
        
                                  Ludwig Toma
                                  Der Wittiber
                                Ein Bauernroman
                                  Erstes Kapitel
»Um d' Kati is schad; dös behaupt' i, weil 's wahr is, und koa besserne
Hauserin is weit umadum net g'wes'n«, sagte der Zwerger von Arnbach, und Männer
und Weiber, die beim Leichentrunk sassen, nickten beistimmend.
    »De Ehr' muass ihr a niada Mensch lass'n, dass ihr d' Arbet guat vo da Hand
ganga is.«
    »Han?«
    Die Fischerbäuerin von Neuried redete undeutlich, weil sie ein tüchtiges
Stück Wurst kaute; aber wie sie es hinuntergeschluckt hatte, wiederholte sie
ihre Worte.
    »Dass ihr d' Arbet guat von da Hand ganga is, sag i.«
    »Und halt vastanna hat sie 's aa«, rief einer über den Tisch hinüber.
    »Freili hot sie 's vastanna. Und gar so viel a guate Melcherin is sie
g'wesen,« sagte die Fischerbäuerin, die als Schwester der Verstorbenen heute ein
Aufhebens machen durfte. »Solchene muass it viel geb'n, und it leicht, dass a mal
a Kuah nach ihr ausg'schlag'n hat, und vo drei Strich hat sie so viel Milli
ausg'molka, wia'r an anderene aus vieri.«
    »Und g'rat'n is ihr alssammete,« rief die Huberin von Glonn, »sie hat a
niad's Kaibi durchbracht; und bal sie oans no so g'ring herg'schaugt hat, is ihr
it umg'stanna.«
    »Was mög'st?« fragte der Zwerger, den die Fischerbäuerin anstiess. »Ah so!
Geh, teat's d' Würscht no mal her!«
    Und er gab der Nachbarin hinaus, die mit Messer und Gabel darüberging und
wehleidig sagte: »Es is schad um sie, weil sie gar so viel a guate Melcherin
war.«
    Der Schormayer von Kollbach hörte die Lobreden oder hörte sie nicht; er
schaute verloren an sein Bierglas hin; und wenn er den Deckel aufmachte und
eines trank, geschah es auch gedankenlos und ohne Genuss.
    »Was hoscht jetzt an Sinn?« fragte ihr der Zwerger.
    »Wia?«
    »Was d' an Sinn hoscht? Übergibst, oda machst alloa furt?«
    »I bin do it alloa.«
    »Ja no, die Tochta werd aa it ledi bleib'n mög'n; und bal sie heiret, was is
nacha?«
    »Dös woass i jetzt aa it.«
    »Geh, Zwerger, lass guat sei! Wer red't denn von Übageb'n, bal ma d' Muatta
erst vor a Stund ei'grab'n hamm?«
    Der Schormayer Lenz sagte es, und zeigte sich überhaupt als rechtsinnigen
Menschen, der auch im Unglück seine fünf Sinne beisammen hat, indem er acht gab,
dass beim Leichenmahl alles mit Ordnung ging und Verwandte und Gefreundete
herzhaft zugriffen.
    »Ja no,« antwortete der Zwerger, »mi red't grad; und wer woass, wann mi wieda
beinand is. Und es is guat g'moant g'wen, Schormayer; des sell derfst g'wiss
glaab'n.«
    »Wia?«
    »I sag, dass i dir nix Schlecht's moan, und nix für unguat!«
    »Na, na!«
    »Bal d' Kati bei'n Leb'n blieb'n waar, kunnt'st freili no a fünf Jahr
regier'n, aber a so werd 's dir hart o'kemma.«
    »Ja, ja.«
    »Sie is so viel a guate Melcherin g'wen, und in Stall überhaupts hat 's koa
besserne gar it geb'n,« sagte die Fischerbäuerin, indes sie einen Löffel
Rübenkraut zum Schweinefleisch nahm.
    »Der Herr gebe ihr die ewige Seligkeit und lasse sie ruhen in Frieden,
Amen!« rief am untern Ende eine scharfe Stimme, die zu den frommen Worten nicht
recht passte.
    Und sie ging von der Asamin aus, die mit einem kleinen Gütler ein armseliges
und streiterfülltes Leben führte.
    Sie hatte aber auch mit der Katarina Schormayer eine Schwester begraben und
musste deswegen an diesem traurigen Tage gehört werden.
    »Amen!« responsierten die Verwandten und Gefreundeten, und räusperten sich
dazu; denn sie gönnten der Asamin nicht, dass sie das Wort führen sollte.
    Dann war es still; bloss dass man Gabeln und Messer auf den Tellern kratzen
hörte, oder auch einen, der seufzte, oder einen, der sagte: »Ja no! Jetzt is
scho amal a so.«
    Nach einer Weile jedoch brachte der Zwerger die Unterhaltung wieder in Fluss.
    »Des muass mi sag'n, schö hat da Herr Pfarra g'redt, und g'rad fei' hat a sei
Sach' fürbracht.«
    »Er hot überhaupts a guat's Mäuwerk«, lobte der Schneiderbauer; »da is er
ganz anderst wia der inser in Arnbach. Der sell ko gar nix.«
    »Dös is wahr, bei dem muass mi einschlafa, aba an Herrn Metz lob' i. Er hat
der Schormayerin ihr Ehr geb'n, dass mi z'fried'n sei muass.«
    »Ein fleissiges Weib ist eine Krone ihres Mannes, hat a g'sagt, und dessell
hat er aa g'sagt: durch ein weises Weib wird das Haus erbauet. I hon ma 's guat
g'mirkt.«
    Die Asamin liess sich zu oft hören.
    »Mirk d' as no! Du ko'st as guat braucha!« schrie der Schneiderbauer grob
und brachte viele zum Lachen.
    
    »Bal's aba da Herr Pfarra g'sagt hat!«
    »Is ja recht, mirk da 's no g'rad!«
    »Von a Predigt ko si a niada was hoam nehma, net grad i alloa.«
    »Is ja recht.«
    »Und des sell derf i do sag'n, dass mi de Predigt g'fall'n hat, und
überhaupts is sie von mir so guat a Schwesta g'wen als wia vo de andern; und des
is amal wahr, dass er dös g'sagt hat. Ein fleissiges Weib, hat er g'sagt, ist die
Krone des Mannes.«
    »Is ja recht, bal's no du aa oane waarst!«
    »Nacha krieget der Asam vielleicht gar was für di«, sagte der Zwerger; und
wieder lachten Verwandte und Gefreundete.
    »Schaug no, dass du was kriagst für de Dei'; und des sell muass i dir no sag'n
...«
    »Sei amal staad!« mahnte der Lenz so nachdrücklich, dass die Asamin einhielt.
    Und jetzt schob auch seine Schwester Ursula die Fleischplatte vor den alten
Schormayer hin.
    »Geh, Vata, iss dennerscht was!«
    »I mog it.«
    »Dös is jetzt aa nix, bal du a so da hockst; is ja des best' Sach!«
    »I mog it, sag' i.«
    »Wickel 's eahm ei!« sagte die Fischerbäuerin. »Dahoam mag er 's na scho.«
    Der Wittiber trank ein ums andere Mal und schaute mit leeren Augen vor sich
hin, dass es den Schneiderbauer erbarmte.
    »Wie lang bist jetzt verheiret g'wen?« fragte er den stillen Mann.
    »I?«
    »Ja, muass do bald dreiss'g Jahr sei.«
    »It ganz. Achtazwanzgi san mi beinand g'wen.«
    »Is a lange Zeit. Da g'wohnt ma si z'samm.«
    »Da g'wohnt ma si z'samm, ja, ja! Und jetz woass i gar nix mehr, wo i
hi'g'hör, und dahoam is nix, und anderstwo is aa nix.«
    »Es werd scho wieder, Vata, lass no guat sei!« sagte Lenz.
    »Nix werd 's. Dös vastehst du net. Bal mi achtazwanz'g Jahr mitanand g'arbet
hat, und is oan Tag g'wen wia den andern, und auf oamal is 's gar, dös is dumm
ganga. Dös hätt' 's it braucht.«
    »No schau, bei dir is no net allssammete aus«, tröstete der Zwerger. »Du
host a Bargeld und kost zuaschaug'n, wann's d' heut übagibst.«
    »Ja, bal i d' Arbet nimma hab, was is denn nacha? Und alloa is d' Arbet aa
nimma luschti. Dös is amal nix mehr und werd nix mehr.«
    Er schaute wieder vor sich hin und rührte nichts an von allem, was
aufgetragen wurde.
    Den andern aber hatte die Trauer den Appetit nicht verschlagen; sie langten
herzhaft zu, und über Essen und Trinken wurde es lebhafter.
    Von der seligen Schormayerin war nicht mehr so viel die Rede als von der
Ernte und von den Viehpreisen; und jeder wusste etwas zu sagen, was seiner
Kenntnis Ehre machte.
    Und wie sich der Eifer steigerte, wollte auch der Lenz zeigen, dass er gut
beschlagen war.
    Die Fischerbäuerin wieder nahm sich der Ursula an und erzählte ihr von
einigen Bauernsöhnen, die rundherum mit guter Aussicht fürs Leben zu heiraten
waren.
    Und wenn ihr die Namen ausgingen, wusste gleich eine andere noch einen
besseren zu rühmen; und über ein kurzes steckten die Weiber ihre Köpfe zusammen
und waren vom Sterben mitten ins Heiraten gekommen.
    Die Asamin nicht.
    Ihre Meinung hatte in solchen Fragen erst recht keine Geltung, und überdem
hielt sie es für richtig, jetzt mit einigen Wünschen an den Schormayer zu gehen.
    Ohne dass es die andern viel bemerkten, setzte sie sich hinter den Wittiber
und fing erst einmal kräftig zu seufzen an. Da er nicht darauf achtete, zupfte
sie ihn am Ärmel und sagte: »Dös is a wahr's Kreuz!«
    Der Schormayer wandte sich um. »Was willst?«
    »A Kreuz is, sag i, dass d' Kati hat sterb'n müass'n.«
    »Jetz lass du mi aus!«
    »Ja, glaabst, mi bekümmert dös nix? Sie is vo mir aa'r a Schwesta g'wen.«
    »I woass scho.«
    »Und bal i aa g'rad an arme Güatlerin bi, des sell macht da gar nix aus.
Vielleicht hon i mehra Derbarma mit dir als an anderne.«
    »I dank da schö. Ja, is scho recht.« Und er drehte ihr den Rücken zu.
    Aber die Asamin war darüber nicht traurig, sie schaute links und rechts, ob
die Gespräche noch am Fliessen waren; und wie sie das mit Befriedigung sah, fasste
sie wiederum den Schwager am Ellenbogen.
    »Was hoscht denn?«
    »Du, hat d' Kati gar it dergleich'n to, dass sie ihre Verwandt'n a bissel
was zuakemma lasst?«
    »Na, gar nix.«
    »Koan Pfennig it?«
    »Na, sag i.«
    »Sollt'st nacha scho du a wengl was toa, dass mi liaba bet' dafür.«
    »Bal's d' net gern bet'st, lasst d' as bleib'n.«
    »Sie no net glei a so gach. Mi sagt ja grad, weil 's a guat's Werk waar,
wann mi an arma Menschen was gab.«
    »Du hoscht ihra Lebzeit'n gnua kriagt, und hoscht as do bloss vabutzt.«
    »I?«
    »Ja, du! Und jetz lass mi mei Ruah!«
    »Jetz da muass i lacha. Wos hon denn i kriagt von ihr?«
    »I red nix mehr.«
    Der Schormayer war ein weniges aus seiner allertiefsten Trübseligkeit
gerissen und zeigte seiner Schwägerin die breite Seite.
    »Luada!« brummte er vor sich hin und trank einmal.
    Die Asamin gab viel und doch nicht alles verloren; sie wartete etliche Zeit,
bis nach ihrer Meinung die Trauer wieder oben auf schwamm.
    Dann kriegte sie den Wittiber noch mal am Ärmel.
    »Ja Herrgott ...!«
    »Geh! Muasst it a so sei! I sag nix mehr von an Geld!«
    »Du kriagst scho koans.«
    »Dös san mi arma Leut g'wohnt. Aba, pass auf, den brauna Rock von ihr und den
Spensa kunnt'st ma do scho geb'n.«
    »Wos für an brauna Spensa?« fragte mit einmal Ursula, und fragte es sehr
scharf. 187;I ho do mit dir it g'red't.«
    »Na, aba an Vata tat'st o'betteln und schamst dir gor it.«
    »Dös is it bettelt, bal mi fragt!«
    »Dei Frag'n kenn i scho, und schama tuast di du gor it. Möcht sie 's G'wand
vo da Muatta!«
    »Was waar's nacha, bal mi an Spensa kriagat? Hoscht du it gnua Sach? Is dös
it da Brauch, dass mi an Verwandt'n was gibt? Da möcht i scho von Betteln sag'n
und 's Mäu recht aufreiss'n, als wenn sie koan Schwesta net g'wen waar von mi und
's Bet'n net aa braucha kunnt!«
    Die Asamin deckte ihren Rückzug tapfer und gut, wie ein jeder sagen musste,
aber sie musste eben doch zurückweichen und von allen Angriffen abstehen.
    Sie sass wieder am untern Ende des Tisches und blieb von den flinken Augen
der Ursula bewacht, so dass kein lautes Gespräch mehr für sie eine neue
Gelegenheit gab.
    »Und jetz geh i,« sagte der Schormayer bald darauf und stand auf.
    »I geh mit dir, Vata,« rief der Lenz.
    »Na, du bleibst do, und de andern aa. I find alloa' hoam, und koan
Unterhaltung brauch i net. S' Good beinand!«
    Er schwankte etwas und hatte in Kümmernis und Nachdenken mehr Bier
getrunken, als mancher Fröhliche ertragen könnte; aber die Türe erreichte er
doch in einer mässigen Bogenlinie.
    Die Trauerversammlung rief ihm Grüsse nach und hielt wieder eine Zeitlang
Betrachtungen ab über die Schormayerin und ihr schnelles Sterben und über den
Tod im allgemeinen.
    »Es is wirkli hart für eahm,« sagte die Fischerbäuerin, »und bal mi 's recht
sagt, is er z' alt zu'n no mal Heiret'n und z' jung zu'n Aufhör'n.«
    Die Schneiderin rückte näher zu ihr und wisperte leise, dass es die
Mannsbilder nicht hören sollten: »Überhaupts sag i dös: bei dem Alter is besser,
wann da Mo z'erscht stirbt, weil si inseroans leichter in d' Ruah gibt.«
    »Da hoscht amal recht, und des sell is no allemal wahr g'wen, wie ma sagt:
bal inser Herrgott an Hanswurst'n hamm will, lasst er oan mit fufz'g Jahr
Wittiber wer'n.«
    Die Fischerin sah die Schneiderin bedeutsam an, und sie nickten mit den
Köpfen und waren sich einige darüber.
 
                                Zweites Kapitel
Der Schormayer trat tiefe Löcher in die weiche Dorfgasse, wie er jetzt an dem
trübseligen Herbstnachmittage heimging, aber er achtete nicht auf den
glucksenden Lehm, der ihm an den Stiefeln hängen blieb.
    Wenn er vom Wege abkam und beinahe knietief in den Schmutz trat, fluchte er
still und lenkte in die Mitte der Strasse ein, aber bald zog es ihn wieder links
oder rechts an einen Zaun, und er blieb stehen und brummte vor sich hin:
    »Nix mehr is; gar nix mehr.«
    »Himmelherrgott!« sagte er, wenn ein Windstoss in die Obstbäume fuhr und ihm
kalte Regentropfen ins Gesicht schleuderte.
    Ein Hund riss an der Kette und bellte ihm heiser nach; beim Finkenzeller
öffnete die alte Mariann ein Fenster und rief ihm zu: »Derfst ma 's it übel ham,
dass i net bei da Leich' g'wen bi; i hon an Wehdam in die Haxen und kimm it bei
da Tür aussi. I waar ihr so viel gern ganga, und derfst ma 's g'wiss glaab'n, i bi
ganz vokemma, wia'n i dös g'hört hab, und weil sie gar so ...«
    Der Schormayer hörte sie nicht; er bog scharf um die Hausecke und war nun
bald, unverständliche Worte murmelnd, an der Einfahrt seines Hofes.
    Die Spuren vieler Tritte waren noch sichtbar; sie liefen mitten über den
geräumigen Platz bis zur Haustüre, und bei ihrem Anblick raffte der Schormayer
seine Gedanken wieder fester zusammen.
    »Da hamm s' as raustrag'n. Ah mei! Ah was!«
    Er fasste zögernd nach der Türklinke, als vom Kuhstall herüber eine helle
Weiberstimme klang.
    »Bauer!« - »Was is?«
    »Schaugst it eina? D' Schellerin hat a Kaibi kriagt.«
    »Was nacha?«
    »A Stierkaibi.«
    Die Stalldirne klapperte auf ihren Holzpantoffeln mit hoch aufgeschlagenen
Röcken näher heran.
    »Vor a Stund is 's kemma, und hat gar it viel ziahg'n braucha, und i ho mir
z'erscht denkt, i schick umi zu'n Wirt, aba nacha is an Tristl sei Knecht da
g'wen, und nacha ...«
    »Ja, ja! Is scho recht ...«
    Er trat ins Haus und schlug die Türe hinter sich zu.
    Im Flötz stand noch der weissgedeckte Tisch, und darauf ein Kruzifix, auch
war ein süsslicher Duft von Weihrauch zu merken, und so blieb der Schormayer
nachdenklich stehen und schaute die Stiege hinauf, über die sie vor wenigen
Stunden seine Bäuerin heruntergetragen hatten.
    Er zog den Mantel nicht aus und hing den Hut nicht an den Nagel; wie er war,
ging er mit schmutzigen Stiefeln in die Stube und setzte sich auf die Ofenbank.
    Es wurde schon Abend, und die Fenster schauten wie grosse Augen in dei
dämmerige Stube herein; eine Uhr tickte laut und aufdringlich, als das einzige
Ding, was hier zu vernehmen war, und ihr Schlag und die Stille und dunkle Winkel
erinnerten den Schormayer an seine Verlassenheit. Er dachte wohl nicht viel
darüber nach und malte sich keine wehmütigen Bilder vor, aber er spürte die
Einsamkeit, wie er sich so vornüberbeugte und auf den Boden sah.
    Da waren einige weisse Flecken; und wie er nachdachte, woher sie kämen, trat
ihm lebhaft und deutlich die traurigste Stunde seines Lebens vor Augen.
    Das waren Tropfen von Wachskerzen, und da herinnen waren die Weiber
versammelt, als der Pfarrer die Leiche aussegnete.
    Er hörte die Hammerschläge, die von oben herunter tönten, als sie den Sarg
zumachten, und dann schwere Tritte auf der Stiege, und das Schleifen der
Totentruhe, und die tiefen Stimmen der betenden Männer und die hellen der
Weiber, und dann wieder durch die Stille eine fette Singstimme, der eine andere
erwiderte mit fremden Worten, die er oft und oft gehört, aber heute sich erst
gemerkt hatte:
    »Requiescat in pa-ha-ce! A-ha-men!«
    Eine zitternde, verschnörkelte Stimme, und dann das Klirren des
Weihrauchfasses, und gleich darauf ein weisser beizender Rauch, der viele zum
Husten brachte.
    Und ein Flüstern unter den Männern, die den Sarg aufhoben, und wieder viele
dumpfe Tritte und schreiende Stimmen durcheinander.
    »Vater unsa, der du bischt in dem Himmel, geheiliget werde dein Name ...«
    Der Bauer fuhr zusammen, weil die Stubentüre aufging.
    »Wos geit 's?«
    »I bin's«, sagte die Stalldirne, die auf Strumpfsocken hereinkam.
