
        
                                Paul Scheerbart
                                   Lesabéndio
                              Ein Asteroiden-Roman
                               Personenverzeichnis
Biba. Sehr alter Pallasianer, der sich besonders für die Sonne interessiert und
    philosophische Bücher schreibt.
Bombimba. Ganz, jugendlicher Pallasianer, dessen Entstehung geschildert wird.
Dex. Ein Führer auf dem Stern Pallas. Die Heraufbeförderung und Bearbeitung des
    Kaddimohnstahls ist seine Hauptbeschäftigung.
Labu. Ein künstlerischer Führer, der sich fast nur für die Formen mit gekrümmten
    Linien interessiert.
Lesabéndio. Ein Führer, der mehr technische als künstlerische Interessen hat und
    die Erbauung eines grossen Turmes am meisten fördert.
Manesi. Ein gärtnerisch veranlagter Führer, der für Rankengewächse begeistert
    ist und viele Pilzwiesen anlegt - auch in den Höhlen des Sterns Pallas.
Nax. Ein Bewohner des Sterns Quikko. Kommt mit neun andern Quikkoïanern durch
    Vermittlung von Lesabéndio und Biba auf den Pallas.
Nuse. Erbauer von Lichttürmen.
Peka. Künstlerischer Führer, der nur mit graden Kanten und Flächen arbeiten will
    und alle kristallinischen Formen höher schätzt als die anderen Formen.
Sofanti. Fachmann für Hautfabrikation.
 
                                 Erstes Kapitel
Lesabéndio macht den Biba auf einen kleinen Doppelstern aufmerksam und sagt, dass
nach seiner Meinung der Asteroïd Pallas ebenfalls ein Doppelstern sei. Biba
schwärmt danach für das intensive Leben auf der Sonnenoberfläche und erklärt,
dass er gerne dort sein möchte. Lesabéndio will ihn davon abbringen und liest ihm
eine Geschichte vom Stern Erde vor, auf dem vor kurzem ein alter Pallasbewohner
gelebt hat, ohne von den Erdbewohnern bemerkt zu werden. Zum Schlusse wird von
dem irdischen Astronomen Pallas berichtet, der dem Asteroïd Pallas seinen Namen
gab, der merkwürdigerweise ebenso klingt wie der Name, den die Pallasianer
selber ihrem Sterne gegeben haben.
Violett war der Himmel. Und grün waren die Sterne. Und auch die Sonne war grün.
    Lesabéndio machte seinen Saugfuss ganz breit und klemmte ihn fest um die sehr
steil abfallende zackige Steinwand und reckte sich dann mit seinem ganzen
Körper, der eigentlich nur aus einem gummiartigen Röhrenbein mit Saugfuss
bestand, über fünfzig Meter hoch in die violette Atmosphäre hinein.
    Mit dem Kopfe des Lesabéndio ging oben in der Luft eine grosse Veränderung
vor sich; die gummiartige Kopfhaut wurde wie ein aufgespannter Regenschirm und
schloss sich dann langsam zu; das Gesicht wurde dabei unsichtbar. Die Kopfhaut
bildete danach eine Röhre, die nach vorn offen war, während sich auf ihrem
Grunde das Gesicht befand, aus dessen Augen zwei lange fernrohrartige Gebilde
heraustraten, mit denen der Lesabéndio die grünen Sterne des Himmels sehr
deutlich sehen konnte, als wäre er ganz in ihrer Nähe.
    Der heftige Biba reckte sich neben dem Lesabéndio ebenso in die violette
Atmosphäre hinein. Während aber der Gummikörper des Letzteren ganz steif und
grade stand, bewegte sich Bibas Gummikörper wie ein Grashalm im Winde.
    Nun sagte Lesabéndio - und seine Stimme klang dabei sehr laut, da sie durch
die Kopfhautröhre verstärkt wurde:
    »Biba, siehst Du neben dem Stern Erde den kleinen Doppelstern?«
    Biba legte nun auch seine Kopfhaut um die Ohren und machte aus der Haut auch
eine Röhre und liess auch in dieser Hautröhre seine Augen zu zwei langen
Fernrohren werden.
    Und der Biba entdeckte den kleinen Doppelstern ebenfalls und sagte nach
einer Weile:
    »Der Doppelstern hat aber nichts mit dem Stern Erde zu tun; er ist einer von
den kleinen Sternen, den Asteroïden, zu denen auch der Stern Pallas gehört, auf
dem wir leben.«
    »Das ist«, versetzte Lesabéndio, »auch meine Meinung. Ich möchte nur gern
wissen, ob wir diesen Doppelstern mal in nächster Nähe sehen könnten.«
    »Ich habe«, sagte da der Biba, »diesen Doppelstern schon öfters beobachtet;
er geht viel langsamer als der Pallas, und wir müssen ihn deshalb in einiger
Zeit einholen. Wir werden den Doppelstern wohl bald in nächster Nähe sehen. Aber
warum interessiert Dich das?«
    »Das obere System des Doppelsterns«, erwiderte Lesabéndio, »sieht wie eine
spitze Düte aus, deren Spitze sich oben befindet. Das untere System des
Doppelsterns ist eine Kugel, die sich dreht; die Pole der Kugel befinden sich
rechts und links. Erleuchtet wird die Kugel von einem Lichte, das aus dem
Inneren der Düte kommt - von oben herunter kommt das Licht - aus der unten
offenen Düte heraus. Das Licht erleuchtet die ganze Kugel, da sich die Pole
dieser sich drehenden Kugel seitwärts rechts und links befinden. Düte und Kugel
hängen also eng miteinander zusammen.«
    »Ja«, sagte nun der Biba erstaunt, »das hab ich Alles längst gesehen. Warum
interessiert Dich das in so ausserordentlicher Weise?«
    »Weil«, rief nun der Lesabéndio plötzlich sehr laut, »ich glaube, dass zum
Stern Pallas auch eine solche Düte gehört - oder etwas Ähnliches. Kurzum: weil
ich glaube, dass der Stern Pallas auch ein Doppelstern ist.«
    Biba sagte darauf nach einer Weile:
    »Ich werde darüber nachdenken.«
    Dann wurden die Beiden wieder ganz klein, die Kopfhaut legte sich an den
Hinterkopf, und die grossen Augen lagen wieder ganz einfach neben der
messerscharfen, fein gekrümmten Nase.
    Um Bibas Mundwinkel glitzerten viele feine Falten, und er sprach dabei,
während sein Kopf jetzt nur andertalb Meter vom breiten Saugfuss entfernt war:
    »Zweifellos haben wir das Recht, in allen astralen Dingen sehr viele
Doppelsysteme zu vermuten und sehr viel Vielfältiges - ist doch unsre Sonne mit
ihrem grossen Trabantenheer auch nur ein derartiges Vielfältiges - ein grosses
Doppelsystem, in dem die Trabanten den einen Teil bilden, während die Sonne das
Andere, das Höhere - die Düte ist. Wie kommt es aber, dass sich all die Trabanten
von der grossen Sonne fesseln liessen? Ich glaube, es ist hauptsächlich masslose
Neugierde und masslose Bewunderung. Die beiden grossen Sterne, die der Sonne am
nächsten sind, bewegen sich garnicht um sich selbst, starren die Sonne immerzu
an und sind ganz weg vor berauschender Bewunderung. Der dritte Stern, den wir
Erde nennen, ist nicht mehr so heftig von der Intensität der Sonnenkraft
mitgerissen; er dreht sich noch um sich selbst - er hats noch nicht vergessen,
dass er einst auch eine Sonne war - sein Mond starrt ihn ebenso unbeweglich an -
wie die beiden grossen Sterne, die der Sonne am nächsten sind, die Sonne
anstarren. Und mir gehts beinahe so wie diesen beiden Sternen, obgleich ich kein
Stern und auch weiterab bin. Aber diese rasenden Stürme der Sonnenhaut - dieses
intensive wilde unerschöpfliche zuckende Flammen-, Licht- und Glutleben reisst
mich auch hin. Was soll man zu einer so unbeschreiblichen Kraft - zu solcher
ungeheuren Schnelligkeit und zu solchem sprühenden trotzigen Lebensübermass
sagen? Ich möchte mich für die Stoffverhältnisse der Sonnenhaut unempfindlich
und unsichtbar machen und einmal da auf der Sonnenhaut mittendrin in all dem
tollen Flecken- und Protuberanzen-Leben stehen und sehen - wies denn bloss
möglich ist. Es muss der höchste Lebensrausch da sein - ein Lebensrausch, gegen
den alles Trabantenglück einfach müde Schlafmützigkeit ist. Oh - wenn ich da
hinkommen könnte! Lesabéndio, die Sonne ist grösser als alle ihre Trabanten.«
    »In noch grösseren Kreisen«, erwiderte Lesabéndio, »als wir bewegen sich auch
Sonnen um die grosse Sonne, die sich in der Mitte unseres Planetensystems
befindet. Weiterab von der Mitte - weiterab als die Pallasbahn - gibt es auch
grosse Sonnen, die sich wie wir um unsre Mittelpunktssonne bewegen, warum willst
Du Deine Gedanken nur dieser widmen? Und - haben wir nicht auch auf unserm Stern
Pallas genug zu bewundern?«
    Biba bewegte vier seiner Arme, aus denen sich viele lange Finger
herausstreckten, bedeutsam in der Luft herum und machte dann seine Arme zehn
Meter lang und deutete mit allen Fingern zitternd nach der grünen Centralsonne,
die als dickster grüner Stern oben im violetten Himmel sanft leuchtete wie eine
ganz stille, ruhige Welt.
    »Sie ist nicht still und ruhig!« rief der Biba.
    Und der Lesabéndio sprach nun, während der Biba wieder seine Arme und Hände
in die Falten seines Körpers hineinlegte:
    »Ein interessantes Buch hab ich neulich entdeckt, in dem ein Pallasianer
seinen Aufentalt auf dem Stern Erde schildert; er ist dort für die
Erdverhältnisse unsichtbar und unempfindlich gewesen und ist von seinem Leben
auf diesem Stern Erde garnicht so entzückt. Und so könnte Dirs auch ergehen,
wenn Du mal in ähnlicher Weise auf die Sonne kämest.« Biba wurde sehr lebhaft
und wollte das Buch kennen lernen, und der Lesabéndio griff mit vielen Fingern
an seine Halskette, von der an feinen Fäden viele kleine Rollen
herunterbaumelten. Und eine von diesen Rollen machten Lesabéndios flinke Hände
auf.
    Da die meisten Pallasianer ihre Augen auch ganz leicht zu Mikroskopen machen
konnten, so wurden fast alle Bücher in allerkleinster Form in photographischer
Manier nur für Mikroskopaugen hergestellt, sodass jeder Pallasianer imstande war,
seine ganze Bibliotek am Halsbande zu tragen.
    Lesabéndio las nun aus dem Buche, das der Pallasianer, der auf der Erde
gewesen war, geschrieben hatte, das Folgende langsam und deutlich vor:
    »Auf dem den Pallasianern wohlbekannten Keulenmeteoriten fuhr ich durch die
Bahn des Sterns Erde. Und es gelang mir da, ganz gefahrlos die Oberfläche der
Erde zu erreichen. Die Erde ist ein ausserordentlich schwerer Stern, besteht aber
aus Stoffen, die so vollkommen anders sind als diejenigen, die wir auf dem
Pallas kennen, dass mein ganzer, doch recht umfangreicher Körper für die Bewohner
der Erdoberfläche gänzlich unsichtbar und unempfindlich blieb. Ich aber konnte
mit meinen vortrefflichen Augen sehr wohl alles sehen, was auf der Erde vorging.
Was ich aber sah, war wohl sehr seltsam, aber doch wenig erfreulich. Die
Erdbewohner konnten durch meinen Körper durchgehen, ohne dass sie es bemerkten.
Ich fühlte bei solchem Durchgehen nur ein feines, nicht unsympatisches Kribbeln
in meinen Gliedern. Ich versuchte, auch ins Innere der Erde zu gelangen - das
war aber an allen Stellen unmöglich. Und so musste ich auf der Oberfläche
bleiben. Ich fand überall eine Vegetation, die meinen Körper ernährte. Während
wir aber auf dem Pallas nur nötig haben, unsern Körper mit den Pallaspilzen in
Berührung zu bringen, um den Nahrungsstoff durch unsre Körperporen aufzunehmen,
war ich auf der Erde gezwungen, Pilze und Schwämme erst zu zerreiben, bevor sie
von meinen Poren aufgenommen werden konnten. Entsetzt aber war ich durch die
Ernährungsart der Erdbewohner; diese nehmen die Nahrung durch den Mund auf, bis
ihr Leib aufquillt. Und das Furchtbarste war, dass sie andre Lebewesen töteten,
zerschnitten und zerhackten und dann stück- und klossweise in ihren Mund
steckten; im Munde hatten sie steinharte Zähne, mit denen sie alles zermalmten.
Ich versuchte auf alle mögliche Art, mich den Erdbewohnern bemerkbar zu machen;
es gelang mir aber nicht. Die Erdbewohner sind von sehr verschiedenartiger
Intelligenz, die führende Rolle hatten Lebewesen, die auf zwei Stelzbeinen
mühsam sich weiterschleppten und sich Menschen nannten. Diese Menschen waren
ursprünglich Raubtiere - das heisst: Lebewesen, die mit Klaue und Zahn über andre
Lebewesen herfielen, sie töteten und auffrassen. Aus diesen Raubtierinstinkten
entwickelten sich nun die abscheulichsten Gewohnheiten. Die Menschen
vernichteten nicht nur die weniger intelligenten Lebewesen auf der Erdrinde, sie
vernichteten sich sogar gegenseitig um der Nahrung willen. Und wenn ich auch
nicht gesehen habe, dass sie sich gegenseitig auffrassen, so musste ich doch sehen,
wie sie in grossen Horden zu Tausenden aufeinander losgingen und sich mit
Schusswaffen und scharfen Eisenstücken die entsetzlichsten Wunden beibrachten, an
denen die meisten nach kurzer Zeit starben.«
    »Hör auf!« schrie da der Biba plötzlich und wurde ganz blau im Gesicht, »wie
kannst Du mir das vorlesen? Du marterst mich ja. Soll ich glauben, dass auch die
Bewohner der Sonnenoberfläche auf einer derartig niedrigen Entwicklungsstufe
stehen? Niemals werde ich das glauben - ich müsste es denn mit meinen eigenen
Augen sehen. Und das wäre entsetzlich. Willst Du mir meine Sehnsucht nach der
Sonne rauben?«
    »Aber«, sagte nun der Lesabéndio, »wie kann Dich dieser Bericht so aus der
Fassung bringen? Musst Du nicht froh sein, dass Du auf einem Sterne lebst, dessen
Bewohner ein feineres Leben führen? Sieh, lieber Biba, ich möchte Dir gerne
Deine ungestüme Begierde nach dem Sonnenleben abnehmen. Es ist nicht gut, wenn
man so ungestüm nach einem anderen Leben sich sehnt und dabei die Vorzüge des
Lebens, in dem man sich befindet, missachtet. Auch das Leben auf der Erdhaut muss
nach dem Buche, das ich hier in Händen habe, ebenfalls Vorzüge besitzen.«
    »Ich bitte Dich«, sagte darauf der Biba ganz weich, »scherze nicht: Du
kannst doch nicht behaupten, dass diese Erdbewohner, die sich gegenseitig in
Horden vernichten, irgendwelche Lichtseiten in ihrem Leben aufweisen könnten.«
    Lesabéndio lachte und widersprach und las schliesslich aus dem kleine Buche,
das er in seinen Händen hatte, noch das Folgende vor:
    »So unglaublich es klingen mag, so muss doch gesagt werden, dass sich einzelne
von diesen Menschen auch mit dem Leben der anderen Sterne beschäftigen und dass
sie sich künstliche Glasaugen gemacht haben, mit denen sie die übrigen Sterne in
vergrössertem Massstabe sehen. Und besonders lustig war es, als ich hörte, dass die
Menschen auch den Stern Pallas entdeckt hatten. Unsern Stern nennen sie nach dem
Astronomen Pallas. Dieser Astronom heisst nämlich Peter Simon Pallas, und ich
habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Natürlich weiss dieser Pallas nicht viel von
uns, aber er wusste doch, dass unser Stern gute vierzig Meilen im Durchmesser hat.
Gesehen hat er von unserm Stern allerdings nur einen Lichtpunkt. Dieser Peter
Simon Pallas hat natürlich nur unsre Atmosphäre gesehen, die von der Sonne und
von dem uns nächsten grossen Trabanten der Sonne, den die Menschen Jupiter
nennen, beleuchtet wird. Aber es ist doch unglaublich seltsam, dass der Name des
irdischen Astronomen, nach dem unser Stern genannt wird, genauso klingt wie der
Name, den wir unserm Sterne gegeben haben. Man sollte deswegen auch über
niedriger stehende Lebewesen auf anderen Sternen niemals zu schnell ein
abfälliges Urteil aussprechen.«
    Bibas Gesichtszüge erheiterten sich und wurden wieder hellbraun wie sonst.
    Dann aber wollte der Biba das ganze Buch selber lesen, und Lesabéndio liehs
ihm.
    Nachdem der Biba das Buch an einem Faden seines Halsbandes befestigt hatte,
beschlossen die Beiden, an der steilen Felswand emporzusteigen. Sie reckten sich
wieder hoch auf, wurden dann blitzschnell wieder klein und stiessen sich dann mit
dem zusammengezogenen Saugfuss ab, sodass sie in die Höhe flogen - wohl
dreihundert Meter hoch.
    Sie breiteten in der Luft ihre Rückenflügel aus, sodass sie sich wieder der
Felswand näherten, an der sie dann mit dem Saugfuss abermals festen Fuss fassten.
Von dort aus sprangen sie wiederum hoch empor wie vorhin und kamen so mit
einigen guten Sätzen zu den Gipfeln des Gebirges, das den oberen Rand des Pallas
kreisförmig abschliesst.
 
                                Zweites Kapitel
Es wird zunächst die Tonnenform des Pallas geschildert. Dann werden die
schwirrenden Bandbahnen des Nordtrichters vorgeführt. Und dann kommt Lesabéndio
mit Biba zum neuen Riesenlichtturm, den sie mit Nuse, Dex und Manesi auf
Seilbahnen besteigen. Auf der Spitze des Turms erleben sie das wunderbare
Schauspiel des Nachtbeginns. Während Nuse auf dem von ihm erbauten Lichtturm
bleibt, begeben sich die vier anderen Herren zum Mittelpunkt des Sterns -
Lesabéndio fliegt hinunter und sieht sich die Beleuchtungen des Nordtrichters
an, während die drei Andern eine Seilbahn benutzen, um schneller zum Mittelpunkt
des Sterns zu gelangen.
Das Gebirge, das den oberen Rand des Pallas kreisförmig abschliesst, hat viele
hohe Gipfel und viele schroff abfallende Felswände. Der Kreis, den dieses
Gebirge bildet, hat einen Durchmesser von zwanzig Meilen.
    Der Stern Pallas sieht äusserlich so aus wie eine Tonne. Die Höhe der Tonne
von oben nach unten beträgt vierzig Meilen, die Breite in der Mitte dreissig
Meilen. Und dort, wo die Deckel der Tonne sind, ist der Durchmesser der runden
Deckelfläche oben wie unten zwanzig Meilen gross. Aber es befinden sich keine
Deckel an dieser Tonne; im Innern der Tonne sind oben wie unten zwei leere
Trichter von zwanzig Meilen Tiefe. Die beiden Trichter stossen mit ihren Spitzen
im Mittelpunkte zusammen. In diesem Mittelpunkte befindet sich ein Loch, das im
engsten Teile noch eine halbe Meile breit ist. Durch dieses Loch sind die beiden
Trichter miteinander verbunden. Die kräftig ausgebauchte Tonne dreht sich
langsam um sich selbst - um die senkrechte Linie, die durch den Mittelpunkt von
oben nach unten geht. Und mit Ausnahme der leeren Trichter besteht die Tonne aus
festem Stoff.
    Lesabéndio befand sich nun mit dem Biba auf dem oberen Rande des
Nordtrichters. Und dieser obere Rand zeigte viele hohe Gebirgsgipfel. Und nach
unten gings zwanzig Meilen schräg ab in die Tiefe zum Mittelloch. Aber die Wände
dieses Riesentrichters waren nicht flach und glatt - sie zeigten wie der Rand
oben viele zackige Gipfel und viele schroff abfallende Felswände. Aber diese
Felswände waren auch nicht glatt, sondern vielfach zerrissen und von vielen
tiefen Tälern durchfurcht.
    Die Pallasianer hatten nun wohl die Fähigkeit, infolge ihres Saugfusskörpers
hoch in die Lüfte zu springen und sich auch in den Lüften mit Hilfe ihrer
Rückenflügel schwebend zu erhalten, sodass sie leicht zu jeder Bergspitze und
überallhin gelangen konnten. Diese natürliche Fortbewegungsart erschien aber den
Pallasianern sehr bald nicht schnell genug. Und sie hatten daher in den beiden
Trichtern unzählige sogenannte Bandbahnen hergestellt, die die Gipfel und Täler
nach vielen Richtungen hin - schräg, waagrecht und auch senkrecht - miteinander
verbanden.
    Die Bandbahnen bestanden aus langen Bändern, die nicht viel breiter als fünf
Meter waren und sich an den beiden Endpunkten auf automatisch tätigen Rollen
sehr schnell fortbewegten; ein Bandstück bewegte sich oben und das andre unten.
Nun brauchte der Pallasianer nur auf das Band aufzuspringen und sich mit seinem
Saugfuss auf dem Bande festzuheften - so sauste er mit rasender Eile dahin. Am
Schluss sprang dann der Pallasianer ab und flog mit der gegebenen Geschwindigkeit
so lange durch die Luft weiter, bis er eine zweite Bahn erreicht hatte, die ihn
mit derselben Schnelligkeit wie die erste weiter beförderte.
    Nun liefen immer sehr viele Bandstreifen auch in andrer Richtung, sodass alle
Trichterwände nach allen Richtungen hin leicht befahren werden konnten. Die
Bandstreifen bewegten sich natürlich sämtlich ohne Unterlass, da die rotierende
Tätigkeit der Rollen, um die die Bandstreifen rumgelegt waren, nicht aussetzte.
    Die Bandbahnen boten ein Bild der heftigsten Verkehrsfreude; die Pallasianer
flogen immerzu auf die Bänder rauf und immerzu wieder von den Bändern runter,
sodass langsam in natürlicher Bewegung dahinschwebende Pallasianer durch ihr
langsames Schweben auffielen - wie träge Nichtstuer.
    Um ihre Saugfüsse ein wenig zu schonen, pflegten zusammenfahrende Pallasianer
aufeinander zu sitzen - was zuweilen sehr drollig aussah. So sass auch der Biba
mit seinem Saugfuss auf Lesabéndios Rücken hinter den Flügeln, als die Beiden auf
den Bandbahnen rasch einem ferner gelegenen Berggipfel zustrebten. Nachher sass
der Lesabéndio auf dem Biba. Die Beiden kamen rasch weiter im oberen Teile des
Trichters und überflogen mindestens dreissig breite Talschluchten in ein paar
Augenblicken.
    Und dann flogen sie rasch von der letzten Bahn ab nach oben hinauf auf die
Spitze eines sehr hohen Berggipfels, auf dem Tausende von Pallasianern ganz
still dasassen und ein neues Bauwerk anstarrten.
    Das Bauwerk war ein Glasturm.
    Doch dieser Glasturm ragte eine volle deutsche Meile in den Weltenraum
hinauf.
    Und so wars sehr natürlich, dass Tausende von Pallasianern dieses neue
Bauwerk ganz still anstarrten.
    Der Pallasianer Nuse, der diesen Turm gebaut hatte, sah jetzt den Lesabéndio
mit dem Biba heranfliegen und breitete gleich seine Kopfhaut wie einen riesigen
Regenschirm seitwärts aus und brachte den Rand seiner Kopfhaut zum Schwingen.
Lesabéndio und Biba taten dasselbe; so pflegten sich die Pallasianer immer zu
begrüssen, wenn sie gern miteinander sprechen wollten.
    Und sie sprachen miteinander.
    Viele feine Falten glitzerten dabei neben den Mundwinkeln der Pallasianer.
Und die messerscharfen Nasen zuckten öfters.
    Der Glasturm war ein Lichtturm, der heftig leuchten sollte - in der langen
Nacht. Die lange Nacht war auf dem Pallas so lang wie ein Monat auf der Erde;
der Tag war ebenso lang.
    Der eigentliche Lichtspender ist aber auf dem Pallas nicht die Sonne,
sondern eine weisse grosse Wolke, die hoch über dem Nordtrichter befindlich ist.
    Diese weisse Wolke leuchtete jetzt auch in vollem Glanze. Die Berge auf dem
Trichterrande waren auch zumeist weiss; nur einzelne Stellen zeigten blaue und
graue Farben; in der Tiefe des Trichters waren die blauen und grauen Farben
dunkler und vorherrschend, sodass man da das Weisse nur vereinzelt sah.
    Die Gesichter der Pallasianer hatten gelbe Farbe - nur die Augen waren braun
und die Lippen ebenfalls, während die Kopfhaut aufgesperrt innen radiale braune
Streifen auf gelbem Untergrunde zeigte; die Rückseite der Kopfhaut war
dunkelbraun. Der kautschukartige dunkelbraune Körper hatte viele grosse und
kleine gelbe Flecke.
    Nuse hatte schon viele Lichttürme gebaut - zumeist auf den Berggipfeln, die
sich tiefer im Nordtrichter befanden - aber keiner der Lichttürme hatte den
zehnten Teil der Grösse erreicht, die der Lichtturm erreichte, vor dem jetzt
Tausende von Pallasianern staunend dasassen.
    Nuse klagte und sagte:
    »Es ist so unsäglich schwierig, die Pallasianer zu so grossen Arbeiten zu
überreden. Ich will doch eigentlich noch hundert solche Türme bauen. Aber meine
guten Freunde wollen vorläufig noch nicht; sie wollen immer wieder was Andres.«
    »Oh«, versetzte da der Lesabéndio, »das ist ja das Geheimnis unsrer Kraft:
je mehr Schwierigkeiten und Hindernisse von uns zu überwinden sind, um so mehr
wächst unsre Kraft. Und es läuft doch alle unsre Tätigkeit nur darauf hinaus,
uns immer kräftiger, grösser und bedeutender zu machen.«
    Alle Tätigkeit der Pallasianer konzentrierte sich aber darum: den Stern
Pallas weiter auszubauen - umzubauen - besonders landschaftlich zu verändern -
prächtiger und grossartiger zu machen.
    Und sie hatten vor nicht allzulanger Zeit ein Material im Innern ihres
Tonnensterns entdeckt, das den Horizont ihrer Baugelüste merklich erweiterte.
Dieses Material hiess Kaddimohnstahl und bestand aus unzerbrechlichen
meilenlangen Stangen.
    Mit solchen Stangen war auch der neue Lichtturm erbaut; ohne dieses neue
Material hätte man natürlich nicht so hoch in die Höhe gehen können.
    Der Pallasianer Dex, der neben Nuse stand, wusste mit diesem Kaddimohnstahl
am besten umzugehen; auf dem gegenüberliegenden Teile des Trichterrandes hatte
er zwei riesige Bergspitzen in riesigem Bogen miteinander verbunden, und Manesi,
der Vegetationsarrangeur, hatte diesen Bogen, der im Halbkreise die beiden
Gipfel verband, mit hängenden und hochaufragenden Pallas-Bäumen besetzt. Auch
der Manesi stand neben dem Nuse.
    Nuse war nur Beleuchtungsarrangeur und sehr stolz auf seinen ganz bunten
Glasturm, der übrigens im oberen Teile sehr viele Ausbuchtungen und weit
heraustretende Ausläufer zeigte; die letzteren sprangen wie radiale Strahlen aus
dem Turm heraus.
    Als die Fünf den Turm genug bewundert hatten, machten sie aus ihren Augen
wieder lange Fernrohre, schlugen die Kopfhaut wie ein Futteral um die
Fernrohraugen rum und sahen sich jetzt die neue Schöpfung des Dex an, die noch
nicht fertig war und gegenüber auf dem Trichterrande in einer Entfernung von
zwanzig Meilen auch recht kühn in den Weltenraum hinaufragte.
    Dann bat der Nuse die vier anderen Herren, mit ihm auf die Spitze des neuen
Glasturmes zu steigen.
    Der Himmel war dunkelviolett, und man sah auch all die grünen Sterne am
Himmel - auch die dunkelgrüne Sonne, neben der ein kleiner hellgrüner Komet
sichtbar wurde. Oben mitten über dem Nordtrichter leuchtete die weisse Wolke.
Aber die weisse Wolke bekam schon ein paar dunkelgraue Flecke.
    »Wir müssen uns beeilen!« sagte der Nuse. Und danach sprangen die Fünf in
den Turm, und jeder von ihnen nahm dort ein Instrument in die Hand, das einer
grossen Kneifzange ähnelte.
    Im Innern des Turmes rollten dicke Seile über Rollen. Diese Seile wurden mit
den Kneifzangen fest angepackt - und dann wickelte der Pallasianer blitzschnell
seinen Unterkörper um die langen Druckstangen der Kneifzange herum - und flog so
in ein paar Sekunden zur Spitze des Turmes hinauf. Die Hemmvorrichtungen
funktionierten oben auf einer Strecke von tausend Metern, sodass sich die Zange
im richtigen Moment oben von dem Seile loslöste, ohne dass der Passagier Gefahr
lief, auf der Spitze des Turmes gleich weiter hinauf in den Weltenraum
hinaufzufliegen.
    Die Fünf waren also bald oben. Und oben sagte der Lesabéndio sehr heftig:
    »Wundervoll ist ja hier die Aussicht. Ich wundre mich nur, dass wir so hoch
gekommen sind. Wenn wir vom Gipfel unsrer Trichterrandberge aus uns mit Hilfe
der schnellsten Bandbahnen in die Höhe schiessen lassen, so erreichen wir kaum
eine Höhe von dreihundert Metern, und mit solchem Turmbau kommen wir
siebentausendfünfhundert Meter hoch. Wenn das nicht seltsam ist, so weiss ich
nicht, was seltsamer wäre. Unsre Leuchtwolke oben hat abstossende Kraft. Wie
wärs, wenn wir nun diese abstossende Kraft überwänden, indem wir noch höhere
Türme bauten?«
    »Wie willst Du«, fragte nun der Dex, »das anfangen?« »Wir bauen«, versetzte
Lesabéndio, »auf jeden Trichterrandgipfel einen meilenhohen, ganz schlanken
Turm, der sich nach der Mitte des Trichters hinüberbeugt. Dann verbinden wir die
Spitzen dieser schiefen Türme durch einen Ring, dessen Durchmesser kleiner ist
als der Durchmesser des Trichterrandes. Und dann bauen wir auf diesen Ring
wieder schiefe Türme, verbinden wieder die Spitzen der schiefen Türme durch
einen noch kleineren Ring - und fahren so in fünfzig bis hundert Etagen fort -
dann sind wir oben mitten in der Wolke und wissen bald, was sich dahinter oder
über der Wolke befindet. Ich vermute, dass da oben das Geheimnis unsres Lebens
verborgen ist.«
    Da schmunzelten die vier Herren, die dem Lesabéndio zugehört hatten. Und
dann lachte der Nuse und sagte:
    »Schöner Bauplan das! Aber ich möchte wissen, wo Du die Bauleute
herbekommst. Ich kriege sie nicht zu einem zweiten Turm - und Du willst, wenn
ich nicht irre, an die tausend Türme bauen.«
    Dex rief danach:
    »Und das Material? Ei, da müssten wir noch viel Kaddimohnstahl ausbuddeln!
Obs so viel gibt? Ich glaube allerdings, dass es ganz bestimmt so viel gibt.«
    Da bestürmten die Andern den Dex zu sagen, woher er das wisse. Und er
erzählte ihnen etwas von seinen Entdeckungen und Vermutungen.
    Währenddem wurde oben die Wolke immer dunkler und senkte sich dann mit
ungeheurer Schnelligkeit hinab - und machte Nacht auf dem Pallas, indem sie sich
um den ganzen Tonnenstern herumwickelte; nur unter dem Südtrichter liess sie eine
freie Aussicht in den Weltenraum übrig.
    Diese Wolke bestand aus Trillionen feinster Spinngewebefäden, die sich
durcheinander spannen, ohne sich zu verwickeln und zu verknoten.
    Die Sterne des Himmels waren nun nicht mehr zu sehen. Dafür leuchteten im
Nordtrichter Hunderte von Nuses kleineren Lichttürmen auf, und der grosse
Lichtturm, auf dessen Spitze die fünf Herren standen, leuchtete mit vielen
beweglichen buntfarbigen Scheinwerfern so mächtig in die Nacht hinein, dass aus
der Tiefe des Kraters ein grosses Beifallsgeschrei hervordrang.
    
    Nun wollte Biba mit Manesi und Dex rasch zum Centralloch des Sterns, um dort
die merkwürdige Musik zu hören, die sich immer beim Einbruch der Nacht hörbar
machte; sie schossen wieder mit der Seilbahn auf ihren Zangen zur Tiefe hinunter
und benutzten unten eine Tunnelbahn, die ebenfalls eine Seilbahn war - und auf
der man auch mit Zangen in zwei Minuten die zwanzig Meilen bis zum Centralloch
hinuntersausen konnte. Solche Tunnelbahnen gab es sehr viele. Und in allen
Tunneln wurden an Stelle der Bandstreifen starke Seile verwandt. Nuse blieb auf
seinem Turm.
    Und Lesabéndio sprang von der Turmplatte aus hoch in die Höhe - er kam aber
nicht fünfzig Meter hoch und breitete danach oben seine Rückenflügel aus und
schwebte seitwärts schräg in den Trichter hinein und sah dabei sich langsam
drehend überall die unzähligen elektrischen Lichter im Trichter. Und es waren
nicht nur die Lichttürme des Nuse, die da leuchteten; alle Bäume hatten an
Stelle der Früchte und Blüten grössere und kleinere Ballons, die am Tage schlaff
herunterhingen, nachts aber sich weit aufblähten und leuchtende
phosphoreszierende Farben in die Nacht hinausstreuten.
    Leuchtkäfer gabs auch - sehr viele.
    Und Lesabéndio leuchtete wie alle Pallasianer ebenfalls an einzelnen Stellen
seines Körpers - wenn ers wollte.
    Er zog seinen langen Schlangenleib im Kreise hintenüber und erfasste mit
seinem Saugfuss seinen Hinterkopf und schwebte so langsam sich drehend mit
ausgebreiteten Flügeln in bequemster Lage langsam zur Tiefe. Die Nacht war
köstlich.
 
                                Drittes Kapitel
Lesabéndio schwebt langsam in grossen Kurven durch den erleuchteten Nordtrichter
hinab zum Centrum des Sterns, in dem die Sofanti-Musik ertönt. Er kommt durch
das Centrum mit Sofanti in den Südtrichter, wo die Magnetbahnen zu finden sind.
Nachdem die merkwürdigen Verhältnisse der Anziehungskraft, die im Südtrichter
nächtlicher Weile vieles auf den Kopf stellen, erörtert sind, werden die beiden
Führer Peka und Labu im Gespräch mit Lesabéndio vorgeführt. Danach wird die
Scheinwerferuhr und das Einschlafen der Pallasianer um Mitternacht geschildert -
dabei auch das Rauchen des Blasenkrautes.
Ganz langsam schwebte Lesabéndio zur Tiefe - immer mit dem Saugfuss am Hinterkopf
- und dabei zog er bald den einen Flügel ein und bald den anderen, sodass er
kreiste in mächtigen hinuntergezogenen Spiralkurven.
    Er kam an vielen, senkrecht aufragenden Nuse-Türmen vorüber, und er sah mit
seinen Fernrohraugen alle Seiten des zwanzig Meilen tiefen Trichters und sah die
vielen tiefen Grotten und all die Bergkegel, die vor den Grotteneingängen
emporragten, und er sah die unzähligen breiten Brücken, die sich hoch über den
Schluchten und Abhängen hinüberspannten zu den anderen Seiten, und er sah auch
die vielen künstlichen Kuppeln, die manche Abgründe überwölbten - er sah die
Kuppeln alle von oben - und sie waren sämtlich von unten aus von bunten
Kristalllampen durchleuchtet.
    Die bunte Lichtfülle des Trichters berauschte den Lesabéndio. Da gabs nur
eine kleine Anzahl von dunklen Stellen. Die grossen Fruchtballons glitzerten in
phosphoreszierendem Licht, und die Leuchtkäfer leuchteten auch, und die
Pallasianer leuchteten ebenfalls. Aber all dieses »natürliche« Licht hätte den
Trichter nicht sehr hell gemacht, wenn nicht die vielen bunten Lichttürme - und
die unzähligen bunten Scheinwerfer, die sich immerzu nach allen Richtungen hin
drehten, ihr künstliches elektrisches Licht in den Trichter hinausgestreut
hätten. Dieses künstliche Licht hatten die Pallasianer mit grossen Mühen überall
dort angebracht, wo sich die Anfangs- und Endstationen der Bandbahnen befanden.
Und diese Bandbahnen waren überall; sie gingen quer, schräg und steil nach oben
und nach unten; da gabs zehn bis zwanzig Meilen lange Bandbahnen und unzählige
kürzere; von diesen führten viele ins Innere der Grotten und Höhlen hinein, von
denen aus man auch an einzelnen Stellen ins tiefste Innere des Sterns gelangen
konnte.
    Und auf den Bandbahnen sah Lesabéndio mit seinen Fernrohraugen, während er
in grossen Kurven im Trichter herumkreiste, die Pallasianer auf und ab fahren -
mit blitzartiger Geschwindigkeit. Und da die Körper der Pallasianer an vielen
Stellen des Trichters aufleuchteten, so sahen die Wände des Trichters so aus,
als führen immerfort Funken nach allen Richtungen durch sie durch.
    Dieses Funkengezuck bildete den Untergrund der Trichterwände; von diesem
beweglichen Lichtuntergrunde hoben sich die bunten, ganz steif und unbeweglich
dastehenden Nuse-Türme kräftig ab. Und die beweglichen farbigen Scheinwerfer
traten mit ihrem Licht weit aus den Wänden des Trichters heraus, sodass auch die
freie Luft des Trichters beleuchtet wurde. Und es schwebten sehr viele
Pallasianer und viele Leuchtkäfer in der freien Luft, und da die Scheinwerfer
sich nach allen Richtungen hin bewegten, so wurden die Pallasianer und die Käfer
auch von den Scheinwerfern oft getroffen, sodass sie deren Lichtkegel oft durch
ihre Gestalt und durch die Schatten, die sie warfen, seltsam belebten.
    In der Mitte des Trichters - besonders im oberen Teile desselben, war das
Licht der Scheinwerfer nicht mehr so wirksam; nur die grösseren Scheinwerfer
warfen ihr Licht in voller Kraft sechs bis sieben Meilen hinaus; das wirkte
besonders oben sehr imposant, wenn die Lichtkegel zuweilen senkrecht nach oben
hinaufgingen und dort die glitzernden Spinngewebewolken, wenn sie nachts
heruntergekommen waren, beleuchteten.
    Lesabéndio hielt sich mehr in der Mitte, sodass er von den Scheinwerfern
selten getroffen wurde.
    Und er sah dann nicht mehr die Wände mit ihren Funkenspielen und Lichttürmen
an - er blickte nur noch nach unten - in den Mittelpunkt des Sterns.
    Dort unten im Mittelpunkt wurde es immer heller und heller - und noch viel
bunter als rechts und links.
    Und eine feine Musik mit ganz lang gezogenen seltsamen Tönen drang aus der
Tiefe heraus.
    Diese Musik kam aus dem Centralloch, das den Nordtrichter mit dem
Südtrichter verband.
    Hier im Mittelpunkte, wo die Trichterwände sehr zackig und an einzelnen
Stellen nur eine halbe Meile voneinander entfernt waren, hier im Mittelpunkte
bildeten sich immer beim Nachtbeginn grossartige Töne, die durch den Luftzug
entstanden, der von der so schnell herunterkommenden Spinngewebewolke
hervorgebracht wurde.
    Um diese Mittelpunktsmusik des Pallas, die natürlich am besten im
Südtrichter zu hören war, zu verstärken und in melodiösen Fluss zu bringen, hatte
man in dem Mittelpunkte viele dünne, zumeist sehr grosse Hautstücke so
aufgespannt, dass sie die durch die zackigen Felswände hervorgebrachten Töne in
merkwürdiger Weise variierten. Und da man die Hautstücke so angebracht hatte,
dass sie leicht in andre Lagen zu bringen waren, so entstanden durch die
beweglichen Hautstücke wundervolle Melodieen, die natürlich durch kleine und
grosse Schalltrichter und besondere umfangreiche Metallinstrumente ganz
orchestral gemacht werden konnten.
    Sofanti hiess der Pallasianer, der die Hautstücke mit Hilfe seiner Freunde
herstellte. Und bei Beginn der Nacht sammelten sich im Südtrichter immer sehr
viele Pallasianer, die die neuesten Sofanti-Melodieen hören wollten.
    Aber über dem Centralloch im Nordtrichter - dort, wo dieser nur noch
andertalb Meilen im Durchmesser hatte, - da hatte der Dex auf Wunsch des
Sofanti mit Kaddimohnstahl ein grosses Gestell errichtet, in dem von allen Seiten
schräg nach innen gerichtet Stahlstangen standen, die oben durch einen Ring
verbunden waren, und auf diesem Ringe waren abermals schräg stehende
Stahlstangen angebracht, die auch oben durch einen wieder kleineren Ring
verbunden waren.
    An einzelnen dieser Stahlstangen hatte Sofanti seine neuesten grossen
Hautstücke - sämtlich in Scharnieren beweglich - angebracht.
    Als Lesabéndio dieses Stahlstangengestell erblickte, riss er plötzlich seinen
Saugfuss vom Hinterkopf los und rief laut:
    »Dieser Sofanti! Da hat er ja eigentlich den grossen Turm, den ich oben im
Grossen machen wollte, hier unten im Kleinen schon gemacht. Dieser Dex! Dieser
Sofanti! Also ist meine Idee vom grossen Turm garnicht so neu.«
    Zufälligerweise war der Sofanti grade in der Nähe und hörte sich seine
Trichtermusik von oben an - und als er den Lesabéndio so laut reden hörte, rief
er ihn an:
    »Lesabéndio«, rief er, »warum redest Du so laut zu Dir selbst? Ich habe ja
jedes Deiner Worte verstanden.«
    Da erkannte der Lesabéndio den Sofanti.
    Und da sprachen sie denn sehr eifrig über den grossen Stahlturm und über den
kleinen Stahlturm.
    Und währenddem rauschte die Centralmusik in ungeheuren mächtigen Akkorden
auf, dass die Wände des Nordtrichters ganz fein zitterten - und dass die
Pallasianer überall von den Bandbahnen absprangen und in die Luft
hinausschwebten, um die mächtigen Akkorde der neuesten Sofanti-Musik ganz genau
zu hören; diese Musik machte auf die Pallasianer fast einen grösseren Eindruck
als der grosse Nuse-Turm, der eine Meile hoch war.
    Während Lesabéndio mit Sofanti in die Tiefe des laut tönenden Centralloches
hinunterschwebte, stand der Nuse noch immer auf seinem Turm und blickte stolz
umher in die dunkle Spinngewebewolke und in den bunten funkenzuckenden
lichtkegelvollen Nordtrichter, in dem auch die andren Nuse-Türme glühten und
leuchteten. Oben bei Nuse war es ganz still und kein Laut von der Centralmusik
zu hören.
    Aber im Südtrichter schallte die Centralmusik - oft mit tausend Echos -
donnernd um die Felswände rum, dass die Pallasianer immer wieder das schnelle
Fahren sein liessen und lauschend in der Luft herumschwebten - mit beiden
Rückenflügeln und auch mit einem. Die Musik blieb eine volle Stunde hindurch
hörbar; eine Pallas-Stunde entspricht ungefähr den vierundzwanzig Stunden eines
Erdtages.
    Der ganze Südtrichter bildete jedoch eine Welt für sich, die mit der
Nordtrichterwelt wenig gemein hatte. Die Anlagen des Südtrichters waren älter
und zumeist ganz anders als die im Norden. Das hing besonders mit den
merkwürdigen Verhältnissen der Anziehungskraft zusammen.
    Da der Stern Pallas im Innern sehr viele ausgedehnte Hohlräume besass, so
übten alle Trichterwände eine sehr verschiedene Anziehungskraft aus. Dazu kam
noch, dass die Nachtwolke alle Schwergewichtsverhältnisse in sehr empfindlicher
Weise verschob. Ein Gravitationscentrum kannte man nicht; im Südtrichter konnte
der Kopf der Pallasianer ruhig nordwärts gerichtet bleiben - aber während der
Nacht konnte man im Südtrichter den Kopf auch nach allen andern Richtungen
hinbringen, ohne körperliches Unbehagen zu empfinden; es kam somit vor, dass
Pallasianer auf grossen Hautstreifen, die an manchen Stellen den Trichter quer
durchspannten, mit ihrem Saugfusse auf der einen Seite sassen, während auf der
andern Seite der Haut auch Pallasianer sassen, sodass oft ein Saugfuss oben und
einer unten eine Stelle des Hautstückes umschloss. Dieses nahegelegene
Antipodentum wirkte von weitem gesehen zuweilen sehr komisch.
    Nun war der freie Raum des Trichters von unzähligen Drahtseilen durchzogen.
Und viele Hautstreifen waren zwischen diesen Drahtseilen; die Zahl der
Hautstreifen, die nur zum Ausruhen benutzt wurden, war aber nicht sehr gross,
sodass der freie Raum als solcher immer noch bestehen blieb. Das Verkehrsleben
spielte sich in diesem freien Raume ausschliesslich auf den Drahtseilen ab - und
zwar wurde der Pallasianer hier durch ein Magnetblech angezogen, sodass die
Bahnen »Magnetbahnen« genannt wurden. Das Magnetblech befand sich an den
Knotenpunkten der Seilbahn und konnte dort beliebig gestellt werden - auch so,
dass es seine Anziehungskraft verlor. Wollte nun Jemand auf einem Seilstück, das
natürlich auch zwei bis vier Meilen lang sein konnte, an einem Ringe hängend
rasch dahinsausen, so hatte er erst das Magnetblechstück der nächsten
Knotenstation in die richtige Lage zu bringen, was durch eine Kurbelvorrichtung
allerdings leicht zu bewerkstelligen war - andrerseits doch immerhin sehr viel
Zeit beanspruchte, da manchmal ein Magnetblechstück auch von andrer Seite in
Anspruch genommen wurde. Die Bandbahnen des Nordtrichters waren jedenfalls
bequemer, zudem wurde das Magnetblech immer wieder durch die verschiedenartige
Anziehungskraft der Trichterwände in sehr erheblichem Masse irritiert, sodass es
zum Beispiel sehr schwierig war, einfach schwebend dortin zu gelangen, wo man
hingelangen wollte. Im Südtrichter schwebten deshalb die Pallasianer nur sehr
selten in der freien Luft herum: fast alle benutzten die langsamen veralteten
Magnetbahnen; die meisten Bandbahnen des Nordtrichters gingen achtzig-bis
hundertmal schneller.
    Die Hälfte der Nacht - also eine Zeit, die ungefähr einem halben Erdmonat
entsprechen würde - verbrachten die Pallasianer vielfach mit geselligen
Zusammenkünften. Aber dort, wo man schnell mit einer notwendigen Arbeit fertig
sein wollte - und solche Stellen gabs immer - wurde auch gearbeitet.
    Die Zeit wurde in der Nacht - sowohl im Südtrichter wie im Nordtrichter -
durch grosse automatisch tätige Scheinwerferuhren angezeigt. Aber dabei
betätigten sich ein paar Hundert Scheinwerfer - sie standen immer unter
besonderen Winkeln zueinander - und aus dieser Winkelstellung, die eine kurze
Zeit unbeweglich im Trichter sichtbar blieb, entnahm der Pallasianer, wie spät
es war.
    Als die Hälfte der Nacht beinahe vorübergegangen, befand sich Lesabéndio mit
dem Führer Peka und dem Führer Labu im Centrum des Sterns. Und die Drei sprachen
natürlich nur von dem grossen Kronenturm, den Lesabéndio auf dem oberen Rande des
Nordtrichters erbauen wollte. Peka und Labu lächelten zu dem Plan.
    »Woher die kolossalen Arbeitskräfte nehmen?« fragten sie Beide. Peka wollte
den Stern Pallas durch kristallinische, regelmässige, säulenartig eckige,
gradlinig feste, hart und starr aufstrebende Steingebilde verändern; er brachte
demnach seiner Wesensart entsprechend dem Plane des Lesabéndio wenig Wohlwollen
entgegen und meinte:
    »Der Bau mit Kaddimohnstahl will mir nicht sehr gefallen; ein kompakteres
kantiges Baumaterial wäre mir lieber.«
    Labu interessierte sich dagegen mehr für den Überzug; er wollte überall
Glasur, Email, Stukkatur anbringen, um damit knorrige, wurzelartig dicke,
kuppel- und schildartige Formen zu bilden; er wusste nicht, was er bei dem
Lesabéndio-Turm machen sollte. Lesabéndio erklärte dem Labu, dass er die Punkte,
in denen mehrere Stahlstangen zusammentreffen mussten, doch im Kuppel- und
Wurzelgeschmack verzieren könnte. Doch man begab sich bald, ohne sich über
irgendetwas geeinigt zu haben, zur Ruhe.
    Die zweite Hälfte der Nacht und die erste Stunde des Tages pflegten die
meisten Pallasianer zu schlafen.
    Während des Schlafes nahmen sie durch ihre Hautporen ihre Nahrung auf; sie
schliefen auf Pilz- und Schwammwiesen, die sich in den blauen und grauen
Talschluchten und auf den blauen und grauen Höhenzügen der Trichterwände
befanden; diese nahrhaften Schwämme und Pilze wuchsen während des langen Tages
wieder aufs neue.
    Bevor die Pallasianer einschliefen, bildete sich an ihrem Rücken ein
Hautgewebe, das bei Eintritt der Müdigkeit sich nach beiden Seiten ausspannte
und hoch oben über dem Körper sich zuschloss, sodass sich der Körper des
Schlafenden gleichsam in einem grossen länglichen Ballonsack befand.
    In diesem Ballonsack rauchte der Pallasbewohner sein Blasenkraut, das an
einem seiner links befindlichen Arme festgewachsen ist und an einem Wurzelende
in den Mund gesteckt wird. Zieht der Mund nun den aromatischen Duft des
Blasenkrautes ein, so kommen später durch die Nase und durch die Hautporen
kleine Blasen durch, die in dem Ballon grösser werden und an der Decke des
Ballons haften bleiben. Die Blasen reinigen den Körper - und sie leuchten.
    Der Pallasianer leuchtet nicht mehr, wenn er schläfrig wird.
 
