
        
                             Eduard von Keiserling
                               Abendliche Häuser
                                  Erstes Kapitel
Auf Schloss Paduren war es recht still geworden, seit so viel Unglück dort
eingekehrt war. Das grosse braune Haus mit seinem schweren, wunderlich
geschweiften Dache stand schweigsam und ein wenig missmutig zwischen den
entlaubten Kastanienbäumen. Wie dicke Falten ein altes Gesicht durchschnitten
die grossen Halbsäulen die braune Fassade. Auf der Freitreppe lag ein schwarzer
Setter, streckte alle vier von sich und versuchte sich in der matten
Novembersonne zu wärmen. Zuweilen ging eine Magd oder ein Stallbursche über den
Hof langsam und lässig. Hier schien es, hatte niemand Eile. In der offenen
Stalltüre lehnte Mahling, der alte Kutscher mit dem weissen Bart, und gähnte. In
der offenen Gartenpforte stand Garbe, der Gärtner, und verzog sein
glattrasiertes Sektierergesicht und blinzelte in die Sonne. Dann begannen die
beiden Männer aufeinander zuzugehen, mitten zwischen Stall und Garten blieben
sie stehen, sprachen einige Worte zueinander, schwiegen, spuckten aus, liessen
wieder einige Worte fallen.
    Auf der anderen Seite des Hauses wurde eine Glastür geöffnet, die geradewegs
in den Garten führte, und der Schlossherr, der Baron von der Warte, wurde in
seinem Rollstuhl von seinem Diener Christoph hinausgefahren. Dicht in seinen
Pelz gehüllt, eine Pelzmütze auf dem Kopfe, schwankte die in sich
zusammengebogene Gestalt im Stuhle sachte hin und her. Das Gesicht war sehr
bleich und in seiner strengen Regelmässigkeit von einer müden Ausdruckslosigkeit,
nur die hervortretenden Augen waren noch wunderlich klar und blau. Neben dem
Rollstuhl schritt die Schwester des Barons, die Baronesse Arabella, hin, gross
und hager in ihrem schwarzen Mantel und dem wehenden Trauerschleier, das Gesicht
schmal und messerscharf zwischen den gebauschten weissen Scheiteln. So ging es
die feuchten Herbstwege des Parks entlang, auf denen die Herbstblätter
raschelten. Von den Bäumen fielen Tropfen, und die Wipfel waren voll lärmender
Nebelkrähen. Christoph steckte das Kinn tiefer in den aufgeschlagenen Kragen des
Livreemantels und schnaufte ein wenig in der Anstrengung des Stossens. Dann hielt
er plötzlich still, sein Herr hatte ein Zeichen mit der Hand gemacht, der Baron
sah zu seiner Schwester auf und sagte mit einer Stimme, die ärgerlich und
gequält klang: »Sag' mal, Arabella, was ist die Dachhausen für eine Geborene?« -
»Birkmeier, die Fabrikantentochter«, erwiderte die Baronesse ruhig und wie
mechanisch. Befriedigt liess der Baron den Kopf sinken, und Christoph schob den
Stuhl weiter.
    Und doch vor wenigen Wochen noch war Paduren die Hochburg des adeligen
Lebens in dieser Gegend gewesen, und der Baron Siegwart von der Warte hatte
hier eine stille, aber unbestrittene Herrschaft über seine Standesgenossen
ausgeübt. Der kleine rundliche Herr mit dem strengen, feierlichen Gesicht, das
von dem weissen Haar und weissen Backenbart wie von einem silbernen Heiligenschein
umrahmt wurde, war das Gewissen dieses Adelswinkels gewesen. Öffentliche Ämter
mochte er nicht bekleiden, in Versammlungen schwieg er. »Ich bin kein
Tribünenläufer«, pflegte er zu sagen, aber seine Ansicht war dennoch stets die
ausschlaggebende, und in jeder wichtigen Sache war es die Hauptfrage: Was sagt
von der Warte? In Sachen der Politik und der Landwirtschaft, in
Familienangelegenheiten und Ehrenhändeln, überall sprach er das wichtigste Wort
mit. Er lieh Geld denen, die es nötig hatten und die er dessen würdig hielt, und
wachte streng darüber, dass gute altedelmännische Sitte hier nicht in Verfall
geriet. Wenn der Baron von der Warte die greisen Augenbrauen in die Höhe zog,
mit der flachen Hand durch die Luft von oben nach unten fuhr, als machte er
einen Sargdeckel zu, und leise sagte: »Hm, - ja, schade, aber der Mann ist
erledigt«, dann war der Mann für diese Gegend wirklich erledigt. Der Baron war
sich seiner Stellung wohl bewusst, und er genoss sie, und sie war vielleicht die
einzige wirkliche Freude seines Lebens. Immer wohlwollend würdig zu sein,
geachtet und ein wenig gefürchtet zu werden, mag ein grosses Gut sein, es macht
jedoch einsam und ist nicht gerade heiter. Das gab dem Baron wohl auch den
feierlichen, ein wenig ungemütlichen Ausdruck; er sah aus, als dürfe er sich nie
gehen lassen und als sei ihm dieses selbst zuweilen unbequem. Dietz von Egloff,
der es liebte, von älteren Herren respektlos zu sprechen, meinte: »Dem Gesicht
des alten Warte würde ich es gönnen, sich einmal eine Stunde lang nach
Herzenslust verziehen zu dürfen, um sich von der ewigen Würde gründlich erholen
zu können.« Der Baron liebte es, wenn es heiter um ihn her war, seine Jagden und
sein Rotwein waren berühmt, aber er konnte sich nicht verhehlen, dass die Leute
sich gerade dann am besten unterhielten, wenn er zufällig nicht zugegen war. Das
mochte ihn zuweilen ein wenig melancholisch machen, aber er gestand sich das
selbst nicht ein und war überzeugt, dass er das bessere Teil erwählt habe, die
Weisheit, die Würde und die Macht. Die jungen Leute liebten ihn nicht, lachten
über ihn, wenn sie unter sich waren, und nannten ihn den »Baron Missbilligung«.
Allein sie fürchteten ihn, und wenn sie in Schwierigkeit gerieten, wandten sie
sich stets an ihn. Die alten Herren bewunderten ihn und lauschten seinen Worten
wie einem Evangelium.
    Am Kamin bei der Nachmittagszigarre liebte es der Baron, zu seinem alten
Freunde, dem Baron Port auf Witzow, von seinen Grundsätzen zu sprechen:
»Ansichten, die jungen Leute wollen jetzt allerhand Ansichten haben. Nun ja, ich
bestreite ja nicht, es mag allerhand Ansichten und Grundsätze geben, die ganz
gut und richtig sind für andere. Man braucht ja schliesslich kein Edelmann zu
sein, aber für uns gibt es gewisse Ansichten und Grundsätze, die richtig und
wahr sind, nicht weil jemand sie uns bewiesen hat, sondern weil wir wollen, dass
sie richtig und wahr sind. Mir braucht man nichts zu beweisen und zu erklären.
Ich will, dass das und das wahr und richtig ist, weil, wenn das falsch ist, ich
nicht mehr der von der Warte bin, der ich bin, und du nicht von Port bist, der
du bist, weil wir sonst beide alte Narren wären. Siehst du, das sage ich.«
    Als sein Freund zu sprechen anfing, hatte der Baron Port sich aus der
leichten Nachmittagsschläfrigkeit aufgerüttelt. Er beugte den schweren
Oberkörper nach vorn, legte die Hand an das Ohr und hörte aufmerksam zu. Als die
Rede zu Ende war, schlug er dem Baron von der Warte mit der flachen Hand auf
das Knie und meinte: »Da hast du wieder recht, Bruder.« Dann lehnten die beiden
Herren sich in ihre Sessel zurück und sogen befriedigt an ihren Zigarren.
    Vorbildlich wie die Ansichten und die Landwirtschaft des Baron von der
Warte für seine Nachbarn waren, so war es auch sein Haus, die hohen Zimmer voll
weitläufiger, schwerer Mahagonimöbel, grosser Kachelöfen, voller Ahnenbilder und
alten Silbers, in denen sich ein Leben geregelter Wohlhabenheit behaglich
abspann. »Unsere Vornehmheit ist schlicht«, pflegte der Baron zu sagen. Er
liebte das Wort »schlicht« und fuhr gern, wenn er es aussprach, mit der flachen
Hand waagerecht durch die Luft. Dass die beiden Kinder des Barons in Paduren,
Fastrade und Bolko, Vorbilder für alle Kinder der Nachbarschaft waren, das wusste
jedes Kind der Gegend. Die Baronin von der Warte war bei der Geburt ihres
zweiten Kindes gestorben, die Baronesse Arabella stand dem Haushalt ihres
Bruders vor und erzog die Kinder, und auch diese Erziehung wurde allgemein
bewundert. Da war der Hauslehrer, Herr Arno Holst, der Bolko auf die höheren
Gymnasialklassen vorbereiten sollte und die eben erwachsene Fastrade noch in
Literatur und Kunstgeschichte einführte. Ein schmalschulteriger junger Mann mit
kurzsichtigen braunen Augen, blonden Locken und einem hübschen Mädchengesicht.
Er war sehr musikalisch, sang mit einer schönen Baritonstimme, las Schillersche
Dramen vor und war von einer fast knabenhaft schwärmerischen Begeisterung für
alles Schöne. Der Padurensche Hauslehrer war in der ganzen Nachbarschaft
berühmt. »Es ist toll,« sagte Baron Port zu seiner Frau, »wenn der Warte sich
was anschaft, so ist es unfehlbar erster Güte. Wie er das nur macht? Hat er
einen Hühnerhund, so ist der hasenreiner als alle unsere Hunde, nimmt er sich
einen Hauslehrer, so ist das gleich ein ungewöhnlich scharmanter Kerl.«
    »Kränklich scheint er mir«, sagte die Baronin, die es nicht liebte, die
Schattenseiten an Menschen und Sachen zu übersehen. Um so grösseres Erstaunen
erregte die Nachricht, Herr Holst habe das Schloss plötzlich verlassen. In
Paduren tat man so, als sei nichts Besonderes geschehen, es sei eben an der
Zeit, Bolko auf das Gymnasium zu schicken. Allein ein Gerücht, niemand wusste,
woher es kam, wollte nicht verstummen, es erzählte von wunderlichen Dingen,
welche sich in Paduren ereignet haben sollten. Hatte sich Herr Holst in Fastrade
verliebt? Hatte Fastrade sich in den hübschen Hauslehrer verliebt? Hatten sie
sich verlobt, und hatte es einen bösen Familienauftritt gegeben? Niemand glaubte
so recht daran, dennoch wurde auf den benachbarten Gütern eifrig darüber
geflüstert, und es war, als sei den meisten der Gedanke nicht angenehm, dass es
auf Paduren auch nicht immer so einwandfrei hergebe, wie es scheinen wollte. Von
Wartes war natürlich nichts zu erfahren. Bolko kam auf das Gymnasium, der Baron
war würdig und voll Autorität wie immer, die Baronesse Arabella schwieg, und
Fastrade sah man wie sonst auf ihrem kleinen Schimmel die Waldwege entlang jagen
im blauen Reitkleid. Unter der weissen Knabenmütze flatterte blondes Haar um das
runde, über und über rosa Gesicht, auf den Lippen ein stetiges Lächeln, als
lächelte sie dem scharfen Luftzuge der tollen Bewegung zu. Auch in Gesellschaft
war sie wie sonst das unbefangene heitere Mädchen mit dem hinreissenden Lachen.
Sie bog dann den Kopf zurück, öffnete die Lippen ein wenig weit, und die Augen
wurden glitzernd und feucht. »Die Augen der kleinen Warte machen mich durstig,«
hatte Dietz von Egloff gesagt, »auf der ganzen Welt habe ich nach einem Getränk
gesucht, so stark blau und ganz durchsichtig, aber das gibt es nicht.«
    Zwei Jahre vergingen, Bolko bezog die Universität, Fastrade feierte ihren
einundzwanzigsten Geburtstag, als wiederum eine Nachricht die Gegend in
Aufregung versetzte. Fastrade, hiess es, verlasse ihr väterliches Haus, um fern
irgendwo, in Hamburg sagte man, im Krankenhause die Krankenpflege zu erlernen.
Die Nachricht bestätigte sich und war doch so unglaublich. Wie oft hatten nicht
alle es von dem Baron von der Warte gehört: »Unsere Töchter gehören in unser
Haus, bis sie ihr eigenes beziehen. Tochter eines adeligen Hauses zu sein ist
ein Beruf, der ebenso wichtig ist, wie jeder andre Beruf.« Und noch letztin,
als die zweite Tochter der Ports nach Dresden ging, um ihre Stimme auszubilden,
hatte der Baron das eine Desertion genannt. Und nun desertierte seine einzige
Tochter, liess die beiden alten Leute allein. Was war geschehen? In Paduren
schwieg man darüber wie immer. Man glaubte zu bemerken, dass der Baron nach der
Abreise seiner Tochter strenger und unnachsichtiger in seinen Urteilen war, dass
er ungeduldig wurde, wenn man ihm widersprach, aber sonst war keine Veränderung
bemerkbar. Grosse Jagden wurden in Paduren abgehalten, bei denen er nervös die
Jugend zur Heiterkeit aufmunterte. Ja, er selbst bemühte sich, heiter zu sein,
sprach viel von Bolko, von dem Studentenleben, erzählte aus der eigenen
Studentenzeit verschollene Studentenstreiche, über die nur er und der Baron Port
lachen konnten.
    An einem Novemberabend trat die Baronesse Arabella in das Arbeitszimmer
ihres Bruders, sie fand ihn in seinem Sessel sitzend, den Kopf zurückgelehnt,
das Gesicht grau und wie zerfallen, die Augen geschlossen, in der Hand hielt er
ein Telegramm. »Mein Gott! Siegwart!« rief die Baronesse. Matt reichte er ihr
mit der einen Hand das Telegramm, mit der anderen winkte er. Er wollte allein
sein. Das Telegramm meldete, Bolko sei im Duell gefallen. Die Baronesse ging, um
sich in ihr Zimmer zu verschliessen und zu weinen. Im Schloss wurde es eine
Weile ganz still, als die Nacht aber hereingebrochen war, begannen Schritte
unablässig durch die lange Zimmerflucht zu irren, und wenn sie an der Tür der
Baronesse vorüberkamen, glaubte diese etwas wie ein leises Wimmern zu hören. Den
nächsten Morgen war der Baron bleich und gefasst, traf die Vorbereitungen für die
Bestattung seines Sohnes und empfing die Trauerbesuche. Er war feierlich und
würdevoll wie immer, nur schien es zuweilen, als gerieten diese Feierlichkeit
und diese Würde ins Schwanken, als müsste er sie gewaltsam festalten wie einen
schweren Mantel, der von den Schultern herabzugleiten droht.
    Nach dem harten Schlage, der sie getroffen, zeigten die Einwohner von
Paduren sich nicht in der Nachbarschaft. Sie blieben zu Hause und gingen recht
schweigsam in den grossen Räumen nebeneinander her. Einmal sagte die Baronesse
Arabella zu ihrem Bruder: »Unsere Fastrade, soll unsere Fastrade nicht kommen?«
Er aber winkte ärgerlich ab. Die Nachbarn trauten sich nicht recht in das so
still gewordene Schloss, nur der Baron Port besuchte seinen Freund. Dann sassen
sie beide wie sonst am Kamin bei der Nachmittagszigarre, und der Baron von der
Warte sprach von seinen Grundsätzen und den falschen Ansichten der jungen
Leute, er wollte sich wieder an den eigenen schönen und vernünftigen Worten
erfreuen, aber es war, als schmeckten sie ihm nicht mehr, die Stimme begann zu
zittern, wurde kleinlaut und mutlos und versiegte endlich ganz. Dann beugte sich
der Baron Port vor und klopfte seinem alten Freunde sanft auf das Knie. - »Der
Warte ist nicht mehr der alte,« berichtete Baron Port seiner Frau, »er hält
sich, er hält sich, aber das mit dem Sohn ist für ihn doch zu stark gewesen.«
    Ja, es war für ihn zu stark gewesen. Als Christoph eines Nachmittags in das
Arbeitszimmer seines Herrn trat, wo dieser auf einem grossen Sessel seine
Nachmittagsruhe zu halten pflegte, fand er ihn auf dem Fussboden liegend. Der
kleine Herr lag da, Hände und Füsse hilflos von sich gestreckt, das Gesicht grau
und wie von einer Qual verzerrt inmitten des silbernen Heiligenscheines der
Haare und des Backenbartes. Ein Schlaganfall hatte ihn getroffen, hatte den
armen Baron »Missbilligung« in einem Augenblick all seiner Feierlichkeit und
seiner schönen Haltung entkleidet und ihn zu einem hilflosen alten Manne
gemacht.
 
                                Zweites Kapitel
Die Baronesse Arabella hatte sich entschlossen, am Nachmittage einen Besuch bei
der Baronin Port zu machen. Die Krankenstubenstille des Schlosses quälte sie wie
eine Krankheit. Sie wollte Menschen sehen und sprechen, vor allem sprechen. So
fuhr Mahling sie in der grossen Kalesche nach Witzow hinüber. Die Herbstwege
waren schlecht, das Wetter feucht und kalt unter einem niedrigen grauen Himmel,
der Wind wühlte im feinen Gezweige der Hängebirken wie in feuchtem roten Haar.
Zwischen den Schollen der aufgepflügten Äcker lag hier und da schon ein wenig
Schnee. Alles sah unreinlich aus und als ob es friere. Aber die alte Dame
blickte mit einem liebenswürdigen und angeregten Lächeln auf die Landschaft
hinaus. Sie machte schon jetzt ihr Besuchsgesicht, denn sie freute sich wirklich
herzlich auf ihren Nachmittag. Das weisse Witzowlandhaus mit der niedrigen
Treppe, vor dem sie jetzt hielten, erschien ihr heute besonders anheimelnd, auch
der grosse Flur, der stets nach feuchtem Kalk roch und in dem die Baronesse
jedesmal dachte: Die gute Karoline kann sagen, was sie will, das Haus ist doch
feucht.
    Sylvia, die älteste Tochter des Hauses, ein schlankes, ältliches Mädchen mit
einem bleichen Gesicht und einem gefühlvollen, ein wenig mitleidigen Lächeln,
empfing die Baronesse. Sylvia hatte eine Art, die Leute zu begrüssen, als seien
sie krank und bedürften der Teilnahme und der Schonung. Und das tat der alten
Dame heute wohl. Im Wohnzimmer auf dem grossen Sofa mit der zu steifen Rücklehne
sass die Baronin Port, eine sehr starke Dame, das Gesicht stets rot und erhitzt
unter der weissen Blondenhaube. »Nun, meine gute Arabella,« sagte sie mit einer
lauten, tiefen Stimme, »da sind Sie, ich habe an Sie schon wie an eine
Verstorbene gedacht.« Die Baronesse lächelte wehmütig: »Ach ja, zuweilen möchte
man wirklich schon gestorben sein.«
    »Na, na, es kommen wieder bessere Zeiten,« beschwichtigte die Baronin,
»setzen Sie sich, und erzählen Sie, wie geht es bei Ihnen?«
    »Immer das gleiche,« erwiderte die Baronesse, »doch nein, eine gute
Nachricht habe ich, unsere Fastrade kommt, ich habe an sie geschrieben, und sie
kommt.«
    »So.« Die kleinen Augen der Baronin wurden blank vor Neugierde, und sie
lüftete die Blondenhaube ein wenig an den Ohren, um besser hören zu können. »So,
die kommt also, jetzt erst.«
    Die Baronesse zog traurig die greisen Augenbrauen empor und meinte: »Bisher
hatte es der Vater nicht gewollt, aber jetzt -.« »Und immer wegen des jungen
Menschen?« fragte die Baronin gespannt. Die Baronesse nickte, sie schwieg einen
Augenblick, lehnte den Kopf zurück. Sie wusste, jetzt würde sie über alle diese
Dinge sprechen, über die sie so lange hatte schweigen müssen. Aber sie konnte
nicht anders. Sylvia ging leise ab und zu und servierte den Tee. Die Baronin
nahm eine Strickarbeit mit klappernden elfenbeinernen Nadeln, wie beruhigt
darüber, dass sie ihren Besuch jetzt dort hatte, wo sie ihn haben wollte.
    »Ach ja! Was man nicht erlebt,« begann die Baronesse, »und denken Sie sich,
ich hatte doch von allem nichts gemerkt, ich merke so etwas nie. Erst als eines
Tages die beiden sich an der Hand fassten und in das Schreibzimmer meines Bruders
gingen, da packte mich der Schrecken, die Knie zitterten mir so, dass ich mich
setzen musste.«
    »Also einfach eine Verlobung«, bemerkte die Baronin sachlich.
    »Ja,« erwiderte die Baronesse, »die armen Kinder dachten sich wohl so etwas,
aber mein Bruder machte dem allen schnell ein Ende.«
    »Wie ertrug es Fastrade?« inquirierte die Baronin weiter.
    Die Baronesse seufzte, diese langverschwiegenen Dinge herauszusagen, ergriff
sie so stark. »Fastrade, Sie kennen sie ja, ist ein so starkes und mutiges
Mädchen, wenn sie gelitten, hat sie es uns nie gezeigt. Und wie die Zeit
verging, glaubte ich, sie hätte ihn vergessen. Da kommt nun dieser Geburtstag,
an dem sie dem Vater erklärt, sie muss fort in ein Krankenhaus, sie ist
volljährig, sie hat Geld von ihrer Mutter; was gesprochen wurde, weiss ich ja
nicht, Sie kennen meine Feigheit; wenn so etwas in der Luft liegt, verkrieche
ich mich in mein Zimmer. Da kommt nun das Kind, weiss wie ein Tuch und sagt: Ich
reise. Liebes Kind, sage ich, nur eins möchte ich wissen, ist es seinetwegen?
Sie sieht mich ruhig an und sagt klar und fest: Er ist krank und in Not, da muss
ich bei ihm sein. Was konnte ich da sagen, ich habe ja nie recht was zu ihr
sagen können. Als sie noch ein kleines Mädchen war, fühlte ich, dass sie von uns
beiden immer die Klügere und Stärkere war. So reiste sie denn. Es war gute
Schlittenbahn, ich stand im grossen Saal am Fenster und hörte noch den Schellen
ihres Schlittens zu, die man bei uns ja so weit von der Landstrasse hört, da kam
mein Bruder aus seinem Zimmer, setzte sich an den Kamin, stocherte mit der Zange
in den Kohlen herum und murmelte so vor sich hin: Auf dem Posten bleiben will
keine. Das ist wohl auch schwerer, ein Fräulein von der Warte zu sein, als so
etwas anderes.«
    »Also sie fuhr direkt zu dem jungen Menschen«, sagte die Baronin scharf.
    »Nun ja«, erwiderte die Baronesse zögernd, »er war krank, lag im
Krankenhaus, da hat sie ihn wohl gepflegt und dann, dann starb er.«
    Die Baronin liess die Arbeit sinken und blickte überrascht auf: »Er starb?
Gott sei Dank!«
    »Wollen wir uns nicht versündigen, liebe Karoline,« meinte die Baronesse
wehmütig, »der arme junge Mensch! Vielleicht war es so besser.«
    »Viel besser,« bestätigte die Baronin, »überhaupt, die Sache ist dann nicht
so schlimm, aber das kommt von der Geheimtuerei, da denkt man gleich wer weiss
was.«
    »Und dann, liebe Karoline,« versetzte die Baronesse und lächelte gerührt,
»unserer Fastrade kann man dies alles nicht anrechnen, sie hat ein zu heisses
Herz. Als unser kleiner Hund umkam, sie war noch ein kleines Kind, da hat sie
doch die ganze Nacht geweint und geradezu gefiebert. Und später, als die alte
Wärterin Knaut starb, - mein Bruder hatte gewünscht, dass die Kinder bei der
Beerdigung mit auf den Friedhof genommen werden, sie sollten sich früh an solche
Pflichten gewöhnen, sagte er -, nun gut, am Abend, es war im Juni, ist Fastrade
fort. Man sucht sie und wo findet man sie? Sie sitzt auf dem Friedhofe in der
Abenddämmerung am Grabe der Knaut, sie will die Knaut nicht allein lassen. So
war sie immer.«
    Von ihrem Sitz aus konnte die Baronesse die dämmerige Zimmerflucht entlang
sehen, an deren Ende jetzt die breite Gestalt des Baron Port erschien und
langsam herankam. Er war von seinem Nachmittagschlafe aufgestanden und schien
verstimmt, er begrüsste die Baronesse kurz und setzte sich an den Tisch. »Wir
sprechen von der Fastrade,« sagte die Baronin, »sie kommt endlich nach Hause.«
    Der Baron machte eine abwehrende Handbewegung und beugte sich über die
Teetasse, welche seine Tochter vor ihm hingestellt hatte.
    »Und Ihre Gertrud kehrt ja auch wieder zu Ihnen zurück«, versetzte die
Baronesse.
    Da begann der Baron zu sprechen, heiser und undeutlich, als läge ihm nichts
daran, dass er verstanden werde: »Ja, zurück kommen sie alle, aber wie? Die
Nerven kaputt, zerzaust wie die Hühner nach dem Regen, der arme Warte hatte
ganz recht, keine will auf dem Posten bleiben. Früher hatten die adeligen
Fräulein nie solche Talente, die ausgebildet werden mussten, das ist auch so die
neue Zeit.« Dieses knarrende Schelten schien ihm wohlzutun, er fuhr daher fort,
verbiss sich in seinen Ärger: »So bin ich gestern bei Dachhausens zu Mittag. Na,
dass es dort nach Finanz riecht, dafür können sie nichts, sie ist ja eine
Fabrikantentochter, aber er ist ein braver Junge, und einer der Unseren. Gut, es
wird also ein Rehbraten serviert, einer unserer ehrlichen, heimatlichen Böcke,
aber ringsum auf derselben Schüssel liegen so halbe Orangeschalen voll
Orangegefrorenem, so das süsse Zeug, das man beim Konditor kriegt.«
    »Ist das gut?« fragte die Baronesse teilnehmend.
    Der Baron zuckte mit den Schultern: »Gut! In Berlin und Paris versucht man
mal so abenteuerliches Zeug, aber hier bei uns - ich kann mir nicht helfen, mir
kommt so was pervers vor. Na und unser anderer Nachbar, der Egloff in Sirow, dass
er sein Haar gescheitelt trägt wie ein Mennonitenprediger, ist seine Sache, das
soll amerikanisch sein. Also vorigen Tag war ich Geschäfte wegen bei ihm, da
stellte er mir so einen kleinen Kerl vor, schwarz wie ein Tintenfass, der ist ein
portugiesischer Marquis, und einen langen Grauhaarigen mit einer blauen Brille,
der ist wieder ein polnischer Graf. Und die Grossmutter, die alte Baronin, sieht
diese unheimlichen Leute strahlend an und freut sich, dass ihr Dietz so vornehme
Bekannte hat. Und wenn sie abends in ihrem Zimmer sitzt und sich von dem
Fräulein Dussa die frommen Bücher vorlesen lässt, dann horcht sie hinaus auf das
Toben der Herren im Spielzimmer und ist glücklich, dass ihr Dietz sich so gut
unterhält dort am grünen Tisch, wo er das Familienvermögen riskiert.«
    Der Baron schüttelte sich wie von Widerwillen übermannt und schloss düster:
»Eins weiss ich, ich werde diese Komödie nicht mehr lange anzusehen haben, mein
Parkettsitz wird bald leer sein.«
    Alle schwiegen; die Dämmerung war vollends hereingebrochen. Als ihr Vater zu
sprechen begonnen, hatte Sylvia sich erhoben und ging lautlos die Zimmerflucht
auf und ab, zuweilen blieb sie an einem Fenster stehen und schaute hinaus auf
den schwefelgelben Streifen, der am Abendhimmel über dem schwarzen Walde hing.
Eine, die bleich und nachdenklich auf ihrem Posten geblieben war.
    Da die Dunkelheit kam, machte die Baronesse sich auf den Heimweg. Als sie im
Wagen sass, sagte sie sich, dass es dort bei Ports nicht eben heiter gewesen war,
aber sie hatte sprechen können, und das empfand sie wie eine Erleichterung nach
allem Schweigen.
 
                                Drittes Kapitel
Es war reichlich Schnee gefallen, die Abenddämmerung lag blau über der weissen
Decke. Die Baronesse Arabella hatte zwei Lampen im grossen Saal anzünden lassen
und ging nun unablässig dort auf und ab, die eingefallenen Wangen leicht
gerötet. Oft blieb sie stehen und lauschte hinaus auf ein Schellengeläute, das
fern von der Landstrasse herübertönte. Solchem Schellengeläute zuzuhören, wie es
von der Strasse herklang, an den Biegungen schwächer wurde, wie es sich entfernte
oder näher kam, war ihr stets eine gewohnte Beschäftigung an stillen
Winterabenden gewesen, und wie bedeutungsvoll war dieses Geläute zuweilen, an
dem Abend, da Fastrade von ihnen fuhr, und wiederum an jenem Abend, da die
Glocke der Estafette immer näher kam, welche die Nachricht von des armen Bolko
Tode brachte. Seitdem schien es der Baronesse, als könnte sie aus den Stimmen
der Schellen etwas von dem heraushören, was dort auf der Landstrasse zu ihr
herankam. Heute, glaubte sie, heute klängen die Schellen besonders hell und
erregend, es war Fastrade, die da kam. Die alte Dame freute sich, aber in dieser
Freude lag eine Aufregung, die sie fast schmerzte.
    Jetzt war das Geklingel ganz nahe, es machte einen grossen Bogen im Hofe und
hielt vor der Freitreppe. Geräuschvoll öffnete Christoph die Haustüre. Die alte
Dame stand regungslos da und horchte auf die Schritte im Flur. Fastrades Stimme
mit ihrem metalligen Schwingen sagte. »Guten Abend, Christoph, wie unverändert
Sie sind, nur grau sind Sie geworden.« - »Wir sind hier alle grau geworden,
gnädiges Fräulein«, erwiderte Christoph. Jetzt öffnete sich die Tür, und
Fastrade stand da in ihrer hübschen, aufrechten Haltung. Über dem schwarzen
Trauerkleide nahm sich der blonde Kopf, das runde, von der Fahrt leicht gerötete
Gesicht wunderbar hell und farbig aus. Sie lächelte ihr Lächeln, das ihr so
leicht auf die Lippen stieg, und die Augen, von der Dämmerung verwöhnt,
blinzelten in das Licht. Die Baronesse stand noch immer wie hilflos da und
weinte. Erst als Fastrade sie in ihrer bekannten schützenden Art in die Arme
nahm, den alten zerbrechlichen Körper hielt und leitete, da fühlte die Baronesse
wieder die ganze Wärme dieser Gegenwart, nach der ihr alle Jahre hindurch
gefroren hatte.
    Fastrade führte die Baronesse zum Sofa, liess sie dort niedersitzen, setzte
sich neben sie und hielt die beiden alten Hände in den ihren. Die Baronesse
weinte still vor sich hin, Fastrade sass ruhig da und liess ihre Blicke im Zimmer
umherschweifen, suchte die Sachen an ihren gewohnten Plätzen auf. Es stand alles
dort, wo es einst gestanden, alles war unverändert, und dennoch schien es ihr,
als sei es verblasster, farbloser als das Bild, welches sie die ganze Zeit über
in ihrer Erinnerung herumgetragen, das Getäfel schien dunkler, die Seide der
Möbel verschossener, die Kristalle des Kronleuchters undurchsichtiger. All das
erschien Fastrade wie eine Sache, die wir sorgsam verschliessen, und wenn wir sie
endlich wieder hervorholen, wundern wir uns, dass sie in ihrer Verborgenheit alt
und blass geworden ist. Und auch die Töne des Hauses waren die altbekannten. Aus
dem Zimmer ihres Vaters hörte man die fette, knarrende Stimme des Inspektors
Ruhke dringen, aus dem Esszimmer klang das Klirren von Gläsern, das Klappern von
Tellern herüber, und endlich im kleinen Kabinett neben dem Saale sang eine ganz
dünne, zitternde Stimme eine hüpfende Melodie leise vor sich hin. Das war die
uralte Französin Couchon, die schon die Lehrerin der Baronesse gewesen war. Sie
sass an der grün verhangenen Lampe in sich zusammengebogen, das Gesicht ganz
klein unter der enganliegenden grauen Sammetaube, legte ihre Patience und
trällerte leise ihre verschollene französische Melodie. Das ergriff Fastrade so
stark, dass sie laut sagen musste: »Ah, Ruhke ist bei Papa, und Christoph deckt im
Esszimmer den Tisch, und Couchon sitzt noch bei ihrer Patience und singt.«
    »Ja, Kind,« sagte die Baronesse, »wir haben nichts anderes zu tun, als zu
sitzen und zu warten, bis eines nach dem anderen abbröckelt.«
    Fastrade erhob sich schnell von ihrem Sitz, als wollte sie etwas
abschütteln: »Ich will Couchon begrüssen«, sagte sie und ging in das Kabinett
hinüber. Die alte Französin hob ihr kleines Gesicht zu Fastrade auf, lächelte
mit dem lippenlosen Munde und sagte: »Te voilà, ma fillette, à la bonne heure.«
Dann wandte sie sich wieder ihren Karten zu. Jetzt beschloss Fastrade, zu ihrem
Vater hineinzugehen. Auch dort erhellte eine Lampe mit grünem Schirm das Zimmer
nur matt, der Baron sass auf seinem Sessel sehr gebeugt, der Kopf war ihm auf die
Brust gesunken, er schien zu schlafen, das schöne Silberhaar war fort, und das
Lampenlicht lag auf der blanken grossen Glatze. In der Ecke stand der Inspektor
Ruhke unförmlich gross und dick, und eine Atmosphäre von Schnee und Transtiefeln
umgab ihn. Fastrade kniete vor ihrem Vater nieder und sagte: »Hier bin ich
wieder, Papa.« Der Baron erhob seinen Kopf und sah sie an, die Augen waren noch
immer klar und blau, aber das bleiche Gesicht schien zu müde zu sein, um einen
Ausdruck zu haben. »So, so,« sagte der Baron und versuchte matt zu lächeln,
»deine Tante sagte mir, du würdest kommen.« Dann strich er mit der Hand über
Fastrades Wange. »Kalte Wangen,« bemerkte er, »so, so, setze dich dort hin,
Kind, Ruhke ist noch nicht zu Ende, es ist gut, wenn du das mitanhörst. Nun,
Ruhke, also die Ölkuchen.« Der Baron liess wieder den Kopf auf die Brust sinken,
Fastrade setzte sich in einen der grossen Sessel, Ruhke räusperte sich verlegen
und begann dann wieder mit der fetten, knarrenden Stimme zu sprechen, sprach von
Ölkuchen, die von der Station abgeholt werden sollten, von einem Stier, der
krank zu sein schien, von Brettern, die gesägt werden sollten, er sprach
eintönig und mechanisch wie einer, der weiss, dass niemand ihm zuhört, und endlich
schwieg er ganz. Wie vom Stillschweigen geweckt, schaute der Baron auf und
sagte: »Das ist alles? Nun, dann guten Abend, Ruhke.« - »Guten Abend«, erwiderte
der Inspektor und schob sich zur Tür hinaus. Jetzt wurde es ganz still im Zimmer
mit seiner grünen Dämmerung, der Baron liess wieder den Kopf sinken und
schlummerte, einmal sah er auf und fragte: »Viel Schnee auf der Landstrasse?« -
»Ja, Papa«, erwiderte Fastrade. Darnach schwiegen sie wieder. Fastrade sass da,
die Hände im Schoss gefaltet, die Augen weit offen und auf dem Gesicht ein
Ausdruck, als träumte sie einen schweren Traum. Draussen im Saal begann die grosse
Uhr langsam und tief neun zu schlagen, Christoph kam, um seinen Herrn zu Bette
zu bringen. »Ich gehe jetzt schlafen,« sagte der Baron, »du kommst dann wieder,
Kind, und liest.« Und es kam in das bleiche Gesicht etwas wie Heiterkeit, als er
hinzufügte: »Es ist gut, wenn man wieder beisammen ist.«
    Im Esssaal sassen die Baronesse und Fastrade sich gegenüber, und auch hier kam
das vergangene Leben mit jedem Geräte und jeder Speise mächtig über Fastrade.
Das Porzellan mit dem schwarzen Monogramm, der silberne Samowar, der Geschmack
der Koteletten und der Semmel, alles schien das Leben gerade da wieder
anzuknüpfen, wo sie es vor Jahren verlassen hatte, und mechanisch wie früher
stand Fastrade von ihrem Stuhle auf, um sich vor den Samowar zu stellen und den
Tee zu machen. Die Baronesse erzählte unterdessen, erzählte geläufig und klagend
von all dem Traurigen, das sich in den Jahren ereignet hatte. Nach dem Essen
musste Fastrade zu ihrem Vater gehen und vorlesen, sonst war es die Baronesse,
die dort im Schlafzimmer die Memoiren des Herzogs de Saint Simon vortrug, bis er
eingeschlafen war. Fastrade fand ihren Vater im Bette liegend mit geschlossenen
Augen, er öffnete die Augen auch nicht, als sie eintrat, und murmelte nur ein
leises »so, so«. Als sie sich jedoch an den Tisch mit der grünverhangenen Lampe
setzte und das Buch zur Hand nahm, hörte sie die Stimme ihres Vaters klar und in
dem früher gewohnten, belehrenden Tonfall das Wort Pflichtenkreis sagen. Sie las
nun. Im Hause war es ganz still geworden, vom Bett her klang das schwere und
mühsame Atmen des alten Mannes herüber, und all das war so furchtbar bedrückend,
dass Fastrade es hörte, wie ihre eigene Stimme zuweilen zitterte und fast
versagte, während sie die langwierige Geschichte von dem Streit der
französischen Herzöge um den Vortritt vortrug. Endlich öffnete Christoph leise
die Tür und machte ein Zeichen, dass es genug sei.
    Als die Baronesse Fastrade in ihr Zimmer führte, weinte sie wieder und
sagte: »Kind, nach all diesen Jahren werde ich zum ersten Male wieder mich
glücklich zu Bett legen.«
    Als sie allein war, blieb Fastrade mitten in ihrem Zimmer stehen und liess
die Arme schlaff herabhängen. Eine dunkele Traurigkeit machte sie todmüde. All
das still zu Ende gehende Leben um sie her schwächte auch ihr Blut, nahm ihr die
Kraft weiterzuleben; »wir sitzen still und warten, bis eines nach dem anderen
abbröckelt«, klang es wie eine leise Klage in ihr Ohr, und dann bäumte sich
etwas in ihr auf, sie hätte die Traurigkeit von sich abreissen mögen wie ein
lästiges Kleid. Schnell ging sie zum Fenster, öffnete die schweren Fensterläden,
stiess das Fenster auf und schaute in den Garten hinab. Im Scheine grosser,
unruhig flimmernder Sterne lag die Winternacht da, weiss und schweigend, die Luft
schlug ihr feucht und kalt entgegen, Bäume ragten wie grosse weisse Federn gegen
den Nachtimmel auf, und an ihnen vorüber konnte Fastrade in eine Ferne sehen,
die von einer weissen Dämmerung verschleiert unendlich schien. Hier war Raum,
hier konnte sie atmen, hier in der Kühle schlief das grosse, starke Leben, zu dem
sie gehörte. Und wie sie so hinausschaute in all das Weisse, musste sie an das
Krankenhaus denken mit den langen, weissen Korridoren, den weissen Türen, hinter
denen das Leiden und die Schmerzen wohnten, aber die Leiden und der Schmerz dort
waren etwas wie eine berechtigte Einrichtung, man diente ihnen, man lebte für
sie, und auch das Mitleid war eine Einrichtung, man trug es leicht wie an einer
Gewohnheit und stand nicht hilflos davor wie hier als vor einer grossen Qual.
Wenn sie dort aus den Krankenstuben kam, fand sie draussen in den Korridoren
geschäftiges Leben, eilige Ärzte in weissen Kitteln rannten an ihr vorüber, man
rief sich etwas Heiteres zu, man lachte und man fühlte sich tapfer und nützlich
in diesem frischen, fast munteren Kampfe gegen die Feinde des Lebens. Fastrade
fror, aber sie empfand wieder, dass sie warmes junges Blut in ihren Adern hatte,
empfand die Kraft ihres Körpers, und sie fühlte ihr Leben wieder als etwas, auf
das sie sich trotz allem freuen durfte. Schnell schloss sie das Fenster, jetzt
wollte sie schlafen.
 
                                Viertes Kapitel
Es war noch ganz finster, als Fastrade erwachte. Es musste Zeit sein, die
Nachtwache abzulösen, dachte sie und setzte sich im Bette auf, aber als sie
hinaushorchte, herrschte draussen tiefes Schweigen, statt des Ab- und Zugehens
leiser Schritte, das im Krankenhause nie verstummte. Da erinnerte sie sich, sie
war zu Hause. Sie lehnte sich wieder in die Kissen zurück, hob die Arme empor,
faltete die Hände über dem Scheitel und starrte in die Finsternis hinein.
Anfangs war es ein Gefühl starken Wohlbehagens, liegen bleiben, schlafen zu
dürfen, wie oft hatte sie sich im Krankenhause das gewünscht, allein der Schlaf
kam nicht, und die Bilder von gestern abend stiegen wieder auf, das bleiche
Gesicht ihres Vaters, die schmale, schwarze Gestalt der Tante Arabella, wie sie
mitten in dem grossen Saale stand und hilflos weinte. Sie fuhr auf, nein, diese
schmerzhafte Hoffnungslosigkeit, die sie gestern abend krank gemacht, sollte
nicht wieder über sie kommen. Sie zündete die Kerze an und begann sich
anzukleiden. Das erfrischte sie; sie dachte an Kinderzeiten, wenn die kleine
Fastrade es vergessen hatte, den französischen Aufsatz zu machen, und sich
frierend am Wintermorgen bei Kerzenschein ankleidete, während alles um sie her
noch schlief.
    Draussen in der langen Zimmerflucht herrschte noch Finsternis. Ab und zu ging
eine Magd mit lautlosen Schritten, ein Lichtstümpfchen in einem Leuchter in der
Hand, und die kleine Flamme liess grosse Schatten die Wände entlang irren. Vor den
mächtigen Kachelöfen hockten graue Gestalten, schichteten Holz in das Ofenloch,
zündeten es an, und die feuchten Scheite begannen laut und ärgerlich zu
prasseln. Verwundert und fast ängstlich wie auf ein Gespenst schauten die Mägde
Fastrade an, als sie da plötzlich unter ihnen erschien und langsam durch die
Zimmer ging. Es war Fastrade, als könnte sie alle diese Gemächer jetzt, da sie
in der Finsternis oder im flackernden Ofenschein zu schlafen schienen, leise
beschleichen, um in ihnen all das wiederzufinden, was sie einst gekannt und
geliebt hatte. Das Kabinett neben dem Saal war hell vom Ofenfeuer erleuchtet,
vor dem Ofen sass Merlin, der alte Setter, und schaute ernst in die Flammen; als
Fastrade eintrat, wandte er den Kopf nach ihr um und schaute sie ruhig an.