    »Was willst?«
    »I ho ma denkt, ob's d' as Kaibi net o'schaugst, weil 's gar so fei' is.«
    »Morg'n nacha.«
    »Und d' Kuah is aa guat beinand; gar it viel ei'brocha.«
    »So?«
    »Ganz leicht is ganga; i hätt an Tristl Knecht schier gar it braucht; aba
no, mi woass net.«
    Der Bauer gab keine Antwort.
    Zenzi ging ans Fenster und schaute hinaus; gegen die Helligkeit erschien
ihre Gestalt so gross und mächtig, dass sie der Schormayer zum erstenmal daraufhin
anschauen musste. Die hatte einen Buckel wie ein starkes Mannsbild und dicke Arme
und volle Brüste.
    »Soll i dir a Kaffeesuppen kocha?« fragte sie.
    »Na.«
    »Aba d' Ursula werd so schnell it kemma, und i ko d' as leicht macha.«
    »I mog nix.«
    Zenzi trat zur Ofenbank; und wie der Bauer sie nicht wegschickte, setzte sie
sich neben ihn.
    Ihr Arm streifte den seinen, und eine Wärme ging von ihr aus, die ihm
wohltat; den ganzen Tag hatte er das Gefühl gehabt, dass es ihn fröstle beim
Alleinsein, und in der Stube hatte es ihn erst recht so überkommen.
    Zenzi drehte den Kopf nach ihm zu; ihr sinnlicher, breit gezogener Mund und
ihre flackernden Augen versprachen Dinge, die selten einer verschmäht.
    Aber der Schormayer schaute sie nicht an.
    »Wia lang is sie jetzt krank g'wen?« fragte Zenzi.
    »A schlecht's Blüat hat sie scho lang g'hot,« erwiderte er, »aba g'leg'n is
sie it länger wia 'r a viertl Jahr; dös woasst ja selm.«
    »An da Lungl hat 's ihr g'feit, gel?«
    »Ja.«
    »A meiniger Vetta, wo i in Deanst g'wen bi, hot 's aa'r a so g'habt und is
alle Täg weniga worn. Da is g'scheidter, bal oans stirbt.«
    »Ja, ja.«
    »Dös ko mi net anderst macha, und da waar i jetzt net a so trauri.«
    »Dös vastehst du z'weni«, sagte er und streifte sie mit einem Blick.
    »Moanst?«
    »Wenn ma so lang vaheiret is mitanand, da g'hört ma so z'samm, dass ma sie
dös gar it anderst ei'bild'n ko.«
    »Aba d' Freud ko aa nimmer so gross g'wen sei.«
    »Was für a Freud?«
    »No, a so halt«, sagte Zenzi und stiess ihn mit dem Ellenbogen an.
    Er schaute sie wieder an; ihr Mund war zu einem sinnlichen Lachen verzogen,
und ihre Augen wichen nicht aus.
    »Ah mei!« sagte er. »An selle Dummheit'n denkt mi do net.«
    »Waar ma scho gnua!« sagte sie. »Da denkat i freili dro. Für was is ma denn
vaheiret?«
    »Geah! Du bischt halt no jung und dumm. In Ehstand is ganz anderst als wia
lediger.«
    »Warum nacha?«
    »Weil mi halt g'scheidter werd, und älter aa, und weil mi an was anders z'
denka hot.«
    »Du bischt do net z' alt.«
    Zenzi rückte näher, und da fasste er mit einer groben Bewegung ihren Arm und
drückte ihn fest.
    »Herrgott! Aber Arm hoscht scho her!« sagte er.
    »Da is was dro, gel?«
    »Ja du bischt scho a Mordstrumm Weibsbild!«
    Er griff nach ihrer Brust.
    Sie kicherte.
    »Geah du!«
    »Was hoscht denn für an Schatz?« fragte er.
    »I ho koan.«
    »Ja, dös wer i dir glaab'n. Vielleicht bischt gar no bei'n Jungferbund?«
    »Da kunnt i leichter dabei sei als wia anderne. I mag mit die Bursch'n nix
z' toa hamm.«
    »So schaugst du aus!«
    »Weil nix G'scheidt's rauskimmt dabei. Aba du bischt oana! Hörst it auf?
Hörst it auf?«
    Sie lachte und wehrte sich gegen seine derben Griffe; er legte den Arm um
ihre Hüfte und zog sie keuchend zu sich heran, und im Ringen fiel ihm der Hut
auf den Boden.
    Plötzlich machte sie sich mit einem Ruck frei und sprang in die Höhe. »Es
kimmt wer!« sagte sie hastig und streifte ihren Rock zurecht.
    Er sah verstört und mit blöden Augen nach der Türe und bückte sich, um
seinen Hut aufzuheben, als Ursula eintrat. Sie warf einen schnellen Blick auf
den Vater, der seine Verlegenheit verbergen wollte und den Staub vom Hute
abblies, und dabei fuhr sie die Magd an:
    »Was hoscht denn du da herin z' toa?«
    »I hon an Bauern g'sagt, dass mi a Kaibi kriagt hamm.«
    »Na geh no wieda an Stall aussi!«
    »I geh scho.«
    Der Schormayer kam ihr zu Hilfe.
    »A Stierkaibi is, hoscht g'sagt? Gel?«
    »Ja.«
    »Und da Tristlknecht hat da g'holfa?«
    »Ja. Da Toni.«
    »Is scho recht nacha. Sagst eahm: i zahl eahm a paar Mass.«
    »Jetz mach amal, dass d' weiterkimmst; du hoscht di lang gnua vahalt'n da
herin, moan i«, schrie Ursula.
    »'s nachstmal sag i halt nix mehr, bal dös aa no net recht is; und so was
geht do an Bauern o.«
    Zenzi schlug die Türe hinter sich zu, und man hörte sie noch im Flötz
schelten, und ein Stück weit über den Hof.
    Der Schormayer hatte derweilen seine Fassung gewonnen, und der Ärger stieg
in ihm auf.
    »Dass du gar a so grob bischt mit ihr?« fragte er.
    »Red' liaba it, Vata!«
    »Wos? Derfst du mir 's Mäu biat'n? Gang dös scho o? Herr bin i, dass d' as
woasst!«
    »Und dös g'hört si amal it, dass des Mensch da herin steht.«
    »So? Geaht mi dös nix o, was an Stall draussd g'schiecht? Dös waar mi des
neuest! Bin i gar nix mehr, weil d' Muatta nimma do is?«
    Jetzt hatte der Schormayer einen Boden unter sich und kam sich in seinem
Rechte gekränkt vor. Und da schrie er, dass ihm die Halsadern schwollen.
    »Da waar ja i der Gar-nix-mehr auf mein Hof, und 's Mäu lass i mi no lang it
biat'n von enk!«
    »Dös hon i it to.«
    »Jo hoscht as to! Aba probier 's grad nomal, na zoag i dir an Weg!«
    »Mögst mi nausschaffa am nämlinga Tag, wo mi d' Muatta eigrab'n hamm?«
    »Und i lass mir amal 's Mäu it biat'n!«
    Der Lenz stand unter der Türe und schaute verwundert den Vater an, der
zornig in der Stube auf und ab ging und die weinende Ursula anschrie.
    »Was geit 's denn?«
    »Dös is mei Sach!«
    »Öhö!« machte der Lenz.
    »Ja, gar nix öhö! Und Herr bin i, dös mirkt's enk all zwoa!«
    Der Schormayer ging in die Schlafkammer, die nebenan war, und schmiss die
Türe krachend ins Schloss.
    »Was hot er denn?«
    »I sag d' as scho an andersmal«, sagte Ursula weinerlich und ging hinaus;
und droben hörte der Lenz sie murmeln und zwischen hinein sich schneuzen.
 
                                Drittes Kapitel
Es war nicht eigentlich behaglich im Wirtshause zum Lamm. Die wenigen Gäste, die
zukehrten, trugen Schnee in die Stube, der zu schmutzigen Wasserlachen zerging,
und von Hut und Mantel tropfte es auf den Boden, und es roch nach schlechten
Zigarren und nassen Kleidern.
    Die Lampe über dem Ofentische schwelte, und die dicke Kellnerin musste immer
wieder auf einen Stuhl klettern und den Docht herunterschrauben.
    Bei dem kümmerlichen Lichte sah man den Schormayer in einer Ecke vor seinem
abgestandenen Biere sitzen; und wer kam oder ging, redete ihn an.
    Aber kein Gespräch wurde so lebhaft, dass nicht die Frau Wirtin schon am
frühen Abend laut gähnte und die Kellnerin aus einem Winkel heraus als Echo mit
Gähnen antwortete.
    Wenn die Uhr rasselnd und ächzend, als wenn sie einen Kropf hätte, achtmal
schlug, legte der Schormayer sein Geld für drei Halbe auf den Tisch und ging mit
einem brummigen Grusse hinaus.
    »Er kimmt jetzt jed'n Tag,« sagte die Wirtin, »und früherszeiten hat ma 'n
ganz weni g'sehg'n. Er muass dahoam it viel Schön's hamm.«
    Und da hatte sie das Richtige getroffen.
    Dem Schormayer verging ein Tag um den andern mit Langweile oder Verdruss; und
er war recht übel daran, dass ihm sein Weib gerade vor dem Winter weggestorben
war.
    Er hatte wenig Arbeit, die ihm über seine Gedanken hätte weghelfen können;
die Ernte war ausgedroschen, und im Holze war nicht viel zu tun; im Rossstall
hantierte sein Lenz, und bei den Kühen schaute er nicht gerne nach, weil ihm die
Ursula auf Schritt und Tritt nachging und jedesmal ein Geschrei mit der
Stalldirne anhob.
    Und es war ihm selber zuwider, wenn die Zenzi Augen auf ihn machte und ihn
damit an eine Dummheit erinnerte, die ihm bloss im Rausche hatte geschehen
können.
    Davon wollte er nichts mehr wissen; und wäre die Tochter so gescheit
gewesen, die Geschichte nicht immer aufzurühren, er hätte sie gern vergessen.
    Aber von den Weibsbildern kann ja einer bloss Vernunft erwarten, wenn er sie
nicht kennt.
    Freilich redete sie darüber nicht offen, aber der Herrgott hatte auch ihr
das Talent gegeben, dass sie versteckt und von hinten herum immer wieder auf die
Sache kommen konnte.
    Ging denn ein Mittag vorüber, ohne dass sie Streit in die Stube trug und
hinter Schimpfen und Plärren ihm einen Brocken zu schlucken gab, den er am
Geschmack recht wohl erkannte?
    Wie sie der Magd die Schüssel hinschob und den Löffel hinwarf, hatte es auch
für ihn eine Nutzanwendung, und in jeder Grobheit, mit der sie die Mahlzeit
segnete, war ein spitziger Steften, der ihm ins Fleisch drang.
    Nein, er hatte es nicht schön daheim, und wenn er auch wirklich nicht
feinfühlig war, kam ihm das Haus doch leer und fremd vor. Die eigenen Schritte
werden so laut, wenn man weiss, dass niemand auf sie horcht, der zu einem gehört;
und da kriecht einem die kalte Einsamkeit ans Herz.
    Zärtlichkeiten und schöne Worte braucht man wohl nicht; aber die Gewissheit,
dass jemand um einen froh sein muss, hilft einem leicht einschlafen und wieder
frisch aufwachen zur Arbeit.
    Und das merkte der Schormayer überall, dass sein Kümmern und Anschaffen keine
rechte Achtung fand.
    Der Lenz widersprach ihm nicht und tat auch, was er ihm sagte; aber es war
doch so, als wenn er nachprüfte, ob es ihm für das baldige Regiment passte.
    Eigenmächtigkeiten liess sich der Lenz genug zuschulden kommen, und es war
noch viel, wenn er hinterdrein dem Vater sagte, was für eine Arbeit er übertags
getan hatte.
    Das konnte dem Schormayer mitten bei der Nacht einfallen und ihm das
Schlafen verleiden. War ihm damit nicht deutlich vor Augen gehalten, dass man ihn
bloss zum Schein das Regiment führen lasse und gerade noch ein wenig Geduld mit
ihm habe?
    Da machte er sich zornige Gedanken darüber, ob er es so bald und so
unabwendbar an sich kommen lassen müsse, dass ihm der Sohn das Regiment abnehme.
    Freilich, wenn er es ruhiger betrachtete: wie sollte er es aufhalten können?
    Sobald die Ursula aus dem Hause war, musste eine Frau herein; und dass er noch
einmal heiraten sollte, fiel ihm nicht ein.
    In seinem Alter das Leben von vorne und mit schweren Verdriesslichkeiten und
Zerwürfnissen anfangen, das konnte nicht gut ausfallen und hiess ins Ungewisse
hineintappen. Auch war der Lenz fleissig und rechtschaffen und verdiente es wohl,
den Hof so zu kriegen, wie er jetzt beisammen war. Nein, noch einmal heiraten
wollte er nicht.
    Aber gerade, weil er über eine kleine Weile nichts mehr zu sagen hätte,
sollte ihn der Sohn nicht jetzt schon daran erinnern.
    Und er sagte ihm, dass er noch auf dem Bock sässe und kutschiere und noch
lange nicht neben dem Wagen herlaufen wolle; und wenn der Lenz meine, er könne
ihm das Sitzbrett wegziehen, dann solle er blaue Wunder erleben.
    Da war dann freilich ein verdriessliches Gesicht mehr in der Stube, und neben
der keifenden Ursula setzte der Sohn grobe Ellenbogen auf den Tisch und stach
wütend in die Schüssel hinein. Diesen Zuständen ging der Schormayer gerne aus
dem Wege und hockte sich lieber neben die gähnende Lammwirtin; und das beste
davon war, dass sein Haus im Schlafe lag, wenn er heimkam.
    Eines Abends aber sah er schon von weitem Licht in der Küche brennen, und
auf des Nachbarn Hauswand lag der breite Schatten einer Weibsperson.
    In der üblen Hoffnung, dass ihn noch ein Gespräch mit seiner Tochter erwarte,
trat er mürrischer wie sonst ein; und da klinkte auch schon eine Tür auf.
    »Bischt as du, Vata?«
    »Ja, wer sinscht?«
    »I hätt' di gern was g'fragt.«
    »Frag halt!«
    »Die Bas'n vo Arnbach hat ma'r a Botschaft to, und i soll morg'n zu ihr
umikemma, und es waar oana do.«
    »Was für oana?«
    »A so halt oana.«
    »Fallt dera nix anders ei, dass sie jetza scho kuppeln muass?«
    »Ja no, weil 's halt da Prückl Kaschpa vo Hirtlbach waar, und an sellan geht
ma'r it alle Tag auf.«
    »Ko der it zu mir herkemma und bei mir frag'n, wia 's si g'hört?«
    »Er werd no nix wiss'n vo dem, und er hot grad a G'schäft z' Arnbach, und 's
Basl moant, wann i drent waar, na kunnt mi vielleicht auf des sell aa 'z red'n
kemma.«
    »Geh halt umi, vo mir aus!«
    »I geh aa, wann d' Zollbrechtin für d' Aushülf' kimmt.«
    »Was für an Aushülf?«
    »Dahoam halt.«
    »I brauch' koane. Z'weg'n dem verhungern mi net, bal du net do bischt.«
    »Aba'r i mog it, dass du alloa do bleibst.«
    »Han?«
    »I mog it, dass du alloa mit dem Weibsbild dahoam bischt.«
    Der Schormayer rückte den Hut aus der Stirne und fragte ruhig:
    »Wia red'st denn du mit dein Vata? Han?«
    Ursula verzog greinend das Maul und stampfte auf den Boden.
    »Weil 's wahr is!«
    Aber da schrie er schon:
    »Wia du mit mir red'st, frag i, du Herrgottsaggerament!«
    »Ja, du wurd' mi g'schimpft, und ...«
    »'s Mäu halt, du Saufratz, du nixiga!«
    Sie trat einen Schritt zurück, denn er zog die Hand auf.
    »No mal sag' so was, na fangst d' aba'r oane, du Rotzlöffi, du! Schaug so
was o!«
    »Und i ho 's amal g'sehg'n ...«
    Da packte der Schormayer seine Tochter mit harten Fingern am Arme und schob
sie zur Türe hin.
    »Naus, sag i, und marsch in dei Bett!«
    Sie schrie weinerlich auf.
    »Lass mi do aus!«
    »I wer di na scho auslass'n, di! Und dös mirk' da: bei'n erst'nmal, wo's d'
no mal frech bischt, muasst d' aus'n Haus! Du Kramp'n, du mistiga!«
    Er gab ihr einen derben Stoss und warf die Türe hinter ihr zu.
    Sie blieb eine Weile im Hausflötz stehen und überlegte sich, ob sie
gescheiterweise noch etwas sagen sollte, aber sie griff dann lieber, wie viele
Frauenzimmer, zu einem Selbstgespräch, indes sie in ihre Kammer hinaufging:
    »Und bal i s amal g'sehg'n ho, dass sie bei eahm sell g'hockt is auf a
Ofabank, und ganz hibei is sie g'hockt, und d' Red' hat 's eahm aa verschlag'n,
wia'r i in d' Stub'n eina bi, und jetz wisset a bal gor nimma, was er mi
allssammete hoass'n muass. Und was i amal woass, des sell woass i.«
    Und was die Ursula einmal wusste, das vergass sie nicht und brummte es ins
Kopfkissen hinein, bis der Unwille in Schlaf und Schnarchen überging.
    Aber auch sonst gab es noch Geräusch im Hause; denn unten flog ein Stiefel
an die Kammertüre, und ein Fluch wurde länger wie der andere, bis die Müdigkeit
den Zorn wegräumte und dafür dem Schormayer einen schweren, astreichen Block
unter die Säge schob. Und oben klinkte leise eine Türe ins Schloss, und barfuss
tastete jemand über ein knarrendes Brett und schloff heimlich und still ins
warme Nest zurück und schaute noch eine Weile mit nachdenklichen Augen zur Decke
hinauf.
    Dann drehte sich die Zenzi gegen die Wand und schickte den letzten Gedanken
zwei Türen weiter, zur Ursula hinüber. »Wart, du Luada!« sagte sie im
Einschlafen.
 
                                Viertes Kapitel
Alle Dinge sind in der Nacht grösser und schreckhafter wie am Tage; und sie
werden kleiner, wenn sie deutlicher zu erkennen sind.
    Das graue Morgenlicht zeigte dem Schormayer, dass hinter seinem gehabten
Verdruss eigentlich nichts stand wie die Dummheit einer Weibsperson, die er
niemals für gescheit genommen hatte.
    Und er hätte beim Aufwachen nicht einmal daran gedacht, wenn ihm nicht
einige Nebenumstände die Erinnerung aufgerüttelt hätten.
    Denn wie er mit der Hand nach dem Nagel langte, an dem sonst seine
Taschenuhr hing, fühlte er, dass sie nicht dort war; und wie er sich's
zurechtlegte, wo sie nur sein könnte, fiel es ihm ein, dass sie noch im Gilet
stecken müsste; und als seine Augen das Gilet suchten, lag es wieder nicht auf
dem Stuhle, sondern auf dem Boden, unweit von einem Stiefel, der recht verlassen
von seinem Kameraden dastand.
    Dieser Gefährte aber lehnte unwillig an der Türe neben einem zerknüllten
Hute.
    Es war eine lange Geschichte, der man in der frühen Stunde nur langsam mit
den Gedanken folgen konnte; und erst an ihrem Ende kam die nächtliche Frechheit
der Ursula.
    Der Schormayer überdachte Ursachen und Folgen des Auftrittes, und er wollte
gerade finden, dass er sich von einigen anderen recht wenig unterschied, als es
klopfte.
    »Was geit 's?«
    »D' Kaffeesupp'n is firti.«
    Das war eine fremde Stimme.