                                Viertes Kapitel
Es wird ein Traum des Lesabéndio erzählt. Danach wird geschildert, wie die
Pallasianer erwachen und zuerst ihre Ballonhaut abschneiden, die in die
Morgenluft emporsteigt. Lesabéndio fährt nach dem Erwachen in Pekas Atelier und
sucht ihn für seinen Nordtrichter zu begeistern, es gelingt ihm das nicht; und
sie begeben sich in Labus Atelier, der den Sofanti späterhin in dessen Atelier
auf die Idee bringt, den Lesabéndio-Turm mit transparenten Häuten zu umspannen.
Lesabéndio spricht dann von der Bekämpfung der Müdigkeit, und zum Schluss wird
die Auflösung eines Sterbenden geschildert.
Lesabéndio träumte.
    Er sah, wie ihm plötzlich an der rechten und linken Schulter riesig lange
Arme wuchsen. Und diese Arme bekamen viele grosse Krallen. Er flog in einer roten
Luft und breitete die Arme nach beiden Seiten aus und versuchte dann, die
Krallen vorn einander zu nähern. Da sah er, dass aus den Krallenspitzen grosse
Ballons wurden. Und diese Ballons vergrösserten sich immerzu. Da er aber die
Krallen doch nicht einander nähern konnte, so versuchte er, beide Krallenhände
mit den Ballons seitwärts nach hinten zu werfen. Und das gelang. Und dabei schoss
Lesabéndios Körper mit furchtbarer Geschwindigkeit nach vorn, sodass die Arme
ganz hinten blieben. Da fühlte er, dass er die Krallen bewegen konnte und dass
hinten die Ballons weg waren. Da riss er die Arme ganz steif, ohne sie zu biegen,
wieder nach vorn - und als sie vorn wieder so waren wie am Anfang, bildeten sich
wieder die grossen Ballons an den Krallenspitzen. Und er warf die Arme wiederum
nach hinten, und sein Körper schoss abermals mit der grössten Geschwindigkeit nach
vorn.
    »Jetzt brauchen wir«, rief Lesabéndio im Traume, »die Bandbahnen und die
Seilbahnen nicht mehr - so gehts ja viel schneller.« Doch nach diesen Worten
erwachte der Träumer und sah über sich in der Ballonhülle, die seinen Körper
umgab, oben die vielen Blasen, die vom Rauchen des Blasenkrauts herrührten, ganz
gross und ganz weiss. Und er schnitt mit den scharfen Nägeln seiner grössten Hände
die Ballonhülle dicht am Körper ab. Und da stieg die Ballonhülle, von den Blasen
getragen, in die helle Morgenluft empor und verschwand oben.
    Und ringsum stiegen auch die Ballonhüllen der andern Pallasianer in die
Morgenluft empor. Die weisse Spinngewebewolke leuchtete wieder hoch über dem
Nordtrichter. Und alle Pallasianer rieben sich die Augen und erwachten und sahen
die weissen Felsen ringsum und auch die blauen und grauen.
    Lesabéndio sprang mit einem Satz auf die nächste Bandbahn und sauste in eine
tiefe, ganz dunkelblaue Schlucht hinein und kam von dort in eine sechs Meilen
hohe Höhle, die der Peka sein Atelier nannte.
    Hier gabs sehr sehr viele glatt polierte Felswände in allen möglichen Farben
und mit vielen scharfen Ecken und Kanten. Peka wollte die Felskegel und die
Felsschluchten in den grossen Trichtern des Pallas glatt und kantig machen; alle
möglichen regelmässigen Kristallformen wollte er in den Pallas hineinmeisseln;
seine Hauptmaschinen waren grosse Poliermaschinen, die den Felsen spiegelnde
Glätte beibrachten.
    Pekas grösste Werkstätten waren Schleifanstalten, in denen kolossale
Riesenbrillanten hergestellt wurden.
    Aber Pekas Fehler war, dass er Alles in allzu grossen Dimensionen haben
wollte, sodass er niemals die genügende Anzahl von Mitarbeitern fand.
    Und so kams, dass schon in seinem Atelier unsäglich viele Stücke nicht einmal
zur Hälfte fertig wurden.
    Einen abgeschlossenen Eindruck machten nur die kleinen Modelle, in denen er
zeigte, wie die Bergkegel in säulen- und pyramidenartige Formen gebracht werden
sollten; da wurden aus Bergkegeln auch viele spitze und kantige Türme mit
Brillantenknäufen und überkragenden Balkengesimsen.
    Der Peka wollte hauptsächlich nur mit rhytmischen Verhältnissen wirken, und
die Rhytmik wollte er teils durch Farben und teils durch Brillantenverbrämung
wirkungsvoll herausstreichen; dies gelang ihm besonders dort, wo er schräg
abfallende Felsen in viele Terrassenanlagen zerlegte, bei denen er auch durch
lange Säulenreihen wirkte.
    In Pekas Atelier gabs an die zehntausend verschiedene Säulen - die meisten
in kleinstem Massstabe - aber auch viele von hundert Metern Höhe, sodass man sich
in diesem Atelier sehr wohl eine Vorstellung von dem, was Peka wollte, bilden
konnte.
    Das Atelier hatte nur eine geringe Breite, die nur an einzelnen Stellen bis
zu einer halben Meile sich ausdehnte. Die Länge des Höhlenraums betrug nur zwei
Meilen. Dafür gings aber überall fast sechs Meilen hoch in die Höhe, sodass man
überall lange überkragende Terrassen sah, auf denen gearbeitet wurde. Und
Bandbahnen gabs hier natürlich in grosser Zahl und nach allen Richtungen hin -
und auch Transportbahnen, die aus vielen Drahtseilen bestanden.
    Auf den Bandbahnen konnte man langsam und schnell fahren; man brauchte nur
an der Anfangsstation den Schnelligkeitsapparat an den Schwungrädern
umzustellen.
    Lesabéndio stellte den Apparat einer schrägen Bandbahn so, dass er ganz
langsam drei Meilen neben den Terrassen emporfahren konnte.
    Und oben kam er mit dem Peka wieder zusammen.
    Alle elektrischen Flammen und Scheinwerfer leuchteten in der Höhle so, dass
alle glatten Felsflächen die Säulen und Gesimse spiegelten - und dass die grossen
Brillanten aus durchsichtigem Gestein glühende Farben ausstrahlten und dabei
mächtig funkelten. Sehr lebhaft wirkten die Atelierterrassen auch dadurch, dass
immer wieder viele Pallasianer durch die Säulen durch hinaussprangen und mit
Hilfe ihrer Rückenflügel die nächste obere oder untere Terrasse zu erreichen
suchten.
    Die meisten Arbeiten, die hier getan wurden, wären ganz unmöglich gewesen,
wenn nicht jeder Pallasianer sehr viele Hände gehabt hätte - sowohl sehr grobe -
wie auch sehr feine. Zu den letzteren gehörten auch die, an denen sich Finger
befanden, mit denen man ohne weiteres schreiben konnte wie mit einem
Füllfederhalter.
    Und mit solchem Finger schrieb jetzt auch der Lesabéndio in sein winzig
kleines Notizbuch, das neben andern Büchern an seinem Halse hing. Dem Lesabéndio
gegenüber sass der Peka mit seinem braunen Körper, aus dem die gelben Flecke
scharf herausleuchteten, auf einem zwei Meter hohen blauen Brillanten, der nur
einen halben Meter breit war und sehr viele feingeschliffene kleine Flächen und
auch scharfe Kanten zeigte.
    Und nachdem Lesabéndio mit dem Notizenmachen fertig war, sagte er:
    »Es ergibt sich immerhin, dass der Eisendrahtturm, den ich über dem
Nordtrichter aufrichten will, doch eine regelmässige Form bekommen muss, die
Deinen spjetzturmartigen Brillanten in mancher Hinsicht ähnen dürfte. Die ersten
schrägen Säulen, die von den höchsten Stellen des Trichterrandes aus zur Höhe
gehen und sich dabei zur Trichteröffnung neigen, müssen zweifellos in ganz
gleichen Abständen voneinander erbaut werden. Und der Ring, der die Spitzen der
Säulen oben verbindet, dürfte nicht Kreisform haben; Säulenspitze muss mit
Säulenspitze immer durch einen graden Balken verbunden werden. Und wenn nun auf
diese erste Etage die andern neunundneunzig Etagen hinaufkommen, so müssen diese
genau so regelmässig gebaut werden wie die unterste Etage - nur werden die Säulen
oben immer näher aneinanderrücken. Aber wir werden oben so viele Säulen brauchen
wie unten; wenn unten fünfzig Stahlsäulen nötig sind, werden oben in der
hundertsten Etage ebenso viele Säulen nötig sein; sie können oben nur dünner
sein. Verbindest Du nun die aufstrebenden Säulen und die Querbalken mit einem
glatten Material, so hast Du einen Riesenbrillanten, wie Du ihn wünschest.«
    »Die Verbindung«, versetzte Peka, »dieser Stahlstangen mit einem glatten und
festen Material ist eben eine Unmöglichkeit. Es gehört doch schon genug dazu,
dieses riesige Stangengerüst aufzuführen. Alle künstlerische Ausgestaltung
dieses Knochengerippes muss von selber fortfallen, da unsre Kräfte doch nicht
dazu ausreichen, auch noch das Entbehrliche herzustellen. Die Form Deines
Turmes, lieber Lesabéndio, ist ja wohl eine Kristallform. Aber die Kristall
substanz fehlt. Und die ist mir doch die Hauptsache. Du kannst nicht verlangen,
dass ich mich für Deinen Plan begeistere, wenn ich einsehen muss, dass ich dabei
überflüssig bin. Die Säulen und Balken wirst Du nicht kompakt machen können. Und
ich bin doch immer in erster Linie für das Kompakte gewesen.«
    Sie sprachen beide sehr lebhaft weiter, kamen aber zu keinem befriedigenden
Schluss.
    Nun war aber in ein paar Sprüngen das grosse Atelier des Labu zu erreichen,
der nebenan mit seinen Gehilfen wohnte und nur mit unregelmässigen Formen den
Stern Pallas verschönern wollte. Labu hatte nicht das geringste Verständnis für
das Regelmässige; ihm erschien alles Unregelmässige tausendmal interessanter. Aber
obwohl nun der Labu den schärfsten Gegensatz zu dem Peka bildete, so wohnten sie
doch nachbarlich dicht nebeneinander - gleichsam Wand gegen Wand. Labus Atelier
war nur drei Meilen hoch, dafür aber in der Grundfläche sehr umfangreich.
    Lesabéndio und Peka sahen nun gleichsam von der Decke aus in Labus
unregelmässiges Atelier hinunter, in dem unzählige Grotten und Blasengesteine und
ganz unregelmässige Stangengesteine und viele seltsame Emailüberzüge und bucklige
Perlmutterwände neben buntschillernden Wurzelphantasieen zu sehen waren.
    Hatte aber Peka immer wieder das Pech, dass die Pallasianer seine Pläne für
zu schwer durchführbar erklärten, so sagten die Pallasianer dem Labu gewöhnlich,
dass seine Pläne zu leicht durchführbar seien, da sie ja mit allzu grosser
Leichtigkeit dem Lokalcharakter der einzelnen Gegenden angepasst werden konnten.
    Labu kam zu den beiden Freunden nach oben, und Lesabéndio wiederholte, was
er dem Peka erklärt hatte.
    Da sagte der Labu:
    »Mir fällt was ein: wir sollten zum Sofanti fahren.«
    Zu Sofanti aber gings durch Labus sehr unregelmässig gebildete Decke durch.
    Als die Drei oben durch waren und von der Bandbahn absprangen, erblickten
sie den Sofanti gerade vor einer grossen transparenten Haut, hinter der
probeweise Lichtarrangements gestellt wurden, um die lampionartige Wirksamkeit
der transparenten Haut zu erproben. Dem Sofanti aber sagte der Labu:
    »Du musst Lesabéndios Nordtrichterturm mit Riesenhäuten umspannen, dann wird
das grosse Skelett kompakt, und wir bekommen im Nordtrichter dadurch einen neuen
Himmel. Die Häute können auf der Aussenseite erleuchtet werden.«
    Da lachte der Lesabéndio und freute sich sehr. Und der Sofanti sagte
lachend:
    »Dazu wär ich schon bereit. Aber - wird auch der Stoff reichen? Soviel Haut
gibt es vielleicht doch nicht. Augenblicklich ist noch nicht so viel da.«
    Nun war aber die Haut, die der Sofanti wie Leder verarbeitete, nur auf
glatten Steinflächen zu finden und von diesen leicht abzulösen. Solche glatten
Steinflächen gabs natürlich auf und im Pallas nur in sehr geringer Anzahl.
    Peka hatte daher Recht, als er sagte:
    »Hätten wir seit vielen Jahren mehr Felsenabhänge poliert und zu glatten
Flächen gemacht, so hätte Sofanti heute mehr Haut loszulösen. Aber der ganze
Plan ist ja so grossartig, dass wir seine Ausführbarkeit garnicht in Erwägung
ziehen dürften. Ist das nicht eigentlich nur Zeitverschwendung? «
    Da sagte Lesabéndio:
    »Ihr seid alle so müde - und zwar nur deshalb, weil Ihr nicht alle Eure
Gedanken um einen einzigen ganz einfachen, aber ganz grossartigen Plan
konzentriert. Solche Konzentration macht ganz allein wieder frisch, wenn auch
die Ausführbarkeit noch in weiter Ferne liegt. Ihr verzettelt Euch.«
    Lesabéndio hatte kein Atelier, aber er war dafür bekannt, dass er immer nur
einen so einfachen Plan mit sich herumführte, dass für den ein Atelier garnicht
nötig wurde.
    Mit der Müdigkeit der Pallasianer hatte der Lesabéndio auch Recht; es kam so
oft vor, dass Pallasianer müde wurden und sterben wollten.
    Der Pallasianer stirbt, wenn erst sein Körper ganz trocken geworden ist,
sodass man beinahe durchsehen kann. Dann aber hat der Sterbende den Wunsch, von
einem Lebenden aufgesogen zu werden; der Lebende saugt den Sterbenden durch die
Poren in sich auf. Dieser Prozess geht aber nicht so einfach vor sich.
    Es ist zunächst nötig, dass der Aufsaugende auch damit vollkommen
einverstanden ist, dass er aufsaugt. Wenn nun Jemand aufgesogen werden will, so
fragt er zunächst bei dem, der ihn aufsaugen soll, höflich an. Sagt der »Ja« -
so geschieht das Gewünschte gemeinhin sofort.
    So wurde der Peka, während er mit seinen drei Freunden vor den transparenten
Häuten sass, von einem alten Pallasianer, der schon ganz durchsichtig aussah,
gefragt, ob er wohl geneigt sei, dem Sterbenden einen Dienst zu leisten. Der
Körper des Sterbenden war ganz hellbraun; die gelben Flecken waren fort. Peka
willigte sofort ein; ein Pallasianer willigte nur dann nicht ein, wenn er an
demselben Tage bereits einen andern Sterbenden in sich aufgenommen hatte!
    Nachdem Peka eingewilligt, reckte er sich sofort zu seiner ganzen Höhe auf -
fünfzig Meter hoch - Pekas Poren öffneten sich dabei ganz weit - und im Körper
des Sterbenden, der - zehn Meter von Peka entfernt - höchstens fünf Meter hoch
sich aufrecken konnte, entstanden plötzlich fluoreszierende Lichterscheinungen -
dann gingen alle Teile des Körpers zerbröckelnd auseinander und wurden von Peka
angezogen, in dessen Poren der Körper des Sterbenden nach ein paar Augenblicken
verschwand.
 
                                Fünftes Kapitel
Es werden zunächst die Veränderungen geschildert, die ein Pallasianer in sich
empfindet, wenn er einen Gestorbenen in sich aufgenommen hat. Peka kommt in
diesem Zustande zum Biba, der auf der Aussenseite des Pallas wohnt. Dort
beobachten die Beiden viele andere Asteroïden, und Biba spricht mit Begeisterung
von Lesabéndio, der im Südtrichter von Manesi abgelehnt wird, im Nordtrichter
aber im Dex den ersten tatkräftigen Freund findet. Dex schildert, was er alles
entdeckt hat. Zum Schlusse wird von der Geburt der Pallasianer gesprochen und
eine solche geschildert.
Sobald ein Pallasianer einen Sterbenden in sich aufgenommen hatte, pflegte eine
Veränderung seines Wesens bemerkbar zu werden; Eigentümlichkeiten des
Gestorbenen übertrugen sich auf den, der den Gestorbenen aufnahm, und auch eine
körperliche Vergrösserung und Stärkung aller Organe wurde dem Aufnehmer zuteil,
sodass diejenigen, die viele Sterbende in sich aufnahmen, eine immer grössere
Lebenskraft erhielten. Diese zeigte sich zunächst darin, dass der durch den
Gestorbenen Gekräftigte mindestens eine ganze Nacht nicht zu schlafen brauchte
und ohne Ermüdung weiter arbeiten konnte. Ausserdem zeigte sich eine grössere
Unternehmungslust in dem Aufnehmer.
    So kam es, dass Peka gleich nach erfolgter Bereicherung seiner Natur zu Biba
fuhr.
    Biba wohnte immer auf der Aussenseite des Tonnensterns - da, wo nur sehr
wenige Pallasianer wohnten; wer dort am Tage zu finden war, pflegte sich mehr
mit den anderen Sternen des Himmels zu beschäftigen; man pflegte bei den auf der
Aussenseite des Pallas Lebenden immer sehr viele Anregungen zu finden - besonders
solche, die auch für die weitere Ausbildung des Sterns Pallas verwertet werden
konnten.
    Um auf die Aussenseite zu gelangen, konnte man nur ein paar schmale enge
Tunnels benutzen, die sich nur mit Magnetschlitten befahren liessen - wenn man
nicht über den Nord- oder Südtrichterrand springend und fliegend ans Ziel kommen
wollte.
    Peka benutzte einen Magnetschlitten, der nicht sehr schnell durch einen
spärlich beleuchteten, engen und niedrigen Tunnel fuhr; die Magnetsteine der
Endstation wurden elektrisch auf der Anfangsstation gestellt - und umgekehrt -
und die Schlitten, die sich auf spiegelglatter gradliniger Bahn ganz leicht
bewegten, standen auf allen Stationen in grosser Anzahl da.
    Auf der Endstation breitete Peka seine Flügel aus und stiess dabei mit dem
Saugfuss auf den Boden mehrmals auf und kam so in die offene Grotte des Biba, der
mit seinen Teleskopaugen die grünen Sterne im violetten Himmel betrachtete.
    Biba freute sich, als ihn der Peka begrüsste. Und die Beiden sprachen gleich
über Lesabéndios Nordtrichterturm.
    »Lesabéndio«, sagte der Biba, »hat mich noch gestern auf einen Asteroïd
aufmerksam gemacht, der ein Doppelstern ist. Sieh ihn Dir da drüben an; er ist
heute schon ziemlich nahe der Pallasbahn - oben ist ein innerlich leuchtender
Trichter und unten ein Kugelstern, dessen Pole rechts und links sind; der
Kugelstern dreht sich mit erheblicher Geschwindigkeit. Möglich ist es nun, dass
auf der Aussenseite des Trichters Wesen leben, die von der Existenz der Kugel
unten gar keine Ahnung haben, denn die Trichteröffnung ist viel grösser als die
Kugel unten. Da das Innere des Trichters glüht, während das Äussere ganz dunkel
und runzelig ist, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass kein Bewohner durch die
Trichterwand durchkommt. Und der untere Trichterrand ist nach oben aufgeklappt,
sodass da keiner rüberkommen wird. Kurzum: etwas Ähnliches kann bei uns auf dem
Pallas auch vorhanden sein, denn unsre Spinngewebewolke ist doch etwas allzu
merkwürdig.«
    »Du meinst also«, versetzte Peka, der seine Teleskopaugen sehr anstrengte,
»der Pallas hätte auch noch oben einen Kugelstern?«
    »Warum«, fuhr da der Biba fort, »sollen wir grade einen Kugelstern über uns
haben? Wie viele komplizierte Sternsysteme haben wir schon beobachtet! Stell Dir
doch nur vor, lieber Peka, dass wir über zehntausend Asteroïden entdeckt haben,
die mit dem Pallas zusammen unsre Centralsonne umkreisen. Und mehr als die
Hälfte von allen diesen Asteroïden bestehen immer aus mehreren Sternen. Da
drüben links von der grossen Sonne, die auch unsre Centralsonne umkreist und mit
gradezu unheimlicher Fixigkeit sich um sich selbst dreht - siehst Du einen
kleinen Asteroïd, der aus sieben Sternen besteht, die sich um einen Kreisring
drehen, der in der Mitte sich auch dreht. Dieser achtteilige Asteroïd ist vor
vierzehn Tagen ein Mond jener grossen Drehsonne geworden. Wir können vielleicht
ebenfalls mal ein Mond jener Sonne, die die Erdbewohner Jupiter nennen, werden;
sie zog schon mehrere Asteroïden in ihre Bahn hinein. Es ist überhaupt zu
befürchten, dass die meisten Asteroïden in die Bahnen der anderen Sonnentrabanten
hineingezogen werden. Selbst die Erde zieht uns zuweilen an.«
    »Was könnte denn«, fragte nun der Peka neugierig, »über unserem Nordtrichter
sein? Hast Du nicht eine Vermutung?«
    »Es können«, sagte Biba, »ein paar hundert Meteoriten hoch über unsrem
Nordtrichter herumkreisen - vielleicht in Bahnen, die nicht einmal einen
Durchmesser von fünfzig Meilen haben. Wir wissen ja, dass die Meteoriten überall
im Raume zu finden sind; Hunderte von Asteroïden sind scheinbar ganz unlöslich
mit sehr vielen Meteoriten verbunden. Die Anzahl dieser Meteoriten können wir
fast niemals feststellen; so gut sind unsre guten Augen denn doch nicht - denn
es gibt Meteoriten von fünf Meter Durchmesser - das wissen wir. Ob es nicht noch
kleinere Meteoriten gibt, wissen wir nicht. Aber - wie gesagt - über unsrer
Spinngewebewolke ist schlechterdings Alles möglich. Und deshalb ist Lesabéndios
Plan, mit einem Turm von hundert Meilen Höhe ...«
    »Verzeih mal«, rief nun der Peka heftig, »vom Rande unsres Nordtrichters bis
zum Rande unsres Südtrichters sind vierzig Meilen. Wenn wir nun hundert Meilen
hoch bauen, so kann doch unser ganzer Stern ...«
    »Was dann kommt«, versetzte lachend der Biba, »wenn der Turm gebaut ist, das
wissen wir nicht - das werden wir aber wissen, wenn wir ihn gebaut haben.
Übrigens: sollte uns die Sache schädlich sein, so werden wir schon durch die
Verhältnisse gezwungen werden, den Bau unvollendet zu lassen. Jedenfalls wäre
aber doch eine solche Kappe, selbst wenn sie nur drei Meilen hoch gebracht
würde, eine köstliche Bereicherung und Krönung unsres Sterns. Ich verstehe
nicht, warum wir nicht auf Lesabéndios Plan eingehen sollen.«
    »Dann müssten doch«, erwiderte Peka, während er seinen Kopf traurig nach vorn
überfallen liess, »alle anderen, rein künstlerischen Pläne in die Ecke geworfen
werden.«
    »Nein«, sagte Biba, »es wäre doch möglich, dass sich der grosse Turm sehr
schnell aufbauen liesse. Man kann noch nicht wissen, wie viel Kaddimohnstahl der
Dex in den nächsten Tagen entdeckt. Und dann: Lesabéndio ist eine
Persönlichkeit, die niemals müde wird, weil sie allen Nebenausschweifungen aus
dem Wege gehen kann. Lesabéndio ist keine Vergnügungs- und Genussnatur, und er
kann sich ganz um einen grossen Plan konzentrieren.«
    »Künstlerisch«, sagte nun der Peka müde, »ist er aber auch nicht sehr
bedeutend - daher gehts mit der Konzentration.«
    »Das weiss er aber«, versetzte der Biba, »er weiss, dass er nur als Charakter
gross ist. Ich aber frage Dich: ist das nicht auch etwas Grosses?«
    Währenddem sass Lesabéndio im Südtrichter neben Manesi und sprach mit diesem
von seinem Stahlturm.
    »Wir kommen auf der Aussenseite unsres Sterns«, sagte Lesabéndio, »sehr wohl
in das Spinngewebe hinein, aber das verbrennt uns ja die Haut. Schützen wir aber
die Haut durch grosse Ballons oder Ähnliches, so tut uns das Spinngewebe
garnichts. Wir müssen also oben auf der Spitze unsres Turmes ganz, bequem so
durch das Spinngewebe durchkommen, dass wir das entdecken können, was darüber ist
- das was über uns ist und aller Wahrscheinlichkeit nach unsern ganzen Stern
regiert.«
    »Dein Turm«, versetzte da der Manesi, »ist also eigentlich nur zu
Entdeckungszwecken da und nicht zu künstlerischen Verschönerungszwecken. Da tu
ich nicht mit. Ich sags Dir ganz deutlich. So gern ich auch jedem Pallasianer
einen Gefallen tue - allen kann man nicht zugleich dienen. Meine
Rankenvegetation braucht den Turm nicht. Ich kann hier im Südtrichter
Rankengewächse in grosser Zahl anpflanzen - das weisst Du.«
    Lesabéndio verabschiedete sich nach diesen heftig gesprochenen Worten von
dem Ranken-Manesi.
    Aber Lesabéndio sagte beim Abschiede:
    »Deine Rankengewächse werden aber oben in freier Luft einfach köstlich
aussehen - auch künstlerisch - und so meilenlang hängend - na - auf
Wiedersehen!«
    Danach fuhr der Turm-Pallasianer mit den schnellsten Seilbahnen auf
Kneifzangen hoch hinauf zum Nordtrichterrande, wo der Dex den Kaddimohnstahl aus
dem Pallas herauszog. Aufgeregt mit weit ausgebreiteten Rückenflügeln flog der
Dex auf den Lesabéndio zu und rief gleich, als er diesen noch garnicht erreicht
hatte: »Eine Entdeckung! Eine Entdeckung!«
    Und als sie nun zusammensassen, sagte der Dex:
    »Was ich vermutete, ist zur Tatsache geworden. Wir haben, wie Du wohl weisst,
jetzt drei Stellen, an denen wir den Kaddimohnstahl aus dem Pallaskörper
rausziehen können. Diese drei Stellen befinden sich oben auf dem Rande unsres
Nordtrichters. Nun denke Dir: ich habe heimlich an verschiedenen Stellen - auch
auf dem Rande des Nordtrichters - Experimente mit starken Magnetsteinen gemacht,
die dort, wo Kaddimohnstahl gefunden ist, eine eigentümliche Kraftsteigerung
erfahren und auch noch andere Eigenschaften zeigen. Nun ist mir durch einen
Zufall gelungen, an vier weiteren Stellen Kaddimohnstahl auf Grund meiner
Magnetsteinexperimente zu finden. Selbstverständlich habe ich sofort meine
sämtlichen Freunde veranlasst, den ganzen Nordtrichterrand mit Magnetsteinen
abzusuchen. Ich habe die Hoffnung, dass wir noch an fünfzig Stellen
Kaddimohnstahl finden. Dann würden wir das Material zum Nordtrichterturm gleich
zur Stelle haben, und der Bau könnte in den nächsten Tagen in Angriff genommen
werden.«
    »Halt ein!« rief da der Lesabéndio, »das übertrifft ja meine kühnsten
Erwartungen.«
    »Oh«, fuhr der Dex fort, »noch mehr habe ich Dir zu sagen: ich habe Grund
anzunehmen, dass der grossartige Stahl ganz regelmässig verteilt ist; wir hätten
demnach gar - nicht nötig, den Stahl mühsam weiterzuschleppen; wir könnten
vielleicht gleich dort die ersten fünfzig Stangen errichten, wo der Stahl
gefunden wird.«
    Auf Lesabéndios Gesicht zuckten tausend Hautfalten und glitzerten, und das
Glitzern zeigte sich auch auf den gelben Flecken des ganzen Körpers - selbst die
braunen Stellen des Körpers kamen in Bewegung - so sehr freute sich der
Lesabéndio.
    »Das übertrifft«, sagte er leise, »tatsächlich alle meine Erwartungen.«
    »Ich«, sagte nun Dex, »trete daher selbstverständlich für den Bau Deines
Turmes mit allen meinen Freunden ein. Aber wir sind ja nur wenige. Wen hast Du
noch ausser mir?«
    »Eigentlich«, erwiderte Lesabéndio, »noch gar keinen - oder nur Zusagen, die
nicht viel auf sich haben. Da ist der Sofanti heute morgen ja wohl für meinen
Plan interessiert worden. Aber - Du weisst ja, wie langsam sich das alles
entwickelt.«
    »Wir müssten«, erwiderte nun der Dex zögernd, »noch etwas Anderes entdecken.
Weisst Du - was?«
    »Nein!« gab der Lesabéndio still zur Antwort und sah dabei die braune Haut
des Dex mit den gelben Flecken aufmerksam an und sah rechts und links neben der
braunen Haut mit den gelben Flecken den violetten Himmel mit den grünen Sternen
- und ringsum auf dem oberen Rande des Nordtrichters die vielen weissen Berge und
darunter auch die blauen und die grauen.
    Dann sahen die Beiden zur weiss leuchtenden Nordwolke empor, die, wie sie
wussten, aus sogenannten Spinngeweben bestand. Und die Beiden seufzten.
    »Es ist doch eigentümlich«, sagte Dex, »dass wir die Gewebe noch immer nicht
näher untersuchen können, in der Nähe sind sie nicht zu ertragen - sie brennen
schon auf unsrer gefleckten Haut, wenn man sich fünfzig Meter von dem Gewebe
entfernt hält. Wenn wir durch Ballonhüllen geschützt sind, brennt das Gewebe
nicht - aber - es weicht zurück. Und wir brauchen nur den Arm aus der
Ballonhülle rauszustrecken, so brennt gleich wieder unsre gefleckte Haut. Und so
kommen wir nie an das Gewebe ran, und wir wissen nicht, wer es gesponnen hat -
und wozu es gesponnen wurde.«
    »Warum«, fragte nun Lesabéndio, »erzählst Du mir das? Ich weiss es doch. Und
Du weisst, dass ich es weiss. Du weisst, dass das jeder Pallasianer weiss. Wo willst
Du hinaus?«
    »Hm!« sagte der Dex, »ich will nur sagen: das Gewebe ist nur ein einziges
Geheimnis auf unsrem Stern. Aber es gibt deren noch mehr. Die grossen Nüsse, die
sich in den Bleiadern unsres Sterns finden, haben doch noch mehr Geheimnisse in
sich.«
    »Ach so!« rief da der Lesabéndio, »Du meinst - wir müssten noch mehr solche
grossen Nüsse finden - nicht wahr?«
    »Ja«, sagte der Dex, »dann hätten wir so viele Arbeiter, wie wir brauchen.«
    Mit den Nüssen hatte es nun eine ganz besondere Bewandtnis: da staken
nämlich die zukünftigen Pallasianer drin.
    Das Geschlecht der Pallasianer zu vergrössern oder zu verkleinern - das hing
ganz allein von den bereits lebenden Pallasianern ab; wollte man mehr
Pallasianer haben, so brauchte man nur die in den Bleiadern gefundenen Nüsse
aufzuknacken - dann sprang aus jeder Nuss ein neuer Pallasianer heraus.
    Der Labu beschäftigte sich viel mit der Aufsuchung der grossen Nüsse; zu ihm
begaben sich nun die beiden Turmfreunde; sie wollten von ihm gerne wissen, ob
man nicht eine grössere Anzahl von Nüssen irgendwo entdecken könnte.
    Für die Ernährung der frischgeknackten neuen Pallasianer musste der Manesi
sorgen; der wusste mit allen Vegetationsangelegenheiten wohl Bescheid.
    In einer freien weissen Grotte oben am Rande des Nordtrichters fanden die
Turmfreunde den Labu; er stand grade mit sechs Freunden zusammen; jeder von
diesen sieben Pallasianern hatte einen schweren Bleihammer mit langem Stiel in
der Hand.
    Mit diesen Hammern schlugen die Sieben mit voller Kraft auf die Nuss los -
und da gabs plötzlich einen lauten Knall - und die Sieben sprangen zurück.
    Und dann platzte die Nuss plötzlich - die Stücke der Schale flogen zur Seite
- und heraus schoss wie eine Rakete - ein junger Pallasianer, der sich gleich
ganz heftig mit allen seinen Fingern das ganze Gesicht und besonders die Augen
rieb.
 
                                Sechstes Kapitel
Es wird erst geschildert, was der frisch geknackte Pallasianer von dem Leben
erzählt, das er vor seiner Knackung gelebt hat. Dann fahren Dex und Lesabéndio
mit dem Labu in dessen kleinstes Atelier und lassen sich dort erklären, mit
welchen Mitteln für die Folge die berühmten Knacknüsse aufgefunden werden
können. Nachdem die beiden Turmfreunde in zwei Tagen dem Labu neue Arbeiter
besorgt haben, fahren sie zum Manesi, der erklären soll, ob für die neu
geknackten Pallasianer auch die genügende Anzahl von neuen Schwamm- und
Pilzwiesen hergestellt werden kann. Manesi gibt befriedigende Aufklärung, ist
anfänglich traurig, doch zum Schluss sehr vergnügt und zeigt seine neuen
künstlichen Sonnen.
Nachdem sich der kleine Pallasianer, der erst nach einigen Tagen die ganze Grösse
der alten Pallasianer bekam, längere Zeit die Augen gerieben hatte, versuchte er
zu sprechen, und er sagte mühsam:
    »Bom-bim-ba-ri-zapa-zulli-as-as!«
    Danach sprachen nun die alten Pallasianer zu dem Kleinen und setzten ihm
auseinander, dass er auf dem Stern Pallas sei - und dass er doch Pallasianisch
sprechen könnte und nicht in einer Sprache, die kein Pallasianer verstünde - er
kenne doch die pallasianische Sprache - er solle sich doch nicht verstellen.
    Der Kleine hörte das eine Weile aufmerksam an, spannte die Kopfhaut wie
einen Regenschirm auf und sagte langsam:
    »Ich verstehe schon, was Ihr sagt. Aber Ihr müsst mir Zeit lassen. Ich war in
andern Welten. Wenn ich Euch die beschreiben könnte! Eure Sprache versteh ich.«
    Danach rieb sich der Kleine wieder die Augen, machte sie lang zu Fernrohren
und blickte ganz erstaunt umher.
    So ungefähr benahmen sich alle kleinen, frisch geknackten Pallasianer, und
sie konnten wunderbarerweise alle gleich in den ersten Stunden die
pallasianische Sprache verstehen und sprechen - es ging anfänglich nur ein
bisschen langsam, und manche Ausdrücke fielen ihnen nicht sofort ein, sodass man
ihnen helfen musste.
    Der Kleine, dem jetzt Lesabéndio, Dex und Labu und viele andre Pallasianer
zuhörten, wurde nach seinen ersten Worten Bombimba genannt; nach ihren ersten
Worten wurden alle Pallasianer genannt.
    Bombimba sprach langsam das Folgende:
    »Es war mir so in letzter Zeit, als flögen viele Millionen flockenartige
Gebilde, die so gross wie meine Kopfhaut sind, mit mir zusammen durch eine warme
Luft. Diese flockenartigen Gebilde sprachen zu mir - so wie Ihr sprecht - so wie
ich jetzt auch spreche. Sie sprachen sehr lange mit mir, aber ich konnte nicht
sehen, wie sie aussahen - ich hörte sie nur und fühlte sie nur. Wir sahen aber
sehr grosse Sterne, die unzählige Arme nach allen Seiten ausreckten - Arme mit
vielen langen feinen Fingern. Wir haben auch solche Finger - ich auch.«
    Und der Kleine sah sich seine feinen Finger an - dann sah er sich auch seine
groben starken Finger an und sagte lächelnd:
    »Solche groben Finger hatten die Sterne nicht. Aber jene Kopfhautwesen haben
mir unsäglich viel von den grossen und von den kleinen Sternen erzählt. Ich habe
auch viel vom Pallas gehört, und die Sprache, die man auf dem Pallas spricht,
die hat man mir beigebracht. Doch ich lernte auch Dinge kennen, für die man mir
keine Worte gesagt hat - das waren grosse Gluten und Dinge darin, die so
flatterten. Da flog vieles mit furchtbarem Krachen auseinander - und danach zog
sich wieder alles so zusammen wie eine weiche bewegliche Haut - und da gabs auch
Dinge, die Farbe hatten - aber die Farbe war ganz anders, als alle die Farben
sind, die wir hier sehen. Es klangen auch Töne an mein Ohr, die ganz anders
klangen als Eure Worte und meine Worte. Und ich schwebte dabei so auf der Seite
und hörte durch alle Dinge durch - das, was in weiter Ferne lag. Aber ich kann
nicht beschreiben, wies klang. Die Worte fehlen mir dafür. Die Kopfhautwesen
waren auch bald fort, und ich konnte sie nicht mehr hören. Und dann kam immer
wieder das furchtbare Krachen, und so viele Dinge gingen auseinander -
blitzschnell; die Teile sausten nur so durch den Raum. Und dann fühlte ich einen
Stich in meinem Körper, und ich flog hoch empor. Und dann sah ich Euch.«
    Da erzählten die alten Pallasianer dem jungen, wie sie ihn geknackt hätten.
Und darüber lachte der junge, machte sich ganz klein und schnellte sich dann
hoch empor in die violette Himmelsluft.
    Die ersten Erzählungen der frisch geknackten Pallasianer wurden immer
aufgeschrieben; jeder der kleinen Pallasianer hatte immer etwas ganz Neues zu
erzählen, was sich mit dem der andern kleinen nicht vergleichen liess.
    Viele Pallasianer beschäftigten sich nur mit diesen ersten Erzählungen, die
sehr viel zur Kenntnis der wesentlichen Natur der Pallasianer beitrugen - aber
auch unzählige neue Rätsel aufgaben; keiner der Frischgeknackten hatte so die
Sprache der Pallasianer kennen gelernt wie der andre - und Alle fassten das
Krachen der Hammerschläge als etwas Andres auf.
    Und dann schilderten die Kleinen die Welten, in denen sie gelebt hatten,
immer so, dass die alten Zuhörer die Empfindung bekamen jeder von diesen Kleinen
wäre ganz wo anders gewesen als der nächste. Der eine hatte unendlich lange
Zeiten in langen Röhren gelebt und sprach immerzu von den weiten Perspektiven in
diesen Röhren - der nächste kannte nur Wolken, die sich feucht anfühlten - dann
sprach wieder ein andrer von flackernden Flammen, die man auf dem Pallas
garnicht kannte, wohl aber auf anderen Sternen sah. Auch behaupteten viele
Kleine, sie hätten in Wassermassen gelebt, die man auch nicht auf dem Pallas
sehen konnte - die Vorstellung von Flüssigkeiten in grösseren Massen erhielten
die Pallasianer nur durch die Betrachtung einiger in der Nähe befindlichen
Asteroïden, auf denen Alles anders war als auf dem Pallas.
    Labu wurde nun von Dex und Lesabéndio gebeten, Näheres über die
Auffindbarkeit der berühmten Knacknüsse mitzuteilen.
    Und der Labu führte die Beiden in sein kleinstes Atelier; er hatte zehn
Ateliers - fünf in den Wänden des Nordtrichters und fünf in den Wänden des
Südtrichters.
    Das kleinste Atelier befand sich im Nordtrichter und war nur eine
Viertelmeile hoch und ebenso breit - und nur eine einzige Meile lang.
    Hier war die wichtigste Arbeitskammer des Labu; hier stellte er
hauptsächlich neue Flüssigkeitsmischungen her.
    Aber der Stern Pallas war ein sehr fester, harter - trockner Stern, auf dem
es garnicht so leicht war, die Stoffe in die Flüssigkeitsform hinüberzuführen.
Und so befanden sich die Flüssigkeitsquantitäten im schreiendsten Gegensatz zu
der kolossalen Grösse der Apparate, mit denen die Flüssigkeiten hergestellt
wurden.
    In diesen Apparaten spielten nur elektrische und magnetische Kräfte und
diejenigen Kräfte, die mit diesen beiden eng verwandt waren, eine Rolle; das
flackernde Feuer, das auf andern Sternen so vielfach in die Entwicklung
eingriff, konnte auf dem Pallas nicht erzeugt werden; das lag an der
eigentümlichen Komposition der Atmosphäre.
    Als nun der Labu gefragt wurde, mit welchen neuen Mitteln er eine Entdeckung
der berühmten Knacknüsse herbeiführen könnte, äusserte er sich folgendermassen:
    »Unser Stern Pallas ist sehr hart, und wir können seinen harten Gliedmassen
nur sehr schwer beikommen. Auf andern Asteroïden ist es dem Rindenbewohner
zuweilen viel leichter, ins Innere der Sterngliedmassen zu gelangen - besonders
dann, wenn es möglich ist, das freie, hell flackernde Feuer zu erzeugen, das wir
nicht erzeugen können auf unserm Stern, da ja die Komposition unsrer Atmosphäre
dieses ganz unmöglich macht. Und das Schlimmste in unsrer Feuerlosigkeit ist,
dass wir durch diese auch verhindert werden, Sprengstoffe herzustellen. Wir
können wohl alles Mögliche zum Glühen und Leuchten bringen - aber die helle
Flamme ist uns nicht gegeben. Und so können wir nichts in einfacher Art
vernichten, um hinter dem Vernichteten in andre Sphären zu dringen.«
    »Dass«, meinte nun Dex, »wir nichts vernichten können, ist auch ein Vorzug
unsres Sterns; wir müssen unsern Stern sehr hochschätzen, dass er uns nicht
gestattet, etwas in seinen Gliedern zu vernichten. Könnten wir das, so müssten
wir annehmen, dass diese Glieder noch keine abgeschlossene, vollendete Form
erhalten haben.«
    Lesabéndio schüttelte erregt die Finger eines seiner rechten Arme in der
Luft herum und sagte ungeduldig:
    »Wir wollen aber nicht vom Tema abkommen; Labu will uns doch nur sagen, ob
es ihm gelungen ist, mehr Knacknüsse zu entdecken als bisher.«
    Der Labu wies mit allen Armen seiner rechten Körperseite auf seine vielen
grossen Maschinen und Apparate und sagte langsam:
    »Wenn Ihr wüsstet, wieviel ich in den letzten Tagen gearbeitet habe, so
würdet Ihr nicht so ungeduldig sein. Jawohl, es ist mir gelungen, fünfundachtzig
verschiedene Flüssigkeiten herzustellen, und von diesen ist eine einzige so
beschaffen, dass sie auf Pallasblei reagiert. Wenn ich nun mehr von dieser
Flüssigkeit herstelle - und das wird mir gelingen, so' können wir an allen
Wänden gleich feststellen, ob wir da auf eine Bleiader stossen werden.« »Das ist
ja grossartig!« rief Lesabéndio.
    Aber der Labu sagte lächelnd:
    »Und ausserdem weiss ich jetzt, dass meine Flüssigkeit, die sonst immer rot
aussieht, bläuliche Flocken erhält, wenn -«
    »Nun sprich doch!« rief der Lesabéndio.
    »Das tu ich«, erwiderte Labu lächelnd, »erst dann, wenn Du Dir die Ungeduld
abgewöhnt hast.«
    Da lächelten alle Drei, und sie schwiegen ein paar Augenblicke. Und dann
sagte der Labu:
    »Wenn die bläulichen Flocken kommen, dann sind auch Nüsse im Blei; das weiss
ich jetzt ganz genau; dreimal hats gestimmt; es wird auch öfter stimmen - immer
stimmen.«
    Da reckten Lesabéndio und Dex ihre Körper hoch auf - und dann
beglückwünschten sie den Labu - und erzählten ihm nun, wie nötig es wäre, mehr
Nüsse zu finden, um Arbeiter für den grossen Nordtrichterturm herbeizuschaffen.
    Da rief aber der Labu in all die Begeisterung hinein:
    »Langsam müssen wir fahren; ich habe erst andertalb Liter von meiner neuen
Flüssigkeit hergestellt. Besorgt mir Arbeiter, dass ich mehr herstellen kann -
denn mit andertalb Litern ist nicht viel zu machen.«
    Und darauf erklärte er die Arbeiten an seinen neuen Apparaten, und Dex und
Lesabéndio hatten danach zwei Tage und zwei Nächte zu tun, um eine grössere
Anzahl von Pallasianern zu veranlassen, das Laboratorium des Labu aufzusuchen
und dort an dessen neuen Apparaten zu arbeiten.
    Nachdem das die beiden Turmfreunde getan hatten, begaben sie sich zum
Manesi.
    Der Manesi war ganz allein auf dem Pallas imstande, darüber zu entscheiden,
ob die neuen Knacknüsse, die man in grösserer Anzahl zu finden hoffte, geknackt
werden durften - oder nicht.
    Wars dem Manesi möglich, die Pilz- und Schwammwiesen zu verzehnfachen, so
konnten auch zehnmal soviel Pallasianer als bisher sich auf dem Pallas ernähren.
Konnten die nahrhaften Wiesen nur verfünffacht werden, so konnten nur fünfmal
soviel Pallasianer als bisher auf dem Stern Pallas leben.
    Manesi empfing den Dex und Lesabéndio mit ganz traurigen Worten.
    »Ja«, sagte er, »ich weiss schon, warum Ihr zu mir kommt. Ich soll Euch
helfen. Und ich will Euch natürlich auch helfen. Wir helfen ja immer einander;
alle Pallasianer tun das; und ich wäre kein echter Pallasianer, wenn ich nicht
auch Euch helfen wollte. Aber wenn ich Euch helfe, zerstöre ich meine
Lieblingsgedanken. Und das werdet Ihr nicht so ohne Weiteres wollen. Ihr werdet
Rücksicht nehmen auf das, was mir das Teuerste ist.«
    Dex und Lesabéndio beteuerten natürlich, dass sie keineswegs die
Lieblingsgedanken des Manesi zerstören möchten. Das klang aber nicht so, dass der
Manesi dadurch beruhigt wurde.
    Die Drei sassen in Manesis grösstem Atelier; Manesi hatte zwanzig Ateliers;
das grösste lag tief unten in den Wänden des Südkraters. In dem Atelier waren
sehr viele neue Pflanzen zu sehen. Die Pflanzen hatten nicht alle rundliche
Ballons an Stelle der Blüten - es gab auch Pflanzen mit ganz dünnen
scheibenförmigen Ballons, und diese hatten an den Rändern der Scheiben lange
spitze Stacheln.
    Alle diese Ballons konnte der Manesi durch ein künstliches Mittel jederzeit
aufblasen und im Innern phosphoreszierend machen, dass es im Innern flackerte und
flirrte in unzähligen Farben.
    Das künstliche Mittel, mit dem das hergestellt wurde, was draussen im
Trichter nur während der Nacht möglich wurde - bestand in einer besonders
gedämpften Beleuchtung von allen Seiten.
    »Pilze und Schwämme«, sagte der Manesi, »kann ich in andrer Weise zum
intensivsten Leben künstlich reizen: durch eine kolossale Lichtfülle! Und so ist
es mir möglich, die Ballonblumen, die sonst nur nachts wachsen, auch am Tage
wachsen zu lassen - durch ein besonders gedämpftes Licht. Und andrerseits kann
ich die Pilze und Schwämme auch in der Nacht wachsen lassen - durch ein
ausserordentlich helles Licht.«
    »Das ist ja grossartig«, rief der Lesabéndio, »dann können wir ja Pilze und
Schwämme in allen Höhlen und Ateliers wachsen lassen - dann können wir ja die
Zahl der Pallasianer verzwanzigfachen.«
    »Ich weiss, wie Ihr seid«, sagte der Manesi, »Ihr bedenkt aber nicht, dass
unser Stern wahrhaftig nicht interessanter wird, wenn wir überall nur Pilz- und
Schwammwiesen anlegen. Ihr zerdrückt mit Eurem grossen Turm alle künstlerischen
Errungenschaften der Pallasianer. Wo soll ich denn meine neuesten Ballonpflanzen
hinbringen?«
    »In die Gerippe unseres Turms!« rief da der Lesabéndio stürmisch und reckte
sich hoch auf.
    Da sah der Manesi plötzlich ganz lustig ins Weite und rief lachend:
    »Das geht allerdings; es sind alles Rankengewächse.«
    Und dann führte Manesi die beiden Turmfreunde in seine Lichtöhle und liess
dort alle seine neuen Sonnen auf einmal aufleuchten.
    Dex und Lesabéndio schlugen schnell die Kopfhaut vorn zusammen; so blendete
das Licht der neuen Sonnen.
 