»Merlin«, sagte Fastrade, da stand er langsam auf, ging zu ihr hin und rieb
seinen Kopf sanft gegen ihr Knie; Fastrade musste an die stille, müde Art denken,
in der Tante Arabella sie gestern begrüsst hatte. »Komm, Merlin, wir wollen uns
wärmen«, sagte sie und setzte sich auf einen Sessel am Ofen nieder; Merlin sass
neben ihr und beide starrten jetzt in die Glut, und es war Fastrade, als wäre
sie nie fort gewesen, als hätte sie nie aufgehört, zu diesem wunderlichen, alten
Hause zu gehören, in dessen dunklen, verschlafenen Ecken überall eine stumme
Klage zu wohnen schien.
    Aber das Sitzen in der Wärme machte schlaff, dazu trug Merlins schwarzes
Gesicht, trugen seine braunen Augen, die im Ofenschein glashell wurden, einen so
hoffnungslos beruhigten Ausdruck zur Schau, als könnte sich im Leben nie mehr
etwas ereignen. Ungeduldig stand Fastrade auf, ging wieder durch die Zimmer, die
Fensterläden waren geöffnet worden, ein weisser, dunstiger Wintermorgen schaute
durch die Fenster. Fastrade blickte in den Hof hinab, die Ställe und das
Gesindehaus standen da mit der unfreundlichen Deutlichkeit, die das Licht vor
Sonnenaufgang den Gegenständen gibt. Es musste sehr kalt sein; aus der offenen
Stalltüre dampfte es, auf die Treppe des Gesindehauses trat Ruhke heraus,
unförmlich gross und dick, ganz in einen langen Schafpelz gehüllt, das Gesicht
bleich und gedunsen. Missmutig schaute er den Weg zu den Wohnungen der Instleute
hinab, und auf diesem Wege kam ein langer Zug grauer Gestalten langsam und
widerwillig daher; fahle, missfarbene Flecken in all dem Weiss. Es fror Fastrade;
wie entsetzlich freudlos schien dieser graue Zug, musste denn hier alles so
freudlos sein, musste denn hier alles, was man anschaute, wehe tun, konnte man
denn hier nie von diesem Mitleid loskommen? Sie wandte sich ab, im Saal
begegnete sie einem kleinen Dienstmädchen; in seiner rosa Kattunjacke, das rote
Tuch auf dem Kopfe, stand es da, die Wangen weinrot vom Frost, die kleinen Augen
blank. Als das Mädchen Fastrade sah, lachte es, öffnete den breiten, roten Mund
und zeigte die weissen Zähne. Fastrade lachte auch. »Trine, du bist es,« sagte
sie, »du bist gross geworden, und du bist hübsch geworden.« Trine errötete über
das ganze Gesicht, sie straffte ihren Körper unter dem dünnen Kamisol und
schüttelte ihn ein wenig, als fühlte sie das Grosssein und Hübschsein als etwas
Angenehmes und Warmes. »Es wird heute kalt«, fuhr Fastrade fort, nur um das
Mädchen noch zu halten, um dieses Junge, Farbige und Lachende noch vor sich zu
sehen. »Ja, Fräulein.« - »Aber es wird heute schön.« - »Ja, Fräulein.« Jetzt
ging die Sonne auf, rosenrotes Licht strömte in den Saal, glitt über das dunkele
Getäfel, verfing sich in den Kristallen des Kronleuchters. Trine stand da, ganz
rosig übergossen, und lachte ihr breites Lachen. Fastrade fühlte, wie auch das
Licht über sie hinfloss, fühlte auch sich jung und hübsch. »Da ist die Sonne«,
sagte sie. - »Ja, nun kommt sie«, meinte Trine und lief kichernd aus dem Zimmer.
    Jetzt begann es sich im Hause zu regen, Christoph kam und deckte den
Frühstückstisch, Fräulein Grün, die Mamsell, erschien und trug auf einem Brette
die frischen Brötchen herein, sie begrüsste Fastrade mit lauter Stimme: »Unser
gnädiges Fräulein wird uns wieder regieren, das ist gut für uns, wir
verschimmeln ja hier.« Ja, Fastrade wollte hier wieder regieren; sie machte sich
daran, wie früher den Frühstückstisch zu ordnen, legte die Brötchen in den
Brotkorb, stellte sich vor den Samowar, um den Tee zu machen. Es sollte, es
musste hier wieder behaglich werden. Als die Baronesse Arabella in das Esszimmer
trat, war sie so überrascht, dass sie die Hände faltete und zu weinen begann,
aber Fastrade wurde ungeduldig. »Hier gibt es doch nichts zu weinen, Tante,
komm, setz dich, der Tee ist fertig.« Als die alte Dame an ihrem Platz sass,
wischte sie sich die Augen und sagte nachdenklich: »Sieh, Kind, ist das nicht
seltsam, sonst, wenn ich mich so allein an meinen Platz setzte, fror mich immer
so stark, heute friert mich gar nicht.«
    Der Wintertag war sehr hell geworden, die Zimmer waren voll gelben
Sonnenscheins, der Baron erschien, um an Christophs Arm langsam seine Promenade
durch die Zimmerflucht zu machen, er blieb vor Fastrade stehen, sah sie streng
an und sagte: »Mein Kind, hast du deinen Pflichtenkreis gefunden?«
    »Ich weiss nicht, Papa«, erwiderte Fastrade und errötete.
    Der Baron dachte ein wenig nach und fragte dann: »Gehst du heute zu den
Kühen?«
    »Zu den Kühen?« Fastrade wunderte sich; sie war sonst nie zu den Kühen
gegangen.
    »Gut, lassen wir es zu morgen,« fuhr der Baron fort, »aber des Herrn Auge
mästet das Vieh.« Als er weiterging, fügte er noch hinzu: »Übrigens essen wir um
Punkt eins, der Arzt hat es so verordnet.«
    Einen Pflichtenkreis hatte Fastrade offenbar noch nicht. Sie trieb sich in
den Zimmern umher, rückte an den Möbeln, als wollte sie dieselben wecken und
ihnen melden, dass sie da sei. Endlich ging sie in das Kabinett, das ihr als
Schreibzimmer diente, und setzte sich dort nieder. Da war ihr Schreibtisch, da
standen ihre Sachen und Bücher, aber sie sagten ihr noch nichts, sie hatte noch
kein Verhältnis zu ihnen. Sie war es nicht mehr gewohnt, einen Tag vor sich zu
haben, über den sie selbst bestimmen konnte. Dort im Krankenhause zwang ja jede
Minute zu einer bestimmten Arbeit. Was tat ich früher um diese Zeit? fragte sie
sich. Da stieg wieder die Erinnerung jener früheren Zeit in ihr auf und mit ihr
Arno Holsts hübsche, schmächtige Gestalt. Wie deutlich entsann sie sich jetzt
des Abends, an dem sie zuerst gewusst hatte, dass sie Arno Holst liebte, oder sich
entschlossen hatte, ihn zu lieben. Sie sass am Klavier und spielte Mendelssohn,
Arno Holst stand hinter ihr und hörte zu. Als sie geendet hatte, liess sie die
Hände in den Schoss sinken, er lehnte sich an das Klavier und begann von seiner
Mutter zu sprechen; sie hatte auch so schön diese Mendelssohnschen Lieder
gespielt. Er erinnerte sich dessen sehr gut, obgleich er noch ein Knabe gewesen
war, als sie starb, deshalb wohl waren diese Melodien für ihn der Inbegriff des
Heimatlichen und Geborgenen, denn mit dem Tode seiner Mutter war er heimatlos
und einsam geworden, und einsam zu sein war wohl sein Schicksal. Das hatte
Fastrade ergriffen. Sie war in den Park hinausgegangen; sie erinnerte sich
deutlich dieses Vorfrühlingsabends: ein lauer Wind fuhr in die laublosen Bäume,
eine ganz silberne Mondsichel hing am Himmel, die Parkwege waren nass, überall
rannen und plauderten kleine Wasser, und es roch stark nach feuchter Erde. Dort
nun war das Mitleid um Arno Holst ganz stark über sie gekommen, nicht ein
Mitleid, das schmerzt, sondern eines, das berauscht. Nein, sie wollte nicht, dass
er einsam sei, und dann war ihr eingefallen, dass das wohl Liebe sein könne, und
das hatte sie beglückt. Sie hatte es plötzlich empfunden, dass dieses Mädchen,
das da auf den feuchten Parkwegen gegen den Frühlingswind ankämpfte, in diesem
Augenblicke etwas ganz Bedeutsames geworden war, das Schicksal und das Glück
eines anderen. Sie hatte an jenen Abend lange nicht gedacht, denn ein anderes
Bild hatte die Erinnerung verwischt, das Bild des armen Arno Holst, wie er im
Krankenhause im Bette lag mit eingefallenen Wangen, fieberblanken Augen und
todesmatt von den furchtbaren Hustenanfällen, die ihn schüttelten. Er hatte nur
wenig zu ihr gesprochen, die kurzsichtigen, braunen Augen hatten sie erregt und
hungrig angesehen, und wenn sie etwas für ihn tat, hatte er matt und dankbar
gelächelt. Nur in einer der letzten Nächte, als sie an seinem Bette sass, hatte
er plötzlich deutlich, und als sei er böse, gesagt: »Du darfst nicht so treu und
so mitleidig sein, das bringt zu viel Leid.«
    Christoph kam und meldete das Mittagessen. Der Baron sass schon in einem
Sessel bei Tisch; er hatte sich von Christoph in seinen schwarzen Rock
einknöpfen lassen, anders hätte ihm das Essen nicht geschmeckt. Auch Couchon sass
an ihrem Platz und beugte den Kopf mit der grauen Samtaube tief auf ihren
Teller nieder. Die Baronesse legte die Suppe vor. Während des Essens wurde von
der Nachbarschaft gesprochen. »Bei Ports,« meinte die Baronesse, »ist es auch
nicht recht gemütlich, die Gertrud muss ihre Singschule aufgeben und nach Hause
kommen, und der Vater brummt, weil sie fortgegangen ist, und brummt, weil sie
wiederkommt, er wird in letzter Zeit überhaupt recht schwierig. Nun, und die
Egloffs, die alte Baronin wird mit jedem Tag vornehmer, sie spricht nur noch von
den Zeiten, da sie Palastdame war, und ihr Enkel, der Dietz, wird mit jedem Tage
wilder, tobt herum, ladet allerhand fremde Leute ein, gibt Gesellschaften,
Jagden, Schlittenpartien, und des Nachts sitzt er am grünen Tisch und spielt und
spielt, es ist recht schade um das schöne Gut und das schöne Vermögen. Und dann,
ich weiss es ja nicht, aber die Leute erzählen, er soll jetzt viel bei
Dachhausens sein und der kleinen Frau ganz den Kopf verdrehen. Das würde mir für
den guten Dachhausen leid tun. Nun, von ihr will ich nichts Schlechtes denken,
aber bei diesen Damen, die nicht von Familie sind, weiss man ja nie. Ach ja, es
ist recht traurig, so ein junger Mensch, der kein Gewissen hat.«
    Fastrade lehnte sich in ihren Stuhl zurück, als machte das Essen ihr keine
Freude mehr, und sagte: »Also etwas gemütlich und glücklich zu sein, das
versteht hier keiner.«
    »Liebes Kind,« meinte die Baronesse, »es hat eben jeder seine Sorgen.« Da
legte der Baron die Gabel fort, richtete sich auf und sagte streng und ein wenig
mühsam. »Es genügt nicht, als Edelmann geboren zu sein, man muss auch Edelmann
sein wollen.«
    »Du hast sehr recht, lieber Bruder«, unterbrach ihn die Baronesse, die
fürchtete, dass er sich aufrege. Couchon beugte ihren Kopf tief auf den Teller
nieder und murmelte: »Un bel homme tout de même!«
    Am Nachmittage, wenn der Baron und die Baronesse sich in ihre Zimmer
zurückgezogen hatten, war von jeher eine schläfrige Stille über das Haus
gekommen. Fastrade musste an den armen Bolko denken, der als Knabe stets gesagt
hatte: »Um diese Stunde zieht es einen in allen Gliedern, man muss, muss etwas
Unerlaubtes tun.« Sie liebte auch nicht diese Zeit des grellen
Nachmittagssonnenscheins und der niedergelassenen Fenstervorhänge. Wenn das
Licht rötlich zu werden begann und die Sonne tief über dem Walde stand, dann
wich etwas wie ein Druck von dem Hause, und auch Fastrade fühlte neue
Unternehmungslust. Sie ging hinaus in den Wald, es war hübsch, so bei
Sonnenuntergang durch eine ganz rosa Welt zu gehen, die Wege glänzten wie buntes
Glas, die ganze Luft war voll Farbe, alles in ihr bekam eine gefühlvolle
Zarteit, selbst die grauen Gestalten der Arbeiter und die grauen Häuschen, zu
denen sie langsam und müde heimgingen. Aber in diesem Lichte sah nichts traurig
aus, und Fastrade meinte, sie seien in diesem einen farbigen Augenblicke so
getröstet, wie sie selbst. Als sie in den Wald gelangte, war die Sonne
untergegangen, alles stand wieder still und weiss um sie her, der frische Schnee
lag wie Polster unter den Stämmen, auf grossen gespreizten Händen wurde er
vorsichtig von den Tannenzweigen gehalten, und unheimlich still war es hier, wo
die grossen ruhigen Baumgestalten einträchtig nebeneinander standen in ihrer
schweigenden Schönheit, einschüchternd fast, meinte Fastrade in ihrer
Vornehmheit. Ein leiser Ton erwachte, als huschten Schritte über Wolle, und ein
Hase setzte über den Weg, tauchte in die weissen Schneepolster unter und wieder
auf, es musste gut tun, dachte Fastrade. Ja, sie hätte gern auch wie einer dieser
Bäume regungslos in der Dämmerung gestanden, eingehüllt in all dies kühle Weiss,
und teilgenommen an diesem geheimnisvollen Schweigen und Träumen. Aber wenn sie
tiefer zu ihnen hinein wollte, liessen die Tannen ihre Schneelast fallen, im
Wipfel einer Föhre erwachte ein Rabe und flog mit lautem Flügelschlage auf. Es
kam Unordnung hinein, sie fühlte sofort, dass sie ein Eindringling sei. Sie war
eine Waldschneide entlang gegangen, jetzt kam sie an einen Bestand alter Föhren,
auf hohen ganz geraden Stämmen hoben die Bäume ihre beschneiten Schöpfe zu den
Sternen auf. Hier konnte Fastrade ungehindert zwischen ihnen hingehen, hier war
es so feierlich, so heilig, dass ein kleiner Eindringling wie sie nicht stören
konnte. Sie lehnte sich an einen der kalten Stämme und schaute empor, in einem
der hohen regungslosen Föhrenschöpfe schien die Mondsichel zu hängen. Wie oft
hatte Fastrade sie dort hängen gesehen, wie gut kannte sie diese Bäume, in allen
Jahreszeiten und Tageszeiten war sie bei ihnen gewesen, im Frühling, wenn der
Wind in die alten Schöpfe fuhr, dass sie tief und metallig rauschten, als ob sie
plötzlich miteinander stritten, oder an heissen Mittagsstunden, wenn es hier so
stark nach den besonnten Nadeln duftete und über den Wipfeln der Falke revierte,
ein bewegliches Stück Silber im grellblauen Himmel. Fastrade drückte ihre Wange
gegen den Stamm, jetzt erst fühlte sie ganz deutlich, dass sie daheim war.
    Vom Hügel, auf dem die Föhren standen, schaute sie auf eine Schonung junger
Tannen nieder, das war das Ende des Padurenschen Waldes, dahinter begann der
Sirowsche Wald, allein dort war alles verändert, früher hatte da eine
geschlossene Wand alter Tannen gestanden, jetzt war es ein wüster, leerer Platz,
die grossen Balken waren am Boden hingestreckt, halb von Schnee verhüllt, wie
Tote in ihren Leichentüchern, die Zweige waren überall verstreut, die
Baumstöcke, von Schnee bedeckt, ragten auf wie kleine weisse Grabhügel, und das
alles hier mitten in der vornehmen Stille des Waldes sah aus, als sei ein
Verbrechen verübt worden, als sei hier etwas Hohes und Stolzes roh besiegt
worden. Dieser Anblick verdarb Fastrade die ganze Feierlichkeit ihrer Stimmung,
sie ging den Hügel hinab wieder dem Tannendickicht zu. Hier war es schon fast
ganz finster geworden, und plötzlich war es ihr, als wohnte in dieser
Dunkelheit, in der schweigend die grossen weissen Bäume standen, eine Einsamkeit,
die ihr fast bange machte. Sie eilte den Waldweg entlang, um auf die Landstrasse
zu gelangen, hier war es heller, hier konnte sie den Mond wieder sehen, und
plötzlich war der Wald voll von einem hellen, munteren Schellengeläute. Eine
Reihe von Schlitten fuhr an Fastrade vorüber, voran ein Schlitten mit einem
grossen schwarzen Pferde, darin sass ein Herr, neben ihm eine Dame, deren weisser
Schleier wehte. Fastrade hörte den Herrn lachen, und seine Stimme klang klar in
den Winterabend hinein: »Ja, das ist es eben, wir sind zu klug geworden, um uns
zu verirren, schade!«
    Andere Schlitten folgten, Herren und Damen sassen darin, alle plauderten, der
leichte Wind brachte den Duft einer Zigarre bis zu Fastrade, und eine
Frauenstimme sagte, als ein Schlitten nah an ihr vorüberfuhr: »Wer steht da so
dunkel, wie unheimlich.«
    »Die Einsamkeit selbst«, antwortete eine Herrenstimme und lachte. Dann waren
sie vorüber, nur das Schellengeläute, hell und geschwätzig, war noch lange
vernehmbar. Fastrade schlug den Heimweg ein, das klingende Leben, das da an ihr
vorübergefahren war mit seinem Lachen, mit dem Wehen von Schleiern, mit dem
Zigarrenduft und Schellengeläute, das hatte ihr ganz warm gemacht. Gut, dass
alles noch da war, zu Hause hätte sie das fast vergessen können.
    Als sie daheim wieder in dem Zimmer ihres Vaters sass und zuhörte, wie Ruhke
mit fetter, knarrender Stimme von Ölkuchen und Kälbern sprach, und der Baron den
Kopf auf die Brust sinken liess und schlummerte, während der Lampenschein auf die
grosse blanke Glatze fiel, da klang das helle Lachen der Schlittenschellen mitten
im verschneiten Walde ihr in das Ohr und erinnerte sie dran, dass da draussen
jenseits der stillen Stuben mit den grün verhangenen Lampen das Leben lustig die
Strassen entlang fuhr.
 
                                Fünftes Kapitel
Einige Tage später, als Fastrade von ihrem Spaziergange in der Abenddämmerung
heimkam, sagte die Baronesse zu ihr: »Liebes Kind, dein Vater hat nach dir
gefragt, du weisst, er will jetzt, dass du bei allen Geschäften, die das Gut
betreffen, dabei bist.« - »Ja, ja,« meinte Fastrade, »wenn ich nur etwas davon
verstünde. Bisher bin ich bei diesen Geschäften doch nur eine dekorative Figur.
Was gibt es denn?«
    »Der junge Egloff ist da,« berichtete die Baronesse, »es ist da etwas mit
der Waldgrenze nicht in Ordnung, glaube ich.«
    Fastrade seufzte: »Ach Gott, an die Waldgrenze habe ich noch nie gedacht.
Gut, ich gehe.« Sie strich sich mit den Handflächen über das von den Abendnebeln
feuchte Haar, und »wie ich ausschaue!« meinte sie.
    Im Zimmer ihres Vater fand sie Dietz von Egloff, sie kannte ihn schon lange,
sie waren ja Nachbarskinder und Jugendgespielen gewesen, und auf den ersten
Blick schien es ihr, als habe er sich nicht viel verändert. Die Gestalt war noch
jugendlich schlank und biegsam, das in der Mitte gescheitelte blonde Haar gab
der Stirn, gab dem ganzen schmalen Gesichte den jugendlichen Ausdruck, und die
Augen waren noch immer so seltsam dunkel. Als er aufstand und Fastrade die Hand
drückte, lächelte der schöne Mund noch das ein wenig schiefgezogene spöttische
Lächeln, das sie am Knaben gekannt hatte. Sonst war er sehr förmlich, verbeugte
sich tief und sagte im gleichgültigsten Tone der Höflichkeit: »Es freut mich,
mein gnädiges Fräulein, dass Sie wieder in unserer Gegend sind.«
    »Ja, ach ja, mich auch«, erwiderte Fastrade und errötete. Sie fühlte sich
befangen und fügte daher etwas hinzu, was ihr missfiel, als sie es aussprach:
»Also hier handelt es sich um Geschäfte?« »Ja,« sagte der Baron, »setze dich,
mein Kind, Egloff kommt wegen der Waldgrenze. Egloff, erklären Sie es ihr.«
    Egloff lächelte wieder, wurde aber dann ernst und berichtete in ruhigem
Geschäftston, indem er seine Fingerspitzen vorsichtig aneinander legte: »Es
handelt sich also um folgendes. Ich habe einen grösseren Waldverkauf gemacht und
schlage jetzt an der Padurenschen Grenze.«
    »Das habe ich gesehen«, entfuhr es Fastrade in einem Tone der Entrüstung.
    »Sie haben es gesehen?« fragte Egloff und schaute Fastrade aufmerksam an.
dabei fiel es ihr auf, dass sein Gesicht doch nicht mehr ganz das lustige Gesicht
ihres früheren Spielkameraden war, es war sehr bleich, war schärfer und
gespannter, die helle, ungezogene Heiterkeit von früher war fort. »Gewiss, ich
habe es gesehen,« erwiderte Fastrade, »es sieht aus wie ein Schlachtfeld.«
    Egloff zuckte die Achseln: »Ja, schön sieht das nicht aus,« meinte er
nachdenklich, »und es ist auch keine schöne Sache, ein Schlachtfeld, sagen Sie,
also eine Schlacht, in der wir über den Wald gesiegt haben. Aber wenn wir dann
endlich so über den ganzen Wald gesiegt haben, dann sind wir doch die
Geschlagenen.«
    Der Baron schaute auf, sah Egloff unzufrieden an und sagte dozierend: »Die
Wälder sind in unseren Familien recht eigentlich das, was die Generationen
verbindet, wir geniessen, was unsere Vorfahren gehegt und gepflanzt, und wir
hegen und pflanzen für die kommenden Generationen.« Der Schluss der Rede klang
müde und nicht mehr so eindringlich, der Baron liess seinen Kopf wieder auf die
Brust sinken. Egloff hatte andächtig zugehört, wie es die Gewohnheit aller
jungen Leute der Gegend war, wenn der alte Baron sprach, dann sagte er, und
Fastrade hörte aus seinen Worten wieder den ungezogenen Ton des Knaben heraus:
»Nun, ich bin jetzt eben in der Lage, das geniessen zu müssen, was meine
Vorfahren pflanzten, aber,« wandte er sich an Fastrade, »Sie haben sich in der
kurzen Zeit Ihr Gut schon genau angesehen.«
    »Vorigen Abend war ich in den Wald hinausgegangen,« antwortete Fastrade,
»und als ich auf dem Föhrenhügel stand, fehlte mir gegenüber die schöne Wand
alter Tannen.«
    »Ja, hm, die ist fort«, meinte Egloff, zog die Augenbrauen zusammen und sah
auf seine Nägel nieder, als sei ihm das ernstlich unangenehm, dann schaute er
auf und lächelte: »Dann waren Sie es wohl, die am Abend so schwarz am Waldrande
stand, als wir im Schlitten vorüberfuhren.«
    »Ja, das war ich,« erwiderte Fastrade, »und ein Herr in einem Schlitten
sagte: Da steht die Einsamkeit selbst.«
    »Oh, das war der Graf Betzow,« rief Egloff, »er will immer etwas Poetisches
sagen und sagt dann jedesmal eine Dummheit. Warum sollen Sie die Einsamkeit
sein? Wir waren doch sehr gesellig in unserer Jugend. Erinnern Sie sich der
Quadrillen, die wir auf der Waldwiese zu reiten versuchten, Sie, Gertrud Port,
Dachhausen und ich. Dachhausen war gerade Fähnrich und mir dadurch unendlich
überlegen, er machte auch mehr Eindruck auf die Damen; das schmerzte mich, und
ich wollte ihn fordern, er sagte aber ganz väterlich: Mach' dich nicht
lächerrlich, lieber Junge.«
    Fastrade lachte: »Ja, ja, und mein Paris hatte gar kein Talent für die
Quadrille.«
    »Richtig,« meinte Egloff, »Paris hiess Ihr kleiner Schimmel, weil er schön
und furchtsam war. Was ist aus ihm geworden?«
    »Paris steht noch im Stall,« erwiderte Fastrade, »aber der Arme ist alt und
melancholisch geworden, er hat schlechte Zähne und kann den Hafer und das Heu
nicht recht beissen.«
    Egloff machte ein ernstes Gesicht, als schmerzte ihn diese Nachricht: »Das
ist schlimm,« sagte er, »Hafer und Heu nicht mehr beissen zu können, ist für ein
Pferd die grosse Lebenskatastrophe und, wie ich die Pferde kenne, würden sie,
wenn sie könnten, sich erschiessen, statt wie die Menschen, wenn sie Hafer und
Heu nicht mehr -.«
    »Ach, was sprechen Sie,« unterbrach ihn Fastrade unwillig, »wer sagt Ihnen
denn, ob Paris nicht noch seine guten Stunden hat im Sonnenschein auf dem
Kleefelde, und seine friedlichen Altersgedanken und manche kleine Lebensfreude.«
    »Und Pflicht«, ertönte plötzlich die Stimme des Barons.
    Fastrade und Egloff schwiegen erschrocken, sie hatten geglaubt, der alte
Herr schlummre, und nun hatte er zugehört. Sie sahen einander an und machten
angstvolle Gesichter wie früher in der Kindheit, wenn sie sich fürchteten,
lachen zu müssen. Eine Pause entstand. Da jedoch der Baron nichts mehr sagte,
begann Egloff wieder zu sprechen: »Bei Pflicht fällt mir ein, wir sollten ja von
Geschäften reden.«
    »Ach ja,« versetzte Fastrade, »was war es denn mit Ihrem armen Walde?«
    »Nein, um Ihren Wald handelt es sich,« verbesserte Egloff sie, »das
Unterholz hat die Grenzlinie so verwischt, dass ich fürchte, mit dem Schlagen in
Ihren Wald hineinzugeraten. Es wäre daher gut, an Ort und Stelle die Karten zu
vergleichen und die Linie neu durchschlagen zu lassen.«
    »Das kann ich verstehen,« sagte Fastrade, »da wird dann wohl Ruhke mit der
Karte hinfahren müssen.«
    Jetzt hob der Baron wieder seinen Kopf und sagte laut und kräftig: »Grenzen
sind heilige Sachen, ein Besitzer muss seine Grenzen kennen. Daher wäre es
besser, mein Kind, du wärest auch dabei.«
    »Ist das nötig?« fragte Fastrade erstaunt. - »Ihr Herr Vater hat gewiss
recht,« meinte Egloff, »nur dadurch bekommt der Akt der Grenzfestlegung seine
Feierlichkeit.« Der Baron nickte: »So wäre also das abgemacht«, murmelte er. Da
erhob Egloff sich, um sich zu verabschieden. Als er Fastraden die Hand drückte,
lächelte er sein spöttisches Lächeln und sagte: »Also wir sehen uns in
Geschäften, sozusagen als Gegner.« Dann ging er.
    Fastrade setzte sich in ihren Sessel zurück, ihr Vater schlummerte wieder,
und das Schweigen dieses Zimmers mit seiner grünen Lampendämmerung erschien ihr
heute besonders tief.
    Egloff stieg die Freitreppe herunter zu seinem Schlitten, der dort wartete,
hüllte sich in die Pelzdecken und überliess dem Kutscher die Zügel. »Nach Hause«,
sagte er.
    »Nach Hause?« fragte der Kutscher verwundert.
    »Zum Teufel ja, nach Hause«, schrie Egloff ungeduldig, und der Rappe setzte
sich in Trab. Die Nacht war dunkel, es schneite ganz ruhig, die Schneeflocken
waren nicht sichtbar in der Finsternis, aber Egloff fühlte dieses stille Fallen
um sich her, das ihn langsam in etwas Kaltes einhüllte. Er hatte allerdings
nicht nach Hause fahren wollen, er war sehr verstimmt von zu Hause weggefahren,
die Zeiten waren schlecht, er hatte stark im Spiel verloren, dann war da dieser
Waldverkauf, der ihn anekelte, die Geschäftsfahrt zum alten Padurenschen Baron
erschien ihm lästig und langweilig, darum hatte er beschlossen, von Paduren nach
Barnewitz zu Dachhausen zu fahren, um sich dort mit der kleinen Frau die Zeit zu
vertreiben, Dachhausen war nicht zu Hause, und sie hatte ihm an seinem letzten
Besuch die Reise ihres Gatten mitgeteilt und dabei ihre schamlos süssen Augen
gemacht. Und nun, als er auf die Padurensche Freitreppe hinausgetreten war, war
die Lust zu dieser Fahrt vergangen gewesen, und er fuhr nach Hause. Gott ja,
diese Fastrade war doch immer das aufrechte, hübsche Mädel von früher. Sehr
warme Augen, schneidig war sie immer gewesen, er erinnerte sich, dass er als
Knabe einmal in ihrer Gegenwart seinen Hund schlug, da war sie ganz rot
geworden, hatte mit ihrer kleinen Faust ihn kräftig vor die Brust gestossen und
»Pfui!« gesagt, ein Pfui, das wie ein Peitschenhieb klang. Seitdem hatte sie ihn
nicht recht leiden mögen. Ja, sie war immer riesig gut gewesen, diese Fastrade,
aber diese Art Mädchen verliebt sich gewöhnlich in Hauslehrer, schade! Immerhin
hatte sie viel Leben in sich, und es musste hart für sie sein, dort in dem Hause
zu wohnen, wo man nicht lebte, sondern nur umging. Er zog seinen Pelz fester um
sich, er fror, es war nicht angenehm, so sachte, sachte in dieses kalte, weisse
Laken eingehüllt zu werden, auch hauchten die grossen weissen Tannenwände,
zwischen denen sie jetzt hinfuhren, eine eisige Kälte aus. Gut, dachte Egloff,
er würde heute also den Abend zu Hause verbringen, aber was würde er tun? In
letzter Zeit war ihm das Alleinsein mit sich selbst qualvoll geworden, seine
Grossmutter und Fräulein von Dussa heute zu sehen, war kein angenehmer Gedanke,
also er würde in seinem Zimmer auf dem Sofa liegen, Rotwein trinken und sich vom
Diener Klaus Geschichten erzählen lassen. Wenn er nur diese Geschichten von all
den Mädchen der Umgegend nicht schon gekannt hätte, auch log der Kerl jetzt, und
er log nicht unterhaltend. Trübe Aussicht. Wenn noch jemand da gewesen wäre, mit
dem er hätte Karten spielen können, das war noch das beste Mittel gegen graue
Stimmungen. Es war eigentlich seltsam und schwer zu erklären, aber dieses Mittel
versagte nie, wenn er sich an den grünen Tisch setzte und die Karten zur Hand
nahm, dann kam es unfehlbar, dieses erregte Gefühl, das wie eine körperliche
Wohltat in das Blut ging und angenehm bis in die Fingerspitzen hinein kitzelte.
Das liess sich nur mit der hübschen Erregung des Moments vergleichen, wenn man
eine schöne Frau zum ersten Male so von hinten sachte um die Schultern fasst und
nicht weiss, wird sie empört sein oder stille halten.
    Der Rappe machte einen grossen Seitensprung, der Kutscher rief wütend: »Ho!
ho! Wer ist da, versteht ihr nicht den Weg zu kehren?« Ein kleines Pferd, ein
niedriger Schlitten, auf dem verschneite Pakete lagen und eine verschneite
Gestalt sass, mühten sich, durch den tiefen Schnee zur Seite auszubiegen.
»Laibe,« rief Egloff, »bist du das?« - »Ja, Herr Baron, Laibe«, antwortete eine
freundliche Stimme.
    »Was tust du hier im Walde?« fragte Egloff.
    »Mir ist es schlecht gegangen,« ertönte leise eine klagende Stimme,
»verfahren habe ich mich im Walde, und jetzt fahre ich mit der Deichsel in den
Schabbes hinein, ai ai, was kann man machen!«
    »Das kommt vom Schmuggeln,« meinte Egloff, »aber du kannst zu mir auf den
Hof kommen, und deinen Schabbes empfangen. Fahr' zu, Kutscher.«
    »Danke, danke, Herr Baron«, rief Laibe ihm nach.
    »Auch ein Leben,« dachte Egloff, »so in der Dunkelheit einsam durch den Wald
zu kriechen, na, vielleicht ist das aber nicht übel, sich so herumzuschlagen,
wenn man nur daran zu denken hat, ob man im Dunkeln den rechten Weg findet und
wo ein Feuer sein kann, vielleicht, dass man dann an alle möglichen widerwärtigen
Dummheiten nicht zu denken braucht.«
    Jetzt fuhren sie in den Sirowschen Hof ein, nur wenig Fenster des grossen
Hauses waren erleuchtet. »Aha, keiner erwartet mich«, sagte Egloff. Sie hielten
vor der Freitreppe, Egloff stieg zur Haustüre hinan, öffnete sie laut und rief
ein schallendes und ärgerliches: »Holla!« Hunde begannen im Flur zu bellen,
Lichter liefen die dunkle Fensterreihe entlang, Klaus und Joseph, mit Lichtern
in der Hand erschienen und stammelten: »Ah, der Herr Baron, wir haben nicht
gewusst.« »Natürlich habt ihr nicht gewusst,« sagte Egloff und warf seinen Pelz
ab, »du Klaus, ich gehe gleich in mein Zimmer, der Kamin muss angeheizt werden,
und du, Joseph, meldest der Frau Baronin, dass ich nicht zum Essen kommen werde,
ich bin müde und gehe schlafen. Ausserdem bringst du mir eine Flasche Burgunder
aufs Zimmer. So, vorwärts.« Er ging in sein Zimmer hinüber, kleidete sich aus,
liess sich von Klaus den Körper mit kölnischem Wasser abreiben, hüllte sich dann
in seinen Schlafrock und streckte sich in seinem Schreibzimmer auf dem Sofa aus.
Joseph brachte den Burgunder, im Kamin brannte das Feuer, es wurde behaglich
warm. Egloff zündete sich eine Zigarre an, so, nun konnte es gemütlich sein, es
gehörte nur noch dazu, dass angenehme Gedanken kamen, Gedanken, die nicht
unversehens grob an eine wunde Stelle stiessen. Was also? Da war dieser Jude, der
durch den dunklen verschneiten Wald irrte und betete und nach einem fernen Licht
ausspähte, das war etwas, woran hier am Kaminfeuer eine Weile zu denken seinen
Reiz hatte. Allein das reichte nicht aus, die Gedanken irrten zu anderem. Was
mochte wohl die kleine Frau in Barnewitz jetzt tun? Sie erwartete ihn, er sah es
deutlich, wie sie sich für ihn ankleidete. Allzu sehr schmücken durfte sie sich
nicht, denn keiner im Hause wusste ja, dass sie ihn erwartete, sie zog wohl das
dunkelviolette Wollenkleid an und legte die Perlenschnur um. Dann bestellte sie
das Abendessen, zündete im Saal die Lampen an mit den schrecklichen hellrosa
Gazeschirmen, Frauen aus jenen Kreisen glauben immer, dass, wenn sie verliebt
sind, sie Lampen haben müssen mit hellrosa Gazeschleiern. Da sass sie im rosa
Lampenschein, das hübsche Wachspuppengesicht ganz feierlich, das Haar glänzend
schwarz, in ihrem violetten Kleide wie ganz in weiche Veilchen eingehüllt, und
wartete auf ihn. Und es wird immer später, und das Wachspuppengesicht wird immer
starrer und endlich weint sie, wie nur die kleine Lydia Dachhausen weinen kann,
ganz mühelos einen Strom von Tränen über das Gesicht schüttend, das sich nicht
verzieht, das unbewegt bleibt, sie weint, wie Puppen weinen würden, wenn sie
weinen könnten. Egloff lächelte, der Gedanke an die einsam unter ihren rosa
Lampen um ihn weinende Frau tat ihm wohl, und dann plötzlich musste er an
Fastrade denken, an die Fastrade der Kindheit, an das kleine Mädchen, das ihn
mit der geballten Faust vor die Brust stösst und »Pfui!« sagt. Unruhig drehte er
sich auf die Seite, griff nach dem Glase und trank, endlich drückte er auf den
Knopf der elektrischen Klingel. Als Klaus erschien, befahl Egloff: »Der Jude
Laibe soll zu mir heraufkommen, wenn er seine Zeremonien beendet hat.«
    »Zu Befehl«, sagte Klaus. Egloff legte sich wieder zurück, zog an seiner
Zigarre und wartete ungeduldig auf den Juden Laibe.
    Nach einer Weile wurde die Tür vorsichtig geöffnet, und der Jude Laibe schob
sich in das Zimmer, er war fest in seinen grüngrauen Rock eingeknöpft, das graue
Haar und der dichte, graue Bart waren glatt gestrichen, und sein Gesicht verzog
sich zu einem unendlich liebenswürdigen, freundlichen Lächeln. Er verbeugte sich
mehrere Male, rieb sich die Hände und sagte: »Gut Schabbes, Herr Baron, gut
Schabbes.« - »Du kannst dich da an den Kamin stellen und wärmen,« bedeutete ihm
Egloff, »wenn du willst, kannst du dich auch auf den kleinen Stuhl dort setzen.«
Laibe setzte sich, legte die Handflächen auf die Kniescheiben und fuhr fort,
sein süsses Lächeln vor sich hin zu lächeln. Egloff betrachtete ihn aufmerksam.
»Was ist denn geschehen,« fragte er dann, »eben noch kriechst du durch den
Schnee im dunklen Walde wie ein klagender Hase und jetzt kommst du herein,
reibst dir die Hände wie ein Ballherr und machst ein Gesicht, als ob du Hochzeit
halten solltest.«
    »Ein Dach überm Kopfe, Herr,« sagte Laibe, »ist was Gutes, und eine warme
Stube ist auch was Gutes, warum soll ich mich dann nicht freuen?«
    »Ist das alles?« meinte Egloff.
    Laibe wurde ernster, strich mit der Hand über seinen Bart und rollte seine
blanken, sirupfarbenen Augen. »Das nu versteht der Herr Baron nicht, das ist
unsere Religion, heute muss man froh sein, ob man will oder nicht.«
    »So, so, nur weil es befohlen ist«, sagte Egloff.
    »Weil es befohlen ist,« bestätigte Laibe, »die ganze Woche schindet man sich
und fürchtet sich, und an einem Tag erinnert man sich, dass alles einmal ganz gut
werden wird. Versprochen ist es, nun, und man wartet.«
    »Wartet«, wiederholte Egloff höhnisch.
    »Was kann man anders tun, man wartet«, versetzte Laibe mit Bestimmteit.
    Egloff richtete sich ein wenig auf und sagte plötzlich ungewöhnlich heftig:
»Und dieses Warten macht uns alle zum Narren, man wartet und wartet, man tut
dies und das, um sich die Zeit zu vertreiben, aber das Grosse, die Hauptsache,
die soll noch kommen. Und die Zeit vergeht, und nichts kommt, und wir sind die
Narren.«
    Ärgerlich liess Egloff sich in die Kissen zurückfallen, der Jude warf einen
schnellen ängstlichen Blick auf den Baron, krümmte den Rücken und sagte leise
und demütig: »Das Warten ist nichts für die grossen Herren, ein Edelmann hat
hitziges Blut, der wartet nicht gern, aber ein armes Judchen hat nichts
anderes.«
    »Du hast doch dein Geld,« warf Egloff ein, »das macht dich doch glücklich.
Wenn du einen Bauer betrogen hast, dann bist du glücklich, wenn du was über die
Grenze geschmuggelt hast, dann bist du glücklich, wenn du ein Kalbsfell unterm
Preise gekauft hast, dann bist du glücklich.«
    Laibe wiegte bedächtig seinen Kopf: »Glücklich, Spass, ein schönes Glück.
Dann ist der auch glücklich, der recht hungrig ist, und um ihn herum stehen
lauter Braten, und die dampfen und die riechen gut, und er darf sie alle riechen
und keinen anrühren. Glücklich, wenn ich immer nur an dem Geld der anderen
vorübergehen und vorüberfahren muss. Und da fahre ich durch den Wald, schöne,
grosse Stämme, reines Geld, aber nicht mein Geld. Komme ich an einer Scheune
vorüber, die ist ganz voll mit Geld, aber nicht mein Geld. Das ist auch so'n
Glück.« Laibe lachte höhnisch in seinen Bart hinein.
    »Sag' mal«, begann Egloff nachdenklich, »hast du immer an Geld gedacht? Du
bist doch auch jung gewesen, und in der Jugend hat man doch auch andere Gedanken
im Kopf, da gibt es doch lustige Sachen.« Aber Laibe lachte wieder sein leises,
höhnisches Lachen: »Ei, ei, meine Jugend, lieber Herr, was war das schon für
eine Jugend. Ich war ein Bocher von fünfzehn Jahren, als der Vater mir das
Bündel auf den Rücken hing und sagte: Geh verdienen. Nun, und ich ging, und auf
der Landstrasse hatte ich Angst vor den Gendarmen und vor den Grenzreitern und im
Walde vor den Waldhütern, und wenn es dunkel wurde im Walde, dann kamen grosse
schwarze Vögel, flogen ganz niedrig und bliesen - die Angst! Und wenn ich dann
zum Bauern kam, hatte ich Angst, an die Tür zu klopfen, und wenn ich doch
klopfte, der Bauer kam aufmachen, hatte ich wieder Angst. Und ich glaubte, der
Kaiser und die Minister und die Herren und die Bauern, alle sind nur dazu da, um
dem armen Judenbocher Angst zu machen.«
    »Aber dachtest du nicht manchmal,« unterbrach ihn Egloff, »dachtest du nicht
an Mädchen, an solche Sachen?«
    »Mädchen waren schon da«, erwiderte Laibe. »Wenn ich Sonntags in eine
Bauernstube kam, dann sassen sie da am Tisch, die Mädchen in ihren guten
Kleidern, reingewaschen, die Gesichter wie die roten Äpfel, und Jungen waren da
und spassten mit ihnen, und ich sass am Ofen und sah zu, wie einer ein Bild
ansieht, er kann nicht in das Bild hinein, und das Bild kann nicht zu ihm
herauskommen. Ach Gott, meine Jugend! Auf der einen Seite steht das bisschen
Verdienst und auf der anderen Seite steht die grosse Angst.«
    Beide schwiegen jetzt, Laibe schaute sorgenvoll vor sich hin und strich mit
den Händen sanft über seine Knie, als wolle er sich selber trösten. Egloff zog
nachdenklich an seiner Zigarre. »Hm,« sagte er endlich, »nicht schlecht. Der
Judenjunge im dunklen Walde, ganz klein unter den hohen Bäumen, und die grossen
schwarzen Vögel, die vor sich hinblasen. Aber mit eurer ewigen Angst habt ihr
vielleicht recht. Ihr behaltet die gefährliche Bestie immer im Auge, wir
anderen, wir fürchten uns nicht, und uns fällt sie hinterrücks an.«
    »Bitte, Herr Baron,« fragte Laibe einschmeichelnd, »was ist das wohl für
eine Bestie?« Egloff seufzte: »Ach, mein lieber Laibe, Sinn für das, was man so
ein poetisches Bild nennt, hast du nicht. Was soll denn die Bestie sein? Das
Leben ist diese Bestie.«
    »Sehr hübsch,« bemerkte Laibe und machte sein liebenswürdigstes Gesicht,
»aber ich habe nicht einen feinen Kopf wie der Herr Baron, ich habe nur einen
armen Judenkopf voller Sorgen, der kann nicht so feine Gedanken denken.«
    »Gut, gut,« unterbrach ihn Egloff, »du wirst uninteressant, mein Lieber, es
ist Zeit, dass du schlafen gehst, gute Nacht.« Laibe erhob sich, rieb sich die
Hände, verbeugte sich und sagte: »Eine sehr gute Nacht, Herr Baron.« Dann ging
er.
