
        
                                  Lena Christ
                                Matias Bichler
                                    Im Weidhof
Meine Kostmutter hat mir gesagt, dass ich am vierten Sonntag nach der Erscheinung
des Herrn, also gerade an dem Tag auf die Welt gekommen bin, da in Sonnenreut
der erste Viehmarkt im Jahr ist.
    Wer meine Mutter ist, hat sie gesagt, das weiss sie nicht; und von meinem
Vater hat sie bis auf den heutigen Tag nichts gesehen. Ich auch nicht; und ich
glaube fast, dass es wahr ist, was die alte Irscherin, die Waldhex, gesagt hat:
nämlich, dass ich ein Wechselbalg bin, bei dem die Truden und Unhold Gevatter
gestanden sind.
    Das aber ist einmal gewiss: Ich bin an dem obgemeldeten Tag auf d' Nacht nach
dem Gebetläuten vor der Haustür der alten Weidhoferin gelegen und habe durch
mein jämmerliches Wimmern die Leut erschreckt. Denn wie der Weidhofer, der
Messmer von Sonnenreut, vom Gebetläuten heimkommt und zu der Haustür hineinwill,
liegt was am Boden. Er stösst mit dem Fuss daran hin, da fängt es an zu wimmern.
Der Weidhofer macht's Kreuz; dann aber hebt er das Päcklein auf und trägt's
hinein in die Stuben.
    Und wie sie den ganzen Haderlumpen auseinandergewickelt haben und haben
geschaut, da war's ich.
    Und auf einem Zettel ist es gestanden: dass ich heut nacht zur Welt gekommen
und noch nicht getauft bin, und dass die Gemeinde schon für mich zahlen wird.
    Da hat die Mesmerin gesagt: »In Gott's Nam; zieht man'n halt auf, den Wurm!«
    Und sie hat mich am andern Tag aus der Tauf gehoben und hat mir eine Wiegen
in ihre Schlafkammer gestellt und an ihre Bettstatt gerückt.
    Und einen Namen hat sie mir gegeben, nach ihrem Sinn und Stand, und ich
heisse: Matias Bichler, der Weidhoferbalg. Denn da man keinen Vater noch eine
Mutter gewusst hat, die mir hätten ihren Namen geben können, so hat halt die alte
Weidhoferin den ihrigen hineingesetzt ins Taufbuch und hat gemeint: »Alt ist er
und gut auch, und er wird schon auskommen damit und vielleicht einmal ein
rechtschaffener Bauer werden, wie der alte Bichler, Gott hab ihn selig, einer
gewesen.«
    Aber es ist wohl ein wenig anders gekommen; und ich habe schon von klein auf
zu allem andern mehr Lust und Geschick gezeigt als zu einem Bauern.
    Auch bin ich nicht, wie andere Bauernkinder, stundenlang auf dem Stubenboden
oder im Hausflöz gehockt, zufrieden, wenn man mir einen leinenen Schnuller in
den Mund steckte und den Stiefelzieher auf den Schoss legte als Spielzeug. Ich
begann vielmehr, kaum ich ein vier, fünf Jährlein alt und Herr über den Gebrauch
meiner Glieder geworden war, allerlei Wünsche und Neigungen zu betätigen, die
wenig zu einem genügsamen und geraden Bauernwesen passten.
    Am liebsten schlich ich mich in die Künigkammer, die beste Stube des Hauses,
in der seit Menschengedenken aller Prunk und Glanz des Weidhofs angehäuft wurde.
    Da wühlte ich in den Truhen und Schränken, behängte mich mit seidenen und
blumendurchwirkten Tüchern, silbernen Ketten und schimmernden Flachszöpfen,
setzte die alte, hohe Pelzhaube des seligen Weidhoferahnls auf und stellte mich
so herausgeputzt vor den Spiegel des Glaskastens und betrachtete und beschaute
mit viel Ergötzen meine Herrlichkeit. Sodann kletterte ich auf Tisch und Stuhl,
nahm die alten, vergoldeten Heiligenbilder von den Wänden, lehnte sie der Reihe
nach rings um die Ofenbank und begann, vor diesen auserlesenen Zuschauern die
wunderlichsten Tänze und Sprünge auszuführen.
    Oder ich trieb mich auf dem Dachboden herum und trug dort alles zusammen,
dessen ich irgendwie habhaft werden konnte: Decken, Schüsseln, Messer,
Mausfallen, Weichbrunnkrügl, Gebetbücher; ja sogar das Vogelhaus samt dem Hansl
und die Blumenstöcke vom Söller schleppte ich dahin.
    dabei hatten alle diese Dinge in meinen Spielen ihre Bestimmung; sei es nun,
dass der Vogelkäfig zum Weidhof und die Blumenstöcke zum Obstgarten wurden, oder
dass aus den Gebetbüchern ein ganzes Bauerndorf erstand, indem ich sie halb
geöffnet auf den Boden stellte, die Messer als Bewohner dieses stillen Orts in
die Ritzen des Fussbodens steckte, während ich den Käfig bald zur Kirche, bald
zur Schule machte und der flatternde, kreischende Vogel bald zum Schulmeister,
Pfarrer oder gar Herrgott erhöht wurde.
    Rings um dieses Dorf hing ich dann die Decken über altes Gerümpel und nannte
sie das Gebirge, während ich in die Schüsseln von den Bergen aus Quellen, Teiche
oder gar Seen erschuf, welche Tat mir freilich einmal eine Tracht Prügel
eintrug, als der Weidhofer, der schon überall nach mir gesucht hatte, mich, als
ich eben regnen liess, in dieser seltsamen Gegend fand.
    Nun hat mir einmal der Bürgermeister im Zorn darüber, dass ich in seinem
Garten die schönsten Frauenbirnen vom Baum gebrockt und in den eigenen Sack
gesteckt hab, nachgeschrien, dass ich ein Zigeunerbalg und von teuflischen
Gauklern sei.
    Auch sonst wies allerlei darauf hin, dass ich kein Bauernblut im Leib gehabt,
vielmehr ein loser Vogel und von abenteuerlichem Wesen war, auch jede
Kameradschaft mit andern Kindern meines Alters vermied und mich, weiss Gott wo,
herumtrieb, daher meine Ziehmutter auch viele Kümmernisse mit mir ausstand.
    Sie war ein ruhiges und gottesfürchtiges Weib und hatte das Haus voll
Kinder, ohne selber jemals eins geboren zu haben. Es waren lauter fremde, die
sie um ein Vergeltsgott und etliche Kreuzer Kostgeld aufzog. Sie fragte nie
lange, woher oder von welchen Leuten so ein Wurm kam; mit gutem Herzen nahm sie
ihn in die Arme und war ihm eine rechte Mutter.
    Wenn ich an den langen Winterabenden in der Stube hockte und mit dem
Ziehvater Besen band oder der Mutter das Garn vom Spinnrocken verzwirnte, da
erzählte sie oftmals den Mägden von ihren Eltern und deren Schicksalen.
    Lebendig steht er noch vor mir, der selige Weidhofer, wie ein knorriger,
trutziger Baum, mit allen Bauerntugenden, die seine einzige Tochter, meine
Kostmutter, von ihm rühmend berichtete.
    Er hatte den Weidhof schon als junger Bursch übernehmen müssen, nachdem ihm
der schwarze Tod über Nacht die Eltern und das Gesinde weggeholt hatte. Er war
damals gerade im Tirolerland gewesen bei einem Vetter, als ihm flüchtende
Bewohner des Heimatdorfes die Hiobsnachricht zutrugen. Kurz darauf holte er sich
eine Bäuerin aus der Umgegend, die ihm neben dem stattlichen Brautschatz auch
einen sparsamen Sinn und ein Paar riegelsame Arme mitbrachte. Mit ihr hauste er
fünfunddreissig Jahre und war zufrieden und angesehen. Und als er ihr nachmals
ein verschnörkeltes Grabkreuz und den alten Efeustock auf ihren Hügel setzen
musste, half ihm eine einzige Tochter trauern und den Hof versorgen. Diese
Tochter aber war meine Ziehmutter.
    Sie war damals ein hageres, gelbhaariges Mädchen, das nüchtern und gelassen
alle Dinge nahm, wie sie kamen. Daher sagte sie auch ohne viel Besinnen ja, als
der Messmerkaspar, ein ungeschlachter, aber gutmütiger Mensch, um sie anhielt.
    Der alte Weidhofer hätte es nun freilich anders im Sinn gehabt, und der
Antrag des mageren Freiers war nicht nach seinem Willen; doch brachte er es
nicht über sich, seinem einzigen Kinde dies zu sagen, und so wurde bald still
Hochzeit gehalten.
    Nach Wunsch und Willen des Weidhofers blieben beide im Haus; denn obschon
der immer noch rüstige Alte nicht um alles den Weidhof bei Lebzeiten seinem
Schwiegersohn übergeben und sich ins Austragstüblein gesetzt hätte, wollte er
doch nicht, dass seine Wabn als Mesmerin in einer Häuslleutwirtschaft ein
kümmerliches Brot ässe.
    Und nachdem er sich als fast siebzigjähriger Greis zu seiner seligen Bäuerin
in die Grube gelegt hatte, übernahm der Messmerkaspar den Hof und nannte sich von
nun an Weidhofer.
    Seine Ehe mit der immer hagerer und bleicher werdenden Wabn blieb kinderlos,
obschon diese die mannigfachsten Gelöbnisse und Wallfahrten unternahm.
Schliesslich tröstete sie sich und begann, ein innerliches, gottseliges Leben zu
führen, las fleissig den Tomas von Kempis und andere fromme Werke und hielt im
Haus auf Zucht und Gottesfurcht.
    Da hätte sie es denn freilich gern gesehen, dass ich, nachdem ich die ersten
paar Hosen auf der Schulbank zerrissen hatte und anfing, ein ziemlich
wohlgestalter, kleiner Bursch zu werden, auch zugenommen hätt an Weisheit; denn
mein Ziehvater, der Messmer, jammerte um einen Ministranten. Wohl waren unter den
sieben Kostkindern, die sein Weib aufzog, vier Buben; allein, er konnte keinen
für dies Amt gebrauchen. Der lange Ambros war so dumm, dass er das Glöcklein
nicht einmal bedienen konnte bei der Messe, geschweige denn dem Pfarrer
antworten. Der Fritz war noch im Flügelrock, und Hans und Hausl mussten schon
aufs Feld.
    Da sagte die alte Mutter oft zu mir: »Matiasl, schau, dass d' gscheiter
wirst!«, oder: »Matiasl, guck, unser lieber Herr braucht 'n Knecht!«
    Und der Weidhofer, mein Ziehvater, setzte sich mit mir auf die Hausbank und
lehrte mich das Konfiteor, das Deo gratias und noch gar vieles.
    Oft nahm er auch ein paar alte Milchkännlein und wies mir, wie man den
Priester beim Amt bedient und bei der Messe.
    Dies alles hätte mir wohl gefallen, und ich begriff schnell und mit gutem
Verstand, was er mir zeigte; allein die Leute sagten, dass es eine Sünde sei,
wenn so ein hergelaufener Balg am Altar des Herrn bediene. »Wer weiss«, sagten
sie, »von wem er stammt, und was für ein gottloses Gewerbe vielleicht seine
Eltern getrieben haben!«
    Und etliche Bauern sagten: »Wir haben selber Buben; wir brauchen keinen
gelegten!«
    Also durfte ich nicht in die Kirche und zum Altar, und der Weidhofer
schickte mich nun mit dem Vieh auf die Weide, und ich wurde der Hüterbub.
    Das war freilich keine harte Zeit für mich, und ich hatte viel der Weil für
allerhand Dinge, die meinem Sinn damals noch näher lagen als Gebetläuten und
Kirchendienen.
    Aus Weidenstäbchen schnitt ich mir kleine Pfeifen und brachte es dabei auf
eine solche Anzahl, dass ich mit ihnen das Te deum blasen konnte. Sie lagen alle,
den Tönen nach geordnet, auf einem Felsblock, und ich vergnügte mich viel mit
ihnen.
    Oder ich machte Wasserspritzen und Luftpistolen aus Holunderholz und
verhandelte sie sonntags nach der Kirche am Gottesackertürl gegen alte
Silbergroschen, Glaskugeln, Adlerfedern oder andere Sachen, von denen ich in
einem Felsenloch schon ein gutes Häuflein beieinander hatte.
    Darinnen sass ich oft stundenlang und unterhielt mich mit diesen leblosen
Dingen, als seien sie meinesgleichen.
    Ich stellte etliche wunderlich geformte Wurzelstöcke an die Felswand, dass
sie die Bauern wären; und die kauften oder verhandelten alsdann die
Kostbarkeiten, wobei ich jedem eine andere Stimme lieh und ein anderes
Temperament, gerade so, wie ich es an den Festtagen auf dem Kirchplatz von
Sonnenreut gesehen und gehört hatte.
 
                                 Die Wallfahrt
Zu meiner Kinderzeit hat man in Sonnenreut den Schulzwang noch nicht gekannt;
daher auch der Weidhofer, mein Kostvater, seine Pfleglinge, um an Schulgeld zu
sparen, kaum sie ein paar Tafeln zerschlagen hatten, wieder von dieser gelehrten
Stätte hinwegholte und an die Arbeit spannte. Da musste denn ein jedes, sei es
nun im Stall oder draussen in Feld und Wald gewesen, aus sich selber die Bildung
des Verstandes und der Seele vollenden. Zum besseren Gedeihen dieses Werkes gab
mir die Ziehmutter eine zerschlissene Fibel, eine alte Legende und das
Evangeliumbuch mit auf die Alm, daraus ich dann oftmals meinen hölzernen
Freunden in der Höhle vorgelesen und gepredigt habe.
    Da geschah es wohl bisweilen, dass das Vieh, während ich in dem Verstecke mit
mir selber Jahrmarkt oder Christenlehre hielt, auf und davon ging, so dass ich
grossen Fleiss brauchen musste, es wieder zusammenzubringen.
    dabei ist es auch einmal geschehen, dass sich eine Kalbin, die vielleicht aus
irgendwelcher Ursache erschreckt geflüchtet war, so sehr verstiegen hatte, dass
ich nimmer glaubte, sie lebend wieder zu erlangen. Sie stand blökend auf einem
kaum armbreiten Felsvorsprung des Schwarzenbergs und konnte nicht vor noch
zurück; ich weiss beim Himmel nicht, wie sie dahin gekommen.
    In meiner Not fiel mir ein, ich könnte mich zu unserer lieben Frau vom
Birkenstein verloben, und ich versprach ihr sechs von meinen alten
Silbergroschen, wenn ich meine Kalbin heil und unverletzt herunterbrächte. Ich
weiss aber nicht, wie es kam, oder ob sie half: In diesem Augenblick kamen ein
paar fremde Gesellen aus einer Felsenrinne hervor und halfen mir das Vieh
herunterschaffen.
    Es waren aber Pascher oder Schmuggler, die das Revier auskundschafteten; und
sie fragten mich des langen und breiten um alle Weg und Steg. Gern und willig
gab ich ihnen über alles Aufschluss, froh, dass ich die Kalbin wieder hatte; denn
mein Ziehvater, der Messmer, war ein strenger, jäher Mann, der in der ersten
Hitze oft manches tat, was ihn nachher gereute.
    Also hatte unsere liebe Frau von mir ein Gelöbnis erhalten, und mich dünkte,
dass ich es nun auch alsobald ausführen müsse, wenn ich ihr gefällig sein wollte.
    Und ich begann alsbald, mein Felsloch auszuräumen und die Schätze im
Sonnenlicht auszubreiten; es war ein gerechtes Häuflein. Aber es wurde mir nicht
leicht, mich so ohne weiteres von den schönen, funkelnden Silberstücken zu
trennen; immer wieder drehte ich sie zwischen den Fingern, legte sechs in die
linke Hand, wog sie, schüttelte sie und schob sie endlich schnell wieder in den
Sack, indem ich halblaut vor mich hin sagte: »Nein, diese nicht! Ich suche
andere aus!«
    Doch auch mit diesen ging es mir nicht besser, bis ich endlich unvermittelt
das ganze Häuflein zusammenraffte und wieder in die Höhle steckte.
    So trieb ich es acht Tage lang; da kam das Fest Mariä Himmelfahrt. Für
diesen Tag hatte ich mir von der Weidhoferin Urlaub zur Wallfahrt erbeten, und
sie schickte mir den langen Ambros, dass er für mich zwei Tage den Viehhüter
mache.
    Der brachte mir in einem Bündel ein Stück Käse, Brot und die Nagelschuhe,
dazu mein gutes Jöpplein und den Rosenkranz. Auch ein Wachs und eine dicke
Silberkette legte er mir hin und sagte: »Das sollst unserer lieben Frau
mitnehmen von der Weidhoferin. Und du sollst ein paar Vaterunser für sie beten
und die Meinung machen, dass dies nur grad eine Drangab ist zu der Verlöbnis, die
sie getan hat. Und sie kommt schon noch selber, dies Jahr, und tut ihren
Dankgott!«
    Da gab es mir einen Riss. Meine Kostmutter hatte mir hier ihren kostbarsten
Schmuck, ihre Brautkette, für die liebe Frau geschickt, weil sie kurz zuvor bei
dem scharfen Hagelschauer ihre Felder wunderbar beschützt hatte; wie durfte ihr
nun ich, dem sie nicht weniger wunderbar geholfen hatte, meine paar
Silbergroschen verweigern!
    So eilte ich denn in die Höhle, steckte eine Hand voll Münzen in meine
lederne Hose, schob die übrigen in die dunkelste Ecke und dachte, dass die
Himmelmutter wohl mächtig genug sei, mir das Opfer, welches ich ihr hiedurch
brachte, hundertfach zu vergelten.
    In diesen Gedanken legte ich die Schuhe an, hing die Joppe über die Achsel
und sagte: »Ambros, jetzt geh i halt in Gotts Nam. Pfüate Gott!«
    Und zum Vieh sagte ich noch, dass ich ihnen einen besonders grossen, kräftigen
Segen mitbringen wolle und dass ich sie schon einschliessen würde in die Andacht.
    Dann nahm ich das bunte Sacktuch, in welches das Opfer der Mesmerin
eingewickelt war, hing es an meinen Stecken, lupfte mein Hütl und machte mich
auf den Weg.
    Obgleich ich erst etwa zwölf Jahre zählte und noch nicht über unsere Alm
hinausgekommen war, fehlte es mir nicht an Schneid; es war mir genug, dass die
Nandl, unsere Schwaigerin, einmal mit der Hand gegen den Wendelstein gewiesen
und dabei gesagt hatte: »Siehst Matiasl, dort hint is unsa liebe Frau vom
Birknstoa. Grad unterhalb vom Wendlstoa!«
    Darum wandte ich mich sogleich gegen diesen, suchte mir einen Weg, der in
der Richtung führte, und trabte frisch dahin, indem ich wohlgemut ein Frauenlied
ums andere hinaussang.
    dabei schaute ich immer wieder hinter mich, ob mir keine Kuh oder Geiss
nachkäme, und horchte auf das immer ferner klingende Geläute des Viehs. Doch
bald lag alles weit hinter mir in bläulichen Dunst und Nebel eingehüllt, und ich
stieg langsam auf einem einsamen Waldweg, zu dessen Seiten ein kleines Wasser
talab floss, bergan.
    Eine grosse Stille war rings um mich her; nur der Schrei des Hähers, das
Singen der Waldvögel und das Summen der Hummeln und Wespen tönte an mein Ohr.
Kein Mensch begegnete mir; nur ein paar Rehe sprangen erschreckt davon, als sie
mich so unvermerkt vor sich sahen. So stieg ich weiter, bis ich, den Wald hinter
mir lassend, über eine Almwiese wanderte, mit grossen, erstaunten Augen
hinabschauend auf eine weite Welt, von deren Grösse ich mir keine Vorstellung
machen konnte. Wohl an die zehn Kirchtürme erblickte ich da, die bald spitzig
wie ein Griffel, bald rund wie unsere Edelbirnen oder sonst wunderlich geformt
im Sonnenlicht glänzten.
    Ich blieb stehen, stützte das Kinn auf den Stock und sah unverwandt hinab
und dachte, was das wohl schöne Orte sein möchten, und ich wäre gern einmal in
jedem gewesen. Da erhielt ich plötzlich einen heftigen Stoss von rückwärts, dass
ich rittlings über meinen Stecken fiel; und da ich aufsah, stand ein Bauer
zürnend und greinend hinter mir und schrie, dass es mir durch alle Glieder fuhr,
ich solle schauen, dass ich aus seinem Grund und Boden hinauskäme; und wenn er
noch einmal so einen verdammten Ellbacher Lumpen in seinem Rain fände, könnt
schon sein ...!
    Ich erwiderte ihm zwischen Zorn und Schreck, dass ich gar kein Ellbacher sei,
ja, dass ich diesen Ort gar nicht wisse. »I bin doch der Weidhoferbalg von
Sonnenreut!« sagte ich; »und ich geh nur grad wallfahrten auf Birkenstein!«
    Da schaute er mich erst zweifelnd, dann lachend an und meinte: »Wie sagst?
Vom Weidhofer z' Sonnenreut?«
    Und als ich, wieder aufstehend, nickte, sagte er, dann solle ich nur da
weitergehen: »Gleich da hinten bei dem Zwiefiturm ist Fischbachau; balst dich a
weni schleunst, nachher gehst es leicht in zwo Stund!«
    Ich nickte wieder, und nachdem ich ihm noch mürrisch »Pfüa Gott« gesagt,
lief ich davon.
    Der schmale Wiesenpfad führte wieder in einen Wald, und ich eilte nun, ohne
zu rasten, dahin, bis ich auf eine breite Strasse kam, an der ein Wegweiser nach
Ellbach und Durham zeigte. Indem ich nun bald auf den Weg, bald auf die Tafel
blickte, donnerte ein Schuss durch die Berge und gleich darauf noch mehrere. Ich
dachte, dass es gewiss Böller sein möchten, und hörte aufmerksam auf die Richtung,
woher sie kamen. Da drang plötzlich, erst verworren, dann immer deutlicher,
lautes Beten an mein Ohr, ich blickte mich um, da sah ich eine grosse Schar
Männer und Frauen die Strasse heraufkommen, Fahnen und Kreuze tragend und den
glorreichen Rosenkranz betend. Voran gingen zwei Priester im Chorhemd; etliche
Ministranten mit roten, goldverzierten Schulterkrägen folgten ihnen und trugen
kranzgeschmückte Statuetten der Heiligen auf langen Stangen, und dahinter
reihten sich die Beter. Sie schritten alle gebeugt, und der Schweiss stand vielen
auf dem Gesicht, doch hielten sie eine schöne Ordnung; und es gingen auf der
rechten Strassenseite die Frauen und auf der linken die Männer hintereinander,
also dass die ganze Strassenbreite leer zwischen ihnen blieb. Ein Mann im Chorrock
lief mit einem langen, silbernen Stab beständig den Zug entlang und schrie mit
grossem Nachdruck immer die ersten Worte eines jeden Ave Maria hinter sich,
worauf die Beter alle zu gleicher Zeit einfielen; und es war die Ordnung also,
dass die Männer den Gruss vorbeteten, die Frauen aber mit der Bitte nachkamen.
    Ich zog mein Hütlein, liess sie an mir vorüber und folgte ihnen, überzeugt,
dass es Wallfahrer seien, die gleich mir die Mutter vom Birkenstein heimsuchten.
    So war es auch; und wir zogen unter dem Geläute der Glocken durch die Orte,
und es kam mir vor, als trabte eine grosse Schafherde vor mir her, der ich als
ein junges Hündlein oder wie ein krummgehendes Lamm folgte. Doch zog ich auch
meinen Rosenkranz aus dem Sack und schrie mit vieler Kraft mein »Gegrüsst seist
du, Maria« hinter den Betern, so dass sich endlich die letzten umsahn und mir
ganz freundlich und ermunternd zunickten.
    Immer noch krachten die Böller; und ich dachte, dass es nun nicht mehr weit
sein könne bis zu dem Ort, wo sie abgefeuert wurden; denn sie donnerten hart,
und ihr Schall brach sich unmittelbar an allen Wänden.
    Langsam bewegte sich der Zug bergan, vorüber an kranzgeschmückten Häusern,
und von allen Seiten strömten Pilger herbei und schlossen sich ihm an. Und
während ich, neugierig einen vollbesetzten Wirtsgarten betrachtend, gedankenlos
noch meine Ave Maria schrie, verschwanden droben allmählich die Fahnen und
Statuetten hinter den Birken eines von Menschen dichtumlagerten Felsens, von dem
das Geläute silberner Glocken tönte, der Glocken der Kapelle unserer lieben Frau
vom Birkenstein.
    Allmählich zerteilte und löste sich der Zug in Gruppen, und ich schob mich
behende durch die Versammlung vor dem Kirchlein; denn ich wollte meine Aufgabe
vollbracht haben. Darum stieg ich sogleich die schmale Holztreppe hinauf, die zu
einem Wandelgang führte; der zog sich rings um das Kirchlein und war an Decke
und Wänden mit Votivtafeln und Gemälden dicht behangen. Ein niederes Tor stand
weit geöffnet, und der Duft von Weihrauch und Kerzen drang heraus. Ich zwängte
mich durch einen dichten Knäuel von Bäuerinnen und schlüpfte ungeachtet ihrer
erzürnten Mienen und Reden hinein in die Kirche.
    Eine tiefe Stille war hier trotz der grossen Zahl der Betenden, und man hörte
nichts als das Fallen der Rosenkranzperlen und das Knistern seidener Schürzen
und Kopftücher. Nur manchmal begann irgendein Weiblein zu seufzen oder zu
hüsteln, oder es entstand ein kleines Geräusch durch eine abrinnende Opferkerze.
Ich empfand diese Stille und die Schwüle in dem winzigen, vollgepfropften Raum
ganz beängstigend und suchte, da mir zudem auch jeder Blick auf den Altar durch
die Erwachsenen unmöglich war, in die Nähe desselben zu gelangen. Ich schob mich
daher bald hier, bald dort an einer seidenen Schürze vorbei, trat wohl auch
manchmal einem oder dem andern auf die Zehen, bat diesen oder jenen Bauern, mich
durchzulassen, und brachte es am Ende zustande, dass ich mich an der Stufe des
Hochaltars befand.
    Heissa! Riss ich da die Augen auf! In einem magischen roten Licht, umgeben von
goldgeflügelten Cherubinen und kleinen Engeln, die auf rosenrot leuchtenden
Wolken schwebten, stand die Mutter mit dem Kind. Beide trugen goldene,
steingeschmückte Kronen und reichverzierte Prunkmäntel; insonderheit der
schwere, weitausgebreitete Purpurmantel unserer lieben Frau erregte in mir
Staunen und Verwunderung. Das Bild schien mir zu schweben, und bei dem unsteten
Schein der vielen Kerzen glaubte ich fast, es lebe; denn es stand frei, hoch
über dem Altar, und hielt ein Zepter mit so lieblicher Gebärde, wie nur ein
lebendes Wesen dies tun kann. Und ich dachte, wie es doch möglich gewesen wäre,
ein solch köstliches Werk zu schaffen und aus dem ungefügen Holz zu schneiden;
denn der Weidhofer hatte mir erzählt, dass es holzgeschnjetzt und bemalt sei. Und
mit einem Male trat ein Wunsch auf meine Lippen, an den ich noch nie zuvor
gedacht: Ich möchte ein solcher Meister werden, wie der dieses Bildes einer
gewesen. Inbrünstig sagte ich ihn drei-, viermal vor mich hin, und das letztemal
muss ich es wohl laut getan haben; denn eine Stimme hinter mir flüsterte erzürnt:
»Bist net glei stad!«
    Ich wandte erschreckt den Kopf, und es war mir, als sei ich aus einem Himmel
gerissen worden; die ganze Andacht war dahin, und ich dachte an nichts mehr, als
wie ich am schnellsten aus den Augen dieser Menschen käme. Da trat eine dicke
Bäuerin vor und legte mit vielen Kniebeugen und ehrfürchtigen Gebärden eine
dicke Kerze und ein verschnürtes Päcklein auf den Altar. Sogleich folgten noch
etliche, und ich erinnerte mich dabei, dass ich nun auch mein Opfer hinlegen
müsse.
    Also holte ich erst meine Silbergroschen aus dem Sack und legte sie abseits
von den andern Gaben auf den Altar; sodann band ich das Tuch auf und wollte
schon das Wachs herausnehmen. Aber da fiel mir ein, dass ich auch etwas zu beten
hätte, und ich sagte nun, indem ich das Tüchlein geöffnet mit beiden Händen
hielt, was mir meine Kostmutter aufgetragen; dann leerte ich es zu meinen
Groschen aufs Altartuch und drückte mich hierauf durch die Menge wieder dem
Ausgange zu.
    In diesem Augenblick krachten wieder die Böller, läuteten die Glocken, und
ein Chor sang das Pange lingua, begleitet von Posaunen und Geigen. Auf dem
freien Platz hinter der Kapelle war ein Altar und eine Kanzel errichtet worden,
und eben gab der Pfarrer den Segen mit dem Allerheiligsten.
    Nun strömte alles herbei; die Kapelle und der Wandelgang leerten sich, und
die Menge lagerte sich auf Felsblöcken oder im Grase und hörte auf die Worte des
Evangeliums. Da dachte ich bei mir, dass es nun wohl besser sein möchte, wenn ich
wieder in die Kapelle ginge; denn ich verstand damals noch nicht gar viel von
Predigten und musste nicht selten dabei dem Schlaf wehren. Also trat ich abermals
ins Kirchlein und setzte mich betrachtend und staunend in die vorderste Bank
ganz nahe der Mauer, die mit Gemälden und Bildern überreich geschmückt war.
    Und wieder überkam mich dieses seltsame Gefühl, und ich betete und wünschte,
dass ich immer in einem solch heiligen Haus weilen könne. dabei schaute ich starr
auf das Bild der Mutter, deren liebliches Gesicht durch das flackernde Licht
bald zu lächeln, bald zu trauern schien; und ich merkte nicht, wie eine
verborgene Tür sich drehte und ein Arm sich herausstreckte.
    Da klirren meine Silbergroschen am Altar; ich blicke hin und sehe, wie eine
rote Hand sie zusammenrafft und mit ihnen verschwindet. Gleich darauf erscheint
sie wieder und packt auch das übrige; ich stosse einen Schrei aus und stürze aus
der Kirche und davon, fest überzeugt, dass der Teufel leibhaftig der Mutter
Gottes ihre Gaben geraubt.
    Mein Entsetzen war so gross, dass ich ohne Besinnen die Holzstiege hinablief,
mitten durch die andächtig der Predigt lauschende Menge, und weder sah noch
hörte, als etliche mich anschrien und versuchten, mich aufzuhalten.
    Durch ein felsiges Tal sprang ich dahin und hielt nicht inne, bis ich,
schweissbedeckt auf einer einsamen, sumpfigen Wiese angelangt, bei jedem Tritt
tief in dem nassen Moor versank. Das bestärkte mich noch in dem festen Glauben,
dass hier der Böse umgehe und besonders mir Verderben bringen wolle; und ich
begann, mich zu bekreuzen und unsere liebe Frau anzurufen. Der Frost schüttelte
mich, und es peinigte mich ein grosser Durst, während ich langsam einen Fuss um
den andern durch den Morast zog.
    Nach geraumer Weile wurde der Boden wieder fester, und ich kam endlich auf
einen breiten, vielbetretenen Wiesenweg, dem ich, in trübe und abenteuerliche
Gedanken versunken, nachging. Alle Geschichten aus der Heiligenlegende fielen
mir ein, in denen der Teufel sein unheimliches Handwerk getrieben, die
gottseligsten Personen geschüttelt, in die Höhe geworfen, geschlagen und
zertreten hatte, wie er den Bauern das Vieh im Stall verzaubert, dass es blutige
Milch gab, und aus frommen Frauen die ärgsten Hexen und Unhold gemacht hatte, so
dass sie von Stund an Mensch und Vieh nur noch übel wollten. Ja, der alte Pfarrer
von Sonnenreut hatte ihn selber leibhaftig gesehen damals, wie ihn der
hochwürdige Herr Bischof aus einem krummbeinigen, buckligen Menschen
hinausgetrieben hatte; wie eine feurige Katze sei er aus dem Maul des Besessenen
herausgefahren, hätte gar jämmerlich geschrien und sei mit einem schrecklichen
Fluch verschwunden.
    Die Haare hatten sich mir damals gesträubt, und gar, als uns der Herr
Pfarrer aus einem Buch vorlas, wie es drunten in der Hölle zuginge, und was für
greuliche Arbeit die Teufel und Oberteufel daselbst zu verrichten hätten, da
schüttelte es mich wie einen Hollerstrauch im Wind; denn da stand es schwarz auf
weiss, wie die armen Verdammten in Öl und Pech gesotten, in glühende Feueröfen
geworfen, mit Nattern und Klapperschlangen zusammengesperrt und auch sonst
gezwickt und zerschunden werden, ohne dass sie jemals einen Augenblick Ruhe oder
Erleichterung in dieser Pein haben. »Und es sind aber sieben Kreise in der
ewigen Hölle«, heisst es weiter in diesem Buch, »die gleich sieben unendlichen
Ringen den Pfuhl des obersten Teufels Luzifer umschliessen. Und ein jeglicher
Ring ist bewohnt von einer Legion Unterteufel, über welche ein Oberteufel die
Herrschaft führt. Und es sind aber die Ringe also, dass in jedem eine besondere
Art von Sünde gestraft und gepeinigt wird. Die Hoffart mit Zwicken und Brennen
und in Kot Treten; der Geiz mit Nattern und Schlangen und sonst allerhand
schädlich Gewürm; die Unkeuschheit mit grossen Hagelsteinen und brennendem
Pechregen; der Neid mit Stossen und Schmeissen in siedendes Öl und
Darinniederdrucken mit teuflische Gabeln; die Völlerei mit Hunger und grosser
Kält, also dass die blutigen Zähren, so der Verdammte weinet, ihm an den Leib
gefrieren, und sein Bauch knurret aus übergrossem Verlangen nach Speis; der Zorn
mit Geisslen und Verschliessen in einen Kessel, allda Pech mit Hanfgarn gesotten
und mit teuflische Besen verzwirnet ist, und kein End nicht hergehet aus aller
Wirrnis und Pein; die Trägheit mit grossen Steinen, so ihnen von den Teufeln auf
den Rucken gebunden, und die sie schleppen müssen durch ihren Höllenring ohne
Rasten und Absetzen in alle Ewigkeit.«
    Ein Böllerschuss riss mich aus der Betrachtung; vom Birkenstein klang Läuten
herüber und mahnte, den menschgewordenen Gott bei der Wandlung anzubeten.
    Ich schlug das Kreuz und lief darnach meinen Weg dahin, etliche Bauern
grüssend, ein paar Dirnen, die mit ihren feuerroten Unterröcken prangten, auf den
Weg nach dem Wallfahrtsort weisend und an nichts denkend, als dass ich wieder bei
meinem Vieh und meinen Schätzen sein möchte.
    Gegen Abend kam ich wieder an die Weidhoferalm und ging sogleich in die
Hütte; da mich aber die Nandl, unsere Schwaigerin, erblickte, liess sie
erschreckt den Melkeimer fallen und schrie: »Mariand Joseph! Der Matiasl! Ja
Bua, wo kimmst denn du her?«
    »Vom Birkenstein«, sagte ich und erzählte ihr mein Erlebnis. Da glaubte auch
sie nicht anders, als dass hier der Teufel einmal wieder ein böses Werk getrieben
habe, und meinte, dass ich mich nun wohl hüten und vorsehen müsse, denn das sei
klar, dass er es auf mich abgesehen hätte.
    Indem wir noch miteinander sprachen und ich in einen Hafen voll Milch ein
gerechtes Stück Brot einbrockte, kam der lange Ambros zur Tür herein; aber kaum
dass er mich ersehen, tat er einen halblauten Fluch und lief wieder hinaus. Ich
schrie ihm nach, doch hörte er nichts mehr, auch war er nirgends mehr darnach zu
sehen.
    Da fiel mir mein Felsenloch ein, und zugleich dachte ich an meine Schätze;
ich lief hin, griff in alle Ecken und fand nichts mehr. Es war alles dahin.
Starr vor Entsetzen konnte ich nichts denken und sagte nur das Wort Teufel
etlichemale stumpfsinnig für mich hin.
    Ein Lachen hinter mir erschreckte mich; ich sah mich um und in das höhnische
Gesicht des langen Ambros.
    »Da suchst umsonst«, rief er voll Spott und verschwand. Da packte mich ein
Grimm; ich stürzte hinaus, ihm nach und packte ihn, gerade als er sich von einem
verwachsenen Kiefernbaum in eine Felsenrinne hinablassen wollte.
    »Wo is mei Sach?« schrie ich voll Wut und schüttelte ihn, dass er Mühe hatte,
sich zu halten.
    »Was weiss ich«, sagte er höhnisch und gebot mir, ihn loszulassen.
    Ich liess ihn frei und wiederholte meine Frage; in diesem Augenblick aber
sprang er vom Baum, ergriff mich und begann mit mir zu ringen und mich gegen die
Felsrinne zu schieben. »Wart, ich werd dirs gleich zeigen, wo's ist!« knirschte
er und trat ein wenig zurück; noch ein kurzes Ringen, ein Stoss, und nach einem
heftigen Schmerz am Kopf wusste ich nichts mehr.
    Rings um mich war es Nacht, als ich die Augen wieder öffnete; ich lag hart,
und Steine und Gestrüpp bedeckten mich. Meine Hände tasteten im Dunkeln matt
herum, und ich fühlte, dass ich durchnässt war; doch wusste ich nicht, ob es ein
Wasser war oder mein Blut, in dem ich lag. Ein dumpfer Schmerz wühlte mir im
Haupt, und ich schloss die Augen wieder, indem ich abermals wähnte, in eine Tiefe
zu fallen.
    Als ich wieder klar denken konnte, war es heller Tag, und ich sah, dass ich
in einem seichten Wasser lag, welches über Felsen und Geröll talab floss.
Brombeerstauden stachen und zerkratzten mich, meine Glieder schmerzten, und mein
Mund war verschwollen und verklebt. Es dürstete mich, und ich versuchte, meine
Lippen zu netzen, aber meine Arme gehorchten dem Willen nicht mehr und fielen
kraftlos herab, so oft ich versuchte, sie zu erheben. Da begann ich, um Hilfe zu
seufzen und Gott anzurufen, denn ich wähnte, dass mein Ende nahe sei. Ich lieh
meinem inbrünstigen Gebet Stimme und stöhnte laut und lauter: »Herrgott hilf!
Maria hilf!«, bis mein Haupt abermals, der Sinne beraubt, zurückfiel ins Wasser.
 
                                  Im Waldhaus
Da ich wieder erwachte, sah ich über mir einen bemalten Bettimmel; die gekrönte
Jungfrau blickte auf mich hernieder, und lustige Engel umschwebten sie und
hielten ihr Gewand. Geblümte Vorhänge hingen zusammengeschoben von dem Baldachin
herab, und ein rotaariges Mädchen band sie eben an den gedrehten Säulen des
Lagers fest.
    Ich blickte verwundert bald auf das Mädchen, bald auf mein Bett, und es war
mir, als träumte ich; aber das Mädchen redete mich, da es meine Augen offen sah,
sogleich an und fragte: »Hast du Durst? Liegst du gut?«
    »Ja«, sagte ich bloss; da brachte sie mir ein Krüglein mit einem Trank und
meinte: »Gut schmecken tut's ja nicht; aber die Hitze nimmt's!«
    Ich trank gierig, und sie stützte mir dazu mein Haupt mit dem Kissen, indem
sie ihren Arm darunterschob. Dann legte sie mich wieder hin, holte sich das
Spinnrad aus der Ecke, in der ich auch einen alten Hausaltar erblickte, setzte
sich neben das Bett und spann.
    Da überkam mich eine grosse, wohlige Ruhe; meine Wunden brannten nicht mehr
wie vordem, und ich fühlte, dass ich nun wieder lebte und gesund würde.
    Nach einer Weile, während der ich nur das Schnurren des Spinnrads, das
Summen der Fliegen und das hackende Ticktack der hohen Standuhr vernahm, tat
sich die Tür auf, und ein altes, runzliges Weib trat lautlos ein und ging auf
mein Lager zu.
    »Er ist munter!« meinte sie, da sie meine offenen Augen sah; »jetzt muss er
aber essen, der Bursch!«
    Ich versuchte zu reden und fragte, wo ich denn sei. Da sagte sie: »Gut
aufgehoben. Frag nicht und sorg dich nicht; du musst wieder werden.«
    Darauf nahm sie mir meine Kopfbinde ab, tauchte sie in eine Schüssel und
legte sie mir wieder an; auch strich sie etliche Pflaster auf leinene Lappen und
beklebte damit meine Wunden und sagte dazu: »Einen guten Gsund hast schon, Bub!
Das hält der zehnte nicht aus! Ich hab schon gefürchtet, dass ich dem Totengräber
das Mass bringen müsst für deine Gruben; aber jetzt hast du's gewonnen!«
    Darauf kniete sie sich an das Bett und betete dieses Gebet:
»Es reiten siebenundsiebzig Diebe hinaus,
Sie reiten für eines Menschen Haus.
Gott der Herr sprach: Ihr Reiter, wo wollt ihr hinaus?
Wir wollen in eines Menschen Haus
Und wollen ihm nehmen sein Fleisch und sein Blut.
Und wollen ihm nehmen sein Freud und sein Mut.
Gott der Herr sprach: Siebenundsiebzig Fürsten, das sollt ihr nicht tun,
Ihr sollt ihn lassen liegen und ruhn.
Ihr sollt ihm lassen sein Fleisch und sein Blut
Und sollt ihm lassen sein Freud und sein Mut.
Es gehe über dich bald der Segen Gottes des Vaters, der Segen des Sohnes und der
Segen des heiligen Geistes. Amen. Es sollen vergehen deine siebenundsiebzig
Fieber im Namen des höchsten Gottes. Amen.«
Sodann stand sie auf und besprengte mich mit einem geweihten Wasser und machte
das Zeichen des Kreuzes über mich.
    Nun brachte das rote Mädchen ein Schüsselchen mit Milch und brockte ein
weisses Brot hinein. Darnach setzte sie sich an mein Bett und gab mir löffelweise
zu essen.
    »Guck«, sagte sie; »unser Vogel frisst wieder! Gilt's, er lernt auch wieder
fliegen, Mutter?«
    »Wann ihm die Flügel wieder geleimt sind, kanns schon sein«, meinte die Alte
und mischte ein Pulver und rührte es ins Wasserkrüglein; »'s hitzige Fieber darf
er freilich nimmer kriegen, der Bursch, sonst wachsen ihm andere Fittig, wähn
ich!«
    Und dann gab sie mir wieder zu trinken und wünschte mir eine geruhige Weil
und einen baldigen Gsund.
    Hierauf setzte sie sich in den Sorgenstuhl hinter dem bläulichen Kachelofen,
steckte sich eine grosse Hornbrille auf die Hakennase und las schweigend in einem
alten, dicken Buch, während das Mädchen wieder zu spinnen begann.
    Ich lag ganz still und sah den Fliegen zu, wie sie ihren Reigen um die bunte
Perlenampel tanzten, die am Fenster hing und in der Abendsonne glänzte, bis mich
ein guter Schlaf übermannte.
    Den andern Morgen, da ich eben erwachte, trat ein bleicher Bursch zur Tür
herein und blickte sich um in der Kammer; und da er mich in meinem Bette liegen
sah, fragte er mich, ob ich die Jungfer Katrein nicht gesehen hätte.
    Ich wusste nicht, um was es galt, also sagte ich ihm: Nein, und ich kenne
niemand dieses Namens.
    Da trat das rotaarige Mädchen mit meiner Morgensuppe zur Tür herein; doch
kaum sie jenen erblickte, tat sie einen Schrei und lief sogleich wieder hinaus.
    Der Bursch schaute ihr lachend nach und rief: »Lauf nur, Jungfer, ich
erwische dich ja doch noch!«
    Dann ging er aus der Kammer, und ich hörte ihn draussen noch rufen und
schreien und merkte daraus, dass er die Jungfer hätte haben mögen, dass sie aber
nicht willens war, ihm zu eigen zu sein.
    Da sie nun nach einer geraumen Weile mit roten Augen wieder hereinkam und
mir meine Schüssel Milch eingab, begann ich, sie eindringlich zu betrachten.
    Sie war wohl an die fünfzehn Jahre alt und hoch und schlank gewachsen, hatte
ein milchweisses Gesicht und ein Paar feine, rote Lippen. Ihre Augen sahen mich
freundlich an; doch an dem unruhigen Blick des Mädchens erkannte ich, dass sie
sich fürchtete und in Sorge war.
    Also fragte ich sie: »Warum hast d' denn geweint?«
    Sie sagte: »Weil ich ein Unglück hab.«
    Ich fragte wieder: »Wer ist der Bursch gewesen?«
    »Dem reichen Ödhofbauern sein Bub«, erwiderte sie; »er hätt mich freien
mögen.«
    »Bist du denn die Jungfer Katrein?« fragte ich wieder.
    »Ja«, sagte sie; »und ich mag ihn nicht, weil er heut die und morgen die hat
zum Gespons.«
    Ich freute mich, dass sie ihn nicht mochte, und sagte: »Du bist brav, weil du
bei mir bleibst. Ich mag dich.«
    Zugleich wollte ich mich aufsetzen und ihr meine Zärtlichkeit bezeigen; aber
ich konnte nicht. Da sagte ich zu ihr: »Heb mich auf, ich möcht dich
streicheln!«
    Dies gefiel ihr so wohl, dass sie sich über mich neigte und ihr Gesicht auf
meine Wange legte, mich einen lieben Dalken hiess und mit ihren feinen Händen
über meine Finger strich, dass mir ganz wohl und warm dabei wurde.
    Ich hielt den Atem an und rührte mich nicht und dachte nichts weiter, als
dass es so gut sei. Und da sie gehen wollte, bat ich: »Bleib noch da!«
    Aber sie musste fort, und ich lag wieder allein, bis die Alte im
Kirchengewand und Kopftuch in die Kammer trat.
    »Ei!« sagte sie zu mir, während sie ihre gute Schürze abband und eine rauhe,
alte dafür umtat; »hat der Bursch schon aufgehört zum Schlafen! Hast du schon
was gegessen?« »Ja«, sagte ich; »die Jungfer Katrein hat mir schon was
gegeben.«
    Da fuhr sie in die Höhe: »Was tausend! Jungfer Katrein! Wer hat dir das
geschafft, dass du die Dirn so benamsen sollst?«
    »Niemand«, sagte ich; »aber es ist einer dagewesen, der sie so geheissen hat;
und dann hat er geschrieen und sie hat geweint.«
    Da lachte sie kichernd und meinte: »Ja, ja! Sie wär ihm wohl gut genug aufs
Stroh! Aber ...«
    Das andere murmelte sie in sich hinein und machte dazu ein böses Gesicht,
warf die Sachen in der Kammer durcheinander und fuhr mit den Händen herum, dass
ich mich vor ihr fürchtete und plötzlich fragte: »Wer seid Ihr? Bei wem bin
ich?«
    Da lachte sie wieder, wehrte mir mit beiden Händen kopfschüttelnd ab und
lief hinaus.
    Nun überfiel mich eine grosse Angst, und ich schrie, so laut ich konnte, nach
der Jungfer. Sogleich kam diese herein und fragte nach meinem Begehr.
    »Ich möcht heim zu meiner Ziehmutter!« sagte ich; »ich fürcht mich bei euch.
Deine Mutter ist wie eine Hex ...«
    Das letzte flüsterte ich nur und sah ängstlich nach der Tür, wo die Alte
zuvor verschwunden war.
    Kaum aber waren die Worte meinem Mund entkommen, da schrie das Mädchen laut
auf und weinte und klagte: »O Unglück! O Schand!«
    Ein heftiges Mitleid mit der Jammernden erfasste mich, und ich bat sie, doch
aufzuhören mit dem Weinen, und ich hätte ihr nicht weh tun wollen.
    Aber sie liess sich nicht mehr trösten und schwur, dass sie dies Haus
verlassen werde und fremd wohin gehen. Und dann sagte sie mir, dass sie gar nicht
die Tochter der Alten sei, sondern nur ein hergelaufenes Mädchen, das die
Pflegemutter wohl einmal irgendwo aufgelesen hätte. Eigentlich sei ja die
Ziehmutter das beste Weib unterm Himmel; die gäb gewisslich ihr Leben für ihr
Pflegekind; aber - sie sei halt doch eine verrufene Waldhex.
    Ich erschrak bei diesem Namen auf das heftigste, denn ich gedachte meiner
Ziehmutter und ihrer Erzählungen von der alten Irscherin, der Waldhex, von der
es hiess, dass sie Kindern die Hände abhaue und diese an Räuber und Diebe verkaufe
als ein Zaubermittel gegen Verfolger, und dass sie auch sonst viel schändliche
Dinge treibe.
    Stockend fragte ich: »Wie heisst denn deine Ziehmutter?«
    »Sie ist die alte Irscherin!« sagte sie und meinte, da ich erblassend ihren
Arm ergriff: »Du brauchst aber keine Furcht vor ihr zu haben; sie tut niemandem
was, am wenigsten dir. Wenn du das gespürt hättest, wie sie dich damals in dem
Felsenloch auf die Schultern genommen und hergebracht hat, wie sie dich in ihr
eigenes Himmelbett gelegt und gewartet hat und gepflegt, wie sie die vielen Tage
und Nächte bei dir gewacht hat und dein hitziges Fieber gekühlt und dich
besänftigt hat, wenn du in deinen unsinnigen Träumen gerungen hast mit einem
andern und getobt und geheult; wenn du das alles gespürt hättest, sag ich, du
könntest dich nicht fürchten vor ihr!«
    Staunend vernahm ich alles dies und fragte: »Wie lange bin ich denn schon
hier?«
    »Gewisslich schon an die vier Wochen oder fünf!« erwiderte sie und kühlte mir
die heisse Stirn mit einem nassen Tuch und gab mir zu trinken. »Wir wissen
nicht«, fuhr sie darnach fort; »woher du kommst, und auch nicht, wer du bist,
und niemand in der Gegend hat bis heut nach dir gefragt. Du bist ohne Sinnen und
ganz ohnmächtig dagelegen bis gestern und wirst wohl noch eine Weil stillhalten
müssen, bis du wieder richtig bist. Aber das ist einmal gewiss: Die Mutter macht
dich wieder gesund. Und du sollst dich nicht mehr vor ihr fürchten!«
    Sie strich mir über die Wangen; da sagte ich: »Wenn du sagst, dass sie so gut
ist, dann fürcht ich mich nimmer.«
    »Wie heisst du denn?« fragte sie wieder; »und wie konnte dir das Unglück so
ankommen?«
    Da sagte ich ihr, dass ich der Weidhoferbalg sei und Matias Bichler heisse.
Auch von meiner Wallfahrt berichtete ich und von meinem Kampf mit dem langen
Ambros; doch tat ich es nur stockend und fühlte eine Schwäche beim Reden.
    Da meinte sie: »Schweig nur wieder still und denk nicht mehr daran! Ich
bleib schon bei dir!«
    Dessen war ich von Herzen froh und tat von da ab alles, was sie mir zu
meiner Gesundung empfahl, und war auch gegen meine alte Pflegerin dankbar und
zutraulich.
    Und als sie meiner Ziehmutter, der alten Weidhoferin, zu wissen machte, dass
ich bei ihr sei, und da diese voller Schreck den Hausl zur Irscherin sandte mit
der Botschaft, sie hätte das Bett schon aufgedeckt für mich und ich bräuchte
mich bloss hineinzulegen, da sagte ich zu dem Buben: »Sag der Mutter, dass es mir
bei der Irscherin ganz gut geht, und dass auch auf dem Stroh von der Waldhex gut
schlafen ist, und ich glaube, dass sie gar keine ist.«
    Da liess sie mich noch liegen und schickte nur ab und zu einen Boten, dass er
ihr einen Ausspruch brächte, wie es mit mir stand; denn um keinen Preis hätte
sie, die fromme Mesmerin, es über sich gebracht, das Haus der verschrienen Alten
zu betreten; es wäre denn ein Pfarrer vor ihr hergegangen und hätte den Teufel
mit Weihrauch und Benediktion gebannt und verscheucht.
    Ich selber spürte nun allerdings nichts von dem unholden Wesen, das man der
alten Irschermutter nachsagte; sie pflegte mich Tag für Tag mit einer
gleichmässigen Freundlichkeit, riet mir dies und gab mir das, und noch ehe ein
Monat um war seit dem Tag, da ich zum erstenmal wieder klaren Verstand gezeigt
hatte, konnte ich schon mit ihr am Waldrand entlang hinken oder hinter dem Haus
auf dem Anger in der Sonne liegen und die Geissen hüten.
    Auch lernte ich allmählich das Haus der alten Mutter, das Stüblein der
Jungfer Katrein und noch allerhand kennen; auch wusste ich nun, dass die Alte
eine grosse Kunst kannte, Leut und Vieh von Krankheiten und Gebresten zu heilen,
Menschen auf kommendes Unheil vorzubereiten oder selbiges von ihnen abzuwenden,
wenn sie sich ihr freundlich erzeigten. Sie konnte sympatische Tränke mischen
und denen helfen, die durch unholde Zauberei liebeskrank, unglücklich oder arm
geworden waren.
    Auch bereitete sie auf eine geheimnisvolle Weise Glücksmännlein oder
Mandragoren.
    Da las sie erst eifrig in ihrem alten Handbuch, schrieb mit der Kreide
allerhand geheime Zeichen an die Stubentür und blickte jeden Abend aufmerksam zu
den Sternen. Endlich hatten diese eine glückliche Stellung zum Monde, und nun
ging sie mit einem Tuch hinaus an den Saum des Waldes. Dort grub sie etliche
seltsam geformte Wurzeln aus, die sie Hundswurz oder auch Alraunen nannte, und
trug sie in dem Tuche heim. Nun beschnitt sie alle Ausläufe der Wurzeln, holte
aus einer alten Truhe ein Leichentuch, in das, wie mir die Jungfer Katrein
berichtete, einst ein heiliger Mönch des Zisterzienserordens gehüllt gewesen,
und trug sie so verwahrt nach dem Friedhof. Hier steckte sie die Wurzeln in die
Grabhügel verstorbener reicher Leute und ging darnach heim.
    Am andern Morgen durchsuchte sie den Dachboden nach Fledermäusen, fing drei
derselben und ertränkte sie in den Molken der Kuhmilch; darauf begann sie laut
zu beten und heilige Sprüche herzusagen und goss die Milch in ein kupfernes
Weihbrunngefäss.
    Jeden Morgen vor Sonnenaufgang ging sie nun laut betend ums Haus, nahm
darnach etwas von den Molken und begab sich zum Friedhof, die Wurzeln mit dieser
Milch zu begiessen. Hierauf ging sie in den Wald und sammelte Farren- oder
Natternkraut, sowie auch Eisenkraut, dörrte es und legte es darnach in die
Truhe.
    Nach etlicher Zeit, es mochte wohl eine Woche oder zwei vergangen sein, grub
sie die Wurzeln wieder aus, trug sie im Leichentuch wieder nach Hause, heizte
den Ofen mit dem gedörrten Kraut und trocknete die Alraunen an diesem Feuer.
Dann schnitt sie von dem Leichentuch kleine Stücklein ab und wickelte die
Wurzeln, welche jetzt gerade so aussahen wie winzige, vertrocknete
Zwergmännlein, darein und nähte sie in leinene Säcklein.
    Solange man eine solche Mandragora bei sich trug, schlugen einem nach dem
Ausspruch der alten Irschermutter alle Geschäfte und Handelschaften zum Glück
aus, und sie gab mir Beispiele, wie dieser und jener Bauer, der vordem ein armer
Fretter gewesen, plötzlich zum glückhaften und wohlhabenden Mann geworden sei,
nachdem er eine solche wunderbare Mandragora von ihr erhalten habe.
    Sie wusste auch allerlei Mittel, um einem eine geliebte Person hold zu
machen, und hatte eine gute Kundschaft von solchen Leuten, denen sie dann um
gute Worte allerlei gab: dem einen ein gepulvertes Schwalbenherz oder das einer
Taube, das musste er der Liebsten in den Wein streuen; der andern ein Stück
Lilienwurz und ein Ringlein, woran die Verliebte etliche von ihren Haaren binden
musste und es dem Liebsten in das Gewand stecken, ohne dass er es merkte; wieder
einem gab sie ein Wachsbild, das eine Frau vorstellte, und sie sagte ihm, dass er
dies Bild in ein Stücklein seines Hemdes wickeln und der Verehrten unter den
Kopfpolster ihres Bettes legen müsse, worauf sie ihm ewig zugetan sei.
    Auch Liebestränke braute sie aus Johanniskraut und starkem Met und gab dies
denen, die sich über grosse Kälte der geliebten Person beklagten.
    Doch auch Gegenmittel wusste sie zu geben, wenn durch irgendwelchen Zauber
jemand von einer unsinnigen Liebe für eine Person ergriffen war und wieder davon
geheilt sein wollte.
    Da liess sie dem Kranken einen Magneten auf die Brust hängen, Ipericon mit
Melissenwasser trinken oder destilliertes Enzianwasser und riet Bäder aus
Johanniskraut und Dorant.
    Auch verstand sie eine uralte Kunst, das Nestelknüpfen, um einem Bauern oder
Burschen die Mannbarkeit auf lange oder kurze Dauer zu nehmen, und das
Gürteldrehen, was den gleichen Zweck hatte.
    So strafte sie auch den Ödhofer für seine unvernünftige Liebeshitze zur
Jungfer Katrein; sie knüpfte, als er wieder einmal kam und ungestüm nach der
Jungfer rief, eine uralte, rote Nestel hinter seinem Rücken und gab ihm ein Glas
Wein, in dem sie Sauerampfer destilliert hatte, worauf er sich nicht mehr sehen
liess im Hause; doch weiss ich nicht, ob er wegen der geknüpften Nestel oder wegen
des bitteren Weins ausblieb; wo er aber hinkam, schalt er laut über die Hexe.
 