                               Siebentes Kapitel
Lesabéndio begibt sich zum Biba, der sehr viel von der Konzentration und von der
Ergiebigkeit erzählt. Biba veranstaltet danach eine Buchausgabe, um über die
Natur der Doppelasteroïden aufzuklären. Es werden nun viele neue Knacknüsse
gefunden, und Manesi pflanzt viele neue Pilz- und Schwammwiesen. Der Bau des
Nordtrichterturms wird aber dadurch keineswegs gefördert, da die Pallasianer das
ganze Unternehmen für zu waghalsig halten; besonders wird die Grösse der
Atmosphäre bezweifelt. Lesabéndio lässt sich danach mit Biba vom Südtrichter aus
in die Südatmosphäre hineinschnellen, um die Dicke dieser Atmosphäre kennen zu
lernen.
Als nun Lesabéndio einsah, dass Manesi schon für die Ernährung der neuen
Pallasianer sorgen würde - da atmete er erleichtert auf.
    »Alles wird besser gehen, als wir dachten!« sagte der Dex.
    Und Lesabéndio sagte, dass er allein sein möchte. Er sprang draussen im
Südkrater in den einen Ring der nächsten Magnetbahn und fuhr davon.
    Aber lange hielt ers nicht allein aus.
    Und da besuchte er wieder den Biba, der ihn sehr freudig in seiner Höhle
draussen auf der Aussenseite des Sterns begrüsste.
    Biba sprach gleich sehr heftig Folgendes:
    »Das freut mich, dass Du kommst. Mir kommt es so vor, als hätte ich die
Hauptlinie in unserm Sternsystem entdeckt. Es erscheint mir nicht zufällig, dass
sich so viele Sterne um einen grösseren Stern - um unsre Sonne - drehen und
bewegen. Diese Verehrung, die alle Planeten dem Grösseren, unsrer Sonne,
entgegenbringen, hat für mich etwas Vorbildliches - für alle unsre Verhältnisse;
auch die Pallasianer sollen so ein Grösseres immer verehren - sich ebenso wie die
Planeten an ein Grösseres anschmiegen. Wo wir dieses Grössere zu suchen haben -
das ist eine zweite Frage, die Du, glaube ich, sehr schnell beantworten wirst.«
    Biba schwieg und rauchte sein Blasenkraut und liess dabei unzählige kleine
Blasen zwischen seinen gespitzten Lippen durchfliegen, dass sie, bald sich
vergrössernd, leuchtend in der Höhle herumwirbelten.
    Lesabéndio sagte darauf:
    »Natürlich haben wir dieses Grössere hoch über unserm Nordtrichter hinter der
Spinngewebewolke zu suchen.«
    »Diese Antwort«, versetzte der Biba, »habe ich natürlich erwartet. Und
deswegen freute ich mich, als Du kamst. An diese Erkenntnis von der Bedeutung
des Grösseren knüpft sich aber noch viel mehr. Was wir sonst als Konzentration zu
bezeichnen pflegen, das läuft auch immer nur auf eine Verehrung des Grösseren
hinaus; wir müssen uns an das Grössere anschmiegen, wir müssen uns ganz dem
Grösseren ergeben, wenn wir in unserm Innern beruhigt werden wollen. Und als ein
Letztes erscheint mir immer das endgültige Aufgehen in diesem Grösseren. Ich
glaube, dass diese Zuneigung zum Grösseren durch alle unsre Planeten geht. Nur so
bringen wir einen Sinn in das ständige Umkreisen unsrer grossen Sonne. Nun
versteht es sich ja von selbst, dass wir das Grössere an verschiedenen Stellen
finden können; Du findest es über unsrer Nordtrichterwolke, ich finds in unsrer
grossen Sonne, und diese findets in einer grösseren Sonne. Die Asteroïden sind in
vielen Fällen so gebaut, dass sie ein Doppelsystem bilden, in dem immer der eine
Teil das Grössere ist; man kann dieses Grössere auch als eine Art Kopfsystem
auffassen. Jedenfalls sehe ich überall ein Sichunterordnen dem Grösseren
gegenüber, und in diesem Sichunterordnen sollten wir alle unser Heil suchen,
denn es macht uns wirklich innerlich ruhig; nehmen wir uns selbst als
Gipfelpunkt, so sind wir immer an einem Ende angelangt, das wir in unsrer
unendlichen Welt nicht als etwas Herrliches begreifen werden. Um immer weiter zu
kommen, muss man sich immer wieder unterordnen - ja, man muss seine besten
Gedanken auch immer wieder einem grösseren, noch nicht gleich verständlichen
Gedanken unterordnen; tut man das nicht, so ermüdet man, wird schläfrig und
schlaff. So ergehts ja vielen Pallasianern, die nur daran denken, in ihrer Art
ihren Stern Pallas weiter auszubauen, ohne ihre Ausbaugedanken einem höheren
Sterngedanken unterzuordnen. Und deswegen finde ich, dass es uns allen prächtig
bekommen wird, wenn sich die Pallasianer von jetzt ab um Deinen grossen
Nordtrichterrand konzentrieren. Bist Du zufrieden mit dieser Erklärung?«
    Lesabéndio war selig.
    »Wie«, sagte er leise, »sollte ich etwas hören, das meinem Ohrsystem
angenehmer klingen könnte! Alle Sofanti-Musik im Centrum ist einfach garnichts
dagegen. Jawohl, ich glaube schon, dass dieses Sichunterordnen einem Grösseren
gegenüber das allertiefste Geheimnis unsres Sternsystems umfasst. Mir ist es auch
immer so gegangen, dass ich mich recht unselig empfand, solange ich nur mit mir
selber zusammenhing - dass ich aber ganz ruhig innerlich wurde, sobald ich mich
in Gedanken an den grossen Unbekannten anschmiegte, der mehr von unserm Geschick
weiss als wir - und der uns lenkt, wenn wir ihn auch nicht erkennen können,
dortin, wohin wir hingelangen sollen. Es ist dieses Sichanschmiegen an den
Grösseren so ganz mir zur zweiten Natur geworden, dass ich garnicht mehr anders
kann. Mir ist so, als wenn der Grosse immer unsichtbar neben mir ist. Und ich
glaube, dass ich ihn noch mehr erkennen werde, wenn wir oben durch die
Spinngewebewolken durchgekommen sind. Konzentration ist zweifellos nur
Unterordnung unter einen grösseren Plan oder Gedanken. Und deshalb denke ich
jetzt an nichts Anderes als an meinen grossen Turm; Dex, Labu und Manesi sind auf
meiner Seite, und nun sind wir mit Dir zusammen fünf.«
    »Es haben«, erwiderte nun der Biba, »unzählige Weise auch auf andern Sternen
immer wieder nur den einen Gedanken gehabt, dass grade nur die Ergebenheit uns
mit unserm ganzen Leben versöhnen kann. Auf einzelnen Sternen sterben Millionen
von Lebewesen in jeder Sekunde - dieses grosse Sterben ist nur dazu da, damit die
Überlebenden die grossartigen Schauer der Ergebenheit kennen lernen. Man nennt
das zuweilen auf andern Sternen auch Religion. Und es ist ja auch so klar, dass
wir eigentlich stets etwas vor uns haben müssen, das grösser ist als wir; nur so
bekommen wir immer wieder einen Begriff von der kolossalen Grossartigkeit der
Welt. Würde es uns so leicht sein, höher zu steigen, so würden wir die Welt
nicht so als Grösseres und Ganzgrosses empfinden; wir müssen immer wieder
zurückgedrückt und ein wenig erdrückt werden, damit wir merken, wie gross das
Grosse der grossen Welt ist - wie wir diese Grösse niemals ganz ausmessen könnten.
Ja - jawohl - ich glaube, ein Leben auf der Sonne könnten wir doch garnicht
ertragen; wir sind ja noch garnicht soweit. Wir dürfen das Grössere ganz bestimmt
nicht in unsrer eigenen Sphäre unter denen suchen, die uns gleichen - aber
andrerseits dürfen wir auch das Grössere nicht zu weit ab von uns suchen - und
die Sonne ist wohl noch zu weit ab von uns.«
    »Darum«, versetzte der Lesabéndio, »bleiben wir bei unserm Turm und bei dem,
was über dem Pallas ist. Könnten wir nicht vom Kopfsystem des Pallas, das da
oben über uns ist, sprechen? Gibt es nicht analoge Systeme unter den Asteroïden?
Könnten wir nicht alle Pallasianer auf diese analogen Systeme energisch
aufmerksam machen, damit man allmählich eine allgemeine Begeisterung dem
Nordtrichterturm entgegenbringt?«
    Biba sagte nichts dazu; er bat nur den Lesabéndio mitzukommen. Und sie
begaben sich darauf zur nächsten Schlittenbahn, fuhren auf einem Schlitten zum
Mittelpunkt des Sterns, eilten dort auf einer Bandbahn zur andern Seite und
kamen dann durch einen Tunnel, in dem sich rasche Drahtseile horizontal
bewegten, zur anderen Aussenseite des Pallas, wo der Biba ganz riesige
photographische Apparate aufgestellt hatte, mit denen unter grossen Glaslinsen
das ganze Himmelsbild photographiert wurde. Hier zeigte der Biba dem Lesabéndio
die Photographieen, auf denen alle diejenigen Asteroïden zu sehen waren, die ein
Doppelsystem darstellten. Da gabs sogar Kopfsysteme, die aus hundert kleinen,
sehr kompliziert gearbeiteten Sternen bestanden. Bei andern Kopfsystemen
spielten feine Lichtstrahlen und atmosphärenartige Wolkengebilde eine grosse
Rolle.
    Biba sah sich in drei Tagen nicht weniger als dreitausend Photographieen von
Doppelsystemen ganz genau an, und dann beschloss der Biba, einige kleine Bücher
über diese Doppelsysteme herauszugeben und dabei den Stern Pallas als
Doppelstern zu behandeln und zu erklären, dass die Spinngewebewolke selbst nicht
das Kopfsystem zum Trichterstern Pallas darstellen könnte, da ein analoges
Wolkensystem in dreitausend Doppelasteroïden bislang noch nicht gefunden sei; es
müsse sich demnach das Kopfsystem des Pallas über der Spinngewebewolke befinden.
    Und aus den kleinen Büchern des Biba, die in winzig kleiner Form auf
photographischem Wege hergestellt wurden und bald am Halsband aller Pallasianer
baumelten, ging allen Pallasianern klar hervor, dass eigentlich der Bau des
Lesabéndio-Turmes nicht mehr aufzuschieben sei.
    Labu fand indessen die berühmten Knacknüsse in grosser Anzahl vor, und Manesi
stellte zweihundert neue Schwamm- und Pilzwiesen zumeist im Innern der
Pallashöhlen her, sodass für die vielen neuen Pallasianer, wenn sie auch in
grosser Anzahl geknackt wurden, vollauf gesorgt war.
    Gleichzeitig zeigte auch der Dex, dass der Kaddimohnstahl in ungeheuren
Mengen vorhanden sei.
    Und so hätte man glauben können, dass der Lesabéndio-Turm gleich gebaut
werden würde.
    Dem aber war nicht so.
    Sehr viele Pallasianer kamen oft auf dem oberen Rande des Nordtrichters
zusammen und sprachen über den Turm - und erklärten bald die ganze Idee für
unausführbar.
    Vergeblich sprach Lesabéndio über den Wert der Konzentration; die meisten
Pallasianer erklärten eine derartige Turmkonzentration für den Tod aller
künstlerischen Entwicklung; es wurde auch geltend gemacht, dass eine derartige
mechanische Tätigkeit den Geist der Pallasianer verblöden müsse - und dass man
bei der ganzen Sache nicht vorsichtig genug vorgehen könne; man behauptete, dass
das obere Stahlgestell den ganzen Pallas in eine andere Lage bringen könnte -
und ausserdem bezweifelte man, dass über dem Nordtrichter die Atmosphäre viel über
drei Meilen hoch sei; der eine Nuse-Turm war eine Meile hoch - und man beschloss,
zunächst von der Spitze des Nuse-Turms aus die Atmosphäre, die höher lag, zu
untersuchen. Das hatte jedoch keinen Erfolg; man kam eben oben nicht so leicht
höher hinauf.
    Die Pallasianer waren alle sehr gefällig und immer bereit, einem Andern zu
helfen; aber man war auch vorsichtig und sehr bedenklich; überrumpeln liessen
sich die Pallasianer in keinem Falle.
    Als daher Lesabéndio nach achtzehn Tagen (also nach andertalb Erdjahren)
den Biba wieder aufsuchte, waren beide anfänglich sehr traurig.
    »Schlimm ist«, bemerkte der Biba, »der Zweifel an der Dicke der Atmosphäre;
ich glaube selber nicht, dass die Atmosphäre überm Südtrichter und überm
Nordtrichter viel mehr als zehn Meilen betragen wird. Würden wir auf einem
anderen Stern leben, so könnten wir die Grösse der Pallas-Atmosphäre ohne
Weiteres angeben, da wir ja von einem anderen Stern aus nur die Atmosphäre
unseres Sterns und nicht diesen selber sehen könnten. Wie wärs, wenn wir uns mit
Hilfe der Magnetbahn unterm Südtrichter abschiessen liessen?«
    »Du meinst«, antwortete Lesabéndio, »wir sollen das äusserste Seil in der
Mitte zurückziehen lassen und dann, wenns losgelassen wird, mit der ganz
erheblichen Anfangsgeschwindigkeit in den Raum hinausfliegen, der sich südlich
vom Südtrichter befindet. Ich bin damit einverstanden.«
    Und ein paar Stunden später befanden sich die Beiden bereits fünf Meilen
tief in der freien Atmosphäre unterm Südtrichter. Die Beiden schwebten mit fest
am Rücken haftenden Flügeln zusammen durch die Luft; sie hatten sich mit einem
nicht sehr langen Seile aneinander gebunden, sodass sie sich bequem während der
ganzen Luftexpedition unterhalten konnten.
    Der violette Himmel war sehr dunkelviolett, und die grünen Sterne
leuchteten, auch die grüne Sonne leuchtete, und ein grüner Komet schwebte nicht
weitab mit einem vierzig Millionen Meilen langen Schweife, der scheinbar durch
die Hälfte des ganzen Himmelsraumes ging, der grossen grünen Sonne zu.
    »Weisst Du auch«, sagte nun der Biba, »dass neulich der grosse Planet, den die
Erdrindenbewohner Jupiter nennen, wieder einen kleinen Stern aus seinem Innern
rausgestossen hat?«
    Lesabéndio wusste noch nichts davon und liess sich Näheres über diesen
»Ausstoss« erzählen.
    Währenddem rauchten die Beiden gemütlich ihr Blasenkraut, das ihnen wie
allen Pallasianern an einem ihrer rechten Arme angewachsen war.
    Die langen molchartigen Körper der Beiden glitzerten; sie hatten den Körper
so weit wie möglich ausgedehnt - fünfzig Meter lang - und an keiner Stelle
gekrümmt, sodass sie wie zwei lange Stöcke aussahen.
    Biba sagte, während er vom neuesten Jupiter-Ausstoss erzählte, noch
Folgendes:
    »Es ist zweifellos sehr wahrscheinlich, dass der Pallas vor Millionen Jahren
aus seinem Südtrichter auch sehr viele Sterne ausgestossen hat, sonst wäre die
Trichterform unseres Sterns nicht erklärlich. Zweifelhaft erscheint mir aber, ob
aus dem Nordtrichter auch Körper ausgestossen sind; die Existenz der
Spinngewebewolke ist doch zu seltsam. Aber man soll über die Vergangenheit der
Sterne nicht zuviel nachdenken; zu sicheren Resultaten kommt man ja doch nicht.
Indessen - ich merke, dass die Luft dünner wird.«
    Sie waren nach ihren Messinstrumenten, die sie an ihr Halsband vor dem
Abgeschnelltwerden befestigt hatten, erst acht Meilen vom Südtrichter entfernt.
 
                                 Achtes Kapitel
Biba und Lesabéndio werden auf ihrer Luftuntersuchungsexpedition von einem
andern Weltkörper angezogen, sie landen auf diesem ohne Gefahr und machen die
Bekanntschaft mit ganz kleinen Lebewesen. Und diese zeigen ihnen mit Hilfe
besonderer Vergrösserungsinstrumente das Kopfsystem des Pallas. Es gelingt den
beiden Pallasianern, zehn der ganz kleinen Lebewesen dazu zu bewegen, mit zum
Pallas zu fahren. Die Abschleuderung mit Rückfahrt zum Pallas geht nach längerer
Zeit glücklich vonstatten; nur der Biba zieht sich eine Körperverletzung zu.
Nach einer kleinen Weile sagte der Biba:
    »Dass die Luft dünner wird, scheint mir nicht so wichtig. Ich merke
gleichzeitig an meinem Messinstrumente, dass wir uns mit grösserer Geschwindigkeit
von unserm Stern Pallas entfernen; unsre Fluggeschwindigkeit müsste sich, wenn
alles mit richtigen Dingen zuginge, verringern. Das heisst: wir werden von einem
Weltkörper, den ich noch nicht sehe, angezogen.«
    »Das wäre ja furchtbar«, rief der Lesabéndio, »dem müssen wir
entgegenarbeiten.«
    »Ich fürchte«, erwiderte der Biba, »dass uns das nichts nützen wird.«
    Sie drehten blitzschnell ihren Kopf zum Pallas, machten ihren Körper
andertalb Meter kurz, breiteten den Saugfuss tellerförmig aus und stiessen nun,
mit dem Kopf voran, den ganzen Körper fünfzig Meter dem Pallas zu. Dann
breiteten sie die Flügel auseinander und zogen den Körper wieder zusammen. Und
das taten sie einige Stunden durch mit grösstem Eifer, ohne ein Wort zu sagen.
Auf dem Pallas brannten schon alle Nachtflammen, sodass der ganze Stern wie ein
Glühwurm aussah.
    Aber sie kamen dem Glühwurm nicht näher; die Anziehungskraft des unbekannten
Weltkörpers war grösser als die des Pallas; alle Anstrengungen waren vergeblich;
Lesabéndio zitterte vor Erregung.
    »Wo bleibt mein Turm?« fragte er kläglich.
    »Fragen wir lieber«, versetzte Biba, »wo wir selber bleiben.«
    Beide sahen immer noch nicht den Weltkörper, der sie anzog. Biba sagte
lächelnd:
    »Mir scheint beinahe, dass wir von einem Körper angezogen werden, den wir
nicht sehen können.«
    Lesabéndio sagte aber:
    »Mir scheint, dass wir unsre Augen überschätzt haben; wir hätten schon längst
für mehr Vergrösserungsgläser sorgen können. Wir haben die vergrössernden
Glaslinsen nur bei den photographischen Apparaten verwendet. Das ist eigentlich
unbegreiflich. Unsre Lage ist zum Verzweifeln.«
    »Zum Verzweifeln«, rief Biba rasch, »haben wir jetzt keine Zeit. Übrigens:
es ist wirklich unbegreiflich, dass wir mit Vergrösserungsgläsern nur bei den
photographischen Apparaten operiert haben. Wir überschätzten unsre
Teleskopaugen.«
    Danach schwiegen die Beiden ein paar Stunden hindurch, und dann sagte der
Lesabéndio:
    »Wir sind jetzt nach meinem Messinstrument bereits zwölf Meilen vom Pallas
entfernt, die Atmosphäre ist aber nicht dünner geworden - im Gegenteil. Wir
dürfen deshalb annehmen, dass wir uns in der Atmosphäre eines andern Weltkörpers
befinden.«
    »Und«, sagte nun der Biba leise, »von dem andern Weltkörper sehe ich bereits
etwas - da drüben.«
    Lesabéndio sah nun auch dortin, wohin der Biba mit einem Finger hinwies,
und da sahen denn die Beiden im violetten Himmel zarte hellere Konturen, die zu
einem geisterhaften Sterne zu gehören schienen.
    Und diesem geisterhaften Sterne kamen sie immer näher; sie machten gar keine
Anstrengung mehr, sich von ihm zu entfernen.
    Es war ein Stern, der aus quallenhaft durchsichtigen Massen bestand. Aber in
allen Teilen war er nicht durchsichtig; in seinem Kerne zeigten sich jetzt sogar
ganz deutlich karminrote und orangefarbige Stellen, die man vorhin nicht hatte
entdecken können.
    Der durchsichtige Stern hatte einen Durchmesser von ungefähr tausend Metern,
die farbigen Stellen befanden sich in der Mitte und schienen nicht sehr
umfangreich zu sein.
    Und ganz in der Nähe sahen die Beiden, dass die quallenhafte durchsichtige
Hülle aus vielen reichgegliederten flügelartigen Gebilden bestand, zwischen
denen sich orangefarbige Wiesenstrecken zeigten, und ganz im Innern glühten
karminrote Flecke wie Glutaugen auf.
    Die beiden Pallasianer schwebten neben den durchsichtigen Flügeln vorbei und
berührten mit ihren Saugfüssen vorsichtig den orangefarbigen Wiesengrund.
    Biba konstatierte gleich, dass da Schwämme wüchsen, von denen sich
Pallasianer sehr wohl ernähren könnten.
    »Legen wir uns auf die orangefarbigen Schwämme«, sagte er ganz heiter, »und
schlafen wir zunächst; unser Körper bedarf sowohl des Schlafes wie der Nahrung.«
    Lesabéndio zitterte und murmelte immerzu:
    »Mein Turm! Mein Turm!«
    Aber der Biba sagte tröstend:
    »Vom Pallas sehen wir nichts mehr, denn auf dem Pallas ist Nacht; die
Spinngewebewolke hat unsern ganzen Stern wieder umsponnen. Wenn die aber wieder
oben überm Nordtrichter ist, dann könnten wir unsern ganzen Stern sehen und auch
das, was über unsrer Spinngewebewolke ist.«
    »Meinst Du?« fragte Lesabéndio.
    »Ja«, versetzte der Biba ungeduldig, »das meine ich: aber nur dann, wenn Du
jetzt nicht mehr zitterst und ruhig einschläfst.«
    Da nahm jeder der beiden Pallasianer einen Stengel seines Blasenkrautes in
den Mund, liess bunte Blasen in die Luft hinaufwirbeln und sah zu, wie sich die
Ballonhaut auf den Seiten des Körpers aufreckte und sich oben schloss.
    Und dann schliefen die Beiden sehr bald ein.
    Kaum lagen sie nun in ihren dunkelbraunen Ballonschläuchen ganz ruhig da auf
der orangefarbigen Wiese, so wurde es in ihrer Umgebung lebendig; Tausende von
kleinen faustgrossen Kugeln rollten heran, und aus den Kugeln, die auch
quallenförmig durchsichtig waren, kamen opalisierende Köpfchen heraus, die
Köpfchen hatten lange fühlerartige Augen mit roten Spitzen, die leicht
zurückgezogen werden konnten wie die Teleskopaugen der Pallasianer. Nase und
Mund bildeten bei diesen kleinen Kugelwesen zusammen einen komplizierten kleinen
Rüssel, der auch Schnabelform annehmen konnte. Und mit diesem Schnabel konnten
die Kleinen eine sehr laut klingende Sprache sprechen.
    Die Kleinen waren durchaus nicht ungebildet; sie benutzten knochenartige
Teile der grossen Quallenflügel ihres Sterns als Teleskope und konnten auch durch
regenschirmartiges Aufspannen der quallenartigen Flügelhäute eine
ausserordentliche optische Vergrösserung der nächstgelegenen Raumteile
hervorbringen.
    Und daher hatten sie die Pallasianer längst entdeckt, als diese garnichts
von dem zum grössten Teile undurchsichtigen Sterne ahnten. Zunächst untersuchten
die Kleinen die Ballonhaut der Schläfer, schljetzten kleine Löcher hinein und
besahen durch diese die neuen Ankömmlinge, bewunderten die dunkelbraune
porenreiche Kautschukhaut mit den gelben Flecken, bewunderten auch die dicken
Augenlider und die messerscharfe gebogene Nase und den feinen Mund und die
vielen Falten im Gesicht und auch die grosse wulstige Kopfhaut - und am Halse die
kleinen Bücher und die Messinstrumente; die letzteren erklärten sie sofort für
das, was sie waren, aber über die Bücher konnten sie sich nicht einigen; manche
der Kleinen hielten die Bücher für Nahrungsmittel, andre für
Luftveränderungspräparate und so weiter.
    Als nun die Pallasianer erwachten, schnitten sie, wie sies auf dem Pallas
gewöhnt waren, wieder ihre Ballonhaut dicht am Körper mit ihren Nägeln ab und
glaubten nun, die Haut würde, getragen von den Blasenkrautblasen, wieder in die
Morgenlüfte emporsteigen. Das geschah aber nicht, da unzählige kleine Kugelleute
auf der Blasenhaut sassen und sie runterdrückten.
    Biba verstand gleich das neue Wunder und erklärte es dem Lesabéndio. Und als
nun die Kleinen die beiden Riesen sprechen hörten, sprachen sie plötzlich alle
auch, dass es den Pallasianern so vorkam, als hörten sie plötzlich zwitschernde,
sehr helle Morgenmusik.
    Und dann zogen die Kleinen die Ballonhäute zur Seite und zeigten sich den
Riesen.
    Diese sahen nun gleich, dass sie sich im Kreise sehr kluger kleiner Geschöpfe
befanden, reckten sich vorsichtig auf, um den Kleinen nicht wehe zu tun und
versuchten, sich verständlich zu machen.
    Das ging natürlich nicht so schnell, aber in einigen Stunden gings doch -
besonders mit Hilfe der kleinen Bücher, die am Halsbande der Pallasianer
baumelten.
    Die kleinen Kugelwesen konnten übrigens ihren Körper in alle möglichen
Formen bringen und gaben sich nun zunächst Mühe, ihren Körper so
zusammenzurecken, dass er wie ein pallasianischer Molchkörper aussah - selbst die
Flügel, die die Pallasianer zeigten, konnten die Kleinen nachmachen - aber ohne
damit fliegen zu können.
    Lesabéndio machte seine Augen zu grossen Teleskopaugen und blickte zum Pallas
hinüber, der jetzt in seiner vollen Atmosphärengrösse zu sehen war.
    Biba blickte auch zum Stern Pallas hinüber - rief aber gleich ganz erregt:
    »Das ist garnicht der Stern Pallas, auf dem wir bisher gelebt haben.«
    Da schrie der Lesabéndio laut auf.
    Als nun die Kleinen sahen, dass die Beiden ganz verzweifelt taten, da
forschten sie nach der Ursache der Verzweiflung.
    Kaum hörten sie von der, so spannten sie gleich ihre regenschirmartigen
Hautlinsen über den Pallasianern auf und sagten lachend:
    »Da drüben ist immer noch der Pallas, aber für einfache Augen ist nur die
Atmosphäre des Pallas sichtbar, die kugelförmig ist und sechzig Meilen im
Durchmesser zeigt.«
    Jetzt erst erkannten die beiden Pallasianer durch die Atmosphäre hindurch
ihren Stern wieder, und Lesabéndio war selig.
    Und die Beiden wollten jetzt wieder zu ihrem Stern hinübergeschleudert
werden.
    Biba aber zeigte zunächst mit allen seinen Armen zu dem, was über dem
Nordtrichter des Sterns zu sehen war - dort befand sich zehn Meilen über dem
Nordtrichter, über dem die Spinngewebewolke sehr deutlich und hellleuchtend,
aber noch in der Atmosphäre befindlich, sichtbar wurde, noch ein andres Gebilde,
das zehn Meilen hoch über der leuchtenden Spinngewebewolke ganz schwach
leuchtete wie ein spitzer Kegel, dessen Spitze unten ist. Doch dieser Kegel
bestand aus drei Teilen, die sich voneinander in Farbe und Helligkeit stark
unterschieden.
    Die Kleinen zogen ihre Vergrösserungshäute bald zurück, und da sahen die
Pallasianer nichts mehr von dem dreiteiligen Kegelgebilde, das zehn Meilen über
der Pallas-Atmosphäre zu sehen gewesen.
    Lesabéndio erklärte abermals:
    »Siehst Du, Biba! Wir haben unsre Augen überschätzt! Mit unsern
Teleskopaugen allein hätten wir niemals das Kopfsystem des Pallas entdeckt!«
    Biba schrie darauf heftig:
    »Aber wir haben jetzt doch das Kopfsystem entdeckt. Merkst Du nun, dass es
richtig ist, was ich Dir von der Ergebenheit erzählte? Wenn wir uns nicht ruhig
unserm Schicksal - unserm unsichtbaren Führer - überlassen hätten, so würden wir
niemals dieses Kopfsystem entdeckt haben - auch nicht mit Hilfe Deines grossen
Turms.«
    Lesabéndio war ganz ausser sich.
    Danach erklärte er dem Biba feierlich:
    »Wir brauchen also nur zehn Meilen hoch unsern Turm zu bauen - und dann
können wir ganz genau sehen, was da oben ist. Dazu brauchen wir aber kolossale
Vergrösserungsgläser, für die der Nuse sorgen muss.«
    »Jetzt müssen wir aber erst zurückkommen!« meinte dazu der Biba.
    Nun - das ging natürlich nicht so schnell.
    Auf dem Pallas ward es währenddem achtzehnmal Nacht und ebenso oft wieder
Tag.
    Und die Pallasianer glaubten schon nicht mehr an eine Rückkunft von
Lesabéndio und Biba.
    Doch diese hatten den kleinen, zumeist kugelrunden Bewohnern des
Quallenflügelsterns alles, was auf dem Pallas vorging, erzählt, und die Kleinen
hatten erklärt, dass ihr Stern periodisch die Schnelligkeit seiner Umdrehung um
sich selbst verstärkte. Und beim Maximum der Schnelligkeitsstärke sollten die
Pallasianer, nachdem sie an einem Flügelende fest angebunden waren, im richtigen
Momente abgeschnitten werden und so, in den Raum hinausgeschleudert, der
Atmosphäre ihres Sterns zufliegen.
    Die Kleinen beschlossen, die Köpfe der Pallasianer mit grossen Ballonhüllen
zu umgeben, damit sie den Mangel an Atmosphäre nicht so bemerkten. Von der Kälte
brauchten sie nichts zu befürchten, da selbst der Raum, der in dem Ringe, den
die Asteroïden bildeten, scheinbar frei von jeder Atmosphäre war, doch durch
besondere Stoffverbindung - eine vollkommen unsichtbare und nicht zu
untersuchende - so warm blieb, dass er den Asteroïdenbewohnern nicht
lebensgefährlich wurde.
    Nun erklärte der Lesabéndio den Kleinen Folgendes:
    »Seht mal, Ihr Kleinen, man wird uns auf dem Pallas nicht glauben, dass über
unserm Nordtrichter noch ein Lichttrichter sich befindet, den man nur mit
Vergrösserungsgläsern entdecken kann. Ihr aber habt diesen Lichttrichter mit
Euren Vergrösserungsgläsern entdeckt. Könnten da nicht einige von Euch mitkommen,
um uns zu bezeugen, dass über unserm Stern noch ein grosses dreiteiliges
Kopfsystem zu finden ist? Würde das nicht möglich sein?«
    Da kugelten sich die Kleinen über die quallenartigen Flügel ihres Sterns und
rollten überall lebhaft und aufgeregt herum.
    Und dazu machten sie mit ihrer lauten Sprache eine so grosse zwitschernde
Musik, dass es den Pallasianern unter der Kopfhaut gellte.
    Schliesslich erklärten sich zehn der kleinen Leute bereit - angehängt am
Halsbande der Riesen neben deren Büchern - mitzukommen. Danach wurden die
verirrten Riesen wieder im richtigen Moment zu ihrem Stern hingeschleudert, in
dessen Atmosphäre sie nach zweitägiger Raumfahrt anlangten.
    Biba hatte sich an einem vorbeifliegenden Meteor im unteren Teile seines
Leibes eine so starke Verletzung zugezogen, dass er sich sofort nach seiner
Ankunft verbinden lassen musste.
 
                                Neuntes Kapitel
Es wird zunächst erzählt, was während der Abwesenheit des Lesabéndio und des
Biba auf dem Pallas geschah. Da sind zunächst vierhunderttausend der berühmten
Knacknüsse gefunden und geknackt, und Dex hat mit Hilfe der Frischgeknackten
einen Modellturm überm Centralloch gebaut, um die Idee des Lesabéndio-Turms
populär zu machen. Er erreicht jedoch damit das Gegenteil und erzeugt eine
starke Reaktion, die unter Pekas Führung sehr bedeutend wird. Zu Dexens Glück
kommen Lesabéndio und Biba mit den zehn Quallensternbewohnern (Quikkoïanern) auf
den Pallas zurück. Und die Turmidee wird jetzt, da der Turm nur zehn Meilen hoch
werden soll, auch von den ältesten Pallasianern viel sympatischer begrüsst als
bisher.
In der langen Zeit, in der Lesabéndio und Biba nicht auf dem Pallas lebten,
hatte sich auf diesem vieles verändert.
    Anfänglich wirkten die Biba-Bücher mächtig nach, und man sprach nur von den
astralen Doppelsystemen, und es liess sich nicht leugnen: die Pallasianer wurden
dadurch immer mehr und mehr gereizt, auch die Art der Doppelnatur ihres Sterns
kennen zu lernen.
    
    Doch man trat noch keineswegs der Idee des Nordtrichterturms näher; man
hielt diesen Plan im allgemeinen für viel zu abenteuerlich, für viel zu zeit-
und kraftraubend, um seine Ausführbarkeit ernstlich in Erwägung zu ziehen. Man
gab sich auch jetzt nicht einmal die Mühe, die Entfernung der Lichtwolke genauer
zu messen - und auch der Dex dachte garnicht daran.
    Das Verschwinden der beiden Pallasianer erklärte man sich einfach so, wie es
den Tatsachen so ziemlich entsprach; man nahm eben als selbstverständlich an,
dass ein vorüberziehendes Meteor oder ein kleinerer Stern die Beiden angezogen
hätte. So waren schon öfters Pallasianer verschwunden. Es waren aber auch ein
paar Verschwundene später wiedergekommen; doch das hatte sich schon sehr lange
nicht mehr ereignet. Demnach behandelte man Lesabéndio und Biba eigentlich nicht
mehr als Lebende; Niemand hoffte mehr, sie wiederzusehen - auch der Dex tat das
nicht.
    Weil man aber die Beiden nicht mehr als lebend betrachtete, deswegen
erlangte das, was sie gesagt und erstrebt hatten, immer grössere Bedeutung; man
sprach immer heftiger über die Konzentration und über die Unterordnung der
eigenen Ideen unter die grösseren Ideen.
    Was man jedoch als grössere Idee anzusehen habe, darüber konnte man nicht
einig werden; Dex redete wohl noch unentwegt vom Lesabéndio-Turm, aber er fand
nur Anklang bei seinen nächsten Freunden, die mit ihm zusammen den
Kaddimohnstahl in ungeheuren Massen und Längen aus dem Pallas-Innern herauszogen
und bearbeiteten.
    Nun gelang es währenddem dem Labu und seinen Freunden, riesige Mengen von
den berühmten Knacknüssen zu entdecken und auszubuddeln.
    Und Manesis neue Pilz- und Schwammwiesen entwickelten sich überall, auch in
den Höhlen des Pallas, mit fabelhafter Geschwindigkeit, sodass dem Aufknacken der
neu gefundenen Nüsse bald nichts mehr im Wege stand.
    Dex trieb zum Aufknacken der Nüsse mit all der Energie, die ihm zu Gebote
stand.
    Und so gabs plötzlich fünfmal soviel Pallasianer wie bisher; es lebten so
lange gewöhnlich nur hunderttausend Pallasianer auf dem Trichtertonnenstern -
und danach lebten plötzlich fünfmalhunderttausend Pallasianer ebenda. Dex mit
seinen Freunden unterrichtete die frisch geknackten Pallasianer sofort über die
Bedeutung des Lesbéndio-Turms, und die Frischgeknackten nahmen die Turmidee mit
grosser Begeisterung auf, sodass dadurch sehr bald alle bisherigen Verhältnisse in
andre Bahnen gelenkt wurden; das ganze Bild des pallasianischen Lebens verschob
sich; die Begeisterung der Kleinen liess sich garnicht dämpfen.
    
    Und der Dex verstand es, diese Begeisterung der vierhunderttausend
Frischgeknackten sofort für die Turmidee fruchtbar zu machen; er erklärte ihnen,
dass er mit ihnen zusammen ein grosses Turmmodell herstellen müsse; und die
meisten erklärten sich zur Mitarbeit sofort bereit.
    Nun hatte der Dex, wie bekannt, im Nordtrichter über dem Mittelloch bereits
ein Gestell aus Kaddimohnstahl hergestellt, das - weiter ausgebaut - ohne
Weiteres als Modell für den grossen Nordtrichterturm gelten konnte.
    Und an der Herstellung dieses Modells in sehr vielen Etagen arbeitete nun
der Dex mit den frisch geknackten Pallasianern in einer so heftigen, alle andern
Interessen zurückschiebenden Weise, dass die alten Pallasianer ganz erschrocken
aufblickten und nicht wussten, was sie zu dieser Energie sagen sollten.
    Die Reaktion blieb natürlich nicht aus.
    Peka stellte sich an die Spitze dieser Reaktion.
    Peka sagte weich und milde:
    »Es ist ja nicht zu leugnen, dass der Dex für die Umgestaltung unsres Sterns
in sehr energischer Art tätig sein möchte. Und wir können natürlich auch nicht
die frisch geknackten Pallasianer veranlassen, seinem Modellturm, der ja dem
Pallas als solcher sehr wohl zur Zierde gereicht, fernzubleiben. Die alten
Pallasianer können aber in ihrer Freundlichkeit nicht so weit gehen, dass sie
sich von Dex und seinen neuen Freunden ganz einfach an die Seite schieben
lassen. Die alten Pallasianer stehen in der Mehrzahl nach wie vor auf dem
Standpunkte, dass die Ausführung des grossen, viele Meilen hohen Lesabéndio-Turms
eine ernste Gefahr für uns alle bedeutet. Zunächst ist nicht abzusehen, wie die
Schwerkraftverhältnisse durch den hohen, viele Meilen hohen Turm auf den Pallas
beeinflusst werden könnten; uns fehlt in dieser Hinsicht jeder Anhalt, und von
wissenschaftlicher Berechnung des Ganzen kann gar keine Rede sein. Andrerseits
würden durch eine derartige jahrelange Arbeit, an der doch alle Pallasianer
Anteil nehmen müssten, die künstlerischen Pläne und Arbeiten jedes einzelnen
Pallasianers vernichtet. Dem müssen wir aber doch vorbeugen. Wir können es doch
nicht dahin kommen lassen, dass schliesslich alle alten Pallasianer bloss Maschinen
werden; wenn wir durchaus dem Willen eines Höheren gehorchen sollen, so müssen
wir diesen Höheren zunächst als solchen in ungefähren Umrissen erkennen. Alle
Kunstfreunde müssen so lange Turmfeinde sein, solange dieser Höhere uns als
solcher noch nicht deutlicher geworden ist.«
    Der Wirkung dieser milden sachgemässen Rede konnten sich die alten
Pallasianer nicht entziehen, und Dex hatte Mühe, die jungen Pallasianer zum
Bleiben bei seiner Turmmodellarbeit zu bewegen. Diese Arbeit war keine kleine,
da es galt, all das viele Kaddimohneisen von der Höhe des Trichterrandes zwanzig
Meilen hinunter zum Centralloch zu bringen, wozu natürlich grosse komplizierte
Zug- und Hemmmaschinen und kolossale Schleifbahnen nötig waren; der Modellturm
sollte sehr viele Etagen zeigen - in künstlerisch durchbrochener und vielfach
ausgebauchter Form - aber über die Zahl der Etagen hatte man sich noch nicht
geeinigt; Dex hätte am liebsten hundert gehabt; unter sechzig wollte ers in
keinem Falle machen.
    Die Zahl der Etagen blieb aber natürlich am Anfange des Baues ganz
gleichgültig. Jedenfalls wollte Dex drei Meilen hoch in die Höhe gehen.
Wie eine Erlösung kams da dem Dex, dessen Lage stündlich schwieriger wurde, an
einem Morgen vor, als er hörte, dass Lesabéndio mit Biba - zurückgekehrt sei.
    Als ers hörte, rief er zunächst: »Träume ich auch nicht? Ist es auch
wirklich wahr?«
    Und er liess sich dreimal erzählen, dass die beiden Verlorengeglaubten oben
auf dem Nordtrichterrande seien.
    Und dann sprang er - er befand sich nicht weitab vom Centralloch - auf die
nächste Bandbahn und stürmte auf dreissig Bandbahnen nach oben - den Ankommenden
entgegen.
    Er war so hingerissen von der neuen Nachricht, dass er garnicht daran dachte,
eine Seilbahn zu benutzen, mit der er zehnmal so schnell nach oben gekommen
wäre.
    Das war aber ein Wiedersehen!
    Kaum wurden die kleinen Quallensternbewohner von dem Dex beachtet; mit
fliegendem Atem erzählte er von seinem Modellturm und von seinen immer grösser
werdenden Verlegenheiten.
    Lesabéndio konnte am Anfange infolge der langen Raumreise garnicht sprechen,
und Biba musste erst sein Bein verbinden lassen, das von einem Eisenmeteoriten
oberhalb des Saugfusses sehr gefährlich verletzt war; ein grosses Stück des
kautschukartigen Beinkörpers fehlte, doch hing dieser immer noch mit dem Saugfuss
zusammen.
    Nur die ältesten Pallasianer konnten sich an derartige Körperverletzungen
erinnern; sie wussten aber auch, wie diesen zu begegnen war und machten den
Schaden mit Pflastern und Bandagen bald wieder gut.
    Der Biba vermochte am Anfange deshalb auch nicht gleich so zu sprechen wie
sonst.
    Somit sprachen anfangs nur die kleinen Quallensternbewohner, die sich nach
ihrem Stern, der Quikko heisst, als Quikkoïaner vorstellten und durch ihre
unzusammenhängenden Reden recht unverständlich blieben, was die Aufregung und
Verwirrung der Pallasianer nur noch erhöhte.
    Indessen - wie jubelte der Dex, als er allmählich vernahm, dass die beiden
verloren geglaubten Pallasianer das Kopfsystem über dem Pallas mit Augen gesehen
hatten!
    Wie jubelte der Dex, als die zehn kleinen Quikkoïaner die Aussagen jener
bestätigten und ergänzten!
    Und als der Dex nun gar erfuhr, dass die Atmosphäre sowohl über wie unter dem
Pallas nur zehn Meilen stark - und dass die Spinngewebewolke nur zehn Meilen vom
Nordtrichterrande entfernt war - was die ungenauen Messungen niemals ergeben
hatten - - - da kannte Dexens Jubel einfach keine Grenzen; er war einfach ausser
sich und sprang mehrmals hoch in die Luft hinauf und kehrte immer wieder gleich
kopfunter zum Pallas zurück, sodass sich aller Pallasianer eine ungeheure
Heiterkeit bemächtigte, als sie diesen Jubel sahen.
    Und sie empfanden alle diesen Jubel sehr bald mit, und sie beglückwünschten
alle den Lesabéndio und den Biba zu ihrer glücklichen Raumfahrt.
    Man fing gleich an, nochmals die Entfernung der Lichtwolke mit Sorgfalt zu
messen, und entdeckte, dass die Entfernung tatsächlich nur zehn Meilen betrug.
Und man wunderte sich sehr über die fahrlässigen Rechnungen einer früheren Zeit.
Peka bemerkte nun gleich das Folgende:
    »Das ist ja ein riesig grosses Glück, dass wir endlich dahintergekommen sind,
was hinter der Spinngewebewolke verborgen ist. Da brauchen wir ja den
Lesabéndio-Turm nicht mehr zu bauen; jetzt kommt der Bau nicht mehr in Frage.«
    Das hörte der Dex und stand ganz still und sagte dann milde und weich:
    »Aber Peka! Was redest Du? Jetzt müssen wir doch grade den Turm bauen, denn
jetzt wissen wir doch, dass er ganz bestimmt einen Zweck hat. Jetzt wissen wir
doch, dass ein Kopfsystem da oben zu finden ist. Jetzt müssen wir dieses
Kopfsystem doch kennen lernen. Und um das zu können, dazu brauchen wir doch den
Turm. Und weil wir ihn brauchen, deswegen müssen wir ihn doch bauen.«
    Peka strich sich sein Kinn mit einer seiner linken Hände und wusste nicht
gleich, was er sagen sollte.
    Er meinte nur kleinlaut:
    »Der Plan ist aber doch zu gross. Wir riskieren, aus dem Gleichgewicht zu
kommen.«
    »Keineswegs!« versetzte nun der Dex, und er reckte sich fünfzig Meter hoch
auf und machte sich ganz schnell wieder klein und wiederholte dieses Spiel
immerzu.
    »Was willst Du denn?« rief da der Peka ein wenig ärgerlich.
    Da stand der Dex zehn Meter hoch ganz still und sagte sehr feierlich mit
weit ausgebreiteten Armen:
    »Peka! Peka! Hast Du nicht gehört, dass die geheimnisvolle Pallas-Wolke nur
zehn Meilen über unserm Nordtrichterrande ist? Wir brauchen darum doch den
grossen Turm nur zehn Meilen hoch zu bauen. Es ist nicht nötig, dass wir ihn
sechzig bis hundert Meilen hoch bauen. Unsre Messinstrumente haben uns eben,
solange wir nur auf unserm Stern lebten, der Spinngewebewolke gegenüber im Stich
gelassen; wir haben sie zu hoch eingeschätzt. Aber jetzt schadet das ja nicht
mehr. Wir haben uns bei unsern Messungen viel mehr mit dem Fernabgelegenen
beschäftigt als mit dem Nächstliegenden - der Lichtwolke. Es ist unbegreiflich -
aber bei unserm Interesse für das Ferne doch so natürlich. Denken wir nicht mehr
darüber nach.«
Und nun erzählte der Dex abermals dem Lesabéndio und Biba von seinem Modellturm.
    »Ich habe den Modellturm unten über dem Centralloch«, sagte er lachend und
mit den Händen herumfuchtelnd, »so konstruiert, dass er hundert Meilen hoch
gebaut werden konnte - hundert Etagen hoch. Ich habe aber erst die ersten zehn
Etagen fertig gemacht. Und jetzt höre ich, dass ich garnicht nötig habe, höher zu
bauen. Ja - soll ich das nicht einfach köstlich und entzückend finden? Jetzt
kann Peka doch der Turmidee nicht länger feindlich gegenüberstehen; es handelt
sich doch nur um einen Bau, der zehn Meilen hoch werden soll.«
    Die alten Pallasianer lachten dazu, und der eine sagte schmunzelnd:
    »Lieber Dex, wir haben vor drei Jahren den grossen Nuse-Turm gebaut und
wissen, dass er nur eine Meile hoch ist. Das war aber ein schönes Stück Arbeit.
Zehn Meilen hoch ist zehnmal höher. So einfach ist das alles nicht.«
    Doch es flog die Nachricht, dass der grosse Turm nur zehn Meilen hoch gebaut
werden sollte, rasch von Mund zu Mund - und alle alten Pallasianer nickten bald
zustimmend mit den Köpfen und alle sagten bald:
    »Darüber liesse sich reden; jetzt ist die Turmidee reif.« Als das dem
Lesabéndio und dem kranken Biba hinterbracht wurde, freuten sie sich sehr.
    Und als sie nun von dem Bau des Modellturms Weiteres gehört hatten und
einsahn, was der Dex alles für die Idee getan, da empfand der Lesabéndio eine
so stürmische Dankbarkeit dem Dex gegenüber, dass er garnicht wusste, wie er
dieser einen Ausdruck verleihen sollte.
    Und als der Dex herangesprungen kam, schrie ihm der Lesabéndio lachend
entgegen:
    »Dex, ich schenk Dir meine fünf Quikkoïaner, damit Du weisst, wie dankbar ich
Dir bin.«
    Und der kranke Biba rief auch:
    »Dex, ich schenk Dir auch meine kleinen Quikkoïaner.«
    Da freute sich der Dex mächtig.
    Aber die kleinen Quikkoïaner machten einen fürchterlichen Lärm und riefen
mit gellenden Stimmen durcheinander:
    »Pallasianer! Was fällt Euch ein? Ist das Euer Dank gegen uns, dass Ihr uns
wie Spielzeug verschenken wollt? Sind wir dazu mit Euch mitgekommen? Wir wollten
Eurem grossen Turmplan auf die Beine helfen. Und jetzt wollte Ihr uns wie
Spielzeug verschenken?«
    Sie fingen jämmerlich an zu weinen.
    Da kam die Spinngewebewolke herab.
    Und es ward Nacht auf dem Pallas.
 