    Egloff blieb noch eine Weile liegen, die Wärme des Kaminfeuers hatte ihn
ganz schlaff gemacht, und der Burgunder gab ihm einen angenehmen, leichten
Schwindel. Man wird schlafen können, dachte er, und dann klang ihm plötzlich
Fastrades Stimme im Ohr, »das sieht aus wie ein Schlachtfeld«, hatte sie vom
Walde gesagt, und das klang so zornig wie das »Pfui!« damals, als er den Hund
schlug. Er lächelte vor sich hin. Dieses Mädchen einmal so böse zu machen, dass
es ganz heiss und wild wird, das müsste hübsch sein. Dann schellte er nach Klaus,
um zu Bette zu gehen.
 
                                Sechstes Kapitel
Am Nachmittage zur Teestunde war in Sirow Besuch. Die Baronesse Arabella kam, um
der Baronin Egloff Fastrade nach der langen Abwesenheit wieder vorzustellen, und
die Baronin Port war da mit ihren beiden Töchtern Sylvia und Gertrud. Die Damen
sassen im Wohnzimmer der Baronin, in diesem Zimmer mit dem dicken Smyrnateppich,
den schweren, dunkelblauen Vorhängen, in das das bleiche Licht des
Winternachmittags nur gedämpft und fast schläfrig eindrang. Die Luft hier war
schwer, denn es war stark geheizt worden, und es roch nach Tee und einem sehr
süssen Parfüm, das die Baronin liebte. Die Baronin tronte auf ihrem Sessel recht
stattlich im schwarzen Seidenkleide und der Mantille nach der Mode der sechziger
Jahre, das Gesicht sehr weiss mit regelmässigen Zügen, an jeder Schläfe drei graue
Löckchen, und auf dem Kopfe ein Spitzentuch, das mit dicken, goldenen Nadeln
befestigt war. Sie strickte an einer pfauenblauen Strickerei und sprach deutlich
und ausdrucksvoll, sie liebte es zu sprechen und verlangte, dass man ihr
andächtig zuhörte. Sie wandte sich an die beiden alten Damen und erzählte von
der Grossherzogin, bei der sie früher Palastdame gewesen war. Die Grossherzogin
war so genau, dass, wenn die Kammerfrau ihr am Morgen ein Hemd präsentierte, das
nicht die folgende Nummer des am vorigen Tage getragenen Hemdes zeigte, sie es
zurückwies und sehr ungehalten war. Und so war es mit allem, mit den
Taschentüchern und so weiter. Eine ganz seltene Frau. »Sehr interessant,«
bemerkte Baronesse Arabella, »so von den Intimitäten der hohen Herrschaften zu
hören.« »Oh, da könnte ich viel erzählen«, sagte die Baronin. Die anderen nahmen
an dem Gespräche nicht teil, Gertruds kleines Figürchen versank ganz in dem
grossen Sessel, sie stützte den Kopf mit den wirren blonden Löckchen an die
Lehne, das weissgepuderte Gesichtchen mit den zu feinen Zügen und dem zu roten
Munde drückte eine stille Qual aus. Ja, sie lag da im Sessel und sehnte sich
krampfhaft nach einer Zigarette. Fastrade und Sylvia schienen mit ihren Gedanken
sehr weit fort zu sein, und Fräulein von Dussa hantierte mit dem Teegeschirr
leise und vorsichtig, um die Baronin in ihrer Erzählung nicht zu stören. »Haben
Sie die Dewitzens in Dresden gekannt?« wandte sich die Baronin plötzlich streng
an Gertrud und sah sie dabei missbilligend an. Gertrud fuhr auf, machte ein
erschrockenes Gesicht: »Nein«, sagte sie hastig. Dann lehnte sie ihren Kopf
wieder zurück und begann müde und fast überlegen zu sprechen: »Ach nein, ich
lebte ganz meiner Kunst, ich hatte nur einen kleinen Kreis von Freundinnen und
Freunden, meistens Künstlerinnen und Künstlern. Die Kunst nimmt einen ja so
hin.«
    »So,« meinte die Baronin und klapperte mit den elfenbeinernen Nadeln ihrer
Strickerei, »diese Kreise kenne ich nicht. In unserer Jugend schien es uns, als
seien diese Kreise von uns meilenweit entfernt, sozusagen in einer anderen Welt,
man wusste einfach nichts von ihnen.«
    Die Baronin Port, die besorgt diesem Gespräche zugehört hatte, bemerkte:
»Ja, wie die Zeiten sich ändern, die Kinder lernen und erfahren jetzt Dinge, von
denen wir Alten nichts wissen, man kommt sich ganz dumm vor.«
    Baronin Egloff schaute von ihrer Strickerei auf und sagte scharf: »Ich weiss
nicht, ich komme mir trotz allem noch lange nicht dumm vor. Und auf all die
Dinge, welche unsere Jugend jetzt wissen will, bin ich gar nicht neugierig.«
    Eine peinliche Pause trat ein, draussen hörte man die Haustür auf- und
zugehen, die Baronin und Fräulein von Dussa sahen sich bedeutungsvoll an, und
Fräulein von Dussa flüsterte: »Der Baron.« - »Nun ja,« berichtete die Baronin,
»mein armer Dietz ist jetzt so beschäftigt mit dem Waldverkauf, er muss immer in
den Wald reiten bei diesem Wetter. Liebe Dussa, bereden Sie ihn doch, dass er
kommt, eine Tasse Tee nehmen, das wird ihn erwärmen.«
    Fräulein von Dussa ging hinaus, um ihren Auftrag auszurichten, und die
Unterhaltung wurde zerstreut und matt. Die Baronin erzählte von Katarrhen, die
ihr Dietz früher gehabt hatte, alle aber warteten. Als dann Fräulein von Dussa
mit Dietz zurückkehrte, ging ein allgemeines angeregtes Sichaufrichten durch die
Gesellschaft. Dietz war kalt von seiner Fahrt und schien heiter, er begrüsste die
Damen, sagte: »Hier ist aber ein warmes Nest«, und seine Stimme klang laut und
rücksichtslos in diesem Raume, in dem die ganze Zeit über nur gedämpft
gesprochen worden war. Er setzte sich zu Gertrud, liess sich Tee einschenken,
erzählte vom Walde und den Holzjuden. Alle hörten ihm zu, das strenge Gesicht
der Baronin Egloff wurde ganz milde, während ihre Augen auf ihrem Enkel ruhten.
»Du kannst dir ruhig deine Zigarette anzünden,« sagte sie, »die Damen haben
nichts dagegen.«
    »Raucht eine der Damen?« fragte Dietz, indem er sein Zigarettenetui
hervorzog.
    »Oh, ich bitte«, rief Gertrud leidenschaftlich, und als sie die Zigarette
zwischen den Lippen hielt und den Rauch vor sich hin blies, versank sie in einen
seltsamen Ausdruck unendlichen Behagens. Dietz lächelte: »Sie waren wie ein
Durstiger in der Wüste, Baronesse«, bemerkte er. Die Baronin aber zog die
Augenbrauen in die Höhe und meinte: »Ach ja, ich vergesse immer, dass so etwas
jetzt Sitte ist.« Dietz begann sich mit Gertrud über das Teater zu unterhalten,
die alten Damen nahmen gedämpft ihr Gespräch wieder auf, und da es finster zu
werden begann, wurden die Lampen gebracht. »Ich denke,« sagte die Baronin, »wir
haben noch ein Stündchen Zeit für unser Bezique.« - »Unterdessen wird die
Baronesse Gertrud uns vorsingen,« schlug Dietz vor, »im Flur sah ich die Noten.«
Die alten Damen und Sylvia Port setzten sich an den Kartentisch, im Musikzimmer
wurden Lichter auf das Klavier gestellt, und Fräulein von Dussa schickte sich
an, Gertrud zum Gesange zu begleiten. Fastrade und Egloff setzten sich an das
andere Ende des Zimmers und warteten.
    »Das ist immer das erste,« sagte Dietz leise, »wenn man sich mit der Kunst
einlässt, so trägt man keine Kleider mehr, sondern Gewänder.« Er sah dabei
Gertruds schmächtiges Figürchen an, das ein hellgraues Kleid von zeitlosem
Schnitte mit lang niederhängenden Ärmeln trug. Fastrade erwiderte nichts, sie
wollte nicht mit ihm über die arme Gertrud lachen. Nun begann Gertrud zu singen:
»Rauschender Strom
Brausender Wald
Starrender Fels
Mein Aufentalt.«
    Ihr ganzer Körper bebte, sie hob sich auf die Fussspitzen, ihr Gesicht nahm
einen schmerzvollen Ausdruck an, als täten ihr diese grossen, dunklen,
leidenschaftlichen Töne weh, die sie hinausrief, die da in das stille Haus
klangen, als wäre hier plötzlich ein grosses tragisches Ereignis erwacht.
»Wie sich die Welle
An Welle reiht,
Fliessen die Tränen
Mir ewig erneut.«
    Dietz beugte sich zu Fastrade vor und flüsterte: »Das hält sie nicht aus,
diese Stimme bringt sie um.«
»Hoch in den Kronen - wogend sich's regt,
So unaufhörlich - mein Herze schlägt.
Und wie des Felsens - uraltes Erz,
Ewig derselbe - bleibet mein Schmerz,«
klagte Gertruds Stimme weiter, und als sie dann schwieg, hatte selbst diese
Stille noch eine zitternde Erregung.
    Gertrud lehnte müde am Klavier, und Fräulein von Dussa begann ruhig und
geläufig auf sie einzureden. Aus dem Nebenzimmer klang das leise Klappern der
Spielmarken herüber, und Fastrade konnte von ihrem Sitz aus Sylvias bleiches
Gesicht sehen, wie es nachsichtig und resigniert in die Karten schaute. »Was
hilft es?« sagte Egloff leise, »da hat die arme Kleine sich an einem Schmerz und
einer Leidenschaft berauscht, und mit dem letzten Akkord ist alles aus, und sie
ist wieder nur Gertrud Port, die eine Nervenkrankheit hat, nicht weiter
studieren kann und von ihrem Vater angebrummt wird.«
    »Aber sie hat doch dieses Erlebnis gehabt«, versetzte Fastrade, und ihre
Stimme klang so erregt, dass Egloff überrascht aufschaute. Fastrades Gesicht war
über und über nass von Tränen. »Sie weinen?« fragte er. - »Es ist nur die Musik«,
erwiderte sie und lächelte.
    Egloff schaute wieder auf seine Hände. »Nun ja,« begann er langsam, »aber
fühlen Sie nicht, wie hier in diesem Zimmer alles Leidenschaftliche und
Lebensvolle gleich verklingt, totgeschlagen wird vom - wie soll ich sagen -
Abendlichen, Grossmütterlichen, Sirowschen? Am Beziquetisch klappern sie mit den
Marken, es riecht nach dem vom Kamin heissgewordenen Teppich, und Fräulein von
Dussa hält einen Vortrag, Goete und Schubert sind ganz weit. Gott, dieses
Sirowsche, wie ich es sehe, ich muss es wirklich einmal als Kind gesehen haben,
wie es durch die Zimmer geht und alles Leben, das sich regen wollte, zum
Schweigen bringt. Es trägt ein fussfreies braunes Kleid, eine lila Haube, hat ein
kleines, graues Gesicht und legt eine kleine graue Hand vor den Mund und gähnt.«
Er wartete einen Augenblick, ob Fastrade etwas sagen würde, als sie jedoch
schwieg, fuhr er fort: »So ist es bei Ports, so ist es auch bei Ihnen, und das
kommt daher, dass unsere alten Herrschaften stärker sind als wir. Sie wollen
ruhig und melancholisch ihren Lebensabend feiern, gut, aber wir wurden in diesem
Lebensabend erzogen, wir müssen ihm dienen, wir müssen in ihm leben, wir fangen
sozusagen mit dem Lebensabend an. Das ist ungerecht.« Er hielt wieder inne und
schaute auf. Fastrade sass sehr ernst da und schob ein wenig die Unterlippe vor,
wie sie es tat, wenn sie unzufrieden war. »Was ich da sage, missfällt Ihnen?«
fragte Egloff.
    »Ja,« erwiderte Fastrade, »es klingt unangenehm und lieblos.«
    »Lieblos?« wiederholte Egloff nachdenklich, »ach nein, dieses Abendleben
macht uns im Gegenteil zu reizbar und gefühlvoll. Ich wurde hier einsam ohne
Kameraden von meiner Grossmutter erzogen, ich wurde ein unerträglich weicher
Bengel. Einmal ging ich in den Park hinaus in der Sommerdämmerung. Ich kam an
einen Platz, wo auf langen Leinen Wäsche aufgehängt war, eine ganze Reihe grosser
Männerhemden hing dort, der Abendwind fuhr in sie hinein, schaukelte sie sanft
hin und her, und sie hoben ihre Arme langsam in die Höhe und liessen sie wieder
müde sinken, was soll ich Ihnen sagen, das rührte mich, ich stand da und heulte,
tatsächlich.«
    Gertrud sang wieder, sie sang ein Lied von Mendelssohn, hob sich auf die
Fussspitzen, rang die Hände ineinander.
»Schon sinket die herbstliche Sonne,
das wird mein Träumen wohl sein.«
Ihr ganzer kleiner Körper wurde wieder von der süssen Melancholie der Töne
geschüttelt, und als sie zu Ende war, sank sie auf einen Stuhl nieder und atmete
tief. Fräulein von Dussa wandte sich sogleich zu ihr und begann eifrig über
Mendelssohn auf sie einzusprechen. Egloff hob einen Finger in die Höhe und sagte
leise zu Fastrade: »Jetzt geben Sie acht, Sie werden es spüren, wie jetzt gleich
das Sirowsche durch die Zimmer geht, um Mendelssohn hinauszufegen.«
    Fastrade zog ihre Augenbrauen empor und meinte fast ungeduldig: »Ich weiss
nicht, worüber Sie sich beklagen, Ihr Leben ist doch gewiss nicht abendlich und
melancholisch.« Egloff zuckte die Achseln: »Man tut, was man kann, nur das
Sirowsche ist stärker. Gewiss, ich locke zuweilen Menschen hierher, oder ich gehe
auf Reisen, oder ich fahre in das Städtchen in den Klub und trinke, oder ich
spiele Karten, gewiss, gewiss, aber das Sirowsche wohnt bei mir zu Hause und
gehört zu mir. Übrigens,« und er dachte einen Augenblick nach, »übrigens, man
hat Ihnen wohl gesagt, dass ich ein Spieler bin.«
    Fastrade zog die Augenbrauen zusammen und machte ihr eigensinniges Gesicht.
Warum kommt er mir mit seinen Fragen und Geständnissen so nahe, dachte sie,
danach sagte sie fast unwillkürlich: »Warum müssen Sie denn spielen?«
    »Warum?« erwiderte Egloff sinnend, »ich weiss nicht, vielleicht, weil im
Spiel immerfort sich schnell etwas entscheidet, so etwas wie ein ganz eilig
laufendes Schicksal. Im Leben entscheidet sich ja sonst alles so langsam. Wenn
ich heute auf etwas hoffe, erfüllt es sich erst nach so langer Zeit, dass ich
dann keine Freude daran habe, man lebt ja, als ob man eine Ewigkeit Zeit hätte.«
Er hielt inne und betrachtete Fastrade. »Sie,« sagte er dann, »sollten auch mehr
Eile haben.«
    »Ich!« Fastrade sah ihn mit blitzenden Augen feindselig an. »Was wissen Sie
von mir?«
    Egloff verneigte sich leicht. »Entschuldigen Sie, gewiss zu wenig, um einen
Rat erteilen zu dürfen.«
    »Ich,« fuhr Fastrade hastig fort, »ich diene sehr gern der - der - wie
sagten Sie doch, der Abendstimmung all derer, die ich liebe und - und - ich
werde mir schon meinen Tag zu machen wissen.« Sie war sehr erregt, denn sie
fühlte, dass es unwahr war, was sie sagte. Egloff lächelte.
    »Sie haben sich wieder über mich geärgert,« sagte er, »überhaupt sind Sie
heute, wie es mir scheint, gegen mich.«
    »Heute?« wiederholte Fastrade erstaunt, »war ich denn schon für Sie?«
    Egloff lachte: »Sehr wahr. Für mich zu sein, ist hier in der Gegend ja wohl
überhaupt nicht Sitte.«
    Die Damen am Kartentische brachen auf. Draussen vor der Treppe klingelten die
Schlittenschellen. Man fuhr fort. Als es im Hause wieder still und leer war,
stand Egloff eine Weile sinnend im Musikzimmer, dann rief er Klaus und befahl:
»Mein Schlitten soll angespannt werden, ich fahre noch in die Stadt zum Klub.«
    Die Baronin und Fräulein von Dussa sassen wieder friedlich im Wohnzimmer bei
der Lampe, die Baronin strickte ihre pfauenblaue Strickerei, Fräulein von Dussa
hatte ihren Kneifer aufgesetzt und ein Buch aufgeschlagen, sie lehnte aber ihren
Kopf auf die Lehne des Sessels zurück. Als die Schellen von Egloffs Schlitten
von draussen hereinklangen, sagte die Baronin: »Er fährt wieder aus.« - »Ja«,
sagte Fräulein von Dussa. »Er ist jetzt wieder sehr unruhig«, meinte die
Baronin. - »Sehr unruhig,« bestätigte Fräulein von Dussa, dann fügte sie klagend
hinzu, »wenn er die rechte Frau fände.« »Ja, wissen Sie denn eine?« fragte die
Baronin gereizt. Fräulein von Dussa schüttelte den Kopf. »Diese beiden Mädchen
da, mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen, sind gewiss nicht die rechten.« Die
Baronin sah von ihrer Strickerei auf und sagte scharf: »Gertrud ist eine Närrin
geworden und Fastrade mag ein gutes Mädchen sein, nur schade -.«
    »Ja, sehr schade«, wiederholte Fräulein von Dussa und beugte sich auf ihr
Buch nieder.
 
                               Siebentes Kapitel
Es war am Morgen beim Frühstück, dass die Baronesse Arabella die greisen
Augenbrauen besorgt in die Höhe zog und zu Fastrade sagte: »Ich habe die ganze
Nacht nicht schlafen können, der Gedanke, dass du heute nachmittag in den Wald
fahren wirst dieser Grenze wegen, liess mir keine Ruhe. So geht das nicht. Früher
hätte dein Vater das nie gestattet. Ich mit meiner Erkältung kann dich nicht
begleiten, Ruhke zählt nicht, und da sollst du nun mit diesem verrufenen jungen
Manne zusammentreffen.«
    »Verrufen?« fragte Fastrade. »Ist er denn wirklich verrufen?« Und sie
lächelte dabei ein wenig verachtungsvoll.
    »Nun ja,« fuhr die Baronesse erregt fort, »einen guten Ruf hat er nicht, man
hört doch allerhand. Jedenfalls ein guter Mensch ist er nicht.«
    »So war es hier immer,« versetzte Fastrade, »den Menschen wurden die
Etiketten ganz schnell aufgeklebt, und dann hiess es: dieser ist ein schlechter
Mensch, und er wird ein für allemal in den Giftschrank gestellt.« Fastrade
wunderte sich selbst über die Schärfe ihrer Worte, und die eingefallenen Wangen
der Baronesse röteten sich leicht. »Ich, liebes Kind,« sagte sie, »habe ihm
seinen bösen Ruf nicht gemacht, jedenfalls schickt es sich nicht, dass du allein
dort bist, ich schreibe an Gertrud Port und bitte sie, sich auch dort
einzufinden, dann seid ihr wenigstens zu zweit.«
    »Ach ja,« meinte Fastrade, »ich hatte vergessen, dass ich wieder das
wohlbehütete Mädchen bin, das verteidigt werden muss und bewacht und beschützt,
auf das überall Gefahren lauern.«
    »Wie das in der grossen Welt ist,« erwiderte die Baronesse streng, »weiss ich
nicht, hier haben wir unsere Gesetze und da schickt sich so was nicht. Ich
schreibe an Gertrud Port.«
    Am Nachmittag kutschte Mahling Fastrade in den Wald, Ruhke fuhr hinterher,
den Schlitten voller Karten. Es war ein frostiger heller Wintertag, Mahling
vermochte den grossen Braunen kaum zu halten, das Hinsausen auf dem glatten Wege
machte dem Tiere zu grosses Vergnügen. Fastrade, fest in ihre Winterjacke
eingeknöpft, die Otterfellmütze in die Stirn gedrückt, empfand das leichte
Brennen der Frostluft auf den Wangen, das Blitzen der Nachmittagssonne auf dem
Schnee, die schnelle Bewegung der Fahrt wie etwas, das ihr Blut köstlich
aufpeitschte. Sie hatte sich kindisch auf diese Ausfahrt gefreut, die Tage zu
Hause waren ja so ereignislos, dass man kaum merkte, dass man lebte. Hier mitten
in diesem Blitzen und Wehen war es einfach unmöglich, daran zu glauben, dass es
so etwas gab wie die Couchon an ihrem Kartentisch. Jetzt bogen sie in einen
Waldweg ein, es ging unter schwer verschneiten Tannen hin, lange weisse Korridore
entlang, es roch stark nach Schnee und Harz, und überall funkelte und knisterte
es, als ginge die Fahrt durch eine Welt von weissem Brokat. Auf der Anhöhe
standen die alten Föhren steif und grell gegen einen rein blauen Himmel. Als sie
die Anhöhe umfahren hatten, arbeiteten sie sich auf einer kurzen Strecke einen
engen Weg durch die junge Tannenschonung hindurch, dann hielten sie. Vor ihnen
lag ein Platz, der voll Menschen und Pferden war. Grosse Balken wurden auf
Schlitten gebunden, struppige Pferde mit bereiften Mähnen wurden mit lauten
Zurufen angetrieben, überall standen Männer, graue vermummte Gestalten mit
grossen Pelzmützen und rotgefrorenen Nasen. Und mitten unter ihnen schlenderte
Egloff umher, die Pelzmütze im Nacken, die Hände in den Taschen seines kurzen
Jagdpelzes, sehr schmächtig unter all den plumpen Gestalten und anscheinend sehr
sorglos und müssig hier mitten unter der lauten, angestrengten Arbeit. Als er
Fastrades Schlitten erblickte, kam er heran, grüsste: »Ah, unsere
Geschäftsgenossen«, rief er und lachte offenbar nur, weil er sich freute. Er
half Fastraden aus dem Schlitten. »Sehen Sie,« sagte er, »dies hier nun ist mein
Reich. Hässlich? Was?«
    »Ja,« sagte Fastrade, »das ist hässlich.«
    »Das fühle ich gewiss am meisten,« fuhr Egloff fort, »es ist sogar
widerwärtig, schmutzig. Sehen Sie den dort.« Er wies auf einen Herrn im
städtischen Pelzpaletot, der mitten unter den Arbeitern stand, ein Notizbuch in
der Hand, er schien sehr zu frieren, sein Gesicht war blaurot, der rote Bart
bereift, aber die grellbraunen Augen verfolgten mit einer ruhigen, kalten
Wachsamkeit, was ringsumher vorging.
    »Das ist Herr Mehrenstein,« sagte Egloff, »soll ich ihn Ihnen vorstellen?«
    »O nein,« erwiderte Fastrade, »der ist doch der Feind.« Egloff lachte: »Sehr
wohl, Mehrenstein ist der Feind, wo Mehrenstein erscheint, da wird aus einem
Wald ein Zahltisch. Wie böses Ungeziefer frisst sein Geld den Wald auf. Ich kann
mir denken, dass ein Grauen die Bäume schüttelt, wenn Mehrenstein durch einen
Wald geht.«
    Unwillkürlich schaute Fastrade zurück auf die Föhren des Padurenschen
Waldes. Egloff lachte. »Sie sehen Ihre Föhren an«, sagte er. - »Oh, die fürchten
sich nicht«, erwiderte Fastrade. - »Ich weiss nicht,« meinte Egloff, »wo
Mehrenstein erscheint, ist keine Sicherheit. Allerdings die da oben sehen heute
verdammt vornehm auf meinen Marktplatz herunter, sie haben sich alle ganz
frische Wäsche angezogen und hauchen ordentlich eisig kalt ihre Verachtung auf
alle uns dreckige Arbeitsmenschen nieder. Übrigens steht Herr Ruhke dort, wir
müssen sehen, ob ich Ihrem Walde nicht zu nahe getreten bin. Für Sie ist der
Schnee dort zu tief.«
    »Wozu bin ich aber hier?« wandte Fastrade ein.
    »Um die Sache zu heiligen,« erwiderte Egloff, »und das geschieht ebensogut,
wenn Sie hier auf uns warten.« Damit ging er zu Ruhke hinüber und beide
verschwanden im Dickicht.
    Fastrade setzte sich auf einen Baumstamm, vor ihr luden die Leute einen
grossen Balken auf kleine Schlitten, banden ihn fest, trieben die Pferde mit
Geschrei an, Herr Mehrenstein trat hinzu, klopfte mit dem silbernen Bleistift
auf den Balken und schrieb etwas in sein Notizbuch. Wie eine magische Formel sah
das aus, durch die das, was einst ein Baum gewesen, endgültig tote Sache wurde.
Mitten auf dem Platze brannte ein Feuer aus trockenem Reisig, grosse Rauchwolken
erhoben sich dort und breiteten einen russigen Schleier über den ganzen Platz.
Graue bereifte Gestalten standen um das Feuer, streckten ihre frierenden Hände
aus, um sich zu wärmen, und sprachen so laut, als wären sie weit voneinander
entfernt.
    Ob er es weiss, dass er verrufen ist, dachte Fastrade, und ob ihn das
schmerzt, aber dann würde er nicht dieses leichtsinnige Lächeln haben.
    Auf dem kleinen Wege am Waldrande erschien jetzt ein Schlitten, Gertrud
grüsste schon von weitem, dann sprang sie heraus und kam über den glatten Schnee
mit unsicheren Schritten auf Fastrade zu. Sie hatte sich schön angezogen, trug
ein dunkelrotes Pelzjackett, ein Pelzbarett und lachte über das ganze Gesicht.
    »Oh, wie ist das hier schön, Fastrade,« rief sie, »wie habe ich mich
gefreut, als der Brief kam. Ich komme etwas spät, du weisst, ich musste warten,
bis der Papa zu seinem Mittagsschlaf verschwunden war, sonst hätte es natürlich
Fragen und Einwendungen gegeben. Ach, und der Wald, das reine Ballkleid. Und er,
wo ist er?« Sie hielt inne und schöpfte tief Atem, wie jemand, der einen zu
schnellen Trunk getan hat.
    »Die Tante wollte, du sollst kommen, mich beschützen«, sagte Fastrade und
sah das bunte erregte Figürchen lächelnd und ein wenig mitleidig an. Gertrud
setzte sich auf einen Baumstamm und wurde ernst. »Das ist auch gut,« sagte sie,
»ist er heute sehr dämonisch?« und da Fastrade nicht antwortete, fuhr sie fort:
»Der Papa sagte, er wird noch seinen ganzen Wald verspielen.«
    »Das ist seine Sache«, erwiderte Fastrade ungeduldig.
    »Nun ja,« versetzte Gertrud, »ich gehöre eigentlich auch zu seiner Partei.
Ach, es war aber gerade eine Stimmung zu Hause, so grau, so grau! Ich hatte das
Gefühl, als klebten mir Spinnweben an allen Fingern. Da kam der gesegnete Brief,
jetzt ist alles gut, gleich wird die Sonne untergehen, es kommt schon rot durch
die Padurenschen Bäume gekrochen.« Sie sprang auf, sang eine laute helle
Notenfolge vor sich hin und begann auf dem von den Schlitten glattgefahrenen
Schnee hin- und herzugleiten.
    Auf dem Platze schickten die Leute sich an, ihre Arbeit einzustellen, erregt
liefen sie durcheinander, suchten ihre Sachen zusammen, jetzt hörte man den
einen oder anderen rauh lachen, sie warfen sich auf die kleinen Schlitten, um
abzufahren, Herr Mehrenstein steckte das Notizbuch in die Tasche und schlug
seinen Pelzkragen auf, der Platz leerte sich allmählich. Dann begann Klaus
Pelzdecken heranzuschleppen und in der Nähe des Feuers auszubreiten, er holte
einen Teekessel heran und Tassen und fing an, Tee zu kochen und Weinflaschen
aufzuziehen. »Tee bekommen wir auch«, jubelte Gertrud. »Aber da ist ja noch
jemand,« rief sie, »das sind ja Dachhausens, die hat sicherlich die Mama uns
nachgeschickt.« Wirklich kam jetzt ein Schlitten mit hellem Schellengeklingel
aus dem Waldwege herangefahren und hielt auf dem Platze. »Ja, es sind
Dachhausens«, ertönte die freundliche Stimme des Baron Dachhausen. Er sprang aus
dem Schlitten und schwenkte seine Pelzmütze. Sein schöner, brauner Vollbart war
ganz bereift und seine blauen Augen blank vor Lustigkeit. »Meine Frau hat, ich
weiss nicht wie, erfahren, dass hier eine Zusammenkunft stattfindet und wollte
durchaus dabei sein. So sind wir hier. Komm, Liddy, ich hebe dich heraus.«
    Die Baronin war ganz in weisses Pelzwerk gehüllt, wie in grosse, weisse
Schneeflocken, und ihr Gesicht sah rosa aus all diesem Weiss heraus. Sie liess
sich aus dem Schlitten heben, begrüsste Fastrade und Gertrud, sie schien unsicher
und befangen. »Wo ist Dietz?« fragte Dachhausen, »ah, da kommt er. Guten Abend,
Dietz, alter Junge, wir haben uns selbst zu deiner Soiree hier eingeladen.«
    Dietz und Ruhke waren eben aus dem Dickicht aufgetaucht. »So, so,« meinte
Egloff, »das ist ja gut, deine Gemahlin ist auch da. Schön, schön.« Er sagte das
jedoch ziemlich kühl und missmutig. »Nun, ich denke, jetzt wird wohl niemand mehr
kommen, so können wir Tee trinken. Bitte Platz zu nehmen. Fritz, du warst immer
der Liebenswürdigere von uns beiden, du spielst ein wenig den Gastgeber statt
meiner.« »Ach was, liebenswürdig,« meinte Dachhausen, »so ein alter Ehemann, -
gleichviel, meine Damen, bitte sich zu setzen.«
    Man liess sich auf die Pelzdecken nieder, Klaus reichte Tee herum, Dachhausen
goss Portwein ein, sprach beständig begeistert: »Herrlich, meine Damen, herrlich.
Hier wird einem das Herz weit, nicht wahr? Was meinen Sie, Baronesse Gertrud,
fühlen Sie nicht, wie hier die Grossstadtkruste oder, wie soll ich sagen,
Grossstadtrinde -.«
    »Ach lassen Sie es, lieber Baron,« sagte Gertrud, bog ihren Kopf ein wenig
zurück und sah Dachhausen gefühlvoll an, »hier ist die Grossstadt vergessen.«
»Nicht wahr«, rief Dachhausen, »was sind alle Opern gegen dieses Abendrot. Sehen
Sie, meine Herrschaften, die Föhren oben, wie im Feuer stehen sie. Das hat
Egloff gut gemacht.«
    »Entschuldigung,« sagte Egloff, der beiseite stand und nachdenklich eine
Zigarette rauchte, »das Abendrot gehört nicht mir, es bleibt im Padurenschen
Walde, zu mir kommt es nicht herüber.«
    »Ach,« sagte Gertrud und starrte in das Abendrot hinein, »die schönsten
Farben sind doch die schönste Musik.« Sie seufzte tief, als täte das gewaltsame
Aufflammen der Farben ihr wehe. »Ja, gewissermassen«, bestätigte Dachhausen
unsicher.
    Egloff hatte sich jetzt auch auf eine der Pelzdecken hingestreckt und trank
schweigend ein Glas Portwein. Endlich begann er halblaut mit Fastrade über die
Grenze zu sprechen, dem Padurenschen Walde war kein Unrecht geschehen, es war
alles in Ordnung. Was er mit diesem Platze anfangen würde? Mein Gott,
anpflanzen, aufforsten, aber für wen? Für Herrn Mehrensteins Enkel vielleicht.
    »Sie sollten nicht so sprechen«, unterbrach ihn Fastrade.
    Egloff zuckte die Achseln: »Wer weiss, wer nach hundert Jahren die Macht hat.
Für die künftigen Generationen, sagt Ihr Herr Vater; aber ich habe keinen
historischen Sinn. Mir sagt es nichts, in der Zukunft eine lange Reihe von Dietz
Egloffs zu sehen, die Stücke meines Wesens hundert Jahre fortschleppen, so wie
sich hässliche Möbel in alten Häusern forterben.«
    »Sie können doch Kostbarkeiten vererben«, wandte Fastrade ein.
    »Ja, wer die hat,« erwiderte Egloff, »übrigens, ich will mich selbst nicht
angreifen, aber das Dietz Egloffsche als hundertjährige Einrichtung, daran habe
ich kein Interesse.«
    Das Abendrot war erloschen, auf der anderen Seite stieg der Mond am
Waldrande auf, gross und rot. »Der Mond«, rief die Baronin Lydia, welche die
ganze Zeit still dagesessen war. »Baron Egloff, der kommt auf Ihre Seite, der
gehört nicht zum Padurenschen Walde.«
    »Ja, hm,« erwiderte Egloff und sah unzufrieden auf den Mond hin, »er sieht
auch recht jahrmarktmässig aus, eine grosse, rote chinesische Laterne. Na, wenn er
höher steigt, wird er eleganter werden. Man wird immer eleganter, wenn man
Karriere macht.«
    Warum er das so unfreundlich sagt, dachte Fastrade, was hat die arme kleine
Puppe ihm getan? »Jetzt einen Vorschlag«, fuhr Egloff fort und stand auf. »Wir
machen einen Besuch im Padurenschen Walde. Wenn wir an der kleinen Waldwiese
sind, wird der Mond schon hoch genug sein, das gibt dann einen weihevollen
Abschluss.«
    Man rief nach den Schlitten, die Damen wurden wieder in die Pelzdecken
gehüllt. »Ich fahre Sie, wenn Sie gestatten«, sagte Egloff und setzte sich zu
Fastrade. Er führte den Zug an und bog in einen engen Waldweg ein. Hier
herrschte die bleiche Dämmerung des Schneelichts, und unendliche Geborgenheit
unter den weissen Bogen der verschneiten Äste. Wie ein kleiner dunkler Schatten
huschte ein Hase lautlos über den Weg, ein aufgescheuchtes Reh brach durch das
Dickicht, die Schellen der Schlitten klangen fremd und gespenstisch, und
aufgeschreckt von ihnen schlug ein Vogel mit den Flügeln im Wipfel einer Tanne.
Egloff und Fastrade schwiegen, nur einmal bemerkte Egloff: »So allmählich fühlt
man sich hier zugehörig.« Der Waldweg führte auf eine kleine, runde Wiese, die
jetzt hell vom Monde beschienen war. »Halt!« kommandierte Egloff, »hier wird
ausgestiegen, hier wird eine Quadrille getanzt.« - »Dietz, du bist ein famoser
Kerl,« rief Dachhausen, »natürlich wird hier eine Quadrille getanzt, man muss nur
darauf kommen. Darf ich bitten, Baronesse Gertrud. Liddy bleibt im Schlitten,
der Pelz ist zu schwer.«
    Die Paare gingen nun über den hartgefrorenen Schnee der Wiese. »Wie das
hübsch leise kracht,« sagte Gertrud, »es ist, als ob wir über den Zuckerguss
einer Torte gingen.« »Antreten, antreten!« rief Egloff, und die Paare stellten
sich auf, das Mondlicht gab den Bewegungen der Tanzenden etwas seltsam
Huschendes und Schattenhaftes, die Gestalten der Mädchen wurden wunderlich
schlank, wenn sie über den weissen flimmernden Boden hinglitten und dabei kleine
Schreie ausstiessen wie in einem kalten Bade und als sei das Mondlicht eine
Welle, die über sie hinrieselte. »Chaîne, s'il vous plaît«, kommandierte Egloff
sehr laut, und aus den Tannen, die ernst um den Platz umherstanden, wiederholte
ein Echo ein geisterhaftes »s'il vous plaît«. »Grand galop«, kommandierte
Egloff. Die beiden Paare drehten sich, entrüstet begann ein Rehbock am Waldrande
zu schmälen, da hielten sie an, standen beieinander ganz atemlos und lachten
einander an.
    »Das war schön,« sagte Gertrud und lehnte sich schwankend an Dachhausens
Arm, »was ist ein Ballsaal dagegen.« »Das wissen die Hasen schon längst«,
erwiderte Dachhausen munter. »Aber jetzt müssen die Damen schnell wieder in die
Pelzdecken.« Man ging zu den Schlitten zurück. Die Baronin Lydia sass dort in
ihrem Schlitten ganz in ihr weisses Pelzwerk verkrochen. »Ach, Liddy, es war
herrlich,« sagte Gertrud, »endlich mal wieder etwas, das zu erleben verlohnt.
Aber was hast du? Du weinst ja.« Liddy weinte, weinte, dass ihr ganzer Körper
geschüttelt wurde. Nun kam Dachhausen und schalt und tröstete: »Ich sage es
immer, du verträgst die grossen Natureindrücke nicht, sie erschüttern dich zu
sehr. Machen wir, dass wir heimkommen.«
    »Sie ist eifersüchtig auf mich«, flüsterte Gertrud Fastrade zu. Egloff, die
Hände in den Taschen seines Pelzes, stand ruhig da und lächelte. Als man sich
nun trennen musste, wurde auch Gertrud gefühlvoll. Sie umarmte Fastrade. »Wie
enge wird es jetzt zu Hause sein,« flüsterte sie, »es wird dort nach Zwieback
riechen und der Papa wird unangenehme Bemerkungen machen.« - »Du kannst doch
singen«, wandte Fastrade ein. - »Ach, der Vater hört das nicht gern,« erwiderte
Gertrud, »gleichviel, es war schön. Egloff ist dämonisch, und Dachhausen, glaube
ich, unglücklich in seiner Ehe.«
    So fuhr man denn ab auf der blanken Landstrasse, der Mondschein machte das
Land unendlich weit, und in der schnellen Bewegung schien das Licht an den
Fahrenden vorüberzusausen wie etwas Flüssiges und Eiliges. Auf der Ebene am
Kreuzwege trennten sie sich: »Gute Nacht, Heil« klang es von Schlitten zu
Schlitten, und ein jeder schlug seinen Weg ein. Aus der Ferne leuchteten die
Lichter der Gutshäuser, rötliche Pünktchen inmitten des weissen Mondscheins.
    Als Fastrade vor der Padurenschen Treppe hielt, sah sie an den Fenstern des
Esssaals eine dunkle Gestalt erregt auf und ab gehen. Sie wurde also erwartet,
dachte sich Fastrade, und wirklich kam ihr die Baronesse klagend entgegen: »So
spät, Kind, Ruhke ist schon längst zu Hause, dein Vater fragt nach dir.« Aber
Fastrade nahm die alte Dame in ihre Arme und wiegte den zerbrechlichen Körper
vorsichtig hin und her und sagte: »Es war sehr schön. Wir haben Tee getrunken,
haben auf der Wiese getanzt, sind gefahren. Sag', Tantchen, hast du nie im Leben
gesungen? Ist es dir nie passiert, dass du dich hier mitten im Saale hinstelltest
und aus Leibeskräften lossangst, dass die Wände zitterten?«
    »Kind, Kind,« versetzte die alte Dame, »was sprichst du da für Sachen.«
    »Schade,« meinte Fastrade, »das würde dich glücklich machen.«
    Aber da wurde die Baronesse wieder elegisch und ernst: »Ich brauche keinen
Gesang und ich brauche kein Glück mehr. Ich sitze still bei den Meinigen und
warte, bis ich abberufen werde. Und dann, Kind, warum sprichst du so laut?«
    Fastrade liess die Arme sinken, ach ja, sie hatte einen Augenblick vergessen,
dass man hier gedämpft wie in einer Krankenstube zu sprechen pflegte und dass es
hier im Hause die Aufgabe eines jeden war, stillzusitzen, bis man abberufen
wurde. So wollte sie denn zu ihrem Vater hinübergehen. Unterwegs blieb sie noch
vor einem Fenster stehen und schaute auf die Mondnacht hinaus, wie auf etwas
Befreundetes und Verbündetes.
    Als Gertrud vor der Witzowschen Haustüre hielt, war ihr Lebensmut wieder
gänzlich gesunken, und als sie im Hausflur stand und der wohlbekannte feuchte
Kalkgeruch ihr entgegenschlug, da fühlte sie sich nur noch als das junge
Mädchen, dessen Lebenspläne gescheitert waren und das sich vor ihrem Vater
fürchtete. Sylvia kam ihr besorgt entgegen und berichtete flüsternd, der Vater
sei recht ungehalten. Gertrud zuckte die Achseln, sie war entschlossen, sich
nichts daraus zu machen. Als sie in das Wohnzimmer trat, sagte sie daher
möglichst unbefangen »Guten Abend«. Baron Port sass an der Lampe und las die
Zeitung, die Baronin sass neben ihm und strickte. Karo, der Hühnerhund, der zu
Füssen seines Herrn schlief, erhob ein wenig seinen Kopf, der Duft von Schnee und
Wald, den Gertrud in ihren Kleidern mitbrachte, regte ihn auf. »Guten Abend«,
sagte der Baron und legte die Zeitung fort; er wartete, bis seine Tochter sich
gesetzt hatte, dann sah er sie über die Brille hinweg an und begann zu sprechen.