    Er richtete sich auf.
    »Han? Was is?«
    »Da Kaffee is firti.«
    »Wer is denn do?«
    »I.«
    »Wer i?«
    »Die Zollbrechtin.«
    »Jetzt schaug die amol o!« brummte der Schormayer vor sich hin, und laut
sagte er: »I wer nacha scho kemma.«
    »Jetzt schaug die amal o! Is sie furtganga und hat ma dös Weibsbild als
Aufsicht umag'schickt!«
    Er schloff in die Lederhose und verschob das Waschen auf später, um
schneller in die Küche zu kommen.
    Von der Zollbrechtin wurde er mit geschwätzigem Eifer in Kenntnis gesetzt,
dass die Ursula schon in aller Herrgottsfrühe bei ihr gewesen sei und sie gar
schön gebeten habe, für einen Tag herüberzukommen und dazubleiben, bis sie, die
Ursula, wieder heimkomme, und es sei schon möglich, dass es bis auf die Nacht
dauern könnte; und sie, die Zollbrechtin, hätte eigentlich die Zeit nicht
gehabt, weil es daheim viel Arbeit gebe, aber weil die Ursula es gar so
kreuznotwendig gemacht habe, könne sie auch nicht so sein, und sie hätte ihr den
Gefallen getan wegen der guten Nachbarschaft, und überhaupt, und es solle ihr
hoffentlich gelingen, dass sie es mit dem Kochen recht mache.
    Der Schormayer löffelte schweigsam den letzten Brocken Brot aus der
Kaffeesuppe und trank die Schüssel aus, und indem er sich mit der Hand das Maul
abwischte, fragte er die Zollbrechtin:
    »So? Arbet hoscht viel dahoam?«
    »Ja mei! D' Wasch soll i bögeln, und 's Brot soll i bacha, und putz'n müasst
i aa no vor 'n Sunntag ...«
    »Nacha gehst glei hoam; es is leicht was vosamt.«
    »Aba bal i 's do der Ursula vasprocha hab?«
    Der Schormayer legte einige Nickelstücke auf den Tisch und schob sie der
Zollbrechtin hin.
    »Sä,« sagte er, »dös is für 's Kaffeekocha, und wann 's amal auftrifft, dass
i di brauch', nacha sag' i dir 's scho selm.«
    »Jetz dös is amal g'spassig: bal sie heunt no bei da Dunk'lheit bei mir g'wen
is und koan Ruah geb'n hot, bis i g'sagt hab, dass i kimm; und auf Ehr und
Seligkeit, ho i g'sagt ...«
    »Des sell machst mit da Urschula aus; und jetz' pfüad di Good!«
    Die Zollbrechtin war gekränkt, und, wie es jeder Mensch zugeben muss, mit
Recht; denn für was holt man sie bei der nachtschlafenden Zeit heraus, und wenn
sie hernach in der allergrössten Gutmütigkeit nachgibt, wäre es schier gar, als
hätte sie um die Arbeit gebettelt, und sie wird für ihre gutnachbarliche Meinung
hinausgeschmissen. Aber vielleicht holt man sie noch einmal? Und vielleicht ist
sie noch einmal so dumm und lasst daheim alles liegen und stehen? Der erlebt was,
der wieder so kommt. Adjä!
    Und beim Hinausgehen rumpelte sie an den vollen Milcheimer an, den ein
Weibsbild hereintrug.
    »Oha!« sagte Zenzi und schaute der eiligen Person nach.
    »Bleibt d' Zollbrechtin it do?« fragte sie den Schormayer, der ihr den
Rücken zukehrte und zum Küchenfenster hinausschaute.
    Er gab keine Antwort.
    »Wer hot an Schlüssel zu'n Kella?«
    »Am Tisch flackt a«, brummte der Bauer, ohne sich umzuwenden.
    »Soll i heunt Butta rühr'n?«
    »Was woass i? Mach dei Arbet, wia sinscht!«
    Zenzi merkte, dass der Bauer keinen gesprächigen Tag hatte und ging auf
klappernden Holzschuhen die Kellerstiege hinunter. Es musste sie aber etwas
gefreut haben, weil ihr ein heimliches Lachen um den Mund spielte.
    Der Schormayer überlegte sich, dass es gescheiter wäre, wenn er nicht daheim
bliebe, denn da konnte ihm der Tag so zuwider verlaufen, wie er angefangen
hatte; und weil ihm in Hohenkammer ein guter Freund lebte, mit dem er zusammen
die Militärzeit durchgemacht hatte, beschloss er, einmal hinüberzugehen, auch
unterwegs da und dort sich nach dem Viehstand umzuschauen. Er machte sich also
auf den Weg und verlor an dem klaren Tag auch bald die dummen Gedanken, die sich
in der Stube an ihm festingen und ihn mahnten, dass er auf der Abseite des
Lebens angelangt sei.
    Er kam mit einem kleinen Umweg an die stattliche Ackerbreite, die ihm
gehörte - jawohl, die ihm noch gehörte, - und er stapfte mit einem befriedigten
Gemüt über die gefrorenen Schollen. Da sollte ihm ein guter Weizen heranwachsen,
und weiter drüben an die zehn Tagwerk schöne Gerste, die ihm der Bräuer in
Indersdorf abkaufen würde; und er sah schon im Geiste die Halme in die Höhe
schiessen, voll werden und reifen.
    Wie lange, und der Tag war wieder am Wachsen! Und musste nicht über einer
Weile der Auswärts kommen? Da sollte nur die liebe Sonne scheinen wie heute;
dann mussten die Wasser in den Furchen rieseln, und klingend und klirrend wollte
er wieder mit dem Pflug die Höhe hinaufkommen hinter seinen breitrückigen
Braunen.
    Das sollte ein anderes und ein rechtes Leben werden, in dem es nichts mehr
gab von Stubenhocken und Trübsalblasen.
    Ei, da war ihm beim Gehen warm geworden, und er lüpfte den Hut, indes er vor
Augen die Lustbarkeit des Schaffens hatte, und Sorgen und Hoffnungen, wie
ehedem.
    Nun ging er den Weg an seinem Jungholz entlang, und liebkosend streifte er
mit der Hand die buschigen Zweige der jungen Fichten. Die hatte er alle gesetzt,
Reihe an Reihe; und gingen sie ihn heute weniger an wie zu der selbigen Zeit?
    Und warum?
    Es wurde ihm fröhlich ums Herz, und beim Ausschreiten spitzte er, ohne es
selber zu wissen, das Maul und pfiff einen alten Ländler.
    Hügel auf und Hügel ab trugen ihn die Füsse und wurden nicht müde; und da
hatte er sich selber was vorgeredet vom Altwerden und merkte jetzt, dass es noch
lange nicht so weit war.
Schpringt da Hirsch über 'n Bach,
Brockt eahm drei Tritt - aberi -
Schöni greani, brauni Birnblattl
Ab vo dem Baam ...
    »Öhö! Schormoar, wo aus?« schrie ihn ein untersetzter, rotgesichtiger Mensch
an, der auf einem Seitenweg daher kam.
    Es war der Viehhändler Tretter von Pettenbach, ein lustiges Mannsbild,
voller Spässe und mit einem gesunden Maulwerk begabt.
    Er passte dem Schormayer gut zu dem fidelen Morgen.
    »Ja, grüass di Good, Simmerl! Bist du um an Weg?«
    »Allawei. Ma muass si ja d' Hax'n weglaffa, bis ma von enk g'scheerte
Spitzbuam was kriagt.«
    »Mög'st was kaffa?«
    »Mög'n tat i scho mög'n, aba kinna ko ma net.«
    »Muasst halt guat zahl'n, nacha geht 's scho.«
    »Freili. Aba wos treibt denn di umanand? - Host aa'r an Handel?«
    »Na, i geh' grad amal hoa'gart'n auf Hochakammer ummi.«
    »So, da geh' i a Trumm mit dir; vielleicht fallt da'r a Geld aus'n Sack, dass
i mir a Mass Bier kaff'n ko.«
    Nachdem sie eine Weile miteinander gegangen waren, fragte der Tretter: »Gel,
dir is dei Wei g'storm?«
    »Ja, vor guatding sechs Wocha.«
    »Host da scho wieda 'r an anderne aufganga?«
    »I? A, was moanst denn?«
    »Dass da wieda'r a resche Bäurin nimmst, moan i.«
    »I net, Simmerl.«
    »Den schaug o! Wia alt bist denn?«
    »Vierafufz'g.«
    »No, und i bi achtavierz'g, aba auslass'n tua'r i no lang net.«
    »Wer red't denn vo dem?«
    »I no allawei, Schormoar; und bei'n red'n bleibt 's it.«
    Schormayer blieb stehen und lachte herzhaft.
    »Du bist, scheint's, a ganz a scharfa,« sagte er, »aba 'r i moan', es kimmt
nix G'schait's raus beim zwoat'n mal heiret'n.«
    »Warum nacha? Schaug mi o! I hab aa scho 's zwoate Wei.«
    »Aba de hoscht vor zehn Jahr g'heiret; dös is was anders.«
    »Und bal mir de net bleibt, nimm i de dritt'.«
    »So was ko ma leicht sag'n.«
    »Und toa ko ma 's grad so leicht; und i ziag halt amal grad zwoaspannig,
weil i 's g'wohnt bi. Und da G'spass is grösser, bal ma'r a neu's Weibets hot. Des
is mei Ansicht.«
    »Dös sagst deiner Alt'n dahoam, vielleicht dalebst nacha aa'r an G'spass.«
    »De? De woass des ganz g'nau. Und g'sagt hon i 's ihr aa scho oft. Bal's d'
mir heut o'schiabst, hab i g'sagt, is morg'n an Ersatz do. A bissel was hon i
allawei in da Reserv.«
    »Aba'r i hon halt nix.«
    »O jessas, dös is schnell g'fund'n.«
    »Mir is 's sucha z' letz, Tretter.«
    »Da lockst a bissel, fliag'n da grad gnua zuawa.«
    »I ko 's Lock'n net; i ho 's meiner Lebtag it g'lernt.«
    »So? No, i ho 's amal guat kinna,« sagte der Tretter und pfiff durch die
Zähne.
    Mit einemmal blieb er stehen, und indem er den Stock etliche Male auf den
Boden stiess, machte er ein nachdenkliches Gesicht.
    »Herrgottsaggerament! Jetzt fallt ma'r aba was ei!«
    »Wos?«
    »Du, Schormoar, muasst du auf Hochakammer ummi?«
    »Müass'n net, aba warum?«
    »Du, pass auf, geh mit mir nach Weichs!«
    »Was tat i denn do drent?«
    »Na, pass auf, lass da sag'n: grad G'spass halba gehst mit!«
    »Z'weg'n was?«
    »Pass auf! Lus amal zua, was da'r i sag! In Weichs drent hon i a Basl, de
Limmerin, an Matias Limmer sei Wei; und vo dera sell a Stiefschwesta is de
Kaltnerin vo Inzemoos, und dera ihr Mo is vor an Jahr g'storm, vastehst? ...«
    »I vasteh di scho.«
    »Pass auf, lass da sag'n: sie hat ihran Hof z'trümmert, heuer an Hirgst; i bin
selm beteiligt g'wen beim Z'trümmern und woass des Sach guat gnua, und es san ihr
a so a fufzeh'tausad Markl blieb'n, bis de Schuld'n wegzahlt g'wen san,
vastehst? ...«
    »I vasteh di guat.«
    »Jetza pass auf: de Kaltnerin is im Kaaf mit 'n Atzenhofer vo Weichs, der a
mitter's Sach beinand hot und vokaffa möcht, und für sie waar 's it ung'leg'n,
aba weil s' no net ganz beinand san mit 'n Preis, hot sie si ei'loschiert bei
ihra Stiafschwesta, vastehst? ...«
    »I vasteh di scho'.«
    »Ja, geh umi mit mir und schaug dir s' o! Vielleicht g'fallt s' dir.«
    »Ah wos! Des hot ja koan Wert it.«
    »Es braucht ja koan z' hamm. Bal's nix is, host an G'spass g'habt.«
    »Und 's G'red hon i aa überall'n dass o auf d' Brautschau geh'.«
    »Wer red't? Wos werd g'redt? Du brauchst ja nix z' sag'n, z'weg'n dass d' umi
ganga bischt.«
    »N ... na!«
    »Pass auf, lass da sag'n. Mir gengan do grad zu'n Limmer; bei dem is nix zu'n
Heiret'n dahoam, und net amal de Kaltnerin ko dös schmecka, z'weg'ne was dass
jetz grad du daherkimmst.«
    »De schmeckt nix, bal i mit dir kimm!«
    »Wos nacha? I ho meiner Lebtag no koan vakuppelt.«
    »Na ... na, Tretter; des sell hot koan Wert it.«
    »Lass da sag'n: mir is ja wurscht, net? Ob's du no amal heiretst oder net,
dös is mir ganz wurscht; aba weil mir jetz amal den Dischkursi hamm, was liegt
denn dro, bal's d' mit mir umi gehst? Host net amal so weit wia'r auf
Hochakamma.«
    »I ko do des Weibsbild net zu'n Narrn halt'n! Wos soll i denn red'n mir ihr,
bal i ja do koan Ernst net mach?«
    »Nix redst! An Limmer sein Stier schaugst o, und bei dera G'legenheit
schiagelst a bissel auf de Kaltnerin nüber.«
    »Also vo mir aus! Grad dass d' an Ruah gibst, geh'n i halt mit.«
    »Des is amal a Wort!« lobte der Tretter. »Für was muasst denn du allawei
dahoam spinna? D' Weiberleut o'schaug'n is aa'r an Unterhaltung; und ma muass ja
net all's kaffa, was ma siecht.«
    Da hatte er einmal das Richtige getroffen.
    Für was sollte der Schormayer bloss immer die verdrossenen Gesichter daheim
betrachten? Und wenn er auch auf keine Meile Weges daran dachte, sich unterm
Spazierengehen eine Frau zu suchen, so war es doch lustig, einer das Maul
wässerig zu machen. Und für einen Mann zu gelten, der leicht könnte, wenn er
bloss möchte, das war auch eine gute Abwechselung nach den letzten Wochen.
    »A Luada bist scho,« sagte er zum Tretter, »dass du glei wieder oane
aufgabelt hätt'st für mi!«
    »O mei Mensch! Bal's d' willst, sag' i dir glei a Dutzet.«
    »Öhö!«
    »Da is beim Eberl in Asbach oani, und beim Glas in Bruckberg waar aa koa
z'widerne, und da Prantner in Eckhof hätt' an überstandige Tochter, aba no guat
bei'n Zeug, und da Sedlmoar von Arnzell ...«
    »Hör auf, sag i! Mit dir kam i des ganz Bezirksamt aus.«
    »Und no zwoa dazua. Mei Liaba, i kunnt für an Türkl an Schmuser macha.«
    »Für mi find'st aba do koani.«
    »Bist halt z' hoakli. Aba, pass auf: wia viel Kinda hoscht 'n du?«
    »Zwoa. An Buam und a Madl.«
    »Sell is it viel.«
    »Aba gnua.«
    »San s' scho alle zwoa g'wachs'n?«
    »Da Bua is sieb'nazwanz'g und 's Madl drei Jahr jünga.«
    »So? Ja bal's d' net o'beisst, nacha kunnt i vielleicht für de was find'n.«
    »Beim Madl bist vielleicht scho z' spat dro.«
    »Hot sie scho oan?«
    »Na. Aba graad heunt is sie aa'r auf da Schau.«
    Und wie der Schormayer das sagte, blieb er stehen und fing zu lachen an.
    »Grad heunt is sie auf Arnbach übri, und jetzt hon i des nämliche G'schäft
z' Weichs drent! De moant, i hock jetzt dahoam und lass mir vo da Zollbrechtin a
Muass kocha! Daweil laff i umanand und schatz d' Weibsbilder o. Do kunnt'st
varecka!«
    Er lachte, dass ihm der Atem ausging.
    Und dann schlug er dem Tretter, der seine Fröhlichkeit ohne Verständnis sah,
auf die Schulter.
    »Siehgst, Simmerl,« schrie er, »jetzt freut's mi erscht, dass i mit dir
hinter an Weiberkitt'l herlaff, und grad fidel muass 's heunt wer'n. Und bal ins
de oa net g'fallt, nacha renna mir wia d' Hund, bis ma'r an anderne z'weg'n
bringa.«
    »Wos hoscht denn auf oamal?«
    »Nix hab i! Kreuzluschti bin i! Herrgottsaggerament, hot si dös schö
auftroffa, dass i heunt auf den nämlinga Markt treib' wia d' Urschula! Wer woass,
wer sei Viech schneller o'bringt? Ha ... ha ... ha!«
    »Du damischer Tropf, was g'freut di denn a so?«
    »De Dummheit g'freut mi ... ha ... ha ... ha! Dahoam, woasst d', hätten s'
ma'r a Kindsmagd ei'gstellt, und dawei laff i bis Weichs an 's Kammafenschta!«
    »Dös vasteh i net.«
    »Braucht 's net, Simmerl! Aba'r i vasteh 's guat, wia dumm dös oft is, wenn
was recht g'scheit sei möcht'. Und jetzt bin i amal kreuzfidel, und Bier trink'n
mir ins heunt gnua!«
    »Gilt scho!« schrie der Tretter und lachte mit.
    Der Schormayer aber schritt noch um eins lebhafter aus, und zwischen Husten
und Lachen redete er vor sich hin: »Jetzt kunnt 's glei ganz dumm geh' ... ha
... ha ... ha ... Du Lall'n, du dappige!«
 
                                Fünftes Kapitel
Rosina Buchberger, die verwitwete Kaltnerin von Inzemoos, war aber ein schieches
Frauenzimmer, so viel sich abschätzen liess. Denn genau konnte man ihr Gesicht
nicht erkennen, weil die rechte Hälfte übermässig angeschwollen war, und weil sie
gegen ihr heftiges Wehtun ein wollenes Tuch um den Kopf gewickelt hatte. Der
Schormayer sah nicht viel mehr als ihre spitzige, etwas angerötete Nase und zwei
streitsüchtige Augen und das Maul, das nur durch die Zahngeschwulst etwas
behaglicher in die Breite gegangen war. Dass sie in ihren argen Schmerzen noch
bissige Worte hatte und so gar nicht zur Wehmut und Milde gestimmt war, liess auf
eine schreckhafte Säure in ihrem Wesen schliessen; und was ein Mann ist, der
achtundzwanzig Jahre lang die frauenzimmerlichen Eigenschaften in der
christlichen Ehe hat aufblühen sehen, der kennt sich aus.
    Nach der ersten Viertelstunde wusste der Schormayer, dass er eine schlechte
Fuhre hätte, wenn er sich die Kaltnerin einspannen würde; aber diese Erkenntnis
machte ihn nicht traurig, sondern er wurde dazu aufgelegt, den Tretter und die
Limmerin und die ihm zugedachte Person zu foppen und auf aller Kosten einen
ordentlichen Spass zu haben. Dass sie nach der kürzesten Zeit ihre Heimlichkeiten
miteinander und gegen ihn hatten, merkte er gut, weil seine Augen durch keine
Wünsche geschwächt waren; und er beschloss, sie mit Freundlichkeit zu
hintergehen.
    Zuerst war er mit dem Limmer und dem Viehhändler im Stall gewesen und hatte
jedes Stück geprüft und abgeschätzt, und der Tretter hatte sich viele Mühe
gegeben, ihm eine alte Kuh anzupreisen. Da wurden alle Fehler zu Vorzügen, und
was noch so offensichtlich war, wurde abgeleugnet; und gefiel dem Schormayer die
hintere Partie nicht, dann lobte der Tretter die vordere, und hatte der
Schormayer vorne etwas auszusetzen, dann tätschelte der Tretter die Kuh hinten
voller Bewunderung.
