
        
                                   Gorch Fock
                               Seefahrt ist not!
  Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten,
 bleibt in euern Hütten, euern Zelten,
 und ich reite froh in alle Ferne -
 über meiner Mütze nur die Sterne.
                                                                         Goete.
                                Erster Stremel.
»Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf dem Wasser ihre Nahrung
suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Fluss, behüte Mann und
Schiff in allen Gefahren!«
    Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er laut
und warm für seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm von Herzen
kam, nicht leise und kalt wie sein Vorgänger, ein zäher Welfe, der nur der
kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: »Lass deine Gnade gross werden über
deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn, und über das ganze kaiserliche
Haus.«
    Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel vom
Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien, als wenn die
Stimme ihm versagte und er aufhören müsste. Und er hielt überwältigt inne und
liess die grosse Stille kommen.
    Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos sass die
Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.
    Und die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee - mit ihren jagenden,
zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen,
schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, mit Dünung und
Gewitter, - mit geborstenen Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln,
verlorenen Wracken und hilferufenden Fahrensleuten.
    Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.
    Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar, die als grosse
Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und ihnen
zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände zusammen und sahen
vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die Väter und Brüder in den Sinn
kamen, die draussen waren, und weil sie daran dachten, dass sie nach Ostern selbst
in die Fischerei hineinkamen.
    Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle falteten rasch die
Hände, und manches Kinderherz bebte, - vergessen war, dass sie abends am Deich
einzuhüten hatten, und dass die Jungen dort vor den Fenstern trommelten und
pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder Sechsundsechzig
mitspielen durften.
    Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um die
die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten stiegen,
weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause bringen wollte,
senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht allein, weil sie wusste,
dass es ihr gut stand, sondern auch um die Seefischerei, um alle Freundschaft,
Bekanntschaft und Verwandtschaft, die unter Segeln war.
    Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den Seeteufel
nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der Verwegenen, der
Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von denen, die nicht reffen
und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen segeln und mit jedem Winde
fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord von Edenhall:
sie schlürfen gern in vollem Zug,
sie läuten gern mit lautem Schall,
die mit dem Glück von Edenhall anstossen und es wohl auch einmal versuchen. Die
See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei sie nach seiner
Meinung erst, wenn sie koche, hat Hein Loop einmal gesagt, und jeder, der ihn
kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er, denn er wollte den andern Tag mit
seinem Kutter nach See, up de Schullen dol, und konnte moi Wind und moi Fang
gebrauchen.
    Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit
hinter ihm sassen, liessen das Kirchenwort in die unerschrockenen Seemannsherzen
hinein, wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges Sprüchlein achteran hingen, das
bei Jan hiess: Herr Pastur, de verdreihten Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete
es: Amen, Herr Pastur, ober dat Is mütt ierst innen Dutt, ans kann ik ne rut!
Und bei Hinnik besagte es: De Büt, Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok
mit to!
    Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort sassen die
Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln Kopftüchern
wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte Jahrgang hatte die Stirnen
auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein Leben mehr in ihm: so wollten es
die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst sass die greise Geeschen Witten, tiefe
Runen im Gesicht, das einer Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz.
Sie konnte nur noch für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben:
ihren Vater, der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen
war, ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien
untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei Amrum
geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer
verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem grossen, leeren Dachhaus,
zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen zurückgelassen hatten, und
wunderte sich, dass sie immer noch lebte, und dass auf ihrem Kirchenplatz nicht
schon lange eine andere sass.
    Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
zugemacht: Tees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut stillen,
Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen bringen konnte und
die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besass. Er beobachtete den Pastor scharf,
und als Bodemann die Augen schloss, machte Tees seine weit auf und starrte durch
das verbleite Fenster, bis er ihn kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der
vom Deich stieg und über die Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges
oder Steges zu bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen
drängte und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die
gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die
Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie an. Wie
sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser leckte ihnen von
den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus den Seestiefeln. Der
Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter sich hatten, dessen Untergang
am Deich noch nicht bekannt geworden war. dabei blieb er ruhig, denn er war an
Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als
wenn er sagen wollte: an den Segeln hat es nicht gelegen, dass ihr geblieben
seid: die Segel waren gut! Wobei er allerdings voraussetzte, dass er sie auch
wirklich gemacht hatte.
    Endlich - ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes Scharren
oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draussen in den Erlen und
Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die Sonnenstrahlen fingen wieder
an zu spielen, und Alt-Bodemann bekam seine Sprache zurück. Und als er dann bei
seinem Herrgott um den Hausstand anhielt und alle, die dazugehörten, um
gottesfürchtige Eheleute, Eltern und Herren, gehorsame Kinder und frommes und
getreues Gesinde, da war die grosse Stille vorüber: die Konfirmanden machten
wieder ihre verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stiessen einander im
geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer, Tees Segelmacher
stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu, als wenn er noch
Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die Prüntjer geruhig wieder
hinter die Kusen.
    Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem Chor
sass, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn jäh befallen
hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen. Denn er hatte sich so
zu Anker gehen lassen, dass er nicht allein recht in der Sonne sass, sondern auch
aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den Wischen und Gräben sah er den hohen
Deich aufragen, und über den Stroh- und Pfannendächern der Häuser gewahrte er
die Masten der Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und
die Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen Elbufer,
auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude füllten!
    Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte nur
sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermüdlich neben der
Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint, dass er ihn nicht
mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine Absicht gewesen war, als der
Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und gesagt hatte, sie wollten das
Gesangbuch tragen und ihn bis an die Kirchentür bringen. Denn hätte der Vogel
Bunt so lange ruhig gesessen und geschwiegen? Sicherlich nicht, - er wäre bald
aufgestanden und umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und
getan: beim stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt, wie
jener Bauernjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut
gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel hätte
er in den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor is ober
plenni Monne in! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt: Diern, Geeschen, wat
schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten geben? Wenn er aber zur Ruhe
ermahnt worden wäre, hätte er geantwortet: ik bün vörn Pastur ne bang, Vadder! -
oder eingewendet: de lebe Gott is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen.
    Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, was er alles angerichtet
hätte, und es war besser, dass er draussen seine Wache abreissen musste.
    Der Seefischer lachte in sich hinein.
    Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle, müssten
ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine Steine bei sich
behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. Solle er aber draussen bleiben,
dann wäre nur zu wünschen, dass der Pastor es kurz und knapp mache, damit der
Junge nicht die Geduld verliere und alles in Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt
die Kirche von oben bis unten angeguckt und dann ernstaft erwidert hatte, die
brenne ja gar nicht, weil sie ganz aus Stein gemacht sei. - Da war dem
Seefischer ein köstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand
genommen und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen
Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Grossmast und der andere der
Besansmast, und zwischen ihnen sei der Fischerewer, und rechter Hand sei
Steuerbord, und linker Hand sei Backbord. »Dat brukst mi ne to vertillen,« hatte
der Junge geeifert, »dat weet ik jo all lang!« Na, dann solle er aufpassen, war
des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle einmal ausfindig machen, ob der
Junge schon etwas könne, ob er schon zu etwas zu brauchen sei: darum solle er
auf dem Ewer zwischen den Bäumen eine Wache nehmen, wie auf See in der
Schollenzeit, zwei Stunden hindurch. Der Kompass läge Nordwest an: er solle
darauf achten, dass er nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, dass die Segel
immer voll Wind seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er
keine Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Grosser
genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte sogleich das
Deck mit grossen Schritten ausgemessen, hatte Grossmast und Besan mit den
wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken geworfen und die Äste
auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft.
    »Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?« hatte er noch gefragt.
    »Och du Dösbattel,« war des Seefischers Erwiderung gewesen, »kannst du ok
van Burd gohn? Büst doch up See, is doch all Woter üm di rüm.«
    »Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?«
    »Seemann?« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
Birnbaum gesetzt. »Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachtus,
Störtebeker, un sien Nüff, dat is de Kumpass.« Nun wisse er wohl alles: er
brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten, sondern
könne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute es täten, hatte
der Seefischer geschlossen und war in die Kirche getreten, während der Junge
unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus der Orgel an seine erste
Schiffswache gegangen war.
    Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer
noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als ob er
wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, dass er schon gross genug wäre und
allein die Wache gehen könne. Er wollte zeigen, dass er schon mit der See klar
kommen könne, damit sein Vater ihn im Sommer mit auf den Ewer nähme, wie er ihm
versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte er nach den Zweigen hinauf. Einen
Buchfink, der im Wipfel des Apfelbaumes sass, liess er sich als Flögel gefallen.
Er hatte die Hände nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff
gefühlvoll vor sich hin, spuckte auch einmal grossartig in die See hinein, als
wenn er bange sei, dass er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.
    Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weisse
Nachtaus über Bord, sei es, weil eine Ratte über den Graben schwamm, oder weil
sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte. Junge, was war das
für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun? Nachlaufen konnte er
nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken hatte: er verlegte sich
deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das nicht half, dachte er schliesslich:
och wat, nu jump ik eenfach ober Burd: ik kann jo swümmen - und lief nach der
Wurt oder nach dem Graben, ergriff sein Nachtaus und schleppte es zurück, wobei
er pustete, als wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den
Birnbaum und sagte: »Du müss sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpass!«
Dann guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich
nicht ganz sicher, ob er über Bord springen durfte.
    Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, während ihm das Blut, das
die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schläfen klopfte. Das
war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den blauen, nordischen
Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine graue, wollene Matrosenmütze
aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes Tuch trug, einen weissblauen
Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte und auf braunen Segeltuchschuhen
ging, wie ein Janmaat, der auf Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das
war sein Junge! Wer den so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von
Uhland einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab, - und durch die Brust
seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel übertönte.
    Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann aus
ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und verwegenen, wie
Finkenwärder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen Sommer wollte er ihn mit nach
See nehmen, ob auch die Mutter weinte und die Leute den Kopf schüttelten.
Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er war es nicht gewohnt, auf andere zu
hören, weder an Land noch auf See. Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein
Leben selbst.
    Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden!
    Der Junge hiess Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit
Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Störtebeker, einmal, weil er wirklich ein
grosser Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und Tunichtgut, dann, weil sein
grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven und Gatt trug, schliesslich auch
wegen des Grossvaters, dem er noch ähnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie
die alten Leute behaupteten, - der auch Klaus Mewes geheissen hatte, wegen seines
Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war. Was den kleinen
Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seeräubernamen so einverstanden, dass
er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer Klaus, so sagte er: Klaus
gift een ganzen barg! - nannte ihn einer Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is
mien Vadder, du anner! - erst bei Störtebeker liess er sich ermuntern und
antwortete.
    Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das
Deck abmass! Da war kein Schritt zuviel und keiner zuwenig! Wenn er sich beim
Birnbaum umdrehte, vergass er niemals, nach dem Kompass zu sehen und die Segel zu
überholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war, spähte er luvwärts und
leewärts über die See. Mit grossem Behagen und einiger Verwunderung bemerkte der
Seefischer diese Einzelheiten, die ihm sagten, dass der Junge ihm und den anderen
Fahrensleuten schon viel mehr abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts
störte den kleinen Fischer, der wusste, dass er auf See war und kein Land in Sicht
hatte, und sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, noch den
vorüberrollenden Wagen nachlief.
    Dass der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte, war nicht
zu verlangen: er wurde kaum gewahr, dass der goldene Stern oben an der Orgel
klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar den Klingelbeutel
übersehen, wenn er ihm nicht pall unter die Nase gehalten worden wäre. Nur der
Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem Jungen ab, denn es brauste gewaltig
durch die Kirche: Krist Kyrie, komm zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es
ihn, denn das war kein Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger
Schrei hörte es sich an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es
war, als wenn die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen
aufwühlten, die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die
Stimmen der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar
drückte der Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn dachte, so
übermächtig sangen die Fahrensleute.
    Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf, weil es
mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht bange machen
lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den Bäumen, deren Stämme der
Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen waren. Unverdrossen hielt er aus,
bis der Mond aufging, der stille, milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs
rundes, glänzendes Vollmondgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die
Glocke mit der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten | Peter Struve hett mi
goten - begann sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich höher und höher, bis
der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut sich erhob.
Die Türen wurden aufgestossen, die Jungen stürmten heraus, als sei drinnen eine
Feuersbrunst ausgebrochen, die Mädchen drängten nach, dann kamen die
Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachtaus bellend in die Binsen und war
nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut Störtebeker auch rief und pfiff. Aber
wenn er nun auch ohne Kompass war, so hielt er dennoch getreulich aus und verliess
seinen Posten nicht, bis sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste.
    Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das Nachtaus wäre siebenmal über
Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein feiner Streek,
hundert Stiege, grosse Südschollen!
    »Deubel ok, du kannst dat ober!« lobte Klaus Mewes.
    »Jä, Vadder, dat harrs di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See, denn
schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt!« sagte der Junge mit blitzenden Augen
und fuchsklugen Nasenlöchern.
    Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie wollten
erst mal sehen, ob die Klüten noch schmeckten. »Kumm, Seemann!« Und er
schechtete gross und heiter auf dem Kirchenweg entlang und überholte eine dunkle
Reihe nach der andern. Immer grösser wurden seine Schritte, so dass Störtebeker in
Sprüngen laufen musste, um mitzukommen, und Seemann, der weite Wege gar nicht
gewohnt war, weil er sonst nur von Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte,
seine rote Zunge als Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen
konnte, sich aus der Fahrt laufen zu lassen.
    Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die missbilligenden
Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, dass auf dem Kirchenwege nicht
gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und ass, was ihm schmeckte, der
grosse Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot, weil er keinen mürben
Kram fuhr, der wusste, dass er den besten Ewer unter den Füssen hatte, mit dem sich
etwas beschicken liess, und der Herr und König seines Lebens war. Nicht umsonst
hatte er Tag und Nacht, bei jedem Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der
Besan wehen: das war der Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner
Liebe zu seinem Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind
das bunte Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und liess
weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens pflügte
der glückliche Fischer die See, lachend strich er den reichen Segen ein, den sie
für ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele waren. Fremd war ihm das alte
heidnische Gefühl, das den Bauern bewog, sein Feld nicht ganz zu mähen, sondern
eine Ecke Hafers stehen zu lassen, für die Götter, für Wotans Schimmel.
    Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg nach
dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem könne doch kein Seemann werden: am
besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen seiner Eltern und aller
Willen zur See gegangen sei. Was scherte das Klaus Mewes, den Lachenden? Er
sprach mit seinem Jungen nichts als Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit
nichts anderem, als dass er Fahrensmann werden müsse und solle. Was für Last
haben die Frauen am Deich, dass sie die Kinder vom Graben und von der Elbe
fernhalten, dass sie sie aus den Booten und Kähnen herausbringen! Goh man ne bit
Woter! ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und sagt:
»Goh man beten bit Woter, Störtebeker! Schipper man mol, klüs man mol not
Fohrwoter raf, seil man beten, swümm man mol, dor ligt de Boot, dor is de Kohn!«
    Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und drückte
es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang wardn! Nicht bange
werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange werden, zu keiner Zeit
und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist, ob es donnert oder blitzt oder
weht, weder auf dem Wasser noch an Land, weder in den Masten noch auf den
Bäumen, weder vor Menschen noch vor Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten!
Nicht bange werden, nicht bange werden!
    Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dött ik ne wardn,
ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas Furcht
einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es wollte.
    Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte aufatmend
über die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im Wintereise sitzen sah,
das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so fischte und segelte er doch im
Morgenlicht mit allen Segeln bei Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch
mit dem Gesangbuch abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm
die Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.
    Da grüsste sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge flattern, - und seine
Seele fasste noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie setzte die letzten
und höchsten Segel.
 
                                Zweiter Stremel.
Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hände hohl um den Mund gelegt
und rief die Leute. »Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat eten!«
    Endlich entstiegen sie der Kombüse, winkten mit der Hand, zum Zeichen, dass
sie verstanden hätten, und kamen über das Eis.
    Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. Auf der Bank
mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl sass zu oberst der Schiffer,
rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der Junge, Störtebeker aber
neben ihm auf dem bunten Bankkissen.
    Gesa trug die vollen, dampfenden Schüsseln auf. Es gab frische Suppe mit
bunten Korintenklüten. Safran, Suppenkraut und Muskatnuss fehlten nicht daran,
und ein Stück Fleisch, wie ein halber Ochse gross, kam dazu auf den Tisch.
    Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den grossen, blanken Schöpflöffel
und füllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte, gab er den Löffel dem
Knecht. Störtebeker bekam ihn zu allerletzt, obgleich er vielleicht am
hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung, die am Deich galt, durfte nicht
gerüttelt werden, obschon Klaus Mewes sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort
kehrte: Fleesch förn Schipper, Klüten förn Knecht, Kantüffeln förn Jungen. Er
gab ein Essen, wie es selbst die grossen Bauern nicht besser geben konnten.
    Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus Mewes, da hätte ihm wohl
einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen, wenn er das gesollt hätte. Er
sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken, und liess sich auch durch die
verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus dem Kurs bringen.
    Störtebeker ass fünf Klösse, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! »Vör de Hand
weg, Vadder,« versicherte er, »ohn uttoseuken; wenn ik no de lütten langt harr,
harr ik wenigstens söben upkreegen.«
    »Oder söbenuntwintig,« gab der Knecht trocken drein, aber Störtebeker
verstand den Spott nicht.
    »Ik wull, wi eten ierst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt doch een barg
beter!«
    »Dat wull ik ok,« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.
    Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm von der Aue geschickt
hätte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wäre ja noch schöner, wenn
der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus bringen liesse! Gott solle ihn
bewahren: die müsse er selbst aus der See geholt haben, oder sie schmeckten ihm
nicht. Er sah seinen Jungen an: »Ne, Störtebeker?«
    »Jo, Vadder!«
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, Klaus, der Schiffer,
Kap Horn, der Knecht, und Klaus Störtebeker. Hein Mück der Junge hatte Urlaub
genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und fuhren mit den Nadeln in
der Luft herum, obgleich Gesa mit der Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag
keineswegs einverstanden war und eine Lippe zog. Aber die Netzmacher liessen sich
nicht stören.
    Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes' Knecht. Er hiess
eigentlich anders, aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein Kap Horn.
Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören.
    Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf grossen Schiffen
gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Süd-Atlantik Albatrosse
geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und dreissigmal unter der
Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der grossen Fahrt abgemustert
hatte und vom Viermastvollschiff auf den Fischerewer geklettert war, weiss ich
nicht: er fuhr aber schon zwölf Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu
einem Finkenwärder geworden, nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer
Ton, und er gab noch oft ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als
alt- und weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen
Fischerknechte, die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch sprechen
gehört hatten.
    Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu
fragen: »Kap Horn?« Und wusste der andere dann nicht einmal, was gemeint war, so
spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um und sagte, mit
Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als Antwort, so fragte er
schnell: »Veel mol?« »Dree oder so.« Dann lachte er und sagte: »An mi kannst
nich klingeln, old boy: ik bün sosstein Mol um Kap Horn seilt un nu lot dien
Prohlen man een bitten no.« Bei einer solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn
getauft worden.
    Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
weissen Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit dem er nur
langsam weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas in der Mache, von dem
er steif und fest behauptete, dass es eine Bunge werden sollte, ein
Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie, während Kap Horn auf ein Zwiebelnetz riet
und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine für den Krähenkäfig hielt. Sie hatten
es gleich wichtig. Wie Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her, und auf
den Schegern reihte sich Masche an Masche. dabei aber wurde ausgiebig geklönt,
denn niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen, also besonders
aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes Matrosendöntje von
St. Pauli auf und begann zu singen:
»In England geiht dat lustig her,
dor bot se Scheepen grot un swor,
een bannig Deert von Angetüm
dat sall jo de Gretj Astern sien!
Lang is dat Deert twee dütsche Mil,
hoch annertalf von Deck to Kiel!
Soss Masten, hoch bit an den Moon,
acht Dog brukt een, um roptogohn ...«
    Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und die
Enten gefüttert hatte, trat in die Dönss und untersagte ihm den Hymnus mit den
Worten: »Sünndogs ward ne sungen, Korl!«
    Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem grässlichen
Seeräubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen Spitznamen,
sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für einen Gefallen
damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:
    »Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.«
    »Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohoop un mok
man Fierobend un les man mol inne Bibel,« priesterte sie, und als Klaus Mewes
herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: »Ji dree sündt jo woll ne, sünd woll
rein mall worden, stillt jo uppen Sünndag vört Finster hin un knütt! Weet ji ok,
keen sünndogs arbeit?«
    »Uns Herr Pastur!« sagte Klaus.
    »Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!«
    Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es sei Tauwetter, und das
Eis könne jede Tide abtreiben, so dass sie fahren müssten, er wolle und wolle die
beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der Fischerei unterbliebe das
Knütten doch wieder.
    Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Störtebeker sich, denn
sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die ganzen Gräben
sässen voller Hechte.
    Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder nach
dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie sollten sich
doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich sprächen sie sicherlich
wieder davon und hielten sich darüber auf.
    »Lot jüm, Mudder«, erwiderte Klaus sorglos, »ik bliew doch hier, mag to
giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.«
    Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und knüttete weiter.
    Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche zu
schaffen, von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer Heimat sehen
konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte die Fischer nicht
verstehen! Sie war auch keine Fischerfrau geworden und fühlte wieder mit
bitterem Schmerz, dass aus ihr niemals eine werden konnte. Immer noch graute ihr
vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war ihr fremd und unverständlich. Sie konnte
sich nicht helfen. Das eine liess sich nicht abschütteln und das andre nicht
lernen. Klaus rüstete mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie
hörte schon den Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen
und wusste nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu
wissen. Sie liebte ihn tief und heiss und lag in seinen Armen wie im
Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange, und sie wünschte im Herzen
nichts sehnlicher, als dass er kein Seefischer wäre, sondern Bauer oder
Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Könnte er nicht etwas anderes
beschicken, könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere Fischer es getan
hatten?
    Aber Klaus Mewes - und das tun? Sie musste doch lächeln über den Gedanken.
Bis Blankenese müsste es gewiss zu hören sein, sein Lachen, wenn sie davon
spräche, dass er an Land bleiben solle.
    Da sass sie nun in ihrem Glück, um das die ganze, arme Heide sie beneidete,
war eine grosse Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der jede Reise die
Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur ein armes Weib voll
Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall Wetter und Wolken aufsteigen sah
und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie manchen Tag sehnte sie sich schon
nach der stillen, einsamen Geest zurück, wo sie nichts von Schiffen und von
Seefahrt gewusst hatte, wie manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum
einherging! Wie manche Nacht liess der Wind sie nicht einschlafen, wie manches
Mal jagten die Blitze sie aus dem Bett, wie oft erschreckten sie die Stimmen der
geängstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war auf
See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte sie wenig
Verkehr und Freundschaft, weil sie fühlte, dass sie als Butenländerin nicht ganz
für voll angesehen wurde.
    Wie wichtig sie es in der Dönss hatten! Als wenn sie sie gar nicht vermissten!
Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!
    Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn so
hatte sie noch niemals jemand lachen gehört! Das hatte sie in seine Arme
gedrängt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem Heidehof in das
Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere des Seefischerlebens
denken lassen. Vergessen wares gewesen, was sie gehört und gelesen hatte von
Sturm und Untergang: wo einer so lachen konnte, da konnte weder Unglück noch
Gefahr sein, hatte sie gemeint, als Klaus sie freite.
    Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber sie
konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören, es schnitt ihr ins Herz, wenn sie
an das Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an all die Tränen und
unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel, wie eine Sünde vor. Dass er
so verwegen war, machte ihr das Herz noch schwerer, und eine trübe Ahnung früher
Witwenschaft hing ewig wie ein dunkles Gewölk über ihrem Leben.
    Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiss von nichts anderem als
von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. Der war schon der
See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und wurde es von Tag zu
Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, dass er den Sommer mit an Bord solle: all
ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.
    Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein
einziger, niemand bekümmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht mehr zu
ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus lachte, wenn sie
davon sprach, sie solle gern hingehen und alle grüssen, aber was er auf der Geest
beschicken solle? Er könne auch so weit nicht laufen. Den Jungen bekam sie nur
mit halber Gewalt dazu, dass er mitging. Seitdem er wusste, dass sein Vater sich
nichts aus der Geest machte, trug auch er kein Verlangen danach. Dort sei für
einen Seefischer nichts zu lernen, echote er, dort gäbe es ja nur Heide und Sand
und Steine und weiter gar nichts.
    Schliesslich aber ging Gesa doch nach der Stube zurück, weil ihr zu kalt
wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weissen Kachelofen.
    »Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder«, rief der Junge lustig. »kiek mol an,
Kap Horn, un uns will se wat seggen!«
    Da musste sie wider Willen doch mitlachen.
    »Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?« fragte der Knecht. »hett he ok beet,
dat dat Is bald doldrift un wi no See seilen könnt?«
    »Jo, dat segg man«, sagte Klaus und riss grimmig an seiner Kurre. »ik wull,
dor keum mol Westenwind achter!«
    Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon seit
Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der Elbe stand es
noch, zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch zusammen. Dagegen war
das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis, dort trieben nur noch grosse und
kleine Schollen. Dort segelten denn auch schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich,
dem anderen Ende des Eilandes, dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken,
dort fischten schon die Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die
Hamburger Smietnettfischer nach Butten, während das Nessgeschwader, das aus
dreissig Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und
Booten bestand, noch im Eise festsass und nicht mitkonnte. Die Auer und
Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe herauf,
einige hatten schon grosse Reisen nach der Weser gemacht: Klaus Mewes aber und
seine Nachbarn sassen noch fest. Wenn der Eisbrecher binnen Wasser genug gehabt
hätte, wäre ihnen längst geholfen gewesen, aber der grosse Beisser konnte nur eben
den Rand ein wenig glatt fressen.
    Klaus Mewes sah, dass zwei grosse Kutter von einem kleinen Schlepper von
Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bünn voller Schollen
hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das Eis und brachen
sich einen Weg nach dem offenen Wasser.
    »Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker speelt?« rief er.
    »Wat seggst du, Klaus? Du wullt een Isbreker utgeben?« fragte der alte
Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap der
guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört hatte.
    »Wi wöt di bi Isbrekers«, warf Störtebeker laut dazwischen, »swarten Kaffe
schallst du hebben!« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter Segeln. »Wi möt
allemann bi«, rief er. »Hütz mitte Mütz, Lüttfischers un Seefischers, Schippers
un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un spannt uns alltohoop vör un denn
teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi denn not Fohrwoter raf kommt!«
    »Jä!«
    »Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt?« fragte der
Schiffer.
    »Ik hilp ok mit«, versicherte der Junge wichtig, »ik kann wat tehn, Vadder!«
    »Du bliwst hier, Klaus«, kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her. »meenst du,
wat du dor ünnert Is kommen schallst!«
    An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer würde
sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? Das sei der Knoten!
    Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es
wagen, sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab, er wolle
gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann den Deich
abklopfen und es aussingen, dass die Eisbrecherei mit Hochwasser anfangen solle.
»Denn könt wi offermorgen all up de Schullen dol, Mudder!«
    »Huroh, offermorgen geiht no See!« rief der Junge, warf die Bunge hin und
machte, dass er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang, dass die
Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach und nach von
dem grünköpfigen Wart beruhigen liessen: Wat, wat hebbt ji eegentlich, dat, dat
is de Jung doch, jo bloss! So schnatterte der Wart.
    »Du kummst ober noch ne mit«, wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar
nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hörte auch nicht mehr, dass
Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte.
    »Wat will he? All Bescheed seggen?« fragte Kap Horn lachend, aber sein
Schiffer lachte noch lauter und sagte: »De? Ne, de will no den Schoster hin un
sien Seestebeln holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an Burd, un he will
woll all gliek de ierste Reis giern mit.«
    »Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus«, sagte Gesa kopfschüttelnd, »dat
du em de Stebeln anmeten loten hest! He löppt elken Dag söbenmol hin und kött
an! De Schoster seggt, he kann em all gor ne mihr hinholen.«
    »Jä - du liebe Zeit«, erwiderte er, »endlich will de Bur de Koh betohlt
hebben, un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster kanns ok
jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen Nachten.«
    »Un denn?«
    »Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weiss du jo, dor is jo all
genog ober snackt worden«, sagte er sicher.
    Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik
segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he noher
grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will ik nix mihr
ober em to seggen hebben, ober so lang hürt he mi, mien Mudderrecht lot ik mi ne
nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Elw loten mütt: no See schall he noch
ne!«
    »Geef di, Gesa«, beschwichtigte Klaus gelassen, während Kap Horn, der zu dem
Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tür ging und mal über den
Westerdeich guckte. »De Jung kummt düssen Sommer mit no See, dat is so gewiss as
de Heben. He schall bitieds seefast wardn!«
    »Ik lied dat ne un lied dat ne!« beharrte sie leidenschaftlich. »Du hest een
reinen Vogel mit dien Jungen, weiss dat? Keen een van de Seefischers nimmt son
lütten Boitel all mit an Burd, de kum een Büx mit Verstand drägen kann.«
    Er machte geruhig seine Maschen. »De hebbt ok ne son Jungen as ik«, sagte
er. »lot mi man, Gesa. Ik bün een rechten Fischermann un will een rechten
Fischerjungen ut em moken, un ut di will ik ok wat rechts moken, Diern! Weess,
wat dat is?«
    Sie gab keine Antwort.
    »Een rechte Fischerfroo, Gesa! Weess du wat, Diern? Du geihst ok mit no See,
man to, denn wardt ierst moi! Kiek di mien Fischeree mol mit eegen Ogen an!«
    Sie schüttelte starr den Kopf:
    »Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all lang
dohn, ober ik kannt ne!«
    »Dat kummt uppen Verseuk an«, erwiderte er. »goh man mol mit, un du schallst
mol sehn: buten ist een barg beter as binnen!«
    »Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik ward seekrank un starf di
all vör Angst. Mi groot to dull vört Woter!«
    »Jo, du büst een grote Bangbüx«, schalt er, dann aber tat ihm sein herber
Ton leid, und er tröstete: »Ober dat schall sik woll noch all geben, mien Diern,
pass man up, du wadst noch een gode Fischerfroo, de Banghaftigkeit gift sik mit
de Johren.«
    »Ne, de gift sik ne, dat weet ik«, sagte sie tonlos und ging aus der Stube,
weil ihr die Tränen kommen wollten.
    Da blieb der grosse Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er liess sich
den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging nicht von seinem
Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit schweigend auf.
    »De Jung kummt doch mit no See«, liess Klaus Mewes sich vernehmen. Dann
blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch bald an
den Tag kam.
    »Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du geborn
weurst, do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De Mudder hett noch
een Recht op den Jungen!«
    »Och wat!« fiel Klaus ihm barsch ins Wort, »ik hebb dat eenmol seggt un
dorbi bliwt dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de Mudder, ober
bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo up leewst, wenn he
Schoster oder Snieder wardn dä un keen anner Woter to sehn kreeg as dat innen
Teeputt. Un wenn wi blieben schulln, Kap Horn, denn mokt se ok een Schoster oder
Snieder ut em. Ober man keen Bang, Klaus Mees kann ne blieben!«
    Der alte Knecht erhob warnend die Hand.
    »Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is
doch ne wedderkommen mit sien Eber!«
    Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und sich
für den besten Fischermann, blieb dabei, dass er nicht bleiben könne. Das war
sein Wort von jeher gewesen, und seine gewisse, sturmgewohnte, sonnenfreudige
Seele hielt daran fest: »Ik kann ne blieben, un ik bliew ok ne!«
    Störtebeker liess sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing wieder
an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der nichts gefangen
hat, und liess die Unterlippe vorstehen, als wenn ein Schock Hühner darauf sitzen
sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der Seite an und stichelte: »Na, Klaus
Störtebeker, grosser Seeräuber, wat sä de Schoster? Hett he de Söbenmilenstebeln
noch nich klor?«
    Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte wie
ein Grosser: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is oberhaupt
keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gor keen Stebeln moken! Dat
is een Leisegänger, Vadder ...«
    Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der
Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedesmol, wenn ik komm, seggt he:
morgen; ober he kummt ne wieter as he is, de Tüffel.«
    »Wat schöt de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernstaft.
    »Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln
klor würn, denn schull ik mit«, antwortete der Junge zuversichtlich.
    »Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See dröft
blot welk, de nich bang sünd.«
    »Ne, Kap Horn, bang bün ik ne«, erwiderte der Junge treuherzig.
    »Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll
nich, ober wenn di een lütten Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst ut, wat
kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!«
    »Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und peekte ihn mit der hölzernen
Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gor nix!«
    »Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken doch
los?«
    »Ne, schreen do ik gewiss ne.«
    »Denn wardst du ober seekrank!«
    »Ne, Kap Horn, ik ward ne seekrank!«
    Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik bliew ne! Und Klaus Mewes
sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders stecken als ein
Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein Gelübde: »Man still,
Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!«
    Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und liess ein
enttäuschtes: »Och, to Sommer ierst!« fallen, das den Knecht zu der Bemerkung
veranlasste, es wäre jetzt noch zu kalt auf See.
    »Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor«, gab Klaus zu bedenken, und Kap
Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind.
    Sie knütteten fleissig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis
aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg, hielt
Störtebeker es nicht mehr aus, er liess die Bunge liegen und nahm französischen
Abschied.
    »Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen, er
wolle füttern, - und weg war er.
    »Dat keum jo bannig zaghaft rut«, sagte der Knecht und sah ihm nach. »wenn
de man nix anners in de Lur hett.«
    Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung seiner
Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten Spruch
einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!
    Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger beiseite
und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von Störtebeker
nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er den Deckel des
Kobens lüftete, und liessen ihre Nasen in der Luft tanzen. Kluss aber, die alte
Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen hatte, sass unbeweglich auf
ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an seine Gegenwart. Er
rief halblaut, damit Gesa ihn nicht hören sollte, aber er bekam keine Antwort.
Dann ging er in das Schauer und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem
Hühnerwiem hingen; sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge
also nicht. Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und
Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater, der um
einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes Schweigen lag
über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der Eschen und Erlen sass das
nächtliche Grauen, das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das den
Seefischer darum einigermassen bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen
Jungen zu suchen. Er dachte aber nicht nach Weiberart an das Wasser, und dass er
hineingefallen sein könnte; übrigens wusste er jaauch, dass Störtebeker schwimmen
konnte und nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er
wollte wissen, wo er abgeblieben war.
    So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen
scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer, die Waken
und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die Lichter, die
gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das raschelnde, alte Reet auf den
Kneienblicken und das Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
    Sollte der Junge wieder in der Kombüse sitzen, wie er es schon mehrmals
gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte auf das
Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun beinahe fremd
vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst ständig brennende
Licht.
    Wo mochte der Junge sein?
    Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten eines
Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge auf der Besan
regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoss ihm jäh der Gedanke
durch den Kopf: wenn ik di bloss ne halfstock holen mütt! - aber er jagte ihn von
dannen, kletterte über das Schwert und schritt über das Eis nach dem Bollwerk
zurück. Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine
weit entfernte, ungeheure Feuersbrunst vortäuscht. Da dachte Klaus Mewes an die
alte Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt war
sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen,
knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und gesagt: viel anders
hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht angesehen: nun wäre Hamburg schon
so gross, dass es jede Nacht einen so grossen Brand hätte.
    »Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften«, hatte er
lachend geantwortet.
    Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
»Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.
    Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und
setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen Leben an Bord
wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der andern, wenn er lief.
    Klaus wusste schon Bescheid, es ging nach der Nesskule, in der der Kahn lag:
der Junge schipperte gewiss oder goss das Wasser aus seinem Fahrzeug, das etwas
ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint
wie sonst, der Riemen lag dwars, und kein Junge war dabei: jach befiel ein
ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der Doggerbank den bösesten Stürmen
furchtlos in die Augen blicken konnte, und er lief in Sprüngen den Deich hinab.
    »Klaus!«
    Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.
    »Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle
Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den Schleusengraben wie
Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen, wenn der
Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.
    »Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«
    Der Junge sah blass aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren. »Jo,
Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«
    »Wat kummt dat denn?«
    Der Junge wies nach seinem grünen Kahn. »Ik will mi seefast moken, Vadder,
wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen hett to mi seggt,
denn müss ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk - wat bün ik nu slecht toweg,
Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack innen Mund!«
    Klaus wollte lachen, lachen, lachen, - er konnte es aber nicht, weil ihn die
Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn dümpelte,
bis ihm schwindelig wurde, nur um sich seefest zu machen.
    »Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiss ne
mihr mit no See, wat?«
    Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel ik
wedder, un offermorgen un den Dag, de denn kummt, ok, bit ik ne mihr düsig ward
un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn un Hein Mück
nix utlachen loten!«
    Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen Jungen
bei der Hand und ging mit ihm nach dem Ness zurück.
    In der Dönss brannte schon die Lampe.
    Als sie sich vor der Tür die Füsse abschrapten, sagte Klaus halblaut: »Brukst
Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix, Vadder: ik will
woll swiegen«, flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der
Dönss gleich neben den Ofen, möglichst weit von der Lampe, bückte sich tief und
zog umständlich die Stiefel aus, um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen,
die gleich in richterlichem Ton fragte:
    »Non, neem kommt ji denn her?«
    »Wi sünd mol no de Nesskul wesen«, berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gemäss.
    »Hest du ok natte Strümp, Klaus?«
    »Ne, Mudder, knokendreug!«
    »Lot mol feuhlen! De un dreug? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek treckst jüm
ut!«
    Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, dass sie
weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
Seefestigkeitskursus ab.
    Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen,
dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
    Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit aufgestützten
Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten, so nickte er anhaltend
mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht nach seiner Klitsch waren,
ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja, man konnte noch mehr aus seinem
Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind oder Sturm las (und in einem echten
Roman weht und stürmt es ja alle drei Seiten!), so pustete er leise vor sich
hin, las er von Liebe, so strich er sich über die Backen, gab es eine
Mordgeschichte zu kauen, so las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie
sturmeshalber achter Nordernei oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der
Koje liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und meistens
stimmte es, was er dann erzählte, dass der Knecht zuletzt jedesmal erstaunt
sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«
    Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
seinen Knien und treunte um eine Geschichte.
    »Ik weet uppen Stutz keen.«
    »Och Vadder, vertill doch een! Du weiss so veel.«
    »Ne, ik kann nu keen tohoopgrabbeln.«
    »Och, man to, Vadder!«
    »Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder
seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«
    »Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater
legte los.
    »Non, denn hür to: dor wür mol een Mann, de harr keen Kamm, to köfft he sik
een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu
und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du schallst een euliche
Geschichte vertillen!«
    »Non, denn hür to: dor wür mol een Mann, de wür in de Heid verbiestert, nu
hür man god to! Dor wür mol een Mann, de wür in de Heid verbiestert ...« Da
hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre auch Tüdelei, un he
kunn een euliche Geschichte verlangt wesen.
    »Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
wisst, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«
    O weh, - das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von
Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen Satz, den er
schon tausendmal gehört habe.
    Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah auf
und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di doch
keeneen wat von to vertellen.«
    Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen man ne
jümmer Störtebeker. Den olen, slechten Nom ward he jo sien ganz Leben ne wedder
los.«
    »De Nom is gor nich so slecht, Gesa«, sagte Kap Horn ernstaft, während
Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus Störtebeker
sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe er den reichen
Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen, aber den Armen habe er
viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen Leute zu Verden von seinem Geld
gespeist. Und mit den Fischern habe er es auch nicht bös gemeint: er störte sie
nicht, und wenn er Fische holte, so bezahlte er sie reichlich.
    So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante zusammengetragen
hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker, - - und der
kleine Klaus Störtebeker sass mit funkelnden Augen und glühenden Backen dabei und
konnte nicht genug hören, wie sie Kopenhagen in Brand steckten, wie die
zerfetzte, gelbe Flagge im Sturme flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen
umsprangen, wie sie Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den
schottischen König gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem
grossen, breiten Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hiess, und
dass Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
sprang der Junge auf, dass Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und fragte:
»Vadder, neem is de Groben?«
    Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, dass es damals noch keinen
Deich gegeben habe und dass die kleine Elbe ein Priel von der grossen gewesen sei,
aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen, der sich einen so
breiten Graben eben nicht vorstellen konnte, und es blieb schliesslich nichts
andres übrig, als dass sie eine kleine nächtliche Expedition nach dem
Seeräubergraben ausrüsteten, die trotz der grossen Einwendungen von Gesa sofort
ausrückte, und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
    »Klaus, bliew hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«
    Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halsband
umband: »Brummkirl gift ne, Mudder.«
    »So?«
    »Hett Vadder seggt! Dor ward bloss lütte Kinner mit bang mokt, wat se ne bit
Woter gohn schöt.«
    Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe
zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden
Tränen nicht hemmen! Warum musste sie so geschaffen sein, dass sie nicht getroster
Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum konnte sie
sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? Warum nichtwarum nicht? Sie war
doch jung und gesund: warum musste sie da immer wieder zusammenbrechen und klein
und verzagt werden, warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren
Gedanken, dass sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben
sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
tragen?
    Sie begriff es nicht, dass eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta Holst,
die doch auch nicht am Deich grossgeworden war, sondern wie sie von der Geest
stammte, es aushielt, dass sie so fröhlich lachen und singen konnte, und abends
in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad sass
und spann: denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf einem Ewer, schwammen
auf einem Stück Holz in der See. Ein Blitzstrahl, eine Brechsee konnte ihr
ganzes Leben verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen, -
und doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Dass eine so fest stehen konnte!
    Gesa schüttelte den Kopf.
    Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiss,
ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn zügelte und
ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb sie anders
dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind
gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte sich
wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend erklärt, dass er mit so
kleinen Gören nicht umzugehen wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm
habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den
Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er
beizeiten lernen, denn später beim Schollenfang hiesse es auch: alle zwei Stunden
raus! aber es war nur Spass gewesen, wie es auch Spass gewesen war, wenn er ihn
auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu
machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber
up See ...
    Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es anders
geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war,
und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort gesprochen: Ne bang wesen,
Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ik di
noher an Burd ne bruken, denn müss du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer
wardn! Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie
verheert! Da war ihm der Kompass in die Brust gesetzt worden, der beständig nach
der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte.
    Dann kam der Kahn, der grüne, nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, dass ihr
Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie er
behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstage, und damit war er
der Elbe und dem Wasser verfallen der nun mehr war als die andern Jungen am
Deich: Reeder und Schiffer. Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des
Fahrzeuges bald auf den Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung
und alt ein kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer
an diesem gottlosen Namen.
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    Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen den
dicken krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und suchten die Spuren
von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an dem er sein Admiralsschiff
festgehabt hätte, und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold, das er
vielleicht hineingesteckt haben könnte. Das faule Holz glomm auch wirklich wie
Silber, so dass der Junge alle Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier
sitt dat Guld!« und sie von einer Wichel nach der andern lockte.
    Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf
Ewerlängen entfernten, deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
Grönlandshof hiess, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben
ihm geankert hatten. Dorter stammten er und die ganze, weitverbreitete Sippe
der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes
gesessen, der aus einem Bartolomäus zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine
Jungen und Enkel dann, die hatten es herausgefunden, dass es besser sei, die
grüne See zu pflügen, als das braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen
und Schiffer und Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war
ausgestorben: die seefahrenden Mewes aber waren immer noch gross am Ruder und
machten ein Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel
den Focken und Külper zukam.
    Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und
tauschte seinen lieben, grossen Ewer gewiss nicht gegen den ganzen Grönlandshof.
 
