
        
                         Franziska Gräfin zu Reventlow
                               Von Paul zu Pedro
                                   Amouresken
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Ja, nun sind Sie wieder fort, lieber Freund - Sie fehlen mir sehr, und ich denke
mit einiger Wehmut an unser Beisammensein, vor allem an unsere Teegespräche
zurück.
    Es war doch recht hübsch, wenn wir uns aus Regen und Wind in den Tea-room
flüchteten und jedesmal Angst hatten, ob unser Kaminplatz auch frei sein würde.
    Wenn wir anderswo sitzen mussten, waren wir eigentlich immer melancholisch.
Man wurde auf einmal gewahr, dass die Welt recht ungemütlich sein kann, und wurde
selbst ungemütlich. Sie, lieber Doktor, in erster Linie - oh, Sie konnten sehr
ungemütlich sein, wenn Sie anfingen, es ernstaft zu nehmen und mir die Seele
aus dem Leibe herauszufragen.
    Ich weiss schon - gescheite Männer können das manchmal nicht lassen, aber es
ist eine üble Angewohnheit, und ich glaube, sie ist schuld daran, dass man so oft
die Dummen vorzieht. Und das könnt Ihr dann wieder nicht begreifen.
    Lieber Gott, ich denke ja auch manchmal nach, aber es ist immer ungemütlich.
Und nun erst zu Zweien - davon bekommt man regelmässig eine Art moralischen
Kater. Sie dürfen mir jetzt auch brieflich nicht zu seriös werden und mich nicht
wieder als Problem behandeln - ich bin keines -, sonst prophezeie ich unserer
Korrespondenz einen frühen Tod.
    Einstweilen bin ich noch recht schreibselig aufgelegt, es ist gar so fad,
allein in einer fremden Stadt zu sitzen, wenn es regnet, ununterbrochen regnet.
    Das vielbesprochene Abenteuer, dem ich mein Hiersein verdanke, ist zu Ende.
Es lag ja schon in den letzten Zügen, als Sie herkamen. Sie waren wohl etwas mit
schuld daran - er wurde mir so langweilig, er war auch wirklich und wahrhaftig
langweilig, aber im Anfang habe ich es nicht so gemerkt.
    Mit Ihnen konnte ich mich jedenfalls viel besser unterhalten. Wenn ich mit
ihm drei Stunden hier am Kamin sitzen sollte - du liebe Zeit - ich wäre einfach
zersprungen. Ich habe ihn auch nie mit hergenommen, aus Pietät für Sie - in
solchen Dingen bin ich sehr pietätvoll, Sie können ganz zufrieden sein.
    Also, er ist fort - zu seiner Frau und seinen Kindern. Lächeln Sie nicht so
niederträchtig, ich kann doch nichts dafür, dass alle möglichen Leute Frau und
Kinder haben. Man darf schon froh sein, wenn sie sich nicht scheiden lassen
wollen, um einem fürs Leben anzugehören.
    Davor habe ich schon in frühen Jugendjahren einen nachhaltigen Schrecken
bekommen. Da wollte einer mit mir durchgehen, der sechs Kinder hatte und
natürlich auch eine Frau. Er sagte mir, ich sei eine Sphinx und er selbst ein
Schurke - und das machte mir tiefen Eindruck - ich war noch so ganz dumm.
    Die grosse Szene spielte sich in einem Büro ab, und ich hatte das Gefühl, man
könne doch eigentlich nicht nein sagen, wenn es so dramatisch herginge. Die
Sphinx wirkte wie eine Verpflichtung zu irgend etwas Ungeheuerlichem. - Aber
schliesslich löste ich mich in Tränen auf und sagte doch nein.
    Wir sind uns nachher noch oft auf der Strasse begegnet, haben aber nie wieder
miteinander gesprochen. Er hat mich nur stumm und leidenschaftlich angesehen.
Das war eigentlich recht guter Stil, er bekam dadurch eine Art Nimbus für mich,
und ich verzieh ihm die sechs Kinder, die mich erst so entsetzt hatten.
    Aber denken Sie nur, wenn ich damals Romantik und schauervolle Wirklichkeit
verwechselt hätte, wie es mir leider späterhin noch manchmal passiert ist...
    Nein, ich war meinem Abenteurer hier in der Regenstadt von Herzen dankbar,
dass er nicht zum Schurken werden wollte und ruhig heimfuhr. Er hoffte allerdings
auf Fortsetzung, aber ich bin nicht dafür. Fortsetzung mit verheirateten Männern
ist überhaupt nichts Rechtes, ich hab' das Ausleihen niemals gerne gehabt. Es
ist gerade so, wie wenn man sich von Freundinnen einen Mantel oder Pelz leiht -
dann gefällt er mir, kleidet mich besonders gut, und ich ärgere mich, wenn ich
ihn zurückgeben soll. Man kann es auch vergessen oder etwas daran ruinieren, und
dann ärgert sich die Freundin. Es gibt immer leicht Unannehmlichkeiten für beide
Teile.
    Übrigens habe ich gar nicht erst versucht, ihm das zu erklären, es ist
unpraktisch, sich mit dem objet aime über diese Fragen zu unterhalten. Ich finde
es viel hübscher, wenn er sich bei der Heimreise auf ein Wiedersehen freut.
    Und Sie? - Sie können es sicher immer noch nicht begreifen, dass ich mich in
ein objet verlieben kann, aus dem ich mir im Grunde gar nichts mache, mit dem
man sich nach zwei, drei Stunden zu Tode langweilt und nie im Leben ein
richtiges Teegespräch führen könnte.
    Aber Sie dürfen eigentlich ganz damit einverstanden sein, ich meine, es hat
sich doch immer alles aufs schönste ergänzt. Mir schien auch, dass Sie sich in
Ihrer diesmaligen Rolle als Konversationsliebe ganz wohl fühlten. Zu Ihnen
flüchtete ich mich immer wieder, wenn er gar zu stumpfsinnig wurde. Nur, wenn
wir einmal unseren richtigen Platz nicht bekamen und Sie, fern vom Kamin, zu
tiefgründig waren - dann bekam ich wieder Sehnsucht nach ihm und stahl mich ans
Telefon. Zum Beispiel, als Sie verlangten, ich sollte Hölderlins Hyperion lesen
- oder wollen Sie immer noch nicht zugeben, dass Ihr Ansinnen deplaciert war? Im
Süden und wenn man gerade romantisch aufgelegt ist - mit Vergnügen. Aber bei dem
Regen und unter diesen Umständen - ich hab's ja versucht, aber das einzige, was
mir Eindruck machte, war die Stelle: »Guter Junge! es regnet.« Und das gab meine
Empfindungen so erschöpfend wieder, dass ich ganz glücklich war. Aber ich glaube,
das haben weder Sie noch er begriffen.
    Denken Sie darüber nach, lieber Freund, und leben Sie für heute recht wohl.
 
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Ich fürchte, ich werde mich nie daran gewöhnen, meine Briefe zu datieren. Tue
ich es einmal, weil ich denke, es müsste sein, so ist das Datum gewöhnlich
falsch. Man weiss es gerade nicht, hat keine Lust erst nachzusehen und schreibt
irgendein beliebiges hin, weil es doch ganz gleichgültig ist, ob mein Brief am
dritten oder am zehnten November geschrieben wurde. Ich datiere eigentlich nur,
wenn ich einen Brief verbummelt habe und meine Nachlässigkeit beschönigen will.
Und dann schreibt man natürlich absichtlich ein falsches Datum. Ich halte das,
wie so viele kleine Lügen, für eine liebenswürdige Rücksicht, durch die man
anderen ein ärgerliches Gefühl erspart.
    Bei den ersten Jugendlieben schrieb ich immer ein patetisches Datum: sieben
Uhr morgens - die Vögel zwitschern schon vor meinem Fenster; - ob sie wirklich
zwitscherten, weiss ich heute nicht mehr zu sagen, aber es machte sich so hübsch.
Oder: Mitternacht - meine Tante ist schon schlafen gegangen...
    Soll ich das bei Ihnen auch so machen? Etwa: zwei Uhr früh - eben geht er
die Treppe hinunter - die Stufen knarren, und es wäre mir sehr peinlich, wenn
man ihn hörte.
    Sie würden natürlich gleich alles mögliche wissen wollen: wer denn? - und
wieso? - und was gefällt Ihnen nun schon wieder an diesem Menschen?
    Ich hab's ja gleich gewusst, o Freund meiner Seele, als Ihr Brief kam. Gleich
gewusst, dass Sie Ihr Steckenpferd - man könnte es allmählich wohl eher als
Streitross bezeichnen - wieder gehörig tummeln würden. Kann man Sie denn immer
noch nicht davon kurieren? Sind wieder einmal alle Teegespräche und alle
Demonstrationen am lebenden Objekt umsonst gewesen? Ich fürchte: Ja - Sie werden
stets von neuem beklagen, dass gerade die Frauen, die man am meisten schätzt, so
furchtbar wahllos sind. - Und ich habe gar keine Lust, Ihnen immer wieder etwas
vorzuleben, damit Sie zur Einsicht kommen. Ich müsste mich denn zur Abwechselung
einmal nach Ihrem Geschmack richten, und das - nein, das ist zuviel verlangt.
    Übrigens behauptet fast jeder Mann, man sei wahllos. Der eine begreift
nicht, dass man sich in einen Friseurtypus oder Tenor verlieben kann, und würde
Naturburschen verzeihlicher finden. Der andere hat keine Auffassung dafür, dass
exotischer Typ und gebrochenes Deutsch zu den unwiderstehlichen Attraktionen
gehören.
    Nun - das wenigstens haben Sie mir ja manchmal nachfühlen können. Aber für
Paul hatten Sie kein Verständnis - gar keines. Sie fanden es nicht recht der
Mühe wert, dass ich seinetwegen hierher fuhr, dass Sie Ihr eigenes Reiseprogramm
umstürzen und wir beide vierzehn Tage im Regen herumlaufen mussten. Es tut mir
leid, aber ich muss bei dem Gedanken so lachen, dass meine Teenachbarn mich eben
ganz erstaunt ansehen.
    Ja, Paul - Paul war in diesem Fall nur ein Sammelname. Er hiess gar nicht
Paul - er war es nur. Es gibt eine bestimmte Art von Erlebnis, das ich Paul
nenne, aus dankbarer Erinnerung an seinen ersten Vertreter. Ich meinte auch, ich
hätte Ihnen das schon einmal erklärt, aber Sie haben es anscheinend nicht ganz
begriffen.
    Paul ist eine Begebenheit, die immer von Zeit zu Zeit wiederkehrt. Nicht
etwa, weil sie besonders tiefen Eindruck gemacht hätte - im Gegenteil, Paul ist
immer etwas Lustiges, Belangloses, ohne Bedenken und ohne Konsequenzen. Aber er
kommt immer wieder, wenn auch jedesmal in etwas veränderter Form und Gestalt.
Paul kann alles mögliche sein, verheiratet oder Junggeselle, Leutnant,
Ingenieur, junger Arzt, Afrikareisender - es kommt auch vor, dass er gar keinen
Beruf hat.
    Manchmal ist er auch drüben geboren, dann nennt er sich Pablo und rollt das
R - vorausgesetzt, dass der Vorname stimmt, was merkwürdigerweise oft, aber
natürlich nicht immer der Fall ist.
    Man lernt ihn in Sommerfrischen, in Hotels und auf Reisen kennen; an einem
festen Wohnort - nein, ich glaube kaum, höchstens wenn er sich vorübergehend
dort aufhält. Zu Paul gehören immer Koffer und Kellner, irgendeine momentane und
geräuschvolle Umgebung. Man erkennt ihn auf den ersten Blick, wenn er einem im
Coupe gegenübersjetzt oder in ein Hotel hereinkommt, weiss sofort: das ist Paul.
Es dauert auch nie sehr lange, bis man sich kennt, duzt (mit Paul muss man sich
duzen, es geht nicht anders) und ganz genau weiss, wie sich nun alles entwickeln
wird. Ich habe mir auch angewöhnt, ihn immer so zu nennen. Wenn ich das erstemal
sage: du, Paul - so ist er sehr erstaunt und fragt, mit wem ich ihn jetzt
verwechselt habe. - Nun, mit Paul natürlich - und dann bleibt es dabei. Ich hüte
mich wohl, ihn aufzuklären, dass es in Wirklichkeit gar keine Verwechslung ist.
Er würde es nicht verstehen.
    Paul ist auch selten eifersüchtig, wahrscheinlich, weil er sich seiner
wechselvollen Vergänglichkeit dunkel bewusst ist. Er wird mir auch sicher niemals
Vorwürfe über meine Wahllosigkeit machen.
    Und Sie denken jetzt wohl: Gott sei Dank, dass ich nicht Paul bin. Sie haben
nicht ganz unrecht - Paul wird in der Regel bald langweilig, und man entflieht
in den Tea-room.
 
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Gestern habe ich lebhaft an Sie denken müssen. O Regenstadt - o Tea-room - o
Teegespräch!
    Ich habe inzwischen verschiedene Leute kennengelernt, und diese
verschiedenen Leute sassen gestern hier an unserer geheiligten Stätte zusammen
und verrannten, verbohrten, verwickelten sich in ein endloses Gerede über Liebe,
Erotik und was dazugehört.
    Apropos - Erotik! ich kann das Wort bald nicht mehr hören. Schade, dass es
kein anderes dafür gibt. Die allerunmöglichsten Leute führen es schon im Munde
und schmücken ihre unsympatischen oder obskuren Erlebnisse damit. Es geht nicht
mehr, wir sollten es uns abgewöhnen - ja, aber im Teegespräch müssen wir es wohl
faute de mieux einstweilen noch beibehalten, da hört es ja auch niemand.
    Was wollte ich Ihnen denn erzählen? - Dass diese Leute wieder einmal das
Wesen aller Dinge endgültig feststellten, alles schön sortierten, in Schachteln
taten und Etiketten daraufklebten, nach meinem Gefühl aber immer in die falsche
Schachtel und mit falscher Etikette. Liebe und Erotik zum Beispiel kamen in
denselben Karton. Ich brauchte nur bis Paul zu denken - oder, wenn es Ihnen
lieber ist, an Sie, um das unbillig zu finden.
    Ach, mein Gott, wenn alles immer Liebe oder auch nur etwas Ähnliches sein
sollte, wo käme man da hin? Jedesmal Seligkeit, wenn es anfängt, Konflikte,
während es dauert, und grosse Tragik, wenn es zu Ende geht - so etwa schienen
diese Gerechten es sich vorzustellen - nein, das möchte wirklich zu weit führen.
    Die Frau wolle doch wenigstens die Illusion haben, dass sie liebt, wenn sie
einem Manne angehört - meinte jemand, und die anderen stimmten ihm bei.
    Das ist hart, sehr hart. Schon das diktatorische: die Frau, der Mann. Wer
sind diese Frau und dieser Mann?
    Warum wohl überhaupt diese Sucht, diese schöne Vielfältigkeit des Lebens und
all seiner Möglichkeiten abzuleugnen oder wenigstens nach Kräften
einzuschränken? Wie Kellner - es gibt solche -, die gerne die grosse Speisekarte
wegstecken, damit man das bequeme, aber unausstehliche Menü wählen soll.
    Man tut doch schliesslich in erster Linie, was einen freut, und weil es einen
freut. Und das ist natürlich jedesmal etwas anderes. Es kann wohl manchmal Liebe
und grosse Leidenschaft sein, aber ein andermal - viele, viele andere Male ist es
nur Pläsier, Abenteuer, Situation, Höflichkeit - Moment - Langeweile und alles
mögliche. Jede einzelne Spielart hat ihre besonderen Reize, und das Ensemble
aller dieser Reize dürfte man wohl Erotik nennen.
    Es kommt der Frau auch gar nicht in den Sinn, sich immer einzureden, dass es
Liebe ist, im Gegenteil, das wäre ihr manchmal nur peinlich, und sie ist recht
froh, dass es sich anders verhält. Man braucht doch auch Erholung vom Ernst des
Lebens.
    Und Liebe? Unter Liebe verstehe ich - nun, eine seriöse Dauersache. Aber Sie
dürfen mir diesen Begriff nicht zu optimistisch auffassen. Dauersache ist alles,
was - sagen wir, was monatelang dauert - seriöse Dauersache, wenn es viele
Monate sind; über ein Jahr - dann wird es schon Verhängnis mit einem Stich ins
Ewige. Natürlich gibt es auch Dauersachen mit Unterbrechung und viele andere
Variationen.
    Damit war meine gestrige Gesellschaft durchaus nicht einverstanden, und man
versuchte mich mit vielen Fragen in die Enge zu treiben. Aber dann mache ich
mir's bequem und verstumme. Ich habe überhaupt nicht viel Sinn für teoretische
Fragen, ausser, wenn es mich momentan reizt, zu widersprechen. Das ganze Gerede
ist so überflüssig, es sollte wenigstens Konversation bleiben - wie mit Ihnen.
Dann hat es seinen Reiz.
    Und wie angenehm, dass man als Frau keine Logik zu haben braucht! Denken Sie,
wenn ich all meine mühsam erworbene Lebensweisheit in Schachteln ordnen sollte -
ach nein, ich werfe lieber alles durcheinander in eine Schublade und hole
gelegentlich heraus, was mir - oder anderen Spass macht.
    Im Anschluss an das Liebesproblem kamen natürlich auch die wertvollen
Menschen aufs Tapet - also Wasser auf Ihre Mühle - die wertvolle Frau, die so
oft und unbegreiflicherweise ihr Gefühl an unwürdige Objekte verschwendet, und
der wertvolle Mann, der ungeliebt beiseite steht, ja und so weiter, die ganze
Litanei.
    Teuerster Doktor, gerade damit haben Sie mir ja auch so oft, so oft
zugesetzt. Und ich habe mich so redlich bemüht, Ihnen plausibel zu machen, dass
innerer Wert gar nichts mit erotischer Attraktion zu tun hat. Wenn mir jemand
gefällt, frage ich doch den Teufel danach, wie es mit seinem inneren Wert
bestellt ist. Kommt beides zufällig zusammen - tant mieux. Dann ist es natürlich
auch etwas anderes als die blosse Aventiure, die keine Fortsetzungen verträgt,
weil der Partner einem als Mensch ganz gleichgültig ist und man nichts mehr mit
ihm anzufangen weiss.
    Geht es um Ernstliches, so muss allerdings irgend etwas dasein, was für mich
persönlich Wert hat, mir erfreulich, wohltuend, unentbehrlich erscheint oder mir
imponiert, kurz, was ich haben möchte. An denen, die man liebt, will man wohl
irgend etwas schätzen, manchmal schätzt man sie auch in Bausch und Bogen, oder
bildet sich's wenigstens eine Zeitlang ein.
    Ja, das ist dann Liebe, solange die Attraktion dauert; und wenn sie aufhört,
so ist es unangenehm, weil man sich wirklich gerne hat.
    Ich halte schon deshalb nichts davon, dass man sich allzu intensiv
zusammenlebt und dann in bitterem Leid auf Nimmerwiedersehen auseinandergeht.
Bei jeder besseren amourösen Angelegenheit sollten Anfang und Ende überhaupt
nicht so scharf umrissen sein.
    Ja, ich habe bei dieser angeregten Abendunterhaltung mein stilles Vergnügen
gehabt, und wenn ich meine eigenen Amouren Revue passieren lasse, die tragischen
und die heiteren, seriöse Dauersachen und flüchtige Minnehändel - wie sie sich
nacheinander, nebeneinander und durcheinander abspielten, so fügt sich für mein
Empfinden alles ganz von selbst zur schönsten Harmonie zusammen. Auch wenn -
cher ami, das gilt Ihnen mit - andere Leute so oft etwas daran auszusetzen
haben.
 
