
        
                                   Ida Boy-Ed
                                  Vor der Ehe
 Die Tagesarbeit war abgeschlossen. Nun sass Frau Sophie an ihrem Teetisch und
zögerte noch, sich mit der Post zu beschäftigen. Es tat so wohl, den Nerven eine
kurze Schonung zu gönnen. Es war so notwendig, sich diesem Zustand hinzugeben,
der Erschöpfung nach grosser geistiger Anstrengung zu sein schien. Sophie kannte
das aber wohl, wie sich gerade in dieser Ruhe die noch undeutlichen Anregungen
aus den letzten Arbeitsstunden zu klaren Erkenntnissen für das Schaffen des
nächsten Tages gestalten konnten.
    Gerade über ihrem Kopf, im vierten Stockwerk, wusste sie ihr Atelier. Es lag
nun verlassen, vom Abend des früh geendeten Novembertages erfüllt, auskältend
und kahl. Es war streng eingerichtet, nur für den Arbeitszweck. Und in ihrer
Phantasie sah Sophie von der Staffelei her das altersbleiche Gesicht und die
klugen, milden Augen der fürstlichen Greisin, deren Bildnis sie eben malte,
gleich einem blassen, schwach erkennbaren helleren Fleck im Dunkel des Raumes.
Sie malte in ihren Gedanken immer noch daran weiter. Nichts störte sie in dieser
rückblickenden Vertiefung. Um sie war eine so behütete Stille, dass sich die
Nerven davon geliebkost fühlten. Und wie angenehm war die sanfte Beleuchtung für
die Augen, die den ganzen Tag ihren Beruf, zu schauen, mit der grössten
Anspannung erfüllt hatten.
    Sophie seufzte tief auf, in einer ganz einfachen, unbeschreiblichen
Zufriedenheit. Aus allen Ecken und Winkeln des Zimmers schien die Ruhe auf sie
zuzukommen und sie in ihre Arme zu nehmen. Und sie dachte: das ist nun auch
einer von den Genüssen, die die Jungen und die Berufslosen nicht kennen, diese
Hingegebenheit an den Augenblick, der einmal nichts von einem fordert!
    Freilich, da lag ein Brief von ihrem Aeltesten. Und sie wusste vorweg: er
schrieb nicht einfach. Seine Worte hatten Gehalt, oft schwerer Art.
    Aber erst kam der Tee. Der duftete ihr fein entgegen. Er war ihr
Lebenstrank, ihr Anreger, ihr Erretter aus jeder Abspannung, ihr »Laster«, wie
sie scherzend zu sagen pflegte. Und der Eine, dem ihr Dasein kostbar war, der
schalt wohl gelegentlich über die vielen Tassen Tee, die sie sich nach
arbeitshartem Tag gern gönnte. Wie beglückend war der Gedanke an diese
Strafpredigten. Mit einem seligen Lächeln genoss sie diese Erinnerung an seine
Fürsorge; und das Lächeln wurde beinahe zum deutlichen Lachen, als sie nach
Frauenart den Vermahnungen zuwiderhandelte und sich die dritte Tasse eingoss. Um
mich für Allerts Brief zu rüsten, dachte sie entschuldigend. Und fühlte sich nun
auch so frisch, um die schwierigsten Debatten gegen den Brief des Sohnes
auszufechten. Denn seine Briefe waren wie ein wichtiger Mensch, mit dem man sich
sehr genau über alle Fragen auseinandersetzen will und muss, koste es noch so
viele Mühe des Herzens und Verstandes.
    Er kämpfte ja einen prachtvollen, harten Arbeitskampf, von dem man noch
nicht wusste, wie er ausgehen würde. Aber Sophie glaubte: gut! Sie dachte:
eiserner Wille, starkes Können! Das gibt Sieg. Freilich mit Kapital war er
beengt. Das machte es so schwer.
    Könnte ich ihm geben - könnte ich doch! wünschte sie. Aber wo sollte sie es
hernehmen? Solche Summen? Kleine taten es ja nicht. Allert schrieb:
»Liebe Mutter!
    Es freut mich ausserordentlich, dass Du die alte Durchlaucht malen darfst. Das
fünfte Porträt dieses Jahr. Und immer feine Köpfe, angesehene, ja erste
Persönlichkeiten. Du kannst also, so nahe dem Abschluss des Jahres, wieder einmal
auf künstlerisch und finanziell lohnende Resultate zurücksehen. Die ersteren
sind freilich wohl wieder stärker als die letzteren. Es erbittert mich immer
neu, wenn ich erfahre, dass Deine männlichen Kollegen, mögen sie Dir auch
künstlerisch nachstehen, doch höhere Honorare erhalten. Aber Du behauptest Dich
in der Front der Schaffenden. Und das ist die Hauptsache. Raspe und ich sind
stolz auf Dich. Wenn ich bedenke, wie spät erst Du Dir Deines Talentes recht
bewusst wurdest, wie Du in der Sorgenzeit nach Vaters Tod den Mut hattest, Deine
Begabung auszubilden und zum Beruf zu wählen, so kann dies meine Bewunderung für
Deine Erfolge nur steigern.
    Damit hast Du uns viel gegeben, gibst uns jeden Tag. Wir sehen Dich von der
eigenen Kraft jeden Tag, unabhängig von Stimmungen und körperlichen
Beeinträchtigungen, das Äusserste fordern! Wie mir das hilft - wenn mir unmutige
Augenblicke kommen wollen! Ja, Mutter, dann hilft es mir, an Dich zu denken. Und
darum muss es Dich nicht bedrücken, dass Du mir nicht mit Kapital beistehen kannst
und sollst. Denn das bisschen, was Du Massvolle von Deinen Einkünften nicht
brauchst und zurücklegst, muss zur Sicherung Deines Alters dienen. In die
Industrie darfst Du es nicht hineingeben.
    Sorge Dich, bitte, nicht. Ich hege die Hoffnung, einen Kommanditisten zu
finden. Die Einblicke, die ich einem Geldgeber - sei es ein Privatmann oder eine
Bank - gewähren kann, sind ff. Wer die Dinge zu beurteilen vermag, muss erkennen,
dass mein Unternehmen blühen will - blühen wird, falls man es nur mit etwas mehr
Kapital beweglicher macht. Es wird sich finden. Sei ruhig.
    An Onkel Just will ich nicht herantreten. Er gab mir vor vier Jahren das
erste Geld. Das war schön von ihm, wenn er's auch mit borstigem Wesen gab. War
ja voll Aergernis und Gegenmeinung, weil ein Hellbingsdorf Fabrikant und
Kaufmann geworden war und bleiben wollte. Komisch: dass durch ganz Danzig seine
hellblauen Milchwagen fahren mit der Aufschrift: Hellbingsdorfer Meierei,
Vollmilch, Magermilch, Fettkäse usw., findet er ganz selbstverständlich. Das
vereinbart sich mit dem feudalen Charakter eines landwirtschaftlichen Betriebes.
Aber Blechbüchsen mit dem Aufdruck: Farbwerke Allert von Hellbingsdorf, sind ihm
ein greulicher Anblick, und die Lackfarben dieses Werkes könnten noch so
vorzüglich sein - er möchte nicht, dass in seiner Remise ein Leder damit gelackt
würde!
    Er gibt nicht zu, dass zwischen den Produkten der Scholle und denen der
Industrie nur ein Art-, kein Rangunterschied sei. Jawohl, solche Anschauungen
kommen immer noch vor. Und es ist um so putziger, als doch die Maschine auch in
der Landwirtschaft triumphiert.
    Er begreift immer noch nicht, dass der Adel, teils durch eigene Schuld, teils
gedrängt, heute in eine Stellung gekommen ist, wo er sich verteidigen muss, um
sich zu behaupten. Das einzige, modernste und erfolgreichste Verteidigungsmittel
ist aber doch Arbeit!
    Ich bin ein Edelmann und denke es zu bleiben und finde es zeitgemäss, dass
auch ein solcher sich am industriellen und kaufmännischen Kampf beteiligt und
sich dann durchzufechten versucht. Früher focht man mit Lanze und Schwert. Die
Waffen haben gewechselt. Das ist alles.
    Also um nicht ganz von Onkel Just abzukommen: Deiner leise vorbeugenden
Anspielung hätte es nicht bedurft; ich klopfe nicht bei ihm an. Dass er mir
überhaupt zur Etablierung verhalf, habe ich ja nur Dir zu verdanken. Sein
ungeheurer Respekt vor Deiner Haltung hat da gesprochen. Er mag damals, nach
unseres Vaters Tod, Angst genug gehabt haben, dass nun ihm alle Lasten zufallen
würden. Und er sah: Du nahmst es allein auf Dich. Und er hört, wenn er mal nach
Berlin kommt, gerade in den Kreisen, die er allein als Welt kennt und anerkennt,
so rühmlich von Dir sprechen. Da konnte, da wollte er sich nicht lumpen lassen,
als wir das erstemal kamen. Und er mag auch gedacht haben: schliesslich ist mir
die Mutter gut dafür, wenn der Sohn Pech hat.
    Soll ich noch auf Deine andere Anspielung eingehen? Haben wir das Tema
nicht schon manchmal erörtert?
    Ich soll wohlhabend heiraten, hoffst Du. Seltsam, dass bei solcher Frage die
zartestempfindenden Frauen ihren Zartsinn vergessen können. Oder habt Ihr Mütter
die naiv-fanatische Ueberzeugung, dass Eure Jungens über die Massen liebens- und
begehrenswert seien? Dass die reichen Erbinnen nur so in den Ballsälen an der
Wand sitzen und sehnlichst warten, wir sollen sie wählen? Ja und wenn! Ich zum
Beispiel, liebe Mutter, will nicht nur ersehnt und geliebt werden, ich will
selbst wünschen und lieben und aus eigener innerster Notwendigkeit mir meine
Gefährtin wählen. Und ich denke mir, so fühlen alle gesunden Kerls meines
Schlags. Aus vollem Herzen will ich mal glücklich werden. Nicht nur aus vollem
Verstand.
    Aber das ist ein weites Feld. Da spielen auch noch zahllose andere Fragen
hinein, ausser denen des Gefühls. Kulturströmungen. Gegenwartsnöte. Und
Unklarheiten über das Weib von heute. Ihre Umrisse schwanken. Es gibt jetzt zu
viele Spielarten. Und sie sind nicht sicher bestimmbar.
    Lassen wir diese Frage um so völliger auf sich beruhen, als ich zurzeit ja
ungefähr vor lauter Arbeit und Kampf in der Lage jener Männer bin, die
annoncieren: Wegen Mangels an Gelegenheit von Damenbekanntschaft usw. usw. Soll
ich? Nein, das wäre mir doch zu bunt: sauer ums Vorankommen kämpfen und mich
nebstbei schon behängen und behemmen mit einem Eheproblem!
    Lass Dich nicht verstimmen. Vielleicht hat Raspe mehr Bereitwilligkeit. Und
in seiner Umwelt findet er auch eher - falls er suchen mag.
    Nun schliesse ich. Immer nehme ich ungern Abschied von Dir. Wenn es auch nur
im Brief ist. Ich scheine bei Dir zu sein, wenn ich schreibe. Und dann bist Du
nicht so allein. Der Gedanke ist mir immer so schwer, dass Du Dich, mühsam
arbeitend, einsam dem Herbst näherst. Darüber darf ich aber nicht nachdenken.
Dann komme ich in eine Stimmung, dass ich, um Dich sorglos lächeln zu sehen, eine
Gould oder Vanderbilt heiraten könnte, falls sie mich nähme.
    Ich küsse Deine lieben Hände.
                                                                   Dein Allert.«
Ueber den Brief war sie ein wenig böse, ein wenig enttäuscht, sehr davon
unterhalten und im ganzen doch sehr glücklich.
    Und dann wunderte sie sich, dass Allert von »einsam« sprach. Er wusste doch
... Nein, Kinder wissen nie und verstehen nie ganz. Sie schätzen die Stellung
der Mutter zu ihren Mitmenschen nie ganz richtig ein. Besonders nicht, wenn der
hauptsächlichste Mitmensch der Mutter ein treuer Freund ist. Die Mutter kann vor
den Söhnen nicht ihr Innerstes beleuchten und durchsprechen, als sei das ein
wissenschaftlich und genau zu erörterndes Objekt. Und ausserdem: Kinder sind auch
immer eifersüchtige Egoisten und gönnen der Mutter alles, wenn sie selbst
einbeschlossen sind, und nichts, wenn es sie ausschliesst.
    Sophie dachte an ihr Glück. Ein leises, feines, karges war es - aber Glück
genug für ein bescheidenes Herz. Leidgewohnte, deren Haar bereift ist, sind
bescheiden.
    Junge Menschen wissen gar nicht, dass auch Alternde lieben und glücklich sein
können, in Empfindungen von einer keuschen Zarteit, geheimnisvoll verwandt den
Träumen der ersten, noch begierdelosen Jugend.
    So lässt die Natur auf dem Feld im Späterbst noch einmal die eine und andere
Frühlingsblume wieder zur Blüte kommen ... Welch tiefes Sinnbild ...
    Sophie schreckte auf. Die wundervolle Stille sollte ihr gestört werden? Ihre
treue alte Tyrannin Terese verstand doch sonst so bestimmt die Tür zu
verteidigen. »Nein,« sagte sie schon ganz ärgerlich zu dem Geräusch draussen,
»nein, ich habe zu denken, habe Verlangen nach Schweigen, will Briefe schreiben
- - dass mich keiner mit seinem Besuch belästigt!«
    Da öffnete sich ein wenig die Tür, und Terese lächelte in der Spalte.
    »Herr Geheimrat!« sagte sie und machte gleichsam Tür und Tore weit, mit
jener froh-feierlichen Geste, die sie immer hatte, wenn sie diesen Mann
hereinliess. Denn sie wusste es aus ihres ergebenen Herzens Ahnungsgefühl heraus:
sein Kommen war ein Fest für ihre Herrin und heute ganz gewiss ein unerwartetes.
    Sophie kam in die Höhe - förmlich ein wenig zitternd und in ihrer Hast durch
den Tisch gehemmt, hinter welchem sie auf ihrem kleinen Ecksofa gesessen hatte.
    »O!« sagte sie nur, in einem stillen und dankbaren Glücksgefühl. Sie
streckte ihm beide Hände hin. Aber mit diesen ihren beiden Händen musste sie
begnügsam seine Rechte umfassen. In der Linken trug er eine grosse Aktenmappe.
    Leise, mit einer scheuen Hingebung lehnte Sophie ihre Stirn einen Augenblick
gegen seine Schulter. Dann sah sie zu ihm empor.
    Der stattliche, grauhaarige Mann lächelte sie gütig an. Sein kluges Gesicht,
von einer gewissen stolzen Regelmässigkeit der Züge, schien sehr bleich. Eine
Falte, wie von Mattigkeit oder Leiden, ging scharf von seinen Mundwinkeln herab.
In seinen dunklen Augen war nicht das strahlende Feuer, das sonst dies ganze
Angesicht wie ins Licht stellte.
    »Was ist Dir?« fragte sie, aufmerkend. Denn sie kannte sein Gesicht in jedem
Ausdruck und sah es nur zu oft verfinstert von Aergernissen und hatte so oft die
Beglückung, dass es hell wurde in ihrer Nähe.
    »Unbehaglich ist mir - und darum komme ich. Gib mir eine Tasse Tee - ja -
hier ist es warm und still und milde ...«
    Er sah sich um. Dieses Zimmer war ja seine Zuflucht. Die sanfte Helle über
dem Ecksofa, das so bequem war - und der gut abgemessene Tisch mit dem
zierlichen Teegerät davor - alles andere lag im Halbdämmer: Bilder und ruhige
Möbel. Er dachte an grell bestrahlte Räume voll Prunk und an eine Frau, die nur
von Vergnügungen und Eitelkeiten wusste.
    Es schien, als fröre ihn.
    »Ja, was hast Du denn?« fragte sie wieder.
    Sie wusste, wieviel er zu tragen hatte in einer Ehe, die zu lösen seine Frau
sich, halb aus Gehässigkeit, halb aus Instinkt der Selbsterhaltung, seit Jahren
weigerte. Denn sie war eine schlechte Wirtschafterin, und seine Umsicht musste
immer die Angelegenheiten ordnen, die ihre Luxusbegierden verwirrten. Und sie
fühlte vielleicht, dass sie, aus seiner lenkenden Hand entlassen, in Ruin kommen
könne. Wie oft kam er, ermüdet von Szenen, um in diesem friedlichen kleinen
Eckchen seine Nerven zu beruhigen.
    Heute hatte Sophie den Freund nicht erwartet. Er kam zumeist am Donnerstag.
In seltenen Fällen trafen sie sich auch in der Gesellschaft, der Sophie sich aus
Klugheitsgründen nicht entziehen konnte. Ihr alter Name hatte ihr doch geholfen,
gleich in Kreise zu kommen, in denen sie Aufträge fand. Sie wusste genau: der
erste war ihr vor zwölf Jahren geworden, wie ein verstecktes Almosen. Ihre
Cousine Lucie, die Gattin des Ministers von Eggebeck, hatte sich bei ihr malen
lassen. Lucie war gutmütig, eitel und mässig bemittelt. Sie sah die Gelegenheit,
sich für eine geringe Ausgabe in ihrer schönsten Hoftoilette malen zu lassen.
Das Porträt gelang, wurde ausgestellt und hatte Erfolg. Erfolg hatte auch die
Malerin, die man von da an im Salon der Exzellenz zuweilen traf. Mit jedem neuen
Auftrag erweiterte sich dann Sophiens geselliger Kreis.
    Im Eggebeckschen Hause hatte Sophie auch den Mann kennen gelernt, dessen
Freundschaft ihr arbeitsames Leben hob und mit freudigem Mut füllte. Ihre
Verbindung war der Welt ein vollkommenes Geheimnis. Was sie einander gaben, war
auch nicht von der Art, das Interesse der Welt zu erregen. Frieden wollten sie
und das bisschen stille Glück, sich Hand in Hand von dem lauten Leben draussen
auszuruhen und sich darüber auszusprechen. Es bedurfte, zumal von Sophiens
Seite, gar keiner besonderen Vorsicht oder Vorsätze, ihre Neigung zu verstecken.
Kein Mensch in der Weltstadt kümmerte sich darum, dass der Geheimrat Rositz
Donnerstag nachmittags Frau von Hellbingsdorf besuchte. Rositz freilich war mit
Bedacht behutsam. Seine Frau hätte ihm diese Erquickung missgönnt und gestört,
wäre auf den Gedanken gekommen, dass er sich Sophiens wegen scheiden lassen
wollte, während er in der Tat schon lange, bevor er die Freundin kannte, um
seine Freiheit rang.
    Sophie schenkte ihm Tee ein und bediente ihn pflegsam und beobachtete dabei
mit immer wachsender Sorge sein schlechtes Aussehen.
    »Wie komme ich heute zu der Freude?« fragte sie.
    »Ich hatte Geschäfte in der Nähe. Geldsachen. Und bin auf dem Wege zu meinem
Bankier. Sollte ich an Deiner Wohnung vorbeifahren? Als Egoist kam ich herauf.
Mir ist irgendwie nicht wohl - kann sein, dass gestern die Austern - na, das ist
vorübergehend - sprechen wir nicht davon! Ein Mann, der lamentiert!«
    Und er lächelte über sein schlechtes Befinden.
    »Ein Brief von Allert?« fragte er dann, und sein Blick deutete auf die
vielen Blätter, die noch nicht wieder zusammengefaltet worden waren.
    »Ja. Und wie immer: bunt durcheinander, voll Freude und Aerger für mich. Er
will nichts davon wissen, dass ich ihm meine Ersparnisse ins Geschäft gebe.«
    »Das ist sehr richtig von ihm.«
    »Aber«, begann sie sehr eifrig, »wozu mache ich sie denn? Du weisst es doch,
Lieber: Ich begann nach meines Mannes Tod so verzweifelt zu studieren und zu
arbeiten, um mein Haus nicht sinken zu lassen! Die künstlerische Freude kam ja
erst hinterdrein und wuchs von Jahr zu Jahr. Wie ein Lohn war das. Aber anfangen
tat ich doch nur um des Geldes willen. Ich hatte zufällig das Talent, mit ein
paar Bleistiftstrichen die Menschen sprechend ähnlich abkonterfeien zu können.
Und ich dachte: daraus kann ich Broterwerb machen. Wieviel darin steckte in dem
Talent, wusst' ich doch damals selbst nicht; das hat sich doch im Lernen und
Arbeiten erst entwickelt. Ich für meine eigene Person hätte mich mit dem bisschen
Geld, das nachblieb, als wir Muschenfelde verkaufen mussten, schon
durchgehungert. Aber ich sah ein: ich wollte und musste kämpfen, um unsere
Familie zu behaupten. Mein Ziel war ja erst, so viel zu erwerben, dass wir unser
Gut zurückkaufen könnten. Das wünschten sich damals auch die Jungens so glühend.
Na - in zwölf Jahren ändert sich mancherlei - und das Kapitalisieren durch
Sparen geht nicht mit Motorgeschwindigkeit, sondern geduldig schrittweise.
Allert wurde Kaufmann - erst auch nur mit dem Ziel: rasch verdienen. Und dann
sah er doch - das geht nicht so flink. Und er sah, dass es sich da noch um viel
wichtigere Dinge handelt als bloss ums Verdienen - um Kulturaufgaben! Nun, das
kann ja keiner besser beurteilen als Du in Deiner Stellung. - Ich seh' nun nicht
ein: weil doch nicht mehr für Muschenfelde gespart wird - warum Allert mein
bisschen nicht in sein Geschäft nehmen will. Er muss es freier und leichter haben.
Wenn einem so die Ellbogen festgehalten werden vom Schicksal - das ist doch
empörend.«
    »Sie werden den meisten Menschen festgehalten. Dem einen so, dem andern so.«
    Tröstend streichelte sie ihm die Hand. Sie wusste doch, woran er dachte.
    »Wenn man sieht, dass alle Vorbedingungen zum Erfolg da sind - und nur Geld
fehlt - das ist doch ein noch plumperes Festgehaltenwerden als so in anderen
Lebensverhältnissen, wo auch Seelisches hineinspielt.«
    Er hatte nachgedacht.
    »Wieviel braucht Allert?«
    »Brauchen? Am liebsten zwei, drei Hunderttausend. Aber mit hundert bis
hundertfünfzig könnte er schon viel machen.«
    »Annähernd in der Höhe könnte ich ihm dienen.«
    Sophie wurde rot vor Schreck. »Nein. O nein - nie. Wenn Deine Frau das
erführe - unmöglich.«
    »Sie würde das nicht. Sie ahnt gar nicht, dass ich ein kleines Vermögen für
mich allein habe. Ihre grossen Einkünfte kommen ja aus fideikommissarischen
Besitzen. Sie sind oft genug für ein halbes Jahr und mehr voraus verbraucht, und
meine aufreibende Arbeit ist, in nächtlichen Stunden immer ausgleichende
Berechnungen aufzustellen, mit Lieferanten Abzahlungen zu vereinbaren, Gelder
aufzunehmen, Ordnung zu schaffen. Wenn ich meine Frau friedlich und
rücksichtsvoll gestimmt finde, weiss ich im voraus: sie ist in einer Klemme, und
ich soll alles einrenken.«
    Er machte eine Pause. Sophie schien es, als atme er mühsam. Und wie elend er
aussah! Doch fuhr er fort:
    »Wenn nun Lyda wüsste, dass ich Kapital habe! Vor zehn Jahren Tante Rositz
beerbte! Da sündigte sie noch toller darauf los und dächte und sagte immer: Du
hast ja Geld - Du machst es wohl in Ordnung. Jeder Begriff von Zahlen und
Grenzen fehlt ihr. Und Du weisst, Sophie - ich ringe um meine Freiheit ... Dafür
hüte ich dies Geld ... Ich denke dabei auch an meine Tochter ... Wenn sie sich
bei einer Scheidung für den Vater entschiede ... dann soll sie es doch bei ihm
etwas reichlicher finden, als sein Beamtengehalt allein gestattete ... Und ich
denke auch an eine teure Frau ...«
    Er drückte der neben ihm Sitzenden fest die Hand.
    Sie schwiegen bewegt. Sie fühlten es beide mit einer schmerzlichen Gewissheit
voraus, dass es ihnen niemals beschieden sein werde, ein Bündnis des
Abendfriedens zu schliessen.
    »Wenn ich nur einmal Deine Tochter sehen könnte,« sprach Sophie leise.
    »Du würdest Freude haben - auch Sorge. - Sie wird nicht erzogen. - Und ich -
ich kann mich wenig um sie kümmern, - wie viel Zeit hab' ich denn für mein Leben
- mein Dasein ist des Staates. - Ja, Du sollst sie kennen lernen - den Winter,
denke ich, macht es sich. Sie fängt an auszugehen. Die Mutter hat sie übermässig
lange zurückgehalten, wollte immer jung bleiben - erwachsene Söhne, die auswärts
sind, scheinen für das Alter einer Frau offenbar kein solcher Gradmesser wie 'ne
Tochter. Ja - sobald Du das Bild der Fürstin Siegstein ausstellst - ja, dann muss
man Lyda suggerieren, dass es Mode und schick sei, sich von Dir malen zu lassen.
Und vielleicht, wenn Tulla Dir sitzt ... Du wirst mit ihr sprechen - sie könnte
Dich lieb gewinnen. Du könntest ihr zur Wohltäterin werden, wie Du es dem Vater
geworden bist ...«
    »Viktor,« sagte sie ergriffen.
    Er nahm sich zusammen.
    »Nun - also vermittle das mit Allert - Du wirst es ihm schon plausibel
machen, woher gerade ich das Vertrauen zu ihm habe ...«
    »Nein,« unterbrach sie ihn mit fester Stimme. »Kein Geld von Dir. Ich weiss,
ich bin Dir die Nächste auf der Welt. Aber unseres Lebens wirtschaftliche Formen
teilen wir ja nicht - seelische Anrechte soll man nicht verquicken mit diesen
brutalen Dingen. Allert wird Auswege finden - er schreibt von Banken - gewiss,
alles wird gut werden ...«
    »Sei keine unpraktische Idealistin,« schalt er.
    »Ich bin es nie. Meine Existenz, bescheiden zwar, doch wohlgegründet, zeigt
es. Aber in dieser Frage lass mich's sein.«
    »Ueberlege! Wenn wir uns wiedersehen, komme ich darauf zurück ... Das heisst,
ich meine Donnerstag - übermorgen bei den Daisters kann man dergleichen nicht
behandeln.«
    »Welche kindliche Freude ich habe, in eine Gesellschaft zu gehen, wenn ich
weiss: Du bist da - man spricht und sieht sich doch - ist's auch manchmal nur ein
kurzer Augenblick. Weisst Du wohl noch, es war auch bei den Daisters, wo ich die
Freude hatte, bei einem Diner Dich als Tischherrn zu bekommen ... Denke Dir,
wahrscheinlich hängt da ein Auftrag in der Luft. Eine Verwandte von Frau Daister
ist bei ihr zum Besuch - die will sich malen lassen - oder hat eine Tochter, die
gemalt werden soll - ich verstand nicht ganz am Telefon die dringliche Mahnung
von Tea Daister, jedenfalls zu kommen ...«
    Sophie lachte in sich hinein.
    »Als ob man mich mahnen müsste! Wo ich Aussicht habe, Dich zu treffen. Wir
haben ohnehin so wenig Häuser zusammen. Und ich weiss wohl, Du bringst mir Opfer,
wenn Du ausgehst ...«
    »Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Das Amt frisst einen auf. Ja - übermorgen -
ich denke - das kleine Unwohlsein wird dann überwunden sein - - Liebe, darf
Terese mir nicht ein Auto von der Ecke heranrufen - mir ist, als könnte ich
nicht mal die paar Schritte gehen.
    Sophie erschrak von neuem. Ihr schien, dass der Ausdruck von Elend sich auf
seinem Gesicht verschärft habe.
    Aber doch - er sprach ja von übermorgen - dachte in Gesellschaft zu gehen.
    »Heute solltest Du Dir Ruhe gönnen,« bat sie dringend, »gleich einen Arzt
fragen - wenn Du Verdacht hast, dass eine Auster« - -
    »Du hast recht,« sagte er, »ich will nach Hause fahren - Geschäfte Geschäfte
sein lassen. Hier, bewahr' mir das ... Ein paar Tage - morgen komm' ich
keinesfalls - vormittags Konferenz, nachmittags Vortrag bei Majestät - abends
habe ich die Herren meines Ressorts zu Tisch - übermorgen die Deputation
rheinländischer Textilindustrieller - wegen der neuen Zölle auf Kunstseidenfäden
- nachmittags treffen die Vettern meiner Frau ein - Rücksprache über die
Finanzverwaltung des Familienbesitzes - abends bei den Daisters ... Ja, so
wird's gerade der Donnerstag, bis ich das abhole ...«
    Sie legte die Hand auf die Mappe, im schweigenden Versprechen, sorgsam das
Anvertraute zu bewahren.
    »Und - nicht wahr? - Du lässt sofort Czermack rufen!« beschwor sie ihn.
    Da musste er doch lächeln.
    »Was Czermack wohl dazu sagte, wenn man ihn wegen eines verstimmten Magens
belästigte! Ich denke, mein guter, alter Kummerfeld reicht mit seinem Wissen für
den Fall.«
    »Und ich bekomme morgen ein Wort. Eine Depesche ... Eine Zeile ...«
    »Ganz bestimmt, wenn sich ein Unwohlsein entwickelt, das mich etwa gar
übermorgen von Daisters fernhält - aber sei unbesorgt - ein kleines drastisches
Mittel, und alles ist morgen vergessen.«
    »Ich hoffe!« sagte sie zuversichtlich.
    »Adieu, Liebe!«
    Er küsste ihr die Stirn.
    Später bildete sie sich immer ein, er habe es in einer seltsam wehmütigen,
feierlichen Art getan.
    Jetzt stand sie und dachte voll Angst nach. Aber ihre mutige Natur kämpfte
gegen die Angst.
    Sie dachte: wir Frauen sind gleich so erschrocken, wenn grossen, stattlichen
Männern etwas fehlt. Es scheint wider des Mannes Wesen zu sein, dass er brüchig
aussieht. Man liebt so die Ganzheit der Kraft am Manne. Und er selbst, der Mann,
hat den naiven Anspruch, dass ihm nichts fehlen dürfe, dass die kleinen Leiden des
Körpers unser weibliches Teil seien; das macht ihn zum unleidlichen Patienten
...
    Und aus diesen Gedanken erwuchs ihr dann der Kummer, dass sie ihn nicht hegen
und pflegen dürfe - ach, alle Unleidlichkeiten und alle seine Ungeduld würde sie
mit Entzücken ertragen haben, um ihm wohltun zu dürfen.
    Es ging ihm vielleicht schlecht. Und dann hatte er niemand um sich als diese
Dienerschaft, die zahlreich, aber schlecht war, weil sie alle paar Wochen
wechselte ...
    Ob seine Tochter wohl die Geschicklichkeit besass, einen Leidenden zu
pflegen? Den Wunsch gewiss. Denn er sprach oft davon, dass seine Tochter ihn liebe
und nur von der Mutter förmlich mit Gewalt von ihm fortgeleitet werde ...
    Aber wahrscheinlich bedurfte er gar keiner Pflege - morgen war das kleine
Unwohlsein vergessen.
    Austern? Hm - von Austernvergiftungen hörte man ja zuweilen. Aber wo er
Austern genoss - in seinem Hause - in der Gesellschaft - da kam doch nur das
Kostbarste und Frischeste auf die Tafel.
    Sie hatte auch wohl bemerkt - die fast gierig verlangte Tasse Tee setzte er
gleich vom Mund ab, mit einer mühsam verborgenen, unwillkürlichen Miene des
Widerwillens. Wie jemand, dem übel ist.
    Was half das Denken und Grübeln? Es hiess, sich in das Schwerste
hineinzwingen, das es für einen temperamentvollen Tätigen gibt: in geduldiges
Warten.
    Das gelang ihr nur für kleine Zeitspannen, die von Sorge und trüben
Vorstellungen unterbrochen wurden. Dies Auf und Ab der zuversichtlichen und
beunruhigten Stimmungen machte, dass sie sich selbst schliesslich ganz unleidlich
vorkam.
    Erst als am andern Morgen die Fürstin Siegstein zur Sitzung kam, fand Sophie
mehr innere Haltung.
    Die ungemeine Menschenkenntnis und das gütige Wesen der greisen Durchlaucht
machten die Stunden der Sitzung für Sophie zu reichem Gewinn.
    »Ob ich jemals zu der Abgeklärteit und Harmonie komme, die alle an Eurer
Durchlaucht bewundern?« fragte sie klagend.
    »Um Gottes willen! Nur ja nicht. Abgeklärteit ist Alter. Gärung ist Jugend.
Und Sie sind Künstlerin und müssen jung bleiben. Sie wissen wohl, ich meine
nicht im Gebaren, sondern im Herzen. Denken Sie daran, wie jung unsere drei
Giganten blieben! Goete, Bismarck, Wagner. Bis zum Tod noch, dicht neben
senilen Zügen: göttliche Jugend. - Aber - liebste Hellbingsdorf - ein bisschen
was davon spukt auch noch in mir herum! Dass Sie nicht etwa einen steifleinenen
Bonzen aus mir machen!«
    »Ich hoff', Durchlaucht werden zufrieden sein,« sagte Sophie lächelnd.
    Als sie nach der Sitzung in ihre Wohnung hinunterlief, fand sie keinen Brief
und keine Depesche.
    Das war beruhigend. Auch am Nachmittag nichts. Immer leichter wurde ihr ums
Herz. Und sie stellte ihn sich vor, wie er, vielleicht ein wenig angegriffen,
doch in gewohnter Beherrschung von Menschen und Dingen, sein übermässig beladenes
Arbeitsprogramm abwickelte.
    Sie fing an, sich der Vorfreude hinzugeben auf morgen!
    Wie leicht liessen sich die Stunden ertragen bis dahin. Und am Mittwoch
Nachmittag kamen und gingen, wie immer, eine Menge Menschen bei ihr aus und ein.
Zwischen Teeanbieten und Plaudern und all der Unruhe solcher Empfangsstunden
hörte sie doch Tröstliches: zwei Damen sprachen von dem grossen Ballfest, das
Frau Geheimrat Rositz gäbe - die Tochter sollte offiziell eingeführt werden. Es
schien aus dem Gespräch hervorzugehen, dass die Einladungen gestern erst versandt
worden seien. Jemand sagte: »Na endlich - die Tochter muss mindestens achtzehn
Jahre alt sein.« - Und eine Dame fragte: »Rositz wird wohl nächstens Exzellenz?«
- »Ja,« hiess es, »sie kann es kaum noch erwarten, sie hat gelitten - Frau Rositz
- das war ihr grässlich - sie, eine geborene Freiin von Buschke.« - »Ach Gott,«
sagte da die Gräfin Bretten mit einem impertinenten Lächeln, »so sehr kann die
gute Lyda ja noch gar nicht an die sieben Zacken gewöhnt gewesen sein. Sie war
ja schon beinahe erwachsen, als die Buschkes aufhörten, selber Kohlen zu
schaufeln - ja, so Kohlenbergwerke - und dann mal 'ne grossartige Stiftung - das
ist heut der Weg ...«
    Sonst war es Sophie schrecklich, wenn des teuren Mannes Frau durchgehechelt
wurde. Jetzt aber horchte sie mit ganzer Seele. - Wenn man aus dem Hause Rositz
gestern Balleinladungen versandt hatte, musste es ihm gut gehen ...
    Und Freude im Herzen schmückte sie sich für den Abend. Sie wählte ein Kleid,
von dem er einmal flüchtig bemerkt hatte, es sei sehr schön und so vornehm
einfach. Nichts putzte den weichen Stoff als eine alte Spitze.
    Sophie ging zu Fuss. Von ihrer stillen Nebenstrasse war der Weg nicht weit bis
zum Kurfürstendamm, wo die Daisters in einem palastartigen Haus ein Stockwerk
bewohnten. Der Novemberabend war trocken und nicht kalt.
    Immer neu drang das Phänomen der Weltstadtstrasse auf Sophie ein. Nur im
Bewusstsein hatte man es: Abend und Winter. Eigentlich verschlang das stark
flutende Leben auf diesen Bürgersteigen, Fahrdämmen und Mittelwegen alle
Erscheinungen des Wechsels. Aus breiten Ladenfenstern brach Tageshelle; sie
zitterte bläulichweiss herab aus grossen Bogenlampen, sie huschte blitzend
vorüber, wie jagende grosse Sterne, an den Autos und Wagen. Sie tötete die Nacht,
die hoch droben, nicht gefühlt und nicht beachtet, als schwarzer Himmel über der
durchflimmerten Unruhe stand. Und Wärmeströme hauchten aus den Türen der
Restaurants und der Läden.
    Zwischen dem Gewühl der aneinander vorbeidrängenden Menschen konnte sich
keine Kälte, still um sich wirkend, ausbreiten. Der stetig gleiche Lärm der
Strasse, dieser Zusammenklang von hundert kleinen, harten, hellen und hundert
starken, dunklen Tönen, wurde wie ein Strom - alles floss in ihm zu einem
Geräusch durcheinander, das die Luft aufnahm, sich ganz damit anfüllend. Man
fühlte sich einem Etwas dahingegeben, das stärker war als man selbst. Man verlor
gleichsam sein Eigendasein und wurde zum Atom - ein Pünktchen wurde man, in
einem Riesenbilde.
    Das tat den Nerven manchmal wohl. Das trug einen. Alles sprach: die Welt
steht ja noch - geht weiter - schiebt auch dein Teilchen Leben auf dem Wege
voran.
    Manchmal aber tat es weh, verschlang zu sehr, wollte nicht gestatten, dass
man sich behaupte. Schrie einem so mitleidslos zu, dass man allein stehe unter
den Millionen.
    Sophie ging sehr langsam. Sie wünschte nach ihm anzukommen, genoss vorweg das
Glück, ihn gleich beim Eintreten unter den andern Gästen zu bemerken. Seine Frau
würde natürlich nicht da sein; es war ihre Gewohnheit, immer in letzter Stunde
abzusagen, wo ihr Mann zugesagt hatte. Seit vielen Jahren hatte das Ehepaar sich
nicht zusammen in Gesellschaft gezeigt; den Geheimrat traf man überhaupt nur
selten.
    Aber als sie die Räume betrat, sah sie ihn nicht. In den beiden sehr grossen
Zimmern, die strahlend von Licht und prangend von Blumen waren, befanden sich
nur etwa dreissig Menschen. Sophie kannte fast alle. Und alle Welt, die Hausfrau
zumeist, begrüsste sie mit einer besonderen Art von Freudigkeit. Sie empfand
wohl, dass man ihr herzliche Gesinnungen schenkte, aber über den Grad ihrer
Beliebteit hatte sie noch nie nachgedacht. Sie war sich der graziösen Würde
ihres Auftretens nicht bewusst und noch viel weniger des naiven Zaubers, den ihr
die lebhaft gezeigte Anteilnahme an Leid und Freud' der Mitmenschen gab. Sie war
wirklich etwas in der Mode, und man fand sie »entzückend«.
    Man sprach auf sie ein, und sie sprach zu andern. Und hatte dabei doch immer
die Tür im Auge. Sie spürte wohl: es wurde gewartet. Man ging noch nicht zu
Tisch. Vielleicht wartete man auf ihn. Sie wagte nicht zu fragen. Während sie
mit dem Neffen der Fürstin Siegstein von der mütterlichen Güte seiner Verwandten
sprach, hörte sie deutlich, dass neben ihr eine Dame zur andern sagte:
    »... dann noch Einladungen zu verschicken!«
    »Sieht ihr ähnlich. Czermack soll es sehr ernst ansehen ... man sagt ...«
    Das versetzte Sophie den Atem. Von wem sprachen diese beiden? Grosser Gott,
von wem?
    Sie liess den jungen Siegstein stehen. Da war die Hausfrau - ihrer Gewohnheit
nach immer ein wenig eilig und unruhig unter ihren Gästen und jetzt von dem
ärgerlichen Zweifel hingenommen: sollte man warten oder nicht? Der Geheimrat
Rositz fehlte, und es fehlte noch ihre Tante, die Senatorin Amster mit
Pflegetochter - eben die junge Dame, die Sophie malen sollte. Sie schalt vor
Sophiens Ohren auf die unpünktliche Senatorin; Sophie aber hatte nur dies eine
gehört: man erwartete »ihn« also doch! Jene Worte der beiden Damen konnten sich
nicht auf ihn beziehen!
    Jetzt öffnete sich die Tür. Eine stattliche Frau kam herein, in stolzer,
sicherer Haltung, blond, elegant, mit klugen, etwas scharfen Zügen.
Gewissermassen in ihrem Gefolge erschien auch eine junge Dame in Weiss, die man
aber wegen des bedeutenden Auftretens der älteren Dame kaum beachtete.
    »Na endlich!« sagte Tea Daister. Ja, die Senatorin hatte keine Schuld. Man
wusste doch, wie sie Unpünktlichkeit hasste, wo jede Minute des Tags kostbar und
eingeteilt war. Aber eine Panne - es war ärgerlich gewesen und aufregend dazu.
Und zugleich, während sie dies erklärte, ging ihr lebhafter Blick über die
Gesellschaft hin, eigentlich mehr gleichgültig als neugierig. Ganz sachlich sich
auch des ihr hier einzig Wichtigen erinnernd, sagte sie dann:
    »Ich sollte Sophie von Hellbingsdorf kennen lernen.«
    Tea Daister machte die Damen miteinander bekannt.
    »Teas Bild hat meinen Schwager und meine Schwägerin entzückt,« teilte die
Senatorin mit, »es ist sprechend. Die ganze muntere, etwas unruhige und
zärtliche Art Teas ist darin. Aehnlichkeit zu geben und zugleich das
Individuelle, ist ja schwer - wie vielen Malern entschlüpft beim Bestreben, das
letztere zu offenbaren, die genauere Linie der ersteren.«
    Sophie merkte gleich: die Senatorin mochte gern sprechen und war sich
bewusst, auch etwas zu sagen.
    »Ich möchte Sie nun bitten, meine Tochter zu malen - hier ist Marieluis -
wissen Sie, gerade im gegenwärtigen Stadium ihrer Entwicklung möchte ich sie
festgehalten sehen - wie interessant kann das später werden - wenn sie geistig
weiter geht - wenn das Bild und das Modell sich voneinander entfernen. Sie
müssen wissen, ich hatte keine Kinder. Als leidenschaftliche Erzieherin musste
ich mir eins annehmen.«
    Sophie sagte einiges darüber, dass Wahl oft fester binde und tiefere Liebe
erwachsen lasse als natürliche Bande. Und dabei sah sie immer nach der Tür und
fühlte die Minuten bleiern werden.
    Das junge Mädchen stand dabei und hörte zu. Sie war offenbar gewohnt, dass
unbefangen vor ihr das Praktische und Seelische ihres Verhältnisses zur
Pflegemutter erörtert wurde. Jetzt hatte Sophie keinen Blick für ihr
demnächstiges Modell. Marieluis war ein wohlgewachsenes Mädchen, beinahe gross
von Gestalt, mit gekraustem Blondhaar, das Stirn und Schläfe wellig umgab. In
dem schönen Gesicht fiel der intelligente Ausdruck auf und eine gewisse
entschlossene Klarheit des Blicks. Nein, das sah Sophie nicht. Sie sah nur die
Tür, die sich nicht mehr öffnete ...
    »Meine Tochter«, erzählte die Senatorin, »soll kein leeres Luxusleben
führen, wie Tea das tat. Marieluis soll und will lernen. Sie arbeitet! Tea
durfte so blind drauf los ihren Wandsbeker Husaren heiraten - unfertig wie sie
war - ungeprüft - denn wie wenig kannte man sich eigentlich! Man war bloss
verliebt. So was ist nicht in unserm Programm - nicht, Kind? Nun, es ist ja gut
abgelaufen mit Tea und Kurt. Es steckte mehr in ihm, als man ahnen konnte. Sein
Uebertritt in die Diplomatie hat mich auch recht gefreut. Ich bezweifle auch
nicht, dass er sein diplomatisches Examen gut besteht. Nur wundert es mich, dass
Daisters dabei so gesellig leben können - wenn man im Auswärtigen Amt arbeitet
und sich vorbereitet - auf ein Examen!«
    Welche Mühe musste Sophie sich geben zuzuhören. Um sie herum war frohes
Stimmendurcheinander; beglänzte Seidenfalten schimmerten warm und prunkvoll,
edle Steine strahlten wie Tautropfen im Sonnenlicht. Aber das Zimmer war für
Sophie leer und dunkel, weil der eine noch nicht da war, auf den sie wartete.
    Nun kam aber aus dem Munde der Senatorin die Bitte, die Sophie aufhorchen
machte.
    »Ich möchte keinen längeren Aufentalt in Berlin nehmen. Sie haben wohl
manchmal davon gehört - Art der Städte - Art der Menschen zu verschieden - ich
fühl' mich hier nicht behaglich. Zu wenig Tradition. - Also kurz: ich muss Sie
schon einladen, nach Hamburg zu kommen. Versprechen kann ich's natürlich nicht,
aber ich zweifle nicht daran: Marieluis wird nicht das einzige Porträt bleiben.«
    Nach Hamburg - wo zwischen ragenden Schornsteinen, hässlichen, bestaubten und
verräucherten Mauern und Dächern, an Wasserläufen, die Lastkähne trugen,
irgendwo in einer Vorstadt ihr Allert sein junges Unternehmen zum Erfolg zu
führen sich mühte ... Oh ja, wie gern nach Hamburg ...
    Fort von hier, wo der Freund lebte, dem sie, der ihr nötig war. Alternde
Menschen sollen einander nicht berauben - um keine Stunde darf das Schicksal sie
betrügen, die hell und tröstlich und voll sanfter Freude sein könnte - denn zu
nahe ist jene eine Stunde, wo alles in Dunkelheit mündet ... Oh nein - nicht
nach Hamburg ...
    Sie konnte nicht antworten. Nicht einmal zögernde, hinausschiebende Worte
suchen. Denn Tea Daister kam wieder heran, eilig und noch unruhiger.
    »Das begreife, wer kann! Rositz hat nicht abgesagt und kommt nicht und
telephoniert nicht. - Ich denke, man geht zu Tisch - es ist nur - er sollte Dich
führen ...«
    Die Senatorin machte ein ärgerliches Gesicht. Sie unterhielt sich gern mit
bedeutenden Männern. Der Vortragende Rat im Handelsministerium Rositz, von dem
es hiess, er werde selbst mal Minister - der wäre ihr gerade als Tischherr recht
gewesen. Sein Amt hatte ihn hie und da in Berührung mit Hamburger Handelsherren
und Schiffsreedern gebracht. Es fehlte also nicht an Beziehungen.
    Jetzt trat der kleine elegante Herr von Daister zu seiner ihn überragenden
Gattin, mit einem ernsten Ausdruck, der wie eine durchsichtige Maske über seinem
flotten, siegessicheren Husarengesicht lag.
    »Wir können zu Tisch gehen. Rositz kommt nicht. Gräfin Bretten sagt mir
eben, er sei sehr krank. Blinddarm. Nun, die Art Sachen kuriert Czermack ja
glänzend. - Also ich meine doch ...«
    Sophie begriff sich nicht - sie vermochte es, sich zu halten, unauffällig zu
bleiben, zu sprechen, am Tisch zu sitzen, zwischen Menschen, die ihr wie
Phantome erschienen, während ihr selbst war, als träume sie.
    Ihr einzig klarer Gedanke war: die Gräfin Bretten zu fragen, was die wusste.
Weit weg von ihr an dem dritten der grossen runden Tische im Speisesaal sass die
Gräfin. Sophie behielt immer den braunen Haarschopf im Auge, den ein Pfeil mit
Brillanten durchstach - auf ganz altmodische, doch höchst kleidsame Art.
    Aber nach Tisch, als Sophie sich umsah, war die Gräfin verschwunden. Irgend
jemand wusste: sie hatte noch auf den Ball der schwedischen Gesandtschaft gewollt
...
    Gleich darauf schlich Sophie sich davon.
    Der Diener begleitete sie hinab - da standen Autos - sie sagte ihre Strasse
und Hausnummer. - Und kaum, dass das Gefährt davonbrauste, so drückte sie an dem
Gummiballon, der dem Führer »Halt!« zupfiff.
    Sie nannte ihm die Wohnung des Freundes ...
    Sie dachte gar nicht: was will ich da? Sie fühlte nur: es war schon etwas,
das Licht hinter seinen Fenstern sehen - Licht ist wie der Strahl des Lebens -
wie Sinnbild des Seins - das Unerloschene würde zu ihr sprechen, als sei es
Trost.
    Sie wusste: die beiden Fenster links von der Ecke des ersten Stockwerks - das
waren seine Fenster. Zuweilen, wenn sie, von einer Gesellschaft in später
Nachtstunde heimkehrend, noch die Tiergartenstrasse entlang fuhr, so sah sie in
warmem, mildgelblichem Licht diese Fenster hell, und das war ein Zeichen: er
arbeitete noch.
    Nun hielt das Auto - nicht vor der Gitterpforte, sondern, wie Sophie dem
Führer befohlen hatte, an der gegenüberliegenden Seite, neben dem Reitweg, am
Rande des Tiergartens. »Warten Sie!«
    Sophie sah das Licht, nach dem sie sich gesehnt hatte ... und noch viel mehr
Licht - aus allen Fenstern brach es - schien die Mauerpfeiler wegzudrängen, die
ganze Front in Helle aufzulösen - so blendend schrie dies viele Licht in die
Nacht, wie ein prunkendes Fest oder - wie die Angst vor der düsteren Nähe des
Todes.
    Sophie stand am hohen Gitter, zwei von den eisernen Stäben umklammernd, die
in Reih und Glied aus der gemauerten Basis emporstiegen.
    Sie starrte zu seinen Fenstern empor. Alles war still. Keine Schatten
glitten über die Vorhänge.
    Sie hörte gleich einer melancholischen Musik den Wind in den Wipfeln des
Tiergartens. Kein Brausen und Rascheln und Wühlen in Blätterfülle. Nur jenes
feine Sausen und Schwingen, als seien all die kahlen Reiser Peitschen geworden
und schlügen die Nachtluft. Sternenlos, von schweren Schneewolken verhangen,
stand der Himmel.
    Wie eine Bettlerin lauerte sie am Gitter, sie, die dem Mann, der droben lag
und litt, die Nächste war - und an seinem Lager wachte vielleicht jene, deren
Anblick und Wesen ihm noch seine Sterbestunde vergällen würde ...
    Ein Geräusch ... Fauchen ... Rollen ... Der misstönige, rasch hintereinander
viermal wiederholte Schrei einer Hupe - wie ein Signal. - Das Auto kam heran,
bog durch die weitgeöffnete Gitterpforte - stiess seinen Benzinatem aus - fuhr
den Weg hinan und hielt unter dem Glasbaldachin seitwärts am Hauseingang.
Strahlendes Licht beglänzte die Stelle. Und Sophie sah ...
    Gerade als das Auto hielt, kam auch schon ein Diener aus dem Portal ... Er
riss die Tür auf, und zwei junge Herren stiegen aus. Auf der Stelle wusste Sophie:
seine Söhne! Der eine stand als Regierungsreferendar bei der Regierung in
Breslau. Der andere war Leutnant in einem Dragonerregiment. Beide bedeuteten dem
Vater Sorge ... Sophie konnte auf das deutlichste die Gesichter erkennen. - Die
kleinen Bartstreifen auf dem hochmütig-gleichgültigen Gesicht des Referendars -
die Aehnlichkeit des Dragoners mit dem Vater ...
    Sie schienen etwas zu fragen - der Diener, ob er sich zwar schon mit dem
Handgepäck der Angekommenen beschäftigte, wusste seiner Haltung doch einen
ernsten Ausdruck zu geben - seine Auskunft musste sehr bedeutungsvoll sein.
    Sekundenlang blieben die beiden jungen Herren regungslos. Dann fragte der im
Militärmantel noch etwas.
    Und da hörte Sophie deutlich - deutlich durch die Stille der Nacht ...
    »... vor einer Stunde!«
    Und sie wusste: Er war tot.
Die mit Kränzen gehen und in schwarzen Flören, das sind nicht immer die
wirklichen Leidtragenden.
    Sophie hatte kein Recht, an der mit pomphaften Trauerzeichen ausgestatteten
Totenfeier teilzunehmen.
    Während man den teuren Freund begrub, stand sie im Arbeitskittel und malte.
Die letzte Sitzung für das Bildnis der alten Fürstin - gottlob! Es eilte Sophie
damit; etwas peitschte sie - sie musste mit diesem Bilde fertig werden, es war,
als gehöre es noch in das Stück Leben, das nun zu Ende war.
    Und dann fort - fort aus diesem Heim, das der eine niemals mehr betreten
würde. -
    »Liebste Hellbingsdorf - Sie sehen elend aus - das hat Sie angegriffen.«
    Die Fürstin meinte die »kleine Reise in dringlichen Geschäften«, mit der
Sophie sich für drei Tage entschuldigt hatte - drei Tage, in stumpfer
Verborgenheit und schwerem Ringen verbracht. Sophie war das Lügen nicht gewohnt
- den erfundenen Vorwand hatte sie vergessen.
    »Es geht wieder gut,« sagte sie, »es war nur ein leichter Influenzaanfall.«
    Die alten klugen Augen sahen sie durchdringend an. Und als Sophie dem
forschenden Blick begegnete, kamen ihr unversehens Tränen - sie selbst
überraschend, so dass sie sich nicht gegen ihre Weichheit hatte wappnen können.
Nun biss sie die Lippen zusammen ...
    »Weinen Sie nur - weinen Sie,« sprach die Greisin, »die Tränen, die nach
innen fliessen, versalzen uns das Wesen ...« Dann fragte sie:
    »Wie alt sind Sie?«
    »Neunundvierzig.«
    »Jung - jung,« meinte die fast Achtzigjährige, »zu jung, um so allein zu
stehen. Sie haben Söhne?«
    »Zwei, Durchlaucht.«
    »Kinder. Na ja. - Aber wenn wir in unserm tiefsten Weibtum irgendwie leiden
- da können Kinder blitzwenig trösten - die wohnen sozusagen in 'ner andern
Herzensabteilung - wissen Sie, als mein Mann starb - einst hatt' ich ihn bloss
aus Gehorsam, fast mit Abneigung genommen - der liebe Gott hat's aber gut mit
uns gemeint - ich gewann meinen Mann über die Massen lieb - er mich - ja, als der
Tod das zerriss - trostlos war ich - das konnten mir die Kinder nicht ersetzen.
Na - man findet sich mit der Zeit - weil alles zeitlich ist.«
    Sophie küsste der Greisin die Hand. Sie fühlte sich wunderbar verstanden.
Dies alte Herz erriet: sie litt. Und ohne zu wissen und zu fragen, fand es
rechte Worte.
    Einen Augenblick dachte sie daran, sich der Fürstin zu offenbaren - denn
neben dem Gram stand ja noch eine grosse Sorge ...
    Der nun Dahingegangene hatte ihr etwas anvertraut - diese Mappe, die er nach
zwei Tagen holen wollte. - Er, der niemals mehr kam!
    Aber sie bezwang sich. Sie wusste: es ist immer klüger, die Güte
Hochstehender nicht sogleich mit Geständnissen zu beantworten. Aber sie konnte
nun weiterarbeiten. Und von ihrem erhöhten Sitz her, wo sie in einem goldenen
Barockstuhl, voll Alterswürde, in den schweren Falten ihres dunklen Samtkleides
sass, spann die Fürstin die Unterhaltung fort.
    »Offiziere, die Söhne?«
    »Der zweite, Durchlaucht. Mein Aeltester ist Kaufmann.«
    Der weisse Kopf machte eine lebhafte Bewegung.
    »Dernburg!« sagte sie bestimmt. »Das hat förmlich fixe Ideen erzeugt. Wenn
ein Kaufmann plötzlich Minister werden kann - und ein bürgerlicher Kaufmann -
welche Sessel müssen da adeligen Kaufleuten erklimmbar sein!«
    »Ach nein, Durchlaucht! Nicht Dernburg. Er ist schon vor zwölf Jahren
Kaufmann geworden. Mein Allert dachte als Knabe, das Familiengut komme mal an
ihn - als er sein Abiturium hatte, war's gerad' so weit, dass alles anders lag -
mein Mann starb - Muschenfelde liess sich nicht halten - es hiess, an Erwerben
denken ...«
    »Da brauchte er doch nicht gleich Zucker und Kaffee zu verkaufen,« meinte
die Fürstin missfällig. »Ein Hellbingsdorf!«
    Sophie spürte: sie hatte keine Ahnung - sah in ihrer Phantasie vielleicht
einen deklassierten Aristokraten, der hinterm Ladentisch Tüten füllte.
    »Durchlaucht - soll ich all die Standesherren aufzählen, die Brennereien,
Brauereien, Sägereien haben? Die Holz, Milch, Vieh, Korn, Wild verkaufen?«
    »Ih - ja - das könnte klingen. Ist aber doch anders! Betrieb auf eigener
Scholle - mein Neffe Rudi hat an seinem Waldbach 'ne Sägerei und 'ne Kornmühle.
- Liebste - eigene Scholle! Und er klopft und sägt und mahlt nicht selbst,«
sagte sie amüsiert.
    »Mein Sohn steht wohl auch nicht selbst an den Retorten und Oefen der
Fabrik.«
    »Ach Gott ja - die neue Zeit,« sagte die Greisin so ins Unbestimmte hinein,
»alles bekommt andere Taxen.«
    Und dann lenkte sie von diesem Gebiet, auf dem sie sich gänzlich unsicher
fühlte, plötzlich auf das ihr bequeme ab.
    »Wen will denn Ihr Sohn so mal heiraten - wenn er sich in so 'ne andere Welt
'rein begab? Passen Sie auf, was er Ihnen da mal bringt - vielleicht irgend 'ne
Börsenprinzess - hm - vielleicht nicht übel - jedenfalls nicht ungewöhnlich. Wir
haben ja manche Familien, die nicht mehr fortgekonnt hätten ohne solche
Neuvergoldung ...«
    »Ja, Durchlaucht, die Frage beschäftigt mich beständig. Aber es ist eben
eine ernste Frage. Kopf und Herz sollen bei der Beantwortung übereinstimmen. Das
findet sich schwer.«
    »Unsinn. Unsinn. Kopf und Herz,« eiferte die Fürstin. »Das Herz kommt nach,
wenn der Kopf durchaus weiss: so ist's vernünftig, so muss es sein. Es ist viel
angeborene Neigung und Bedürfnis in einem, zu lieben, sich anzuschliessen. Das
hilft nach, sobald der Verstand einen unabänderlichen Lebenszustand etabliert
hat. Und dann die Gewohnheit! Beste Hellbingsdorf, die gute Hälfte von dem, was
man so für Verständnis und Liebe hält, ist ja bloss Gewohnheit. Das müssen Sie
Ihren Söhnen klarmachen.«
    Jetzt kam die Gesellschaftsdame der Fürstin zurück, eine ältliche Person von
strengem Ausdruck und hochmütiger Haltung. Die beiden Damen vertieften sich in
ein Gespräch über die Besuche und Besorgungen, die Fräulein v. Rotenkrug
inzwischen hatte machen müssen. Sophie hörte der seltsamen Unterhaltung, die
fast ein Kampf war, nicht zu. Immer fand die Greisin, dass ihre Rotenkrug zu
karg mit den Worten, der Zeit, dem Gelde gewesen war, alles hätte gütiger und
freigebiger eingerichtet werden sollen. »Nein,« sagte die Rotenkrug bestimmt,
»man darf die Leute in der Not nur stützen; nie so weit gehen, dass sie ihre
Hilfsbedürftigkeit als den bequemeren Zustand empfinden. Das wäre keine richtige
soziale Politik.«
    »Oh Gott!« klagte die Greisin unwillig. »Jetzt hört man bei jeder
Gelegenheit Worte, die alles ins Allgemeine setzen. Was denn? Die Leute mit
ihren vielen kranken Kindern brauchen Hilfe - unsereins hat Pflicht zu helfen -
dafür ist mein Wohltätigkeitsbudget da -«
    Gerade als die Rotenkrug ihrer Herrin den Pelz umlegte, füllte ein grauer
Schatten das Atelier. Draussen war die Luft voll Schnee - der erste Schnee.
    Der fällt schon auf sein Grab, dachte Sophie. Und als sie endlich allein
war, stand sie lange an den breiten, hohen Scheiben und sah hinaus.
    Und am Nachmittag sass sie, wie an allen drei vorangegangenen Tagen, wieder
vor der Mappe. Von bräunlichem Leder war sie und vielfach abgegriffen. Sie hatte
kein verschliessbares Schloss, sondern nur eines, das man auf- und zuschieben
konnte. Es war Sophie unter den Fingern aufgegangen. Sie kannte die Mappe, hatte
sie schon einmal gehütet - in ihrem eisernen Kasten, der ihr bisschen Schmuck und
ihre Versicherungspolicen und dergleichen entielt, und den sie in ihrem
Kleiderschrank verbarg. Damals hatte er am Donnerstag zu lange und so köstlich
behaglich bei ihr verweilt und den vorgehabten Weg zu seinem Rechtsanwalt nicht
mehr machen können; die Bürostunde war vorüber. Und er wusste ohne Bitte und
Wort, die unverschlossene Mappe würde ihr unantastbar sein, als lägen eiserne
Bänder wohlvernietet herum. Damals hatte Sophie dasselbe Gefühl gehabt wie vor
einigen Tagen: er will die Mappe nicht mit nach Hause nehmen. Vielleicht war er
dort nicht ohne Misstrauen gegen die Sicherheit seiner Schlösser.
    Schon in den ersten betäubenden Schmerz hinein war ihr schreckhaft die
Erinnerung an die Mappe gekommen.
    Sie fragte sich: »Was ist darin? Wem soll ich sie zustellen?«
    Und sie fühlte vor allem eines: dass sie es dem Toten schuldig war, sich über
den Inhalt zu unterrichten. Dieser Inhalt musste dann bestimmen, was sie zu tun
habe. Vielleicht waren es Papiere, deren Kenntnis nach seinem Tode den Hass
vergrössern konnte, der zwischen ihm und seiner Frau bestanden. Sophie wusste: er
hatte gewisse Beweise gesammelt. Aus Liebe zu seiner Tochter zögerte er immer
noch, mit diesen Beweisen zum Schlage gegen die Frau auszuholen, die ihn so voll
Feindschaft und Feigheit zugleich festielt. Sophie war vorweg entschlossen: sie
würde dergleichen verbrennen. Sie fühlte dazu ein heiliges Recht. - Dieser ihr
noch unbekannte Inhalt der Mappe war wie ein Vermächtnis! Vor Gott und ihrem
Gewissen gestand sie sich das Recht zu, damit zu verfahren, in Andacht vor dem
Verstorbenen, nach ihrem Ermessen!
    Aber als unter ihren zögernden, unsicheren Fingern das Schloss sich wie von
selbst öffnete, erlitt Sophie ein Entsetzen, das ihr eine Ohnmachtsanwandlung
zuzog. - -
    Geld sah sie - Geld - Geldwerte! Ein breites, flaches Paket bildeten diese
braun und weissen und grün und weissen Bogen, mit den feierlichen Aufdrucken von
Zahlen, imposanten Schuldtiteln, faksimilierten Unterschriften - Staatspapiere
waren es - Preussische Konsols. -
    Seiter hatte Sophie sie gezählt - es waren einundachtzigtausend Mark, in
Stücken von fünf-, zwei- und eintausend Mark. Wahrscheinlich, nein gewiss, ein
Teil seines eigenen, vor der Frau verheimlichten Vermögens ...
    Was hatte Sophie alles gedacht seit dieser Entdeckung!
    Welche Möglichkeiten erwogen!
    Die Mappe zu seinem Bankier bringen? Sophie kannte nicht den Namen der
Firma, deren er sich in der letzten Zeit bedient hatte. Sie erinnerte sich: er
sprach zuweilen davon, dass er seinen Bankier gewechselt habe. Wie nun in dem
ungeheuren Berlin die grosse Bank oder die Bankierfirma herausfinden, die gerade
eine Zahlung von 81 000 Mark vom Geheimrat Rositz zu erwarten gehabt hatte?
    Aber vielleicht hatte niemand eine Zahlung erwartet. Vielleicht hatte er nur
irgendwo ein Depot erhoben, um es an irgendeiner anderen Stelle neu verwahren zu
lassen. Fällige Zahlungen lässt man doch überweisen.
    Wie unbegreiflich und rätselvoll erscheinen Handlungen, wenn ihr Ablauf und
Fortgang unterbrochen wird. Sophie sah ein, sie würde niemals erfahren, wohin er
diese Mappe hatte tragen wollen, und auch nicht, wo er den Inhalt entnommen.
    In welche Hände sollte Sophie nun den Nachlass legen?
    Wie erklären, dass er in ihrer Verwahrung sich befand?
    
    Wie überhaupt beweisen, dass diese Papiere des Verstorbenen Eigentum gewesen
seien?
    Und wie weiter, dass der Inhalt der Mappe unberührt sei?
    Sophie erglühte und zitterte, als habe sie Unredlichkeiten begangen. - -
    Wie nah sie dem Toten gestanden, so nah, dass er ihr unverschlossen ein
Vermögen zum Aufbewahren gab - das musste sie nun erzählen - einem Anwalt, oder
einer Bankierfirma, oder seiner Frau ...
    Welchen unaussprechlich peinlichen oder vielleicht erniedrigenden
Erörterungen setzte sie sich aus! Sie musste von dem ernsten, weihevollen und
adligen Bund sprechen, der ihre Seele mit der seinen verbunden hatte. - All dies
der Entweihung, der Missdeutung preisgeben. Und inmitten dieser furchtsamen und
ratlosen Gedanken befiel sie die Erinnerung: er bot ihr Geld für Allert an; ganz
gewiss hatte er dabei gerade dieses Geld gemeint - er drang es ihr förmlich auf -
er wäre glücklich gewesen, ihren Sohn fördern zu dürfen!
    Sie brach in Tränen aus. Und ein bitteres Lächeln über die grausamen Ironien
des Lebens ging ihr dabei um den Mund.
    »Hätte ich ja gesagt!«
    Dann war dieses Geld fortab einem Zweck zugewandt, der ihn freute und ihrem
Sohn Segen brachte.
    Während jetzt? - - Wie rasch würde die Frau es vertun, in deren Hände es
fiel. - -
    Ob er wohl auf dem Krankenbett an die Mappe und ihren Inhalt dachte? Oder ob
das jähe Elend, das ihn rasch befiel und schnell ganz hinwarf, ihm alle Gedanken
genommen hatte?
    Wenn die Sterbenden immer wüssten, dass sie an der letzten Schwelle stehen!
Mit aller Kraft würden sie sich noch einmal umwenden, und ihre deutende Hand
würde noch zeigen: so soll mein Nachlass geordnet werden! Und sie wusste es in
heiliger Gewissheit: diese Mappe mit dem wertvollen Inhalt würde er für sie
bestimmt haben. - - Solange man ihm noch nicht die Ehren der Begräbnisfeier
erwiesen, eilte ja nichts, Sophie fühlte, alles durfte ruhen. Aber nun war es
vorbei. Die schonende Stille, die Gnadenfrist für das verwundete Gemüt war zu
Ende: es hiess, sich wieder dem Leben aussetzen und seinen Rauheiten.
    Auch in seinem Hause würde neue Lebendigkeit einsetzen - jener grausame
Betrieb musste dort nun beginnen, der selbst dort, wo Liebe wohnt, unvermeidlich
ist. - Und bei ihm und den Seinen hatte keine Liebe gewohnt. Mit harten und
gleichgültigen Händen würde in seinem persönlichsten Nachlass gewühlt werden - in
seinen Schränken, seinem Schreibtisch. -
    Und jetzt erst, jetzt fielen Sophie ihre Briefe an ihn ein. Wenn er auf
Reisen war, schrieben sie sich; aber auch hier in Berlin flog manchmal ein
Blättchen hin und her, wenn sie verhindert waren, sich zu sehen.
    Sophie dachte nach, bemühte sich, das in Ruhe zu tun. - Draussen fiel der
Schnee voll Gelassenheit und sehr dicht vom Himmel - das gab solche wunderbare
Lautlosigkeit - spann ein - wies nach innen.
    Sie konnte ohne Erröten an ihre Briefe denken; nichts war darin als die
Würde und Tiefe eines seltenen seelischen Verstehens. Und wahrscheinlich erriet
nie ein Mensch, von welcher Frau sie kamen. Ein S. zeichnete sie - vielleicht
kam hier und da ein Name vor - aus der grossen, so unendlich verzweigten Welt,
darin sie gelebt hatten - aber eben weil diese Welt so gross, so konventionell,
so unübersehbar und hinter all ihren Formen und Verknüpfungen so
undurchdringlich war - eben deshalb würde seine Frau, wenn sie auch die Briefe
fand, doch die Schreiberin nie finden.
    Trotz dieses Gefühls, nur wie ein Wesen ohne Greifbarkeit und Körper zu
bleiben, war es ihr doch schrecklich, dass neugierige und verständnislose Augen
ihre einst an ihn gerichteten Worte lesen würden.
    Und in diesem Schmerz erschien ihr der Fall mit der Mappe viel leichter.
Eine Erkenntnis kam ihr plötzlich und wurde sogleich in Tat umgesetzt. Sie
schrieb ein Telegramm an ihren Sohn Raspe, der in Magdeburg stand. »Komm,« rief
sie, »es ist dringend, komm!«
    Am andern Mittag trat er bei ihr ein. Und die Frau fühlte sich wie ein
beschütztes Kind und ganz beruhigt in den Armen dieses Mannes, der ihr Sohn war.
Raspe überragte seine Mutter weit. Er trug seine hohe Gestalt mit einer gewissen
stolzen Festigkeit, die sehr soldatisch und zuweilen ein wenig steif wirkte.
Sein ernstes, offenes Gesicht bekam einen weichen Ausdruck, als er seine Mutter
so schutzbedürftig fand.
    Der Sohn wusste ja: die Freundschaft mit dem bedeutenden Mann hatte seiner
Mutter seelisch und geistig viel gegeben. Jetzt, aus dem leidenschaftlichen
Vortrag des Erlittenen und der Lage, spürte er, dass diese Beziehung wohl einen
noch viel grösseren Platz im Leben seiner Mutter eingenommen habe, als er
vermutet. Aber dieses Begreifen liess nun keine Eifersucht mehr aufkommen. Er
fand Worte der Verehrung und Dankbarkeit für den Verstorbenen.
    Und sah auch zugleich, wie man, ohne zu lügen, doch in durchaus
begreiflicher Darstellung, der Familie alles erklären könne. Vollends leicht
gestaltete sich die Sache, wenn der ältere Sohn des Geheimrats, der Dragoner,
noch im Trauerhause weilte. Dann konnte Raspe als Kamerad zum Kameraden gehen.
Glücklicherweise war Raspe auch in Uniform gekommen.
    
    Nun hiess es sofort handeln. Er schlug die Mappe in ein Papier, siegelte und
liess die Mutter darauf schreiben: Eigentum des Herrn Geheimrat Rositz.
    Und dann ging er. Sophie drückte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe und sah
unten, drüben auf dem Bürgersteig, den Sohn, der noch heraufgrüsste.
    Er ist wundervoll, dachte sie entzückt, ihrer alten Schwäche untertan, immer
am begeistertsten von demjenigen Sohn zu sein, der gerade bei ihr war. In der
Tat hatten die Söhne auch beständig alles getan, durch ihr Wesen und ihre
Leistungen der Mutter das Leben zu erleichtern und zu verschönern; sie durfte
mit Achtung und Dankbarkeit an alle beide denken.
    Jetzt sann sie mit Rührung und Bewunderung über Raspe nach. Sie wusste, das
Wort, das ein grosser General einmal als Richtschnur für preussische Offiziere
ausgesprochen hatte: Gross denken und klein leben! - das war der Wahlspruch ihres
Jungen geworden. Und wenn sie zuweilen über seine Anspruchslosigkeit und die
Kleinheit der Zulage - er nahm nur das Nötigste - klagte, so wusste er ihr
klarzumachen, dass sein Beruf nun einmal Entsagungen fordere und dass es auf
einige mehr nicht ankomme. »Offizier sein«, sagte er, »heisst fortwährend grosse
Opfer bringen. Das ist unser Stolz. Und vielleicht kommt bald einmal die Stunde,
wo das Volk das wieder mehr würdigt, als jetzt in der langen Friedenszeit
möglich ist.«
    Unterdessen ging Raspe Hellbingsdorf den Kurfürstendamm entlang, überschritt
die Corneliusbrücke und kam durch die Friedrich-Wilhelm-Strasse bis zum
Tiergarten. Der Schnee, der seit gestern mittag bis heute früh unaufhaltsam
gefallen war, machte die Strassenbilder glänzend und lachend. Der Tiergarten war
ein weisses Feld, aus dem das dunkle Heer der Bäume starr und hart aufragte. In
den Gabelungen der Aeste nisteten kleine Schneemengen. Wenn irgendeine Bewegung
durch die Luft ging und die Zweige sacht anblies, rieselte weisse Streu herab.
Das war alles so freundlich.
    Und Raspe ging höchst gelassen seinem Ziele zu. Er sah keinerlei Ursache,
nervös zu sein. - Es war ein ungewöhnlicher, in mancher Hinsicht unerklärlicher
Fall - nun ja. Aber unter ehrenhaften Menschen findet man sich auf Treu und
Glauben auch in das Ungewöhnliche.
    Das war also das Rositzsche Haus. Vielmehr schon ein kleines Palais. Ein
weisser, prunkvoller Barockbau, mit schwarzblauem Dach, auf dem die
Nachmittagssonne grell gleisste. Dem Hochparterre war eine Terrasse vorgelagert.
Ein wenig stieg der Weg von der Gitterpforte her an bis zum seitlichen Eingang,
den ein Glasbaldachin schirmte.
    Der Bediente gab die Auskunft, dass Herr Leutnant Rositz allerdings noch
nicht abgereist seien und sich zu Haus befänden.
    Raspe ermunterte den leisen, vornehm zögernden und wichtigen Menschen zu
strafferer Beflissenheit, indem er etwas befehlshaberisch sagte, es handle sich
um eine wichtige und dringliche Sache. Darauf verlor sich der Mann in
Trauerlivree im Hintergrunde des breiten, mit dicken Teppichen und alten Truhen
und Sitzbänken ausgestatteten Korridors.
    Es lag nicht in Raspes Gewohnheiten, den Reichtum anderer Leute zu bewundern
und einer prächtigen Umgebung, falls sie nicht gerade sehr künstlerisch wirkte,
Beachtung zu schenken. Er bemerkte kaum, wie kostbar hier alles war; auch in dem
Raum, in den man ihn führte und zwei Minuten zu warten bat, sah er sich nicht
genau um.
    Es schien ein Festsaal. Die Breitseite mit den grossen Fenstern an der Front
des Hauses. Reiche Stuckwände, hellgrau und gold, vom Plafond eine riesige
glitzernde Kristallkrone und gelbseidene Sessel an den Wänden hingereiht. In der
Mitte unter der Krone ein Rundsofa, das von einer Marmorgestalt gekrönt war.
Raspe spürte nur: dies schien ja eigentlich kein Raum für eine ernste, gemessene
Unterhaltung.
    Er ging auf und ab. Die zwei Minuten waren lang. Aber der Diener hatte
murmelnd, noch im Bann von Raspes Befehlshaberton und vielleicht auch der
Uniform, angedeutet, dass gerade der Rechtsanwalt der Familie ... und
wahrscheinlich Nachlasssachen ... kurz, vorweg die zwei Minuten dehnbar gemacht.
    Die Sonne schien, die Kristalle der Krone blitzten, es gleisste die gelbe
Seide des Rundsofas, geziert hob die marmorne Figur ihre Arme zum Haar empor,
das in steinernen Strähnen ihre stumme Stirn kränzte; der weisse Stein schimmerte
körnig. Und Raspe ging auf und ab.
    Mit einem Mal öffnete sich eine der Flügeltüren, die einander gegenüber in
den Schmalseiten des Saales standen. Eine junge Dame kam herein, in dem stumpfen
Schwarz der neuen Trauerkleidung. Sie stand überrascht. Raspe machte grosse
Augen.
    Ach! - dachte er - es war eine nicht zu klaren Gedanken sich formende,
aufwallende Bewunderung.
    Das junge Mädchen sah ein wenig bleich aus, vielleicht im Kontrast zu der
ganz schwarzen Kleidung, vielleicht von den Anstrengungen der letzten Tage.
Braunschwarze Augen blickten ihn gross und lebhaft an. Und der Ausdruck in ihrem
feinen, länglichen Gesicht war so deutlich: Wer sind Sie? - Was wollen Sie hier?
- dass Raspe sich verbeugte.
    »Hellbingsdorf. - Oberleutnant von Hellbingsdorf. Ich bin Herrn Leutnant
Rositz gemeldet und erwarte ihn.«
    »Ach so ... Mutter und die Brüder haben gerade mit Justizrat Kahler zu
sprechen,« sagte sie.