                                Dritter Stremel.
Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam, fing
Klaus Mewes mit füher Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren, mit seinen
Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das
Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde,
denn er hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und konnte noch
wochenlang liegen bleiben: da musste er Gewalt anwenden!
    Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen
Faustandschuhe zu schmecken und musste tüchtig daran glauben.
    Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die grosse
Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn war der
rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar dauerte es Stunden,
bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber er hatte dafür auch die
Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen
und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker
begleitete ihn ein Stück und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn
um die langen Stiefel, freilich ohne dass er sie gekriegt hätte.
    Dann trabte er wieder nach dem Ness und half seinem Vater, dem er in allen
Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein so grosser
Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei seinem Vater
stand, vergass er alles andere und war nur noch der lerneifrige, vielfragende
Schiffsjunge.
    Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
seiner grossen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
    Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker drängte
das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord, als
habe er wirklich zu steuern. Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden
schweren Trossen über das Eis.
    Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die Seefischer,
die Wattfischer, die Lüttfischer, die Frachtschipper, es kamen der Gastwirt, der
Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und der Segelmacher, weit über hundert
Mann, alle in grossen Stiefeln steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen
und einzeln. Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich
über den Weg, den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und oben auf
dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und warteten. Am Bollwerk
und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge, denen der grosse Tag die
Freiheit bringen sollte. Die vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein, und in
den Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung.
    Der grosse Tag, - der grösste Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie die
Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die Brüderlichkeit und
Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies. Allen, die ihn erlebt
haben, die den grossen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte
Fahrwasser gesehen haben, hat er sich unauslöschlich in die Seele eingegrücktt.
Nicht wahr, du Finkenwärder: up den Dag kannst du di ok noch besinnen?
    Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten
helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus Mewes
stand am Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müssten noch weiter
auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so laut er konnte:
»All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh! Huroh! Huroh!«
    Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute aber
setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen die
Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoss durch das offene Wasser, dann
krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es, schob es zur Seite, drückte
es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich wieder, kam aber dann zum Stehen und
blieb vor einem Eisberge sitzen! Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.
    Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein
Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er neben
seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am Vorderpoller fest.
Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht he god.«
    Stoppi - stoppi -
    Nun musste ein Tau achteraus geschoren werden, und sie mussten den Ewer ein
Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und seine
Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu entfernen.
    Kord Külper aber, der spassige, der Ontjekolontje hiess (er hatte aus dem
bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn
strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers - Eau de Cologne - erbeutet und
bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester, Buscherump und Ölbüx damit, wie
behauptet wurde, jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord
Külper kam heran und rief: »Klaus Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel
ik ne mihr mit: de drückt dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen
einige Knechte zur Bekräftigung.
    Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans
Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.
    Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
»Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütenpann, dat weet wi all, du weest, wat
vör un achter is annen Schipp un büst vörn doten Kiwitt ne bang: ober dat
Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat Andrieben, hürst du, dat
Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne rut! Dat mütt ganz anners
rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol stohn un kummandiern!«
    Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weiss du woll; bliew
du man anne Kurrlien!« »Eegenbuck!« rief Jan laut und ging an seinen Törn.
    Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme, und alle zogen an.
    »Huroh! Togliek! Hödjihöh!«
    So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom Deich,
und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter. Zwei
Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mussten aber auch drei Mann ausscheiden, die
eingebrochen waren: Jakob Walross, der eigentlich Jakob Witt hiess und seinen
Ökelnamen von seinem herunterhängenden, borstigen Schnurrbart hatte, und Hein
Mewes, den sie Hein Lompdom nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein
Altenwerder ihn fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och, dat weiss woll, Siem
Achner, jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber der eine Quappe stach, war
Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen mit
weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis
gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte. Er zog ihn
wie einen Seehund an Deck, und nun war die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging
mit seinem Jungen nach unten, zog ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und
steckte den nackten Mann in seine Koje. Dann musste er wieder hinauf, denn das
Eisen war schon wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer
machen musste, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
scheuerte und stiess das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche der Ewer
in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van sülben inne Gangen
kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und zu helfen.
    Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm. Nun
treckten sie wieder, nun musste der Ewer erst wieder über Steuer! »Bang dött ik
ne wardn, anners komm ik ne mit no See«, sagte er vor sich hin, wenn das
furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf und befühlte das Zeug,
ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er frierend wieder unter die Decke und
horchte abermals.
    Oder er guckte die goldenen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnjetzt
waren.
                                     * * *
    Was für Sprüche waren das? fragt die Seele. -
    Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich möchte
seinen Namen golden schreiben, weil er so viel für unsere Fischerei getan hat
und noch tut!) - der hat auch in die puppenküchenenge Kombüse des Blankeneser
Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die
darin stehen: Unter der Schifferkoje: In Storm un Not / Bewahr uns Gott; unter
der Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn; unter der
Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er hat
wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten.
    Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten auch
die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.
    Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort:
                          Mediis tranduillus in undis.
    Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen liess, bei Jochen
Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hatte, dachte
er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und das Gesangbuch
durch und zerbrach sich den Kopf, aber er konnte nichts ketschern, das ihm gut
genug war. Da ging er denn eines Tages, als er wieder nach der Werft wollte,
beim Pastoren vor und fragte den. Bodemann, der schon manchem Fischermann
geraten hatte, musste etwas wissen.
    Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch
über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen
Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er nötigte den Besuch deshalb in einen
Stuhl, der so weich war, dass Klaus Mewes an Abrahams Schoss erinnert wurde, und
schrieb ihm die vier Wörter auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees«, sagte er und
fragte nach Schiff und Stapellauf.
    Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf, als
wenn die Worte in Spiegelschrift abgefasst wären, guckte ihn nochmals scharf an
und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?« »Jawoll, Herr Mees,
latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weeten se, son beten latiensch kann ik
jo. an Jan Eitzen sien Kutter steiht Ora et labora, und dat heet: Bete und
arbeite. Un an Nessbur sien Hus steiht Soli deo gloria, un dat heet: Gott allein
die Ehre. Ober mit düt Medis sitt ik all gliek fast!«
    »Mediis tranpuillus in undis: ruhig inmitten der Meereswogen heet dat«,
sagte der Pastor ernst. »Mit dem Spruch lett sik woll no See fohren.«
    Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der Spruch
gleisste zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein Schullehrer in der
Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein deutschgesinnter, begeisterter Junggast,
der schlug grossen Lärm darum: »Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist ihr
Schiff kein deutsches und muss es keinen deutschen Spruch haben, den sie
verstehen und bei dem sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle
die lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen Namen,
die eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht, wer tauft hier
deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance, Courier, Salamander,
Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es besser, die nannten die
Schiffe wie ihre Frauen: danach müsste ihr Ewer Gesa heissen und nicht Laertes.
Und statt des Lateins müsste hier ein guter deutscher Spruch stehen!«
    »Schallst recht hebben, mien Jung«, sagte Klaus Mewes, »ik frei mi jümmer,
wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern,
ober wenn du een scheunen Spruch för de Koi weiss, denn wöt wi mol sehn.« Da kam
das starke, ewige Luterwort unter die Koje:
                         Ein feste Burg ist unser GOTT,
den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So ging es
wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der Ewersprüche sammelte,
einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee Wiltsproken stoht dor all, Klaus,
oder de drütte, de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de
annern beiden tohoop, fehlt dor noch bi: plattdütsch!«
    »So«, lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all, du
wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm, plattdütsch kannen
doch bloss snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«
    »Klaus, dat gift hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«
    »Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«
    »Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes Pferd
den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer grossen,
plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.
    »Hier, Klaus Mees!«
    »Wat? Dat is een Book? Ik meen, dat wür een räukerten Schinken!«
    Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, dass sie
wirklich plattdeutsch gedruckt war, und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus
vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch einen
plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter Scharben für die
Worte, die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten:
Hilpt mi, Sünn und Wind,
hilpt mi bit Fischen!
Ik heet Klaus Mees
un bün van Finkwarder.
    »Eegentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm«, sagte er aber doch
dabei, »ober dat riemt sik jo ne, dorüm kriegst du bloss tein!« Den hochdeutschen
Spruch bekam die Jungenkoje.
                                     * * *
    Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er
hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange dauerte das!
Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen, denn bei dem vielen
Hurra mussten sie wohl bald nach dem Fahrwasser kommen!
    Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje zurück
und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im
Steven zwischen den Kneessen steckten. Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal
gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre gefangen. Man dürfe solche
Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven
stecken, dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich starrte der Junge
sie an, als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte
auf seine Fragen geantwortet: das ist nichts zum Besprechen und Besehen, sondern
etwas zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich wieder auf.
Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn nicht mehr unter der
Decke: er holte die Seekarten vom Bord und rollte sie auf und sah die roten
Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die kleinen Feuertürme, und Baken, die am
Rande der Karten standen, während es draussen wieder lärmte und rief.
    Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er dachte
wie sein Vater: Uppen Lief dreugt upt best! und zog sich an, so schnell es gehen
wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es draussen dreimal Hurra rief,
da hielt er es nicht mehr aus aus, halb angezogen, in Unterhosen, mit einem
Stiefel am Fuss und einem in der Hand, sauste er nach oben und guckte aus der
Kapp: da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt
langsam in das freie Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines
vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern:
Ok veelen Dank, dat ji mi rutolpen hebbt.
    Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.
    Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren
Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und taten
von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden: was dem
Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem grossen
Priel, war Sache eines Tages und liess sich leicht beschicken. Die Schollenzeit
war angebrochen für die Schollengreifer vom Ness: Hurra, hurra, hurra!
    Auf H.F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, liessen sie den Draggen zu Wasser,
schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne an das Fockstag
und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu vertreiben, der alle
befallen hatte.
    Störtebeker sass auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab: dass
der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte, dass
sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm, und dass sein grüner Kahn
noch im Nessgraben festsass und er noch nicht schippern konnte.
    »Du hest dat een beten god, Seemann«, sagte er aus diesen Gedanken heraus
und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner
als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann aber hielt die Nase hoch,
denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klössen mit dem Abendwind
herübergeweht.
    Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klössen
schon die See und grüsste Helgoland.
 
                                Vierter Stremel.
1887 schreiben wir, und die Hochseefischerei unter Segeln steht in Sommerblüte.
Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf See.
    300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu Finkenwärder
beheimatet sind und ein H.F. auf den braunen Segeln tragen, 83 reedern mit S.B.
und griesen Segeln nach Blankenese, der Rest gehört dem lüneburgischen
Finkenwerder, dem Cranz, dem Mühlenberg und der Teufelsbrücke.
    Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von
Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie liefern
Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und Tönning ihre
Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe, dass halb Holstein
und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die Könige der Nordsee, die
man in Dänemark so gut wie in Holland und England kennt, denn es macht ihnen
nichts aus, bei Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach
Ijmuiden oder bei Ostwind nach London.
    Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine Sagitta,
aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn sie ihm begegnen,
wohl sind schon die Zeiten vorbei, dass nur Finkenwärder auf Finkenwärder und
Blankeneser auf Blankeneser Schiffen fahren, sie müssen sich schon mit
Butenländern behelfen: aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der
Mittagshöhe, und seine Segel beschatten die ganze See.
    Wir grüssen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch alle
am Leben wärt!
                                     * * *
    Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er musste
Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, musste einen Schinken aus der
Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die erste Ausfahrt nicht ohne
einen Schinken, obgleich man am Deich meinte, der Schinken dürfe erste beim
ersten Kuckucksruf angeschnitten werden), er trug die Kruken mit Weiss- und
Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen und Unterhosen nach dem Bollwerk und
quälte sich mit Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines
Vaters Waffen, aber es machte ihm Spass, und er vergass seinen Kummer darüber, dass
er noch an Land bleiben sollte.
    Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem saumseligen
Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs von Finkenwärder, der
ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen hatte, sah ihn schon, als er die
Treppe hinunterstieg, und sagte zu seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!«
    Wir müssen nun freilich wissen, dass Klaus Mewes bei der Bestellung der
Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile nicht und
vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und dass Gesa hinterher
bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden, wenn der Junge der
unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See kommen könne; der Schuster tat
deshalb nur, was ihm geheissen war, wenn er ihn vertröstete. Er hatte bei den
Stiefeln übrigens noch nicht einmal angefangen.
    Als Störtebeker die Tür aufklinkte, sassen die beiden Pechräte tiefgebückt
da, duckten sich hinter die grossen Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für
fünfzehn, ohne aufzugucken.
    »Schoster, sünd mien Stebeln klor?«
    Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und deftiger,
dass die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten, als könnten sie
weder hören noch sehen.
    »Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?«
    Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten sich
wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten machen, dabei
aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll upstillt? sollte es heissen.
    Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die grossen, langen Stiefel
der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren grösser als er selbst, da
standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig, dass er sich
dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so klotzigwaren, dass er
damit hätte über die Elbe schippern können, - aber Kniestiefel, die ihm zu pass
waren, konnte er nicht dazwischen finden.
    »Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte, aber
die Schuster liessen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie wussten noch
nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie wieder über seine
Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder ihm ein paar linke
Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich geworden, er sah den Kram noch
eine Weile an, dann drehte er sich batz um und lief hinaus.
    »Nanu«, sagte der Meister und liess das Hämmern, »nanu«, sagte der Geselle
und stellte auch den Betrieb ein, - aber ehe sie sich's versahn, sauste ein
grosser Mauerstein durch das Fenster, dass die Splitter umherflogen, zerschlug
eine der Glaskugeln, dass das Wasser über den Tisch spritzte, und bumste schwer
gegen die Wand.
    »Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draussen, nahm seine
Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein gejagter
Hase, hast du nicht, so kannst du nicht, - bang bün ik ne, ober loopen kann ik
fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er soweit war, war der Junge schon
längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden die Splitter auf, nagelten ein
Stück Leder vor das Fenster und gelobten grosse Rache.
    Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
Seine Strümpfe waren klitschennass geworden, denn er hatte auf seiner Flucht zwar
über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht immer gelungen, und dann
sassen sie auch voller Schlick. Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen,
wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte, das war ihm klar. Und da
kam er bei und kletterte die Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke,
hohle Wichel, dass er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die
Strümpfe im Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum
Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermassen trocken
waren, und zog sie dann getrost an.
    »Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm bewundernd
zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer, den sie seines
Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten, rief ihm nach:
»Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all weg!« »Wat schull he
woll?« rief der Junge erregt und lief schneller, aber er kam doch zu spät, denn
das Haus war leer, da war kein Vater mehr und kein Kap Horn, kein Hein Mück und
kein Seemann: sie waren schon alle an Bord, und als er verstört hinausrannte und
Utkiek hielt, da sah er den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
    Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm hett he
mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!«
    »Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi
hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern Adjüst seggen
un hett noch een ganze Tied no di teuft!«
    »Och wat!« gnjetzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he denn ne
noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloss eben langsen Diek wesen! Vadder
mütt mi doch Adjüst seggen, un ik mütt em ok doch Adjüst seggen! Dat geiht jo
gor ne anners, Mudder! Minschenkinners ne, wat is dat ok doch all für Krom!« Und
er stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach
dem Ewer, der mit glockenhellem Klippklanpp das Boot auf Deck tallte. Es wollte
ihm nicht in den Kopf hinein, dass sein Vater fahren konnte, ohne ihm Adjüst
gesagt zu haben, und er dachte: wärst du doch bloss nicht nach dem Schuster
gelaufen, dann hättest du deinen Vater noch gesehen!
    Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es Hochwasser
werden wollte und die Zeit gekommen war, dass sie an Bord mussten. »Störtebeker!
Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über den Ness. Auch Kap Horn und
Hein Mück riefen mit, und sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein,
aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an
und kam nicht und kam nicht. Da mussten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu
haben, wenn sie nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber
mit Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im Verdacht,
dass sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im letzten Augenblick
noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den Gedanken nicht los werden,
dass er den Jungen an Bord versteckt halte, um ihn doch mit nach See zu nehmen
und dann nachher zu sagen, es habe nicht anders gemacht werden können.
    Das verbitterte ihnen den Abschied.
    Als Gesa nun den Jungen wiederhatte und sah, dass sie ihrem Mann Unrecht
getan hatte, kam die Reue über sie, und sie winkte vom Bodenfenster mit der
grossen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine deutsche Flagge
dreimal grüssend dippte, denn sein Unmut war längst verweht, seitdem er wieder
als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel über sich hatte. Es war eine Lust,
zu fahren! In der weiten Runde, welch ein reges Leben, welch ein freudiges
Arbeiten! Da war nicht ein Ewer, nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen
es still war: überall eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die
Anker, setzten die Segel, liessen die Gaffeln knarren, und schipperten einer nach
dem andern aus der grossen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und Klaus
Mees sien Lock hiess. Draussen liessen sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben, denn
es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus Mewes mit seinem »Laertes«,
dem die deutsche Flagge von der Besan hing.
    So güngen se up de Schullen dol.
                                     * * *
    Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre, sah
nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte, und
grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange gewesen war. Da hatte
er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit: er war nicht mitgekommen nach
See, und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt. Wäre er langsam nach Hause
gegangen, so hätte er seine Strümpfe nicht auszuwaschen brauchen, und er hätte
seinen Vater noch gesehen.
    Nu will ik ober gewiss ne mihr bang wardn! Ganz gewiss will ik nu ne mihr bang
wardn! sagte er sich.
    Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus, dor
lett sik nu nix mihr an dohn: herkieken kannst du em ne wedder! Nu sünd wi
wedder den ganzen Sommer alleen!«
    »To Sommer bün ik doch all mit an Burd«, sagte er mit halbem Vorwurf, ohne
sich umzudrehen.
    »Kumm man rin, wöt Kaffe drinken.«
    »Och, ik mag nix, Mudder!«
    »Ik will di bi magnix! Gliek anto!«
    Da musste er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch sass, da
schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht geschmeckt?
Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt ausnahmsweise still,
obgleich er sich schon selbst waschen konnte, und obgleich genau wusste, dass sie
es nur tat, um ihm dabei die Backen eien zu können. Als sie dann aber nach
seiner Bunge fragte und nach der Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen,
sein Vertrauen zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn
sein, sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz misstrauisch
vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.
    Da, beim Schloss von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hiess, segelte
der Ewer, - viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war immer noch
totstill.
    Störtebeker besann sich, dass er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte
erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die Wurt nach
dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber trotz seines wehen
Herzens konnte er sich nicht entalten, der Eve den Bauch zu befühlen, denn er
wartete sehr darauf, dass sie jungen sollte, hatte er doch schon fünf Junge fest
versagt: Hein Meyer kriegte einen Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock,
Hannis Külper Jan Loop jeder eine Eve.
    Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluss
schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen: Störtebeker fasste
es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluss, Vadder is nu no See hin un hett
mi ne Adjüst seggt!«
    Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über das
Eis peektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater noch sehen
und ihm Adjüst sagen.. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er suchte die Peek
her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein Indianer den Binnendeich
entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte. Als er weit genug war,
kletterte er über den Deich, sprang vom Bollwerk auf das Eis und peekte sich
über Rillen und Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem
Fahrwasser.
    Vadder, ik komm!
                                     * * *
    Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, dass der Polizist auf
seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloss sich dann dem
ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an um sich ein wenig zu
verpetten, wie er meinte. So dachte erdem droken Klaus Störtebeker einen grossen
Schrecken einzujagen.
    Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen, - der Vogel war nicht da.
Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden, als sie ihn
aber nicht fand, nahm sie an, dass er geflohen sei, liess sich kopfschüttelnd die
schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel. Auch versprach
sie dem Schuster, dass Klaus kommen und Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar
alte Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit
auch glücklich wieder in die Reihe.
                                     * * *
    »Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!«
    Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal auf
dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des Fahrwassers.
Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Peek gestützt, und winkte.
    »Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?«
    »Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder«, rief der Junge, »du büst jo so
fohrn.«
    Kap Horn aber machte Weiberlärm:
    »Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
innen Lock kommen kunnt!«
    Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap Horn!«
    Sein Vater liess den Ewer in den Wind schiessen und überlegte, was er tun
sollte.
    »Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiss ne mihr rup«, liess Hein Mück
sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx! Non, Adjüst,
Vadder!«
    »Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?«
    »Jo, dat is jo nix, Vadder!«
    Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: »Ümschicken kannst du em
nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!«
    »Dat hebb ik ok all dacht«, stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch er
hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den
grossen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge es überhaupt
fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die beständig abbrökkelnde
Kante.
    »Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
sall mit no See! Nimm em mit!«
    »Dat woll jüst ne«, lenkte Klaus ab: »dat is noch to kold buten, un Gesa
weet dor ok jo nix van af: ober an Burd wöt wi em man mol hieven! Wi geeft em
denn an een upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus. Boot vant Deck!
Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!«
    »Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und dachte:
nu geiht dat mit een vullen Huroh no See!
    Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
Klaus Mewes stiess eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der Kreek
zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.
    Da war Störtebeker doch richtig an Bord. Wie er sich freute, wie gesprächig
er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei seinem Vater im
Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf Segel und Kompass und hielt
tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er sich aber doch nicht entalten, an
den Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol
soveel Sposs, Vadder!«
    Er liess es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein Mück
nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische Kapitän
machte, dem der grosse Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen sein Kommando kam,
und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!«
    Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann an
sich und liess sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren, was es zu
sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts kreuzten, wenn dieses
Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war Dockenhuden mit den vielen
Tannenbäumen, da war Blankenese mit den vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da
war der Schweinesand mit seinen Wicheln, da war Hahnöfer mit den grossen Bäumen,
um die Hunderte von Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental
mit dem Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff, dahinter
Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe mit ihrem hohen
Deich - und von allem gab es Geschichten zu erzählen.
    Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und zwang
sie, vor Anker zu gehen. Grosssegel und Besan konnten die fünf Stunden geruhig
stehen bleiben, nur die Fock liessen sie fallen, und den Klüver nahmen sie weg.
Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachtaus und suchte den Strom nach
bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen Jungen mitgeben könne, aber er konnte
zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage
kamen.
    So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee
nieder.
    »Ik wull, dat geef brodte Schullen«, rief Störtebeker übermütig, »dor
verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp.
    Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewusst
hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu behalten:
aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte mit der Leuchte
und mit der Harke, wenn er heute abend nicht Laden kam.
    Hein Mück dachte noch immer an die grosse, gefährliche Reise über das Eis,
die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst
als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und der Bodensee!«
    Gotts den Donner, - Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee, und Kap Horn
blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich schliesslich
dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer zuletzt.
»Och, nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier vertillst oder du
wardst afmunstert, un Klaus Störtebeker ward uns Kock«, befahl Klaus.
    »Och nix: ik dach bloss an een Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
Störtebeker sien Reis.«
    »Upseggen!«
    Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte er
doch nichts gesagt! Nun musste er in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem
Stroh suchen.
    Kap Horn konnte sich einen kleinen, freundlichen Hieb auf Klaus nicht
verbeissen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he sien
Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest den letzten Dag
jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen Westerdiek een grote
Ostermoon von mokt!«
    »Jo«, sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de Jungens
nu all een Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich Mücke«, setzte er
gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann, der über den zugefrorenen
Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...
Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
Da recket die Magd die Arm' in die Höh:
Herrgott, so rittest du über den See!
An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoss!
Und unter dir zürnten die Wasser nicht,
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
Und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
Der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;
Es stellen die Knaben sich um ihn her,
Die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
Glückseliger Mann, ja segne du dich!
Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
Brich mit uns das Brot und iss vom Fisch!..
. .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... .... ....
    Als der Junge fertig war, entstand eine kleine, stille Pause im Ewer,
obgleich Klaus Mewes der Schluss nicht recht gefallen wollte, denn hinterher vor
Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war still, so sehr wunderte
er sich darüber, dass Hein Mück laut lesen konnte.
    Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
anerkennend: »Du kannst god beten, Hein! Bliew man giern beten bi de Beuker:
wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und ging an Deck, um
wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen zu suchen. Und diesmal
fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es möchte kein einziges Schiff
vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer an Bord bleiben musste.
    Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte. Jawohl, er
nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn und Hein Mück an
Deck.
    Störtebeker sah, dass die Herrlichkeit vorbei war, und dass er von Bord
sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn hinüberwriggte und
Kreek und Peek an die Jolle übergab. Dann musste er selbst übersteigen. »Adjüst,
Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte kaum sprechen, so traurig war er
geworden, und hatte für Jan Külper keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder
man un segg man, wi kommt bald mit een Reis lebennige Schullen, hürst? Un to
Sommer kummst du ok mit no See!«
    »Jo«, sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloss no!
    Klaus Mewes wriggte zurück, und Jan Külper liess die Jolle schwoien. »Adjüst,
Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken standen, aber der
Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr. Er war ganz krank und
wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken. Jan
Külper hatte gedacht, einen munteren Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den
langen Weg verkürze, aber Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte
während der ganzen Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.
    »Ward man ne seekrank, Störtebeker«, sagte der Elbfischer einmal.
    »Dor quäl di man ne üm!«
    »Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung«, drohte der Fischer.
    »Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mitebben wullt«, rief der Junge
patzig. Da goss Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über den Kopf.
    Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie in Finkenwärder an. Am
Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen Passagier an
Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Peek in die Hand und ging
den dunkeln Deich entlang nach dem Ness.
    Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon rufen:
    »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, dass Leute bei ihr standen. Auch sein
Grossonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah, war auf dem Deich.
    »Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloss wesen?«
    »Hier is he!«
    »Woneem, woneem?«
    »Hier uppen Diek, Mudder!«
    Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand und
führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er seine Reise
über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter und mit der Jolle
die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche Übertreibung, denn er hielt
sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat beleben, denn brukt 'n ok ne to
legen! - da warf die Mutter sich schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji
em, Unkel, haut ji em. ik kannt ne!«
    »Hebben mütt he wat«, erklärte der verbissene und durch das viele Rufen
gereizte Alte.
    »Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun«, sagte
Störtebeker mit blitzenden Augen, auch der alte Jäger, den das Schreien aus dem
Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mit less du di ne haun, du
Kosak? Dat wöt wi doch mol wies wardn!«
    Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war ihm
auch das einerlei: mochte er ihn totauen, wie Jan Külper ihn über Bord werfen
wollte. Unbeweglich blieb er stehen und liess sich schlagen, ohne zu zucken oder
zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne vergeten! Diese Ruhe brachte
den Alten noch mehr auf, und er schlug ihn ärger, da warf sich aber die Mutter
dazwischen und drängte die beiden auseinander, denn sie wusste, dass der Trotz des
Jungen nicht zu brechen war, dass er sich lieber krumm und lahm prügeln liess, ehe
er einen Laut von sich gab.
    »Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
alleen mit em klor wardn«, bat sie dringend. Der Alte ging mit einem bösen Blick
hinaus und brummte noch auf der Diele.
    Ungerührt liess Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster vorhalten.
»Dat beten Hoveree«, sagte er verächtlich, »wat he dor son Larm üm moken mag!
Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt!« Abbitte aber täte er
nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren gehalten und hätte selbst Schuld, dass
ihm das Fenster eingeworfen wäre.
    Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem langen,
ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn ik ierst an
Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as Mudder: - dann sang
der Schlafschiffer mit ihm ab.
    Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm in
das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab, dass
sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja nicht anders
flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt hatte. Die Mutterliebe
wallte heiss in ihr auf: sie beugte sich über ihn und küsste ihm den
festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen: er hätte sich
mit Händen und Füssen gesträubt gegen solchen Kinderkram, wie er es hiess, und
wäre lieber aus dem Fenster gesprungen, als dass er ihr einen Süssen gegeben
hätte.
    »Mien Jung büst du doch«, flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das
Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat grote
Schipp!«
    Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht schon
wieder bei seinem Vater an Bord - und du, Gesa?
 