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Ganz richtig, das ist sonderbar - gerade wir bösen, unbeständigen Menschenkinder
werden oft so ungemein ernstaft geliebt, wie man nur unbescholtene junge
Mädchen und anständige Frauen lieben sollte. Zumeist wohl von den dummen Jungen,
und das ist sehr hübsch - ich habe grosse Sympatie für sie - manchmal aber auch
von ganz intelligenten Männern mit innerem Wert, und damit ist dann nicht so
leicht fertig zu werden. Besonders, wenn sie uns zwingen wollen, Tiefen zu
offenbaren, über die wir gar nicht verfügen.
    Am schlimmsten ist der Typus Retter - und glauben Sie mir, man darf sich
noch so weit und noch so lange auf der schiefen Ebene befinden, es tauchen immer
wieder Männer auf, die uns durch wahre Liebe retten wollen.
    Vielleicht darf man das nicht so verallgemeinern, ich kann ja nur aus
eigener Erfahrung reden und mache möglicherweise einen ganz besonders
rettungsbedürftigen oder geeigneten Eindruck. Wie auch die geistlichen Erzieher
meiner frühen Jugend immer noch einen guten Kern in mir entdeckten und die
Hoffnung nie ganz aufgaben.
    Der Retter meint es gut und aufrichtig, schon das ist schwer zu ertragen.
Und er leidet durch die Bank an unheilbarer Selbstüberschätzung, hält sich eben
für den, der imstande sei, unser zerflattertes Liebesleben einzufangen und auf
einen Hauptpunkt, nämlich auf sich selbst zu konzentrieren. Er findet, es sei
ein Jammer, dass wir uns zeitlebens so weggeworfen haben, an so viele, die es
nicht wert waren (darin würden Sie sich also ganz gut mit ihm verstehen) - ja,
wenn wir nur einmal an den Rechten gekommen wären - wie anders, Gretchen! Der
Retter hält sich - das liegt auf der Hand - für den, der es selbst jetzt noch
vermöchte, das Wunder zu vollbringen. dabei ist er trotz allem: wie schade um
diese Frau - merkwürdig tolerant gegen unsere Vergangenheit, empfindet sie mehr
als Verirrung: ihr ist viel vergeben, denn sie hat viel geliebt. Sie hat keinen
Halt in sich selbst und keinen an anderen gehabt, hat sich von ihrem Temperament
hinreissen lassen, und das haben die schlechten Männer sich zunutze gemacht.
    Ja, er lässt es an Verständnis nicht fehlen und ist überzeugt, man habe
jeden, dem man sich hingegeben, glühend und tief geliebt, aber er war es
natürlich in den seltensten Fällen wert. Der Retter sagt gerne: armes Kind und
streicht einem dabei die Haare aus der Stirn - eine unausstehliche Angewohnheit,
man darf nie vergessen, ein Taschenkämmchen mitzunehmen.
    Manchmal bietet er auch pekuniäre Hilfe an, aber mit dem Gefühl, dass für sie
doch eigentlich etwas Degradierendes darin liegt und es ihr sehr peinlich sein
müsse (ach, Doktor, es ist ihr durchaus nicht peinlich, sie tut nur manchmal so
- aus guter Erziehung).
    Die Bekanntschaft mit dem Retter ist natürlich immer ein Missgriff und
entspringt aus momentaner Sentimentalität oder einer unangenehmen Situation, die
durch ihn behoben wird - oder, wenn man sich gerade mit jemand anders gezankt
hat. Man fällt ihm bei irgendeiner Gelegenheit in die Arme.
    Der Retter will kein Philister sein - Gott bewahre. Er verwirft auch die
illegitimen Liebesfreuden an sich durchaus nicht, fasst sie nur viel zu ernst auf
und sucht ihnen eine etische Weihe zu verleihen. Er betrachtet jede
Schäferstunde als Anlass zu ernsten Gesprächen und zu heillosem Ausfragen -
besonders in bezug auf Zahlen und Daten (und man rechnet doch so ungerne und
sagt nie die Wahrheit - der Retter würde sie auch nicht vertragen).
    Trotz der schlagendsten Gegenbeweise hält er an dem Dogma von der monogamen
Veranlagung der Frau fest.
    Er ist unbequem und nimmt es übel, wenn man nicht viel Zeit für ihn übrig
hat. So schlägt er gerne mehrtägige Ausflüge vor, damit man einmal wirklich
etwas voneinander hat und alles Trübe und Schwere von sich abschütteln kann - in
Klammern: weil man draussen in Gottes freier Natur sicherer ist, dass die geliebte
Frau nicht so oft alten Bekannten begegnet, oder dass es plötzlich klingelt und
alle möglichen Leute zum Tee kommen, von denen man nicht recht weiss, warum und
wieso?
    Ach Gott, und ich finde amouröse Ausflüge überhaupt eine unglückliche
Erfindung - ich kann sie nicht ausstehen, vor allem nicht mit Rettern oder mit
wertvollen Menschen. Höchstens mit Paul - oder vielleicht mit Ihnen - pardon,
pardon, dass ich Sie schon wieder mit Paul zusammenstelle und so oft auf seine
Vorzüge zurückkomme. Es geschieht wirklich nicht aus Bosheit, aber ich lebe
immer noch mit einem Fuss in der jüngsten Vergangenheit, in der schönen Zeit
unseres Dreiecks.
    Mit dem Retter dauert es übrigens meist nicht lange. Er wünscht selbstredend
eine seriöse Dauersache, und man lehnt tragisch ab: zu spät - man kennt sich
selbst zu gut - leider - es bringt niemandem Glück, mich zu lieben - besser, man
geht seinen dornenvollen Pfad alleine weiter, bis es ein Ende mit Schrecken
nimmt. Oft wünscht der Retter sich ein Kind - gerade von dieser Frau - ich weiss
nicht warum, vielleicht weil sie dann in seinen Augen ganz anders dastehen würde
- und er nimmt es übel, wenn sie lieber darauf verzichtet.
    In diesem Fall würde er sie als Ehrenmann selbstverständlich heiraten, sie
dürfte auch um des Kindes willen nicht nein sagen. Einer von meinen Rettern
wollte mich auch ohne Kind heiraten; er war verlobt, als wir uns kennenlernten,
und löste dann seine Verlobung auf. Stellen Sie sich meinen Schrecken vor, als
er mir das freudestrahlend mitteilte - wir trafen uns im Bahnhof, um aufs Land
zu fahren - ich war geradezu entsetzt. Gott sei Dank wurde er daraufhin an mir
irre, und ich fuhr nicht mit ihm aufs Land, sondern ohne ihn nach Hause. Daher
stammt wohl auch meine Idiosynkrasie vor Ausflügen. Diese Art Menschen wollen ja
auch immer ein volles Glück, wenn sie heiraten, und das hätte er an meiner Seite
schwerlich gefunden. Die Idee vom vollen Glück hat für mich immer etwas so
Trostloses, Bedrückendes. Es klingt so peinlich definitiv, als ob dann alles
vorbei wäre, wie wenn man sich schon bei Lebzeiten seinen Sarg bestellt.
    Nur als Backfisch habe ich auch eine Zeitlang davon geträumt: Eines schönen
Tages wird man heiraten, und dann ist man glücklich, die Sache ist erledigt.
Aber dann wieder - ich erinnere mich deutlich an einen Ball im Elternhause, wo
ich zum erstenmal mittanzen durfte und meine Gefühle in grosser Verwirrung waren.
Ich war vierzehn Jahre alt, die Tänzer behandelten mich wie eine erwachsene
Dame, nannten mich Sie und sagten mir schöne Sachen. Und in drei von ihnen war
ich zum Sterben verliebt. Ich sehe sie noch vor mir, alle drei waren sehr
elegant und trugen die modernsten Stehkragen - ich weiss nicht, warum gerade die
Kragen mir so viel Eindruck machten. Zwei waren brünett und einer blond. Die
beiden Brünetten gefielen mir beinah noch besser, aber ich liebte auch den
Blonden. Und ich weiss noch so gut, wie ich damals dachte, dass man doch immer nur
einen Mann heiraten könnte; wenn man nun aber dreie liebt - was dann? Die Frage
hat mir viel Kopfzerbrechen gemacht. - Übrigens trugen sie alle drei Zwicker -
ich hätte mich dazumal nie in einen Mann ohne Zwicker verliebt, er wäre mir
nicht ganz vollständig vorgekommen.
    Sehen Sie, all diese armen Leute mit dem vollen Glück werden doch nur einmal
wirklich glücklich, und wir werden und sind es so oft. Dass wir es nicht ewig
bleiben - nun, daran glaube ich auch bei den anderen nicht recht. Der Rausch
verfliegt, und was dann? - Die Räusche verfliegen auch, aber es kommen neue.
    Mein lieber Freund, der Retter ist ein unlustiges Tema - er fällt auf die
Nerven, auch wenn man nur von ihm spricht. Er wirkt wie eine schwüle Atmosphäre,
der man so bald wie möglich wieder entrinnen möchte. Also - ich entrinne hiermit
Ihnen, den Rettern und dem Briefschreiben. Hätte ich doch immer einen so guten
Vorwand, wenn ich nicht mehr schreiben mag.
 
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Ich bitte Sie, liebster Doktor, schelten Sie nicht schon wieder über meine
Zerstreuteit - gerade Sie haben verhältnismässig wenig darunter zu leiden
gehabt, ich verwechsele Sie schon längst nicht mehr mit anderen Bekannten - ich
weiss immer, wer Sie sind und wie wir miteinander stehen.
    Sie können beim besten Willen nicht begreifen, dass ich Frau N..., mit der
wir einen so netten Abend verlebten, nicht wiedererkannte? Damen erkenne ich
fast nie wieder, sie sehen doch jedesmal anders aus - andere Toiletten, andere
Hüte, andere Begleiter...
    Und der nette Abend hat Ihnen anscheinend mehr Eindruck gemacht als mir. Du
liebe Zeit, ich habe mehr als einmal Leute nicht wiedererkannt, mit denen ich
noch viel nettere Abende verlebt hatte - und die es mir tödlich übelnahmen.
    Ihr Brief gefällt mir überhaupt nicht sehr, er klingt etwas trübselig und
verstimmt. Und ich bin gerade so guter Laune, so ohne jeden Grund
seelenvergnügt. Das ist bei mir ja öfters der Fall, und ich weiss schon, dass es
manche Mitmenschen geradezu irritiert. Sie nehmen Ärgernis daran, dass man ohne
Anlass glücklich ist, um so mehr, wenn man infolge aller möglichen Lebensumstände
Grund genug hätte, sich unglücklich oder wenigstens unbehaglich zu fühlen.
    Aber sei dem, wie es will - ich kann diese schwarze Stimmung bei Ihnen nicht
ausstehen - mich macht es wiederum nervös, wenn ich jemand ohne schwerwiegende
Veranlassung Trübsal blasen sehe. Und ich habe den edlen Vorsatz, Sie ein wenig
zu trösten.
    Wären Sie hier, dann könnte ich Ihnen doch wenigstens die Falten von der
Stirn streichen oder - je vous donnerais une de ces heures, qu'un homme n'oublie
jamais. (Diese hübsche Wendung ist leider ein Plagiat, ich habe sie irgendwo
gelesen.) Aber Sie sind nicht da und grollen nur irgendwo in der Ferne, weil ich
Frau N... gegenüber einen so heillosen faux pas begangen habe. - Schade, dass Sie
nicht dabei waren, wie ich sie im Vorbeigehen leutselig auf die Schulter tippte:
ja, Lily, wie kommen Sie denn hierher? - Doktor R... ist schon fort! Das
Gesicht, mit dem sie sich da umdrehte, werde ich nie vergessen.
    Es ist auch ein Kreuz, dass sie ganz genau weiss, um wen es sich handelt, und
jetzt natürlich glaubt, jene Person sei mit Ihnen hiergewesen. Was tun? Soll ich
ihr einen Besuch machen und Ihre Schuldlosigkeit dartun? Ich fürchte, es würde
nur das Gegenteil erreicht und Frau N... möchte unsere Beziehungen falsch
einschätzen. Armer Freund, da habe ich Ihnen einen rechten Henkersdienst
erwiesen, und ich trachte doch immer nur danach, Sie glücklich zu machen.
    Soll ich Ihnen als Balsam für diese Wunde von einer Frau erzählen, die
manchmal noch viel zerstreuter war, als - nun, als ich bei der Begegnung mit
Frau N...? Sie behauptete und behauptet immer noch, es sei eine Art Neurose. Ihr
Gedächtnis in bezug auf Persönlichkeiten und Begebnisse sei zeitweilig
überbürdet worden und habe dadurch gelitten. Sie geriet denn auch manchmal in
eine Art somnambulen Zustand, verwechselte alles und alle - Situationen,
Personalien, Erlebnisse, Namen, Gesichter - und schuf sich und anderen manches
Herzeleid. Eben diese Dame reiste viel herum und, wie es nun einmal zum Reisen
gehört, mit verschiedenen Begleitern und unter verschiedenen Namen. dabei
geschah es des öfteren, dass sie den gegenwärtigen Zustand mit irgendeinem
früheren verwechselte, zum Beispiel von Bukarest nach Konstantinopel
telegraphierte: Komme mir bis Salzburg entgegen - und einen Namen darunter, den
der Betreffende noch nie gehört hatte. Oder wenn sie mit Sir John auf dem
Starnberger See eine Segelpartie machte, sagte sie plötzlich aus tiefem Sinnen
heraus: »Du - Hans, wie das Mykalegebirge heute klar ist - wir sollten doch
morgen einmal nach Smyrna hinüberfahren.« (Worauf Sir John antwortete: Very
well, aber ich wollte lieber morgen früh in Norwegen Supper essen.)
    Zu ihrem Leidwesen besassen nicht alle ihre Freunde so viel liebenswürdige
Anpassungsfähigkeit. So hatte sie einmal eine ungewöhnlich dauerhafte und in
jeder Beziehung erfreuliche Liaison, auf die sie sehr viel Wert legte. Es wurde
sogar ernstlich erwogen, ob man sich nicht heiraten solle. Der Mann war
wohlhabend, sympatisch und viel auf Reisen - und sie befand sich gerade in
einer jener inneren Krisen, wo man sich nach Ruhe und nach einer Basis sehnt.
Aber ein unglücklicher Zufall, wie sie es nannte, gab der Sache eine andere
Wendung.
    Der Betreffende war einige Monate verreist gewesen, und als sie zum
erstenmal wieder einen Abend mit ihm verbrachte, ging sie, nicht ohne innere
Bewegung, durch sämtliche Räume seiner Wohnung und feierte Wiedersehen mit allen
vertrauten Gegenständen. dabei blieb sie plötzlich in der offenen Tür zum
Schlafzimmer stehen, betrachtete nachdenklich das breite englische Messingbett
und sagte: »Du - die Seide an dem Bett war doch immer rot - warum hast du es
jetzt in Grün machen lassen? Und wo ist der Kranich geblieben?«
    Ja, und dann konnte sie zuerst nicht begreifen, warum diese harmlose
Äusserung ihn so verstimmte - die Seide war immer grün gewesen und grün
geblieben, aber es gab genau dasselbe Bett in Rot, und das stand in der Wohnung
eines ihrer gemeinsamen Bekannten. Und darüber am Plafond hing ein ausgestopfter
Kranich mit ausgebreiteten Flügeln, der sich langsam drehte, wenn das Zimmer
stark geheizt war. Der gemeinsame Bekannte hatte eben einen sonderbaren
Geschmack - und der ausgestopfte Kranich über seinem roten Bett war schuld
daran, dass unsere zerstreute Freundin wieder einmal nicht dazu kam, ihr Dasein
auf eine feste Basis zu stellen.
    So etwas ist Schicksal. - Der Mann meinte nachher, sie sei doch wohl nicht
zur Ehe prädestiniert, denn sie würde bei jeder Gelegenheit wieder Grün mit Rot
und stilisierte Ampeln mit Kranichen verwechseln.
    Ja, ja - Zerstreuteit in amore soll eine bedenkliche Sache sein.
    Trotzdem haben Sie, lieber Doktor, noch unlängst eben diese Eigenschaft bei
einer Dame Ihrer Bekanntschaft als reizvollen Zug bezeichnet und verschiedene
liebenswürdige Bosheiten darüber gesagt. Unter anderem wollten Sie öfters und
mit Vergnügen beobachtet haben, wie sie den ganzen Abend irgendein langweiliges
oder unausstehliches vis-a-vis aus reiner Gedankenlosigkeit überaus seelenvoll
ansah. Das unausstehliche vis-a-vis glaubte schon eine ganze Welt von Empfindung
in ihr geweckt zu haben, aber sie hatte nur an jemand anders gedacht und war
höchst erstaunt, wenn es Konsequenzen daraus ziehen wollte.
    Sie haben mir auch erzählt, wie Sie diese Ihre Freundin eines Abends
abholten - sie stand vor einem Schrank und suchte endlos nach ihren Handschuhen.
Sie halfen ihr suchen, und dabei kam es zu einigen liebenswürdigen Annäherungen
Ihrerseits, die sie gelassen annahm und erwiderte. Sie - der Doktor R... -
dachten: endlich! Denn der Fall war konversationsweise schon mehrmals zwischen
Ihnen beiden erörtert worden.
    Sie fühlten sich dann nachher etwas enttäuscht, als Ihre Freundin Sie bei
Tisch seelenvoll ansah und sagte: »Nehmen Sie es nicht übel, aber ich muss jetzt
die ganze Zeit darüber nachdenken, ob ich Ihnen nicht schon einmal an diesem
Schrank einen Kuss gegeben habe, als ich meine Handschuhe nicht finden konnte -
ja, nein - richtig - da hab' ich ja den Schleier gesucht und...«
    Armer Doktor, an dem Abend fanden Sie den amourösen Somnambulismus, wie Sie
es nannten, gar nicht reizvoll und malten ihr mit einiger Bitterkeit aus, wie es
in noch intimeren Situationen wirken möchte, wenn die geliebte Frau plötzlich
sagt: Hören Sie - wir haben uns doch schon früher - ja, nein - Pardon, damals
kannte ich Sie ja noch gar nicht.
    Leben Sie wohl - es ist spät, und wenn ich noch weiterschreibe, könnte ich
vielleicht zu indiskret werden.
 