Offenbar hatte er sich zurechtgelegt, was er sagen wollte, denn er sprach
geläufig und übertrieben ermahnend. »Ich möchte wissen, wer diese neue Art der
Geselligkeit hier bei uns importiert hat. Hat die Fastrade sie aus dem
Krankenhause mitgebracht oder du aus der Singschule, oder hat der Dietz Egloff
sie von seinen Portugiesen und Polacken gelernt? Für Krankenschwestern,
Sängerinnen und Portugiesen sind sie vielleicht passend, für unsere Fräuleins
passen sie mir nicht. Das wollte ich gesagt haben. Und dann, du bist ja
kränklich, du sollst auskuriert werden, wenn es sich um die Gesundheit meiner
Angehörigen handelt, spare ich nicht; aber ich verlange, dass nicht unvernünftig
auf die Gesundheit losgewirtschaftet wird. Das wollte ich gesagt haben.« Er
griff wieder nach seiner Zeitung. Gertrud sass schweigend da; sie hätte gern
geweint, sie hätte sich auch verteidigen können, statt dessen machte sie nur ein
hochmütiges Gesicht, starrte in die Lampe, als hörte sie nicht zu, sondern
dächte an ganz andere Dinge. Im Zimmer war es jetzt still, heiss und beklommen;
sie hielt es nicht länger aus, sie erhob sich und ging in die dunkele
Zimmerflucht hinüber. Dort schritt sie langsam auf und ab, sie fühlte sich
gekränkt und gedemütigt. Also kränklich sein, das war jetzt ihr Beruf, sonst
nichts. Wenn sie ging, liess sie die Arme schlaff niederhängen, bewegte den
ganzen Körper lässig hin und her, sie ging so, wie sie es zuweilen drüben in
Dresden gesehen hatte an einer kleinen Sängerin, die das Leben rücksichtslos zu
geniessen verstand. Wenn sie nach durchjubelter Nacht am Morgen in ihren
himmelblauen Morgenrock gehüllt in das Wohnzimmer kam, dann hatte sie diese
sorglos müden Bewegungen gehabt, die Gertrud stets wie die beredteste Gebärde
der Verachtung aller Philistermoral erschienen waren. Allein jetzt so zu gehen
brachte Gertrud keine Erleichterung. Wenn sie singen könnte. Aber das durfte sie
ja nicht. Das einzige, was ihr jetzt helfen konnte, war ihr verboten. Und doch,
das Bedürfnis zu singen war zu stark, sie ging in den Flur hinaus und stieg dort
eine Treppe zum unteren Geschoss des Hauses hinab. Hier befand sich der Raum, in
dem die Mägde zu spinnen pflegten; von weitem hörte sie schon das Schnurren der
Spinnräder und den schläfrig eintönigen Gesang der Mägde. Entschlossen öffnete
Gertrud die Tür. Der Raum war von einer trüben Petroleumlampe erhellt; es roch
nach Wolle und den feuchten Holzscheiten, die im Ofen prasselten. In langer
Reihe sassen die Mägde da, breite Gestalten in schweren Wollenkleidern; sie
drehten an ihren Rädern und sangen beruhigt und schläfrig vor sich hin. Als
Gertrud eintrat, blieben die Räder stehen, und die Köpfe hoben sich. »Wartet,«
sagte Gertrud ein wenig atemlos und befangen, »ich singe euch etwas vor.« Und
sie begann gleich, etwas ganz Süsses musste es sein.
»Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag ich dich fort.«
    Sie rang wieder die Hände ineinander, hob sich auf die Fusszehen, sang sich
alles Witzowsche von der Seele, berauschte sich an diesem Liebesgirren.
»Dort wollen wir niedersinken,
Dort unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Wonne trinken
Und träumen manch seligen Traum.«
    Die Mägde hörten zu, ihre Lippen verzogen sich zu einem starren Lächeln, die
Augen, die anfangs neugierig auf Gertrud gerichtet waren, wurden klar und
regungslos, und auf den grossen Gesichtern lag es wie süsse Schläfrigkeit. Jetzt
war Gertrud zu Ende; ein wenig erstaunt schaute sie sich um, als erwachte sie
aus einem Traum, dann lachte sie verlegen. Die Mägde lachten auch, und die dicke
Liese als die Älteste nahm das Wort und sagte: »Das kann unser Fräulein schön
herausschreien.« - »So, ja,« meinte Gertrud, »jetzt gute Nacht«, und sie verliess
schnell das Zimmer. Das hatte ihr wohlgetan, nun würde sie schlafen können; sie
wollte ein Schlafpulver nehmen und weiter träumen von schönen, süssen Dingen.
    Dachhausen hatte versucht, auf der Heimfahrt beruhigend und heiter zu seiner
Frau zu sprechen. Was war denn geschehn? Nichts, nicht wahr? Sie war in letzter
Zeit ein wenig nervös, da mochte so eine Mondscheinpartie für sie zu anstrengend
sein. Sie würden nächstens bei Tage fahren, das war alles. Lydia aber sagte kein
Wort; erst zu Hause, als sie im Wohnzimmer vor dem Spiegel stand und ihr
erhitztes Gesicht und ihre verweinten Augen betrachtete, da begann sie zu
sprechen, mit einer Stimme so böse und klagend, als hätten sie die ganze Zeit
über schon miteinander gestritten. Natürlich, er fand in alledem nichts, für ihn
war nie etwas geschehen, er tanzt auf der Wiese Quadrille, und sie muss im
Schlitten hocken. »Aber du konntest doch nicht, Kind«, wandte Dachhausen hilflos
ein; aber Lydia lachte höhnisch, oh! sie wusste wohl, sie war immer die
Ausgeschlossene, ihr gab man zu verstehen, dass sie nicht dazu gehörte. Warum
fuhr er nicht allein in den Wald, wenn er mit Gertrud tanzen wollte. Ihretwegen
konnte er den ganzen Tag mit Gertrud tanzen, o Gott, wie ihr das gleichgültig
war, aber es war seine Pflicht, ihr Demütigungen zu ersparen. Dachhausen war
verzweifelt. »Demütigungen,« rief er, »ich möchte den sehen, der dich zu
demütigen wagt!« Allein es machte auf Lydia keinen Eindruck. »So,« fuhr sie
fort, »und hörtest du nicht, was Egloff vom Monde und der Karriere sagte?« -
Nein, Dachhausen erinnerte sich nicht, und was es auch gewesen war, es hatte
gewiss nichts mit Lydia zu tun. Lydia zuckte die Achseln: »Natürlich, du
verstehst nichts, du siehst nichts, du hörst nichts«, und als er besänftigend
ihre Hand fassen wollte, wandte sie ihm den Rücken, sagte, sie wolle allein sein
und ging in ihr Zimmer.
    Ratlos blieb Dachhausen im Wohnzimmer zurück; er verstand Lydia immer
weniger, sie war in letzter Zeit so gereizt, seine Ehe wurde so kompliziert, dass
er sich in ihr nicht mehr zurechtfand. Hatte sie etwas gegen ihn? Aber das war
ja nicht möglich, niemand hatte etwas gegen ihn und nun noch seine Frau. Aber da
war nichts zu machen: zu ihr zu gehen wagte er nicht, so ging er in sein
Arbeitszimmer, streckte sich auf dem Sofa aus und zündete sich seufzend eine
Zigarre an.
    Unterdessen jagte Egloff auf der mondbeschienenen Landstrasse weiter.
»Weiterfahren«, hatte er dem Kutscher befohlen. »Zur Stadt?« fragte dieser. »Ach
was, Stadt«, sagte Egloff ärgerlich, nahm dem Kutscher die Leinen fort und fuhr
selbst. Er bedurfte des weiten Raumes, dieses Lichtes, dieser Bewegung, zu Hause
erwarteten ihn doch nur Geldsorgen und widerwärtige Gedanken. Hier brauchte er
nicht zu denken und konnte das wärmende, angenehme Gefühl erhalten, das ihm in
sich neu und wertvoll war. Also vorwärts, hinein in den Lichtnebel, vorüber an
kleinen Katen, die still unter ihren Schneehauben schliefen, die leere
Dorfstrasse entlang, auf der nur hie und da ein schläfriger Hund anschlug. Vor
einem Kruge hielt er an, um das Pferd einen Augenblick verschnaufen zu lassen.
Und in der niedrigen Krugstube qualmte eine Lampe über dem Schenktisch; die
schwarze Lene, die Krügerstochter, hatte die nackten Arme auf den Tisch und den
Kopf auf die Arme gestützt und schlief ganz fest. Auf einer Bank sass ein Bauer
im Pelz, die Peitsche in der Hand, vor seinem Schnapsglase und schlief auch. Am
Ofen aber kauerten nahe beieinander zwei Juden mit roten Bärten und flüsterten.
»Lene«, sagte Egloff und berührte den Arm des Mädchens. Lene fuhr auf, das
Gesicht ganz rot vom Schlaf unter dem wirren, schwarzen Haar. »Der Herr Baron«,
stammelte sie und lächelte schlaftrunken. »Auf auf! Schwarze,« rief Egloff, »gib
mir einen Gilka und bringe meinem Kutscher einen hinaus.« Während das Mädchen
die Gläser vollschenkte, sah Egloff sich in der Stube um und verzog sein
Gesicht, als ekele ihn. Dass man überhaupt noch in diesen sogenannten Stuben, in
diesen Menschenlöchern wohnen kann, ging es ihm durch den Sinn. Er fühlte sich
in diesem Augenblick ganz als zugehörig zu der weiten, mondbeschienenen Ebene.
Vor den Juden blieb er stehen und sagte: »Juden, warum schlaft ihr nicht? Lässt
euch das Geld nicht schlafen? Zwackt euch das Geld so, dass ihr nicht schlafen
könnt?« Die Juden sahen zu Egloff auf mit schnellen, wachsamen Blicken wie
sichernde Tiere, dann lächelten sie demütig, und der eine sagte: »Uns lassen
unsere Sorgen nicht schlafen, den Herrn Baron lässt nicht schlafen das wilde
Blut, so hat jeder, was ihn zwackt.« »Ach, was wisst ihr vom Blut,« meinte
Egloff, »ihr habt ja keins.« Er wandte sich ab, trank seinen Gilka und ging
hinaus. Vor der Tür stand Lene, die Arme in die Schürze gewickelt und starrte
zum Monde auf. »Hell, hell«, sagte sie. »Ja, Lene,« meinte Egloff, »das ist eine
Nacht, ein anderes Mal nehme ich dich mit«, und er stieg in seinen Schlitten und
jagte weiter. Er lenkte in eine lange Birkenallee ein, die nach Barnewitz
führte. Da lag auch das Schloss weiss und schweigend, der Mondschein glitzerte in
den Fensterscheiben. Wie? dort in dem Arbeitszimmer war noch Licht. Sollte der
gute Fritz noch arbeiten, dachte Egloff, das wäre neu. Aber dort auf dem anderen
Flügel in Lydias Schlafzimmer war auch noch Licht, also ein Ehestreit. Und als
er am Gartengitter mit seinem Schellengeläute vorüberjagte, öffnete sich dort im
Flügel ein Fenster, eine weisse Gestalt beugte sich vor und horchte in die Nacht
hinein. »Sie kennt meine Schellen«, sagte sich Egloff befriedigt. »Wie sie heute
im Walde weinte, die Kleine. Ach was, Puppenschmerzen.« Er bog wieder in die
Landstrasse ein auf Witzow zu. Dort schlief schon alles, an dem langen Hause mit
seinem plumpen Erker, der es wie eine riesige Stumpfnase überragte, waren alle
Fenster wohlverschlossen, nichts regte sich, nur der struppige Hofhund stand vor
der Haustür und bellte klagend den Mond an. Da drin liegt nun, dachte Egloff,
die arme Gertrud und träumt von irgendeiner grossen Liebe. Was in diesen stillen
Häusern die Mädchenträume wild sein müssen! »Allons, vorwärts«, trieb er seinen
Braunen an, und nun ging es wieder durch eine lange Birkenallee auf Paduren zu.
Dunkel stand das Schloss zwischen den weissen Bäumen, nur an einem Fenster stahl
sich ein schwacher Lichtschein durch die Vorhänge: Das musste die Nachtlampe des
alten Barons sein. Ein Haus der Zuendegehenden, fiel es Egloff ein, eine grosse,
finstere Krankenstube, und mitten drin Fastrade mit ihrem jungen Schlaf. »Ich
werde mir schon meinen Tag machen«, klangen ihre Worte ihm nach. Hm, ja, das
mochte ja ein recht heller Tag werden, an dem konnte sich vielleicht auch ein
anderer, der gerade friert, wärmen. Ach was, - wie die Karten fallen, so ist das
Spiel.
    Jetzt fror ihn, und er war müde. Der Braune dampfte schon; so war es denn an
der Zeit, nach Hause zu fahren.
 
                                 Achtes Kapitel
Es war viel Schnee gefallen, im Padurenschen Hof und Park musste der
Schneeschlitten Wege einfahren, den ganzen Tag über hingen hellgraue Wolken am
Himmel, und durch die windstille Luft fielen die Schneeflocken ruhig und stetig
nieder. Aber gegen Abend erhob sich stets ein Nordostwind, der die Wolken für
eine Weile fortfegte, als wollte er Platz schaffen für den Sonnenuntergang, der
mit viel Purpur und Gold am Himmel aufflammte. Dieser Augenblick erschien
Fastrade als das einzige Ereignis der kurzen Tage, die sonst grau und formlos
wie die Schneewolken waren. Sie eilte dann in den Park hinunter und ging die
schmalen Wege zwischen den Schneewällen auf und ab. Hier konnte sie sich wieder
auf etwas freuen, von dem sie nicht wusste, was es war, hier konnte sie etwas
erwarten, das sie nicht kannte, hier fühlte sie ihren Körper und ihr Blut wie
eine Wohltat. Woran sollte sie denken? Gleichviel, nur recht weit fort denken
von der stillen Zimmerflucht da drinnen im Hause, und so dachte sie denn an
Egloff. Wie ruhelos er war! Der Kutscher Mahling hatte erzählt, der Sirowsche
Herr fahre die Nächte hindurch hier in der Gegend herum. Ob er leidet? Ob seine
Geheimnisse ihn quälen? Sie waren alle gegen ihn, aber ihm schien das
gleichgültig zu sein. Wenn man zu zweien auf der einen Seite steht und die
anderen stehen alle auf der anderen Seite, das kann sogar lustig sein. Eine
kluge Frauenhand könnte in diesem armen, zerfahrenen Leben vielleicht Ordnung
schaffen, jedenfalls war er mit seiner Unruhe, seinen Geheimnissen, seinen
Sorgen und seiner Heiterkeit das Leben, und was waren die anderen hier?
    Vom Walde herüber erklang plötzlich ein Jagdhorn, schmetterte keck und
triumphierend in den Winterabend hinein. Fastrade blieb am Gartengitter stehen
und horchte. Das war Egloff, der für heute die Jagd schloss und diesen hellen Ruf
des Lebens zu ihr herübersandte. Fastrade stand am Gitter, bis das Jagdhorn
verstummte und bis das Abendrot verblasst war, dann ging sie wieder in das Haus,
um im Zimmer ihres Vaters Ruhkes Bericht anzuhören, die Memoiren des Herzogs von
St. Simon zu lesen oder mit der Baronesse am Kamin zu sitzen.
    In diesen Wintertagen pflegte die Baronesse Arabella einen besonders
lebhaften Umgang mit ihren Erinnerungen. Sobald sie und Fastrade beisammen am
Kamin sassen, begann sie zu erzählen mit leise klagender Stimme, erzählte von
ihrer Jugend, von längst vergangenen Padurenschen Sommern, von längst
gestorbenen Menschen, und Fastrade hörte dem zu, sah diese Menschen und diese
Sommer, wie wir alte Bilder sehen, über deren Farben sich ein leichter
Staubschleier legt. Ein unendliches Gefühl der Vergänglichkeit, des Vorüber
klang aus dieser Erzählung und machte Fastrade traurig. Zuweilen sprach die
Baronesse auch von dem kommenden Feste, sprach von Gebäcken und Geschenken mit
derselben klagenden Stimme, wie sie von ihrer Jugend sprach. Feste, dachte
Fastrade, können wir hier auch Feste feiern?
    Aber das Fest kam, ein Tannenbaum mit Lichtern stand auf dem Tisch, der
Baron liess sich seinen schwarzen Rock anziehen und sass im Saal erwartungsvoll
auf seinem Sessel. Knechte und Mägde sangen mit ihren schweren, lauten Stimmen
langsam und feierlich einen Choral. Und als sie fort waren, sass man beisammen
und sah zu, wie die Lichter am Baume niederbrannten. Die Baronesse weinte still,
der Baron hatte die Hände gefaltet und starrte vor sich hin. Fastrade ging zu
ihm und kniete an seinem Stuhle nieder. Sie wusste nicht, was in dem
schweigenden, alten Manne vorging, aber wenn ein Leiden ihn quälte, wollte sie
nahe bei ihm knien, als könne sie ihm beistehen.
    Als alles vorüber war und Fastrade in ihrem Zimmer stand, fühlte sie sich so
wund und hilflos vor Mitleid und Wehmut, dass sie sich sagte: Wenn ich zu Bette
gehe, bleibt mir nichts übrig, als den Kopf in die Kissen zu drücken und zu
weinen. Das will ich nicht. Dagegen aber gibt es nur ein Mittel, die
Winternacht. Sie nahm ihre Pelzjacke und ihre Otterfellmütze und ging leise in
den Park hinaus. Hier hingen die weissen Baumwipfel voll grosser, sehr heller
Sterne, hier war es wunderbar geheimnisvoll, hier in der klaren Luft, über der
knisternden Schneedecke lag es wie ein festliches Erwarten, man stand still und
geschmückt da, und die Freuden konnten kommen. Es machte Fastrade auch wieder
getrost, ihre Schmerzen und ihre Wehmut waren doch nur kleine abseits liegende
dunkele Winkel, das eigentliche Leben war dieses grosse Flimmern, diese Weite,
dieses geheimnisvolle Versprechen und Erwarten. Sie blieb am Gartengitter stehen
und schaute auf das Land, auf die weisse Fläche, die im unsicheren Sternenschein
zu einem hellen Nebel zerrann, in den hie und da die Lichtpünktchen ferner
Häuser gestreut waren.
    Auf der Landstrasse, die am Parkgitter vorüberführte, kam Schellengeklingel
heran, ein Pferd erschien und ein Schlitten gross und schwarz im unsicheren,
weissen Lichte. Jemand sprang aus dem Schlitten und kam auf das Gitter zu. »Ich
dachte es mir gleich, dass Sie es sind, die hier steht«, sagte Egloff und lachte.
»Ja, ich bin noch ein wenig herausgekommen«, erwiderte Fastrade. - »Das will ich
glauben«, meinte Egloff. »Ich bin auch fortgefahren, um dem Sirowschen
Weihnachten zu entgehen.«
    »Sie fahren öfters in der Nacht herum, höre ich«, fragte Fastrade. Sie
wunderte sich nicht über diese Unterhaltung am Gartengitter, sie erschien ihr
selbstverständlich, als stünden sie beide in dem Sirowschen Wohnzimmer, nur dass
es hier im Sternenschein unterhaltender und kameradschaftlicher war.
    »So? Haben Sie das gehört?« fragte Egloff, »ja, ich habe mir die Ebene hier
als eine Art Schlafsaal eingerichtet. Das ist sehr zuträglich. Überhaupt bin ich
der Meinung, dass unsere Entwickelung einen verkehrten Weg eingeschlagen hat. Wir
sind eigentlich Nachttiere wie all das andere Raubzeug. Am Tag schläft man im
Bau, und wenn es dann draussen still und dunkel wird, dann kriecht man heraus,
treibt sich herum, schleicht um die schlafenden Wohnungen und Hühnerställe und
lebt dann so sein eigentliches Leben.«
    »Meinen Sie?« sagte Fastrade. »Ja, das muss zuweilen hübsch sein.«
    »Sie sollten auf solch einer Fahrt mitkommen«, schlug Egloff vor.
    Fastrade lachte: »Das wäre doch wohl gegen unsere Gesetze hier.«
    »Glauben Sie an diese Gesetze?« fragte Egloff.
    Fastrade zuckte die Achseln: »Ich glaube nicht an sie, aber ich gehorche
ihnen.«
    »Da haben Sie unrecht,« meinte Egloff, »Sie können sich nicht denken, wie
befreundet man sich fühlt, wenn man so zu zweien über die Strassen jagt.«
    »Doch, ich kann es mir denken«, versetzte Fastrade nachdenklich. Sie hatte
ihren Handschuh abgestreift und kühlte ihre Hand in dem Schneestreifen, der sich
an das Gitter angesetzt hatte. »Also für diese Freundschaft bin ich zu feige.«
    »Feige sind Sie nicht«, versicherte Egloff mit Überzeugung. »Sie haben nur
noch den Aberglauben an diese kleinen, triefäugigen Gesetzesaugen, die von den
Schlössern in die Nacht hineingehen. Das da drüben ist Barnewitz. Wie lächerrlich
doch solch ein Licht neben den Sternen aussieht. Na, gleichviel, wenn die
Freundschaft so nicht zustande kommt, muss es anders gemacht werden. Mein Brauner
wird höllisch unruhig, gute Nacht.«
    Sie reichten sich durch das Gitter hindurch die Hand, Egloff ging zu seinem
Schlitten, und Fastrade lief den Weg dem Hause zu. Sie glaubte, sie würde jetzt
schlafen können, ohne weinen zu müssen.
    An einem der Feiertage kam Gertrud Port nach Paduren, um Fastrade zu
besuchen. Sie war wieder sehr schlank und schmächtig in ihrem Kleide von
zeitlosem Schnitt, das Gesichtchen, über und über weiss von Puder, schien kleiner
geworden, die Augen waren unnatürlich gross. Sie klagte über ihre Gesundheit;
»das Leben vergeht in Müdigkeit und Melancholie«, meinte sie. Als die beiden
Mädchen jedoch in Fastrades Zimmer am Kamin sassen, begann Gertrud von Dresden zu
sprechen, und das belebte sie. »Du weisst,« sagte sie, »zu Hause darf ich davon
nicht sprechen, und wenn ich Sylvia einmal etwas erzähle, dann sehe ich es ihren
Augen an, zuerst, dass es ihr nicht gefällt und dann, dass sie nicht mehr zuhört.«
So erzählte sie denn von der schönen Zeit, da sie tun konnte, was ihr beliebte,
ohne saure Bemerkungen hören zu müssen, da jeder Tag ein neues Erlebnis, eine
neue Emotion brachte. Sie erzählte, wie man abends mit den Freundinnen und
Freunden im Café gesessen und Zigaretten geraucht hatte. »Siehst du, nicht nur
das Leben und die Menschen waren interessant, nein, man war selbst interessant.
Ein junger Künstler sagte mir: Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich aufstehe,
darauf, an diesem Tage wieder Ihre Augen zu sehen, wie man sich darauf freut, in
einem schönen Buche weiterzulesen. Bei uns zu Hause denkt doch nie jemand daran,
dass ich Augen habe, zu Hause bin ich eine langweilige Fremde.« Von ihren
Erinnerungen überwältigt schwieg sie jetzt und starrte verträumt in das
Kaminfeuer hinein. - Im unteren Geschoss des Hauses, in den Gesindestuben, wurde
getanzt. Gedämpft konnte man die schnurrenden Töne einer Violine hören, auf der
eintönig und unermüdlich einige Walzertakte gespielt wurden. »Du erzählst aber
nicht von dir,« fuhr Gertrud auf, »du hast wohl auch nichts erlebt? Hast du
Egloff gesehen? Er soll verreist gewesen sein, erzählte Dachhausen, er soll
gespielt haben und viel verloren, auch ein Duell soll er gehabt haben. Ein
wilder Mensch. Fräulein von Dussa erzählte, er sei so ruhelos und fahre die
Nächte hier in der Gegend herum. Der Papa sagte später: Das ist wohl sein
schlechtes Gewissen, das ihn nicht schlafen lässt. Der Papa urteilt überhaupt
sehr streng über ihn.«
    »Ach ja,« erwiderte Fastrade scharf, »sie urteilen alle sehr streng über
ihn, aber ich finde, jeder Mensch müsste wenigstens einen Menschen haben, der ihn
verteidigt, der ihn verteidigt, auch wenn er meinetwegen unrecht hat. Wenn alle
über einen herfallen, das ist hässlich.«
    »Gewiss, er ist mir auch sympatisch,« versetzte Gertrud, und ihre Stimme
nahm einen seltsam lyrischen Klang an, »und überhaupt, wenn wir nicht lieben,
was bleibt uns dann in diesem Leben?«
    »Lieben?« fragte Fastrade erstaunt. »Wer liebt? Liebst du denn?« - Aber
Gertrud fuhr zu sprechen fort, als hätte sie Fastrades Frage nicht gehört: »Und
wäre es auch nur eine unglückliche Liebe.«
    »Ja liebst du denn unglücklich?« fragte Fastrade wieder.
    Gertrud antwortete nicht, sie schaute ins Feuer und lächelte still vor sich
hin. Sie mochte es nicht sagen, dass sie sich in den letzten Tagen dazu
entschlossen hatte, Dachhausen unglücklich zu lieben. Aus dem unteren Geschosse
drang wieder deutlich der schnurrende, freudlose Walzer der Violine herauf. Die
beiden Mädchen schwiegen eine Weile, da erhob sich Gertrud plötzlich und begann
sich auf dem Teppich vor dem Kamine nach dem Takte der Violine zu drehen, ernst
und eifrig, und ihr Schatten, lang und schmal, fuhr unruhig an den Wänden
entlang. Mein Gott, dachte Fastrade, man lebt doch hier, als ob man gleich
erwachen müsste, um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen.
    Gertrud war erschöpft, sie warf sich auf das Sofa und atmete schnell. »So,«
sagte sie, »das hat mir gut getan, jetzt will ich nach Hause fahren.«
 
                                Neuntes Kapitel
Der Winter neigte sich seinem Ende zu. Fastrade hatte über die schon feucht
gewordenen Wege ihren Abendspaziergang gemacht und kam nach Hause, wo der
gewöhnliche Padurensche Abend sie erwartete. Couchon sass bei ihren Karten, und
es roch dort nach den Bratäpfeln, die sie stets im Ofenrohr hielt. Im Saal waren
die Lampen noch nicht angezündet. Fastrade wollte, wie sie es jeden Abend tat,
in das Zimmer ihres Vaters gehen, aber sie wurde unterwegs von der Baronesse
Arabella aufgehalten, die im Dunkeln nach Fastrades Händen griff und flüsterte:
»Der Egloff ist hier gewesen.« - »Oh, wirklich«, sagte Fastrade. Das klang
gleichgültig, aber sie wusste sofort, dass sich etwas ereignet hatte, das diesen
gewöhnlichen Padurenschen Abend für sie mit einem Schlage zu etwas sehr
Bedeutsamem und Einzigem machte. »Und denke dir,« fuhr die Baronesse fort, »er
hat bei deinem Vater um deine Hand angehalten.«
    »Der tolle Mensch«, entfuhr es Fastrade.
    »Nicht wahr?« meinte die Baronesse. »Dein Vater hat auch, glaube ich, sehr
ernst mit ihm gesprochen, er hat ihm auch wohl gesagt, dass er diese Verbindung
nicht wünschen kann. Im übrigen hat er alles von deiner Entscheidung abhängig
gemacht. Du weisst, er entscheidet jetzt so ungern etwas allein. Aber ich freue
mich, liebes Kind, dass du auch so denkst.«
    »Wie denke ich?« sagte Fastrade schnell, »ich weiss gar nicht, wie ich
denke.«
    »Aber, liebes Kind,« wandte die Baronesse ein, »ein so leichtsinniger,
junger Mensch.«
    »Nein, nein, nein, ich weiss nicht, wie ich denke«, wiederholte Fastrade; sie
machte sich von der alten Dame los und setzte schnell ihren Weg zum Zimmer ihres
Vaters fort.
    Als Fastrade eintrat, richtete der Baron sich aus seiner gebückten Haltung
stramm auf. »Komm, setze dich, meine Tochter«, sagte er feierlich. »Also der
Dietz Egloff hat um deine Hand angehalten, du bist alt genug, um zu
entscheiden.« Er hielt inne und machte ein unzufriedenes Gesicht. Er war
enttäuscht, dass das, was er sagte, so mühsam und dürftig herauskam. »Nun ja,«
fuhr er dann fort und gab seiner Stimme einen ernsteren, volleren Klang, »ich
habe ihm gesagt, dass ich nicht in der Lage bin, ihn für den geeigneten Gatten
meiner Tochter zu halten. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn sozusagen missbillige,
aber ich würde dich fragen, und du wirst entscheiden.« Er schwieg dann und
hustete, denn die Rede hatte ihn ermüdet.
    »Was sagte er?« fragte Fastrade, und die Andeutung eines Lächelns zuckte um
ihre Lippen. - »Er sagte nicht viel,« erwiderte der Baron, »er sagte, er sehe
deiner Entscheidung entgegen, dann stand er auf und ging fort. Nun, ich denke,
die Entscheidung kann dir nicht schwer fallen.« Eine Pause entstand. Fastrade
hatte den Kopf auf die Lehne des Sessels zurückgebogen und schaute sinnend zur
Decke auf, die Lippen noch immer wie bereit zu einem Lächeln. »Nun?« fragte der
Baron endlich.
    »Ich denke,« sprach Fastrade endlich zur Decke hinauf, »ich denke, ich
schreibe ihm, dass er kommen kann.«
    Der Baron antwortete eine Welle nicht, er hustete, räusperte sich, endlich
begann er zu sprechen, unsicher und mit Anstrengung: »Das heisst also soviel, dass
du ihn nimmst, ganz ohne zu überlegen, einen Menschen, von dem du weisst, dass ich
ihn missbillige, einen leichtsinnigen Menschen, einen Spieler. Aber so warst du
immer, auf meinen Rat hörtest du ja nie, du musstest deinen Willen haben. Aber
Kind, Kind,« die Stimme hob sich und wurde patetisch, »zu spät einzusehen, dass
ich recht habe, das bringt Kummer über alle. Du wirst sehen -.« Aber er hatte
sich überschätzt, die Stimme brach plötzlich ab, er lehnte sich in seinen Sessel
zurück und schloss die Augen. »Tue, was du willst,« murmelte er kleinlaut und
mutlos, »du willst ja nicht gehorchen.«
    Fastrade beugte sich besorgt vor, legte ihre Hand auf die Hand ihres Vaters.
»Doch, Papa,« sagte sie, »ich will gehorchen, aber wenn ich entscheiden soll,
entscheide ich so.«
    Der Baron verzog ärgerlich sein Gesicht: »Gut, gut, tue, was du willst, geh
jetzt, ich bin müde.« Fastrade stand auf und ging. Drüben in ihrem Zimmer
begegnete sie dem kleinen Stubenmädchen Trine. »Trine,« sagte sie, »liebst du
noch deinen Hans, deinen Stallburschen?« Das Mädchen beugte verschämt den Kopf
und lachte über das ganze Gesicht. »Ach was, der«, murmelte es. - »Ja, liebe ihn
nur,« fuhr Fastrade fort, »er betrinkt sich zuweilen, nicht?«
    »Ja, mit dem Trinken«, erwiderte Trine; aber Fastrade unterbrach sie: »Das
schadet nichts, liebe ihn nur; die armen Männer, sie stehen so im Leben, sie
wissen nicht, wie sie in all diese Sachen hineinkommen, wir können ihnen
vielleicht helfen.« Trine hob ihr errötendes Gesicht zu Fastrade auf und sagte
treuherzig: »Ach, Fräulein, der Hans hat auch einen ganz freundlichen Rausch.« -
»So, so,« meinte Fastrade, »um so besser.«
    An Egloff schrieb Fastrade: »Sie dürfen kommen. Fastrade.«
    Am Nachmittage des nächsten Tages wurde Egloff erwartet. Die Baronesse
Arabella hatte ihr schwarzes Seidenkleid angezogen und ihre Scheitel frisch
gebauscht. Mit kummervoller Geschäftigkeit ging sie durch die Zimmer und
ordnete. Sinnend blieb sie vor Fastrade stehen: »Ich denke, wir machen das so,«
sagte sie, »ich lasse die Lampen im Saale früher anzünden, du empfängst ihn
hier, ihr sagt euch das Nötige, ich bin bei deinem Vater, dann kommt ihr zu uns
herein. Lange dürft ihr nicht bleiben, es regt deinen Vater auf und könnte ihm
schaden. Ich gebe euch das Zeichen, wann ihr gehen sollt. Gut, ihr geht dann in
dein Schreibzimmer und dort nimmt die Verlobung ihren weiteren Verlauf, bis
Christoph zum Abendessen ruft. Dein Vater gibt eine Flasche Château Pape Clément
und eine Flasche Roederer. Wir haben einen Fisch, Hühner und eine Charlotte, ich
denke, so wird es gehen.«
    »Also ein Fest«, sagte Fastrade spöttisch. Die alte Dame zuckte mit den
spitzen Schultern: »Dein Vater meint, wie er auch über die Sache denken mag, es
soll doch alles geschehen, was bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt.«
Aber Fastrade schien das alles nicht zu gefallen und es klang gereizt, als sie
sagte: »Es ist gewiss sehr freundlich von Papa, dass er seinen geliebten Pape
Clément opfert, aber ich finde, eine Verlobung ist ohnehin kein angenehmer
Augenblick und wenn nun noch eine Zeremonie daraus gemacht wird -.«
    »Das ist nicht zu ändern,« meinte die Baronesse und wandte sich wieder ihren
Beschäftigungen zu, »jedes Ding hat seine Form.«
    Es begann schon zu dämmern, als Egloff ankam. Fastrade stand mitten im Saal
in ihrem schwarzen Spitzenkleide, eine blasse Monatsrose im Gürtel. Sie machte
ein etwas böses Gesicht, wie stets, wenn sie befangen war. Als Egloff eintrat,
lächelte er sein spöttisches Lächeln, aber Fastrade sah sofort, dass auch er
befangen war, und das gab ihr Mut. Er trat auf sie zu, nahm ihre Hand, küsste sie
und behielt sie dann in der seinen. Fastrade bemerkte, dass diese Hand sehr kalt
und sehr vorsichtig war, als fürchtete sie, ihr wehe zu tun. »Ich danke Ihnen,«
sagte Egloff, »ich hatte nicht geglaubt, dass es solch eine Qual sein kann, auf
einen Brief zu warten, mit jeder Minute erschien mir mein Unternehmen gewagter,
aber ich kann nicht warten, ich spiele gern Vabanque.«
    Fastrade zog ein wenig die Augenbrauen zusammen. »Ach nein, nicht das,«
meinte sie, »ich möchte nicht einer dieser unangenehmen Gewinste sein.«
    Egloff lachte: »Nun gut, nennen wir es anders.«
    »Aber wie kamen Sie darauf?« fragte Fastrade, »wir kennen uns doch so
wenig.« »Das war eine Chance mehr für mich,« erwiderte Egloff, »denn, wenn man
sich erst kennt -.« Fastrade jedoch unterbrach ihn: »Sie dürfen heute nicht so -
gottlos sprechen.« - »Gottlos,« wiederholte Egloff, »nein, ich fühle mich heute
so fromm, wie es nur einer kann, an dem ein gutes Werk geschehen ist.« Er küsste
wieder Fastrades Hand, und dann schwiegen sie. Fastrade ging es durch den Sinn:
ich habe es gleich gedacht, dass dabei eine lächerliche Situation herauskommen
wird. Endlich begann Egloff wieder zu sprechen: »Sie sehen, dieses Haus
schüchtert mich so ein, ich unterlasse wahrscheinlich wichtige Dinge. Sind da
nicht noch Formalitäten zu erfüllen?«
    »Wir müssen zu meinem Vater hineingehen«, erwiderte Fastrade.
    »Natürlich,« versetzte Egloff, »der väterliche Segen, natürlich. Muss man
dabei knien?« - »Das ist wohl nicht nötig«, erwiderte Fastrade und ging voran in
das Zimmer ihres Vaters.
    Der Baron und Baronesse Arabella sassen ernst und erwartend da. Als Egloff
eintrat, streckte der Baron ihm langsam die Hand entgegen und sagte:
»Willkommen, meine Tochter hat für Sie entschieden, so haben wir alles andere
der Vorsehung anheimzugeben. Setzt euch, Kinder.« Er wartete, bis sie sich
gesetzt hatten, und fuhr dann fort: »Meine väterlichen Befürchtungen und Sorgen
habe ich euch beiden mitgeteilt. Fastrade ist in dem Alter, selbst über sich zu
bestimmen, so sei denn von dem allen nicht mehr die Rede.« Und nach alter
Gewohnheit machte er mit der flachen Hand einen Querschnitt durch die Luft. »Es
bleibt mir somit nur übrig, des Himmels Segen auf euch herabzuflehen. Eine
Bedingung jedoch möchte ich noch machen, ich verlange eine Wartezeit, bis zum
nächsten Winter sagen wir. Sie können es mir nicht übel nehmen, wenn ich auf
solcher Probezeit bestehe, wenn ich wissen will, ob der künftige Gatte meiner
Tochter sich als meiner Tochter würdig bewährt.« Der Baron war fertig, er lehnte
sich zurück, er hatte kräftig und geläufig gesprochen, wie einst auf der
Kreisversammlung, und das befriedigte ihn. Egloff dagegen dachte, dies ist der
fatalste Augenblick meines Lebens, man sitzt und muss sich unangenehme Dinge
sagen lassen, und was antwortet man nun auf so etwas. Endlich fiel ihm eine gut
abgerundete Redensart ein, die er schnell und nachlässig hersagte: »Ich bin mir
der grossen Verantwortung wohl bewusst, die mir dieses unverdiente Glück
auferlegt.« Bei dem Worte Verantwortung horchte der Baron auf. »Verantwortung,«
wiederholte er, »ganz richtig. Grosse Verantwortungen erziehen den Menschen, das
ist ganz richtig.« Jetzt gab die Baronesse das Zeichen, und Fastrade und Egloff
zogen sich zurück.
    In Fastrades Zimmer drückte Egloff sich fest in die Sofaecke, zog Fastrade
nahe an sich und sagte: »So, das wäre überstanden. Hier bei dir sitzt es sich
gut, wunschlos behaglich.« »Du Armer,« meinte Fastrade, »so streng mit dir zu
sein.« - Egloff zuckte die Achseln: »Das ist vorüber, aber die Redensart mit der
Verantwortung brachte ich doch gut heraus, die passte so ganz in die Stimmung.«
    Vor ihnen lag die stille Zimmerflucht, kein Ton regte sich im Hause, im
Kamine prasselte das Feuer, draussen an den Fensterläden rüttelte der
Frühlingswind. Egloff hatte eine Weile geschwiegen, jetzt lachte er plötzlich
auf: »Immer wenn ich sah,« sagte er, »dass zwei Verlobte feierlich und
geheimnisvoll in einem Zimmer allein gelassen wurden, alles umher musste still
sein, niemand durfte sie stören, da sagte ich mir: was sprechen sie? Sie lernen
sich kennen, gut, wie machen sie das! Jetzt weiss ich es. Sie sprechen gar nicht.
Man hat gar keine Lust zum Sprechen, man hat gehört, was man hören wollte, dass
man angenommen ist, nun ist man so wohltuend satt, dass man vorläufig nichts zu
sagen braucht.«
    »Und ich dachte,« versetzte Fastrade, »wenn zwei Verlobte sich zurückziehen,
dann bekommt man viele ganz süsse Sachen zu hören.«
    »Ach ja, natürlich,« meinte Egloff, »diese süssen Sachen sind immer zu haben,
aber es sind immer dieselben, wie die Bonbons beim Konditor Kitsch im Städtchen.
Die einen sind rosa, die anderen sind gelb, und alle sind in Silberpapier
gewickelt.«
    »Ach ja, die habe ich sehr geliebt,« gestand Fastrade, »die einen schmeckten
nach Rosen und die anderen nach Zitronen, und sie waren so süss, dass, wenn man
sie ass, einem die Luft verging und die Tränen in die Augen traten. Aber das ist
nichts für uns, unsere Verlobung ist viel zu ernst.«
    Egloff fuhr auf: »Ernst? Warum soll unsere Verlobung besonders ernst sein?
Weil es hier im Hause gespenstisch still und feierlich ist, weil dein Vater
streng war und ich mich bewähren muss. Davon wird sich unsere Verlobung nicht
anstecken lassen. Ich werde ja natürlich hierherkommen, um zu zeigen, ob ich
mich bewähre, aber uns wirklich sehen, uns eigentlich sehen, wollen wir uns
draussen. Wenn ich höre, wie es da draussen bläst und an den Fensterläden rüttelt,
möchte ich dich gleich nehmen und hinaustragen.«
    Fastrade lächelte: »Würde das nicht gegen das Gesetz sein, wie der Baron
Port sagt?« Egloff schlug mit der flachen Hand auf die Sofalehne und lachte
laut: »Gegen das Gesetz des Baron Port zu sündigen, wird eine Wohltat mehr
sein.«
    Während sie sprachen, betrachtete Fastrade genau Egloffs Gesicht. So nahe
gesehen, war es ihr fremd, die eigensinnige Knabenstirn unter dem
glattgescheitelten Haar war ihr bekannt, aber da waren zwei sichelförmige
Fältchen zwischen den Augenbrauen. Auch war die rechte Augenbraue ein wenig
höher als die linke, das gab wohl dem Gesichte den hochmütig spöttischen
Ausdruck. Die Augen waren sehr dunkel, aber wenn sie in die auflodernde Flamme
des Kamins sahen, wurden sie braun wie die Flügel der grossen, schwarzen
Herbstfalter, wenn die Sonne sie bescheint. Sie sah auf seine Hand nieder,
welche die ihre hielt, eine breite, weisse Hand mit langen, schmalen Fingern, die
sich seltsam nervös zuspjetzten. Fastrade dachte daran, gehört zu haben, dass
Egloff sehr stark sei. Von diesen Händen genommen und in den Frühlingswind
hinausgetragen zu werden, musste vielleicht gut tun.
    »Ach Gott, meine Erziehung,« sagte Egloff, »meine Erziehung war dumm, ich
wurde unmenschlich verwöhnt, und doch war alles wieder verboten. Als ich mich
dann später gierig auf meine Freiheit warf, enttäuschte sie mich, ich hatte mehr
erwartet. Überhaupt, an meiner ganzen Generation hier in der Gegend ist etwas
versäumt worden. Unsere Väter waren kolossal gut, sie nahmen alles sehr ernst
und andächtig. Es war wohl dein Vater, der gern von dem heiligen Beruf sprach,
die Güter seiner Väter zu verwalten und zu erhalten. Na, wir konnten mit dieser
Andacht nicht recht mit, nach einer neuen Andacht für uns sah man sich nicht um.
Und so kam es denn, dass wir nichts so recht ernst nahmen, ja selbst die Väter
nicht, nicht einmal die Grossmütter. Da entstand wohl auch die Lust, jedes brave
Ideal einmal an die Nase zu fassen.«
    Über Fastrades Gesicht ging ein schmerzlicher Ausdruck, plötzlich wie eine
Vision, sah sie die weissen Korridore des Krankenhauses, die Säle mit den Reihen
der Betten, in denen auf weissen Kissen die bleichen Gesichter lagen, diese grosse
Herberge der Leiden, in der sie numeriert und nach Klassen geordnet
aufgespeichert waren.