    »Ihr Herr Bruder will mich aber doch empfangen. Ich warte eben.«
    Sie stand ein wenig unsicher. Was sollte sie tun? Vielleicht war dies ein
guter Freund und Kamerad ihres Bruders. Dann konnte man ihn doch nicht fremd und
ungastlich hier allein im Tanzsaal stehen lassen. Sie war zufällig
hereingekommen, den Raum als Durchgang benutzend.
    Sie sah ihn immer gerade an. Er gefiel ihr so gut, wie ihr noch nie ein
Mensch auf den ersten Blick gefallen hatte. Was für ein fester, gütiger Ausdruck
in seinen blauen Augen!
    »Sind Sie ein Freund von Viktor? Ich habe Ihren Namen nie gehört. Aber das
will nichts sagen - ich weiss nichts von Viktors Leben - Sie haben wohl erraten -
ich bin seine Schwester Matilde - Tulla sagen ja immer alle zu mir ...«
    Raspe verbeugte sich.
    »Nein,« sagte er, »ich bin kein Freund Ihres Herrn Bruders, nicht einmal
sein Bekannter. Ich habe es nur übernommen, einen sehr wichtigen Auftrag an ihn
zu überbringen.«
    »Viktor wird gewiss gleich kommen.«
    Der Wunsch, ein Gespräch zu beginnen, hier zu bleiben, bewirkte nun gerade,
dass ihr gar nichts einfiel, was sie sagen könnte. Ausserdem: es schickte sich
doch nicht, dass sie einem fremden Offizier Gesellschaft leistete, den Viktor
nicht mal kannte.
    »Sie haben sehr Schweres erlebt, gnädiges Fräulein,« sagte Raspe, »darf ich
Ihnen meine Teilnahme ausdrücken? Ich hatte einigemal das Glück, im Hause meiner
Mutter Ihrem Herrn Vater zu begegnen, und war voll Bewunderung für seine
ausgezeichnete Persönlichkeit.«
    »Oh,« sprach sie, »oh, Sie kannten Papa? - Er hätte noch nicht fort dürfen
...«
    Mehr konnte sie nicht hervorbringen.
    Sie sah ein paar Sekunden schweigend vor sich hin. Und dann schlug sie
plötzlich gross die Augen auf und sah Raspe an.
    Sie dachte: aber ich muss doch wohl fortgehen. Besonders, weil ihr Bruder
Viktor gleich hereinkommen könne. Und das war ihr, sie wusste nicht warum, jetzt
und hier unangenehm - als müsse sie dann verlegen werden.
    Und zögernd ging sie, nach einer kleinen, ernstaften Neigung des Kopfes.
Langsam schritt die schmale, schwarze Gestalt durch den Raum, dessen Leere etwas
Festliches hatte, schon durch die Grösse und durch das Glitzern des durchsonnten
Kristalls über dem gelben Rundsofa.
    Der feine Kopf der zögernd Davongehenden war von merkwürdig vielem dunklen
Haar umgeben. Ihr ganzer Körper schien zart und schlank.
    Raspe sah ihr nach und fand es schade, dass sie ging.
    An der Tür wendete sie sich noch einmal um, die Hand auf dem Griff.
    Sehr ernstaft, fest und lange sahen sie einander in die Augen ...
    Das war merkwürdig! dachte Raspe, als sie dann wirklich ging.
    Und fast laut sagte er noch einmal vor sich hin: »Merkwürdig ...«
    Er verfiel in solches Grübeln unbestimmter Art, dass er darüber gar nicht
spürte, wie aus »zwei Minuten« eine Viertelstunde wurde.
    Dann kam Viktor Rositz hastig herein.
    In Zivil; mit der grössten Sorgfalt drückte dies Zivil die frische, tiefe
Trauer aus.
    Starke Familienähnlichkeit mit der Schwester, dachte Raspe, aber mit einem
weniger sympatischen Zug -
    »Sie haben eine wichtige Angelegenheit, Herr von Hellbingsdorf? Wichtig für
Sie? - Für mich? - Für einen Dritten? Darf ich erfahren? Aber bitte ...«
    Und er öffnete die Tür, durch welche vorhin seine Schwester so überraschend
hereingekommen war.
    Die Herren traten in ein Zimmer, das vielleicht der Salon der Hausfrau sein
konnte. Es schien übervoll von zierlichen Möbeln, und helle Himbeerfarbe drängte
sich dem Auge auf. In einem winzigen Sofa und einem Lehnsessel, dessen niedere
Rundlehne kaum bis zu den Schulterblättern des Sitzenden ging, nahmen sie Platz,
ein Tischchen zwischen sich, auf das Raspe die Mappe legte.
    »Die Angelegenheit, Herr Kamerad, ist für Sie und die Ihren nicht ohne
Interesse. Ich habe Ihnen etwas zu bringen, das man wohl als Hinterlassenschaft
Ihres Herrn Vaters ansprechen darf.«
    »Meines Vaters? Sie kannten ihn?«
    »Ja. Wenig. Doch meine Mutter hatte die Freude, ihn näher zu kennen ...«
    »Ihre Frau Mutter?«
    »Sie trafen sich seit Jahren da und dort bei gemeinsamen Freunden,
vornehmlich auch seinerzeit bei dem Vetter meiner Mutter, Exzellenz von Eggebeck
...«
    »Ach, das ist Ihr Vetter?«
    »Gelegentlich sprach Ihr Vater wohl auch bei meiner Mutter vor, die als
namhafte Porträtmalerin ja mannigfach das Interesse ihres Kreises geniesst.«
    »Porträtmalerin?«
    Diese Art, rasch hervorgestossene Fragen ins Gespräch zu streuen, die manche
Menschen haben, war Raspe immer unleidlich. Es machte ihn aber nicht nervös,
sondern nur ein wenig förmlicher in der Haltung und vielleicht auch etwas
trockener im Ton.
    »Vorigen Montag - ja, gestern vor acht Tagen, besuchte Herr Geheimrat meine
Mutter. Er sprach mit ihr davon, dass sie seine Tochter porträtieren solle ...«
    »Ach nee? Tulla?«
    »Sobald sie das Bild der Fürstin Siegstein vollendet haben würde.«
    »Was? Die Fürstin Siegstein?«
    »Im Laufe des Besuchs wurde Ihr Herr Vater ganz offenbar von einem ernsten
Uebelbefinden befallen. Er bat, dass man ihm ein Auto hole. Ob er nun das Gefühl
hatte, ihm könne unterwegs etwas zustossen - genug, er schien ungern diese Mappe
mitnehmen zu wollen und bat meine Mutter, sie ihm aufzubewahren. Gewiss hoffte
er, sie am nächsten Tag abholen zu können.«
    Der Leutnant Rositz verliess jetzt seine Fragemanie und diesen Tonfall, der
etwas Zweifelndes hatte, der immer zu unterstellen schien, dass der andere doch
nicht ganz glaubwürdig sei.
    »Papa ist dann in der Tat im Auto bewusstlos geworden. Als sein Fahrgast hier
vor dem Gittertor nicht ausstieg, sah der Chauffeur mal nach ... na, und
alarmierte dann das Haus -«
    »Also war seine Vorsicht leider nur zu gerechtfertigt. Wie leicht hätte die
Mappe ihm entgleiten, unbeachtet liegen bleiben, abhanden kommen können. Meine
Mutter befand sich aber dann in einer peinlichen Lage ...«
    »Wieso? In einer peinlichen Lage?«
    »Sie wartete. Vielleicht konnte eine Nachricht kommen. Jemand konnte die
Mappe holen. Aber niemand kam. Und Donnerstag hörte sie: es sei zu Ende. Sie
wartete noch bis zum Tage der Bestattung. Und dann berief sie mich, damit ich
der Familie die Mappe übergäbe.«
    »Deswegen? Gott, wie umständlich! Warum nicht einfach per Post schicken?«
    Und er streckte die Hand nach dem verschnürten und versiegelten Paket aus,
das zwischen ihnen auf dem Tisch lag.
    »Der wichtige Inhalt verbot es, denn ...«
    »Ihre Frau Mutter hat sich mit dem Inhalt beschäftigt?«
    »Ich bitte Sie, die Massnahmen meiner Mutter durchaus zu respektieren,« sagte
scharfen Tones Raspe, »sie sind in jedem Fall die richtigen gewesen.«
    Leutnant Rositz verbeugte sich höchst verbindlich.
    »Die Mappe war nicht verschlossen. Der Inhalt konnte einen Anhalt geben,
wohin der Verstorbene sie hatte bringen wollen. Aber es fand sich keinerlei
Anhalt, keine Notiz. Nichts. Nicht einmal beweisen kann meine Mutter, dass diese
Mappe Ihrem Herrn Vater gehörte. Der Inhalt ist der unpersönlichste von der
Welt. Aber er hat doch auch Beweiskraft in sich, durch seine Art ...«
    »Beweiskraft?«
    »Ja. Es ist nämlich Geld. Preussische Konsols. Dreissig Stück. Im Gesamtwert
von einundachtzigtausend Mark.«
    Nun öffnete Leutnant Rositz leicht den Mund. Aber keine hastige Frage kam
heraus. Er schien ganz verdutzt. Raspe liess ihm Zeit und setzte förmlich hinzu:
»Sie begreifen, dass meine Mutter Wert darauf legte, mich mit dieser Mission zu
betrauen.«
    »Aber gewiss! Gott, wir sind Ihnen enorm dankbar! Wir hatten schon gesehen
aus Abrechnungen, Bankzetteln und so - da musste noch Geld sein, von dem wir
nichts wussten. Ein Depotschein war da - über eine annähernde Summe - Deutsche
Bank - ja - aber da musste mehr sein. - Offenbar - Papa hat die Papiere irgendwo
weggeholt, um sie anderswo zu verwahren - Gott ja - wir sind Ihnen enorm dankbar
- Ihrer Frau Mutter natürlich in erster Linie auch.«
    Das kam alles in raschestem Tempo heraus. Raspe hörte - ein freudiger Ton
klang mit und wurde im Laufe der Rede immer deutlicher. - - Wie ihn das
verletzte! Seine Aufgabe war zu Ende. Sie hatte sich leicht erledigen lassen. Er
erhob sich. Viktor Rositz begleitete ihn hinaus - über den prächtigen Korridor
bis zur Garderobe neben der Eingangstür, und Raspe hatte noch eine Menge rasch
heruntergehaspelter Verbindlichkeiten hören können, und wie der jüngere Kamerad
sich freue, durch diese so ernste und ungewöhnliche Angelegenheit einen
scharmanten Kameraden kennen gelernt zu haben. Aber Raspe dachte nur: ob die
Schwester nicht noch einmal zufällig des Weges käme ... Nichts rührte sich im
Korridor. Da war nur der Diener, den Viktor mit einer Handbewegung in den
Hintergrund gescheucht hatte, um Raspe selbst in den Mantel zu helfen.
    Mit einer seltsamen Empfindung verliess er das Haus. Versonnen ging er, fast
zögernd, auf die Pforte zu. Und als er am Gitter entlang schritt, sah er sich
noch einmal die stattlich heitere Front des weissen Barockbaues an. Da bemerkte
er oben an einem Fenster ein weisses Gesicht ... Er grüsste hinauf ... Und er
konnte sich selbst nicht begreifen. - Das war ja wie etwas Erwartetes und
Schönes.
    Seine Mutter war dann wehmütig glücklich, als sie vom Verlauf des Besuches
hörte. Raspe verschwieg ihr nicht, dass er die Tochter gesehen und gesprochen
habe. Und das feine Ohr der Mutterliebe hörte wohl: es war Interesse in seinem
Ton - fast Befangenheit. Sie seufzte in sich hinein. Möglichkeiten stiegen vor
ihr auf, die zugleich schon vergingen. - Wünsche blitzten und erloschen. - Ja,
wenn der Tod nicht dazwischen gekommen wäre. - Wenn der teure Freund ihr noch
die Tochter hätte bringen können - vielleicht, dass Tulla und Raspe sich kennen
gelernt hätten - kennen und lieben. - -
    Wenn Menschenhänden Macht und Recht würde, die Leben zusammenzuknüpfen, die
eine schöne Verbindung bedeuten könnten. -
    Aber so geht oft und oft ein Wesen am andern vorüber - man streift sich -
staunt einander an - im raschen Blick leuchtet ein Verstehen und Erkennen auf -
und schon ist es vorbei. - Man hat keine Möglichkeit und Form, dem andern zu
sagen: warte, damit wir uns näher in die Augen sehen können. -
    Raspe meinte, die ganze Angelegenheit habe fast etwas Romanhaftes gehabt.
    »Ach nein,« sagte seine Mutter, »das Leben bringt so viel seltsamere Dinge
zustande, als die Phantasie eines Dichters erfinden darf. Von ihm fordert man
unaufhörlich das Wahrscheinliche, Begründete, und die Begrenzung durch Form. Und
das Leben selbst ist ein Komponist, der sich in bizarren Anhäufungen von
Unwahrscheinlichkeiten und Grausamkeiten gefällt. Bedenk' allein das sinnlose
Geben und Nehmen, darin das Schicksal förmlich wie toll ist! Und wie es uns
erbittert. Im Roman findest Du doch noch immer etwas, das die Erbitterung
lindert und löst - das trägt die Kunst hinein - im Leben ist es nicht.«
    Es erging ihr wie allen, die nicht klagen und nicht schwach sein wollen -
dann erleichtert es doch das Gemüt ein wenig, wenn man dem Leben seine
Grausamkeiten im allgemeinen anschreibt.
    Kaum eine Stunde nach Raspes Heimkehr fuhr schon Leutnant Rositz vor. Aber
Terese sagte eigenmächtig, aus ihrem Spürsinn heraus, dass die Herrschaften
nicht zu Hause seien. Als sie dann die beiden Karten hereinbrachte, nachträglich
doch ein wenig besorgt über ihr Handeln, war Sophie zufrieden. Sie sagte sich,
es wäre ein qualvoll konventionelles Begegnen gewesen. -
    Sie verbrachten dann einen stillen Nachmittag und Abend. Raspe brauchte erst
am andern Morgen in seine Garnison zurückzukehren. Und es tat der Mutter doch
wohl, sich über ihre nächsten Pläne auszusprechen. Sie wollte ja nach Hamburg,
schon in wenigen Tagen. Da hatte sie dann Arbeit und ihren Sohn Allert. Wenn die
Hoffnung der Senatorin Amster sich verwirklichte, würden sich in Hamburg mehr
Aufträge finden, vielleicht genug für den ganzen Winter. Und Raspe musste zu
Weihnachten hinkommen. Das stand fast vor der Tür - drei Wochen noch. Er sah
wohl: seiner Mutter war zumut wie jemand, der sich an einer Daseinswende fühlt.
Mit einer unendlichen Melancholie gedachte sie des Verlorenen, aber der neue
Abschnitt, karger an Reizen, wie er sein würde und immer bleiben musste, forderte
volle Sammlung von ihr, und sie war entschlossen, sich dazu emporzuringen.
    Ja, das ist eine merkwürdige und eigentlich eine furchtbare Stimmung: man
steht mit leeren Händen und weiss nicht, ob das Schicksal jemals wieder etwas
hineinlegen will, das wert ist, festgehalten zu werden. Man steht ganz einsam,
die Welt empfindet man als eine undeutliche Oede um sich herum. Man hat das
Gefühl: hoch oben irgendwo ist doch noch Licht und Freude - aber wie soll man da
je hinauf gelangen, ohne Hilfsmittel als die eigene Kraft, die ermüdet ist? ...
    Dergleichen empfand Sophie.
    »Die einzige Freude,« sagte sie, »die mir noch werden kann, wäre, wenn Ihr
mir liebe Schwiegertöchter brächtet - Allert und Du. Schwiegertöchter, die Glück
und Wohlstand ins Haus tragen, ihm neue Blüte und Bestand geben.«
    »Wie gern, Mutter,« sprach Raspe lächelnd, »wie gern! Wenn Du mir das
Mädchen bringen kannst, das mir Glück garantiert.«
    »Garantiert?« rief sie. »Oh - ein Mann wagt. Und erzwingt sich's.«
    »Lässt sich Glück erzwingen, Mutter? - Du - Du hattest doch den Willen zum
Glück in Deiner Ehe und die tägliche Selbstaufopferung, zu versuchen, ob es sich
denn nicht erzwingen lasse ...«
    »Still! - Das soll Euch kein Beispiel sein - es gibt doch auch, gottlob,
noch schöne, innige Ehen - eine solche ist doch wie vollendetes Menschentum. -
Wie sollte es mich beseligen, Euch darin zu sehen! Und über den Wunsch hinaus,
über das Verlangen, das Recht, das Eigenleben so voll ausgestalten zu können,
gibt's noch viel andere Gründe zum Heiraten. Gibt's die nicht? Denke doch! Der
Staat! Jawohl, Dir, mir und dem Volk bist Du's schuldig, zu heiraten.«
    Nun musste Raspe lachen.
    »Mutter, geh nicht ins Volkswirtschaftliche! Der Staat - Du kommst mir
sozusagen mit Tabellen - schielst nach Frankreich.« -
    Wie ihn das amüsierte.
    »Hast Du schon mal einen Menschen gesehen, der aus Pflichtgefühl gegen den
Staat geheiratet hätte?«
    Sie musste auch lächeln. Aber weil sie doch auch gern das letzte Wort haben
mochte, sagte sie:
    »Das gesteht sich natürlich selten ein Mensch ein und andern wohl nie. Aber
als halbbewusste Unterströmung -«
    Sie unterbrach sich. Terese kam herein. Und sie hatte schon an der Tür jene
ihr eigentümliche Handbewegung, die zugleich Neugier zu wecken und diskret zu
beschwichtigen schien. Dann streckte sie auch lächelnd das etwas geneigte
Gesicht vor, und Sophie sah es ihr an der Nasenspitze an, dass draussen etwas
Ungewöhnliches los sei. Ein verlumpter »Kollege«, der Unterstützung wollte, oder
ein ganz hoher Besuch - jedenfalls etwas über, unter oder ausser Teresens Taxe
vom Normalen.
    Ganz nah an den Tisch vorm Ecksofa, wo Mutter und Sohn gemütlich sassen, kam
sie heran und berichtete fast flüsternd:
    »Es ist 'ne Dame da. Karte hat se keine. Ich sagte, dass jnä Frau woll nicht
annimmt - wo wir doch jleich zu Abend essen sollen. - Aber sie bat - ich soll
mal fragen - tiefe Trauer trägt sie - ja und dann - es hinge mit Herrn Jeheimrat
zusammen, sagt se.«
    Mutter und Sohn sahen sich an. Sophie dachte: seine Frau?!
    Kam sie vielleicht, um ihr selbst noch zu danken? - Wollte sie Fragen
stellen? Sich von der letzten Stunde erzählen lassen, die der Verstorbene
ausserhalb seines Hauses verbrachte?
    Aber Raspe dachte: Sie!
    »Sie!«
    Denn in seiner Gedankenwelt spielte eine Frau des Verstorbenen gar keine
Rolle - er kannte nur eine Tochter. -
    Was gab es da zu besinnen! Sophie sagte:
    »Lass mich allein mit ihr - zuerst - aber komm nach zehn Minuten. - Ich
möchte, dass Du sie sähest - mir Dein Urteil sagtest - also ja, Terese, führen
Sie die Dame hier herein.«
    Herzklopfend stand sie mitten im Zimmer. Oh, sie wusste, nun würde gleich
eine sehr, sehr schöne Frau hereinkommen, wunderbar jugendlich erhalten, mit
köstlichem braunen Haar, dem in den letzten zwei, drei Jahren ein kupferroter
Schimmer gegeben worden war. Sie sah ja diese Frau in ihrer rauschenden,
geschmeidigen Eleganz, mit ihren weissen Schultern und dem bandartigen
Halsschmuck von Perlen zuweilen auf ganz grossen Festen.
    Nun kam eine schmale schwarze Gestalt herein, deren Kopf durch einen runden
grossen Hut von Krepp und einen dichten Schleier ganz versteckt war. Aber gleich
wurde der Schleier zurückgeschlagen, und Sophie erriet auf der Stelle: seine
Tochter!
    Warm wallte in Sophiens Gemüt eine Bewegung auf - Rührung - fast Freude. Am
liebsten hätte sie diesem jungen, von Trauerfloren umwallten Geschöpf ihre Arme
entgegengebreitet.
    Tulla stand und sah sich, noch von der Schwelle her, rasch um - sah, dass der
Gobelin, der vor der Türöffnung hing, die zu einem andern Zimmer führte, sich
noch ein wenig bewegte, so, als sei dort eben jemand hinausgegangen.
    Schon aber war die Frau neben ihr und erfasste ihre Hand und führte sie
förmlich ins Zimmer.
    Tulla fühlte ein liebevolles Entgegenkommen.
    »Schickt Ihre Mutter Sie zu mir?« fragte Sophie in jenem schonenden Klang,
den die Stimme Leidenden und Trauernden gegenüber annimmt.
    »Nein - ach Gott - nein - ich bin heimlich hier - ganz allein bin ich
gekommen - zu Fuss,« sagte Tulla und nahm den Platz im Ecksofa ein, dabei sah sie
unverwandt Frau Sophie ins Gesicht. Und dachte: ach ja - sie sieht gut aus -
    »Allein auf der Strasse? Heimlich? Und wenn man Sie vermisst?«
    »Kein Mensch vermisst mich. Ich hab' Mademoiselle mein rosa Chiffonkleid
geschenkt - sie soll Mama sagen, ich liege mit Kopfweh zu Bett - wenn Mama
überhaupt nach mir fragt - aber sie wird schon nicht - sie liegt selbst zu Bett
- aus Langerweile und liest, und vielleicht muss Mademoiselle ihr Karten legen -
das kann Mademoiselle grossartig« -
    Sie sprach wie ein unreifes Kind - aber nicht im Ton der Klage, sondern in
vollkommener Einfachheit, wie von den gewohntesten Zuständen.
    »Und was führt Sie her?« fragte Sophie, etwas zurückhaltender - weniger
liebevoll - ohne es selbst zu wissen - abwartend und erstaunt.
    »Ich musste Sie etwas fragen. - Ihr Herr Sohn hat heute Viktor was gebracht -
ich hab' Ihnen vielleicht auch was zu bringen« - - Sie zögerte einen Augenblick
- in einer plötzlichen Verlegenheit - fingerte an dem Bügel ihrer Handtasche -
und stiess endlich heraus: »Gehört das Ihnen? Sind die von Ihnen?«
    Und sie öffnete ihre Tasche und nahm ein Päckchen heraus ...
    Sophie fühlte sich erblassen.
    Ihre Briefe. In der Hand seiner Tochter. Tausend Fragen überstürzten sich in
ihrem Kopf.
    Mit zitternder Hand nahm Sophie das Päckchen.
    »Wie kommen Sie dazu, liebes Kind? Und woher wissen Sie ...?«
    Das junge Mädchen besann sich ein wenig. Es war so schwer, anzufangen. Sie
sass mit geneigtem Kopf. Und da fiel der schwere Krepp wieder herab und hing wie
eine Trauerfahne vor ihrem Gesicht. Sophie wollte ihr dann behilflich sein, all
diese Schleierüberfülle auf den Hut zurückzuschlagen - dabei waren sich die
beiden Gesichter sehr nahe - sie blickten sich in die Augen - in einer scheuen,
zärtlichen Neugier....
    Sophie sagte: »Nehmen Sie doch den Hut ab - diesen schrecklichen Hut ...«
    Und das junge Mädchen zog gehorsam sofort die Nadeln heraus und legte den
Hut auf den nächsten Stuhl, den ihre ausgestreckte Hand erreichen konnte.
    Nun sah Sophie mit ihren Maleraugen und mit den Augen der liebevollen,
mütterlichen Frau den feinen jungen Kopf und fand die Züge des Toten darin -
seine dunklen Augen mit dem Feuer starken Lebens ...
    »Nun sagen Sie - woher wissen Sie ...«
    »Sie haben ihn verstanden - Sie! Verzeihen Sie mir - ich habe die Briefe
gelesen - alle ...«
    Und plötzlich fiel sie Sophie um den Hals und weinte - weinte. -
    Das Herz der alternden Frau, dies verarmte und noch blutende Herz erriet:
das waren die ersten Tränen, die seine Tochter tröstlich weinte - die ersten,
ihren jungen Gram lösenden und mildernden Tränen. - Vielleicht hatte sie bisher
allein, verborgen, ohne Mitgefühl zu sehen, weinen müssen. Und Sophie nahm dies
verwaiste arme Kind in ihre Arme und liess ihr Zeit, sich zu fassen. Dann hob
Tulla von selbst an zu erzählen.
    Wie sie gleich gesehen: der Vater sei sterbenskrank. Aber die Mama wollte es
nicht glauben und pochte auf seine gute Natur, die sich rasch erholen werde, und
verschickte noch die Balleinladungen, weil sie doch schon ausgeschrieben gewesen
seien und adressiert.
    Und dann kam Exzellenz von Czermack und sagte, es sei zu spät zum Operieren,
es sei einer von den Fällen, wo von vornherein jeder Eingriff unmöglich gewesen
sein würde.
    Und weiter erzählte sie, immer leidenschaftlicher, immer hinströmender im
starken Gefühl und beschwingten Wort, eine, die lange hat schweigen müssen und
nun endlich alles aussagen darf - wie sie ihren Vater kaum verlassen, nicht Tag
noch Nacht, ob auch gleich die Wärterinnen und die Mama schalten und ihr
Dortsein unnütz fanden. Und er habe sie manchmal erkannt und dann ihr
zugelächelt. Und einmal habe er sie mit der Rechten zu sich herabgezogen - ganz
schwach - sie habe aber gleich gefühlt, was seine Geste wollte. Er habe ihr
etwas Wichtiges mitteilen wollen, nur mühsam habe er sich noch verständlich
machen können und ihr zugeflüstert:
    »Schreibtischschlüssel nehmen - Briefe nehmen - verbergen - nicht Mama« -
und die übrigen Worte wurden zu undeutlich - viele hatte er noch gemurmelt. -
Aber Tulla wusste, was sie nun durfte und musste: sie musste den
Schreibtischschlüssel aus dem Bund heraussuchen, das neben Papas Uhr auf dem
Nachttischchen lag. Und sie durfte in seinem Schreibtisch stöbern, um
irgendwelche Briefe zu finden, die er ihr und ihr allein anvertrauen wollte. -
    Es war ja Nacht. Die beiden Wärterinnen sahen, die eine stumpfsinnig, die
andere ein bisschen interessiert zu, wie sie die Schlüssel nahm ...
    Mama schlief. Mamas Nerven konnten Nachtwachen nicht vertragen. - -
    Und da ging Tulla nach nebenan und drehte das Licht auf. Es war ihr
schrecklich und unheimlich, so in Papas Sachen zu kramen. Ihr kam es dabei vor,
als sei er schon tot. Und sie hoffte doch noch und hatte Exzellenz Czermack so
dringend gebeten, Papa am Leben zu erhalten.
    Viel Geld sah sie, Gold und Silber, in einer offenen, in Fächer geteilten
Kassette von grünem Draht. Ganze Bündel von Abrechnungen von Banken waren da.
Ein grosses Anschreibebuch. Und Briefe von Viktor und Harald. Die handelten alle
von Bitten um Geld - Erklärungen über Geldverbrauch - Versprechungen. - Aber
Tulla sagte sich: diese Briefe konnte Papa nicht gemeint haben, darin stand
nichts, was Mama zu verbergen nötig war. Die Eltern stritten sich ja so oft vor
Tullas Ohren über den Geldverbrauch von Viktor und Harald. Mama verzog und
verwöhnte die Brüder an allen Ecken und Enden, aber wenn sie um Geld schrieben,
ärgerte Mama sich doch, und Papa sagte, das sei inkonsequent.
    Dies alles erzählte Tulla mit einer Vertraulichkeit, die ihr dieser Frau
gegenüber das natürlichste von der Welt schien. Und dann berichtete sie, dass sie
endlich, ganz hinten, in einem alten Kasten ohne Deckel, diese Briefe, lose
durcheinanderliegend, gefunden habe. Als sie dann den ersten, obersten las, da
wusste sie es: die hatte Papa gemeint! Sie trug den offenen Kasten in ihr eigenes
Zimmer und verwahrte ihn dort in der kleinen Boulekommode, die ihr Papa zum
letzten Geburtstag geschenkt. Dann legte sie das Schlüsselbund wieder neben
Papas Uhr. Die Wärterinnen guckten erst sie und dann einander an. - Und Papa lag
wieder wie schlummernd - so, wie er dann bis zuletzt gelegen hatte. Sie
vermochte ihm nicht mehr zu sagen: es ist besorgt.
    Sophie sass erschüttert. Seine letzten klaren Gedanken hatten ihren Briefen
gegolten - Gott allein wusste, was der Inhalt all jener weiteren Worte gewesen,
die sein Kind nicht mehr verstand. Vielleicht dachte er auch an die Mappe und
das, was sie entielt, und sagte noch, geistesklar und willenskräftig, wem sie
gehören solle. - Sophie ahnte wohl: mir! Aber sein Körper war schon in Verfall.
Wie oft hat ein Sterbender nicht mehr die Kraft, seinen allerletzten, klaren
Willen auch klar auszusprechen. Wie tröstlich aber war es, zu denken, dass er in
dem Wahn entschlummerte, sich noch verständlich gemacht zu haben. - Denn das
Kind sagte es: auch den undeutlichen Worten habe sie mehrfach versprechend
zugenickt: »Ja, Papa - ja - ja ...«
    Tulla fuhr dann fort:
    »Nicht wahr - Sie vergeben mir, dass ich die Briefe las - was konnte ich
machen? Ich hatte nicht den Befehl bekommen, sie zu vernichten. Es konnte doch
sein, dass viel daran lag, dass die Schreiberin sie zurückerhielt?«
    »Gewiss,« sagte Sophie, »gewiss.«
    »Ich dachte auch: Gott, wenn die Frau, die diese Briefe schrieb, nun von
Papas Tod hört! Wie schrecklich sie sich wohl um ihre Briefe ängstigt - wer die
findet! Wer die liest! Und ich wollte ihr zu gern sagen: bloss ich. Und ich hab'
wohl verstanden: das ist was Schönes und Heiliges für Papa gewesen. Eine
grossartige Freundschaft!«
    Was Tulla nicht aussprach, war dies: sie hatte aus der Art der Aufbewahrung
den Schluss gezogen: Liebesbriefe sind es natürlich nicht. Sie dachte nicht an
himmelblaue Bänder und Geheimfächer. - Das freilich nicht. Aber ein alter,
deckelloser Kasten - das war ihr doch zu profan.
    »Die Frau, die mit Papa so befreundet war, die wollte ich doch gern auch
liebhaben - nicht wahr? Aber so viel ich auch las und mir ausdachte - bekannte
Namen kamen ja vor - Anhalt gaben sie doch nicht. S - ich dachte: Selma, Sara,
Sophie?«
    »Nun haben Sie mich doch gefunden - und so rasch?« sagte Sophie fragend.
    Das junge Mädchen antwortete nicht gleich. Sie sah auf den Gobelin - der
wurde an der rechten Seite gefasst und gehoben - Raspe kam herein. Und Tullas
Gesicht bekam einen ganz hellen Ausdruck.
    »Oh, wir kennen uns schon!« sagte sie und reichte ihm die Hand entgegen.
    Mit vollkommener Beherrschung der Situation - einer Gewandteit, die im
Gegensatz stand zu der vorhin gezeigten kindlich unreifen Art, sah sie nun
Sophie lebhaft an und fragte:
    »Darf ich in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes weiter erzählen?«
    »Bitte. Raspe weiss um meine Freundschaft mit Ihrem Vater. Das gnädige
Fräulein bringt mir meine Briefe an ihn. Ich bin ihr sehr dankbar.«
    »Heut mittag - das heisst, es war ja eigentlich noch vor Tisch - für uns -
wir essen um vier - heut mittag waren Sie ja bei uns - lieferten Viktor eine
Mappe aus mit Geld - davon sprachen die Brüder bei Tisch noch immerfort mit Mama
- Sachen, wie in diesen Tagen endlos - das ist wohl so nach einem solchen
Todesfall - Geld und die Erbschaft - aber Mama sagte, alles komme von ihr, sie
sei die Besitzerin, und nun meinten die Brüder, dies andere Geld gehöre aber
uns. Mama bestritt das. Sie wurden etwas heftig gegeneinander.«
    Sie schwieg einige Augenblicke. Und Raspe und seine Mutter achteten dies
Schweigen, das ihnen schmerzlich schien. Sie fühlten, zart war im Trauerhause
mit der Stimmung dieses holden Kindes offenbar nicht umgegangen worden.
Vielleicht litt sie in Erinnerungen und verlor sich eben hinein - deshalb
warteten sie stumm.
    Aber Tulla litt nicht eigentlich. Sie ärgerte sich nur nochmals und konnte
das doch nicht erzählen - wie die Mama gesagt hatte: »Höchst eigenartige
Geschichte. - Und welche Garantie hat man, dass es nicht ein paar Stück Konsols
mehr waren ...« Da fuhr sogar Viktor auf und rief scharf: »Mama!« Und Harald
machte sein Gesicht.
    Sie seufzte aus Herzensgrund. Ach, wie war es schön, hier zu sitzen. Sie
blickte mit freiem Auge Mutter und Sohn an und fuhr fort, lächelnd:
    »Mama und Viktor und Harald hatten sich alle drei furchtbar um das bisschen
Geld - schliesslich sagte Mama nämlich, es sei nur ein bisschen - und der
Justizrat sollte entscheiden, wem es zukomme. Und Mama meinte, Viktor müsse doch
sofort einen Besuch bei Ihnen machen, ehe er abreise. Petzold musste das
Adressbuch hereinbringen. Und da suchte Viktor denn herum, bis er vorlas: Sophie
von Hellbingsdorf, Porträtmalerin, und die Strasse und das Haus. Sophie! Ich
fühlte auf der Stelle: sie muss es sein. - Und ich dachte: geh mal hin und
frage.« -
    Nun war sie stolz und von einem glücklichen Wichtigkeitsgefühl ganz erhoben.
Sie hatte den Wunsch des Sterbenden erfüllt. Und ihr achtzehnjähriges Herz war
auch voll von einer jäh entstandenen Begeisterung für diese Frau, die ganz
sicher der Inbegriff von allem Edlen und Hohen war. Allein schon, weil sie
solchen Sohn hatte ...
    Sophie schloss sie noch einmal in ihre Arme - ebenso sehr aus Mitleid wie
voll Dankbarkeit.
    Dann sprach Raspe davon, dass er unter gar keinen Umständen das gnädige
Fräulein allein nach Hause gehen lassen, sondern sie heimfahren werde.
    »Darf ich noch etwas hier bleiben - ach, darf ich?« bat Tulla.
    »Wenn Ihre Mademoiselle sich nicht ängstigt?«
    »Fällt ihr gewiss nicht ein - wenn Mama sie nicht mehr braucht, geht sie
todsicher noch aus - ihr Bräutigam wartet abends auf sie. - Das hab' ich längst
'raus. - Und Papa ist ja nicht mehr da - wenn er irgend, irgend konnte, sah er
abends noch nach mir ...«
    Sophie dachte daran, wie er gesagt hatte, er hoffe, sie könne seiner Tochter
Wohltäterin werden. Und sie begriff, wie sehr diesem Kind eine mütterliche
Freundin nötig war.
    Gewiss konnte Tulla dableiben - es passte vortrefflich - draussen in der Pfanne
briet ja festliches Geflügel, und Terese hatte eine köstliche Speise gemacht,
bezüglich deren sie an dem Wahn festielt, es sei Raspes Lieblingscreme, während
er längst gleichgültig gegen Süssigkeiten geworden war. - Das erzählte sie voll
Heiterkeit. - Und Tulla, die die Traulichkeiten und Niedlichkeiten einer so
stillen kleinen Wirtschaft nicht kannte, wo das bisschen umständlichere Tafeln
wegen eines lieben Gastes schon Freude bedeutet, Tulla fand alles entzückend und
poetisch.
    Als Sophie ins Esszimmer ging, um ein drittes Gedeck aufzulegen, und Raspe
mit Tulla allein liess, fühlte diese sich nicht befangen. Sie sagte:
    »Mir ist ganz wunderbar - so, als kenne ich Ihre Mutter schon ewig lang. Und
ich komm' mir hier ganz gemütlich vor ...«
    Raspe meinte:
    »Weil Sie wissen, meine Mutter kennt Sie aus den Erzählungen Ihres Vaters.«
    Tulla sagte:
    »Ihre Mutter hätte mich malen sollen. Ich lasse Mama keine Ruh - Sie muss
Ihrer Frau Mutter den Auftrag geben...«
    Sie stockte. Ihr fiel ein, Viktor hatte gesagt »Lass Dich bei der Frau malen,
wie Papa es vorhatte - das ist denn so 'ne Art Belohnung - Porträtmalerin! -
Gott, die haben's meist sehr nötig -«
    Viktor war manchmal schrecklich plump.
    Durch die Wendung »Auftrag geben« und das plötzliche Verstummen fühlte sich
Raspe irgendwie unangenehm berührt. Ihm ahnte, dass und wie man den Fall im Hause
Rositz besprochen haben mochte - denn schon waren die Wände dieses Hauses wie
Glas für ihn, und er sah darin einen Geist walten, der ihm gänzlich zuwider war
- -
    »Meine Mutter«, sagte er kühl und mit jener etwas steifen Haltung, die er
annahm, wenn er Verletzendes auch nur von fern witterte, »wäre nicht in der
Lage, einen etwa dahinzielenden Wunsch jetzt zu erfüllen. Sie reist in den
nächsten Tagen nach Hamburg und bleibt lange dort.«
    »Sie reist weg!« rief Tulla in einem ganz naiven und offenkundigen Schreck.
    Hier kam Sophie herein.
    »Sie reisen weg?« wiederholte Tulla. »Und ich dachte - weil ich Sie gefunden
habe, dürft' ich Sie oft besuchen - oh, das wär' zu schön gewesen. Grade jetzt
...«
    Die nächste Zeit gähnte sie ja förmlich an. Was sollte sie nur anfangen?
Keinen netten, lieben Menschen wusste sie.
    Es war auch Sophie leid. Mehr, als sie aussprach.
    Als man dann zu dritt um den kleinen Tisch sass, fühlte Sophie geradezu Reue
über ihren Hamburger Plan, der sich nun nicht mehr rückgängig machen liess. Ihr
war, als sei das nun ihre nächste, ihre Hauptpflicht, sich dieses Mädchens
anzunehmen. Und sie sah ja auch - wie die dunklen Augen ihren Raspe anstrahlten
- Fäden spannen sich da an - sie würden gleich wieder zerreissen, wenn nun jede
Gelegenheit fehlte zum Begegnen. - Wenn ich doch wenigstens erst nach
Weihnachten zu reisen brauchte, dachte sie. Weihnachten kam Raspe doch auf
Urlaub. Aber Aufschub war auch undenkbar. Allert freute sich schon. Und die
Senatorin Amster hatte schon Tag und Stunde der ersten Sitzung bestimmt. -
Sophie spürte wohl, das war eine Dame von scharfer Pünktlichkeit, ein
Programmensch; man musste sich auf sie einstimmen, wenn man durch sie Aufträge
und Verdienst erhoffte.
    Und dabei verstärkte alles, was Tulla ganz offenherzig erzählte, in der
mütterlichen Frau das Gefühl: sie braucht noch Anleitung, Herzlichkeit und viel
Verständnis.
    Tulla klagte nicht, gar nicht, sie berichtete einfach. Man konnte denken,
sie ahne nicht, wie viel ihr fehle.
    Zur Schule war sie nicht gegangen. Sie hatte mit Fiffi v. Samelsohn und
Lille v. Parwitz zusammen Privatstunden gehabt, die Mütter der beiden waren
Freundinnen von Mama, das heisst: gewesen. Wenigstens habe sich Mama mit Fiffis
Mama erzürnt, und Mademoiselle sagte, es sei wegen des Barons Legaire, den die
Samelsohn dem Jour der Mama abspenstig gemacht haben solle. Und Fiffi sei ihr
verhasst, denn alles wisse sie und könne alles besser, und wenn man sich mal
freue, redete sie so rasend klug, warum es nicht der Mühe wert sei, sich zu
freuen. Lille sei aber verboten dumm. Und dermassen faul und eitel, und gäbe
einem beständig zu verstehen, dass nur blonde Menschen das Recht hätten, schön
gefunden zu werden.
    Warum sie eigentlich immer noch mit beiden verkehrte? Was sollte man machen?
Die Mamas hatten einen noch nicht brauchen können. Allein mopste man sich tot.
    Ein Jahr waren sie auch alle drei in Pension gewesen, in einer rasend
vornehmen englischen. Da habe man gelernt, sich in jeder gesellschaftlichen Lage
absolut sicher zu benehmen. Nun hätte das Leben recht anfangen sollen. Aber
jetzt war vorerst alles aus. Papa war dahin. Und man sass in tiefer Trauer. Da
glänzten ihre Augen wieder in Tränen.
    Raspe sah sie durchdringend an.
    »Es tut Ihnen leid, dass Sie diesen Winter nicht tanzen und in die Welt
können?« fragte er langsam.
    »Ach nein,« sagte sie aufrichtig und tupfte sich die Tränen ab, »für mein
ganzes Leben wollt' ich wohl auf alles verzichten - wenn ich damit Papa nur
lebendig machen könnte. Er fehlt mir furchtbar. Und ich weiss auch wohl: ich war
sein Verzug - wenn er auch ganz verärgert war, mich liess er's nie entgelten. Er
hatte ja viel Aerger. Im Amt. Von der Presse - die wusste immer, wie er es anders
hätte machen sollen, sagte er - von den Brüdern - Viktor, das ging ja noch, der
hat auch so 'n strengen Oberst - aber Harald! Mit Harald kann ich mich gar nicht
vertragen. Wenn Sie nur wüssten, was er für 'n ekliges Gesicht machen kann! Gerad
so, als ob alles, was alle Anwesenden sagen und tun und denken, Unsinn und tief
unter ihm sei. Papa wurd' immer so gereizt durch das Gesicht, bloss Mama lachte
...«
    Wenn die offenherzigen Erzählungen des jungen Mädchens bei dem Wort »Mama«
hielten, entstand eine Stockung im Gespräch.
    Sophie wusste wohl, warum sie dann stumm blieb. Sie kannte ja die Frau genau
- nach und nach hatte der Mann sie ihr gezeigt. - Sophie wünschte,
schonungsvoll, nicht von ihr mit der Tochter zu sprechen. Mit keiner einzigen
Frage wollte sie das Kind nötigen, Ungünstiges von der Mutter zu erzählen.
    Tullas Gedanken kehrten zu Raspes Frage zurück.
    Mit einem Male sagte sie lächelnd und strahlend:
    »Solcher Abend - wie dieser - das ist doch schöner als Bälle und Teater. -
Haben Sie mich ein bisschen lieb, wegen Papa?«
    Und sie beugte sich vor, sah Sophie flehend und schmeichelnd in die Augen
und küsste ihr dann plötzlich die Hand.
    »Gewiss. Nicht nur wegen Ihres Vaters. Um Ihrer selbst willen,« sagte Sophie
gerührt. »Sehen Sie mich als Ihre mütterliche Freundin an. Wie gern will ich
Ihnen helfen, das Leben zu nehmen.«
    »Das Leben zu nehmen« ... wiederholte sie nachdenklich und wusste nicht, was
sie aus dem Wort machen sollte.
    »Könnte ich Ihnen doch eine Pflicht geben, eine Arbeit zeigen, einen Inhalt
...«
    Tulla faltete die Hände an der Tischkante und schüttelte im rötlichen Schein
der Hängelampe ihren Kopf. »Hoffnungslos,« sagte sie mit dem anmutigsten
Ausdruck, »kein Talent! Fiffi will noch Kunstgeschichte treiben und später
Kritiken schreiben und vielleicht Novellen. Lille hat 'ne Stimme, hoch wie 'ne
Flöte - ich find' ja, sie singt oft falsch, aber sie weiss kolossal Bescheid, wie
all die grossen Sängerinnen es eigentlich machen sollten. Ich kann nichts. Ja,
wissen Sie, wenn ich eine ganz kleine Schwester hätte - das wäre reizend. Nicht?
Lille und Fiffi lachten sich halbtot, als ich das neulich mal sagte, und Fiffi
schrie ...«
    Sie schwieg und wurde rot. Diese grässliche Fiffi hatte erklärt, das sei
»Mutterschaftsinstinkt«, so 'n Wunsch. -
    Nein, solche unpassende Äusserung konnte sie nicht erzählen. Etwas scheu sah
sie zu Raspe hinüber.
    Und da sah sie einen Blick voll leuchtender Wärme und Güte. Das machte sie
ganz verwirrt vor Glück. Ein wunderbares Schweigen breitete sich aus. Es schien
ganz voll von den herrlichsten Ahnungen.
    Das junge Mädchen wagte kaum zu atmen und hörte nur ihr Herz klopfen - ganz
geschwinde - ganz geschwinde - als eilten alle Schläge einer unnennbaren
Seligkeit entgegen.
    Sie sprang auf. Sie musste jemand liebhaben, greifbar mit Küssen und
Umarmung. Und deshalb fiel sie der Frau um den Hals, die ihre mütterliche
Freundin sein wollte, und rief:
    »Papa müsste bei uns sein.«
    Dafür war die Frau ihr dankbar aus Herzensgrund. An dem dunklen Kopf vorbei
suchte sie mit fragendem Blick das Gesicht ihres Sohnes.
    Und sie fand auf den sonst so beherrschten, männlichen Zügen einen Ausdruck
von Weichheit und Feierstimmung, dass ihr beinahe ebenso bewegt zumute ward wie
diesem aufgeregten Kinde.
    Ein wenig später musste Frau Sophie leider daran erinnern, dass es gleich halb
zehn sei, und dass sie durchaus wünsche, Tulla treffe noch vor zehn Uhr zu Hause
ein, ganz gleich, ob dort jemand ihr Ausbleiben bemerke oder nicht. -
    Tulla erhob keine Einwendungen. Mit vollkommenem Gehorsam brach sie sogleich
auf. Sie nahm mit leidenschaftlichen Dankesbezeigungen Abschied und bat, vor der
Abreise nach Hamburg noch einmal vorsprechen zu dürfen. Auf dem Korridor nickte
sie sehr freundlich der scharf aufmerkenden, diplomatisch dreinschauenden
Terese zu, denn sie hatte gesehen, dass die ältliche Person hier eine
Vertrauensstellung einnahm. Und in ihr war eine Stimmung, die sie antrieb, sogar
der Dienerin den Hof zu machen.
    Gleich nachdem die beiden jungen Menschen die Wohnung verlassen hatten, lief
die Mutter ans Fenster. Sie riss es auf, sie beugte sich in die Nacht hinaus. Der
Schneeatem, der ihr kalt und klar ins Gesicht hauchte, liess sie nicht frösteln.
Wie aus der Vogelperspektive sah sie's: Da unten ging ein hoher Mann in stolzer,
ruhiger Haltung, und neben ihm, mit ihrem breiten Hut, von dem noch rückwärts
der schwere Krepp herabwallte, das schlanke Mädchen. Eigentlich konnte man die
Wirkung ihrer Gestalten von hier oben durchaus nicht beurteilen. Aber Sophie
dachte entzückt: sie sehen grossartig nebeneinander aus.
    Auch als sie das Fenster wieder geschlossen hatte, weil sich die
Davongehenden in der Strassenperspektive zwischen anderen Passanten verloren,
auch da sah Sophie die beiden noch im Geist immer vor sich und sah sie mit
zärtlichem Lächeln wie etwas schon Vereintes. Denn eine wundervolle Hoffnung war
in ihr gross geworden, so jäh in die Höhe gestiegen wie die Pflanzen, die
indische Fakire binnen wenig Stunden unter mystischen Verschwörungen aus einem
Samenkorn hervorschiessen lassen. Ihr heisser Wunsch war der Zauberer, der diesen
herrlich grünenden Hoffnungsbaum so märchenhaft wachsen liess, und Myrtenzweige
durchrankten ihn.
    Sie war eine Mutter, die kraft ihres unvergessenen Weibtums alle Wonnen und
Leiden junger Liebe nachempfinden konnte. Viel mehr als nachempfinden: für und
mit ihrem Sohn sie selbst erleben - mit jedem Nerv spürend, was in diesen jungen
Herzen vorging -.
    Und sie dachte inbrünstig: möchten sie sich finden! Den Sohn verheiratet zu
sehen und das Kind des verlorenen Freundes als Tochter in ihre Arme nehmen zu
dürfen, war ihre dringliche Sehnsucht.
    Vergangenheit und Zukunft genoss ihre Phantasie.
    Sophie sah sich wieder als junge Frau, nach rasch ernüchtertem Liebeswahn
bestrebt, doch noch irgendwie sich ein wenig Glück aufzubauen. Ihr Trost waren
ihre beiden Knaben und das Leben mit ihnen in der stillen Zarteit der Natur.
Wie liebten sie den tiefschattigen Garten, der sich an das Herrenhaus schloss.
Auf den Treppenstufen seines Giebels sassen im Herbst die Raben, und wenn Allert
sie zählen wollte, flogen sie schon, ehe die Zählung begonnen war, hinüber zu
den drei Pappeln, die mitten auf dem Rasen im Garten standen. Sie liebten auch
den Graben, dessen Wasser man nicht fliessen sah, und der zwischen Krauseminze
und Vergissmeinnicht stand. Ein Brett, auf Pflöcken ruhend, ragte über ihn
hinaus, und da durften Allert und Raspe mit ihren kleinen Giesskannen Wasser
aufholen und dem Gartenknecht helfen, die Sellerieknollen zu begiessen. - Drüben
dehnten sich die Wiesen, und die schwarz-weissen Kühe lebten da ihr
schwerbewegliches, wiederkäuendes, plump-beschauliches Leben auf dem grünen
Grunde. Und irgendwo im Garten gab es eine Stelle, wo Allert und Raspe als
Sechs- und Siebenjährige ihren Phylax begraben hatten. Vater Meins, der abends
mit seinen weissen Haaren und seinem runzligen Diplomatengesicht, getrockneten
Waldmeister rauchend, vor der Stalltür sass, machte ihnen aus schmalen, flachen
Brettern ein Kreuz. Und Allert schrieb mit seinen ersten, steifen
Kinderbuchstaben darauf: »Hier ruht in Gott der treue Filacks«.
    Mit Oelfarbe zogen sie dann die Bleistiftbuchstaben nach, und dadurch wurden
sie beinahe ganz unleserlich ...
    Oft in ihrem Kampf ums Vorwärtskommen hatte Sophie voll vergehender
Sehnsucht an all diese Stätten gedacht. - Sie wiederzuerwerben, sie ihren
Kindern zurückgeben zu können, die alte Scholle der Familie in neuem Glück und
Leben bessere Frucht tragen zu sehen, einen verheirateten Sohn, von Kindern
umgeben, dort zu wissen, wenn sie einmal stürbe - das war ihr Ziel. Sie wusste
längst, allein konnte sie das nicht. Dazu wuchsen die Ersparnisse zu langsam.
Allert hatte einst versprochen: ich helfe dir. Aber er lernte rasch begreifen,
dass ein kaufmännisches Geschäft, ob es sich mit Fabrikation oder mit Handel
befasste, gerade war wie ein Erdboden: sollte es ertragskräftig werden und in
immer wachsendem Masse bleiben, so wollte es auch gedüngt sein - mit Gold. Auf
viele Jahre hinaus musste jeder Gewinn hineingesteckt werden. Anders war es
ungesund.
    Da baute sie sich eine andere Hoffnung auf: wenn Raspe eine Frau nimmt, die
er liebt, und die wohlhabend ist! Eine Frau ist ja glückselig, wenn sie das
Ihrige dem geliebten Mann in die Hände legen darf.
    Und jetzt - heute abend - jetzt trat die Hoffnung aus dem fernen,
unbestimmten Dunst klarer heraus - schien sichtbare Gestalt zu werden. Ihr
Mutterherz ertrug kaum diese glückliche Unruhe, von der sie erfasst wurde.
    Geschlossenen Auges stand sie in der Stille und sah und hörte:
    Sommerabend war es, und zwischen den Büschen des Gartens hatte sich, vom
sonnigen Tage her, die Wärme verfangen. Vom fernen Graben her kam das leise
plaudernde Gequake der Frösche. Der Himmel im sanften Grau dunkler Perlen stand
voll unendlichen Friedens. Und durch diese liebliche Abendruhe ging sie. Und
neben ihr schritt ein glückseliges junges Paar.
    Oh, wenn sich dieses Hoffen zu einem Erleben gestalten sollte! Es war
Sophie, als ob sie dann für alles Glück, was ihr selbst versagt worden war, ganz
entschädigt sein würde.
    Sie lächelte strahlend ...
    Die beiden jungen Menschen gingen indes durch das lebhafte Treiben der
winterlichen Weltstadtstrassen. Tulla sagte gleich: »Nicht fahren - bitte. Wir
kommen trotzdem zur rechten Zeit hin - vor zehn - das müssen wir - weil doch
Ihre Mutter es wollte.«
    Er merkte: ihr lag daran, durchaus dem Wunsch seiner Mutter zu gehorchen.
    Das war nun ein merkwürdiges Zusammenwandern: auf Tritt und Schritt
abgestimmt. Und die Gleichmässigkeit des Ausschreitens gab irgendwie ein sicheres
Gefühl - als gehöre man von jeher zueinander.
    Tulla merkte nichts von all den Menschen, die an ihnen vorbeikamen, nichts
von Gedröhn der vorüberfauchenden Autos, nicht den Schnee, der als schon
angebräunte Schanze sich zwischen Bürgersteigen und Fahrdamm hinzog, nicht den
grellen und ungleichen Glanz der tausendfältigen Belichtung.
    In ihr sang und klang das junge Leben rasch emporgeflammter Liebe. Sie hatte
es sich immer gedacht: auf den ersten Blick müsse es kommen. Und dass es sich so
erfüllte, machte sie wie berauscht vor Glück.
    Herrlicher hätte es gar nicht sein und werden können. Ganz gewiss würde Papa
mit tausend Freuden alles gebilligt haben. Der Sohn der von ihm so unendlich
verehrten Frau! Wem hätte er seine Tochter lieber geben sollen als diesem.
    Ja, man konnte geradezu sagen: durch Papa war es so gekommen. Er hatte sie
diesen unvergleichlichen Menschen zugeführt. Er hatte ihr die Briefe anvertraut
- vielleicht sogar in dem bestimmten Wunsch, dass sein Kind ihr Glück durch einen
der Söhne seiner Freundin finde. Tulla war, als ihr dieser Gedanke kam, durchaus
geneigt, anzunehmen, dass Papa es so gemeint habe ...
    Und Mama? Gott, Mama war so mit sich beschäftigt - und Tulla konnte sich
eigentlich gar nicht vorstellen, wie sie nun, als erwachsene Tochter, mit und
neben Mama leben solle. Es schien einfach so, als ob neben Mama kein Platz sei.
- - Es würde ihr ganz gewiss höchst angenehm sein, die Tochter in einer frühen
Heirat gleich untergebracht zu wissen. Zweifellos gab das auch allerlei
Unterhaltung für Mama, gerade im ersten Trauerjahr - noch heute mittag hatte sie
gesagt: wenn ich nur erst wüsste, was man jetzt anfängt, am besten wird es sein,
man geht auf Reisen. -
    So sah Tulla gar keine Hindernisse.
    Und auf das merkwürdigste mischten sich bei ihr in den seligen Rausch erster
Liebe all diese Erwägungen. Sie dachte sogar daran, dass Mama sehr reich sei, und
freute sich dessen, denn falls der geliebte Mann, wie sie vermutete, nicht viel
oder gar nichts habe, so machte das nichts aus. Einer musste Geld haben,
natürlich. Aber wer - das war egal. Fiffi v. Samelsohn hatte noch neulich
gesagt: das kann unsereiner wenigstens haben - wir können heiraten, wen wir
wollen - -
    Eine jubelnde Sicherheit war in ihr. Nichts blieb in dämmernder,
beklemmender Angst.
    Sie wunderte sich zuerst nicht einmal, dass Raspe in ernstem Schweigen neben
ihr ging. Sie fühlte: auch in ihm stürmten die Gedanken ...
    Mitten in ihrer grenzenlosen Aufregung fiel ihr etwas ein. Hatte sie nicht
etwa durch diese und jene Bemerkung bei Raspe und seiner Mutter Vorurteile gegen
Mama erweckt? Das war gewiss nicht ihr Wille. Und sie sagte:
    »Witte, seien Sie offen - mir kommt es beinahe so vor - es hat doch nicht
ausgesehen, als wollt' ich Mama kritisieren? Oder lebte nicht in Frieden mit
ihr?«
    »Allerdings«, antwortete Raspe ehrlich, »hatte ich den Eindruck, als ob Ihr
Vater Ihnen näher gestanden habe.«
    »O ja - natürlich - das tat Papa natürlich. - Und das ist wohl so - man
kritisiert ja doch die Eltern immer 'n bisschen - sie sollten mal Lille hören -
Papa war wundervoll. Lieb und geduldig und immer vornehm. Mama hat eben mehr
Temperament - und schön ist Mama! Oh, Sie werden staunen. Immer, wenn sie mit
Viktor oder Harald ausgeht, denken die Leute, sie sei die Schwester - so schöne
Menschen, die dürfen ein bisschen egoistischer sein - nicht? Mama ist oft
bezaubernd, Sie glauben nicht wie. Wenn sie lustig ist und da Dinge oder
Menschen sind, die sie unterhalten. Mann kann ihr dann gar nicht widerstehen ...
Ich hab' Mama ganz gewiss ebenso lieb, wie andere Kinder ihre Mutter haben,«
versicherte sie.
    Ihr Ton wurde nach und nach zitternd, weinerlich - zum Schluss beschwörend.
Die Art, wie er sie sprechen liess, schien ihr plötzlich so abwartend, so
bedrohlich.
    Wie ein Blitz fiel die Furcht in ihr Herz und verbannte sofort alle jubelnde
Zuversicht ... Gewiss, er hielt sie für unkindlich und kalterzig - er, der so
innig mit seiner Mutter stand.
    Ihr Ton verriet so genau, was in ihr vorging. Raspe verstand es, und es
rührte ihn. Er beruhigte sie: »Wie sollte ich daran zweifeln dürfen. Und das ist
ja eine bekannte Sache, von der man oft hört: die Tochter steht dem Vater, der
Sohn der Mutter näher. Darin ist wohl ein tiefer Sinn ...«
    »Ja,« sagte Tulla eifrig, »ja - ich stand Papa wirklich näher ...«
    Es kam ihr zum Bewusstsein, dass sie schon in der Friedrich-Wilhelm-Strasse
waren. Ihre Füsse wurden ihr schwer. Sie ging immer langsamer. Mit jedem Schritt
vorwärts entschwand das sichere Glücksgefühl mehr und mehr. - - All diese
äusseren Dinge, die ihr gleich so gegenwärtig gewesen, versanken - das ganze
Leben löste sich in schreckhafte Unbestimmteiten auf. - Noch fünf Minuten - und
man musste sich trennen. - Mit welchem Wort würde es sein?
    Raspe zögerte auch. - Er fühlte wohl: es war ein unreifes, junges Geschöpf,
das da an seiner Seite ging, ihm zugewandt mit sehnsüchtigem Blick und
erwartendem Herzen.
    Aber was ist Unreife. Ein holder Zauber mehr, wenn alle Möglichkeiten zur
Reife da sind ... Waren sie es?
    An Gemüt und Verstand, an Anmut des Wesens und des Körpers fehlte es dem
Mädchen nicht -
    Ein rechter Mann konnte wohl alles aus ihr machen. Konnte er?
    Eine schwere, ernste Frage - nicht im jähen Sturm daherbrausender Liebe zu
erwägen - sondern in langsamer Prüfung - -
    Die dunkeln Augen sahen ihn flehend an - rührende Demut stand jetzt in dem
feinen Gesicht, das so weiss schien, weil der feierliche Trauerpomp der schwarzen
Schleier seinen Hintergrund und Rahmen bildeten.
    Er nahm sich zusammen - als ein rechter Mann, der er war.
    Denn auch für ihn war dies kein Winterabend voll Schnee und Kälte und
Weltstadtelle und Lärm -
    Eine wunderliche Stimmung wollte ihn bezwingen -
    Noch niemals hatte er sich so erhoben, so voll Stolz und Kraft gefühlt -
Frühlingsfreude war in ihm - die berauschende Empfindung, als bräche eine neue
Lebensjahreszeit an. -
    Nun waren sie schon bei dem ersten der hohen Sandsteinpfeiler, die das
Eisengitter stützten und gliederten, und hinter dem verschneiten Vorgarten erhob
sich das prächtige Haus. Zwei Fenster im ersten Stock waren von einer sanften
Helligkeit erfüllt. Alle andern von weissen Stores fest verhangen. Aber selbst in
diesem Schweigen, in dieser Ruhe wirkte es wie ein Bau hochmütigen Reichtums.
Man sah es diesen Mauern an, dass sie Luxus umschlossen und glänzende
Lebensgewohnheiten. - -
    Kein Haus für einen deutschen Offizier, der andere Ideale hat, als in
breitströmender Ueppigkeit geniessend mitzugleiten. -
    »Hier sind wir,« sagte Raspe. Sein Ton war gedrückt. Er fühlte wohl, es war
ein seltsam inhaltsschwerer Augenblick.
    Ein zitterndes junges Herz erwartete ein Abschiedswort, darin irgendeine
Verheissung verborgen sein solle - irgendeinen Blick - eine Andeutung - an die
sich Hoffnungen klammern konnten.
    Und sein Gewissen verbot ihm, sich zu verraten.
    Am liebsten hätte er ja dieses feine, liebe Gesicht zwischen seine Hände
genommen und die dunkeln Augen geküsst, um die bangen Fragen, die darin standen,
zärtlich zu bejahen.
    Wie konnte er? Wie durfte er?
    Kenne ich sie? Kennt denn sie mich? dachte er.
    Sie standen schweigend. Vielleicht, nein, gewiss nur ein paar Sekunden lang.
    Und sie sahen sich an ... War denn das möglich, dass sie gestern noch nichts
voneinander gewusst hatten? War denn nicht von jeher jede schöne Stunde ihres
Lebens schon eine gemeinsame Freude gewesen?
    Das Wunder dieser Nähe, dies Gefühl von uralter Zusammengehörigkeit benahm
sie ganz.
    Raspe dachte: ich bin der Mann - ich muss ein Ende machen. - Sie standen
gewiss schon eine unermessliche Zeit ...
    Tulla zitterte. Sie hatte eine qualvolle Angst. Wenn sie jetzt
auseinandergingen, ohne ein Wort der Hoffnung, war es dann nicht eine so
furchtbare Trennung, als risse man Zusammengewachsenes auseinander?
    »Leben Sie wohl,« sagte Raspe, »ich fahre morgen früh in meine Garnison
zurück.«
    Tulla legte ihre Hand in die seine - diese schmale, kalte Hand - die ihn
rührte, die sich so in die seine legte, als gehöre sie dahin.
    »Sehe ich Sie wieder? Bald?« ... fragte sie.
    Sie dachte: bald? Ach, seine Mutter geht ja fort - es kann nicht bald sein.
    Und sie setzte hinzu: »Aber einmal - später - einmal?«
    Sie wusste selbst nicht, wie flehend es klang.
    Und er sagte herzlich, dennoch aber in voller Selbstbeherrschung alles
niederringend, was ihn fortreissen wollte: »Ich hoffe.«
Nun kam Sophie in eine ihr ganz neue Welt hinein. Das war es gerade, was ihr
Gemüt gebraucht hatte. Und anstatt von dem erlittenen Schmerz zerbrochen zu
werden, erhob sie sich daran, ordnete ihn ihrem Wesen und seelischen Besitz ein
und erstarkte zu reiferer und mutvollerer Arbeit. Denn in jeder Frauenarbeit,
besonders in der Kunst, steckt ein gut Teil Trotz gegen das Schicksal.
    Anfangs benahm ihr Hamburg ganz den Atem.
    Das war ja ein verblüffender Unterschied gegen Berlin. In Berlin sah man die
gewaltige, endlose, fast betäubende Bewegung des Handels im Kleinverkehr -
dieses Kleinverkehrs, der die Massenanhäufung von Waren in phantastischer
Schnelligkeit aufzehrte und immer neue Unmengen verlangte und verschlang. - Es
war gerade, als würfe die Fabrikation von allen Gebieten des Bedarfs her einem
Riesenungeheuer immer neue Millionen von Kleidungsstücken, Esswaren und
gewerblichen Gegenständen aller Art zu, die das Ungeheuer unersättlich in sich
aufnahm. Man hatte immer den Eindruck, als sähe man eine Milliarde sich in
Pfennig- und Markstücke auflösen und durch die Strassen rollen. Das blosse Zusehen
bei diesem Schauspiel war schon erschöpfend.
    Vom Grosshandel sah man in Berlin nichts. Er verbarg sich in Kontoren und
Höfen von Strassen, in die man nie hinkam, und beherrschte selbst da nicht das
Bild des Lebens.
    Aber in Hamburg sah man eigentlich nur ihn, empfand nur ihn - fühlte die
reichen Läden in einigen Strassen der Alstergegend nicht als hervorstechendes
Merkmal - der Hafen triumphierte, dieses wogende Gebreite von Wasser, im
stürmischen Grau der Wintertage, gross und düster - mit all diesen
unübersehbaren, sich verzweigenden kanalartigen Armen - flutenden Strassen
gleich, auf denen statt der Wagen Schiffe den Verkehr besorgten; flink keuchende
Fahrzeuge, mit dicken, aus Hanfstreifen geflochtenen Ballen an ihren Borden,
Prall und Stoss abzudämpfen; Motorboote, die puckerten und an Menschen
erinnerten, die mit kurzen Schritten vorwärts hasten; Dampfpinassen, die
zuweilen einen greulichen Heulton ausstiessen; Schlepper, die vorsichtig
dahinrauschten, um nicht zu hohe Wellen zu erzeugen; Verkehrsboote voll von
Menschen. Und an den Dückdalben und Landungsbrücken Namen, wie Strassenschilder.
Ja, eine Verzweigung von Wasserwegen. Und sie führten alle zu den Teilen des
Hafens, wo die Ozeandampfer lagen und ihre Leiber entlasten und füllen liessen.
Aufgereiht waren die Schiffsriesen gleich einem Heer, das alle seine Regimenter
hat einzeln Stellung nehmen lassen. An der Front eines jeden glitt auf unruhig
bewegten Wogen der Hafenverkehr vorbei. Von den unübersichtlichen, wunderfein
ineinandergegitterten Linien der Taue und des Mastwerks flatterten hoch die
Flaggen, an deren Farben und Zeichen man erkannte, welcher Gesellschaft diese
Gruppe gehörte, welche fernen Häfen ihre Bestimmung waren. Der Ozean, der ihr
Feld war, schien sie zu umwittern - wie einen König die Majestät umgibt, auch
fern von seinem Tron.
    An den Kais häuften sich die Warenballen und Fässer zu wundervollen
Pyramiden oder hohen Schanzen. Das dröhnende Rasseln der schweren Lastfuhrwerke,
die aus allen Strassen den Ufern zulenkten, hörte den ganzen Tag nicht auf. Dampf
und Elektrizität gaben eisernen Hebebäumen die Kraft und Leistungsfähigkeit von
hundert Menschenarmen - aber auch die Faust griff zu, und man sah, wie
Stiernacken sich unter dem Gewicht von schweren Säcken neigten.
    Jeder dieser grossen Dampfer schien eine Welt für sich, voll atemlosen
Lebens, voll Eile, voll krachenden Getöns, rasselnden Kettengeklirrs. Spröde
Laute zogen durch die Luft, als ob auf hunderttausend Bratschen zugleich die
tiefe E-Saite gestrichen würde.
    Es war ein merkwürdiges Durcheinander aller Völkerschaften. Da und dort sah
man auf den Verdecken Chinesen rasch und still ihrer Dienerpflicht nachgehen.
Mit ihren schwarzen Wollköpfen und grellen Augen im tiefgrauen Gesicht stachen
die Neger zwischen dem herumhastenden Arbeitsvolk hervor. An der Reling der
Westindienfahrer lungerten kreolische Matrosen.
    Aus vielen Warenschuppen drang der Geruch des grünen Kaffees streng und
würzig heraus. An andern Stellen hauchte einen der Atem des Südens an, und viele
tausend Kisten mit Orangen wurden in die ragenden Speicher geschafft. Ganze
Reihen von Loren, voll von Stabeisen, aus den rheinischen Industriegebieten
kommend, wurden entleert, und hellkrachend, als zerberste jedesmal ein ganzes
Haus voll Glaswaren, fielen die Eisenstangen neben das Gleis der Hafenbahn; die
ganze Luft wurde von diesem klingenden, brutalen Lärm erschüttert.
    Und zuweilen zerriss der traurige, dunkle Schrei einer Sirene diesen Lärm.
Der Abschiedsgruss irgendeines Dampfers, der Anker auf ging.
    Ja - das war der Grosshandel - und die Salzluft des Ozeans war darin. Der
Begriff der Ferne war ausgelöscht - da stand die Kultur und bediente sich der
Hand des Kaufmanns und liess die Erzeugnisse der Völker hin und her tauschen -
ihre Unterschiede ausgleichend, ihre Mängel ergänzend, ihren Überfluss
verteilend - -
    Sophie begriff, dass ihr Sohn seinem Beruf mit leidenschaftlicher Hingabe
gehörte.
    In diesem ungeheuren Teil volkswirtschaftlichen Lebens mitzuringen, sich nur
zu behaupten, vielleicht sogar in die erste Reihe zu kommen - das war wohl
rechte Arbeit für ein Manneshirn und eine Manneskraft.
    Ihr Sohn Allert hatte sie mit einer freudigen Nachricht empfangen. Sein
Suchen nach Kapital war von Erfolg gewesen, wenn auch anders, als es eigentlich
in seinem Plan gelegen. Ein Kompagnon hatte sich ihm zugesellt. Ein Chemiker mit
Vermögen, der sich mit einer Viertelmillion beteiligte, war nun Mitinhaber der
Farbwerke Allert v. Hellbingsdorf, und der Firma war im Handelsregister wie auf
den Etiketten aller ihrer Erzeugnisse das Zeichen »;& Cie.« zugefügt worden.
Allert sagte, es passe gut; es selbst sei der kaufmännische, sein Teilhaber der
wissenschaftliche Geist.
    Er lobte den Doktor Dorne - so, wie er zu loben pflegte, mit dem klugen
Vorbehalt, der lange sagt »es scheint«, ehe er wagt festzustellen »es ist«.
    »Und nicht wahr, Mutter, der Frau Dorne nimmst Du Dich wohl an, soweit Deine
Interessen und Verpflichtungen es zulassen. Du bist ja auch nicht zum Müssiggehen
hier. - Weisst Du - das ist das Grossartige in diesen Hafenstädten: das Arbeiten!
Ich glaub' wohl, es macht die Geselligkeit ein bisschen enger und strenger, und
es heisst, die Weiber hätten zu sehr das Präsidium darin - weil eben alle Männer
so arbeiten - aber da ist kein Grandseigneur zwischen diesen bürgerlichen
Aristokraten, und hätt' er noch so viele Millionen, der nicht arbeitete mit
aller Anspannung - für sich und dabei auch noch für den Staat, in zahlreichen
Ehren- und Verwaltungsämtern.«
    »Also ich soll nett mit Frau Dorne sein? Gut. Kann geschehen. Auch wenn ich
sie nicht leiden mag. Hoffentlich ist es mir möglich, Dir auch noch sonst zu
nützen. Ich werde Dich wohl bald bei Frau Senator Amster einführen können. Und
von da aus kommst Du dann in die Gesellschaft.«
    Allert lachte.
    »Gib Dir keine Mühe, Mutter. Ich bin noch nichts und gelte noch nichts.«
    »Du bist ein Hellbingsdorf,« sagte seine Mutter.
    Er lachte noch mehr.
    »Das ist hier ganz egal. Hier gelten nur die hanseatischen Patrizier, und
was sonst herankommt, muss sich erst durch Erziehung, Leistung und Vermögen
allmählich ausweisen. Das macht's ja gerade so frei und schön - sich hier
heraufzuarbeiten, wo alles arbeitet und man weiss, was das ist: Industrie und
Handel. Hier kann es mir nicht passieren, dass mich einer anredet - wie vor'n
paar Monaten mal in Berlin Dein Grossvetter Baron Bray - Du weisst wohl - der von
den Gardekürassieren. - Na, sagte er, was, Allertchen, es geht die Sage: Kofmich
biste jeworden? Legste denn nu 'n Adel ab, oder lässte sieben Zacken uf de Tüten
drucken?«
    Seine Mutter ärgerte sich. Als Frau stand sie doch nicht ganz über solchen
Kleinigkeiten. Aber Allert amüsierte sich wieder. Und er machte Bray in Ton und
Miene sehr echt nach.
    Ja, Allert hatte Humor. Gottlob. Wie ihm das half in all den neuen
Verhältnissen, mit denen er durch keine Tradition verknüpft war. Tradition ist
solche Hilfe und solcher Halt, dachte Sophie.
    Sie fand ihren Aeltesten ein bisschen amerikanisiert in seiner Erscheinung.
Aber sie sah bald, das war so ähnlich die Art all der Handelsherren, die in
vornehmer Haltung, dunkel gekleidet, mittags zur Börse gingen.
    Allerts offenes, regelmässiges Gesicht war fast bartlos, denn die winzigen
Streifen vor den Ohrmuscheln erschienen eigentlich nur als Verlängerung der
Schläfenhaare. Er war etwas blonder als sein Bruder Raspe und, bei gleicher
Grösse, ein wenig voller. Die gleichen blauen, fest blickenden Augen hatte er.
    »Und ernstaft, Mutter,« sagte er noch, »dass Du mich nicht da bei den
Amsters als empfehlenswerte gesellschaftliche Akquisition anpreisest! Ich habe
vor der Hand noch viel zu schwer zu arbeiten, um mich in Verkehr und
Vergnügungen einlassen zu können.«
    »Aber wenn Du nicht in die Gesellschaft kommst, hast Du auch nie Gelegenheit
zu ...«
    »Zu heiraten!« ergänzte Allert vergnügt. »Nee, Mutter - hab' auch noch keine
Zeit dazu - nicht eher, als bis ich meine wirtschaftliche Lage aus allen Kämpfen
heraus ins Gesicherte bugsiert habe -«
    »Aber das kann doch ...«
    »Kann lange dauern. Jawoll, Mutter. Sieh Dich mal um, mit recht offenen
Augen - wieviel Männer kommen vor lauter Arbeit und Kampf ums Brot heutzutage
gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Heiraten! Wenn sie dann so weit sind, Frau
und Kind auskömmlich und standesgemäss ernähren zu können, sind sie grauhaarig
und zu müde, um so bedenkliche Lebensveränderungen noch zu unternehmen. Ich sage
mit Absicht: standesgemäss! Nicht, Mutter? Ehe man mit Frau und Kindern ins
Jammertal kümmerlicher Beschränkungen hinabsinkt - auf eine Daseinsstufe kommt,
an die man nicht gewöhnt ist - besser bleibt man allein - schon bloss aus
ästetischen Gründen.«
    »Aber wenn Du eine wohlhabende Frau ...«
    Allert schloss seine Mutter in die Arme.
    »Gern, wenn ich mich besinnungslos in sie verlieben kann. Und nun fang'
nicht noch einen vierten Satz mit Aber an.«
    »Du gehst respektlos mit mir um,« lachte sie glücklich. »Und ausreden lässt
Du mich nie.«
    »Doch!« behauptete Allert, »immer wenn Du was sehr Kluges sagst, und das
tust Du ja meistens. Und nun schicke ich Dir die Dornes, sie brennen darauf, Dir
einen Besuch zu machen. Oder wahrscheinlich brennt nur Frau Julia - Lia -
Juliana - so dergleichen heisst sie, glaub' ich - denn er, der Doktor Dorne,
sieht und denkt nur an seine Frau und seine Wissenschaft - die letztere, kommt
mir vor, lässt ihm keinen Raum zu Kritik und Unabhängigkeit - Madame hat die
Zügel. Als Chemiker ist er grossartig. Sollst mal sehen, der erfindet noch was
Fabelhaftes. Wie man aus Selterwasser Schmieröl machen kann - oder sonst was ...
Dann werden wir Millionäre, ich zahl' Onkel Just aus - Mutter, wenn Du wüsstest,
was das so ist für 'nen Kaufmann, ohne fremdes Geld arbeiten - na und denn kauf'
ich Dir Muschenfelde zurück. Bis dahin empfehle ich die Firma Allert von
Hellbingsdorf & Cie. Deiner gnädigen Nachsicht.«
    Sie sah ihm lächelnd nach. Die Frische seines Wesens war so wohltuend. Man
hatte so das Gefühl: er spielt mit den Mühseligkeiten des Lebens Fangball. Das
sind Siegernaturen. - -
    Auf Allerts Rat hatte Frau Sophie sich nicht verlassen können bei ihrer
Niederlassung in Hamburg. Er gestand offen, dass er aus jener Gegend da draussen
bei Hammerbrook nur mal in Geschäftsangelegenheiten in die Stadt käme, und nie
nach Harvestehude oder Uhlenhorst oder in die sonstigen Villen- und Wohnviertel.