                                Fünfter Stremel.
Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, dass er auf den Deich
lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind wehte, dass die
Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so kam auch sein Vater gut
vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein Vater, sein Vater! Danach
fragte er, das ging ihn an: ohne den war es nichts, ohne den wusste er nicht, was
er anfangen sollte, ohne den und ohne den Ewer machte es ihm keinen Spass, zu
leben. Beim Kaffeetrinken ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem
Segeln und Kreuzen sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon
wieder aufgetallt wäre, ob sie den grossen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war er
wieder ganz allein und wusste nicht, was für einen Weg er einschlagen solle.
Zuletzt dachte er an sein Viehzeug, und er ging hin und mistete den
Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen Strohes, die
sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach ging er an dem Graben
entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater noch mit unter den Stubben
gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht noch ein Schlei darin, nur ein grosser
Wasserbulle krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser
zurück. Der Junge stellte das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging
nach dem Binnendeich, um sein Hütfass zu überprüfen; er zog den durchlöcherten
Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf See eingezogen hatte und
die nun vor dem Deichsiel im fliessenden Wasser lag, aufs Trockne und überzeugte
sich, dass die beiden Karauschen, die er drinnen hatte, noch springenlebendig
waren.
    Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte er
nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun war er
eigentlich arbeitslos.
    Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die Kinder,
Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch een beten mit de
Kinner«, sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die Hühner fütterte, da
ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit aufladen und sah eine Weile zu. Sie
fragten ihn, ob er mitspielen wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er
überhaupt nicht, er wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl
oder Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die Mädchen, dann hätte er Lust!
Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben, - deshalb wurde es ihm bald
über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte ihnen den Rücken.
    Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schiessen. Juno, der
grosse, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
    Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die Schläge
vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergnügt:
»Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber: snack, soveel du wullt, wat
geiht mi dat an, - obgleich die Enten durcheinander schnatterten:
meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den Sack geguckt hätte, auch von Herzen
gern mit auf die Jagd gegangen wäre.
    Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete, dass
einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten oder nach
der Wisch ziehen konnte. Niemand liess sich blicken: die Mütter hielten sie fest,
denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit den Stutenfrauen gemacht,
und auch die Reise über das Eis war schon bekannt geworden. Ihre Jungen sollten
sich nicht mehr mit dem Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.
    »Hein, du bliwst hier un geihst mi ne no den Ness no den Störtebeker, hest mi
verstohn?«»Jo, Mudder!«
    In seiner Not nahm Störtebeker schliesslich die Hechtschnarre zur Hand und
lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu erwischen,
aber er hatte auch damit kein Glück. Es war nicht sonnig genug, die Hechte
standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie schossen meistens schon in die
Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte er einen grossen Hecht, der gut gegen
die Sonne stand: behutsam tauchte er die goldige Drahtschlinge in das Wasser,
ohne Wellenringe zu machen, und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging
auch anfänglich gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn sie hinter den
Kiemen war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek gestanden
hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.
    »Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem
Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem runden
Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war lohnender: er
ketscherte einen halben Eimer voll, weisse, dicke Weibchen und graue, dünne
Männchen. Den grössten Teil bekam die Mutter, die sie für die Hühner kochen
wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank unter den Linden sitzend, mit
seinem Knief, seinem Puggenslachter, für Kluss zurecht, indem er die Köpfe und
die Stacheln abschnitt. Die alte Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den
Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte.
    Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr
ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh, Klaus
Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als wenn sie
schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel, als wenn sie um
weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie krächzte auch einmal,
aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der Junge sich auch um sie
bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner Reise damit überraschen: der
sollte sich fix verjagen, wenn er in den Hof hineinging und es mit einem Male
rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See!
- aber das sollte nun erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld
freilich noch nicht gross.
    »Du büst dummerhaftig, Kluss!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne bald
snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.«
    Nach dem Mittagessen, - Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn, -
machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage vorher
zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und Ausgucken. Er
knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur so, aber nach
andertalb Stunden sah er ein, dass es ohne ohne seinen Vater doch nichts
schaffte.
    Da ging er mit dem Euschfatt nach der Nesskule und goss den Kahn leer, der
immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert musste der werden, das war ein Apfel,
und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten sie es auch
zusammen getan: nun musste er wohl allein dabei.
    Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind moi: sie fischten wohl schon und
hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder übermorgen!
    Der Jäger kam vom hohen Ness zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche und
machten ihn guter Laune.
    »Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt dohn«,
stichelte er, aber der Junge liess sich nicht in die Kneife bringen. »De ward fix
nattgoten«, sagte er gleichmütig, dann aber besann er sich, schluckte den Rest
des Grolles seines Grolls hinunter und lief auf den Deich, um die geschossenen
Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu streicheln, der gänzlich mit Schlick
bespritzt war, und die Flinte zu tragen, denn er wollte nun doch gern einmal
wieder mit auf die Jagd, bis sein Vater kam.
    »Wenn dat Is man ierst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn schippern
kann.«
    »Offermorgen kriegt wi een neen Moon, denn wardt woll anner Wetter«, sagte
der Jäger und sah den Heben an.
    Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die dreierlei
wissen wollten.
    Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hätte, denn dann wollten
sie einen Bock und eine Eve bestellen.
    Zweitens: ob es wahr wäre, dass er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
hätte, denn das wäre am Deich erzählt worden.
    Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken wäre, denn dann wollten
sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hätten sie eine ganze Schachtel
voll in der Tasche.
    Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet ne,
veel lütte Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor söben van
ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters liess er es geruhig bei der
einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und sagte: »De Lüd snotert sik
wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnass und für Ostermoonen sei es
überhaupt noch viel zu früh: was sie sich wohl eigentlich einbildeten, sie
hätten wohl einen Splien? Wenn es soweit wäre, dann würden sie wohl den weissen
Rauch trecken sehen. »De Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütte
Boitel doch noch ne mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.«
Damit entriss er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies
ihnen noch Kluss und die angefangene Bunge, liess sie in das Hütfass gucken und die
Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn er sah die
Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn nicht die Bestellung
gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit ihnen abgegeben, aber die
Kundschaft musste man sich ja gewogen halten.
    Er lief nach der Nesskule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn, um sich
seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.
    In der Dämmerung musste er nochmal den Deich entlang und Graupen und Zucker
vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.
    »Noch süss Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder«, sagte er
zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.
                                     * * *
    Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus,
ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den grossen, schönen Ewer mit
den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und weissen Flögel. Als es
an der Zeit war, dass sein Vater aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem
Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er sass im Wipfel der Linden vor der
Tür und blickte nach den vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen aus. Er suchte einen
grünen Ewer und einen blauweissen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter
Kirche wehen musste, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wusste er.
Zwar wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks des angetriebenen
Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung der
Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das Fertigwerden der
Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen das grosse Warten auf
seinen Vater.
    Ausser seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Nesshuk nur
noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im
Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie die Schinken in
Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und aller Torfrauch sammelte
sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab. Im Sommer
spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte sie Regenwürmer mit der Laterne
für die Aalfischer. Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben
und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte.
Sie trauten ihr nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand
verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt
hatte, war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere grosse
Haverei bekommen, die Kurre eingebüsst oder nichts gefangen. Manch einen gab es
am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug
vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man musste Tees to Baben hören, den
Hexenmeister, dann wusste man erst Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit
dieses Weibes.
    Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen zum
Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf, und es trieb ihn, aus
dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht zwischen den Bäumen
gehen und bemerkte, dass sie seine Kurre berührte. »Nu bün ik behext«, dachte er.
Am Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig, in das Steerttau
geklemmt. Er pulte ihn heraus und vergrub ihn, und das war sein Glück, denn
sonst hätte er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen.
Also sprach Tees to Baben.
    Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war Klaus
Mewes, der Lachende, und als er einmal darüberzukam, als Gesa dem Jungen
einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel und keine
Birne, da sagte er ernstaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen un sowat. De arme
Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De freit sik, wenn
se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte er, um das Unrecht gutzumachen,
das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte: »Wi hebbt noch een poor
Schullen ober: kumm, Störtebeker, un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill
war vergnügt und wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich
einen finden und sagte ihn für später zu.
    Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.«
    Er liess sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn die
Mutter auch nicht sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle Diele, denn
bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen«, rief er.
    »Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de Schinken«,
sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war.
    »Junge, wat een barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?«
    Sill sass ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch zu hören.
Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine in die Hand
genommen, aber Störtebeker wusste nichts davon.
    »Wat seggst du, Junge?«
    »Ich meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter.
    »Jo, all mien Schinken.«
    »Diern, denn kannst du di woll frein!«
    Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden Augen
an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?«
    Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf.wie der Geist von
Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der
knochigen Hand.
    »Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn du
Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.«
    »Jo, Sill, dat mokt jo Sposs«, sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die Äpfel
und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische von damals,
und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne Danke an und
machte, dass er hinaus kam, denn er konnte den beissenden Rauch nicht mehr
aushalten.
    Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext waren, und
ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie ass? Die Mutter hatte es gesagt, aber
sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der Oberste für ihn: er
wollte sie getrost essen.
    »Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« - rief
die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh, - das hätte nicht kommen
dürfen. »Kantappeln, Mudder!« - »Keen hett di de geben?« Junge, dass sein Vater
ihm das Lügen verboten hatte! Nun musste er mit der Wahrheit an den Tag. »Sill,
för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.«
    »Her de Appeln!«
    »Och, Mudder!«
    »Her de Appeln, de schallst du ne upeten!«
    »Och, Mudder, lot mi de doch, ik hebb solangen keen Appeln mihr hatt!«
    »Gifst du de her, Klaus?«
    Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm
weg. Hastig steckte sie sie in die grosse Tasche, die sie unter der Schürze trug,
und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und versuchte, sie ihr
wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie war unerbittlich. Da legte
er sich auf die Lauer und beobachtete sie heimlich, ohne dass sie es gewahr
wurde. Und als er sie später aus der Tür kommen hörte, da versteckte er sich
schnell im Binnendeich hinter der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch
einer guckte, dann lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel
hinein, um die Hexerei unwirksam zu machen.
    Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die Äpfel
wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte sie schnell an
der englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche. Erst als er in
sicherem Versteck am Westerdeich sass, in seinem Storchnest, das er sich im
Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut hatte, betrachtete er sie wieder und
ass sie dann mit grossem Behagen auf, ohne bange zu sein, dass er krank danach
werden könne. Dazu schmeckten sie viel zu gut.
    Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel auf
dem Tische, und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een van uns
eegen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter, un dor wardst du ne krank van.
Den et man up.«
    Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte doch:
»Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant leber as
Prins!«
                                     * * *
    Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser und
brach de Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon auf den Deich
und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen und Sonnenschein reine
Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Störtebeker
freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er konnte wriggen und rudern, soviel er
wollte. Jede Tide stiess er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, liess sich
stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die
Lauer, warf den Draggen aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut
heraufkommen sollten, denn jetzt musste und musste sein Vater bald dabei sein.
Zehn Tage war er schon weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug
auf und ab, - das erfreute ihn, denn so musste er doch zuletzt seefest werden.
    Wie er spähte! Wenn grosse Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf.
Dampfer sah er feindselig an, denn er wusste, dass sein Vater nichts von den
Stiemkästen hielt, und dass auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war. Was
da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen, Schaluppen und
Galjassen, fand auch wenig Gnade vor seinen Augen, das waren Dwarstreiber und
Torfschipper bei ihm.
    Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn, denen
wriggte er entgegen, und die begrüsste er: »Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne
bi jo fischt? Kummt he bald?« Wussten die Fahrensleute dann mitunter nicht, wer
er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er einfach seinen Kahn so, dass
sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen konnten, - dann wussten sie gleich
Bescheidund dann hiess es ja oder nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme
bald, oder sie hätten ihn nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein,
oder er wäre nach der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein
Vater sei nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und
Besorgte, die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte, dass einer sagte: »Dor
seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!« - das bekam er nicht
zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht zu sehen, so weit er auch
blickte.
    Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
Frauen zu grüssen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.
    Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich
entlang musste, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer aufgekommen
waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt, du schullst man noch mit den
Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett tweehunnert Stieg
Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wussten, wenn sie auch
schon gewinkt hatten, so freuten sie sich doch der Bestätigung und sahen den
kleinen Störtebeker freundlicher an, um so eher, als er nicht für Geld ansagte
wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen
förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen Gild nog
mit mien Fisch un mien Kninken«, sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben
wollte.
    Einen Tag, als er draussen war, lief ein grosser, grauer Manofwar, ein
deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte es sich
durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht, - langsam glitt es nun vorüber. Er
guckte es gross an, denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen,
als er gedient hatte. An der Reling standen viele Mariner und guckten ihn an,
weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male
aber winkte ein Matrose und rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der
auf der anderen Seite von der Stegel wohnte: wat müss Hein Sass sik wunnern!
    »Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!«
    »Lurst du up dien Vadder?«
    »Jo, Jan! He kummt man bloss ne.«
    Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
fragte er Jan, ob er seine Braut grüssen solle, dann war das Kriegsschiff
vorüber, und er musste machen, dass er den Steven seines Kahnes gegen die
anlaufende, grosse Dünung drehte.
    Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge in
gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:
    »Jo, dien Vadder hett mit uns tohoop fischt! He hett ok de Reis, he is ober
no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!«
    »Is dat eulich wohr, Hein?«
    »Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?«
    Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser war
sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er auch immer
dahin gewesen, so dass die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn du ierst eenmol up
de Wesser wesen büst, denn fohrst dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin! Nun
konnte es wieder so kommen, dass er immer dahin segelte.
    »Mudder, weiss, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee sassen. »In
Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!«
    »Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land ist«, sagte die
Mutter erfreut.
    »He harr ober man no Hus kommen müsst«, sagte er darauf, »wat deit he no de
Wesser hin?«
    »Dat mütt Vadder sülben weeten«, erklärte sie aber, »dor is he dichter bi de
See un hett dor ok woll noch een beter Markt as boben an Altno.«
                                     * * *
    Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches, am
andern Morgen, dass so viel Schollen oben an der Brücke wären, dass kein einziger
Ewer leer geworden sei. Sie müssten alle überliegen und hätten morgen wohl nur
noch tote Fische im Bünn, die sie den Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne dass
diese sich auch nur umguckten. Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat
Vadder no de Wesser is! aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die
heissen sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch slechter!
    Die Stutenfrau erzählte weiter, dass Metta Focken Zwillinge bekommen hätte, -
twee lütte Jungens, ober krekel un gesund! - dass Hinnik Bott seinen Ewer
kondemmen liesse und dass Jochen Fahjes Knecht auf See über Bord gekommen und
ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über Wasser gehalten, aber sie
hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es so dunkel gewesen wäre. »Jochen,
rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er immer gerufen, bis er weggesunken sei, die
schweren Seestiefel hätten ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man een Butenlanner,
Gorch hett he heten, ober wat is dat bedreuft«, schloss die Frau.
    Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem absägten Kurrbaum, der noch die
Zeichen H.F. 125 trug, und hörte zu.
 
                               Sechster Stremel.
Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei grosse Löcher
hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der Bauer hatte sie mit
Willen entzweigestossen. Da begab es sich, dass der Briefträger den Deich entlang
kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an einen Brief von seinem Vater, aber er
mochte noch nicht fragen. Erst, als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, liess
er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein.
    »Van Bremen, Gesa«, sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter einen
Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob der Kessel über
dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte, hellte sich seine Miene auf,
er holte den grossen Beutel aus der Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den
Tisch und sagte: »Hunnert Doler, mien Diern!«
    »Junge, Junge, Mudder, wat een Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die
Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat angohn?
Wenn Vadder de Schulln utökert, denn kriegt he doch luter Groschens un nu sündt
mit eenmol all Guldstücker?«
    »Jä, dat zaubert wi up de Post all trecht«, antwortete der Postkerl
geheimnisvoll.
    Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, dass er einen Grog verlangen
konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf den Tisch, die
Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das rotbunte Taschentuch
heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar nicht schwitzte, dann liess
er eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter los, um sich vor der
Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen, zuletzt aber zerstiess er den
Zucker und rührte den Grog liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er
probte, wie ein Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, dass
er gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wusste, schliesslich aber
trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat Glas kannst
du utlicken.«
    »Ik bün keen Restensuper«, sagte der Junge verächtlich und schob das Glas
von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen Gutentagstock aus
der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten: »So, nu geiht dat
ierst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«
    »Jüst, Jan!«
    »Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker bewundernd,
sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm, es am Deich zu
erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte sie den Brief auf, auf dessen
Umschlag wie immer nur stand:
                                  Klaus Mewes,
                                                                   Finkenwärder,
ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so«, pflegte
Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.
    Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben, und
dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt waren einander
dermassen gleich, dass Gesa schon manches Mal gesagt hatte, sie wolle sie ihm
vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch auszufüllen hätte: den
Hafen, das Datum, die Geldsumme.
                                                      Bremen, den 29. März 1887.
        Liebe Gesa!
    Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark
gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu voll, deshalb sind wir
raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder
runter. Ob wir die andre Reise nach Hause kommen, weiss ich noch nicht. Das Markt
ist ja immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen wäre, hätte
ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch gesund und munter, was ich
auch von Euch hoffe.
    Jetzt will ich schliessen.
    Mit Gruss an Dich und Störtebeker
                                                          Dein Mann Klaus Mewes.
    Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no
Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle »Bremen zeigen«,
rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die Seefischer
fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und sagte ein Junge ja,
so fassten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und fragten so
lange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er gequält ja sagte.
    Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er wieder an
seine Arbeit.
    Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst mit an
Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen, aber erst sollte
sein Vater kommen und ihn holen!
    Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem
Schauer und heilte dort weiter, unter den grossen Namensbrettern gestrandeter
Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war, Büt wie 73, als
eine englische Bark mit Kupfererz auf Grossvogelsand strandete, oder wie 80, als
ein amerikanischer Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der
Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als Zier, manchen
Schweinekoben schmückte eine Inschrift wie »Kalliobe«, »Ceres«, »Fare well« oder
»Merkur«.
    Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit
Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau, die
Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen umschwebt, von
fliegenden Fischen umschwirrt, - nun von Spatzen umpiept, von Hühnern umgackert.
    Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit der
goldenen Inschrift:
                               Suzanne - LE HAVRE
die andern vier stammten von seinem Vater, dem grossen Beutemacher, und hiessen:
 HOFFNUNG Goede Verwachting
HAABET - SKIEN MARY THOMPSON
                                     * * *
    Es war ein Trost für Störtebeker, dass seine eigene Fischerei in diesen Tagen
besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein Vater in den
ersten sechs oder acht Tagen ja doch nicht kommen konnte, er also nicht nach dem
Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er sich mit grossem Eifer aufs Knütten und
bekam die Bunge fertig. Der Jäger stellte sie ihm ein, und dann fischte er mit
doppeltem Geschirr. Zuletzt sass das Hütfass voll von Hechte, Sturbarschen,
Schleien, Rotaugen und Karauschen, und er musste daran denken, sie an den Markt
zu bringen.
    Da trat der seltene Fall ein, dass er seine Mutter einmal gebrauchte, denn er
konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa musste hin und Hannes
Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinaufnehmen wolle. Erst hatte
sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man sülben, büst jo grot un kannst jo
snacken«, da sagte er aber kurz und bündig: »Non, denn ist god, denn lot de
Fisch man all krüssen, denn lots man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er
wäre wohl bange, dass er selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiss zu dem
Fischer gelaufen, sie dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.
    »Will he jüm mitebben, Mudder?«
    »Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«
    Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der Jolle,
die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte, und hängte sie
in den Bünn. Hannes Husteen machte spasseshalber einige Einwendungen: wenn bloss
ne son slecht Markt is, dat ik jüm los ward ... de Dinger sünd ok so lütt: wenn
de de Hökerwieber man nehmt ... Als Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du
jüm gor ne mitebben, du Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da
hielt der Elbfischer ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische
so teuer wie möglich zu verkaufen, und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg
selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.
    Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen
ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte sich
schnell, damit er nicht Dank zu sagen brauchte.
                                     * * *
    Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von Vegesack
oder Elsflet oder Bremen oder Brake, einmal sogar von Oldenburg. Klaus Mewes
kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit
springlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten
den fröhlichen Finken an Geeste, Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten
sich, wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische
pries. Nach dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.
    Störtebeker war böse auf seinen Vater, und er machte seiner Mutter gegenüber
kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker. Nach
dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus, denn der Ewer kam ja doch
nicht, und die Seefischer lachten ihn ja schon bald aus, wenn er fragte.
    Er hätte wohl nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn die
Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten, und wenn
nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
    Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
                                     * * *
    Was steckt in den Jungen, dass sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne höher
steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an der Sonne und
am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen ihr ferner und können
schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie das junge Tier dem Urtier
ähnlicher ist als das ausgewachsene, entwickelte, so steht auch das Kind dem
früheren Menschen näher als der Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst
verklungen sind. Ihr Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt
es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind, - straft es nicht um seine
Osterflammen!
    »Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«
                                     * * *
    Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, Binsen
und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten; als die
Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es hümpelweise in Brand gesetzt. Und
der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen
an, die jeden Tag, an dem es nicht mit Mulden goss, den Westerdeich belebte.
Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen
Hosen Feuer sass, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben, pusteten und
husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei und
freuten sich über den dicken weissen Rauch, der bei dem ewigen Westwind meistens
das ganze Eiland durchzog und vom Ness bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder
setzte seinen Ehrgeiz darein, die grösste Ostermoon zu haben! Meistens hatte
Störtebeker sie.
    Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche gegen
den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie
mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, - aber die Jungen liessen sich
durch nichts abhalten: sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die
Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt sassen oder standen sie bei ihren Ostermoonen:
auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund
oder ein Mensch, so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen
Inselgewirr der Püttensümpfe, zog die Bretter ab und sass in den Erlenbüschen,
hinter dem Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker
war der letzte, der die Feuer im Stich liess, er war auch der erste, der wieder
aus den Pütten kroch, und vergass niemals zu sagen: »Ik bün obers ne bang,
Jungens!« Es warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig räucherte, und
fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen.
Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause,
ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu quälen. »Lot man brinnen«, sagte er
zu seiner Mutter, wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten
Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen
sollten.
    Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müssten sein: sein
Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern
Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.
                                     * * *
    In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hiess Harm
Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
    Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat
gegangen, - als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor Wochen
zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um den Deich allein
entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüsst, die vor den Türen gesessen
hatten aber es war ihm doch nicht möglich gewesen, beim Kirchenweg sackte er um
und musste nach dem Ness getragen werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie
ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiss
war sein Gesicht.
    In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen.
Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er fühlte, dass er nicht wieder
gesunden könne. Die grosse Fahrt war aus, - über sein Seefahrtsbuch war ein
dicker, schwarzer Strich gemacht worden, den er nicht wegwischen konnte.
    Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern,
und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und sein ältester
Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er butenlands gewesen war.
    Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit grossen Augen sah er sie an, als
wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur noch selten:
an stillen Tagen liess er das Bett so stellen, dass er die Elbe sehen konnte,
sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den
Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte! Wie er immer
und immer wieder die zerrissenen Segel ansah, als könne er es nicht begreifen,
dass sie nicht wieder zu machen waren.
    Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der
jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein Lächeln
in das ernste, verschlossene Gesicht, und er half ihm in Gedanken bei seinem
Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ... Kiek, hier! Dat
schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm! ... Jo, hier is een
ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat fluckert dat, wat sleit de Flamm
hoch! ... Dat is doch een feine Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is een scheune
Ostermoon, Klaus Störtebeker!
    »Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen gehört
hatte und von unten gekommen war.
    »Rop den lütten Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern mol
mit em snacken«, bat er.
    Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem Feuer
gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und liess sich ausfragen von dem
todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen,
von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von seinem Vater, und dass er
den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann aber fing er an zu fragen: nach
den grossen Schiffen und den Schwarzen, nach dem Fliegenden Holländer und nach
Amerika. Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und
ob es wahr wäre, was Kap Horn ihm von der grossen Leine erzählt hätte, unter der
alle Schiffe hindurch müssten.
    Harm Külper fand grosses Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in dessen
Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder, die er verloren
hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis die Mutter ihn an das
Ruhegebot des Arztes mahnen musste. Da schenkte er ihm ein kleines, zierliches
Vollschiff, das er in den Passaten, als die Segel wochenlang stehen bleiben
konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den
andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen.
    »Dat brukt ne ierst een Seemann to wardn: dat is all een«, sagte er zu
seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn moi Leben hett de nu noch vör sik
- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und kehrte das Gesicht
gegen die graue Wand.
    Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die Mutter
aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er ganz still lag.
Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: Ik will mol mit di snacken.«
    »Och, lot mi doch, Mudder!«
    »Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik ne
mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol
is! Snack du em dat ut, Harm. Ik hol dat ne ut un goh to Woter, wenn he ne an
Land bliwt!«
    Der Kranke schloss die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, dass er
eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur keine
Antwort geben wollen.
    Störtebeker liess die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für
sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte
dessen Segel- und Manöverierfähigkeit.
    Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weisse Wolken kamen
im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen
Luftmeer. Der Matrose liess sich von seinem Bruder die Kissen hinter den Rücken
stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete auf Störtebeker. Die
Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, ob er noch etwas
wolle; als er verneinte, ging sie nach der Kirche und überliess die Wache dem
Konfirmanden.
    Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern stolperte
gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach
kurzer Zeit loderte eine grosse Ostermoon auf dem Deiche, wie Störtebeker noch
keine gehabt hatte: das war für das schöne Vollschiff!
    Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male der
Gedanke: jetzt muss ich sterben! Und der liess ihn nicht mehr los, bis er sich ihm
ergab und das Ruder losliess: treib, Schifflein, treib! Da kam eine grosse,
heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging, und all das Tote, Dumpfe, das
auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit und
Klarheit. Er erkannte, dass sein Leben gross und schön und sonnig gewesen war.
Glitzernd und blinkend, atmend und lachend lag die See vor ihm, die grosse weite
See, und hohe, stolze Drei-und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem
Winde! Wie leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand
auf der Back im Sonntagsstaat, in der Tür des Logis sass der Norweger und spielte
auf der Harmonika; über ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der Fock
bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine spielten vor dem Bug, und
Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weissen
Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank ...
    »Jan?«
    »Wat schall ik, Harm?«
    Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und sah
verdriesslich von seinem Katechismus auf.
    »Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See
hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un
Jakob ok verdrunken sünd, un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt wardn
mütt! Ik ro di to, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne
meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils
hest!«
    Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
    »Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok seggt,
mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull
Gild mitbröcht; ik segg di: mien Leben is recht wesen, un wünsch mi keen anner!«
    »Snack doch ne soveel, Harm«, beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«
    Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft ging
er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte sein
Seefahrtsbuch.
    »Wat wullt dormit, Harm?«
    »Mien Munsterbook, Jan! Dat ligt boben up mien Seemannskist!«
    Er liess nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen seine
knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem ik allerwärts
wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne Middellandssee un inne Sunda, boben
bi de Eskimos un nerden bi de Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien
Munsterbook will ik nu jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn schöt ji
mi dat innen Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.«
    »Harm, schoon di doch«, bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah, aber
der Matrose hörte nicht.
    »Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütten Finger mihr krumm moken
kann, ohn mi weh to dohn: wenn ik düt Book seh, denn ward ik dor ober an dinken,
wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un Störm, un ne bangen wesen
bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch angelt hebb! Un dor an to dinken, dat
is god, Jan, wenn een starben mütt.«
    »Harm, so snackst du nu, - un to Sommer, wenn du wedder beter büst un wedder
up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«
    Der Kranke schüttelte den Kopf.
    »Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütte: ik seh de See ne wedder! Jan,
goh no See un ward een fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«
    »Ik do ok doch, wat ik will«, sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat ik
Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«
    Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder hinaus,
indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch nicht käme, denn
er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
    Er fühlte aber, dass der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, dass der
Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch einmal über
den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes Osterfeuer
bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer, und hinter dem Ness standen
viele, braune Segel auf dem Wasser.
    Dann trat die grosse Meeresstille ein: der Tod kam und grüsste ihn. Und Harm
Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.
                                     * * *
    Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das Seefahrtsbuch
bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte Triengretj, die
Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, dass er Mittweeken Klock dree aus
dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem Leichenwagen den Deich entlanggewankt und
brachte den ruhelosen Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug
gewesen waren, in einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe.
Störtebeker ging mit hinter dem Sarge und trug einen grossen Kranz, zu dem er das
halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer
mit, dass es eine grosse Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger
Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der manchen Hafen
und manches Meer gesehen hätte.
    Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief
Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab und
liess es auf der blinkenden Elbe segeln.
 