    Aber so oft er auch in die Hand spuckte und sie zu einem treuherzigen und
richtigen Abschluss des Handels hinstreckte, der Schormayer schlug nicht ein,
sondern beutelte den Kopf wie einer, der Fliegen abwehrt.
    Wie sie hernach mit den Limmerischen in der Stube sassen und ein Weibsbild
mit eingebundenem Gesichte recht zufällig bei der halbgeöffneten Türe
hereinschaute und gleich wieder zurückfuhr, schrie ihm der Tretter nach, es
solle nur hereinkommen und sich zu ihnen setzen.
    Und da liess es sich überreden und setzte sich an die Kante der Bank und war
also die Rosina Buchberger.
    »So, du bischt da Schormoar vo Kollbach?« sagte die Limmerin. »G'hört hin i
schon an öfte'n vo dir, aba bekannt bischt du mi nix g'wen.«
    »Wia 's halt geht; mi siecht sich zwar und kennt si net.«
    »Dass dei Bäurin an Hirgscht g'schtorm is, han i wohl vanumma. Si is vo
Arnbach g'wen, gel?«
    »Ja, von Gruaba z' Arnbach is sie g'wen.«
    »Aha, gel ja? Was hot ihr nacha g'feit, dass sie schter'm hat müass'n?«
    »A da Lungl.«
    »Siehgst as do, a da Lungl! Da lasst si nimma viel richt'n, bal oans da it
den recht'n G'sund hot. Wia alt is sie g'wen?«
    »Fufzgi waar s' auf Liachtmess' wor'n.«
    »Dös waar freili no koan Alter! Da brauchat sie 's no gor it!«
    Die Limmerin schüttelte bedauernd den Kopf, und dann deutete sie mit dem
Daumen auf das verhüllte Weibsmensch, das mit untergeschlagenen Armen
nebendraussen hockte.
    »Ihrer Mo hat aa so fruah weg müass'n; is no koane vierz'gi g'wen.«
    »So?« sagte der Schormayer und drehte den Kopf nach der Kaltnerin zu. »Is
sie Wittiberin?«
    »Scho bald seit a'r an Johr.«
    »Was hot nacha eahm g'feit?«
    »Z' tot g'suffa hot er si,« gab jetzt die Kaltnerin zur Antwort, und ihre
Stimme klang trotz der Geschwulst und dem Zahnbunde noch scharf genug.
    »Dös is eahm jetzt aa vazie'cha,« meinte die Limmerin gutmütig.
    »Ja - vazie'cha!« machte die Witwe und schnupfte unwillig auf.
    »Über an Tot'n soll ma guat red'n«, mischte sich der Tretter ein; »aba was
wahr is, derf ma sag'n. Bal sie it g'wen waar, hätt' da Kaltner an Hof it lang
g'habt; der hot nass g'fuattert, so lang i 'n kennt hab, und de letzt Zeit is er
aus 'n Rausch nimma'r aussi kemma, aba sie hat 's Sach z'sammg'halt'n, und g'rad
lobenswert. Dös muass wahr sei.«
    »Hat 's scho braucht!« sagte die Witwe bitter und feindselig und zog das
Gesicht hinter den Bund zurück, dass man nur mehr die Nasenspitze sah. Sie nahm
auch keinen Anteil mehr am Gespräch, das über Viehstand und Haushaltung einen
bedächtigen Gang nahm.
    Bis dass der Schormayer einmal auf die Seite gehen wollte und die Stube
verliess.
    Wie er zurückkam, merkte er wohl, dass sie einen geschwinden und eifrigen
Diskurs über ihn gehabt hatten.
    Der Tretter steckte noch ein angefangener Satz im Maul, den er mit einem
Husten in der Mitte abbrach und mit einem Schluck Zwetschgenschnaps
hinunterspülte; die Witwe aber war zum Tisch herangerückt und streifte den
Eintretenden mit flinken Augen.
    Der patschte in die Hände und sagte: »So, Tretter, jetzt müass'n mir ins
wieda auf 'n Weg macha!«
    »Ja, was waar denn it dös!« wehrte die Bäuerin eifrig ab, und der Limmer
meinte, das ginge doch gar nicht, dass der Schormayer nicht auch ein Stück
Geselchtes probiere, und der Tretter weigerte sich, und die Witwe sagte so
liebenswürdig, als es ihre Natur erlaubte:
    »Du werst nix vasamma, wann's d' no bleibst.«
    »Aha!« dachte der Schormayer. »Aha!«
    »No vo mir aus,« sagte er; »bleib i halt no a wengl, denn des söll is wahr,
dass dahoam neamd auf mi wart'.«
    »Hoscht koane Kinda?« fragte die Limmerin.
    »Zwee; aba de san scho lang aus da Schul'; 's Madl möcht heiretn, und da Bua
möcht regier'n.«
    »So, de san scho so gross?«
    »Ja; schier über 'n Kopf ausg'wachs'n.«
    »Hoscht Vadruss damit?«
    »Na, sell it. Aba g'freu'n ko 's mi aa it, dass i übageb'n muass.«
    »Dös brauchst d' ja it, bal's d' it mogst,« sagte die Witwe.
    »Freili ko mi neamd zwinga dazua, aba woasst as scho, wia 's is. A lediga
Mensch bedeut it viel auf an Hof. Da g'hört a Bäu'rin eina; es is amal net
anderst.«
    »Na stellst da halt oani ei!«
    »Han?«
    »A Bäu'rin stellst da'r ei, na bischt wieda aufg'richt.« Die Kaltnerin war
recht lebendig geworden und probierte es mit einem freundlichen Lachen, aber der
geschwollene Backen gab ihm einen schmerzhaften Zug.
    »No mal heiret'n, moanst?«
    »Wos denn! Du brauchst no it vazag'n, und bist no bei die best'n Jahr.«
    »Dös nämli sag i aa,« schrie der Tretter lärmend und schob dem Schormayer
ein gefülltes Schnapsglas hin. »Da, trink amal, dass d' a Schneid kriagst!«
    »Dank schö; auf 's Wohlsei!«
    »Sollst d' scho leb'n aa! Herrgottsaggerament, wann oana so bei 'n Zeug is
wia du, und red't von Übageb'n!«
    »Ja, mei Liaba, an Fufz'ga g'spür i guat!«
    »Schaug' an Ertl Kaschpa o!« sagte die Limmerin. »Der is nah bei sechzgi
g'wen, wia'r a de Gleixnerin g'heiret hot; und jetz is sie scho mit 'n dritt'n
Kind in da Hoffnung.« - »Geh?«
    »Freili. Gel, dös muasst aa sag'n?« fragte sie ihren Mann.
    Und der Limmer nickte zustimmend mit dem Kopf.
    »Is scho wahr; an Ertl de sei' bringt jetzt dös dritt'.«
    »Na waar 's ja no gar it so weit g'feit!« lachte der Schormayer.
    »Durchaus it«, bestätigte die Limmerin. »Aba was is denn, mögt's net a
bissel was z' ess'n? A G'selcht's mit an Kraut hätt' i.«
    »Tua 's no her!« lärmte der Tretter; und weil auch der Schormayer nicht
ablehnte, ging die Bäuerin in die Küche. Die Kaltnerin rückte noch um eines
Näher und schien mit der Zeit eine umgängliche und gesprächsame Person werden zu
wollen.
    »Is schad', dass d' a G'schwär host«, sagte der Tretter zu ihr.
    »Warum?«
    »Weil ma it siecht, wie's d' ausschaugst. Sie is sinscht it so unsauber!«
versicherte er dem Schormayer, der freundlich nickte.
    »Mir feit sinscht gar nix,« sagte die Kaltnerin eifrig, »und 's Kranksei is
mir eppas Fremd's, und z'weg'n dem Zähnweh schauget i gar it um, wann i an Arbet
hätt', aba weil i nix z' toa hab', bleib i halt in da Stub'n.«
    »Bist da auf da Visit'?« fragte der Schormayer.
    »Ja und na, wia ma 's nimmt. I hocket mi it her bloss zu'n Hoamgart'n, aba i
bin in Kaff mit 'n Atzenhofer von da, und jetz is mir ganz passet, dass i bei 'n
Limmer untasteh ko.«
    »So, du willst was kaffa? Is dös na a grössers Sach'?«
    »Eppas über vierz'g Ta'werk.«
    »Alloa werst na wohl it furt haus'n woll'n?«
    »N ... ja.«
    »Dös leid'n mir gar it, dass du Wittiberin bleibst,« sagte der Tretter. »Gel,
Limmer, dös gibt 's it?«
    »Besser waar g'schafft, wann s' an Beistander hätt.«
    »Was na für oan?« greinte die Kaltnerin. »Vielleicht wieda so oan, der all's
vasauft, was i derarbet?«
    »Öhö! Es werd scho anderne aa no geb'n! Pass no auf, was da'r i für oan
auftreibt!«
    »Siehgst, Kaltnerin,« sagte Schormayer schmunzelnd, »mir zwoa bringan an
Tretter in Schwung. Für mi muass a'r a Weibets sucha und für di an Mo.«
    »Wia waar 's denn, bal i enk zwoa glei frischweg z'sammspannet?« schrie der
Viehhändler lustig.
    Der Schormayer ging lachend darauf ein und meinte, das liesse sich wohl
überlegen, und wenn ihn die Kaltnerin für einen Ganzen nehme, könne die
Handelschaft am Ende gar noch richtig werden.
    Die Kaltnerin zog den Kopf tiefer ins Tuch zurück und sagte, da sei doch
kein Ernst dabei, und der Tretter sei überhaupt so einer, der die Leute foppe.
    »Dös is durchaus gar it g'foppt,« schrie der Viehhändler, der einen schönen
Profit in der Ferne winken sah und darum dringender wurde. »Warum soll nacha dös
bloss a G'spass sei? Der Schormoar werd koa' ganz Junge net mög'n, de hint und
vorn nix vasteht, und du waarst ganz passet für eahm. Du bischt deiner Sach schö
fürg'stanna in Inzemoos und host it viel Hilf g'habt dabei.«
    »Dös sell is g'wiss und wahr; Hilf' hon i gar koane g'habt, und überhaupts
hon i de letzten Johr alloa auf d'Arbet denka müass'n, wei' ...«
    »No also! Dös sag' i ja!«
    »Wei' da Kaltner scho überhaupts gor nimma hat o'greifa kinna, aa bal er
mög'n hätt, weil a d' Sucht g'habt hot, und is eahm allssammete z' schwaar
g'wen, und bal er 's probiert hot, is er marodi worn und hot aa glei wieda
g'suffa.«
    »Do waar ja i no da besser,« sagte der Schormayer treuherzig.
    »Da host recht! Du bischt scho anderst beinand, als wia'n er g'wen is,«
versicherte die Kaltnerin, indes sie voll Anerkennung ihr Gegenüber anschaute.
    »Bei der Arbet bin i heunt no it schlecht, und dös letzt Fruhjahr hon i selm
a fufzeh' To'werk umg'ackert, dass mir koa Junga net fürkemma waar.«
    »Und im Bett bist du aa no it schlecht«, schrie der Tretter und schlug
fröhlich auf den Tisch.
    »Dös sell woass mi net ...«
    »Ganz lüaderli werst nacha do scho net sei, du Tropf, du eiskalta!«
    »Geah! Red do it so daher!« wehrte die Kaltnerin ab.
    »Dös g'hört aa zu'n Handel, ob er koan g'setzlinga Fehla net hat!« lärmte
der Viehhändler und lachte herzhaft über seinen Spass.
    »Du muasst di do schama, was du alssammete daher bringst!«
    »Wos nacha? Kaffst du vielleicht d' Katz in Sack?«
    Da lachten nun alle miteinander, und der Schormayer wurde blaurot im Gesicht
und musste sich die Tränen abwischen. Sogar das geschämige Weibsbild wollte
lustig kichern, und es ging aber nicht.
    Mit dampfenden Schüsseln kam die Limmerin herein; Geselchtes, das von warmem
Fett glänzte und appetitlich im Kraut lag, und auch Erdäpfel brachte sie; und
indes sie ihre wohlschmeckenden Gaben auf den Tisch stellte, sprach sie ihre
Freude darüber aus, dass es so kreuzlustig in der Stube geworden sei.
    »Pass auf, Limmerin,« antwortete der Tretter, »es rankelt si was z'samm, und
überecks hamm mir a Hozet!«
    »Was na für oane?«
    »Bal da Wittiber d' Wittiberin packt.«
    »Oho! Dös waar aba schnell ganga!«
    »Es is aa no it ganga,« sagte der Schormayer, »mi red'n g'rad a bissel
davo.«
    Die Unterhaltung schwieg, denn die Mannsbilder langten zu und hatten tüchtig
zu kauen.
    Die Limmerin aber setzte sich neben die Kaltnerin auf die Bank, und sie
rückten beide weiter vom Tisch weg und tuschelten eifrig miteinander; und was
sich nicht sagen liess, teilten sie sich zwinkernd und blinzelnd in der
Augensprache mit.
    Dann wischte dich der Tretter mit der Hand übers Maul. »So, guat war 's.« -
»G'segn 's Good!« sagte die Limmerin. »Hättst vielleicht no mehra mög'n?«
    »Na, es g'langt scho. Aba pass auf, Schormoar, jetz soll' mi nacha wirkli
amal vo dera Sach mit Ernst aa red'n.«
    »Vo was für a Sach?«
    »Vo 'n Heiret'n halt. Und sie soll sag'n, was s' hat.«
    Der Tretter deutete dabei mit dem Daumen auf die Kaltnerin. Die schaute nun
auch erwartungsvoll auf den ihr Zugedachten; aber der Schormayer holte sich noch
eine Gabel voll Kraut und schob sich einen Bissen ins Maul.
    »Für dös is heunt no koa Zeit«, sagte er kauend und schmatzend.
    »Firti macha brauchst heunt freili nix, aba red'n kinna mi do, red'n.«
    Der Schormayer nickte mit dem Kopf.
    »Sie soll halt red'n.«
    Da blinzelte der Tretter ermunternd die Kaltnerin an.
    »Jetz sag 's eahm, was d' hast.«
    Und das Weibsbild lockerte sein Kopftuch, damit man es deutlicher hörte, und
schnupfte etliche Male auf und begann:
    »Von Inzemoos san ins blieb'n fufzeh'tausad dreihundert und zwanzg March,
und achttausad March san Bargeld, und des ander is auf zwoate Hypatek auf'n
Kaltnero'wes'n blieb'n.«
    »De is aba guat; da brauchat mi koan Angst it hamm«, warf der Tretter ein;
»de erst Hypotek is a Bankgeld, und it viel.«
    »Die erscht Hypatek san viertausend March, und na kimmt des inser, und vo
dera Hypatek und von Bargeld g'hört de Hälft mei, und des ander g'hört de drei
Kinda, und derf aber i de Zins'n ziahg'n, bis dass sie mündig wer'n; und a so
steht 's g'schrieb'n.«
    Der Schormayer stocherte mit der Gabel im Kraut herum, ob sich nicht noch
ein Stück Fleisch fände, und die andern, die ihn alle zusammen betrachteten,
mussten glauben, dass er seine ganze Aufmerksamkeit auf das Suchen gerichtet habe.
    Nun wandte er doch seinen Kopf der Witwe zu und fragte: »So, Kinda hoscht
drei?«
    »Ja. Zwoa Madln und oan Buam, und des ältest is elf Jahr alt, und da
Lochmann von Inzemoos nahm 's glei zu eahm, hat er g'sagt, weil er 's zu'n
Hüat'n braucha kunnt'.«
    »I tat ma 's selm zu der Arbet richt'n, wann i du waar.«
    »Ja no, mi sagt g'rad, wann eppa drei Kinda z' viel waar'n, und weil du aa
zwoa hoscht ...«
    »Wer red't denn vo mir?«
    »Mi sagt ja g'rad, für den Fall, dass 's eppas wurd mit ins zwoa, und es war
si a Hindernis vorhand'n z'weg'n die Kinda.«
    »Auf des sell gang 's aa nimma z'samm, aba i ko dir heunt no gar nix sag'n,
was i an Sinn ho. Dös geht so schnell it bei mir, und i bi mir it g'scheit
gnua.«
    »Heirat'n is it Kapp'n tauscht,« sagte die Limmerin, »und a niada Mensch muss
si dös g'nau überleg'n, und du werst na scho wieda zuakehrn, Schormoar, bal dir
allssammete passt.«
    »Dös is amal richti,« versicherte der Schormayer, »überlegt muass de Sach
wern. Dös lasst si net auf ja und na richt'n, und i wer jetz dahoam nachdenka
über dös.«
    »Moanst d', bei mir is anderst?« fragte die Kaltnerin. »I woass ja no gar nix
vo dir.« - »Mi derfragst d' leicht.«
    »Mit n' Derfrag'n is it to; mi muass aa wiss'n, wia du 's mit deine Kinda
hoscht.«
    »Desz'weg'n sag i ja, dass i a Zeit brauch zu'n überleg'n.«
    
    »Is ja recht. Überlegst d' as halt!«
    Die Kaltnerin hatte ihr mildes Wesen abgelegt und wollte sich nicht mehr
liebreich zeigen; und wie der Schormayer aufstand und allerseits einen
herzlichen Abschied nahm, verklang ihr Gegengruss beinahe hinter dem Tuch. Dann
aber, als er schon unter der Türe stand, schien es ihr doch, dass ihrerseits
nichts versäumt werden dürfte, und sie schrie ihm nach, etwas hätte sie noch
vergessen: dass ihr Vetter, der Buchberger von Glonn, kinderlos sei und nach
seinem Ableben ihr an dreitausend Mark hinterlassen müsse, wenn es nach Rechten
gehe.
    »Ganz guat,« sagte der Schormayer, »und nacha, bal i also de Sach übalegt
hab' und bal s' in Richtigkeit is, nacha kimm i wieda oder i tua dir a
Botschaft, dass du zu mir umi kimmst. Pfüat di!«
    Und damit ging er zum Hause hinaus und schmunzelte ein wenig, weil der
Tretter noch zwischen Tür und Angel mit den Limmerischen und der Kaltnerin eine
Verhandlung hatte.
    Erst am Ende der Dorfgasse holte ihn der Viehhändler ein. Sie gingen eine
Weile miteinander, ohne zu reden; der Tretter hustete, weil ihn das Laufen
angestrengt hatte, und der Schormayer rülpste etliche Male recht kräftig.
    »Dös Schweinerne war aba fett«, sagte er.
    »Ja, ja. Und wia g'fallt s' da?«
    »Han?«
    »Wia s' da g'fall'n hat?«
    »I hab d' as scho g'sagt, dass s' z' alt is.«
    »Z' alt?«
    »Ja, und mehra wia drei Kaibln hat s' aa scho g'habt. Do ko'st du mir nix
fürmacha.«
    »Drei Kaibln? Vo wem redst denn du?«
    »Vo da Kuah halt! Aba mi drahst du net a, mei Liaba!«
    »Wer red't denn vo da Kuah? I frag di, wia da de Kaltnerin g'fall'n hat.«
    »Ah so!« Der Schormayer lachte still vor sich hin. »Du moanst de Kaltnerin?«
    »Freili! Dass d' mi fei du net vastand'n host, du Plana, du elendiga! Jetzt
sag aba g'scheit, was d' moanst!«
    »I moan gar nix, Tretter.«
    »No dös sell muasst d' do wiss'n, ob sie dir g'fall'n hat und ob 's mögli
waar.«
    »Mögli? Warum net? Mögli is all's.«
    »Sie is koa uneben's Weibsbild, derfst d' ma 's glaab'n, Schormoar. Mir hot
sie recht guat g'fall'n.«
    »Dir?«
    »G'wiss is 's wahr. I kenn s' scho länga, und i gib ihr dös best' Zeugnis.«
    »Nacha sollst da s' selm aufg'halt'n, wann's d' vielleicht do no dös
drittmal zu'n heiret'n kamst.«
    »Ah was! Jetzt hör mit deine G'spassetln auf und red a Wort! Magst d' as,
oder magst d' as it?«
    »I woass it.«
    Da merkte der Viehhändler wohl, dass er kein schleuniges Geschäft machen
könne; aber als ein zäher Mann mochte er nicht so schnell von seinen Absichten
lassen, und er versuchte noch mancherlei.