                                  Lieb und Tod
Die Zeit ging hin, und ich war unversehens so ein halb, dreiviertel Jahr im Haus
der alten Irscherin gewesen und hatte dort vieles gesehen und auch gar manches
gelernt, was mir nachmals im Leben nützlich und zur Wohlfahrt wurde; hatte auch
eine innige und feste Zuneigung zur Jungfer Katrein gefasst und, obschon ich
erst ein gut zwölfjähriges Bürschlein war, bei mir beschlossen, sie einmal zu
ehelichen.
    Das sagte ich ihr auch ganz frei, und sie lachte dazu und liess mich
gewähren, wenn ich sie stürmisch umschlang, ihr die roten Haare zauste oder
sonst zärtliche Spässe mit ihr trieb. Da hiess sie mich ihren närrischen Buben
oder ein Nachtei, ein dummes, und, wenn ich es etwan gar zu unsinnig trieb,
ihren tolpatscheten Ritter. Dazu gab sie mir einen zärtlichen Backenstreich und
zuweilen wohl auch einen Kuss.
    Meine Liebe für sie wurde immer heftiger, und ich erschrak bei dem Gedanken,
dass ich nun doch bald von ihr scheiden müsse und wieder zurückkehren zur
Weidhoferin.
    Und da nun der Knecht meiner Ziehmutter wirklich kam und mich holen wollte,
lief ich, kaum ich ihn von weitem gesehen hatte, davon und in die Kammer der
Jungfer. Dort verkroch ich mich unter ihre Bettstatt und liess mich nicht mehr
blicken, bis das Katreinl spät am Abend hineinkam und ich sie weinen hörte. Da
kroch ich eilig hervor und fragte sie: »Was weinst du denn, Katrein?«
    Sie erschrak heftig und wollte davon; doch ich sprang auf sie zu, umschlang
sie und bat sie flehentlich zu bleiben. Nun erst erkannte sie mich und rief
»Matiasle! O du Ludersbub, du schlechter! 's ganze Haus, alles hab ich um dich
abgesucht! Die Mutter ist noch draussen im Holz und schaut und schreit nach dir,
und sie meint, du bist wieder in die Klauen von dem Unhold gefallen, der dich
selbigsmal in die Felsenschlucht gestossen hat!«
    Darnach seufzte sie und fuhr fort zu reden: »Ach, Bub! Jetzt ist's halt
wieder vorbei! D' Weidhoferin hat geschickt, und du musst heim! Jetzt bin ich
halt wieder allein.«
    Und sie begann aufs neue zu weinen und setzte sich aufs Bett und drückte die
Schürze an die Augen.
    Da sprang ich auf ihren Schoss, halste sie und streichelte sie und gab ihr
die zärtlichsten Namen, um sie zu trösten. »Katreinl!« bat ich; »sei doch
wieder gut! Ich geh ja gar nicht fort! Ich bleib halt da bei dir und lass der
Mutter sagen, dass mich du nimmer g'raten kannst!«
    Und da sie mir nichts antwortete, küsste ich sie auf die Lippen, Augen und
Wangen und geriet in eine solche Liebeshitze, dass ich selbst darüber verwundert
war, ohne jedoch der Natur zu wehren. Vielmehr verstieg ich mich zu den tollsten
Versprechungen: dass ich jeden totschlage, der mich von ihr wegbringen wolle, und
dass ich, wenn es sein müsste, für sie die peinlichsten Martern leiden wolle.
    Sie hörte schliesslich auf zu weinen und wurde durch meine unsinnige Raserei
ebenfalls munter und zärtlich und erwiderte am Ende meine Küsse und gab mir
allerlei süsse Namen und liebkoste mich zärtlich.
    Der Kienspan, den sie aufgesteckt hatte, war abgebrannt, und sein letzter,
glimmender Stumpf bog sich und sprang verlöschend ab, so dass wir im Dunkeln
sassen. Da stieg ein seltsam heisses Gefühl in mir auf; ich spürte, dass meine
Wangen wie mit Blut übergossen wurden, und fiebernd presste ich meinen Mund auf
den des Mädchens. Sie drückte mich fest an sich, ihre Brust hob sich stürmisch;
plötzlich seufzte sie tief auf, schob mich von sich und sagte mit fremder,
rauher Stimme: »Geh jetzt, Bub, geh jetzt!«
    Wieder, wie damals in der Kapelle der Mutter Gottes, als mich der Bauer
zurechtgewiesen, packte mich ein Gefühl, als hätte mich jemand aus einem schönen
Himmel gerissen, eine grosse Übelkeit bemächtigte sich meiner, und ich lief ohne
ein Wort hinaus aus der Kammer und vor das Haus.
    Da sass die alte Irschermutter auf der Hausbank, hielt ihren Krückenstock
zwischen den Händen und stiess damit von Zeit zu Zeit auf den Boden.
    Ich rief sie an; da wandte sie langsam den Kopf und sagte: »Da bist du ja,
du Dunnersbursch! Wo steckst denn alleweil?«
    Ich tat, als überhörte ich ihre Frage, wies auf die schwarzen Wetterwolken
am Himmel und sagte: »Kommt ins Bett, Mutter! Ein Wetter steigt auf!«
    Dann lief ich in meine Kammer und legte mich zu Bett, ohne eine Spur von
Schlaf zu fühlen. In meinem Kopf sauste und hämmerte es, und in den Gliedern
empfand ich eine seltsame Schwere. Meine Gedanken weilten bei der Katrein, und
ich versuchte, mir ihr Gebaren zu erklären, dass sie mich plötzlich so rauh von
sich gewiesen hatte.
    Da begann es zu blitzen und zu krachen, und ein furchtbares Gewitter tobte
daher. Der Sturm heulte und pfiff ums Haus vom Wald herüber, und Regen und Hagel
schlug an die Fenster.
    Ich hörte draussen die Irscherin den Riegel der Haustür stossen und sah sie
beim Aufleuchten eines Blitzes an den Fenstern meiner Kammer vorübergehen.
    Gleich darauf öffnete sich die Tür, und das Katreinl kam herein und sagte:
»Matiasle, lass mich zu dir kommen; es tut grauslich draussen, und ich fürcht
mich.«
    Ein bläulicher Blitz flammte auf, und ich sah das Mädchen im dünnen
Nachtgewand und mit offenen Haaren vor mir. Ein leichtes Tuch hatte sie um die
Schultern gelegt und hielt es mit beiden Händen vorn über der Brust zusammen.
    »Setz dich zu mir her«, bat ich und rückte zur Seite, während das Haus
erbebte von dem Donnerschlag.
    »Heiligs Kreuz«, rief sie und bekreuzte sich; »jetzt hat's eingschlagen!«
    Und sie lehnte sich fröstelnd an mich. »Die Mutter ist noch fort«, sagte sie
dann; »sie ist so eigen; wenn es draussen am ärgsten tut, dann geht sie ums Haus
und schwingt die Sichel und lässt kein verständiges Wort mit sich reden ...«
    Wir fuhren beide zusammen: ein grelles, blaues Leuchten ging durch die
Kammer und zugleich tat es einen Krach, dass wir uns umschlangen.
    Bebend kroch das Katreinl zu mir ins Bett und drückte ihren Kopf fest an
meine Schulter, dass sie nichts mehr sah, während sie flüsterte: »Gfehlt is's!
Das wird's End!«
    Ich bettete sie aufs Kissen, schob meinen Arm unter dasselbe und legte mich
ganz nahe neben sie. Da schlang sie ihre Hände um meinen Hals, und wir hielten
uns ganz still.
    Das Wetter entfernte sich, und der Sturm liess nach; nur der Regen fiel noch
und sammelte sich in der Dachrinne und plätscherte vor dem Fenster in das Fass
nieder, das die Irschermutter aufgestellt hatte, um in dem Regenwasser die
Wäsche zu waschen.
    Das Katreinl war an meinem Hals eingeschlafen und ihre Hände lösten sich
langsam und fielen herab.
    Ich zog leise meinen Arm unter ihrem Haupt weg, nahm ihre Hände in die
meinen und schlief am End gleichfalls ein. Brummend schlug die Uhr eben vier,
als ich erwachte und mich einen Augenblick besinnen musste, ehe ich Traum und
Wirklichkeit voneinander scheiden konnte; denn ich hatte im Schlaf das Katreinl
weit fortgeführt in ein hohes Haus und hatte dort Hochzeit gemacht mit ihr. Da
war die Irschermutter gekommen und hatte die Sichel geschwungen und geflucht,
und im selben Augenblick stürzte das ganze Haus über uns zusammen.
    Nun sah ich das Mädchen schlafend neben mir, und ich besann mich auf den
Abend und die Nacht. Ein ruhiges Glücksempfinden überkam mich, und ich
betrachtete mit grosser Lust das feine Gesicht, die halboffenen Lippen und die
langsam auf- und niedergehende Brust.
    Endlich rührte sie sich; ihr Kopf wühlte sich unruhig ins Kissen, ihre Hände
fuhren etlichemal im Gesicht und auf der Brust herum, sie tat einen Seufzer und
öffnete die Augen. Da sie mich erblickte, schloss sie dieselben wieder, rieb sich
mit beiden Fäusten den Schlaf daraus und öffnete sie weit, indem sie sich
aufrichtete.
    »Katreinl!« sagte ich und küsste sie.
    Aber sie war ganz traurig und meinte: »Ach weh! Jetzt hab ich wohl kein
Glück mehr! Ach, Matiasl! Jetzt ist's Jungfernkrönl weg und dahin!«
    Und sie weinte leise.
    Da sagte ich: »Sei still und klag nicht! Mir deucht, es liegt noch in deiner
Kammer drüben! Bei mir ist's nit!«
    Dann suchte ich scheinbar eifrig in meinem Bett, während sie, wieder
lächelnd, langsam aufstand und hinauslief.
    Nun hielt es mich nimmer auf meinem Lager, und ich erhob mich und machte
mich zurecht. Dann trat ich hinaus auf den Flöz und wollte den Riegel der
Haustür öffnen, um hinauszugehen; doch die Tür war nicht verschlossen, und der
Schlüssel steckte nicht, wie sonst, am Schloss.
    Ich ging verwundert hinaus vors Haus; doch mit einem Schrei fuhr ich zurück:
die Irschermutter lag tot auf der Erde - erschlagen vom Blitz.
    Sie war ganz schwarz und ihre Kleider verbrannt. In den Händen hielt sie
noch krampfhaft den verkohlten Sichelgriff und den Krückenstock.
    Ein Schauer schüttelte mich, und ich musste mich an den Türstock lehnen, um
nicht zu wanken.
    In diesem Augenblick hörte ich drinnen das Katreinl in seiner Kammer
singen, und ich wurde wieder fest und überlegte, wie ich es machen sollte, um
dem Mädchen das Schwere auf eine Weise darzutun, die es am wenigsten traf.
    Aber ich fand keinen rechten Ausweg; endlich dachte ich, dass es das Beste
sei, wenn ich vorerst noch schwieg und alles dem Himmel überliess; der würde es
schon recht machen.
    Ging also wieder ins Haus und verriegelte leise die Tür. Darnach blickte ich
in die Kammer zum Katreinl und bat sie um eine Morgensuppe, obgleich mir zu
allem andern eher Muts war, denn zum Essen. Sie sang noch immer und lachte mich
lustig an, während sie den Stubenboden mit einem Besen aus grünen Tannenreisern
auskehrte. »Gleich, Matiasl«, sagte sie und fegte mir über die Schuhe; »schau
derweil, was die Mutter macht; sie scheint das Aufstehen heut ganz zu vergessen
und das Melken auch. Die Viecher brummen schon, hör ich!«
    Ich nickte bloss und sah nach dem kleinen Stall, in dem eine Kuh und zwei
Geissen standen und nach dem Morgenfutter riefen. Rasch holte ich einen Korb voll
Klee und gab ihnen zu fressen, nahm darauf den Melkeimer und das Stühlchen und
begann, sie zu melken.
    dabei traf mich das Katreinl, als es eben nach dem Rechten schauen wollte,
und es dämmerte die Wahrheit in ihr auf, und sie fragte mich ängstlich: »Bub!
Warum in aller Welt musst heut du das Vieh melken? Was ist's mit der Mutter?«
    »Sie wird noch schlafen«, sagte ich und steckte den Kopf tief unter den
Körper der Kuh, damit das Mädchen nicht sah, wie mir die Augen nass wurden.
    Aber sie sagte gar nichts mehr darauf, lief in die Kammer der Mutter und
kam, da sie dieselbe leer und das Bett unberührt fand, ganz bleich und still
wieder in den Stall, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte tonlos: »Sie
ist nimmer da. Sag mir's nur, ich weiss schon: sie ist tot.«
    Und als ob sie alles schon wüsste, ging sie ganz ruhig wieder hinaus, schob
den Riegel zurück und trat unter die Haustür.
    Ich stellte den Eimer weg und lief ihr nach; aber sie kniete schon neben der
Toten und war ganz still und gefasst.
    »Ich hab's schon gewusst, dass es so ist«, sagte sie bloss, als ich auf sie
zutrat und sie wegführen wollte; »es war ja ihr Wunsch, so durch die Gewalt der
Elemente zu sterben. Feuer oder Wasser, sagte sie immer, müssen mich umbringen;
lang leiden und siechen mag ich nicht.«
    Sie nahm ihre Schürze ab und deckte sie über die Tote. Dann ging sie hinein
und ordnete das Haus, wobei ich ihr half und mit ihr beredete, was zu tun sei.
    »Wir müssen sie begraben lassen«, sagte sie, und sie machte sich, nachdem
sie noch ein wenig Milch getrunken hatte, auf den Weg nach Sonnenreut, um den
Tod der Mutter beim Bürgermeister, beim Doktor und beim Pfarrer anzuzeigen.
    Bis dahin hatte sie keine Träne geweint, keine Klage laut werden lassen;
doch da sie wieder aus dem Dorf zurückkam, schluchzte sie laut und klagte: »Arms
Mutterl! So muss alles kommen!«
    Tröstend strich ich ihr über die nassen Wangen. Da schrie sie laut auf: »O,
die Christen! Die frommen Pfarrherrn! Nicht aussegnen will man sie! Den Friedhof
verweigert man ihr, weil sie eine Hexe war! Der Herr Pfarrer sagt, das sei
augenscheinlich, dass Gott ihren Frevel bestraft und der Teufel sie geholt hätte,
und er verweigert die letzten Segnungen der Kirche.«
    Starr hörte ich ihr zu; dann sagte ich: »Lass 's nur gut sein, Katreinl! Ich
geh zum Weidhofer, dass er dem Herrn Pfarrer ein gutes Wort gibt!«
    Aber sie sagte: »Das hilft dir nichts. Dein Ziehvater, der Messmer, ist
selber dabei gestanden, wie der Pfarrer so über die Mutter geschimpft und sie
eine gottlose und unholde Person genannt hat; und er hat genickt zu der Rede vom
Pfarrer und hat gesagt: Ganz recht! Meinen Buben, den Matiasl, hat sie so auch
schon behext gehabt, dass er nimmer heim will in den Weidhof.«
    dabei fiel sie mir um den Hals und weinte bitterlich, bis ich sagte: »Komm,
sei fest und hör auf zu jammern! Was brauchen wir denn einen Pfarrer! Wir graben
sie halt selber ein. Draussen am Weg unterm Feldkreuz geben wir ihr die Ruh.
Unser Herrgott wird schon zufrieden sein damit!«
    Also nahmen wir Hacke und Schaufel und gingen hinaus auf den Weg und
arbeiteten den halben Tag, um der Toten ein gutes Bett zu machen.
    Dann gingen wir heim, liessen die Kuh und die Geissen aus dem Stall auf den
Anger und tranken wieder ein wenig Milch und assen ein Stück Brot.
    Die Sonne stand gerade über uns, als wir den Schiebkarren mit Laub und
Blumen geschmückt und die Tote in Leinlachen gehüllt und darauf gelegt hatten.
    Das Katreinl nahm nun einen Rosenkranz, das alte Buch, in dem die Mutter so
gern gelesen, und ein Kästlein, in dem sie ihre wunderbaren und geheimen Dinge
immer verwahrt hatte, legte sie zu den Füssen der Toten, und dann fuhren wir sie
zum Grab.
    Wir streuten Gras und Blumen in die Grube, beteten das Vaterunser und
senkten den Leichnam weinend hinab. Darnach legten wir die Kostbarkeiten zu ihr,
bedeckten sie mit Blättern und Blüten und machten das Grab wieder zu, indem wir
dazu beteten: Herr, gib ihr die Ruhe, dein Licht leuchte ihr, lass sie ruhen in
Frieden. Amen.
    Darauf fuhren wir unseren Karren wieder heim, verschlossen alle Türen des
Hauses und setzten uns auf das Bett und hielten uns wortlos bei den Händen.
    Endlich stand ich auf und ging hinaus, um dem Katreinl etwas zu richten;
denn sie sah so bleich und elend aus, dass ich dachte, sie hätte gewiss Hunger.
Aber sie lief mir sogleich nach und sagte: »Es hungert dich leicht, Bub?«
    Und sie holte etliche Eier aus der kleinen Speiskammer und das
Schmalzhäflein und schlug für mich drei und für sich zwei Eier in die Pfanne,
und wir hielten auf der Ofenbank, während das Reisigbüschel am Herd verglimmte,
ein trauriges Totenmahl.
    Plötzlich sagte das Mädchen mit einem schwachen Lächeln: »Jetzt fehlt nur
noch der Leichentrunk und der Totentanz! Wir müssen der Mutter doch die letzten
Ehren schenken!«
    Damit lief sie hinaus und kam nach einer Weile mit einem Krüglein saueren
Mosts und einem schwarzen Holzkasten wieder.
    »Trink«, sagte sie und nahm eine alte, abgegriffene Ziter aus dem Kasten
und legte sie auf die Knie.
    Ich sah ihr mit Schaudern und Staunen zu und wollte diesem Empfinden eben
Worte geben; da griff sie in die Saiten, schlug etliche Akkorde an und spielte
einen alten, harten Landler.
    »Den hat sie am liebsten gehört«, sagte sie darnach, »den hat ihr schon ihr
Vater immer aufgespielt; er ist ein zwiefacher und geht gut zum Plattln. Früher
hat die Mutter noch manchmal ein paar Burschen und Dirndln auf Besuch geladen,
und sie haben da getanzt und gesungen; aber seit der Pfarrer einmal von der
Kanzel gesagt hat, wen er noch mal bei der alten Waldhex antrifft, den
absolviert er bei der Beicht nimmer, seit der Zeit hat sich keins mehr in den
Heimgarten getraut ausser dem Ödhoferbuben; aber der ist nicht wegen der Musik
gekommen und auch nicht wegen einer von den Dirndln. Ich glaub auch, dass kein
anderer dem Pfarrer was gemeldet hat von dieser Tanzmusik als wie der Ödhofer.
Er hätt halt gern allein sein mögen zum Zuhören.«
    Sie lachte plötzlich spitzbübisch auf, trank hastig und spielte darnach
wieder weiter.
    Ich fand mich nicht ganz wohl bei dieser ganzen Sache und meinte, indem ich
ein leises Grausen abzuschütteln suchte: »Jetzt langt's schon, Katreinl! Mir
deucht, die Tot möcht jetzt lieber ihre Ruh haben!«
    Aber das Mädchen schüttelte bloss den Kopf, trank wieder, nahm die Ziter in
eine Hand, stand auf und begann mit derselben einen tollen Tanz aufzuführen,
indem sie mit voller Hand Akkorde griff und die Ziter schwang. Das klang bald
wie fernes Glockengeläute, bald wie wilde Orgelmusik, und ihre Füsse stampften
dazu, und sie wirbelte herum, dass ihre roten Zöpfe los wurden und herabfielen.
Da erhaschte ich einen, als sie eben wieder an mir vorbeistampfte; ich hielt sie
daran fest und umspannte, als sie aufschreiend stillhielt, ihren Leib.
    Ganz elend bat ich sie flehentlich, doch aufzuhören, und ich drohte ihr,
sogleich aus dem Haus zu laufen, wenn sie den Teufelstanz nochmals beginnen
würde.
    Sie stand erschöpft vor mir, und ihre Brust ging stürmisch auf und nieder.
»Ja, ja; ich bin schon wieder still«, sagte sie heiser und verschloss sodann die
Ziter und lehnte den Kasten hinter den Ofen. Dann strich sie sich das Haar
glatt, trank gierig und setzte sich, mich neben sich niederziehend, wieder aufs
Bett.
    Ich folgte ihr widerstrebend. Eine seltsame Scheu vor dem wilden Wesen des
Mädchens hatte mich ergriffen und wich auch nicht, als diese plötzliche Wildheit
einem stumpfen Vorsichhinstarren Platz machte.
    Stumm sass ich neben ihr und spielte nachdenklich mit dem Ende ihres Zopfes
und wickelte ihn gleich einem Ring um die Finger, als draussen heftig an die
Haustür gepocht wurde.
    Wir sprangen beide zugleich auf und sahen uns erschreckt an; da pochte es
wieder.
    Das Katreinl sagte: »Nicht aufmachen! Sei ganz still! Ich schau, wer's
ist!«
    Und sie schlich ganz leise über die Stiegen hinauf und sah vom Söller durch
eine Luke hinab auf den Einlassbegehrenden.
    Gleich darauf kam sie mit unhörbarem Schritt wieder herab und flüsterte mir
zu: »Halt dich still! Der Schnepfalucka, der Leichenbschauer, ist's! Der soll
nur wieder gehen!«
    Da hielten wir uns ganz still und horchten, bis wir ihn wieder fortgehen
hörten; das Katreinl lief in die Speiskammer und sah durch das dichte
Fliegengitter hinaus nach dem Weg, dann sagte sie: »Er geht schon wieder heim.
Heut lass ich keinen Menschen mehr ins Haus, und morgen ...«
    Sie schwieg plötzlich und sah mich ganz traurig an, so dass ich fragte: »Was
ist's morgen?«
    »Morgen müssen wir halt fort - hinaus aus dem Haus«, sagte sie gepresst, »der
Bürgermeister hat mir befohlen, dass ich alles gut verschliessen solle und ihm die
Schlüssel bringen, damit er nicht selber herausgehen müsse wegen der
Verlassenschaft.«
    »Und du?« fragte ich erstaunt und erschrocken.
    »Ich muss halt schauen, wo ich unterkomm derweil«, sagte sie, »ich bin ja
bloss ein Balg, eine Hergelaufene; da muss erst die Verlassenschaft entscheiden,
was mit mir geschieht.«
    Da stieg ein grosser Zorn gegen die von der Verlassenschaft in mir auf,
obgleich ich das Wort nicht verstand; ich brachte es aber mit dem Begriff
Verlassensein in enge Verbindung und dachte, dass das Katreinl nun niemanden
mehr habe auf der Welt, ausser mir.
    Darum sagte ich entschlossen zu ihr: »Da hat gar niemand was zu entscheiden
wegen dir, als wie ich; und du musst mit mir zu der Weidhoferin gehen, und sie
muss dich nehmen. Und dann bleibst du bei mir.«
    Ich war, obgleich ich noch gar nicht wusste, ob alles so hinausginge, so
erfreut über die Lösung, dass ich das Mädchen ganz fidel mit mir in der Stube
herumzog und mit vielen Worten mein Glück pries, dass sie bei mir bliebe.
    Wir brachten den übrigen Tag ziemlich nutzlos zu und gingen fast nicht aus
der Kammer.
    Und da wir das Vieh eingetrieben und gemolken hatten und es allmählich
dunkel wurde in der Stube, begann sich das Katreinl zu fürchten und sagte, dass
sie sich nicht in ihre Kammer traue, worauf ich wieder mein Bett mit ihr teilte
und die halbe Nacht mit ihr redete und sie unterhielt, bis uns endlich beiden
die Augen zufielen.
 
                                Die Hexenjungfer
Es war schon heller Tag, als ich erwachte und mich nach dem Katreinl umsah;
doch ihr Platz war leer, und ich hörte sie schon draussen vor dem Haus am Brunnen
werken und waschen. Da stand ich gleichfalls auf und half ihr, das Tägliche zu
verrichten. Wir fütterten das Vieh und gaben ihm frische Streu, darauf machte
ich mich ans Melken, während das Mädchen die Morgensuppe kochte, mein Bett
richtete und den Hausflöz mit dem Tannenbesen auskehrte. Und nachdem wir das
Vieh auf den Anger getrieben, unsere Suppe verzehrt und das Haus verschlossen
hatten, machten wir uns auf den Weg nach Sonnenreut.
    Das Katreinl hatte sein bestes Gewand angelegt und prangte in einem
rotschillernden Kleid und einer leuchtendblauen Schürze mit schwarzen Blonden.
Ihr kunstreich abgenähtes Mieder wurde von einem reichen Silbergeschnür
zusammengehalten, und den Hals zierte eine vielreihige Silberkette mit schwerer
Schliesse. Um die Schultern trug sie ein buntgesticktes Seidentuch, und ihre Füsse
staken in weissen Strümpfen und feinen, lederbesetzten Zeugschuhen mit grossen
Schnallen.
    Diese Tracht trugen zu jener Zeit alle Mädchen und Frauen der Sonnenreuter
Gegend, und dazu setzten sie schwarze Filzhüte mit langen Goldquasten und
reicher Goldverschnürung auf.
    In einem rotbestickten Sacktuch trug das Katreinl die Schlüssel des Hauses,
eine grobe Schürze und ein Stück trockenen Brotes.
    Da wir unter das Kreuz kamen, wo die Mutter lag, blieben wir eine Weile
still und wünschten der Toten mit Andacht die ewige Ruh und den Frieden. Dann
gingen wir bass drauflos und kamen gegen zehn Uhr in der Früh nach Sonnenreut
und an das Haus des Bürgermeisters. Dem übergab das Mädchen die Schlüssel,
sagte, dass die Mutter schon eingegraben sei und dass die Kuh und die Geissen auf
den Abend wieder melken bräuchten; darauf fasste sie mich bei der Hand und ging
rasch und ohne dem Alten auf seine Fragen etwas zu erwidern mit mir hinaus.
    Wir hielten uns auch beim alten Schnepfalucka, dem Leichenbeschauer, nicht
lange auf; das Katreinl klopfte rasch an seiner Tür und rief hinein: »Die
Irscherin ist schon eingegraben!«
    Dann liefen wir wieder davon und kamen gegen den Weidhof.
    Meine Ziehmutter wollte eben den Hennen Futter streuen, da traten wir Hand
in Hand durch den Gadern in den Hof. Erschreckt schüttelte sie den ganzen
Weidling voll Körner unter die Hühner, beschattete die Augen mit der Hand, um
besser zu sehen, und schrie: »Dass 's Gott gsegn'! Unser Bub! Und mit der
Hexenjungfer!«
    Und sie bekreuzte sich und wollte rasch ins Haus; aber ich zog das
widerstrebende Mädchen hinter mir her und vertrat meiner Ziehmutter den Weg:
»Haltet, Mutter! Bleibt noch ein wenig! Ich bring wen mit - ein Waisl, das Ihr
aufnehmen mögt!...«
    Aber sie erhob abwehrend beide Hände, wandte das Gesicht weg und lief ins
Haus, während dem Katreinl langsam eine Träne nach der andern über die Wangen
rollte.
    Das gab mir einen Stich ins Herz, und ich lief der Mutter nach und fasste sie
am Gewand und schrie sie an: »Ihr sollt sie nicht weinen machen, Mutter! Ihr
sollt gnädig sein und gut, weil sie auch gut ist!«
    Und da sie nicht hören mochte, drohte ich: »Wenn Ihr sie nicht nehmt, dann
geh ich auch wieder, und Ihr habt die Schuld, wenn was geschieht ...!«
    Damit lief ich wieder hinaus und fand das Mädchen, als es eben aus dem Hof
gehen und den Gadern hinter sich schliessen wollte.
    »Katreinl!« schrie ich, »was willst du denn tun? Warum kehrst du um?«
    »Weil ich nichts verloren hab da drin!« erwiderte sie rauh und schlug das
Türl zu.
    Da eilte ich hinaus, packte sie am Arm und schrie: »Und ich will haben, dass
du dableibst! Du gehörst zu mir! Sie müssen dich aufnehmen!«
    In diesem Augenblick kam der Messmer, mein Ziehvater, vom Gottesacker daher
und ging auf uns zu und sah, wie ich das Mädchen zurückhielt. Da sagte er: »Wo
aus, Jungfer? - Hast ihn jetzt wiedergebracht, den Racker? - Wohin denn schon so
früh in dem Putz?«
    »Eine Heimstatt suchen«, sagte das Katreinl und wollte sich von mir
losmachen. Da rief ich: »Nehmt sie doch Ihr derweil, Vater! Sie soll nicht
allein rumtappen! - Gelt, Vater, Ihr behaltet sie derweil, bis sie nimmer
verlassen ist!«
    Der Weidhofer sah wohlgefällig auf mich nieder, betrachtete das Katreinl
eine Weile und meinte dann: »Wenn sie mit dem Strohsack zufrieden ist in deiner
Kammer? Du kannst ja im Ambros seiner Liegerstatt schlafen, so lang er auf der
Alm ist. Von mir aus kann sie schon dableiben; Arbeit gibts bei uns für jeden,
der sie nicht scheut!«
    Herrgott! Wie wurde ich froh! Ich bedankte mich jubelnd beim Vater und sagte
darnach zum Katreinl: »Jetzt musst du doch bei mir bleiben! Jetzt mach nur
geschwind, dass wir's der Mutter sagen!«
    Da sagte sie denn ja und dankte dem Weidhofer und ging mit uns.
    Die Ziehmutter war schon eine Weile unter der Haustür gestanden und hatte
auf uns herübergeschaut; da sie uns aber nun alle drei eintreten sah, schüttelte
sie den Kopf und verschwand im Haus.
    Ich führte nun das Mädchen in meine Kammer und meinte, da ich das Bett sah,
nachdenklich: »Du musst halt schauen, wie du liegst; ich bring dir schon alles,
was du brauchst und gern haben möchtest!«
    Ihr Stübchen war ein viel schöneres und ihr Bett ein viel besseres gewesen,
und ich sah ängstlich und unruhig auf das Mädchen.
    Scheu blickte sie an den kahlen Wänden entlang, betrachtete stumpf den
verstaubten Wandherrgott in der Ecke und die grosse Spinnwebe daneben und setzte
sich schliesslich seufzend und fröstelnd auf die Truhe, die unter dem niederen
Fenster stand und meine paar Habseligkeiten in sich verschloss.
    Plötzlich sagte sie: »Wie kalt es in diesem Christenhaus ist! Bei uns daheim
ist's viel wärmer gewesen! - Wer wird leicht jetzt das Hexenhäusl kriegen? - Es
ist schad drum!« Ich suchte ihr die Kammer ein wenig behaglicher zu machen und
lief hinaus, durchsuchte das Haus nach allem möglichen und schleppte es hinein
zum Katreinl: einen alten, wackligen Tisch vom Dachboden, einen geschnitzten
Stuhl aus der Kammer des Ambros, das Kopfkissen aus dessen Bett, zwei
Blumenstöcke vom Söller und eine alte, blaubedruckte Bettzieche als Tischdecke.
    Darauf holte ich aus meiner Truhe etliche Heiligenbilder und nagelte sie
alle über das Bett.
    »So, Katreinl, jetzt passt es schon eher für dich!« sagte ich darnach
befriedigt; »jetzt bring ich dir noch einen Spiegel und das Spinnradl von der
Mutter, dass du gute Weil und was zu tun hast.«
    Nach langem Suchen fand ich einen alten, bemalten Spiegel, in einem Kasten
hängend; den brachte ich dem Mädchen und auch etliche Zöpfe Flachs zum Spinnen.
Das Spinnrad stand verstaubt am Heuboden, und ich musste es erst mit dem
Flederwisch reinigen, ehe ich es dem Katreinl in die Kammer stellen konnte.
    Derweil ich noch immer nach neuem suchte, um dem Mädchen das Stüblein gut zu
richten, läutete es zu Mittag, und ich hörte Türen schlagen, Tritte poltern und
Männerstimmen reden und lachen. Der Weidhofer kam über die Stiegen herauf und
rief: »Matiasle, was is's - zum Essen! Bring deine Jungfer auch gleich mit!«
    Da holte ich geschwind einen schönen Teller und einen neuen Löffel aus der
Künigkammer, damit das Katreinl nicht mit den Knechten in eine Schüssel zu
langen bräuchte, und stellte einen Lederstuhl neben die Bank, auf der ich sonst
gesessen war; darnach holte ich die Jungfer hinunter. Die grosse, bemalte
Schüssel mit den Knödeln stand schon auf dem Tisch, als wir eintraten. Knechte
und Mägde standen darum, und der Weidhofer betete eben um Gottes Segen zu Speis
und Trank und um Gnade und Gedeihen dazu.
    Der Weidhoferin ihr Platz war noch leer, und alle blickten nach dem
Tischgebet noch unschlüssig, ob sie sich setzen könnten, da gemeiniglich die
Sitte bei den Bauern ist, dass erst der Bauer und die Bäuerin niedersitzen und
auch als erste in die Schüssel langen.
    Der Messmer setzte sich endlich und sagte: »Fangts nur derweil an; d' Mutter
wird schon kommen.«
    Nun zog ich das Katreinl, welches glühendrot geworden war, mit mir an den
Tisch und nötigte es an den von mir bestimmten Platz; darauf wollte auch ich
mich setzen.
    In diesem Augenblick sahen alle neugierig auf das Mädchen; die Oberdirn warf
den Löffel mit dem Ruf weg: »Mariand Christi! D' Hexenjungfer!«, bekreuzte sich
und lief weg; und sogleich standen auch die andern alle auf, murmelten
Verwünschungen und entfernten sich, ohne auf den Unwillen des Weidhofers zu
achten. Das Mädchen aber sass starr und ganz schneebleich auf seinem Stuhl, sah
einen nach dem andern gehen und seufzte tief auf, als der Vater mit der Faust
fluchend in den Tisch schlug und schimpfte: »Gesindel verdammtes! Sollen's
bleiben lassen, wenn sie nicht mögen! - Iss, Maidel, und lass dich's nit
verdriessen!«
    Ich war ihm von Herzen dankbar für seine Worte und rief: »Ihr seid brav,
Vater, das Katreinl tut niemand was.«
    Fürsorglich legte ich alsdann dem Mädchen, das stumm zum Fenster hinaussah,
einen Knödel auf den Teller, reichte ihr das Schüsselchen mit dem Dotschentauch
und bat sie, doch zu essen.
    Erst hörte sie nicht auf mich; endlich nahm sie, ass aber nur etliche Bissen
und stand darnach mit einem leisen »Vergelts Gott« auf. Auch ich brachte kaum
ein wenig Speis in mich, erhob mich gleichfalls und ging mit dem Katreinl
wieder in meine Kammer, während der Messmer für uns drunten dem himmlischen Vater
Dank sagte für alle Wohltaten.
    Eine Weile später, während das Mädchen das Mieder und Geschnür ablegte,
seine rauhe Schürze umband und sich zum Spinnen rüstete, fiel mir ein, dass
drunten im Wandschränklein der Wohnstube eine alte Legende mit vielen
wunderlichen Abbildungen liege; ging also hinab, sie zu holen, damit das arme
Katreinl Kurzweil dran hätte. Wie ich nun in die Stube trat, sassen die andern
erst beim Essen mitsamt der Weidhoferin und blickten unmutig auf mich. Da sagte
ich ganz laut und keck: »Die Hexenjungfer kommt! Wer nicht schnell verschwindet,
wird verwunschen!«
    Da entstand ein grosser Tumult: die Mägde kreischten furchtsam auf, schlugen
das Kreuz und wollten fliehen; die Mannsleute fluchten und gaben mir grobe
Namen, und die Weidhoferin, meine Ziehmutter, stand auf, dass ihr Stuhl umfiel,
wies mit der Hand nach der Tür und schrie mit hochrotem Gesicht: »Marsch,
weiter, sag ich! Unser Herr hat lange Arm; der trifft dich schon noch für dein
Gspött!«
    Ich lachte, nahm das Buch aus dem Schränklein und ging hinaus; doch sagte
ich dem Katreinl nichts von der Sache, um sie nicht noch trauriger zu machen;
denn sie weinte ohnedies schon, dass ihre Augen ganz rot wurden.
    Sie band eben den Flachs ans Spinnrad und rückte sich den Stuhl dazu, indem
sie die Schürze vors Gesicht hielt, damit ich nicht sähe, wie sie weinte. Ich
empfand tiefen Schmerz, als ich sie so sah, und auch grosse Reue, dass ich sie
hierher gebracht; doch war es mir unmöglich, dem Mädchen dies zu sagen, noch,
sie zu trösten. Es war, als sei etwas Fremdes, Kaltes in mein Herz gekommen, das
meine grosse Liebe für sie zurückschlug, so oft sie daraus emporkommen wollte;
und obschon ich immer noch an unser Zusammensein im Haus der toten Irscherin mit
stiller Freude dachte, so tat ich doch nichts, um dies Schöne noch einmal zu
erleben.
    Also sass ich auf der Truhe und beschaute die Bilder der Legende, bis ich,
von Müdigkeit übermannt, einnickte.
    Das Spinnrad schnurrte wieder, als ich erwachte, wie einstmals, und das
Katreinl sass wieder in dem flimmernden Licht der untergehenden Sonne, und ihr
rotes Haar glänzte wie lauteres Gold. Sie sah nicht um sich; gedankenvoll hielt
sie ihr Haupt über das Spinnrad gebeugt und drehte mechanisch am Faden, dabei
von Zeit zu Zeit die Finger an den Lippen netzend.
    Eine geraume Weile sah ich ihr zu und hielt, damit sie es nicht bemerkte,
meine Augen halb geschlossen; da aber die Sonne hinter den Bergen verschwunden
war und nur noch ein dämmernder Schatten von ihr ganz oben an der Wand zitterte,
richtete ich mich auf und sagte: »Jetzt hätt ich bald den Feierabend
verschlafen; geh, hör auf zu spinnen, Katreinl, dann hol ich dir dein
Nachtessen.«
    Ging also hinab in die Kuchel des Hauses, suchte den Teller des Mädchens und
den Löffel und trug beides hinauf in die Kammer.
    Die Ziehmutter stand derweil am Herd, hatte die grosse, russige Eisenpfanne
auf dem Dreifuss, unter welchem ein lustiges, offenes Reisigfeuer prasselte, und
kochte den Abendschmarren, ein rauhes Gericht aus Mehl und Erdäpfeln. Sie
schaute mich unfreundlich an, sagte aber nichts und gab mir, als ich ein weisses
Schüsselchen vor sie hinstellte und sagte, dass ich dem Mädchen zu essen bringen
wolle, sogleich ein ansehnliches Häuflein Schmarren und einen kleinen Weidling
voll süsser Milch.
    Dies brachte ich, nachdem ich mich bei der Mutter dafür bedankt, dem
Katreinl, das bei meinem Eintreten am Fenster lehnte und in den nebligen Abend
hinaussah. Gemeinsam verzehrten wir darauf diese Mahlzeit, ohne etwas dabei zu
reden; darnach wünschte ich ihr eine ruhsame Nacht und trug das Geschirr hinab
in die Kuchel.
    Der Messmer wusch sich eben am Brunnengrand Gesicht, Hals und Brust, als ich
nach diesem vors Haus ging und mich auf die verwitterte Holzbank setzte; da er
mich sah, fragte er, indem er sich einen Strahl Wasser auf den Scheitel pumpte:
»He, Racker, wo ist denn deine Jungfer? Sag ihr, der Bürgermeister hätt das Vieh
vom Waldhaus geholt und in die Gemeindeställe gewiesen, bis es auseinandergeht
mit der Verlassenschaft. Er hat mirs zu wissen gemacht und fragt, wo die
Waldhäuslerin eingegraben ist.« »In Gottes Erdboden«, erwiderte ich und lief
hinauf, alles dem Mädchen zu berichten; doch sie hatte ihre Tür schon verriegelt
und gab mir auch auf mein Rufen und Pochen keinen Bescheid, so dass ich endlich
ging, drunten »Gut Nacht« wünschte und hierauf die Kammer des Ambros aufsuchte
und mich zu Bett legte. Mitten in der Nacht, als ich endlich nach langem Denken,
Betrachten und Sinnen eingeschlafen war, fuhr ich plötzlich empor. Unter meinem
Kammerfenster wurde eine Leiter angelegt, ich hörte jemand keuchend
emporsteigen, und im nächsten Augenblick erschien im Rahmen des geöffneten
Fensters die Gestalt des langen Ambros. Er hielt sich einen Augenblick ganz
still, horchte und schwang sich dann rasch in die Kammer herein. Ich gab keinen
Laut von mir und hielt beide Fäuste an die Brust gepresst, um mein heftiges
Herzklopfen zu beruhigen, während ich daran dachte, was ich täte, wenn er mir
abermals übel wollte.
    Aber er schaute gar nicht auf das Bett; mit grösster Hast schloss er eine
kleine Truhe auf, warf eine Menge silberklirrender Münzen hinein und verschloss
sie darnach wieder sorgfältig. Darauf nahm er die Truhe auf die Schulter und
wollte sie nun durchs Fenster forttragen; doch brachte er sie nicht durch den
Rahmen und fluchte derowegen ganz wütend.
    Indem er sich vergebens abmühte, kam mir ein Gedanke; ich tat plötzlich
einen gellenden Pfiff, sprang aus dem Bett und lief aus der Kammer, laut rufend:
»Ein Dieb, ein Dieb!«
    Als gleich darauf der Weidhofer mit einem Kienspan aus seiner Kammer lief
und mir in die des Ambros folgte, lag die Truhe auf dem Boden, die Leiter aber
und der Bursch waren verschwunden.
    Da schloss der Vater das Fenster und meinte: »Nachlaufen hat keinen Wert; der
ist jetzt doch schon Gott weiss, wo.
    Aber wissen möcht ich doch, wer es war.«
    Ich sagte: »Der Ambros selber war's« und berichtete, was ich gesehen, worauf
der Vater erwiderte: »Dem komm ich schon drauf, was er hätt wollen, wenn er's
war; und die Truch trag ich derweil zu mir.«
    Damit hob er sie auf und ging, sie unter dem Arm haltend, wieder schlafen.
    Am anderen Morgen schickte er sogleich einen Knecht auf die Alm mit dem
Befehl, dass er den Ambros vor ihn bringe. Dies geschah, und ich stand dabei, als
der Hausl mit ihm eintrat. Kaum hatte mich der Böswicht erblickt, als er auch
schon weiss wie der Kalk an den Wänden wurde; seine Augen weiteten sich und sahen
unstät und angstvoll von einem zum andern. Da trat der Vater herzu und sagte:
»Wo ist der Schlüssel zu deiner Truch?«
    »Droben in der Kammer«, erwiderte der Bursch stockend und sah wieder
ängstlich nach mir, so dass der Vater unwillig fragte: »Was scheust dich denn vor
dem Buben so? Hat er dir leicht was getan, heut nacht?«
    Da kam eine furchtbare Bewegung über mich; bebend trat ich vor den langen
Ambros hin und schrie ihm ins Gesicht:
    »Hast's wohl nicht gehofft, dass ich noch laut bin - dass ich noch einmal
abrechnen könnt mit dir, du Mordbub!«
    Wie ein Hieb war mir das Wort entfahren - wie ein Hieb traf es alle, am
ärgsten aber den, welchen es anging. Der bleiche Schelm wankte und musste sich
anlehnen, um nicht zusammenzufallen; aber seine bläulichen Lippen murmelten:
»Was bin ich? - Willst das zrucknehmen, du ...«
    »Zrucknehmen!« schrie ich da in höchster Wut; »zrucknehmen soll ich was! -
Draufhelfen tu ich dir lieber, wann du's nimmer weisst: Droben am Bergrinnl, beim
Weidhofer seiner Alm hat einer einen hinunter ... jawohl ... z'erst 'n Räuber
gmacht, darnach 'n Mörder!« - Ich streckte den Finger nach ihm aus, und ein
hartes Weinen schüttelte mich, indem ich mich an die Umstehenden wandte: »Der
war's; meine Red ist wahr. Lasst's die Katrein von der Irscherin reden!«
    Heiser brüllte der Bursch und beteuerte seine Unschuld und wand sich doch
vor Ängsten; da trat die Jungfer, welche schon eine Weile im Flöz gestanden war,
herzu, ganz bleich, und sagte mit bebendem Mund: »Es ist wahr, er lügt nicht.«
    Und sie berichtete allen, wie die Irscherin mich in der Bergrinne beim
Wasserfall gefunden hätte, wie ich in meinem Fieber mit dem Burschen gerungen
und dabei den Namen Ambros gerufen hätte, und er solle mich doch schonen und mir
mein Sach wiedergeben ...
    Sie gab also allen Zeugnis von der Übeltat des Schelmen, so dass dieser nicht
mehr vermochte, eine Ausred oder Widerrede zu finden, vielmehr als ein feiger
und furchtsamer Böswicht plötzlich sich aufrichtete und, derweil wir alle auf
die Jungfer hörten, einen Sprung nach der offenen Haustür tat und verschwand,
obgleich ihm der Vater und der Knecht auf dem Fusse folgten. Am End sagte der
Vater, man solle ihn nur derweil laufen lassen, der käme schon von selber noch
dahin, wohin er gehöre. Darauf ging man ins Haus, sprengte die Truhe und fand
darin nicht nur meine Groschen vor, sondern auch noch einen grossen Haufen Gelds,
Silberzeugs und sonst kostbarer Dinge, die er alle geraubt hatte und die teils
in den Weidhof, teils andern Leuten zu Sonnenreut gehörten.
    Der Weidhofer übergab alles dem Pfarrer, und dieser forderte am
darauffolgenden Sonntag in der Predigt alle jene, denen etwas abhanden gekommen
war, auf, sich ihr Sach bei ihm zu holen; doch blieb noch mehreres liegen und
wurde später unserer lieben Frau zu Birkenstein auf den Altar gelegt. Ich aber
schenkte meine ganzen Silbergroschen dem Katreinl und bat sie, dieselben zu
nehmen als eine Verehrung und ein Andenken. Von dem Schelmen, dem Ambros, aber
war nichts mehr zu hören und zu sehen, und es schien, als habe er die Gegend
verlassen.
 
                                Das Vermächtnis
Etliche Tage nach diesem Ereignis erschien der Gemeindeschreiber oder, wie er zu
Sonnenreut hiess, der Aktenlippel, im Weidhof und fragte nach dem Katreinl von
Amts und wichtiger Ursach wegen. Ich stand gerad unter der Haustür und sah ihn
mit weiten, gewichtigen Tritten daherstiefeln, stand ihm Red und holte das
Mädchen zu ihm herunter.
    »Ist Sie die Jungfer Maria Katrein Paumgartner?« fragte der Alte und
betrachtete sie über seine Hornbrille hinweg mit zwinkernden Augen.
    »Ja, die bin ich«, erwiderte das Mädchen; »was will man von mir?«
    Der Lippel nahm eine Prise, rieb sich darnach die Nase mit dem Daumen und
stellte sich in strammer Haltung vor sie hin: »Also, Sie ist die genannte
Person; also. Dann hab ich Ihr von Amts wegen kund und zu wissen zu machen, dass
die ehrenfesten Testamentsvollstrecker durch meine Person aus Anlass der
Verlassenschaft, Siegelabnahme und Testamentsvollstreckung den obrigkeitlichen
Befehl erlassen haben: ich solle sie, die Jungfer Paumgartner, ins Waldhaus
bestellen. Also. Kann Sie gleich mitkommen, he?«
    »Ja, ich geh gleich mit«, sagte das Katreinl und bat mich, ich möge ihr die
gute Schürze und den Hut herunterholen.
    »Geh nur derweil, ich trag dir's nach!« rief ich, während der Aktenlippel
erst das Mädchen, dann mich mit einem väterlich-würdevollen Blick mass, noch
einmal schnupfte und darnach aus der Haustür trat.
    Eilig lief ich in die Kammer, holte den feinen Filz und die Schürze und lief
ihnen damit nach, ohne dass sich jemand um uns bekümmert hätte, wo aus wir
gingen. Tagein, tagaus sass ich ja beim Katreinl und vergnügte mich, während sie
mit flinken Fingern den Flachs zum Faden drehte, mit groben Holzschnitzereien:
Tieren, Gotteiten, Bilderrähmlein und Madonnenstatuetten, die ich ihr dann mit
Stolz als ein Angebinde überreichte. Die Ziehmutter sah weder mich noch das
Mädchen mehr mit einem Blick an, und der Weidhofer hatte den ganzen Tag zu
werken und zu schaffen und kam nur selten in unsere Kammer. Betrat er diese aber
wirklich einmal, so hatte er immer etwas für uns dabei: sei es nun ein
Fliedersträusslein, ein rots oder blaues Wächslein, einen Ablasspfennig oder einen
Kuchen vom Lebzelter; denn es bedrückte ihn in seiner Rechtlichkeit, dass man das
Mädchen um seiner Herkunft willen so schlecht achtete, wenn er gleich der
Irscherin stets feind gewesen.
    Nun ich den zweien nachgelaufen war, übergab ich dem Katreinl seine Sachen
und bat, dass sie mich mitnehmen möchten; und da es ihr und auch dem Schreiber
recht war, lief ich also mit ihnen.
    Vor dem Waldhaus standen schon der Lindlschneider und der Staudenweber, zwei
angesehene Männer aus der Gemeinde, und warteten auf den Schreiber. Nach kurzem
Gruss der beiden Bauern und tiefen Bücklingen des Lippel holte dieser umständlich
einen Band Schlüssel aus dem hinteren Sack seines braunen Amtsrockes und
probierte einen nach dem andern, bis am End das Katreinl bat, ob nicht sie den
rechten Schlüssel zeigen dürfe, worauf der Lippel zwar giftig sagte: »Da hat Sie
nichts zu zeigen! Das ist Sache der Obrigkeit!«, auf Anraten der Männer aber
doch dem Mädchen die Schlüssel übergab.
    Sie schloss nun Tür um Tür auf, und die drei traten in das Haus und in die
Stuben, in denen eine stickige, dumpfe Moderluft war, so dass die Männer sogleich
alle Fenster öffnen liessen.
    In der Kammer der Toten wurden nun die Kommoden und Kasten geöffnet und alle
Laden, Truhen und Schubfächer geprüft. Neugierig stand ich dabei und sah
verblichene Gewänder und Tücher, schwere Leinwandballen und weiche Flachszöpfe,
ein leinenes Sterbehemd und ein buntes Perlenkränzlein und dazu noch mancherlei
Schmuck für Frau und Mann, etliche samtene Männerleibstücke mit silbernen
Knöpfen und einen feinen Tuchrock, wie auch der alte Weidhofer einen
hinterlassen.
    Auf dem Sterbehemd lag, mit einem roten Wachsfaden zusammengehalten, eine
vergilbte Papierrolle; der Schreiber langte sie heraus, stellte sich ans Licht
und öffnete sie langsam; darnach räusperte er sich, rückte einen Stuhl und sagte
feierlich: »Setze sich die Jungfer! Es ist hier in meinen Händen die letzte
Verfügung der anhier verstorbenen Walburga Irscherin, Waldhäuslerin bei
Sonnenreut.«
    Bleich und zitternd setzte sich das Katreinl.
    »Wollen die Manner sichs kommod machen und als Zeugen herhören auf die
Artikel des Testaments!« wandte sich der Schreiber nun an die beiden Bauern.
    Ich schob ihnen Stühle hin, rückte dem Schreiber eine kurze Bank vor das
Tischlein, an dem er lehnte und zog mich mehr ins Dunkle zurück, während die
Männer sich setzten und der Lippel einen Gänsekiel aus der Tasche zog,
zurechtspjetzte und ein Fläschlein Tinte dazustellte.
    Eine grosse Stille war in der Kammer; der Schreiber schob seine Brille näher
an die Augen, wischte sich mit zwei Fingern über die Nasenflügel und begann zu
lesen:
    »In Gottesnamen schreibe ich dieses nieder mit dem Gedanken und in der
Meinung, dass es dereinst als mein letzter Wille gütlich geglaubt, wohl geacht
und füglich in seinen Artikeln getreu befolget werde.
    Hab nicht gar wohl gelebt als eine verachte und missgünstig betrachte Person;
hab aber dennoch anso gelebet, wie mir mein Herz befohlen; doch darum um der
feindlichen Christenlieb sei nicht geklagt. Ich mach mein Sach recht und hoff
annoch auf einen gnädigen Richter.
    Wie es denn nun sein soll, so eröffne ich meiner von mir auferzogenen
Tochter Maria Katrein, dass sie ist eine leibliche Tochter des erlauchten Herren
Georg von Höhenrain und der Katarina Elisabet Paumgartner zu Stubenberg.
Welche als ein junges und liebliches Maidlein die Küh gehütet und am Wald sich
Kränz ins Haar geflochten hat, bis genannter edler Herr sie bei einer Hirschjagd
erblickt und ein gross Verlangen nach ihr verspürt hat. Haben also in Lieb und
Treuen genannte Jungfer Maria Katrein gezeuget und mir dieselbe mit einem
Zehrgeld von zwölf Gulden für das Jahr und einer Aussteuer von fünfhundert
Gulden übergeben, da denn die Mutter des Kindleins noch als ein jung Blut hat
von dieser Erden gehen müssen und liegt begraben bei der Kapellen des Schlosses
auf Höhenrain. Und so hab ich das Mägdlein gehalten wie ein eigen Kind in Treuen
und behütet bis auf diesen Tag.
    Hab als ein jung und einfältig Geschöpf mich versprochen einem handlichen
Burschen, so als ein Holzfaller in Diensten des erlauchten und edlen Herren
Georg von Höhenrain gestanden ist. Haben also Hochzeit miteinander gefeiert
draussen im freien grünen Wald, wo der gross und mächtig Herrgott der Pfarrer und
allerhand munter Getier und Vöglein getreue Zeugen gewesen sind, und hat er mich
heimgeführet in sein Haus gleich einer ehelichen Hausfrau. Hab ihm alsbald einen
lieblichen Knaben in die Wiegen gelegt, der aber leider als ein mannlicher
Bursch hernach für seinen Herrn und Fürsten als ein tapferer Soldat das Leben
gelassen, da ich wohl an die fünfzehn Jahr schon Wittib gewesen, alsdann denn
auch mein lieber und getreuer Hort und Mann, noch bevor ich ihm ein sieben
Jährlein angehöret, von einem rollenden Baumstammen erschlagen und auf der Stell
ertödt worden.
    Hab also nicht Erben noch Sippschaft, so ein Anrecht auf itwelches Ding in
meinem Haus, noch auf das Haus oder den Anger darum hätten; und vermach ich also
am heutigen Tag und auf diese Stund alles, was mein ist an Haus, Grund,
Liegenschaft oder Gegenstand, sowie mein Sparpfennig von dreihundert Gulden
guter Währung genannter Jungfer Maria Katrein Paumgartner, welche ist in meinem
Haus als ein rechtes und riegelsames Maidlein bis auf diese Stund, auch nit
Anlass gibt zu Schimpf und Schand.
    Weshalb ich genannter Maria Katrein noch gebe den heiligen und kräftigen
Segen:  Der Herr segne sie  im Namen des Vaters  und des Sohnes  und des
heiligen Geistes. Amen.
    In der blauen Truhen unter meiner Himmelbettstatt liegt zu finden das erst
Gewändlein samt Schühlein und ein Beutel mit fünfhundert Gulden Besitztum
genannter Jungfer Katrein.
    Man begrab mich bei meinem Hause und lasse nicht Pfaff noch Leut dazu;
dieweilen ich die nicht gebraucht im Leben, sotan sie mir auch nichts helfen im
Sterben und etwan auch nicht wohl reden nach meinem Verscheiden. Und so verleihe
mir und genannter Jungfer Maria Katrein unser lieber Herr ein gut Stund zum
Leben und ein unschmerzlich Augenblicklein zum Absterben. Amen.
    So Gott will. Amen.
        Walburga Irscherin, Waldhäuslerin bei Sonnenreut, geboren als des
            Wundarzten Rauff einzig Kind zu Au in Baiern.«
Der Schreiber hatte zu Ende gelesen; er nahm nun die Feder, einen Bogen sauberen
Papiers und schrieb, indem er laut dazu sagte: »Dieses wahre und echte
Schriftstück ist eigenhändig geschrieben und unterzeichnet am fünfundzwanzigsten
Jänner des Jahres eintausendsiebenhundertsechsundneunzig zu Sonnenreut, von der
am dreissigsten Mai dahier verschiedenen Walburga Irscherin, gebürtig aus Au in
Baiern.«
    Hier machte er eine Pause, dann schrieb und sagte er weiter: »Im Beisein der
ehrenfesten Manner Korbinian Urber, Lindlschneider dahier, und Baltasar
Meckinger, Staudenweber dahier, sowie der in Persona erschienenen Erbin, der
Jungfrau Maria Katarina Paumgartner, gefunden, geprüft, unversehrt befunden,
feierlich eröffnet und vorgelesen zu Sonnenreut am zehnten Tag im Heumonat des
Jahres eintausendachtundertundeins.«
    Er überlas das Ganze noch einmal halblaut und rief darauf: »Trete die
Jungfer näher und unterzeichne Sie das Protokoll!... Wollen die Manner als
Zeugen ihre Namen daruntersetzen zur Beglaubigung!«
    Damit nahm er die Feder, tauchte sie in die Tinte und hielt sie mit
feierlicher Gebärde dem Katreinl hin.
    Das Mädchen hatte schon während des Ablesens leise zu weinen begonnen, und
als sie nun ihren Namen kritzelnd unter das Protokoll setzte, tropften ihre
Tränen auf das Papier.
    Nach ihr unterschrieben die beiden Bauern, oder vielmehr, sie setzten ein
jeder drei grosse Kreuze nebst einem Buchstaben auf das Schriftstück, und zum
Schluss machte der Aktenlippel noch einen schwunghaften Schnörkel darunter,
übergab dem Katreinl die Urkunde des Testaments, langte nach seinem Käpplein
und sagte: »Komme die Jungfer im Laufe des Tages auf die Bürgermeisterei und
hole Sie andorten ihre Kuh und Geissen ab und gebe Verfügungen wegen Ihres
Besitzes und Erbes!«
    Darnach wandte er sich an die Männer: »Wollen wir gehen!«
    Nun nahmen auch die beiden ihre Hüte, und alle drei gingen, kurz grüssend,
aus dem Haus und liessen uns allein. Unbeweglich sass das Katreinl in seinem
Stuhl; ihre Augen waren noch nass, und sie sah trüb ins Leere, die Hände
verschlungen im Schoss haltend.
    Ich blieb noch eine Weile stumm in meinem Winkel hocken; da aber das Mädchen
sich immer noch nicht rührte, stand ich schliesslich auf und nahm die
Testamentsurkunde vom Tisch, trat ans Fenster und las, so gut ich konnte, die
Artikel durch. Darnach meinte ich etwas kleinlaut: »Was wird jetzt wohl werden?
Wirst mich halt nimmer mögen, wenn ich einmal gross bin, wo du jetzt auf einmal
eine Herrische bist! Wird dich halt ein Graf kriegen oder ein Junker!«
    Sie antwortete mir nichts, und ich kam mir recht armselig und
bemitleidenswert vor, als ich das Schriftstück so unschlüssig in der Hand
drehte.
    Nach einer Weile begann ich wieder: »Was hast jetzt vor? Was willst jetzt
tun? Wirst wohl kaum mehr mitgehen in den Weidhof? Bleibst wohl gleich da?«
    Da ich abermals keine Antwort von ihr erhielt, warf ich die Urkunde auf den
Tisch, nahm mein Hütl und sagte: »Jetzt bist halt ein Herrenkind! Jetzt kennst
halt den Weidhoferbalg nimmer, gelt!...«
    Draussen war ich, und krachend fiel die Tür ins Schloss, und ich rannte
ingrimmig dahin, die Herrischen verfluchend und denen die Hölle wünschend, die
mich hergesetzt in diese lausige Welt.
    Keinen Blick tat ich mehr zurück nach dem Waldhaus und kam keuchend in den
Weidhof, schlich mich ungesehen in die Kammer des Ambros und warf mich aufs
Bett. In meinen Ohren sauste und hämmerte das Blut, und der Schmerz würgte mich
am Halse, dass ich Mühe hatte, die Tränen zu verbeissen.
    Stundenlang lag ich so, beide Fäuste vor den Kopf gepresst und nichts denkend
als: sie ist herrisch, von Höhenrain, sie wird einen Herrischen kriegen.
Schliesslich bildete sich in meinem Hirn ganz von selber eine Melodie zu diesem
Gedanken, und am End musste ich mit dem Fuss den Takt dazu stossen, während ich auf
dem Bauch lag und summte: Sie ist herrisch, von Höhenrain ... sie wird einen
Herrischen kriegen ...
    Mein Ziehvater riss mich endlich aus diesem unsinnigen Brüten; er kam herauf
und sah nach mir, fragte um die Jungfer und wollte uns zum Nachtessen holen.
Ohne mich zu erheben, berichtete ich ihm mit wenigen Worten von der
Testamentseröffnung. »Die Jungfer ist gleich droben blieben im Waldhaus«; schloss
ich darnach; »ghört ja jetzt alles ihr. Sie ist ja eine Herrische von
Höhenrain!«
    Erstaunt über diese Botschaft wollte der Weidhofer gerade was erwidern, als
das Mädchen eilig über die Stiegen heraufkam und ihn, als er aus meiner Kammer
blickte, ängstlich fragte, ob ich schon daheim sei.
    »Ja, ja, Jungfer«, sagte mein Ziehvater lachend; »der ist schon da. Hat mir
schon allerhand vorgeflunkert von der Erbschaft!«
    Damit ging er wieder zu mir in die Kammer herein und lud auch das Katreinl
ein, sich ein wenig auf meinen wackligen Stuhl zu setzen und zu erzählen.
    Ich sprang nun rasch aus dem Bett, strich es glatt und wollte davon; aber
der Ziehvater lehnte an der Kammertür, und so musste ich noch einmal die ganze
Sach über mich ergehen lassen.
    Der Messmer hörte ihr aufmerksam zu, überlas auch die Urkunde und erbot sich
schliesslich, ihr in allem getreu zu helfen und zu raten, darüber sie sehr
erfreut war und ihm froh dankte.
    Darnach gingen wir alle drei hinunter in die Wohnstube, und der Vater rief
im Vorbeigehen in die Kuchel: »Auftragen für drei! Haben die andern schon
gessen?«, worauf ihm vom Kuchelmensch der mürrische Bescheid wurde:
    »Schon lang.«
    Also assen wir, und der Vater unterhielt sich eifrigst mit der Jungfer und
gab ihr viel gute Ratschläge, erbot sich, ihr Vieh aufzunehmen, ihr Haus zu
versorgen und sie selber - wenn sie wolle, natürlich - als ein Vormunder in
allen ihren Gerechtsamen zu unterstützen und ihr Erbe zu verwalten.
    Das Mädchen war mit allem einverstanden und bat am Ende noch um die
Vergünstigung, dass sie, bis sie einmal irgendwo ein gedeihliches Unterkommen
fände, im Weidhof bleiben dürfe, wofür sie dann dem Vater den vollen Milchertrag
und fürs Jahr ein Kalb verschreiben tät. Einigten sich also, dass die Jungfer von
nun an wie ein Hausglied im Weidhof aus und ein gehen und leben kunnt,
wohingegen der Messmer dann den vollen Milchertrag und zu Lichtmessen ein Kalb
erhielt.
    Fröhlich ging das Katreinl darnach in ihre Kammer; der Weidhofer aber nahm
die Mutter beiseite und brachte es nach langem, hartem Kampf dahin, dass sie zu
dem Handel ja und amen sagte.
    Also blieb die Jungfer im Weidhof; ich aber trug mich mit dem Gedanken, das
Haus zu verlassen und mich in der Fremde ein wenig umzuschauen; doch sagte ich
niemandem etwas davon und wartete nur auf eine Zeit, die mir besser dazu passte
wie der Sommer; wie denn insgemein ein jeder weiss, dass in den Hundstagen überall
bei den Bauern die Arbeit metzenweis um etliche Groschen leichtlich zu haben
ist. Es mög mir aber nicht zu einer Unehr angerechnet werden, dass ich in jenem
Alter noch nicht so gar aufs Geldverdienen aus war, vielmehr lieber ums
Gnadenbrot und Gottes Lohn in meiner Kammer oder auf der Hausbank hockte und
meiner Ziehmutter, der Mesmerin, aus weichem Holz allerhand Koch- und Rührlöffel
schnitzte, während die andern auf dem Felde schwitzten und die Katrein droben
in ihrer Stube am Spinnrocken sass und tagein, tagaus spann und einen
Flachswickel um den andern zum feinen Faden drehte.
 
                                 Die Herrische
Nun hatte sich also der Weidhofer, mein Ziehvater, wie ein rechter, guter Christ
der Jungfer Katrein angenommen, hatte ihr in der Erbsache wohl geraten und auch
ihr Geld in seine Obhut getan.
    Die Kuh und Geissen standen nun im Stall bei seinem Vieh, und wegen des
Waldhauses war er bald mit dem Mädchen einig um fünfhundert Gulden; denn er
meinte, der Grund sei am Wald wohl saftig genug, dass man es mit Klee und Haber
darauf probieren könne.
    Nun waren aber noch alle Stuben im Waldhaus so, wie sie am Todestag der
Irscherin gewesen; der Weidhofer nahm daher Rücksprach mit der Jungfer, ob sie
nicht willens wär, das ganze Gerumpel auf den Markt zu stellen und versteigern
zu lassen; denn, meinte er, es nehme ihm den Platz in der Hütte weg und sei
dennoch nichts für gut.
    »Was dir grad bsunder lieb und wert ist, kannst ja in meinen Hof schaffen«,
sagte er, als sie ihn mit grossen, angstvollen Blicken ansah; »von mir aus kannst
dir auch deine Stuben vollstellen mit dem Zeug; aber das meiste, die Hauptsach,
tät ich hergeben, wenn ich du wär!«
    Da sagte sie ja, und nachdem der Hausl mit dem Fuhrwerk das Himmelbett,
einen bemalten Kasten, eine Kommode, die Standuhr, die Ziter und das Spinnradl
samt Tisch, Stühlen und Bildtafeln in den Weidhof gebracht hatte, liess sie die
noch vorhandenen Kästen und Truhen leeren, behielt vom Inhalt, was ihr gefiel,
und übergab das andere nebst dem Mobiliar dem alten Donatl, der an jedem ersten
Mittwoch im Monat auf dem Marktplatz den Hammer schwang und überflüssige und
entbehrliche Dinge wieder nutzbar und wertvoll machte, indem er sie denen, die
sein Fass, auf dem er schrie und werkte, umstanden, mit vielen und wohlgewählten
Worten anpries und ein ganz respektables Mindestgebot dafür forderte.
    Ich half überall mit anpacken, auch beim Fortschaffen dessen, das auf den
Markt kam, obgleich mir um jedes Stück, das ich aus dem Haus trug und zum Wagen
schleppte, von Herzen leid war; denn ich hing doch viel mehr an dem Waldhaus,
als es durch den kurzen Aufentalt dort eigentlich bedingt gewesen wäre.
    Aber gewaltsam unterdrückte ich jede Kundgebung meines Schmerzes, um ja dem
Mädchen keinen Einblick in mein Inneres mehr zu geben; denn nichts in der Welt
hätte noch vermocht, mich von dem einmal gefassten Entschluss abzubringen, meine
Lieb für sie ganz zu verschliessen und zu verbergen. Ich ging ihr aus dem Weg, so
gut dies in einem engen Bauernhaus eben möglich war; und wenn ich mit ihr
dennoch beisammen sein musste, legte ich ein so gleichgültiges, ja unfreundliches
Wesen an den Tag, dass sie wohl glauben musste, ich hätte keinen Gedanken mehr an
sie und an das Vergangene.
    Freilich, in den stillen Nächten, wenn es kein Aug ersehen, kein Ohr
vernehmen konnte, da packte mich der Schmerz immer von neuem und trieb mir nicht
selten grimmige Tränen in die Augen, wenn ich jener Stunden und Tage gedachte,
die ich im Waldhaus mit dem Mädchen verbracht. Ich war durch meine Neigung zu
ihr unversehens zu einem reifen Burschen geworden und hatte keinen Augenblick
anders gedacht, als dass ich sie dermaleinst werde besitzen und für sie arbeiten
können, bis die unselige Erbschaft alle meine Träume und mein Hoffen zerschlug.
    Gegen Abend war nun das Waldhaus ganz leer, und der Weidhofer ging von Stube
zu Stube und sagte zufrieden: »Da hat schon was Platz herin; herunten machen wir
mit Futter voll und droben mit Stroh. Jetzt kann wachsen, so viel als mag;
unterbringen tun wir's schon!«
    Mit fröhlicher Miene verschloss er alles und ging gemächlich heim; die
Jungfer schritt blass neben ihm her, und ich folgte ihnen, nachdem ich noch einen
Augenblick beim Kreuz verweilt hatte.
    Der Hausl hatte derweil das Himmelbett und alles andere vom Leiterwagen
herab und im Hof aufgestellt, worüber die Weidhoferin so erzürnt war, dass sie
uns mit heftigem Schelten empfing, als wir in den Hausflöz traten.
    Dennoch aber half sie darnach selber mit, die Kammer der Jungfer
auszuräumen, und befahl sogleich einer Dirn, den Boden zu fegen und frische
Vorhänge aufzustecken. Dann lief sie geschwind in ihre eheliche Schlafkammer,
holte geweihten Rauch und Kräuter, legte sie aufs Glutpfännlein und räucherte
die Stube damit aus, auf dass dem Katreinl nichts Übles darin widerfahre.
    Und da ihr die Jungfer mit einem guten Dank vergalt, wurde meine Ziehmutter
plötzlich weich und meinte: »Musst mir's nit sonderlich nachtragen, meine
Letzheit gegen dich! Schau, wenn ich gwisst hätt, wo d' her bist ...«
    Sie wurde ganz rührselig und musste die Schürze an die Augen drücken, so dass
das Mädchen mit einem brennroten Gesicht sagte; »Aber, Weidhoferin! Zwegen dem
brauchts Ihr doch nit zu heunen! Ob man jetzt von hoch oder nieder stammt - vor
unserm Herrgott sind wir doch allesamt bloss arme Würm!«
    Der Weidhofer unterbrach sie: »Ein Wetter steigt auf! Helfts und packts an,
dass wir alles trocken unterbringen!«
    Da gings! Die Mesmerin regierte die Leut herbei, die Jungfer stand in der
Kammer und nannte den Platz, wo sie ein jedes Ding haben wollte, und nach einer
knappen Stunde war die Stube fertig, und das Mädchen gehörte zum Weidhof.
    Und als nach einer Weile der Sturm ums Haus fegte und der Weidhofer in die
Kirche lief, den Wettersegen zu läuten, da kniete auch die Jungfer drunten in
der Wohnstube und betete mit dem ganzen Haus samt Kostkindern und Ehehalten das
Evangelium Johannis: Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und
Gott war das Wort. Ass auch am selben Abend noch unangefochten am grossen Tisch
mit den andern zur Nacht und ward von allen geehrt und hochgehalten als die
leibliche Tochter des edlen Herren von Höhenrain.
    Sie hatte einen Haufen kleiner Münze unter das Gesinde verteilt und, nachdem
das Wetter sich verzogen hatte, allen zu Ehren ihres Einzugs Freibier und
Honigkuchen gestiftet; mir aber legte sie, bevor sie zu Bett ging, den feinen
Rock, ein samtenes Leibstück und die grosse Taschenuhr ihres Ziehvaters in meine
Kammer und bat mich, dass ich es annehmen wolle zum Angedenken an die
Irschermutter und das Waldhaus.
    Sie begabte auch die Kirche und stiftete einen Jahrtag für ihre selige
Mutter; wollte auch für die Irscherin einen anordnen, das ihr aber nicht gelang,
dieweil der Pfarrer auch jetzt noch der Toten jede heilige Handlung und Segnung
verweigerte. Doch wusste der Weidhofer hierin einen guten Rat und empfahl der
betrübten Jungfer, sie solle doch zu unserer lieben Frau auf den Birkenstein
gehen, dort wär die Stiftung wohl angenehm und in willfährigen Händen; wofür ihm
die Jungfer gross dankte und fünfzig Gulden dortin brachte.
 