                               Siebenter Stremel.
Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach dem
Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame, kleine Kate, in der Bartel
Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der es hiess, dass sie
nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als Esstopf, als Waschtopf und als
Pisspott dienen müsse. Den Tisch fege sie mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur
ein Tuch, das sie morgens als Schürze, mittags als Tischtuch und abends als
Fenstervorhang benutze. Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel
hausten bei ihr im Bettstroh.
    Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
eine grosse Farm haben, so gross wie ganz Finkenwärder, sagten sie: anzusehen war
ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und alltags gleich schlumpig. Und als
seine Mutter starb, da zimmerte er selbst einen Sarg zurecht, lud ihn auf die
Schubkarre und fuhr ihn nach dem Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte
er, und kümmerte sich nicht um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben,
aber da kam ihm der Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher
Gottlosigkeit nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu
tun war, die er für das Grab einzubekommen hatte, als um den Frevel.
    Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete, und die
Feuerleute rannten in weissen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die Gören hinterher.
Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des Westerdeiches, denn
Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand die Kate in hellen Flammen
und war schon beinahe gänzlich niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem
einzigen Topf seiner Mutter hin und her und goss Wasser in das Feuer. Zu retten
war da nichts: als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuss
hatte, war das Haus schon zusammengestürzt, und sie konnte nur noch die
Obstbäume nassspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütenpott
umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan, die verdammten
Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker machte, dass er weg kam,
als er das hörte.
    Es gab grosse Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei, dass
er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen, als dass
Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten. Obgleich seine Mutter ganz
verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie drohten ihm mit der Strafschule, aber er
fürchtete sich nicht. Aber es kam doch soviel dabei heraus, dass kein Junge mehr
mit ihm nach dem Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch
Kellerarrest. Es wäre wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht
gutmütig gesagt hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten
Haus sei nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
    Und er verklopfte den Hof, liess sich das Versicherungsgeld ausbezahlen und
dampfte nach Neuyork ab.
    Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld zu
bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht
freigesprochen, er hiess noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein gutes
Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt verratzt, wie er sich
ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen weggenommen,
und er konnte nicht mehr fischen.
    Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum erstenmal wieder eine
Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog, und sich
mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich genug, da sah er
drei grosse, braune Segel hinter dem Giebel des Nesshofes erscheinen, die ihm
bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann liess er das Feuer im Stich und lief in
Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete lachend seinen Kahn los und wriggte schnell
vom Deich, seinem Vater entgegen.
    Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein Vater
war wieder da!
    Wie wriggte er, wie rief er:
    »Höh, Vadder, höh!«
    Da wurde er vom Ewer gesehen:
    »Höh, Klaus Störtebeker!«
    »Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di dat,
Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weiss woll, slechte Lüd geiht dat
jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ... »Ne, du
Schietinnebüx.«
    Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte an
Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin. Nun war
alles gut, - er war wieder an Bord bei seinem Vater!
    »Hein, Hein Mück, du müsst di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all een
eulichen Snauzbort!«
    Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker. Hein Mück hett si bloss
en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«
    »Dor quält jo man ne üm«, schneuzte der Koch.
    Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel, rasselnd
sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum Schwoien.
    »Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich
wunderte, dass sich niemand um die Segel kümmerte. Aber Klaus Mewes erwiderte:
»De Seils blieft stohn. Wie weut Mudder holen un denn mit allemann no Stadt
rup!«
    »Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht
einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit dem Kahn
zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten Zeit genug und wollten noch erst an
Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn das Boot in die Talje und setzten
es über Bord. Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den Reisekorb, und
dann schipperten sie an den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in
ihrem Boot. Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up ierst ant Bullwark kummt,
hett wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften, - und richtig wurde
er dem schweren Boot leicht über.
    Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen
entgegen. Zu diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe und auf
ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den Nebel und an
die dunkeln Nächte.
    »Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi wöt
alltohoopen mit no Altno rup!« - rief Störtebeker schon von unten.
    Lachend gab der grosse Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt ihre
fest: »Goden Dag!«
    »Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er hielt
sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte verwirrt: »Lot mi
doch los, Klaus, wat schöt de Lüd dinken!«
    Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn nicht
der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder, lot ehr los, se
schall sik klor moken!«
    »Wullt mit, Mudder?«
    Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«
    Dann sassen sie beim Kaffee und assen und tranken, die grossen, braunen
Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und konnten
alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er musste alles wissen,
wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo sie zu Markt gewesen waren
und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter sie gehabt hatten und so weiter.
Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie eine Pfeffermühle.
    Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäss, obgleich
er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das Viehwerk wurde in
die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn und Boot nach dem Ewer
hinaus, der sich gross und schön auf dem blanken Wasser spiegelte: Klippklapp
sagte das Spill, als die Kette aufgehievt wurde.
    Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das
Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war soviel
Wind, dass sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an der
Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf den Luken,
bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch, bald guckte
er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser wirbelte und ab und zu eine Scholle
auftauchte, um schnell wieder hinunterzuschwimmen, bald sass er auf der Kapp bei
Hein Mück, der Kartoffeln schälte, und ass getrocknete Knurrhähne. Oder er besah
die Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
    Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun pflegte,
und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte er den Schelm und
kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine Mutter ängstlich den
ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen mass und bat: »Vadder, stür
doch af, wat wi keen Hoveree kriegt«, dann lachte er sie aus und sagte: »Mudder,
de Damper mütt dat Seilschipp ut den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.«
    »Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.
    »Vadder seggt dat«, gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch
weeten!«
    »Jo, mütt he ok«, bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem grossen
Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen vorbeischob.
»Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach der Flagge am Heck.
»Een Ingelschmann.«
    Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singalesen.
    »U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«
    Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
angerichtet hatte. Sie sass auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf, aber sie
hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn erst sagte
Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so scheun up Deck un
fohrt so moi no Hamborg, un nu fangst du dorvan an!« Und er stand auf und ging
nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht noch leichter: so hätte er es als
Junge auch gemacht, sagte er sorglos, sie solle ihn nur gewähren lassen. Der
Junge solle ja kein Pastor, sondern Fischermann werden.
    »Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«
    »Gesa, mok doch keen Schop bang.«
    »So veel du nu ober em lachst, müsst du noch mol ober em weenen!«
    »Ne, dat gläuf ik ne, Diern!«
    Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.
    »Bestrof em, Klaus!«
    »Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa, anner Reis
nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen Undöt mihr moken!«
    Da gab sie es auf.
                                     * * *
    Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte eine Art
Lobgesang an und ass wie ein Scheunendrescher.
    Als sie noch um die Pfanne sassen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer,
Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise abzukaufen und
die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen guten runden Preis, aber
Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es waren erst drei Ewer an der Brücke,
und er konnte auf einen guten Markt hoffen: auch war er von der Weser gewohnt,
seine Schollen selbst zu verhandeln. Die Händler drängten.
    »Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!«
    »Lot jüm kommen, Petersen, wi wöt all leben«, lachte Klaus Mewes.
    »Dat Woter is slecht, di bliewt de Fisch bit morgen all dot, Mewes!«
    »Lot jüm blieben, Meyer, wi möt all starben«, bemerkte er trocken.
    Da war nichts zu machen: er liess sich nicht einmal nach Eierkohrs einladen,
sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst einen kaufen. Und
er sog ruhig an den Gräten.
    Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der Helgoländer
Dünungklüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger
Bewegung gehalten.
    Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weiss, wat dat
is?« rief Störtebeker hinter ihr her.
    »Pass man up, di geiht dat nix beter«, steckte Kap Horn es ihm, aber er
lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr, ik bün seefast!«
    »Wie spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder«, warf Hein Mück dazwischen,
aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem er spottend rief:
»Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot inne Koi legen, ast weihn
worden is!«
    Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa die
Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel
gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige Dümpeln des
Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker musste an Bord bleiben, was
er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei machte er sich nichts, er blieb
am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern stehen.
    Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den Bünn
durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
herausgesucht. Störtebeker musste sie vorn aufs Deck legen, damit sie sich besser
hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den grossen Klüver darüber, damit
ihnen nichts gestohlen werden sollte.
    Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen schönen
Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der Hafenstrasse
hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas, einige deftige
Eisbrecher.
    Kap Horn aber sass mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen der
grossen Segelschiffe, die bei Blohm und Voss dockten, und nannte alle Segel und
Taue mit Namen, er erzählte ihm von der grossen Fahrt und von dem schweren Wetter
bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem todkranken Matrosen zugehört
hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor
harrst doch bang bi worden, nich, Störtebeker?«, dann sagte der Junge jedesmal
ernstaft: »Ne, bang harrk ne worden!«
    So sassen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser schiessen.
Dem alten Janmaaten kam der kleine Junge in den Sinn, den sie auf der dänischen
Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben hatte, mehr
beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb gewesen war, denn der Junge war
mehr vor dem Mast gewesen als auf dem Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten
sie ihn geheissen. Das war ein stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein
wilder Ungestüm: jener war auf der Höhe von Rio gestorben und nach
Seemannsbrauch bestattet worden, - er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht -:
dieser lebte und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land
nicht lebenkönne.
    Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte und
nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des
Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der seesüchtige Junge.
                                     * * *
    Am andern Morgen war ein grosses Trampeln und Scharren über Störtebeker, als
er erwachte. Kein Mensch war mehr unten, - er hatte richtig die Zeit
verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.
    Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmess wäre! Das ganze
Deck stand voll von fremden Leuten, was für ein Gedrängeauch doch was für ein
Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen, Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und
Körben, mit Handtaschen und Beuteln standen um den Bünn herum, fragten nach dem
Preis, handelten und kauften schliesslich. Der Knecht und der Junge standen im
Raum vor dem Bünn und ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte
wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter,
langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn
Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott, obgleich in der
Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war schollenhungrig.
    »Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens man
mol«, sagte er zu Gesa, die beim Kompasshäuschen stand und mit fremden Augen die
vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn, der damit umzuspringen wusste,
als sei er als Handelsmann geboren. Sie schüttelte aber den Kopf und blieb, wo
sie war. Und Störtebeker? Ja, wo war Störtebeker? War er schon allein nach der
Reeperbahn gelaufen, um sich den Kasper anzusehen?
    Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück und
hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser hineintun konnten,
er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen Netze seinem Vater
hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn Mark!« ... »Fö föftein Groschen,
Vadder!« ... So rief er dabei mit einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören
war: nun pass auf, dass alle bezahlen!
    »Süsstein förn Mark! Süsstein grote Schull'n! All springenlebennig! Süsstein
förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süsstein förn Mark! Süsstein grote
Schull'n! All springenlebennig! Süsstein förn Mark!« echote Störtebeker unten.
Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern Ewer zu machen und sich
einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen. Mitunter bekam der Junge auch
Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de all! Dor sünd keen dode twüschen! ...
Luter grote gift ne, dat geiht vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süsstein, ik hebb
mi ne vertillt! ...« An Kaffeetrinken dachte er nicht, er musste ja helfen.
    »De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: deleewt!« »De sünd jo so
lütt, Junge!« »Wenn du man ne lütt büst: de sünd grot!« Er liess sich nicht
verblüffen. »Sosstein forn Mark? Oppen annern Ewer gift achttein!« »Denn goh dor
man hin: hier gift dat bloss süsstein!« Er passte aber auch auf: »Vadder, de Olsch
hett noch ne betohlt!«
    Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten
Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!«
    Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch
utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worum hest du em dat nee
Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten kunnt! Süsstein förn
Mark! Süsstein grote Schullen!«
    Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, dass sie die Luken zumachen konnten:
die paar Stiege, die noch im Bünn sassen, brauchte Klaus Mewes selbst.
Ausverkauft!
    Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom Deich
bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und
entleerte seine dicken Taschen. Ein Hause von Groschen, Marken und Talern
bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es nahe an dreihundert Mark, die
er in acht Tagen aus der See geholt hatte. Es war wieder Glück dabei gewesen,
dass er einen guten Markt getroffen hatte.
    Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so gross vor, dass sie
immer nur von den grossen Seefischern sprachen und auf sie schalten, denn hatten
sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg und wurde Fischer.
Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den Tagelöhnern vor, die den ganzen
Tag für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mussten: wenn sie nicht zu alt für die
Fahrt gewesen wären, sie hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!
    Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und bleibt
die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben mit der
Aufschrift: »Segen des Mansfelder Bergbaues«, so könnte die hamburgische Münze
für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift: Segen des Schollenfanges. Wenn
auch die Seefischerfrauen sagen, dass so viel davon abginge: die Kasse, die
Kurren, die Leute, die Segel, die Zinsen, der Winter, - wir wollen sie dennoch
preisen, die schöne schöne Schollenzeit!
                                     * * *
    Nachmittags rollte die Kette wieder vor dem Ness durch die Klüsen. »Dol de
Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an Land, mit
Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa musste die Taschen
kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, dass die Leinen den Deich wie
Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker musste die Schollen austragen, die sein
Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten Reise bekam alle
Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft lebendige Schollen. »De keen
Fisch utgeben mag, is ne wiert, wat he welk wedder fangt«, hiess es am Deich. Die
Bauern auf den Wurten, die Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen.
Sogar an die alte Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es
machte ihm Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?«
»Jo!« »Mit Schullen?« »Jo!« dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei, der
Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus Zucker, Bauer
Feldmann goss ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte wieder ins Stroh hinein
und holte richtig noch einen schönen Apfel hervor. Er verzehrte ihn jedoch
wohlweislich unterwegs, damit er ihn nicht erst wieder aus der Erde zu graben
brauche und im Graben abwaschen müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.
    In der Schummerei aber sass er mit seinen Makkern auf dem Deich und ging mit
dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest waren, dass sie
anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes wegen sassen sie voll
Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich schlichen die Katzen mit
erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle an.
    Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes sass unter den Linden auf der Bank und
verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei bei Juist
und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im Fahrwasser
aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und schwerer in den Heben
hineinwuchsen.
    Vom äussern Ness kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen
Aalkörben beladen.
    »Non, könt hier utolen?«
    »Jo, Jakob!«
    Er blieb einen Augenblick stehen.
    »Loopt de Ool all, Jakob?«
    »Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms
hebben.«
    »Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all
eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voss de Geus un as de Hund de Rotten! Wi
weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an Altno: gode
föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de Gildbütel man afkann!«
    Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei, vier
kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte sich über
den grossen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich warf, wie der
Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so«, knurrte er und stiefelte weiter.
    Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus Mees, as
wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«
    Er sah sie gross an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann mien
Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor steihst du, dor
sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien Linnenbäum, dor buten ligt
mien Eber, un hier bün ik sülben, oder is dat all ne wohr? Lot den Dübel klogen:
ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik gläuf, uns Herrgott süht ok leber een
vergneugten Minschen as een trurigen!«
    »Wees ne se tross, Klaus Mees! Du büst ok bloss een Minsch un wullt wedder no
See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das Wasser.
 
                                Achter Stremel.
Es war Ostern auf Finkenwärder.
    An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen liessen
braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und
glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln. Die Elstern bauten ihre
Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und über
dem hohen Ness schwebten die grauen Reiher.
    Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr Eiland
gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst auch wohl ein
Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er geht sowieso nicht gern,
denn Seebeine sind nicht für Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause
ist, lassen die grundlosen Wege es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt
haben, die aber abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und
Niederland zuviel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
    Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen Winter
eingestellt war und die grosse, allgemeine Ausreise erst nach Ostern stattfand.
Da lag es nahe, dass der Fischer noch mal seine Insel auf den Kieker nahm, bevor
er sich der See für lange Monde anvertraute! Auch die Konfirmanden, die mit zur
See sollten, hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter den Füssen zu
haben, bevor sie an Bord gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.
    Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und
seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an
all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, mittelalterlichen Stadt
Frankfurt, - aber das muss verblassen vor der grossen Deichwanderung der Fischer
am Ostersonntag, die nachmittags anfängt und bis zum Abend währt und voll ist
von Grösse und Gewaltigkeit.
    Breit und blau grüsst die Elbe, - im Hintergrunde steigen die Blankeneser
Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom. Deutsche,
englische, französische, nordische und holländische Flaggen flattern im Winde,
Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das Fahrwasser gleich
Riesenvögel, und im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst auf,
wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber und von den Schallen grüssen die
blanken Ewer und Kutter, die starken, schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im
Sonnenschein, als wenn sie wüssten, dass es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff
in nachbarlicher Eintracht, und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem
stillen Wasser. Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich
ansehen lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das grosse Wäsche
gehabt hat.
    Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die Fischerhäuser
mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen Türen, geröteten
Steinen und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien
und andre Blumen blühen. Binnendeichs stehen die grossen Hamenanker, die
ausgedienten Kurrbäume, die aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die
braunen Äcker, von Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den
grossen Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der
Insel.
    Da kommen sie an, die Osterleute.
    Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren wöt! In Scharen kommen sie
und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand, - denn
diesen Tag sind die Ostermoonen frei -, damit die Fahrensleute Leuchtfeuer
haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre
Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern und in die
Heisternester gucken, die über die Gräben jumpen und Enten und Gänse bange
machen, die Deerns vom Deich stossen und die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann
erscheinen die Konfirmandinnen in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern
gehend, mit weissen Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der
erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den
Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr
Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das kleine
Schifferpatent in der Tasche, und gucken die Jungen gar nicht mehr an, bekümmern
sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und
Mädchen. Der breitrandige, schwarze Hut, der Huler, sitzt verwegen auf dem
Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt.
Jeder schmökt seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prüntjern).
    Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen zu
fünfen oder sieben, in Schöwen zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen
Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein, sprechen mit
andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich, die Häuser und die
Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor, die vor
den Türen stehen oder aus den Fenster schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm,
Tees-Unkel und Vadder Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das
Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird, und
wieviel neue Häuser das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch
der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt, und wat hei fungen:
so geht es immerzu.
    Klaus Mewes und sein Junge müssten keine rechten Finkenwärder sein, wenn sie
nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das Eiland, wobei sie
sich ordentlich Zeit lassen mussten, denn weil das Mewesgeschlecht das grösste auf
Finkenwärder war, hatten sie an allen Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten
Tag sagen mussten, und wurden alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee
hineingenötigt. Auch mit den Fischern, die er überholte, oder denen er
begegnete, hatte Klaus Mewes manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab
und zu an der Jacke, damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um
Finkenwärder herum.
    Beim Segelmacher wurde ein neues Grosssegel bestellt, das bis Karkmess
geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling stehen
sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats. Zunächst
bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung stehen hatte, dann
besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen liess. Ein hohes, stolzes
Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in den Heben ragte.
    »Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen hatte.
    »He löppt sowat up twölfdusend, Klaus«, erwiderte der Baas.
    »Dat Schipp is god«, lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an dem
scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen, Gotts den
Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch een poor Johr, denn sett
ik mien Eber af, un denn schallst du mi een neen Kutter bon, noch greuter un
noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol wiesen, wat Seilen un
Fischen to bedüden hett, so gewiss as ik Klaus Mees heet!«
    »Denn gifst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der Baas
aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi noch mol ober,
Klaus, wenn wi denn noch leewt un noch gesund sünd!«
    »Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?«
    »Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.«
    »Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi hebbt
H.F. 500 up See!«
    Der Baas aber sagte nur: »Wi wöt dat best höpen«, denn er glaubte nicht
daran.
    Vater und Sohn verliessen die Werft und gingen weiter.
                                     * * *
    Abends sassen sie alle in der Dönss und warteten auf die Ostereier. Hein Mück
sagte, er wolle ganz gewiss zehn essen, und Kap Horn erzählte, er habe schon den
ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei-oder vierundzwanzig, so
hungrig sei er. Da trat Gesa mit der grossen Schüssel an, die gehäuft voll von
den schönen, weissen Eiern war, und das Ostereieressen begann, das lustige
Wettessen, bei dem der gewonnen hatte, der die meisten Eier ass. Mit glänzenden
Augen löffelte Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De
smeckt as Sucker!«
    »Söben«, rief sein Vater.
    »Kann ne angohn«, sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens dree
Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!«
    Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich und
bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne dass er's merkte, die leeren
Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier untergeschmuggelt werden. Die
drei Fahrensleute rissen ein ordentliches Loch in den Eierhügel, aber
schliesslich mussten sie doch back brassen und sich für beet erklären. Da
bekleidete Störtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters und zählte die
Eierschalen, die jeder vor sich liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf.
»U, wat wenig, Vadder! Du säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne
tolangen, Störtebeker«, entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörds du
ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis:
»Twee! Mudder, dat et de lütten Kinner ok all meist. Du müss gewiss de Pann
wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam glimpflich davon, aber
über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter Schalen hatte,
goss er die volle Schale seines Spottes aus. Dann ging er an den eigenen Berg und
steckte die Schalen zusammen. »Mit de poor Dinger is doch keen Stoot to moken«,
stichelte Kap Horn.
    »Van wegen poor Dinger«, ereiferte der Junge sich und zählte sie in Gedanken
schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, dass er sich nicht verzählt hatte,
»kiek hier: dree, süss, söben, acht, negen. Negen Eier! Ik harr sülben ne dacht,
wat soveel würn, ober kannst jo sehn!«
    »Wohrraftig negen«, rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren
konnte, »wat kannt angohn, wat een swarte Koh witte Melk gift, un wat de Jung
mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«
    Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten wardn.«
    Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um sich
Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch
mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch mit no See?«
    »Nu noch ne«, bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,«
Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen zu dem
Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andere Reise schon
mit an Bord.
    »Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang in
der Dönss herum, wie ein Füllen auf der Wisch.
    Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken: das wolle er ihm
machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den grossen Schiffen her. Er
liess sich eine Elle geben und nahm gleich Mass, was dem Jungen den grössten Spass
machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender
von Anno Tobak ein und malte darüber: Ölzeug für Klaus Mewes junior.
    Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei grossen
Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen
Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von Blankenese
loderten und das Sonn-und Sommerverlangen des Niedersachsengaues in die Nacht
hinausriefen.
                                     * * *
    So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein
starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, dass er bis Michaelis
wehen könne, liess seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus Mewes machte sich
wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten
Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn, und schrieb von Bremen und
Bremerhaven.
    »He hett mi förn Narren«, sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur
Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der Schuster die
Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der Diele an dem Haken, an
dem wintertags das geschlachtete Schwein hing, und er sollte sie vorher nicht
tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn alle Tage.
    Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompass, das hierhin und dortin
trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte, bemühte sich um
das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen Kaninchen, er sprang mit den
Jungen über die Gräben und trocknete sein Zeug im Winde, wenn es dabei nass
geworden war, er watete schon in der Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen
konnte, und war der einzige vom Ness, der schon schwamm, - das Wasser war noch
eiskalt und benahm ihm fast den Atem! - er suchte Regenwürmer an feuchten
Abenden und pödderte Aale, er liess sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und sass
mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den wilden
Schwestern riefen, und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte sich die
getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab, schnitt sie in
Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, dass sie abends und vor aufkommenden
Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er machte sich Hupuppen, Flöten und
Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte
an stillen Abenden die Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -
aber es war keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater
kommen musste und er mit nach See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord, und
er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und Blankeneser,
Cränzer und Finkenwärder nach H.F. 125 fragen.
    Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,
unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel unter den
Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte aber ein Maulwurf,
so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den Hügel, warf den Schwarzrock in
die Luft und tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase. So reinigte er jeden Tag
den landschützenden Deich von seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in
alten Zeiten so manchen Deichbruch verschuldet hatten.
    Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt gekleidet wie ein Kasper von
St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter ihm her
liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht so sittsam hinter ihm wie die
Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und lachten, schrien und
sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders, des Eilandes, das gewohnt ist,
zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen Kleidern zu tanzen. »U - een
Snilläuper!« Vorbei braust die wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuss neben dem
Schnelläufer, er überholt ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit
der Peitsche haben soll, aber dann fällt ihm ein, dass er mit dem Kahn los muss,
und er kehrt batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu
Tür ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte der
Junge schon bei Blankenese in der Dünung und riet die Ewer an.
    Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand ausstreckte,
sondern fragte nur: »Wat is dor los?« - »Ik bün de Snelleuper un heff snell
loopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig loopen kunnt«, sagte Jan
patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
    Da kamen Strassenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu
vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten, dass der
ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger, und die Kinder sangen:
Schosteenfeger sitt upt Dack;
goh no Schol un lihr di wat!
    Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen, denen
weisse Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und Geesch mit Wolle,
Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat Räukerts, da kam der
Scherenschleifer und liess die Funken springen, der Wollkämmer kam und schor die
Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und
zu hören am garn- und fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren
westwärts gerichtet. Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und liess Torpedoboote
und Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und
Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meyer kam auf, der glückliche
Störfischer, weitin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck standen, an
den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und an dem grossmaschigen
Störgarn, - - er hatte neun grosse Störe gefangen, die er an Stroppen hinter sich
her schleppte, wie Etzel die Könige an Stricken mitnahm, - aber seinen Vater
konnte Störtebeker nicht in Sicht kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein
Vater fischte keine Störe! Was kümmerte es ihn, dass Jan Mewes seine alte Jolle
abschlachtete und mit dem Boot weiterfischte, dass Hein Schloo zwei Fischottern
bei der Nesskule schoss, dass Paul Fahje sich einen neuen Grossmast einsetzen liess,
weil er den alten abgesegelt hatte, dass Hinnik Sass doch nach dem Bauern musste,
weil er zu seekrank geworden war, dass der kleine Karsten Kölln in den Graben
fiel und ertrank, dass Hans Peter sich aufhängte, weil sein Sohn von einem
Dampfer in Grund gebohrt war, dass Hein Husteen und Marieken Kröger lustige
Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf seinen Vater lauerte? Wie auch die
Mutter sich bemühte, ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen, - er sprach
von der See und guckte nach den Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt
gäbe.
    Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, dass sie keinen
Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn Vater doch bald
käme, dass er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall holen könnte. Störtebeker
merkte sich das und beschloss, sie zu überraschen und ihr heimlich einen Kahn
voll Sand zu holen. Er nahm sich den dritten Tag, als es mit der Tide besser
passte, den kleinen Harm Rolf zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und
schipperte mit halber Ebbe westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter
Falles, die bei Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte
nicht sagen, dass er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.
    Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und
Kraut, liess er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe aus,
krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker machte es ihm
nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte, häuften sie den Sand
zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die Feuchtigkeit abziehen konnte,
dann erst schaufelten sie den trockeneren Sand in den Kahn: so musste er ja
bedeutend mehr tragen können, sagte sich Störtebeker, und warf immer mehr
hinein, bis der Hümpel mit der Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch
nicht nach: er wollte eine ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte
unermüdlich.
    »Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker schüttelte
den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne, Harm, smiet man noch
in, de Sand is dreug, un de Kohn is een fixen Kohn, de drigt wat, kann ik di
flüstern.« Er musste sich schon den Schweiss von der Stirn wischen, so riss er sich
ab. »Lot em giern bit an den Dullboom to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un
nix!«
    Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand
war. »Nu wöt wi utscheiden, Harm«, sagte er väterlich, setzte sich auf den
Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flottmachen sollte,
der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken sass. Harm betrachtete besorgt
den grossen Sandhaufen, aber er getraute sich nicht, etwas dagegen zu sagen, weil
er nicht ausgelacht werden mochte, und weil Störtebeker seiner Sache und seines
Fahrzeuges so sicher war.
    »Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Floot«, sagte
Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat«, setzte er hinzu, als er Jakob
Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen vorbeirudern sah, denn
die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe überholen und die Aale herausnehmen.
Die beiden Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen
sich mit Sand, sie sammelten die grossen Elbmuscheln, die Adam und Eva heissen,
sie jagten die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante sassen, dass sie
sich wie eine riesige, schwarz-weisse Wolke über dem Wasser erhoben, sie griffen
die Nesen und Weissfische, die in den Prielen schwammen, und wateten in den
tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt sassen sie aber wieder
auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden Segeln.
    »Nu ist Stallwoter«, sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach den
Blasen auf dem Wasser, die stillstanden.
    Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von
Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam, die Flut,
die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf, unmerklich fast, wie
vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm allmählich zu, wurde stärker
und stärker: gelassen wischte das Wasser mit leiser, zaghafter Hand über den
Sand und stieg schüchtern über die ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es
eine Muschel umspülte, dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und
wurden stark und wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte
das Wasser, wie sprang, wie lief, wie wallte es!
    Flot, Schipper, Flot, Flot!
    Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen
folgten die Störche und Reiher, als das reissende Wasser immer mehr vom Sand
frass. Im Fahrwasser liessen die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen, weil
sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei Schulau Dampfer über
Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segel.
    Geruhig sass Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und liess
die lebendige Flut um seine Füsse strömen. »Gliek sünd wi flott, Harm!« rief er,
»kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts
der starken Strömung zur Angst geworden, und er wagte es, wieder davon
anzufangen, dass sie zu viel Sand eingeladen hätten, dass der Kahn es nicht tragen
könne, und dass sie gut täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog
geringschätzig den Mund, nannte ihn eine Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie
ein Stück des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.
    Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der grossen
Wasserfläche - und schwamm doch nicht, sondern sass fest und rührte sich nicht.
Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie wollten doch mal
dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riss an dem Fahrzeug, um es in Gang
zu bringen, aber das lag fest wie ein grosser Stein und war nicht zu bewegen, so
sehr der Junge sich auch mühte.
    »Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt«, jammerte sein Kamerad, »wi
flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte Klaus,
»kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den Kahn zu bewegen,
er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand, aber es war, als wenn das
Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. »Dat is jo rein, as
wenn dat Diert behext wür«, scherzte er, als er sich dann aber über den Dollbaum
beugte und fand, dass nur noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er
bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr.. »Bang bün ik ober ne«,
sagte er ... Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi
buddelt af, wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns,
hilpt uns!« Aber der Deich war weit, und die aufsegelnden Fischerjollen waren
noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet sass, wer
sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst zurückgerudert.
    Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der
Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!
    »Hilpt uns, hilpt uns!«
    »Nu lot doch bloss mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte
Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!«
    »U, ik bün jo so bang, Klaus!«
    »Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen beten bang! Smiet doch bloss mit
ut, du Knappen!«
    Er hatte das Gesicht voll von Wasser und Schweisstropfen, aber er warf
unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem Dollbaum
stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte das Fahrzeug sich
jetzt.. »Huroh, wi hebbt em«, rief Störtebeker, »noch een lütt beten, denn geiht
de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die Reling lag jetzt mit dem Wasser
gleich, und mitunter spritzte schon eine kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre
es Störtebeker in seinem Eifer doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu
retten, aber da kam die hohe, mächtige Dünung eines grossen, schwarzen
Amerikadampfers, der schon bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner
dringlichen Arbeit aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den
Nienstedter Fall gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit
Wasser, wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war
nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das Wasser
auszugiessen: es war zu spät.
    »Wi versupt, wi versupt!«
    Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten. Störtebeker
meinte freilich, das wäre spassig, so auf dem Wasser zu stehen. Er tröstete Harm
und sagte, er solle nicht bange sein; bis das Wasser ihnen an die Knie ginge,
wären die Jollen dreimal da und könnten sie holen; schade wäre es nur um den
schönen Sand. Er guckte aber doch mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein
Boot käme, denn der Wind war still geblieben, und die Segel kamen nur langsam
näher. Als das Wasser ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die
Fangelleine und hiess Harm sich daran festalten, damit der starke Strom ihn
nicht umrisse.
    Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen, nachdem er
versichert hatte, dass er nicht bange sei. Aber sie konnten wohl am Deich vor den
Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der weiten Entfernung nicht gehört
werden, denn kein Boot liess sich sehen. Immer höher stieg das Wasser, es reichte
ihnen schon an die Hüften. Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er
solle sich an ihm festalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm,
sie wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann noch
keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und sich mit den
Riemen treiben lassen. »De drägt uns as een Beesenbült«, sagte er
zuversichtlich.
    »Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!«
    Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote kamen
heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen klammerte er
sich an den Gedanken: ne bang wardn, anners kummst du ne mit no See! Er begann
zu winken! Da antwortete das erste Boot: der Fischer hob die Hand und steckte
schnell die Riemen aus, um durch Rudern schnellere Fahrt zu machen.
    »Nu hol di fast«, sagte Störtebeker.
    Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie
erreichte und Jan Focks Junge, Peter Husteen, sie über den Setzbord zog.
    »Junge, du kannst wat moken«, sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll,
wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch afsopen as
son poor Rotten!«
    »Non, denn lot di man een Medallje geben«, antwortete Störtebeker und zog
die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.
    »Nu büst doch mol bang wesen, wat?«
    »Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat schreest
du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten, aber der antwortete
nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte an die Schläge, die zu Hause
seiner warteten.
    Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem
gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.
    »Segg den Düker man Bescheed«, sagte er am Ness zu dem Fischerjungen, als sie
gelandet wurden.
    Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen
bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh, un Togels
durt ne lang, und sagte schliesslich, als er wieder seine Prügel hingenommen
hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich zum Abendbrot
hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen beten, Mudder!«
    Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker wollte
ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte, wurde er zuletzt
in den Keller gesperrt und musste einen Tag brummen.
 
                                Neunter Stremel.
»Der Allmächtige, der Herr der Götter,
vor dem der Engel niederfällt,
Gott redet donnernd aus dem Wetter
und ruft voll Majestät der Welt!
Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,
der Wald ertönt, es bebt die Flur!
Und Blitze sagen's Blitzen wieder;
Gott ist der Herrscher der Natur ...
...u, wat een harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne Wilt, stoh
doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht in Für un Flammen!«
    Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen,
Mudder, ik bün so so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit
bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen
ängstlich zusammen.
    Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer
dunkelblauen, schweren Wolkenwand mit den unheilvollen, weissen Flecken auf der
Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht geworden
war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit Regen-und Windflagen
herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken, und der Donner rollte in einem
fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall alles Grollen übertönte. Überall am Deich
hatten die Frauen sich erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und sassen nun
in Angst und Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die
Gewitter sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über
dem Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und
Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird. Sie
können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und her; wie
gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie müssen sich über
dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und nass wie ein Keller ist und
keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben, sie
liegen steinfest, ja, sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut
hat Gewalt über sie: die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg
hin: aber bis es Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein
Gewitter.
    Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn die
Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch die Bäume, und
die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte das Haus in seinen
Grundfesten.
    Gesa sass in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die grellen
Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war bange vor
Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere und ihr
Sparkassenbuch in der grossen Tasche unter der Schürze, damit sie wenigstens
etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen, denn
Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.
    Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender Schlag: es
musste in der Nähe eingeschlagen haben!
    »Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte den
Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn in die
Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er musste sich unter Blitz und Donner
anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel
her, damit er draussen waten könne, wenn es einschlüge, wie er sagte. Recht war
es ihm nicht, er hätte lieber geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange
wäre, er konnte ja morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«
    »Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«
    »Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is«, sagte der
Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht bit
Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!«
    »Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müsst du ok dohn, ne?«
    »Jo, dat is gewiss, Mudder!«
    »Wat een Slag!«
    »Junge, jo«, sagte Klaus anerkennend, »dat wür een eulichen! Petrus hett
alle Negen smeeten bit Kegeln!«
    »Junge, lot den droken Snack!«
    »Err, - hett Vadder ober seggt!«
    »Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«
    »De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un ligt inne Koi un
slöppt!«
    »Dat gläuf man ne!«
    »Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang,
Mudder?«
    »Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«
    »Wat kann dat angohn: ik bün gor keen beten bang, Mudder!«
    »Wennt obers insleit, Klaus?«
    »Sleit ne in, Mudder!«
    Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder noch
mol wardn schall, weet de lebe Gott: ji sünd beid veel to driest!«
    Du un dien Vadder, - das hörte Störtebeker am liebsten ... Das Gewitter
stand nun steil über ihnen, und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat
inslogen! Nu hett dat gewiss inslogen«, rief Gesa bei jedem Knall, bis
Störtebeker es zuviel wurde.
    »Wennt jedesmol inslogen harr, müss ganz Finkwarder woll all upfluckert
wesen«, sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht hinaus.
Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig in die Blitze: er
wusste von seinem Vater, dass sie ihm nichts taten. »Brinnt gornix, Mudder! Kiek,
een ganzen gelen! Junge, de süht ut! Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt
dat? Junge, eben son ganzen kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn
Kugelblitz!«
    »Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van wardn.
Dink leber mol an dien Vadder, du!«
    »An Vadder dink ik jümmerto.« Störtebeker wurde gesprächiger. »Bi sun
Gewidder loopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un de vunnacht
pöddert, de kriegt gewiss söben Ammers vull! Un de Buern ward all de Melk sur
vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken!«
    Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald hell
werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte sich das
Toben, der Wind schwoll an, und der Hagel prasselte gegen die Scheiben.
    »Schullt woll al Floot wesen?« fragte Störtebeker und holte den Hamburger
Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo, is Floot! Gott
Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de Wind dor woll achter!«
    Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er, er
wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat ungeachtet
des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den nachlassenden Regen hinein.
Der Deich war aufgeweicht und bildete eine grosse Pfütze. Am Heben war nicht viel
zu unterscheiden, aber das Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die
grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener.
Störtebeker blickte nach der Elbe und sah zwei dunkle, grosse Segel unweit des
Bollwerks: ein Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen
Augenblick, wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!
    Da wusste er, dass es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen konnte:
»Höh, Vadder! Höh, Vadder!«
    Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!«
    Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He ligt hier afward!
Kiek man bloss mol ut!«
    »Ist wohr, Klaus?«
    »Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen, un he hett mi eben antert,« - damit
sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der Schürze über dem
Kopf, da war er schon Gott weiss wie weit, da war er schon nach dem Sielgraben
gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich geborgenen, losgemacht und wriggte im
Regen nach dem Ewer hinaus, dessen rote Seitenlaterne sein Kompass war. »Vadder,
ik komm all!« Die Reise dauerte einige Zeit, denn er musste den reissenden
Flutstrom überwinden, dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die
tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als
sie die Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die
Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte Hand mit
an, als sie das Boot vom Deck setzten. Was kümmerten ihn Regen und Blitz, was
ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an Bord!
    Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich niederlegen,
aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf war, konnten sie auch
erst noch Kaffee trinken. Als sie abstiessen, Störtebeker als Lotse mit seinem
Kahn voran, standen über Blankenese schon einige Sterne: das Gewittergewölk sass
über Hamburg. Der Regen hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am
Nienstedter Loch lärmten die jungen Möwen, und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.
Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.
    Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa stand
in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie hatte keine
Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien sie Klaus Mewes, der
eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts als Regen gehört hatte, wie
freute er sich!
    Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie fest,
zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden Linden in die
Arme.
    Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte: da
war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und weit genug, da
war ein Ölrock mit grossen, blanken Knöpfen, da war ein Südwester mit blauen
Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber Störtebeker probte es doch
gleich an, damit er wusste, wie es passte. Er zog die Hose mit dem Strick zu, liess
sich von dem Knecht die drang gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester
vor dem Spiegel auf. Er zupfte und riss an dem Zeug herum, endlich aber war er
fertig und ging vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und
Junge lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte
aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.
    »Schipper, wat ist, könnt wi nu anmustern?« rief er übermütig und guckte um
die Ecke. Sein Vater und seine Mutter liessen einander schnell los, denn sie
hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen herein und bestaunten ihn.
Sogar die Mutter musste über ihn lachen, als er so freiherrlich dastand.
    »So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!«
    »Jo, Störtebeker, nu ist so wiet, - nu kummst du mit no See!« sagte Klaus
Mewes und sah Gesa gross und gewaltig an, dass sie fühlte, dagegen gäbe es
ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.
    Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.
    »Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt? Ji
hebbt alltohoopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See, huroh!« rief
der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich warm geworden war,
und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter, grober Stimme: »Non denn
so wiss: ich selbst bin Klaus Störtebeker!« - dass alle lachten.
    Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den Tag,
darunter als Hauptstück die grosse Haverei. Kap Horn aber erhob den grauen Kopf
und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der Junge habe es gut
gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die Sache vor ein Seeamt käme,
erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre
dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um auch etwas zu sagen.
    »Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht«, sagte Gesa, in deren
Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, »denn nimm em hin! Goht hin un verdrinkt
alltohoopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist een Hartleed mit mi arme
Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weiss ne, wat du deist, un dinkst noch mol an
mi. Uns Herr Christus is bloss eenmol för di storben: ik starf jede Nacht üm di!
Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen!«
    Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die Not
nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der
Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und Störtebeker schon
schlief. Er begriff es nicht, dass sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur
Sonne. Er dachte an seinen Grossvater, der geblieben war, an seinen Vater, der
verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und Unwetter -
und fand sein Leben doch gross und stark und schön, dass er sich kein anders
wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte: Klaus Mewes war
ein Fischername, und die ihn trugen, sollten immerdar Fischer bleiben.
    »Gesa?«
    »Wat schall ik noch?«
    Sie war müde, körperlich und seelisch.
    »Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch? Seefischerfroo
dött ne bang wesen, dat weiss du doch?«
    »Bün ik een Seefischerfroo, Klaus Mees?«
    Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin keine
und werde niemals eine werden!
    »Noch ne, Gesa, ober du wardst noch een! Weess wat, Diern? Goh mit an Burd!
Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben! Man to, büst
jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo moi dat up See is!«
    Er fasste sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und
schüttkopfte. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de Elw, wat
schull dat ierst up See wardn? Ik bleew vör Angst dot!«
    In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde zu
wählen, und er wählte den Jungen.
                                     * * *
    Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn er
Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Ness, sondern ging mit der
ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die Fischerei zu kommen. So
begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von
Altona gekommen war. Kap Horn, der Janmaat, war es zufrieden, dass sie schon
abends fuhren, obgleich er dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der
Harmonika spielen sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem
Wetter etwas taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strängen. Und
Störtebeker? Das zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser Tag schon zu lang,
und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt
hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch etwas dazwischen
kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden. Nur einem passte der Kram
nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte
nach der Musik, denn er hatte plenty monei in der Tasche und wollte den
Bauernknechten mal preussische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde
für allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der
Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde wieder nichts
daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der einen so treuen und fixen
Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er sich mit Trommeln und Pfeifen
aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!
    Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes auf
die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit
Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch wollte sie vor ihrem
sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt stehen. So half sie eifrig bei
der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte die Sachen für den Jungen her, wobei
sie sogar wieder zu ihrer angeborenen Heiterkeit kam.
    Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was
suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn
Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken, Rümpfe
und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher, Mützen und Hüte,
Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen auf der Diele in der Reihe,
rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen,
der da hiess: Upt Woter ist jümmer kold - und kehrte alle Schiebladen um. Seife
und Kamm, Heftpflaster und Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles
gehörte dazu.
    Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen
Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an,
indem er sie von der Leine schnitt.
    Störtebeker barg das Hütfass und stellte die Bungen auf den Schauerboden, die
er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den
Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord haben,
auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie hätten für die
Munkis kein Futter, und Kluss könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen.
Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder über die Wurt, er konnte
sich aber nicht entalten, vorwurfsvoll zu sagen: »Du hest mi ober sülben seggt,
wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt hebbt.« »Jo, op grote
Scheep«, sagte Kap Horn, »dat is ok wat anners!«
    »So? Fischereber is ok een grot Schipp«, rief Störtebeker patzig.
    Nach Mittag musste er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot und
Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und Kaffee. Er hatte
seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam vorwärts kommen, dennoch
erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde von allen Seiten gefragt, ob er nun
mit an Bord komme. Und wenn er bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloss
nicht seekrank werden, solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, dass er
nicht über Bord falle. War er aber vorbei, so hiess es bei den Alten: »Sien
Vadder is verrückt: wat schall dat Gör all up See?«
    Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall dat
denn?« fragte Störtebeker verwundert. »Och, nehm man mit! Is god för de Fohrt!«
»Neem to?« »Kumm, dat segg ik di int Uhr«, raunte der Krämer und flüsterte: »Dor
bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist de Büx jo doch vull, wenn ji
up See sünd.«
    Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne sowas
nicht passieren.
    Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker misstraute der Sache, er
fürchtete, dass sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht alle
Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er schliesslich die
Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise seines Vaters Strümpfe vom
Stuhl und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken: Nu will ik 't
woll hürn, wenn du upsteihst!
    Der andere Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle Brote und
Würste, alle Kruken mit Weisssauer und Schwarzsauer sicher an Bord. Es war zu
verwundern, dass er sich nicht in Brand lief.
    Als der Flutstrom nachliess, war es soweit, dass sie an Bord mussten. Der
Abschied nahte. Gesa musste ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es scheinbar
ruhig! Er sprang vor Freude, dass es nun wirklich und dreihaftig losgehen sollte,
und versprach alles, was sie von ihm verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht
seekrank zu werden, nicht zu weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die
Wanten zu klettern, sich nicht von den Fischen beissen zu lassen und gesund zu
bleiben. Er hätte in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber
drängte er zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der
in der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küsste, bis sie
sich ihm verwirrt entzog.
    Der Kahn musste mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm damit
durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der leichte Kahn war
eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte ihnen in den Häfen ganz
gut zu pass kommen.
    Adjüst! Adjüst! Adjüst!
    Sie winkten und stiessen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und
bellte zu Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er Adjüst sagen
wolle.
    Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der
Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann schwoite
das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, - langsam zog es davon und segelte
in einem grossen Gange westwärts. Gesa winkte noch mal, Klaus Mewes und
Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte Kap Horn schnell seine
Harmonika, die geliebte, aus der Koje und spielte: Auf, Matrosen, die Anker
gelichtet ... Hell klang es nach dem Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so
wehmütig, dass sie, die sich bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und
weinen musste.
    So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei
Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem
Gebell von Seemann.
    Fahr wohl, Störtebeker!
 