    Der Schormayer gab ihm keine Hoffnung und nahm ihm keine. Er war so lustig
aufgelegt wie schon lange nicht mehr, weil er den Tretter, der ihn hatte fangen
wollen, so schön an der Angel hielt. Auf seinen Vorschlag kehrten sie in jedem
Wirtshaus unterwegs ein, und er freute sich an dem schönen Eheglück, das ihm der
eifervolle Schmuser ausmalte, und auch daran, dass sich dieser Mensch so ganz
umsonst plagte.
    Eine halbe Stunde vor Kollbach und an einem Kreuzwege musste er Abschied
nehmen von ihm, und er tat ihm auch da den Schmerz nicht an, seine wahre Meinung
zu sagen, sondern liess alles im Ungewissen und Aussichtsreichen.
    »Also, Schormoar,« sagte der Tretter, indem er mit gläsernen Augen seinen
Weggenossen anschaute, »also, es bleibt dabei: mir gengan no amal umi auf
Weichs.«
    »Dös hoasst, bal i ...«
    »Nix da! Mir gengan umi, und du packst de Kaltnerin z'samm, sag i dir!
Herrgottsaggerament!«
    »Is scho recht. Und du gehst jetzt hoam und schlafst dein Rausch aus!«
    »Wos Rausch? I hon koan Rausch! Und dös muass sei Richtigkeit hamm, dass mir
auf Nikolo ... öha! Jetzt hätt 's mi bald g'riss'n ... also dass du und de
Kaltnerin ... vastehst? Dass de Kaltnerin und du ... gel? Alta Spezi! Und ... und
... woasst, i bi dei Freund, und i moan da 's guat, lass da sag'n ... öha! und auf
deina Hozet ... da muass i no tanz'n, und grad luschti muass wer'n, gel? Da hau
hera!«
    Der Tretter spuckte saftig in die Hand und hielt sie zum Treugelöbnis hin,
aber der Schormayer war schon weitergegangen und in der Dunkelheit seinen
Blicken beinahe entschwunden.
    Da schrie er ihm mit heiserer Stimme nach:
    »Schormoar! Pass auf! Auf Nikolo gilt 's scho! Mir gengan umi!
Herrgottsaggerament ...«
    Er schlug den Weg nach Pettenbach ein und schlug einen Haken nach rechts,
wenn er links zu nahe an den Graben gekommen war.
    Einmal blieb er noch stehen und horchte, denn es war ihm, als hätte ihm der
Freund gerufen; und indem er die Hände vor den Mund hielt, schrie er in die
Nacht hinein:
    »Wos willst? Hoscht d' was g'sagt?«
    Es kam keine Antwort, und der Tretter ging weiter.
    Der Schormayer hatte nichts mehr von ihm gewollt, aber er hatte laut gelacht
und mit sich selber geredet.
    »Schaugt's no grad den b'suffan' Spitzbuam o! Hätt er schmusen mög'n! Ha ...
ha ... und mit dera Beisszanga!«
    Und indem er im Gehen nach dem lärmenden Tretter hinhorchte, schickte er ihm
die allerfreundlichste Einladung nach.
 
                                Sechstes Kapitel
Ganz nüchtern war der Schormayer selbst nicht mehr, wie er nun am Waldrande
dahinging und mit dem Stecken fröhlich an die Baumstämme schlug. Alles, was er
an diesem Tage erlebt hatte, war ihm ein rechtes Gaudium gewesen, und seine
Fröhlichkeit war nicht trocken gelegt. Wie das schieche Weibsbild einmal grantig
und einmal zutulich gewesen war, und sich gleich gar schon ausrechnete, was sie
mit ihren Kindern tun werde! »Für den Fall, dass 's eppas wurd' mit ins zwoa.«
Freilich. Her und am Baum nauf! Das hätte er sich ja so gedacht! Ein zuwideres
Frauenzimmer aus dem Hause hinaus, und noch das grimmigere dafür herein, und
schlechte Tage, einen für den anderen, bis zum letzten.
    Was sie dem Tretter versprochen haben musste, dass der gar so bärig auf die
Heirat wurde? Und wie schnell sich die verstanden hatten! Han?
    Ein paar Minuten war er draussen geblieben, und da waren sie schon einig. Die
Limmerischen auch. Für die hätte wohl auch geschwind was abfallen sollen; und
der Zahler wäre er, der Schormayer, gewesen. Jetzt hockten sie gewiss noch
beieinander und rechneten dem schiechen Weibsbild vor, was es für ein Glück
machen könne auf dem grössten Hof von Kollbach mit gutding hundert Tagwerk Grund,
sechs Ross und an die vierzig Stück Vieh. Da könnte die Kaltnerin den Hintern gar
stolz drehen, wenn sie als Bäuerin in dem allerschönsten Sach herumginge und
alles kommandierte und ihre scharfe Stimme ertönen liesse. Was die sich bloss
einbilden! Braucht gar nix, als nur gerade wollen, und das Weibsbild hockte sich
mit seinen fünfzehntausend Mark - oder nein, bloss mit der Hälfte! - als
Schormayerin nach Kollbach hinein.
    Aber das war hernach lustig gewesen, wie er sie alle miteinander zwei
Stunden lang an der Nase herumgeführt hatte, und den ganz gescheiten Tretter
erst recht. »Du muasst it glaab'n, dass i was davo hab! Vo mir aus derfst du gnua
ledi bleib'n, und zweg'n dem bin i um koan Pfenning net ärmer.« Hat sie dir
nichts versprochen hinter der Tür, und meinst du, andere Leute sind dümmer wie
du? Du Tröpferl! - Hopp auf! Ein vorspringender Ast streifte dem Schormayer den
Hut vom Kopfe, und da war er auch schon am Walde vorbei und stand auf der Höhe
oberhalb Kollbach. Er strengte die Augen an und schaute nach der Richtung, wo
sein Haus lag. Kein Licht schimmerte darin.
    War die Ursula noch nicht daheim, oder lag sie schon im Bett?
    Und wenn sie daheim war und nicht ihn und nicht die Zollbrechtin gefunden
hatte, dann musst sie die Augen aufgerissen haben. Herrgott, sie hätte ihn heute
sehen sollen beim Limmer in Weichs, wie sich vier Leute die schönste Mühe mit
ihm gaben und ihm wie einem jungen Hochzeiter um den Bart gingen. Bist doch
nicht ganz und gar der alte Dadädl und Austragler, der für nichts mehr gut ist
auf der Welt! Muss doch noch was sein an dir, wann die Weibsbilder liebreich
werden, dass sie dir gefallen! Wer weiss, ob der Prückl Kaspar heute drüben in
Arnbach der Ursula so schön getan hatte wie ihm die Kaltnerin, der die Augen
glanzig wurden vor hoffnungsvoller Erwartung!
    Jawohl, du Schneegans, das hättest du dir nicht einfallen lassen, dass der
Vater die Zollbrechtin hinauswürfe und auf die Brautschau ginge und beim
erstenmal ein Weibsbild an der Angel hätte! - Die Vorstellung, wie er heute aber
schon auch alle Mitmenschen, und seine Tochter am allermeisten, hinters Licht
geführt hatte, machte den Schormayer immer noch fröhlicher, und er stolperte
seelenvergnügt in seinen Hof. Der Hund schlug an.
    »Sei staad, Russel! Kennst d' mi net?«
    Da schloff der Schnauzl in seine Hütte zurück, und der Bauer holte unter
einem Steine den Schlüssel heraus und sperrte auf.
    Er tappte schwer in das Hausflötz und tastete etwas unsicher nach der
Stubentüre. Jetzt knarrte oben im Gang ein Brett, und ein Licht blitzte auf.
    »Hö! Urschula, bischt as du?«
    »Na, i bin 's.«
    »Ah, d' Zenzi! Bischt du no auf?«
    »I bi scho g'leg'n, aba i bin aufg'stanna, wia'r i di g'hört ho.«
    »Is na d' Urschula no it dahoam?«
    »Na. Sie is no it kemma.«
    Zenzi war bis zur Stiege vorgegangen, und da sah sie der Schormayer im
Unterrock und Hemd oben stehen; sie hielt ein Kerzenlicht, das sie mit der Hand
gegen den Zug schützte, und der Schein fiel auf ihr Gesicht und die blossen
Schultern.
    Irgend etwas trieb den Schormayer dazu, dass er die Stufen hinauf ging und
nun auf einmal neben der Dirne stand und sie an der Schulter fasste.
    »Herrgott, du bischt aba g'stellt!«
    »Jessas, dös wenn d' Ursula wisset!«
    »Was pass denn i auf de auf?«
    »Du passt scho auf! Host d' mi ja de ganz Zeit nimma o'schaug'n derfa!«
    »A was! Dös is grad a so g'wen!«
    »Lass 's guat sei! Hör auf!«
    »Teufi no a nei! Aba du bischt sauber g'wachs'n!«
    »Hör auf, sag i!«
    »Sei g'scheit, Madl!«
    Dem Schormayer ging der Atem schwer, und die heisse Gier stieg ihm zu Kopf,
und er kam ins Ringen mit dem üppigen Frauenzimmer. Da losch das Licht aus.
    »Jessas na! Jetz is d' Kirz'n aa no ausganga!«
    »Was braucha denn mir a Liacht?«
    »Geh abi in dei Stub'n!«
    »I mag it, und i bleib amal bei dir!«
    »Na, dös derfst it!«
    »Jo, sag i! Herrgott, wo bischt denn?«
    Die Zenzi war ihm entwischt, und er hörte sie auf dem Gange, und da
schnappte eine Türklinke ins Schloss, und ein Riegel wurde vorgeschoben.
    Der Schormayer tappte im Dunkeln vorwärts. Er stiess mit dem Fusse an seinen
Stock, den er hatte fallen lassen, und dann suchte er an der Wand, bis er die
Magdkammer fand. Die Türe war verschlossen.
    »Zenzi, mach auf!«
    Er horchte und hielt den Atem an, weil er vor seinem eigenen Schnaufen
nichts hörte.
    Drinnen kicherte es.
    »Geh, Madl, sei g'scheit und lass mi eini! Es reut di g'wiss it!«
    Wieder war es still.
    »Du, pass auf! Wann's d' mi eini lasst, is dei Schad'n net.«
    Da antwortete die Zenzi endlich.
    »Na, dös sell derf it sei!«
    »Warum it? Auf wen hamm denn mir aufz'pass'n?«
    »Was tat'n denn deine Leut' sag'n?«
    »Dös is mir wurscht. Jetz' mach amal auf!«
    »Geh abi! D' Urschula ko all' Aug'nblick kemma!«
    »Vo mir aus kimmt s', wann s' mag. Und bals d' jetzt net aufmachst, tritt i
d' Tür ei!«
    »Jessas na! Gib do an Ruah!«
    »Himmisaggerament!« Der Schormayer rannte wütend gegen die Türe.
    Da raschelte es in der Kammer, der Riegel wurde leise zurückgeschoben, und
der Bauer fiel beinahe über die Schwelle der sich öffnenden Türe.
    »Du bischt aba wild!« sagte Zenzi vorwurfsvoll. »Und jetzt gehst abi!«
    »Jetz wer i geh! - Freili!«
    Mit festen Griffen hielt er die Dirne.
    »Los do aus! I muass ja d' Tür zuasperr'n!«
    Er hielt sie am Arme, indessen sie die Kammer verriegelte, und dann umfasste
er sie und drängte sie vor.
    »Na, du bischt oana! Aba na! Aba na!«
    Eine Stunde später rumpelte ein Fuhrwerk in den Hof.
    Zenzi fuhr auf und stiess den Bauern, der angekleidet neben ihr lag, unsanft
an.
    »D' Urschula is kemma!«
    Der Schormayer brummte unwillig und wachte nicht auf.
    »Jessas na! Jetz flackt a do, und de ander muass scho glei herob'n sei!«
    Sie schrie ihm halblaut ins Ohr: »Du, d' Urschula is do!«
    Er gab keine Antwort und schnarchte weiter.
    »Dös werd it schlecht!« seufzte die Magd und horchte hinaus.
    Indem war aber die Ursula schon ums Haus herumgegangen und zur Küche
hereingekommen. Sie machte Licht und schaute nach der Wanduhr.
    »Elfi vorbei!«
    Da hatte sie sich doch ein wenig lang verhalten beim Ratschen mit der Base
und dem Prückl Kaspar, der ihr nicht übel gefallen hatte. Und er war auch gar
nicht dagegen, die Schormayertochter zu nehmen; denn so fünfzehntausend Mark auf
die Hand kriegte nicht eine jede mit. Ihr Sonstiges an Vorzügen hatte die Base
auch redlich herausgestrichen, so dass der Kaspar sie frischweg eingeladen hatte,
mit der Base auf Hirtlbach hinüberzufahren und sein Anwesen anzuschauen. Bis man
alles gesehen hatte, war es Abend geworden, und hernach zog sich in Arnbach bei
der Base wiederum der Diskurs in die Länge, denn es musste alles beredet werden,
bis sie dann endlich der Vetter heimfuhr.
    »Schon elfi durch!« Der Vater schlief wohl längst und hörte sie nicht.
    Ursula schaute sich in der Küche um und bemerkte mit Wohlgefallen, dass die
Zollbrechtin sauber aufgeräumt hätte. Es war alles an seinem Platze, wie sie es
verlassen hatte.
    Sie nahm nun das Licht und ging die Stiege hinauf. Was war nun das? Vor
ihrer Türe lag ein Stock; und wie sie ihn aufhob, sah sie, dass es dem Vater der
seinige war.
    Wie kam jetzt der herauf?
    Sogleich war ihr Verdacht geweckt, und sie überlegte, wie sie den Alten zur
Rede stellen werde.
    Da kam ein leises Geräusch aus der Nebenkammer. Leise schlich sie vorwärts
und horchte.
    Es war wie Schnarchen und hörte plötzlich auf.
    Ursula blieb auf ihrem Posten und drückte das Ohr an die Türe.
    Und wirklich, es war wieder ein tiefes Schnarchen, das schnell erstickte und
in ein Brummen überging. Denn drinnen hielt Zenzi ihre Hand dem Schormayer auf
Maul und Nase, und er wehrte sich dagegen.
    Jetzt klopfte Ursula.
    »Zenzi!« - Keine Antwort.
    »Zenzi, hoscht g'hört!«
    Eine schlaftrunkene Weiberstimme gab an.
    »Wos is denn?«
    »Mach auf!«
    »Han?«
    »Aufmacha sollst!«
    »Zu wos denn? I schlof ja scho!«
    »Dös sell sag i dir nacha, z'weg'n was. Jetz mach amal auf, und g'schwind!«
    »Los mi do schlafa! Wann mi an ganz'n Tag arbet, derf mi do aa'r amal sein
Ruah hamm!«
    »Stehst d' it auf?«
    »Na! I mag it; i möcht schlafa.«
    »So? Dös ander werst na morg'n hör'n!«
    Zenzi gab keine Antwort.
    Da schrie Ursula zornig. »I woass, wer bei dir drin is!«
    »Wo herin? Bei mir is durchaus gar neamd!«
    »Ja, lüag no! Du Loas, du abscheilige! Aba morg'n schmeiss i di naus, dass d'
draussd lieg'n bleibst, du schlecht's Mensch, du!«
    »Mei Ruah lass mi! Derf mi net amal in da Nacht sei Ruah hamm?«
    »De kriagst na morg'n! Und der sell soll si schama! Pfui Deifi! Pfui Deifi!«
    Von ihrem Schreien wachte der Schormayer doch auf. Er rumpelte auf.
    »Was is denn? Wo bin i denn?«
    »Bscht!« machte Zenzi und flüsterte ihm ins Ohr: »D' Urschula is drausd und
hot wos g'spannt.«
    Aber Ursula war schon in ihre Kammer gegangen, und auf dem Bettrande sitzend
fing sie zu heulen an.
    »Da hört sie do allssammete auf! A so a Schand!«
    Derweilen rieb sich ihr Vater den Schlaf aus den Augen und wollte aufstehen.
Zenzi hielt ihn zurück.
    »Bleib no a wengl do, bis sie schlaft; net dass s' di no'mal hört!«
    »I will in mei Bett«, brummte er.
    »Na ziahg aba d' Stiefeln aus, wann's d' scho abi gehst!«
    Das vertrauliche Getu war ihm so zuwider, dass er darüber nüchtern wurde; und
ein heftiger Zorn stieg in ihm auf, über sich und über das Weibsbild, und am
meisten über die Ursula.
    »Dös Luda hat ihra Nas'n überall'n drin, und 's Mäu kunnt s' net halt'n,
de!« fluchte er vor sich hin.
    »Ja, die übersiecht nix«, sagte Zenzi.
    Ihre Zustimmung erinnerte ihn, dass er mit der Person da, mit seiner eigenen
Magd, Heimlichkeiten hatte, und er wurde erst recht unwirsch.
    »Lass mi naus!« befahl er grob.
    »Aba d' Stiefln ziahg aus!« bat sie.
    »Dös geht di nix o! I schliaf in mein Haus net umanand wia 'r a Diab.«
    Er war schon bei der Türe und öffnete sie.
    »Tua mir a paar Zündhölzeln her!«
    Sie gab ihm eine Schachtel und sagte schmeichelnd: »Sagst d' mir na koa
pfüad Good?«
    »Guat Nacht jetz, und lass mi geh'!«
    Er strich ein Zündholz an und ging laut durch den Gang und fest über die
Stiege, dass jede Stufe knarrte.
    Eine helle Wut war in ihm.
    Das sollte die Ursula erst noch sehen, ob er sündhaft und demütig
wegschliche!
    Er schlug seine Tür zu und zog sich aus und schmiss sich ins Bett. Wenn es
eine Dummheit war, dann war es eine Dummheit, und fertig!
    Die Ursula hörte ihn gut, und sie mochte es seinen Schritten anmerken, dass
er nicht reumütig und sanft gestimmt war.
    Sie unterdrückte ihren Wunsch, ihm etwas nachzurufen, und hörte vor Staunen
auf zu weinen.
    »Da schaug her!« brummte sie. »Der schamt si gar it amal!«
 
                               Siebentes Kapitel
Und wenn der Schormayer noch nie gemerkt hatte, wie dick eines Menschen Kopf
sein kann, dann wusste er es an diesem Morgen, der seinem abenteuerreichen Tage
folgte.
    Er legte sich das Erlebnis mit der Creszentia Gneidl zurecht und fragte
sich, was nun geschehen müsse.
    Und eigentlich erschien ihm die Lösung einfach und selbstverständlich. Das
Mensch musste weg vom Hofe.