                             Von Matäi zu Laurenzi
Nach diesen Ereignissen kam die Erntezeit; ein jedes im Weidhof hatte vollauf zu
werken, und auch ich musste nun meine Glieder fleissig brauchen; der Ziehmutter
mangelte das Kuchelmensch, dem Vater der Ochsenbub, da beide im Heuet waren;
auch musste ich den Mahdern das Essen und den Scheps aufs Feld bringen, Heu und
Klee wenden, die Leiterwagen zum Einführen der Ernte bald auf diesen, bald auf
jenen Acker oder Grund fahren und zuweilen wohl auch an Stelle des Vaters in der
Kirche zum Angelus läuten.
    Im Waldhaus wurden nun alle Fensterladen geschlossen und die Stuben und
Kammern mit dem reichen Ertrag an Klee, Heu, Wicken und Haber angefüllt, während
die Stadel des Weidhofs Roggen, Korn und Grummet, Stroh und Laubstreu bargen.
    Ein fröhliches Erntefest folgte auf diese an Arbeit und Sorge reiche Zeit,
und es wurde wieder lebendig in dem bisher stillen Bauernhaus.
    Bald erscholl auch wieder aus der weitgeöffneten Tenne das klappernde Lied
der Dreschflegel:
Buama, hauts ein,
Hauts nur grad drein!
Dirndln, hauts ein,
Dreschts fleissig drein!
Lassts enka Drischl fliagn,
Dass mir an Lobspruch kriagn;
Drischts alle Spitzbuam z'samm,
Dass mir koa Plag it habn
Mit so an Teifisgfrass;
Hauts zua, na habts an Gspass!
Unter der Drischl drin
Habts die foast Weberin
Und den kloan Nagelschmied;
Dreschts 'n nur aa guat mit!
Hauts nur grad zua allsam,
Dreschts es guat z'samm!
Bauer, hau ein,
Drisch uns an Wein!
Bäuerin, hau ein,
Drisch uns an Brei!
Lassts enka Drischl fliagn,
Dass mir hübsch Gulden kriagn;
Drischts alle Schulden z'samm,
Dass mir koan Schadn it habn;
Dreschts uns a Feirtagwand,
Gebts uns an Guldn auf d' Hand!
Unter der Bettziach drin
Habts enkan Geldsack liegn,
Teats 'n nur aussa gschwind,
Dass 'n der Schwed it findt!
Laarts 'n am Dreschbodn hin,
Na san ma zfriedn!
Es ist schon ein alter Brauch, dass die Drescher in ihren Drischelliedern die
Verfehlungen ihrer Nachbarn, besonders aber den Ehebruch, geisseln und rügen,
ihre Gerechtsamen als Ehehalten dem Bauern und der Bäuerin fürhalten und auf
ehrliche Auszahlung ihres Lohnes dringen.
    Drum stellte auch die Weidhoferin während dieser Tage öfter als sonst den
Fleischhafen übers Feuer und warf auch in den Brei allwegen ein grösseres Stück
Schmalz zum Schmeck als sonst.
    Und als dann die Kirchweih kam, da trug sie Schüsseln auf, dass sich der
Tisch bog: dreierlei Fleisch und dreierlei Knödel, zweierlei Tauch und zweierlei
Schmalzküchlein, und ein eigenes Kirtabrot mit Zibeben und gedörrten Birnen und
Zwetschgen gespickt, Kaffee, Bier, Most und Wein.
    Dann kam der Zupfgeigenjackl und der Klarinettensteffl; der Oberknecht holte
seine Ziter unter der Bettstatt heraus, und der Ochsenbub nahm das Trumscheit
aus der Ecke, und bald gings an ein Musikmachen und Singen, an ein Tanzen und
Stampfen, dass alle Fenster schepperten und der Boden erzitterte.
    Auch das Katreinl brachte an diesem Tag seine Ziter herab und schlug sie
meisterlich, sang auch viele Trutzgsangln und war munter und aufgeräumt. Sie
hatte wieder ihren Staat angelegt, und als sie einmal mit einem der Burschen
tanzte, da klirrten die Taler und Münzen, die Träublein und Ringe an ihrem
Silbergeschnür, und der Seidenzeug ihres Gewandes knisterte und rauschte.
    An diesem Tag hat mancher, glaub ich, leichtlich vergessen gehabt, dass das
Maidel einmal als Hexenjungfer verachtet und verschrien war; ja, ich glaube
nicht übel zu raten, wenn ich dem oder jenem zutraue, er habe damals im Ernst
erwogen, ob seine Spargroschen sich etwan wohl ausnähmen neben dem Geldsack der
Jungfer oder ob sein pechschwarzer und strohgelber Haarschüppel zu den
Goldzöpfen einer Herrischen gut stünde.
    Auch mich ergriff wieder eine unbezwingliche Sehnsucht, das Mädchen an mich
zu reissen und zu herzen; doch kämpfte ich hart dagegen und begann zu saufen und
zu plärren, auf dass meine Sinne betäubt würden. Sang auch alle Trutzlieder
durch, die mir bekannt waren, machte ungefüge neue hinzu, sang über die Junker
und über die Pfaffen, spottete der Lieb und Treue und gehub mich am End so
zügellos, dass der Weidhofer aufstund, mich bei den Ohren hinauszog und mir ein
paar herunterstrich.
    Über diese derbe Zurechtweisung war ich dann so sehr beschämt, dass ich mir
nicht mehr getraute, zu den andern hineinzugehen, sondern mich ganz still und
kleinlaut nach der Kuchel verzog, wo die Weidhoferin und das Kuchelmensch eifrig
brieten und hantierten; bald wurde es mir aber darin zu dämpfig, und ich drückte
mich nach dem Stall, lehnte mich an die Hühnersteigen und schlief schliesslich
dorten so fest ein, dass mich weder das Rufen der Stallmagd noch die Püffe des
Ochsenbuben wieder erwecken konnten und das Stallmensch mir am End aus
christlicher Nächstenlieb ihren Melkkittel unterbreitete und mich daraufstiess
und schnarchen liess bis zum andern Morgen.
    Da verwunderte ich mich höchlich über diese seltsame Liegerstatt und konnte
mich gar nicht drauf besinnen, wie ich dahin gekommen war. Es wurde mir aber
bald ein Licht darüber aufgesteckt, indem die Burschen und Mägd allesamt, kaum
ich darnach in die Stube trat, um meine Frühsuppe zu essen, anfingen, mich zu
verlachen und als traurigen Helden zu rühmen, der, wenn er auch noch nach
Windeln rieche, gleichwohl schon gut beschlagen sei im Saufen und Schreien, und
der jede gute und ehrbarliche Gemein durch sein säuisches Benehmen in üble
Nachred brächte.
    Mit offenem Maul sass ich unter solchem Gered da und marterte mein Hirn, ohne
dass mir was einfiel. Da half mir der Weidhofer drauf: »Gelt, heut sitzt da, als
wenn dir d' Hennen 's Brot gnommen hätten! Aber gestern hat einer plärrt und
grehrt wie ein narreter Stier, und hat sich aufgmandelt und ein rechtlichs Maidl
verächtlich gmacht!...« Und da ich ihn ganz verdattert anglotzte, fuhr er fort:
»Ja, ja. So hast es trieben, gestern. Aber jetzt hast ausgstänkert, mein ich;
jetzt sind dir die Perlen rausgfallen aus der Kron; und deine Jungfer, denk ich,
wird wohl auch genug haben an so einem Lüdrian, so einem Hannaken, wie du einer
bist.«
    Bei einer solchen Kirchweihpredigt wär einem andern auch kaum mehr bsunder
geruhig zumut gewesen; mir aber ward so elend dabei, dass ich, weiss Gott, was
drum gegeben hätt, wenn ich in diesem Augenblick hätt ein Tarnkäpplein oder
Blesspulver bei mir getragen, mich unsichtbar zu machen, oder einen
Meilenstiefel, mich damit an das ander Weltend zu kutschieren; aber ich war
verurteilt, zur Predigt auch noch das Amt zu hören, indem sie nun alle
zusammenschrien und auf mich einfuhren, bis ich mit einemmal einen greulichen
Fluch ausstiess, meinen Stuhl umwarf und hinausstürmte.
    Ich riegelte mich in meine Kammer ein und liess mich nicht mehr sehen, bis
die andern auf dem Kirchgang waren; da denn der Kirchweihmontag bei uns als ein
guter Feiertag gleich dem Oster- und Pfingstmontag galt. Erst als alles im Haus
still geworden, schlich ich aus meiner Kammer und lief durch den Stall hinaus
und fort, trieb mich etliche Zeit im Wald herum und ging darnach keck zu einem
Sonnenreuter Bauern auf den Kirtaheimgarten; doch hielt ich mich dorten tapfer
und sparte den Trunk. Gegen Abend bedankte ich mich sodann und ging heim,
drückte mich, während die Unsern in der Stube sangen und spielten, eilig über
die Stiegen hinauf in meine Kammer und liess mich von dem Tag ab nur selten noch
bei den Mahlzeiten sehen. Der Jungfer Katrein aber ging ich nun noch mehr aus
dem Weg wie ehvor und tat, wenn wir uns dennoch trafen, wie ein Fremder gegen
sie; blieb auch den Winter über wie ein Einsiedel in meiner kalten Klausen,
während die andern scherzend und lachend in der warmen Stube bei der Kunkel
sassen und die Burschen den Maiden mit dem Kienspan zum Spinnen leuchteten und
allerhand Fäden knüpften.
    So kam der Auswärts, das Frühjahr, und der Weidhofer schickte mich wieder,
wie ehedem, mit dem Vieh auf die Alm; denn, meinte er, zur groben Arbeit taugte
mein zerschundener Leib doch nicht viel; womit er auch recht hatte: ich wurde
nichts Rechtes mehr seit dem Sturz vom Felsen; mein Körper blieb unscheinbar,
meine Füsse waren kurz und stumpficht, meine Arme aber dürr und gar lang. Auch
zwickte und riss es mich bald da, bald dort, und ich hatte manchen Tag, an dem
ich mich kaum rühren konnte.
    Ging also mit vieler Freud wieder auf die Berg wie ehvor, hütete das Vieh
des Weidhofs und die Kuh samt dem Kalb und den Geissen der Jungfer Katrein und
schnitzelte dabei allerhand Krippenmännlein und Himmelmuttern, bis eines Tages
etwas daherkam, das mich wie der gottlos und unbarmherzig Kuckuck aus meinem
Nest warf und in eine fremde Welt hinausjagte.
 
                            Kindlnot und Brautschau
Es schickte sich um Laurenzi desselben Jahres, da ich wieder auf der Alm sass,
dass unsere Schwaigerin, die Hosennandl, über allerhand Beschwernisse und
Gebresten klagte und mit Schmerzen die Zeit herbeisehnte, wo wir wieder
heimtreiben durften von der Alm.
    Und etliche Wochen darnach geschah es, dass es mitten in der Nacht heftig an
meine Kammertür klopfte und die Nandl mit Zähnklappern bat, ich solle doch
geschwind hinüberlaufen in die Riedleralm, dass die Mariandl käm und ihr
beistünd.
    Ich stand also eilends von meinem Strohsack auf, fuhr in die Hosen und lief,
was ich konnte; denn die Nandl tat so wehleidig und jammerlich, dass mir ganz
angst um sie wurde.
    Pochte also ungestüm an die Fenster und Tür der Mariandl, bis sie endlich
aufmachte und mich anhörte.
    »Dass 's Gott gsegn!« schrie sie. »Sie wird doch nit die rot Ruhr im Leib
haben oder gar die Pestilenz!«
    Eilig legte sie ihren Kittel an, und wir liefen, so schnell wir konnten,
durch die mondhelle Nacht hinüber in die Weidhoferalm zu der Kranken.
    Aber, wer kann unser Staunen und Verwundern beschreiben, als wir die Tür
auftaten und uns ein dünnes Kreischen in die Ohren scholl! Da lag die Nandl, müd
und matt, und neben ihr ein nackends Wuzerlein, nicht grösser denn eins von
unsern jungen Säulein, so die Alte zu Pfingsten geworfen hatte.
    Mit schwacher Stimm bat mich die Mutter Nandl, dass ich mich ums Melken
bekümmern wolle; die Mariandl, der's Gott danken mög ihre Lieb, würd schon
fertig in der Hütten. Hätt ja schon gern noch das brennrote Würmlein mit dem
feinen, schwarzen Haarschüppel ein wenig betrachtet; aber ich ging, als man mir
sagte, dass ich darnach noch lang das Kindsmensch machen könnt, wenn unser lieber
Herr den Balg da liess auf der Welt, und dass ich ihm, zumal es ein Bub sei,
Gevatter stehen und ihn aus der Tauf heben dürft. Als nun der helle Tag
heraufgekommen war, schickten mich die Frauen hinab zum Weidhof, dass ich meiner
Ziehmutter die Botschaft brächt von dem Ereignis, auch um eine Aushilf für die
Schwaigerin tracht und im Vorbeigehen dem Häuslpauli ans Fenster pumpere und ihm
ausricht: ein Bub wär's, und er sollt an seine Vaterpflicht denken. Also machte
ich mich auf den Weg und traf den Pauli grad auf dem Rübenacker vom
Staudenweber, Blätter für seine Stallhasen rupfend. Pfiff ihm also, dass er
erschrocken in die Höhe fuhr, und schrie ihm zu: »He, Pauli! Ich soll einen
Kinihasen auf d'Weidhoferalm bringen, Kindstauf gibt's!« Er kam langsam, wie
lauernd, näher: »Ha moanst?«
    »Wie ich mein, fragst!« schrie ich ihm da in die Ohren, als wenn er
stocktaub wär. »Na, ich mein, und ich weiss und soll dirs sagen, dass d' Vater
worden bist heut nacht; 'n Buben hat s', die Hosennandl vom Weidhof; wirst ja
schon gutding wissen jetzt, was d' zu tun hast.«
    Damit wollte ich gehen; der Pauli aber hielt mich am Ärmel fest: »Dass i net
wüsst, Bua!... Is mir nix bekannt! - Gar nix!... An Buam, sagst?... Naa, gar nix
bekannt!... Soo, heunt nacht, sagst?... Woasst, mi gehts ja nix o, i kenn mi aa
net o als Vatern; naa, gar net!... Wenn hat s' denn schon?... Ja so, heunt nacht
... ja ... no - sagst halt, es is scho recht. I werd mirs überlegn.«
    Damit bückte er sich wieder und rupfte weiter, wie wenn nichts gewesen wär;
ich aber rief ihm noch zu: »Ist auch gescheider, du überlegst dirs, Pauli! D'
Nandl hat ein hübsches Geldl und ist auch sonst gar net übel!«
    Dann lief ich weiter und kam gerade in dem Augenblick in den Weidhof, als
zwei mit Bändern und Blumen geschmückte Rösser am Brunnengrand vor der Haustür
standen und tranken.
    Ich trat ins Haus und mit dem Ruf in die Kuchel: »D' Nandl braucht eine
Hilf, sie ist krank und hat 'n Buben!«
    Aber kein Mensch merkte auf mich; die Ziehmutter stand lachend vor dem Herd
und kochte ein fettes Eiergericht, und das Kuchelmensch holte die Schnapskrugel
aus der Speiskammer und lief damit in die Stube, wo zwei mit bunten Bändern und
Blumen aufgeputzte Mannsleute standen und sich mit dem Ziehvater laut vom Wetter
und von der Ernte unterhielten.
    Ich folgte der Dirn und trat neugierig ein, als plötzlich der eine von den
Bandelnarren die Nase in die Luft reckte und ausrief:
»Was kimmt denn jetzt lei a feins G'rüchei in d' Stubn daherein?
Meiner Treu! In dem Haus muass a Bräutl sein!«
Worauf auch der andere herumschnupperte und sagte:
»Bruada, du hast recht, und i werd schaugn gschwind,
Ob i das Bräutl nindascht find!«
Damit nahm er seinen blumengeschmückten Hut vom Tisch, steckte sich einen
Rosmarinzweig ins Knopfloch und zog einen hölzernen, bemalten Säbel aus der rot
und blaubebänderten Scheide, salutierte und ging hinaus, während der andere dem
Weidhofer mit einem Gläschen Schnaps Bescheid tat.
    Derweilen brachte die Ziehmutter das duftende Eierschmalz auf einer grossen
Platte herein und stellte es auf den Tisch, indem sie sagte: »I kann mirs a
schier gar nit denken, was uns die gross Ehr verschafft; aber ich mein, dass ichs
erraten hab, wenn i sag, zwegn der Oarspeis!«
    »Fehlg'raten!« schrie der Bandelnarr und riss einen Rosmarinzweig aus dem
Sack, steckte ihn ins Knopfloch, zog gleich seinem Genossen einen bemalten
Holzsäbel aus der bandgeschmückten Scheide, salutierte und rief:
»Also, meine Leutln, ich tu enk z' wissen und kund,
Dass ich ein Bräutl such in diesem Haus und auf diese Stund,
Das Bräutl soll heissen: Jungfrau Maria Katrein
Und soll dem Lackenschusteranderl seine Hochzeiterin sein.
Drum, Leutln, teats mi net lang umasprenga und plagn,
Vielmehr teats mir als dem Hochzatlader dem Bräutl sein Aufentalt sagn,
Auf dass i hingeh zu der Jungfrau und Braut,
Und lad s' zum G'festen, in d' Kirch und zum Kraut!«
»Ja, was nit gar!« rief da die Weidhoferin lachend; »unser Katrein! Dera fallts
net im Traum ein, dass s' in Ehstand geht!... Da bist gstimmt, mein Lieber!«
    Und sie schob den Widerstrebenden an den Tisch und bat ihn, doch zu essen,
bevor das Gericht kalt sei.
    Da setzte sich also der Bandlnarr oder Hochzeitlader nach vielen
Komplimenten und ass, während der Weidhofer ganz leis aus der Stube schlich.
    Ich lief ihm nach und sagte draussen: »Vater, ist's Euch recht, wenn ich die
Stallmagd mitnimm auf d' Schwaig?
    D' Nandl is krank.«
    dabei überkam mich plötzlich ohne jede Ursach ein Zwang, laut aufzuweinen;
unterdrückte ihn aber und tat einen derben Fluch und spaizte giftig auf den
Boden, so dass der Messmer mich zornig und verwundert ansah und rief: »Schlingel,
unrespektierlicher! Muss i dir 'n Haselhans oder d' Birkalies zeigen und
überstreichen, damitst lernst, was sich ghört?«
    Wurde aber gleich wieder gnädig und besann sich auf meine Frage: »D'
Stallmagd brauchst?... Ja, sag ihrs nur!... Nimm ein etlichs paar Flaschen Most
oder Wein mit für d' Nandl!... Wo fehlts denn?«
    »Halt am Gsund«, sagte ich; »'n Buben hat s' auf d' Welt bracht heut nacht.«
    Aber der Weidhofer hörte schon nichts mehr; eilends schlüpfte er aus seinen
Haferlschuhen, sprang die Stiegen hinauf und in die Kammer der Jungfer, steckte
den Kopf zur Tür hinein und rief halblaut: »Auf, Maidl, der Hochzatlader is da!
Der Anderl möchts richtig machen und d' Hochzat ansetzen. - Wenn passts dir denn
am ehndesten?« Herrgott! Wie wurd mir da bald warm, bald kalt; und eh ich mich
dessen versah, stand ich auch schon droben hinter dem Ziehvater, zitternd und
auf die Red der Jungfer harrend, die nun kam.
    Mit einem hellen Lachen sagte sie: »Ja, was! Der Lader ist da! Da muss ich
mich aber gschwindse verkriechen!«
    Sie lachte wieder laut und lustig und sprach weiter: »Sagts eahm halt: In
drei Wochen kann er mich haben! Am Samstag 's Stuhlfest, am Sonntag zum ersten
verkünden, und derweil, denk ich, wird der Schreiner schon richtig sein mit 'n
Kuchelwagen!... Übrigens, was ich noch sagn möcht, Messmer: In Glaskasten muss er
noch a Spiegelwand einsetzen! - Und der Hausaltar soll bloss drei Heilige
kriegen: unser liebe Frau, d' Sankt Katrein und 'n Sankt Andrä; sonst weiss man
ja kaum mehr, wo man hinbetn soll, vor lauter Heilige. So viel übrige Zeit hat
man ja auch nit, dass man den ganzen Tag an unsern lieben Herrn sein Freundschaft
denken kunnt. - So, und jetz geh ich nunter hinter d' Stiegen.«
    Da kam sie auch schon aus der Kammer; ich aber wollt, ein Mausloch oder
Mauerspalt hätt mich in dem Augenblick aufgenommen; - mit brennrotem Kopf stand
ich auf der obersten Staffel und musst mich an die Wand lehnen, dass ich nicht
herabfiel vor Übelkeit.
    Sie aber lachte lustig auf: »Ei sieht eins! Der Matiasle!... Gilt schon,
Matiasle, gilt schon! Hättst nit eigens brauchen den weiten Weg z'kommen!
Glaub's schon, dass d' mir du nix Schlechts wünschst zu mein Ehstand!«
    Sie langte in den Sack: »Da! - Halt - ich hab was anders für dich!« - lief
noch einmal zurück in die Kammer und holte eine Schachtel, während der Ziehvater
lachend und voll Spott sagte: »Na, Bursch, wo hast denn jetzt auf einmal deine
Schneid lassen? Bist doch ehvor noch so anhabisch gwesen!«
    O, wie gern wär ich da hinab über die Stiegen und davon! Aber es war, als
hätt der Blitz in mich eingeschlagen; ich lehnte ganz schwach und elend an der
Mauer und konnte nicht Fuss noch Hand rühren, auch nicht den Mund auftun und
hinausschreien, was in mir tobte.
    Derweil brachte also die Jungfer eine schöne Kette, aus Haaren zierlich
geflochten und mit goldenen Schliessen und Schnörkeln geschmückt, und hing sie
mir um den Hals, indem sie mit lieblicher Stimm dazu sagte. »So Bub, die Ketten
soll für dich sein; ist noch von der Irschermutter eine. Halt s' gut und in
Ehren!«
    Dann täschelte sie meine Wange und lief drauf eilig über die Stiegen hinab
und hinter dieselbe, wo das grosse Krautfass stand. Schlüpfte geschwind hinein,
und der Weidhofer deckte eine Wagendecke drüber; ging drauf in die Stuben und
lud den Bandelnarren schalkhaft ein, das Bräutl, von dem er red, zu suchen.
    Im selben Augenblick kam der andere mit seinem Säbel eilig zur Haustür
herein, hielt in einem roten Barchentsack eine schreiende Henne in die Höhe und
rief:
»Hui! Auf, Kamerad! Mei Bräutl, dös hab i im Sack!
Lus auf, Bua, wie's juchazt und schrein tuat: gigg gagg!
Is sauber und mollat und liabli vom Fuass bis zum Kopf,
Grad schad, dass's gelbe Augn hat, an rotn Schopf und'n Kropf!«
Drauf stiess er einen hellen Juchzer aus, schwang seinen Sack, dass die Henne laut
schrie und gaggerte, und stampfte mit den Stiefeln und sang:
»Aber Dirnei, was knerrst denn und schreist denn a so!
Balst so ohabisch tuast, nachher kriagst ja koan Mo!
Du muasst ja schö stad sei und 's Herzerl auftoa,
Muasst a zuckersüasse Drutschl sei, sunst bleibst alloa!«
Der Hochzeitlader war derweil aus der Stuben gekommen und begann nun überall
nach der Braut zu suchen: in der Kuchel, in der Speis, im Stall. Dazu sang er:
»Jetz sollt i verkündn, dass a Bräutl da is,
Und kann s' nindascht findn, wo s' hingschloffa is!
Is in der Kuchl net, in der Speis net und in Stall nindascht z' sehgn,
Jatz muass i 's Kirzl ozündn und leuchtn a weng!«
Zog also ein Wachs und Zündzeug aus dem Sack und schlug Feuer. Der andere aber
gab ihm einen Rat:
»Schaug in Heubodn auffe, schaug in d' Kammer ei,
Schaug ins Millikastl und ins Krautfass nei!
Schaug in d' Liegerstatt und hinter d' Kellerstiagn,
Balst es gscheid ohebst, werst es scho kriagn!«
Ich lehnte immer noch droben auf der Stiegen, und es war mir, als sei ich in
einem Komödienhaus und hörte da ein närrisches Fastnachtsspiel; aber es war
leider ein trauriges Zuschauen und Hören, da mir mein liebes Katreinl für einen
andern geworben und gefreit wurde.
    Und am End konnt ich nicht mehr Stand halten, kroch an die Tür zum Heuboden
und schlüpfte hinein; stieg an der Leiter hinab zur Tenne und lief durch den
Stall hinaus in den Hof, wo die Stalldirn kehrte und fegte, dass der Staub
aufwirbelte.
    Indem fiel mir die Nandl ein, und ich sagte der Dirn, dass sie gleich
mitkommen müsst auf die Schwaigen; sollt auch zwei, drei Flaschen Wein und ein
etlichs paar Eier mitnehmen für die Wochnerin.
    Unwillig erwiderte sie: »Lass mir nix schaffen vom Kühbuben!«
    Dann fuhr sie mir mit dem Besen zornig über die Füsse und kehrte weiter.
    Eine Weile noch sah ich ihr gedankenlos zu und blieb auf dem Fleck; dann
aber lief ich kurzerhand hinein ins Haus, wo der Hochzeitlader eben das
Katreinl aus dem Krautfass zog und der Ziehvater und die Mutter lachend
dabeistanden; fuhr also grimmig dazwischen und schrie die Weidhoferin an:
»Machts einmal ein End mit der Narretei! Ich muss eine Schwaigerin haben! Eine
Hilf brauch ich für die Nandl!«
    »Oho! Net so gach, Büberl!« erwiderte die Ziehmutter hochfahrend. »Wann die
Herrischen handeln, haben die Dienstigen das Maul zu halten! Wir haben jetzt
keine Zeit für dich!«
    Und der Messmer rief spöttisch: »Geh nur und such dir dein Sach! Bist ja auch
sonst so mannig!«
    Himmel! Da kam's über mich, und es fuhr mir heraus, was an Gift und Galle in
mir steckte, ungeachtet der zu erwartenden Straf; und ich schrie, dass mir die
Stimm überschnappte: »Jawohl, das bin ich auch! Und so dumm wär ich auch nit,
dass ich so eine nähm, die schon bei einem andern Buben glegen ist! Herrisch oder
nit! Aber lieber eine Gänsdirn, als wie so eine!«
    Heissa! Das traf! Und ich lief aus dem Haus und dahin auf die Alm; und in den
Ohren gellten mir noch immer meine eigenen Worte. Sie liessen mich nimmer aus,
hallten mir aus allen Geräuschen entgegen, aus dem Rauschen des Bergbachs, aus
dem Keuchen meines Atems - und dazu mischte sich eine harte Anklag meiner
selbst: »Du hast sie ehrlos gemacht aus Bosheit.«
    Wie ein Feuer brannte es auf mir, dass ich so feig und gemein an dem Mädchen
gehandelt hatte, und ich zermarterte mein Hirn, wie ich es wieder gut machen
könnte. Planlos lief ich unter diesem dahin; ein leiser Regen begann zu fallen,
und die Nebel sanken weit in die Täler hinab. Bald kam ein Frösteln über mich,
und ich begann zu fiebern und zu frieren. Unsinnige Gedanken jagten durch meinen
Kopf; bald wollte ich wieder zurücklaufen und die Geschmähte um Vergebung
bitten, bald zum Wasserfall, mich hinabzustürzen; doch lief ich immerzu den
geraden Weg nach der Weidhoferalm und kam endlich ganz durchnässt an die Hütte.
    Wollte also hinein; aber entsetzt fuhr ich zurück - unter der Tür stand
grinsend mein Widersacher, der lange Ambros. Sein Gewand war zerfetzt, seine
Haare zerwirrt; er war bleich, und in seinen Augen brannte es wie ein Feuer.
    »Hab schon eine gute Weil auf dich gewart, Bürscherl!« sagte er und weidete
sich an meinem Schreck. »Hab dich aber doch noch erwarten können, wie ich seh!«
    Mich schüttelte ein Grausen; aber ich zwang mich zur Schneid und sagte
gleichgültig: »Auf mich hast g'wart! Ich hab denkt, auf d' Landjager, weil grad
zwee daherkommen da vorn!« dabei wies ich nach einer nahen Wegbiegung, die durch
einen mächtigen Felsblock verdeckt war. Der aber hatte kaum das Wort Jager
vernommen, rannte er auch schon davon und verschwand hinter der Hütte, während
ich eilends hineinging und die Tür verriegelte.
    Die Schwaigerin lag schlafend auf ihrer Liegerstatt und hielt das Kind warm
an die Brust geschmiegt. Ich durchsuchte die Hütte nach der Mariandl, die musste
aber wohl schon wieder nach der Riedleralm zurück sein; denn ich konnte sie
nirgends finden. Überlegte also, was ich nun beginnen sollt, besonder da ich
auch ganz allein war und in dem Schelmen, dem Ambros, einen gefährlichen, ja
unheimlichen Patron sah.
    Mitnichten wollte ich allein in der Hütte bleiben; stellte also der Nandl
einen Weidling voll Milch auf einen Hocker vors Bett, legte einen Löffel, Brot
und Butter dazu und schlich mich leise wieder davon und versperrte die Hütte.
    Nun sprang ich also eilends wieder hinab nach Sonnenreut und war noch vor
dem Abend am Weidhof.
    Der Messmer sass gerad mit der Jungfer auf der Hausbank und hatte einen
köstlichen Rauchmantel aus der Pfarrkirch vor ihr ausgebreitet, als ich durch
den Gadern trat.
    »Flickst 'n halt a bissl z'samm, dass mans nimmer gar so stark sieht, das
Brandloch«, sagte er und zupfte an einer brüchigen, versengten Stelle des
Mantels; da ging ich auf ihn zu und sagte, ohne lang zu grüssen: »Der Ambros ist
in der Schwaigen gwesen, der hat nix Guts im Sinn; lassts wem Handlichen mitgehn,
eh was passiert!« Erschrocken fuhr er in die Höhe: »Was - der Lump - in der
Schwaigen, sagst?« Auch die Jungfer war aufgesprungen und hatte in dem
Augenblick gewiss alles vergessen, was ich ihr zuvor angetan; die Hände
zusammenschlagend, rief sie aus: »Der Ambros! Weidhofer, das gibt ein Unglück!«
    Nun man willig auf mich hörte, berichtete ich alles, auch, dass die Nandl mit
einem Bub in der Woch läge und dass wir so schnell wie möglich Hilf bräuchten,
worauf der Messmer den Rauchmantel der Jungfer auf den Schoss warf und sagte: »Leg
'n derweil in dei Stuben, Maidl; ich muss Leut z'sammtrommeln.«
    Dann pfiff er dem Ochsenbuben und der Stalldirn, gab der Weidhoferin Bericht
und Befehle, nahm seinen Hut vom Nagel, und wir gingen alle zusammen fort.
    Der Tag war längst hinter den Bergen verschwunden, und die Nacht brach
dunkel und sternlos herein, als wir auf unserm Almfleck anlangten, von da aus
man noch ein guts Stück zu steigen hatte bis zur Schwaighütten. Da gewahrten wir
durch den dichten, schwarzen Nebel einen seltsamen, hellen Schein.
    »Aber heunt geht der Mondscha wunderlich auf!« meinte der Weidhofer, und
auch uns mutete das Licht sonderbar an; da fuhr es mir plötzlich durch den Sinn:
Das ist von der Schwaigen. Am End ist die Nandl gar tot oder das Kindl.
    Ich glaubte nämlich damals fest daran, dass Leute sich, wenn sie von der Welt
scheiden, anmelden oder dies durch Lichter anzeigen.
    Indem ich aber noch darüber nachgrüble und den Lichtschimmer mit starren
Augen betrachte, deucht es mir plötzlich, als stiege über dem Schein ein dicker
Rauch auf; ein jäher Schreck durchfährt mich, und ich schreie gellend: »Das
brennt! O Gott! D' Nandl - s' Kind!«
    Dann stürz ich hin und weiss nichts mehr. Doch nicht lange dauert diese
Ohnmacht; ich raffe mich auf und finde mich allein, die andern sind wohl nach
meinem Schrei sogleich dahingestürmt. Ich wende mich gegen die Richtung, wo ich
vorhin das Licht gesehen; allgütiger Gott! Die Schwaigen brennt wirklich!
    Nun fasse ich alle meine Kräfte zusammen und renne den Berg hinan und komme
gerade in dem Augenblick an, wo das Dach über meiner Kammer mit Krachen und
Zischen zusammenfällt. Es brennt nur ein Teil der Hütte; der, in dem die Nandl
liegt, ist aussen noch unversehrt. Da fällt mir die Kranke und das Kind ein.
Herrgott! Ich habe ja den Schlüssel abgezogen! Sie kann nicht entweichen, und
die Helfer können nicht zu ihr!
    Aber da kommt auch schon der Weidhofer und der Ochsenbub von der Seite her,
wo die Haustür ist, und sie tragen die Mutter und das Kind samt dem Strohsack;
zwar ohne Besinnung, doch von dem Feuer unversehrt.
    Ich hocke mich daneben, unvermögend, etwas anderes zu tun, als unter
Zähnklappern und Frost für mich hinzusagen: »Gottlob, sie haben s'«, während die
andern verzweifelt arbeiten, um zu retten, was noch zu retten ist; denn das
Feuer an der hölzernen Hütte zu löschen ist doch unmöglich.
    Dazwischen haben sie Müh und Not, die ängstlich gewordenen Tiere vom Feuer
wegzubringen; und am End schreit der Messmer: »Treibt mir eins das Vieh hintern
Berg und nachher tragts alles weg vom Feuer, Leutln. Was jetz no drin is, lassn
mir brennen!«
    Nun fasste auch ich mit an; denn die Nandl hatte zuvor die Augen ein wenig
aufgetan, nach ihrem schlafenden Kindl gegriffen und war mit einem Seufzer
wieder zurückgesunken auf ihr Kissen.
    Ich lockte und rief also das Vieh und brachte es ziemlich weit vom Feuer
weg; der Weidhofer aber fasste den Strohsack der Wochnerin und trug diese mit
Hilf des Ochsenbuben nach der Riedleralm.
    Darnach blieben wir die Nacht über beim Vieh und berieten, was nun geschehen
sollt.
    Mit einer grossen Ruhe sagte mein Ziehvater: »Heimtreiben muss man halt. D'
Hauptsach is, dass nix verbrunnen ist an Leut und Vieh. Das ander ist gleich, das
baut man halt wieder auf; gibt ja Holz genug. Aber den einen, den Lumpen, lass
ich fangen. Der muss mirs büssen, das!« Immer noch schossen Feuergarben gen
Himmel, und ein Stück nach dem andern loderte, krachte und fiel zusammen.
    Endlich aber wurden die Flammen kleiner, der Rauch bläulicher; und als der
Morgen mit fahlem Schimmer aufstieg, sah man von der Schwaighütte nichts mehr
als einen Haufen Asche, verkohlte und verrusste Trümmer und daneben, lustig
plätschernd, den Brunnen der Schwaige, der durch einen günstigen Wind unversehrt
geblieben war.
    Da ging der Weidhofer noch einmal hinauf zur Brandstätte und begoss die
rauchenden Überreste mit Wasser; dann eilte er hinab ins Dorf, um seinen Leuten
das Unglück zu melden und seine Befehle zu geben, ehe er in die Kirche musste,
den Morgengruss zu läuten und bei der Frühmesse zu dienen.
    Und da es Tag war, kamen nacheinander: der Oberknecht, der Mitterknecht, die
Oberdirn, die Mitterdirn, das Kuchelmensch und der Hausl und besahen die
abgebrannte Schwaig, fluchten dem Schelmen und nahmen jedes ein paar Trümmer des
Geborgenen und trugen es hinab in den Weidhof. Darnach kam auch die Ziehmutter
samt der Jungfer Katrein, klagten über das Unglück und gingen hierauf nach der
Riedleralm, die arme Nandl und ihr Kindlein heimzusuchen.
    Derweilen richteten wir drei, der Ochsenbub, das Stallmensch und ich, die
Kühe zum Abtrieb und schrien und sangen mit rauher Kehl und gebrochener Stimm:
»Kuahlein! Gehn ma hoamazua!
He, Schwoagasbua, der Wendlstoa tragts Hüatl scho voll Schnee!
Dös is a Zoacha, dass ma jetz gent hoamtreibn von der Höh.
Es dauert it lang, so legt er gent sein schneern Mantel o
Und deckt die ganzen Alma zua, drum roas' ma frei davo!
Kuahlein! Gehn ma hoamazua! Juchu!
Jetz muass i meine Küah und Kalm mit Kränz und Buschn ziern,
Dass s' ausschaugn grad wia Hochzatleut, wo mir vo der Alm hoamführn.
Na pack i Pfann und Kübl z'samm und spirr mei Schwoagn zua
Und treib mit meine Küah und Kalm schö schdad gen Weidhof zua!
Kuahlein! Gehn ma hoamazua! Juchu!«
Da wandte erst die Vorderkuh den Kopf nach uns und schüttelte sich, dass die
mächtige Glocke, die sie um den Hals trug, durch die Berge hallte, und trabte
eilig auf mich zu; und indem ich ihr einen Kranz von wildem Enzian umhängte,
kamen auch die andern und liessen sich willig Hals und Hörner mit Tannen und
Enzian schmücken, stellten sich auch in schöner Ordnung hintereinander und
drängten sich ganz dicht, bis wir drei unsere Hüt geziert und den letzten
Juchzer in die Berg geschrien hatten.
    Also ging ich, frisch mit meiner Geissel knallend, voran, die Stalldirn hielt
zur Seite die Ordnung, und der Ochsenbub trabte hinterdrein.
    So kamen wir denn gegen Mittag auf den Hof, brachten das Vieh in den Stall
und tränkten es und setzten uns darnach an den Tisch, unser Einstandsmahl zu
verzehren, während der Weidhofer jedem einen Krug Most an seinen Platz stellte
und einen blanken Silbergulden darunterlegte.
 
                             Kindstauf und Einstand
Etwan eine Woch nach diesem kam die Mutter Nandl und trug ihr Kindlein in einem
dicken Pack von Kissen und Tüchern auf dem Arm; hatte ihm auch etliche
Rosenkränz, Amuletten und Ablasspfennig um den Hals und die Fingerlein gewunden
und ein geweihts Wachs auf die Zudeck gebunden, auf dass dem armen Heidenbübl
nicht vom bösen Feind oder von einer Hex kunnt was Übles angewunschen werden.
    Nun gab es ein grosses Zulaufen; Knecht und Mägd, Bauer und Bäuerin und auch
die Jungfer Katrein kamen, das Wuzerlein zu betrachten, bei den winzigen
Händlein zu fassen und über die seidigen Härlein zu streichen; worüber ich am
End ganz wild wurde; denn ich hatte sogleich das versprochene Amt der Kindsdirn
übernommen, den verstäubten Kinderwagen vom Dachboden geholt, einen Haufen
Bettzeug und Polster aus dem ganzen Haus zusammengeschleppt und das elendige
Dinglein hineingebettet.
    Und nachdem ich neue Zwecken in die hölzernen Räder des Wagens gesteckt
hatte, bracht ich das Büblein sogleich in demselben vor das Haus des
Bürgermeisters und zeigte es ihm an als das Kind der Weidhoferschwaigerin Nandl
Wiesmüller und des Paulus Heckmaier, genannt Häuslpauli von Sonnenreut. Der
hatte sichs nun wirklich überlegt, hatte vier Gulden für das Kindl und einen
feisten Stallhasen für die Mutter Nandl geschickt und dazu sagen lassen, dass es
mit allem seine Richtigkeit hätt, und wenn die Nandl Lust hätt, Häuslerin zu
werden, könnten sie's noch vor Katrein richtig machen.
    Worauf ihm die Nandl voller Freud sagen liess, es müsst wohl gut Häuslerin
sein, und - je ehender, desto lieber.
    Da sah es nun gerad aus, als sollten in Bäld zwei Hochzeiten statt einer
zugericht werden im Weidhof, wie denn auch geschah; denn die Jungfer Katrein
war schon mit ihrem Hochzeiter, dem Lackenschusteranderl, aufs Gfesten, das ist,
zum Pfarrer wegen des Stuhlfests und der Ehestandslehr gegangen, waren auch
schon zweimal von der Kanzel herab verkündigt worden und hatten bereits beim
Sonnenreuter Klinglwirt das Hochzeitsmahl angedungen.
    Die Nandl wiederum hatte den Pauli eilig in den Weidhof holen lassen, ihm
den Jaschmarren zum Zeichen ihrer Einwilligung vorgesetzt und alles mit ihm
richtig gemacht zwegen der Ausricht und dem Heiratsgut. Er war wohl zufrieden
mit seinem Bräutl und lief also eilig zum Pfarrer, damit das Büblein ohne Verzug
in seine Rechte möcht kommen als ein gut eheliches; worauf ihm der geistliche
Herr den Verspruch tat, noch vor der Kirchweih die dritt Verkündigung zu ordnen.
    Nun aber musst noch das kleine Heidlein getauft werden, und ich sollt ihm
richtig zum Gevatter stehen; was mich gar stolz und narret machte.
    Da wollt ich ihm denn gern ein ansehnliches Godengeschenk geben und beriet
mich dessentwegen mit allen vornehmen Leuten, dabei denn die einen meinten:
einen silbernen Becher; die andern: einen schönen, guten Frauentaler; wieder
eine riet mir zu einem Paar feiner Schühlein und eine andere zu einem Rosenkranz
mit vielen Ablasspfennigen dran.
    So wollt ich mir also vom Weidhofer mein Jahrgeld geben lassen für die Tauf,
was zu der Zeit war: sieben Gulden und dreissig Kreuzer als Viehbub nebst einem
härenen Hemd und ein Paar Schuh; dasselb, was auch der Ochsenbub Lohnung hatte,
doch zwei Hemden. Der Ziehvater aber gab mir eine gute, silberne Uhr samt Kette,
einen funkelnden Tauftaler und einen feinen, beinernen Muslöffel, wobei er
sagte: »G'halt dein Geld und hebs gut z'samm! Soviel hat der Weidhofer alleweil,
dass er eine Taufgab richten kann!«
    Wohl zufrieden mit solcher Rechnung machte ich mich nun geschwind daran,
noch allerhand kleine Dinge zu schnitzeln und zu schneiden für mein Godenkind;
denn was ich auf der Alm gemacht hatte, war alles bei dem Feuer verbrunnen; wie
denn die Nandl auch berichtet hatte, dass der Ambros schon oft gesagt, da er noch
auf der Alm war: »Dem Hias, dem scheinheiligen Tropfen, heiz ich noch einmal
ein, dass er sein Lebtag mehr kein Feuer braucht! Dem lass ich den roten Gockel
noch aus seiner Kammer springen!«
    Also schnitt ich vielerlei; ein zierlichs Tischzeug für mein Godenkindl, aus
Messergriff, Löffel und Gäbelein bestehend, die Gabel mit zwei Zinken; auch ein
hübsches Dockenköpflein, woraus mir alsdann die Ziehmutter eine Wickeldocke
nähen musste; dazu noch mancherlei Tiere und Häuser, mit denen es dereinst gut
spielen könnt.
    So kam der grosse Tag, an dem ich schon lang vor der Morgensonn auf war, die
Angebinde bald hierhin, bald dortin ordnete, an meinem Festtagshabit umbürstete
und stäubte und den Flaum auf meinem Hütl wohl zwanzigmal anders steckte, bis er
mir gut genug deuchte.
    Mit einer andächtigen Zärtlichkeit fuhr ich dann den kleinen Balg, nachdem
ihn seine Mutter gebadet hatte, in der Kammer auf und ab und wickelte sein
Schnullerläppchen mit einer ernsten Sorgfalt, während meine Ziehmutter, die
Mesmerin, den Taufstaat der Kostkinder aus der Kommodlade nahm und samt dem
Wickelkissen mit dem blaugeblümelten Überzug aufs Bett des Kindleins legte und
dazu meinte: »Da, steckts 'n gleich in das Gwandl; meinertalben soll ihm ein
ordentlichs Taufzeug nit mangeln! Es ist das nämliche, in dem du schon gschrien
hast. Vielleicht schlagt 's ihm einmal zum Glück aus! Ist keins mehr
dringsteckt, seitdem dass du's anghabt hast selbigsmal zu deiner Tauf!«
    Drauf gab sie dem Kind noch einen Weichbrunn und ging wieder; mir aber wurde
eine Stund schier zum Tag, bis es endlich Zeit war, dass wir uns richteten.
    Da flog's! Auf ja und nein steckt ich in meinem Festgewand und lief darnach
aufgeregt in die Stube der Nandl, sie bittend, dass sie mit meinem Godenkind noch
ein Augenblicklein in meine Kammer schauen möcht.
    Und da sie eingetreten, überreicht ich ihr meine Angebinde und wünscht
meinem Täufling einen guten Gsund, worauf die Mutter Nandl feuchte Augen bekam,
viel Worte des Danks für mich hatte und dem nobel aufgeputzten Kindl unter
zärtlichen Liebkosungen sagte, dass ich ein gar werter Gode sei, und er sollt mir
ja einmal danken.
    Was mich herzlich lachen machte: denn der Zwack begann bei der Red seiner
Mutter plötzlich zu schreien und zu kreischen, als hätt man ihm, weiss was, übel
getan.
    Nun nahm die Nandl das Weichbrunnkrügl, segnete und weihte mich und den
Täufling und wand sich ein rotes, geweihtes Wachs um die linke Hand und den
rechten Fuss, auf dass weder ihr noch uns etwas Böses widerfahren könnt; denn es
lagen Beispiele mehr denn genug vor, wo der Teufel, wenn so ein armes Würmlein
getauft wurd, darüber, dass ihm wieder eine Seel auskam, also wütig ward, dass er
mit der ganzen höllischen Bosheit und Gewalt derweil auf die Wochnerin losfuhr
und sie nicht selten um Leib und Leben bracht.
    Indem trat die Weidhoferin festlich angetan in die Stuben; denn sie liess es
sich nicht nehmen, das Bürschlein selber aus der Tauf zu heben. »Erstlich«,
sagte sie, »bin ich dies Geschäft schon so gewohnt von den Kostkindern; und
dann, so ein Bubl, wie der Matiasle, könnt das Kind doch leicht unrecht
angreifen oder gar fallen lassen!«
    Verschmachte mir zwar schon recht, solch eine Geringschätzung meiner Person;
doch liess ichs gut sein und dachte, die Mesmerin lass sich nicht anschauen, die
gäb gewiss reichlich, und die Nandl könnts wohl brauchen.
    Was auch eine richtige Rechnung gewesen; da dann die Weidhoferin ein kleines
Trüchlein auskramte und allerhand schöne Silbersachen für das Büblein, eine
feine Vorstecknadel für die Mutter und einen Lederbeutel voll blanker
Silbergroschen auf den Tisch legte. Darnach nahm sie den Täufling, und gings
also dahin. Da stieg ich wie der welsch Gockel vom Weidhof neben meiner
Ziehmutter her und zur Gottsackertür hinein.
    Der Messmer, mein Ziehvater, stand im weissen Chorhemd vor der Sakristei und
blies ins Rauchfass, dass die Funken flogen; nun wir kamen, lief er geschwind
hinein, und wir stellten uns vor die Kirchentür; denn mit dem ungetauften
Heidenbübl einzutreten wär gegen Brauch und Sitten gewesen.
    Nach einer kleinen Weil tat sich die Pforte auf und trat der Frühmesspriester
mit meinem Ziehvater als Diener heraus, machte das Zeichen des Kreuzes über uns
und fragte dreimal: »Willst du getauft werden?«, worauf die Weidhoferin
andächtig sagte: »Ja.«
    Kam also allerlei Gefrag: ob er widersag dem bösen Feind und seinem Anhang,
ob er glaub an Gott den Allmächtigen und Dreieinigen; und die Kostmutter sagte
zu allem ja: dass er widersagt und dass er glaubt, worauf nach vieler Benediktion
das Heidlein hineingetragen werden durft. Ging also die Ziehmutter mit dem
Päcklein in die Kirch und an den Taufstein, und ich folgte mit einem brennenden
Wachs, das mir der Messmer in die Hand gegeben.
    Da ward denn das schlafende Kindlein wuzelnackend ausgezogen und über das
Taufbecken gehalten, mit Wasser begossen, mit Öl beschmiert und mit Salz
gefüttert im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, dass es
endlich laut zu schreien anfing und, eh man sich dessen versah, in die glänzende
Kupferschale brinzelt'.
    Und wurde also benannt: Matias Paulus Anton; wurd mit Weihrauch beräuchert,
mit Weichbrunn besprengt und darnach wieder in seine Gewändlein und Betten
gesteckt und heimgetragen mit grosser Freud.
    Als wir aber in den Hof traten, stand vor der Haustür ein mächtig
aufgetürmter Leiterwagen, mit Bändern, Buschen und Kränzen geziert, mit Krügen
und Bildern behangen und mit dem Hausrat der künftigen Lackenschusterin beladen.
Da tronte in der Mitten das Himmelbett mit seinem wohlgefüllten Flaumkissen und
Ziechen; davor prangte die Wiege und auf ihr der reichgeschnjetzte Hausaltar.
Hintenauf stand der weitgeöffnete Hausschrein, in dem allerhand Seidenröck und
modische Gewänder, schwere Leinenballen und dazwischen mit Bändern
durchflochtene Flachszöpfe, seidene Schultertücher, prächtige Gebetbücher und
kunstvolle Wachsstöcke prangten. An den Schranktüren hingen Rosenkränze,
Skapuliere und eine grosse Zahl heiliger Bildchen. Im obersten Fach aber standen
alle die kleinen Schachteln, Trüchlein und Figuren, die ich der Jungfer
einstmals geschnitzelt hatte. Alles war mit Bändern zierlich umwickelt und an
Nägel geknüpft, damit beim Fahren nichts verloren ginge.
    Da stand ich denn und riss die Augen auf und vergass die Tauf samt dem Kind,
starrte auf den Kuchelwagen und konnte weder denken noch entweichen. Eine
bemalte Schüsselrahme wurde hinten an den Wagen gehängt, ein zierlich
aufgeputztes Spinnrad zuoberst auf das Dach des Himmelbetts gebunden, ein Stuhl
dazugestellt - und ich stand noch immer auf demselben Fleck und sah nichts
anderes denn diesen Wagen.
    Peitschenknallen weckte mich endlich; der Wagen wurde mit sechs Ochsen
bespannt, die Nähterin von Sonnenreut liess sich zum Spinnrad hinaufheben, die
Kuh der seligen Irscherin trabte, mit Kränzen und Buschen geschmückt und geführt
vom Zimmermann des Orts, aus dem Stall. Zwölf Böllerschüsse krachten vom nahen
Kreuzberg herab, und ein Häuflein Musikanten kamen mit ihren Fiedeln und Flöten
in den Hof.
    Da sprang die Jungfer und Hochzeiterin lachend die Stiegen herab und hielt
mit der einen Hand das prächtige Gewand gerafft, mit der andern aber die hohe
Pelzhaube aus der Stirn. Ihre Wangen waren purpurn, und ihre Augen leuchteten
vor grosser Freud, da sie um den Wagen ging und alles besah und betrachtete.
    Der Weidhofer aber lief geschwind vom Kirchhof herüber, spannte die Kutsche
ein, steckte grosse Buschen daran und hob darnach die Jungfer hinein; packte mich
alsdann mit schnellem Griff und setzte mich rittlings auf eins der Rösser, gab
mir eine mit Buchsbaum und Bändern geschmückte Peitsche in die Hand und sagte:
»Mach 'n Führer! Dass d' mir Achtung hast! Nit, dass was passiert!«
    Reichte dann der Hochzeiterin einen Korb hinauf in den Wagen, darin ein
Säcklein voll Kreuzer und Groschen, ein Bund Schlüssel zu den Schränken und
Laden war samt dem stehenden Angebind für den Hochzeiter, nämlich einem gar
feinen, milchweissen Bierkrug, mit Blümlein bemalt, nebst einem selbstgesponnenen
Hemd und selbstgestrickten weissen Strümpfen für ihn.
    Derweil begannen die Knecht mit ihren Geisseln zu knallen und die Musikanten
zu geigen und zu blasen; dann gings dahin. Die Musik machte den Vortrab;
juchzend und knallend folgten die Knechte mit dem Kuchelwagen, und dahinter ging
der Zimmermann und führte die Kuh. Das End aber machten wir mit dem Brautwagen.
    Der Messmer hatte sich zu der Hochzeiterin gesetzt und schrie mir zu: »He,
Bua, schnalz und juchz, dass alles scheppert! - Dreimal um den Hof fahrn und
darnach dahin!«
    Ach, der hatt ein leichtes Reden! Ich aber sass auf meinem Rössl wie ein
angepappter Kripperlmann und sah hilflos bald hierhin, bald dortin; doch fand
sich keiner, der mit mir hätt tauschen mögen. Da gab ich mir endlich selber
einen Ansporn, schnalzte mit der Geissel, dass es nur so hallte, und schrie:
»Huia, Heisserln! Ziehgts! Huiuh!«
    Da liefen alle noch eilig an die Haustür; die Weidhoferin und die
Schwaigernandl mit meinem Godenkindl am Arm, die Knecht und Mägd samt den
Kostbuben - alle kamen noch herzu und wünschten viel Glück und einen guten
Einstand, bis ich endlich am Zügel riss und anfuhr.
    Sauste also dreimal um den Weidhof und knallte und plärrte dazu wie ein
Schwed und fuhr darnach dahin durch Sonnenreut. Doch kamen wir nicht weit;
schon vor der Schmiede stand eine Schar Kinder, hielten eine Stange über den Weg
und wünschten eine frohe Brautfahrt. Da holte die Hochzeiterin das Säcklein mit
den Kreuzern aus dem Korb und warf eine Handvoll unter die Hord. Drauf ging die
Fahrt weiter, bis abermals die Strasse durch einen Haufen Kinder versperrt war.
    Also musste sich das Bräutl wieder loskaufen und das noch etlichemal, eh wir
an den Hof des Lackenschusters kamen. Da krachten wieder die Böller und hallten
zwölf Schüsse durch das Tal; und es kam uns der Hochzeiter, ein stämmiger
Bauernbursch mit kohlschwarzen Haaren und dunklen Augen, auf einem schön
geschmückten Ross juchzend entgegengeritten, begrüsste alle freundlich und reichte
dem Bräutl die Hand. Drauf bot er ihr aus einem feingeschliffenen Glaskrug, der
mit allerhand Bändern, Perlen und Münzen geziert war, zu trinken, indem er rief:
»Hochzeiterin, grüass di der Himmel und grüass di Gott dahoam! - Geh, tu mir
Bscheid, obst gern und willig hoam gehst zu mir!«
    Da nahm die Braut und Jungfer den Krug, und ihre Augen glänzten, als sie ihm
den Bescheid tat: »Grüss di Gott aa! - Mit Verlaub - auf dein Gsund - auf unser
Glück - auf mein Einstand in der neuen Hoamat!«
    Drauf trank sie und gab ihm den Krug wieder zurück; er aber tat bloss noch
einen herzhaften Trunk daraus und sagte darnach: »Ghalt 'n nur! Zum Angedenken
auf die Stund!«
    Worauf ihm die Hochzeiterin dankte, den Schlüsselbund aus dem Korb holte
und, aus der Kutsche springend, sagte: »Also siechst mi zu deinen Füassen stehn
als dein anvertrautes Weib. I kimm mit Freuden, - da hast d' Schlüssel, und« -
sie nahm das Hemd und die Strümpf - »wannst mir halt die Liab tätst und nahmst
es an aus meiner Hand! Reiss's z'samm in Glück und Gsund!«
    Da sass der Hochzeiter ab, fasste sein Bräutl an der Hand und führte sie in
sein Haus. Der Weidhofer aber stieg aus dem Wagen, nahm das Ross des Hochzeiters
beim Zaum und übergab es einem Knecht desselben; darnach hob er mich aus meinem
Sattel und sagte: »Kannst auch mit ins Haus gehn und helfen einräumen, wannst
magst!«
    Aber ich mochte nicht. Hatt nichts verloren in dem Haus. Ging mich ja nichts
an. Sollten nur die andern werken, saufen und Faxen treiben, wie es der Brauch!
Sagte also: »Ja, ja. Werd schon sehn, wie sichs schickt«, liess den Weidhofer ins
Haus gehen und macht mich davon, auf den Heimweg. So von ungefähr begegnete mir
der Pfarrer; der fragte, ob ich vom Lackenschuster käm.
    »Nein«, sagte ich; »bin vom Weidhof«, zog mein Hütl und lief davon; wusste
wohl, dass er kam, um die neue Einricht, das Haus, das Vieh und alles im
Lackenschusterhof einzusegnen und zu weihen.
    Das aber war seine Sach und ging mich nichts an.
    Sprachlos und grimmig sah mir der alte Herr nach und stand, als ich mich
nach einer Weil umwandte, noch immer am selbigen Fleck und schüttelte mir die
Faust.
    Ich kehrte mich aber nicht viel daran. Bin auch mein Lebtag kein bsunderer
Freund der Pfaffenröck gewesen, ausgenommen des einen, den ich aber erst
nachmals in der Münchnerstadt kennen lernte.
    Also trabte ich dahin und kam wieder zu meinem Godenkind. Das lag wohl
schlafend im Wagen, und die Mutter Nandl fuhr es leise die Stube auf und ab und
sprach mit der Weidhoferin über ihre Hochzeit und den Pauli.
    »Ei was!« sagte die Nandl voller Freud, da sie mich sah; »der Herr Göd ist
schon wieder zruck!«
    Auch die Ziehmutter belobte mich, und beide dachten nicht anders, als dass
dies rein aus Eifer und Lieb für das Wuzerlein geschehen wär, daran ich doch
längst nimmer gedacht, vielmehr mein ganzes Herz bei der Katrein gehabt hatt!
    Doch schwieg ich still, liess mir eine Schale Kaffee geben und ass dazu
etliche Taufküchlein. Da gings denn an ein Gefrag und an ein Getue wegen des
Einstands der Jungfer; ich sollt sagen, wie sie angekommen, wie er sie
empfangen, ob der Pfarrer schon gesegnet hätt, ob's recht zuging jetzt, - kurzum
eine wollt das Knetene wissen, die ander das Bachene. Sagt ihnen aber gar nichts
von der ganzen Sach, als dass ich sie wohl hingebracht hätt, und dann sei ich
gegangen; den Pfarrer hätt ich am Weg getroffen, wie er zum Segnen ging.
    Dazu ass ich meinen Kaffee aus, wischte drauf meinen Löffel ans Tischtuch und
wollt gehen; doch sagte die Mesmerin, ich sollt nur sitzen bleiben; an so einem
heiligen Tag verlangt' kein Mensch, dass ich noch arbeit'.
    Dann ging's Schwatzrädlein wieder munter um, und ich vernahm, dass der
Pfarrer, eh er nach dem Lackenhof gegangen, dagewesen sei und der Nandl eine gar
frohe Botschaft gebracht hätt; nämlich, dass er sie morgen schon zum drittenmal
verkünden wollt, und wenn die Mesmerin nichts dagegen hätt, könnt man ja gleich
zwiefache Hochzeit halten.
    Also sollt am Irchtag in der kommenden Woch auch die Nandl mit ihrem
Hochzeiter vereint werden, und die Weidhoferin versprach, dass sie ihr gleich
morgen einen sauberen Kuchelwagen aufrichten wollt; der Wagen und die Ochsen
seien ja schon gericht, und die Einricht und den Kastenprunk wollt sie der Nandl
gern leihen zum Einstand, auf dass die Leut nit gleich neinschmecken kunnten in
ihren Haushalt.
    Weiss nicht, ob es noch so ist; damals aber war der Brauch, dass arme
Hochzeiterinnen ihre reiche Freundschaft um leihweise Überlassung der
Hausschätze angehen mussten, damit ja dem Kammer- oder Kuchelwagen, wenn er so
öffentlich durch alle Gassen gefahren wurde, nichts mangelte an Prunk und
Pracht. Da waren die Betten hoch und voller Flaum, und die Kästen gefüllt mit
Leinwand, Flachs und reicher Wäsche; hätt einer aber etlich Wochen nach der
Hochzeit nachgewogen, da wär wohl manche Lade gar leicht und gering befunden
worden, und hätt es ihn leichtlich kaum mehr gelüst', in dem Himmelbett zu
schlafen, das erst so mollig war und weich, nun aber so dünn und mager wie eine
Haut.
    War also die Mutter Nandl voller Freuden und schickte mich sogleich zum
Pauli, dass ers halt wüsst und 's Häusl grecht macht' für den Einstand.
    Dem wars nicht sonder zuwider; gab mir einen Groschen Botengeld und die
Antwort, dass er mit Freud auf sie wart und alles richt.
    Also musste der Wagen sogleich, kaum die Knecht mit ihm zurückgekommen waren,
wieder aufgerichtet werden; und die Weidhoferin räumte willig ihre Kinikammer
aus und liess Stück für Stück von den zierlich geschnitzten und fein bemalten
Möbeln hinabtragen, stopfte selber den Kasten voll mit Linnen und Flachs, mit
Wäsche und Wachs, mit seidenen und wollenen Tüchern und zierlichen Tassen und
Gläsern.
    »Kannst es ja nach und nach wieder zruckschaffen bei der Nacht!« meinte sie
guterzig; »zu mir kimmt doch kein sterblicher Mensch in d' Herberg!«
    Der Kuchelwagen war eben vollendet und wieder aufgerichtet und sollt nun
derweilen über Nacht in die Tenne geschoben werden, als der Weidhofer die
Jungfer und Braut wieder zurückbrachte mit der Kutsche.
    Haha! Machten grosse Augen alle beid! Glaubten wohl, dass sie ein Blendwerk
narrte! Aber die Ziehmutter stand schon eifrig schwatzend da und berichtete, dass
nun auch die Nandl am Irchtag ihre Hochzeit mach, und morgen sollt der Einstand
sein.
    Worauf die Nandl kerzukam und sagte, dass sie noch am Montag zum Beichten
ging und auch zum Vorsegnen, zumal sie schon aus den Kindlwochen sei.
    Herrschte also überall grosse Lust und Fröhlichkeit und gedachte niemand des
Spruchs:
Grosse Freud glangt nit weit.
 
