war das erstemal, dass ich Hillels Zimmer besuchte hatte.
    Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und mit
weissem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine
Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden. - - -
    Mirjam sass mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem
Modellierwachs.
    »Muss man denn ein Gesicht vor sich haben, um die Ähnlichkeit zu treffen?«,
fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.
    Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wusste nicht, wohin die
Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube, und mir
brannten die Wangen von innerem Vorwurf, dass ich mich nicht längst darum
gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.
    Aber irgend etwas musste ich doch antworten!
    »Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob man
innerlich auch richtig gesehen hat«, - ich fühlte, noch während ich sprach, wie
grundfalsch das alles war, was ich sagte.
    Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äussere
Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet
und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere
Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das
sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, - die Gabe, die sie alle zu
haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.
    Wie konnte ich auch nur von der Möglichkeit sprechen, die unfehlbare
Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins
nachmessen zu wollen!
    Mirjam schien Ähnliches zu denken, nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu
schliessen.
    »Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen«, entschuldigte ich mich.
    Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.
    »Es muss unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu
übertragen?«
    »Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«
    Pause.
    »Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.
    »Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«
    »Nein, nein; das geht nicht, - - das - das - -«, - ich sah, wie ihre Hände
nervös wurden.
    »Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?«, unterbrach
ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«
    Hastig wandte sie das Gesicht ab.
    Was hatte ich da gesagt! Ich musste sie aufs tiefste verletzt haben. Es hatte
geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.
    Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?
    Ich nahm einen Anlauf:
    »Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. - Ich schulde Ihrem
Vater so unendlich viel, - Sie können das gar nicht ermessen - -«
    Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.
    »- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«
    »Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch
selbstverständlich.«
    Ich fühlte: sie wusste nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknüpfte.
Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er
ihr verschwieg.
    »Weit höher als äussere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. - Ich
meine die, die aus dem geistigen Einfluss eines Menschen auf den andern
überstrahlt. - Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? - Man kann
jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«
    »Und das hat - -?«
    »Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« - ich fasste sie an der Hand, -
»begreifen Sie nicht, dass es mir da ein Herzenswunsch sein muss, wenn schon nicht
ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, irgendeine Freude zu
bereiten? - Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! - Gibt's denn
gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?«
    Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«
    »Gewiss nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen
abnehmen konnte? Sie sind verpflichtet - hören Sie! - verpflichtet, mich daran
teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern traurigen
Gasse, wenn Sie nicht müssten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und - -«
    »Sie leben doch selbst hier, Herr Pernat«, unterbrach sie mich lächelnd,
»was fesselt Sie an das Haus?«
    Ich stutzte. - Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich
konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir
geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden und vergass einen Augenblick
ganz, wo ich war. - Dann stand ich plötzlich entrückt irgendwo hoch oben - in
einem Garten - roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, - sah
herab auf die Stadt - - -
    »Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?« kam Mirjams Stimme
von weit, weit her zu mir.
    Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins
Gesicht.
    Ich musste wohl lange starr dagesessen haben, dass sie so besorgt war.
    Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich
gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus.
    Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes
Leben beisammen war und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich stand und
auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren hatte, dass ich in
früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit
beraubt worden war, - wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in
jenen Tagen wurzeln mussten, immer häufiger und häufiger, und dass ich vor dem
Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreissen
würde.
    Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen musste: - meine
Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr.
    Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen atemlosen Teilnahme
zu, die mir unsäglich wohl tat.
    Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen
konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. - Gewiss wohl: Hillel
war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken, das kam und
verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.
    Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er
ihr Vater war.
    Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm - »und doch bin ich wie
durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die ich nicht
durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. - Wenn ich ihn als Kind im
Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters:
die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue
leuchtende Strahlen gingen von seinen Schläfen aus. - Ich glaube, seine Liebe
ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu gross, als dass wir sie fassen
könnten. - Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn
sprachen.« - - Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte
aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloss
eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, - nur ich weiss, wie er sie geliebt hat,
ich war damals noch ein kleines Mädchen, - glaubte ich vor Schmerz ersticken zu
müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte
aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir - und - und da
- - - - mir läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke - - sah
er mich lächelnd an, küsste mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die
Augen. - - - - Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, dass ich meine
Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich
vergiessen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes
am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging
hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal
leise und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«
    »Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich etwas
Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das
hinausgewachsen ist über alles Menschentum?«, fragte ich leise.
    Mirjam schüttelte freudig den Kopf:
    »Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. - Als Sie mich vorhin fragten,
Herr Pernat, ob ich nicht Sorgen hätte und warum wir hier wohnten, musste ich
fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume sind grün und der
Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich
die Augen schliesse. Muss ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? - Und
das bisschen Not und - und - und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch
die Hoffnung und das Warten.«
    »Das Warten?« fragte ich erstaunt.
    »Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein
ganz, ganz armer Mensch. - Dass das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch
der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl
früher ein paar Freundinnen - Jüdinnen natürlich, wie ich -, aber wir redeten
immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich
von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spass, und als sie merkten,
wie ernst es mir war und dass ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die
Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmässige Wachsen des Grases
und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, - hätten sie mich am liebsten für
verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, dass ich ziemlich
gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die Targumim und
Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind.
Schliesslich fanden sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie
nannten mich überspannt.
    Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, dass das Bedeutsame - das Wesentliche
- für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das Wunder und bloss das
Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Etik, die nur versteckte Wege
sein können, um zum Wunder zu gelangen, - so wussten sie nur mit Gemeinplätzen zu
erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, dass sie aus den
Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch
stehen könnte. Wenn sie das Wort Wunder nur hörten, wurde ihnen schon
unbehaglich. Sie verlören den Boden unter den Füssen, sagten sie.
    Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füssen zu
verlieren!
    Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich einmal
meinen Vater sagen, - dann, dann erst fängt das Leben an. - Ich weiss nicht, was
er mit dem Leben meinte, aber ich fühle zuweilen, dass ich eines Tages so wie:
erwachen werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand
hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.
    Hast du denn schon welche erlebt, dass du fortwährend darauf wartest? fragten
mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh
und siegesgewiss. Sagen Sie, Herr Pernat, können Sie solche Herzen verstehen?
Dass ich doch Wunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, - winzig kleine -,« -
Mirjams Augen glänzten, - »wollte ich ihnen nicht verraten, - - - - - -«
    Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.
    
    »- aber Sie werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,« - Mirjam wurde
ganz leise - »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr im Hause
war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wusste ich: jetzt ist die Stunde da! -
Und dann sass ich hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr
atmen konnte. Und - und dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und
kreuz und quer durch die Strassen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im
Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und - und jedesmal fand ich Geld. Einmal
mehr, einmal weniger, aber immer soviel, dass ich das Nötigste einkaufen konnte.
Oft lag ein Gulden mitten auf der Strasse; ich sah ihn von weitem blitzen und die
Leute traten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte ihn. - Das
machte mich zuweilen so übermütig, dass ich gar nicht erst ausging, sondern
nebenan in der Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot
vom Himmel gefallen sei.«
    - Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf, und ich musste aus Freude darüber
lächeln. -
    Sie sah es.
    »Lachen Sie nicht, Herr Pernat«, flehte sie. »Glauben Sie mir, ich weiss,
dass diese Wunder wachsen werden und dass sie eines Tages -«
    Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn!
Ich bin unendlich glücklich, dass Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder
Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's - wir rufen in solchen
Fallen: Gott sei Dank! - einmal anders kommt.«
    Sie streckte mir die Hand hin:
    »Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernat, dass Sie mir - oder
uns - helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, dass Sie mir die Möglichkeit, ein
Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«
    Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.
    Da ging die Tür, und Hillel trat ein.
    Mirjam umarmte ihn; und er begrüsste mich. Herzlich und voll Freundschaft,
aber wieder mit dem kühlen »Sie«.
    Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten. -
Oder irrte ich mich?
    Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.
    »Sie sind gewiss hier, mich um Rat zu fragen«, fing er an, als Mirjam uns
allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft - -?«
    Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:
    »Ich weiss es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse an,
weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der
Überfülle seines Herzens. Auch, dass - Sie ihm Geld geschenkt haben.« Er sah mich
durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, aber
ich verstand nicht, was er damit wollte:
    »Gewiss, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet - und
- und in diesem - Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, aber -,« er dachte
eine Weile nach, - »aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit.
Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! Da wäre
es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. - Oder glauben Sie nicht?«
    »Geben Sie denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?«
fragte ich.
    Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein
Talmudist geworden, dass Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da
ist freilich schwer streiten.«
    Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand
ich nicht, worauf er eigentlich wartete.
    »Übrigens, um zu dem Tema zurückzukommen«, fuhr er in verändertem Tone
fort, »ich glaube nicht, dass Ihrem Schützling - ich meine die Dame -
augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heisst
zwar: der kluge Mann baut vor, aber der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist
auf alles gefasst. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, dass Aaron Wassertrum
mit mir zusammentrifft, aber das muss dann von ihm ausgehen, - ich tue keinen
Schritt, er muss herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, - und
dann will ich mit ihm reden. An ihm wird's sein, sich zu entscheiden, ob er
meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in Unschuld.«
    Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich
drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen,
tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.
    »Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns«, fielen mir Mirjams Worte
ein.
    Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und - gehen.
    Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging und
mich noch einmal umdrehte, sah ich, dass er stehen geblieben war und mir
freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen möchte und
nicht kann.
 
                                     Angst
Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine
Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander
und Prokop bis spät in die Nacht beisammen sassen und einander verrückte
Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von
mir ab, - wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe
getragen, abgerissen hätten.
    Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft geben
konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf
weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, dass ich vor Unruhe anfangs
kaum wusste, was ich zuerst tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschliessen,
mich niedersetzen oder auf und ab gehen.
    Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt? War's
die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich ansteckte? War
Wassertrum vielleicht hier?
    Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, tat einen Blick ins
Nebenzimmer: - niemand.
    Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.
    Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen, um
ein für allemal die Sorge um sie los zu sein?
    Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche - aber musste es
denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh.
    Erst Licht machen!
    Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.
    War die Tür abgesperrt? - Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb wieder
stehen.
    Warum mit einem Male die Angst?
    Ich wollte mir Vorwürfe machen, dass ich feig sei: - die Gedanken blieben
stecken. Mitten im Satz.
    Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch, rasch auf den Tisch
steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und »dem« den Schädel damit
von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, - - wenn - wenn es
in die Nähe kam.
    »Es ist doch niemand hier,« sagte ich mir laut und ärgerlich vor, »hast du
dich denn je im Leben gefürchtet?«
    Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend wie
Äter.
    Wenn ich irgend etwas gesehen hätte: das Grässlichste, was man sich
vorstellen kann, - im Nu wäre die Furcht von mir gewichen.
    Es kam nichts.
    Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
    Nichts.
    Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild, die
Wanduhr - leblose, alte, treue Freunde.
    Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund
geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu
finden.
    Auch das nicht. - Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr für das
herrschende Halbdunkel, als dass es natürlich gewesen wäre.
    »Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst«, fühlte ich. »Sie trauen
sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.«
    Warum tickt die Wanduhr nicht? -
    Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
    Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, dass ich das Geräusch hören konnte.
    Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! - Nicht einmal das! Oder das
Holz im Ofen aufknallen wollte: - das Feuer war erloschen.
    Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft - pausenlos,
lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.
    Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
verzweifelte daran, es je überdauern zu können. - Der Raum voll Augen, die ich
nicht sehen, - voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht greifen konnte.
    »Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende
Schrecknis des unfassbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm Denken die
Grenzen zerfrisst«, begriff ich dumpf.
    Ich stellte mich steif hin und wartete.
    Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht liess »es« sich verleiten und
schlich von rückwärts an mich heran - und ich konnte es ertappen?!
    Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
    Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das nicht war und doch das Zimmer mit
seinem grausigen Leben erfüllte.
    Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
    »Es würde mit mir gehen«, wusste ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit.
Auch, dass es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, -
dennoch suchte ich so lange nach dem Feuerzeug, bis ich es gefunden hatte.
    Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen nicht
heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich
endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte, blieb sie glanzlos wie
gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war die Dunkelheit noch besser.
    Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die
Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei - vier ... bis tausend, und immer von
neuem - Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken wurden
und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der Erleichterung.
    Auch nicht eine einzige.
    Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge kamen:
»Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« - und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie
plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir
gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken musste, in ihre Bedeutung
zurückzufinden: P-r-i-n-z? - B-u-ch?
    War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? - Ich tastete an mir herum.
    Aufstehen!
    Mich in den Sessel setzen!
    Ich liess mich in den Lehnstuhl fallen.
    Wenn doch endlich der Tod käme!
    Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich - will -
nicht - ich will - nicht!«, schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!«
    Kraftlos fiel ich zurück.
    Konnte es nicht fassen, dass ich immer noch lebte.
    Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor mich
hin.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?«, ebbte ein Gedanke
auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück. Kam wieder.
    Langsam wurde mir endlich klar, dass ein seltsames Wesen vor mir stand -
vielleicht schon, seit ich hier sass, dagestanden hatte - und mir die Hand
hinstreckte:
    Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Grösse eines gedrungen
gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus weissem
Holz gestützt.
    Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus fahlem
Dunst unterscheiden.
    Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
Erscheinung aus.
    Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung. Was
ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, drängte sich
jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form geronnen.
    Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor
Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, - warnte
mich davor, schrie es mir in die Ohren - und doch zog es mich wie ein Magnet,
dass ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin
forschte nach Augen, Nase und Mund.
    Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wusste
ich, dass sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.
    Sie zerrannen auch stets - fast in derselben Sekunde, in der ich sie
geschaffen hatte.
    Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten bestehen.
    Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, zogen
sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen
Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, die zu
bemerken war. Statt der Füsse berührten Knochenstumpen den Boden, von denen das
Fleisch - grau und blutleer - auf Spannenbreite zu wulstigen Rändern
emporgezogen war.
    Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin.
    Kleine Körner lagen darin. Bohnengross, von roter Farbe und mit schwarzen
Punkten am Rande.
    Was sollte ich damit?!
    Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir - eine
Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, - wenn ich jetzt nicht
das Richtige tat.
    Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes,
schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich - auf welche von beiden ich
ein Stäubchen warf: die sank zu Boden.
    Das war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. »Keinen Finger rühren!«
riet mir mein Verstand, - »und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen sollte
und mich erlösen aus dieser Qual.« -
    Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körner abgelehnt,
raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurück.
    Hilfe suchend blickte ich um mich, ob mir denn kein Zeichen wurde, was ich
tun sollte.
    Nichts.
    Auch in mir kein Rat, kein Einfall, - alles tot, gestorben.
    Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
furchtbaren Augenblick, erkannte ich. - -
    Es musste bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines Zimmers
nicht mehr unterscheiden.
    Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, dass jemand Schränke
rückte, Schubladen aufriss und polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums Stimme
zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Bass wilde Fluche ausstiess; ich horchte
nicht hin. Es war mir belanglos wie das Rascheln einer Maus. - Ich schloss die
Augen:
    Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider
zugedrückt - starre Totenmasken: - - mein eigenes Geschlecht, meine eigenen
Vorfahren.
    Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so
stand es auf aus seinen Grüften, - mit glattem gescheiteltem Haar, gelocktem und
kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten Schöpfen - durch
Jahrhunderte heran, bis die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in ein
letztes Gesicht zusammenflossen: - das Gesicht des Golem, mit dem die Kette
meiner Ahnen abbrach.
    Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum auf,
in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wusste, vor mir der graue
Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
    Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden Kreisen,
die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:
    Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die des
anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von hohem,
unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden Tüchern
verborgen.
    Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, dass der Zeitpunkt der Entscheidung
gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: - und da sah ich, wie ein
Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises ging. -
    Sollte ich die Körner zurückweisen?: Das Zittern ergriff den bläulichen
Kreis; - ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da - in derselben
Stellung: regungslos wie früher.
    Sogar sein Atem hatte aufgehört.
    Ich hob den Arm, wusste noch immer nicht, was ich tun sollte, und - schlug
auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, dass die Körner über den Boden
hinrollten.
    Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
Bewusstsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, - dann stand ich fest
auf den Füssen.
    Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen Kreises.
    Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet; sie
trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm -
es sah aus wie ein Schwur - zwischen Zeigefinger und Daumen die roten Körner in
die Hohe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte.
    Ich hörte, wie draussen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brüllender
Donner die Luft zerriss:
    Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die Stadt
hinweg. Vom Fluss her dröhnten durch das Heulen des Sturms in rhytmischen
Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der Eisdecke auf der
Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der ununterbrochen
aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so schwach, dass mir die
Knie zitterten und ich mich setzen musste.
    »Sei ruhig,« sagte deutlich eine Stimme neben mir, »sei ganz ruhig, es ist
heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.« -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Allmählich liess das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in das
eintönige Trommeln der check auf die Dächer.
    Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, dass ich nur mehr mit
stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
    Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
    »Den ihr suchet, der ist nicht hier.«
    Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.
    Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name
                                    »Henoch«
vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der
berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die
Hieroglyphen auf seiner Brust - sie waren dieselben Buchstaben wie die der
übrigen - und fragte mich, ob ich sie lesen könne.
    Und als ich - lallend vor Müdigkeit, - verneinte, streckte er die Handfläche
gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf meiner Brust in Lettern,
die zuerst lateinisch waren:
                            CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
                   - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. - - - Und ich fiel in
einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, in der Hillel mir
die Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                     Trieb
Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, dass ich mir
Zeit zu den Mahlzeiten liess.
    Ein unwiderstehlicher Drang nach äusserer Tätigkeit hatte mich von früh bis
abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.
    Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind darüber
gefreut.
    Auch der Buchstabe »I« in dem Buche Ibbur war ausgebessert.
    Ich lehnte mich zurück und liess ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der
heutigen Stunden an mir vorüberziehen:
    Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu mir
ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in der Nacht
eingestürzt. -
    Seltsam: - Eingestürzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die Körner -
- - nein, nein, nicht daran denken; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit
bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir vorgenommen, es in meiner
Brust begraben sein zu lassen, bis es von selbst wieder erwachte, - nur nicht
daran rühren!
    Wie lange war's her, da ging ich noch über die Brücke, sah die steinernen
Statuen - und jetzt lag sie, die Brücke, die Jahrhunderte gestanden, in
Trümmern.
    Es stimmte mich beinahe wehmütig, dass ich nie mehr meinen Fuss auf sie setzen
sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die alte,
geheimnisvolle, steinerne Brücke.
    Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme schnitt, darüber nachdenken
müssen, und so selbstverständlich, als hätte ich es nie vergessen gehabt, war es
lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch in spätern Jahren zu dem
Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern, die jetzt begraben lagen in
den tosenden Wassern, aufgeblickt hatte.
    Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen
genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste - und meinen Vater und meine Mutter
und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich gewohnt, konnte ich mich
nicht mehr erinnern.
    Ich wusste, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten
erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.
    Die Empfindung, dass sich mit einemmal alles natürlich und einfach in mir
abwickelte, war so behaglich.
    Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, - es war so
gar nichts Erstaunliches daran gewesen, dass es aussah, nun, wie eben ein altes,
mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht - schien es mir
ganz selbstverständlich.
    Ich konnte nicht begreifen, dass es jemals gespenstisch auf mich gewirkt
hatte!
    Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen unverständlich für
mich.
    Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde?
    Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen war,
erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die
Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen wollten.
    Rasch nahm ich Angelinas Bild - ich hatte die Widmung, die darunter stand,
abgeschnitten - und küsste es.
    Es war das alles so töricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von -
Glück träumen, die glitzernde Gegenwart festalten und sich daran freuen, wie
über eine Seifenblase?
    Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, was mir da die
Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmöglich, dass ich
über Nacht ein berühmter Mann wurde? Ihr ebenbürtig, wenn auch nicht an
Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? Ich dachte an die Gemme Mirjams:
wenn mir noch andere so gelangen wie diese - kein Zweifei, selbst die ersten
Künstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen.
    Und nur einen Zufall angenommen: der Gatte Angelinas stürbe plötzlich?
    Mir wurde heiss und kalt: ein winziger Zufall - und meine Hoffnung, die
verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der stündlich
reissen konnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoss fallen müsste.
    War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von
denen die Menschheit gar nicht ahnte, dass sie überhaupt existierten?
    War es kein Wunder, dass binnen weniger Wochen künstlerische Fähigkeiten in
mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben?
    Und ich stand doch erst am Anfang des Weges!
    Hatte ich denn kein Anrecht auf Glück?
    Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
    Ich übertönte das: »Ja« in mir: - nur noch eine Stunde träumen - eine Minute
- ein kurzes Menschendasein!
    Und ich träumte mit offenen Augen:
    Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen
Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in Gruppen beisammen
und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau schillerte wie der Flügel
eines gigantischen Tropenschmetterlings, in Funkensprühregen über unabsehbare
Wiesen voll heissem Sommerduft.
    Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bäche,
die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.
    Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten und Blumen, und machte
mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin, Hyazinten, Narzissen, Seidelbast - -
-
    Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. - Mich dürstete.
    Das waren die Qualen des Paradieses.