    Kein zärtlicher Nachgeschmack zwang ihn, das Mädchen in Gedanken höflicher
zu benennen oder um sein ferneres Wohlergehen besorgt zu sein; und sein
tüchtiger Verstand verhielt sich durchaus ablehnend gegen die Vorstellung, dass
ihn an der Verfehlung gegen die Reinlichkeit des Hauses auch ein Teil von Schuld
treffe. Wieso auch? Wenn die Zenzi nicht gewollt hätte, wäre ihr nichts
geschehen. Und man konnte die Sache anschauen, wie man wollte: jedenfalls ging
es nicht, dass er eine Manklerei mit einem Dienstboten hatte, von der seine
Kinder wussten, und die auch bald genug in der Gemeinde bekannt würde. Denn seine
Tochter könnte schon das Maul nicht halten und müsste ihren Verdruss bei der
ersten Gelegenheit einer Nachbarin anvertrauen. So viel weiss zuletzt jeder von
den Weibsbildern. Und war die Geschichte einmal aus dem Hause, dann kroch sie
durch alle Schlüssellöcher. Wenn dahingegen die Zenzi im Frieden abzog, dann
konnte er seiner Ursula kräftig vorstellen, dass über geschehene Dummheiten nicht
gut reden sei.
    »So wer i 's macha«, sagte der Schormayer und war zufrieden mit sich und dem
gehabten Vergnügen. Denn ein teufelsmässig sauberer Brocken war das Weibsbild,
ein ordentliches Trumm und recht nach seinem Gusto.
    Er schmunzelte und wollte gerade die Füsse aus dem warmen Bett stecken, um
aufzustehen, als er durch die Wand den Lärm von kreischenden Stimmen und
klapperndem Geschirr hörte.
    »Oha! San s' scho überanand, de zwoa? De Lall'n hätt ja net wart'n kinna!«
Er meinte seine Tochter und zog die Füsse zurück.
    Denn mitten ins Gewitter hinein wollte er nicht geraden, und seine kluge
Meinung war am Ende besser an die Frauenzimmer zu bringen, wenn sie sich
ausgeplärrt hätten. Und dazu hatte es gute Aussicht; die Töne gingen schneidig
in die Höhe und klangen messerscharf in der Fistel. Dann schepperte aber ein
irdener Topf, der in tausend Scherben zerschmissen sein musste, und ein gellender
Schrei folgte nach.
    »Dös werd ja guat!« sagte der Schormayer, und da lärmte die Ursula schon in
die Stube und klopfte mit ungestümer Faust an seine Türe.
    »Bal's d' net auf da Stell aussakimmst, Vata, geh'n i auf und davo!«
    »Was machst d' denn für an Krach, du Herrgottsaggerament?«
    »I bleib nimma in dem Schandhaus herin, und koa Minut'n bleib' i mehr ...«
    »Du gehst in dei Kuch'l und wartst, bis i kimm ...« - »Aba glei!«
    »Dei Mäu halt, sag i! Und dös Schandhaus zoag i dir na scho, du Moll'n, du!«
    Da er mit der Lederhose im Bett gelegen war, musste der Schormayer nur in die
Pantoffel schliefen und war schnell in der Küche. Hinterm Herde stand
unordentlich gekämmt die Ursula; ihre Stirne war in viele Falten gezogen, und
ihre Augen flackerten; auf dem Boden lagen die Scherben einiger Töpfe, und der
blecherne Milchkübel zeigte eine grosse Dulle, und daneben war reichlich Milch
verschüttet.
    »Was is?« fragte der Bauer.
    »Ja, was is? I tat no frag'n, wann i du waar! De Loas, de miserablige, kimmt
da ganz frech eina, und wia'r i ihr sag, dass s' auf da Stell packa soll, lacht
s' no ganz frech; und du bischt da it Herr, sagt sie, und dös müass'n mi erst
sehg'n, was da Baua tuat, hat sie g'sagt. Und was? sag i; sehg'n willst du was,
sag i, dös sell ko'st d' sehg'n, hab i g'sagt, dass i dir oane nei'hau, hab i
g'sagt, du Hadern, du Schlampen, du ausg'schamta, sag i, du ...«
    »Lass di no net gar a so aus!« unterbrach sie der Schormayer.
    »Ja, da soll mi vielleicht noch staad sei, bal mi so was sicht, und der
Hadern derfat si gar no aufmanndeln! Aba i hon ihr 's zoagt, ob sie frech sei
derf.«
    »Dass du grob bischt, dös woass mi so«, sagte ihr Vater und schaute die
Scherben an.
    »Mit dera geh i no ganz anderst um bal s' no amal eina kimmt.«
    »So? Bischt du Herr da herin?«
    »Dös is mir wurscht. I leid 's amal it.«
    »Net?«
    »Na! Und koa Stund bleib i mehr mit dem Schlampen in oan Haus.«
    »Du, lass da 's g'sagt sei: wann's d' mit mir redst, nacha plärrst it a so!«
    »Und i schrei amal! Und vo mir aus hört 's de ganz Nachbarschaft, und des
ganz Dorf derf 's hör'n, wia 's bei ins zuageht!«
    »Sei staad, sag i dir!«
    »Net bin i staad; und von so oan, als wia du bischt, lass i mir 's Mäu gar it
biat'n.«
    »Wos?«
    »Ja von so oan! Pfui Deifi!«
    Schier hätte Ursula, die sich in sinnloser Wut heiser schrie, ausgespuckt;
aber da sah sie noch, wie ihr Vater seine Hand aufzog, und sie hielt schützend
einen Arm vors Gesicht und duckte den Kopf nieder. Der Schormayer liess die Hand
sinken.
    »Siehgst,« sagte er ruhig, »wann di du jetzt net a so braucht hättst, nacha
hätt i de Zenzi auszahlt, und si waar furt ganga. Aba jetzt bleibt s' bis
Liachtmess.«
    »Dös will i seghn.«
    »Dös siechst scho, du Malafitzkramp'n, du; und grad weils d' du a so plärrt
hoscht, bleibt s' jetzt!«
    »Na kost ja heunt nacht wieda aufischliefa dazua!«
    »Muass i di frag'n, was i toa derf?«
    »Jawoi, weil's mi aa was o'geht, und weil 's a Schand is für ins all
mitanand!«
    »Kümmer di du um dei Schand; und dös mirkst da: was du willst, dös
g'schiecht gar nia!«
    »Na geh'n i!«
    »Geh zua! Hab i di vielleicht bettelt, dass d' bleibscht? Schaug mir amal so
was o! Machet dös Viech da herin in aller Fruah scho an Krach, dass ma 's drei
Häuser weit hört, und schmeisset mei G'schirr umanand, und nacha reisst sie 's Mäu
geg'n ihr'n Vata auf!«
    »Wann du mit Recht'n umgehst, sagt koa Mensch was!«
    »Allssammete, was i tua, is mei' Sach! Herr bin i, vastehst; und dös gang
mir grad no o, dass i in mein Haus an Schpion hamm müasst!«
    »Da hat 's kann Schpion it braucht; du bischt scho so auftrappt, dass ma di
hör'n hat müass'n.«
    »Vo dem werd it g'redt!«
    »So? Da derfat mi it red'n davo!«
    »Koa Wort werd it g'redt vo dem! Und dös sag i dir: bal i was spann, dass du
da was aus 'n Haus aussi tragst, na schlag i di amal mit'n Ochsenfiesel her! Du
bischt ma no lang it z' gross g'wachs'n!«
    Indem jetzt der Ursula keine richtige Antwort einfiel, setzte sie sich auf
einen Hocker und fing hinter der vorgehaltenen Schürze gottesjämmerlich zu
weinen an.
    »So waar 's nacha, dass mi 's Kind von Haus waar und hätt koa Recht umadum,
und bal mi dös sagt, was amal wahr is, na tat er gar sag'n, er schlagt oan' mit
'n Ochsenfiesel; und d' Muatta bal no lebat, de schaugat schö ...«
    Dem Schormayer war es nicht gar zu wohl, und er ging zur Türe.
    »Gel,« sagte er, »jetz kost rotz'n! Z'erscht werd alls z'sammgriss'n vo
lauta Wuat, und nacha werd g'heant. Wia halt de Weibsbilder san, de damischen!«
    Und damit ging er. Aber die Ursula war einmal im Zug und mochte nicht
aufhören.
    »Dös wenn d' Muatta wissat, wia 's bei ins zuageht, de hätt' jetzt ja im
Grab aa no koan Ruah, und is grad guat, dass s' nix woass und nix siecht vo dem
Saustall und vo dera Schand ...«
    Sie merkte erst jetzt, dass der Vater nicht mehr in der Küche war, und
trocknete sich mit der Hand ihr nasses Gesicht ab und schnupfte auf, und dann
griff sie nach dem Schürhaken und schaute gleich wieder fuchsteufelswild in die
Welt.
    »An Grind schlog i ihr no ei', dera!« sagte sie.
    Ja, die Weibsbilder!
    Der Schormayer hielt die Hände verschränkt hinterm Rücken und ging in der
Stube auf und ab. Noch was Dümmeres gibt's nicht wie die Ziefern! Alles hätte
mit Ruhe geschehen können, und die Zenzi wäre heute noch ohne Aufsehen
fortgekommen, und kein Wort hätte man darüber reden brauchen; aber nein! Es muss
einen Krawall geben, und aus der verschwiegenen Nacht muss die Dummheit ans Licht
hingestellt werden, dass sie nur ja recht dreckig ausschaut! Und geredet muss
darüber werden, wo jedes Wort zu viel ist und alles erst aufrührt. Er hätte sich
selber schon die Leviten gelesen und aus der Geschichte seinen Merks genommen;
aber von einem andern lässt man sich so was nicht unter die Nase reiben.
    Herrgott! Wie das zuwider und dumm war! Stellt sich die Gans hin und kehrt
den Schmutz zu einem rechten Haufen zusammen.
    Bei der Magd bist gewesen in der Kammer! Zu der Magd bist hinaufgeschloffen
in der Nacht!
    O du Lall'n!
    Wäre es gar nicht gegangen, dass man das Maul gehalten und bloss mit den Augen
geblinzelt hätte? Ich weiss alles, verstehst schon, aber ... Dann war dem Respekt
nicht weh getan; und wenn der Schiefling ausgezogen war, hätte die Wunde schön
verheilen können.
    So aber war das Kurieren schier nicht mehr möglich. Wenn er die Zenzi
wegschickte, schaute es aus, als hätte er reumütig der Tochter nachgegeben und
sich von ihr zwingen lassen; und ob die Magd nach der Schimpferei sich still
verziehen wolle, das war auch nicht gewiss.
    Und wenn er sie bis Lichtmess im Hause liess, war die Geschichte erst recht
nichts.
    So oder so: die Blamaschi war einmal da.
    Wie das Sprichwort sagt: Lange Haar und kurzer Verstand, und immer das Maul
voraus und immer zuerst plärren und nachher erst zum Denken anfangen.
    Wenn er die Zenzi daliesse - gelt wie die in sich hineinlachen würde, aber
doch nicht so heimlich, dass es die andere nicht sehen könnte und nicht alleweil
wieder eine Ursach hätte zum Spektakel aufschlagen!
    Ja, was tun?
    Da hätte der Gescheiteste eine harte Nuss zum Aufknacken! Und so einfach wär'
es zu machen gewesen! Fein still und mit aller Ruhe.
    Der Schormayer schaute zum Fenster hinaus. Gerade fuhr die Zenzi einen
Schubkarren voll Mist auf den Dunghaufen.
    Aha! Die dachte gar nicht ans Gehen und tat ihre Arbeit wie jeden Tag.
    Jetzt leerte sie den Schubkarren um und sah zu ihm her.
    Er ging zurück und setzte sich auf die Ofenbank. Das war nichts, dass die
Dirn noch bleiben sollte. Wer wusste denn, ob die zwei Weibsbilder nicht eines
Tags im Hofe zu raufen kämen, oder ob die Ursula vor dem Knecht ihre Worte in
acht nehmen würde?
    Ein Ausweg war vielleicht, die Zenzi wegschicken, und gleich hinterdrein die
Ursula. Die sollte nur zum Basel nach Arnbach ziehen; eine Ausrede liess sich
schon finden. Hernach bald heiraten, und weg damit!
    Der Schormayer konnte es anschauen, wie er wollte: es war jedenfalls das
einzige, was sich noch tun liess. Und mit der Zenzi wollte er gleich reden.
    Er stand resolut auf; und wie er hinaussah, fuhr sie gerade wieder mit dem
Schubkarren aus dem Stall.
    Er öffnete das Fenster und pfiff ihr.
    »Zenzi!«
    Sie wandte das Gesicht lachend gegen ihn.
    »Was is?«
    »In a halb'n Stund, und bal's d' mit der Arbet firti bist, kimmst zu mir
eina!«
    »Was willst denn?«
    »Dös sag i dir nacha scho.«
    Er schloss das Fenster.
    Sein Sohn, der Lenz, stand unter der Türe und schaute ihn mit groben,
zornigen Augen an.
    »Was hat denn mir d' Ursula g'sagt?« fragte er schier drohend.
    »Was woass denn i, was dir de g'sagt hat?«
    »Is dir nix bekannt?«
    »Frag mi net a so aus! Gel? Dös is do mir ganz wurscht, was de sagt!«
    »Aba mir it!«
    »So? Na red no fleissi damit und stell di in d' Kuch'l und ratsch!«
    »Da braucht 's koa ratsch'n gar it! Dös is schnell g'sagt g'wen, was sie mir
zu'n sag'n g'habt hat.«
    »Lang oda kurz, - mir is wurscht.«
    »Ja, dir muass scho viel wurscht sei, wann die du gar nimma schamst und bei
da Nacht umanandsteigst wia'r an alta Koda.«
    »Hoscht du mi g'sehg'n?«
    »Na! Sinst hätt i 's no bei da Nacht aussi g'haut, dös lüaderliche Mensch!«
    »Bal i di lass'n hätt', gel?«
    »I hätt di scho it g'fragt, und frag' di nacha aa net, bal i aussi geh und
hau s' mit da Goassl zu'n Hof aussi!«
    »Du?«
    »Ja, i!«
    »Dös will i sehg'n!«
    »Dös ko'st glei sehg'n, bal's d' am Fensta steh bleibst!«
    Lenz griff an die Türklinke.
    »Da bleibst!« herrschte ihn sein Vater an.
    »Was nacha!«
    »Du bischt a Mannsbild, und vo dir valang i was andersts, als wia von dem
dumma Frauenzimma da draussd.«
    »Bei dir waar a jed's dumm, dös si den Saustall it g'fall'n lasst!«
    »Was g'wen is, is g'wen; und du machst as it anders!«
    »Aba nausschmeiss'n ko i de sell.«
    »Na! Dös ko'st it; du hoscht no lang koa Hausrecht da herin.«
    »So? Dös will i sehg'n, bal dös gerichtsmassi werd, ob a sellene Person in an
Haus bleib'n derf.«
    »Um dös kümmert si koa G'richt nix.«
    »I zoag 's o! Hoscht mi vastanna? An Kommadant frag i, ob mi dös leid'n
müass'n.«
    »Geh no und bring d' Schandarm' her; aba du kimmst nimmer eina, dös mirk da
guat!«
    »Amal kimm i scho wieda.«
    »Na, Bürschei! Für dös schiab i dir an Rieg'l vor, und auf mei Sterb'n
freust di du umasunst.«
    »Vo so was hab i net g'red't.«
    »Aba g'moant host d' as. Amal kimm i scho wieda, sagt der Lackl ganz frech
zu mir!«
    »Dir gib i koan Lackl net o!«
    »'s Mäu halt! Und pass guat auf, was i dir sag! Wann du bei da Tür aussi gehst
und machst ma was drei und sagst was, was mir net passt, und tuast was, was mir
net passt, Bürschei, nacha fahr i in der nämlinga Stund in d' Stadt nei' zu'n Jud
Levi und lass an Hof z'trümmern.«
    »Dös ko'st du leicht sag'n ...«
    »Und grad so leicht toa. I bin bessa dabei, wann i z' Dachau drin
privatisier und brauch enk Maulaufreisser net um mi rum hamm. Ös habt's mi a so
scho a bissel vagrämt, ös zwoa!«
    »Mit was nacha? Tua 'r i mei Arbet net rechtschaff'n?«
    »Tua s' halt net, na stell i mir an Knecht mehra ein! Der nimmt sei Geld und
is z'fried'n und zählt net an jed'n Tag in Kalenda nach, bis i übagib oder
o'kratz!«
    »Du werst vo mir aa nix sellas g'hört hamm!«
    »G'hört it. So schlau bist du freili, dass d' so was it sagst. Aba Aug'n
macha und d' Trentsch'n hänga lass'n vo lauta Vadruss, dass i net glei Schnall und
Fall übageb'n hab'.«
    »Was du jetz allssammete daher brachtst!«
    »Dös, was i scho lang g'spürt hab, woasst! Dös, was mi scho lang druckt, dös
kimmt jetzt aussa, weil's du so frech bischt zu mir! Weil di du für mi hi'stellst
und sagst, i soll aussi schaug'n, wia's du mein Deanstbot'n mit da Goassl aussi
haust ...«
    »Bal amal d' Urschula ...«
    »Jetzt red i! Bischt du aa no oana, dass du dein' Vatern mit 'n Schandarm
kimmst? Wo nimmst denn du dei Recht her, dass du a so aufdrahst? Dös sell möcht i
wiss'n.«
    »Mi sagt grad, dass mi so was it leid'n muass ...«
    »Muasst aa net! Koa Stund net! Pack z'samm und geh und kaff dir a Häuslersach
von dein' Muattaguat ...«
    »Dös hon i vom Vatern it vadeant, dass mir da Strohsack vor d' Tür
g'schmiss'n werd!«
    »Dös host du dir in dera Stund vadeant mit deina Frechheit, und bal's dir it
g'fallt, ko'st mi ja über dös aa'r o'zoag'n bei de Schandarm'. Mei Liaba, dös
hab i dir in's Wachsl druckt, dass d' mir du mit 'n G'richt und mit da Polizei
daherkamst! Frag amal dein Kommadant, wia ma dös macht, wann da Herr Sohn 's
Recht hamm möcht, und der Alt lasst 's it her. Vielleicht hilft a dir, du
ausg'schamta Kerl, du!«
    »I hab g'rad g'sagt ...«
    »Du hoscht g'sagt, dass du mi o'zoagst! Dass du dein' Vatern o'zoagst, hoscht
g'sagt.«
    »Dös hon i aa net so ernst gmoant ...«
    »Na, gib i dir an G'spass, o gel! So red'n d' Handwerksbursch'n mitanand, aba
net du zu mir.«
    »Ja no, bal i einakimm, und woant mir d' Urschula was für ...«
    »Na gehst du rei' und bischt frech! Scheniern brauchst du di ja it, und mit
mir werst du glei ferti. Und bal's dir selm it g'lingt, host ja d' Schandarm'
auf deina Seit'n ...«
    »I sag da ja ...«
    »Nix mehr sagst, und aussi gehst! I will di nimma hamm da herin.«
    »Und de ... de ander da, de bleibt?«
    »So lang, als i will, oda bis d' Schandarm' kemman und mi vahaft'n.«
    »Vata, lass 's guat sei!«
    »Mach, dass d' weita kimmst, und geh an dei Arbet und lass mi nix mehr hör'n
vo dera G'schicht! Und dös will i dir no sag'n: zwoamal habt's mi ös dumme Luada
aufg'halt'n, dass i da Zenzi net heut scho an Laufpass geb'n hab. Z'erscht de
ander da draussd, und jetzt du!«
    »Vata, sei g'scheit und tua s' weg!«
    »Na, sag i! Sinst moanst du, i scheuch d' Schandarm'. Und jetzt geh! I mag
nix mehr hör'n.«
    Lenz sah, dass keine Zeit mehr war für gute oder gar für zornige Worte. Er
hatte noch nie einen ernsten Auftritt gehabt mit dem Alten und merkte zu spät,
dass eine unbedachte Rede nicht gar so leicht verklingt, sondern einen tiefen Riss
auftun kann; und ihn reute, was er gesagt hatte.
    Er liess den Kopf hängen und zog die Türe still hinter sich zu.