                                       6
Dankend quittiert, cher ami.
    Ihre Niederträchtigkeiten sind mir viel lieber als Ihre sentimentalen
Anwandlungen.
    Lassen wir Frau N... begraben sein, wenn Sie es verschmerzen können.
    Und mein Ruf... nein, wissen Sie - in diesem Punkt muss ich Sie doch wohl
etwas enttäuschen. Ich stehe gar nicht so sehr über diesen Dingen, wie Sie
meinen. Manchmal finde ich es verzweifelt unbequem, einen schlechten Ruf zu
haben. Wäre ich noch einmal achtzehn Jahre alt, so würde ich die Sache anders
angreifen, mich entweder ganz in die Tiefe begeben oder darauf schauen,
gesellschaftlich durchaus oben zu bleiben. Der Mittelweg ist in diesem Fall an
Freuden vielleicht reicher, aber jedenfalls bei weitem der unbequemste. Die
Leute wissen so oft nicht, für was sie einen nehmen sollen.
    Und der schlechte Ruf verpflichtet. Man kann sich so vieles nicht leisten,
was eine unbescholtene Frau ruhig tun darf.
    Jedes männliche Wesen, mit dem man über die Strasse oder ins Restaurant geht,
wird einem aufgerechnet. Sind es zufällig vier oder fünf an einem Tag, so werden
alle vier oder fünf gebucht.
    Folglich ist es peinlich, wenn man mit einem alten Professor oder mit drei
grünen Jungen gesehen wird, oder wenn ein Jugendfreund in Velvetosen uns
anspricht. Man dürfte sich nur mit solchen sehen lassen, die einem stehen oder
die man sich gerne nachsagen lässt.
    Bedenken Sie nur, wie viele Schwierigkeiten sich daraus ergeben und was für
komplizierte Schiebungen manchmal notwendig sind. Es gab eine Zeit - zu meinem
Leidwesen muss ich es erwähnen - wo ich mich in einer solchen Lebensekstase, in
einem so fortgesetzten Herzenstumult befand, dass ich wenig oder gar keinen Blick
für dergleichen Äusserlichkeiten hatte. Es wird mir in der Erinnerung wirklich
schwer, mich da hineinzudenken, aber ich weiss es als historische Tatsache. Und
dazumal habe ich wohl mein Renommee schon so übel zugerichtet, dass es sich nie
wieder ganz erholt hat.
    Das war dumm, ungeheuer dumm, und ich würde heute jedem blutjungen Mädel,
das leben und kompromittieren verwechselt, aufs dringendste raten, seinen Ruf zu
wahren, bis es in dieser oder jener Welt - ich meine in Lebekreisen oder in der
Gesellschaft - eine feste Position hat. Die Ausnahmestellung zwischen beiden
Welten ist vom Übel, ausser wenn sie ungemein glänzend finanziert ist.
    Und Sie? - fragt mein Freund, der Doktor. - Cher ami, Anwesende sind immer
ausgenommen. Ich weiss in jeder Blüte den Honig zu finden und lasse das Gift
wohlweislich darin. So habe ich auch gar keine Neigung, unter diesen Kalamitäten
zu leiden, sie sind mir höchstens lästig und machen mich gelegentlich nervös.
    Nehmen wir an, ich kenne einen wirklich reizenden Menschen, mit dem ich mich
sehr gerne unterhalte, aber er trägt Künstlerhüte oder einen unmöglichen Kragen
- lässt es sich auch nicht abgewöhnen, denn er befindet sich ganz wohl dabei. Es
würde mir sicher Vergnügen machen, einen Abend mit ihm zusammen im Cafe zu
sitzen - mein Ruf verbietet es mir. Der Schlapphut würde sofort zu meinen
Intimen gerechnet, und das lasse ich nicht gerne auf mir sitzen. Auch wenn es
ein noch so wertvoller Mensch ist, lieber Doktor.
    In M... gab es in alten Zeiten ein verschwiegenes und entlegenes
Weinrestaurant, das ich zu solchen Zwecken kultivierte. Ich will Ihnen die
Adresse gern verraten und auch, dass ich manche meiner männlichen Bekannten dort
getroffen habe - wenn sie mit der Toilette oder der sozialen Rangstufe ihrer
Begleiterinnen nicht ganz einverstanden waren. Man wechselte dann einen stummen
Blick, verstand und ignorierte sich. Und die, mit denen ich hinging, pflegten
sich über meine Vorliebe für dieses mesquine Lokal zu wundern. Eben diese Leute,
die keinen Wert auf ihr Äusseres legen, gehen mit Vorliebe in elegante
Restaurants, um zu zeigen, dass auch sie zu leben verstehen.
    Oder man muss in solchem Fall den bösen Schein durch irgendeinen starken
Gegensatz korrigieren.
    Erinnern Sie sich noch an den deprimierten Jüngling, den ich mir vergangenes
Jahr an die Sohlen geheftet hatte, wie Sie so hübsch zu sagen pflegten? Er war
zum Verzagen langweilig, aber unwiderstehlich, absolut unwiderstehlich elegant.
    Als ich ihn gerade kennengelernt hatte und noch nicht unterzubringen wusste,
fanden Lily - Ihre Lily - und ich zufällig ein Inserat in der Zeitung, das uns
frappierte. Es lautete: Elegante Begleitdogge zu verkaufen - oder zu kaufen
gesucht, das weiss ich nicht mehr.
    Nach diesem Inserat wurde der Jüngling dann benannt und eingereiht.
    Bei mir war gerade saison morte, ich hatte eine Herzensangelegenheit, die
mich sehr in Anspruch nahm und in jeder Beziehung ganz nach Wunsch war, bis auf
eine patologische Vorliebe für farbenfrohe Krawatten. Ich machte es mir zur
Lebensaufgabe, ihn davon zu heilen. Wie oft, ach, wie oft sassen wir stundenlang
im Laden und liessen uns Krawatten, immer nur Krawatten vorlegen. Ich bot all
meinen Einfluss auf, aber selbst wenn nach schwerem Kampf eine annähernd
glückliche Wahl zustande gekommen war, so entdeckte er sicher im letzten Moment
noch irgendein furchtbares Blau, Gelb oder Violett, das er durchaus haben musste.
Ich habe ihn wirklich geliebt, aber die farbenfrohen Krawatten kosteten mich
meine Seelenruhe. Auf die Länge war es geradezu aufreibend. Meine einzige
Erholung war die elegante Begleitdogge, denn man konnte überall und ohne
Hemmungsgefühle mit ihr hingehen. Sie war immer vorhanden - immer melancholisch
und immer tip top wanderte sie unentwegt mit langen Schritten und müder Haltung
neben mir durch Strassen und Restaurants.
    Gesprochen haben wir - der Jüngling und ich - oft stundenlang kein Wort,
oder er schüttete mir sein wundes Herz aus, und ich hörte zu. Er hatte eine
larmoyante Stimme und eine larmoyante Seele. Niemals konnte er die Frau finden,
die er suchte, und wenn er sie einmal fand, wie zum Beispiel mich, so hatte sie
gerade eine seriöse Dauersache mit farbenfrohen Krawatten. Darüber konnte er,
wenn wir zusammen waren, endlos fortjammern, immer in derselben Tonlage. Unter
anderen Umständen wäre mir das vielleicht schrecklich auf die Nerven gefallen,
aber so wie alles lag, erholte ich mich, während er friedlich fortlamentierte,
von allen stürmischen Gefühlen und von den Krawattenhalluzinationen, die mich
sonst verfolgten.
    Manchmal musste ich ihn auch an Lily ausleihen, wenn sie irgendwo besonderen
Eindruck machen wollte, wie bei ihren Teateragenten oder beim Schneider. Die
arme Lily war damals gerade etwas reduziert und brauchte in jeder Beziehung
Kredit.
    Aber sie missbrauchte meine Grossmut - sie telegraphierte dann auch noch
späterhin, ich glaube aus Königsberg oder Stettin: »Schäbige Bande hier - bitte
auf eine Woche Begleitdogge schicken.« Das war zuviel, und ich antwortete:
»Unmöglich - brauche Dogge selbst.« - Und unsere Freundschaft bekam darüber
einen argen Riss.
    Ich hätte ihr ja gerne den Gefallen getan, aber eine ganze Woche - es war
undenkbar, wir waren uns zu unentbehrlich. Er konnte nicht mehr ohne
unglückliche Liebe leben. Lily eignete sich nicht dafür, sie hätte ihn
vielleicht glücklich gemacht, und meine Neigung zu dem Krawattenmann wäre
vorzeitig in Trümmer gegangen, wenn die elegante Begleitdogge nicht mehr an
meiner Seite wandelte.
    Aber über diesen schönen Erinnerungen vergesse ich ganz, worüber ich Sie
denn eigentlich aufklären wollte. Ja, richtig, ich wollte Ihnen
auseinandersetzen, wie sehr der schlechte Ruf zur Korrekteit verpflichtet.
    Manchmal stellt er auch in der entgegengesetzten Richtung Anforderungen, die
ebenso lästig sind.
    Man nimmt es uns förmlich übel, wenn wir uns zu ordentlich benehmen, ärgert
sich, dass wir so durchaus salonfähig sind und die Hoffnung auf ganz besondere
Sensationen nicht erfüllen. - Gehörst du einmal zum Zirkus, so spring durch
Reifen und schlage Purzelbäume - ja, aber wir haben manchmal gar keine Lust, wir
wollen zur Abwechslung auch einmal Zuschauer sein, in der Loge sitzen und
Konversation machen. Hier und da ist es wirklich ein grosses Vergnügen, nur
langweilig und korrekt zu sein.
    Darüber liesse sich noch vieles sagen, aber ein andermal...
 
                                       7
Ihr Brief - mein lieber Freund, wer wollte noch behaupten, dass wir keine Ideale
haben? Zuviel, immer noch zuviel! Ihre Beziehung zu Yvonne - Yvonne, die es gar
nicht gibt - und vielleicht gibt es sie doch und Sie begegnen ihr eines Tages
auf der Treppe.
    Und der fremde Mann? - Er hat eine starke Familienähnlichkeit mit Yvonne,
aber es geht mir besser als Ihnen - es gibt ihn - und ich bin ihm schon öfters
auf der Treppe begegnet.
    O bitte, kommen Sie mir nicht wieder mit der Frau vom Meer - ich kenne das -
sowie man den fremden Mann erwähnt. Aber ich habe keine Sympatie für die Dame,
sie hat es wirklich nicht verstanden. Der richtige fremde Mann verträgt kein
Patos - und wie kann man nur mit dem Gedanken umgehen, ihm zu folgen - ihn
womöglich gar zu heiraten. Und auf der anderen Seite - ihn ganz laufen zu
lassen, um mit einem alten Landarzt glücklich zu werden? Das ist mindestens
ebenso unverzeihlich.
    Überhaupt - der fremde Mann muss in erster Linie ein Gentleman sein, sehr
elegant, sehr comme il faut und mit dem infamen Charme - aber doch um Gottes
willen nicht ein Schiffskapitän mit Zuchtaustendenzen. Es wäre deshalb
eigentlich richtiger zu sagen: der fremde Herr.
    Und er darf niemals zur Beziehung werden, muss in der Versenkung
verschwinden, ehe das in Betracht kommen könnte. Er tut es auch, sonst ist er
eben nicht echt gewesen.
    Etwas davon liegt wohl im ersten Anfang jedes Minnehandels - es ist ja immer
schade, wenn man sich erst kennen- oder gar lieben und schätzen lernt. Aber der
ganz grosse Reiz ist das Erlebnis mit einem Fremden. Ich sitze abends im
Lesezimmer eines Hotels. - Er auch, aber an einem anderen Tisch. - Ich schreibe.
- Er liest. - Er schaut hier und da herüber - ich auch. - Ich weiss gleich, dass
er es ist - er hat den infamen Charme. - Gott sei Dank, er ist echt, denn er
spricht mich nicht an. Er weiss auch, dass ich es bin.
    Eigentlich warte ich auf jemand anders und weiss nicht recht, wie es werden
soll. Aber er weiss es ganz genau und liest ruhig weiter.
    Endlich ruft man mich ans Telefon. Er, der andere, auf den ich warte, kann
heute nicht mehr kommen.
    »Was willst du denn heute abend anfangen?« - »Oh, ich gehe schlafen.« -
»Also dann auf morgen.« - Abläuten...
    Der fremde Herr legt seine Zeitung weg, ganz langsam, ganz ruhig. - Ich gehe
zum Lift - er auch. Das Hotel ist sehr gross, hat sehr viele Stockwerke, ist sehr
überfüllt. - Wir sind beide stehengeblieben, stehen uns gegenüber. - Er ist sehr
hoch, sieht mir von oben herunter in die Augen. - Der Lift gleitet, hält an
jeder Etage und Zwischenetage, denn der Boy ist verschlafen und scheint zu
meinen, dass überall jemand aussteigt. - Wir haben auch das Gefühl, dass der
kleine Raum immer leerer wird, immer einsamer. - Unsere Augen lassen sich nicht
los - der fremde Herr sagt kein Wort, beugt sich langsam zu mir herunter - wir
sehen uns immer noch in die Augen - unsere Lippen finden sich. - Der Lift geht
durch eine ganze Ewigkeit. - Kein Wort wird gesprochen - der Lift hält.
    Und ich mache hier eine Pause, lieber Freund.
    Der Herr im Lift ist der Idealfall - der erfüllte Traum. Nicht immer sind
die Götter so neidlos. Manchmal lernt man ihn auch kennen, sieht sich wieder,
dann ist natürlich alles entwertet. Hat man einmal mit dem fremden Mann
gefrühstückt, so ist der Zauber gebrochen. Dann wird es ein ganz gewöhnliches
Erlebnis.
    Aber ich will Ihnen noch von einer sehr merkwürdigen Ausnahme erzählen - von
einer jahrelangen Beziehung, die immer der fremde Mann blieb. Jahrelang - ja, da
horchen Sie auf - es waren sogar ziemlich viele Jahre, es hat auch eigentlich
nie einen bestimmten Anfang gehabt und hat nie ein definitives Ende genommen.
    Wie und wo wir uns zum erstenmal sahen, gehört nicht hierher - seien Sie
nicht zu neugierig; wenn ich eine uralte Dame mit weissen Haaren bin, erzähle ich
es Ihnen vielleicht einmal, jetzt sicher nicht. Aber die damaligen Umstände
brachten es mit sich, dass er mich nie bei Tage aufsuchen konnte. Auf die Länge
liess sich das natürlich nicht vermeiden, aber dann machte es auch keinen
Eindruck mehr, dass er einen Namen und eine Position im Leben hatte. Er blieb der
fremde Mann. Es war zur Tradition geworden, dass wir jede nähere persönliche
Bekanntschaft, jedes Übergreifen unserer Beziehungen auf unser sonstiges Dasein
vermieden. Und ich muss sagen, dass wir es wirklich verstanden, diese Tradition zu
kultivieren. Unser Verkehr blieb immer zeremoniell, unpersönlich und voller
Distanz. Wir haben uns nie auch nur für einen Moment geduzt, sind nie zusammen
ausgegangen oder dergleichen. Trafen wir uns doch einmal, im Teater oder bei
ähnlichen Gelegenheiten, so grüssten wir uns aus der Ferne. War es nicht zu
vermeiden, so liess er sich mir auch vorstellen, und wir wechselten einige
höfliche Redensarten.
    Er hatte immer meine Adresse und meine Schlüssel, bei jedem Wechsel meiner
Wohnung oder meiner Lebenslage verfehlte ich nicht, ihm diese beiden Dinge
zuzustellen. (Sie können sich wohl denken, dass seine Schlüsselsammlung mit der
Zeit beträchtlich angewachsen ist.)
    Er meldete sein Erscheinen durch ein Billett oder Telegramm - dann war ich
immer für ihn zu Hause. Und darin bewies er seine wahrhaft antike Seelengrösse:
wie und wo er mich auch im Lauf der Zeiten aufgesucht und gefunden hat, ob in
einer eigenen Wohnung, im Hotel oder einer gänzlich improvisierten Umgebung - er
verzog nie eine Miene, wunderte sich nie, fragte nie - erschien zu den spätesten
und unwahrscheinlichsten Stunden - immer korrekt, immer fremder Herr. Und ging
ebenso wieder fort, ehe der graue Alltag das Leben wieder wahrscheinlich machte.
    Manchmal kam er auch erst gegen Morgen, wenn ich längst schlief, stand auf
einmal mit dem Zylinder in der Hand da - das schätzte ich ganz besonders. - Oder
ich glaubte nur von ihm geträumt zu haben und fand dann beim Aufwachen Blumen,
die nur von ihm sein konnten - er brachte immer Blumen mit. Solche Erinnerungen
liebe ich sehr - auch noch manche andere - wenn wir in der Morgendämmerung am
Fenster Kaffee tranken und uns korrekt und gebildet unterhielten. Wenn er dann
die Strasse entlang ging, sah ich ihm nach, und es hatte so viel Reiz, gar keine
greifbare Vorstellung von seinem Leben zu haben, keine Ahnung von seiner
Umgebung, nicht zu wissen, mit was für Menschen er verkehrt und wie er mit ihnen
ist.
    Andere Frauen - das hat mich eigentlich nie interessiert. Ich habe späterhin
aus verschiedenen Andeutungen kombiniert, dass er eine himmlische Liebe hatte,
eine sehr unglückliche. Bei anderen Männern habe ich das manchmal etwas dumm
gefunden, aber bei ihm hatte es viel Charme und gab eine düstere Nuance, die ihm
gut stand.
    Übrigens verloren wir uns zeitweise ganz aus den Augen, er machte öfters
lange Reisen, und ich war ja immer viel unterwegs. Ich habe dann auch kaum an
ihn gedacht - ob er an mich dachte, weiss ich nicht. Aber wenn wir uns beide nach
M... zurückfanden, war wieder alles wie vorher. Nur gehörte es unverbrüchlich zu
unserer Tradition, dass wir in der Silvesternacht zusammenkamen, denn der 31.
Dezember war der Ausgangspunkt unserer Beziehungen gewesen. Mit oder ohne
Verabredung, ich wusste, dass er dann kommen würde; und meine sonstigen Bekannten
haben sich immer gewundert, warum ich bei jeder Neujahrsfeier geheimnisvoll vom
Schauplatz verschwand, sobald es zwölf Uhr geschlagen hatte.
    Doch am Ende die grosse Leidenschaft, die Sie in meinem Dasein so schmerzlich
vermissen und die immer noch entdeckt werden soll? - Gott bewahre, gerade zur
Zeit der glücklichsten und intensivsten Lieben schätze ich ihn am meisten und
hatte förmlich Sehnsucht nach ihm, wenn ich ihn lange nicht sah. Und war er
zeitweilig nicht vorhanden, so wurde ich auch gegen die anderen kühler.
    Töricht genug von den anderen, dass sie samt und sonders eine starke
Abneigung gegen den grossen Unbekannten hatten und nie begreifen wollten, dass
Eifersucht in diesem Fall ganz sinnlos war.
    Ja, lieber Freund, der fremde Mann ist ein inhaltsschweres Kapitel in meinem
Leben und eines, das ich immer gerne wieder lese - aber nicht alle dürfen dabei
mit ins Buch sehen wie Sie. Wenn Sie es doch nur einmal anerkennen wollten, wie
sehr ich Sie verwöhne.
 