Seine Fabrik und sein Kontor befanden sich da, wo die Bille ihre ganze liebliche
Wald- und Wiesenvergangenheit verleugnete und sich mit dem graugelben
Riesenstrom in die Arbeit teilte, ein ganzes Netz von Kanälen zu speisen, bis
sie sich dann durch den Billhafen und Oberhafen endlich in die Elbe warf, um in
ihr zu ertrinken. Und zwischen all diesen Kanälen zogen sich die Strassen der
Arbeit, des Lärms, der zischenden Dampfpfeifen und der grauen und weissen und
gelblichen Staubwolken hin, wo Allert sogar, nur auf das Praktische und Sparsame
bedacht, sich auch seine Wohnung genommen hatte.
    So liess Sophie sich denn gern von Frau Senator Amster beraten, die, wie man
leicht merken konnte, es als etwas ihr Zukommendes empfand, andern Menschen die
Marschroute zu geben. Zum Atelier war ein grosses, nach Norden gelegenes Zimmer
im Amsterschen Hause bestimmt worden. Dies lag am Mittelweg in Harvestehude,
behauptete aber in der Reihe der zum Teil prunkvollen Bauten und Gärten einen
fast bescheidenen, soliden und altertümelnden Charakter. Es sei schon viele
Generationen in der Familie, sagte die Senatorin, und dereinst nur Gartenhaus
gewesen. Aber nach dem grossen Brand von 1842, als das Stadtaus der Amsters
gesprengt wurde wie so manches Haus, um dem Brand Einhalt zu tun, da baute der
Grossvater es wohnlich aus. Seitdem war nur ab und zu der nötige moderne Komfort
hinzugefügt worden.
    In einer der Strassen, die vom Mittelweg zum Seebassin der Aussenalster
hinabführen, fand Sophie dann die ihr empfohlene Pension Hammonia und zwei
angenehme Zimmer darin.
    »Wo man arbeiten kann, fühlt man sich sofort zu Hause,« sagte die Senatorin
Amster.
    Und darin hatte sie wohl recht, denn als Sophie vor der Staffelei sass, kam
ihr die Umwelt ganz vertraut vor.
    Jetzt begriff sie auch nicht, wie sie an jenem Abend so flüchtig über ihr
»Modell« hatte hinsehen können. Sie meinte, selbst in ihrem gespannten
Seelenzustand hätte ihr dieses Mädchen gleich zu denken geben müssen.
    Marieluis gefiel ihr. Wie gern sah man ihr in das kluge, klare Auge von
unbestimmter Farbe. Ihr Gesicht und ihre Gestalt waren wohlgebildet, die Züge
wie die Glieder wurden von einer bemerkbaren Harmonie getragen. Vielleicht war
ihr Ausdruck zu reif für ihre zweiundzwanzig Jahre.
    Die Pflegemutter war oft zur Gesellschaft dabei. Es kamen und gingen auch
andere Damen. Offenbar hatte sie für die Porträtangelegenheit das Interesse
ihres Kreises erweckt. Sophie bemerkte bald, dass die Senatorin für all ihre
Unternehmungen und Beschäftigungen sich gewissermassen ein Publikum zu bilden
pflegte; dies musste eine zustimmende und lobende Haltung einnehmen, das war -
unbewusst - die Voraussetzung.
    »Ich habe noch niemals eine so verständige Familie gesehen,« sagte Sophie,
als ihr Sohn sie am Sonntag zum Essen abholte. Das war so ziemlich die einzige
Zeit, in der er die Gegenwart seiner Mutter geniessen konnte. »Alles, was sie
tun, muss man billigen.«
    »Und wie ist es mit der Herzenswärme?«
    »Oh, die fehlt nicht!« meinte die Mutter in bestimmtem Ton. Aber dabei kam
ihr das Gefühl: irgend was fehlt doch. Sie konnte sich aber nicht klarmachen,
was. Unbestimmbarkeiten.
    Da nun die Senatorin sich bewusst war, Frau v. Hellbingsdorf hierherberufen
zu haben, folgerte sie daraus die Pflicht, sich der hier Fremden eifrig
anzunehmen. Sie war auch von ihr entzückt. »Eine vollkommene Dame und so
einsichtig,« sagte sie, woraus der Senator schloss, dass die Malerin sich
widerspruchslos von seiner Frau bevormunden liess.
    Es wäre ihm aber niemals eingefallen, seine Frau mit derlei zu necken.
    Sophie wurde oft zum Diner geladen, das erst halb sieben begann, wenn der
Senator seine kaufmännischen und Regierungsgeschäfte erledigt hatte. Oft riefen
ihn diese aber sogleich nach Tisch noch zu späten Kommissionssitzungen wieder
fort.
    Als sie den Verkehr der Gatten miteinander einigemal beobachtet hatte,
dachte Sophie: eine solche Sachlichkeit, wie zwischen den beiden herrschte,
ordne doch das Leben in der geschmackvollsten und nützlichsten Weise.
    Marieluis sass meist schweigend, in unbefangener Haltung aufmerksam und
freundlich mit am Tische und antwortete nur auf Anreden. Ab und zu fehlte sie.
Dann hiess es: sie ist zum Kursus. Oder: heut' ist Abendschule. Sophie erfuhr
gelegentlich, dass Marieluis einen Kursus besuche, in dem zwei Professoren
abwechselnd kulturgeschichtliche Vorträge hielten, mit besonderer
Berücksichtigung der Volkshygiene in allen Zeiten und bei allen Völkern. Und die
Abendschule war von einer Frauengruppe begründet und unterhalten, die sich die
Erziehung unehelicher Kinder zur Pflicht gemacht hatte.
    Immer war die Senatorin voll des Lobes über die praktische Anstelligkeit,
den raschen Verstand und die glückliche Hand ihrer Pflegetochter.
    Mit immer wachsendem Interesse beobachtete Sophie das Mädchen. Ohne einen
verschlossenen oder auffallend stillen Eindruck zu machen, schien sie doch ihr
Innenleben für sich zu haben und zu beschweigen.
    Einmal fragte Sophie: »Ist Marieluis Ihre Blutsverwandte?«
    »Nein,« antwortete die Pflegemutter und setzte gleich auseinander: »Aber
natürlich: kein schlechtes Blut! Wie hätten wir ein Wesen von ungewisser Rasse
mit unserem Namen decken wollen! Denn das war ja von vornherein Absicht: wenn
sie sich nach Wunsch entwickelt, adoptieren wir sie, sobald mein Mann fünfzig
wird. Das ist denn auch vor vier Jahren geschehen. Der Vater von Marieluis war
ein junger Arzt, der Letzte eines arm gewordenen, vornehmen hanseatischen
Geschlechts - er fing gerade an, leidliche Praxis zu bekommen. Da zog er sich
eine Blutvergiftung zu und starb. Die Frau stand dicht vor der Geburt des
zweiten Kindes. Infolge der Aufregung ging die Sache nicht gut aus. Mutter und
Kind starben. Die Frau war aus dem Hannöverschen, aus einer soliden,
bescheidenen Gutsbesitzersfamilie. Wir haben uns genau nach allem erkundigt!«
    »Wie traurig,« sagte Sophie, »wie unaussprechlich traurig.«
    »Gott,« meinte die Senatorin, »für Marieluis ist es schliesslich ja ein Glück
geworden. Vielleicht hätte sie mit entsetzlich vielen kleineren Geschwistern es
knapp und unruhig gehabt. Nun kann sie ihre Individualität ausbilden. Und
versorgt ist sie auch, wenn sie ledig bleibt. Natürlich beerbt sie uns nicht
voll. Meine und meines Mannes Geschwisterkinder sind auch noch da. Aber
immerhin: sie hat reichlich zu leben und kann wirken.«
    »Die bewegliche Natur und Intelligenz meiner Frau brauchte Aufgaben,« sagte
der Senator, »da gab ich ihr die Pflegetochter. Und ein Budget für ihre sozialen
Bestrebungen. Um die Details dieser kann ich mich nicht kümmern. Sie
interessieren mich auch nicht. Ich habe andere Pflichten. Wenn meine Frau die
Formen und das Budget innehält, kann sie machen, was sie will.«
    »Beides versteht sich ja wohl von selbst,« sprach seine Frau sehr stolz und
entschieden.
    Als der zweite Sonntag herannahte, bat die Senatorin: »Sie machen uns das
Vergnügen? Wir essen Sonntags schon um vier. Wegen der Dienstboten, damit die
Küche früher entlastet wird. Meines Mannes Bruder und Frau, Sie wissen, Tea
Daisters Eltern, werden Sie dann kennen lernen.«
    »Sie verzeihen und verstehen, wenn ich ablehne. Sonntags widme ich mich
meinem Sohn, er hat in der Woche keine Zeit.«
    Nun war aber die Senatorin erstaunt. Davon hatte Sophie von Hellbingsdorf
noch nichts gesagt.
    »Lassen Sie ihn doch bei uns Besuch machen,« sagte sie, ganz einfach über
Allert bestimmend.
    »Danke - wie liebenswürdig - mir schien aber - ja, er will, glaub' ich,
zunächst ganz ungesellig leben.«
    »Ach - wie verkehrt! Das reden Sie ihm aus. Die gesellschaftlichen
Beziehungen bringen oft genug Nutzen für den Beruf. Das ist allerwärts so.«
    Ja, Sophie wollte ihm die gütige Erlaubnis übermitteln. Sie ärgerte sich
manchmal über sich selbst - Regentennaturen hatten es ihr gegenüber so leicht;
es schien gar nicht zu ihrer selbständigen Lebenslage zu passen: aber einem
Herrscherton antwortete sie immer etwas zu bescheiden.
    Am Sonntag klagte sie es Allert vor. Aber sie bat ihn auch, bei Amsters
Karten abzugeben. Erstens konnte es ihm wirklich nützlich werden, vielleicht
traf er da Männer, deren Ansichten und Verbindungen ihm förderlich sein konnten.
Und dann: Frau Amster war geradezu für sie ein Agent. Sie hatte es richtig schon
erzielt, dass Sophie weitere Aufträge bekam: die beiden schönen Knaben einer Frau
Haimbrugk sollte sie als Doppelporträt malen und eine sehr elegante, übermässig
schlanke Amerikanerin mit wunderbarem Haar, die sich kürzlich mit einem Vetter
der Frau Amster verheiratet hatte, als Halbfigur. Diese Bilder sollten ebenfalls
in dem Nordzimmer gemalt werden, das die Senatorin zum Atelier bestimmt hatte.
    Das musste man doch auch bedenken. Und somit versprach Allert seufzend, was
ihm doch nur Störung bedeutete.
    »Wer Geld verdienen will, ist schliesslich abhängig,« sagte er.
    »Wer keins mehr zu verdienen braucht, weil er zu viel hat, ist es noch viel
mehr.«
    »Es lebe der kleine Rentner,« rief Allert.
    »Von dem Rositz immer sagte, er sei der Feind der Entwicklung.«
    »Rositz - Gott ja - der arme Rositz. Hörst Du wohl mal was von seiner
Familie?«
    »Oft schreibt mir die Tochter. Sie hat sich rührend zärtlich an mich
angeschlossen.«
    »Ja, Mutter, dazu lädst Du ein. Hoffentlich tut es Julia Dorne auch. Du bist
so mütterlich-weiblich. Du hättest zehn Töchter haben sollen.«
    »Bin zufrieden, wenn ich nur zwei Schwiegertöchter bekomme.«
    »Das ewige Tema.« Und sie lachten.
    »Dorne hat doch auch Zeit gehabt, sich zu verheiraten,« sagte die Mutter.
    »Das lag anders für ihn. Er hat ein Vermögen von annähernd einer halben
Million. Er war also unabhängig. Und doch - da er der geborene Arbeiter ist -
weisst Du, es gibt so viele Sorten von Arbeitern - solche von der Art der
Bohrwürmer, still, pausenlos, unbemerkbar - andere wie Pferde, stolz, kühn,
rasch - dritte wie Stiere, kraftvoll, aber plump - na, Dorne ist Bohrwurm.
Gänzlich. So'n Mann hätte eigentlich nicht heiraten sollen. Pass auf - Du wirst
schon sehen.«
    Dornes und Allerts Mutter hatten Besuche ausgetauscht und sich verfehlt. Nun
wünschte Frau Julia durchaus eine Begegnung am dritten Ort. Sie war noch nicht
mit ihrer Einrichtung fertig, konnte noch keine Gäste haben und war doch voll
Ungeduld, die Bekanntschaft von Allerts Mutter zu machen. Sie störte die Herren
ab und an mit ihrem Besuch, kam am Kontor vorgefahren und liess sich von Allert
immer wieder die Fabrik erklären. Er dachte: die langweilt sich. Und er dachte
weiter, es sei besser, ein kleines Zeitopfer zu bringen, damit ihr Wunsch
erfüllt werde. Morgen nun war ihr Geburtstag. Sie hatte sich ausgebeten, dass man
ihn feiere. Man wollte auswärts essen. Die Zeit, fünf Uhr, war Sophie angenehm,
dann hatte sie sich längst von der Arbeit erholt. Jetzt an den kurzen
Dezembertagen konnte man keine Sitzungen nach ein Uhr mehr abhalten.
    Als Allert am andern Nachmittag das Kontor verliess, um sich umzukleiden, war
er eigentlich wütend. Mitten aus der schönsten Arbeitszeit heraus! Aber er
tröstete sich damit: gleich nach dem Essen, wenn das Geburtstagskind ihren
Ehemann noch ins Teater verschleppte, konnte er sich wieder über seine Bücher
und Korrespondenzen hermachen.
    Es war ein greuliches Wetter. Nebel. Dieser Hamburger Nebel, der ein Bruder
des Londoner ist. Allert stand einen Augenblick im Einfahrtstor. Hinter ihm lag
die Fabrik, mit ihren Schuppen, Maschinenhaus, Kontor und Lager und all dem
Nebenkram von Karren, Kisten, Abfallhaufen. Es war ein feuchtes, verschwommenes
Bild von düsterm Graugelb. Lichtflecken standen darin wie verwischt von nassen
Pinseln, der Schein verfloss in das Grau hinein. Und durch diese dicke, stechende
Luft klang allerlei Geräusch: Pfeifen, Pusten, das dumpfe Stossen von Kolben, das
Plappern von Maschinenrädern, das Zischen von Dampf.
    Vor ihm zog sich die Strasse entlang, schmutzig, nass, ekel und
unübersichtlich. Hinauf, hinab in einen graugelben Schlund verlaufend, die
Laternen von dichten Nebelfloren umhüllt. Und jeder Atemzug schmeckte nach
Kohlen.
    Die Menschen schienen zum Nibelungengeschlecht geworden, das verdammt war,
in unterirdischen Höhlen das Gold zu schmieden. Und in Allerts Ohr formte sich
das Geräusch, das ringsum aus den schaurig umhüllten Arbeitsstätten drang, zum
Gehämmer der Zwerge Alberichs. Er pfiff den Rhytmus vor sich hin und ging dem
Bürgersteige nach, um seiner Wohnung zuzustreben.
    Als er um die Ecke bog, hörte er seltsame Laute - Lachen, kurz und roh - den
Schrei einer Frauenstimme - er sah niemand und nichts. Aber dem Klang nach war
das in der Richtung seines Weges. Er beschleunigte seine Schritte nicht. Denn
das gab es hier draussen alle Augenblicke: Balgereien zwischen betrunkenem
Mannsvolk und liederlichem Weibszeug. Das prügelte sich und vertrug sich.
    Aber nun, wo er dem Stimmenklang näher kam, zeigten sich auf dem Bürgersteig
im feuchten Nebel Umrisse ... Männer, die auf ein weibliches Wesen einzudringen
schienen - nein, waren es nicht zwei? - Und im verfliessenden Licht einer
umnebelten Laterne hob sich ein Arm - wieder ein Schrei - und im gleichen
Augenblick, als Allert das Gefühl bekam, dass da doch Frauen gegen Männerroheit
zu schützen seien, rannte auch schon eine weibliche Gestalt daher und gegen ihn
an und weiter - wie besessen. Taumelnd hinter ihr drein ein Mensch - Allert
schob ihn bei Seite - plump schlug der hin - schwer, wie Körper tun, die alle
Macht über ihre Bewegung verloren haben. So blieb er liegen und schimpfte
lallend über die nassen Strassensteine weg. Zugleich sah Allert auch schon, dass
da an der Hausmauer sich eine Gestalt lehnte - mit dem Rücken sich feststemmend
- den gebogenen rechten Arm erhoben, ihn wie zum Schutz vor ihr Gesicht haltend,
mit der Linken den Mann abwehrend, der auf sie eindrang. -
    »Een lütten Söten - eenen lütten Söten ...,« sagte der heiser.
    Schon war Allert neben dem Kerl und stiess ihn mit starker Faust zurück. Auf
diese ganz unverhoffte Erschütterung seines Gleichgewichts war der Angetrunkene
nicht gefasst gewesen - mit groteskem Tappen, die Arme in die Luft
hineinschlagend, versuchte er sich vor dem Fall zu bewahren. Er hatte auf der
Stelle das weibliche Wesen vergessen und war voll Wut auf den Stoss und rohrte
allerlei Unklares und Bedrohliches vor sich hin und kreuzte schwankend auf dem
Bürgersteig, und war entschlossen, sich sowas nicht gefallen zu lassen - und
überhaupt so'n Kerl - was unterstand der sich hier - stiess einen weg - wenn man
bloss mal eben mit 'ner hübschen Deern 'n büschen nüdlich sein wollte - nee, so
was braucht man sich nich gefallen zu lassen - in 'n Leben nich. - Und sein
Zorngemurmel verlor sich - die mit den Armen nach Halt ausgreifende, hin und her
vagabundierende Gestalt verschlang der Nebel.
    Allert stand vor dem jungen Mädchen - oder war es eine Frau? Gehörte sie in
diese Gegend? Sie trug einen sehr einfachen langen Paletot - ihr Hut war von der
grössten Unscheinbarkeit - dennoch hatte Allert sofort das Gefühl: eine Dame.
    »Hoffentlich ist Ihnen nichts geschehen?« fragte er höflich.
    »Nein. Danke. Man ist ja immer mal Zudringlichkeiten ausgesetzt. Aber diese
beiden Betrunkenen waren grässlich.«
    Sie bückte sich ein wenig und schlug ihren Mantel ab. Durch Allerts Hirn
blitzte ein Gedanke: ein Hallelujahmädchen? Aber nein, das war nicht die
Kleidung der Heilsarmee.
    »Und Dory ist weggelaufen,« stellte die Dame nun erst fest, »es scheint ...«
    »Ja, mir lief eine Dame in die Arme und vorbei - aber der Mensch da fiel hin
- ich sah - Sie hatten mich nötiger!«
    »Danke. Ja - Sie kamen zur rechten Zeit ... Aber Dory?« Sie schien zu
überlegen.
    »Hinterdreinlaufen wäre nicht ratsam,« sagte Allert.
    »Und rufen unnütz,« meinte das junge Mädchen. Und nach einem kurzen Besinnen
fügte sie hinzu:
    »Ich will ein wenig hier warten. Wenn meine Freundin in einigen Minuten
nicht zurückkommt, muss ich annehmen, dass sie nach der Amsinckstrasse gerannt ist,
um die Bahn zu erreichen.«
    »Sie erlauben, dass ich mit Ihnen warte,« sagte Allert sehr höflich und sehr
bestimmt. Er verstand es, eine äusserste Zurückhaltung merken zu lassen und
zugleich auf eine herrische Art zu zeigen, dass es nicht seine Sache sei, eine
junge Dame unbeschützt zu lassen. Ja, sein Ton war beinahe unfreundlich. Er
fühlte ungefähr: sie soll um Gottes willen nicht denken, dass sie vom Regen in
die Traufe kam.
    Solch stattliches Mädchen! Was tat die hier in den düstern Strassen?
    Nun sah er gewiss, es war eine Dame. Das klare, graue, sicher blickende Auge
stand in einem Gesicht, dessen Züge sehr gewinnend waren. Besonders den Mund
fand Allert wunderhübsch - so klug und in den tiefen Winkeln versteckt ein
liebliches Lächeln. - Wenn er das doch hätte hervorrufen dürfen! Aber er
begriff, er musste barsch und fern und streng bleiben.
    Auf seine Erklärung, mitwarten zu wollen, neigte sie zustimmend ein wenig
den Kopf, verbindlich ohne jede Verlegenheit. Gerade so, als stände man auf dem
Parkett unter strahlender Krone zusammen und nicht auf der nassen Strasse im
graugelben Nebel, der den Himmel von der Erde schied und auf allem Lebendigen
lastete, als sei ein Riesenkessel darübergestülpt, unter dessen Rand heraus nun
der üble Brodem nicht entweichen könne. Die Stadt rumorte darin, und die Lichter
glommen - alles floss ineinander, Töne, Strahlen, Formen, Farben - alles war wie
zusammengewischt von einem feuchten, grauschwarzen Lumpen. -
    Sie warteten - vielleicht so lange, wie man bis hundert zählt, schweigend.
    Das war sehr lange.
    Ein paar Schritte weiterhin, auf dem Fahrdamm, den Kantstein des
Bürgersteigs als Kopfkissen benutzend, lag der Kerl. Er schlief.
    Man sah ihn eigentlich nur, weil man wusste, da lag er. Der Nebel umhüllte
ihn bis zur Undeutlichkeit.
    »Es müsste gleich zur nächsten Polizeiwache telefoniert werden,« sagte die
Dame, »der Mann kann sich den Tod holen.«
    »Keine Sorge. Betrunkene nehmen keinen Schaden.«
    »Dieser Alkohol ...,« sprach sie bedauernd.
    Und so sachlich, als flögen ihre Gedanken zugleich über das ganze Gebiet der
Bewegung gegen den Schnapsteufel. Jetzt kamen ein paar Jungen vorbei; der eine
schlampte auf Holzpantoffeln, es klappte hell. Sie blieben dann bei dem
Betrunkenen stehen - stiessen ihn an - lachten - riefen ein Schimpfwort und
gingen weiter.
    »Was ihnen Entsetzen sein sollte, ist ihnen ein Jux,« sagte die Dame.
    »Ja,« bemerkte Allert, »das ist wohl die schwierigste Aufgabe der
Volkserziehung, das Laster als Laster begreiflich zu machen.«
    »Aufgabe - noch für Jahrzehnte,« gab sie zu.
    Sie sah immer nach der Richtung hinaus, die ihre Gefährtin bei der Flucht
genommen hatte. Aber in dem spärlichen Leben der Strasse erschien die Erwartete
nicht. Um den Betrunkenen bildete sich nach und nach eine kleine
Zuschauergruppe.
    »Die Dame scheint nicht umgekehrt zu sein,« sagte Allert.
    »Nein wirklich, ich glaube auch, sie kommt nicht zurück.«
    Und dann erwog sie laut: »Es wird für mich am besten sein, nach der
Amsinckstrasse zu gehen und die Ringbahn zu nehmen - wir waren noch nicht fertig
- aber allein - das sollen wir nicht ...«
    »Sie gestatten, dass ich Sie begleite,« sprach er wieder in seinem bestimmten
Ton.
    »Sehr gütig. Ich habe keine Furcht.«
    Er hielt sich neben ihr. Und er dachte: ich werde nicht fragen - sie wird
vielleicht von selbst etwas erklären - eigentlich müsste ihr Gefühl ihr das
eingeben.
    Sie spürte vielleicht aus seinem taktvollen Schweigen seine Erwartung
heraus. Denn plötzlich sagte sie:
    »Sie haben wohl erraten - meine Freundin und ich waren auf Wegen sozialer
Bemühungen.«
    »So was dergleichen dacht' ich mir - Armenpflege - Frauenverein - fromme
Ermahnungen.«
    »Die letzteren nicht. Der Verein, dem meine Mutter vorsteht, verquickt nicht
kirchliche Propaganda mit rein menschlichen Pflichten. Wir beschäftigen uns vor
allem mit der Rettung gefallener Mädchen und unehelicher Kinder.«
    »Sehr schön,« sagte Allert, »aber es ist für Damen immer misslich, sich in
die Industrieviertel zu wagen und obenein in solchen dunklen Nachmittagsstunden
und in solchem Nebel.«
    »Wir gehen immer zu zweien. Und ich bin nun einmal Montags von vier bis
sechs an der Reihe. Wetter und Licht kann man sich nicht aussuchen. Im Frühling
ist es freilich leichter.«
    »Gnädige Frau,« sprach er warm, »es ist sehr schön, wenn Damen am sozialen
Ausgleich mitarbeiten - ich habe nicht die Ehre, Sie, Ihren Verein und seine
Arbeitsmetoden zu kennen - aber ich hab' zu oft gesehen: das Dilettieren in der
sozialen Frage erbittert oft die Betroffenen mehr, als dass es sie erhebt.«
    »Unser Verein hat schon viel Segen gestiftet und besonders durch Aufklärung
die heranwachsende weibliche Jugend geschützt. Ich glaube sagen zu dürfen, dass
wir taktvoll vorgehen. Wir vermeiden sogar, durch unsere Kleidung Neid zu
erwecken.«
    Aber da waren sie nun. Die Strasse, zur Linken von weiten Plätzen, noch in
der Umwälzung begriffenen Anlagen, von grossen Bauten, Planken und
Bahnüberführungen flankiert, war voll Leben, das aus dem Nebel auftauchte und
wieder darin verschwand.
    Sie mussten auf dem Rand des Bürgersteigs einige Minuten warten, bis die
richtige Bahn kam. Zwei-, dreimal glühten die Laternenaugen elektrischer Wagen
heran, und oben, vorn über ihren Stirnen, erhob sich im transparenten Licht ihre
Zahl. Die erhellten Fensterreihen glitten vorüber, und man sah drinnen all die
Rückseiten dieser Menschen, die einem fremd waren, von deren Fahrt und Ziel man
nichts wusste, und die doch da, hell und warm und gesellig, ein Stück des eigenen
Lebens auszumachen schienen.
    Allert hätte ja nun gehen können. Hier stand die Dame sicher. Aber
irgendeine Empfindung hielt ihn an ihrer Seite fest. Er erwog, ob er sich
vorstellen solle. Nein. Das erschien ihm zwecklos, fast zudringlich. Wozu einen
Namen hersagen, den sie vielleicht nicht verstand oder nicht behielt und nach
einer halben Stunde ihrem Mann, wenn sie ihm dieses Abenteuer erzählte, nicht
einmal mehr richtig wiedergeben konnte.
    Sie hatte die Anrede »gnädige Frau« nicht zurückgewiesen. Vielleicht, nein
gewiss, weil sie zutreffend war. Aber es konnte auch sein, weil sie dem fremden
Herrn keinerlei Annäherung zeigen und gestatten wollte. Wenn man in solcher Lage
sagt, wer man ist, kann ein Taktloser gleich viel fragen ...
    Ihre Haltung war von einer ganz ungewöhnlichen Sicherheit. -
    Allert verstand wohl: beste Erziehung.
    »Sie brauchen sich meinetwegen nun wirklich nicht länger zu bemühen,« sagte
sie.
    Er dachte rasch: wenn Mutter nun nicht auf mich wartete, könnte ich flunkern
und tun, als wenn dies eben mein Weg gewesen wäre, und als wenn ich genau auf
diese Bahnlinie selbst warte.
    Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als sehr förmlich und ernstaft den Hut
zu lüften.
    »Ach - meine Bahn,« rief sie gleichzeitig.
    Und nickte unwillkürlich dem noch fernen Wagen zu, der heranglitt, ein
beweglicher Glaskasten voll Licht und Gestalten. Und der durchhellte dicke Nebel
spann um ihn einen Schein.
    »Ich danke Ihnen nochmals,« sagte sie noch rasch und sehr freundlich. Es
war, als ob diese allerletzte Sekunde, die gleich, gleich abgeschnitten ward vom
fast schon haltenden Wagen, ihr die sachliche Art und die strenge Zurückhaltung
etwas nahm.
    Und ihre grauen, klaren Augen strahlten ihn warm an - das war wie ein Husch.
- Da griff schon ihre Hand nach der Stange des Trittbretts, und sie wurde
förmlich hineingezogen in das Gedränge von Menschen, die den Hinterperron
füllten. - »Besetzt!« schrie der Führer - der Wagen glitt schon weiter -
    Vorbei.
    Allert kam sich ein bisschen dumm vor, als er nach ein paar Herzschlägen
merkte: er stand noch immer da ...
    Er begann wieder pfeifend vor sich hinzusummen und schritt schleunigst den
Weg zurück. Er musste doch in seine Wohnung und sich umkleiden - in diesem
Vorhaben unterbrach ihn ja das Abenteuer der Dame. Hm - Abenteuer? Sie schien es
gar nicht als solches aufzufassen. Welche Gelassenheit sie sofort zeigte.
Vielleicht hatte sie sich kaum mal geängstigt - während ihre Freundin mit einem
Schrei davonlief. Eine kühle, tapfere Seele? Oder so erfahren? Lief vielleicht
jahraus, jahrein in den Höfen, Gängen und düsteren Strassen umher, als Engel der
Barmherzigkeit? Oder war eine von denen, die bewusst halb, halb uneingestanden
ein lüsternes Interesse an den Nachtseiten des Lebens haben? Konnte auch eine
von den sozialen Priesterinnen sein, die sich einbilden, mit etlicher
Ellbogenkraft, Broschüren, Versammlungen und Geschrei lasse sich alles
ausgleichen? Die mit dem Wohltun und der Sittlichkeit gleich die Vorherrschaft
der Frau befestigen wollen?
    Wer konnte das wissen. Vielleicht von alledem ein Gemisch - wie meistens - -
    Schöne Augen hatte sie und ein kluges, liebes Gesicht. Und eine Gestalt ...
Donnerwetter! dachte Allert.
    Und als er längst in seiner Wohnung war und sich mit seinem Kragenknopf
herumschlug, weil vor lauter Eile seine Finger tapsig waren und das Knopfloch im
Halsbündchen des Manschettenhemdes schikanös zusammengeplättet schien - selbst
mitten in diesen Umkleideärgernissen dachte er immerfort an dies kluge,
beherrschte Gesicht.
    Ob der Mann das wohl mag? fragte er sich.
    Wenn sie einen Mann hatte.
    Aber doch wahrscheinlich. Schon die Zwecke des Vereins, die sie mit kurzen
Worten streifte, schienen das zu verbürgen. - Ein Verein, der die heranwachsende
weibliche Jugend durch Aufklärung vor dem sittlichen Fall bewahrte - durch
sexuelle Aufklärung natürlich - denn wie sonst?
    Und Allert hatte alsbald einen humoristischen Gedanken dazu: und weil der
Verein wohl spürte, dass Aufklärung hier und da ermunternd wirken konnte, sorgte
er auch gleich für die unehelichen Kinder.
    Unwillkürlich fiel ihm seine selige alte Tante Malwine Patow auf Welsin ein.
Die liess ganze Massen von Kattunkleidern für die Patagonier nähen, um sie
Keuschheit zu lehren und in ihnen den Begriff der Unanständigkeit des Nackten zu
erwecken. Und wie Tante Patow dann entsetzt war, als ihr irgendein Globetrotter
zuschwor, die Patagonier gingen infolge der Bekleidung ein. Früher waren sie
bloss mit Fett beschmiert gewesen, da troff das Meerwasser, in dem sie sich zur
Nahrungssuche aufhalten mussten, perlend von ihnen ab. Jetzt klebten die nassen
Kattunkleider ihnen am Leib, und darin konnten sie dem rauhen Klima nicht
trotzen. Sie bekamen Schwindsucht, Erkältungsepidemien und starben wie die
Fliegen. Von da an legte Tante Patow jeder Sendung von Kattunkitteln viele
Pakete Kamillentee, Brustbonbons und sogar Antipyrin bei.
    Allert lachte in sich hinein.
    Wenn sich ein Erlebnis in Humor auflöst, sollte es eigentlich überwunden
sein.
    Aber auf der Fahrt zu seiner Mutter fielen ihm immer wieder die grauen Augen
ein und der reizende Mund.
    Ein Mund zum Küssen.
    Reue wollte ihn anwandeln. Er hätte, bei aller formvollen Haltung,
unternehmender sein sollen - sich doch vorstellen - oder wenigstens durch eine
Frage irgendwie es herausbekommen müssen, »Frau?« - »Fräulein?« -
    Fräulein - Fräulein? dachte Allert kopfschüttelnd. Ja, wer konnte das
wissen. Heutzutage! Wo stolze Engländerinnen Minister verprügeln, um ihnen ihr
Stimmrecht begreiflich zu machen. Wo junge Damen in öffentlichen Versammlungen
Vorträge über Prostitution halten. Wo in Frauenköpfen die Schamhaftigkeit von
der Wissenschaftlichkeit verdrängt ward und zarte Töchter aus vornehmen Häusern,
ohne Erwerbsnot, sich zum Studium aller Männerberufe drängten - -
    »Ja, ja, man kann nicht wissen - - Die Umrisse schwanken.«
    Plötzlich fiel ihm ein: Wenn der Kerl so weit gekommen wäre, seine Begier zu
befriedigen ... Allert hörte förmlich mit dem Gedächtnis seines Ohres nochmals
diese lallend heisere Stimme brüllen: »en lütten Söten ...«
    Er konnte schon etwas Platt. Er wusste, dass das Volk den Kuss »einen Süssen«
nannte ...
    Ja, wenn der Kerl seinen gierigen Willen gekriegt hätte ...
    Und bei der Vorstellung stieg ihm das Blut zu Kopf vor Zorn - eine
wunderliche, schreckliche Art Eifersucht, in Angst verkleidet, packte ihn ...
    Viel mehr war das als das blosse Beschützergefühl des Mannes, der kein Weib
antasten sehen mag ...
    Und aus diesem Zorn und Ekel heraus über den Angriff, dem sie ausgesetzt
gewesen, sagte er sich entschlossen: »Sie kann keinen Mann haben ...«
    Welcher Mann möchte sein Heiligtum solchen Gefahren aussetzen?
    Er wurde traurig. Irgendein unbegreifliches, weil unbestimmtes Gefühl legte
sich wie ein Druck auf seine frohe Laune.
Bei seiner Mutter fand er Besuch. Er erkannte die Dame sofort, er hatte ihr Bild
auf der Staffelei bei seiner Mutter gesehen als einen schon ausgeführten Kopf,
der auf der grossen, sonst noch weissen Leinwand sich abhob, während die Linien
der Gestalt nur von ein paar Kohlestrichen angedeutet waren.
    Und Tea Daister sagte, dass sie sich für seine Unpünktlichkeit bedanke,
sonst würde sie ihre geliebte Frau von Hellbingsdorf nur für fünf Minuten gehabt
haben. Jetzt aber erhob sie sich eilig und zog unruhig und zerstreut ihren
Pelzschal höher um die Schultern und kam doch nicht so recht zum knappen,
letzten Wort.
    »Ja, und was ich ganz vergessen hab',« sagte sie hastig, »es interessiert
Sie doch? - Sie schätzen doch den Mann? O Gott, diese Frau! Fabelhaft. Die
Kleine war vorgestern bei mir und gab mir noch tausend Grüsse an Sie auf und
erzählte, dass sie, so wie heute, nach Sankt Moritz abreisen wollten. Da sei dann
doch Leben und Unterhaltung, an der man trotz der Trauer teilnehmen könne.«
    Sophie erriet, dass von der Frau und Tochter des verstorbenen Freundes die
Rede sei.
    »Und Tulla meinte, viel lieber führe sie mit mir nach Hamburg - ich hätt'
sie gern eingeladen, mitzukommen - bei meinen Eltern ist ja Platz in Hülle und
Fülle - aber so 'n fremdes Element - und gerad' so Weihnacht - das mögen Pa und
Ma nicht. Und ausserdem, wir wollen ja gleich nach Neujahr selber 'n kleinen
Rutsch nach Sankt Moritz machen - ja - -«
    Sie atmete wie eine, die beim Laufen die Luft verloren hat, und schloss:
»Aber nun muss ich wirklich gehen.«
    »Abhaltung über Abhaltung,« schalt Allert. Aber er sagte nicht, welcher Art
die seine gewesen sei.
    Natürlich sassen die Dornes schon in übler Laune in der Halle des Hotels
Atlantic, wo zwischen den riesigen Säulen, auf dicken Teppichen, die
verschiedenen Sitzgelegenheiten von sanftem Licht bestrahlt wurden und rechter
Hand ein kleiner Wintergarten mit weissen Gartenmöbeln eine gekünstelte
Frühlingsstimmung hervorzurufen versuchte.
    Aber im Augenblick, wo Frau Julia Dorne Allert sah, strahlte ihr Gesicht
auf.
    Sie ging ihm und seiner Mutter entgegen. Fast mit Leutseligkeit. Jedenfalls
mit der Verbindlichkeit einer, die von sich die hohe Meinung hat, andere durch
ihr Wesen und Dasein zu erfreuen. Das war so bemerkbar, dass Sophie stutzte.
    Und überhaupt war sie erstaunt: sie hatte ein junges Paar erwartet. Dieser
Mann musste über vierzig, die Frau über dreissig sein. Der Mann sah ein wenig
gebückt aus. Seine Augen waren hell und ausdruckslos. Doch belebten sie sich und
glimmerten weisslich, wenn er sprach. Das Haupt war fast kahl, die Züge
regelmässig und angenehm. Einen kurzen, trockenen Husten, der an ihm auffiel,
konnte man für eine gedankenlose Angewohnheit nehmen.
    Wie der Mann so war, verschwand er durchaus neben der auffallenden und sehr
betonten Erscheinung seiner Frau. Sie wirkte, wie sie lächelnd in der
vorteilhaft gedämpften Beleuchtung stand, sehr reizvoll. Sophie mit ihren
scharfen Beobachteraugen sah es rasch: das war eine von jenen bleichen, nervösen
Frauen, die je nach ihrer Stimmung unwiderstehlich anziehend oder
bemitleidenswert verblüht erscheinen können. Von jener gefährlichen,
unregelmässigen Schönheit, deren Einzelzüge man immer vergisst, weil die Augen in
dem Gesicht triumphieren. Gross und schwarz waren diese Augen, und sie strahlten
und flammten, als bräche ein sprühendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam daraus
hervor.
    Als man dann, nach Erklärungen, Entschuldigungen, Glückwünschen, im grossen
Speisesaal an einem runden Tisch sass, vor der Hauptwand, in der Reihe vieler
anderer solcher Tische, da kam eigentlich nicht die unbefangene Lebhaftigkeit
der Unterhaltung auf, wie man von der Gelegenheit und zwischen vier gescheiten,
durch Interessengemeinschaft verbundenen Menschen hätte erwarten dürfen.
    Frau Julia roch zuweilen an den Rosen, die Allert ihr, dem Geburtstagskind,
mitgebracht hatte, und sah ihn dann dabei immer mit einem tiefen Glanz in den
Augen besonders vertraulich an.
    Auf einige halb fragende Bemerkungen Sophiens hin erzählte Doktor Dorne, dass
er bisher ein stilles Gelehrtenleben geführt habe, in seinem Laboratorium
forschend und experimentierend - auch habe er einige Erfindungen gemacht und
Patente darauf genommen - aber zur rechten Ausnutzung sei nichts gekommen - er
habe immer zögernd gewartet - sich nicht in das hochgesteigerte Konkurrenzleben
der chemischen Industrie hineinbegeben mögen - indessen, die Anforderungen heute
seien sehr gross - eine Rente mit dem Charakter der festen Grenze im Finanziellen
werde oft unbequem - die Töchter wuchsen heran - und so entschloss er sich, sein
Geld arbeiten zu lassen. - Der gemeinsame Bekannte, der ihm vorgeschlagen hatte,
sich Allerts jungem Unternehmen anzuschliessen, war ihm autoritativ.
    Sophie sprach den Wunsch aus, die Verbindung möge beiden Teilen zum Segen
gereichen. Aber es kam nur ganz höflich aus ihrem Munde, fast zerstreut.
    »Ich stellte meinem Mann vor,« sagte Frau Julia Dorne - sie sprach oft etwas
stockend, als suche sie den besten Ausdruck und wolle nichts übereilt oder in
nachlässiger Form sagen - »dass er geradezu ein Unrecht begehe, wenn er seine
Wissenschaft, die ich bewundere, nicht ausnutze. So bedeutende Veranlagungen und
so unerhörte Kenntnisse darf man heute nicht als Privatgenuss kultivieren. Die
Allgemeinheit hat ein Recht daran.«
    Und ihr Mann sah sie aufmerksam und mit einem leisen dankbaren Lächeln an.
    Im Grunde nahm nun die Frau das Gespräch in die Hand.
    Allert hörte zu. Er sah wohl, die schwarzen Augen hatten viel Güte für ihn -
er empfand das von fern - wie ein Schauspiel - kein neues, kein ungewöhnliches -
auch diese kleine Tafelrunde hier und die sacht huschenden Kellner, die leisen
Gäste an den andern Tischen - die still glühenden Lichter zwischen den Prismen
spürte er. - Vor seinem geistigen Auge war ein anderes Bild: klebrig, graugelber
Nebel, stechende Feuchtigkeit ringsum, Kohlengeschmack in der Luft, trüb
umflorte Laternen und misstöniges Grölen. Und dazwischen das kluge, liebe
Angesicht, blonde Haare und klare, graue Augen. - -
    Das hab' ich geträumt! dachte er.
    Aber dies hier war Wirklichkeit: Die schöne Frau, die aufblühte wie eine
Jerichorose und, im Vergnügen, gefallen zu wollen, von allen Seiten beachtet zu
werden, immer reizender wurde ...
    »Erzählen Sie mir doch etwas von der Hamburger Gesellschaft. Ihr Sohn sagt,
Sie seien so scharmant aufgenommen worden. Wir müssen uns orientieren - mit
Vorsicht wählen - bis Ingeborg und Dolores erwachsen sind,« mit einem Lächeln
darüber, dass man ihr ja doch nie die erwachsenen Töchter glauben werde, sagte
sie es - »ja, bis dahin müssen wir einen festen Kreis haben. - Man kann ja nicht
exklusiv genug sein - es heisst, eine Auslese treffen ...«
    »Auslese treffen?« wiederholte Sophie, etwas benommen von all dem
Selbstgefühl, »ich glaube - es scheint mir - es ist nicht so ganz leicht,
hineinzukommen.«
    »Nun,« sagte Frau Julia mit einem Siegerlächeln, »es gilt nur die ersten
Anknüpfungen - dann sehen ja die Leute, mit wem sie es zu tun haben.«
    »Gnädige Frau fühlen sich offenbar vorderhand als Prinzessin Inkognito,«
meinte Allert neckend.
    »Durchaus, und ich ernenne Sie zu meinem Ritter und ersten Kammerherrn.«
    dabei leuchteten die schwarzen Augen ihn funkelnd an. Allert verbeugte sich.
Ihr Mann lächelte nachsichtig.
    »Ihre Töchter aber werden traurig sein, dass sie am Geburtstag der Mama nicht
mitessen durften,« sagte Sophie.
    »O, Ingeborg und Dolores dürfen noch nicht ins Restaurant,« erklärte Doktor
Dorne, »meine Frau ist mit Recht dagegen.«
    Sehr richtig, dachte Sophie, aber dann bleibt man an solchen Tagen bei den
Kindern zu Haus - mit uns, das hätte ja keine Eile gehabt - oder lag der Frau so
überaus viel an Allerts Gesellschaft? Fast schien es so. Doch Sophie suchte nach
einer Erklärung: vielleicht wollte die Frau das Ihre tun, zwischen den beiden
Männern, die nun doch durch die allerwichtigsten Interessen miteinander
verbunden waren, das Verhältnis recht gut zu gestalten - und tat dies auf ihre
Art. -
    Sie fragte: »Sie gaben Ihren Töchtern so schöne Namen? Nordisch und
spanisch.«
    »Als Ingeborg geboren wurde, erinnerten mein Mann und ich uns so lebhaft an
eine herrliche skandinavische Reise, wo wir mit einem Freunde meines Mannes
Stunden wundervoller Poesie erlebten. Weisst Du noch?«
    Er nickte und berichtigte mit Genauigkeit: »Das heisst, Herr von Adlerbjerg
war eigentlich Dein Bekannter, Du stelltest ihn mir vor.«
    »Aber Du gewannst ihn rasch sehr lieb und schätztest ihn als einen der
vornehmsten Menschen, die je ...«
    »Freilich,« nickte er, »sehr vornehm.«
    Sophie fragte mit noch mehr Interesse weiter: »Und Dolores?«
    »Dolores? Ja, wie kamen wir doch darauf? Ich weiss nicht mehr.«
    »Es war Dein Wunsch,« erinnerte ihr Mann. »Weisst Du noch, wie Bredarez in
der Stadt war und Deinen Kopf mehrfach zeichnete - Du gewannst damals eine wahre
Schwärmerei für alles Spanische. - Bredarez entdeckte auch, dass meine Frau ein
ausgesprochenes Maltalent habe, und gab ihr Unterricht - schade - dass Du's so
ganz liegen lässt.« -
    Bredarez! dachte Sophie geängstigt. Bredarez, der geniale Hund - der
fabelhafte Maler und unbedenkliche Frauengeniesser?
    »Ach ja,« sagte die schöne Frau lächelnd, »aber wie man doch vergisst - - wie
hübsch war das damals. Und wie gut, dass man ab und zu eine Beschäftigung für die
Phantasie hat, sonst würde man sich und andern langweilig.«
    Ihr Mann sah sie bewundernd an. Und ganz von fern wollte sich in ihm eine
schwere Erinnerung rühren, wach werden - an die Eifersucht, die er damals, tief
verhehlt, empfunden hatte. Nun wieder sah er's: zu Unrecht! Denn sie hatte jene
Vorliebe für das Spanische völlig vergessen ... Das konnte doch wohl sie nicht
und keine Frau, wenn dieser Bredarez ... O, fort mit der Erinnerung - es lag
eben im Naturell seiner Frau, dies Bedürfnis, sich in der Anbetung zu spiegeln -
- eigentlich auch das Recht einer so schönen Frau. - - Es wäre so verkehrt,
darin nicht billig zu sein ...
    Nach Tisch wollte Frau Julia durchaus Mutter und Sohn noch mit in die Oper
nehmen. Als Sophie ablehnte, ergab sie sich rasch und höflich darin. Aber um
Allert zu gewinnen, machte sie mit neckischen Herrinnenallüren noch Versuche. Er
wehrte sich lachend.
    Nachher seufzte Sophie ein wenig. Und stand noch ein paar Minuten in der
Halle, ehe sie sich in den schrecklichen Nebel hinaus begab. Sie meinte, etwas
Mühe werde es sie kosten, nett zu sein - sie sei nicht ganz ihr Genre, diese
Frau Julia ... Und Allert hörte auch heraus, dass die stark draufgehende
Koketterie seiner Mutter ärgerlich war.
    Dies amüsierte ihn ausserordentlich. Da war wieder die typische Mutter, die
noch ihre Mann-Söhne ängstlich am Rock festalten möchte, damit sie ihr an Leib
und Seele nicht zu Schaden kämen.
    Er tätschelte ein bisschen ihre Hand, die er abschiednehmend zwischen seinen
Händen hielt: »Ich will mich nicht als Joseph aufspielen,« sagte er vergnügt,
»aber Du ahnst nicht, wieviel verbrauchte Mittel und Posen in der Koketterie
dieser Potiphar sind - da fallen nur grüne Jünglinge darauf rein - uralte
Metode ... Gott und der gute Dorne ... Von himmlischer Vertrauensseligkeit ...
Nee, Mutter, die Augen, die mich in Flammen setzen sollten, müssten andere
Couleur und andere Blicke haben.« ...
    Grau müssten sie sein - grau und klar ... dachte er ...
    Und setzte gleich gegen sich selbst streitend hinzu: »Aber in den Schmutz
des Lebens müsste sie nicht geschaut haben.«
Nun bekamen die Tage flinke Füsse und ungeordnete Manieren und liefen aufs
Weihnachtsfest zu. Alle Menschen hetzten sich bis zur Erschöpfung, und die
nobelsten Leute wurden ihre eigenen Laufburschen und Dienstmänner. Mit Paketen
Beladene rempelten einander an, und selbst die verbindlichsten Herren hatten
dann keine Hand frei, entschuldigend den Hut zu lüften. Auf den Plätzen
etablierten sich bewegliche Tannenbaumwälder. An den Strassenecken standen
Händler, breite, flache Kasten an Riemen um die Schulter tragend und mit
vorgestrecktem Bauch der Balance nachhelfend. Sie liessen an Schnüren den
drolligsten Spielzeugkram schwebend auf und ab schnurren, und man sah
weltbekannte politische Persönlichkeiten als blanke, bunte Blechfigürchen,
zwischen Strassensteinen und Kastenwand zappelnd, hinab und hinauf turnen. Der
Verkehrslärm wälzte sich mit Brausen durch die Strassen. Das Wetter wurde gut.
Dies schien ganz Hamburg wie ein Geschenk, fast wie ein Wunder anzusehen, und
alle Menschen sahen vergnügter aus. Das Stadtbild um die Binnenalster war in
jenen feinen, bläulichen Duft gehüllt, der nur Küstengegenden zu umzärteln
vermag, denn er wirkt seine dünnen Schleier aus dem Atem des Meeres und des
Riesenstromes.
    Der geregelte Lauf des gesellschaftlichen und Geschäftslebens kam aus dem
Gleise; der eine wurde ganz matt und blieb wartend am Wege stehen, bis seine
Bahn wieder frei werde; der andere hatte offenbar eine Riesenpeitsche hinter
sich. Die Gebäude festester Programme kamen aus den Fugen, und selbst die
Senatorin Amster sah sich genötigt, ihre stets vorher auf lange hinaus bestimmte
Tagesordnung auszuschalten, zugunsten eines Zwischenzustandes von Pflichten, die
alljährlich einmal um diese Zeit auch erfüllt sein wollten.
    Sie hielt keine ausführliche Entschuldigungsrede darüber. Frau von
Hellbingsdorf hatte Verstand. Gut. Demnach musste sie ohne weiteres einsehen, dass
alle Armen, Kranken, Wöchnerinnen, Kinder und moralisch Verbesserungsbedürftige,
die der Verein unter seine weitgespannten Flügel zu nehmen pflegte, in der
Festzeit enorm viel Mühe, Zeit und Geld kosteten. Sie, die Senatorin, arbeitete
ja nur für einen Verein, den von ihr gegründeten, dem sie vorsass. Mit anderen
Vereinen mochte sie nichts zu tun haben, es gab zu viel törichte und
rechtaberische Frauen darin, himmelschreienden Dilettantismus im Sozialen. Aber
in ihrem Verein sollte vorbildliche Arbeit geleistet werden - auch gerade in der
Art der Weihnachtsfeier. Keine Massenbescherung mit Gesang, Ansprache,
Verlegenheit und Stiefelgeruch. Nein, individuell! Jedem das ins Stübchen
bringend, was gerade ihm Freude und Nutzen bedeutete. Das war nicht so einfach
...
    Sophie sah, wie von ihr erwartet wurde, völlig ein, dass Marieluis vom
zwanzigsten Dezember ab nicht mehr sitzen konnte. Es war ihr selbst so lieb.
Erstens wegen des Bildes. Wenn sie acht Tage nicht daran arbeitete, bekam sie
mehr Ferne dazu. Es war doch immer die Gefahr, sich so hineinzumalen, dass die
Selbstkritik schlafenging. Die zeitweise Trennung vom werdenden Werk verbürgte
das Wiedererwachen der Selbstkritik. Es lag Sophie so viel an dem Bild, wie noch
an keinem - es sollte ein Meisterwerk werden. Immer mehr interessierte sie sich
für dieses Mädchen. Welch fester und ganz in sich abgeschlossener Charakter. Ein
Wesen, das über sich selbst Bescheid wusste und mit sich im reinen war. Bedeutend
vielleicht sogar. Kühl? Nein, das glaubte Sophie nicht. Aber doch wohl eine
Verstandsnatur. Wenn die dann einmal von einer Leidenschaft erschüttert werden!
Das kann ernste Kämpfe geben ... Und Sophie bildete sich ein, dass diese
Marieluis ein stilles Gefühl des Wartens mit sich herumtrage - eine Art
verschwiegener Neugier, die sich manchmal fragte: »Was ist mir noch aufbewahrt?
Hab' ich schon die unerschütterliche, dauernde Form für mein inneres Sein
gefunden?«
    Es war also der Malerin lieb, über ihre Arbeit und ihr Modell, fern von
beiden, nachdenken zu können.
    Und die Mutter freute sich auch der gewonnenen Zeit. Raspe kam doch. Und in
ihrem geräumigen Zimmer wollte sie den Söhnen einen kleinen Aufbau machen, damit
sie ein bisschen brenzligen Tannenduft röchen.
    Allert hatte auch mehr Musse als sonst in der eigentlichen Weihnachtswoche.
Sein Geschäft wurde von den starken Wogen der Weihnachtsansprüche ja nicht
bewegt, hatte nichts damit zu tun, vielmehr spürte es eine gewisse
Ferienlässigkeit, die zu hohen Festzeiten selbst Industrie, Grosshandel und
Politik erfasst.
    Das war eine Freude, als kleine, beschützte, schwesterliche Mutter zwischen
zwei grossen Söhnen durch die bunten Strassen zu gehen und ein bisschen in den
»Hamburger Dom« hineinzugucken. Eine volksfestliche Veranstaltung, die sich von
riesigen Schützenfesten und Vogelwiesen eigentlich nur dadurch unterschied, dass
sie mit weihnachtlichen Dekorationen aufgeputzt war. In der Winterkälte führte
der »Dom« sein Dasein halb bei künstlicher Beleuchtung im Freien, wo der Tag
schon gegen vier Uhr endete, halb in phantastisch ausgestatteten Prunksälen. Das
gab ihm etwas Mittelalterliches, Rembrandtsches, aus düsterer Ungewissheit und
grellem Trubel seltsam gemischt. Und man konnte sich so leicht in die Zeit
zurückdenken, wo Buden aus grauer Zeltleinwand, von Schnee umwirbelt, mit einem
baumelnden Oellaternchen kümmerlich erleuchtet, sich um den Dom scharten -
versunken längst die Kirche, verändert die Gebräuche, geblieben nur ein Name,
und dennoch ein Stimmungsfest des historischen Zaubers.
    Und wenn sie so in der fremden Stadt, die nicht ihre Heimat war, unter der
unbekannten Menge sich vom Strom des Lebens mittragen liess, kamen ihr
weitgespannte Empfindungen.
    Und am Abend des Festes gab sie ihnen Ausdruck. Nach einem wundervollen
Spaziergang am blaugrau verdämmernden und von Millionen Lichtern besternten
Hafen kamen sie heim. Auf dem Tisch stand das Teegeschirr neben einem köstlichen
Korb voll Orchideen, den Tulla Rositz geschickt hatte, und in der Ecke brannte
der Tannenbaum. Es war das Zimmer einer Pension. Zwar besass Sophie die Kunst,
die Gemütlichkeit überall mit hinzunehmen. Aber man spürte ja doch: dies war
kein Heim. Gerade auch der Charakter des Provisorischen in der Umwelt steigerte
noch die Kraft ihrer Betrachtungen.
    »Wie ein Blatt vor dem Winde bin ich,« sagte sie zu den Söhnen; »spurlos
verweht der einzelne Mensch aus der Menge. Sie weiss nicht, dass er da ist, sie
vermisst ihn nicht und wird nicht geringer, wenn er stirbt. Man müsste verzweifeln
über die Tragödie des Sandkornschicksals in der Menschenwüste, dieser
Getrennteit von allem Zukünftigen, wenn es nicht Fäden gäbe, die auch ein
bescheidenes Dasein hinüberleiten können in das Kommende und ihm eine Art
Unsterblichkeit sichern. Wer ein Stück Erdboden hat - ein eigenes Dach - einen
Besitz, den er Söhnen und Enkeln weitergeben kann - die ihn erhalten und pflegen
- ja, der lebt weiter. Denkt doch: wie viel Generationen war unser Gut, die
eigene Scholle, zugleich die Unsterblichkeit der Vorfahren. - Was sie gebaut,
gepflanzt hatten, liess sie fortleben, und die Steine der Mauern sprachen von
ihnen, und die Bäume rauschten ihre Namen.«
    »Ja, Mutter - Du leidest - das wissen wir wohl - nicht Dein Kampf ums Brot
war Dir hart - nur der Verlust des eigenen Daches - Gott - ja, vielleicht kommt
es wieder,« sprach Allert.
    Sie neigte sich über den runden Tisch noch näher zu den Söhnen und sprach
halblaut, voll Leidenschaft: »Und das andere Band, das ist die Nachkommenschaft
- Töchter, Söhne, Enkel - oh, welch ein wunderliches Gefühl, feierlich,
verantwortlich, schaurig - erhebend. - Ja, es ist Unsterblichkeit - wenn ich mir
vorstelle: mein Talent, vielleicht auch meine Fehler - diese Linie meiner Braue
- diese Form meiner Wange - eines Tages, nach Generationen, besitzt das ebenso
ein Urenkelkind. Und es heisst: Das hast Du von Deiner Ahne, so ist sie gewesen.
- Welch ein seltsames Wunder - mein Blut rinnt fort in späten Geschlechtern -
ich lebe in ihnen - mein Herz schlägt darin - es ist ein ewiges
Wiedergeborenwerden - meine Wesenheit wirkt weiter. - Seht, wenn Mütter oft so
eine beharrliche Art haben, den Söhnen zu predigen: Heiratet! - das sieht
manchmal geschmacklos aus, plump vielleicht sogar. Begreift: das ist der
geheimnisvolle Instinkt des Menschen, der sich gegen das Vergehen wehrt - die
unbewusste Begier nach Unsterblichkeit - das berechtigte Verlangen des Weibes,
nicht umsonst geboren und gelitten zu haben - das königliche Stammgefühl der
Mutter, die stolz vorausschauen will auf Nachkommenschaft, die durch sie ward.
Als Bindeglied fühlt sie sich - ihre Hände reichen den vergangenen und den
künftigen Geschlechtern die Hand - und deshalb soll man keine Mutter schelten,
wenn es der beherrschende Wunsch ihrer Seele ist, die Kinder zu verheiraten. Das
sind nicht die banalen, bespöttelten Begierden der Frauen, zu kuppeln, Ehen zu
stiften. Das sind heilige Forderungen« -
    Die leidenschaftliche Erregung ihrer Mutter wirkte auf die Söhne - sie sassen
ernst - von Gedanken bestürmt. Fast zaghaft sprach Raspe: »Dir, Mutter, ist doch
eine andere Art Dauer gesichert - sieh mal - Du hast schon mehr als ein Bild
malen dürfen, das in einem Schloss, in einer Galerie eine bedeutende
Persönlichkeit noch nach Jahrhunderten zeigt. Und der Name der Malerin wird
nicht vergessen. Und wenn Du nun, wie Du sagst, dass es möglich ist, auch von
Lichtwark aufgefordert wirst, für die Sammlung Hamburger Porträte irgendeinen
wichtigen Kopf zu malen, dann hast Du abermals ...«
    Sie liess ihn nicht ausreden.
    »Welche Ueberschätzung! Was ist das gross. Ach du meine Güte. Vielleicht in
Zukunft, bei irgendeiner Gelegenheit schreibt ein Forscher oder ein
Feuilletonist etwas über ein Schloss, ein altes Adelsgeschlecht - und stellt da
nebenbei fest: Die Malerin dieses Porträts hiess Sophie von Hellbingsdorf. So
eine Art Fortleben des Namens ist wie das Aufbewahren von hübschem Gerümpel in
den Truhen alter Familien - vielleicht kommt mal jemand darüber, der was draus
macht, es ans Licht zerrt - vielleicht zerfällt es und wird ganz vergessen.
Nein, so nicht - das Fortleben, das ich meine, darauf ich ein Recht habe, weil
ich bin, weil ich atme, weil ich Kinder gebar, das ist durch Nachkommen - oh,
tut es mir nicht an - bleibt nicht ledig!«
    In ihren Augen standen Tränen. Und die Söhne schwiegen. Sonst, wenn sie von
diesem ihrem Wunsch gesprochen, obenhin und bevormundend oder mit genauen
Angaben, wie »sie« sein solle, was »sie« auch »haben« müsse - wie eben zärtliche
Mütter tun - sonst nahm das Gespräch sofort eine Wendung zum Lustigen und endete
mit Lachen und Necken. Aber jetzt schwiegen die Söhne und sahen vor sich hin.
    Aus diesem Schweigen übertrug sich der Mutter ein Gefühl - wie eine Warnung
war es - ein scheues Ahnen. All ihre leidenschaftliche Erregung wallte plötzlich
zurück.
    Sie atmete auf und sagte fest und ernst: »Wir wollen nie mehr davon
sprechen.«
    Allert stand auf, ging zu seiner Mutter und küsste sie auf die Stirn.
    Lange war es ganz still im Zimmer, wo in der Ecke am grünen Baum friedvoll
die kleinen Lichter brannten und nach Wachs rochen. Dieser Geruch und diese
flimmernden Flämmchen zwischen den Tannenzweigen hatten Wunderkraft. Sie schoben
sacht die Wände fort und zeigten Bilder ... Jedem der drei Menschen ein anderes
... Vor der Mutter stand ein altes Herrenhaus mit Treppengiebeln. Rot und hoch,
mehr würdig als stolz ragte es aus dem Schnee, der das Gelände dick belastete
und die Aeste der Bäume verbrämte.
    Die Luft war voll von einer köstlichen Kälte, die auf den Gesichtern brannte
und die Körper auffrischte. Der hellgraue Himmel stand still. Eine feierliche,
unbegreifliche Lautlosigkeit war über den weiten Feldern. Das machte sogar die
halbwüchsigen Knaben andächtig. Ihre Handschlitten hinter sich herziehend,
stampften sie durch den weissen Puder heim. Es war ja bald Bescherungszeit, und
vorher sollte noch der Nachmittagskaffee mit dem frischen Kuchen verschmaust
werden. Die Mutter, in ihr weisses Wolltuch gewickelt, stand schon wartend im
Portal. Und hinter der Fensterscheibe der Leutestube zeigte der Vater Meins, aus
seiner Pfeife getrockneten Waldmeister rauchend, sein verrunzeltes
Diplomatengesicht und wunderte sich, wo die Junker blieben. - Ach, dass das
Schicksal ihr Leben so leite - sie zurückführe in diese friedliche Stille, zu
künftigen Weihnachtsfesten, mit Kindern, mit Enkeln, auf dem alten, dem eigenen
Besitz ... Vielleicht, so dachte sie in einer Wehmut, die über ihre Seele
hinfloss wie Tränen, vielleicht bekomme ich niemals wieder ein eigenes Heim - als
jene vier Bretter, die auf uns alle warten - das letzte Haus ...
    Und Raspe sah einen hellen, leeren, durchsonnten Tanzsaal. Prismen sandten
Regenbogenreflexe aus. Und vorbei an den gelbseidenen, gleissenden Stühlen
schritt ein schlankes, schwarz gekleidetes Mädchen. - Er sah, wie sie an der Tür
stehenblieb und sich mit den Blicken zu ihm wandte - fragend, wie von irgend
etwas Unerklärlichem bezwungen, noch vor der Schwelle zurückgehalten ...
    Was vor Allert erstand, kam nicht aus zurückliegenden Erinnerungen herauf.
Erst gestern vormittag hatte er es erlebt. - Er war auf einem Geschäftsgang mit
einem Kopf voll Sorgen. Seinen bisherigen chemischen Assistenten entliess er im
Augenblick, da Dr. Dorne als Teilhaber in die Arbeit eintrat. Wenn nun auch die
Grundlagen ihrer Fabrikation die gleichen blieben, denn all diese zahllos
abschattierten Farben zum Gebrauch für die Textilindustrie und allerlei
technische Zwecke gingen ja aus erstaunlich wenigen Ausgangsprodukten hervor, so
war Dr. Dorne doch wenig zufrieden mit der Art, wie der Entlassene gearbeitet
habe. Auch wollte Dorne das Alizarin, das sie bisher in den gelbroten Kristallen
fertig bezogen hatten, durchaus selbst aus dem Antrazen herstellen, was den Bau
neuer Oefen und einer neuen Abteilung für das Laboratorium nötig machte. Sodann
war Dorne, von den Erfolgen der Professoren Graeke und Liebermann, die das
künstliche Alizarin entdeckt hatten, angestachelt und seit langem mit dem
Experiment beschäftigt, das Kampescheholz in seine Grundstoffe aufzulösen, um
auch für dieses Produkt der Natur, wenn möglich, künstlichen Ersatz zu finden.
Er war aber mit der Qualität des Kampescheholzes und der Fustik nicht zufrieden.
Das heisst, Dr. Dorne sagte natürlich: des Haematoxylon campeschianum und der
Maclura aurantiaca; denn dem Mann der Wissenschaft wäre es zu unbequem gewesen,
die gebräuchlichen deutschen Namen zu benutzen. - Und nun hatte Allert es auf
sich genommen, einmal mit dem Lieferanten dieser ausländischen Farbhölzer scharf
zu sprechen. Kontor und Lager der Firma Waller u. Nuss befanden sich in einer
Nachbarstrasse. All diese, zu zweien oder dreien gleichlaufenden kurzen Strassen
waren von Kanälen fast quadratisch eingefasst. Und hinter den Speichern und
Lagerplätzen entlang klemmten sich die Leichter und die Oberländer Kähne
bordseits an die Mauern und Kais. Sie schafften die Rohprodukte heran und
führten die Waren fort, sie besorgten die Verbindung zwischen diesem
Fabrikviertel und dem grossen, weiten Hafen draussen in den Elbarmen. Allert hatte
eine Weile mit dem Holzimporteur in dessen Kontor herumgeredet; dann gingen
beide Herren hinaus, um auf dem Lagerplatz hinter dem Hause die Hölzer zu sehen,
die gerade ausgeladen wurden. Gestern war der »Pelos« aus Honduras angekommen,
und der Leichter brachte soeben die erste Ladung.
    Der rundliche Herr Waller trug einen Kneifer, was durchaus nicht in den
Charakter seines bartlosen, von Kahlköpfigkeit gekrönten Vollmondgesichtes
passte. In seine tiefen Mundwinkel kam beim Anblick der Hölzer ein förmlich
seliges Schmunzeln. Noch nie, sagte er, noch nie, selbst nicht zu Lebzeiten
seines Teilhabers Nuss, der einer der ersten Farbholzkenner gewesen sei, noch nie
habe sein Haus eine Sendung von solcher Vorzüglichkeit empfangen und an seine
Klientel weitergeben können. Und mit frohen und überredenden Worten erklärte er,
dass nur die Rücksicht auf die Jugend des von Hellbingsdorfschen Unternehmens ihn
bestimmen würde, von diesen Hölzern an Allert abzugeben.
    »Neue Firmen, wenn sie von fixen, kapitalkräftigen Männern gegründet sind,
zu fördern, das ist immer das Prinzip meines seligen Freundes Nuss gewesen. Ich
halte daran fest.«
    Allert hörte die bezwingenden Worte, die den zahlenden Käufer fast zum
Almosen- oder Geschenkempfänger machten. Und er hörte auch wieder nicht.
    All der Lärm, die ganze Sinfonie der Maschinengeräusche, das Rattern und
Rollen von der Strasse her, das Fauchen und Pfeifen auf dem Wasser - alles
verklang für sein Ohr - alles schien sich in spannungsvolle Stille aufzulösen.
Denn er sah etwas Ausserordentliches. Das heisst für andere Menschen wäre es etwas
höchst Gewöhnliches gewesen. Aber es kommt ja in keiner Hinsicht auf die
Erscheinungen an, sondern völlig auf ihre Bewertung durch den Zuschauer. Und was
der ölig redende Herr Waller überhaupt gar nicht bemerkte, nahm Allert den Atem.
    Eine Jolle glitt auf dem schmalen Kanal dahin. Sie hatte ihren Weg in der
Mitte, wo das Wasser frei war; denn hüben und drüben lagen die langen Kähne an
die Ufer gedrückt. Die lehmfarbene Flut sah schmutzig aus, Obstschalen,
Strohhalme, Holzsplitter trieben darin. In der Jolle sassen drei Personen. Der
Führer, der sich bald vorwärts bog, bald zurücklegte, benutzte mit Kraft und
Vorsicht seine Ruder zugleich als Steuer; dann waren da ein ältlicher Mann oder
Herr, der mit Paketen beladen war, und eine junge Dame.
    Wie oft hatte Allert schon geglaubt, wenn eine weibliche Gestalt auf der
Strasse heranschritt: sie ist es! Vorgestern, als er mit seiner Mutter und Raspe
im Schauspielhaus war, durchzuckte es ihn: Da, in der dritten Parkettreihe, das
ist sie! Die Sehnsucht - nein, vielleicht nur die Neugier auf ein
Wiederbegegnen, war die Schöpferin solcher Irrtümer, die immer sofort wieder
sich in Enttäuschungen auflösten. Und all diese kleinen Täuschungen waren nur
wie Vorspiele gewesen, um das wirkliche, das zweifellose Erkennen desto stärker
empfinden zu lassen.
    Nun sah er sie! Das war ihr stolz getragenes Haupt - das ihr blonder
Haarknoten unter dem Rande des dunklen Hutes ... Eine unbegreifliche Erregung
überraschte ihn. Er versuchte nicht einmal, ihrer Herr zu werden. Er starrte zur
Jolle hinüber, die da unten auf dem schmutzigen Wasser vorüberglitt. Er sah ihr
nach. Er wusste nicht genau: hat »sie« hergesehen? Aber er glaubte es. Er redete
es sich ein. Ja - da wandte sie noch einmal den Kopf zurück. Wirklich nur, um
dem auf dem Bankbrett hinter ihr sitzenden älteren Manne etwas zu sagen? Nicht,
um nach ihm, der hier oben am Kai des Holzlagerplatzes stand, noch zu sehen?
Vielleicht auch sich fragend: »Ist es der?« ... Weiter fuhr das kleine Ding von
Schiff, langsam weiter.
    Die Luft war ja nicht klar. Wie konnte sie es hier sein, wo mit dem Dunst
des Wassers sich das ganze Jahr der von tausend Stoffen geschwängerte Atem der
Schornsteine und Oefen vermengte. Aber doch - heller und durchsichtiger als
sonst war es schon. Er folgte mit dem Blick, sah die Jolle unter einer Brücke
fortschaukeln - dachte nach: Wohin geht es da - wo muss die Jolle dort anlegen -
ihre Fahrt enden?
    Herr Waller sprach ergriffen weiter. Nichts in der Welt schien die Phantasie
und den Entusiasmus eines Menschen so anregen zu können wie das Kampescheholz.
    Und plötzlich, als Herr Waller schon andeutete, dass es den Niedergang der
jungen Firma bedeute, wenn sie sich nicht sofort diese eben angekommene Sendung
sichere, plötzlich riss Allert aus. - Ganz einfach - jungenhaft. - Er murmelte
nur etwas von »'ner halben Stunde wiederkommen.« Herr Waller sah ihm voll
Siegerruhe nach. Ihm war es klar: Hellbingsdorf lief erst in seine Fabrik
zurück, um dem Kompagnon zu sagen: »Dorne, wir müssen die Hölzer von Waller u.
Nuss nehmen, anders stehen wir uns im Licht.«
    Allert hatte den richtigen strategischen Ueberblick gehabt. Er kam gerade am
Kai des Mittelkanals an, als die kleine Jolle dort anlegte. Eine schmale Brücke
unten am Fuss der Kaimauer bot Gelegenheit dazu; schräg an der Mauer, ihr
abgespart, gingen ein paar Stufen hinauf.
    Allert sah, dass die Dame - sie heisst Isolde oder Katarina, dachte er - er
sah also, dass sie den Jollenführer bezahlte und einige kleinere Pakete an der
üblichen Verschnürung sich über die Finger der Linken gehängt hatte. Der Mann
trug grössere Pakete. Mann? Herr? Allert konnte es nicht bestimmen. Er war
gediegen gekleidet und hielt sich voll Würde. Allert dachte einen Augenblick:
Missionar? Oder doch ein Beamter der inneren Mission? Aber »sie« hatte ja
gesagt, dass ihr Verein keine kirchliche Propaganda mit seiner rettenden und
wohltuenden Tätigkeit vereine. Na, egal - was ging ihn der Mann an ...
    Er musste mit ihr sprechen. Was Form! Was Schicklichkeit! Alles zwang ihn ...
    Er wartete oben an der Treppe. Und als sie emporstieg, erglühte ihr Gesicht.
Das war für ihn ein herrlicher Anblick. Er lüftete den Hut.
    »Guten Tag, gnädiges Fräulein!« sagte er.
    »Ich dachte doch - ich glaubte eben« - sprach sie, aus aller Sicherheit des
Auftretens gerissen.
    »Sie glaubten mich vor drei Minuten auf dem Lagerplatz von Waller u. Nuss
gesehen zu haben? Das stimmt. Ich erkannte Sie und berechnete, dass Ihre Jolle
hier landen müsse.«
    Sie sah sich wie hilflos um. Der ältere Mann mit den Paketen wartete auf der
vorletzten Treppenstufe, unbeweglich, mit einer vollkommen ernstaften
Ausdruckslosigkeit im bartlosen Gesicht.
    Bloss ein Mitbruder in Christo oder in Charitas, dachte Allert flink, kein
Onkel, Vater, Bruder, Vetter - bloss von der Gelegenheit ihr angeheftet als
Schatten.
    »Das ist aber ...«
    »Sagen Sie nicht, dass das zudringlich ist, gnädiges Fräulein!« fiel Allert
ihr ins Wort. Seine frohe Laune triumphierte über seine Erregung. Es kam ihm
vor, als habe er die Situation völlig in der Hand. Er war so froh, ihm lachte
die ganze Seele, als sei dies ein glückliches Erlebnis. »Ich muss Sie doch
fragen, ob Ihnen die neuliche unangenehme Erfahrung nicht den Geschmack an
diesen heiklen Gängen verdarb. Obschon dies eine höchst überflüssige Frage ist.«
    »Freilich. Denn Sie sehen ja, ich erfülle weiter meine Pflicht. Gerade
dieser Bezirk hier ist einer von denen, wo unsere soziale Tätigkeit nur zu viel
Aufgaben findet. Wenn Sie hier bekannt sind, müssen Sie das auch wissen.«
    »Ich bin hier bekannt,« sagte er. »Ich weiss es. Ich arbeite hier. Ich wohne
sogar hier. Jawohl. Aber ich finde: Ueberlassen Sie doch Männern und hässlicher
älterer Weiblichkeit die Seelenrettung und was an Apparat von wollenen Socken
und Pfefferkuchen dazu gehört.«
    »Was erlauben Sie sich ...«
    »Sie geben sich Mühe, ein hochmütiges, ablehnendes Gesicht zu machen, aber
Sie lachen ja eigentlich, gnädiges Fräulein. Ich hoffe aber, dass Sie nicht über
mich lachen, sondern in fröhlich zustimmender Erkenntnis. Ach, wie schade, dass
ich Ihnen neulich nicht das Leben gerettet habe! Dass ich bloss dem betrunkenen
Kerl einen Schubs gab, berechtigt mich ja noch nicht, Ihnen Ratschläge zu geben.
Sehen Sie, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, Sie zum Beispiel aus dem Kanal zu
ziehen, stände mir moralisch das Recht zu, Ihnen zu sagen: »Gehen Sie
vorsichtiger mit sich um!«
    »Meine Mutter und ich, wir wissen genau, wie ich mit mir umzugehen habe!«
sprach sie und neigte den Kopf. Das war so deutlich Abschied nehmend - sie
schritt sogar schon weiter. Allert wollte neben ihr bleiben.
    »Sie erlauben, dass ich mich vorstelle.«
    »Nein - bitte!« Das kam so ängstlich abwehrend heraus. Und mit einer kurzen
Kopfbewegung winkte sie dem älteren Mann, und nun ging sie sehr rasch.
    Allert fühlte sofort, mehr durfte er nicht wagen. Er blieb stehen. Alles
Lachen, das ihn eben noch ganz erfüllt hatte, wandelte sich in tiefe
Verstimmung. Er erriet, was dies ablehnende »Nein - bitte!« hiess. Das war die
wohlerzogene, stolze, junge Dame aus gutem Hause, die es verweigerte, auf der
Strasse eine Bekanntschaft zu machen, die vor ihren Eltern, Freundinnen, vor
ihrem ganzen gesellschaftlichen Kreis doch niemals sagen konnte: »Ich lernte ihn
auf der Strasse kennen.« Lachhaft! Einen Ehrenmann von Familie, dachte Allert,
der ja immer alles ein bisschen mit seinem Humor durchmengte, einen äusserst
famosen, empfehlenswerten jungen Kerl wie mich dürfte sie um die Welt nicht auf
der Strasse aufgabeln. Aber verderbten Mädels in zweifelhaften Quartieren die
Folgen ausserehelichen sexuellen Verkehrs klarmachen, das darf sie.
