
        
                         Franziska Gräfin zu Reventlow
                           Herrn Dames Aufzeichnungen
                                      oder
                                        
                 Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil
                           Verehrter Freund und Gönner!
Sie wissen ja - Sie wissen genug darüber, wer Wir sind - womit wir uns
unterhalten und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentage zu
erfüllen suchen. Sie wissen auch, wie wir das Dasein je nachdem als ernste und
schwerwiegende Sache - als heiteren Zeitvertreib, als absoluten Stumpfsinn oder
auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen, aufzufassen und zu gestalten
pflegen.
    Sie waren es, der von jeher das richtige Verständnis für unseren Plural
hatte - für die grosse Vereinfachung und anderseits die ungeheure Bereicherung
des Lebens, die wir ihm verdanken. Wie armselig, wie vereinzelt, wie prätentiös
und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende Ich da - wie
reich und stark dagegen das Wir.
    Wir können in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen, untergehen -
harmonisch damit verschmelzen. Ich springt immer wieder heraus, schnellt wieder
empor, wie die kleinen Teufel in Holzschachteln, die man auf dem Jahrmarkt
kauft. Immer strebt es nach Zusammenhängen - und findet sie nicht. Wir brauchen
keinen Zusammenhang - wir sind selbst einer.
    Die Sendung, die wir heute unserem Briefe beifügen, oder, richtiger, der
Inhalt eben dieser Sendung ist wieder ein neuer Beweis dafür.
    Denn dies alles, teurer Freund, den wir insgesamt gleich schätzen und
verehren, gilt nur als Vorrede einer Vorrede, die jetzt beginnen und Ihnen zur
Erläuterung beifolgender Dokumente dienen soll, das heisst zur Erläuterung des
Umstandes, dass wir eben diese Dokumente in Ihre Hände legen und von Ihnen die
Lösung manches Rätsels erhoffen. Mit den Papieren hat es nun folgende
Bewandtnis:
    Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein, dass wir gelegentlich einer Seereise
einen jungen Menschen kennenlernten. Wir fanden ihn sehr liebenswürdig und
unterhielten uns gerne mit ihm. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis es so
weit kam, denn er war zu Anfang ungemein zurückhaltend und schien schwere
seelische Erschütterungen durchgemacht zu haben - aber davon später. Der junge
Mann hiess mit dem Nachnamen: Dame - also Herr Dame. Dieser Umstand mochte wohl
einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen und gehörte zu den vielen
Hemmungen, über die er sich beklagte. Wenn er sich vorstellte oder vorstellen
liess, wurde er stets etwas unsicher und fügte jedesmal hinzu: »Dame, ja - ich
heisse nämlich Dame.«
    Wir fragten ihn einmal, weshalb er das täte - der Name sei doch nicht
auffallender als viele andere, und er mache auf diese Weise eigentlich die Leute
selbst erst aufmerksam, dass sich eine Seltsamkeit, sozusagen eine Art
Naturspiel, daraus konstruieren lasse.
    Er entgegnete trübe: Ja, das wisse er wohl, aber er könne nicht anders, und
es gehöre nun einmal zu seiner Biographie. (Diese Bemerkung lernten wir erst
später bei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen.) Herr Dame war seinem
Äusseren und seinem Wesen nach durchaus der Typus junger Mann aus guter Familie
und von sorgfältiger Erziehung mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum -
sehr matt und sehr äusserlich. Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die
Strasse gegangen, auch wenn ihm das Herz noch so weh tat - und das Herz muss ihm
wohl oft sehr weh getan haben. Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine
gewisse betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal, aber daneben
liebte er Parfüms und schöne Taschentücher.
    Als wir ihn kennenlernten, war er schweigsam und verstört; allmählich,
besonders wenn wir in den warmen Nächten an Deck sassen, ging ihm immer das Herz
auf, und er erzählte von sich selbst und von seiner Biographie - wie er längere
Zeit unter eigentümlichen Menschen gelebt und eigentümliche Dinge mitangesehen
und auch miterlebt habe. Schon von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich
gefühlt, das Leben zu begreifen, und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen.
Leider vergeblich, denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen, sondern sei
völlig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege, in fernen Ländern Heilung
und Genesen zu suchen.
    Den Ort, wo sich das alles begeben hat, wollte er nicht gerne näher
bezeichnen - er sagte nur, es sei nicht eigentlich eine Stadt, sondern vielmehr
ein Stadtteil gewesen, der auch in seinen Papieren oft und viel genannt wird.
Wir konnten uns das nicht recht vorstellen.
    Er erzählte uns denn auch, dass er damals allerhand niedergeschrieben habe,
in der Absicht, vielleicht später einen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu
gestalten, und wir interessierten uns lebhaft dafür.
    So kam die Zeit heran, wo wir uns trennen mussten, denn die Reise ging zu
Ende. An einem der letzten Tage stieg Herr Dame müden Schrittes in seine Kabine
hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener Hefte wieder; dann
sagte er, wenn es uns Freude mache, sei er gerne bereit, uns seine
Aufzeichnungen zu überlassen. Er wolle sie auch nicht wieder haben, denn das
alles sei für ihn abgetan und läge hinter ihm, und er habe wenig Platz in seinen
Koffern. Was damit geschehe, sei ihm ganz gleichgültig, wir möchten es je
nachdem weitergeben, verschenken, vernichten oder veröffentlichen. Er selbst
würde schwerlich wieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren.
Dann nahmen wir recht bewegt Abschied und wünschten ihm alles Gute. Unser Wunsch
sollte leider nicht in Erfüllung gehen, denn der Zug, mit dem er weiterfuhr,
fiel einer Katastrophe zum Opfer, und in der Liste der Geretteten war sein Name
nicht genannt - so ist wohl anzunehmen, dass er mit verunglückte. Wir haben denn
auch nichts mehr von ihm gehört.
Die Aufzeichnungen haben wir gelesen - es war das erste, was wir damit taten;
aber, wie schon anfangs erwähnt, vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben.
Nach unserer Ansicht handelt es sich, wie ja auch Herr Dame selbst meinte, um
recht eigentümliche Menschen, Begebnisse und Anschauungen. - Unter anderem
interessiert es uns lebhaft, wo jener Stadtteil zu finden ist, in dem sich das
alles begeben. Wir leben, wie Sie wissen, schon so lange in der Fremde, dass es
viel zu anstrengend wäre, die Kulturströmungen einzelner Stadtteile genauer zu
verfolgen.
    Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zu erfahren, ob die vorliegenden
Dokumente wohl die Bedeutung eines document humain haben und sich zur
Veröffentlichung eignen würden. Meinen Sie nicht auch, dass es dann vielleicht
ein schöner Akt der Pietät wäre, dem anscheinend Frühverblichenen auf diese
Weise einen Grabstein zu setzen?
    Wenn Sie es für geboten erachten, würden wir Sie bitten, einen Kommentar
dazu zu schreiben - uns fehlt leider die nötige Sachkenntnis, und so haben wir
uns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungen beschränkt - aber
vielleicht ist es auch überflüssig.
Kurzum - ja, wirklich kurzum, denn wir lieben die Kürze auch dann noch, wenn wir
ausführlich sein müssen, lieben sie um so mehr, wenn wir gerade ausführlich
gewesen sind - wir legen diese Papiere und alles Weitere vertrauensvoll in Ihre
Hände.
 
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                                                                        Dezember
Langweilig - diese Wintertage...
    Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht. Man
nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die obligaten Fragen - wo ich
wohne, wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere. Der
alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden, dass ich kein bestimmtes
Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe - ich solle mich
vorsehen, nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten. Das war sicher sehr
wohlgemeint, aber es fällt mir auf die Nerven, wenn die Leute glauben, ich sei
nur hier, um mir die Hörner abzulaufen und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf
vorzubereiten.
    Es war eine Erholung, nachher Dr. Gerhard im Café zu treffen. Ich erzählte
ihm von meinen Familienbesuchen, er räusperte sich ein paarmal und sah mich
prüfend an. Dann meinte er, das mit dem Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete
studentische Schablone, aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute,
die sich gärenshalber hier aufhielten, und zu diesen würde wohl auch ich zu
rechnen sein.
    Eine sonderbare Definition - gärenshalber -, aber der Doktor drückt sich
gerne etwas gewunden aus... das scheint überhaupt hier üblich zu sein.
    Wenn man darüber nachdenkt, hat er eigentlich nicht ganz unrecht. Vielleicht
ist etwas Wahres daran - es kommt mir ganz plausibel vor, dass mein Stiefvater
mich gärenshalber hergeschickt hat. Nur passt es wohl gerade auf mich nicht
recht. Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach -
überhaupt nicht viel eigne Initiative - ich werde einfach zu irgend etwas
verurteilt, und das geschieht dann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehr gut
und hat viel Verständnis für meine Veranlagung; so pflege ich im grossen und
ganzen auch immer das zu tun, was er über mich verhängt.
    Verhängt - ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die äusseren
Umstände bringen es mit sich, dass immer alles eine Art Verhängnis für mich wird.
Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter. Meinen richtigen Vater
habe ich kaum gekannt - er soll sehr unsympatisch gewesen sein - und nur den
Namen von ihm bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen, unauffälligen Namen
und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie hätte ihn ebenso gut
gleich heiraten können, und alles wäre vermieden worden. Es wurde aber nicht
vermieden, denn es war über mich verhängt, diesen Namen zu bekommen und mein
Leben lang mit ihm herumzulaufen.
    
    Dame - Herr Dame - wie kann man Herr Dame heissen? so fragen die anderen, und
so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand: Ich bin eben dazu
verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen - zum
Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung - einem matten,
neutralen Auftreten, das mich irgendwie motiviert. Dissonanzen kann ich nun
einmal nicht vertragen, und das Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur.
Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen
gelernt.
    Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen, er schien es
auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der Verurteilte sei wohl ein Typus,
meinte er, mit derselben Berechtigung, wie der Verschwender, der Don Juan, der
Abenteurer und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden. Dann hat er
gesagt, jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben müsse.
Es käme nur darauf an, das richtig zu verstehen - man müsse selbst fühlen, was
in die Biographie hineingehört und sich ihr anpasst - alles andere solle man ja
beiseite lassen oder vermeiden.
                                                                     7. Dezember
Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht. Heute hätte ich gerne wieder Dr.
Gerhard getroffen und das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt. Aber es sass
diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch. Unangenehm, dass man beim
Vorstellen nie die Namen versteht - das heisst, meinen haben sie natürlich alle
verstanden - mein Verhängnis - er ist so deutlich und bleibt haften, weil man
sich über ihn wundert. Ich habe diese junge Frau beneidet, die neben Gerhard
sass, weil man sie nur Susanna oder gnädige Frau anredete.
    Du lieber Gott, ich werde ja nicht einmal heiraten können, wenn ich gern
wollte. Wie könnte man einem Mädchen zumuten, Frau Dame zu heissen? Und dann
daneben zu sitzen, das mitanzuhören und selbst... nein, diese Reihe von
Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken.
    Ich weiss nicht, wie es kam, dass ich dieser Susanna oder gnädigen Frau - wie
ich sie natürlich anreden musste, meine quälenden Vorstellungen anvertraute. Sie
hat nicht einmal gelacht - doch, sie hat schon etwas gelacht, aber sie begriff
auch die elende Tragik.
    Es kam später noch ein Herr an den Tisch, den man mir als Doktor Sendt
vorstellte. Er ist Philosoph und macht einen äusserst intelligenten Eindruck. Mir
schien auch, dass er eine gewisse Sympatie für mich fühlte.
    Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten. Ich konnte manchmal nicht recht
folgen - Doktor Sendt merkte es jedesmal, zog dann die Augenbrauen in die Höhe,
sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklärte mir in klarer,
pointierter Ausdrucksweise, um was es sich handle.
    Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren; mir ist, als könnte ich viel von
ihm lernen. Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit.
    Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise, um den es etwas
ganz Besonderes sein muss. dabei entspannen sich starke
Meinungsverschiedenheiten. Bei diesem Gespräch hörte ich nur zu, ich mochte
nicht immer wieder Fragen stellen, um so mehr, weil allerhand Persönliches
berührt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte.
    Übrigens genierte ich mich auch etwas, weil der Dichter, der den Mittelpunkt
jenes Kreises bilden soll, mir ziemlich unbekannt war. Seinen Namen kannte ich
wohl, aber von seinen Werken so gut wie nichts.
    Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren, auffallend hohem Kragen
und violetter Krawatte, die auf ungewöhnliche, aber immerhin ganz geschmackvolle
Art geschlungen war. (Frau Susanna stiess den Philosophen an und raunte ihm zu,
es sei wohl eine kultliche Krawatte - und der antwortete: Violett - natürlich
ist das kultlich.) Dieser junge Mensch also sprach von jenem Dichter
ausschliesslich als dem Meister. Ich hatte bisher nur gehört, dass man in Bayreut
so redet, und es befremdete mich ein wenig. Überhaupt redete er mit einem
Patos, das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen
Meister unangenehm berühren würde, wenn er es zufällig einmal hörte - und war
sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren, besonders des
Philosophen, der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus
äusserte.
    Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache - eine ältere Dame erzählte: man
(anscheinend Mitglieder jenes Kreises) wäre bei einer Art Wahrsager - einem
sogenannten Psychometer - gewesen, und es sei unbegreiflich, wie dieser Mann
durch blosses Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer
Besitzer zu erkennen wisse - ja, bei Verstorbenen sogar die Todesart.
    »Es ist ganz ausgeschlossen«, so sagte sie, »dass er über irgend etwas
Persönliches im voraus orientiert sein konnte und...« -
    »Aber Sie müssen doch zugeben, dass er manchmal versagt«, fiel der junge
Mensch mit der violetten Krawatte ihr ins Wort, »in bezug auf den Meister hat er
sich schwer geirrt. Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll, denn
es zeigt deutlich, dass er die Substanz des Meisters wohl fühlte, nicht aber
beurteilen konnte...«
    »Wieso?« fragte einer von den Herren, der nicht dabeigewesen war. Der junge
Mensch mass ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame,
die zuerst gesprochen hatte:
    »Sie haben es ja selbst gehört - er bezeichnete sie als unecht und
teatralisch. Und weshalb - weil er eben nicht ahnte, um wen es sich hier
handelt - weil er sich die hier verwirklichte Grösse aus seinem engen
Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte. So half er sich mit der Tese des
Teatralischen darüber hinweg. Für uns nur wieder eine neue Bestätigung, wie
wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Grossen würdig sind.«
    Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit
leuchtendem Blick zu:
    »Ja, ja, so ist's, wir fühlten es ja auch alle - aber wie klar und schön Sie
es jetzt ausgelegt haben.«
    »Es ist so klar, dass es kaum noch einer Auslegung bedurfte - zudem hatte der
Meister den bewussten Ring erst seit einem Jahr getragen, und seine Substanz war
zweifellos noch mit fremden, früheren Substanzen gemischt - das musste die
Beurteilung bedeutend erschweren.«
    Darauf entstand eine Pause, und dann sagte die Dame sehr nachdenklich:
    »Hören Sie, vielleicht liegt es noch einfacher - ich habe diesen Mann schon
lange im Verdacht, dass er schwarze Magie treibt, und dann läge es wohl nahe, dass
er alles wirklich Grosse und Schöne hassen - innerlich ablehnen muss. Und wiederum
- dass der Meister nach jener Äusserung die Gesellschaft verliess, beweist doch
stärker als alles andere, dass er sich mit etwas Unlauterem in Berührung fühlte
und sich dem entziehen musste.«
    »Oh, ich glaube«, warf Sendt spöttisch ein, »auch wenn man ihm von völlig
lauterer Seite derartige Dinge sagte, würde er sich zurückziehen.«
    »Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein«,
erwiderte die Dame gereizt, »aber die Sache trifft es nicht. Allerdings hatte er
sich mit vollem Recht zurückgezogen - aber diese Dinge sind überhaupt nicht
wesenhaft und gehören nicht zur Mitte.«
    »Warum beschäftigt man sich denn immer wieder mit ihnen? Ich meine, vor
kurzem noch gehört zu haben, dass die Beschränkung auf die weisse Magie nicht
gebilligt wurde?«
    »Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben«, antwortete die
Dame etwas strafend. »Besonders seit jener böse Magier die Substanz des Meisters
so verkannte«, bemerkte Sendt, während er ihr in den Mantel half, denn sie hatte
sich inzwischen erhoben, um zu gehen.
    »Allerdings«, murmelte sie vor sich hin, und es klang sehr überzeugt. Dann
brach sie auf und mit ihr der grössere Teil der Gesellschaft. Nur Doktor Sendt
und Susanna blieben noch.
    Der Philosoph sah sie an, lächelte und sagte: »Mirobuk!« Ich hatte das Wort
noch nie gehört, und was es bedeuten sollte, war mir nicht klar, aber Susanna
lachte und sagte: »Achten Sie nur darauf - Herr... Herr Dame, wenn Sendt Mirobuk
sagt, so hat es meistens eine gewisse Berechtigung.«
    Ich fasste Mut und fragte, was denn um Gottes willen das mit der Magie
bedeute, die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister. Schwarze und
weisse Magie - was versteht man überhaupt darunter? Ich dachte, so etwas käme nur
in Märchenbüchern oder im Mittelalter vor. - »O nein«, sagte mir Sendt, »die
Dame huldigt nur wie viele andere dem Spiritismus, und Sie müssen wissen, dass
dieser von seinen Anhängern als weisse Magie proklamiert wird, weil man sich nur
an die guten und sympatischen Geister wendet und mit ihnen Beziehungen
anknüpft. Die schwarze Magie aber beschäftigt sich gerne mit den Geistern von
Verbrechern und Bösewichtern, die sich noch nicht ganz von der Erde befreit
haben. Sie besitzen deshalb auch noch irdische Kräfte und rächen sich
gelegentlich an dem, der sie beherrscht. Und der Magier, von dem hier die Rede
war, hat sich eben so schlecht benommen, dass man ihm alles mögliche zutraut und
sich in Zukunft vor ihm hüten wird.«
    Ich war ihm recht dankbar für diese Aufklärung, nur kam es mir befremdlich
vor - nein, befremdlich ist nicht das rechte Wort, aber jener junge Mann und die
Dame hatten eine so verwirrende Art, sich dunkel und geheimnisvoll auszudrücken
und dabei, als ob von ganz realen Dingen die Rede sei, dass ich selbst etwas
unsicher geworden war. Wie sie von dem Meister als von einem ganz
übernatürlichen Wesen sprachen - von seinem Ring und seiner Substanz - am Ende
ist er auch ein Magier - ein Zauberer - ein Nekromant oder dergleichen.
Ich war Susanna im Grunde recht dankbar, dass sie mich auslachte und sagte, es
sei leicht zu merken, dass ich mich noch nicht lange hier aufhalte.
 
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Heute wollte ich nicht ins Café, aber ich ging doch hin und fand wieder eine
ungünstige Konstellation vor; der Philosoph sass mit der lebhaften älteren Dame
von neulich zusammen. Ich mochte nicht aufdringlich erscheinen, so setzte ich
mich an den Nebentisch, den einzigen, der noch frei war, und las Zeitungen. Sie
sprachen aber so laut, besonders die Dame, dass ich nicht umhinkonnte, zuzuhören,
und hinter der Zeitung mein Notizbuch vornahm, denn es schien mir wieder sehr
bemerkenswert, was sie da redeten. Die Dame erzählte von einem Professor
Hofmann, dessen Name neulich schon verschiedentlich erwähnt wurde - er habe ihr
gesagt, sie sähe ausgesprochen kappadozisch aus.
    Kappadozien kommt, soviel ich weiss, in der Bibel vor, aber ich begriff nicht
recht, wieso jemand kappadozisch aussehen kann, und warum sie das mit solcher
Wärme erzählte. Woher will man denn wissen, wie die Kappadozier ausgesehen
haben? Der Philosoph lächelte auch.
    Nun kam einiges, was ich nicht recht verstand, und dann das, was ich mir
notiert habe.
    »Nein, es sollten die Posaunen von Jericho sein - hören Sie nur: sie waren
alle bei mir auf dem Atelier...«
    »War er auch dabei?« fragte der Philosoph, und die Dame warf ihm einen
vorwurfsvollen Blick zu.
    »Aber ich bitte Sie, wenn Sie spotten wollen...«
    »Nein, nein, ich dachte nur - aber bitte, fahren Sie fort.«
    »Also der Professor, seine Frau und einige von den jungen Dichtern. Einer
von ihnen ging gleich an meinen Flügel, betrachtete ihn von allen Seiten und
sagte irgend etwas. Dann fragte die Frau Professor ihren Mann: Wollen wir es
jetzt sagen?, und er nickte. Dieses Nicken sehe ich noch deutlich vor mir, aber
ich kann es nicht beschreiben, es lag etwas ganz Besonderes darin. Dann war
plötzlich ein Paket da, es wurde ausgewickelt, und ein Kästchen mit einem
Schlauch daran kam zum Vorschein - es sah etwa aus wie ein photographischer
Apparat. Und Frau Hofmann sagte lebhaft, dieses Kästchen habe ein Freund ihres
Mannes aus dem Orient mitgebracht, es gäbe auf der ganzen Welt nur noch ein
ebensolches, und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus. Wenn man es an ein
Klavier anschraube, innerlich erhitze und dann hineinbliese, so gäbe es genau
denselben Ton wie die Posaunen von Jericho.«
    »Hatten Sie nicht Angst, dass auch bei Ihnen die Mauern einfallen könnten?«
fragte der Philosoph.
    »Nein, von den Mauern war gar nicht die Rede - ich weiss nur, dass ich dann
nach Spiritus suchte, um das Kästchen zu füllen, und ihn nicht finden konnte,
aber mit einemmal war er doch da, und das Kästchen war auch schon am Klavier
angebracht. Der Professor blies in den Schlauch, und es gab einen dumpfen Ton -
aber dann muss der Spiritus ausgelaufen sein, und plötzlich stand alles in
Flammen. Niemand kümmerte sich darum, und ich dachte an meinen Perserteppich,
der unter dem Flügel liegt. Sie wissen ja, ich bin etwas eigen mit meinen
Sachen. Aber der Professor sagte, es sei gar kein Perser, es sei ein
Beludschistan, und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge - ist das nicht
merkwürdig? Ja, und nun kam noch etwas ganz Triviales, ich meinte, der Flügel
würde sicher auch anbrennen, und in diesem Moment stand der Professor in seiner
ganzen Grösse vor mir und sagte: Wenn Fräulein H... mir ihren Verlust genau
beziffert, soll alles ersetzt werden.«
    »Und dann?« fragte der Philosoph.
    »Das weiss ich selbst nicht mehr, es war ganz verschwommen. Aber sagen Sie
selbst, liebster Doktor, ist es nicht wirklich seltsam? Meinen Sie nicht, dass es
kosmische Bedeutung hat?«
    Damit brach das Gespräch ab, denn Gerhard kam, und die Dame ging bald darauf
fort. Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt, was denn das für eine
rätselhafte Geschichte sei, ich hätte leider nicht vermeiden können, sie
mitanzuhören. Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran, dass man hierzulande
Zauberei treibt.
    »Haben Sie denn nicht gemerkt, dass die Dame mir einen Traum erzählte?«
    »Nein - darauf bin ich gar nicht gekommen.«
    »Lieber Dame«, sagte Gerhard, und es klang beinah wehmütig - er hat
überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton -, »Sie machen Fortschritte. Schon
können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Das geht uns allen
hier wohl manchmal so - nicht wahr, cher philosophe?«
    »Traum oder nicht Traum«, antwortete der Philosoph nervös, »was sie mir da
auftischte, war wieder einmal eine Wahnmochingerei, wie sie im Buch steht.«
    »Wahnmochingerei - was ist das?«
    »Nun, was Sie da eben mitangehört haben.«
    Doktor Gerhard wollte wissen, was für ein Traum es gewesen sei.
    »Natürlich ein kosmischer«, sagte der Philosoph, »sie hoffte es wenigstens
und wollte von mir wissen, ob es stimmt. Sonst traut sie sich nicht, ihn bei
Hofmanns zu erzählen.«
    Ich hätte gerne noch gewusst, was eine Wahnmochingerei ist und kosmische
Träume. Aber der Philosoph schien mir nicht gut aufgelegt, und ich kann doch
nicht immer fragen und fragen wie ein vierjähriges Kind.
 
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Ein komischer Zufall, dass ich Heinz Kellermann hier treffe. Wir haben uns seit
dem Gymnasium nicht mehr gesehen. Er behauptet zwar, es gebe nichts Zufälliges,
sondern was wir Zufall nennen und als solchen empfinden, sei gerade das
Gegenteil davon, nämlich ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Geschehen. Man
sei nur im allgemeinen zu blind, um diese inneren Notwendigkeiten zu sehen.
    Trotzdem schien er ebenso verwundert wie ich und fragte mit der gedehnten
und erstaunten Betonung, die ich so gut an ihm kannte:
    »Wie kommst du denn hierher?«
    Ich konnte diese Frage nur zurückgeben, und dann sagte er etwas überlegen:
Oh, man könne nur hier leben, und hier lerne man wirklich verstehen, was Leben
überhaupt bedeute. Ich habe ihm erzählt, dass das auch mein sehnlichster Wunsch
sei, und wie ich mich mit meiner Biographie herumquäle - na Gott ja - dass ich
eben ein Verurteilter bin und nicht recht weiss, was ich mit mir und dem Leben
anfangen soll.
    Daraufhin ist er gleich viel wärmer geworden und lud mich für den Abend in
seine Wohnung ein - es kämen noch einige Freunde von ihm, auf die er mich sehr
neugierig machte.
    Ich ging hin, und es war auch wirklich der Mühe wert. Aber ich werde jetzt
wieder ein paar Tage daheim bleiben und mich sammeln. Es sind zu viel neue und
verwirrende Eindrücke von allen Seiten. Wohin ich komme und wen ich kennenlerne
- alles ist so seltsam, wie in einer ganz anderen Welt, und ich tappe noch so
unsicher darin herum. - Ob das nun Zufall ist oder innere Notwendigkeit, dass ich
hierher kam und gerade diese Menschen kennenlernte? Aber es lockt mich, ich kann
dem allen nicht mehr entfliehen - ich bin wohl dazu verurteilt, und der Gedanke
gibt mir meine innere Ruhe etwas wieder.
    Doktor Gerhard rät mir ja immer wieder, ich solle etwas schreiben - jeder
Mensch habe einiges zu sagen und müsse, was er erlebt, in irgendeiner Form nach
aussen hin gestalten. Wenn es auch nur wäre, um meinem Stiefvater Vergnügen zu
machen, er hat ja schon immer gemeint, ich hätte ein gewisses Talent dazu. - Und
er ist gewiss aufrichtig, denn er hält sonst nicht übermässig viel von meiner
Begabung.
    Ich weiss nicht recht - einstweilen mache ich mir Aufzeichnungen und Notizen,
besonders wenn ich mit dem Philosophen zusammen bin.
Da war der Abend mit Heinz Kellermann und seinen Freunden. Der eine mit dem
scharfen Gesicht sah fast wie ein Indianer aus. Als ich das sagte, wurde Heinz
ganz ärgerlich und behauptete, er sei doch blond, dunkelblond wenigstens und ein
absolut germanischer Typus. Es gab eine förmliche Diskussion darüber, aus der
ich entnahm, dass sie die blonden Menschen mehr ästimieren als die dunklen, und
dass das irgendeine Bedeutung hat.
    Es war auch ein junges Mädchen dabei - eine Malerin -, das übrigens
ausgesprochen schwarzes Haar hatte; aber ich wagte keine Bemerkung darüber, denn
mir schien, dass sie der Unterhaltung etwas deprimiert zuhörte, und ich muss
gestehen, ich freute mich zum erstenmal darüber, dass ich blond bin.
    Im ganzen hatte ich aber wieder das Gefühl, nicht recht mitzukönnen. Ich
weiss nicht, ob man diese Ausdrucksweise eigentlich geschraubt nennen kann, aber
sie kommt einem manchmal so vor, und man muss sich erst daran gewöhnen.
    Was meinen sie zum Beispiel damit: man müsse einen Menschen erst erleben, um
ihn zu verstehen?
    Heinz machte manchmal ganz treffende Bemerkungen - das kann er überhaupt
sehr gut - und dann hiess es:
    »Heinz, Sie sind enorm.«
    Nach dem Tee setzte man sich auf den Boden, das heisst auf Teppiche und
Kissen. Heinz machte die Lampe aus und zündete in einer Kupferschale Spiritus an
- warum auch nicht - es gab eine schöne blaugrünliche Flamme. Aber dann stand
die Malerin auf und hielt ihre Hände darüber, man sah nur die schwarze Gestalt
und die Hände über der Spiritusflamme, die in dieser Beleuchtung ganz grünlich
aussahen.
    Und nun waren alle ganz begeistert und sagten wieder, das sei enorm. Um auch
irgend etwas zu sagen und mich gegen das junge Mädchen höflich zu zeigen, meinte
ich, dieses offene Feuer in der Schale habe etwas von einem alt-heidnischen
Brauch. Das war nur so hingesagt, weil mir nichts anderes einfiel, aber sie
sahen mich bedeutungsvoll an, als ob ich einen grossen Ausspruch getan hätte, und
Heinz sagte zu dem Indianer:
    »Sehen Sie - und er weiss gar nicht, was er damit gesagt hat.« - »Das ist es
ja gerade«, antwortete der, »er muss das Heidnische ganz unbewusst erlebt haben.«
    Ich wollte fragen, was er meinte, da klingelte es, und dann kam der
Professor Hofmann - der mit dem Kreis - der aus dem Traum - ich dachte mir
gleich, dass er es wäre. Er war ungemein gesprächig und liebenswürdig, bewunderte
das Feuer in der Schale und nannte es fabelhaft, ebenso die grünlichen Hände der
Malerin und sagte, es sei ganz unglaublich schön, wie sie dastände. - Ich musste
dabei an die Geschichte neulich im Café denken - die Wahnmochingerei, wie der
Philosoph es nannte.
    Dann ging die Flamme aus, und die Lampe wurde wieder angezündet. Da niemand
an Vorstellen zu denken schien, tat ich es selbst. Der Professor sah mich
plötzlich verwirrt und ganz entgeistert an, ich dachte, er hätte mich nicht
verstanden, wiederholte meinen Namen und setzte hinzu: »Ich heisse nämlich Dame.«
    Er schüttelte mir nun mit grosser Lebhaftigkeit die Hand und sagte, es freue
ihn unendlich, mich kennenzulernen.
    Dann unterhielt man sich über dieses und jenes. Der Professor ging dabei mit
etwas stürmischen Schritten auf und ab, nahm jeden Augenblick einen Gegenstand
in die Hand, betrachtete ihn ganz genau und stellte ihn wieder hin. Im Laufe des
Gespräches fragte er mich, ob ich auch in Wahnmoching wohnte. Ich fragte wieso
und hielt es für einen Witz - »ich wohne in der K... Strasse«. Darüber brachen
sie alle in Gelächter aus und fanden es enorm, dass ich nicht wüsste, was
Wahnmoching sei.
    Man erklärte mir, dass der ganze Stadtteil von dem grossen Tor an so heisse.
Wie sollte ich das wissen, ich habe mich gar nicht darum gekümmert, wie der
Stadtteil heisst, in dem ich wohne. In Berlin weiss man es, aber hier doch nicht.
Ich begriff wirklich nicht, was daran enorm sein sollte. Ja, sagten sie, das sei
es ja eben - ich wäre in allem so unbewusst.
    Sonst bin ich wirklich ein geduldiger Mensch, aber ich hatte allmählich den
Eindruck, als ob man mich mystifizieren wollte, und sagte, den Ausdruck
Wahnmochingerei hätte ich schon gehört. Der Professor wurde stutzig und fragte,
von wem denn?
    »Von Doktor Sendt, dem Philosophen.«
    »Ah - Sie kennen Doktor Sendt?« es klang beinah, als ob ihn das verstimmte.
Aber dann wurde er wieder sehr herzlich und lud mich ein, ihn zu besuchen und zu
seinem Jour zu kommen.
                                                                      den 18....
Nachts um ein Uhr den Philosophen auf der Strasse getroffen - wir gehen noch
lange auf und ab, ich erzähle ihm von dem Abend bei Heinz und bitte um einige
Aufklärungen.
    Warum es enorm ist, wenn man Spiritus in Kupferschalen verbrennt und jemand
die Hände darüberhält - ich kann immer noch nicht vergessen, wie grünlich das
ganze Mädchen aussah - warum geraten sie darüber in solches Entzücken? oder wenn
man von einem heidnischen Brauch spricht?
    »Junger Mann«, sagte Sendt, »enorm ist einfach ein Superlativ, der
Superlativ aller Superlative. Sie werden überhaupt mit der Zeit bemerken, dass
man unter echten Wahnmochingern einen ganz besonderen Jargon redet, und Sie
müssen lernen, diesen Jargon zu beherrschen, sonst kommen Sie nicht mit. Man
sagt beispielsweise nicht, ein Ding, eine Sache, eine Frau sei schön, reizend,
anmutig - sondern sie ist fabelhaft, unglaublich - enorm. Das heisst - enorm wird
mehr in übertragener Bedeutung angewandt und bedeutet, den höchsten Grad der
Vollendung. Speziell in dem Kreise, dem Ihr Freund Heinz angehört.«
    »Schon wieder ein Kreis?« frage ich.
    »Ja, aber die Kreise berühren sich, dieser besteht nur aus wenigen und dreht
sich etwas anders. Man beschäftigt sich dort damit, den Spuren des alten
Heidentums nachzugehen - daher die Freude über Ihre harmlose Bemerkung. Und das
grünliche Mädchen hatte wohl irgendeine symbolische Bedeutung.«
    Der Philosoph hielt plötzlich inne - hinter uns klangen rasche Schritte, und
es kamen ein paar Herren an uns vorbei. Zwei von ihnen waren indifferent
aussehende junge Leute - der dritte, der zwischen ihnen ging, ein knapp
mittelgrosser Mann mit niedrigem schwarzem Hut und einem dunklen Mantel, den er
wie eine Art Toga umgeschlagen hatte - man konnte ihn auf den ersten Blick fast
für einen Geistlichen halten. Er schien über irgend etwas sehr erregt und sprach
eifrig auf seine Begleiter ein, in einem ganz eigentümlichen, monoton singenden
Tonfall. Gerade als sie uns überholten, hörten wir ihn sagen: »Ja - bis vor drei
Jahren konnte man sie noch für zwei Mark auf jeder Dult finden, aber jetzt haben
die Juden alle aufgekauft, und unter zehn Mark sind überhaupt keine mehr zu
haben.«
    Gegen Ende des Satzes ging seine Stimme allmählich mehr in die Höhe, und zum
Schluss kam ein kurzes, schrilles Auflachen. Als er uns sah, machte er eine halbe
Wendung seitwärts und grüsste den Philosophen. Deutlich sah ich in diesem Moment
sein breites, glattrasiertes Gesicht mit auffallend hellen, leuchtenden Augen,
das aber trotzdem etwas absolut Unbewegliches, beinah Starres hatte. Beim Grüssen
verzog er den Mund zu einem äusserst konventionellen Lächeln, in der nächsten
Sekunde aber nahm er wieder einen steinernen und völlig ablehnenden Ausdruck an
und ging rasch mit kurzen, eiligen Schritten seines Weges.
    Der Philosoph schien sich an dieser Begegnung und der aufgefangenen
Bemerkung ungemein zu freuen:
    »Lupus in fabula«, sagte er, »Sie haben wirklich Glück, Herr Dame; dieser
Herr, der mich eben grüsste, ist - nun man könnte ihn wohl den geistigen Vater
des Wahnmochinger Heidentums nennen - nein, nein - das ist in diesem Falle nicht
richtig - er würde es sehr übelnehmen, wenn man ihn als Vater von irgend etwas
bezeichnen wollte-denn gerade er ist der Hauptverfechter des matriarchalischen
Prinzips.«
    »Liebster Philosoph«, bat ich, »nun wird es mir schon wieder zu hoch.«
    Übrigens dachte ich mir gleich, dass jener Herr ein gewisser Delius sein
müsste, von dem Heinz mir viel erzählte.
    Ja, es stimmte, und ich fand, es sei wirklich wieder ein sonderbares Spiel
des Zufalls, dass wir ihm gerade bei diesem Gespräch begegneten, aber Sendt
sagte, man träfe ihn sehr oft um diese Stunde, er liebe die Nacht und alles
Dunkle.
    »Dieser Delius - nun, er ist wohl eine sonderbare Erscheinung«, fuhr er dann
fort, »die heutige Zeit, auf die wir alle mehr oder minder angewiesen sind, gilt
ihm nichts, er ignoriert sie oder begegnet ihr wenigstens nur rein konventionell
- etwa so, wie er mich vorhin grüsste. Sein eigentliches Leben spielt sich in
längst versunkenen Daseinsformen ab, mit denen er sich und andere identifiziert.
Passen Sie einmal gut auf, Herr Dame - wissen Sie ungefähr, was man sich unter
Seelensubstanzen vorzustellen hat?«
    Ich sagte, dass ich es mir wohl vorstellen könnte - es war ja neulich im Café
schon davon die Rede.
    »Schön - also Delius denkt sich nun diese Seelensubstanzen von den ältesten
Zeiten her wie Gesteinschichten übereinander gelagert, etwa zuunterst die der
alten Ägypter, Babylonier, Perser - dann die der Griechen, Römer, Germanen und
so weiter. Man nennt das biotische Schichten. Seit der Völkerwanderung, meint er
nun, habe sich alles verschoben, die Substanzen sind durcheinandergemischt und
dadurch verdorben worden. Infolgedessen wirken bei den jetzigen Menschen lauter
verschiedene Elemente gegeneinander, und es kommt nichts Gutes dabei heraus. Nur
bei wenigen (und das sind natürlich die Auserlesenen) hat sich eine oder die
andere Substanz in überwiegendem Masse erhalten - zum Beispiel bei ihm selbst die
römische - er fühlt und empfindet durchaus als antiker Römer und würde Sie
höchst befremdet anschauen, wenn Sie ihm sagten, er lebe doch im zwanzigsten
Jahrhundert und sei in der Pfalz geboren. Denn seine Substanz ist eben römisch.
Bei Heinz Kellermann und dessen Freunden dagegen herrscht die altgermanische
vor, daher auch die stark betonte Vorliebe für Blonde und Langschädel.«
    »Aber lieber Doktor, sagen Sie mir nur noch das eine: was hat das alles
damit zu tun, dass dieser Stadtteil Wahnmoching heisst?«
    »Herr Dame - denn Sie heissen ja wirklich so«, sagte der Philosoph, und ich
konnte es ihm in diesem Augenblick nicht übelnehmen - »Wahnmoching heisst wohl
ein Stadtteil, eben dieser Stadtteil, aber das ist nur ein zufälliger Umstand.
Er könnte auch anders heissen oder umgetauft werden, Wahnmoching würde dennoch
Wahnmoching bleiben. Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit über den Rahmen
eines Stadtteils hinaus. Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau,
eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus
uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen - Wahnmoching ist
noch vieles, vieles andere, und das werden Sie erst allmählich begreifen lernen.
Aber für heute sei es des Guten genug, sonst möchte noch die aufgehende Sonne
uns hier im Zwiegespräch überraschen.«
    Damit trennten wir uns.
 