                                Zehnter Stremel.
Nun wölbt euch, grosse, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt, ihr
Schoten, tanz, Flögel! Wind musst wehen, du Sonne musst lachen, du Wasser musst
blinken, auf dass die Freude in Klaus Störtebekers Herz komme und er die Fahrt
lieb gewinne, auf dass er ein Fahrensmann werde! Dass er sich dem Kampf mit der
See zuschwöre wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit Rom, dass er auch dann zur See
gehe, wenn sein Vater etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen
Landmann aus ihm zu machen gedächte!
    Denn navigare necesse est - Seefahrt ist not, und bitter not ist es, dass das
Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!
                                     * * *
    Sie hatten Nordwestwind und mussten kreuzen. Hinter dem Schweinesand, dwars
von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfass mit frischem Elbwasser, wobei
Störtebeker fleissig half, denn er konnte auch schon eine Pütze tragen. Bisher
hatten sie nur die drei grossen Segel stehen gehabt, nun setzten sie noch den
Klüver, das Toppsegel und den Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann
nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den
Giekbaum. Auch Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter
den Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen
Schappen. Es gab Enden aufzuschiessen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu
schrubben und zu dweilen.
    Schliesslich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln, bis
auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache bekommen
sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder, und Hein Mück hockte vorn auf Deck,
putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente die Fock, wenn der Ewer
über Stag ging. Störtebeker sass auf den Luken. Seemann hatte den struppigen Kopf
auf seinen Schoss gelegt und schlief.
    Er guckte nach dem Grosssegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam, dass er
sich immer wieder wundern musste. »Dat reckt bit inne Wulken, Vadder«, sagte er,
»uns Karkturn is nix dorgegen.«
    »Ree«, rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht hatten,
und warf das Ruder herum, dass der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoss.
Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende, rein wild werdende
Fock luvwärts fest. Das Grosssegel schüttelte sich wie unwillig und haute erregt
mit den Schotenblöcken, dass das Deck erzitterte, dann aber war der Ewer herum,
die Segel fielen von der andern Seite voll, und der neue Streek begann. »Gohn!«
scholl es über Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fusstritt,
dass die Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.
    So ging es die ganze Tide.
    Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter Segeln,
aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und liess sich nicht
überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden Nordwest, und
Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die Tonnen und Feuertürme,
die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm Flaggen und Segel, er zeigte ihm
wieder die Windmühlen des alten Landes, die Berghäuser von Blankenese (»dat de
dor ne dolpurzelt!« sagte der Junge, als er sie in der Nähe sah), den
Hahnöfersand mit den Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen,
die roten Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen
Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem Wasser
guckten, Juels mit der weissen Bake, Brunshausen mit einem löschenden Neuyorker
Dampfer und die Türme von Stade.
    Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm
doch der grosse Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die Seen
schoss, und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand, darüber
musste er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er mitunter von der
Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien es ihm doch ein andres
Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in der Dönss. Und die Augen sahen
auch ganz anders aus.
    Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem Sinn,
denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: »Hest ok all Heimweh?«, da guckte
Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht verstanden hätte. Auch
als sein Vater einmal meinte: »Muchst ok all wedder no Hus hin, no Mudder?« - da
schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte nach den Segeln hinauf.
    »Jä, ans müsst seggen, denn geeft wi di an een Jill af, denn büst morgen
wedder annen Diek!« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der Junge nach
dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, dass er von solchem Schnack nichts
wissen wollte.
    Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und
schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker zu
gehen. Das war in der Dämmerung. Sie liessen die Segel fallen, steckten das
Staglicht an und assen Abendbrot in der Kajüte. Als sie nachher noch mal
überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, dass sich viele Ewer zu ihnen
gesellt hatten: eine Schar von ebberwartender Fahrzeugen lag bei ihnen hinter
den niedrigen Büschen des ungedeichten Eilandes, und die Lichter liefen auf dem
Wasser spielend durcheinander. Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken
umlagert wie von Alpen, und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.
    Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und liessen sich von den
gluckenden und klopfenden Seen so lange etwas erzählen, bis sie es nicht mehr
hören konnten.
    »Büst ok all bang, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes, schon halb im Traum,
aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.
    Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte.
                                     * * *
    Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus Mewes:
»Seilen!« und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel anzuziehen. Knecht
und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit kleinen Augen nach
ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben wie Seemann, der sich auf der
Bank nur umgedreht hatte, aber er stand doch mit auf und half beim Anstecken der
Seitenlaternen, er zog die Fock mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit
auf die Spaken, denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das
Grosssegel stieg auf, die Besan folgte, dann der grosse Klüver. Auch auf den
andern Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl
der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde herüber,
die Gaffeln knarrten, und die Schoten hauten.
    Der Wind war südlich gelaufen, so dass sie dalsegeln konnten, schier
dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll, und der
Ewer, ein grosser, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach dem Fahrwasser
zurück.
    Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes,
wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse hätte.
Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompass und fragte, ob
er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den alten Knecht, keine Havarei
zu machen, und ging mit seinem Vater wieder zur Koje. Er zog aber die Decke bis
an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn, denn er zitterte vor Kälte.
    Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel Roggenbrot
aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, dass er aufgestanden war, ohne
ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon gekommen wären: da schäumte
der Ewer mächtig durch bewegtes, graugrünes, schmutziges Wasser und lief, was er
konnte. »Vadder, neem sünd wi all?« »To Freeborg, Störtebeker«, rief Klaus Mewes
und wies ihm den Turm von Freiburg an der Elbe.
    »Neem is de See denn?«
    »Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!«
    »Ne, dat gläuf ik ne«, rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein Luchs
auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf und hiess ihn
kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser war wirklich salzig
und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der Geschmack änderte sich nicht. Wie
das angehen könne, rief er kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Dass
Fische darin leben könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die
Fahrt noch geheimnisvoller für ihn.
    Der Wind wurde nach und nach so stark, dass Klüver und Toppsegel weggenommen
werden mussten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen bukt voll Wind, und
die groben Seen spritzten schon einmal über Deck, wenn der Ewer tauchte. Am
Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste Wolkenbüschel, die auf stürmische
Witterung deuteten.
    Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der
vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er beim
Wickel hatte, vererbt vom Grossvater her:
»Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,
kridderwidderwitt, den deen ik ne!
Den sien Lohn is mi to wenig,
Pillkantüffeln mag ik ne!«
    Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die
Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was sollte ihm
da die See tun können?
    Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch zog
der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm
das Ruder, während die andern sich die Klüten und Plummen schmecken liessen. Als
sie wieder an Deck kamen, waren sie so weit, dass Klaus Mewes seinem Jungen die
See zeigen konnte, denn im Norden trat das Ufer zurück, dort blinkte die See,
die See, nach der er sich am Deich gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als
wenn sein Leben damit vermacht wäre.
    Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompass und sagte: ja, er könne sie
sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine grosse
Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge zu sagen: »Dat
is ok jo wieder nix as Woter!« - aber er verbiss es, denn er dachte: Erst ganz
hin sein!
    »Vadder, neem fischt wi nu?«
    »Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gor ne
sehn!«
    Das war Störtebeker recht, denn es musste auch noch anders kommen, wenn es
mehr sein sollte als die Elbe.
    Es gab noch das Osterfeuerschiff zu sehen, das an seinen Ketten riss, die
Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm, die
Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein grosses Schiff, eine Bark, unter
Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen Hafen, die grossen
Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich standen, das Schloss Ritzebüttel,
das klug und geborgen aus den Bäumen guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der
hinter dem Ewer auftauchte, und drei Masten, die im Norden kahl und verlassen
aus der See guckten.
    Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See grösser
werden sah, als er wahrnahm, dass der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich
schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und liess sich nichts merken.
    Es gab kein Halten mehr für den grossen Ewer: mit dem flagigen, starken
Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine breite,
schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel ohne Reffe,
aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die See, und auf den
Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen Kämmen kam die Flut ihnen
entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas über sie, denn er hatte Wind, und
liess sich von ihr nicht mehr aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei,
der grossen Frau der Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch
längst geblieben ist, - und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.z.W.
    Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte die
Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker musste hinein. Als sein Vater ihm den
Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, dass das Gesicht schon
etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er nichts bemerkte. Dem
Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der Seekrankheit zu drohen und
Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn am ersten davor zu bewahren.
    Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, dass Störtebeker
von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte.
    Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da vergass
der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich den Kieker aus
dem Nachtaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die Nummern und liess sich
die Schiffer dazu sagen.
    »94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weiss du doch!« »138?« »Jakob Mees.« - »3?«
»Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte
erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder, und die Möwen flogen um
die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er aussetzte. Von da an
kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe, Lotsenschoner
und Frachtdampfer, sondern nahm sich der Fischerei an. Er drängte, dass sie doch
auch schon aussetzten, und war gar nicht erbaut, als er hörte, dass sie noch
einen ganzen Tag zu segeln hätten.
    Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach dem
Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein nachbarliches
Gespräch wie am Deich und schloss mit einem Gedankenaustausch über das Wetter.
    Die See wurde düniger, und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot
nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, dass
Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand ruhig
wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im Kopf nahm
immer mehr zu, und den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder los:
er fühlte, dass seine Stunde kam, dass er seekrank wurde und sich brechen musste.
Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das nicht, nur das nicht!
    Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück, dass
sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biss er die Zähne
zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig und behaglich
auf den Handschuhen im Nachtaus lag und sorglos seine Pfoten ableckte, während
er es kaum noch aushalten konnte.
    Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen grossen Hering in der Kehle
stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden
Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.
    Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde, sei
ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge erst beim
ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich noch mehr, denn er
wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden. Sie lachten ihn aus, das
war gewiss! Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre!
    Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts
geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte sich
aber vor dem äussersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht geben!
    Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen mit
einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord gefallen, aber
da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der Seefischer ging nach
vorn, - da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und
erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte etwas sagen,
aber Klaus Mewes sah ihn an, dass er ihn schnell wieder sacken liess. Seinen
Jungen liess er gewähren - schliesslich, als das Spucken nachliess, legte er ihm
die Hand auf die Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf, - kreidebleich
im Gesicht! - Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix wat
ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch, - da ging es wieder los: Klaus Mewes,
Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab. Da
lachte Klaus Mewes doch, und Kap Horn lachte am Ruder und sagte, das wäre gerade
so wie bei einem Albatros, der auf Deck sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn
die ersten Reisen auch ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch
verzerrten Gesichts, dann aber musste er sich geben. »Gliek ist all rut«,
tröstete er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer
ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann
regungslos auf der Ducht.
    »Bang bün ik ober ne, Vadder«, sagte er matt, »bloss seekrank!«
    »Schall ik di wedder an Land setten?«
    Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn er
sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem alten Segel zu
und liess ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war als die Luft in der
Koje.
    Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise und an
seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt wurde er etwas
seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder nach See kam - wie
viele alte Fahrensleute.
    Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.
    Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die meisten
aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte Mützen aufgesetzt.
Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Nordernei und Juist suchte, gab das
Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel nicht zerreissen wollte. Er hielt
auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im Norden blinkte.
    Bidewind! Der Ewer schoss und kletterte, stampfte und rollte, während die
düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen, und der
dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.
    Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem grossen Land, d.h.
zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind nordwestlich
gelaufen und zum Sturm angewachsen, so dass sie froh sein konnten, eine Reede zu
haben. Sie setzten noch den zweiten Anker aus, dann nahm Klaus Mewes den kleinen
Seekranken auf den Arm und trug ihn nach unten, - und weil er nichts essen
wollte, packte er ihn gleich in die Koje.
    Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in den
Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden«, sagte Klaus Mewes, »dorüm kann he doch
een fixen Fischermann wardn! Lot em man tofreeden.«
    Die ganze Nacht aber riss der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste wie
nichts Gutes hinter Helgoland.
                                     * * *
    In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch
nicht nach Aufklaren aus. Draussen stand eine hohe See, so dass an Fischen nicht
zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.
    Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze Besatzung
schon auf den Beinen: Hein Mück sass auf der Treppe und schälte Kartoffeln, Kap
Horn war mit Segelhandsch und Nadel bei dem Toppsegel auf der Diele zugange, dem
er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete an einem Kurrensteert. Auf dem
aufgeklappten Tisch stand noch der Morgenkaffee.
    »Vadder, neem sünd wi?«
    »Wi ligt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne fischen
könnt.«
    »To Anker, Vadder?«
    »Jo, Störtebeker!«
    Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einemmal so
sauste, und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm seine
Seekrankheit ein, und er legte sich rasch wieder hin, damit sie nicht
wiederkommen sollte.
    »Bliew man giern liggen«, sagte sein Vater mit verstelltem Ernst, während er
geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an Land, denn fohrst du
mit den Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix för di, wenn du so licht
seekrank wardst bi slecht Wedder. Eten magst du ok nix, dat kann jo ne god
gohn.«
    Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann, der
ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu wöt wi mol sehn,
wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der Fahrzeuge überblickt
hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six gesprochen hatte, der am dichtesten
bei ihm ankerte, ging er wieder unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und
knüttete weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas
geschehen, das ihm das Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.
    Denn siehe, - Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich angezogen.
Noch mehr: er sass am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der Muck. Noch mehr:
er ass Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war, es nur zu riechen. Noch
mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch nicht gleich gelang, so war sein
Wille doch nicht daran schuld. Tapfer ass und trank er, obgleich der Fussboden und
die Kojen wieder zu kreisen und zu tanzen begannen.
    »Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile.
    »Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!«
    »Dat segg man nich to hart«, rief der Knecht von der Diele.
    »Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik ward ne mihr seekrank! Un no Hus will ik
ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!«
    »Non«, sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an Deck,
damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die Teer- und
Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.
    Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die
grosse Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die grossen, rotgrauen Felsen, die
starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs, auf dem die rote
englische Flagge wehte. Störtebeker vergass seines Leidens und behielt das
Gegessene bei sich. Er tat schon wieder Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch
noch matt fühlte: sein Vater liess ihn pumpen und das Boot schrubben, damit er
immer in Fahrt blieb und sich nicht wieder hinlegte, denn nun musste die
Seekrankheit endgültig verjagt werden.
    Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und ass tapfer, wenn auch nicht so viel
wie sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen, und seine
Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.
    Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer
mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte ab: er
wollte ein bisschen voraus schlafen.
    »Up Hilchland ist fein, Hein Mück.«
    »Scheun ist bloss in Finkwarder up Musik«, sagte Hein Mück aber und zog die
Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern mitgegangen
wäre, musste zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.
    Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin und hergeworfen, denn es stand noch
eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen
war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als dass sie Wasser über bekamen.
Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber er fürchtete sich nicht und
liess auch die Seekrankheit nicht an sich heran.
    An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest und
betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald schier. Klaus
Mewes eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte, und der Schiffer klopfte dem
Jungen die Schultern und sagte etwas, was Störtebeker aber nicht verstand,
weshalb er meinte, es wäre Englisch. Dann stiegen sie die 188 Stufen zum
Oberland hinauf und blickten auf die kleinen, kleinen Ewer und Kutter.
    »U, wat is uns Eber lütt! As mien lütt Schipp bi Hus!« rief Störtebeker. Er
bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden Felsen mit
dem grünen Hut, und das Satorn. Und blickte staunend in die schroffe Tiefe, in
der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann schlugen sie den Mittelweg
ein, den die Badegäste die Kartoffelallee getauft haben, und blickten von der
Nordklippe der Eilandes weit und breit über die graue, hohe See, die beiden
Finkenwärder. Im Westen stand ein Dreimaster mit weissen Segeln auf der Kimmung,
unter ihnen aber brandete die See in dumpfem Grollen.
    Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den
Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweissen isländischen
Gesellen, in grossen Scharen sassen. Andre flogen hin und her und krächzten.
    Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein, und Klaus Mewes schrieb
einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland und
wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über die Ausfahrt
berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm hürt Hilchland
eegentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn. »Worum heurt em Malta
un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un Jamaika? He hett tolangt, de
olle, ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud weurn.«
    Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu Rate,
dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem grossen
Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder in ihr Recht,
und alle stürzten an Deck.
    Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten aus
dem Helgoländer Loch. Draussen kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe
See und so frischen Wind an, dass sie reffen mussten, aber weil er einmal
unterwegs war, liess Klaus Mewes sich nicht aufhalten und dachte nicht an
Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen südwestlichen Kurs nach
Nordernei hinunter, und hielt wohlgemut an seinem Ruder aus.
    Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn der
Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum Brechen kam er
nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte, nun sei er darüber
hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die Übelkeit. Nachts übernahm der
Knecht die Wache, und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje, hocherfreut,
dass er nicht mehr seekrank geworden war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt
darüber und lobte ihn.
    Gegen Morgen mussten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle
angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte. Dwars von
Juist klüsten sie, und der Wind war wieder etwas schwächer geworden. Sie machten
das Reff aus den Segeln heraus und setzten die Kurre aus, nachdem sie den Ewer
an den Wind gebracht hatten. Kurrbaum und Kugeln, Teufelsklauen und und Sprenken
wurden zurechtgemacht, dann liessen sie das Schleppnetz, das ganze, schwere
Geschirr, zu Wasser, mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg,
den die eben aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte.
Störtebeker war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle
Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die Kurrleine, dass
er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den Schwanz, dass er klagend
schrie, und steckte sich überall dazwischen.
    Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier
Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und Knecht
gingen in die Puk.
    Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Ross mit dem Pflug,
und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden aus der See
guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle sie jeden Augenblick
brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord und machte sich Gedanken
darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber anfing, sich über ihn lustig zu
machen, ging er seinem Vater nach und verschlief die beiden Kurrstunden in
dessen Armen.
    »Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote uferwecken und Kranke zum Aufstehen
bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet hatte. Da
konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei, drei standen sie an
Deck und hievten im Angesichte der Norderneier Dünen die Kurre ein, nachdem sie
die Fock fallen gelassen hatten.
    Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des Netzes!
»Hiev, hiev!« Wie oft musste Klaus Mewes ermuntern, wie musste er sich beim
Abstoppen abreissen! Allen dreien lief der Schweiss von der Stirn, aber sie gaben
nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten sass. Dann beugten sie sich über Bord
und zogen die Kurre mit den Händen über die Reling.
    Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich zu
Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker,
der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und rief: »U, wat een
Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all wedder een! Dor een Tasch,
dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een, - den kinnk ne! Junge, Junge, watten
Fisch!«
    Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert, der
Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so gross und schwer, dass sie ihn
nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mussten ihn deshalb in die Talje
nehmen.
    Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und
anderem Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das Steerttau
los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich, und quuks-quaks stürzten die
Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.
    Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam gänzlich
aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das war doch noch
etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte, oder als wenn die Lüttfischer am
Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und spaddelten die Schollen und
Scharben, da sprangen die Rochen, da schnappten die roten Petermännchen nach
Wasser, da knurrten die Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen
Seemäuse und Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein
zerbrochener Topf und ein grosser Stein.
    Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach der
Grösse gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie kamen auf 8
Stiege grosser und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker musste den Hummer in
eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die Taschen packte Hein Mück, dem
nach altem Brauch das Taschengeld gehörte, in einen Hummerkasten. Knurrhähne und
Rochen wurden für die Pfanne bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren,
konnten sie nicht frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in
Salzlake gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und
setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel ab und
nahm seeseitigen Kurs.
    Die Möwen verliessen das gastliche Schiff. Spurlos wie sie erschienen waren,
verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.
    Der erste Streek war getan.
                                     * * *
    Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie taten
kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische, die lebendig
an den Markt gebracht werden mussten, in der Kurre nicht zu sehr litten. Kap Horn
und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje und schliefen, denn wie ein
ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über die Fischer: das Tag- und
Nacht-Kurren liess sich nur dann durchführen, wenn die Freiwache verschlafen
wurde. Bei gutem Wetter wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn
der Bünn voll war, oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.
    Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen wegwirft,
wie er auch die letzte Gräte absaugt, so lässt er keinen Streek aus und fischt
tags und nachts, Sonntags und alltags.
    Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen
leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten ja!
»Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Sposs«, versicherte er immer wieder und
sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von dem Streek. Die
Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrot aus dem
Schapp und ass es, er trank Kaffee dazu und war guter Dinge. In der Weite kurrten
mehrere Finkenwärder, aber dicht bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld
allein.
    Wie im Fluge verging die Zeit.
    »Is so wiet«, sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!« Freudig sprang
Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp zurück, kletterte die
Treppe hinab und gröhlte so laut er konnte: »Kap Horn un Hein, upstohn! Wöt
intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«
    »Jo«, brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch die
Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn aber schwang
sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat eegentlich forn Snack von wegen
opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier bin Buern, wat? Weess du
nich, dat an Bord allens utsungen wardn mutt? Pass mol op: so heet dat:
Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,
reis ut, quarteer, in Gottes Nom!
De een von jo salt Ror verfangen,
reis ut, Quarteer, de Wacht is don,
acht Glosen sünd slon!
Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!«
    »Junge, dat is jo een ganzen Gesang«, rief Störtebeker, »den kank ne
beholen!« Dann rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder eingedusselt war:
»Schall ik ierst mit een Pütz Woter kommen? Hebb ik di ne seggt, du schullst
upstohn?«
    »Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam flügst«,
drohte der Junge mürrisch und erhob sich.
    Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle drei an
Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schiessen lassen, die
Fock war schon gefallen, und die Möwen flogen schon wieder über den Masten.
    Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer als
vorher, dass Störtebeker rief, da sässen gewiss hundert Stiege Schollen drin. Ihr
Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der Gedanken an grosse
Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt? Wenn's auch vorher nur
Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr zutage gehoben hattet: kam
nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder, dass es auch einmal etwas andres sein
könne? Der Bauer, der Gerste gesät hat, weiss, dass er nichts andres ernten kann,
aber der Fischer, der nicht sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten
doch, hatte Pastor Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der
immer unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles
ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein Fischer
wird es einmal finden, heisst es. Diese Hoffnung auf Grosses, Unsichtbares, die
sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem armseligsten Fischerewer vor
allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und sie ist es, die Fischer werben wird,
solange die See nicht zugeschüttet ist.
    Klaus Mewes musste Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine Weile
überlassen, denn ohne seine Bärenkraft liess die Winsch sich diesmal nicht
drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden. Diesmal riss Störtebeker
schon kräftig mit an der Kurre, denn er wusste jetzt, worauf es ankam, und
kümmerte sich wenig darum, dass er nass wurde. Sogar Seemann half: er biss sich an
den Maschen fest und zerrte unter grossem Geknurr.
    Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das Deck,
dass der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen! Zum Glück waren
aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in den Bünn. Der grosse
Felsen blieb einstweilen an Deck liegen. Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über
Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen, wo nicht
gefischt wurde, wo er also keinen Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren
mehr gefährlich werden konnte. Störtebeker schrubbte ihn ab und setzte sich
darauf, als die Sonne ihn abgetrocknet hatte.
    Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder
schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen
der Scharben, die der Wind nun trocknen musste. Der alte Janmaat freute sich, dass
der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte ihm Geschichten von der grossen
Fahrt, die noch all seine Gedanken füllte wie der Wind die Segel, und die er
nicht vergessen konnte, Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von
Schiffbrüchen und Piraten, von Chinesen und Negern, von Haifischen und
schneebedeckten Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem
Sargassomeer bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte.
Auch die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so: als
Hans auf grossen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen Kapstadt und
Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und konnten es nicht,
denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie Hans Fink, den
Zimmermann, dass er es dicht mache. Als Hans aber angelaufen kam und gerade
anfangen wollte zu arbeiten, - in die Hände hatte er schon dreimal gespuckt! -
wat meent ji woll: mit einem Mal taucht ein grosser, dicker, fetter Aal vom
Grunde der See auf, steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans
Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das
er noch heute hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und lässt sich vom
Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht nicht
einen Tropfen Wasser mehr, dass sie glücklich in Singapur ankommen, bloss, weil
Hans Fink so schlau gewesen war.
    Gotts den Dünner, - was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn«,
rief Störtebeker verdutzt, »wo grot is dat Leck denn wesen?« »Och, so as mien
Arm dick is!« »Son dicke Ool gift ober ne!« Kap Horn liess sich aber nicht aus
dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! »Veel Pund schull de woll
wogen hebben?« »Dor mutt ik um legen, Störtebeker: Hans Fink meent ober, he kunn
em op foftein Pund taxiern!« Der Junge konnte auch jetzt noch nicht über den
sonderbaren Fall hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der
Frage: »Jä, nu segg mi ober mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kreegen? De
seet doch butenburds?« Da sass Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
wie ein Aal, er suchte beim Kompass und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu finden:
zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung, indem er tiefsinnig
erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn ik em annen Diek drop, will
ik ober noch mol mit em ober den Krom snacken.«
    Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig fischten;
von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, dass viele darüber fielen und viele
es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal erlebte Jan Wurt eine dreitägige
Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der beim Lohen war, sein Grosssegel aus
Versehen darüber gebreitet hatte. Ein andermal steckte der grosse Karsten Külper
es im Vorbeigehen in die Jackentasche, und als er nachher bei Madam auf Musik
war, zog er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und
Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek funnen
hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der Tür
                                   Jan Wurt,
                                  Elbfischer.
und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und ehe der
grosse Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte, ging die Tür des
kleinen Hauses auf, und Jan guckte heraus. Die Groggläser und den Saal sehen und
einen grossen Lärm machen, war eins bei ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die
Musikanten konnten nicht weiterspielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine
Mann, so konnte er gröhlen und schelten! Der grosse Karsten wurde immer kleiner
und wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er
musste das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,
hochhellichten Tag musste er den Deich entlang und musste Abbitte vor Jan Wurt
tun. Alle Leute lachten ihn aus ....
    Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus umgedrehten
kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompass nach
der Weise:
West zum Norden, Westnordwest,
unsre Freundschaft stehet fest;
Süd zum Osten, Südsüdost,
deine Liebe ist mein Trost! ...
    Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache er
die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen und
Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie hinteraus. Es war
nur schade, dass nie etwas angebissen hatte, so oft Störtebeker auch aufzog.
    Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen wollten:
Man to, wi sünd all hungerig!
    Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser
Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor sie
wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat auch ihm
Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er liess sich von ihm im Steuern
unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch betätigen, die Klösse
rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen musste. Das war etwas für ihn: allein
an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie passte er auf, dass kein Segel an zu
klappern fing, dass sie immer voll standen, dass er nicht aus dem gegebenen Kurs
kam, wie suchte er die See ab, dass er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn
sehen müssen!
    Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und
Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und andre
Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und
beschwögten Karkmess, Weihnachten und Fastelabend, die drei grossen Feste, die nun
bald kamen.
    Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach dem
Mittagessen - gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! - an Deck gingen, um die
Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen gegangen und der Ewer
steuerte nicht mehr; da mussten sie das Fischen aufgeben. Stundenlang dümpelte
der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin und her wie in schweren Träumen, die
Gaffeln knarrten, und die Schoten schlugen mit den Blöcken.
    Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes
machte ein verdriessliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose Ruder hin
und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der Seeströmung
ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der Maus. Störtebeker wunderte
sich sehr über diese unruhige See und diesen tanzenden, rollenden Ewer bei so
totenstiller Luft.
    Einer schlief einen Stremel, der andere lag auf den Luken, der Dritte lief
an Deck auf und ab: sie wussten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh waren sie aus
der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie nach dem Heben, wie
sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das Wetterglas, als wenn darin
die Brise sässe. Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck, denn drinnen
war es heiss, und knüttete in grosser Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder
Segelmacher, diesmal aber auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige
Taschen, die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen
aufklopfte und verzehrte.
    »Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,« rief Kap Horn, aber Störtebeker
lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Grossmutter man tun lassen. Dagegen
hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der Kimmung.
    Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen Abend
sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom Ewer; mit
einem Male erhob er grossen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk auf und sagte: eins
von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei eben umgekippt und
untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht, denn was er für Torpedoboote
gehalten hatte, das waren Tümmler, die träge auf dem Wasser trieben und mitunter
heisterkopf schossen und untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr
auf, mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes. Liess sich aber einmal
einer einfallen, zu schreien, dann musste man Seemann sehen, wie er aus seinem
Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete! Störtebeker
sagte, er könnte sich tot darüber lachen.
    Es blieb die ganze Nacht todstill, - erst gegen Morgen kräuselte sich die
Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.
    So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden, oft
von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog hinauf. Dort
sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie hatten 250 Stiege, der
ganze Bünn sass voll von Schollen, sie hatten die Reise!
    Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach der
Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die Weser, denn
dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser wohnte keine Mutter,
die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl aber auf der Elbe.
    Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte kaum
noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte: vergessen waren
Krähe und Kaninchen, und die Bungen konnten sich geruhig mit Spinnweben
bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in der Seefischerei und in
der Seefahrt aufgegangen.
    Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam Störtebeker
zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei Jahre vorher errichteten
Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere stehenden rotweissen Riesenpilz, dessen
Feuer ihm schon manchmal gezeigt worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl
ebenso spurlos im Meere verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut
sei und nicht auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte:
einerlei, Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker
wunderte sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem
Wasser hing. Und dass dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.
    Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre
Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren nur zu
fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu viel, zumal Klaus
Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den Geestendorfer Ausrufer Konrad
mobil machte, der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen, durchdringenden
Stimme die abgelegenen Strassen abklopfen musste.
    Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem Störtebeker
ein grosses Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker aus dem Freilager, und
gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Ness bekam nur eine Postanweisung auf
zweihundert Mark und einen kurzen Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönss
schrieb, während Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des
Fischerwirtes, denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel
unterrichten liess.
    Der Junge sei gesund und munter, hiess es in dem Brief, den der Seefischer
schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er schon nichts mehr
davon, er habe grosse Lust zu der Fischerei und sei immer vergnügt, Heimweh kenne
er nicht. Er liesse schön grüssen. Heute abend gingen sie wieder hinaus und kämen
bald mit Schollen nach der Elbe. Störtebeker liesse ihr noch sagen, sie solle die
Krähe und die Kaninchen nicht vergessen.
    Den Gruss und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den Fingern
gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf. Er wollte
Bremerhaven sehen, das grosse Denkmal und die Chinesen auf den weissen
Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mussten an Bord und nach
See.
    Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu Geestemünde: da
wehte es zwei Tage, und da bekam Störtebeker alles zu sehen, was er sehen
wollte.
 