    Er sah ihr nach. Nun ging der ältere Mann - es war doch wohl ein kleiner
Beamter des Vereins, denn seine Haltung als stummer Zuschauer und Zuhörer
verriet wie von selbst die Gewohnheit einer Hintergrundstellung - nun also ging
der Mann neben ihr, und sie sprach mit ihm. Dann bogen sie um die Ecke.
    Warum bin ich eigentlich dem dicken Waller ausgekniffen? dachte Allert
niedergeschlagen. Ja, warum? So etwas tut man nicht mit klaren Vorsätzen. Da
kommt das berühmte, von allen psychologischen Forschern als vorhanden
konstatierte Unterbewusstsein hervor und benimmt sich auf der Bühne des Lebens
wie eine handelnde Person. Und diese aus den geheimsten Gründen seines Wesens
aufgetauchte hypotetische Person hatte sich wahrscheinlich eingebildet, dem
wundervollen Mädchen etwas befehlen zu können. Ihr zu sagen: Lass ab! Deine junge
keusche Weiblichkeit leidet ja doch Schaden. Wo bleibt die Poesie bei zu viel
kennen, zu viel wissen? - Ja, diese sozialen Bestrebungen! Diese neuen Frauen!
Diese Unsicherheit ihnen gegenüber ... Und Allert schalt sich selbst aus: Weiss
Gott, es war höchst kindlich und höchst überflüssig ...
    Wenige Minuten nachher wandte er seine ausserordentliche Beredsamkeit an, um
nun seinerseits Herrn Waller schwindelig zu machen und in den Schmelz und die
Begeisterung des Verkäufers die bitteren Tropfen des Zweifels und Unterbietens
hineinzusprengen.
    dabei dachte er immer:
    Nun seh' ich sie nie wieder - nie!
    Das sagte ihm ein Vorgefühl. Zum drittenmal wiederholt sich dergleichen
nicht. Und wer wusste, ob sie sich nicht fortan einen andern Bezirk anweisen
liess. Nur, um einem so aufdringlichen Menschen nicht nochmals zu begegnen ...
    Trotzig fühlte er:
    Und das ist auch sehr gut - sehr!
    So genau aber lebte jedes Wort, jede Miene, das ganze Bild in ihm weiter,
dass er hier, vom Lehnstuhl aus zum Tannenbaum in der Ecke hinüberträumend, alles
vor sich sah: den schmutzigen Kanal, auf dem gerade eine halb ausgepresste
Zitrone vorüberschwamm, die Leichter und Kähne bordseits an die Ufer geklemmt,
die Luft, die einem bläulichgrauen Flor glich, und das hochgewachsene Mädchen
mit dem klugen, lieben Gesicht ...
    Plötzlich schreckten die drei versonnenen Menschen auf. Ein weisses Licht
purzelte von seinem blanken Blechleuchtersitz und nahm durch die raschelnden
Tannenzweige seinen Sturz hinab zum Teppich ...
    Gerade am Tage, ehe Raspe abreiste, kam ein grosser Brief aus St. Moritz. Man
sah ihm schon von aussen an, dass eine Photographie darin sein musste. Voreilig
sagte Sophie:
    »Gewiss ein Bild von Tulla Rositz!« Und sie vermied es, ihren Sohn Raspe
dabei anzusehen.
    Aber es zeigte sich, dass es kein grosses Bild von Tulla war, sondern vier
Momentphotographien, an den Ecken leicht auf die grosse weisse Pappe geklebt.
    Während seine Mutter den Brief las, nahm Raspe das steife Blatt in die Hand
und sah sich aufmerksam alle Dargestellten an. Ein Gruppenbild zeigte sechs
Personen. Alle waren im Sportdress. Weiss wie der Schnee um sie herum. Da stand
Tulla und hatte die Arme in die dünne Taille gestemmt, und unter der dicken
weissen Mütze sahen die grossen dunklen Augen so beredt hervor - wie Augen tun,
die es zum Ausdruck bringen wollen, dass während des Photographiertwerdens an
jemand sehr intensiv gedacht wurde. Eine sehr schöne Frau, viel schöner als
Tulla in ihrer noch etwas herben Anmut, ziemlich voll, war auf dem Bild zu
sehen, und dicht neben ihr stand ein sie etwas überragender Mann, den man für
einen Italiener oder Südfranzosen halten konnte. Raspe erkannte auch den
Leutnant Viktor Rositz wieder, der hier, im Vordergrund der Gruppe, mit
weitauseinandergespreizten Beinen, die Hacken in den Schnee gestemmt, auf einem
Bobsleigh sass und mit riesig frechem, vergnügtem Gesicht zu einer jungen Dame
hinauflachte, die ihm mit einem Tannenzweiglein gerade die Nase kitzeln zu
wollen schien. Die Dame war eine üppige, kleine Person von etwas orientalischem
Typ.
    Auf einem andern Bild sah man Tulla in tiefschwarzer Strassenkleidung mit
ihrem Bruder, der auch Trauer, aber Kniehosen, Strümpfe und Schnürstiefel trug.
Wie zwei kohlendunkle Gestalten standen sie grell vor dem weissen Hintergrund.
    Und noch einmal die schöne, volle Frau; neben ihr wieder der romanisch
aussehende Herr. Das vierte Bild zeigte nur drei Köpfe in einer Reihe, lachend
unter den wollenen, über die Ohren gezogenen Mützen, vor einem ungewiss
verschwimmenden hellen Grund: Viktor Rositz in der Mitte, rechts Tulla, links
die junge Dame, die Kirschenaugen hatte und einen kleinen, schwellenden Mund.
    Sehr, sehr nachdenklich sah Raspe alle diese Gesichter an. Die schöne Frau
anlangend, so taxierte er: die Mutter. Und zuletzt sah er nur noch die dreifache
Abbildung der jungen Tulla. Ihm war, als hätte sie wohl an ihn gedacht und
wollte es ihn erkennen lassen durch die tiefen, bedeutungsvollen Blicke. Auch
hatte sie es sich genau ausrechnen können, dass die Bilder noch kurz vor Ende
seines Urlaubs ankämen.
    Während er so das Blatt in der Hand hielt, las seine Mutter vor:
»Liebe innigverehrte, gnädige Frau!
    Hoffentlich haben Sie meinen kleinen Blumengruss am 24. richtig bekommen.
Tea Daister versprach mir, Orchideen zu besorgen. Wüsste ich doch, welches Ihre
Lieblingsblumen sind, dann hätte ich sie gewählt. Sie haben ganz gewiss schöne,
stimmungsvolle Feststunden verlebt mit Ihren Herren Söhnen. Von unserer
Weihnachtsfeier kann ich das eigentlich nicht sagen. Wir trinken sonst immer den
Tee nachmittags in der Halle unten, wo es ja sehr unterhaltend ist. Heiligabend
nahmen wir ihn in Mamas kleinem Salon, und Mama beschenkte uns. Wir waren aber
nicht allein: der Baron Legaire ist hier und Frau von Samelsohn mit Fiffi. Ich
habe ein reizendes Halsband bekommen aus kleinen Perlen, dünnen Ketten und
Saphiren, das ich natürlich erst nächsten Winter tragen kann. Später nahmen wir,
wie immer, das Diner im grossen Speisesaal. Da brannten in allen vier Ecken grosse
Tannenbäume, das Orchester spielte Weihnachtslieder, die Tische waren mit
Mistelzweigen geschmückt, und die Toiletten fabelhafter noch als sonst. Die
anderen waren sehr vergnügt. Ich musste aber doch oft an den armen Papa denken.
    Es ist hier sehr schön. Wir machen viel Sport, auch Mama, die immer für
Viktors und meine Schwester gehalten wird oder höchstens mal für unsere
Schwägerin. Man kommt eigentlich kaum zur Besinnung. Erstens sind wir ja sowieso
schon zu sechsen, und dann sind riesig viel Bekannte hier. Es ist Mama gerade
recht; denn sie sagte, bekümmert dazusitzen und sich in Einsamkeit Gedanken zu
machen, wie alles gewesen ist oder noch hätte werden können, das hätte keinen
Zweck. Mama hat sich mit Frau von Samelsohn wieder ganz ausgesöhnt. Sie sagt, wo
Herr von Samelsohn doch ihr Bankier ist und auch die Buschbeckschen Werke
mitzuberaten hat, sei es klüger. Deshalb muss ich mich auch mit Fiffi vertragen.
Ich glaube aber, nicht bloss deshalb. Denn Mama will wohl gern, dass es was mit
Fiffi und Viktor wird. Er macht ihr auf Tod und Leben den Hof. Aber Fiffi lacht
ihn vor der Hand noch aus. Sie sagt: »Dein Bruder soll sich man keine
Schwachheiten einbilden; erstmal will ich noch zwei Jahre die edle Männerwelt
studieren, und dann wollen wir mal sehen, wem wir huldvollst die Hand reichen.
Unter neun Zacken für mich und zwölf Ahnen für meine künftigen zwei Gören tu
ich's nicht; das kann ich für meine drei Millionen verlangen.« Frech, nicht? Und
dann sagte Fiffi: wenn mein Papa auch noch lebte, und wir Exzellenz geworden und
erblich geadelt worden wären! das sei ihr doch nicht genug. Sie will mal bei Hof
eine Rolle spielen, und sie sagt: Minister und Exzellenz an sich, das imponiere
der alten Hofgesellschaft nicht, man müsste einen historischen Namen haben. Und
das mit der Kunstkritik und dem Novellenschreiben hat Fiffi fallen lassen. Sie
sagt: Mäzenin und Künstler protegieren, das sei noch interessanter.
    Ach, verzeihen Sie, liebe, gnädige Frau, dass ich so viel von Fiffi schreibe.
Sie hat kein Herz. Aber das von Viktor wird wohl auch nicht brechen, wenn sie
ihn abfallen lässt.
    Den Baron Legaire hasse ich. Mama und Frau von Samelsohn sind immer neu
entzückt von ihm, was ich nicht begreifen kann. Wenn ich seine schwarzen Haare
sehe, muss ich an einen Friseur denken, und bei seinen Augen an Likör, trotzdem
er natürlich keine Karikatur ist, sondern bester Geschmack. Leider bleibt er
noch unabsehbare Zeit bei uns und will offenbar auch nachher mit nach Nizza.
    Viktors Urlaub ist in acht Tagen zu Ende. Ende Januar reist Fiffi zu
Verwandten nach Paris, worauf sie sich rasend freut. Sie sagt, da allein ist
Kultur und da allein kann man als anständiger Mensch sich kleiden und essen.
Wenn Fiffi und Viktor fort sind, bin ich ein recht überflüssiges Anhängsel der
Reisegesellschaft. Mama sagt schon: »Was fangen wir mit Tulla an?« Ich hindere
ja wohl auch Mama und Frau von Samelsohn, sich ungeniert zu unterhalten, was
ganz natürlich ist, denn Mütter haben was anders zu sprechen als Töchter. Sie
wollen zusammen nach Nizza und sind froh, dass der Baron Legaire mit will, weil
es ohne Kavalier dort schwierig sein soll.
    Am liebsten bäte ich Mama, dass sie mich dann bei Ihnen malen lässt (wenn Sie
überhaupt ein so unbedeutendes Wesen wie mich malen mögen), und wenn Sie dann
noch in Hamburg sind, könnte ich ja ebenfalls in der Pension »Hammonia« wohnen
und unter Ihrem Schutze stehen. Aber ich mag Mama nicht eher bitten, als bis ich
weiss, ob es Ihnen so recht ist.
    Bitte, liebe, gnädige Frau, schreiben Sie mir, ob Sie es, um Papas willen,
wollen. Geht es nicht, muss ich eben mit nach Nizza fahren, wo es ja freilich
sehr schön ist; ich bin schon zweimal dort gewesen. Aber lieber komme ich zu
Ihnen.
    Auf Tea Daister freue ich mich. Sie kommt in acht Tagen. Sie kann mir gewiss
von Ihnen erzählen, und ich hoffe, manchmal mit ihr zusammen zu sein, obgleich
Mama sie nicht gern mag. Sie sei so fahrig, sagt Mama, und mache die Menschen
nervös und sei zu kindisch verliebt in ihren Mann.
    Ich schliesse mit den allerinnigsten Wünschen zum neuen Jahr. Und mit der
Bitte, mir weiter Ihre Güte zu schenken. Ihre Sie verehrende
                                                               Matilde Rositz.«
Unwillkürlich wurde Sophies Stimme leiser und zögernder beim Lesen. Nach einer
kurzen Pause legte dann Raspe sacht das Blatt mit den Photographien auf den
Tisch.
    »Schade,« sagte er.
    »Was schade?« fragte seine Mutter.
    »Dass sie in dieser Umwelt von Luxus und zwecklosem Dahinleben aufgewachsen
ist. Ein Mädchendasein, wie es Tausende in dieser üppigen Gesellschaft führen -
die glaubt, die gute zu sein. Solche Eindrücke wurzeln zu fest - solche
Bedürfnisse sind zur zweiten Natur geworden,« sprach er ernst.
    »Ich weiss nicht, was Ihr eigentlich für Mädchenideale habt,« meinte seine
Mutter etwas ungeduldig, »gestern hielt Allert aus mir völlig unbegreiflicher
Veranlassung eine seiner dahinstürzenden Reden. Er war gegen allerlei Richtungen
der modernen, sozialen Frauenarbeit. Er wurde sogar poetisch und sagte was von
seelischer Entblätterung und Entzauberung, wenn man junge Mädchen mitarbeiten
lasse, wo es sich um traurige und schmutzige Dinge handle. Und Du gabst ihm doch
recht, warst seiner Ansicht. Und jetzt hast Du wieder was dagegen, wenn junge
Mädchen, die doch nun mal in wohlhabende Familien hineingeboren sind, sorglos
und froh in den Tag hineinleben.«
    
    »Ja, Mutter, eigentlich sieht man heute zumeist Extreme. Die einen sind ganz
und gar die verwöhnten Töchter, die sich erst kritisch besinnen, ob sie
überhaupt 'n Mann nehmen und beglücken wollen und ihn hinterher ganz naiv mit
Ansprüchen erdrücken. Und die andern haben sich mit blindem Eifer in einen Beruf
hineingesetzt, um für alle Fälle vom Mann unabhängig zu sein. Bekommen sie dann
doch einen, so bringen sie, aus dem Gefühl ihrer Unabhängigkeit her, viel
schwierige Nebenempfindungen mit in die Ehe hinein, wo das
Sichaneinanderanpassen schon nicht so leicht ist.«
    »Die Liebe, mein alter Junge,« versicherte die Mutter mit zärtlich
schmeichelndem Tonfall, »ist die grosse Lehrmeisterin und Ausgleicherin.«
    »Wenn sie immer in dem Hitzegrad ihrer ersten Flammen bliebe! In der Ruhe
der Ehe erheben dann die alten Gewohnheiten wieder ihr Haupt und haben einen
grossen Mund, aus dem es von Vorwürfen und Forderungen nur so quillt.«
    Die Mutter schalt Raspe einen Pessimisten, und auf dem Bahnhof, beim
Abschied, versuchte sie mit heiteren Worten seine Gedanken zu vertreiben.
    Als sie dann allein heimging, überdachte sie die mancherlei Gespräche der
letzten Tage und ihr war etwas mutlos ums Herz.
    Sie wusste es ja selbst: Es war jetzt ein so seltsames Gemenge von
Frauenwesen aller Art; die Farben flossen durcheinander, und alle Linien
verschlangen sich. Vernunft und Extravaganz, Recht und Ueberforderung,
angeborene und anempfundene Begabung, gesunder und überspannter Wille - alles
stand dicht beieinander, wirkte ineinander hinüber.
    Wie sollte dem Mann nicht ein unsicheres, ja ein beinahe furchtsames Gefühl
kommen, wenn er sich aus dieser wogenden, gärenden Menge die eine heraussuchen
wollte, der er seinen Herd und auch seinen Frieden allezeit anvertrauen konnte.
- Ueberhaupt, es war immer nur von den Frauen, ihrer neuen Entwicklung und ihren
Ansprüchen die Rede. Und nie davon, wie das den Mann berührte, und wie er sich
in seinem wichtigsten Innenleben zu dem allen stellte. - Das kam wohl, weil so
viele von den Vorkämpferinnen unverheiratet und kinderlos waren und keine Söhne
zu Männern erzogen hatten. Das machte sie so schrecklich einseitig. Und so taub
und blind für die Bedürfnisse, Ideale, Poesien des Mannes. - Was soll auch die
Frau vom Manne wissen, die keinen Sohn gebar und erzog?
    Auf der andern Seite diese Mütter, die aus Gedankenlosigkeit oder verkehrter
Liebe den Töchtern die Jungmädchenzeit zu einem glänzenden Fest machten und sie
an all die Ausgaben gewöhnten, die sie nachher auch vom Ehemann erwarteten. -
Ein reicher Papa hat aber meist ein grösseres Portemonnaie als so ein junger
Gatte ...
    Das sind schwierige Sachen, dachte Sophie. Aber sie wehrte sich doch
dagegen, allzu bedrückt zu werden. Und als sehr weibliche Frau hatte sie gleich
eine Menge grundloser und unlogischer Hoffnungen zur Hand. Zunächst tat sie das
ihre und schrieb an Matilde Rositz, dass sie ihr jeden Tag als liebe
Pensionsmitbewohnerin willkommen sein solle, und was das schon vom teuren
Verstorbenen gewünschte Porträt anlange, so werde es in jedem Fall gemacht, auch
wenn Matildes Mama keine Neigung habe, einen formellen Auftrag zu erteilen.
    »Wie kannst Du so was schreiben, Mutter,« schalt Allert; »solchen Frauen
gegenüber sind noble Gesten höchst unangebracht. Du kannst sicher sein, dass die
Rositz, die ja immer in Geldklemme ist, auf diese Andeutung hin ihre Tochter
gratis von Dir malen lässt. Reiche Leute sind oft wunderbar naiv in der Annahme
von Diensten.«
    »Und wenn« ... sagte Sophie still. Sie dachte an einen, der nicht mehr war.
Und in der Gebundenheit der Menschen, die sich nie das völlige Verschwinden
eines Lebens vorstellen können, war ihr, als erfreue sie ihn noch damit.
    Allert kam von Amsters. Er hatte dort heute, am Sonntag, der dicht vor den
Jahreswechsel fiel, Besuch gemacht. Seine Mutter wollte genau wissen, wie alles
ihm gefallen hatte: Mann, Frau, Tochter, Haus ...
    Er antwortete:
    »Frau und Tochter nicht anwesend. Haus von bestem Geschmack. Voll solider
Möbel und Familiengeschichte. Hausherr verbindlich. Allmählich mehr als das.
Erwärmte sich, indem er von Dir viel Bewunderndes sagte. Sprach dann von
allerlei Zeiterscheinungen. Kluges. Vor allen Dingen über die Pflicht des Adels,
sich den sozialen Umwertungen anzupassen. Na, das sehen die Draussenstehenden ja
immer klarer ein als die, die unter den alterstrüben Kronen sitzen und sich
wunder wie vorkommen. Jedenfalls merkt' ich: Er findet, dass ich auf verständigem
Wege bin. Na und dann sprach er von England. Gott - das ist ja nun das ewige
Gespräch. Geht es los, oder geht es nicht los? Fangen wir an, oder fangen sie
an? Ist unsere Flotte schon stark genug zu erfolgreicher Defensive? Und die
Deutschenfurcht drüben und die Engländerfurcht hüben. Und ich sagte: Es käme mir
allmählich vor, wie Papageno und Monostatos in der Zauberflöte, die voreinander
so bange sind, dass sie gleichzeitig vom Schauplatz verschwinden. Hiermit machte
sich Dein Sohn, nachdem er den Senator höchst geistreich unterhalten hatte,
einen brillanten Abgang und schied wie Cäsar aus dem Hause Amster mit dem
Gefühl: veni, vidi, vici oder fenefedefize, wie unsere alte Terese mal sagte.«
    »Ich hoffe, Du hast den Senator nicht schwindlig geredet,« sagte die Mutter
lächelnd, »und ich denke, Du wirst noch zu dem Fest am 8. Januar eingeladen.«
    »Vielleicht geht dieser Kelch doch noch an mir vorüber.«
    Und dann sagte er plötzlich in einem ganz andern Ton - wäre Sophie nicht so
unbefangen gewesen, hätte sie vielleicht finden können, in einem lauernden Ton:
»Das Haus scheint sehr gut aufgezogen - da war so ein leiser Diener - einer von
der patriarchalischen Sorte - aber abgedämpft - kein weisslockiger
Lustspieldiener mit Vertraulichkeit und protegierendem Kopfnicken ...«
    »Was?« fragte seine Mutter erstaunt, »Du hast Lurch bemerkt.«
    »Mein phänomenaler Beobachterblick für Gesichter. Von Dir geerbt,« prahlte
lustigen Tones Allert und dachte: Bin gerade so klug wie vorher. Wenn ich auch
nun weiss, dass der Mann Lurch heisst, weiss ich damit doch noch nicht, ob es der
mit den Paketen in der Jolle war.
    Als er das Amstersche Haus betrat und seine Karte auf das silberne Brettchen
legte, stutzte er. Dieser ältliche, bartlose Diener kam ihm irgendwie bekannt
vor ... Und ihm schien, als ob durch dessen Auge auch ein leises Aufblitzen
gehe. - Aber wie? Wo? Wann? Na, das hat man ja manchmal. Manchmal? Quälend oft.
Man sieht ein Gesicht. Begrübelt es, könnte darauf schwören: das ist ein
Bekannter. Ist besorgt, durch unterlassenen Gruss verletzt zu haben. Und
schliesslich war es vielleicht bloss jemand, der einem mal lange in der Bahn
gegenübersass, oder ein Kellner in Zivil oder ein Beamter aus irgendeinem Bureau.
Aber diese bekannten Unbekannten strahlen eine unbestimmte Beunruhigung aus.
    Als der Diener dann zurückkam und höflich sagte: »Herr Senator lassen
bitten,« und ihm half, den Paletot ausziehen, da wusste Allert es dann doch ganz
gewiss: Den kenn' ich - den sah ich schon mal wo ...
    Und er dachte plötzlich an die Jolle und sah das schöne Mädchen unterhalb
der Kaimauer auf der schmalen Brücke stehen und den Jollenführer bezahlen,
während dieser Mann sich, noch im kleinen Nachen, nach den Paketen bückte.
Wirklich dieser Mann? Es konnte eine täuschende Aehnlichkeit sein. Vielleicht
noch nicht mal eine täuschende, sondern nur eine flüchtige. Ein Mensch im
bürgerlichen, dicken Winterüberzieher, mit einem steifen Rundhut auf dem Kopf,
ist eine andere Erscheinung wie ein Mensch, der einen famos sitzenden braunen
Frack mit silbernen Knöpfen und Gamaschen trägt und seine kurzgeschorenen Haare
unbedeckt zeigt. -
    Seine Mutter hatte ihm nie genauer von Marieluis erzählt. Er wusste nicht
einmal den Vornamen der Amsterschen Tochter, die seine Mutter malte. Er hatte
auch nie darüber nachgedacht, weshalb sie so wenig davon sprach. Vielleicht war
die junge Dame nicht sehr anziehend. Seine Mutter musste ja die Aufträge nehmen,
wie sie fielen. Sie hatte einmal eine in älteren Malerkreisen zirkulierende
Strophe nachgesprochen:
»Maler von Stilleben
Kann nicht und will leben;
Landschaft, Historie,
Ganz wie der vorige;
Porträtmaler,
Portemonnaiemaler.«
Allert war gar nicht der Gedanke gekommen, dass seine Mutter aus Vorsicht von
Marieluis schwieg. Sophie wusste genau: Erzähl' ich ihm, wie fesselnd und schön
sie ist, so denkt er gleich, ich hoffe, dass sie eine Frau für ihn werden könnte,
und dann setzt er nie seinen Zylinder auf und macht nie da Besuch. Das sollte er
aber; denn ihr war klar, dass Allert von dieser Familie aus in die Gesellschaft
hinein müsse.
    Jetzt mit einemmal fand Allert es höchst auffallend, dass seine Mutter so
wenig von der jungen Dame sprach.
    Wie gern hätte er gefragt - aber er konnte nicht. Das wollte nicht
unbefangen über die Lippen. Irgendeine Angst tat seinem raschen Munde Zwang an
und machte ihn stumm.
    Dieser Lurch beunruhigte ihn sehr.
    Wenn das der Mann mit den Paketen war, musste oder konnte die junge Dame die
Tochter des Hauses sein.
    Diese Möglichkeit machte ihn traurig. Sie niemals wiederzusehen - das war
fast seine Hoffnung geworden, sein Wunsch. - Es war sehr schön, an sie zu denken
- wie an einen Traum - wie an eine Gegend, die man von fern bewundert -
vielleicht ist sie in der Nähe sehr nüchtern. Fernduft ist bezaubernd. -
    Am liebsten wär's mir, die Leute lüden mich nicht ein. Vielleicht hab' ich
auf den Senator auch bloss als Schwadroneur gewirkt, hoffte er.
    Er war entschlossen: »Ich sage ab.« Aber das ging ja nicht wegen seiner
Mutter.
    Am andern Morgen lag die Einladungskarte auf seinem Tisch. Er besah sie
lange. Ein Gefühl von Unbehagen, ja fast von Furcht bedrückte ihn.
Allert war eigentlich wütend. Drei Jahre hatte er in Frieden gelebt. Das heisst,
völlig unabhängig wie ein Stier gearbeitet - einen neu zu bestellenden Acker für
künftige Ernten vorzubereiten getrachtet.
    Nun zog sich ein Gewölk von Verpflichtungen über seinem Haupte zusammen. Die
Sonntage gehörten ja zum Teil der Mutter. Und das war schön, war ausruhend,
anspornend. Aber jetzt gab es auch eine Frau Julia Dorne für ihn in der Welt.
Daran musste er nun wohl oder übel denken und auf sie schon ihres Mannes wegen
Rücksicht nehmen.
    Es war fabelhaft, was für Anliegen sie immer hatte. Allert hätte eitel
werden können, weil er ihr unentbehrlich schien. Allein er dachte nur: Ich bin
der einzige, den sie kennt! Sie muss schleunigst einen Kreis bekommen. Auswahl,
damit sie einen andern vor ihren Wagen spannen kann. Das tut not.
    Ein eiliges Briefchen flehte ihn an, jedenfalls nach Kontorschluss zu ihr zu
kommen. Es war dicht vor dem Amsterschen Fest. Dr. Dorne war tief in seine
Experimente versunken und verliess bis in die Nacht hinein sein Laboratorium
nicht, wo es nach scharfen Säuren und Salzen schweflig und teerig roch.
    Die reizende Julia konnte Briefe voll seltener Anmut schreiben. Ihre
kleinen, regelmässigen Buchstaben tauchte sie in lila Tinte. Und sie formte
Sätze, in denen Inhalt war. Allert dachte: Schliesslich arbeitet der Mann für
mich ja mit - wenn Dorne die Entdeckung glückt, der er auf der Spur zu sein
glaubt! Ja, das konnte was bringen! Donnerwetter! Na also, da musste man sich für
die Frau, die ja wirklich viel allein sass, schon mal die Viertel- und
Halbstündchen stehlen.
    »In einer wichtigen Sache möchte ich Sie heute abend sprechen. Wichtigkeit
ist ein relativer Begriff - was mir eine ist, braucht Ihnen keine zu sein. Aber
ich denke doch, der Ritterlichkeit eines Mannes ist das Anliegen einer etwas
vereinsamten Frau immer wichtig. Sie wissen, zurzeit ist mein Gatte, dessen
Arbeit ich bewundere, einer neuen chemischen Entdeckung auf der Spur, und dann
geht es ihm wie den Heineschen Grenadieren: Was schiert mich Weib, was schiert
mich Kind.«
    So schrieb sie, und ihre Anrede lautete: »Lieber Freund!«
    Bin ich das schon? Das geht ja flink, dachte Allert.
    Die Dornesche Wohnung, eine geräumige zweite Etage am Alsterufer, war seit
kurzem fertig eingerichtet. Alle Wohnräume wurden aber tags wie abends in
Halbbeleuchtung gehalten. Die Sonne kam durch dünne seidene rosa Stores, das
elektrische Licht war immer rotgelb umschleiert. In dieser Beleuchtung erschien
Frau Julia in ihrer Anmut und mit ihren dunklen Feueraugen von mädchenhafter
Jugendlichkeit. Und Allert bewunderte ganz objektiv die Kunst dieser Frau, sich
zu dekorieren.
    Auch an diesem Abend verführte ein mildes, warmes Licht Augen und Nerven.
Man war sofort in eine Sphäre vollkommener Weltabgeschlossenheit versetzt. Und
im leisen rötlichen Schein bewegte sich Frau Julia. Ihr fast unwahrscheinlich
dünnes Chiffongewand hatte einen Saum von dicken, graugelben Spitzen. Hals und
Arme schimmerten durch den dünnen Stoff. Allert sah sonst keine Frauenkleidung.
Er verstehe nichts davon, behauptete er. Aber dies hier fiel ihm durch die
Schönheit und das Raffinement doch auf. Und in ihm wollte sich der kleine Spott
rühren, den Männer haben können, wenn sie kalten Sinnes dringliche Bemühungen
bemerken.
    »Sie haben befohlen, meine gnädigste Frau, hier bin ich.«
    »Ja. Ich habe das Gefühl, Ihrer Billigung zu bedürfen zu einem Schritt, den
ich getan habe,« sagte sie, sich malerisch, schmächtig, schmiegsam in einen
Sessel drückend.
    »Was Sie tun und lassen, hat doch nur Ihr Mann zu billigen, und da es sich
um etwas schon Geschehenes handelt, käme es auch nur auf eine nachträgliche
Billigung hinaus wie beim Reichstag nach Etatsüberschreitungen.«
    »Nein, nein. Es geht schon ein wenig Sie an. Oder Ihre Mutter. Es könnte so
aussehen, als wollte ich mich mit Vorsatz gerade da in die Hamburger
Gesellschaft hineinlancieren, wo auch Ihre Mutter offene Türen fand. Ich
wünschte Ihnen zu erklären, dass es Zufall ist.«
    »Ich verstehe kein Wort,« versicherte Allert, der bemerkte, dass Frau Julia
hellgrüne Seidenstrümpfe in ebensolchen Schuhen trug. - Fabelhaft geschmackvoll,
dachte Allert, und fabelhafte Vergeudung - falls dies für mich ist.
    Frau Julia erzählte in ihrer stockenden, die Satzbildung bedenkenden Weise:
    »Mein Mann sowohl als auch ich haben einige Beziehungen zu hier wohnenden
Menschen oder könnten Beziehungen schaffen. Aber Sie wissen: jede Umwelt hat
ihre besonderen Matadore, und wer in X. eine massgebende Persönlichkeit ist, wird
eine unbrauchbare Nebenfigur, wenn er nach Z. zieht. Und ich habe festgestellt,
dass die Personen und Familien, an die wir hier geraten könnten, nicht zur
allerersten Gesellschaft gehören. Geradezu bei den Spitzen Besuche zu machen,
dazu ist hier der Rahmen zu gross. Wir haben noch kein eigenes Haus, kein Auto.
Mein Mann, dessen Klugheit ich bewundere, sagt, man muss den Gang der Geschäfte
abwarten. Da dachte ich denn, auf irgendeine andere Weise anzuknüpfen. Es gibt
ja so viele Wege. Zum Beispiel durch literarische, musikalische, wohltätige
Vereine. In den letzteren findet man erfahrungsgemäss eher die Damen der ersten
Gesellschaft als in den literarischen. Eine auswärtige Freundin riet mir, mich
an den Verein der Senatorin Amster anzuschliessen.«
    »So, hat die einen Verein?« fragte er trocken. Aber er merkte scharf auf.
    »Ja, zur Rettung gefährdeter Mädchen aus dem Volke, zum Schutz unehelicher
Kinder und so dergleichen. Ich bin gestern zu ihr gefahren, liess mich in
Vereinssachen melden, wurde angenommen und gern als Mitglied akzeptiert. Wie
kann man eine Vorsitzende besser bestricken, als wenn man Vereinsmitglied mit
vierfachem Beitrag wird. Ich brachte ihr auch einen Gruss von meiner, ihr
freilich weiter nicht bekannten Freundin, die ein gerettetes Mädchen vom Verein
bezogen hatte, und es interessierte die Senatorin sehr, zu hören, dass jenes
Mädchen doch gleich wieder weggelaufen sei. - Dass mein Mann Ihr Kompagnon ist,
kam natürlich zur Sprache. - Ja - und nun werde ich im Verein tüchtig
mitarbeiten - allmählich wird man bekannter - es werden sich gesellschaftliche
Beziehungen daraus entwickeln lassen, wenn man es klug anfängt.«
    »Ich habe das Vertrauen, dass Sie alles klug anfangen,« sagte er, während er
ganz benommen dachte: dann war es doch dieser Lurch - der mit den Paketen -
    »Kluge Frauen sind bei Euch Männern nicht beliebt.« Es war eine jähe Wendung
- mehr im Ausdruck und im Ton als in den Worten selbst. So ein gewisses Etwas,
das sich herausspürte wie: die Vorrede ist erledigt.
    »O doch. Wenn sie auch Gefühle haben. Bei den Dummen fürchtet man die
Sentimentalität.«
    »Sentimentalität ist schrecklich. Sie bedroht den Mann in der Liebe mit
Szenen. Alle sentimentalen Frauen sind zäh und anklebend. Ich habe noch nie eine
gesehen, die es verstand, sich in das Ende einer Liebe zu finden,« plauderte
Julia.
    »Das verstehen auch die Klugen nicht. Jede Frau denkt, sie ist die Eine, die
Auserwählte, die Liebe ohne Ende erwecken kann.«
    »Oh,« sagte sie mit funkelnden Augen, »es gibt auch Frauen, die die Poesie
und die beglückende Schönheit eines Rausches begreifen - die nach dem Erwachen
nicht klagen, sondern danken. Die das Wort Lebewohl ohne Bitterkeit sprechen.
Die wissen, das Glück ist des Schmerzes wert. Die fühlen, durch Vorwürfe und
Jammer entweiht man, was doch göttlich war« - -
    Sie schwieg. Eine lange Pause entstand.
    Allert sah ihr in die Augen - eine Welt von Sinnlichkeit schwamm darin.
    Er schwieg sehr lange. Nun schien sie das Gespräch ändern zu wollen -
vielleicht, um es auf einem Umwege wieder zu schwülen Erörterungen zu bringen.
Denn sie wusste wohl: es gibt keine bequemere Brücke als Redensarten über die
Psychologie der Liebe.
    »Ich bin sehr viel allein. Mehr eigentlich, als erlaubt ist. Aber ich
bewundere den Fleiss meines Mannes.«
    »Ja, er ist ein leidenschaftlicher Arbeiter.«
    Seine Blicke wanderten umher - er fühlte sich nervös, unfähig zu einem
vernünftig sich fortspinnenden Gespräch. Er fragte gedankenlos nach einer Büste,
an der seine Blicke zufällig hängenblieben -
    Julia stand auf - er musste ihr folgen; denn sie lud ihn mit einer
Handbewegung ein, das Kunstwerk in der Nähe zu besichtigen. Mit einigem guten
Willen erriet man, dass es den Dr. Dorne vorstellte. Julia legte die Rechte an
den Sockel; so neben der Säule mit dem Bildwerk nahm sie sich im rotgelben Licht
sehr schön aus.
    »Es ist von mir selbst. Ich modellierte eine Zeitlang eifrig. Knud Mohr war
mein Lehrer. Er war auch mein Freund - er war es, der mein Talent entdeckte -
aber so ohne Mitarbeiter, ohne gleichgestimmten Freund hat man keine
Inspiration. - Ach, es war schön damals - ich denke so gern daran zurück!« -
    Allert sah und hörte ja, was das alles war. Eine von den Frauen war sie, die
immer ihre geistige Richtung vom Mann bestimmen lassen, mit dem sie ein
Verhältnis haben, die sogar in ihrer Anpassungsfähigkeit, die ihnen die Begierde
gibt, ein dem seinen verwandtes Talent in sich aufblühen sehen. - Er wusste, das
war das Satyrspiel zu einem tiefen, grossen Naturwillen.
    Er sah ja auch, die Frau war auf der Suche.
    Wenn sie nicht gerade seines Teilhabers Frau gewesen wäre. - Kein Mann
spielt gern eine Stockfischrolle. - Und einen Augenblick kecken Geniessens - bei
solchen Frauen vorwurfsfrei mitzunehmen - warum nicht ...
    »Inzwischen,« sprach sie halblaut weiter, »inzwischen habe ich auch
begriffen, dass in unserer Zeit viel wichtigere Aufgaben im Vordergrund der
Beschäftigung auch für die Frau stehen müssen. Ich versuche, mich mit den
industriellen und merkantilen Fragen und der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage
Deutschlands vertraut zu machen. Aber ich sehe schon, ich begreife nichts, alle
Mühe wird verloren sein, wenn Sie mir nicht ein wenig dabei helfen.«
    »Leider bin ich ja ein mit Arbeit überhäufter Mensch« -
    »Aber wenn ich Sie bitte? Und ist es nicht auch eine Arbeit, die sich lohnt,
einer Frau, die sich weiterbilden will, zu helfen?«
    Sie streckte ihm die Hand hin, die er nahm, um sie ausfürlich zu küssen.
    Er dachte nicht an eine schroffe Haltung und an ein plump beschämendes
Ablehnen. Gerade hier musste das ja mit einer gewissen Grazie gemacht werden.
    In diesem Augenblick hörte man deutlich draussen vor der Tür den kurzen
Gewohnheitshusten des Doktors Dorne. Und ganz unwillkürlich änderten Allert und
Julia ihre Stellung.
    »Mein Mann!« sagte sie grenzenlos und sehr ärgerlich erstaunt.
    Und dann kam er auch schon herein und reichte Allert nebenbei die Hand und
hatte einen hastigen Ausdruck in seinen hellen Augen und erzählte etwas zu
ausführlich, dass er sich doch noch entschlossen habe, seine Arbeit für eine
Stunde zu unterbrechen, um zu Hause zu Abend zu essen. Er lud Allert ein,
mitzuspeisen. Der aber lehnte ab und ging.
    »Nimmst Du Herrn von Hellbingsdorf nicht etwas zu oft in Anspruch?« fragte
der Mann ängstlich.
    Er sah, wie schön seine Frau geschmückt war, und das beunruhigte ihn immer.
    »Aber nein. Er ist doch scharmant. Ich musste ihm loyalerweise das mit der
Amster sagen. - Und dann - er braucht ein wenig der zarten, letzten Abschliffe
durch Frauenhand - Du weisst, ich erziehe gern ...«
    Er war verwundert; gerade Allerts Formen hatte er so sicher und angenehm
gefunden, und die Mutter war so fein - Menschen aus guten Kinderstuben. - Aber
Julia sagte:
    »Schliesslich ist die Mutter doch Berufsfrau. Und die Art Frauen haben weder
Zeit noch Blick, ihren Söhnen die letzte Modellierung des Wesens zu geben. Das
bleibt dann die Aufgabe, die uns ganz weiblichen Frauen zufällt. Und weisst Du -
ich denke - zwar ist Ingeborg erst fünfzehn - aber Allert von Hellbingsdorf wäre
doch mal eine Partie für sie« -
    Der Ehemann streichelte ihr ganz sacht die durchsichtig bekleidete Schulter.
Ja, so war nun seine Frau - voller mütterlicher Instinkte, wo sie sah, dass sie
lenken und veredeln konnte. -
    Er begriff selbst nicht mehr, was ihn so hergejagt hatte - - und nicht diese
qualvolle Nervosität, die ihn immer antrieb, draussen zu husten. -
    Unterdes ging Allert voll Ingrimm an der Alster entlang, unter der
Bahnüberführung hindurch, wo gerade ein gewaltiger, hellerleuchteter D-Zug über
seinem Kopf hindonnerte, und dann wartete er an der Esplanade auf die Ringbahn.
    Ausdrücklich hatte er seinem Teilhaber erzählt: »Ihre Frau wünscht mich zu
sprechen, ich fahre für eine Viertelstunde zu ihr hinaus.«
    Und trotzdem war's ja gerade, wie der Gatte unverhofft kam, als sei man
ertappt. Ein scheussliches und, gottlob! grundloses Gefühl. Aber was so eine
unbedenkliche Frau alles anordnen kann: ein bisschen rosa Licht, ein bisschen
sonderbar schöne Kleidung, uralter Aufwand von entgegenkommenden Blicken und
Worten, dazu die Ritterlichkeit des Mannes, der nicht mit plumpkeuscher
Tugendgeste seinen Mantel aus ihren Händen reissen mag - und die erste Szene ist
gestellt! Daraus dann nach und nach in sorgsamem Aufbau das vieraktige
Sittenstück weiterzuentwickeln, würde sich Julia schon zutrauen. Das heisst, alle
Sittenstücke sind ja eigentlich Unsittenstücke ...
    Heimfahrend dachte Allert ganz frauenfeindliche Sachen: Das sind so die
Weiber, die einen auch ehescheu machen können! Das hat sich doch einst aus Liebe
oder meinetwegen bloss aus Verstand geheiratet. Wie auch immer: man hat sich die
ersten Jahre gut vertragen. - Da sind die Kinder - man war sich jedenfalls klar
und ist es sich noch, dass Interessen, Ehre, Empfindungen gemeinsamer Kult sein
sollte. - Und doch! Die Frau, vielleicht mannstoll veranlagt oder so schamlos
eitel, dass sie sich am Verlangen und der Bewunderung der Männer nicht sättigen
kann - die Frau macht aus ihm einen Narren. Und er - so'n wissenschaftlich
gebildeter Mann! - Unruhig ist er wohl, will aber blind sein, lässt sich dumm
machen - warum? In der verfluchten Hörigkeit, in die jeder von uns hineingeraten
kann! Wer darf sich vermessen, er sei dagegen gefeit? Das kommt ganz darauf an,
was für 'ner Frau man in die Hände fällt ...
    Schade, dass es keine Statistik gibt über die Männer, die Junggesellen
bleiben, weil sie bei 'ner verheirateten Frau zu genauen Unterricht hatten ...
    Und er liess alle Riesen und Helden von Herkules und Simson an vor seinem
Gedächtnis Revue passieren, von denen Sage und Geschichte erzählen, dass sie
Frauenknechte und -opfer waren.
    Während er sich mit solchen unterhaltenden und erbitternden Schulbeispielen
gegen die Ehe stärkte, fiel ihm noch ganz etwas anderes plötzlich ein - viel
Naheliegenderes. -
    Seine Teilhaberschaft mit dem Doktor Dorne bekam einen starken
Schlagschatten. Klug war der Mann, ein Chemiker von Rang. Geld hatte der Mann
genug, um mit seinem Anteil dem Geschäft Aufschwung und neue Lebenskraft zu
sichern. Aber grünseidene Strümpfe und Schuh und spinnwebene Kleider kosten Geld
und - »Talente« kosten Geld, wenn man immer neue entdeckt und immer andere
Lehrer dazu braucht. - - Und schliesslich war Dorne bloss wohlhabend; kein Krösus.
Und dann ein Mann, der innerlich gehetzt ist! Und es sich nicht eingestehen
will, was ihn hetzt! Hiess es nicht für einen Aufstrebenden: »Du sollst keinen
Götzen haben neben dem Geschäft?« ... Und Allert sah Gewölk heraufsteigen. -
    Dann kam ja das Fest bei den Amsters. Allert holte die Mutter ab. Sie spürte
gleich: er war zerstreut und verstimmt. Er schob es auf Geschäfte. Von der
Spannung, die in ihm brannte, sagte er nichts. Stumm sass er im Auto, das im
Halbrund des Weges innerhalb des Vorgartens nur langsam vorrückte, denn ein
abscheuliches Schneetreiben erschwerte Auffahrt und Aussteigen der Gäste.
    In der Herrengarderobe war dann wieder dieser ältliche Diener, dieser Lurch
-
    Allert empfing auch die kleine weisse Karte, auf welcher der Name der Dame
stand, die er zu Tisch führen sollte: Fräulein Marieluis Amster. Ganz
selbstverständlich, weil er zum erstenmal als Gast hier war und immerhin schon
weit die gesellschaftliche Rangstufe der jungen Dächse von Referendaren,
Leutnants, Volontären und anderem Tanzgebein überragte. Aber er fühlte sein Herz
klopfen.
    Dann waren da zwei grosse, sehr volle Räume, in denen nichts zu sein schien
wie Menschen und Kristallkronen - so waren alle Möbel vom Gedränge verdeckt. Und
voll Würde gleich vorn bei der ersten Tür der ihm schon bekannte Senator, der
ihn seiner Frau vorstellte. Die blonde Frau mit den hübschen, aber scharf
gewordenen Zügen und der bedeutenden Haltung lächelte sehr verbindlich und sagte
ihm ein Dutzend sehr schmeichelhafter Worte über seine Mutter und überliess ihn
dann seinem Schicksal und seinem Stern, weil auf seinen Hacken schon andere
Gäste warteten, um ihrer Begrüssung teilhaftig zu werden.
    Sein Stern nun war seine Mutter. Er sah, wie bekannt sie hier schon mit
allen Menschen schien, und mit welcher liebenswürdigen Heiterkeit sie sich
bewegte. Na ja, das war ihr Feld - aus diesem Boden wuchsen ihr die Aufträge zu.
- Sie sagte ihm: »Ich stelle Dich vor - auch der Tochter des Hauses.« -
    Nun musste er sich da und dort verbeugen und sechsmal die Frage: »Sind Sie
bei Ihrer Mutter zum Besuch?« beantworten: »Ich lebe hier, habe mich hier
niedergelassen.« Und achtmal hören: »Haben Sie schon das Bild von Marieluis
Amster gesehen? Es wird fabelhaft.« Drei Leute fragten ihn auch, ob er sich
schon eingelebt habe. Und dann kam sehr eilig, elegant, hoch und schmal Tea
Daister herangerauscht und nahm ihn unter ihre Fittiche, wie sie es nannte. Und
weil gerade seine Mutter vom Generalkonsul Haimburgk festgehalten wurde, dessen
beide Knaben sie ja malen sollte, bat sie rasch Tea Daister: »Bringen Sie ihn
zu Marieluis.«
    Das war Allert lieb. Seine Mutter hatte ihm zu feine Ohren, zu scharfe Augen
für das, was vielleicht gleich kam.
    Und da war es auch schon. - Er hatte sie schön und ernst und gelassen und
überlegen und gereift und - und - er wusste nicht, was alles - gefunden - im
langen Mantel, im dunkeln Hut. Nun sah er: Es war die Verkleidung einer
Prinzessin gewesen. Hier stand ein Wesen, das einen merkwürdigen und doch
stillen Glanz auszustrahlen schien - ein hochgewachsenes Mädchen mit blondem
Haar und feinen Zügen - klug und grau die Augen - Schultern, Arme - ach, Allert
fehlte der vernünftige Vergleich dafür. Und er hatte auch einen unbestimmten,
allgemeinen Eindruck von blassblauer Seide und grossen, dunkeln Veilchensträussen.
    Seine Führerin strebte emsig durch die Menschen auf diese junge Fürstin zu.
Wenn Tea Daister jemand so geleitete, hatte es etwas Pflichtvolles, Genaues,
höchst Dringliches. Am liebsten hätte Allert sie am Arm fest- und
zurückgehalten.
    Und nun sah auch Marieluis ihn und erglühte in völligster Ueberraschung.
    »Auf Wiedersehen,« sagte Tea Daister, »ich muss noch flink oben an der Tafel
mal zusehen, wo mein Mann seinen Platz hat - ich bin Ihre Tischnachbarin links -
hier Marieluis: der Sohn von Frau Hellbingsdorf.«
    Marieluis, die ihre gewöhnliche Farbe schon wieder hatte, reichte ihm die
Hand. »Ich habe rasch eine grosse Verehrung für Ihre Mutter gewonnen.«
    »Das macht mich stolz. Ich werde viel zu tun haben, um hier für mehr
angesehen zu werden als bloss für einen Sohn.«
    Marieluis lächelte ein wenig.
    »Den Eindruck hab' ich eigentlich nicht bekommen, dass Sie das Talent haben,
unbemerkt zu bleiben.«
    »So? Also ich hab' vordringlich gewirkt? Vielleicht haben Sie Ihren Eltern
schon eine entsprechende Schilderung von jenem Mann gegeben, der Ihnen beistand?
Dann bitt' ich: Schonen Sie mein Charakterbild, damit es nicht in der Geschichte
schwankt wie das mancher Helden, und decken Sie meine Identität nicht auf.«
    »Ich habe zu keinem Menschen von jenem Vorfall gesprochen.«
    Das machte ihn irgendwie glücklich.
    »Ich auch nicht,« sagte er leise.
    »Es war mir zu nebensächlich,« fügte sie hochmütig hinzu.
    Gott - diese jungen Mädchen! dachte er.
    »Dory, erlaubst Du: Herr von Hellbingsdorf - Fräulein Dory Vierbrinck.«
    Er verneigte sich vor einer zierlichen jungen Dame, die einen uneingefassten
Kneifer trug, einen schmalen Rosenkranz auf kastanienfarbenem Haar und
entzückende Grübchen hatte.
    »Dory! Zum Unterschied von Laura, Fanny, Mimi, Evelyn und Helene Vierbrinck,
die hier ebenfalls anwesend sind. Vierbrincke, teils vom Senator, teils von
Vierbrinck Sohn & Compagnie, teils vom Konsul Vierbrinck,« sagte sie munter.
    »Ich bin schon lange genug in Hamburg, um diesen hier so viel bedeutenden
Namen zu würdigen,« sagte Allert, »und darf ich fragen: »Von welchem Zweige
dieser ansehnlichen Familie?«
    »Vierbrinck Sohn & Compagnie.«
    Sie lachten. Und er dachte: Dory? Das war also die Dory, die an jenem Abend
davonlief. Sie aber konnte ihn gar nicht erkennen. Das war ihm lieb. Es lag ihm
im Gefühl: Das muss zwischen »ihr« und mir bleiben. - Er wartete - horchte auf. -
Nein, Marieluis sagte nichts. - Wenn es ihr sonst zu »nebensächlich« war, gerade
Dory nun zu erklären: Denke Dir, es ist Herr von Hellbingsdorf, der mir damals
beistand - das hätte sich doch fast von selbst verstanden ...
    Wie viel Nähe hatten sie schon zueinander - das berauschte ihn. -
    Welche Kluft war zwischen ihnen - er fühlte es in der nächsten Stunde mit
Erbitterung. -
    Man sass bei Tisch. Alles ist bester Stil, dachte Allert, vornehm, nicht
protzig, trotz der Menge alten Silbers und edlen Kristalls - trotz der erlesenen
Speisen - wie sind sie sicher und bedacht zusammengestellt.
    In zwei Sälen sassen etwa hundert und mehr Personen. Die ungezwungene
Fröhlichkeit, das lebhafte Gespräch brachte jenes gleichmütige, ununterbrochene
Geräusch hervor, das dem einzelnen gestattet, vom Nachbar ungehört zu bleiben.
Aber zunächst kam Allert nicht zu seiner Aussprache mit Marieluis. Seine andere
Tischnachbarin war voll Unruhe. Sie liess ihre Serviette fallen und dann ihre
Handschuhe, und während ihr Tischherr sich bückte, fragte sie Allert was und
hörte nicht seine Antwort. Dann fragte sie ihren Tischherrn und achtete nicht
auf seine Auskunft, sondern wollte wieder etwas von Allert.
    »Können Sie meinen Mann entdecken?« fragte sie in ihrer geschwinden Sprache.
»Aber - Sie kennen ihn ja nicht - pardon, wie dumm von mir - ich bin furchtbar
mucksch mit meinem Mann, aber aufpassen muss ich doch, ob er nicht zu nett mit
seiner Dame ist. Wenn man sich mit dem Gatten gründlich erzürnt hat - nicht
wahr? So seid Ihr Männer! Er ist imstande, einer anderen den Hof zu machen.«
    Und sie bog ihren langen Hals nach rechts, nach links. -
    »Was denn? Erzürnt mit Ihrem Mann?« fragte Allert. »Wenn ich mir eine
indiskrete Bemerkung gestatten darf: Ich habe von Ihnen wie von Turteltauben -
natürlich in moderner Variante, sprechen hören.«
    »Bleib mal einer Turteltäubchen,« sagte Tea Daister, »wenn man plötzlich
hört: wir können nur acht Tage in St. Moritz bleiben, es kostet zu viel, und
unser Leben in Berlin schluckt alles. - Pa und Ma sind immer vier Wochen mit mir
hingegangen ... Und im Frühling können wir nicht nach Cannes. - Ich bin starr. -
Musst ich da nicht mal auftrumpfen?«
    Wie recht hatte Raspe, dachte Allert, die Ansprüche nehmen sie aus den
Elternhäusern mit in die Ehe ...
    »Sie können sich hinter Ihre Eltern stecken, gnädige Frau,« tröstete Allert,
»wenn man so vorsichtig in der Wahl seines Vaters gewesen ist ...«
    Marieluis sprach mit vorsichtiger Stimme hinein, aber doch nur zu ihm: »Die
Eltern haben den Etat so gross bemessen, dass er nicht überschritten werden darf.
Tea hat ja Geschwister.«
    Die junge Frau bemühte gerade ihren Tischherrn mit der Entdeckung des Gatten
und hörte nicht, was ihre Cousine sagte.
    »Nun, die Verstimmung wird nicht ernst sein,« äusserte Allert. Es
interessierte ihn wenig.
    Er fühlte die Nähe dieses Mädchens wie ein beklemmendes, betäubendes Glück.
Für ihn war sie das höchste Bild von Frauenschönheit; seine Natur wollte sie -
sie! Ganz und gar sie - wie sie da sass, in beherrschter Haltung, mit vollen
Schultern, schlanken Armen und diesem fein geformten Kopf, den köstliche, blonde
Haare locker umgaben. - Diesem ernsten Gesicht mit den klugen, grossen Augen und
den tiefen Mundwinkeln. -
    »Es kommt mir ganz phantastisch vor, wenn ich Sie so sehe - in diesem Rahmen
- in diesem Kleid - wenn ich auch nichts davon verstehe - es scheint mir
köstlich und das Geschmackvollste von der Welt - ich möchte mich an den Kopf
fassen: Sind Sie es wirklich, die ich im klebrig-schwarzgelben Nebel von einem
grölenden Trunkenbold bedrängt sah?«
    »Ja - bei der Arbeit gibt's eben mal andere Situationen.«
    »Es ist keine Arbeit für Sie!« sagte er mit Entschiedenheit.
    »Barmherzigkeit? Keine Frauenarbeit? Welche ist es mehr?« sprach sie und sah
ihn mit grossen Augen an.
    »Es gibt Dinge,« begann er erregt, »über die man sich kaum mit Worten
verstehen kann. So wie die Empfindungen sich zu Gedanken bilden - nicht wahr:
Denken und Worte - das ist dasselbe - alles Denken ist stummes Sprechen - ja,
gleich sind schon die Schwierigkeiten da. Wie sollte Barmherzigkeit nicht
Frauenarbeit sein?! Sie ist die allererste! Keine Legende ist rührender als die
vom Rosenwunder, das der heiligen Elisabet geschah.«
    »Nun also ...«
    »Und doch ... Sehen Sie, früher waren die Frauen auch barmherzig - jede,
sofern sie ein echtes Weib war - wirkte in ihrem Kreis, mit offenen Händen und
offenem Herzen - nur mit dem Herzen. - Und solche Frauen gibt es gewiss auch
überall heute - die nichts anderes wollen als wohltun. Aber da sind die vielen,
die arbeiten - ja, sie nennen es Arbeit - was liegt oft in dem Wort, in diesem
Zusammenhang! - Und ich sehe im Geist in ihren Händen vor allem die Tabellen und
Statistiken. Und wo früher die Träne des Mitleids rann, hört man jetzt das Wort
soziale Pflicht.«
    »Ist es nicht ein Fortschritt, dass Pflicht wurde, was früher Gnade war?«
fragte sie.
    »Ja. Mein Gott - ich fürchte, Sie werden mir nichts, gar nichts entgegnen,
wozu mein Verstand nicht ja sagen müsste,« fuhr er immer eindringlicher fort;
»aber das Holde, das Ergreifende, das die Mildtätigkeit hatte - dem Ausübenden
eine Gloriole verleihend - dem Empfangenden das Herz erweichend und den Gram
lösend - hat sich dies Ergreifende nicht da und dort verflüchtigt? Hat die
Barmherzigkeit nicht einen doktrinären, sozialpolitischen Zug bekommen? Wenn sie
so von Vereins wegen nach Prinzipien, in umrissenen Grenzen ausgeübt wird?«
    »Es gibt keine menschliche Institution, der nicht auch Mängel anhaften.«
    »Und die Hauptsache - sehen Sie - die Hauptsache - man muss auch das
Menschenmaterial gegeneinander abwägen - wie kann man ein schönes, hochbegabtes,
junges Mädchen auf ein Gebiet hinaussenden, wo ihr Gefahren drohen? - Ich selbst
hab' Sie in einer solchen gesehen - welcher Schaden wäre grösser, wenn Ihnen
Furchtbares zustiesse? Furchtbares - nicht Auszusprechendes! Oder wenn ein doch
entartetes Kind oder sonstiges Wesen aus der Unterschicht mal keine Kleider und
Vermahnungen bekäme?«
    »Wenn mir bei Erfüllung meiner Pflichten etwas zustiesse, wäre es wie mit dem
Heldentod meines Vaters: er infizierte sich, als er eine Operation ausführte,
und starb. Sollte er nicht Arzt werden, weil ihm Gefahren vom Beruf drohten?«
    »Ihr Vater?« fragte Allert verdutzt.
    »Ich bin das Adoptivkind von Amsters,« sagte Marieluis ruhig, »und ich bin
meiner Mutter unendlich dankbar, dass sie mir, sehr früh schon, den Blick öffnete
für die Notwendigkeit, an der Ausgleichung sozialer Ungerechtigkeiten
mitzuarbeiten. Dass sie mir grosse Ziele zeigte. Dass sie mir vor einigen Jahren
offenbarte, wie viel Unglück nicht aus Leichtsinn, sondern aus Unkenntnis
entsteht. Das macht milde und gerecht. Wie zahllose junge Mädchen wurden durch
die Roheit und Gewissenlosigkeit der Männer ins Elend gebracht, nur weil sie gar
nicht wussten, welche Gefahren ihnen vom Manne drohen.«
    Allert wusste ja: mit Worten liess sich hier nicht fechten. Ihre Worte waren
unwiderleglich. Sein Verstand, seine soziale Einsicht gaben ihr wohl recht. Und
doch ...
    »In uns Männern,« sagte er, »wenn wir Frauen in dieser Art wirken sehen -
ja, da kommen zwiespältige Empfindungen auf. Die Frau zu behüten, sie vor der
Berührung mit dem Hässlichen, vor dem zu genauen Wissen vom Schmutz möglichst zu
bewahren, das ist nun mal unser tief angeborenes, ritterliches Bedürfnis.«
    »Sie sind sehr konservativ und vorurteilsvoll,« sprach sie und hatte einen
bitteren Zug um den Mund.
    »Nein! Ich? Nein! Meine Tätigkeit, die ich frei wählte, beweist, dass ich es
nicht bin. Mein Geschlecht hat nur Offiziere, Diplomaten und Grundbesitzer
gesehen. Ich wurde Kaufmann, weil ich die Zeit und bald auch den Beruf ganz
verstand - in seiner kulturellen Bedeutung. Noch sind die adeligen Kaufleute wie
weisse Raben - das wissen Sie ja auch. - Ich lasse mir nicht sagen, dass ich
vorurteilsvoll bin - von niemand.« - -
    Er sah sie fest an, mit einem herrischen Blick vielleicht. Und sie hielt
diesen Blick aus. Ihre Augen wurden dunkel und gross, ihre Nasenflügel bebten -
es war ein stummes Kämpfen.
    »Ich nenne es aber vorurteilsvoll, wenn man ein überkommenes Gefühl nicht
durch Erkenntnis überwinden kann. Unsere Zeit legt eben auch der Frau die
Pflicht zur Mitarbeit auf und lehrt sie zugleich, sich selbst zu schützen.« -
    Er dachte natürlich an den Kerl, der schon nahe daran gewesen war, sie zu
umfassen, zu küssen. - Und es schien, als läse sie diese Gedanken von seinem
lebendigen Gesicht - sie brach ab und errötete ein wenig.
    Und dann kam wieder Tea Daister dazwischengefahren und fragte Allert, ob
sie Tulla Rositz von ihm grüssen solle.
    »Ich habe gar nicht die Ehre, diese junge Dame zu kennen.«
    »Ach Gott - nein - pardon - ich bin so zerstreut - das ist ja Ihr Bruder -
der Oberleutnant« - sie lachte ein wenig, wobei sie sich auch drolligerweise
bückte, als müsse sie sich zum Lachen kleiner machen, »ich will mal indiskret
sein - Raspe von Hellbingsdorf, das war so Tullas zweites Wort. - Völlig hin ist
sie - passen Sie mal auf - das kann was werden - und trotz der unordentlichen
Finanzwirtschaft der Frau - sicheres Geld ist ja da - das kann 'n Offizier immer
brauchen - Ihr Bruder soll sich nur dazuhalten ...«
    »Junge Mädchen schwärmen heute und vergessen morgen,« sagte Allert in einer
verallgemeinernden, sehr kühlen Ablehnung.
    Und er dachte: Sie zeigen ihr Herz auf dem Markt herum - und locken die
taktlosen Zuschauer heran, die durch indiskrete Bemerkungen die Seele des Mannes
verletzen und ihn verscheuchen.
    Wenn sein zurückhaltender und stolzer, sein vorsichtiger Bruder dies gehört
hätte! Es wäre genügend gewesen, ihn für immer von Tulla abzuwenden.
    Nachher wurde Allert noch von der Hausfrau mit einem kurzen Gespräch
bedacht. Sie bewachte mit Feldherrnblick den Ablauf des Festes und ob die Gäste
auch stets richtig gruppiert und unterhalten seien.
    »Wissen Sie schon, die Frau von Ihrem Teilhaber ist unserm Verein
beigetreten. Ich bin ganz entzückt von der Distinktion dieser Frau. - Und welche
Einsicht! Sie sagte mir, dass sie hauptsächlich durch die intensive
Erziehungsarbeit an ihren heranwachsenden Töchtern darauf gekommen sei, sich
vorzustellen, wie doch zahllose arme Mädchen schutzlos dem Elend und der
Verführung preisgegeben würden. Sie will uns tüchtig helfen, und nicht bloss
Kräfte, auch Geld will sie opfern. - Ja, solche Mitglieder kann ich brauchen -
aber - Gott! - Da steht meine Kollegin Vierbrinck ganz allein - verzeihen Sie,«
und im Fortgehen wandte sie noch rasch das Herrscherhaupt und ordnete an:
»Suchen Sie sich nur schon meine Tochter, das Tanzen kann gleich beginnen.«
    Somit war er der Antwort überhoben, und das bedeutete immerhin eine
Erleichterung. Was hätte er sagen sollen, wenn man ihn um nähere Auskünfte über
die »intensiven Erziehungsarbeiten« angegangen wäre. Höchstens konnte er äussern,
dass er noch keine Gelegenheit gehabt habe, Frau Julia auf diesem Gebiet
beobachten zu können ...
    Nur auf andern! dachte er amüsiert. Und er stellte noch bei sich in bezug
auf Julia fest: Es gibt da paradoxe Sachen - das ganz Plumpe und Gewöhnliche
kann wieder wirken, wenn eine Frau es kühn und mit Geschick handhabt - deshalb
spreche nie einer von verbrauchten Mitteln.
    Und eine Viertelstunde nachher walzte er mit Marieluis. In seiner
bedrängenden Arbeit war ihm ein wenig das Jugendgefühl und der Sinn für
Vergnügungen abhanden gekommen. Deshalb hatte es fast etwas Unwahrscheinliches
für ihn, dass er hier, ein wundervolles junges Weib im Arm, im Takt umherglitt -
dasselbe Weib, mit dem er sich in schweren Augenblicken und ernsten Gesprächen
gemessen - das gab ihm ein Gefühl, als stehe man in einer Doppelexistenz. - Der
kühne Gedanke kam, ihr zu sagen: Du gehörst mir. Du bist nicht geschaffen, mit
dem Laster und Elend zu ringen; Du bist nicht geschaffen, hier in prunkvoller
Geselligkeit mit zu statistieren; es ist Deine einzige Bestimmung, das kluge,
liebende, geliebte Weib eines Mannes zu werden. Mein Weib - - Oder war es schon
zu spät - war sie schon unfähig, ihre Gedanken, ihre Pflichten auf einen zu
konzentrieren? War sie schon eine von denen, die im stillen Frauentum nicht mehr
genug Aufgaben für ihre Kräfte finden?
    Wie schön sie war. Voll blühenden Lebens. Und wie ihre Gestalt und die seine
zusammenpassten - sich in der Umschlingung des Tanzes aneinanderfügten - als
seien sie füreinander gewachsen.
    Wie hätte sein feuriges Empfinden nicht auf sie hinüberwirken sollen! Jeder
Nerv wurde zur elektrischen Leitung - ein fast qualvolles Gefühl von Glück war
in ihnen.
    Sie hob den Blick zu ihm, und eine Unendlichkeit von Liebe, Verlangen,
Bitten kam wie ein Strom von Glut aus seinen Augen. -
    Fünf Minuten gehörten sie einander mit ihren Wünschen, Hoffnungen - mit
jedem Schlage ihrer Herzen. - Dann zerriss dieser Zauber - hart brach die Musik
ab - andere Menschen waren um sie her - nahmen sie einander fort - all diese
dummen Gesetze, von denen die augenblickliche Szene beherrscht ward, behaupteten
sich. -
    Allert haspelte den Rest des Abends auch ganz ordentlich seine Rolle als
Figur ab - er vermied es, sich noch einmal der einen zu nähern, vermied auch ihr
Auge, fühlte nur von fern, wie man im Gesichtsfelde des Augenwinkels die Dinge
wahrnimmt, ohne hinzusehen, dass sie da war. - Es wäre ihm eine Profanierung
gewesen, eine Wiederholung jener Minuten voll leidenschaftlicher und zugleich
tief geheimnisvoller Zusammengehörigkeit zu suchen.
    Alle Frauen und Mädchen fand er höchst uninteressant. Nur mit Dory
Vierbrinck beschäftigte er sich ziemlich viel. Das war ja ihre Freundin. Was man
so nennt - wenn man zusammen aufwuchs und auf den gleichen Bällen tanzte. Aber
nein - diese beiden gingen ja auch sonst auf gleichen Wegen - da, wo er sie
getroffen hatte ...
    Das kaum mittelgrosse Persönchen hatte etwas sehr Anziehendes. Die Grübchen
gaben dem Gesicht Heiterkeit und Anmut; dazu tat der Kneifer eine entschieden
naseweise Note. Und Temperament besass Dory! Es sprudelte aus ihren Worten und
Mienen.
    Und er hatte, als er in einer längeren Tanzpause neben ihr sass, ein Gespräch
mit ihr, davon manches Wort sich schmerzlich fest in sein Gedächtnis einbrannte.
    »Bitte, was haben Sie sich bei Tisch mit Marieluis erzählt? Ich sass
schrägüber und dachte: Die sagen einander lauter Bissigkeiten.« -
    »Wir waren verschiedener Meinung über die Ausübung der Vereinstätigkeit, der
Fräulein Amster sich mit Eifer hingibt.«
    »Mit Eifer?« sagte Dory, der das Wort viel zu klein war, »mit Leidenschaft!
Sind Sie wohl auch wie mein Bruder John?«
    »Ich habe nicht die Ehre, zu wissen, wie Ihr Herr Bruder ist.«
    »Sonst entzückend. Nur von unserer sozialen Tätigkeit will er nichts wissen.
Er prophezeit immer, uns passiert noch mal was. Ich graule mich ja auch
manchmal, und es riecht immer schlecht bei solchen Leuten. Aber Marieluis würde
mich verachten, wenn ich nicht einsähe, dass man sich an der moralischen Hebung
der Gefährdeten und Gefallenen beteiligen muss. Wissen Sie - Marieluis ist mein
Schwarm - sie imponiert mir kolossal, trotzdem sie uns immer wegen Fleiss und
Benehmen als Muster vorgehalten wurde - gegen solche kriegt man manchmal Ekel
und Wut. Nicht? Aber Marieluis ist wirklich fabelhaft. Ach Gott, und die Figur!«
    Sie schloss die nachdrückliche Erklärung, die durch viele, stark betonte
Worte wirkte, mit einem ergebenen Seufzer, der ungefähr verriet: Man darf nicht
neidisch sein, das ist klein.
    »Ich wäre also geneigt, die Furcht Ihres Bruders zu teilen,« sagte Allert
und fragte hinterlistig: »Ist Ihnen denn noch nie etwas passiert?«
    Sie sah ihn durch ihre glatten, uneingefassten Kneifergläser prüfend an. Sie
mochte ihn sehr gern leiden; als er zum zweitenmal mit ihr tanzte, fiel es ihr
schon freudig auf - und nun war sie bereits auf dem Wege, sich in ihn zu
verlieben. Sie fand ihn auch so vertrauenswürdig und rückte ihm nun ein bisschen
näher, wobei sie vergass, ihre Eiscreme weiterzulöffeln.
    »Doch!« erzählte sie flüsternd, »doch! Schon zweimal. Wenigstens beinahe....
Aber Marieluis sagte, wir müssten nicht wie kleine alberne Mädchen alles unsern
Müttern vorklagen, sondern lernen, mit allem selbst fertig zu werden, wenn es
auch fatal sei. Einmal - ja, das war vorigen Winter - da sollten wir eine
schlimme Frau, das heisst einen Mann hatte sie aber nicht - die sollten wir
bewegen, dass sie ihre zwei Kinder in die Nachmittagsschule gäbe. Oh, die war
gemein! Was die uns alles sagte! Nein, das kann ich Ihnen wirklich nicht
wiedererzählen. Und gerade als Marieluis ihr zurief, sie solle sich schämen, da
kam noch ein Kerl aus der Küche und - ja, ich behaupte steif und fest, er wollt'
uns prügeln - er hatte Marieluis schon am Rock erfasst. Und wie gemein die
Weibsperson dazu lachte. Aber Sie glauben es nicht, grossartig war Marieluis,
entriss ihm ihr Kleid - beinahe ruhevoll - und sah ihn an. Nein, was für ein
Blick! Und der Kerl war einen Moment baff. Da sagt ich: Komm! und zog sie mit
aus der Tür. Ja, es war schrecklich. Aber natürlich, riesig interessant war es
auch.«
    Und ein Ausdruck ganz naiver, unbewusster Lüsternheit war auf ihrem pikanten
Gesicht.
    »Und das andere Mal?« fragte Allert scharf.
    »Sie dürfen aber niemand von diesen Sachen was wiedersagen. Versprechen Sie
es?«
    »Mein Wort!« sagte er einfach und fest.
    »Das andere passierte vor ein paar Wochen. Da wollten zwei Betrunkene auf
uns los - und der eine packte mich - oh, er war schon mit seinem Mund an meinem
Hals - grässlich roch er nach Schnaps - ich schrie wie wahnsinnig und gab ihm
einen Schubs - dass er, glaub' ich, hinfiel - ich lief und lief - o ja ...«
    »Und Ihre Freundin?« fragte er seltsam kurz und trocken.
    »Wie es ihr ergangen ist, weiss ich eigentlich nicht. Gott, ja, es war
treulos von mir, so auszureissen. Marieluis sagt, sie habe auch heil die
Elektrische erwischt - aber irgend etwas muss sie da doch noch erlebt haben - sie
war so anders nachher. - Aber sie sagt ja, das sind eben die Gefahren auf dem
Felde der Berufsehre. Und meine Mutter meint, die Barmherzigen stehen in Gottes
Hut.«
    Sein geduldiges Zuhören, das doch durchaus nur Anteilnahme für sie sein
konnte, wurde ihr immer wichtiger. Sie stellte bei sich fest: Mit keiner Dame
hat er sich so viel beschäftigt wie mit mir! Sie setzte sofort auch bei ihm ein
rasch aufwachsendes Interesse voraus, und mit der Fixigkeit, die manche junge
Mädchen in der Entwicklung von Liebe und Hoffnun haben, war sie schon nicht mehr
ganz unbefangen.
    »Wissen Sie, Herr von Hellbingsdorf,« fuhr sie fort, »das seh' ich ja ein:
man muss was tun. Bloss so Bälle und Sport - nein, das ist nicht mehr zeitgemäss.
Ein nützlicher, vernünftiger Lebensinhalt muss sein. Und gerade wir, die nicht
für Broterwerb zu arbeiten brauchen, müssen auf sozialem Gebiet Pflichten
suchen. Tante Amster hat es uns grossartig klargemacht. Aber wenn ich mal
heirate, tret' ich aus 'm Verein. Das steht bombenfest. Dann krieg ich ja andere
Pflichten. Und wer weiss, vielleicht denkt mein Herr und Gebieter in spe so wie
mein Bruder John und ist überhaupt dagegen. Wir sind darin total verschiedener
Ansicht, Marieluis und ich. Und sie sagt, sie nimmt nur einen Mann, der in
diesen Fragen eines Sinnes mit ihr ist. Sonst will sie ja gar nicht heiraten und
sich der Hebung der Sittlichkeit und der Rettung vaterloser Kinder widmen. Wer
hat recht: Marieluis oder ich?«
    dabei lächelte sie ihn an, die reizenden Grübchen erschienen, und hinter den
Gläsern strahlten die Augen.
    Er umging die Antwort. Die Art, wie sie von künftiger Heirat sprach, gab ihm
glücklicherweise die Gelegenheit zu einer ablenkenden Frage:
    »Sie sind verlobt, gnädiges Fräulein?«
    Da wurde Dory Vierbrinck ganz rot und lachte etwas fieberisch.
    »Ach Gott, nein - keine Spur - wieso kommen Sie darauf? - Ich will keinen
von all diesen jungen Leuten, mit denen man irgendwie vervettert oder
verschwägert ist - die kenn' ich ja auswendig.« - -
    Sie brach ab. Sie fühlte plötzlich: das könne er vielleicht wie einen Wink
auffassen. Nein, das wollte sie denn doch nicht. Das vertragen die Männer auch
nicht - das wäre eine zu verkehrte Taktik. Aber »entzückend« war er - das stand
fest - und man sah sich ja wieder - Papa musste ihn auffordern, Besuch zu machen.
Ach, wie schön würde das Leben, wenn da ein Mensch war, an den man mit Spannung
denken konnte. Es war ja auch schon gerade zum Verzweifeln gewesen: den vierten
Winter immer dasselbe.
    Nun hörte man Musik.
    »Hier, Lurch,« sagte Dory und reichte dem gerade mit einem Tablett
Vorübergehenden ihr ungeleertes Cremeschälchen hin.
    Dieser Mann im braunen Frack - Allert sah wieder, wie er sich in der Jolle
herumbückte nach den Paketen. Alle Bilder mussten ausgelöscht werden in der
Erinnerung - auch der heutige Abend. Das war besser ...
    Sie wollte ja keinen Mann, als einen, der sie ihren Weg weitergehen liess,
dem es zusagte, dass sie mit dem Schmutze rang, dem es gefiel, dass ihre Ohren und
Augen mit Unkeuschheiten vertraut waren.
    Und ihm - ihm war das eine Qual - eine Beleidigung ihrer feinen, hohen
Weiblichkeit. Vorbei - unmöglich. - -
    Dory stand auf.
    »Ja,« sagte sie zögernd, »nun kommt die Quadrille, die hab' ich mit
Oberleutnant Säger - die drei andern Paare sind auch schon fest.« -
    Ihr Bedauern war doch offenbar. Und Allert sagte höflich: »Schade.«
    Sie seufzte, besann sich eine Sekunde und sagte:
    »Das war 'n ernstes Ballgespräch.«
    »Ja, ein sehr ernstes,« antwortete er.
    Ernster als Du denkst, Du kleines, ehrliches warmblütiges Ding, dachte er.
    Und er musste alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, um auf sein Gesicht den
Ausdruck von freundlicher Angeregteit zu zwingen, der hier von ihm erwartet
wurde.
    Eine Einladung ist schliesslich auch wie ein Geschäft, ist ein Tauschhandel;
der Einladende fühlt: Du nahmst meine Einladung an, dafür musst Du nun mir auch
fortwährend zeigen, dass Du Dich amüsierst. -
    Gerade kam die entschlossene Herrin des Hauses an ihm vorbei. Bemerkte sie
einen unfreien, erzwungenen Ausdruck? Sie blieb eine halbe Minute stehen.