                                       4
                                                                          20....
Mir fehlte etwas der Mut, zu diesem Jour zu gehen, aber Doktor Gerhard nahm mich
mit. Ziemlich viele Leute, die sich in mehreren Räumen verteilten, die Frau des
Hauses an einem gemütlichen Eckplatz hinter der Teemaschine, um die herum eine
Anzahl junger Leute und Damen. Als wir eintraten, schwieg alles ein paar Minuten
lang - ich merkte später, dass es jedesmal so war, wenn jemand Neues kam. Gerhard
stellte mich vor und fügte statt meiner hinzu:
    »Gnädige Frau, mein junger Freund heisst nämlich so.« Frau Hofmann empfing
mich sehr liebenswürdig - ihr Mann habe ihr schon von mir erzählt. Dann wandte
sie sich an die anderen: »Denken Sie nur, Herr Dame wusste bis vor kurzem nicht,
dass er in Wahnmoching wohnte.«
    Man betrachtete mich, wie mir schien, mit verwundertem Wohlgefallen, und ich
war durch diese Bemerkung gewissermassen eingeführt. Ich langweilte mich etwas,
denn da ich niemand kannte, musste ich vorläufig auf meinem Platz bleiben und Tee
trinken. Gerhard machte vor einem jungen Mädchen halt - neben ihr auf einem
Tischchen stand ein grüner Frosch aus Porzellan oder Majolika - und sagte etwas
wehmütig:
    »Gnädiges Fräulein - Sie sollten eigentlich immer einen grünen Frosch neben
sich sitzen haben.«
    Dann ging er weiter von einer Gruppe zur anderen und sagte wahrscheinlich
ähnliche Dinge, denn wo er hinkam, wurde es gleich etwas belebter.
    Ich beneidete ihn im stillen um diese Gabe, denn ich konnte mich nicht recht
in die Konversation hineinfinden.
    Es war die Rede von Menschen im allgemeinen, von ihrem Wesen, und worauf es
dabei ankäme. Der Professor sagte etwas überstürzt und definitiv:
    »Auf die Geste kommt es an.« Die jungen Herren, es waren zwei oder drei,
nickten bedeutungsvoll zustimmend, und die ältere Dame aus dem Café - die
kappadozische -, die ich gleich wiedererkannt hatte, sagte lebhaft: »Ich hätte
gedacht - in erster Linie auf die Echteit des Empfindens.«
    »Empfinden ist immer echt«, bemerkte Hofmann wieder sehr definitiv, so dass
man nicht anders konnte als ihm beistimmen. Aber Gerhard, der jetzt wieder neben
dem Tisch stand und ein Bild betrachtete, warf milde ein:
    »Nun, das kann man doch nicht so ohne weiteres hinstellen, es gibt wohl auch
leere und bedeutungslose Gesten, die durch das Empfinden nicht gerechtfertigt
werden. Und ich meine, man darf nicht so schlechtin von der Geste sprechen.«
    Worauf die Frau des Hauses förmlich triumphierend meinte: »Nun, worauf es
ankommt, ist eben der Stil.«
    »Gewiss, aber nicht jeder«, korrigierte ihr Mann und sah etwas beleidigt aus.
»Die Geste ist überhaupt die geistleibliche Urform alles Lebens, und der
Rhytmus der Geste ist der Stil.«
    Die anderen hörten ganz begeistert zu, und die Kappadozische äusserte:
    »Das haben Sie wieder ganz wunderbar gesagt.«
    Gerhard räusperte sich ein paarmal, als ob er nicht ganz einverstanden wäre,
dann brach er auf, und ich schloss mich ihm an. Zum Herrn des Hauses sagte er
noch:
    »Lieber Professor, ich hoffe, mein junger Freund wird noch öfter Gelegenheit
finden, mit Ihnen zusammenzukommen.«
    Der Professor schüttelte mir wiederholt die Hand und sah mich ganz zerstreut
an. Als wir hinausgingen, sagte er halblaut zu Gerhard:
    »Ihr Freund ist ein wundervoller Mensch.«
    Warum wohl - ich hatte den ganzen Abend kaum zehn Worte gesagt und das
meiste, was sie sprachen, nicht verstanden, zudem, wie Gerhard mir nachher
sagte, einen schweren Fauxpas begangen, indem ich der Frau Professor sagte: ich
sei sehr begierig, den Meister kennenzulernen. So etwas dürfe man nicht tun - es
wäre eine Art Gotteslästerung. Er pflege sich im dritten Zimmer aufzuhalten, und
nur, wer würdig befunden sei, würde ihm vorgestellt; zum Beispiel jener
verklärte Jüngling, der vorhin leise mit der Hausfrau sprach und dann plötzlich
verschwand. Das gehöre eben auch zur Geste.
Geste - Geste - was soll man darunter verstehen? wie war es noch? - die
geistleibliche Urform alles Lebens. Hier wird ja überhaupt so viel vom Leben
gesprochen, und immer so, als ob es durchaus nichts Selbstverständliches sei,
sondern gerade das Gegenteil. Aber gerade darin liegt wohl etwas, was reizt und
anzieht - ich möchte ja selbst endlich einmal dahinterkommen, was es eigentlich
mit dem Leben auf sich hat - ob es etwas ganz Selbstverständliches oder etwas
ungeheuer Kompliziertes ist.
    Heinz zum Beispiel tut ja, als ob er hier in diesem sonderbaren Stadtteil
den Stein der Weisen gefunden hätte. Und mir ist, seit ich hier bin, zumut, als
ob ich nur in Rätseln sprechen höre und mich zwischen lauter Rätseln bewege. Ich
fühle mich ziemlich unglücklich, und in meinem Kopf ist es wirr und dunkel.
                                   Anmerkung
Hier sind mehrere Seiten herausgerissen, und statt dessen findet sich eine
Anzahl fast unleserlicher Zettel mit Bleistiftnotizen. Dann folgt quer über die
Seiten hingeschrieben ein Eintrag von Frauenhand:
- ich habe dieses Heft - Ihr Tagebuch, wie es scheint, offen auf dem Tisch
gefunden und war so indiskret, etwas darin zu lesen. - Ja, Sie sind entschieden
ein wundervoller Mensch.
    Chamotte hat mich hereingelassen - sicher hat er es auch gelesen, denn er
ist beunruhigt um Sie und beklagt sich, dass Sie in der letzten Zeit so sonderbar
wären. Ich habe es auch gemerkt und fange an, es zu begreifen. Aber - du wirst
mit deinem Singen - doch nicht zum Himmel dringen.
    Gehen Sie deshalb lieber nicht wieder zum Jour, sondern kommen Sie morgen
mit mir auf die ElendenKirchweih. (Das ist ein Fest.) Tout-Wahnmoching wird
sicher auch dort sein.
    Halt - ich kann mich im Moment nicht besinnen, ob Sie einen Schnurrbart
haben - ich glaube, nein, er passt entschieden nicht zu Ihrer Biographie. Aber
wenn ja, so lassen Sie ihn vorher beseitigen - er geht nicht zum Kostüm.
    Also 7 Uhr abends im Eckhaus (Chamotte weiss den Weg). Dreimal klingeln.
                                                                         Susanna
Ach, diese Frau - es ist wirklich nicht ganz diskret, in meinen Sachen zu
stöbern, wenn ich nicht zu Hause bin, und mir da mitten hineinzuschreiben. Ich
bin so ordentlich, dass es an Pedanterie grenzt, und so etwas stört mich.
    Ich habe Chamotte zur Rede gestellt - Chamotte ist mein kleiner Diener.
Susanna hat ihn so getauft, weil sie seinen Namen nicht behalten konnte und
fand, er sähe aus, als ob er Chamotte hiesse. Er fühlte sich dadurch geehrt, er
schwärmt für Susanna und verteidigt sie - na, es ist eine Schande - aber er
macht mir alles nach, und wenn mir etwas nicht passt, behauptet er einfach, er
wäre dazu verurteilt gewesen, es so zu machen. Aber der Bengel ist erst sechzehn
Jahre alt und wird dabei nie unverschämt. Und mir tut es manchmal wohl, so eine
Art zweites Ich zu haben, das intelligent und bescheiden auf das erste reagiert
- und das man hinausschicken kann, wenn man will.
    Chamotte spricht jetzt auch von unserer Biographie und findet, wir müssen
unbedingt zu dem Fest gehen, ich soll ihn als meinen Sklaven mitnehmen - das hat
Susanna ihm heute früh in den Kopf gesetzt.
 
                                       5
                                                                      10. Januar
Ich werde wohl doch anfangen einen Roman zu schreiben. Als erstes Kapitel könnte
ich gleich den gestrigen Abend nehmen.
    Der junge Mann im Pelzmantel ist Herr Dame. Etwas müde und nachdenklich geht
er durch die Strassen. Chamotte, sein Diener, folgt ihm, mit Maskenkostümen
beladen. Er ist verurteilt, heute abend auf ein Fest zu gehen - eine Frau hat
ihn dazu verurteilt.
    Grosse Schneeflocken fallen vom Himmel - der heimliche Traum seines Lebens
ist, nur einmal der Frau zu begegnen, die ihn - ach Gott, wie soll man das sagen
- die ihn mit Liebe und zur Liebe verurteilt - gütig und doch... Nein, das geht
nicht, das muss noch anders gesagt werden.
    Sie kommen in eine Nebenstrasse, an der Ecke steht ein altes Haus mit grossem
grünem Tor und einer altmodischen Glocke. Chamotte zieht die Glocke - dreimal -,
denn nur auf dieses Zeichen wird man eingelassen. Man geht durch einen
Laubengang und über einen gepflasterten Hof - wieder eine Tür und wieder
dasselbe Glockenzeichen. Die Tür wird von innen aufgerissen. Der Herr im
Pelzmantel fährt zurück, Chamotte schreit laut auf, vor ihnen im Schein einer
trüben Laterne steht ein Henkersknecht aus dem Mittelalter - oder Gott weiss
woher. Er trägt ein eisernes Schuppenhemd, eine verrostete Sturmhaube, unter der
die Augen unheimlich hervorblicken, im Ledergürtel steckt ein langes,
handbreites Dolchmesser, baumelt geraubtes Altargerät. Quer über die Stirn läuft
eine blutrote Narbe.
    Die unheimliche Gestalt verbeugt sich in tiefem Ernst;
    »von Orlonsky.«
    »Dame - Dame - ja, ich heisse so.«
    »Freut mich sehr, Susanne wartet schon.«
    Der Henker mit seiner Laterne geht voran, durch einen dunklen Flur, eine
Treppe hinauf, in einen grossen hellerleuchteten Raum, eine Art Küche, wie man
sie in Bauernhäusern findet. In der einen Ecke ist der Herd, in der anderen ein
gewaltiger Tisch mit ledergepolsterten Bänken und Stühlen - an den Wänden altes
Kupferzeug und Fayencegeschirr, ein ganzes Museum.
    Susanna steht am Tisch in einem weissen Gewand und schminkt einen
untersetzten jungen Herrn, der mit runden schwarzen Augen gefühlvoll zu ihr
aufblickt. Ein zweiter, mit dem Zwicker auf der Nase, hält die Lampe, spricht
und gestikuliert aufs lebhafteste. Dazwischen läuft ein fünf- bis sechsjähriges
Kind herum. Begrüssung - Vorstellung - der Fremde, in dieser Umgebung wieder
völlig Fremde, küsst ihr die Hand. Der Henker stürzt an den Herd und rührt in
einem Gericht, das anzubrennen droht - Chamotte reisst Augen und Mund auf und
steht wie verzückt.
    »Wir haben Eile, Eile«, sagt Susanna - »Haben Sie Ihr Kostüm? - Chamotte,
mach das Paket auf - und Ihr Schnurrbart?«
    Sie sieht mir ins Gesicht...
                                   Anmerkung
Herr Dame geht manchmal unvermittelt in die erste Person über - aber falls er
seinen Roman wirklich jemals geschrieben hätte, würde er es sicher korrigiert
haben.
»Ach Susanna, ich habe nie einen Schnurrbart getragen.«
    Der Herr mit dem Zwicker fixiert erst mich und dann Susanna. Damit ist die
Frage vorläufig erledigt.
    »Also rasch, ziehen Sie sich an, Herr Dame.«
    »Hier?« Ich sehe mich hilflos um.
    »Aber Susja«, ruft der Henker schockiert vom Herd herüber, »ist zum
erstenmal hier Herr - Herr -Dame -«
    (Susja - das klang so hübsch und ermahnend - ich fasse Sympatie für den
Henker.)
    »Ach, Willy, wir tun ihn in Ihr Schlafzimmer...«, sagt sie zu dem mit runden
Augen und schiebt mich in einen anstossenden Raum.
    Auch dort ist Licht, und von einem Diwan fährt erschrocken ein Mädchen mit
offenen blonden Haaren empor.
    »Was machen Sie denn, Susanna?« schreit Willy, und sie schiebt mich rasch
noch ein Zimmer weiter.
    »Ich wusste wirklich nicht, dass du hier bist, Maria«, sagte sie dann zu der
Blonden, Erschrockenen.
    »Oh, ich war so müde, und Willy sagte, ich könne hier etwas schlafen - ich
bin schon seit fünf Uhr da.«
    »Kind, dann eil dich jetzt und hilf diesem jungen Mann hier, wenn er mit
seinem Kostüm nicht zurechtkommt. Ach so«, sie stellte uns durch die halboffene
Tür einander vor.
    »Chamotte kann mir ja helfen.«
    »Chamotte?« fragt die Blonde dazwischen, »um Gottes willen, wer ist das?«
    »Nein, Chamotte, den müssen wir jetzt herrichten, ich weiss noch gar nicht,
was wir ihm anziehen.«
    Und fort war sie.
    Herr Dame bemüht sich, der Situation gerecht zu werden, zu der er sich
verurteilt sieht, er unterhält sich mit dem jungen Mädchen von nebenan, lässt
sich dann auch von ihr helfen, denn er kann durchaus nicht mit seinem Kostüm
zurechtkommen. Sie tut es mit grossem Ernst - sie scheint noch halb verschlafen
und etwas melancholisch.
    Dann möchte er sich etwas über die verschiedenen Persönlichkeiten
orientieren. Der Henkersknecht ist von polnischem Adel und ohne ausgesprochenen
Beruf - der mit dem Zwicker ein strebsamer Schriftsteller, namens Adrian, und
der dritte ist Willy - man nennt ihn niemals anders.
    »Wir haben alle so langweilige Nachnamen«, fügte sie hinzu, »und es ist auch
bequemer, sie einfach zu kassieren.«
    »Wollte Gott«, sagte Herr Dame mit einem tiefen Seufzer, »wollte Gott, man
könnte seinen Nachnamen für alle Zeiten kassieren...«
    »Ich habe Ihren vorhin gar nicht verstanden.«
    »Ich heisse Dame, gnädiges Fräulein - hören Sie, wie das klingt.«
    »Dame?«
    »Ja, Dame - Herr Dame - stellen Sie sich vor, wenn ich nun einmal die Frau
finden würde...«
    Sie hat sich auf dem Sofa niedergelassen, von dem sie vorhin so erschrocken
emporfuhr - er setzt sich neben sie. In ihren Augen liegt so viel wirkliche
Güte; er spricht von seiner Biographie, sagt ihr, dass er ein Verurteilter ist -
sie hört zu und scheint tief nachzudenken, die blonden Haare fallen ihr ins
Gesicht. Nebenan wird es immer lauter. »Dame!« ruft Susanna und schaut zur Tür
herein. »Herr Dame, bitte, kommen Sie.« Er zuckt zusammen. »Ach, Susanna...«
    Sie gehen in die Küche hinüber - da steht Chamotte auf einem Tisch, nur mit
einer roten Badehose bekleidet, und der Henker ist damit beschäftigt, ihn von
oben bis unten schwarz anzustreichen. Nur das eine Bein ist noch weiss, der arme
Junge bietet einen merkwürdigen Anblick und wird etwas verlegen, als er seinen
Gebieter sieht.
    »Wenn ihm nur die Farbe nicht schadet«, meint Susanna mütterlich besorgt,
»wir haben ihm ein anderes Kostüm vorgeschlagen, aber er wollte durchaus ein
richtiger Sklave sein.«
    »Das ist meine Biographie«, bemerkt Chamotte bescheiden.
    »O Chamotte, du bist zum Wahnmochinger geboren«, sagt Susanna.
    »Adrian, Sie schauen ihn so verzückt an, als ob Sie ein Gedicht machen
wollten - vielleicht das Gedicht, das Ihnen endlich den Eintritt zum Tempel
verschafft.«
    Adrian, der Herr mit dem Zwicker, der sich in eine Toga hüllt und trotzdem
aussieht, als ob er eigentlich in den Frack gehörte - lächelt arrogant und
beginnt sofort in feierlich getragenem Ton zu improvisieren:
Der schwarze Sklave, der den Becher trug,
Empfing die Farbe aus des Henkers Hand;
Er hiess Chamotte - - -
Das Weitere habe ich nicht behalten - man erzählte mir, dass Adrian an einem
Gedichtband arbeitet und danach strebt, unter die Auserwählten des Hofmannschen
Kreises aufgenommen zu werden. Aber bisher habe er sich seine Chancen immer
wieder durch irgendeine Unvorsichtigkeit verdorben.
    Ich fand ihn sehr liebenswürdig - munter und gesprächig. Und er hat wohl
auch Herz. Auf dem Wege zum Fest sass ich mit ihm und Maria im Fiaker. Sie dachte
noch über meinen Namen nach, und wir sprachen darüber. Ich sagte, dass ich
Chamotte beneide - wie fröhlich und selbstverständlich kann einer durch die Welt
gehen, wenn er so gerufen wird; er tut sich leicht mit seiner Biographie.
Chamotte, das klingt so, als ob ihm die reifen Früchte von selbst aus den Bäumen
herabfallen müssten - und obendrein ist es nicht einmal sein wirklicher Name.
    Adrian nahm den Zwicker ab und sann nach, dann schlug er vor, mich Monsieur
Dame zu nennen. Er selbst wolle den Anfang machen, und es würde sich dann gewiss
rasch einbürgern. - Wir schüttelten uns herzlich die Hände.
    An dem Abend allerdings nützte es nicht viel, denn wir gerieten unter lauter
Bekannte, und die kappadozische Dame, die sich meiner vom Jour her einnerte,
fing gleich an zu fragen. Ich machte ihr rasch einige Komplimente über ihr
kappadozisches Aussehen, und dann liess sie mich gar nicht mehr los - ob ich das
auch fände - und wie ich darauf käme - es sei wirklich wunderbar.
    Ach Gott, was geht mich die kappadozische Dame an - ich möchte meinen Roman
schreiben, und es ist doch nicht so einfach, wie ich dachte. Das bunte Treiben
im Eckhaus - der Kreis - die Enormen - aber mir fehlt einstweilen noch der
Faden, die durchgehende Handlung, oder wie man das nennt. Und ob es angeht,
einen ganzen Roman so zu schreiben, wie ich das erste Kapitel angefangen habe -
ich fürchte, es gibt ein zu rasches Tempo. Man müsste wohl für jede Gruppe einen
besonderen Stil anwenden. Darüber werde ich Doktor Gerhard oder Adrian noch zu
Rate ziehen. Und vieles wird mir der Philosoph erklären müssen.
Das Fest an sich wäre wohl besonders schwierig zu schildern, denn für mich war
es ein unbeschreibliches Durcheinander von Menschen, Kostümen, Musik, Lärm,
einzelnen Vorfällen, Gesprächen und so weiter. Ich bin auch kein Karnevalmensch,
wie man hier sagt. Ich trinke wenig, tanze nicht und bin froh, wenn man mich
möglichst in Ruhe lässt.
    Durch die kappadozische Dame kam ich an den Hofmannschen Tisch. Ab und zu
erschien Susanna und setzte sich neben mich. Das war mir ein Trost - ich hätte
mich sonst wieder recht ratlos gefühlt. Ich dachte, man würde sich gemessen und
weihevoll benehmen, und es machte mich stutzig, dass der Professor als Teufel
verkleidet war und in wilden Sprüngen tanzte. Gott, das ist wohl begreiflich,
ich hatte noch nie einen Professor in rotem Trikot gesehen. Eine Anzahl
Jünglinge bildete einen Kreis um ihn - ich glaube, es wurde ein Walzer gespielt,
aber niemand kümmerte sich darum, sie sprangen auf ihre eigene Weise, und die
kappadozische Dame war ganz entzückt und sagte, das sei dionysisch. Adrian
teilte ihre Begeisterung und erklärte, er würde nächstens auf seinem Atelier
eine Satansmesse veranstalten, ob ich nicht kommen wollte. Ich meinte etwas
kleinlaut, dass ich noch nicht genug von Magie verstände... »Oh, ich kann Ihnen
ein Buch darüber leihen... Ja - übrigens weiss ich doch nicht recht, ob eine
Satansmesse das Richtige wäre, aber eine Orgie - eine panerotische Orgie. Was
meinen Sie dazu, gnädiges Fräulein?«
    Susanna trat mich so energisch auf den Fuss, dass ich unwillkürlich stöhnte -
ich hatte nur Sandalen an. Und Adrian wandte sich rasch nach mir um: »Sie
scheinen das nicht recht zu billigen, Monsieur Dame - aber warum nicht? Sind wir
nicht ebeno berechtigt, Orgien zu feiern, wie die alten Römer und Griechen? Ich
dachte, gerade Sie mit Ihrem jungen Sklaven müssten Sinn dafür haben.« dabei warf
er mir einen verständnisvollen Blick zu, über dessen Bedeutung ich mir nicht
recht klar war. (Chamotte stand den ganzen Abend hinter mir oder Susanna und
bediente uns.)
    Wieder trat Susanna mich auf den Fuss und sagte:
    »Der Meister ist auch da - sehen Sie, dort geht er mit einem seiner
Adoranten; dass er auf ein Fest geht, ist ein Ereignis.«
    Sie hatte leise gesprochen, aber Frau Hofmann musste es doch aufgefangen
haben, denn sie sagte lächelnd:
    »Liebe Susanna, Sie irren sich - er ist nicht hier. Der Herr, den Sie
meinen, hat nur seine Maske gemacht - aber wirklich täuschend, nicht wahr?«
    »Frau Professor«, antwortete Susanna, und ich bewunderte ihren Mut, »ich bin
beim Teater gewesen und gehe jede Wette ein, dass es keine Maske ist...«
    »Ach, was ist Teater?« beharrte Frau Hofmann immer noch lächelnd, aber wie
Märtyrer unter Foltern lächeln, »ich kann Sie versichern, dass er es nicht ist.«
    Der so Umstrittene befand sich ziemlich in unserer Nähe, und ich musste
Susanna recht geben - das konnte keine Maske sein. Und es lag etwas in seiner
Erscheinung, was mir grossen Eindruck machte.
    »Warum will man denn nicht zugeben, dass er es ist?« fragte ich nachher, als
wir eine Weile allein sassen.
    »Weil gewöhnliche Sterbliche nicht wissen dürfen, dass er wirklich vorhanden
ist.«
    Der Professor kam mit einer Dame, zog sie auf einen Stuhl nieder und sagte
bewundernd:
    »Ist sie nicht unglaublich schön?«
    Susanna flüsterte ihm ins Ohr: »Um Gottes willen - sie ist furchtbar.« Er
erschrak, betrachtete sie von der Seite und fragte leise zurück: »Wirklich?«
    Das wiederholte sich noch ein paarmal im Laufe des Abends - er brachte immer
neue Wesen und wollte, dass man sie schön fände. (Manchmal waren sie auch ganz
nett.) Später mischte ich mich in das Gewühl, ich traf Willy, der nach Maria
suchte. Schliesslich sahen wir sie mit Heinz und seinen Freunden.
    »Ja, dann ist es umsonst«, sagte Willy betrübt. »Die Enormen geben sie nicht
her - sehen Sie, der dort ist Hallwig, er ist entschieden ein ungewöhnlicher
Mensch; ich möchte ihn schon lange kennenlernen, aber er hält sich vollständig
zurück und verkehrt nicht mit belanglosen Leuten, wie ich und Sie es sind -
nehmen Sie es nicht übel, Herr Dame...«
    »O gewiss nicht, und Maria?«
    »Maria ist eben enorm - sie ist heidnisch, und Götter wohnen in ihrer Brust.
Damit haben sie ganz recht, und wir finden es ja auch, aber man kann sich nicht
darüber verständigen. Maria liebt die Enormen, und sie liebt uns - sie liebt
überhaupt alles, aber man sieht es nicht gerne, dass sie so universell ist, und
vor allem ihr Verkehr im Eckhaus - wir ziehen sie herunter, wir sind Schmarotzer
und Vampire an ihrer Seele.«
    Er war ganz traurig. Ich betrachtete den genannten Hallwig genauer - ich
hatte ja auch schon gemerkt, dass Heinz es vermeidet, mich mit ihm bekannt zu
machen. (Woher wissen sie denn so genau, dass ich belanglos bin?) - Ein
auffallend schöner Mensch, und Maria scheint ihn sehr zu lieben. Vielleicht war
sie deshalb heute abend im Eckhaus so melancholisch und verstand mich so gut.
    »Und wer ist der kleine Brünette, der so zärtlich den Arm um sie legt?«
    »Das ist Konstantin, der Sonnenknabe, er ist auch enorm, und deshalb darf er
alles - er darf sogar Maria lieben. Bei ihm ist es eben das Enorme, dass er alle
Frauen liebt, auch wenn er sie eigentlich gar nicht mag - dann lässt er sich
wenigstens lieben - die Mädchen sind alle hinter ihm her. Sehen Sie, lieber
Dame, ich habe gar nichts gegen die Enormen, ich verehre sie sogar aus der
Ferne, und ziemlich hoffnungslos - denn sie schätzen meine Rasse nicht - sie
lassen nur blonde Langschädel gelten, und ich sehe so ätiopisch aus - aber wenn
sie die Mädchen gegen uns beeinflussen...«
    Ich sagte ihm, dass ich das wieder nicht verstände:
    »Überall sind mysteriöse Gemeinschaften, man hört von Satansmessen, Orgien,
Magie und Heidentum sprechen wie von ganz alltäglichen Dingen, dann wird wieder
getanzt und Tee getrunken, aber selbst beim Tee gibt es Geheimnisse und
verschlossene Türen, hinter denen vielleicht ein Magier sein Wesen treibt.«
    »Ja, so ist es wohl«, seufzte Willy, »und es gab eine Zeit, wo auch ich
gerne Zauberlehrling werden wollte, man hatte mich schon halb und halb
akzeptiert. - Aber schauen Sie einmal dortin!«
    Wir sahen, wie Orlonsky, der Henker, Maria mit Gewalt zum Tanzen fortzog -
den Sonnenknaben schob er einfach beiseite, und der schien es auch gar nicht
übelzunehmen. Aber der Henker war sichtlich gereizt, und als dann beim Tanzen
irgendein junger Mensch aus der Menge Maria ansprach, liess er sie stehen und
warf ihn buchstäblich an die Wand, fuhr dabei mit der Hand in sein eigenes
Dolchmesser, das offen am Gürtel hing, und verletzte sich ziemlich erheblich.
Nun gab es erregte Auseinandersetzungen - dieser Orlonsky scheint ein rabiater
Herr zu sein. Plötzlich stand auch der Indianer daneben - Orlonsky und er massen
sich nur mit den Blicken, dann folgte Maria dem Indianer, und Susanna
beschwichtigte Orlonsky mit Zärtlichkeit. Man sah sie nachher beständig
zusammen. Am Hofmannschen Tisch wurde noch viel über diese Szene gesprochen. Es
lag sicher wieder eine mysteriöse Bedeutung darin, die ich nicht durchschauen
konnte. Adrian wollte den Henker zu seiner Orgie einladen, und die kappadozische
Dame fragte:
    »Haben Sie gesehen, wie seltsam er sich benahm«, sie meinte den Indianer.
    »Nein - wieso?«
    »Er sagte kein Wort, aber er erbleichte, als er Blut fliessen sah - Sie
wissen doch, Blut...«
    Nun wurde es mir zuviel, ich stand auf und irrte verlassen durch die
festliche Menge. Wie eine unaussprechliche Erleichterung empfand ich es, als der
Philosoph neben mir auftauchte.
    »Wie geht es Ihnen, Herr Dame? Wozu hat man Sie heute verurteilt?«
    »Ich fürchte zum Wahnsinn, cher philosophe, ich weiss nicht, was in diesem
rätselhaften Stadtteil aus mir werden soll, und doch lässt es mir keine Ruhe,
dahinterzukommen.«
    »Mirobuk!« sagte er gütig, »kommen Sie doch morgen nachmittag etwas zu mir.«
Ja, ich frage ganz im Ernst, ob es nicht ein bedenkliches Symptom für meinen
inneren Zustand ist, dass das blosse Wort - Mirobuk - so beruhigend auf mich wirkt
- wie eine Zauberformel, die den Bann zu lösen vermag; denn es ist wohl eine Art
Bann, der mich hier immer wieder umfängt. Ich weiss nicht, was Mirobuk bedeutet,
wo er es her hat, und was es eigentlich heissen soll, ich will es auch gar nicht
wissen, es ist nur die Art, wie er es anwendet - man ahnt gleichsam, dass hinter
den verworrensten Widersprüchen doch noch irgendwo Klarheit zu finden sein
könnte.
 