    Ich riss die Fenster auf und liess den Tauwind an meine Stirne wehen.
    Es roch nach kommendem Frühling - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Mirjam!
    Ich musste an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte
halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein Wunder
sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück gefunden in dem
Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt. -
- -
    Ich griff nach meiner Börse. - Hoffentlich war es heute nicht schon zu spät,
und ich kam noch zurecht, ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern!
    Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie es
nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfüllt war sie von dem »Wunder«
gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt und, wenn
ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich ohne äussern Grund - nur unter dem
Einfluss ihrer Erinnerung - totenblass geworden war bis in die Lippen, schwindelte
mir bei dem blossen Gedanken, ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet
haben, deren Tragweite bis ins Grenzenlose ging.
    Und wenn ich mir die letzten, dunklen Worte Hillels ins Gedächtnis rief und
in Zusammenhang damit brachte, überlief es mich eiskalt.
    Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, - der Zweck
heiligt die Mittel nicht, das sah ich ein.
    Und was, wenn überdies das Motiv: »helfen zu wollen« nur scheinbar »rein«
war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen?:
der selbstgefällige, unbewusste Wunsch, in der Rolle des Helfers zu schwelgen?
    Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
    Dass ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.
    Schon als die Tochter Hillels musste sie anders sein als andere Mädchen.
    Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in ein
Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem eigenen stand!
    Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten
ägyptischen Dynastie passte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt war,
als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich warnen müssen.
    »Nur der ganz Dumme misstraut dem äussern Schein«, hatte ich irgendwo einmal
gelesen. - Wie richtig! Wie richtig!
    Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, dass ich
es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte?
    Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.
    Ich durfte das nicht wagen, musste behutsamer vorgehen.
    Das »Wunder« irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, es
auf die Treppenstufe zu legen, dass sie es finden musste, wenn sie die Tür
aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes würde
sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem Wunderbaren
allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich.
    Ja! Das war das Richtige.
    Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die
Schamröte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn alle
andern Mittel versagten.
    Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen!
    Ein guter Einfall kam mir: Ich musste Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem
bewegen, sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reissen, dass sie
andere Eindrücke bekam.
    Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte uns
denn, wenn wir das Judenviertel mieden?
    Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen?
    Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr
fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden würde, dass ich mit dabei sei.
    Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen. - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - -
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    An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen.
    Wassertrum!
    Er musste durchs Schlüsselloch hereingespäht haben, denn er stand gebückt,
als ich mit ihm zusammengestossen war.
    »Suchen Sie mich?«, fragte ich barsch.
    Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen Jargon;
dann bejahte er.
    Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb am
Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit,
die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus seinem Gesicht und
jeder seiner Bewegungen.
    Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen. Seine
grauenhafte Hässlichkeit war es nicht, die einen so abstiess; (sie machte mich
eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur selbst bei
seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuss ins Gesicht getreten hatte) -
etwas anderes, Unwägbares, das von ihm ausging, trug die Schuld daran.
    Das »Blut«, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
    Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem Eintritt
gereicht hatte.
    So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben, denn
er musste sich plötzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des Hasses in seinen
Zügen zu unterdrücken.
    »Hübsch ham Se's hier«, fing er endlich stockend an, als er sah, dass ich ihm
nicht den Gefallen tat, das Gespräch zu beginnen.
    Im Widerspruch zu seinen Worten schloss er dabei die Augen, vielleicht, um
meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, dass es seinem Gesicht einen
harmloseren Ausdruck verleihen würde?
    Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu
reden.
    Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was er
weiter sagen würde.
    In seiner Verlegenheit griff er nach der Feile, die - weiss Gott wieso - noch
seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber unwillkürlich sofort wie von
einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte innerlich über seine unterbewusste
seelische Feinfühligkeit.
    »Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, dass man's fein hat,« raffte er
sich auf, zu sagen, »wenn man - so noble Besuche bekommt.« Er wollte die Augen
aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf mich machten, hielt es
aber offenbar noch für verfrüht und schloss sie schnell wieder.
    Ich wollte ihn in die Enge treiben: »Sie meinen die Dame, die neulich hier
vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!«
    Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und zerrte
mich ans Fenster.
    Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich daran,
wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen
hatte.
    Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
    »Was glauben Sie, Herr Pernat, lasst sich da noch was machen?«
    Es war eine goldene Uhr mit so stark verbeulten Deckeln, dass es fast aussah,
als hätte sie jemand mit Absicht verbogen.
    Ich nahm ein Vergrösserungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte abgerissen
und innen - stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch
überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam entzifferte
ich:
                                K-rl Zott-mann.
    Zottmann? Zottmann? - Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann? Ich
konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
    Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:
    »Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehäuse, da
stinkt's.«
    »Braucht man nur gerade zu klopfen - höchstens ein paar Lötstellen. Das kann
Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.«
    »Ich leg' doch Wert darauf, dass es eine solide Arbeit wird. Was man so sagt:
künstlerisch«, unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich.
    »Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt -«
    »Viel daran liegt!« Seine Stimme schnappte über vor Eifer. »Ich will sie
doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemandem zeig', will ich sagen
können: schauen Sie mal her, so arbeitet der Herr von Pernat.«
    Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwärtigen
Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.
    »Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.«
    Wassertrum wand sich in Krämpfen: »Das gibt's nicht. Das will ich nicht.
Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche is Zeit genug. Das ganze Leben möcht' ich
mir Vorwürfe machen, dass ich Ihnen gedrängt hab'.«
    Was wollte er nur, dass er so ausser sich geriet? - Ich machte einen Schritt
ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag
obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu - für den Fall, dass Wassertrum
mir nachblicken sollte.
    Als ich zurückkam, fiel mir auf, dass er sich verfärbt hatte.
    Ich musterte ihn scharf, liess aber meinen Verdacht sofort fallen: Unmöglich!
Er konnte nichts gesehen haben.
    »Also, dann vielleicht nächste Woche«, sagte ich, um seinem Besuch ein Ende
zu machen.
    Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und
setzte sich.
    Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen
und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. - -
    Pause.
    »Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen machen,
wenn's herauskommt. Waas?« sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich
los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
    Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er von
einer Sprechweise in die andere übergehen - von Schmeicheltönen blitzartig ins
Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich, dass die
meisten Menschen, besonders Frauen, sich im Handumdrehen in seiner Gewalt
befinden mussten, wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besass.
    Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war mein
erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst
einmal gründlich auszuhorchen.
    »Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;« - ich
bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen. »Duksel? Was ist das:
Duksel?«
    »Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?« fuhr er mich grob an. »Die Hand
werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht. Verstehen
Sie mich?! Das sag ich Ihnen!« - Er fing an zu schreien: »Mir ins Gesicht hinein
werden Sie nicht abschwören, dass sie von da drüben« - er deutete mit dem Daumen
nach dem Atelier - »zu Ihnen heribber geloffen is mit en Teppich an und - sonst
nix!«
    Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und
schüttelte ihn:
    »Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die
Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?«
    Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:
    »Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch bloss.«
    Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte
nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
    Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die Sache,
soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins reine zu bringen und,
sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die Feindseligkeiten
zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschiessen.
    Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf den
Kopf zu, dass Erpressungen irgendwelcher Art - ich betonte das Wort - missglücken
müssten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen erhärten könnte
und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es wäre überhaupt im Bereiche der
Möglichkeit, dass es je zu einer solchen käme) - bestimmt zu entziehen wissen
würde. Angelina stünde mir viel zu nahe, als dass ich sie nicht in der Stunde der
Not retten würde, koste es, was es wolle, sogar einen Meineid!
    Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis zur
Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein Trutahn mir immer
wieder in die Rede hinein: »Will ich denn was von die Duksel? So hören Sie doch
zu!« - Er war ausser sich vor Ungeduld, dass ich mich nicht beirren liess. - »Um
den Savioli is mir's zu tun, um den gottverfluchten Hund, - den - den -«, fuhr
es ihm plötzlich brüllend heraus.
    Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich ihn
haben wollte, aber schon hatte er sich gefasst und fixierte wieder meine Weste.
    »Hören Sie zu, Pernat;« er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise
eines Kaufmanns nachzuahmen, »Sie reden fort von der Duk - - von der Dame. Gut!
sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem - mit dem jungen
Lauser. Was hab' ich damit zu tun?« Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht hin
und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als hielte er eine Prise Salz darin
- »soll sie sich das selber abmachen, die Duksel. - Ich bin e Weltmann und Sie
sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu
meinem Geld kommen. Verstehen Sie, Pernat?!«
    Ich horchte erstaunt auf:
    »Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?«
    Wassertrum wich aus:
    »Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.«
    »Sie wollen ihn ermorden!« schrie ich.
    Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
    »Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!« Ich
deutete auf die Tür. »Schauen Sie, dass Sie hinauskommen.«
    Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen.
Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für
fähig gehalten hätte:
    »Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht.
Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn Sie
gescheit gewesen wären -: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? Jetzt - mach -
ich - mit - Ihnen allen dreien« - er deutete mit einer Geste des Erdrosselns an,
womit er es meinte - »Presscolleeh.«
    Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus und er schien
seiner Sache so sicher zu sein, dass mir das Blut in den Adern erstarrte. Er
musste eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch Charousek
nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken.
    »Die Feile! Die Feile!« hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich schätzte
die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch - zwei Schritte bis zu Wassertrum -
- ich wollte zuspringen - - - da stand wie aus dem Boden gewachsen Hillel auf
der Schwelle.
    Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
    Ich sah nur - wie durch Nebel -, dass Hillel unbeweglich stehen blieb und
Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.
    Dann hörte ich Hillel sagen:
    »Sie kennen doch, Aaron, den Satz: Alle Juden sind Bürgen füreinander?
Machen Sie's einem nicht zu schwer.« - Er fügte ein paar hebräische Worte hinzu,
die ich nicht verstand.
    »Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnüffeln?« geiferte der Trödler
mit bebenden Lippen.
    »Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!« - wieder
schloss Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine Drohung klang.
Ich erwartete, dass es zu einem Zank kommen würde, aber Wassertrum antwortete
nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und ging dann trotzig hinaus.
    Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen.
Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf den Gang
hinaus. Ich wollte die Türe schliessen gehen: er hielt mich mit einer
ungeduldigen Handbewegung zurück.
    Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des Trödlers
wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und
machte ihm Platz.
    Wassertrum wartete, bis er ausser Hörweite war, dann knurrte er mich
verbissen an:
    »Geben Se mer meine Uhr zorück.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                      Weib
Wo nur Charousek blieb?
    Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer liess er sich nicht
blicken.
    Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder sah
er es vielleicht nicht?
    Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, dass der Sonnenstrahl, der
darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel.
    Das Eingreifen Hillels - gestern - hatte mich ziemlich beruhigt. Bestimmt
würde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre.
    Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden zurückgekehrt, -
ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er unbeweglich hinter seinen
Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon frühmorgens gesehen. - - -
    Unerträglich, das ewige Warten!
    Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem Nebenzimmer
hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
    Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen Wasserschnüre
im Sonnenlicht glänzten!
    
    Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der
Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
    Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebteit in meiner Brust, es
wollte nicht weichen.
    Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina gewesen,
die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit
Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam abermals Angelina und küsste
mich; ich roch den Duft ihres Haares, und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am
Hals, rutschte von ihren entblössten Schultern - und sie wurde zu Rosina, die mit
trunkenen, halbgeschlossenen Augen tanzte - im Frack - nackt; - - - und alles in
einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie Wachsein. Wie ein süsses,
verzehrendes, dämmeriges Wachsein.
    Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett, der schattenhafte
Habal Garmin, »der Hauch der Knochen«, von dem Hillel gesprochen, - und ich sah
ihm an den Augen an: er war in meiner Macht, musste mir jede Frage beantworten,
die ich ihm stellen würde nach irdischen oder jenseitigen Dingen, und er wartete
nur darauf, aber der Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die
Schwüle meines Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -
Ich schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und es
schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben »Aleph«, wuchs wieder empor, stand da als
das Kolossweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche Ibbur gesehen, mit
dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich über mich, und ich atmete den
betäubenden Geruch ihres heissen Fleisches ein.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Kam denn Charousek immer noch nicht? - Die Glocken sangen von den
Kirchtürmen.
    Eine Viertelstunde wollte ich noch warten - dann aber hinaus! Durch belebte
Strassen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern, mich in das frohe
Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne Frauen sehen mit
koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füssen.
    Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich mich
vor mir selbst.
    Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit
rascher zu vertreiben. -
    Vielleicht liess sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer
Kamee?
    Ich suchte nach dem Pagad.
    Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
    Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken
über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, - was konnte er nur
bedeuten?:
    Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf nach
abwärts, die Arme auf den Rücken gebunden, den rechten Unterschenkel über das
linke Bein verschränkt, dass es aussieht wie ein Kreuz über einem verkehrten
Dreieck?
    Unverständliches Gleichnis.
    Da! - Endlich! Charousek kam.
    Oder doch nicht?
    Freudige Überraschung: es war Mirjam.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Wissen Sie, Mirjam, dass ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und Sie
bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?« Es war nicht ganz die Wahrheit,
aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. - »Nicht wahr, Sie schlagen
es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im Herzen, dass Sie, gerade
Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen müssen.«
    »- spazierenfahren?«, wiederholte sie derart verblüfft, dass ich laut
auflachen musste.
    »Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?«
    »Nein, nein, aber - -,« sie suchte nach Worten, »unerhört merkwürdig.
Spazierenfahren!«
    »Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, dass es Hunderttausende
von Menschen tun - eigentlich ihr ganzes Leben nichts anderes tun.«
    »Ja, andere Menschen!« gab sie, immer noch vollständig überrumpelt, zu.
    Ich fasste ihre beiden Hände:
    »Was andere Menschen an Freude erleben dürfen, möchte ich, dass Sie, Mirjam,
in noch unendlich viel reicherem Masse geniessen.«
    Sie wurde plötzlich leichenblass, und ich sah an der starren Taubheit ihres
Blickes, woran sie dachte.
    Es gab mir einen Stich.
    »Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam,« redete ich ihr zu,
»das - das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen - aus - aus
Freundschaft?«
    Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
    »Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit Ihnen freuen, aber so?
Wissen Sie, dass ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? - Um - um - wie soll ich
nur sagen? - um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es nicht wörtlich auf,
aber -: ich wollte, das Wunder wäre nie geschehen.«
    Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in Gedanken
versunken.
    »Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?« Sie raffte sich auf:
    »Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht geschehen.«
    Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. - »Wenn ich mir denken soll,« sie
sprach ganz langsam und traumverloren, »dass Zeiten kommen könnten, wo ich ohne
solche Wunder leben müsste - - -.«
    »Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr -,«
fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich das Entsetzen
in ihrem Gesicht bemerkte, - »ich meine: Sie können plötzlich auf natürliche
Weise Ihrer Sorgen entoben werden, und die Wunder, die Sie dann erleben, würden
geistiger Art sein: - innere Erlebnisse.«
    Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: »Innere Erlebnisse sind keine
Wunder. Erstaunlich genug, dass es Menschen zu geben scheint, die überhaupt keine
haben. - Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für Nacht, erlebe ich -« (sie
brach mit einem Ruck ab, und ich erriet, dass noch etwas anderes in ihr war, von
dem sie mir nie gesprochen hatte, vielleicht das Weben unsichtbarer
Geschehnisse, ähnlich den meinigen) - »aber das gehört nicht hierher. Selbst,
wenn einer aufstünde und machte Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es
kein Wunder nennen. Erst, wenn der leblose Stoff - die Erde - beseelt wird vom
Geist und die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
mich sehne, seit ich denken kann. - Mir hat einmal mein Vater gesagt: es gäbe
zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die sich niemals zur
Deckung bringen liessen. Wohl könne die magische die abstrakte an sich ziehen,
aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische ist ein Geschenk, die andere kann
errungen werden, wenn auch nur mit Hilfe eines Führers.« Sie nahm den ersten
Faden wieder auf: »Das Geschenk ist es, nach dem ich dürste; was ich mir
erringen kann, ist mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken
soll, es könnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese
Wunder leben müsste,« - ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
Jammer zerfleischten mich, - »ich glaube, ich sterbe jetzt schon angesichts der
blossen Möglichkeit.«
    »Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, das Wunder wäre nie
geschehen?«, forschte ich.
    »Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich - ich - «, sie dachte einen
Augenblick nach, »war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser Form zu
erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen erklären? Nehmen Sie einmal an, bloss
als Beispiel, ich hätte seit Jahren jede Nacht ein und denselben Traum, der sich
immer weiter fortspinnt und in dem mich jemand - sagen wir: ein Bewohner einer
andern Welt - belehrt und mir nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und
seinen allmählichen Veränderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife,
ein Wunder erleben zu können, entfernt bin, sondern: mir auch in
Verstandesfragen, wie sie mich einmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluss
gibt, dass ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein
solches Wesen ersetzt einem an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken lässt;
es ist für mich die Brücke, die mich mit dem Drüben verbindet, ist die
Jakobsleiter, auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben kann ins
Licht, - ist mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht, dass ich mich auf
den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren kann in Wahnsinn und
Finsternis, setze ich auf ihn, der mich noch nie belogen hat. - Da mit einem
Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat, kreuzt ein Wunder mein Leben! Wem
soll ich jetzt glauben? War das, was mich die vielen Jahre über ununterbrochen
erfüllt hat, eine Täuschung? Wenn ich daran zweifeln müsste, ich stürzte kopfüber
in einen bodenlosen Abgrund. - Und doch ist das Wunder geschehen! Ich würde
aufjauchzen vor Freude, wenn -«
    »Wenn - - -?« unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie selbst das
erlösende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
    »- wenn ich erführe, dass ich mich geirrt habe, - dass es gar kein Wunder war!
Aber ich weiss so genau, wie ich weiss, dass ich hier sitze, ich ginge zugrunde
daran«; (mir blieb das Herz stehen) - »zurückgerissen werden, vom Himmel wieder
herab müssen auf die Erde? Glauben Sie, dass das ein Mensch ertragen kann?«
    »Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe«, sagte ich ratlos vor Angst.
    »Meinen Vater? Um Hilfe?« - sie blickte mich verständnislos an, - »wo es nur
zwei Wege für mich gibt, kann er da einen dritten finden? - - Wissen Sie, was
die einzige Rettung für mich wäre? Wenn mir das geschähe, was Ihnen geschehen
ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was hinter mir liegt: mein ganzes Leben
bis zum heutigen Tag - vergessen könnte. - Ist es nicht merkwürdig: was Sie als
Unglück empfinden, wäre für mich das höchste Glück!«
    Wir schwiegen beide noch eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine
Hand und lächelte. Beinahe fröhlich.
    »Ich will nicht, dass Sie sich meinetwegen grämen;« - (sie tröstete mich -
mich!) - »vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den Frühling draussen,
und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte Ihnen überhaupt nichts sagen
sollen. Reissen Sie es aus Ihrem Gedächtnis und denken Sie wieder so heiter wie
vorhin! - Ich bin ja so froh -«
    »Sie? Froh? Mirjam?«, unterbrach ich sie bitter.
    Sie machte ein überzeugtes Gesicht: »Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu Ihnen
heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, - ich weiss nicht warum: ich
konnte das Gefühl nicht loswerden, dass Sie in einer grossen Gefahr schweben«, -
ich horchte auf - »aber, statt mich darüber zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu
treffen, habe ich Sie angeunkt und - -«
    Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn Sie
mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich in meine
Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es mir nicht
gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen:
Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern vorläufig nur ein junges
Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen Streich spielen kann.«
    Sie wurde plötzlich ganz lustig:
    »Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernat? So hab' ich Sie noch
nie gesehen! - Übrigens Tauwind: bei uns Judenmädchen lenken bekanntlich die
Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen es natürlich auch. Es
steckt uns schon so im Blut. - Mir ja nicht«, setzte sie ernstafter hinzu,
»meine Mutter hat bös gestreikt, als sie den grässlichen Aaron Wassertrum
heiraten sollte.«
    »Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?«
    Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. - Für den
armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.«
    »Armer Mensch, sagen Sie?« fuhr ich auf. »Der Kerl ist ein Verbrecher.«
    Sie wiegte nachdenklich den Kopf: »Gewiss, er ist ein Verbrecher. Aber wer in
einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muss ein Prophet sein.«
    Ich rückte neugierig näher:
    »Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz besonderen -
-«
    »Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernat, wüssten
Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich als Kind
sehr oft drin war. - Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ist denn das so
merkwürdig? - Gegen mich war er immer freundlich und gütig. Einmal sogar,
erinnere ich mich, schenkte er mir einen grossen blitzenden Stein, der mir
besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. Meine Mutter sagte, es sei ein
Brillant, und ich musste ihn natürlich sofort zurücktragen.
    Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riss er ihn mir aus
der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch gesehen, wie
ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte auch damals schon genug
Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte: Alles ist verflucht, was meine Hand
berührt. - - Es war das letzte Mal, dass ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat
er mich seitdem aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiss auch warum: Hätte ich
ihn nicht zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er
mir unendlich leid tat und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. -
- - Sie verstehen das nicht, Herr Pernat? Es ist doch so einfach: er ist ein
Besessener, - ein Mensch, der sofort misstrauisch, unheilbar misstrauisch wird,
wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich für noch viel hässlicher, als er in
Wirklichkeit ist, - wenn das überhaupt möglich sein kann, und darin wurzelt sein
ganzes Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt,
vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele
Leute. Der einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall
wittert er Verrat und Hass.
    Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, dass er ihn vom
Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder Eigenschaft
von Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie zu einem Punkte
gelangte, wo sein Misstrauen hätte einsetzen können, oder ob es im jüdischen
Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm lebte, auf seinen Nachkommen
auszugiessen - in jener instinktiven Furcht unserer Rasse: wir könnten aussterben
und eine Mission nicht erfüllen, die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns
fortlebt, - wer kann das wissen!
    Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung seines
Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde jedes Erlebnis
aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit hätte beitragen können,
um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.
    Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäusserung ein
mechanischer Reflex.
    Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuss für sich selbst herauspressen
wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als nutzlos wegzuwerfen: das
war ungefähr das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems.
    Dass das Geld als Standarte und Schlüssel zur Macht dabei eine erste Rolle
spielte, können Sie sich denken, Herr Pernat. Und so wie er selbst den eigenen
Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines Einflusses in Dunkel zu
hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm
aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er
durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge von der Schönheit, brachte ihm die
äussere und innere Gebärde der Ästetik bei, lehrte ihn äusserlich: die Lilie auf
dem Felde heucheln und innerlich ein Aasgeier sein.
    Natürlich war das mit der Schönheit wohl kaum eigene Erfindung von ihm -
vermutlich die Verbesserung eines Ratschlags, den ihm ein Gebildeter gegeben
hatte.
    Dass ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er
niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur Pflicht: denn seine Liebe war
selbstlos, und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte: - von der Art,
die übers Grab hinausgeht.«
    Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre Gedanken
stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer Stimme, als sie
sagte:
    »Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums.«
    »Sagen Sie, Mirjam,« fragte ich, »haben Sie nie davon gehört, dass Wassertrum
eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich weiss nicht mehr, wer es mir
erzählt hat, - es war vielleicht nur ein Traum - -«
    »Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernat: eine lebensgrosse Wachsfigur
steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten Gerümpel, auf seinem
Strohsack schläft. Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer abgewuchert,
heisst es, bloss weil sie einem Mädchen - einer Christin - ähnlich sah, die
angeblich einmal seine Geliebte gewesen sein soll.«
    »Charouseks Mutter!« drängte es sich mir auf.
    »Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?«
    Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt, - soll ich mich
erkundigen?«
    »Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgültig«, (ich sah an
ihren blitzenden Augen, dass sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte nicht
wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) »aber was mich viel mehr interessiert,
ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flüchtig sprachen. Ich meine das vom Tauwind.
- Ihr Vater würde Ihnen doch gewiss nicht vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?«
    Sie lachte lustig auf:
    »Mein Vater? Wo denken Sie hin!«
    »Nun, das ist ein grosses Glück für mich.«
    »Wieso?« fragte sie arglos.
    »Weil ich dann noch Chancen habe.«
    Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu lassen, dass
sie rot wurde.
    Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
    »Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich müssen Sie einweihen,
wenn's einmal so weit ist. - Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben?«
    »Nein! nein! nein!« - sie wehrte so entschlossen ab, dass ich unwillkürlich
lächelte - »einmal muss ich ja doch heiraten.«
    »Natürlich! Selbstverständlich!«
    Sie wurde nervös wie ein Backfisch.
    »Können Sie denn nicht eine Minute ernstaft bleiben, Herr Pernat?« - Ich
machte gehorsam ein Lehrergesicht, und sie setzte sich wieder. - »Also: wenn ich
sage, ich muss doch einmal heiraten, so meine ich damit, dass ich mir zwar bis
jetzt den Kopfüber die näheren Umstände nicht zerbrochen habe, den Sinn des
Lebens aber gewiss nicht verstünde, wenn ich annehmen würde, ich sei als Weib auf
die Welt gekommen, um kinderlos zu bleiben.«
    Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren Zügen.
    »Es gehört mit zu meinen Träumen«, fuhr sie leise fort, »mir vorzustellen,
dass es ein Endziel sei, wenn zwei Wesen zu einem verschmelzen, - zu dem, was - -
haben Sie nie von dem ägyptischen Osiriskult gehört? - zu dem verschmelzen, was
der Hermaphrodit als Symbol bedeuten mag.«
    Ich horchte gespannt auf: »Der Hermaphrodit -?«
    »Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im
Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! - Nein, nicht als Endziel,
als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist - kein Ende hat.«
    »Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,« fragte ich erschüttert,
»den Sie suchen? - Kann es nicht sein, dass er in einem fernen Land lebt,
vielleicht gar nicht auf Erden ist?«
    »Davon weiss ich nichts«; sagte sie einfach, »ich kann nur warten. Wenn er
durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, - was ich nicht glaube, weshalb wäre
ich dann hier im Ghetto angebunden? - oder durch die Klüfte gegenseitigen
Nichterkennens - und ich finde ihn nicht, dann hat mein Leben keinen Zweck
gehabt und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Dämons. - Aber, bitte,
bitte, reden wir nicht mehr davon,« flehte sie, »wenn man den Gedanken nur
ausspricht, bekommt er schon einen hässlichen, irdischen Beigeschmack, und ich
möchte nicht -«
    Sie brach plötzlich ab.
    »Was möchten Sie nicht, Mirjam?«
    Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
    »Sie bekommen Besuch, Herr Pernat!«
    Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
    Ungestümes Klopfen. Dann:
    Angelina!
    Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:
    »Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes - Frau Gräfin -«
    »Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall das Pflaster aufgerissen.
Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister Pernat?
Draussen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, dass es einem die Brust
zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie ein alter Frosch,
- - übrigens wissen Sie, dass ich gestern bei meinem Juwelier war und er gesagt
hat: Sie seien der grösste Künstler, der feinste Gemmenschneider, den es heute
gibt, wenn nicht einer der grössten, die je gelebt haben?!« - Angelina plauderte
wie ein Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden,
blauen Augen, die kleinen Füsse in den winzigen Lackstiefeln, sah das kapriziöse
Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen Ohrläppchen.
    Sie liess sich kaum Zeit auszuatmen.
    »An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause zu
treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen? Wir fahren
zuerst - ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst einmal - warten Sie - -
ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz: irgendwohin ins Freie, wo man so
recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen
Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann essen Sie bei mir, - und dann schwätzen wir
bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? - Eine warme,
ganz weiche Decke ist unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und
kuscheln uns zusammen, bis uns siedheiss wird.«
    Was sollte ich nur sagen?! »Soeben habe ich mit der Tochter meines Freundes
eine Spazierfahrt verabredet - -«
    Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe ich
aussprechen konnte.
    Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren
wollte.
    »Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht so
sagen, wie ich an Ihnen hänge - - und dass ich tausendmal lieber mit Ihnen - -«
    »Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernat,« drängte sie, »adieu
und viel Vergnügen!«
    Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah, dass
der Glanz in ihren Augen erloschen war.
    Sie eilte die Treppe hinunter, und das Leid schnürte mir die Kehle zusammen.
    Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Wie im Rausch sass ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab durch
die menschenüberfüllten Strassen.
    Eine Brandung des Lebens rings um mich, dass ich, halb betäubt, nur noch die
kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte, unterscheiden
konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke Zylinderhüte,
weisse Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa Halsschleife, der kläffend in die
Räder beissen wollte, schäumende Rappen, die uns entgegensausten in silbernen
Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und
funkelnden Geschmeiden, - Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.
    Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, liess mich die Wärme von
Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.
    Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn wir
an ihnen vorüberjagten.
    Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war, an
der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl gaffender
Gesichter.
    Ich blickte kaum hin: - das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, - alles, alles war mir unendlich viel
wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten den antaumelnden
Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. -
    Parkwege. Dann - gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter den
Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von Krähennestern,
totes Wiesengrün mit weisslichen Inseln schwindenden Schnees, alles zog an mir
vorbei wie geträumt.
    Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr.
Savioli zu sprechen.
    »Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist«, sagte sie mit entzückender, kindlicher
Unbefangenheit, »und ich weiss, dass es ihm auch wieder besser geht, kommt mir
alles das, was ich mitgemacht habe, so grässlich langweilig vor. - Ich will mich
endlich einmal wieder freuen, die Augen zumachen und untertauchen in dem
glitzernden Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es
bloss nicht ein. Oder sind sie so dumm, dass sie es selbst nicht wissen. Meinen
Sie nicht auch?« Sie hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. »Übrigens
sind mir die Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als
Schmeichelei auffassen: aber - wahrhaftig, die blosse Nähe eines sympatischen
Mannes ist mir im kleinen Finger lieber als das anregendste Gespräch mit einer
noch so gescheiten Frau. Es ist ja schliesslich doch alles dummes Zeug, was man
da zusammenschwätzt. - Höchstens: das bisschen Putz - na und! Die Moden wechseln
ja nicht gar so häufig. - - Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?«, fragte sie
plötzlich kokett, dass ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen musste,
nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den Nacken zu
küssen, - »sagen Sie, dass ich leichtsinnig bin!«
    Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein.
    Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten
Zierstauden, die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit
abgehauenen Gliedern und Häuptern.
    Leute sassen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
steckten die Köpfe zusammen.
    Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war Angelina
doch so vollständig anders, als sie bisher in meiner Einbildung gelebt hatte! -
Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart gerückt!
    War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche getröstet
hatte?
    Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
    Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.
    Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.
    Es roch nach erwachender Erde.
    »Wissen Sie, - - Frau - -?«
    »Nennen Sie mich doch Angelina«, unterbrach sie mich leise.
    »Wissen Sie, Angelina, dass - dass ich heute die ganze Nacht von Ihnen
geträumt habe?«, stiess ich gepresst hervor.
    Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus meinem
ziehen, und sah mich gross an. »Merkwürdig! Und ich von Ihnen! - Und in diesem
Moment habe ich dasselbe gedacht.«
    Wieder stockte das Gespräch, und beide errieten wir, dass wir auch dasselbe
geträumt hatten.
    Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich an
meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus. - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weissen, duftenden
Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und presste toll vor Liebe
meine Zähne in ihren Handballen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - - Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel hinab der
Stadt zu. Planlos wählte ich die Strassen und ging lange, ohne es zu wissen, im
Kreise herum.
    Dann stand ich am Fluss über eisernes Geländer gebeugt und starrte hinab in
die tosenden Wellen.
    Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne
Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander genommen
vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblättern darin, und sie
wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den Kopf an meine Schulter
gelehnt, stumm durch den frösteldnen, dämmrigen Park ihres Schlosses.
    Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
träumen.
    Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die letzten,
aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.
    Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und aufblickte,
lag der Fluss in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von der schweren Nacht
erdrückt, schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des Staudamms als weisser,
blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer lief.
    Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein trauriges
Haus.
    Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in
meiner Wohnstätte gemacht.
    Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann musste das
Glück vorüber sein - und nichts blieb davon als eine wehe, schöne Erinnerung.
    Und dann?
    Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des Flusses.
    Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das Schloss
werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das finstere Ghetto ging.
- - - Ich schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war, tappte mich durch
den dichten Nebel an Häuserreihen entlang und über schlummernde Plätze, sah
schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser und die
Schnörkel von Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu
riesigen, phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst
heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in der
Luft.
    Mein Fuss tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo war
ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt?
    Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Äste eines Baumes hängen
herüber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich hinter der
Nebelwand. -
    Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen Abgrund, der
mir meine Füsse verbirgt.
    Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne - irgendwo -
rätselhaft - zwischen Himmel und Erde. - - -
    Ich musste fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schlossstiege« sein
neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten - - -
    Dann lange Strecken lehmiger Erde. - Ein gepflasterter Weg.
    Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen, steifen
Zipfelmütze: »die Daliborka« = der Hungerturm, in dem Menschen einst
verschmachteten, derweilen Könige unten im »Hirschgraben« das Wild hetzten.
    Ein schmales, gewundenes Gässchen mit Schiessscharten, ein Schneckengang, kaum
breit genug, die Schultern durchzulassen - und ich stand vor einer Reihe von
Häuschen, keines höher als ich.
    Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dächer greifen.
    Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die
alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die Mondstrahlen
vergiftet haben.
    Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.
    Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich eingelassen, - stiess an
ein Holzgatter.
    Es nützt nichts, ich muss jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt, sagte
ich mir. Sonderbar, dass hier ein Haus die Gasse abschliesst - grösser als die
andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht entsinnen, es je bemerkt zu
haben.
    Es muss wohl weiss getüncht sein, dass es so hell aus dem Nebel leuchtet?
    Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das Gesicht
an die Scheiben: - alles finster. Ich klopfe ans Fenster. - Da geht drinnen ein
steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch eine Tür mit
greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die Stube, bleibt stehen, dreht
langsam den Kopf nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben an der
Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet
dann seinen Blick unverwandt auf mich.
    Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, dass es
aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
    Er sieht mich offenbar nicht.
    Ich klopfe ans Glas.
    Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
Zimmer.
    Ich warte vergebens.
    Klopfe ans Haustor: niemand öffnet. - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es blieb mir nichts übrig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang aus
der Gasse endlich fand.
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    Ob es nicht am besten wäre, ich ginge noch unter Menschen, überlegte ich. -
Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins »alte Ungelt«, wo sie
bestimmt sein würden -, um meine verzehrende Sehnsucht nach Angelinas Küssen
wenigstens für ein paar Stunden zu übertäuben? Rasch mache ich mich auf den Weg.
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    Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten Tisch
herum, - alle drei: weisse dünnstielige Tonpfeifen zwischen den Zähnen, und das
Zimmer voll Rauch.
    Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden, so schluckten die
dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein.
    In der Ecke die spindeldürre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem
ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben Entenschnabelnase!
    Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen, so dass die Stimmen der
Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms
herüberdrangen.
    Vrieslander, seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem Kopf,
mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem
Auge, sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem vergessenen Jahrhundert.
    Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken gesteckt,
klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen Knochenfingern und sah
bewundernd zu, wie sich Zwakh abmühte, der bauchigen Arakflasche das
Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen.
    »Das wird Babinski«, erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. »Sie wissen
nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzählen Sie Pernat rasch, wer Babinski war!«
    »Babinski war«, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von seiner
Arbeit aufzusehen, »einst ein berühmter Raubmörder in Prag. - Viele Jahre
betrieb er sein schändliches Handwerk, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Nach
und nach jedoch fiel es in den besseren Familien auf, dass bald dieses, bald
jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken liess.
Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewissermassen ihre guten Seiten
hatte, indem man weniger zu kochen brauchte, so durfte wiederum nicht ausser acht
gelassen werden, dass das Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und
man ins Gerede kommen konnte.
    Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter
handelte.
    Überdies verlangte die Hochachtung vor sich selbst, dass man auf ein
bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach aussen hin das nötige Gewicht
legte.
    Die Zeitungsrubriken: »Kehre zurück, alles ist verziehen« wuchsen immer mehr
und mehr, - ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die meisten
Berufsmörder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, - und erregten
schliesslich die allgemeine Aufmerksamkeit.
    In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der
innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit durch seine
unverdrossene Tätigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein Häuschen,
blitzend vor Sauberkeit, und ein Gärtchen davor mit blühenden Geranien.
    Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten, sich zu vergrössern, sah er sich
genötigt, um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu können, statt
eines Blumenbeetes - wie er es gern gesehen hätte - einen grasbewachsenen und
schlichten, aber, den Umständen angemessen: zweckmässigen Grabhügel anzulegen,
der sich mühelos verlängern liess, wenn es der Betrieb oder die Saison
erforderte.
    Auf dieser Weihestätte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last und
Mühen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf seiner Flöte
allerlei schwermütige Weisen zu blasen.« - -
    »Halt!« unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlüssel aus der
Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:
    »Zimzerlim zambusla - deh.«
    »Waren Sie denn dabei, dass Sie die Melodie so genau kennen?«, fragte
Vrieslander erstaunt.
    Prokop warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Nein. Dazu hat Babinski zu früh
gelebt. Aber was er gespielt haben kann, muss ich als Komponist doch am besten
wissen. Ihnen steht darüber kein Urteil zu: Sie sind nicht musikalisch. - -
Zimzerlim - zambusla - busla - deh.«
    Zwakh hörte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlüssel wieder einsteckte,
und fuhr dann fort:
    »Das beständige Wachsen des Hügels erweckte allmählich Verdacht bei den
Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich von
weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der guten Gesellschaft
erwürgte, gebührt das Verdienst, dem selbstsüchtigen Treiben des Unholdes ein
für allemal Schranken gesetzt zu haben:
    Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
    Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden Umstandes
eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den Strang und beauftragte
zugleich die Firma Gebrüder Leipen - Seilwaren en gros und en detail - die
nötigen Hinrichtungsutensilien, soweit diese in ihre Branche fielen, unter
Anrechnung ziviler Preise einem hohen Staatsärar gegen Quittung auszuhändigen.
    Nun fügte es sich aber, dass der Strick riss und Babinski zu lebenslänglichem
Gefängnis begnadigt wurde.
    20 Jahre verbüsste der Raubmörder hinter den Mauern von Sankt Pankraz, ohne
dass je ein Vorwurf über seine Lippen gekommen wäre; - noch heute ist der
Beamtenstab des Institutes voll Lob über seine vorbildliche Aufführung, ja, man
gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres Allerhöchsten Landesherrn ab
und zu die Flöte zu blasen; -«
    Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlüssel, aber Zwakh wehrte
ihm.
    »- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe
nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pförtners im Kloster der Barmherzigen
Schwestern.
    Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging ihm
dank der grossen, während seines früheren Wirkungskreises erworbenen
Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so dass ihm
hinlänglich Musse blieb, Herz und Geist an guter, sorgfältig ausgewählter Lektüre
zu läutern.
    Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
    So oft ihn die Oberin Samstagabends ins Wirtshaus schickte, damit er sein
Gemüt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pünktlich vor Anbruch der Nacht nach
Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral stimme ihn trübe und
soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte mache die Landstrasse unsicher,
dass es für jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit sei, rechtzeitig die
Schritte heimwärts zu lenken.
    Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte
eingerissen, kleine Figürchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle umhängen
hatten und den Raubmörder Babinski darstellten.
    Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.
    Gewöhnlich aber standen sie in den Läden unter Glasstürzen, und über nichts
konnte sich Babinski so empören, als wenn er eines derartigen Wachsbildes
ansichtig wurde.
    Es ist im höchsten Grade unwürdig und zeugt von einer Gemütsroheit
sondersgleichen, einem Menschen beständig die Verfehlungen seiner Jugendzeit vor
Augen zu führen, pflegte Babinski in solchen Fällen zu sagen und es ist tief zu
bedauern, dass von Seiten der Obrigkeit nichts geschieht, so offenkundigem Unfug
zu steuern.
    Noch auf dem Totenbette äusserte er sich in ähnlichem Sinne.
    Nicht vergebens, denn bald darauf verfügte die Behörde die Einstellung des
Handels mit den ärgerniserregenden Babinskischen Statuetten.« - - -
    - - - Zwakh tat einen mächtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle drei
grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der farblosen
Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Träne im Auge zerdrückte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - »Na, und Sie geben nichts zum besten, ausser - natürlich - dass Sie aus
Dankbarkeit für den überstandenen Kunstgenuss die Zeche berappen, wertgeschätzter
Kollege und Gemmenschneider?«, fragte mich Vrieslander nach einer langen Pause
allgemeinen Tiefsinnes.
    Ich erzählte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
    Als ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weisse Haus erblickt
hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den Zähnen, und als ich
schloss, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch und rief:
    »Das ist doch rein - -! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernat am
eigenen Kadaver. - A propos, der Golem von damals - Sie wissen: die Sache hat
sich aufgeklärt.«
    »Wieso aufgeklärt?« fragte ich baff.
    »Sie kennen doch den verrückten jüdischen Bettler Haschile? Nein? Nun also:
dieser Haschile war der Golem.«
    »Ein Bettler der Golem?«
    »Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittag ging das Gespenst
seelenvergnügt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berüchtigten altmodischen
Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse spazieren, und da hat es
der Schinder mit einer Hundeschlinge glücklich eingefangen.«
    »Was soll das heissen? Ich verstehe kein Wort!« fuhr ich auf.
    »Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, höre ich, vor
längerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. - Übrigens, um auf das weisse Haus
auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar interessant. Es geht
nämlich eine alte Sage, dass dort oben in der Alchimistengasse ein Haus steht,
das nur bei Nebel sichtbar wird, und auch da bloss Sonntagskindern. Man nennt es
die Mauer zur letzten Laterne. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen
grossen, grauen Stein, - dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den
Hirschgraben, und Sie können von Glück sagen, Pernat, dass Sie keinen Schritt
weiter gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche
Knochen gebrochen.