                                Elfter Stremel.
Roland der Ries' am Rataus zu Bremen,
Kämpfer einst Karls in der Schlacht;
Roland der Ries' am Rataus zu Bremen,
Jetzo wie einst noch steht er und wacht!
H.F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R.T.F.B., 20 Registertonnen gross,
geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der Schlachte mit
lebendigen Schollen. Das trübe gelbe Wasser der Weser gurgelte um seinen Bug,
und die Giebel der hohen Speicher blickten überlegen auf ihn herab, denn sie
standen schon zweihundert Jahre und hatten Güter aller Zonen unter ihren
Dächern. Auf der Kaje standen die Bremer Jungen und lachten über den kleinen
Stintmajor, wie sie Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen liessen, mit
Steinen nach ihm zu werfen, da rief er: »Ji verdreihten Zigarrenmokers!« (das
hatte er von Kap Horn aufgeschnappt), zog seine Seestiefel aus und ging ihnen
mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht ergriffen.
    Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren minder
stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die Jugend: sie kamen mit
Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen die Fische und kauften und
kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu nehmen wusste, war den Fang bald
los, zumal er ganz allein an der Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach
Bremen hielt die andern Ewer fern.
    Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle
entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche klirrend
zuguckte, bis er sagte: »Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de Luken to!« Dann
zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken und Taler: es war wieder
eine gute Reise, die die vielen Wind- und Stillentage, die dahinter lagen,
lachend vergessen liess.
    Nach Mittag machten Klaus Mewes der Grosse und der Kleine und Kap Horn sich
landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie alle Fremden
nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue Börse, den vergoldeten
Schütting, das gründachige, verwitterte Rataus und das hohe, steife Standbild,
die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von all diesen Bauwerken eigentlich nur der
Dom mit den beiden hohen Türmen: das Rataus war ihm viel zu alt und zu voll von
Grünspan; das könnten sie auch mal abschrubben, meinte er vorwurfsvoll. Der
Roland aber war ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn
er nicht bis fünf zählen könne, lachte er.
    Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
vorbei in den halbdunkeln, riesengrossen Dom traten, mit den leuchtenden
Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen Gotteshaus
etwas Südlich-Katolisches gaben; - denn da gingen sie unhörbar auf weichen
Teppichen, und alles war so still und so feierlich, wie es den Morgen gewesen
war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das Läuten der Glocken zu hören
gewesen war. »Hier in Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder«,
flüsterte er seinem Vater zu, der leise lachen musste.
    Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen, und
in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen, englische Majore,
bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsärgen, und die
Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um die fortwirkende Kraft des Gewölbes
zu beweisen, hingen auch frische Ratten, Hühner und andres Getier an den
Pfeilern. Die trockne Luft des Raumes benahm den Seefischern fast den Atem,
weshalb sie sich dort nicht lange im Schnack aufhielten.
    Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen
Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. »De mütt dolspeult wardn«,
sagte Klaus, »lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller is jo bi de
Hand!«
    »Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloss wat for de Groten, for
Reeders un Käppens, dor gift bloss Wien, Minsch!« rief Janmaat, aber Klaus Mewes
nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff und Heine besungenen
Bremer Ratskeller hinein.
    »Een van de Groten bün ik ok«, sagte er stolz, »ik bün Reeder un Käppen, und
Wien mag ik ok, un op de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,
Störtebeker!«
    Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich mitten
zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.
    »Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn«, lachte Klaus, »büst
ok bang, Störtebeker?«
    »Ne, bang bün ik ne, Vadder.«
    Misstrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten wohl
nur versehentlich die Treppe heruntergefallen sein, die wollten gewiss zu Heini
Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als Klaus Mewes, der es
merkte, ihn gross und frei ansah, und mit lauter Stimme zwei Flaschen Rheinweins
zu einem Taler den Buddel und ein Glas süssen Weins für den Jungen bestellte, da
nickte er höflich und brachte das Verlangte.
    Es schien allgemein aufzufallen, entweder, dass der Finkenwärder so laut oder
dass und er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die
bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes liess sich dadurch
in keiner Weise stören. Er rief den Kellner, und sie liessen sich durch alle
Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein italienischer Maler
gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen konnte, sie sahen Fässer, die
so gross waren, wie ein kleines Haus, sie kamen durch den Apostelkeller, in dem
zwölf nach den Jüngern benannte Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie
hörten von Wein, von dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.
    Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die
Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte, waren nicht
auszumachen, so gingen sie durch die Langenstrasse an dem schnörkelgesegneten
Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück.
    Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich
etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen, dass er
allerhand Havareien machte und schliesslich von einem Schutzmann an Bord gebracht
werden musste. Als er da noch weisen Wind hatte und sich nicht geben wollte, goss
Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers über den Kopf, um den grossen
Brand zu löschen.
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    Keine Luft von keiner Seite ...
    Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer totenstiller
auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon keinen Wind mehr gehabt;
zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt, nun am dritten Tag ist das Meer
glatt geworden, wie es osterselten vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei,
hängt die Kurre am Mast, ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne
brennt steil auf das Deck nieder, das so heiss ist, dass sie Schollen darauf
braten könnten, und dass das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt
der Teer.
    Plackentodstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer wieder
versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die Strömung zu
erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das grosse Schiff ist tot,
und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe lässt sich sehen.
    Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und
schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfass und liest
in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor mitgegeben hat, bis er
dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil erwählt: er hat sich ausgezogen
und steht nun nackt im Bünn, bis an den Hals im Seewasser.
    Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter
Löwe, und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen, - das sagt
alles.
    Er weiss nicht mehr, was er tun soll. Lesen? - Son Schiet! - Knütten? - Son
Snarrkrom! - Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln, kreuzen, denn
sie müssen nun endlich mal nach Hause. Erst war ihm der Wind dazwischen
gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann war der Fang schlecht
gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun kam ihm noch die Stille in die
Quere! Unruhig stand er vor dem Wetterglas und starrte es an, als wenn es an
allem schuld wäre mit seiner ewigen, deutsch-englischen Predigt: Sehr schön -
verry dry. Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht - verdreiht! lesen.
    Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er Löcher
hineingucken. dabei hörte er das spalten und Plätschern im Bünn. Erst wollte er
Hein die Leviten lesen, dass er die paar Schollen im Bünn noch tot trat, dann
aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf der Achterplicht aus,
setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in Berserkerwut über Deck nach dem
Steven, setzte vom Vorderpoller ab und sprang mit Hurra in die blaue See,
tauchte tief unter und kam prustend wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.
    »Kiek mol ober, Kap Horn«, rief Hein Mück, »ik gläuf, Klaus hett een
Sünnenstich kreegen!«
    Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein Schiffer
kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte und rief: »So ist
moi, Kap Horn!«
    Seemann aber stand mit den Vorderfüssen auf dem Setzbord und bellte, und
Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.
    »Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne Been«,
warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und warf ihn über
Bord, auch fierte er einen Riemen längsseit, damit der Schwimmer einen Halt
hätte, wenn er dessen bedürfte. Schliesslich setzte er mit Heins Hilfe noch den
Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in die Nähe seines Schiffers, denn das
Schwimmen in offener See, ohne Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und
ein Frevel: wie der Bauer sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der
Fischer niemals in der See schwimmen.
    Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.
    Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und als
der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen und den
widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. »Störtebeker, wat mokst du?«
rief er, »Klaus, kiek mol den Jungen!«
    »Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen, un wennt mit den Dübel
togeiht«, gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann kopfheister in die
See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra nach.
    »Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen«, rief Kap Horn,
als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte.
    »Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen«, rief Klaus
Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte: »Du meenst
woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott, kann ik di seggen!
Kiek mol! Ik kann ok all duken: pass up!«
    Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. »Junge, dat do ik ne
wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gor ne an dacht! I, wat bitter!«
    Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in seiner
Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen sollten. Kap Horn
aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und bewachte die drei kühnen
Schwimmer und den grossen, regungslosen Ewer, der wie tot auf dem Wasser lag.
    So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in der
See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen Spiekeroog und
Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.
    Wenn Gesa das gesehen hätte!
    Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachliess, sassen sie
allemann auf Deck. Dort assen sie auch Abendbrot, denn in der Kombüse war es
nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken und auf der
Diele. Kap Horn ging die Wache.
    Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See und
fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete es sich
über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der Donner, und die ganze Wolke
sass voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und seine Gesellen begrüssten das Wetter
mit Freude, denn nun musste ja auch Wind kommen und sie erlösen.
    Als die ersten, grossen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und
gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der gefährlichen Nähe
der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind auf den Wanten, prasselnd
schlug der Regen auf das Deck, die Masten erdröhnten, der Ewer zitterte, die
Lampe schwankte, die See kam allmählich in leise Bewegung. Geruhig sassen oder
lagen die Seefischer unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war,
zogen sie die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der
letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie wieder Wind
genug.
                                     * * *
                                                 Ships tat pass in the nigt ...
    Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachtimmel. Die Sterne funkeln um so heller
um den Schleier der Milchstrasse. Wie tanzt der Orion, wie blitzt die Wega, wie
leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie gleisst der Aldebaran!
Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige Wisch, die mit abertausend weissen
und bunten Blumen bewachsen ist, und auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.
    Die riesenhaften, schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie urgewaltige
dunkle Kühe, die auf der grossen Wiese in den Blumen grasen. Ruhig und bedächtig
grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam weiter.
    Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in
solchen Nächten nicht viel.
    Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und gibt
den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb spielen die
Fischerrlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als ginge es durch
Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie ein diamantenbesetztes
Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast, und wie im Traum reisst der
Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel, an seiner Schote, über der Besan
aber weht die dunkle Flagge im Nachtwinde. Seemann schläft im Nachtaus neben
dem Kompass, und Klaus Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und
her, die Hände in den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau
regiert, denn Steuern hat er längst gelernt.
    Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck ist,
er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er nicht: da fühlt
er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein Wesen, seine Atemzüge, da
haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und Masten ihre eigene Sprache. Nächte,
die gewesen sind, und Nächte, die noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele,
und dunkle Ahnungen beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der
ins dunkle Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen,
wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der Sehnsucht nach
Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt, die ihn Auge in Auge mit
der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muss er Verklarung über sich selbst tun,
der lachende Seefischer, und nicht lachend, sondern ernst beantwortet er seine
eigenen Fragen, denn je höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer
streckt sich seine Wurzel, - und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.
    Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weisse, grüne, denn sie
fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen Gründen
wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das Geklapper einer
Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo einziehen, mitunter schallen die
Rufe zweier Fischer, die einander nahe gekommen sind, abgebrochen herüber.
    Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen seiner
Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben gerufen.
    »Klaus, büst du dat?«
    »Jo, Hinnik! Wat fangt ji?«
    »Ochott, is ne slimm: acht Stieg!«
    »So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hat. Hest all bald de Reis?«
    »Morgen wöf utscheiden!«
    »Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gor keen Schullen lostowardn, Klaus.«
    »So!«
    Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als dass das Seegespräch
fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder schweigend auf und ab.
Einmal steht er hart an den Wanten und blickt starr in die Weite, als sähe er
seines Grossvaters Kuff im Norden untergehen, dann horcht er, als höre er seines
Vaters Todesschrei aus der See heraus.
    Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den Sternen.
                                     * * *
    Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff sich
mit haushohen Seen abriss, wie es leck wurde, und wie zuletzt eine grosse Woge ins
Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem Seemannszeug in der
See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen.
    Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren ihr
Mann und ihr Junge.
    Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.
 
                               Zwölfter Stremel.
Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweisslingen, Füchsen
und Pfauenaugen, wobei sie sangen:
Schomoker, sett di annen greunen Diek,
Schomoker, sett di annen greunen Diek.
    »U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor!
Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.«
    »Höh, Klaus Störtebeker!«
    »Höh, Peter! Non, wat mokst?«
    »Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!«
    »Wat goht mi Schomokers an? Wi wöt teern un smeern, wat meenst! Uns Eber
süht ut as ik weet ne wat.«
    »Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?«
    »Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.«
    Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen vorüber
und freute sich, als er fühlte, dass sie ihm nachguckten. Er war grösser und
brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein Gang aber war der
eines Fischermannes, und seine Hände waren die eines Tagelöhners.
    »Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See«,
hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergass es nicht
wieder. Und er vergass auch nicht, was der greise Willem Fock ihm sagte, der sich
am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog den Jungen einer
Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter, Fang und Markt und freute
sich über die fahrensmännische Klugheit des kleinen Gesellen.
    »Hest den flegen Hollanner ok sehn?«
    »Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollander in Sicht
kriegt, de blifft!«
    »So, so meenst du dat? Non, denn wohr di man vorn flegen Hollanner,
Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind hest, un
ward man een fixen Fischermann, hürst?«
    »Jo, Willem, dat will ik ok«, sagte der Junge mit lachendem Munde und ging
stolz weiter.
    Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose
wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...
Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Kramerladen hinein und
liess sich die Pütze voll Teer giessen. Kinderspiel war ihm fremd geworden, er war
Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem Ewer.
                                     * * *
                                                       Sonnenwende, Sonnenwende!
    A und O von Finkenwärder, der kleine, schwarze Ewer H.F. 1, Jan Sieverts
Hoffnung, und der grosse weisse Kutter H.F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die noch die
Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern, lagen im Köhlfleet beieinander,
und um sie herum und auf den Schallen ankerten wohl hundertfünfzig grosse Ewer
und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiss spiegelten die Steven sich im Wasser,
und jede Farbe hatte ihren eigenen Sinn.
    Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das Watt
hinter sich liessen und sich auf die offene See wagten, die bei Helgoland und
Terschelling die dunkeln, holländischen Logger und die schwarzen, englischen
Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch Geld, das Fahrzeug anzumalen
und aufzuzieren.
    Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten liessen und
sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen See an ihre
grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen erinnert sein, wenn sie
kein Land in Sicht hatten.
    Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und
Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen wollten
und denen es auf den teuren Zinnober nicht ankam.
    Weiss aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei waren,
ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draussen klüsten, wenn andre schon im
Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig seinem Kutter der weisse
Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu Gesicht stand, und binnengekommen,
wusste er nichts Besseres zu tun, als den Bug weiss zu malen, damit das Schiff
beständig im Schaum wühle.
    Hochwasser!
    Eine schlanke, östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht
Heitmanns weissen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte Wahrzeichen
von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und lässt die Flögel
tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser sein kann. Und doch
bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die Segel aufgezogen und die
Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muss ein grosses Ding sein, das diese mächtige
Flotte, die gewaltigste der deutschen Küsten, im Hafen festält und die
Helgoländer Bucht vereinsamen lässt!
    Es ist ein grosses Ding: Karkmess ist da, der Jahrmarkt, der Sonnwendtag der
Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so grosser Bedeutung und so tief eingreifend
in das Leben und Treiben des Eilandes, dass es Ehren- und Notsache jedes Fischers
ist, heimzufahren und dabei zu sein. Knecht und Junge würden schöne Gesichter
machen, wenn sie Karkmess nicht kriegten, und bei den Nachbarn hiesse es: »Den
geiht dat jo woll bannig lütt: he is jo ne mol Karkmess bi Hus wesen!«
    Von Finkenwärder erzählen und Karkmess vergessen, hiesse nach Rom reisen und
den Papst nicht sehen, denn Karkmess ist die grosse Sonnenwende von Finkenwärder,
ist der Nordstrich auf seinem Kompass und Mittelpunkt der Zeitrechnung der
Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmess oder soundsoviel nach Karkmess, das
hört einer am Deich auf Schritt und Tritt und »söben Weeken vör Karkmess« oder
»fief Weeken no Karkmess« sind genaue Zeitangaben, über die kein Zweifel
aufkommen kann. Karkmess teilt das Jahr: es ist die Grenze zwischen der
Schollenzeit und der Zungenzeit. Vor Karkmess werden in schnellen Reisen nur
Schollen gefangen, die lebend an den Markt gebracht werden: nach Karkmess geht es
auf die Zungen los, die auf Eis gepackt werden; da sind die Reisen länger und
mühseliger, und das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.
    Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er sein
weisses Ross, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in Gedanken inne, und
diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, um ihr Sonnwendfest zu
feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne
und des Lebens freuen, wollen sie einen Tag lachen.
    Wer das nicht kann, wer bis Karkmess nicht seinen guten Schilling verdient
hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See und mag denken,
die alten Weiber hätten ihn behext.
    Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen wird,
sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen:
Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, dass alle an einem Tag den
Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.
    Es gibt auch mancherlei zu tun.
    Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und Fischerjungen
auf Musik sind und sich een Perd, ein Mädchen, für das Fest heuern, weshalb
diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird, sondern die ganze Woche
hindurch. Da ist keine Zeit, den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu
helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muss der Ewer sein
Karkmesskleid haben. Teeren und Schmeeren heisst die Losung, den langen Tag wird
geteert und geschmeert, dass der ganze Deich danach riecht, und dass das Wasser in
allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschrubbt und kalfatert, da wird gemalt
und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren werden sollen, liegen die Fahrzeuge
auf dem Sand und lassen alles über sich ergehen, denn sie wissen, dass es gut für
sie ist.
    Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer zu
Karkmess, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er holländisches Blut
in sich und eine grosse Lust an Reinlichkeit und Bunteit: so schmückt er seinen
Ewer mit bunten Farben und glänzenden Streifen und wird nicht müde, ihn zu
zieren.
    Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt,
schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene Segel
geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der ganze Rasen des
Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Grosssegel an Grosssegel, Fock an Fock,
Besan an Besan, und alle werden gebräunt und geloht, damit sie haltbarer werden
sollen.
    Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen
Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen) und
deshalb mit weissen Lappen fischen und segeln müssen.
    Überall am Bollwerk bruddelt es in den grossen Wurstkesseln, und Fischer und
Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.
    Ist das Schiff moi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
begleicht die grossen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied, beim
Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmess ist allgemeiner
Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also das stehende Geld noch
nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer seine Zinsen.
    In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die
Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835 gegründet
worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten.
Sie lässt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, das nach den Verlusten
berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner Tisch, an dem die sechs Alten mit
dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch wird gesprochen, einer nennt den andern
du, jeder weiss, was er will, und niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist
der Senat von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.
    Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten Gemeinsinnes.
Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur
Temsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, Stürme wollten sein Licht
verlöschen: er steht und leuchtet!
    Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch
nicht müssig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und gehämmert auf
Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die Sonne blank und schön
aus dem Hamburger Daak, und der grosse Freudentag ist da mit seinen Luftbällen
und Reitbuden, seinen Aalzelten und Schiessständen, seinen Eiskarren und
Lungenprüfern, mit Lukas und Kaspar, mit Herkulessen und Feuerfressern, mit
Seiltänzern und Negern, mit Hün und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind
wie durchgedreht, und die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und
Lebensfreude nicht, was sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und
geschossen und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue
wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und
Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr können:
die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen: es
ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmess alles los ist. Die sich erzürnt
haben, vertragen sich und trinken wieder einen zusammen, und die gut Freund
gewesen waren, erzürnen sich und kriegen das Tageln: dat is so bi Karkmess mit
vermokt. Hein Mück haut den Lukas, dass es knallt, und lässt sich für die
hervorragenden Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan
Tiemann lässt sich elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein grosses
Zuckerherz, Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und
ein Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!
    Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein weisses
Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönss und setzen sich geruhig auf den Deich. Sie
lassen die Karkmessleute an sich vorüberziehen, necken die beladenen Kinder und
führen ein nachbarliches Gespräch.
    Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und
Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende Korn im
Lande und den weissen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten am Elbdeich:
das grosse Sommerblühen. Das geht allen verloren.
                                     * * *
    Der grosse und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen, wenn
sie dem Karkmess fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich den Tag
ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er geschrubbt, einen
ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde hängend, hatte er die Besan
gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den Bünn gekrochen und hatte die toten
Schollen aus den Ecken geholt, er hatte beim Lohen geholfen wie ein Grosser, er
hatte das Nachtaus grün angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen
Flöhen und Wanzen auf dem Schlick verbrannt.
    Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines
Amtes gewaltet hatte, denn er sass trotz seiner Jugend schon im Vorstande der
Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker und Gesa
gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein Königsschiff lag der grosse
Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte wie der Regenbogen. Seine deutsche
Flagge wehte im Winde, und grüsste seinen Schiffer.
    Dem aber lachte das Herz.
                                     * * *
Wennt Karkmess is, wennt Karkmess is,
denn goht wie langsen Diek!
    Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker. Dieser
voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit, die Reitbuden und
die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr. »Kann ik up See jo doch
ne bruken«, sagte er verächtlich, und als er beim Allemalundjedesmal einen
Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er ihn dem kleinen Paul Meyer. Seiner Mutter
aber kaufte er einen bunten Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuss, damit der an
China erinnert würde, und seinem Vater einen dicken, geräucherten Aal. Einen
Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war.
Klaus und Gesa tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der
alte Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.
                                     * * *
    Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmess.
    Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Ness. In der Dämmerung sassen sie vor
der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom
Walrossfang bei Grönland.
    Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.
    Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.
                                     * * *
    Sommer heisst der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht
schreitet er einher, weitin über Land und See gleisst und funkelt sein
Purpurmantel. Gross und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder, alles
muss sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die Ähren, die
Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen sich.
    Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der Mann gekommen,
der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit
gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche, Milde, Leichte in
Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es
in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die Beine, dann sprüht
es aus seinen Augen, dann glüht und dampft sein Atem, und hart lacht es um seine
Zähne. Selbst die grossen Meister die Winde, müssen, vor ihm ducken, und wollen
sie sich erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Eö weiss, was
er zu tun hat, weiss, dass es um Brot und Leben geht, weiss, dass der Winter kommt.
Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den milden Monden,
das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst, in kochendem
Eifer, in glühendem Hass, in flammendem Zorn, - und all sein Ernst und Zorn ist
wilde, gewaltige Liebe!
    Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt sie.
Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille, und das Deck
ist bratenheiss. Nachts steht der ganze Heben in Flammen, und das Schiff
erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft müssen sie in Nordernei
und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren
wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht freihändig verkauft,
sondern in der Halle versteigert werden, sind in Geestemünde ebenso teuer wie in
St. Pauli und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Ijmuiden in
Holland, einmal kommen sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreissen sie
in den Steinen, so dass beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange
Wachen gibt es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die
Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand, und die Kurre ist oft nicht zu
hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt hakt ja wohl an
einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, steht einen
Augenblick fast still, dann aber reisst die Kurrleine, und dreihundert Mark sind
verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen
eine solche Havarei, dass sie nach der Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann
wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog.
    Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es
kommen ja auch schöne, grosse Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn
stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert Mark.
    Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord, und wenn er auch nicht vor dem
hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als
Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück. Ihm ist
jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf.
    Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich auf
Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter, wenn
sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er muss fischen! Und den
Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen: so lange bleibt er an
Bord! Und mit der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die Fischerei
kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze!
    All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel, und
der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber
sie lachen doch dabei und freuen sich, dass sie wieder einmal glücklich der
Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.
                                     * * *
    In der Kürze eines Seeamtspruches könnte ich nun auch berichten, dass sie
einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.
    Es liesse sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch wäre,
denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann.
    Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken, eine
noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.
    Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den
Südwestern tief im Ölzeug und liessen den Regen auf sich niederströmen. Sie
fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in der
schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen
die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf, die Seen krönten sich mit
Schaum, und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer.
    Klaus beschloss deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
lassen.
    »Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück kletterten
aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den
Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger, und der Ewer stampfte und
rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte.
    Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das Deck.
Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht
über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte. Als keinerlei
Aussicht war, dass das Wetter sich so bald ändere, dachte er hinter Wangeroog zu
flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinüber, um zwischen
den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.
    Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem mächtigen
Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen
Spritzer überkriegte.
    Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleisse, Steinbutte,
Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie das Deck rein. Hein
ging in die Kombüse, um Klösse zu braten und Kaffee zu brauen, Kap Horn aber
blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die
Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon dämmern und niemand konnte
wissen, was die Nacht noch brächte.
    Die Elbe war weit weg.
    Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war die
Luft. Der Wind wehte flagiger und stossweiser als vorher und lief raumer. Sie
segelten schon platt vor dem Laken, und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie
geifernde, hungrige Wölfe: eine grosse Gefahr für Boot und Segel. Aber der
Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und liess sich weder
begraben, noch aus dem Kurs werfen. Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater,
ohne Bangigkeit, und half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so
dick gewesen wäre, hätten sie es längst in Sicht haben müssen.
    Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze
Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit unheimlicher
Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfasslicher Macht
über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze und dumpfe Donnerschläge
sind das nächste.
    »Nu gift wat!« ruft Kap Horn.
    »Gläuf ik ok«, antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker.«
    »Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«
    »Ne, du muss dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un lot
Hein de Kapp toschuben un bliewt beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!«
    Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder«, und geht nach
unten, denn er weiss, dass man dem Schiffer gehorchen muss, und wenn man's auch
zehnmal besser wüsste.
    »Bang bün ik ober keen beten, Vadder«, ruft er noch vom Grossmast, dann
verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter brät und
meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.
    Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen sie
darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen, was die grosse
Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz geschnitten, des
Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: niemand sähe es beiden an, dass
sie so fröhliche Menschen sind und so gern lachen.
    Sie wissen, was geschehen wird: dennoch haben sie ein so jähes Umlaufen, ein
so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so
furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Südwest hat ausgeweht: mit
einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt
und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar
darauf springt der Wind wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht
er sich: Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!
    Die See, die See!
    Wie gischt und schäumt sie! Sie kocht!
    Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er fasst die schweren,
langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar
bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, dass sie wild durcheinander laufen.
    Dat ward een beuse Nacht for mannig lütt Schipp, dat noch buten is, will Kap
Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer ist mitten in
diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der Sturm über den
kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe ein Schaf, als wolle
er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm das nicht gelingt,
legt er sich so hart auf die Segel, dass sie den Ewer platt aufs Wasser drücken
und, er zittert und bebt, als könne er sich nicht wieder aufrichten. Zu der
Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck
aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an um nicht über Bord zu
spülen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock
dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und reisst sie
herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das Ruder an und stürzt
nach den Fallen.
    Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt
fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden, wenn
Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoss, - da ein
scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein grosses Loch in da Grosssegel
gerissen. Gau, gau, Klaus Mewes, oder dat ganze Seil geiht innen Dutt!
    Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch einmal
danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne,
dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult der geprellte Sturm
durch die Wanten, an denen es nichts zu beissen gibt, dann aber gewahrt er das
Achtersegel, das noch steht, er macht einen krummen Buckel, - und in Fetzen
zerrissen fliegt die dunkle Besan in die Winde. Zwar ist der Ewer wieder
aufgestanden, aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er
ist ein Spielball der brüllenden Seen.
    Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden Dünung,
und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.
    »Dor is een Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt
nach der bezeichneten Richtung und sieht ein Licht auf der See, hell und
tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reisst dort das
Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompass? Klaus peilt, und als er
»Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an,
denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Grosssegel und
ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die Elbe ist nicht zu erreichen.
    Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen
Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher Nähe und
der Sturm muss sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zögern.
    Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen handeln.
Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!
    Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du
doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du du deines Jungen? Der sitzt warm im
Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! - und obgleich Hein
Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues, bleibt er fröhlich und
lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«
    An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb aufgeholten,
angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten Klüver am Grossmast, geschoben
von den immer gröber und ochsiger werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das
kappelige Wasser.
    Südwest liegt an.
    Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie sind
allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnässt, denn die Seen laufen über den
Setzbord, wie sie wollen.
    Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft
oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von
Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind alle Stuben und
Kammern beleuchtet, und über die Treppen eilen die aufgejagten Diener.
    Die Seen werden hohler und hohler, und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie
aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermassen
verstärkt, dass er es muss.
    »Lot ut!« ruft er dann jäh und reisst das Blei aus dem Nachtaus. Der Knecht
peilt die Tiefe.
    »Fief Fohm!«
    »Denn sünd wi uppe Grünnen!«
    Fünf Faden Wasser nur. Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger
Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun
kommt!
    Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn
erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr!
schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dod«, ruft der Knecht.
    Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt: »Seil upsetten!« denn er will
sich nicht geben. Mit grosser Mühe setzten sie das Sturmsegel am Besansmast,
binden das dritte Reff an und ziehen das Grosssegel halb auf und geben der Fock
etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren
Seen. Argewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt wehrt der
kleine Menschenewer sich gegen die beiden Grossen, die ihn tot machen wollen. Mit
unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen über den
Setzbord, dass das Deck ein Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die
Spritzer bis zum Flögel fliegen. Wenn eine der grossen Unsulten von Sturzseen
gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt
sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach
Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im Kampf mit Schwertfischen, die
von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr dich, Ewer!
    Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den düstern
Felsen, nach dem du genannt bist, und lass die Kette nicht los! Steh fest auf dem
glatten Deck, lass dich nicht über Bord spülen! Denk an die vielen Hochzeiten, zu
denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst!
    Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe
gestanden hast, muss ich dich aufrufen? Nein, - das braucht es nicht: da steht er
am Ruder im zerrissenen Ölrock, nass wie ein Kater, knietief im Wasser, und wankt
und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit er nicht über Bord
schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht er da, ein ganzer
Seemann, ernst und wachsam, und späht durch Nacht und Regen nach Land und
Feuern.
    Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es
Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht
erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer schüttelt ungläubig
den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein schwächeres auf, und er muss
glauben, was er erst nicht glauben wollteweil er sich nicht denken konnte, dass
sie so weit abgetrieben sein könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff
Bremen! Sie müssen hoch auf den Gründen sein!
    Hastig knotete er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten Mal,
denn es kann ja nicht sein, die Leine muss gehakt sein. Aber es bleiben drei
Faden.
    »Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt, Kap
Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.
    In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die
Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermassen ins Gesicht, dass er
das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust. Er
krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein, der
ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht: »Junge, dat do ik ne wedder, Hein!
Wat hebb ik een kreegen! Meist, as wenn Vadder mi een fixen Backs geef!«
                                     * * *
    Kap Horn schweigt noch immer.
    Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die letzte
Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn
nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann so sein, und wenn
es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es bleibt ja immer ein Seemannstod.
Die heilige, unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz. Der
alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen. Er kann sterben, - ob Klaus
es auch kann? Er sieht ihn an.
    »Dree Fohm bloss noch!«
    Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie die
Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie Bodemann sagt,
dass Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei Wochen vermisst würden.
Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür und die Bank unter den Linden:
die Bank aber ist leer, und die blanken Fenster, in denen sich sonst die Elbe
von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu:
der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr
Futter.
    Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was ist
da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiss der eine wie der andre:
vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind die Brecher, die
Sturzseen. Dahinein und hindurch müssen sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun,
als abzudrehen und zu versuchen, den Ewer so hoch wie möglich auf das Watt zu
setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft
geborgen, raken sie Grund, ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht
der Ewer in Stücke, aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten.
Wahrscheinlich, denn eins ist so gefährlich wie das andre.
    Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten
stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!
    Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern und
Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. »Nu hol
di fast, Kap Horn!« ruft er gell.
    Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm auf
dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!« Aber
der Schiffer hält das Ruder fest und lässt sich nicht erschüttern. Vor ihm tobt
der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das
Donnern und Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen, - er
verzieht keine Miene.
    Gott im Heben - da stürzt die erste, grosse See wie ein wildes Tier auf das
Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert, reisst das
Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme sitzen bleibt.
Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachtaus ist weg, sie sind ohne Kompass. Ein
Glück, dass sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben.
    Klaus Mewes steht noch. Der Knecht springt auf, und der Ewer klüst weiter.
»Fastolen!«
    Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite
Riesensee stösst wie ein Felsen gegen den Ewer und ergiesst sich über das Deck,
sie schlägt in die Segel, dass das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen
will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt
nicht los, und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt,
vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten.
    Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf
das Deck nieder, dass die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser
füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und Störtebeker und Hein
Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu
können, wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an, damit sie nicht
hinunterfliegen. »Junge, wat snuft dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün
ik dorbi doch keen beten!«
    An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festalten! Sie müssen durch!
Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann es nicht
werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder hält!
    Wieder ein Brecher ...
                                     * * *
    Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von
Bremerhaven liegt, liessen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen
das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen.
    Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von
Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem Fischerewer
rührte sich nichts: alles an Bord schlief.
    Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer
erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff, das
schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie
feststellten, dass es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den kahlen
Besansmast und suchte das Nachtaus und sein Handschuhlager. Klaus und Kap Horn
gingen gleich dabei, das Grosssegel zu nähen und einen Flicken darauf zu setzen,
damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten.
    Von Bremerhaven liess Klaus drahten, und den andern Tag erschien der
Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab. Dann
kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und Optiker zu gutem Verdienst, -
der Ewer aber musste ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen.
    Endlich waren sie so weit, dass sie wieder in See gehen konnten.
    »Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weissen Eisschuppen tollte. Klaus Mewes
sah seinen Knecht verwundert an.
    »Worüm denn ne?« fragte er.
    »Och nix, ik meen man bloss«, lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber sah
ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol
een beten weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt wardn, wat?«
    »Ik heff jo doch gor nix seggt«, beschwichtigte der alte Jantje ihn
sanftmütig und verschwand in der Kajüte.
    Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und wie
ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn
warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er den Jungen abmustern
und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich nach ihm verlangte?
    Ach was, - Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.
    »Störtebeker?«
    »Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx twei.«
    »Wullt noch wedder mit no See?«
    »Gewiss, Vadder!«
    Das klang so selbstverständlich, dass Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er
nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen.
                                     * * *
    Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand,
unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen
Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts Besonderes daran, und
doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm
steckten die Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die Matrosen.
Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen, der
Mütter, der Bräute! Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloss ihn auf und
blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen
Brief, wie glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude
anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den
Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand
einer nichts, so schloss er leise den Briefkasten. Ein andrer schlug ihn knallend
zu.
    Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe
durch.
    »Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is all
lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein,
Geeschen? ... Willem Mees?« ... - er machte eine lange Pause, denn Willem Mewes
war geblieben ... »Paul Külper? De ligt jo blangen uns, den Breef bring em man
eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge war bereit, Briefträger zu spielen,
und lief eilends nach der Geeste hinunter ... »Jan Sass? De is no de Ilw, den
Breef harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ...
Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus
Mewes, H.F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol een lüten Angostura!«
    Er verschloss den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. Die
Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, dass Gesa beim Schreiben
geweint hatte.
    Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal
nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen
sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fühlte, wie es ihm im
Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is obern barg baschen Peper twüschen,
August! Den mokst du woll sülben, wat?« sagte er laut und hielt das Glas
misstrauisch gegen das Licht. Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob
den Jungen gar nicht nach Hause verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am
Deich erzählten sie so viel von ihnen. Was es mit der Havarei gewesen wäre? Sie
sagten, dass sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den
Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten,
die könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks
Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, dass der Junge gar nichts von sich
hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint.
    Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es
weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heisst Tinte und Feder,
um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die Feder eintunkte,
wusste er wieder nicht die Worte zu finden, und es wurde wieder einer der
berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: »Liebe Frau, es
grüsst dich dein Mann!«
    Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht
hatte, ging er aber doch mit dem Bewusstsein einer guten Tat nach dem Ewer
zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf einem
Eiswagen sass und an einem getrockneten Petermantje kaute, und setzte die Segel
auf.
    Hein Mück bekam zwischen Grosssegel und Besan seinen Segen.
    »Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder weet
gornix van di af: wat is dat eegentlich?«
    »Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to«, sagte der Koch leichtin,
aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus,
und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen
schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Taue nach dem
Fischerhaus trug.
                                     * * *
    Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte sich
kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte
deshalb die grosse Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und weil es ihm ein
Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel war, geflickte Segel am
Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach der Weser
und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm bange, dass Gesa den Jungen
zurückverlangte.
                                     * * *
    Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle,
da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne Reise: sie gingen zu Fuss nach
dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den weissen Lloyddampfern und den englischen
Baumwollkasten ein grosses Segelschiff, und das war Kap Horns alte Bark
»Elisabet«, auf der er lange Jahre gefahren hatte.
    Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an Bord
ging, um seinen alten Käppen zu begrüssen. Unter dem Arm trug er einen Beutel
voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing noch immer an dem
Ollen, an sien Vadder.
    Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die himmelhohen
Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er ein grosses Schiff
noch nicht gesehen, am meisten aber musste er sich über die vielen Taue wundern,
aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann betraten sie den hohen, grauen
Windjammer. Der Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen.
Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach
dem geheiligten Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten
und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen Seeleuten.
    Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck, an
der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff
genauer, mass und klopfte, befühlte und besah. Er liess sich von dem Koch, einem
vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg,
dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der
Back sassen die Matrosen, die keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer
spielte leise auf einer Mundharmonika und machte grosse Augen. Über dem Vortopp
aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens,
und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die
Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen auf der
Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.
    Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darüber,
wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir,
wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir noch nicht kennen:
wer sind sie, und was wollen sie von uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes,
oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen?
    Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der Fockrah
stand, als sie aber hörten, dass er Klaus Störtebeker hiess und ein kleiner
Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn in ihre
Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein Finkenwärder Fischerplatt und
versuchten, es nachzuahmen, sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und
verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der einen alten
Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker
liess sich nicht verblüffen: mit springenden Augen verteidigte er den grossen Ewer
und die grosse Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und
Wind, dass sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände
zusammenschlugen. Er zeigte auch, dass er von grossen Schiffen etwas wusste und
nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back
und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden, da war er
eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher.
    »Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.
    »Dor frog dien Grossmudder man no«, antwortete Störtebeker, »mi kannst ne
förn Buern hebben.«
    Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang. Der
Segelmacher, der grosses Gefallen an ihm gefunden hatte, - alle alten Seeleute
sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! - schenkte ihm einen ausgestopften,
fliegenden Fisch, und sie entliessen den kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye.
    Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen Schiffe,
das grosse Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Götzen, der
mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute sich über Störtebeker,
und als der eine kleine nautische Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte,
bekam er die Reichsprämie von dem Alten: ein weissseidenes Halstuch, das in
Tschifu gekauft war.
    »Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver.« - damit wurde Störtebeker zuletzt
entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf
der Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen
im Dunkel der Nacht verschwand. Und sie sprachen noch lange von ihm.
    Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und liess
sich das grosse Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken Augen auf der
Bank sass und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt war.
    Als der Kapitän der »Elisabet« den andern Tag etwas in der
Bürgermeister-Smidt-Strasse zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und ging
über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem grossen
Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt hatte, einen
Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See
gesegelt, so dass Käppen Vinnen kein Glück damit hatte.
                                     * * *
    Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei,
den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.
    Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die
glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang und den
Seesternen einen besonders grossen, dicken Steinbutt spaddeln. Er zog ihn heraus
und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen Steenbutt, rein een
Stoot!«
    Er stand dicht am Setzbord, - und der Ewer holte in diesem Augenblick
plötzlich weit über! - da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord
in die Seehinein.
    Mann über Bord!
    Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich jäh
von dem Hummerkasten, auf dem er sass, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach
dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem Wasser spaddeln sah,
denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte er
daran, dass er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr
hinderlich: er fasste den Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche
zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.
    Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor er
zum zweitenmal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die
Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück sah Klaus Mewes
den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord geworfen hatte, und es gelang
ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren.
    Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und
kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfasste die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und
nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen und konnten sich
verpusten.
    Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt schull
ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann zog er das
nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf, damit die Sonne und der Wind es
trockneten.
    »Up See mütten Kummer gewinnt wardn«, sagte er lachend zu Kap Horn, der ihn
kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem
Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin, als wenn nichts
geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er hatte bloss einmal über Bord
gelegen.
 