    »Nun, Herr von Hellbingsdorf, wie sind Sie denn mit uns Hamburgern
zufrieden? Unterhalten Sie sich?«
    »Glänzend, gnädige Frau.«
Hoch in siegreicher Gewalt stieg die Flamme empor, Rauchschwaden auftreibend,
die sich zu rötlich bestrahltem Gewölk sammelten und den nächtlichen Himmel
verhängten. Mit einer erhabenen Ruhe und Unbezwinglichkeit loderte sie aus dem
düsteren Chaos. Dem ersten lärmvollen Treiben um die Stätte war längst das
feierliche Grauen gefolgt, in dem die Zuschauermassen nah und ferner gebannt
standen. Um die Wagenburgen der Dampfspritzen und Löschgeräte hantierten rasche,
dunkle Gestalten mit blitzenden Messinghelmen. Dicke kristallene Strahlen nahmen
in hohem Bogen ihren sausenden Weg auf die überhellen Dächer und Wände der
verschiedenen Gebäude, die, alle von geringer oder kaum mittlerer Höhe, sich um
zwei Schornsteine zu gruppieren schienen. Der eine stand als hohe, glühend
beleuchtete Säule. Die kürzere vierkantige Esse, die, von einer gedrungenen
Basis aufsteigend, sich nach oben verjüngte, stiess auch aus ihrem eigenen
Mundloch Rauch aus. Zuweilen gab es mitten in dem höllischen Durcheinander von
schwelendem Gebälk, glimmenden Wänden, dunklen Rauchwolken, züngelnden
Flämmchen, zusammensinkenden Brettern einen Knall. Dann flog, einem Ballon
gleich, ein unbestimmbarer Körper durch die hohe Flamme hinauf - in ihrem Kern
einen Herzschlag lang sichtbar - wie ein kühner Vogel, den es zu höherem Fluge
treibt - und was in der Flamme eine dunkle Form gewesen, ward droben über ihr
eine glühende Kugel, und die sauste weiter in die Nacht hinein - als ein Geschoss
der Gefahr - das Feuer wahllos hinzutragen, wohin der Wind wollte. - Oder ein
Zischen entstand, und wunderbares, farbiges Gewölk, Stichflammen von
Märchenpracht fuhren aus dem Chaos empor und wurden wieder vom Feuer
verschlungen - gingen in seiner brünstigen Glut auf. Funken stiegen zur Höhe,
leicht und spielend, gleich klingenden Tönen, helle Punkte über dem bedrohlichen
Gewoge des Brennens. Daran vorüber zog sich die Strasse, die fast schon ein
Schlammstrom war. Zu schwarzen Silhouetten wurden vor der unruhig flackernden
Stätte die Männer, die mit harter und sicherer Kraft ihre Arbeit taten.
    Aber hinten - an der Grenze des Grundstücks - da war dieses Schauspiel noch
phantastischer. Planken hatte man niedergeschlagen, um über einen ausgedehnten
Lagerplatz weg vom Kanalufer den ungehemmten Weg zum Feuer zu gewinnen. Dort lag
der offene, wuchtige, kleine Dampfer mit der Hafenspritze. Er war in sonst
verbotener, rasender Fahrt herangesaust, unter Brücken seinen Schornstein
flachlegend, an Kaimauern die Wellen erregt aufschülpend, durch die blosse Eile
seines unaufhaltsamen Vorwärtsdringens allen Schiffern, die an der nächtlichen
Flut unter stillträumendem Backbordlicht Wacht hielten, verkündend: »Gefahr!« -
Und nun kamen die kalten, gläsernen Wasserlinien vom Schiffe her durch die
Nachtluft und begossen die Dächer der Nachbarschaft und vermählten sich mit dem
Rauch, durch den sie ihren Weg nehmen mussten, von dem sie oft verschluckt zu
werden schienen.
    Der Kanal war zum Stromband der Hölle geworden und seine Flut rotglühender
Eisenfluss, von schwarzen Schatten grausig überworfen, in wilden, grossen
Willkürlichkeiten, die allem Bestehenden die Gewissheit nahmen. Und in diesem
Formen auflösenden Durcheinander von roter Glut und düsteren Finsternissen
verwischte noch der Rauch alle Grenzen.
    Huschendes Leben war überall auf dem Wasser, wachsam sprangen an den Borden
der Leichter und Oberländer Kähne die Menschen hin und her, den fallenden Funken
wie bösem Getier nachjagend. Die Pinasse der Hafenpolizei, heulende
Sirenenschreie ausstossend, kam rauschend gefahren. - - Sandsäcke wurden in
rasender Eile ausgeladen, und den hastigen Männern nahm der immer neu
daherfahrende Rauch fast den Atem.
    Und immer, vom Wasser und von der Strasse, immer zogen die hohen kristallenen
Strahlenbogen ihre reinen Linien auf das Geloder zu - gleichsam eine Verbindung
herstellend zwischen den sich mühenden Menschen und der grausigen Einsamkeit der
hinaufsteigenden Flamme.
    Allert stand, bleich, durchnässt, beschmutzt, und sah dem furchtbaren
Schauspiel zu - was zu retten gewesen war an Büchern, Papieren - das lag schon
in seiner nahen Wohnung - anderes war im feuersicheren Geldschrank. Immer noch
schien es Allert, als träume er, so roh hatte ihn das tolle Bumsen an die Tür
seines Hauses, dann seiner Wohnung geweckt. Und der Schrei: »Feuer!«
    Feuer - ja Feuer - wie war es entstanden? Man wusste es nicht. Vielleicht
Selbstentzündung. Und wenn ein Element sich sättigen konnte an dem Material der
Fabrik, so war es das Feuer - da waren die Lacke und die Aeter - all diese
Säuren und Oele - all diese Hölzer und Harze.
    Auch Dorne kam - natürlich mit grosser Verspätung - bis man durch das Telefon
ihn in seiner entlegenen Wohnung aufgeschreckt hatte - bis er, in der
Winternacht um vier Uhr, ein Auto fand - da war ja aber auch die Frau - Allert
bemerkte ihre Nähe erst kaum.
    Bei kurzem Hin- und Herreden mit Dorne hatte er wohl gefühlt: So nah geht es
dem nicht! Nein, nicht sehr nah! Man war völlig versichert, Dorne liess gleich
ein tröstendes Wort fallen, dass der Zwang eines Neubaues viele Vorteile habe,
manche bisher ungünstige Anlage konnte nun zweckmässiger eingerichtet werden. Er
sah für seine Experimente, seine Arbeit bessere Bedingungen voraus. Er war ja
auch erst seit ein paar Wochen mit diesem allen verbunden.
    Aber für Allert sanken hier viele Erinnerungen in den Staub. Drei harte
Anfängerjahre - viele Stunden voll schwerer Sorgen - zahlreiche, nicht
umzubringende Hoffnungen - alles, was einen Menschen an die Stätte bindet. Dach
ist nicht Dach - Tisch nicht Tisch - Wand nicht Wand. - Der Verstand weiss es
wohl: es gibt stolzere Dächer, kostbarere und bequemere Dinge als diese, die nun
von der Glut verzehrt werden. Aber was sie adelte, was den eigenen, gewohnten
Besitz doch zum köstlichsten macht, das war, dass er ein Stück Leben sah, Zeuge
gewesen und so, durch stummes Mitspielen im Dasein, ein beseeltes Teil von ihm
war. Es zerriss Allert fast das Herz, dass sein Kontorstuhl, sein Schreibtisch
mitverbrannten. -
    Und dann - als Kaufmann fühlte er ja auch den Schaden als Schlag, gegen den
man sich nicht versichern kann. - Die Unterbrechung der Fabrikation und der
Lieferungen - wie leicht konnten da mühsam angeknüpfte Verbindungen für immer
zerreissen - die Konkurrenz überholt eilig und lachend den, der wider Willen
aufgehalten wird. Erster zu werden ist das Ziel - auch ein Rennen. -
    Er biss sich auf die Lippen.
    Da fühlte er eine sanfte Hand die seine ergreifen und liebevoll pressen. Er
sah zusammenschreckend neben sich. Da stand Julia - im grauen Pelz, auf dem Kopf
die graue Pelzmütze, unter der das schwarze Haar hervorbauschte - er sah,
seltsam das Geringste und Nebensächlichste genau erfassend, dass an dieser grauen
Pelzmütze ein Veilchenstrauss befestigt war - und wie ein Blitz huschte eine
Vorstellung durch ihn hin - ein dicker, dunkler Veilchenstrauss auf blassblauer
Seide, an weissen Schultern. Und dies jetzt - hier! - Aber es war schon vorbei.
Er sah die Flamme wieder steigen und die Rauchwolken aufquellen und hörte das
emsige Raunen pruzelnder, sausender, brodelnder Geräusche.
    Und mitten in seine bitterlich schmerzenden Gedanken hinein, so, als hätte
er sie ihr genau erzählt, sagte Julia:
    »Ja, Ihr seid genau versichert. Mein Mann sagte es mir unterwegs. Aber was
hier alles gerade für Sie mitverbrennt, das kann Ihnen keine Versicherung
ersetzen. - Alle Erinnerungen an Ihre ersten Arbeitsjahre. An Ihre erste
Selbständigkeit - Gott, muss das ein wichtiges und verantwortliches Gefühl
gewesen sein. - Sie war doch für Sie ein Stück Lebensgeschichte geworden, die
Fabrik. Mein Mann, dessen Fassung ich bewundere, wird Ihnen gewiss eine grosse
Stütze sein - aber dies versteht er nicht. Ich versteh' es - ja, ich ...«
    Windelweich war ihm zumute. Die Worte sprachen zu ihm.
    Sie hat doch ein warmes Herz. - Da ist doch mehr in ihr, fühlte er.
    Er drückte in heisser Dankbarkeit die Hand wieder, und es genierte ihn nicht,
dass die schwarzen Augen in den seinen den feuchten Schimmer sahen.
    Und gleich danach geschah es, dass der eine der leitenden Feuerwehrmänner sie
bat - »weit, weit zurückgehen« - und dass Julia sich voll Angst an seinen Arm
klammerte. Er legte die Rechte um ihren Pelz und führte sie weiter fort. Und da
kamen sie schon in die Front der Zuschauer, die die Strasse füllten. Und all
diese Gesichter, dies Gehäuf von Menschen zwischen den Mauern der nächtigen
Strasse, über die bald greller Schein hinflog und bald ein schwarzer
Rauchschleier, das hatte etwas Furchtbares - wie Lemuren, die am Eingang einer
Unterwelt lauernd sich zusammenhäufen. - -
    Und die zarte Frau schien von allem Mut verlassen, in dem sie sich hergewagt
- sie lehnte an Allert, und er musste sie halten.
    Wo war der Mann? Allert sah ihn nicht. Der Befehl des Feuerwehrmannes hatte
sie, planlos, blind gehorchend, nur so fortgejagt. Nun dehnte sich vor ihnen der
abgesperrte Strassenteil. Ja, wer mochte wissen, wo Dorne war. - Und hilflos
stand man hier und sah den Tempel der Arbeit zusammenstürzen, und mit den
aufquellenden Rauchwolken schienen die Geister der Stätte zu entfliehen.
    Er dachte: Ich sollte fortgehen - die Frau wegführen. Was tun wir hier. Man
war nur ein tatenloser Zuschauer wie all diese Tausende, die sich im Schlunde
aller Gassen hüben und drüben pressten.
    Er hatte nicht einmal das Recht, sich zu betätigen - da arbeitete die Wehr -
die nur ihre geschulten Kräfte an ihre Maschinen heranliess - da war die Polizei,
die sogar den Besitzer fortwies. Hier waren keine Menschenleben in Gefahr, die
man mit heldischem Mut hätte retten wollen und können. Hier galt es die höchste
Umsicht und die rasendste Arbeit, das Feuer nicht weiterspielen und -tanzen zu
lassen - zu verhüten, dass ein grosses Fabrikviertel, dass zahllose Schiffe ein
einziges grosses Feuerwerk wurden, dass sich Lagerstätten voll von Millionenwerten
in prasselnde Scheiterhaufen, Raketen und Glühbomben auflösten.
    Ja - fort - die Qual des Zusehens war zerrüttend.
    Julia flüsterte: »Ich möchte fort - bringen Sie mich nach Haus.« - -
    Er verstand nicht. Trotzdem man das Gefühl hatte, inmitten einer grandiosen,
andachtsvollen Stille zu sein, durch die nur Kommandorufe hallten, war in der
Tat die Luft voll von Geräuschen, die durcheinander sausten und zischten.
    Sie musste es noch einmal sagen.
    »Ja,« sagte er, »gewiss.« -
    Und nun fühlte er: es hielt ihn hier mit bezwingender Gewalt fest - es war
ein Opfer, die Frau zu geleiten. - Ganz rasch machte er sich aber klar: In einer
Viertelstunde kann ich wieder hier sein.
    Er versuchte, Julia durch das Gedränge zu bringen. Jeder wollte gern vor ihm
zurückweichen, denn viele kannten ihn als den Besitzer der brennenden Farbwerke,
und andere errieten, dass er es sei. Das teilnahmvolle Platzmachen war aber
schwer, denn jeder Gefällige, indem er sich bewegte, drückte schon mit seinem
Rücken gegen die Brust eines Hintermannes.
    Endlich kamen sie aber doch durch diese lang sich hinstreckende,
zusammengekeilte Menge. Und da war auch ein Auto. Sie stiegen ein. Julia fiel,
wie in halber Ohnmacht, mit ihrem Kopfe gegen seine Schulter. Mit ihren beiden
Händen umklammerte sie seinen Arm, ging, wie suchend, mit ihren Fingern abwärts,
bis sie seine Rechte fand, und umpresste sie mit heftigem Druck. Und rasch schien
sie sich zu erholen. Sie sprach - in abgebrochenen Worten - aber jedes kam aus
seinem eigenen Gemütszustand - sagte ihm, wie ihm zumute war; sein tiefstes
Innere, so wie es in dieser Stunde war, schien auf ihren Lippen sich in die
rechten, erlösenden Reden zu kleiden.
    Das tat ihm wundervoll wohl. Er war ja nicht schwach und nicht zerbrochen.
Aber er war weich, erregt, nervös. Und dieser Weichheit war es Trost, so mit
verstehenden, zarten Worten gestreichelt zu werden ...
    Das schien nicht die Frau mit dem deutlich versucherischen Wesen.
    Das war das Mitleid, das war das Verständnis in Person - vor allem dies
letztere. - So klein und einsam vor dem gewaltigen Ereignis hatte er gestanden -
so ganz in menschliche Nichtigkeit aufgelöst. - Und man ist nicht mehr in der
zermalmenden Einsamkeit vor der Naturmacht, man ist nicht mehr eine Nichtigkeit
voll Ohnmacht, wenn eine verstehende Seele sich zu einem neigt: »Ich leide mit
Dir, weil ich weiss, dass Du leidest.« - -
    Und immer traulicher schmiegte sie sich in seinen Arm.
    Da hielt das Auto - droben im Haus glänzten erhellte Fenster in die Nacht
hinaus. - -
    »Dank,« sagte er mit unsicherer Stimme, »Dank für all Ihr Mitgefühl.« - -
    Und da neigte sie sich zu ihm - so nah - dass ihre schwarzen, flehenden Augen
dicht vor seinem Gesicht waren.
    War sie es, die zum Kuss seine Lippen berührte - war er es, der die ihren
suchte? -
    Ein kurzer Augenblick ...
    Dann Stimmen - der Chauffeur, der die Tür aufriss - helle Rufe von droben aus
den Fenstern - Geräusche drinnen an der Haustür. -
    Julia stieg die drei, vier granitenen Stufen zu ihr empor. -
    Und er, der im Auto sass, das sofort wendete - er sah nicht das Siegerlächeln
auf ihrem Gesicht. -
    Allert jagte zurück. Dieser kurze Augenblick war rasch abgetan - mit einer
Handvoll vernünftiger Worte, die er sich sagte: die arme Frau war ausser sich -
gleich ihm jäh mit dem Donnerwort aus dem Schlaf gejagt - er wusste ja, wie einen
das umwarf - und dann die Furchtbarkeit des Brandes - das war ein Schauspiel,
das die Nerven fieberischer erbeben macht als jedes andere. - Ein zartes Weib
hat das Verlangen, sich zu halten - es ist das natürliche Begehren nach Schutz,
das sie sich an den Mann schmiegen heisst, der zufällig neben ihr ist. -
    Und gerade alles, was an Ritterlichkeit in ihm war, erklärte und
entschuldigte ihre Hingegebenheit - und er entschuldigte auch sich selbst. -
    Es gibt Stimmungen und Augenblicke, die einen über die Grenzen führen. -
Aber er war sich bewusst, jenseits der Grenzen nichts Unerlaubtes empfunden zu
haben.
    Eine Aufwallung der reinsten Menschlichkeit - zwischen zweien, die in diesem
Augenblick nicht Mann und Weib waren. -
    Und am andern Vormittag weinte seine Mutter an seiner Brust. Und er musste
und konnte ihr auch tröstend sagen: »Wär' ich ein Mann, wenn mich so ein
Rückschlag umwürfe? Ein Zwischenspiel, das aufhält - jawohl. - Mehr aber nicht.«
    Das war im Amsterschen Hause. Dort suchte Allert seine Mutter; vorher zu ihr
in die Pension zu kommen, war ihm unmöglich gewesen; bis zum Mittag konnte er
nicht warten, er durfte es nicht darauf ankommen lassen, dass ein Zufall oder
eine Zeitung ihr die erste Nachricht gäbe.
    Lurch, der ihn ja nun als den Sohn der hier täglich anwesenden und von
seiner Herrschaft sehr geehrten und geliebten Malerin kannte, liess ihn sogleich
in das erste der grossen Zimmer, wo er vor vier Wochen Marieluis als Tochter
dieses Hauses erkannt hatte. Droben im improvisierten Atelier malte seine Mutter
jetzt die beiden Haimbrugkschen Knaben, und in Gegenwart dieser Kinder, in
Gegenwart von vielleicht deren Erzieherin und Atelierbesuchern mochte Allert
seine ernste Neuigkeit nicht mitteilen. Er liess seine Mutter herunterbitten.
    Als er das Zimmer betrat, erschrak er.
    Vor acht Tagen, als er zum Sonntagsessen hier mit seiner Mutter zuletzt
gewesen war, stand das Bild noch nicht hier. - Er hatte es noch nie gesehen -
nun war es hier aufgestellt, ehe es, dem Wunsche der Senatorin gemäss, zur
Empfehlung der Malerin bei Commeter ausgestellt wurde. - Dass es ein wirklich
bedeutendes Kunstwerk sei, erkannte und bedachte er in diesen Minuten nicht.
    Das war sie ganz! Dies schöne, gereifte Wesen, ernst und klug und kühl und
beherrscht - mit dem reizvollen Mund, in dessen Winkeln mehr Heiterkeit und
Temperament sich versteckten, als man in Sprache, Blick und Geste je erriet. Das
blassbläuliche Gewand trug sie auf dem Bild, und die dunklen Veilchensträusse in
kraftvoll lila Tönen wirkten höchst malerisch. - Und wie das duftige Haar ihn
entzückte - man hätte mit den Händen hineinfahren mögen. - Ach, und diese
Schultern und Arme. - Vollkommen! dachte er. Und dachte es zornig - erbittert.
    Dann kam die Mutter. Und nach dem ersten grossen Schreck, den ersten Tränen
und seinen gefassten Worten rief sie nach Lurch. Ja, man musste doch die Senatorin
wissen lassen ... Sie war gerade im Atelier gewesen. - Vielleicht hatte sie es
sogar schon gewusst und beherrscht geschwiegen. - Jetzt meinte Sophie es
durchaus: »Ja, unbefangen war sie nicht.« - Und als Lurch meldete: »Herr von
Hellbingsdorf wünschen seine Frau Mutter dringlich zu sprechen,« da hatte sie
gesagt: »Gehen Sie nur rasch.« - Es sah wohl der Senatorin ähnlich, ihr Wissen
zu verbergen, um dem Sohn nichts vorwegzunehmen. - Das nackte Wissen ohne
Kenntnis der näheren Umstände ist oft noch viel grausamer als die genaue
Wahrheit. -
    Und es zeigte sich, dass die kluge Frau wirklich durch eine Telefonnachricht
ihres Gatten vom Brande der Hellbingsdorfschen Farbwerke unterrichtet worden war
- schon um halb zehn. - Aber sie war der Ansicht: »Nicht mir kommt es zu, die
kahle Tatsache einem erregbaren Mutterherzen mitzuteilen.«
    Jetzt aber, da sie mit ihrer Tochter erschien, nahm sie die ihr gemässe
Haltung an. Sie beherrschte mit Fragen, Mitteilungen, Ansichten das Gespräch.
    Es war Sophie lieb. Sie fühlte sich vom Schreck geschlagen, litt um ihren
armen, lieben Jungen und bewunderte ihn auch zugleich. - Und dies
Bewundernkönnen tat ihr wohl wie der beste Trost.
    Frau Amster erzählte zunächst, was ihr der Senator kurz telefoniert habe,
und begründete ihr Verschweigen der Unheilsnachricht als logisch und gerecht.
Auf diesen beiden Leitworten ihres Lebens ruhte sie ein wenig aus, voll Gefallen
an sich und ihrer Freiheit von dem gewöhnlichen, weibischen Mitteilungsdrang.
Dann aber wollte sie alles wissen.
    Und Allert erzählte. Und der Schluss seiner Erzählung lautete:
    »Es war so tötend - so unnütz - dazustehen - zu warten, bis endlich diese
schreckliche, hochsteigende Flamme in sich zusammenfiel - nochmals stieg und
sank, bis das Ganze nur ein wüster Haufen schien, aus dem zuweilen Flammen
zuckten. - Und bis endlich alles schwarz war - diese trostlose nasse Schwärze,
ja - die hatte was wie vom Grab. - Der Himmel wurde grau - die Menschen verloren
sich - andere kamen - die Stockung in den Strassen hörte auf. - Ich hatte
eigentlich gar keinen Gedanken mehr, als ganz blöde und dumm: jetzt ist der
Himmel schon grau. - Und mich fror - Dorne war schon längst nach Hause gefahren.
Ich hätte auch gehen sollen. Aber das war wie 'ne fixe Idee - ich musste durchaus
aufpassen, wie der Himmel langsam hell wurde. Endlich sagte der Brandmeister was
zu mir - dass man erst nach einigen Stunden würde nachsehen können, ob der
Geldschrank standgehalten habe - Geld ist ja natürlich nicht viel drin. - Das
gibt's heutzutage nicht mehr - aber die Bücher. - Da kam ich denn ein wenig zu
mir selbst und fühlte mich zerschlagen. - Du fielst mir ein, Mutter, und die
zahllosen Tassen Tee, mit denen Du Dich lebendig machst, wenn Dich was
umgeworfen hat. - Na - ich ging in meine Wohnung, und nach dem vielen starken
Tee ward mir famos zumute - ganz kühn sozusagen. - Nun erst recht! fühlt ich so
ungefähr. Man sollte Ereignisse niemals vor dem Frühstück beurteilen. Und ich
beschäftige mich mit der Frage: Sollte Mut keine Charaktersache sein? Sollte er
latent in Tee- und Kaffeekannen stecken? Wie Teein und Koffein? Das muss Dorne
mal untersuchen!«
    Die Senatorin lächelte wohlgefällig.
    Sie selbst war eine gänzlich humorlose Natur. Gerade deshalb war ihr Allerts
scherzhafter Ton unterhaltend, und sie spürte auch, dass er ihn zuweilen wie eine
Art von Waffe und Wehr brauchte, um seine eigentlichen Empfindungen dahinter zu
verbergen, und vor allen Dingen, um seiner Mutter zu suggerieren, er nähme das
Leben leicht.
    »Und Frau Doktor Dorne? Haben Sie etwas von ihr gesehen? Hat sie sich
aufgeregt?«
    »Sie war in der Nacht mit zur Stelle. Nachher musste ich sie rasch nach Hause
bringen. Der Gatte hatte sich im Gewühl verloren. Die Gattin war ziemlich aus
der Fassung, doch voll Verständnis.«
    Du hast keins! Offenbar gar keins! dachte er grollend zu Marieluis hinüber,
die schweigend sass, das Fenster voll Vormittagssonne im Rücken, so dass ihr
Gesicht gänzlich im Schatten und um ihr blondes Haar eine goldschimmernde Kontur
war. Sie hatte ihm nur die Hand gereicht - höchst flüchtig.
    Solche schreckhaften Ereignisse hatten wohl nicht auf Teilnahme von ihr zu
rechnen - dabei gab es ja keine sittlich Verwahrlosten zu retten. - dabei konnte
ja keine hebende und ausgleichende Tätigkeit entfaltet werden. - Und ein warmes,
gutes Wort an einen zu richten, der immerhin Schweres erlebte - der noch lange,
lange an dem Schlag zu tragen haben werde - dazu stand man diesem einen wohl zu
feindlich gegenüber.
    Während er diese zornigen Gedanken an Marieluis richtete, bemerkte die
Senatorin lobend: »Das gefällt mir an Frau Dorne. In solchen Stunden gehört die
Frau zum Mann! Man hat doch wiederholt immer die besten Eindrücke von ihr.«
    Es gefiel auch Allerts Mutter. Sie war immer so froh, wenn sie etwas
Lobendes über Julia sagen und damit ihr Gefühl und ihre Vorurteile widerlegen
konnte. »Und was fangt Ihr nun an?« fragte sie sorgenvoll.
    »Wenn man nicht selber das Objekt wäre - fast Spass hätt's einem machen
können - auch das Pech bringt Konjunkturen für Geschäftsleute. - Man kann den
Satz aufstellen: Es gibt keinen Schaden! Alles, was sich ereignet, ist irgend
jemandes Nutzen - alles ist Umsatz: Tod und Feuersnot und Wasser, Krieg und
Pestilenz - bloss Umsatz.«
    »Und ich finde,« sprach die Senatorin angeregt, »dass gerade das dem
wirtschaftlichen Leben der Neuzeit einen so intelligenten, ausgleichenden,
rastlosen und sicheren Charakter gibt. Dies beinahe unwahrscheinliche
Ineinanderverflochtensein aller Interessen bewahrt uns vor allzu grossen
Erschütterungen.«
    Sie fing an, von der grossen Geldkrisis zu sprechen, die 1857 in Hamburg alle
Geschäfte lahmgelegt, und wie, nach den Erzählungen ihres Vaters, die Leute in
Freudentränen ausbrachen, als die bekränzten Lokomotiven auf dem Berliner
Bahnhof, damals dem ersten und einzigen noch, einfuhren; diese kleinen
Lokomotiven mit den grossen Schornsteinen, die uns heute, wenn man Bilder von
ihnen sieht, beinahe anmuten wie Modekupfer aus vergangenen Tagen. Sie brachten
Silbergeld aus Oesterreich, diese Lokomotiven, und das sollte in die leeren,
stockenden Adern des wirtschaftlichen Lebens fliessen.
    Ja, so etwas konnte man sich gar nicht mehr als möglich vorstellen.
    Und weil sie doch einmal beim Erzählen war, kam sie auf ihres Vaters
Berichte vom Hamburger Brand im Mai 1842, und wie die Leute auf den Knien lagen
und beteten, während der flammende Kirchturm sich neigte, und das von der Hitze
bewegte Glockenspiel mit hallenden Tönen in die Feuersglut hineinsang: »Allein
Gott in der Höh sei Ehr'.«
    Sie sprach lebhaft und gut, und diese jeden Hamburger bewegenden
Erinnerungen lenkten ganz von Allert und seinen Sorgen ab. Sophie, die sich in
Gegenwart der Senatorin immer an die Wand gedrückt fühlte, ohne dadurch im
mindesten verletzt zu sein, denn es war unwillkürlich und entsprach dem Wesen
beider, Sophie hätte zu gern nachgefragt. Aber sie wollte nicht unhöflich sein.
    Mit einem Mal, in eine knappe Atempause hinein, fragte aber Marieluis:
    »Sie wollten uns erzählen - vielleicht, wie Ihre Lage andern Leuten zum
Vorteil wird? - Ich verstand« -
    Dass Marieluis ihre Mutter unterbrochen hatte, ehe diese ihren Vortragsstoff
bis aufs letzte Körnchen vor den Zuhörern ausgeschüttet gehabt, war wohl noch
nicht dagewesen. Wenigstens Allerts Mutter und er selbst hatten es noch nicht
erlebt. Und nun klopfte ihm sofort das Herz wegen dieser Zwischenfrage, als ob
sie etwas ganz Besonderes sei.
    Die Senatorin schien ein wenig verdutzt - wie ein Husch ging ein derartiger
Ausdruck über ihr Gesicht. Aber sie schloss sofort ein ermunterndes: »Also?« -
an.
    »Drei Makler waren schon Punkt neun zur Stelle. Jeder schwor, dass er uns am
vorteilhaftesten unter Dach und Fach bringen könne. Wir werden wohl die
leerstehenden Gebäude einer verkrachten chemischen Fabrik am Nagelsweg mieten -
Dorne meint, da lässt sich der provisorische Betrieb in kürzester Frist
einrichten. Und ein Vertreter einer Baufirma, deren Spezialität Fabrikbauten
sind, fand sich mit Vorschlägen ein. Und dann ein Mann, der ein Angebot auf Kauf
und Abfuhr der Trümmer machte. Und ein Agent von Safes, falls unser stählernes
das Feuer nicht sollte ausgehalten haben. -«
    »Fabelhaft!« sagte die Senatorin.
    Sophie war ganz erleichtert.
    Sachverständig fragte die Senatorin weiter: »Und die Lieferungen?«
    »Gerade gestern - 'n bisschen Glück hab' ich ja immer irgendwie doch - ja, da
haben wir 'n ganzen Leichter mit Blechbüchsen befrachtet - Farbstoff für 'ne
grosse sächsische Spinnerei und Baumwolldruckerei - soll die Elbe rauf. - Und zur
Bahn kam gestern auch gerade noch vielerlei. - Ich muss die andere Kundschaft
bitten, sich zu gedulden - zu der wichtigsten reise ich selbst ...«
    Er fühlte die herzlichste Anteilnahme der klugen Frau. - Plötzlich dachte
er: Wie so ein aussergewöhnliches Ereignis die Menschen gleich näher aneinander
bringt. -
    Und die Hausfrau sagte jetzt auch, dass sie darauf bestehe! Allert und seine
Mutter müssten hier heute abend essen, Allert sollte durchaus auch noch mit dem
Senator sich aussprechen, den alles sehr interessieren würde. - Sein Haus habe
doch unter seinem Grossvater auch die Erschütterung durch einen Brand aushalten
und überwinden müssen. Damals freilich seien nicht gleich Makler und Agenten mit
Hilfsmitteln aus dem Boden aufgeschossen. - Alles sei schwerer gewesen, nicht
nur weil das Unglück so viele traf und die ungeheure Ausdehnung hatte, sondern
weil man damals diese auf Gelegenheit lauernden Allesvermittler im
Geschäftsleben noch nicht kannte.
    Allert nahm die Einladung an. Er wusste selbst nicht, ob ungern oder mit
heisser Freude. Er dachte: Ich sollte ihr aus dem Wege gehen - jetzt - jetzt auch
das noch - diese Quälerei. - Das lenkt ab! Das darf nicht sein. - Ich habe
Sorgen - Arbeit. -
    So viel von beiden, dass er die nächsten Wochen manchmal dachte, es würde
sich nicht bezwingen lassen, es gehe über seine Kraft. Und alle Augenblicke mal
zu kurzen Reisen auf und davon - trotz Telefon und Draht, in gewissen Dingen war
die Ueberredungskunst doch die beste Art zu verkehren.
    Und darüber kam es ihm eigentlich gar nicht zum Bewusstsein, dass er plötzlich
für einen kleinen Kreis von Menschen eine Hauptperson und ein Mittelpunkt
geworden war.
    Bei Dornes wussten es sogar schon die Dienstboten: das Kommen und Gehen des
Herrn von Hellbingsdorf bestimmte die Toiletten der gnädigen Frau und die
Gerichte auf dem Tische. Oft, wenn er am späten Abend von einer Reise zurückkam,
suchte er noch seinen Teilhaber auf, um sich mit ihm zu besprechen. Dorne,
unfähig, nach aussen hin auch nur den kleinsten Schritt für ihr Unternehmen zu
tun, arbeitete in seinem Laboratorium mit desto leidenschaftlicherem Eifer. So
schienen sie sich auf das glücklichste zu ergänzen. Wenn diese kaum verhehlbaren
Unruhen nicht gewesen wären, von denen Dorne oft mitten bei der Arbeit befallen
ward! - Und Frau Julia machte immer ein grosses Wesen davon, wenn er so abends,
manchmal etwas abgespannt, noch in wichtigen Sachen vorsprach. Dann tat sie, als
sei es ihre Pflicht, sich in seiner Pflege zu erschöpfen, und als habe er zu
ihrer aller Besten ungefähr Herkulesarbeit hinter sich.
    Es war ihm peinlich, dass seine Tätigkeit zu überschwenglichem Verdienst
aufgebauscht wurde. Es genierte ihn vor dem Manne, der mit Worten beistimmte, in
dessen helle Augen aber dann immer der seltsam schimmernde Funke trat. -
    Im Hause Amster war Allert auch plötzlich »der liebe junge Freund« geworden.
Auf das ernstafte Gesicht des Senators kam ein heller Schein, wenn er mit ihm
sprach, und die klugen, scharfen Züge der Hausfrau milderten sich zur
Zufriedenheit, so oft er sich bei ihnen als Gast, natürlich besonders
eingeladen, zum späten Mittagessen einfand. Seine Mutter genoss es glückselig,
ihrem Sohn die Achtung und Vorliebe dieser beiden hochstehenden Köpfe und Herzen
zugewendet zu sehen - denn schliesslich - sie hatten ja auch Herz. -
    Wie viel, das wusste Allert noch gar nicht. Aber seine Mutter, die hatte es
erfahren.
    Nicht nur durch all die nahezu leidenschaftliche Protektion. Diese schätzte
Sophie in ihrer feinen Menschenkenntnis sehr richtig ein. Da sprach das
Herrscherbedürfnis der Senatorin. Sie hatte diese Malerin gewählt und hierher
gebracht, nun sollten alle Menschen durchaus im Urteil und Geschmack mit ihr
übereinstimmen, und indem sie der von ihr geladenen Künstlerin Auftrag über
Auftrag verschafte, bewies sie sich und anderen ihren machtvollen Einfluss.
    Nein, die Mutter hatte zur Mutter gesprochen. Etwa drei Wochen nach dem
Brand.
    Es war nach einer Sitzung. Die kleinen Haimbrugks hatten mit ihrer Mama, der
Erzieherin und einer älteren Schwester einen ziemlich geräuschvollen Abgang
genommen. Sophie knöpfte sich gerade die Malschürze ab. Da betrat die Senatorin
das Atelier. Sie war im Hut und Pelzpaletot, vornehm und stattlich sah sie aus.
Sie kam aus einer Vorstandssitzung. Dann war sie immer besonders angeregt; sie
hatte dann ihre Ueberlegenheit voll ausgekostet und war mit sich zufrieden.
    »Wir haben Frau Doktor Dorne zur zweiten Schriftführerin ernannt - sie
glaubt, dass sie sich dazu besser eignet als zur Tätigkeit draussen - ja, dazu
gehört eine besondere Begabung - keine von meinen Damen kommt da Marieluis
gleich.«
    »Es ist doch eine Freude für Sie, dass die angenommene Tochter so ganz Ihr
Kind geworden ist.«
    »Und ob! Aufrichtig - ich möchte mal ein vertrauliches Wort über Marieluis
mit Ihnen sprechen;« dabei zog sie mit Sorgsamkeit ihren kostbaren Mantel aus
und legte ihn, voll Respekt vor seinem Wert, schonlich über den nächsten Stuhl.
    Sophie wurde etwas unruhig zumute. Vertrauliche Worte über Marieluis?! Und
von dieser Frau, die trotz aller Gesprächigkeit und aller Lebhaftigkeit ihres
Verstandes niemals eine vertrauliche Art hatte? Die ganz, ganz geheimen Wünsche,
deren Sophie sich bewusst war, gaben ihr plötzlich das Gefühl, als habe sie ein
schlechtes Gewissen.
    »Sie wissen,« begann die eine Mutter zur andern zu sprechen, »dass Marieluis
so erzogen ist, dass sie nicht zu heiraten braucht. Weder aus finanziellen noch
aus etischen Gründen. Sie ist versorgt und hat Lebensinhalt, gottlob! das darf
ich sagen: Ich hab' die Pflichten, die ich übernahm, erfüllt.«
    Sie lehnte in dem weissen Korbsessel, in dem der kleine Haimbrugk in seinem
weissen Matrosenkleidchen gemalt wurde. Den Ellbogen hatte sie auf die leicht
geflochtene Lehne gestützt und sah Sophie nachdenklich an. Und hinter ihr stand
das Stück weissgrauer Papierleinwand, das Sophie da hatte hinspannen lassen.
    Ihr gegenüber, neben der Staffelei, hockte Sophie auf dem Malerschemel und
hielt die Hände auf den Knien.
    »Niemand kann sich vorstellen - ich denke mir, besonders keine natürliche
Mutter kann das -, wie ein erworbenes Mutterrecht ist! Sie werden es nicht
glauben, die andern Mütter, dass solche erworbenen Rechte leidenschaftlicher
empfunden werden und noch tiefer wurzeln. Wissen Sie, die ersten zwölf Jahre
hatte ich sehr gelitten. Mein Mann nicht so sehr. Es gibt ja Söhne bei seinem
Bruder, das Haus blüht weiter. Aber ich - ich fühlte durchaus: Ich kann
erziehen, bilden, ein junges Wesen ganz und gar mit dem meinen durchwirken, mich
hinopfern. Und dann bekam ich Marieluis. Sie war zwei Jahre alt - also ich habe
ihre ganze Jugend in der Hand gehabt! Wollen Sie es wohl glauben: Mit jeder
Erziehungsmühe erkaufte ich mir, was andern Müttern von Natur zusteht! Ich habe
alles darangesetzt, aus Marieluis ein kluges, klardenkendes, gerechtfühlendes,
hochgebildetes Wesen zu machen. Das kostete Hingabe. Und ich verwuchs ganz mit
ihr, ganz! Ich darf sagen: Mein Ziel ist erreicht. Wenn ich mir so all die
andern Mädchen ansehe - keine reicht an meine Tochter. Sie ist ganz mein. Und
doch - sehen Sie - da ist dennoch ein Stachel! Vielleicht scheint sie nur ganz
mein. Eines Tages vielleicht wird sie, wenn sie liebt und heiratet, sich daran
erinnern, dass in ihren Adern ja nicht mein Blut fliesst. Das träfe mich wie ein
Schlag. Wenn eigene Kinder sich gegen die Mutter wenden, ist es entsetzlich.
Wenn ein so zu eigen gewordenes Kind die Mutter verliesse, wäre es furchtbar.«
    »Das wird Marieluis niemals tun,« sagte Sophie fest. Und fügte nach einer
ganz kurzen Pause tastend hinzu:
    »Auch deshalb wünschen Sie nicht, dass Marieluis heiratet?«
    Die Senatorin fuhr auf:
    »Nehmen Sie es nicht übel, liebe Verehrte, aber Ihr andern Frauen versteht
Euch allesamt nicht aufs Zuhören und auf logische Gedankengänge. Wann hätte ich
je gesagt, dass Marieluis nicht heiraten soll? Ich sagte nur, sie ist so erzogen,
dass sie es nicht braucht! Aber natürlich wünsch' ich es ihr. Gott, Liebste, wenn
ich denke, ich bekäme Enkelkinder - erlebte da das Wunder, das mir selbst nicht
beschieden ward« - - -
    Sie stockte. Und wahrhaftig: die scharfen Züge bekamen den Glanz einer
wunderbaren Weichheit. Aber das durfte nicht sein: Fassung, Selbstbeherrschung,
Haltung - und wieder ganz überlegene, sichere Dame.
    »Ja - aber die Wahl des Mannes! Natürlich - sie soll frei wählen! Das
versteht sich. Ihr Herz und ihr Verstand sollen wählen. Und können es, mit
Bewusstsein - können prüfen - sich bedenken. Denn Marieluis ist ja sexuell
aufgeklärt - weiss in jeder Richtung, was sie tut. Ich weiss auch, hoffe
wenigstens, ihr wird nie eine Leidenschaft über dem Kopfzusammenschlagen und sie
blind machen. Ich weiss auch, sie wird nie einen Mann nehmen, der sie
zurückschrauben will, der alles ausstreicht und weglöscht, was ich sie an
Erkenntnissen und Pflichten gelehrt.«
    Sie besann sich einen Augenblick. Nun kam ja erst das, was eigentlich gesagt
werden sollte. Und sie fuhr fort:
    »Ein Weilchen dachte ich an John Vierbrinck. Sie wissen, den älteren Bruder
der allerliebsten kleinen Dory. Ich bin eine geborene Vierbrinck - wie gern
hätte ich Marieluis in meine Familie eintreten sehen. Aber John ist ganz
rückständig. Er hat es ja sogar durchgesetzt bei meinem Vetter, dass Dory nicht
mehr für meinen Verein tätig sein darf. Er hat den törichten Ausspruch getan,
seine Schwester sei nicht dazu berufen, die soziale Frage zu lösen. Das sollte
witzig sein. Also ja - ich denke: Söhne, die eine Mutter haben, die arbeitet,
die wirtschaftlich auf sich selbst gestellt ist - die wissen, dass eine Frau
heute nur bestehen kann, wenn sie gelernt hat, dem Leben allein Trotz zu bieten
- ja, solche Söhne sind Männer, die unsere soziale Arbeit verstehen werden.«
    »O gewiss - gewiss!« murmelte Sophie. Und sie raffte sich, ihren
spannungsvollen Vorgefühlen zum Trotz, sogar zu der Bemerkung auf:
    »Es würde ja wohl bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen keinem
vernünftigen Menschen mehr einfallen, die Frau unter allen Umständen im Rahmen
der Familie festalten zu wollen.«
    Die Senatorin nickte befriedigt. Und war sich schliesslich doch nicht bewusst,
dass diese allgemeinen Redensarten und Gemeinplätze hier gar nichts zu bedeuten
haben mochten.
    Sie änderte ihre Haltung nicht, sondern sah immerfort fest in Sophiens
Gesicht.
    »Ihr Sohn ist meinem Mann und mir vom ersten Augenblick an sehr angenehm
gewesen,« begann sie, gleichsam in einen neuen Abschnitt des Gespräches tretend.
»Aber seit dem grossen Brande seiner Fabrik haben wir viel Respekt vor ihm
bekommen. Der fröhliche Mut, der in ihm ist, diese klare Uebersicht, die er hat,
die zähe Energie, mit der er trachtet, den Schaden auszugleichen - ja, mein Mann
sagt, solche Charaktere sind zuverlässig.«
    Welche Mutter wäre nicht beseligt von solchem Lobe.
    »Ja,« murmelte sie, »ich darf es auch sagen, so ist er.«
    »Es kommt mir vor,« sprach Frau Senator, »als ob Marieluis und Ihr Sohn in
eine bestimmte Atmosphäre von Beunruhigung geraten sind. Zwar - Marieluis ist
nicht das Mädchen, etwas über ihr Innenleben zu verraten - auch mir nicht. Das
acht' ich, das lieb' ich an ihr - das hab' ich ihr ja anerzogen, sich stolz zu
beschweigen. Aber ich sah sie zweimal erröten! Natürlich ahnt sie nicht und soll
es nicht ahnen, dass ich es sah. Und dann sonst noch Zeichen - Sie haben es kaum
bemerkt: Am Tage nach dem Brande - Marieluis fiel mir in die Rede - das konnte
nur die starke Begierde sein, Ihren Sohn weitererzählen zu hören. Und so
allerlei. Und er! Ja, ich finde, sein Humor wird wohl gelegentlich forciert, von
versteckter Gereizteit, wenn Marieluis lange schweigend dasitzt. Und so
allerlei ...«
    »Sie meinen ...?« stammelte Sophie.
    »Ich meine: es passte! Die beiden zusammen. Uns. Ihnen. Ich hoffe doch, auch
Ihnen.«
    Sophie wurde dunkelrot.
    »Ich würde glückselig sein,« sagte sie, und Tränen traten in ihre Augen. Sie
hatte das dringliche Bedürfnis, der andern Mutter um den Hals zu fallen. Aber
die sass sachlich und voll äusserlicher Ruhe da und lud nicht zu solcher Rührung
ein. Aber nun wusste Sophie es ja doch: unter all dieser verständigen
Beherrschteit verbarg sich ein warmes Herz. Und hinter all dieser sozialen
Tätigkeit, die vor dem Kampf um sittliche Hebung auf den dunkelsten Gebieten
nicht zurückschreckte, hinter dieser sehr modernen, moralischen Kühnheit lebte
der ganz frauliche, uralte, rührende Mutterwunsch, das Kind glücklich zu
verheiraten. -
    Die beiden Frauen waren sich dann klar: dies Gespräch musste ihr Geheimnis
bleiben, und man konnte nicht zart und nicht unbefangen genug sein. Aber
immerhin wusste man nun beiderseits: solch Bündnis würde hüben und drüben Freude
bedeuten. Auch konnten sie als kluge und taktvolle Frauen viel fördern, ohne dass
es spürbar ward.
    Sophie merkte aus kleinen unwillkürlichen Wendungen schliesslich auch ein
wenig das Hochgefühl der Hamburger Patrizierin heraus, die sich bewusst war,
vorurteilslos zu sein, indem sie sich bereit erklärte, die Tochter einem
Anfänger ohne Vermögen zu geben. Aber es beleidigte nicht - gar nicht. Sophie
war solche weiche Natur. Eine von denen, die das Bedürfnis haben, alle Schwächen
bei andern zu entschuldigen; denen ein Ohr gegeben ist, das Liebevolle doch am
stärksten zu hören. Sie empfand vor allem dann das grenzenlose Vertrauen, das
ihrem Sohn geschenkt ward. Und das erfüllte sie mit begeisterter Dankbarkeit.
Von dieser Unterredung an lebte sie in Stimmungen - himmelhochjauchzend, zum
Tode betrübt - als hänge ihr eigenes Herz an den spinnwebenen Fäden solcher
Hoffnungen, die ein Windhauch zerreissen kann.
An Vergangenes und Begrabenes ward Sophie in schmerzlichster Weise gemahnt. Zu
ihrer grenzenlosen Ueberraschung erhielt sie einen Brief von Frau Geheimrat Lyda
Rositz, geborenen Freiin von Buschke. Der Brief war verbindlich und schien sogar
warm. Und dennoch verspürte Sophie, auf Grund ihrer genauen Kenntnis dieser
Frau, dass die naivste Unverschämteit ihn eingegeben hatte.
»Hochverehrte, liebe, gnädige Frau!
    Gleich nach dem Tode meines teuren Gatten haben Sie uns einen grossen Dienst
geleistet. Ihm selbst auch, indem Sie die Papiere für ihn verwahrten, die sonst
verloren oder gestohlen worden wären. Ich war damals zu zerbrochen, um Ihnen
gleich persönlich zu danken. Dann erfuhr ich, dass Sie abgereist seien, und bald
ging ich ja auch hierher. In St. Moritz kommt man zu nichts. Deshalb hoffe ich
auf Ihre Nachsicht. Nun wollen wir nach Nizza, und Tulla liegt mir in den Ohren,
dass sie nicht mit will, und hat die fixe Idee, dass der Wunsch des Vaters erfüllt
werden müsse, und beichtete mir, dass sie sich gewissermassen schon mit Ihnen
verständigt hat, und dass Sie so gern mein Töchterlein zu Ihrem Vergnügen malen
möchten. Was soll ich dagegen einzuwenden haben!
    Tulla darf gern nach Hamburg reisen, meine Jungfer könnte sie hinbringen.
Wenn Sie in der Pension Tulla unter Ihre Fittiche nehmen wollten, fände ich es
entzückend. Schreiben Sie mir nur, wieviel Geld Tulla da wohl wöchentlich
braucht. Sie kann bis über Ostern bleiben.
    Ich wusste früher gar nicht, dass Sie eine so genaue Freundin meines Mannes
waren. Wie finde ich es nett, dass er manchmal zu Ihnen kommen und mit Ihnen
plaudern durfte. Unwillkürlich schreib' ich Ihnen wie einer alten Bekannten.
Aber wenn man auf so ungewöhnliche Weise durch so ernste und wichtige Dinge in
Beziehung trat, macht sich das wie von selbst.
    Bitte, meine gnädige Frau, schreiben Sie mir gleich wieder, weil ich gern
meine Abreise nach Nizza bestimmen möchte.
                                                           Ihre dankbar ergebene
                                               Lyda Rositz, geb. Freiin Buschke.
    P.S. Tulla küsst Ihnen respektvoll die Hand.
    P.S. Wahrscheinlich bitte ich Sie später, auch mich zu malen.«
Für Sophie stand zwischen den Zeilen: ich will Tulla gern für ein paar Wochen
los sein, sonst wäre es mir nie eingefallen, dir zu schreiben! Und dann diese
glatte Unverfrorenheit, mit der die reiche Frau ihr zuschob, Tulla umsonst zu
malen. Wie Allert es vorausgesagt hatte! Und am ärgsten war der plumpe Hinweis
auf den späteren, möglichen Auftrag. -
    Also sie braucht mich! dachte Sophie.
    Ihre Antwort war knapp und steif.
»Hochverehrte Frau Geheimrat! Sehr gern werde ich Ihre Tochter für einige Wochen
betreuen. Doch bin ich im Begriff, hier eine eigene Wohnung zu nehmen. Viele
Aufträge halten mich hier für ein, zwei Jahre noch fest. Fräulein Matilde müsste
also in der Pension Hammonia, gleich einigen jungen Ausländerinnen, unter dem
Schutz der Inhaberin leben. Sie kann aber auch, als mein Gast, bei mir wohnen.
Ich habe allerlei Pflichten in der hiesigen Gesellschaft, ich habe auch einen
Sohn hier, und mein auswärtiger Sohn kommt wohl einmal auf Urlaub. Jeder
Vormittag ist der Arbeit gewidmet. Ich könnte Fräulein Matilde demnach nicht so
viel Zeit widmen, als es in ihrem Interesse und meinen Wünschen läge. Wollen Sie
hiernach entscheiden.«
Anstatt eines Briefes kam einfach ein längeres Telegramm.
    »Nun,« sagte Allert, »das nenn' ich Mutterpflichten per Draht erfüllen.
Glatt alles angenommen! Und Du hast unversehens eine Pflegetochter für ein paar
Wochen. Das kann schwierig werden.«
    »Es kann sehr hübsch werden,« meinte Sophie begütigend, »ich will versuchen,
dem Mädchen etwas Lebensinhalt zu geben - sie Pflichten lehren ...«
    »Die einen haben zu wenig, die andern zu viel!« bemerkte er mokant.
    Sophie aber war voll geheimer Glückseligkeit. Ihre leidenschaftlichen
Wünsche schienen sich der Erfüllung zuzuneigen - noch schwankte ja alles, war
wie ferne Möglichkeiten. Aber ihre Phantasie eilte gern voraus und sah schöne
Bilder. Wenn sie auch vernünftig versuchte, sich zu zügeln - Mütter können nur
leben, wenn sie hoffen - als Weib kann man resignieren und tapfer bleiben - eine
Mutter, die für ihre Kinder nichts mehr hoffte - die zerbräche - fühlte sie.
    Dann kam eine Zeit böser Unbehaglichkeit. Die treue Terese, die von sich
behauptete: »Beinahe Moos hab' ich angesetzt«, wurde von ihrem Hüteramt befreit
und mit den Möbeln nach Hamburg übergeführt, die angenehme Wohnung, drei Treppen
hoch »An der Alster«, rasch eingerichtet.
    Von nun an war das Atelier im Amsterschen Hause, sehr zum Bedauern der
Senatorin, überflüssig. An das neue Heim stiess ein Flügel, wo ein Photograph
seine Werkstätte gehabt hatte; dort konnte nun Sophie ihre Staffelei aufstellen.
    Weit über die Alster blickte man von den Vorderfenstern der Wohnung hinaus.
Gerade gegenüber war das »Alsterufer«, wo die reizende Frau Julia wohnte. Am
Tage konnte man, jetzt im Winter zumal, von Fernduft überhauchte Häuserreihen
nur blass erkennen. Die breite Wasserflut wogte zwischen hüben und drüben. Aber
am Abend leuchteten deutlich all die Fenster. Das sah, im Verein mit den
Lichtern der Uferstrassen, wunderhübsch und gesellig aus. Selbst Terese meinte,
»so janz übel wär's nich«.
    Nach wenig Tagen schon konnte Sophie ihrem Sohn telefonieren: komm und iss
zum erstenmal wieder an meinem eigenen Tisch bei mir. Froh sagte er zu. Aber es
war ihm nicht beschieden, seine gute Laune ungetrübt zur Mutter zu tragen -
einen leisen Riss bekam diese gute Laune und verlor dabei ihren klaren Klang.
    Er kam aus der Dresdner Bank. Unter dem Portal des prachtvoll-wuchtigen
Hauses stehend, sah er nach der Uhr und dachte, ob er sich auch lieber ein Auto
nehmen müsse oder den Dampfer benutzen könne, der drüben vom Jungfernstieg nach
der in der Nähe der mütterlichen Wohnung befindlichen Anlegebrücke fuhr.
    In diesem Augenblick kam ein Offizier vorüber - ein ziemlich grosser Mann,
blond und stattlich, von einer deutlichen Aehnlichkeit mit Allert. Es war ein
Infanterist, im grauen Mantel mit Biberkragen und im Helm, wie jemand, der
Besuche zu machen hat. Der Zufall oder dies rasche, blitzartige, unwillkürliche
Sehen bewirkte, dass der Offizier und Allert sich ins Auge fassten und stutzten.
Zugleich blieb der eine auch schon stehen, während der andere die Stufen aus dem
Portal hinab und auf den Bürgersteig trat.
    »Nein - so was! Mensch! Fritz! Bist Du ins Sechsundsiebenzigste versetzt?«
    Der Baron von Patow war zögernd, zurückhaltend. Er wusste nicht genau: was
stellt denn dieser Vetter hier vor? In der weiteren Familie hatte man nur höchst
unklare Vorstellungen - man war leise von Sophie abgerückt, als es hiess, sie
könne das Gut nicht halten. Und es war ja auch Hellbingsdorfsche Sache, den
Familienzweig zu stützen, falls er dessen bedurfte. Allert war »Kofmich«
geworden. Na ja, warum nich. Fing ja fast an Mode zu werden. Sein früherer
Regimentskamerad, Prinz Hartenburg, arbeitete jetzt als Volontär in 'ner Bank -
wenn man fix Geld machen konnte! Aber das wusste kein Mensch, ob Allert das wohl
tat. Sass er im Fett? Schrapte er sich kümmerlich durch? War er Umgang für 'n
Offizier? Eklig, so 'ne Unsicherheit. Unnützerweise verletzen will man nich.
Voreilig familiär sein erst recht nich. - Hm - gentil aussehen tat er ja, der
Allert Hellbingsdorf. Man musste mal auf 'n Busch kloppen.
    Ein ganz klein wenig von oben herunter antwortete Patow nach diesen rasch
durch seinen Kopf huschenden Erwägungen:
    »Sechsundsiebenziger? Nee. Zum Stab in Altona kommandiert. Brigadeadjutant.
Dja - man macht so sachteken seinen Weg oberhalb der Ochsentour. Na und Du? Und
wie geht es Deiner Mutter? Gott - wie man doch so auseinander läuft - wenn ich
denk', wie früher so die ganze Sippe in den Ferien um Grosstante Malwinens
Fleischtöpfe auf Welsin hockte. - Was sagst Du, Deine Mutter wohnt hier? Aber
nee - also meine schönsten Empfehlungen, und wenn ich mal Zeit hab' - na, und
Du? Hast 'ne auskömmliche Stellung?«
    Allert hatte die Ohren seiner Mutter und konnte grossmütig und durchaus
überlegen weghören, vorbei an den Menschlichkeiten des lieben Nächsten.
    »Fabrikbesitzer!« sagte er wohlgelaunt. »Grossindustrieller - wenn Du willst.
Firma: Farbwerke A. von Hellbingsdorf u. Kompagnie. Kompagnon ein wohlhabender
Chemiker. Mein Umgang also nicht genierlich. Kreditfähiger, junger Mann. Erste
Referenzen. In die angesehensten Familien eingeführt. Verleugnung
verwandtschaftlichen Zusammenhangs nicht vonnöten.«
    »Red' keine Makulatur - na, darin warst Du ja schon als Junge gross. - Und
Deine Mutter? Was macht sie?«
    »Dasselbe wie in Berlin. Da malte sie einen ganzen Teil der Hofgesellschaft
- hier ist es im Handumdrehen in den ersten Kreisen Mode geworden, sich bei Frau
von Hellbingsdorf malen zu lassen.«
    Sie waren über den Fahrdamm gegangen und schritten jetzt auf den Quadern
dahin, die die Kaistrasse oberhalb der Binnenalster breit pflasterten. Die Möwen
flatterten, die Sonne schien, die grossartigen Häusermassen standen, von
durchglänztem Duft milde überhaucht, um das fröhlich wogende Wasser. Es war
schon Vorahnung des Frühlings.
    »Sag mal, im Ernst: Ihr seid hier schon gut bekannt?«
    »Meine Mutter fabelhaft. Ich erst wenig. Hab' rasend zu tun. Jetzt noch mehr
als in den ersten drei Anfängerjahren. Vor ein paar Wochen abgebrannt! Na ja -
man war versichert! Aber wie viel Schaden, Aufentalt, Rückschlag - es heisst
schuften. Vorwärts will ich, soll ich, muss ich - wegen Mutter - wegen Onkel
Just, von dem ich hunderttausend Mark habe - wegen meiner eigenen, mir höchst
werten Person.«
    »Mensch, warum heiratest Du denn nicht reich? Hier ist doch Gelegenheit in
Hülle und Fülle.«
    »So?« fragte Allert naiv. »Ich hab' noch keine Zeit gehabt, mich danach
umzutun.«
    »Sage mal: ich hab' da so 'ne kleine Liste - von 'nem Kameraden entworfen,
der hier sein Glück machte - ist zur Diplomatie übergegangen ...«
    Aha! dachte Allert. Sein Vetter holte aus dem breiten Aermelaufschlag unter
seinem Mantel einen Zettel hervor. Er warf einen Blick hinein und begann sein
Verhör.
    »Kennst Du Vierbrincks?«
    »Davon gibt's viele.«
    »Ja. Aber nur zwei sind so gestellt, dass se sich 'n Schwiegersohn meiner Art
leisten könnten. Vierbrinck Sohn u. Kompagnie - Seniorchef Meno F. Vierbrinck
mit Tochter Dory. Und Konsul F. M. Vierbrinck mit Töchtern Fanny und Mimi.«
    »Alle drei entzückend!« sagte Allert, und sein Vetter wusste wieder nicht, ob
es ernst oder mokant gemeint sei.
    »Kennst Du Ruhlos? Tochter soll 'ne schneidige Sportsdame sein. Das passte
ja.«
    »Stimmt.«
    »Und Amsters?«
    »Die Tochter ist doch schon verheiratet, an Herrn von Daister.«
    »Weiss - weiss - Daister von der Kriegsschule her alter Kamerad, ja, Freund
von mir - hat mir extra gesagt: Onkel seiner Frau, Senator, habe schöne Tochter
- soll 'ne grandiose Erscheinung sein. Aber hier hör' ich nu ...«
    »Was hörst Du?« fragte Allert hart dazwischen.
    »Das soll so 'ne Art Hallelujahmächen sein, bekämpft Prostitution,
Mädchenhandel, Unsittlichkeit, schimpft auf den Mann als den Schuldigen, wenn wo
Kinder kommen, mit denen es standesamtlich nicht propper ist - na, ganz kolossal
modern. Das passte ja nu nich. Mit Weibern, die mit allem Bescheid wissen, hat
man ja genug zu tun gehabt. Wenn man heirat't, will man 'ne holde Unschuld - vom
Lande braucht se nich grade zu sein, und 'ne runde Mitgift nimmt auch der holden
Unschuld keinen Zauber. - Sage mal, kennst Du die Leute? Bei diesen Hanseaten
ist das so komisch. Bei uns sagt der Name alles. Hier kennt man die Namen ja
nich. Und in 'n Kaffeeladen möcht' ich och nich grade 'reinschliddern - das
nimmst Du woll nich übel - Du hast ja keinen« -
    »Frage einen Heiratsvermittler,« sagte Allert schneidend. »Und hier steig
ich ein. Du kostest mich ein Auto. Sonst hätt' ich den Dampfer genommen - soll
bei Mutter essen - wir haben uns gegenseitig an Pünktlichkeit gewöhnt.«
    »Du - halt - wo wohnt Deine Mutter?« rief Patow.
    Aber Allert schlug schon die Tür zu.
    Wie beleidigt es, wenn andere uns die Karikatur unserer Empfindung zeigen,
dachte er böse. Das macht sie uns nicht unsicher. Aber es dämmert einem so auf,
wie schwer man die eigene Empfindung verteidigen, beweisen, klarmachen kann - -
-
    Er gab sich alle Mühe, bei seiner Mutter die gewohnte frohe Zuversicht zu
zeigen. An der Tür bekam Terese ihr Scherzwort, das sie strahlend machte. In
den Zimmern fand er alles wunderhübsch - aber, was liesse sich einer Mutter
verbergen. Er erzählte von Fritz Patow, wie der offenbar mit dem festen Vorsatz
umhergehe, hier eine reiche Partie zu machen.
    »Ich habe noch keinen Offizier gesehen, der davon nicht als von einem
feststehenden Programm gesprochen hätte. Aber ich habe sehr wenige gesehen, die
sich wirklich verkauften. Herz und Ehre triumphieren über alle solche Programme.
So wird es auch mit Fritz gehen.«
    Allert hörte zerstreut zu. Endlich fragte die Mutter dann: »Hast Du es
schwer im Geschäft?«
    »Nun ja. Aber das war zu erwarten - Und dann - Wie mich die Frau da drüben
aufhält -« Er trat ans Fenster, um sich nochmals zu vergewissern, dass man die
Hausfront in der Häuserreihe jenseits des Wassers erkennen konnte. »Alle paar
Tage kommt sie hinausgefahren und sieht nach, wie der Neubau vorschreitet. Und
dann lässt sie mich holen, und ich muss erklären. Aber heut' hab' ich mal grob
sagen lassen, ich sei verhindert. Es ist gerade, als sei ihr der Brand apropos
gekommen ...«
    Heute morgen und an allen Tagen sonst war es ihm nebensächlich oder ein
bisschen zum Bespotten gewesen. Nun wurde es ihm der Haken, daran er vor den
Augen der Mutter seine Verstimmung hängen konnte, damit sie nur glaube: aha,
deshalb ...
    Seiner Mutter wurde immer leicht ums Herz, wenn er sich kritisch über Frau
Julia äusserte. Dann dachte sie: nein, sie ist ihm keine Gefahr.
    Nun erzählte sie, dass Frau Dorne für Sonntagnachmittag zum Tee geladen habe,
sie sähe dann auch zum erstenmal die Familie Amster bei sich. Sie habe es so
klug verstanden, sich mehr und mehr anzufreunden, und man dürfe sich überzeugt
halten, dass die schöne Frau nach einigen Monaten bereits so weit sein werde,
eine Rolle zu spielen.
    »Meinetwegen!« sagte Allert. Aber es war ihm doch aus unbestimmbaren Gründen
nicht angenehm. Er mochte sich Marieluis nicht in nahem Verkehr mit Frau Julia
vorstellen.
    Als Allert am Abend gerade dieses Tages in seine so schmucklose
Junggesellenstube trat, da draussen in den hässlichen Fabrikstrassen, wo alles
grau, herbe, unfroh aussah, selbst die Wohnungen in den angeschmutzten Häusern,
da stand er wie versteinert. Seine Wirtin, eine brave Zollbeamtengattin, hatte
ihm schon an der Tür gesagt: »Es ist etwas für Sie abgegeben.«
    Und dies »Etwas« war ein wundervoller Korb voll Maiblumen. Sie dufteten
durch das Zimmer und machten seine Nüchternheit ganz krass. Auf derlei Dinge war
er freilich nicht gefasst.
    Er nahm das Briefchen, das im Korbgriff hing. Die feinen, lila Buchstaben in
ihrer anmutigen Regelmässigkeit kannte er.
    »Von einer, die zeigen möchte, dass sie viel zu einsichtig ist, die heute
morgen erfahrene Abweisung übelzunehmen.«
    Und wenn sie es übelgenommen hätte! dachte er geärgert.
    Er setzte sich, noch mit dem Hut auf dem Kopfe, hin und schrieb:
»Wollen Sie, hochverehrte, gnädige Frau, doch Ihre Güte, für die ich dankbar
bin, nicht an mich und mein hässliches Zimmer verschwenden. Mann und Raum sind zu
hilflos prosaisch, als dass man solche poetischen Sendungen an sie richten
dürfte. Ich küsse Ihnen gehorsamst die Hand und bin Ihr verehrungsvoller A. v.
Hellbingsdorf.«
Es war ein wenig stark, einer schönen Frau so zu schreiben. Aber er sah im
Geiste merkwürdig deutlich den Mann vor sich und den glimmenden, weissen Funken
in den hellen Augen. Dieser Mann war sein Mitarbeiter. Dieser Mann litt an
verborgenen Eifersuchtsqualen und Unruhen. Das musste das Entscheidende sein. Der
abenteuerlüsternen Frau konnte eine schroffe Zurückweisung nicht schaden -
selbst für den Fall, dass sie gar nicht ernstaft abenteuerlüstern war, sondern
nur dies kecke Spiel mit Männern liebte, um ihre Eitelkeit zu sättigen, um sich
kleine Sensationen zu machen.
    An den Sonntag dachte er aber doch mit Unbehagen. Er kam sich so plump vor.
Er fürchtete auch, sie würde ihm die Zurückweisung nachtragen, sich dafür
rächen, indem sie ihren Mann gegen ihn einzunehmen verstehe. Ja, weiss Gott,
diese Teilhaberschaft hatte auch ihre Stacheln. - -
    Am Sonntag vormittag kam dann endlich Matilde Rositz an. Die Nachtfahrt
hatte sie nicht ermüdet. Glücklich hing sie an Sophiens Hals und dankte immer
wieder, dass sie habe kommen dürfen. Sie brachte auch viele Grüsse von Mama mit.
Aber in einem merkwürdigen, stillschweigenden Verstehen gingen Sophie und das
junge Mädchen jedem näheren Gespräch über diese Mama zunächst aus dem Wege. Der
Vormittag verlief recht ungemütlich. Erstaunlich viel Gepäck sollte
untergebracht werden, und dann war da diese allzu gewandte Jungfer, durch deren
Person sich Terese auf irgendeine unerklärliche Art schwer beleidigt fühlte.
Dass die Jungfer schon am Abend die Rückreise zu ihrer Dame antreten musste,
machte Terese ja aufatmen, reizte sie aber auch wieder. Ja, dass dieses flinke,
glatte, sichere Wesen von ihrer »Dame« sprach, während sie selbst immer »meine
jnä' Frau« sagte, erschien Teresen »affig«. Am meisten reizte sie es aber, dass
die Jungfer, ohne Worte zwar, aber mit Deutlichkeit zu zeigen verstand, wie
klein sie die Wohnung und besonders das Zimmer für ihr gnädiges Fräulein fände.
Terese nahm sich vor, hiervon nichts zu sagen. Sie hatte ein angeborenes
Zartgefühl. Aber sie zog Schlüsse und Vorurteile daraus - nahm von vornherein
an, dass die junge Herrin nicht minder anspruchsvoll sein würde.
    Bei Tisch konnte Allert den Gast seiner Mutter dann kennen lernen. Tulla
interessierte ihn nicht wenig. Er hatte ja aus den Erzählungen seiner Mutter,
trotzdem sie von delikater Vorsicht waren, genug erraten, und auch ohne die
kräftigen Bemerkungen der Frau v. Daister wusste er, dass Tulla seinen Bruder
liebe. Dass Raspe sehr hingenommen gewesen war und sich immer noch mit ihr
beschäftige, wusste er auch. Und nun dachte er: Das verstehe ich doch nicht! Ganz
wie alle Männer, die jede Art von Frauenschönheit, die nicht in den Rahmen des
eigenen Ideals passt, mit ein paar kritischen Worten abzutun pflegen.
    Dies überschlanke, dunkelhaarige, braunäugige Mädchen erschien ihm so
unreif, so herbe. Er fand das schwarze Kleid sehr ungünstig. Zu dieser
Erscheinung hätte ein schüchternes, verschlossenes Wesen gepasst - dachte er - so
ein wenig: verstossene Tochter, darbendes Gemüt. Vielleicht hatten auch die
gelegentlichen Bemerkungen der Mutter ihn dazu gebracht, etwas Aschenbrödeltum
und ein aus Mangel an Liebe verbittertes Wesen zu erwarten.
    Tulla aber war lebhaft, etwas aufgeregt lebhaft sogar. Das mochte an der
neuen Situation liegen. Und von St. Moritz und dem dortigen Leben erzählte sie
recht vergnügt. Allert hörte unbefangen zu und hörte wohl heraus, dass von der
grossen Winternatur und den erhabenen Eindrücken am wenigsten die Rede war. Sehr
viel hingegen von den Toiletten der Frau von Samelsohn und anderer Damen, die
auch seiner Mutter von Berlin her bekannt schienen. Von den Sportsiegen, Bällen,
denen man nur von der Galerie aus hatte zusehen können wegen der Trauer.
    Wie seine Mutter auf alles einging! Das rührte Allert geradezu. Er verstand
wohl: um des teuren Verstorbenen willen wünschte seine Mutter, dass dieses
Mädchen ihre Tochter werde. Da kam zu Raspes Neigung, zum allgemeinen Wunsch der
Mutter, die Söhne sich verheiraten zu sehen, noch ein tiefes Gefühl. Die Söhne
wussten es ziemlich deutlich, wie die zärtliche Freundschaft zu dem bedeutenden,
gütigen Mann ihrer Mutter das Leben geadelt und reich gemacht hatte.
    Welch herrliches Erbe konnte diese Tulla da antreten. Ob sie dessen würdig
war? Ob die Bemühungen seiner Mutter, den Gedanken des verwöhnten Weltkindes
wichtigeren Inhalt zu geben. Erfolg haben würden? Allert bezweifelte es
einstweilen durchaus. Umwelt kann sogar auf Reife und Gefestete noch abfärben.
Einem Kind, einem jungen Geschöpf bestimmt sie, vielleicht für immer, die
Richtung!
    Wenn sein Bruder Raspe das bedachte, war der Konflikt nicht klein für ihn.
Und er unterdrückte einen Seufzer mit vielen Nebengedanken. - -
    Am Nachmittag ging man zu Fuss zu den Dornes. Die Tage waren schon viel
länger, und der Weg an der Alster, über die grosse Lombardsbrücke, zum
jenseitigen Wohnquartier, gab Gelegenheit, Tulla das grosse Stadt- und Wasserbild
in schönster Beleuchtung zu zeigen. Sie bewunderte alles, aber es schien fast,
als ob sie nur aus Gefälligkeit bewundere.
    Unterdes erwartete Frau Julia ihre Gäste. Die Nerven waren ihr von einer
ärgerlichen Spannung erregt. Dieses Briefchen von Allert hatte sie enttäuscht.
Seit jener Autofahrt durch die Nacht glaubte sie ihn zu haben. Dass ein Mann, dem
sie entgegenkam, sich ihr entzog, das hatte sie nur erlebt, wenn solch ein Mann
von einer Liebe beherrscht war. So stand es für sie fest, dass Allerts Herz
beschäftigt war. Womit? Dem forsche mal einer nach. Ein Männerleben ist, wenn
der Mann es so will, für ein neugieriges Frauenauge undurchdringlich. Als dann
Frau von Hellbingsdorf am Telefon die Erlaubnis erbat, Fräulein Matilde Rositz
mitbringen zu dürfen, und dabei erklärte, dass die junge Dame, die Tochter eines
verstorbenen teuren Freundes, einige Wochen hier leben werde, da war für Julias
Phantasie alles klar. Dies junge Mädchen war ihr die Ursache von Allerts spröder
Haltung - vielleicht war das gar eine heimliche Braut - -
    Nun sah sie ein Wesen vor sich, aus dem sie nicht recht etwas zu machen
verstand. Sie bemerkte wohl, wie zärtlich und töchterlich dieses Fräulein in
Trauer sich an Frau von Hellbingsdorf mit Blick und Wort wandte. Aber ihr
fraulicher Instinkt sagte ihr sofort, dass das schlanke, dunkle Kind, so
weltgewandt es auftrat, so herzlich frei es Allert ansah, ganz unmöglich eine
Rolle in seinem Empfindungsleben spiele oder spielen werde. Und nun begriff sie
vollends nicht ... Sie war in einer merkwürdig gereizten, unruhigen Stimmung.
Und ihr Mann, obschon er sich sehr vertieft und respektvoll mit Sophie
unterhielt, liess manchmal einen raschen, prüfenden Blick über sie gleiten. - Sie
ahnte ja selbst nicht, wie genau er jeden veränderten Klang ihrer Stimme hörte -
wie er jede Geste kannte - das Flackern ihrer Augen - wie von Glas sie für ihn
war - und dass er nur nicht sehen wollte.
    Dann kamen Amsters. Es gab ein, zwei Minuten das allgemeine Durcheinander
von Begrüssungen und Vorstellungen. Die Herren hatten sich bei Besuchen verfehlt;
Tulla Rositz war der Familie völlig unbekannt. Mit ihrer lächelnden Anmut
vermittelte Julia alles. In jeder Situation war ihr erstes und hauptsächlichstes
Bedürfnis, bewundert zu werden. Sie betrug sich auf das reizendste, schien
völlig unbefangen und nur die glückliche Hausfrau, die freudig die Ankunft sehr
lieber Gäste würdigt. Und dennoch hatte sie genau gesehen: im Augenblick, wo
Marieluis eintrat, stieg ein rasches Rot in Allerts Gesicht ... Und - ja - auch
Marieluis errötete.
    Man sass in einem zwanglosen Kreise, von schön verhülltem Licht sanft
überhellt. Das Gespräch floss ruhevoll, aber ohne Mühseligkeit, wie zwischen
höflichen Menschen, die miteinander doch vielerlei Interessen haben. Frau Julia
in ihren purpurseidenen Schuhen und blasslila, leisen Stoffalten bewegte sich
voll Grazie umher und bot selbst den Tee an. Die Männer und Frau Amster sprachen
über die Politik draussen und drinnen, über die wirtschaftliche Lage und den
Neubau der Fabrik. Wenn die Senatorin eine Ansicht äusserte, war es sicher eine
von verwegener Fortschrittlichkeit, und ihr Gatte machte eine objektive
Bemerkung darüber, dass Frauen, wenn sie links ständen, dies gleich bis zum
Extrem täten, und dass, falls man die Frauen zur aktiven Mitarbeit in der Politik
erst zulasse, wie seine Gattin hoffe, dass es bald geschähe, man sie nur zwei
Parteien bilden sehen würde: ultrakonservative und radikale; eine weibliche
Mittelpartei würde man nie erleben.
    Sophie und Marieluis hörten schweigend zu. Es stand zu vermuten, dass Tulla
sich langweile, aber sie lächelte manchmal der von ihr vergötterten Frau zu.
    Das ganze Bild sah so durchaus landläufig und friedlich aus. Aber die sacht
umhergleitende, lieblichdienende Frau liess ihre flammenden Blicke lauernd über
die zwei Menschen gleiten, deren Erröten sie gesehen ... Und sie spürte, mit
welcher Vorsicht, mit welcher Befangenheit Allert und Marieluis sich vermieden.
Sie sprachen nicht miteinander. Aber scheu und flüchtig suchte sein Auge
zuweilen das beherrschte, schöne Gesicht. - Sehr aufrecht sass Marieluis und
hielt die Hände leicht im Schoss gefaltet.
    Allert empfand, gleich vielen Menschen in einer grossen Gefühlsfeinheit,
immer bald, wenn er beobachtet ward. Und es zwang ihn förmlich etwas, dann dem
Blick des Beobachters zu begegnen. So sah er nun Frau Julia an - in einer
stolzen Frage. Sie lächelte ihm vielsagend, mit funkelnden Augen zu. Und da
zwang ihn wieder sein Gefühl, sogleich nach dem Mann hinüberzublicken. - Wie
unangenehm war es ihm, dass er das helle Auge auf die Frau gerichtet fand - und
nun wandte sich dieser stechende Blick ihm zu ... Und wieder erging es Allert
wie so vielen: das Misstrauen eines anderen macht unfrei; wirkt hinüber auf den
Beargwöhnten und gibt ihm ein ärgerliches Gefühl von schlechtem Gewissen ...
    Kein Wort war gesprochen worden, aber nun wusste Allert es ganz gewiss, dass
dieser Mann von der Angst gepeitscht war, die Frau an ihn zu verlieren.
    Ich kann ihm doch nicht ins Gesicht sagen, dass er ruhig sein darf, dachte
er. Er sollte mich doch zur Genüge kennen, um zu wissen, dass sein Verdacht
unbegründet ist.