    »Und es ist doch eine so furchtbare Sache«, sagte sie leise.
    »Das Leben? Natürlich,« meinte Egloff ruhig, »eine Bestie, die nicht zu
zähmen ist, da ist nichts zu machen. Früher liess ich die Bestie Bestie sein,
jetzt werde ich acht geben müssen, dass sie dir nicht zu nahe kommt«, und er
drückte Fastrade fester an sich. Sie lächelte wieder. »Aber hier in Paduren,«
sagte sie, »darfst du niemanden an die Nase fassen.«
    »Aber das Portsche Gesetz,« rief Egloff lustig, »das fassen wir an die Nase,
wir wollen ein Brautpaar sein, über das sie hier in der Gegend auf allen
Schlössern die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen.«
    In der Zimmerflucht begann es jetzt lebendig zu werden, Baronesse Arabella
ging hin und her, der Baron liess sich durchführen, und endlich erschien
Christoph und meldete, es sei serviert.
    Im Esszimmer sass der Baron bereits am Tische, den Kopf gebeugt, das bleiche
Gesicht müde und kummervoll, Baronesse Arabella und Couchon standen wartend
hinter ihren Stühlen. Als Fastrade ihren Verlobten Couchon vorstellte, sah die
alte Französin mit ihren fast hundertjährigen Augen kokett zu Egloff auf,
lächelte mit dem zahnlosen Munde und murmelte: »Joli garçon.« Hier setzt man
sich mit Gespenstern zu Tisch, ging es Egloff durch den Sinn. Dann begann die
Mahlzeit. Die Baronesse führte eine fast fieberhaft angeregte Unterhaltung, es
war, als fürchte sie, eine Pause könnte entstehen und Unliebsames bringen. Sie
sprach von den Egloffs, die sie gekannt hatte, von einer Fürstin Coronat, Dietz
Egloffs Grossmutter mütterlicherseits, sie machte Verwechslungen in der
Verwandtschaft, worüber man dann lachen konnte. Als nun aber doch eine Pause
entstand, sah der Baron Egloff streng an und fragte: »Wird noch viel Wald
geschlagen werden in Sirow?« Fastrade blickte zu Egloff hinüber, wirklich, er
errötete wie ein Knabe, als er antwortete: »Ach nein, ich denke, das wird
genügen.« »Ja, unsere Wälder,« fuhr der Baron mit erhobener Stimme fort, »unsere
Wälder -«, dann brach er jedoch mutlos ab, wie es ihm jetzt oft geschah, wenn er
den Anlauf dazu nahm, wie früher eine bedeutsam Ansicht auszusprechen. Die
Baronesse begann wieder schnell zu sprechen, sie sprach von dem Fisch, der eben
gegessen worden war, einem grossen Schlei; die Schleie aus dem kleinen See dort
unten im Park waren ja berühmt ihres reinen Geschmackes wegen, und nun sprach
man auch von anderen Fischen. Die Hühner wurden serviert, als der Baron wieder
den Kopf erhob und fragte: »Werden durch die Verwüstung die Auerhähne nicht
gestört?«
    Dieses Mal antwortete Egloff ruhig und mit kaum merklichem Lächeln: »O nein,
den Auerhähnen geschieht nichts.« Der Baron nickte: »Ja, ja, die korrekte Pflege
der Jagd ist auch ein Stück adeligen Idealismus.«
    Christoph schenkte jetzt den Roederer ein, eine feierliche Pause entstand,
mit zitternder Hand erhob der Baron sein Glas und sagte mit bekümmerter Stimme:
»Nun, Arabella, wir können unserem neuen Verwandten jetzt wohl das Du anbieten,
Gottes Segen über euch, meine Kinder.« Die Gläser klangen aneinander, Christoph
stand hinter dem Stuhle seines Herrn, faltete die Hände und machte ein Gesicht,
als wollte er weinen. Während die Charlotte verzehrt wurde, schleppte die
Unterhaltung sich nur mühsam hin, alle waren erleichtert, als Baronesse Arabella
die Tafel aufhob. Nach der Mahlzeit hielt man sich noch ein wenig im Saale auf,
um eine Zigarette zu rauchen, der Baron sprach vom Nutzen der Drainage, und dann
verabschiedete sich Egloff. Fastrade begleitete ihn ins Vorzimmer hinaus, sie
beugte den Kopf zurück, um ihm in die Augen zu sehen, und lachte. »Das war ein
Prüfungstag,« sagte sie, »wenn ich bei euch bin, ist die Reihe an mir.« »Es gibt
eben eine Gerechtigkeit«, erwiderte Egloff, fasste Fastrade um die Taille, hob
sie empor und küsste sie. Christoph sah das mit masslosem Erstaunen und wandte
sich ab.
 
                                Zehntes Kapitel
Egloff lag in der Auerhahnhütte auf dem einfach aus Brettern
zusammengeschlagenen Ruhebett. Er hüllte sich in seinen Mantel, denn es war
kalt. Neben ihm auf dem Tisch standen eine Flasche Portwein und ein Glas, in
einem Messingleuchter brannte eine Kerze, deren Flamme im Winde, der durch die
Spalten des kleinen Holzbaues hereinblies, heftig hin und her flackerte. Auf
einem Stuhle sass der alte Förster Gebhard. Die grüne Mütze tief in die Stirn
gezogen, das Gesicht halb in seinem grossen Bart wie in einem grauen Schal
versteckt, so warteten sie beide, dass es Zeit sein würde, auf die Balz zu gehen.
»Sprechen Sie, Gebhard, sprechen Sie, sonst schlafen Sie ein«, sagte Egloff.
Gebhard riss seine kleinen Augen auf, die ihm zufallen wollten und begann
gehorsam zu sprechen. »Ja, wenn ich so denke, was wir hier schon alles für
Besuch gehabt haben, feine Damen und andere.« »Nicht davon, Gebhard,« unterbrach
ihn Egloff, »sprechen Sie von ruhigeren Sachen. Wenn Sie auch in meiner Jugend
mein Lehrer in allerhand Sünden gewesen sind, so ist es doch nicht richtig,
davon zu sprechen.« »Ich spreche so nicht davon«, murmelte Gebhard.
    »Wenn Sie schon von Weibern sprechen müssen,« fuhr Egloff fort, »dann
sprechen Sie von guten, ruhigen, verheirateten Frauen.« Gebhard kicherte in
seinen Bart hinein. »Ja, da hab' ich nun meine drei. Die erste war nun so eine
kleine Dicke, dumm war sie, aber eine gute Frau. Schade, dass die mir wegstarb.
Die zweite war die Kammerjungfer der Frau Baronin, die wollte Kopfschmerzen
haben wie die Frau Baronin und im Bett Kaffee trinken. Als dann das Kind kam,
war sie zu schwach und starb. Nun, und meine dritte Frau kennt der Herr Baron.«
    Egloff richtete sich ein wenig auf. »Mensch,« sagte er, »was sprechen Sie
da, was gehen mich Ihre Frauen an? Drei Frauen haben Sie gehabt, und alle drei
haben Sie genommen? Und warum? Was war denn an Ihnen besonders daran?« Gebhard
zuckte mit den Schultern. »Nun, nichts,« meinte er, »die Weiber wollen heiraten,
was nun auch daraus wird. Das ist so, wenn einer das Reisen liebt, geht er auf
die Reise, was ihm auf der Reise passiert, das ist abzuwarten.« Egloff liess sich
wieder zurücksinken: »Ach Gebhard,« sagte er, »Sie werden weise, dann schweigen
Sie lieber.«
    Draussen um die Hütte rauschten die grossen Tannen ein ununterbrochenes
Brausen, das zeitweise anschwoll, dann wieder leise und weich wurde wie ruhiges
Atmen. Egloff schloss die Augen, er wollte sich von dieser grossen, verträumten
Stimme des Waldes einschläfern lassen. Drei Frauen hat der alte Sünder gehabt,
dachte er, so ganz ohne weiteres, und ich komme mit dieser einen Verlobung nicht
zurecht. Wie unendlich einfach hatten ihm bisher die Weiber geschienen. Da war
er, der ein Weib besitzen musste, und da war ein Weib, das sich hingeben wollte,
wie einfach und selbstverständlich sich so zwei Sinnlichkeiten
auseinandersetzen. Selbst mit Liddy, ihre Zusammenkünfte vorigen Sommer im
nächtlichen Park von Sirow, es hatte ihn erregt, er hatte sich stets gefreut,
wenn er ihr weisses Kleid zwischen den Bäumen aufschimmern sah, oder wenn er sie
dann atemlos und zitternd in seinen Armen hielt. Aber niemals hatte ihn der
Gedanke beunruhigt, was Liddy von ihm denken könnte oder was in ihrer Seele
vorging, und jetzt bei diesem Mädchen kamen da plötzlich solche Unsicherheiten
über ihn, die ihn ruhelos machten, so der Gedanke, warum liebt dich dieses
Mädchen? Sie sieht wohl einen anderen in dir, und das Missverständnis wird sich
aufklären und du wirst sie verlieren. Und dann die beständige Anstrengung,
dieser andere zu sein, den sie in ihm sah. Ach Gott, wusste man denn mit solch
einem Mädchen, woran man war? Einmal war es einem ganz nahe und dann so seltsam
fern. Vorigen Abend hier im Walde, als der warme Südwestwind wehte und es so
berauschend nach feuchter Erde und Knospen duftete, da war alles so
selbstverständlich und klar gewesen, da gingen sie eng aneinander geschmiegt,
und ein jedes fühlte das Fieber im Blut des andern. Da waren keine Gedanken
nötig. Und dann gleich am nächsten Tage auf dem Spaziergang, war sie ganz wieder
das Schlossfräulein, das ihn in Distanz hielt, das von der Welt sprach, als sei
sie ein wohleingerichteter Salon, in dem lauter gut erzogene Menschen unter
festen Gesetzen lebten, ja, sie drängte ihm den Edelmut, die feine Erziehung,
die Gesetze geradezu auf, legte sie in ihn hinein. Er konnte sie dann fast
hassen, er hätte ihr dann gern etwas gesagt, was sie empörte und demütigte, aber
er war zu feige. Wenn die weit offen schillernden Augen ihn begierig ansahen,
als wollten sie etwas besonders Neues, Schönes aus ihm herauslesen, dann
fürchtete er stets, sie würden den uninteressanten Gesellen in ihm entdecken,
lauter ungewohnte, abspannende Gedanken. Er seufzte. Ach Gott, und was für
unerbittliche Wirklichkeitsmenschen solche Mädchen waren. Jedes Erlebnis bekam
feste Konturen, stand so sachlich und deutlich da, als könnte es nie mehr
fortgewischt werden. Ein Erlebnis fallen lassen, wie wir eine angerauchte
Zigarette fortwerfen, das kannten sie nicht. Ihnen wurde jedes Erlebnis zu einem
Besitz, der mitzählte, als müsste es in ein Hauptbuch eingetragen werden für
irgendeine künftige Abrechnung. So waren sie alle, von der schwarzen Lene im
Krug bis zu Fastrade. Er hatte seine Wirklichkeit nie so recht gefühlt, er war
sich stets ein Erlebnis gewesen, das ihm zufällig zuteil geworden war, das ja
zuweilen recht vergnüglich war, aber zur Not auch fallen gelassen werden konnte.
    Er richtete sich auf, dieses Herumraten an sich und an Fastrade machte ihn
müde und unruhig zugleich. Er schenkte sein Glas voll, der alte Portwein hatte
zuweilen die Eigenschaft, Dinge, die verworren und schwierig aussahen, plötzlich
ganz einfach und klar erscheinen zu lassen. Der Zugwind wehte die Flamme der
Kerze hin und her. Gebhard schlummerte, sein Schatten, gross und unförmlich,
hüpfte unablässig auf der Wand. Draussen schien der Wind sich gelegt zu haben,
nur ein leises, verschlafenes Rauschen ging noch durch den Wald. Deutlich waren
jetzt all die kleinen Gewässer ringsum vernehmbar wie ein waches, eigensinniges
Lachen, das in die grosse Ruhe der Nacht hineinspottete. Dann ertönte plötzlich
der klagende Ruf eines Kauzes, und ein anderer antwortete ihm noch aus der
Ferne. Die haben es gut, dachte Egloff, sich so in der kühlen Dunkelheit
anzulocken, durch Zweige und Knospen zueinander zu fliegen, um ihre Liebesnacht
zu feiern - raffiniert. Er lehnte sich wieder zurück, er wollte nichts mehr
denken, nur Fastrade, Fastrade. Ja, da war es leicht, seine Wirklichkeit zu
fühlen, wenn man so königliche Arme hatte und mit einem so königlichen Körper
sich abends zu Bett legte und morgens wieder aufstand. Eine angenehme
Schläfrigkeit machte ihm jetzt die Glieder schwer, die Gedanken wurden
undeutlich, begannen zu Träumen zu werden, zu Träumen, in die das Rauschen des
Waldes, das Lachen der kleinen Gewässer hineinklangen, und das Rufen der
Käuzchen, die schon nahe beieinander waren.
    Egloff erwachte von einem kalten Windstoss, der in das Zimmer fegte. Gebhard
hatte die Tür geöffnet und schaute hinaus. »Es wird Zeit sein zu gehen,« sagte
er, »der Himmel hinter den Bäumen scheint mir schon so weiss.« Egloff sprang auf,
der kurze Schlaf hatte ihm gut getan, und er freute sich jetzt auf die Jagd. Er
nahm sein Gewehr und löschte die Kerze aus. »Gehen wir«, sagte er.
    Draussen war es noch finster, eine gute Strecke gingen sie auf einem bequemen
Waldpfade hin, bis sie an ein Sumpfland kamen, das weiss von Nebel war. Die
Dunkelheit hellte sich ein wenig auf, sie wurde grauschwarz, und deutlich
standen Bäume und Büsche in ihr. Egloff und Gebhard begannen vorsichtig zu
gehen, der Boden gab nach, jeder Tritt verursachte ein kleines, plätscherndes
Geräusch, dann kamen Strecken, die mit dichtem Moos bewachsen waren, in das der
Fuss einsank wie in weiche Polster. Zuweilen blieben die Jäger stehen und
horchten hinein in all die kleinen Geräusche des Waldes, das Lispeln und
Rauschen, um den einen Ton herauszuhören, auf den sie warteten. Der Boden wurde
jetzt fester, vor ihnen standen hohe, alte Föhren, in deren dunkelen Schöpfen
ein leichter Wind metallisch knisterte. Gebhard blieb zurück und Egloff schlich
behutsam vorwärts. Eine köstliche Spannung regte ihm das Blut auf. Plötzlich kam
ein Ton, der ihm wie Schreck durch die Glieder fuhr. Er wartete, der Ton kam
noch einmal und dann begann dort oben in der Dunkelheit dieses seltsame Zischen
und Schnalzen, das für Egloff alle anderen Töne des Waldes auslöschte. Er
schlich und sprang, vorsichtig nach Deckung ausspähend und immer hinhorchend auf
die Stimme des Vogels, der dort vor ihm leidenschaftlich und schamlos seine
Brunst in die Finsternis hineinrief. Schwieg der Hahn eine Weile, dann stand
Egloff wie festgebannt still und hörte sein Herz so laut klopfen, als liefe da
mit schweren Schritten jemand hinter ihm her. Endlich war er dem Hahne ganz
nahe, er sah ihn dort auf dem Föhrenzweige gross und schwarz in der Dämmerung mit
seinen wunderlichen steifen Bewegungen. Egloff legte an und schoss, etwas fiel zu
Boden, man hörte Schlagen von Flügeln, dann wurde es still. Ein köstliches
Gefühl des Triumphes machte Egloff ganz heiss, hinter sich hörte er Gebhard
heranlaufen. Alle Aufregung war vorüber, sie gingen zur Schussstelle, da lag der
schwarze Vogel mit seinen gebrochenen Augen friedlich da, nichts war an ihm mehr
vom Erregenden, das Egloff noch eben jeden Nerv angespannt hatte. Egloff setzte
sich auf einen Baumstumpf und zündete sich eine Zigarette an. Der Morgen graute,
die Bäume und Sträucher, die eben noch so bedeutungsvoll und wichtig erschienen
waren, standen nüchtern und gleichgültig da. Jedesmal nach solcher Jagd hatte
Egloff dieses Gefühl der Niedergeschlagenheit und Ernüchterung, wenn das
prächtige Raubtiergefühl des Heranschleichens und Horchens vorüber war. »Gehen
wir«, sagte er zu Gebhard.
    Durch den aufdämmernden Morgen gingen sie nach Hause, der Tag versprach
schön zu werden, der Himmel war weiss und dunstig, und zahllose Bekassinen
sandten von der Höhe ihre schrillen Triller nieder, und die Elstern schwatzten
in den Ellernbüschen. Egloff dachte jetzt nur daran, wie wohlig es sein würde,
sich in seinem Bette auszustrecken, alles andere war vorläufig gleichgültig. Auf
der Landstrasse begegneten sie einem mit zwei Pferden bespannten Jagdwagen,
Doktor Hansius vom Städtchen sass darin, sein grosses Gesicht mit dem gelben
Bartgestrüpp verschwand fast ganz in dem hohen Mantelkragen, die Augen hinter
den blauen Brillengläsern waren geschlossen, er schlummerte. »Doktor! Doktor!«
rief Egloff. Der Doktor fuhr auf und liess den Wagen halten. »Ah, Baron Egloff,«
sagte er, »guten Morgen. Auf der Jagd gewesen? Na, ich sehe schon, gratuliere.«
»Danke,« erwiderte Egloff, und blieb vor dem Wagen stehen, »wo treiben Sie sich
so früh umher?« Der Doktor machte eine müde, abwehrende Handbewegung: »Ich, ich,
ach Gott, habe keine Ruhe. Gestern abend werde ich nach Witzow abgeholt.«
»Wackeln die alten Herrschaften dort?« fragte Egloff. »O nein,« erwiderte der
Doktor, »die Alten wackeln nicht, es sind immer die jungen, die Baronesse
Gertrud mit ihren Nerven. Na, und wie ich denn nachts nach Hause komme, finde
ich die Nachricht vor, ich soll sofort nach Barnewitz kommen, die Baronin hat
eine Nervenattacke. Nerven und Nerven, die sind auch solch eine moderne
Erfindung, von der unsere alten Herrschaften nichts wussten.«
    »Ja, ja, Doktor,« meinte Egloff, »Sie stehen immer auf seiten der Alten. Na,
guten Morgen, im Bette will ich an Sie denken.« Der Doktor fuhr weiter. Also die
kleine Liddy ist krank, ging es Egloff durch den Sinn, während er an den Roggen-
und Weizenfeldern, die grau von Tau waren, dem Schloss zuging, meinetwegen
vielleicht? Das ist jetzt gleichgültig, das muss jetzt aus sein, war wegen des
Fritz Dachhausen immer eine fatale Geschichte.
    Zu Hause ging er sofort ins Bett. Nach der Jagd sich ins Bett zu legen,
sagte er sich, ist ein ganz fragloses und volles Glück.
    Egloff schlief fest und traumlos weit in den Tag hinein, er erwachte davon,
dass Klaus vor seinem Bette stand und meldete, es würde bald Zeit zum Mittagessen
sein. Egloff blinzelte in den Sonnenschein hinein, der das Zimmer füllte, und
streckte sich, in den Gliedern war eine nicht unangenehme Steifigkeit von den
Anstrengungen der letzten Nacht zurückgeblieben. »Also gutes Wetter«,
konstatierte er. Gab es an diesem Tage etwas, worauf er sich freuen konnte? Ja,
er wollte am Abend mit Fastrade im Walde zusammentreffen. Nun, dann lohnte es
sich also, diesen Tag zu beginnen. »Gibt es was Neues?« fragte er. »Herr
Mehrenstein war da,« berichtete Klaus, »als er hörte, dass der Herr Baron noch
schlafen, fuhr er ab.« Egloff verzog sein Gesicht. »Mein Lieber,« sagte er, »ein
für allemal, der Name Mehrenstein wird mir nie gleich beim Erwachen serviert,
dazu eignet er sich nicht. So, nun werde ich aufstehen.« Als Egloff aus seinem
Zimmer herauskam, fand er seine Grossmutter und Fräulein von Dussa im Wohnzimmer
mit Handarbeit beschäftigt. Sie lächelten ihm beide freundlich zu. Jetzt, wo er
verlobt war, zeigten die beiden Damen womöglich noch mehr Freundlichkeit und
Rücksicht gegen ihn als sonst, aber in der Freundlichkeit lag etwas wie Wehmut,
etwas wie Schonung, die man einem erweist, dem man einen Fehltritt verziehen
hat. Egloff setzte sich zu den Damen, sprach von der Jagd, von dem Auerhahn, von
Doktor Hansius und erzählte, dass Gertrud Port und Liddy Dachhausen beide krank
seien. Die Baronin zog die greisen Augenbrauen in die Höhe und meinte: »Die arme
Gertrud hat sich da draussen ihr Leben ruiniert und Liddy Dachhausen, mein Gott,
in den Familien, man weiss nie, was da für Krankheiten herrschen.«
    Egloff lachte. »Solche fremde Völker, meinst du, bringen fremde Krankheiten
ins Land.« Die Baronin lachte nicht, sondern sagte ernst: »Fastrade, Gott sei
Dank, ist wenigstens gesund.«
    »Sie ist doch mehr als nur gesund«, wandte Egloff ein. Die beiden Damen
beugten erschrocken ihre Köpfe auf die Handarbeiten nieder, und die Baronin
murmelte entschuldigend: »Ich meine nur, Gesundheit ist eine wertvolle Gabe
Gottes.« Ein ungemütliches Schweigen entstand, bis Fräulein von Dussa wieder den
Kopf erhob, nachdenklich zum Fenster hinaussah, wie sie stets tat, wenn sie
etwas Geistreiches bemerken wollte und sagte: »In dieser Baronin Dachhausen ist
etwas, das ich nie ganz verstehen kann. Ich will nicht sagen, dass sie ein Buch
in fremder Sprache für mich ist, sie ist eher ein Buch, das aus einer fremden
Sprache in meine Sprache übersetzt worden ist und in dem doch ein Rest von
Unverständlichkeit zurückblieb.«
    »Ah, Sie meinen,« versetzte Egloff, »vom Birkmeierschen ins Dachhausensche
übersetzt. Aber die kleine Liddy ist doch nicht dazu da, damit man sie studiert,
sondern damit man sie ansieht.«
    »Allerdings, dieser Anforderung genügt sie«, antwortete Fräulein von Dussa
spitz. Dann ging man zum Essen. Bei Tisch wurde von dem Diner gesprochen, das
nächstens stattfinden sollte, in letzter Zeit wurde sehr viel von diesem Diner
gesprochen, und die Baronin holte ihre Erinnerungen an all die Hofdiners, die
sie mitgemacht hatte, heraus und sprach andächtig von Punch glacé, Chevreuil à
la providence und Timbale à la Marie Antoinette. Als dieses Tema erschöpft war,
kam die Rede auf Hyazinten, welche in die Fenster gestellt werden sollten, und
die Baronin sagte ein wenig feierlich, wie sie das in letzter Zeit öfters tat:
»Solange ich hier etwas zu sagen habe, werden hier im Frühjahr immer Hyazinten
in die Fenster gestellt werden. Später, wenn ich meine alten Augen schliesse,
mögen die anderen tun, was sie wollen.«
    Nachmittags beim Kaffee rauchte Egloff still seine Zigarre, der gelbe
Nachmittagsonnenschein in den Zimmern, der schwüle Duft des Räucherlämpchens auf
dem Kamine hatten von jeher seine Stimmung bedrückt. Die Damen arbeiteten
wieder, nur einmal kam es noch zu etwas lebhafterem Gespräch, als die Baronin
fragte: »Fährst du nach Paduren?« »Nein,« erwiderte Egloff, »ich soll ja da
hinkommen, um zu zeigen, ob ich mich bewähre, und noch habe ich keine Lust.«
    Die Baronin errötete vor Ärger. »Diese Wartes«, sagte sie, »waren von jeher
von einer unbegreiflichen Selbstgerechtigkeit. Sie taten immer so, als sei die
Tugend ein Vorwerk von Paduren.«
    Egloff zuckte die Achseln und schwieg. Endlich beschlossen die Damen noch
ein wenig hinauszugehen, und da es so feucht war, wollte die Baronin in der
kleinen Wandelhalle im Garten auf und ab gehen. »Du, mein Junge,« sagte sie,
»wirst wohl noch ein wenig ruhen. Ich werde dafür sorgen, dass im Hause Stille
ist, da kannst du ruhig sein, solange meine alten Augen offen sind, wird immer
dafür gesorgt sein, dass während deiner Nachmittagsruhe im Hause Stille herrscht.
Schon dein Vater hielt darauf.«
    Egloff zog sich in sein Zimmer zurück, legte sich auf sein Sofa, lehnte den
Kopf zurück, so, jetzt war nichts mehr übrig als still zu liegen und sich auf
den Abend zu freuen. Durch sein Fenster konnte er die kleine Wandelhalle im
Garten sehen, dort gingen die Baronin und Fräulein von Dussa in schwarze Mäntel
gehüllt, schwarze Schale auf dem Kopfe mit kleinen gleichmässigen Schritten auf
und ab. Seit seiner Jugend kannte er dieses Bild, die beiden schwarzen
Gestalten, die im Nachmittagsonnenschein dort auf und ab gingen, und immer hatte
es ihm bis zur Traurigkeit uninteressant geschienen. Gut, dass das Leben doch
noch andere Dinge als die kleine, sonnige Wandelhalle hatte, dachte er.
    Die Sonne war schon untergegangen, als Egloff und Fastrade noch Arm in Arm
am Waldrande entlang gingen. Es war windstill, regungslos hoben die Birken und
Eichen ihre Zweige mit den geschlossenen Knospen und die Ellern ihre über und
über mit Blütentrauben geschmückten Wipfel zum bleichen, glashellen Himmel
empor. Unter dem Rasen flüsterten und gurgelten unsichtbare Gewässer, und die
Luft war feucht und mild. Fastrade, fest in ihre blaue Frühjahrsjacke geknüpft,
den blauen Filzhut auf dem Kopfe, öffnete ein wenig die Lippen, um den Duft der
Erde und der Knospen voll einzuatmen. Sie fühlte sich seltsam wohl und zu Hause
in dieser Frühjahrswelt. Egloff war heute nervös und gereizt, Fastrade spürte es
wohl, aber es machte sie stolz, das Unruhige und Wilde in diesem Manne neben
sich so in ihrer Gewalt zu haben.
    »Natürlich habe ich an dich gedacht,« sagte Egloff, »in der Nacht dort
drunten in der Hütte und zu Hause, wenn ich nicht gerade schlief. Angenehm ist
das nicht.« Fastrade lächelte: »O wirklich, ist das nicht angenehm?« fragte sie.
    »Wie soll das angenehm sein,« erwiderte Egloff ärgerlich, »früher habe ich
mir über meine Nebenmenschen nicht viel den Kopf zerbrochen, jetzt muss ich an
einem Mädchen herumrechnen, als gälte es einen Monatsabschluss.«
    »Du Armer,« sagte Fastrade bedauernd, »aber bin ich denn ein so schweres
Exempel?«
    »Ja, ja, ich weiss,« höhnte Egloff, »ihr wollt alle klar wie Kristall sein,
eine jede hält sich für den berühmten tiefen See, dessen Wasser so klar ist, dass
man bis auf seinen Grund sieht. dabei weiss man von euch garnichts. Übrigens ist
das eine dumme Männerangewohnheit, alles zu Ende denken zu wollen. Ich wollte
dich zu Ende denken. Du wirst mir sagen, du hast auch an mich gedacht, ja, wie
ihr Frauen schon denkt. Da sind eine Menge kleiner, lächerlicher Sachen, die da
ebenso wichtig sind als unsereiner.«
    »Man braucht ja nicht immer aneinander zu denken,« meinte Fastrade, »man
fühlt einander. Wenn ich bei Papa sitze und die Memoiren lese oder Ruhke zuhöre
oder die Ausgaben und Einnahmen anschreibe, oder wenn ich Tante Arabella helfe
den Wäscheschrank ordnen, immer weiss ich, dass du da bist und dass meine Gedanken
jeden Augenblick zu dir zurückkehren können.«
    »Gut, gut,« sagte Egloff, »das ist so wie eine Schachtel Pralinee im
Schreibtisch, man hat das frohe Bewusstsein, jeden Augenblick herangehen zu
können, um ein Stück zu nehmen.«
    Sie schwiegen eine Weile und hörten einem Star zu, der auf der Spitze einer
Tanne sass und mit Flügelschlagen und Pfeifen aufgeregt sein Abendlied beendete.
Als Egloff wieder zu sprechen begann, klang es böse und traurig: »Was weiss ich
denn von dir!« Fastrade sah zu ihm empor und lächelte: »Was willst du denn
wissen?«
    »Nun,« erwiderte Egloff, und Fastrade hörte deutlich aus seiner Stimme
heraus, dass er grausam sein wollte, »da ist dieser Kandidat, hast du den
geliebt?«
    Fastrade errötete, sah ihm aber fest in die Augen: »Ja,« erwiderte sie, »so
wie ich damals lieben konnte. Ich hatte so tiefes Mitleid mit ihm, er war so
einsam, so leicht verwundbar und hilflos, ich wollte bei ihm sein und ihm Gutes
tun.«
    »Ich erinnere mich seiner,« sagte Egloff leichtin, »er hatte zu kurz
geschnittene Nägel und das Haar hing ihm hinten über den Rockkragen. Das haben
alle Kandidaten.«
    »Dann erinnerst du dich seiner nicht,« ereiferte sich Fastrade, »er war
immer sehr gut angezogen.«
    »Wie sich eben Kandidaten anziehen,« meinte Egloff, »gleichviel, und du
reistest zu ihm.«
    »Ich reiste zu ihm«, erwiderte Fastrade und ihre Stimme begann zu zittern,
»weil er sterbend war und weil ich versprochen hatte, bei ihm zu sein, wenn er
mich braucht. Das kann dich nicht kränken, dass ich ihm mein Versprechen gehalten
habe und ihm treu gewesen bin.«
    Egloff zuckte die Achseln: »Der Gedanke, dass du einem anderen treu gewesen
bist, hat für mich nichts Ansprechendes. Übrigens, du sagst Mitleid. Ist Mitleid
und Liebe denn dasselbe?«
    »Ich glaube, sie gehören eng zusammen«, erwiderte Fastrade.
    »Also hast du für mich auch Mitleid?« forschte Egloff eigensinnig und
gereizt weiter.
    »Ja«, sagte Fastrade und bemühte sich, ihrer Stimme einen festen und
tapferen Klang zu geben. »Wenn ich sehe, dass du unruhig und gequält bist, dass
alle gegen dich sind, dann habe ich Mitleid mit dir, und dann möchte ich etwas
dazu tun, dass es um dich klar wird und hell.«
    »O ich verstehe,« meinte Egloff noch immer gereizt und spöttisch, »die
ordnungsliebende Dame, die in ein ungeordnetes Zimmer kommt und von der Passion
ergriffen wird zu ordnen. Du willst also bessern und erziehen, die Liebe ist bei
dir ein pädagogischer Trieb, ein - wie soll ich sagen - ein Gouvernantentrieb.
Das ist es, was du willst, nicht wahr?«
    Sie waren stehen geblieben, Fastrade hatte Egloffs Arm losgelassen und
lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm einer Birke. Sie fühlte sich elend und
verwundet. »Nichts will ich,« sagte sie matt, »nur dass wir zusammengehören.«
Ihre Augen wurden feucht und Tränen rannen an ihren Wangen nieder. Egloff stand
vor ihr und betrachtete ernst und bewundernd das weinende Mädchengesicht. Dann
nahm er Fastrades Hände: »Unsinn,« sagte er, »da ist nichts zu weinen, man
spricht so allerlei, das ist doch nicht wichtig.« Er zog sie an sich, und als er
das tränenfeuchte Gesicht küsste, fühlte er, wie der Mädchenkörper in seinen
Armen schwer und willenlos wurde.
    Über dem Land dämmerte es stark, vom Boden stieg der Nebel auf wie weisser
Rauch, und auf der grossen Ebene erglommen in den Schlössern schon die
Lichtpünktchen. Fastrade wischte sich die Tränen aus den Augen und nahm wieder
Egloffs Arm. »Es ist nichts,« sagte sie, »dies Frühlingswetter macht einen
schwach.«
    »Gott sei Dank,« meinte Egloff, »vom ewigen Starksein hat man auch nicht
viel.«
    So schlugen sie wieder beruhigt und ein wenig nachdenklich den Heimweg ein.
    Als Fastrade nach Hause kam, lief sie in ihrem Zimmer hin und her, ordnete
ihre Sachen und begann hell und laut vor sich hin zu singen. Das war sonst nicht
ihre Gewohnheit, aber heute tat es ihr wohl. Baronesse Arabella war bei dem
Baron, und Ruhke stand vor ihm und berichtete. Ruhke schwieg plötzlich, und alle
drei horchten auf. »Sie singt«, sagte die Baronesse. »Das ist neu«, meinte der
Baron. Auch Couchon, die bei ihren Karten eingeschlummert war, fuhr auf, neigte
den Kopf auf die Schulter und lauschte.
 
                                 Elftes Kapitel
Fritz von Dachhausen sass am Morgen vor seinem Spiegel und seifte sich das Kinn
ein. Grünfeld, der alte Diener, stand hinter ihm und sah aufmerksam zu, wie sein
Herr sich rasierte. »Also,« sagte Dachhausen, »was hört man von der Nacht der
Frau Baronin?« Grünfeld machte ein trauriges Gesicht, denn er merkte es wohl,
dass sein Herr ihn im Spiegel anschaute. »Die Amalie sagt,« erwiderte er, »die
Nacht der Frau Baronin ist nicht gut gewesen. In der Nacht hat die Frau Baronin
Licht gemacht und Briefe gelesen. Später ist der Schlaf auch nicht gekommen,
vielleicht, meint Amalie, dass die Briefe die Frau Baronin aufgeregt haben.«
»Briefe?« fragte Dachhausen. »Ja, Briefe,« bestätigte Grünfeld, »die Amalie hat
sie heute morgen noch auf dem Tisch neben dem Bette gesehen.« »Unsinn,« meinte
Dachhausen ärgerlich, »die Frau Baronin hat gar keine Briefe, die sie aufregen
könnten.« Da Grünfeld darauf nichts zu antworten wusste, begann Dachhausen sich
zu rasieren; da dieses seine ganze Aufmerksamkeit auf sich nahm, gingen ihm die
Gedanken nur stossweise durch den Kopf. Was für Briefe? Die Briefe, die er Liddy
als Bräutigam geschrieben? Aber die waren doch gewiss nicht aufregend. Ob er
fragte, wie die Briefe ausgesehen haben? Ob es viele waren? Nein, das ging denn
doch nicht. Mit dem Rasieren war er fertig und setzte nun seine Toilette fort.
Da begannen die Gedanken eifriger zu arbeiten. Diese Nachricht von den Briefen
öffnete plötzlich eine ganze Schleuse unangenehmer Gedanken. Immerfort
begegneten ihm jetzt solche geheimnisvoll beunruhigende Dinge. Liddys ganze
Krankheit hatte doch etwas Unheimliches und Unerklärliches. Gut, man war nervös,
das kam bei Frauen vor, aber ein Hauptsymptom von Liddys Krankheit war, dass sie
ihren Mann nicht recht vertragen konnte. Das ging nun schon seit Wochen. Wann
fing es denn an? Es war an jenem Abend, als Gertrud Port da war und Liddy den
Ohnmachtsanfall bekam. Gertrud hatte die Nachricht von Dietz Egloffs Verlobung
mit Fastrade gebracht. Hier hielten die Gedanken an, hier hatten sie in letzter
Zeit schon öfters Halt gemacht, als fürchteten sie etwas, als wollten sie sich
feige um etwas herumdrücken. Dachhausen war jetzt fertig, Grünfeld fuhr ihm noch
einmal sanft mit der Bürste über die Kleider, dann gingen sie beide in das
Frühstückszimmer hinaus.
    Es war ein freundlicher Tag, das Zimmer voller Sonnenschein und
Hyazintenduft. Als Dachhausen sich an den Tisch setzte und sich den Tee
servieren liess, wurde ihm plötzlich ganz unerträglich wehmütig ums Herz. Wie
sehr hatte er stets diese Mahlzeit geliebt, wenn Liddy ihm hier gegenüber sass,
rosa und fröstelnd vom Morgenbade sich mit dem hübschen vernossenen Gesichtchen
über ihre Tasse beugte. Ach Gott, das Leben mit dieser hübschen Frau war bisher
so unendlich unterhaltend gewesen, alles an ihr war so raffiniert, so
überraschend kapriziös und ergötzlich. Und nun plötzlich war alles gestört.
Warum denn? Von wem? Er dachte diesen Gedanken, der alle diese Tage in ihm
gelegen, in ihm gearbeitet wie ein Maulwurf, warum fiel sie gerade damals in
Ohnmacht, als die Nachricht von Dietzes Verlobung kam? Ist Liddy in Dietz
verliebt? Der Tee, den er trank, schmeckte ihm bitter, ihm wurde körperlich
elend zumute, war denn das möglich? Er begann in seinen Erinnerungen
zurückzugehen und wirklich, es hatten sich in ihm eine ganze Menge kleiner
Erinnerungen aufgespeichert, die jetzt hervorkrochen und eine schmerzliche
Bedeutung annahmen. Da war ein Abend gewesen, an dem er Liddy und Dietz allein
gelassen hatte, weil jemand ihn zu sprechen wünschte. Als er zurückkam, war
Liddy seltsam erregt und rot und Egloff hatte sein spöttisches Lächeln. Liddy
stand auf und verliess schnell das Zimmer, und dann hatte jemand einmal einen
Brief gebracht. »Ah, von Gertrud«, hatte Liddy gesagt. Wenn Dachhausen jetzt an
ihr Gesicht und an den Ton ihrer Stimme dachte, dann wusste er, dass sie gelogen
hatte. Und anderes noch fiel ihm ein, das er meinte damals nicht beachtet oder
vergessen zu haben, aber all das war in ihm da gewesen, er hatte es nur nicht zu
Worte kommen lassen. Endlich, warum traf es sich so häufig, dass Dietz Egloff
nach Barnewitz kam, wenn er, Dachhausen, nicht zu Hause war? Liddy sagte dann
stets: »Er hat sehr bedauert dich verfehlt zu haben, aber ich habe ihn doch zum
Abendessen behalten, ich bin so allein.« Dachhausen schlug mit der Faust auf den
Tisch, nein, da wollte er nicht weiter denken, das war ja nicht zu ertragen. Er
befahl dem Diener, ihn bei der Frau Baronin zu melden, es kam jedoch die
Antwort, die Frau Baronin sei müde und wolle versuchen zu schlafen. Gut,
Dachhausen beschloss, wie er es jeden Morgen tat, den Rundgang in seiner
Wirtschaft zu machen.
    Es war ein hübscher Tag, Sonnenschein und blauer Himmel. Diese letzten
Wochen des April waren wunderbar, die Birken begannen auszuschlagen und die
Fliederbüsche hatten dicke Knospen. Jedesmal wenn Dachhausen am Morgen die
Freitreppe hinab in den Hof stieg, hatte er ein angenehmes Herrengefühl, er
wusste, sein Erscheinen war hier überall bedeutsam, gefürchtet und entscheidend.
Auch heute tat ihm das wohl, ihm wurde leichter ums Herz, schliesslich, was war
denn geschehen? Er ging in die Schmiede hinüber, der Schmied stand am Amboss und
hieb auf ein rotglühendes Stück Eisen ein. Sonst, wenn Dachhausen an eine Arbeit
herantrat, wusste er sofort, wozu sie war, wohin sie gehörte, ob sie gut oder
schlecht war, er fühlte dann ordentlich mit Behagen, wie der praktische Sinn in
ihm schnell und genau funktionierte. Heute nun kamen ihm hier ganz ungewohnte,
phantastische Gedanken, es war ihm, als fühlte er den Zorn des Hammers, der auf
das rote, wunde Eisen niedersauste. War er denn verrückt? Schnell verliess er die
Schmiede, er ging in den Kuhstall. Es war Futterzeit, von der Deckluke ward das
Heu herabgeworfen, die Mägde standen und liessen lächelnd die grünen, duftenden
Heumassen auf sich niederregnen, dann fassten sie sie mit den Armen und trugen
sie zu den Krippen. Wenn sie an Dachhausen vorüberkamen, warfen sie scheue
Blicke auf ihn, denn sie sahen es gleich, der Herr war heute nicht guter Laune.
Dachhausen aber stand da, nagte an seiner Unterlippe und dachte an Dietz Egloffs
geheimnisvolle Abenteuer, von denen die Leute erzählten, seinen nächtlichen
Ritten, und plötzlich stieg in Dachhausen ein Bedürfnis auf, sich über jemand zu
ärgern, laut zu schelten und zu schimpfen, er lief im Stall umher und suchte
nach einer Unordnung. Einen Augenblick blieb er vor dem Stier stehen, es gefiel
ihm zuzusehen, wie das Tier blies, die Augen rollte und wie der ganze mächtige
Körper von Bosheit geschwellt schien. Da er hier keine Unordnung fand, ging er
in den Pferdestall hinüber. Jürgen, der Stallknecht, striegelte gerade den
Schimmel, auch er erkannte auf den ersten Blick, dass der Herr heute in
gefährlicher Stimmung war. Dachhausen ging nun von Pferd zu Pferd, musterte ein
jedes genau, ja, da hatte er es, der Rappe war am Hinterlaufe aufgerieben, warum
war er aufgerieben? Warum war es nicht gemeldet worden? Warum geschah nichts
dafür? es war eine unerhörte Unordnung. Dachhausen begann sehr laut zu sprechen,
der Zorn fuhr ihm heiss in die Glieder, er fasste Jürgen am Rockaufschlag und
schüttelte ihn, der grosse, blonde Bursche errötete und sah seinen Herrn
verwundert an, Dachhausen aber stampfte mit dem Fuss, er tanzte ordentlich vor
Wut. Da zuckten die Lippen des Burschen in einem kaum merklichen Lächeln,
Dachhausen schwieg plötzlich, der Bursche lacht mich aus, fuhr es ihm durch den
Sinn, er wandte sich kurz um und verliess den Stall. Draussen kam der Inspektor
auf ihn zu, aber den mochte er jetzt nicht sprechen, drum schlug er eilig den
entgegengesetzten Weg ein. Ziellos irrte er zwischen den Feldern umher, der
Roggen war gut eingegrast und der Weizen auch. Wie die Lerchen heute dort oben
tobten, er blieb stehen und schaute hinauf, er wollte sie zählen, eins, zwei,
drei, vier, aber wozu? Das hatte ja keinen Sinn, alles das hatte keinen Sinn. Es
war wohl Zeit, zum Frühstück nach Hause zu gehen, vielleicht würde Liddy am
Frühstückstische sitzen wie sonst und ihn anlächeln. Eine starke, kindische
Hoffnung liess ihn eilen, aber, als er in das Speisezimmer trat, sah er, dass nur
ein Gedeck aufgelegt war. Er seufzte. Wie lange war es denn schon, dass er so
einsam wie ein Junggeselle seine Mahlzeiten einnahm. Das Frühstück war gut, der
Koch hatte da ein Fischgericht au gratin gemacht, das Dachhausen sonst sehr
anzuerkennen pflegte. Er verstand es ja so gut, die kleinen Freuden des Lebens
zu geniessen, aber wenn man mit Sorgen allein bei Tische sitzt, dann wird einem
die beste Speise vergällt. Mein Gott, warum wurde denn gerade sein Glück
gestört, er verlangte ja vom Leben nichts, als dass es korrekt und heiter sei. Er
hatte stets seine Pflicht getan, früher im Regiment und jetzt als Gutsbesitzer.