                                   Brautfahrt
Des Weidhofers alter Hund heulte in langgezogenen Klaglauten, als ich mich an
jenem Morgen aus meinem Traum gähnte und mich noch lebend und wohlauf fand,
obgleich mich eben mein Widersacher totgeschossen hatte.
    Die Sonne stand schon so hoch, dass ihr Schein nur noch ein Ecklein meines
Fensterbretts streifte, und ich sprang eilends aus dem Bett.
    Da - bumm - die Scheiben des Fensters klirrten; abermals erschreckte mich
ein Schuss, während drunten im Hof ein Knecht den Hund mit lautem Schelten in
seine Hütte wies.
    Und wieder und wieder krachte es und hallte von den Bergen zurück; draussen
vor der Kammer und auf der Stiege gings tripp trapp, der Messmer gab kurze
Befehle, die Ziehmutter lief hustend und schnaufend an meiner Tür vorbei, die
Weibsleute schwatzten und lachten, und das Büblein, das Matiasle, schrie und
kreischte, als ob's im Messer steckt'.
    Und mit einemmal fiel es mir ein: 's ist ja der Hochzeitstag der Schwaigerin
- und der Jungfer, meiner liebsten Katrein.
    Da liefs mir siedigheiss den Rucken hinauf, und eiskalt überkams mich; ich
gedacht mit Zittern und brennendem Schmerz jener Nacht, die ich als die
glückhafteste meines Daseins gepriesen, und da ich die Jungfer als mein liebstes
Bräutl gewähnt und ihr mein ganzes armseligs Leben versprochen hatte.
    Nun sollt also ein anderer mit ihr hausen und für sie werken und sorgen,
dessen ich mir selber ehmals so geschmeichelt hatte und darüber mich ein
tiefes Schämen ankam. Doch stieg darnach erst leis, dann aber immer mächtiger
eine boshafte Freud in mir auf, darob, dass dieser andere, der sie nun heimführen
sollt, annoch nicht der erst gewesen.
    »Bist ja dennoch der Beschissene!« dachte ich; »ich bin lang vor dir
dagewesen und hab sie mein herzliebs Katreinl geheissen und meine Freud an ihr
ghabt!«
    Lachte voll bübischer Lust für mich hin: Ha! Jungferlein! Hast gewähnt, ein
Kindl wärs gewesen, bei dem du geschlafen; dachtest, ein Kind hätt dir deine
roten Zöpf zerzaust, deine Wang gestreichelt und deine Augen und Lippen gebusst!
Mich dünkt, es war wohl ein mehrerer gewesen denn ein Kindl!
    Ach, da musst ein jeds Augenblicklein jener Lieb herhalten in dieser Stund
für meine schändliche Freud, und ich wähnte, damit alles Schöne und Herzliebe
leichtlich in mir totzumachen und nur noch Grimm und Verachtung für die falsche
Dirn zu empfinden, da ich doch nachmals noch gar oft jene Zeit mit stiller Freud
wieder durchlebte, ja, niemals im Leben hab aufhören können, des Maidls in
tiefer, warmer Lieb zu gedenken und mich nach ihr zu sehnen.
    Hatt also das Herz voller Gall und Gift und fluchte meiner kläglichen
Gestalt und meinem elendigen Aussehen, fluchte dem Schelmen, der es verschuldet,
und schwur bei mir selber, dass ichs ihm, so ich ihn einmal unter die Finger
bekäm, reichlich ausmessen wollt, was er mir eingemessen. Derweilen wurde es im
Weidhof immer lebendiger; vom Hof drang das Klingeln der Röllein herauf, mit
denen die Geschirrung der Hochzeitsgäul geschmückt wurde; pfeifend und singend
taten die Knecht ihre Arbeit, putzten und striegelten die Rosse und behingen sie
mit Buschen und Bändern. Das Kuchelmensch stand im Festgewand am Brunnen und
wusch und schwenkte einen Korb voll Gläser und Krüg für den Eingang und Ausgang,
das ist, für die beiden Frühmahlzeiten und den Morgentrunk bei Ankunft der
beiden Hochzeiter, und vor der Abfahrt zur Kirche.
    Und da ich endlich aus meiner Kammer trat, prasselte und brodelte es mir von
der Kuchel herauf entgegen, Geschirr klapperte, des Weidhofers Schnallenschuh
knarzten über die Dielen, und die Nandl sang mit weinerlicher Stimme ihr Büblein
in den Schlaf und fuhr es in dem hölzernen Karren am Hausflöz hin und her.
    Aus der Kammer der Jungfer scholl das helle Lachen der Hochzeiterin und
ihrer Nähterin, und von der Wohnstube herauf drang gedämpftes Ziterspiel und
die halblauten Gsangln unserer Kostbuben.
    Begab mich also zu ihnen hinab und wurde sogleich lustig und mit Scherz
empfangen; und es sang mir der ältere von uns Kostbuben, der Hausl, gleich
munter entgegen:
»He Büaberl, geh eina,
He Büaberl, kehr zua,
Balst a Feirtagwand o'hast
Und gnagelte Schuah!
Balst sakrisch tanzen kannst
Und schön hofiern
Und d' Sunnreuter Dirndln
Zum Lebzelter führn!«
Da musst ich nun wohl oder übel meinen Schmerz und Grimm verbeissen und ein guts
Gesicht zum Gespiel machen, auf dass ich nicht des Spruchs teilhaftig würd: Wer
den Schaden hat, braucht ums Gespött nicht zu sorgen.
    Ass alsdann meine Morgensuppe und kümmerte mich um das Kindlein, bis das alt
Sixnwaberl, ein arms Häuslleut, kam und das Wuzerlein auf etliche Tag zu sich
holte, bis die Hochzeit vorüber und die Nandl wieder in Ordnung wär.
    Derweilen kamen die Musikanten ins Haus, gaben den zwei Hochzeiterinnen
etliche Weisen als ein Ständchen und machten sich darnach zu den Hochzeitern, um
auch ihnen den Tag anzublasen.
    In der Wohnstube versammelten sich nun alle Hausgenossen, Knecht und Mägd,
und der Weidhofer, mein Ziehvater, fragte ein jedes auf Treu und Gewissen, ob
alles in Haus, Hof und Stall wohl gerichtet und getan sei, ob das Vieh bei gutem
Gsund sei und nirgends was fehle. Und da ihm alle auf Ehr und glaublich die
Gewissheit gaben, dass alles in der Ordnung war, sagte er: »Also, Leutln, nachher
will i enk heunt alle miteinand auf d' Hochzat lassen; und soll ein jeds auf
mein Namen kriegn: vier Speisen zu jeder Mahlzeit und Bier soviel, bis halt ein
jeds langt. Aber mit der Bedingnis, dass einer von enk Bubn auf d' Zeit und unter
der Zeit einmal heimschaut zum Vieh, ins Haus und in Hof. Futtern tut man wie z'
Feiertägs und melken auch. Also, jetzt wisst ihrs!«
    Darnach lief er in die Kirche.
    Nach diesem kam die Nandl in ihrem schwarzwollenen Brautgewand und einem
Flitterkränzlein im Haar zur Tür herein und bat die Stalldirn, ihr die langen
Haarbänder und den Rosmarin anzuklufen.
    Steckte ihr also die Dirn ein paar himmellange, breite Bandmaschen hinter
den Brautkranz aufs Haarnest und machte ein Rosmarinkränzlein um das flitterne
drum, behing ihr darnach den Hals mit allerhand silbernen und blechernen Ketten,
Kreuzlein und Amuletten und heftete ihr einen langen Rosmarinbuschen auf den
Brustfleck.
    Unterdessen begann vom Kreuzberg her wieder ein lustigs Schiessen; da lief
die Weidhoferin, meine Ziehmutter, eilends in ihre Kammer, um sich festtäglich
herzurichten und zu schmücken.
    Kam auch nach einer geraumen Weil in einem reichgefältelten bläulichen
Gewand, mit seidenem Brustfleck und goldenen Litzen besetzt. Auf ihrem Kopf sass
eine wunderliche, steife Spitzhaube aus goldenen Börtlein, Bändern und Blonden;
ein feines Schleiergewebe bedeckte ihre Stirn und den Scheitel, und ein
prächtiger Silberspiess steckte in ihrem geblümten Brokatmieder.
    Sah also gar gut und fürnehm aus und stund ihr alles so wohl an, dass ich,
ungeachtet meines Herzwehs und Grimms, einen grossen Gefallen an dieser Tracht
fand und mich ein heftiges Verlangen ankam, ein Maler zu sein und die Ziehmutter
in solcher Gestalt zu konterfeien. Fragte sie auch, warum man solche herrliche
Gewandung nirgends mehr fänd; worauf sie sagte: »Weil das schon gar lang ist,
dass solchs modisch gewesen; ist ja mein Brautgwand und meiner Mutter, Gott hab
sie selig, ihre Brautauben. - Gibt ja auch ganz andere schöne Sachen jetzt; -
bringen ja neumodischs Zeug von überall her: von Welschland, von den Franzosen
und von der Münchnerstadt! - Ist auch nit schiach - für die Jungen.«
    Ja, da hatte sie recht; denn als nun die Tür aufging und die ander
Hochzeiterin, das Katreinl, hereintrat, da bracht ich das Maul nimmer zu und
riss die Augen auf, dass sie mir übergingen. Das flimmerte von Seide und Gold, von
Silbergehäng und Geschmeid; Spitzen ums güldene Brautkrönlein, Fransen am
Miedertuch, Edelstein in den Fürstecknadeln und Perlen in den Ohrgehängen. Da
bauschte sich eine brokatne Schaube und prangte drüber ein weisses, seidenes
Fürtuch mit Blonden und Perlen, und klirrte und knisterte es bei jedem Schritt
und schimmerte das Gewand bald silberig, bald grün und rötlich. Das Haar aber
trug sie gar kunstvoll aufgesteckt und hatte ein köstlichs Myrtenkränzlein um
die steingeschmückte Brautkron. Mit lieblichem Lächeln ging sie von einem zum
andern und dankte für die Wünsch, die ihr ein jedes mitgab; doch wartete sie bei
mir vergeblich auf dergleichen Redensart: ich stand vor ihr, wortlos, mit
flammendem Gesicht und klopfendem Herzen, fasste ihre beiden Händ und drückte sie
heftig, während mir in meinem Sinn bloss das eine Wort umging: Katreinl!
    Da schrie sie leis auf und sagte bittend: »Matiasle! 's ist gut!«
    Worauf ich ihre Händ losliess und mich umwandte.
    Da war alles in den Wind gestreut: mein ganzer Grimm und Schmerz, die
Gewissheit ihrer Heirat, - alles war vergessen, und ich glich einem Kind, das da
glaubt, es müsst seinen Willen durchsetzen um allen Preis der Welt, - ich hatte
nur noch einen Wunsch und ein Verlangen, dass ich sie wieder wie ehemals um den
Hals nehmen durft und mein herzliebes Katreinl heissen.
    Trug mich also mit dem Gedanken und hatte das Herz voller Gier, mein
unsinnigs Verlangen zu stillen, dabei ich aber nach aussen hin vor den Leuten ein
gar ruhigs und ehrbars Wesen zur Schau trug.
    Indes fuhren draussen zwei Chaisen vor: dem Weidhofer seine, die den
Häuslpauli brachte, und die vom Lackenschuster, darin der Anderl selber
kutschierte.
    Gleich liefen alle Mannsleut hinaus, und indes die Bräute sich eilends in
eine Kammer versteckten, empfingen sie die beiden Hochzeiter mit Juchzen und
Schreien und führten sie ins Haus, da es dann abermals an ein Grüssen und
Plärren, Glückwünschen und Juchzen ging, dass man sein eigens Wort kaum mehr
verstund.
    Da kam der Hochzeitlader scharf angeritten, band sein Rössl an den Brunnen
und lief hinein in das Haus; und derweilen die beiden Hochzeiter geschwind aus
der Stube verschwanden, öffnete er die Tür und rief:
»Grüss enk der Himmel und grüass enk Gott!
Heunt sechts mi alle in ara grossen Not:
I hätt zwee Jungherrn von Sonnareut epps Wichtigs zum Sagn
Und kunnt s' um alls in der Welt nindascht findn oder dafragn;
Drum hätt i halt jetzand a grossmächtige Bitt an enk Leut;
Geh, leicht's ma zwee Kuahglocken, dass i fleissig damit läut,
Und dass i s' de zwo Hochzeiterinnen um 'n Hals umma bind,
Damit dass a jede no vor der Kopulier ihren Hochzeiter findt!«
Ging also einer der Knechte hinaus, brachte zwei von unsern Kuhglocken und
läutete damit durchs Haus.
    Da kamen die beiden Hochzeiter lachend wieder in die Stube und führte jeder
sein Bräutl an der Hand. Darüber schien der Lader, oder was er mich dünkte, der
Bandelnarr, gar erfreut und steckte einen grossmächtigen Rosmarinzweig zu seinen
vielen Bändern auf den Hut, juchzte und machte allerhand Sprüch und Reime.
    Derweil hatten die Weibsleut den Tisch aufgedeckt und die Weidhoferin
etliche Schüsseln mit Voressen, Kraut und Würsten hereingetragen, was man den
Eingang heisst; und es wurde nun fröhlich gegessen und dazu Bier und
Schwarzkirschenschnaps getrunken.
    Darnach klopfte der Bandlnarr mit seinem langen, reichverzierten Stab
etlichemal auf den Boden; da standen alle vom Tisch auf, und der Lader machte
den Abdank. Das ist eine gar schöne Red in guten Reimen, darin auch der
dahingegangenen Eltern und lieben Freund gedacht wird. Hab sie aber leider nicht
in meinem Sinn gehalten können, denn ich bei diesem Abdank gleich den andern hab
so viel schneuzen, krigeln und augenwischen müssen, dass mir davon alles
entfallen ist.
    Unterdessen begann es von der Kirch zum Amt zu läuten, und alles stellte
sich in Ordnung: Die Fuhrwerke wurden vor die Haustür gebracht, und es stiegen
die Hochzeiter in die eine, die Bräut in die ander Kutschen; die Knecht und Mägd
aber samt der Weidhoferin und den Kostkindern sassen nach gutem Verschluss des
Hauses auf den gezierten Leiterwagen, davor vier Rösser gespannt waren. Und es
ritt der Hochzeitlader voran und führte den Zug durch das ganze Dorf, obgleich
die Kirch schier an dem Weidhof lehnte; doch gings ohne Juchzen und ohne Musik
mit grossem Ernst dahin, indes vom Turm alle Glocken läuteten und vom Berg die
Böller krachten.
 
                                    Hochzeit
Unter dem Vordach der Kirche stand schon der alte Pfarrer mit meinem Ziehvater,
dem Messmer, als wir aus den Fuhrwerken stiegen und in den Gottsacker traten.
    Da ward nun von dem Priester eine Red im Freien gehalten und darnach
gefragt, ob einer aus der Gemeind was auszubringen hätt gegen die Brautleut, das
ein Hindernis wär, dessentwegen sie einander nicht heiraten kunnten.
    Und da niemand was wusste, wurden die Beiständer oder Zeugen herbeigerufen,
was gewesen sind: der alt Vetter vom Lackenschuster, genannt Simmer vom Tal, und
der Rumpl von Reut für den Anderl und die Katrein, der Jackl, unser
Oberknecht, und der Hausl vom Weidhof für den Pauli und die Nandl.
    Wie denn nun alles wohl in der Ordnung war, der Hochzeitlader auch allerhand
Schreibebriefe aus dem Hutfutter zog und dem Pfarrer übergab, wurde zur
Kopulierung geschritten; fragte also der Priester alle vier nacheinander, ob sie
in den heiligen Stand der Eh eingehen wollten, darauf dann erst der Anderl,
drauf die Jungfer, hernach der Pauli und am End die Nandl antworteten: Ja.
    Wurden also alle vier eingesegnet und ihnen das Sakrament der Eh gespendet,
darnach die Kirchtür geöffnet und alle hineingeführt; und es begann der
Schulmeister die Orgel zu traktieren in forti und fortissimi, der Messmer schwang
das Rauchfass, dass alle Heiligen samt den Altären in blaue Dünste und Nebel
gehüllt wurden, und alle nahmen in den Kirchenstühlen Platz.
    Darnach ward ein festlichs Amt gehalten, das an die vierzig Gulden kostete,
und den Hochzeitsleuten der feierliche und kräftige Brautsegen gespendet, den
Abgeschiedenen aber am Friedhof ein Memento und Requiem gesungen und ihre
Grabhügel mit Rauch und Weichbrunn gesegnet. dabei ich der guten Irscherin
gedachte, die auch ohne solche Benediktion ihre Ruh gefunden hatte und eine
leichte Erde samt dem Frieden.
    Mag auch nicht vergessen, dass ich benenn den Opfergang beim Amt, da dann
erst die Manner um den Altar gehen mussten, darnach die Frauen, und mussten in
vier silberne Teller opfern: am rechten Seitenaltar, zu beiden Seiten des
Hochaltars und am linken Seitenaltar. Da war es lustig hinzuhören, wie auf dem
Hochaltar die Silbergroschen laut vernehmlich klangen, an den andern aber bloss
magere Kreuzer leise klirrten.
    Nach dem Amt wurde noch den beiden vermählten Paaren und allen
Hochzeitsgästen vom Pfarrer aus einem goldenen Kelch Wein gereicht; und er hatte
ein kleins Tüchlein, damit wischte er immer, wenn eins getrunken, den Rand des
Kelchs. dabei durften die Brautleut dreimal trinken, die andern aber bloss
einmal, und es sagte der geistliche Herr dazu die Worte: »Trinket die Liebe des
heiligen Johannes!«
    Mein Ziehvater, der Messmer, stand daneben und goss drauf, als der Kelch leer
wurde, und sagte zu jedem, der sich ans Speisgitter kniete: »Nit stark saufen!«
    So war denn die Kirchenfeier zu End, und es folgte das weltlich Fest mit
Mahl und Trunk, mit Musik, Sang und Tanz, dabei die Gulden sprangen und klangen.
    Und der Klinglwirt rieb sich die Händ und freute sich schon auf den andern
Tag, da dann gemeiniglich den Tag nach der Hochzeit mit dem Wirt abgeroatet
wird. Der hatte sich schon am Hochzeitstag selber den breiten Tiroler Ledergurt
mit der Geldkatz umgelegt, damit ein jeder gleich sehen kunnt, dass er wohl genug
Ding und Säck hätte, einen gerechten Haufen Münz darin zu verwahren. Stieg auch
wie der Gockel im Hanfsamen, reichte jedem der Gäste die Hand und hatte sich
dazu einen artigen Spruch als Gruss ausgedacht, den er nun jedem, sei 's Mann
oder Weiberts gewesen, zum Eintritt gab: »Gfreut mi, gfreut mi! Wünsch Glück und
an Buam!«
    Mittlerweil war auch der Weidhofer, mein Ziehvater, seiner Messmerpflichten
ledig geworden und kam nun und setzte sich neben seine Mesmerin, indes die
Musikanten anfingen, einen seltsamen Tanz aufzuspielen, den man Hungertanz
heisst, da er dem Herkommen gemäss dem Mahl vorausgeht. dabei war die Ordnung
also, dass erst der Anderl mit der Katrein dreimal herumtanzte, darnach der
Pauli mit der Nandl und drauf in guter Folg die Freundschaft; und es währte der
Hungertanz so lang, bis die Frau Wirtin die Schüssel mit Kraut hereinbrachte.
    Da liefen alle an die Tafel; die Musikanten stellten sich hinter die Gäst
und spielten übers Kraut auf, dazu dann ein jedes einen Reimen singen musst und
einen Silbergroschen ins Kraut werfen als Waisung oder Trinkgeld für die
Spielleut.
    Nach diesem wurde für die zwei Bräut der vorderste Jungherr erwählt, was
eine grosse Ehr für denselben bedeutet; denn er darf, solang die Hochzeit währt,
zur Rechten der Braut sitzen, ihr die Schüsseln mit der Speis darreichen, hat
auch das Recht des Entführens und zu guter Letzt die Gnad, die Vermählten
heimzugeleiten und der Braut vor dem Schlafengehen die Strümpf auszuziehen,
dafür ihm dann ein ansehnlichs Geschenk wird.
    Wählte also der Weidhofer für die Nandl einen von meinen Kostbrüdern, den
Fritz, der kaum um zwei Jahr älter war denn ich, doch schon einen mannlichen
Burschen vorstellte; für die Katrein aber nahm er mich, dabei mir das Blut gach
ins Hirn stieg und meine geheimen Wünsch wie ein Feuer schürte, obgleich mich
eine Angst und innere Furcht deswegen ankam und mich sagen hiess, der Ziehvater
sollt einen andern nehmen, weil ich nicht taugte für die Ehr.
    Stand aber schon fest bei allen, und ich konnt nimmer lang nein sagen; musste
mich also neben die Braut setzen und ein ordentlicher Jungherr sein. Ward mir
freilich nicht wohl bei diesem Amt, und ich hätt viel lieber in einem Ritt zehn
Rosenkränz abgebetet, denn hier die Schüsseln und Platten vor die Braut zu
setzen und dabei wie ein nasser Pudelhund zu zittern.
    Nun mag ich nicht des langen und breiten reden von dem Mahl, da ein jeder
leichtlich ermessen kann, dass es gar hoch und reich hergegangen ist, da der
Lackenschusteranderl der alleinige Erbe und Besitzer des besten Hofes zu
Sonnenreut gewesen; das war zu dieser Zeit ein Gut mit sechzig Tagwerk
Ackerland und zwölf Scheffel Samen für Getreid und Klee, ungerechnet die vielen
fetten Wiesen und Weiden, die Alm und den Wald.
    Da gab es also vielerlei Gericht, und es währte das Mahl bis spät in den
Nachmittag, da dann der Tanz anging. Hab auch etlichemal mit der Braut ein
Tänzlein machen müssen, wenn ichs gleich nicht recht wohl verstand und wie ein
Geissbock lächerliche Sprüng machte oder dem Katreinl auf die Zehen trat; was
sie aber nicht für ungut nahm, vielmehr mit der Zeit gar lieblich und freundlich
mit mir tat und sich gerad so wohl benahm wie einstmals, da wir noch im Waldhaus
sassen.
    Gemach wurde es aber im Tanzsaal immer hitziger, die Luft ward rauchig und
das Treiben der Gäst lauter und lärmender, so dass bald ein Paar ums andere
hinabging ins Freie, um sich zu erkühlen, was dann auch ich mit dem Katreinl
tat.
    Da lag ein dichter Nebel ringsum, dass man kaum zehn Schritt weit vor sich
sehen konnt und niemand auf diese Streck erkennen.
    Indem wir so standen, fasste mich wieder die unsinnige Lust, dem Katreinl
noch einmal die Händ zu pressen und ihr von meiner Lieb für sie zu sagen. Zog
sie also weiter vom Wirtshaus weg und fragte sie, ob sie sich wollt entführen
lassen, da es eben eine gute Zeit wär dazu; worauf sie lustig lachte und sagte:
»Meinst, dass mich die andern nimmer finden sollten! Wo möchtst denn aus mit
mir?«
    »Am liebsten in die ander Welt!« fuhr es mir heraus, und ich ergriff ihre
beiden Händ; »weisst, so weit fort, dass dich keiner mehr finden kunnt, und dass d'
grad noch mir allein ghörn tätst!«
    Darauf sie mir, hellauf lachend, eine Hand entzog, mir einen Schlag ins
Gesicht gab und ausrief: »Schau, schau! Wie sich das Baunzerl krautrig macht! -
Büble, Büble! Sei froh, dass d' noch so ein armseligs Gafferl bist, sunst kunnt
di leicht heut noch einer erwischen und a bissl abrankeln, fürcht ich!«
    Wähnte also immer noch, dass ich ein harmloses Bürschlein wär, und versah
sichs nicht, als ich sie plötzlich um den Hals fasste und an mich drückte.
    Da machte sie sich unwirsch los und greinte: »Tolpatsch, narreter! Dank
Gott, wenn ich dir nit ein etlichs paar Dachteln wisch für dein anhabischs
Treiben! - Gell, jetz wär ich wieder gut für dich! Dass d' mich darnach wieder
schlecht machen kunntst!«
    Dann ging sie rasch gegen das Haus und liess mich stehen. Ich aber war wie
betäubt und sah ihr nach, wie sie im Nebel verschwand.
    In diesem Augenblick huschte eine lange Gestalt an mir vorüber, ohne auf
mich zu achten; mir aber fuhrs wie der Blitz durch den Sinn: Das ist der Ambros
gewesen! Lief also eilends hinein und wollt dem Weidhofer Botschaft geben; doch
war er nicht zu sehen, und auch die Mesmerin schien nicht im Saal zu sein.
    Indem ich noch also suchend herumging, fragte mich der Vetter vom
Lackenschuster, der Simmer, ob ich nicht bald Gelegenheit fänd, das Bräutl
auszuführen; der Weidhofer wär mit der Nandl und dem Fritz schon eine gute Zeit
dahin.
    War mir aber alle Lust dazu vergangen, und ich bat ihn, dies für mich zu
besorgen; er sei schon älter und kunnt besser umspringen mit den Weiberleuten
denn ich; doch war mein Bitten umsonst, er wollte nicht.
    Musst ich also gehen und die Braut, die an der Kucheltür stand und mit der
Wirtin schwatzte, beim Ärmel zupfen und fragen, ob sie nicht auf ein Wort
herhören möcht. Worauf sie mich hochmütig mit den Blicken mass und ohne eine
Silbe mit mir ging.
    Ich führte sie hinaus vors Haus und sagte: »Der Weidhofer ist mit der Nandl
schon fort; ich denk, sie sitzen in der Post drüben.«
    »Nein,« erwiderte sie voller Kält; »die sind noch da. Bleiben auch da.
Sitzen grad in der Wirtsstuben drin.«
    Damit wandte sie sich um und ging hinein; und indes ich ihr folgte wie ein
geprügelter Hund, öffnete sie die Tür der Gaststube, sah nach mir zurück und
sagte: »Da sitzen s'.«
    Worauf ich mit ihr hineinging und ein lustigs Gesicht machte, obgleich ich
viel lieber meinen Kopf hätt an die Wänd rennen mögen vor Ärger und Reu über
meine Dummheit und unsinnige Raserei. Doch das Katreinl tat auch munter und
lachte und schwatzte, also dass bald eine laute Fröhlichkeit am Tisch herrschte.
    Ich hatte ihr einen Krug süssen Weins hinstellen lassen, und sie tat jedem
vergnüglich Bescheid; der Weidhofer brachte einen Schwank um den andern vor, die
Nandl wusste allerhand lustige Almgeschichten, der Fritz sass mit gläsernen Augen
dabei und stiess alle Augenblick ein schallendes Gelächter aus; kurzum, wie die
Ding gerad lagen, vergass ich am End auf meine klägliche Niederlag bei der
Jungfer Braut und auch auf die Erscheinung des Ambros.
    Meine Kostmutter, die Weidhoferin, sass derweilen an einem Tisch hinter dem
Ofen und unterhielt sich mit dem Grasberger, einem steinalten Bauern, der dem
seligen Weidhofer, dem Bichlervater, schon manche Kuh abgekauft und manchen
Jahrmarktrausch angehängt hatte zu einer Zeit, da der Klinglwirt noch gar nicht
in die Welt gesetzt und der jetzige Weidhofer noch ein Büabl gewesen war, das
seiner Mutter die Schüsseln zerschlug und den Stubenboden nässte.
    Mocht wohl schon bald seine hundert Jahr alt sein, der Grasberger; war auch
von allen seinen Kameraden und vom ganzen Grasberghof der einzige, der noch auf
dieser Erden wandelte, und hatte schon seinem Eheweib, sieben Kindern und
leichtlich zwanzig Enkeln in die Gruben schauen und die ewige Ruh wünschen
müssen. War aber immer noch wohl beim Zeug und trank sein Häflein Bier oder Most
in gutem Gsund.
    Mittlerweil hatten sie droben im Hochzeitssaal unser Verschwinden bemerkt
und machten sich nun alle samt den Musikanten auf, uns zu suchen, und fanden uns
am End in lauter Lustbarkeit.
    Da spielten die Manner fröhlich auf; die Hochzeiter nahmen ihre Bräut bei
der Hand und juchzten und tanzten dazu; der Wirt aber musst reichlich Wein
auftragen und feine Sträublein, Klauben- oder Früchtenbrot und Honigzelten.
    Gings also an ein Fressen und Saufen, Stampfen und Schreien, bis die Wirtin
in die Gaststube trat und meldete, dass die Abendtafel gericht' sei; darauf alles
seinen Krug oder Glas leerte und hinaufeilte, als hätt keiner seit drei Tagen
einen Bissen mehr im Leib gehabt.
    Nun war es lustig anzuschauen, wie einer nach dem andern sein rots oder
blaus Binkeltuch aus dem Sack zog, einen Brocken Kälbernes, ein Trumm
Schweinernes, eine Hennenbrust oder sonst ein Schmankerl nebst etlichen
Schmalznudeln, Bavesen und einem Stück Klaubenbrot dareinband und den also
gefüllten Binkel an den hagelbuchernen Stecken knüpfte.
    Nach diesem Mahl wurden noch allerhand Tänz aufgeführt, zwiefache und
abdrahte, Hirtentänz und der Polsterltanz, welch letzterer mich sehr ergötzte;
denn da mussten alle Paar einen Kreis bilden, indes ein Weibsleut mit einem
Polster oder Kisslein in der Mitten drin stand. Jetzt begannen die Spielleut in
einem schnellen Drehertakt aufzumachen, und das Maidlein tanzte dreimal
innerhalb des Kreises wirbelnd herum, warf plötzlich einem Burschen oder
Jungherrn den Polster zu Füssen, indes dann die Musik eine andere Weis brachte.
Also musst sich der Bursch vor dem Maidel auf die Knie niederlassen, bis sie ihn
wieder aufhob und küsste, dazu dann abermals anders gespielt wurde. Darauf musste
es der Jungherr ebenso machen wie die Jungfrau, und kamen alle dran bis auf eine
alte Dirn vom Lackenschuster, die zum End mir überblieb, was mir viel Gespött
eintrug.
    Unterdessen wurde es Zeit, die Hochzeit zu beschliessen, und mein Kostvater,
der Messmer, gab der Wirtin ein geheims Zeichen.
    Da erhob sich in der Kuchel ein wildes Geschrei und Geschirrklappern; die
Wirtin kam laut jammernd in den Saal gelaufen und schrie gar jämmerlich: »Aus
ist's und gfehlt ist's, Leutln! Alles ist dahin! Unser alte Gluckhenn ist
mitsamt ihre vierazwanzg jungen Heah'ln zum Kuchelfenster dahereingflogn und hat
alles Gschirr und alle Haferln derschlagn!«
    Ein grosses Gelächter und spasshaftes Entsetzen folgte dieser Red. Der
Hochzeitlader aber stand auf, klopfte mit seinem Stab auf den Boden und rief:
»Dös is a trauriger Bericht, den wo mir da kriagn!
Hochzatleut, jetz hoassts Barmherzigkeit übn und n' Beutl ziagn!
Und der Wirtin gent gschwindse ein etlichs paar Kreuzer verehrn,
Dass zu der nachstinga Hochzat wieder aufkocht kann wer'n!
I gib als erschta an nagelneun Hosenknopf her;
Wer nach mir kimmt, zahlt 'n Gulden und gibt 'n Hochzeiter d'Ehr!«
Also musst ein jeder seinen ledernen Zugbeutel auftun und einen Gulden für sich
und seine Jungfrau oder Ehefrau als Haferlgeld erlegen und darnach den
Brautleuten die Hand geben und seine Danksagung machen, dabei auch an mich die
Reihe kam und mein Kostvater mir erst musst einen Gulden vorgeben, denn ich
selber nichts mehr hatte.
    Nach diesem hielt der Hochzeitlader den Abdank und sagte:
»Also meine lieben Leut,
Jetz sag i enk halt Dank
Vom Tisch auf d' Bank,
Von der Bank bis auf d' Schinderbruck,
Aufs neu Jahr in der Fastnacht
Kriagts enka Geld wieder zruck!«
Alsdann begann er nach altem Brauch und Herkommen auf alle Hochzeitsgäste
lustige Reime zu machen, ihre Schwachheiten aufzudecken und besonders die
Verliebten und die Brautleut herunterzumachen, dabei keines aufmucken durft oder
sich getroffen fühlen, vielmehr lachen musste und dem Bandelnarren darnach
Bescheid tun mit dem letzten Trunk. Da gings denn erst über den Pauli und die
Nandl:
»Wann s Kind amal schreit
Und s Muas kocht am Herd,
Hat s Hausen im ledinga Stand
Nimmer viel Wert!«
Darnach kam er über das ander Paar:
»Der Anderl und sei Katrein,
Die schaugn sie liabli in d' Augn;
I wett, in dreiviertel Jahrn
Hängan d' Windeln am Zaun!«
Trafs auch bei der Stallmagd vom Weidhof nicht schlecht, dann sie sich mit dem
Staudenwebersepp abgegeben hatte.
»A Stallmensch und a Bauernbua
Gengan der Stauden zua,
Gengan ins greane Gras;
Wern scho wissen, zwegn was!«
Da wurde es manchem anders, und er hätt gern ungesehen verschwinden mögen, eh
ihn der Bandelnarr erschaut hatte und nun durchlaufen liess; doch an der Tür
standen die Musikanten und spielten nach jedem Gsätzlein einen kurzen Landler.
    »Ei«, dachte ich, »er wird ja nicht gar viel wissen von dir«, und sass keck
auf meinen Hosen und trank hitzig dahin.
    Da hatte er mich aber schon im Maul:
»Der Weidhofer Hias is a Woaslbua,
Is krumpat und gstumpfat und bucklat dazua;
Aber anhabisch dengerst und broglat mitn Mäu,
Und beim Ausrichtn und Schiachredn is er aa glei dabei!«
Ha! Da schluckte einer und druckte und rutschte auf seinem Sitzleder hin und
her, als hätten ihn die Ameisen besaicht! Da goss einer seinen Wein hinunter, als
hätt er einen Brand zu löschen da drinnen!
    Aber es half nichts, dass ich soff und überlaut lachte; die andern hatten
mich schon, und die Hochzeiterin an meiner Seite sah verächtlich auf mich nieder
und rückte von mir weg, indem sie ihr Kleid zusammenraffte, dass ja kein Fädchen
meinen Körper streifte!
    
    Mittlerweil hatte der Bandelnarr lang etliche andere durchgehechelt, und die
Abdankung nahm gemach ihr End.
    Nach solchem ward also noch der Ehrentanz gehalten. Den muss die Braut mit
dem Hochzeitslader allein aufführen, und es darf niemand ausser ihnen den
Tanzplatz betreten.
    So machten denn die Spielleut auf; der Bandelnarr fasste die zwei
Hochzeiterinnen bei den Händen und hielt den Ehrenreihen, bis plötzlich erst die
eine und gleich drauf die ander Braut zu hinken anfing und keine mehr vom Fleck
kam. Zugleich begannen die Musikanten gänzlich falsch und gar quieksend zu
spielen, bis der Hochzeitlader schrie:
»He, Jungherrn! Schaugts amal,
Was dass dös is,
I moan alleweil und i schätz,
Es is a Natternbiss!«
Worauf der Fritz und ich eilends hinzuliefen, die Schuh der Bräute untersuchten
und einen Gulden darin fanden.
    Zeigten ihn also überall herum und warfen ihn darnach den Musikleuten in
ihre Bassgeige, dazu der Hochzeitlader ein ganz glückseligs Gesicht machte und
ausrief:
»Himmlischer Vater! Is dös a Glück!
A so a Jungherr hat do an guatn Blick!
A Nagl hat aus 'n Schuach aussagschaut,
Den hat halt der Schuasterlenz net grecht einighaut!«
Nach diesem fasste er die beiden Hochzeiterinnen wieder und wollte mit ihnen
weitertanzen.
    Doch in diesem Augenblick hörte man von der Gassen herauf einen wüsten Lärm,
und der Wirt lief, weiss wie die Wand, herein und schrie: »Manna! Leut! Brenna
tuats!«
    Ein wildes Schreien der Weiber, dumpfes Murmeln der Männer -, die Lust hatte
ein End, und alles rannte hinab und dahin, um zu schauen, wo es sei.
    Blutrot war der Himmel; - einer schrie: »Die Kirch!« - da erscholl es
ringsum: »Die Kirch brennt, - die Kirch!«
    In diesem Augenblick stürmte meine Ziehmutter, die Mesmerin, hinter uns
drein, rannte gegen die Feuerstatt zu und - o mein Gott - und reckt plötzlich
beide Arm gen Himmel und schreit gellend auf: »Jesus! Der Weidhof!« -
    Und fällt wie ein Baum zur Erden.
    Und da wir sie aufheben wollen, sehen wir, dass es zu End ist: Sie ist tot.
    Etliche Frauen nehmen sie auf und tragen sie vom Wege ab, die andern stürmen
dahin, den Schrei: Der Weidhof! weitergebend und den Mannen zur Brandstatt
folgend.
    Mir aber liegts wie Blei auf der Brust; denn ich wusste es: Das war kein
anderer denn der Ambros.
    Mein Ziehvater und der Lackenschuster waren die vordersten, die in den
brennenden Hof eindrangen.
    Der Pauli und etliche andere folgten; doch musst ein jeder eilends wieder
umkehren - es brannte überall: unten, oben, im Stall und in der Scheune, in der
Stube und in den Kammern.
    Da schlug der Messmer mit furchtbarer Kraft die Stalltür ein, das Vieh zu
retten.
    Drei - vier - sechs - zehn Kühe sprangen geängstigt ins Freie; - Rösser
folgten - Hühner flogen schreiend heraus - etliche Ochsen schoben sich brüllend
durch den Qualm und Rauch - wie gelähmt standen die Menschen dabei, ohne einen
Finger zu rühren.
    Endlich fasste einer oder der andere ein Tier bei der Kette und zog es weg
vom Feuer; - ein Kommando erscholl, und man besann sich, dass man ja löschen
sollt. Aber da tat es einen entsetzlichen Krach, die Feuergarben lohten wild gen
Himmel, und ein einziger Schrei ging durch die Menge: »Der Messmer!«
    Das Dach überm Heuboden war eingestürzt und mit ihm die Stalldecke.
    »Hilf Himmel!« schrie ich; »er kann ja nimmer heraus!«
    Bebend sprang ich hinzu, der Hausl folgte mir; - wir drangen in den
rauchenden, prasselnden Trümmerhaufen und suchten und schrien nach dem Messmer.
    Ach Gott! Es war leider ein nutzloses Hin und Her, ein vergeblichs Rufen und
Schreien! Nichts mehr zu sehen als Feuer, nichts mehr zu greifen als Glut und
Trümmer!
    Hätt uns bald auch noch verderbt; denn da wir weiter eindringen wollten,
stürzte abermalen ein Flez Weissdecke herab, brennendes Heu und Stroh kam
fuderweis nach - und wir mussten in grossem Schreck zurückweichen.
    Wohl begannen nun die Manner den Eimer zu schwingen, die Weiber geweihte
Teller und Kräuterbuschen in die Flammen zu werfen und die Brunst im Namen des
dreieinigen Gottes zu beschwören - doch wilder und höher schlug die Lohe, bis
endlich der stolze Weidhof in ein kleins Häuflein Schutt und Glut, Asche und
Kohle zusammenfiel und meinen herzguten Ziehvater in sich begrub.
 
                  Alle Herrlichkeit des Menschen ist wie Staub
In einem Augenblick
Kommt gählings aus ein Schrick,
Der eim die Seel gar tief durchdringet.
Die Zächer übers Gsicht abgehn,
Das Herz wöllt eim schier stille stehn,
Kein Glächter eim nit mehr gelinget.
Wann ich schon auch daheimt
Das Elend hab beweint,
Muss annoch in meim Leid verbleiben.
Wer wollt doch alls genugsam sagen!
Die Not kunnt zur Genüg mit Klagen
Mein Feder nit beschreiben!
Ach, wohl dem Mann, der ein harts Herz hat, dass ihn nicht betrübt ein solches
Leid und Unglück! Denn da der frühe Tag mit grauem Nebel anbrach, hatt ich nicht
Vater noch Mutter mehr, nicht Heimat noch Liegerstatt.
    Sass stumpfsinnig und frierend mit meinem Ziehbruder, dem Fritz, auf den
Stufen vor der Gottsackertür, und wir hielten uns bei den Händen und hatten kein
Wort mehr und keine Zähre. Drüben stieg ein feiner, bläulicher Rauch aus den
Trümmern auf; drei russige, geborstene Mauern ragten aus dem Schuttaufen, und
daneben standen die verkohlten Stümpf der beiden mächtigen Birnbäume, die der
alte Bichlervater, Gott hab ihn selig, bei seiner Hochzeit gepflanzt hatte.
    Leut kamen und gingen, beschauten und bejammerten das Unglück; und die
Knecht und Mägd, die Kostbuben und Freund des Weidhofs standen herum und
stierten trübselig ins Leere.
    Der Pfarrer war schon in der Nacht zum Brandplatz gekommen, hatte mit lauter
Stimme allen die Generalabsolution erteilt und für meine lieben toten Zieheltern
auf den Knien das De profundis gebetet. Hatte auch Befehl gegeben, dass man die
Kirch gut in Acht nahm und die Funken, so auf ihr Dach flogen, sogleich
verlöschte, und, nachdem die Brunst vorüber, meine Kostmutter in den Pfarrhof
tragen und dorten aufbahren lassen.
    Nun es ganz hell wurd, kamen auch die jungen Ehleut wieder auf den Platz.
Waren halt doch heimgegangen in der Nacht, da sie sahen, dass nichts mehr zu
retten war.
    Hatten ja ohnedies keine glückhafte Brautnacht mehr gehabt und gewisslich
auch keine Freud an dem Narrenzeug, das ihnen am Hochzeitstag von den Freunden
in der Schlafkammer aufgericht worden war nach altem Brauch und Herkommen.
    Indes hatte man begonnen, meines Ziehvaters Leichnam zu suchen und aus den
Trümmern zu schaffen. Wurd also viel Wasser auf die heissen, dampfenden Überrest
gegossen und darnach mit vieler Müh das Mauerwerk beiseit gehoben, bis man
endlich auf den steinernen Futterbarren stiess.
    Immer mehr Leut hatten sich währenddessen zusammengefunden; immer lauter und
lärmender ging es zu. Jeder Stein, der gehoben wurde, jeder Spatenstich wurd
beredet und durch die Reihen fortberichtet.
    Da scholl es zu uns herüber: »Ach Gott! der Weidhofer! Und so zugrund
gricht!«
    Ein Jammern und Klagen ging durch die Menge, und auch wir standen auf und
seufzten und konnten uns vor Leid kaum fassen.
    Etliche brachten eine Leiter - ein Tuch; man legte den verbrannten und
verstümmelten Leichnam darauf und gedacht, ihn nach dem Kirchhof zu tragen.
    Da kam ein Hauf von Kindern die Gasse dahergestürmt, laut rufend und
schreiend: »Sie haben ihn! - Man bringt ihn! - Den Ambros haben s'!«
    Ja, sie brachten ihn. Inmitten zweier Schürgen oder Landjäger kam er daher,
schlotternd und wankend, von den Kindern mit Steinen beworfen, von den Männern
und Weibern verwunschen und verflucht.
    Vor der Brandstatt hielten sie an; der Tote ward vor den Schelmen
hingetragen, und der wurde gefragt im Namen Gottes und im Angesicht des Toten
und der Feuerstatt: ob er sich schuldig bekennen wollt!
    Und er stand da mit grauem Gesicht und verhetztem Blick, konnte kaum das
Wort aus dem Maul bringen vor Zähnklappern und sagte dennoch: »Nein, nein!«
    Da brach ich mir einen Weg durch die Menge; stand bebend vor ihn hin und
schrie: »Beim dreieinigen Herrgott, er hat's tan! - Ich hab ihn sehen
davonschleichen! - Hund! Du hast's tan!«
    Ich konnt nimmer. Es wurde mir todübel und ich musst mich einhalten.
    Doch schreckenvoll war die Wirkung meiner Worte: der Teufel - kaum dass er
mich ersehen und meine Red vernommen, begann er gottslästerlich auf mich zu
fluchen, gestand unter wildem Rasen die Tat und schäumte vor Wut, dass er mich
immer noch lebend sah.
    In diesem Augenblick aber stürzten sich die Bauern auf ihn; - vergebens
wollten ihm die Schürgen Deckung geben, - sie wurden gleich mir aus dem Knäuel
gerissen und der Schelm darnach grausam ums Leben gebracht durch Steinwürfe,
Faustschläge und Messerstiche. Sein Heulen hallte grausig durch das Dorf, und
sein Blut floss wohl aus hundert Wunden, bis er endlich tot hinfiel.
    Hatten ihm also Gerechtigkeit widerfahren lassen; ich aber kann mein
Lebenlang nimmer froh werden, dass ich solches mit meiner Red verschuldet,
obgleich man mich im Ort derhalben gross belobt hatte.
    Da nun die Bauern den Messmer aufgebahrt, den Frevel genug beschaut und auch
gesühnt hatten mit harter Feme, gingen sie wieder heim und die Weiber und Kinder
mit ihnen.
    Die Schürgen aber nahmen den Leichnam des Gerichteten und trugen ihn auf den
Schindanger, wo sie ihn verscharrten.
    Mein Ziehbruder, der Fritz, und ich begaben uns darnach zur jungen
Häuslerin, der Nandl, und fanden dort auch die andern Kostbuben des Weidhofs;
denn es wusst keiner, was er nun sollt anfangen oder ausrichten. Die älteren, der
Hausl und der Hans, hatten zu ihrem guten Glück noch etliche Gulden Zehrgeld und
gaben der Nandl willig davon, dass sie ihnen ein Essends gab und ein Lager; wir
beide aber waren ohne jeden Kreuzer und mussten zuschauen, was nun würd mit uns.
    Da war es denn gar traurig, dass die junge Hausfrau, ehedem meine seelensgute
Schwaigerin, mit uns gar leidig tat und sagte, dass sie nicht kunnt jeden
Bettelbuben herfüttern; wer was wollt, müss' allentalben zahlen.
    Also dass wir uns wieder davonmachten und zu fremden Bauern gingen, da wir
dann um Gottswillen etliche Tag bleiben konnten, bis unsere liebsten Zieheltern
zur Erden gegraben waren mit grossem Gepräng und starkem Zulauf. Muss nun leider
gedenken einer gar betrüblichen Zeit, da sich das Sprichwort an mir zum Wahrwort
machte:
    Freund in der Not gehn hundert auf ein Lot.
 
                                 Um zwei Gulden
Da nun die Toten in Frieden ruhten, auch der Brandplatz gesäubert war, erscholl
eines Tags schon früh am Morgen die Glocke des Gemeindeschreibers durch die
Gassen, und der Aktenlippel rief in die Häuser: »Heut wird ausgeboten der Grund
und Besitz des Weidhofs! Wer was schuldet, und wer was zu fordern hat, ist
hiemit kommandiert, auf die Burgermeisterei zu kommen!«
    Eija! Wie ward da mancher vordem Gerechte zum Spitzbuben!
    Hatte keiner was zu zahlen, war keiner was schuldig, da doch mein guter
Ziehvater vordem als der best und christlichst Geldgeber und Wohltäter gepriesen
ward!
    Da standen droben beim Klinglwirt etliche Küh im Stall, die er in der
Brandnacht gar barmherzig aufgenommen hatte und gesagt: »Ach, des armen
Weidhofers Küh!«
    Nun aber der Tag gekommen, da er sie billigerweis hätt herausgeben müssen,
waren es bei Ehr und Seligkeit seine eigenen!
    Wie wars doch mit der Schwaigerin, der Nandl!
    Hatte sie nicht einen ganzen Hausrat aus dem Weidhof im Kuchelwagen
fortgefahren als eine Leihgab?
    
    Ei was! Da stand der Pauli und beschwor, dass alles ein Geschenk der Toten
gewesen wär, so wahr Gott lebte!
    Ach, da kamen die Knecht und Mägd und hatten ein jedes zu fordern seinen
Lohn und noch ein etlichs hundert Gulden aufgehebtes Geld!
    Hatten 's alle angelegt gehabt im Weidhof, da doch keiner hätt mehr zu
kriegen gehabt, denn seine zwanzig bis dreissig Gulden Jahrgeld und sein härwenes
Hemd dazu!
    O, der Schmach und Schand! Da kam der reiche Lackenschuster und verlangte
Buss für die fünfhundert Gulden Heiratsgut seiner Ehefrau, der Katrein!
Verlangte Buss für die fünfhundert Gulden vom Verkauf des Waldhauses! Forderte
hundert Gulden Buss für das verbrunnene Sach seiner ehelichen Hausfrau!
    Ach, indes ich dabeigestanden war, drei Tag vor seiner Heirat, da ihm mein
Vater, der Weidhofer, die blanken Gulden auf den Tisch gezählt und alles Glück
gewunschen hatte!
    Wohl hätt ich können mein Maul auftun und solches offenbaren; allein, wer
wollt denn auf einen Spatzen hören! Pfeifen ihrer viel von den Dächern und merkt
niemand drauf!
    Schwieg also still und wartete, bis alle ihre Wünsch und Gerechtsamen dem
Aktenlippel in die Feder diktiert; alsdann trat auch ich vor und bat um meinen
Jahrlohn: sieben Gulden und dreissig Kreuzer als Viehbub.
    Fuhr mich aber der Lippel rauh an und sagte, solch lumpiger paar Gräten
wegen kunnt er nicht noch einen neuen Bogen schöns Papier verschmieren; sollt
warten, was überblieb, das könnt ich alsdann unangefochten mein eigen nennen.
    Also ward alles aufgeschrieben, der Grund und Besitz zerteilt und jedem sein
Sach gegeben nach Mass der Forderung. Da erhielt der einen Acker, der ander zwee
Wiesen; der dritt den Hausgrund samt dem Anger und der viert ein Kleefeld. Der
Lackenschuster aber nahm das Waldhaus, die Alm und die vier Rösser. Ein jeder
bekam sein Sach, weil alles wohl aufgeschrieben war; da aber die Reih an mich
kommen sollt, war nichts mehr, das sie mir hätten geben können, wie denn auch
die andern Kostbuben ein jeder nur eine oder zwei Hennen erhielten als Lohnung
und Erb.
    Nach solcher Teilung ward wieder mit der Glocke geläutet: Gute Leut sollten
sich melden, die einen von uns Waislbuben um Gottswillen aufnehmen wollten.
    Aber da war niemand, der sich erboten hätte, und so sollten wir, altem
Herkommen gemäss, am Tag darauf als Gemeindelümmel versteigert werden.
    In der Gemeindestuben wurde noch ein jeder ausstaffiert mit einem rupfernen
Hemd, ein Paar Holzschuhen und einem Tüchlein, darein diese Hab gebunden war.
Nach diesem sollten wir uns auf dem Marktplatz einfinden, um öffentlich
ausgeboten zu werden.
    Da waren unser aber bloss noch zwei; - die andern hatten sich fein bedankt
für die Gab und waren darnach eilends aus Sonnenreut entwichen, darüber bei den
Bauern ein grosses Gelächter, beim Aktenlippel aber wilder Zorn ausbrach.
    Wurde also erst der Fritz ausgeboten: »Ein grosss, handlichs Bürschl ist zu
verdingen um den Jahrlohn von fünf Gulden und einem Hemd!«
    Niemand wollte bieten.
    »Um vier Gulden und ein Hemd!« schrie der Lippel wieder; »wer bietet vier
Gulden?«
    Keiner bot, und dem Fritz liefs blutrot über die Wangen, während ich bei mir
dachte: »Lieber Himmel! Wenn sie schon für den baumlangen Burschen nicht vier
Gulden wollen bieten - was wird dann wohl mit mir armseligem Häuflein Elend
geschehen!«
    Da schrie der Lippel voll Gift und Gall: »Geh, schaamts enk do, Manna! Habts
denn gar koa Erbarmnis mit dem Bürschl? Mag 'n denn wirkli koana?«
    »Zum Hausanzünden!« sagte da ein alter Bauer, schüttelte abwehrend beide
Hände und ging weiter.
    Der Fritz aber hatte kaum das Wort vernommen, als er auch schon dem Lippel
sein Päcklein vor die Füsse warf und ohne ein Wort aus dem Kreis ging. Niemand
hielt ihn auf, niemand sagte eine Silb des Schimpfs oder Unwillens, und auch der
Gemeindeschreiber fand keine Red des Zorns.
    Mir aber schnürte es den Hals zu, als ich dieses sah und hörte; wollt auch
gern dem andern folgen, wenn mich nur meine Füss hätten tragen mögen.
    So aber war ich keiner Bewegung mächtig und musst es also leiden, dass mich
der Lippel um das Gebot von drei Gulden und einem rupfernen Hemd ausrief.
    Alle lachten, und etliche Bauern sagten: »Viel Geld für so ein hoalos
Krischperl! Is ja zu nix z' brauchen als zum Fressen und Schlafen!«
    »Um zwee Gulden fuchzg Kreuzer!« schrie der Lippel dazwischen. »Is niemand
da, der das Büabl nimmt! - Kann Vieh hüten, s Kindsmensch machen, d' Floign
ertöten ...«
    Wieder lachte die Menge, während ich meine Seligkeit hätt hingeben mögen um
ein Mausloch, mich drein zu verkriechen. Hätt mich willig vom Teufel holen
lassen, wenn er mich nur in dem Augenblick hätt wegführen wollen.
    »Also, Manna, was is's?« fragte der Schreiber noch einmal; »mag 'n neamd um
dös Geld?«
    Da trat der Lackenschuster vor: »I nimm 'n auf d' Alm um zwee Gulden dreissg
Kreuzer. Gibst mir 'n um dös, nachher nimm i 'n glei mit.«
    Da gab mich der Lippel hin, nahm die dreissig Kreuzer als Drangeld in
Verwahrung und schlug mit einem hölzernen Hammer auf sein Tischl: »Also nimmt 'n
der Lackenschuster, was ihm Gott gsegnen mag!«
    Wandte sich darnach an mich und fuhr mich an: »Dass d' eahm dankbarli bist
und koa Schand machst, deinem Bauern! - Verstanden!«
    Worauf mich der Lackenschuster an der Achsel fasste und sagte: »So, geh nur
jetzt! Arbat gibts grad gnua für di!«
    Und schob mich also aus dem Haufen, indes die Bauern sagten: »Is a guata Mo,
der Anderl, a christlicher Mo.«
    Mög mir's vergönnt sein, stillzuschweigen über meine Pein, da ich meiner
liebsten Katrein musst unter die Augen gehn als ein armseliger Gemeindelümmel;
auch fortan ihr Knecht heissen sollt, - ja, nicht einmal ihr Knecht, - gar bloss
ihr Kühbub!
    Und sollt von nun ab diesem Schinder angehören, der gefürcht war bei allem
Dienstvolk im ganzen Umkreis wegen seines gachen Zorns.
    Nun war die junge Hausfrau freilich gar gut und gnädig zu mir und setzte
mich auch nicht gleich zu dem Gesind, um mir Gespött zu ersparen, darum, dass ich
erst noch ein stolzer Brautführer und Jungherr gewesen bei ihr, und nun der
mindest Dienstbub.
    Doch wusst ich ihr keinen Dank dafür und brachte den Tag in trübem Schweigen
hin.
    Und da die Nacht kam und ich im Stall auf einem harten Strohsack mein
armseligs Dasein überdacht, da kams mir in den Sinn, dass es besser wär, wenn ich
gleich meinen Kostbrüdern die Schuh nach auswärts stellt.
    Stand also mitten in der Nacht ganz leise auf, nahm mein Gemeindebündel und
machte mich durch den Stall davon.
    Lief also immer fort, ohne mich zu besinnen, wohin ich mich wenden sollt,
und stand endlich bei Tagesanbruch vor einem dichtbewaldeten Berg, den die Leut
den wilden Rohnberg heissen.
    Da stieg ich denn hinauf, soweit ich konnte; musst aber alle Augenblick
verschnaufen und mich ausrasten. Und da ich endlich eine halbverfallene
Streuhütte fand, kroch ich hinein und schlief darin den ganzen Tag bis zum
Abend.
    Stand darnach eilends auf und suchte nach einem Weg, auf dem ich wieder
weiter wandern kunnt; fand auch schliesslich einen Pfad, der mich leichtlich um
den Berg führte und auf eine Landstrasse.
    Derweilen hatte mich aber ein grosser Hunger ergriffen, und ich lief, so
rasch ich konnte, dahin, um bald in einen Ort zu kommen, da man mir möcht etwas
geben; gelangt auch endlich zu einem breiten Bach, einer Brucken und einer Mühl
dabei.
    Setzte mich also auf einen alten Mahlstein neben dem Haus und wartete
sehnsüchtig auf den hellen Tag, da ich alsdann vor die Haustür trat und um ein
Stücklein Brot bat, worauf mich die Müllerin eintreten hiess und mit einer guten
Brennsuppen und einem Keil Brot speiste, nach meinem Woher und Woaus fragte und,
nachdem ich ihr geantwortet: auf die Wanderschaft, mich mit einer wohlgefüllten
Schnapsflasch und einem Säcklein Brot versorgte und mir gute Wanderschaft
wünschte.
    Ich dankte ihr mit frohem Herzen und machte mich darnach wieder auf den Weg,
der mich in ein neues Leben und in die weite Welt hineinführen sollt.
 