                                       8
Also auch Sie, Brutus - neigen zu eifersüchtigen Betrachtungen, wenn Sie des
fremden Mannes gedenken. Wie dumm von Ihnen - Verzeihung für das harte Wort,
aber ich bin so daran gewöhnt, dass Sie immer intelligent sind.
    Vielleicht kann ich auch darüber nicht mitreden, ich habe kein oder sehr
wenig Organ für Eifersucht - das ist mir schon häufig wie ein schwerer Defekt
vorgehalten worden.
    »Dann haben Sie noch nie wirklich geliebt« - wie oft habe ich das zu hören
bekommen - und nichts darauf geantwortet. A quoi bon? - Das weiss doch nur Gott
allein.
    Richtiger gesagt wäre wohl: nie lange genug geliebt. Für mich dauert jede
Liebe, auch die ganz ernstafte, nur so lange, wie ich eben die stärkste
Attraktion für den in Frage kommenden Mann bin. Dann hört sie ganz von selbst
auf. Und dass er meine Hauptattraktion war, ist immer schon vorher zu Ende
gewesen. Auch habe ich nie das Verlangen gehabt, einen Menschen ganz zu besitzen
oder ihn über Gebühr festzuhalten. Dazu ist das Leben zu kurz. Und wer mich
festalten wollte - es kam hier und da vor - ist niemals sehr zufrieden mit dem
Erfolg gewesen.
    Meine Unbeständigkeit ist also eigentlich ein schöner und altruistischer
Zug, es macht mir gar kein Vergnügen, anderen Leiden zu verursachen.
    Ebensowenig gereicht es mir zur Freude, wenn man mich mit Eifersucht plagt,
ich habe nie recht begriffen, warum die Menschheit diese unangenehmen Emotionen
so kultiviert. - Treue ist vielleicht eine besondere Begabung, ein Talent. Wie
kann man Talent von jemand verlangen, der es nicht hat? Aber ich meine, es lässt
sich durch Takt und Diskretion ersetzen.
    Es ist doch jedesmal etwas anderes, was uns zu den verschiedenen Menschen
hinzieht: der fremde Mann ist tiefe Sensation ohne Gemütsbeteiligung - ein
anderer geht ans Herz und weckt wahres Gefühl - ein junger Knabe lockt uns zu
einem romantischen Frühlingserlebnis - dann gibt es wieder jemand, mit dem man
sich nur amüsiert, oder es läuft zufällig und geschwind irgendein heiteres
Abenteuer über den Weg... Doktor, ich kann Ihnen beim besten Willen nicht alle
die vielen bunten Möglichkeiten an den Fingern herzählen, aber Sie werden
zugeben, dass sie sich schwerlich in einem einzelnen Menschen beisammenfinden.
Und im Leben lassen sie sich auch nicht so hübsch der Reihe nach anordnen. Es
gerät immer alles durcheinander.
    Sie haben mir einmal einen Vortrag über typische Erlebnisse gehalten. Ich
glaube, der andere, die anderen sind von jeher mein typisches Erlebnis gewesen.
Und deshalb kam ich nie dazu, einem treu zu bleiben. Schon allein der fremde
Mann hat es auch in den stabilsten Zeiten unmöglich gemacht.
    Ein harmloses Beispiel:
    A... holt mich ab, zu irgendeiner Unternehmung. B..., der mich auch abholen
will, kommt dazu. Wir gehen also alle drei miteinander. Zu merken: ich stehe
beiden noch ganz unbescholten gegenüber. - In bezug auf A... habe ich meine
Vermutungen - er lädt mich denn auch auf übermorgen ein, aber es interessiert
mich einstweilen noch nicht besonders. B... begleitet mich heim - ich habe gar
keine Vorahnungen, aber es folgt une de ces heures und so weiter... und dann
natürlich auch eine Verabredung auf übermorgen.
    Der Abend mit A... geht in Szene und endigt schicksalsvoll, wir verlieben
uns heftig und auf Dauersache. Ich fühle auch gar kein Verlangen, ihn gleich von
vornherein zu hintergehen, aber ich habe B... auch sehr gerne und würde es
ungerecht finden, ihn nun umgehend wieder zu versetzen. Wie peinlich ausserdem,
ihm beim ersten Rendezvous zu sagen: ich habe mich gestern in A... verliebt -
leben Sie wohl!
    Am meisten Kopfzerbrechen hat mir die Frage gemacht, welcher von ihnen nun
eigentlich der andere war.
    Und das ist immerhin noch ein einfacher Fall, die Sache kann auch
komplizierter liegen.
    Nein, guter Freund, es ist, weiss Gott, nicht immer leicht, seinen erotischen
Verpflichtungen nachzukommen. Monogamie und Treue sind sicher eine grosse
Vereinfachung des Problems.
    Sie möchten wissen, was es mit der irdischen und himmlischen Liebe für eine
Bewandtnis hat. Es ist eine häufige Erscheinung - ich kenne mehr als einen Mann,
in dessen Liebesleben diese sinnige und zweckmässige Zweiteilung eine Rolle
spielt. Ob sie auch bei Frauen vorkommt, weiss ich nicht. Von Frauen weiss man
überhaupt sehr wenig, wenn man selber eine ist.
    Die himmlische ist natürlich ein Wesen, das weit über allen anderen steht
und das er aus irgendwelchen Gründen nicht in realere Sphären hinabziehen kann
oder will - so etwa, was man eine Lichtgestalt nennt. Es gehört dazu, dass sie
für ihn und sein irdisches Treiben die nötige Auffassung hat, er darf
schuldbeladen zu ihr kommen und fühlt sich durch ihr Verstehen entsühnt. Das
haben ja manche Männer gern.
    Die irdische ist - nun, einfach eine Frau, mit der man intim liiert ist. Vor
allem muss sie einer Bedingung entsprechen: sie darf ihn nicht ganz für sich
haben wollen und nicht neugierig auf die himmlische sein.
    Es ist auch überflüssig, denn er ist manchmal innerlich zerrissen, und dann
erzählt er aus eigenem Antrieb von ihr. Man tut am besten, ergriffen zu
schweigen.
    Die irdische Liebe kann natürlich wechseln, die himmlische bleibt im
allgemeinen dieselbe. Ich bin, soweit ich mich erinnern kann, immer nur die
irdische gewesen. Man hat mir erzählt, dass die irdische manchmal sehr böse wird,
weil die andere ihm in seelischer Beziehung mehr bedeutet. Ach du liebe Zeit,
seelische Eifersucht ist nun vollends nicht meine Sache. Man lasse doch seine
Seele unvermählt! - Im Gegenteil, man denkt nicht ohne Vergnügen, die himmlische
hätte allen Grund eifersüchtig zu sein. Sie ist es auch gewiss.
    Die himmlische Liebe ist meistens eine verheiratete Frau. Entweder ist sie
mit ihrem Mann nicht glücklich geworden und hat dann erst den anderen
kennengelernt. Oder sie kannten und liebten sich schon vorher, und aus einem
oder dem anderen zwingenden Grunde hat sie ihn nicht geheiratet. Die beste
Konstellation ist, wenn sie sich erst zu spät darüber klar wurden, dass sie für
einander geschaffen waren - überhaupt irgendein unseliges: zu spät, das nun
seinen Schatten auf beider Leben wirft.
    Manchmal - seltener - ist es auch ein junges Mädchen, das er später einmal
heiraten will.
    Die mit der himmlischen Liebe sind also eigentlich die monogamen Männer oder
solche, die es werden möchten.
    Sie vertiefen sich mit grossem Interesse in das Leben der unmonogamen Frau
und zittern in dem Gedanken, die himmlische Liebe könne auch einmal ähnlich
empfinden.
    Teurer Freund, ich renommiere gerne damit, dass man mich niemals versetzt
hat, aber bei dieser Gelegenheit fällt mir aufs Herz, dass mein blanker Schild
doch wohl einen Flecken aufzuweisen hat. Einmal - ja, einmal hat eine himmlische
Liebe mich zu Fall gebracht. Sie war zu stark, und er fühlte sich dem Zwiespalt
nicht mehr gewachsen, konnte mir nicht länger angehören, weil er immer an diese
Frau dachte, die ihm nie angehören würde.
    Das teilte er mir sehr betrübt mit, und für mein einfaches Gemüt war es
entschieden zu kompliziert. Ich gab mir alle Mühe, es tragisch zu nehmen, denn
ich hatte ihn sehr gern, aber ich empfand im Grunde doch nur etwas Ähnliches
wie: Guter Junge! es regnet! - Und als ich ihn nach einiger Zeit wiedersah,
konnte ich ihn nicht mehr ausstehen, er fiel mir nur noch auf die Nerven. -
Halten Sie es für möglich, dass das am Ende doch Eifersucht war?
 
                                       9
Mir geht es ebenso, lieber Doktor - weder Ihnen noch mir selbst weiss ich das
Rätsel zu lösen, warum ich so lange in der Regenstadt hängengeblieben bin.
    Ich konnte mich einfach nicht wieder fortfinden. Das passiert mir eben hier
und da. - Es war so von Herzen langweilig, immer dieselben grauen Strassen,
dieselben beschaulichen Nachmittagsstunden in unserem Tea-room vor dem Kamin -
immer dieselben Menschen - nein, das stimmt nicht ganz, es waren auch manchmal
andere. Aber gerade in all dieser grauen Langeweile lag etwas, wovon ich mich
nicht trennen konnte - etwas von Abgeschiedenheit und Klosterfrieden.
    Ja, das war es wohl - ich habe es so oft bedauert, dass es nicht mehr Mode
ist, von Zeit zu Zeit ins Kloster zu gehen und eine Retraite zu machen wie in
früheren Zeiten. Denken Sie, wie schön es sein muss, wenn man müde vom sündigen
Welttreiben, tief verschleiert und in tiefes Schwarz gekleidet, aus dem Wagen
steigt, an der Klosterpforte läutet und von einer milden Äbtissin empfangen wird
- um ein paar Wochen gründlich auszuschlafen.
    Die Regenstadt war so eine Art Retraite für mich - wenigstens in den letzten
Wochen. Aber jetzt hat sie lange genug gedauert - ich bekomme manchmal
sentimentalische Anwandlungen.
    So verfolgt mich dieser Tage ein Vers - in meiner Backfischzeit schrieb ein
Onkel, den ich sehr liebte, ihn mir ins Stammbuch:
Stehe aufrecht an dem Steuer -
Mit dem Schiff lass spielen Wind und Wellen -
Wind und Wellen nicht mit deinem Herzen -
und darunter: einer, der dich kennt.
    Mir scheint, der Onkel hat mich doch nicht sehr gut gekannt, sonst hätte er
sich die Mahnung wohl von vornherein sparen können. - Wind und Wellen haben seit
damals ganz erheblich sowohl mit dem Schiff als auch mit dem Herzen gespielt -
und das Steuer - ich fürchte, es war überhaupt eine überflüssige Einrichtung,
ich habe nie versucht, es in Tätigkeit zu setzen.
    Auch jetzt schwanke ich wieder einmal, wohin die Fahrt gehen soll. Manchmal
hatte ich schon beinahe Lust, in die heimischen Gefilde zurückzukehren.
Natürlich vor allem, um Sie durch meine Nähe zu beglücken. Aber Sie wissen ja,
ich habe die schlechte Gewohnheit, bei jeder Abreise meine jeweilige Daseinsform
aufs gründlichste aufzulösen, und muss mich dann bei der Rückkehr von neuem
etablieren. Dazu bin ich jetzt nicht aufgelegt - absolut nicht.
    Wissen Sie auch, Doktor, dass es verschiedene Heimwehs gibt? Eines nach der
wirklichen Heimat, vorausgesetzt, dass man eine gehabt hat - das ist recht
zwecklos und gibt sich auch mit der Zeit. Dann ein Gewohnheitsheimweh, nach dem
Ort oder den Orten, wo man länger gelebt hat. Und schliesslich ein ganz starkes
nach der Fremde, nach Eisenbahnen, Dampfschiffen, fremden Sprachen, Koffern und
Hotels.
    Ich weiss, wenn das alles wieder um mich ist, fühle ich mich zu Hause, und zu
Hause ohne alle Sentimentalität.
    Kurz, lieber Freund, dahin steht jetzt mein Verlangen. Die bekannte innere
Stimme rät mir dringend ab, es wieder mit einem Wohnort zu versuchen. Wohnorte
eignen sich doch nie recht für mich, und ich eigne mich nicht für die Wohnorte,
es gibt also nur Konflikte. Ich glaube, mir kommt alles im Leben immer zu
provisorisch vor, und ich nehme es dann auch zu sehr in diesem Sinne. Vielleicht
bin ich selbst eben nur provisorisch gedacht, nur entworfen. Es will mir
manchmal so scheinen.
    Aber es ist wirklich zum Gottserbarmen, was ich da heute zusammenschreibe,
und es wird besser sein, ich höre auf.
    Machen Sie sich deshalb um meinen Gemütszustand keine Sorge, es ist wohl nur
die lange Retraite und der Abschied von der nassen Stadt, was mich so
nachdenklich stimmt.
    Und trösten Sie sich, lieber Freund, dass ich einstweilen noch nicht auf der
Bildfläche erscheine - vielleicht finden Sie inzwischen Yvonne - und wenn Sie
gar nichts finden - kommen Sie mir nach.
 
                                       10
Nun bin ich fort - die Regenstadt liegt in weiter Ferne, die Klosterpforte hat
sich hinter mir geschlossen, bis zur nächsten Retraite - die Äbtissin... die
Äbtissin war sehr liebenswürdig und hofft - machen wir drei Kreuze hinter ihre
Hoffnungen.
    Bahnhöfe und Hotelzimmer - ich bin sehr glücklich. Ein unschätzbares Gefühl:
nicht hier und nicht da, sondern einfach fort zu sein.
Dass ich den ersten Brief aus Venedig schreibe - Kopfschütteln Ihrerseits -
Venedig? - Was wollen Sie, mein Freund; wieder einmal Schicksal, wieder einmal
typisches Erlebnis.
    Nein, ich wollte auch gar nicht hierher, aber wenn ich nach Italien gehe,
will ich regelmässig nicht nach Venedig und komme regelmässig doch hin. Erinnern
Sie sich noch an das letzte Mal, als ich unerwartet und reisefertig zu Ihnen
hinaufkam und Ihnen kundtat, ich müsse auf zwei Tage nach Brindisi fahren? Es
handelte sich um ein längstersehntes Wiedersehen, und das liess sich durchaus
nicht anders arrangieren als eben in Brindisi. Es sollte auch sonst niemand
darum wissen, aber an der Bahn traf ich einen entfernten Bekannten, der in
denselben Zug stieg. Tags zuvor hatte ich ihm mit vieler Mühe vorgeschwindelt,
ich wollte nach Berlin fahren. - Nun fuhren wir zusammen bis Verona, und es half
mir nichts - zur Strafe für den Schwindel musste ich ihm versprechen: auf der
Rückreise einen Tag Venedig.
    An diese Reise denke ich heute noch mit Vergnügen. Italien und ich flogen so
einander vorbei, es hat mir noch nie so gut gefallen. Den Tag im Coupe, die
Nacht im Schlafwagen - ein paar Stunden Rom, ein paar in Neapel, vierundzwanzig
Stunden in dem gottverlassenen Brindisi - gerade genug für Wiedersehen und
Abschied. Dann wieder Eisenbahn, Eisenbahn - übernächtig, glücklich und etwas
wehmütig - irgendwann um Mitternacht in Venedig - auf dem Kanal, auf dem
Markusplatz, im Hotel - mit dem entfernten Bekannten.
    Genau sechs Tage nach der Abfahrt sass ich wieder bei Ihnen und hab' Ihnen
zur Strafe recht wenig erzählt. Denn Sie mokierten sich weidlich über meinen
Ritt ins romantische Land und hatten allerlei schwarze Verdächtigungen. Dass ich
wirklich aus alter Treue - in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als
in der neuen - in Brindisi war, daran glauben Sie ja noch heute nicht.
    Und diesmal geschieht Ihnen ganz recht, dass es nicht viel zu erzählen gibt -
es ist kaum der Rede wert - nur die harmlose Geschichte vom roten Faden, die
Ihre Sensationslust hoffentlich etwas enttäuscht.
    Die Geschichte vom roten Faden handelt nämlich nur von einem Erlebnis, das
nie zustande kam.
    Ich muss etwas ausholen, denn die Anfänge der Begebenheit liegen schon um
einige Jahre zurück, aber ich will es so kurz wie möglich machen.
    Wir waren damals, was man einen animierten Kreis nennt, und S..., der Held
meiner Geschichte, gehörte mit zu diesem Kreise. Ein Freund von ihm war mein
sehr guter Freund, mit dem ich gerade auf Reisen gehen wollte. Man war noch
mitten in den Flitterwochen. Wir brauchten volle zwei Monate, um endlich
fortzukommen, derweil lebten und wohnten wir zwischen unzähligen Koffern, die
immer wieder aus- und eingepackt wurden, zwischen Flinten, Sattelzeug und
wissenschaftlichen Apparaten, die uns alle begleiten sollten, und feierten
unaufhörlich Abschiedsfeste, denn jeder Tag konnte der letzte sein. Es war eine
beständige Konfusion von Wohnungen, Hausschlüsseln und improvisierten
Nachtquartieren, woraus sich viele schwierige und heitere Situationen und eine
angenehm sündhafte Atmosphäre ergaben. Wir - S... und ich - waren uns von Anfang
an sympatisch und flirteten weidlich miteinander; aber ganz in Ehren, der
Sachlage angemessen. Man blinzelte sich gewissermassen zu: jetzt nicht, aber
vielleicht später einmal.
    Und dieses: später einmal - bildet den Inhalt der ganzen Historie. Ich ging
auf Reisen und kam wieder zurück, man sah sich wieder, und inzwischen war
verschiedenes anders geworden. S... und ich setzten uns ins Einvernehmen, dass
jetzt der Moment gekommen sein dürfte. - Aber es sollte nicht sein. Ich weiss
nicht, wie oft wir schon beisammen sassen und trauliche Zwiesprache pflogen -
jedesmal gab es eine gänzlich unvorhergesehene Unterbrechung. Wir gaben uns
Rendezvous, duzten uns auch einmal schon acht Tage lang - immer wieder kam etwas
dazwischen. Wir hatten schliesslich das Gefühl, als ob das Schicksal - meines
oder seines - uns durch Detektive überwachen liesse, die pünktlich im gegebenen
Moment uns die Hand auf die Schulter legten: bis hierher und nicht weiter.
    Ich erinnere mich vor allem an einen Abend, wo er siegesfroh bei mir zum
Souper erschien. Wir waren beide etwas verlegen und dachten:... ja... nun...
Aber es klingelte, und eine Freundin kam - ebenfalls mit Souperabsichten. Das
wäre ja an sich noch nicht so schlimm gewesen - wir soupierten also zu dreien
mit vieler Heiterkeit. S... wollte sie dann heimbegleiten - ein Blick: ich komme
wieder...
    Fünf Minuten später kamen alle beide die Treppe wieder herauf - der
Schlüssel war in der Haustür abgebrochen. Es gab also wieder einmal
Nachtquartier in der Mehrzahl, das die ironische Vorsehung schon so oft über uns
verhängt hatte. Gute Miene und böses Spiel, denn die räumlichen Verhältnisse
ermöglichten wohl eine pikante Situation zu dreien, verwehrten aber jedes
tete-a-tete. Nie vergesse ich den schmerzlichen Zug um seine Lippen, als er
morgens beim Abschied sagte: ich möchte wissen, in welcher Konstellation wir das
nächste Mal übernachten werden.
    Aber es blieb bei dieser letzten, denn ich verreiste bald darauf und er
verlobte sich - heiratete - war recht unglücklich in seiner Ehe und liess sich
wieder scheiden. Unsere Wege trennten sich, kreuzten sich hier und da wieder,
wir blieben immer irgendwie in freundschaftlichem Kontakt, und es bildete sich
allmählich die Tradition heraus, dass S... in angemessenen Zwischenräumen bei mir
anfragte, ob mein Herz und meine Hand - sei es auch nur die Linke - zurzeit
verfügbar sei.
    Aber jedesmal, wenn er in zierlichen Redewendungen seinen Antrag stellte,
waren Herz und Hand schon anderweitig in Anspruch genommen. - »Warum kommen Sie
gerade jetzt? - Dienstag vor vierzehn Tagen...« Und war bei mir eine Vakanz, die
ich gern vergeben hätte, so war er gerade in Spanien, um irgendeinen alten
Meister zu entdecken, oder ging ernstlich damit um, ein junges Mädchen aus guter
Familie zu heiraten. Das letztemal, als wir uns zufällig in Berlin trafen,
meinte er förmlich erbittert: es sei allmählich höchste Zeit, dass diese
Angelegenheit, die sich nun schon so lange wie ein roter Faden durch unser
beider Leben ziehe, einmal ausgetragen würde. Von jetzt an sei es an mir, den
Wink zu geben. Wir haben dann ausgemacht, dass ich ihm, wenn der geeignete
Zeitpunkt käme, einen roten Faden zuschicken sollte.
    Zwei oder drei Monate später lag der rote Faden bereit - es war sogar eine
schöne, dicke seidene Schnur - er lag schon kuvertiert in meinem Schreibtisch,
und es war nur Bummelei, dass ich ihn noch nicht abgeschickt hatte - da bekam ich
wieder eine Verlobungsanzeige von Freund S...
    Am Vorabend seiner Hochzeit habe ich ihm den roten Faden in die Hand
gedrückt, und wir haben beide heiter und herbstlich dazu gelächelt.
    Letzten Winter hörte ich, dass er noch einmal wieder von der Ehe Abschied
nehmen wollte - ja, und vor ungefähr acht Tagen kam ein Brief aus Venedig - in
dem Brief lag meine rote Seidenschnur...
    Voila - Freund und Doktor, das Weitere werden Sie nie erfahren - machen Sie
sich keine Hoffnung. Bedenken Sie, dass die Lösung ja in jedem Fall banal
ausfallen muss.
    Legt die Vorsehung wieder ihr Veto ein, so wird es langweilig. Drückt sie
aber diesmal ein Auge zu, so verliert die Geschichte vom roten Faden erst recht
ihren Reiz.
 