Selbst der alte von der Warte hatte seine Landwirtschaft gelobt. Er war kein
Spieler wie Dietz und war seiner Frau nicht untreu wie der Graf Bützow, warum
musste nun etwas Rätselhaftes kommen und gerade ihm das Liebste, das er hatte,
seine Ehe, stören. Er verstand das nicht.
    Gleich nach dem Frühstück ging er zu Liddy hinüber. Er trat in das Zimmer
ein, ohne anzuklopfen, er wollte sich nicht wieder abweisen lassen. Lydia lag
auf der Couchette in ihrem hellrosa Morgenrock, das Haar hing in zwei langen
schwarzen Zöpfen über die Schultern hinüber, das Gesicht war sehr weiss, sie
regte sich nicht, als Dachhausen eintrat und schaute mit den blanken Augen
unverwandt zur Decke hinauf. »Liddy,« rief er im zärtlichsten Ton, den er
aufbringen konnte, »wieder eine schlechte Nacht, was tun wir wohl, diese
verdammten Nerven!« Er beugte sich über sie und küsste das regungslose Gesicht.
»Wie fühlst du dich jetzt?«
    »Müde«, erwiderte Lydia, ohne ihn anzusehen. Er zog einen Stuhl heran und
nahm ihre Hand, die schlaff in der seinen lag. »Ja, ja,« fuhr er fort, »das ist
dieses Frühlingswetter, es sieht hübsch aus, aber es ist giftig. Alle spüren
das.«
    Lydia antwortete nicht, da wurde auch Dachhausen befangen. Was sollte er mit
dieser Frau beginnen, die tat, als sei er gar nicht da? Er fing an etwas zu
erzählen: »Ich war gestern in Witzow, die arme Gertrud ist auch leidend. Nun,
und die beiden Alten, die brummen so herum in gewohnter Weise. Die Baronin regte
sich darüber auf, dass Dietz und Fastrade jeden Abend lange Spaziergänge im Walde
machen, sie meinte, das muss wohl eine amerikanische Sitte sein. Aber der Alte
sagte: ob es amerikanisch ist, weiss ich nicht, aber unschicklich ist es.«
    Ein wenig Röte stieg in Lydias Wangen, und sie sprach feierlich zur Decke
hinauf: »Ich finde es auch unschicklich.«
    »Unschicklich, wieso?« entgegnete Dachhausen, »in unseren Zeiten denkt man
darüber doch freier.« Jetzt sah Lydia ihn an und zwar ziemlich böse: »Du hast
mir ja immer gepredigt,« sagte sie, »dass man sich den Sitten und Gesetzen der
Gesellschaft, in der man lebt, fügen soll, warum können denn die beiden tun, was
sie wollen?« Dann zog sie die Augenbrauen hoch und wandte das Gesicht ab: »Ach
Gott, es ist ja auch so gleichgültig, was diese beiden tun, amüsieren wird sich
der gute Egloff auf diesen Spaziergängen mit der langweiligen Fastrade nicht.«
    »Wieso langweilig?« protestierte Dachhausen, »Fastrade ist doch ein edles
und interessantes Mädchen.«
    »Vielleicht wegen dieser kitschigen Verlobung mit dem Hauslehrer«, höhnte
Lydia. »Warum hast du denn nicht sie geheiratet, wenn sie edel und interessant
ist? Ich bin weder edel noch interessant.«
    Da wurde Dachhausen wieder zärtlich, er streichelte die kleine, schlappe
Hand, die in der seinen lag und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung bebte:
»Weil ich dich geheiratet habe, weil du für mich die Edelste und Interessanteste
bist. Sieh, Liddy, es kommt mir vor, als ob in der letzten Zeit wir einander
nicht recht nahe gewesen sind, es ist mir so, als ob dich etwas drückt, das du
mir verschweigst. Sprich dich aus, erstens, dazu ist man ja verheiratet, dass man
alles teilt, und dann, es ist auch lächerrlich, wie das, was einem Sorge macht,
vollständig verschwindet, wenn man es ausspricht.«
    Lydia sah wieder zur Decke empor, und es klang müde und schläfrig, als sie
antwortete: »Ich verstehe dich nicht, ich habe nichts auszusprechen, nichts zu
sagen. Ich glaube, wir beide haben uns in letzter Zeit überhaupt wenig zu
sagen.« Sie schloss die Augen. »Ich denke, ich versuche ein wenig zu schlafen«,
sagte sie.
    Dachhausen war blass geworden, er erhob sich schnell und ging, ohne ein Wort
zu sagen, aus dem Zimmer.
    Drüben in seinem Zimmer setzte er sich auf einen Sessel, lehnte den Kopf
zurück und schloss die Augen. Nun war es klar, mit seiner Ehe stand es übel, aber
wissen wollte er, was sein Glück zerstörte. Er war es müde, kleine Ereignisse
aus seiner Erinnerung hervorzuholen, er wollte etwas haben, er wollte jemanden
haben, an den er sich halten konnte. So sass er lange kummervoll sinnend da.
Endlich klingelte er und bestellte einzuspannen, die Jagddroschke und die
Schimmel, er wollte nach Grobin, ins Städtchen, fahren, dort wohnten seine
Mutter und seine Schwester Adine. Als Dachhausen heiratete, waren die beiden
Damen mit den alten Möbeln und den alten Dienstboten in das Städtchen gezogen,
um der neuen Schlossherrin, den modernen Möbeln und neuen Dienstboten Platz zu
machen. Für Dachhausen war das Haus in der Stadt ein Stück des alten Barnewitz
seiner Jugend. Hier wehte die milde, verwöhnende Luft, die ihn von Kindheit auf
umgeben hatte, dortin fuhr er gern, wenn er verstimmt war und sich trösten
lassen wollte. Lydia liebte es nicht, ihre Schwiegermutter zu besuchen, »sie
sind dort sehr freundlich,« sagte sie, »aber es ist eine Freundlichkeit, die
einem den Atem bedrückt.« Frau von Dachhausen und Adine ihrerseits bewunderten
Lydia. »Deine Lydia,« wiederholten sie immer wieder, »ist ja so hübsch und so
elegant«, allein sie blieb ihnen fremd, sie war für sie ein schönes Instrument,
auf dem sie nicht zu spielen verstanden.
    Die Fahrt durch den Frühlingsnachmittag war hübsch, die Birken standen
grellgrün am Waldesrande, weiter unter den Tannen fanden sich grosse
Gesellschaften weisser Anemonen zusammen und zitterten im Winde, der Wegrain war
mit kleinen gelben Blumen bedeckt, Kinder trieben Schafe auf die Weide, lagen
auf den Abhängen auf dem Bauch und sangen. Dachhausen, der sonst immer gern mit
dabei war, wo es fröhlich zuging, konnte heute mit der Heiterkeit, die über dem
Lande lag, nicht mit, sie machte ihn traurig und schwach. Ein Vers ging ihm
durch den Sinn, den die alte Marri, seine Wärterin, ihm vorgesungen hatte, als
er noch ein ganz kleiner Knabe war, und er musste ihn beständig vor sich
hinsummen:
»Weisst du, was die Blume spricht?
Armes Fritzchen, weine nicht.
Sonnenschein lacht dir ins Gesicht,
Armes Fritzchen, weine nicht.«
    Auch im Städtchen sah es frühlingsmässig aus, die Mädchen trugen helle
Blusen, lange Reihen von Gymnasiasten spazierten Arm in Arm durch die Strassen.
Kommis standen in den offenen Türen der Läden und liessen die bleichen Gesichter
vom Frühlingswinde anwehen. Im Hause seiner Mutter wurde er von einem kleinen
listig aussehenden Dienstmädchen empfangen, er kannte das, seine Mutter nahm
stets solche Mädchen zu sich, um sie zu erziehen und zu bessern, und die
gerieten meist nicht sonderlich. Dann kam Adine, Ende der dreissig, klein und
stark, das Gesicht musste früher fein und hübsch gewesen sein, jetzt war es in
die Breite gegangen und die Züge verloren sich in ihm, aber die blauen
Dachhausenschen Augen belebten es freundlich. Adine verbreitete um sich eine
wohltuende Atmosphäre von Behäbigkeit und Herzlichkeit. In der Sofaecke sass Frau
von Dachhausen, klein und gebrechlich wie eine Motte, das Gesicht unter den
weissen Spitzen der Haube, noch immer weiss und rosa, war ganz
zusammengeschrumpft, aber die Falten standen ihm gut, es waren lauter
horizontale Falten der Freundlichkeit.
    »Ach Fritzchen, setz' dich her«, sagte sie und die Augen wurden ihr feucht;
jedesmal, wenn sie ihren Sohn wiedersah, wurden ihr die Augen feucht, und
Fritzchen sass nun da in dem altbekannten Lehnsessel, die Sonne schien durch die
Goldlackbüsche im Fenster auf das blanke Parkett mit dem roten Läufer. Adine
ging ab und zu und richtete den Kaffeetisch her, brachte die grossen weichen
Bretzeln, die auch von Barnewitz hier in die Stadt übergesiedelt waren.
Dachhausen begann es schon wohler zu werden, er fing an sich anzuklagen, sprach
von Liddys Krankheit, von seiner Einsamkeit, und die aufmerksame Teilnahme, mit
der seine Mutter und seine Schwester ihm zuhörten, machte ihn ganz weich. Hier
waren zwei, die unbedingt für ihn Partei nahmen, die von jeher jedes
Missgeschick, das ihn traf, als eine Ungerechtigkeit des Schicksals betrachteten,
hier brauchte er nicht männlich zu sein, hier konnte er sich nach Herzenslust
bedauern lassen. Der Kaffee kam, Adine und Frau von Dachhausen fingen nun an,
die kleinen Stadtgeschichten zu erzählen, fingen an in ihrer milden und
gemütlichen Art zu klatschen, der Abendsonnenschein lag schon ganz rot auf den
Wänden, als Dachhausen noch immer dort sass, er wusste, es war Zeit heimzukehren,
aber er konnte sich nicht dazu entschliessen, zu Hause erwartete ihn die
Einsamkeit und all das Feindliche, von dem er sich jetzt umstellt fühlte.
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Mond stand schon hoch am Himmel, als Egloff und Fastrade noch zusammen die
Waldwege entlang gingen. Der Wind trieb kleine Wolken am Monde vorüber und über
den Mond hin, auch dem Walde liess der Wind keine Ruhe, er fuhr in die Bäume, bog
sie hin und her, und die Krähen, die in den Wipfeln schlafen wollten, schlugen
immer wieder laut mit den Flügeln. Dazu waren die Windstösse ganz voll von
betäubendem Duft der jungen Birkenblätter.
    »Der Wald ist heute betrunken«, sagte Egloff. - »Ach ja,« meinte Fastrade,
»alles schwankt, als ob wir auf einem Schiffe spazieren gehen und denken, dass
das Padurensche Fräulein mit dem wilden Egloff noch um diese Zeit in einem
betrunkenen Walde spazieren geht, was werden die Schlösser sagen!«
    »Was die Schlösser sagen, ist unwichtig,« erwiderte Egloff, »das einzig
Wichtige bist du.«
    »Warum bin ich so wichtig?« fragte Fastrade. Egloff schwieg einen
Augenblick, um einen lauten Windstoss ausreden zu lassen, dann begann er sinnend:
»Ich ging einmal um die Mittagszeit in Venedig durch die kleinen Strassen; du
weisst, gerade um diese Zeit gleichen diese Strassen mehr denn je Korridoren eines
Armeleutehauses; die Leute sitzen da herum und essen; es riecht nach Zwiebeln
und Fischen, Wirte stehen in den Haustüren und rufen: La minestra è pronta!
Kleine Jungen hocken in dämmerigen Torwegen und halten goldgelbe Polentaschnitte
- nun ja, und da kam ich an einen Platz, ich weiss nicht, wie er heisst, von der
einen Seite steht ein einzelner gotischer Turm, ganz mit Schnörkelwerk bedeckt,
als hätte er Grossmutters Spitzenmantille umgenommen. Ein kleines Wirtshaus ist
dort auch, vor das ich mich hinsetzte. Über den ganzen Platz aber waren Leinen
gezogen, auf denen Wäsche hing, Bettücher und Hemden, grell weiss in der
Mittagssonne, und im Winde flatternd. Venezianische Mädchen kamen ganz schlank
in ihren schwarzen Tüchern, schöne, bleiche, verhungerte Gesichter mit grossen
Augen, und sie hoben die Arme auf und bogen die Köpfe mit dem schweren, dunklen
Haar zurück, standen da in all dem Weiss und hingen noch mehr Wäsche auf die
Leine. Das gefiel mir. An meinem Tisch sass ein kleiner, alter Mann mit einem
spitzen, grauen Bart, offenbar ein Deutscher, vielleicht ein Professor, denn er
hatte langes, graues Haar, das haben die Germanisten auch oft. Er sah mich böse
an und sagte in einem gereizten Tone, als hätten wir uns die ganze Zeit
gestritten: Da laufen sie in Venedig herum und gaffen und bewundern lauter
Kitsch. Ich komme hierher, denn dieses hier ist wichtig. In dem Augenblicke
leuchtete mir das ein.«
    »Warum war das so wichtig?« fragte Fastrade.
    Egloff lachte: »Ja, das weiss ich nicht, ebenso wenig wie ich es weiss, warum
du mir so wichtig bist. Aber sieh, eigentlich ist das ein Zeichen von der
Unberührteit meiner Seele. Dir war schon mit vierzehn Jahren jeder Held eines
englischen Romans wichtig, ihr alle zehrt ja von Jugend auf von eurer Seele, ich
habe meine Seele gar nicht in Gebrauch genommen, ich habe bisher ohne Seele
gelebt und für dich ziehe ich nun diese ungebrauchte, funkelnagelneue Seele
heraus, ich schneide sozusagen für dich erst meine Seele an. Das will doch etwas
heissen, wenn es auch nicht bequem ist.«
    »Ach ja, Lieber, tue das«, sagte Fastrade.
    Jetzt gingen sie unter grossen, alten Tannen hin, in denen das Mondlicht nur
hie und da wie silberne Funken sprühte; auf einer kleinen Lichtung aber hell
beschienen stand die Auerhahnhütte. »Die wollte ich dir zeigen,« sagte Egloff,
»hier habe ich meine besten Stunden verbracht.« Er öffnete die Tür, der Raum war
voller Mondlicht und grosser schwankender Schatten der Tannenzweige. Er zog
Fastrade auf das Ruhebett nieder, »hier habe ich dich immer am deutlichsten
gesehen, wenn du nicht da warst, hier habe ich dich am deutlichsten gefühlt, in
jedem Nerv habe ich dich gespürt, es ist, als ob du hier wohntest. Scheint es
dir nicht, als ob dir hier alles bekannt sei, dass du hier schon oft gewesen
bist?«
    »Ja,« sagte Fastrade sinnend, »im Traume, glaube ich, habe ich dieses kleine
Zimmer gesehen, ganz gelb von Mondlicht.«
    »Du musst es kennen«, meinte Egloff und drückte sie an sich und begann
langsam ihre Augen und ihren Mund zu küssen; er beugte sie zurück, seine Hände
fassten sie, dass es ihr weh tat, ein Knopf ihrer Jacke sprang klirrend zu Boden.
Fastrade richtete sich auf, erhob sich von ihrem Sitz, machte einige Schritte,
dann lehnte sie sich gegen die Tür, breitete die Arme aus und stützte die
Handflächen gegen die Bretterwand, als wollte sie jemand den Eintritt verwehren.
»O nein«, sagte sie schwer aufatmend. Egloff sass noch auf dem Ruhebette, ganz in
den Schatten zurückgebogen. »Nein,« wiederholte er leise und zischend,
»natürlich, ihr seid die Reinen, die Unnahbaren, die Heiligen, nur dass ihr die
Liebe dadurch zu etwas verdammt Lächerrlichem und Verlogenem macht.«
    »Nein, nein«, sagte Fastrade wieder, und das Schwingen in ihrer Stimme
zeigte, wie stark ihr Herz schlug. »Ich bin nicht unnahbar, ich bin nicht
heilig, aber, wenn ich dir helfen soll, wenn ich neben dir stehen soll, dann -
dann darfst du mich nicht behandeln wie die anderen.«
    Aber aus der dunkeln Ecke klang es leise und böse zurück: »Ich will nicht,
dass du mir hilfst, ich will, dass du mich liebst.«
    »Ich will dir helfen,« erwiderte Fastrade laut und klar, »gerade das will
ich, das ist meine Art zu lieben.«
    Beide schwiegen. Egloff schaute zu Fastrade hinüber, wie sie an der Tür
lehnte mit ausgebreiteten Armen, hell vom Monde beschienen, das blonde Haar hing
ihr ungeordnet in die Stirne, eine flimmernde Haarsträhne fiel über die
kindliche Rundung der Wangen, die Augen glitzerten, die Lippen waren ein wenig
geöffnet, ja Egloff sah es deutlich, sie lächelten ein seltsam erregtes,
triumphierendes Lächeln.
    Endlich trat sie von der Tür fort an Egloff heran, legte die Hand auf seine
Schulter und sagte freundlich und mitleidig: »Komm, gehen wir, deine
Auerhahnhütte gefällt mir nicht mehr. Sitze nicht so da.«
    Egloff lachte kurz auf. »Oh, du brauchst mir nicht zu sagen,« meinte er,
»wie ich dasitze, das weiss ich wohl, also gehen wir.«
    Sie traten wieder hinaus, draussen empfing sie das gewaltsame Wehen und
Duften, sie mussten ordentlich gegen den Wind ankämpfen. »Halte mich, halte
mich«, rief Fastrade und lachte hell in das grosse Rauschen hinein.
    Es war spät geworden, als Fastrade nach Hause kam. Sie beeilte sich zu ihrem
Vater hinüber zu gehen, der sie schon erwarten musste; aber als sie den dunkeln
Saal durchschritt, war es, als versagten ihr plötzlich die Kräfte, eine grosse
Mattigkeit ergriff sie und ihre Knie zitterten. Sie musste sich auf einen Sessel
niederlassen. Vom Zimmer ihres Vaters her hörte sie die Stimme der Tante
Arabella, welche St. Simons Memoiren vorlas, auf der anderen Seite sang Couchons
zitternde Stimme ihr: »Ah repondit Collette, osez, osez toujours.«
    Vor den Fenstern jauchzte der Frühlingswind. Fastrade schlug die Hände vor
das Gesicht und weinte, nicht aus Schmerz, es war nur ein unendlich wohltuendes
Sichlösen der grossen Spannung ihrer Seele.
 
                              Dreizehntes Kapitel
In Sirow fand das grosse Souper statt. Die Baronin ging durch die Zimmer, um
einen letzten Blick auf die Veranstaltungen zu werfen. Langsam zog sie ihre
Atlasschleppe über das Parkett, vor einem Spiegel blieb sie stehen und rückte
die Diamantbrosche zurecht, ein Geschenk der hochseligen Grossherzogin. Dann
setzte sie sich auf ihren Sessel und erwartete die Gäste. Die Kerzen in den
Kronleuchtern brannten alle, obgleich draussen der Maiabend noch hell über dem
Garten war. Die Glastüren zur Veranda standen offen, und der Duft des Flieders
drang herein, der wie eine Mauer aus weissem und hellblauem Gewölke den Garten
einhegte.
    Die Baronesse Arabella und Fastrade waren die ersten, die anlangten. »Mein
liebes Kind, du siehst gut aus«, sagte die Baronin zu Fastrade mit dem milden
Ernst, den sie im Umgang mit ihrer künftigen Schwiegertochter anzuwenden liebte,
aber heute ruhten ihre Augen doch mit Wohlgefallen auf dem aufrechten, blonden
Mädchen, über dessen rundem Gesicht, über dessen Schultern und Armen ein so
wundersam warmer Jugendglanz lag. Fastrade trug ein weisses Spitzenkleid und
einen Veilchenstrauss an der Brust. »Komm, meine Tochter,« fuhr die Baronin fort,
»setze dich zu mir, bis die anderen kommen, können wir uns ein wenig geniessen«,
und sie begann genau zu beschreiben, wie sie solche grosse Gesellschaften zu
organisieren pflegte, wie sie alles im voraus genau bestimmte, so dass das
Uhrwerk später tadellos von selbst funktionierte. Eine Unterrichtsstunde, dachte
Fastrade und schob ein wenig die Unterlippe vor. Nun kamen auch die anderen
Gäste, zuerst die von Teschens aus Rollow mit drei Töchtern in Rosa, Blau und
Lila. Die Fräulein von Teschen waren immer in Rosa, Blau und Lila, in Rollow
hatte man zehn Kinder, musste mit dem Gelde sparen und ging nur wenig in
Gesellschaft. Wenn aber die drei Mädchen mit den kleinen braunen Augen in den
unregelmässigen, erwartungsvollen Gesichtern einmal ausgeführt wurden, dann
warfen sie sich mit Heisshunger auf alles, was wie Unterhaltung aussah. Die
Gräfin Bützow zog ein in rotem Samt, stattlich und streng, gefolgt von ihrem
kleinen, blonden Gemahl, der in einem breiten rosa Gesicht ein grosses Monokel
trug. Die Ports kamen, die Baronin in stahlblauen Atlas gekleidet wie in eine
weitläufige Rüstung. Gertrud trug ein weisses Kleid mit griechischen Ärmeln, sie
hatte ihrem hageren, spitzen Gesichtchen ein wenig Rot aufgelegt und ihre
fieberblanken Augen vorsichtig mit dem Stifte unterstrichen. »Sehen Sie doch
unsere Gertrud,« sagte die Gräfin Bützow zu Frau von Teschen, »wenn die Mädchen
auch nur etwas mit dem Teater in Berührung kommen, gleich hängt ihnen etwas
Komödiantenhaftes an.« Frau von Teschen seufzte: »Ach ja, das Teater ist eine
ansteckende Krankheit. Ich habe sechs Töchter, aber wenn Gott mir noch sechs
Töchter mehr gegeben hätte, keine sollte mir aus dem Hause, ehe sie heiratet.«
    Der Saal füllte sich, da waren auch die Herren aus der Stadt, der schöne
Leutnant von Klette, der Referendar und Doktor Hansius. Es wurde Tee
herumgereicht, man stand beieinander und unterhielt sich ein wenig zerstreut,
weil ein jeder nach der Tür sah, um die Neuankommenden zu betrachten. Mit einem
Schweigen der Bewunderung wurde Lydia von Dachhausen empfangen, sie trug ein
schwarzes Samtkleid, an der Brust einen grossen Strauss pfirsichfarbener Rosen,
Gloire de Dijon; ihr schönes Gesicht, ihre Schultern, ihre Arme waren
alabasterweiss, und die Augen hatten den intensiven Glanz der Edelsteinaugen
einer griechischen Marmorgöttin. »Das muss man sagen,« flüsterte der Referendar
dem Doktor Hansius zu, »diese Baronin von Dachhausen, die ist Grossstadt, die ist
Grandmonde.«
    »Und schlechte Nerven«, brummte der Doktor.
    Durch das Gesumme der Stimmen im Saal klang deutlich und klar die Stimme der
Baronin Egloff, sie sprach mit der Gräfin Bützow von den Hofsitten einst und
jetzt, sie fand, dass die Hofsitten jetzt an Würde, ja geradezu an Würde verloren
hätten. Früher, wenn die hochselige Kaiserin von Russland in einen Saal trat,
dann ging eine Hoheit von ihr aus, dass es einem kalt über den Rücken lief. Auf
der anderen Seite des Saales aber wurde laut gelacht. Dachhausen hatte sich zu
den Fräuleins von Teschen gesetzt und machte sie lachen, indem er selbst
beständig lachte. Der Arme zwang sich heute zu einer gewaltsamen Heiterkeit, er
wollte nicht, dass die Leute es merkten, wie elend ihm zumute war. Das rosa
Fräulein von Teschen jedoch sprang plötzlich auf und rief: »Da steht ja der
Leutnant von Klette, ich will gehen mit ihm flirten, ich flirte so furchtbar
gern und habe so selten Gelegenheit.« Sie ging zum Leutnant hinüber und stellte
sich vor ihm auf. Zuweilen ging eine der Damen auf die Veranda hinaus; der Abend
war milde, aber es lief doch ein Schauer über die nackten Schultern. »Wie schön,
wie wunderschön«, sagte sie dann und liess die Worte gefühlvoll klingen; die Ruhe
der Abenddämmerung, die feierlich über den Tulpen- und Narzissenbeeten lag,
ergriff sie.
    Ein fremder Herr fiel in der Gesellschaft besonders auf, ein russischer
Gardeoberst, der Graf Schutow, der seit einigen Tagen Egloffs Gast war, eine
grosse, schwere Gestalt, Haar und Backenbart leicht ergraut, das regelmässige
Gesicht bleich und schlaff, die schweren Augenlider mit den langen Wimpern, die
sich nur selten hoben, verdeckten graue, sentimentale Augen. Der Graf bewegte
sich mit einer trägen Sicherheit, begrüsste und liess sich vorstellen und musterte
dabei ruhig und genau die Reihen der Damen. Er liebte es nicht zu stehen, wenn
er aber sass, sass er gern neben der schönsten Frau der Gesellschaft. So ging er
auch auf Lydia zu und nahm neben ihr Platz. Leicht zur Seite gebogen stützte er
sich auf die Armlehne des Stuhles, um dem schönen Arme näher zu sein, und begann
mit seiner singenden Stimme die Unterhaltung: »Ich freue mich sehr, hier einmal
die Damen der Gegend kennenzulernen. Damen überhaupt sind ja für jeden wichtig,
aber wir Russen, wir wären ohne Damen verloren.«
    »Wieso?« fragte Lydia und verschanzte sich hinter ihrem Federfächer vor den
grauen Augen, die sie mit unheimlicher Gründlichkeit betrachteten.
    »Ja, sehen Sie,« fuhr der Graf fort, »Russland ist furchtbar gross, zu viel
Raum, ehe man es sich versieht, ist man allein. Man reist Tage und Tage, immer
allein. Man ist auf seinem Gut, die anderen Güter sind ganz weit. Man geht auf
die Jagd, nur die Steppe und kein Mensch. In der Nacht schläft man auf einem der
grossen Heuhaufen, um einen alles ganz weit und still, über einem der Himmel, -
nun ja, da fühlt man sich selbst so weit und leer wie eine grosse, grosse Blase.
Da sind nun die Damen nötig, die machen es wieder um einen eng und warm.«
    »Das muss schön sein bei Nacht auf den Heuhaufen«, äusserte Lydia.
    »Ach ja,« meinte der Graf, »nur zu starker Duft, man wacht am Morgen mit
Kopfschmerzen auf, als ob man die ganze Nacht getrunken hätte.«
    Gertrud Port flatterte jetzt heran, sie wollte auch teilhaben an dem
interessanten Fremden. »Nicht wahr, Herr Graf,« fragte sie, »man ist in Russland
sehr musikalisch?«
    »O ja,« erwiderte der Graf und liess seine Blicke einen Augenblick zerstreut
auf Gertruds spitzem Gesichtchen ruhen, »wir singen viel, singen geht langsamer
als sprechen, aber wir haben so viel Zeit.« Als aber Lydia sich mit einer Frage
an Gertrud wandte, entschuldigte sich der Graf, stand auf und ging zu Egloff und
dem Grafen Bützow hinüber, die beieinander standen. »Meine Herren,« sagte er,
»bis zum Souper ist wohl noch Zeit, Ihre Gäste sind versorgt, Baron, wie wäre es
mit einem kleinen Preferencechen?«
    »Sie haben Eile, Graf«, bemerkte Egloff. »Ach was, Eile,« meinte der Graf,
»ich habe nur bemerkt, dass es nichts Besseres für den Appetit gibt, als ein paar
Runden Preference kurz vor dem Essen.« Sie gingen in das Spielzimmer hinüber,
mit einem wohligen Seufzer setzte der Graf sich an den Kartentisch, breitete mit
seiner fetten, beringten Hand die Karten aus, damit die Plätze gezogen würden,
und meinte: »Hier ist man zu Hause.« Egloff mischte nervös ein Kartenspiel, er
war schlechter Laune. Während der Graf sein Gast war, hatte er seit längerer
Zeit wieder viel und hoch gespielt, und es ärgerte ihn zu bemerken, dass das
Spiel ihn stärker erregte, ihm mehr auf die Nerven ging als früher. Der Baron
Port und Doktor Hansius, die sich in das Spielzimmer zurückgezogen hatten, um zu
rauchen, traten heran und schauten gespannt und missbilligend dem Spiele zu.
    Endlich war es Zeit, zum Souper zu gehen. Die Baronin Egloff nahm den Arm
des Baron Port, und in feierlichem Zuge begab man sich in den Speisesaal. Das
rosa Fräulein von Teschen schauerte wohlig in sich zusammen, als es die
Serviette auseinanderfaltete. »Sie finden es wahrscheinlich unpoetisch und
materiell,« sagte sie zu ihrem Nachbar, dem Leutnant von Klette, »wenn ein
junges Mädchen sich so stark auf das Essen freut, aber das Essen hier in Sirow
ist immer so herrlich.« »Durchaus nicht,« erwiderte der Leutnant, »ich liebe es,
wenn ich die Gefühle der Damen verstehen kann, und dieses verstehe ich.«
    Am anderen Ende des Tisches klang wieder Dachhausens herzliches Lachen
herüber, der mit dem lila Fräulein von Teschen scherzte. »Ihr Gemahl,« sagte
Graf Schutow zu Lydia, »hat ein so angenehmes Lachen, ich höre so gern lachen.«
    »Ja,« sagte Lydia und zog die Augenbrauen ein wenig empor, »er ist eine
heitere Natur.« Aber Adine von Dachhausen, die gegenübersass, rief den Grafen mit
ihrer lauten, heiteren Stimme an: »Lachen Sie selbst gern, Herr Graf?«
    »Ich lache zuweilen ganz gern,« erwiderte der Graf zerstreut, »aber ich höre
lieber, wenn andere lachen, dann habe ich das Vergnügen und keine Mühe. Wie
meinen Sie?« wandte er sich an den Diener, der ihm eine Schüssel reichte. »Ah!
Spielhahnpastete«, und er wandte seine ganze Aufmerksamkeit der Pastete zu.
Egloff hatte ziemlich einsilbig und missmutig der Gräfin Bützow zugehört, die
über das Befreiende, ja geradezu Moralische in Mozarts Musik sprach. In einer
Pause flüsterte Fastrade ihm zu: »Bist du unglücklich?« »Ich bin wütend«,
erwiderte Egloff leise. »Wozu diese Anhäufung gleichgültiger Menschen und
Speisen? Am liebsten würde ich jedem mit einer Grobheit antworten, würde sagen:
O ja, gewiss, Esel oder: Sie haben ja ganz recht, dumme Pute.« »Still«, sagte
Fastrade und legte den Finger auf die Lippen. Egloff beugte sich wieder auf
seinen Teller nieder. Der eigentliche Grund, dass er sich unglücklich fühlte, war
das Bewusstsein, dass er alle diese Menschen und die lange Mahlzeit nur deshalb
verfluchte, weil er ungeduldig war, wieder im Spielzimmer zu sitzen und das
Spiel fortzusetzen, und das fand er primitiv und gewöhnlich.
    Jetzt erhob sich der Baron Port zu einer Rede, er sprach lange und ernst,
sprach davon, dass es ein Segen sei, wenn die alteingesessenen Familien sich
miteinander verbinden, das sei ein Bollwerk gegen die neuen, zerstörenden Ideen,
alte bewährte Traditionen werden auf junge Schultern gelegt, werden gestärkt und
zu neuer Blüte gebracht. Die Baronin Egloff weinte, die anderen hörten mit
zerstreuter Andacht zu, als sässen sie in der Kirche bei einer zu langen Predigt.
Um so lauter wurde »Hoch« gerufen, als die Rede zu Ende war.
    Die Mahlzeit ging ihrem Schluss entgegen; erhitzt lehnten sich die Gäste in
ihre Stühle zurück, und die Unterhaltung floss nur träge. »Das ist der Fehler der
guten Sirowschen Soupers,« sagte der Referendar zu Adine von Dachhausen, »dass es
hier zu viel zu essen gibt. Ich habe das Gefühl, als seien die Speisen in der
Übermacht.« - »Oh, ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern«, erwiderte
Adine resolut. Doch war es allen willkommen, dass die Baronin Egloff die Tafel
aufhob; die Herren setzten die Damen im Saale ab und eilten in das Rauchzimmer.
Die Damen sassen beieinander und fächelten sich mit den grossen Federfächern Luft
zu.
    Egloff ging auf die Veranda hinaus, er lehnte sich über das Eisengitter und
schaute in den dunkeln Garten hinein. Stille und Dunkelheit, das war es, was ihm
jetzt nottat, und dann hoffte er, Fastrade würde herauskommen und in der
Dämmerung der Maiennacht vor ihm stehen, aufrecht und weiss wie die Narzissen
unten auf den Beeten. Das Rascheln einer Frauenschleppe liess ihn auffahren. Es
war Lydia. Sie blieb vor ihm stehen, ein Lichtstrahl vom Saal her traf ihre
Schultern und ihr Gesicht, in dem die Augen seltsam schwarz schienen. Sie begann
leise und klagend zu sprechen: »Und ich, was wird aus mir?« Sie legte dabei die
Hand auf die Brust, mitten in die Rosen hinein, eine Rose löste sich ab und fiel
zu Boden. Egloff bückte sich und hob sie auf. »Ich denke,« sagte er langsam,
indem er die Rose vorsichtig entblätterte, »ich denke, wir kehren zu unserer
Pflicht zurück.«
    »Pflicht,« wiederholte Lydia, »wenn man, wie wir, gelogen und betrogen hat,
dann gibt es nur Pflichten, die wir gegeneinander haben. Es gibt doch so etwas
wie Treue von Spiessgesellen.«
    »Sie sind geistreich, gnädige Frau«, bemerkte Egloff. - »Du wunderst dich
darüber,« entgegnete Lydia, und Egloff wusste nicht, war es ein Lachen oder ein
Schluchzen, das ihre Stimme zittern liess, »du wunderst dich darüber, aber wenn
wir in grosser Not sind, dann werden wir alles, sieh, Dietz, es kann nicht aus
sein. Ich habe mein ganzes Leben in dieses eine Erlebnis hineingelegt, ich habe
sonst nichts.«
    »Ich glaube, gnädige Frau,« bemerkte Egloff, »Sie überschätzen dieses
Erlebnis.«
    »Wie soll ich das?« klagte Lydia, »ich will ja weiter lügen und betrügen,
aber aus darf es nicht sein. Ich habe ja nichts, nichts als deine Liebe.« Egloff
schwieg und sah diese Frau an, wie sie vor ihm stand, wie aus dem Dunkel des
Samtes und der Dämmerung ihre blasse Nackteit hervorleuchtete, diese Frau, die
mit ihrer leidenschaftlichen Klage sich an ihn klammerte, sich ihm bedingungslos
hingab, das ergriff ihn. Aber es klang dennoch sehr kühl und ruhig, als er
sagte: »Ich glaube, gnädige Frau, Sie überschätzen auch diese Liebe.« Lydia
beugte den Kopf, beugte ihn auf die Rosen an ihrer Brust nieder, und Egloff sah,
wie die kleinen, spitzen Zähne sich in eine Rose eingruben wie in eine Frucht.
    Im Saale hatte sich der Baron Port zu Fastrade gesetzt, er wollte von ihr
erfahren, ob ihr Vater und Ruhke dieses Jahr mit der Gründüngung ernst machen
würden. Fastrade gab nur zerstreute Auskunft. Durch die offene Verandatür sah
sie ein Stück von Lydias Samtschleppe und dieses nahm ihre Aufmerksamkeit
seltsam stark in Anspruch. Und da war noch einer im Saal, der diese Schleppe
nicht aus den Augen liess: Dachhausen. Er hatte Lydia auf die Veranda folgen
wollen, aber die Gräfin Bützow hielt ihn auf, sie wünschte seine Ansicht über
die Pferde, die sie sich neulich gekauft hatte, zu hören, und der Arme stand da
und sprach über Pferde, er wusste selbst nicht, was, und starrte in grosser
Erregung die Schleppe dort auf der Veranda an. Endlich gab die Gräfin ihn frei,
da eilte er hinaus. »Ihr geniesst hier die Abendluft«, sagte er in möglichst
natürlichem Tone. Lydia erwiderte nichts, wandte sich um und ging in den Saal
zurück. »Ja, ein seltsam warmer Abend«, meinte Egloff. Dann standen die beiden
Männer da in der Dunkelheit schweigend beieinander. Jetzt müsste ich etwas sagen,
dachte Dachhausen, das entscheidet, das Klarheit schafft, und Egloff war es, als
spürte er die Aufregung des kleinen Mannes, der unruhig vor ihm auf und ab zu
gehen begann. Will er etwas, weiss er etwas? fragte sich Egloff. Da ertönte
wieder Dachhausens freundliche Stimme: »Der Flieder duftet so stark.« »Ja, sehr
stark«, erwiderte Egloff. Aus dem geöffneten Fenster des Spielzimmers klang die
singende Stimme des Grafen Schutow herüber. »Meinen Rest«, sagte sie. »Ah, die
sind schon beim Quinze,« bemerkte Egloff, »kommst du auch?« »Nein, ich spiele
nicht,« antwortete Dachhausen, »ich bleibe noch ein wenig hier.«
    Egloff ging ins Spielzimmer; dort sassen die Herren am Kartentisch, Graf
Schutow, bleich und träge wie immer, Graf Bützow sehr rot, denn er war stark im
Verlust. Der Leutnant und der Referendar nahmen vorsichtig am Spiele teil. »Wir
sind schon an der Arbeit«, rief Graf Schutow. »Gut, gut«, sagte Egloff; er liess
sich ein grosses Glas Sekt geben, trank es schnell und durstig herunter und
setzte sich an den Spieltisch.
    Draussen im Saale langweilten sich die Damen, da die Herren fast alle im
Spielzimmer waren, nur die älteren Herren gingen ab und zu, Baron Port, Herr von
Teschen, Doktor Hansius, sie kamen mit besorgten Mienen aus dem Spielzimmer,
flüsterten da etwas von »rasendem Spiel, unglaublich!« und über der Gesellschaft
lag das quälende Gefühl, als vollzöge sich drüben im Spielzimmer etwas
Unheimliches und Verhängnisvolles. Die Stimmung wurde unerträglich, und die
Damen bestellten ihre Wagen. Der Aufbruch war allgemein. Die Herren aus dem
Spielzimmer erschienen, um von den Damen Abschied zu nehmen. Egloff stand im
Flur und hielt Fastrades Mantel, sein Gesicht war leicht gerötet, eine
Haarsträhne fiel ihm in die Stirn und seine Augen hatten einen seltsam
flackernden Glanz. Fastrade verabschiedete sich noch von Lydia. »Sie erlauben,
dass ich Sie küsse,« sagte Lydia, »ich möchte so gern, dass wir uns näher kennen
lernen.« Egloff lächelte, - die Lust an der Verstellung an sich, dachte er. Dann
hüllte er Fastrade in den Mantel, er beugte sich vor und wollte sie küssen, aber
in einer unwillkürlichen Bewegung wandte Fastrade den Kopf, und ein Ausdruck der
Angst flog über ihr Gesicht. Sofort richtete Egloff sich auf, er zog ein wenig
die Brauen zusammen, lächelte spöttisch, küsste Fastrades Hand und flüsterte:
»Ist das der Anfang der Erziehung?« Fastrade erwiderte nichts, sie ging zur Tür,
dort aber wandte sie sich um, lächelte unendlich gütig und mitleidig. »Armer
Dietz«, sagte sie und bot ihm ihre Stirn zum Kusse hin.
    Die Herren gingen in das Spielzimmer zurück, die Baronin Egloff stand im
leeren Saale unter dem Kronleuchter, der Ausdruck ehrwürdiger Liebenswürdigkeit
war von ihrem Gesicht gewichen, es sah alt und angstvoll aus. Sie fasste Fräulein
von Dussas Arm, wies mit dem Kopfe zum Spielzimmer hin und sagte leise: »Das
dort ist nicht gut.« Fräulein von Dussa nickt bekümmert mit dem Kopfe. »Meine
Liebe,« fuhr die Baronin fort, »glauben Sie mir, dieser Russe ist der Satan.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Egloff hatte sich nicht einmal ausschlafen können, der Graf Schutow fuhr am
Morgen fort, und Egloff musste aufstehen, um von ihm Abschied zu nehmen. Dann
setzte er sich an seinen Schreibtisch und rechnete. Er hatte gestern wie ein
Wahnsinniger gespielt, da ging ja wieder ein grosser Teil des Sirowschen Waldes
darauf. Jetzt musste er einen Brief an Mehrenstein schreiben, damit dieser Geld
besorge. Am Nachmittag wollte Egloff ins Städtchen fahren, um das Geld dem
Grafen Schutow zu bringen, der im »Kronprinzen« auf ihn wartete. Widerwärtig all
das! Heute war wieder solch ein Tag, wie er in seinem bewegten Leben immer
wiederkehrte, ein Tag, da alles um ihn her zu zerbröckeln schien, alles
ungeordnet und hässlich war, und ein grosser Ekel ihn schüttelte. Und unnütz war
das alles, er sah nicht ein, warum all solche Erlebnisse gerade zu ihm gehören
sollten, aber sie hängten sich an ihn wie ein lästiger Hund, den wir immer
wieder forttreiben, und der sich doch immer wieder an unsere Fersen heftet. Nun,
darüber nachzudenken machte die Sache nicht erträglicher.
    Am Nachmittage fuhr Egloff nach Grobin. Er hatte sich einen bequemen Wagen
bestellt, denn er wollte unterwegs schlafen, nichts denken und nichts sehen,
sondern schlafen. Er drückte sich in die Wagenecke und schloss die Augen. Es war
angenehm, wie in dem Halbschlummer, in den er verfiel, das Rauschen des Waldes,
durch den er fuhr, ein Amselschlag, das Bellen eines Hundes, der Gesang eines
Hüterjungen hineintönten wie Klänge einer Welt, die sehr fern von ihm war. Das
Stossen des Wagens auf dem Stadtpflaster machte ihn wieder munter. Es war
Samstag, unter einem mit hellgrauen Wolken bedeckten Himmel sah das Städtchen
alltäglich genug aus, die Fenster der Häuser waren geöffnet, und Mägde standen
auf den Fensterbrettern und wuschen die Scheiben. Töchterschülerinnen gingen
langsam über die Strasse und schwenkten gelangweilt ihre Mappen. Adine von
Dachhausen kam aus einem Laden; sie hatte einen Sommerhut auf mit zu viel roten
Rosen; sie liebte stets das Auffallende. Egloff liess am Klub halten, er wollte
den Weg bis zu Mehrensteins Haus zu Fuss zurücklegen.