                                Der Bildlmacher
Fand mich also der zwanzigst Oktober des Jahres eintausendachtundertzwei, der
Tag vor dem Kirchweihfest, auf der Landstrasse, die über Trach und Stauden nach
Geitau führt.
    Rings um mich erhoben sich die Berg, und drüberhalb dem Wasser, was die
Leizach gewesen, stand der Wendelstein, der Birkenstein und Fischbachau.
    Besann mich eine Weil, ob ich noch einmal sollt hinaufsteigen und unserer
lieben Frau mit dem Kindl einen Grüss Gott sagen; doch dacht ich, dass sie es mir
gewisslich nicht weiter nachtragt, wenn ich, ohne solches zu vollbringen, auf
meinem Weg weiterlief.
    Also trabte ich weiter und sagte dabei laut für mich hin:
»Sei gegrüsst am Gnadentron
Muetter Gottes hochgeehrt!
Vor dir und deinem liebsten Sohn
Lieg ich flehend ob der Erd.
Hör mein Seufzen und mein Bitt:
Muetter, ach verlass mich nit!
Sieh, in dieser Not ich stecke,
Schrei um Hilf mit ach und weh,
Zu dir meine Händ aufrecke:
Muetter Gottes, mir beisteh!
Dein göttlichs Kindl für mich bitt,
Muetter, ach verlass mich nit!«
Gedacht auch dabei der seligen Weidhoferin, meiner liebsten Ziehmutter, die mir
dies Gebet einstmals angelernt und gar oft vorgebetet hatte; und es dünkte mich
gar schwer, zu bedenken, dass ich sie nun samt dem Ziehvater in Ewigkeit nimmer
sollt wiedersehen. Denn was die Menschen von der Auferstehung des Fleisches
sagten, schien mir so furchtbarlich, dass ichs nicht glauben konnt oder wollt.
    Wurd auch wieder an das schreckliche End des langen Ambros gemahnt und ging
also in trüben Gedanken meinen Weg dahin, immer dem Lauf des Wassers entgegen,
vorbei an einschichtigen Bauernhöfen und Mühlen; ass auch von meinem Brot und kam
endlich gegen Mittag, da man gerad zum Essen läutete, nach Geitau.
    Daselbst lud ich mich bei einem guten Bauern zu Tisch, liess es mir auch
gefallen, dass man mir die Taschen mit Kirchweihkräpflein vollstopfte, bedankt
mich wohl und ging darnach wieder weiter in Gottesnamen, durch ein breites Tal,
immer dem Weg nach, der mich endlich zu einem gar schönen und lieblichen Ort
führte, daselbst es mich gelüstet, etliche Zeit zu verweilen.
    War schon herzlich müd und abgeschlagen und wusch mir zum allerersten in dem
klaren Bach die Füss, das Gesicht und die Händ, auch meine weissen Feststrümpf,
die ich als einzigs Paar seit der traurigen Hochzeitsnacht bei mir trug. In
solcher Arbeit fand mich ein alts, bärtigs Männlein, das ein wunderlichs,
hölzerns Gestell in der einen Hand hielt und ein gemalts Bild in der andern,
darauf das Tal und die Berg, darin ich mich befand, samt dem Dörflein
Bayrischzell getreulich abkonterfeit und dargestellt waren.
    »Ei tausad tausad!« rief der Alt; »musst wohl deine Kirtastrümpf no gschwinds
waschen, ehvorst auf 'n Tanzboden gehst damit!«
    Verlegen sah ich mich um und sagte: »Grüss Good.«
    »Ja, grüass di Good aa«, erwiderte er lächelnd; »ghörst du auf Boarischzell?«
    »Nein«, sagte ich; »i bin drüberhalb die Berg her. Bin auf der
Wanderschaft.«
    »Ei tausad tausad!« rief da das Männlein wieder aus; »no so kloa und
haderig, und scho auf d' Wanderschaft gehn! - Wie nur grad a Vata so epps
zuagebn kann!«
    Da sagt ich ihm, dass ich ja keinen mehr hätt, dass ich überhaupts niemand
hätt und halt schauen müsst, wie ich fortkäm in der Welt. Erzählte ihm also
alles, was ich leichtlich sagen konnte, ohne was Geheims bekennen zu müssen;
dabei aber doch dem guten Alten die Augen übergingen. Hatte gar ein herzlichs
Mitleiden mit mir und sagte zu guter Letzt: »Wirst wohl kaum schon ein Orts zum
Schlafen fürgsprochen haben, denk ich; kannst also mit mir gehen, wenn d' magst.
Hab schon eine Schaw Stroh zum Drauflegen und ein Haferl zum Einbrocken; ein
Löffel zum Ausessen wird sich nachher schon noch finden!«
    »Den kann i mir ja selber schneiden!« rief ich voller Freuden; »und wann 's
Ös aa no a paar brauchts, nachher schneid i Enk gern aa no a paar! Und ein
Rahmerl um dös Bildl da!«
    Ging also mit fröhlichem Herzen mit und dachte, dass ich schon weiterfinden
würd mit der Hilf Gottes; nahm dem Alten sein Gestell ab und trugs ihm nach, bis
er abseits vom Ort an eine gar wunderliche Hütten kam und mich hineinführte als
seinen Gast.
    Machte wohl grosse Augen, da ich über die Schwelle dieses Häusleins trat! Es
hatte mir zwar schon von aussen gar seltsam gedeucht mit seinem niedern
Strohdach, darauf allerhand alte Gewandstücke, ein zierlichs, eiserns
Gartengitter und ein rostigs Wirtausschild lagen; doch kann ichs kaum
beschreiben, wie mir wurd, als ich mich plötzlich, statt im Hausflöz, in einem
winzigen Stall befand, darin drei weisse Geissen lagen und dem Alten sogleich
zumeckerten.
    Indem ich aber noch gaffte und staunt, öffnete der alt Vater eine niedere,
mit einer Landschaft bemalte Tür und sagte:
    »Tritt eina in mei Klausn, Büabl, und sei gern da!«
    Folgte ihm also und trat ein in ein wundersams Stüblein, darinnen alle Wänd
mit Bildern behangen, die Fensterscheiben mit Tierköpfen bemalt und die Gesimse
mit allerhand Farbtöpfen vollgestellt waren.
    In einer Ecke stand ein grüner Sesselofen, dessen Rohr gleich durch die
Mauer ins Freie ging; daneben war eine Bank und davor ein wurmstichiger Tisch,
auf dem ein hölzerner Teller mit Käs, ein Schmalzhäflein, etliche Pinsel und
Farbtiegel sowie ein angeschnittener Brotlaib lagen und standen.
    In einem Kasten, dessen ausgehängte Tür, mit dem Bild unserer lieben Frau
vom Birkenstein bemalt, über einer kleinen Anricht hing, waren etliche
altmodische Gewänder aufgehängt, und in einem Fach desselben lagen ein paar
Wäschestück, ein dickes Buch und eine Flasche, darin das Leiden Christi in
seinen Werkzeugen bildlich dargestellt und geheimnisvoll verschlossen war.
    Inmitten der Stube aber stand eine Hühnerleiter, die zu einem hölzernen
Verschlag emporführte, daraus lautes Gackern und Girren scholl, und eine Luke
unter der Ofenbank stand als Ein- und Ausgang für die Hennen offen.
    Über dem Ofen hingen an einer Stange etliche Tücher oder Hadern, eine
eiserne und eine kupferne Pfanne und die Sichel.
    Mein Maul stand noch offen vor Verwunderung, als der Alte abermals eine Tür
aufsperrte und mir das Schlafgemach wies, darin ein Strohsack auf dem Boden lag
mit einem Kissen und einer rauhen Decke. Eine alte Truhe und ein irdener
Wasserkrug standen neben dieser Lagerstatt, und zwei Weidlinge voll Milch waren
am Fensterbrett aufgesetzt.
    Auch hier hingen vielerlei Bilder an den Wänden, die alle die Gegend
vorstellten: bald im Sommer, bald im Winter, bald bei blauem Himmel, bald mit
schwarzen Wetterwolken oder leuchtendem Abendrot. Manchmal tummelte sich auch
eine Viehherde auf dem Bild, und ein Bauer kniete mit gefalteten Händen dabei,
während in den Wolken die Jungfrau mit dem Kind tronte; oder eine Familie mit
sieben, acht und noch mehr Kindern lag inmitten der Landschaft, dem Geschlecht
und Alter nach ordentlich in zwei Reihen geschlichtet, auf den Knien und blickte
andächtig gen Himmel, wo die Birkensteiner Mutter Gottes in einem leuchtend
gelben Strahlenkranz schwebte.
    Mochten wohl leichtlich an die fünfzig Bildertafeln herumhängen in dieser
Kammer; lagen auch auf dem Boden noch etliche Stöss in jeglicher Art und Grösse.
Hinten in der Ecke aber war ein grosser Haufen Heu aufgeschichtet als
Winterfutter für die Geissen; ein Sack mit Mehl und eine Kiste mit Kleie standen
daneben samt einem Körblein voll Eier. »Jetzt musst d' dir halt eine Gruben ins
Heu machen als Liegerstatt«, meinte der alt Vater, als ich lang genug alles
beschaut und betrachtet hatte; »ich gib dir dann auch noch ein Leilachen dazu
und mein Schafpelz als Zudeck, dass di nit friert. - Und jetz wolln mir nachher
einmal z'allererst epps zu der Nacht essen!«
    Nahm also einen Weidling Milch und trug ihn hinaus in die Stube, holte
Reisig und machte ein lustigs Feuer in den Ofen, darauf er dann die kupferne
Pfann mit der Milch stellte; darnach ging er hinaus hinter die Hütte, wo ein
kleiner Röhrlbrunnen stand, holte in einem Schäfflein Wasser und schöpfte die
eiserne Pfann damit voll. »So, das gibt unser Kaffeesupperl«, sagte er; »jetz
muss i no gschwinds meine Goassln und 'n Hennan dös eahna gebn, nachher koch ma
unsern Kaffee, und nach 'n Essen muss i melchan.«
    Mir war gar wohl bei diesem Mann; und da er mir nun seine Arbeit so
hersagte, dachte ich; kannst ihm doch leichtlich was abnehmen!
    Half ihm also beim Streubreiten und beim Füttern, nahm ihm auch gleich das
Melken ab, dabei sich die Geissen so still hielten, als hätt ich sie schon ihr
Lebtag immer gemolken.
    Der Alte lachte still und zufrieden und gab mir noch allerhand Befehle und
Weisungen, doch nicht wie ein Bauer, vielmehr wie ein guter Vater.
    Ich musst also aus einem Schränklein, das in die Wand gemauert war und ein
Bild mit dem Bergglühen als Türl hatte, zwei irdene Schüsseln langen und mir
einen Löffel schneiden, was aber derweilen lang geschehen war, bis der Vater ein
Häuflein gebrannte Eicheln und Zichorienwurz zwischen zwei flachen Steinen
gemahlen und die Kaffeesuppe davon gekocht hatte.
    Drauf musste ich von einem Zuckerhut etliche Brocken abklopfen und in
Stücklein zwicken, indes der Vater eine Latern aus der Anricht holte, ein
Stümplein Licht hineinsteckte und am Herdfeuer anbrannte.
    Nun zog ich meine Kirchweihkräpflein aus den Taschen und teilte sie mit dem
Hausvater in Redlichkeit.
    Setzten uns also zum Tisch und assen mit ruhigem Herzen. Hat mir gar wohl
geschmeckt in dieser Hütten; gewisslich besser, wie dem grossen Napoleon seine
köstlichsten Mahlzeiten!
    Der Alte hatte ein grosses Wohlgefallen an mir gefunden und meinte darnach,
da wir in der Schlafkammer auf unserer Strohschütt lagen: »Jetzand wirst mi aber
do nit schon wieder bald verlassen wollen! - Hab schon lang Weillang ghabt nach
so 'm Schlafkameraden, wie du bist! - Grad alloa sein und sein Lebtag alloa sein
is aa nix. A bissl a Freundschaft tut halt do not auf der Welt!«
    Und so musst ich ihm also versprechen, dass ich etliche Zeit bei ihm bleiben
wolle. Tat es auch gern und willig, zumal mir das Leben in diesem geruhigen
Häuslein bei dem wunderlichen alten Vater wohl gefiel. Der mochte leichtlich
seine sechzig Jahr am Rucken haben und war klein und hager, schlohweiss an Haar
und Bart und hatte das wetterbraune Gesicht voller Falten und Fältlein, die,
wenn er lachte, gar lustig und freundlich aussahen. Zwinkerte schalkhaft mit
seinen hellen Augen, wenn er was fragte oder erzählt', und konnt lachen, dass ihm
die Tränen kamen.
    Als der jüngste von vierzehn Geschwistern war er im Tirolerland geboren;
sein Vater war ein Kraxenkrämer gewesen, der mit der Kirm am Buckel landaus,
landein zog und den Leuten um etlich Kreuzer allerhand verkaufte: Wunderbalsam,
Klufen und Nadeln, Bänder und Litzen, Haarpfeile und Pudelhauben, silberne
Fingerringlein und goldene Hutschnüre. Seine Mutter war ein Kräutlweib und
brachte die Zeit, da ihr Ehemann auf der Wanderung war, mit dem Ansetzen von
Schnäpsen, Sammeln von Kräutern und Wurzeln hin und gebar dazwischen ihre Kinder
zur Welt und erzog sie in der Notdurft und Armseligkeit ihrer Umständ, bis ein
jedes selber für sich sorgen konnte.
    Kam der Vater von seinen Reisen heim, so brachte er meist jedem was mit aus
den fremden Orten und von den Jahrmärkten, oder er wusste irgendein glückhaftes
Schanzlein, eine gute Dienststell oder einen Lehrplatz für seine Kinder. Wurde
also gemach eins ums ander hinausgeschickt in die Fremd, sein Brot zu suchen,
dabei ihnen dann der alt Beham, ihr Vater, noch viel gute Reden und ein kleins
Lederbeutlein mit zwölf Kreuzern als Aussteuer mit auf den Weg gab.
    Und da nun alle längst dahin und im Land zerstreut waren und nur noch er,
als der Nestocker, der Jüngst, vom Tisch der Eltern ass, so kam endlich auch an
ihn die Reih und sagte der alt Vater zu ihm: »Tomas, jetz werds Zeit, dass du
auch ein wengl in der Welt umaschaugst; bist eh schon ein Mordshannacken her und
frisst für zwee!«
    Schnürte ihm also sein Ränzl, gab ihm als dem Kleinsten seinen väterlichen
Segen mit einem Weichbrunn und dafür bloss zehn Kreuzer zur Aussteuer.
    Die Mutter aber legte sich auf ihre Lagerstatt, ward krank und serbend und
brauchte kurze Weil darnach den Totengraber und drei Schäuflein Erde für die
ewig Ruh.
    Das war also die Geschicht des alten Tomas Beham, meines gütigen
Hausvaters. Ein mehreres war nicht aus ihm zu bringen, und er sagte bloss immer:
»Ja ja. Und nachher bin i halt fort und habs probiert, hab dies gelernt und
jenes, dies erlebt und jenes, - und bin z' guter Letzt vor vielen Jahren da in
den Ort und zu der Hütten kommen, wo frühers ein alts Korbflechterweib ganz
mutterseelenalleinig ghaust hat. Da hab i nachher ein Hoamatl gfunden - und no
was: die schöne Kunst, wie man d' Welt auf an Wischhadern, auf ein Krautbrettl
und auf an Hafndeckl hinzaubern kann mit so ein paar Farbhaferln und etliche
Goasspemsel.«
    Und er war ein gar fleissiger Maler; Tag für Tag ging er hinaus und stellte
sich bald hierhin, bald dortin, eifrig betrachtend, zeichnend und malend.
    Und zu allen diesen Bildern begann ich nun breite und schmale Rahmen zu
schneiden und zu schnitzeln, sie mit allerhand Schnörkeln zu verzieren und Rosen
in ihre Ecken zu setzen, wie ich es an den Bildertafeln der Kirche zu
Sonnenreut gesehen hatte.
    Von Zeit zu Zeit aber wurden die fertigen und gerahmten Tafeln in eine hohe
Kirm gepackt; der alte Tomas holte seinen Knotenstock aus der Ecke, setzte
einen hohen, spitzigen Hut auf und ging auf die Märkt: bald nach Schliersee oder
Miesbach, bald nach Tegernsee oder Tölz, indes ich daheim die Hütte mit den
Tieren versorgte und auf das Tägliche acht hatte, bis der Vater nach etlichen
Tagen wieder zurückkam und mir ein kleins Angebind auf den Tisch legte.
    Doch hätt sich solch ein Reisen wohl nicht ausgetragen und gelohnt, wenn der
Vater Tomas nicht schon längst als Exvotomacher einen guten Namen und eine
gewisse Kundschaft gehabt hätte. So aber bracht er zu allen Zeiten reichlich
Verdingungen heim aus der ganzen Gegend.
    Da brauchte die Reiserin von Miesbach eine grosse Tafel; sollt auf den
Birkenstein zu unsrer lieben Frau kommen, musst eine Kindlstuben als Bild haben
und drunter die Inschrift:
    »Anno 1802 den heiligen Christtag hat Creszentia Reiserin zu Miesbach dies
Bild hierher bringen lassen als eine Dankgab unserer lieben Frauen für Hilf in
schweren Kindsnöten.«
    Hatte dem Alten einen Silbergulden dafür gezahlt und ein Häflein mit Honig
dazu für seinen kelzenden Husten.
    Der Angerer von Hausham brauchte auch ein Taferl, darauf er selber
abkonterfeit sein sollte, liegend unter dem Leiterwagen; und sollt ein starks
Gewitter sein und die Rosse sich gar wild aufbäumen, drüber die heilig Jungfrau
und drunter eine Danksagung zu finden.
    Gab dafür einen halben Gulden und einen Ranken geselchts Fleisch von der
Christtagsau.
    Also kamen unsere Bildertafeln überall hin: nach Altenötting, auf den
heiligen Berg zu Andechs, zu unserer lieben Frau vom Birkenstein, ins Mariazell
und auf Herrgottsruh; und es zeigte ein jeds Stuck ein anders Leid und Gebrest,
Unglück oder Anliegen.
    Standen auch allerhand Sprüch und Danksagungen drunter, die das Unglück
meldeten und auch die wunderbare Hilf; und es hat sie alle der gut Vater Tomas
selber ausgedacht und draufgemalt auf die Tafeln.
    Hab mir ein etlichs paar davon in meinem Gedächtnis aufgeschrieben und kann
nicht umhin, sie hierherzusetzen und mich noch einmal daran zu ergötzen und zu
erbauen:
Anno 1803 im Maien ist
Eine grosse Plag im Land gewesen,
Da ham die Mäus das ganz
Gedraid z'sammgfressen,
Ham's abgebutzet auf dem Feld,
Als wär es abgemaht;
In solcher Drangsal uns
Die Muetter Gottes gholfen hat,
Dass unser Feld und Acker
Unversehret blieb,
Indem sie solche Mäus
Ins Schwabenland hintrieb.
Bei uns ist widrum Ruh,
Indes man z' Augsburg klagt,
Maria für dein Hilf
Sei Dank gesagt!
Diese Tafel wurde gestiftet von den Bauern zu Länggries in die Wallfahrtskirch
zu Andechs und wurde dafür dem Vater die Summe von sieben Gulden als Lohnung
gegeben.
    Eine andere, unserer lieben Frauen zu Altenötting geweihte Exvototafel hiess
also:
»Sitzen alle daheimt im Haus,
Grad der Michl ist noch drausst,
Hat sein Sensen an Eichbaum glaihnt
Und ein Unglück nit vermeint,
Da kömmt ein Blitz und Dunnerklapf,
Der Michl stürzet mit grosser Klag.
Doch hat ihm die schwarz Muetter das Leben gschenkt
Deswegen ist allhier diese Tafel aufghenkt.«
Muss auch noch einer Tafel gedenken, die unserer lieben Gottsmutter zu Ebbs im
Tirol gestiftet wurde.
»Die Steinmüllerin zu Ebbs
Muss neunzehn Kinder gebärn,
Heilige Muetter Gottes hilf,
Dass sie alle selig wern!
Der Steinmüller hat 22 Frischling
Von einer Sau,
Sind all glücklich davonkommen
Mit Hilf unserer lieben Frau.«
Ein alts Weiblein aus dem Landl liess für die Mutter vom Birkenstein auch ein
Täflein machen, und es sollt dieser Dankspruch drunter kommen:
»Walburga Märzin verlobt sich mit offenen Füssen,
Maria hat geholfen - Gott sei gepriesen!«
Zahlte auch willig zwölf Kreuzer Lohnung für das Bild und wünschte noch tausend
Vergelts Gott als Dreingab.
    So brachte sich also der alt Beham Tomas mit seinem Handwerk gut durch und
sagte manchesmal zu mir: »Es is do schad um mi, dass i nit gheirat hab; i woass
wirkli nit, für wen dass i arbat. Kunnt oana leicht amal schön erbn von mir; aber
so - so muss i s' halt selber umbringen, meine Kreuzer! - Und du kannst mir dabei
helfen!«
    Weiss Gott, das hab ich auch getan und hab mirs gut gehen lassen bei dem
alten Tomas.
    Aber der Lauf dieser Welt bringt's halt mit sich, dass es der Mensch, wenn's
ihm gut geht, noch besser haben möcht, dass den Gaul gar bald der Haber sticht
und die Zufriedenheit alle Tag rarer wird und geringer.
    
    Und aus dieser Ursach geschah es auch, dass ich, eh ichs recht bedacht, jenem
Esel glich, der, wenn's ihm zu wohl wird, aufs Eis geht.
 
                              Das Tiroler Katerl
Mocht also ein guts Jahr bei dem Bildlmacher gewesen sein, als mir auf einmal
das Rahmerlschneiden und Geisslmelken nimmer gefiel; konnt auch die ewig
Fastenkost nicht mehr recht vertragen und bekam allerhand Beschwernis, wenn ich
bloss an die Geissmilch dachte.
    Wollt auch meinen Leib ein bissl besser sich ausgehen lassen; denn des Wegs
von der Hütte zum Wald oder nach Bayrischzell war ich gemach überdrüssig worden.
    Fasste mir also am End ein Herz und sagte dem alten Tomas, dass ich ein
G'lusten hätt, mir die Welt anzuschauen und was zu werden.
    Nun mochte mich der alt Vater wohl für einen Dummerl halten, der übernacht
allen Verstand verloren hatte; denn er schaute mich so erschrocken an und
schüttelte so ohne alle Fassung den Kopf, dass er mir ganz erbarmte. Dann aber
schrie er mich scharf an: »Nix da! - D' Welt sehgn! - Du brauchst no nit so viel
z'wissen von der Welt! - Wirst's wohl aushalten können bei mir!«
    War also für diesmal die Sach umsonst. Doch ich liess nicht mehr luck und
fing alle Tag von neuem damit an, dass ich halt einmal wieder hinaus möcht und
ein bissl wandern.
    Und zum End musst er doch nachgeben, der Alt. Versprach mir also, dass ich zur
nächsten Jahrmarktreis mittappen dürft auf Kufstein zum Lichtmessmarkt. Sollt
aber zuvor noch auf Bayrischzell hineingehen zum alten Tiroler Katerl und sie
bitten, dass sie dem Bildltomas wieder möcht das Haus versorgen, bis er
zurückkäm, wie sie es sonsten immer getan hatte, ehedem ich zu ihm gekommen war.
    Froh dieser Botschaft machte ich mich also etwan ein Woch vor Lichtmess auf
den Weg, das alte Weiblein heimzusuchen.
    Sie hatte ein armseligs Logis im Häusl der Totenpackerin von Bayrischzell,
dafür sie dieser die Kindswindeln wusch, den Geissenstall versorgt und etwan auch
bei dem einen oder dem andern Abgeschiedenen die Totenwacht hielt, wenn die
Packerin nicht der Weil hatte dazu.
    Ihr winzigs Kammerloch, das man ihr zur ebenen Erd angewiesen hatte, lag
neben dem Stall und glich ehender einer alten Rumpelkammer denn einer
Altleutstuben. Ausser etlichen alten, wurmstichigen Hockern und Bänklein, einem
wackligen Tisch und einer niedern Truhe sah man nichts als Gerümpel,
zerbrochenes Geschirr und zerrissene Hadern in der Kammer. Im Eck aber stand
eine grossmächtige Himmelbettstatt, darin statt der flaumigen Federbetten ein
Haufen Haderlumpen und ein Geissenfell lag; auf dem Dach des Bettimmels standen
allerhand Schachteln, Körb und Gläser, ein zerbrochens Spinnrad und eine mit
verblichenen Bändern gezierte Strohkirm oder Kraxe, darin das Katerl in seinen
rüstigen Jahren allerlei nützliche und kostbarliche Dinge durch die Land
getragen und an gutwillige Bäuerinnen, deren Töchter und Ehhalten verkauft
hatte: Haarpomaden, schmeckende Seifen, allerhand Mixturen gegen Leberfleck und
Hexenmal, feine Fläschlein mit Wasser, das nach Rosmarin oder Lilien, nach
Purpurrosen oder Märzveigerlein roch; zierliche Kettlein an Hals und Mieder,
seidene Barben und steife Schmisettlein, und dazu viel kurzweilige Späss,
Neuigkeiten, Wundermären und sonst gefällige Reden und Weisen.
    Ihre Mutter, eine Marketenderin, welche als eine stattliche, handfeste Dirn
mit den Tirolern in alle Kämpfe zog, als es galt, dem österreichischen Kaiser
und Herrn Leopold seinem Sohn den Tronsessel und die Kron von Spanien zu
gewinnen, hatte als getreue Liebste eines Fahnenträgers ausgehalten an seiner
Seiten, magere Kost und elendigs Quartier mit ihm geteilt und ihm endlich, grad
als er, von einer Kugel zerschossen, im Sterben lag, das Katerl in den Arm
gelegt; hatte ihm nach seinem Abscheiden den kaiserlichen Rock ausgezogen und
das arm Wuzerl dareingewickelt, den kaiserlichen Fahn in die Hand genommen und
war als ein rechts und riegelsams Soldatenweib, das Kind gleich einem
Schleppsack auf den Buckel gehängt, den Mannern vorangezogen, bis auch sie, vom
Blei getroffen, liegen blieb und ihren Kaiserfahn samt dem zwei Jahr alten Kindl
den Tirolern überliess.
    Da ward also das armselig Maidlein bald von dem einen, bald von dem andern
Siechen oder Verwundeten eine Weil gewartet, bis sich endlich ein christlich
Weib im Schwabenland des vater- und mutterlosen Zwacks annahm und etliche Jahr
um Gottswillen dafür sorgte.
    Aber schon rührte sich auch in dem jungen Blut das unstete und wanderlustige
Wesen der Mutter; und da eines Tags ein Karrner durch das Nest gezogen kam und
auch im Haus der alten Pflegmutter vorsprach um Schmalz und Eier und sich in
liebreicher Weis mit dem kleinen Katerl unterhielt, da hing sich das Kind
plötzlich an seinen Hals und bettelte ihn, dass er es doch mitnähm auf seinem
Karren. Hörte auch nicht ehender auf zu bitten und betteln, bis es ihr der gut
Mann versprach.
    Gab sie also die Pflegmutter hin und band ihr ein Hemd, ein Röcklein und ein
Paar feuerrote Strümpf in ein Tuch, hing ihr ein Kräglein um mit einer Kapuzen
und setzte sie auf den Karren zu den Eierkörben und Schmalzhäfen.
    Da lachte das Maidlein und schrie hü hott! und fuhr dahin.
    Also wanderte der gut Karrner wohl etliche Jahr mit ihr durchs Schwabenland,
durch Bayern und bis gegen die Berge, da es dem nunmehr zehnjährigen Jungferlein
dann so wohl gefiel, dass es alle Lieb für den guten Karrner vergass.
    Verkroch sich also etliche Tag in Streuschupfen und Holzlegen, bis der
trostlose Alte endlich nach hartem Suchen ohne sie weiterfuhr.
    Da fand man sie halb verhungert und ganz ohnmächtig in einem Schupfen und
übergab sie der Gemeindemutter, die sie nach langem Sträuben endlich aufnahm und
eine kleine Zeit behielt, bis das Maidl wieder wohlauf war; alsdann verdingte
man den Balg, den fremden, zu einem Bauern als Gänsdirndl, dabei sich das Kind
eine Weil ganz wohl fühlte, bis wieder der Laufteufel über sie kam und sie eines
Tags mitten vom Gänshüten davonlief und sich weit ins Gebirge hineinwandte,
hungernd und bettelnd und doch munter singend.
    Wurde auch bald da, bald dort aufgehalten und zur Arbeit eingespannt, blieb
aber nirgends länger denn etliche Wochen und kam endlich bis ins Tirolerland, da
sie dann einen Kraxentrager fand, der sie mitnahm, erst als ein Pflegkind, bald
aber als sein Lieb und Gespons.
    Nun war das Katerl ein gar wilds und ungebändigts Ding, konnt nicht lesen
und nicht schreiben und hatte sein Lebtag keinen andern Unterricht gehabt, denn
jenen bei dem rauhen, alten Karrner und der guten Pflegmutter; welches Weistum
aber mit ein wenig Rechnen und ein paar frommen Bibelsprüchen sein Bewenden
hatte.
    Musst also dieser Gesell manchen alten Strauss mit der wilden Katz ausfechten
und grossen Fleiss brauchen, sie ein wenigs handlicher und manierlicher zu
schaffen für das Gewerb, dem er oblag.
    Bracht sie also dieser Kraxentrager nach vieler Müh am End dahin, dass sie
gleich ihm die Kirm auf den Buckel nahm und den Weibsleuten dies und jenes
aufschwatzte.
    Und da sie bald einen guten Begriff von solcher Handelschaft bekam, wusste
sie dies Geschäft schliesslich zu einem ganz einträglichen zu machen, gab den
Weibern allerhand Ratschläge in geheimen Anliegen und spielte nicht selten um
klingende Münz die Kupplerin und Vermittlerin in Ehe- und Liebessachen.
    Am End trennte sie sich von ihrem langjährigen Genossen und zog nun,
abenteuerlich gekleidet und herausgeputzt, mit ihrer Kirm durch die Berg, hatte
bald diesen, bald jenen Liebhaber, kam wohl auch zu den Schlössern reicher
Adliger, bei denen sie als ein fremds Wunder viel beschaut, als bildschöns und
kurzweiligs Frauenzimmer wohl auch daselbst etliche Zeit aufgehalten und gar
fein gewartet und bedient wurde.
    Zog endlich als Tiroler Katerl von Schloss zu Schloss, ging auch in Städte
und führte ein abenteuerlichs Leben, bis sie schliesslich in die Jahr kam, da aus
der Buhlerin gemeiniglich eine Beterin wird.
    Hatte sich im Lauf der Zeit ein schöns Häuflein Gulden erspart und fing also
an, dieselben wohl einzuteilen, dass sie, wie sie vermeinte, so ein zwanzig
Jährlein davon kunnt zehren, bis sie der Gvatter Sichelmann auf die
Totenschragen brächt. Zog also in das bayrische Zell und führte da ein
beschaulichs Leben.
    Nun aber war sie längst ihre hundert Jahr alt; die Gulden hatten sie alle
verlassen, und der Gvatter wollt immer noch keine Freundschaft mit ihr halten;
da suchte sie eine andere, schloss sich an die Totenpackerin von Bayrischzell an
und nahm bei dem bleichen, kinderreichen Weib, dessen Ehewirt ein Flickschneider
und Säufer war, das armselige Logis, in dem ich sie nun fand.
    Sie bot mir einen wackligen Hocker an und setzte sich auf das Bänklein neben
dem Himmelbett, wickelte den groben, hölzernen Rosenkranz, den sie grad in der
Hand hielt, um die Finger und begann, mich des langen und breiten um mein
Herkommen, meine Heimat, meine Eltern zu befragen, schwatzte viel über sich und
über den Bildltomas, den sie vor vielen Jahren schon kennen gelernt hatte, als
er noch ein gar sauberer Bursch gewesen war, und sagte zu guter Letzt, dass sie
gern und mit Freuden den Tag vor Lichtmess kommen wollt, worauf ich eilig
zurücklief und dem alten Vater diesen fröhlichen Bericht gab.
    Der verwunderte sich zwar immer noch über mein narrets Getue und sagte: »Dass
dir nur dein Gaul nit durchbrennt, wennst 'n gar so aufs Rennen schickst! Hätt
nit vermeint, dass d' dir so schnell 'n Übermacht an meiner Suppen gessen hättst;
aber i will di nit aufhalten, wann's di nimmer gfreut bei mir!«
    Darnach nahm er ein Stricklein und begann, an mir zu messen; »denn«, meinte
er, »mit so einem einschichtigen Klüftl in d' Fremd zu gehen, das taugt nit.«
    Worauf ich ihm erwiderte: »Habs doch gar nit im Sinn, in d' Fremd z' gehen!
Bloss so ein etlichs Ortschaften möcht i sehgn, andere Leut möcht i kennen lernen
und eine Weil fortwandern möcht i. Darnach geh i ja wieder gern zruck zu Enk!«
    Der Alte aber schüttelte immerfort den Kopf, und am End sagte er: »Glaub nix
mehr! - Dös Eichkatzl, was mir selbigsmal auskommen ist, hab i nimmermehr
gsehgn; habs aa schon über fünf Jahr ghabt!«
    Ich meinte: »Das ist doch was ganz anderes! Da wird halt ein Raubvogel
drüberkommen sein, oder es hat nimmer heimgfunden aus 'm Holz!«
    »Ja, ja«, sagte da der alte Vater seufzend; »kann scho sein; dahin is
dahin.«
    Damit nahm er seine Pelzhaube und den Stecken, holte etliche Gulden aus der
Truhe, hing den Schafpelz um und ging, mir eine Kluft zu bestellen.
    Kam also auf den Abend heim und brachte ein schöns Tuch mit, ein oder zwei
Ellen, auch etwas zu einem roten Leibstückl, und sagte: »Der Schneiderkaschbar
kimmt morgn auf d' Steer.«
    Darnach ging er gleich und legte sich schlafen, so dass es mir recht
unwirtlich vorkam in der Hütten und ich also auch, ohne ein Bisslein zu essen, in
mein Heu kroch.
    Kunnt auch den andern Tag nicht recht froh werden, obgleich der
Schneiderkaschbar, ein gar loser Spassmacher, bald ein witzigs Wort, bald eine
närrische Gebärde fürbrachte, auch keinen Augenblick das Maul hielt und bei
jedem Nadelstich ein anders Grimassengesicht machte; er wusste alle lustigen
Schwänk, die man sich im ganzen Umkreis seit undenklichen Zeiten erzählte; er
kannte alle Schelmenlieder, die man in den Tälern und auf den Almen sang, und
berichtete alle Lächerrlichkeiten der Leut, bei denen er gearbeitet hatte.
    So wusste er, dass die Strieglerin ihren Ehemann einmal im Schubkarren aus dem
Wirtshaus heimgefahren hätt, weil er schon so voll war, dass ihm das Stehen nicht
mehr geriet. Er war auch dabeigewesen, wie der Bühlermartl seine Alte bis zum
Hals in den Mistaufen eingrub, weil sie das Gicht so plagte. Hatte auch den
Strohriegler, jenen Schelmen, noch gekannt, der beim Pfarrer einen raren
Schunken aus dem Rauchfang stehlen wollt und dabei in den Backtrog herunterfiel,
darin die Köchin den Brotteig auf die Wärm gestellt hatte zum Aufgehen. Durch
das Gepolter war diese und auch der Pfarrer erwacht, und sie hatten den Dieb
noch brav umgewuzelt in der Mulden und darnach aus dem Haus gejagt, um und um
voll Teig.
    Indes nun der Schneider solche Schwänk auftischte und Kurzweil trieb, sass
der alt Tomas hinterm Ofen und rahmte seine Bilder, leimte und nagelte und
hielt sich dazu ernst und schweigsam.
    So gingen also die zwei Tag hin, während der mir der Schneider einen gar
ordentlichen Habit zusammengezimmert hatte, darin ich aussah wie ein junger
Bauer aus Zell, so dass auch der alt Vater wieder ein Lächeln fand und ein guts
Wort, als ich mich dafür bei ihm bedankte. »Ei, tausad, tausad!« rief er aus;
»jetz bist es aber, der Kronabauer von der Sunnaseitn! - Jetz wern dir aber d'
Mentscher nachschaugn, wähn i!«
    Da fiel mir das Katreinl ein, das nun schon ein Jahr des Lackenschusters
Hausfrau war. Ob sie wohl noch manchesmal an mich dacht? - Ob es ihr wohl gut
erging beim Anderl? - Und ich wurde still und nachdenklich und hörte kaum auf
die Red des alten Tomas, der mich vor den Weiberkitteln warnte und vor zu
vieler Kameradschaft.
    Also kam der Tag vor Maria Reinigung oder Lichtmess, und ich stand schon in
aller Früh vor Taggrauen auf, schmierte meine Schnallenschuh, nahm das feine
Haarkettlein der seligen Irscherin aus dem Säcklein, darin ich es verwahrt
hielt, legte meine weissen Strümpf an und strählte mir das Haar wie ein
Herrischer.
    Konnte es auch kaum erwarten, bis das Tiroler Katerl angehumpelt kam, und
schaute wohl hundertmal nach ihr aus, bis ich endlich ihren roten Kittel hinterm
Schneefeld leuchten sah.
    Der alte Vater betrachtete mit geheimer Freud meine Erregung; doch sagte er
nichts und lächelte nur still in sich hinein, indes er ein Täflein ums ander in
die Kirm packte.
    Indem fielen mir meine Schnitzmesser ein, und ich steckte sie eilends in den
neuen Hosensack, obgleich ich keinen Gedanken trug, länger als der Vater Tomas
fortzubleiben.
    Unterdessen war es Zeit geworden zum Gehen, und wir assen noch jeds einen
Weidling voll Milchsuppe, banden uns einen Ranken Speck und einen Scherz Brot
ins Tüchl, nahmen den Gehstecken und sagten dem Katerl Pfüa Gott.
    Trug also der alt Vater seine hochaufgerichtete Bildlkirm am Buckel, indes
ich ein leichts Ränzel, darin mein bissel Hab verschlossen war, lustig auf dem
Rücken tanzen liess.
    Also verliess ich dies geruhige Häuslein, wie ehedem der verlorne Sohn getan
und seine gute Heimstatt gegen die fremde Wildnis vertauscht hatte aus reinem
Mutwill und Undank.
 
                                 Die Marktreis
Da wir durch Bayrischzell wanderten, war es eben um die neunte Morgenstund; die
Glocken des alten Klosterkirchleins läuteten zusammen, und gegen den Gottsacker
hin bewegte sich ein langer Leichenzug.
    Sechs Jungfrauen in weissen Gewändern und hohen, schwarzen Pelzhauben trugen
den Sarg, sechs gingen mit brennenden Kerzen nebenher; dahinter qualmte und
duftete der Weihrauch; ein alter Priester las still in seinem Buch, der
Schulmeister schritt gemessen hinter ihm drein, und dann folgten, gedämpft
vorbetend, die Männer und Jünglinge: »Und gebenedeit ist die Frucht deines
Leibes, Jesus, o Herr, gib ihr die ewig Ruah!«
    »Und das ewig Liacht leucht ihr, heilige Maria, bitt für uns arme Sünder ...
«, beteten die Weiber und Kinder nach und liessen ihre Rosenkränze durch die
Finger gleiten und schauten mitleidig auf das alte Weiblein, welches wohl in der
Abgestorbenen ihr Kind so kläglich beweinte; denn sie tat ganz trostlos und
übel.
    Wir nahmen unsere Hüt ab und blieben stehen, bis der Sarg schwankend durch
die Gittertür des Friedhofs getragen war und die Menge dichtgedrängt die offene
Grube umstand, indes der Pfarrer mit dem Schulmeister die Grabgebete absang.
    Dann gingen wir schweigend unsern Weg weiter.
    Ringsum leuchteten die schneebedeckten Berge in der Sonn, feine Eisstäublein
flogen in der kalten, klaren Luft, und der festgefrorne Schnee gurrte und
knarzte unter unsern Tritten.
    Bald lag das Dorf mit seinen niedern Holzhäusern, Schneedächern und leise
rauchenden Kaminen weit hinter uns, das Glockengeläute drang nur noch wie ein
Hauch im Wind ganz verloren in das Waldtal herüber, und endlich waren wir einsam
und weit weg von allem und stiegen langsam empor zum Ursprung der Leizach.
    Ein kleiner Bergsee lag hier mit einer Fischerhütte am jenseitigen Ufer;
eine dünne Eisdecke spannte sich darüber und knisterte und krachte leise unter
der Wärme des Sonnenlichts; aus der Ferne schallte das Schlagen der
Holzfälleraxt, eine Schar Raben flog erschreckt von ihrem Frass auf, als wir uns
näherten, und wir sahen ein tots Reh im Gestrüpp liegen.
    »Das ist erfroren«, meinte der alt Vater, »ist ein letzer Winter, das; denk
lang kein solchen mehr, der so gach einkommen wär und so gruslat und streng
g'wüat't hätt!«
    Wir stiegen weiter und waren bald bei der Stockermühl und dem Stockersee,
aus dem die Leizach ihre Wasser schöpft. Ein paar Häuslein standen darum, und
aus den mit tropfenden Eisblumen überzogenen Fenstern schauten neugierige
Gesichter.
    Grüssend nickte eins oder 's ander; aus der Mühl aber lief ein kleins Büblein
und rief uns zu: »Wart a bissl! Zu meiner Muatta kemma!«
    Da hielt der Alte lächelnd inne, wandte sich gegen das Haus und meinte: »Ei,
tausad, tausad! Is leicht gar epps Wunderlichs fürkemma bei der Muatta?« Indem
trat die Müllerin aus der Tür und rief: »Grüss di, Tomas! A Votiv brauch i auf
Birkastoa! Zwee Buam ham ma! - Und so guat ganga! - Ganz ohne Kindlweib! - Wie
der Müller kemman ist mit der Wunsiedlin, bin i scho firti gwen! - Na, Gott sei
Dank und insana liabn Frau!« Bestellte also ein Täflein, gab dem Vater zwei
Gulden dafür und bat ihn, dass er's gleich in den nächsten Tagen machte und ihrem
Knecht, wann er hinabkäm, mitgäb. Darnach wünschte sie uns noch eine gute Weil
und Gottes Hut und ging hinein, indes wir uns wieder auf den Weg machten.
    Gingen also weiter, vorbei an der Bäckeralp, und gelangten zu einem einsamen
Wirtshaus bei Ursprung.
    Da kehrten wir ein, assen ein wenigs von unserm Speck, und der alte Vater
liess ein Krüglein roten Wein auftragen, nannte ihn Tiroler und tat, als hätt er
süssen Met, dieweil er mir doch schier wie eine Essigbrüh fürkam; doch wollt ich
nicht als ein Schleckermaul gelten und nahm herzhaft etliche Schluck von diesem
Schindertrank.
    Indem kam die Frau Wirtin und setzte sich zum alten Tomas, fragte dies und
erzählte das und kam zum End auf ihre beiden Töchter zu reden.
    »Ach, dass ihnen Gott gnad!« jammerte sie; »hast s' ja leicht gut kennt, alle
zwo! - Habs bei die heilinga Frauen ghabt, z' Chiemsee. - Ja. - Und hat die erst
schon d' Profess gmacht, und die ander ist im Noviz gstanden. - Ach, dass 's Gott
erbarm! Alle zwo hab i s' da! - Ach, über den Frevel! Alle Klöster zuaspirrn,
die heilinga Leut vertreibn und das schöne Klostergeld einschiabn! - Tomas, mi
deucht, es is nimmer weit zum Antichrist!«
    So klagte die gut Seel; der Tomas aber schüttelte den Kopf und meinte:
»Glaubs nit! Es glangt no nit! D' Welt muss no viel schlechter wern!« »Ja, was
nit gar!« schrie die Wirtin auf. »No schlechter! - Gibts leicht no epps
Schlechters als wie dös, wann der Küni und der Kaiser schö stad zuaschaugt und
sei Pfeiferl raucht, unterdem dass die andern alle Klöster zuaspirrn, d' Kirchen
zuaspirrn, d' Messgwander stehln und die allerheiligsten Sachen, und nit amal
insan liabn Herrn selm verschonen! - Is das nit schlecht, wann so a arms
Trutscherl, wo nixn kennt hat als wie ihra Klosterzelln, ihrn Herrgott und ihrn
Rosenkranz, wann die jetzt aufamal in dera sündhaften Welt herausst umanandapudln
muass, die heilig Unschuld verliern und eppan gar no Kinder kriegn! Wann das nit
traurig gnua is, und net schlecht gnua is, Tomas, na woass i nimmer!«
    Sie hatte einen brennroten Kopf aufgesetzt, die Wirtin, und stand wild vor
dem Vater, der nachdenklich trank, sich ein Pfeiflein stopfte und dazu bedächtig
die Achseln schutzte.
    Da ging die Tür auf, und herein traten zwei liebliche Jungfern in schwarzen
Wollgewändern; die eine mocht ein paar Jährlein älter sein als die ander, die
ich auf etwan zwanzig schätzte.
    Die Ältere hatte ein gar schmals, weisses Gsichtlein, grosse Augen, die
ängstlich und versprengt von einem zum andern sahen; um die kurzgeschnittenen
Haar trug sie ein feins Netz, das über der Stirn mit einer samtnen Schleife
geziert war.
    Die Jüngere aber, ein rotbackigs Maidlein mit lustigen Augen und lachendem
Wesen, hatte den Kopf ganz voll dunkler Ringellocken; sie lief sogleich an den
Tisch, begrüsste uns freundlich, indes die ander sich schweigend in eine Ecke
setzte, und sagte: »Grüss enk Good beinand! -Seids aa scho so weit herobn heut!
- Wo gehts denn zu, wenn d' Frag verlaubt is?«
    »Auf Kufstoa«, erwiderte der Tomas lächelnd, und auch ich brachte ein
halblauts Grüss di Good heraus.
    Das Maidl gefiel mir so wohl, dass ich in alle Ewigkeit hätt so sitzen mögen
und sie anschauen, indes die Wirtin und sie mit dem Vater schwatzten, über den
Handel, über die Märkt, über die Leut und über die Zeit.
    Frisch gab die Jungfer auf alles Bescheid; und da der alte Tomas sie
unversehens fragte, ob sie denn nicht Weillang hätt nach dem Kloster, da lachte
sie gar hell und rief:
    »Naa, Vaterl, gwiss nitta! - Dunkt mi viel schöner dahoamt bei der Muatta
jetzand; viel schöner wie ehvor!«
    Und sie tat so lieblich mit der Wirtin, dass diese ganz stolz sagte: »Ja, mei
Rosl hat mi alleweil scho mögn! - Die halt't zu ihrana Muatta, da feit si nixn!«
    Dann warf sie einen finstern Blick ins Eck, wo die andere Tochter still in
einem Buche las, und fuhr fort: »Die hat si aa glei wieder eingwöhnt dahoamt,
mei Rosl; die hilft mir in allem und hängt nit so brüatat umanand, wie dö legate
Henn da hinten, d' Resl! - Alls zu seiner Zeit! - 's Betn und 's Faulenzn is
ganz schön - im Kloster -; aber da herausst in der Welt, da muass ma si rührn, da
muass ma anpackn und si was anglegn sei lassen! - Sagst es nit aa, Tomas?«
    Der Vater war um die Antwort verlegen; er richtete unaufhörlich an seiner
Pfeif, trank bedächtig und sagte schliesslich, indes die bleiche Dirn gedrückt
aus der Stube ging:
    »Sie wird halt nimmer recht taugn für d' Welt, wähn i. - Muasst es halt
wieder wo einisteckn ins Kloster! - Werd scho an Orts wo oans sein, wo's d' es
einitoa kannst!«
    Die Wirtin wollte auffahren, da legte die Rosl ihre Hand vor den Mund der
Mutter: »Nit greina, Muatta! - Der Bildltomas hat scho recht; sie sollt halt
wieder wo hin in a Kloster; i bleib ja da bei dir!« Hätt wohl auch haben mögen,
dass mir das Maidl hätt also schön getan!
    Aber der alt Tomas warf mir gach einen Stein in mein Glashaus: »Was is mei
Schuldigkeit?« fragte er, zog den ledernen Zugbeutel mit dem Wieselgebiss an der
Ziehschnur aus dem Hosensack und legte seine Kreuzer hin, nachdem ihm die Wirtin
geantwortet; »Dös woasst ja a so, Tomas; 's Krüagl an Sechser!«
    Hiess mich also der Alte austrinken, klopfte seine Pfeife aus und schob sie
ein, nahm seine Kraxe auf den Buckel und sagte den zwei Frauen Pfüa Gott.
    Nun musst ich wohl oder übel ein gleiches tun; tat aber noch mehr und drückte
dem saubern Maidl noch gar fest die Hand zum Abschied, dazu sie freundlich
lachte, und sagte mit grossem Ernst zu ihr: »Mir wern uns wohl amal wieder sehgn!
Pfüa Good derweil!«
    Hatte auch einen gar heissen Kopf bekommen bei solchem Abschied; nun ich aber
vor die Tür trat in die frische, kalte Winterluft, da wurd's bald wieder kühlig
in meiner obern Stuben; ich tat einen hellen Juchzer und trabte munter hinter
dem alten Vater drein, bis wir hinab ins Landl kamen.
    Nun mag ich auch nicht versäumen, zu melden, dass wir unser Sach durchsuchen
lassen und unsre schuldige Zollabgabe entrichten mussten, als wir das
österreichisch Land betraten; da dann der alt Tomas aus dem linken Hosensack
einen neuen Lederbeutel zog und dafür den alten hineinsteckte. Denn jetzund hiess
es mit anderer Münz zahlen denn daheim im Bayerland.
    Muss aber sagen, dass mir die Füss nit schwerer wurden im Tirolischen; ging ja
auch allweil bergab auf der Strass ins Landl, da es mir gar wohl gefiel. Stund
ein schöns Jagdschlössl auf einem Hügel, ein kleins Kirchlein darunter und
etliche Holzhäuser, deren Fachwerk fein geschnitzt und bemalt war, und kunnt man
auch eine gar schöne Inschrift lesen über der Tür eines Wirtshauses, die also
hiess:
Ich leb, weiss nit, wie lang,
Ich sterb, weiss nit, wann,
Ich fahr, weiss nit, wohin,
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.
Hat mich wohl ein gelinds Schauern erfasst beim Lesen, und muss auch heut, da ich
annoch schon fast betagt bin, dieser Wort gedenken und manchesmal mein Lachen
dämpfen, wenn ich gleich mitten in der Lust bin.
    Der alt Vater spürte kein G'lusten, in diesem Ort zu verweilen; er schnitt
sich bloss ein Ränklein von seinem Brot ab und ass es unterm Gehen, indes uns aus
den niedern Fenstern die Leut neugierig nachsahen.
    Nun wars ein gar schöns Wandern zwischen den schneeglänzenden Bergen; uns
zur Seiten rann ein klars Bächlein, das bald hüben, bald drüben mit einem
Bergwässerlein zusammenkam, bis es endlich als breite Ach zu unserer Linken
hinter den Bergen verschwand, indes wir uns mehr gegen Mittag hielten.
    Hier wurde das Tal breiter, und wir kamen etwan ums Zwölfuhrläuten an den
Schröcksee, dabei wir ein gastlichs Haus fanden, von einer alten Base des
Bildltomas geführt, die uns sogleich mit einem Gericht von Schöpsenfleisch und
Rübenkraut bewirtete, einen Krug Wein auf den Tisch brachte und des langen und
breiten von der ganzen Sippschaft des Alten schwatzte.
    Darüber verging die Zeit, und ich wurde in der dunklen, heissen Stube bald
müd und schläfrig, legte den Kopf auf den Arm und sunselte schön still dahin,
bis mich am End der Alt erweckte und zum Weitergehen mahnte, zumal wir noch ein
guts Stück bis Kufstein zu wandern hatten.
    Da beutelte mich der Frost, und ich klapperte mit den Zähnen, da wir uns auf
den verschneiten Weg machten und gegen das Endziel unserer Reis zuhielten. Die
Sonne war lang hinter einem dichten, grauen Nebelberg hinabgesunken; die
Mondsichel stand bleich und hoch in einem kleinen klaren Himmelsfleck, und der
Nordwind zog beissend und rauh durch mein Gewand.
    Der alt Vater war nun ganz schweigsam worden, ging gesenkten Haupts dahin
und sah nicht mehr nach mir um; mocht wohl allerhand aus frühern Tagen im Sinn
tragen, das die Base wieder ausgegraben hatte aus dem Vergessen. So kamen wir
denn ohne viel Lärm und lautes Wesen nach Kufstein, da mir die Mauern und Zinnen
der Stadt und die Festung auf dem hohen Felsen gar wunderlich fürkamen in dem
Dunkel des Abends.
    Hab auch mein Verwundern gehabt an den vielen Häuslein, darin überall die
Lichter brannten wie bei einer Kirchen; und es hatten auch die Gassen alle
Lichter und glänzten da und dort feine Schilder und Wirtshauszeichen im Schein
von roten Laternen.
    Und indem wir so dahinstapften, kam aus einem alten Torbogen eine gelbe
Kutsche gefahren; zwei feiste Schimmel trabten davor, und ein Postillon sass hoch
am Bock und spielte auf seinem Hörndl eine schwermütige Weis und neigte dazu den
Kopf bald rechts, bald links, dass der schwarze Buschen auf seinem hohen Hut wie
ein Schilfrohr schwankte.
    Hab ihm eine gute Weil noch nachgeschaut, da er so traurig spielte, indes
die Schimmel gemächlich über die steinige Strass trabten; aber da war das Lied zu
End, der Postillon knallte lustig mit der Geissel, und in frischer Fahrt bog der
Wagen um die Ecke und rollte dahin und aus der Stadt.
    Der alt Tomas war derweil immer weitergegangen, ohne nach mir zu schauen,
und ich musste lange Füss machen, ihm nachzukommen. Erwischte ihn auch grad noch,
eh er hinter dem Torbogen verschwand, daraus zuvor die Postkutsche gekommen.
    Nun war es gar seltsam in diesem Städtlein, dass die Weg nicht wie in andern
Orten eben dahin gingen zwischen den Häusern, vielmehr stark bergauf führten, so
dass wir, da wir auf dem Platz standen, wo den andern Tag der Lichtmessmarkt sollt
gehalten werden, das Horn des Postillons gar weit unter uns im Tal verklingen
hörten.
    Noch eine Weil lauschte ich, indes der Tomas sich unter den aufgeschlagenen
Holzständen umsah und nach einem Platz suchte, da er möcht am besten von den
Marktbesuchern ersehen werden. Endlich hatte er ein Flecklein gefunden, das ihm
günstig schien, und er sagte halblaut zu sich selber: »Alsdann. - Wird schon was
gehn. - Das Platzl is nit übel - gar nit übel.«
    Dann wandte er sich nach mir um, wies nach einem hochgiebeligen Haus, über
dessen erleuchteter Tür ein grüner Reifen hing mit einem goldenen Stiefel darin,
und sagte: »So, Bubl, jetz wiss' ma unsern Stand. - Jetz gehn wir in das
Wirtshaus und schauen uns zwegn der Schlafstatt um; wird schon noch epps habn,
der Stiefelwirt!«
    Und er wandte sich gegen das Haus und stampfte hinein, als hätt er die Schuh
voll Schnee.
    Ich folgte ihm müd und frierend in die rauchige Gaststube, da er dann seine
Kirm abnahm, zum Wirt an die Schenke trat und wegen des Quartiers unterhandelte;
darnach schob er mich an einen vollbesetzten Tisch und rief; »Alsdann! -Da wärn
ma. - Grüss Good, beinanda! - Gibts noch a Platzerl oder zwee vielleicht?«
    »Ah, der Bildlmacher!« schrien da die Manner. »Freili gibts Platz! Freili! -
Sjetzts Enk nur eina!«
    Und sie rückten ganz eng zusammen und schoben ihre Krüg und Gläser vor sich
hin, indem sie sich neugierig über mich, das Baunzerl, hermachten: »Was habts
denn da für ein' dabei, Tomas? - Wo habts denn dös Baunzerl aufklaubt? - Is dös
schon ein Sohn?« Bis der alt Vater, der erst eine Weil schmunzelnd hingehört und
sich seine Pfeif zugerichtet hatte, unwillig wurde und ihrem Gefrag wehrte: »Nur
gmach, Leutln; nur gmach! - Nur nit so gach toa! - Kimmt alls noch mit der
Zeit!«
    Dann liess er sich einen Krug Bier bringen, hiess mich antrinken, fragte mich
nach meinem Hunger und sagte, da ich nur nach einem Strohsack verlangte aus
übergrosser Müdigkeit: »Hat wieder einmal einer d' Augen grösser ghabt wie's Maul!
- Mi dunkt, für heunt is dir d' Welt scho gross gnug gwesen! - Wirst nit gar z'
weit rumkommen, wann dir d' Füass nit länger wachsen, wähn i! - Da darf unser
Herrgott schon an Zaun rumsetzen um dös Fleckl, dös wo's du Welt heissst, damit
dass d' nit irr gehst auf deiner Wanderschaft! - So, und jetzand gehst mit der
Stasi auffi, na zoagt s' dir dei' Lagerstatt!«
    Musst also diese spöttische Red über mich ergehen lassen, darüber die Manner
gar lustig lachten; ich sagte aber nichts drauf, als: Guat Nacht beinand!, und
ging hinaus, fragte nach der Stasi und liess mich von der feisten Kucheldirn mit
den klappernden Holzpantoffeln und dem fettglänzenden Gesicht hinaufführen
unters Dach, wo in einer niedern Kammer mit winzigen Guckfenstern etwan zehn
Strohsäck auf dem Boden lagen, auf jedem ein dünner Hauptpolster und eine rauhe
Zudeck ohne Federn.
    Wies mir also die Stasi den letzten Strohsack hinten im Eck an, wünschte mir
eine glückhafte Nacht und ging.
    Da trat ich an eins der vereisten Fenster, öffnete es und tat noch einen
Blick hinaus auf die hohen Giebel und schneebedeckten Dächer, schaute noch
hinauf zu der hohen, dunklen Festung und zu dem stillen Nachtimmel mit seinen
flimmernden Lichtern und legte mich darnach müd und ohne Nachdenken aufs Stroh,
da ich alsdann nach wenig Augenblicken entschlief und keinen von den andern
Nachtgästen mehr kommen hörte, als sie nach langer oder kurzer Weil ihren Tag
endeten und sich hinlegten: der Lebzelter zum Seifensieder, der Leinweber zum
Wurzenkramer, und der Holzschuhmacher zum Nagelschmied, ohne Brotneid und ohne
Argwohn, auf Treu des Nachbars bauend und sein Handwerk achtend nach rechter
Weis; indes draussen der Nachtwächter durch die Gassen stapfte und sein
Stundenlied sang, das ich aber erst vernahm, als er grad vor dem Wirtshaus die
vierte Morgenstund anblies und dazu sang:
»Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen:
Unsre Glock hat vier geschlagen!
Vierfach ist das Ackerfeld,
Mensch, wie ist dein Herz bestellt?
Auf! Ermuntert eure Sinnen,
Denn es weicht die Nacht von hinnen!
Danket Gott, der uns die Nacht
Hat so väterlich bewacht!«
 
                           Allerhand um fünf Kreuzer
Gemach wurd es nun in unserer Herberg auch lebendig; der eine hustete, der ander
krigelte, der dritt seufzte, und der viert drehte sich raunzend um. Vor der
Kammertür gings trab trab die Stiegen auf und ab, und die Stasi klopfte nach
einer Weil und stellte eine Latern herein, indem sie rief: »Auf in Gotts Nam!
Tagnen tut's gähend!«
    Schob also einer nach dem andern die Zudeck zur Seiten; der eine seufzend,
der ander fluchend, wie es halt grad in der Natur eines jeden lag, und fuhr
jeder in die Hosen mit viel Gekreisste und Gestöhn.
    Der alt Tomas hockte schon auf einem Bänklein und mühte sich mit Schelten
und Schnaufen, die Füss in seine langen Rohrstiefel zu zwängen, als mir einfiel,
dass ich jetzund wohl auch aufstehen müsse.
    Kroch also fröstelnd unter meiner Deck heraus, streckte mich gähnend und
schlupfte dann eilends in meinen Habit, fuhr mit den Fingern durch die Haar und
ging schliesslich den andern nach, die grad mit dem Anziehen und Aufbetten fertig
waren und nun aus der Kammer traten; und es liefen alle die Stiegen hinab und
hinaus in den Hof, da einer aus dem Ziehbrunnen einen Eimer voll Wasser wand.
Daraus schöpfte sich jeder die beiden Händ voll, schüttete sichs ins Gesicht und
rieb sich gehörig ab; darnach musste man die feiste Kucheldirn um das rupferne
Handtuch bitten, woran sich jeder sein Gesicht und die Händ wischte und der Magd
einen Kreuzer verehrte.
    Ich tat auch wie die andern und griff in die Hosen, denkend, dass ich ja ganz
ohne Geld wär; aber da zog ich einen kleinen Beutel heraus und fand ihn gefüllt
mit lauter Silberkreuzern, dass ich erschrak. Gab also der Stasi ihre Lohnung und
lief eilends hinauf in die Kammer, dem Vater zu danken für seine gütige Vorsorg;
doch fand ich ihn nicht mehr droben und machte nachdenklich mein Bett. Dann
öffnete ich ein Fenster und sah hinaus und horchte auf das Brüllen des Viehs,
das auf den Markt getrieben wurde und nach seinen Stallgenossen schrie, indes
die Treiber fluchten und mit der Geissel knallten.
    Gemach verblassten die Sterne, und ein gelblicher Streif am äussersten Himmel
kündete den Tag an; drunten leuchteten Laternen auf, Lichter bewegten sich hin
und her zwischen den Marktständen, und ein Hammer dröhnte in festem Schlag. Bald
wurde es lebendiger, Männer schwatzten, erbrachen Kisten, nagelten an den
Ständen; Weiber liefen hin und wider, hingen Tücher um die nackten Holzgestelle
und Schautische, und ein wunderlicher Wagen, der einem fahrenden Häuslein glich,
hielt auf dem Platz. Eine Drehorgel ertönte, und ein paar Kinderstimmen riefen:
»Der Prater kommt! Heut wird Prater gfahren!«
    In diesem Augenblick hörte ich den alten Tomas hinter mir rufen: »Ei
tausad! Da steht er ja! - Was loahnst denn lang da uma? Dein Millibrei wird
kalt!«
    Ich wandte mich nach ihm um und dankte ihm für das schöne Geld, dabei er
aber abweisend mit beiden Händen fuchtelte und rief: »Mein Ruah! Mein Ruah! -
Wirst s' schon anbringen, die paar Gräten; und balst nit auskommst damit,
nachher sagst es, dass i dir noch epps gib!«
    Ei! So gut hätt ers mit mir gemeint, der alt Vater! Aber mir deuchte allein
mein Beutel voll schon ein Heiratsgut in diesem Augenblick, und ich wies seine
Lieb gar heftig ab, also, dass er lachen musste über meinen Eifer.
    Nun gingen wir hinab in die Wirtsstuben, da schon allerhand Gäst bei der
Frühmahlzeit sassen: die einen bei der Brennsuppe oder Milch, andere bei Schnaps
und Käs oder Wurst und Bier.
    Ich ass mit gutem Hunger und hing darnach mein Ränzel wieder um; alsdann
folgte ich dem Tomas, der etliche Bretter von seinen Genossen erbat und nun an
dem Platz, den er sich ausgesucht hatte, seinen luftigen Stand aufrichtete.
    Zu seiner Rechten hatte er den Messerschmied als Nachbarn und zur Linken den
Lebzelter; die gaben ihm gern einen Schragen ab, darauf er seine Bretter legte
und ein rots Tuch darüberbreitete.
    Ich half ihm noch beim Auspacken und Aufstellen der Täflein und liess mir
darnach Urlaub geben; denn inzwischen war es heller Tag worden, und mich
gelüstete es, die Stadt zu besehen und die hohe Burg.
    Der Alte zwinkerte mit den Augen, als er meine Red hörte, und meinte: »Trau
dir nur nit z'weit! Kunntst am End nimmer zruckfinden zu mir! - Aber - wie dir
halt ist! I red dir nix ein!«
    »I komm bald wieder!« sagte ich; »und wann i alloans nimmer zruckfind, wird
mich schon einer zruckweisen! - Guate Gschäften derweil!«
    Und ging also; beschaute mir erst den Platz und die Häuser beim Markt und
machte mich darnach weiter auf den Weg, den Burgfelsen zu ersteigen.
    Kam aber nicht weit; denn da standen ein paar wilde Soldaten und plärrten
mich an, dass ich sollt schleunig umkehren, wenn ich nicht als ein Landsspion
wollt verarretiert und erschossen werden!
    Hei! Da wandt ich meine Füss gar schnell und lief, als hätten sie mich schon
beim Genick!
    Hätt bald ein alts Männlein über den Haufen gerannt bei solchem Stürmen; der
schaute mich verwundert und voll Schrecken an und rief, indem er ein grosses
Kreuz schlug: »Ums Christi Bluet! - San s' leicht schon wieder da beim Brennan
und Schiassn?«
    Und da ich ihm nichts erwidern konnt, schüttelte er die Faust gegen das
flache Land und grollte: »Da san s' draussden, die Tuifeln! Ham uns alles zgrund
gricht um und um, die franzesischn Hund! - Aber kriagt ham s' uns dengerscht
nit! - Ha ha ha! - Aber der Boar wenn kimmt - Bua - der Boar -«, er fasste mich
an der Schulter und wisperte mir das letzte ins Ohr und sah sich scheu um, - »da
- wähn i - hilfts nix mehr! Da nutzt koa Stadtmauer und koa Burgmauer - der
frisst uns mitsamt unserner Geroldsburg da drobn! - Bua, i sag dir grad so viel:
der Napoli und der Teifi - die zwo san oans. Die ham Arm, so lang, dass s' die
ganz Welt daglanga kinnan - und Kufstoa aa!«
    Und da er dies gesagt hatte, steckte er den Kopf nachsinnend zwischen die
Achseln und ging weiter.
    Ich aber hatte nun genug von meiner Reis und betrachtete nachdenklich die
himmelhohen schneeigen Bergwänd und Zacken, die aussahen wie eine unbezwingliche
Mauer, die unsere zeitliche Welt von der andern, so man das Jenseits nennt,
scheidet.
    Leichtes Gewölk hing um die Zinken und Berggipfel, und darüber schien die
Sonne mit blendend hellem Glanz und löste mit ihrer Wärme die Nebel in den
Tälern und Schluchten, dass sie wie Spinnweben wurden und verflogen.
    Gemach wandte ich mich um und schaute nieder ins weite Land über die grauen
Mauern und Zinnen der Stadt, da der breite Innfluss wie ein silberns Band durchs
Gau floss, wo mancherlei Örter zwischen bewaldeten Hügeln und beschneiten Fluren
lagen und ringsum hohe Felswänd gen Himmel ragten.
    »Ist gar ein schöns Stuck, dies Land!« dacht ich bei mir; »wär schad, wenns
der Feind etwan verwüsten möcht!«
    Und ging wieder zurück und dem Markt zu, da die Händler hinter ihren Ständen
hockten, über schlechte Zeiten jammerten und in die Finger hauchten, um sich zu
erwärmen.
    Auch der Vater Tomas stand blasend und die Händ reibend da, trippelte und
stampfte auf dem hartgefrornen Boden und rief mich an: »He, Bürschl! Hat d'
Weltreis schon ein End? Sind dir d' Füass angniglt, gelt; brauchst epps zum
Aufwarmen, wie ich!«
    dabei griff er mit seinen erstarrten Fingern in den Hosensack, gab mir
etliche Kreuzer und wies nach dem mit roten Tüchern gezierten Stand einer
Schnapsbrennerin: »Lueg! Sell vorn hat d' Enzianlies ihren Stand! Is a guate
Kameradin von mir und sehets gar nit ungern, dass ich s' zur Bildltomassin
machet; also, sagst ihr 'n Gruass von mir und ich hätt's Aufwarmen vonnöten!«
    Dazu lachte er lustig und schaute mir nach, indes ich durch die Reih der
Händler schritt.
    Fand also die alte, wunderlich aufgeputzte Schnapslies, da sie grad ein
Sträusslein Rosen aus Goldpapier auf ihren turmhohen, spitzen Hut steckte und
dazu mit rauher Stimm das Lied sang:
»Schmecker und Rosenblüat
Steck i am Huat, am Huat,
D' Henn hat a Oarl ausbrüat,
Dös is nix für guat!
Der Gockl hat koa Schneid it ghabt,
Hat si nix traut, nix traut,
Sunst waar des sell Oarl epps worn,
Und i waar a Braut!«
Ich blieb vor ihren Flaschen und Fässlein stehen und hörte zu, bis sie sich nach
mir umwandte und geschäftig fragte: »Baunzerl, was fehlt dir? Nix a Glaserl
gfällig von mein selberbrenntn Enzian?«
    Da verlangte ich mein Sach und entbot ihr auch den Gruss vom Alten, darüber
sie eine närrische Freud bezeigte und sogleich eine dickbauchige Steinkrugel aus
einem besonderen Fässlein füllte und dazu sagte: »Gfreut mi scho recht, sagst
eahm, dass er no auf mi denkt, der Beham! Soll si nur guat aufwarmen, mein alter
Kamerad, sagst, und i dank eahm viel und oft fürn Gruass!«
    Und da sie mir die Krugel in die Hand gab, rannen ihr ein paar dicke Tränen
über die faltigen, blaugefrorenen Wangen, und sie fragte mit ängstlicher Stimm:
»Bist eppa gar schon ein junger Beham? - Hat er leicht gar schon ein Weib, der
Tomas? - 's sell waar mir mei Tod, Bua!«
    »Naa, naa!« sagte ich lachend; »der is no allweil alloan in seiner Hütten;
jammern tut er ja schon hie und da um a Hausfrau - aber -«, ich hielt inne, um
die Alte nicht noch närrischer zu machen; denn sie konnt die Augen fast nimmer
von meinen Lippen wenden, dieweil ich so redete; »was kost mein Schnaps?« fragte
ich und hielt ihr meine Münz hin.
    »Fünf Kreuzer für mein Kameraden, sagst!« erwiderte sie mir mit fröhlicher
Miene; »und an Gruass tust mir bstelln an Tomas, und dass der Lies 's Warten nit
z'lang wird, und sollts nomal zwanzg Jahrl anstehn, bis er kimmt!...« Das ander
hörte ich nimmer; denn ich lief, ihr ein kurzes Pfüa Gott zurufend, mit meiner
Krugel davon.
    Der Tomas schaute schon nach mir aus und empfing mich halb lachend und
scheltend: »Gar schon! - Hab vermeint, du bleibst glei sell! - Hat di wohl schon
als ihren Ziehbuben protakolliert, dass d' so langmächti z'schwatzen ghabt hast
mit ihr!«
    Ich hatt wohl Lust, dem alten Schelmen sein Getue mit einem losen Wort zu
schlagen; sagts aber lieber nicht, indem ich bedacht, der Alt möcht schon seinen
guten Grund haben, dass er der liebtollen Schnapslies so spottete.
    Und da er mir zu trinken bot, tat ich es willig und trollte mich darnach
wieder davon, den Markt weiter zu besehen. Da standen und lehnten allentalben
die Handwerker und Handelsleut, hatten die Händ im Gewand vergraben und schrien
einander ihre Klagen über die unruhigen, schlechten Zeiten zu, belobten, kaum
ich an einen Stand trat, ihre War mit vielen Worten und machten, dass ich, noch
ehe man von der Sankt Veitskirch drüben zum Mittag läutete, meine Taschen
gefüllt hatte mit verschiedentlichen Dingen, indes mein Beutel gemach um vieles
lockerer ward.
    So hatte ich fünf Kreuzer gezahlt für ein karmisinrotes Halstuch aus
florentinischer Seide, und sagte mir der Händler im Vertrauen, dass der Kaiser
von Ninive das nämliche von ihm um zehn Kreuzer gekauft hätt. Fünf Kreuzer gab
ich für ein zierlichs Besteck, das man in ein lederns Behältnis schliessen und im
Hosensack verwahren konnt; fünf Kreuzer für ein feins Büchlein, darin von einem
jungen Abt zu lesen war, der eine tiefe Lieb zu einer Maid gefasst und zum End
sich selber den Tod gegeben hatte aus übergrossem Leid, da sie einen andern nahm
zum Ehgemahl; dabei ich wieder in heftigem Schmerz an mein liebs Katreinl
denken musst.
    Konnt auch nicht anders - musst mich auf eine einsame Steinbank hinter dem
Gottsacker Sankt Veit setzen und das Büchlein vom Anfang bis zum End lesen, und
kam unversehens dabei ins Brüten und Sinnieren, bis mich plötzlich ein lustigs
Lachen daraus aufscheuchte und ein abenteuerlich gekleideter Bursch einen roten
Zettel in mein Büchlein fallen liess, darauf eine wunderliche Anzeigung stand: Im
Wirtshaus zum Hirschen sollt denselben Abend ein ergötzlichs und feins
Teaterstück aufgeführt werden, das den Titel trug: Käterlein, die schöne
Kupferschmiedstochter, und der Teufel. Als besonderer Glanzpunkt der Vorstellung
waren hervorgehoben und angepriesen: die wunderseltsamen Zauberkunststücke des
Magister Zaranka, der als Teufel die Jungfer Käterlein auf offener Bühne
verzaubern wollte. Jedermann war dazu gar höflich eingeladen gegen ein
Eintrittsgeld von fünf Kreuzern, und jeder Gast sollte nach der Vorstellung vom
Direktor ein artigs Andenken zum Geschenk erhalten.
    Ich überlas die Anzeigung etlichemal, und es kam mich ein Gelüsten an, die
also gepriesene Komedie zu sehen und zu hören.
    Lief also eilends auf den Markt und zum Vater, ihm von meinem Begehren zu
sagen; der aber, da er meine Red vernahm, lachte wieder still vor sich hin,
blinzelte lustig mit den Augen und meinte: »So, so! Nach der Komedie verlangts
di! - Is schon recht, geh nur. I geh nit hin; i bin lieber bei meine Leut; bin
nit so drauf eingsprengt auf die Tausendkünstler und die Komediespieler!«
    Darnach suchte er umständlich in seinem Geldbeutel und reichte mir endlich
fünf Kreuzer, indem er weiter sagte: »Da, schau her! Nit, dass d' wähnst, i gunn
dir's nit! - Kimmt mir nit drauf an, auf die paar Gräten, wannst a Freud hast an
dem Gschnaks.«
    Und da ich meine Händ nicht aus dem Sack zog und trotzend vor mich hinsah,
wurde seine Red schier bittend, und er sagte: »Geh nur hin, wanns di glust! Habs
schon reichli verdient und profitiert, die fünf Kreuzer, mit deine Rahmerl. -
Zwanzg Taferl gibts wieder z' machen für d' Kirch von Ebbs, dass koa Krieg nimmer
auskemmen sollt. -Alsdann! - Vielleicht helfen s' so viel, dass der Napoli sein
Viduz aufs Tirolerland verliert!«
    Damit steckte er mir das Geld in die Joppentasche und fragte mich, wo ich
schon überall gewesen sei; doch kam ich nimmer zum Antworten, denn die dicke
Stasi vom Stiefelwirt kam mit einem dampfenden, kupfernen Kessel daher und
schrie: »Heisse Würst! - Wer mag a heisse Kreuzerwurst?«
    Ei, da gings! »He, Stasi! Mir ein Paar!« - »I krieg aa zwee Stuck!« - »Halt,
Mädla! Mir au e Paar Würschtle!«
    Und auch der Tomas gab nochmals fünf von seinen Kreuzern hin und erstand
vier von den langen Würsten und einen weissen Weck dazu und teilte es mit mir als
Mittagsmahl; darnach tranken wir ein Schlücklein Enzian, und ich machte mich
gemächlich wieder durch die Marktreihen, besah mir dies und erhandelte das und
wartete mit grossem Verlangen auf den Abend, da die wundersame Aufführung sein
sollte.
 