                                Zehntes Kapitel
Die Quikkoïaner zeigen, dass sie ausserordentlich lustige kleine Leute sind und
für die Turmidee in sehr energischer Weise eintreten können. Lesabéndio spricht
zu den Quikkoïanern von der Bedeutung des Kopfsystems.
Und dann führt Dex den Lesabéndio auf den grossen Nuse-Turm, wo Nuse und Sofanti
auch voll Begeisterung für die grosse Turmidee sind und sofortige Abstimmung
verlangen. Alle Pallasianer - mit Ausnahme Lesabéndios - stimmen hierauf, auf
dem Modellturm sitzend, für den Bau des grossen Turms; Lesabéndio kommt zu spät.
Und es ward überall Licht gemacht - buntes Licht.
    Die Quikkoïaner sahen das Licht, und sie machten ihre Augen zu langen
Fühlhörnern und blickten umher; dabei bemerkten sie, dass die Pallasianer
garnicht wussten, was sie vor Verlegenheit sagen sollten.
    Da lachten plötzlich alle zehn Quikkoïaner hell auf, und der Nax, der
gewöhnlich für die neun andern sprach, sagte lachend:
    »Ist es denn wirklich möglich, Euch so furchtbar viel weiszumachen? Seid Ihr
so leichtgläubig, dass man Euch auch den allerdicksten Spass aufreden kann? Glaubt
Ihr wirklich, dass Euch Jemand böse sein kann? Glaubt Ihr wirklich, wir könnten
Euch böse sein? Glaubt Ihr, es wäre überhaupt möglich, uns als Spielzeug zu
behandeln? Glaubt Ihr, Tränen seien immer ein Zeichen des Schmerzes?«
    Da mussten auch die Pallasianer lachen.
    Aber der Nax sagte gleich:
    »Wir lassen uns aber das Verschenktwerden gern gefallen und gehören nun für
alle Zeit dem tatenfreudigen Dex. Der gefällt uns über alle Massen; warum sollen
wir ihm nicht angehören? Und das ist ja auch nicht schmerzhaft. Dex, sag uns
schnell, wer sich der Turmbauidee widersetzt, damit wir uns an seinen Hals
hängen und ihn überreden.«
    Dex war vergnügt für sechs und sagte, während alle seine vielen
Gesichtsfalten mächtig glitzerten:
    »Besonders müsst Ihr den Peka mit seinen Freunden überreden. Und dann ist
auch der Labu sehr lau, und der Manesi möchte sich auch gerne drücken - der
redet in letzter Zeit immer mehr davon, dass die meisten Rankenpflanzen die
dünnere Luft der höheren Atmosphäre nicht vertragen.«
    Na - die Quikkoïaner taten das ihrige.
    Lesabéndio setzte ihnen noch die Ergebenheitsgeschichte auseinander.
    »Es ist ja die grösste Torheit«, sagte er, »dass jeder der Pallasianer in ganz
besonderer Art den Stern Pallas ausbauen will. Das ist schon unendlich lange
Zeiten so gegangen, und dabei ist nichts rausgekommen. dabei konnte doch
garnichts rauskommen. Wir können den Stern doch nur dann ausbauen, wenn wir uns
in einem Plane vereinigen. Anders gehts doch nicht. Bleibt Jeder immer
eigensinnig bei seinem eigenen Einfall, ohne den Einfall des Nachbarn zu
berücksichtigen, so kann doch an die Ausführung eines Planes nie gedacht werden.
Wir müssen eben unsre Gedanken einem grösseren Gedanken - oder dem Gedanken eines
Grösseren unterordnen. Dadurch, dass wir das tun, brauchen wir unsre eigenen
Gedanken noch nicht fallen zu lassen; bei dem grossen Nordtrichterturm können ja
noch unzählige Stein-, Haut-, Licht- und andere Pläne zur Ausführung gelangen.
Aber das Wichtigste bleibt doch immer, dass Alles einem grösseren Plane
untergeordnet wird. Da wir nun wissen, dass der Stern Pallas ein Kopfsystem hoch
über seiner Atmosphäre besitzt, so ist es doch der natürlichste Gedanke, dieses
Kopfsystem mit dem Trichtertonnensysteme zu verbinden. Eine derartige Verbindung
ist aber doch nur denkbar durch Erbauung eines Turmes; wir müssen erst durch den
Turm zur Nähe des Kopfsystems hingelangen. Wie wir dann später den Turm mit dem
Kopfsystem in Wirklichkeit verbinden - das können wir natürlich erst dann
wissen, wenn wir dieses oben näher kennen gelernt haben. Kennen lernen müssen
wir aber dieses Kopfsystem; erst wenn wir es kennen gelernt haben, können wir
einen einheitlichen Faden in unsre Sternumbaugedanken hineinbringen. Der Turm
muss gebaut werden; ohne den Turm haben wir gar keine nähere Vorstellung von dem
Kopfsystem. In diesem sitzt unser Führer, der uns höher hinaufbringt. Durch ihn
sollen wir höher hinaufwachsen in eine noch feinere geistigere kompliziertere
Weltsphäre. Da nach oben hinaufzukommen - das muss unser nächstes Ziel sein. Und
daher müssen wir uns alle um den grossen Turmbau konzentrieren - ihm uns ergeben
- dadurch ergeben wir uns gleich unsrem grossen Führer - dem Grösseren, der mehr
kann als wir. Und wir müssen selig sein, dass wir jetzt alle wissen, wo wir den
Grösseren finden können. Dort oben über uns - da ist der Grössere.«
    Lesabéndio reckte sich fünfzig Meter hoch auf und hob alle seine Arme empor
und auch seine Rückenflügel. Und sein ganzer Oberkörper begann mächtig zu
leuchten, sodass alle, die es sahen, still wurden und sich danach vom Nächsten
erzählen liessen, was der grosse Lesabéndio gesagt hatte.
    Und die Quikkoïaner liessen sich zu Manesi und Labu und zu Peka und seinen
Freunden bringen, denen sie eifrig erzählten, was sie gehört hatten - und auch
das, was sie vom Kopfsystem des Pallas - vom Stern Quikko aus gesehen hatten.
    Dex aber führte den Lesabéndio zum Nuse-Turm, auf dem sich auch der Sofanti
aufhielt.
    Nuse empfing die Drei hoch oben auf seinem eine Meile hohen Lichtturm.
    Und er sagte gleich zum Lesabéndio:
    »Sofanti und ich sind durch Dex vollkommen für die Turmidee gewonnen worden.
Das ist dem Dex nicht schwer gefallen, uns zu überreden, denn es ist ja
selbstverständlich, dass die fünfzig schiefen Stahltürme, auf denen der erste
Ring ruhen soll, auch gleichzeitig Lichttürme werden müssen. Und die übrigen
höheren Stahltürme werden auch gleichzeitig Lichttürme sein. Ich also bin mit
ganzer Seele dabei. Und dem Sofanti geht es nicht anders, denn er wird die
Stahltürme oben mit Häuten zuschliessen müssen, damit sie lampionartig zu
Lichttürmen werden können. Ausserdem wird der Sofanti auch im oberen Teile des
ganzen Turmes womöglich diesen auf allen Seiten mit Häuten schliessen müssen, da
ja anders ein Schutz gegen die Spinngewebewolke nicht denkbar ist. Nun scheint
mir aber der Moment gekommen zu sein, die Entscheidung herbeizuführen. Wir
müssen noch in dieser Nacht alle Pallasianer im Nordtrichter zusammenrufen, und
sie müssen sich dann erklären, ob sie den Turm bauen wollen oder nicht. Fast
sämtliche der Frischgeknackten sind auf unsrer Seite - und das sind fast
vierhunderttausend Pallasianer - und von den alten Pallasianern sind die Hälfte
auch auf unsrer Seite. Wir hätten danach höchstens fünfzigtausend gegen uns, und
die könnten jetzt durch die Ankunft und Anwesenheit der zehn Quikkoïaner im
Handumdrehen umgestimmt werden.«
    Lesabéndio freute sich so sehr, dass er zitterte.
    Er sah ganz berauscht nach unten in den zwanzig Meilen tiefen Trichter, in
dem die unzähligen Scheinwerfer sich bewegten und die Zeit anzeigten. Und dann
sah er auf den Trichterwänden das Flimmern, das von den vielen Pallasianern
herrührte, die leuchtend auf den Bandbahnen herumfuhren, um die neuesten
Nachrichten vom Stern Quikko und vom Kopfsystem des Pallas zu vernehmen und
weiter zu verbreiten.
    Und dann bat der Dex, doch die Versammlung aller Pallasianer unten auf dem
Modellturm zu veranlassen. Lesabéndio wollte oben bleiben und erst nachher
kommen.
    Da fuhren denn die Drei auf Kneifzangen mit den Seilbahnen zum Centralloch
und liessen dort alle Pallasianer bitten, auf dem Modellturm zusammenzukommen.
Dieser war zehn Etagen bereits hoch und konnte sämtliche Pallasianer tragen.
    Und da setzten sich denn alle Pallasianer sehr bald, nachdem die
Centralmusik in den Sofanti-Häuten verklungen war, auf die zehn mächtigen
Eisenringe, sodass sie mit dem Kopfe ins Innere des Turmmodells schauten, während
sie sich mit ihrem Körper um den Ring geschlungen hatten.
    Und nun wurden zunächst von einigen jüngeren Pallasianern die zehn
Quikkoïaner im Innern des Modellturms herumgezeigt; in jedem Ringe wurde einer
der Quikkoïaner gezeigt.
    Und diese kleinen Kerle redeten mit ihrer hellen lauten Stimme ungefähr so:
    »Pallasianer, wenn Ihr jetzt Euch nicht entschliesst, den Turm zu bauen, so
seid Ihr schön dumm. Wir haben das Kopfsystem Eures Sterns gesehen. Ihr müsst das
auch sehen. Wenn Ihr Euch jetzt nicht alle zusammentut und den Turm baut, so
werdet Ihr nie dazu kommen, das Wesentlichste auf Eurem Stern kennen zu lernen.
Glaubt doch ja nicht, dass es auf allen Sternen so leicht ist, sich dem Kopfe des
Ganzen zu nähern. Auf unserm Stern Quikko befand sich das Kopfsystem mitten im
Innersten des Quallenflügelsterns. Und in dieses Innere konnten wir nie
hineingelangen, es leuchtete uns immer nur mit karminroter Glut entgegen - aber
wir mussten ihm fernbleiben. Wir konnten uns dem Kopfsystem unsres Sterns nicht
nähern. Ihr aber könnt Euch dem Kopfsystem Eures Sterns nähern, wenn Ihr den
grossen Turm baut. Wie Ihr da noch eine Stunde zögern könnt, ist uns
unbegreiflich.«
    
    So sprachen alle Zehn immerzu und immer weiter, sodass dem Dex ganz komisch
zumute wurde, da er garnicht zu Worte kam - auch garnicht nötig hatte, zu Worte
zu kommen.
    Er dankte im Innern dem Lesabéndio für die Turmfreunde vom Stern Quikko
unzählige Male und war schon ganz ungeduldig.
    Lesabéndio stand währenddem hoch oben auf dem Nuse-Turm immer noch ganz
allein, und er bemerkte plötzlich, dass das Flimmern in den Wänden des
Nordtrichters gänzlich verschwunden war.
    »Ach so«, flüsterte er, »die Pallasianer sind schon unten versammelt. Da muss
ich ja auch hin.«
    Und er sprang von der Turmspitze wieder hoch empor in die dunkle Nachtluft
hinauf und schoss dann im grossen Bogen hinunter; wieder warf er den
rausgestreckten Körper hinten rum und befestigte wieder den Saugfuss am
Hinterkopfe, sodass seine ganze Gestalt wie ein Ring aussah. Und dann liess er
wieder bald den einen Flügel und bald den andern Flügel aufgespannt zur Seite
herausragen, dass sein Körper in grossen, fein gewundenen, nach unten
runtergezogenen Spiralkurven ganz langsam dem Trichtergrunde zuschwebte, auf dem
der Modellturm erbaut war, der jetzt alle Pallasianer mit Ausnahme des
Lesabéndio in seinen zehn Ringen vereinigte; selbst der kranke Biba hatte sich
auf dem untersten Ringe niedergelassen; man hatte den Biba festgebunden, da sein
Bein noch nicht zugeheilt war; die Pflaster lagen ja erst ein paar Stunden auf
der grossen Wunde.
    Lesabéndio schwebte in Spiralkurven langsam zur Tiefe und dachte nur an
seine Ergebenheitsteorie. -
    »Und wenn man«, sagte er leise zu sich, »auch keine Einigung erzielt, so
wirds ja wohl auch so gut werden. Wenn der grosse Geist, der uns führt - und den
ich ganz bestimmt hoch über unserm Nordtrichter als ein grosses Wesen fühle -
wenn dieser grosse Geist nicht will, dass wir uns ihm nähern - wenn er nicht will,
dass wir uns ihm nähern - dann wird es ja wohl auch so gut sein. Wir haben ja
getan, was wir konnten. Mehr können wir nicht tun. Wenn jetzt Peka und seine
Freunde sich abwenden von dem Turmplan, wenn sie uns weiterhin widerstreben, so
können wir ja vielleicht auch ohne sie den grossen Bau beginnen. Aber der Peka
hat sehr viele Freunde und sehr viele Maschinen, die wir alle gebrauchen werden.
Und - es ist nicht gut, wenn die Pallasianer solch ein grosses Werk beginnen,
ohne sich vorher geeinigt zu haben. Aber das wird ja alles so kommen, wie es
kommen muss. Wir haben getan, was wir tun konnten. Mehr können wir nicht tun. Und
wir wollen uns in der Ergebenheit üben. Und wir wollen mit allem zufrieden sein
- wies auch kommt.«
    Da hörte der Lesabéndio in der Tiefe ein grosses Geschrei - und dann einen
ungeheuren, glockenhellen, lang gezogenen Ton.
    »Ist das«, fragte Lesabéndio, »Sofanti-Musik? Nein! so hats noch nie
geklungen. Es müsste denn grade der Ton durch eine neue Erfindung des Sofanti
hervorgerufen sein. Aber das glaub ich nicht. Ich glaube, das waren alle
Pallasianerstimmen zusammen. Nun werden sie vielleicht alle ihre Stimmen für und
wider den Turm abgeben, nur ich allein werde fehlen. Schliesslich baut man noch
den Turm ohne meine Einwilligung. Das wäre sehr seltsam und sehr lustig. Es ist
nur gut, dass alle aufgeregten Augenblicke des Lebens auch immer ein drolliges
Element in sich haben. Aber ich bin jetzt sehr neugierig, wie die Geschichte
abgelaufen ist. Ich muss schneller fliegen.«
    Er löste vorsichtig seinen Saugfuss von seiner Kopfhaut los und schoss jetzt
fünfzig Meter ausgestreckt mit eingezogenen Flügeln und grade wie ein Stock den
Kopf nach unten zur Tiefe.
    Und er hörte nochmals das Geschrei und dann wieder den lang gezogenen,
dumpfen Glockenton.
    Und danach hörte er den lang gezogenen, dumpfen Glockenton zum dritten Male.
    Und dann sah er die zehn Etagen des Modellturms mit seinen Teleskopaugen
ganz deutlich - und er sah auch alle Pallasianer.
    Und dann kam er nach unten und schoss von oben mitten ins Innere des
Modellturms hinein.
    Und da riefen alle:
    »Lesabéndio!«
    Und dann lachten alle.
    Und dann sagte der Dex:
    »Nun haben alle Pallasianer einstimmig - einstimmig - einstimmig - dreimal
einstimmig beschlossen, Deinen Turm zu bauen. Du aber, Lesabéndio, hast Deine
Stimme nicht abgegeben.«
 
                                 Elftes Kapitel
Der Quikkoïaner Nax hat eine grosse Idee, die aber nicht zu verwerten ist. Dex
setzt darauf in einer Volksversammlung auseinander, dass zunächst vierundvierzig
eine Meile hohe Türme oben gebaut werden müssen. Man macht dem Peka, Labu und
Manesi Versprechungen, die aber während des Baus nicht gehalten werden. Peka ist
ganz besonders unglücklich, dass seine Ideen nicht zur Ausführung gelangen. Als
das erste Stockwerk nach sehr langer Arbeit fertig ist und wie ein Gerüst
aussieht, ist dem Labu die Heilsalbe ausgegangen. Peka bekommt einen
Krampfanfall, der schliesslich dem Labu das gibt, was ihm fehlt.
Der kleine Nax vom Stern Quikko hing am Halsband des grossen Lesabéndio und sagte
mit seiner schrillen Vogelstimme:
    »Grosser Le, ich verstehe nur nicht, warum Ihr nicht ein grosses Seil über den
Nordtrichter spannt und Euch dann in die Höhe schiessen lasst vom Seil aus. Was im
Süden bei Euch geht, muss doch auch im Norden gehen.«
    »Geht aber doch nicht!« sagte Lesabéndio, »die Spinngewebewolke oben muss
wohl einen grossen Druck ausüben. Wir kommen oben nicht sehr weit - kaum eine
Meile. Mit dem Seile ist es schon versucht worden.«
    »Ja!« versetzte der Nax, »da müsst Ihr schon den Turm bauen. Schade, dass Euch
die Quikkoïaner nicht helfen können. Aber wir sind doch zu klein.«
    Währenddem hatte der Dex schon oben die Stellen untersucht, an denen die
Türme gebaut werden sollten.
    Die festliche Stimmung war sehr bald verwischt. Eine rücksichtslose,
tatgierige Hast packte die meisten Pallasianer - besonders die jüngsten.
    Biba sah diese Hast und sagte zu Lesabéndio:
    »Mir ist diese Heftigkeit der Pallasianer garnicht angenehm. Wir stehen vor
sehr langwierigen Arbeiten und sollten daher etwas weniger beweglich vorgehen.
Wer Grosses erreichen will, muss zunächst bemüht sein, geduldig zu werden. Man muss
es lernen, auch das Peinliche zu ertragen. Mein Fuss heilt nur ganz langsam. Und
ich fürchte, dass bei den grossen Turmbauten Verletzungen unsrer Gliedmassen öfters
vorkommen könnten. Damit müssen wir rechnen. Und darum sollten wir den Labu
zunächst veranlassen, mehr von den berühmten Alten Salben herzustellen. Die kann
er denn in hübsch glasierten Kruken auf dem Rande des Nordtrichters aufstellen,
damit die Salben immer gleich zur Hand sind, wenn mal was passiert.«
    Und nun fuhren die Beiden zum Labu und setzten ihm das auseinander; Biba sass
auf Lesabéndios Rücken während dieser Fahrt.
    Labu war natürlich gleich bereit, das Gewünschte herzustellen. Doch er
brauchte dazu drei Tage und drei Nächte hindurch die Mitarbeit von
hunderttausend Pallasianern; die Salben herzustellen, machte sehr viel Mühe.
    Dex war währenddem mit der Untersuchung des Nordtrichterrandes fertig und
erklärte feierlich in einer grossen Volkssitzung im Modellturm der Mitte, dass
überall oben genügende Mengen von Kaddimohnstahl vorhanden seien; die
Magnetsteine liessen sogar die Anzahl der Stahlstangen erkennen.
    »Nun bin ich aber der Meinung«, fuhr Dex fort, »dass wir Nuses ersten graden
Turm sehr wohl mitbenutzen könnten. Wollen wir das aber, so sind wir wohl
genötigt, noch drei andre grade Türme zu errichten, damit das erste Stockwerk
des grossen Turms ein regelmässiges wird. Wir bauen die graden Türme wohl am
besten an den Ecken eines Quadrats, dessen Seiten nicht viel mehr als zehn
Meilen lang werden dürften. Zwischen den graden Türmen denke ich mir dann je
zehn schiefe, sodass wir das ganze Gerüst auf vierundvierzig Grundtürmen
errichten.«
    Dieser Vorschlag wurde nach längeren Reden angenommen. Peka sagte aber zum
Schluss:
    »Das Wort Gerüst ist gefallen. Das scheint mir sehr bezeichnend zu sein. Ich
glaube, dass das Ganze wie ein grosses Gerippe aussehen wird, dem das Fleisch
fehlt. Ich fürchte, der Lesabéndio-Turm wird zur Verschönerung unsres Sterns
nicht viel beitragen.«
    Grosses Halloh entstand, und der Biba sprach danach:
    »Nicht so heftig! das möchte ich immer wieder allen Pallasianern zurufen.
Wir dürfen ein so grosses Werk nicht so stürmisch anpacken, sonst geht uns zu
schnell unsre Kraft aus. Peka kann doch die Fundamente für die Grundtürme in
grossen Kristallformen fest verankern. Labu kann die Knotenpunkte im Gerüst ganz
nach seinem Geschmack gliedern und umschalen. Und Manesi kann überall, wo leere
Flächen entstehen, seine Rankenpflanzen anbringen. Dadurch wird doch der
Gerüstcharakter des Ganzen aufgelöst.«
    »Das sind zunächst Versprechungen!« sagte der Manesi, »ich fürchte, dass uns
die grosse weisse Wolke oben manchen Strich durch die Rechnung machen wird.«
    Daran wollten nun die Meisten nicht glauben. Lesabéndio, Dex und Biba
versicherten immer wieder, dass die künstlerische Ausgestaltung des grossen, zehn
Meilen hohen Turms, der Kopf- und Rumpfsystem des Pallas miteinander verbinden
sollte, nicht vernachlässigt werden würde.
    Peka bekam gleich den Auftrag, die Fundamentformen in Zeichnungen
herzustellen. Und so gingen denn alle Pallasianer an die grosse Arbeit - manche
mit sehr gemischten Gefühlen - besonders die Anhänger von Peka, Labu und Manesi.
    Und nun entstanden zunächst die drei graden Türme, die dem ersten des Nuse
entsprachen. Peka stattete bei dem einen das Fundament mit mächtigen
Kristallblöcken aus, die sehr hell funkelten. Aber drei Türme blieben ohne die
Kristallfundamente. Als die graden Türme so weit fertig waren, dass sie fest
zusammenhielten und die nötige Tragkraft versprachen, wurden alle Arbeiter
wieder von so nervöser Hast und Unruhe gepackt, dass man sofort die Herstellung
der vierzig schiefen Türme in Angriff nehmen musste. Man wollte baldigst
Resultate sehen. An den vier graden Türmen hatte man zwanzig Tage und zwanzig
Nächte fast ohne Unterbrechung gearbeitet.
    Biba mahnte wieder zur Ruhe, er erklärte, dass der Pallasianer auch schlafen
müsse, sonst könne sein Körper nicht die nötige Nahrung aufnehmen.
    Widerwillig bequemte man sich zu längerer Nachtruhe. Aber dann gings wieder
los, als sässen unruhige Hetzgeister den Pallasianern im Nacken. Und man dachte
garnicht mehr an künstlerische Ausgestaltung. Man wollte nur alles so fest wie
möglich machen, befestigte verankerte Stangen noch weiter dem äusseren
Trichterrande zu in den Stein und brachte da auch starke Drahtseile an, mit
denen die schiefen Türme festgehalten wurden.
    Jetzt waren bald nur noch Stangen und Seile zu sehen. Und nach hundert Tagen
und hundert Nächten reckten sich vierzig schiefe Stöcke in die Luft - jeder war
eine Meile hoch, und er hatte neben sich viele Stangen und Seile, mit denen er
von hinten festgehalten wurde.
    Das sah keineswegs entzückend aus.
    »Wie ichs befürchtet habe«, sagte Peka, »so ist es gekommen. Das hab ich
alles vorausgesehen. Jetzt haben wir eine herrliche Krone für unsern Stern
zurecht gezimmert. Und uns tun alle unsre Glieder weh, und viele Pallasianer
haben Verletzungen erlitten, sodass von Labus vielen Salben nicht viel übrig
geblieben ist.«
    Biba, dessen Bein wieder ganz geheilt war, sprach in der Volksversammlung
und bat alle flehentlich, doch ja Geduld zu haben. Und dann sprach er mit Peka
allein.
    Doch Peka sagte heftig: »Die Versprechungen sind mir noch nicht gehalten.
Ich habe erst ein einziges Fundament mit riesigen Kristallen umgeben -
dreiundvierzig sind noch ohne Kristall.«
    Nun wollte der Biba dafür sorgen, dass zuerst die Fundamente hergestellt
würden. Da jedoch stiess er überall auf Widerstand.
    Dex sagte:
    »Wenn das geschieht, so werden wir niemals mit dem grossen Turm fertig.
    Die Fundamente würden mindestens zweihundert Tage und zweihundert Nächte
beanspruchen. Jetzt müssen zunächst alle Türme oben miteinander verbunden
werden, damit das ganze Gerüst feststeht und nicht mehr fallen kann.«
    Und man tat in weiteren fünfzig Tagen und fünfzig Nächten, wie der Dex
verlangt hatte.
    Das war aber eine ungeheuerliche Arbeit, nach der alle ganz erschöpft
dalagen und kaum die Glieder bewegen konnten. Eine mehrtägige Pause musste
eintreten.
    Und da besuchte Lesabéndio den Labu in dessen grossem Atelier, das neben dem
des Peka lag.
    Labu lag ganz traurig auf einer grossen hellblauen Türkisschale und sagte:
    »Lieber Lesabéndio! Wir sind hier ganz dicht neben Pekas Atelier, und ich
habe den Peka schon zweimal sehr laut zu sich selber sprechen hören. Ich weiss
nicht, was ihm fehlt. Verletzt beim Turmbau hat er sich nicht. Ich war bei ihm.
Aber das ist es nicht, was mich so traurig macht. Etwas Andres macht mich
traurig. Ich habs noch keinem bisher gesagt. Ich wollte zuerst mit Dir darüber
sprechen.«
    Lesabéndios Augen glühten wie zwei kleine Scheinwerfer, und er sagte ruhig:
    »Ich bin auf das Schlimmste gefasst. Sage nur, was Du mir zu sagen hast. Wir
werden schon einen Ausweg finden.«
    »Ich fürchte«, erwiderte Labu, »das wird nicht so schnell gehen. Du weisst:
die Kaddimohnstangen sind sehr lang. Die meisten sind über dreitausend Meter
lang, viele sind eine ganze Meile lang. Mit solchen Stangen da oben in der Luft
zu hantieren, war sehr schwierig.«
    »Das weiss ich doch«, rief heftig der Lesabéndio dazwischen, »halte Dich doch
nicht so lange mit der Einleitung auf. Ich bin doch auch allmählich sehr
ungeduldig geworden.«
    »Du solltest«, versetzte Labu, »aber nicht so ungeduldig sein - Du am
allerwenigsten. Aber ich will mich kurz fassen: sehr viele Verletzungen haben
die Pallasianer beim Turmbau davongetragen - namentlich an den Saugfüssen. - Und
- und - meine Salbe ist dabei aufgebraucht worden. Und ich weiss nicht, wie ich
neue herstellen soll. Es ist mir ganz unmöglich, Flüssigkeiten zu bereiten.«
    »Oh!« rief Lesabéndio, »das ist schlimm!«
    »Ja«, fuhr Labu fort, »Tropfen würde ich mit Jubel begrüssen. Der Stern
Pallas ist zu trocken. Zwanzig Quetschungen habe ich bei zwanzig Pallasianern
bereits mit einer Masse eingerieben, die garnicht feucht ist und deshalb
garnicht wirken kann. Die Ärmsten dauern mich. Ich weiss mir nicht mehr zu
helfen. Wenn wir auf dem Stern Quikko Flüssigkeit entdecken könnten ...«
    »Das nimmt ja«, sagte Lesabéndio, »zu viel Zeit in Anspruch. Das geht ja
garnicht. Dann müssten wir ja mindestens zwanzig Tage und zwanzig Nächte
pausieren.«
    Nach diesen Worten hörten die Beiden in Pekas Atelier plötzlich einen
furchtbaren Schrei, der in ganz unartikulierte Laute überging. Die Beiden
sprangen auf und flogen zum Peka und sahen, wie er sich auf dem Fussboden wand
wie eine Schlange - sein Körper zuckte. Und dann schrie der Peka noch lauter und
rief plötzlich:
    »Du hast mich zerstört! Du hast mir Alles genommen. Du hast mich vernichtet.
Dein verfluchter Turm hat meinen Künstlerträumen ein erbärmliches Ende bereitet.
Das kann ich nicht überleben. Du hast mich zerstört.«
    »Still! still!« sagte Lesabéndio, »Du brauchst ja oben nicht mehr
mitzuarbeiten. Du kannst ja hier in Deinem Atelier bleiben. Sei doch nicht so
aufgeregt. Ich konnte doch nicht anders. Ich musste doch auf meinem Wege bleiben.
Zürne mir nicht! Vergib mir!«
    Aber Peka schrie wieder wie ein Rasender, und grosse Tropfen stürzten aus
seinen Augen. Und er sagte mit heiserer Stimme:
    »Dein Trost nützt mir nichts. Ich habe die Hoffnung verloren. Jetzt habe ich
nicht mehr die Hoffnung, dass meine Ideen jemals ausgeführt werden. Daran ist
nicht mehr zu denken. Alles hat Dein Turm verschlungen. Du hast mir Alles
zerschlagen - alle meine Brillanten - alle meine harten Granitblöcke. Du hast
mich selbst zerschlagen. Für die Wunden gibt es keine Salben. Ich gehöre nicht
mehr auf den Pallas. Was soll ich hier? Ich bin überflüssig. Und ich kann es
nicht ertragen, überflüssig zu sein. Alle meine Träume von der glatt polierten
Zukunft des Pallas sind zerflattert. Und ich kann das nicht ertragen. Ich möchte
Deinen Turm zerreissen. Ja, das möchte ich, Lesabéndio!«
    Und abermals traten dicke Tropfen aus Pekas Augen und rieselten über seine
Wangen.
    Labu aber sprang hoch auf und schrie plötzlich auch. Sein Schrei klang aber
wie der Schrei der höchsten Seligkeit.
    Wie ein Toller sprang Labu in Pekas hohem Atelier herum. Und dann riss er
eine kleine Flasche von seinem Halsbande los, bückte sich zu Peka und rief:
    »Ich habs! Ich habs! Peka, gib mir mehr Tropfen aus Deinen Augen! Dann kann
ich wieder Salbe machen!«
    Und er fing alle Tropfen, die aus Pekas Augen kamen, in seinem Fläschchen
auf und lachte wie ein Toller.
    Peka sah den Labu ganz verwundert an und sagte leise:
    »Was ist denn das? Ich verstehe Dich nicht.«
    »Oh!« rief da der Lesabéndio, »ich verstehe, was es ist.
    Das sind sogenannte Tränen - kostbare Flüssigkeiten. Vor langer Zeit sind
schon bei einem alten Pallasianer, der verschwunden ist, solche Tränen entdeckt
worden. Man sagte damals, er habe geweint. Weine mehr, lieber Peka! Den Labu
wirst Du glücklich machen. Und die verwundeten Pallasianer wirst Du auch
glücklich machen. Dein Schmerzensausbruch ist für uns ein grosses Glück.«
    Da sah der Peka die Beiden gross an. Und als ihm Labu von seiner Verlegenheit
erzählt hatte, traten dem Peka noch mehr Tränen in die Augen.
    Und da mussten plötzlich alle Drei furchtbar lachen - auch der Peka.
 