                                       11
Falsch geraten - ich bin in Rom, und S... ist nach Norwegen gefahren.
    Ein hoffnungsloser Fall - der arme Kerl strebt im Grunde seines Herzens doch
nur danach, wieder zu heiraten. Für seine Bekannten ist ein Trost dabei: er ist
immer am nettesten, wenn er eben eine Scheidung hinter sich hat. Das wirkt auf
seinen inneren Menschen wie eine Art Wiedergeburt - aber es ist halt doch etwas
umständlich.
    Nun beschäftigt er sich neuerdings mit Rassenteorie und meint, an seinen
bisherigen Fehl-Ehen sei vor allem die schlechte Rasse seiner Gefährtinnen
schuld gewesen. Ja, und deshalb will er jetzt die reinrassigen nordischen Frauen
näher studieren.
    Wir sassen den letzten venezianischen Nachmittag am Markusplatz beim
Eiskaffee und erwogen voller Wehmut, was geschehen wäre, wenn wir beiden uns
doch damals am Anfang unserer Bekanntschaft geheiratet hätten. Vielleicht wollte
die Vorsehung nur darauf hinaus und hat unserer illegalen Neigung deshalb so
viele Steine in den Weg gelegt, wer kann es sagen? Und wäre ich jetzt seine
geschiedene Frau - rechnete er mit Bedauern aus -, so verfügte er doch
wenigstens über eine kleine Rente, während er unter den obwaltenden
Verhältnissen leider herzlich wenig für mich tun könnte. Kurz, er zeigte sich
recht besorgt um meine finanzielle Gegenwart und Zukunft, gab mir viele gute
Ratschläge und machte mich noch telegraphisch mit einem seiner vielen und
merkwürdigen Auslandsfreunde bekannt, der gerade in Rom ist und mich denn auch
mit fürstlichen Ehren empfangen hat. Man nennt ihn einfachheitshalber den
Sizilianer, weil er meist in Sizilien lebt und seine Nationalität etwas
verwickelt ist. Er ist in Madagaskar geboren, aber ich glaube, aus spanischer
Fanlilie, also immerhin reizvoll international - gebrochenes Deutsch - nun, man
wird ja sehen.
    Ich gestehe Ihnen offen, manches von dem, was S... mir sagte, ist mir
wirklich zu Herzen gegangen. Er erklärte es für geradezu unverantwortlich, dass
ich immer noch keine ernstlichen Schritte getan, um mich zu rangieren.
    Er hat recht, und ich habe es mir ja selbst ja auch schon hundertmal gesagt
- und Sie - und verschiedene andere.
    Ein schwieriger Punkt - ich kann das Gerede von Problemen sonst nicht
ausstehen - es sind ja fast nie welche - aber diese Sache erkenne ich an, als
Problem, als alles, was Sie nur wollen.
    Ganz sicher: es ist immer empörend für eine Frau, wenn das äussere Dasein
sich nicht angenehm und schmerzlos abwickelt. Einmal hat ja doch jede - jede den
angeborenen Hang zu Wohlleben und Bequemlichkeit, auch wenn sie's nicht
wahrhaben will oder sich's nicht leisten kann. Und dann tut es auch der
Eitelkeit weh: Frau in Geldschwierigkeiten ist immer wie ein Bild, das schlecht
gerahmt ist und am unrechten Platz hängt.
    Teurer Doktor, da wir nun doch einmal von mir reden - seit ich aus meinem
wertvollen alten Familienrahmen entfernt wurde, hat mir wohl keiner mehr gepasst.
Mancher war recht gut, mancher wieder sehr mittelmässig, und es gab auch Zeiten,
wo das Bild nur mit Reissnägeln an die Wand geheftet war.
    Ja, ja - und wie S... mir auch wieder vorhielt - ich hätte alle möglichen
Chancen haben können. Aber was wollen Sie? - die legitimen? Gott soll mich
bewahren - und er hat mich bewahrt. Wenn ich eine gute Partie machen konnte,
hatte ich immer gerade keine Lust zu heiraten, und das eine Mal, wo ich dann
doch heiratete, wurde der Mann erst eine gute Partie, als ich schon wieder über
alle Berge war (Sie wissen ja, wie lange meine Ehe gedauert hat). Jetzt hat er
eine glänzende Stellung, und ich hätte sie auch. Aber was täte ich damit? Ach,
und der Mann liebte mich - in der Ehe könnte ich das auf die Länge nicht
aushalten. Höchstens eine Distanzehe mit sehr viel Geld, so dass jeder seinen
eigenen Flügel bewohnte, seinen eigenen Train und seinen Verkehr für sich hätte.
Zu den Mahlzeiten träfe man sich in grosser Toilette und mit vielem Zeremoniell,
will er mich ausserdem noch sehen, so lässt er sich durch seinen Kammerdiener
melden:
    Der gnädige Herr lässt fragen, ob sein Besuch heute abend angenehm wäre? -
Der gnädige Herr ist immer willkommen.
    Habe ich Gäste, die sich für ihn eignen, so lade ich ihn ein. Seine Stellung
als Hausherr wird dann natürlich betont, er dürfte nie kompromittiert werden -
kompromittierter Ehemann ist geschmacklos und unmöglich. Und hat er Besuch, so
mache ich auf Wunsch in seinen Räumen die Honneurs.
    Das wäre die einzige Möglichkeit, auf die ich heiraten möchte - schade,
schade, dass Sie nicht Geld genug haben, wir könnten es vielleicht versuchen. -
Ich habe auch sicher in einem früheren Leben schon eine solche Ehe geführt, mir
kommen alle Details so durchaus vertraut vor, auch die Art der Beziehungen und
das Wesen des Eheherrn. Aber kehren wir zu unseren moutons zurück - die
illegitimen Chancen? - sehen Sie, unsere Freunde denken im allgemeinen, wir
täten uns so leicht damit - man brauchte nur zu wollen, so hätte man, was man
wollte.
    Nein, ich glaube, auf diesem Gebiet spielt der Zufall uns so willkürlich mit
wie auf keinem anderen. Männer, die uns finanzieren wollen, gibt es genug, aber
solche, die angenehm und dauernd finanzieren, dabei sympatisch oder wenigstens
erträglich sind, nicht zuviel persönliche Ansprüche stellen und uns nicht plagen
- ich fürchte, die muss man mehr oder weniger als seltenen Glücksfall betrachten.
Meine besten Utilitätsbeziehungen oder die es werden wollten, waren fast immer
Leute, die ich von vornherein oder nach kurzer Zeit nicht mehr ausstehen mochte.
In günstigeren Fällen standen sie gerade erst im Begriff reich zu werden - man
hätte warten und ausdauern müssen - oder sie hatten eben ihr Vermögen verloren.
(Ich hoffe, Sie werden endlich einsehen, dass ich eigentlich doch ungemein
wählerisch bin.)
    Wie oft habe ich mir gesagt: liebes Kind, es muss nun einmal sein... der
Ernst des Lebens... Schulaufgaben müssen gemacht werden, sonst gibt es kein
Dessert... Aber ich habe weder als Kind noch später den nötigen Eifer für meine
Schulaufgaben gehabt, es war immer etwas anderes da, was mich gerade mehr
lockte.
    Wenn man auf diesem Wege Karriere machen will und nicht ganz besonderen
Dusel hat, muss man vor allem eiserne Nerven und eiserne Ausdauer haben. Und, wie
beim Teater, möglichst früh anfangen, damit die Schattenseiten des Metiers zur
Gewohnheit werden. Hat man sich erst daran gewöhnt zu tun und zu lassen, was man
eben gerne tun und lassen möchte, ja, dann ist man zu verwöhnt. L'art pour l'art
ist sicher schöner, erfreulicher, aber unrentabel.
    Nerven und Ausdauer, also im Grunde etwa dieselben Qualitäten wie für die
Ehe. Stellen Sie sich eine Dauersache mit Finanzhintergrund vor - auf einmal hat
man keine Lust mehr, möchte ich ihn eine Zeitlang nicht mehr sehen - aber er
kommt unweigerlich zwei Abende in der Woche, will einen womöglich zwischendurch
noch sehen. Oder es gefällt einem plötzlich jemand anders - finanzielle
Dauersachen sind noch eifersüchtiger als der verheiratete Gatte. Manchmal lieben
sie uns auch wirklich - sogar die Seele.
    Und verschiedene a tempo - sehr unbequem! Sobald die Männer Geld hergeben,
sind sie viel scharfsichtiger und wissen besser Bescheid über Einkaufspreise:
Jeder ahnt den anderen: Woher die indische Decke? - oder der Pelz oder sonst
irgend etwas.
    Man müsste denn schon eine offizielle Persönlichkeit sein - nur so oder mit
Nebenberuf - etwas Tanzendes, Singendes, Springendes. Das schwächt die
Eifersucht ab, weil man damit renommieren kann: die Soundso? Aha - kenne ich
auch!
    Und ein Beruf, wäre er auch noch so lustig - wir wissen es beide, lieber
Doktor - selbst wenn der Himmel mir die schönsten Talente in die Wiege gelegt
hätte, die Ausdauer ist nun einmal vergessen worden, und ohne die geht es in
keiner Branche.
    Übrigens habe ich immer wieder die Beobachtung gemacht, dass die Mädchen, die
aus unteren Schichten heraufkommen, viel energischer und zielbewusster danach
streben, Karriere zu machen. Sie wollen um jeden Preis nach oben kommen und
reüssieren deshalb auch viel eher. Wir anderen - ich zum Beispiel, bin sehr
verwöhnt aufgewachsen, die äusseren Annehmlichkeiten waren einfach da und
erschienen mir nie als etwas Ausserordentliches. Das bleibt im Gefühl - hätte ich
von heute auf morgen Haus und Hof, Equipage, Dienerschaft und so weiter - es
würde mir nur selbstverständlich vorkommen. Ist es nicht vorhanden, so empfinde
ich das eigentlich wieder nur als einen provisorischen unangenehmen Zustand. Hat
man den Zug verpasst, so muss man halt auf irgendeiner mesquinen kleinen Station
warten, aber man identifiziert sich deshalb noch nicht mit ihr.
    Ich fürchte überhaupt, die gute Erziehung, das Aufwachsen in einer
erstklassigen Umgebung (sehen Sie, wie ich mich in die Brust werfe)
beeinträchtigt die Entwicklung der praktischen und kaufmännischen Instinkte sehr
stark. Man empfindet es immer als widersinnig, dass die Existenzfrage sich nicht
ganz von selbst erledigt. Ich bin überzeugt, dass keiner meiner näheren
Standesgenossen imstande ist, einen Kursbericht zu verstehen; kommt er einmal
auf den Gedanken zu spekulieren, so lässt er es eben durch seinen Bankier machen.
Und als Frau - sollte man zumindest einen Impresario haben, dann wäre es schon
eine andere Sache. Aber dieses Amt übernimmt wieder kein Mann, der etwas auf
sich hält. - Man müsste - man sollte - ich weiss schon, mein Lieber, Sie haben
Ihre Freude daran, wenn ich auf dem Diwan liege und aus tiefster Seele sage: man
sollte eigentlich... und doch um keinen Preis aufstehen würde, um das, was man
eigentlich sollte, in Angriff zu nehmen...
 
                                       12
Nicht so ungeduldig, mein Freund - ich weiss sehr wohl, dass es sich gehört,
Briefe fertig zu schreiben, aber das Leben nahm mir die Feder aus der Hand, und
ich war seiter nicht in Teestimmung. So hab' ich ihn als Fragment abgeschickt,
um Sie nicht länger warten zu lassen; und ich denke, für ein Fragment war er
lang genug. Heute würde ich nun wohl schwerlich den Faden wiederfinden, wenn Sie
ihn mir nicht so liebenswürdig zugereicht hätten. Das Tema scheint Sie beinah
mehr zu interessieren als mich selbst, ich möchte wissen warum. Es sieht fast so
aus, als könnten Sie die Zeit nicht erwarten, wo Sie an meiner Seite Viere lang
fahren werden. Es wäre auch sicher sehr hübsch, aber einstweilen gefällt es mir
noch ganz gut, hier und da in ein fremdes Auto einzusteigen und so weit
mitzufahren, wie ich gerade Lust habe. Ist keines da, so läuft man zu Fuss und
flucht oder amüsiert sich darüber - je nachdem.
    Gott ja - das berühmte Tema - teurer Doktor, bitte, verwechseln Sie den
Mangel an kaufmännischem Talent nicht wieder mit innerem Wert. Nein, ich habe
innerlich nichts, gar nichts gegen das Verkaufen einzuwenden, weder für andere
noch für mich. Nur müssten die Bedingungen angenehm und annehmbar sein. Und das
ist selten, ach, so selten der Fall, vielleicht verfolgt auch gerade mich ein
besonderer Unstern.
    Erschrecken Sie nicht, ich möchte sogar gelassen aussprechen, dass für mein
Gefühl der Handel in seiner direktesten Form immer noch die beste Möglichkeit
wäre und eigentlich auch die anständigste. Ein fremder Herr (schon die
Fremdheit... Sie wissen ja...), der spurlos wieder in der Versenkung
verschwindet - was für eine Ersparnis an Nervenkraft gegenüber dem festen
Utilitätsverhältnis, das vorsichtig gehandhabt und geduldig ertragen werden muss.
Aber auf diesem Gebiet ist ja leider alles so mangelhaft organisiert, so
gesellschaftlich unmöglich gemacht... verlassen wir es lieber...
    Der Sizilianer ist gerade zur rechten Zeit aufgetaucht, und sein Auto ist
gut. Warum ist er Ihnen nicht ganz geheuer? Ein Rasta, mit dem ich arg
hereinfallen werde, meinen Sie - sicher ist er ein Rasta, aber das ist ja gerade
sein Hauptcharme, ich habe immer ein Faible dafür gehabt. Und vermutlich fällt
er eher mit mir herein, denn er scheint es wenigstens bisher bitter ernst zu
nehmen. Und ich weiss nicht recht, was ich mit seinem Herzen anfangen soll.
    Es kann ein Dilemma sein, ob man jemand glücklich oder unglücklich machen
soll. Manche haben mehr davon, wenn sie unglücklich sind - sie wollen gerne alle
Tiefen der Leidenschaft durchmessen - und sind dann auch traitabler. In diesem
Falle bin ich mir noch nicht klar darüber.
    Pedro - so heisst er - ist in seinem ganzen Wesen etwas ungestüm, und wenn er
zu glücklich ist, werde ich einen schweren Stand haben. Aber die direkte Werbung
steht noch aus - ich finde diesen Zwischenzustand sehr reizvoll und möchte ihn
noch eine Zeitlang festalten. Er umwandelt mich einstweilen auf Freiersfüssen
und demonstriert mir vor, wie angenehm das Leben sich an seiner Seite leben
lässt.
    Wenn ich zum Frühstück komme, sitzt er schon da, eine Blume im Knopfloch,
dieselbe Blume als Strauss an meinem Platz - etwas ungeduldig, denn ich komme
immer eine Stunde zu spät, und sein Chauffeur tyrannisiert ihn.
    Madame... - Handkuss - ces fleurs... dann kommt, was die Blumen des heutigen
Tages mir sagen sollen. Darin ist er erfinderisch. Gott, muss es anstrengend
sein, sich jeden Morgen etwas anderes auszudenken!
    Dann fahren wir in die Umgegend oder treiben uns in der Stadt herum, er
macht die Honneurs, jagt mich durch Altertum, Renaissance und römisches
Volksleben der Gegenwart - immer mit demselben Feuer, der Beredsamkeit des
Südländers und vielen Gesten. Er findet mich blasiert (sagen Sie mir bitte - bin
ich es wirklich?), wenn ich nicht über jede alte Kaiserbüste und jede Osteria,
wo ein paar Arbeiter Wein trinken und Musik machen, in Ekstase gerate. Ich kann
mir nun einmal nicht helfen, es kommt mir ganz selbstverständlich vor, dass in
Rom alles römisch oder in Griechenland alles griechisch ist, und dass es eben
daselbst früher alte Römer und alte Griechen gegeben hat. Warum muss man das so
aufregend finden? Und macht mir irgend etwas besonderen Eindruck, warum soll ich
dann eine Rede darüber halten?
Unterbrechung... drei Tage später...
Nein, ich glaube, man darf diesen Mann nicht unbedingt glücklich machen, er ist
zu erdrückend intensiv. Den ganzen Tag über habe ich das Gefühl, als ob ich mit
dem Vesuv spazierenginge.
    Der letzte Montag, an dem ich dieses Handschreiben begann, war der Vorabend
grosser Ereignisse. Soll ich Ihnen alles erzählen? - Nein, ich erzähle nie alles,
und Sie verdienen noch Strafe für den Rasta und für Ihre Zweifel - also bekommen
Sie heute nur einen Auszug...
    Ein Situationsbild... wir sitzen spät abends am Kolosseum. Ich habe eine
glühende Schilderung der Gladiatorenkämpfe ohne Zucken über mich ergehen lassen.
Der Chauffeur wandert grollend in irgendeinem Stockwerk des immortale Amfiteatro
auf und ab, er hasst diese Art von Unternehmungen, er hasst überhaupt die Romantik
seines Herrn, hasst mich. - Ich leide darunter, ich kann es durchaus nicht
vertragen, wenn ein männliches Wesen mich mit Abneigung betrachtet, sei es auch
nur ein Eisenbahnschaffner oder ein Chauffeur.
    Wir haben das Altertum verlassen, unser Gespräch dreht sich jetzt um andere
Dinge - um Liebe. Wenn man zu zweien im Dunkeln sitzt, ist es wohl immer das
Nächstliegende. Wir sprechen alle Abende um diese Zeit über Liebe, auch wenn wir
im Restaurant sitzen, und die persönliche Nuance wird von Abend zu Abend stärker
betont.
    Er geht allmählich in einen Hymnus auf die Frauen über - im allgemeinen - im
besonderen - die Frauen im Süden - die aus dem Norden - die blonden - die eine
blonde Frau, mit der man eben jetzt in Rom unvergessliche Frühlingstage verlebt.
Etwas zuviel echtes Gefühl - das kann unter Umständen leise beklemmend wirken.
Mit seinem Rastatum ist es doch nicht weit her. Aber er spricht ein entzückendes
Durcheinander von Deutsch, Französisch, Italienisch - das hab' ich so gern, mein
Herz schlägt doch etwas für ihn... meine Hand ruht zwischen seinen beiden
Händen... sehr gute Hände mit schönen Nägeln und einem breiten, sonderbaren
Ring.
    Es scheint also, dass wir einig sind... aber auf einmal wird er sehr
merkwürdig... schweigt... verfinstert sich... Stumm, gewaltsam drückt er mir die
Hand, beide Hände, steht auf, pfeift dem Chauffeur. Wir steigen ein und fahren
langsam, sehr langsam noch ein Stück aus der Stadt hinaus.
    Ganz plötzlich, ganz unvorhergesehen, kniet er neben mir - vor mir ist nicht
Platz genug - beinah beschwörend: »Ich bin ein schlechter Mensch... schlecht...
sehr schlecht.«
    Ich: »...???«
    Ja, er ist verlobt - dort in Sizilien, und doch - und Rom - und eine blonde
Frau...
    Ich atme auf. Wenn's weiter nichts ist...
    Die Blumen am nächsten Morgen waren viele dunkelrote Rosen, und er ist sehr
glücklich - eben etwas zu glücklich.
 