                                    Komedie
Gemach ging der Tag hin; um die Berge zogen dichte Nebelschwaden, und die
Marktgäst zündeten ihre Laternen an und trieben ihr Vieh heim mit schwankendem
Tritt und fröhlichem Sinn, da leichtlich ein jeder vermeinte, er hätt allein den
besten Tausch und wohlfeilsten Kauf gemacht auf diesem Markt, und also in
solcher Freud gutding seine sieben, acht Krüg hinabgoss, bis der Wirt eine
qualmende Öllampe auf den Tisch stellte, die schwarze Holztafel an das trübe
Licht hielt und jedem liebwerten Gast mit grosser Bedauernis seine Strichlein
abzählte und in Münz umrechnete. Darauf dann einer um den andern den gefalteten
Lederbeutel zog und fluchend und kreissend die paar Kreuzer herausklaubte, den
hagelbuchernen Stecken mit dem gefüllten Bschaidtüchl dran unter der Bank
hervorholte und nach dem Stall schwankte. Also sein Stück Vieh mit Wohlgefallen
betastete und tätschelte in dem Bewusstsein, seinen Hof damit um ein guts grösser
und ansehnlicher gemacht zu haben.
    Mittlerweil hatten auch die Händler und Handwerker angefangen, ihre War
wieder einzupacken und die Ständ abzubrechen; und ich ging zum Platz des alten
Tomas, diesem dabei ein wenigs an die Hand zu gehen.
    Doch der war schon lang fertig und dahin, und sein Nachbar, der Lebzelter,
rief mir zu, indem er einen Arm voll süsser Herzen in eine Kiste legte: »Der Alt
sitzt schon lang beim Stiefel drent! Wohl schon seit zwo Stund! - Der kann
lachen! - Hat alls verkauft bis auf ein etlichs paar Bildln!«
    Da machte ich ihm meinen Dank für die Botschaft und ging darnach eilig hinab
zum Hirschen, da schon ein feister Mensch mit blaugefrornem Gesicht und lustigen
Augen unter der Haustür stand und jeden, der vorbeiging, anrief: »Treten Sie
ein, Euer Gnaden! Kommen Sie herein zu dem weltberühmten und wunderbaren
Komedienspiel!«
    Und derselbe Bursch, dem ich die Anzeigung des Teaters verdankte, lief in
einem vielfarbigen Flecklgewand auf mich zu, klapperte mit zwei blechernen
Schüsseln, die mir reich mit Geld gefüllt schienen, und schrie: »Herein, wer
noch Platz will! Der letzte Sessel ist nur noch frei! Treten Sie ein, Herr Graf!
Die Komedie beginnt!«
    Ja, sie begann wohl und gewiss in diesem Augenblick! Eilends zog ich meine
fünf Kreuzer aus dem Sack und hielt sie dem Tropfen hin, der sie mit einer Mien
und Gebärd annahm, als seien's lautere Goldstück gewesen.
    Darauf schob er mich in den Hausgang; der Dicke wies mir eine Tür, und im
nächsten Augenblick fand ich mich in einem dunklen Saal, darin wohl leichtlich
ein fünfzig Bänk in Reihen aufgestellt waren; doch konnte ich keinen
Sterbensmenschen ersehen und wollt fast an der Schwelle wieder umkehren, als
ganz vorn im Saal, da ich im Dunkel einen grossmächtigen Vorhang erkannte, lautes
Schimpfen und Schreien, Trampeln und Hämmern vernehmlich wurde.
    In diesem Augenblick brachte ein Knecht etliche Öllampen und hing sie rings
an die mit papiernen Girlanden, Rehgeweihen und Schützenscheiben gezierten Wänd;
den fragte ich, wo denn die Leut alle wären, welche hier die Komedie anhören
wollten. Doch der Tropf lachte und sagte: »Die gehn draussen noch ein wenig Luft
schnappen, bis dass's losgeht!«
    Daraus ich leichtlich ersehen konnt, dass der Flecklnarr mich angeschmiert
hatte mit seinen Sprüchen. Doch machte ich mir nun, da ich die Sach beim Licht
betrachten konnt, nichts mehr draus, sondern setzte mich in eine Bank und besah
die grellgemalten Nixen und Teufel auf dem Vorhang und hing dabei meinen
Gedanken nach.
    Da öffnete sich die Saaltür, und es kamen etliche Gäst: zwei junge Burschen
mit ihren Maidlen, ein Bauer und eine alte Ringlmacherin vom Markt, die den Tag
über wohl manchen Kreuzer von den Verliebten und Versprochenen gelöst hatte für
ihre Ohrgehäng und Fingerring, Silberschnallen und Halsketten.
    
    Nun kam auch ich wieder hervor und setzte mich ganz in die Mitte der ersten
Bank und sah unverwandt auf ein dunkles Loch im Vorhang, durch das von Zeit zu
Zeit ein glühendes Aug auf die Bänke starrte.
    Gemach füllte sich der Saal, und ein lebhaftes Reden und Disputieren
entspann sich auf allen Plätzen, bis plötzlich hinter dem Vorhang eine
misstönende Musik erklang, die Lichter verlöscht wurden und die Nixen und Teufel
sich quiksend um eine hölzerne Rolle an der Decke des Saales wanden.
    Alles war still, und ich schaute staunend in eine Landschaft aus gemalten
Leinwandstreifen, darin sich seltsam gekleidete Menschen in magisch rotem Licht
bewegten und eine wunderlich geschnörkelte Sprache redeten.
    Alsbald begannen etliche, sich zu schlagen und mit ihren Degen zu
durchbohren, dabei dann der leibhaftige Teufel auf die Bretter sprang, einen
Juchschrei tat und die Leichen packte, mit denen er verschwand.
    Nun erschien ein alter, feister Ritter und sagte, er wär der Kupferschmied
und so stark, dass ihm kein Mensch widerstehen kunnt; tat auch gar gewaltig und
schrie nach der Weinkanne.
    Da kam eine liebliche Jungfrau in himmelblauem Gewand, mit langen, goldroten
Haaren, trug eine schwere Zinnkanne und reichte sie dem Ritter mit zierlichen,
sittsamen Worten.
    Es war das schöne Käterlein; mich aber bedünkte es in demselben Augenblick,
meine Katrein stünd mit Leib und Seel da vor mir auf den Brettern; und ein
Seufzer stieg in mir herauf.
    Da blickte mich die Jungfrau an, und es schien, als lächle sie ein wenig,
darüber ich gählings rot und bleich wurd, auf meinem Sitz hin und her rückte und
nicht geringe Lust verspürte, aufzuspringen und die Jungfrau an mich zu ziehen
und zu halsen.
    Doch ging derweil das Spiel seinen Gang; der berühmte Magister Zaranka
erschien als Teufel mit einem roten Federhut und begann mit dem Kupferschmied
ein Geplänkel und dessen Kraft zu spotten.
    Die schöne Jungfrau ging hinaus, und der Kupferschmied geriet durch die
spitzen Reden des Teufels also in die Hitze, dass er mit lauten Worten einen Eid
schwur, er wolle mit ihm seine Kraft messen und ihn durch Sonn und Mond werfen;
ja, er verwettete seine eigene Tochter, das Käterlein, dass er mit dem roten
Ritter wollt fertig werden.
    dabei mir ein kalter Schauer den Rücken hinabging; denn ich vermeint nicht
anders, als gält es nun in Wahrheit Leib und Leben des Maidleins, das meiner
Katrein so sehr glich.
    Der Rote nahm den Kampf wirklich an, und bald gings ans Ringen und Werfen,
dass die Bretter krachten, die gemalten Bäume schwankten und die Weinkanne in den
Saal herabkugelte, worauf ein lautes Lachen, Trampeln und Beifallsschreien in
den Bänken anhub, das erst verstummte, als der Teufel plötzlich einen wilden
Fluch ausstiess, einen Zauberspruch sagte und mit den haarigen, rotbeschuhten
Füssen auf den Boden stampfte, worauf ein weisses Gespenst erschien, einen dicken
Rauch und Dampf machte und hinter demselben mitsamt dem lautschreienden
Kupferschmied verschwand.
    Nun begann Zaranka allerhand Zauberkunststücke zu vollbringen und
verwandelte schliesslich auf offener Bühne, freilich wieder hinter einer
undurchdringlichen Rauchwolke, einen dünnen Stab in den Kupferschmied.
    In diesem Augenblick erschien wieder das schöne Käterlein, gefolgt von
einem alten, gelb und rot gekleideten, dicken Weib, das sich ihre Mutter nannte
und mit keifender Stimme bald den roten Ritter, bald ihren Ehgemahl, den
Schmied, anplärrte.
    Hab nicht wohl aufgemerkt auf ihr Getue; vielmehr waren meine Blicke starr
auf die Jungfer gerichtet, und mein Geist verglich sie Spann um Spann mit der
jungen Lackenschusterin, meiner Katrein.
    Und immer mehr Bekanntes, immer mehr Wesensgleiches fand ich an der
goldroten Jungfer; meine Sinne hingen an ihr, und mein Herz schlug laut vor
Erregung.
    Und da nun das Spiel zu End war und die Gäste lärmend den Saal verliessen, da
schlüpfte ich behend unter den mächtigen Kachelofen und hielt mich still, bis
alle Lichter verlöscht und hinter dem herabgelassenen Vorhang alles ruhig
geworden war.
    Nun kroch ich langsam hervor und tastete mich an den Bänken entlang bis zur
Bühne, da noch die Kanne am Boden lag und im Mondlicht glänzte.
    Ich griff mit zitternder Hand und klopfendem Herzen an den Vorhang; er gab
dem Druck nach, und ich hielt mein Ohr lauschend an den Spalt.
    Nichts regte sich. Da schwang ich mich eilig hinauf, schlüpfte hindurch und
stand also bei stockdunkler Nacht an der Stell, da ehvor die schöne Spielerin
gewandelt war.
    Noch hielt ich nach jedem Tritt inne und horchte; doch nichts war zu
vernehmen als mein eigenes, ungestümes Atmen.
    Da tastete ich mich an den gemalten Bäumen weiter und fiel im nächsten
Augenblick von den Brettern hinab in einen knisternden, krachenden Korb, der
ganz mit Kleidern und Stoffen gefüllt schien.
    Ich hatte beim Sturz erschrocken nach einem Halt gegriffen und hielt nun
einen dicken Strick in Händen, während es hinter mir plötzlich licht war. Und da
ich mich in heftigem Schreck umwandte, sah ich, dass ich den Bühnenvorhang in die
Höh gerissen hatte.
    Zog also, nachdem ich ängstlich gelauscht, ob niemand meinen Fall gehört
hätte, bedächtig am Strick weiter, dabei das Quiksen und Klappern der Rolle
geisterhaft wie das Schreien der Nachteulen durch den matterhellten, leeren Raum
hallte.
    Die grossmächtige, bleiche Mondscheibe liess ihren Schein durch die gefrornen
Fenster über die weissgescheuerten Bänke auf die gemalte Landschaft des
Hintergrundes und die zerlumpten Teppiche der Bühne fallen und hob die Schatten
der Gegenstände gespenstisch von der Helle ab.
    Ich stand starr und hielt krampfhaft das Seil in den Händen, indes mich ein
plötzliches Grauen schüttelte; und als es im selben Augenblick vom Sankt
Veitsturm zwölf Uhr schlug und der Wächter draussen die Mitternacht anblies, da
liess ich gählings los, dass der Vorhang schnallend herabsauste.
    Ich hatte genug von dem Abenteuer, und es verlangte mich zurück zu dem alten
Tomas. Herrgott! - Was mocht der sich derweil über mein Ausbleiben denken!
    Vergessen war der ganze Rausch und die feine Jungfer, und ich suchte nach
einem Ausgang.
    Doch alles war fest verschlossen, die Tür des Saales, die neben der Bühne
und auch die Fenster.
    Vergebens wandte ich alle Kraft an, lief bald im Saal von Fenster zu
Fenster, sprang auf die Bühne und schlüpfte durch den Vorhang: ich konnt's nicht
ändern.
    In meiner Not begann ich zu rufen und zu schreien; aber kein Mensch hörte
oder erschien.
    Am End ward ich müd vom Schreien, ein Frost packte mich, und ich verlangte
nach dem Schlaf.
    Und da mein Fuss eben wieder an den Korb stiess, suchte ich nach einem warmen
Stück, wickelte mich darein und legte mich in den hintersten Winkel der Bühne,
da ich mir aus dem Inhalt des Korbs ein notdürftigs Lager bereitete.
    Also liess ich den Schlaf über mich kommen, hüllte mich fest in das weiche
Stück, von dem ich wähnte, dass es der himmelblaue Mantel des schönen Käterleins
wär, und sagte nur noch gähnend: »Guate Nacht, Himmelvater!«, wie ich es von
meiner seligen Ziehmutter gelernt hatte.
    Dann entschlief ich.
 
                                  Falsche Lieb
Ein harter Schlag von der Pratze des Bären, der auf dem Markt getanzt hatte und
mir nun in meinen Träumen die liebliche Jungfer aus der Komödie, da ich sie eben
in meinen Armen hielt, rauben wollt, schreckte mich aus meinem tiefen Schlaf
auf, und ich wehrte mit beiden Händen ab, indes mich eine scheltende Stimm noch
vollends munter machte.
    Da blickte ich in das zornrote Gesicht des Burschen, der mich ehvor zum
Besuch der Komödie verführt hatte und mir nun seinen Fuss grimmig in die Seite
stiess, also dass ich mit einem Schrei in die Höhe fuhr und nicht übel Lust hatte,
ihm etliche zu wischen.
    Der aber plärrte: »Hat einer so was schon erlebt! - Liegt der Wicht am
hellichten Nachmittag da auf den kostbaren Gewändern und schnarcht wie eine
Baumsäg! - Ob er wohl auf und davon gehen will, bevor ich ihm Füsse mach, dem
Halunken! - Hat wohl stehlen wollen, he! - Ha! - Gewiss hat er stehlen wollen! -
Aber wart, Bürschlein! Mein Alter wird dirs austreiben, das Stibitzen!«
Sprachlos stand ich da und wusste nur, dass er vom Nachmittag gesprochen hatte. -
    Ja, Himmel! - Es war doch wohl noch nicht schon am andern Tag? - Aber, - die
Nacht fiel mir ein, - es war ja schon zwölf Uhr gewesen, da ich ans Fortgehen
gedacht hatte! - O, die verfluchte Komödie! - Was mocht der gut alt Tomas jetzt
von mir denken! - Dacht wohl, dass er recht gehabt hätt mit seiner Meinung, ich
wollt von ihm weg für immer! - Wie konnt nur dies einschichtige, rotaarige
Weibsbild, diese Teatermamsell, meine Sinne so verwirren!
    Aber indem ich noch so dachte, trat das Mädchen eben durch die niedere Tür
ein und sah mich verwundert an.
    »Ei!« rief sie aus; »hast du einen Besuch hier, Joschka?« »Was Besuch!«
erwiderte da der Bursch grimmig; »wär mir ein sauberer Besuch das! Schleicht
sich bei Nacht und Dunkel ins Haus und will stehlen!«
    Und da ich auffahren wollte, plärrte er mich an: »Was! Willst es noch
leugnen? - Hab ich dich nicht erwischt mit dem teuren Mantel der Donna hier!«
    Erschrocken fragte diese mit einem entsetzten Blick auf mich: »Wie sagst du?
Meinen blauen Mantel hat er ...!«
    »Glaubts doch nicht, Jungfer!« sagte ich bittend mit einem giftigen Blick
auf den Kerl. »Er lügt Euch aufs Maul, so wahr Ihr hier steht! - Ich wollt ja
nur bloss ...« - Da hielt ich inne, indes mir eine heisse Flamme übers Gesicht
fuhr: Ich mocht es doch nicht vor diesem Flegel sagen, dass ich bloss aus
närrischer Lieb für sie hiergeblieben war!
    Der ander aber schrie sogleich, kaum er mich erröten und stocken sah: »Ha! -
Fällts dir nimmer ein, jetzt! - Hat dir wohl die Red verschlagen, he! Seht Ihrs
nun, Donna! Es ist so, wie ich sagte: stehlen hat er wollen. - Aber ich will ihm
schon Mores lernen! Gleich geh ich jetzt zum Alten! - Gleich!-Auf der Stell!«
    Wirklich ging er, indes die Jungfer ganz erstarrt dastand, das dunkelrote
Samtkleid, in dem sie prangte, fest an sich raffte und ihre schwarzen Augen voll
Verachtung über meine armselige Gestalt wandern liess. Da nahm ich mir einen
Anlauf und sagte ihr ganz wahrhaftig und einfach, dass sie mir viel gälte, weil
sie meiner verlornen Katrein so ähnlich sei, und dass ich sie in der Nacht
gesucht hätte und dabei nicht mehr aus dem Saal gekonnt und also, da ich müd
ward, auf ihrem Mantel geschlafen hätt. Bat sie auch gleich, sie mög für mich
bitten, dass ich um sie bleiben dürft; denn ich kunnt nimmer von ihr lassen.
    Ganz still hatte sie auf meine Red gemerkt und mir so die Schneid gegeben,
ihr mein Herz zu offenbaren.
    Nun lachte sie leise für sich hin und sagte zwischen Spott und Mitleiden:
»So so; seine Katrein hat er verloren! - Der arme Bub!«
    Dazu massen mich abermals ihre Blicke, dass ich mich unwillkürlich auf die
Zehen stellte und meinen verkrüppelten Leib streckte, so gut ichs vermochte.
    Nach einer Weil fragte sie: »Wem gehörst du denn?«
    »Ich ghör gar niemand«, erwiderte ich; »Vater oder Mutter weiss ich keine,
und die mich aufgezogen haben, sind tot.«
    »Und wo kommst du jetzt her?« forschte sie weiter, indem sie mit einem ihrer
langen Zöpfe spielte.
    »Von Bayrischzell. Vom Bildlmacher Beham«, sagte ich.
    Und plötzlich fiel mirs ein: Der hatte ja einen Haufen Verdingungen für
Votivtafeln erhalten! - Ich hätt ja wieder Rahmen schneiden sollen! -
    Aber in mir sagte eine Stimm gar trotzig: »Das macht nichts. Der hat ehvor
auch niemanden gehabt, - also wird er jetzt auch fertig werden, allein.«
    Und ich fuhr fort: »Aber ich bin mein eigener Herr und kann hin, wo ich mag.
- Und jetz möcht ich halt gern bei Euch bleiben, wann ich Euch nit zwider bin.«
    Indem ich noch redete, kam der Tropf schimpfend wieder zurück, gefolgt von
dem erzürnten Herrn des Teaters und der keifenden Alten.
    »Hat ein Mensch noch Worte!« schrie diese keuchend, und ihre Brust wogte
unter dem schmierigen, schleissigen Seidenkittel, »kann man da noch reden! - Das
ist ja eine himmelschreiende Bosheit! - Wo ist denn der Teufelsbraten!« Und sie
fuhr wütend und mit den Armen fuchtelnd auf mich los, packte mich bei den
Schultern und schüttelte mich, dass mir grün und schwarz vor den Augen wurde und
ihr die aufgesteckten künstlichen Locken zu Boden fielen.
    »Karnalje!« zischte sie dazu; »unverschämte Karnalje! Töten werd ich dich,
wenn du nicht Buss gibst für die Büberei!«
    Da fiel ihr die Jungfer bittend in den Arm: »Lasst ihn doch, Frau Direktorin!
Er hat eigentlich gar nichts Schlimmes vorgehabt, der Kleine! - Er hat mirs
gesagt: Die Liebe zur Kunst hat ihn getrieben, - ein Spieler wollt er werden!«
    »Wer's glaubt!« mischte sich der lose Schelm bissig drein und spaizte in
weitem Bogen auf die Bühne.
    Aber der Direktor sagte, kaum er die Red des Mädchens vernommen, geschwind,
indem er mich lauernd ansah: »Liebe hat er, sagst du? - Zur Kunst, sagst du? -
Wohl, wohl! - Soll nur mitfahren mit uns, wenn er will! - Kann ihn schon
brauchen, den Krischbel!«
    Langsam liessen mich die Fäuste der Alten los, langsam beruhigte sich ihre
wogende Brust; sie griff nach ihrer Frisur und hob eilig die Locken vom Boden
und steckte sie wieder zu dem eigenen, dünnen, schwarzen Haar, indem sie sagte:
»Wenn du dich nur nicht täuschst, Fritz! - Wenn er nur nicht wieder so ein
Galgenvogel ist wie der Heinz!«
    Sie steckte eine Haarnadel zwischen die Zähne und wand ein herabhängendes
Flitterband um den Schopf.
    »Wo bist du her, und wie heisst du?« fragte sie mich scharf, die Zähne fest
zusammenbeissend, dass ihr die Nadel nicht entfiel.
    »Matias Bichler aus Sonnenreut«, sagte ich tonlos.
    »Was sind deine Eltern?« forschte der Direktor weiter.
    »Das weiss ich nicht. Hab s' nit kennt. - Hab nie epps ghört davon. Mein
Ziehvater, der Messmer von Sonnenreut, hat wohl gwähnt, es kunnten Vagierende
gwesen sein oder Gaukler. Aber nix Gwiss weiss niemand drüber. - Bin ja grad ein
Glegter!«
    »Wie ich gedacht hab, - ein Balg!« höhnte der Rotzlöffel hinter mir; aber
die Mamsell verwies ihm sein Schmähen, und auch der Alte sagte: »Halt den
Schnabel! - Der Bursch bleibt da!«
    Die Frau Direktor aber starrte mich eine Weil wie entgeistert an, ihre Brust
begann mit einem Mal, sich wieder stürmisch zu bewegen, und dann breitete sie
plötzlich die Arme aus, zog mich an sich und rief unter Tränen mit schmelzender
Stimme: »Er ists!... Mein Sohn!... Mein süsses Kind!«
    Ei, Teufel! Hab mich wohl grausam gewunden wie ein Wurm, den eine alte
Brutenn aufgepickt hat und verschlingen will; hab auch eine Haut wie ein
gerupfter Gänserich an mir überlaufen verspürt vor Grausen und Abscheu. Aber die
Alt liess mich nimmer los und drückte meinen Kopf fest an ihren nach alter
Lederschmier riechenden Kittel, bis der Herr Direktor und die Jungfer sich von
ihrem Erstaunen so viel ermannt hatten, dass sie wieder Worte fanden und also
ausriefen: »Sie ist verrückt! - Sie ist vom Verstand kommen!«
    Da liess sie mich seufzend los, die Alte, und schaute mit schwimmenden Augen
zum Himmel, indem sie mit bebender Stimme sagte: »Redet nicht!... Ich hab mein
Kind wieder!... Es ist kein Traum!... Er ist wahrhaftig mein Sohn!«
    Und erzählte also eine gar abenteuerliche Geschichte von meiner Herkunft.
    »Ach!« sagte sie und setzte sich auf einen Schemel hinter der Bühne. »Es ist
furchtbar traurig gewesen. - Du hast ihn ja gekannt, den Alessandro, - nicht
wahr, Fritz! - Also, ich war leider damals noch seine Frau; allerdings auch
nicht mit dem Segen der Kirche - nur so durch die Umstände des Lebens bedingt;
denn ich war zur selben Zeit seine Partnerin auf dem hohen Turmseil. - Ach ja!
Damals war ich noch eine Schönheit! Die Männer liefen mir nach, wie die Katzen
der Maus! - Weisst du, Fritz, - wenn ich so mit der grössten Grazie ...«
    Sie stand auf und balancierte kokett auf dem Schemel.
    »... so mit Noblesse auf der einen Seite des Seiles stand und Alessandro auf
der andern, - und wir dann elegant und sicher aufeinander zukamen - aneinander
vorbeiglitten - und wieder auseinandergingen über die schwanke Schnur, als wärs
ein Spazierweg über die Wiese, - Fritz - ich sage dir, - da waren die Leute alle
hin vor Verwunderung, und ein rasender Beifall erhob sich! - Ach ja! -
Damals!...« Sie hockte sich wieder breit auf ihren Sitz.
    »... Aber er war brutal! - Und er hat mich verführt! - Und als ich dastand
im Elend, da wollt er nichts mehr wissen von mir und dem armen Würmlein.«
    Sie brach in Schluchzen aus und tupfte sich die Augen mit einem Zipfel ihres
Kittels. -
    »... O! - Es war entsetzlich! - Er nahm mir das Kind aus meinen Armen, - er
riss es von meiner Brust und trug es fort!...«
    Sie sprang auf, indes die andern wortlos dastanden, umschlang mich abermals
mit teatralischer Gebärde und rief in Verzückung aus: »Aber nun hab ich dich
wieder! Mein Engel! Mein Kind! Mein liebster Sohn! - Nun wird dich keine
Erdenmacht mehr von mir trennen können!«
    Ich litt grosse Pein, machte mich von ihr los und wollte was erwidern; da
aber die andern immer noch wie angenagelt auf ihrem Fleck standen und nicht
wussten, wie sie sich verhalten sollten, blieb ich still.
    Die Alte aber fasste sich schnell wieder und fragte nach einer Weile lauernd:
»Leben sie noch, deine Zieheltern?« Darauf ich stumm den Kopf schüttelte.
    »Sie sind beide schon tot?« fragte sie. »Haben sie dir was vermacht? - Sie
waren doch reich ...«
    Wieder schüttelte ich bloss den Kopf.
    »So bist du ganz ohne Hab und Gut?« kams forschend von ihrem Mund.
    »Nein«, sagte ich, ohne recht zu wollen; »ich hab schon ein bissl was.«
    Da wollte sie mich abermals umarmen, indes mich die andern wie ein heiligs
Bild begafften und die schöne Jungfer ganz nah zu mir trat und mich lieblich
ansah; aber ich fuhr fort und sagte: »Drent beim Stiefelwirt hab ich mein Sach.
Ich geh und werds holen.«
    Und hörte also auf nichts mehr und lief geraden Wegs zur Tür hinaus auf die
Gassen.
    Ein wüstes Durcheinander von Gedanken stürmte durch mein Hirn; ich rannte
ohne Besinnen dahin und fand mich schliesslich vor dem Tor des Stiefelwirts.
    Da kam es über mich: Kehr um und geh wieder zum Vater Tomas! - Geh nimmer
zurück zu der Komödiantenbrut! - Es ist ja unmöglich, dass diese grausliche Alte
deine leibhaftige Mutter sein sollt!
    Und schon war der Entschluss, wieder zum Bildlmacher zurückzukehren, nahezu
in mir fest worden, als mich ein silberns Lachen aufschreckte, ein weicher Arm
sich in den meinen schob und die Teatermamsell mit süsser Stimm sagte: »Ich bin
dir nachgelaufen, ohne dass es die Alten wissen! - Ich möcht ein wenig allein
sein mit dir! - Ich hab dich sehr lieb!«
    Ei! Da fuhr ich herum! - Fasste sie bei den Händen, verdrehte meine Augen und
war vor Seligkeit und Glück ganz närrisch!
    Vergessen war der gut Tomas, vergessen die schreckliche Alte, die sich
meine Mutter nannte; - ich hatte nur noch einen Gedanken: mit ihr zu gehen - bei
ihr zu bleiben!
    Und ich sagte mit vor Freuden zitternder Stimm: »Dirndl! - Gern habn tust
mich! - Ja, Himmel Herrgott!... Geh! Wart nur grad a Weil, bis ich mein Ranzl
hol; nachher ghör ich dein, so lang als d' mich magst!«
    Lief also eilends hinein zum Wirt und fragte um mein Ränzlein. Der aber gab
mir auch noch ein verschnürts Päcklein und sagte: »Das hat dir der Beham noch
zruckglassen; wirst es wohl brauchen können, meint er! - Und 'n Auftrag soll ich
dir noch ausrichten von ihm: Wannst wieder kimmst, hat er gsagt, bist da. Und
was sein ghört, das ghört auch dein. Und viel Glück zu der Wanderschaft!« Ach,
zu jeder anderen Zeit meines Lebens hätt ich eine solche Red wohl anders
hingenommen denn jetzt! - Wär wohl mit beschämtem Herzen wieder eilends
zurückgelaufen zu dem herzguten alten Vater und hätt gesagt: »Da bin ich wieder.
Nimm mich wieder auf!«
    Aber leider Gott war in diesem Augenblick der heilige Geist samt allen
seinen Gnaden von mir gewichen, und ich, so voller närrischer Lieb zu der
Mamsell, konnt dem Wirt nicht einmal einen gerechten Dank geben für seine Red,
geschweige denn ein verständigs Werk vollbringen.
    Mein Sinnen und Trachten ging nur noch auf den Besitz der feinen Jungfer,
und ich gab mich schon dem Traum hin, mit ihr bald ein lieblichs Eheleben zu
führen.
    Also nickte ich bloss etlichemal mit dem Kopf, schob das Päcklein geschwind
in den Ranzen, hing mir diesen um und lief mit kurzem Gruss hinaus zu dem
Mädchen, das mich verwundert ansah und fragte: »Ist das alles, was du hast?«
    »Nein, nein!« lachte ich voll Lust. »Hab schon noch was anders auch! -
Dich!«
    Und wollt sie also gleich auf offener Gassen an mich reissen.
    Aber sie schien gar nicht mehr so liebreich wie ehvor und wehrte mir meine
Narrheit mit gemessenem Ernst; doch folgte sie mir nach langem Sträuben zu der
Steinbank hinter dem Friedhof, daselbst ich ihr sogleich das karmisinrote
Seidentuch und auch das Büchlein als Verehrung gab.
    Sie dankte mit kargen Worten und sah kaum drauf hin; und über eine Weil
fragte sie, ohne mich anzusehen: »Bist du bloss ein Handwerksbursch? Hast du kein
Geld?«
    »Was? Kein Geld?« rief ich da protzig. »Geld grad gnug hab ich!«
    Und zog meinen Beutel und liess die Kreuzer scheppern. »Mir langts leicht,
was ich hab, und für dich verdien ich schon was, wannst mitgehst mit mir!«
    Damit steckte ich das Geld wieder ein und kramte in dem Ranzen.
    Da griff ich das Päcklein vom Tomas und zog es eilig heraus, indes die
Mamsell neugierig fragte: »Was ist denn da drin?«
    »Ah, nix Bsunders!« erwiderte ich; denn obgleich ich mir selber gar nicht
denken konnt, was es sei, so wollt ich mir doch nicht merken lassen, dass es ein
Geschenk des Bildlmachers wär.
    Doch öffnete ich es mit Hast und hatte im nächsten Augenblick harte Müh,
einen lauten Schrei zu unterdrücken; in dem Päcklein lagen Gulden und Kreuzer,
österreichisch und bayrische Münz, ein reichlicher Batzen, und dabei ein Zettel,
darauf stand: »Gsegn dirs Gott und komm bald wieder.«
    In meine Augen stieg es brennend heiss. Ich starrte auf das Geld und auf das
Blättlein Papier und spürte ein Würgen im Hals. Da fuhr die Mamsell kichernd mit
der feinen Hand in das Häuflein Münz und jubelte: »O, wie hell das klingt! - Wie
ich mir so was wünschte! - Schenk mir doch ein paar von den herrlichen Stücken!«
    Gedankenlos sah ich ihr zu und gab ihr etliche Gulden; dann schob ich alles
seufzend in den Ranzen, indes ein Gefühl der Scham in mir heraufkroch.
    Die Jungfer aber schlang plötzlich in heisser Zärtlichkeit ihre Arme um
meinen Hals und schmiegte ihre weichen Wangen an mein Gesicht, gab mir allerhand
Koseworte und tat so lieblich, dass ich gar bald alle Reu und Scham vergass und
mir wie verzaubert vorkam.
    Und so hab ich leider Ursach, jene Zeit zu beklagen und ihrer mit Scham und
Bitterkeit zu gedenken als einer Zeit der Schand und Untreu gegen meinen
herzensguten alten Vater, den Tomas, gegen das Andenken meiner allerliebsten
Zieheltern und gegen meine alleinige Lieb, die Katrein.
    Denn jene Dirn erschien mir so holdselig und tat so zärtlich mit mir, dass
ich ihr willig folgte, als sie mich mit sich nahm zu ihren Leuten. Und also
lebte ich gleich den Zigeunern in einer wilden Ehgemeinschaft mit dem Weibsbild,
das mir gemeinsam mit jenem Ungeheuer, so sich meine Mutter nannte, meine
Kreuzer bis zum letzten aus dem Sack zog und mir alle Ehr und alle Scham raubte.
    Da wurd gezecht und gewürfelt Tag um Tag; wurde gewerkt und gelumpt in dem
niedern Wagen, der dieser wandernden Komödiantenbrut Heimat und Besitz, Obdach
und Elysium bedeutete; und hatte der Herr des Teaters den Segen eines Pfarrers
nicht vonnöten gehabt in seiner Eh, so schien mir dieser noch weit weniger
notwendig in meiner Liebschaft, die gegen fleissige Lohnung und Geschenke an die
Alten von diesen stillschweigend geduldet wurde, bis mein Beutel endlich leer
und damit meine Freigebigkeit zu End war.
    Bis dahin aber galt ich überall als ein Mitglied der Komedie und hatte auch
etliche leichte Rollen eingelernt, um bei vorkommender Untersuchung durch die
Obrigkeit bestehen zu können; denn ich besass weder einen Pass noch sonst
Kundschaft, die mich hätten nötigenfalls ausweisen oder empfehlen können.
    Im übrigen aber war ich jetzund der Sohn des Teaterweibs und passierte als
solcher unangefochten die Tore der Städte, darin wir spielten.
    Somit kam ich also in dieser Zeit gar weit umher und lernte viele Orte
kennen, wie: Linz, Innsbruck, Salzburg, Rosenheim, Wasserburg und andere;
daselbst wir aber überall nur kurze Zeit verweilten und stets nur drei Komödien
aufführten; die vom schönen Käterlein, eine andere, die den Titel hatte: Bodo
und Siglinde, oder das Zauberbild, und eine vom armen Heinrich und der Goldelse.
    Nun mocht ich also leichtlich ein halbes Jahr in solchem Lumpenleben
zugebracht haben, als meine Buhlin eines Tags in der Früh, da wir eben zu
Rosenheim im Wirtshaus zur Sonne den Tanzsaal in ein Teater umwandelten, nicht
wie sonst lachend und scherzend um mich herumtanzte, vielmehr sich missmutig über
meine traurige Gestalt, meine Mittellosigkeit und bäuerische Art beklagte,
endlich hinauslief und den Tag über kaum mehr sichtbar ward.
    Und da wir abends vor dichtgefüllten Bänken wieder das schöne Käterlein
spielten und also die Stelle kam, wo sie nach den Zaubereien des Zaranka mit
ihrer Mutter wieder auf den Brettern erscheinen sollte, da warteten sie alle
vergeblich: die Mutter, der Kupferschmied und die Zuschauer. Das Käterlein,
oder, wie sie sonsten hiess, Liane, blieb verschwunden; Zaranka aber verschwand
gleichfalls zu dieser Stund.
    Mit Müh und Not brachten wir einen kläglichen Schluss der Komödie zustande
und durchsuchten darnach alle Winkel des Wirtshauses und des Wagens nach den
beiden, doch vergebens.
    Und den andern Morgen fand der Direktor auch den Platz in seinem Strohsack,
da sonst seine Geldtruhe lag, leer.
    Eine furchtbare Aufregung folgte, und nachdem er und die Alte, die Mutter zu
nennen ich annoch heut nicht vermag, genugsam getobt und geplärrt hatten,
verlangten sie von mir zwanzig Gulden als Notgeld.
    Und da ich ihnen nicht beispringen konnt aus dem einen Grund, weil ich
selber nichts mehr hatte, so fielen sie beide mit groben Schmähreden über mich
her, und die Alte schrie: »Bist du auch noch ein Sohn deiner Mutter! Lässst mich
im Unglück hängen wie jener Hund, dein Vater! - Marsch, sag ich! Fort aus meinen
Augen! - Entweder du bringst das Frauenzimmer wieder, oder aber zwanzig Gulden!
- Möcht doch wissen, wofür ich einen Sohn habe, wenn er mir nichts zu Lieb tut!«
    Musst also mein Ränzl wieder umschnallen und nach dem Stecken greifen, dabei
mir aber trotz aller Traurigkeit ein gar kurzweiligs Sprüchlein einfiel:
Lustig ists auf der Welt,
Ham die Herrn aa koa Geld,
Is für mi aa koa Schad,
Wann i koans hab!
 
                               Auf der Landstrasse
Also stand ich an jenem Tag, es war im Erntemond des Jahres 1804, nachdenklich
auf der Innbrucken und wusste nicht, wo aus und was tun, als drei
Handwerksburschen die Strasse daherzogen und fröhlich sangen:
»Steh auf, steh auf, du Handwerksgsell,
Die Zeit hast du verschlafen!
Die Vöglein singen im Grünen,
Die Fuhrleut tun schon blasen.
Was kümmert mich der Vögelein Sang
Und auch der Fuhrleut Blasen!
Ich bin ein fröhlicher Handwerksmann
Und ziehe meiner Strassen.
In der Schlossergassen im roten Hahn,
Da ist eine Herberg zu finden.
Da wollen wir singen und lustig sein,
Da wollen wir singen und trinken!«
Und da sie an mir vorüberkamen, tat einer einen hellen Juchschrei, eilte auf
mich zu und schloss mich in seine Arme.
    »Matiasle!« schrie er; »ja, wie kommst denn du da her? - Willst etwan gar
ins Wasser hupfen, dass d' so sinnierst?«
    Eine heftige Freude durchfuhr mich: Es war mein Ziehbruder, der Fritz; und
er lud mich ein, mit ihm und seinen Genossen durchs Bayerland und gegen die
Münchnerstadt zu wandern.
    Voll Verwunderung fragte ich ihn, wie er zu solcher Wanderschaft und in
diese Kameradschaft käm - als Bauernknecht; da lachte er und sagte: »Zwegn der
Kost, Bruderherz! Zwegn der Kost! - Allweil oa Suppen frisst der Bauer nit, dös
woasst ja selm! - No ja, - und dös ewige hausbacherne Brot - dös wachst oan am
End aa zum Hals raus! - 's Zunftbrot schmeckt aa nit schlecht, sagt mein Freund,
der Loabischmied!«
    Zugleich rief er seinen zwei Genossen, die derweil langsam weitergegangen
waren, nach: »He, Loabischmied! - He, Magister! - Geh, warts a wengl!«
    Und indessen diese zögernd auf uns zukamen, hatte ich ihm mit wenig Worten
meine Abenteuer berichtet und gesagt, dass ich gern mit ihm ginge, wenn ich nur
etwelche Kundschaft oder einen Pass hätte.
    Da liess sich der älteste von den dreien, ein dicker, glattrasierter Mensch
mit feinen Manieren, den sie Magister nannten, vernehmen: »Was? - Er möcht ein
Pfiffges sein und durch die Märtine holchen, und hat keine Flebbe?«
    Ich sah ihn wie ein blaues Wunder an und konnt mir gar nicht denken, was er
meinte; doch der ander, der Bäcker oder Loabischmied, half mir drauf: »Ob du
auch als Handwerksbursch durch die Märkt laufen willst, ohne dass du Briefe oder
Papiere hast?«
    Da sagte ich: »Ich hab noch nie ein Papier besessen; hab auch keins vonnöten
gehabt auf meinen Reisen. - Wo kann man denn so was bekommen?«
    »Auf der Polizei halt!« erwiderte mir der Fritz.
    Der Magister aber wollt nicht viel davon wissen und brummelte: »Narr,
einfältiger! Lässt den Kaffer zur Schmiere laufen! - Dass die grünen Hunde von mir
Wind bekommen und mich einkasteln! Bist wohl verrückt - he!«
    dabei tat er ganz scheu und sah bald hinter sich, bald vor sich, ob nicht
schon ein Schürge käme.
    Die andern aber lachten und spotteten über seine Furcht, so dass er wieder
munter wurde und mich, nachdem er gefragt, ob ich nichts am Kerbholz hätt,
ebenfalls einlud, mitzugehen; für meine Papiere wolle er schon sorgen.
    »Holch nur mit, Kotem!« sagte er; »brauchst nicht so grandig Bauser
scheften! - Wir holchen jetzt durch die Mokum, fechten darnach in die Fede,
achlen und schwächen grandig und josten uns darnach aufs Rauscher, bis die
Glanzer unterholchen!«
    Ich konnte ihn wieder auf keine Weise verstehen und fragte den Fritz, was
der Gsell damit gemeint hätt und was das für eine seltsame Sprache wär.
    »Das ist welsch«, sagte mein Ziehbruder. »Das versteht bloss der, welcher uns
wohl gesinnt ist; für die andern ist die Sprach ausländisch. Ganz ausländisch. -
Also, dass du's weisst: er meint, du sollst nur mitgehen, Kind, und nicht so viel
Angst haben! - Wir gehen in die Stadt, betteln, und darnach in die Herberg,
essen und trinken tüchtig und legen uns darnach aufs Stroh, bis die Stern
untergehn. - Ich versteh ihn ganz gut; aber selber komm ich noch nicht bsunder
zrecht mit dem Zeugs!«
    »So ists auch bei mir«, fiel ihm der Bäcker ins Wort; »verstehen tu ich ihn
gut, den Magister; - aber mit dem Nachsagen - da hats seinen Haken!«
    »Nur Geduld!« sagte da der Magister väterlich; »Ihr lernts noch bald genug.
Aber vor dem Bürschl da will ich wieder eine Weil deutsch parlen. - Wie heisst er
denn, der Kaffer?«
    »Matias«, erwiderte ich; »Matias Bichler.«
    »Seine Profession?« fragte er weiter.
    Ich kunnt ihm nichts antworten; denn was verstand ich zu der Zeit von
solchen fremdklingenden Namen!
    Dafür gab ihm der Fritz den Bescheid, dass ich gleich ihm bei den Bauern
gearbeitet hätt und zuletzt bei einem Maler gewesen wär.
    »Das ist schon eher was Zünftigs«, meinte auf diesen Bericht hin der
Magister; »als Malergsell kann er die ganze Welt durchplatteln! - Kein Teufel
schert sich drum! - Bloss muss er hie und da so dergleichen tun, als möcht er gern
schanzen. - Braucht ja nicht lang bei einem Meister zu bleiben, wenn ihm grad
ein Haar oder sonst was Unlustigs in die Suppen käm. - Aber jetzt wollen wir
wieder eins singen, dass die Leut ein gerührts Herz kriegen für uns arme Mucken!«
    Damit stimmte er ein frisches Burschenlied an, und wir zogen alle vier durch
die Gassen dahin und walzten also den ganzen Tag bis zum Abend durch die ganze
Rosenheimerstadt als vier arme, reisende Handwerksburschen und sprachen bald
hier, bald da um Arbeit zu; darauf dann die Frau Meisterin oder der Meister in
die Tasche griff und einen Zehrkreuzer herfürzog.
    Waren eine saubere Gesellschaft, wir vier: der bleiche Loabischmied mit
seiner mehlbestäubten Ballonhaube und dem fadenscheinigen Habit, - der Fritz in
seinem blauen Fuhrknechtskittel und dem federgeschmückten Spitzhut, - der
leichtlich seine vierzig Jahr alte, feiste Magister in seiner städtischen
Gewandung, seidenen Strümpfen und dem abgeschabten Dreispitz, den er weit ins
Gesicht setzte, ein feins spanischs Rohr in der Hand und ein mageres Felleisen
umgehängt; - und dazu ich armseliger, kurzgestiefelter Zwack, der in der
gleichen Zeit, da die andern einen Schritt machten, leichtlich seine drei
haxelte.
    Wo wir gingen, liefen Kinder hinter uns drein und reichten uns kleine
Päcklein mit Kupfermünz; Männer nickten uns wohlwollend zu, und die Weiber und
jungen Mädchen sahen neugierig aus den Häusern und blickten uns lange nach.
    Abends machten wir endlich vor einem grauen, verwitterten Hause halt, und
der Magister führte uns durch einen dunklen Gang in ein niederes Lokal, das von
Rauch und Qualm, von Lärmen und Geschrei erfüllt war.
    Bei unserm Eintreten wandten sich die meisten der an langen, schmutzigen
Tischen sitzenden Gäste blitzschnell nach uns um; etliche zogen sich eilends in
einen dämmerigen Winkel hinter dem mächtigen Ofen zurück und blickten scheu und
forschend nach uns.
    Der Magister aber begann sogleich, diesen oder jenen in seiner welschen
Sprache zu begrüssen, schob uns eine Bank zurecht und verlangte vom Herbergsvater
befehlend Speis und Trank.
    Warf auch gleich einen Gulden auf den zinnernen Teller am Schanktisch und
begehrte ein Nachtlager für alle vier.
    Der Wirt, ein buckliger, alter Tropf mit rinnenden Augen und langen Krallen
an den Fingern, kam schlürfend in einem schmierigen Leinenkittel aus seinem
Verschlag und stellte jedem von uns ein Glas Branntwein hin, langte einen
Brotlaib aus dem Wandschrank und sagte: »Was is gfällig, meine lieben Leut? -
Frische Gselchte hab i, oder Fleischknödl; a Voressen oder a Bröckerl Käs is aa
no da. - Geht wohl so alles auf eine Rechnung, Herr Magister?«
    »Aber freilich, Vater Kaspar!« rief da der Gsell; »solang wir grandig Kis
scheften, ist jeder unser Brissger!«
    Da stiess mich der Bäcker an: »Hast es ghört, Hiasl! Solange er hübsch Geld
hat, sagt er, ist jeder sein Bruder! - Alle Hochachtung vor unserm Kameraden! -
Alle Hochachtung!«
    Mein Ziehbruder, der Fritz, aber sagte gar nichts, betrachtete die Gesichter
der Burschen, die hier herumsassen und standen, assen und tranken, schwatzten,
würfelten oder sich sonst unterhielten, und ass darnach mit gutem Hunger etliche
Würste.
    Also tat ich auch desgleichen, nachdem ich noch jedem gesagt hatte, dass ich
ganz ohne Kreuzer Gelds war; darauf aber alle drei nur ein lustigs Lachen hören
liessen und mich ermahnten, gut zuzugreifen.
    Nach solchem Mahl reckte der Magister behaglich seine Beine unter den Tisch,
zündete sich eine kurze Pfeife an und schloss die Augen; doch verlor er kein Wort
der Unterhaltung und gab jedem, der über den Tisch was fragte, sogleich
Bescheid.
    Da schwirrten die welschen Reden durchs Lokal, dass selbst meine Kameraden
Müh hatten, sie zu verstehen und mir zu verdeutschen.
    Endlich aber wurden wir müd und liessen uns das Nachtlager zeigen, dabei uns
der Magister noch wohl ermahnte, nichts von Wert unverwahrt liegen zu lassen; so
ein lakerer Koluf hätt seine Scheinling die ganze Zeit über bei uns herüben
gehabt. Was soviel bedeuten sollt, als dass so ein falscher Hund seine Augen auf
unsere Ranzen geworfen hätte.
    Also legte jeder sein Sach unters Haupt, und ich konnt nicht umhin, einen
Stossseufzer zu unserer lieben Frau vom Birkenstein zu schicken, ehe ich die
Glieder streckte und entschlief.
    Hab nicht gar bsunder wohl geruht, die selbige Nacht; denn da wimmelte es in
meinem Strohsack von allerlei Getier, so dass ich den andern Morgen am ganzen
Leib voller Binkel und roter Fladen war und mir vor Jucken und Beissen kaum mehr
zu helfen wusste.
    Wär auch gern in ein Schaff kalts Wasser gesprungen, um mich darin eine Weil
zu baden, eh ich wieder in meinen Habit schloff; das aber leider nicht geschehen
kunnt, weil bloss ein armseligs Näpflein für alle Gäst bereit stand zum Waschen.
    Waren ihrer nicht allzu viel, die sich in der trüben Brüh abwuschen, und der
Magister riet mir, auch damit zu warten, bis wir unterwegs ein Orts einen Bach
fänden; denn für Krätz und Läus sei ich noch zu jung. Die wären besser für die
älteren Lumpen und Strolche.
    Darnach gab er mir insgeheim ein schmals Büchlein und ein Päcklein Papiere,
indem er sagte: »Hab gut acht drauf und weis sie nur vor, wanns gar nicht anders
geht! Ich hab sie gestern noch für dich eingehandelt!«
    Ich besah mir die Papiere darnach an einem geheimen Ort und erschrak nicht
wenig, als ich las, dass ich der zwanzigjährige Malergesell Johannes Schröckh aus
Traunstein sein sollt.
    Ging also hinein und sagte zum Magister: »Ihr müsst Euch geirrt haben! Ich
heiss Matias Bichler und bin aus ...«
    Aber der alt Spitzbub hielt mir sogleich das Maul zu und fuhr mich halblaut
an: »Haarbogen, dummer! - Halt dein Bonum! - Sei froh, dass du überhaupt was
bist! - Ohne Kundschaft kommst du nicht weit im Land herum, das merk dir! - Da
werden sie dich bald krank zopfen, und du kannst etliche Wochen hinter Schloss
und Riegel brummen. - Oder sie fegen dich aus und schieben dich nach dem Nest
ab, aus dem du stammst! - Die werden ja schauen, wenn du wieder kommst als
ausgefegter Pfiffges!«
    Damit liess er mich stehen, ordnete sein Felleisen und mahnte den Bäcker und
meinen Ziehbruder, die eine braune Zwiebelsuppe auslöffelten und Branntwein dazu
tranken, zum Aufbruch.
    »Avanti!« sagte er. »Schmust nicht lang; holcht, dass wir bald aus dem Bais
und ins Flach stieben! - Mir ists, als sei die Schmier im Anzug! Ich habs nicht
mit der kistigen Kontrolle!«
    Da machten sich die beiden geschwind fertig, indessen ich einen harten Kampf
mit mir ausfocht, ob ich sollt unter falschem Namen weiter wandern oder aber als
der, welcher ich wirklich war, in Not und Elend kommen, von den Schürgen
aufgegriffen und nach Sonnenreut abgeschubt werden.
    War mir gar nicht wohl bei solchem Überlegen, und ich hätt gern gewünscht,
dass ich wieder bei dem alten Fegfeuer in dem Zigeunerwagen gesessen wär als ihr
Sohn.
    Aber in dem Augenblick fasste der Fritz meinen Arm, schüttelte mich und
sagte: »Also, Hiasl, wannst mitwillst, musst gleich gehen! Über eine Weil ists
schon zu spät, - die Wach kommt um Sechse zum Visitieren!«
    Da raffte ich mich auf, schnallte mein Ränzel um und folgte ihnen, ohne mich
noch viel zu bedenken; darüber der Magister sehr erfreut schien und mir bei
allen Zufällen seine Hilfe versprach.
    Also zogen wir hinaus zum Tor und dahin durchs Gau, kamen in allerlei
Ortschaften, da man uns misstrauisch betrachtete, die Häuser verriegelte oder
aber uns scheltend von der Tür jagte; besuchten Dörfer und Märkte, daselbst
einer oder der ander auf eine Zeit Arbeit und Lohnung fand oder von guten Bauern
mit Zehrung reich versehen wurd, und hielten dabei fest zusammen als gute
Kameraden, die gern und willig miteinander teilen, was sie haben; sei's nun Geld
oder Speis, Quartier oder Unterstand, oder der magere Inhalt des Felleisens.
    Der Magister insbesonders tat mit uns gar brüderlich; hatte auch immer Geld,
oder, wie er es nannte, Kis, obgleich er am wenigsten sich plagte oder lange wo
arbeitete.
    Doch dacht ich auch über dies nicht viel nach und vertraute ihm als einem
weitgereisten und welterfahrenen Mann, der mir zwar als ein Vagabundus, niemals
aber als ein wirklicher Spitzbub fürkam und grad für mich eine schier zärtliche
Neigung hegte.
    Er stammte aus gutem Hause und war der Sohn eines rheinischen Gutsbesitzers.
Die harte Zucht im elterlichen Haus liess ihn schon als vierzehnjährigen Knaben
den Entschluss fassen, heimlich davonzugehen. Er packte also einen Anzug, Geld
und sonstige notwendige Dinge zusammen, versteckte den Pack in einem alten Boot
am Rheinufer und liess nach solchen Vorbereitungen noch einige Zeit verstreichen,
ehe er verschwand.
    Man wähnte, dass er im Rhein beim Baden ertrunken wär, weil man nachher seine
alten Kleider daselbst gefunden hatte, und liess ihn aus der Liste der Lebenden
streichen, dieweil er mit einem Kaufschiff rheinaufwärts fuhr und schliesslich in
Basel längeren Aufentalt nahm, ein Student wurde und durch seine Geniestreiche
bald unter der Burschenschaft grossen Ruhms und Ansehens genoss.
    Lebte also flott und in Saus und Braus, machte Schulden, bis ihm kein Mensch
mehr borgte, und kehrte schliesslich im Jahr 1790 als ein etwa
fünfundzwanzigjähriger Studiosus der schönen Wissenschaften Basel den Rücken;
doch nicht, ohne noch seine Hauswirtin, eine mannstolle Wittib, durch das
Märchen, er sei als Hofrat zu der Fürstin von Taxis nach Regensburg beordert
worden und brauche dazu Geld und anständige Kleider, um ein schöns Sümmchen
Geldes zu prellen. Sie gab ihm willig fünfhundert Gulden, nachdem er sie seine
liebe Braut genannt und ihr versprochen hatte, sie zur Frau Hofrätin zu machen.
    Darnach zog er lange Zeit in der Welt herum, tat gar fein und anhabisch, so
dass man ihn überall als einen grossen Herrn mit Hochachtung und Ehrfurcht
behandelte, bis er eines Tages unter Rücklassung grosser Schulden und etlicher
trauernder Mädchen wieder verschwand.
    Im Jahr 1800, da er eben ohne jeden Kreuzer Gelds in der ärmlichen Dachstube
einer Vorstadt Wiens sass, fiel ihm ein Gedicht in die Hände, das auf einem
Fetzen Papier stand, darein ihm die Mamsell vom Krämerladen sein Stück Speck
gewickelt hatte. Es war eine Lobhymne auf den grossen Fritz, den Preussenkönig.
    Sogleich ging er nun daran, etwas Ähnliches auf einen österreichischen
Herzog zu machen, widmete es »Seiner Durchlaucht alleruntertänigst« und erhielt
dafür von dem alten Herrn, der sich durch den schwülstigen Lobgesang nicht wenig
geschmeichelt fühlte, ein ansehnliches Geldgeschenk, ein huldvolles
Handschreiben und eine silberne Dose mit fürstlicher Widmung.
    Da ihm also solches so wohl geglückt war, machte er das Lumpenstück sogleich
auch in Deutschland und dichtete bald diesen, bald jenen hohen Herrn an; doch
folgte dieser einen grossen Auszeichnung leider keine zweite mehr, und die
deutschen Fürsten hatten höchstens einen Ordensstern oder ein paar trockene
Dankesworte für ihn.
    Noch einmal kehrte er nach Wien zurück, empfahl sich aber nach verschiedenen
Streichen bald wieder, und schliesslich erwischte ihn die Polizei, als er eben
ohne Bezahlung seiner Zechschuld aus einem Gastof zu Nürnberg verschwinden
wollte.
    Im Polizeigewahrsam hingen sich bald etliche zünftige Gauner an ihn; er
lernte ihre welsche Sprache, und nachdem er wieder in Freiheit gesetzt war, zog
er mit allerhand reisendem Gesindel durch die Gaue, um sich schliesslich doch
wieder von ihnen zu trennen.
    Und so war er am End bis in die Berge gekommen und hatte in der Gegend von
Kufstein den Bäcker und meinen Ziehbruder getroffen, mit denen er nun der
Münchnerstadt zu wollte, um daselbst als Schreiber irgendwo unterzukommen.
    Also tappte ich mit ihm und den beiden andern dahin, indes die Felder kahl
wurden, die Obstbäume überall voll schwerer Früchte hingen und ein scharfer Wind
durch die Äste der fahlen Buchen und Birken strich und auch uns durch die
leichte Kluft fuhr.
    Aus den Scheunen aber erscholl wieder das gleichmässige Lied der Drischeln
und gemahnte mich an jene glückhaften Tage im Weidhof, also dass ich gemach immer
stiller wurd und im Innersten meines Herzens ein tiefes Weh nach jener Zeit und
Weil verspürte.
    Da schickte es sich, dass wir eines Abends so um Kirchweih durch ein grösseres
Bauerndorf nahe bei Ebersberg zogen und daselbst um Speis und Nachtquartier
herumbettelten, als ein grossmächtiger Blachenwagen aus dem Schupfen eines
Wirtshauses gezogen, mit allerhand Kisten, Körben und Säcken beladen und mit
zwei starken Rössern bespannt wurde.
    Der Magister war sogleich zu dem Fuhrknecht hingegangen, sah ihm eine Weil
zu und fragte ihn dann herablassend: »Wo aus noch mit der Fuhr, lieber Freund?«
    Darauf der Bursch, ohne aufzuschauen, erwiderte: »Auf Münga. - Dös is 's
Botenfuhrwerk.«
    Nun stand der Magister noch eine Zeit, ohne ein Wort zu reden, sah dem
andern beim Eingeschirren zu und wandte sich darnach an uns, die wir gleich ihm
um das Fuhrwerk herumstanden.
    »Ihr wollt wohl auch nach München?« fragte er uns scheinbar neugierig.
    »Freilich wohl!« erwiderten wir frisch und machten, dass uns der Knecht
plötzlich erstaunt und misstrauisch ansah.
    »Nix da!« sagte er unwirsch; »da kunnt jeder kommen und mitfahren wollen! -
Habs nit mit solchen Gästen, wies ihr seids!«
    »Das kann ich mir denken«, meinte der Magister halb lächelnd, halb
mitleidig; »Ihr wollt halt auch nicht grad umsonst jeden fahren, der kommt. -
Jawohl. - Da habt Ihr auch nicht so unrecht, lieber Mann! - Aber - wie wärs,
wenn Ihr - natürlich gegen gutes Fahrgeld - mich mitnehmen würdet? - Ich habe
droben beim Herrn Pfarrer amtshalber zu tun gehabt und hab leider die Post
versäumt.«
    Er tat, als sähe er auf seine Taschenuhr, dabei er doch nur eine Zwiebel an
dem Band hängen hatte, und wiederholte: »Jawohl. - Leider. - Viel zu spät!«
    Der Knecht geschirrte ruhig weiter, indes er ab und zu einen schnellen Blick
auf den Magister warf und gleichmütig sagte: »So - beim Herr Pfarrer, sagts! -
Mhm. - Ja, - müassts halt aufsitzen, wanns Euch nit z' hart is. - Mhm. - Dees
kost nachher nit viel für Euch ... Dees wissts ja selber!...«
    Da zog der Magister mit fürnehmer Gebärde einen Gulden, den letzten, den er
noch hatte, aus dem Sack und hielt ihn dem Knecht hin.
    Der aber wollt von solchem reichen Fuhrlohn nichts wissen: »Naa, naa,
gnädiger Herr!« sagte er; »a so tean ma nit! Um dees fahr i ja den ganzen
Pfarrhof bis auf Münga! - Naa, so viel nimm i nit o! - So viel scho überhaupts
nit!« Da blinzelte der Magister zu uns herüber und meinte guterzig: »Ihr seid
ein braver Kerl. - Aber ich will Euch was sagen: ich geb Euch den Gulden, und
dafür erbarmt Ihr Euch über die armen Brüder da und nehmt sie um Gottswillen mit
in die Stadt. - Ich werde nicht versäumen, dem Herrn Pfarrer von Eurer
Guterzigkeit zu schreiben!...«
    Da lag er drin - der Gimpel! - »No ja«, sagte er wieder langsam und
gleichmütig; »nachher lass i s' halt aufsitzen, die drei. - Aber i hoff, dass s'
Enk koan Unmuss nit machen!«
    Und wandte sich an uns: »Also - nachher kinnts scho aufhocken!«
    Gab ihm also der Magister den Gulden, - der Knecht bedankte sich
untertänigst, - und wir stiegen fröhlich ein und freuten uns über die Keckheit
des Magisters.
    Der aber liess sich fein »Gnädiger Herr« titulieren, setzte sich auf die
weiche Decke, die ihm der Knecht noch gegeben hatte, und wünschte sich und uns
eine gute Reis, indes der ander draussen den Handgaul beim Zaum fasste, lustig mit
der Geissel knallte und aus dem Dorf fuhr.
    Unterwegs, da die Pferde gemächlich in der einbrechenden Nacht dahinstapften
und der Knecht pfeifend und singend nebenherschritt, lachten wir noch viel über
diesen wohlgelungenen Streich und lobten die Schlauheit des Magisters.
    Der aber erwiderte schmunzelnd: »O, das ist noch gar nichts! Da hab ich
früher schon feinere Stückln geliefert!«
    Und erzählte uns also die verschiedensten Streiche, die er als Studiosus,
als Reisender und als Vagabund schon ausgeführt.
    So ging er einmal bei Sturm und Regen, ohne einen Knopf im Sack, hungrig und
durstig der Stadt Wien zu und dachte darüber nach, wie er es anstellen möcht,
dass er sich ohne grössere Ausgaben einmal wieder ordentlich satt essen und seinen
äusseren Menschen ein wenig vorteilhafter gestalten kunnt, als ihm etwas einfiel.
    Er lief also eilends zum Tor hinein, indem er dem Wächter eins jener
huldvollen Handschreiben aus fürstlicher Feder unter die Nase hielt und sagte:
»Es eilt, mein Lieber! - Seine Durchlaucht wollen mich sprechen!«
    War also glücklich drinnen in der Stadt und begab sich sogleich in einen
Gastof, daselbst er ein Zimmer begehrte, den Brief mit dem herzoglichen Siegel
vorwies und sagte: »Wenn seine Durchlaucht nach mir senden sollte, dann meldet,
dass ich momentan unpässlich sei. Ich werde in zwei, drei Tagen kommen!«
    Fragte auch gleich, wann die Wechselbank geöffnet sei, und befahl, man
möchte sofort nach einem Schneider und zwei Schustern schicken; denn er sei
unterwegs in den Platzregen gekommen und hätte im Augenblick kein Gepäck bei
sich.
    Man beeilte sich sogleich respektvollst, die Wünsche »Seiner Gnaden« zu
erfüllen, wies ihm ein nobles Zimmer mit Kabinett an und bewirtete ihn
reichlich; ja - der Besitzer des Gastofs liess ihm sogar ein Paar feiner
Staatshosen, neue Strümpfe und trockene Wäsche bringen, damit dem »Herrn Baron«
nichts Unpässliches zustosse.
    Nacheinander kamen nun die Meister, und er liess sich einen feinen Anzug
nebst zwei Paar Schuhen anmessen, sagte, dass er die Sachen bestimmt in zwei
Tagen haben müsste, holte aus dem alten Rock die Briefe der Fürstlichkeiten und
legte sie offen auf den Tisch; sein altes Gewand aber schenkte er einem Armen.
    Am übernächsten Tag kam zur bestimmten Stunde erst der Schneider; der
Magister probierte die feinen Stücke und bemerkte, dass ihn die Hosen ziemlich
spannten; darum sagte er: »Ich glaube, Ihr müsst die hintere Naht seichter
nehmen, lieber Freund! Bedenket doch, dass ich als Gast des Herzogs viel
Komplimente machen muss! - Aber bringt mir die Hosen ganz bestimmt um sechs Uhr
wieder! - Den Rock und das Leibstück könnt Ihr hier lassen; - das passt.«
    Mit tiefen Verbeugungen verschwand der Schneider.
    Nun trat der erste Schuster ein.
    Sogleich probierte der Magister die fürnehmen Staatsschuhe und fand, dass ihn
die linke kleine Zehe schmerze.
    »Ach«, sagte er zu dem devot vor ihm knienden Meister; »schlagt ihn doch
noch zwei Stunden über den Leist, den linken! - Und um drei Uhr bringt Ihr ihn
wieder; der andere passt wie angegossen!«
    Unter vielen Entschuldigungen ging der gute Mann, und gleich darauf erschien
der andere Schuster.
    Wieder probierte der Magister und gab den rechten Schuh mit dem Wunsch
zurück, dass er noch ein wenig ausgeraspelt werden sollte; denn beim Auftreten
steche ihn ein Stiften in die grosse Zehe. Doch müsse er den Schuh bestimmt bis
zwei Uhr wieder haben, da er beim Herzog zur Tafel geladen sei.
    »Gewiss, Euer Gnaden! - Schamster Diener!« sagte der Meister und ging.
    Nun begab sich der Magister wohlausstaffiert hinab zum Wirt und fragte, ob
die Bank jetzt offen sei, er müsse sich Geld holen.
    »Jawohl, Herr Baron! Gerade gehts noch!« sagte der Wirt; »aber ich will Euer
Gnaden doch lieber ein Pferd geben. Reiten geht schneller denn gehen, und der
Bankportier kann ihn ja derweilen halten, den Gaul, bis Euer Gnaden fertig
sind!«
    Liess also einen sauberen Fuchsen satteln, - und der Magister ritt fröhlichen
Herzens zum Tor hinaus und bedauerte nur, dass er die Gesichter der Geprellten
nicht mehr sehen konnte, wann sie es merkten, dass der Vogel ausgeflogen war mit
ihren Federn. -
    Unter solchen Erzählungen des Magisters waren wir schier die halbe Nacht
gefahren, als uns endlich der Schlaf überfiel und wir uns auf die harten Kisten
und Säcke streckten.
    Da gab es dem Wagen plötzlich einen Ruck. Wir rissen die Augen auf, sahen
uns schlaftrunken an und krochen dann neugierig unter der Blache hervor.
    Da stand das Fuhrwerk vor dem Haus des Zolleinnehmers, und der Knecht
klopfte eben ans Fenster des Beamten.
    »Holla!« sagte da der Magister halblaut; »jetzt ists aber Zeit, dass wir
verschwinden; sonst kommts auf, was ich für ein Vogel bin!«
    Damit sprang er vom Wagen und rief dem Knecht zu: »Die armen Kerle suchen
Arbeit; nun will ich sie einmal schnell zu meinem Vetter, dem Pfarrer von Maria
Hilf, führen; der hat hübsch Holz zum Machen. - Also adjes, guter Freund! - Ich
werde nicht versäumen!«
    Der Knecht zog ehrfürchtig seine Haube und grüsste den Magister devot; wir
aber liefen frisch dahin.
    Es war ein schöner Morgen; über den Fluren und Wiesen lag ein glitzernder
Reif, feine Nebel stiegen auf und nieder, und unter uns in einem Tal lag die
Münchnerstadt wie ein Schattenriss mit ihren Türmen und Giebeln, Mauern und
Zinnen.
    Ein breites, dampfendes Wasser, das der Isarfluss war, floss rauschend
zwischen herbstlich buntgefärbten Bäumen und Büschen dahin, und aus dem
Nebelschleier ragten die mächtigen, grünlich schimmernden Kuppeln der Türme vom
Dom unserer lieben Frau.
    Glockengeläut tönte zu uns herüber, das Rufen und Juchzen der Flösser drang
vom Fluss herauf, und allerhand Fuhrwerke und Leut bewegten sich auf den zwei
Brücken, die unter uns über die Isar nach dem Tor der Münchnerstadt führten.
    Also trabten wir den Rosenheimer Berg hinab, vorbei an niedern Häusern mit
kleinen Gärten und geraniengeschmückten Fenstern, und schritten über die
Brucken, darunter der Fluss mit wilden, grüngelben Wassern dahinfloss.
    Vor dem Tor waren überall noch grüne Wiesen mit Schafherden; Gänse und Enten
tummelten sich in Bächen, aus einer Kaserne ritten bunte Soldaten, im Wirtshaus
zum Postgarten blies ein Postillon etliche Landlermelodien, und unter dem
Isartor hobelte und schnitzte der Stadtwagner an der Deichsel einer fürstlichen
Karosse; der Messerschmied daneben liess die Funken von seinem Schleifstein
sprühen, und ein Schlosser stiess eben seine glühende Eisenstange ins kalte
Wasser und schlug und hämmerte sie zur kunstvollen Schnecke.
    Vor dem Zollwächterhaus aber stand ein alter Soldat der Polizei, fragte nach
unsern Papieren und machte, dass ich mich in diesem Augenblick elender fühlte als
zu jener Stund, da ich alles verloren hatte.
 