                                       6
                                                                      14. Januar
Heute - gestern - vorgestern - ich muss mich erst wieder besinnen, wie die Tage
sich folgten.
    Mittwoch war das Fest, und am Donnerstag nach Tisch machte ich mich noch
ziemlich schläfrig auf den Weg, um der freundlichen Einladung des Philosophen zu
folgen. Unterwegs fiel mir ein, dass bei Hofmanns Jour war und ich wohl auch
dortin gehen müsse. Frau Hofmann hatte mir gesagt, es werde heute
wahrscheinlich Delius kommen, und ich sollte ja nicht versäumen, ihn persönlich
kennenzulernen. Er sei eine der bedeutendsten Erscheinungen des heurigen
Deutschlands - ich glaube sogar, sie sagte Germaniens, und mir ist nicht recht
klar, wie sich das mit seiner römischen Substanz vereinigen lässt.
    So bat ich Sendt, nach einer angenehmen, friedlichen Teestunde, ob er nicht
mitgehen wolle. Er zeigte sich nicht sehr aufgelegt, entschloss sich aber endlich
doch. Als wir kamen, stand ein grosser Teil der Gesellschaft im ersten Zimmer um
den Tisch versammelt. Ein Maler, der dem Kreis angehört und dort sehr geschätzt
wird, hatte Zeichnungen mitgebracht, und man betrachtete, bewunderte und belobte
sie. Da war ein Bild des Meisters (über dieses wurde nicht laut gesprochen, man
vernahm nur von Zeit zu Zeit ein ehrfürchtiges Murmeln oder gedämpftes: wirklich
fabelhaft! - ungeheuer!), ferner verschiedene frühere Dichter und historische
Persönlichkeiten: Schiller, Goete, Luter und andere. Den Maler halte ich nicht
für sehr talentvoll, die Blätter hatten alle dasselbe längliche Format, und
sämtliche Köpfe waren so gross, dass sie irgendwo beinah oder ganz an den Rahmen
anstiessen. Zudem kam es mir befremdlich vor, dass er die verschiedenen grossen
Toten so ganz einfach porträtiert, als ob sie ihm gesessen hätten. Es gibt doch
genug autentische Bilder von ihnen, die mehr Wahrscheinlichkeit besitzen.
    Der Philosoph stand neben mir, sagte manchmal hm - hm, und ich wollte ihn
gerade um seine Meinung befragen, da ging die Tür auf, und Delius trat herein.
Er verneigte sich nach verschiedenen Seiten mit demselben Wechsel zwischen
konventionellem Lächeln und plötzlicher Starrheit, den ich damals auf der Strasse
an ihm beobachtete, dann trat er auf den Tisch zu, warf einen Blick auf die
Zeichnungen, betrachtete scharf und flüchtig das Porträt Luters und wandte sich
in liebenswürdig anerkennendem Ton an den danebenstehenden Maler.
    »Nun, Herr Bender, ich sehe hier ein überaus wohlgelungenes Bildnis -
(ringsum entstand eine erwartungsvolle Pause, und nun fuhr er plötzlich beinah
drohend fort) - von jenem infamen Mönche, der uns um die schönsten Früchte der
Renaissance betrogen hat - (Pause) - und den man im Altertum sicher auf dem
Forum gestäupt hätte.«
    Die erwartungsvolle Pause war in allgemeine Verlegenheit übergegangen, alles
blieb totenstill.
    Ich sah den Sprecher an und fand in diesem Augenblick, dass sein Kopf mit den
breiten, unbeweglichen Zügen nicht, wie ich neulich meinte, an einen
katolischen Geistlichen, sondern tatsächlich an alte römische Kaiserbüsten
erinnerte. Man hätte sich mit ein wenig erhitzter Phantasie wohl vorstellen
können, dass er jetzt gleich mit derselben monoton singenden, wie aus einem Grabe
hervortönenden Stimme den Befehl erteilen würde, eine ganze Stadt voller
Christen zu verbrennen.
    Der Maler stand ein wenig betroffen da, Frau Hofmann lächelte triumphierend
über die Anwesenden hinweg, als fühle sie wohl, dass eben etwas Bedeutendes unter
ihrem Dache geschehen sei, und dann brach die mutige kappadozische Dame das
Schweigen:
    »Es wäre höchst interessant, Herr Delius, wenn Sie uns noch etwas über den
Untergang der Renaissance sagen wollten. Sind Sie wirklich der Ansicht, dass der
Protestantismus...«
    »Nun«, fuhr Delius völlig unbeirrt und unpersönlich fort - er sah dabei die
kappadozische Dame fest an, aber so, als ob sie gar nicht da wäre - »nun, der
Protestantismus bedeutet den Sieg - ja, leider den Sieg des jüdischchristlichen
Elementes über den Rest von Heidentum in der katolischen Kirche. Glauben Sie
nur - was überhaupt an diesem Christentum, über das ich mich jetzt nicht näher
auslassen möchte, in jenen traurigen Zeiten des Niedergangs noch lebendig und
glühend war, das ist Rom - das ist die Blutleuchte des Altertums - die
Blutleuchte Roms.« (Blutleuchte - ein wunderbares Wort - aber was mag es
bedeuten? Ich warf dem Philosophen einen flehenden Blick zu, und er winkte
beruhigend: später, später.) »Rom und immer wieder Rom... Wissen Sie«, und dabei
überschlug sich seine Stimme in einem jähen Auflachen, »wissen Sie, dass dieser
abtrünnige Mönch einfach ein Jude war - ja«, fügte er gedehnt und geheimnisvoll
zu: »Geist ohne Substanz, das ist immer der Weg zum Nichts. Seien Sie überzeugt,
dass keiner ihn ungestraft beschreitet. Der sogenannte Geist und die
Selbstvernichtung der Substanz, das ist immer dasselbe. Ja, der Fluch all dieser
neuen Gestaltungen, das ist der Geist und sonst nichts. Aber das hängt mit den
biotischen Schichten zusammen, und da sind viele geheimnisvolle Dinge im Spiel«,
dies letzte klang, als ob er nur zu sich selber spräche und ganz vergessen
hätte, dass alles ihm zuhörte.
    Frau Hofmann reichte ihm eine Tasse Tee, er nahm sie dankend entgegen, und
nun sagte sie mit heller Stimme:
    »Ja, aber wenn nun Luter katolisch geblieben wäre?«
    »Aber Lotte!« fuhr ihr Gatte mit einem strafenden Blick dazwischen, und sie
hielt inne. Delius war ganz in seine Gedanken versunken, er stand da, wiegte
langsam den Kopf hin und her, nahm einen Schluck Tee und sprach noch einmal
dumpf vor sich hin:
    »Ja, das sind allerdings sehr geheimnisvolle Dinge.« Dann ergriff wieder die
kappadozische Dame das Wort - der Professor wanderte derweil unruhig hin und
her, und es machte den Eindruck, als ob er sie gerne daran gehindert hätte.
    »Ich glaube, ich verstehe jetzt, was Sie damit sagen wollen, aber meinen
Sie, dass Luter wirklich ein Jude war, oder haben Sie sich nur bildlich
ausgedrückt?«
    »Nun, mancher ist ein Jude, ohne es zu wissen«, sagte Delius monoton und
abwesend.
    »Und mancher andere ist keiner, obwohl er dafür gilt«, bemerkte ein
schlanker, schwarzer junger Mann, der neben mir stand.
    »Gewiss, gewiss, ich will nicht leugnen, dass auch dieses vorkommen kann«,
antwortete Delius kurz.
    Die Frau des Hauses flüsterte indessen mit dem Maler, er raffte seine
Blätter zusammen und verschwand in dem dritten Zimmer. Der Professor zog einige
Jünglinge hinter sich her und folgte ihm.
    Delius war immer noch apatisch und in Gedanken verloren stehengeblieben,
der Philosoph suchte nun wieder irgendeine Unterhaltung in Gang zu bringen und
sprach von seiner Sommerreise in Italien. Übrigens war auch Maria inzwischen
erschienen und gesellte sich zu uns, man gruppierte sich um einen kleinen Tisch,
und Sendt erzählte, wie er an einem heissen Tage auf Capri alleine auf den Hügeln
umherwanderte, wo sich die Ruinen von dem Schloss des Tiberius befinden. Die
Landschaft sei im Mittagssonnenlicht wie verzaubert dagelegen, und plötzlich
hätte ein kleiner weisshaariger Mann neben ihm gestanden, der aus den Ruinen
hervorgekommen sein musste - er trug einen merkwürdigen Mantel, und sein
bartloses Gesicht zeigte ein ausgesprochen römisches Profil. Delius begann
aufzuhorchen.
    »Er hatte eine Blume in der Hand«, erzählte Sendt weiter, »und reichte sie
mir, wünschte mir guten Tag und verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen,
wieder in dem Gemäuer dicht neben mir, nachdem ich ihm noch einen Obolus in die
Hand gedrückt hatte.«
    Delius erkundigte sich eifrig nach dem Schnitt des Mantels - ob es nicht
vielleicht ein römisches Obergewand gewesen sein könnte?
    »Und die Blume - war es nicht eine kleine, blaue Sternblume?«
    »Ja, das stimmt wirklich«, antwortete der Philosoph.
    »Nun, so ist es zweifellos jene Blume gewesen, welche Tiberius seinerzeit
aus Persien mitgebracht und in seinen Gärten angepflanzt hat.«
    »Wohl möglich«, sagte Sendt, »und wenn Sie jetzt behaupten wollen, der Mann
sei ein altrömischer Krieger gewesen, so muss ich offen sagen, sein plötzliches
Erscheinen und die ganze Begebenheit in der glühenden Mittagssonne waren so
spukhaft, dass ich es kaum bestreiten würde.«
    »Sehen Sie«, warf nun Frau Hofmann ein und blickte auf den Philosophen, als
ob sie ihn endlich überführt hätte, »das war doch sicher ein kosmisches
Erlebnis.« Ich erwartete ein erlösendes Mirobuk, aber er sprach es nicht aus,
sondern bedeutete mir etwas nervös, dass wir jetzt gehen wollten. Delius
schüttelte ihm mit plötzlicher Herzlichkeit die Hand, dann ging er mit kurzen
entschlossenen Schritten auf das dritte Zimmer zu und murmelte unterwegs noch
etwas von Tiberius vor sich hin. Maria schloss sich uns an und wollte durchaus in
einer Bar soupieren.
    »Maria, Maria«, sagte Sendt, »Sie täten besser, einmal auszuschlafen, Ihr
Freund Hallwig würde es sicher molochitisch nennen, wie Sie auf Ihre Gesundheit
loswirtschaften. Aber wie Sie wollen.«
    »Machen Sie mir den armen Monsieur Dame nicht noch konfuser«, gab sie zurück
- sie hatte gleich, wie wir draussen waren, meinen Arm genommen, »er zuckte eben
bei dem Wort molochitisch schon wieder zusammen. Ich glaube, wir werden heute
die Biographien umkehren und Sie zu einem längeren Vortrag verurteilen müssen,
sonst kann er sicher nicht schlafen.«
    »Ja, gerne, wenn es Ihnen Freude macht - nach einem guten Abendessen und
ohne kappadozische Zwischenfragen lässt sich schon eher über diese Sachen reden.«
    »Und ich werde viele, viele Zigaretten dazu rauchen«, meinte sie sehr
zufrieden, »denn die grössere Hälfte verstehe ich ja doch wieder nicht.«
 
                                       7
Mir ist, als müsste ich mein Gehirn auseinandernehmen und wieder neu
zusammensetzen. Die Art, wie es bisher funktioniert hat, die mir geläufigen und
gewohnten Gedankengänge nützen mir nichts mehr - ich möchte sie ausschalten,
ausrangieren, bis ich imstande bin, mich in all diesen neuen sicherer zu
bewegen.
    Einen halben Tag habe ich gebraucht, um das auf den Jour folgende
Nachtgespräch aus meinen Notizen wieder zusammenzustellen und noch einmal
durchzudenken. Wenn ich dann alles hier eingetragen habe, will ich den
Philosophen bitten, es noch einmal nachzulesen. Auch was dazwischen
konversationsweise gesprochen wurde, habe ich mir angemerkt, in der Absicht, das
Ganze für meinen späteren Roman zu verwenden.
    Da liegt nun eine Schwierigkeit, über deren Lösung ich mir noch nicht klar
bin: kann ich dem Leser, der vielleicht nur persönliche Erlebnisse und
Schicksale erwartet oder wünscht, zumuten, sich mit mir in diese seltsame und
umfangreiche Gedankenwelt zu vertiefen? - Ich denke eigentlich: ja! und wer
nicht dazu gewillt ist, der möge das Buch ruhig aus der Hand legen oder es mit
einem anderen vertauschen. Denn es wird ihm sonst, ebenso wie mir, nicht möglich
sein, die Menschen und Begebenheiten in diesem ausserordentlichen Stadtteil
richtig zu verstehen.
    Ja, und einstweilen muss es wohl noch dahingestellt bleiben, ob ich selbst
dieser schweren Aufgabe gewachsen bin.
                                   Anmerkung
Wir nehmen an, dass Herr Dame die einliegenden, anscheinend aus seinem Notizbuch
kopierten Blätter gemeint und nur seine Absicht, sie in das Tagebuch
einzutragen, aus irgendeinem Grunde nicht ausgeführt hat. Verfahren Sie bei
einer eventuellen Veröffentlichung damit, wie Sie es für gut halten - vielleicht
erscheint der Inhalt Ihnen, sowie etwaigen Lesern, leichter verständlich als
uns.
            Nachtgespräch mit dem Philosophen in der Jahreszeitenbar
                                                             Am 5. Februar 19...
Das Souper war vorzüglich, der Philosoph bei guter Laune, und ich fühlte mich
allmählich wieder frisch und aufnahmefähig. Als wir dann beim Kaffee sassen,
begann Sendt mit jener wohlwollenden Heiterkeit, die ich so sehr an ihm schätze:
    »Nun, lieber Dame, worüber wünschen Sie jetzt belehrt zu werden - der
heutige Jour war ja einigermassen reichhaltig und stellte wohl an den Laien
ziemliche Anforderungen.«
    Ich dachte nach, mir schwirrte wieder alles bunt durcheinander - wieso
Luter ein Jude sein sollte - und Blutleuchte - dieses wunderbare, suggestive
Wort wollte mich gar nicht wieder loslassen - ja, und die blaue Blume des
Tiberius - und kosmisches Erlebnis - mir fiel wieder ein, dass die kappadozische
Dame damals auch ihren Traum einen kosmischen genannt hat.
    »Nur Mut, und alles hübsch der Reihe nach«, sagte der Philosoph. »Haben Sie
etwas davon behalten, was ich Ihnen kürzlich über die Substanzteorie des Herrn
Delius gesagt habe, und erinnern Sie sich noch an die Geschichte von dem
Psychometer und dem Ring des Meisters?«
    »Ja, ich erinnere mich.«
    »Also - das dürfen Sie nun vor allem nicht verwechseln. Bei dem Psychometer
handelt es sich um die Seelensubstanzen des einzelnen, die unter anderem an
seinen Gebrauchsgegenständen haften bleiben. Zum Beispiel Adrian, den Sie auch
kennen, besitzt einen Lehnstuhl von einer Grossmutter, den er als gespenstisch
empfindet, weil die Substanz der Verstorbenen ihm wahrscheinlich noch anhaftet.
Ist er abends allein in seinem Zimmer, so wird er sich nie entschliessen, in
diesem Lehnstuhl zu sitzen, obgleich er ungemein bequem ist. Aber lassen wir
Adrians Grossmutter - sie ist belanglos, und die ganze Sache mit den
Einzelsubstanzen ist eigentlich unwahnmochingisch. Wahnmoching lehnt den
Individualismus ab und lehrt, dass der einzelne wenig in Betracht kommt. Von
grosser Wichtigkeit sind dagegen die Ursubstanzen, aus denen die Einzelseele
zusammengesetzt ist, so, wie ich Ihnen schon einmal sagte, die Rassensubstanzen:
die römische - germanische - semitische und so weiter. Diese befinden sich im
Blut - unterstreichen Sie Blut, es ist von grösster Bedeutung. Wo nun eine von
ihnen das Übergewicht bekommt, so dass sie allein das Erleben (Schauen, Dichten,
Handeln und vor allem auch das Träumen) beherrscht - da haben wir die
Vorbedingungen für das Zustandekommen der Blutleuchte. Hier ist nun eine
mystische Komplikation zu merken: irgendeine heidnische Substanz hat periodisch
grössere Stärke, daher heidnische Blutleuchte in vielen Individuen gleichzeitig.
So war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts grosse heidnische
Blutleuchte. Delius fand seine Weltanschauung - Nietzsche schrieb den
Zaratustra - in der damaligen Jugend gärte es - König Ludwig II. versuchte
seine phantastischen Ideen auszuleben...«
    »Oder heuer im Karneval«, warf Maria dazwischen, »Monsieur Dame lässt sich zu
einem Wahnmochinger Fest verurteilen, und Chamotte empfindet sich als Sklave,
weil man ihn schwarz angestrichen hat.«
    »Maria, unterbrechen Sie mich nicht«, sagte der Philosoph, »hören Sie lieber
gut zu. Es würde Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie auch etwas von diesen
Geschichten begreifen lernten.«
    »Ach Gott, ich vergesse es ja doch gleich wieder«, antwortete sie resigniert
und zündete sich eine neue Zigarette an.
    »Also - eben Ihr Freund Hallwig lehrt, dass nicht wir handeln, dichten,
träumen und so weiter, sondern die Ursubstanzen in uns. Über die Rangordnung der
historischen Substanzen dürften er und Delius wohl etwas uneinig sein, da dieser
die römische, jener die germanische für sich gepachtet hat. Immerhin gelten
beide für kosmisch, die semitischen dagegen immer für molochitisch - Herr Dame,
sehen Sie mich nicht so verzweifelt an und brechen Sie nicht immer Ihren
Bleistift ab, mit etwas gutem Willen werden Sie schon dahinterkommen. Also
kosmisch - kosmisch ist das Prinzip, welches das wahre unmittelbare Leben
aufbaut und in jedem Wesen, das überhaupt an ihm Teil hat, das gleiche ist.
Notabene: den Begriff kosmisch braucht man gewöhnlich nur im Gegensatz zum
chaotischen. Erst indem man ihn statt auf das Gebilde auf die bildende Kraft
anwandte, bekam er die Wahnmochinger Nuance.
    Kosmisch werden deshalb solche Erlebnisse genannt, die deutlich aus diesem
Prinzip stammen - auch Träume werden dazu gerechnet und spielen eine grosse
Rolle. Delius oder Hallwig pflegen darüber zu entscheiden, ob ein Traum oder
Erlebnis kosmische Bedeutung hat - die Damen beim Jour irren sich häufig über
diesen Punkt und begehen dann Missgriffe, welche den Professor Hofmann nervös
machen. Denn auch er erfreut sich in diesen Fragen einer gewissen Autorität.«
    »Ich danke Ihnen, cher philosophe - die Nebel fangen an sich zu lichten -
aber was heisst molochitisch?«
    »Moloch, Herr Dame, wie Sie vielleicht wissen, war ein unangenehmer Götze,
der sich von kleinen Kindern nährte, mitin also das Lebendige, Hoffnungsvolle
verschlang. Molochitisch bedeutet daher in gutem Wahnmochinger Jargon alles
Lebensfeindliche, Lebenvernichtende - kurz und gut, das Gegenteil von kosmisch.
Man wandte nun in unserem Stadtteil mit Vorliebe diesen Gegensatz auf die
Rassensubstanzen an und gelangte zu dem Resultat: die Arier repräsentieren das
aufbauende, kosmische Prinzip, die Semiten dagegen das zersetzende,
negativ-molochitische. Zu merken ist hierbei noch, dass eben die Substanzen sich
im Laufe der Zeiten nicht rein erhalten haben und vielfach vermischt sind.
    Luter zum Beispiel, den man im allgemeinen für einen Germanen halten
dürfte, wandte sich gegen die heidnischen Reste im Katolizismus - verneinte sie
und bewirkte ihre Zersetzung, folglich war er molochitisch - folglich war er
nach Delius ein Jude.«
    »Sehen Sie, das finde ich einfach entzückend«, meinte Maria, »aber ich weiss
schon, unser Philosoph schätzt solche Wahnmochingereien nicht.«
    »Liebes Kind, die Sache hat eben auch ihre tragische Seite - denn in
Wahnmoching wird vor allem jede Vernunft und Klarheit in den Bann getan, weil
sie ihnen für verderblich und molochitisch gilt. Und das erlaube ich mir für
bedenklich zu halten.«
    Er gähnte, und Maria fragte teilnehmend, ob er müde sei, dann wollten wir
doch lieber von etwas anderem reden. Mir schien, sie hatte selbst genug davon
und fing an, sich zu langweilen.
    »Nun ja - was meinen Sie etwa zum Hetärentum?« fragte Sendt, und sie wurde
ganz böse - es schien irgendeine Anzüglichkeit zu sein.
    »Aber ich bitte Sie - die matriarchale Zeit ist sicher von ungemeiner
Wichtigkeit, wie Delius sagen würde. Waren Sie dabei, Dame, wie Frau Hofmann
neulich proklamierte, wir gingen zweifellos wieder matriarchalen Zeiten
entgegen? Man sprach nämlich von einem Mädchen, das unberechtigterweise ein Baby
bekommen hatte, und irgend jemand nahm Anstoss daran - ich glaube, es war an dem
Festabend.«
    Ich sah zufällig Maria an und bemerkte, dass sie ganz rot geworden war. Warum
nur? Nein, die erwähnte Äusserung hatte ich nicht gehört oder jedenfalls nicht
verstanden.
    »Aber darüber müssen Sie Bescheid wissen«, nahm Sendt wieder das Wort,
»sonst wird man Sie niemals für voll nehmen. Merken Sie sich überhaupt, dass alle
mit der Vorsilbe Ur beginnenden Worte hierzulande einen bedeutungsvollen Klang
haben: Urzeit - Urnacht - Urkräfte - Urschauer - und so weiter. Des Ferneren:
den Unterschied zwischen kosmisch und molochitisch hat man auch auf die
matriarchale und patriarchale Weltanschauung übertragen (vergessen Sie nie, dass
man stets Wahnmoching bedeutet, denn an allen anderen Orten der zivilisierten
Welt pflegt man diese Sachen nur vom wissenschaftlichen oder historischen
Standpunkt und ohne starke innere Beteiligung zu beurteilen). Notieren Sie sich
also bitte folgendes: in der matriarchalischen Urzeit folgte die Frau nur dem
kosmischen Drange, wenn sie sich - pardon - mit einem Manne einliess. Nach
Bachofen - das ist ein bekannter Gelehrter, lieber Dame, und wenn Sie sich
dauernd in unserem Stadtteil niederlassen wollen, müssen Sie ihn lesen - nach
Bachofen ist der Hetärismus die früheste Lebensform - in Wahnmoching gilt sie
natürlich für die enormste. Dem Hetärismus entspricht die Anbetung der blind
gebärenden Erde, sie wird in seinen chtonischen Kulten verehrt - wenn Sie Ihr
Griechisch noch nicht vergessen haben, werden Sie vielleicht wissen, dass Chton
der dunkle Schoss der Erde bedeutet.«
    »Nein, nun hören Sie auf - das ist wirklich nicht mehr zum Aushalten«, rief
Maria ganz verzweifelt.
    »Gemach, gemach«, antwortete Sendt mit Ruhe, »haben Sie mich nicht selbst
dazu verurteilt, Herrn Dame zu belehren, damit er ruhig schlafen kann? Und war
er nicht heute zum erstenmal auf einem Wahnmochinger Jour mit kosmischen
Gesprächen?«
    »Zum zweitenmal«, bemerkte ich, »aber damals sprach man nur über die Geste,
und ich entsinne mich jetzt, dass sie ebenfalls als Urform des Lebens bezeichnet
wurde.«
    Der Philosoph lobte mich und sagte: übrigens, wenn dort von der Geste
gesprochen würde, so meine man immer nur die Geste des Meisters oder vielleicht
noch die seiner verehrenden Anhänger.
    »Er tut sich leicht«, meinte Maria, »seine Geste ist einfach das dritte
Zimmer«, und Sendt erklärte, sie habe ausnahmsweise etwas Richtiges gesagt. Sie
war sehr stolz darauf und versprach, sich noch ein wenig zu gedulden.
    »Wo waren wir stehengeblieben?« fragte der Philosoph und warf einen Blick in
mein Notizbuch - »ah, richtig - Chton, der dunkle Schoss der Erde. - Das ältere
Heidentum neigte dazu, sich die schöpferische Urkraft blind gebärend
vorzustellen - Wahnmoching schliesst sich ihm an, der Hetärismus gilt ihm als das
Höchste, Urschauer, die noch durch keine molochitisch rationalen Hemmungen
geschwächt sind.
    Die spätere Zeit erkannte das Licht der Vernunft als göttlich an und dachte
sich das schöpferische Prinzip als männlich und zeugend. Man nennt sie deshalb
die patriarchale, und Wahnmoching schätzt sie ziemlich gering ein. Es wird Ihnen
deshalb ohne weiteres einleuchten, dass man das Dionysische stark betont, gerade
jetzt im Fasching haben Sie öfters Gelegenheit, das zu beobachten.«
    Ja, es war mir schon aufgefallen, dass die kappadozische Dame Hofmanns
Tanzweise für dionysisch erklärte.
    »Sehr richtig«, bemerkte Sendt, »Apollo ist bekanntlich der Gott des
Lichtes, der Vernunft - Dionysos der des Rausches und des Blutes. Auch in
Wahnmoching hat man nicht umsonst seinen Nietzsche gelesen, aber es genügt hier,
zu wissen, dass es ehrenhafter ist, mit dem Dionysos auf vertrautem Fuss zu
stehen.«
    Mir wurde jetzt auch klar, weshalb die Kappadozische bei der Szene zwischen
den beiden Männern und Maria so bedeutsam sagte: »Sie wissen doch - Blut.«
Damals war es mir völlig unverständlich geblieben.
    Die beiden brachen in ein freudiges Gelächter aus, als ich es ihnen jetzt
erzählte.
    Dann wollte ich gerne noch wissen, wie man es nun in diesen Kreisen mit der
Magie hält. An jenem Nachmittag im Café war ich ja noch so ganz unerfahren, und
das Tema scheint doch hier und da wieder aufzutauchen.
    »Nein, dieses Gebiet liegt Wahnmoching eigentlich fern«, meinte der
Philosoph, »man beschäftigt sich wohl gelegentlich in seinen Mussestunden damit,
und die kappadozische Dame verwechselt es manchmal mit kosmischen Dingen.
Hofmann ist seit dem bedenklichen Fauxpas jenes Psychometers ganz davon
zurückgekommen, und Adrian...« Er lächelte ein wenig ironisch.
    »Was haben Sie nun wieder gegen Adrian?« fragte Maria, »ich kann ihn sehr
gut leiden.«
    »Oh, ich auch«, erwiderte Sendt, »und ich wollte ihn gerade in einer
poetischen Anwandlung mit einem Schmetterling - nein, falsch - mit einer Biene
vergleichen, die aus allen Blumen den Honig herauszufinden weiss und das Gift
wohlweislich darin lässt. Für jemanden, der sich hier in und zwischen den
verschiedenen Kreisen bewegt, ist das eine sehr glückliche Eigenschaft. Was?
Immer noch eine Frage, lieber Dame? Aber es sei die letzte, die ich als
vielgeplagter Philosoph Ihnen heute noch beantworte - die Uhr ist zwei.«
    »Ja, sicher die letzte - was nun diese vielgenannten Kreise voneinander
unterscheidet, und was ihnen gemeinsam ist, das möchte ich gerne noch wissen.«
    »Leicht gefragt - und nicht so leicht zu beantworten. Sie werden es mit der
Zeit schon selbst herausfühlen. Ich kann es Ihnen zu dieser vorgerückten Stunde
nur noch flüchtig andeuten. Etwa so: alle die sogenannten mystischen
Entdeckungen, die Substanzangelegenheiten, kosmischen Dinge und so weiter sind
in erster Linie Sache des Hallwig-Delius-Kreises, und der Hofmannsche
partizipiert daran - man kann es eben auch und findet es fabelhaft, tut auch
noch allerlei Beiwerk dazu, das bei den anderen nicht immer Anklang findet.
    Und die Hauptdifferenz könnte man etwa so formulieren: dort bei Hallwig und
Delius sucht man die alten Götter und alten Kulte wiederzufinden - hier, nämlich
bei Hofmanns, braucht man keine alten Götter, denn man hat einen neuen, der
allen Ansprüchen genügt, Mirobuk! - und jetzt...«
    »Gehen wir nach Hause«, sagte Maria, die schon ganz teilnahmslos dasass. »Ob
wir wohl noch ein Auto finden?«
    »Und wo gedenken Sie heute zu schlafen?« fragte der Philosoph besorgt, »Ihre
Wohnung liegt ja wohl am Ende der Welt.«
    »O nein, ich gehe ins Eckhaus...«
    Sendt sah sie prüfend an und sagte noch einmal Mirobuk, aber in etwas
anderer Tonart.
    Nachtrag: Etwas Wichtiges habe ich vergessen - der Philosoph sagte mir, dass
alle diese Dinge in Wahnmoching eigentlich als Geheimnis behandelt werden.
Deshalb wende man wohl auch die vielen merkwürdigen Ausdrücke an, die eben nicht
jeder versteht.
 