                              Dreizehnter Stremel.
Is de Sommer all her? - fragen die Frauen, die einander begegnen, denn ein
grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
schwerfällig ebbt. Nach starken nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick
geworden. So diesig ist es, dass die Sonne kaum einen Schatten werfen kann. Wie
der Mond steht sie am Heben, eine weisse Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag
sie nicht zu vertreiben.
    Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung
und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um Zusammenstösse zu vermeiden.
Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzenden Segler blasen
auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der
ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese, dass man meinen könnte, mitten im
Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht
die Kraft, sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
haben etwas Formloses, Gespenstisches.
    Wie Herbst ist der Tag.
                                     * * *
    »Stuten! Wö ok Stuten?«
    Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr, der
ein bisschen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt
wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang, die fast grösser sind
als sie, und singt vor allen Türen.
    »Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die
Frau gerade heisst. Zu verwundern ist es, dass sie bei den vierhundert Häusern,
die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals die Gesinen,
Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und Ginen miteinander
verwechselt.
    Nun hat sie den Ness erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.
    »Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die Seefischerfrau
kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen
her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen, wobei sie deren
Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt.
    Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt
hat. Sie will doch sehen, dass sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen
Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat etwas andres auf dem
Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins reine gekommen
ist, fragt sie teilnehmend:
    »Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«
    Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr wesen?«
fragt sie hastig und wird weiss im Gesicht.
    »Weess du dor noch nix af?«
    »Ne, wat schall ik weeten?« stösst Gesa heraus, »ik weet bloss, wat he gesund
un munter an Burd is!«
    »Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weiss, denn ist
woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn ist jo man
god!«
    »Wat hebbt se denn doch woll bloss seggt, Metta?«
    »Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gor ne so
verjogt, mien Diern! Föftein Penn gifst du ut: denn kriegst du jo noch wat
wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«
    Aber Gesa lässt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden ist,
und lässt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist erzählt
worden, dass der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und in der See
ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber er habe ihn nicht
wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiss sie nicht, sie kann auch
nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht hat, sie weiss nur, dass es erzählt
worden ist.
    »Schree man ne gliek, mien Diern«, tröstet sie, »is jo bloss Snackeree.«
    Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
erschüttert sie, und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann. Dann
sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.
    Es ist gewiss, es ist gewiss! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr als
blosses Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es geträumt
hat! Heftiger fliessen ihre Tränen. Nun weiss sie auch mit einem Male, warum ihr
Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle Blitz, der in ihre
Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um seine Fahrt lag: er kann ihr
ohne den Jungen nicht unter die Augen treten, er mag nicht sagen, dass er ihm
über Bord gespült ist! Ob er nun auch noch lacht, der lachende Seefischer, der
so sehr an seinem Jungen gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist,
weil er seinen Störtebeker verloren hat?
    Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, dass er mit zur See kam?
Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein, und alles in ihr
schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt, gibt sich
selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an. Nun hatte der
kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem
Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher! So lange Zeit, neun Wochen
fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu
sehen bekommen! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm
keine Blumen auf sein Grab pflanzen!
    Riesengross liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren.
Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein, nein, es ist nicht
wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des Deiches, Schnackerei der Leute!
Der Junge fällt nicht über Bord, und Klaus lässt ihn nicht ertrinken, eher
ertrinkt er selbst mit! Nein, nein: ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein
grosser Vater lebt und lacht, und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln
sie auf See, die beiden Fahrensleute!
    Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie verjagen.
Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven
und Geestemünde heraus. Zu jedem steht, dass der Junge gesund und munter ist, -
und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können?
Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf, aber
wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den
Briefträger und blickt über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr,
bis sie gewiss weiss, dass ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die
arme Mutter, - dass er wiederkäme! Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus:
sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts
sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist sie voll Hoffnung, aber nachts gibt
sie wieder alles verloren. Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen,
und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das
sein Futter und seine Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen
und wäre tiefdenkern geworden.
                                     * * *
    Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der
Hand und riss ihn jäh auf, dass Jan sie verwundert anguckte.
    Sie las, dass Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die Zweifel
wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat lügst du, Klaus
Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele. In der Nacht umbrauste
der Wind das Haus, dass sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken
zu fassen vermochte. Ihre Seele war krank und wund, und aus dem Rauschen der
Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen.
    Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach der
Weser zu fahren und sich Gewissheit zu verschaffen. Sie musste Ruhe haben: sie
konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und
machte sich reisefertig. Als sie alles bereit hatte, - es gehörte sehr viel
dazu, denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren, - vertraute sie Haus
und Hof dem alten Jäger an, der gar nicht wusste, was los war und es auch nicht
herausbekommen konnte, denn sie sagte nur, dass sie etwas in der Stadt zu
besorgen habe und erst den andern Abend zurückkomme.
    Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten ihren
Gruss in etwas langgezogenem Ton, der besagt: na, was hast du denn vor, willst es
uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein, sondern machte, dass sie
weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war,
den Deich entlang zu gehen, jeden anzuholen und vor allen Türen stehen zu
bleiben, erschien ihr, der Ortsfremden, wie ein Spiessrutenlaufen mit
Hindernissen.
    Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr
nach.
    »Se hett jo man bloss den eenen Jungen«, hiess es dann.
    Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde
schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht, damit
Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht wissen, dass sie
unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte sie gewiss bei den andern
Ewern die Wahrheit erfahren.
    Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet und
setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem
Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den Pariser nannten.
                                     * * *
    Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen
zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie erreichte auch den Deich,
sah im Westen und Norden die breite Aussenweser und ging nach der Kaje hinunter,
an der die Fischerewer in langer, doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der
Wind hatte viele von ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als
an ihren Jungen und weiter nichts suchte als H.F. 125, sah sie doch, dass hier an
der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen und da
Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue Maschinenhäuser und
weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was Klaus wohl hatte, dass er
immer so gern nach der Weser segelte, wenn es weiter nichts war als diese graue
Ecke, die sich mit dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte?
    Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie an, der
mit einem Norderneier Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok mol oberreist?«
    Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder rup«
rief er ihr noch nach. »Dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is he!«
    Die Flagge, - sie musste bitter und schmerzlich lächeln: so wenig
Seefischerfrau war sie, dass sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen
des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf der Besan, wehte
lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber ihr tat sie diesmal weh,
weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte.
    Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren sauste
es, und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch umkehren?
    In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.
    Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter.
Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenförmige
Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.
    Da war der Tisch aufgeklappt, und die dampfende Klütenpfanne stand darauf,
auf einem Tauring, und die Seefischer sassen im Kreise herum, hatten die Gabeln
in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan sass Klaus Mewes, gross und breit, da
sass Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzählte von der grossen Hitze im
Roten Meer, da sass Hein Mück mit einem Gesicht, das besagteheissen sollte: un
wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un
bliwst du doch een Butenlanner för mi, - da sass der griese Seemann und
liebäugelte mit den gebratenen Klössen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber sass
mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort
dazwischen.
    Gesa stand regunglos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme
hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der
Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst,
dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist
alles dunkel, und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder. Sieh
deinen Jungen still an und halt ihn fest, den Traum.
    Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol mokst
du de Brotklüten to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfass auf der Diele
zu trinken. Als er die Tür aufriss, war es mit Gesas Kraft zu Ende.
    »Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.
                                     * * *
    Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa
aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach dem
andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.
    Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem
englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht eifrig
gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum noch Antwort,
denn er ahnte, dass es unten um ihn ging, dass er von Bord sollte. Der Knecht
fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.
                                     * * *
    Es ging um Störtebeker.
    Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und schmeichelte,
weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen
und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht etwas auf, was er hatte, und
hielt es meistens mit dem lübisschen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier
stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher
zu stehen als das der Kranken. Aber Gesa liess nicht nach: die lang unterdrückte
und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schliesslich
doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreissen liess, heftig zu werden,
da verspielte er schliesslich. Er musste einwilligen, dass der Junge mit nach Hause
reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab.
Er war uneins mit sich geworden, und es rief beständig in ihm: du steuerst
verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, lass ihn
nicht von Bord: der gehört zu dir und zu niemand anders. Aber er hatte sein Wort
gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es
versprochen, und musste es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die
Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.
    Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluss,
darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach dem Ness bringen
müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt! Noch einmal
machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu bleiben und die eine Reise,
die gewiss nach der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht darauf
ein. Er musste Wort halten.
    Der schwerste Streek kam: er musste es seinem Jungen sagen.
    Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un goh
ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.
    Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.
    Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater ihn
schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an seinem Bein
auf, als wenn er ihn trösten wolle:er wurde es gar nicht gewahr. Hätte seine
Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte etwas Hässliches getan, aber sie
war klug genug, es nicht zu tun.
    Erst als er nachher draussen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn, und bei Kap Horn wollte er nicht
schlafen), löste sich der Bann, und er wimmerte wie ein wundes Tier, die ganze
Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See haben wollte. Er glaubte,
sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der auch nicht schlafen konnte, hörte ihn
wohl, und wenn er nicht gefürchtet hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken,
so wäre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
    In den Wanten brauste der Wind, und schwerer Regen klatschte auf das Deck.
    Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während
seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mitaben sollte. Sie hatte
gelernt, wie die beiden genommen werden mussten, und handelte danach.
    Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an, aber
ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der grossen Fischerbank
ausgestanden, als dass er nun seinen Jungen von Bord jagen musste wie einen
unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er gesehen, dass Störtebeker sich
im letzten Augenblick an den Wanten angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm
die Hände lösen müssen: dann war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er
sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol,
Vadder, denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
aufgeweckt.
    Störtebeker half beim Deckschrubben und sprach mit dem Knecht und dem
Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so tat er.
    Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müss di klor moken!«
Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
    Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di
ropen, Klaus, goh dol«, sagte Klaus Mewes ernst.
    Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
»Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.
    Klaus Mewes nickte ernst.
    Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und liess die Mutter mit ihm
machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen
Spielkameraden, war ihm zuwider, und er hörte deshalb auch kaum darauf.
    Schliesslich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn.
»Hol di man fuchtig«, sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken, Kap Horn aber,
der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm die Hand und tröstete:
»Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang wesen! Wi kriegt all nich unsen
Willen! Annern Sommer kummst du wedder mit no See!«
    Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja doch
selbst nicht!
    »Adjüst, mien Seemann«, sagte er und streichelte dem Hund das struppige
Fell.
    »De bringt di noch langs«, rief Klaus Mewes, der sich auch fertig gemacht
hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
    Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren nach
der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr sehen, denn die
Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt. Nur von der meeresbreiten, grauen
Weser konnte er noch einen Streifen sehen.
    Er sagte aber nichts.
                                     * * *
    Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus
und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive pfiff, und die
Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
    »Adjüst mien Jung!«
    »Adjüst, Vadder, jüst Seemann!«
    Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte, bis
Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm, und er legte den Kopf auf
ihren Schoss und weinte bitterlich. Da beide allein in dem Abteil waren, sagte
sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und weich über das sonnenhelle
Haar.
                                     * * *
    Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück.
Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen Weg.
Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weissen Erdöltanks waren,
merkte der Seefischer, dass er sich verlaufen hatte, und ging über die Geleise
zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und liess sich müde auf
die Kojenbank fallen, denn er hatte einen schweren Streek hinter sich.
    Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
Stimme in ihm, dir träumte, dass Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen
hätte, und du weisst doch ganz gut, dass der kleine Klaus Störtebeker vor der
Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie haben es ja sogar schon am Deich
laut erzählt!
    Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge fehlte
ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen Augen an. Ruhelos
ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben, als ob er etwas verloren
hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen
und hatte einen heissen Zorn auf sich, dass er sich so hatte unterkriegen lassen.
    Dem alten, getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die halben
Segel back gebrasst und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und
achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt so recht.
    Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die kein
gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten verraten und
verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, dass sie das
nicht wieder gutmachen könnten, und dass der Junge es nicht verwinden noch
vergessen würde.
    Als das Wetter gegen Abend aufklärte, setzten sie die Segel auf und gingen
hinaus, um auf See Trost zu suchen.
 
                              Vierzehnter Stremel.
Der Deich war noch nicht eingesunken, und die Elbe war noch nicht zugeschüttet,
kein Graben war ausgetrocknet, und keine Esche war umgeweht, Kluss sass noch
struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten, und die Kaninchen musselten noch
in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich auf dem Ness war noch so, wie es
vorher gewesen war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war,
der war anders geworden, der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand
wie im Traum unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen
Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.
    Zu viel hatte er von der See und von der Schifffahrt gekostet! Was galten
ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See gesehen
hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf Helgoland und in
Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen
Sommer Seefischer gewesen war und einen grossen Fischerewer allein gesteuert
hatte, was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk
spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See
geschwommen hatte!
    Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und streifte
in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und
nicht, weil es ihm Spass machte. Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel
gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte, und seinen grünen, nordischen
Kahn, der noch unter den Luken stand!
    Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit aus
dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch gram
war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm: das Leben ohne seinen
Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.
    Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach
erzürnte er sich mit allen, dass zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und
keiner mehr nach dem Ness kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie ein Grosser
mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen Widerspruch mehr
vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen (»dat mütt ik as
Fohrnsmann doch woll beter weeten as du Kiekinnewilt«, hiess es herrisch), - und
das liessen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit
allein.
    Gesa liess ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, dass er ihr
selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so liess sie sich
äusserlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, dass die Zeit die grosse
Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, dass der Junge die See vergässe: so wenig
kannte sie ihn.
    Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins
Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die
Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging sie hinaus und fragte,
wo der Ewer sei. Störtebeker liess sie durch das Glas gucken, und wies ihr einen
dunkeln Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum
erkennen, dass es ein Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater,
er kenne ihn ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.
    Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und dem
Westwind herankam und grösser und grösser wurde. Die braunen Lappen wuchsen, und
der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch die Nummer schon zu
lesen: H.F. 125.
    Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. Hätte
er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das
Fahrzeug jubelnd umkreist.
    Da stand sein Vater am Ruder, und Seemann lief eifrig hin und her, sprang
über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da
stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten Ruf des Schiffers
den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das
Fockfall gelegt.
    »Höh, Vadder!«
    So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder! Höh,
Kap Horn! Höh, Hein Mück!«
    Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf, und als sie den Jungen
zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Massen und
winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, dass der trotzige
Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme und siech nicht um ihn bekümmere,
- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute er sich nun,
dass Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt!
    »Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck, und das Echo am
Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden:
»Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden, den er
auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem is
Störtebeker, Seemann? - und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den
Schwertkopf und bellte grüssend, während die Kette durch die Klüse rollte und der
Ewer schwoite.
    Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den grossen Klüver, nahmen das
Toppsegel weg, warfen das Grosssegel dal und fierten die Besan herunter. Die
Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange, er
konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin
und her. Endlich, endlich waren die Segel zusammengebunden, und das Boot konnte
über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich
nicht entsinnen, dass es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu
alt für die Fahrt geworden, oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja
bannig sinnig!
    »Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum
Zeichen, dass er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der
kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die vom
Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine
und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach den
Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich einzupacken, Klaus Mewes aber
kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und
Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot.
    Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,
Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap Horn sassen
im Mittel auf der Mastenducht, und der Kahn schleppte an der Kette nach.
    Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals seine
Hand ins Wasser gesteckt, und wenn es noch länger gedauert hätte, hätte er sich
nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.
    »Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af«, lachte er nun und wehrte dem
Hunde, dann griff er nach seinen grossen Stiefeln und trug sie im Triumph den
Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden Seefischer. Seemann, der auch
etwas tragen wollte, hatte sich ein Stückchen Segeltuchws aus dem Boot
geschnüffelt und schleppte sich damit ab.
    Da war grosse Freude auf dem Ness: erst tranken sie köstlichen Kaffee in der
Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht im Winde
wiegten, lachten sie von draussen an. Und köstlich war die Fragerei von
Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte nicht eher auf, bis er
die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich
ausgebreitet sah.
    Gesa wunderte sich auch sehr über seine grosse Munterkeit, und sie sah Klaus
mehrmals bedeutsam an; er wusste aber nicht, was sie damit sagen wollte.
    Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann
versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische
zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon Flossen und
Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und verflogen: er lebte und
lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater, in dessen Augen auch ein Leuchten
stand, an Bord und ging wieder auf seinem grossen, schönen Ewer umher, er pumpte
und schrubbte, er bewegte das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch,
um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die
Wanten, als wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte,
er blickte nach dem Kompass und nach allem.
    Den Abends sass er oben im Wipfel des Lindenbaumes der Tür und piepte wie ein
Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der Jäger in der
Dämmerung auf der Bank sassen, nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in
geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte,
ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen, zog ihn herunter und
steckte ihn in die Kapuze.
                                     * * *
    In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker standen
auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der
Nesskule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und nasskalt. Die Bäume tropften,
und in den Pappeln sass ein Flüstern, wie die Seen es an sich haben, wenn sie um
den Steven glucken. Auf den Feldern braute der Fuchs.
    Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine grossen
Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stiessen vom Lande ab.
Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte
das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe regungslos im Gras und
erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend.
    Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende Nebel
wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und liess sie erschauern. Klaus Mewes
sass in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens, als wenn es
etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht brennen hatte, ging mit
ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei, dann stieg der Ewer gross und
schwarz vor ihnen auf, dass Klaus Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes
Schiff vor sich zu haben.
    Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen schliefen.
Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und Hummerkasten her und
packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klargemacht, der Mast aufgesetzt
und das Segel gehisst, sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten,
dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen. Klaus Mewes und sein Junge
aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut
geworden, so dass sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie
sassen beide auf der Achterducht, und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des
Ruders liegen. Grosse, hohe, leere Kohlendampfer, die von oben kamen, mahlten an
ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief hinter ihnen zu verneigen. Die
Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und
hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich
Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum
Schweigen zumute.
    Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm
bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm sass? Er konnte es
nicht deuten.
    Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Temp, setzten
ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab. Um sechs
schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler, die Höker
und die Weiber zusammen, der Auktionator erhob seine Stimme, und ein
Hammerschlag folgte dem andern, denn bei den Fischen gibt es kein langes
Besinnen. Der grosse und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und
warteten, bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte,
die grossen Zungen, die Mittelzungen, die kleinen, die Kleisse und Steinbutte, die
Schollen und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker musste sich
bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel los, da war schon alles
verkauft, und die Händler standen bereits auf andern Kisten, aber auch Klaus
Mewes machte sich seine Gedanken darüber, dass alles so schnell gegangen war. Was
er in langen, mühseligen Streeken, an stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten
dem Meere abgewonnen hatte, was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und
sorgsam auf Eis gebettet hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei
Hammerschlägen abgetan. »Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -
und damit basta.
    Die Abrechnung konnte er erst später bekommen, - sie hatten deshalb noch
viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter gesehen hatten, guckten
sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen, dann kehrten
sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee. Und
weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären, stiefelten sie
sogar noch nach der Reeperbahn hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper
schlief noch: sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim
Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.
    »Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann, der
Elbfischer.
    »Ne, Jan, he is bloss mol mit to Markt«, sagte Klaus Mewes.
    »Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is to
ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütte Geuten, Klaus!«
    Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an
und dachte: Wat weiss du Buttpedder dorvan af?
    Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen
Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und
blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von der Seite an
und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte, und was ihm
seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit an Bord solle, wieder mit
nach See. Sie hatten eine schöne Reise gemacht, das hatte er in der Halle wohl
gehört: konnte es da nicht sein, dass sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er
auch ansetzte, er brachte die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick
stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus
Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz
unbefangen.
    So segelten sie die Elbe hinunter.
    Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den
Tisch, dass sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn Prozent, der
Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute hatte und ein
glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben als die andern
Fischer, und er tat es gern.
                                     * * *
    Wenn ich ein Fischer wäre, liesse ich meine Segel nicht von Tees to Baben
machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai
Kröger auf der Müggenburg, aber zu Tees to Baben ginge ich nicht. Tief im
Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch, der kleine, krumme
Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen, wie zuckt es
um seinen Mund, wenn er spricht, wie wirr ist sein Haar! Überall sieht er es
spuken, allerwärts wittert er Unglück, und ewig hat er es mit den Hexen zu tun.
wie unheimlich ist sein Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den
rechten Tag und die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann
rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor
sich hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar
über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiss, welche Segel zerreissen und
welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre
hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.
                                     * * *
    Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, sassen auf dem
Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Tees to Baben hockte auf einem
neuen Grosssegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich, und verklarte
ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der sich dem Teufel
verschrieben hatte und dafür alles bekommen, was er haben wollte: Gold und
Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das Feinste zu essen und zu trinken.
    Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur Tür
herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher, was er
für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.
    Tees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di ne
bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Doktor Faust inne Gangen, un
nu frogst du, wat de Klüber löppt, un ik mütt upstohn un an to reken fangen!«
    »Dorüm kannst du doch wieter vertillen, Tees«, lachte Klaus.
    »Ne, ne, di vertill ik nix«, antwortete der Segelmacher, der aufgestanden
war und sein Buch suchte. »di vertill ik nix, du lachst jo doch bloss ober sowat;
du meenst, dat gift bloss dat, wat du vör Ogen sühst: aber ich sage dir: irre
dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol de Korten leggen?«
    »Ne, lot man, Tees«, wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an
Hexen.«
    »Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die beiden
Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«
    »Man keen Bangen«, rief Klaus sicher, »ik bliew ok ne!« Und Störtebeker, der
auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu: »Vadder kann ne
blieben, he kummt jümmer wedder!«
    »Do ik ok, mien Jung!«
    Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte mit
veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De kunn ok ne
blieben! Tees, sä he tross to mi: van tein bliwt jümmer bloss een: ik hür ober to
de negen, de glücklich fohrt. Jä, und de See is em doch ober worden, is em doch
ober worden, Klaus Mees, und de See, dat gläuf man, is noch jümmer hungerig no
Ebers un Kutters!«
    »Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt«, erwiderte Klaus
Mewes unerschüttert, »wi könnt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln! Wat ist
mit den Klüber? Kannst dien eegen Schrift ne lesen?«
    Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die Augen,
dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blättern, aber er kam
wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er sei wieder behext, die Hexen
stünden hinter ihm und hielten ihm die Augen zu, damit er das Konto nicht finden
solle. »Betohl anner Reis, Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!«
    »Och wat, kiek man mol eulich to, Tees«, mahnte der Fischer, »ik kann ne
jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.«
    »Ungläubig wie Tomas und ungeduldig wie Maleachi«, sagte Tees und
vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte Klaus zu
lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich rief er: »Hier
steiht dat jo doch, Tees, kiek hier: Klaus Mewes, ein Klüfer 98 Mark.«
    Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er wie
in Gedanken: »Dat is jo all dörstreeken, Klaus: keen hett dat denn dohn?«
    »Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp dohn?«, lachte Klaus,
»betohlt hebb ik gewiss noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso, Tees, till
no, wat dat ok stimmt!«
    Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht nehmen,
das Geld gehöre ihm nicht.
    »Kumm, Störtebeker!«
    Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach
Peter Fick. hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel- und
Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.
    »Dat is jo een bannigen Quarkbüdel, Vadder«, sagte Störtebeker, als sie
draussen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm doch etwas
durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand Grabben.«
    Sie gingen westwärts. Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters
Hand, was er sonst nur selten tat.
    »Vadder ...«
    »Non?«
    »Och, - nix ... Du bliwst doch gewiss ne, Vadder?«
    »Ne, mien Jung, ik bliew ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf
dem Wasser.
                                     * * *
    Tees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als die
Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch nochmals
vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und seinen Klüver
gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen waren, denn er strich
die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann bezahlt hatte, oder - wenn er
geblieben war.
    Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld,
das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen Seitenblicken ein.
                                     * * *
    Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag er
wieder vor dem Ness. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten, und
er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute sich, ging wieder mit nach
Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur konnte. Sie gingen diesmal mit dem
Ewer zu Markt, weil es stark wehte. Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen:
Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf.
Als sie gegen Mittag die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der
Wind war aufgefrischt, und die Elbe ging in Hemdsmauen.
    Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage
hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber der Ewer, von dem
besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die
Hörner.
    Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek«, und sprang nach vorn. Da trieb eine
Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch
nach dem Steven. »Dor drift een!« schrie Kap Horn und wies leewärts. »Denn fot
man gau de Boot mit an«, schrillte Klaus, »Hein, inne Wind den Eber!«
    So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und
sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es todesängstlich an
Backbord, aber der Hagel liess wenig Sicht zu: sie konnten niemanden erblicken.
»Liek vörut mütt dat wesen«, rief Klaus, »roon wat du kannst, Kap Horn!« Der
Südwester war ihm in den Nacken geweht, und die scharfen Körner flogen ihm in
das Gesicht, aber er liess den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!«
gröhlte er, so laut er konnte.
    »Hilpt uns!«
    »Dor drift een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«
    Klaus riss den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er
beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den
Haaren. Und als er ihn hatte, liess er ihn nicht mehr los. Kap Horn stand neben
ihm, und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in das Boot. Hans Danker war
es, der Lüttfischer.
    »Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte die
Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se dor drift!«
    Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch
verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber noch eine
ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen und suchten, um
die Frau zu finden.
    Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden
abstiessen, warf er sofort Anker, liess die Fock fallen und machte das Ruder los,
so dass der Ewer mit den klappernden, grossen Segeln keinen Schaden nehmen konnte
und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an den Wanten und starrte nach
dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran,
auch vom Deich segelten Boote herbei. Da überliess Klaus Mewes denen das Suchen,
nahm den gänzlich gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit
der Talje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.
    Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu. Der
Deich war schwarz von Menschen, und viele Frauen weinten.
    Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an zu
weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder, Vadder, neem
hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich
losreissen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten
ihn fest, redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus
hinein, wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten.
    Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der andere Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne
nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.
    Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten die
Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit den Booten
nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu fischen. Die ganze Tide
trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo auf und ab.
    Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei. Sie
sprachen aber wenig.
    Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte,
schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten die Tote
nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.
                                     * * *
    Drei Tage später lief der Wind raum, das heisst auf Finkenwärder: nördlich.
Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker, um zu fahren.
Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel, und über dem Toppsegel drehte
sich der Flögel wie ein bunter Vogel.
    Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.
    Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er der
Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein seinen Tamp
loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, dass sie ihn ein Stück
schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein längeres Tau zu, das er
im Stevenring befestigen musste, und zogen dann mit ihm los.
    »So geiht he god, Vadder«, rief er vergnügt, als der Ewer recht an den Wind
kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und
über die grossen Segel, die ihn beschatteten.
    Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig
davon und hatte den Ness bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken und
umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war, tat sein Vater
ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.
    Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem
Wasser gleich, und Störtebeker musste aufmerksam mit dem Riemen steuern, damit er
sich trocken hielt.
    Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er musste das Tau
losmachen und zurückbleiben.
    Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.
    »Adjüst, Störtebeker!«
    »Jüst, Vadder, kumm man bald mit een grote Reis wedder!« ... »Adjüst,
Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!« ...
»Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütenbacker, pett di man keenen
Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst, Seemann, fall man ne
ober Burd!«
    Dann rannte ihm der Ewer davon.
    Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten, schwenkte
er seine grüne Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk
waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder um.
    Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?
 