    Unter dem Stein, heisst es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem
Orden der Asiatischen Brüder, die angeblich Prag gegründet haben, als Grundstein
für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der Tage ein Mensch
bewohnen wird - besser gesagt ein Hermaphrodit - ein Geschöpf, das sich aus Mann
und Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen im Wappen tragen, -
nebenbei: der Hase war das Symbol des Osiris, und daher stammt wohl die Sitte
mit dem Osterhasen.
    Bis die Zeit gekommen ist, heisst es, hält Metusalem in eigener Person Wache
an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn mit ihm zeugt:
den sogenannten Armilos. - Haben Sie noch nie von diesem Armilos erzählen hören?
- Sogar wie er aussehen würde, weiss man - das heisst, die alten Rabbiner wissen
es, - wenn er auf die Welt käme: Haare aus Gold würde er haben, rückwärts zum
Schopf gebunden, dann: zwei Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis herunter
zu den Füssen.«
    »Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen«, brummte Vrieslander und suchte
nach einem Bleistift.
    »Also: Pernat, wenn Sie einmal das Glück haben sollten, ein Hermaphrodit zu
werden und en passant den vergrabenen Schatz zu finden,« schloss Prokop, »dann
vergessen Sie nicht, dass ich stets Ihr bester Freund gewesen bin!«
    - Mir war nicht zum Spassmachen zumute, und ich fühlte ein leises Weh im
Herzen.
    Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wusste, denn er kam
mir rasch zu Hilfe:
    »Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, dass Pernat gerade
eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so eng verknüpft
ist. - Da sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich ein Mensch anscheinend
nicht befreien kann, wenn seine Seele die Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die
dem Tastsinn vorentalten sind. - Ich kann mir nicht helfen: das Übersinnliche
ist doch das Reizvollste! - Was meint ihr?«
    Vrieslander und Prokop waren ernst geworden, und jeder von uns hielt eine
Antwort für überflüssig.
    »Was meinen Sie, Eulalia?« wiederholte Zwakh, zurückgewendet, »ist nicht das
Übersinnliche das Reizvollste?«
    Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte,
errötete und sagte:
    »Aber gähn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag über«, fing
Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, »nicht
einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwährend hab' ich an die Rosina
denken müssen, wie sie im Frack getanzt hat.«
    »Ist sie wieder aufgefunden worden?« fragte ich.
    »Aufgefunden ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch für ein längeres
Engagement gewonnen! - Vielleicht hat sie dem Herrn Kommissär - damals beim
Loisitschek, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt - fieberhaft tätig und
trägt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in der Judenstadt bei. Ein
verflucht dralles Mensch ist sie übrigens schon geworden in der kurzen Zeit.«
    »Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann bloss dadurch, dass
sie ihn verliebt sein lässt in sich: es ist zum Staunen«, warf Zwakh hin. »Um das
Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu können, ist der arme Bursche, der Jaromir,
über Nacht Künstler geworden. Er geht in den Wirtshäusern herum und schneidet
Silhouetten für Gäste aus, die sich auf diese Art porträtieren lassen.«
    Prokop, der den Schluss überhört hatte, schmatzte mit den Lippen:
    »Wirklich? Ist sie so hübsch geworden, die Rosina? - Haben Sie ihr schon ein
Küsschen geraubt, Vrieslander?«
    Die Kellnerin sprang sofort auf und verliess indigniert das Zimmer.
    »Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig nötig, - Tugendanfälle! Pah!«, brummte
Prokop ärgerlich hinter ihr drein.
    »Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und
ausserdem war der Strumpf gerade fertig«, beschwichtigte ihn Zwakh.
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    Der Wirt brachte neuen Grog und die Gespräche fingen allmählich an, eine
schwüle Richtung zu nehmen. Zu schwül, als dass sie mir nicht ins Blut gegangen
wären bei meiner fiebrigen Stimmung.
    Ich sträubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschloss und an
Angelina zurückdachte, um so heisser brauste es mir in den Ohren.
    Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.
    Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprühte feine Eisnadeln auf mich, war
aber immer noch so dicht, dass ich die Strassentafeln nicht lesen konnte und von
meinem Heimweg um ein geringes abkam.
    Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hörte ich
meinen Namen rufen:
    »Herr Pernat! Herr Pernat!«
    Ich blickte um mich, in die Höhe:
    Niemand!
    Ein offenes Haustor, darüber diskret eine kleine, rote Laterne, gähnte neben
mir auf, und eine helle Gestalt - schien mir - stand tief im Flur darin.
    Wieder: »Herr Pernat! Herr Pernat!« Im Flüsterton.
    Ich trat erstaunt in den Gang, - da schlangen sich warme Frauenarme um
meinen Hals, und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam
öffnenden Türspalt fiel, dass es Rosina war, die sich heiss an mich presste.
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                                      List
Ein grauer, blinder Tag.
    Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewusstlos, wie
ein Scheintoter.
    Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.
    Kalte Asche lag im Ofen.
    Staub auf den Möbeln.
    Der Fussboden nicht gekehrt.
    Fröstelnd ging ich auf und ab.
    Widerwärtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel,
meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.
    Ich riss das Fenster auf, schloss es wieder: - der kalte, schmutzige Hauch von
der Strasse war unerträglich.
    Spatzen mit durchnässtem Gefieder hockten regungslos draussen auf den
Dachrinnen.
    Wohin ich blickte, missfarbene Verdrossenheit. Alles in mir war zerrissen,
zerfetzt.
    Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl - wie fadenscheinig es war! Die Rosshaare
quollen hervor aus den Rändern.
    Man musste es zum Tapezierer schicken - - ach was, sollte es so bleiben -
noch ein ödes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerümpel zerfiel!
    Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen an
den Fenstern!
    Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!
    Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
sehen, und der ganze graue, zermürbende Jammer war vorüber - ein für allemal.
    Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.
    Heute noch.
    Jetzt noch - vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. - Ein ekelhafter
Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In der nassen Erde
liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu haben.
    Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen wollte und ihre freche Lüge von der
Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!
    Nein! ich liess mich nicht mehr narren, wollte nicht länger der Spielball
sein eines täppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann wieder
in Pfützen stiess, bloss damit ich die Vergänglichkeit alles Irdischen einsehen
sollte, etwas, was ich längst wusste, was jedes Kind weiss, jeder Hund auf der
Strasse weiss.
    Arme, arme Mirjam! Wenn ich ihr wenigstens helfen könnte.
    Es hiess, einen Entschluss fassen, einen ernsten, unabänderlichen Beschluss,
bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen konnte und mir neue
Trugbilder vorgaukeln.
    Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich des
Unverweslichen?
    Zu nichts, zu gar gar nichts.
    Nur dazu vielleicht, dass ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die Erde
als unmögliche Qual empfand.
    Da gab es nur noch eins.
    Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen hatte.
    Ja, nur so ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!
    Alles, was ich besass - die paar Edelsteine in der Schublade dazu, -
zusammenschnüren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre wenigstens
würde es die Sorge ums tägliche Leben von ihr nehmen. Und einen Brief an Hillel
schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie stand mit dem »Wunder«.
    Er allein konnte ihr helfen.
    Ich fühlte: ja, er würde Rat wissen für sie.
    Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn ich
jetzt auf die Bank ging - in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht sein.
    Und dann noch einen Strauss roter Rosen kaufen für Angelina! - - - - es
schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. - Nur noch einen Tag, einen
einzigen Tag möchte ich leben!
    Um dann abermals dieselbe würgende Verzweiflung mitmachen zu müssen?
    Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie Befriedigung über
mich, dass ich mir nicht nachgegeben hatte.
    Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
    Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, - wollte sie
fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon vorgenommen.
    Ich hasste die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wäre zum Mörder geworden
durch sie.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wer kam mich denn da wieder stören?
    Es war der Trödler.
    »Nur en Augenblick, Herr von Pernat«, bat er fassungslos, als ich ihm
bedeutete, dass ich keine Zeit hätte. »Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur ä
paar Worte.«
    Der Schweiss lief ihm übers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
    »Kann man hier auch ungestört mit Ihnen sprechen, Herr von Pernat? Ich
möcht' nicht, dass der - der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch lieber
die Tür ab, oder geh'mer besser ins Nebenzimmer«, - er zog mich in seiner
gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.
    Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flüsterte heiser:
    »Ich hab mir's überlegt, wissen Sie, - das von neilich. Es is besser so. Es
kommt nix hereaus dabei. Gut. Vorüber is vorüber.«
    Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
    Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne, solche
Anstrengung kostete es ihn.
    »Das freut mich, Herr Wassertrum,« sagte ich, so freundlich ich konnte, »das
Leben ist zu trüb, als dass man es sich gegenseitig noch mit Hass verbittern
sollte.«
    »Rein, als ob man ein gedrücktes Buch reden hört,« grunzte er erleichtert,
wühlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den verbogenen
Sprungdeckeln hervor, »und damit Sie sehen, ich mein's ehrlich, müssen Sie die
Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.«
    »Was fällt Ihnen denn ein,« wehrte ich ab, »Sie werden doch wohl nicht
glauben -«, da fiel mir ein, was Mirjam über ihn gesagt hatte, und ich streckte
ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kränken.
    Er achtete nicht darauf, wurde plötzlich weiss wie die Wand, lauschte und
röchelte:
    »Da! Da! Hab' ich's doch gewusst. Schon wieder der Hillel! Er klopft.«
    Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurück und zog zu seiner Beruhigung die
Verbindungstür hinter mir halb zu.
    Es war diesmal nicht Hillel. Charousek trat ein, legte, wie zum Zeichen, dass
er wisse, wer nebenan sei, den Finger an die Lippen und überschüttete mich in
der nächsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich sagen würde, mit einem Schwall
von Worten:
    »Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernat, wie soll ich nur die
Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrücken, dass ich Sie allein und wohlauf zu
Hause antreffe.« - - - Er sprach wie ein Schauspieler, und seine schwülstige,
unnatürliche Redeweise stand in so krassem Gegensatz zu seinem verzerrten
Gesicht, dass ich ein tiefes Grauen vor ihm empfand.
    »Niemals hätte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu Ihnen
zu kommen, in dem Sie mich gewiss schon des öfteren auf der Strasse erblickt
haben, - doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft huldreich die Hand
gereicht.
    Dass ich heute vor Sie hintreten kann mit weissem Kragen und in sauberem
Anzug, - wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider - ach -
meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rührung übermannt mich, wenn ich seiner
gedenke.
    Selber in bescheidenen Verhältnissen, hat er dennoch eine offene Hand für
Arme und Bedürftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem Laden stehen
sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten und ihm stumm
die Hand zu drücken.
    Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorüberging, schenkte mir Geld
und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug
kaufen zu können.
    Und wissen Sie, Meister Pernat, wer mein Wohltäter war? -
    Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt hat,
welch goldenes Herz in seinem Busen schlägt: Es war - Herr Aaron Wassertrum!« -
-
    - - Ich verstand natürlich, dass Charousek seine Komödie auf den Trödler, der
nebenan lauschte, gemünzt hatte, wenn mir auch unklar blieb, was er damit
bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei geeignet, den
misstrauischen Wassertrum hinters Licht zu führen. Charousek erriet offenbar aus
meiner bedenklichen Miene, was ich dachte, schüttelte grinsend den Kopf, und
auch seine nächsten Worte sollten mir wahrscheinlich sagen, dass er seinen Mann
genau kenne und wisse, wie dick er auftragen dürfe.
    »Jawohl! Herr - Aaron - Wassertrum! Es drückt mir fast das Herz ab, dass ich
ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin, und beschwöre
Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, dass ich hier war und Ihnen alles erzählt
habe. - Ich weiss, die Selbstsucht der Menschen hat ihn verbittert und tiefes,
unheilbares - ach, leider nur zu gerechtfertigtes Misstrauen in seine Brust
gepflanzt.
    Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefühl sagt mir, es ist am besten: Herr
Wassertrum erfährt nie - auch aus meinem Munde nicht - wie hoch ich von ihm
denke. - Es hiesse das: Zweifel in sein unglückliches Herz säen. Und das sei
ferne von mir. Lieber soll er mich für undankbar halten.
    Meister Pernat! Ich bin selbst ein Unglücklicher und weiss von Kindesbeinen
an, was es heisst, einsam und verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht
einmal den Namen meines Vaters. Auch mein Mütterlein habe ich niemals von
Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie muss frühzeitig gestorben sein -« Charouseks
Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, - »und war, wie ich
bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen
können, wie unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum
gehört.
    Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter - ich
trage das Blatt beständig auf der Brust - und darin steht, dass sie meinen Vater,
obschon er hässlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie ein
sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
    Dennoch scheint sie es nie gesagt zu haben. - Vielleicht aus ähnlichen
Gründen, weshalb ich z.B. Herrn Wassertrum nicht sagen könnte - und wenn mir das
Herz darüber bräche - was ich für ihn an Dankbarkeit fühle.
    Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur
erraten kann, denn die Sätze sind fast unleserlich vor Tränenspuren: mein Vater,
wer auch immer er gewesen war - sein Andenken möge vergehen im Himmel und auf
Erden! - muss scheusslich an meiner Mutter gehandelt haben.«
    - Charousek fiel plötzlich auf die Knie, dass der Boden dröhnte, und schrie
in so markerschütternden Tönen, dass ich nicht wusste, spielte er noch immer
Komödie oder war er wahnsinnig geworden:
    »Du Allmächtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier auf
meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei mein Vater
in alle Ewigkeit!«
    Er biss das letzte Wort förmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang mit
aufgerissenen Augen.
    Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als hätte Wassertrum nebenan
leise gestöhnt.
    »Verzeihen Sie, Meister,« fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft
erstickter Stimme fort, »verzeihen Sie, dass es mich übermannt hat, aber es ist
mein Gebet früh und spät, der Allmächtige wolle es fügen, dass mein Vater, wer
immer er auch sein möge, dereinst das grässlichste Ende nehme, das sich ausdenken
lässt.«
    Ich wollte unwillkürlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach mich
rasch:
    »Doch jetzt, Meister Pernat, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen
vorzutragen habe:
    Herr Wassertrum besass einen Schützling, den er über die Massen ins Herz
geschlossen hatte, - es dürfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heisst sogar,
es sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst hätte er
doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hiess er: Wassory, Dr.
Teodor Wassory.
    Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe. Ich
war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hätte mich ein unmittelbares Band der
Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknüpft.«
    Charousek schluchzte, als könne er vor Ergriffenheit kaum weitersprechen.
    »Ach, dass dieser Edeling von der Erde gehen musste! - Ach! Ach!
    Was auch der Grund gewesen sein mag, - ich habe ihn nie erfahren, - er hat
sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe gerufen
wurden - - ach, ach, zu spät - zu spät - zu spät! Und als ich dann allein am
Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit Küssen bedeckte, da - warum
soll ich es nicht eingestehen, Meister Pernat? - es war ja doch kein Diebstahl
- da nahm ich eine Rose von der Brust der Leiche und eignete mir das Fläschchen
an, mit dessen Inhalt der Unglückliche seinem blühenden Leben ein schnelles Ende
bereitet hatte.«
    Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:
    »Beides - lege - ich - hier - auf - Ihren Tisch, die verdorrte Rose und die
Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen Freund.
    Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod
herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach meiner
toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir einen seligen
Trost, zu wissen: ich brauchte nur die Flüssigkeit auf ein Tuch zu giessen und
einzuatmen und schwebte schmerzlos hinüber in die Gefilde, wo mein lieber, guter
Teodor ausruht von den Mühsalen unseres Jammertales.
    Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, - und deswegen bin ich
hergekommen - nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
    Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory nahestand,
dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, - vielleicht von einer
Dame.
    Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures
Andenken für mich war.
    Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es ist
alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird jetzt ihm
gehören, und dennoch ahnt er nicht, dass ich der Geber bin.
    Es liegt darin zugleich auch für mich etwas unendlich Süsses.
    Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel
tausendmal bedankt.«
    Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch immer
nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.
    »Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen hinunterbegleiten«,
sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit
ihm hinaus.
    Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und ich
wollte mich von Charousek verabschieden.
    »Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. - - Sie - Sie
wollen, dass sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!« Ich sagte es ihm ins
Gesicht.
    »Freilich«, gab Charousek aufgeräumt zu.
    »Und dazu, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?«
    »Durchaus nicht nötig.«
    »Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie vorhin!«
    Charousek schüttelte den Kopf:
    »Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, dass er sie bereits
eingesteckt hat.«
    »Wie können Sie das nur annehmen?«, fragte ich erstaunt. »Ein Mensch wie
Wassertrum wird sich niemals umbringen, - ist viel zu feig dazu - handelt nie
nach plötzlichen Impulsen.«
    »Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht,« unterbrach mich
Charousek ernst. »Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden Sie
vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher
berechnet. Nur das widerlichste Patos wirkt auf solche Hundsfötter! Glauben Sie
mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen können.
- Kein Kitsch wie es die Maler nennen, ist niederträchtig genug, als dass er
nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Tränen entlockte - - sie ins Herz
trifft! Glauben Sie denn, man hätte nicht längst sämtliche Teater mit Feuer und
Schwert ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die
Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht geweint, aber
wenn ein Schminkkamel auf der Buhne, als Bauerntrampel verkleidet, die Augen
verdreht, dann heulen sie wie die Schlosshunde. - - Wenn Väterchen Wassertrum
vielleicht auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch - Herzjauche kostete:
jedes meiner Worte wird wieder in ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen,
wo er sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. - In solchen Momenten des
grossen Misereres bedarf es bloss eines leisen Anstosses, - und für den werde ich
sorgen - und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muss nur zur Hand
sein! Teodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst, wenn ich's ihm
nicht so bequem gemacht hätte.«
    »Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,« rief ich entsetzt. »Empfinden
Sie denn gar kein - - -«
    Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische!
    »Still! Da ist er!«
    Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die
Stiege herunter und wankte an uns vorüber.
    Charousek schüttelte mir fluchtig die Hand und schlich ihm nach. - -
    Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, dass die Rose und das
Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des
Trödlers auf dem Tisch lag.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei das die
übliche Kündigungsfrist, hatte man mir auf der Bank gesagt.
    Man solle den Direktor holen, denn ich sei in grösster Eile und gedächte in
einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
    Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch
nichts ändern, hiess es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an
den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.
    Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!
    Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. - - -
    Ich war so niedergeschlagen, dass ich mir gar nicht bewusst wurde, wie lange
ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und nieder geschritten sein
mochte.
    Endlich trat ich ein, bloss um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge los zu
werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe
hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden herumsuchte, als habe er
etwas verloren.
    Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf seinem
linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck aufgesteppt, dass es
aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf der Zehe.
    Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und liess sich an einem
Nebentisch nieder.
    Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
Portemonnai, da sah ich einen grossen Brillanten an seinen wulstigen
Metzgerfingern aufblitzen.
    Stunden und Stunden sass ich in dem Kaffeehaus und glaubte vor innerer
Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, - aber wohin sollte ich gehen? Nach
Hause? Herumschlendern? Eines schien mir grässlicher als das andere.
    Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
trockene, unaufhörliche Gerausper eines halbblinden Zeitungstigers mir
gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase bohrte
oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart
kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafter, verschwjetzter, schnatternder
Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter gellem Gekreisch ihre
Trumpfe mit dem Faustknochel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins
Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu
müssen! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern. -
    Es wurde allmählich dunkel und ein plattfussiger, knieweicher Kellner tastete
mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich kopfschüttelnd zu
überzeugen, dass sie nicht brennen wollten.
    So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung
versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die langst ausgetrunkene
Kaffeetasse tauchte.
    Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, dass ihm die Ohren fast
waagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
    Es war nicht mehr auszuhalten.
    Ich zahlte und ging.
    Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die Klinke
aus der Hand. - Ich drehte mich um:
    Wieder der Kerl!
    Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt zu,
da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
    »Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an.
    »Nach rechts geht's,« sagte er kurz.
    »Was soll das heissen?«
    Er fixierte mich frech:
    »Sie sind der Pernat!«
    »Sie wollen wahrscheinlich sagen: Herr Pernat?«
    Er lachte nur hämisch:
    »Alsdann keine Faxen jetz! Sie gah'n Sie mit!«
    »Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf.
    Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig auf
einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
    Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
    »So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?«
    »Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er
grob. »Alla marsch jetz!«
    Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
    »Nix da!«
    Wir gingen zur Polizei.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.
las ich auf der Porzellantafel.
    »Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm.
    Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander
gegenüber.
    Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.
    Das Bild des Kaisers an der Wand.
    Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
    Sonst nichts im Zimmer.
    Ein Klumpfuss und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen Hosen
hinter dem linken Schreibpult.
    Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache und
gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und
trat vor mich hin.
    Er war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der in
grelles Sonnenlicht schaut.
    dabei kniff er die Augen hinter den Brillenglasern zusammen, was ihm den
Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
    »Sie heissen Atanasius Pernat und sind« - er blickte auf ein Blatt Papier,
auf dem nichts stand - »Gemmenschneider.«
    Sofort kam Leben in den Klumpfuss unter dem anderen Schreibtisch: er wetzte
sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder.