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Am späteren Nachmittag im Eckhaus. Unten im Hof spielt das Kind, das ich hier
schon neulich gesehen habe. Susanna empfängt mich wieder in der grossen Küche.
Was ich inzwischen gemacht habe?
    »Nun - versucht, mir über verschiedene Eindrücke klarzuwerden, und mich mit
dem Philosophen unterhalten.«
    »Jetzt im Karneval?« sie schüttelt den Kopf, »warum sind Sie nicht lieber
mit uns zur Redoute gegangen, und heute ist draussen auf dem Lande ein Fest, man
fährt mit Schlitten hinaus.« Sie seufzt etwas - Orlonsky erscheint - schon
wieder im Henkerkostüm - oder hat er es inzwischen gar nicht abgelegt - er fragt
nach Willy:
    »In seinem Zimmer - er liest Maria Märchen vor.«
    Wir gehen hinüber, Konstantin, der Sonnenknabe, ist auch da.
    Maria liegt matt auf dem Diwan, sie sind alle schon im Kostüm für heute
abend, alle etwas bleich und übernächtig, und Willy liest ihnen ein Gedicht aus
des Knaben Wunderhorn vor:
Maria, wo bist du zur Stunde gewesen?
Maria, mein einziges Kind? -
Ich bin bei meiner Grossmutter gewesen,
Ach weh, Frau Mutter, wie weh!
Ich kannte das Gedicht - die Grossmutter hat ihr Schlangen zu essen gegeben, und
sie stirbt daran.
    »Pfui, warum lesen Sie ihr das vor?« sagte Konstantin vorwurfsvoll.
    »Weil es so auf sie passt?«
    »Auf mich?« fragte Maria ganz abwesend, und alle lachen. Sie scheint gar
nicht zu wissen, wovon die Rede ist.
    »Und das schwarzbraune Hündlein, das auch von den Schlangen frisst und in
tausend Stücke zerspringt - das werden Sie wohl sein, Konstantin«, meinte Willy
etwas unliebenswürdig. Konstantin lächelte nur, er ist wirklich ein hübscher
Kerl, und ich begreife, dass die Mädchen hinter ihm her sind. Dann Orlonsky:
    »Katerunterhaltung ist das...«, er versorgt uns mit schwarzem Kaffee, und
sein eisernes Schuppenhemd klirrt, wenn er sich bewegt, »bleiben Sie bei uns,
Maria, wir geben Ihnen nicht Schlangen zu essen, bis Sie kaputt sind.«
    »Nein, bei Euch ist es zu friedlich - ich muss wohl immer etwas haben, was
mich zugrunde richtet. Und ich kann ja doch nicht los von ihm...«
    »Aber er denkt nicht daran, dich zugrunde zu richten«, sagt Konstantin.
    »Nein, er nicht - aber ich muss immer gerade das tun, was er nicht leiden
kann, er hasst den Karneval und sagt, es sei ein unechter Rausch. Aber für mich
ist es ein wirklicher - ich bin nur glücklich, wenn jeden Abend ein Fest ist.
Und jetzt will er aufs Land gehen, weil er das nicht mehr mitansehen kann, es
wäre lebensfeindlich, sich so zuzurichten wie ich! Also was soll ich tun? - was
meinen Sie dazu, Monsieur Dame?«
    »Was soll ich meinen? - ich tue immer nur das, wozu ich verurteilt werde.«
    »Sie Glücklicher - weisst du, Susanna«, sie denkt nach, »ich will doch lieber
zu euch ziehen.«
    »Und Konstantin?«
    »Oh, Platz genug«, sagte Orlonsky, und es folgte eine Art häuslicher
Beratung zwischen ihm und Susanna. Ich gehöre nicht zu den Neugierigen. Die
Zusammenstellung dieses Hauswesens ist mir immer noch dunkel. Wem das Eckhaus
gehört, wer ständig darin wohnt und wer vorübergehend... und das Kind...
    Heinz hält mich für einen harmlosen, unbedeutenden Menschen - das hat mir
der Sonnenknabe wiedererzählt - und für gänzlich ungefährlich in bezug auf
Frauen, man könne jedes junge Mädchen unbesorgt mit mir auf Reisen schicken.
    Ich weiss nicht, ob man das kann. In den Kreisen, wo ich aufgewachsen bin,
ist es nicht üblich, und ich hatte bisher auch noch nie das Verlangen, junge
Mädchen mit auf Reisen zu nehmen. Also, was sollen solche Bemerkungen? Die Frau,
die ich suche - die steht auf einem ganz anderen Blatt - und wenn ich sie einmal
finde... Dieser Konstantin ist wohl das indiskreteste Wesen, das man sich
vorstellen kann, er erzählt alles wieder, was er sieht, hört, miterlebt, und es
hat den Anschein, als ob seine Freunde ihn alles hören, sehen und miterleben
lassen.
    Susanna behauptet, sie merkten es gar nicht oder fänden es enorm, dass er gar
nicht begriffe, was Diskretion sei. Man bewundere nur die Anmut und heidnische
Schamlosigkeit, mit der er seine oder andere Erlebnisse zum besten gebe.
    Nun, ich will gerne einräumen, dass der Junge viel Charme hat, ich mag ihn
recht gerne. Aber trotzdem berührt es mich nicht gerade angenehm, wenn er mir
mit strahlender Miene erzählt, dass andere Leute mich für einen Dummkopf halten.
Ich wurde sogar etwas ärgerlich und sagte, dass Heinzens böse Zunge mir schon von
der Schulzeit her bekannt sei - worauf er ebenso strahlend bemerkte, ja, ihm
auch, denn Heinz sei sein Vetter, und sie ständen sich sehr nahe.
    Eigentlich kann es mir ja ziemlich gleichgültig sein - für einen bedeutenden
Menschen halte ich mich wirklich selber nicht, aber ich verstehe und begreife
vielleicht doch mehr, als Heinz annimmt. Sonst würde der Philosoph sich wohl
auch schwerlich so viel Mühe mit mir geben - er selbst steht den Dingen ja sehr
skeptisch gegenüber, aber ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass es sich hier um
grosse Ideen und tiefe Lebenserkenntnis handelt. Es sind unter diesen Menschen
zweifellos einige ungewöhnliche Intelligenzen, und sie wollen das Leben auf eine
ganz neue und schönere Art gestalten. Und wenn ihnen das gelänge, wäre es
immerhin etwas Grosses - ich würde mich auch, soweit es in meiner Kraft steht,
gerne daran beteiligen. Ich liebe wohl das Konventionelle in allen äusseren
Dingen und möchte nicht gerne darauf verzichten, aber wer weiss, ob nicht doch
ein Fond von Heidentum in mir steckt. Zum mindesten scheint mir, ich bin jetzt
doch auf dem Wege, in das geistige Leben dieses Vororts einzudringen und seinen
inneren Zusammenhängen näherzukommen.
    Die letzte Woche bin ich ganz im Eckhaus geblieben. Susanna verurteilte mich
dazu; sie meinte, ich müsse etwas aufgeheitert und von meinen Grübeleien
abgelenkt werden.
    Es war wieder ein ganzes Romankapitel, aber ich weiss es noch nicht
anzufügen. Man kann doch nicht jedes Kapitel mit einem Karnevalsfest beginnen
lassen - das kommt mir unkünstlerisch vor. Wollte man sich genau an die
Wirklichkeit halten, so scheint allerdings bei den Eckhausleuten ein jedes nicht
nur mit einem Fest anzufangen, sondern auch damit zu enden.
    Wie sie das aushalten, ist mir ein Rätsel; ich war schon nach zwei Tagen
ganz gebrochen und kam ins Lazarett, wie sie das nennen.
    Dies alte Haus ist merkwürdig und geräumig gebaut. Oben die grosse Küche ist
zugleich der gemeinsame Salon, daneben liegen Willys Zimmer, und im Seitenflügel
wohnt Susanna mit dem rätselhaften Kind - es sieht niemand von den dreien
ähnlich, aber es muss doch irgendwie zu ihnen gehören. Unten im Parterre hat
Orlonsky sein Reich, und neben dem grossen Flur, durch den man hereinkommt, gibt
es noch eine Reihe von halbdunklen Zimmern, wo die Gäste untergebracht werden.
Orlonsky hat es dort mit vielen Diwanen, Polstern und anderen Lagerstätten etwas
phantastisch, aber sehr gemütlich hergerichtet, das Ganze gleicht etwas einer
Herberge, wo die müden Freunde des Hauses sich ausruhen und erholen können. Mit
dem Ausruhen war es allerdings manchmal nicht weit her, aber ich bin jetzt schon
daran gewöhnt, mich über nichts mehr zu wundern.
    Als ich das erstemal dort schlief, wurde mitten in der Nacht das Fenster von
aussen geöffnet, und jemand rief ein paarmal leise: Maria - dann stieg er hinein.
Es war eine Mondnacht, und ich sah einen jungen Mann in Frack und Zylinder vor
mir stehen, seinen Mantel trug er über dem Arm. Ich hielt es für angemessen, ihm
zu sagen, Maria sei nicht hier.
    »Entschuldigen Sie, mit wem habe ich das Vergnügen?«
    »Dame - ich heisse Dame.«
    Darauf stellte er sich ebenfalls vor und sagte, es freue ihn ungemein, mich
kennenzulernen - er hätte Maria zum bal-paré abholen wollen - schade - aber
vielleicht käme ich mit? Es sei eben erst Mitternacht vorbei und immer noch Zeit
genug. Ich nahm alle meine Widerstandskraft zusammen und erklärte ihm, ich wäre
wirklich zu müde.
    »Müde? Oh, das geht vorbei, sowie man dort ist.«
    »Aber ich war die vorigen zwei Nächte aus.«
    »Und da wollen Sie wirklich schlafen?«
    Er stand regungslos da, vor meinem Bett, wie eine schmale, schwarze
Silhouette, und schien ganz in Erstaunen versunken.
    »Wissen Sie, wo Maria heute ist?« fragte er dann.
    »Mit Herrn Konstantin auf dem Atelierfest.«
    »Oh - gewiss wieder so eine bacchantische Wahnmochingerei«, sagte er
bedauernd, »da kann ich im Frack nicht hingehen. Im Frack kann man nicht
dionysisch taumeln - sehen Sie, Herr Dame, deshalb passt das auch nicht in unsere
Zeit. Was hab' ich davon, wenn ich abends dionysisch herumrase, mir wie ein
Halbgott vorkomme und am nächsten Morgen doch wieder mit der Trambahn in mein
Bureau fahren muss - ich bin nämlich Rechtspraktikant - ich weiss nicht, wie die
Leute sich damit arrangieren. Es wird deshalb auch nie etwas Rechtes daraus. -
Sie erlauben«, er stellte vorsichtig seinen Zylinder auf den Tisch und rückte
sich einen Stuhl an mein Bett.
    Ich könne ihm doch nicht ganz beistimmen, sagte ich nun - im Gegenteil, was
man hier unter dem Begriff Wahnmoching zusammenfasse, habe mich wohl zuerst
befremdet, aber jetzt hätte ich doch das Gefühl, dass sich mir hier allmählich
eine neue und wunderbare Welt erschliesse. Und ich fühlte eine grosse Bewunderung
für diese geistig hervorragenden Menschen.
    »Pardon, wen finden Sie geistig hervorragend?«
    »Ich kenne die Herren leider erst ziemlich flüchtig - aber ich habe schon
viel von ihnen gehört, und zum Beispiel Maria...«
    »Ja, da haben wir's - Maria und soundso viel andere. Da laufen die dummen
Mädel hin und lassen sich erzählen, dass das Hetärentum bei den Alten etwas
Fabelhaftes gewesen sei. Und nun wollen sie auch Hetären sein. Da war eine -
unter uns gesagt, sie stand mir eine Zeitlang sehr nahe -, aber eines schönen
Tages erklärte sie mir, sie habe eingesehen, dass sie nicht einem Manne angehören
könne, sondern sie müsse sich frei verschenken - an viele. Es war nichts dabei
zu machen - sie hat sich dann auch verschenkt und verschenkt und ist elend dabei
hereingefallen. Denn glauben Sie mir nur, was ein rechter Wahnmochinger ist, der
sieht nicht ein, dass es für die meisten Mädel eben doch ein Unglück bedeutet. Er
bewundert sie höchstens, dass sie nun ein Schicksal haben und es irgendwie
tragen; aber was nützt ihnen das?« Er machte eine Pause und fuhr dann fort:
    »Bei Maria liegt es etwas anders, sie hat von Natur keine Prinzipien. Und
deshalb wird sie dort auch so verehrt. Sie sagt, es sei so schön gewesen - sonst
habe sie immer nur Vorwürfe über ihren Lebenswandel hören müssen, und alle
hätten versucht, sie auf andere Wege zu bringen. Aber als sie dann unter diese
Leute kam, machte man ihr Gott weiss was für Elogen und fand alles herrlich. Sie
hatte damals gerade das Kind bekommen, und die Welt zog sich etwas von ihr
zurück.«
    »Maria hat ein Kind?« fragte ich, wohl etwas ungeschickt, denn ich hatte ja
keine Ahnung davon gehabt.
    »Das wissen Sie nicht - oh, sie macht übrigens gar kein Geheimnis daraus«,
er wurde etwas nachdenklich. »Gott, ich weiss ja kaum, wer Sie eigentlich sind,
aber ich nehme an, dass Sie dem Hause hier nahestehen«, darauf gähnte er: »Hören
Sie, Herr Dame, wir sind wahrscheinlich beide ziemlich müde. Sie haben doch
nichts dagegen, wenn ich dort auf dem Diwan schlafe.« Nein, natürlich hatte ich
nichts dagegen - seine frische, unbekümmerte Art war mir ganz sympatisch.
    Er zog nur seinen Frack aus und hängte ihn über die Stuhllehne, dann warf er
sich auf den Diwan.
    »Wissen Sie - ich habe schon einmal hier geschlafen, wenn ich meine
Schlüssel vergessen oder mich verspätet hatte. Ein oder das andere Fenster ist
immer offen, und die Eckhäusler wundern sich nie, wenn sie morgens irgendeinen
Bekannten vorfinden - besonders im Karneval -, es ist wirklich ein gastfreies
Haus.«
    Ich konnte noch lange nicht einschlafen, der Mond schien gerade ins Fenster,
und der schwarze Frack hing so gespenstisch über die Stuhllehne, dass ich jeden
Augenblick emporfuhr und meinte, es stände jemand vor mir. Ich dachte noch über
Maria nach - es ist so viel Verhängnis um sie -, da tobt sie nun heute nacht mit
dem Sonnenknaben und den Enormen, vielleicht liebt sie auch den Mann, der dort
drüben schläft. Und morgen liegt sie selbst wieder hier auf dem Diwan, und wir
unterhalten uns müde über unsere Biographien. Wir verstehen uns, wie nur zwei
Verurteilte sich verstehen können - eine andere Liebe ist nicht zwischen uns.
Hallwig nennt so etwas den Eros der Ferne, hat Maria mir gesagt. Früher hätte
ich das überhaupt nicht verstanden und mir nichts darunter vorstellen können.
Als ich aufwachte, war der Frack fort und sein Besitzer verschwunden. Susanna
stand am Tisch und betrachtete sinnend ein Paar weisse Glacéhandschuhe, die er
anscheinend vergessen hatte. Dann lächelte sie mich an:
    »Lieber Dame, kommen Sie doch mit zum Frühstück hinauf, wir haben ein paar
Leute mitgebracht.«
    Es ist sieben Uhr morgens. Sie sind eben erst heimgekommen - die ganze Küche
voll kostümierter Gestalten. Ich weiss nicht, ob ich wache oder träume. Man sitzt
bei Lampenlicht um den Frühstückstisch, die Mädchen haben Kränze auf dem Kopf,
sehen blass und glücklich aus.
    Susanna legt die weissen Handschuhe vor Maria hin:
    »Gilt das mir, oder gilt es dir?«
    Sie flüstern zusammen, dann fragt Susanna:
    »Sie - Monsieur Dame, wie hat er denn ausgesehen?« Ich versuche ihn zu
beschreiben: »Schlank - mittelgross - das Gesicht hab' ich nicht deutlich sehen
können, dazu war das Zimmer zu dunkel. Aber ich besinne mich, dass er Maria
abholen wollte.«
    »Oh, dann war es Georg«, sagt Susanna, »die Handschuhe sind deine, Maria...«
    Die beiden sehen sich an, lächeln - dies Lächeln, dieser Blick ist absolut
heidnisch - bei Susanna vielleicht noch mehr. Hinter ihrem Lächeln ist nie ein
Schmerz oder eine Zerrissenheit - Susanna kann selbst aus meinem Herzen alle
Nebel und alles Dunkel hinweglächeln, wenn sie mich ansieht wie an diesem
Morgen. Ich kann nicht anders, ich muss ihnen beiden die Hände küssen. Da sitzt
ein Herr am Tisch, der ein Monokel trägt und alles aufmerksam beobachtet. Er ist
ein Jugendbekannter von Susanna, den sie heute nacht beim Fest zufällig
wiedergetroffen hat. Er steht in Berlin bei der Garde, wie sie mir nachher
erzählte.
    »Na, weisst du, Susi, das ist wirklich eine originelle Bude - und da wohnst
du?«
    »Freilich wohne ich hier«, antwortete sie gleichmütig. »Ja - sag mal...«
    Willy erscheint aus dem Nebenzimmer, er ist in Zivil, denn er war heute
nicht mit - sieht sich mit seinen runden Augen etwas erstaunt um, begrüsst alle,
setzt sich an den Tisch.
    »Ach, Susanna, gibt es schon Frühstück?« sagt er weich und sehnsüchtig. -
»Ja, bitte, mahlen Sie den Kaffee, wir warten nur noch auf Onsky.«
    Willy beginnt Kaffee zu mahlen, Maria zupft ihn an den Haaren und erzählt
ihm von dem Feste. Der Jugendbekannte betrachtet ihn etwas erstaunt und wirft
einen fragenden Blick auf die Herrin des Hauses.
    »Das ist Willy«, erklärte sie, »der wohnt da drüben neben der Küche, und Orl
- Gott sei Dank, da kommt er endlich.«
    Orlonsky kommt die Treppe herauf, alles an ihm ist wieder rasselndes Eisen,
und er ist böse.
    »Ah - Maria - wo ist denn der Sonnenbengel? Schon untergegangen am frühen
Morgen?«
    »Onsky, wir verhungern«, sagt Susanna, »Ihr könnt Euch nachher zanken.«
    Orlonsky und der Gardeleutnant stellen sich einander aufs förmlichste vor,
sie verbeugen sich und schlagen die Absätze zusammen: »Sehr angenehm.«
    »Freut mich sehr.«
    Die anderen betrachten das wie eine seltene Schaunummer.
    Dann begibt sich Orlonsky an den Herd - er ist ein sonderbarer Kauz, und ich
habe ihn sehr schätzen gelernt, ein wenig rauh und kurz angebunden, aber
Gentleman durch und durch. Er treibt alle Sportarten, die es überhaupt gibt, mit
Vollendung und kocht vorzüglich - die Frauen lässt er überhaupt nicht an den Herd
und behauptet, sie verständen nichts davon. Man pflegt deshalb andächtig mit den
Mahlzeiten zu warten, bis er kommt. Er bereitete uns denn auch an diesem Morgen
ein ausgezeichnetes englisches Frühstück. Susannas Jugendfreund beobachtet ihn
stumm, dann lässt er sein Monokel fallen und beugt sich zu Susanna hinüber:
    »Grossartig, das ist ja das reinste Familienleben - dein Onkel in Berlin
erzählte mir - ja sag mal - Susi, und was tust denn du hier eigentlich?«
    »Aber das siehst du doch - ich führe ihnen den Haushalt«, sagte sie lässig
und zufrieden.
Ich dachte, sie würden alle etwas ruhebedürftig sein, aber nach dem Frühstück
wurden sie wieder sehr lebendig und berieten, was nun mit diesem angebrochenen
Tag zu beginnen sei. Orlonsky ordnete schliesslich an, wir sollten alle aufs Land
fahren. Er nahm den Leutnant mit auf den Speicher, und sie förderten eine Anzahl
Rodelschlitten und Schneeschuhe zutage. Ich schickte Chamotte in meine Wohnung
und liess ihn holen, was ich an Sportgarderobe besitze - einiges fand sich auch
im Eckhaus vor. Orlonsky musterte erst die vorhandenen Kleidungsstücke, dann
jeden seiner Gäste mit Kennerblicken, und unter seinem Kommando wurde eine Art
militärische Einkleidung vorgenommen. Wir fuhren aufs Land, alle in der
heitersten Stimmung, selbst im Waggon fingen sie noch wieder an, einen Konter zu
tanzen, aber der Schaffner verbot es.
    Es war ein wundervoller, weisser Wintertag, wir trieben uns viele Stunden im
Schnee herum. Susanna hatte mich zum Partner genommen, und ich fühlte mich
stillglücklich, ich, der Müde, Verurteilte, unter diesen Unermüdlichen. Sie
verlangen ja nicht, dass ich mich persönlich stark betätige, und ich störe sie
nicht, ich lasse mich so gerne mitziehen. Maria war an dem Tag stürmisch und
voller Leben, mit Willy zusammen sauste sie leidenschaftlich die Abhänge
hinunter - einmal stürzen sie und der Schlitten geht entzwei. Orlonsky macht ihr
Vorwürfe, es ist immer etwas Krieg zwischen den beiden, und er hält beim Sport
auf Ordnung. Sie lacht nur und sagt: »Oh, meinetwegen soll alles zerbrechen -
alles, nicht nur der Schlitten, auf dem ich fahre.«
    Und Susanna war schläfrig, ihre Bewegungen hatten etwas Mattes - sie meinte,
die Welt sei für sie heute in lauter Schleier gewickelt. Wenn Orlonsky in ihre
Nähe kam, drückte sie ihm die Hand. Er sah sie an - seine Augen sind scharf und
graublau - wie von Stahl.
    »Onsky, ich bin sehr glücklich - das Leben ist so schön«, sagte sie.
    Als wir einmal aus der Bahn geraten, will sie, dass wir da im Schnee sitzen
bleiben, warum soll man sich so anstrengen? Wir bleiben sitzen und sehen den
anderen zu. Ein paarmal nennt sie mich du - man ist im Karneval so gewöhnt, alle
zu duzen. Wir sprechen nicht viel, sie lehnt sich ein wenig an mich und schläft
hier und da einen Moment ein.
    Dann geht die Sonne unter, und wir fahren in die Stadt zurück. Maria will
noch nicht nach Hause, und der Leutnant, den man etwas übersehen und fast
vergessen hat, lädt uns ein, in der Bar zu soupieren. Alle werden noch einmal
wieder ganz wach und sehr munter, und wir kommen erst gegen drei oder vier Uhr
ins Eckhaus zurück. Susanna berief sich mit plötzlicher Energie auf ihre
Stellung als Hausfrau und setzte für morgen einen allgemeinen Schlaftag an. Wer
bliebe und wo er bliebe, sei ihr einerlei - jeder möge sehen, wie er unterkomme.
Chamotte solle mit dem Kinde spazierengehen und es beaufsichtigen, dazwischen
könne er hier und da leise - um Gottes willen recht leise - durch die
verschiedenen Zimmer gehen und Erfrischungen verabreichen. Am späteren Abend
würde wohl irgendwie eine richtige Mahlzeit oben in der Küche zustande kommen -
dabei warf sie einen fragenden Blick auf Orlonsky, aber der zuckte ablehnend die
Schultern, und Susanna fügte hinzu, schlimmstenfalls würde sie selbst für alles
sorgen.
    Ich hatte ja die vorige Nacht, wenn auch nicht ungestört, geschlafen und
wachte gegen Mittag von einem leichten Geräusch auf. Es war Chamotte, der auf
den Zehenspitzen herumschlich. Herr Willy liesse fragen, ob er zu mir herunter
kommen könnte, er sei auch schon wach, und da er zwei Gäste beherbergte, fühlte
er sich etwas beengt. Ich kleidete mich an und legte mich dann wieder aufs Bett,
Willy kam in einem gelbseidenen Kimono:
    »Ich weiss nicht, wem er gehört«, seufzte er, »man zieht jetzt immer an, was
man gerade findet. Es ist alles so anstrengend - der Leutnant ist schon
fortgegangen, um seine Tante von der Bahn zu holen, Susanna hat ihm ihren roten
Rodelsweater und Reitosen von Onsky gegeben - denn er wollte durchaus nicht in
seinem Biedermeierfrack an die Bahn gehen. Wir drei hier im Hause kommen jetzt
manchmal in Verlegenheit, weil wir immer unsere Gäste zum Fortgehen
ausstaffieren müssen. Ein junges Mädchen mussten wir neulich zwei Tage
dabehalten, weil sie als Page zu uns kam und nichts vorhanden war, was ihr
passte.«
    Chamotte machte derweil Ordnung im Zimmer, heizte den grossen Ofen ein und
brachte uns Kaffee. Dann lagen wir da, rauchten Zigaretten, und es war sehr
gemütlich. Die Tür zu beiden Nebenzimmern stand offen, in dem einen schlief
Orlonsky, in dem anderen Maria, und wir sprachen halblaut, um sie nicht zu
stören.
    Ich fragte, ob Susanna denn schon auf sei, da sie den Leutnant kostümiert
hatte, sie war doch gestern am allermüdesten und schien es mit dem Schlaftag
sehr ernst zu meinen.
    »Oh, Susanna macht's wie die Sonne, sie geht in Wirklichkeit nicht unter -
sie geht nur um die Erde herum und scheint dann über irgendwelchen anderen
Ländern. Beim Schlaftag kommt es ihr nur darauf an, dass jeder in seinem Zimmer
bleibt - sie gibt dann Gastrollen, besucht eine Niederlassung nach der anderen
und schläft da, wo sie gerade ist, noch ein paar Stunden weiter.«
Chamotte ist mit dem Kind ausgegangen, das ganze Haus liegt in tiefem Schweigen.
Die Türglocke hat man vorsorglich abgestellt. Maria ist inzwischen einmal
aufgewacht und hat gefragt, wer denn hier nebenan sei. Wir haben ihr Kaffee
hineingebracht und ein wenig geplaudert, dann ist sie wieder eingeschlafen - die
weissen Glacéhandschuhe, die Susanna ihr heute morgen gegeben, liegen auf dem
Tischchen am Bett.
    Allmählich wird es Nachmittag, und Susanna erscheint mit Tee und Brötchen.
Ihr Lächeln ist heute etwas resigniert: »Onsky hat Migräne«, sagte sie, »und
steht nicht auf. Da werden wir wohl heute und morgen fasten müssen. Ich glaube,
es ist am besten, wenn wir nachher unsere Kostüme wieder anziehen und heute
abend auf den Gauklerball gehen. Die anderen wollen wir gar nicht erst wecken,
das Weitere wird sich hier dann schon irgendwie entwickeln«, sie seufzte ein
bisschen, »ach Gott, es ist wirklich keine Kleinigkeit, wenn die Verantwortung
für so vieler Leute Wohlergehen auf einem ruht.«
Ermattet legt sie sich auf die Polster in die Nähe des Ofens, schliesst die Augen
und scheint in eine Art Halbschlaf zu versinken. Willy und ich sprechen mit
gedämpfter Stimme weiter - hier und da ermuntert Susanna sich ein wenig,
beteiligt sich am Gespräch oder langt nach ihrer Teetasse. Unvermerkt geraten
wir wieder auf die heidnischen Ideen und ihre Verwirklichung in unserer heutigen
Welt. Ich erzähle von meiner nächtlichen Unterhaltung mit dem Herrn im Frack.
    »Ach, der Georg«, sagt Willy, »er möchte sie immer noch gerne heiraten, und
ich nenne ihn den standhaften Zinnsoldaten. Maria ärgert sich darüber, aber sie
hat immer einen oder den anderen Zinnsoldaten, als Gegengewicht oder zur
Erholung von ihrer heidnischen Betätigung.«
    Ein Wort gab das andere, und ich erkundigte mich mit grösstmöglicher
Diskretion, ob es etwa Marias Kind sei, das hier im Hause wohne. Susanna hatte
gerade einen wachen Moment und richtete sich halb auf.
    »Aber ich bitte Sie - das ist doch meins.«
    »Ihres...?«
    »Ja, natürlich - wussten Sie das nicht?«
    »Woher sollte ich das wissen, das Kind ist einfach da, und man hat niemals
davon gesprochen, wem es gehört.«
    »Marias Kind - ja, Maria ist ein komplizierter Fall«, erläuterte Willy dann
weiter. »Sie müssen wissen - in Heidenkreisen hatte man schon lange die Frage
aufgeworfen, wie es mit der Vereinigung von Mutterschaft und Hetärentum stände -
beides natürlich in möglichster Vollendung gedacht -, aber die Beobachtung an
lebenden Objekten war immer ziemlich ungünstig ausgefallen. Die Mädchen, die als
Hetären in Betracht kamen, hatten eben keine Kinder und waren froh, dass sie
keine hatten. Andere wünschten sich wohl Kinder, strebten dann aber nach Heirat
und gaben das Hetärentum auf. Nun tauchte Maria hier in aller Fröhlichkeit mit
ihrem Lebenswandel und einem Baby auf. Durch ihr blosses Dasein, in dem sie
unbewusst, aber mit königlicher Selbstverständlichkeit - so sagt man dort - ihren
heidnischen Instinkten nachgelebt hatte, stellte sie das gelöste Problem: Mutter
und Hetäre dar und wurde sehr gefeiert.«
    »Ja, Ähnliches hat mir der Herr von gestern nacht - der Zinnsoldat, wie Sie
ihn nannten - schon erzählt.«
    »Ach der«, meinte Willy wegwerfend, »der versteht schon gar nichts davon und
hat keine Ahnung von Marias eigentlichem Wesen. Die Zinnsoldaten sind eine
schwache Seite von ihr - ich glaube überhaupt von den meisten Frauen, aber sie
sind ihnen nicht abzugewöhnen«, er warf einen wehen Blick auf Susanna, und sie
lächelte halb im Schlaf.
    »Also Maria...«
    »Ja, Maria wurde fortan als Paradigma hingestellt, als lebendes Symbol für
heidnische Möglichkeiten. Es haben dann noch ein oder zwei andere Mädchen Kinder
bekommen - offizielle Kinder, die nicht geheimgehalten wurden, aber sie machten
nicht mehr soviel Eindruck. Und Maria beklagt sich bitter darüber, dass man sie
von nichteidnischer Seite gewissermassen dafür zur Verantwortung zieht und die
Sache so hinstellt, als mache sie Propaganda für liederliches Leben und
illegitime Kinder.«
    Susanna setzte sich auf und gähnte:
    »Mein Gott, redet ihr schon wieder von illegitimen Kindern? Ich hätte gar
nicht gedacht, dass Herr Dame sich so dafür interessiert.«
    Ich machte noch die Bemerkung, es wundere mich, dass Susanna in den
Heidenkreisen nicht ebensoviel Bewunderung errege wie ihre Freundin. Sie kennen
sie ja doch alle - sie verkehrt mit ihnen - ihre ganze Art zu leben und das
Kind.
    »Oh, mein Kind gilt nicht für voll, und niemand schaut mich drum an«, sagte
sie darauf beinah entschuldigend, »ich hatte es doch schon, als die Hetärenfrage
aufkam - ausserdem war ich einmal verheiratet, und das ist eben nicht dasselbe.«
 