                               Johannes Schröckh
Mit zitternden Fingern und grosser Kümmernis und Angst im Herzen schnallte ich
mein Ränzl ab und holte umständlich die Kundschaft und das Wanderbuch heraus,
unsere liebe Frau wieder einmal brünstig um Hilf angehend und den Magister, der
grad anstandslos als Karl Ludwig Harold, Geheimschreiber aus Darmstadt, das Tor
passierte, in alle Höllen und Verdammnisse verfluchend.
    Eben gab der Bäcker seine Papiere hin, sagte, dass er Philipp Leber heisse und
in München Arbeit suche, und folgte darauf ebenfalls ohne Hindernis dem
Magister; darnach kam mein Ziehbruder, der Fritz. Der Beamte las laut:
»Friedrich Glotz, Stallknecht aus Sonnenreut, - Ihr sucht Arbeit? - Wird schon
was geben. - Könnt passieren.«
    Nun war also die Reih an mir, und ich stand allein und verlassen von der
ganzen Welt vor dem gestrengen Gendarm, darauf gefasst, dass er im nächsten
Augenblick die Häscher rufe, mich in Fesseln lege und in den nächstbesten Turm
sperre als gemeinen Betrüger.
    Aber er sagte bloss: »Stimmt. - Könnt passieren.«
    Und gab mir den üblichen Gegenschein für meinen Reisepass.
    Noch umständlicher, als ich meine Judasfetzen ehvor ausgepackt, tat ich den
empfangenen Wisch jetzt hinein in den Ranzen, sagte dem Alten mit bebender Stimm
Pfüa Gott und ging mit schlotternden Knien hinein durchs Tor in die Stadt und
ins Tal Mariä.
    Lachend standen meine Gefährten vor dem Haus eines Bäckers und empfingen
mich mit üblem Spott, darüber ich mich so stark erzürnte, dass ich von ihnen
weglief.
    Der Magister aber eilte mir nach und redete mir zu, bis ich wieder umkehrte
und also mit ihnen beriet, was wir nun anheben wollten.
    »Ich weiss schon mein Teil!« sagte der Bäck; »ich geh jetzt zu dem
Wecklmeister da hinein, - vielleicht hab ich Glück!«
    Und trat also ins Haus, über dessen Tür ein fein geschmiedeter Kranz mit dem
Zunftzeichen der Bäcker hing und ein Schild: »ZumDirnbäcken«.
    Indessen er drin verhandelte, gingen wir heraussen langsam auf und ab und
lugten dabei verstohlen durch die Scheibe des Schiebfensters, dahinter der
feiste, mehlbestäubte Meister neben seiner himmellangen Hausfrau stand und dem
Philipp seine Kundschaften abverlangte.
    Es dauerte eine geraume Weil, eh der Kamerad wieder aus dem Haus trat; da er
aber endlich erschien, lachte er voll Freuden und nahm von uns Abschied.
    »Bin schon gedungen!« sagte er. »Ist ein guter Herr, der Meister. - Drei Tag
Prob ums Essen, - darnach fix auf drei Jahr, wann ich mich gut halt. - Herrgott,
bin ich froh drüber! - Ich wünsch euch das gleiche Glück! - Und ...«
    Er langte in den Sack und zog alle seine zusammengefochtenen Groschen und
Kreuzer hervor: »Da - teilts es fröhlich miteinander! - Und jetzt bhüt euch der
Himmel!«
    Wir wünschten ihm alles Glück und nahmen sein Geschenk gern an. Dann
versprachen wir ihm, zum nächsten Sonntag vor dem Haus zu stehen und auf ihn zu
warten.
    Und also gingen wir, indes er seine Ballonhaube schwenkte und wieder ins
Haus trat.
    Im Tal Mariä war schon lautes Leben und Treiben, da wir so
durchmarschierten. Schwerbeladene und mit feisten Ochsen bespannte Bierwägen
kamen aus einem Bräuhaus, aus der Hufschmiede daneben drang beissender Rauch und
das Fluchen der Gesellen. Vor der Werkstatt eines Sattlers hielt eine
Staatskarosse, während daneben aus der Hochbruckenmühl die weissen Mahlburschen
mit schweren Säcken aus dem Tor keuchten und einen Wagen beluden. Kraxenweiber
und feine Kochmamsellen, alte Bauern und junge Gecken liefen durch die Gassen;
prunkvoll in Samt und Seide gekleidete Bürgersfrauen und silberstrotzende Männer
kamen aus einer Kirchen. Ein Tändler stand unter seiner Ladentür, hatte eine
endsgrosse Brille auf der Nase und stäubte und blies an einem alten Ministerrock
und schimpfte nebenzu grimmig auf den Gestank, welchen der Weissgerber mit seinen
Häuten und Fellen um sich verbreitete, da er sie vom Karren hob und ins Haus
trug. Ein Fuhrwerk mit feinem weissen Sand zum Fegen der Böden und Bänk stand vor
dem Wirtshaus zum Löffelwirt, und der Lenker des alten, hinkenden Schimmels
schrie in langgezogenen Tönen: »Weiss Saand!« dabei er aber von einer
buntgewandeten Jungfer, die zwo Fässlein in einer Kraxe am Rucken trug,
überschrien wurde; denn sie lockte die Frauen und Kochdirnen ringsum aus den
Häusern mit ihrem Ruf: »Rührmilli und Butter!«
    Ein alter, zusammengeschrumpfter Salzstössler mit erfrornen Backen und
tröpfelnder Nase stand hinter der trüben Scheibe seines Ladenfensters und sah
neidig auf die schweren Kisten und Ballen, die daneben vor dem Tor des reichen
Handelsmannes und Seidenhändlers abgeladen wurden, indes ein Gendarm dabei Wache
hielt, dass nichts gestohlen wurde. Zwei Diener liefen mit einer Sänfte, darin
ein steinalts Männlein mit langstieligem Spekulierglas und gepuderter Perücke
sass, dem Ratstor zu und stiessen dabei schier einem Burschen seine zwei
grossmächtigen Käsräder vom Kopf, die er eben aus einem Gewölb trug.
    Vor dem Haus eines Branntweinbrenners hielt der Magister an und sagte:
»Jetzt gehn wir einmal zuerst da hinein auf ein Glas Bittern. Und dann reden wir
weiter!«
    Also traten wir ins Haus, das man den Heiliggeistbranntweiner hiess, und
darin schon männiglich Leut beieinander sassen und standen: Alte und Junge,
Bauern, Händler, Handwerker und Bürger, ihr Stamperl tranken oder etliche Krüg
füllen liessen und daneben sich mit jedermann anliessen und unterhielten.
    Und da wir also unsere himmelblauen und grünen, gepressten Gläslein nahmen
und auf gut Glück anstiessen, trat einer zu uns, ein aufgeblähter, rotkopfichter
Mensch mit schweren Silberknöpfen an seinem braunen Rock, und fragte leutselig,
wo wir herkämen.
    Sagten wir: »Von den Bergen - Arbeit suchen.«
    Darauf er unser Gewerb wissen wollt und jeden drum fragte.
    Der Magister aber nannte ihm willig statt unser alles: »Der ist ein guter
Stallknecht für Ochsen und Küh, Rindvieh und Ross«, sagte er vom Fritz; »der da
ist ein Maler oder Anstreichritter - zwar nicht gross, aber ein firmer Gsell«,
rühmte er von mir und meinte dann von sich selber: »und ich bin ein alter
Schreiber, Sekretär und Stiefelzreisser.«
    Der ander betrachtete uns eine Weile prüfend; dann fragte er meinen
Ziehbruder: »Kann er melchen?«
    »Freilich!« sagte der Fritz; »melken und buttern, füttern und stallräumen.
Und in der Feldarbeit da fehlt sich auch nix.«
    Worauf sich der Alt noch ein Glas Schnaps einschänken liess und die Papiere
des Bruders zum Durchschauen verlangte.
    »I bin Millihandler«, sagte er darnach; »i kunnt di schon ganz gut brauchen;
- was verlangst denn?«
    »Was halt der Brauch ist«, erwiderte der Fritz; »ich mach mein Sach richtig
und lass nix über mein Vieh kommen. - Was zahlts denn?«
    »No ja«, meinte der Milchhändler bedächtig und trank; »no ja. I gib dir, was
recht is: vierazwanzg Gulden im Jahr und ein Paar Schuh. Nach zwo Jahr vier
Gulden mehr, und den Drangulden extra.«
    »Jawohl«, sagte der Fritz; »so, wies halt der Brauch ist. - Um das möcht ich
schon anfangen bei Euch!«
    »No ja, nachher is ja alles recht und richti!« erwiderte der Alt und zog
einen gestrickten Geldbeutel aus der Hose. »Nachher gib i dir also glei dein
Drangeld, und du gehst auf der Stell mit.«
    Also war auch der Fritz gut unter Dach. Der Magister aber sagte: »Kann man
vielleicht inne werden, wo Euer Sach ist, Herr? - Er bekümmert mich, der junge
Kampel!«
    »Dees kinnts scho inne werden«, erwiderte ihm der Alt. »I bin in der
Salzgassen und hab a schöns Sacherl. Bei mir hoasst mans zum Fischer Simmerl;
könnts schon amal kommen zu eahm auf d' Nacht nachn Feierabend.«
    Ach Gott, wie war mir in dieser Stund elend in meinem Gewissen! Denn ich
gedacht mit Angst und Grausen des Augenblicks, da auch an mich die Frage käm:
»Wer und was - woher und wohin?«
    Er kam leider nur zu schnell, dieser Augenblick! Denn der Milchhändler
wandte sich an einen hageren, weisshaarigen Mann, der hinter dem Schanktisch beim
Branntweiner stand und ein gemaltes Schild in Händen hielt, mit den Worten:
»Behringer! - He, Behringer! - Geh amal her! - Hast nit du gsagt, dass dir a
Junggsell mangelt in deiner Werkstatt?«
    Der Angeredete ging auf uns zu und fragte: »Warum? - Hast leicht oan?«
    »Jawohl, Euer Gnaden!« rief da geschwind der Magister und nahm mich bei den
Schultern: »Wenn Euer Gnaden geruhen wollten, den Burschen auf eine Probe zu
dingen! - Er ist ein Vetter von mir, - versteht sein Sach von Grund aus, - kann
bloss mit den Leuten nicht recht umspringen. - War ja auch sein Lebtag immer bei
der eigenen Freundschaft; - gewöhnt sich aber schon noch an die fremden Leut. -
Welchen Zweig der edlen Malerei pflegen Euer Gnaden, wenn man fragen darf?«
    »Mir tean vergolden und Figuren von die Herrn Bildschnitzer bemaln«,
erwiderte der Meister; »der Dressler in der Hackenstrass und i - mir san die
oanzign von dem Fach. - I hab halt zwoa Altgselln und vier Junggselln in der
Werkstatt, ohne die Lehrbubn. - Wie heisst er denn, der Krowat? - Hat er
Kundschaft?«
    »Schröckh, Euer Gnaden!« beeilte sich der Magister statt meiner, der ich
dastand wie Sankt Sebastian mit den fünfzig Pfeilen im Leib; »Johannes Schröckh.
- Hallo - geschwind deine Flebben, Bursch! - Nur nicht so verdattert, mein
Lieber! - Der Meister wird bald genug Respekt vor dir kriegen!«
    Langsam, als tät ich mein Halstüchl ab, damit mir der Scharfrichter den Kopf
leichter abhauen kunnt, holte ich die verfluchten Hadern heraus und gab sie dem
Magister hin, denkend, es wär wohl das Best, wenn mir unser lieber Herr in dem
Augenblick geschwind einen sanften Tod schenkte.
    Aber ich blieb lebend und gesund und hatte eine Weil darnach einen
brennenden Dinggulden in der Hand.
    Der Magister aber bedankte sich mit geschraubter Red bei dem Meister und
fragte, ob er mich einmal aufsuchen dürft mit Verlaub Seiner Gnaden.
    »Aber gwiss!« sagte dieser. »Kommts nur, wenns Euch beliebt! - Ich habs gar
nit ungern, wann hie und da eins von der Freundschaft ein bissl dahinter steht
mit der Fuchtel! - Sie schlagn dann nit so leicht über d' Sträng, find ich!«
    »So ists!« sagte der Erzgauner, der scheinheilige. »Und wo sind Euer Gnaden
zu finden, wenn man fragen darf?«
    »Ja so«, erwiderte ihm mein Meister; »also, wenn Ihr Euch merken wollt:
Christian Behringer is mein Nam; Mal- und Vergolderwerkstatt, - glei da drüben
im Hackenviertel; - Brunngassen. 's erste Haus linker Hand, wenn man von der
Hundskugel rein kommt. - Unser liebe Frau steht gross über der Haustür in der
Nischen.«
    Da bedankte er sich noch einmal, der Magister, gab mir gute Lehren und
schöne Wort und versprach, mich am Sonntag nach dem Essen zu besuchen, mit
Verlaub.
    Ich aber wusst nicht Red noch Antwort, fühlte nicht Schmerz noch Lust und
stand auf meinem Fleck, indes in meinem Hirn der eine Gedanke umging: »Gfehlt
ists! - Aus ists! - Du bist ein Lump!«
    Mittlerweil hatte sich der Milchbauer mit dem Fritz auf den Weg gemacht, und
der Magister nahm nun ebenfalls von uns Abschied, trank sein Glas aus und ging.
    Da gab ich mir einen Ruck und dachte, wenn ich erst einmal eine Weil bei dem
Meister wär und er keine Klag über mich hätt, dann kunnt ich ihm ja leichtlich
alles erzählen.
    Und bis dahin würd es schon gehen mit der Hilf Gottes.
    Ging also mit ihm und trat hinaus in die sonnbeschienenen Gassen und folgte
meinem Meister durch das feinbemalte Ratstor über den Marktplatz mit der lieben
Frau auf der Säulen, vorbei an den Ständen der Händler und hinein in schmale
Gassen und enge Winkel, bis wir endlich zu dem Haus mit der grossen Madonna
kamen.
    Aufrecht ging ich durchs Tor und hinein in die Werkstatt, da der Meister mir
meinen Platz neben einem Altgesellen anwies und sagte: »Also, Hans, probiern
wir's halt in Gottsnam.«
    Nun hatte ich also eine Arbeit, einen Meister, einen Platz beim Altgesellen
- aber kein Gewand, wie es die zünftigen Maler gemeiniglich bei ihrem Schaffen
tragen.
    Sagte also derhalben zum Meister: »Es wär mir lieb, Meister, wann ich gleich
meine Kluft ablegen kunnt und ein anders Gwand anlegen. Auch hab ich mir noch um
kein Logis gschaut.«
    »Das kannst im Haus haben«, erwiderte der Meister; »bei mir loschiern alle
im Haus, die bei mir werken! - Habs nit mit den Auswärtsschlaf ern! - Hängt sich
leicht allerhand an! Und - was ich sagen will, - Kittel und Schawer findst da
hint, in dem Kasten, was d' brauchst.«
    Also suchte ich mir meinen Habit aus und folgte darnach dem Meister hinauf
unters Dach, da drei niedere Kammern für die Gesellen gerichtet waren mit
sauberen Betten, blechernen Waschschüsseln und steinernen Wasserkrügen. Vor
jedem Bett stand ein blank gescheuerter Hocker und eine niedere Truhe, und an
der Wand hing ein einfacher Herrgott, mit Palmbüscheln und Antlaskränzlein
geschmückt. In den geblümten Zeugvorhängen steckten allerhand Zunftzeichen und
Anhängsel, Blumensträusslein und bunte Bänder, und auf einem Fensterbrett stand
einschichtig ein magerer Rosmarinstock.
    Der Meister hatte derweil seine Ehefrau gerufen; und die lächelnde,
rundliche Meisterin mit ihrem blonden Haarschopf, darin ein grossmächtiger,
geschnitzter Hornkamm steckte, rief mit heller Stimm, indem sie eilig ihre
blumenbestickte Leinenschürze zurückschlug und glättend über die Kissen eines
Bettes strich: »Ja, was is dees, Vater! - Ham ma scho wieder oan! - So so! - Na,
dees is recht. - Wie heisst er denn? - Is er auch brav und ordentlich? - Und
gsund? - Kennt er unsern Herrgott noch? - Geht er schön in d' Kirch? - Er hat
doch hoffentlich kein Schatz? - Gwiss nit? - Also - dann ists recht. - - Acht
gebn aufs Bett! - Kein unnützen Dreck machen! - - 's Bettgwand nit zreissen! -
Öfters beichten gehen! - Den Boden nit vollspaizen und 's Waschwasser nit in d'
Dachrinn giessen! - Und nit streiten! - Und im Haus Filztapperln tragen! - Also.«
    Und sie nickte mir freundlich zu, liess die Schürze wieder fallen und lief
die Stiegen hinab, dass ihr Schlüsselbund rasselte.
    Da zog ich mich eilig um, tat einen Stossseufzer und folgte darnach dem
Meister wieder in die grosse, lichte Werkstatt, in der überall Engel und Heilige,
Madonnen und Wandherrgotte umeinanderlagen und standen; bald aus Holz, bald aus
Gips, alabasterne und steinerne, bemalte und vergoldete.
    Hier strich einer frisch an dem lichtblauen Mantel der Himmelskönigin, dort
malte einer die Schuhriemen des heiligen Florian; der rieb auf einer gläsernen
Platte emsig die Farbe an, und jener setzte eben goldene Sterne auf das Gewand
eines Cherubs.
    Der Altgesell aber, dem ich zur Hilf zugeteilt ward, malte kunstvoll das
Antlitz eines Herrgotts am Kreuz; bleich, mit bläulichem Unterton, die
halboffenen Augen voll Schmerz und Leid im Ausdruck.
    Etliche Lehrlinge liefen geschäftig mit Farbtöpfen und Goldlackhäfen herum,
wuschen Pinsel, trugen den Gesellen Öle oder Paletten, Töpfe oder Näpfe zu und
machten dabei ihre Spässe und Umtriebe.
    Der Meister holte derweil einen Pack leerer Wandkreuze, legte sie für mich
hin und sagte: »So, die müssen sauber schwarz gstrichen werdn. - Der Benno soll
dir's Farbhaferl bringen und Pinsel! - Gregori, schaugst ihm halt hie und da auf
d' Finger, dass ers recht macht, sein Sach!«
    Mein Altgesell nickte, und ein Lehrbub brachte mir alles, was ich brauchte.
    Also begann ich meine Arbeit, die ich wohl begriff; denn ich hatte schon
beim Bildltomas viele Rahmen bemalt, gestrichen und vergoldet.
    Der Gregori brauchte kein Wort zu reden und war mit dem Anfang so wohl
zufrieden, dass er am Mittag zum Meister sagte: »schafft gar nit schlecht, der
Binkel! - I denk, mir lassen ihn morgen bei den Birchmayer-Aposteln 's Grundiern
anfangen.«
    Was mir einen wohlgefälligen Blick vom Meister eintrug.
    Um die Essenszeit begann es in der stillen Werkstatt plötzlich lebendig zu
werden, und die schweigsamen Gesellen fingen an zu scherzen und zu singen, zu
lachen und zu pfeifen, bis es ringsum von den Kirchen und Kapellen zum Mittag
läutete.
    Da stellten sich alle auf einen Haufen zusammen, wandten sich gegen Aufgang
der Sonne, da in der Ecken ein mattes Öllicht vor einem dornengekrönten Herrgott
an der Geisselsäule brannte, und beteten laut den Angelus Domini und das
Tischgebet.
    Darnach rief einer dem andern einen guten Tag zu, wünschte ihm einen
gesegneten Appetit und wusch sich in einem Schaff voll Lauge die Händ, worauf
man sich der Arbeitskleider entledigte und zum Tisch ging.
    Da trat man zu ebener Erd in eine geraumige Stuben, darin in der Mitte ein
endsgrosser Tisch aufgedeckt war. Ringsum standen schwarze Lederstühle, und an
der Wand neben dem Kachelofen war ein ledernes Kanapee, darauf der Meister sass
und in der Zeitung blätterte.
    Ein Kommodkasten, darauf eine Stockuhr, ein Christkind unter einem
Glassturz, ein Arbeitskorb und ein Zinnkrug standen, ein Wandschränklein und ein
Spinett machten die Einrichtung fertig.
    Man wünschte also dem Meister guten Appetit und setzte sich, nachdem er
zuerst Platz genommen, rings um die Tafel.
    Lächelnd trug die Frau Meisterin eine endsgrosse Schüssel voll
aufgeschmelzter Brotsuppe mit Zwiebeln auf, wünschte, man möcht sichs schmecken
lassen, und schöpfte sich darnach ein wenigs in einen zinnernen Teller, während
der Meister mit uns gleich aus der Schüssel ass.
    Da gings in schönem Takt und guter Ordnung: erst der Meister, dann der
Gregori; darnach der zweit Altgsell, die Junggsellen, dann ich und drauf die
Lehrbuben. Den letzten Löffel hatte noch der Meister.
    Nun brachte die Meisterin jedem einen hölzernen Teller und stellte eine
Schüssel voll Knödel, eine Platte mit dünnen Fleischschnitzeln und einen Hafen
voll Kraut auf den Tisch.
    Dazu ging der Brotlaib und der Wasserkrug die Runde, und schweigend hielt
man seine Mahlzeit, bis der Meister das Wort ergriff und etwas über den Tisch
fragte. Da durfte ein jeder schwatzen und wohl auch einen Spass treiben, bis die
Hausfrau an ihren Teller klopfte, aufstand und mit singender Stimme den Dank für
Gottes Gaben betete.
    Nach diesem sagte ein jeds »Gelts Gott« und begab sich gemächlich wieder in
die Werkstatt, da dann geschafft wurde bis um drei Uhr. Drauf wurde gevespert
und darnach der Tag mit fleissigem Tun beendet.
    Nach Feierabend gings an ein grosses Waschen und Kämmen; denn die Meisterin
als eine adrette Frau liebte nichts Ungepflegtes und hätte gewisslich jeden, der
unsauber zum Nachtkaffee gekommen wär, vom Tisch gewiesen.
    Mein Altgsell, der Gregori, hatte gleich Freundschaft mit mir geschlossen
und schlug mir nun einen kleinen Spaziergang vor, dazu ich gern ja sagte.
    Noch etliche waren dabei, und so gingen wir unter heiteren Gesprächen ein
wenig hinters Haus, durch einen schönen Garten mit barocken Sandsteinfiguren,
Brunnen und Bänken, vorbei an einem kleinen Pavillon mit einem Eisengitter um
den Balkon, wie Filigran so fein und durchsichtig; über einen schmalen Fussweg
durch eine Wiese und zu einem Bach, daselbst wir die Füss ins eisige Wasser
hingen und die andern mein bisherigs Leben und Treiben aus mir herausfragen
wollten. Da wurde leider mein eingeschlafens Gewissen wieder erweckt, und ich
gedacht mit grosser Trauer meines Leichtsinns, diese Schwindelfetzen vom Magister
angenommen zu haben.
    Kunnt auch in der Folg nicht gar froh werden trotz aller Lieb des Meisters
und der Freundschaft meiner Kameraden; denn es bedrückte mich, dass alles dies
nicht mir, sondern einem Fremden galt, der vielleicht in Wirklichkeit irgendwo
am Galgen baumelte oder noch gar nicht zur Erden geboren war.
    Und ich nahm mir wohl hundertmal vor, dem Meister alles zu beichten; dazu es
aber leider Gottes niemals kam aus feiger Furcht, es möcht mich die Achtung der
andern und die Lieb des Meisters kosten.
    Zudem arbeitete ich mich täglich besser ein in mein Handwerk und tat es
schier dem Gregori gleich. Hatte auch wieder angefangen zu schnitzen und
schenkte bald dem einen, bald dem andern ein geschnittenes Schächtlein, einen
Rahmen oder ein Figürl.
    Und da ich einst mit dem Gregori zu einem Bildhauer in der Hundskugel kam,
betrachtete ich mit heisser Gier die Werkstatt und die Geräte, die Modelle und
Zeichnungen und bat schliesslich den Meister Birchmayer, der eben aus einem
Haufen Lindenstöck etliche aussuchte, er mög mir doch ein Scheitlein schenken,
weil ich auch diese Kunst probieren möcht.
    Worauf mich der Künstler einen Augenblick streng prüfend ansah, darnach
lächelte und sagte: »Gerne! - Wenn du glaubst, du kannst es, so mach nur einmal
was Rechtes! - Aber ich fürcht, es wird dir doch nicht so fein von der Hand
gehen, wie du es im Kopf hast!«
    Damit gab er mir verschiedene weiche Hölzer, fragte, ob ich auch Werkzeug
hätt, und meinte zum End: sehen möcht ers aber doch schon ganz gern, was ich
zustand brächt.
    Heissa! Da sass einer von nun ab jeden Tag nach Feierabend bei seinen Klötzen,
schnitzte und schabte, linste und passte und hielt sein Werk alle Augenblick
prüfend vor sich hin, ob alles recht würd!
    Und nach Verlauf etlicher Wochen stand ich mit klopfendem Herzen wieder beim
Meister Birchmayer und hielt ihm das Tuch hin, darein ich meine Schöpfungen
sorglich gewickelt hatte: eine Statuette der Madonna, einen Christus am Kreuz
und zwei Leuchter.
    Starr sah mich der Meister an, schüttelte nachdenklich den Kopf, betrachtete
die Dinge lange und sagte schliesslich, indem er den Christus in der Linken hielt
und leise mit den Fingerspitzen der Rechten darüberstrich: »Wer hat dich denn
das gelehrt?«
    »Niemand«, erwiderte ich ihm; »ich hab schon als kleiner Bub geschnitzelt; -
und mein Katreinl ...«
    Erschreckt hielt ich inne, und eine heisse Röte stieg mir ins Gesicht. Der
Künstler aber sagte lachend: »So so! Auch schon verliebt! - Na - ist ja deine
Sache! - Also - dein Katreinl ...?«
    Voller Verlegenheit sagte ich ihm nun, dass die schon einen Haufen solcher
Dinge von mir hätt und dass ich schon oft gedacht hätt, ich möcht einmal auch was
ganz Grosses, Gutes zuwegbringen.
    Da legte der Meister meinen Christus wieder hin und sagte: »Ich will dir
dazu helfen. Lass die Stücke hier liegen, bis mein Freund Boos hier war, dann
sehen wir weiter. Und komm am Sonntag wieder. - Übrigens: wie heisst du denn
eigentlich, und wer sind deine Eltern?«
    Mir war, als hätt mich ein Schlag gerührt bei dieser Frag. - Starr und
hilflos blickte ich auf meinen Herrgott und die Madonna, - und dann kams mir
plötzlich wie Wasser von den Lippen: »Eltern hab ich keine. Matias Bichler heiss
ich und aus Sonnenreut bin ich. Meine Zieheltern waren die Messmersleut von
Sonnenreut. Beim Weidhofer hat mans gheissen. Und mein Katreinl ist jetzt die
Lackenschusterin von Sonnenreut. Bei der hätt ich als Viehbub dienen sollen und
bin davon.«
    Und erzählte ihm meine Schicksale bis dahin, wo ich die Komödiantenbrut
kennengelernt hatte.
    Aber da kam ein hochbetagter Herr mit einer ältlichen Mamsell, ein Freund
des Meisters, wie es schien, und ich musste gehen.
    Mit herzlichen Worten reichte er mir noch die Hand und sagte zuletzt: »Komm
ja wieder! Du freust mich. - Und nimm dir wieder ein paar Holzklötze mit!«
    Band mir also etliche in mein Tuch und geleitete mich hinaus.
    Leichten Herzens lief ich heim und tat, was ich seit langem nicht mehr
getan, - sang und jodelte, juchzte und pfiff aus übergrosser Freud.
    In den nächsten Wochen aber schnitzte ich meiner Meisterin eine zierliche
Madonna und dem Meister einen feinen, verschnörkelten Rahmen zu seinem Bild, das
ihm der Gregori als Silhouette geschnitten hatte; darüber gross Lob und eitel
Freud im Hause herrschte.
    Es mocht jetzt so ein halbs Jahr sein, dass ich in dem Haus des Malers lebte
und die Heiligen anstrich; hatte auch eine fröhliche Weihnacht daselbst gefeiert
und mich gut eingewöhnt.
    Da rief mich eines Sonntags der Bildhauer Birchmayer zu sich und erklärte,
ich kunnt bei ihm ohne jedes Lehrgeld als Jünger eintreten, sobald ich wollt.
Seine Freunde Muxl und Kobell sowie der alte Professor Boos, der neulich mit
seiner Tochter grad dazugekommen wär, als ich ihm meine Werke überbracht hätte,
seien gern bereit, mich zu unterstützen, damit was Ordentlichs aus mir würd.
    Mit Tränen in den Augen erfasste ich seine Händ und brachte doch kein Wort
des Danks hervor.
    Und dann lief ich davon und eilte heim, meinem Meister sogleich die
Botschaft zu bringen und ihm zugleich die Wahrheit über meine Person zu sagen.
    Aber es war leider kein Mensch zu Hause, und ich mussts bleiben lassen.
    Ging also langsam durch die Stadt, bis mir mein Ziehbruder und die andern
zwei Gesellen einfielen; denn der Magister hatte sich noch nicht einmal bei mir
blicken lassen, und auch ich war die ganze Zeit über niemals mit einem oder dem
andern zusammengekommen aus eben der Ursach, mein wirklicher Name möcht dadurch
an den Tag kommen.
    Und so überlegte ich grad vor dem Kaffeehaus zum schönen Turm, ob ich nicht
einen von ihnen - etwan den Fritz - aufsuchen sollt, als mir unser Gregori auf
die Schulter klopfte und sagte: »He, Hansl! - Bist auch alleinig? - Magst nit
mitgehen in die Tanzschul? - Menuett und Deutsch lernen? - Kost bloss zwei Gulden
fürs Jahr!«
    War mir nicht bsunder angenehm, dass ich sollt da mitgehen; aber ich fragte
doch, wo es wäre, darauf der Gregori sagte: »Drunten beim Kosttor, - in der Arch
Noe. - Gibt allerhand Leut und Madeln dort: Bäcken, Müller, Knecht und Mägd,
Kocherln, Nahterinnen und halt allerhand. - Is ganz lustig dort; - der
Gerstenegger Hiasl, ein Schustergsell, hat die Gschicht über sich. - Also, was
ists? - Gehst mit?«
    Und schob also seinen Arm in den meinen und nahm mich mit durch die Stadt,
da wir hinab zur Kosttorkasern mussten, wo auch der Falkenturm, ein hartes
Zuchtaus, und die churfürstlichen Hofställe standen.
    Auch hier floss ein Wasser durch, der Kainzmüllerbach geheissen; eine Brucken
führte grad vor dem Wirtsgarten drüber, und über eine kleine Stiegen hinab kam
man in das Haus, auf dessen Fassade eine gut gemalte Arche Noe prangte.
    Wir begaben uns erst in die vollbesetzte, allgemeine Wirtsstube, einen
dunklen, verräucherten Raum, über dessen Wände sich uralter Epheu hinspannte und
den vielen Heiligenbildern samt dem Gemäld des verstorbenen Churfürsten Carl
Teodor eine feine Zierde gab. Von der Weissdecke hingen an Ketten etliche
Glaskästen, darin die Wahrzeichen verschiedener Zünfte in überaus zierlicher
Darstellung prangten. So sah man in dem einen die getreue Nachbildung eines
churfürstlichen Prunkwagens samt Pferden und Kutschern, Dienern und Lakaien. In
einem andern waren eine Menge winziger Hüte aller Zeiten und in allen Formen und
Farben aufgeschichtet, und wieder ein anderer entielt einen ganzen Bienenkorb
aus Wachs, mit feinen wächsernen Blumen verziert, darauf Bienen von der gleichen
Materie sassen.
    Rings an den Wänden waren Rehköpfe aufgemacht, daran die Gäst ihre Hüt und
Hauben hingen.
    An einem der niederen Fenster sass ein kleiner Affe mit einer Miene wie ein
alter, verkümmerter Schulmeister, wiegte sich auf der schaukelnden Stange und
klopfte dazu, so oft er draussen jemand kommen sah, an die Scheiben.
    Ab und zu sprang er von seiner Stange, kletterte, so weit ihn seine Kette
liess, am Epheu entlang und schaute neugierig und interessiert hinüber zum andern
Fenster, da wohl leichtlich an die dreissig Vögel in einem geschnitzten, mit
Türmen und Fähnlein gezierten Flughaus sangen und lärmten.
    Plötzlich stiess er einen quiksenden Schrei aus und kehrte hastig wieder
zurück auf seinen Platz.
    Indem ich den wunderlichen Burschen noch betrachtete, zupfte mich der
Gregori am Ärmel und sagte: »Gehn wir wieder, - es ist niemand da, den ich
kenn.«
    Und führte mich also hinauf über eine Stiege in den Tanzsaal, wo männiglich
beieinanderstand, fein in Paare gericht und auf den Beginn der Musik harrend.
    Nun gab der Tanzmeister mit seinem langen, bandgeschmückten Stab ein Zeichen
in die Ecke, wo auf einem Podium zwei Bläser und ein Geiger sassen, zählte: »Eins
- zwei - drei - eins!« und der Reigen begann.
    Wir drückten uns unbemerkt in einen Winkel und sahen zu, indes die Paare
stampfend oder schleifend, wirbelnd oder drehend an uns vorübertanzten und der
Meister bald diesem, bald jenem Paar einen Wink gab.
    Nach beendetem Reigen rief der Lehrmeister etliche Tänzer beim Namen und
sagte: »Oh! Oh! - Was war das für ein Gehopse, Jungfer Gertraud! - Sag ich Euch
nicht immer, Ihr sollt nicht so konfus herumhüpfen! - Und Ihr, Mosjö Engelbert!
- Wo habt Ihr denn Euern linken Arm wieder hinplaziert! - Mamsell Kuni! - Nicht
doch - nicht doch! - Ihr verdreht ja die Augen beim Walzen, als seien sie
Wagenräder! - Und Ihr da hinten - Mosjö Benno! - Nicht so stampfen, sag ich! -
Muss denn wirklich alle Welt wissen, dass Ihr ein Bräuknecht seid! - Eleganter,
sag ich, - eleganter! - Nun noch einmal!«
    Und der ganze Reigen wurde wiederholt.
    Diesmal gings zur Zufriedenheit des Meisters; denn er lächelte freundlich,
nickte beifällig bald diesem, bald jenem Paar zu und rief entzückt: »Scharmant!
- Ich applaudiere! - Admirabel! - Grandios! - Es ist gut, - wir wollen
pausieren!«
    Während der Pause stellte mich der Gregori dem Meister Gerstenegger vor und
sagte, dass ich die Absicht hätte, bei ihm das Tanzen zu lernen; darüber der Geck
schier krumm wurd vor lauter Katzbuckeln und sagte: »Ah! Scharmant! - Ich habe
die Ehre, Mosjö, Herr Baron! - Meine Referenz! - Freut mich, freut mich! - Mit
Vergnügen zu dienen, Euer Gnaden! - Aber - pardon - für heute, bitte ich, bloss
gefälligst zuzusehen! - Pardon! - Gehorsamster Diener, meine Herren!«
    Er verbeugte sich noch einmal und schwänzelte darnach durch den Saal an
einen kleinen Tisch, daselbst er sich mit Bier und Käs erfrischte. Wir machten
uns nun an eine der Gruppen an, die längs der Wand auf ledergepolsterten Bänken
Platz genommen hatten, assen und tranken und sich lachend und scherzend
unterhielten.
    Hier packte eben ein schwarzhaariges Kocherl ein feistes Ganshaxl aus und
legte es ihrem Tänzer mit süssem Lächeln auf die Knie; dort steckte ein Bäcker in
lichtblauer Uniform seiner Partnerin eine feuerrote Nelke aus Papier an die
Brust; wieder andere stiessen auf ihre Gesundheit an und machten allerhand Witze,
die der Gregori münchnerisch nannte.
    Eine grosse, blasse Jungfer aber sass ganz allein bei einem Gläslein Met und
hatte niemand, der sich mit ihr unterhielt.
    Zu dieser setzte ich mich nun und wünschte ihr einen guten Tag.
    »Seid Ihr ganz allein da, Jungfer?« fragte ich.
    »Jawohl«, erwiderte sie; »meine Freundin, die sonst immer mit mir hergeht,
ist leider Gott krank.«
    »Lernt Ihr auch tanzen - mit Verlaub?« kam ich wieder.
    »Ei freilich!« lachte sie; »sonst wär ich wohl nicht da!«
    »Ganz richtig«, meinte ich verlegen; »darf man vielleicht wissen, - wer und
was?...«
    »Ei, sieh da!« rief das Mädchen auf solche Red hin aus; »wie kommt Ihr mir
vor, Mosjö! - Hat eins schon so was erlebt! - Fragt mich der Gischpel um meine
Privatsachen und sagt nicht einmal, wie er heisst! - Ein sauberer Kavalier!«
    Und machte also, dass ich vor Verlegenheit nicht mehr aus noch ein wusste.
    Aber mein Kamerad war derweil wieder zu mir getreten und half mir aus der
Klemm: »Oho! Jungfer Lisbet! - Nit so aufbegehrn! - Der Jungherr ist mein
Kamerad - ist ein zermer Künstler und ein feiner Bursch! - Der kriegt andere
auch noch, wie so eine einschichtige Flickmamsell! - Gell, hat dich dein
Schorschl heut versetzt! - Da drüben hockt er, - schau! - Bei der schönen
Christl - bei deiner Freundin!«
    Nun erbarmte sie mir doch; denn sie wurde erst rot, dann bleich und sagte
bloss halblaut: »Geh zu, - boshafter Mensch!«
    Worauf sie der Gregori noch einmal spöttisch ansah und dann zu einer der
Gruppen trat, bei denen es am lautesten zuging.
    Ich aber blieb nun bei der traurigen Jungfer, setzte mich neben sie und fing
ein Gespräch mit ihr an.
    Sie war nun recht freundlich, und wir unterhielten uns gar gut, indes ihre
bleichen Wangen langsam wieder Farbe bekamen.
    Und ehe der Tanz wieder begann, fragte ich sie noch schnell um ihre
Häuslichkeit und versprach, sie zum nächsten Sonntagskurs abzuholen; darüber sie
gar nicht ungehalten war. Mittlerweil wurde es gemach Zeit, dass wir ans
Heimgehen dachten, und der Gregori nahm meinen Arm und zog mich aus dem Saal.
    Und also trabten wir gemütlich durch die matt erleuchteten Gassen und gingen
heim, da schon die andern in weissen Hemdsärmeln um den Tisch in der Essstube
sassen und diskutierten, bis die Frau Meisterin im Sonntagsstaat mit Locken und
silbernen Nadeln, mit gesticktem Mieder und goldener Riegelhaube eintrat und
eine grosse Platte mit Würsten auftrug, jeden fragte, ob er auch in der Vesper
oder im Rosenkranz gewesen wär, und daneben eine Schüssel voll Kraut
herumreichte, indes der Meister am Kanapee lag, die Stirn in Falten zog und nach
dem Bierkrug rief. Darauf ihm die Meisterin sein gottslästerliches Saufen
vorhielt und ihn zu Bett brachte.
    So ging also der Tag um, der letzte, den ich als ein Malergsell verlebte;
denn schon der ander Morgen brachte mir ein Ereignis, das die Wahrheit des
Sprichworts wieder einmal klar bewies: So sich einer die Suppen einbrockt, soll
er sie auch auslöffeln.
 