    Ich bejahte: »Pernat. Gemmenschneider.«
    »No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr - - - Pernat, - jawohl Pernat.
Ja wohl ja.« - Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher
Liebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste Nachricht von der Welt
bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher
Weise, die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.
    »Also, Herr Pernat, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den ganzen
Tag?«
    »Ich glaube, dass Sie das nichts angeht, Herr Otschin«, antwortete ich kalt.
    Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr blitzschnell los:
    »Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?«
    Ich war auf etwas Ähnliches gefasst gewesen und zuckte nicht mit der Wimper.
    Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu
verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich
verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, dass ich den Namen Savioli
nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei, und dass sie
schon öfter Kameen bei mir bestellt habe.
    Ich fühlte trotzdem genau, dass der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn belog,
und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können.
    Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich, deutete
warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr:
    »Atanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie retten,
Atanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. - Hören Sie:
alles.«
    Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. »Was meinen Sie damit: Sie
wollen mich retten?«, fragte ich laut.
    Der Klumpfuss stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde aschgrau
im Gesicht vor Hass. Zog die Lippe empor. Wartete. - Ich wusste, dass er gleich
wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem erinnerte mich an Wassertrum)
und wartete ebenfalls, - sah, dass ein Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfusses,
lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte - - dann schrie mich der Polizeirat
plötzlich gellend an:
    »Mörder«.
    Ich war sprachlos vor Verblüffung.
    Missmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.
    Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe,
versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich
aufforderte, Platz zu nehmen.
    »Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu
geben, Herr Pernat?«
    »Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem Sinne,
wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und dann bin ich
felsenfest überzeugt, dass es eine Verleumdung ist, wenn man der Gräfin nachsagt,
sie hintergehe ihren Gatten.«
    »Sind Sie bereit, das zu beeiden?«
    Mir stockte der Atem. »Ja! Jederzeit.«
    »Gut. Hm.«
    Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat angestrengt
nachzugrübeln schien.
    Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von
Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich musste ich an Charousek denken,
wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing:
    »Mir können Sie es doch sagen, Atanasius, - mir, dem alten Freund Ihres
Vaters, - mir, der Sie auf den Armen getragen hat -« ich konnte das Lachen kaum
verbeissen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich - »nicht wahr, Atanasius,
es war Notwehr?«
    Das Bockgesicht erschien abermals.
    »Was war Notwehr?«, fragte ich verständnislos.
    »Das mit dem - - - Zottmann!« schrie mir der Polizeirat einen Namen ins
Gesicht.
    Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der Name
Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
    Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte
Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu
lenken.
    Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff die
Augen zusammen:
    »Sie gestehen also den Mord ein, Pernat?«
    »Das ist alles ein Irrtum. Ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen hören
Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat - -!«, schrie ich.
    »Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin«,
unterbrach er mich rasch: »ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage
damit.«
    »Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist
unschuldig.«
    Er biss die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:
    »Schreiben Sie: - Also, Pernat gesteht den Mord an dem Versicherungsbeamten
Karl Zottmann ein.«
    Mich packte eine besinnungslose Wut.
    »Sie Polizeikanaille!« brüllte ich los, »was unterstehen Sie sich?!«
    Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
    Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir
Handschellen angelegt.
    Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
    »Und die Uhr da?«, - er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand, -
»hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?«
    Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll:
    »Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum - geschenkt.«
    Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuss und der
Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                      Qual
Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, musste
ich durch die abendlich beleuchteten Strassen gehen.
    Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber rissen
die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir
drein.
    Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes mit
der Inschrift auf dem Giebel herannahen:
»Die strafende Gerechtigkeit ist
die Beschirmung aller Braven.«
    Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach Küche
stank.
    Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuss und die
Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand auf,
stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und befahl mir,
mich auszuziehen.
    Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, und
fragte mich, ob ich - Wanzen hätte.
    Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es sei
gut, ich könnte mich wieder ankleiden.
    Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen
vereinzelt grosse, graue, verschliessbare Kisten in den Fensternischen standen.
    Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten, über
jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang. Ein
hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter - das erste ehrliche Gesicht
seit Stunden - sperrte eine der Türen auf, schob mich in eine dunkle,
schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung und schloss hinter mir ab.
    Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
    Mein Knie stiess an einen Blechkübel.
    Endlich erwischte ich - der Raum war so eng, dass ich mich kaum umdrehen
konnte - eine Klinke, und stand in - einer Zelle.
    Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern.
    Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
    Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand liess den matten
Schein des Nachtimmels herein.
    Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte den
Raum.
    Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, dass auf drei
der Pritschen - die vierte war leer - Menschen in grauen Sträflingskleidern
sassen; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter in den Händen vergraben.
    Keiner sprach ein Wort.
    Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
    Eine Stunde.
    Zwei - drei Stunden!
    Wenn ich draussen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf:
    Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
vorzuführen.
    Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die
Schritte auf dem Gang.
    Ich riss mir den Kragen auf - glaubte, ersticken zu müssen.
    Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.
    »Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?«, fragte ich voll
Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen
Stimme.
    »Es geht net«, antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber.
    Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett in
Brustöhe lief quer hin - - - zwei Wasserkrüge - - - Stücke von Brotrinden.
    Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und presste das
Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer
Nachtnebel vor meinen Augen.
    Die kalten Eisenstäbe schwitzten.
    Es musste bald Mitternacht sein.
    Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu können:
er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf.
    Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.
    Ich zählte mit bebenden Lippen:
    Eins, zwei, drei! - Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann musste die
Dämmerung kommen. Es schlug weiter:
    Vier? fünf? - Der Schweiss trat mir auf die Stirn. - Sechs!! - Sieben - - -
es war elf Uhr.
    Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen
hören.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:
    Wassertrum hat mir die Uhr des vermissten Zottmann zugespielt, um mich in
Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. - Er musste also selbst der
Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen können? Würde er
die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben, hätte er sich bestimmt
die tausend Gulden Belohnung geholt, die für die Entdeckung des Vermissten
öffentlich ausgesetzt waren. - Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten
noch immer an den Strassenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis
gesehen hatte. - - -
    Dass der Trödler mich angezeigt haben musste, war klar.
    Ebenso: dass er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter
einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli?
    Andererseits ging daraus hervor, dass Wassertrum Angelinas Briefe noch nicht
in Händen hatte.
    Ich grübelte nach - - -
    Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als
wäre ich selbst dabei gewesen.
    Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in der
er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit seinen
Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, - konnte sie nicht sogleich
öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug und war - - - vielleicht gerade jetzt
daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen.
    In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah
Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte - -
    Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, dass er Savioli wenigstens
rechtzeitig warnen ging!
    Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung müsse
bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich
vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen seine infernalische
Schlauheit kam der Trödler nicht auf; »Ich werde ihn genau in der Stunde an der
Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will«, hatte Charousek schon
einmal gesagt.
    In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst packte
mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?
    Dann war Angelina verloren. - - -
    Ich biss mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, dass ich
die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; - - - ich schwor es mir zu,
Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich wieder auf
freiem Fuss sein würde.
    Ob ich von eigener Hand starb oder am Galgen - was lag mir daran!
    Dass der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm die
Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte,
- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
    Bestimmt morgen schon musste ich frei sein; zumindest würde das Gericht auch
Wassertrum wegen Mordverdachts verhaften lassen.
    Ich zählte die Stunden und betete, dass sie rascher vergehen möchten; starrte
hinaus in den schwärzlichen Dunst.
    Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und zuerst
wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges
Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch die Zeiger
fehlten; - neuerliche Qual.
    Dann schlug es fünf.
    Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in
böhmischer Sprache führten.
    Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett
herunter und - sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche, gegenüber der
meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
    Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten
mich geringschätzig.
    »Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stiess ihn
mit dem Ellenbogen an.
    Der Gefragte brummte irgend etwas verächtlich, kramte in seinem Strohsack,
holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
    Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.
    Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und versteckte es
wieder unter der Pritsche.
    »Pan Pernat, Pan Pernat«, murmelte Loisa dabei beständig mit aufgerissenen
Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
    »Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö«, sagte der Ungekämmte, dem
dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen Wieners und machte
mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich vorzustellen: Vóssatka ist
mein Name. Der schwarze Vóssatka. - Brandstiftung«, setzte er eine Oktave tiefer
stolz hinzu.
    Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile
verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
    »Einbruch.«
    Ich schwieg.
    »No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte der
Wiener nach einer Pause.
    Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.
    Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren
Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen
fast wie aus einem Munde:
    »Räschpäkt, Räschpäkt.«
    Als sie sahen, dass ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die
Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.
    Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die
Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück.
    »Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
haben?« fragte ich Loisa unauffällig.
    Er nickte. »Ja, schon lang.«
    Wieder vergingen einige Stunden.
    Ich schloss die Augen und stellte mich schlafend.
    »Herr Pernat. Herr Pernat!« hörte ich plötzlich ganz leise Loisas Stimme.
    »Ja?« - - - Ich tat, als erwachte ich.
    »Herr Pernat? Bitte entschuldigen Sie, - bitte - bitte, wissen Sie nicht,
was die Rosina macht? - Ist sie zu Hause?«, stotterte der arme Bursche. Er tat
mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen an meinen Lippen hing
und vor Aufregung die Hände verkrampfte.
    »Es geht ihr gut. Sie - sie ist jetzt Kellnerin beim - - alten Ungelt«, log
ich.
    Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heissem Wurstabsud
stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach
einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich zum
Untersuchungsrichter.
    Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab
schritten.
    »Glauben Sie, ist es möglich, dass ich heute noch freigelassen werde?«,
fragte ich den Aufseher beklommen.
    Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. »Hm. Heute noch? Hm - -
Gott, - möglich ist ja alles.« -
    Mir wurde eiskalt.
    Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen:
    Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen
Aufsätzen.
    Ein alter, grosser Mann mit weissem, geteiltem Vollbart, schwarzem Gehrock,
roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.
    »Sie sind Herr Pernat?«
    »Jawohl.«
    »Gemmenschneider?«
    »Jawohl.«
    »Zelle Nr. 70?«
    »Jawohl.«
    »Des Mordes an Zottmann verdächtig?«
    »Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter - -«
    »Des Mordes an Zottmann verdächtig?«
    »Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber - -«
    »Geständig?«
    »Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch
unschuldig!«
    »Geständig?«
    »Nein.«
    »Dann verhänge ich Untersuchungshaft über Sie. - Führen Sie den Mann hinaus,
Gefangenwärter.«
    »Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, - ich muss
unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen - -«
    Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.
    Der Herr Baron schmunzelte. -
    »Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch sass ich in der
Zelle.
    Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit
anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis
herumgehen auf der nassen Erde.
    Miteinander zu reden, war verboten.
    In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde
ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.
    An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast schwarz
vom fallenden Russ.
    Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit
blutleeren Lippen herunterschaute.
    Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und
Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen.
    Erst einmal war ich wieder vernommen worden:
    Ob ich Zeugen hätte, dass mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt
habe?
    »Ja: Herrn Schemajah Hillel - - das heisst - nein« (ich erinnerte mich, er
war nicht dabei gewesen) - - »aber Herr Charousek - nein, auch er war ja nicht
dabei.«
    »Kurz: also niemand war dabei?«
    »Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.«
    Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:
    »Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« - - -
    Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der
Zeitpunkt, wo ich um sie zittern musste, war vorüber. Entweder Wassertrums
Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.
    Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.
    Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, dass sich das
Wunder erneuere, - wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und
mit bebenden Händen das Brot untersuchte, - wie sie vielleicht um meinetwillen
vor Angst verging.
    Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das
Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte
mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr
schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf
ein Wunder.
    Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die
Brust fast zersprang, - um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen,
damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.
    Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben:
Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte
aufschreien vor Jubel, dass jetzt alles wieder gut würde, aber er war in den
Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen.
- - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dass ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!
    Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine
Zellengenossen.
    Sie wussten es nicht.
    Sie hätten noch nie welche bekommen - allerdings wäre auch niemand da, der
ihnen schreiben könnte, sagten sie.
    Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. - -
    Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeissen und mein Haar verwildert,
denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.
    Auch kein Wasser zum Waschen.
    Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war mit
Soda gewürzt statt mit Salz. - - Eine Gefängnisvorschrift, um dem
»Überhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen.« - -
    Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.
    Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual.
    Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich einer
oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein wildes
Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und
stumpfsinnig weiter zu warten - zu warten - zu warten.
    Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die
Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen
mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer hätte.
    Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung fremder
Insektenrassen entstehen?
    Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut
und zuckenden Hosenbeinen: der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte
sich, dass alle vor Gesundheit strotzten.
    Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er -
Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
    Einmal kam auch der Landgerichtspräsident - ein hochgewachsener,
parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster im
Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob - alles in Ordnung sei: »ob sich
noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte ausdrückte.
    Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen
Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. -
»Was ich denn wolle«, schrie er mich an.
    Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam ich
einen Stoss vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite
suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den
Türausschnitt: - ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekäme ich in diesem
Leben keine Briefe.
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    Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und
fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.
    Zwei der Gefangenen hatten schon einige Male gewechselt, aber ich achtete
nicht darauf. Diese Woche waren es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das
nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt wurden.
    Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
    Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblassten alle äusseren Begebenheiten.
    Nur ein Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt - es verfolgte mich
zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.
    Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren,
da fühlte ich plötzlich, dass mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und
als ich nachsah, bemerkte ich, dass es die Feile gewesen war, die sich mir durch
die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie musste schon lange dort
gesteckt haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiss bemerkt.
    Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
    Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte keinen
Augenblick, dass nur Loisa sie genommen haben konnte.
    Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock tiefer
unterzubringen.
    Es dürfe nicht sein, dass zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle sässen,
hatte der Gefangenwärter gesagt.
    Aus ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, sich
mit Hilfe der Feile zu befreien.
 
                                      Mai
Auf meine Frage, welches Datum denn wäre - die Sonne schien so warm wie im
Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen - hatte der
Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es sei der 15.
Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei verboten, mit den
Gefangenen zu sprechen, - insbesondere solche, die noch nicht gestanden hätten,
müssten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden.
    Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine
Nachricht aus der Welt da draussen.
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    Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das
Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.
    Die Tochter des Beschliessers unten spiele, hatte mir ein Sträfling gesagt. -
-
    Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.
    Wie es ihr wohl ging?!
    Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu ihr
gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und legten ihr
lindernd die Hand auf die Stirne.
    Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem andern
meiner Zellengenossen zum Verhör gefuhrt wurde, - nur ich nicht, - drosselte
mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.
    Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder nicht,
krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich aus dem
Strohsack riss, sollte mir Antwort geben.
    Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem Innern
nach einem Blick in die Zukunft; - suchte meine Seele, die mir das Geheimnis
verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage, ob wohl für
mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo ich heiter sein und wieder lachen
könnte.
    Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde
lang glücklich und froh.
    Wie eine Pflanze heimlich wächst und sprosst, war allmählich in mir eine
unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich fasste es nicht, dass ich
so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir damals schon klar
darüber geworden zu sein.
    Der zitternde Wunsch, dass auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken
möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewissheit,
und wenn ich dann auf dem Gange draussen einen Schritt hörte, fürchtete ich mich
beinahe davor, man könnte mich holen und freilassen und mein Traum würde in der
groben Wirklichkeit der Aussenwelt in nichts zerrinnen.
    Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, dass ich auch
das leiseste Geräusch vernahm.
    Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren und
zergrübelte mir den Kopf, wer wohl dann sitzen möchte.
    Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, dass es Menschen gab da
draussen, die tun und lassen durften, was sie wollten, - die sich frei bewegen
konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als unbeschreiblichen
Jubel empfanden.
    Dass auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein durch
die Strassen wandern zu können - - ich war nicht mehr imstande, es mir
vorzustellen.
    Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem
längstverflossenen Dasein anzugehören; - ich dachte daran zurück mit jener
leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt und
findet dann welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat.
    Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und Prokop
beim »Ungelt« sass und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte?
    Nein, es war doch Mai - die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten durch
die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart
spielte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich sass allein in der Zelle. - Vóssatka, der Brandstifter, mein einziger
Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter
geholt worden.
    Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.
    Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit freudestrahlender
Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und
begann, sich mit Windeseile umzukleiden.
    Den Sträflingsanzug warf er Stück für Stück mit einem Fluch auf den Boden.
    »Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. - Brandstiftung! - Ja doder« er
zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den schwarzen Vóssatka
sans jung. - Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi fest blimm. Den kennens iazt
eispirrn, wanns'n derwischen - den Herrn von Wind. - No servus heit abend! - Do
werd aufdraht. Beim Loisitschek.« - Er breitete die Arme aus und tanzte einen
»G'strampften«. - »Nur einmal im Leböhn blie-het der Mai.« Er stülpte sich mit
einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen blaugesprenkelten
Nusshäherfeder darauf über den Schädel. - »Ja, richtig, das wird Ihna intrissirn,
Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, der Loisa, is ausbrochen! - Grad hab
i's erfahrehn oben bei die Hallodri. Schon vurigen Monat - gegen Uldimoh hat er
das Weide gesucht und ist längst ieber - pbhuit« - er schlug sich mit den
Fingern auf den Handrücken - »ieber alle Bergöh.« -
    »Aha, die Feile«, dachte ich mir und lächelte.
    »Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter
streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »dass Sie möglichst bei Zeitöhn
freikommen. - Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen Sie sich nur beim
Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. - Kennte mich jedes Mädel durten. So! -
Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.«
    Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen
Untersuchungsgefangenen in die Zelle.
    Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der Soldatenmütze,
der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpassgasse gestanden
hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht wusste er zufällig etwas über
Hillel und Zwakh und alle die andern?
    Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem grössten
Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und
bedeutete mir, ich solle schweigen.
    Erst als die Tür von aussen abgesperrt und der Schritt des Gefangenwärters
auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.
    Mir schlug das Herz vor Aufregung.
    Was sollte das bedeuten?
    Kannte er mich denn, und was wollte er?
    Das erste, was der Schlot tat, war, dass er sich niedersetzte und seinen
linken Stiefel auszog.
    Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem
entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riss die anscheinend nur
locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin. -
    Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im
geringsten zu achten.
    »So! Einen schönen Gruss vom Herrn Charousek.«
    Ich war so verblüfft, dass ich kein Wort herausbringen konnte. -
    »Brauchens' bloss Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der
Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. - Ise nämlich hohl inewändig« - erklärte
der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn eine Brieffel von
Herrn Charousek.«
    Im Übermass meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals, und die Tränen
stürzten mir aus den Augen.
    Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:
    »Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernat! Mir habens me nicht eine
Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, dass ich in der
falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjöh die Nummern
mitsamm vertauscht.« -
    Ich musste wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot fuhr
fort:
    »Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin hier, Pasta!«
    »Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr - - Herr - -
-«
    »Wenzel,« - half mir der Schlot aus, »ich heiss' der schöne Wenzel.«
    »Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht es
seiner Tochter?«
    »Dazu ist jetz keine Zeit nicht«, unterbrach mich der schöne Wenzel
ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen werden. -
Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab - -«
    »Was, Sie haben bloss meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen
Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert.
    Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wenn ich wirklich einen Raub
auf all begangen hätt, mecht ich ihm doch nicht eingestähen. Was glauben Sie von
mir!?«
    Ich verstand allmählich: - der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um mir
den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.
    »So; zuverderscht« - er machte ein äusserst wichtiges Gesicht - »muss ich
Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.«
    »Worin?«
    »In der Ebilebsie! - Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles
genau! - Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;« - er
blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie jemand, der sich den Mund
ausspült - »dann kriegt me Schaum vorm Maul, sengen S' so«: - er machte auch
dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. »Nachhe drehte ma die Daumen in die
Faust. - Nachhe kugelt me die Augen raus« - er schielte entsetzlich - »und dann
- das ise sich bisl schwär - stosst me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö -
bö - bö, und gleichzeitig fallt me sich um.« Er liess sich der Länge nach zu
Boden fallen, dass das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:
    »Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert gottsälig
beim Bataljohn gelernt hat.«
    »Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das alles?«
    »Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne
Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kann Kopf
mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich pumperlgesund! - Nur
vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann aner daas gut kann: gleich ise
drieben in der Krankenzelle. - - Und da ise sich das Ausbrechen dann ein
Kinderspielzeug;« - er wurde tief geheimnisvoll - »den Fenstergitter in der
Krankenzelle ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammengepappt.
- Es ise sich das ein Geheimnis vom Bataljohn! - Sie brauchen dann bloss ein paar
Nächte scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis
vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht
aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen Ihnen hinauf
aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Strassen. -
Pasta.«
    »Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich schüchtern
ein, »ich bin doch unschuldig.«
    »Das ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der
schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.
    Ich musste meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen Plan,
der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons« beschlusses war, auszureden.
    Dass ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte, bis
ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.