                                       13
Armer Freund, Sie haben es in letzter Zeit schlecht gehabt - Fragmente,
Ansichtskarten und leere Versprechungen, aber heute abend bin ich nur für Sie
vorhanden und gedenke es wieder gutzumachen.
    Zuerst will ich Ihnen danken, dass Sie mir Ihren Segen nicht weiter
vorentalten und sich so liebenswürdig mit dem Rasta ausgesöhnt haben. Wer weiss,
ob Sie ihn nicht demnächst unter die Wertvollen einreihen.
    Auch in meinen Augen hat er immer mehr gewonnen. Es hängt viel davon ab, wie
ein Mann die ersten Schritte gestaltet, und das hat er sehr hübsch gemacht, erst
allmählich und diskret, dann dramatisch und flammend. Wie angenehm, dass man als
Frau dieser Mühe überhoben ist - es muss gar nicht so leicht sein, den rechten
Ton zu finden, und einige fangen es denn auch recht dumm an - so der
Siegertypus, der beim ersten leisen Zeichen von Wohlwollen mit einer grossen
Gebärde die Tür schliesst: Nun bist du mein!
    Überhaupt haben manche einen feststehenden Trick. Ich weiss einen älteren
Herrn - wenn der zufällig mit einer Frau allein im Zimmer ist, setzt er seinen
Zwicker auf, sieht sich vielsagend um und bemerkt: Ist das nicht eine wahnsinnig
komische Situation! - (Durch Freundinnen habe ich erfahren, dass er es jedesmal
so macht.) Ob das wirksam ist? Ich weiss nicht - auf mich hat es keinen
verführerischen Eindruck gemacht. Ich wusste nur zu antworten: ja, es sei
wirklich zum Totlachen - und da schwieg er betroffen und enttäuscht. Vielleicht
lag es auch daran, dass ich ältere Herren überhaupt nicht besonders schätze.
    Aber ich habe Ihnen heute noch viel zu erzählen... Die Hauptbegebenheit -
also hören Sie: ich sitze neulich unten in der Halle und warte auf den
Chauffeur, der mich abholen soll, warte schon lange und schlafe beinah ein.
Jeden Augenblick gehen Leute vorüber, und dann bleibt jemand hinter mir stehen -
ein wohlbekanntes: How are you? - Sir John mit einem jugendlichen Begleiter -
und im gleichen Augenblick der hasserfüllte Chauffeur, um zu melden, dass sein
Herr mich draussen erwartet. Nur gerade Zeit zu einem ungeheuren Händeschütteln,
Vorstellung des Begleiters und einer raschen Verabredung, dann stürzte ich
meinen Verpflichtungen nach und hörte nur noch ein etwas verwundertes: O I say!
hinter mir herklingen.
    Wir trafen uns denn auch nächster Tage, in einem Tea-room natürlich. Keine
Wehmut, mein Freund, wenn Sie hier wären - nein, doch nicht - es würde jetzt
kein gutes Dreieck geben.
    Also, mit Sir John im Tea-room, seinen neulichen Gefährten hatte er
mitgebracht. Der junge Mann ist Dichter, zeigt aber keine äusseren Symptome
seines bedenklichen Handwerks, verhielt sich sehr schweigsam, sehr erzogen, sehr
diskret, während wir einem lebhaften Austausch frönten. Dieses Wiedersehen war
beiderseitig ein grosses Fest.
    Sir John, der Vielgenannte, den Sie ja leider nie kennengelernt haben, ist
wohl der Mann, mit dem ich mich von allen am besten verstehe. Ich muss wieder
einmal etwas indiskret sein, um Ihnen das zu erläutern. Es besteht zwischen uns
ein: on revient toujours - wirkliche Freundschaft mit amourösen Intervallen, die
immer ohne Tragik, ohne Konflikte und Bitternis verlaufen sind.
    Er hat sehr vielfältige Beziehungen zu Frauen und kultiviert jede einzelne
wie ein Gärtner seine Pflanzen, jede bekommt ihr besonderes Terrain und ihre
besondere Pflege. Für jede ist er der aufmerksamste und angenehmste Galan und
suggeriert durchaus das Gefühl, dass er im Moment nur für sie da ist. Unmöglich,
ihm übelzunehmen, wenn er sagt: Sie müssen sich unbedingt für heute abend frei
machen, denn übermorgen treffe ich eine Frau, die ich sehr liebe, aber es ist
eine etwas tragische Sache, und ich werde dann ein paar Tage Melancholie haben.
Ebenso wird er dieser Frau sagen, sie müsse einen Tag warten, denn er wolle
vorher noch mit einer anderen sehr vergnügt sein.
    Er erzählt viel von seinen Amouren, taktvoll und aus wirklich tiefem
Interesse, denkt über jede einzelne sehr ernstaft nach, hat auch gerne, wenn
man ihm erzählt, und denkt ebenso ernst darüber nach.
    Die sizilianische Angelegenheit erfüllte ihn mit innigem Vergnügen, als
hätte ich ihm einen grossen persönlichen Gefallen erwiesen. Nun, mich freut sie
ja auch, besonders seit die beiden hier sind. Man hat manchmal sehr gerne jemand
zum Miterleben. Die allzu ausführliche Zweisamkeit fing gerade an, mich etwas zu
ermüden, und was ich hier sonst en passant kennengelernt habe, war nichts
Rechtes. Italiener haben immer die gleiche Feurigkeit, ob es ein Offizier, ein
höflicher Kutscher oder ein Priester ist.
    Nun kann ich wenigstens, sooft es geht, mit Vergnügen ausreissen, meinem
Amante habe ich mit einiger Mühe plausibel gemacht, dass ich manchmal allein sein
müsste, um römische Eindrücke in mich aufzunehmen. Nur musste man vorsichtig sein,
und das ist immer eine Pein für mich. - Aber wie Sie sehen, bin ich diesmal sehr
darauf bedacht, meine Chancen zu wahren - ich habe Grund, aus allerlei
explosiven Äusserungen zu schliessen, dass sie nicht schlecht sind, trotz der Braut
in Sizilien, derer er manchmal - nach beiden Seiten hin - mit Reue und Bedauern
gedenkt.
    Letzte Woche war ich mit Sir John und seinem Schützling in den Katakomben;
Sir John wollte dort irgendwelche Studien machen und betrieb sie mit seiner
englischen Gründlichkeit, während der Dichter und ich draussen in der Sonne sassen
und uns unterhielten.
    Sir John hat uns beide vorsorglich gewarnt, wir sollten nicht miteinander in
love fallen; mich: er sei noch gar so jung und grün - und ihn: ich dürfe mir die
berühmten Chancen nicht durch eine überflüssige Amourette verderben.
    Das Spiel ist ungefährlich, ich würde mich schwerlich mehr in einen Dichter
verlieben. In früheren Zeiten ist es schon vorgekommen, aber es war immer sehr
anstrengend. Man musste so viel posieren, sonst wird der Dichter ernüchtert - muss
ihn immer im Rausch erhalten, denn ein richtiger Dichter will eben Rausch -
Purpur - Gold - und so weiter. Für das alles hat man aufzukommen, muss immer auf
dem Sockel stehen. Eine Zeitlang ging das auch - nein, eigentlich ging es doch
wohl nicht, es war immer viel Schwindel dabei. Nur gefiel es einem, auch einmal
patetisch genommen zu werden. Aber dann verlangte man doch wieder herunter,
sehnte sich wie Nebukadnezar danach, mit den Tieren des Feldes Gras zu fressen.
Das können die Dichter nicht leiden. Und dann sollte man Seele haben, möglichst
viel Seele. Ich hatte auch einmal so etwas, oder man hielt es dafür. Ich glaube,
es war nur, wenn ich mich aus irgendeinem Grunde nicht wohl in meiner Haut
fühlte. Das halten die Mitmenschen ja gerne für ein Kennzeichen von intensivem
Seelenleben.
    Gott, es muss ja auch nicht immer ein professioneller Dichter sein, aber Sie
können sich schon denken, welche Art Leute ich meine.
    Der Knabe, mit dem ich hier über alten Gräbern wandle, scheint übrigens
nicht zu dieser Sorte zu gehören. Ich interviewte ihn recht gründlich darüber,
und er wurde ganz unglücklich. Er habe nun einmal Talent und das Schreiben mache
ihm Freude, während er sich mit einem bürgerlichen Beruf schwer abfinden würde.
Aber Dichter - ja, es sei eine peinliche Bezeichnung, das fände er selbst, und
es wäre ja trostlos, wenn die Frauen einem deshalb davonliefen.
    »Oh, ich bin Ihnen noch nicht davongelaufen - und wie war's denn mit den
anderen?«
    »Ach, die Frauen, die ich bis jetzt - geliebt habe, waren eigentlich alle
schrecklich...«
    »Das ist ein melancholisches Bekenntnis - armer Dichter!«
    »Und wenn mir eine wirklich gefiel, hat Sir John jedesmal gesagt, sie sei
nichts für mich.«
    »Sie richten sich also immer danach, was er Ihnen sagt?«
    »Gott, er hat mich doch entdeckt und meine Eltern überzeugt, dass ich Talent
habe. Ich brauche jetzt nicht mehr zu studieren, und sie haben mich ihm
gewissermassen anvertraut. Da muss ich mich doch etwas nach seinen Ratschlägen
richten. Zum Beispiel, als Sie...« Pause.
    »Aha, es geht also auch auf mich?«
    Der Dichter, verlegen, aber dann mutig:
    »Ja - auch auf Sie...«
    »Bitte, etwas Näheres darüber, das macht mich neugierig.«
    »Ich weiss nicht, ob es nicht indiskret ist...«
    »Dichter sind immer indiskret - meint John, dass ich Ihr jugendliches
Gemüt...«
    »O nein, im Gegenteil. Ihr Umgang wäre sehr gut für mich. Aber Sie sind doch
- pardon, es klingt so...«
    »Nur weiter.«
    »Also, er sagte, ich sollte mir keine Illusionen machen, Sie seien sozusagen
in festen Händen...«
    Ich musste so lachen, dass er ganz bestürzt war:
    »Ist es am Ende nicht wahr?«
    »Doch, es ist wahr, das heisst - ich bin eigentlich nie in sehr festen
Händen...«
    Er sieht mich etwas verwundert an:
    »Wieso? Ich dachte, Sie liebten ihn?«
    »Wen? Sir John oder den Rasta?«
    Ein rascher Blick - das war etwas unvorsichtig von mir, nun wird er anfangen
Rätsel zu raten.
    Dann kam Sir John, und wir konnten das lehrreiche Gespräch nicht fortsetzen.
    Und meinen Brief werde ich heute auch nicht mehr fortsetzen, ich erzähle
Ihnen doch nur dummes Zeug.
 
                                       14
Mir ist in den letzten Tagen, wenn ich mich mit dem Dichter unterhielt, etwas
aufgefallen, nämlich, dass man doch immer eine ganze Menge verschiedener
Ansichten über ein und dieselbe Sache hat. Sie hängen ganz davon ab, mit wem man
gerade spricht. Man dreht einen Gegenstand um, beguckt ihn von allen Seiten,
stellt ihn auf den Kopf - jedesmal sieht er anders aus. Dann legt man ihn weg: o
genug, gehen wir lieber ins Cafe. Ergo: man hat überhaupt keine Ansichten, und
es ist auch sicher überflüssig.
    Aber glauben Sie deshalb bitte nicht, dass unsere Gespräche sich immer um
Ansichten drehen. Der Dichter ist, wie ich schon ahnend voraussah, sehr
wissbegierig geworden, und wir rätselraten miteinander wie bei einem
Gesellschaftsspiel. Ich erzähle ihm Schwänke aus meinem Leben und gehe um das
allzu Persönliche möglichst herum. Zum Beispiel, die ersehnte Aufklärung über
Sir John wird ihm beharrlich vorentalten - ob es einmal war - wann es war, und
wie wir jetzt zueinander stehen. Ich fühle, dass ihn dies alles brennend
interessiert, er möchte doch das Leben kennenlernen. Aber ich habe immer das
Prinzip gehabt, dass jeder Mann so wenig wie möglich von dem anderen wissen soll
- für alle Eventualitäten.
    Mit dem Sizilianer liegt es anders, die ganze Sache ist zu offiziell. Ich
habe das eigentlich nicht gern, es ist immer etwas mauvais genre. Aber hier in
Rom, mit dem vulkanischen Pedro, dem Auto und dem Chauffeur war es einfach nicht
zu vermeiden. - Das alles und vieles andere hab' ich dem Dichter mit vieler Mühe
auseinandergesetzt, und er gibt sich ebensoviel Mühe, es zu erfassen. Man sieht
ihm manchmal förmlich an, wie sein unerfahrenes Gehirn arbeitet.
    »Darf ich ganz offen reden?« fragte er neulich, als wir von dem Rasta und
von den Chancen sprachen.
    Ja, er durfte.
    »Aber ich muss etwas sehr Freches sagen...«
    »Ich bitte darum!«
    »Ja - Sie leben doch eigentlich wie... eine...«
    »Ganz falsch, lieber Dichter, ich lebe nur ein Privatleben, und es schaut
viel zu wenig dabei heraus.«
    »Und Ihr Sizilianer?«
    »Ist eine zufällige Verbindung von angenehm und nützlich.«
    »Aber Sie lieben ihn doch nicht wirklich?«
    »Wie man es nehmen will.«
    »Und Sir John? Als ich Sie gestern abend bei ihm traf...«
    »Junger Mann, seinen Sie vorsichtig - das ist noch gar kein Beweis.«
    »So...?... Aber Sie geben doch zu, dass Sie mehrere auf einmal lieben
können?«
    »Und...?«
    »Es wundert mich, dass Sie bei dieser Veranlagung, oder wie man es nennen
soll, eben nicht...«
    »Eine... eine geworden sind?«
    »Ja, ungefähr das wollte ich sagen. - Sie sind böse?«
    »Nein, ich bin diese Frage gewöhnt - aber Sie sind noch so dumm: werden, das
ist leicht gesagt. Denken Sie an Ihr einstiges Studium, Sie hatten auch keine
Lust etwas zu werden und wollten lieber Verse machen, die nichts einbringen.«
    »Herrgott, das ist doch etwas anderes.«
    »O nein, ganz dasselbe. Aber zu jedem Beruf gehören ausgesprochene
Fähigkeiten und Glück, wenn es etwas Richtiges werden soll.«
    »Nun, was das Glück betrifft...«
    »Nein, ich habe nur in der Liebe Glück, im Spiel versagt es.«
    »Was versteht man eigentlich unter Glück in der Liebe?«
    »O... ich denke, dass man oft geliebt wird und immer den bekommt, den man
haben will.«
    »Haben Sie nie eine unglückliche Liebe gehabt?«
    »Nein. Sie liegt mir auch nicht, und ich kann sie mir beim besten Willen
nicht vorstellen.«
    »Lieber Gott, Sie müssen doch ungeheuer zufrieden mit Ihrem Schicksal sein.«
    »Sicher, ich bin ganz verliebt in mein Schicksal. In dieser Beziehung benahm
es sich tadellos, aber dafür habe ich in anderen Dingen unerhörtes Pech.«
    »Wieso?«
    »Ich empfinde es beispielsweise als Schikane, dass ich nicht in Geld und
Luxus schwimme.«
    »Aber, teure Frau, dafür haben Sie doch in Ihrem Empfindungsleben den
unerhörtesten Luxus getrieben...«
    »Ach, Sie sind und bleiben ein Dichter - es war auch alles sehr schön, aber
ich fange an, mich nach Seelenschmerzen und einem Bankkonto zu sehnen.«
    »Und der Rasta macht Ihnen keine Seelenschmerzen?«
    »Nein, das ist es ja gerade - deshalb bin ich auch so besorgt um das
Bankkonto. Man wird abergläubisch.«
    »Wissen Sie, ich glaube, Sie haben zuviel Persönlichkeit, um auf diesem
Wege...«
    »Lieber einziger Dichter, mit Persönlichkeit können Sie mich die Wände
hinaufjagen. Ich breche jeden Verkehr mit Ihnen ab, wenn Sie das noch einmal
sagen.«
    »Aber warum denn?«
    »Weil es die ärgste Geschmacklosigkeit ist, die man einer Frau sagen kann -
eine Redensart, die nur Reformmänner in den Mund nehmen. Merken Sie sich das.«
    »Ich will's gewiss nicht wieder tun, aber dann nennen Sie mich, bitte, auch
nicht mehr Dichter, das ist sicher ebenso kränkend.«
    »Schön, also Bobby - oder ist das Sir Johns Privilegium? Bobby klingt ganz
hübsch - verzogen und aus guter Familie...«
    Der Dichter küsst mir die Hand. - Pause.
    »Darf ich noch etwas fragen?«
    »Bitte...«
    »Warum sind Sie nicht irgend etwas anderes geworden? Sie haben doch so viele
Fähigkeiten?«
    »Ich hab's versucht, Bobby, aber es ist immer dieselbe Geschichte. Teater
zum Beispiel - der blosse Gedanke, dass ich irgendwohin gehen muss, wenn ich gerade
keine Lust habe, macht mich krank. Beruf ist etwas, woran man stirbt.«
    Bobby denkt nach.
    »Warum schreiben Sie nicht? Sie haben doch so viel erlebt und können gut
erzählen.«
    »Daran habe ich auch schon gedacht, aber es hat so viel peinlichen
Beigeschmack - eine schreibende Frau - schrecklich. Denken Sie nur, alle Leute,
die man nicht kennt, taxieren einen auf geistige Interessen und dergleichen.
Sonst hätte es vielleicht etwas für sich: man brauchte nur eine Füllfeder und
einen guten Diwan - nein, ich müsste auch einen Kompagnon haben, sonst wäre es
doch wieder langweilig und anstrengend.«
    »Der Kompagnon steht zur Verfügung.«
    »Wenn alle Stränge reissen, werde ich Sie beim Wort nehmen, Bobby. Aber jetzt
müssen Sie mich heimbegleiten. Pedro wartet.«
    »Immer Pedro! Und wann sehe ich Sie wieder?«
    »Wenn Pedro nicht auf mich wartet.«
    Und darauf muss ich auch Sie heute vertrösten, lieber Doktor. Pedro wartet
immer - es ist, weiss Gott, auch das ein hartes Brot!
    Das war Montag - erst heute komme ich dazu weiterzuschreiben. Ich hoffe, Sie
gewöhnen sich allmählich daran.
    Eben habe ich die ganze Gesellschaft spazieren geschickt. Die ganze
Gesellschaft? - Ja, wir sind neuerdings zum Ensemble geworden. Es ist ein ganz
wohltuender Zustand. Wie ich Ihnen schon einmal sagte - ich fing in der letzten
Zeit an, mich mit meinem Vesuv beträchtlich zu langweilen.
    Er war eben zu glücklich, und solch ein wolkenloses Glück in beständigem
tete-a-tete, das geht nicht auf die Länge.
    Durch meine Seitensprünge zu den beiden anderen wurde es denn auch
vorübergehend verdüstert. Der Vesuv grollte über meine häufigen Abwesenheiten
und wurde misstrauisch, als ich neulich schon wieder für einen Nachmittag Urlaub
nahm - diesmal um alte Bekannte zu treffen. Die bisherigen Vorwände waren schon
etwas zu fadenscheinig. Er grollte, und der Chauffeur beglückte mein Herz zum
erstenmal durch einen wohlwollenden Blick.
    Bei Sir John war eine kleine Gesellschaft, und der Nachmittag dehnte sich
ziemlich aus - bis zwei Uhr nachts. Als ich in mein Hotel zurückkam, wanderte
der Sizilianer vor der Tür auf und ab - allein - zu Fuss - zornig und dramatisch.
Es erfolgte eine animierte Zwiesprache, und ich benutzte den nächsten Tag, um
beleidigt von der Bildfläche zu verschwinden und mit Johns Gesellschaft, die
noch vollzählig beisammen war, in die Campagna zu flüchten.
    Als ich diesmal nach Hause kam, fand ich ihn wieder vor, aber blass und
melancholisch. Der Chauffeur dagegen stand mit gütiger Miene an der Haustür.
Beide hatten wohl gedacht, ich sei endgültig verschwunden.
    Wir versöhnten uns wieder, und ich habe alles, was sich für seine Ohren
eignete, gestanden. Daraufhin eine neue Kalamität, er wollte meine Freunde
kennenlernen.
    Ich liebe es gar nicht, meine verschiedenen Bekannten miteinander zu
vermählen. Sie passen doch nie zusammen, und in diesem Fall schien es mir etwas
riskiert. So wand ich mich anfänglich darum herum und verhandelte mit sämtlichen
Beteiligten. Aber ich wurde überstimmt, der Sizilianer ermattete mich mit seiner
Eifersucht, Sir John suchte meine Eitelkeit zu reizen, er meinte, ich wolle den
remarkable Rasta nur nicht herzeigen - und der Dichter brannte natürlich auf
Einblicke in die Lebewelt.
    Ich brachte sie also zusammen, und Pedro lud die beiden mit wilder
Gastlichkeit ein. Er gab ein fürstliches Souper in seiner Wohnung und gewann
ihre Herzen im Sturm. Ich selbst fand ihn an dem Abend so reizend, dass ich mich
ganz neu in ihn verliebte. Es gibt Männer, in die man nur richtig verliebt ist,
wenn noch andere dabei sind.
    Sir John strahlte vor innerem Pläsier, und der Dichter war so begeistert,
dass er um keinen Preis mehr nach Hause gehen wollte. Man behielt ihn also da,
bis zum nächsten Abend, wo wir alle Johns Gäste waren. Und so ging es ein paar
Tage fort.
    Lieber Doktor, ich bin noch zu schläfrig, dass ich es bis auf weiteres
vorziehe, Ihnen Lebewohl und gute Nacht zu sagen.
 