    »Bst! Lenz!«
    Die Ursula wisperte ihm aus der Küche zu.
    »Lenz, geh eina!«
    Er zögerte, ging aber doch zu ihr.
    »Dass er gar so g'schriean hot?«
    »Geh weg! Du host mi in was Schön's einibracht.«
    »Jetzt kamst du aa'r a so daher! Was ko denn i dafür? Müass'n mi
zuaschaug'n, bal so was g'schiecht?«
    »A, hör auf und red it! I wollt', i hätt mi it eini g'mischt!«
    »Du muasst ja glei gar zu der andern helfa!«
    »Hätt'st dei Mäu g'halt'n, na hätt er s' selm aussi g'schmiss'n.«
    »Dös glaabst du? Da bischt d' schö dumm!«
    »I moan', de Dumm' bischt bloss du g'wen!«
    »Da ... da schaug! Jetzt kimmt sie! Sie geht zu eahm eini!«
    Ursula deutete hastig gegen das Türfenster hin; ihre Blicke hingen sich an
der Zenzi fest, die ins Hausflötz herein kam und aus den Pantoffeln schloff.
    »Schaug hi'!« wisperte sie erregt.
    Aber die Magd war schon in die Stube eingetreten.
    Die Augen der Ursula funkelten und schauten den Lenz vielsagend an.
    »Host as g'sehg'n?«
    Er gab ihr keine Antwort und biss an den Fingernägeln.
    »Dös muass i hör'n, was de mitanand hamm,« flüsterte die Ursula wieder und
wollte hinaus.
    »Du bleibst da!«
    »Lass mi do lus'n!«
    »Na, sag' i. Bal des Mensch rauskam und di bei'n horch'n derwischet? Soll s'
des aa no im Dorf rum vazähl'n?«
    Er hielt sie am Arm fest und stellte sich vor die Türe. -
    Zenzi stand in der Stube vor dem Schormayer; sie hatte ein Lächeln in den
Mundwinkeln, als sie nun fragte:
    »Was willst na von mir? Do host g'sagt, i soll kemma.«
    »Ja so. I hab g'hört, d' Ursula hat di ausg'schafft?«
    »Freili! Heut in da Fruah, woasst! Sie hat ja all's g'hört, geschtern auf d'
Nacht. I hab dir 's glei g'sagt, dass ...«
    »Vo geschtern woass i nix mehr. Desweg'n hab i di net kemma lass'n.«
    »Net? Ja, was ...?«
    »Was i dir sag'n will, is dös, dass du bis Liachtmess 's Bleib'n hoast.«
    Zenzi kicherte.
    »Du, pass auf, aba wenn ...«
    »Dass du bis Liachtmess bleib'n kost, hab i g'sagt, und desweg'n brauchst it
so dumm lacha. Zum Lacha gibt 's gar nix. So, und jetzt gehst wieda aussi und
machst dei Sach mit Ordnung!«
    Zenzi schaute ihn verblüfft an; er drehte ihr den Rücken zu und sah zum
Fenster hinaus.
    Da sagte sie recht kleinlaut »Adjäh!« und schlich lautlos in das Flötz und
schloff wieder in ihre Pantoffeln und klapperte in den Hof hinaus.
    »Gar so viel müass'n s' net dischkriert hamm«, sagte der Lenz in der Küche.
    »Dös ander sagt er ihr nacha scho auf d' Nacht, bal er wieda aufischliaft«,
antwortete Ursula.
 
                                 Achtes Kapitel
Es war jetzt eine Krankheit im Schormayerhause, an der alle leiden mussten; und
sie waren still und missmutig und so feindselig, dass auch die gleichgültigsten
Worte wie Grobheiten klangen und wie Beleidigungen vom andern gespürt wurden.
Wenn sie beim Essen zusammen sassen, merkte jedes das Unbehagen des andern und
stärkte daran sein eigenes, und die Löffel klapperten lauter, und die Gabeln
stachen spitziger wie ehedem. Über Mittag wurde selten etwas geredet, und der
Knecht, der Hansgirgl, der erst ein paar Tage nach dem Streite aus dem
Krankenhause zurückgekommen war, wusste sich zuerst in der schweigsamen
Gesellschaft nicht zurechtzufinden und rumpelte bei jedem mit seinen
unbefangenen Fragen an, bis er merkte, dass hier keine Unterhaltung aufkommen
konnte. Die Ursula stellt die Schüsseln unfreundlich und hart auf den Tisch, der
Lenz schlang sein Essen so schnell hinein, dass man sah, wie gerne er wieder
hinaus wollte, und der alte Schormayer schnitt ein grimmiges Gesicht und führte
den Löffel so widerwillig zum Maul, als hätte er bittere Arzneien zum einnehmen.
    Kein Mannsbild hätte sich als Ursache und Gegenstand so vielen Hasses im
Gleichgewicht gehalten, aber Zenzi war, wie manche ihres Geschlechtes, mit einer
gewissen Lust am Kleinkrieg begabt und fand in der unbehaglichsten Stimmung
immer noch stille Freude an der verhaltenen Wut ihrer Feindin Ursula. Sie
erzählte auch gerne und unbefangen von den Erlebnissen im Stalle, dass die Scheck
stiere und die Prittlbacherin in der Milch nachlasse und die Hoferin gewiss und
wahr aufgenommen habe. Wie ihre Stimme aber niemals ein Echo weckte, gab sie das
Reden allgemach auf und begnügte sich, schmatzend und kauend durch einen
vortrefflichen Appetit stilles Ärgernis zu erregen.
    »Woasst du, was de hamm?« fragte sie einmal der Hansgirgl.
    »Was soll'n denn de hamm?«
    »No, dös siecht do a Blinda, dass s' wia Hund und Katz leb'n. Da is do eppas
fürkemma!«
    »Ko scho sei; mi bekümmert dös gar nix. Auf Liachtmess geh'n i a so.«
    »So? Du gehst? Warum nacha?«
    »Weil i halt an andern Deanst möcht; allawei dös nemlinge is it schö'.«
    »Aha! Freili, a bissel an Abwechslung mag a niada Mensch.«
    Der Hansgirgl war hell genug, dass er die Kündigung der Zenzi mit allem
andern, was er sah, in Zusammenhang brachte; und ein paar Tage später erlebte er
in der Küche einen Streit, der ihm ein Licht aufsteckte.
    Wie er frühmorgens seine Kaffeesuppe trank, kam auch die Zenzi herein, und
die Ursula schob ihr den Hafen hin, wie man keinem Hund das Fressen vorsetzt.
Nah dem ersten Löffel spuckte die Zenzi heftig aus.
    »Da is ja a Petrolium drin!«
    »Na is halt oans drin«, sagte die Ursula.
    »Allssammete is do it guat gnua für an Deanstbot'n; und bal i mei Arbet
richtig mach', derf i aa a richtig's Ess'n valanga.«
    »Für so a Mensch tuat 's leicht was.«
    »So? Tuat 's leicht was? Dös will i sehg'n, ob i dös sauf'n muass! Da probier
's amal, Hansgirgl, ob da koa Petrolium it drin is!«
    »Mein' Kaffee feit nix«, sagte der Knecht gleichmütig.
    »Probier 's grad amal! Dös is ja ausg'schamt, dass mi oan so was gibt!«
    »Dös is mei Sach it.«
    »Aba i woass scho, was i tua«, schrie die Zenzi und eilte mit ihrem Hafen zur
Türe hin.
    Ursula vertrat ihr den Weg.
    »Was willst du toa? Wo mögscht du hi?«
    »Zu'n Bauern geh'n i eini, und der muass amal sehg'n, wia du mit die
Deanstbot'n umgehst!«
    Ursula riss ihr den Hafen aus der Hand und schüttete den Inhalt auf den
Boden.
    »So, jetz geh eini zu dein' liab'n Bauern und zoag eahm dein' Kaffee!«
    Zenzi riss die Türe auf und wollte hinaus, aber da trat der Lenz ein.
    »Was geit 's da?«
    »Dera Loas da waar da Kaffee it guat gnua, und zum Vatern möcht s'.«
    »Und i lass ma 's it g'fall'n! Da müasst ja oans krank wern aa no in dem
Haus!«
    »Du! Sei it so frech!« sagte der Lenz drohend.
    »Da waar mi frech, bal mi si net vagift'n lasst! Lass mi aussi! I geh' zu'n
Bauern.«
    Lenz nahm Zenzi beim Arm und führte sie zu der hinteren Türe, die ins Freie
ging.
    »Da gehst aussi, und zu'n Vatern kimmst du it! Und drah mir da it lang auf,
sinscht hast d' as mit mir z' toa!«
    Er gab ihr einen leichten Schub und schloss hinter ihr zu.
    »Was is dös g'wen mit ihran Kaffee?« fragte er die Schwester.
    »A Petrolium hat sie aussag'schmeckt. Vielleicht is oans drin g'wen. Was woass
i!«
    »Dös sell sollst d' bleib'n lass'n. Dös hat jetzt koan Wert gar it.«
    »Bal s' 'n it mag, braucht s' 'n ja it saufa!«
    »Lass 's guat sei und red' nix mehr über dös und gib ihr dös richtig Ess'n,
so lang s' da is.«
    Er gab ihr mit den Augen einen Wink und ging hinaus.
    Hansgirgl hatte sich aus diesem Auftritt einiges entnommen und kannte sich
beiläufig schon recht gut aus.
    Er trank seine Kaffeesuppe ruhig und bedachtsam; und wie er fertig war,
schleckte er den Löffel sauber ab.
    Ursula hielt ihn noch auf.
    »Du, Hansgirgl, hörst du gar nix, dass de sell recht schimpft über mi?«
    »De Zenzi?«
    »Ja.«
    »Da hon i no gar nia nix g'hört.«
    »Geh weita, du sagst as g'rad it.«
    »Na, i müasst lüag'n; sie hat si no gar nia auslass'n gegen meiner.«
    »Bal sie 's aba tuat, na glaabst ihr nix! Dös is a ganz a schlecht's
Weibsbild.«
    »I gib ihr scho koan Audienz, bal si amal mit so was kam, und überhaupts:
was mi nix o'geht, um dös sell bekümmer' i mi ganz weni.«
    »Mi sagt g'rad, woasst d', dass d' di auskennst.«
    »Is scho recht nacha. Guad Morg'n!«
    Draussen pfiff Hansgirgl leise durch die Zähne.
    »Aha! Da hat 's was! Zu dein' liab'n Bauern, hat de ander g'sagt. Schau!
Schau!«
    Der Schormayer hatte das Streiten wohl vernommen, aber er wunderte sich
nicht darüber. Das war klar und ausgemacht, dass die Weibsbilder miteinander
hakeln mussten; und wenn es nicht gar zu dick kam, wollte er sich nicht
einmischen. Sonst brannte das Feuer lichterloh. Pfüat di Good!
    Und das war auch gewiss, dass er die Ursula so bald als möglich ausheiraten
musste; denn sie würde keinen Frieden geben, und wenn die Zenzi schon lange aus
dem Hause wäre.
    Das tröpfelt immer noch; das hört nicht auf.
    Er tauchte den Kamm ins Wasser und strich sich damit die Haare nach vorne.
    Wurden auch schon dünn, sackerisch dünn, und der graue Esel schaute überall
heraus.
    Vierundfünfzig Jahre.
    In der Stadt heissen sie es das beste Alter, aber heraussen denken sie anders.
    Wird bald Feierabend sein, Bauer; und eine Zeit kommt, die nicht schön ist.
    Im Austrag sitzen, jeden Brocken vorgezählt kriegen und überall im Weg und
zu nichts mehr nutz sein. Kann sich einer ja ausrechnen, wie der Herr Sohn sich
aufspielt, wenn er erst einmal am Regiment ist, und hat sich vorher nicht halten
können. Die Geschichte mit dem Lenz wurmte ihn, und er wurde nicht fertig damit.
    Dass die Kinder mit dem Alter nicht an Zärtlichkeit zunehmen, weiss man
freilich, und es muss auch nicht jedes Wort fein sein, aber den Vater kotzengrob
in die Ecke schieben und ihm mit einer Anzeige drohen, den Streit aus dem Haus
hinaustragen, - das selbige war ein wenig viel getan.
    Dass es den Lenz hinterher vielleicht gereut hatte, machte nichts anders, und
wenn er den Hof einmal in Händen hielt, würde er dem Vater am Ende den Streit
heimzahlen. Er traute ihm nicht mehr, und er wollte sich gut vorsehen. Am Ende
war es wirklich das beste, wenn er sich mit einem guten Austrag nach Dachau
verzog?
    Ein Häusel mieten oder kaufen und allein sein mit einer richtigen Person,
die ihm aufwarten konnte. Der Blank Andrä von Happach hatte es so gemacht und
hockte dort noch heute zufrieden und guter Dinge. Unterhaltung konnte man genug
finden; aufs Gericht gehen und den Verhandlungen zulosen, auch fleissig Messen
und Rosenkränze aufsuchen, seinen Diskursi haben mit allen möglichen Leuten; und
wenn man ins Wirtshaus wollte, hatte man die Auswahl.
    Was erwartete ihn denn daheim in Kollbach? An jedem Zahltag ein Schimpfen
über den unverschämten Austrag und Jammern, dass es der Sohn nicht erschwingen
könne.
    Jedesmal der Versuch, was abzuzwacken oder Schlechtes für Gutes herzugeben,
und dieselbigen Kunststücke, mit denen man die unliebsamen Fresser in stille Wut
bringt, dass sich ihre Tage verkürzen. Nur nicht angewiesen sein auf den guten
Willen der Kinder! War eine Frau im Hause, hernach hetzte sie beim Schlafengehen
und Aufstehen, wusste alle Tage was Neues zu finden und den jungen Bauern wegen
seiner dummen Gutmütigkeit zu schelten. Und gab acht, dass verwässerte Milch und
abgestandene Eier und immer das Schlechteste als Deputat hergegeben wurden.
Streitest dann, ist der Teufel erst recht los, und du hast vielleicht den
glücklichen Umstand, mit deiner Prozesspartei Tür an Tür zu leben und einen
heimlichen Krieg mit der Schwiegerin zu führen, der hundert Bosheiten einfallen,
bis du selber auf eine einzige kommst.
    Na - na, Lenz! Das wird sich der Schormayer noch genau überlegen, ob er sich
dir mit Haut und Haar ausliefert. Jetzt schon gar!
    Hast ja ein scharfes Maulwerk zum Erbstück bekommen und kannst grossmächtig
aufdrahen, wie man's gesehen hat.
    Ein Ross, das leicht ausschlagt, muss ein schweres Kummet tragen und kurz
eingespannt werden. »Hö, was is?«
    Die Zenzi stand draussen und klopfte ans Fenster.
    Der Schormayer öffnete.
    »Was is denn dös für a Modi? Was willst denn?« fuhr er sie grob an.
    »An Viechdokta hon i vorbeigeh sehg'n, und weil mi d' Scheck gar it g'fallt,
hon i g'moant, ob er it herschaug'n soll.«
    »Vo mir aus gnua! Aba muasst du dös beim Fensta eina sag'n? Kunnst du it bei
da Tür einakemma wia'r ander' Leut?«
    »I derf ja it.«
    »Was derfst it?«
    »Bei da Tür derf i it eini, weil mi da Lenz it lasst.«
    »Geah! Hört's auf mit de G'schicht'n!«
    »G'wiss is wahr! Er hot mi bei da Kuch'l aussig'schmiss'n; und, sagt a, bal i
zu dir eina will, hot er g'sagt, na hon i 's mit eahm z' toa.«
    »Kreuz Teufi! I wer scho mein Fried' amal kriag'n! Was gengan mi denn enkere
Streitereien o?«
    »Jetzt sagst d' as so, und z'erscht ...«
    »Du! Mach, dass d' in Stall kimmst, und bal's d' ma wieda was z' sag'n
hoscht, gehst vorn bei da Haustür eina. I mach scho, dass di neamd aufhalt.«
    »Und bal er mi amal bei da Kuch'l aussi schmeisst, und, sagt a, wia's d' ma
grad an Schritt einagehst, hat er g'sagt ...«
    Der Schormayer schlug das Fenster zu.
    Stand nicht die Zollbrechtin am Brunnen und schaute herunter und wusste jetzt
etwas ganz Merkwürdiges: dass die Dirn beim Nachbarn fensterln ging!
    So eine Gans! Stellt sich brettbreit hin und sagt zum Fenster herein, dass
der Tierarzt im Dorf ist. Als wenn sie weiss Gott was für ein Geheimnis zu
bringen hätte!
    Aber freilich: wird schon der Herr Lenz wieder strohgrob gewesen sein! Der
Schormayer ging in die Küche.
    »Mein' Kaffee!«
    »Da is er!« sagte Ursula brummig und erhob die Tasse über den Herd hin.
    »Vielleicht tragst d' 'n her am Tisch! Und schiabst d' 'n net zuawa wia'r a
Hundsschüssel!«
    »Ja no!«
    Ursula war beleidigt, aber sie stellte den Kaffee doch recht manierlich vor
dem Vater hin. »'s Brot!«
    Sie brachte einige Semmeln, und er tunkte sich Brocken ein; und während er
sie kaute, warf er missmutige Blicke herum.
    Die Ursula machte sich daran, Teller und Schüsseln zu waschen; sie konnte
dabei ihren Zorn aufweisen, indem sie das Geschirr tüchtig wider einander stiess.
    »Du!«
    »Wos?«
    »San meine Haustür'n bei'n Tag off'n?«
    »Ob de Tür ...?«
    »Ob meine Haustür'n bei'n Tag off'n san, frag i.«
    »Freili san s' off'n; wer soll s' denn zuasperr'n?«
    »Für was müass'n na meine Deanstbot'n beim Fensta zu mir einaredn, bal s'
was zu'n ausricht'n hamm?«
    »Was is jetz dös schon wieda?«
    »G'stell di it a so unschuldi! Du hoscht ja do wieda'r an Lenz aufg'hetzt,
dass er an Lackl g'macht hot und lasst d' Zenzi net bei da Tür eina!«
    »Jetzt a so a Lug!«
    »Ja, di kenn i.«
    »Na, so a Lug! Und all's müasst i g'wen sei, und allawei waar i schuld! Und
dös werd ma scho gar z' dumm!«
    »Sei staad! Und an Lenz sagst, er soll froh sei, bal i net de Tür zuamach,
aba'r a so, dass von enk koans mehr eina kimmt!«
    »Was dös Mensch wieda für a G'red o'gricht hat! Und dös waar bald a so, dass
mi gar nix mehr waar ...«
    »Is scho aufg'red't!«
    Der Schormayer schlug die Türe hinter sich zu.
    Ursula aber lief über den Hof in den Rossstall und traf den Bruder, wie er
seinen Gäulen Wasser vorgab.
    »Du, Lenz, i ho da was zu'n ausricht'n.«
    »Vo wem denn?«
    »Von eahm.«
    Ursula deutete mit dem Kopf gegen das Wohnhaus hin.
    »Was nacha?«
    »Du sollst di z'sammnehma, dass er dir die Tür it vor da Nas'n zuaschlagt und
di nimma ins Haus eini lasst.«
    »Dös vasteh' i net. Was habt's denn da scho wieda g'habt?«
    »Dös is it schwar zum vasteh'; de ander hat 'n aufg'hetzt und hot eahm
g'sagt, du lasst de Deanstbot'n nimma zu eahm eini, und sie müass'n z'an Fenschta
eini red'n, bal's an Herrn was zu'n ausricht'n hamm.«
    »A so a g'machte Lug!«
    Lenz stellte zornig den Wasserkübel hin.