                                Zwölftes Kapitel
Die kleinen Quikkoïaner zeigen, was sie können. Der Nax tut sich ganz besonders
hervor. Die weiche Natur der Quikkoïaner steht zur harten der Pallasianer in
schroffem Gegensatz. Das zweite und das dritte Stockwerk des Turms werden
gebaut. Peka ist sehr unglücklich, dass er bei einer Arbeit bleiben muss, die für
seine Ideen wertlos ist. Nax will ihn trösten - das gelingt ihm aber nicht. Nax
hat Mitleid mit dem Peka und will den Sofanti verhindern, seine Häute
auszuspannen, die gegen die Spinngewebewolke, von der die Arbeit oben behindert
wird, einen Schutz bilden sollen. Es gelingt aber dem Nax, den Sofanti vom
grossen Plan abzubringen, ebenfalls nicht. Dagegen gelingt dem Sofanti, die Häute
so stark zu machen, dass sie von der Spinngewebewolke nicht mehr zerrissen werden
können.
Und alles lachte über Labus Tränenspass, und der Peka musste immer mitlachen, was
ihm schliesslich etwas schwerfiel.
    Aber den kleinen faustgrossen Quikkoïanern machte es den allergrössten Spass,
dass die Tränen der grössten Wut und des grössten Schmerzes zur Heilung kranker
Gliedmassen benutzt werden konnten.
    Peka und Labu hatten daher immer einen der Quikkoïaner am Halsbande. Deren
lustige ziel- und sorgenlose Gemütsart erheiterte die Pallasianer. Der kleine
Nax war ganz besonders ausgelassen; er arrangierte immer wieder etwas Neues.
    »Wir sind an Eure grosse Schwerfälligkeit«, sagte er zwitschernd, »noch nicht
gewöhnt. Auf dem Quikko haben wir uns niemals Mühe gegeben, etwas zu verbessern
oder auszubauen. Daran dachten wir nie. Der Pallas ist ein ganz besondrer Stern.
Der verändert sich nicht so leicht; er ist sehr hart und trocken und
undurchsichtig. Der Quikko dagegen ist sehr weich, gallertartig und
durchsichtig. Letzteres allerdings nur, wenn er will. Aber wir sind ebenso wie
unser Stern - auch so leicht veränderlich wie er.«
    Und dann gab er seinem kleinen Körper die Tonnengestalt des Sterns Pallas
und wurde undurchsichtig und bekam blaue Flecke und ein Loch in der Mitte und
oben und unten zwei kleine Trichter. Von dem Kopf des Quikkoïaners war dabei
nichts zu sehen.
    Die Pallasianer starrten das Wunder mit Mikroskopaugen an. Der Nax drehte
sich und schwebte frei in der Luft. Das machte natürlich auf dem ganzen Pallas
grosses Aufsehen. Und der Peka interessierte sich so sehr dafür, dass man zwei
Tage und zwei Nächte den grossen Turmbau auf dem Nordtrichter gänzlich vergass.
    Es hätte nun nicht viel gefehlt - und die Gedankenrichtung der
Pallasbewohner wäre durch die kleinen Gäste bald in eine ganz andre Richtung
gekommen.
    Lesabéndio erkannte die Gefahr und sprach darüber mit dem Biba, und der
sagte:
    »In diesem Nax steckt zweifellos ein kleiner Spötter. Aber er kann nicht
alles, was er will. Er hatte mir schon längst von dieser Umwandlung seines
Körpers erzählt. Er wollte auch über sich ein kleines Kometensystem erzeugen, um
ganz dem Pallas ähnlich zu sehen. Aber das ist ihm glücklicherweise nicht
gelungen. Die Kleinen kriegen es immer fertig, sich lustig zu machen - über
alles Mögliche. Aber es hat seine Grenzen. Eine Gefahr für unsern Turm besteht
aber in diesen Verwandlungskünstlern, die uns eigentlich sehr scharf
verspotten.«
    Darin hatte nun der gute Biba Recht, denn die Quikkoïaner gaben immer wieder
andre Umwandlungen ihres Körpers zum Besten. Sie übten sich darin, wenn sie
unter sich waren - hauptsächlich dann, wenn die Pallasianer schliefen; die
Kleinen vom Quikko brauchten sehr wenig Schlaf - konnten ausserdem immer
schlafen, wenn sie wollten - sie wurden dabei zur runden undurchsichtigen Kugel.
    »Wir«, sagte Lesabéndio, »quälen uns, um eine Umwandlung unsres Sterns
hervorzubringen, ganze Jahrhunderte hindurch. Und diese Kleinen wandeln sich
alle Tage um - bald sehen sie aus wie ein kleiner Pallasianer - dann ähneln sie
wieder unsern Glühwürmern - dann werden sie zu Ballonpflanzen - dann zu
Kreisringen, die sich um unsre Stirn und um unsern Leib schnallen können wie ein
Gurt. Man könnte die Kleinen beneiden. Was wir mit schmerzlichstem
Selbstüberwinden kaum erreichen - das machen die zum Spass - aus Laune. Wir
müssten die Kleinen beschäftigen, damit sie die Unsrigen nicht ablenken.«
    Biba sagte dazu:
    »Nax müsste dem Peka am Halse bleiben, um ihn zu erheitern, Manesi und Labu
müssen auch ihre Leib-Quikkoïaner bekommen. Ich werde versuchen, die Kleinen zu
überreden. Peka wird uns ganz bestimmt bald sehr gefährlich werden. Auf uns
hören ja die Kleinen. Ich bin übrigens sehr sehr ungeduldig und möchte, dass wir
den Bau des nächsten Stockwerks noch heute in Angriff nehmen. Bist Du nicht auch
der Meinung?«
    »Sofort müssten wir«, versetzte Lesabéndio lebhaft, »mit dem Weiterbau
beginnen. Ich kanns kaum noch erwarten. Aber Du musst erst die Kleinen für unsre
Arbeit wieder mehr zu interessieren suchen. Sie haben uns ja schon so viel dabei
geholfen. Das wollen wir nicht vergessen. Die einmütige Abstimmung auf dem
Modellturm wäre ohne die Kleinen nicht möglich gewesen.«
    Nun tat Biba, wie Lesabéndio wollte. Und dann begann man am nächsten Tage
mit dem zweiten Stockwerk.
    Dex war der Meinung, dass man das zweite Stockwerk so schräg wie möglich
ansetzen müsse, um an Kaddimohnstahl in den höheren Stockwerken zu sparen.
    Der Turmbauer Nuse führte eine Verbesserung der Maschinen ein, mit denen der
Stahl aus dem Innern des Sterns herausgezogen werden musste. Und auch die
Maschinen, die den Stahl zu den Höhen emporbrachten, wurden verbessert.
    Und so ging dieses Mal die Arbeit viel schneller, und Verletzungen beim
Halten und Befestigen der Stahlschienen kamen garnicht mehr vor.
    Nach dreiundfünfzig Tagen und Nächten war auch das zweite Stockwerk fertig -
wie ein schräges Dachgestell ragte es über dem Nordtrichter zur Mitte zu.
    Die Pallasianer waren wieder alle sehr ermüdet und wollten eine grössere
Pause haben.
    Aber Lesabéndio und Biba waren unruhiger und ungeduldiger als bisher. Auch
Dex und Nuse waren sehr ungeduldig und wollten nichts von einer Pause wissen.
Sofanti war der ungeduldigste von allen, er sagte:
    »Jetzt müssen wir aber endlich wissen, ob uns die grosse Spinngewebewolke
gefährlich werden kann. Wenn das wäre, müsste ich für riesige Hautmassen sorgen,
damit wir so dem Spinngewebe gegenüber geschützt sind. Ob das mit den Häuten,
die ich herstellen kann, möglich ist, das weiss ich natürlich noch nicht. Aber
wir werden es wissen, wenn wir nochmals ganz schräge das dritte Stockwerk
ansetzen. Darüber müssen wir endlich ins Klare kommen. Wir haben keine Zeit zu
verlieren.«
    Und es gelang dem Sofanti und seinen Freunden, die Andern zu überreden. Und
man setzte das dritte Stockwerk auf die beiden andern - so schräge wie möglich.
    Und als die ersten vier Türme fest sassen, kletterten einige Pallasianer beim
Nachtanbruch hinauf - und da mussten sie der grossen Spinngewebewolke weichen -
ganz oben konnten sie nicht bleiben. Nun kam wieder eine neue Bewegung in die
Bauleute. Sofanti hatte Recht gehabt.
    Jetzt handelte es sich zunächst darum, auszuprüfen, ob die Sofanti-Häute vor
der Wolke schützten. Um das auszuprüfen, musste man noch mehr Türme bauen. Und
man baute schliesslich mit der grössten Heftigkeit alle vierundvierzig. An den
oberen Teilen konnte nur am Tage gebaut werden. Nun waren die Spitzen der
obersten Türme miteinander zu verbinden. Und das beanspruchte sehr lange Zeit,
da beim Herannahen der Wolke alle Bauleute wieder runterkommen mussten.
    Nach hundert Tagen und Nächten wusste man immer noch nicht, ob die
Sofanti-Häute genügenden Schutz zum Weiterbauen gewähren würden.
    Und der Peka wurde immer ungeduldiger. Aber seine Ungeduld war von andrer
Art als die von Lesabéndio, Biba, Dex, Nuse und Sofanti. Diese konnten beim
Turmbau ihre künstlerischen Ideen einigermassen zur Geltung bringen, Peka aber
sah, dass er ganz kaltgestellt war. Und Labu und Manesi sahen, dass es ihnen
ebenso ging wie dem Peka.
    Der kleine Nax gab sich die grösste Mühe, den Peka zu trösten. Aber Naxens
Verwandlungsscherze erzielten bald nicht mehr die Wirkung wie bisher. Peka wurde
immer trauriger.
    Die Quikkoïaner hatten mittlerweile gelernt, ihrem Körper kleine Flügel zu
geben, mit denen sie sich ganz frei in der Luft halten und somit vor dem Gesicht
des Pallasianers sprechen konnten, wenn dieser oben mit dem Lenken und
Befestigen der Kaddimohnstahlstangen beschäftigt war.
    In einer solchen Situation sagte der Nax zum Peka hoch oben drei Meilen über
dem Nordtrichter, als hell die Spinngewebewolke herunterglänzte, während die
Sterne ringsum smaragdgrün im dunkelvioletten Himmel funkelten:
    »Lieber Peka! Ich verstehe den Eigensinn nicht. Wenn man sich auch Hunderte
von Jahren damit befreundet hat, die Zukunft seiner Umgebung nur in einer
harten, kantigen Brillantenarchitektur zu erblicken, so kann man doch, wenn man
einsieht, dass die Ausführung dieser Idee nicht gut möglich ist, ganz gemütlich
darauf verfallen, sich die Sache in der Phantasie auszumalen und die
Wirklichkeit zu lassen, wie sie grade ist. Ich verstehe nicht, warum man
eigensinnig grade die Ausführung im grossen Massstabe will, wenn man sie im
kleinen Massstabe haben kann. Der ist doch auch etwas. Unsre Phantasie ist doch
auch was Reales. Wie kann man nur so eigensinnig sein wie Du und wie Labu und
Manesi, die auch immer jammern. Auf dem Quikko jammerte man nie. Da wollte keine
Seele das, was sie nicht konnte. Man wollte nur das, was man konnte.«
    »Jawohl«, versetzte Peka, »aber das hat Euch auch grade so weit gebracht,
dass Ihr gar keine höheren Ziele kennen lerntet. Ihr habt auch niemals gewusst,
was es heisst, nach unsäglichen Mühseligkeiten endlich sein Ziel zu erreichen.
Ihr seid immer sehr zufrieden. Aber dafür habt Ihr auch niemals stärkere
gewaltigere körpervernichtende Seligkeiten kennen gelernt. Ihr lebt hier immer
nur als Zuschauer und als Spassmacher und seid dabei ganz zufrieden. Was wir aber
bei dieser nervenzerstörenden Arbeit empfinden, davon habt Ihr gar keine Ahnung.
Du weisst nicht, was ich leide. Und Du wirst meinen Schmerz niemals verstehen.«
    Der kleine Nax wusste nicht recht, was er sagen sollte. Schliesslich meinte er
ganz treuherzig:
    »Du, ich werde dem Lesabéndio und dem Biba auseinandersetzen, dass sie doch
die ganze Turmgeschichte aufgeben müssten. Wenn höher hinaufgebaut werden sollte,
so würde doch alles durch die Spinngewebewolke zerstört werden. Die
Sofanti-Häute würden nichts nützen. Das werde ich sagen. Und dann kannst Du
unten Brillantenarchitektur machen. Du hast dem Lesabéndio und Biba geholfen,
solange es ging. Sie müssen Dir dafür auch helfen, solange es geht. Und dann
wirst Du Deinen Schmerz los und wirst wieder so lustig wie ich. Ich kanns
garnicht ansehen, wenn Einer so traurig ist wie Du. Ich gebe ja gerne zu, dass
ich nicht die stärksten Seligkeiten kenne - aber wenn ich die mit so viel Qualen
erkaufen soll wie Du - dann will ich sie lieber niemals kennen lernen. Das
kannst Du mir glauben.«
    »Du bist eben«, erwiderte Peka, »ein kleiner Flachkopp und hast keine
Knochen im Leibe wie die harten Pallasianer. Ich möchte wieder nicht so leicht
veränderlich und so wenig fest wie Du sein - das kannst Du mir auch glauben.«
    Sie sprachen noch lange so weiter, und der kleine Nax flog zum Sofanti und
setzte ihm auseinander, dass seine Häute wohl nicht genügenden Schutz den Wolken
gegenüber gewähren würden.
    Da kam aber der Kleine schön an.
    »Dann machen wir«, sagte Sofanti lachend, »die Häute immer dicker, bis sie
gut sind. Die Häute werden ja trotzdem durchsichtig bleiben. Du willst wohl die
Pallasianer verleiten, von ihrem Plan abzukommen; der Peka scheint Dir mit
seinen Tränen ein wenig imponiert zu haben. Aber glaube nur: wir schätzen jeden
Pallasianer, aber deswegen schätzen wir doch unsre Ideen noch viel mehr als
alles andre. Da gibt es keine Rücksichten. Wenn wir was wollen, setzen wir das
auch durch - mag kommen, was da will. Auch vor den Tränen der Andern haben wir
keine Angst. Das, was von uns einmal als richtig erkannt worden ist, das muss zum
Durchbruch kommen. Wir verändern unsre Ideen nicht. Wir haben keinen
veränderlichen Leib wie Ihr. Und wir haben auch keinen veränderlichen Kopf wie
Ihr. Wir können nicht heute dieses und morgen jenes wollen. Wir bleiben immer in
derselben Richtung, wenn auch die ganze Welt untergeht.«
    »Seid Ihr aber hart!« rief da der kleine Nax aus, und er flog zum Lesabéndio
und wollte ihn überreden, die Turmgeschichte aufzugeben - doch er fand die
richtigen Worte nicht und wagte es schliesslich garnicht, den Mund aufzutun.
    Und beim Biba ging es ihm ebenso.
    Und dann wurden die Sofanti-Häute oben drei Meilen über dem Nordtrichter
ausgespannt. Und - sie rissen entzwei.
    Aber Sofanti liess stärkere Häute hinaufbringen - und die rissen abermals
entzwei.
    Der kleine Nax lachte und rief, während er sich in ein zwanzig Quadratmeter
grosses Hautstück umwandelte - ein ganz neuer Scherz, auf den er sehr stolz war:
    »Lieber Sofanti, vielleicht verwendest Du die Quikkoïaner als Schutzhüllen.
Wir opfern uns gerne, wenn wir auch die grössten Seligkeiten der Tatkreaturen
nicht kennen.«
    Sofanti lachte und liess sich nicht stören.
    Und nach zehn Tagen und zehn Nächten hatte er neue Häute oben, die dem
Drucke der Spinngewebewolke - Stand hielten.
    Da gabs aber keinen grossen Jubel auf dem Pallas; die Bewohner dieses Sterns
waren durch die lange Arbeit so erschöpft, dass Keiner mehr was von Neuigkeiten
hören wollte.
    Auch die Quikkoïaner fanden keine Zuhörer, und sie blätterten daher am
Halsbande der Pallasianer in den kleinen Büchern und lasen darin.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Lesabéndio, Peka und Biba werden in ihren Schlafsäcken kurz vor dem Einschlafen
mit ihren Monologen vorgeführt. Peka bekommt, um Haut zu schaffen, den Auftrag,
die Fundamente der vierundvierzig Randtürme architektonisch auszubauen. Er tut
das bei drei Türmen und erklärt, dass er aus dem ganzen Pallas einen
Kristallstern machen möchte. Dem widersprechen sogar seine Freunde Labu und
Manesi. Sofanti aber merkt, dass Peka in einem Jahrhundert nicht das notwendige
Hautmaterial für die oberen Stockwerke des Lesabéndio-Turms herstellen kann.
Alles verzweifelt. Nax aber hat eine erlösende Idee.
Als es auf dem Pallas dann wieder mal Nacht wurde durch die Spinngewebewolke, da
lag Lesabéndio oben im Nordtrichter auf einer Pilzwiese in einer tiefen
Talschlucht und fühlte, wie sich seine Nachtaut vom Rücken aus aufspannte und
sich dann andertalb Meter über ihm oben zusammenschloss. Lesa steckte sich einen
Zweig seines Blasenkrautes in den Mund, liess seinen linken Arm elektrisch
leuchten und rauchte, dass grosse schimmernde Blasen zur Decke seines Schlafsackes
aufstiegen - die Blasen veränderten, wenn sie aus dem Munde mit den kleinen
weissen Kautschukzähnen herauskamen, immer wieder ihre Farben und sahen oft wie
Perlmutter und wie Seifenblasen aus, wenn sie langsam sich drehend emporstiegen;
und oben an der Decke des Schlafsackes bewegten sich die Farbenspiele noch lange
Zeit in den Blasen, ohne dass diese zerplatzten.
    »Nun sind wir«, sprach Lesa unhörbar zu sich selbst, »wieder eine ganze
Strecke höher gekommen, schon drei Meilen hoch. Und ich habe beinahe vergessen,
warum wir diese schwere Arbeit übernahmen - und die Andern vergassen wohl auch,
wozu das alles sein soll. Wir handeln eben garnicht in erster Linie nach unserm
Willen. Der grosse Geist unsres Sterns herrscht in uns, und wir sind nur
scheinbar selbständige Wesen. Was unbewusst in uns tätig ist, das ist das
Mächtigste in uns. Und ich glaube, dass das Führende hoch über uns im Kopfsystem
des Pallas lebt, - in der grossen Wolke, die uns Tag und Nacht gibt - und über
der grossen Wolke - in den gefesselten Kometen - zu denen wir hinstreben.
Ihretwegen bauen wir immerzu an dem grossen Turm. Das ist gar keine künstlerische
Geschichte mehr - das ist ein Andres - ein Unbegreifliches. Wir fühlen uns auch
nur wohl, wenn wir uns mit dem Gewaltigen ganz eins wissen. Ich möchte mal ganz
und gar mit ihm zusammen ein Wesen sein. Vielleicht sterbe ich mal anders als
die andern Pallasianer - vielleicht nimmt Er da oben - der Gewaltige - - mich
auf, wenn ich schwach und durchscheinend werde. Wir werden transparent, wenn wir
dem Tode nahe sind. Aber ich glaube ...«
    Lesabéndio schlief ein, und er träumte von einem grossen Sonnensystem - und
das wirkte auf ihn wie ein System von Millionen Gummistrippen, die sich immer
wieder auseinanderzogen und sich dann wieder näherten - und er wusste nicht, ob
sie sich lieber zusammenziehen oder auseinanderziehen wollten - aber die
Millionen arbeiteten immerzu-bald so und bald so-und es entstand dabei eine
feine schwingende Saitenmusik - und dann rissen ein paar Saiten entzwei, und es
dröhnte ganz dumpf durch den grossen Raum. Und an den Enden der Strippen sassen
plötzlich grüne spinnenartige Wesen mit ganz langen Beinen, die auch zu
Gummistrippen wurden und bald länger und dann wieder kürzer wurden.
    Und während Lesa so träumte, lag der Peka nicht weitab von ihm - auch
rauchend - in seinem Schlafsack und sprach laut zu sich selbst - ungefähr so:
    »Jetzt braucht man Haut. Und da die Haut nur auf den polierten Steinen bei
uns wächst, so wird man mir Gelegenheit geben, mit meinen polierten Steinen
grosse Fundamentalbauten herzustellen. Etwas werde ich machen können in meiner
Art. Aber viel wirds nicht werden - das weiss ich schon. Einiges kann ich machen,
weil man mich braucht. Aber dadurch kommt das kristallinische Prinzip - die
Kunst der Raum- und Flächenrhytmik - das Architektonische - nicht zur vollen
Entfaltung auf dem Pallas. Der ganze Turm ist doch keine Kunstangelegenheit -
der Turm da oben ist ein simples Nutzwerk - wie eine Brücke oder eine Bandbahn.
Architektur sah niemals so gerippartig aus - die will stets das Kompakte. Die
Ingenieure, die unsre Bandbahnen bauten, waren keine Künstler - keine
Architekten - und die Ingenieure wie Dex und Nuse, die heute den grossen
Nordtrichterturm bauen, sind auch keine Künstler - keine Architekten. Hier sind
zwei einander widerstrebende Richtungen, und ich vermag nicht einzusehen, wie da
jemals eine Einigung möglich wäre. Das eine wird vom andern erstickt. Was ich
wollte, wird auch durch diese Ingenieure erstickt. Und da muss man ganz ruhig
sein. Und ich kanns nicht sein. Meine Welt wird mir zerschlagen. Man gibt mir
Jetzt ein paar kleine Aufgaben, um mich zu zerstreuen und ein wenig zu
beruhigen. Ich aber kann von der Phantasie allein nicht leben. Ob das eine
Schwäche ist? Dann wäre ich schwach - ich kann nicht dafür. Aber mein Beharren
im einmal Erkannten ist doch wieder eine Stärke. Oh - wer Alles vereinen könnte
- so vieles widerstrebt dem andern ...«
    Und Peka schlief auch ein und träumte von Brillantensonnen - die glühten
mächtige Strahlenbündel ins weite All hinaus.
    Und währenddem lag der Biba gleichfalls in seinem Schlafsack auf dem
Nordtrichterrande nicht weit von der äusseren Kruste, an die sich vorsichtig die
geheimnisvolle Spinngewebewolke anschmiegte. Biba sagte laut: »Wieviel
Unbegreifliches haben wir in unserm Leben zu ertragen! Mich zieht die
Centralsonne immer wieder an, den Lesa zieht das Kopfsystem des Pallas an. Aber
- was ist dieses Anzieben? Warum zieht in unserm Sonnensystem eins das andre mit
unsichtbaren Fäden zu sich? Und warum gibt es so viele Dinge, die wieder
zurückdrängen und nicht an das herankommen lassen, was doch eigentlich
unaufhörlich das Näherkommen des Angezogenen möchte? Wie unbegreiflich das alles
ist. Lesabéndio glaubt jetzt wohl schon, dass er mit dem Kopfsystem des Pallas
eins werden könnte - in Bälde. Ich glaube nicht daran, dass ich bald mit unsrer
Centralsonne eins werden könnte. In zehn Millionen Jahren vielleicht! Ja
vielleicht dann noch nicht einmal. Aber die Pallasianer sollten den Turm doch
weiterbauen - schon der Spinngewebewolke wegen - die sonst nichts an sich
herankommen lässt - die mehr abstösst als anzieht - die muss durch den Turm
entfaltet werden - vielleicht wollen wir nur darum unsern Stern künstlerisch
ausbauen - vielleicht kommt es garnicht auf das Künstlerische an - vielleicht
will der grosse Stern nur, dass wir oben den Turm bauen - damit sich oben einiges
verändert.«
    Biba schlief nun auch ein und träumte von einer grossen blauen Kiste, die von
oben herunterkam und plötzlich auseinanderging, wobei grosse und kleine Tiere und
viele bunte Steine herausfielen.
    Am nächsten Morgen kam Sofanti zum Peka und setzte diesem auseinander, dass
er jetzt grosse Fundamentalbauten mit grossen kristallinisch geschliffenen Steinen
herstellen müsse. Peka tat nicht sehr erfreut, aber doch so, wie man wollte; von
den vierundvierzig Grundtürmen gab er drei Türmen ein imposantes Fundament.
    »Das ist«, sagte er, »eigentlich nur eine dekorative Arbeit. Rein
künstlerische Ideen sind hier nicht leitender Teil, das Ganze wird gemacht, um
Haut zu bekommen. Utilitätsprinzipien sind hier nur herrschend. Die rhytmische
Gliederung der Raum- und Flächenteile kann dabei nicht so durchgeführt werden -
wie bei ganz reiner, absichtsloser Baukunst.«
    Nun waren anfangs alle Pallasianer sehr gern bereit, Pekas Ideen gerecht zu
werden, doch Peka zeigte sehr bald, dass er mehr haben wollte, als er
beanspruchen konnte. Pekas Hauptidee war: dem ganzen Stern Pallas eine
vielseitig geschliffene, kristallinische Form zu geben. Peka konnte die
unregelmässigen Formen nicht vertragen, und er sagte das; er sagte das immer
wieder noch mal, sodass schliesslich seine besten Freunde ungeduldig wurden.
    »Ordnungsfanatiker«, sagte Manesi, »mögen ja künstlerisch sehr berechtigt
sein. Aber die Natur unsres Sonnensystems zeigt eine Ordnung, die dem
Symmetrischen oft entgegenarbeitet. Wir müssen es für einseitig erklären, wenn
Peka die Rhytmisierung der Raum- und Flächenteile nur durch
kristallinisch-symmetrische Formen durchführen möchte. Eine Guirlandenkunst, wie
ich sie haben möchte, ist mit der gerüstartigen Trockenheit des grossen
Turmsystems viel eher vereinbar als mit der starren Schwerfälligkeit eckiger
Kanten- und Seitenkunst. Die Bogen haben doch mindestens dieselbe Berechtigung
wie die Winkel.«
    Dem stimmte natürlich auch Labu sehr lebhaft bei, da Labu ebenfalls die
komplizierten Bogenkurven in allen seinen Entwürfen bevorzugte und grade Linien
sowie alle Winkel, Kanten und Ecken zu überwinden bestrebt war.
    Und so stand der arme Peka bald ganz allein mit seinem kantigen
Ordnungsfanatismus da, obschon man zugab, dass seine Fundamentkompositionen an
den drei Türmen ganz herrlich wirkten. Da gab es dreihundert Meter hohe, ganz
waagrecht aufsteigende Spiegelwände und dann viele rechtwinklige Schluchten und
köstliche Überkragungen und tausendkantige Säulen dazwischen. Alles funkelte.
Und die Haut gedieh auf den glatten Flächen ganz vortrefflich. Und die Terrassen
glänzten.
    Dex, Nuse und Sofanti rechneten währenddem ganz genau aus, wieviel Haut sie
oben gebrauchen würden. Und sie sahen sehr bald ein, dass sie sehr viel Haut
gebrauchen würden.
    »Die zwanzig Fundamentbekleidungen«, sagte Sofanti, »werden uns nicht so
viel Haut liefern, wie wir brauchen. Wenn wir den Turm in der angefangenen Weise
weitere sieben Meilen hoch bauen wollen, so brauchen wir so viel Haut, dass Peka
tatsächlich den ganzen Nordtrichter kristallinisch gliedern müsste. Das würde
aber so lange Zeit beanspruchen, dass wir das alles kaum überleben dürften.«
    Das sahen alle Pallasianer ein. Und man war nicht mehr gerne bereit, den
Peka in seinen Arbeiten zu unterstützen.
    Und der Weiterbau des Turms ohne das notwendige Hautmaterial erschien Allen
als unmöglich, da die Spinngewebewolke alle Arbeit oben unmöglich machte. Wenn
nur so lange oben gearbeitet werden konnte, wie die Wolke oben leuchtete, so zog
sich die ganze Geschichte allzu lange hin.
    Somit waren die Pallasianer der Meinung, dass man das begonnene Werk liegen
lassen müsse; Unmögliches liesse sich doch nicht durchsetzen, sagten sie mit
mitleidigen Mienen.
    Und man bedauerte den Lesabéndio.
    Der aber sass eines Tages ganz ruhig oben auf dem Turmgerüst drei Meilen über
dem Rande des Nordkraters und lächelte, und der kleine Nax umschwebte den Kopf
des Lesa in zierlichen Kurven und sah, dass Lesa lächelte.
    »Ei! Ei! lieber Lesa«, rief der kleine Nax, »ich sehe, dass Du lächelst,
während man Dich unten überall bemitleidet. Du siehst so glücklich und garnicht
bemitleidenswert aus. Was denkst Du? Glaubst Du, dass Dir und Deinem Turm noch zu
helfen ist?«
    »Das«, versetzte Lesa, »weiss ich nicht. Aber ich habe die Empfindung, dass
wir einen Ausweg finden müssten.
    Ich lächle darüber, dass wir so schwerfällig sind und uns garnicht zu helfen
wissen. Ich habe die Empfindung, dass ein Unbefangener dieses Turmproblem im
Handumdrehen lösen kann. Ich glaube, dass mir gleich das Richtige einfällt. Und
ich musste lächeln, dass mir das Richtige noch nicht eingefallen ist.«
    Die grünen Sterne im violetten Himmel funkelten recht lebhaft, und die Wolke
oben leuchtete weiss wie ein Geisterauge.
    Nax setzte sich in beweglicher Kugelform auf Lesas Schulter, klemmte seinen
Körper wie einen kleinen Saugfuss fest an, liess seine kleinen Augen sehen,
brachte seinen Rüssel vor und sprach zwitschernd:
    »Baut doch quer, sodass Ihr erst zur Mitte des Nordtrichters hinkommt. Dann
könnt Ihr da einen ganz dünnen Turm errichten. Und für den braucht Ihr nicht so
viel Haut. Die Geschichte erscheint mir sehr einfach.«
    Da lächelte der Lesa und sagte so, als wenn garnichts Besondres passiert
sei:
    »Siehst Du! Da hast Du das Richtige getroffen. Es war so einfach. Und ich
muss abermals lächeln, dass wir alle nicht darauf gekommen sind. Natürlich gehts
so. Und Du, kleiner Nax, sollst jetzt unten gefeiert werden. Deine Idee ist sehr
einfach. Aber sie kam zur rechten Zeit. Wie oft können wir nicht zu der ganz
einfachen Lösung kommen, weil wir zu sehr befangen sind von allen möglichen
andern Dingen, die uns von der Lösung eines Problems zurückdrängen. Es geht uns
mit den Problemen so wie mit unsrer mysteriösen Wolke - wir können nicht
rankommen - und es erscheint uns alles so einfach, wenn wir uns doch dem Ziel
nähern. Wir nähern uns dem Ziel! Komm, Nax, an mein Halsband! Wir wollen
hinunter und den müden Seelen neuen Mut einflössen. Neuen Mut hast Du uns
gegeben. Der Gewaltige oben gab ihn uns durch Dich, kleiner Nax! Sei nicht zu
stolz auf das, was Du sagtest.«
    Der kleine Nax lachte, und dann stiess sich Lesabéndio zur Mitte zu ab. Und
er flog dahin wie ein Pfeil und sauste langsam in grossartiger Parabelkurve ganz
lang gestreckt zur Tiefe.
    Und als Lesa unten das sagte, was der Nax gesagt hatte, da erscholl ein
grossartiges Gelächter im Nordtrichter des Pallas. Diese Lösung des schwierigen
Problems erschien Allen so einfach und selbstverständlich, dass man sich garnicht
beruhigen konnte.
    Sofanti sagte ganz erbittert:
    »Ich glaube, dass uns die kolossale Arbeit ein wenig den Verstand verwirrt
hat. Wir sind zweifellos etwas dumm geworden und sollten uns vor den edlen
Quikkoïanern schämen. Die haben jetzt alle Veranlassung, sich über uns lustig zu
machen. Ich finde das eigentlich beklagenswert.«
    Aber der Nax rief da ganz laut:
    »Das finde ich garnicht beklagenswert. Wir haben uns ein wenig nützlich
gemacht. Und deswegen wollt Ihr uns ausschelten? Das ist nicht freundlich von
den Pallasianern.«
    Und der Kleine tat so, als wenn er wieder weinen müsste. Sein Schluchzen
klang ganz fürchterlich.
    Und viele Pallasianer kamen herbei und wollten den Kleinen beruhigen. Er
aber schluchzte nur noch heftiger.
    Da sagte der Lesa:
    »Nax! Lach mal wieder!«
    Da war der Kleine plötzlich still und sagte dann ganz leise:
    »Ich weinte ja garnicht. Ich tat bloss so. Ich muss doch immer Unsinn machen.
Ich kann doch garnicht anders.«
    Die Pallasianer waren entzückt über diese Worte des kleinen faustgrossen
Quikkoïaners.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Es wird zunächst die Verständigung durch drahtlose Telegraphie erörtert. Dann
erzählt Nax vom Schlüsselstern und dessen Attraktionscentrum. Danach wird die
Anziehungskraft drei Meilen über dem Pallas untersucht; und man bemerkt, dass
sich die Centren verschoben haben - nach oben zu. Und so kann man drei Meilen
lange Stahlstangengerüste ganz leicht durch Kranvorrichtung nach oben drehen,
sodass das nächste drei Meilen lange Stockwerk in kurzer Zeit fertig wird. Biba
unterhält sich danach mit Lesabéndio über das Verhältnis des Saturnrings und
ähnlicher Ringe zu dem Asteroïdenring. Biba bringt die Lichtwolke über dem
Pallas mit diesen Ringsystemen in Zusammenhang, und man beschliesst, oben die
Wolke des Nachts durch Sofanti-Häute näher zu betrachten. Das geht aber
vorläufig nicht.
Während des Turmbaus hatte man bald eingesehen, dass eine rasche Verständigung
oft sehr nötig wurde. Und es genügten die verabredeten Signale nicht mehr. Man
führte daher eine Art drahtloser Telegraphie ein, die aber nur bei den Bewohnern
des Pallas möglich ist, die ihren Körper seiner elektrischen Eigenschaften wegen
auch in eine Art Empfänger umbilden konnten; sie gaben dabei ihrer Kopfhaut eine
Form, die aufgespannten Regenschirmen glich. Und mit der so gestellten Kopfhaut
konnten sie die elektrischen Wellen auffangen. Dem Pallasianer fiel das garnicht
schwer, da er ja von verschiedenen Stellen seines Körpers elektrisches Licht
aufleuchten lassen konnte.
    Naxens Idee war den Pallasianern natürlich auch auf dem eben beschriebenen
Wege mitgeteilt worden. Drei kurz aufeinanderfolgende Explosionstöne machten die
Pallasbewohner darauf aufmerksam, dass eine Neuigkeit, die alle interessieren
musste, mitzuteilen sei. Und wer dann wollte, konnte gleich darauf das Neue
hören. Gedruckte Zeitungen oder photographierte Zeitungen gabs deshalb nicht.
Auf dem Nordtrichter hatte man zehn Stationen errichtet, von denen aus
elektrische Wellen ausgesandt werden konnten. Der Lautwert der einzelnen Zeichen
war allen bekannt.
    Oben auf dem Turm war während des Baus nur ein Explosionston das
Alarmsignal.
    Als sich nun Alle einverstanden damit erklärten, dass man das nächste
Stockwerk nicht nach oben, sondern nach der Mitte richten musste, da dachten
natürlich alle Pallasianer sehr energisch über die Art nach, in der das am
besten ausgeführt werden konnte. Die drei Explosionstöne waren immer wieder zu
hören. Und alle sassen stundenlang oben im Nordtrichter mit aufgespannter
Kopfhaut da und lauschten auf das, was den Andern einfiel. Und dabei kamen
schliesslich sehr viele zum Wort.
    Und man beschloss ziemlich einstimmig, gleich drei Meilen lange Türme
herzustellen. Diese sollten von den vierundvierzig errichteten einfach
herunterhängend zusammengeschmiedet und, wenn sie fertig, durch Kranvorrichtung
nach oben in die waagrechte Stellung hinaufgedreht werden.
    Nun handelte sichs nur darum, darüber einig zu werden, wie man zum Schluss
die Spitzen der neuen Türme miteinander verband.
    Bombimba, einer von den jüngeren Pallasianern, war immer an Dexens Seite und
half diesem in allen seinen Kaddimohnstahlarbeiten. Bombimba meinte Folgendes:
    »Das Allerunbequemste ist bisher zweifellos die Schmiedearbeit hoch oben auf
dem Turmgerüst gewesen. Wenn wir nun die vierundvierzig drei Meilen langen
Turmstangen herstellen, während die Stangen runterhängen, so haben wir uns ein
gut Teil unsrer Arbeit erleichtert. Jetzt fehlt uns nur noch, dass wir den Ring
mit den vierundvierzig Ecken auch unten anfertigen können. Ich glaube aber, dass
wir das können. Sind die vierundvierzig herunterhängenden Turmstangen von je
drei Meilen Länge durch unsre Kranvorrichtungen hinaufzuwinden, so lässt sich der
Ring mit den vierundvierzig Ecken ebenfalls mit Drahtseilen hinaufwinden.
    Dex fand die Idee sehr gut, wollte aber noch weiter darüber nachdenken.
Währenddem kamen Lesa und Biba hinzu mit dem kleinen Nax, und die Fünf
unterhielten sich hoch oben auf einem Nuse-Turm über das, was sie über den
Turmbau gedacht hatten. Und während Dex umständlich seine Gewichtsberechnungen
vorführte und erklärte, rief plötzlich der kleine Nax:
    »Mir fällt etwas Wichtiges ein! Auf unserm Stern Quikko konnten wir mit
unsern Quallenhautlinsen einmal auch einen kleinen Schüsselstern beobachten, auf
dem wir eine ganz seltsame Geschichte sahen. Der Stern sah wie eine Schüssel
aus. Im Innern der Schüssel lebten die kleinen Bewohner des Sterns. Da sahen
wir, dass einige der kleinen Leute auf dem Rande der Schüssel herumkrochen, und
plötzlich fielen sie nach aussen alle hinunter in den Weltenraum. Wir bedauerten
natürlich die kleinen Leute, konnten uns aber den Fall eigentlich nicht
erklären. Da sahen wir denn, dass alle Gefallenen tief unter der Schüssel in der
Atmosphäre plötzlich nicht tiefer sanken; sie schwebten wie Pendel immer nach
verschiedenen Seiten hin und zurück. Und dann wurden vom Rande Taue ausgeworfen,
die ganz grade zu den Gefallenen hinstrebten. Diese ergriffen die Tauenden und
wurden an diesen wieder hinauf an den Rand gezogen.«
    Nax schwieg und wackelte mit seinem kleinen Rüssel in der Luft herum,
breitete zwei Flügel aus Pallassteinhaut in die Luft und schwebte um die Köpfe
der vier Pallasianer herum. Biba lachte und sagte: »Da hat der Kleine wieder mal
eine erlösende Idee gehabt. Er wollte mit seiner Erzählung nur sagen, dass man
niemals so recht weiss, von welcher Gegend man angezogen wird. Es wäre deshalb
doch das Wichtigste, dass wir zunächst untersuchen, ob sich die Anziehungscentren
auf dem Pallas durch unsern, jetzt schon drei Meilen hohen Turmbau nicht
wesentlich verschoben haben. Vielleicht lassen sich die Türme viel leichter
heben, als wir denken.«
    Lesa reckte sich fünfzig Meter hoch empor und rief:
    »Das müssen wir sofort untersuchen.«
    Und so eilten die Fünf zur nächsten Funkenstation, liessen drei mächtige
Schüsse ertönen und teilten den Pallasianern mit, dass zunächst oben die
Attraktionstätigkeit des Pallas untersucht werden müsste.
    Und ein paar Minuten später waren fast alle Pallasianer mit den flinken
Seilbahnen auf den obersten Ring des Turmes gefahren. Da sassen sie nun und
warteten, was Biba sagen würde. Und der sagte, dass sie zur Mitte hinspringen
müssten. Und das geschah! Jeder sprang mit seiner ganzen Kraft. Und siehe da:
alle schossen drei Meilen gradaus der Mitte zu, ohne zu sinken. Dann ging es
erst langsam im langgestreckten Parabelbogen nach unten zu. Und der Flug der
Pallasianer wurde immer langsamer, und Biba sah, dass sich das Attraktionscentrum
tatsächlich verschoben hatte. Es liess sich allerdings nicht feststellen, wo es
eigentlich lag. Vor der Mitte bogen die ganz steif wie Stöcke durch die Luft
Fahrenden langsam zur Seite und schwebten dann rückwärts und kamen so in den
oberen Regionen des Kraters wieder zu ihrem Stern, ohne die Flügel zu
gebrauchen.
    Ein allgemeiner Jubel brach nun los. Denn jetzt war es klar, dass sich die
drei Meilen langen Stahltürme ganz leicht hinaufwinden liessen.
    Es wurde gleich ein solcher Turm gebaut, und das Hinaufwinden ging ganz
leicht.
    Lesabéndio weinte vor Freude.
    Dex aber erklärte, dass er jetzt gleich unten an jedem Turm nach beiden
Seiten rechtwinklig zwei starke Stangen anbringen möchte, sodass man den Ring mit
den vierundvierzig Ecken nicht extra zusammenzuschmieden brauchte.
    Und in Jahresfrist war der drei Meilen lange schiefe Turm fertig. Man führte
ihn nicht ganz horizontal - doch etwas schräg emporgehend, sodass jetzt der ganze
Turm fast vier Meilen hoch emporragte.
    Eine allzu grosse Erschöpfung machte sich nach dieser verhältnismässig
leichten Arbeit nicht bemerkbar. Aber alle waren doch der Meinung, dass jetzt
abermals eine grosse Pause eintreten müsste. Und dem konnte man nichts
entgegenhalten. Und so kehrten viele Pallasianer in ihre alten Ateliers zurück
und dachten darüber nach, wie sich nun das Weitere entwickeln würde.
    Die jüngeren Pallasianer fuhren in grossen Scharen zur Turmhöhe hinauf und
machten dort Flugversuche. Leider mussten diese in der Nacht, wenn die Wolke
alles finster machte, unterbleiben, da die Wolke nach wie vor unnahbar blieb und
den oberen Teil des Turmgerüstes immer wieder knisternd und zuweilen auch Funken
sprühend umspann.
    Eines Tages sass Lesabéndio mit Biba ganz hoch oben auf dem zuletzt
geschmiedeten Ring auf einer der vierundvierzig Verbindungsstangen. Beide
blickten in die grüne Sternenwelt hinein und freuten sich über den
dunkelvioletten Himmel und über die geheimnisvolle Lichtwolke hoch über ihnen.
    »Grade hier in diesem Asteroïdenring, in dem wir leben«, sagte Biba, »ist
von einer Gesetzmässigkeit so wenig zu bemerken; wir sehen immer wieder neue
seltsame Anziehungsverhältnisse in den einzelnen Asteroïden, und diese tun so,
als nähmen sie garnicht weiter Notiz voneinander. Hier ein Gemeinsames entdecken
- das wäre eine grosse Aufgabe.«
    Lesabéndio sagte hastig: »Du denkst immer wieder an die grösseren
Verhältnisse. Du hast immer gleich das ganze Sonnensystem mit allen Planeten im
Auge. Wir haben aber doch Rätsel, die uns näher liegen.«
    »Halt!« sagte da der Biba, »wir können den Pallas nicht so einfach loslösen,
er gehört einem System an. Und in diesem System gehören wieder die Asteroïden
zweifellos zusammen. Du darfst nicht das Ganze so leichtin aus dem Auge lassen,
sonst wird Dir auch das Näherliegende immer rätselhafter werden. Findest Du
nicht, dass wir viel zuwenig über die Attraktionskräfte auf unserm Stern
nachdenken? Wir gewöhnen uns in dieser Beziehung zu leicht an die allergrössten
Wunder. Früher fiel ein Stein, den wir durch unser Centralloch in der Mitte
unsres Sternrumpfes warfen, fast immer durch und suchte erst im Südtrichter die
Trichterwände zu erreichen. Wenn wir heute, wie ich es neulich mehrfach
versuchte, einen Stein durchwerfen wollen, so fliegt er immer schon im Loch
selber an die Wand, geht durch das Loch nicht mehr durch. Das ist doch seltsam.«
    »Was hat das aber«, fragte Lesa, »mit den anderen Asteroïden zu tun? Ich
denke, dass das mit dem Kaddimohnstahl hier auf unserm grossen Turm
zusammenhängt.«
    »Oder mit der Wolke!« versetzte Biba.
    Beide schwiegen eine Weile.
    Dann fuhr Biba also fort:
    »Wenn wir für dieses Rätsel eine Erklärung haben wollen, so müssten wir doch
zusehen, ob sich nicht auf anderen Asteroïden Ähnliches ereignet. Wir bemerken,
dass sich im Pallas ein Zusammenziehen von Rumpf- und Kopfsystem anbahnt. Der
Kopf will zum Rumpf oder umgekehrt. Und so verändert sich das Centrum des ganzen
Systems. Nun meine ich aber, dass sich zwischen den einzelnen Asteroïden etwas
Ähnliches vorzubereiten beginnen könnte. Ich ahne so was. Du kennst den grossen
Planeten, den auch wir mit so vielen andern Planetenbewohnern Saturn nennen. Der
Saturn hat ein ganz regelmässiges und ganz intensiv zusammenhängendes Ringsystem,
in dem Millionen kleiner Sterne zusammen dahinkreisen. Könnte der Asteroïdenring
nicht auch das Bestreben haben, mal so innig zusammenzukommen? Kopf und Rumpf
des Pallas wollen schon zusammenkommen. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass
eigentlich alle Asteroïden zusammenkommen wollen? Sie ziehen momentan noch zu
fern voneinander ihre Bahn. Der Stern Erde hat doch auch einen Ring von kleinen
Sternen um sich - und an der Sonne sehen wir doch etwas Ähnliches. Wenn diese
Sterne auch sehr klein sind - Pendants zum Saturnring bilden sie trotzdem. Nur
würde der Asteroïdenring tausendmal grösser werden als die andern Ringe. Diese
sind aber zweifellos durch den willkürlichen Eigenwillen der grösseren Planeten
entstanden; Saturn und Erde und die meisten andern Planeten sind doch als
ebensolche Sonnen zu betrachten wie unsre Centralsonne eine ist. Diese hat die
andern Sonnen nur dadurch in ihre Nähe gebracht, dass sie ein übergrosses Mass von
Lebensenergie entwickelte. Die zieht immer an - natürlich nicht so wie ein Stein
von unsrer Trichterwand angezogen wird. Die Centralsonne hält auch gleichzeitig
die andern Sonnen, die Planeten wurden, in respektvoller Entfernung, damit kein
Zusammenstoss stattfindet. Das finden wir auch wieder bei den kleinen Planeten,
die sich um die grossen drehen und die wir Monde nennen. Der Grössere hält immer
die kleineren zurück. Aber diese kleineren können untereinander enger aneinander
kommen, wie das die Saturn-, Erde- und Sonnen-Ringsysteme zeigen. Ein ähnliches
Ringsystem müssen auch die Asteroïden bilden - sie können es wenigstens. Darum -
werde nicht ungeduldig! - müssen wir den Zusammenhang mit unserm Kopfsystem
fördern - das heisst: wir müssen die Spinngewebewolke näher untersuchen.«
    »Das war aber umständlich!« rief da der Lesa.
    Biba aber fuhr fort:
    »Unterschätze meine umständliche Rede nicht. Denke darüber nach. Wenn Du
Dich einst mit dem Kopfsystem des Pallas als eines fühlen willst, so musst Du
auch wissen, was dieses Kopfsystem in erster Linie im Auge hat. Nicht nur mit
dem Rumpfsystem will sich dieser seltsame Kopf inniger verbinden - auch mit den
andern Asteroïden. Das ist meine Meinung.«
    »Ich werde«, versetzte Lesa rasch, »sehr energisch darüber nachdenken. Ich
danke Dir. Dein Blick ist weit - sehr weit - weiter als der meine. Ich sehe
immer nur das Nächstliegende. Aber ich hoffe, dass ich bald anders werde.
Jedenfalls wäre das Erste jetzt, dass wir durch Haut verdeckte Bandbahnen hier
oben vier Meilen über unserm Sternrumpf herstellen.«
    »Selbstverständlich«, versetzte Biba, »wäre das das Erste. Vergiss aber das
Weitere nicht. Nun wollen wir zum Sofanti fahren, damit er uns die Bandbahnen
hier oben mit Haut umhüllt. Durch diese Haut wollen wir dann das Spinngewebe
beobachten.«
    Beide fuhren zum Sofanti und die Bandbahnen wurden so hergestellt, dass die
Pallasianer sich auch oben aufhalten konnten, wenn die Wolke von oben
herunterkam und Nacht auf dem Pallas machte.
    Aber als vier solcher Bahnen oben fertig waren, zeigte es sich, dass die Haut
nicht durchsichtig genug war; man sah wohl die sehr beweglichen Spinngewebefäden
- konnte aber die einzelnen Teile des Gewebes nicht deutlich erkennen. Man
versuchte, das Gewebe durch Scheinwerfer zu durchleuchten. Aber das hatte gar
keinen Zweck, da sich das Gewebe dem Licht gegenüber plötzlich ganz starr
verhielt - als wenn es zusammenfror. Das Gewebe machte gar keinen interessanten
Eindruck im elektrischen Licht; das Gewebe wurde leblos - während es
unbeleuchtet an Bewegung nichts zu wünschen übrig liess.
    Nun verlangten alle von Sofanti, dass er ganz durchsichtige Häute herstellte.
Das nahm aber sehr viel Zeit in Anspruch - so viel Zeit, dass Dex den Vorschlag
machte, doch zunächst mal weiterzubauen. Sofanti sollte in seinen Experimenten
nicht gestört werden.
    Biba sagte:
    »Dass das Gewebe nichts Lebloses ist, scheint mir ganz klar zu sein. Aber
gespannt bin ich, wie es eigentlich lebt. Vielleicht - haben wir in diesem
Gewebe lebendige Lebewesen des Pallaskopfes vor uns.«
    Selbst Peka musste zugeben, dass der Turm nicht umsonst gebaut wäre, wenn es
möglich wurde, durch diesen Bau hinter das grosse Geheimnis der grossen Lichtwolke
zu gelangen.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Peka, Labu und Manesi sind in melancholischer Resignationsstimmung; sie klagen,
dass ein Nutzbau, alle künstlerischen Interessen verdrängt habe. Aber der Turm
bekommt abermals ein neues Stockwerk, das ganze Werk ist jetzt fünf Meilen hoch,
und der oberste Ring hat nur noch einen Durchmesser von sechs Meilen. Und nun
entdeckt man, dass die Lichtwolke aus unzähligen Lebewesen mit kleinen Köpfen
besteht. Man will sich diesen mit Hilfe der Quikkoïaner verständlich machen.
Aber das misslingt. Dex will darum nicht mehr weiterbauen. Aber Sofanti erklärt,
dass er das genügende Hautmaterial hergestellt habe, und da wird Dex so weit
umgestimmt, dass er sich Bedenkzeit ausbittet.
Eines Tages sassen nun Peka, Labu und Manesi auf dem obersten Rande des kleinen
Modellturms nicht weit ab vom Centralpunkt des Pallasrumpfes. Die Drei sassen da
und rauchten ihr Blasenkraut und blickten nach oben. Sie hatten ihren
Unterkörper mehrmals schraubenförmig um den Kaddimohnstahl gewickelt und lehnten
den Oberkörper gegen den Unterkörper; ihre braune Molluskenhaut mit den gelben
Flecken glänzte im Lichte der Spinngewebewolke. So sassen sie da, rauchten und
schwiegen und sahen nach oben in das grosse neue Turmgerüst hinein.
    »Sehr heiter sind wir nicht!« meinte Labu nach einiger Zeit.
    Und dazu sagte nach einer guten Weile der Peka:
    »Dazu haben wir auch wahrhaftig nicht die geringste Veranlassung.«
    Alle Drei rauchten heftig, dass viele tausend Blasen - auch ziemlich grosse -
langsam emporstiegen und in vielen Farben opalisierten wie Seifenblasen auf dem
Erdstern.
    Manesi sagte dann:
    »Ich hätte eigentlich keinen rechten Grund zur Klage. Das Gerüst da oben
künstlerisch zu beleben, wäre ja eine natürliche Aufgabe für mich. Da lassen
sich überall an grossen Drahtseilen Guirlanden anbringen; die Stoffe für das
Wurzelwerk der Pflanzen liessen sich wohl in hängenden Schalen einpflanzen. Alles
würde wohl möglich sein. Das Gerüst könnte da oben mal zu einem prächtigen
Blumenstück gemacht werden. Aber - wann soll das geschehen? Vorläufig ist doch
noch lange nicht daran zu denken. Zunächst hat da oben immer nur der liebe Dex
das beherrschende Wort, und er will immer die grössere Höhe erreichen, um da das
Rätsel unsres Lebens zu lösen. Und wenn der Stahlturm fertig ist, so hat Sofanti
mit seinen Steinhäuten alle Hände voll zu tun. Und an mich wird man noch lange
nicht denken. Vor mir kommt auch noch der Nuse mit seinen Laternenkünsten, die
auch so viel Zeit in Anspruch nehmen dürften, dass das, was ich durchsetzen
könnte, garnicht bemerkt werden kann. Sollen da oben tausend Schlinggewächse
durcheinander wachsen, so ist dazu so viel Arbeit nötig, dass ich nicht mehr zu
glauben vermag, ich könnte das jemals erleben.«
    »Ich aber«, rief Peka heftig, »bin fast ganz und gar überflüssig. Aus den
Drahttürmen kann ich keine kompakten Steingebilde machen.«
    »Das würde«, versetzte Labu, »uns auch die Aussicht nehmen. Ich bin sogar
der Meinung, dass Schlinggewächse da oben garnicht möglich sind; sie würden uns
doch das Licht der Wolke oben verdecken - wir hätten dann keinen ordentlichen
Tag mehr auf dem Pallas.«
    »Was aus der Wolke oben wird«, sagte Manesi müde, »wissen wir auch nicht.
Ich glaube nicht, dass der Turm so einfach durch die Wolke durchzustechen ist.«
    »Die rein künstlerischen Dinge«, sagte Labu, »werden auf dem Pallas nicht
mehr geschätzt. Was ich in runden und unregelmässig gebogenen Formen an dem
Gerüst anbringen möchte, das will der Dex nicht haben. Er behauptet, dass er die
Tragkraft des Gerüstes nicht so gross machen könnte, um die plastische
Ausgestaltung der Stangenverbindungen zu gestatten - so gross sei die Menge des
Kaddimohnstahls nicht, hat er mir oft genug gesagt. Ich glaube sogar, dass der
Dex die Belastung durch Schlingpflanzen auch nicht für möglich hält.«
    »Wir sind«, sagte Peka traurig, »auf dem Pallas sehr überflüssig. Wir können
unsre künstlerischen Pläne nicht wirkungsvoll zur Ausführung bringen. Was wir in
den Wänden des Nordtrichters anbringen könnten, würde immer verschwindend und
wirkungslos bleiben. Der Nutzbau hat den Kunstbau verdrängt. Die
wissenschaftliche Neugier ist mächtiger gewesen als die künstlerische
Schöpferkraft. Ich glaube nicht, dass ich das lange überleben werde. Meine Pläne
kommen ins Museum für veraltete Kunstphantasie. Meine Gedankenwelt löst sich
langsam auf, da ich nicht mehr daran glauben kann, dass ich jemals nennenswerte
Formänderung im Pallas durchsetzen könnte.«
    Wieder schwiegen die Drei, und ihre Rauchblasen stiegen langsam zum hohen
Turmgerüst empor und funkelten oben im blendenden Licht der Spinngewebewolke.
    Und von vier Türmen aus rollten nun hoch oben drei Meilen lange Stangen zur
Mitte zu; Dex führte die nächste Etage zur Wolke empor.
    Die Arbeit nahm dieses Mal lange nicht soviel Zeit in Anspruch, wie man
geglaubt hatte. Und bald stand auch das fünfte Stockwerk hoch oben unter einem
Winkel von fünfundvierzig Grad. Jede der vierundvierzig Stangen hatte ganz unten
rechts und links wieder im rechten Winkel zwei kürzere Stangen gehabt, die sich
oben, nachdem alle Stangen hinausgedreht waren, aneinanderschlossen und so
abermals einen Ring mit vierundvierzig Ecken bildeten. Dieser Ring war garnicht
mehr gross zu nennen; er hatte einen Durchmesser von sechs Meilen, sodass man
leicht von einer Seite zur andern fliegen konnte. Das liess sich natürlich nur am
Tage durchsetzen. Nachts ging die Spinngewebewolke ganz tief hinunter bis in die
Mitte des dritten Stockwerks.
    Im Ganzen hatte man jetzt eine Höhe von fünf Meilen erreicht. Die Hälfte des
Turms war vollendet. Alle glaubten, dass jetzt die Hauptarbeit getan sei. Und es
entstand eine sehr freudige Stimmung, die nur von Peka, Labu, Manesi und ihren
Anhängern nicht geteilt wurde; die waren trauriger als je, und das bedrückte die
Andern.
    Währenddem aber hatte es Sofanti glücklich fertig gebracht, ganz
durchsichtige Hautstücke herzustellen. Doch viel von diesen ganz durchsichtigen
Hautstücken existierte noch nicht. Immerhin - das Wenige genügte ja zu
Beobachtungszwecken. Und so wurden durchsichtige Hautstücke in den
Bandbahnbedachungen des obersten Ringes untergebracht - und die Beobachtung der
Spinngewebewolke konnte beginnen.
    Es hatten an den Beobachtungsstellen nur zwanzig Pallasianer Platz. Und die
sahen nun bei Anbruch der nächsten Nacht mit teleskopisch vergrösserten Augen
durch die kleinen Hautfenster in die dunkle Spinngewebewolke hinein und liessen
Scheinwerfer durch die Wolke durchgehen. Das Gewebe wurde wieder leblos und
starr wie bei der ersten Beobachtung. Man zog daher die Scheinwerfer zurück und
versuchte, im Dunkeln etwas zu erkennen. Da sah man aber garnichts. Danach
machte man in der Beobachtungsstation ganz vorsichtig etwas Licht und verstärkte
das Licht allmählich.
    Und da sah man plötzlich ganz kleine, winzig kleine Köpfchen in der Wolke -
Köpfchen mit ganz spitzen, dunkelvioletten Stielaugen.
    »Jetzt wissen wir genug!« rief der Biba. Und man sah auf allen vier
Stationen, von denen aus beobachtet wurde, die winzig kleinen Köpfchen mit den
dunkelvioletten Stielaugen.
    Die Beobachter verständigten sich rasch drahtlos, dass sie unten
zusammenkommen wollten. Und auf den Bandbahnen fuhren sie hinunter zum ersten
Stockwerk. Auf der Spitze jenes Turms, den Nuse zuerst eine Meile hoch erbaute,
versammelten sich die Zwanzig, um die grosse Entdeckung zu besprechen.
    »Wir haben also«, sagte Biba, »endlich entdeckt, dass unsre grosse Wolke keine
leblose Masse ist. Es ist von uns endlich festgestellt, dass wir hier ganz feine
Lebewesen vor uns haben, von denen wir vielleicht sehr viel lernen können.
Indessen - dass diese Wolke zur Tageszeit leuchtet, das ist nach meiner Meinung
nicht abhängig von diesen zarten Wesen; dieses Leuchten wird wohl nur durch die
Nähe des kometarischen Lichtes im Kopfsystem unsres Sterns erzeugt. Wie das
allerdings erzeugt wird, das wissen wir nicht - wissen wir nicht - wie so viele
andre Dinge. Wir leben in einer sehr rätselvollen Welt. Aber wir brauchen nicht
ungeduldig zu werden, dass uns diese Welt so viele Rätsel aufgibt. Würden wir zu
viele dieser Rätsel auf einmal lösen, so könnten wir ganz bestimmt diese Fülle
der neuen Erscheinungen nicht ertragen. Wir haben schon an dem, was wir erleben,
reichlich genug. Wenn wir nicht so trockene Naturen wären, könnten wir das
Erlebte ganz bestimmt nicht überleben. Die Veränderung der Lage des
Attraktionscentrums ist schon wunderbar genug. Die feinen Spinngewebefäden mit
den winzig kleinen Köpfen und deren dunkelviolette Stielaugen sind noch
wunderbarer als alles Bisherige. Wir haben jedenfalls den Bau unsres Turms nicht
zu bedauern. Er hat uns in eine neue höhere Atmosphäre gebracht. Jetzt wollen
wir zusehen, was wir von den kleinen Köpfen mit den dunkelvioletten Stielaugen
erfahren können; vielleicht sind sie klüger als wir alle zusammen. Wundern würde
ich mich auch darüber nicht.«
    »Das Gewaltigste«, rief da der Lesabéndio«, muss aber jedenfalls das
Kometensystem hoch oben über uns sein. Von dem können wir bestimmt noch mehr
erfahren als von den kleinen Köpfchen mit den Stielaugen.«
    »Das geht aber nicht«, sagte da der Dex, »der Lesa hat keine Ruhe mehr. Er
will immer nur, dass wir weiterbauen. Und wir haben doch zunächst einmal ein
Resultat erzielt. Damit müssen wir uns doch erst abfinden. Lesa hat eine Unruhe
in sich, die uns ganz heftig machen könnte.«
    »Verzeiht! Verzeiht!« rief da der Lesa.
    Und nun wurden zuerst die Stationen für die Fernschalter in Bewegung
gesetzt. Dumpf knallten die Explosionstöne durch die Nacht, und alle Pallasianer
richteten ihre Kopfhaut den Stationen zu und hörten nun, was man entdeckt hatte.
    Und darauf flogen alle Pallasianer wild durch den Nordtrichter - und dann
zum Turm hinauf. Alle wollten die Kleinen sehen. Und - man sprach sehr eifrig
darüber, wie man sich wohl mit den Kleinen verständigen könnte. Und man dachte
natürlich gleich daran, den Quikkoïanern den Auftrag zu geben, ein paar
Verständigungsmanöver einzuleiten. Nax mit den Seinen war selbstverständlich
gern bereit, erklärte aber gleich, dass er die Ahnung habe, hier vor unmöglich
lösbare Aufgaben gestellt zu sein.
Doch man begann: Nax liess sich in einer Hautblase tief in die Wolke
hineinstecken; die Hautblase war durchsichtig und durch einen langen, durch
Draht versteiften Schlauch mit der durch Häute geschützten Beobachtungsstation
verbunden - Nax konnte durch den Schlauch leicht zurückkommen, wenn die
durchsichtige Hautblase, die ziemlich gross für Naxens faustgrossen Körper war,
verletzt werden sollte.
    Die Hautblase, in der sich Nax befand, war ebenfalls durch feinen Draht
versteift.
    Nax veränderte nun seinen Körper, machte ihn fadenförmig, gab sich einen
ganz kleinen Kopf und zwei lange Stielaugen, und diese liess er elektrisch
aufleuchten. Auf der Beobachtungsstation war alles dunkel. Und dort sah man
jetzt erst den kleinen Nax im Lichte seiner Stielaugen, die blassrot leuchteten.
Die kleinen Köpfe aus der Wolke kamen jetzt zu Hunderten näher, und die kleinen
dunkelvioletten Stielaugen der Wolkenwesen legten sich vorsichtig an die Wände
der Hautblase. Und nun veränderte der kleine Nax seinen Körper, machte ihn
spiralförmig, er drehte sogar das eine Auge, dass es spiralförmig aussah. Die
kleinen Köpfe ausserhalb der Blase flogen hin und her und schienen sich lebhaft
zu unterhalten. Aber es währte nicht lange - dann verschwanden sie plötzlich
allesamt und liessen sich nicht mehr sehen.
    Nax konnte nun in seiner Blase hinkommen, wohin er wollte - die kleinen
Köpfe blieben unsichtbar - nur das Spinngewebe schien in ängstlicher Bewegung,
wenn der Quikkoïaner näher kam. Und dann zog sich auch das Spinngewebe zurück.
Und man sah garnichts.
    Die Experimente wurden fünf Nächte hindurch immer wieder mit neuen Blasen
fortgesetzt - und immer wieder erfolglos.
    Da sagten die Pallasianer allesamt:
    »Wir müssen es aufgeben! die Kleinen sind viel zu scheu.«
    Und man gab es auf.
    Lesabéndio sagte zum Dex:
    »Du nennst mich so unruhig. Und ich glaube doch, dass es das Beste ist, wenn
wir mit dem Bau des Turms fortfahren. Das Wichtigste erfahren wir doch erst da
oben. Und wenn wir schon die Hälfte des Turms gebaut haben, so können wir doch
jetzt nicht mehr aufhören. Dass wir uns der Spinngewebewolke nicht weiter nähern
können, zeigt doch, dass wir weiterbauen sollen.«
    »Das sagst Du alles so ruhig!« rief der Dex, »aber ich habe die grösste
Arbeit zu leisten. Und ich muss gestehen, dass ich beinahe müde werde.«
    »So warten wir, bis Du wieder frisch bist!« sagte der Lesa.
    Und dann kam der Biba und tröstete den Dex.
    Dex aber sagte schliesslich:
    »Es kommt mir doch beinahe seltsam vor, dass wir uns eine riesige Arbeit
aufladen, ohne eigentlich zu wissen, warum wir das tun. Anfänglich wollten wir
unsern Stern künstlerisch ausbilden - Rhytmik in Flächen und Räume
hineinbringen. Und dann kam plötzlich der Lesa vom Stern Quikko und erzählte
uns, dass wir über unsrer Lichtwolke ganz sicher ein Kopfsystem unsres Sterns
hätten. Die Quikkoïaner bestätigten Lesas Erzählung. Und wir waren plötzlich
alle so für dieses kometarische Kopfsystem begeistert, dass wir den Turm bauten.
Aber zufrieden sind wir jetzt trotzdem alle nicht mehr mit dem Bau. Wir wissen
ja jetzt, dass unsre Lichtwolke aus lebendigen Wesen besteht. Die fliehen uns
aber. Was haben wir also von unsrer neuen Erkenntnis? Wird es uns nicht ebenso
gehen, wenn wir oben das Kopfsystem von Angesicht zu Angesicht sehen? Wir wissen
noch nicht einmal, ob in diesem kometarischen Kopfsystem irgendetwas entalten
ist, was unsrer Kopfform entspricht. Können wir hoffen, dass wir da oben
weiterkommen, wenn wir bis da hinaufgelangen? Man bestürmt mich von allen
Seiten, dass ich doch mit dem Turmbau aufhören möchte. Man will wieder
künstlerische Pläne versuchen. Peka, Labu und Manesi tun mir leid. Man will im
Allgemeinen nicht mehr mit. Und ich kann doch allein die Widerstrebenden nicht
mitreissen - zumal ich garnicht mehr weiss, warum wir weiterbauen wollen.«
    Nun kam auch Sofanti zu den Dreien und erzählte, dass er jetzt endlich so
viel Haut habe, um einen vier Meilen hohen Turm zu umhüllen, wenn er im
Durchmesser nicht stärker als eine halbe Meile sei.
    Dex schwieg.
    Doch als die drei Andern immer dringlicher wurden, bat er einfach um
Bedenkzeit.
    Biba meinte:
    »Wir wollen nicht verzagen; Dex wird sich schon klarmachen, dass jetzt ein