    »Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das
allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die schwere
Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen
erkenntlich zu zeigen.«
    »Ise gar nicht nätig«, lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar Glas
Pils zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise
jetz Schatzmistr vom Bataljohn hat e' uns schon erzählt, was Sie für ein
heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was ausrichten, wenn ich in paar Täg
wieder herauskomm?«
    »Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel gehen
und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter
Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. - Werden Sie sich den
Namen merken?: Hillel! «
    »Hirräl?«
    »Nein: Hillel.«
    »Hillär?«
    »Nein: Hill-el.«
    Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen unmöglichen
Namen, aber schliesslich bewältigte er ihn doch unter wilden Grimassen.
    »Und dann noch eins: Herr Charousek möge - ich lasse ihn herzlich drum
bitten - sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen Dame« - er
weiss schon, wer darunter zu verstehen ist - annehmen.«
    »Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was da Gspusi
ghabt hat mit dem Niemetz - dem Dr. Sapoli? - No, die hat sich doch scheiden
lassen und ise mit dem Kind und dem Sapoli fürt.«
    »Wissen Sie das bestimmt?«
    Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen
freute, - es krampfte mir doch das Herz zusammen.
    Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt - - - war ich
vergessen.
    Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.
    Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.
    Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen
seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten zu
haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete nicht.
    »Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein
Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepresst.
    »Mirjam? Mirjam?« - Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten -
»Mirjam? - Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?«
    Ich musste unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.«
    »Dann kenn ich sie nicht«, sagte Wenzel trocken.
    Wir schwiegen eine Weile.
    Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.
    »Dass den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder an,
»wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?«
    Ich fuhr entsetzt auf.
    »No ja.« - Wenzel deutete auf seine Kehle. - »Murxi, murxi! Ich sag ich
Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil er
sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natierlich der erschte drin; - wie
denn nicht! - Und da hat e' durten g'sässen, der Wassertrum, in einem dreckigen
Lähnsessel, die Brust voller Blut und die Augen wie aus Glas. - - - Wissen S',
ich bin ich ein handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän,
und ich hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi-iin. Furt' a furt' hab' ich mir
vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht auf, es
is doch bloss ein toter Jud. - Er hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und
im Laden war sich alles umedum geschmissen. - Ein Raubmord natierlich.«
    »Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor Grausen.
Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!
    »Ich weiss ich auch, wer's war«, fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut fort.
»Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. - Ich hab' ich
nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und rasch
eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. - Er ise sich durch einen
unterirdischen Gang in den Laden - - -« er brach mit einem Ruck seine Rede ab
und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt, dann warf er sich auf die
Pritsche und fing an, fürchterlich zu schnarchen.
    Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloss und der Gefängniswärter kam herein
und musterte mich argwöhnisch.
    Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.
    Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte, gefolgt
von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.
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    Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:
Den 12. Mai.
    »Mein lieber armer Freund und Wohltäter!
    Woche um Woche habe ich gewartet, dass Sie endlich freikommen würden, - immer
vergebens, - habe alle möglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial für
Sie zu sammeln, aber ich fand keins.
    Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber
jedesmal hiess es, er könne nichts tun - es sei Sache der Staatsanwaltschaft und
nicht die seinige.
    Amtsschimmel!
    Eben erst, vor einer Stunde, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir den
besten Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, dass Jaromir dem Wassertrum eine
goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders Loisa in
dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.
    Beim Loisitschek, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht das
Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann - dessen Leiche
übrigens noch immer nicht entdeckt ist - als corpus delicti bei Ihnen gefunden.
Das übrige reimte ich mir zusammen: Wassertrum et cetera!
    Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben - -« Ich liess
den Brief sinken, und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina
konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop, noch
Vrieslander besassen so viel Geld. - Sie hatte mich also doch nicht vergessen! -
Ich las weiter:
    »- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit mir
sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu Hause
entwendet und verkauft zu haben.
    Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel bereits
an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.
    Aber seien Sie versichert: es wird geschehen. Heute noch. Ich bürge Ihnen
dafür.
    Ich zweifle keinen Augenblick, dass Loisa den Mord begangen hat und die Uhr
die Zottmanns ist.
    Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, - nun, dann weiss Jaromir, was er zu
tun hat: - Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene agnoszieren.
    Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei sein
werden, steht vielleicht bald bevor.
    Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?
    Ich weiss es nicht.
    Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu
Ende, und ich muss auf der Hut sein, dass mich die letzte Stunde nicht überrascht.
    Aber eins halten Sie fest: wir werden uns wiedersehen.
    Wenn auch nicht in diesem Leben und nicht wie die Toten in jenem Leben, aber
an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, - wo, wie es in der Bibel steht, der HERR die
ausspeien wird aus seinem Munde, die lau waren und weder kalt noch warm. - - -
    Wundern Sie sich nicht, dass ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über diese
Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort Kabbala berührten, bin ich Ihnen
ausgewichen, aber - ich weiss, was ich weiss.
    Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen Sie,
ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. - - Einmal,
in meinen Delirien, glaubte ich - ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen. - Mag
sein, dass ich wach geträumt habe.
    Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, dass ich
gewisse Erkenntnisse gehabt habe - innerlich! - fast schon von Kindheit an, die
mich einen seltsamen Weg geführt haben; - Erkenntnisse, die sich nicht decken
mit dem, was die Medizin lehrt oder Gott sei Dank noch nicht weiss; hoffentlich
auch nie erfahren wird.
    Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren
höchstes Ziel es ist, einen - Wartesaal auszustaffieren, den man am besten
niederrisse.
    Doch genug davon.
    Ich will Ihnen erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:
    Ende April war Wassertrum so weit, dass meine Suggestion anfing zu wirken.
    Ich sah es daran, dass er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut mit
sich selbst sprach.
    So etwas ist ein sicheres Zeichen, dass die Gedanken eines Menschen sich zum
Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.
    Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.
    Er schrieb!
    Er schrieb! Dass ich nicht lache! Er schrieb.
    Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wusste ich, was er oben
machte: - er machte sein Testament.
    Dass er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht. Ich
hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's mir
eingefallen wäre.
    Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an dem
er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn überlistet.
    Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich nach
seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch
wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhören müssen.
    Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
    Rasend witzig, dass er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im
Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig ausreden
wollte.
    Aber so ist's bei allen den Ganzgescheiten; man sieht es schon an der
wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt. Sie
fühlen sich ertappt.
    Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, liess ich ihn nicht mehr aus
dem Auge.
    Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede
Minute konnte die Entscheidung fallen. -
    Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende
Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte.
    Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war vollbracht.
    Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.
    Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter, alles
das niederschreiben zu müssen.
    Nennen Sie es Aberglaube, - aber, wie ich sah, dass Blut vergossen worden war
- die Dinge im Laden waren befleckt davon, - kam es mir vor, als sei mir seine
Seele entwischt.
    Etwas in mir, - ein feiner, untrüglicher Instinkt - sagt mir, dass es nicht
dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt oder von eigener: - dass
Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen, dann erst wäre
meine Mission erfüllt gewesen. - Jetzt, wo es anders gekommen ist, fühle ich
mich als Ausgestossener, als ein Werkzeug, das nicht würdig befunden wurde in der
Hand des Todesengels.
    Aber ich will mich nicht auflehnen. Mein Hass ist von der Art, die übers Grab
hinausgeht, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergiessen kann, wie
ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf Schritt und
Tritt. - - -
    Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draussen bei ihm
auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.
    Ich glaube, ich weiss es bereits, aber ich will noch warten, bis das innere
Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. - Wir Menschen sind unrein,
und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir das Flüstern unserer Seele
verstehen. - - -
    In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt, dass
mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.
    Dass ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl nicht
zu versichern, Herr Pernat. - Ich werde mich hüten, ihm - für drüben eine
Handhabe zu geben.
    Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände, die
er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert sich dann
ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. -
    Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann Sie
beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmässiges Eigentum mit Zinsen und
Zinseszinsen. Schon lange wusste ich, dass Wassertrum vor Jahren Ihren Vater und
seine Familie um alles gebracht hat, - erst jetzt bin ich in der Lage, es
aktenmässig nachweisen zu können.
    Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons«
verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will, dass jeder
von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager - »guten Gesellschaft«.
    Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben Raubmördern
des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen werden müssen.
    Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.
    So. Das wäre wohl alles.
    Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie
zuweilen
                        Ihres
                                                      aufrichtigen und dankbaren
                        Innocenz Charousek.«
    Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand. Ich konnte mich nicht
freuen über die Nachricht von meiner bevorstehenden Entaftung.
    Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein Schicksal.
Bloss, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch
die Hand drücken könnte!
    Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.
    Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen
Schultern, die hohe, noble Stirn.
    Vielleicht, dass alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche Hand
rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.
    Noch einmal las ich den Brief durch.
    Wieviel Metode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig war?
    Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet
zu haben.
    Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie
Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt gewonnen
hatte, - den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des Lebens emporführte
in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.
    Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner da,
als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote
eines unbekannten, mytischen Propheten zu befolgen vorgeben?
    Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an eine
»Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken.
    Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung in
des Wortes verborgenster Bedeutung?
    »Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische - eine
Verbrechernatur« - ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über ihn lauten
musste, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele hineinzuleuchten
käme, - dieser geifernden Menge, die nie und nimmer begreifen wird, dass die
giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und edler ist als der nützliche
Schnittlauch. - - -
    Wieder ging das Türschloss draussen, und ich hörte, dass man einen Menschen
hereinschob.
    Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem Eindruck
des Briefes.
    Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin.
    Freilich: Charousek musste in grösster Eile geschrieben haben, die Schrift
verriet es mir.
    Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde?
    Ich hoffte heimlich auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der
Gefangenen im Hof. - Da war es noch am leichtesten, dass mir irgendeiner vom
»Bataillon« etwas zusteckte.
    Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:
    »Würden Sie gestatten, mein Herr, dass ich mich Ihnen vorstelle? Mein Name
ist Laponder. Amadeus Laponder«.
        Ich drehte mich um.
    Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter Kleidung,
nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich korrekt vor mir.
    Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine grossen, hellgrün
glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, dass, so
geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu sehen
schienen. - Es lag so etwas wie - Geistesabwesenheit darin.
    Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich
wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden, so
fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln, das die aufwärts
gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht
aufdrückten.
    Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit seiner
faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase und den zarten
Nüstern.
    »Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin.
    »Was er wohl begangen haben mag?«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                      Mond
»Waren Sie schon beim Verhör«, fragte ich nach einer Weile.
    »Ich komme soeben von dort. - Hoffentlich werde ich Sie hier nicht lange
inkommodieren müssen«, antwortete Herr Laponder liebenswürdig.
    »Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem
Untersuchungsgefangenen bevorsteht.«
    Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
    »Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten,
schlimmsten Tage vorüber sind.« - - -
    Er machte ein verbindliches Gesicht.
    Pause.
    »Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?«
    Er lächelte zerstreut:
    »Nein. Ich wurde bloss gefragt, ob ich geständig sei, und musste das Protokoll
unterschreiben.«
    »Sie haben unterschrieben, dass Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus.
    »Allerdings.«
    Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.
    Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar keine
Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell oder etwas
Ähnliches.
    »Ich bin leider schon so lange hier, dass es mir wie ein Menschenleben
vorkommt;« - ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine teilnehmende
Miene. »Ich wünsche Ihnen, dass Sie das nicht mitzumachen brauchen, Herr
Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald wieder auf freiem Fuss
sein.«
    »Wie man's nimmt«, antwortete er ruhig, aber es klang wie ein versteckter
Doppelsinn.
    »Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf.
    »Wie soll ich das verstehen? - Was haben Sie denn gar so Schreckliches
begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, -
lediglich Teilnahme, dass ich frage.«
    Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken:
    »Lustmord.«
    Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.
    Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.
    Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das
leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet, dass er
über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.
    Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. - - -
    Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er sogleich
meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider an den
Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen Atemzügen
zu schliessen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu sein.
    Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
    Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu haben
und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so grässlich und aufregend,
dass die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das erlebte Neue tief in
den Hintergrund traten.
    Ich hatte mich so gelegt, dass ich den Mörder beständig im Auge behielt, denn
ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.
    Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert, und ich konnte
sehen, dass Laponder regungslos, fast starr, dalag.
    Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen, und der halbgeöffnete Mund
erhöhte diesen Eindruck.
    Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.
    Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht fiel,
kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unaufhörlich die Lippen, wie
jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu sein, - ein
zweisilbiger Satz vielleicht, - so wie:
    »Lass mich. Lass mich, Lass mich.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die nächsten paar Tage vergingen, ohne dass ich Notiz von ihm genommen hätte,
und auch er brach niemals das Schweigen.
    Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. So oft ich auf und ab
gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er auf der Pritsche
sass, die Füsse zurück, um mir nicht im Wege zu sein.
    Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte aber
den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.
    So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, - es ging
nicht.
    Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde verbrachte
ich im Schlaf.
    Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete
respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte sie
pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eines Nachts - es mochte um die zweite Stunde sein - stand ich schlaftrunken
vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den Vollmond, dessen Strahlen
sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen Gesicht der Turmuhr spiegelten, und
dachte voll Trauer an Mirjam.
    Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir.
    Sofort war ich wach, überwach, - fuhr herum und horchte.
    Eine Minute verging.
    Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich konnte
die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:
    »Frag' mich. Frag' mich.«
    Es war bestimmt Mirjams Stimme.
    Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat an
das Bett Laponders.
    Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich
unterscheiden, dass er die Lider offen hatte, doch nur das Weisse der Augäpfel war
sichtbar.
    An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, dass er im Tiefschlaf lag.
    Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.
    Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen
hervordrangen:
    »Frag' mich. Frag' mich.«
    Die Stimme war der von Mirjam täuschend ähnlich.
    »Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton, um
den Schläfer nicht zu erwecken.
    Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann wiederholte
ich leise:
    »Mirjam? Mirjam?«
    Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:
    »Ja.«
    Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.
    Nach einer Weile hörte ich Mirjams Stimme flüstern - so unverkennbar ihre
Stimme, dass mir Kälteschauer über die Haut liefen.
    Ich trank die Worte so gierig, dass ich nur den Sinn begriff. Sie sprach von
Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, dass wir uns endlich gefunden hätten -
und uns nie wieder trennen würden - hastig - ohne Pause, wie jemand, der
fürchtet, unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnützen will.
    Dann wurde die Stimme stockend - erlosch zeitweilig ganz.
    »Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem, »Mirjam,
bist du gestorben?«
    Lange keine Antwort.
    Dann fast unverständlich:
    »Nein. - Ich lebe. - Ich schlafe.« - -
    Nichts mehr.
    Ich lauschte und lauschte.
    Vergebens.
    Nichts mehr.
    Vor Ergriffenheit und Zittern musste ich mich auf die Kante der Pritsche
stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.
    Die Täuschung war so vollständig gewesen, dass ich Mirjam momentelang
tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen
musste, um nicht einen Kuss auf die Lippen des Mörders zu drücken.
    »Henoch! Henoch!« - hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer und
artikulierter: »Henoch! Henoch!«
    Sofort erkannte ich Hillel.
    »Bist du es, Hillel?«
    Keine Antwort.
    Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass man Schlafenden, um sie zum Reden
zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen das
Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.
    Ich tat es:
    »Hillel?«
    »Ja, ich höre dich!«
    »Ist Mirjam gesund? Weisst du alles?« fragte ich schnell.
    »Ja. Ich weiss alles. Wusste es längst. - Sei ohne Sorge, Henoch, und fürchte
dich nicht!«
    »Kannst du mir verzeihen, Hillel?«
    »Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.«
    »Werden wir uns bald wiedersehen?« - Ich fürchtete, die Antwort nicht mehr
verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht worden.
    »Ich hoffe es. Ich will warten - auf dich - wenn ich kann - dann muss ich -
Land -«
    »Wohin? In welches Land?« - ich fiel beinahe auf Laponder - »In welches
Land? In welches Land?«
    »- Land - Gad - südlich - Palästina -«
    Die Stimme erstarb.
    Hundert Fragen schössen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum nennt er
mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, Charousek.
    »Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen«, kam es plötzlich wieder
laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in Charouseks Tonfall,
aber ähnlich so, als hätte ich selbst es gesagt.
    Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlusssatz aus Charouseks Brief. -
    Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die
Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde musste es aus der Zelle
verschwunden sein.
    Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:
    Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider
geschlossen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, alle die Tage über in Laponder nur
den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. -
    Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler - ein
Geschöpf, das unter dem Einfluss des Vollmonds stand.
    Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen.
Bestimmt sogar. -
    Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen und
hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.
    So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem
Gewissen hat, sagte ich mir.
    Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.
    Ob er wohl wüsste, was geschehen war?
    Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur Seite.
    Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr
Laponder, dass ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war das
Ungewohnte, das -«
    »Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,« unterbrach er
mich lebhaft, »dass es ein scheussliches Gefühl sein muss, mit einem Lustmörder
beisammen zu sein.«
    »Reden Sie nicht mehr davon«, bat ich. »Es ist mir heute nacht so mancherlei
durch den Kopf gegangen, und ich werde den Gedanken nicht los, Sie könnten
vielleicht - - -« ich suchte nach Worten.
    »Sie halten mich für krank«, half er mir heraus.
    Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schliessen zu dürfen. Ich
- ich - darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?«
    »Ich bitte darum.«
    »Es klingt etwas merkwürdig, - aber - würden Sie mir sagen, was Sie heute
geträumt haben?«
    Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Ich träume nie.«
    »Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.«
    Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er bestimmt:
    »Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben.« - Ich gab
es zu. »Denn wie gesagt, ich träume nie. Ich - ich wandere«, setzte er nach
einer Pause halblaut hinzu.
    »Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?«
    Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es für
angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn zu dringen,
und erzählte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
    »Sie können sich fest darauf verlassen,« sagte er ernst, als ich zu Ende
war, »dass alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen habe. Wenn
ich vorhin bemerkte, dass ich nicht träume, sondern wandere, so meinte ich damit,
dass mein Traumleben anders beschaffen ist als das - sagen wir: normaler
Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein Austreten aus dem Körper. - - So
war ich z.B. heute nacht in einem höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang
von unten herauf durch eine Falltür führte.«
    »Wie sah es aus?« fragte ich rasch. »War es unbewohnt? Leer?«
    »Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem ein
junges Mädchen schlief - oder wie scheintot lag, - und ein Mann sass neben ihr
und hielt seine Hand über ihre Stirn.« - Laponder schilderte die Gesichter der
beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und Mirjam.
    Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
    »Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?«
    »Sonst noch jemand? Warten Sie - - - nein: sonst war niemand mehr im Zimmer.
Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. - Dann ging ich eine
Wendeltreppe hinunter.«
    »Sie war zerbrochen?« fiel ich ein.
    »Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
seitlich eine Kammer ab, darin sass ein Mann mit silbernen Schnallen an den
Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen gesehen
habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen; - er war vornüber
gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen Auftrag vielleicht.«
    »Ein Buch, - ein altes grosses Buch haben Sie nirgends gesehen?«, forschte
ich.
    Er rieb sich die Stirn:
    »Ein Buch sagen Sie? - Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es war
aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem grossen, goldenen A fing die
Seite an.«
    »Mit einem I, meinen Sie wohl?«
    »Nein, mit einem A.«
    »Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein I?«
    »Nein, es war bestimmt ein A.«
    Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder im
Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander
gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und den unterirdischen Gang.
    »Haben Sie die Gabe zu wandern, wie Sie es nennen, schon lang?«, fragte ich.
    »Seit meinem 21. Jahr - - -«, er stockte, schien nicht gern davon zu reden;
da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens an, und er
starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas sähe.
    Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und bat
- fast flehentlich:
    »Um Himmels willen, sagen Sie mir alles. Es ist heute der letzte Tag, den
ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde werde ich
abgeholt, um mein Todesurteil anzuhören - -.«
    Ich unterbrach ihn entsetzt:
    »Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwören, dass Sie
krank sind. - Sie sind mondsüchtig. Es darf nicht sein, dass man Sie hinrichtet,
ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie doch Vernunft an!«
    Er wehrte nervös ab: »Das ist doch so nebensächlich, - bitte, sagen Sie mir
alles!«
    »Aber was soll ich Ihnen denn sagen? - Reden wir doch lieber von Ihnen und -
-«
    »Sie müssen, ich weiss das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben, die
mich nah angehen, - näher als Sie ahnen können; - - ich bitte Sie, sagen Sie mir
alles!«, flehte er.
    Ich konnte es nicht fassen, dass ihn mein Leben mehr interessierte als seine
eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um ihn aber zu
beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem geschehen war.
    Bei jedem grösseren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine Sache
bis zum Grund durchschaut.
    Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir gestanden
und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte, konnte er es kaum erwarten,
den Schluss zu erfahren.
    »Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm«, murmelte er sinnend. »Ich
hätte nie gedacht, dass es einen dritten Weg geben könnte.«
    »Es war das kein dritter Weg«, sagte ich, »es war derselbe, wie wenn ich die
Körner abgelehnt hätte.«
    Er lächelte.