    Von diesem Nachmittag an schien sich zwischen der schönen Frau und Marieluis
ein näheres Verhältnis anzuspinnen. Sie gingen zusammen zu den Schützlingen des
Vereins. Sie besuchten Allerts Mutter gemeinsam im Atelier, wo nun, neben dem
unvollendeten Bild eines hamburgischen Staatsmannes, das Porträt der jungen
Tulla im Werden war. Frau Julia nahm auch einige Male die neue »Freundin« mit
auf den Fahrten zum Bau. Und da traf Allert die beiden Damen. Er sah es wohl, in
ihrer merkwürdigen, verschlossenen Beherrschteit war Marieluis die Umworbene,
Abwartende. Aber immerhin: sie liess sich doch umwerben, gab sich und ihre Zeit,
von der es immer hiess, sie sei den ganzen Tag ausgefüllt, den Ansprüchen der
Frau hin.
    Was steckte dahinter?
    Seine Mutter erkannte es rasch. Aber alles verbot ihr, davon zu ihm zu
sprechen. Sie als Frau wusste ja, dass es Frauen gibt, die, ganz entgegen dem
veralteten Gerede von der weiblichen Lust am Heiratsstiften, durchaus ihre
Freude und ihr Interesse daran haben, Heiraten zu hindern. Vielleicht nur, weil
sie fürchten, aus ihrem engsten Kreis einen angenehmen Kavalier zu verlieren. -
Oft genug auch, weil sie einen Verehrer nicht entlassen wollen.
    Sie spürte: Julia wollte belauern, hetzen, zerstören - mit feinen Worten,
mit leisem Lächeln - wie eben eine kluge Egoistin zerstören kann, wenn sie will.
Und zugleich hatte sie in Marieluis' Person ein Mittel, Allert öfters noch
heranzuziehen. Wenn er ihr selbst auch vielleicht ausweichen wollte: er blieb
gewiss nicht fort, wenn sie sagte: »Sie treffen Fräulein Amster.«
    Und was wollte Marieluis? Vielleicht ward sie von jener unbewussten Neugier
getrieben, unter deren Zwang ein liebendes und doch noch schwer mit sich
kämpfendes Herz steht. - Vielleicht bildete sie sich ein: Julia kennt ihn genau.
Und dann: durch die Vermittlung dieser Frau sah sie ihn ja häufiger, als es
sonst der Fall gewesen wäre.
    Das freilich fiel aus den so bestimmten und klaren Linien von Marieluis'
Wesen. Schien so sehr die Art aller verliebten Mädchen. Aber gerade deshalb
bewies es wohl viel.
    Und aus Herzensgrund hoffte die wartende Mutter, dass Frau Julia im Grunde
fördere, was sie zu hindern sich vielleicht vorgenommen. Sie konnte übrigens
auch nur sehr von fern dieser Beziehung zusehen und nicht genau nachprüfen,
welcher Kitt die zusammenhielt. Denn sie war sehr in Anspruch genommen von ihrem
jungen Gast, der ihrer Aufmerksamkeit in besonderem Masse bedurfte.
Wie schnell verfliegt eine Rührung - wie rasch flaut ein Entusiasmus ab. Die
junge Tulla war vierundzwanzig Stunden glückselig, dass sie bei der geliebten
Frau sein durfte, bei »seiner« Mutter.
    Aber nach dem ersten Freudenrausch des Wiedersehens kam ein sonderbarer
Zustand. Es war keine Enttäuschung. Aber es war ein Warten! Auf irgend etwas
Fröhliches, Unterhaltsames.
    Sie liebte in dieser rasch eintretenden Stille der Empfindungen die teure
Frau nicht weniger. Aber sie wunderte sich, wie so ganz anders doch dieses Leben
sei. Einen Tag war es sehr hübsch, im Atelier beim Malen zuzusehen. Aber es war
schliesslich jeden Tag dasselbe. Lesen mochte Tulla nicht. Das erkannte Sophie
rasch: dies junge Leben war wirklich noch ganz leer. Man hatte es nur mit
Zerstreuungen und Vergnügungen angefüllt.
    Tulla wurde eigentlich nur lebhaft und froh, wenn sie von Raspe sprach.
Unermüdlich hätte seine Mutter von ihm sprechen dürfen. Aber da war ja eine
gewisse Vorsicht geboten. Wie leicht konnte eine beredte und von ihrem Sohn
entzückte Mutter zu weit gehen, Hoffnungen erwecken ... Das durfte nicht sein
... dazu war sie nicht berechtigt - musste sich vielmehr hüten, die eigenen
Wünsche zu verbergen. Wusste sie denn, zu welchem Ausgang sich des Sohnes
Herzenskämpfe hindurch ringen würden? Nein, nichts wusste sie.
    Aber Sophie, in ihrer Zuversicht, dass in der Tochter des teuren Verstorbenen
doch gewiss viel von seiner Art verborgen sei, nahm sich vor, ihrem lieben Gast
auf jede Weise zu helfen. Vor allen Dingen begann sie gleich das Bildnis, um,
beim Malen plaudernd, sich rasch näher mit Tulla bekannt zu machen.
    Gern ging Tulla durch die Strassen, besah sich die Läden und kam regelmässig
mit irgendeinem höchst überflüssigen Ankauf für sich selbst oder Sophie heim.
    »Liebes Kind,« sagte die ihr endlich, »lassen Sie das doch. Ich muss Ihnen
einmal vorrechnen, wieviel Geld Sie in einer Woche vertun. Sie werden selbst
erschrecken. Davon muss die Frau eines höheren Beamten oder Offiziers ihren
Hausstand bestreiten - so viel ist das.«
    Tulla war betroffen. Sie konnte auch nicht gestehen, dass ihre Mama ihr
befohlen hatte, sich durch Blumenspenden und elegante, kleine Aufmerksamkeiten
für die Gastfreundschaft dankbar zu erweisen. Sie staunte es ehrlich und
überrascht an: diese ihre kleinen Nebenausgaben kamen dem Haushaltsgeld etwa
einer Offiziersdame gleich? O, wie schwer hatte es so eine Dame dann!
    Sie seufzte - ins Unbestimmte.
    Sie fand auch das Hauswesen rasch unbegreiflich eng und klein. Die ersten
Tage war sie entzückt davon. Keine grosse Dienerschaft um einen herum, die lauert
und frech ist und nie zur Stelle, wenn man gerade was will. Aber das, was zuerst
wie ein Märchen schien, wurde ihr rasch eine Art Verlegenheit - besonders, wenn
sie sich vorstellte: Fiffi von Samelsohn könne das alles hier beobachten.
    Und sie grübelte sich auch allerlei zurecht - nach Mädchenart. Wenn »er«
sich nichts, gar nichts aus ihr mache, würde seine Mutter sie nicht eingeladen
haben. Und wenn »er« sie liebte und die grosse, grosse Glückseligkeit käme eines
Tages, dann brauchte man ja auch schliesslich nicht so eng und klein zu leben,
wie Frau von Hellbingsdorf tat.
    Unter dieser Vorstellung erschien ihr der gegenwärtige Zustand wie eine Art
Prüfungszeit. Diese Einbildung gab Tulla Mut und befähigte sie, zu verbergen,
dass ihr die Tage im Grunde genommen schrecklich lang wurden. Aber Sophie spürte
es ja doch. Sie dachte: mit der Zeit! Und sie beschloss, für mehr Abwechslung zu
sorgen.
    Abends ging man dann zuweilen ins Teater. Auch gab Sophie zweimal ein
kleines Abendessen. Es waren beide Male je vierzehn Personen. Obgleich
Hilfskräfte angenommen wurden, erwuchs der Dame des Hauses doch mancherlei Mühe.
Und Tulla dachte vergleichend daran, dass die Mama bei Festessen von viel über
hundert Personen nur eine Besprechung mit der Wirtschafterin habe, und sonst
nicht die geringste Mühe. Das hatte entschieden doch auch seine
Bequemlichkeiten.
    Aber - war nicht alles, alles egal? Wenn man liebte? Geliebt wurde? ...
    In dem Umgangskreis von Frau von Hellbingsdorf konnte Tulla das Gefühl von
Fremdheit durchaus nicht bezwingen. Marieluis hatte was Unnahbares. Frau Doktor
Dorne war ihr zuwider. Obschon in keiner Hinsicht der Mama ähnlich, hatte Frau
Julia irgendeine Art zu lächeln - manchmal - die an die Art Mamas erinnerte. Und
das ärgerte, reizte, schmerzte Tulla. Und sie wusste nicht, warum ...
    Mit John Vierbrinck konnte sie etwas über St. Moritz und Wintersport
sprechen. Er sah aus und tat wie ein Diplomat und unterhielt sich aus einer
grossen Distanz.
    Die Senatorin Amster war einige Minuten sehr liebenswürdig zu ihr.
Programmässig.
    Der Baron Fritz Patow, der hier nun als Vetter der Familie aus und ein ging,
der hätte Tulla schon am besten gefallen. In seiner Hauptmannswürde machte er
sich imposant. Es war ein Gemisch von flotter Jugendlichkeit und gesetzter Reife
in ihm, das einem jungen Mädchen wohl zusagen konnte. Die Uniform erinnerte
Tulla auch - ach so deutlich! - an Raspe.
    Aber der Baron Patow beschäftigte sich ausschliesslich mit Dory Vierbrinck.
Auf der ersten Abendgesellschaft schien diese kleine Dory, die so allerliebst
naseweis und klug aussah, wovon möglicherweise nur der Kneifer die Ursache war,
etwas zerstreut. Nahm es so, als bemerke sie es wenig. Ja, es kam Tulla so vor,
als sähe Dory durch ihre Gläser mit den lebhaften Augen oft forschend zu Allert
hinüber. Aber an dem zweiten Abend liess sie sich vergnügt und schlagfertig mit
Patow in endlose Neckerei ein. Und wenige Tage nachher begegnete Tulla schon
beiden. Sie ritten zusammen; der Bruder John, in vollendeter Haltung, das
vornehme Diplomatengesicht von einem zufriedenen Lächeln verklärt, war als
dritter dabei. Hinterdrein die Reitdiener. Eine kleine Kavalkade des Vergnügens.
Sie waren so mit sich beschäftigt, dass sie Tulla gar nicht bemerkten.
    Sie kam sich plötzlich - obgleich ihr diese Menschen ja fast fremd waren -
wie ausgeschlossen vor. Wie in der Verbannung.
    Was tue ich hier eigentlich? dachte sie.
    Aber dann kam es ihr zum Bewusstsein: ich warte.
    Auf das Glück! Auf den einen, Ersehnten. Ja, wenn »er« nur erst käme, würde
auf der Stelle das Leben wieder leicht und unterhaltend und herrlich.
    Und das gab ihr dann immer von neuem eine zärtliche und fröhliche Stimmung,
mit der sie im Hause seine geliebte Mutter in die Täuschung wiegte - ohne auch
nur im mindesten täuschen zu wollen - dass sie sich diesem Leben anzupassen
beginne.
    So waren diese Wochen vor Ostern doch wie ein Idyll. Und zu Ostern hatte
Raspe Urlaub genommen - zehn Tage, lange - zehn Tage - ja, die können wohl eine
Ewigkeit von Glück werden.
    Aber noch vor Ostern kam in das Idyll eine schwere Störung.
    Doktor Dorne war für einige Tage verreist. Das geschah sehr selten. Aber er
musste zur Förderung und Nachprüfung seiner chemischen Versuche durchaus das
Laboratorium eines befreundeten Fachgenossen in Wien aufsuchen. Er hatte den
Reiseplan und die Zeit der Abwesenheit mit seiner Frau besprochen. Am Sonntag
nachmittag fuhr er nach Berlin, um dort den Nachtzug nach Wien zu nehmen. Die
Rückreise sollte ebenfalls mit möglichster Zeitersparnis ausgeführt werden. Ja,
sogar die kurze Strecke von Berlin nach Hamburg wollte Dorne nachts zurücklegen,
und er versprach seiner Frau bestimmt, am Donnerstag früh sechs Uhr wieder
daheim zu sein. Sie sagte, sie habe eine zu grosse Unruhe, wenn sie nicht mit
allen Gedanken einer solchen Reise folgen könne, Station für Station; deshalb
möchte sie gern so genau wissen ... möchte das Kursbuch im Kopfe kontrollieren
... die Hotels wissen, wo er absteige, kurz - im Geiste mit ihm reisen. Und so
entsetzlich ihr es sei, früh aufzustehen: sie werde am Donnerstag morgen an der
Bahn sein. Dies scheine denn doch ihre einfachste Pflicht, als Dank für all die
Arbeit, die sie bewundere, für die er sich die Strapazen dieser hastigen Reise
auferlege.
    Die Augen des Mannes bekamen einen Glanz von Glück. Und er reiste lächelnd
ab.
    Schon am Montagmorgen erhielt Allert dann ein Eilbotenbriefchen:
    »Lieber Freund! Nun fühle ich mich noch einsamer als sonst. Sie müssen mir
heute abend Gesellschaft leisten - nicht Sie allein - wie vielleicht Ihr
männlicher Grössenwahn sich gleich einbildet - ich improvisiere einen kleinen
Kreis: Marieluis, Ihr Vetter Patow, der so liebenswürdig war, Karten bei uns
abzugeben, Dory Vierbrinck - ich weiss noch nicht, ob mit oder ohne den vornehmen
Bruder. Also bringen Sie Ihren Vetter nicht in die entsetzliche Lage, der
einzige Mann zwischen drei Damen zu werden. Bitte eine Telefonnachricht! Ich
habe aber nur ein Ohr für sie, wenn es ein Ja ist!«
    Nun, dies war harmlos und nett und begreiflich. Es kostete Allert keine
Ueberwindung, am Telefon das gewünschte »Ja« nach dem Alsterufer hinzumelden.
    Vielleicht, nein gewiss: seine schroffen Worte damals nach der Blumensendung
hatten ihr gezeigt, dass sie niemals Glück damit haben werde, ihn zu ihrem Ritter
heranzubilden. Wie es mit dieser Ritterschaft auch gemeint sein mochte:
schuldvoll oder schuldlos! Zu einem Spiel mit Ehre und Ruhe hielt er sich zu
hoch; zu einem törichten Eitelkeitsdienst hatte er keine Zeit. Aber man musste
eben doch leidlich miteinander auskommen. Er hatte gedacht, sie werde sich
rächen für den Abfall. So war er ihr fast dankbar, dass sie den ganz ignorierte.
Und es war klug und überraschend vernünftig von der lebensgierigen Frau, dass sie
sich nun einen Kreis jüngerer Menschen zu bilden suchte. Innerhalb eines solchen
wollte er ihr gern jederzeit gesellige Opfer bringen.
    Und dann: er sah jetzt bei ihr auch die eine - die er zu meiden wünschte und
dennoch nicht meiden konnte. Er war nie mit ihr zusammen, ohne sich voll Zorn zu
geloben: ich will sie niemals wiedersehen. Und er war nie drei Tage von ihr
entfernt, ohne sich auf das qualvollste nach ihrem Anblick zu sehnen.
    Allert ging absichtlich recht spät. Und traf trotzdem die noch nicht, um
derentwillen er ja eigentlich kam. Da war Dory Vierbrinck, mit ihrem
hochmütigverbindlichen Bruder, der sich immer so benahm, als gehöre er dem
englischen Oberhause an. Und da war auch Fritz Patow.
    Allert machte einige merkwürdige Beobachtungen. Der etwas steifen und sehr
vornehmen Haltung John Vierbrincks begegnete die Hausfrau mit einer vollkommenen
Art von sicherer, aber begrenzter Freundlichkeit. Ihre Koketterie schien sie mit
ihren bunten Schuhen in den Schrank geschlossen zu haben. Sie war wie immer sehr
schön gekleidet, aber doch hatte sie einige der raffinierten Einzelheiten
vermieden, mit denen sie sonst, in der Intimität des Hauses, ihrem Anzug etwas -
ja, etwas - Einladendes zu geben wusste. Wie klug diese Zurückhaltung! Sie spürte
wohl, dass ein noch so leises Herausfallen aus der strengsten Korrekteit Herrn
John Vierbrinck veranlasst hätte, seinen Eltern zu sagen: diese Frau Dorne ist
kein Umgang. Sie sah das Geschwisterpaar zum erstenmal bei sich. Welche
Fähigkeit, sich auf die Menschen einzustimmen! Oder vielleicht die Erkenntnis,
dass hier eine würdige Zurückhaltung der einzige Weg zu gesellschaftlichen
Erfolgen war? Nun - hoffentlich.
    Und die andere Beobachtung war, dass Dory Vierbrinck und sein Vetter, der
Baron Patow, sich auf das offenkundigste miteinander beschäftigten ... Im Januar
war es doch Allert vorgekommen, als ob die lebhaften Augen hinter den Gläsern
ihm mit besonderem Blick begegneten ... Und es hatte ihm manchmal geschienen,
als ob das Gesicht mit den reizenden Grübchen sich ganz verklärte, wenn er sich
ihr zuwandte. Das hatte ihn mit Verlegenheit, fast mit leisem Schmerz erfüllt.
Und nun? So rasch war, was da keimte, schon hingewelkt? Eine Erleichterung.
Gewiss. Und so lehrreich. Er wusste wohl: das ist das Herzensleben von tausend
Mädchen. Sie harren, warten - ihre Seelen sind geöffnet und bereit für die Liebe
- und sie wenden sich sofort dem zu, von dem sie hoffen oder sicher spüren: er
ist der Bewerber! All ihr Lieben ist nur Gegenliebe. Blüte eines Triebes.
    Er sah auch, wie ein Mann den andern durchschaut, dass Fritz Patow wirklich
verliebt war. Die Liste auf seinem Zettel war ja lang gewesen; beim prüfenden
Ueberblick über all die junge Weiblichkeit in den Ballsälen und an den
Festtafeln musste sich dann doch wohl seine innere Stimme - die man auch eine
Herzensstimme nennen konnte, wenn man wollte - für Dory entschieden haben.
    Dass da allerehestens eine Verlobungsanzeige gedruckt werden würde, war klar.
Sonst hätte der formvolle John nicht dieses Zusammensein durch seine Gegenwart
gebilligt.
    Glückliche Naturen! So rasch, so unbesorgten Gemütes, so voll frohen Sinnes
auf die höchste Stufe gemeinsamen Menschentums zueilen zu können.
    Allert musste sich zusammennehmen, um sich nicht in zu schwere Grübeleien zu
verlieren. Er beschloss seine Neigung dazu mit dem Gedanken: Gottlob, dass auf
diese Weise alle Tage noch zahllose Ehen geschlossen werden, sonst sähe es auch
schlimm aus um den Staat.
    Das Gewöhnliche hat auch seine soziale Wichtigkeit.
    »Wo in aller Welt bleibt Marieluis?« fragte John die Hausfrau.
    »Wir werden ein Viertelstündchen zu warten haben mit dem Essen. Marieluis
hat Abendschule und muss dann erst nach Hause, sich umzukleiden,« erklärte Frau
Julia.
    John machte eine leise missbilligende Kopfbewegung.
    »Tante Amster ist mir unverständlich. Nun gottlob, dass ich ihr Dory
entrissen habe,« sagte er.
    »Ich selbst, nun ich näher in diese Art Arbeit hineinsehe, muss gestehen, dass
sie mir zu unweiblich ist.« Frau Julia sah nur John bei ihren Worten an, schien
sich in keiner Weise an Allert zu richten. »Sie glauben nicht, was man alles
kennen lernt. Lebensverhältnisse, Gewohnheiten, naive Sicherheit im
Unmoralischen, Liederlichkeit, die aus den Wolken fällt, wenn man ihr vorstellt,
dass sie Liederlichkeit ist - nein - Sie glauben gar nicht, Herr Vierbrinck! Und
von diesen Dingen hat man ja gar keine Ahnung gehabt, das lernt man alles durch
die Vereinstätigkeit kennen. Und ich meine auch, wenn sich Frauen so daran
gewöhnen, all diese Dinge mit dem richtigen Namen zu benennen, verliert sogar
die Sprache schon den feinen Zauber der Weiblichkeit. Und mit welchen
Vorstellungen wird die Phantasie junger Mädchen getrübt, die sich in solche
sozialen Unterschichten hinabbegeben.«
    »Sehr richtig, meine gnädige Frau.«
    »Ich bewundere die Opferfreudigkeit und den Verstand von Frau Senator
Amster, sie ist eine der bedeutendsten Frauen, die ich kenne, nur aus
unbegrenztem Respekt vor ihr mag ich mich nicht so rasch wieder von der
Mitarbeit zurückziehen. Wo sie selbst mit solchem Fanatismus unermüdlich dabei
ist.«
    »Ja,« sagte John, »Tante und Marieluis sind wirklich fanatisch. Sie sollen
mal sehen, an Marieluis erleben wir noch was.«
    Allert hörte zu; jedes Wort stiess ihn in sein Herz ... Es wurde ihm aber
erspart, zu vernehmen, von welcher Art das sein sollte, was John sich noch an
peinlichen Ueberraschungen versprach.
    Denn die Tür tat sich auf, und Marieluis trat herein. Schön und freundlich,
von sicherem Wesen - sie hatte ja vorher gewusst, dass sie Allert träfe, und sich
darauf gerüstet.
    Man ging sogleich in das Esszimmer, und um den kleinen runden Tisch wurde es
alsbald lebhaft.
    »John sagt, Du bist fanatisch,« berichtete Dory lachend.
    »Das ist mir lieb zu hören. Ich möchte nicht lau sein, in gar nichts,« sagte
Marieluis.
    »Weshalb dauerte die Abendschule denn so lange?« fragte Julia.
    »Es war nachher noch eine Sitzung. Fräulein Doktor Marya Müller will hier
zweimal sprechen. Vorträge, mit sich anschliessenden Debatten. Wir haben sie
nicht eigentlich herberufen, aber wir stützen die Sache finanziell. Und für den
einen Vortrag treten wir auch als Einberufende heraus.«
    »Was für Vorträge?« fragte Allert.
    Und Dory, aus ihrem hie und da noch aufflackernden Gewohnheitsinteresse
heraus, das aber kein wohlwollendes mehr, sondern im Handumdrehen ein kritisches
geworden war, fragte fast zugleich:
    »Warum bloss für einen?«
    »Der zweite Vortrag wird von den Forderungen sprechen, die das uneheliche
Kind an die Gesellschaft und das Gesetz hat,« erzählte Marieluis, »das ist ja
durchaus unsere Sache. Der erste soll das Stimmrecht der Frau behandeln. Mutter
ist ja leidenschaftlich dafür und hofft es auch zu erleben, dass sie zur Urne
gehen darf. Sie steht doch auch mit einigen englischen Führerinnen der Bewegung
in lebhaftem Briefwechsel. Aber hier öffentlich dafür eintreten - das kann sie
ja leider nicht. Wegen Vater, weil er doch zur Regierung gehört, es wäre nicht
taktvoll.«
    »Aha!« sagte John und lächelte bedeutungsvoll.
    Marieluis sah ihn kühl an.
    »Und Sie,« fragte Allert, »Sie werden sich an den Versammlungen beteiligen?«
    »Aber doch selbstverständlich. Hoffentlich auch an der Debatte.«
    »Ach, Marya Müller!« sagte Patow vergnügt. »Die habe ich mal gesehen,
ulkiges Weib, das heisst: mehr Mann als Weib, gänzlich maskuline Toilette, wenn
man da von Toilette sprechen darf; ohne das bisschen schwarzen Kleiderrock unterm
langen Paletot 'raus hätt' ich taxiert: Mann!«
    »Nun,« bemerkte Marieluis, »das Übermass ihrer wichtigen und grossartigen
Tätigkeit lässt ihr keine Zeit, sich zu putzen. Sie wählt eben die bequemste
Tracht. Das muss jeder machen, wie er will.«
    »Ich sehe Dich im Geiste auch schon so herumlaufen,« prophezeite John.
    Marieluis zuckte die Achseln.
    »Es sollte mir einfallen, mit Dir über diese Fragen zu sprechen,« sagte sie.
    »Nun, nun,« wehrte John ab, »bitte, nicht so von oben runter. So ganz ohne
Einsicht bin ich ja nicht. Soziale Arbeit - richtig, wichtig, famos. Aber ich
meine: lasst das, soweit es eben Weiber machen sollen, wollen, müssen, die Alten,
Hässlichen, die Unverheirateten, die Kinderlosen, Enttäuschten tun, und lasst die
Jungen, Schönen, Holden, Zarten, Zärtlichen nach wie vor uns beglücken, ihr
einziges Ziel darin suchen, eines Mannes Weib zu sein!«
    Er sagte es mit Patos, und die Tischgenossen lachten auch, selbst
Marieluis, die schon weit darüber hinaus war, sich durch Verulken ärgern zu
lassen.
    »Diese köstliche Teilung aller Weiblichkeit in zwei Gruppen wird Ihnen wohl
nicht gelingen,« sagte Allert, und er fühlte, dass seine Stimme gereizt klang,
und konnte ihr trotz des Willens zur Selbstbeherrschung keinen festen Klang
geben. »Es wird wohl immer Frauen geben, die zögernd auf der Grenze zwischen
beiden Gruppen stehen. Solche, die sich einbilden, ihre Pflichten gegen einen
Gatten, gegen die eigenste, engste kleine Welt ihrer Familie mit den Pflichten
gegen die Allgemeinheit vereinen zu können. Frauen, denen es ihrer Vorbildung
und ihren geistigen Bedürfnissen nach ein Opfer wäre, wenn der Schauplatz ihres
Wirkens nur die Häuslichkeit sein sollte. Das sind die Frauen, die in das Leben
des Mannes, der sie liebt, der sie vor der Berührung mit dem Unreinen hüten
möchte, schwere Konflikte bringen.«
    Und sie sahen einander fest an, zwei stumme Kämpfer, von denen keiner die
Schwachheit haben wollte, den Blick zu einer Bitte zu mildern.
    »Was Konflikt!« sprach der Hauptmann. »Ein rechter Mann hat die Kraft, das
Weib ganz zu sich herüberzuziehen.«
    Und Dory und er lächelten sich offenherzig zu, in Erinnerung an ein Gespräch
über Dorys vormalige Tätigkeit. Patow bildete sich nämlich fest ein, dass sein
blosses Erscheinen an Dorys Lebenshorizont genügt habe, sie sofort von ihrer
früheren Richtung abzubringen. Und Dory war im Grunde genommen auch schon dieses
Glaubens.
    »Es liesse sich doch auch der Fall denken, dass es einer Frau gelänge, auf die
rückständigen Ansichten des Mannes klärend einzuwirken und aus ihm ihren
Mitarbeiter zu machen.« Ganz blass war Marieluis, als sie das sagte, aber sie sah
nun an Allert vorbei.
    Rückständig. Da war es schon wieder, dies üble, dies nichtssagende Wort, mit
dem man gar nichts machen kann, und das gerade deshalb so schwer besieglich ist.
- Allert sprach, mit Mühe nur allzu hörbare Bitterkeit vermeidend:
    »Sie und Ihre Mitkämpferinnen sind sehr rasch mit diesem Wort bei der Hand.
Und ich fürchte, es trifft - in Ihrem Sinn - auf die meisten von uns zu! Wir
haben uns eben noch nicht so ganz auf die neue Frau eingerichtet. Wir sind
gewissermassen bei diesen Entwicklungen und Uebergängen ganz vergessen worden!
Niemals haben sich all diese Frauen gefragt: was sagt der Mann dazu? Berauben
wir ihn nicht? Dadurch, dass wir sein Leben öder machen und ärmer an Illusionen
und Poesie? Ganz einfach: der leidende Teil sind wir, jawohl, das sind wir, mag
uns unser Verstand noch so viel Einsichtsvolles vorpredigen, dass das edel und
gross und nötig sei, was viele von diesen rastlosen, aufopferungsfähigen Frauen
tun. Aber unsere Empfindung sagt nun mal dagegen: von meiner Frau mag ich solche
Arbeit nicht getan sehen. Meine Frau soll mir stillen Frieden und Glück ins Haus
bringen, sie soll sich allein mit mir und ihren, meinen Kindern beschäftigen.
Und wenn dies Egoismus ist, kann man vielleicht sagen, es ist der gesunde
Egoismus. Der unbewusst über den Bestand der Familie wacht, deren Gründung immer
schwerer wird, ja wohl auch dank der neuen Frau.«
    Nur Frau Julia fühlte, wusste, dass hier zwei leidenschaftliche und starke
Menschen miteinander fochten, um den Weg zueinander zu finden. Sie werden ihn
nicht finden! dachte sie triumphierend. Die anderen Zuhörer dachten, es sei ein
kleines Wortgefecht.
    »Meine Mutter zeigt, dass man beides, soziale Arbeit und völligste
Pflichterfüllung in der Familie, vereinen kann. Zum Beispiel ist es ihr doch
auch ein Opfer, nicht auch öffentlich für Marya Müllers Vortrag über Stimmrecht
einzutreten. Sie bringt das Opfer der Stellung ihres Mannes und begnügt sich, in
der Stille ihrer Ueberzeugung förderlich zu dienen.«
    Dies endete das Gespräch, schlug ihn einfach auf den Mund. Was sollte ein
Mann von Takt hierauf antworten vor Zeugen?
    Oh, könnte ich sie nur einmal allein sprechen, wie wollte ich die Worte
finden, ihr zu sagen, dass dieser sachliche, kluge Friede im Leben ihrer
Pflegeeltern etwas anderes ist als das Glück, von dem ich träume.
    Aber Allert sah und sprach sie ja nie allein. Und er wagte nicht, ihr eine
Möglichkeit dazu vorzuschlagen - solche in der Wohnung seiner Mutter
herbeizuführen - das wäre nicht gegangen, ohne eine vorherige Verabredung mit
seiner Mutter. Der blosse Gedanke an etwas derartig Inszeniertes war ihm schon zu
plump. Das Feinste, Zarteste, Keuscheste auf der Welt musste in Verschwiegenheit
wachsen, wohin es wollte, der Blüte oder dem Untergange zu. -
    Nicht einmal nach einem geselligen Zusammensein wie diesem konnte er den
Heimweg zu ungestörtem Sprechen benutzen. In den meisten Fällen sah er Marieluis
mit den Eltern zusammen, oder da war ein Auto, sie zu holen, oder, an ganz
schönen Abenden, so wie heute, Lurch, der hinter seiner jungen Herrin wachsam
und in Hörweite ging.
    Allert fand es ja beinahe sinnlos und sah ein ganz naives Betonen einer
Doppelexistenz darin, dass Marieluis sich auf ihren werktägigen Gängen allen
möglichen Anrempelungen und Gefahren aussetzen durfte, ja, musste, aber dass sie
andererseits innerhalb der Formen ihrer Gesellschaftsklasse sich nicht von einem
jungen Herrn allein nach Hause bringen lassen durfte.
    Frau Julias fünf Gäste brachen gemeinsam auf; alle schienen in der besten
Stimmung. Mit Allert hatte sie sich beinahe gar nicht beschäftigt; er fühlte es
befriedigt. Vielleicht hoffte sie nun, John Vierbrinck zum Ritter heranzubilden.
Mochte es ihr gelingen.
    Unten vor der Haustür gab es noch einen kurzen Aufentalt. Da stand die
Vierbrincksche Equipage, und John sagte:
    »Ja, Auto kann jeder reichgewordene Bäcker haben, von Pferden muss man was
verstehen.«
    Und es sah im hellen Strassenlicht vornehm aus, wie der imposante, bartlose
Kutscher auf seinem hohen Sitz unbeweglich tronte, die Zügel in den straff
vorausgestreckten Händen. Patow klopfte sehr wohlgefällig den dunkelglänzenden
Tieren die Kruppe und lobte:
    »'n paar famose Norfolktrotter.«
    John und Dory konnten den Baron Patow einladen, mitzufahren, sie kamen, auf
ihrem Wege nach der Flottbeker Chaussee, beinahe an der Wohnung des Hauptmanns
vorbei.
    Marieluis lächelte in sich hinein. Es war für Allert nicht schwer, zu
erraten, dass dies dem drolligen Schauspiel galt, das ein eifriger Bewerber und
eine willig entgegenkommende Umworbene dem Zuschauer immer bieten.
    Nun gingen sie zusammen die Uferstrasse dahin, Lurch auf den Hacken. Also
gebunden in jedem Wort, mit jeder Geste. Und doch, es war immer ein bisschen
karges Glück, immer eine Gelegenheit, um zu versuchen.
    Allert hatte sich ja längst in das ergeben, was nun nicht mehr auszulöschen
war, in all ihr Wissen von den Düsterheiten des Lebens in seinen Niederungen. Er
hoffte wenigstens, dass sein Gefühl das überwinden werde, vergessen könne. Wenn
nur fortan - -
    Die Nacht war wundervoll weich, von allerlei Düften durchhaucht, diesem
starken Atem der Frühlingserde, der sich mit dem reinen und feuchten Geruch des
Wassers mischte. Auf ihm schlief alles Leben Die kleinen Dampfer rauschten nicht
mehr in eiliger Fahrt hin und wieder; nichts pflügte mehr die sich schaukelnden,
von blitzenden Reflexen beworfenen Wellen auf. Von den Lichtern aus den Anlagen
her spannen sich Strahlen hinaus auf die bewegliche Fläche. Am Ufer die Büsche
und Bäume öffneten schon ihre harten Knospen. Ostern stand ja vor der Tür, ein
Ostern im April, in der raschen Werdezeit. Alle Reiser schienen voller und
schmiegsamer, als sie es noch vor wenigen Tagen gewesen waren, die neuen Säfte
kreisten.
    Und dort, auf der kühlen Flut, wirklich noch ein einsamer Schwan; langsam
glitt er dahin, schien sich nur treiben zu lassen, ein Träumer, um ihn das
schwarze, überglitzerte Wasser, über ihm ein dunkler, melancholischer Himmel
ohne Sterne.
    Und in das feierliche Schweigen hinein, das die Vorfrühlingsnacht ihnen
aufzwang, sagte Allert endlich leise, bittend - noch kein Weib, nicht einmal
seine Mutter hatte aus dieses Mannes Mund solchen Ton der innigsten Bitte gehört
-:
    »Sie werden die Versammlung nicht besuchen, nicht an den Debatten
teilnehmen?«
    Sie antwortete nicht gleich. Und er wartete schweigend. Denn er fühlte in
einer grossen, beglückenden Gewissheit, was in ihr vorging. Dass sie mit sich
kämpfte, gleich ihm.
    Jeder Nerv in ihm war Spannung, sein Herz klopfte. Dieses genaue
Voneinanderwissen, nur aus dem Gefühl heraus, hatte etwas Bezwingendes, schien
ihnen aufzudrängen: begreift, dass ihr eins seid.
    Es war dasselbe vollkommene Hinüberwirken von einem zum andern wie damals,
als beim Tanz ihr gesundes, starkes Blut in gleicher Leidenschaft aufwallte.
    Da sagte sie leise und flehend:
    »Doch! - Aber Sie - ich möchte - ja, ich will Sie bitten - kommen Sie hin -
versuchen Sie zu verstehen.«
    Er antwortete nicht. Er hatte ein dumpfes Gefühl davon, dass er irgend etwas
unsinnig Glückseliges getan haben würde, wenn sie ihm versprochen hätte - -
    Er begriff auch: dieser flehende Ton. Das war viel von ihr. Das brach nicht
ungehemmt aus den Fugen ihres stolzen, festen Wesens hervor, das hatte sie etwas
gekostet.
    Aber antworten, versprechen konnte er nichts.
    Am übernächsten Morgen sah er wieder die kleinen ebenmässigen lila
Buchstaben. Und diesmal schrieb Frau Julia:
»Mein Mann kommt schon heute abend. Wie ich ihn kenne, wird ihm daran liegen,
Sie gleich zu sprechen, Ihnen von den Resultaten seiner Reise erzählen zu
können. Aber mit dem Abendessen werden wir nicht warten. Wenn ich das Kursbuch
recht verstehe - es ist für mich Sanskrit, Hottentottisch, Tungusisch -, so kann
mein Mann erst halb zehn zu Haus sein. Ich bitte Marieluis, mit uns zu essen;
sie ist frei heute abend, das weiss ich gewiss. Vielleicht debattieren Sie dann
mit ihr weiter. Sie ist herrlich in ihrer leidenschaftlichen Ueberzeugung für
die Sache. Ich komme daneben in den Schatten. Macht nichts. Im Schatten ist es
ganz bequem. Ihre Julia Dorne.«
Allert war überrascht. Dorne hatte doch vorgehabt, am Dienstag Abend Wien zu
verlassen, in Berlin am Mittwoch Vormittag einzutreffen, den Tag dort noch
eifrig auszunutzen und dann gegen Mitternacht den Zug nach Hamburg zu nehmen,
der hier morgens sechs Uhr eintraf.
    Nun, es passte gut. Seine Mutter wollte mit Tulla in die Oper. Er pflegte
jetzt an freien Abenden bei der Mutter zu essen. Indem er dann so Dornes Reise
überdachte und das, was seine Mutter für den Abend vorhatte, verbarg er vor sich
selber, dass seine erste, einzige Aufwallung gewesen war: ich kann sie heute
sehen.
    Wieder, wie am Montag, war Marieluis noch nicht anwesend; dafür fand er aber
bei seinem Eintritt ein anderes, höchst überraschendes Bild. Das Zimmer schwamm
in rotgelbem Licht, Frau Julia war wie immer von weissem Chiffon zart umflossen,
unterm Saum schauten die Spitzen der hellila Schuhe hervor. Eher Bajadere als
Mutter! dachte Allert. Denn sie hatte ihre beiden Töchter neben sich, von deren
kluger, bedachter Erziehung man so viel hörte, und die man so selten zu sehen
bekam. Es war ein liebliches Bild stillen Familienlebens. Die dunkeläugige
Dolores hatte ein Buch auf dem Schoss und lehnte das schwarzhaarige Köpfchen an
die Schulter der neben ihr sitzenden Mutter. Und Ingeborg, blond, fade von
Farben, mit jenem Unglücksgefühl der Fünfzehnjährigen, zu lange und zu viele
Arme und Beine zu haben, stand mit einer Wollsträhne über den Gelenken und
wickelte an einem Knäuel, der ihr rund und rot zwischen den Fingern lag. Bei
Allerts Herannahen fiel ihr vor Verlegenheit der Knäuel aus den Händen und
rollte unter ein Schränkchen. Nun bückte man sich und lachte, und der Faden riss.
Und dann sagte Frau Julia, die Kinder müssten Gutenacht sagen. Es war nun einmal
ihr Prinzip: Kinder gehören nach acht Uhr nicht mehr in den Salon.
    Durch dieses kleine Vorspiel bekam das Zusammensein etwas unbeschreiblich
Harmloses.
    Allert mochte nicht fragen. Aber Marieluis kam nicht - kam nicht ... Frau
Julia bat zu Tisch ... Da war für drei gedeckt ...
    »Ich hoffe, mein Mann kommt doch noch, während wir unser Hähnchen
verschmausen.«
    Also war das dritte Gedeck für den Gatten? Nicht für Marieluis?
    »Wenn er schon um halb sechs von Berlin gefahren sein sollte ... Aber das
würde mich doch sehr überraschen ... Er hat dringend dort zu tun. - Ich denke,
vor elf Uhr kann er nicht eintreffen ... Mir hat er überhaupt bestimmt gesagt
gehabt, dass er sich für Mittwoch Abend noch mit Professor Rädels verabredet
habe.«
    »So?« fragte sie, während sie von der Schüssel ein besonders gutes Stück
Geflügel aussuchte und ihm auf den Teller legte, »sollte ich das so völlig
falsch verstanden haben?«
    Ihre Unbefangenheit war vollkommen. Und doch fühlte er so etwas wie Aerger
leise in sich aufsteigen - aber nur aus dem einzigen Grund, weil sie so gar
nicht das Ausbleiben von Marieluis erklärte. Er spürte darin weibliche
Hinterhältigkeit - ein spöttisches kleines Rachegefühl -, denn er ahnte, dass sie
erraten hatte, dass er in Aufruhr sei ... Er nahm sich vor, auch seinerseits zu
schweigen - der Frau nicht den Gefallen zu tun, nach der Ausgebliebenen zu
fragen. So ging die Tischzeit hin, in sehr lebhaftem Gespräch. Aber sie wussten
doch beide, es war ein verstecktes Gefecht. Julia hoffte, ihm die Frage nach
Marieluis abzuzwingen, und er blieb entschlossen, zu tun, als denke er nicht an
diesen Namen.
    Dann kehrte man in das weiche Traumlicht des Salons zurück, und Allert
sprach etwas zerstreut vom Kursbuch und dass doch wohl Doktor Dorne nunmehr erst
um 11 Uhr 2 Minuten käme, und dass er, am Bahnhof fast vorbeikommend, an den Zug
gehen wolle. Fast klang es, als ob er Frau Julia jetzt sich selbst überlassen
wolle. Sie sagte flink, das wäre sehr aufmerksam von ihm, und sie ginge
vielleicht sogar mit. Sie liess sich auf die Chaiselongue in der dämmerigsten
Ecke nieder, den Ellbogen in das Kissengehäuse am Kopfende gebohrt, das
interessante Haupt in die Hand gestützt.
    Und immer noch hatte Allert nicht nach Marieluis gefragt. Da sah sie dann
ein: er hat einen zu harten Kopf! Und ganz rasch, um wenigstens das Vergnügen zu
haben, ihn zu überrumpeln, sagte sie:
    »Marieluis konnte nicht, ihre Mutter hat Migräne oder so dergleichen;
Marieluis muss für sie korrespondieren - ich glaube - ich verstand es nicht recht
am Telefon. Telefon macht mich nervös.«
    Plötzlich hatte Allert doch das Gefühl: sie hat Marieluis gar nicht
eingeladen - sie wusste auch, dass der Mann nicht hier sein konnte -
    Aber nein! Das reizende Bild von vorhin wirkte nach, wie sie hier mit ihren
Kindern sass. Und da war doch das Gedeck für den Mann auf dem Tisch gewesen. -
Die Dienstboten, die Kinder wussten demnach auch: er hätte kommen können - -
    Als ob Frau Julia ihm an der Stirn ablese, dass da unbehagliche Gedanken sich
zu sammeln begannen, so fing sie nun an, auf das munterste zu plaudern.
    dabei machte sie es sich auf ihrer Chaiselongue immer fauler und kuschelte
sich immer weiter in all diese Kissen hinein; eigentlich lag sie mehr, als dass
sie sass. Allert, auf dem Stuhl daneben, etwas vorgebeugt, die Hände zwischen den
Knien gefaltet, sah aufmerksam zu ihr herab - dies Exemplar von Frau betrachtend
und bedenkend: so was von versucherischer Koketterie, von unbekümmertstem Evatum
hat sich doch nur durch männliche Schwachheit entwickeln können.
    »Ja,« sagte sie mit einem Seufzer, der durchaus offen für gekünstelt
genommen werden sollte, »nun müssen wir uns auf die Seite der Engländer
schlagen.«
    »Der Engländer?«
    »Na ja. Als ich Marieluis einlud, dachte ich mit den Franzosen: le troisième
fait la conversation, und hoffte, dass sie, als die unterhaltende Dritte, uns mal
allerlei aus ihrer sozialen Tätigkeit beichten solle. Ich sage Ihnen, da gibt es
gewagte Situationen und die heikelsten Geschichten. - Aber das ficht Marieluis
nicht an. Ich habe sie ja dabei beobachten können. Bewundernswert, sage ich
Ihnen. Eine heilige Priesterin, die gewissermassen mit vollen Händen in den
Schlamm greift, um da irgendein Individuum herauszufischen und zu säubern.«
    Das war für ihn gesagt. Er ahnte es. Und er konnte sich doch nicht dagegen
wappnen. Es schmerzte. Sie fuhr angeregt fort:
    »Das ist nun mal ihre Mission. Ich glaube schon, dass sie wahrmacht, was sie
vorhat: ihr ganzes Leben sich dieser Tätigkeit zu widmen - o Gott - das könnte
ich nicht - einen beglücken - ja. Aber so Volksbeglückung« - sie schüttelte sich
ein bisschen. Und aus dem schmeichlerischen Dämmerlicht leuchteten die Augen
heraus, mit glutvollen Blicken - sie waren wie Schauspieler, diese Augen, und
führten für sich allein eine ganze Komödie der Lockung auf.
    Allert schwieg. So merkwürdig versagte ihm, dieser Frau gegenüber, immer
sein flinkes, fröhliches Reden.
    »Also nun müssen wir sehen, ob die Engländer recht haben: two are company,
tree are no. Zwei sind eine Gesellschaft, drei nicht! Wunderlich - dieses Wort
sollte doch viel eher von den Franzosen kommen als das vom Dritten, der die
Konversation macht. Zweisamkeit - das Bezauberndste zwischen zwei Menschen, die
sich verstehen ...«
    Und ganz jäh den leichten Plauderton verlassend, sagte sie voll bebender
Leidenschaft:
    »Eine Zweisamkeit mit mir ist Ihnen Last - ja, ich weiss es - Sie verstehen
mich auch nicht ...«
    »Aber, gnädige Frau ...«
    »Wie durften Sie meine armen Blumen so misshandeln!«
    Also doch! dachte Allert und unterdrückte den Seufzer starken Aergers. Nun
wusste er, dass dieser ganze Abend auch nur eine genau vorherbedachte, klug
angeordnete Szene gewesen war.
    Er sagte kälter noch, als er selbst wusste:
    »Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich. Wie kann, wie darf ich Zeichen solcher
Güte von Ihnen annehmen ...«
    »So - und jene Nacht - wo wir vom Feuer heimfuhren - da dacht' ich doch - da
durfte ich glauben ...«
    »Nichts, als dass Erregung der allermenschlichsten Art, dass Weichheit,
Nervosität - mich in Ihnen eine schwesterlich Mitfühlende sehen liess.«
    »Wenn Sie wüssten, wie ich oft leide ...« Und sie warf sich, plötzlich
aufschluchzend, herum und versteckte ihr Gesicht in den Kissen ...
Unterdessen war schon vor einer Stunde ein blasser, reisemüder, überarbeiteter
Mann aus den Wagen gestiegen, die der D-Zug von Berlin in rasender Fahrt nach
Hamburg gebracht.
    Es war Dornes fester Vorsatz gewesen, in Berlin noch den Abend mit seinem
Studienfreund Professor Rädels allerlei Fachmännisches durchzusprechen. Auf der
Nachtfahrt von Wien nach Berlin hatte er wenig geschlafen. - Sein Gehirn
durchsiebte rastlos alles, was es aufgenommen hatte - verglich eigene Resultate
mit den in Wien gesehenen, ging bohrend und konzentriert all diesen unerhört
schwierigen Formeln und Zahlen und Zeichen der chemischen Versuche nach. - - Und
dann - ganz jäh fuhr, wie ein Blitz, der Gedanke an die vergötterte Frau
dazwischen. - Und sein erschöpftes Hirn hatte einen tollen Gedanken ... Wenn er
wüsste - wenn es eine Wissenschaft gäbe - das geheimste Leben solcher Frau zu
erforschen - auseinanderzulegen - wie eine chemische Verbindung. - - Weil es
seine Frau war, und weil sie sich auch gerade vor ihm mehr verbarg als vor
anderen Männern, sah er sie als etwas Geheimnisvolles. - Zuweilen - -
    In Berlin gönnte er sich kaum rechte Musse zu Mahlzeiten und dachte: Heute
abend werde ich mit Rädels vortrefflich essen und in Ruhe mit ihm sprechen ...
So bei Tisch - das ist keine Anstrengung mehr. - Und inmitten aller Hetze kam
ihm dann immer die Vorstellung: sie will morgen so früh aufstehen ... Das rührte
ihn ... Das wollte er ihr ersparen ... Und plötzlich fragte er sich: was sie
wohl heute abend tut? Montag hatte sie einige Gäste, dass sie sich die
zusammenbitten wollte, erzählte sie noch, ehe er ging ... Aber Dienstag abend?
Und heute abend? - Oh, und das frühe Aufstehen ... Morgen früh halb sechs Uhr
schon an die Bahn ... Solch ein Unsinn ... Aber sie machte manchmal solche
törichte Aufopferungen - nur um ihm zu zeigen, wie teuer er ihr war ... Und ganz
aus den dunkelsten Gründen seiner Erinnerungen kam so etwas herauf wie Schreck -
eine Beobachtung meldete sich - - Immer fielen diese Beweise von Zärtlichkeit in
Zeiten, wo er voll Unruhe war - wo es ihm schien, als stehe ein anderer Mann an
seinem Wege und wollte seine Strasse als Räuber kreuzen ...
    Aber welche Tollheit ... Nein! Und er zwang das nieder - wie so oft -
schämte sich - bat den fernen schwarzen Augen alles ab ...
    Und fünf Minuten vor fünf depeschierte er doch an Professor Rädels, dass er
sogleich nach Hamburg weiterreisen müsse und am Abend nicht mit ihm zusammen
sein könne ...
    Während er die Depesche schrieb, quoll ihm die Güte, die weiche Sehnsucht
nach der Frau als Rührung im Herzen hoch. Nein, sie sollte nicht früh in den
rauhen Morgen hinaus. - Diese ersten Apriltage steigen oft mit solcher Herbheit
aus der Nacht empor. Das wollte er ihr ersparen - er wollte sie überraschen. - -
    Und seltsam - als er sich jäh vorstellte: sie nimmt die Ueberraschung
vielleicht unfreundlich auf - da siedete so etwas wie Hass über das weiche Gefühl
hin - und liess ihn erbeben. - -
    Die Fahrt wurde fiebrische Ungeduld. Sie sank aber in feigste
Unschlüssigkeit zusammen im Augenblick, wo er den Fuss auf den Asphalt des
Hamburger Bahnsteigs setzte.
    Wo war sie? Einsam und friedlich zu Haus? Mit den neuen Bekannten im
Teater? Hatte sich jemand der Strohwitwe angenommen und sie für den Abend
eingeladen? Vielleicht war Frau von Hellbingsdorf so gütig gewesen. Oder lud sie
sich irgendeine Gesellschaft ein? Marieluis? Oder - oder Allert? ...
    Der Mann fühlte: sein Mut versank ihm, wie Boden unter den Füssen beim
Erdbeben ...
    Plötzlich dachte er, dass er zunächst zu seinem Teilhaber gehen und ihm von
den wichtigen Erlebnissen der Wiener Reise berichten wolle. Allert selbst war
darin so aufmerksam: kam er heim von einer Geschäftstour, müde, abgespannt, so
trat er doch noch oft spät bei dem Arbeitsgenossen ein und sprach von seinem
Erfolg. Es erschien mit einemmal als die nächste Pflicht: zuerst zu
Hellbingsdorf. Der war ja nun, seit seine Mutter hier wohnte, jeden Abend bei
ihr. Ausserdem: Frau von Hellbingsdorf war so gütig, nahm sich Julias an,
obgleich sie sie nicht mochte - ganz seltsam hellseherisch begriff er das mit
einem Male. - Ja, wahrscheinlich - Julia war dort. - - Also dahin - gleich -
zuerst. - -
    Und er schleppte, völlig wie verbohrt in seine Gedanken, seinen Handkoffer
selbst mit sich ... Vom Hauptbahnhof nach »An der Alster« - wenige Minuten ...
    Dann treppan - treppan. - Und der schrille, zitternde Klang der elektrischen
Glocke fuhr über seine Haut als Frösteln. Terese öffnete.
    »Ih, Jotte doch, der Herr Doktor Dorne - nee, das wird die Herrschaft aber
bedauern ... Was meine j'nä Frau is, die is mit Fräulein Rositz in de Oper ...
Herr von Hellbingsdorf? Ih nee, wenn die j'nä Frau nich zu Haus sind, kommt er
nich hier Abend essen ...«
    »Darf ich einen Augenblick eintreten,« bat er.
    »Aber jewiss doch - darf ich 'n Ilas Wein bringen? Oder 'n Happen Butterbrot
- Herr Doktor seh'n flau aus ...«
    »Danke, danke ...,« wehrte er ab.
    Terese fand es ja ein bisschen wunderlich, dass er in das grosse Wohnzimmer
vorn eintrat und ihr abwinkte, als sie das Licht aufdrehen wollte ... Aber was
wollte sie machen? Wo es doch eben Herr Doktor Dorne war ...
    Er trat in dem dunklen Zimmer ans Fenster. Es war matt durchhellt vom Licht,
das die Räume einer Weltstadt immer füllt, das in Strassen und auf Plätzen die
Nacht vertreibt und noch bis zu den höchsten Stockwerken hinauf seinen Schein
sendet.
    Er sah hinaus und hinüber ...
    Die Nacht war klar. Schwarzblank flutete da unten das Wasser, und das
Verkehrsleben zog drüber hin. Erleuchtete kleine Dampfer krochen, gleich
Riesenglühwürmern, hin und her - begegneten sich, zogen in geraden und
geschweiften Linien aufeinander zu und wieder auseinander - ruhten an Brücken
zwei Minuten aus und rauschten weiter ... Der Himmel stand schwarzblau und mit
Sternen besäet über ihm. Kein Lüftchen regte sich.
    Drüben, hinter den Anlagen des jenseitigen Ufers, sah er die Häuser. In
ihren Fronten waren die erhellten Fenster wie längliche viereckige, unregelmässig
aufgeklebte Stückchen Glanzpapier auf dunklem Grund.
    Und er sah so deutlich zwei, die rotgelb schimmerten. - Vielleicht sah er
sie nicht wirklich - oder nahm irgendwelche hellen Flecke dafür. - - Ja, so
deutlich sah er sie - dass er dahinter, durch die Seide und den Tüll der
Vorhänge, eine Frau auf umdämmerten Kissen sich dehnen sah - und sie war nicht
allein ...
    Terese kam aus ihrer Küche heraus. Sehr eilends und erschreckt. Da war doch
eine Tür hart ins Schloss geworfen worden? Und sie ging nach vorn. Nein - das!
Weg war der Doktor, und da stand wahrhaftig sein Handkoffer ...
    Der Mann lief treppab - er rannte an der Uferstrasse hin und rannte Menschen
an - er kam an die Lombardsbrücke - seine Füsse wurden schwer - immer langsamer
ging er. - Und ob er gleich endlich nur noch schlich - einmal kam er doch an ...
Er ging auf und ab vor dem Hause - lange. Dann schritt er über den Strassendamm
und betrat die Anlagen am Ufer, die die Strasse jenseits einfassten. Von da konnte
er an der Front des Hauses emporsehen. Und nun sah er sie wirklich, diese beiden
sanften, von rotgelbem Licht so warm und lockend erfüllten Fenster, und sah die
dicht zusammengezogenen Vorhänge, durch die all dieser wohltuende Schimmer kam
...
    Die Feigheit fiel von ihm ab wie ein gelöster Panzer - er war plötzlich
kalt, entschlossen, sicher. - Dies friedlich schöne Licht war ihm wie ein Ruf. -
Er liess sich davon rufen ... Schnell ging er ins Haus - auf den Treppenstufen
mit dem kleinen, stählernen Schnepper fingernd ... Und stumm - ohne dass ihm wie
sonst dieser nervöse, trockene Hustenreiz kam, der wie ein Heroldsgeräusch war -
stumm und rasch trat er ein ...
    Da lag in der dämmerigsten Ecke des Zimmers, tief eingebettet in all diese
phantastischen, farbigen Kissen ein Weib, von dünnen, weissen Stoffen war der
schlanke Körper straff umspannt -
    Und neben ihr sass vornübergebeugt ein Mann und schien zu der Weinenden zu
sprechen ...
    Allert erhob sich auf der Stelle - peinlich betroffen - jäh von dem Gefühl
erschreckt, dass ein Rasender ihn beschlichen habe - dass der ihn falsch sähe -
missdeutend -
    »Dorne!« sagte er; »also doch noch. Ich hoffte Sie hier zu finden. Und da
Sie nicht gekommen zu sein schienen, besprachen wir schon, dass wir Sie um elf
Uhr am Zug empfangen wollten.«
    »Das ist Lüge,« sprach der andere Mann. »Sie sind ein Lügner und ein
Schuft.«
    Allert erbleichte.
    »Herr« - - brauste er auf ...
    »Sie wussten, dass ich erst morgen früh halb sechs ankäme. Und sie - sie wusste
es auch ...«
    »Ich bitte Dich!« rief seine Frau dazwischen - und welche kalte, herrische
Verachtung war in ihrem Ton. - »Was fällt Dir ein ... bleibe doch
geschmackvoll.«
    »Wir haben uns wohl in diesem Augenblick nichts mehr zu sagen,« fuhr der
Mann fort - in einer furchtbaren, stillen Sammlung - ein Besessener, der nicht
tobt - »ich bitte Sie, mich mit meiner Frau allein zu lassen.«
    Allert, mit einem vor Zorn entstellten Gesicht, versuchte sich zu sammeln.
Er begriff - er musste es sich versagen, jetzt mit diesem Mann zu streiten. Das
Briefchen der Frau, das ihn hergelockt, trug er bei sich - er konnte, er durfte
sich nicht auf Kosten des Weibes reinigen von Verdacht. Nach diesen
Beleidigungen hatte er dem anderen den Glauben an seine Ehre mit
nachdrücklicheren Mitteln einzuschärfen, als es Worte sind - -
    »Ich gehe,« sprach er ruhig, »Sie verstehen von selbst, dass ich meine
Antwort auf Ihre Beschimpfung zu geben wissen werde ... Die Rücksicht auf die
Dame gebietet mir aber noch, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, dass ...«
    Der Mann erhob unterbrechend, abwehrend die Hand - es war eine gebieterische
Geste des Schmerzes - in den hellen Augen glimmte ein gesammelter, kalter Hass. -
Das gab ihm Grösse, diese kurzauf züngelnde Grösse, die dem Wahn die Gewalt gibt,
sich über die Wahrheit zu setzen ...
    Und Allert gehorchte. Er ging. Nicht ohne von der Schwelle her eine
förmliche Verneigung in der Richtung zu machen, wo er die weisse Frauengestalt
sah. -
    »Du bist toll!« sprach sie und zuckte die Achseln. »Die Szene verzeih ich
Dir nie. Du hast Dich lächerrlich gemacht.«
    »Ich bin nicht toll. Ich habe nur endlich den Mut zu sehen ...«
    »Aber mein Himmel - - Er gab Dir doch sein Ehrenwort.«
    »Ehrenworte in diesen Dingen sind immer Lügen.«
    »Wenn ich Dir doch schwöre - -«
    »Deine Schwüre sind auch Lügen ...«
    Sie sah ihn an. Sie kannte die Männer von Grund aus. Auch den ihren. Und
hatte ihn tief verachtet, weil er mit sich spielen liess ... Nun war sie
betroffen, sah etwas Rätselhaftes - das sie nie - auch in ihrem ganzen künftigen
Leben nicht begriff. So oft war er blind gewesen - hatte blind sein wollen - aus
Hörigkeit - und diesmal - diesmal, wo er keinen Grund zur Eifersucht hatte - -
Diesmal?? ... Unfasslich war es - ganz unfasslich. -
    Wie sie so, einige Herzschläge lang, mit jagenden Gedanken, ihm in die Augen
blickte, quoll leise ein neues, furchtbares Gefühl in ihr auf ... Angst vor
diesem Feigling. Was ist Angst vor einem Zornigen? - Was Zittern vor der
Mannhaftigkeit? - Nichts, nichts - - aber wenn die Feigen hassen! -
    »Ich will Dir Beweise geben,« sprach sie langsam.
    »Wie könntest Du!«
    »Doch. Ich will Dir das einzige Briefchen geben, das ich von ihm habe.«
    »Es kann eine Lüge sein - wie alles - -«
    »Nein. Du wirst sehen - ich schickte ihm einmal Blumen - er ist so plump -
sah Gott weiss was drin - wies sie zurück - -«
    Sie ging an ihren Schreibtisch. Sie schloss auf. - Da hinten im Fache - wie
viel Briefe - sauber in Bündeln - umbunden mit kleinen Goldlitzen. - Und vorn
allerlei Papiere durcheinander - Rechnungen - dazwischen noch Allerts Zeilen im
Umschlage, darauf die Adresse von seiner kräftigen Schrift. - Sie hatte nicht
gleich gespürt, dass ihr Mann herankam - schleichend fast - und hinter sie trat.
- Gerade hatte sie Allerts Brief in der Hand, und nun wandte sie sich rasch um,
mit ihrem Körper den Blick auf das offene Schubfach zu hindern. - Ein jähes
Gefühl trieb sie warnend, - sonst trat ja dieser Mann schonend hinweg, wenn sie
in seiner Gegenwart einmal an ihren Schreibtisch ging - als scheue er den Blick
- wolle Diskretion zeigen. - Und nun kam er so nah heran? -
    Zu spät - er stiess sie fast hinweg - er umkrallte den Rand des offenen
Schiebefaches ...
    »Was willst Du? ... Hier ist Allerts Brief ...,« schrie sie.
    Er dachte nicht mehr an Allert - oder nicht mehr an ihn allein - da waren
andere Handschriften - in Bündeln, wohlgehäuft, lagen sie da - das Herz und Hirn
seiner Frau spiegelten sie - hineinsehen konnte er nun - wissen, wissen, wissen
- -
    Sie rang mit ihm. Umsonst.
    Und endlich kauerte sie, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in den
Händen, auf dem Rand des Ruhebettes. Nicht mehr eine Verführerin, sondern ein
für den Augenblick geschlagenes Weib, das nun trachtete, sich zu sammeln, seine
Hilfskräfte zu bedenken, sich klarzumachen, wie der Mann dennoch zu besiegen sei
... Dieser bettelhafte Mann. Oder war er nicht mehr der gierig Verlangende, von
ihrer Gnade Lebende - vor ihrem Blick Zitternde? - Nicht mehr?
    Er sass vor dem Schreibtisch - über die aufgezogene Schublade geneigt - die
wie ein Stück entblösstes, aufgewühltes Dasein war. Feine Goldfäden wurden
zerrissen - sauber geordnete Briefbündel glitten auseinander, als seien sie in
lauter kleine Schollen aufgelöst worden - aus ihren glatten, stillen, weissen,
flachen Lagern standen die Worte wieder auf, die ihr Leben nur durch die Augen
haben, die sie liest - die nicht sind, wenn das Papier nicht entfaltet wird,
darauf sie sich hinreihen.
    Hier waren aber kalte, feste Finger, die aus dem Spaltenmund dereinst in
fiebernder Wonne geöffneter Umschläge nun die zusammengelegten Bogen nahmen.
    Hier waren stechende Blicke, die in furchtbarer Ruhe lasen. - -
    Die Minuten liefen. Ausser dem Rascheln der Papiere kein Laut. Die Frau
seufzte nicht einmal - sie horchte - sie dachte - sie erwog. -
    Und da stand er auf. Befreit. Ein Mann.
    Er fühlte keinen Schmerz - noch nicht - in dieser Stunde noch nicht. Ganz
wunderbar beschwingt und erlöst war ihm. Er hatte seine Hörigkeit zerbrochen.
Nicht einmal Liebeshass war in ihm - nur das Gefühl, dass irgend etwas Ungeheures
von ihm genommen, dass Schimpfliches zu Ende sei. Eine Schmach beendet.
    Er ging auf die Frau zu. Sie erhob ihr Gesicht aus den Händen und sah ihn
an.
    »Lass mich Dir sagen ...«
    »Nichts!« unterbrach er sie; »Du wirst zu tun haben, was ich Dir befehle. Es
mag jetzt halb elf - elf sein - in einer halben Stunde kannst Du das Nötige
gepackt haben. Um Mitternacht gehen Züge - einerlei wohin - nach Köln, nach
Frankfurt - oder Du kannst nach Altona hinüber fahren, im Hotel bleiben, morgen
früh reisen - -«
    »Aber lass doch mich ...«
    »Nichts!« sagte er. Und er sah sie an - mit seinen hellen Augen - fest, kalt
- erstaunt fast - und langsam quoll nun doch etwas in ihm auf - als Vorbote
künftigen Grames: ein furchtbarer Zorn gegen die Frau, die auch Mutter war ...
Er sah diese arme, junge, hochaufgeschossene Ingeborg, die immer verlegen war
und sich überflüssig fühlte neben der schönen Mutter - und er sah das
dunkeläugige Kind mit dem spanischen Namen und dem tollen Temperament - -
    Sie erkannte einen Wechsel in seinem Auge. Dass da was aufglomm. Es wirkte
furchtbar. Und eine wahnwitzige Idee zuckte durch ihr Hirn. Wenn er hasste, sich
rächen, sich von ihr befreien wollte ... Er brauchte nicht Dolche und Kugel. Er
beherrschte eine fürchterliche Wissenschaft - sie machte ihn, wenn er wollte,
zum Herrn über Leben und Tod - leise, unentdeckbar, konnte er hinwegräumen, was
seiner Rache verfallen war. Sie fror vor Angst.
    Und wenn sie auch in dieser Stunde so lange rang und flehte und log und
verführte, bis ihr Sieg ward. - - Er konnte morgen, in wiedererwachendem Hass,
ihre Speisen mischen und ihr jeden Trunk zu einem schleichenden Todesurteil
machen.
    Dieser Wahnsinn - diese Furcht vor der Rache eines, den sie feige gekannt,
brach ihren Willen - gab ihm die neue Richtung: nur fort - fort - - um ihr Leben
schien es zu gehen - nur fort. - -
    Sie erhob sich. Mit ihrer letzten Kraft versuchte sie Hochmut zu heucheln.
    »Geh,« sagte er.
    Und sie ging.
Allert war von jener merkwürdigen Gefassteit wie gebunden, die so oft einem
grossen Schreck nachfolgt. Ganz erstaunlich kaltblütig und ruhig fühlte er sich,
als er langsam die Treppen hinunterging. Er ging nach Hause. Es war weit. Das
gelassene Dahinschreiten tat gut.
    Er fragte sich: und jetzt?
    Das nächste war klar: an Patow schreiben: Komme sofort und stehe mir in
einer Ehrensache bei. Von heute auf morgen liess die sich natürlich nicht
abwickeln. Wen hatte denn Dorne? Hier keinen Menschen. Er gehörte einer
schlagenden Verbindung an. Er musste sich einen von seinen alten Korpsbrüdern
herbeizitieren. Also das gab eine Verzögerung.
    Und die schien zunächst das allerärgerlichste. Eine Beleidigung soll sofort
abgewaschen werden - solange sie es nicht ist, brennt sie wie Feuer weiter -
    Der Kerl war verrückt! dachte Allert kräftig. Nun, das sind die Sinnlosen ja
immer. Aber ihre Taten ziehen die Besonnenen mit in den Wirbel und Abgrund.
    Allert fühlte voll Empörung, dass er nicht die mindeste Lust habe, sich
totschiessen oder schwer verwunden zu lassen.
    Wegen so einer Frau! Das war denn doch zu toll. Ihm fiel ein weiser
Ausspruch ein, den Fritz Patow früher mal getan: Bei wirklich schuldvollen und
gefährlichen Geschichten hat man viel mehr Sicherheit als bei blossen
Unvorsichtigkeiten! Schuld meidet eben den Schein, die Unbefangenen tappen oft
zu dumm in was 'rein.
    Und hier konnte ja nicht einmal von Unvorsichtigkeit und dummem Hineintappen
die Rede sein. Auf welche Weise hätte er sich denn diesem Zusammensein entziehen
sollen? Er war doch an den Mann gekettet. Da liess es sich schwer einrichten, die
Frau zu meiden.
    Dass die Eifersucht des Mannes sich so jäh gegen ihn gewendet hatte, war
Allert nicht sehr verwunderlich. Da hatte eine Zündschnur lange geglimmt und das
Feuer des Argwohns sich allmählich herangefressen an den Sprengstoff. Dem armen
Menschen konnte man aber jetzt seinen bösen Irrtum nicht klarmachen. Vor der
Hand handelte es sich einzig um seine eigene verletzte Ehre und darum, die
erfahrene Beschimpfung abzuwehren.
    Allert schüttelte den Kopf. Es gibt wahnwitzige Sachen, dachte er. Wie
lange, wie oft war dieser Ehemann wohl blind gewesen. Und nun - ausgerechnet
diesmal, wo keine Ursache war ...
    Es hätte nicht viel gefehlt, dass Allert auflachte. In allem ist auch immer
eine verborgene Komik. Die spürte Allert stets deutlich heraus, dazu hatte er
ein förmliches Talent.
    Aber diese Geschichte ging ihn denn doch zu peinlich nah an, als dass er sich
wohlgefällig am Grotesken darin hätte erbauen können ...
    Ihm kam die Frage: wie die zwei nun wohl miteinander abrechnen? Welcher
Genuss für die Frau, welche famose Chance, als unschuldig Angeklagte
aufzutrumpfen! Um danach und dadurch sich desto sicherer als Herrin dieses
hörigen Sklaven zu fühlen. Na, immer zu. Jeder Mann hat die Frau, die er
verdient ... Man kann zu einer kommen, die man nicht verdient hat - aber was man
dann behält, das ist eben nicht mehr Sache des Schicksals, sondern des
Charakters.
    Seine Gedanken verliessen das Ehepaar und begannen wieder die Regelung der
Ehrenfrage zu umkreisen. Allert wusste, dass er von dem Augenblick an, wo er Patow
bitten musste: nimm das in die Hand - ordne das! eigentlich willenlos wurde. Dann
hatte er sich ganz einfach in das zu fügen, was seine Sekundanten ausmachten ...
    Eine rasende Ungeduld stieg in ihm auf. Dass man nicht gleich und ganz
primitiv sich selbst seine Genugtuung nehmen konnte! - Er beneidete dem Mann aus
dem Volke sein Faustrecht. - Dem Beleidiger auf der Stelle einbläuen dürfen: was
unterstehst Du Dich! Wie entladend, wie herrlich entspannend musste das sein.
    Nun hiess es schwüle Tage voll qualvoller Stimmungen ertragen.
    Allert dachte daran, dass sein Dasein doch gerade in diesem Augenblick sehr
reich sei - Kampf um Erfolg - Kampf um ein Weib. Ja, rechtes Mannesleben war
das.
    Und nun?
    Sollte eine Ironie des Schicksals all das enden? Sollte er, gerade er seine
Brust den Schüssen darbieten, die zukömmlichere Ziele bei anderen Gelegenheiten
hätten finden können?
    Nein. Ein unzerstörbares Vorgefühl sagte ihm, dass er nicht an einer
Albernheit scheitern würde.
    Die Geschichte würde sich ordnungsgemäss abwickeln; man schösse vielleicht
ein paar Löcher in die Luft - hüben und drüben - denn der zur Besinnung
gekommene Dorne würde ja wohl nicht an ihm zum Mörder werden wollen, und er
selbst hatte nicht die mindeste Lust, dem Gatten der lüsternen Frau Julia das
Leben zu nehmen.
    Also das musste nun mit anständiger Haltung - zu der vor allem Geduld gehörte
- durchgemacht werden.
    Und dann Schluss -
    Er kam so, in überlegener Fassung, in seine Wohnung. Die paar Zeilen an den
Vetter Hauptmann waren rasch entworfen - ein Ruf, dass Fritz so schleunig als
möglich sich herbeibemühen möge.
    Schererei für Fritz, dachte er. Sekundant sein, ist immer lästig - freilich,
es gibt auch da freudige Spezialisten - aber so einer war ja Fritz Patow nicht.
Nun, er würde aber die Situation mit Würde beherrschen.
    Plötzlich fiel Allert ganz etwas anderes ein. Und er blieb wie versteinert
stehen - gerade vor dem Briefkasten, in den er das Schreiben an Fritz werfen
wollte - die nächtliche Strasse war so einsam - und durch ihre Stille kamen
deutlich die Geräusche - wie sich wenige Figuren von einem leeren Hintergrunde
genauer abheben als vor einem Menschengewühl - das pünktliche Stampfen
irgendeiner Maschine - das rasche, puffende Ausstossen von Dämpfen aus einem
Ventil - wie aus keuchender Menschenbrust kam das. Allert hörte ein Weilchen zu,
wie um den Gedanken, die ihn so schreckhaft überfallen hatten, erst noch
Sammlung zu gönnen.
    Ein greller Pfiff, den eine Dampfpfeife irgendwo auf dem Kanal oder in einer
Fabrik hinausschrie, riss ihn dann aus dieser Pause -
    Was hiess das: und dann Schluss!? -
    Er konnte ja gar nicht mit dem Manne Schluss machen. Solche Teilhaberschaft
löst sich nicht von heute auf morgen! Ganz abgesehen von dem schlechten Eindruck
in der Geschäftswelt ... Ende November hatte man sich zusammengetan - im April
lief man wieder auseinander? Nein - ganz einfach - das war unmöglich. Das hätte
die Firma in einen zweifelhaften Ruf gebracht - das hiesse, alles an junger Ehre,
erwachendem Ansehen, aufspriessender Ernte preisgeben, was man in vier Jahren
sich blutsauer erkämpft ...
    Und viel mehr noch: nicht nur um des Ansehens willen, des moralischen
Kredits halber konnte er sich nicht von diesem Teilhaber trennen.
    Da war ja dies Geld! Dieses so bitter nötige Kapital - um dessentwillen er
sich ja doch überhaupt mit Dorne zusammengetan hatte.
    Und wenn sich das Unternehmen noch auf der gleichen Basis befunden hätte!
Noch begrenzter und kleiner, wie vor Dornes Eintritt - wie vor dem grossen
Brande!
    Vor Allerts Erinnerung stieg die hohe Flamme wieder auf, die so prachtvoll
und furchtbar in die Winternacht emporloderte ...
    Nach dieser grossartigen Vernichtung hatte man begonnen, das Dichterwort wahr
zu machen und neues Leben aus den Ruinen blühen zu lassen.
    Die Neubauten - schon waren sie im Rohen und Äusseren vollendet, und drinnen
begannen die Monteure und Installateure die betriebstechnischen Einrichtungen -
diese Neubauten waren für eine doppelt so grosse Fabrikation, für einen stark
erhöhten Umsatz angelegt worden ...
    Und mit dem Gelde dieses Mannes ...
    Ich kann nicht von ihm los! dachte er.
    Aber man kann sich doch heute nicht mit jemand schiessen, der einen Lügner
und Schuft genannt hat, und morgen mit diesem selben, friedlich und von den
gleichen Interessen beseelt, geschäftliche Dinge beraten?
    Allert fühlte einen furchtbaren Widerwillen gegen den Mann und sein still
vornehmes Gesicht mit den hellen, stechenden Augen in sich emporkommen. Dieser
Mann - begabt, tüchtig, fleissig - dieser Mann: feig, sklavisch, blind, unwürdig
verliebt -
    Und er dachte bitter: ein Mann, der ernste Pflichten hat, der mit seinem
Kapital, seiner Arbeitskraft, seinem Unternehmungsgeist sich in das grosse
volkswirtschaftliche Getriebe hineinbegab, der darf sich nicht durch ein Weib
aus der Richtung werfen lassen. - Nun, das dürfte natürlich kein Mann. Aber für
einen, der kämpft, ist das alles schwerer - man steht nicht allein, man steht
nicht sicher - die eigene Unruhe gefährdet andere - der eigene Sturz reisst
andere mit ...
    Was sollte nun werden?
    Konnte er sich denn überhaupt mit einem Mann schlagen, mit dem er dann
gleichen Tags zusammen weiterarbeiten musste?
    Unmöglich - ganz unmöglich -
    Aber wie sollte sich dies lösen? Hiess es, sich einfach gleich zufrieden
geben, wenn der Beleidiger kam und um Verzeihung bat?
    Weil Geldinteressen zur bereitwilligen Nachsicht zwingen?
    Ging es etwa in dieser Welt so zu - in dieser, für seinen Stand neuen Welt?
    »Hab' ich eine andere Ehre bekommen? Eine von lockeren Linien - die sich
dehnen lassen - die man gelegentlich nicht zu streng ziehen darf?«
    Und er wog den Brief zweifelnd in der Hand ...
    Nein - tausendmal nein - Edelmann - Kaufmann - Ehre bleibt dasselbe.
    Und er schob entschlossen das Schreiben in den Kasten - die Drahtzähne des
Kastenmundes klapperten - nun war es geschehen.
    Allert ging heim. Das gab eine Nacht ohne Schlaf. Zwei Gewissheiten sprachen
immerfort laute, deutliche Worte zu ihm. Diese: »Du kannst mit dem Mann nicht
mehr zusammen arbeiten.«
    Und dann dagegen, ebenso bestimmt: »Du kannst nicht ohne ihn arbeiten.«
    Allerlei Geschichten fielen ihm ein, von feindlichen Teilhabern, die nie
direkt ein Wort zusammen sprachen, sondern sich alles durch eine Mittelsperson
sagten, und die in Hass, Gift, Groll doch zusammenblieben, weil ihr Unternehmen
blühte und weil sie das Geld hereinströmen sahen.
    Nein, dachte Allert, das wäre nichts für mich.
    An solchen Verhältnissen würde seine Lebensenergie, sein Humor versiegen.
Arbeit muss in Fröhlichkeit getan werden, dann allein ist sie eine beglückende
Kraftübung. Arbeit in Groll - die verbittert - zehrt auf.
    Aber woher Kapital nehmen? Die Frage stand vor einem halben Jahr erst vor
ihm. Dornes Eintritt in die Fabrik löste sie - scheinbar glücklich.
    Nun war diese elendeste aller Fragen abermals da ... Aber sie stellte sich
mit härteren Zügen hin und sah Allert böser an ...
    Dem Morgen ging er entgegen, als steige da ein Schicksalstag herauf - -
    Er brachte aber viel Peinlicheres als Schlag und Krach. Er brachte unklare
Stille.