                                       15
Ihren Brief habe ich hier vorgefunden, o nein, ich bin nicht für immer
entschlafen - seit meinem letzten Brief aus Rom. Aber ich will gerne glauben,
dass er etwas übernächtig ausgefallen ist.
    Ich hatte auch wirklich die besten Absichten, Sie auf dem laufenden zu
halten, aber das Laufende lief mit mir davon, und ich bin etwas ausser Atem
gekommen.
    Man kann nicht immer im Zusammenhang bleiben, liebster Freund, das Leben
selbst ist gar so unzusammenhängend.
    Momentan - aber wir wollen lieber erst die Ereignisse nachholen. Gott, ich
habe es mir so angewöhnt, nur noch per wir zu sprechen. Das kommt davon, wenn
man als Ensemble lebt. Manchmal muss ich mich förmlich erst darauf besinnen, dass
ich auch noch ein Einzelwesen bin.
    Also - wie schon mein Telegramm Ihnen meldete - Bobby hat es aufgegeben und
war sehr neugierig - wir sind umgezogen, nach Neapel.
    Pedro bekam fortwährend Telegramme, woraus man schliessen konnte, dass etwas
nicht in Ordnung war, er hat sonst sehr wenig Korrespondenz. Und der Chauffeur
war wieder ungewöhnlich finster.
    Ich war sehr nett mit ihm - mit Pedro - diskrete Teilnahme bei völliger
Ahnungslosigkeit, und er schloss mir dann auch sein Herz auf.
    In erster Linie Geld-, in zweiter Linie Brautverlegenheiten. Man wünscht,
dass er sie heiratet. Das war ja eigentlich vorauszusehen, aber er scheint es
sich nicht genügend klargemacht zu haben. Wir haben in den letzten Wochen wohl
alle etwas vergessen, um was es sich handelt. Lieber Doktor, das ist immer der
glücklichste Zustand, und wir waren auch wirklich alle sehr glücklich.
    Weiter: die Braut ist seine Cousine, folglich ihr Vater sein Onkel, und von
diesem Onkel scheint er pekuniär ziemlich abhängig zu sein. Das Nähere hab' ich
natürlich vergessen, ich höre nie zu, wenn man mir Näheres auseinandersetzt, und
das ist manchmal verhängnisvoll.
    Er, Pedro, treibt sich nun schon lange in Europa herum, und die Art, wie er
das tut, scheint dem Onkel nicht mehr zu gefallen.
    Summa: der Onkel macht bedenkliche Anstalten ihn einzukassieren (auch ein
typisches Erlebnis, dass er von meiner Seite weg einkassiert wird).
    Pedro hat erst gerast, er wolle jetzt nicht heim, auf keinen Fall, dann
bedrückte ihn wieder seine doppelte Verworfenheit - gegen sie und gegen mich.
    O meine Chancen - es war schon die Rede davon, dass er mich in Rom oder
Neapel etablieren wollte. Ich sollte immer irgendwie da sein, auch wenn er eine
Zeitlang nach Hause müsste. Ich weiss ja selbst noch nicht recht, ob das sehr mein
Fall wäre, aber es hat ja auch wieder etwas Verlockendes. Apatische Dauersache
mit lebhafteren Momenten - ich hab' ihn doch wirklich ganz gern.
    Übrigens scheint es, dass wir in Rom beträchtliche Schulden gemacht haben.
Ich riet deshalb zum Umzug nach Neapel, das heisst, die römische Wohnung sollte
er behalten, Chauffeur und Auto zur Beruhigung der Gemüter noch eine Zeitlang
dort lassen und dann von hier aus einen Besuch in Sizilien machen.
    Meine Ratschläge in solchen Angelegenheiten sind immer gut. Wieder einmal
muss ich hervorheben, dass ich viel Sinn dafür habe, jede Lebenslage tunlichst
harmonisch zu gestalten. Sie fanden deshalb auch dieses Mal Anklang und
bewährten sich. Man hat uns ganz ruhig ziehen lassen, und der Chauffeur ist uns
inzwischen schon nachgekommen.
    Sir John und sein Schützling sind natürlich auch mit - was Gott so schön
zusammenfügte, keiner von uns hätte den Mut gehabt, es zu trennen.
    Wir haben unsere Namen hier etwas abgeändert - wie Sie auch aus meinem
Telegramm schon ersehen haben - und gelten für eine Art Familie. Die
Zusammenstellung erforderte einiges Kopfzerbrechen, aber wir haben doch eine
halbwegs befriedigende Lösung gefunden. Wir sind nämlich aus Versehen in einem
sehr braven deutschen Hotel abgestiegen und hatten keine Lust noch einmal zu
wechseln.
    Pedros Abreise hat sich noch etwas hingezogen. Man konnte sich nicht gleich
zur Trennung entschliessen und wollte sich erst über verschiedene Punkte mit dem
Onkel schriftlich verständigen.
    Dann ist er abgefahren, und alles Weitere bleibt eben abzuwarten. Die beiden
anderen leisten mir dabei aufs angenehmste Gesellschaft, im Hotel sind allerhand
ganz nette Leute, und wir kommen uns sehr respektabel vor. Mit dem Dichter muss
ich mich vor der Öffentlichkeit duzen, wir haben ihn für meinen Stiefsohn
ausgegeben. Sein Ursprung verträgt zwar eigentlich keine nähere Beleuchtung,
denn Pedro sieht kaum alt genug aus, dass er für eine Jugendsünde von ihm gelten
könnte. Aber Stiefsohn klingt so überzeugend. Und Sir John ist einfach ein
Schwager.
    Bobby kann mich nicht recht begreifen, dass ich Pedro habe fahren lassen.
    Aber was wäre, wenn ich ihn festgehalten hätte? Brouilliert er sich mit
seinen Leuten, so wird er sehr auf dem trocknen sitzen und ich mit. Liebe in
einer Hütte wäre mit diesem Mann sicher ein unglückliches Unternehmen.
    »Aber wenn sie ihn nun festält?«
    »Ja, da kann man nichts machen.«
    »Und was soll dann aus Ihnen werden?« (Wenn wir allein sind, nennen wir uns
meistens wieder Sie.)
    »Das steht bei Gott, Bobby. Es haben sich schon klügere Leute als Sie
manchmal den Kopf darüber zerbrochen, was aus mir werden soll.«
    »Wissen Sie, dass Ihr Fatalismus für andere geradezu aufreizend ist?«
    »Ja, das habe ich schon manchmal gehört. Aber ich habe es längst aufgegeben,
die Vorsehung beeinflussen zu wollen.«
    »In Rom hatten Sie doch noch die Absicht, ihn um jeden Preis festzuhalten?«
    »Wir sind jetzt in Neapel, Bobby, und ich denke, Sie wollen auf Sir Johns
ausdrücklichen Wunsch Lebensweisheit von mir lernen.«
    »Ach, es ist, weiss Gott, ein bitteres Los, Ihr Stiefsohn zu sein, und Ihre
Lebensweisheit...«
    »Ist tiefer, als Sie in Ihrem Unverstand meinen. Hören Sie also weiter,
Bobby - wenn man eine Sache mit Begeisterung und Kraftaufwand betrieben hat, ist
es eigentlich immer eine Erleichterung, wenn sie nicht zustande kommt. Ich bin
nie glücklicher als in dem Moment, wo ich müssig und bewundernd meine Werke
untergehen sehe. Dann kann doch wieder etwas Neues kommen.«
    »Und wenn nun etwas viel Schlechteres kommt?«
    »Ich bin abergläubisch, lieber Bobby - aus Erfahrung. Es gibt Glückserien
und Pechserien. Ich zähle sie, und es hat immer gestimmt, mit kleinen
Schwankungen. Die Pechserie geht höchstens bis neun, die Glückserie ist kürzer,
bis vier oder fünf - Pedro ist gerade auf der Grenze...«
    »Nein, bitte, hören Sie auf - eine Frau von Ihrer Intelligenz und solche
mittelalterliche...«
    »Intelligente Frau ist wieder eine Beleidigung - Sie Dichter...«
    »Sir John sagt es auch - und es sei erstaunlich, dass Sie trotzdem immer nur
Dummheiten im Kopf hätten...«
    »Das ist ein tröstlicher Zusatz, Gott segne ihn dafür, Gehen wir jetzt
spazieren, Bobby, die Lektion ist für heute zu Ende.«
    Wir gingen spazieren und erwogen Zukunftsfragen. Bobby will von hier auf
eine griechische Insel gehen und möchte, dass ich mitkäme. Wenn es hier
schiefgeht - ja, wenn... Die griechische Insel ist ein beliebtes Tema. Sir John
war aus, Pedro ist fort, und es war eine wundervolle Mainacht. Wir waren beide
etwas sentimental aufgelegt, gingen immer wieder auf und ab durch die Strassen.
Es war schon beinahe Morgen.
    »Nein, Bobby... Sie sind mein Stiefsohn, das streift die antike Tragödie...«
    Wir kamen an eine Strassenecke, an der Mauer steht mit Kreide ein grosses
deutliches: Ja geschrieben - auf deutsch. Das ist sehr merkwürdig, wir bleiben
stehen und wundern uns darüber.
    »Vielleicht gilt es uns...? Aber Sie halten ja nichts vom Aberglauben,
Bobby...??«
    »O doch!«
    Ja, lieber Freund - der arme Bobby ist nun auch abergläubisch geworden...
 
                                       16
Ich denke ja nach, Doktor, ich denke nach, ich habe noch nie so viel nachgedacht
wie jetzt. Alles vereinigt sich, um mich nachdenklich zu stimmen. Ihr Brief und
etliche längere Gespräche mit Sir John - es besteht eher die Gefahr, dass ich vor
lauter Nachdenken tiefsinnig werde, als dass ich irgendeine grosse Kopflosigkeit
begehe - wie Sie zu fürchten scheinen.
    Lieber Freund, Sie sind ein Engel an Einsicht und Verstand, aber Sir John
hat das Problem meiner Seele doch besser erraten als Sie. Es geht entschieden
eine Wandlung mit mir vor, denn, wie Sie sehen, fange ich jetzt auch schon an,
mich damit zu beschäftigen.
    Es war so heiss in der letzten Zeit, und wir sind träge und geschwätzig
aufgelegt. Nachmittags bin ich gewöhnlich allein bei Sir John: ich auf dem Sofa,
er in einem tiefen bequemen Sessel, zwischen uns ein kleiner Tisch mit Kaffee
und Zigaretten. So hielten wir es auch früher schon, in seiner Wohnung - in L...
- nur dass er dann immer in seinem Klubsessel sass - ich betone seinem, denn
zwischen dem Klubsessel und ihm bestand eine ganz besondere Zusammengehörigkeit.
    Also beinah wie mit Ihnen - nein, ich bin Ihnen sehr treu, es ist ganz
anders, und eine Kaffeezwiesprache ist durchaus verschieden vom Teegespräch.
    Nur eine entfernte Ähnlichkeit - Sir John vertieft sich manchmal mit grossem
Ernst in meinen Charakter und will ihn um jeden Preis ergründen. Das ist im
allgemeinen etwas langweilig, ich interessiere mich wenig für meinen Charakter.
Er geht doch schliesslich nur die anderen an, und es bleibt immer zweifelhaft, ob
man überhaupt einen hat.
    Aber um sich die Zeit zu vertreiben, ist es hier und da ein dankbares Tema.
    Nun, und an einem solchen Nachmittage hat Sir John neulich festgestellt, die
Grundnote meines Wesens sei Faulheit, eine ganz namenlose Faulheit, wie er sie
in diesem Grade noch bei niemandem beobachtet habe. Faulheit, wenn ich überhaupt
etwas tue oder unternehme, denn es geschehe immer nur, um etwas anderes nicht zu
tun - Faulheit, die Art, wie ich es anstelle, nämlich ungestüm und ungeduldig,
um es so bald wie möglich wieder hinter mir zu haben. Und vollends sei ich
unfähig, irgendeine Sache zu Ende zu führen, sei es eine Reise - denn ich reise
nie dahin, wohin ich ursprünglich wollte (das ist wohl wahr) - eine Ehe, eine
Chancensache oder so etwas wie einen Beruf. O ja, John ging streng mit mir ins
Gericht - er behauptete, wenn einmal alles glücklich soweit sei, dann liesse ich
es liegen und machte mich erleichtert aus dem Staube (auch das musste ich
zugeben). Und lieber liesse ich die unangenehmsten Konsequenzen über mich ergehen
- andere Leute hielten das irrtümlich für Seelenstärke -, als dass ich mich
rechtzeitig aufraffte, um sie zu vermeiden. Ja, aus lauter Energielosigkeit
legte ich manchmal eine auffallende Energie an den Tag.
    Er teilte mir das alles mit wie ein Forscher, der jahrelang an einer
wichtigen Entdeckung gearbeitet hat und nun endlich das Resultat veröffentlichen
kann.
    Es war geradezu eine rednerische Leistung - ich kann sie leider nur
unvollkommen nachstammeln.
    Und der Erfolg? - Ich war zuerst verblüfft, aber dann fiel es mir wie
Schuppen von den Augen: er hat recht. Ich muss Ihnen gestehen, mein Freund, ich
fühlte mich noch nie so verstanden. Mir war zumut wie einem Patienten, dem man
endlich die richtige Diagnose stellt, die sich mit seinen eigenen unterbewussten
Empfindungen und Ahnungen deckt.
    Liebster Doktor, ich habe eingesehen, dass ich zeit meines Lebens bis zu
diesem Nachmittag eine unverstandene Frau gewesen bin. Und Sie müssen zugeben,
es liegt ein Stück Tragik darin, immer wieder für energisch, temperamentvoll,
aufgeweckt und so weiter zu gelten, wenn man eigentlich nur faul ist.
    Dass ich es nie zu etwas bringe, was man eine gesicherte Existenz nennen
könnte, dass ich immer ein Bild ohne Rahmen bleibe - das Rätsel, an dem wir,
meine Freunde und ich, so oft vergebens herumrieten: Sir John hat es gelöst, er
hat mich entdeckt wie Bobbys Talent. Ja, wirklich, ich fühle mich jetzt endlich
entdeckt, verstanden, gerechtfertigt.
    Und das Laufende? Von Pedro kommen viele Briefe - ungeduldig, vulkanisch,
todunglücklich - er weiss nicht, was er tun und was werden soll. Ich weiss es auch
nicht, aber ich bin nicht unglücklich.
    Sir John sagt, es sei mein Unglück, dass ich immer so glücklich bin. Oh, Sir
John ist ein grosser Weiser...
 