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Ich habe heute wieder durchgelesen, was ich zuletzt aufgeschrieben, und ich
fühle Sehnsucht nach den Tagen im Eckhaus. Wie eine Reihe stets wechselnder
Bilder gleiten sie noch einmal an mir vorüber - bunt, bewegt, geräuschvoll und
dann wieder müde und verträumt in schläfrigem Halbdunkel - wie jener
Winternachmittag, wo alle schliefen und wir drei in dem grossen Zimmer um den
Ofen lagerten. Bis dann Chamotte mit dem kleinen Mädel heimkam, das ich mit ganz
neuem Interesse betrachtete - ich kann wohl sagen, dass ich es zum erstenmal
erlebte. Ich habe im allgemeinen nicht viel Sinn für Kinder und weiss nicht viel
an ihnen zu erleben, aber das Gefühl, dass es das Kind dieser Frau ist, die ich
so tief und stumm verehre - und dass es ihr vielleicht später einmal gleichen
wird. Und wie wir dann noch später leise aus dem Hause schlichen, um wieder auf
einen Ball zu gehen - wie wir erst in dem Licht und Lärm mitten unter tobenden
und tanzenden Menschen wieder richtig wach wurden und uns ganz verwirrt und
erstaunt ansahen - das liegt schon alles etwas traumhaft hinter mir.
    In meiner Wohnung kam ich mir zuerst beinah wie ein Fremder vor. Chamotte
schlich trübselig herum und meinte, diesmal hätte ich mich selbst verurteilt,
wir hätten doch ebensogut noch länger im Eckhaus bleiben können. Aber ich
brauchte zur Abwechslung einmal etwas Ruhe. Äusserlich vermag ich mich schon
zeitweise einem solchen Wirbel anzupassen, aber mein inneres Leben kann ich
nicht überstürzen, das will ein stilleres Tempo und konnte nicht mehr mit.
    Allerhand Briefe vorgefunden, meinem Stiefvater hatte ich noch im Eckhaus
ausführlich geschrieben. Er antwortete herzlich und eingehend, wie das seine Art
ist. Es freue ihn aufrichtig, dass ich so viel mitmache und in ein etwas
intensiveres Fahrwasser zu geraten scheine, man sei schliesslich doch nur einmal
jung.
    Das sagen die älteren Leute ja mit Vorliebe - gerade solche, die sich selbst
noch immer weiter amüsieren, als ob sie zwanzig Jahre alt wären - und es kann
mich leise nervös machen. Immer wieder die alte Geschichte - es gibt Menschen,
die überhaupt jung sind, ohne Rücksicht auf die Zahl ihrer Jahre, und andere,
die es niemals sind, auch während der vorgeschriebenen Zeit nicht. Und wie es
sich bei mir damit verhält, müsste mein väterlicher Berater wohl am besten
wissen, aber er hofft wohl immer, es käme noch. Mit meinen literarischen
Absichten ist er sehr einverstanden und ermahnt mich, den geplanten Roman nun
auch wirklich zu schreiben. Wo sich hier von allen Seiten so viel Anregung
biete, müsse es doch ein leichtes sein.
    Ich aber fürchte wieder, es wird damit nicht so schnell gehen. Es gilt, vor
allem erst das Material zu sammeln und sich einen Stil zu bilden.
    Ich denke, darin wird mein Tagebuch, wie Susanna es etwas ironisch nennt,
mir gute Dienste leisten. Man gewöhnt sich daran, alles Erlebte doppelt in sich
aufzunehmen und bei allem, was man schreibt, auf den Stil zu achten. Auch dazu
hat ja mein Stiefvater mich von jeher ermuntert - er wies bei solchen
Gelegenheiten gerne darauf hin, dass Goete stets Tagebücher geführt habe, und
äusserte die Ansicht, Goete sei und bleibe doch immer das beste Vorbild für
jeden jungen Deutschen.
    Ähnliches hört man wohl öfter sagen, und ich kann mir nicht helfen - ich
sehe darin eine gewisse Arroganz der älteren Generation. Man hilft uns nicht zu
leben, sondern begnügt sich damit, uns auf grosse Vorbilder hinzuweisen und dann
zu hoffen, dass etwas Ausserordentliches aus uns wird. Was sollen mir derartige
Hinweise? Ich habe gar keine Anlage zum Grössenwahn, ich bin nur ein
»belangloser« junger Mensch und heisse Dame und kann nicht aus meiner Biographie
heraus.
    Und das Material, das ich bisher zusammengetragen habe - es macht mir
eigentlich erst fühlbar, wie sehr mir noch die Zusammenhänge fehlen. Sie müssen
ja da sein, und ich muss sie noch finden - nicht um eines etwaigen Romans, aber
um meiner selbst willen. Die ganze fremdartige und intensiv bewegte Atmosphäre
dieses Stadtteils mit ihren Rätseln, Geheimnissen und, ich möchte wohl sagen,
auch Erleuchtungen umfängt mich immer noch - ja, eigentlich immer mehr - wie ein
Traum. Anfangs sehnte ich mich nur nach Klarheit, nach Verstehen und Begreifen -
jetzt weiss ich, dass es hier mit dem Begreifen allein nicht getan ist, sondern
dass sie - die Atmosphäre - innerlich erlebt werden muss. Oder geträumt - manchmal
tut es mir förmlich weh, wenn die wache Stimme des Philosophen an mein Ohr
klingt. Er weiss mir alles zu erklären - man könnte sagen: er beherrscht das
Material vollkommen, aber er findet es nicht gut und nicht tauglich, um etwas
Rechtes daraus zu bilden. Er nennt diese Menschen Romantiker, die allen
Erkenntnissen der klaren Vernunft die instinktive Weisheit früherer Völker
entgegenstellen und sich an dem Patos dieser Dinge und an ihrem eignen Patos
berauschen. Und logisch muss ich ihm oft recht geben, aber mein Empfinden und
meine Sehnsucht neigen sich doch immer wieder ihnen zu.
(Meine Selbstkritik macht bei nochmaligem Durchlesen die Wahrnehmung, dass ich
hier wohl nahe daran war, in einen romantisch patetischen Ton zu verfallen, und
sie warnt mich davor. Ich will in diesen Blättern nur Chronist sein, und dem
Chronisten ziemt es nicht, mit seinen eigenen Empfindungen zu stark in den
Vordergrund zu treten. Sollten sie etwa in späteren Tagen oder Jahren in
jemandes Hände geraten, der mit Staunen Kenntnis davon nimmt, was Wahnmoching
war und bedeutete, was hier lebte, gelebt wurde und gelebt werden sollte, so
wird dieser jemand - ich stelle ihn mir etwa als versonnenen Gelehrten oder
ernsten Forscher vor - vielleicht mässiges Interesse an meiner Person nehmen und
nur so nebenbei in stiller Anerkennung den Hut ziehen, wenn er erfährt, dass es
bloss ein junger Mann aus Berlin war, welcher Dame hiess und sich verurteilt
fühlte, das Wichtigste über diesen bemerkenswerten Stadtteil aufzuzeichnen.
    Und doch kann der Chronist wiederum nicht ganz sein Ich eliminieren, in dem
die Umwelt sich widerspiegelt. Mag der Spiegel noch so anspruchslos und schlicht
gerahmt sein - wenn man ihn verhängt oder aus dem Zimmer trägt, wirft er kein
Bild mehr zurück.)
                                   Anmerkung
Sie finden hier, verehrter Gönner und Freund, aus Herrn Dames eigenem Munde die
Bestätigung unserer Wir-Teorie, auf die wir auch in unserem Begleitschreiben
Bezug nahmen. Wäre dieser liebenswerte junge Mann in der Lage gewesen, im Plural
zu denken und zu erleben, so möchte vielleicht seine Biographie sich leichter
und freundlicher gestaltet und weniger auf ihm gelastet haben. Im
Unterbewusstsein hat er das wohl auch dunkel gefühlt; das scheint uns wenigstens
aus seiner Beziehung zu dem Diener Chamotte hervorzugehen.
 
                                       10
Ein Morgenbesuch bei Adrian. Er wohnt in einem grossen Atelier und ist sehr
hübsch eingerichtet. Als ich kam, sass er in einem persischen Kaftan an einem
zierlich gedeckten Tischchen und nahm ein hygienisches Frühstück ein. Er sagte,
dass er nachher zwei bis drei Stunden zu arbeiten pflege, nur jetzt im Karneval
sei das natürlich nicht ganz durchzuführen. Wir rauchten Haschischzigaretten und
unterhielten uns über Wahnmoching. Ich glaube, Adrian ist, was man einen Causeur
nennt, man kann sonst eigentlich nicht über Wahnmoching plaudern und tut es auch
nicht, aber Adrian kann es. Trotzdem ist er auch der Ansicht, dass hier grosse
Dinge in der Luft liegen, und jeder, der irgendwelches Streben in sich fühle,
müsse sich solchen Bewegungen unbedingt anschliessen.
    »Ich bitte Sie, Monsieur Dame, wir haben wieder gelernt, dionysisch zu
empfinden - wer hätte das vor zehn oder zwanzig Jahren für möglich gehalten? Bei
dem Fest neulich - haben Sie gesehen, wie der Professor raste, wie der Taumel
ihn blendete, so dass er in den scheinbar hässlichsten Frauen wunderbare Schönheit
erblickte? Er hat so viel Eros, dass ihm jede Lebensäusserung, jede Form, in der
das Leben sich darstellt, etwas Vollendetes bedeutet. So wurde zum Beispiel
einmal von jemand gesagt, er sei sehr unschön, ja geradezu garstig. Hofmann
besann sich einen Augenblick und sagte dann: Ja, gewiss, er ist wundervoll
garstig. - Von Ihnen ist er übrigens ganz entzückt, er sagte mir, es wäre ganz
unglaublich, wie blasiert und gelangweilt Sie manchmal aussehen könnten.« (Ich
empfand das nicht gerade als Kompliment, aber es war entschieden so gemeint.)
    »Und die Frauen«, fuhr Adrian mit einem süffisanten Lächeln fort, »unsere
Frauen wollen wieder Hetären sein - es ist gar nicht zu sagen, welche
Umgestaltung das gesellige Leben dadurch noch erfahren wird. In erster Linie
natürlich auf erotischem Gebiet, aber selbstverständlich bezieht sich das nicht
nur auf die Frauen - die Beschränkung der Erotik auf das eine oder andere
Geschlecht ist ja überhaupt eine unerhörte Einseitigkeit. Der vollkommene Mensch
muss alle Möglichkeiten in sich tragen und jeder Blüte des Lebens ihr Aroma
abzugewinnen wissen. Ich meinesteils empfinde durchaus bisexuell.«
    dabei nahm er für einen Augenblick seinen Zwicker ab, rieb ihn mit dem
Taschentuch blank und sah mich mit seinen kurzsichtigen Augen triumphierend an.
»Apropos, Monsieur Dame, was macht denn Ihr kleiner Sklave?«
    »Oh - er hält mir meine Wohnung sehr gut in Stand«, antwortete ich
ablenkend, mir war dieses Tema unsympatisch, und ich fühle durchaus keinen
Ehrgeiz, für vorurteilsfrei zu gelten, wo ich es nicht bin.
    Wir wurden unterbrochen, auf der Treppe hörte man lachen und sprechen, es
klopfte, und dann erschienen Professor Hofmann und Susanna. Sie sagte, kaum dass
man sich begrüsst hatte: »Adrian, ich bitte Sie - haben Sie nicht ein dämonisches
Briefpapier - ich muss an jemand schreiben.« Damit zog sie ihn ans Fenster und
erzählte ihm eine Geschichte, über die beide sehr lachten. Hofmann schüttelte
mir indessen lebhaft die Hand und war äusserst liebenswürdig. Er war gekommen, um
Adrian zu einem Fest in seinem Hause einzuladen - die anderen traten wieder zu
uns, und es wurde allerhand darüber geredet. Hofmann gefiel mir an diesem Morgen
sehr gut, besser als je zuvor; er war heiter und gesprächig und freute sich wie
ein Kind auf diese Sache. Delius hatte die Grundideen angegeben, und es sollte
ein richtiges antikes Fest werden.
    »Bacchanal?« fragte Adrian eifrig.
    »Nun, Fest oder Bacchanal - ein Bacchanal ist ein Fest, und ein Fest kann
wohl ein Bacchanal sein«, erwiderte Hofmann mit grosser Zungenfertigkeit und
wandte sich galant an Susanna: »ich hoffe, an Bacchantinnen wird es nicht
fehlen.«
    »Und an Bacchanten auch nicht«, warf Adrian ein und frohlockte hinter seinem
Zwicker. Hofmann warf den Kopf etwas zurück und sah über das ganze Zimmer hinweg
aus dem Fenster. Ich kenne diese Geste jetzt schon, wenn ihm etwas nicht recht
ist. Dann zog er Adrian beiseite, und sie begannen ein halblautes Gespräch, das
aber manchmal ziemlich vernehmlich wurde. So hörte ich, wie Adrian sagte:
    »Ich sehe absolut nicht ein, warum ich das nicht verwenden soll - nur das
Wort - ganz einfach, Blutleuchte ist das und das...«
    Worauf Hofmann sehr erregt antwortete: »Aber wenn ich Ihnen doch sage, dass
es nicht geht. Ich bitte Sie, man hat sich doch geschworen, ganz richtig
geschworen, dass auf den Verrat von kosmischen Geheimnissen der Tod steht.«
    Und Adrian: »Ja, dann allerdings - aber das finde ich wirklich fabelhaft.«
Dann sahen beide zu uns herüber und flüsterten ganz leise.
    Susanna achtete nicht weiter darauf, während mich ein unbehagliches Gefühl
beschlich: ich dachte an den Philosophen und beschloss ihn zu warnen. Er pflegt
so unbefangen über all diese Dinge zu reden, und vielleicht könnte ihm das übel
ausgelegt werden.
    Inzwischen war es Mittag geworden, wir nahmen Abschied und gingen alle drei
zusammen fort. Adrian stürzte noch rasch an den Schreibtisch und brachte Susanna
das gewünschte Briefpapier, es war kohlschwarz, ich hatte noch nie ein solches
gesehen. »Wenn Sie es ganz richtig machen wollen, müssen Sie mit Blut darauf
schreiben«, bemerkte er - aber sie meinte:
    »Oh, rote Tinte tut's wohl auch.«
Gegen Abend hoffte ich endlich einmal wieder Susanna allein zu finden -
wenigstens annähernd allein. Ich war melancholisch und dachte, sie sollte mich
etwas froher machen, vielleicht ist sie wieder so glücklich verschlafen und duzt
mich. Oder verurteilt mich zur Redoute - ich sitze tadellos in der Loge,
langweile mich und warte, bis sie nicht mehr tanzen kann. Dann kommt sie zu mir.
Aber ich finde sie nicht allein - alle sind in der Küche um den grossen Tisch
versammelt. Die Hausbewohner - dazu Maria, Konstantin und Delius, den ich noch
nie im Eckhaus getroffen - er aber erinnert sich meiner und ist sehr
entgegenkommend, sehr Weltmann.
    Man hält Kostümberatung für das kosmische Fest - als dieser Ausdruck fällt
(ich glaube, es war Willy, der ihn brauchte), blickte Delius sich erstaunt um
und sagte mit seinem merkwürdigen Auflachen:
    »Nun, ob das Fest ein kosmisches sein wird, wird man erst nachher beurteilen
können. Der Herr Professor denkt es sich vielleicht doch zu einfach, kosmische
Feste zu feiern, und man kann nicht alles auf einmal wollen. - Es soll übrigens
auch ein Umzug des Cäsars stattfinden, bei dem der Dionysos selbst erscheint.«
    »Ja, der Professor sieht als Dionysos sehr schön aus«, sagte Konstantin.
    »So - wo hat er sich denn schon als solcher gezeigt?« fragte Delius
missbilligend.
    »Oh, er hat das Kostüm gestern anprobiert und ging den ganzen Abend in
seiner Wohnung darin herum.«
    »Wissen Sie vielleicht, wer noch dabei war?«
    »Irgendein Besuch - ich glaube, ein Privatdozent aus Berlin.«
    »So - so«, Delius schien etwas verstimmt, aber nun wurde Maria ungeduldig:
    »So lasst doch endlich den Professor - er macht es ja doch niemand recht, ob
er nun seine Gäste im Frack oder als Dionysos empfängt. Aber unsere Kostüme -
Delius? - Wir wollen nämlich als Hermaphroditen kommen - Susanna und Adrian
haben sich's ausgedacht - die beiden, Konstantin und ich...«
    Delius horchte auf:
    »Nun, im alten Rom hat es wohl schwerlich Umzüge gegeben, an denen
Hermaphroditen teilnahmen, eher noch in Hellas und auf den Inseln - bei den
Festen der grossen Mutter.«
    »Gott, wir leben doch in Wahnmoching, und da geht alles«, suchte Susanna zu
vermitteln, aber er hörte gar nicht darauf, sondern fragte:
    »Und wie haben Sie sich das Kostüm gedacht?«
    Maria stiess Konstantin an, und er sagte zögernd:
    »Ja, wir dachten, mit schwarzen Trikots. Maria behauptet, sie hat auf
etruskischen Vasen so etwas gesehen - schwarze Beine mit weissen Bändern
umwunden, und das gefällt ihr so.«
    »Schwarze Trikots?« sagte Delius ganz entsetzt und dachte dann eine Weile
mit steinernem Gesicht nach. Er mochte wohl im Geiste durch das alte Rom
wandern.
    »Ja, es wurden wohl bei Triumphzügen gefangene Ätiopier mitgeführt, aber
die waren ganz schwarz, und ob es Hermaphroditen waren...«
    »Wir sind ja auch keine wirklichen«, meinte Konstantin.
    Und Susanna:
    »Wir wollen nur etwas Verwirrung anrichten...«
    »Schweig doch!« sagte Maria und warf ihr einen zornigen Blick zu. Aber
Delius überhörte sichtlich alle Nebenbemerkungen und machte nun allerhand
Vorschläge: ein kurzes weisses Obergewand und Kränze auf dem Kopf - nicht Efeu,
sondern rotes Weinlaub, und durch die Kränze sei ein weisses Band zu schlingen -
an dem herabfallenden Ende müsse ein symbolischer Tautropfen befestigt sein -
aus Glas natürlich. Er vertiefte sich in Einzelheiten: wie weit die Ärmel sein
müssten und so weiter, und gab die Adresse eines Schneiders an, der diese Dinge
ausgezeichnet verstehe. Nur zu den schwarzen Trikots schüttelte er nach wie vor
den Kopf, aber Maria liess sie sich nicht ausreden.
    »Gedenken Sie auch als Hermaphrodit zu kommen, Herr Dame?« wandte er sich
dann an mich.
    Nein, ich war noch völlig unschlüssig, was ich wählen sollte. Er mass mich
mit prüfendem Blick und fragte, ob ich musikalisch sei.
    »O ja, ich spiele Klavier...«
    »Das ist sehr schade - Sie würden sich sonst wohl zum Flötenspieler eignen -
aber es müsste dann schon eine phrygische Doppelflöte sein. Sie werden wohl auch
wieder Ihren jungen Sklaven mitbringen, und ich glaube nicht, dass die
Flötenspieler Sklaven mit sich führten.«
Delius ging - in der Tür blieb er noch einmal stehen und fragte, ob Konstantin
ihn begleiten wollte.
    »O nein, ich bleibe hier«, sagte Konstantin, »Sie gehen wohl zu Heinz?«
    »Ja, ich will Ihren Vetter abholen - wir haben einen Nachtspaziergang zu den
Hünengräbern verabredet. Es ist sehr möglich, dass wir dort zur Nachtzeit
kosmische Urschauer erleben.« Das alles sagte er mit dieser unbeweglichen
Sachlichkeit, die ihm eigen ist, und fügte dann ganz unerwartet mit einem jähen
Auflachen im höchsten Diskant hinzu:
    »... wenn nur um Gottes willen der Mond nicht dazwischenkommt.«
Dann war er verschwunden, wir sahen uns an; ich glaube, uns war einen Moment
ganz spukhaft zumut, selbst der allzeit mokante Sonnenknabe war verstummt. Man
hatte das Gefühl: was ist das? ist er ein Mensch wie wir anderen - lebt er
wirklich zwischen uns hier auf der Welt - in einer modernen, europäischen Stadt?
- oder spielt sein Dasein sich in ganz anderen, unwahrscheinlichen Regionen ab?
Und wiederum: ist er fremd und unwahrscheinlich - oder sind wir es?
    Ich suchte diese Empfindung in Worten auszudrücken.
    Susanna nahm freundlich meine Hand, als wollte sie mir den Puls fühlen, und
sagte beschwichtigend:
    »Lieber Dame, Sie wissen doch, in welchem Stadtteil wir leben, und dass hier
vieles unwahrscheinlich ist - aber eigentlich geht es mir ebenso wie Ihnen...«
    Orlonsky, der schweigend in einer Ecke sass und ein verrostetes altes Schwert
blank rieb, fiel ihr ins Wort:
    »Nun fangt ihr ja glücklich alle an, verrückt zu werden - gratuliere.«
    »Onsky, das verstehst du nicht - du bist ja selbst aus dem Mittelalter und
willst es bloss nicht zugeben. Es ist hier schon viel dummes Zeug - aber Delius
ist echt, es gibt ihn wirklich... ich weiss nicht, wie man das sagen soll.«
    »Seine Substanz ist echt«, korrigierte Konstantin ein wenig überlegen.
    »Echter als deine«, sagte Maria. »Bei Hallwig wurde neulich von dir
gesprochen, man zweifelt an dir - ich fürchte beinah, dein Stern ist im Sinken.«
    »Ich weiss«, gab er plötzlich deprimiert zu, »aber ich ahne nicht, was ich
eigentlich getan habe.«
    Susanna achtete nicht darauf, was sie sprachen, und fuhr in ihrem
Gedankengang fort:
    »Nein - Delius imponiert mir - es tut sich einem da irgend etwas auf, wenn
er so selbstverständlich die sonderbarsten Sachen sagt. Es kommt gar nicht
darauf an, ob er von seinem Schneider spricht oder von Urschauern. Und man
meint, er spricht mit uns, aber er denkt nicht daran - er schaut einen an, aber
er ist gar nicht da, und wir auch nicht. Dass wir zum Beispiel Frauen sind, merkt
er überhaupt nicht - das ist sehr sonderbar, aber er gefällt mir so.«
    »Susja, du hast nicht ausgeschlafen.«
    »Nein, das habe ich auch nicht, mir ist ganz überirdisch zumut, und er
gefällt mir wirklich.«
    »Aber keine Chancen, wenn du nicht römischer Sklave bist«, sagte Orlonsky
aus seiner Ecke.
    »Ach schweig doch - so war es nicht gemeint.«
    »Ja, Delius - und Hallwig«, fing nun auch Maria an, »es sind doch nur die
beiden. Die anderen laufen so mit.«
    Konstantin: »Das sagst du nur, weil du Hallwig liebst.«
    »Er ist der einzige Mensch, bei dem man das Gefühl hat, er könnte fliegen.
Die anderen probieren es nur. Wenn er so über Sachen redet, wird man ganz
glücklich und möchte...«
    »Du hast recht, Maria - du hast recht«, sagte Susanna mit einer Stimme, als
ob sie im Traum spräche. Sie war die letzten zwei Nächte aus gewesen.
    Aber Orlonsky stiess einen polnischen Fluch aus, stellte sein Schwert mit
vielem Getöse in die Ecke und fing an, einen Niggertanz zu tanzen. Das ist so
seine Art, der Unterhaltung ein Ende zu machen, wenn sie ihm nicht gefällt.
Nachtrag. Kosmische Urschauer: Die Urzeit war noch dunkel - der Kultus des
Mondes entspricht der späteren Periode des geläuterten Mutterrechts. Deshalb
werden unverfälschte Urschauer durch den Mond beeinträchtigt. (So etwa hat es
mir der Philosoph erklärt.)
 