    Fritz Patow kam. Und alles bisschen Typische - diese kleinen Gewohnheiten,
die an der Grenze stehen und sich so leicht bespötteln lassen, die waren wie
weggewischt. Ernst, sachlich nahm er die Mitteilung entgegen ... Allert war ja
Reserveoffizier - die Angelegenheit musste dem Ehrenrat unterbreitet werden -
zugleich aber auch musste Patow sich von Doktor Dorne dessen Sekundanten nennen
lassen ... Das hatte alles seinen vorgeschriebenen Gang.
    Das Unfassliche schien Allert nur, dass er in sein Büro gehen müsse ... Man
würde suchen, sich zu vermeiden - aber gab nicht jeder Tag zehnmal die
Gelegenheit und Notwendigkeit zu Begegnungen und Besprechungen?
    Aber er hörte dann: Herr Doktor Dorne war nicht in seinem Laboratorium. Der
junge Assistent, den Dorne sich vor kurzem genommen, kam mit Fragen zu Allert.
Dieser riet: telefonieren Sie ...
    Und bald danach kam aus der Dorneschen Wohnung die Nachricht: die gnädige
Frau sei heute nacht, der Herr Doktor mit beiden Töchtern heute morgen
abgereist.
    Das auskunftgebende Mädchen schien zu glauben, dass eine Schwester des Herrn
schwer erkrankt und dass die Familie zu ihr gereist sei. Später brachte der
Bursche des Hauptmanns von Patow einen Brief, der kürzer ähnliches berichtete:
    »Ganze Familie Dorne von der Bildfläche verschwunden. Soweit ich verstand:
Madame allein in der Nacht; der Mann früh mit den Töchtern. Ich deponiere mein
Ersuchen somit schriftlich in seiner Wohnung. Es heisst also seine Rückkehr
abwarten. Fataler Zustand. Aber das ist so oft in diesen Sachen, dass die so
erwünschte prestissimo Abwicklung sich nicht erzwingen lässt.«
    Warten - warten. Das war in dieser Lage unerträglich.
    Und dazu kam eine dumpfe Unruhe. Dass die Frau in der Nacht allein abgereist
sei, liess einfache Erklärungen zu. Es war zwischen den Gatten zum Bruch
gekommen. Vielleicht hatte er ein grosses, ein furchtbares Gericht gehalten. Wenn
erst einmal so ein Bau zusammenstürzt, den nur Betrug und geweltsame
Selbsttäuschung so lange aufrecht erhalten! Wie aus einer Versenkung
emporgekommen, mochten da vergangene Geschichten und Namen auf der Szene
erschienen sein. Und freiwillig oder davongejagt - sie war gegangen.
    Aber der Mann ...
    Und mit den Töchtern ... Es fröstelte Allert. Die qualvolle Vorstellung von
entsetzlichen Möglichkeiten beschlich ihn ... Konnte denn dieser unselige Mann
überhaupt noch leben, wenn er den Glauben an das Weib hatte einbüssen müssen?
    Dass diese ganze Sache sich seiner Mutter nicht verbergen lassen könne, sah
er ein.
    Aber da war ja Tulla Rositz. Diese junge Tulla, die er immer von neuem als
etwas ganz Fremdes empfand. - Welche Störung.
    Er telefonierte an seine Mutter: »Schaffe Tulla für heute abend fort, ich
muss allein mit Dir sein.« Und ganz ahnungslos erwog seine Mutter laut am
Telefon, ob sie Frau Doktor Dorne bitten könne, mit Tulla ins Teater zu gehen.
    »Was? - Die ist verreist? So, das wusste ich nicht - ja - dann - mir scheint,
so einfach Marieluis bitten, sich ihrer anzunehmen, das können wir uns nicht
erlauben ... Oder meinst Du?«
    Hierzu schwieg er vollkommen. Und es war gerade, als ob dies starre
Schweigen durch das Telefon zur Mutter hinüberwirkte, denn sie sagte unfrei:
    »Nun - ich muss mal sehen ...«
    Als Allert dann am Abend kam, zeigte es sich, dass seine Mutter keinen andern
Ausweg gefunden hatte als den, Tulla allein in die Oper zu schicken. Gegen den
Versuch, dass man ihr Marieluis als Gesellschaft einlade, wehrte sie sich. Lieber
wolle sie allein in »Aïda« sitzen. Fräulein Marieluis Amster sei ihr zu ... ja,
sie wisse nicht was ... zu bedeutend vielleicht ... so überlegen.
    »Merkwürdig,« sagte Allert geärgert, »sonst sieht man junge Mädchen allzu
flink dicke Freundschaften schliessen. Und mit diesen beiden will es gar nicht.«
    »Sie sind sehr verschieden,« begütigte Sophie. Und beinahe hätte sie gesagt:
Raspe und Du - Ihr seid auch verschieden.
    Nun hiess es, der Mutter, die in eigenen Sachen so tapfer, aber so völlig
verängstet war, wenn es die Söhne anging, alles Vorgefallene berichten.
    Natürlich klammerte sie sich mit ihren Gedanken zunächst an das
Unabänderliche. »Aber wie konnte er nur. Wie durfte er glauben, dass Du ...?«
    Und dass der Mann ihren Sohn eines Verrates für fähig gehalten, war ihr
zunächst die Hauptsache.
    Er wurde etwas ungeduldig.
    »Das alles wird ja in den gegebenen Formen ausgeglichen werden.«
    »Ein Duell?«
    »Was denn sonst?«
    »Nun ja.« Sie dachte nach. Sie stellte sich ihren grossen, kraftvollen,
stattlichen Sohn vor - sah den ihm so familienähnlichen Fritz Patow als
Sekundanten daneben - sah auch den gebückten, stillen Mann mit den hellen Augen.
Das Bild erschreckte sie nicht. Die Edelfrau in ihr hob voll Stolz den Kopf
höher. Sie fürchtete nichts. Und diese Reise, fluchtartig. »Vielleicht vor einem
Duell davongelaufen?«
    »Nein,« sagte Allert, »er gehörte einer schlagenden Verbindung an - er trägt
die Farben eines sehr angesehenen Korps - er wird niemals kneifen. Das wird sich
klären mit der Reise. Der Mann ist wohl sinnlos.«
    »Und weiter?«
    Da sagte er es denn, dass ihm der Gedanke furchtbar, mit dem Manne weiter
verbunden zu bleiben in gemeinsamer Arbeit. Aber wie auseinanderkommen? Das
Lösemittel hiess: viel Geld! Wo es hernehmen? Nach dem Brande hatte man alles so
gross, in bedeutend erweiterten Dimensionen angelegt. Die besten, teuersten
Maschinen und Apparate waren bestellt. Die Fabrik sollte in ihrer neuen Gestalt
etwas Vollkommenes, Vorbildliches werden, alle Konkurrenz übertreffend ... Ohne
das Feuer befände man sich noch in bescheidenerem Rahmen. Aber nun. Fast wie
eine günstige Schicksalsfügung hatte er, nach Ueberwindung der ersten
Rückschläge, den Brand ansehen gelernt. Voll heisser Vorfreude war er gewesen und
voll Stolz. Ja, es würde sich vorwärts arbeiten lassen ... Und jetzt? ...
    Es zerriss Sophie das Herz. Sie sah, wie ihr Sohn litt, wie er sich daran
erbitterte, dass ihm sein Arbeitsleben so verwirrt wurde, dass das Schicksal
Hemmnisse hineinschob.
    Was sollte werden?!
    »Hätte ich Kapital! Ich zahlte ihn in aller Stille aus. Aber dazu gehörten,
nach dem augenblicklichen Stande des Neubaues und aller Bestellung und
Vorarbeiten und für den vergrösserten Betrieb, mindestens hundertfünfzigtausend
Mark ... Woher sie nehmen ... Man könnte ja sagen: ich solle mich zurückziehen.
Er könne mich nun auszahlen! Dann bekäm' ich das Geld heraus, was Onkel Just mir
gab, und vielleicht eine Bagatelle darüber. Aber - Mutter - verstehst Du das
wohl? Das zerrisse mir schlechtweg das Herz. Ich hab' das alles gegründet. Ich
hab' schlaflose Nächte drum durchgemacht. Ich hab' meinen Namen der Firma
gegeben - ich hab' das alles lieb - das ist ein Stück von mir - glaub nur - ein
Kaufmann liebt sein Haus wie ein Edelmann seine Scholle. Oder sollen wir
liquidieren? Und dann soll ich von vorn anfangen? O nein - es gibt ja doch wohl
noch Gerechtigkeit in der Welt.«
    Sophie sah, wie leidenschaftlich erregt er war. Sie fühlte den Ernst der
Stunde.
    Und sie wusste: eine Lösung lag nah - eine beglückende Lösung. -
    Marieluis ...
    Sie sah ihren Sohn an. So beredt, so ganz von dem Wunsch durchzittert, er
möge in ihren Augen das lesen, was sie nicht laut sagen durfte.
    »Was siehst Du mich so an?« fragte er.
    »Ich denke,« begann sie zögernd, dass er fühlen musste, sie habe eine Fülle
von Gedanken und wähle sehr vorsichtig aus, was davon sie laut werden lassen
könne. »Ich denke - wenn Rositz noch lebte. Er würde uns raten - mehr: er würde
uns helfen. Aber wir haben auch hier Freunde - sehr sachverständige in
kaufmännischen Fragen. - Wenn Du mit Amster sprächest?« Und ganz geschwind
schloss sie an: »Ich meine - ihn um Rat bätest - nur um Rat.«
    Und dachte dabei: er liebt sie doch - und sie ihn - ich weiss, ich fühle es.
Und Marieluis' Mitgift, die Hälfte des ihr zugedachten Amsterschen
Vermögensanteils, war noch mehr als die Summe, deren er bedurfte.
    Konnten Herz und Verstand in vollerem Einklang stehen als hier? Allert wurde
rot wie ein Knabe.
    »Nein,« sagte er kurz.
    Und dieses knappe Nein verriet der Mutter, dass ihre Hoffnungen noch weit von
Erfüllungen entfernt waren. Das machte ihr Herz traurig.
    Ein kurzes Schweigen entstand. Und sie, in der tiefen Innigkeit, die sie
verband, fühlten einander förmlich all die Geständnisse ab, die der Mund
verschweigen musste.
    Wie kann ich denn um sie werben! grollten seine Gedanken, ich liebe sie -
aber schwere Fragen sind noch unbeantwortet zwischen ihr und mir - und die
Bedenken, die mich gestern abhielten, ihr zu Füssen zu stürzen, soll ich heute
vergessen, weil ich ihr Geld brauchen könnte?
    Und die Mutter flehte ihn an - ihr ganzes Gemüt war ja voll von diesem
Wunsch, diesen Gedanken:
    Habe doch den Mut! Das, was zwischen ihr und Dir steht, wirst Du in der Ehe
und gerade nur in der Ehe besiegen. Denke auch daran, dass ein liebendes Weib
beglückt ist, wenn ihre Hand dem Manne Hilfe bringen darf ...
    Aber sie wusste wohl, sie musste das beschweigen. Und dies Zwischenspiel von
zärtlichen Wünschen, das sich so unversehens unter die rauhen Sorgen
geschlichen, schloss sie mit einem Seufzer ab.
    Ihr ganzes Wesen verwandelte sich plötzlich in Energie und in mütterliche
Autorität, und sie sprach:
    »So wirst Du nun meine Ersparnisse in Dein Geschäft nehmen. Sie reichen
nicht ganz - aber das Fehlende gibt dann doch vielleicht Onkel Just oder eine
Bank ...«
    »Nein. Du hast gespart, damit wir unsere Heimat wieder erwerben können -
einst - wenn Du so weiter verdienst und sparst, kannst Du es in fünf Jahren
erreichen. Gibst Du mir Dein Geld, verschiebt sich alles in ungewisse Ferne -
wird vielleicht unmöglich - selbst bei gutem Geschäftsgange - erst hiesse es
doch, Onkel Just ausbezahlen.«
    »Ich habe es längst aufgegeben, für Muschenfelde zu sparen,« sagte Sophie
tapfer.
    »Du sagst es - uns - Dir selbst! Aber Du weisst doch gut: tief unter unsern
Worten sitzen noch Dinge, die man nicht heraufkommen lassen will. Und das ist
bei Dir die ewige Sehnsucht nach der eigenen Scholle« -
    Sophie wurde ein wenig blass.
    »Aber noch stärker ist mein Wunsch, Dich sorglos emporkommen zu sehen; noch
grösser wäre mein Glück, wenn Du das wirst, was Du nun doch einmal werden
wolltest: der Beherrscher eines grossen Unternehmens, das weitin Ansehen geniesst
- Du bist ein Hellbingsdorf - unser Zweig hat Unglück gehabt - bring' ihm die
Blüte zurück, auf neuem Felde - und nimm mein bisschen Geld.«
    Er nahm dankbar die Mutter in die Arme. Für diesen Augenblick musste alles
unabgeschlossen bleiben.
    Aber er fühlte so ganz die Wohltat, mit einer klugen, warmherzigen,
arbeitenden Frau seine Sorgen teilen zu können ...
    Als er es sagte, meinte sie - vielleicht ein wenig heuchlerisch, denn im
tiefsten Grunde denken Mütter ja doch: Keiner versteht ihn wie ich -
    »Und ich bin nur die Mutter - ein Weib - o, das ist doch noch ein ganz
anderes Teilen.«
    »Ja, wenn die Frau all ihre Gedanken und all ihre Zeit dem Mann und dem
Gedeihen des gemeinsamen Lebens widmet! - Wenn sie nicht in Spelunken und
schlechten Gassen die Sittlichkeit heben muss« -
    »Nun - nun - nicht so krass!« warnte sie schmeichelnd und streichelte ihm die
Schulter.
    Er trat aber spröde hinweg - er wollte nicht umschmeichelt sein. Und er sah
sich sehr genau das Bildnis des Papstes Julius II. an, das seine Mutter mal
kopiert hatte, und das nun hier, über der Barockkommode aus Familienbesitz, an
der hell gestreiften Wand hing.
    Nun kam auch Tulla heim und wurde von ihrer mütterlichen Gastgeberin auf das
sorgsamste mit einem späten Imbiss bedient. Und Tulla sah sehr hübsch aus, in
schwarzen Spitzen, die den Hals frei liessen, und mit einer glitzernden,
schwarzen Jettspange im Haar. Das gab Allert sich zu. Aber es ärgerte ihn
irgendwie, dass seine Mutter das junge Ding so fürsorglich verpflegte. Es kam ihm
vor, als mache seine Mutter ihr beinahe den Hof. Er war nicht unbefangen, er sah
nicht, dass seine Mutter nicht mehr tat, als selbst dem jungen Gast gegenüber am
Platze war, er vergass, dass dann immer alles bei seiner Mutter gleich eine solche
Note von Wärme und Hingabe hatte. Er dachte wirklich geradezu: Mutter hofiert
sie per procura Raspe.
    Tulla sprach von der Oper. Es war ziemlich voll gewesen. Bekannte? O ja -
Dora Vierbrinck und der Hauptmann Fritz von Patow und eine Dame dabei, die
vielleicht Dorys Mutter sein konnte. Rötliche Haare? Sehr glatt gescheitelt? Ja.
Und es sah so aus: Verlobte, die von der befriedigten Mutter geleitet werden.
Tulla hatte herangehen wollen. Aber die Herrschaften waren so umdrängt gewesen -
und sie hatte im Vorbeigehen genau gehört, dass die Dame mit den glatten,
rötlichen Scheiteln abwehrend gesagt hatte: »Glückwünsche werden durchaus noch
nicht angenommen ...« Und rund herum hatte alles gelacht - ja, sehr vergnügt
waren sie gewesen in der Gruppe.
    Und man hörte heraus, dass Tulla sich fremd und allein im Zwischenakt
gelangweilt habe ... Das war so begreiflich. Sophie war voll Mitleid und
tröstete: es solle auch nie wieder vorkommen. Heute hatte es sich so gefügt - es
waren ernste Sachen zu besprechen gewesen - Geschäfte, und davon mögen junge
Mädchen nichts hören.
    Zu entschuldigen brauchte Mutter sich auch nicht gerade, dachte Allert.
    Und die Oper selbst? Oh, ganz nett - aber Tulla hatte Caruso als Radames
gehört, und sie fand auch die Amneris der Götze besser - ja, Mama hatte jenesmal
für den Platz achtzig Mark bezahlt - aber schön war es gewesen ... Und es klang
ein leises, fernes bisschen Blasierteit und Protzentum heraus - ganz unbewusst -
    Am andern Tage sagte Tulla: »Sie haben Sorgen, liebe, gnädige Frau - ganz
gewiss - irgendeinen Kummer haben Sie - ach, ich kenne Ihr Gesicht so genau -«
    Das rührte nun Sophie.
    »Ja, liebes Kind. Dumme Sorgen.«
    »Sorgen?« sprach das junge Mädchen in einem Ton des Widerwillens. »Das hängt
immer mit Geld zusammen.«
    »Kann sein - auch hier - in zweiter Linie. Ich will es Ihnen lieber sagen:
es scheint, in der Familie Dorne sind Katastrophen eingetreten ...«
    »Wegen der grässlichen Frau?«
    Sophie stand verdutzt. Welches Urteil hatte denn die junge Tulla über diese
Frau? Wie konnte sie überhaupt ein Urteil haben?
    »Wie kommen Sie darauf, Kind -?«
    Tulla zuckte die Achseln.
    »Ach,« sagte sie in einem Gemisch von Naivität und Erfahrung, »ich weiss
nicht - die kommt einem nicht geheuer vor ...«
    Das war unbestimmt - ganz ins Blaue hinein gesprochen. Sophie hütete sich
aber, näher nachzuforschen.
    »Was eigentlich vorgegangen ist, wissen wir nicht. Nur dies ist klar: Allert
wird noch ernste Auseinandersetzungen haben und möchte sich von Doktor Dorne
trennen. Dazu gehört viel Geld. Und so haben wir allerlei zu bedenken.«
    »Jetzt gerade, wo bald Ihr Sohn Raspe kommt!« sprach Tulla und bekam eine
weinerliche Stimme.
    Seit Wochen war sie nun hier und wartete geduldig auf die schöne Osterzeit.
Und nun kamen Sorgen? Oh, Tulla wusste gut: Sorgen - Geld - Verstimmung - Streit
- das hing zusammen. Das war ihre Erfahrung aus dem Leben der Mama. Seit Papas
Tod gab es ja seltener Streit, denn Onkel Karl von Buschke, Mamas Bruder, der
Junggeselle, hatte solche Schwäche für die jüngere Schwester und schickte immer
Geld, wenn sie festsass. Aber wenn Harald und Viktor schrieben, fuhr Mama im
Zimmer umher und schimpfte ... Also von nun an wurde es hier auch so ungemütlich
...
    Sie ging in ihr Zimmer und starrte lange auf die Höfe und Hinterhöfe hinaus
und auf die Wipfel, in die der Frühling grüne Pünktchen hineinwirkte, und die
sich zwischen den Mauern wie Gefangene ausnahmen oder wie vergessene Ueberreste
der Natur ...
    Diese Aussicht machte sie noch bekümmerter. Sie dachte an ihr Zimmer in
Berlin - an den grossen Raum voll weisser Lackmöbel und blau und weisser
Libertyseide.
    Aus einem dumpfen Gefühl heraus schrieb sie einen Brief an Fiffi v.
Samelsohn und dachte: sie ist doch ganz nett - und man war so aneinander
gewöhnt, von klein an.
    Es wurde ein sehr tiefsinniger Brief, voll von Betrachtungen über die
Schwierigkeiten des Daseins, und wie besonders doch die Liebe Opfer fordere. Ja,
an den Opfern, die man bringe, könne man erst recht ermessen, wie gross eine
Liebe sei.
    Tulla weinte aus einem ihr selbst nicht erklärbaren Grund über diesen ihren
Herzenserguss. Dann fügte sie noch ein P.S. hinzu:
    »Wie war es denn in Paris? Bist Du schon in Nizza? Wie gefällt es Dir? Hast
Du Dich in Paris verliebt? Ist der Baron Legaire noch bei unsern Mamas? Schreibe
bald Deiner Tulla.«
    Und das »bald« unterstrich sie fünfmal.
    Hiernach wurde ihr plötzlich wieder sehr mutvoll ums Herz. Sie holte aus
ihrer Schmuckkassette das Bild Raspes hervor, das sie - ihrem Glauben nach
heimlich, dennoch von seiner Mutter wohl beobachtet - sich aus einem Kasten mit
Photographien »gestohlen« hatte. Es war sehr ähnlich. Ein Kabinettbild und Raspe
in Uniform darstellend.
    Sie versank in den Anblick. Ja, er war der stattlichste, wundervollste Mann,
den sie je gesehen. Ihre Verliebteit schwoll hoch an - flutete als
Glückseligkeit über ihr junges Herz und liess sie alles vergessen. Sie küsste das
Bild voll Andacht - ganz und gar liebende, bescheidene Demut.
    Dann sah Tulla in den nächsten Tagen wohl ein, dass ihre Voraussetzung, es
gäbe hier nur Streit und Verstimmungen, nicht zutraf. Ganz im Gegenteil schien
dieses liebevolle Verstehen zwischen Mutter und Sohn noch inniger. Sie gingen so
herzlich miteinander um, als könne Güte ihnen helfen - aber dass die Stimmung
sehr ernst war, sah Tulla wohl.
    Und sie sah ja auch: wenn Allert abends kam, zog er sich mit der Mutter
immer erst für einige Minuten zurück.
    Sie hörte auch: er verzweifelte beinahe, weil die Lage dunkel blieb. Der
abgereiste Doktor Dorne schrieb nicht. Man wusste nicht, wohin er gereist war.
Man konnte gar nicht nachforschen. Das vorsichtige Anfragen bei den Dienstboten
schien schon fast zu viel riskiert. Man wollte, durfte kein Aufsehen machen.
Skandal war zu vermeiden. Der Mann konnte doch unerwartet zurückkehren. Oder
schreiben. Die Leute in der Wohnung wussten nichts ...
    In der Fabrik sagte Allert, dass sein Teilhaber in wichtigen
Familienangelegenheiten verreist sei. Die wissenschaftliche Arbeit musste
inzwischen der Assistent weiterführen, der, das sah Allert gleich, ein tüchtiger
und selbständiger Mann war.
    Schon sprach Allert mit seiner Mutter davon, ob man sich mit der Polizei in
Verbindung setzen wolle ...
    Sechs Tage schlichen so hin -
    Und Raspes Ankunft stand vor der Tür.
    So klagte Tulla es denn laut der Mutter des geliebten Mannes vor:
    »Diese Geschichte wird ihm seinen Osterurlaub verderben. Und sie geht ihn
doch gar nichts an.«
    »Nun, die Sorgen des Bruders gehen ihn wohl an,« sagte Sophie. Aber sie
dachte selbst voll Bekümmernis daran: Er kam, vielleicht das Herz voll Spannung
und Vorfreude - vielleicht sollte er sich über sein ganzes zukünftiges
Mannesleben entscheiden - in festlichen Frühlingstagen sich prüfen, ob junge
Liebe und seliges Hoffen zu herrlicher Wahrheit werden können.
    Und da drängten sich diese hässlichen Sachen dazwischen. Die Furcht vor
Aufsehen, die Allerts geschäftlichen Ruf doch immer ein wenig trüben konnte -
wie, wenn der unselige Mann sich ein Leid angetan? - Wenn das alles in die
Presse käme? Allert in solchem Zusammenhang genannt zu sehen - welch ein
Gedanke!
    Sophie dachte daran: am besten würde es sein, mit Tulla und Raspe zusammen
fortzugehen. An Vorwänden fehlte es nicht. Sie war überarbeitet, sie durfte das
Bedürfnis nach einer Ausspannung wohl geltend machen. Man konnte in die
Lüneburger Heide gehen - malerische Studien versuchen und den herben nordischen
Frühling skizzieren. Aber Tulla, das verwöhnte Prinzesschen, würde in den
einfachen Wirtshäusern der Heidedörfer vielleicht zu viel entbehren. Doch
Helgoland? Sophie kannte es nicht. Als sie den Gedanken laut erwog, schien Tulla
entzückt. Sie war mal dagewesen - als ganz kleines Kind, mit Papa und Mama, in
den Zeiten, als es noch vorkam, dass Papa und Mama zusammen reisten. Sie konnte
sich jedoch beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie es dort aussah. Ja, ja,
nach Helgoland. Und sie ward so belebt von der Aussicht auf diese kleine Reise,
dass Sophie wohl herausfühlen musste: es hatte schon an Abwechslung gefehlt. Sie
war es ja auch nicht anders gewöhnt: immer Veränderung, Vergnügen. Neues
Vorhaben tauchte schon auf, wenn ein Programm noch nicht ganz zu Ende genossen
war ...
    Es gab nun einen Kampf für das Mutterherz. Sie wünschte so heiss, ihrem
älteren Sohn in dieser schweren Zeit der Ungewissheit zur Seite zu bleiben. Aber
sie wünschte nicht minder dringlich, dem jüngeren Sohn die bevorstehenden Tage
zum Fest zu machen.
    Aber da kam ein im Grunde für sie ja recht nebensächliches Ereignis und
verhalf zur Entscheidung. Dory Vierbrinck verlobte sich mit dem Baron von Patow.
Er war der Sohn von Sophiens verstorbenem Bruder. Wie hätte sie sich der
Teilnahme an all den Festlichkeiten entziehen können? Das neue Brautpaar sollte
in der Osterzeit durch viele Diners gefeiert werden. Einladungen für sie und
ihre Söhne kamen gleich reichlich ins Haus. Dies alles mitmachen und den jungen
lieben Gast dann immer allein lassen, hätte geheissen, die ganze Urlaubszeit
Raspes um ihren eigentlichen, unausgesprochenen Zweck bringen.
    Und wie wenig war der Mutter nach Festen zumute, jetzt, wo so schweres
Gewölk über dem Leben ihres Sohnes stand.
    Allert selbst riet: reise ab, nimm Raspe und Tulla mit Dir, ich will
versuchen, ab und an die Familie zu vertreten; und übrigens weiss ja Fritz
ziemlich Bescheid und kann mir's nicht verargen, wenn ich nicht allemal dabei
bin, wo er und seine Braut angefeiert werden. Es schien ihm selbst fast
willkommen, ein paar Tage allein zu sein.
    Er fühlte täglich mehr: alles erträgt sich gut, ja besser zu zweien. Nur
gerade nicht Ungewissheiten - deren Peinlichkeit steigert sich beim Besprechen.
    So war es denn beschlossen. Am Dienstag nach Palmsonntag wollte man sich
einschiffen und am Ostermontag zurück sein.
    Und Sophie fuhr am Montag spät nachmittags zur Bahn, um Raspe abzuholen.
    Tulla blieb in der Wohnung zurück - ganz aus aller Haltung vor fieberhafter
Spannung. Zweimal zog sie sich um, und Terese musste ihr die Kleider im Rücken
schliessen. Das nahm Terese übel, denn sie war nicht gewohnt, in ihrer Arbeit so
oft gestört zu werden. Tulla wollte wissen, welches Kleid ihr besser stehe, und
bekam die Antwort:
    »Beides ejal. Schwarz steht jnä Fräulein nu mal nich.«
    Und Mamas Jungfer hatte doch immer bewundert, wie vorteilhaft die
Trauerkleidung für Tulla sei! Sie weinte beinahe. Sie zog ein drittes Kleid an.
Das aus schwarzen Spitzen, das den Hals freiliess. Und geängstigt von Teresens
Kritik, suchte sie sich heller aufzuputzen. Sie legte ihre Perlenschnur um den
Hals.
    Sie starrte in den Spiegel und kam sich nun schöner vor. Aber in ihr war
doch eine grosse Ungewissheit: bin ich eigentlich hübsch oder nicht? Wenn man so
sah, wie die meisten Frauen über diesen Punkt sich unglaublicher Selbsttäuschung
hingaben! ... Ja, es war offenbar schwer, es zu wissen. Und sie hätte so gern
schön sein mögen - für ihn!
    Sie sah nach der Uhr - jeden Augenblick konnte er hier sein. Sie lief nach
vorn. Ihr Herz klopfte hart und schnell. Sie riss ein Fenster auf und bog sich
hinaus. Da fuhr gerade unten ein Auto vor.
    Sofort schlug sie das Fenster wieder zu und rannte in ihr Zimmer zurück. Da
sass sie mit heissem Gesicht und wartete.
Das Leben im Hafen tönte als grandioser Rhytmus durch die Morgenfrühe. Vom
hellen Dunst leise überschleiert lag das gewaltige und in steter Bewegung sich
verschiebende Bild. Vom hohen Geländer herab, über begrüntem Hang und knospenden
Baumriesen her, sah das ungeheure Haupt aus Granit. Die ganze hellgraue
Riesengestalt Bismarcks hatte fast den gleichen Farbenton wie der Himmel. Und so
wurde das Ueberlebensgrosse zu einer unbeschreiblichen Feinheit und
Märchenhaftigkeit - der Stein verlor seine Härte, die Grösse das Erdrückende -
einer Geistererscheinung gleich stand der Mann aus Granit und bewachte den
grossen Strom und die Nähe wie die Ferne und begrüsste alle, die hereindampften,
und entliess alle, die hinaussegelten, mit einer Mahnung.
    Von der Sankt-Pauli-Landungsbrücke ging der Salondampfer »Prinz Heinrich«
Anker auf. Es fröstelte die Reisenden. Ein Apriltag - acht Uhr morgens - der
konnte keine einschmeichelnden Temperaturen hergeben. Aber Raspe und seine
Mutter freuten sich an der herben Luft. Denn man spürte wohl: der Ozean blies
von weit her hinein. Und das noch nicht Gesehene, erst noch zu Erschauende
lockte. Die Gewissheit, neue Eindrücke erleben zu dürfen, gab der reifen Frau
jedesmal Kinderfreudigkeit zurück.
    »Auf der Reise bin ich immer ganz jung,« behauptete sie. Und Raspe war, in
diesen Augenblicken wenigstens, auch von der ungetrübten Genugtuung erfüllt,
eine erfrischende kleine Fahrt antreten zu können. Er war so wenig verwöhnt.
Ganz hell war seine Seele in ihrer schönen, aufrechten Einfachheit. Und wenn
eine Freude, ein gesunder Genuss ihm geschenkt wurde, nahm er das mit einer
gewissen dankbaren Sammlung in sich auf.
    Tulla aber hatte seit gestern nachmittag so viel in sich erlebt, dass sie vor
Verworrenheit und Aufregung gar nicht wusste, ob sie sich nun eigentlich freue
oder nicht.
    Sie ging mit Raspe auf Deck spazieren, stand auch wohl mit ihm an der Reling
still, wenn er einem vorbeifahrenden Schiffe nachsehen wollte. Aber im Grunde
bemerkte sie nichts von dem bunten Wechsel der Dinge auf dem wuchtig meerwärts
flutenden Strom. Die hohen Ufer zur Rechten zogen sich hin, prunkvoll, von
Villen gekrönt, von prachtreichen Gärten behangen. Zur Linken verdämmerte das
weite, flache Land. Schiffe kamen ihnen entgegen, an deren ragenden Borden sich
heimkehrfrohe Menschen drängten. Die grüssten die hamburgische Flagge mit hellem
Jauchzen - man sah, sie waren erregt vor Ungeduld und fieberten der nahen Minute
der Landung im deutschen Hafen entgegen. Sie winkten mit Mützen und wehenden
Tüchern. Die kleine Zahl der Passagiere auf dem »Prinz Heinrich« grüsste wieder,
und auch Raspe nahm unwillkürlich die Mütze ab und lächelte hinüber zu diesen
Menschen, die auf der langen Seefahrt gleich Gefangenen geworden und nun vorweg
schon im Befreiungstaumel lachten und gerührt waren.
    Scharf vor dem Winde, der in ihren schweren Segeln rauschte, schnitten
Fischereikutter durch die graugelben Fluten. Schleppdampfer mit schwarzwolkigen
Rauchfahnen oben an ihren plumpen Schornsteinen arbeiteten hart gegen den Strom
und zogen ein Gefolge von kleineren Schiffen hinter sich drein. Von Bord einer
Kuff her, die sich mit gerefften Segeln so hafenwärts gleiten liess, kläffte ein
schwarzer Spitz; er stand auf den bleichen Brettern der hochgehäuften Holzladung
und verzehrte sich in Zorn über diese Dinge, die da respektlos vorüberzogen,
ohne dass er ihnen an die Beine hätte fahren können.
    Man kam später auch an Inseln vorbei. Lang und schmal lagen sie da, stille
Gelände, rasig und von Pappeln und Eschengruppen überragt, zwischen denen wohl
auch ein grosses, tieflastendes Dach hervorschimmerte. So wenig erhoben sie ihre
Erde über das sie unruhig und in grosser Bewegung umspülende Stromwasser, dass man
sich vorstellen konnte, wie jede Flut und jeder Sturm Ueberschwemmungsgefahr
bedeutete, und wie die einsam Lebenden vom Marschfieber geschüttelt wurden.
    Und der Himmel wurde blauer, er schien sich förmlich zu heben, und das gab
den Reisenden drunten auf dem rasch vorwärts wühlenden Dampfer ein Gefühl von
grösserer Leichtigkeit des Lebens. Das Unterwegssein war flotter, vergnüglicher.
Dann kam auch noch die Sonne. Mit einem Male bewarf sie die Flut mit so viel
Licht, dass es aussah, als seien hunderttausend Spiegelsplitter verstreut und das
Wasser schaukele sie.
    Raspe hatte das Gefühl: man bekommt grössere Augen vor so gewaltiger
Sehfläche. Er empfand: alles in einem weitet sich mit der Weite des Bildes, der
Fülle aller bedeutenden Bewegung.
    Er machte mit einem frohen Wort, einem raschen Ausruf Tulla zur Gefährtin
dieser Freudigkeit. Er wollte sie zur Gefährtin machen - denn nach und nach
spürte er wohl: die Welt zog an ihr vorüber - ungewürdigt - kaum gesehen - sie
war so zerstreut, antwortete kaum.
    Und Raspe musste an seine Mutter denken, die alternde Frau - die ganz gewiss
voll Glückseligkeit war und wie berauscht von jeder Segelsilhouette, die in
kecker Linie und kühner Raschheit vor dem Horizont vorbeisauste - und gewiss
stumm vor Bewunderung über die Feinheit des dunstigen Lichtes, in dem das
Flachland verschwamm. Und dankbar und ferienfroh, dies Wandelbild von Grösse und
Raumunermesslichkeit überhaupt geniessen zu dürfen ...
    Ja - die Mutter! Vielleicht nahm er zu sehr den Massstab nach ihr ... Sie war
immer so ganz Kind mit den Kindern gewesen - schien immer gerade das Alter, die
Interessen und Begeisterung der Söhne zu haben - sich mit ihnen entwickelnd -
sich ihnen ganz anpassend. Solche Mütter stehen vielleicht, ohne dass sie es
wollen oder auch nur ahnen, zwischen dem Sohn und seinem Mut zur Ehe.
    Sophie sass auf der Bank an der Steuerbordreling und hatte ihre Hände warm in
die weiten Aermel ihres Mantels von links nach rechts, von rechts nach links
gesteckt. Alle Sorgen waren weggehuscht wie Nachtgetier vorm Licht; alle
Hoffnungen waren so gut wie erfüllt. - In einer so göttlich grossen, erhabenen,
von Sonne durchfluteten, von fröhlichem Wellengewoge erfüllten Welt musste es
auch noch Glück geben! Jedes dahinschiessende Segelboot verbürgte es ihr; die
stolz heranziehenden Dampfer brachten es mit; der lachende Himmel schüttete es
herab ... Sie genoss die ganz grundlose, reine Daseinswonne, die Natur zu
verschenken vermag - und nur sie ...
    Sophie sah auch immer wieder den Anblick vor sich, den die junge, holde
Tulla gestern gewährt. - Mütterlich ging sie in das Zimmer der Wartenden und
sagte so unbefangen wie möglich: »Nun, liebe Tulla, wollen Sie denn nicht nach
vorn kommen? Mein Sohn ist da.«
    Und als Tulla dann auf der Schwelle stand, war es ein Erlebnis.
    Sophie wusste wohl: Frauen - alte wie junge - alle, alle können einen
begnadeten Augenblick haben, der ihre Schönheit verklärt, ihre Erscheinung adelt
- eine geheimnisvolle Erhebung ist das - sie reicht auch der Bescheidensten eine
Krone.
    Und die herbe Anmut der jungen Tulla war zu rührendstem Reiz verklärt, als
sie da zögernd stand - die Augen fast schwarz vom Feuer des Glücks - auf den
schmalen Lippen ein Lächeln voller Poesie der Jugend - die ganze schlanke
Gestalt verkörperte Erwartung und keusches Zögern zugleich -
    Sie, die Mutter, sie spürte es auch, obschon sie vermied, den Sohn gerade
anzusehen: über sein männliches Gesicht ging der Glanz einer grossen,
beglückenden Ergriffenheit.
    Es war ein Augenblick voll Andacht gewesen.
    Nachher freilich schien da irgendeine Hemmung zu sein - der Glanz losch
hinweg aus Tullas Wesen -
    Vielleicht trug der Brief schuld daran, den sie noch mit der Abendpost aus
Nizza bekommen hatte ...
    Sophie durfte ihn lesen. Und er verletzte auch ihr Herz - und ihr war, als
wolle man einen teuren Toten beleidigen. Der Brief war die Antwort von Fiffi v.
Samelsohn auf Tullas letztes Schreiben. Eine eilige Antwort, denn Fiffi hatte
eigentlich keine, keine Minute Zeit, man wollte gleich zum Blumenkorso fahren.
Sie teilte aber doch genau mit, dass ihre Mama und Tullas Mama den Wagen ganz mit
weissen Rosen verkleidet haben würden. Dann floss noch eine neckische Bemerkung
ein:
    »Wollen wir wetten, Tulla? Noch ehe das Trauerjahr ganz vorbei ist, bekommst
Du einen Stiefpapa. Meine Mama fände es nicht sehr geschmackvoll, sagt sie, weil
doch der Baron Legaire zwei Jahre jünger ist als Deine Mama. Aber er hat ja ein
Schloss in der Touraine - wenn's auch recht verkommen sein soll. Dies finde ich
himmlisch! Obschon ich sonst nicht romantisch bin. Aber ein Schloss in der
Touraine!«
    Jetzt, wie Sophie hier sass und sich an dem gewaltigen Schauspiel erhob, das
der in riesenbreiter Majestät sich dem Meere hingebende Strom ihr bereitete,
jetzt dachte sie: der Brief kam zur rechten Stunde - er wird helfen, Tulla
erkennen zu lassen, wo die wahren Werte des Lebens liegen.
    Sie konnte von ihrem Platz aus manchmal die beiden sehen, wenn sie auf und
ab schritten oder stehenblieben und hinausblickten - und sie sah auch wohl - die
Unterhaltung floss spärlich.
    Aber versteht man sich nicht oft am tiefsten im Schweigen?
    Dass die Gedanken ihres Sohnes vergleichend sie suchten, ahnte sie nicht.
    Tulla fror eigentlich, trotzdem sie ihre Persianerjacke anhatte und den
Kragen hochgeschlagen. Sie war so herabgestimmt und wusste doch nicht genau
warum. Fiffis Mitteilung schmerzte natürlich ein wenig. Nur ein wenig. Denn im
Grunde genommen dachte sie doch bald nach Papas Tod schon: Mama heiratet gewiss
noch mal wieder. Auch Viktor hatte in St. Moritz dergleichen geäussert und noch
scherzhaft gesagt: »Meine Einwilligung dazu müsste Mama aber mit der Verdoppelung
meiner Zulage erkaufen.«
    Fiffis Prophezeiung überraschte sie also nicht so sehr. Und sie fühlte
deutlich: wenn ich nur selbst glücklich werde, kann es mir ja egal sein, was
Mama tut. - Und wenn Mama wieder heiraten will, ist sie gewiss vergnügt, mich
rasch los zu sein, und knappt nicht mit dem Zuschuss ...
    Ach nein, die Möglichkeit, dass Mama den Baron Legaire heirate, lag nicht so
auf ihr - drückte nicht so seltsam allen Jubel nieder.
    Was für eine merkwürdige Ueberraschung war es gestern abend gewesen. Raspe
in Zivil! Wie verwirrend. Ein vornehmer, stattlicher Mann, auch im schwarzen
Gehrock - Aber man musste sich erst daran gewöhnen ...
    Und Tulla sah auch: das Zivil war sehr gut gehalten - aber der Rock hatte
solche Schals mit Seidenaufschlägen, die vor zwei Jahren Mode gewesen waren -
Herrenmoden kannte sie genau von Viktor und Harald her, die sich glänzend
kleideten - selbst Fiffi gab zu, dass Viktors Zivil auf der allerhöchsten Höhe
sei - ja, Tulla ärgerte sich über sich selbst, dass sie überhaupt so etwas sah -
und sah es eben doch.
    Heute aber, auf der Reise, hatte er einen weiten Paletot an, der unter allen
Umständen fertig gekauft war ... Wie Viktor sich wohl darüber mokiert hätte - -
    Aber - das war doch kleinlichste Nebensache - Und dann: sie war doch reich.
Später brauchte Raspe nicht sparsam mit Zivil zu sein ...
    Nun tat sich das Meer auf - grün und glasig drängte es sich in beginnender
Flut dem Ufer zu, dem ausgehenden Strom entgegen. Die Wellen stiegen an und
zerwarfen ihre Spitzen beim Fallen zu weissem Geschäum. Schwarz und gross kam der
Schiffsleib eines Ozeandampfers auf dem Wasser daher, das die Farbe dunkelbraun
durchströmter Smaragde hatte; die Möwen, des Schiffes durcheinanderschiessendes
Gefolge, flatterten kreischend über dem Strudel seiner Schrauben. Die Sonne traf
ab und zu einen Flügelschlag, dann blitzten weisse Linien auf und verhuschten
sofort wieder.
    »Grossartig!« sagte Raspe voll Andacht.
    »Aber der Golf von Neapel ist viel schöner,« sprach Tulla; »und all die
eleganten Menschen da an Bord - und die Mandolinenspieler - die so komisch
übertrieben singen - ach ja - wenn man so nach Capri fährt - ich weiss nicht:
dies ist gar nicht wie Vergnügen - so ernst ist es ...«
    Er schwieg.
    Nun kamen ein paar Tage, die aussahen, als liefen sie gelassen ab, und die
Mutter lobte immer von neuem, dass sie ihr wohltäten, weil sie nichts von ihr
forderten.
    Und forderten doch etwas sehr Mühsames für ihr lebhaftes Temperament und ihr
vor Erwartung klopfendes Mutterherz. Nämlich die Maske der vollkommensten
Unbefangenheit. Sie musste ihren Augen jeden beobachtenden und fragenden Blick
verbieten. Sie musste sehr viel Takt und sehr viel Kunst aufbieten, um das junge
Paar sich selbst zu überlassen, ohne dass eine Absicht dabei spürbar ward. Sich
selber musste sie vor dem Gefühl bewahren, dass sie das Handwerk einer
Ehestifterin übe ... Sie wollte ja auch keine Ehe »stiften« ... Aber ihre Seele
war erfüllt von dem innigen Hoffen, dass die junge Liebe dieser beiden sich
festige und kläre. -
    Denn sie sah rasch: diese Liebe nahm nicht den schnellen und sicheren
Werdegang zu einem Bündnis. - Da waren auch keine stürmischen Kämpfe - viel
Beängstigenderes wuchs da: eine stille, trübe Schwere ...
    Sie sah: die Wage schwankte auf und ab ...
    Und in ihrem erfahrenen Herzen dachte sie inbrünstig dem Sohne zu: Könnt'
ich dir doch das Beste, das Notwendigste hineinlegen in die Seele - den Mut, den
Glauben -
    Es war sehr merkwürdig, auf diesem Eiland zu sein. Es glich einem von Waffen
starrenden Kriegsschiff, einem von phantastischen, zyklopischen Formen und
Grössen, das eines Zauberes Riesenfaust hier verankert hatte. Mitten in dem
flutenden Meer, in der gewaltigen Einsamkeit der Wasser stand dieses Wunderwerk
- Körper gewordene Drohung! Durch das Gestein seiner roten Felsen führten
geheime Gänge von umschützten Landungsstellen aus hinauf zum Oberland. Und von
seiner ragenden, kahlen, windumtobten Höhe richteten die Geschütze ihre
schlanken Läufe meerwärts. Die Bauten und feinen Linien von Telefunkenstationen,
Signalvorrichtungen, allerlei fremdartigem und für den Laien unbegreiflichem
Gestänge ragten aus dem roten Felsenrücken. Der Leuchtturm, einst in Oede und
feierlicher Stille der einsame Wächter, war nur noch ein Teil der
geheimnisvollen, mächtigen Sprache, die durch die Wundermittel der Elektrizität
ihre Sprüche und Warnungen weit hinausrief. Aber er stand in ehrwürdiger Feste
und blinzelte abends aus seinem roten Strahlenauge scharfe Blicke hinaus über
das dunkelwogende Meer.
    Zu Füssen der nordwestlichen Felsschroffen, unten an den jähen Abstürzen,
wuchs neues Land an.
    Was der Ozean vor Jahrhunderten dem Knochenbau der Felsen vom Erdkörper
abgerissen, so dass sie kahl und karg stehenblieben, nicht mehr umschmiegt von
lieblichen Geländen - das schien nun die grosse Dienerin der Macht und der
Völkerblüte, die Kriegskunst, der Insel wieder zurückerobern zu wollen.
    Ein pochendes, unaufhörliches, streng bewachtes und geleitetes Arbeitsleben
war um die Insel. Bagger kreischten in Ketten und strudelten klatschend sandigen
Inhalt in umhegte Reviere; Barkassen schossen hin und her. Ein Kreuzer, grau und
eisern, ankerte auf der Reede; die weisse Kriegsflagge mit dem Reichsadler in dem
rechten obern Viertel strich der Wind glatt aus.
    In den engen Strassen, die das Häusergehocke zwischen Fels und Strand am
südwestlichen Ende der Insel durchschnitten, war jeder zweite Mensch ein Matrose
in der blauen Uniform der Kriegsmarine. Und man erriet es wohl, dass der
eingeborenen Bevölkerung Daseinsbedingungen anderer Art aufgezwungen sein mussten
- nicht mehr der Badegast war für sie der hauptsächlichste Geldgeber - nicht
mehr der Fischfang und die Seefahrt nährten zumeist ihr Leben - die Kriegsmarine
hatte ihre eisernen Fäuste auf das rote Eiland gepresst - und aus diesen ehernen
Händen empfing es nun seine ungeschriebenen Gesetze, seine Arbeit, seinen
Gewinn. -
    Dies alles hatte für Raspe geradezu etwas Berauschendes. Er bewunderte, er
staunte, er war stolz, als Deutscher, als Soldat. Die kühne Arbeit, die hier
getan wurde, im Kampf mit tosenden Stürmen und brausenden Wogen, bedeutete ihm
eine Schönheit der grössten Art: die der Technik, die des Mutes. -
    Tulla war immer von neuem in ihn verliebt, wenn er straff und stolz neben
ihr einherschritt und mit einem stillen, grossen Leuchten in den Augen auf all
diese Mannestaten sah.
    Von Herzen gern wollte sie mitbewundern. Aber sie verstand nun wirklich
nicht, was daran zu bewundern sei.
    Sie sah so reizend aus, in der weissen dicken Wolljacke und in dem weissen
Wollmützchen, das bis über die Ohren herabgezogen war. Und wenn der Wind sie
packte, musste sie Raspe manchmal am Arm halten; es sah aus, als würde sie sonst
davongeweht werden. So jung, so schutzbedürftig, ganz seiner festen Hand
anheimgegeben war sie dann ... Und sie hatte ein glückliches Gefühl davon, und
ihre Augen strahlten zu ihm empor ...
    Am ersten Tage, als man zur Düne hinüberfuhr, sagte Tulla:
    »Hier ist es hübscher.«
    Das verstand Raspe wohl. Das Idyll der sandigen Düne musste dem holden Kinde
beruhigender und vergnüglicher erscheinen als drüben der für das Grauen einer
Seeschlacht so furchtbar gerüstete Felsen.
    Auch die Mutter breitete beglückt die Arme aus.
    Sonne wärmte den weissen Sand und täuschte eine andere Jahreszeit vor; die
von Salz gesättigte Luft prickelte wie Hitze auf der Haut. - Man konnte sich
hinlegen und mit geschlossenen Lidern dem Rauschen der heranflutenden Wogen
zuhören und dem Rhytmus ihres Zurückrinnens.
    Jeden Tag, gleich nach dem Essen, liessen sie sich hinüberbringen - segeln
mochte Tulla nicht, so musste gerudert werden. Viktor und Harald hatten einmal in
Montreux beim Segeln beinahe umgeworfen - sie sagten zwar immer: Mama und Tulla
hätten es sich in ihrer unnützen Angst bloss eingebildet. Aber seiter war Tulla
doch eben zu furchtsam. -
    Nun - daran lag ja nichts -, ob man nun ruderte oder segelte. Drüben war es
immer gleich schön. Der Himmel wollte ihnen so wohl. Es blieb sonnig-stürmisch
bei blauem Himmel. Als die Mutter das pries, sagte Tulla:
    »Bei schlechtem Wetter müsste es hier auch zum Auswachsen sein.«
    »Oh - ich möchte, wir erlebten hier grosses Unwetter,« - meinte Raspe.
    »Was sollten wir dann wohl machen?« fragte sie naiv, »im Hotel sitzen und
uns langweilen? Das haben wir mal im Hangenäsfjord gehabt - ich sage Ihnen, es
war schrecklich. Mama weinte beinahe. Na, Mama hatte ja mehrere Bekannte mit
sich - die Gesellschaft spielte dann schliesslich Poker und vergass den Regen -
aber ich? Es war tötend.«
    Sie ist schon allerwärts gewesen, dachte Raspe, und das machte ihn
unbestimmt traurig.
    »Sie sind eine weitgereiste junge Dame,« sprach er.
    »Ich?« fragte sie unschuldig und erstaunt, »ach, gar nicht. Im Sommer nahm
Mama mich immer einmal mit und einmal auch im Winter - aber auf allen anderen
Reisen musste ich zu Hause bleiben - Papa sagte, es werde sonst zu viel. - Ich
bin noch nicht mal in Aegypten und in Konstantinopel gewesen - Fiffi sagt, es
sei so amüsant, wegen der Basare, dort kann man so nett kaufen. - Wenn ich mal
heirate, mach' ich meine Hochzeitsreise nach Assuan. - Das steht fest.«
    »So?« fragte er scherzend, »und wenn es nun ein Mann ist, der dazu keine
Zeit hätte?«
    »Ach - die nimmt man sich - Mama sagt: alles ist Geldfrage.«
    »Es gibt auch noch andere Fragen in der Welt,« antwortete er kurz und sah
mit gerunzelter Stirn hinaus, als ob da irgendwo etwas Besonderes zu beobachten
sei.
    »Hab' ich was Dummes gesagt?« fragte Tulla sich bestürzt.
    Raspe merkte auch, dass die Düne ihr am zweiten Tag schon Langeweile bedeutet
hätte - ohne ihn. -
    Und er dachte schwer:
    Nicht alles Leben, nicht alle Freude muss einem Mädchengemüt vom Manne kommen
- es muss auch seinen eigenen Reichtum haben - an dem es den Mann teilnehmen lässt
- mit dem es ihn bereichert ...
    Und er suchte mit liebevollem Bemühen nach solchen Reichtümern. - Er dachte:
vielleicht ist sie doch innerlich so abgelenkt, weil man ihr das von der Mutter
geschrieben hat. Und er wagte es, ihr davon zu sprechen.
    Sie sassen im Sande der Düne, im Windschutz einer Mulde. Nicht fern von
ihnen, aber doch ausser Hörweite, sass die Mutter und versuchte sich an einer
Wellenstudie. Sie hielt eine Papptafel auf den Knien, den oberen Rand mit den
Fingern der linken Hand haltend, und die Palette lag neben ihr, auf dem
Malkasten. Sie rang sehr mühselig mit dem ihrer Begabung gar nicht liegenden
Versuch, und schien den Sohn und das »Pflegetöchterchen« vergessen zu haben.
    Der Himmel glänzte, das Wasser war durchleuchtet und grün, der feine Sand
gleisste. Vom Horizont zog unter schwarzem Dampf eine Torpedobootsflottille
vorbei.
    Und in dieser grossartigen Freiheit der Natur sprach Raspe zu Tulla:
    »Darf ich Sie etwas fragen?«
    Tulla bekam rasendes Herzklopfen.
    Er will mich fragen, ob ich ihn liebhabe, fühlte sie.
    Aber in ihren seligen Schreck mischte sich auch eine sie selbst ganz
überraschende Beklommenheit.
    »Bin ich Ihr Freund? Hab ich als solcher das Vorrecht, auch Dinge berühren
zu dürfen, die vielleicht Ihnen schmerzlich sind?«
    Schmerzlich? dachte sie. Und eine grosse Enttäuschung ernüchterte sie. Dies
war doch offenbar und gewiss nicht das Vorwort zu einer Liebeserklärung.
    Sie wurde ganz rot.
    »Oh - Sie,« sagte sie, »ja Sie dürfen über alles mit mir sprechen - zu
keinem Menschen in der Welt hab' ich so viel Vertrauen ...«
    »Es liegt in diesen Tagen irgendetwas auf Ihnen. - Da ist so etwas wie eine
geheime Unruhe. - Nein, Unruhe ist schon zu viel gesagt. - - Es ist, als ob
irgend etwas Sie verhinderte, sich an dieser grossen Welt zu freuen.«
    Mein Gott, dachte Tulla ganz betroffen, man kann sich doch nicht immerzu
über Helgoland begeistern.
    »So?« ... fragte sie nur unsicher.
    »Und da hab' ich mir gedacht: es schmerzt Sie, dass Ihre Freundin Fiffi Ihnen
solche Sachen schrieb. Vielleicht ist es gar nicht wahr.«
    »Ach,« sprach Tulla höchst gleichgültig, »es wird schon wahr sein.«
    Er schwieg. Sie glaubte: verstimmt! Und plötzlich fielen ihr allerlei
Nebenumstände und Beziehungen zu dem Tema ein. Sie beeilte sich, ihn zu
beruhigen.
    »Natürlich - das ist Unsinn, was Fiffi schrieb - dass Mama das Trauerjahr
nicht abwarten würde - solche Taktlosigkeit macht sie nicht - was würden die
Leute davon denken! - O nein. - Und für die Brüder und mich wär's auch kein
Unglück. - Mama stellt uns ganz bestimmt sehr unabhängig. Ganz bestimmt.«
    Und er hörte genau heraus, weshalb sie ihm diese beruhigende Versicherung
gab - ihre Gedankengänge lagen offen vor ihm da - er sah hinein, in diese naive
Abhängigkeit vom Gelde, die sie auch bei ihm vermutete. Er fragte:
    »Tut es Ihnen nicht weh, dass Ihr Vater so bald vergessen wird. Er war ein
ausgezeichneter Mann.«
    »Ja - Gott - gewiss - sehen Sie, ich - ich kann so was nicht begreifen - ich
tröstete mich nie, wenn ich den Mann verlöre, den ich liebe.«
    »Das glaubt jedes Herz von sich.«
    »Aber Mama und Papa waren schon seit vielen Jahren nicht mehr glücklich.
Warum soll sie nicht ein neues Glück suchen? Nur - ich möchte dann nicht mehr im
Hause sein.«
    Tulla sagte es mit leiser Stimme. Sie fühlte selbst: es war wie eine Bitte:
Bewahre, rette du mich davor! ...
    In all diesen Tagen erinnerte sie sich oft, dass Fiffi gesagt hatte: »Einem
armen Bewerber muss man entgegenkommen, sonst traut er sich nicht ...« So was war
leicht gesagt! Wie soll man entgegenkommen? ... Tulla fühlte immer von neuem:
das kann ich nicht - alles, was von Feinheit in ihr war, wehrte sich dagegen ...
... Aber eben, jetzt - ja jetzt war sie »entgegengekommen« ...
    Und sie sass herzklopfend und wartete auf den Erfolg.
    »Sie sind aber sehr verwöhnt - verwöhnter, als Sie selbst wissen,« sagte er,
»es würde Ihnen schwer werden, sich einem engeren Leben anzupassen - zum
Beispiel in einer Ehe, wo es mit einem festen, bescheidenen Einkommen rechnen
heisst.«
    »Trockenes Brot könnte ich essen und glücklich sein!« versicherte Tulla
begeistert.
    Er lächelte - er sah ein wenig melancholisch aus - welche Kindlichkeit in
diesem Ausruf ...
    »Aber das brauche ich ja auch gar nicht,« sprach sie weiter und war ganz
eifrig, »das wäre doch Unsinn - Mama ist doch reich. Weshalb soll man auf so
viel Schönes verzichten, wenn man's haben kann ...«
    Ein Schweigen entstand. Tulla wusste nicht, was es zu bedeuten hatte.
    Er war wie benommen von einem Gedanken ...
    Von jener Frau Geld annehmen? ...
    Und dann diese Mädchen, die aus einem Millionenhaus kommen, dereinst nur
einen Bruchteil erben, aber die Ansprüche und Gewohnheiten nach dem Rahmen des
Ganzen haben ...
    In dies Schweigen hinein, das für Tulla so schrecklich war, dass sie beinahe
geweint hätte, kam dann die Mutter mit ihrer Skizze ...
    Tulla fand sie aufrichtig schön. Aber Raspe sagte, das Meer sähe aus wie
Milch, in die ein wenig Spinatwasser gegossen sei. Und darüber lachte Sophie
dann und war guter Dinge.
    Am Abend war man in dem grossen, verandaartigen Raum des Kurhauses. Da und
dort an den Tischen sassen Marineoffiziere oder -beamte, auch einige Ausflügler,
die hier ihre Osterferien verbrachten. Man konnte sich vorstellen, wie anders,
wie gedrängt und lärmend hier im Sommer der Verkehr sein musste. Hart an einem
der grossen Fenster wollte Sophie mit den beiden jungen Menschen speisen. Auf das
Meer draussen sank die Abendstille nieder. Es wurde sehr langsam dunkel. Und dies
allmähliche Versiegen aller Farben und aller Helle war sehr feierlich. Es war
wie ein Abbild vom einstigen Erlöschen allen Lebens. Die Nacht auf der Erde ist
Friede. Die Nacht auf dem Meer ist Grauen und Unendlichkeit. Die eine nimmt den
Menschen still in ihre Arme, die andere macht ihn zum armseligen Geschöpf in der
Finsternis - -
    Dergleichen empfand Sophie. Sie starrte hinaus. Raspe sass still und war voll
Andacht. In diesen Minuten gab ihm die Nähe des holden Mädchens ein zartes
Glücksgefühl. Mancher lähmenden Enttäuschung widersprach sein Herz. Eine
gläubige Zuversicht wollte siegen. Er sah alle lieblichen Wesenszüge, er fühlte
Mut aufwallen. Liebe kann ja Wunder tun, warum nicht auch das: ein zur
Oberflächlichkeit und zu Ansprüchen erzogenes Geschöpf zur Tiefe und Einfachheit
erziehen.
    Tulla winkte dem Kellner.
    »Ziehen Sie doch endlich die Vorhänge zu ... so ...« Und sie drehte
hausfraulich vorsorglich die Tischlampe auf. »Das ist ja langweilig, so ins
Dunkle zu gucken.«
    Die Suppe kam; es war hell und warm, und Tulla schien sehr fröhlich.
    »Auf die Heimfahrt morgen freue ich mich. In Hamburg ist es doch amüsanter.
Aber nicht wahr, wir haben morgen früh noch Zeit, ich muss doch Terese etwas
mitbringen ... helfen Sie mir einkaufen?«
    Dazu war Raspe gern bereit. Tulla erwog: eine ausgestopfte Möwe und ein paar
Tonfiguren, Bewohner in Landestracht vorstellend. »Das wird ihr sehr nützlich
sein,« spottete Raspe, und Tulla liess sich gern auslachen.
    Nachher stellte sie Betrachtungen an über die Marineoffiziere, und sie
bedauerte die armen Frauen.
    »Beruf!« sagte Raspe. »Die Frau, die den Mann liebt, achtet seinen Beruf,
bringt ihm Opfer.«
    »Ach bewahre - sie sieht den Beruf als ihren Feind an!«
    »Warum?«
    »Na - er nimmt ihr doch den Mann fast den ganzen Tag weg - eigentlich konnte
man sich nicht wundern, dass Mama mit Papa ganz auseinander kam. Was hatte sie
denn von ihm?«
    Die Mutter sah sie aufmerksam an.
    »Eine Frau, die liebt, hat Ehrgeiz für den Mann, nimmt Teil an den Sorgen,
Freuden, Aussichten seiner Arbeit - ist stolz auf sie - hilft ihr - und wenn
nicht anders als dadurch, dass sie die Häuslichkeit auf die Anforderungen seines
Berufes glatt und behaglich einzustellen weiss.«
    »Es ist immer bloss vom Mann die Rede,« debattierte sie eifrig.
    »Ich finde im Gegenteil, es ist heutzutage immer bloss von der Frau die
Rede.«
    »So? Sie sind doch schlankweg der Ansicht, dass die Frau sich in den Beruf
des Mannes zu fügen hat.«
    »Unter allen Umständen,« sprach Raspe.
    »Ach nein,« meinte Tulla naiv, »doch wohl nur, wenn die Verhältnisse so sind
... Ich meine - viele müssen doch verdienen und einen Beruf haben - aber wer es
sich leisten kann ohne - wenn ich mal heirate, müsste mein Mann den Abschied
nehmen - mich so liebhaben, dass er mir allein leben wollte -«
    »Ihr Papa hat doch auch gearbeitet,« sagte er.
    »Gott - ja - er wollte doch auch Exzellenz werden - das erwartete Mama
bestimmt ...«
    Sie brach jäh ab. Es war gerade, als lege ihr jemand eine Hand auf den Mund.
Sie fühlte, sie war im Begriff gewesen, etwas Taktloses zu sagen, beinahe
offenherzig zu wiederholen, dass Mama von Jahr zu Jahr ärgerlicher über den
fehlenden Adel gewesen war und auf die Exzellenz als auf einen Ausgleich
gewartet hatte -
    Wenn ihr das entschlüpft wäre! Grosser Gott! Dann hätte Raspe noch gar
gedacht, sie mache sich um seines Uradels willen so viel aus ihm. Und sie, sie
hätte ihn auch geliebt, wenn er nur Schulz oder Müller geheissen hätte - es war
ihr ganz egal - oder doch beinahe ... Wegen der Mama, den Brüdern, der Welt und
vor allen Dingen wegen Fiffi war es natürlich sehr schön, auf einen alten Namen
pochen zu können. Aber sonst? ... Ja, ganz egal. Rasend liebte sie ihn - über
alle Massen.
    Und deshalb musste er auch später durchaus den Abschied nehmen.... Tulla war
sehr mit sich zufrieden, dass sie ihm vorweg angedeutet habe, er brauche nicht
mehr abhängig zu sein. Das musste ihn doch freuen - war doch eine herrliche
Aussicht für ihn! Welcher Mensch hätte sich das nicht gewünscht! Nur noch Freude
am Leben! Gar keine Plage mehr! Wenn sie nur erst verheiratet wären.
    Ach, es konnte dann zu schön werden - Reisen - Sport - vielleicht auch mal
in Frankreich auf dem romantischen Schloss des künftigen Gatten der Mama - wo sie
schon alles aufs grossartigste herrichten würde. Und kein Dienst mit frühem
Aufstehen mehr, keine scharfen Vorgesetzten, keine bevormundende Kommandeuse -
Viktor, der es doch wissen musste, sagte auch immer, es sei Schinderei.. Und
Viktor nähme auch am liebsten den Abschied - aber er konnte sich ja nicht ein
bisschen einschränken und musste deshalb erst eine wahnsinnig reiche Frau finden.
Sie aber und Raspe, sie würden bequem mit dem auskommen, was Mama und Onkel
Buschke ihnen bewilligten - deshalb brauchten sie noch immer nicht so betrübend
sparsam zu leben wie die arme Frau von Hellbingsdorf ...
    An diesem Abend, als Tulla sich ganz gehorsam hatte zu Bett schicken lassen
- sie schwelgte förmlich im Gehorsam vor seiner Mutter - ging Sophie noch mit
ihrem Sohn auf die Brücke hinaus.
    Schwarz waren Himmel und Meer. Vom Kriegsschiff herüber glänzte Licht.
Droben auf der Höhe glühten Strahlen auf und loschen hin im regelmässigen
Wechsel. Das Vaterauge des Leuchtturms öffnete sich und schloss sich - immerfort
- in rhytmischer Bewegung von Licht und Dunkelheit.
    Eng schmiegte sich die Mutter an den Sohn, der den Arm um sie gelegt hatte.
Sie sassen auf einer der Bänke; unter ihnen, um die klobigen Holzfundamente der
Brücke, schülpte das Wasser.
    Sie sprachen zusammen - ganz wenige Worte - aus der Fülle ihres Verstehens
heraus - als hätten Geständnisse sie vorbereitet - und alles war doch bisher mit
Schweigen umhüllt gewesen.
    »Vielleicht ist es meine Schuld,« sagte die Mutter leise und traurig, »zu
sehr habe ich Euch für die Familie erzogen - für ihre Stille - ihren genügsamen
Frieden - ihre Wichtigkeit - -«
    Und ganz schüchtern fragte sie vor sich hin, beinahe wie an sich zweifelnd:
»Sie ist doch noch immer das Wichtigste? ...«
    Er drückte ihr fest und kurz die Hand zur Antwort.
    »Das arme Kind - glaubst Du nicht, dass Erziehung ...«
    »Nein, Mutter,« sagte er, »nein, da ist nicht bloss Angewöhntes, da ist
Angeborenes« -
    »Armes Kind ...«
    »Kaum. Sie fühlt ja keine Leere. Und wenn sie den rechten Mann bekommt - ich
meine, solchen, der den gleichen Geschmack hat« -
    »Raspe,« flüsterte sie, »wir wollen doch hoffen..«
    Er lächelte schmerzlich in sich hinein.
    »Die Fürstin Siegstein sagte mal zu mir,« erzählte Sophie sich ermutigend,
um dadurch den Sohn zu ermutigen, »sie sagte: Das Herz kommt nach, wenn der Kopf
durchaus weiss: es ist vernünftig. Es ist so viel angeborenes Bedürfnis in einem
zu lieben. Das hilft denn nach, wenn der Verstand mal 'ne unabänderliche
Lebenslage etabliert hat. Und dann die Gewohnheit. Die gute Hälfte von dem, was
man für Liebe hält, ist Gewohnheit, sagte die Fürstin. Sie heiratete ihren Mann
mit vielen Bedenken und war nachher so glücklich.«
    »Es war da wohl umgekehrt: der Kopf war einverstanden, das Herz wurde nicht
gefragt. Es gibt ja auch Fälle, Mutter - Fälle - wo das Herz wohl möchte - und
wo es sehr weh tut, wenn der Kopf nein sagt ...«
    Das war sein Fall - sie wusste es, und ihre Seele weinte.
    »Der Kopf ist auch manchmal eigensinnig,« schmeichelte sie.
    »Was hab' ich als bescheidener Mann denn anders, als im Einklang mit mir
selbst zu sein. Darin liegt meine Würde, Mutter - tut sie nicht?«
    Sophie fühlte eine Träne in ihrem Auge - Hoffnungen begraben tut weh. - Und
gerade diese. - Auf der der Segen eines teuren Verstorbenen zu liegen schien.
    Noch weher aber tat es, den Sohn in schmerzlichen Kämpfen zu wissen ...
    »Um Allert hab' ich auch Sorgen,« sagte sie vor sich hin.
    »Ich weiss es, Mutter.«
    Und dann schwiegen sie und hörten dem grossen Rauschen des Meeres zu, das in
rastloser Bewegung gegen das Hindernis anbrauste, als welches das rote
Felseneiland in seiner Breite stand. -
    Auf der Heimreise war Tulla sehr unruhig. Sie dachte: heute ist sein Urlaub
zu Ende. Und sie begriff sein Schweigen nicht. Und ganz allmählich überkam es
sie: auch sein Wesen begriff sie nicht.
    So gütig - so ernst. Ja, wie ein Schleier von Traurigkeit lag's darüber ...
Warum nur? Sie zermarterte ihren Kopf ... Ganz gewiss - er dachte, er könne es
nicht wagen.
    Er war einer von den wenigen Männern, die durchaus nicht in den Verdacht
kommen wollen, dass sie an das Geld und nicht an das Herz des Mädchens denken ...
Oh, wie sollte sie es ihm nur zeigen, dass sie ganz felsenfest an seine
Uneigennützigkeit glaubte - dass sie darauf schwor: ihr Geld sei ihm Nebensache -
dass sie wisse: er könne, wenn er nur nach Geld heiraten wolle, so viel Partien
machen.
    Natürlich war es ganz unmöglich, ihm das zu sagen. Aber in ihrer zitternden
Aufregung zeigte sie ihm, ohne zu wissen, ganz unverhüllt die Sehnsucht ihres
jungen Herzens.
    Und er spürte es. Sein Gemüt war ihm schwer. Er empfand es als Grausamkeit
vom Schicksal, dass es ihm Glück vorgaukelte, das bei ernstem Betrachten nur
brüchig aussah.
    Wie viel Reiz hatte dies schlanke junge Geschöpf, mit den dunklen,
bettelnden Augen im schmalen Gesicht ... Und das Verlangen wallte in ihm auf,
sie in seine Arme zu nehmen und sie herauszuretten aus ihrem leeren Luxusleben.
    Nein - stark sein - ein Mann bleiben. Und als rechter Mann nicht nur auf die
Stimme des Blutes hören, sondern auch auf die Stimme der Vernunft.
    Er glaubte nicht an sein Glück mit ihr. Er sah es - er fühlte es: sie
standen auf verschiedenen Ufern - von den ernsten Eichenhainen des seinen
führten keine Brücken zu den goldenen Gärten des ihren. Es gibt Naturen, die
nicht kraftvoll genug sind, um verpflanzt werden zu können. Dies liebliche Kind
würde niemals seine Anschauungen begreifen ...
    Als man sich der Landungsbrücke näherte, der weltberühmten »Alten Liebe« von
Cuxhaven - dieser Stätte, an welcher der Völkerverkehr vorbeiflutet - die den
Schmerz der Ausreisenden und die Wonne der Heimkehrenden kannte, die alle
Hoffnungen und alle Enttäuschungen auf ihren Balken hatte flüstern und weinen
hören - da wurde Tullas Herz von Angst ganz fassungslos.
    Und sie bat:
    »Bleiben Sie noch - verlängern Sie Ihren Urlaub.«
    »Nein,« sagte er, »es ist unmöglich.«
    Er war ernst und blass.
    Der Dampfer legte an - die Unruhe des Von-Bord-Gehens kam - zur Rückfahrt,
elbaufwärts wollten sie ja die Bahn benutzen. Ein heimlichholdes Wort - eine
Frage, die man nur ohne Zeugen ausspricht - das war nun nicht mehr möglich.
    Und Tulla wusste: er wird nichts sagen ...
    Warum nicht? O Gott - wie schwer, wie schrecklich! Warum nicht? Sie hatte
ihm doch so viel, als möglich war, Beruhigendes über die Verhältnisse gesagt!
Warum sprach er nicht? Es war schliesslich doch wohl wegen der Mama, und es passte
ihm doch wohl nicht, dass die Mama wieder heiratete ... Tulla fand und fühlte
keinen Grund ... Der Jammer in ihrem Herzen wurde immer grösser. Nun sank alles
zusammen. Die Minuten, die verrannen, schienen alles Leben, alle Hoffnungen mit
sich fortnehmen zu wollen ... Gleich war man in Hamburg. Auf dem Bahnhof kam der
Abschied. Raspe musste sofort umsteigen in den Zug nach Wittenberge ... Dann war
alles aus - das wusste Tulla - schied er jetzt, stumm - in diesem unbegreiflichen
Schweigen, dann sah sie ihn nie mehr - nie.
    Sie hatte beinahe Furcht davor, ihn anzusehen.
    Sie stützte den Arm auf die schmale Fensterbank des Fensters und sah starr
in die Marschlandschaft hinaus, die flach und braun draussen lag. Sie waren
allein im Abteil. Und sie schwiegen fast auf der ganzen Fahrt.
    Sophie war traurig. Statt eines Aufblühens hatte sie ein Abwelken erlebt -
ein seltsam niederdrückendes Schauspiel. Vorwärts stürmende, wagemutige
Jugendtollheit wäre fast natürlicher gewesen. Aber gewiss war es gut so, dass ihr
Sohn besonnen blieb. Ihr war, als sei die heutige Jugend vielleicht im
allgemeinen reifer als die der vorigen Generation. Vielleicht.
    Sie sah, dass Tulla verwirrt vor Schmerz und Enttäuschung war. Es tat ihr
leid ... Eine innere Stimme sagte ihr: das Kind wird vergessen ...
    Aber ihr Sohn? Der feste, ernste Raspe - mit der klaren Tiefe seines Wesens?
Da blieb eine Wunde im Herzen. Und ein Zweifel, eine Unsicherheit, ein Zögern -
jedem neuen Gefühl gegenüber, das ihn etwa bestricken wollte ...
    Sie musste sich bezwingen, um nicht zu weinen.
    Und je näher sie Hamburg kamen, desto unruhiger eilten ihre Gedanken auch
Allert entgegen. Sieben lange Tage hatte sie nichts von ihm gehört.
    Was konnte in dieser Zeit alles geschehen sein? Sein Duell mit dem
vielleicht zurückgekehrten Dorne konnte stattgefunden haben - mit einem Male sah
Sophie es nicht mehr so hochgemut an ... wie, wenn Allert verwundet daniederlag.
Oder vielleicht war Dorne immer noch verschwunden und Allert hatte sich an die
Polizei wenden müssen - seine Firma war in aller Mund - schreckliche
Katastrophen konnten eingetreten sein.
    Endlich sprach sie von ihren Aengsten.
    Aus ihren bangen Vorstellungen heraus wollte sie Zuspruch und
Wahrscheinlichkeiten von Raspe hören, der ihr doch auch nichts, gar nichts sagen
konnte. Aber, um sie zu beruhigen, sprach er:
    »Vielleicht hat sich alles umgekehrt zum Harmlosen gewendet. Und wir finden
vielleicht Allert glücklich und von allen Sorgen befreit.«
    Ach - das konnte ja nur auf eine einzige Weise möglich sein ... Marieluis
... Die Mutter dachte es voll Inbrunst. Ja - vielleicht. Sie hatten sich in den
letzten Tagen gewiss manchmal gesehen - bei den Festen für Dory und Fritz. Und es
ist so ein wahres altes Wort: Verloben steckt an. Der Anblick von Glück erzeugt
Sehnsucht nach Glück - das ist so natürlich.
    Und die rasche Phantasie Sophiens verliess alle düsteren Bilder und baute ein
neues auf: wie, wenn am Bahnhof zwei Glückselige auf sie warteten? Wenn dem
älteren Sohn inzwischen die Träume zur Wirklichkeit geworden waren, die der
jüngere hatte zerfliessen sehen? ...
    Da fuhren sie in die Halle ein ...
    Auf dem Bahnsteig standen ziemlich viele Menschen, ihr Durcheinander machte
es nicht ersichtlich, ob etwa Allert zur Stelle sei ...
    Aber Tulla schrie auf - überrascht - ausser sich -
    »Mein Bruder!«
    Und ein paar Augenblicke darauf hing sie am Hals eines jungen Mannes, den
Sophie nie gesehen hatte. Aber Raspe erkannte ihn: es war der Leutnant Viktor
Rositz ...
    Tulla brach in leidenschaftliche Tränen aus. Sie konnte sich nicht
beherrschen. Eine jammervolle Traurigkeit schluchzte heraus ...
    »Na nu?« sagte Viktor.
    »Ich freu' mich so, Dich wiederzusehen,« stammelte Tulla und hatte auch, in
aller Aufregung, ein solches Gefühl - es floss in ihren Gram hinein. Sie hatte
selbst nicht gewusst, dass ihr der Bruder, mit dem sie auf dem Kriegsfuss lebte, so
teuer sei ... Wenigstens kam es ihr in diesem Augenblick so vor, als habe sie
ihn unmenschlich lieb ...
    Sophie stand verlegen und bestürzt. Was sollte der Leutnant Rositz von der
Gemütsverfassung seiner Schwester denken!
    Aber Viktor Rositz war nicht der Mann, sich durch irgend etwas aus seiner
gesellschaftlichen Glätte herausbringen zu lassen.
    »Nervös? Ja, die kleinen Mädchen. Herr von Hellbingsdorf - bitte mich der
gnädigen Frau vorzustellen ...«
    Und er beugte sich über Sophiens Hand.