                                       17
Heute morgen wollte ich gerade anfangen Ihnen zu schreiben, da setzte sich ein
liebenswürdiger alter Herr, den wir bei Tisch kennengelernt haben, zu mir und
fragte mich im Vertrauen, ob der Dichter wirklich mein Stiefsohn sei.
    Ich dachte an meinen Brief und war zerstreut, so habe ich recht dumm
geantwortet: er sähe mir doch entschieden ähnlich. Der alte Herr warf mir einen
prüfenden Blick zu und meinte: ja, ja, möglich, dass eine gewisse Ähnlichkeit -
und das sei immerhin ein seltsames Phänomen. Überhaupt, die Mischung von
angelsächsischem, romanischem und ausgesprochen nordischem Typus, wie sie
anscheinend in meiner Familie herrsche, wäre wirklich interessant.
    Diese kleine Ansprache lenkte meine Gedanken allmählich von Ihnen ab, teurer
Freund, und ich begriff, dass man uns doch wohl durchschaut (o weh - wenn Pedro
noch lange fortbleibt, möchte die Situation am Ende doch peinlich werden), und
dass der ehrwürdige Greis mir eine zarte Warnung geben wollte.
    Mein Brief blieb liegen, ich frühstückte mit dem alten Herrn, und wir haben
uns ganz gut unterhalten. Er ist witzig und amüsant, wusste mir mit väterlicher
Güte allerlei Geständnisse zu entlocken und erinnerte sich mit sichtlichem
Vergnügen an die galanten Faiblessen seiner Jugend.
    Sie wissen, ältere Herren, die noch in Betracht kommen, sind nicht mein
Fall, aber die noch älteren, die nicht mehr in Betracht kommen, können manchmal
sehr reizend sein. Und ich habe heute gedacht, solche wirklich charmante alte
Leute sind eigentlich ein Element, das in unseren Kreisen ganz fehlt. Wir
wurzellosen Existenzen haben alle nur so einen dunklen, verschwommenen Begriff
von Eltern und Senioren, die uns übelwollen. Wo noch welche vorhanden sind,
bleiben sie ganz im Hintergrund, werden gefürchtet oder sorgfältig vor uns
behütet. Man kennt immer nur Altersgenossen oder Jüngere. Kommt man dann einmal,
so wie heute, zufällig mit jemand viel, viel älterem in Berührung, so wirkt er
beinah wie ein seltenes, etwas unwahrscheinliches Naturspiel auf uns.
    Kann man wirklich so alt sein, so ganz hors concours, und immer noch Freude
am Leben haben und Interesse für alles?
    Barmherzigkeit: Und einmal werden wir uns doch wohl auch an den Gedanken
gewöhnen müssen, selbst alt zu werden - wie wird das gehen, wie soll man es
machen? Krankheit, Alter und Tod erscheinen mir immer als die drei
Unmöglichkeiten des Lebens, alles andere geht irgendwie von selbst, aber mit
Unmöglichkeiten muss man sich zu arrangieren versuchen.
    Kranksein - das lässt sich vielleicht noch bedingungsweise ausnehmen. Unter
angenehmen Verhältnissen kann es möglich, manchmal sogar ganz lustig sein - gute
Freunde, viele Blumen, sympatische Ärzte und das grosse Gegenpläsier, wieder
gesund zu werden.
    Aber die beiden anderen? Der Tod - warum hat man wohl so viel Angst davor?
Ich habe sie auch, aber dann denke ich wieder, es ist vielleicht ganz
überflüssig, wir wissen doch noch gar nicht, ob es unangenehm sein wird. Es mag
verdreht sein, aber ich ertappe mich sogar bei dem Gedanken: das Leben ist so
schön, obwohl so viel dagegen eingewandt wird - am Ende ist das Sterben auch gar
nicht so übel. Schlimmstenfalls ist es eine Exekution, die nicht lange dauert.
    Und das Alter - alt werden? Gott, wenn man durchaus nicht mag, es kann einen
ja niemand zwingen, länger zu leben, als man will.
    Aber da liegt ein böses Dilemma, es ist so viel hübscher, jung zu sterben,
aber um wirklich grossen Charme zu haben, müsste es schon sehr früh sein.
Andererseits aber möchte man möglichst viel leben und unverhältnismässig lange
jung bleiben.
    Schenkt uns nun der gütige Himmel diese ausdauernde Jugend, so wird es sehr
schwer sein, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Sehen Sie - wenn ich sterbe,
möchte ich gerne noch so aussehen wie jetzt, aber ich habe doch vorläufig gar
keine Lust, mich schon in die Unterwelt zu begeben. Ach, das ist wirklich schon
wieder ein Problem und a very disagreeable one, wie Sir John sagt. Wir sassen
kürzlich alle drei bei ihm auf dem Sofa, der vorwitzige Bobby zupfte seinem
Mentor drei graue Haare aus und sagte: »Meister, wir werden alt.« Mehr als die
drei fanden wir nicht, und John lachte. Aber mir wurde doch ganz kalt, und ich
dachte: wenn ich nun einmal dasitze und neben mir ein junger Dichter, der mir
drei graue Haare auszupft! (Nun, in dem Nebenumstand könnte ja noch etwas
Tröstliches liegen.)
    Übrigens glaube ich gar nicht unbedingt daran, dass das erste graue Haar, die
erste Falte ein so überwältigender Eindruck ist. Eher noch der Abschied von der
allerersten Jugend, von der verwegenen Sicherheit, in jedem Zustand und jeder
Verfassung - ob verweint, verkatert, übernächtig oder ausgeschlafen - immer gut
auszusehen, immer auf der Höhe zu sein. Man denkt auch in diesem Stadium viel
mehr über die Schrecken des Älterwerdens nach. Schon beim Abschied von Hängezopf
und kurzen Kleidern meint man, nun sei die Hauptsache bald vorbei, und mit
zwanzig Jahren, man hätte jetzt kaum mehr Zeit vor sich. Später dann merkt man,
dass es noch recht lange dauert und wie dehnbar und geräumig das Leben in
Wirklichkeit ist.
    Aber, bitte, sagen Sie mir nicht wieder: Sie bleiben immer jung - es ist
zwar angenehm zu hören, aber die Frauen mit der ewigen Jugend halte ich doch für
einen Bluff. Es kann mich ganz nervös machen, wenn immer wieder die unselige
Ninon de Lenclos herbeizitiert wird. Ich bekomme dann das Gefühl: o Gott, nein,
so alt möchte ich gar nicht werden. Ich pfeife darauf, dass meine Stiefsöhne -
oder waren es richtige? - sich in mich verlieben, wenn ich siebzig bin. Das ist
ja doch nichts Rechtes mehr.
    Ich möchte gern wissen, ob man sich überhaupt genieren wird, alt zu sein?
Vor den anderen vielleicht nicht, sie sind ja daran gewöhnt, dass es alte Leute
gibt, und finden nichts Auffälliges daran. Aber vor sich selbst - denken Sie
nur, als alte Dame aufzustehen und sich im Spiegel zu sehen: guten Morgen - o
Gott, aber du bist ja alt - was willst du denn noch? Ja, besonders in der Früh
muss es deprimierend sein, im Laufe des Tages wird man sich wohl irgendwie in
seine Rolle hineinleben.
    Ich stelle mir bei allen Lebenslagen, die mir peinlich sind, gerne vor, dass
ich nur eine Rolle spiele, eben jetzt diese oder jene spielen muss, die mir nicht
recht liegt. Zum Beispiel bei unangenehmen Auseinandersetzungen: du bist ja nur
auf der Bühne - o weh, der Souffleur ist nicht da - besinne dich rasch, was man
in dieser Szene ungefähr zu sagen hat. Oder wenn man morgens aufwacht - ja, was
ist denn eigentlich? Dies und jenes, alle möglichen Unannehmlichkeiten. Schön,
ich habe also eine Frau zu spielen, die in Geldschwierigkeiten ist und nichts
anzuziehen hat. Undankbar, aber vielleicht lässt sich etwas daraus machen. Bitte
auf die Bühne...
    Lieber Freund und Doktor - es ist schlecht, mit mir zu diskutieren, denn es
fällt immer wieder so aus: das ist schlimm - sehr schlimm - ja - nein, es ist
eigentlich doch nicht so schlimm.
    So muss ich denn schliesslich auch feststellen, dass der Gedanke an die
Vergänglichkeit alles Irdischen mich im grossen und ganzen nicht sehr bedrückt,
höchstens wenn ich gerade meinen verfluchten Tag habe.
    Ich denke vielmehr, wenn es erst einmal soweit ist, wird man schon damit
fertig werden. Wird man alt, so treibt man sich noch eine Weile als Zuschauer
auf der Welt herum, braucht sich wenigstens nicht mehr zu Taten aufzuraffen. Und
die Erinnerungen, die im Alter eine so bedeutende Rolle spielen sollen? Nun, bei
allen guten Dingen wird man sich freuen, dass sie da waren, und bei den
schlechten, dass sie vorbei sind. Die beste Vorsorge fürs Alter ist jedenfalls,
dass man sich jetzt nichts entgehen lässt, was Freude macht, so intensiv wie
möglich lebt. Dann wird man dermaleinst die nötige Müdigkeit haben und kein
Bedauern, dass die Zeit um ist. Für all die Leute mit verfehltem Leben,
versäumter Jugend, überhaupt mit vielen Unterlassungssünden - für die muss es
schrecklich sein, alt zu werden.
    Nein, wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, mein eigenes Alter
mitzuerleben (was mir noch sehr fraglich ist) - in dieser Beziehung habe ich mir
wenig vorzuwerfen und werde mit mildem Lächeln sagen können: es ist genug, Herr!
    Und dann will ich wenigstens eine dankbare Rolle spielen, eine sehr
angenehme alte Dame sein mit möglichst wenig Falten und möglichst weissem Haar -
und einen reizenden Salon haben mit einem Kaminfeuer. Um den Kamin versammeln
sich abends die alten Freunde, müde galante alte Herren mit Krückstöcken, und
man unterhält sich von einstigen Faiblessen.
    Denken Sie nur, was wir uns dann alles erzählen werden - alles, was jetzt
noch verschwiegen bleibt. In sentimentalen Stunden reden wir vielleicht auch
wieder von Yvonne und dem fremden Mann - und, wenn Sie boshaft aufgelegt sind,
von Paul. Ja, dann wird das Teegespräch erst seine höchste Blüte erreichen.
    Danken wir Gott, dass es noch nicht soweit ist...
 
                                       18
O Freund, o Doktor - das war eine schicksalsvolle Woche, und ich flüchte mich
wie einst in der Regenstadt zu Ihnen, um mein müdes Haupt - nein, das geht nicht
- um Ihnen mein Herz - nein, das geht auch nicht - also, einfach um Ihnen zu
schreiben.
    Mir ist zumut wie nach einer Kinematographenvorstellung, an der ich stark
beteiligt war - also hören Sie: Sonntag: Eilbrief aus Sizilien und drei
Telegramme - er fragt, ob ich mit ihm durchbrennen will - nach Amerika
natürlich. Man brennt ja immer nach Amerika durch.
    Ich weiss nicht, ob ich will. Wir beratschlagen den ganzen Tag. Erst mit Sir
John unter vier Augen - dann mit Bobby unter vier Augen - dann John und Bobby
miteinander und ich für mich alleine und mit dem liebenswürdigen Herrn bei einer
Flasche Sekt. Wir zählen an den Knöpfen ab, Bobbys Knöpfe sagen nein, Johns
Knöpfe sagen ja. Bobby findet mich herzlos, aber es freut ihn, Sir John meint,
meine Energielosigkeit habe den Kulminationspunkt erreicht, und er weidet sich
daran. Wir zanken uns, vertragen uns wieder, werden sentimental und fühlen, dass
es unendlich hart wäre, wenn wir uns jetzt so plötzlich und endgültig trennen
sollten.
    Mit Pedro allein einer ungewissen Zukunft entgegegehen - der alte Herr rät
mir entschieden ab. Wer weiss, ob er nicht als Kellner in Chicago endet - für ihn
ist's doch sicher besser, er heiratet die Cousine.
    Montag abend schicken wir ein unentschiedenes Telegramm ab. Nachher bin ich
sehr traurig, es tut mir leid, wenn ich ihn nun vielleicht nie wiedersehe. Bobby
freut sich und wird schlecht behandelt.
    Mittwoch: nicht etwa Pedro, sondern sein Onkel tritt auf. Man meldet mir,
Signor Alfaro wünsche mich zu sprechen - derselbe Name - ich will die Treppe
hinunter und in seine Arme stürzen - der liebenswürdige alte Herr erscheint und
warnt mich.
    Ich verstecke mich in Bobbys Zimmer, Sir John geht mit Fassung dem Onkel
entgegen, entführt ihn in die Stadt und redet ernste Männerworte mit ihm. Der
Onkel lässt sich überzeugen, dass ich nicht mehr hier wohne, und Sir John siedelt
am Nachmittag in ein anderes Hotel über, damit wir einen sicheren Zufluchtsort
für alle Fälle haben.
    Abends ist der Sturm vorüber, und wir wollen bummeln gehen. Wir gehen schon
seit Wochen jeden Abend bummeln. John wünscht eine Variation, ich soll mich in
einen Knabenanzug stecken lassen, schon damit der Onkel mich nicht erkennt, wenn
wir ihn zufällig treffen. Er könnte ja bei Pedro Bilder von mir gesehen haben.
Sir John hat manchmal solche Einfälle.
    
    Vorsorglich hat er eine ganze Auswahl von Anzügen kommen lassen, ich gehe
also hinüber, sein Hotel liegt nur zwei Häuser weiter, wechsle bei ihm die
Kleider, Bobby muss einen Friseur holen, der mich mit einer schwarzen Perücke und
vieler Schminke in einen ganz sympatischen Knaben verwandelt. Ich habe mich
selbst kaum wiedererkannt, als ich mich im Spiegel sah. John war ausser sich vor
Vergnügen und wollte uns nun in allerlei merkwürdige Lokale führen.
    Wir gingen also unter seiner Leitung in allerlei merkwürdige Lokale - davon
erzähle ich Ihnen noch gelegentlich - und kamen erst in der Morgendämmerung
heim.
    Ich konnte zu dieser Stunde unmöglich in meine Behausung zurück, hätte mich
wenigstens erst umziehen müssen, und die Rückverwandlung in meinen vorigen
Zustand war ziemlich zeitraubend. So überliess John mir sein Schlafzimmer - er
hat noch einen Salon daneben. Drüben in dem anderen Hotel sollte Bobby die
Dehors wahren und uns Nachricht bringen, wenn der Onkel am Ende wiedererschienen
wäre. Bei Tage konnte ich dann unauffällig wieder hinüberwechseln.
    In heiterer Seelenruhe legte ich mich nieder und schlief bis sechs Uhr
nachmittags.
    Als ich aufwachte, stand Bobby vor meinem Bett.
    »Um Gottes willen, Pedro ist da, und John ist ausgegangen...«
    »Wo ist Pedro...?«, aber in dem Augenblick kam er selbst herein.
    Lieber Doktor, ich war so verschlafen, dass ich mich überhaupt nicht besinnen
konnte, wo ich war und was die beiden von mir wollten. Der Anzug von gestern
abend hing noch über einem Stuhl, und meine Kleider waren drinnen im Salon. Ach,
man sollte doch immer abends seine Tür zuschliessen.
    Ich muss zugeben, dass der Schein gegen mich sprach: Bobbys Anwesenheit -
Johns Zimmer - der Knabenanzug - und es tat mir furchtbar leid, den armen Pedro
so empfangen zu müssen.
    Wie es sich dann weiter entwickelte? Immerhin noch harmonischer, als man
hätte annehmen sollen. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe (schlechtes
Gewissen ist das Gefühl, einem anderen etwas Unangenehmes getan zu haben),
kommen immer meine schönsten Herzenseigenschaften zum Vorschein. Ich hätte es
nicht über mich gebracht, mich in Bösem von ihm zu trennen. Es war dieses Mal
eine phantastisch schwere Aufgabe, aber sie ist gelöst worden.
    Pedro und ich fuhren noch denselben Abend nach Amalfi und nahmen dort drei
Tage lang Abschied.
    Wir haben uns auf vorläufige Trennung geeinigt. Mit dem Durchbrennen wäre es
ohne des Onkels Zustimmung doch eine untunliche Sache gewesen. Er sollte also
mit dem Onkel, den Sir John inzwischen bändigte, nach Sizilien zurückfahren und
ruhig heiraten.
    Ich hoffe, Sie, teurer Doktor, werden nie wieder an meinem Altruismus
zweifeln. Dieser Mann braucht entschieden eine Frau, die ihm immer treu ist, und
ich habe ihm wohl oder übel auseinandersetzen müssen, dass mir das schwerfallen
würde.
    Wir gedenken uns zwar über kurz oder lang wiederzusehen, aber der Abschied
ist uns doch recht schwer geworden. Es ist ein Elend - habe ich jemanden sicher
und für immer, so wird es mir bald über, aber wenn ich ihn weggeben muss, reut es
mich wieder.
Jetzt ist er fort. In mein Hotel bin ich nicht mehr zurück, sondern habe mich
drüben einquartiert. Sie kennen meine Gewohnheit, nach jeder Katastrophe vor
allem gründlich auszuschlafen - so habe ich mich auch diesmal gleich in mein
Zimmer zurückgezogen und von Montag bis Donnerstag immer nur geschlafen. John
und Bobby besuchten mich von Zeit zu Zeit und waren sehr besorgt um Wohlergehen
und Seelenzustand. Sie wussten eben noch nichts vom Katastrophenschlaf, und ich
konnte sie erst darüber belehren, als er zu Ende war.
    Und jetzt? Ja, das weiss ich noch nicht, jetzt muss ich mich erst wieder vom
vielen Schlafen erholen...
 
                                       19
Vorausgesehen - Sie tun sich leicht, lieber Freund. Wenn etwas geschieht oder
geschehen ist, brauchen Sie nur den Epilog zu machen. Und Pedros Grabrede war
allerdings eine Ihrer Glanzleistungen.
    Das Engagement war nicht für die Ewigkeit, das, ja, das konnte man wohl
voraussehen. Und doch: wäre das Wiedersehen nicht so unglücklich inszeniert
gewesen und der Onkel nicht so harterzig, dann sässen wir jetzt vielleicht Hand
in Hand auf einem Ozeandampfer. Ob ich nun mein wahres Lebensglück verscherzt
habe oder ob es vielleicht ungeheuer gescheit war, selbiges zu verscherzen - wer
kann das sagen? Die Trennung von John und Bobby hätte mir wahrscheinlich
ebensosehr das Herz gebrochen. Pedro konnte ich eigentlich doch nur im Ensemble,
allein wäre ich ihm auf die Länge nicht gewachsen gewesen.
    Unsere Koffer stehen schon halb gepackt, und dies ist voraussichtlich der
letzte Brief, den ich Ihnen von hier aus schreibe. Die nächste Programmnummer
wird heissen: Bobbys Insel.
    Sir John will uns in Bälde nachkommen. Dann wollen wir den ganzen Sommer in
der Sonne liegen und Bobby zum mondänen Dichter erziehen. John hat ja sozusagen
die Verantwortung übernommen, dass etwas aus ihm wird, und er meinte, für diesen
Typus würde er sich am besten eignen.
    Die beiden haben noch viel mit ihren Reisevorbereitungen zu tun und sind
meist in der Stadt. Ich habe auf der Terrasse einen traumhaft bequemen
Schaukelstuhl und verbringe diese letzten Tage in stiller Beschaulichkeit. dabei
habe ich eine neue Erkenntnis gewonnen - wieder einmal, werden Sie sagen. Aber
diese hat sehr viel Endgültiges.
    Lieber Freund, ich bin mir darüber klargeworden, dass mein Leben nach einem
umgekehrten Prinzip verläuft - oder ist es deutlicher so: das Prinzip meines
Lebens ist, dass alles umgekehrt geht.
    Sie haben Sir Johns Diagnose anerkannt: ich bin im Grunde faul und
energielos und gerate doch so oft in Lebenslagen, die Energie erfordern, also
muss ich meiner Bestimmung entgegengesetzt handeln. Das erweckt einen falschen
Eindruck, der mich wiederum zu lauter umgekehrten Handlungen zwingt. Nicht wahr,
das stimmt?
    Ferner: ich habe so viel Anlage zu passivem Glück, und dabei sind meine
Glücke fast immer stürmisch und bewegt. Ich kann keine Konflikte, und immer gibt
es welche.
    Vor allem aber: was ich auch tue, beginne und plane, unweigerlich kommt
dabei das Gegenteil heraus. Das kann doch nicht nur Zufall sein. Unternehme ich
etwas ungemein Nützliches und Wohlüberlegtes, so gibt es sicher den grössten
Unsinn. Tue ich aber gänzlich unzweckmässige und unüberlegte Dinge, dann kommt
etwas Vernünftiges zustande. Kurz, ich ernte nie, was ich gesäet habe, sondern
jedesmal ewas ganz Überraschendes.
    Und die Moral: wem das Los so fällt wie mir, nämlich umgekehrt, der suche
eben umgekehrt zu leben, immer von vornherein das Umgekehrte zu tun - dann muss
es sich wieder ausgleichen.
    Seit diese Erleuchtung über mich gekommen ist, bin ich sehr zufrieden. Ich
begreife, dass in der Erkenntnis wirkliches Glück liegen kann. Alle weitere
Gedankenarbeit überlasse ich Ihnen, es war schon eine bedeutende Leistung, Ihnen
das alles so wohlgeordnet vorzutragen.
    Und die praktische Anwendung - mein lieber, guter Freund? Wie Sie mir
schreiben: es wäre sicher das beste, wenn ich jetzt zurückkäme, dortin, wo ein
getreues Herz für mich schlägt, und wenn ich nur wollte, auch eine sogenannte
Existenz bereit wäre. Von diesem Herzen und dieser Existenz habe ich Ihnen ja in
den Tagen der Regenstadt schon Näheres erzählt und...
    Aber nein - ich werde von jetzt an nie mehr das tun, was sicher das Beste
wäre und das Gescheiteste. Bobbys Insel ist gewiss das Dümmste, was ich tun kann
- und ich wähle Bobbys Insel.
    Sobald wir sie gefunden haben, schreibe ich Ihnen - wir wissen ja selbst
noch nicht, wo sie liegt - und deshalb sage ich Ihnen heute mit einer gewissen
Feierlichkeit Lebewohl und - a tantot...
 
    