    »Glauben Sie nicht, Herr Laponder?«
    »Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl auch den Weg des Lebens
gegangen, aber die Körner, die magische Kräfte bedeuten, wären nicht
zurückgeblieben. - So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen. Das heisst:
sie sind hiergeblieben und werden von Ihren Vorfahren so lange gehütet, bis die
Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte, die in Ihnen jetzt noch
schlummern, lebendig werden.«
    Ich verstand nicht: »Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet?«
    »Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben«,
erklärte Laponder. »Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen, der Sie
umstand, war die Kette der ererbten Iche, die jeder von einer Mutter Geborene
mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts Einzelnes, - sie soll es erst
werden, und das nennt man dann: Unsterblichkeit; Ihre Seele ist noch
zusammengesetzt aus vielen Ichen - so, wie ein Ameisenstaat aus vielen Ameisen;
Sie tragen die seelischen Reste vieler tausend Vorfahren in sich: - die Häupter
Ihres Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie könnte denn ein Huhn, das aus
einem Ei künstlich erbrütet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen,
wenn nicht die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? - Das Vorhandensein des
Instinkts verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der Seele. - Aber,
verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.«
    Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den »Hermaphroditen«
gesagt hatte.
    Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, dass Laponder weiss geworden
war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen liefen.
    Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging in der Zelle auf
und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben würde.
    Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf, ihn
zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber auf seinen
krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
    »Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten!«, schloss ich.
    »Aber ich musste doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt«, sagte er
naiv.
    »Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als - als einen Lustmord?«, fragte
ich verblüfft.
    »Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewiss. - Sehen Sie: als ich
vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte ich die Kraft,
die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu lügen oder nicht zu
lügen. - Als ich den Lustmord beging - - bitte, ersparen Sie mir die Details: es
war so grässlich, dass ich die Erinnerung nicht wieder aufleben lassen möchte - -
als ich den Lustmord beging, da hatte ich keine Wahl. Wenn ich auch bei
vollkommen klarem Bewusstsein handelte, so hatte ich dennoch keine Wahl: Irgend
etwas, dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war
stärker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, ich hätte
gemordet? - Nie habe ich getötet - nicht einmal das kleinste Tier, - und jetzt
wäre ich es schon gar nicht imstande.
    Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, und auf der Unterlassung
stünde der Tod - ähnlich, wie es im Krieg der Fall ist, - augenblicklich hätte
ich mir den Tod verdient. - Weil mir keine Wahl bliebe. Ich könnte ganz einfach
nicht morden. Damals, als ich den Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.«
    »Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fühlen, müssen Sie
alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!«, wandte ich ein.
    Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: »Sie irren! Die Richter haben
von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie mich
vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder übermorgen wieder das
Unheil losbricht?«
    »Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke sollte man Sie
internieren. Das ist es doch, was ich sage!«
    »Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht«, erwiderte Laponder gleichmütig.
»Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes, - etwas, was dem
Irrsinn sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil ist. Bitte, hören Sie zu.
Sie werden mich sogleich verstehen. - - - Was Sie mir vorhin von dem Phantom
ohne Kopf - ein Symbol natürlich: dieses Phantom; den Schlüssel können Sie
leicht finden, wenn Sie darüber nachdenken - erzählten, ist mir einst genauso
passiert. Nur habe ich die Körner angenommen. Ich gehe also den Weg des Todes! -
Für mich ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in
mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch führen mag: ob
zum Galgen oder zum Tron, ob zur Armut oder zum Reichtum. Niemals habe ich
gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war.
    Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.
    Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:
»Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
und was der Herr von dir fordert,«?
    Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die
Wahl hatte; - - als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur die
Wirkung einer in mir schlummernden, längst gelegten Ursache, über die ich keine
Gewalt mehr besass, wurde frei.
    Also sind meine Hände rein.
    Dadurch, dass das Geistige in mir mich zum Mörder werden liess, hat es eine
Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, dass mich die Menschen an den Galgen
knüpfen, wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: - ich komme zur
Freiheit.«
    Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte sich mir vor Schauder
über meine eigene Kleinheit.
    »Sie haben mir erzählt, dass Sie durch den hypnotischen Eingriff eines Arztes
in Ihr Bewusstsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen hatten«,
fuhr er fort. »Es ist das das Kennzeichen, - das Stigma - aller derer, die von
der Schlange des geistigen Reiches gebissen sind. Es scheint fast, als müssten in
uns zwei Leben aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden
Baum, ehe das Wunder der Erweckung geschehen kann; - was sonst durch den Tod
getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung - manchmal nur
durch eine plötzliche innere Umkehr.
    Bei mir war es so, dass ich scheinbar ohne äussere Ursache in meinem 21. Jahr
eines Morgens wie verändert erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen, erschien
mir mit einemmal gleichgültig: Das Leben kam mir dumm vor wie eine
Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Träume wurden zu Gewissheit -
zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewissheit, verstehen Sie wohl: zu
beweiskräftiger, realer Gewissheit, und das Leben des Tages wurde zum Traum.
    Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel hätten. Und der Schlüssel
liegt einzig und allein darin, dass man sich seiner Ichgestalt, sozusagen seiner
Haut, im Schlaf bewusst wird, - die schmale Ritze findet, durch die sich das
Bewusstsein zwängt zwischen Wachsein und Tiefschlaf.
    Darum sagte ich vorhin: ich wandere und nicht: ich träume.
    Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen die
uns innewohnenden Klänge und Gespenster; und das Warten auf das Königwerden des
eigenen Ichs ist das Warten auf den Messias.
    Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der Hauch der Knochen
der Kabbala, das war der König. Wenn er gekrönt sein wird, - dann reisst der
Strick entzwei, mit dem Sie durch die äusseren Sinne und den Schornstein des
Verstandes an die Welt gebunden sind.
    Wieso es kommen konnte, dass ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben über
Nacht zum Lustmörder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist wie ein
Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben nur die eine.
Ist die Kugel rot, heisst der Mensch: schlecht. Ist sie gelb, dann ist der
Mensch: gut. Laufen zwei hintereinander - eine rote und eine gelbe, dann hat man
einen ungefestigten Charakter. Wir von der Schlange Gebissenen, machen in einem
Leben durch, was sonst an der ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die
farbigen Kugeln rasen hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu
Ende sind - - dann sind wir Propheten, - sind die Spiegel Gottes geworden.«
    Laponder schwieg.
    Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betäubt.
    »Weshalb fragten Sie mich vorhin so ängstlich nach meinen Erlebnissen, wo
Sie doch so viel, viel höher stehen als ich?«, fing ich endlich wieder an.
    »Sie irren,« sagte Laponder, »ich stehe weit unter Ihnen. - Ich fragte Sie,
weil ich fühlte, dass Sie den Schlüssel besitzen, der mir noch fehlte.«
    »Ich? Einen Schlüssel? O Gott!«
    »Jawohl Sie! Und Sie haben ihn mir gegeben. - Ich glaube nicht, dass es einen
glücklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin.«
    Draussen entstand ein Geräusch; die Riegel wurden zurückgeschoben, - Laponder
achtete kaum darauf:
    »Das mit dem Hermaphroditen war der Schlüssel. Jetzt habe ich die Gewissheit.
Schon deshalb bin ich froh, dass man mich holen kommt, denn bald bin ich am
Ziel.«
    Vor Tränen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich hörte
nur das Lächeln in seiner Stimme.
    »Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernat, und denken Sie: das, was man
morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schönste eröffnet, -
das Letzte, was ich noch nicht wusste. Jetzt geht's zur Hochzeit - - -,« er stand
auf und folgte dem Gefangenwärter - »es hängt mit dem Lustmord eng zusammen«,
waren die letzten Worte, die ich hörte und nur dunkel begriff.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer
wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes liegen
zu sehen.
    In den nächsten Tagen, nachdem er weggeführt worden war, hatte ich ein
Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören, das manchmal
bis zum Morgengrauen dauerte.
    Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor
Verzweiflung.
    Monat um Monat verfloss. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden des
kümmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus den Mauern
drang.
    Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden Baum fiel und das
eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich unwillkürlich
jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders Gesicht in mich eingegraben
hatte. Beständig trug ich es in mir herum, dieses Buddhagesicht mit der
faltenlosen Haut und dem seltsamen, immerwährenden Lächeln.
    Ein einziges Mal noch - im September - hatte mich der Untersuchungsrichter
holen lassen und misstrauisch gefragt, wie ich es begründen könne, dass ich bei
dem Bankschalter gesagt, ich müsse dringend verreisen, und warum ich in den
Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig gewesen wäre und meine sämtlichen
Edelsteine zu mir gesteckt hätte.
    Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu
nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch höhnisch gemeckert. -
    Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen Gedanken,
meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fühlte, längst tot sein musste, und
Laponder und meiner Sehnsucht nach Mirjam nachhängen.
    Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten Gesichtern,
dickwanstige Bankkassierer, - »Waisenkinder«, wie der schwarze Vóssatka sie
genannt haben würde, - und verpesteten mir die Luft und die Stimmung.
    Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung zum besten, dass vor geraumer
Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Glück hätte man den Täter
sogleich erwischt und kurzen Prozess mit ihm gemacht.
    »Laponder hat er geheissen, der Schuft, der gottserbärmliche«, schrie ein
Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmisshandlung zu - 14 Tagen
Gefängnis verurteilt worden war, dazwischen. »Auf frischer Tat habn's'n g'fasst.
Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer is ausbrennt. Die Leich'
von dem Mädel is dabei so verkohlt, dass mer bis zum heutigen Tage noch nöt hat
rausbringen können, wer sie eigentlich war. Schwarze Haar hat's g'habt und a
schmal's G'sicht, dös is alls, was mer weiss. Und der Laponder hat net ums
Verrecken rausg'rückt mit ihrem Namen. - Wann's nach mir gangen wär, i hätt ihm
d'Haut ab'zogen und Pfeffer drauf g'streut. - Dös san halt die feinen Herren!
Mörder san's, alle z'samm. - - - - Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann
aner a Mädel los sein wüll«, setzte er mit zynischem Lächeln hinzu.
    Die Wut kochte in mir, und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden
geschlagen.
    Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen. Ich
atmete auf, als er endlich freigelassen wurde.
    Aber selbst da war ich ihn noch nicht los: seine Rede hatte sich wie ein
Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.
    Fast beständig, hauptsächlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der
grausige Verdacht, Mirjam könnte das Opfer Laponders gewesen sein.
    Je mehr ich dagegen ankämpfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem
Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde.
    Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es
besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann lebendig
machen, und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual, - aber nur zu
oft kamen die grässlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im
Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den Verstand verlieren zu müssen.
    Die schwachen Anhaltspunkte, die ich für meinen Verdacht hatte, verdichteten
sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, - zu einem Gemälde voll
unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.
    Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und die
Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Höhepunkt erreicht, dass ich mich, um
nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbiss wie ein verdurstendes Tier,
öffnete plötzlich der Gefangenwärter die Zelle und forderte mich auf, mit ihm
zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich fühlte mich so schwach, dass ich mehr
taumelte als ging.
    Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen, war
längst in mir gestorben.
    Ich machte mich darauf gefasst, wieder eine kalte Frage gestellt zu bekommen,
das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und dann zurück in die
Finsternis zu müssen.
    Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein
alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.
    Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen würde.
    Es fiel mir auf, dass der Gefangenwärter mit hereingekommen war und mir
gutmütig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als dass ich mir
über die Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können.
    »Die Untersuchung hat ergeben«, fing der Schreiber an, meckerte, stieg auf
einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bücherbord nach Schriftstücken, ehe
er fortfuhr: »hat ergeben, dass der in Frage kommende Karl Zottmann vor seinem
Tode anlässlich einer heimlichen Zusammenkunft mit der unverehelichten ehemaligen
Prostituierten Rosina Metzeles, die damaliger Zeit den Spitznamen die rote
Rosina führte, dann später von einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher
Aufsicht stehenden Silhubettenschneider namens Jaromir Kwássnitschka aus dem
Weinsalon Kautsky losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner
Durchlaucht dem Fürsten Ferri Atenstädt im gemeinsamen, wilden Konkubinate als
Maiteresse lebt, von hinterlistiger Hand in ein unterirdisches, aufgelassenes
Kellergewölbe des Hauses Nummer conscriptionis 21873, gebrochen durch römisch
III, der Hahnpassgasse, laufende Numero sieben, gelockt, dortselbst
eingeschlossen und sich selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder
Erfrieren überlassen wurde. - - Der obenerwähnte Zottmann nämlich«, erklärte der
Schreiber mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte ein paarmal um.
    »Die Untersuchung hat weiters ergeben, dass der obenerwähnte Karl Zottmann
allem Anscheine nach - nach eingetretenem Ableben - seiner sämtlichen bei ihm
getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub faszikel römisch P gebrochen
durch Bäh beigeschlossenen doppelmanteligen Taschenuhr« - der Schreiber hob die
Uhr an der Kette in die Höhe - »beraubt wurde. Der eidesstattlichen Aussage des
Silhubettenschnitzers Jaromir Kwássnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 Jahren
verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens: die Uhr im Bette seines inzwischen
flüchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhändler und
mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen Realitätenbesitzer Aaron
Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert veräussert zu haben, konnte
mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht beigelegt werden.
    Die Untersuchung hat weiters ergeben, dass die Leiche des erwähnten Karl
Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch
bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor erfolgtem Ableben
mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung des Täters durch die k.k.
Behörden erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte.
    Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge auf
den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig
gewordenen Loisa Kwássnitschka, zurzeit flüchtig, gelenkt und unter einem
verfügt, die Untersuchungshaft gegen Atanasius Pernat, Gemmenschneider,
dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren gegen ihn
einzustellen.
    Prag im Juli
                        gezeichnet
                                                  Dr. Freiherr von Leisetreter.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Boden schwankte unter meinen Füssen, und ich verlor eine Minute das
Bewusstsein.
    Als ich erwachte, sass ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwärter klopfte
mir freundlich auf die Schulter.
    
    Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich und
sagte zu mir:
    »Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr Name
mit einem Päh beginnt und naturgemäss im Alphabet erst gegen Schluss vorkommen
kann.« - Dann las er weiter:
    »Überdies ist der Atanasius Pernat, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
setzen, dass ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod abgegangenen
stud. med. Innocenz Charousek ein Drittel von dessen gesamter Verlassenschaft
ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur Unterfertigung des Protokolles hiermit
anzuhalten.«
    Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing an zu
schmieren.
    Ich erwartete gewohnheitsmässig, dass er meckern würde, aber er meckerte
nicht.
    »Innocenz Charousek«, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.
    Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr:
    »Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat sich
nach Ihnen erkundigt. Er lässt Sie viel-vielmals grüssen, hat er g'sagt. Ich hab's
natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist streng verboten. Ein
schreckliches Ende hat er übrigens genommen, der Herr Dr. Charousek. Er hat sich
selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem Grabhügel des Aaron Wassertrum, auf der
Brust liegend, gefunden. - Er hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt,
sich die Pulsadern aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt. So
ist er verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char -
- -«
    Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die
Feder zum Unterschreiben.
    Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
freiherrlichen Vorgesetzten:
    »Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und Unterhosen
im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoss genommen; nur dass er mich diesmal nicht
untersuchte und mir meine Edelsteine, das Portemonnaie mit den zehn Gulden
darin, meinen Mantel und alles übrige zurückgab. - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dann stand ich auf der Strasse.
    »Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Widersehen!« - Ich unterdrückte
einen Schrei wildesten Entzückens.
    Es musste Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler
Messingteller hinter Dunstschleiern.
    Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt.
    Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten fast den
Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte - auf empfindungslosen Sohlen
wie ein Rückenmarkskranker. - -
    »Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in die Hahnpassgasse 7! -
Haben Sie mich verstanden?: - Hahnpassgasse 7.«
 
                                      Frei
Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.
    »Hahnpassgassä, gnä' Herr?«
    »Ja, ja, nur rasch.«
    Wieder fuhr der Wagen ein Stück weiter. Wieder blieb er stehen.
    »Um Himmels willen, was gibt's denn?«
    »Hahnpassgassäü, gnä' Herr?«
    »Ja, ja. Ja doch.«
    »In die Hahnpassgassä kann me doch nicht fahrrähn!«
    »Warum denn nicht?«
    »Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch
assaniert.«
    »Also fahren Sie eben, soweit Sie können, aber jetzt rasch gefälligst.«
    Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann
gemächlich weiter.
    Ich liess die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die
Nachtluft ein.
    Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Häuser, die
Strassen, die geschlossenen Läden.
    Ein weisser Hund trabte einsam und missgelaunt auf dem nassen Trottoir
vorüber. Ich sah ihm nach. - Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz vergessen,
dass es solche Tiere gab. - Vor Freude kindisch rief ich ihm nach: »Aber, aber!
Wie kann man nur so verdrossen sein.« - - -
    Was Hillel wohl sagen würde!? - Und Mirjam?
    Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich
aufhören, an ihre Tür zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.
    Jetzt war ja alles gut - all der Jammer dieses Jahres vorüber! -
    Würde das ein Weihnachten werden!
    Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.
    Einen Augenblick lähmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des
Sträflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte Gesicht - der
Lustmord - aber nein, nein! - Ich schüttelte es gewaltsam ab: nein, nein, es
konnte, es konnte nicht sein. - Mirjam lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus
Laponders Mund gehört.
    Nur noch eine Minute - eine halbe - - und dann -
    Die Droschke hielt vor einem Trümmerhaufen. Barrikaden aus Pflastersteinen
überall!
    Rote Laternen brannten darauf.
    Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.
    Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte umher,
versank bis ans Knie.
    Das hier, das musste doch die Hahnpassgasse sein?!
    Mühsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
    Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?
    Die Vorderseite war eingerissen.
    Ich kletterte auf einen Erdhügel; tief unter mir lief ein schwarzer,
gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie riesige
Bienenzellen hingen die blossgelegten Wohnräume nebeneinander in der Luft, halb
vom Fackelschein, halb von dem trüben Mondlicht beschienen.
    Das dort oben, das musste mein Zimmer sein - ich erkannte es an der Bemalung
der Wände.
    Nur noch ein Streifen davon war übrig.
    Und daranstossend das Atelier - Saviolis. Mir wurde plötzlich ganz leer im
Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! - Angelina! - - So weit, so unabsehbar fern
lag das alles hinter mir!
    Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein mehr
auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trödlerladen, die
Kellerwohnung Charouseks - - - alles, alles.
    »Der Mensch geht dahin wie ein Schatten« - fiel mir ein Satz ein, den ich
einmal irgendwo gelesen.
    Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt wohnten,
die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne.
    »Nix daitsch«, war die Antwort.
    Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch, konnte
mir aber keine Auskunft geben.
    Auch von seinen Kameraden niemand.
    Vielleicht, dass beim »Loisitschek« etwas zu erfahren wäre?
    Der »Loisitschek« sei gesperrt, hiess es, das Haus würde renoviert.
    Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! - Ging das nicht?
    »Weit a breit wohnt sich keine Katz,« sagte der Arbeiter; »weil ise
behärdlich verbotten. Von wägen Typhus.«
    »Der Ungelt? Der wird doch offen haben?«
    »Ungelt ise sich geschlossen.«
    »Bestimmt?«
    »Bestimmt!«
    Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Höcklern und
Tabaktrafikantinnen, die in der Nähe gewohnt hatten; dann die Namen Zwakh,
Vrieslander, Prokop - -
    Bei allen schüttelte der Mann den Kopf.
    »Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwássnitschka?«
    Der Arbeiter horchte auf.
    »Jaromir? Ise sich taubstumm?«
    Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
    »Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?«
    »Schneid 'e sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?«
    »Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?«
    So umständlich wie möglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcaféhaus in der
inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.
    Über eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte über
schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Strassen
versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwüste, als hätte ein
Erdbeben die Stadt zerstört.
    Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand ich
mich endlich aus dem Labyrint heraus.
    Ein paar Häuserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.
    »Cafe Chaos« stand darüber geschrieben.
    Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genügend Platz liess für die
paar Tische, die an die Wände gerückt waren.
    In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
schnarchte.
    Ein Marktweib, mit einem Gemüsekorb vor sich, sass in der Ecke und nickte
über einem Glas Caj.
    Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
wünschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich vom Kopf bis zu Fuss musterte,
kam mir erst zum Bewusstsem, wie abgerissen ich aussehen musste.
    Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und wirrem,
langem Haar starrte mir entgegen.
    Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
bestellte schwarzen Kaffee.
    »Woass net, wo er so lang bleibt«, war die gegähnte Antwort.
    Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
    Ich nahm das »Prager Tagblatt« von der Wand und - wartete.
    Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten, und ich begriff nicht ein
einziges Wort von dem, was ich las.
    Die Stunden vergingen, und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
verdächtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal
mit Gasbeleuchtung anzeigt.
    Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden
Federbüschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder weiter.
    Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein.
    Ein Strassenkehrer nahm einen Schnaps.
    Endlich, endlich: Jaromir.
    Er hatte sich so verändert, dass ich ihn anfangs gar nicht wiedererkannte:
die Augen erloschen, die Vorderzähne ausgefallen, das Haar schütter und tiefe
Höhlen hinter den Ohren.
    Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen,
dass ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand fasste.
    Er benahm sich ausserordentlich scheu und blickte immerwährend nach der Türe.
Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, dass ich mich
freute, ihn getroffen zu haben. - Er schien es mir lange nicht zu glauben.
    Aber, was für Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.
    Wie konnte ich mich nur verständlich machen?!
    Halt! Eine Idee!
    Ich liess mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die Gesichter
von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
    »Was? Alle nicht mehr in Prag?«
    Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebärde des Geldzählens,
marschierte mit den Fingern über den Tisch, schlug sich auf den Handrücken. Ich
erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek Geld bekommen und zogen
jetzt als kaufmännische Kompagnie mit dem vergrösserten Marionettenteater durch
die Welt.
    »Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?« - Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus dazu
und ein Fragezeichen.
    Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; - er konnte nicht lesen, aber er
begriff, was ich wollte, - nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die Höhe
und liess es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
    Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
    Ich zeichnete das jüdische Rataus auf.
    Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf.
    »Hillel ist also nicht mehr dort?«
    »Nein!« (Kopfschütteln.)
    »Wo ist er denn?«
    Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
    »Er meint halt, dass der Herr weg ist, und niem'd weiss nicht, wohin«, mischte
sich der Strassenkehrer, der uns die ganze Zeit über interessiert zugesehen
hatte, belehrend ein.
    Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! - Jetzt war
ich ganz allein auf der Welt. - - Die Gegenstände im Zimmer fingen vor meinen
Augen an zu flimmern.
    »Und Mirjam?«
    Meine Hand zitterte so stark, dass ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich
zeichnen konnte.
    »Ist Mirjam auch verschwunden?«
    »Ja. Auch verschwunden. Spurlos.«
    Ich stöhnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, dass die drei Soldaten
einander fragend anblickten.
    Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich, mir noch etwas anderes
mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf auf den Arm, wie
jemand, der schläft.
    Ich hielt mich an der Tischplatte: »Um Gottes Christi willen, Mirjam ist
gestorben?«
    Kopfschütteln. Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens.
    »War Mirjam krank gewesen?« Ich zeichnete eine Medizinflasche.
    Kopfschütteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. - - -
    Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer
konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.
    Ich gab es auf. Dachte nach.
    Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frühe auf das jüdische
Rataus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam
gereist sein könne.
    Ich musste ihm nach. - - -
    Wortlos sass ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.
    Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, dass er mit einer Schere
an einer Silhouette herumschnitt.
    Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt über den Tisch
herüber, legte die Hand auf die Augen und - - weinte still vor sich hin. - -
    Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruss zur Tür hinaus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben und
nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen, denn
auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit, hatte man mir auf
dem jüdischen Rataus gesagt. Das war alles, was ich erfahren konnte.
    Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.
    Auf der Bank hiess es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag
belegt, man erwarte aber täglich den Bescheid, es mir auszahlen zu dürfen.
    Also auch die Erbschaft Charouseks musste noch den Amtsweg gehen, und ich
wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles aufzubieten,
Hillels und Mirjams Spur zu suchen.
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    Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt, und
mir zwei kleine, möblierte, aneinanderstossende Dachkammern in der Altschulgasse
- die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt verschont geblieben,
- gemietet.
    Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage
ging, der Golem sei einst darin verschwunden.
    Ich hatte mich bei den Bewohnern - zumeist kleine Kaufleute oder Handwerker
- erkundigt, was denn Wahres an dem Gerücht von dem »Zimmer ohne Zugang« sei,
und war ausgelacht worden. - Wie man einen derartigen Unsinn denn glauben könne!
    Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefängnis die
Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur
noch Symbole ohne Blut und Leben, - strich sie aus dem Buch meiner Erinnerungen.
    Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hörte, als sässe er mir
gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir, bestärkten mich darin, dass
ich rein innerlich geschaut haben müsse, was mir ehedem greifbare Wirklichkeit
geschienen.
    War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen
hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar meine
alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop! - - -
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    Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten
Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um
mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem Wachs.
    Ehe das Jahr noch zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und
suchte in Städten und Dörfern, oder wohin es mich innerlich ziehen würde, nach
Hillel und Mirjam.
    Alle Ungeduld, alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle Furcht,
Mirjam könne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wusste ich, ich würde sie
beide finden.
    Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir, und wenn ich meine Hand
auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. Die
Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt und die Türme
seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfüllte mich auf ganz sonderbare
Weise.
    Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum
Weihnachtsabend zu mir zu holen. - Er habe sich nie mehr blicken lassen, erfuhr
ich, und schon wollte ich betrübt wieder gehen, da kam ein alter Tabulettkrämer
herein und bot kleine, wertlose Antiquitäten zum Kauf an.
    Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln, kleinen Kruzifixen,
Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem
verschossenen Seidenbande in die Hand, und ich erkannte es voll Erstaunen als
das Andenken, das mir Angelina, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen, einst
beim Springbrunnen in ihrem Schloss geschenkt hatte.
    Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sähe ich in einen
Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. -
    Lange, lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine, rote Herz
in meiner Hand. - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich sass in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln, wenn
hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen begann.
    »Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo in
der Welt seinen Marionettenweihnachtsabend«, malte ich mir aus, - »und
deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines Lieblingsdichters Oskar
Wiener«:
Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hängt an einem Seidenbande.
O du, o gib das Herz nicht her;
Ich war ihm treu und hatt' es lieb,
Und diente sieben Jahre schwer
Um dieses Herz, und hatt' es lieb!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute.
    Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch. Rauch
ballte sich im Zimmer.
    Als ob mich eine Hand zöge, wandte ich mich plötzlich um und:
    Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgänger. In einem weissen
Mantel. Eine Krone auf dem Kopf.
    Nur einen Augenblick.
    Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür, und eine Wolke erstickenden
heissen Qualms schlug herein:
    Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich reisse das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.
    Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.
    Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.
    Dann das gespenstische, rhytmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie die
Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das Feuer.
    Glas klirrt und rote Lohe schiesst aus allen Fenstern.
    Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Strasse liegt voll davon,
Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.
    In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich weiss nicht
warum. Das Haar sträubt sich mir.
    Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die
Flammen greifen nach mir.
    Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt.
    Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als Knabe
beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab.
-
    Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:
    Drin ist alles blendend erleuchtet.
    Und da sehe ich - - - da sehe ich - - - mein ganzer Körper wird ein einziger
hallender Freudenschrei:
    »Hillel! Mirjam! Hillel!«
    Ich will auf die Gitterstäbe losspringen.
    Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.
    Einen Augenblick hänge ich, Kopf abwärts, die Beine gekreuzt, zwischen
Himmel und Erde.
    Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.
    Ich falle.
    Mein Bewusstsein erlischt.
    Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein
Halt:
    der Stein ist glatt.
                              Glatt wie ein Stück
                                     Fett.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
 
                                     Schluss
»- - - wie ein Stück Fett!«
    Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stück Fett.
    Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und muss
mich besinnen, wo ich bin.
    Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
    Ich heisse doch gar nicht Pernat.
    Habe ich das alles nur geträumt?
    Nein! So träumt man nicht.
    Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist halb
drei.
    Und dort hängt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin
verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank sass.
    Steht ein Name darin?
    Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weissen Seidenfutter
den fremden und doch so bekannten Namen:
                               ATHANASIUS PERNATH
    Jetzt lässt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe die
Treppe hinunter.
    »Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren.«
    »Wohin, bitt schän?«
    »In die Judenstadt. In die Hahnpassgasse. Gibt's überhaupt eine Strasse, die
so heisst?«
    »Freilich, freilich« - der Portier lächelt malitiös - »aber in der
Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu gebaut,
bitte.«
    »Macht nichts. Wo liegt die Hahnpassgasse?«
    Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: »Hier, bitte.«
    »Und die Schenke Zum Loisitschek?«
    »Hier, bitte.«
    »Geben Sie mir ein grosses Stück Papier.«
    »Hier, bitte.«
    Ich wickle Pernats Hut hinein. Merkwürdig: er ist fast neu, tadellos sauber
und doch so brüchig, als wäre er uralt. -
    Unterwegs überlege ich:
    Alles, was dieser Atanasius Pernat erlebt hat, habe ich im Traum
miterlebt, in einer Nacht mitgesehen, mitgehört, mitgefühlt, als wäre ich er
gewesen. Warum weiss ich denn aber nicht, was er in dem Augenblick, als der
Strick riss und er »Hillel, Hillel!« rief, hinter dem Gitterfenster erblickt hat?
    Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich.
    Ich muss diesen Atanasius Pernat auffinden, und wenn ich drei Tage und drei
Nächte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor. - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Also das ist die Hahnpassgasse?
    Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen! -
    Lauter neue Häuser.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek. Ein stilloses, ziemlich
sauberes Lokal.
    Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer; eine gewisse
Ähnlichkeit mit dem alten geträumten »Loisitschek« ist nicht zu leugnen.
    »Befehlen, bitt' schön?«, fragt die Kellnerin, ein dralles Mädel, in einen
rotsamtenen Frack buchstäblich hineingeknallt.
    »Kognak, Fräulein. - So, danke.«
    - - - - -
    »Hm. Fräulein!«
    »Bitte?«
    »Wem gehört das Kaffeehaus?«
    »Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. - Das ganze Haus gehört ihm. Ein sehr
feiner reicher Herr.«
    - Aha, der Kerl mit den Schweinszähnen an der Uhrkette! erinnere ich mich. -
    Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:
    »Fräulein!«
    »Bitte?«
    »Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt?«
    »Vor dreiunddreissig Jahren.«
    »Hm. Vor dreiunddreissig Jahren!« - ich überlege: der Gemmenschneider Pernat
muss also jetzt fast neunzig sein.
    »Fräulein!«
    »Bitte?«
    »Ist hier niemand unter den Gästen, der sich noch erinnern kann, wie die
alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und
interessiere mich dafür.«
    Die Kellnerin denkt nach: »Von den Gästen? Nein. - Aber warten S': der
Billardmarqueur, der dort mit einem Studenten Carambol spielt, - sehen Sie ihn?
Der mit der Hakennase, der Alte, - der hat immer hier gelebt und wird Ihnen
alles sagen. Soll ich ihn rufen, wenn er fertig ist?«
    Ich folgte dem Blick des Mädchens:
    Ein schlanker, weisshaariger, alter Mann lehnt drüben am Spiegel und kreidet
seine Queue. Ein verwüstetes, aber seltsam vornehmes Gesicht. Woran erinnert er
mich nur?
    »Fräulein, wie heisst der Markör?«
    Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch, leckt
an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen unzählige Male auf die
Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem Finger rasch wieder aus.
Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder sengende Glutblicke zu; - je nachdem
sie ihr gelingen. Unerlässlich ist natürlich das gleichzeitige Emporziehen der
Augenbrauen, denn es erhöht das Märchenhafte des Blickes.
    »Fräulein, wie heisst der Markör?«, wiederhole ich meine Frage. Ich sehe ihr
an, sie hätte lieber gehört: Fräulein, warum tragen Sie nicht nur einen Frack?
oder etwas Ähnliches, aber ich frage es nicht; mir geht mein Traum zu sehr im
Kopf herum.
    »No, wie wird er denn heissen,« schmollt sie, »Ferri heisst er halt. Ferri
Atenstädt.«
    »So so? Ferri Atenstädt! - Hm, - also wieder ein alter Bekannter.«
    »Erzählen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Fräulein,« girre ich, muss
mich aber sofort mit einem Kognak stärken, »Sie plaudern gar so herzig!« (Ich
ekle mich vor mir selber.)
    Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im Gesicht
kitzeln, und flüstert:
    »Der Ferri, der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener. - Er soll von
uraltem Adel gewesen sein - es ist natürlich nur so ein Gerede, weil er keinen
Bart nicht trägt - und furchtbar viel Geld g'habt habn. Eine rotaarige Jüdin,
die schon von Jugend auf eine Person war« - sie schrieb wieder rasch ein paarmal
ihren Namen auf - »hat ihn dann ganz ausgezogen. - Punkto Geld mein' ich
natürlich. No, und wie er dann kein Geld nicht mehr gehabt hat, ist sie weg und
hat sich von einem hohen Herrn heiraten lassen: von dem ...« - sie flüsterte mir
einen Namen ins Ohr, den ich nicht verstehe. »Der hohe Herr hat dann natürlich
auf alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von Dämmerich
nennen dürfen. No ja. Aber dass sie früher eine Person g'wesen ist, hat er ihr
halt doch nicht wegwaschen können. Ich sag immer -.«
    »Fritzi! Zahlen!« ruft jemand von der Estrade herab. -
    Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da höre ich plötzlich ein
leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
    Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
    Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Metusalem, eine Spieldose, so klein
wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skelettänden sitzt ganz in sich
zusammengesunken - der blinde, greise Nephtali Schaffranek in der Ecke und
leiert mit der winzigen Kurbel.
    Ich trete zu ihm.
    Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin:
    »Frau Pick,
    Frau Hock.
    Und rote, blaue Stern
    die schmusen allerhand.
    Von Messinung, an Räucherl und Rohn.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Wissen Sie, wie der alte Mann heisst?«, frage ich einen vorbeieilenden
Kellner.
    »Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst hat
ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 Jahre alt! Er
kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.«
    Ich beugte mich über den Greis, - rufe ihm ein Wort ins Ohr: »Schaffranek!«
    Es durchfährt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend
über die Stirn.
    »Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?«
    Er nickt.
    »Passen Sie mal gut auf! Ich möchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit. Wenn
Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich hier auf den
Tisch lege.«
    »Gulden«, wiederholt der Greis und fängt sofort an, wie ein Rasender auf
seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.
    Ich halte seine Hand fest: »Denken Sie einmal nach! - Haben Sie nicht vor
etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernat gekannt?«
    »Hadrbolletz! Hosenschneider!« - lallt er astmatisch auf und lacht übers
ganze Gesicht, in der Meinung, ich hätte ihm einen famosen Witz erzählt.
    »Nein, nicht Hadrbolletz: - - Pernat!«
    »Pereles?!« - er jubelt förmlich.
    »Nein, auch nicht Pereies. - Per-nat!«
    »Pascheies?!« - er kräht vor Freude. - -
    Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    »Sie wollten mich sprechen, mein Herr?«, - der Markör Ferri Atenstädt steht
vor mir und verbeugt sich kühl.
    »Ja. Ganz richtig. - Wir können dabei eine Partie Billard spielen.«
    »Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.«
    »Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markör.«
    Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gickst, macht ein ärgerliches
Gesicht. Ich kenne das: er lässt mich bis 99 kommen, und dann macht er in einer
Serie »aus«.
    Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
    »Entsinnen Sie sich, Herr Markör: vor langer Zeit, etwa in den Jahren, als
die steinerne Brücke einstürzte, in der damaligen Judenstadt einen gewissen -
Atanasius Pernat gekannt zu haben?«
    Ein Mann in einer rotweissgestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und
kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und eine
Zeitung liest, fährt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
    »Pernat? Pernat?« wiederholt der Markör und denkt angestrengt nach -
»Pernat? - War er nicht gross, schlank? Braunes Haar, melierten
kurzgeschnittenen Spitzbart?«
    »Ja. Ganz richtig.«
    »Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie - -«, Seine Durchlaucht starrt
mich plötzlich überrascht an. - »Sie sind ein Verwandter von ihm, mein Herr?!«
    Der Schieläugige bekreuzigt sich.
    »Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. - Nein. Ich interessiere mich nur für
ihn. Wissen Sie noch mehr?«, sage ich gelassen, fühle aber, dass mir eiskalt im
Herzen wird.
    Ferri Atenstädt denkt wieder nach.
    »Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit für verrückt. - Einmal behauptete
er, er hiesse - warten Sie mal, - ja: Laponder! Und dann wieder gab er sich für
einen gewissen - Charousek aus.«
    »Kein Wort wahr!« fährt der Schieläugige dazwischen. »Den Charousek hat's
wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm geerbt.«
    »Wer ist dieser Mann?«, fragte ich den Markör halblaut.
    »Er ist Fährmann und heisst Tschamrda. - Was den Pernat betrifft, so
erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens - dass er in späteren Jahren
eine sehr schöne, dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat.«
    »Mirjam!« sage ich mir und werde so aufgeregt, dass mir die Hände zittern und
ich nicht mehr weiterspielen kann.
    Der Fährmann bekreuzigt sich.
    »Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?«, fragt der Markör
erstaunt.
    »Der Pernat hat niemals nicht gelebt«, schreit der Schieläugige los. »Ich
glaub's nicht.«
    Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprächiger wird.
    »Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernat lebt noch immer«, rückt der
Fährmann endlich heraus, »er is, hör' ich. Kammschneider und wohnt auf dem
Hradschin.«
    »Wo auf dem Hradschin?«
    Der Fährmann bekreuzigt sich:
    »Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: an der
Mauer zur letzten Latern.«
    »Kennen Sie sein Haus, Herr - Herr - Tschamrda?«
    »Nicht um die Welt möcht' ich dort hinaufgehen!«, protestiert der
Schieläugige. »Wofür halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!«
    »Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr
Tschamrda?«
    »Das schon«, brummte der Fährmann. »Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr früh;
dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat Ihnen ab! Sie stürzen in den
Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige Muttergottes!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her. Ich
fühle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
    Plötzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.
    Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter, die
fettig glänzenden Steinsimse - alles, alles!
    »Wann ist dieses Haus abgebrannt?«, frage ich den Schieläugigen. Es braust
mir in den Ohren vor Spannung.
    »Abgebrannt? Niemals nicht!«
    »Doch! Ich weiss es bestimmt.«
    »Nein.«
    »Aber ich weiss es doch! Wollen Sie wetten?«
    »Wieviel?«
    »Einen Gulden.«
    »Gemacht!« - Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. »Ist dieses Haus
jemals abgebrannt?«
    »I woher denn!« Der Mann lacht. -
    Ich kann und kann es nicht glauben.
    »Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin,« beteuert der Hausmeister, »ich müsst's
doch wahrhaftig wissen.«
    - - - Sonderbar, sonderbar! - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Fährmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten Brettern
besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen über die Moldau. Die gelben
Wasser schäumen gegen das Holz. Die Dächer des Hradschins glitzern rot in der
Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefühl ergreift Besitz von mir. Ein
leise dämmerndes Gefühl wie aus einem früheren Dasein, als sei die Welt um mich
her verzaubert - eine traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren
Orten zugleich.
    Ich steige aus.
    »Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?«
    »Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen hätten rudern, - hätt's zwei Kreuzer
'kost.«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Denselben Weg, den ich heute nacht im Schlaf schon einmal gegangen, wandere
ich wieder empor: die kleine, einsame Schlossstiege. Mir klopft das Herz und ich
weiss voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Äste über die Mauer
herübergreifen.
    Nein: er ist mit weissen Blüten besät.
    Die Luft ist voll von süssem Fliederhauch.
    Zu meinen Füssen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der
Verheissung.
    Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
    Mit geschlossenen Augen könnte ich mich hinauffinden in die kleine, kuriose
Alchimistengasse, so vertraut ist mir plötzlich jeder Schritt.
    Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weissschimmernden Haus gestanden
hat, schliesst jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes Gitter die Gasse
ab.
    Zwei Eibenbäume ragen aus blühendem, niederem Gesträuch und flankieren das
Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang läuft.
    Ich strecke mich, um über das Strauchwerk hinüberzusehen, und bin geblendet
von neuer Pracht:
    Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Türkisblau mit goldenen,
eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des ägyptischen Gottes Osiris
darstellen.
    Das Flügeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hälften, die
die Türe bilden, - die rechte weiblich, die linke männlich. - Er sitzt auf einem
kostbaren, flachen Tron aus Perlmutter - im Halbrelief - und sein goldener Kopf
ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die Höhe gestellt und dicht aneinander,
dass sie aussehen wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen Buches. -
    Es riecht nach Tau, und Hyazintenduft weht über die Mauer herüber. - - -
    Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als träte eine
fremde Welt vor mich, und ein alter Gärtner oder Diener mit silbernen
Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von links
hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stäbe, was ich wünsche.
    Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Atanasius Pernats hinein.
    Er nimmt ihn und geht durch das Flügeltor.
    Wie es sich öffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus und
auf seinen Stufen:
                               ATHANASIUS PERNATH
und an ihn gelehnt:
                                    MIRJAM,
und beide schauen hinab in die Stadt.
    Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lächelt und flüstert
Atanasius Pernat etwas zu.
    Ich bin gebannt von ihrer Schönheit.
    Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
    Atanasius Pernat dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt stehen:
    Mir ist, als sähe ich mich im Spiegel, so ähnlich ist sein Gesicht dem
meinigen.
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    Dann fallen die Flügel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den
schimmernden Hermaphroditen.
    Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt - ich höre seine Stimme wie aus
den Tiefen der Erde -:
    »Herr Atanasius Pernat lässt verbindlichst danken und bittet, ihn nicht für
    ungastfreundlich zu halten, dass er Sie nicht einlädt, in den Garten zu
    kommen, aber es ist strenges Hausgesetz so von alters her.
        Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm die
        Verwechslung sofort aufgefallen sei.
        Er wolle nur hoffen, dass der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen
        verursacht habe.«
 
    