    Alles an dem Mehrensteinschen Hause war ihm zuwider, die hellpolierte Tür,
der Kristallknopf der Hausglocke, ihr schriller, aufdringlicher Klang, der
dunkle Flur, in dem es nach Gewürzen und Küche roch. Mehrensteins Tochter kam
ihm entgegen, ein schönes, schweres Mädchen mit einem Wald schwarzer Haare auf
dem Kopfe und mit ganz grossen, braunen Augen. »Bitte, treten Sie näher, Herr
Baron«, sagte sie ernst und traurig und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Egloff
trat in dieses Wohnzimmer, das er so gut kannte. Die Möbel mit dem hellblauen
Ripsbezug, all die vielen, ein wenig verstaubten Sachen, sie hatten sich seinem
Gedächtnis eingeprägt, wie es eben nur Sachen tun, die den peinlichen
Augenblicken unseres Lebens assistieren. Da war die Kommode mit den alten
silbernen Kannen und Leuchtern, da war die grosse Landschaft an der Wand, ein
Kastell, Bäume, ein Reiter, alles aus Kork geschnitzt und unter Glas. »Bitte,
nehmen Sie Platz,« sagte Fräulein Mehrenstein ernst, sie blieb jedoch stehen,
als Egloff sich gesetzt hatte, »mein Vater wird gleich kommen, er ist bei meiner
Mutter, unsere Mutter ist sehr krank.« »Oh, das tut mir leid«, murmelte Egloff
und schaute in die grossen braunen Augen; da lächelten die vollen Lippen des
Mädchens, ein mattes, gewohnheitsmässiges Lächeln, aber das Gesicht wurde gleich
wieder kummervoll. »Wir glaubten diese Nacht, es würde aus sein,« fuhr Fräulein
Mehrenstein fort, »und jetzt ist es sehr schlimm.« Ihre Augen wurden feucht, und
zwei dicke Tränen rannen ihre Wangen entlang. »Nun will ich den Vater holen«,
schloss sie und verschwand hinter einem grünen Vorhang. Seltsam, Egloff hatte an
dieses Haus immer nur als an den Ort gedacht, an dem man Wechsel und ungünstige
Kontrakte unterschrieb, und nun wurde hier auch geweint und gestorben. Der grüne
Vorhang raschelte wieder und Mehrenstein erschien. Er trug einen Hausrock und
Pantoffeln, auf denen grosse rote Rosen gestickt waren. Feierlich und traurig
reichte er Egloff eine schlappe, feuchte Hand. »Sie haben Sorgen«, sagte Egloff.
Mehrenstein zuckte ein wenig die Achseln und seufzte. »Eine entsetzliche Nacht«,
murmelte er. Er ging zu seinem Geldschrank, holte ein Wechselformular herbei,
legte Tinte und eine Mappe auf den Tisch, setzte sich und begann zu schreiben.
»Das Geld ist da,« sagte er, »es war schwer, in so kurzer Zeit eine so grosse
Summe zu beschaffen.« Er seufzte. »Die Bedingungen wie immer?« fragte er. Egloff
machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, ihm sei alles gleichgültig. Da
sah Mehrenstein auf und versetzte in vorwurfsvollem Tone: »Ja, ich muss meine
Kinder sicher stellen, kommt der Waldverkauf zustande, so kann vielleicht
einiges von den Prozenten abgerechnet werden.« Er schrieb weiter, nahm dann das
Sandfass und streute Sand über das Geschriebene. »Diese Nacht,« meinte er,
»erwarteten wir jeden Augenblick das Ende. Gegen Morgen trat ein wenig Ruhe ein,
aber Hoffnung ist keine. Bitte, Herr Baron«, er schob Egloff das Formular hin
und reichte ihm die Feder. Während dieser unterschrieb, lehnte Mehrenstein sich
in seinen Stuhl zurück, seine Augen wurden feucht und seine Lippen zitterten.
»Nach dreissigjähriger Ehe sich trennen zu müssen,« sagte er, »Sie wissen nicht,
was das ist, Herr Baron, und ich kann sagen, in diesen dreissig Jahren hat es
keine Minute gegeben, in der ich mit der Frau nicht zufrieden war, sie war eine
gute Frau.« Er stand auf und ging zum Geldschrank, um ein Paket Banknoten zu
holen. »Der liebe Gott weiss, was er tut«, fügte er seufzend hinzu. Langsam und
aufmerksam zählte er das Geld auf den Tisch, schob es in ein Kuvert und legte es
vor Egloff hin. »Ich habe getan, was ich konnte,« nahm er mit leiser Stimme, als
spräche er in einem Krankenzimmer, die Unterhaltung wieder auf, »ich habe nicht
gespart, was habe ich der Apoteke und den Doktoren Geld gezahlt, um das Geld
wäre mir nicht leid, wenn es nur etwas geholfen hätte.« Egloff steckte das Geld
zu sich und erhob sich. »Man muss die Hoffnung nie verlieren,« sagte er, »guten
Abend, Herr Mehrenstein.« Mehrenstein schüttelte traurig den Kopf und reichte
seine schlappe Hand hin. »Wegen des Waldes, Herr Baron, komme ich zu Ihnen
hinaus«, bemerkte er noch kummervoll.
    Egloff war froh, auf der Strasse zu sein, diese Mischung von Tod, Geld und
Wechseln hatte ihn wie ein Alp bedrückt. Langsam schlenderte er dem
»Kronprinzen« zu. Dort erfuhr er, der Graf Schutow sei zwar im Bette, habe aber
den Befehl erteilt, Baron Egloff vorzulassen. Egloff fand den Grafen im Bett,
Tee trinkend. »Ah, unser Baron,« rief er ihm entgegen, »ich hoffe, Sie haben
sich nicht meinetwegen inkommodiert.« »Ich bringe Ihnen hier meine Schuld«,
sagte Egloff.
    »Das hatte ja keine Eile,« bemerkte der Graf und warf das Kuwert auf den
Tisch neben seinem Bette, »aber wollen Sie Tee? Oder einen Kognak? nicht, hier
sind Zigaretten, so setzen Sie sich doch.« Egloff zündete sich eine Zigarette an
und setzte sich: »Sind Sie krank?« fragte er. Der Graf lehnte sich behaglich in
seine Kissen zurück. »Durchaus nicht,« erwiderte er, »es ist nur meine
Gewohnheit, nach einer durchspielten Nacht den folgenden Tag bis zum Abend im
Bett zu bleiben. So bin ich denn gleich zu Bett gegangen, als ich hier ankam.
Auf diese Weise holt man am besten die ausgegebene Nervenkraft wieder ein.«
    »Praktisch!« bemerkte Egloff. »Wer nur stets Zeit hätte, sich so für das
Spiel zu trainieren.«
    »Der soll auch nicht spielen,« entgegnete der Graf etwas feierlich, »mit
kranken Nerven zu spielen ist Dilettantismus, und der ist gefährlich. Sie waren
gestern auch viel zu nervös und hitzig.«
    Egloff blies nachdenklich den Rauch seiner Zigarette vor sich hin. »Sagen
Sie, Graf,« begann er, »warum spielen Sie eigentlich? Um zu gewinnen?« dabei
klang ihm Fastrades Stimme im Ohr, wie sie an jenem Abend in Sirow dieselbe
Frage an ihn richtete. Der Graf verzog sein Gesicht: »Erbarmen Sie sich, wie Sie
fragen, warum? Ich weiss nicht, natürlich um zu gewinnen. Charles Fox sagte: Das
Beste im Leben ist im Spiel Gewinnen, das nächstbeste im Spiel Verlieren.«
    »Also dann ist es nicht das Gewinnen«, wandte Egloff ein.
    Der Graf warf sich unbehaglich im Bette hin und her. »Sie wollen
philosophieren,« sagte er, »ein Zeichen des schlechten Zustandes Ihrer Nerven.
Nun hören Sie, was ein Freund von mir, ein gewisser Klebajew, sagte. Er war ein
Narr, zuletzt verrückt und erschoss sich. Er sagte also: Ich spiele jede Nacht,
weil es mich jede Nacht wieder interessiert, mich mit dieser geheimnisvollen und
unbegreiflichen Kanaille, die wir Glück nennen, herumzuschlagen.«
    »Ein wenig patetisch,« bemerkte Egloff, »aber es lässt sich hören. Warum
erschoss er sich denn?«
    »Weil er verrückt war«, entgegnete der Graf. »In letzter Zeit sprach er
immer davon, er sei es gar nicht selbst, der jeden Abend spielte, das sei der
andere, und der andere spiele absichtlich schlecht, und er, Klebajew, müsse
immer die Spielschulden des anderen bezahlen, und er habe es nun satt, die
Spielschulden des anderen zu bezahlen. Nun, und da schoss er sich tot. Eben ein
Verrückter.«
    Egloff schwieg eine Weile und sprach dann nachdenklich vor sich hin: »Ja,
darauf kommt es immer heraus, die Schulden des anderen zu bezahlen.«
    Der Graf richtete sich ein wenig auf und schaute Egloff verwundert und
besorgt an. »Hören Sie, Baron, Sie sollten sich doch noch ein Zimmer nehmen und
zu Bett gehen, Sie tun ja so, als ob Sie das verrückte Zeug verstehen.«
    Egloff lachte und erhob sich. »Ein Spaziergang wird wohl dieselben Dienste
tun,« meinte er, »leben Sie wohl, lieber Graf, gute Besserung.«
    »Danke, danke,« sagte der Graf, »vielleicht kommen Sie heute abend in den
Klub, ich bin jeden Augenblick zur Revanche bereit.«
    »Ich weiss nicht,« erwiderte Egloff, »ich fürchte, die Kanaille, wie Ihr
Freund sagt, ist jetzt nicht auf meiner Seite.«
    »Unsinn,« protestierte der Graf, »also leben Sie wohl.«
    Egloff ging hinaus, draussen nahm er seinen Hut ab, der Kopf schmerzte ihn;
er schlug den Weg zu den Stadtanlagen ein. Gewaltsam grün standen die Alleen
gegen den lichtgrauen Himmel, die Amseln lärmten in den Zweigen. Die Anlagen
waren um diese Zeit noch leer. Hie und da sass ein Gymnasiast mit einem Buche auf
einer Bank, und ein Kindermädchen schob schläfrig einen Kinderwagen vor sich
her. Wunderlich abgelöst und wie nicht zu ihm gehörig, erschien Egloff diese
Umgebung heute wie eine Traumwelt, die wir über uns ergehen lassen. Aber das
kannte er von früheren durchzechten und durchspielten Nächten, ja er selber, der
Herr im hellen Frühlingsanzuge, empfand sich als etwas nicht Zugehöriges, als
etwas, das er über sich ergehen liess.
    An einer Biegung des Weges blieb er stehen. Das war ja die echte Traumwelt,
in der das Unwahrscheinliche vor uns steht, wie selbstverständlich. Da kam Lydia
Dachhausen auf ihn zu, im hellbraunen Frühjahrskostüm, einen weissen Flügel auf
dem grauen Hut, das Gesicht rosig, die Augen blank. Lächelnd blieb sie vor ihm
stehen und reichte ihm die Hand. »Da sind Sie«, sagte sie. »Haben Sie mich denn
erwartet?« fragte Egloff erstaunt.
    »Ja,« erwiderte Lydia, »Adine sagte mir, Sie seien in der Stadt, und da
dachte ich, Sie würden hier sein. Wollen Sie mich die Allee hier
hinunterbegleiten?« und sie begann langsam neben ihm herzugeben.
    »Wenn Sie darauf Gewicht legen«, erwiderte Egloff nicht eben höflich.
    »Gewiss lege ich darauf Gewicht«, versetzte Lydia. »Ich muss es eben schon
früher gewusst haben, dass ich Sie hier treffen werde, denn ich wachte heute
morgen auf mit dem Entschlusse, in die Stadt zu fahren. Ich wusste nicht warum,
aber es stand fest bei mir. Ja, so was gibt es, nicht wahr?« Sie schaute
lächelnd zu ihm auf.
    »Es freut mich, Sie so heiter zu sehen«, bemerkte Egloff trocken.
    »Ja, es ist seltsam,« plauderte Lydia weiter, »zuweilen wache ich am Morgen
auf und bin heiter. Es scheint mir dann, dass alles, was traurig und schwierig
war, gut werden wird, das Leben ist plötzlich wieder angenehm, und ich freue
mich darauf ganz ohne Grund. Passiert Ihnen das nicht auch zuweilen?« Da Egloff
nicht antwortete, fuhr sie fort: »Dieses Licht bekommt mir auch gut, zu viel
Sonne vertrage ich nicht, aber heute geht man ja wie unter einem lichtgrau
seidenen Lampenschirm. Ach ja, denken Sie sich, die rosa Lampenschirme, über die
Sie einmal gespottet haben, kommen fort, und ich schaffe mir lichtgrau seidene
an, die werden mit weisser Seide gefüttert, damit sie recht hell sind, das kann
hübsch sein, nicht wahr?«
    »Das kann hübsch sein«, wiederholte Egloff. Dieses zuversichtliche Geplauder
beruhigte ihn, er wollte es weiter hören.
    »Gertrud Port,« berichtete Lydia, »behauptet, das würde den Teint bleich und
grau machen, aber sehen Sie doch, wie heute die Farben rein und deutlich sind.
Nun ja, die arme Gertrud ist immer besorgt, dass sie nicht wie eine kleine Leiche
ausschaut.«
    Am Ende der Allee stand ein Kiosk, in dem sich eine Konditorei befand,
Stühle und Tische waren davor aufgereiht. »Ich werde hier ein wenig Gefrorenes
essen,« sagte Lydia, »und Sie werden mir assistieren.«
    »Sollte diese Situation besonders ratsam sein?« versetzte Egloff kühl.
    Lydia war erstaunt. »Warum nicht? Dass Sie zusehen, wie ich Gefrorenes esse,
dagegen können die Grobiner doch nichts haben.« So setzten sie sich denn. Das
Konditorfräulein trat heran, bleich und blond, einen Kneifer auf der Nase, und
sagte mit einer Stimme, die in ihrer gleichgültigen Ruhe es zu unterstreichen
schien, dass sie an der Situation nichts Auffallendes fand: »Erdbeeren und
Vanille.« Lydia bestellte Erdbeeren. »Erdbeergefrorenes,« erzählte sie, »war von
Jugend auf mein Lieblingsgefrorenes. Als kleines Mädchen, wenn es im Jahre
wieder zum ersten Male Erdbeergefrorenes gab, dann schloss ich beim ersten Löffel
die Augen und dachte, ich hatte ganz vergessen, dass dies das Schönste auf der
ganzen Welt ist. Ich glaube, es wäre sehr gut, wenn wir alles, was uns Vergnügen
macht, von einem auf das andere Mal vergessen würden, dann wäre es immer neu für
uns.«
    Das Gefrorene kam; Lydia schob ihren Schleier zurück, um ihre Lippen zu
befreien, und begann langsam und mit Genuss zu essen. Egloff sah ihr zu, das war
die Beschäftigung, die seiner trägen, zerfahrenen Stimmung gerade wohltat. Was
sie nur vorhat? dachte er dabei.
    Als Lydia mit dem Essen fertig war, lehnte sie sich befriedigt in ihren
Stuhl zurück. Sie warf einen flüchtigen Blick zum Konditorfräulein hinüber;
dieses hatte einen Leihbibliotekenband aufgeschlagen und las. Da sagte Lydia
leise: »Ich schlafe jetzt auch besser.«
    »Das freut mich«, erwiderte Egloff und schaute erstaunt auf.
    »Ja,« fuhr Lydia fort, »ich habe mir ein neues Schlafmittel erdacht. Wenn
die Nacht schön ist, gehe ich so um Mitternacht mit meiner Amalie in den Garten
hinaus. Ganz wie voriges Jahr schleichen wir leise durch den Wintergarten. Das
erinnert mich dann so an voriges Jahr, die Heliotrop und Oleanderbüsche, an
denen wir im Dunkeln vorüberkommen, und im Garten sitzen wir auf derselben Bank,
auf der ich voriges Jahr sass. Ich sitze da, als ob ich warte, und wenn ich müde
werde und ins Haus gehe, um mich zu Bett zu legen, dann kann ich schlafen.«
    Egloff hörte aufmerksam und lächelnd zu. Die naive Schlauheit dieser Frau
überraschte ihn. »Fällt das im Hause nicht auf?« fragte er.
    »Es fällt auf,« erwiderte Lydia ruhig, »man hat mich auch darnach gefragt,
nun, ich sagte, ich habe Beängstigungen in der Nacht, und ich muss hinaus. Man
ist eine Nacht auch hinausgegangen, Amalie und ich standen hinter einem Busch,
als er an uns vorüberging. Aber jetzt hat man sich beruhigt.«
    »Der arme Junge«, murmelte Egloff. Da sprühten kleine böse Lichter in Lydias
Augen auf. »Mich bedauert niemand«, sagte sie. Egloff zuckte leicht mit den
Schultern, da beruhigte sich Lydia gleich wieder, sie stand auf, legte Geld auf
den Tisch, zog ihren Schleier zurecht. »Jetzt muss ich gehen,« sagte sie, »ich
werde bei meiner Schwiegermutter erwartet.« Sie reichte Egloff die Hand. »Ich
danke Ihnen für Ihre Gesellschaft, besonders unterhaltend waren Sie nicht, aber
Sie hörten mir aufmerksam zu, das erkenne ich an.« Sie sah ihm dabei mit der
unverhohlenen Koketterie, die ihr eigen war, in die Augen.
    Als sie gegangen war, setzte Egloff sich wieder. Es tat ihm fast leid, dass
sie fort war; diese kleine Frau hatte ihn unterhalten. Wie sie stark wollen
konnte! Wie unbedenklich und eigensinnig sie festielt!
    Die Anlagen füllten sich jetzt, die Grobiner Bürger mit ihren Frauen und
Töchtern machten ihren Abendspaziergang, liessen sich wohlig von der Abendsonne
vergolden. Egloff sass noch da und dachte darüber nach, ob er heimfahren oder in
den Klub gehen sollte. In den Klub zu gehen war natürlich töricht und
widersinnig, dennoch schien es ihm wahrscheinlich, dass er da hingehen würde.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Baron Port und Gertrud machten einen Abendbesuch in Paduren. Langsam ging der
Baron Port neben dem Rollstuhle des Barons Warte hin, und die Herren sprachen
von Kreiswahlen. Fastrade und Gertrud folgten ihnen. Sie begaben sich zum
kleinen See unten im Park, denn es war die Gewohnheit des Barons Warte, sobald
das Wetter es erlaubte, um Sonnenuntergang dort am kleinen See zu sitzen, um
zuzusehen, wie die Wildenten einfielen. Gertrud klagte über ihre Gesundheit:
»Der Frühling ist mir zu stark, er regt mich auf und macht mich wieder müde, und
die Erinnerungen werden um diese Zeit so laut und deutlich, ich freue mich auf
den Sommer; ich will mich um Mittagszeit ins Heidekraut legen, dort wird es dann
still und heiss sein.«
    An einer geschützten Stelle des Seeufers waren Stühle hingestellt, und man
nahm dort Platz. Der Abend war windstill; regungslos standen die Inseln von
Schachtelhalm und Röhricht im dunklen Wasser, und die Abendsonne vergoldete ihre
Spitzen; regungslos umstanden die grossen Bäume den See, hie und da blühte schon
eine Kastanie in ihrer weissen Feierlichkeit mitten unter den grün verschleierten
Birken. Die Amseln sangen ihr Abendlied, die Fische schnalzten im Wasser, und ab
und zu begann im Röhricht ein ungeduldiger Frosch zu quarren, der den
Sonnenuntergang nicht abwarten mochte. Die alten Herren sprachen jetzt von
Rüben, Gertrud war bei ihren Erinnerungen. Sie erzählte von einem jungen Manne
in Dresden, dessen ganzes Wesen sozusagen auf den Schmerz gestimmt war und der
ein Weib suchte, das ihm nicht Heiterkeit entgegenbrachte, sondern auch Schmerz,
aber gesänftigt und verklärt, sozusagen getröstet. Fastrade hörte nicht zu, sie
war unruhig. Dieser Besuch hielt sie davon ab, Egloff im Walde zu treffen, und
sie wusste, er erwartete sie dort, sie wusste, er hatte sie heute besonders nötig.
Seit jenem Abend in Sirow waren sie nicht beisammen gewesen, und sie sah immer
wieder sein Gesicht vor sich mit den flackernden Augen und dem fremden Ausdrucke
von Erregung und Qual. Sie sehnte sich darnach, bei ihm zu sein, Ordnung in ihm
zu schaffen, »die Passion einer ordnungliebenden Dame« hatte er ihre Liebe
genannt, ja, das wollte sie und sie glaubte, dass sie das auch konnte. Mit
pfeifendem Flügelschlage kamen jetzt die ersten Enten heran und liessen sich
klatschend in das Röhricht ein. Die beiden alten Herren sahen sich lächelnd an,
und Baron Port setzte auseinander, dass es früher mehr Enten gegeben habe und dass
er nicht wisse, woher das komme. »Ja, es war merkwürdig«, bemerkte der Baron
Warte, und dann sassen sie still da und warteten auf die Enten.
    Gertrud sprach weiter mit ihrer dünnen klagenden Stimme: »Und doch, ohne
diese Erinnerungen könnte ich nicht leben. Abends, wenn ich im Saal sitze und
durch die geöffnete Tür zusehe, wie es im Garten zu dämmern beginnt, dann kommen
die Erinnerungen so stark, dass ich ganz vergesse, wo ich bin, und wenn der
Diener kommt und die Lampe bringt und Papa ruft, damit wir Treitschke lesen,
dann ist es mir, als ob ich plötzlich in einem stillen dunklen Abgrund
versinke.«
    Die Sonne war untergegangen, sie hatte ein wenig Rot in das dunkle Metall
des Wassers gemischt, und es war die klare farblose Dämmerung des Maiabends
gekommen. »Du siehst wohl den Dietz Egloff häufig, nicht?« fragte Baron Port.
    »Ja,« antwortete Baron Warte, »er kommt zuweilen her, ich sehe ihn dann zum
Tee, aber er gehört zu jenen jungen Leuten, die sich nicht verstehen mit alten
Leuten zu unterhalten.« Fastrade hörte das, sie errötete, beugte sich vor und
sagte: »Er würde es vielleicht besser verstehen, wenn er mehr ermutigt werden
würde.« Der Baron Warte machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung. »Ich bin
gegen alle meine Gäste höflich,« erklärte er, »aber meine Freundlichkeit und
meine Achtung müssen erworben werden. Du, meine Tochter, hast ja ein gewisses
Recht, ihn zu verteidigen. Du hast dich mit ihm verlobt, und so ist ihn zu
verteidigen, sozusagen dein Beruf.«
    Der Baron Port lachte laut darüber, denn er hielt es für einen guten Witz
seines alten Freundes. Es war bereits so finster geworden, dass die Enten nur
noch wie grosse schwarze Schatten in das Wasser fielen, und die Frösche begannen
ihr Abendlied. Gertrud erzählte langsam und verträumt weiter: »Sylvia hat auch
ihre Erinnerungen und sie sagt, sie ist glücklich. Sie hat ihre
Kindererinnerungen, sie weiss, wie das erste Musselinkleid mit einer Schleppe
aussah, das sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag bekam, aber mir würde das nicht
mehr genügen.«
    »Hat Sylvia nie geliebt?« fragte Fastrade leise.
    »Der älteste Teschen machte ihr eine Zeitlang den Hof,« erwiderte Gertrud,
»und sie redete sich vielleicht ein, ihn zu lieben, aber es wurde nichts draus,
er ist ja auch so furchtbar hässlich.«
    »Es wird feucht«, sagte der Baron Warte, und man machte sich auf den
Heimweg. Der niederrinnende Tau raschelte in dem Laube, ein starker, kühler Duft
stieg vom Grase auf. Der Baron Port ging wieder neben dem Rollstuhl des Barons
Warte hin, und die Stimmen der alten Herren sprachen ruhig und laut in die
Abendstille hinein. Sie sprachen vom Tau. »Wenn wir den starken Tau nicht
hätten,« meinte Baron Port, »so wäre der Mai fast trocken.« »Ja, Ruhke meint das
auch,« sagte der Baron Warte, »aber die Wiesen stehen gut.« Die beiden Mädchen
folgten schweigend.
    Unterdessen ging Dietz Egloff am Waldrande hin und her, schlug mit seinem
Stocke die Blätter von den niederhängenden Zweigen und köpfte die
Löwenzahnblüten am Wege, er war wütend, weil Fastrade ausblieb. Die Sonne ging
schon unter und sie war noch nicht da. Aber so war es immer, sie sprach von
Helfen und Beistehen, und jetzt, wo er sie nötig hatte wie das tägliche Brot,
jetzt kam sie nicht. Im Walde wurde es dunkel, am Himmel standen schon einzelne
Sterne. Es blieb ihm nichts übrig, als heimzugehen.
    Zu Hause verschloss er sich in seinem Zimmer, er mochte keinen sehen. Er
setzte sich an seinen Schreibtisch mit dem Gefühl, dass er zu rechnen oder
unangenehme Briefe zu schreiben habe. Er tat jedoch nichts, er lehnte sich in
seinen Stuhl zurück und frass seinen Grimm in sich hinein. Diese letzten Tage
waren gewiss nicht darnach angetan, einem besonderen Appetit auf das Leben zu
machen. Lauter Widerwärtigkeiten. Nun, und dazu verlobte man sich doch, damit in
solchen Zeiten jemand da sei, der in das Leben wieder etwas Hübsches und Reines
bringe. Und gerade jetzt musste sie ausbleiben. Nach Paduren fahren wollte er
nicht, er hatte keine Lust, sich mit den Missbilligungsaugen des alten Warte
ansehen zu lassen. So brütete er vor sich hin, bis es im Hause still wurde und
die Uhr elf schlug. Da klingelte er und befahl Klaus, Ali, den Rapphengst, zu
satteln. Klaus wunderte sich nicht, alle im Hause waren an die nächtlichen
Fahrten und Ritte des Herrn gewöhnt.
    Als Egloff im Sattel sass, wurde ihm wohler, Ali begann munter zu tänzeln,
Egloff streichelte den blanken Hals des Tieres. Der war noch ein Kamerad, der
stets gut gelaunt bei allem dabei war. Manches Abenteuer hatten sie zusammen
unternommen, ja, Ali war die einzige Gesellschaft, die ihm nie Verdruss bereitet
hatte. »Nun vorwärts, mein Junge«, rief Egloff, und der Hengst setzte sich in
Trab.
    Die Wiesen, an denen sie vorüberkamen, hauchten eine köstliche Kühle aus,
voller Duft, auf der Weide standen Pferde, grosse dunkele Gestalten, die in den
weissen Nebelstreifen zu waten schienen, die über dem feuchten Klee lagen. Ali
begrüsste sie mit lautem Wiehern. In einem Birkenwäldchen schütteten die Zweige
den Tau wie ein Duschebad auf sie nieder, irgendwo in den Erlen sang eine
Nachtigall, rief wach und erregt ihre Töne in das schlafende Land hinein. Dann
ging es an kleinen Dorfgärten vorüber, aus denen es ganz süss nach blühenden
Bohnen herausduftete. Auf den Türschwellen der Katen sassen Burschen und spielten
Harmonika, die hellen Nächte liessen sie nicht schlafen. Plötzlich hielt Ali
still, es war vor dem Kruge, Egloff lachte. »Alter Verführer,« sagte er, »gut,
gut, feiern wir Erinnerungen.« Und er stieg ab. Die schwarze Lene trat aus der
Tür, sie lachte Egloff mit ihrem breiten Lachen an. »Herr Baron sind wieder
unterwegs«, meinte sie.
    »Ja, Lene,« erwiderte Egloff, »nimm Ali, er will wieder bei dir bleiben. Wer
kann in diesen Nächten schlafen, dir lässt das Blut wohl auch keine Ruh?« Lene
hob die Arme empor und streckte sich. »Kurios ist's in so einer Nacht«, meinte
sie, dann griff sie nach dem Zügel des Pferdes, um es in den Schuppen zu führen.
    Egloff ging langsam die Landstrasse hinab, Barnewitz zu. Er wollte am
Gartengitter sehen, ob Lydia wirklich auf der Bank sitzt und wartet, und dann,
es war gleich, nach Hause konnte er nicht und etwas musste in einer solchen Nacht
unternommen werden. Die kleine, hintere Pforte des Parkgitters fand er wie
voriges Jahr offen. Er trat ein und ging die gewohnten Wege entlang. Da war der
kleine Springbrunnen mit seinem dünnen Strahle im Sandsteinbecken, die
geschorenen Buchsbaumhecken mit ihrem starken, bitteren Geruch, immer, wenn er
den Geruch von Buchsbaum spürte, musste er an Lydia denken. Er bog in die grosse
Allee ein, und wirklich, auf der Bank unter dem Fliederbusche sass sie. Als er
vor sie hintrat, sprang sie auf, hing sich an seinen Hals, umschlang ihn, wie
Kinder zu umschlingen pflegen, mit dem ganzen Arm, hing an ihm leicht und
zitternd. »Da bist du ja,« flüsterte sie mit einem tiefen Seufzer der
Erleichterung, »schon vom Tore ab hörte ich dich kommen, schon als wir
herauskamen, wusste ich, dass du kommen würdest. Ich sagte zu Amalie: Heute
geschieht etwas, der ganze Garten fiebert.«
    Egloff hielt die kleine Gestalt so an sich emporgehoben und trug sie zu der
Bank, über die der Flieder seine Blüten niederneigte, wie eine weisse, duftige
Gardine. Der Garten war so still, dass man deutlich das Plätschern des kleinen
Springbrunnens hörte, wie eine flüsternde, eifrig erzählende Stimme.
    »Was auch geschieht,« sagte Lydia, als Egloff von ihr Abschied nahm, »ich
sitze hier und warte.« Egloff ging denselben Weg zurück, den er gekommen war, er
ging langsam und bemühte sich, dieses traumhafte Fühlen, das ihn die Zeit über
beherrscht hatte, festzuhalten. »Nur nicht ganz wach werden,« sagte er sich,
»nur das nicht.« Als er in den von Buchsbaum eingehegten Weg einbog, kam mit
schnellen Schritten Dachhausen ihm entgegen. Die beiden Männer standen sich in
der Dämmerung einen Augenblick schweigend gegenüber. Egloff überlegte, dass er
etwas sagen müsse, als er hörte, wie Dachhausen ihm deutlich und zischend
»Schuft!« zurief. Dann gingen sie aneinander vorüber.
    Dachhausen lauschte auf die Schritte, die sich entfernten, bis er wusste, dass
sie am Tore angelangt waren. Sein erstes Gefühl war das einer grossen Befreiung,
jetzt hatte er Klarheit, Klarheit nach allem qualvollen Zweifeln, Wachen und
Spionieren. Jetzt hatte das Gespenst Fleisch und Blut angenommen, jetzt hatte er
einen, an den er sich halten konnte. Fast angenehm war es, wie der Zorn ihm heiss
ins Blut fuhr, es war, als mache es ihn grösser und breiter. Er richtete sich
gerade auf, und seine Schritte wurden hart und fest. Eilig ging er die Allee
hinunter, und als er Lydia auf der Bank sitzen sah, überraschte es ihn nicht und
ergriff ihn nicht. Als müsse es so sein, trat er vor sie hin, reichte ihr seinen
Arm und sagte: »Komm.« Lydia erhob sich und nahm den Arm, so gingen sie
schweigend dem Hause zu, stiegen die Treppe hinauf und traten durch die Glastüre
in den Saal, der nur von einer einzigen Kerze erhellt wurde. Dachhausen führte
Lydia zu einem Sessel, auf den sie niedersank, sie lehnte den Kopf zurück, die
Arme lagen schlaff auf den Seitenlehnen des Stuhles. Diese Liebesstunde, nach
der sie sich so heiss gesehnt, hatte sie gebrochen, sie begann zu weinen in ihrer
stillen, unbewegten Art, nicht aus Schmerz oder Furcht, sondern wie Kinder
weinen, weil sie müde sind. Dachhausen stand vor ihr und sah sie an. Wie bleich
er ist, dachte Lydia, und wie es in seinem Gesichte zuckt, ob er mich schlagen
wird? Er jedoch wandte sich ab und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Lydia
bemerkte noch, dass er seine türkischen Pantoffeln mit den auf gebogenen Spitzen
an den Füssen hatte, dann schloss sie die Augen. Jetzt sprach er, anfangs leise
und mühsam, Lydia verstand ihn nicht; allmählich wurde die Stimme lauter,
drohender, die Worte überstürzten sich: »Hast du dich je über mich zu beklagen
gehabt? Habe ich je einen anderen Gedanken gehabt als dich, dein Glück, deine
Stellung, dein Vergnügen, deine Kleider, was weiss ich? Und du bringst Schande
über unser ganzes Haus, und mit diesem Buben von Egloff! Das geht wohl schon
lange so, jetzt ist mir alles klar, ich sah es nur nicht, weil ich an so viel
Gemeinheit nicht glauben konnte.« Lydia öffnete die Augen wieder, Dachhausen
ging sehr schnell vor ihr auf und ab, zuweilen fuhr er mit beiden Armen heftig
durch die Luft, und neben ihm an der Wand lief sein Schatten hin und her, ein
kleiner, breiter Schatten, der die Füsse hoch hob, an denen die Pantoffeln mit
den aufgebogenen Spitzen seltsam gross erschienen. »Und die anderen,« fuhr
Dachhausen fort, »die anderen wissen es wohl schon lange, sie weisen wohl mit
den Fingern auf uns. Ich habe mein Leben immer rein und einwandfrei gehalten,
und nun kommst du und machst daraus eine Lächerlichkeit und eine Schande. Es
ekelt mir vor meinem Leben, vor dir, vor mir, vor diesem ganzen Hause.« Er blieb
stehen und stampfte mit dem Fusse auf, und hinter ihm blieb der kleine, breite
Schatten stehen und stampfte auch mit dem Fusse auf.
    Das ist alles schrecklich und traurig, dachte Lydia, aber wenn es nur zu
Ende wäre! Was auch kommen mag, jetzt nur ein wenig Ruhe.
    Dachhausen hatte eine Weile geschwiegen, nun blieb er vor Lydia stehen und
sagte mit einer Stimme, die plötzlich ganz ruhig tief und würdevoll klang: »Ich
gebe dir einen Tag Zeit, um deine Angelegenheiten zu ordnen. Ich fahre morgen
aus, ich mag dir nicht mehr begegnen. Wenn ich zurückkomme, wirst du das Haus
verlassen haben, du wirst zu deiner Mutter reisen und meine Dispositionen
abwarten.« Er wollte gehen, aber er wandte sich noch einmal um, in seinem
Gesichte zuckte es. Wird er weinen? dachte Lydia. »Lydia,« sagte er mit
zitternder Stimme, »musste das sein?« Aber er schämte sich seiner Schwäche und
verliess schnell das Zimmer.
    Lydia blieb in ihrem Sessel mit geschlossenen Augen liegen, die Stille tat
ihr wohl, schon begannen ihr die Gedanken zu vergehen, da hörte sie Amaliens
sanfte Stimme: »Frau Baronin müssen jetzt schlafen gehen.«
    »Ja, Amalie, schlafen«, sagte Lydia mit einem tiefen Seufzer der
Erleichterung.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Fastrade konnte nicht schlafen, sie lag in ihrem Bette und horchte hinaus auf
die Töne, die in der nächtlichen Stille durch das Haus irrten, das leise Knacken
der Parkette, das Schlagen der Uhren. In einem Neste am Fenstersims zwitscherten
die Schwalben leise im Traume. Und die Gedanken wurden eigensinnig bohrend, wie
sie es in schlaflosen Nächten zu werden pflegen. Alles, an das sie sich hängten,
bekam ein drohendes und feindseliges Gesicht, das Leben schien sehr gefährlich
und tückisch, und mitten in ihm stand Dietz Egloff mit seinem leichtsinnigen und
hochmütigen Lächeln, und doch lauerten gerade alle Gefahr und alle
Feindseligkeit auf ihn. Eine grosse Angst ergriff Fastrade, eine Angst, wie sie
nur in dunkler Nacht und im Traume uns beschleicht und uns atemlos in unseren
Kissen auffahren lässt. Gegen Morgen schlief sie ein, allein bald erwachte sie
wieder von einem Ton an ihren Fensterscheiben. Sie lauschte, da war er wieder,
es war ihr, als würfe jemand etwas gegen ihr Fenster. Sie sprang aus dem Bette,
eilte zum Fenster und öffnete es. Es war noch vor Sonnenaufgang, der Garten
jedoch war schon ganz hell, und dort vor einem Beete roter Tulpen stand eine
Gestalt im grauen Mantel und grauen Schleier, Lydia Dachhausen. Fastrade
verstand nicht, aber da winkte Lydia mit ihrem Sonnenschirm und begann zu
sprechen. »Ja, ich bin es, o bitte, kommen Sie zu mir herunter, ich muss Sie
sprechen, es ist seinetwegen.«
    »Gut, ich komme«, rief Fastrade hinunter. Nach den Ängsten der Nacht
erschien es ihr wie selbstverständlich, dass sie Dietz Egloff meinte, und dass er
in Gefahr sei. Schnell hüllte sie sich in ihren elfenbeinfarbenen Morgenrock,
warf einen Schal um, ging leise durch das schlafende Haus auf die Veranda hinaus
und stieg in den Garten hinunter.
    Lydia hatte sich auf eine Bank gesetzt, die Hände im Schosse gefaltet, den
Oberkörper ein wenig vorgebeugt, starrte sie mit den Augen, die wie feuchte
Edelsteine glänzten, Fastrade angstvoll entgegen. Fastrade blieb vor der Bank
stehen. »Was ist geschehen?« fragte sie leise. Lydia begann zu weinen. »Ach
Gott, es ist so viel Schreckliches geschehen,« erwiderte sie, »aber das ist ja
gleich, deshalb wäre ich nicht zu Ihnen gekommen, aber ihm soll nichts
geschehen. Mein Mann wird ihn sicher töten, und das will ich nicht, nur das
nicht! Und Sie können ihn retten, Ihnen gehorcht er, Ihnen glaubt er, Sie kennen
ja auch die schrecklichen Gesetze der Herren hier. Ich, was kann ich tun?«
    Fastrade war sehr bleich geworden, und sie stützte sich mit einer Hand auf
die Rücklehne der Bank. »Ihr Mann will Dietz Egloff töten, warum?« fragte sie.
    Lydia rang ihre kleinen sorgsam in lichtgraue Handschuhe geknöpften Hände
ineinander und sah flehend zu Fastrade auf. »Wie soll ich Ihnen all die
entsetzlichen Dinge erzählen,« rief sie, »aber Fritz wird ihn sicherlich töten.
Ich fahre zu meiner Mutter, mein Wagen steht dort vor dem Tore, Fritz - ja,
Fritz hat mich aus dem Hause gewiesen, aber was liegt an mir. Sie werden ihm
verzeihen, Sie werden ihn retten, ich will nicht, dass er um meinetwillen stirbt.
Mein Gott, verstehen Sie doch!«
    Fastrade hatte verstanden; sie errötete, ihre Augen waren weit offen, eine
grosse Qual und zugleich etwas Hartes und Gewaltsames sprach aus ihnen, die Hand
auf der Rücklehne der Bank zitterte, am liebsten hätte sie dieses kleine,
bleiche Puppengesicht, das zu ihr aufschaute, geschlagen. »Jetzt sind Sie böse,«
klagte Lydia, »und auf mich können Sie böse sein, aber ihn müssen Sie retten,
ich kann ja nichts tun. Ich glaubte, wenn ich tot wäre, dann brauchte Fritz ihn
nicht zu töten. Ich habe auch ein Fläschchen Opium, aber ich kann nicht, ich
kann nicht sterben, ich habe so furchtbare Angst.« Sie bedeckte ihr Gesicht mit
den Händen, wiegte sich hin und her und jammerte leise vor sich hin. Fastrade
war wieder ruhig geworden, sie schaute auf Lydia mit einer seltsamen Mischung
von Mitleid und Ekel nieder wie auf ein kleines wimmerndes Tier, dann setzte sie
sich zu ihr auf die Bank, legte ihre Hand auf Lydias ruhelose Hände und sprach
zu ihr wie zu einem Kinde. »Sie brauchen nicht zu sterben, das verlangt keiner
von Ihnen, Sie müssen sich jetzt beruhigen, ich kann da nicht helfen, die Männer
haben ihre Gesetze, das muss getragen werden. Aber es muss ja nicht immer das
Schrecklichste geschehen, und dann wird er Ihnen ja beistehen, Sie schützen, er
hat ja Ihr Leben zerstört, er kann Sie nicht verlassen.« Fastrades Stimme begann
zu zittern und dann zu versagen.
    »Glauben Sie das?« fragte Lydia, und das bleiche Gesicht begann sich zu
beleben, und es war fast ein Lächeln, das um ihre Lippen zuckte. Fastrade zog
ihre Hand von Lydias Hand zurück und rückte auf der Bank ein wenig von ihr ab.
Es lag so viel Widerwillen in dieser Bewegung, dass Lydia gleich wieder ein
erschrockenes Gesicht machte und zu weinen begann.
    »Sie müssen jetzt fahren,« sagte Fastrade, »wenn Sie zu Ihrem Zuge
zurechtkommen wollen.« Gehorsam stand Lydia auf. »Ja, ich will fahren,« meinte
sie, »wie gut Sie sind«; und sie beugte sich über Fastrades Hand, um sie zu
küssen, Fastrade jedoch entzog sie ihr so heftig, dass Lydia befangen und
eingeschüchtert einen Augenblick dastand. »Ja, dann adieu«, sagte sie leise und
ging mit den kleinen, leichten Rebhuhnschritten an den Blumenbeeten entlang dem
Parktore zu.
    Fastrade hatte sich auch von der Bank erhoben und machte einige Schritte,
vor dem Tulpenbeete aber blieb sie stehen, liess die Arme schlaff niederhängen,
als fehlte ihr der Mut zu jeder Bewegung. Die Sonne ging auf, der Tau, der grau
auf Rasen und Blumen gelegen hatte, sprühte Funken. In der dunklen Fassade des
Schlosses leuchteten die Fenster rosenfarben auf, als beginne es hinter ihren
Scheiben zu blühen, und rosenfarbenes Licht lag jetzt über dem ganzen Garten; es
beschien die weisse Gestalt am roten Tulpenbeete, das bleiche Gesicht, die lang
niederhängenden, blonden Zöpfe. Mit weit offenen, tränenlosen Augen sah Fastrade
in die aufgehende Sonne; weinen konnte sie nicht, aber sie hätte schreien mögen,
einen jener Schreie, wie ihn ein wild oder ein Vogel in der Waldesstille erhebt
und der das ganze Land zum Zeugen seines Schmerzes aufruft.