                              Fünfzehnter Stremel.
 Sinne, öffnet eure Tore!
                                                                          Grabbe
Die Äquinoktien!
    Herbsttagundnachtgleiche!
    Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in grosser Angst.
Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die Sonnenkraft
totmachen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den Wolken: jeden
Tag und jede Stunde können sie fallen.
    Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei
unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen
auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf Wind und Wetter, und
die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener Meldung über die hinter der
Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reisst eine der andern aus den Händen.
Jeder Ankömmling aber wird befragt: Weess nix von Jan af oder hest Hinnik ne
sehn, oder hett Paul ne bi jo fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere
Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht, oder wenn die Winde im Schornstein
sausen!
    In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille, bange
Zeit.
    Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und auflegen
kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten sind schon nicht
mehr danach, dass man mit dem Sommerfang auskäme: es muss auch winters gefischt
und verdient werden.
    Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen entgegenfahren.
                                     * * *
    Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünzig Seemeilen hinter
Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die
Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der Nordsee, in die
Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der Grund stiller ist. Wer noch
einen guten Streek tun will, der muss Helgoland und Neuwerk weit hinter sich
lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus
den Stürmen herausgeholt werden.
    Es sind nur die grössten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen Winterfang
betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den
Hering.
    Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.
    Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt, und für
sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den Engländern
und Holländern und lässt seine deutsche Flagge im Winde wehen. Es verschlägt ihm
nichts, wenn die See einmal so grob wird, dass er reffen muss, oder wenn der Wind
es so gut meint, dass er das Netz einhieven und treiben lassen muss: gefischt wird
doch wieder, und wer die Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die
Fröhlichkeit von Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen als
der kleine Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.
    Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie binnen
wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise haben, guckt
Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend kreuzt nur noch ein
holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne Misstrauen und geht geruhig
zu Koje.
    In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie verkleinern
die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden, denn es ist stur
geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett, um noch einen Stremel
zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe, denn das Wetterglas ist schon öfters
gefallen, und auf Kap Horn, den Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf
den Deich bei springender Tide.
    Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden, und er
muss befürchten, dass der jagende Ewer die Kurrleine abreisse. Klaus Mewes guckt in
den Wind und ist damit einverstanden, dass sie einziehen. In schwerer Arbeit
bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann schickt er die Leute zu
Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm gehört das Ruder ihm, dem
Schiffer!
                                     * * *
    Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so dass die
Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine Havarei, so
viel Wasser er auch überbekam, und so stark der Ewer auch stampfte und
schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach
dem alten, englischen Admiral Beaufort.
    Da mit einem Male legte er sich gänzlich, - ganz still wurde die Luft. Mit
schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und donnernden
Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.
    Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie
machten sich klar zum Sturm, der kommen musste, denn das Wetterglas fiel rasend.
Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde ausgepackt und mit
doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord gehe, das Bugspriet wurde
eingezogen und Plichten und Luken wurden geschalkt. Auch sich selbst machten die
Seefischer sturmbereit, dann steckten sie das zweite Reff in die Segel, - und
dann kam der Sturm wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an
Gewalt. Es trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht
zum Stürmen lärmte, der weisse Geifer floss aus dem Maul des Untieres, das
brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, dass die Masten sich bogen
und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn der Ewer dem
ersten grässlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er umkippte aber es schien
nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und riss ihn auf. Wie brauste es in den
Lüften, wie erhob sich die See, wie tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf
tauchte, stand er mit dem Achtersteven so hoch, dass es aussah, als überschlüge
er sich, und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das
tränenüberströmte Gesicht eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen
und über die Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die
Luken nicht zerschlagen wurden!
    Südweststurm -
    Noch vor Mittag mussten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn der
Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an Deck, mit
Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er nicht los liess. Als
die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und
quer über Deck, von Wanten zu Wanten und von der Winsch nach der Besan, damit
sie überall einen Halt fänden, wenn sie stolpern sollten.
    Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er
tröstete sich, dass es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe, und liess
sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der unbekümmert im Nachtaus
ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und überstanden.
    Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen
jagten einander, und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es auch
mit dem gerefften Grosssegel nicht mehr tun: sie mussten es wegnehmen und dafür
das Sturmsegel setzen. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und alles zu
Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er nicht über Bord
spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an Deck. Noch war keine Angst
in sein Herz gekommen, so toll es es auch im Wirbel ging, noch stand er fest, so
glatt auch das Deck war, und so schwer auch die Wogen über den Setzbord
schlugen! Noch immer lachte er des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei,
damit er ihm zeigen könne, was Klüsen heisse. Auch als die Fock knallend aus den
Lieken flog, verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne
sich zu besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riss das Segel aus der
Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige Stunden
gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine sternenlose,
sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf Windstärken sein
schweissbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und fliegender Mähne
einherbrausendes Ross, die Nordsee, und selbst die Sturmsegel, die winzigen
Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie nicht alles Tuch in die Winde
fliegen sehen wollten, mussten die Segel gänzlich weggenommen werden.
    Da wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie machten die
Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren Anker auf dreissig
Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine, steuerbords taten sie
zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht
sollte den Ewer mit dem Kopf am Winde halten und verhüten, dass er schlüge und
von den Seen kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag
gut am Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.
    So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich her
wie der Jäger das Wild, das er lahmgeschossen hat. Die ganze Nacht trieben sie
auf der wilden, hungrigen See, durchnässt und ermattet, aber in eiserner
Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends war ein Schiff zu
sichten, und sie sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers, das
in Büscheln auf den Toppen der Masten und an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft
glomm, bis eine Hagelflage es verlöschte.
    Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an Deck
stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine schwere
Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und verheerend über
das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich emporgehoben und
verloren den Grund unter den Füssen, sie mussten schwimmen und spülten hin und
her, dass sie glaubten, der Ewer sei schon in die Tiefe gedrückt. Es war nichts
mehr zu machen!
    Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet, - da schrie er gellend
auf, denn eine schwere, kreissende, ungeheure See hing wie ein Berg, wie ein
Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo fast, holt jo fast!« rief
er schrill, aber der Lärm des Wassers und des Windes drängte ihm die Worte in
den Mund zurück und erstickte sie. Dann schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur
Seite und warf ihn gegen das Nachtaus, dass ihm Hören und Sehen vergehen wollte.
    Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den kleinen
Dwarsläufern abriss, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und blutendem Gesicht
in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts mehr zu sehen, und mit ihm
war auch das Boot vom Deck verschwunden: zerrissen lagen die Ketten auf den
Luken. Sie suchten die See mit den Augen ab und warfen den Rettungsring über
Bord, aber obgleich es schon einigermassen hell geworden war, konnten sie doch
weder Hein Mück noch das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der
Junge war weg ...
    »Dat duert bloss een Ogenblick, denn ist ut«, sagte Kap Horn tröstend, der
nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt hatte.
    Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und suchte
seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter angeweint kam und ihn
fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?
                                     * * *
    »Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr«, rief Klaus, aber Kap
Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen sollte, -
und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen Kajüte ersticken,
sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit war, wollte er bei seinem
Schiffer ausharren.
    Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,
sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See, wie ein
Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt er aus. Er
verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte Seemann das nasse Fell,
er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach und tat alles, was sich noch tun liess
bei solcher Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an
Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.
    Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit zwei
Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu tun. Dennoch
hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die Notflagge gezeigt hätte, aber
Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von einem Ingelschmann ins Schlepptau
nehmen lassen! Gott schall mi bewohren, dachte er und liess John Bull stiemen,
der dann auch wieder aus den Augen kam.
    Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland
freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun, - und die war
noch weit weg.
    »Ik gläuf, wi kommt dorch«, sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der
Schiffer ihn an. »Wat schullen wi ne dörkommen!« antwortete er, »wi wöt doch ne
blieben!«
    Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach musste
Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde.
    Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer
gewesen war, zum Orkan. Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr unter
als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über Deck. Und
siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe aufgerüttelt hatte und die mit
Sand geschwängert und mit Muscheln und Steinen beladen war, schoss herauf,
richtete sich urgewaltig auf und lief dem Ewer nach, der nicht von der Stelle
konnte. Bleischwer stürzte sie sich auf das Achterdeck und drückte es nieder,
dass der Steven steil aus dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte
sie den Ewer mit ihren Tigerkrallen an den Seite und warf ihn dermassen auf das
Wasser, dass er nicht wieder aufstehen konnte.
    Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, dass er den einen Arm
nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den Kampf und das
Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines Gottes Hände: er hätte
noch mit seinem Schiffer fischen und segeln können, hätte bei Hochzeiten am
Deich auf seiner Harmonika spielen und den kleinen Klaus Störtebeker mit zu
einem rechten Fischermann machen können, aber wenn es sein musste, ging es wohl
auch ohne ihn. Er hörte nicht mehr das Sausen des Wassers: eine grosse, tiefe
Stille legte sich um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...
    Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die ihn in
die Tiefe ziehen wollten wie seinen Knecht. So tauchte er wieder auf und
versuchte zu schwimmen. »Kap Horn, neem büst du?« schrie er in den Sturm hinein
und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin und her warf. Beständig
liefen ihm die Seen über den Kopf, so dass er viel bittres Wasser schlucken
musste.
    Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal aufrichteten
und dann untertauchten, dass kein Topp und kein Flögel mehr zu sehen waren.
Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich der Sturm mit unwirscher
Hand über die Stelle hin und machte sie wieder so kraus, wie die ganze See war.
    Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein Ewer
waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends war ein
Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett des
untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er konnte
nichts sehen.
    »Geef di, geef di, Klaus Mees!« brüllte die See, aber er gab sich nicht, mit
aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben, und er konnte
noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden, den keiner verstand als
er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen waren, so würden sie am Deich
über ihn herfallen und alles zerstören wollen, was er in ihm erbaut hatte: die
schöne Furchtlosigkeit, die Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene
Kraft, die Freude am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker
schon stark genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den
vielen Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergass und sich zu einem Schneider
oder Schuster machen liess! »Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!« rief er in den Sturm
hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und blühend, und dennoch keine
Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: Sie hatte nicht viel von ihm gehabt,
weil sie nicht mitkonnte. Der einsame, ringende Schwimmer sah auch seine Schuld,
er wusste, dass er oft hart mit ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser
fuhr und ihr den Jungen abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -
aber Reue fühlte er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz
kommen, und sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen
Zeugladen, wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mussten, um sich zu ernähren,
brauchte sie nicht.
    Klaus Mewes fühlte, dass seine Arme ermatteten, und dass er es nicht mehr
lange machen konnte. Noch einmal liess er sich von einer Wogenriesin emporheben
und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über die See, die er so
sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es passte nicht zu seinem Wesen, sich im
letzten Augenblick klein zu machen und mit den Seen um die paar Minuten zu
handeln. Er konnte doch sterben!
    Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem
Schicksal trotzig vor die Füsse wie ein Junge. Gross und königlich, wie er gelebt
hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiss, dass er zu seines Gottes Freude
gelebt hat, und dass er zu den Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den
Lippen versank er, denn er sah einen glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden,
weissen Segeln und bunten Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte,
und am Ruder stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ...
grüssend winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh
zu, dass du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und moi
Fang, mien Jung! ...
    Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. - - - - - - -
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    Tees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an
demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade zu tun
hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes' Fock, an der unsichtbare Hände
wie in höchster Not zerrten. Tees sah eine Weile zu, dann fragte er
erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock di woll tweireten?«
und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das aber nicht gehen wollte, legte
er die Arbeit hin und ging hinaus. Der Wind blies wie nichts Gutes, und die
hochflutende Elbe ging wie eine breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln
und Ölzeug, den Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und
steuerten der gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit
sie nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern
hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus, damit die
Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei und verstopften die
Löcher im Deich, damit das Land keine Havarei hätte. »Is Klaus Mees bihus?«
fragte der Segelmacher. »Ne, de is buten«, erwiderte Jan Lanker, der lustige.
»Denn weet ik genog«, sagte Tees nickend und ging langsam nach seinem Boden
zurück. Als er das Segel wieder übers Knie legte, lag es ganz still, - das
Zerren hatte aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise
und wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten
sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel schweigend
zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan.
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    Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers
Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer sassen und gar nicht rein zu kriegen
waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge, und sie horchte bange auf den Sturm,
der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wusste nicht, ob Klaus einen Hafen
hätte oder ob er draussen sei. Wie wehte es!
    Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür hatte es
gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der Seemann, draussen
und begehrte Einlass? war er davongelaufen, und kam Klaus nach, lag der Ewer
schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die Hände ab, um die Tür zu öffnen, da
stand ihr das Herz still, und ihre Knie bebten, denn die Tür war von selbst
aufgegangen, und auf der Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser
entstiegen. Sein Gesicht war totenweiss, sein Haar war wirr, und seine Augen
waren müde und glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah
sie ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie
vermochte nicht, die Füsse voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen, ob etwas
passiert wäre, ob er Havarei gehabt hätte, aber ihre Zunge war gelähmt, und sie
konnte keinen Laut herausbringen.
    »Gesa«, sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie Gesa
laut auf und sank zu Boden.
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    Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich
zugange, mit einem grossen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Mäuse und
Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den niedrigen Katendeich
überflutete und das weite Land des Nessbauern überschwemmte, der auf seiner Wurt
wie auf einem Eiland sass und im Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd
war etwas für Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und
ab und befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!
    Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte, die gleich mit
dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser musste, da rief es mit
einem Male hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« und als er sich schnell umdrehte, sah
er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken. »Hödjihöh, Vadder!« rief er
freudig, sah noch einmal nach der Ratte, dann aber warf er den Staken hin, denn
das Takelzeug ging ihn nun nichts mehr an: sein Vater war gekommen!
    Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte, - nun war er
weg? Störtebeker lachte und glaubte, dass er sich versteckt hätte, wie er es
immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im Binnendeich hinter den
Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht wieder ausfindig machen.
»Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam keine Antwort. Da nahm er an, er
wäre schon nach Hause gegangen, und lief in Sprüngen nach dem Ness. Er guckte
über das Wasser, - der Ewer war nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn
er konnte ja noch an St. Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder
von der Weser mit der Eisenbahn übergereist sein.
    »Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte suchend
in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die Dönss ab.
    »Och, mien arme Junge, woneem schull dien Vadder woll wesen«, klagte seine
Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf, in dem sie
gelesen hatte.
    »Eben wür he annen Westerdiek«, lachte er und stieg auf den Stuhl, um aus
dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr wardn, den
Versteekspeeler den!«
    Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos.
    »Vadder!« rief Störtebeker, »he stünn boben uppen Diek un lach un wink. As
ik to rupleep, wür he batz weg.«
    Da zog sie ihn jäh an sich, dass er sich nicht wehren konnte, und jammerte:
»Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien Jung!«
    Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder«, sagte er bestimmt, »dat
hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und bliwt ne, dat hett he sülben to mi
seggt. Vadder kummt jümmer wedder!«
    Sie weinte nur noch heftiger.
    »Stopp, ik will em woll finnen«, rief er und lief wieder in den Wind hinaus,
um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiss auf dem Westerdeich gesehen
hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht darauf.
                                     * * *
    Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die
Todesstunde von Klaus Mewes.
    Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestossen. Wie
die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.
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    Zufall? Gaukelei der Sinne?
    Alle Seebevölkerung weiss, dass die Fahrensleute in der Stunde, in der sie auf
See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder zu schreien,
zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen, die Bilder an der Wand
zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in Lebensgestalt zu erscheinen.
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    H.F. 7, Jan Sloo, kam den andern Tag von der Hoof, das heisst von Cuxhaven,
übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Grossmast hinter
der Alten Liebe lag, und erzählte, dass er ein solches Wetter noch nicht erlebt
hätte, auf See wenigstens noch nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als
Gesa aber in der Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den
Kopf, mit bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem
Mann fragte, sprach er anders; da war es draussen gar nicht so schlimm gewesen,
sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes. Ihren Klaus hatte
er zwar nicht gesehen, und er hatte auch nichts von ihm gehört, aber da war
alles in der Reihe, der fischte gewiss mit einem Reff im Segel weiter, um erst
die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine gute Reise zu machen. Da brauchte
sie sich keine Gedanken zu machen: der kam wieder, so gewiss wie zwei mal zwei
vier waren, wenn nicht heute noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind
ausgehalten hatte, hatte Klaus mit seinem viel grösseren Ewer ihn siebenmal
ausgehalten. Da konne sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in
seiner Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, dass
er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster auf das
Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd schallt noch
mihr weiht hebben, as neem wi wesen sünd, - un ik gläuf, Klaus Mees is inne Nurd
wesen.«
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    Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der Wasserkante,
denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.
    Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der Marsch
standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken, Häuser waren
abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren entwurzelt. Auf Scharhörn
war eine grosse, englische Bark gestrandet und mit Mann und Maus spurlos
verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner umgekippt, und
dwars von der Kugelbake guckte der Mast einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser,
Cuxhaven aber lag bis an den Leuchtturm voll haverierter Schiffen.
    Von Finkenwärder wurden noch sieben vermisst, fünf Kutter und zwei Ewer,
darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen von
nichts anderm als von ihnen: alles andere musste zurücktreten, bis sie Gewissheit
über das Schicksal der sieben Fahrzeuge, der einundzwanzig Menschen hatten. Um
den sie sich am wenigsten sorgten, das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus
Mewes, ein Fischermann wie kein zweiter, mit dem grossen, seetüchtigen Ewer unter
den Füssen und guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der
musste ja wiederkommen; der hatte schon viele, schwere Stürme bestanden und sich
immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den geflickten
Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten Schiffern und den wenig
befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten ihre Last gehabt haben, nicht
aber Klaus Mewes.
    Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter kamen
nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war. Nur der
eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben, weder auf der Weser
noch auf der Elbe.
    Tag um Tag verging, und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen, und Klaus
Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte
für ihn und die beiden Leute, und er betete stark und ergreifend, dass es wie ein
grosses Weinen durch die Kirche ging, denn der Untergang dieses grossen,
fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer mag noch Fischer sein, wenn
solche Männer bleiben, dachte er.
    Dann musste die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen. Sie
mussten es endlich glauben, dass sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen
würden, dass er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen konnte, dass
Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten aufspielte, und dass Hein Mück nicht mehr
mit den Mädchen tanzte. Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die
meisten erst jetzt! Gut und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein
freundliches Wort gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen
konnte, da hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei ihm an
Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein Seefischer aus Lust
gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie so manche es waren.
    Auf dem Ness war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den Watten
gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt, und vor der verschlossenen
Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastellen standen der Hahn und die
Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im Hause war es halb dunkel, kein
Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt
hatte. Verhängt waren der Spiegel und das grosse Bild des Ewers. Gesa schlich nur
noch wie ein Gespenst durch die totenstillen Räume. Meistens sass sie in der
dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür schloss sie
zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen, die Tag für Tag
kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun Gesa schwarze Kleider trug
und Witfrau geworden war, galt sie für eine Finkenwärderin), mussten gewöhnlich
umkehren, ohne sie gesehen und ihren Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich
liess sie sich selten sehen, denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht
mehr ertragen, konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne dass ihr die Augen
übergingen.
                                     * * *
    Und Klaus Störtebeker? Der sass wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und
weinte mit?
    Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, dass sein
Vater untergegangen war, dass der Ewer nicht wiederkommen konnte, dass er Kap Horn
und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater war nicht weg,
der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiss kam er wieder, die Reise
dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so viel vor Wind hinter Wangeroog
liegen mussten, aber wieder kam er ganz gewiss, er hatte es ja selbst gesagt.
Felsenfest war das Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters, und
unerschütterlich war sein Glaube.
    »Störtebeker, dien Vadder is bleben«, sagten die andern Jungen zu ihm, aber
er schüttelte ruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan af?« - »Doch,
Vadder hett dat seggt!« - »Denn segg dien Vadder man, dat is ne wohr. Vadder
kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt wedder«, sagte Störtebeker
bestimmt und ging davon. Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und jeden Abend:
»Schree doch ne, Mudder, gläuf doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de
kummt wedder«, aber er erreichte damit nur, dass sie noch heftiger weinte.
    Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein Vater
würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er missmutig.
    Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus, bis
hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen im Westen
und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater. Grosse Dampfer
mahlten an ihm vorbei, und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten, aus dem
Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier ebensoviel Recht wie ihr, und
kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf den Kahn wie eine Nussschale auf und
ab: Störtebeker ging nicht vom Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte
er hin und fragte nach seinem Vater.
    »Hest Vadder ne sehn, Jannis?«
    »Höh, Blankneeser, hett H.F. 125 ne bi di fischt?«
    aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat, nach
Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn alle. »Kiek,
dor is wedder Klaus Mees sien lütten Jungen«, sagten die Schiffer zu den
Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind und Wetter, bei Nebel und
Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker vor Blankenese
und wartete auf seinen Vater. Starr blickte er nach Westen, wo immer wieder
Segel erschienen, wo immer wieder Schiffe auftauchten. Einmal musste sein Vater
doch gewiss dabei sein, einmal musste er ihn doch hergucken können! So viele
Schiffe!
    »Is keen Breef van Vadder kommen?«, fragte er abends, denn sie konnten ja
auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepasst hätte.
    »Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa
bekümmert.
    »Ganz gewiss gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!«
    Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau ein
grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie der seines Vaters. Er dachte, er
wäre es, und eine grosse Freude kam über ihn, dass ihm die blanken Tränen in die
Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er ausgeworfen hatte, und
wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur schippern konnte. Wenn die Nummer
zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war, wollte er sich barfuss ausziehen,
damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam,
dann wollte er die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten
steckte, und so lange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und
dann wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern
helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bisschen ärgern, wollte
mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er immer getan hatte.
Ach, - er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord: als
er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er einen fremden Ewer vor sich und
kehrte traurig um.
                                     * * *
    Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer haben den Jungen draussen auf
der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden. Die Jollen
nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den Laden, wenn er sich
zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom oder Wind konnte. Alle
ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren, sondern am Bollwerk zu bleiben:
sein Vater könne nicht wiederkommen, nach dem brauche er nicht mehr zu fragen
oder zu suchen.
    Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft hungerte
ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die
Haut durchnässt hatte, aber er wriggte immer wieder, immer wieder nach Blankenese
hinunter und guckte den Schiffen entgegen. Sein Vater kam wieder: von dieser
Hoffnung ging er nicht ab, - und er wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.
    Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln, und der Aalkorb verrottete im Gras,
denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluss, die alte Krähe, lag
eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert; er grub sie im Garten ein und
stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen verschenkte seine Mutter an andere
Knaben, weil er sich nicht mehr darum bekümmerte; gleichgültig liess er es
geschehen, denn es war ihm einerlei geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht:
erst musste sein Vater wieder da sein, erst musste der grosse Ewer wieder über den
Deich schauen! Dann kam auch all das andere wieder an die Reihe.
    In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! - lief er nach seinem
nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.
    Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst nichts
von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich zugange, und
achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht
zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging
wie eine Schlafwandlerin umher, wie in tiefen, schweren Träumen.
    Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig geworden
war und er sich auf der Elbe, zwischen Cranz und Wittenbergen verirrt hatte. Da
wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den Westerdeich ab und lief
ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends finden konnte, jammerte sie den
Deich entlang. Da hörte sie von den Fischern, wie ihr Junge seine Tage
verbrachte, dass er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen
Vater wartete. Sie erschrak sehr, und es fiel ihr schwer aufs Herz, dass sie sich
in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken
war!
    Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht mehr
aus den Augen lassen!
    Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen auf
die Suche, obgleich es so dick geworden war, dass sie einen Kompass mitnehmen
mussten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und ruderten hin und
her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das stille, tote Wasser, aber es
war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie wollten es schon aufgeben, da fand
Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Störtebeker
gegen Mitternacht nach dem Ness. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm
nehmen, aber er sprang aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und
ging allein nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen
werden musse!
    »Morgen kummt Vadder gewiss«, tröstete er seine Mutter, als er sich das
klamme Zeug auszog, sie, aber wusste vor Schmerz und Freude und innerster
Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte:
packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm
Kamillentee, obwohl er sagte, dass ihm gar nichts fehle.
    Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld
daran, dass sie nicht einschlafen konnte. Sie riss sich schwer ab, dann aber
erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr als eine heilige
Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen vom Wasser abzubringen,
zu verhüten, dass er mit seinem Kahn ertränke, zu verhindern, dass er ein
Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode käme wie sein armer Vater, dafür
zu sorgen, dass er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen
könnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von
der Geest in dieses Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das
Geschlecht der Mewes vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und
lebendig zu machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem
schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie
hatten sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, dass der
Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters, lass ihn
nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es gewesen! »Jo, Klaus,
dat will ik«, flüsterte sie vor sich hin, »du schallst dien Rauh hebben!« Starr
richtete sie sich iaus den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich. Sie
wusste, dass es schwer halten würde, dass sie streng und hart sein musste, denn der
Junge sass voll von diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf
sondergleichen, aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte
sich um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren. Das
war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen, hatte sie
nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung war, musste noch zu biegen und
zu lenken sein, wenn ein fester Wille dahinter stand. Sie konnte keinen wieder
nach See segeln sehen, sie konnte es nicht ...
    Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um die
See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine grosse Strafpredigt, bis er
ganz geduckt dasass und nichts mehr sagte. Als seine Mutter dann aber weiterging
und davon sprach, dass sein Vater nicht wiederkommen konnte, dass er auf dem
Grunde der See lag, da richtete er sich wieder auf und sagte, das sei nicht
wahr, sein Vater sei nicht weg, sie wüssten alle nichts davon! Sein Vater käme
wieder: dabei blieb er, und davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht
umkippen, und sein Vater könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht, und wenn
sie es auch alle zusammen sagten!
    Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu schippern,
aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser blickte und so viele
Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein Vater müsste gewiss kommen, und
er müsste ihm entgegenfahren. Und als seine Mutter hinterm Hause war und die
Schweine fütterte, da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder weg, um
seinen Vater zu holen. Wenn er den Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen
und nicht mehr schelten: mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der
Segel absuchte.
    Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen und
kam deshalb erst spät am Abend zurück.
    »Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt, »wullt du
ober Burd fallen, oder schöt de Dampers di inne Grund jogen?«
    Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiss war, und biss von seinem
Brotknust ab, ohne etwas zu erwidern.
    »Junge, du Eegenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll gor
nix mihr to seggen?« fragte sie bebend.
    »Du weiss doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb«, erwiderte er geruhig
und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«
    Da konnte Gesa sich nicht mehr halten, der Zorn überschrie alles andere in
ihr, und sie schlug ihn sehr. Er stand still und liess sich schlagen, weder
wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biss er die Zähne
aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
    Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
zurück, so dass er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf flüchtete er
wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie wünschte er seinen
Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer! Sonst gab es heute abend ja
wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater kam nicht, und er musste schliesslich
doch zurückwriggen. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe
getrunken hatte er, und war sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der
Schwelle und guckte seine Mutter an, die schon bei der Lampe sass, als wenn er
sagen wollte: nu hau mi man wedder!
                                     * * *
    Sie liess ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
fest. Streng achtete sie darauf, dass ihn niemand mehr Störtebeker nannte, dass er
wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst zu dem alten Schulmeister
Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten würde, den Jungen Störtebeker
zu nennen: aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem, was sie wollte,
denn nun riefen die Jungen erst recht Störtebeker.
    Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stiess mit den Füssen gegen ein
Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so dass es regelmässig knarrte. Sie
trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht sah, fragte sie ihn weich: »Wat
schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte erst heftig den Kopf, als wenn er nicht
gestört werden wollte, dann aber besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok
mol to, Mudder!« - »Wat schall dat denn, Junge?« - »Moks doch mol to, Mudder,
och man to!« - »Ik hebbs jo all to, Klaus.« - »Ganz fast?« - »Jo, ganz fast!« -
    »Denn sünd wi up See, Mudder«, sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat
boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt, Mudder ...
Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi intehn, denn schallst
mol sehn, wat denn een Leben ward, wat denn de Meben anflegen kommt! ... Kannst
Seemann dor blangen den Kumpass liggen sehn? Dor slöpt he jümmer inne Fohrt,
Mudder ... Kiek, dor steiht Kap Horn! Pass up, gliek holt he sien Harmonika ut de
Koi un speelt een up, - dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder,
ne? ... Hein Mück schillt Kantüffeln, gliek gift brodte Schullen, de scheut ober
smecken ... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
Hilchland«
    So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu. Gesa
sass auf dem Kurrbaum, der die eingeschnjetzten Zeichen H.F. 125 trug, und hörte
zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is Vadder denn?« fragte sie
zuletzt erschüttert.
    »Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur, de
hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«
    Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber sass noch lange und
horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.
                                     * * *
    Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen, immer war
er dann auf See bei seinem Vater.
    Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser. Ungeachtet aller Schelte und
Schläge brach er immer wieder aus; sie konnte nichts mit ihm aufstellen. Die
Elbfischer, denen sie ihre Not geklagt hatte, machten Jagd auf ihn wie auf ein
Wild und vertrieben ihn, wo sie ihn sahen, er ging ihnen aber immer wieder durch
die Maschen. Sein Trotz wuchs: was Eisen in ihm gewesen war, hatte sich zum
Stahl gehärtet, und gewisser als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr.
    Zuletzt, als er sich gar nicht mehr retten konnte, als die Hunde von allen
Seiten nach ihm schnappten, beschloss er, nach der See zu schippern und seinen
Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen: wenn er ihn gefunden hatte,
wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen.
Er tat nun einige Tage, als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte, so dass Gesa neue
Hoffnung schöpfte, heimlich aber rüstete er sich für die Flucht aus. Er suchte
sich eine grosse Kruke her und füllte sie mit Wasser, damit er auf der See etwas
zu trinken hätte, er packte seinen Aalkorb zurecht, damit er sich unterwegs
Fische fangen könnte, er zog ein altes Segel vom Boden und legte es
zusammengerollt unter die Ducht, damit er nachts unterkriechen und schlafen
könnte. Als er soweit fertig war, wartete er auf einen günstigen Augenblick, und
als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte, nahm er den Kompass von der
Wand, steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe
hinunter. Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei grosse
Brote, damit er etwas zu leben hatte, dann wriggte er unverzagt weiter, der See
entgegen, und weil es Ebbe war und er Achterwind hatte, kam er schnell vorwärts,
bis über die Lühe hinaus. Als es Flut wurde und der Abend kam, suchte er an der
Nordkante in einem Priel Unterschlupf, mitten im Schilf, und kroch in das Segel
hinein, denn er war fröstelig. Schlafen konnte er aber nicht, und als Hochwasser
war, stand er wieder auf und schipperte emsig weiter. Bis Krautsand war er schon
gekommen: da ereilte ihn sein Verhängnis; als es Tag geworden war, entdeckte ihn
ein nachbarlicher Elbfischer, der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch:
er sprang ins Boot und verfolgte ihn, bis er ihn gefangen hatte. Störtebeker bat
und biss, aber es half ihm nichts, der Elbfischer band den Kahn hinter seine
Jolle und brachte ihn den andern Tag, als er den Bünn voll hatte, nach
Finkenwärder zurück. Diesmal ging es nicht so gnädig ab, denn der Jäger kam
dazwischen und brauchte den Stock, als wenn er einen Jagdhund oder ein Stück
Vieh vor sich hätte. Störtebeker schrie doch einmal auf, dann aber schwieg er
wieder beharrlich und dachte: wenn Vadder man hier wür, de wull jo god!
    Den Tag darauf schloss Gesa ihn ein und liess den Kahn nach dem andern Ende
des Deiches bringen. Und sagte, sie hätte ihn einem Fischer verkauft, der ihn
mit nach See genommen hätte. »Wat kannst du bloss den Kohn verkäupen?« rief er
heftig, »de hürt mi to, un dor hett nüms wat ober to seggen as ik, kannst Vadder
frogen!« Als er sie aber dann nach dem Fischer fragte, gab sie keine klare
Antwort, so dass ihm die Sache muffig vorkam; er fragte die Jungen und suchte und
spähte so lange, bis er sein Schiff entdeckt hatte. Ohne jemand zu fragen,
machte er es los und brachte es nach dem Ness zurück.
    Und fing wieder an, seinen Vater zu suchen, denn sein Vater musste ja
wiederkommen! Felsenfest stand seine Hoffnung.
    War da niemand, den diese Treue rührte? Wohl nicht, denn die Frauen
bestärkten Gesa in ihrer Strenge, und die Elbfischer griffen ihn, wo sie seiner
habhaft werden konnten. Es war ein Jammer, wie sie mit dem armen Jungen
umgingen, der seinen Vater nicht vergessen konnte!
    Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein Wasser
und kein Boot gab, und hoffte, dass er dort auf der Heide seinen Vater und die
See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. Der alte Heidjer und die
Grossmutter freuten sich, den Enkel endlich einmal bei sich zu haben, tischten
ihm auf und versprachen, gut auf ihn zu passen, als Gesa sich wieder auf den
Heimweg machte. Störtebeker liess sich das neue Leben und die neue Umgebung auch
einige Tage gefallen, er ging mit nach dem Moor, er sah die Bienenkörbe nach, er
lernte Buchweizen dreschen, er trank Ziegenmilch, er suchte sich Brombeeren, er
kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land: dann aber fiel ihm
plötzlich ein, dass sein Vater aufgekommen sei und auf dem Ness mit dem Ewer läge
und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem Schimmel herab, auf dem er
sass, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles, fragte sich durch das Alte
Land nach der Fähre an der Süderelbe, liess sich von Paul Müller übersetzen,
raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still, denn er konnte keinen
Ewer sehen. Erst wollte er wieder nach der Geest zurücklaufen, dann aber
getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus.
    Gesa fuhr auf, als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der
Elbe gucken sah, dann aber konnte sie nicht an sich halten, und sie schlug ihn,
dass er blutete. Als nachmittags der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren
kam, erbost über die Flucht und den Trotz des Jungen, schlug auch er auf ihn
ein. Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen, aber Gesa sagte, das hülfe
doch nichts: sie wolle ihn hier behalten: er solle in den Keller gesperrt
werden, und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen.
    Schweigend liess Störtebeker sich nach dem Keller bringen. Da sass er im
Gefängnis, denn das Fenster war vergittert. Er versuchte, den Kopf durch die
Eisenstangen zu stecken, aber es ging nicht. Der Jäger, der gerade unter dem
Fenster entlang ging, drohte ihm mit dem Flintenkolben und sagte grimmig: »Wi
wöt di woll mörr kriegen, du Dickkupp!«
    Als er weg war, setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine
Kartoffelkiepe und weinte bitterlich, denn er wusste sich nicht mehr zu helfen.
    »Hilp mi doch, Vadder!« schluchzte er, »hilp mi doch! Kumm doch wedder!«
    Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See, um seinem treuen Jungen
beizustehen, ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord, auf den
Ewer und nach See zu nehmen. Kein Kap Horn tröstete ihn, und kein Seemann kam,
ihm die Hände zu lecken.
    »Hilp mi doch, Vadder!« ...
 
                                Letzter Stremel.
Jahre sind vergangen, seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer geblieben ist.
    Wir kurren in der Gegenwart.
                                     * * *
    Herbst ist es, windstarker, wolkengewaltiger Herbst, der die Blätter von den
Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat.
    Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven (die nichts mit Liebe zu tun hat, sondern
ihren Namen von der »Olive« bekommen hat, einem haverierten und abgeschlachteten
Schiff, das zuerst den Anleger bildete) liegt die Austernflotte und macht sich
zum Auslaufen klar. Da liegen die neun Kutter, die Dohrmann, der grosse
Austernhändler, für den Winterfang angenommen hat.
    Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen, die hansischen Farben mit
den hamburgischen Türmen, die am Finkenwärder Deich die Todesflagge genannt
wird. Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefährlichste Fischerei,
weil sie in die stürmischen Monate fällt, und weil die Austernbänke so weit
draussen liegen, inmitten der Nordsee, meilenweit von Helgoland. Da ist keine
Reede und kein Hafen zu erreichen, wenn das Wetterglas fällt: alle Stürme müssen
draussen ausgeklüst werden.
    Nur die neuesten, grössten und seetüchtigsten Kutter können sich des
Austernkurrens unterfangen. Nur die verwegensten und mutigsten Seefischer, die
jungen und starken, können diese Fischerei betreiben: aber auch sie würden sich
nicht dazu hergeben, wenn sie nicht verdienen müssten, und wenn die Austern nicht
so gut lohnten. Die Zeiten sind schwer geworden, seitdem die Fischdampfer gross
geworden sind: Winter und Sommer muss der Fischermann kurren, wenn er noch
bestehen will, die Notwendigkeit, die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn
in die Stürme hinein.
    Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge. Der Tod steht
aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer.
    Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der stärkste
von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Grosstopp, bunte Bänder und
grüne Blätter, - so neu ist er.
    Und heissen seine Kameraden Präsident Herwig, Landrat Tessmar, Farewell,
Senator von Melle, Süllberg, Fairplay und Providentia, so heisst er Klaus
Störtebeker.
    In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck:
                               Klaus Störtebeker
                                 Finkenwärder.
    Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm eine
deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein Vater und
zieht keine fremde Fahne auf. Dohrmann muss ihn so fahren lassen.
    Der schöne, schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes. Dem jungen Klaus
Mewes!
    Ja, Seele dem jungen Klaus Mewes gehört er, dem kleinen Klaus Störtebeker,
aus dem sie einen Geestbauer, einen Schuster, einen Zimmermann und was nicht
alles machen wollten, und aus dem doch nur eins werden konnte, in dem doch nur
eins steckte: ein Seefischer! Allen zum Trotz hat er den Weg nach dem Wasser
gefunden und ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater.
    Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff. Mit dem ersten Kutter ist er
bei Texel auf ein treibendes Wrack gestossen und hat ihn dabei eingebüsst. Nun
liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern fischen.
    Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen, die doch manches Schiff unter den
Füssen gehabt haben, vor dem grossen, herrlichen Fischerkutter stehen, betrachten
die glänzenden Masten, das blinkende Deck, den ragenden Bug, und loben den
Baumeister, der ihn zusammengeklopft hat, und den Schiffer, dem er gehört und
der mit ihm nach See gehen kann.
                                     * * *
    Die Kajüte ist gross und hoch, denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren und
ist hochgewachsen.
    Drei Sprüche zieren sie.
    Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne, goldene Spruch aus dem Ewer:
Hilpt mi, Sünn un Wind,
hilpt mi bit Fischen!
Ik heet Klaus Mees
un bün van Finkwarder.
    Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll: Kap Horn - und
die letzte Koje schmückt das trotzige Wort:
Finkwarder blifft Finkenwarder
un geiht ne van de See!
                                     * * *
    Da kommt der junge Klaus Mewes.
    Er kommt vom Kriegshafen herüber, von den Torpedobooten her. Er hat seinen
Leutnannt besucht. Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel
voneinander.
    »Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht
bange«, hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt: »Mehr als
auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See an! England ist
Rom, und wir sind Kartago, - goden Wind, Klaus Mewes!«
    Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der
ausgesehen hat: es ist, als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen.
    Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht, und höher hat auch er nicht
den Kopf getragen: wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem Isländer
und auf seinen Seestiefeln.
    Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann. Nicht
als finsterer Fliegender Holländer geht er einher: viel ähnlicher ist er dem
blonden Konradin, der tapfer lachend über die Alpen zog, nur von seinem Schwert
begleitet, und sich sein Königreich erobern wollte.
    Dass er so lachen kann, der junge Klaus Mewes! Urgrossvater, Grossvater und
Vater sind geblieben, seine Mutter ist vor Gram gestorben, er hat die schweren
Winterstürme vor sich - und dennoch lacht er, wie die Sonne, wenn sie scheint.
    An Land ist er ein Kind, das gern mit Kindern spielt, auf See aber ein
verwegener Draufgänger, der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber ein Segel
in die See gehen lässt, als dass er ein Reff einsteckt. Die Furcht, die schon der
Junge nicht kannte, hat auch in der Seele des Mannes keinen Raum.
    Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes, er macht die schnellsten und
besten Reisen. Das weiss der ganze Deich. Und wenn ein Junggast bei ihm als Koch
gefahren hat, so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht, denn die Fahrzeit bei
dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird doppelt gezählt.
    Und doch ist er ein Fischermann aus Lust, wie sein lachender, glücklicher
Vater, den er in Gedanken immer bei sich stehen hat, wenn er steuert. Bei ihm an
Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spüren, die die stolzen Flotten von
Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig Schiffe zerschlagen und zertrümmert
hat; er hat Leute genug: wie der Magnet das Eisen, so zieht er das tüchtige
Jungvolk, den Nachwuchs von Finkenwärder, der noch Lust zur Seefischerei hat,
mit Gewalt an sich.
    Er brauchte nicht während des Winters zu fischen, denn er hat im Sommer Geld
genug verdient, dass er geruhig auflegen könnte: aber er geht dennoch auf die
Austern los. Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb, den Zug ins Heunenland
mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er muss überall der erste sein! Er
kann und will sich nicht sagen lassen, dass er hinter dem Ofen gesessen hätte,
während andre in den Austern gewesen seien!
    Er weiss, dass sie auf ihn sehen wie auf ihren Führer, und er ist stolz darauf
und freut sich dessen.
    Als der Kutter auf der Helling sass, machte der junge Klaus Mewes einige
Reisen als Fischdampferkapitän, um sein grosses Steuermannspatent auch einmal
auszunutzen: er fischte im Angesichte von Island im Schein der Mitternachtssonne
und an der Küste von Marokko in der Glut des Samums, er sah sich Aberdeen und
Lissabon an: als aber sein Kutter zu Wasser gelassen war, da bedankte er sich
selbst lachend bei seinem Reeder und zog es vor, sein eigenes Schiff zu steuern
und nichts über sich zu haben, als seine Segel und seinen Herrgott!
    Er hat sein schönes Schiff erreicht, der junge Klaus Mewes. Er springt an
Bord und ruft die Leute auf.
    Sie wollen fahren!
    Klappernd steigen die weissen, leuchtenden Segel, die noch keine Lohe
geschmeckt haben, an den Masten auf, die Gaffeln knarren, und die Schoten
schlagen wie wilde Geister, denn es ist noch stur.
    Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf, dann
fasst er das Ruder an und lässt die Stroppen losmachen. Langsam schwoit der
Kutter, - die Segel fallen voll, und das Fahrzeug setzt sich allmählich in
Bewegung.
    Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schiesst
mächtig davon, um Austern zu kurren. Mächtig taucht es in die schwere Dünung
hinein.
    Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes und
seiner Fahrt.
                                     * * *
    Seefahrt ist not!
    Auch deine Seefahrt, Klaus Mewes!
                                     Ende.
 
    