                                    Im Turm
Die Frau Meisterin hatte mir grad noch eine extrige Butterbretzel zu meinem
Kaffeeweckl gelegt, nachdem ich ihr und dem Meister als erster einen guten
Morgen gewunschen, da wurde draussen der schwere Türklopfer dreimal laut
vernehmbar, und ins Haus traten zwei Gendarmen und ein Polizeidiener.
    »Mit Verlaub, Meister Behringer!« sagte der Diener, da ihnen der Meister
aufmachte. »Gut Morgen. - Haben was Fatals heut, - mit Respekt zu melden - ganz
was Fatals. - Es soll nämlich - mit Verlaub - in Euerm Haus ein ganz
gefährliches Individium - respektive - Subjekt sein, ein Erzspitzbub,
Einbrecher, Strassenräuber und - mit Respekt zu melden - ein ganz
gemeingefährliches Galgenfutter!«
    Sprachlos starrte mein Meister die drei an, indes die Meisterin einen
schwachen Schrei ausstiess und mit dem Seufzer: »Heiland! I stirb!« ohnmächtig
mir in den Arm sank, der ich doch selber vor Schreck und Entsetzen wie ein Halm
im Sturmwind schwankte; denn ich hatte es im ersten Augenblick schon gewusst: die
sind wegen deiner da, - jetzt kommt die Straf Gottes!
    Ganz gebrochen und mit bebenden Händen half mir der fassungslose Meister
seine Ehefrau aufs Kanapee legen und brachte nur die Worte heraus: »In mein
Haus! - In mein Haus! - A Räuber in mein Haus!«
    In diesem Augenblick kamen die Gesellen die Stiege herab, und einer um den
andern trat in die Stube - starr und verwundert.
    In jener Stund hab ich auch 's Beten vergessen und 's Wünschen; denn mein
Schicksal schien mir besiegelt.
    Jetzt ists aus, - sagte ich mir; - jetzt gehts dahin, und der Scharfrichter
misst dir jetzt gähend ein rots Halsbindl an, - anstatt dass d' ein Künstler wirst
und ein grosser Herr!
    Und überlegte also nur noch, wie ich meinem Meister die grosse Kümmernis ein
wenigs abnehmen und mir die Schand ersparen kunnt, so vor dem ganzen Haus in
Ketten gelegt und verarretiert zu werden.
    Nahm also meine Kraft zusammen und wandte mich an die Gendarmen: »Verschonts
doch die armen Leut! -
    Kommts da raus, - ich will euch über alles Aussag geben!« Sie mussten mich
für den Sohn des Hauses halten; denn sogleich gab der Diener den beiden
Gendarmen einen Wink, befahl, dass jeder Gsell in der Stube bleibe, und folgte
mir auf den Gang hinaus.
    »Ihr kennt wohl alle, die hier in Arbeit stehen?« fragte er mich alsdann.
    »Ja!« erwiderte ich bebend. »Nennt den Namen!«
    Da kams auch schon wie die Posaun vom jüngsten Tag: »Johannes Schröckh,
Malergesell, geboren und katolisch getauft im Jänner des Jahres 1786 zu
Traunstein in Baiern.«
    Alles Blut war aus meinem Gesicht gewichen; eine Schwäche fasste mich, und
ich musste mich an das Stiegengeländer lehnen, um nicht zu sinken.
    Und sagte weiter nichts, als: »Es stimmt schon; nehmts mi nur gleich mit! -
Ich bin der Johannes Schröckh gewesen.«
    Verblüfft sahen mich alle drei an; aber ich hielt ihnen meine Händ hin zum
Fesseln und sagte: »Es ist schon so. Ich heiss zwar Matias Bichler, - aber ich
bin unter dem Namen Schröckh da in Arbeit gestanden. - Warum, - das kann ich
euch nit sagen!«
    »Das kann man glauben und nicht glauben!« meinte nun der Polizeidiener. »Da
muss ich schon eine Gwissheit drüber kriegen!«
    »Die sollts gleich haben!« erwiderte ich und wollte hinaufgehen in die
Kammer, meinen Passierschein aus dem Ranzen zu holen.
    Aber in eben dem Augenblick trat der Meister aus der Stube, blickte wild von
einem zum andern und sagte endlich grollend: »Ihr werdts wohl irr gangen sein! -
In mein Haus arbeiten bloss ehrliche Leut, - koane Spitzbuben! - Und jetz möcht i
nachher wieder an Ruah in meiner Hütten! - Verstanden, meine Herrn! - I bin ein
Bürger! - Ein Münchner Bürger! - Verstanden!«
    »Ho, ho ho! Meister!« liess sich da einer von den Gendarmen hören. »Teans
Eahna fein net so auslassen! - Mir san die hohe Obrigkeit - und das Gesetz -
verstanden! - Mir tean ganz einfach unser Pflicht - verstanden!«
    »Jawohl - ganz richtig!« pflichtete ihm der Diener bei. »Vor dem Gsetz und
der Polizei hat jeder zu schweigen! - Wie heissen Eure Gesellen? - Vor- und
Zunamen!«
    Der gute Meister zitterte noch immer vor Zorn, und seine Stimme klang
heiser, als er sagte: »Meine Gselln? - Dees kinnts glei von jeden selber hörn! -
I sags Euch nachher schon, obs stimmt!«
    Da sagte ich noch einmal: »Ich heiss Johannes Schröckh und bin aus
Traunstein. - Moaster, - stimmts?«
    »Jawohl, Hansl, - du bist es schon!« erwiderte der gute Alte und sah mich
schier zärtlich an. »Und was die andern betrifft, so derfts es grad fragn! - I
geh!«
    Und spuckte also giftig aus, murmelte einen Fluch und ging in die Werkstatt,
indes aus der Stube das laute Durcheinanderreden der Gesellen und klägliches
Weinen der Frau Meisterin vernehmbar ward.
    Noch einmal hielt ich meine Hände hin; die Gendarmen schlossen mich in
Ketten und führten mich ab, wie ich ging und stand.
    Der Polizeidiener aber rief zur Stubentür hinein: »Ihr könnt an euer Gschäft
gehn! - Wir sind fertig!«
    Ging und schlug das Haustor hinter sich zu, dass es krachte.
    Also ward ich als ein übler Verbrecher unter grossem Zulauf des Volks durch
die Gassen geführt und hinter der Kirch Sankt Peter in ein Gebäud und vor den
Kriminalrichter gewiesen, der mir eine Stunde lang alle erdenklichen Kreuz- und
Querfragen vorlegte, ohne doch was anderes zu erfahren als die Wahrheit, die ihn
aber leider als die ärgste Lug dünkte.
    »Schade!« sagte er am End ingrimmig. »Schade, dass wir die Folter nicht mehr
so brauchen dürfen wie vordem! - Aber du wirst schon bekennen, wenn man dich
morgen einmal ein wenig auf die lange Bank legt, - deine Glieder streckt und dir
so ein zwanzig, dreissig Streiche gibt! - Ab jetzt - in die Keuchen! - Wir finden
schon was, um dich zur Wahrheit zu bringen, - Bürschlein! - Deinen Kragen
kostets dich so oder so! - Morgen kommst du in den Falkenturm!«
    Worauf mich einer abführte und in die Keuchen des Ratsturms sperrte.
    Da sass schon einer auf einem Schemel, hatte den Kopf in beide Hände gestützt
und rührte sich nicht, da ich eintrat; wandte auch den Kopf nicht, als der
Schürg zu ihm sagte: »He, da! bruet wohl wieder neue Bosheiten aus, der Gauner!«
und ihm dazu einen Rippenstoss gab, worauf er brummend wieder hinausging und
hinter uns abschloss.
    Nun erst wandte der Gefangene langsam den Kopf und sah mich an; - aber da
stiess ich einen Schrei aus: es war der Magister.
    Auch er starrte mich ohne alle Fassung an, packte mich an den Armen und rief
dann aus: »Matiasl! Ja zum Teufel! Wie kommst denn du da rein?«
    »Wie werd ich reinkommen sein!« sagte ich bitter. »Zwegn deine verfluchten
Malefizfetzen! - Dein Herr Johannes Schröckh ist heut aufgabelt worden! - Das
hab ich bloss dir zu verdanken, dass ich jetz dasitz in der Schand! - Der Richter
redt gar schon von der Tortur, und dass s' mich köpfen wolln oder hängen!«
    »Ach was, Unsinn! - Köpfen!« sagte der Magister. »Wenns bei mir weiter
nichts wär, wie bei dir, so könnt ich billig lachen! - Dein Fall kann doch
sofort geklärt werden! - Für was bin denn ich noch da! - Nur Kopf hoch und nicht
gleich so verzwazelt sein! - Ich halt, was ich versprochen hab!«
    Dies gab mir wieder etwas Hoffnung in mein traurigs Gemüt; auch wars mir
trotz meines Grolls auf den Magister um vieles leichter, dass ich nicht ganz
allein war in meiner Gefangenschaft; daher erschrak ich nicht wenig, als der
Diener nach einer Weil wiederkam und den Magister fortolte; denn ich wähnte,
man würde ihn jetzt wo anders unterbringen.
    Eine grosse Beklemmung kam über mich, und ich lief ruhelos zwischen den
grauen Wänden hin und her, betrachtete scheu die elende Lagerstatt im Eck und
den Stein, darauf ein Wasserkrug stand.
    Ein armseligs vergittertes Fensterloch liess kaum ein wenig Tageslicht durch
seine blinde Scheibe herein, und ein Unratkübel verbreitete einen bestialischen
Gestank in der winzigen Keuchen.
    Mein Hirn brannte, und eine harte Angst schnürte mir die Brust zusammen, da
ich der Drohung des Richters gedachte.
    Nun wussten es die Gesellen und der Meister schon, dass ich der Verbrecher
war, den die Schürgen geholt!
    Und der Meister Eberhard, der Birchmayer, erfuhr es wohl auch bald!
    Ach Gott! - Und alles bloss wegen dieses Leichtsinns! -
    Wer weiss, was dieser Magister alles geliefert hatte, dass er hier sass! - Er
wollt mir helfen! - Wie wollt er mir denn helfen? - Dem schenkte ja doch niemand
Glauben!
    Und dacht also dies und jenes, dacht zurück in der Zeit und Weil und war
schliesslich am End, da ich in jener Nacht aus dem Haus der Lackenschusterin,
meiner Katrein, entwichen war.
    Da stieg es mir heiss auf; - ich liess mich auf die hölzerne Lagerstatt fallen
und weinte bitterlich.
    Schäme mich annoch jetzund dieser Tränen nicht, da sie doch mein Herz
erleichterten und meine Sinne willfährig machten einer tiefen Reu über alle
Leichtfertigkeit meines Lebens.
    In solcher Zerknirschung fand mich nach einer geraumen Weil der Magister,
als er wieder in das Loch gebracht wurde; und er verwunderte sich höchlich
darüber, da es doch gar nicht schlecht um mich stünd, wie er meinte.
    »Ich glaub gar, du flennst!« sagte er. »Möcht mich wohl schämen an deiner
Stell, zu heulen! - Man hat mich geholt und mir befohlen, dich auszufragen über
dein ganzes Leben, um dir die Tortur zu ersparen. - Ich werde mich also noch
heut abends melden und über dich reden, wie sichs gehört. So. Und jetzt wird
nimmer geheult! - Pfui Deibel!«
    Er spuckte giftig an die Wand und sagte nach einer Weil vertraulich: »Habs
auch nicht gut gemacht, mein Sach; hab einem Milchbauern seiner Kuh die
Maulseuch abbeten wollen um zehn Taler. - Derweil zeigt mich der Hund an! -
Weils nichts geholfen hat! - Jetzt kann ich zehn Tag brummen und darnach die
Staup kriegen!«
    Nach Verlauf etlicher Stunden ward ich abermals vor den Richter gestellt und
mit vielen und beweglichen Worten ermahnt, doch zu gestehen: dass ich erstlich
wirklich der Johannes Schröckh sei, zweitens, dass ich drüben bei Augsburg einem
Handelsmann seine Barschaft geraubt und ihn durch Schläge misshandelt und
drittens das Gewölb eines Geschmeidhändlers erbrochen und ausgeraubt hätte.
    Und da ich auf meinen alten Angaben, also bei der Wahrheit, bestehen blieb,
liess der würdige alte Herr einen Schreiber kommen, der mir den Gang der Tortur
von einem Bogen Pergament ablesen musste.
    »Ist jemand vor dem Gesetz hinreichend verdächtig«, begann er, »ein
Verbrechen begangen zu haben, und laugnet trotz aller Ermahnungen, so muss mit
ihm zur üblichen Tortur geschritten werden.
    Diese besteht darin: dass erstens der Verdächtige in die Torturkammer geführt
werde.
    Hier sind alle Wände ganz schwarz, rings mit Lichtern behangen, der Raum
überall mit peinlichen Werkzeugen vollgestellt, so dass das Auge des Verbrechers
keinen Ruhepunkt findet. - Nichts als Martergeräte.
    Dort wird er ausgekleidet, ihm das Torturhemd, welches rückwärts offen ist,
angelegt, und er auf die Streckbank geworfen, Händ und Füss mit Stricken
angebunden und sein Leib auf alle Weis gedehnt und gestrecket.
    Darnach dreissig harte Streiche mit der Rueten gegeben, dass ihm das Fleisch
vom Gebein fallet.
    So das nicht nützet und der Verbrecher noch laugnet, zweitens:
    Den folgenden Tag Wiederholung der ersten Tortur, doch diesmal sechzig
Streiche mit der Rueten.
    Bekennt er auch dann nicht, so wird er: drittens, über Nacht in einen
eisernen Leibring gespannt, die Händ in eiserne Handschuh gestecket und den
dritten Tag also vorbereitet in die Marterkammer geführt, vom Nachrichter in den
Stachelstuhl geworfen, dass sich die eisernen Zinken ins Fleisch bohren, und
darnach sechzig Streiche.
    Hierauf werden ihm die Daumen und grossen Zehen kreuzweis mit Schnüren
gebunden und eine Walze voll eiserner Spitzen unter die auf den Rucken
gebundenen Arme geschoben; alsdann schnellet der Nachrichter von Zeit zu Zeit an
den Schnüren, dass es den Körper heftig durchzuckt.
    Dazwischen noch einmal sechzig bis siebenzig Streiche, dabei aber der
Medikus Acht haben soll, ob der Verbrecher solches ohne Gefahr des Lebens bis
zum End vertrage.«
    Also las der Schreiber dies erschreckliche Schriftstück, dabei mich ein
kalter Schauer schüttelte und ich für eine Weil die Sprach verlor.
    In solchem elendigen Zustand fragte mich nun der Richter aufs neue, ob ich
der besagte Johannes Schröckh sei oder nicht.
    Da sagte ich noch: »Bei Gott, nein! - Matias Bichler ...«
    Dann fiel ich wie ein Klotz zur Erden und wurde ohnmächtig in die Keuchen
und zu dem Magister verbracht.
    Der bebte vor Zorn, da ich wieder zu mir kam, und versicherte mir hoch und
heilig, dass er mich retten wollt um jeden Preis.
    Und da der Mittag kam und wir ein Schüsselchen Suppe zur Mahlzeit erhielten,
sagte er zum Schürgen: »Sagt dem Richter, ich hätt was zu melden.«
    Dann forschte er mein ganzes Leben aus mir heraus, nannte besonders die
Namen des Lackenschusters und des Meisters Eberhard Birchmayer etwan zwanzigmal
und wiederholte das, was ich ihm erzählt, so lange halblaut, bis er zum Richter
geholt wurde, daselbst er leichtlich eine Stunde verblieb.
    Hab eine harte Weil gehabt in jener Stund und billig unsers Herrn gedacht
und seiner Not, da er vor seinem Sterben am Ölberg kniete und Blut schwitzte.
    Und es kam mir wieder das alte Gebet auf die Lippen, das meine Ziehmutter,
die Weidhoferin selig, jeden Donnerstag beim Nachtläuten gebetet hatte:
O du liebster Herr Jesu Christ,
Traurig zum Ölberg gangen bist;
Denn du erkanntest in deinem Herzen,
Dass du leiden müssest grosse Schmerzen,
Den Vater batest mit Begier,
Dass er nähm den Kelch von dir.
Vor Todesangst war dir so heiss,
Dass dir ausging der blutge Schweiss;
Und als du solchen überwunden,
Hast deine Jünger schlafend funden.
Als sie vor Traurigkeit dalagen,
Tätst du mit grosser Liebe sagen:
Wachen und beten sollet ihr,
Dass keine Versuchung euch verführ!
Nach solchem Beten setzt ich mich auf den Schemel, hielt die Händ gefaltet und
überdachte noch einmal den Gang der Tortur und meine Lage. Und da ich so stumpf
vor mich hinstarrte, fiel mir eine Schrift in die Augen, die mit einem scharfen,
spitzen Ding in das Holz der Liegerstatt geritzt war. Mühselig entzifferte ich
bei dem dämmerigen Licht das Gekritzel und las:
»Drei Röslein im Garten, -
Drei Enten im See, -
Mein Everl muess warten, -
Bis i wieder aussi geh!«
Darunter stand: »Heiliger Peterl mit den Himmelschlüsseln, spirr meine Keuchen
auf und führ mi naus!«
    Da ich dies gelesen hatte, wurde ich wieder gefasster; denn ich bedachte, dass
auch vor mir schon mancher hier gebrummt und gezwirnt hatte, vielleicht mit noch
geringerer Schuldigkeit - mit grösserer Pein.
    Stand also auf und suchte an Tür und Wänden überall nach Zeichen von
solchen, die das gleiche Unglück, wie ich, oder vielleicht ein grösseres gehabt.
    Ach, da war schier kein Flecklein an der dicken Eichentür - kein Flecklein
längs der grauen Wand, das nicht irgendein Mal, ein Zeichen oder sonst eine
Inschrift gezeigt hätte!
    Hier war ein Herz mit verschlungenen Buchstaben; darunter stand das
Verslein:
»Du hast ein falsches Herz,
Das hab ich geprügelt,
Jetzt sitz ich voll Schmerz
Beim Wasserkrügel.«
Dort war ein Talerstück getreulich nachgezeichnet, darum die Worte standen:
»Die Daler waren gar zu scheen,
Deswegen muess ich ins Zuchtaus gehn.«
Wieder eine Inschrift hiess also:
»Katerl, i kimm, wann i aussi kimm;
Führ di in Gansbühl numero siem!«
Dazwischen waren allerhand Diebs- und Gaunerzeichen zu finden sowie geheime
Zahlen und Zinken.
    An der Tür aber standen in Rotwelsch etliche Sätze und darunter die Worte:
»Kamerusche, noppelt für den Jahrler Toni! - Heut holchts in Falkenturm, morgen
zur Inne, und in drei Jumen scheft ich kapore! - Memento more!«
    Indem ich noch las und buchstabierte, kam der Schürg mit dem Magister wieder
zurück und liess ihn ein.
    Der schmunzelte, sah nach der Tür zurück und sagte: »Haarbogen!«
    Dann tat er einen Schluck aus dem Wasserkrug, streckte sich auf das hölzerne
Lager, schob die Arme als Polster unter den Kopf und sah nachdenklich zur
Weissdecke empor.
    Ich war aber nun neugierig geworden, was die Inschrift an der Tür zu
bedeuten hätte, und sagte: »Magister, was heisst das?«
    Und las ihm den ganzen Schmarren vor, worauf er ihn mir verdeutschte und
sagte:
    »Das war einer von der Zunft; der klagt: Die Streifer haben mich gefangen,
mich dummen Hund! - Jetzt bin ich Narr im Gefängnis ohne Kameraden. - Die
Richter machen mir grosse Angst mit Stockschlägen und Tortur, wenn ich nicht
gestehe. - Aber ich gestehe niemals! - Wenn ich nur ausbrechen könnt! - Ich
fürcht, dass sie mich hängen oder köpfen, wenn sie meinen wahren Namen in die
Nase kriegen. -
    Und das andere heisst: Kameraden, betet für den Waldler Toni! - Heut gehts in
den Falkenturm, morgen zur Tortur, - und in drei Tagen bin ich tot - kapore -
memento more!«
    Dann stand er auf, streckte sich und sagte: »Dem ist ganz recht geschehen, -
das war ein wilder Bursch; - der hat nicht wenig Bauern kalt gemacht und dazu
genommen, was er erwischt hat. - Ist ein teuflischer Kerl gewesen - aber - hin
ist hin.«
    Unter solchem Reden fiel mir mein eigenes Unglück wieder ein, und ich fragte
den Magister, was er ausgericht hätt beim Richter; doch war nicht um alles in
der Welt eine Antwort aus ihm zu bringen.
    Er schob die Händ in den Sack, zuckte die Achseln und sagte bloss das eine
Wort: »Abwarten!«
    Also, dass ich aufs neue in grosse Kümmernis kam und nichts Gutes für den
andern Morgen erwartete.
    Zugleich aber stieg nun mein Groll gegen den Magister, als den Urheber
meines Unglücks, heftig in mir auf; ich nannte ihn im stillen einen
scheinheiligen Hund und sprach den ganzen Tag kein Wort mehr mit ihm.
    Und den Abend, da von den Türmen Sankt Peters und Heilig Geists das
Angelusläuten ertönte, warf ich mich auf mein Lager, schlug die Händ vors
Gesicht und würgte die heftig aufquellenden Tränen hinunter, indem ich der
Schand gedachte, die meiner wartete.
    Ich ass auch nichts mehr und kehrte mich gegen die Wand, gab dem Magister
auch auf sein Gut Nacht keinen Dank und entschlief, eh ichs bedachte.
    Mitten in der Nacht aber wachte ich auf; - Fieber schüttelten mich, und ich
sah mich im Geist schon auf der Bank ausgespannt liegen, zerschunden und
zerfleischt. Die Haare standen mir zu Berg, und ich setzte mich auf, indes meine
Glieder wie zerschlagen waren und schmerzten und brannten, dass ich aufstöhnte.
    Und in dieser Stunde machte ich den Vorsatz, den andern Morgen, wenn man
mich fortführen wollt, alles zuzugeben, dessen man mich beschuldigte.
    Mocht man mich lieber als einen Fremden hängen, denn als Matias Bichler
schinden und schänden!
    Nach solchem Entschluss ward ich wieder ruhiger und schloss die Augen.
    Ein fahles Rot schien den andern Morgen durch die trübe Fensterscheibe,
spielte um die grauen Spinnweben daran und zeichnete die starken Gitterstäbe als
ein grosses Kreuz an die mattbeleuchtete Wand.
    Und also zog der Tag herauf, den ich mit der Ruhe und Entsagung eines
sterbenden Klosterbruders erwartete.
    Der Schürg brachte eine Schüssel voll brauner Brennsuppe für jeden; der
Magister fuhr eilig von seiner Liegerstatt auf, rieb sich das Gesicht und ass
sogleich mit grossem Hunger.
    Schweigend goss ich ihm auch meinen Teil in seine Schüssel, dazu er lachte
und sich bedankte: »Wirst ja ohnehin heut was Bessers kriegen!« meinte er; »ich
wollt, ich wär du!«
    »Is scho recht!« erwiderte ich ihm bitter, setzte mich wieder auf meine
Holzpritsche und verlor mich in allerhand trübe Gedanken, aus denen mich der
Schürg aufschreckte, als er kam und sagte: »He da, Schröckh Hannes! - Mitgehen!«
    Wortlos, mit einem stechenden Schmerz in der Brust, folgte ich ihm in den
Saal des Richters.
    Der sass mit etlichen anderen an seinem Tisch und schrieb, als ich eintrat.
    »Der Gefangene ist da, Euer Gestrengen!« meldete nun ein Schreiber, worauf
der Richter einen forschenden Blick zu mir herschickte, seine Feder weglegte
und, sich räuspernd, in den Akten herumblätterte.
    Darnach fragte er einen Diener: »Sind die beiden da?«
    »Mit Respekt zu melden: Ja, Euer Gestrengen!« erwiderte dieser.
    Nun gings an mich.
    »Also, Er prätendiert, dass Er nicht die Person ist, als welche Ihn seine
Legitimationes signiren?«
    »Jawohl - nein, hoher Herr!« antwortete ich mit Zähneklappern; »ich gebs
jetzt zu, dass ich der Lump bin!«
    »Wie sagt Er? - Er ists auf einmal! - Er wollte doch gestern noch ... äh ...
Matias Bichler heissen!«
    »Jawohl, hoher Herr! - Aber heut nimmer«, sagte ich nun; »ich geb alles zu.
- Es ist alles so, wie der hohe Herr meint und sagt!«
    »Subjekt! - Er will uns wohl zum Narren halten!« brüllte mich jetzt der
Richter an, so dass mir vor Schreck und Ängsten bald schwarz, bald grün vor den
Augen wurd.
    »Aber nein, hoher Herr!« meinte ich zitternd und verzagt; »ich will niemand
nixen zleid tun! - Wenn halt der hohe Herr glauben, ich bin der Schröckh, - so
bin ichs, - wann nicht, - dann bin ichs auch nicht.«
    »Der Kerl ist verrückt worden!« sagte der Richter darauf kopfschüttelnd,
»Ihr habt doch gestern fest und steif behauptet, dass Ihr nicht Schröckh, sondern
Bichler heisst!«
    »Jawohl, hoher Herr!« bestätigte ich. »Aber heut nimmer. - Heut sag ich zu
allem Ja.«
    »Hirnloses Subjekt!« donnerte nun der Richter und schlug mit der Faust in
den Tisch. »Warum sagt Er zu allem Ja? - Warum heisst Er heut nicht mehr
Bichler?«
    »Ach Gott, - weils mir halt graust vor der Schinderei, hoher Herr!« sagte
ich. »Ich hab mir denkt, es wär doch eine Sünd, wann ich die Herrn vom Gricht
durch mein eigensinnigs Neinsagen dazu treiben tät, dass s' mich foltern müssten.
Da sag ich lieber Ja und lass mich gleich hängen!«
    »Dummkopf!« sagte einer von den Herren; der Richter aber führte ein
langgestieltes Spekulierglas an die Augen, besah meine schlotternde
Jammergestalt eine Weile mit spöttischer Miene und sagte dann zum Schreiber:
»Holt mir die beiden Zeugen herein!«
    Der Schreiber lief hinaus und brachte die beiden, die ich aber nicht sehen
konnte, da sie hinter mir Platz nahmen.
    Aber wie erschrak ich, als der Richter sagte: »Meister, wie heisst Ihr?« und
eine bekannte Stimme antwortete: »Eberhard Birchmayer. Ich bin Bildhauer und
loschier in der Hundskugel beim Chirurgus Waltermair.«
    Dann trat er vor, indes ich meinen Kopf zur Seiten neigte und die Augen, wie
mein geschnitzter Wandherrgott, schloss, und sagte mit mitleidigem Ton: »Ja, er
ists schon, der Matias; - was hat er denn angstellt?«
    »Das ist noch nicht genugsam eruieret!« erwiderte der Richter. »Also, Ihr
könnt einen Eid drauf geben, dass er Matias Bichler heisst und aus Sonnenreut
ist?«
    »Jawohl. So hat er mir erzählt«, sagte der Meister.
    »Es ist gut. - Tretet zur Seiten!« winkte der Richter ab. - »Der zweite
Zeuge soll vortreten! - Wie ist sein Name?«
    »Friedrich Glotz«; klangs da an mein Ohr und liess mich mit einemmal wieder
aufschauen und für mein Leben hoffen.
    »Gebürtig?« fragte der Richter weiter.
    »Aus Sonnenreut. - Aber - mit Verlaub - das ist ja mein Ziehbruder ...!«
    »Wart Er, bis Er gefragt wird!« fuhr ihn der Richter an. »Das kommt erst
jetzt! - Also - Er kennt den Angeklagten?«
    »Ja freilich, Herr Richter!« rief der Fritz aus. »Er ist ja mit mir
aufgwachsen im Weidhof zu Sonnenreut! - Is ja auf der Wanderschaft noch mit mir
beinander gwesen, der Hiasl!«
    Da wandte sich der Richter an mich: »Also - Er ist der Matias Bichler. -
Wie kommt Er aber zu den Papieren des Johannes Schröckh? - Weiss Er nicht, dass es
strafbar ist, wenn einer unter falschem Namen reist!«
    »Ach Gott, ja, hoher Herr!« erwiderte ich zaghaft. »Habs ja auch nit wollen!
- Gwiss nit! - Aber ich hab gar keine Kundschaft nit ghabt, - hätt ja auch keine
kriegt, weil ich daheim davongangen bin mitten in der Nacht ...«
    »So ists, Herr Richter!« bestätigte mir der Fritz. »Er ist als Viehhüterbub
vom Lackenschuster selbigsmal eingesteigert worden, wo s' mich auch so
niederträchtig behandelt haben; - und dass er aus dem Stall davon ist, - das kann
ihm kein Mensch nit verargen! - Da sind schon mehr davongangen!«
    »Das mag sein!« erwiderte der Richter nun um vieles milder. »Aber wir können
ihm nicht helfen. Er hat gegen das Gesetz gefehlt, da er sich falsche Papiere
zulegte, und muss dafür bestraft werden. Doch gehört dies nicht in unsere
peinliche Gerechtigkeit, sondern an die Polizei. Der Angeklagte wird also nach
der Arrestkammer des Polizeihauses expedieret werden, wo ihm seine gebührende
Strafe erteilt wird. - Und was die Geschichte mit dem ... äh ... Lackenschuster
anlangt, so kann dieser den Entlaufenen wieder zurückfordern, Geldbussung
verlangen und dessen Einlieferung durch Schub beantragen. Die Gemeinde aber kann
sich weigern, ihm die notwendigen Legitimationes zum Zweck der Wanderschart
auszufertigen. - Doch dies nur nebenbei. - Die beiden Zeugen sind entlassen, -
der Angeklagte wird abgeführt!«
    Damit war das Verhör beendigt, und ich wurde in einen andern Teil des
Gebäudes gebracht und in eine helle Kammer eingeschlossen, bis mich aufs neue
einer holte und in einen Saal führte, da allerhand Leut, hohe und niedere, in
Uniformen und Staatsröcken beieinandersassen und standen.
    Hier wurde also mein Fall noch einmal des langen und breiten durchgehechelt,
der Magister, der Meister Birchmayer und mein Ziehbruder als Zeugen gehört und
ich zu guter Letzt wegen Vergehens gegen die Landesgesetze zu einer Geldbusse von
zehn Gulden verurteilt.
    Darob mich neuer Schreck erfasste, weilen ich ja keinen Kreuzer bei mir hatte
und mein Meister, der Behringer, gewisslich ein guts Teil meiner Lohnung als Buss
für mein unzeitigs Ausscheiden zurückbehielt.
    Aber da trat mein Gönner und Fürsprecher, der Meister Eberhard vor, zog
seine feine Börse und zahlte für mich die Buss; bat auch, man mög mich nunmehr
freigeben, er würd schon für mein Unterkommen sorgen.
    Noch war aber der Lackenschuster da; denn die Herren des Gerichts hatten
sogleich ein Schreiben nach Sonnenreut gehen lassen, und die Gerechtigkeit lief
ihren Gang genau nach dem Buchstaben.
    Allein, auch in dieser Not kam mir mein Gönner zu Hilf. Er gab Bürgschaft
für mich, dass dem Lackenschuster gebüsst würde, was recht wär; und bat zugleich
um Kundschaften für mich, die es mir möglich machten, in der Welt fortzukommen;
darauf das Gericht nach einer Weil und nach geheimer Aussprach Ja und Amen sagte
und mich freigab.
    Meine Feder mags nicht beschreiben, wie froh und glückselig ich in jener
Stund war! Konnt auch nicht anders, musst noch eine Fürbitt einlegen für den
Magister, der ja die wahre Ursach meiner Befreiung gewesen.
    Hab nicht an Worten gespart und damit auch eins erreicht, dass er nämlich
nicht dem peinlichen Gericht übergeben, sondern nur als ein Landstreicher nach
Darmstadt expediert wurde, wo er aber leider nicht lang verblieb und eines Tags
zu Berlin als ein Hochstapler ins Zuchtaus wanderte.
 
                         Lehrjahre und glückhafte Zeit
Ich war also nun wieder frei und ledig, brauchte nimmer einen Bauernbuben und
Viehhüter, auch nimmer einen Malergesellen zu machen, sondern zog ein in das
Haus des Chirurgus Waltermair als der Gehilf, Schüler und Jünger des würdigen
und herzlieben Meisters Eberhard.
    Bin leichtlich an die zehn Jahr bei ihm gewesen in der dämpfigen, niedern
Dachwohnung, daselbst mir wohler zumut war denn im schönsten Palast.
    Wir hatten vier Stuben samt einer Rumpelkammer, darin männiglich
beieinanderlag und stand: Männer, Weiber und Kinder; der heilige Michael neben
der Aphrodite, der Churfürst Carl Teodor zwischen zwei Meerweibern; gipserne
Engel neben hölzernen Heiligen und nackte Musen zwischen geharnischten Rittern.
    Eine leichte Staubschicht lag auf allen Gestalten, und Spinnen hatten ihre
feinen Netze und Fänge von einem zum andern gezogen.
    In dem Schuppenhelm eines Ritters aber hatten die Spatzen ihre Heimstatt
genommen und flogen eifrig durch eine zerbrochene Dachluke ab und zu.
    Zu ebener Erden war die Werkstatt, darin mein Meister tagaus, tagein
schaffte und schuf, meisselte und schliff, Neues entwarf und Altes vollendete.
    Hier wies er mir, den Stift zu führen und das, was mir vorschwebte, im Bilde
festzuhalten; hier wuchsen aus ungefügen Holzstöcken und harten Marmorblöcken
edle, feine Gestalten und gaben mir in ihrer reinen Schönheit und Vollkommenheit
stets neuen Ansporn und neue Kraft zum Wirken und Schaffen.
    dabei drückte mich keine Sorg ums Tägliche; denn die liebwerte und vornehme
Gemahlin meines Meisters hielt mich gleich einem Sohn und schaffte sich viel
Plag um meinetwillen.
    Sie war eine zarte Frau von schlankem Wuchs und hatte eine milchweisse Haut
und den Kopf voll kohlschwarzer Locken. Ihre Gewandung war nicht in der üblichen
Tracht der Bürgerinnen Münchens, sie trug vielmehr lange, schleppende Kleider
aus feiner Seide und in lichten Farben und liebte keine Ketten oder ein
Geschmeide. Ihr alleiniger Schmuck war eine aus Elfenbein kunstvoll geschnittene
Rose, die sie an einer seidenen Schnur um den Hals trug.
    Mein Meister hatte eine tiefe Lieb zu dieser Frau und sah es gern, wenn sie
zuweilen in die Werkstatt kam, sich in einen alten Armstuhl setzte und
schweigend unserm Schaffen zusah, indes ihr einziger Sohn, ein etwan
siebenjährigs Bürschlein, als ich ihn erstmals sah, sich in eine Ecke hockte und
aus den Bruchstücken des Marmors Grotten und Höhlen baute und allerhand Käfer
und Fliegen darein verschloss.
    Also lebte ich fröhlich in diesem Hause, und mein guter Meister verfolgte
mit wahrer Freud und Teilnahm meine Arbeit, bald anerkennend, bald verbessernd,
wie es grad vonnöten war.
    Und noch einer war mir in diesen glückhaften Tagen meines Werdens ein treuer
Berater und väterlicher Freund; - der alte Professor Boos, dessen Name um jene
Zeit einen guten Klang hatte.
    Er war schon ein hochbetagter, greiser Mann, musst sich beim Gehen auf den
Arm seiner Tochter stützen und wohl auch die leitende Hand seines Jüngers
Eberhard dulden, wenn er einmal die zwei steilen Himmelsteigen zu unserer
Wohnstatt hinaufklettern wollte.
    Dieser würdige Meister hatte der Münchnerstadt und dem Lustschloss
Nymphenburg manches grosse Werk geschaffen, hatte den Marmor Tirols und den von
Salzburg in herrliche Götter und Nymphen verwandelt und in grossmächtigen
Holzblöcken die Taten des griechischen Halbgotts Herkules verkörpert.
    Und also sassen wir beieinander in unserer Werkstatt und hatten nur Aug und
Ohr für die edle und herrliche Kunst, indes die Strassen widerhallten vom
Kriegsgeschrei und der Weltbezwinger Napoleon seinen Einzug in die Stadt hielt
und in grossmütiger Freigebigkeit dem Churfürsten die Königskrone samt dem
Gottesgnadentum überreichte.
    Hab annoch, Gott sei Dank, nicht brauchen mitzuschreien und ihm Salut zu
geben; denn man kunnt mich wegen meines armseligen Körpers nicht gebrauchen zu
einem Soldaten.
    Doch hat es auch in meiner Hand gezuckt und ist mirs durchs Herz gefahren,
da man nachmals die gefangenen Landsleute meines besten Freundes, des
Bildltomas, zu München schmähte und mit Kot und Steinen bewarf, dafür, dass sie
um ihr Tirolerland, um ihre angestammte Heimat stritten.
    Mag nicht daran denken, an die Schmach, da man den tapfern Andreas Hofer im
ganzen Bayerland verfluchte und über sein traurigs End frohlockte, solang jener
korsische Herrgott die Bayern samt ihrem König am Gängelband führte, bis endlich
nach jenem furchtbaren Feldzug dreissigtausend Bayern in Russland blieben, Max
Joseph plötzlich umsattelte und zu Österreich hielt und die Macht dieses
Despoten bei Leipzig gebrochen ward.
    Da begann man allentalben jenes überaus klägliche Lied vom Andreas Hofer zu
singen und zu plärren, darin vom heilgen Land Tirol und vom treuen Hofer gar
viel geschmalkt und geredet wird; und mag wohl in dieser Zeit, da ich schon
betagt bin, kein Wirtshaus sein, daselbst nicht Bänkelsänger und Saufbrüder dies
Lied im Maul haben und mit Hafendeckeln und blinden Patronen den Todesschuss
markieren.
    
    Doch genug von solcherlei Geschichten! Mag nimmer daran denken und red
lieber von jener glückhaften Zeit, da ich den Endzweck meines Schaffens, jene
persönliche Kraft fand, die ich an den alten Vorbildern und Meisterwerken so
sehr wertschätzte und liebte.
Will einer die Werke unserer heutigen Bildschnitzer und Herrgottschneider recht
betrachten, so mag er nur den Christmarkt und die Dult besuchen oder den Korb
eines jener von Haus zu Haus ziehenden Burschen ausräumen: er wird bald finden,
dass jene Lauterkeit und Grösse der Lebensführung, so man gemeiniglich Kultur
nennt, bei dem gebildeten Städter auch in seiner Vorliebe für religiöse
Bildwerke von Tag zu Tag niedriger wird, verweichlicht und verflacht.
    Wo sind jene einfachen, natürlichen Linien, die so sehr die Kraft des
Schöpfenden erwiesen, wo jene Unmittelbarkeit, jene Wucht, mit der die Werke
früherer Tage den Beschauer packen und zur Andacht zwingen?
    Weichlich und ohne Halt, kalt lassend in ihrer Glätte, oder aber durch
süssliche Verlogenheit zu falscher Gefühlsheuchelei führend, so stehen und hängen
sie zu Dutzenden um uns in Schulen und Wohnstätten, in den Wirtsstuben und
Verkaufsläden, ja selbst in den Kirchen und Klöstern.
    Fade Öldrucke wechseln mit schablonenhaften Gipsfiguren, geschmacklose
Madonnenstatuetten mit sinnlich-sentimentalischen Wandkreuzen, deren Anblick
niemals einen Menschen aus der gleichgültigen Lauheit des Alltags reissen kann,
wie uns annoch die allgemein übliche Betätigung der täglichen und häuslichen
Andachtsübungen gar trefflich zeigt.
    Immer seltener werden jene ergreifenden Darstellungen aus dem Leben und
Leiden unseres Herrn, die gerade durch die harte und scheinbar kunstlose Führung
der Linien, durch die Anspruchlosigkeit und Einfachheit der Gebärde ergreifen
und zum Göttlichen weisen.
    Sogar die Krippe der Weihnacht mit ihren holzgeschnjetzten Figuren wird von
Jahr zu Jahr mehr aus dem bürgerlichen Haus verbannt und dafür süssfarbige
papierene Bilder auf den Hausaltar gestellt; denn unserer bürgerlichen Zeit ist
alles Lebenswahre zu roh, zu krass und nicht selten - zu unsittlich.
    Wie himmelhoch stehen dagegen die Werke einfacher Bauernschnitzer, insonders
der Tiroler, vor uns: ein einschichtigs Feldkreuz, - ein armseligs Bildwerk
einer Votivkapelle, - der anspruchlose Wandherrgott in einer Sennhütten kann uns
zur wortlosen Andacht, zum Nachdenken und zu ernster Betrachtung zwingen.
    Die Art, wie dieser Gekreuzigte das Haupt senkt -, jener die Finger
einkrallt oder die Glieder im Schmerz renkt oder im Tode streckt, - die
unmittelbare Auffassung der biblischen Legende und ihre lebenswahre Verkörperung
ist es, die uns armselige Erdenwandler ergreift und erschüttert.
    Und diese Vorbilder waren es, an denen ich mich erbaute und sie mir zunutze
machte; die lebendige Wiedergabe des wirklichen Lebens wollte ich von ihnen
lernen.
Unter solcher Arbeit gingen die Tage hin, und die Zeit brachte in zwanzig Jahren
ihres Laufs mannigfache Veränderungen - dem Land, der Stadt, den Leuten und auch
mir; denn da man zählte 1826, da stand ich als schier vierzigjähriger
Herrgottschneider einsam in der Werkstatt des Meisters Roman Boos, der seiner
Hausmutter und Ehefrau schon im Jahr 1810 nachgefolgt war in die kühle
Grabeserden und niemand hinterliess als seine Tochter Anna. Diese wurde
Besitzerin seines Hauses; was noch an Bildwerken und Steinblöcken da war,
erhielt Breitenauer, der treffliche Schüler des Meisters.
    Mir aber hatte der Dahingegangene das Recht gesichert, sobald ich alt genug
wär, in seiner Werkstatt gleich wie in einer eigenen zu werken und zu hausen,
bis ich das Glück und die Mittel hätt, mir selber eine Heimstatt zu schaffen.
Also nahm ich Besitz von dem Raum als ein reifer Gsell und bezog eine stille
Kammer in dem ehrwürdigen Haus des toten Gönners.
    Mein guter Meister Eberhard aber zog sich immer mehr von den Menschen zurück
und lebte nur noch für seinen einzigen Sohn und dessen Mutter. Er war mit der
Zeit bitter und still, schier wunderlich worden, fand sich in der sich Jahr um
Jahr immer mehr verändernden Stadt und unter den neumodisch gesinnten Vertretern
der Künste nimmer zurecht und sah mit Wehmut ein Stück ums ander von dem alten,
barocken München fallen. Dazu war die Stadt mit Fremden überschwemmt, die
trefflichen Meister seiner Zeit wurden allgemach heimgeholt und neue, von einem
andern Geist beseelte, traten an ihre Stelle.
    Er sah mich ungern aus seiner Dachwohnung scheiden und liess mich nachmals
noch oft durch seinen Sohn holen, wenn ihn die selbstgewollte Einsamkeit
plötzlich drückte und beklemmte.
    Noch einer fand sich alsdann in der einfachen, heimlichen Stube ein, ein gar
fürtrefflicher und liebwerter Mann, ein geistlicher Herr, dem die Priesterwürde
nicht gleich tausend anderen jeden Freimut und jede Duldsamkeit ertötet hatte;
es war der würdige, ehemalige Hofprediger Grail.
    Diesen Priester habe ich geliebt wie einen Vater; ja - er war der einzige
unter allen Menschen, so mir in meinen Tagen begegneten, der meinem Herzen so
nahe kam, dass ich mein ganzes Inneres, die geheimsten und verborgensten Triebe
meiner Seele vor ihm eröffnete, in dem gläubigen Vertrauen, dass er mich
verstünd.
    Hab annoch nicht umsonst vertraut; denn er wusste Rat und Hilf, Trost und
rechte Wort bei allem, was mich je bedrückte.
    Auch er hätt billig Ursach gehabt, zu grollen und den neuen Geist der Zeit
zu beklagen; denn auch er war einer jener Männer, die um ihres Freimuts und
ihrer Ehrlichkeit willen daran glauben mussten; doch er klagte nicht.
    Seine Geschichte war aber die: Als Hofprediger hatte er während der Fasten
des Jahres 1810 in einem Vortrag gesagt, dass Christus, der Herr, seine göttliche
Lehre ohne allen Lärm und ohne jegliche Absicht, zu glänzen, verkündigt hätte,
als eine Lehre, die jedermann lieben müsst, der sie hörte und verstünd. So sei
auch bekannt, dass grosse, wahre Gelehrte, wahre Künstler ihre Werke ohne alles
Geräusch, ohne jede Bemühung, zu gefallen, an das Licht stellen.
    Wenige Tage nach dieser Predigt liess ihn der Obrist-Kammerer, Baron von
Rechberg, zu sich befehlen und eröffnete ihm dieses: »Seine Majestät haben uns
den allerhöchsten Befehl erteilt, den Herrn Hofprediger zu verwarnen, dass, wenn
er noch einmal in solcher Weis wider den Zeitgeist predigen würd, er ohne
weiters abgedankt sein sollt!«
    Und da er in seiner nächsten Predigt abermals wider die Eitelkeit und
Ruhmessucht sprach, wurde es mit der Drohung Ernst - Grail musste gehen.
    Aber er trug den Schlag tapfer und ohne ein Wort zu verlieren, schloss sich
fester an seine Freunde, den Professor Westenrieder, den Pfarrer Darchinger von
der Hofkirch und den Meister Birchmayer an und führte ein einfachs, beschaulichs
Leben von den paar Groschen, die er sich erspart hatte.
    Auch der alte Boos war ehedem sein guter Kamerad gewesen, bis sie leider der
Tod voneinander schied und er dem edlen Meister die Augen zudrücken musst.
    Zu meiner Zeit aber hatte er nur noch den guten Eberhard; denn der alte
Westenrieder war gemach zu einem Sonderling worden, und für den Hof- und
Leibpfarrer Darchinger war es auf die Dauer doch nicht schicklich, mit dem
Abgedankten noch freundschaftlich zu verkehren.
    Man hatte Beispiele genug dafür, wie zu dieser Zeit solche Dinge geahndet
wurden!
    Da brauchte man bloss an den Pfarrer zu Heilig Geist denken und an die drei
Benefiziaten von Sankt Peter; oder an den Kaplan bei der Pfarr zu Unserer lieben
Frau: eine missliebige Kameradschaft, - der gesellige Verkehr mit Leuten, die an
allerhöchster Stelle nicht sehr beliebt waren, - so was genügte in diesen Tagen
schon, einen Mann von Amt und Würden zu bringen.
    Und also blieben wir abgesondert von aller Welt unter uns und sahen nur von
fern dem Wirken und Weben, dem Wandel und Treiben der Kräfte und Mächte jener
Tage zu. Es war nicht viel, was uns zum Anteilnehmen zwang; es sei denn, dass ich
jenen Schreckenstag, den dreizehnten Septembris des Jahres 1813, benenne, da
wohl an die hundert Menschen in den Wassern der reissenden Isar umkamen, als
diese mit wilder Gewalt die Ludwigsbrücken beim Prater in Trümmer zerbrach und
mit ihren Wogen fortspülte.
    Oder dass ich jener Zeit der bittern Not und Teuerung gedenke, da man schrieb
1816 und 17, in denen Tagen das Schäffel Weizen achzig bis neunzig Gulden
gekostet hatte und viele Hundert Arme Hungers starben, indes in den Palästen
getanzt und geschwelgt wurde.
    Oder dass ich rede von den Tagen meiner höchsten Freude, da mir die ersten
Verdingungen zukamen aus der Umgebung von München; bald auf Feldkreuze oder
Wandherrgotte, bald auf ein Kirchenkreuz oder einen heiligen Leib für die Feier
der Grablegung.
    Gemach mehrten sich die Aufträge; man wollte bald diesen, bald jenen
Heiligen, - bald die schmerzhafte, bald die glorreiche Madonna für Kapellen oder
Kirchen; auch Werke zum Schmuck der Häuser und Treppen, geschnitzte Türen und
Geländer, Rahmen und Armleuchter gab es zu entwerfen und zu fertigen.
    Nicht lange, da brauchte ich einen Gehilfen, und wieder nicht lang, - deren
zwei.
    Und also kam langsam der Segen der Arbeit in meine Werkstatt, und die
Wünsche meiner liebsten Freunde und Gönner wurden zur Wahrheit: ich setzte mich
durch, hatte bald einen guten Ruf als Schnitzer und kam gemach zu einem
bescheidenen Wohlstand.
    Und da nach einer Zeit und Weil die ehrwürdige Jungfer Anna Boos ihr
Sterbhemd aus dem Schrein holte und sich auf den Weg zum Jenseits schickte,
vermachte sie mir für Zeit meines Lebens das liebe alte Haus ihres Vaters, mit
der Bestimmung, dass es, falls ich ohne Erben bliebe, nachmals in den Besitz der
Stadt übergehen sollt.
    Der würdige Vater Grail gab auch ihr den letzten Trost und das Grabgeleit
und zog alsdann auf mein dringliches Bitten als mein alleiniger Hort ein in die
Stube seines seligen Freundes.
 
                                    Heimkehr
Nun hatte ich also, wie man gemeiniglich sagt, mein Sach wohl bestellt, und es
mangelte mir schier nichts mehr zu einem geruhigen, glückhaften Leben.
    Und dennoch kunnt mein Herz nicht froh werden und mein Wünschen nicht still;
denn ich gedacht grad jetzt in allem Überfluss oft wehmütigen Sinnes jener Zeit,
da ich noch als der Weidhoferbalg ein freies Leben, herzliebe Zieheltern und
annoch mein Katreinl gehabt.
    Und kunnt also mittendrin nicht anders, - musst einen Bogen Papier nehmen,
eine Feder schneiden und alles, was mich bedrückte, mit meinen grossen, hölzernen
Buchstaben vom Herzen herunterschreiben.
    dabei mir aber doch also weh ward, dass ich vermeinte, es sei gestern erst
gewesen, da ich alles verloren hatte, was ich besessen.
    Also setzte ich auf das Schreiben die Adress der Lackenschusterin,
versiegelte es und trugs zur Post, da man den ersten Tag in der Charwoch des
Jahres 1835 schrieb.
    Hab oft bei meinem Wandeln in dieser Erdenzeit das Fest der Auferstehung
erwartet; doch mag ichs nun ruhig gestehn: Niemalen dünkte mich eine
einschichtige Woch so lang wie diese, da ich auf eine Handschrift meiner
Katrein harrte.
    Und es erfasste mich wohl ein bitterer Schmerz, wenn in stillen Nächten immer
wieder der Gedanke in mir aufstand: sie ist tot für dich; - vielleicht lange
schon wirklich tot, - gewisslich aber als Lackenschusterin für dich verloren. Mag
wohl auch deiner schon längst vergessen haben! -
    In dieser trübseligen und harten Zeit hat mir mein väterlicher Freund und
Berater, der alte Grail, wohl manches Trostwort gegeben und meinen Geist damit
aufgericht.
    Den Tag nach Ostern aber musst er das Halleluja mit mir anstimmen; denn an
diesem Tag erschien der Postbot mit einem grossmächtigen Pack, darin ein Laib
Osterbrot, gefärbte Eier und ein Büschel Palmkätzchen lagen nebst einem
Handschreiben der Lackenschusterin, das also lautete:
    »Herzlieber Matiasle!
Musst es halt nit in übel nehmen, wann ich dir annoch jetzund diesen Namen gib;
habs halt nit anders im Sinn und Gedenken.
    Hab also dein liebs Schreiben auf den grünen Pfinztag in die Händ kriegt als
eine rechte herzliebe Ostergab. Und es ist mir eine grosse Freud, dass du Gottlob
gsund und wohlauf bist, wie es verbleiben möge bis ins Absterbens. Amen.
    Also dannen weil ich dir schreib, magst du wissen, dass ich wohl schon siter
vierzehn Jahr eine Wittib bin und ein einschichtigs Weib, dieweilen meinen
gueten Eheherrn, den Anderl, selbigsmal das Ross geschlagen und gar ertöt hat,
also dass ich ihn halt eingraben hab müssen. Gott geb ihm die ewig Ruh. Amen.
    Und also steh ich ohne ein Kind und ohne einen Sterbensmensch da und schaff
halt weiter in dem Hof, dass die andern dereinstmalen eine Freud haben.
    Aber habs mir nit in übel, lieber Matiasl, dass ich grad nur von mein Sach
red. Möcht gern wissen, was du schaffst und wie es bei dir ausschaugt, siter du
ein grosser Herr bist worden und ein fürtrefflicher Bildschnitzer. Muss dir eben
in dem Augenblick sagen, dass ich annoch deine Sachen guet bewahrt hab bis auf
den heutigen Tag und verschlossen in dem Schreinen von der gueten
Irschermuetter, Gott hab sie selig.
    Nun mag ich dir nit verschweigen, was eine harte und auch betrübte Zeit und
Weil allhier gewest, siter dass du selbigsmal so viel unnütz von unserm Haus und
aus dem Ort entwichen bist.
    Blitz und Hagelschlag haben damalen oft die Gau verheert und alles zerstört,
eine grosse Teuerung ist allhier gewesen, dass der Gulden kein Pfennigs Wert mehr
hat ghabt und ein Schäffl Gedraid het schier hundert Gulden golten. Nach solchem
haben müssen sechsundzwanzig Kinder zu Sonnenreut an den Blattern sterben; doch
keins von mir, dieweilen der Herr meine Ehe nit hat segnen mögen mit solcher
Gab. Hab mich halt dreingschickt in Geduld und Demut.
    Alsdann hat hier gewütet ein teuflischs Morden und Schiessen, - sind bald
kommen Österreichische, bald Frankreichische von dem Napoleon, haben Quartier
genommen, und mussten wir unaufhörlich liefern Leut, Vieh, Pferd, Geld und War,
mussten Weib und Kind ein Schandtod sterben und Jungfrauen ihren Kranz lassen bei
den Wüterichen. Napoleon wurde überall als ein Gott angebett, - einmal mit allen
Glocken geläutt, weil es geheissen hat, dass er unsern Fürsten zu einem König
verbrieft, - und ist darnach abermalen das Elend fortgangen die Jahr, bis unser
lieber Herrgott ein End gemacht.
    Nun mag ich nit versaumen, dass ich dich um eine gnädige Absolution bitt
zwegen der fünf Gulden, so der Anderl, Gott lass ihn ruhen, selbigsmal von Euch
verlangt hat als Buess, dass du ihm davongangen bist. Habs gwiss nit wollen und ihm
fleissig fürgstellt - das aber leider alles vergebens war.
    Liebster Matiasl, du fragst, ob ich einen Platz hab für einen kranken
Mensch. Wär mir wohl der Gedank nit darwider, dass etwan du dieser Mensch bist,
und wollt dich schon gsund machen in unserm Gau; aber wenn du schreibst, dass du
gesund bist, wird schon wer anderst krank sein. Etwan gar deine Hausfrau. - Hast
ja nit geschrieben, ob du schon ein Ehweib genommen - was mich leider ja auch
nit angehet.
    Also bring mir die kranke Person und kehr bald bei mir zu.
Und nimm Gotts Gruess von deiner
getreuen Katrein
                                                              Lackenschusterin.«
Nun lass ich es sein, von meiner Freud zu sagen; ist wohl kein Mann noch Frau, so
nicht einmal ein Gleiches hätt erlebt.
    Mein ehrwürdiger Vater Grail aber sagte: »Pack zsamm, Hiasl! - Ich versorgs
Haus schon, bis d' wiederkommst. Und der Eberhard ist ja auch da, wenn sich grad
was fehlen sollt. - Aber - ich mein - es fehlt sich nix!«
    Also machte ich mich reisefertig und fuhr den andern Tag dahin - heim.
    Mag sonst wohl ein kurzweiligs Reisen sein, so durch die Gaue und durch
mannigfache Dörfer und Märkt, vorüber an jungen Saatfeldern und Wiesen, an
Wäldern und Ortschaften, immer die schneeglänzenden, blauschimmernden Bergketten
vor Augen. Diese Reise aber deuchte mir schier wie eine Fahrt durch die
Ewigkeit, obgleich ich mit der Eilpost dahinfuhr und die Landschaft mit ihren
Hügeln und Tälern rasch an meinem Wagenfenster vorüberglitt.
    Endlich aber wurde der Weg steiler, die Hügel wurden zu waldigen Höhen, die
Bergkette wurde dunkler und rückte näher und näher.
    Und da es um die Stunde war, dass der Landmann vom frischgeeggten Feld, von
der Frühjahrsarbeit heimkehrte zur Abendsuppe, da liess der Kutscher seine Geissel
knallen und fuhr hinein in meinen Heimatort, durch blühende Obstgärten und helle
Bauernhöfe, bis er gegenüber der Kirche vor dem Tor des Hauses hielt, darüber
das Schild prangte: Postgarten Sonnenreut.
    Mit zitternden Knien stieg ich aus dem Wagen und gab meine Weisungen für die
Rückfahrt.
    Dann ging ich langsam hinauf zum Freitof und suchte meine herzlieben
Zieheltern heim und wünschte ihnen den Frieden.
    Indem läutete man zum Rosenkranz, und ein junger Pfarrer trat ein und
verschwand in der Sakristei. Darnach kam ein hinkender Bursch im Messmerrock,
öffnete die Kirchentür und das Freitofsgitter und grüsste bald diesen, bald
jenen aus der Gemeind.
    Und dann wandelten sie daher: alte, gebeugte Männer, weisshaarige, runzlichte
Mütter, etliche Jungfrauen mit niedergeschlagenem Blick und demütig geneigtem
Haupt, und dazwischen die Kinder meiner Altersgenossen und Kameraden.
    Noch einmal ertönte ein kurzes Zusammenläuten zweier Glocken, - die Uhr
schlug fünf, und die Kirchentür wurde leise geschlossen, indes der schrille Ton
der Sakristeiglocke das Eintreten des Priesters zum Altar verkündete.
    In diesem Augenblick erscholl das feierliche Spiel der Orgel, die silbernen
Glöcklein der Ministranten tönten während des Segens zu mir heraus, und nach
einer Weil vernahm ich das gleichmässig abgestimmte Beten der Gesätzlein des
glorreichen Rosenkranzes: »Der von den Toten auferstanden ist.«
    Noch ein paar Augenblicke lauschte ich, dann ging ich langsam aus dem Garten
der Abgeschiedenen und wandte mein Aug der Stätte zu, da einstmals der Weidhof
geprangt hatte. Ein mächtiger Besitz stand nun hier und liess nicht ahnen,
welches Unglück diesen Erdenfleck vor einer Zeit heimgesucht.
    Mit Bitterkeit und Trauer wandte ich meine Blicke weg und schritt fürbass,
dem Lackenschusterhof zu.
    Der stand frei auf der mit blühenden Obstbäumen bepflanzten Anhöhe und hob
sich massig aus dem bläulichen Dunkel des Abends.
    Eine feine Rauchsäule stieg aus dem Kamin, und etliche Knecht und Mägd
gingen geschäftig ab und zu.
    Ein zottiger Hund stand vor seiner Hütte und gab knurrend Laut, und eine
schneeweisse Katze strich schnurrend um den Türstock, als ich mit klopfendem
Herzen einging und mit überquellenden Augen in der Kuchel hinter sie trat:
»Katreinl!«
    Als ein schmächtigs, betagts Frauenbild stand sie da und rührte mit dem
Schäuflein im Schmarren. Ihr goldrotes Haar war an den Schläfen wie Flachs
gebleicht und ihr schmales Gesicht war von der Herdhitz leicht gerötet.
    Sie hatte mich nicht gehört und mein Kommen nicht weiter beachtet, also dass
ich ganz nahe hinter sie trat und wieder sagte: »Katreinl!«
    Da wandte sie ganz langsam den Kopf, ihre Augen glitten wie aus weiter Fern
über mein Gesicht, blickten mich eine Weil gross an und wurden langsam trüb und
nass.
    Dann falteten sich ihre Händ wie zum Beten, und sie sagte leise: »Matiasl -
ja - du bist es schon. - Grüss di Gott!«
    Und löste ihre Hände und erfasste die meinen: »I hab schon gwart auf di. -
Kimm nur glei auffa - dei Stüberl is schon gricht.«
    Darnach rief sie eine Dirn in die Kuchel und führte mich hinauf über die
knarzende Stiege in eine reiche Kammer, schob mir einen Stuhl hin und setzte
sich zu mir, indem sie sagte: »Lang hab i warten müssen - aber jetz hab i di do
no derwart. - Jetz bist do no hoam kommen.«
    Ja - ich war heimgekommen. Und ich wusste es jetzt: Nirgends sonst gabs noch
eine Heimstatt für mich denn bei ihr.
    Wohl waren wir beide betagt, - hatten das Leben hinter uns, - aber wir
wollten noch eine geruhige Weil - einen frohen Feierabend und einen friedlichen
Heimgang.
    Und so nahm das Katreinl meinen Verspruch, dass ich bald wiederkäm und eine
längere Zeit bei ihr bliebe; und nachmals, wenn unsere Tag ins Neigen gingen,
wollten wir dieselben miteinander in dem ehrwürdigen Bauernhof beschliessen und
in einer Erdenkammer zum ewigen Schlaf gebettet werden.
    Drei Tage blieb ich bei der liebsten Frau; dann fuhr ich wieder zurück in
die Stadt mit dem festen Willen, bald wiederzukommen.
    Und das Katreinl gab mir noch die Hand in den Wagen und sagte: »Bleib nit
z' lang, - i zähl jede Stund!«
    Dann zogen die Pferde an, und ich winkte noch einmal zurück, indes sie still
stand und, die Augen mit der Hand beschattend, mir nachsah, bis das Gefährt
hinter der Kirche um die Ecke bog und aus dem Markt fuhr.
 
                                     Abend
Es war im Erntemonat desselben Jahres, als mein väterlicher Freund und lieber
Hausgenoss eines Morgens nicht, wie gewohnt, erschien; und da ich in seine Stube
trat, lag er bleich und still auf seinem Lager und hatte die Augen für immer
geschlossen.
    Voll Leid und tiefer Trauer liess ich ihn an der Seite seines besten Freundes
hinabsenken und halte sein Angedenken still in Ehren, indem ich mir sein Leben
und Wandeln zu Nutz und Frommen fleissig vor Augen führe und ihm nachzufolgen
trachte.
    Nicht lange nach ihm ging auch mein liebster Lehrer und Gönner, mein teuerer
Meister Eberhard, zur Ruh, und ich stand einsam an seinem Grab und bedachte die
Vergänglichkeit unserer Tage.
    In dieser Zeit wurde mein Verlangen nach dem geruhigen Haus zu Sonnenreut
und nach dem schmalen Gesicht mit den gebleichten Schläfen, nach meiner
Katrein, wieder lebendig.
    Und da ich einen meiner Gehilfen als eine gute, verlässige Kraft erkannt
hatte, übergab ich ihm die Leitung der Werkstatt, die Sorge fürs Haus und eine
Summe Geldes mit allen Vollmachten, dafür mir der treue Bursch von Herzen
ergeben und dankbar war.
    Und nach solchem packte ich mein Sach zusammen und reiste heim.
    Das Katreinl stand schon mit zwei Mägden vor dem Postgarten, dass meine War
gut heim käm, und wir folgten über den Freitof nach und redeten kein Wort.
    Und da wir Hand in Hand über die Schwelle traten, sagte sie bloss: »Grüss di
Gott daheim - und sei gern da.«
    Beim grossen Gott - ja! Ich war gern da, ich war daheim.
    Jeder Tag liess mich aufs neue die glückhafte Ruhe und den stillen Frieden
der Heimat kosten, und meine Zeit und Weil war voll reiner Zufriedenheit.
    Einmal noch habe ich mich aufgemacht und bin den Weg gen Bayrischzell
gewandert und zum Haus des alten Tomas. Doch das war ganz verfallen und
verödet, so dass ich, einer trüben Ahnung folgend, meine Schritte zu dem Freitof
lenkte. Da stand ein einfaches Kreuz in einem Winkel, und ein ärmlichs Ränklein
Epheu schlang sich darum und wand sich um das Täflein, darauf zu lesen stand:
  »Hier ruhet der ehr und tugendreiche Jüngling Tomas Beham, Bildlmacher von
          Bayrischzell. Gestorben den zehnten Februaris 1820. R.I.P.«
Ergriffen stand ich vor dem kleinen Hügel, bis mein Blick nach einer Weil auf
einer Inschrift des armseligen Kreuzes daneben haften blieb:
  »Hier liegt das Tiroler Katerl begraben. Sie starb den Jakobitag des Jahres
               1809 im Alter von hundertundsieben Jahren. R.I.P.«
Still verliess ich die Ruhstatt der beiden Toten und machte mich langsam auf den
Heimweg.
    Es war schon dunkel, als ich heimkam, und das Katreinl sass einsam auf der
alten Hausbank und wartete auf mich. Ein Schreiben meines Gehilfen war gekommen,
darin er mir zu wissen machte, dass eine sieben Schuh hohe Madonna für den
Frauenaltar der Kirche zu Brunntal befohlen wär.
    Also musste ich unverhofft den andern Tag Abschied nehmen, dabei ich aber der
liebsten Frau versprach, bis zur Weihnacht wieder bei ihr zu sein.
    Fuhr derhalben sogleich dahin und machte mich an das Werk, welches nachmals
als mein bestes gepriesen ward.
    Tag um Tag sass ich nun dabei, formte die hohe Gestalt der himmlischen Frau,
schnitt ihr faltigs Gewand, ihr Szepter, ihre feinen, adligen Händ und stemmte
und schabte, schnitzte und schliff an dem Antlitz der Jungfrau, indes meine
Gedanken sich in ferne Zeiten verloren und gemach sich in ein geruhiges Glück
einspannen.
    Es war schon später Herbst, als ich endlich mit dem Glasplättlein den
letzten Strich schabte und starr und unverwandt das Angesicht der hohen Frau
betrachtete, dessen Linien mich leise an ein wohlbekanntes Frauenbild gemahnten
und das Heimweh nach ihm weckten.
    Also dass ich mich beeilte und die Statue dem Meister Dressler zur Bemalung
übergab, der sie darnach zum Fest Mariä Empfängnis in die Kirche nach Brunntal
verbrachte.
    Und da man mir meine achtundert Gulden für das Bildwerk ausgezahlt hatte,
fuhr ich fröhlichen Sinnes zurück nach Sonnenreut, um mit meiner Katrein die
Weihnacht zu feiern.
    Ein tiefer Winter war derweil gekommen, und der Schnee lag glänzend über der
keimenden Saat, beugte die Bäume unter seiner Last und bedeckte die Dächer und
Türme mit hohen, in der Sonne blitzenden Hauben.
    Die Wege waren schuhtief verschneit, und männiglich steckte den Kopf fest
unter den Mantelkragen und zog die Pelzhaube tief über die Ohren.
    Meine Katrein aber kniete vor dem grossmächtigen Linnenschrank und holte das
feinste von den selbstgewirkten Tafeltüchern heraus für die Weihnacht, indes die
Mägd am Backtrog standen und den Teig zum Kletzenbrot kneteten.
    Und da etliche Tag darnach der heilig Abend anbrach, stellte die liebste
Frau die alte Hauskrippe unter den Altar, steckte rings um den Tisch rote Kerzen
auf und trug schwere Schüsseln voll Äpfel, Nüsse und Weihnachtsbrot in die
Stube.
    Darnach stellte sie alle die armseligen Figürlein und Sachen, so ich ihr als
Knab geschenkt, an ihren Platz und steckte eine grosse Kerze dazu.
    Am End aber wies sie mir auch meinen Platz, indem sie ein Licht neben das
ihre klebte und eine feine Silbertruhe, darin ein goldens Herz und in diesem ein
alter Fingerring lag, dazustellte, worauf sie hinauslief, ihre Leut zu holen.
    Nun legte auch ich meine Verehrung für sie, ein goldens Medaillon, sowie
eine Statuette ihrer Patronin zu ihren Sachen und setzte mich darnach still auf
die Ofenbank.
    Lachend und schwatzend erschienen nun alle im Festgewand, wünschten mir
einen guten Abend und knieten sich darnach um die Krippe.
    Da trat auch die Katrein in hohem Staat ein, trug einen brennenden
Wachsstock in der Hand, lächelte leise zu mir herüber und entzündete die Kerzen,
indem sie mit bewegter Stimm das Weihnachtslied begann. Da fielen alle ein und
sangen:
»Was Wunder ist gschehen zu dieser Nacht,
Da uns die Jungfrau den Christ hat bracht!
Ein Jauchzen dringet vom Himmel her;
Englein tun singen: Gott sei die Ehr!
Es knieet Maria wohl auf dem Stroh
Und ist der erfülleten Botschaft froh,
Hälts Kindlein voll Lieb wohl in dem Arm
Und singet: Nun schlafe, mein Söhnelein, warm!
Ich wiege dich sanft und ich wiege dich fein,
Schlafe, mein herzliebes Kindelein, ein! -
Ihr Manne, der Joseph, das Bettlein aufmacht
In der Krippen, darein er ein Strohbund hat bracht;
Maria die legt ihren Schleier dazu
Und bettet ihr Söhnlein zur gueten Ruh.
Ein Ochs und ein Eslein, die wehren der Kält
Und halten fein warm den Erlöser der Welt.
Viel Engelein fliegen durchs nächtliche Tal,
Besingen das Kindlein in Betlehems Stall,
Frohlockend des Wunders der heiligen Nacht,
Da Jerichos Rose das Blümlein hat bracht.«
Nach solchem Singen standen alle auf, und ein jegliches nahm sein Licht vom
Tisch; das Katreinl aber reichte ihnen den üblichen Christtaler, verteilte den
Inhalt der Schüsseln unter sie und nahm darnach auch unser beider Verehrung vom
Tisch, legte es in ihre Schürze und setzte sich schweigend zu mir, indes die
Mägd aufdeckten und die Mahlzeit hereinbrachten.
    Also ward fröhlich gegessen und getrunken, gelacht und gescherzt, indes das
Feuer im Ofen krachte und der Kienspan knisterte.
    Das Katreinl trug nun unsere beiden Lichter samt den Gaben hinauf in meine
Kammer und setzte sich darnach wieder auf die Ofenbank.
    Sie schien müd und abgeschlagen zu sein, also dass ich meinte, sie mög sich
doch hinlegen; - die heilig Nacht ging auch ohne ihr Zutun fröhlich hinüber.
    Aber sie wollte nicht.
    Und da es Zeit war, zur Metten zu gehen, und das Krachen der Böller und das
Geläut der Glocken durch das Tal hallte, richtete sie die Laternen zu, schob den
langsamen Zeiger der Uhr auf halb zwölf vor und hüllte sich in ihren grossen
Schal. Dann sagte sie zu mir: »Wirst wohl noch munter sein, wann ich wiederkomm,
Matiasl; - lass mir halt kein Unhold ins Haus und krieg den Weillang nit.«
    Worauf sie mir lächelnd einen Weichbrunn gab, gute Nacht wünschte und den
andern folgte.
    Ich aber sass nachdenklich auf meiner Bank und dachte, dass das Katreinl heut
gar nicht wohl ausgesehen hätt, und dass sie besser tat, wenn sie den Hof
verkaufte und sich zur Ruh setzte.
    Und hing also einsam meinen Gedanken nach, als dumpfer Lärm an mein Ohr
drang und mich erschreckt auffahren liess.
    Ich lief hinaus fürs Haus, - da kamen die Knecht und die Mägd - und trugen -
heiliger Gott - meine Katrein. -
    Sie wär ihnen ganz gerecht nachgekommen, erzählte der Oberknecht, - sei noch
eine Weil dahingegangen, - hätt dann mit einem Mal ein erschreckliches Husten
hören lassen - die Arm gählings in die Höhe geworfen - und sei wie ein Baum
zusammengebrochen. - Und da sie voll Schrecken hinleuchten, ist der Schnee rings
gerötet. -
    Wir legten sie aufs Bett.
    Bleich und ohne Leben lag sie da.
    Wir wuschen ihr das Gesicht mit Essigwasser, und ich hielt bebend ihre
kalten Händ in der meinen, indes die einen zum Wundarzt liefen, - die andern zum
Pfarrer.
    Das übrige Gesind war leise hinausgegangen, und ich vernahm aus der
Wohnstube herauf das gedämpfte Beten für die Kranke.
    Meine liebste Frau öffnete die Augen, sah mich matt und hilflos an und
schloss sie wieder.
    Nach geraumer Weil kamen die andern zurück und meldeten: der Wundarzt wär
nicht daheim, - käm auch nicht heim, die Nacht, - und der Herr Pfarrer hätt
nicht der Weil, - und der Koprator auch nicht, - die müssten jetzt die Metten
singen und das Christamt halten.
    Dann gingen sie hinab zu dem übrigen Gesind.
    Also sass ich allein am Bett meiner Katrein, indes die hohe Uhr ihr
langsames Tick Tack hackte, das Wachslicht flackernd niederbrannte und das
murmelnde Beten zu mir heraufdrang.
    Da schlug sie noch einmal die Augen auf, - sah mich an, - öffnete den Mund
und flüsterte meinen Namen. Ich beugte mich über sie und hielt mein Ohr an ihre
Lippen, krampfhaft ein lautes Schluchzen verbeissend.
    »Aufheben -«, lispelte sie.
    Und ich schob leise meinen Arm unter ihr Hauptpolster und hob sie. Da
lächelte sie ein wenig - sagte flüsternd:
    »Gelts - - - Gott - - - ich - - - geh - - - heim - - - o Jesus - - -« und
war still.
    Ich legte sie stumm zurück - drückte die herzlieben Augen zu - und ging
hinaus.
    Und nun mag ich nimmer reden von meinem Leid.
    Sie ward mit grossem Gepräng zur Erden bestattet, ihr Hof zerteilt, dabei die
herzliebste Frau auch mir ein Teil zumass; - und dann reiste ich zurück in die
Stadt, - suche Trost im Schaffen und lebe ein einsams Leben, - das mir der gut
Vater zu einem gnädigen End führen wolle. Amen.
 
    