                                       11
                                                                          16....
Alles ist liegengeblieben während der letzten Woche - meine Aufzeichnungen,
meine literarischen Pläne und wohl selbst meine Gedanken. Man lebte nur in den
Vorbereitungen für das grosse Fest, und ich lebte mit. Wir gingen zu dem von
Delius bezeichneten Schneider, fanden ihn nach langem Suchen in einer entlegenen
Strasse und fanden ihn recht merkwürdig. Er kenne Delius schon seit Jahren,
erzählte er uns, und habe öfters für ihn gearbeitet - ein sehr gelehrter Herr,
der Herr Delius. Und die Art, wie er dann die Kostümfrage eingehend erörterte,
über den Schnitt antiker Gewänder sprach und mit ernster, nachdenklicher Miene
die Masse nahm, erweckte den Eindruck, als ob auch auf ihn etwas von dem Geist
des Altertums übergegangen sei.
    Wir gingen Trikots kaufen und suchten zahllose Geschäfte durch, bis wir
rotes Weinlaub für die Kränze und symbolische Tautropfen aus Glas fanden. Ich
hatte die Idee des Flötenbläsers aufgegriffen, Konstantin wusste mir ein
sonderbares Instrument zu verschaffen, das zur Not eine phrygische Hirtenflöte
darstellen konnte, und ich sass viele Stunden allein zu Hause, um mich darauf
einzuüben. Dazwischen musste ich wieder Chamotte trösten, dass ich ihn diesmal
wohl nicht gut mitnehmen könnte.
    Einen Abend waren wir bei Hofmanns und halfen ein wenig bei den Zurüstungen.
dabei ging es heiter und lebendig her, es wurden keine dunkeln Gespräche
geführt, und beide waren von einer wirklich herzlichen, zwanglosen
Liebenswürdigkeit, so dass ich mich recht wohl fühlte. (Das dritte Zimmer stand
an diesem Tage offen, aber es war niemand darin.) Die Mädchen sprachen halb im
Scherz davon, wie ich mich mit dem Flötenblasen abmühe, man neckte mich damit
und fand es sehr anerkennenswert. Bei diesem Gespräch sah der Professor mich zum
erstenmal richtig an, und ich hatte einen Moment das Gefühl, als verstände er
vielleicht etwas von dem, was in mir lebt, anstatt wie bisher mich einfach mit
dem Vermerk abzutun, ich sei ein wundervoller Mensch.
    Dann war schliesslich der Tag herangekommen - ich sass noch bis zur Dämmerung
zu Hause am Fenster und blies auf meiner Flöte. dabei kam eine ganz verträumte
Stimmung über mich, ich meinte wirklich ein Hirt zu sein, der eine antike
Landschaft mit seinem Spiel erfüllte, vielleicht auch ein geliebtes Mädchen
dadurch herbeizulocken suchte. Aber es kam kein Mädchen, es kam nur Chamotte, um
zum Aufbruch zu mahnen - und ich war wieder Herr Dame, der ein griechisches
Kostüm trug und den man dazu verurteilte, heute abend die Syrinx zu blasen.
    Und ich blieb auch bei dem Fest Herr Dame.
    Als Anblick und Stimmung war es schon etwas Wunderbares, ja, ich kann wohl
sagen: als wir zu früher Morgenstunde das gastliche Haus verliessen, waren auch
meine Empfindungen bis zu einem Zustand inneren Taumels gesteigert, der noch
heute nicht ganz erloschen ist. Und doch - und doch - ich wollte, ich wäre in
der Lage, zu behaupten, man müsse seine Feder in heidnisches Blut tauchen, um
Wahnmochinger Bacchanale zu schildern, und wenn ich mein Buch schreibe, werde
ich es wohl auch so ausdrücken.
    Ich denke nach - dort drüben am Sofa liegen noch mein Kostüm und die
Hirtenflöte - und nun will mir wiederum scheinen, als übertriebe ich nach der
anderen Seite. Es lag doch viel heidnischer Glanz und Schimmer über dieser Nacht
- bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung - Maria,
Susanna sind sicher bei jeder Redoute ebenso bacchantisch aufgelegt - bei
anderen wohl auch eine tiefe Entrückteit aus der heutigen Welt. So Delius, der
als römische Matrone in schwarzen Gewändern erschienen war; auf dem Kopf trug er
einen schwarzen Schleier und in der Hand einen metallenen Triangel, dem er mit
einem Stäbchen melodische Töne entlockte. Und auch bei dem Professor, der den
indischen Dionysos darstellte, in purpurrotem Gewand mit Weinlaubkranz und einem
langen goldenen Stab. Beim Tanzen raste er wild daher, und seine Augen rollten,
mir fiel auf, dass er eigentlich ein schöner Mann ist mit seiner mächtigen
Gestalt und dem dunklen Bart. Er schien auch vielen Frauen gut zu gefallen, und
er sah sie alle mit verzückten Blicken an und fand sie alle namenlos schön. An
Rauschfähigkeit fehlte es ihm sicher nicht, und er lebte ganz in seiner Rolle,
wenn man es so nennen darf - ausser bei einer kleinen Szene. Maria verfiel in
einem animierten Moment darauf, an seinem ungeheuren goldenen Stab
emporzuklettern - er schaute sie froh entgeistert an, hielt ihr den Stab hin,
und der Stab brach in der Mitte durch. Schade, aber in diesem Moment versagte
sein heidnisches Empfinden, und er wurde ärgerlich. Nach meinem Gefühl dürfte
Dionysos sich nicht ärgern, wenn Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas
entzweibrechen. Aber ausser mir hat es wohl niemand bemerkt.
    Den Meister sah ich zum erstenmal aus der Nähe, als Cäsar in weisser Toga und
mit einem goldenen Kranz um die Stirn - er mischte sich ungezwungen unter die
Menge, und es gab ihn wirklich. dabei behält er doch immer eine gewisse Ferne,
und seine Geste schien mir schön und würdig.
    Das Fest begann mit einem feierlichen Umzug: voran schritt eine Bacchantin,
die ein ehernes Becken schlug, dann kam Dionysos mit seinem goldenen Stab, ihm
folgten der Cäsar - er trug eine Art kugelförmigen, durchbrochenen Krug, in dem
ein Licht brannte - und die in Schwarz gehüllte Matrone, daneben und dazwischen
bekränzte Knaben mit Weinbechern. Wer in antikem Gewande war, folgte, die
übrigen blieben zur Seite stehen. Denn viele waren auch anders kostümiert -
Renaissance, alte Germanen oder orientalisch. Der arme Georg, Marias
Rechtspraktikant, der durch die Eckhäusler eingeladen war, hatte den Charakter
des Festes entschieden nicht begriffen, er war als Pierrot gekommen, und es war
ihm dann sehr unbehaglich. Willy, dem er sein Leid klagte, sagte, er müsse eben
versuchen, sich wie der Narr in einem Shakespearischen Drama aufzufassen. Er
empfand wohl die Bosheit nicht, die darin lag, und fühlte sich getröstet.
    Der Umzug ergab tatsächlich ein ungemein wirkungsvolles Bild und durch den
eigenartigen Gesang, der dabei angestimmt wurde, eine fast beklommen weihevolle
Stimmung. Selbst Georg in seinem Pierrotanzug war ganz davon angetan und stand
wie erstarrt in einer Fensternische. Es waren nur ein paar Verse, die
liturgisch, das heisst in dumpfnasalem Ton gesungen wurden, wobei man alle Silben
gleichmässig betonte und ins Unendliche ausdehnte. Sie lauteten:
Wir sind gewohnt,
Wo es auch tront,
Hinzubeten, es lohnt.
Wie unser Ruhm zum Höchsten prangt
Dieses Fest anzuführen,
Die Helden des Altertums
Ermangeln des Ruhms,
Wo und wie er auch prangt,
Wenn sie das Goldene Vlies erlangt -
Wir die Kabiren...
Zwei-, dreimal wurde dieser Gesang wiederholt, während der Umzug sich durch
sämtliche Räume bewegte. Adrian sass am Flügel und spielte eine Art dumpfe,
getragene Begleitung.
    Dann löste sich alles in bewegtes Durcheinander, Tanz und die sonst üblichen
festlichen Betätigungen auf. Ich sehe in der Erinnerung ein buntes Gemisch von
einzelnen Bildern und Eindrücken, die ich wohl festalten möchte, ehe sie sich
verwischen. Der Professor - Dionysos - in einem Kreise von Damen - er redet in
Versen, wohl eine halbe Stunde lang, man bewundert ihn, und mit Recht, denn es
war wirklich eine Leistung. Die Kappadozische schmachtet ein wenig und ist ganz
Bewunderung - sie hatte ein eigentümliches Kostüm an mit grossen Metallplatten an
den Ohren (vermutlich kappadozisch). Dann sehe ich Delius, die römische Matrone,
in der Hand einen Teller mit zierlichen Butterbrötchen, die er versunken in den
Mund schiebt. Er ist heute ganz in seiner wahren Welt. Seine Mutter (er lebt mit
seiner Mutter zusammen und soll sie sehr verehren) irrt zwischen den Gästen
umher und sucht ihn: Wo ist mein Sohn - haben Sie meinen Sohn nicht gesehen?
Endlich entdeckt sie ihn, aber er wendet sich ab und will sie nicht anerkennen.
Ganz betroffen flüchtet sie zur Frau des Hauses, die sie lächelnd beruhigt.
    Ich entdecke Sendt, der alleine in heiterer philosophischer Ruhe hinter
einem Glase Wein sitzt und die kleine Szene ebenfalls beobachtet hat. Halb
betäubt lasse ich mich neben ihm nieder.
    »Trinken Sie, junger Mann«, sagt er, »wie bekommt Ihnen denn das
Flötenblasen - es machte mir aufrichtiges Vergnügen, Sie neben dem Dionysos
einherschreiten zu sehen. Solange die Maskerade Maskerade bleibt...«
    »Ach, lieber Doktor, wenn Sie nur Philosoph bleiben. - Ich bin wirklich
freudig überrascht, Sie hier zu treffen.«
    »Oh, warum nicht; ich amüsiere mich ausgezeichnet, und es gibt wirklich
allerhand zu sehen - zum Beispiel Delius -, können Sie sich wohl denken, weshalb
er seine Mutter nicht erkennen wollte?«
    Ich meinte, er wollte wohl nicht aus der Stimmung herausgerissen werden, und
als römische Matrone...
    Sendt lächelte.
    »Die Matrone gilt vielleicht nur für Outsider. - Ich habe munkeln hören, dass
er den Eingeweihten die grosse Urmutter darstellt - obwohl diese von Rechts wegen
unsichtbar ist. Deshalb trägt er wohl auch den schwarzen Schleier auf dem Haupt.
Sie begreifen, dass es nun wirklich stillos wäre, sich mit seiner Mama zu
unterhalten, wenn man sich selbst als Urmutter empfindet.«
    Ich versank in tiefes Staunen - Maria kam angestürzt und warf sich in einen
Sessel:
    »Da sitzt ihr wieder und redet, statt zu tanzen. - Hören Sie, Sendt, der Sie
alles wissen, warum ist der Dionysos so rot? - Ich dachte immer, er wäre nackt
und nur mit Weinlaub.«
    »Zügeln Sie Ihre schlimmen Phantasien, Maria! Der indische Dionysos, den Sie
heute in unserem Professor verkörpert sehen, wird im langen wallenden Gewande
dargestellt. Und für Sie, lieber Dame - der Kult der grossen Mutter kam aus
Asien, deshalb mag wohl auch der indische als der Ur-Dionysos gelten.«
    »Wie langweilig«, sagte Maria, »jetzt gibt's schon wieder einen Umzug, und
ich wollte gerade mit Georg tanzen.«
    Wir sahen in der Tat, dass man sich wieder zum Zuge ordnete; von allen Seiten
strömten die Bacchanten, Jünglinge und Hermaphroditen mit erhitzen Gesichtern
herbei. Dionysos schwang einen laubumkränzten Stab, den seine Frau ihm statt des
zerbrochenen goldenen hergerichtet hatte. Nur Delius blieb ruhig an seinem Platz
stehen, Adrian lief an ihm vorbei und fragte, ob er sich denn nicht beteilige,
aber er antwortete gemessen: »O nein, es handelt sich diesmal nur um einen
Privatumzug des Cäsar.«
    Man fühlte, dass alle in erhöhter Stimmung waren, denn es ging lauter und
lebendiger zu als am Anfang, bis der Cäsar sich in Bewegung setzte und wieder
der eintönige dumpfe Gesang erscholl.
    Wir, die Kabiren...
    »Was sind Kabiren?« fragte Maria leise.
    »Trakische Urgötter«, sagte Sendt und schenkte sich ein neues Glas ein.
    Die Helden des Altertums
    Ermangeln des Ruhms...
    Und nun wollte ich wieder wissen, warum. »Ich dachte gerade, sie wären
enorm?«
    »Die Kabiren sind eben noch enormer«, erwiderte der Philosoph. »Übrigens
sind die Verse aus dem Faust.« Und Maria ganz enttäuscht: »Aus dem Faust? - Ich
meine, von Hofmann - sie sehen ihm so ähnlich.«
    »Nein, nun hört auf, Kinder!« sagte der Philosoph. »Ihr fragt mich zu Tode?
Lieber wollen wir nächstens wieder ein teoretisches Souper veranstalten - Je me
sauve«, und damit verlässt er uns, um einer schönen Griechin die Cour zu machen.
    Ich tanze mit Maria, mit einer Unbekannten, dann treibe ich mich herum und
suche nach Susanna, die ich noch kaum gesehen habe. Die vier Hermaphroditen,
deren Kostüm bis ins kleinste Detail übereinstimmt, sind durchaus verwirrend.
Darin hat Susanna wohl recht gehabt. Ich denke, sie ist es, die vor mir steht,
und lege sanft den Arm um sie - es ist Konstantin - er dreht sich um und schaut
mich an wie ein schönes Mädchen:
    »Nein - dort in der Fensterbank sitzt sie«, sagt er.
    Die Lampen blenden, ich sehe nur ein paar schlanke schwarze Beine, ein
weisses Obergewand, den roten Kranz, ich trete näher heran - Schnurrbart -
Zwicker - es ist Adrian. Er unterhält sich gerade mit einem Franzosen, klärt ihn
über die Bedeutung des Festes auf und weist auf eine Gruppe von Knaben und
Bacchantinnen hin, unter denen es stürmisch und zärtlich zugeht. Ich höre Adrian
sagen:
    »Mais c'est une orgie - vraiment, c'est une orgie - un bacchanal!«
    »Oui, oui, oui - parfaitement«, erwiderte der Franzose.
    Hoffnungslos wand ich mich weiter durch die menschenvollen Räume, aber nun
begegnete mir die wirkliche Susanna und zog mich mit:
    »Ein neuer Zinnsoldat«, sagt sie, »er ist sehr nett, kommen Sie nur mit.«
    Ja, er war wirklich recht nett - ein blonder Gutsbesitzer, der sich stilvoll
in ein grosses Panterfell gewickelt hatte. - Wir etablierten uns in einer
stillen Ecke, Susanna schmiegte sich an das Panterfell und liess mir ihre linke
Hand. Sie weiss, dass ich mich dann schon etwas glücklicher fühle.
    So sassen wir, schwätzten, ruhten uns aus und betrachteten das festliche
Getriebe. Willy und Orlonsky tauchten manchmal auf, grollten etwas, weil sie
nicht tanzen wollte, blieben eine Weile oder verzogen sich wieder. Heinz kam
vorbei - dann sein Freund, der Indianer; ich erfuhr jetzt endlich von Susanna,
dass er Petersen heisst und aus einer nordischen Heidegegend stammt - deshalb wird
er auch trotz seiner dunklen Haare als blonder Germane eingeschätzt. An diesem
Abend trug er ein orientalisches Kostüm und einen langen falschen Bart. Ich rief
ihn an, da ich ihn doch kannte, aber er zuckte die Achseln und antwortete mit
einem unverständlichen Gemurmel, was wohl bedeuten sollte, dass er nicht für mich
zu sprechen sei.
    »Er ist ein orientalischer Priester«, erklärte Susanna, »und es gehört dazu,
dass er uns nicht kennt. - Überhaupt zu seinem Stil; er gilt gerne für
verschlossen und herrisch.«
    Es war schon spät; in der Mitte des Zimmers begann jetzt ein weibliches
Wesen, anscheinend eine Mänade, die fast nur in rote Schleier gehüllt war und
Hörner auf dem Kopf trug, Solo zu tanzen - alles schob sich zur Seite, um
zuzuschauen. Delius in seinem schwarzen Gewande schritt um die Tanzende herum
und liess leise seinen Triangel ertönen. Ich erkannte die schwarze Malerin, die
ich bei Heinz gesehen.
    »Das ist die Murra«, sagte Susanna leise, »ich weiss nicht, wie sie sonst
heisst. Der Petersen ist Bildhauer und hat sie kürzlich als erdhaftes Weib
modelliert - es ist nur ein Kopf, der nicht recht aus dem Stein heraus will. Er
sollte eigentlich die Urzeit heissen, aber irgend etwas stimmte nicht, und er
taufte es dann die Murra. Der Name soll eben das Dunkle, Erdhafte wiedergeben.
Man fand es enorm, und das Mädchen ist sehr stolz darauf.«
    Der Panter hörte aufmerksam zu und schien sich nicht besonders zu wundern -
er muss doch nicht ganz fremd in Wahnmoching sein.
    Die Murra tanzte und bog sich in verzückter Gelenkigkeit vorwärts -
rückwärts, man hatte manchmal Angst, sie könnte ohne weiteres durchbrechen. Alle
Zuschauer waren völlig hingerissen, nur der Mann im Panterfell machte ziemlich
laut eine abfällige Bemerkung, und der Indianer - nein, diesmal war er ja
Priester - - warf ihm einen furchtbaren Blick zu. Die kappadozische Dame sah
interessiert zu uns herüber, sie hoffte wohl, es würde wieder Blut fliessen. Aber
nun ergriff der Priester einen Gong und trat selbst in die Arena. Mit dröhnenden
Schlägen und düsterer Miene schritt er auf die Tänzerin zu, um sie herum, und
feuerte sie zu immer wilderen Sprüngen an. Sie erntete ungeheuren Beifall, ihre
roten Schleier flogen auf und nieder, ich fühlte mich schliesslich wie
hypnotisiert, ich sah und empfand nichts mehr als rote Schleier - rote Schleier,
hörte nichts mehr als die dröhnenden Gongschläge. Vielleicht war das wirklich
der dionysische Rauschzustand, den dieses Fest ja herbeiführen sollte. Der
Professor kam an den Tisch, und ich teilte ihm meine Empfindungen mit; er schien
hocherfreut und sah mich voller Sympatie an. Dann zog eine Bacchantin ihn fort;
der Panter gürtete sein Fell und mischte sich ebenfalls in das Gewühl. Susanna
hatte bisher wohlig in unser beider Armen geruht; nun der andere gegangen war,
konzentrierte sie sich auf mich. Ich war sehr glücklich und auch wieder
melancholisch, denn ich wagte endlich die Frage, zu der ich mich schon lange
verurteilt fühlte:
    »Ach Susanna - kann ich Ihnen denn niemals mehr sein als ein Zinnsoldat?«
    Und sie antwortete nur: »Das ist schwer zu wissen.«
    Der Panter kam zurück und mit ihm der Philosoph; die beiden waren
anscheinend schon bekannt und unterhielten sich eifrig miteinander. Immer noch
tanzte die Murra, sie schien überhaupt nicht mehr aufhören zu können - dann
plötzlich schleuderte der Indianer seinen Gong weit von sich und drehte sich
rasch und immer rascher um sich selbst wie ein Derwisch. Das gab das Signal zu
einer allgemeinen Ekstase, alles begann zu tanzen, zu drehen, in einem rasenden
Tempo herumzuwirbeln - paarweise, allein oder zu mehreren, wie es gerade kam.
Eine ganze Schar von Mänaden schwang sich im Kreise um den Dionysos, der
verzückten Blickes bald eine, bald die andere ansah und einzufangen versuchte.
Auch Susanna hatte ihre Faulheit abgeschüttelt und bildete mit Konstantin und
Adrian ein unentwirrbares Ensemble von schwarzen Beinen und rotumlaubten Köpfen.
    Wir hielten unterdessen an unserer Ecke fest, sie glich immer mehr einer
umbrandeten Insel. Adrian trat wieder zu uns und betrachtete das bewegte
Schauspiel durch seinen Zwicker.
    »Hören Sie, Sendt«, sagte er hingerissen, »wenn Sie immer noch nicht zugeben
wollen, dass wir in Wahnmoching noch einmal ein dionysisches Zeitalter erleben
werden...«
    »Meinetwegen - erleben Sie es«, entgegnete der Philosoph trocken. »Es ist ja
im späteren Altertum schon einmal vorgekommen, dass die dionysischen Kulte eine
wohlgeordnete patriarchalische Weltanschauung wieder über den Haufen rannten
und...«
    Adrian horchte gespannt auf: »Was? Das wusste ich ja gar nicht.«
    »Nun, dann wird es Sie sicher interessieren, dass auch damals die Frauen
wieder zu Mänaden und Hetären wurden, und - hören Sie nur gut zu, Adrian - auch
damals lernte ein ernüchtertes Zeitalter wieder den Rausch einer tieferen und
glühenderen Lebensempfindung kennen - was, soviel ich weiss, die verborgene
Hoffnung Wahnmochings ist. Eben jene nächtlichen dionysischen Feste mit rasenden
Tänzen, die Opfertiere, die von den Mänaden zerrissen und roh verschlungen
wurden.«
    »Pfui Teufel«, sagte der Panter.
    »Weil in ihrem Blut der Gott selbst entalten war.«
    »Stierblut«, fiel Adrian, sich plötzlich erinnernd, ein.
    »Ja, Stierblut, weil der Gott in der Gestalt eines Stieres erschien und man
somit seine Substanz in sich aufnahm - aber bitte, lesen Sie es lieber in Ihrem
Bachofen nach, ich habe nicht die Absicht, hier weitere Vorträge zu halten.«
    Adrian nahm einen Zettel aus seinem Gewande und notierte sich etwas. Der
Panter hatte derweil nachgedacht und sagte bedächtig: »Es wäre eigentlich doch
nicht so übel!« Dann stand er auf und reckte sich. Adrian fasste ihn am Arm.
    »Kommen Sie, Panter! - Tanzen wir, rasen wir, stürzen wir uns unter die
Mänaden.«
    »Gebt nur acht, dass sie euch nicht zerreissen«, bemerkte der Philosoph
friedfertig.
    Und die beiden tauchten in dem tobenden Chaos unter, das noch eine Zeitlang
fortwogte und sich dann allmählich in erhitzte und ermattete Einzelgestalten
auflöste.
 
                                       12
                                                             Zwei Tage später...
Nein, es liegt wohl nicht in meinem Bereich, kosmische Feste zu schildern - was
ich da mit schöner, ordentlicher Schrift in meine Hefte male, mutet mich selbst
so nüchtern und farblos an. Sicher war auch in dem Ganzen weit mehr Rausch und
mystischer Gehalt, als ich hier wiederzugeben weiss. Vielleicht auch fehlt mir
nur die Fähigkeit, es so zu erleben, ich bleibe immer an der Schwelle stehen,
ich bin kein Entusiast, kein Schwärmer, kein Bacchant, ich bin nur Herr Dame.
    Man hat in ganz Wahnmoching und darüber hinaus tagelang nur von diesem Fest
gesprochen - Laien und Eingeweihte -, es scheinen ungeheuerliche Gerüchte
darüber umzugehen. So fragte mich heute der alte Hofrat, den ich an der
Trambahnhaltestelle traf, ob ich denn wirklich an diesen Orgien teilnehme, bei
denen arge und bedenkliche Dinge stattfinden sollten, zum Beispiel den Göttern
zu Ehren rauchendes Blut aus Schalen getrunken würde. Mir ging dies
verständnislose Geschwätz so auf die Nerven, dass ich trotz meiner guten
Erziehung etwas ausfallend wurde. Ich belehrte ihn, dass Hofmanns eine angesehene
Familie wären und man in ihrem Hause weder rauchendes Blut tränke noch sonst
etwas Ungehöriges täte, wie überhaupt selbst die eifrigsten Vorkämpfer des
Heidentums in diesem Vorort die gesellschaftlichen Formen immer zu beobachten
wüssten; in Spiesserkreisen aber sei für das alles schwerlich das notwendige
Verständnis zu finden, ja, auch gar nicht erwünscht, denn der Spiesser sei von
jeher molochitisch gewesen. Der unsympatische Greis kicherte höhnisch, schwang
sein Spazierstöckchen und bemerkte: »Das klingt ja recht beruhigend, aber mit
der Echteit dieses Heidentums scheint es doch nicht weit her zu sein - die
alten Heiden haben schwerlich auf korrektes Benehmen Wert gelegt.«
    »Wer weiss«, sagte ich erbost, »weder Sie noch ich haben sie näher
kennengelernt. Ausserdem stehen wir jetzt im zwanzigsten Jahrhundert, und die
Sitten haben sich seit dazumal etwas abgeschliffen - man trinkt nicht mehr
Blut...«
    »Das verdanken wir nur der Kultur des Christentums«, gab er gereizt zurück.
    »Im Gegenteil...«, ich wollte ihm das noch näher auseinandersetzen; aber
wozu, er hätte es doch nicht begriffen. So begleitete ich ihn schweigend an
seine Trambahn, die eben herankam, und er sagte nur noch, ich solle ihn doch
bald einmal besuchen, er interessiere sich lebhaft für meine weitere
Entwicklung.
Aus Nervosität begab ich mich ins Café, das ich schon längere Zeit hindurch
vernachlässigt hatte, und diesmal tat mir selbst der Anblick der Kappadozischen
und ihres jungen Dichters wohl. Ich fühlte beinah Sympatie für die beiden und
schilderte ihnen meine Unterredung mit dem alten Herrn, in dem stolzen Gefühl,
für die heidnische Bewegung eine Lanze gebrochen zu haben. Aber der Dichter
missbilligte es, dass ich mich darauf eingelassen. Wer an grossen Dingen teilnehmen
dürfe, der müsse auch darüber zu schweigen wissen.
    Doktor Gerhard, der ebenfalls zugegen war, verteidigte mich und meinte, man
habe doch gerade zu diesem Fest alle möglichen Fernstehenden eingeladen, von
denen keine innere Beteiligung zu erwarten wäre, und die dann vielleicht
derartige Gerüchte verbreiteten.
    »Die Auswahl der Gäste bleibt wohl stets dem Gastgeber überlassen«, bemerkte
der Jüngling ablehnend und zupfte an seiner kultlichen Krawatte.
    »Gewiss«, gab ich zu, »ich bitte mich nicht misszuverstehen - ich halte es
eben für korrekt, bei jeder Gelegenheit für das Haus meiner Gastgeber
einzutreten.«
    Er zuckte die Achseln: »Es tut mir leid, Herr Dame, aber auf studentische
Ehrenstandpunkte vermag ich leider nicht einzugehen. Diese gehören der Welt des
Fortschritts an, mit der wir jede Beziehung ablehnen.«
    »Ich hoffe, die Herren werden sich über diese Frage nicht in die Haare
geraten«, sagte Doktor Gerhard mit milder Ironie. Der Dichter lächelte herbe und
hüllte sich dann in Schweigen. Die kappadozische Dame dagegen war sehr
liebenswürdig, sie ästimiert mich anscheinend, seit ich die Panflöte geblasen
habe, und fragte, wie ich darauf gekommen sei. Ich erzählte, dass Delius uns alle
beraten und wie er sich dann verabschiedet habe, um kosmische Urschauer zu
erleben. dabei fühlte ich, wie ich immer mehr in ihrer Achtung stieg, auch der
Dichter wurde wieder zugänglicher.
    »Delius hat uns neulich eine sehr bedeutungsvolle Begebenheit erzählt«,
sagte er. »Er war vor einigen Jahren in Rom...«
    »Ich denke, Herr Delius ist immer in Rom«, warf Gerhard ein. Der Dichter
ignorierte ihn, und die Kappadozische suchte zu vermitteln: »Es ist hier wohl
von dem wirklichen Rom die Rede.«
    »Gibt es ein wirkliches und ein unwirkliches Rom?« fragte der junge Mann
bitter. »Ich meinte allerdings jene italienische Stadt, die heute noch Rom
genannt wird; aber gerade was Delius dort erlebte, zeigt, dass immer wieder der
leere Schein für Wirklichkeit gehalten wird und tiefstes Erleben für
unwahrscheinlich gelten mag. - Ihm, Delius, musste das moderne Treiben an dieser
Stätte wohl vor allem verhasst sein, und so beschloss er, seine Mahlzeiten nach
altrömischem Brauch einzunehmen. Er kaufte daher Wein und Früchte und begab sich
zur Mittagzeit, wo alles ruhte, in die Campagna. Dort breitete er seine Vorräte
auf dem Boden aus, flehte den Segen der Götter auf sich und sein Mahl herab und
wollte eben damit beginnen, als dicht hinter ihm ein entsetzliches Gebrüll
ertönte und ein ungeheures ziegenbockähnliches Tier mit ellenlangem, bis auf die
Erde herabhängendem Bart auf ihn zustürmte. Entsetzt ergriff er die Flucht, denn
es schien ihm wohl möglich, dass ein böser Dämon sein Spiel mit ihm treiben
wolle. Und als er nach einer Weile wieder zurückkehrte, fand er nur noch das
zertrümmerte Weingefäss am Boden, alles andere, auch das Ungeheuer, war spurlos
verschwunden. - Ihr Lächeln ist nicht am Platz, Doktor... es wurde später dahin
aufgeklärt, dass gerade unter der Stelle, wo er verweilt hatte, sich ein altes
Grab befand.«
    »Sagte nicht jemand, es könne vielleicht der grosse Pan selbst gewesen sein?«
fragte die kappadozische Dame eifrig, aber der Dichter warf ihr einen strafenden
Blick zu und sagte mit grosser Bestimmteit: »Darüber ist mir nichts bekannt.«
    »Sollte unser gemeinsamer Freund Delius sich in diesem Falle nicht doch
etwas getäuscht haben«, äusserte Gerhard nach einer Pause, und der Dichter
entgegnete:
    »Ich weiss nicht, wie Sie das meinen - aber es möge sich jeder die Welt der
Erscheinungen deuten, wie er will. Das sind für uns nur Symptome seines Wesens.«
    Die Kappadozische sah ihn nachdenklich an: »Und sicher gehen wir jetzt einer
Zeit entgegen, die es wieder lernen wird, sie im Sinne des Lebens zu deuten.«
    Gerhard seufzte ein wenig:
    »Ja - ja - das wäre allerdings sehr zu begrüssen, gnädiges Fräulein.«
    Wir sind dann zusammen fortgegangen.
Wie oft schon habe ich hier sagen hören: wir gehen Zeiten oder einer Zeit
entgegen, die...
    Es ist nicht lange her, da klang es mir fremd und unverständlich in die
Ohren - mich dünkt, ich habe rasch und viel gelernt. Vor einem Monat noch hätte
ich wohl ratlos den Philosophen aufgesucht und ihn gefragt: was für Zeiten denn
- und wieso? Jetzt weiss ich, um was es sich handelt, weiss und begreife, dass man
von der Wahnmochinger Bewegung eine grosse Erneuerung des Lebens erhofft und
erwartet. Dem Laien mag es fast wie eine Redensart klingen, mit der schon
unzählige Bewegungen ihr Programm eröffnet haben, aber für den Wissenden besteht
kein Zweifel, dass eben diese Bewegung von Grund aus anders geartet ist. Sie
lehnt die ganze Welt des seelenmordenden Fortschritts ohne weiteres ab, will
nichts mit ihr zu schaffen haben - sie weist nicht nach vorwärts, sondern zurück
auf die mächtigen, urewigen Wurzeln alles wahren Lebens - nein, das stimmt nicht
ganz - sondern auf den Urgrund, in dem allein solches Leben zu wurzeln vermag,
denn alles Heutige ist ohne Wurzeln.
    Wie sagte Hofmann neulich: Es gibt eine Welt, für die es gleichgültig ist,
ob ein Schiff liegt oder ob ein Tisch fliegt. Ich schäme mich vor mir selbst, zu
gestehen, dass ich diesen Ausspruch im ersten Moment für einen Witz hielt und
seine tiefe Bedeutung mir erst später aufging.
    Die Welt, in der Schiffe fliegen, ist eben die moderne, instinktlose, völlig
maschinell gewordene, die jeden Erfinder eines neuen Mechanismus als Helden und
Menschheitserlöser preist. Und die Welt, in der Tische fliegen oder wenigstens
fliegen würden, wenn man Wert darauf legte - diese Welt ist unser Stadtteil, ist
Wahnmoching. Nur ein Stadtteil; aber wer weiss, ob er nicht dereinst das tote
Heute mit neuem Lebensgehalt durchdringen wird.
    Das mit den Tischen, die fliegen, hat noch eine besondere Bewandtnis, die
einstweilen als tiefes Geheimnis behandelt wird. Übrigens gehört auch das zu der
eigentümlichen Atmosphäre unseres Vororts: vieles ist Geheimnis, und noch viel
mehr wird als solches angesehen, obwohl alle darum wissen. Die Geheimnisse
schwirren gleichsam in der Luft herum, aber sie offenbaren sich nur dem, der sie
zu erkennen versteht.
    Ich glaubte immer, ein diskreter Mensch zu sein, aber jetzt erst habe ich
begriffen, dass es noch eine Hohe Schule der Diskretion gibt - eine wunderbare
Technik, Dinge, die vielleicht schon in aller Leute Mund sind, durch plötzliches
Verstummen in undurchdringliche Schleier zu hüllen und dadurch als Geheimnis zu
kennzeichnen. Wie irrig ist die übliche Anschauung, nur das absolut
Verschwiegene sei Geheimnis. Was niemand weiss, ist ein Nichts, ist überhaupt
nicht vorhanden; und nur die Art, wie man ein Gewusstes je nachdem offenbart oder
wieder verhüllt, macht es zum wahren Geheimnis.
    So weiss auch ich, der noch keine Weihen empfangen hat (so nennt man es hier
- es sind damit keine äusseren Zeremonien gemeint, sondern ein bestimmter Grad
von innerer Beschaffenheit), so weiss auch ich zwei Dinge, die dem Bereich der
Wahnmochinger Geheimnisse angehören.
    Das eine ist, dass man damit umgeht, eine heidnische Kolonie zu gründen. Ich
verstehe sehr gut, warum man diesen Plan geheimhält, vor allem wohl, um nicht
mit manchen scheinbar ähnlichen Unternehmungen verwechselt oder auch nur
verglichen zu werden. Ich verstehe auch, welche Tragik darin läge, einfach für
Weltverbesserer, Religionsstifter oder dergleichen zu gelten, wo es sich doch um
viel Tieferes handelt. Man wünscht deshalb auch nicht, dass sich viele dazu
herandrängen, und die Auslese wird aufs strengste gehandhabt. Meine
verschwiegene Hoffnung geht dahin, dass unter den Wenigen auch ich für würdig
befunden werde.
    Und das andere, worauf auch des Professors Wort über die fliegenden Tische
hindeutete - dieses andere mag wohl dem gemeinen Menschenverstand unfasslich
klingen. Die geistigen Führer Wahnmochings - Hofmann, Delius und Hallwig - oder
sind es in diesem Falle nur Hofmann und Hallwig? - das könnte ich verwechselt
haben, kurzum, es verlautet, dass sie Geheimnisse von unabsehbarer Tragweite
entdeckt haben und dadurch in der Beherrschung gewisser innerer Kräfte so weit
vordringen, dass sie über kurz oder lang in der Lage sein werden, zu zaubern,
wirklich und wahrhaftig zu zaubern. Nicht etwa im landläufigen Sinne Magie zu
treiben, die sich doch eben nur mit Einzelgeistern beschäftigt - und das ist ein
grosser Unterschied.
    Man erklärte es mir etwa so: gelingt es einem, sich durch ein mystisches
Verfahren - ich glaube durch absolute Selbstversenkung in das kosmische
Urprinzip - dergestalt zu läutern, dass auch die geringsten Bestandteile von
Molochitischem gebannt werden, gelingt es ihm, die kosmische Ursubstanz in sich
allmächtig zu machen, so dass sie sein Wesen vollkommen durchdringt - nun, so
wird eben er selbst allmächtig, und wer allmächtig ist, kann zaubern. Es gehört
noch dazu, dass in seiner Umgebung starke kosmische Substanzen vorhanden sind -
und ja keine molochitischen, die eben doch irgendwie auf ihn einwirken und jenes
Verfahren beeinträchtigen könnten. - Daher Hallwigs grosse Zurückhaltung im
Verkehr - er will nicht mit Belanglosen in Berührung kommen. Denn der Belanglose
hat keine oder nur geringe kosmische Substanz und ist dem Molochitischen leicht
zugänglich.
                                   Anmerkung
Wir sind hier an einem der Punkte angelangt, verehrter Freund, die vielleicht
eines Kommentars bedürfen - ob nämlich die Zauberhoffnungen Wahnmochings,
beziehungsweise deren Erfüllung, wirklich im Bereich des Möglichen lagen. Sicher
wird das Publikum die berechtigte Anforderung erheben, darüber aufgeklärt zu
werden. Uns selbst schien es anfangs sehr zweifelhaft, aber als wir zu Ende
gelesen hatten, fühlten wir uns doch geneigt, die Frage mit: Ja, oder:
Höchstwahrscheinlich - zu beantworten. Sie werden ja auch sehen, dass die
bedeutendsten Köpfe jenes Stadtteils einmütig daran glaubten.
    Trotzdem ziehen wir es vor, unsere Ansicht darüber von der Ihrigen abhängig
zu machen.
Ja - da wird es wohl begreiflich, dass so oft von Zeiten gesprochen wird, denen
wir entgegengehen. - Zeiten, in welchen es gleichgültig sein wird, ob Schiffe
fliegen oder ob Tische fliegen - begreiflich, dass die Atmosphäre unseres
Vorortes mit gewaltigen Spannungen geladen ist. Man feiert Feste - man rast und
taumelt, man lacht und plaudert, kost mit schönen Frauen, und dazwischen wieder
kreisen gewitterschwere Geheimnisse, wehen mystische Erleuchtungen über letzte,
äusserste, ungeheure Dinge. (So sagt man hier.)
Seit dem Hofmannschen Abend hat sich rein persönlich alles mehr
zusammengeschlossen, als wolle man dem Rest dieses Karnevals - der noch eine
Woche dauert - durch stärkere Gemeinsamkeit eine bedeutsame Note aufprägen. Und
ich hörte sagen, der Kreis sei bestrebt, möglichst viele kosmische Elemente um
sich zu sammeln - ja, im Zentrum von Wahnmoching hoffe man auf das
Zustandekommen einer neuen heidnischen Blutleuchte, die natürlich für die
Zauberhoffnungen sehr wesentlich ist und alles ungemein erleichtern würde. (Die
letzte ist gewesen, als Hofmann, Delius und Hallwig sich kennenlernten und der
Meister sein erstes Buch schrieb - in demselben Jahr hat Maria ihr Baby
bekommen, deshalb legt man auch so viel Wert auf die Erhaltung ihrer heidnischen
Substanz.) So trifft sich abends alles bei den letzten Festen oder Redouten, und
Wahnmochings bacchantisches Toben reisst manchmal auch die Menge mit fort. Und in
den müden Tagesstunden findet man sich im Café oder bei Hofmanns und im Eckhaus
zusammen.
    Der Professor entdeckt unermüdlich wundervolle Menschen und fabelhafte
Frauen, die sich zu Mänaden eignen und, wenn er es ihnen sagt, auch sofort zu
rasen beginnen. Maria beunruhigt sich um Hallwig, der all dieses Treiben meidet,
aber ihre Zinnsoldaten haben gute Tage. Susanna liebt den Mann im Panterfell -
und ich selbst folge ihr nur noch als verurteilter Schatten, der erst viel Blut
trinken müsste, um zum Leben zu erwachen. In dieser wilden Zeit gibt man mir ja
auch manchmal Blut zu trinken und dann - schweig still, mein Herz.
 