Zurücktreten von unserm grossen Plane, nachdem wir so weit gekommen sind,
eigentlich ganz widersinnig ist.«
    Lesa und Sofanti waren bald derselben Meinung.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Biba spricht wieder mit Lesa über die Lichtwolke. Als diese runterkommt,
entsteht auf allen Bergspitzen des Nordtrichterrandes ein grosses
Phosphoreszieren, wodurch die Pallasianer fast sämtlich nach oben gelockt
werden. Manesi und Labu wollen dann eine riesige Blumenampel ins
Attraktionscentrum hängen, ohne den Turm zu belasten. Das geschieht. Und der
Turm wird zu einem Lichtfestturm. Ein Komet kommt vorbei und erhellt die
Spinngewebewolke in der Nacht - so wie die Wolke am Tage vom Kopfsystem des
Pallas erleuchtet wird. Dieser wunderbare Zusammenhang führt den Dex zum
Weiterbau des Turms. Nax bekommt Heimweh und möchte auch zur Erde. Biba erzählt
ihm etwas Wichtiges vom Jupiter.
Drei Tage später sassen Biba und Lesa am Fusse eines Nuse-Turms oben am
Nordtrichterrande auf einem der glatt polierten rechteckigen Felsblöcke, die
Peka dort hingebracht hatte, um Haut darauf - wachsen zu lassen.
    Die Saugfüsse der beiden Pallasianer sassen fest auf dem glatten Stein, sodass
sich ihre Körper leicht nach vorn und rückwärts biegen konnten; taten sie das
Erstere, so blickten sie hinab in das gigantische Schluchtenreich des
Nordtrichters, bogen sie den Kopf zurück und nach oben, so konnten sie zum
grossen Turm hinaufblicken. Die Lichtwolke wurde oben fleckig; sie musste bald
hinunterkommen.
    Und Biba sagte langsam:
    »Man kann dem Dex das Zögern nicht übelnehmen. Eigentlich ist ja der Turm
nur ein grosses Sprungbrett für Lesabéndio. Für Dich, lieber Lesa, wird der ganze
Turm gebaut. Du willst oben in das Kopfsystem des Pallas - mit ihm eins werden.
Du willst nicht in einem anderen Pallasianer mal aufgehen. Du willst oben in dem
grossen Kometensystem aufgehen - willst selbst ein Komet werden.«
    »Will ich das?« fragte Lesa leise.
    Biba nickte und tausend Falten zuckten glitzernd über sein Gesicht.
    Und da kam die Lichtwolke herunter und wurde dunkel, gleichzeitig aber
bekamen alle Bergspitzen des Nordtrichterrandes einen phosphoreszierenden Glanz
- und Funken spritzten von den höchsten Bergspitzen ab. Und das währte eine gute
Weile, sodass es alle Pallasianer sahen und in Scharen hinaufkamen zum grossen
Turm.
    Das neue Wunder wurde eifrigst besprochen. Und man dachte lange nicht an den
Schlaf auf den Pilzwiesen.
    Natürlich brachte man die seltsame Erscheinung mit den kleinen Köpfchen in
der Lichtwolke zusammen. Zu diesen gehörten zweifellos sehr lange, ganz feine
Fadenkörper, deren Struktur allerdings nicht weiter erforscht werden konnte.
Aber dieses Aufleuchten der Bergspitzen hielt man doch für eine Antwort der
scheuen Wolkenwesen; diese Antwort konnte allerdings Niemand enträtseln.
    Doch die Folge dieser Antwort war, dass jetzt alle Pallasianer nur noch auf
dem grossen Turm leben wollten. Im Südtrichter sah man schon seit langer Zeit
sehr selten einen Pallasbewohner, auch im unteren Teile des Nordtrichters liess
sich selten einer sehen. Nur wenn alle schlafen wollten, kamen die Pallasianer
zu den Pilzwiesen hinunter, die unten im Nordtrichter und im Südtrichter lagen.
Selbst die Sofanti-Musik im Centralloch wurde vernachlässigt. Man musste sogar
oben auf den Nuse-Türmen neue Scheinwerferuhren anbringen, da die tiefer
gelegenen von oben aus nicht ordentlich gesehen werden konnten.
    »Das Interesse für den Lesa-Turm wird wieder grösser werden!« sagte der Biba.
    Und der Lesa nickte dazu und wurde sehr ernst, er sagte traurig: »Ob ich
nicht zuviel will? Du hattest vorhin meine innersten Gedanken erraten. Ja - ich
will so, wie Du sagtest. Ich will ein Komet werden. Aber - so darf man wohl
nicht sagen. Eins mit ihm werden - mit dem grossen Lenker unsres Lebens! Aber -
ist das nicht zuviel? Ich weiss nicht, ob es möglich ist.«
    »Für mich«, sagte Biba rasch, »wärs zuviel. Doch ich möchte, dass Du das
ausführen könntest - was ich nicht kann. Der Kühnste empfindet doch immer das
grösste Glück. Das vergiss nicht. Der Klügste ist nicht so leicht zum grössten
Glücksempfinden hinzuleiten; er ist kleinlich und bedenklich. Du aber sollst
keine Bedenken in Dir aufkommen lassen.«
    »Du schickst den Dummen voran!« sagte Lesa leise.
    »Den Kühnen, lieber Lesa, will ich voranschicken. Ich habe nicht gesagt, dass
der Kühne dumm sein muss. Dass er nicht der Klügste zu sein braucht, das wollte
ich allerdings feststellen. Das darf Dich also nicht kränken.«
    »Tuts auch nicht«, erwiderte der Lesa, »sehr klug erscheine ich mir selber
nicht. Ich werde getrieben - von unbekannten Mächten - immerzu gradaus - zur
Höhe empor. Und deswegen musst Du Alles daransetzen, dass die Pallasianer das
Leben oben auf dem Turm immer mehr schätzen lernen. Dex wird umgestimmt, wenn er
sieht, dass alle sich oben sehr wohl fühlen - und wohl auch höher möchten.«
    »Gut! gut!« erwiderte Biba, »ich habe schon das Meinige getan. Ich habe ein
Büchlein über den Flügelwert der Pallasianer photographieren lassen. Ausserdem
liess ich auch etwas über die grandiosen künstlerischen Perspektiven, die sich
vom Turm aus eröffnen, photographieren. Der kleine Nax macht ein Flugblättchen
über die kometarische Geschwindigkeit unsrer Seilbahnen oben auf dem Gerüst.
Jeder Turm ist ja jetzt neun Meilen lang im Ganzen. Die Schiefe der Türme gibt
auch einen famosen Blick nach oben und nach unten und in den Sternhimmel hinein.
Die langsameren Bandbahnen zu benutzen, ist oben am Tage doch ein Genuss
künstlerischer Art. Die Pallasianer werden schon wieder Vertrauen zum Turmbau
bekommen.«
    »Ich danke Dir!« sagte Lesa weich.
    Biba jedoch fuhr eifrig fort:
    »Ich habe den Dex auch darauf aufmerksam gemacht, dass die langen Stangen für
das nächste Stockwerk am besten auf Rädern weitergeführt werden, die oben auf
den schon festgemachten Turmstangen laufen. Radsysteme haben wir eigentlich nur
in den Rollen der Bandbahnen. Die Räder sollten wir beim Bau noch öfters
verwenden. Ich wundre mich sehr, dass wir das noch nicht getan haben. Immer
wieder sehe ich, dass die Klügsten so häufig das Nächstliegende nicht sehen und
sich alles schwieriger machen, als nötig ist. Ich fange an, die Klugen zu
bemitleiden.«
    »Das dachte ich auch schon sehr oft!« sagte der Lesa.
    Und dann fuhren die Beiden rasch nach oben, allwo so viele Pallasianer in
der Luft herumflogen, dass Biba lächeln musste.
    »Wie schnell bei uns ein kleines Büchlein wirkt!« rief er laut aus. Die
Lichtwolke schien ganz hell, und Manesi mit Labu hatten Bibas Ausruf gehört, sie
kamen herbei und fächelten lebhaft mit ihrer Kopfhaut.
    »Ist es nicht seltsam«, rief der Manesi, »dass wir noch nichts im
Attraktionscentrum angebracht haben?«
    »Was sollen wir denn da anbringen?« fragte plötzlich lachend der Lesa.
    »Da hängt doch«, sagte Labu, »eine ganz schwere Last - so gut wie von
selbst. Der Pallasianer sinkt nicht, wenn er in der Mitte fliegt. Folglich sinkt
auch eine schwere Last nicht, die an Seilen hängt.«
    »Ich merke was!« rief Biba, »Ihr wollt wohl Manesi-Pflanzen in die Mitte
hängen, nicht wahr?«
    »Wir wollen«, sagte Manesi, »das Gerüst nicht belasten und trotzdem da in
die Mitte was hineinhängen. Labu und ich - wir haben doch noch nichts am Turm
anbringen können. Wir möchten eine Blumenampel in die Mitte hängen. Labu will
die Ampel machen in grossen knolligen und in bogenartig aufgebauschten Formen -
mit Kugeln und Henkeln - Trauben und Schalen. Ihr wisst ja - so wie es Labu gern
möchte. Wie gross die Ampel werden soll - müssen wir natürlich vorher
ausprobieren. Wir nehmen die Seile aus dem Südtrichter. Und die Magnete können
wir wohl auch in der Ampel anbringen. Das kann eine halb schwebende Insel
werden. Die Blumen in Guirlandenform und die Stoffe für die Wurzelnahrung
besorge ich. Seid Ihr einverstanden?«
    »Selbstverständlich!« rief der Biba, und der Lesa sagte das auch. Und kurze
Zeit darauf waren alle Pallasianer mit der Manesi-Labu-Ampel einverstanden.
    Und man konnte ihr einen Durchmesser von dreihundert Metern geben. Soviel
blieb im Attraktionscentrum schwebend, ohne den Turm erheblich zu belasten. Dex
sagte zu Biba, nachdem er alles berechnet hatte:
    »Eigentlich könnte die Ampel noch dreimal so schwer sein. Aber ich will
sicher gehen. Jetzt können wenigstens die Guirlanden ruhig weiter wachsen an den
Seilen.«
    An acht Seilen wurde die Ampel befestigt. Und die Pallasianer umschwebten
alle diese schwebende Insel. Und viele Pallasianer sassen auf dem Rande der Ampel
und unter dem Rande in den trefflichen plastischen Arbeiten des Labu. In der
Mitte der Ampel oben wurde eine kleine Pilzwiese angelegt, auf der immer nachts
ein paar hundert Pallasianer schlafen konnten. Sie priesen dann immer die
Morgenstimmung mit so grosser Begeisterung, dass die Ampel schliesslich ein
Mittelpunkt für das ganze gesellige Leben auf dem Pallas wurde - Scheinwerfer
brachte man ebenfalls am Ampelrande an. Und die Magnetsteine wurden für ein paar
Seilbahnen verwertet, die direkt zum obersten Stockwerk hinaufführten.
    Ringsum im ganzen Turm brachte man Lampions an, die aus durchsichtigen
bunten Sofanti-Häuten hergestellt waren; Glas verwendete man nicht - seiner
Schwere wegen.
    Und so wurde der ganze Turm mit all den leuchtenden Nuse-Türmen zusammen ein
einziger grosser Lichtturm.
    Und der Nachtbeginn, wenn die Bergspitzen unten phosphoreszierend
aufglänzten, wirkte immer berauschender.
    Nun gabs allabendlich stets ein grosses Lichtfest, und man kam vom Turm nur
noch herunter, wenn mans nötig hatte, unten auf den Pilzwiesen zu schlafen.
    Auf der Ampelwiese schliefen in jeder Nacht andere Pallasianer, sodass bald
alle mal da oben geschlafen hatten.
    Es hatte somit den Anschein, dass ein Weiterbau des grossen Turms jetzt weiter
keine Schwierigkeiten haben könnte. Und Dex wurde besonders von Sofanti und Nuse
bestürmt, doch nicht weiter zu zögern.
    Dex aber hielt sich trotz allem zurück und wollte nicht mit der Sprache
heraus.
    Da trat ein Ereignis ein, das der Gedankenrichtung der Pallasianer plötzlich
eine ganz andere Wendung gab: ein grosser Komet erschien und schwebte ganz dicht
neben dem Pallas vorüber. Und dabei geschah etwas Ungeheuerliches: als die
Lichtwolke eines Nachts herunterkam - wurde sie nicht dunkel wie sonst; das
Kometenlicht machte die Wolke auf der einen Seite fast genauso hell wie am Tage,
wenn die Wolke oben hing.
    Hieraus ging für alle Pallasianer deutlich hervor, dass oben über der Wolke
nur ein Komet das grosse Licht spenden könnte - ein gefesselter Komet.
    Da wurde der Dex von so vielen Pallasianern zum Weiterbau des Turms
aufgefordert, dass er sich beim besten Willen nicht weiter weigern konnte.
    Und so beschloss der Dex, das nächste Stockwerk - und zwar nochmals gleich
drei Meilen lang - unter einem Winkel von fünfundfünfzig Grad herzustellen.
    Lesa war sehr glücklich; er war immer mit Biba zusammen, und die Beiden
sprachen nur von dem grossen Kometen hoch über ihnen, und von dem, der am Pallas
vorbeizog zur Sonne hin.
    Biba sprach immer wieder von der Sonne und von dem grossen Ring, den die
Asteroïden zusammen bilden müssten - entsprechend dem Saturn-Ring.
    »Es ist Deine Aufgabe«, sagte er zum Lesa, »die Asteroïden
zusammenzubringen; sie müssen zusammen wie eine einzige Masse wirken -
mindestens müssen sie so einig untereinander sein wie die Pallasianer auf dem
Pallas.«
    »Du vergisst den Peka«, versetzte Lesa, »wir sind doch eigentlich noch nicht
so einig. Und ausserdem sollten wir nicht so übergrosse Pläne haben.«
    »Irrtümlich scheint mir das«, fuhr Biba fort, »bist Du einmal so kühn
gewesen, dass Du Dich mit dem Kopfkometen des Pallas verbunden hast, so kannst Du
auch dieses Kopfsystem gedanklich beeinflussen. Möglich ist es ja, dass Du oben
ganz untergehst in dem Grossen. Dann würdest Du Dein Persönlichkeitsbewusstsein
vollkommen verlieren. Dann wäre vielleicht für Dich alles aus. Aber es ist doch
auch möglich, dass Du da oben selbständig bleibst. Und dann kannst Du doch das
ganze Asteroïdenheer zusammenbringen wollen. Ein derartiges Zusammenleben mit
einem gefesselten Kometensystem muss doch in Dir eine riesig grosse Kaft
entfalten.«
    »Zu gross«, sagte Lesa, »erscheint mir das noch. An solche Gedankengänge bin
ich noch nicht gewöhnt. Du weisst, was ich stets von der Ergebenheit dem grossen
Unbekannten gegenüber gesagt habe. Ich muss bei dem, was ich darüber sagte,
bleiben. Ich kann davon nicht abkommen - so schnell wenigstens nicht. Dränge
mich nicht.«
    Biba lächelte und schwieg.
Da äusserte Nax zu Biba und Lesa, dass er Heimweh hätte.
    »Du darfst nicht fort«, sagte Biba, »wir werden Dich oben beim Bau noch
öfters gebrauchen.«
    Da sagte der kleine Nax lustig:
    »Meinetwegen bleib ich auch noch hier. Aber Ihr müsst mir versprechen, mich
später mit einem Pallasianer zum Stern Erde zu senden. Ich habe neulich ein Buch
gefunden, in dem wird erzählt, die Erdianer könnten garnicht von der tollen Idee
abkommen, dass sich die Sterne gegenseitig so anziehen, wie die Sterne ihre
Oberflächenstücke anziehen. Das finde ich so schnurrig. Und deshalb möchte ich
die Erdianer, die ja die drolligsten Lebewesen unsres Sonnensystem zu sein
scheinen, doch mal kennen lernen. Dann kann ich doch wieder mal tüchtig lachen.
Ihr seid mir zu ernst.«
    »Lieber Nax«, sagte da der Biba, »wenn einer von uns mal zur Erde hinwollte,
sollst Du mitkommen. Aber so köstlich erscheint mir das Lächerliche dort nicht
zu sein. Andrerseits finde ich, dass die Idee der Erdianer, wenn sie auch falsch
ist, so unnatürlich garnicht genannt werden kann. Der Einfluss des Sterns, den
die Erdianer Jupiter nennen, auf die Sonnenfleckenperiode der Sonne ist doch
nicht zu leugnen. Fast zwölf Erdjahre ist diese Periode lang - in derselben Zeit
umwandelt der Jupiter die Sonne. Beziehungen zwischen den Sternen sind also da.«
    Nax rieb sich seinen kleinen Rüssel und sagte:
    »Bei Euch muss man also auch das Lächerliche sehr ernst nehmen.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Dex wird mit den Pallasianern bei der Turmarbeit vorgeführt, die nur noch eine
gedankliche Arbeit, keine handliche ist. Peka wird müde, sein Körper wird
stellenweise durchsichtig, und er will sich in Lesabéndio auflösen, sagt das dem
Bombimba, der den Lesa holt. Peka sieht, dass er nicht so tatkräftig wie der Lesa
war und somit diesem weichen musste. Sie nähern sich geistig einander, obschon
sie im Leben immer einander widerstrebten. Pekas Auflösung in Lesa verändert
diesen sehr, gibt ihm mehr Ruhe, worüber sich Biba sehr freut. Dex vollendet das
nächste Stockwerk, und der Turm ragt jetzt fast sieben Meilen hoch zum
Kopfsystem empor.
Nun war der Dex wieder mitten in seiner Arbeit. Und die meisten Pallasianer
halfen ihm, wo sie konnten. Die Maschinen, die den Kaddimohnstahl aus dem
Pallasrumpf herauszogen, stampften wieder und ächzten. Und die grossen
Schmiedehammer dröhnten wie alte Metallglocken. Alles ging durch elektrische
Kraft, kein Dampf war zu sehen - die Stoffe auf dem Pallas lassen sich nur sehr
schwer in die Dampfform umsetzen; es ist sogar so schwer, dass es die Pallasianer
gänzlich aufgegeben, da ein unmittelbarer Nutzen aus der Dampfform nicht zu
ziehen ist. Auch das Flüssigmachen der Stoffe ist, wie schon öfters erwähnt,
ausserordentlich schwer. Flüssigkeiten werden nur zu Heilzwecken verwandt, müssen
also gelegentlich hergestellt werden. Das geschieht aber nur in Labus Atelier
mit Hilfe der kompliziertesten Maschinen. Die Struktur der Pallasstoffe
unterscheidet sich von der auf anderen Sternen so vielfach, dass ein Vergleich
garnicht stattaft ist. Die Quikkoïaner, die auf einem gallertartigen Stern
lebten, wunderten sich immer wieder über die verblüffende Trockenheit des Sterns
Pallas.
    Die »Arbeiten« am Turm hatten nur am Anfange die Körperkräfte der
Pallasianer in Anspruch genommen. Gleich danach hatten sich ein paar hundert
Freunde des Dex bemüht, neue maschinelle Erfindungen einzuführen. Und dann galt
es nur, die vielen Maschinen richtig zu bedienen und sie rechtzeitig zu
reparieren. Und schliesslich bemühten sich Alle nur darum, immer bessere
Maschinen zu erfinden. Die »Arbeiten« bekamen somit sehr bald ein ganz anderes
Gepräge - es wurde viel gerechnet und immer wieder etwas Neues ausprobiert. Eine
gedankliche Tätigkeit trat allmählich überall an die Stelle der handlichen. Und
alles wurde so praktisch und bequem wie möglich eingerichtet, sodass Unfälle
schliesslich nicht mehr vorkamen.
    Besonders wurde die Anlage der Bandbahnen immer wieder verbessert, sodass
oben am Turm bald kein Band mehr vergeblich dahinrollte - die Bänder wurden so
geschickt von einer Rolle zur andern übergeführt, dass jedes Stück mehrfach zu
gebrauchen war. Für den Stahlstangentransport hatte man ein paar Zahnradbahnen
versuchsweise eingeführt - doch sie bewährten sich nicht - durch Stahl
versteifte, langsam rollende Bandbahnen bewährten sich für die Überführung der
langen Stangen doch am besten.
    Und Peka wurde sehr müde, sein Körper begann schon, an einigen Stellen
durchsichtig zu werden. Tief unten an einem Nuse-Turm im oberen Teile des
Nordtrichters lag er eines Tages auf einem glatt polierten grossen Steinwürfel,
und Bombimba sass neben ihm.
    »Sie hören nicht mehr auf«, sagte der müde Peka, »ihre ganze
Gedankenrichtung ist eine technische geworden. Die grosse Kunst der
Rhytmisierung in den Flächen- und Raumpartieen gilt ihnen garnichts mehr; sie
wird ihnen nie mehr etwas gelten. Und so ist es mir nicht mehr möglich, länger
unter ihnen zu weilen. Ich werde bald fort sein. Das Klagen hat natürlich gar
keinen Zweck. Ich wollte unserm Stern Bewohner geben, die in beschaulicher Ruhe
dahinleben können. Das war aber wohl nicht die Absicht des grossen Unbekannten,
der uns führt. Ich habe ihn nicht verstanden. Und darum muss ich fort. Ich bin
überflüssig geworden. Man hat in den letzten Jahren so viele Maschinen erfunden,
um den grossen Stahlturm da oben zu bauen. Hätte man nicht in derselben Zeit so
viele Maschinen erfinden können, um mein Steinpolieren zu, erleichtern? Dann
wäre Alles anders gekommen. Man hätte den Nordtrichter in derselben Zeit
köstlich mit funkelnden Kanten und Brillanten durchsetzen können - mit ganz
steilen glatten Wänden! Und in den Wänden hätten rechtwinklige Löcher sein
können, in denen man jetzt sitzen könnte und hinausstarren und hinunterblicken.
Man hätte die Rhytmen des Nordtrichters so oft wieder von einem andern Punkte
aus sehen können - von unten sowohl wie von oben. Man hätte in einem Bauwerk
gelebt. Und die Ateliers der Pallasianer hätten Aussichten gehabt - in den
Nordtrichter hinein. In dem hätte jeder Stein glatte Flächen zeigen können -
glatte Flächen, die doch allein den Rhytmus in den Raum- und Flächenpartieen
künstlerisch wohltuend markieren können. Das ist nun alles unmöglich. Das
Drahtnetz oben zerstörte den Rhytmus im Raum - es kann vielleicht mal eine
Kuppel werden - aber das Kompakte - das Bleibende und Feste - das fehlt. Und dass
es fehlt - das gibt der ganzen Gedankenrichtung der Pallasianer eine andere
Richtung. Ich bin mit meinen schwerfälligen Steinen eine veraltete Erscheinung,
nur noch gut genug, dem Sofanti Turmhäute zu liefern. Das genügt mir aber nicht.
Mir genügt es auch nicht, wenn ich im Nordtrichter hier und da ein paar glatte
Wände und scharfe Kanten anbringen kann. Ich wollte auch mal eine künstlerische
Aussicht haben. Die hätte ich aber nur, wenn ich den ganzen Nordtrichter nach
rhytmischen Prinzipien durchgearbeitet hätte. Eine Kleinigkeit genügte mir
nicht.«
    »Hättest Du da nicht«, fragte Bombimba, »auf der Aussenseite des Pallas so
viel umwandeln können, dass die Aussicht überall Deinen Prinzipien genügt hätte?«
    Peka lächelte schmerzlich und sagte nach einer langen Weile:
    »Wir haften mit unsern Gedanken nicht immer da, wo wir wollen. Ich habe
zumeist im Nordtrichter gelebt, nicht auf der Aussenseite des Pallas. Die ist
auch garnicht so leicht nach allen Seiten durchzubilden. Man kommt da immer
wieder an eine Grenze, wo das Ungeordnete herrscht. Und grade das Ungeordnete in
unserm Stern wollte ich ja ganz und gar vergessen. Hätte ich alle Berge auf dem
Nordtrichterrande rhytmisch mit graden Linien und glatten Flächen in tausend
Winkel gegliedert, dann wäre ich nie darauf gekommen, über den oberen Rand
hinwegzublicken - oder unten durch das Loch in den Südtrichter zu fahren. Ja -
ich bin eben nicht in der Lage, aus meiner Gedankenrichtung hinauszukommen. Und
da ich sie nicht in erquickende Wirklichkeiten hineinzusetzen vermag, so ist
meine Gedankenrichtung nicht mehr lebensfähig. Kannst Du alles, was ich Dir
sagte, dem Lesabéndio sagen? Ich wäre Dir dankbar. Ich möchte mich in Lesa, der
mich vernichtete, auflösen. Vielleicht bleibt dann Etwas von dem, was ich
dachte, auf dem Pallas zurück. Willst Du ihm das alles sagen?«
    Bombimba nickte und flog davon, um den Lesa zu suchen und zu
benachrichtigen.
    »Immer«, fuhr Peka, als er allein war, fort, »glaubt man, das Beste zu tun.
Und schliesslich wird doch Alles ganz anders. Wer kann den unbegreiflichen Führer
begreifen? Wer begreift unser ganzes Leben? Einst, als wir Nüsse waren, da ging
Alles so wirr durcheinander. Und im Traume gehts auch so wirr durcheinander. Und
im andern Pallasianer? Gehts da auch so wirr durcheinander?
    Wir wissen das alles nicht. Vielleicht habe ich Unrecht gehabt - und Unrecht
getan. Vielleicht war ich schon zu müde - vor vielen vielen Jahren. Lesa ist
jedenfalls kräftiger. Das ist auch etwas wert. Ja! Ja!«
    Bombimba fand den Lesa nicht gleich und musste dreissig Bandbahnen benutzen,
ohne ihn zu finden. Oben im Turm sagte man überall, Lesa sei unten. Und unten
auf den Bergen bei den Maschinen war es überall so laut, dass Bombimba sich
schwer verständlich machen konnte. Die grossen Maschinen zogen den Kaddimohnstahl
aus dem harten trockenen Boden heraus, dass der furchtbar knirschte. Dazu kamen
die Hammermaschinen, die den Stahl bearbeiteten. Es war garnicht leicht, einen
Pallasianer zu finden, wenn er allein sein wollte. Und Lesa wollte jetzt immer
wieder allein sein. Schliesslich wurde er in dem Aussichtszimmer eines kleinen
Lichtturms gefunden, der ganz einsam drei Meilen höher als der Modellturm schon
vor sehr langer Zeit gebaut wurde. Lesa hörte, was er sollte, und begab sich
gleich mit Bombimba zum müden Peka.
    Lesabéndio sagte zum Peka milde:
    »Ich danke Dir, dass Du mich grade gerufen hast. Ich habe alles, was Du zu
Bombimba sagtest, von diesem gehört. Und ich weiss nicht, was ich Dir zum Troste
mitteilen soll. Ich weiss: Du brauchst keinen Trost. Aber es ist doch immer ein
seltsamer Augenblick, wenn man fühlt, dass der Körper durchsichtig wird. Wir
werden alle von unbekannten Mächten fortgetrieben. Und das Ziel, das uns
vorschwebt, scheint uns immer wieder undeutlich zu werden. Was wissen wir von
unserm Leben? Vielleicht hast Du mit Deinen künstlerischen Bestrebungen ein
Wertvolleres im Auge gehabt als ich. Du wolltest die ruhige Stille. Ich habe die
nie gekannt. Und das empfinde ich doch zuweilen als einen Mangel in mir. Ich
kümmere mich viel mehr um das, was ausser mir ist. Aber - glaube mirs! - auch das
muss wohl ein Wertvolles sein. Es kam mir das Leben unsres ganzen Sonnensystems
und besonders das Leben unsres Doppelsterns immer viel wichtiger vor als mein
eigenes Leben. Wissen wir denn, ob wir jemals ein eigenes Leben erfassen können?
Deine Freude am Rhytmischen gab Dir ja mehr die Empfindung, dass Du ein eigenes
Leben hattest. Ob das aber nicht auch nur eine Täuschung war? Ich habe viel von
dem, was Du wolltest, wohl unmöglich gemacht. Doch ich war nicht Herr meiner
selbst.«
    »Ich bin ganz ruhig«, erwiderte Peka, »und ich habe jetzt nur noch den einen
Wunsch, dass Du recht viel von meiner Ruhe und Beschaulichkeit in Dich aufnimmst.
Du bist der Tatkräftige. Das Tatkräftige war mir aber meiner Anlage entsprechend
nicht naheliegend. Es entwand sich mir immer. Nun sehen wir beide ein, dass wir
nicht leicht, solange wir nebeneinander lebten, zusammenkommen konnten. Da ist
es doch ein Trost, dass wir uns zum Schluss noch so nähern können. Das Ende der
Pallasianer ist doch ein beneidenswertes. Ich glaube nicht, dass es Ähnliches
öfters in unserm Sonnensystem gibt. Ich werde in Dir weiterleben als Dein guter
Freund, obschon ich im Leben niemals Dein guter Freund war und immer in andern
Sphären meine kühlen ruhigen rhytmischen Ziele erblickte. Zur Wehmut haben wir
also keinen Grund. So wie es gekommen ist, wirds wohl das Richtige sein. Das
Kräftigere siegt immer. Aber wir müssen auch ein Vergnügen darin erblicken, mal
vom Kräftigeren besiegt zu werden. Gib mir Deine Hand, Lesa! Wenn Du bereit
bist, so werde ich Dir dankbar sein. Bombimba kann in unsrer Nähe bleiben.«
    Die Beiden reichten sich die feinen Hände und drückten sie, Bombimba sah
starr zu; er hatte noch niemals einer Auflösung beigewohnt.
    Und dann reckte sich plötzlich der Lesabéndio dreissig Meter hoch empor, und
die Poren seines Körpers weiteten sich mächtig wie grosse Rachen auf. Und Peka
wurde mit einem Ruck von Lesas Körper angezogen - und war gleich danach
verschwunden.
    Langsam schlossen sich Lesas Körperporen, und dann wurde er langsam wieder
kleiner und blickte langsam im Nordtrichter herum, als sähe er alles mit ganz
neuen Augen.
    »Es ist mir doch«, sagte er bedächtig zum Bombimba, »als wären wir immer auf
einem Irrwege. Wir haben eigentlich niemals das Gefühl, als wäre das, was wir
tun, das Richtige. Es gibt immer noch eine andere Bandbahn, die in scheinbar
besserer Gegend zum Ziele führt. Ich sehe den Peka, der mir so heftig Zeit
seines Lebens widerstrebte, jetzt so deutlich vor mir, wie ich ihn nie in seinem
Leben sah. Sein Geist wird in mir immer lebendiger werden. Und ich bekomme
dadurch eine neue Seite. Unsre Persönlichkeit schliesst sich niemals ganz ab.
Auch Peka empfand zuletzt, dass sein Weg wohl nicht der einzige Weg zum guten
Ziele sei. Auch sein gutes Ziel wurde ihm undeutlich.«
    Bombimba sagte rasch:
    »Welch ein geheimnisvolles Leben führen wir auf dem Pallas! Mir ist so, als
hätte ich Euch beide jetzt erst verstanden. Aber ich verstehe auch, dass Ihr nie
zusammenkommen konntet, solange Ihr lebtet. Die Auflösung Pekas in Dir hat aber
das Unmögliche ganz einfach möglich gemacht. Ob es möglich ist, Lesa, dass sich
der Pallasianer auch in einem andern höhern Wesen auflösen könnte? Weisst Du
das?«
    »Ich weiss das nicht«, versetzte Lesa, »aber vielleicht erfahren wirs, wenn
wir oben sind. Wir erleben ja auf dem Pallas so grosse Wunder, dass wir wohl
hoffen dürfen, dass wir immer grössere erleben werden.«
    Die Lichtwolke kam herunter, und es wurde Nacht im Nordtrichter. Alle
elektrischen Lampen flammten mit einem Ruck bunt und funkelnd auf. Die
Scheinwerfer drehten sich. Bombimba legte sich auf die nächste Pilzwiese, die
Haut seines Rückens spannte sich hoch über ihm zusammen. Er liess seinen linken
Arm leuchten und rauchte sein Blasenkraut und dachte über Leben und Sterben auf
dem Pallas nach.
    Lesabéndio aber fuhr auf zehn Bandbahnen und zwei Seilbahnen zum Biba und
erzählte ihm, was vorgefallen war.
    Biba lächelte und sagte hastig:
    »Das hab ich immer gewünscht. Grössere Ruhe ist für Dich ein Bedürfnis. Peka
wird sie Dir geben. Jetzt kannst Du auch erfahren, wie der Peka in Dir wirkt -
ob er persönlich in Dir lebendig bleibt. Ist das der Fall, so könntest Du auch
persönlich oben im Kopfsystem Dich erhalten.«
    »Wenn wir nur erst genauer wüssten, was das Persönliche eigentlich ist!«
erwiderte Lesa.
    Sie sprachen noch lange darüber.
Am nächsten Tage aber hatte Dex das nächste Stockwerk fertig gebaut - abermals
drei Meilen schräg nach oben, der Ring oben hatte nur noch einen Durchmesser von
einer guten halben Meile. Sofanti liess viele Häute hinaufschaffen.
    Der Turm reckte sich jetzt fast sieben Meilen hoch zum Kopfsystem des Pallas
hinauf.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Biba hält dem Lesa einen grossen Vortrag über die Annäherungsmotive astraler
Lebewesen, und Lesa hält das Gesagte für einen Beitrag zur Lösung des
Persönlichkeitsproblems. Man entdeckt in Pekas Atelier ein grosses Modell des
Nordtrichterturms mit architektonischer Durchbildung. Viele Pallasianer
bedauern, dass der Turm die Ausführung des Peka-Modells verhinderte. Die Ampel
oben steigt aber höher, und man baut das nächste Stockwerk eine Meile hoch,
Sofanti umschliesst das Ganze mit Haut, sodass der Turm seine Laterne hat. Labu
ist verschwunden. Manesi geht in seinem Sonnenatelier ebenfalls wie Peka in
Lesabéndio auf.
Biba wurde jetzt sehr lebhaft; er liess den Lesabéndio fast garnicht mehr aus den
Augen. Fast in jeder Stunde hatte er ihm neue Gedankengänge zu übermitteln. Und
Lesa hörte immer aufmerksam zu.
    Oben auf dem Rande der grossen Manesi-Ampel sagte Biba eines Tages zwischen
grossen karminroten Blumen, die wie schlaffe kleine Luftballons unter dem
violetten Himmel hingen, während die grünen Sterne heftig funkelten und die
Lichtwolke oben strahlte:
    »Lieber Lesa, wir denken wohl häufig, es könnte wohl verwunderlich sein, dass
sich die Sterne einander nähern und so lange einander nahe sind. Ein blosses
Mitteilungsbedürfnis kann sie doch nicht zusammenführen. Um sich Gedanken
mitzuteilen, dazu bedarf es keiner körperlichen Annäherung. Die
Gedankenmitteilung ist durch Bücher und andere Schriftzeichen viel leichter
herzustellen. Wenn wir Oberflächenwesen schon die fixierte Gedankenübermittlung
kennen, so dürfte den Sternen noch eine ganz andere Art von verständlichen
Schriftzeichen geläufig sein. Darum bin ich der Meinung, dass den grossen astralen
Lebewesen das Fixieren von Gedanken nicht so wichtig ist - wie das Formulieren
von neuen Eigenschaften. Dieser wegen kommen sie zusammen. Und so läuft alles
Zusammenkommen auf grosse lange Zeit hindurch vorzubereitende Umwandlungsprozesse
hinaus. Die Sterne kommen eben zu andern Sternen, um ihr ganzes Wesen ein wenig
oder recht energisch - umzuwandeln. Wie verwandeln sich nur die Kometen in der
Nähe der Sonne! Bedenke das nur! Das ist das Deutlichste. Dieses
Umwandlungsprinzip ist darum auch in den Oberflächenwesen der Sterne zu
konstatieren. Denke an die sterbenden Pallasianer! Vielleicht ist alles Sterben
in unserm Sonnensystem nur auf dieses grosse, überall bemerkliche
Umwandlungsprinzip zurückzuführen. Da hätten wir einen Gedankengang, der wohl
viele Rätsel einer Lösung etwas nähert. Andrerseits wird doch auch die Sonne
durch ihre Planeten umgewandelt; der Einfluss des Jupiters auf die
Sonnenfleckenperiode ist doch ebenfalls so ausserordentlich deutlich. Vielleicht
ist sogar der Pallas in der Lage, einen kleinen Eindruck auf das Leben der Sonne
auszuüben. Wir könnens ja nicht bemerken. Aber vielleicht weiss das Kopfsystem
oben Näheres davon. Vielleicht stehen wir der Sonne näher, als wir denken.
Natürlich werden sich manche Sterne zu Zeiten auch gegen den allzu kolossalen
Einfluss der Sonne auflehnen und sich dann eine Kruste zulegen, durch die sie ein
wenig geschützt sind gegen die allzu heftigen Temperaturbeeinflussungen unsres
grossen Centralgestirns. So mags bei der Erde sein. Vielleicht kommt daher auch
die etwas zurückgebliebene Geistesverfassung der Erdoberflächenbewohner. Der
Pallas ist ja auch sehr hartkrustig. Aber er hat einen beweglichen Kometenkopf.
Vielleicht stammt dieser doch aus dem Nordtrichter. Man müsste allerdings
annehmen, dass dann dem Südtrichter auch ein Kometenkopf entstiegen sei.
    Aber über die Entstehung der Sternsysteme darf man ja nicht nachdenken. Was
ist in diesen Kopf- und was ist Rumpfsystem? Das ist doch alles nur
Bildersprache von uns. Möglich ist doch auch, dass das Kopfsystem oben
ursprünglich garnicht an unsern Trichterstern gebunden war. Was ist nicht alles
möglich! Wir sollen nicht darüber nachdenken. Das führt zu weit. Und wir würden
wohl garnicht klüger, wenn wir Näheres von der Sternentstehung wüssten - oder wir
würden vielleicht zu klug - was uns doch ebenfalls sehr schädlich sein könnte.«
    Lesa sagte lächelnd:
    »Das war eine famose Randbemerkung zum Tema:
    Persönlichkeit!«
    Sie sprachen weiter über dieses grosse Tema. -
    Währenddem waren die Freunde Pekas mit Labu in Pekas Atelier gefahren und
durchstöberten da alle Ecken und Winkel der riesenhaft grossen Räume. Und dabei
entdeckten sie plötzlich eine Türe, die durch Druck nachgab.
    Und sie sahen einen grossen von der Decke aus hell erleuchteten Raum vor
sich. Und im Fussboden dieses grossen Raumes befand sich eine ganz genaue
Nachbildung des Nordtrichters - aber mit unsäglich vielen kristallinisch
gebildeten Felsmassen durchsetzt - mit glatten Wänden und mit grossen
Überkragungen - mit Terrassen und Türmen, Brücken und Geländern; auch viele
Bandbahnen waren da, die sich so bewegten, wie die grossen Bandbahnen draussen.
    Das Modell hatte einen Durchmesser von ungefähr fünfzig Metern und drehte
sich langsam automatisch um sich selbst. Von diesem Modell hatte bisher kein
Pallasianer eine Ahnung gehabt; Peka hatte es heimlich ganz eigenhändig
hergestellt. Es bewegte sich immer noch, und die nachgebildete Lichtwolke oben
leuchtete auch noch immer. Das Ganze war an eine Elektrizitätsquelle
angeschlossen und hätte sich noch Jahre hindurch bewegt, wenn man den Modellraum
auch nicht entdeckt hätte.
    »Welche Arbeit!« sagte Labu.
    Man sah noch von oben mehrere Stricke herunterhängen; an denen hatte sich
Peka angeschlossen, wenn er in seinem Modellturm die kleinen Modellfelsen
anbrachte. Es sah wie eine Spielerei aus. Aber Pekas Freunde wurden doch sehr
traurig, als sie das alles sahen.
    Bei der ständigen Drehung des Ganzen liess sich der rhytmische Wechsel in
allen Raumteilen sehr gut beobachten. Und auch der Rhytmus in den Flächen wurde
deutlich; er war durch farbige Linien und Bänder markiert.
    In der Tiefe war das Loch des Planeten, und durch das sah man in den
Südtrichter. Man versuchte nun zu diesem auch durchzudringen; es war aber zu
eng, um einen Pallasianer durchzulassen. Nach langem Suchen fand man endlich
eine Falltüre, durch die man in den unten gelegenen Raum gelangte. Dort aber lag
noch alles ganz roh durcheinander; an den Südtrichter hatte Peka niemals
ernstlich gedacht - allerdings schien ers wohl nicht für unmöglich gehalten zu
haben, dass auch dort mal seine rhytmisierende Tätigkeit beginnen könnte.
    Schnell wurden alle Pallasianer von der Existenz dieses Modells in Kenntnis
gesetzt. Und Alle kamen, um sich die grosse langwierige feine Arbeit anzusehn.
    Viele bedauerten beim Anblick dieses Modells, dass so wenig davon zur
Ausführung gelangte; nur die Fundamente von drei Nuse-Türmen waren nach diesem
Modell oben ausgeführt. Und diese drei - allerdings umfangreichen - Fundamente
hatten dem Sofanti genügt, um ein überreiches Hautmaterial zu erzeugen.
Bald darauf entdeckten die Pallasianer ein neues Wunder: die Ampel, die oben im
Turm so lange an den langen Drahtseilen hing, begann, sich unabhängig von den
Drahtseilen zu machen; die Ampel fing an, zu steigen, sodass die Drahtseile
schlaff und eigentlich ganz zwecklos dahingen.
    Nun hatten sich jedoch die Rankenpflanzen des Manesi weit auf den
Drahtseilen fortgepflanzt; abschneiden konnte man also die Drahtseile nicht.
    Die Ampel stieg immer höher; das Attraktionscentrum musste demnach abermals
ebenfalls höher gestiegen sein.
    Und dann wurden die Drahtseile allmählich wieder straff - aber sie wurden
jetzt aufwärts strebend straff, zogen also die Ampel runter und nicht mehr empor
wie früher.
    »Alles drängt nach oben!« sagte der Dex.
    »Demnach müssten wir«, meinte der Sofanti, »doch wieder an die Arbeit gehen.«
    Und dem stimmten die meisten Pallasianer bei. Und das nächste Stockwerk
wurde hergestellt.
    Dex wollte nur eine Meile hoch gehen.
    Und da der Durchmesser des obersten Ringes mit den vierundvierzig Ecken nur
eine gute halbe Meile lang war, so konnte man dieses Mal fast senkrecht die
neuen Stangen ansetzen.
    Das ging schneller, als man dachte.
    Sofanti brachte hiernach seine Häute hinauf und umkleidete das neue
Stockwerk ganz und gar.
    Und da hatte die Turmspitze plötzlich einen Lampioncharakter; im Innern des
neuen Stockwerks wurden Tausende von elektrischen Lampen angebracht.
    Der Turm hatte nun oben seine »Laterne«.
    Nuse, der die meisten Lichttürme im Nordtrichter gebaut hatte, war ganz
besonders davon entzückt, dass jetzt der grosse Turm endlich zum vollendeten
Lichtturm geworden war.
    Aber Nuse sah jetzt mit Sorge der Lichtwolke entgegen und behauptete, dass
sie sich wohl in das Innere des neuen Stockwerks hinunterlassen könnte. Und
darum, meinte er, sei eine Überspannung oben durch Häute wohl angebracht.
    »Ich wundre mich«, sagte er, »dass uns die Lichtwolke bislang so wenig
hinderlich gewesen ist. Wenn sie kommt, fahren wir ja alle in die Tiefe. Aber
nachdem wir sie elektrisch durchleuchtet haben, scheint sie sich immer weiter
zurückzuhalten. Die kleinen Wesen mit den fadendünnen langen Körpern scheinen
Furcht vor uns zu haben.«
    Man war der Lichtwolke bereits sehr nahe gekommen. Am Tage war der
Aufentalt ganz oben im Turm nicht grade angenehm: die Lichtwolke leuchtete so
heftig, dass die Pallasianer stets ihre Augen durch ihre grosse regenschirmartige
Kopfhaut schützen mussten. Nachts, wenn die Wolke heruntergekommen war, konnte
mans nur ganz kurze Zeit im Innern der Laterne aushalten; man konnte sich das
nicht erklären, da die Wolke nicht durch das obere Loch durchkam.
    Sofanti wurde demnach gebeten, doch oben das Loch mit Häuten zuzumachen. Er
stöhnte ob des vielen Materials, tat aber schliesslich sehr gern, was man von ihm
verlangte.
    Und als die Laterne oben zu war, konnte man die ganze Nacht im Innern der
Laterne verweilen. Und das taten denn auch sehr viele Pallasianer.
    Man wurde allmählich aufgeregt: man glaubte, dass jetzt die Lösung von
unzähligen Lebensrätseln bald da sein würde.
    Und fast Niemand dachte an künstlerische Ausgestaltung des Turms: man dachte
nur an das, was hinter der Wolke lebte - an das grosse Kopfsystem des Pallas. -
    Zu denen, die nicht von der allgemeinen Stimmung mitgerissen wurden,
gehörten besonders Manesi und Labu.
    Labu war nicht aufzufinden. Er hielt sich verborgen. Bombimba war
gleichzeitig mit ihm verschwunden.
    Wo die Beiden lebten, wusste Niemand.
    Man suchte auch nicht nach ihnen, da Alle ganz von der Wolke gefangen
genommen wurden und nur über diese sprachen.
    Lesabéndio wurde so ehrfürchtig verehrt - als wüsste er ganz allein, was da
oben sein könnte.
    Und Lesabéndio wurde immer schweigsamer. Er gab Allen, die ihn ausforschen
wollten, nur ganz kurze Antworten, sagte, dass er nicht mehr wisse als die
Andern.
    Dex zögerte mit dem Weiterbauen.
    Aber er liess unten von den Maschinen den letzten Stahl aus den Tiefen
herausziehen und bereitete alles zum Weiterbau vor.
    Biba blieb immer in Lesas Nähe, liess ihn aber stets allein.
    »Ich will Dich nicht stören!« sagte er öfters, »aber ich glaube, dass der
Mutigste doch das grösste Glück zu packen vermag.«
Manesi umschwebte immerzu seine grosse Blumenampel. Und dabei wurde sein Körper
an einzelnen Stellen durchsichtig.
    Und Manesi bat den Lesa eines Tages, ihm doch in sein grosses Atelier zu
folgen, das im Südtrichter lag.
    Sie fuhren beide hin, und Manesi sagte müde und abgespannt:
    »Ich glaube auch nicht mehr daran, dass jemals wieder künstlerische Neigungen
auf dem Pallas die Oberhand gewinnen werden. Es geht alles ganz anders, als ich
gedacht habe. Als Ihr damals zuerst mit der Turmidee kamt, sagte ich mir ja
gleich, dass dadurch alles Künstlerische zurückgedrängt werden würde. Doch dass
das so vollkommen geschehen würde - das hätte ich nicht gedacht. Fühlst Du
nicht, lieber Lesa, etwas vom Peka in Dir?«
    »Das schon«, versetzte Lesa, »aber das da oben ist mächtiger. Wir sind nicht
die Herren unsres Schicksals.«
    Danach sagte Manesi:
    »Was Du dem Peka tatest, das tu mir auch. Ich werde Dir dankbar sein.«
    Und Lesa war damit einverstanden.
    Manesi liess in seinem Atelier alle seine künstlichen Sonnen, durch die das
Wachstum der Pilz- und Schwammwiesen so heftig gefördert wurde, plötzlich hell
aufflammen und reckte sich ganz hoch auf. Und Lesa reckte sich auch hoch auf,
und die Poren seines Körpers öffneten sich wie Rachen.
    Ein paar Glühwürmer umschwebten Manesis Kopf.
    Ringsum die vielen Ballonblüten der herrlichsten Manesi-Pflanzen schwankten
träumerisch hin und her. Und in den grössten Ballonblüten begann ein mächtiges
Phosphoreszieren und ein grosses Farbengezucke. Manesi sahs, lächelte, sah dem
Lesa fest ins Auge - und verschwand in Lesas Körper.
    Viele Ballonblüten fielen müde und schlaff zusammen.
    Das Licht der künstlichen Sonnen wurde immer schwächer.
    Es wurde bald ganz dunkel in Manesis Atelier.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Nuse gibt den Rat, die Stangen für das nächste Stockwerk auf der Aussenseite der
Laterne hinaufzuführen. Manesi und Labu werden vermisst. Manesis Auflösung
verbreitet Missstimmung. Labu stellt mit Bombimba ein Pallas-Modell her, das mit
Hilfe von hundert andern Pallasianern auf die Ampel hinaufbefördert wird. Als
das nächste Stockwerk aufgerichtet und der ganze Turm jetzt neun Meilen hoch
aufragt, verbreitert sich die Lichtwolke und kommt in einer Nacht, obschon sie
dunkel wird, nicht hinunter, bleibt tellerartig oben. Und die Sterne sind des
Nachts zu sehen. Ein Spiegelstern zieht vorüber am Pallas. Lesabéndio wird müde
und will, dass das letzte Stockwerk schnell aufgeführt wird.
Oben in der Laterne wurde nun die Aufregung immer grösser. Die Lichtwolke war am
Tage nicht mehr volle zwei Meilen von der Turmspitze entfernt; hätten sich die
Pallasianer nicht durch ihre Kopfhaut schützen können, so wäre der Glanz der
Lichtwolke unerträglich gewesen.
    Die Haut, die oben die horizontale Seite der Laterne von der freien Luft
abschloss, hatte an vielen Stellen durchsichtige Hautplatten, die teilweise
verdunkelt einen freien Blick auf die Wolke auch am Tage gestatteten. An vielen
Seilen hingen viele Pallasianer unter der oberen Laternenhaut, blickten nach
oben und berechneten die Entfernung, die bald ganz genau bestimmt war.
    Der Durchmesser der Laterne betrug jetzt oben nur noch dreitausend Meter.
    Man wollte weiterbauen - abermals eine Meile hoch höher steigen.
    Das war nicht so einfach, da die Nähe der Lichtwolke jetzt viel gefährlicher
erschien als in den unteren Stockwerken; obschon sich die Wolke in respektvoller
Entfernung hielt, hatte sie doch eine abstossende Kraft, der man sich jedenfalls
nicht mit den Gliedern des Körpers aussetzen durfte.
    Da machte Nuse, der sich für den grossen Lichtturm mit seiner riesenhaften
Laterne am meisten begeisterte, folgenden Vorschlag.
    »Wir haben«, sagte er, »bei den letzten Etagen unsre Stangen nur mit Mühe
nach oben bringen können, da wir die Stangen, die eine Meile lang sind, nur im
Innern der Laterne hinaufführten. Das Umkippen der Stangen liess sich nicht
durchführen, da ja die Laterne im Querschnitt einen Durchmesser hat, der nicht
eine halbe Meile beträgt. Darum schlage ich vor, das nächste Stockwerk anders zu
bauen. Wir können doch die Stangen von aussen hinaufführen - und zwar gleich mit
der Haut zusammen; die kann gleich unten rechts und links von den Stangen in der
nötigen Breite angebracht werden. Dann haben wir schliesslich nur das oben
abschliessende, horizontal gelagerte Hautstück eine Meile hoch hinaufzuschieben -
und das nächste Stockwerk ist fertig und oben gleich wieder abgeschlossen. Das
Anbringen der Räder und Rollen auf der Aussenseite der Laterne wird nicht grosse
Schwierigkeiten bereiten, da wir ja nicht zu fürchten brauchen,
hinunterzufallen; unsre Körper bleiben ja fast mühelos durch ein paar
Flügelschläge lange in derselben Höhe.«
    Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Dex und Sofanti gingen sofort an die
Arbeit. Und viele Pallasianer meldeten sich, die die Räder und Rollen an der
Aussenseite der Laterne befestigen wollten. Die neuen Turmstangen wurden unten
gleich mit weiteren Rädern und Rollen an der Aussenseite versehen, sodass auch die
Aufführung des letzten Stockwerks ganz mechanisch ohne weitere Handarbeit
arrangiert werden konnte.
    Als nun die Arbeiten ruhig und sicher oben zur Ausführung gelangten, fiel es
plötzlich auf, dass Manesi und Labu nicht mehr sich sehen liessen. Und man
vermutete, dass sie Beide dem Beispiele des Peka gefolgt seien, zumal Lesabéndio
ebenfalls nicht sichtbar wurde. Als dieser schliesslich kam und nur vom Manesi
erzählte, waren Viele missgestimmt. Man konnte sich aber nicht erklären, wo sich
der Labu versteckt hielt - mit ihm war auch Bombimba verschwunden. Und man
suchte sie.
    Die beiden Verschwundenen befanden sich aber in einem der grössten Ateliers
des Labu im Südtrichter. Dort hatte der Labu eine kolossale Steinkugel von
dreissig Metern Durchmesser aufbewahrt. Von dieser Kugel schnitten die Beiden
oben und unten eine Kappe ab und machten dann oben und unten zwei Trichter,
sodass das Ganze ein Modell des Pallasrumpfes darstellte. An diesem Modell wollte
Labu alle seine künstlerischen Absichten zeigen. Die Beiden zeigten an
verschiedenen Stellen, wie die Trichterwände durch kugelartige und auch durch
unregelmässige hügelige Formen am besten belebt werden könnten, wenn man nicht
verschmähen würde, stark wirkende Farben aufzutragen.
    Labu sagte öfters:
    »Ich verstehe nicht, warum der Peka immer sagte, dass rhytmische Gliederung
nur durch Ecken und Kanten und besonders durch rechteckige Formen herzustellen
sei. Warum soll Rhytmus nicht auch mit komplizierten, gewundenen Kurven
deutlich zu machen sein? Wir sind wohl alle etwas einseitig. Ich will ja das
Rechteckige garnicht ausschliessen, bevorzuge allerdings auch immer nur die
gekrümmte Linie. Doch so halsstarrig wie Peka bin ich nicht. Und deshalb fällt
es mir garnicht ein, an der künstlerischen Zukunft der Pallasianer so zu
verzweifeln wie der Peka.«
    Die suchenden Pallasianer fanden nun schliesslich die Verschwundenen, als sie
grade eifrig an ihrem Modell arbeiteten.
    Als Labu von Manesis Auflösung hörte, wurde er fast zornig und sagte:
    »Das ist doch wahrhaftig nicht vernünftig. Ich denke wahrlich nicht daran,
zu verzagen. Und um das den Pallasianern zu beweisen, möchte ich mein Modell
oben auf der Ampel anbringen - über der Mitte - frei schwebend - nur von
Stricken gehalten. Da soll man sehen, dass ich nicht wie Peka und Manesi bin. Ich
verzage nicht so leicht. Wenn der Turm fertig ist, kommen auch andre Zeiten. Und
da wird man abermals der Kunst, wenn man sie jetzt auch noch immer in die Ecke
stellt, ein neues Rückgrat verschaffen. Nun handelt sichs nur darum, das etwas
schwere Modell hinaufzutragen.«
    Die Pallasianer freuten sich über diese Rede des lebensfrohen Labu
ausserordentlich und wollten gleich ein paar hundert andre Pallasianer
veranlassen, das Hinauftragen des Modells nach Kräften zu fördern.
    Und es kamen auch achtzig hilfsbereite Freunde des Labu unten in seinem
grossen Atelier an.
    Man brachte das Modell mit Rädern auf Eisenschienen hinaus, löste ein paar
Magnetbahnen auf, knüpfte das Modell an die dadurch frei gewordenen Seile und
zog an diesen den kleinen Trichterstern durch das Centralloch durch - so, dass er
nicht an die Wände des grossen Pallas herankommen konnte. Und dann stieg die
schwere Steinmasse - von mehreren Seiten an den Seilen in der Mitte gehalten -
nach oben empor, ohne dass man weitere Mühe hatte.
    Oben auf der Ampel wurde das Modell frei schwebend angebracht - nur durch
ein paar Seile gehalten, dass es nicht höher steigen konnte.
    Das Attraktionscentrum rückte zeitweise immer höher hinauf. Doch dann sank
es auch wieder mehr hinunter, sodass man die Ampel zuweilen wieder hängend sah
wie am Anfange, als sie angehängt wurde - in diesem Falle musste das Modell durch
Stangen gestützt werden.
    Labus Modell machte aber wenig Eindruck auf die oben befindlichen
Pallasianer - die dachten fast alle nur an die grosse Lichtwolke.
    Die grosse Lichtwolke veränderte sich, als das nächste Stockwerk der Laterne
fertig in die Höhe gerichtet dastand. Jetzt ragte der Turm schon neun Meilen
hoch auf. Seine Spitze war von der Wolke nur noch sechstausendundfünfundfünfzig
Meter entfernt. Es schien so, als würde die Wolke ganz unruhig, am Tage zeigte
sie oft schwarze Flecke, und des Nachts wurde sie immer breiter. Und eines
Abends kam sie nicht mehr hinunter wie sonst. Die Wolke wurde dunkel, breitete
sich aber plötzlich nach allen Seiten aus - wie ein flacher Teller.
    Man erschrak.
    Alle glaubten, jetzt würde gleich etwas Fürchterliches geschehen. Eine Nacht
gabs auf dem Pallas, in der alle Sterne zu sehen blieben - grün funkelten sie am
violetten Himmel.
    Die Sonne leuchtete so hell, dass eine Dämmerungsstimmung entstand, in der
die vielen elektrischen Lampen und die Lichttürme des Pallas - besonders der
grosse - sehr seltsam und geheimnisvoll wirkten.
    Eine derartige Zwielichtbeleuchtung war den Pallasianern ganz neu.
    Um Labus Modell kümmerte sich nun Niemand mehr - selbst Labu selber nicht.
    Als sich die Wolke dann gegen Morgen wieder zusammenzog, wurde sie
allmählich wieder hell und leuchtete wie sonst.
    Alle Pallasianer hatten in dieser seltsamen Dämmerungsnacht nicht
geschlafen.
    Jetzt aber wurden sie müde und suchten die Pilzwiesen auf - besonders die in
den dunkeln Höhlen, wo das Tageslicht nicht hinkonnte.
In der nächsten Nacht schwebte neben dem Pallas - ganz in dessen Nähe - ein
seltsamer Asteroïd vorüber.
    Der hatte an der Seite, die er dem Pallas zukehrte, einen zwei Meilen
langen, ganz glatten Metallspiegel.
    In diesem Metallspiegel spiegelte sich der ganze Pallas - und da sah man
erst, wie magisch und geheimnisvoll der grosse Lichtturm mit seiner hohen Laterne
wirkte.
    Alle Pallasianer waren entzückt und gaben dem Spiegelstern Zeichen mit
Scheinwerfern.
    Auf dem Spiegelstern sah man danach plötzlich ebenfalls eine Menge
Scheinwerfer hervorbrechen. Und der Spiegel wurde dabei karminrot.
    Da veränderten die Pallasianer alle Farben in ihren Lichttürmen durch anders
gefärbte Hautstreifen.
    Und gleichzeitig geschah das auch auf dem Spiegelstern.
    Biba wollte eine Zeichensprache durch Scheinwerfer deutlich machen. Es
gelang aber nicht. Der Spiegelstern entfernte sich und zeigte dabei eine andere
Seite seines Sternkörpers, die so aussah wie ein Gewirre von unzähligen bunten
glitzernden Schlangen.
Nun dachte man daran, das nächste Stockwerk anzusetzen.
    Doch Dex und Nuse wurden ängstlich.
    Sofanti sagte:
    »Was dann geschieht, wenn die Stangen mit den Häuten die Wolke oben direkt
berühren - das können wir nicht wissen. Ich glaube, die Wolke wird sich dann
ganz und gar auseinandertun. Wir stehen jedenfalls von dem grössten Ereignis
unsres Lebens.«
    »Es wäre«, fuhr er dann später fort, »doch wichtig, dass wir jetzt hörten,
was Lesabéndio zu dem Ganzen sagt.«
    Lesabéndio aber schwieg.
Biba kam nun in Lesabéndios Nähe und sagte leise:
    »Lesa, Du beunruhigst mich. Warum sprichst Du nicht? Sollen wir weiterbauen?
Oder sollen wirs vorläufig lassen? Du musst Dich doch jetzt äussern. Deinetwegen
ist doch der ganze Turm gebaut. Ich verstehe Dein Schweigen nicht. Sprich doch.
Was fehlt Dir?«
    Da sagte Lesa müde:
    »Quält mich doch nicht mit Fragen. Baut doch weiter. Es eilt.«
    Da baute man weiter.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Das letzte Stockwerk wird nach oben gebracht. Die letzten Vorbereitungen zu
Lesabéndios Aufstieg werden getroffen. Lesa gibt dem Biba auf dem höchsten
Balkon noch besondere Anweisungen. Als Lesa allein ist, beugt er sich noch
einmal über den Balkonrand und sieht zum letzten Male lange Zeit hindurch in den
Nordtrichter, in dem viele Gesteine sehr heftig funkeln, was am Tage noch
niemals beobachtet wurde. Dann spricht Biba mit Lesa über eine spätere
Verständigung und über die Zukunft des Asteroïdenrings und über die
Vergangenheit des Pallas. Lesa wird wieder mutig und bleibt oben allein. Alle
Pallasianer schlafen in dieser Nacht unten. Am nächsten Morgen soll das letzte
Stockwerk aufgerichtet werden.
Die letzten vierundvierzig Kaddimohnstahlstangen mit dem dazu gehörigen
Hautmaterial wurden dann langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinaufgezogen. Und
man achtete darauf, dass das gleichmässig geschah.
    Während aber die Arbeit der Maschinen ganz ruhig vor sich ging, entstand
oben in der Laterne eine immer grössere Aufregung; das Durchstossen der Wolke oben
musste in allernächster Zeit Klarheit schaffen. Alle Pallasianer glaubten, jetzt
würde sehr bald das letzte Rätsel ihres Lebens gelöst werden. Ein Gespräch über
künstlerische Angelegenheiten kam nicht mehr auf. Selbst Labu sprach nur noch
von der Wirkung der letzten Stahlstangen, wenn sie einfach gleichzeitig oben in
die leuchtende Wolke hineinstiessen. Man wollte am frühen Morgen die grosse Tat
zur Ausführung bringen.
    Dass Lesabéndio sehr bald nach Aufrichtung des letzten Stockwerkes den
Versuch machen wollte, sich oben mit dem Kopfsystem des Pallas zu vereinigen -
das war Allen bekannt. Und die meisten Pallasianer hielten diese letzte Tat
Lesabéndios für den würdigen Abschluss des Turmbaus und für das Allerwichtigste
bei diesem Turmbau.
    »Wenn dem Lesa das gelingt«, sagte Dex, »so ist die Zukunft unsres Lebens
mehr oben im Kopf zu suchen als unten im Rumpf.«
    »Wenn es«, sagte Nuse, »dem Lesa gelingt, ist es aber noch nicht
feststehend, dass es einem zweiten Pallasianer ebenfalls gelingt.«
    »Darüber brauchen wir noch nicht nachzudenken«, meinte dazu der Sofanti,
»zunächst müssen wir wissen, wie wir den Lesa so hoch hinaufführen, dass er das,
was er will, auch zur Tat machen kann. Ich habe deswegen an der Innenseite des
letzten Stockwerks an allen vierundvierzig Stangen Räderwerke angebracht, die
uns gestatten, das ganz oben befindliche, horizontal angebrachte, schützende
Hautstück in ein paar Sekunden zur allerhöchsten Spitze des Turms
hinaufzuschieben. Es ist alles vorbereitet. Aber es scheint mir vorsichtig zu
sein, wenn wir noch ein oder zwei solche Hautstücke dem ersten nachsenden, wenn
das erste zerreissen sollte. Hiermit müssen wir rechnen.«
    Und nach kurzer Beratung beschloss man, noch drei weitere, horizontal
abdachende Hautstücke hinter dem ersten aufzuspannen.
    »Ich habe noch soviel Haut!« sagte Sofanti.
    Und die drei Hautstücke wurden bald hinaufgeschaft und hintereinander in
einer Entfernung von je dreihundert Metern unter dem obersten aufgespannt.
Leicht auflösbare Klapplöcher befanden sich in jedem dieser Dachhautstücke.
Als nun die letzten Hautstücke langsam eines Morgens oben an der Laterne höher
stiegen, sass Lesabéndio mit Biba zusammen aussen am untern Rande des vorletzten
Stockwerks auf einem der breiten, weit vorspringenden Balkons. Und die Beiden
blickten nachdenklich in den violetten Himmel und in die grünen Sterne. Die
Kopfhaut schützte die Beiden wie ein aufgespannter Schirm vor den blendenden
Strahlen der Lichtwolke, die oben jetzt immer sehr heftig leuchtete, obschon sie
öfters grosse schwarze Flecke zeigte, als wollte sie demnächst auseinandergehn.
    Lesa sagte langsam:
    »Ich traue meinen Kräften nicht so recht. Könntest Du nicht den Sofanti
fragen, ob er das vorletzte Dachstück nicht so behandeln könnte, dass es, in der
Mitte heruntergezogen und dann nachher losgeschnellt, so wie ein Sprungtuch für
mich wirkt? Ich möchte zwischen den obersten beiden Dachhäuten allein sein und
schliesslich das oberste in der Mitte aufreissen, rasch auf dem vorletzten ganz
hinaufkommen, plötzlich zurückgezogen und dann hinaufgeschnellt werden. Ich
denke, dass ich so hoch genug komme.«
    Biba versprach, den Sofanti zu verständigen, und eilte auf der nächsten
Bandbahn davon.
    Lesa sass allein und sah traurig in die Sternenwelt hinein.
    Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke: er wollte noch ein Mal den
Nordtrichter sehen.
    Und er sprang mit einem Satz zum äussersten Rande des Balkons, hielt sich mit
dem Saugfuss fest und beugte sich hinüber und blickte hinab in die Tiefe.
    Er sah, wie die letzten Stangen an der Laterne langsam gleichmässig
hinaufstiegen. Und unten in der Tiefe des Nordtrichters sah er ein Funkeln in
den Steinen, das er noch niemals dort gesehen.
    Aber die Berge des Trichterrandes waren so fern, dass er seine Teleskopaugen
ganz weit ausstrecken musste, um noch ein Mal alles ganz deutlich zu sehen -
Pekas Steinfundamente besonders - und auch die Nuse-Türme.
    Es war da unten alles ganz hell und ganz still; kein Pallasianer schwebte da
unten herum. Fast dreissig Meilen gings bis zum Centrum hinunter.
    Die Manesi-Ampel konnte Lesa nicht sehen - und er bedauerte das. Und dabei
musste er sehr lebhaft an den Manesi denken, und er sah einige Ranken der
Manesi-Ampel langsam unten an den Stricken, die zum Turm führten, hin und her
schwanken.
    »Es wäre wunderbar«, sagte er leise, »wenn an allen Turmstangen solche
Manesi-Ranken hin und her schwanken könnten. Vielleicht sind wir doch zu hastig
gewesen. Doch wir konnten ja nicht anders. Wir mussten doch erst hinaufkommen.«
    Da sah der Lesa, dass sich das Funkeln in den Tiefen des Nordtrichters weiter
hinaufzog. Und plötzlich funkelte es an so vielen Stellen im ganzen
Nordtrichter, dass Lesa seine Teleskopaugen zurückziehen musste; er konnte den
neuen Glanz nicht ertragen.
    Als Lesa wieder die Augen langsam vergrösserte, sah er das Funkeln nicht
mehr.