    Dieser Tag erschien Fastrade sehr lang, ein Padurenscher Sommertag mit
seinen kleinen Beschäftigungen, dem Sitzen neben dem Lehnsessel des Vaters, den
Mahlzeiten, mit gelbem Sonnenschein in der stillen Zimmerflucht, den Gesprächen
mit Tante Arabella und den Gängen durch den Garten, von dem sie, die Hände voll
weisser Narzissen, heimkehrte, die in die Vasen geordnet werden sollten. Fastrade
war bleich und ruhig, ein Entschluss drängte alle Gedanken und Gefühle in den
Hintergrund, wo sie still darauf lauerten, dass die Bahn für sie wieder frei
werde.
    Gegen Abend liess sie den Braunen satteln und ritt in Begleitung des
Stallknechts in den Wald. Es war kurz vor Sonnenuntergang, überall wurde das
Vieh heimgetrieben, die Hüter sangen laut, aus den Schornsteinen der Katen stieg
der Rauch der Abendsuppe auf und wurde rotgolden im Abendscheine. Eine
behagliche Heiterkeit klang durch diese letzte Abendstunde. Fastrade trieb ihr
Pferd an, sie hatte Eile, ans Ziel zu kommen. Im Walde vor der Auerhahnhütte
stieg sie ab, übergab ihr Pferd dem Stallknecht und ging in die Hütte. Durch das
geöffnete Fenster fiel der Abendschein voll in den kleinen Raum und vergoldete
ihn über und über. In den letzten Sonnenstrahlen tanzten die Mücken wie blonder
Staub, auf die kleine Waldwiese vor der Hütte waren schon Rehe ausgetreten und
ästen knietief im rotgoldenen Grase. Es war sehr ruhevoll, allein Fastrade liess
diesen Frieden, liess auch die Erinnerungen, die hier wohnten, nicht an sich
heran. Schmal und aufrecht in ihrem blauen Reitkleide stand sie mitten in dem
Zimmer und dachte an ihre Aufgabe. Sie hatte Dietz Egloff hierherbestellt, um
ihm zu sagen, dass sie voneinander gehen mussten, und sie wollte, dass er auch
verstehe, warum. Jetzt hörte sie draussen Schritte, und gleich darauf trat Egloff
ein. »Guten Abend«, sagte er. »Guten Abend«, erwiderte Fastrade und reichte ihm
ihre Hand, die er höflich küsste. Sie sah sofort, dass er befangen war, und das
rührte sie. Sie begann zu sprechen - schnell, atemlos, als fürchtete sie, den
Mut zu verlieren, wenn sie zögerte. »Ich habe dich gebeten, herzukommen, ich
wollte nicht so still von dir gehen, ich glaubte, es passe für uns beide nicht,
uns zu trennen, ohne dass es klar zwischen uns sei, und so - so kam ich.«
    Eine leichte Röte stieg in Egloffs Gesicht auf, er wandte sich ab, nahm
einen Stuhl und schob ihn Fastrade hin. Als sie sich gesetzt hatte, setzte auch
er sich auf die Holzbank. Er sah Fastrade nicht an, sondern schaute auf die
Reitgerte nieder, mit der er spielte. »Das ist ja gewiss sehr korrekt,« sagte er
langsam, »das muss natürlich so sein, und ich hätte es nicht anders erwarten
können. Ich habe es ja auch gewusst, dass es so kommen musste. Ein Skandal darf in
die Nähe von Fastrade von der Warte nicht kommen, das ist denn alles ganz
ordnungsmässig. Da sind alle dummen Erinnerungen nicht am Platz. Wenn ich daran
denke, wie du hier an der Tür standest und von Helfen und Beistehen sprächest,
so gehört das wohl nicht hierher.«
    »Doch, es gehört hierher,« rief Fastrade leidenschaftlich, »wenn du krank
wärest, oder arm, oder von allen verlassen, dann würde ich bei dir stehen, das
wäre der einzige Platz auf der Welt, der mir zukäme, aber ich müsste ein Recht
darauf haben, du müsstest zu mir gehören. Nun aber gehörst du nicht mehr zu mir.«
    Egloff schaute auf, seine Augen wurden dunkel und böse. »Gehöre ich zu Lydia
Dachhausen?« fragte er.
    »Sie war heute morgen bei mir,« fuhr Fastrade fort, »sie weiss dich in
Gefahr, sie glaubte, ich könnte etwas tun, um dich zu retten. Das tut nur eine
Frau, die ein Recht auf dich hat.«
    Egloff zuckte leicht mit den Schultern: »Ich bin nicht so freigebig damit,
das Recht auf mich zu vergeben; diese kleine Frau, die sich an mich hängt, ist
ein Abenteuer, eine Gelegenheit, eine Sünde, alles - nur kein Schicksal. Lydia
Dachhausen zählt nicht, dass du das nicht verstehst! Dass du an der nicht vorüber
kannst!«
    Fastrade schüttelte den Kopf: »Nein, das werde ich nie verstehen, dass eine
Frau, die dir zuliebe ihr ganzes Leben zerbricht, nicht zählt, an der kann ich
nie vorüber, es würde mir sein, als ob ich auf etwas Lebendes träte.«
    Die Sonne war untergegangen und in dem kleinen Zimmer dämmerte es, von der
Wiese und den grossen Tannen wehte Kühlung herein; eine Fledermaus hatte sich
durch das Fenster in das Zimmer hinein verirrt und zog unter der niedrigen Decke
unablässig ihre Kreise, zuweilen leise mit den Flügeln an die Wände streifend.
Egloff hatte eine Weile geschwiegen, nun sprach er, und es klang verhalten und
dumpf, als müsste er seine Stimme zur Ruhe zwingen: »So habt ihr es immer hier
gemacht auf den Schlössern, Grossmut, Mitleid, Stolz, Ehrlichkeit, all solche
Dinge mussten in die Liebe hinein, Dinge, die nichts mit der Liebe zu tun haben,
an denen sie erstickt. Lydia weiss von diesen Dingen nichts, die kommt an jeder
vorüber.«
    »Das einzige Recht der armen Lydia ist das Recht auf dich,« erwiderte
Fastrade ein wenig feierlich, »und wenn ich noch etwas wünschen, wenn mich noch
etwas freuen könnte, so wäre es, dass du sie beschützest und sie nicht
verlässest.«
    »Oh, ich kenne das,« unterbrach Egloff sie heftig, »immer wolltest du mich
mit deiner Tugend anputzen, damit deine Liebe sich vor sich selbst entschuldigen
konnte, dass sie an einen solchen Gesellen geraten war. Aber es ist umsonst, ich
fürchte, sie hatte keine Entschuldigung.«
    »Ach, lassen wir sie,« sagte Fastrade müde, »sie hat keinem helfen können,
sie zählt nicht mehr.«
    Leise, und als spräche er zu sich selbst, murmelte Egloff: »Zählt nicht -
na, sie wäre noch das einzige gewesen, was in dieser verdammten Welt hätte
zählen können.« Es war so finster geworden, dass sie einander nicht mehr deutlich
sehen konnten. Über ihnen war noch immer das unermüdliche leise Rauschen der
kleinen Flügel hörbar, plötzlich hatte die Fledermaus den Ausgang durch das
offene Fenster gefunden, sie stiess einen schrillen Laut aus und flatterte in die
Dunkelheit des Waldes hinaus.
    »Ich muss jetzt gehen,« sagte Fastrade, »lebe wohl, Dietz.« Sie reichte ihm
ihre Hand, und er drückte sie schweigend. Fastrade wandte sich dem Tische zu,
auf dem ihre Handschuhe und Reitgerte lagen, sie blieb dort einen Augenblick
stehen und der leise, helle Ton fallenden Goldes wurde vernehmbar. Sie hatte den
Ring, den Egloff ihr gegeben, vom Finger gestreift und auf den Tisch fallen
lassen, dann ging sie hinaus.
    Zu Hause erfuhr sie von Christoph, dass der Baron Port eben da gewesen und
fortgefahren sei. Während sie sich in ihrem Zimmer umkleidete, dachte sie: so
muss es ja kommen, jetzt ist die Geschichte von Lydia, Dietz und mir zu allen
Schlössern unterwegs.
    Fastrade ging zu ihrem Vater hinüber. Der Baron und die Baronesse Arabella
sassen nebeneinander auf dem Sofa und die bleichen Gesichter schauten gespannt
zur Tür hin. »Guten Abend«, sagte Fastrade, als sie eintrat. »Guten Abend, mein
Kind,« erwiderte der Baron feierlich, »setze dich.« Fastrade setzte sich,
faltete die Hände im Schoss, sah vor sich hin in das Licht der Lampe und wartete.
Der Baron schaute seine Schwester an, diese nickte kummervoll, da trocknete er
seine Lippen mit dem Taschentuche, räusperte sich und sprach offenbar mit
Anstrengung: »Port war hier, er hat mit deiner Tante gesprochen, nun ja, und
deine Tante hat mit mir gesprochen. Er hat da Dinge erzählt, die uns viel Kummer
bereiten.« Er hielt inne und sah Fastrade erwartungsvoll an. Diese regte sich
nicht, sie schaute noch immer wie abwesend in die Lampe, aber sie sagte ruhig
und deutlich: »Ich habe eben meine Verlobung mit Dietz Egloff gelöst.« Wieder
sahen die beiden alten Leute einander an, die Baronesse lächelte sogar kaum
merklich und der Baron nickte. »So, so,« meinte er, und das Reden wurde ihm
leichter, »nun ja, ich habe von meiner Tochter nichts anderes erwartet. Ich
erinnere mich zwar nicht, dass hier in Paduren eine Warte schon einmal ihre
Verlobung aufgelöst hätte, das ist für die Familie auch immer unangenehm, aber
unter diesen Umständen bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Hättest du
beizeiten meine Warnungen gehört, so wäre uns viel Kummer erspart worden. Aber
lassen wir das jetzt, dieser junge Mann ist erledigt.« Und er fuhr mit der Hand
von oben nach unten durch die Luft, wie er es in solchen Fällen zu tun liebte.
Fastrade wollte auffahren, wollte gegen diese bleiche Greisenhand protestieren,
die über Dietz Egloff den Sargdeckel zuzuschlagen schien, aber sie schwieg.
»Nun, und du wirst bald darüber hinwegkommen,« fuhr der Baron heiterer fort, »du
hast deine Heimat, deinen Wirkungskreis, wir sind ja hier recht gemütlich
beisammen, wer kann uns etwas vorwerfen, wer kann uns etwas tun, nun also.« Die
Baronesse Arabella stand auf, ging zu Fastrade und küsste sie auf die Stirn, der
Baron legte seine Hand auf Fastrades Hände, sie aber richtete sich auf, als
täten diese Liebkosungen ihr wehe. »Sollen wir nicht lesen?« sagte sie und griff
nach St. Simons Memoiren. »Nun ja,« erwiderte der Baron, »dem steht jetzt wohl
nichts im Wege.« »Lest, lest,« meinte die Baronesse, ihr tränenfeuchtes Gesicht
lächelte, »ich bringe euch Orangen, es ist eben eine neue Sendung angekommen.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Spät am Abend kehrte Dietz Egloff von seiner Reise nach Hause zurück. Klaus
empfing ihn im Flur, nahm ihm seine Sachen ab, fragte nach seinen Befehlen und
tat das mit einer scheuen, traurigen Miene. Egloff entnahm daraus, dass die
Nachricht vom Tode des armen Dachhausen ihm vorausgeeilt war. Im Saal kam ihm
die Baronin entgegen, sie umarmte ihn, sie hatte geweint, und auch in ihrer
Zärtlichkeit lag etwas Befangenes und Unsicheres. »Du wirst hungrig sein, mein
Kind,« sagte sie, »du wirst gleich essen.« Egloff dankte, schlafen wollte er,
nur das. »Ja, ja,« meinte die Baronin und streichelte seinen Rockärmel, »schlaf
nur, mein Kind; niemand wird dich stören. Wein und etwas Kaltes lasse ich dir
auf dein Zimmer stellen, vielleicht dass du später etwas nimmst.« Auch Fräulein
von Dussa kam, und in ihrem Händedruck lag etwas Patetisches. Die beiden Damen
begleiteten Egloff bis an die Tür seines Zimmers, und als er dieselbe hinter
sich schloss, hörte er sie eine Weile noch miteinander flüstern.
    Er streckte sich auf sein Sofa aus und schloss die Augen, er war wirklich
todmüde, aber was half es, so war es ihm schon auf der Fahrt ergangen; sobald er
die Augen schloss, musste er das eben Erlebte wieder erleben. Es war wie eine
Besessenheit, gleich sah er wieder das flache, mit Erlengebüsch bestandene Land
dort an der polnischen Grenze im Lichte des bewölkten Morgens, mitten darin das
Birkenwäldchen, grell weiss und grün wie ein neues Kinderspielzeug. Dort gingen
die Herren auf und ab, massen die Distanz, luden die Pistolen. Da war Bützow und
der Leutnant von Klette, der junge von Teschen und Doktor Hansius. Egloff ging
etwas abseits auf und ab, er hatte den Kragen seines Paletots aufgeschlagen,
denn ihn fror. Auf der anderen Seite sah er Dachhausen hin-und hergehen, und er
musste lächeln über die breitspurige und würdige Art, in der die kleine Gestalt
einherschritt. Ein guter Junge, dachte Egloff. Von Jugend auf kannten sie sich,
und Dachhausen hatte stets mit treuherziger, grosser Bewunderung zu Egloff
aufgesehen. Welch eine widerwärtige Komödie, dass man sich da hinstellen sollte
und aufeinander schiessen, und wie wichtig der kleine Dachhausen sich vorkam.
Fräulein von Dussa, in ihrer boshaften Weise, hatte einmal gesagt, Dachhausens
Augen haben mit den schönen Brauen und den langen Wimpern eine ganz tragische
Aufmachung, mitten drin aber sitzen doch nur die harmlosen blauen
Dachhausenschen Augen. Das war es, Dachhausen liebte das Patos und hatte kein
Glück damit.
    Geschäftig kam Bützow herangelaufen, das grosse Monokel ganz beschlagen von
der feuchten Luft. »Ich denke, wir fangen an,« sagte er, »es ist alles bereit.«
So stellten sie sich denn auf. Als die Gegner einander grüssten, als ihre Blicke
sich begegneten, war Egloff versucht, dem alten Kameraden so vieler
Jugendstreiche zuzulächeln, allein Dachhausens Gesicht blieb starr und ernst.
Der Unparteiische begann zu zählen, Egloff schoss, er wusste nicht, hatte er
gezielt, aber nach dem Schusse warf Dachhausen beide Arme empor, drehte sich und
fiel zu Boden. Doktor Hansius und die anderen Herren liefen auf ihn zu und
umgaben ihn. Egloff blieb auf seinem Platze stehen, er war sehr überrascht, das
hatte er nicht erwartet. Endlich kam Bützow zu ihm herüber. »Lungenschuss,« sagte
er leise, »schlimm. Wir werden ihn zum Kruge bringen müssen.« »Kann ich helfen?«
fragte Egloff. »Nicht nötig,« erwiderte Bützow, »es sind Leute da, mein
Chauffeur und andere, fatale Geschichte«, und er eilte wieder fort. Egloff sah
zu, wie die Leute kamen und Dachhausen forttrugen, und als er allein war, fing
er an mit kleinen Schritten auf und ab zu gehen, über ihm im Laube flüsterte es,
ein feiner Regen ging nieder. Er zog seinen Paletot an, weil ihn fror. Das erste
Gefühl, das ihn überkam, war eine Art Erleichterung, etwas war von ihm genommen.
Über den Ausgang solcher Affären denkt man ja nicht viel nach; aber auf dem
Grunde seines Bewusstseins hatte die Überzeugung geruht, dass er fallen würde, und
nun lebte er. Gleich darauf erfasste ihn ein ungewohntes, quälendes Erbarmen mit
dem alten Freunde, der da so hilflos mit beiden Armen in die Luft gegriffen
hatte und zur Erde gefallen war. Wozu das? Das hatte er doch nicht gewollt.
»Pfui Teufel«, brummte er und spie aus. Langsam ging er jetzt den andern nach,
und seine Gedanken schlugen einen andern Weg ein. »Wäre ich gefallen,« sagte er
sich, »dann hätte Fastrade um mich geweint, jetzt wird ihr Mitleid Dachhausen
gehören, und sie ist mir unerreichbarer denn je.« Er missgönnte Dachhausen dieses
Mitleid. Was hatte der dumme, kleine Dachhausen solche Geschichten zu machen? Im
Duelle fallen, das passte wirklich nicht zu ihm, das war eine dieser
Wichtigtuereien, über die er ihn so oft als Knabe verspottet hatte. Egloff nahm
seinen Hut ab und liess sich das heisse Gesicht vom Regen kühlen. Nun war es ja
auch gleich, verspielt war verspielt. Die feuchten Erlenblätter um ihn her
dufteten stark, ein Hase setzte über den Weg, und Egloff folgte ihm in
gewohnheitsmässigem Interesse mit den Blicken.
    Vor dem Kruge angelangt, ging er in die Krugstube. Der Raum war unreinlich
genug, roch nach kaltem Tabak und Fusel, ein graubärtiger Jude stand hinter dem
Schenktische, ruhig und beschaulich, als sei nichts geschehen. »Guten Morgen,
Herr Baron,« sagte er freundlich, »die Herren haben schlechtes Wetter, schade.«
Doktor Hansius kam eilig in das Zimmer, um etwas zu bestellen. »Wie steht es?«
fragte Egloff. Hansius zuckte die Achseln. »Nicht gut«, meinte er und ging
wieder.
    Auch die Herren von Klette und Teschen kamen, eine Zigarette rauchen; sie
standen einen Augenblick bei Egloff und berichteten. Es sah schlimm aus, er war
nur selten bei Bewusstsein, die Katastrophe konnte bald eintreten. Die
Unterhaltung verstummte jedoch, und die Herren fühlten sich behaglicher, als sie
sich in die Fensternische zurückzogen und miteinander flüsterten. Die
sympatische Person bin ich hier nicht, ging es Egloff durch den Kopf. Hansius
erschien wieder in der Tür. Dieses Mal winkte er Egloff. »Ich glaube, er will
Sie sehen,« sagte er. Egloff folgte dem Doktor in ein kleines, weiss getünchtes
Zimmer, in dem ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl standen. Dachhausen lag in
seinen Kissen mit geschlossenen Augen; sein Gesicht schien in der kurzen Zeit
seltsam gealtert, es war spitz und gelb geworden. Der Doktor beugte sich über
ihn, da öffnete er die Augen, liess seinen teilnahmslosen, kalten Blick durch das
Zimmer irren, wandte den Kopf zur Seite und machte mit der Hand eine müde,
abwehrende Bewegung. Er schien etwas zu murmeln, Doktor Hansius beugte sich
näher zu ihm, richtete sich dann auf und flüsterte Egloff zu: »Ich denke, Sie
gehen.« »Was sagt er?« fragte Egloff. »Er sagt Lydia«, erwiderte der Doktor.
Egloff verliess das Zimmer. Draussen stiess Bützow zu ihm. »Hier ist schlechte
Luft,« meinte er, »draussen wird es besser sein.« Sie gingen hinaus und schritten
vor dem Hause in dem leise niederrinnenden Regen auf und ab. Bützow machte
anfangs Redensarten über die fatale Affäre, bald ging er auf die vielen Hasen
über, die es hier geben musste und auf die kleinen, struppigen Bauernhunde, die
so glänzend auf der Hasenjagd waren. Ab und zu schauten sie zur Krugstüre
hinüber, als erwarteten sie eine Nachricht. Plötzlich blieb Bützow stehen.
»Hören Sie, Egloff,« sagte er, »das ist nun so, wie es ist, aber essen muss der
Mensch, ich habe einen Wolfshunger, Sie nicht?« Egloff hatte an seinen Hunger
bisher nicht gedacht. »Gleichviel,« beschloss der Graf, »kommen Sie zu meinem
Wagen, dort habe ich was zu essen.« Sie gingen zu Bützows Automobil und stiegen
hinein. Bützow packte seine Vorräte aus. »Sehen Sie, da ist Leberpastete, da ist
kalte Pute, hier etwas Kaviar, da ist Schnaps und Rotwein«; und sie begannen zu
essen, Egloff fühlte erst jetzt, dass er hungrig war, und das Essen bereitete ihm
ein intensives Vergnügen. Es war auch wirklich gemütlich hier in dem hübschen
gepolsterten Raume, der Regen knisterte an den Fensterscheiben, Bützow wurde
ordentlich heiter, er sprach von seinem Koch, der eine Perle war, kritisierte
das Essen auf den Schlössern. Bei Ports ass man schlecht, aber sie hatten eine
Spezialität, kleine Speckpasteten, die waren delikat. Bei Teschens war die
Fischsuppe gewöhnlich gut. Egloff berichtete von Speisen, die er auf seinen
Reisen gegessen, von einer gefüllten Pute, die in einem griechischen Haushalt
serviert worden war, gefüllt mit Reis, Pistazien, Mandeln und trockenen Feigen.
Als die Mahlzeit jedoch beendet und Egloff satt war, fiel die gemütliche
Stimmung sofort wieder von ihm ab. Der Raum wurde ihm zu enge, und Bützow mit
seinem Geschwätz und seinem zu starken englischen Parfüm war ihm unerträglich.
»Steigen wir aus«, schlug er vor. Draussen kam ihnen der Leutnant von Klette
entgegen, ernst und feierlich. »Es ist aus«, murmelte er. Man stand schweigend
beisammen, bis Bützow sagte: »Sehr traurig, sehr traurig, aber dann können wir
wohl fahren, ich bringe Sie zur Station, Egloff.« Allein Egloff wollte den Toten
sehen. Dachhausen lag da im kleinen Krugzimmer, das bleiche Gesicht hatte jetzt
wieder seinen friedlichen, harmlosen Ausdruck, an den Augen die Linien, welche
die freundlichen Falten seines stets bereiten Lachens eingegraben; es war wieder
das gute Gesicht, auf dem nichts von Leiden, nichts von einer Geschichte
geschrieben stand.
    Egloff schaute ihn an mit einer wunderlichen Mischung von Mitleid und
Verachtung. Es schien fast widersinnig, dass er so streng und bleich dalag, der
arme Junge konnte selbst im Tode nicht ernst genommen werden. Egloff wandte sich
ab, verabschiedete sich von den Herren mit einem kühlen Händedruck und ging
hinaus, um zu Bützow in das Automobil zu steigen.
    Nun kam die Reise mit ihrem traumhaften Wiedererleben des Erlebten; es war
Egloff unmöglich, an das zu denken, was kommen würde, immer wieder stand das
Vergangene ihm vor Augen, und mitten darin immer wieder Dachhausen, Dachhausen
sich breit und wichtig auf die Mensur stellend, Dachhausen, wie er hilflos mit
den Armen durch die Luft fuhr und zu Boden fiel, Dachhausen, wie er bleich und
still im Bette lag. Und ein Ingrimm erwachte in Egloff, wie einfach und klar
wäre die Lösung gewesen, wenn er, Egloff, gefallen wäre. Ja, er wusste es jetzt,
er hatte bestimmt darauf gerechnet, und nun kam dieser Mensch und verwirrte
alles wieder. Dort in der kleinen weissen Krugstube wie Dachhausen dazuliegen,
welche Ruhe!
    Ja, welche Ruhe, Egloff streckte sich auf seinem Sofa. Draussen vom Saale her
klangen die Töne eines Harmoniums herüber, Egloff entsann sich, es war heute
Sonnabend, und da pflegte stets eine Abendandacht mit den Leuten stattzufinden.
Er erhob sich und ging hinaus.
    Fräulein Dussa sass am Harmonium, die Baronin neben ihr, die Bibel auf den
Knien, in der Tür standen die Mägde und die Diener und der Koch. Egloff setzte
sich am anderen Ende des Saales in einen Sessel, dort hatte er schon als Kind
während dieser Andachten gesessen, damals waren ihm die Augen vor Schläfrigkeit
zugefallen, und die Flammen der Kerzen hatten sich in krause Bündel kleiner
goldener Blitze aufgelöst.
    »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«, wurde angestimmt. Starke, ein wenig
heisere Stimmen riefen die feierliche Leidenschaftlichkeit der Melodie in den
Saal hinein und mischten in die Andacht die Schläfrigkeit des Feierabends. Wie
einst als Kind, empfand Egloff diese Töne als grosse, ruhige Wellen, die ihn
nahmen, hoben und wiegten, und die krankhafte Spannung seiner Nerven löste sich.
Nach dem Choral las die Baronin den zweiten Psalm in ihrer klagenden,
ermahnenden Weise, nur dass die Stimme zuweilen zu zittern begann und in einer
aufsteigenden Rührung zu versagen drohte. Den Schluss machte ein gemeinsames
Gebet, ein gleichmässiges Murmeln, das dem kleinen Dietz früher der Inbegriff des
Heiligen geschienen hatte. Egloff stand leise auf und ging in sein Zimmer
hinüber. Das hatte ihm wohlgetan, es war stiller in ihm geworden. Er ass ein
wenig, trank ein Glas Wein und setzte sich in seinen grossen Sessel. Das
angenehme Gefühl, mit dem wir bemerken, dass ein bohrender Schmerz, der uns
quälte, plötzlich nachgelassen hat, erfüllte auch ihn, als er feststellte, dass
er nicht mehr an Dachhausen zu denken brauchte. Er schloss die Augen und musste
eine Weile geschlafen haben, denn er träumte eine kurze Traumvision, Fastrade
kam in die Auerhahnhütte in ihrem blauen Reitkleide, das Gesicht rund und rosig,
das Haar unnatürlich golden, und mit ihr kam viel Sonnenschein in das Zimmer,
ein Sonnenschein so gelb, wie er ihn nur als Kind gesehen zu haben glaubte, wenn
der kleine Dietz morgens im Bette lag und die Wärterin die Fensterläden öffnete
und die Morgensonne hereinliess. Das Gefühl der Freude musste für den Traum zu
stark sein, denn er erwachte. Still sass er da, um das Traumgefühl festzuhalten,
bis die Gegenwart unerbittlich und unentrinnbar alles verlöschte. Da empfand er
ein Gefühl des Alleinseins, wie es ihn so stark noch nie ergriffen hatte.
Menschen waren ihm stets ein Bedürfnis gewesen, allein er hatte es nie recht
verstanden, ihnen nahe zu sein, jetzt jedoch schienen alle Fäden, die ihn mit
den anderen verbanden, zerrissen, und die eine, in deren Gegenwart er sich nie
allein gefühlt, war ihm unendlich fern. Seltsam war es immerhin, dass er mit
diesem Dietz Egloff bis an das Ende gehen sollte. Und vielleicht war es ein
Aberglaube, die Welt war doch so gross, konnte er nicht dort irgendwo weit fort
auftauchen, als ein anderer und Neuer? Das Leben Dietz Egloffs war zwar
verdorben und verspielt, aber das Leben ohne Dietz Egloff war ganz
uninteressant. So sank denn die Einsamkeit auf ihn nieder wie etwas
Körperliches, wie etwas Kaltes und Hartes, schnürte ihn ein wie eine Rüstung.
Die kleine Uhr auf dem Spiegeltisch schlug elf mit ihrem dünnen, hellen Tolle,
der einer Kinderstimme glich.
    Egloff klingelte Klaus und befahl ihm, Ali zu satteln, ging darauf in sein
Ankleidezimmer, sich für den Ritt umzukleiden. Als er fertig war und eben
hinausgehen wollte, blieb er einen Augenblick vor seinem Schreibtische stehen,
auf dem ein Paket Briefe lag, obenauf ein grosser Brief von Mehrenstein. Mit Ekel
schob er sie beiseite, die sollten nur uneröffnet bleiben.
    Ali war munterer denn je, und da Egloff ihn laufen liess, jagte er in vollem
Galopp die Landstrasse entlang. Wieder kamen sie an Wiesen vorüber, über die der
Nebel hinspann, wieder schlug die Nachtigall in den Erlen, und Harmonikaklänge
irrten durch die Nacht, aber heute kam das Egloff nicht nahe, es zog vorüber wie
das Leben, auf das wir aus dem Kupeefenster mit reisemüden Augen herabsehen.
Aber Ali war so ausgelassen, dass Egloff auf ihn achtgeben musste, und die Arbeit
am Pferde zerstreute ihn ein wenig. So jagten sie die Padurensche Birkenallee
hinab, und vor dem Parkgitter hielten sie. Dunkel und schweigend mit seinen
geschlossenen Fensterläden stand das alte Haus zwischen den grossen
Kastanienbäumen, die alle ihre Blüten aufgesteckt hatten mitten in dem schwülen
Dufte seines Gartens, und der bleiche Reiter vor dem Parktor starrte lange durch
die Dämmerung zu ihm hinüber. Ali jedoch war unruhig und liess sich endlich nicht
mehr halten. »Geh«, murmelte Egloff, und in tollem Ritte ging es jetzt über die
Landstrasse dem Walde zu. Im Walde war es dunkel und so stille, dass die
Hufschläge des Pferdes widerhallten wie in verlassenen Kreuzgängen. Vor der
Auerhahnhütte blieb All von selbst stehen. Egloff stieg ab und führte das Tier,
das ganz in Schaum war, beiseite unter die Zweige einer grossen Tanne. »Tüchtig
ausgelaufen, was, mein Alter«, sprach er ihm liebevoll zu, er löste ihm den
Sattelgurt und den Kopfriemen, bedeckte leicht mit der linken Hand das Auge des
Pferdes, zog mit der rechten seinen Revolver heraus, drückte ihn gegen Alis Ohr
und schoss ab. Ein Zittern ging durch den ganzen Körper des Tieres, dann brach es
mit allen vier Läufen zusammen, zuckte ein wenig und lag still da. Egloff beugte
sich zu ihm nieder, strich ihm mit der Hand über die Mähne und murmelte: »So,
mein Alter, mehr ist nicht daran, man streckt sich ein wenig und dann ist's aus,
mehr ist nicht daran.« Er richtete sich auf und ging langsam zur Hütte hinüber.
Vor der Tür blieb er einen Augenblick stehen und schaute in die Nacht hinein.
Durch die schwarzen Tannenwipfel blitzten Sterne, auf der kleinen Waldwiese lag
Nebel, und ein Nachtvogel flog lautlos nahe der Erde durch die weissen Schleier
hin. Egloff öffnete die Tür zur Hütte und zog sie hinter sich zu. -
    Früh morgens wurde Fastrade von ihrem Mädchen geweckt. Der Förster aus Sirow
sei da, hiess es, er wolle das gnädige Fräulein sprechen, es sei etwas mit dem
jungen Herrn geschehen, vielleicht wolle das gnädige Fräulein mitfahren, der
Förster habe seinen Wagen da. »Gut, ich komme«, sagte Fastrade, sie sprang aus
dem Bette und kleidete sich eilig an. Keine grosse Erregung machte sie dabei
schwach, die letzten Tage hatten so viel Leid gebracht, dass eine Art ruhiger
Schmerzbereitschaft in ihre Seele eingekehrt war. Sie erwartete es nicht anders,
als dass noch mehr Schmerzvolles kommen würde. Den Förster Gebhard fand sie sehr
verstört. »Ja, es war etwas Schlimmes geschehen mit dem jungen Herrn«,
berichtete er, »drüben in der Auerhahnhütte.« Er wäre zuerst hierhergekommen.
Auch nach Doktor Hansius sei geschickt worden. Der Wagen stehe unten. »Also
fahren wir«, beschloss Fastrade. Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen,
und Fastrade mochte nicht fragen, es war ihr, als wüsste sie schon alles. Sie
stiegen in den kleinen Wagen, schweigend trieb Gebhard sein Pferd an, und aus
seinen kleinen, schlauen Augen rannen beständig Tränen in den grauen Bart. Vor
der Auerhahnhütte hatten sich Leute versammelt, Waldhüter und Bauern, die
Fastraden scheu und traurig grüssten. Sie stieg aus und ging in die Hütte. Auf
der hölzernen Ruhebank lag Egloff ausgestreckt, sie hatten ihm die Satteldecke
unter den Kopf geschoben, sein Rock war offen, auf seinem Hemde war ein kleiner
Blutfleck wie ein rotes Siegel, die Züge des bleichen Gesichtes hatten eine
wunderbare Schärfe und Regelmässigkeit, und der Ausdruck hochmütiger
Verschlossenheit lag auf ihnen.
    »Er ist tot«, kam es klagend von Fastrades Lippen, sie kniete nieder und
streichelte seine kalte Hand. Dann setzte sie sich auf die Bank, nahm seinen
Kopf in ihren Schoss, beugte sich nah auf ihn nieder und sprach halblaut zu ihm:
»Ganz allein, ganz allein musste er sterben, ich war nicht da, ich habe ihn ja
verlassen, ich habe ihm nicht geholfen, so ist er allein gestorben, niemand war
bei ihm, als er in Not war.«
    Leute kamen in das Zimmer und gingen wieder, Fastrade bemerkte es nicht, sie
tat, als sei sie mit ihrem Toten allein. Endlich berührte jemand ihre Schulter,
Doktor Hansius war es. »Wir müssen ihn in das Schloss bringen«, sagte er.
Fastrade sah ihn mit den weitoffenen, tränenlosen Augen an und sagte wieder
klagend: »Er ist hier allein gestorben, denn ich habe ihn ja verlassen.« Männer
kamen mit einer Tragbahre, auf die der Tote gebettet wurde, Gebhard gab leise
Befehle, und sie trugen ihn hinaus. »Kann ich Sie in meinem Wagen mitnehmen?«
fragte Hansius Fastrade. »Ich bleibe bei ihm«, erwiderte sie. Sie ging hinaus,
und als der Zug sich in Bewegung setzte, schritt sie neben der Bahre her, ihre
Hand auf die Hand des Toten gelegt. Der Morgen war wundervoll hell, in den
Pappeln der Allee jubelten die Amseln so laut, als feierten sie heute ein
besonderes Fest. Am Ende der Allee stand das Schloss blendend weiss in der hellen
Morgensonne. Ganz still, mit niedergeschlagenen Vorhängen, schlief es noch
mitten in dem bunten Blühen seines Gartens, während der stille Zug sich ihm
langsam näherte.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Die Baronin Port hatte ihren Strickrahmen auf die Veranda hinaustragen lassen;
da sass sie mitten unter den Schatten des wilden Weines und arbeitete. Sie
stickte an einem jungen Hunde, der nach einer Wespe schnappt, auf hellblauem
Grunde. Auch Gertrud hatte sich hier in einem Liegestuhl ausgestreckt und sah
müssig auf das Land hinaus. Sylvia aber las still für sich einen englischen
Roman. Der Baron Port kam auf die Veranda heraus im Reitanzug, denn er war im
Begriff, seinen gewohnten Abendritt zu machen. »Ihr sitzt hier ganz gut,« meinte
er, »ich wollte nur sagen, dass ich in Paduren anreiten will und vielleicht
später nach Hause komme.« »Tue das,« erwiderte die Baronin, »sieh etwas nach den
armen Padurenschen.« - »Ach was, arm,« versetzte der Baron, »ich finde, Warte
ist in letzter Zeit sehr guter Laune. Nun, und Fastrade kommt allmählich auch
darüber hinweg, sagt mir die Tante. Vernünftiges Wartesches Blut. Es ist gut,
dass auch die dümmsten Geschichten vorübergehen.« Er stand noch einen Augenblick
da und schaute auf den Garten hinunter, »ein Wetterchen, ein Wetterchen,«
murmelte er, »wenn das so weiter geht, kriegen wir ein Heu wie Zucker. Na ja,
dann auf Wiedersehen«, und er ging.
    Sylvia, die, während ihr Vater sprach, ruhig weiter gelesen hatte, liess
jetzt das Buch sinken. »Du weinst ja«, sagte Gertrud. Sylvia lächelte und hatte
die Augen voller Tränen. »Ja,« erwiderte sie, »die kleine Mary, die den Lord
liebt, stirbt an gebrochenem Herzen, das ist sehr rührend.« Gertrud lehnte sich
befriedigt in ihren Stuhl zurück. »Gewiss, das gibt es,« meinte sie, »und es ist
ein Trost, dass solche schöne, heisse Sachen wirklich in der Welt passieren, wenn
sie auch nicht zu uns kommen. Mit dem armen Egloff und Fastrade und Lydia und
Dachhausen waren sie uns schon ganz nahe.«
    Die Baronin hob den Kopf und sah ihre Tochter unzufrieden über die Brille
hin an. »Wie du wieder sprichst,« sagte sie, »danke Gott, dass du hier ruhig und
glücklich leben kannst und dass wir von deinen dummen, heissen Sachen verschont
bleiben.«
    Gertrud lächelte überlegen. »Ich sage ja nichts,« versetzte sie, »aber ich
kann mich doch darüber freuen, dass es da draussen ein Leben gibt, in dem
Interessanteres sich ereignet, als dass das Heu gut hereinkommt.« Die Baronin
zuckte die Achseln und suchte in ihrem Wollkorbe nach einem passenden Faden.
»Draussen, draussen,« murrte sie, »du warst ja draussen und die Fastrade auch, was
hat es geholfen? Ihr kommt ja doch zurück, ihr könnt dort ja doch nicht leben.«
»Vielleicht können wir es nicht,« erwiderte Gertrud gereizt, »aber ich kann mich
doch darüber freuen, dass es Menschen gibt, die das können.«
    Unterdessen ritt der Baron Port auf seiner alten Schimmelstute gemächlich
zwischen seinen Feldern hin. Der Tag war sehr heiss gewesen; von der Abendsonne
angeleuchtet, schwebte der Staub wie ein rötlicher Dunst über der Landstrasse,
das Korn war schon in Ähren, die Wiesen in ihrem vollen Blühen hatten einen
schönen Kupferglanz. Die Arbeiter kamen von ihrer Arbeit und grüssten den Baron,
und er nickte wohlwollend, rief dem einen oder anderen etwas zu: »Heiss gewesen
heute, was?« und als sie schon vorüber waren, behielt sein Gesicht noch eine
Weile das leutselige Lächeln. Er liebte es, auf seinen abendlichen Ritten nicht
nur seine eigenen Felder, sondern auch die Felder der Nachbargüter zu
besichtigen. So schlug er den Weg nach Barnewitz ein. Als er am Hause
vorüberkam, sah er die Baronin Dachhausen und Adine in ihren Trauerkleidern auf
der Hofestreppe stehen und zum Stall hinüberschauen, in den gerade das Vieh
eingetrieben wurde, eine lange Reihe schöner, schwarz und weiss gefleckter Tiere,
die langsam vorüberzogen und eine Atmosphäre von Gemächlichkeit und Satteit um
sich her verbreiteten. Der Baron grüsste hinauf, und die Damen winkten. Von
Barnewitz machte er einen Umweg über Sirow. Die Felder standen auch dort gut.
Durch das Gartengitter sah er die beiden Frauen mit wehenden Trauerschleiern in
der kleinen Wandelhalle auf- und abgehen. Das kannte er, das hatte er oft schon
gesehen, wenn er vorüberritt, nur fiel es ihm heute auf, dass die Baronin
Fräulein von Dussa den Arm gab und langsam zu gehen schien.
    Um Sonnenuntergang langte er in Paduren an. »Die Herrschaften sind unten im
Park«, meldete der Diener. »Ich weiss, ich weiss«, sagte der Baron Port und ging
zum kleinen See hinunter. Dort fand er den Baron Warte in seinem Rollstuhle,
die Baronesse Arabella und Fastrade. Sie sassen still beisammen und warteten auf
den Einfall der Enten. »Kommen sie schon?« fragte Baron Port. - »Die kommen
schon,« erwiderte Baron Warte und lachte, »nach dem heissen Tage haben sie es
eilig.« »So, so«, meinte Baron Port und setzte sich zu seinem alten Freunde.
»Ja, ein Wetterchen, wenn das so fortgeht, so kriegen wir alle Arbeit zugleich
auf den Hals«, und er erzählte von den Witzowschen Feldern und von den
Barnewitzschen und Sirowschen Feldern, und sie sprachen von den früheren Ernten.
Wenn eine Schar Enten herangeflogen kam und sich rauschend in das Schilf
niederliess, dann hielten die alten Herren in ihrem Gespräch inne und lachten.
    »Nichts Neues in der Gegend?« fragte der Baron Warte. »Nein, nichts,«
erwiderte der Baron Port, »Gott sei Dank ist hier alles wieder ruhig.« »Das ist
gut,« meinte der Baron Warte in belehrendem Stimmtone, »man hat im Leben ja
auch seine Unruhe gehabt, man hat seine Tätigkeit und seinen Wirkungskreis
gehabt, nun will man Ruhe im windstillen Winkel.« »Da hast du ganz recht,
Bruder«, bestätigte Baron Port.
    Fastrade sass schweigend da und schaute auf den See hinaus. Die behaglich
plaudernden Stimmen der Alten drangen zu ihr wie etwas, gegen das sie sich
wehrte. Alles wieder ruhig. War diese Ruhe nicht etwas Drohendes und
Feindliches? Sie hatte Angst um ihren Schmerz, der jetzt ihr heiligstes Erlebnis
war. Würde er in dem windstillen Winkel stille werden, schläfrig werden,
untergehen?
    Die Dämmerung nahm zu, Enten kamen nicht mehr, der See wurde still, nur
zuweilen rauschte ein Flügel im Schilf, eine Ente schnatterte im Traum oder eine
Unke plätscherte leise auf ihrem Wege durch das seichte Wasser am Ufer. Irgendwo
im Rasen begann ein Erdkrebs seinen einsamen Liebesgesang. - In der Finsternis
still vor sich hinzuweinen tat Fastrade wohl, es tat ihr wohl, in sich
hineinzuhorchen auf das Schlagen ihres Herzens und das Fiebern ihres Blutes, sie
fühlte sich dann wunderbar eins mit dem verstohlenen Schluchzen, Liebkosen und
Seufzen, mit dem ganzen geheimnisvollen Leben, das durch die Junidämmerung
atmete. - »Es wird dunkel«, sagte der Baron Warte, und man machte sich auf den
Heimweg. Am Parkgitter liess der Baron halten. »Sieh, Port,« meinte er, »drüben
bei dir haben sie schon Licht gemacht.«
    »Ja,« erwiderte der Baron Port, »und dort in Sirow auch. Und das dort ganz
weit sind die Lichter von Barnewitz.«
    Die goldenen Lichtpünktchen blinzelten friedlich über die Ebene hin, auf
deren Felder, fette Wiesen und stille Wege flüsternd die Sommernacht herabsank.
»Aber kühl wird es doch abends«, bemerkte Baron Port. »Ja, kühl,« bestätigte
Baron Warte, »da wird ein Glas von meinem Rotwein gut tun, du kennst ihn ja.«
»Den kenne ich gut«, schmunzelte der Baron Port und die beiden alten Herren
lachten behaglich bei dem Gedanken an den guten Padurenschen Rotwein. -
 
    