                                       13
                                                 Aschermittwoch, den 24. Februar
Nur das Datum habe ich hier aufgeschrieben, und seitdem sind schon wieder
mehrere Tage vergangen. Aschermittwoch - ein trübseliges Datum, aber wohl nur
für den, der seine Besinnung schon wiedergefunden hat.
    Uns allen war sie völlig abhanden gekommen, es herrschte nur eine still
glückselige Aufgelösteit, und immer noch tönten uns Nachklänge der verbrausten
Feste in die Ohren.
    Wir kamen die letzten drei Tage nur flüchtig und besuchsweise heim - ins
Eckhaus, denn in dieser Zeit war das Eckhaus unser aller Heimat. Wir wussten
längst nicht mehr, wer eigentlich zu uns gehörte und wer ein Fremder war - ob
man sich als Freund gegenüberstand oder als Todfeind - und wer sich liebte,
hasste oder völlig gleichgültig war.
    Und wenn es wirklich das Ziel dieses Stadtteils ist, dass alle Individualität
aufhört, jedes Einzelleben sich an eine Allgemeinheit verliert - so konnte es
wohl für erreicht gelten.
    Als ich Sendt diese Wahrnehmung mitteilte, lächelte er ein wenig und sagte:
    »Lassen Sie nur alle erst einmal ausschlafen, dann wollen wir weiter darüber
reden.«
    Das war in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch, als die letzten Lokale
geschlossen wurden und es hiess, der Karneval sei nun zu Ende.
    Die meisten gingen denn auch nach Hause - wir nicht, wir standen im Schnee
auf der Strasse und wollten glücklich bleiben. Dann lud uns jemand, den wir nicht
kannten, zum Frühstück ein, das Frühstück ging in ein Souper, das Souper in ein
Gelage mit Tanz über, dann wurde alles undeutlich, immer undeutlicher. Man war
nicht mehr im Kostüm, war wieder in seiner gewöhnlichen Kleidung und fand sich
eines Nachmittags um den Teetisch im Eckhaus versammelt. Die verschiedenen
fremden Gesichter waren verschwunden, und der engere vertraute Kreis war wieder
unter sich. Nur Susanna fehlte noch - aber man spricht nicht darüber. Orlonsky
prüft seine Bergstiefel, jongliert mit den Tellern und tanzt einen scharrenden
Niggertanz - lauter Anzeichen, dass er mit irgend etwas nicht einverstanden ist.
                                                                     28. Februar
Ein paar leere, verschlafene Tage - es ist, als wäre ganz Wahnmoching aus dem
bacchantischen Taumel in einen tiefen, todähnlichen Schlaf versunken und das
Leben selbst in Stillstand geraten.
    So bin ich viel zu Hause geblieben, nur hier und da ein wenig
spazierengegangen - dann wieder habe ich in meinen Papieren geblättert und
versucht, an meinen Roman zu denken - wann werde ich endlich die innere Sammlung
finden, um ernstlich ans Werk zu gehen? - Einmal suchte ich auch den Philosophen
auf, aber er war nicht da - dann ging ich am Eckhaus vorbei - sämtliche Läden
geschlossen und die Glocken abgestellt, wo sind sie alle?
                                                                         3. März
Gestern, als ich mittags nach Hause kam, fand ich einen Zettel von Susanna auf
meinem Schreibtisch:
    »Es gibt mich wieder - kommen Sie bald - S.«
    Chamotte sitzt in seiner Kammer am Fenster und bläst die Hirtenflöte.
    Ich hab' sie ihm geschenkt, weil er so viel Freude daran hatte.
    Auch Chamotte ist melancholisch - er macht immer meine Stimmungen mit.
    Nachmittags gehe ich hinüber und finde Susanna und Maria allein, unten in
dem grossen Zimmer am Ofen. Sie scheinen beide ein wenig gedrückt, draussen ist
ein trübes, graues Wetter.
    »Wie gut, dass Sie kommen«, sagt Maria, »es ist heute so unheimlich - wir
sind eben erst aufgestanden - und das ganze Haus ist leer - wir haben keine
Ahnung, wo die anderen alle sind.«
    Chamotte wird fortgeschickt, um Sekt zu holen, und sie ermunterten sich ein
wenig.
    »Warum sind Sie denn heute so deprimiert?«
    »Ich weiss nicht, es hat eigentlich gar keinen Sinn...«, sagt Susanna.
    »Doch«, fällt Maria ihr ins Wort, »alle sind böse auf uns - ach, bitte noch
ein Glas, es ist wirklich ein Trost, dass Sie gekommen sind.«
    »Wenn ich Ihnen nur etwas helfen könnte!«
    »Das können Sie nicht - er sagt, meine Seele sei am Erlöschen - Hallwig
natürlich - was wollen Sie dabei machen? Und nur wegen dem Karneval.«
    »Wie falsch«, sagt Susanna, »nie hat man so viel Seele wie im Karneval.«
    »Verschwendet sie aber an unwürdige Subjekte und unechte Räusche«, belehrte
Maria.
    »Ja, was nennt man denn eigentlich echt?«
    »Ach, ich glaube, nur was einem selber Spass macht - und ihm liegt es nun
einmal nicht, sich zu amüsieren - aber wir können es nicht lassen.«
    »Nein, das können wir nicht.«
                             Pause. - Es klingelt.
»Das wird Georg sein, ach, Susanna, schick ihn fort, ich kann ihn heute nicht
sehen.«
    Als Susanna zurückkommt, frage ich nach dem Panter - es war eine
Ideenverbindung, die sich mir unwillkürlich aufdrängte.
    »Du lieber Gott, das ist es ja gerade - denken Sie nur, er ist nun auch
unter die Enormen gegangen, und sie haben ihn als zugehörig akzeptiert, das ist
eine Vorstufe«, es klingt wirklich tiefer Schmerz aus ihrer Stimme, »ich hoffte
ja so, er wäre belanglos. Aber sie haben entdeckt, es sei irgendeine Substanz
ungewöhnlich stark in ihm; wie heisst es doch, Maria?«
    »Wikingersubstanz - das solltest du doch eigentlich wissen...«
    »Ach, wozu? Aber es gefällt ihnen - und nun geht's natürlich auch über mich
her. Und Onsky ist aus Zorn über den Panter ins Gebirge - Willy ist wieder
böse, weil er fort ist, und hasst deshalb den Panter mit, er kann es nicht
ausstehen, wenn unser häuslicher Friede wegen anderer Männer gestört wird. - Sie
sehen, es geht uns wirklich schlecht.«
    Ja, das sah ich wohl ein.
    Maria warf neues Holz in den Ofen, und nun sassen wir alle drei und starrten
betrübt in die Flammen.
    Dann klingelte es wieder, und sie fuhren nervös zusammen. Chamotte steckte
den Kopf in die Tür und fragte, ob Herr Konstantin empfangen würde.
    »Ja, er soll nur kommen«, sagte Maria, »der arme Junge wird wohl auch nicht
in rosiger Laune sein - zwischen ihm und dem Indianer hat es einen Krach
gegeben, von allen Seiten ziehen sich Unwetter zusammen. Und gerade jetzt, wo
man noch so müde ist.«
    Konstantin kam und mit ihm Willy, der Susanna die Hand küsste und sich
versöhnlich zeigte. Ja, und Konstantin schien wirklich nicht bei rosiger Laune,
er war ganz verstört und warf sich, ohne zu sprechen, auf eines der Polster
nieder.
    »Hast du Hallwig gesprochen?« fragte Maria nach einer Weile.
    »Nein, nur Petersen - er kam heute in meine Wohnung und kündigte mir die
Freundschaft.«
    »Warum hast du auch mit der Murra gebuhlt?«
    »Gott, nur so - ich mag sie ja eigentlich gar nicht, und das hab' ich ihm
auch gesagt. Aber es schien ihn nur noch mehr zu reizen. Er hat ein förmliches
Protokoll aufgenommen und wird es wohl Hallwig unterbreiten.«
    »Und glaubst du, dass er deshalb...«
    »Ach, ich weiss nichts«, seufzte der Sonnenknabe, »manchmal mag ich überhaupt
nicht mehr. - Früher konnte ich tun, was ich wollte - wenn ich log oder
klatschte und ihre Mädchen in mich verliebt waren, fanden sie es nur enorm, und
jetzt wird mir alles das plötzlich vorgeworfen.«
    »Ist Eifersucht nicht eigentlich unheidnisch?« fragte Susanna nachdenklich.
    »Ja, gewiss, nur bei Petersen nicht - bei ihm gehört sie zur Geste, und seine
Gesten werden immer respektiert. Aber ich habe diesmal wirklich nicht daran
gedacht.«
    »Und vor allem, dass es gerade die Murra war«, sagte Maria, »sein Modell - du
hättest dich gerade so gut an der Urzeit selbst vergreifen können.«
    »So wird es mir wohl auch ausgelegt werden - du sollst sehen, sie werden
mich jetzt für molochitisch erklären.«
    »Und meine Seele ist am Erlöschen«, murmelte Maria vor sich hin wie eine
Lektion.
    »Ach, Maria«, sagt Willy sentimental, aber sie hört nicht darauf, sie sieht
nur wie erstarrt in die Flammen.
    »Aber gerade jetzt - und gerade uns beiden...«
Ich vermute, dass sie dabei an die Zauberhoffnungen dachte, von denen wohl ganz
Wahnmoching erfüllt ist, und die, wie man weiss, eine strenge Scheidung der
Substanzen erfordern. Dass es ihr ungerecht und bitter erscheint, wenn man eben
jetzt den Sonnenknaben verwirft und an ihrem Wert zweifelt... Es will mir ja
auch nicht recht in den Kopf, dass da persönliche Konflikte eine solche Rolle
spielen können. Aber ich sehe wohl nicht tief genug, um zu verstehen, warum die
Zinnsoldaten ihre Seele auslöschen und warum es molochitisch war, dass Konstantin
mit des Indianers Weib buhlte.
    Tags darauf sprach ich auch noch mit Willy darüber. Immer von neuem versuche
ich, mir ein Bild von diesem Hallwig zu machen, und stets zerrinnt es wieder an
Unbegreiflichkeiten. Wie ein zürnender Gott scheint er über Wahnmoching zu
walten, aber immer aus der Ferne, immer in Nebel gehüllt.
    Und ich, der Belanglose, bin vielleicht verurteilt, ihn niemals
kennenzulernen - wenn nicht der Zufall oder eine innere Notwendigkeit es so
fügt. Aus eigener Initiative werde ich wohl niemals den ersten Schritt wagen -
gerade jetzt, wo selbst die Nächsten sich nicht trauen, seine Zauberkreise zu
stören, und ganz Wahnmoching in ahnungsvollem Abwarten verharrt, wer auserwählt
und wer verworfen wird.
    Ich fühle heimliche Eifersucht auf den Panter, er ist so gross, blond und
gewaltig - das ist wohl die Wikingersubstanz, durch die er Susannas Herz
gewonnen und sich bei den Enormen die Zugehörigkeit erworben hat.
    Heut morgen war er da, sie sprachen lange zusammen in Susannas Zimmer - in
der Küche sassen derweil Konstantin und Maria mit Hofmann, sie klagten ihm ihr
Leid, und er schien sehr nachdenklich.
    Ich flüchtete mich zu Willy, denn ich war überall im Wege. Auch unsere
Unterhaltung drehte sich um Hallwig und die Zauberei. Es ist, wo zwei oder drei
Wahnmochinger beisammen sind, von nichts anderem mehr die Rede.
    Willy gehört zu den Ungläubigen, er bezweifelt, dass etwas dabei zustande
kommt, und hält die ganze Hoffnung für ziemlich illusorisch.
    Ja, wenn Delius sich daran beteiligte, meinte er, dann könnten vielleicht
wunderbare Dinge geschehen, aber der hält nichts vom Zaubern.
    »Warum denn nicht?«
    »Ich weiss nicht - vielleicht findet er es überflüssig -, und ob Hallwig und
der Professor allein damit reüssieren...?'' Ich genierte mich, schon wieder zu
fragen: warum nicht?, aber ich tat es doch.
    »Ja, das ist nicht so einfach zu erklären - Hallwig hat ja gewiss einige
Anlagen zum Zaubern. Sie sehen selbst, was für eine starke Suggestion er auf
andere ausübt. Aber es scheitert immer wieder daran, dass er sich mit seiner
Umgebung brouilliert. Er sucht möglichst viele kosmische Substanzen um sich zu
sammeln - kreiert Sonnenknaben, Hetären und Priesterinnen - dann wirft er wieder
alles um, wie bei einem Schachbrett die Figuren, und sagt, es sei doch nichts
gewesen. Schliesslich wird nur noch er selbst übrigbleiben.«
    »Und der Professor?«
    »Der macht es gerade umgekehrt und bejaht, was nur zu bejahen ist. Er wird
vielleicht in einem Atem bejahen, dass Maria und Konstantin doch enorm sind und
dass Hallwig in allem, was er tut, recht hat. Wir alle lieben ihn ja gerade
deshalb - es ist eine wirklich liebenswürdige Eigenschaft, aber in diesem Falle
kann sie ihm verhängnisvoll werden.« - »Wieso?« - »Ach, Sie fragen so viel, und
ich hab' noch nicht einmal gefrühstückt. Seit Orlonsky fort ist und die
Wahnmochingerei auch unser friedliches Eckhaus verheert, ist es wirklich recht
zum Verzweifeln.«
    Wir riefen mit vereinten Kräften nach Chamotte.
    »Am Ende sitzt er auch irgendwo und spricht über Hallwig«, meinte Willy,
»oder er sucht sich über seine Substanz klarzuwerden.«
    Nein, er sass unten im Flur und spielte die Flöte. Susanna hatte ihn als
Türhüter angestellt, um etwaige lästige Besuche fernzuhalten.
    Er brachte uns dann Kaffee, und es wurde gemütlicher.
    »Wissen Sie, lieber Freund und Dame«, sagte Willy, »Sie sind etwas zu spät
gekommen. Die grosse Wahnmochinger Bewegung hat sich schon überlebt - noch ehe
sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat.«
    »Und ich dachte, es sollte gerade erst anfangen«, entgegnete ich trübe.
    »Ja, Sie haben, wie mancher andere, das Ende mit dem Anfang verwechselt. Wir
alten Eingeborenen können uns darüber nicht täuschen - wir haben auch alle
gefühlt, dass dieser berauschte Karneval nur ein Versuch war, wieder
zusammenzufügen, was sich innerlich zu zerspalten droht. Sie haben ja selbst
gesehen, dass Hallwig nicht daran teilnahm. Das ist ein schlimmes Symptom. Und
auch Delius soll gemurrt haben, dass man dem Cäsar Ehren erwies, die nur Göttern
zukommen. Aber noch hofft man auf Zeichen und Wunder, und alles wird davon
abhängen...«
    Während der letzten Worte war Susanna ins Zimmer getreten; unten fiel die
Haustür dröhnend ins Schloss, der Panter schien sich entfernt zu haben.
    »Hört auf, hört um Gottes willen auf«, sagte sie, »wir werden ja allmählich
noch alle verrückt. Hofmann ist ganz aufgeregt fortgegangen, Konstantin hat sich
aus Verzweiflung schlafen gelegt, Chamotte bläst unentwegt die Flöte, und Maria
sitzt in der Küche und weint.«
    »Ausserdem ist es bald zwei Uhr nachmittags, und wir sitzen hier beim ersten
Frühstück«, bemerkte Willy strafend, »wenn Maria in der Küche weint, werden wir
wohl schwerlich zu einem Mittagessen kommen.«
    Ich schlug vor, wir könnten in die Stadt gehen und nachher den Philosophen
besuchen.
    »Und an Orlonsky telegraphieren, dass er wiederkommt«, sagte Willy energisch,
»es ist Zeit, dass wir wieder eine geordnete Existenz anfangen.«
    Und Susanna erklärte sich einverstanden.
 
                                       14
                                                    Eine Woche später im Eckhaus
Wenn Willy recht hätte - wenn ich zu spät gekommen bin - ich komme ja immer zu
spät oder zur unrechten Zeit, bei den Frauen, bei allem möglichen.
    Es ist kein besonders freundlicher Stern, der über meiner Biographie waltet,
das weiss ich längst, und doch erscheint es mir unfasslich, dass die Götter
Wahnmochings Untergang beschlossen haben, nur damit sich meine Biographie
vollendet - nur damit ich auch dieses Mal zu spät komme, gerade da, wo mein
grösstes Erleben - Miterleben - sich erfüllen sollte. Aber auch Willy sagt ja,
dass man noch auf Zeichen und Wunder hofft.
    Das Zeichen und Wunder eben steht bei Hallwig - ach, ich wiederhole mich
beständig und verwirre mich immer mehr, obwohl all mein Streben nur nach
Klarheit geht. Ich bin hier geblieben, ich bleibe vielleicht noch lange hier,
denn Susanna und Maria haben mich darum gebeten. So hause ich hier unten in dem
grossen Gastzimmer, und meine Biographie verwächst immer inniger mit der des
Eckhauses.
    Meine Gegenwart sei ihnen so tröstlich, sagten die Mädchen. Gerade die
matte, neutrale Note, die mir eigen ist, und dass mir trotzdem immer das Herz weh
tut.
    Das haben sie gern, und ich selbst weiss mir wohl nichts Besseres, als um
diese Frauen zu sein, die mich milde zu meinem eigentlichen Wesen verurteilen.
Orlonsky ist zurückgekommen, das Interieur wiederhergestellt, nur geht das Leben
etwas stiller als vorher - Besuche kommen und gehen - wir selbst kommen und
gehen, aber die laute Freude und sorglose Unruhe scheint etwas gedämpft. Und
draussen weht Frühlingswind.
                                                                        10. März
Mit Maria bei Hofmann. Es war kein Jour, und wir trafen nur zwei Gäste dort.
Aber diese zwei sind in unserem Stadtteil eine seltene und auffallende
Erscheinung - eine junge Polin mit flammend rotem Haar und bleichem, fanatischem
Gesicht, sie nennt sich Jadwiga, und ihr Begleiter ist ein Rabbi von der
deutschen Ostgrenze. Wir haben sie im Karneval kennengelernt, ich glaube, es war
die Kappadozische, die sie entdeckt und in Wahnmoching lanciert hat. Wieso und
warum die beiden in das Faschingstreiben gerieten, ist bisher unklar geblieben,
denn eigentlich sind sie nur unterwegs, um für den Zionismus Propaganda zu
machen. Darüber wurde auch an diesem Nachmittag viel gesprochen, und es war
nicht uninteressant, wie Jadwiga von dem Elend der israelitischen Bevölkerung in
ihrer Heimat erzählte.
    Sie sass auf einem Schemel zu Füssen der Hausfrau und sprach immer weiter von
ihrer Kindheit; was sie erzählte, waren zum Teil seltsame, phantastische
Erlebnisse, und unleugbar ging ein gewisser Charme von ihr aus, der die Zuhörer
mehr oder minder gefangennahm (der Rabbi lehnte derweil finster und schweigend
an der Wand). So schilderte sie einen alten, moosbewachsenen Ziehbrunnen und wie
sie als Kind immer in diese runde, grüne Tiefe hineingesehen und dabei förmliche
Visionen gehabt habe. Und noch vieles andere - aber bei der Geschichte vom
Ziehbrunnen sprang der Professor auf, durchmass das Zimmer mit grossen Schritten
und fragte ganz erregt:
    »Wissen Sie, dass Brunnen kosmische, dionysische Erlebnisse sind?«
    »Ich wusste es nicht«, antwortete sie, und ihr blasses Gesicht strahlte vor
Freude. Aber nun kam Delius aus dem Nebenzimmer, er hatte dort schweigend
gesessen und in einem Buch geblättert - wir wussten gar nicht, dass er da war.
    »Gewiss«, sagte er, »gewiss, Herr Professor, aber es kommt vor allem darauf
an, wer sie erlebt.« Gleich darauf verabschiedete er sich, warf noch einen
kalten Blick auf den Rabbi und ging.
    Es war keine Szene, nicht einmal ein Wortwechsel; es war gar nichts, und
doch hatte man das Gefühl, es sei etwas vorgefallen, und gab sich alle Mühe, das
peinliche Gefühl wieder zu verwischen.
    »Ach, Barmherzigkeit«, sagte Willy, als wir ihm davon erzählten, »ist der
Rabbi immer noch da? Bei mir ist er auch schon einmal gewesen, um mich für Zion
zu gewinnen, aber es lockt mich nicht - das Eckhaus ist viel sympatischer. Und
die Jadwiga ist mir ein Schrecken - sie sieht zum Beispiel immer einen schwarzen
Hund, wenn jemand irgendwie abtrünnig wird, solche Leute sind ungemütlich.«
                                                                        16. März
Ein aufregendes Erlebnis...
    Ich sitze mit Susanna allein in der Küche, vor uns eine Flasche Cherry
Brandy, den sie besonders liebt. Es ist sehr spät, die andern schlafen schon.
Wir nehmen hier und da ein Gläschen, wir sind etwas sentimental und sprechen von
unserem Leben, ich von der Frau, die ich so gerne finden möchte, sie von dem
Panter, den sie gefunden hat und der ihr viel Herzeleid bereitet. - Die anderen
sind immer noch unzufrieden und eifersüchtig, und er selbst, der Panter, hat
eben seine Wikingersubstanz völlig in Hallwigs Dienste gestellt. So hängt nun
auch ihr Liebesglück von diesem Beherrscher aller geheimnisvollen Dinge ab. Sie
kommt auch hier und da mit den Enormen zusammen, aber ihre Substanz ist noch
nicht festgestellt. »Und wenn ich nun als minderwertig befunden werde«, sagte
sie, »dann ist es vorbei, dann darf er mich nicht mehr«, und wehmütig erinnern
wir uns an den Abend, wo neben seinem bunten Fell sich unsere Hände fanden.
    Aber man soll wohl auch kein buntes Fell an die Wand malen, denn während wir
noch so sprachen, ertönte unten ein rasendes Klingeln - dreimal - sechsmal -
neunmal - wir hörten Chamottes Stimme an der Haustür, gleich darauf wurde
aufgemacht, und Konstantin kam die Treppe herauf, in äusserst derangiertem
Zustand, ohne Hut, ohne Rock und Weste, ja selbst ohne Kragen. Es dauerte eine
Weile, bis er wieder zu Atem kam und uns Aufklärung geben konnte. Er hatte nach
Hause gehen wollen, und zwar wie gewöhnlich über die kosmische Wiese (so nennt
man eine ausgedehnte Grasfläche an der Grenze von Wahnmoching). Aber kaum dass er
die Wiese betreten hatte, rief ihn jemand beim Namen, er erkannte den Panter
und blieb stehen, da er nichts Böses ahnte. Der Panter aber sprach kein Wort
weiter, sondern suchte sich seiner zu bemächtigen, und gleichzeitig glaubte er
Petersen, die Murra und sogar Hallwig zu bemerken, die sich abwartend in einiger
Entfernung hielten. Der arme Junge, es fehlte ihm sicher nicht an Mut, aber er
sagte, es habe ihn plötzlich ein Grauen erfasst, dass irgend etwas Entsetzliches
mit ihm vorgenommen werden sollte, und so versuchte er statt aller Gegenwehr
sich loszuwinden, wobei er ein Kleidungsstück nach dem anderen einbüsste, denn
der Panter packte stets von neuem wieder zu. Schliesslich gelang es aber doch,
und er war so gerannt, dass der andere ihn nicht einzuholen vermochte, sondern
grollend umkehrte.
    Wir gaben ihm Cherry Brandy zu trinken, und er erholte sich allmählich. Die
anderen waren durch seine geräuschvolle Ankunft aufgeweckt worden und kamen
frierend in ihren Nachtgewändern herbei. Die allgemeine Aufregung war gross, und
man wusste sich das Vorgefallene nicht recht zu erklären. Konstantin erzählte,
Petersen hätte ihm bei ihrer letzten Unterredung befohlen, sich aus dem
Weichbild Wahnmochings zu entfernen, aber er habe sich geweigert, und vielleicht
wollte man ihn jetzt mit Gewalt dazu zwingen - warum aber dann die Gegenwart der
anderen - der Murra?
    Maria war völlig konsterniert und dachte angestrengt nach, der sonst so
skeptische Willy meinte mit einem leichten Schauder, es gäbe wohl auch
heidnische Ritualmorde, vielleicht sollte Konstantin angesichts der Murra
geschlachtet werden, um sie, die sich im Karneval mit ihm vergangen, zu
entsühnen - oder man brauche Blut von Sonnenknaben zu Zauberzwecken.
    
    Die späte Nachtstunde trug dazu bei, dass uns sehr unheimlich zumut war. Es
fror uns, Orlonsky machte ein grosses Feuer im Herd an und stärkte uns mit
Kaffee. Dann legte er einen geladenen Revolver auf den Tisch und erklärte, gegen
etwaige Überfälle sei man gewappnet - im übrigen halte er jene Leute nur für
verrückt.
    Mir fiel der Morgen bei Adrian ein - und dass der Professor damals sagte, auf
den Verrat kosmischer Geheimnisse stehe der Tod.
    Die anderen wollten es nicht glauben, aber Susanna bestätigte, dass sie es
ebenfalls gehört hätte. Konstantin wurde blass: »Habe ich denn kosmische
Geheimnisse verraten?« sagte er und sah Maria fragend an. Die zuckte die
Achseln: »Das weiss man ja nie.«
Wir sassen um den Tisch, tranken unseren Kaffee, zwischen den Tassen lag der
Revolver, und niemand dachte mehr an Schlafengehen.
    Als es dann wirklich noch einmal draussen läutete, griff Orlonsky nach der
Waffe, aber Susanna hielt ihn zurück. Sie ging selbst ins Nebenzimmer und
verhandelte vom Fenster aus mit dem Panter, der draussen stand und Konstantins
Herausgabe verlangte.
    Er sei nicht hier - was er denn von ihm wolle.
    »Das ist meine Sache«, antwortete der Panter lakonisch und drohend. Dann
verlangte er ihr Wort darauf, dass Konstantin wirklich nicht im Hause wäre.
    Wir horchten gespannt und bewunderten im stillen, wie standhaft sie log und
ihn auch schliesslich zum Fortgehen zu bewegen wusste.
    »Er glaubt mir alles«, sagte sie nachher, »nur nicht, dass ich lügen kann.«
    Willy suchte sie zu beruhigen, dass das Ehrenwort einer Frau immer
illusorisch wäre, aber Susanna sass stumm und bleich in einer Ecke und sprach
keine Silbe mehr.
 