    »Gnädige Frau sind erstaunt, mich zu sehen? Ich war in Ihrer Wohnung, dort
erfuhr ich, dass Sie mit diesem Zuge aus Helgoland zurückkehrten. Wir hatten von
der Reise keine Ahnung - Tulla schreibt ja nie. Darf ich gnädige Frau nachher
eine halbe Stunde in Anspruch nehmen?«
    »Aber natürlich ... Kommen Sie doch zum Abendessen - mein Sohn reist gleich
weiter - ein wenig müssen Tulla und ich uns erst nach der Reise besinnen ...«
    »Zum Abendessen? Danke gehorsamst. Um acht Uhr? Danke sehr - ja. Und Sie
reisen gleich weiter, Herr von Hellbingsdorf? Schade. Na und Du, Tulla? Willste
morgen mit mir nach Haus? Mama ist seit Palmsonntag in Berlin. Ewig kannste ja
nicht die Gastfreundschaft der gnädigen Frau in Anspruch nehmen ...«
    »Ja,« sagte Tulla, »ja, ich fahr' morgen mit Dir.«
    Und nun musste Raspe sich verabschieden - sein Zug wartete auf einem andern
Bahnsteig.
    Alles war hastig, unfrei - kein inniges Wort zwischen Sohn und Mutter mehr
möglich - die Minuten drängten.
    Er reichte Tulla noch die Hand. Und sie sah ihn mit einem so schmerzlichen
Blick an, als wollte sie eine grosse Schuld an ihrem jungen Leben auf sein Herz
laden.
    Raspe erwiderte den Blick - von schwerem Ernst war sein Ausdruck, aber fest
und klar.
    Das fauchende, rollende Gelärm des Bahnhofs erfüllte die Ohren und
übertäubte jedes Wort.
    Und so ging ein Traum unter ... Das brausende Leben machte keine Pause -
gönnte der Minute dieses Abschieds nicht einmal die Andacht der Stille.
Mit der Frage, was die überraschende Ankunft von Viktor Rositz zu bedeuten habe,
konnte Sophie sich nicht befassen. Ihre Unruhe war zu gross. Allert hatte sie
nicht vom Bahnhof geholt? Obgleich er wusste, dass er dort noch seinen Bruder
einen kurzen Augenblick sehen konnte? Sollte ihm etwas zugestossen sein?
    Und in der Wohnung hatte Sophie gleich Hausfrauenunruhe. Terese war nicht
so leistungsfähig, dass man ihr alles Weitere hätte überlassen können. Sie
brauchte Zeit und Sammlung für ihre meisterlichen Kochkünste, und ihre Gedanken
waren auf die Regelmässigkeit des Arbeitsganges eingestellt. In der Küche fand
also eine Beratung statt. Und Tulla steckte den Kopf zur Tür hinein und fragte,
ob Terese ihr nicht packen helfen dürfe. Aber das war unmöglich - sie musste
doch für das Abendessen sorgen, zu dem der Bruder erwartet wurde.
    Tulla erklärte dann weinerlich, sie habe noch nie, in ihrem ganzen Leben
nicht, selbst einen Koffer gepackt und käme gewiss nicht damit zustande - und es
war zum erstenmal ein leiser Ton von Ungeduld in ihrer Stimme.
    Begütigend versprach Sophie ihr, am späten Abend ihr zu helfen, es würde
schon gehen. Und Tulla zog sich zurück, in einem Gemisch von Beschämung und -
Erleichterung ... Morgen würde sie ja wieder so viel Bedienung haben, wie sie
wollte ...
    Sophie aber, indem sie nun rasch die Zimmer durchsah, ihre eigenen Sachen
auspackte, gestand sich zum erstenmal: Tulla war doch ein recht mühsamer Gast
gewesen - immer anspruchsvoll, ohne es zu ahnen - durch ihr blosses Dasein -
reizend - lieblich - eine kleine Prinzessin, die sich darin gefiel, einmal
bürgerliches Leben zu kosten -
    Wo nur Allert blieb?
    Sie telefonierte an. Es wurde von der Fabrik aus geantwortet, dass Herr von
Hellbingsdorf soeben mit dem Auto zur Stadt gefahren sei.
    Also gottlob - er war gesund - lag nicht etwa zerschossen und elend
danieder.
    Und wenige Minuten später hatte sie ihn dann auch vor sich - er schien der
alte - er tat lebendig und humorvoll wie immer.
    Er hatte mit dem besten Willen nicht an den Zug kommen können, so sehr es
ihn verlangte, Raspe noch die Hand zu drücken ... Da war gerade ein
Geschäftsfreund gewesen - es handelte sich um den Abschluss grosser Lieferungen.
    Aber sein Gesicht war bewölkt, trotzdem er von bedeutenden Bestellungen
sprach, die erheblichen Gewinn verhiessen. Und seine Farben waren unfrisch, ja,
versorgt sah er aus - ermüdet - unfroh.
    Sophie wollte wissen ...
    »Ach,« sagte er, »Du hast ja keine Zeit, und gleich kommt Tulla herein ...«
    »Nein, sie kommt gewiss nicht herein.« Sie hatte das bestimmte Gefühl: Tulla
wird sich, gleichsam versteckt, in ihrem Zimmer halten, bis ihr Bruder kommt -
der bedeutet ihr in ihrem Schmerz so etwas wie einen Schutz, einen Halt ...
    Und nun fragte sie sich doch laut: »Was kann denn Viktor Rositz von mir
wollen?«
    Gleichgültig sagte Allert: »Ach - irgend was Taktloses. Sie sind vielleicht
auf den Gedanken gekommen, dass sie Dir Tullas Bild doch noch honorieren müssten.«
    Im Grunde war es auch ihr gleichgültig. Des Sohnes wichtige Angelegenheiten
drängten heran und wollten besprochen sein.
    Allert sass auf dem Koffer seiner Mutter und sah zu, wie sie, rasch und sacht
sich hin und her bewegend, ihre Sachen an den zukommenden Stellen einordnete. Er
hatte die Arme verschränkt, und es war eine gewisse Ruhe in seiner äusserlichen
Haltung. Die Mutter sah wohl: Bitterkeit, die auf dem Weg ist, sich in die
herbsten Enttäuschungen zu fügen.
    »Dorne? Ja, Mutter - der ist wieder da. Als ich Sonnabend vormittag in mein
Büro trete, sitzt er da - an meinem Schreibtisch - noch flauer, fader, schlapper
anzusehen als sonst. Ich kann Dir nicht beschreiben, Mutter, was für'n
Widerwillen mich packte. Bei Gott, in mir kribbelte so was - ich hätt' ihn
schlagen mögen. Na, nachher kam denn das Mitleid - als er mit scheuem Blick, wie
'n misshandeltes Tier zu mir aufsah ... Und wie er leise sagte: Ich war
wahnsinnig - können Sie mir verzeihen - ja, von Sinnen - ich bitte Sie um
Verzeihung - ich hab' Patows Brief gefunden. Gewiss - natürlich - ich bin zu
jeder Genugtuung bereit - wenn meine Reue Ihnen keine ist ... Und wie er dann so
beschrieb - immer leise vor sich hin - wie er seine Töchter zu seiner Schwester
gebracht habe und dann weggereist sei - er wisse nicht wohin - tags in der Bahn
- nachts in der Bahn - kreuz und quer - blöde. Oh, das war schrecklich, einen
Menschen so reden zu hören ... Und was sollt' ich da viel antworten. Ich würde
die Sache mit Patow besprechen.«
    »Und was sagte Fritz?«
    »Dass der Ehrenrat wohl entscheiden würde, ich dürfe mich mit so 'ner Art
Erklärung zufrieden geben. Der Ehrenrat sei ja schliesslich eingesetzt, nicht um
Duelle zu fördern, sondern um sie, wo möglich, zu hindern. Na, und der Mann war
ja tatsächlich sinnlos - was so einer tut und sagt, darf man wohl nicht anders
bewerten als die Äusserung eines Betrunkenen. Aber diese Duellfrage ist ja so
nebensächlich« -
    »Mir nicht!« sagte Sophie aus Herzensgrund und gab sich erst jetzt zu, dass
sie zu viel und mit Sorge daran gedacht hatte.
    »Das wäre so 'ne kurze Szene gewesen - meinetwegen mit 'nem kleinen
Denkzettel - das ist wie Teater: Spannung, Aufregung, Schluss - vorbei. Aber
nun?«
    Und er brach los. Er stand von seinem burschikosen Sitz auf dem Koffer auf
und rannte hin und her in dem vollen Raum und stiess eine Hutschachtel aus seinem
Weg und setzte mit Nachdruck einen Stuhl von einer Stelle zur anderen.
    »Fortan alle Tage - Jahr um Jahr den Mann sehen - sprechen - mit ihm
arbeiten! Meine Arbeit wird mir ja zum Ekel. Und was das grässlichste ist - Du
sollst sehen, Mutter - eines Tages verzeiht er ihr! Das wetterleuchtete schon
durch seinen Gram - die Töchter, die haben geweint, sagte er, - aber es ist
nicht das allein - ich hab's gespürt, Mutter, als hätt' er mir's haarklein
beschrieben - als er heimkam und der Duft ihrer raffiniert gepflegten Person
noch in den Zimmern war - als er in die Kleiderschränke hineinsah, wo ihre
weissen Flöre hingen und ihre bunten Schuhe standen. Oh, ich hab's erraten - er
wird sie aufnehmen, wenn sie wiederkommt. Und ob sie wiederkommt - das hängt ja
bloss davon ab: findet sie einen, der ihr Dasein auf sich nimmt und mit mehr Geld
stützen kann - nein, Mutter - so einen Mann kann ich nicht achten.«
    Nun sass Sophie auf dem Koffer, ganz erschreckt und geschlagen.
    »Und da ist kein Loskommen - das seh' ich ... Er sprach von der gemeinsamen
Weiterarbeit als etwas Notwendigem. Dieser Brand - und danach die Neuanlagen -
so vergrössert - nach seinen Ideen, mit seinem Gelde. Das schmiedet mich an ihn -
das ist die Kette, die mich bindet. Er weiss es, er sagt es sich selbst - ganz
still und ergeben - dass ich nicht die Mittel habe, ihn auszuzahlen - dass er auch
keinen Grund sähe, falls ich die Bitte um Verzeihung annähme, dass doch die
gemeinsame Arbeit gedeihe. Und ich kann ihm nicht ins Gesicht sagen - dass ich
ihn verachte, dass all sein tüchtiges Wissen ihn mir nicht zum Manne macht!
Männlichkeit erochst man sich nicht auf Universitäten, und sie sitzt nicht im
Gehirn - die sitzt im Blut - im Charakter ... Ja, siehst Du, selbst wenn ich ihm
nicht verzeihe - Fritz sagt, ich muss es - aber wenn ich vorschütze, als könne
ich's nicht über mich bringen - selbst das kann ich ja nicht mal zum Vorwand
nehmen ... Ich bin an ihn geschmiedet - oder ich muss meine Schöpfung verlassen.«
    »Hast Du mit Senator Amster über die Sache gesprochen?« fragte Sophie
dazwischen.
    Ueber Allerts Gesicht flog eine helle Röte.
    »Nein. Aber« - es wollte ihm nicht rasch von den Lippen - »aber mit
Marieluis - ich hab' es ihr erzählt - wir waren ja dreimal zusammen diese Woche
- es ist fabelhaft, wie Fritz in Glück und Festen schwimmt und wie Dory glänzt«
- -
    »Und was sagte Marieluis?«
    »Dass sie es mir ganz nachfühlt - dass ich mit dem Manne nicht weiterarbeiten
könne - dürfe ...«
    »Ah« ... sprach Sophie und wartete ... Aber es schien, dass Allert nichts
mehr zu sagen habe. So setzte sie denn hinzu: »Das hab' ich von Marieluis
erwartet, dass sie nicht den Nützlichkeits- und Geldpunkt als Hauptsache ansieht.
Sie - ja, sie ist von unserer Art und unsern Sinnes!«
    »In vielem, Mutter,« sagte er, »in sehr vielem - aber in grossen Fragen - in
Fragen, die ihr nebensächlich sein sollten und daran sie beinahe ihr Leben hängt
- da nicht.«
    Er strich sich über die Augen, schien plötzlich ganz abgelenkt, als denke er
an Gott weiss was, und sagte dann: »Mir scheint, Du hast eingekramt - wir können
ja wohl bald essen - ach so - dieser Leutnant Rositz kommt noch - und was ich
noch erzählen wollte: ich gehe morgen in die Versammlung - höre Doktor Marya
Möller - tja - so is man nun - sie bat - ja - sie bat ...«
    »Doktor Marya Möller?« fragte Sophie grenzenlos erstaunt.
    »Ach nee - Unsinn - kenn' ich ja gar nicht - Marieluis, die bat - immer
wieder bat sie ...« Er war verlegen und setzte hinzu: »Es war nicht ganz
männlich von mir, es zu versprechen.«
    »O doch!« rief seine Mutter. »Ihr Männer müsst nicht gleich denken, wenn Ihr
'n bisschen Euren Eigensinn lockert, das sei schwach.«
    »Na denn ... Und kommst Du mit?«
    »Aber natürlich!« Ihre Stimme klang aufjubelnd. Das war ihr ein Zeichen -
eine Verheissung -
    »Um noch ein Wort von Dorne zu sagen,« fügte sie in einer blitzschnellen
Ideenverbindung hinzu, »Du zahlst ihn allmählich aus und nimmst dazu vorerst
meine Ersparnisse. Das weitere findet sich.«
    Er soll, er muss ein Gefühl der Unabhängigkeit haben, dachte sie - damit ihn
der Gedanke an Marieluisens Geld nicht hemmt -
    »Ich soll Dich berauben?!«
    »Du sollst mich beruhigen!«
    Ein kräftiges Klopfen tönte in diesen Wettstreit hinein.
    »Wenn es nicht das Pochen des Schicksals ist, ist es Teresens Knöchel.
Beide klopfen mit gleicher Härte,« sagte Allert.
    Herr Leutnant Rositz waren da und hatten befohlen, seine Schwester noch
nicht zu benachrichtigen, sondern allein erst die gnädige Frau. Aber Sophie
hatte in keiner Hinsicht Verlangen nach einer Zwiesprache mit Viktor Rositz und
bat Allert, mit nach vorne zu kommen.
    Tullas Bruder zeigte eine gewisse feierliche Gemessenheit. Er reichte Allert
die Hand und betonte, dass es ihm ein Vergnügen sei, auch den älteren Sohn von
Frau von Hellbingsdorf kennen zu lernen, für die seine Familie eine unbegrenzte
Verehrung und Dankbarkeit empfinde wegen aller Güte, die sie dem Verstorbenen
wie auch nun der jungen Tulla bewiesen habe. Es war gar nicht möglich, dies
alles konventioneller zum Ausdruck zu bringen, als er es tat.
    Und dann brachte er die Frage an, ob er in Gegenwart des Herrn Sohnes
sprechen dürfe ...
    Aber Sophie sagte schnell in seine Frage hinein, dass es gar nichts gäbe und
nichts an sie herankommen könne, was sie nicht mit ihren Söhnen teile ...
    Viktor Rositz fühlte sich ein bisschen unfrei. Er dachte: man kennt ja das
Terrain nicht ... Sass ihm da in diesem stattlichen Mann, mit dem offenen Gesicht
und den beinahe unangenehm klugen Augen ein künftiger Schwager gegenüber? Mama
hatte es bestimmt behauptet: Tulla ist offenbar in einen der Söhne von der
Hellbingsdorf verliebt. Der Oberleutnant Raspe war es nicht! Das stand für
Viktor fest. Der Abschied am Bahnhof war bestimmt keiner wie zwischen Verliebten
und heimlich Verlobten gewesen. Also war's dann der Kaufmann? Egal, ob der
Oberleutnant oder der Kaufmann. Es passte Mama nicht. Die wollte für Tulla 'n
reichen Mann, damit ihr nicht etwa 'ne Offiziersmenage beständig auf der Tasche
liege; und wenn schon 'n Offizier ohne Vermögen, dann doch Garde, aber nicht
Linie. Und so Kaufleute! Fabrikanten! Die brauchen Kapital. Das wusste Mama - sie
kam ja aus der Grossindustrie. - Mama hatte gedacht: wenn da Tulla mit den Söhnen
ein bisschen flirtet - immerzu - dann langweilt sie sich nicht. Aber was Ernstes?
Und das schien doch aus Tullas Brief an Fiffi - aus dem Fiffi Bezeichnendes
mitgeteilt hatte - hervorzugehen. Natürlich, wenn Tulla sich schon gebunden
hatte! Viktor hielt es für undenkbar, dass nicht einer der beiden Hellbingsdorf
sich das Goldfischchen gefangen hätte - dann war nichts mehr zu wollen. Er hatte
der Mama auch seine Meinung gesagt! Um Tulla im Moment los zu sein, machte sie
sich nicht klar, dass man ein Risiko lief. Na, und da hatte Mama denn gemeint:
reise hin, sondiere, und ist es zu spät, handle gleich ab und bereite darauf
vor, dass ich nicht sehr freigebig zu sein denke.
    Das wäre ja eine greuliche Aufgabe gewesen. Denn feindselig und knickerig
mochte Viktor durchaus nicht wirken.
    Aber dieser unerwartete Fund in Papas Archiv erleichterte doch alles. Dies
Testament - das gab ja Handhabe und Möglichkeiten - entlastete Mama im Fall
einer ihr nicht zusagenden Heirat Tullas und besonders einer Heirat mit einem
Hellbingsdorf ...
    Viktor kam sich ungeheuer verantwortlich vor und nahm mit ernster Miene
Platz.
    »Wenn Sie, meine gnädige Frau, alles mit Ihren Herren Söhnen teilen, bedaure
ich, dass Herr Oberleutnant nicht ebenfalls zur Stelle ist. Er war es, der mir
damals in Ihrem Auftrage Papas Mappe brachte, mit dem wertvollen Inhalt - wie
sehr würde es gerade ihn interessiert haben, dass ich heute komme, um einen Teil
jenes damals Ueberbrachten zurückzuerstatten - nur einen kleinen Teil,« fügte er
flink den feierlich langsamen Worten an.
    »Mir?« fragte Sophie und schüttelte in vollem Unverständnis leise den Kopf.
    »Ist es Ihnen erstaunlich? Ja, es gibt so Sachen - schliesslich nicht mal
wunderlich - -«
    Nun hatte er die Verpflichtung zum Feierlichen überwunden und geriet
zwanglos hinein in das flotte Tempo seiner gewohnten, fragenden Sprechart.
    »Nicht wahr? Gibt es nicht Verhältnisse ...? Sie kennen Mama nicht? Aber -
ich kann's ja wohl ohne Respektverletzung sagen? Nicht? Sehr innig war das
Verhältnis zwischen Papa und Mama nicht. Das werden Sie wissen? So hatte Mama
keine blasse Ahnung, dass Papa eigenes Vermögen besass. Viel war es ja nicht ...
Woher sollte es auch kommen? Es war das bisschen Erbschaft von Tante Laura Rositz
... Wir merkten es dann an den Abrechnungen und einem Depotschein im
Schreibtisch - und dann kam ja Ihr Herr Sohn mit der Mappe ... Und dann gab es
Zank. Wem gehörte das nu? Mama sagte: ihr. Wir sagten: uns. Ist bei so was nicht
immer Zank? Und es hiess: da muss doch 'n Testament sein. Man fand nichts. Kehrte
den ganzen Schreibtisch um - nee - keins zu finden. Glauben Sie wohl?«
    Sophie sass ganz still. Eigentlich nicht sehr voll Spannung. Doch aufmerksam.
Und auch im Gemüt bewegt, dass ihr der Verlust des Freundes durch diesen Sohn und
seinen Bericht wieder so deutlich vor die Seele trat.
    »Mama ist göttlich! Da, wo sie hätt' suchen müssen, suchte sie nicht. Papa
hatte eine Art Schrank - inwendig lauter Fächer - Genealogisches. Die Rositz
sind ja alte preussische Beamtenfamilie - standesamtliche Scheine - all solche
Sachen. Er nannte das sein Archiv. Mama war mit dem Inhalt nicht bekannt. Wie
sollte sie? Nicht wahr? Bei dem Wort Archiv hat sie bloss immer an den Staat und
was Wissenschaftliches gedacht - na, und wir reisten denn bald nach
Sankt-Moritz, und es hiess, das Geld von Papa käme denn wohl uns Dreien zu ...
Aber nu kamen wir ja Palmsonntag zurück. Und Mama meinte: jetzt müsse alles fort
aus den Zimmern. Mama will sie anders einrichten - als Gastlogis. Mama erwartet
bald einen wichtigen Besuch - ich glaub' den Baron Legaire - der will mit
Berliner Architekten den Durchbau seines alten Schlosses in der Touraine
besprechen.« Viktor räusperte sich. Und fuhr dann fort:
    »Mama warf die Frage auf, ob das Archiv wohl dem Ministerium auszuliefern
sei, und hatte solche kindliche Vorstellung. Da sagt' ich denn, wir wollten erst
mal nachsehen. Und Harald konnte doch alles beurteilen als Jurist! Und so fand
es sich denn: es waren lauter Privatpapiere in dem Archiv - von grösstem
Interesse für unsere Familiengeschichte. Die Rositz sind mal adlig gewesen.
Irgendein Vorfahr, der in Not war, hat das von abgelegt. Harald sitzt nu und
büffelt sich da 'rein und sagt, wir können es beweisen und dann wieder aufnehmen
- ja, und da war denn auch das Testament an seinem ordnungsmässigen Platz.«
    Er lachte.
    »Wissen Sie, was Harald sagte? Harald sagte: Mama, Du hättst es längst
jefunden, wenn's an 'ner verrückten Stelle versteckt jewesen wäre, aber an der
richtgen haste natürlich nich jesucht - ja so was kann bloss Mama machen.«
    »Und das Testament?« fragte Allert. »Was geht es uns an.«
    »Gleich, gleich,« sagte Viktor Rositz beschwichtigend, denn er nahm an, dass
Mutter und Sohn vor Spannung vergingen und sich schon darauf vorbereiteten,
Krösusschätze entgegenzunehmen. Da hiess es erst vorweg abwiegeln.
    »Papa«, berichtete er, »hat in der Hauptsache sein kleines Vermögen Tulla
vermacht. Sie soll es ausbezahlt bekommen, wenn sie heiratet. Es sind etwa
hundertsechzigtausend Mark. Und Mama sagt: Gut - das ist dann ihre Mitgift -
damit muss dann ihr Erwählter zufrieden sein - so lang ich lebe, gibt's nicht
mehr - sagt Mama. Na, Tulla wird Augen machen! Sie wissen, reiche Leute denken
immer ganz naiv, dass andere Menschen weniger Bedürfnisse und weniger Verbrauch
haben als sie, und sind flink bei der Hand mit dem Wort einschränken für andere!
Na - so is Mama eben auch. Und denn is sie eine von den Müttern, die nu mal für
Opfer nich zu haben sind - und sie sagt, wo in aller Welt steht denn
geschrieben, dass Mütter sich was versagen sollen, bloss damit 'n Schwiegersohn in
largere Umstände kommt -« So! dachte er. Nu wissen se Bescheid - -
    Weder Sophie noch ihr Sohn begriffen aber im mindesten den Zweck dieser
Auseinandersetzung. Doch sagte Sophie freundlich: »Tulla war ein wenig ihres
Vaters Liebling, wie oft einzige Töchter« - -
    Und jetzt glaubte Viktor mit diplomatischer Feinheit alle Vorreden erledigt
zu haben. Er ging zu dem über, was seine Zuhörer am meisten anging.
    »Papa hat auch Ihrer gedacht, meine gnädige Frau. Er hat Ihnen ein Legat von
fünfzigtausend Mark vermacht. Ich habe das Testament hier.«
    Sophie errötete tief. Ihr erstes Gefühl war, mit raschem Blick das Auge des
Sohnes zu suchen. Der sah sie herzlich an, nickte leise. - - Sie nahm das
Testament. Viktor hatte es etwas umständlich aus seiner Brusttasche geholt.
    Ihre Hand war unsicher. Ein Frösteln lief ihr über die Haut. Die Schrift
eines Toten! Und im Ohre wachte der Klang seiner Stimme auf. Es war Sophie, als
spräche er laut, was sie nun mit tiefer Rührung las:
    »Meine teure, langjährige Freundin, Frau Sophie von Hellbingsdorf, geborene
Freiin von Patow, bitte ich, ein bescheidenes Legat von mir anzunehmen. Durch
die Summe von fünfzigtausend Mark beraube ich die Meinen nicht. Ich bin mir auch
bewusst, dadurch das Vermögen von Frau von Hellbingsdorf nicht wesentlich zu
vermehren. Von ganzem Herzen wünsche ich nur, ihr zu zeigen, dass ich auch in der
ernsten Stunde ihrer denke, da ich meinen Nachlass ordne.«
    Und geschrieben war dies am Tage vor seinem Zusammenbruch. Vielleicht hatte
das Gefühl, dass irgend etwas unheimlich und zerstörerisch heranschleiche, ihn
geängstigt, das Empfinden körperlichen Elends ihn schon bedrückt.
    Und die Kräfte hatten dann am anderen Tage nicht mehr gereicht; er vermochte
seine Geschäfte nicht zu Ende zu führen ...
    Sophie erinnerte sich, dass er in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins
Geld für Allerts Unternehmen angeboten. Sie wusste auch, wie ihre Gedanken dieses
Geld dann umkreisten, wie ihr Herz, ihre Phantasie dem Toten gleichsam den
Vorsatz untergeschoben: es ihr für ihren Sohn zu gönnen. Es erschütterte sie,
nun zu erkennen: sie habe seinen Wunsch ahnend und richtig gefühlt.
    Und ganz gewiss hatten alle jene Worte, die er, nicht mehr Herr einer
deutlichen Sprache, der Tochter noch zuflüsterte, von diesem Testament gehandelt
- waren vielleicht Grüsse gewesen - und eine Bitte: sag' ihr, sie soll mir das
nicht verweigern. -
    Aus dem grossen ewigen Dunkel her streckte er noch seine Hand zu ihr aus - so
empfand sie es - gerade in der trübsten Lage wollte er ein wenig helfen ...
    »Kann ich das annehmen?« fragte sie mit Tränen in den Augen.
    »Aber, gnädige Frau ...«
    »Unbedingt, Mutter,« sagte Allert ruhig.
    Viktor Rositz war doch baff, mit wie wenig Worten das abgemacht wurde. Er
hatte viel erwartet: Ausrufe, schlecht verhehlten Jubel, schöne Redensarten,
Lobpreisungen des Edelmutes seines Vaters. - -
    Und er sah nur eine stille Würde, die sich sogar bemühte, die Ergriffenheit
zu verbergen.
    Es imponierte ihm. Guter Geschmack, dachte er. Und er dachte auch an seine
Mama. Den Seufzer, der ihm da aufquellen wollte, unterdrückte er.
    Der Abend wurde überraschend nett. Tulla kam und war aufgeregt vergnügt. Und
fand ihren Bruder so wohltuend elegant. Und er brachte die ganze vertraute
Atmosphäre mit, die solche Sicherheit gab. Das Leben schien leichter. Es war
doch beinahe, als sprächen nicht alle Menschen die gleiche Sprache.
    Und Viktor war schon bei dem Vorgericht seiner Sache sicher: Tulla hatte mit
diesem Allert ganz gewiss kein heimliches Verlöbnis angebandelt. Komische Kerls,
diese beiden Hellbingsdorfe: liessen sich 'ne brillante Partie entschlüpfen. Mama
konnte mit Knapsen und Knausern drohen, aber die reiche Zukunft blieb. Na, das
war Sache dieser Herren ...
    Und er meinte, dass Tulla sich grossartig rausgemacht habe in den Hamburger
Wochen und wirklich entzückend sei.
    Er bekam auch ihr Porträt zu sehen und fand es fabelhaft. Es sei
geschmeichelt, sagte er, sonst ein Kunstwerk ersten Ranges. »Geschmeichelt?«
fragte Sophie und sann dem Wort nach.
    Sie hatte in das feine, dunkeläugige Gesicht vielleicht all ihre eigenen
Gedanken und Träume hineingemalt; das junge Wesen so dargestellt, wie sie
inbrünstig hoffte, dass es sich entwickle. - -
    Dann bat Sophie, das Bild der Familie Rositz übersenden zu dürfen; auf
Wunsch des teuren Verstorbenen sei es gemalt, als Andenken an ihn möchte sie es
seiner Gattin und seinen Söhnen widmen. Und Viktor nahm es mit einer ergebenen
Verbeugung an. - -
    Am andern Morgen reisten die Geschwister ab. Sophie geleitete sie an den
Zug. Eine tiefe Traurigkeit war in ihr. Nun erst, mit diesem Abschied verlor sie
den heimgegangenen Freund ganz und verlor eine schöne Hoffnung. Auch Tulla
schien ganz ausser sich zu sein ...
    Sie warf sich in die Arme der Frau, die sie förmlich umworben hatte, um
durch die Mutter den Sohn zu erobern. Sie hatte sie auch lieb, ja, von ganzem
Herzen. Mit einem Male fühlte sie: da war Wärme und Liebe für sie ... Aber sie
hatte nicht hinübergekonnt zu diesen teuren Menschen. Und Tulla dachte: ich
begreif es nie! ... Niemals versteh' ich, warum er schwieg! -
    Von neuem kam Verzweiflung über sie. Und sie meinte: dies sei ein Unglück,
das ihr das Leben zerbräche. Die Frau aber, an deren Schulter sie weinte, wusste
in ihrem erfahrenen Herzen: du wirst dich trösten. Denn sie hatte gestern abend
wohl gespürt, wie der Bruder sie rasch hinüberriss in die gewohnten Anschauungen,
wie es gleichsam erwachend durch Tullas Wesen ging.
    Und weiter dachte sie: eines Tages, zurückdenkend, wirst du ihn plötzlich
verstehen und dich sehen, wie du bist - oder wenn du nie erkennst, warum er dir
entsagen musste, dann ist eben dein Leben ganz ins Flache hineingeglitten.
    Der letzte Kuss - das letzte Winken. - Der Zug fuhr davon - rasch - sacht -
ein langer, dunkler, beweglicher Körper im bläulichen Dunst des
Frühlingsmorgens.
    Sophie stand noch eine Weile sinnend unter dem Schmerzgefühl einer grossen
Leere.
    Wenn eine Hoffnung unerfüllt abstirbt, das ist beinahe wie das Sterben eines
Menschen, eine Lücke entsteht, aus ihr heraus scheint einen Entmutigung
anzuwehen.
    Aber da war die Arbeit - Sophie hatte halb zehn eine Sitzung - der uralte
Senior der Familien aller Vierbrincks kam dann, von seinem Diener gestützt, die
vielen Treppen herauf, immer stolz, dies noch leisten zu können; immer in der
Erwartung, dass Sophie diesen Beweis seiner Jugendfrische mit vielen,
bewundernden Worten preise. Sie versuchte vorweg, sich zu sammeln, stellte das
feine, kluge, unendlich durchfältete Greisengesicht vor sich hin. - Vergebens -
sie dachte zu viel zurück und voraus - Heute abend! Ja, sie ahnte: diese Stunden
heute abend konnten über das Herzensleben ihres ältesten Sohnes entscheiden ...
    Sie kam an einer Anschlagsäule vorbei und sah ein grosses Plakat ... Weiss,
nur mit kräftigen, schwarzen Buchstaben bedruckt, stand es voll sachlichen
Ernstes zwischen all den bunten Flächen, auf denen sich da ein überschlanker
Frauenleib in grasgrünem Kleid auf rotem Grunde verrenkte, dort ein Clownkopf
mit knalligen Backen und gelber Spitzmütze vor Behagen über eine neue
Zigarettensorte grinste - -
Das uneheliche Kind und die sexuelle Aufklärung Vortrag von Doktor Marya Möller
    Und darunter der Saal, die Zeit, der populäre Eintrittspreis. Und tief am
schwarzen Rande, gleich einer Unterschrift: Frauenvereinigung zur Hebung der
Sittlichkeit.
    Ihre Gedanken wurden schwerer. Sie wünschte unwillkürlich, dass Allert dies
Plakat nicht zu Gesicht bekäme. Aber man musste ja darauf gefasst sein, dass es
gerade in seiner Gegend, als Ruf an alle Fabrikmädchen, vielfach angeschlagen
werden würde. Und obschon kein Name darauf stand ausser dem der Vortragenden,
würden für Allert sich all diese Buchstaben zu dem einen Namen formen, und dies
ganze Plakat würde ihm entgegenschreien:
    Marieluis - - - -
    Sie hörte ihn sagen, was er ihr einmal geantwortet hatte:
    »Das ist alles sehr richtig, Mutter. Aber begreif' doch: mich verletzt das.
Nimmt mir so viel Záuber aus dem Leben fort - Sieh mal, ich glaube, da fühl' ich
mich eins mit tausend, tausend Männern: das sind zarte Dinge! Wir wollen sie
nicht so laut besprochen haben. Wir wollen, dass das unberührte Weib in scheuer
Ahnung, in unbewusstem, heiligem Trieb - gehorchend der ewigen Stimme der Natur,
zu uns kommt. - Wissend? Nicht wissend? - Das mag verborgen bleiben. - Ja,
Mutter, in diesen Dingen wird immer und allezeit die Empfindung des einzelnen
gegen das sich auflehnen, was der Verstand für gewisse Schichten als richtig
zugibt.« - -
    Die Mutter konnte zu allen diesen Kämpfen nur bekümmert seufzen. - Das war
ja eine schwächliche und unverbindliche Art, an den Strömungen teilzunehmen - -
Sophie wusste es wohl.
    Und wie sie nun durch den frischen, nebelig leise durchdunsteten Morgen auf
ihre Wohnung zuging, fühlte sie sich recht klein und unsicher. Sie wusste nicht,
bei wem das Recht war ... Sicherlich auf beiden Seiten. Aber das sind ja immer
die hilflosesten Fälle.
    Sie selbst, sie war keine Kämpferin und in nichts fanatisch als für das
Glück ihrer Kinder. -
    Aber sie sah nun: auch da kommt der Augenblick, wo das Schicksal einem eine
abwartende und machtlose Stellung anweist. - -
    Es lag in ihrer Natur das Bedürfnis, zu hoffen. Und so versuchte sie ihre
Gedanken von dem Plakat abzulenken und ganz gesammelt auf die Ueberraschung des
gestrigen Abends zu richten. Neue Rührung über das Vermächtnis des Freundes
ergriff sie. Jetzt konnte Allert sich, mit diesem Geld und ihren Ersparnissen
zusammengenommen, von dem ihm verächtlich gewordenen Teilhaber befreien. -
    Dies Wissen hiess für ihn: der Geliebten unbefangen gegenüberstehen.
    Aber wenn sie sich finden, dachte Sophie ganz eifrig, dann - ja dann braucht
Allert mich nicht mehr, und ich kann bald - oh vielleicht schon nächstes Jahr -
die Heimat wieder erwerben ... Marieluis wird es gar nicht anders wünschen. -
    Und sie sah sich schon mit Enkelkindern unter den Bäumen dahinschreiten, aus
deren Rauschen die Namen der Vorfahren klangen, sah ihre frauliche Bestimmung
erfüllt: als Vermittlerin und Fortzeugerin von Generationen der Vergangenheit
und Zukunft die Hände hinzustrecken.
    So ging ihr der Tag vorüber - in einem Auf und Ab der Hoffnung - dieser ewig
schwingenden Schaukel der Seele. Die Dämmerung des Abends sank hernieder, als
Allert kam und sie holte.
    Und sie wanderten in gutem Gleichmass des Schrittes dahin unter dem
wundervollen Aufbau des königlichen Stadtbildes um das flutende Wasser. Schon
glühten die rötlichen und bleichen Lichtpunkte der Laternen rings an den
Uferstrassen durch das friedvolle Grau. Von diesem Grau ging solche feierliche
Stille aus, trotz all dem Getön des Lebens ringsum. Und hoch über den Firsten
der Dächer begann die Geisterschrift elektrischer Flämmchen aufzuzucken -
huschend erschienen die Namen von Firmen und Waren - liefen gleich feurigen
Tierchen ihre Zeile oder ihren Kreis entlang, verloschen, begannen sogleich von
neuem ihr gespenstiges Schreiben vor dem Hintergrund des Abendhimmels, hoch über
dem Treiben der Strassen, auf die hinaus die vom Zwange der Geschäfte befreite
Menge strömte.
    Der Saal, wo der Vortrag stattfinden sollte, lag in einer der engen Strassen
der Altstadt. Da keilte sich in das Gedränge von Geschäftshäusern und Speichern,
von schmalen, immer mit Verkehr überlasteten Gassen ein Bau, der Festsäle und
Vereinsteater und Geschäftsräume entielt. Und im Vestibül drängte sich die
Menge, trotzdem es noch früh war.
    Der Saal, oben von einer Galerie mit Logen umgeben, glänzte in der gleichen
festlichen Helle wie bei den Konzerten berühmter Dirigenten - aber das Publikum
zeigte eine andere Färbung. Es sah gewissermassen dunkler aus. Denn die
Abendkleider und der Prunk von lichter Seide und Chiffon und Schmuck fehlten
ganz - die Damen hatten sich in Strassenkleidern eingefunden. Und dass diese
Scharen von Frauen, zwischen denen man nur ganz wenige Männer sah, von einer
wunderlichen Unausgeglichenheit der Erscheinung waren, bemerkte Allert sofort.
Viele Gesichter erkannte er - viele Frauen in der strengen und gediegenen
Unauffälligkeit; in sehr kostbaren und sehr einfachen Schneiderkleidern sassen
sie da oder standen in Gruppen und unterhielten sich. Und zwischen ihnen
drängten sich weibliche Wesen in modischen, billigen Jacken mit flotten Hüten,
darauf unechte Federn wogten ... Andere waren von bescheidener, sauberer
Dürftigkeit der Kleidung, und sie sassen still und etwas duldend auf ihren
Stühlen.
    Seine Mutter wurde im Vorbeigehen angeredet: »Auch aus Rücksicht auf Frau
Senator Amster hier, gnädige Frau?« Und: »Sind Sie nicht auch riesig gespannt?
Es kann sehr pikant werden.« Oder: »Na, gottlob, endlich haben wir mal Marya
Möller hier, das wird uns weiterbringen.« Dann eine, ärgerlich: »Die Geschichte
ist nicht richtig organisiert - man hat zu viel Freibillette verteilt - jetzt
hab' ich nur noch ganz hinten einen Platz bekommen.«
    Als sie ihre Plätze gefunden hatten, fragte Sophie: »Wollen wir die
Amsterschen Damen im Vorstandszimmer begrüssen?«
    »Nein,« sagte er kurz.
    Er hatte Marieluis schon gegrüsst - heute morgen - auf eine besondere Art -
und das sollte sein eigenstes Geheimnis bleiben ...
    Er hatte ihr in der Frühe Veilchen geschickt - dunkle und dicht gedrängte
Sträusse in einem Binsenkorb, den eine blassblaue Schleife schmückte - und er
dachte - dass diese Blumen, diese Farben vielleicht noch beredter zu ihr sprechen
sollten als seine Worte, die er dazu schrieb:
»Ich erfülle Ihren Wunsch, und heute abend bin ich in der Versammlung. Ich weiss
es nicht, ob ich das Recht habe, Sie um etwas zu bitten. Hätte ich es, ich bäte
Sie, mit aller Wärme und aller Kraft, deren mein Herz fähig ist: sprechen Sie
nicht laut mit in der Oeffentlichkeit von diesen Dingen, die das Plakat nennt.
Vielleicht sagen Sie wieder: Vorurteile! Ja, und wenn?! Es gibt Vorurteile, in
denen sich die Sorge um Erhabenes verbirgt.
                                                                   Ihr A. v. H.«
Den ganzen Tag hatte er gewartet: vielleicht kommt ein Wort, ein Zeichen -
Liebe, die trösten und beruhigen will, findet Worte und Zeichen.
    Aber es war alles stumm geblieben - ein Tag war es gewesen wie alle: er rann
ab im hastigen Treiben der Geschäfte.
    Und nun sass er hier - mit trockenem Munde - vor Spannung wie gelähmt. Es
war, als sei sein ganzes Wesen gebunden und erst der Ablauf der nächsten Stunde
könne es wieder lösen.
    Wenn sie seiner Bitte willfahrte! Was sagte sie ihm damit alles. Heisses
Glücksgefühl wallte in ihm auf, wenn er sich das vorstellte.
    Oh, das sagte ihm: Ich will dein sein, und eine Gemeinsamkeit mit dir soll
mir fortan die grössten Aufgaben bringen - die nächsten - die heiligsten.
    Nun würde er es bald wissen, ob ihre Zarteit, ihr Geschmack, ihr keusches
Empfinden, ihre Mädchenscheu vor ihm, gerade vor ihm, der sie liebte, ob dies
alles stärker war als ihr kämpferischer Fanatismus.
    Wenn es wäre - wenn es wäre!
    Auf dem Podium in der Mitte vorn an der Rampe stand ein Rednerpult. Rechts
und links davon schmale, grün verhangene Tische. Hinter jedem drei Stühle. Für
die Schriftführer, Stenographinnen, Vorstandsdamen, vermutete Allert und war nur
gespannt, ob dort auch die Senatorin Amster Platz nehmen werde. Aber nein. Da
kam sie aus der Tür, die unten, neben dem Podium, aus den Zimmern der
Vortragenden in den Saal führte.
    Rasch und herrisch schritt sie an der ersten Stuhlreihe entlang und nahm auf
dem Stuhl an der Ecke des Mittelganges Platz. Da sass sie nun mit erhitztem
Gesicht, in imperatorischer Haltung und versuchte ihre Nerven zu beruhigen. Sie
hatte hinter den Kulissen mit der erst vor einer Stunde in Hamburg
eingetroffenen Doktor Marya Möller einen Punkt der Uebereinkunft gesucht und
nicht gefunden!
    Sie sagte: »Es ist klüger, gerade für meinen Verein, massvoll, ästetisch in
der Form und vorbereitend aufzutreten.«
    Doktor Marya Möller sagte: »Ich bin es unserer Sache schuldig, energisch,
wahrhaftig und rücksichtslos zu sprechen, und was im Reichstage gerade über
mancherlei Hamburger Einrichtungen gesagt wurde, werde ich ja wohl auch noch
vorbringen dürfen.«
    Die Senatorin, durchaus gewohnt, als Befehlshaberin fast in jeder Lage und
besonders in den ihren Verein angehenden Dingen aufzutreten, und von dem naiven
Anspruch getragen, dass vor ihrer Ansicht Widerspruch zu verstummen habe, fühlte
sich sehr gereizt.
    Schliesslich hatte doch der Verein diese Vorträge finanziell unterstützt! Und
wenn dies Bewusstsein auch nur Nebenempfindung war: sie spielte mit.
    Am meisten aber: die Senatorin hatte sich zum Gesetz gemacht, den modernen
Bestrebungen mit so viel gutem Geschmack als möglich zu dienen. Und diese Marya
Möller sah nicht nach »gutem Geschmack« aus. Die Senatorin dachte still
entsetzt: die hat ja was Anarchistisches; obschon ihr die Sachkenntnis fehlte
und sie noch nie einen lebendigen Anarchisten gesehen hatte ...
    Wenn sie auf dem Podium so losdonnerte wie im Künstlerzimmer? Welcher Stoff
für die Presse!
    Das konnte doch fatal werden! Wenn ihr Mann davon läse! Wenn man ihn darauf
anspräche! Wenn er sagte, es sei von ihr taktlos gewesen, sich Schulter an
Schulter mit Doktor Marya Möller in der Oeffentlichkeit zu zeigen!
    Der Vorwurf der Taktlosigkeit aus dem Mund ihres Mannes! Der blosse Gedanke
machte sie nervös.
    Allert konnte ja nicht ahnen, was in ihr vorging. Er sass mit seiner Mutter
in der dritten Reihe. Und er konnte schräg vor ihm das Gesicht der stolzen,
klugen Frau im Profil sehen - es war heiss und rot - ein erstaunlicher Anblick.
    Nun öffnete sich droben die Tür, die aus dem »Künstlerzimmer« auf das Podium
führte.
    Allerts Herz klopfte so, dass er in seinem Kopf ein Rauschen verspürte -
Sturm schien ihn zu umbrausen.
    Drei weibliche Gestalten kamen zuerst - unscheinbare, sachliche Wesen. Sie
setzten sich links vom Rednerpult und legten sich ihre Schreibstifte zurecht.
    Und dann drei andere Gestalten: die Vizepräsidentin, die Kassenführerin und
die Schriftführerin des Vereins.
    Allert kannte sie alle drei - in ganz einfache, dunkle Kleider hatten sie
sich gehüllt - er erriet auch, weshalb die Vizepräsidentin, die alte Frau
Ramsburg mit ihrem milden Grossmuttergesicht, ihrer Nichte Amster den Vorsitz für
heute abgenommen und sich aufgeladen hatte. Wer war Frau Ramsburg? Eine
gutmütige, ausserhalb ihres Familienkreises gänzlich unbekannte und neutrale
Persönlichkeit. Der Sitzredakteur, dachte Allert in einem flüchtigen Blitz
seines Humors.
    Er erkannte auch die Schriftführerin - eine Stellung, die die schöne Frau
Julia ein paar Wochen bekleidet gehabt. Nun war es das älteste, beinahe
vierzigjährige Fräulein Vierbrinck, eine Grosscousine Dorys. Sie trug auch einen
Kneifer und hatte auch Grübchen, aber kupferige Wangen und einen scharfen,
eifervollen Blick hinter den Gläsern.
    Neben ihrem dunklen, glatt gescheitelten Haar sah man das blonde Haupt.
    Duftig und schön geordnet lag das Haar um Stirn und Schläfen - das edle
Angesicht schien ein wenig bleich - doch kühl und klar der Ausdruck wie immer.
    In vielen Kleidern und Farben hatte Allert sie gesehen. Aber die behielt er
nicht im Gedächtnis - die sah er nicht, wusste er nicht. Vor ihm stand sie immer
in jenem blassblauen Gewand mit den dunklen, starken Veilchensträusschen - die an
der weissen, blühenden Pracht ihrer Schultern lagen.
    Er suchte ihren Blick zu erzwingen.
    Und nun sah sie ihn. Ihr Auge schien dunkler, grösser zu werden.
    Sein Blick sprach zu ihr - beredt, eindringlich, seine Nasenflügel bebten.
Oh, er hätte sein ganzes Ich in seinen Ausdruck legen mögen. Und er wartete auf
ein Zeichen, dass sie ihn verstehe - eine Verheissung - eine Bejahung all der
brennenden Bitten, die seine Blicke zu ihr hinübersandten.
    Und es war, als sei auch in ihren Augen ein besonderes Licht.
    Was strahlte es ihm zu? Er verstand es nicht. War es der unbesiegbare
Eigenwille, der mit stolzem Leuchten trotzte: ich tue, was mir richtig scheint?
    Nun senkte sie die Lider. War es ihr unerträglich, die leidenschaftliche
Bitte zu sehen, die auf seinem Gesicht geschrieben stand?
    Dann eine grosse, allgemeine Bewegung - auch Marieluis wandte ihr Gesicht
Doktor Marya Möller zu.
    Die trat rasch ein. Ganz und gar vertraut mit der Oeffentlichkeit - gewohnt,
mit sachlichem Blicke vielen Hunderten von Gesichtern zu begegnen.
    Mittelgross war sie, und zu einem kurzen, schwarzen Rock trug sie eine dunkle
Weste, ein Flanellhemd mit Klappkragen und ein dunkles Jackett. Die Kleidung
strebte offenbar männlichen Charakter an.
    Allert dachte: Gegenspiel zu den bunten Schuhen und weissen Flören der Frau
Julia - zwei Sorten von Grenzüberschreitungen - welche war ihm fataler? Er hatte
keine Zeit, sich diese Frage eingehender vorzulegen. Denn Doktor Marya Möller
erhob ihr scharfes Gesicht, das unter dem kurzverschnittenen, graumelierten Haar
an einen Predigerkopf amerikanischer Art erinnerte.
    Diese Kopfbewegung hatte die gleiche Wirkung wie das Emporheben des
Dirigentenstabes in der Hand eines berühmten Kapellmeisters: vollkommene Stille
trat ein.
    Und dann hingen die vielen hundert Augenpaare eine Stunde lang gefesselt an
diesem ausdrucksvollen Gesicht, und alle Ohren lauschten angestrengt, um nur ja
keine Silbe von diesen kunstvoll vorgetragenen, hart dreinfahrenden, kühnen,
auch die heikelsten Dinge offen nennenden Worten zu verlieren. Und die
fanatischen, brennenden braunen Augen im Gesicht der Rednerin hatten eine
hypnotische Macht - da war niemand im Saal, der nicht das Gefühl gehabt hätte:
sie sieht mich an. Jedem wusste sie das Gefühl zu suggerieren, dass es schimpflich
sein würde, in der Aufmerksamkeit nachzulassen. Welche Kraft war in diesem
Weibe. -
    Allert hörte und erfasste alles - das ganze Bild des Elends, der
Versuchungen, der moralischen Versumpfung in den Unterschichten rollte sie auf,
das jedem denkenden Mann, der nicht blind und fühllos durch die sozialen
Gärungen der Zeit schritt, wohlbekannt war.
    Vielen weiblichen Zuhörerinnen erzählte sie damit wohl ihnen bisher
unbekannt Gebliebenes.
    Doktor Marya Möller kannte aber nur einen Schuldigen: den Mann!
    Es gab für sie keine geschichtlichen Rückblicke, und sie schien nicht zu
wissen, dass manche Krankheitserscheinungen, dass Verbrechen aus tollgewordenem
Kraftüberschuss so alt waren wie das Menschengeschlecht, und so unabänderlich wie
missgeformte und abfaulende Blätter in der Fülle reich belaubter Wipfel. Sie
schien auch gar nichts von wirtschaftlichen Evolutionen, vom Arbeitsmarkt, von
der Einwirkung schlimmer Umwelt, vom ererbten Hang zum Liederlichen zu wissen.
    Der Mann war ihr die Ursache allen Uebels.
    Oder: durchaus wahrscheinlich: es lag in ihrem Vorsatz und heutigen
Programm, alles nur von einer Seite zu beleuchten. Denn als unerhört
zielbewusste, kluge Kämpferin wusste sie wohl, welche Gewalt solche Einseitigkeit
gibt; wie hell, wie grell, wie den Blick blendend sich die Dinge ausnehmen, wenn
ein Scheinwerfer sie bestreicht.
    Allert hörte sachlich zu. Diese Einseitigkeit hatte etwas Imponierendes. Und
diese Keulenschläge trafen oft genug auf den rechten Fleck ... Nur schade, dass
gerade die Männer hier nicht zuhörten, die am meisten davon hätten betroffen
sein müssen: der rohe, trunkene Kerl der abendlichen Gassen - der frühreife
Bengel der Hinterhäuser - ja, diese hörten dem Vortrag von Doktor Marya Möller
nicht zu.
    Und die vielen vornehmen Frauen in der strengen Eleganz unauffälliger
Schneiderkleider - die hörten gewiss mit einem schaurigen, brennenden Interesse -
so wie Kinder den Robinson Crusoe lesen - gespannt durch die für sie selbst nie
erlebbaren Gefahren und Begebenheiten. -
    Und während Allert hörte, sah er zugleich. Er sah das schöne, blonde,
geliebte Haupt. Für ihn trug sie kein düsteres Schwarz. Sass sie nicht da, von
blassblauer Seide umgleisst - mit dunklen lila Veilchen an den herrlichen
Schultern - stolz und rein?
    Ihre Augen hingen an der Rednerin - ihr Gesicht war bleich. Schien es ihm
nur so? Hob sie den Kopf auf eine besondere Art - wie kritischer Hochmut tut?
Oder war es die Geste der Erhobenheit - des Triumphes für diese Genossin im
Kampfe? Wenn er in ihre Seele hätte hineinblicken können!
    Mit einem Male sah er wieder jene hässliche Szene - sah sie in der abendlich
düsteren Strasse, die der klebrige Nebel füllte, und er hörte wieder die grölende
Stimme des Trunkenboldes, der sie bedrängte -
    Er fühlte einen bitteren Schmerz in sich aufsteigen.
    Musste nicht auch sie daran denken - gerade jetzt?
    Begriff sie wohl, dass dieses Mannweib da oben ganz andere Zwecke und Ziele
hatte? Dass da die Arbeit zur Hebung der Sittlichkeit nur das Mittel war, die
Frau in die Front und in die Politik zu bringen?
    Jetzt schloss die Rednerin, und ihre letzten Worte flammten über die atemlos
Lauschenden hin wie eine Fackel über Gase - und züngelnd lohte die Begeisterung
und der Jubel ihr zu. Besonders vielleicht jauchzten alle die Herzen, die vom
Mann Uebles oder - gar nichts erfahren hatten; und die allgemeine Schuld der
Männer machte es so viel leichter, dem Mann entsagen zu müssen.
    Ja, eher könnte man wohl all die vielen spinnwebfeinen Hanffäden eines
armdicken Schiffstaues auseinanderwirren als das, was sich hier verflicht und
wie einhellige Zustimmung aussieht, dachte Allert.
    Auf dem Programm war angezeigt: Nach dem Vortrag findet eine Debatte statt;
Anfragen werden erbeten und beantwortet. Deshalb blieb man sitzen.
    Eine Pause ... Die Begeisterung musste erst abschwellen und sich vom Jubel
und Beifallklatschen zum leisen Flüsterton mit der Nachbarin verebben. Das war
sehr merkwürdig - gemahnte an das Zurücksinken einer künstlich aufgepeitschten
Woge. Die Hüte neigten sich hin und her. Das Licht liess Reflexe aufblitzen auf
den Steinen von Hutnadeln und den Brillanten an Ohrläppchen. Dann stockte die
Bewegung der vielen Köpfe. Und es wurde wieder still.
    Mitten in der Versammlung stand eine Dame auf. Sie fragte mit scharfer
Stimme, laut und unbefangen, ob nicht in den Volksmädchenschulen für sexuelle
Aufklärung gesorgt würde.
    Doktor Marya Möller gab einen kurzen Ueberblick, wie weit die bezüglichen
Bemühungen Erfolg verhiessen.
    So ging es weiter ... Da und dort in der Versammlung erhob sich ein Arm und
eine gespreizte Hand, oder ein Zeigefinger - in Schulgewohnheit - meldete, dass
man zu sprechen wünsche. Und mit grosser Gewandteit wusste die Frau vom
Rednerpult aus jede der sich Meldenden nach und nach zu Worte kommen zu lassen.
Die Stimmen fragten hell und keck, schüchtern und heiser - Doktor Marya Möller
antwortete in nie versagender Autorität.
    Und Allert fühlte immerfort sein Herz pochen - rasch und hart - jeder Nerv
in ihm war gespannt.
    Er dachte: Vieles ist vernünftig - das sind viele Wahrheiten. Ein Bruchteil
von dem allem ist durchführbar und kann nützen ... Und doch? ... Bin ich die
Reaktion? Es ist mir furchtbar ... Ich möchte allen diesen Frauen zurufen: Halt
- besinnt Euch - geht Euch für das, was Ihr nützt, nichts anderes verloren, das
vielleicht noch wichtiger ist? ... Hab' ich unrecht? - Versteh' ich die Zeit
nicht? - Ich, der Edelmann, der Kaufmann ward - das moderne Leben begreifend -
bin ich die Reaktion?
    Und ein Gefühl war in ihm, das er nicht niederringen konnte. Der feste
Glaube: So denke nicht ich allein - so empfinden tausend, aber tausend Männer. -
Sind wir Männer nicht vielfach die Benachteiligten - ist dies nicht alles
Uebergang - und wir die Erleidenden?
    Fabelhaft, was für ein fertiges sozialpolitisches Urteil all diese Frauen
hatten - wie verwegen sie Dinge beim richtigen Namen nannten, von welchen ehedem
die Frauen nur flüsterten. Oder die in einer gewissen naiven Unbefangenheit
genommen wurden - wie auf dem Lande, wo das Natürliche weniger verhüllt ist.
    Warum verletzte es ihn hier so? Etwa, weil man sich so wissenschaftlich und
sozialpolitisch gebärdete? Oder weil so viele vor aller Ohren laut davon
sprachen? Er wusste es nicht. Er dachte: wenn nur sie - sie - sie nicht
mitspricht.
    Sein Blick hing an ihr. Die Minuten, die verrannen, ohne dass Marieluis ein
Zeichen gab, hoben seine Hoffnungen.
    Wenn sie seiner Bitte, nicht mitzusprechen, nachgab! Seligstes Geständnis
durfte es ihm bedeuten. Sein ganzes Wesen war erschüttert von diesem Gedanken
...
    Nun hörte er die klangvolle Stimme der mannhaften Frau am Rednerpult
ausrufen: »Ja, grosse Entwicklungen sind wie ein Adlerflug ...«
    Und er dachte: Aber die Adlerflügel werfen ihre Schatten auf das Gelände,
über das sie wegfliegen - kann schon sein, dass manch einer sich gerade nur vom
Schatten gestreift fühlt.
    Wie still seine Mutter neben ihm sass. Er ahnte: benommen und zweifelnd - hin
und her gerissen. Auch ihre Blicke heften sich an Marieluis und nur an sie.
    Ihm schien: noch blasser war die Geliebte geworden - in ihren Augen funkelte
eine fremde, seltsame Energie - die der Hingegebenheit? Die der Abkehr? Oh, wenn
er es wüsste!
    Würde auch sie gleich ihre Hand erheben, um sich zum Wort zu melden?
    Ihm schien - ja - sie bewegte schon die Finger - wie voll Ungeduld - zögerte
noch - vielleicht, weil so viel andere Hände sich erhoben ...
    Würde er gleich das Schauspiel erleben, dass die geliebte, schöne Hand sich
emporreckte? ...
    Allert hörte nichts mehr von den Fragen und Antworten - all diese Stimmen
waren leeres Geräusch geworden. Er sah nur noch. Er wartete. Er fühlte - an den
nächsten Sekunden hing sein Schicksal. - -
    Zögerte sie, weil sie mit sich kämpfte?
    Zögerte sie, weil die Raschheit der Anmeldungen zum Wort ihr die Lücke zum
Einfallen nicht liess?
    Er griff nach der Hand seiner Mutter - Sophie schrak förmlich zusammen -
fühlte auf der Stelle, ihrem Sohn war das Wesen aus den Fugen. Sie ahnte seine
Spannung - teilte sie - spürte: sein Geschick war in der Schwebe. Ihre Nerven
waren krank vor Ungeduld. Wenn doch dies ein Ende nähme - wenn man doch diese
Sitzung schlösse - ehe - ja ehe Marieluis auch ihre Stimme erhob. Warum griff
Marieluis noch nicht ein? Warum liess sie die Debatte sich weiter wälzen? Diese
misstönige, gewagte Debatte. Wartete sie, um ein besonders starkes Wort, eine ihr
gewichtigste Frage noch zuallerletzt hineinzuwerfen?
    Was ging in ihr vor?
    Aufrecht sass sie und sah zuweilen Doktor Marya Möller an und zuweilen ihre
Mutter - es schien, als miede sie Allerts Blick. Und ihre Mutter, die Senatorin,
erhitzt, nervös, mit einer Haltung, die beinahe etwas gewaltsam Stolzes hatte,
hing mit ihren Blicken am Gesicht der Tochter. -
    Sie hatte keine Zeit gefunden, ehe sie zornig das Vorstandszimmer verliess,
der Tochter zuzuraunen: Beteilige Dich um Gottes willen nicht an der Debatte!
Und nun zitterte sie in Erinnerung daran, dass sie noch auf der Herfahrt ermutigt
hatte: Beteilige Dich nur jedenfalls an der Debatte; es ist die beste
Gelegenheit, mal zu versuchen, ob man öffentlich sprechen kann.
    Wie hatte sie auch ahnen können ... Ihr war ja gerade, als sei dies alles
eine Karikatur dessen, was sie gedacht und gewollt. Und wie anders hörte sich
das alles in der schrecklichen Oeffentlichkeit an ... Und immer sah sie ihren
vornehmen, massvollen Gatten ... Wenn sie sich vor dem blamiert fühlen müsste!
Wenn er ihr Vorwürfe machte! - -
    Die Demütigung zerbräche ihr Leben. Sie wollte, sie musste vor ihrem Manne
die kluge, taktvolle, ungewöhnliche Frau bleiben. Die Atmosphäre der
Hochachtung, in der sie lebten, hatte ihnen ja - unbewusst - das Glück der Herzen
ersetzt. Sie fühlte: ging des Gatten Hochachtung in die Brüche, setzte sie sich
seinem Tadel, seinem Lächeln aus, so würde sie aus aller Harmonie kommen. Und
wie war das noch zu verhüten ... Die Oeffentlichkeit war ja plötzlich in ihr
Dasein gekommen, hatte ihre Bestrebungen mit in den grossen Strom der sogenannten
Frauenbewegung gerissen. Wie noch vorbeugen? ...
    Plötzlich zuckte ein sehr kluger Gedanke durch ihr Hirn: Ja, vorbeugen,
indem man bekennt, so hatte ich's nicht gewollt. Diese Geister dacht' ich nicht
zu rufen. - Vorerst tat dieser kluge Gedanke noch weh. Aber er liess sie nicht
los.
    Wie bleiern die Minuten schlichen! Hörten denn diese plumpen Fragen gar
nicht auf? Nun schleuderte wieder eine Stimme diese Worte in den Saal:
    »Könnte nicht eine Statistik versucht werden über die Zahl der Mädchen, die
aus Mangel an sexueller Aufklärung fielen?«
    Daran schloss sich eine weitere Debatte.
    Wenn Marieluis nun doch noch das Wort nähme? Die Senatorin hatte eine jähe
Erkenntnis: das ertrüge Allert nicht. Da sass er - vielleicht auch gespannt -
vielleicht gar schon abgekühlt. Und sie vermochte ihre Begierde nicht zu
bezwingen: rasch sah sie schräg zurück. Sie sah den Mann, sein vor Erregung
scharfes und bleiches Gesicht. Die Blicke der beiden Mütter trafen sich, und
beinahe - ja beinahe wäre das Ungeheuerliche geschehen: die Senatorin musste ihre
äusserste Selbstbeherrschung aufbringen, um einen nervösen Tränenausbruch
niederzuzwingen.
    Und Marieluis sass da oben, in der beherrschten, verschlossenen Haltung, die
ihrer Art gemäss war und die Erziehung ihr gefestigt hatte von Jugend an.
    Sie konnte der Mutter kein Zeichen geben - sie konnte nicht in ihre Blicke
legen, was in ihr aufflammte.
    Vor Hunderten von Zuschauern sass sie ja, und jede Geste wäre ihr schon wie
eine Mitteilung an die Oeffentlichkeit vorgekommen; an diese furchtbare
Oeffentlichkeit, die sich ihr zum erstenmal in ihrem Leben offenbarte.
    Und sie begriff, wie in ihrer grellen Helligkeit, in ihrer unwillkürlichen
Schamlosigkeit, in ihrer krassen Genauigkeit, in ihrem unabgetönten Lärm sich
alles ganz anders darstellte, als man es in stiller Wirksamkeit gedacht. Der
Unterschied zwischen dem gelesenen oder vertraut gesprochenen Wort und dem
fanatisch hinausgeschrienen ging ihr auf ...
    Mit Erstaunen hörte sie schon vorhin, dass dieses fremde, geschmacklose
Mannweib sich gegen die Bitten und Ratschläge ihrer Mutter wendete - das hatte
Marieluis noch nie gehört, dass jemand sich erlaubte, einer Ansicht ihrer Mutter
in dieser Art zu trotzen - die schlechte Form verletzte sie. Sie dachte:
vielleicht hat Doktor Marya Möller recht, aber sie müsste Mama nicht so
niederschreien.
    Es war ja nur eine Aeusserlichkeit. Aber das stimmte die zitternde Erwartung
auf den Vortrag so herab.
    Und tief in ihrem Herzen war ein heisser Wunsch gewesen ... Der würdige,
ernste, sittlich erhebende, begeisternde Verlauf dieses Abends sollte den einen
bekehren, ohne den sie sich doch keine Zukunft mehr denken konnte. Diese Stunden
sollten ihn zu ihrem Mitarbeiter machen.
    Und aus dieser Hoffnung heraus hatte sie kein Wort auf seinen Veilchengruss
und seine beschwörenden Zeilen geantwortet. Sie küsste die Veilchen, sie war
glückselig mit den zarten kleinen Blumen, die von ihm kamen. Und sie hoffte.
    Und als sie ihn sah, drunten, zwischen den vielen, vielen Frauen er einer
der wenigen Männer, da grüsste ihn ihr Auge, und ihre Blicke glänzten. Noch
hoffte sie, trotzdem dies Vorspiel so beklemmend gewirkt hatte und all ihr
Taktgefühl litt, weil eine Plumpe ihre stolze Mutter niederzankte.
    Dann begann der Vortrag, und die scharfen, starken Worte, in ihrem
verwirrenden Durcheinander von gerechten Klagen und ungerechten Anklagen,
schnitten wie Schwerter durch die Luft ...
    Und was das allerrätselhafteste war: Ansichten, Sätze, Ausdrücke, die sie
selbst sich erworben, nachgesprochen, unbedenklich gebraucht hatte, nahmen einen
ganz andern Sinn und Klang an, nun da alles aus dem Munde der fanatischen Frau
wie durch Glut gegangen und umloht kam.
    Und all dies hörte auch er. Klang ihm nicht ihre Stimme aus den Reden dieser
Frau?
    Der Gedanke liess Marieluis erzittern ... Sah er nicht ihr Wesen gesteigert
in dem Wesen dieser Frau?
    Und plötzlich sah sie sich wieder in der abendlichen Strasse, die der
graugelbe Nebel füllte; sie spürte die klebrige Schmutznässe wieder unter ihren
Sohlen, und in ihrem Ohr die grölende Stimme des Betrunkenen. - -
    Schleier zerrissen vor ihren Augen - sie verstand jetzt - erst jetzt und in
diesem Augenblick klar, was sie gewagt, welchen Gefahren sie sich ausgesetzt
hatte, an welchen Abgründen sie in unbefangener Mädchenwürde dahingegangen.
    Und sie begriff, wie er, der geliebte Mann, um sie gebangt haben musste! Wie
tief es seine Seele verletzte, dass sie in den Schmutz hinabstieg.
    Und ihre Ernten? Die ihrer Mutter? Wo waren sie? Man hatte gearbeitet,
gesprochen, sich mit den widrigsten Verhältnissen und dem minderwertigsten
Menschenmaterial abgegeben. Wussten sie denn gewiss, ob sie irgendwo dauernden
Nutzen geschaffen? Diese Fragen tauchten in ihr auf - verwirrten sie. -
    Ueber all das sie Bedrängende erhob sich die eine grosse Erkenntnis: es gibt
für mich ja nur eine Aufgabe - eine!
    Die, des teuren, starken, klugen Mannes Weib zu sein - im Glanz seiner Liebe
als Frau zu wirken und ihm das Leben tragen zu helfen - in Arbeit und Glück.
    Aber vielleicht war das verloren. In eigensinnigem Schweigen hatte sie sein
zärtliches verstecktes und doch so deutliches Werben hingenommen. Er konnte
nicht wissen, dass sie seine Veilchen geliebkost und sich in Glückseligkeit ihrer
gefreut. Er sah ja nur: sie hatte keines von den Sträusschen an ihrem Kleid
befestigt.
    Hätt' ich das doch getan - wenigstens das, dachte sie in leidenschaftlicher
Reue vergehend. Es wäre doch wie ein Zeichen gewesen. Es hätte ihn vielleicht
versöhnt. -
    Musste er nicht ganz zurückgestossen sein? Jetzt - nach diesen Stunden.
    Sass sie nicht da, in Reih' und Glied mit der anmutlosen Frau, aus deren Mund
die unkeuschen Worte und die grellen Anklagen kamen? Musste er nicht denken, dass
sie die Gesinnungsgenossin dieser vor Zorn schäumenden Sprecherin war, die doch
tat, als spräche sie im Geist und Namen aller anwesenden Frauen?
    Und wieder hörte Marieluis mit Entsetzen: Worte wurden hinausgerufen mit
wildem Patos. Worte, die sie selbst zuweilen ausgesprochen. Ansichten, für die
sie gegen den Geliebten in eifriger Rede gefochten. - -
    Er musste sich doch daran erinnern - jetzt - hier. Und er musste glauben: sie
sei eins mit der Rednerin.
    Anders konnte es nicht sein. Ah, mit welcher Kälte, mit welcher
Feindseligkeit sich sein Herz nun füllte. Darin konnte keine Liebe weiterleben.
    Sie litt. Sie fühlte: es ist aus! Er geht von dieser Stätte und meidet mich
für immer - über diese Stunden kommt er nicht weg - vor seiner Erinnerung sitz'
ich nun ewig neben Doktor Marya Möller - eine Kämpferin gleich ihr - aller
weiblichen Zarteit entkleidet.
    Ich habe ihn verloren. - -
    Wenn nur dies alles ein Ende nähme - wenn sie nur hätte fliehen können. - -
    Aber die Stimmen erhoben sich immer neu. Marieluis empfand jede wie einen
Schmerz - alles zerrte an ihren Nerven.
    Sie dachte zuletzt wie gehetzt:
    Ich kann nicht mehr - ich will fort ...
    Fassungslos war sie und hatte die Empfindung, als werde sie hier gefoltert,
und alle lächelten höhnisch dazu - und am meisten er - er!
    Dort sass er. Unklar sah sie das geliebte männliche Gesicht - die offenen
Züge - das Gesicht eines Mannes, der immer wusste, was er wollte ...
    Sie dachte, noch kaum Herrin ihrer selbst:
    Und wenn Mama es mir nie verzeiht! - - -
    Und zugleich erhob sie sich - ohne zu fühlen, dass sie Auffälliges täte. Sie
dachte nicht an den Saal, an all diese Menschen, die sich fragen mussten: Was tut
sie? - Warum steht sie auf? - Ist ihr nicht wohl? Nichts. Nur an dieses eine:
Ich kann nicht mehr so dasitzen vor seinen Augen - seinem Spott - seiner
Feindseligkeit. - -
    Sie wusste nicht, dass sie mit unsicheren Schritten ging. Sie kam an die Tür -
öffnete - da waren ein paar Stufen - sie führten hinauf in das Zimmer, wo
Künstler oder Vortragende sich aufhielten, bis das Podium rief.
    Nun war es leer, ganz leer. Welche Wohltat, welche Erlösung.
    Sie setzte sich in einen der tiefen Lehnstühle, die einen grossen runden
Tisch umstanden.
    In ihrem Kopf brauste Lärm - hunderttausend Marya Möllers keiften
durcheinander.
    Sie war nicht ohnmächtig - aber in einer Schwäche, die ein Übermass von
tödlicher Traurigkeit - von Hoffnungslosigkeit - von grenzenloser Angst war,
legte sie ihre Arme verschränkt auf den Tisch und neigte ihr Gesicht in dies
Versteck hinab. -
    Sie weinte nicht. Ihr war, als fragten Stimmen in ihr - lautlose und doch so
furchtbar eindringliche Stimmen: Ist nun alles aus? Vorbei? Verloren?
    Und andere Stimmen schienen zu rufen: Ja - verloren.
    Ihr Wahn, mit ihren schwachen, reinen Mädchenhänden den Schmutz aus der
menschlichen Gesellschaft hinwegräumen zu können, war verflogen. Und zugleich
wusste sie: dieser Wahn hatte sie ihr Glück gekostet ...
    Oede war das Leben geworden. Wie sollte man es weiter tragen?
    Sie horchte, matt vor Zerschlagenheit, immerfort, wie ihr Blut schwer
rauschte und in den Schläfen hämmerte. Und darüber hörte sie nicht, dass eine Tür
sich öffnete -
    Sie schrak auf: eine Hand legte sich auf ihr Haar - eine Hand ... Sie hob,
wie unter einer Last, unter einem Hindernis, ihren Kopf - scheu und doch in
jäher Seligkeit. Schon fühlend, wissend - noch ehe sie sah.
    Und als sie ihr Gesicht emporwandte, sah sie in seine Augen. - -
    Sie sprachen nichts. Nicht ein Wort. In einem grossen, ergriffenen Schweigen
sahen sie sich an.
    Wie viel Liebe, wie viel Güte und Mitleid war in seinen Blicken. Und nichts,
gar nichts von Triumph und Spott, der Geschlagene noch verwunden will. Nichts
von dem Hochgefühl des Mannes, der es als seinen Sieg empfindet, wenn dem Weibe
ein schief erbaut gewesenes Stück Welt zusammenbricht. Nur heisse Liebe. Nur ganz
einfach der Trost: nun bin ich Dein ...
    An der Tür die beiden Mütter wagten erst nicht sich zu rühren. Aber doch:
Sophie konnte ihre Glückstränen nicht mehr meistern - ihre Augen strömten ihr
über, und sie presste das Taschentuch an den Mund.
    Da erhob sich Marieluis - Allert musste ihr ein wenig helfen - und er hielt
ihre Hand fest.
    Sie wollte auf ihre Mutter zugehen, sich entschuldigen - etwas erklären.
    Aber diese ausserordentliche Frau hatte sich inzwischen ganz gefasst. Herrin
der Lage war sie geworden wie immer, und der kluge Gedanke hatte so sehr
gesiegt, dass er nicht nur nicht mehr schmerzte, sondern eine neue Form von
Triumph versprach.
    »Mein Kind!« sagte sie und schloss die Tochter in ihre Arme, »ich verstand
Dich! Nun wollen wir nach Hause fahren, und ich werde meinem Mann sagen, dass mir
diese Sachen denn doch zu geschmacklos sind ...«
    Allert küsste ihr die Hand.
    »Und wie wäre es, wenn Sie Ihrem Gatten gleich einen Schwiegersohn
mitbrächten?«
    Da lachte sie hell und glücklich auf.
    »O Gott ja, Kinder - wir Mütter haben schon lange genug darauf gewartet ...«
    »Wollen Sie mich ein wenig liebhaben?« bat Marieluis leise.
    Ach, was sollte die kleine zärtliche Mutter darauf antworten - was
versprechen? Ihr ganzes Leben war ja Liebe, und seit langer Zeit hatte ihr Herz
diesem Augenblick entgegengezittert. So konnte sie nichts, wie ihrem neuen Kind
mit innigen Küssen sagen: Du bist nun auch mein ...
    Draussen im Saal brach ein seltsames Geräusch los - ähnlich dem Knattern von
Gewehrsalven. Der Beifall. -
    »Fort!« sagte Allert, »rasch. Ganz einfach: Flucht ...«
    Und aus der Rührung fühlten sie sich jäh hinübergerissen in jenen Übermut,
der auch die Reifsten und Nüchternsten in seltenen Stunden erfassen kann.
    Auf irgendeine Weise gelang es ihnen, sich vor allen Menschen hinaus ins
Freie zu retten.
    Und dann gingen die beiden Frauen voran und sprachen sich gründlich und
beglückt aus. Die Senatorin klar und voll Verstand alle Punkte beleuchtend, die
für diesen Bund sprachen. Sophie nur ganz schlicht gerührt. Ja, der eine von
ihren beiden lieben grossen Jungen - der hatte die Blüte seiner Liebe hinwelken
sehen. Die war dem leeren Boden des törichten Luxusdaseins entwachsen - da
konnten für einen Mann wie Raspe keine Früchte reifen. Aber mit dem ernsten
Willen zum Grossen und Guten, den Marieluis hatte, konnte ein Mann ringen.
Irrtümer gibt es, die wie Vorschulen für heilige Wahrheiten sind. Was Sophie
aber der andern Mutter, die sich nur ein Kind erworben hatte, die keines von
eigenem Blute besass, nicht sagen konnte, war dies: wunderbar feierlich und
beseligend, alles Glück noch übertönend, fühlte sie, als sei nun erst ihre
Bestimmung als Weib und Mutter auf dem Wege der Erfüllung. Ihr Dasein sollte
nichts ins Leere münden - zwischen den vergangenen Geschlechtern und den
kommenden stand sie als Mittlerin. Ihr Haus sollte blühen - sie wurde nicht
dieser geheimnisvollen Unsterblichkeit beraubt, die einer Mutter göttliches Teil
ist, wenn sie ihr Blut, ihr Wesen in künftigen Generationen weiter wirken sieht.
Ihrer Umwelt kaum bewusst, schritten sie weiter durch die laue Frühlingsnacht.
    So kamen sie aus dem Gewirr der alten engen Strassen heraus. Nun war Helle
und Leben um sie. Das Leben des Abends, der immer für Tausende wie ein Fest und
ein Gelage scheint. Aus den Fenstern der grossen Restaurants glänzten oberhalb
der Scheibengardinen die Birnen der elektrischen Kronen. Drüben am Kai des
Jungfernstiegs lag der Pfahlbau des Alsterpavillons über dem Wasser.
    Dann gingen sie den stilleren Alten Jungfernstieg entlang, neben den
knospenden Lindenbäumen, hart am Gitter, das das dunkelflutende Wasser
umschützte.
    Hinter den beiden emsig redenden und erregten Müttern schritten die beiden
jungen Menschen Arm in Arm.
    Sie schwiegen. Die grenzenlose, heilige Beglückteit in ihnen war noch wie
ein Bann - Worte durften ihn noch nicht brechen.
    Und sie wussten es auch ohne Worte, wie schwer sie sich zueinander gekämpft
hatten, und dass sie nun völlig eins waren in dem, was für sie Arbeit und Glück
bedeutete.
 
    