    Alles lag unten in der schauerlichen Tiefe still und feierlich da. Die
weissen und blauen Felsen im oberen Teile des Trichters leuchteten ganz hell.
    »Wie ruhig da unten Alles leuchtet!« sagte Lesa leise.
Als Biba zurückkam, blickte Lesa immer noch weit vorgebeugt am Balkonrande
hinunter - in den grossen Nordtrichter des Pallasrumpfes hinein.
    Lesa merkte, dass Biba wieder da war; Biba lächelte und sagte sanft:
    »Du nahmst Abschied!«
    Lesa kam wieder zur Laternenwand. Und dann sassen die Beiden stumm
nebeneinander.
    Biba sagte:
    »Sofanti macht alles so, wie Du es wolltest. Die Stangen werden noch vor
Einbruch der Dunkelheit oben sein. Und morgen früh können die Stangen mit den
Häuten aufgerichtet werden. Die Häute sind jetzt derartig an den Stangen
befestigt, dass sie sich oben sofort zusammenschliessen, ohne dass weitere Arbeit
notwendig ist.«
    »Ich danke Dir!« sagte Lesa, »ich fühle mich ganz wohl, obschon so viele
Teile meines Körpers durchsichtig werden. Nur sehr kräftig fühlt sich mein
Körper nicht.«
    Biba richtete sich dreissig Meter hoch auf und rief:
    »Ich glaube: ich fühle, was Du bald fühlen wirst.«
    Dann wurde er wieder so klein wie Lesa, und dieser sagte langsam:
    »Wenn ich nun dort oben weiterlebe, so will ich Dir ein Zeichen geben. Sei
immer mitten auf der Ampel, wenn der Abend naht. Doch nein! Es ist ja garnicht
wahrscheinlich, dass Nacht und Tag auch weiter auf dem Pallas wechselt wie
bisher. Sei in Deinem Atelier - am Aussenrande des Pallas - so oft Du kannst. Und
ich werde versuchen, Dir meine Nähe anzuzeigen durch leise zitternde Töne.«
    Biba nickte.
    »Es ist vielleicht«, fuhr Lesa fort, »alles, was wir von dem Grossen da oben
gesprochen haben, ganz und gar falsch. Ich habe das Gefühl, dass alles ganz
anders aussieht, wenn ich es oben - selbst vollständig verändert - durchschauen
kann. Vielleicht ist es mir auch dort noch garnicht möglich, mehr von unserm
Planetensystem zu durchschauen als hier. Ich glaube doch, dass die Welt so
grossartig ist, dass auch die Sterne ihre Grossartigkeit noch garnicht erfassen
können. Wir kommen wohl immer weiter - und sie, die Grösseren, kommen auch immer
weiter. Aber auch in der Erkenntnis kommen wir nicht an ein Ende. Die Welt, in
der wir leben, ist in allen Beziehungen so, dass alles ins Unendliche führt und
nicht zu einem Schluss. Das darf uns ja nicht traurig machen. Im Gegenteil! Gäbe
es eine endgültige Lösung aller Rätsel, so könnten wir ja nicht mehr weiter.«
    »Ja«, erwiderte Biba, »glaubst Du nun aber, dass ein Zusammenschluss der
vielen Asteroïden möglich ist? Sie sind ja alle so verschieden voneinander, dass
man daran wohl zweifeln kann.«
    »Das«, erwiderte der Lesa, »habe ich mir auch schon öfters gesagt. Aber
warum sollen denn nicht die Verschiedenartigsten zusammenkommen? Wenn ich
bedenke, dass ich mit einem grossen Kometensystem zusammenkommen kann - so können
doch auch die vielen Asteroïden sehr wohl zusammenkommen, denn sie sind
voneinander lange nicht so verschieden - wie ich von dem grossen Kometensystem
oben verschieden bin. Ich muss Dir allerdings gestehen, dass diese kolossale
Verschiedenartigkeit zwischen mir und dem Grossen da oben mich doch immer wieder
mutlos macht. Ich wage beinahe nicht mehr, das zu tun, was ich wollte - und was
Ihr jetzt alle auch von mir wollt.«
    »Was ist kühn?« versetzte Biba hart, »ich möchte mich mit der Sonne
vereinigen. Ist das nicht noch kühner als das, was Du vorhast? Allerdings -
heute und morgen will ich das noch nicht. Ich denke nur, dass ich allmählich
immer reifer werden könnte. Ich habe Dich bisher Deines Mutes wegen so viele
Male bewundert. Ich glaube, dass der Mutigste das grösste Glück haben wird. Bleibe
Dir treu, damit ich Dir auch treu bleiben kann.«
    »Aber«, sagte nun Lesa, »ich will garnicht mehr das grösste Glück. Es gibt ja
doch noch immer ein grösseres. Ich denke garnicht mehr daran, dass ich selbst
etwas will. Ich werde von einem starken Luftzuge weitergetragen. Ich kann
garnicht mehr so, wie ich selber will. Ich muss so tun, wie der Luftzug es will.
Aber ich frage mich, ob ich auch würdig bin, so von dem grossen Luftzuge mit
fortgerissen zu werden. Ich komme mir nicht so gross vor. Das ist es. Und ich bin
traurig, dass ich nicht mehr so stürmisch weiterkann wie einst. Und ich fürchte,
dass ich meine Schwäche verschuldet haben könnte durch nicht genügende
Konzentration meines ganzen Wesens. Wie oft schweiften meine Gedanken ab und
nahmen einen ganz gewöhnlichen Flug - dachten an Kleinigkeiten und unbedeutende
Verhältnisse. Das macht mich traurig. Ich war nicht immer so ganz von Ehrfurcht
vor dem Grossen angefüllt - wie ichs stets hätte sein sollen.«
    »Es soll«, sagte Biba, »doch wohl auch Ruhepausen geben. Wir dürfen uns
nicht zu heftig anstrengen. Wir müssen doch auch mit unsern Kräften Mass halten.«
    »Vielleicht«, versetzte Lesa rasch, »ging es dem Stern, den wir Pallasrumpf
nennen, mal auch so. Und vielleicht kam dann das kometarische Kopfsystem und
erweckte langsam wieder den sogenannten Sternenrumpf. Und darum mussten wir den
Turm bauen.«
    »Ich glaube«, versetzte Biba rasch, »dass es wirklich so ist. Und deshalb
kannst Du ruhig wieder Mut fassen.«
    »Ich wills versuchen«, sagte Lesa.
    Und dann sassen die Beiden still da, und Biba legte seine rechte Hand in
Lesas Linke und drückte die Hand.
Als es Nacht wurde, waren die letzten vierundvierzig Stangen allesamt ganz hoch
oben.
    Und die grosse Laterne leuchtete in die Nacht hinein.
    Und Lesa bat den Biba, dafür zu sorgen, dass alle Pallasianer unten in dieser
Nacht schliefen - damit sie frisch sein könnten am grossen Morgen.
    Und man tat, wie Lesa wollte.
    Nur Sofanti blieb bei dem Lesa und öffnete ihm die Klapptüren, sodass er in
die oberste Kammer kommen konnte.
    »Darf ich nicht bei Dir bleiben?« fragte der Sofanti darauf.
    Aber Lesa sagte still:
    »Lass mich jetzt allein. Und morgen früh leiste mir den letzten Dienst. Ich
muss mich sammeln. Ihr werdet hören von mir - durch Biba - wenn ich mich hörbar
machen kann. Das weiss ich ja noch nicht.«
    Da strich Sofanti sanft über Lesas Kopfhaut und liess ihn allein und begab
sich auch nach unten auf die grosse Ampel, wo er bald einschlief - denn er hatte
in der letzten Zeit mehr gearbeitet als alle andern Pallasianer.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Lesabéndio ist oben in seiner einsamen Kammer und bereitet sich auf das Kommende
vor. Er verliert schliesslich alle Furcht und findet alles, wies auch kommen mag,
nicht mehr furchtbar - auch die gänzliche Vernichtung nicht.
Dann wird das letzte Stockwerk am nächsten Morgen aufgerichtet, während alle
Pallasianer lautlos zusehen. Mit der Lichtwolke gehen die kolossalsten
Veränderungen vor. Sie zerreisst schliesslich in der Mitte, und gelbe
Lichtschlangen werden sichtbar, in denen Lesabéndio verschwindet.
In einer seltsamen Kammer war der Lesa. Hundert Meter war sie hoch. Von
vierundvierzig Wänden war sie fast kreisförmig umschlossen - ganz regelmässig.
Boden und Decke waren ganz glatt. Und alles bestand aus bunten Häuten. Vor den
vierundvierzig Wänden sah man Tausende von elektrischen Lichtern in die Nacht
hinausstrahlen. Auch nach innen waren sie von bunten Häuten verdeckt, sodass auch
innen alles ganz bunt leuchtete.
    Aber ganz kahl sah der grosse bunte Raum aus.
    Und es war einsam hier.
    Lesa sass auf dem Boden in der Mitte - vornüber gebeugt und ganz klein. Er
blickte scheu umher und empfand das Kahle und Einsame des Raumes und wollte sich
zerstreuen; er wollte lesen und tastete nervös mit den Fingern seiner feinen
rechten Hand an seinem Halse herum - und er fand sein Halsband nicht.
    »Ach so!« sagte er leise nach einer guten Weile, »das Halsband hab ich ja
nicht mehr, das hab ich ja dem Biba geschenkt. Es ist das Einzige, was ich unten
auf dem sogenannten Pallas-Rumpf zurücklasse. Peka liess mehr zurück - grosse
Ateliers und grosse Fundamente und ein grosses Modell.«
    Und nun war dem Lesa plötzlich, als wäre er nicht mehr allein; es ging ein
so feines Surren durch den Raum.
    »Bist Du es, Peka?« fragte er laut.
    Und ihm war dabei so, als würde er etwas höher gehoben; er fühlte an seinem
Saugfuss den Boden nicht mehr.
    Und an seiner Kopfhaut fühlte er prickelnde Zweige, und er rief plötzlich:
    »Bist Du auch da, Manesi?«
    Doch da ward es ganz still. Die vielen elektrischen Lampen leuchteten wie
vordem, und er fühlte wieder die Bodenhaut unter seinem Saugfuss.
    »Die Rätsel des Lebens«, sagte er mit harter Stimme und nach oben
gerichtetem Gesicht, »kann man wohl sehr ernst nehmen. Es ist aber wohl nicht
nötig, wenn man sie immerzu sehr ernst nimmt. Man kann sie auch mal sehr lustig
nehmen. Dadurch werden sie ganz bestimmt nicht unbedeutender. Es ist wohl nicht
nötig, immer sehr ernst zu sein. Und grade, wenn man Abschied nimmt von alten
Zuständen, dann könnte man wohl ganz besonders lustig sein. Jedenfalls wird die
Veränderung der Lebensform doch einige Rätsel lösen. Und das kann uns doch ganz
heiter stimmen. Man könnte sogar lachen, dass man so voll Bangen ist - da man
nicht weiss, wie es kommen wird - ob es enden wird oder nicht. Dass man das nicht
weiss - das ist doch nicht traurig. Man könnte darüber auch lachen.«
    Er lachte aber nicht. Er befühlte seine durchsichtigen Hände.
    Er dachte an die grosse Sonne und an das gewaltige Planetensystem und an den
Asteroïdenring.
    »Wenn ich das könnte!« rief er plötzlich begeistert, »die vielen Asteroïden,
die so verschieden voneinander sind, einander zu nähern! Wenn ich das könnte!
Oben! Aber - weiss ich, ob ich oben noch weiss, dass ich jemals etwas wollte? Wenn
nun oben Alles zu Ende geht mit mir - dann lebe ich nicht mehr - empfinde nichts
mehr von der Sonne und ihren Bewunderern. Dann ist Alles aus. Ist das traurig?
Ist das zu beklagen, wenns mit mir kleinem Wurm für immer zu Ende ist? Muss ich
nicht froh sein, dass es mir mal vergönnt war, hineinzublicken in ein grosses
Weltgetriebe, das viel grösser ist als alles Andere, das mir nahe kam? Und -
kanns mir nicht gleich sein, wies kommt? Wenn in ein paar Stunden alles aus ist
- so kann doch ich nicht dafür. Warum bin ich traurig, wenn ich denke, dass alles
aus sein könnte - da oben?«
    Er breitete beide Arme weit aus und reckte sich hoch auf - so hoch er konnte
- vierzig Meter hoch. Und er blickte hinauf zur Decke und schrie:
    »Ich weiss nicht, ob ich noch etwas erleben werde. Aber darum bin ich nicht
traurig. Ich will lachen.«
    Er lachte aber abermals nicht.
    Langsam wurde Lesa wieder kleiner.
    Und als er ganz klein geworden, lächelte er und sagte:
    »Dass ich wieder klein wurde, finde ich so lustig. Vielleicht werde ich so
klein oben wie ein Quikkoïaner. Und die sind immer lustig. Sie freuen sich,
solange sie sich freuen können. Warum soll ich mich nicht auch freuen? Und wenn
ich noch viel kleiner würde, - ich würde mich auch freuen. Wenn nur das Grosse
gross bleibt. Und das bleibt doch gross. Der unendliche Raum kann nicht so klein
werden wie ein Punkt. Ich aber kanns. Und dass ich das kann, ist auch etwas
Grosses. Jetzt muss ich doch lachen.«
    Und er lachte ganz leise ein wenig. Und dann lachte er immer mehr und immer
lauter. Und er lachte so laut, dass die vierundvierzig Wände zitterten. Und er
bemerkte das. Und er lachte noch einmal laut auf und war dann ganz still.
    Da wars ihm so, als hörte er an allen Ecken und Enden immerzu leise lachen
und kichern, und er rief: »Warum lacht Ihr auch? Lacht Ihr über mich?«
    Er horchte.
    Doch jetzt hörte er nichts mehr.
Schon lange vor Anbruch des grossen Morgens waren alle Pallasianer wieder hoch
oben in der Turmlaterne. Und alle hatten dunkle durchsichtige Hautlappen oben an
der Kopfhaut befestigt, sodass sie die Teleskopaugen vor dem Glanz der Lichtwolke
schützen konnten; während die Kopfhaut die Augen seitlich schützte, verdunkelten
vorn angeheftete dunkle durchsichtige Hautstücke das grelle Licht der Wolke.
    Als nun die Wolke sich nach oben zog und oben wieder zu blenden begann,
begaben sich alle auf die obersten Balkons des Turms, und die Stangen des
letzten Stockwerks drehten sich langsam mit ihren Hautstücken ganz gleichförmig
nach oben, sodass die Stangenspitzen einen Halbkreis beschrieben.
    Nur Sofanti befand sich mit einigen Freunden im Innern der Laterne, um die
Haut, auf der Lesabéndio sass, in der Mitte rechtzeitig zurückziehen zu können.
Das ganze oberste Stockwerk musste auch im Innern nach oben befördert werden.
Sobald es oben angekommen war, riss durch einen einfachen Mechanismus die Decke
in dem Raume, in dem der Lesa sass, auseinander, sodass dieser von seiner
Bodenhaut aus wie von einem Sprungtuch aus in die Höhe geschnellt werden konnte.
    Alles war sorgfältig vorbereitet. Das Funktionieren der mechanisch
arbeitenden Wandrollen hatte man schon in den unteren Stockwerken ausgeprüft,
sodass alles im richtigen Momente klappen musste.
    Keiner sprach oben ein Wort.
    Draussen sah man lautlos zu, wie sich die Stangen langsam und bedächtig
gleichmässig nach oben drehten.
    Auch Sofanti mit seinen Leuten im Innern schwieg.
    Und von Lesa war nichts zu hören.
    Als nun die Stangen immer höher kamen, sah man, dass die Wolke immer
unruhiger wurde; grosse schwarze und graue Flecke bildeten sich in der
leuchtenden Masse, und sie wurde am Rande, der sonst kreisförmig wirkte,
unregelmässig.
    Dann bildeten sich elektrische Wirbel in den schwarzen und grauen Flecken.
Die Wirbel rollten sich spiralförmig zusammen und sandten zuckende Wirbelblitze
herum.
    Danach erschienen am Rande grosse blaue, rote und grüne Kugeln, die sich
fabelhaft schnell drehten und sich oben abplatteten, sodass viele fast zu
Scheiben wurden.
    Die Erregung der Pallasianer stieg von Sekunde zu Sekunde.
    Und die Stangen kamen immer höher.
    Die schwarzen Flecke in der Lichtscheibe wurden plötzlich dunkelviolett, und
die grauen Flecke wurden hellbraun.
    Und nun wurden die Flecke immer grösser, sodass die Wolke schliesslich nur noch
ein seltsames Licht ausströmte, das sich aus Hellbraun und Dunkelviolett
zusammenmischte.
    Violette zitternde Scheinwerfer - wie Kometenschweife - schlugen nach unten
und umzitterten die Spitzen der Stangen, die immer höher kamen.
    Lesabéndio sah von alledem nichts. Er sass ganz still.
    Und es wurde ganz finster in seiner Kammer.
    Er versuchte mehrmals, sich aufzurecken.
    Aber er fiel immer wieder kraftlos zurück.
    Er blickte jetzt nach oben und sah, dass die Decke seiner Kammer
dunkelviolett leuchtete - bald heller und bald dunkler.
Dann entstand draussen ein furchtbares Geschrei.
    Die Spitzen der Stangen berührten die Wolke, und die Wolke begann zu
zittern.
    Ein furchtbarer Donner wurde hörbar.
    Und die ganze Wolke begann, an den Rändern zu blitzen.
    Danach gab es einen Knall.
    Und die Mitte der Wolke, die ganz dunkelviolett leuchtete, bekam plötzlich
einen Riss, der gelb aussah und unregelmässig wurde.
    Gleichzeitig berührten die Spitzen der Stangen den violetten Teil der Wolke,
und diese fing an, sich zu heben und zu senken - und dann immerzu auf und ab zu
flattern.
Lesa fühlte plötzlich, dass neue Kräfte in ihm wuchsen - er konnte sich aufrecken
- immer wieder noch ein Mal - und schliesslich ganz hoch - fast fünfzig Meter
hoch. Und er wollte springen.
Dann entstanden in der Mitte der Wolke immer mehr Risse.
    Das Gelbe sandte mächtig glänzende Strahlen aus.
    Und die Stangen gingen in das Gelbe hinein.
    Und die Häute umschlossen das letzte Stockwerk - mit einem Ruck - alle Teile
der Maschinen funktionierten so, wie man es gedacht hatte.
    Danach riss das Mittelstück der Wolke ganz und gar auseinander. Und die
violetten äusseren Teile traten weit zurück, und die ganze dunkelviolette Wolke
trat immer weiter zurück und bildete einen dunkelviolett leuchtenden,
unregelmässig gebildeten Ring.
    Und wo früher die Wolke war, sah man jetzt nur ein wogendes Lichtmeer von
gelben Schlangenleibern, die auch leuchteten.
Und die Pallasianer, die an den äussersten Rändern der obersten Balkons sassen,
sahen, dass Lesabéndio ganz lang wie eine lange braune Stange hineinschoss - in
das wogende Meer der gelben leuchtenden Schlangenleiber.
    Und die Schlangenleiber zitterten.
    Und Lesabéndio verschwand.
    Und ein karminroter Fleck bildete sich im Gelben und ward immer grösser.
    Sofanti sah zuerst diesen roten Fleck.
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Es wird geschildert, was Lesabéndio im Kopfsystem des Pallas empfindet. Er kann
anfangs nichts hören und nichts sehen, bemerkt dann aber, dass er ganz neue
Sehorgane bekommt, mit denen er das ganze Planetensystem und besonders die Sonne
ganz anders sieht als bisher. Lesa empfindet den grössten Rauschzustand und hört
schliesslich, was die Sonne für die grösste Weisheit hält - und warum die Planeten
die Sonne umkreisen. Dazwischen wird berichtet, was sich unten auf dem
Pallas-Rumpf ereignet.
Aus Gasen bestanden die gelben Lichtschlangen oben. Und Lesabéndio wurde
geblendet von den gelben Lichtschlangen. Er sah nichts mehr. Er fühlte nur, dass
sein ganzer Körper zerging und - sich ausbreitete - weitin nach allen Seiten.
    Er wollte schreien, aber brachte keinen Ton hervor. Er sah nichts und hörte
nichts. Ihm war so, als ginge ein feines Kribbeln durch sein ganzes Wesen - doch
das ging so weit nach allen Seiten fort.
    »Ich lebe noch!« wollte er rufen.
    Doch es blieb alles still, und er fühlte nur, dass er bemerkte, wie Fernes
herankommen wollte.
Ihm war so, als gingen überall auf allen Seiten von ihm feine Fühlfäden aus -
ganz feine. Und die wurden immer länger, immer länger. Und die fernen Spitzen
seiner Fühlfäden wurden empfindlich, und sie umfühlten, wie er glaubte - grosse
feine zitternde Glasschalen. Und die Spitzen der Fäden verbanden sich mit den
Glasschalen und wurden zusammen zu grossen, sich ausbreitenden Glaskugeln, durch
die er plötzlich alles im Sonnensystem viel viel grösser sah als bisher.
    Nun sah er wieder durch die grossen Glaskugeln, und er konnte die Kugeln
beliebig vergrössern und verkleinern. Und er konnte ihnen auch andre Formen
geben, konnte sie heranziehen und weit vorstossen. Und er fühlte nirgendwo ein
Hemmnis.
    Da sah er nun die anderen vielen Asteroïden ganz nahe, und dann - auch die
Sonne - ganz nahe.
    »Wenn das der Biba könnte!« wollte er wieder rufen -
    Aber alles blieb still in seiner Nähe. Er fühlte nur, dass er sich langsam
drehte.
    »Von meiner nächsten Umgebung«, sagte er langsam in Gedanken, »kann ich
leider nichts erkennen. Doch - ich will nicht wissen, warum ich das nicht kann.
Das Ferne bemerke ich - das ist mir genug.«
    Und da wars ihm so, als würde er von leichten Wolken umschwebt - und die
Wolken drückten sich leicht in ihn hinein - bald heftiger und bald leiser.
    Er fühlte hin und glaubte plötzlich eine Drucksprache zu verstehen.
    Und die sagte:
    »Lesa, bist Du bescheiden! Du bist ja immer mit dem zufrieden, was Dir
geboten wird. Ich, der Drückende, will mehr als das, was augenblicklich möglich
ist. Ich will kristallinische Formen in Gasform - kantige Säulen in Gasform -
und Oktaëder und Prismen und noch mehr Kantiges - alles in Gasform.«
    Lesa wollte lächeln, und er wollte sagen:
    »Peka, ich erkenne Dich schon.«
    Aber er konnte nicht lächeln, und durch Wolken konnte er sich nicht
verständlich machen.
    Er fühlte, dass auch Manesi nicht weitab war - auch mit unmöglichen Dingen.
Manesi redete durch dicke Gasfäden, die bald langsam, bald schneller in der Nähe
des Lesa hin- und hergezogen wurden.
    »Gasblumen!« verstand er.
    Und dann verstand er noch:
    »Gasschlangen sind leicht vorstellbar - aber Gasranken mit Gaszweigen, die
hin und her schwanken - von magnetischen Winden bewegt - das ist mehr - mehr.«.
    Dann wurde dem Lesa diese seltsame Sprache ganz unverständlich.
    Und er fühlte wieder in den Enden der langen Fühlfäden ein Zucken und
Ziehen.
    Und er sah wieder durch die Glaslinsen in den Spitzen seiner Fühlfäden die
grosse Welt in der Ferne.
Auf den oberen Stockwerken des Nordtrichterturms flog währenddem alles wie
durcheinander - Alle sprachen - und Keiner hörte auf den Andern.
    »Jedenfalls«, sagte Biba, »ist er oben geblieben. Er ist also vom grossen
Kometensystem aufgenommen, wie er von uns hätte aufgenommen werden können.«
    Und nun fragten sechs Andre:
    »Lebt er aber noch?«
    »Das wissen wir«, sagte Biba ernst, »heute noch nicht. Wir wissen auch noch
nicht, ob Peka und Manesi und alle die Andern, die nicht mehr unter uns sind,
heute noch leben. Aber - wir haben das Kometensystem oben gesehen. Wir könnens
jetzt noch sehen. Ein rotes Auge blickt unheimlich in unsre Turmlaterne hinein.
Das ist das grösste Ereignis unsres Lebens. Jetzt wird sich vieles verändern.
Mich verlässt die Ruhe.«
    Den andern Pallasianern kam auch die Ruhe abhanden, denn die dunkle Nacht
blieb zunächst aus; die Spinngewebewolke kam abermals am Abend nicht wieder
runter; sie zog sich immer weiter nach allen Seiten auseinander und bildete oben
einen grossen grauen unregelmässigen Kranz.
    Darum blieb die Nacht hell.
    Allerdings: die Helligkeit des gelben sichtbaren Kopfsystems wurde immer
schwächer und erreichte bald nicht mehr den zehnten Teil der von der Lichtwolke
ausgeströmten Helligkeit.
    Und so war auch der Tag viel dunkler als bisher.
    Der rote Fleck blieb und sendete wie ein feiner Scheinwerfer einen
karminroten Lichtkegel senkrecht in die Laterne hinein. Die Spitze des
Lichtkegels traf die Mitte der Manesi-Ampel.
    Dämmerung herrschte auf dem Nordtrichter des Pallas auch am Tage. Der
Südtrichter blieb am Tage so dunkel, dass man kaum dreihundert Meter weit sehen
konnte.
    Und so liess man auch am Tage alle elektrischen Lichter brennen.
    Die Dämmerung wirkte unheimlich.
    Niemand wusste, was daraus werden konnte.
    Wer schlafen wollte, begab sich auf die Pilzwiesen, die Manesi in den grossen
Höhlen des Pallas angelegt hatte.
Währenddem fühlte Lesa oben keine Spur von Unruhe. Da er nichts hören konnte,
fühlte er in seinem Innern eine grosse Stille. Das Naheliegende vergass er, er
vergass auch den ganzen Stern Pallas. Dagegen wurden die neuen Kugelaugen, die er
an seinen feinen Fühlfäden entdeckt hatte, immer empfindlicher. Aber diese
Empfindlichkeit machte garnicht unruhig.
    Mit seinen neuen Augen sah der Lesa ringsum die vielen Asteroïden ganz
deutlich.
    Und er wunderte sich.
    »So verschiedenartig«, sagte er in Gedanken zu sich selbst, »habe ich die
Asteroïden garnicht für möglich gehalten.«
    Und viele Asteroïden sah er dicht neben den grösseren Planeten - auch am
Jupiter und hinter dem Saturnringe - und auch neben den Planeten, die der Sonne
näher waren als der Pallas.
    »Und welche grosse Zahl«, sagte er weiter in Gedanken, »umkreist die Sonne!
Das sind ja Millionen. Die alle zusammen in einem Ringe vereinen - das geht ja
garnicht. Und der eine läuft rasend schnell - und der andre ganz langsam.«
    Er bewunderte besonders diejenigen Asteroïden, die den nächsten Planeten,
der der Sonne näher war als er, umkreisten. Diese Kleinen rasten so schnell
dahin, dass er nicht wusste, wie sie so schnell sein konnten und warum.
    Und der Lesa fühlte, dass er sich drehte, ohne es zu wollen.
    Es kam ihm dann so vor, als wäre er dicht vor dem Einschlafen. Und es
überkam ihn ein wohliges seliges Gefühl, wie er es niemals empfunden hatte.
    Ein ganz neuer stetiger, nicht veränderlicher Rausch schien ihn zu umhüllen.
Es war kein Traum, es war auch kein Wachen.
    »Vielleicht ist das doch ein Zustand ewiger Seligkeit!« dachte er.
    »Und dann«, fuhr er in Gedanken fort, »beinahe verstehe ich jetzt, warum
sich die meisten Sterne immerzu drehen. Es liegt etwas Berauschendes in der
steten Drehung eines runden Dinges - eine runde Kugel wirkt am schnellsten
berauschend. Deswegen haben wohl auch so viele Sterne Kugelform. Sich drehende
Räder wirken auch so berauschend - schon in den Gedanken. Wenn man immerzu an
sich drehende Räder denkt, so setzt uns das in einen Rauschzustand, wie er
grösser garnicht gedacht werden kann. In den drehenden Rädern steckt das grösste
Geheimnis unsres Planetensystems.«
    Und er dachte an alle die Kreise, die von den Planeten um die Sonne gezogen
wurden. Die Kreise wurden zu Rädern, und Lesas Gedanken verwirrten sich. -
    Biba sass nun in seiner einsamen Klause am äusseren Rande des Pallasrumpfes.
    Biba starrte mit ganz weit vorgestreckten Augen in die ferne grüne Sonne.
    »Ob jetzt der Lesa«, sagte er still, »schon mehr weiss von der Sonne als wir?
Der grösste Mut führt doch immer am weitesten. Wie kommt es nur, dass ich den
grossen Mut, den der Lesa hatte, nicht besass - und auch nicht besitzen werde -
wie kommt das nur?«
    Er dachte so lange nach darüber, bis er fühlte, dass er müde wurde.
Lesa sah ganz grosse sich drehende Schlangenleiber in der Ferne - und die waren
alle in einer durchsichtigen Kugel. Und die Kugel drehte sich langsam um sich
selbst.
    »Ist das das Innere eines Sterns?«
    Also wollte er fragen.
    Aber er sagte sich gleich:
    »Warum soll ich fragen? Ich bekomme ja doch keine Antwort. Bekäme ich nur
mal eine Antwort! Aber man fragt so oft, während man sich sehr leicht selber
eine Antwort geben kann. Ob ich träume oder wache - das ist doch auch ganz
gleichgültig. Ich wills garnicht wissen. In meinem Zustande ist zwischen Träumen
und Wachen ganz bestimmt kein grosser Unterschied.«
    Und ihm war so, als sähe er in das Innere vieler Sterne - und er staunte.
    »Wenn das der Biba könnte!« dachte er, »wie würde der sich freuen! Doch es
ist zu viel zu sehen. Besonders in der Sonne! Daraus wird man nicht so schnell
klug. Es ist da Alles so kompliziert, dass ich wohl begreife, warum die vielen
Planeten immerzu um die Sonne kreisen; sie wollen das sehen, was sie noch
niemals gesehen haben - das Neue - das Kolossale - das Überwältigende. Das
Überwältigende erzeugt immer so wie die Kugeln und Räder - diese Symbole des
Unendlichen - den allergrössten Rausch. Das Erkennen erzeugt nicht den grössten
Rausch. Wenn das doch alle Wesen erkennen könnten - dieses Erkennen dessen, das
nicht erkannt werden will und garnicht erkannt werden soll.«
    Wieder verwirrten sich Lesas Gedanken.
    Er fühlte nur, dass er sich immerzu drehte, und empfand einen seligen
Rauschzustand. Und er freute sich darüber.
Dann - kams ihm so vor - als spräche was neben ihm - in einer geheimnisvollen
Zeichensprache. Und ihm war so, als verstände er die Zeichensprache.
    »Du willst wissen«, glaubte er zu vernehmen, »warum die Planeten die grosse
Sonne umkreisen. Oh - sie ist nicht nur gross - sie ist auch so gütig! Das ist
das Wichtigste. Sie gibt Licht und Wärme in Hülle und Fülle. Sie ist tätig für
alle, die sie umkreisen. Ihre Tätigkeit für die Andern - das ist ihre Güte. Sie
belebt alles - auch das Kopfsystem des Pallas - und Dich, Lesa, ebenfalls.
Fühlst Du nicht, was die grosse Sonne denkt?«
    Lesa sammelte sich und schaute mit seinen neuen Sehorganen ganz heftig in
die Sonne hinein, und da wars ihm so, als spräche die grosse Sonne zu ihm. Er
horchte - Und er hörte, dass sie sprach. Aber er verstand nicht, was sie sprach.
Da wurde er traurig.
Dann vernahm er deutlich abermals Worte in seiner Nähe - sie sagten:
    »Eine der grössten Weisheiten unsrer grossen, eigentlich nicht so ganz gütigen
Sonne ist die, dass nur Schmerz und Qual als die grössten Glückserzeuger
bezeichnet werden dürfen. Wir haben kein Recht, uns vor dem Entsetzlichen zu
fürchten. Das Entsetzliche führt uns doch immer weiter. Es wandelt uns um. Und
wir sind nicht imstande, uns umzuwandeln, wenn wir Schmerz und Qual fliehen.
Höre nur, was die Sonne Dir jetzt sagen wird!«
    Und Lesa hörte nach einer Weile klare Töne und dann diese Worte:
    »Fürchtet nicht den Schmerz - und fürchtet auch nicht den Tod.«
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Die Sofanti-Musik verstummt. Und oben auf dem obersten Stockwerk verbinden sich
die Lichtstrahlen des Kopfsystems mit der Turmlaterne. Lesa sieht immer mehr von
dem Innern der Sterne und von dem, was sie wollen. Der karminrote Lichtkegel
geht durch den ganzen Stern Pallas hindurch. Und dann wird der Stern Quikko Mond
des Pallas. Lesa kann sich dem Biba verständlich machen. Die Pallasianer wohnen
nur noch auf der Aussenseite des Pallas-Rumpfes und bauen mit Hilfe der
Quikkoïaner grosse Teleskope. Das Kopfsystem strahlt grosse Kometenbüschel aus,
und die Spinngewebewolke leuchtet so hell wie einst.
Da die Lichtwolke nicht mehr des Nachts herunterkam, war auch die Sofanti-Musik
in den Häuten des Centrums nicht mehr zu hören. Anfänglich wurde das nicht
beachtet. Als Sofanti darauf aufmerksam machte, schüttelte man mit dem Kopf,
hielt das aber für ganz natürlich.
    »Wir werden noch«, sagte der Nuse, »das Ungeheuerlichste für ganz natürlich
halten. Alle meine Lichttürme sind für die dunkle Nacht berechnet gewesen -
jetzt leuchten sie am Tage, der allerdings mehr ein Abend genannt werden muss.
Die grünen Sterne bleiben immer für uns sichtbar. Ein Zwielicht wird durch die
Lichttürme in der Dämmerung erzeugt. Das ist so köstlich, dass ich behaupten
möchte: wir haben etwas Köstlicheres noch nie erlebt.«
    »Die Sterne«, sagte Dex, »sind uns jetzt, wie mir deucht, viel näher als
bisher. Wir sollen uns wohl mehr um sie kümmern.«
    Sofanti aber sagte dazu:
    »Wenn soviel wie jetzt auf unserm Pallas sich ereignet, so können wir uns
vorläufig noch nicht um die Sterne bekümmern. Kommt rasch hinauf in die Laterne.
Ich habe da wieder etwas Neues entdeckt.«
    Und die beiden Andern folgten dem Sofanti auf den flinken Band- und
Seilbahnen des Turms hinauf in die Laterne. In der leuchtete der karminrote
Lichtkegel. Und sie bemerkten, dass der Lichtkegel viel breiter war.
    Nun führte Sofanti den Dex und den Nuse in dem letzten Stockwerk durch die
Seitenklappen hinaus auf einen Balkon, und da sahen die Drei, dass sich die
gelben leuchtenden Schlangenleiber, die man oben im Kopfsystem entdeckt hatte,
in ganz merkwürdigen Knoten um den oberen Teil des obersten Stockwerks
herumgeschlossen hatten.
    »Jetzt hat sich«, sagte der Dex rasch, »das Kopfsystem unlöslich mit dem
Rumpfsystem des Pallas verbunden. Jetzt wird Niemand mehr sagen, dass wir den
Turm zwecklos gebaut haben. Dazu also haben wir soviel Kaddimohnstahl
verarbeiten dürfen. Wir haben getan, was Rumpf und Kopf unsres Sterns zusammen
wollten.«
    Als das bekannt wurde, kamen Alle hinauf und staunten das neue Wunder an.
Lesa empfand nun oben immerfort ganz neue Dinge im Planetensystem. Er konnte
garnicht alles erfassen. Er sah in das Innere der Planeten hinein und sah, wie
heftig sie lebten - wie sie immerzu bemüht waren, den Bewegungen des
Sonneninnern zu folgen. Und dieses glühte so heftig, dass Lesa nicht wusste, was
er zuerst sehen sollte. Er fühlte sich einsam und wollte einen Führer.
    Kaum hatte er das gewollt, so vernahm er ganz fremde Töne - und er verstand
sie - sie sagten:
    »Nur ganz allmählich wirst Du mehr von unserm grossen Sonnenleben begreifen.
Die Asteroïden kamen hierher in grossen Scharen, als sie sahen, dass grosse
Planeten die Sonne umkreisten. Wir verstehen selber noch recht wenig von den
innern Zusammenhängen. Jedenfalls wissen wir jetzt, dass hier nicht Rücksicht auf
die kleinsten Dinge genommen wird. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Vieles an
die Seite geschoben wird, damit Wichtigeres Platz bekommt. Das führt zu manchen
Brutalitäten. Darüber wird immerzu zwischen der grossen Sonne und ihren kleineren
Trabanten verhandelt. Was die grösseren Planeten, die nach uns kamen, mit der
Sonne zusammen überlegen, das wissen wir nicht. Vom Jupiter wissen wir wenig.
Einzelne Asteroïden umkreisen deshalb den Jupiter.«
    Lesa fühlte einen stechenden Schmerz in dem einen seiner glaskugelartigen
Sehorgane - und er sah damit nichts mehr. Er wollte auch nichts mehr sehen.
In der Laterne des Lichtturms gabs bald noch eine grössere Neuigkeit: während das
gelbe Licht der Schlangenleiber schwächer wurde und diese fast vollständig zur
Ruhe kamen, verbreiterte sich der rote Lichtkegel zusehends, sodass er unten bald
breiter als die Ampel war und nun nach unten ging durch das Centralloch durch.
    Und dabei wurden die Kaddimohnstahlstangen des kleinen Modellturms unten
blendend weiss.
    Dex befürchtete, dass der Stahl durch das Licht angegriffen werden könnte, er
untersuchte den Stahl, fand aber nichts, was ihn beunruhigte. Dagegen merkte er,
als er sich längere Zeit dem karminroten Lichte ausgesetzt hatte, dass sein
Körper in eine ihm ganz neu erscheinende Erregung versetzt wurde; er sprach
danach so lebhaft, dass sich die meisten Pallasianer sehr bald aus seiner Nähe
zurückgezogen - nur Biba hielt es aus. Und er flog auch in das rote Licht, und
er fühlte dieselbe Erregung.
    Nun sagten aber Beide, dass die neue Erregung keineswegs unangenehm wirke -
das Licht sei vielmehr belebend. Und so begaben sich bald alle Pallasianer in
den roten Lichtkegel, und der durchleuchtete nun auch den Südtrichter des Sterns
und leuchtete unten ganz weit über den südlichen Trichterrand hinaus. Und man
sah, dass der Strahl einen kleinen Stern traf.
    Durch Spiegel versuchte man das rote Licht abzulenken. Und - wo das
abgelenkte Licht den Stein der Trichterwände traf, da leuchtete der Stein
dunkelviolett und in wundervollem Glänze.
    Nuse bemerkte, dass dagegen seine Lichttürme fast verblassten. Und man
beschloss, die Spiegel nicht zu oft so zu stellen, dass das rote Licht seitwärts
abgelenkt wurde. Schliesslich lenkte mans nur im Südtrichter ab, wo die
Lichttürme nicht mehr erleuchtet wurden. -
    Lesa aber erinnerte sich plötzlich, dass er ja dem Biba versprochen habe, ihm
ein Zeichen zu geben. Und der Biba sass in seiner stillen Klause und dachte
fortwährend an seinen verschwundenen Lesa. Und plötzlich sieht der Biba, dass
seine Höhle hell aufleuchtet - in ganz zartem blaugrünlichem Licht; einer von
Lesas Fühlfäden ist dortingelangt - mitten durch den Felsen durch. Lesa sieht
den Biba; der Kopf seines Fühlfadens ist nicht aus gewöhnlichem Glas geformt -
nicht zerbrechlich - der Kopf ist ein ganz besonderes Glas, das für die Augen
der Pallasianer nur als blaugrünlicher Lichtschimmer bemerkbar ist.
    Lesa will dem Biba etwas sagen, und es gelingt dem grossen
Kometenkopfbewohner, seine Gedanken auf den Biba ohne weiteres zu übertragen.
    »Lebt«, sagte der Lesa, »auf der Aussenrinde des Pallas-Rumpfes, der lebt
jetzt mit dem Kopfsystem zusammen - und wieder mit den anderen Asteroïden
zusammen - mit dem ganzen Planetensystem und auch mit dem Sonnensystem zusammen.
Das sollt Ihr auch. Lebt draussen, macht Euch grosse Teleskope. Die Quikkoïaner
werden Euch helfen. Ihr werdet immer mehr entdecken. Ich entdecke auch immer
mehr. Es geht nicht sprungweise. Ihr könnt Euch nur allmählich entwickeln. Auch
die Sterne entwickeln sich nur allmählich. Ich bin noch kein Stern. Ich komme
aber immer weiter. Schon ahne ich etwas von dem, was im Innern der Sterne
vorgeht. Die Sonne ist für mich noch viel zu gross. Aber auch die andern Planeten
sind noch immerzu zu gross für mich. Das vergesst nicht. Wir müssen alle zusammen
dasselbe grosse Ziel im Auge behalten. Vergiss den Lesa nicht.«
    Danach wars dunkel. Und Biba schrie:
    »Ich danke Dir, Lesa!«
    Und dann stürmte er hinaus und erzählte Allen, was er erlebt hatte.
    Und da legten die Pallasianer auf der Aussenseite des Pallas-Rumpfes
Pilzwiesen an, und sie schliefen auf diesen Pilzwiesen. Und wenn sie erwachten,
starrten sie mit lang ausgestreckten Augen in die grünen Sterne.
    Die Quikkoïaner aber dachten darüber nach, wie sie grosse Teleskope bauen
könnten.
Und Lesa freute sich oben, dass es ihm gelungen war, sich den Pallasianern
verständlich zu machen - und dass sie wieder taten, wie er gebeten hatte.
    Und dann gingen Lesas grosse Weltaugen wieder zur Sonne hin und zu den
Planeten, die der Sonne näher waren als der Asteroïdenring.
    Lesa bemerkte, dass alle rücksichtslos immer tiefer eindringen wollten in
grosse Geheimnisse, die für ihn noch unverständlich waren. Aber Lesa wurde
mitgerissen von dem stürmischen Vorwärtsstreben der Sterne. Und ihn packte eine
grosse Wildheit.
    »Ich will auch weiter«, rief er in seinen Gedanken, »wenn ich auch nicht
weiss, wohin es führt. Aber es geht ein Trotz durch die Planeten. Sie wollen
nicht mehr am Kleinlichen haften bleiben; sie wollen alle nur das Grosse,
Gewaltige. Und das hat nicht träge Ruhe in sich. Da löst sich die schlaffe
Seligkeit auf. Und man wird Vulkan -Welterschütterung - tosender Sturm - und
berauschender Lichttrubel. Was kommt es darauf an, ob ich lebe oder nicht lebe.
Wenn nur der Stern mit mir, in mir lebt - ein Weltenleben. Schwer ist es. Aber
durch das Schwere kommt man zu den grössten Seligkeiten. Die schlaffen Pausen
müssen überwunden werden. Schneller muss sich alles drehen, damit man mehr
aufnimmt. Wieder kommt der Rausch, den die ewige Drehung erzeugt - die sich
drehenden Kugeln und Räder ersticken das Kleinliche. Vorwärts! Nicht den Schmerz
fürchten! Nicht den Tod fürchten! Die Kugeln! Die Unendlichen! Die Räder! Die
Kreise! Die Kreise!«
    Und Lesas Gedanken verwirrten sich wieder, und er empfand nur noch eine
stürmische Seligkeit.
Da sahen die Pallasianer plötzlich den Stern Quikko näher kommen.
    Nax und die Seinen jauchzten.
    »Er wird«, rief der kleine Nax, »Mond des Pallas.«
    Und so geschah es.
    Und die Pallasianer nahmen die zehn kleinen Quikkoïaner und liessen sich
hinschnellen durch Seile - zum Stern Quikko - auch Biba flog hin.
    Und da gab es ein grosses Wiedersehen. Und die Quikkoïaner lösten vorsichtig
einige Quallenstücke von ihrem Stern los. Und mit diesen Quallenstücken flog man
zurück und baute auf der Aussenseite des Pallasrumpfes viele Teleskope.
    Und während der Stern Quikko neugierig den Pallas, auf dem jetzt Kopf und
Rumpf immer intensiver zusammenwuchsen, umkreiste - flogen die Pallasianer oft
hinüber zum Quikko.
    Und die Quikkoïaner flogen zum Pallas oft hinüber.
    Und es entstand auf dem Pallas ein ganz neues Leben - und auf dem Quikko
ebenfalls.
Lesa empfand immer mehr, dass er nicht mehr so empfand und dachte wie einst. Es
ging das Streben des Kometensystems allmählich immer heftiger in ihn hinein.
    »Wir wollten ja«, vernahm er da, »auch mal zur Sonne. Aber wir blieben am
Pallas hängen. In dem war noch so viel Kraft. Aber der grosse Asteroïd schlief.
Und jetzt haben wir ihn wieder erweckt.«
Lesa teilte dem Biba gleich mit, was er vernahm und sagte ihm:
    »Wenn wir nur wüssten, was die Kometen jetzt wollen.«
Da sahen die Pallasianer und die Quikkoïaner, dass das Kopfsystem sehr unruhig
wurde. Mächtige Kometenbüschel strahlten nach allen Seiten aus dem Kopfsystem
heraus.
    Und die Spinngewebewolke wurde wieder glänzend wie einst. Und der Kranz
leuchtete mächtig. Und Funken sprühten in dem Kranz herum, dass er noch heftiger
leuchtete.
Ganz allmählich wurde das Leuchten und das Funkensprühen schwächer.
    Lesa blickte mit allen seinen neuen Augen hinab.
    Und man sah auf dem Pallas an vielen Stellen einen blaugrünlichen
Lichtschein.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Biba lässt für die Sonnenbeobachtung eine neue Bandbahn bauen, die den äusseren
Teil des Pallas-Rumpfes in der Mitte umspannt. Lesa sagt dem Biba das Wichtigste
über die Sonne. Bombimba will wie Lesa in das Kopfsystem, es gelingt ihm aber
nicht; er wird von Labu aufgenommen. Die Quikkoïaner wollen wieder das
Künstlerische auf dem Pallas fördern. Dort ist aber alles mit Sternbeobachtung
beschäftigt. Zwei Meteorgeister kommen in die Nähe des Pallas und umkreisen
Turm- und Kopfsystem, sind aber unnahbar, da sie zurückdrängende Atmosphäre
haben. Das Kopfsystem kommt tiefer herunter und verbindet sich ganz fest mit dem
Rumpf. Lesas blaugrünliches Licht ist jetzt öfters unten zu sehen - zuweilen an
vielen Stellen zu gleicher Zeit.
Biba wollte gleich anfangs, als der Quikko den Pallas noch nicht als Mond
umkreiste, eine neue sehr breite Bandbahn anlegen, die nur für die
Sonnenbeobachtung die Mitte des Pallas-Rumpfes von aussen umgeben sollte. Und die
Bahn sollte ganz langsam fahren und von links nach rechts geleitet werden,
während der Pallas von rechts nach links sich drehte. Diese Drehung sollte durch
die Bahn aufgehoben werden, damit man ungestört auf der Bahn sitzend die Sterne
beobachten konnte - und besonders die Sonne und die Asteroïden.
    Diese Bahn wurde denn auch bald gebaut. Und Biba beschäftigte sich danach so
eifrig mit der Sonne, dass er zeitweise alles andre darüber vergass. Auch ein
grosses Sonnenteleskop befand sich auf dieser langsamen Bandbahn.
    Als der Biba mal aussergewöhnlich lange an seinem Sonnenteleskop tätig
gewesen war und nun sehr müde in seine Höhle zurückkehrte, um auf seiner kleinen
Pilzwiese zu schlafen - da sah er plötzlich wieder das blaugrünliche Licht. Und
er wusste gleich, dass Lesa wieder da war. Er horchte hin und hörte, wie Lesa
hastig Folgendes sprach:
    »Grösste Qual und grösste Seligkeit treten nicht nur sehr oft - nein - in
unserm Sonnensystem - fast immer zusammen auf. Daran muss man sich gewöhnen. Die
Sonne sagte mir schon, dass wir den Schmerz nicht fürchten dürfen - der
Todesschmerz ist vielleicht der grösste Schmerz. Er entält aber auch die grösste
Seligkeit - diese Auflösung im Grösseren und Stärkeren ist eine ganz
ausserordentlich grossartige Empfindung. Viele Lebewesen können den Tod garnicht
auskosten, da sie den Moment des Sterbens nicht festzuhalten vermögen. Es geht
ihnen so wie uns, wenn wir einschlafen. Wir können auch den Moment, in dem wir
einschlafen, nicht festalten. Aber uns auflösen, wenn unsre Glieder
durchsichtig werden, das können wir bei vollem Bewusstsein. Wir fürchten ja
deshalb auch nicht den Tod. Aber viele andre Lebewesen in unserm Sonnensystem
tun das. Lieber Biba, dieses weiss ich schon lange. Doch jetzt habe ich auch
erfahren, was das Wichtigste der grossen Sonnenphilosophie ist: wir sollen alle
die grösste Selbständigkeit erstreben und erlangen und gleichzeitig dabei stets
darauf bedacht sein, uns dem Grösseren unterzuordnen. Diese beiden Dinge kommen
in Millionen Variationen immer wieder in und auf allen grösseren und kleineren
Sternen vor, die unsre grosse Sonne umkreisen. Auch die Kometen ordnen sich
unter. Das Sichunterordnen ist das Grösste. Sterben ist eigentlich auch nur ein
Sichunterordnen. Das ist oft sehr schwer zu verstehen, da es ja der grössten
Selbständigkeit scheinbar widerstrebt. Indessen - es handelt sich ja immer um
ein Sichunterordnen dem Grösseren gegenüber. Darum ist Deine Idee vom
Asteroïdenring ganz richtig. Der Saturnring kann vorbildlich für uns sein. Wenn
wir einen grossen Ring bilden - ist der gemeinsame Geist desselben zweifellos
grösser als der Geist der einzelnen Teile. Darum müssen wir alle darauf
hinwirken, dass wir uns zusammenfinden. Wir kämen zusammen weiter. Dann wird es
uns schliesslich vielleicht auch mal möglich, uns dem ganzen grossen Sonnensystem
unterzuordnen - vielleicht sterben wir mal in ihm - in dem ganzen grossen System,
in dem alle Planeten, Kometen und Meteorgeister leben. Lieber Biba! Denk an das
Sterben des Asteroïdenrings. Es muss sehr qualvoll sein - aber doch eine
ungeheure Seligkeit. Es ist ja das Sterben nur ein Sichauflösen in dem Grösseren.
Oh - das sage nur Allen - auch den lustigen Quikkoïanern. Der sich selber
Quälende kommt immer weiter. Lebe wohl!«
    Biba lag ganz still auf seiner Pilzwiese.
    Das blaugrünliche Licht verschwand wieder.
Biba verbreitete das, was ihm Lesa gesagt.
    Und es machte auf Alle einen grossen Eindruck - besonders der letzte Satz von
dem sich selber Quälenden.
    Es starben mehr Pallasianer in der bekannten Art als bisher.
    Bombimba wollte sich wie Lesa im Kopfsystem des Pallas auflösen, es gelang
ihm aber nicht. Er stürzte zurück - und drei weitere Versuche misslangen auch. Da
klagte er über furchtbare Schmerzen. Und da nahm ihn Labu auf.
    Bombimbas Schmerzen wurden viel besprochen, sonst hatten die Pallasianer vor
der Auflösung noch niemals über Schmerzen geklagt. Jedenfalls unternahm es
Niemand wieder, wie Lesa ins Kopfsystem zu springen; die Lehre von der Bedeutung
der Schmerzen fand unter den Pallasianern keine Anhänger - selbst Biba meinte,
dass diese Lehre mit Lesas neuem Zustande zusammenhängen müsse - in dem er von
andern Sternen viele Dinge erfahre, die für den Pallasianer nicht so ohne
weiteres verwertet werden könnten.
    Lesa jedoch empfand immer deutlicher die Wichtigkeit der Schmerzen. Er
bemerkte auch, dass auf vielen Sternen besondere unbequeme Einrichtungen aufrecht
erhalten wurden, die nur dazu dienen sollten, den Lebewesen eine Lektion über
die Bedeutung des Qualvollen zu geben.
    Lesa hörte dabei mal neben sich ganz deutlich eine dröhnende Stimme, die da
sagte:
    »Empfindungen lassen sich doch nicht steigern, wenn man das Schmerzhafte
peinlich vermeidet. Eine Steigerung der Empfindungen muss doch das Schmerzhafte
mindestens streifen. Schmerz ist doch nur eine zu heftige Empfindung.«
    Lesa wusste nicht, wer ihm das sagte - aber er behielt die Worte und wollte
sie den Pallasianern mitteilen, merkte aber, dass sie die Geschichte vorläufig
noch nicht verstehen konnten; ihr Leben floss immer noch allzu ruhig dahin.
    Die Quikkoïaner wunderten sich sehr, dass die Bewohner des Pallasrumpfes nach
Herstellung ihres Turms garnicht mehr an neue Unternehmungen dachten.
    Und so kam man bald wieder auf künstlerische Pläne. Der kleine Nax suchte
Dex, Sofanti und Nuse anzufeuern - auch wollte er den alten Labu aufrütteln.
Aber die Vier sagten nach einiger Zeit, dass sie vorläufig von allen
künstlerischen Arbeiten absehen möchten, da die Pallasianer viel zuviel mit der
Beobachtung der andern Sterne beschäftigt seien.
    »Daran haben«, sagte der Sofanti lachend, »die Quikkoïaner Schuld. Hätten
die uns nicht auf der Aussenseite des Rumpfes und am Turm so viele Sternwarten
hergestellt - so wärs anders.«
    Die Sternwarten kamen erst ordentlich zur Geltung, als mehrere sehr grosse
Kometen am Pallas vorüberrasten - der Sonne zu. Man sah, dass jeder Kometenkopf
aus ganz anderen Stoffen bestand. Der eine Komet hatte sogar weit vorragende
Terrassen, die wie Flügel wirkten. Und Biba wollte auf eine dieser Terrassen
hinaufgeschnellt werden. Der Komet raste aber zu schnell dahin, sodass die
Sprungseiltuchvorrichtung zu spät fertig wurde.
    Die Folge davon war, dass man jetzt überall grosse Sprungseil- und
Sprungtuchvorrichtungen anbrachte, die zunächst zum bequemen Hinüberkommen auf
den Quikko dienten.
Auf dem Quikko liessen sich die grössten Fernrohre durch Hautaufblasen herstellen.
Grössere Hautstücke liessen sich da nicht loslösen, sodass auf dem Pallas nur
Fernrohre mit kleinen Hautstücken hergestellt wurden, die künstlich aufgeblasen
wurden, während sie sich auf dem Quikko ganz natürlich bildeten.
    Hier sah nun der Biba nicht nur die Sonne viel grösser als bisher; er sah
auch die unzähligen Asteroïden und bemerkte, dass kaum einer dem andern ähnte.
Diese ganz verschiedenartigen Lebewesen zusammenzubringen, erschien darum dem
Biba als sehr schwer zu lösende Aufgabe.
    Auf dem Quikko gelang es auch, die Meteore zu beobachten. Und da sah man,
dass auch sie astrale Lebewesen waren.
    Und damit das den Pallasianern ganz deutlich wurde, geschah wieder etwas
noch nicht Dagewesenes: zwei Meteorgeister kamen dem Pallas ganz nahe und -
umkreisten den Pallasturm in grossen Ellipsenbahnen - wie kleine Monde.
    Man beschloss, zu den Meteorgeistern hinüberzufliegen. Dex und Nuse liessen
sich hinüberschnellen. Sie kamen bis auf eintausend Meter an die Meteore heran -
kamen dann aber nicht weiter; sie bemerkten, dass die Meteorgeister von einer
ganz besonderen, sehr frisch wirkenden Atmosphäre umgeben waren, die
zurückdrängend wirkte.
    Die Meteore hatten viele lange zappelnde Gliedmassen, die in allen Farben
schimmerten. Auf den Körpern, die kaum hundert Meter lang waren, liessen sich
kleine Lebewesen nicht entdecken. Die Teleskope auf dem Quikko zeigten dies ganz
deutlich.
    Der Kopf der Lebewesen liess sich aber auch nicht entdecken. Eine
Verständigung mit diesen astralen Riesen war ganz unmöglich, obschon man sich
auf dem Quikko und Pallas die grösste Mühe gab, die Aufmerksamkeit der
Meteorgeister zu erregen. Trotzdem umkreisten diese den Turm und das Kopfsystem
des Pallas mit dem grössten Eifer, als fänden sie es sehr interessant.
    Lange Zeit hindurch liess man diese kleinen Monde nicht aus den Augen. Die
Beweglichkeit der Gliedmassen an diesen Geistern steigerte sich immer, wenn sie
dem Kopfsystem des Pallas näher kamen.
Von den neuen Monden wurde man aber bald wieder abgelenkt. Der rote Lichtkegel,
der von oben durch die Mitte des Pallas durchleuchtete, wurde eines Tages
merklich kleiner, zog sich immer mehr hinauf und verschwand oben, ohne eine Spur
zu hinterlassen.
    Das Kopfsystem aber breitete sich im obersten Teile des Turms so heftig aus,
dass ein Luftstrom nach unten entstand und die vergessene Sofanti-Musik im
Centrum wieder zu ertönen begann.
    Darauf wuchs das ganze Kopfsystem heftig weiter nach unten zu - umklammerte
den ganzen Turm mit feinen Lichtarmen und mit grossen, wolkig wirkenden
Gasgebilden.
    Und man sah nun ganz deutlich, wie sich immer wieder überall grosse
Kometenschweife bildeten.
    Und die grossen Kometenschweife erleuchteten den ganzen Nordtrichter.
    Das neue Wunder nahm natürlich die ganze Aufmerksamkeit der Pallasianer in
Anspruch.
    Man machte wieder mit Spiegeln den Versuch, das Licht der Kometenschweife
abzulenken, und lernte dabei die Wirkung dieser Kometenschweife kennen - sie
wirkten - einschläfernd.
    Wer einmal von einem Kometenschweif getroffen wurde, begann sofort zu
schlafen und sank auf den nächsten Hügel oder Turm und blieb da Stunden lang
liegen. Der Getroffene konnte nicht einmal eine Pilzwiese aufsuchen. Natürlich
brachten die andern Pallasianer den Eingeschlafenen sehr bald auf eine
Pilzwiese.
    Aber diese Kometenschweifwirkung erschien unerklärlicher als alles Andre;
vom Verstehen einer Naturkraft konnte hier schlechterdings nicht mehr die Rede
sein.
Und Lesa fühlte, dass das Kopfsystem mehr nach unten ging und sich mit dem Turm
und dem Rumpf ganz fest verband. Und das brachte auch den Lesa wieder den
Pallasianern näher; sie sahen jetzt Lesas blaugrünliches Licht sehr oft
aufleuchten - zuweilen an mehreren Stellen zu gleicher Zeit.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Die Spinngewebewolke ordnet sich zu einem gleichmässigen Ringsystem, was Biba für
vorbildlich erklärt. Lesa erinnert den Biba an die Qualen, die die Pallasianer
beim Turmbau ausgestanden haben, und kündigt ihnen grosse Schmerzenszustände an.
Die kommen, als sich Kopf- und Rumpfsystem des Pallas endgültig
zusammenschliessen. Lesa hat dabei die grössten Schmerzen auszustehen. Der ganze
Pallas wird so gewaltig erschüttert, dass selbst einige Bandbahnen zerreissen und
der grosse Turm zu klirren beginnt. Danach fühlt Lesa, dass er mit dem Doppelstern
ein einziges Wesen geworden ist, und es beginnt ein neues Leben für ihn - und
alles nähert sich einander - auch die Sterne des Asteroïdenringes nähern sich
einander.
Die Spinngewebewolke hatte sich nun auch verändert. Sie war immer weiter vom
Kopfsystem abgerückt und hatte allmählich eine ganz regelmässige Kranzform
angenommen. Der Kranz wurde immer flacher. Und man sah schliesslich vom Pallas
und vom Quikko aus, dass sich auch die roten kleinen Köpfe regelmässig überall
verteilten. Nun sah man auch, dass die feinen Fäden tatsächlich lange Gliedmassen
bildeten. Sie schlangen sich so durcheinander, dass zwischen ihnen immer mehr
Raum frei blieb. Der Wolkencharakter des Ganzen verging somit. Eine Annäherung
an dieses Miniaturringsystem blieb auch jetzt unmöglich - eine Verständigung mit
den feinen Fadenwesen ebenfalls. Das Ganze besass nach wie vor eine starke
zurückdrückende Kraft, die schon in einer Entfernung von tausend Metern
einsetzte.
    »Das ist beinahe vorbildlich«, sagte Biba, »sowohl für uns - wie für den
grossen Asteroïdenring.«
    Während Biba das neue Ringsystem von einem Balkon der Turmlaterne aus
beobachtete, bemerkte er vor sich in der Luft wieder das blaugrünliche Licht,
durch das der Lesa seine Nähe anzeigte.
    Und Lesa sagte durch einfache Übertragung der Gedanken:
    »Wie schnell doch die Pallasianer alles Mögliche vergessen! Ihr wollt nichts
von der Bedeutung des Schmerzes wissen - so als hättet Ihr stets in weichlicher
Untätigkeit gelebt. Und das ist doch garnicht der Fall. Ihr habt doch mit so
ungeheurer Kraftanstrengung den grossen Turm gebaut. Habt Ihr dabei nicht genug
Schmerzen empfunden? War das nicht für uns alle zusammen eine grosse Qual? Und
als alles fertig war, da kams Euch doch wie eine Erlösung vor. Allerdings dann
kam gleich so viel Neues, dass Ihr Eure Arbeit schnell vergasset. Lieber Biba,
sage doch Allen, dass sie den Schmerz nicht unterschätzen dürfen. Vielleicht habt
Ihr in allernächster Zeit Furchtbares zu ertragen. Bereitet Euch vor. Ich fühle,
dass ich mich Euch nicht mehr lange verständlich machen kann. Vergiss nicht, was
die Sonne sagt. Lebe wohl!«
    Biba hörte, wie das Licht mit einem leisen Knall erlosch. Und er eilte auf
den nächsten Bandbahnen zu einer grossen Signalstation und machte von dort aus
alle Pallasianer aufmerksam, dass er Neues mitzuteilen habe.
    Und es berührte dieses Neue alle Zuhörenden wie etwas Grausiges - noch nie
Geahntes.
Und gleich danach wars dem Lesa so, als hätte er noch einen Körper wie einst -
aber einen viel längeren und breiteren - und es ging ein Schauer durch seinen
Körper - und er fühlte, dass alles in ihm zitterte. Und einen stechenden Schmerz
empfand er bald da und bald dort.
    Und dann fühlte er einen Starrkrampf in seinen neuen Sehorganen - und sie
gingen alle nach unten - und verbanden sich mit dem grossen Pallas-Rumpf - wurden
mit diesem eins. Das aber griff alle seine Sehnen und Muskeln furchtbar an, dass
er hätte schreien mögen.
    Ganz finster wurde es. Lesa sah nichts mehr. Er fühlte nur noch reissende
zerrende Schmerzen, die immer stärker wurden.
Und die Pallasianer empfanden plötzlich ähnliche Schmerzen - wie der Lesabéndio.
Die Schmerzen waren nicht so stark wie die, die oben der Lesa empfand. Aber die
Pallasianer schrieen doch laut auf.
    Und das schmerzliche Geschrei hallte unheimlich im Nordtrichter. Dazu
brauste die Sofanti-Musik mit tiefen stöhnenden Tönen.
    Die kometarischen Ausströmungen des Kopfsystems umflackerten grell mit
Tausenden von zuckenden Scheinwerfern den grossen Turm und kamen hinunter und
blitzten durch den Nordtrichter - und auch durch den Südtrichter. Der ganze
Pallas-Rumpf schien in elektrischen Flammen zu brennen. Und der Pallas zitterte.
    Und dieses Zittern brachte den grossen Turm zum heftigen Schwanken.
    Das Schreien der Pallasianer wurde so furchtbar, dass Alle glaubten, der
Stern würde gleich entzwei bersten.
    Die Sofanti-Häute dröhnten und brausten so heftig, dass einzelne Häute mit
lautem Knall entzwei rissen.
    Die Quikkoïaner, die auf dem Pallas waren, fielen sämtlich in Ohnmacht und
lagen bewusstlos da. Und Niemand kümmerte sich um sie.
Biba und Labu, die den Schmerzen am kräftigsten Widerstand leisteten und nur
stöhnten - nicht schrieen - blickten durch Teleskope aussen nach den übrigen
Asteroïden hinüber und sahen, dass dort auf vielen der kleinen Sterne elektrische
Ausstrahlungen entstanden.
    »Es geht etwas Furchtbares vor!« rief Biba dem Labu zu.
    Labu antwortete nicht.
    Biba sah danach zur Sonne - und entdeckte auch dort heftige Sturmfackeln auf
der Oberfläche - viel mehr als sonst.
    »Ich glaube«, sagte er stöhnend, »dass wir vielleicht nur näher
aneinandergebracht werden sollen. Und das ist so schmerzhaft. Wenn jetzt der
Lesa was sagen würde!«
    Aber Lesa sagte nichts.
Allmählich liessen die Schmerzen der Pallasianer nach. Und man kam wieder
zusammen und besprach dieses allerneueste Wunder, das Allen die Bedeutung des
Schmerzes klargemacht hatte. Und Biba sagte, was er für den Grund des
Ereignisses hielt.
    »Das Kopfsystem des Pallas«, meinte er, »verbindet sich mit dem Rumpfsystem.
Der alte Stern Pallas erwacht zu ganz neuem Leben. Das ist eine furchtbare
Empfindung - so zu neuem Leben zu erwachen. Der grosse Zusammenschluss von oben
und unten hat stattgefunden. Das ist auch vorbildlich für die anderen
Asteroïden; sie haben auf den Pallas-Schmerz reagiert - ich habs gesehen - die
Sonne zeigte sich auch dadurch bewegter. Wir sollen uns deshalb auch mehr
zusammenschliessen. Künstlerische Gegensätze dürfen uns nicht mehr einander
entfremden.«
    »Ich glaube«, sagte Labu darauf, »dass alles Künstlerische auf dem Pallas
vielleicht doch nur Mittel zum Zweck war.«
    Dem stimmten sehr viele Pallasianer zu.
    Dann suchte man die Quikkoïaner und brachte sie allmählich wieder zum
Bewusstsein. Sie waren über das neue Ereignis sehr erstaunt und wollten alle zum
Quikko hinüber.
    Die Pallasianer, die während der Erschütterung des Pallas auf dem Quikko
sich aufhielten, hatten nur ein leichtes Zucken in ihren Gliedern verspürt.
    Das hatte zur Folge, dass sich jetzt sehr viele Pallasianer zum Quikko
hinüberschnellen liessen, um dem nächsten Sturm zu entgehen. Alle Quikkoïaner
verliessen den Pallas.
    Aber auch auf dem Quikko war vieles anders geworden. Der kleine Stern drehte
sich nicht mehr um sich selbst.
    Auch die Glieder der beiden Meteorgeister, die oben den Pallaskopf
umkreisten, waren ganz steif geworden.
    