                                       15
                                                                        19. März
Maria hat Petersen und Hallwig aufgesucht. Über den Vorgang auf der kosmischen
Wiese bewahren sie hartnäckiges Schweigen. Nur hat man ihr nahegelegt, dass sie
jeden ferneren Verkehr mit dem Sonnenknaben zu meiden habe, sonst würde sie
demselben Schicksal verfallen, denn unter den Trägern kosmischer Substanzen, die
allein an allem Kommenden teilnehmen würden, müsse unbedingte Solidarität
herrschen.
    Maria ist ein Bild der inneren Zerrissenheit.
    »Ich pfeife auf die Substanzen«, sagt sie gequält (und das ist die
furchtbarste Lästerung, die man hier aussprechen kann), »aber einen Bruch mit
Hallwig überlebe ich nicht.«
    »Dann brich mit mir«, schlägt Konstantin wehmütig vor, und statt der Antwort
fällt sie ihm um den Hals:
    »Ach Unsinn, wie sollten wir das wohl machen? Aber was soll jetzt aus dir
werden?«
    »Vorläufig können wir ihn hier noch verstecken«, meint Susanna, »nur auf die
Länge wird es schwerlich gehen.«
    Marias Zorn wendet sich jetzt gegen die Freundin; sie wirft ihr vor, dass sie
nur ihren Panter behalten wollte, auch wenn er seinen Blutdurst an ihren besten
Freunden zu stillen suchte. Susanna gibt das zu, hält es aber für berechtigt,
weil sie ihn liebte - Maria wollte doch auch weder von Konstantin noch von
Hallwig lassen. Kurz, es ist kein Ausweg zu finden, wer wen aufgeben soll und
was überhaupt dadurch erreicht würde.
Obwohl wir alle geschwiegen haben, ist der Sturz des Sonnenknaben und der
nächtliche Überfall schon in ganz Wahnmoching bekannt und hat allgemeine
Beunruhigung hervorgerufen. Unwillkürlich drängt sich wohl allen die Frage auf,
ob nicht noch weitere unvorhergesehene Geschehnisse eintreten, weitere Opfer
gefordert werden können - und ob es dann immer so glücklich abläuft wie in
diesem Fall.
                                                                        23. März
War es Vorahnung, dass ich diese Worte hier niederschrieb, oder beginnt schon
unsere erregte Phantasie ihr Spiel mit uns zu treiben? Schon eine ganze Weile
hat keiner von uns den Philosophen gesehen, obgleich ich ihn in seiner Wohnung
und im Café verschiedentlich aufzufinden suchte. Er pflegt sich auch sonst hier
und da im Eckhaus sehen zu lassen.
    Ich machte mir schon allerhand Gedanken darüber - - sollte er mich meiden,
weil ich zuviel frage? Aber das war kaum anzunehmen, denn seine Langmut ist
gross, und er hatte uns ja aus freiem Antrieb noch ein teoretisches Souper in
Aussicht gestellt.
    Da kam nun gestern Adrian ins Eckhaus und berichtete, der Philosoph sei
allem Anschein nach wirklich verschwunden.
    Er hätte ihn vor zirka zehn Tagen - in ein langes Cape gehüllt, das er sonst
niemals trägt - in der Richtung auf die Stadt zu gehen sehen, und Sendt ging
ganz gegen seine Gewohnheit so rasch, dass man ihn unmöglich einholen konnte.
Aber seitdem habe ihn niemand mehr erblickt.
    »Wer weiss«, sagte Adrian achselzuckend, »wer weiss, ob da nicht schon
magische Einwirkungen im Spiel sind; das lange Cape war gar zu auffallend, und
der Philosoph ist ihnen immer etwas unbequem gewesen. Wir wissen ja doch alle
nicht, wann es anfangen soll. Der Professor tut in letzter Zeit ganz besonders
geheimnisvoll und will selbst die harmlosesten Fragen nicht mehr beantworten. Er
ist öfters mit Hallwig zusammen - vielleicht können sie es schon...«, er brach
ab und räusperte sich bedeutungsvoll, »übrigens, Monsieur Dame - es hat mich
sehr gefreut Sie kennenzulernen, und ich hoffte, wir würden noch häufig
zusammenkommen, aber so, wie die Sache liegt«, wieder machte er eine Pause und
fuhr dann sehr lebhaft fort, »nein - ich habe eingesehen, dass Wahnmoching doch
nicht der rechte Boden für mich ist - wahrscheinlich auch für Sie nicht und für
niemanden, der noch irgendwelchen Wert auf seine Individualität legt. Sie wissen
doch, dass ich einen Band Gedichte herausgeben wollte - ja? Nun, eben in diesem
Gedichtband behandle ich verschiedene Dinge, von denen hier in unserem Vorort
viel die Rede ist; jeder weiss von ihnen, alle sprechen darüber. Ich lese also
neulich dem Professor daraus vor, zufällig ist auch jener Herr mit der
Wikingersubstanz zugegen - wie heisst er doch gleich? - der den armen
Sonnenjungen...«
    »Ich weiss es auch nicht - Sie meinen wohl den Panter?«
    »Ja, richtig, eben, dieser Panter war dabei, sagte kein Wort und schien
sogar Gefallen daran zu finden. Aber ein paar Tage später erfahre ich, dass man
mich beschuldigt, schwerwiegende Geheimnisse profaniert zu haben. Was sagen Sie
dazu?« Ich fand es sehr bedauerlich. »Bedauerlich? - ja, das ist das rechte
Wort. Glauben Sie mir nur, Monsieur Dame, es haben wohl wenige so schöne, ja
verwegene Hoffnungen auf die Bewegung unseres Stadtteils gesetzt wie gerade ich.
Mit Freuden wäre ich bereit gewesen, meine Persönlichkeit und mein Talent in
ihren Dienst zu stellen, aber in meinem Schaffen, in meiner künstlerischen
Individualität will ich unbehelligt bleiben und sie nicht derartigen
Verdächtigungen preisgegeben sehen. Zudem fühle ich gar keine Neigung, mich
ebenfalls einem Renkontre auf der kosmischen Wiese auszusetzen.«
    Er wollte dann noch Susanna adieu sagen, und wir liessen sie rufen. Sie war
sehr betroffen und äusserte ihr Bedauern.
    »Ja, teure Susanna, wenn Sie es nicht besser verstehen, Ihre Raubtiere zu
zähmen.«
    »Glauben Sie, dass auch Sendts Verschwinden mit ihm zusammenhängt?« fragte
sie schuldbewusst; es bedrückte sie sichtlich, dass hier schon wieder der Panter
im Spiel war.
    »Gott weiss, vielleicht war es nur sein abgeschiedener Geist, der, in ein
Cape gehüllt, davoneilte, und seine Gebeine bleichen auf der kosmischen Wiese.«
    Susanne lächelte ungläubig und sagte mit einem Seufzer: »Ach, ich mag bald
überhaupt nichts mehr davon hören, hoffentlich gibt es nun endlich wieder Ruhe.«
    »Glauben Sie nur das nicht«, erwiderte Adrian leicht mysteriös, »es sollen
selbst im inneren Kreise Misshelligkeiten herrschen. Delius ist seit dem Fest
sehr verstimmt - wegen der Lampengeschichte -«
    »Lampengeschichte?«
    »Aber ich bitte Sie - Sie waren doch selbst dabei, als der erste Umzug
beginnen sollte. Delius hatte eine kleine antike Lampe in der Hand.«
    »Richtig, ja, und Frau Hofmann beschwor ihn, sie wegzustellen, weil sie
tropfte.«
    »Das war eben nur ein Vorwand, der Cäsar sollte der einzige sein, der ein
Licht trug. Jedenfalls fasste Delius es so auf; ich hörte selbst, wie er
leidenschaftlich ausrief: Nein - nein, ich lasse sie mir nicht fortnehmen, und
auch nachher noch ganz empört zu einer Bacchantin äusserte: Denken Sie nur, die
Lampe haben sie mir nehmen wollen - es scheint, dass in diesem Hause niemand
ausser dem Cäsar ein Licht tragen darf. Wie ich Delius kenne, wird er das nicht
so bald wieder vergessen - aber, Gott sei Dank, mich berührt das alles jetzt
nicht weiter, ich gehe nach Berlin. Hoffentlich sehen wir uns dort bei
Gelegenheit einmal wieder.«
    Damit verabschiedete er sich und eilte froh einer neuen Zukunft entgegen.
Wir aber blieben deprimiert zurück.
                                                                        28. März
Wir fühlen uns ungemütlich...
    Kein Philosoph mehr, kein Adrian, kein Sonnenknabe - denn auch der hat es
vorgezogen, Wahnmoching vorläufig zu verlassen.
    Und wir haben mancherlei peinliche Situationen zu überstehen. Der Panter
hat eine förmliche Haussuchung abgehalten, da er Konstantin hier vermutete.
Maria gab sich keine Mühe, ihren Unwillen zu verbergen, und hetzte die beiden
männlichen Hausbewohner gegen ihn auf, so dass es vorher, nachher und währenddem
zu sehr unangenehmen Erörterungen kam und Susanna einen schweren Stand hatte.
    Am gleichen Tage besuchte uns Hofmann mit der Jadwiga, und eine halbe Stunde
darauf stellte sich auch Delius ein. Dies Zusammentreffen war beiden Teilen
anscheinend nicht willkommen. Die Polin ist sehr gesprächig, sie erzählte wieder
viel aus ihrem früheren Leben, und Delius verfolgte alles, was sie sagte, mit
der Aufmerksamkeit eines Detektivs. Wenigstens kam es uns so vor, und der
Professor war äusserst nervös.
    Willy versuchte manchmal eine scherzhafte Ablenkung und fragte unter
anderem, ob sie wieder den schwarzen Hund im Traum gesehen habe.
    »Ja, sehr oft«, antwortete sie ernstaft, worauf Delius sich erkundigte, was
es denn mit dem schwarzen Hund auf sich habe. Jadwiga erklärte ihm, sein
Erscheinen bedeute Abtrünnigkeit, Unheil und Verwirrung - auch wenn jemand von
ihren näheren Bekannten sich selbst untreu werde, pflege er sich einzustellen.
    »Oh, das ist ja sehr interessant«, äusserte Delius, »wissen Sie denn auch
jedesmal, auf wen der Traum sich beziehen soll, Fräulein Jadwiga?« Er sah sie
dabei höflich, aber mit steinernem Blick an, sie wandte ihm ihr bleiches Gesicht
mit den brennenden Augen zu und erwiderte langsam:
    »Nein, Herr Delius, das stellt sich meistens erst später heraus.«
    Hofmann sah, während diese Worte fielen, über alle Anwesenden hinweg zum
Fenster hinaus, und Susanna meinte versöhnlich: »Ach, das ist doch einfach ein
Aberglaube.«
    »Aberglaube - was ist das?« fuhr nun der Professor auf.
    »Ich denke, Herr Professor, im allgemeinen bedeutet es wohl einen Gegensatz
zum wahren Glauben - aber manchmal hat auch der Aberglaube seine Berechtigung.«
    Hofmann entgegnete gereizt, dass ihm darüber nichts bekannt sei, und die
Stimmung wurde so frostig, dass wir alle froh waren, als sie aufbrachen.
    Delius blieb noch etwas länger und fragte, ob wir bemerkt hätten, dass der
Professor neuerdings eine gelbe Krawatte trage. Das habe er früher nie getan,
»und es ist eine sehr bedenkliche Farbe«. Maria war an diesem Tage ungewöhnlich
reizbar. »Was gehen mich seine Krawatten an«, sagte sie, »meinetwegen soll er
sie Jadwigas schwarzem Hund umbinden.« Delius sah sie erstaunt an und äusserte in
tiefem Ernst: »Damit haben Sie wohl das Richtige getroffen - aber es bleibt noch
abzuwarten, ob es ihm gelingen würde, den schwarzen Hund auch zu erdrosseln.«
    Ich habe keine Ahnung, was er damit meinte. Und der Philosoph ist nicht da.
                                                                           April
Ich ging im Stadtgarten spazieren und begegnete der kappadozischen Dame. Sie war
allein, und ich konnte nicht umhin, mich ihr anzuschliessen. Anfangs war es mir
nicht ganz recht, denn ich wollte ungestört meinen Gedanken nachhängen, aber
dann tat es mir ganz wohl, aus meinen Grübeleien herausgerissen zu werden, und
sie war sehr gesprächig, war voller Mut und Zuversicht.
    Warum ich mich nicht öfter bei Hofmanns sehen lasse, ob ich denn gar nicht
wisse, was dort vorgehe? Die Jadwiga - ja, dieses wunderbare Wesen wäre ohne
Zweifel dazu bestimmt, ausserordentliche Dinge zu vollbringen.
    Und freudestrahlend erzählte sie mir, die Zeit, der man so lange schon
entgegengehe, wäre nunmehr nahe herangekommen - ganz nahe; und zwar sei es
Hofmann, der die Möglichkeit zu einer neuen Blutleuchte entdeckt habe - eine
Möglichkeit, an die bisher niemand gedacht.
    »Im Karneval?« fragte ich.
    »Nein, im Zionismus - aber, Herr Dame«, setzte sie fast erschrocken hinzu,
»ich bitte Sie, hierüber strengstes Stillschweigen zu bewahren.«
    Des weiteren erfuhr ich, dass selbst Hallwig noch nicht darum wisse. Er ist
zur Zeit verreist, um mit einem Kapitalisten über die Gründung der Heidenkolonie
zu unterhandeln, der Panter begleitet ihn. (Sollte Susanna deshalb gestern so
verweint ausgesehen haben?) Erst bei seiner Rückkehr gedenke man ihn damit zu
überraschen, und dann stehe nichts mehr im Wege, dass alles, selbst das
Unerhörteste, sich erfülle.
    Sie dachte wohl, dass mich auch ihr persönliches Leben interessiere, denn sie
vertraute mir an, auch für sich selbst erhoffe sie neue geheimnisvolle Kräfte
und mache zu diesem Behuf eine innere Läuterung durch. Mit Magie - ja, früher
habe sie sich wohl mit Magie beschäftigt, aber sie habe längst erkannt, dass es
ein Irrweg sei, vor dem man nicht genug warnen könne.
    Ja, das wäre es wohl, meinte ich, da ich nichts anderes zu sagen wusste, und
nun sah sie mich prüfend an: »Wissen Sie, Herr Dame, dass Sie eigentlich ein sehr
interessanter Mensch sind und dass man hier viel von Ihnen spricht? Man vermutet
auch allerhand Wesenseigentümlichkeiten bei Ihnen, die wohl zu Ihrer Aufnahme in
den internen Kreis führen können, und soweit es in meinen Kräften steht, will
ich mich gerne für Sie verwenden.«
    Und schliesslich gab sie mir noch den Rat, meinen Verkehr im Eckhaus etwas
mehr einzuschränken. Die Mädchen dort nähmen es ja doch nicht ernst mit dem
Heidentum, sondern es diene ihnen nur als Vorwand, sich in schrankenloser Weise
zu vergnügen. Maria - und sie schüttelte bedenklich den Kopf - Maria, die einem
Hallwig hätte nahe sein dürfen, die sich aber trotzdem immer mit zweifelhaften
Elementen umgebe und dadurch seine Kreise störe...
    Ach, was sollen mir alle diese Ratschläge? Adrian empfahl mir dringend, so
bald wie möglich Wahnmoching zu verlassen; und nun wieder die Kappadozische mit
ihrer Warnung vor dem Eckhaus. - Was man guten Rat nennt, geht wohl immer nur
darauf hinaus, zu lassen, was man durchaus nicht lassen kann, oder zu tun, wozu
man nicht imstande ist, überhaupt den eigentlichen Sinn aus dem Leben
wegzunehmen und seinen besten Inhalt zu streichen.
                                                                        8. April
Die Jadwiga hat Maria ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Heute schickte sie
ihr einen Blumenstrauss, und dabei stand geschrieben:
    Die Heimatlose einer Heimatlosen! - aber Maria wurde darüber so zornig, wie
ich sie noch nie gesehen hatte: »Was geht mich ihre Heimatlosigkeit an - und sie
meine? Ich soll sie nur bei Hallwig lancieren, aber so fängt man mich nicht!«
    Gleich darauf wird sie wieder weich gestimmt, sieht uns der Reihe nach an:
    »Wie kommt sie überhaupt darauf? Bin ich etwa heimatlos? Ich habe doch euch
alle und kann immer hier schlafen, wenn ich will.«
    »Ja, bleib bei uns, Maria«, bittet Willy.
    Darauf sie:
    »Oh, schweig nur, du bist ein Vampir, sagt Hallwig.«
    Willy zieht sich gekränkt zurück, und die anderen überhäufen sie mit
Vorwürfen. Das arme Mädchen - sie ist in einem beständigen Aufruhr, und man
sollte nicht hart gegen sie sein.
    Die Mitteilungen der kappadozischen Dame lasten schwer auf mir; ich hätte so
gerne mit ihnen davon gesprochen, aber ich habe ihre Diskretion gelobt, und es
widerstrebt mir, sie zu brechen. Bald genug werden sie es ja auch so erfahren.
                                                                       24. April
Ich war vierzehn Tage verreist, um mit meinem Stiefvater zusammenzutreffen.
    Nun gehe ich wieder durch die wohlbekannten Strassen, und mir ist zumut wie
in einem schweren Traum. Die Bäume fangen an grün zu werden, aber es kommt mir
so zwecklos - beinah möchte ich sagen, taktlos - vor, dass draussen in der Natur
sich alles auf ein neues Leben vorbereitet, während wir Menschen, insbesondere
wir Wahnmochinger, durch sinnlose Verhängnisse darum gebracht werden.
    Zwischen Hallwig und dem Professor ist es zum Bruch gekommen - zu einem
endgültigen und furchtbaren Bruch. Was für eine Welt ist dadurch in Trümmer
gegangen, noch ehe sie erstanden war! Und wie widersinnig das klingt; aber nicht
widersinniger, als es tatsächlich ist. Wer vermöchte auch jetzt noch in unserem
Stadtteil Sinn und Widersinn voneinander zu unterscheiden? Man weiss auch nicht
mehr, was Tatsache, was Vermutung ist, denn alles ist Geheimnis, und alle
sprechen darüber.
    Es heisst, Hofmann sei durch jene beiden - den Rabbi und die Jadwiga - so
verblendet worden, dass er ungemein starke kosmische Substanzen in ihnen zu
entdecken glaubte und (wie mir ja damals schon die Kappadozische sagte) im
Zionismus die Möglichkeit einer grossen Blutleuchte, die ja so sehr herbeigesehnt
wurde. Der Rabbi hat nun, nachdem er sich eine Zeitlang in Wahnmoching
aufgehalten, gemeint, das sei ebensowohl möglich, als dass Luter ein Jude wäre.
War Luter ein Jude, so musste er eben vorwiegend jahwistisch-molochitische
Substanzen in sich beherbergen. (Jahwistisch ist wohl noch eine stärkere Nuance
für semitisch - ich habe diesen Ausdruck zum erstenmal gehört.) Und nun hat er
eine Teorie aufgestellt, nach welcher die Juden unbedingt auch kosmische Kräfte
besitzen müssen, und behauptet, dass sie zu retten wären, wenn man ihnen zur
Blutleuchte verhelfe. Dazu aber sei die Konzentrierung und Ansiedlung des ganzen
Volkes in Palästina, als an seinem Ausgangspunkt, notwendig.
    Als nun Hallwig bei seiner Rückkehr von alledem erfuhr, war er durchaus
nicht einverstanden, sondern beschuldigte Hofmann, dass er durch Anwendung der
kosmischen Geheimnisse die Sache der Juden und des Zionismus unterstützen wolle
und somit das Heidentum Wahnmochings an den jahwistischen Moloch in eigner
Person verraten und ausgeliefert habe. Ja, er könne gar nichts anderes damit
beabsichtigen, als auf eigene Hand gewissermassen eine Filiale des angestrebten
kosmischen Reiches zu gründen - nein, keine Filiale, sondern ein direktes
Gegenreich - und sich zum Oberpriester desselben zu machen.
    Ob wenigstens hierin Hallwig nicht doch zu weit gegangen ist? Es ist wohl
kaum anzunehmen, dass Hofmann das wirklich wünscht, wo er doch eine angesehene
und auskömmliche Stelle an der hiesigen Universität innehat - eher noch, dass der
schlaue Rabbi ihm seine eigenen ehrgeizigen Pläne untergeschoben hat.
    Wie dem auch sei, Tatsache, unumstössliche Tatsache ist, dass der Professor
schuldig befunden wird, an jenen letzten, äussersten, ungeheuren Dingen Verrat
geübt zu haben, dass jede Brücke zwischen beiden Kreisen abgebrochen wurde und
Hallwig erklärt hat, die Konsequenzen daraus würden sich schon von selber
ergeben.
 
                                       16
Furchtbare Worte, Briefe und Blicke sollen zwischen den beiden gewechselt worden
sein. Aber darüber sind natürlich keine Einzelheiten bekannt, sondern es dringen
nur vage Gerüchte an die Öffentlichkeit, auch über Delius' letzten Besuch im
Hause Hofmann - kurz darauf habe er in einem zeremoniellen Handschreiben jede
weitere Beziehung für gelöst erklärt. Das Schreiben war in altrömischen Lettern
auf Pergament gemalt und mit einer purpurnen Schnur umwunden, an welcher ein
umfangreiches Wachssiegel hing. Überreicht wurde es durch einen Soldaten, den
Delius sich in Ermangelung eines römischen Söldners aus der städtischen Kaserne
geholt hatte. Es heisst auch, der Vorfall mit der Lampe sei noch einmal zur
Sprache gekommen, die Frau Professor sei zwar bei ihrer Behauptung geblieben,
dass sie nur die Ölflecken gefürchtet habe, Delius aber fasse die Sache nach wie
vor von kosmischen Gesichtspunkten aus auf.
    Ich hörte denn auch sagen, abgesehen von allem anderen wäre die Art, wie
dort der Meister geehrt wird, schon lange ein Punkt gewesen, über den man sich
nicht einigen konnte. Hallwig und Delius wollten nur Götter und Mysterien so
geehrt wissen, nicht aber einen sterblichen Dichter, selbst wenn er noch so
würdig sei, bei Festen oder kultischen Handlungen voranzuschreiten - es dürfe
sich dennoch keiner vermessen, in Wahnmoching der Erste sein zu wollen. Und auch
das soll Hofmann heimlich angestrebt haben, wenn auch nicht für sich, sondern
eben für den Meister.
    Wer recht, wer unrecht hat, was in diesem Labyrint von Konflikten billig
oder unbillig ist - wer wollte das ergründen? Man hat ja auch, wie mir der
Philosoph einmal sagte, in Wahnmoching von jeher das Licht der Vernunft
verschmäht und ein mystisches Dunkel vorgezogen.
Die Beunruhigung der Gemüter ist aufs höchste gestiegen. Bleich und verstört
sieht man den Professor umhergehen, verängstigt, aber immer noch mit dem
fanatischen Blick die Jadwiga, finster den Rabbi und wehklagend die
Kappadozierin. Hallwig selbst bleibt wie immer unsichtbar, aber ich begegnete
verschiedentlich Delius auf dem Wege nach seiner Wohnung, die jenseits der
kosmischen Wiese liegt. Er hüllte sich dicht in seinen Mantel, der immer mehr
einer Toga gleicht, und ging verschlossen seiner Wege, als ob er zu einer
Verschwörung eilte. Man sagt, dass die beiden jetzt eine letzte und endgültige
Auslese träfen, denn das Kapital für die heidnische Kolonie stehe ihnen
tatsächlich zur Verfügung. Delius habe eine Liste der in Betracht kommenden
Teilnehmer aufgesetzt, aber Hallwig fast alle Namen wieder gestrichen. Denn seit
der Zionismus hereingespielt hat, ist er sehr misstrauisch und hält fast alle für
Juden - selbst Heinz, weil dieser sich gegen die Behandlung des Sonnenknaben,
als seines Vetters, aufgelehnt hat.
Und auch Maria ist nun gerichtet. Man stellte sie noch einmal vor die Wahl, mit
allen zu brechen, die ihre einst gepriesene heidnische Seele gefährden - seien
es gewesene Sonnenknaben, Verräter mit zionistischen Tendenzen oder nur
friedfertige Vampire (der Vampir steht noch eine Stufe tiefer als der
Molochitische, denn ihm fehlt die zersetzende Kraft, dafür nährt er sich von den
enormen Substanzen anderer. So gilt zum Beispiel Willy für einen Vampir, warum
weiss niemand, und er selbst spricht nicht gern darüber. Deshalb ist auch das
ganze Eckhaus mit einbezogen).
    Wir waren alle beisammen, als das Schreiben, welches diese Bedingungen
entielt, abgegeben wurde; wir sassen dabei, während Maria es las und Susanna
über ihre Schulter mit hineinsah, denn der Panter hatte es abgefasst. Man hat
ihm das Ressort der Katastrophen und Brüche übertragen. Aber Maria hatte ihren
grossen Moment, sie sagte: nein, das könne sie nicht.
    Dann hatten wir ihretwegen noch schwere Stunden zu überstehen. Sie entschloss
sich am Abend, noch einmal zu Hallwig zu gehen und ihn zur Rede zu stellen. So
kalt und offiziell durch einen Brief von fremder Hand wollte sie nicht mit
diesem Teil ihres Lebens abschliessen. Äusserlich war sie sehr ruhig, trotzdem
fühlte man, dass eine furchtbare Spannung in ihr war, und Chamotte erzählte uns
später, sie habe vor dem Fortgehen einen von Orlonskys spanischen Dolchen von
der Wand genommen und zu sich gesteckt.
    Gegen Mitternacht kam sie zurück, warf den Dolch auf den Tisch und sagte:
»Nein - es ist nichts daraus geworden, es war die ganze Zeit jemand im
Nebenzimmer. Und überhaupt - man stellt sich das doch anders vor.«
    Mehr erfuhren wir nicht über diese letzte Unterredung. Dass wir das alles so
selbstverständlich und ohne besondere Verwendung hinnahmen - bei den
unheimlichen Gerüchten, die seit der Affäre Konstantin und seit den letzten
Ereignissen umgehen, haben selbst die nüchternsten Köpfe sich gewöhnt, nichts
mehr für unmöglich oder untunlich zu halten.
    So kam dieser Tage Hofmann zu mir, wir machten einen längeren Spaziergang,
und er sprach auch über dieses Tema. Ich wunderte mich erst darüber, aber er
sagte, man halte mich für durchaus vertrauenswürdig - er selbst habe von Anfang
an dieses Gefühl gehabt.
    Und seine Mitteilungen - nun, er vermutet, und mit ihm seine nächsten
Freunde, dass von Hallwigs Seite Entsetzliches gegen ihn geplant war: man werde
ihn vielleicht auf mysteriöse Weise verschwinden lassen, seinen Geist verwirren
oder ihn ums Leben bringen.
    »Aber lieber Professor, das ist doch nicht so einfach«, wandte ich ein. Er
sah mich von der Seite an:
    »Einfacher vielleicht, als Sie glauben, Herr Dame - wissen Sie, dass jener
Petersen kürzlich geäussert haben soll, er wisse siebenundzwanzig Arten, wie man
einen Menschen unbemerkt aus der Welt schaffen könne? Und denken Sie nur an den
Fall Konstantin; sicher wurde auch dabei ähnliches beabsichtigt. Es gibt
heidnische Ritualmorde, die vor allem an Verrätern vollzogen werden - und man
hält mich ja dort für einen Verräter - mich«, lachte er bitter auf, »mich, der
für unsere Sache freudig sein rotestes Herzblut hingegeben hätte!«
    »Davon sind wir alle überzeugt«, sagte ich tröstend. »Wer - wir?«
    »Nun, ich, die Mädchen im Eckhaus und...«
    Hofmann sah mich warm an: »Ich danke Ihnen - es sind wundervolle Frauen, die
beiden.«
    Dann zeigte er mir seinen Spazierstock - einen schönen Stock mit silbernem
Griff und eingelegten Topasen. »Sehen Sie, lieber Dame, ich kann Ihnen nicht
sagen, warum, aber ein erfahrener Freund hat mir dringend angeraten, mich dieses
Stockes zu entledigen - - es spielt da eine symbolische Bedeutung mit. Ich habe
ihn eigens deshalb heute mitgenommen, raten Sie mir nun, wie ich ihn beseitigen
soll, aber so, dass er nicht wieder aufgefunden wird.«
    Wir gingen gerade hinter dem Stadtgarten an einem schmalen Flüsschen entlang,
und ich schlug vor, ihn ins Wasser zu werfen. Das leuchtete ihm auch ein, wir
blieben stehen, Hofmann schwang den Stock ein paarmal um sich selbst,
schleuderte ihn dann aber, wie uns beiden schien, zu weit, denn wir sahen ihn
nicht fallen und mussten annehmen, dass er jenseits des schmalen Flusses in einem
der drüben gelegenen Privatgärten gelandet sei.
    Bestürzt sahen wir uns an: »Das ist ein böses Omen«, stammelte Hofmann; er
war einen Moment ganz ausser Fassung.
    Ich erbot mich, in der Villa drüben anzufragen, aber er sagte, nein, auf
keinen Fall, er wolle ihn nicht noch einmal in Händen haben. Noch schlimmer sei
es allerdings, wenn er in den Besitz von jemandem gelange, der ihm übelwolle.
Dieser Gedanke schien ihm sehr viel Sorge zu machen. - In beklommener Stimmung
traten wir den Heimweg an, und ein diesmal wirklich rätselhafter Zufall wollte
es, dass wir dicht bei Hofmanns Wohnung Petersen begegneten. Er ging auf der
anderen Seite der Strasse, warf einen scharfen Blick herüber und ging ohne zu
grüssen weiter. Hofmann hatte ihn glücklicherweise nicht gesehen, aber ich kann
nicht leugnen, dass ich mir meine Gedanken darüber machte, und diese Gedanken
waren düsterer Natur.
    Es liegt nicht in meiner Art, irgend etwas leicht zu nehmen, aber jetzt habe
ich manchmal ein Gefühl, als ob alle diese Dinge doch noch viel ernster und
furchtbarer seien, als ich bisher ahnte. Ich bin auch nicht feige, aber
Petersens Blick ging mir durch Mark und Bein. Er wird jetzt wohl denken, dass ich
ganz auf Hofmanns Seite stehe. Und wenn ich es täte, wenn ich ihm wie an diesem
Morgen mit Rat und Tat beistehe - wird man dann nicht auch mich mit in sein
Schicksal verwickeln?
    Und noch andere bange Fragen bestürmen mich - ich habe viel persönliche
Sympatie für ihn. Ob er wirklich Verrat geübt hat, weiss ich nicht zu
beurteilen, und dennoch möchte ich nicht zu denen gehören, die in dieser
vielleicht noch für spätere Jahrhunderte bedeutsamen Angelegenheit eine
zweifelhafte Rolle spielen.
    Selbst wenn meine eigenen Hoffnungen bei diesen letzten Katastrophen wohl
mit untergegangen sind...
    Ja - das Kapital für die Heidenkolonie soll jetzt da sein. Aber wo sind die
Heiden? Allgemein wird die Vermutung laut, dass zuletzt nur Hallwig und Delius
übrigbleiben und den Rest ihres Lebens an einsamen Altären vertrauern werden.
                                                                       Im Mai...
Mein Roman - ich fürchte, er wird nie geschrieben werden. Es bedürfte wohl einer
geübteren Hand als der meinen, um aus dem, was ich hier erlebte und erleben sah,
eine nur halbwegs zusammenhängende Handlung zu gestalten. Und selbst, wenn ich
es könnte - es kommt mir vor, als ob der Leser sich um den Höhepunkt der
Handlung, den er doch dazu mit gutem Recht erwartet, betrogen fühlen würde. Denn
ebendieser Höhepunkt ist nie gekommen - es war alles schon vorher zu Ende.
    Der Höhepunkt würde fehlen, und die letzten Kapitel würden ihn schmerzlich
anmuten. Ich weiss ja selbst noch nicht, wie ich sie überstehen soll.
Alle gehen fort - auch die Eckhausbewohner gedenken Wahnmoching auf unbestimmte
Zeit zu verlassen. Sie luden mich aufs herzlichste ein, mitzukommen, aber ich
fühle nicht mehr die Kraft dazu.
    Ich weiss jetzt auch, dass Susanna mich niemals lieben wird - ihr Herz wird
immer irgendeinem anderen gehören. Jetzt blutet es noch um den Panter, der sie
schnöde verlassen hat; aber als ich seiner neulich Erwähnung tat, fand sie ihr
altes frohes Lächeln wieder, das ich so sehr an ihr liebte, und sagte
zuversichtlich: »Oh, der kommt schon wieder.«
    Sendt ist wieder da, unversehrt, wohlbehalten und mit dem heiteren Lächeln
des Weisen stand er plötzlich vor uns.
    Wir sassen gerade im Garten des Eckhauses um die Maibowle, die Orlonsky mit
kundiger Hand bereitet. Wir feiern alle Tage Abschied, denn keiner weiss, wann er
wirklich abreisen wird, und jeder Tag kann der letzte sein.
    Orlonsky stellte wie jeden Abend die Bedingung, dass von den Wahnmochinger
Ereignissen nicht mehr geredet würde, aber kaum hatten wir die ersten Gläser
getrunken, so sprachen wir von nichts anderem.
    Maria sah leidend aus, ihre Augen lagen tief in den Höhlen.
    »Und doch«, sagte sie, »und doch - ich werde mich niemals damit abfinden,
dass alles das vorbei ist.«
    Susanna fasste schwesterlich ihre Hand: »Wenn wir wieder hier sind, wohnst du
ganz bei uns.«
    »Ja - und dann?«
    »Oh - einfach vergessen«, sagt Susanna, »man hat uns übel mitgespielt, und
es wird besser sein, wir halten uns in Zukunft nur noch an Zinnsoldaten.«
    In diesem Moment wurde die Glocke gezogen. Wir fuhren in die Höhe - sollte
der Panter - sollte unser letzter Abend - sollte...
    Aber es war der Philosoph, und er begriff nicht gleich, weshalb man ihn
umringte, begrüsste und mit Fragen überhäufte wie einen Totgeglaubten. Es stellte
sich dann heraus, dass er nur eine Frühlingsreise gemacht und nicht mehr die Zeit
gefunden hatte, sich zu verabschieden.
                                                                         10. Mai
Ich habe mich entschlossen, eine weite Auslandsfahrt anzutreten. Was sollte mich
hier jetzt noch zurückhalten? Im Gegenteil - manchmal beschleicht mich eine
Ahnung, als ob auch meiner irgendein grauenvolles Schicksal harrt, wenn ich
bleibe. Ich war noch oft mit Hofmann zusammen, und wenn ich an den Blick denke,
den Petersen mir damals zuwarf... Es heisst wohl, dass niemand seinem Geschick zu
entrinnen vermag, aber man kann es doch wenigstens versuchen. Chamotte schicke
ich in seine Heimat zurück - ich will ganz allein sein und nichts aus der
Vergangenheit mit hinübernehmen. Er weinte bittere Tränen, als ich ihm das
mitteilte.
    »Sei ein Mann, Chamotte, und denke an deine Zukunft«, sagte ich, und mir war
elend zumut. Könnte ich auch mir dasselbe zurufen, oder täte es ein anderer -
aber in beiden Fällen wäre es ja doch nur grotesk und überflüssig. Und meine
Zukunft? - Ich habe keine Zukunft, ich habe nur eine Biographie, und verurteilt,
wie ich kam, gehe ich von dannen; wozu? - das wissen nur die Götter.
In wenigen Tagen ist alles bereit. Susanna und ihre beiden Gefährten sind schon
fort. Auch Maria wird nicht lange mehr bleiben.
    Sie hat in den letzten Tagen ein Faible für mich gefasst, aber wir wissen
beide, dass es jetzt zu spät ist.
    Manchmal kommt sie zu mir herauf, dann sitzt sie auf einer von den
halbvollen Bücherkisten und erzählt von alledem, was sie nicht vergessen kann.
Und wir sprechen von den vielen frohen und unfrohen Stunden, die uns gemeinsam
beschieden waren.
    Heute abend denke ich abzufahren.
    Und gestern...
    Sendt kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er war sehr in Eile und wollte
sich nicht erst niederlassen. Wir schüttelten uns herzlich die Hand, und er
wünschte mir alles Gute. An der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte:
»Übrigens, wissen Sie, was ich eben im Café hörte - man hat Hofmann heute
vormittag ins Krankenhaus gebracht, er soll auf der Treppe ausgeglitten sein und
sich mit einem scharfen spanischen Dolch, den er in der Tasche trug, ziemlich
schwer verletzt haben. - Aber, liebe Maria, deshalb brauchen Sie doch nicht so
zu erschrecken, es ist, soviel ich weiss, nicht lebensgefährlich.«
    Maria hatte sich von ihrer Bücherkiste erhoben und sah ihn ganz entsetzt an.
    »Der Dolch«, sagte sie dann mit stockender Stimme, »den Dolch hab' ich ihm
doch zum Abschied geschenkt - es war derselbe, den ich damals mitnahm, um
Hallwig...«
    Ich verstand wohl, was sie meinte, und Sendt schien es auch zu ahnen, denn
er zog die Augenbrauen in die Höhe und sah nachdenklich drein. Ein leises
Grausen fasste mich, und unwillkürlich sprach ich aus, was mir - und vielleicht
auch den anderen - in diesem Augenblick durch den Sinn fuhr:
    »Um Gottes willen - sollte Hallwig am Ende doch schon der Zauberei mächtig
sein...«
    »Mirobuk!« sagte der Philosoph und lächelte eigentümlich. Und ehe wir uns
noch recht besonnen hatten, war er gegangen.
 
    