    
Lesas Schmerzen waren aber währenddem noch nicht zu Ende. Sein Starrkrampf wurde
plötzlich noch viel mehr gesteigert. Er hielt es nicht mehr aus. Er wollte mit
Gliedmassen, die er garnicht hatte, ausgreifen, wollte sich fortwinden und konnte
doch nicht. Er fühlte, dass er gefesselt war - unten an den Rumpf.
    Und da fühlte er zugleich mit dem Pallas-Kopf und mit dem Pallas-Rumpf
zusammen - dass er mit Beiden ein einziges Wesen sei - und dass jetzt ein neues
Leben für ihn begann - ein Pallas-Leben.
Dieser zweite Starrkrampf, der den ganzen Doppelstern gepackt hatte, wirkte noch
viel furchtbarer als der erste.
    Der Turm klirrte.
    Die Sofanti-Musik zerriss plötzlich, da alle Häute mit einem Ruck zerrissen.
    Der ganze Pallas-Rumpf bebte noch einmal so heftig, dass auch mehrere
Bandbahnen zerrissen.
    Doch danach wurde plötzlich Alles ruhig.
    Die kometarischen Ausstrahlungen am Turm und in den Trichtern wurden mit
einem Male ganz ruhig und leuchteten - die Turmlaterne leuchtete am hellsten -
aber auch ganz ruhig.
    Die Pallasianer konnten dieses Mal den Schmerz überwinden. Es schrie Keiner.
    Biba sagte still:
    »Ich glaube, dass sich jetzt alles zusammengeordnet hat. Es wird nicht mehr
Erschütterndes kommen. Wir wollen jetzt auch zusammenbleiben und zu unsern
Teleskopen fahren. Die zerstörten Bandbahnen müssen wir auch gleich ausbessern.«
    Und man besserte die zerstörten Bandbahnen wieder aus und begab sich dann zu
den Teleskopen, um die Asteroïden zu beobachten.
Lesabéndio aber fühlte ganz anders als einst; er fühlte, dass er allmählich ganz
zum Stern wurde. Die Interessen der Pallasianer berührten ihn nicht mehr. Er
bemerkte auch, dass er abermals neue Organe bekam - mit der Atmosphäre seines
Sterns konnte er allmählich sehen - die Atmosphäre wirkte auf allen Seiten für
ihn wie ein kolossales Teleskop.
Und dann sprach Lesa mit dem Quikko und mit den Meteorgeistern und auch mit den
feinen Wesen, die einst als Spinngewebewolke dem Pallas so helles Licht
spendeten.
    Darauf fühlte Lesa, dass er mit seinem Doppelstern auch hinüberreichen konnte
zu den andern Asteroïden.
    Und dort sprach man überall von der Notwendigkeit der gegenseitigen
Annäherung.
    »Der Asteroïdenring muss ein Einheitliches werden!« sagten Alle, »wir kommen
weiter, wenn wir zusammen sind - wie die Geister der Saturnringe. Es wird
natürlich noch viele Schmerzen erzeugen.«
    Lesa fühlte, wies ihm noch immer in allen Gliedern zuckte.
    Aber das ging vorüber.
    Und er fühlte nur, wie er sich langsam drehte. Und er fühlte, dass er allen
Sternen immer näher kam.
    »Wir wollen einander«, sagte er in seinen Gedanken zu sich selbst, »immer
näher kommen, wenn auch furchtbare Qualen zu überwinden sind. Es ist doch eine
Seligkeit - wenn man sie überwunden hat. Ich fühls. Auch das Sichunterordnen ist
sehr schmerzhaft. Aber notwendig ist es doch. Und ich ordne mich so gerne den
grösseren Sternen unter - besonders der Sonne.«
    Und da reckte er kraftvoll seinen ganzen Leib - und er fühlte, dass sein Leib
der ganze Pallas-Rumpf war.
    Und der Doppelstern drehte sich weiter.
    Und die Asteroïden begrüssten den zu neuem Leben erwachten Doppelstern mit
glänzenden elektrischen Lichtern.
    Lesa träumte, er sei jetzt ganz frei und könne hinkommen, wohin er wolle -
er hätte jetzt Sternkräfte.
    Und es war ihm dann, als spräche er mit den Saturnringen und mit den Monden
des Saturn - und da kam der Quikko und sagte:
    »Bleibe bei uns.«
    Und da kehrte Lesa zurück.
    Und er sah den ganzen Stern Quikko - auch sein Inneres - das war so milde -
als wärs aus lauter streichelnden Händen zusammengesetzt.
    »Wir kommen immer weiter!« hörte Lesa leise aus dem Quikko heraustönen.
    Doch donnernd rief die Sonne dazwischen:
    »Wenn wir Schmerz und Tod nicht fürchten!«
    Lesa hörte Beides.
    Und er drehte sich ruhig weiter und empfand eine grosse Ruhe. Und es kam ihm
so vor, als ginge er leicht hinüber in ein neues Reich, in dem alles ganz sanft
hin und her schwankte - wie flüsternde Manesi-Ranken - unten am grossen Turm.
    »Mit Allen zusammen!« sagte Lesa ganz still.
    Und die grüne Sonne strahlte so hell auf - als wäre auch auf ihr ein neues
Leben erwacht.
 
    