    »Weil i dös Weibsbild net zu eahm in d' Kamma hab nei laff'n lass'n, dass da
Krawall net scho in aller Fruah wieda'r o'geht!«
    »Da Krawall is scho g'wen. Er kimmt zu mir in d' Kuchl eina, und grad grob,
woasst! Seine Kinda schmeisst a aussi, und aufpass'n tuat a auf gar nix mehr, und
was dös Mensch sagt, dös muass wahr sei, und für ins gibt 's überhaupts koa Recht
gar nimma.«
    »Woasst du 's gewiss, dass sie bei eahm g'wen is?«
    »Er hat 's do selm g'sagt! Sie is beim Fensta zuawi g'stanna, dass sie 's ja
recht markier'n hat kinna, und grad g'hetzt muass s' hamm, und du sollst di no
z'sammnehma, hat a g'sagt, dass er die Tür it zuaspirrt und ins mitanand aussi
tuat ...«
    Lenz sah sich mit zornrotem Gesicht im Stall um.
    »Wo is mei Goassl?«
    »Was willst d' denn, Lenz?« tat Ursula erschrocken.
    »Mei Goassl möcht i. Ob 's g'rad oda krumm geht, jetzt hau i dös Mensch
umanand, dass 's am Leb'n vazagt.«
    »Lass guat sei! Bitt di gar schö!«
    »Soll i mir all's sag'n lass'n? Herrgottsaggerament! Hansgirgl!«
    Lenz brüllte, was er aus dem Halse brachte.
    »Wos?« antwortete hinten eine Stimme.
    »Hoscht du mei Goassl weg?«
    »I net.«
    »Dort'n loahnt s'!« sagte Ursula und deutete in die Ecke.
    Lenz sprang hin und krampfte die Faust um die Peitsche.
    »Wart', Luada! Jetzt red'n mir mitanand!«
    Er wollte zur Türe, aber da war der Hansgirgl derweilen nach vorn gekommen
und hielt ihn beim Arm zurück.
    »Geh it aussi, Lenz!«
    »Wos willst denn du? Geht di dös was o?«
    »It viel. Aba'r a zorniga Mensch woass net allemal, was er tuat. Bleib herin!
Es is g'scheiter.«
    »Dös sag i aa,« fiel Ursula ein, »lass guat sei! Ma woasst it, was allssammete
g'schiecht.«
    »Waarst du it eina kemma! Hättst di du it herg'stellt und mir all's vazählt!
Dass i von Haus weg muass, bal 's dös Mensch da draussd hamm will! Lasst's mi aus,
sag i!«
    »Net! Net!« bat Ursula.
    »I lass di net aus«, sagte Hansgirgl. »Da schaug umi! Steht da Viechtokta
bei'n Stall hiebei, und da Baua 'r aa. Werst d' eahm do vor fremde Leut'n koa
selle G'schicht it hermacha.«
    Lenz schnaufte zornig und fuhr sich mit der freien Hand durch die Haare.
    »Dös is ihra Glück«, sagte er kurz und ging von der Türe weg.
    »I dank da schö, Hansgirgl, dass d' eahm z'ruckg'halt'n hoscht! Dös hätt ja
an Unglück geb'n!« jammerte Ursula.
    »Nix zu'n dank'n. Aba bessa is, bal du dös Unglück z'erscht übalegst.«
    »Ja no, mi muass do sag'n, was g'schehg'n is; und bal er selm g'sagt hat, i
soll 's an Lenz ausricht'n.«
    »Mach, dass d' weita kimmst in dei Kuch'l!« fuhr sie Lenz an. »I ko di do
herin it braucha.«
    »Vo mir aus! I sag da g'wiss nix mehr; und was mi tuat, is it recht, und dös
waar jetzt scho bald a so, dass mi gar nix mehr recht macha ko, und ...«
    Vor sich hin greinend ging die Ursula auf den Hof hinaus und hielt erst das
Maul, als sie merkte dass der Vater zu ihr hinschaute.
    Er pfiff grell durch die Zähne.
    »Wo kimmst denn du her?«
    »An Stall bin i g'wen.«
    »Hoscht du Zeit zu'n hoamgart'n?«
    Der Schormayer drehte sich um und redete wieder mit dem Tierarzt.
    Im Rossstall blieb der Hansgirgl noch beim Lenz stehen und sagte:
    »Du, Lenz, i bin jetzt scho neun Jahr bei'n enk, und du woasst, dass i zu'n
Haus halt. Aba i sag dir dös: pass auf koa Weibsbild durchaus gar it auf! Da
macht mi 's allawei verdraht, bal mi si vo dena was ei'red'n lasst.«
    »Du woasst aa it all's, Hansgirgl, was bei ins los is.«
    »Wiss'n tua'r i gar nix, na! Aba derrat'n hon i a bissel was.«
    »Was hoscht du derrat'n?«
    »Is g'scheita, ma red't it davo. Dös derfst d' mir glaab'n, inseroans hot aa
seine Aug'n im Kopf, und mi braucht ja net all's sag'n, was mi siecht.«
    »Bal's du was g'spannt host, na werst d' aa sag'n müass'n, dass mi da it kalt
zuaschaug'n ko.«
    »Warum it, Lenz? Bal mi scho amal zuaschaug'n muass, na is bessa, ma lasst si
d' Hitz'n it gar z' stark aufsteig'n.«
    »Na, bin i der Garneamd auf'n Hof?«
    »Du bischt da Sohn, und über 's Jahr bischt da Baua. Na kost du dir
allssammete richt'n, wia's du 's hamm willst.«
    »Dös is no lang it g'wiss, ob i an Hof kriag, bal's as so weita geht.«
    »Ö-hö-hö! Gar so gach werd 's it oba geh'! Wer soll denn 's Sach kriag'n als
wia du?«
    »Wart no, was no all's kimmt!«
    »Na, na, Lenz! Dei Vata is so unrecht it, und i kenn eahm do aa guat. Bal's
d' di staad hebst, werd 's so weit it fehl'n.«
    »Heb di staad, bal's d' a niad'n Tag was anderst hörscht!«
    »Hör nix! Dös is ja grad, was i dir sag'. D' Weiberleut koch'n allawei was
z'samm, und d' Mannsbilder soll'n 's ausfress'n.«
    »Recht host scho!«
    »Freili hab i recht! Da werst nimma firti, bal's d' amal o'fangst und lasst
di auf 's Vazähl'n ei. Hoscht du amal a Weibsbild g'sehg'n, dös von selm
aufhört? I no net. Da muass bohrt wer'n und bohrt wer'n, bis was bricht. Na
stengan s' da und wiss'n eahr it z' helf'n, dö Luada, dö dumma!«
    »Es is a so, Hansgirgl!«
    »No also! Heb di staad und druck d' Aug'n zua und lass di vo da Urschula gern
hamm! Gar so stocknarrisch werd scho da Baua aa'r it sei; und, dass i dir 's
g'rad sag', wia 's is, von eahm aus hätt' i wohl nix g'spannt, aba in da Kuch'l
drin bin i bald auf a G'spur kemma. De sell'n kinnan ja nix b'halt'n.«
    »I heb mi scho staad, derfst d' ma 's glaab'n; dös hoasst, so lang 's geht.«
    »Es geht scho. Jetzt derf i aba macha, dass i ei'spann. Pfüat di!«
    »Pfüat Good, Hansgirgl!«
 
                                Neuntes Kapitel
Der Schnee lag fusstief, und an den windstillen Tagen hielt sich eine gute
Schlittenbahn. Der Schormayer fuhr selber mit zwei Gäulen Langholz nach Dachau
hinein, und die Arbeit tat ihm wohl.
    Der Hansgirgl war bei ihm mit einem zweiten Gespann, und der Lenz legte mit
etlichen Holzknechten im Wald auf und brachte die Bäume ins Dorf.
    So rührten sich alle Hände, und über dem Schaffen wurden die
Verdriesslichkeiten vergessen, die beim Nichtstun in die Länge und Breite gingen.
Wenn am frostklaren Morgen der Schlitten knirschte und pfiff, schritt der
Schormayer wohlgemut daneben her und versuchte auch wohl mit der Peitsche ein
altes Gesetzel zu knallen.
    Oder er führte mit dem Hansgirgl, der dichtauf folgte, eine Unterhaltung.
    In Dachau setzte er sich behaglich in eine warme Wirtsstube; und schon lange
hatte ihm keine Mass Bier mehr so geschmeckt wie hier eine jede, die er sich
verdient hatte.
    Er traf auch alte Freunde und Bekannte und konnte von weit und nah manches
erfragen.
    Eines Tages, wie er beim Zieglerbräu sass und rechtschaffen müd seine Füsse
ausstreckte, klopfte ihm jemand auf die Schulter; und wie er sich umdrehte,
musste er sich fast besinnen, dass er den Limmer von Weichs erkannte.
    »Ja, grüass di Good, Schormoar!«
    »Grüss di Good aa!«
    »Triff i di do amal! De ganz Zeit hamm mi g'wart, ob 's d' net wieda
zuakehrst; und hör'n hoscht aa nix lass'n.«
    »Na, hot si net auftroffa.«
    »A Botschaft hättst d' ins scho schick'n kinna.«
    »I sag' d' as, wia 's is, i ho koa Zeit it g'habt.«
    »Ja, ja! Sie werd da halt it g'fall'n hamm.«
    »Net recht g'machti.«
    »Und sie is ganz stocknarrisch auf di.«
    »Geah? No, hot s' jetzt den Hof kafft, wo s' selbigsmal in Handel g'wen is?«
    »An Atzenhofer? Na. I glaab, sie wart' heut no, ob s' di net do am End no
dag'langt.«
    »Mi net. Dös ko'st ihr ausricht'n, und an schön Gruass vo mir.«
    »Moanst it, es werd no was?«
    »Net leicht.«
    »Siehgst as, wia 's oft geht! Und sie hot si 's scho ganz fest ei'bild't!«
    »Ei'bild't hon i ma scho oft was.«
    »Woasst, da Tretter hat si überhaupts a so auslass'n, als wenn 's ganz g'wiss
waar, und als wenn er d' Vollmacht hätt' für di.«
    »So?«
    »Ja, g'red't hot der grad schö'! Mögst d' net moan, dass d' Leut' a so lüag'n
kinnan.«
    »De Leut muasst d' nix glaab'n, Limmer. Da trink amal!«
    »G'segn 's Good, Schormoar!«
    »'s Wohlsei!«
    »Du, hoscht da vielleicht an anderne aufganga?«
    »Na.«
    »Du Schlaucherl, du sagst ma 's grad it!«
    »I tat da 's aa it sag'n.«
    »Na werd 's scho a so sei?«
    »Es is it a so, aba du brauchst mir nix glaab'n.«
    »Kreuz Teufi! De werd d' Trentsch'n hänga lass'n, bal i 's ihr sag!«
    »Dös tuat nix. Sie ziagt s' scho wieda'r aufi.«
    »Ja, ja. No also, zu'n macha is nix?«
    »Na, gar nix.«
    »Nacha pfüat di Good!«
    »'s Good, Limmer!«
    »Du, Schormoar, dass i net vagiss: da Buachberger vo Glonn treibt 's nimma
lang.«
    »So?«
    »Er rasselt a so bei'n huast'n, woasst, als wia wenn a'r a Kett'n
aufaziahgat, und des sell is a schlecht's Zoacha.«
    »Dös is zwider für eahm, aba i kenn eahm ja gar net.«
    »Dös is do der selbige, vo dem die Kaltnerin ihre dreitausad Markln irbt!«
    »Ah so! Na, sie werd 's braucha kinna, bal s' den Hof wirkli kafft.«
    »I ho gmoant, du kunnt'st vielleicht mehra Gusto drauf hamm, bal sie dös
Geld kriagt.«
    »I hon koan Gusto durchaus gar it.«
    »Nacha is g'feit; dös siech i scho.«
    »Weit g'feit, Limmer. Pfüat di.«
    »'s Good, Schormoar!«
    Hansgirgl hatte aufmerksam zugehört und blinzelte lustig, wie er sah, dass
der Bauer in sich hineinlachte.
    »Hoscht'n geh' hör'n?« fragte ihn der Schormayer.
    »Er is scho so laut auftret'n, dass ma 's hör'n hat müass'n. Was is denn dös
für oana?«
    »Vo Weichs is er! Hat a ganz a nett's Sach.«
    »Hätt' er schmus'n mög'n bei dir?«
    »Ja, a wengl. Da kunnt i no mal glückli wer'n, Hansgirgl.«
    »Muass dir aba net recht drum sei, was i g'spannt hab.«
    »Bei dera net.«
    Der Schormayer trank und wischte sich lachend das Maul ab.
    »Hansgirgl, um de tatst di du aa'r it reiss'n.«
    »Is s' so schiach?«
    »Schiach wia'r a Nachteul'n und hantig wia'r a sauer's Bier.«
    »Na pfüad di Good!«
    »Dös sell hon i mir aa denkt.«
    »Dass sie aba so viel Glaab'n auf di hot?«
    »Vielleicht kimm i ihr so dumm für; ha-ha! Da kunnt'st d' hi' wern! Ganz
bocknarrisch is sie auf mi, sagt da Limmer. Dös möcht i g'hört hamm, was eahr da
Tretter all's aufbund'n hat!«
    »Is der beteiligt bei dera Sach?«
    »Er möcht si halt an Kupp'lpelz vodean'.«
    »Hoscht du an Sinn, dass d' no'mal heiretst, Bauer?«
    »It gern.«
    »Dös hätt i mir a so denkt; was tatst denn du mit an Wei, wo's d' de zwoa
Kinda hoscht?«
    »Vo dem will i net sag'n; bal ma 's guat derratet, waar 's dös schlechtest
no it.«
    »Ja, ja, dös sell gib i zua.«
    »Aba um's derrat'n is; und daneb'n tapp'n waar halt scho ganz z'wider. Es
müasst allssammete stimma.«
    »Nacha hat dem sei Red do a bissel a Hoamat g'habt?«
    »An Limmer moanst? Ah, da is koa dro'denka; dös is a Viecherei g'wen,
sinscht gar nix. Na, i moan grad a so: bal ma si 's oft übaleget, waar 's dös
dümmst' net.«
    »Ja, ja.«
    »Brauchst aba nix red'n üba dös, Hansgirgl. Net, dass mir da no a Schmarrn
o'grührt werat dahoam. I hon a so d' Ohr'n voll gnua.«
    »Vo mir aus werd nix g'redt; i vabrenn mir 's Mäu net.«
    »Dös denk i mir aa. Bischt ja lang gnua bei mir, dass d' auf meina Seit'n
steh' kunnt'st.«
    »Da feit si nix, Bauer.«
    »I hon di aa allawei für dös o'gschaugt, Hansgirgl, und sinscht hätt' i wohl
it a so g'red't mit dir.«
    Der Schormayer war mitteilsam geworden.
    In der langen Zeit hatte er sich nie was vom Herzen heruntergeredet, sondern
alles in sich hineingefressen. Und da sass ein vertrauter Mensch, der die
Vergangenheit kannte und manches Jahr auf seinem Hofe neben ihm geschafft hatte,
und der wohl auch die Änderungen sah, die jetzt bei ihm eingerissen waren.
    »Siehgst, Hansgirgl,« sagte er, »i brauch dir ja nix vazähl'n, aba dass
dahoam nimma all's am alt'n Fleck steht, dös sell kennst ja du selm.«
    »Wia 's halt is, Bauer, wenn die Junga herwachs'n und de Alt'n an 's Geh'
denk'n.«
    »I denk aba it gar so fest dro!«
    »No, was willst d' macha?«
    »Dös woass i selm it, siehgst! Und i schaug 's schier jed'n Tag anderst o.
Aba d' Freud zum Geh' is gar it gross bei mir.«
    »'s Übagab'n is nia luschti.«
    »Dös woass mi, und mi tuat 's do, wann 's rechtsinni is; aba ma muass si dabei
naussehg'n. G'rad in d' Schlamassi einihocka, dös sell is dumm.«
    »I hätt aba an Lenz it für uneb'n.«
    »I woass it, Hansgirgl. Da Reschpekt is it gross bei eahm, und na kunnt i
abscheulige Rasttäg kriag'n, wann i amal der nix mehr bin.«
    »I ho von eahm no nix Unrecht's g'hört; net üba di und net über ander Leut.«
    »Hoscht d' aa nix g'sehg'n, dass er ungeduldi werd?«
    »Was hoasst ungeduldi? Schau, Bauer, du werst deinerzeit aa'r a bissel hart
g'wart' hamm; und bal oana jung is, nacha is ja scho d' Freud' zu'n Regier'n und
zu'n Arbet'n oamal z' gross. Dös sell is was Natürlich's.«
    Der Schormayer schüttelte den Kopf.
    »Dass er sie freut, dös sell nahm i eahm net übi; waar ja trauri, bal oana
ohne Freud an Hof übernahm. Er braucht 's scho! Es is it all's schö, was kimmt.
Aba dös sell hoass i net wart'n, wann ma'r an Vata mit die Ellabog'n wegschiab'n
möcht.«
    »Dös wundert mi, bal dös da Lenz tuat.«
    »Lass ma 's guat sei! Da Hauptpunkt is, dass i no it alt gnua bi zu'n
Faullenz'n. Herrgott, i wer ja grad luschti bei da Arbet! Und da soll i umanand
hocka und Weillang hamm!«
    »Verschiab 's a Jahr, a zwoa!«
    »Wern ma 's scho sehg'n; und jetzt zahl i, na fahr' ma wieda.«
    Auf dem Heimweg war der Schormayer fröhlich und aufgeräumt. Es zog fest an,
und am dunkeln Himmel flackerte ein Stern um den andern auf.
    »Heuer trifft aba scho all's auf,« sagte der Bauer, »akk'rat, wia ma 's hamm
will. De zwölf Nacht hamm dös beschte zoagt. Am Barbaratag hat 's Knosp'n
g'habt, und d' Mett'n war hell. Pass auf, mir kriag'n a guat's Jahr.«
    »Mir kunnten 's braucha.«
    »Freili, Hansgirgl, und i moan allawei: was heuer wachst, wachst no für mi.
Hoscht a guate Schmitz'n, na haust nachi!«
    Er knallte mit der Peitsche den Fuhrmannsgruss.
    »Es geht no it schlecht? Gel?«
    »Na, i muass di lob'n.«
    »Öh, hott a wengl! Hott!«
    Der Schormayer lief zu seinen Füchsen vor, weil ein Schlitten entgegen kam,
und er ging dann eine Zeit allein. Der Weg führte durch Hochholz, und da war es
noch stiller wie draussen auf der Freien.
    Man hörte nur das Schnauben der Pferde und ihre klingenden Schellen.
    Über den Wald schob sich der Mond herauf, und etliche Baumgipfel standen
dunkel und scharf gerändert gegen sein flüssiges Gold.
    Der Schormayer summte vor sich hin und wartete wieder auf den Knecht.
    »Da fallt mir a Liadl ei, dös kunnt schier gar für 'n Lenz pass'n.
Voda, wann gibst ma denn 's Hoamatl,
Voda, wann lasst ma 's denn schreib'n?
's Dirndl wachst auf wia'r Groamatl,
Ledi will 's aa nimma bleib'n.
    Hoscht dös scho amal g'hört, Hansgirgl?«
    »Jo, und de ander Strupf'n woass i aa.«
Der Knecht sang mit dünner Stimme:
»Da Voda, der gibt ma scho 's Hoamatl,
Da Voda, der lasst ma 's scho schreib'n,
Mei Dirndl werd g'maht wia'r a Groamatl,
Braucht koan alte Saudirn it bleib'n.«
    Da lachte der Schormayer herzhaft.
    »Dös passt wieda auf mi, und amal lass i 's scho schreib'n. Aba was dös Jahr
wachst, wachst no für mi.«
    Daheim wartete schon wieder allerhand Verdruss auf ihn. Sein bestes Ross, ein
Schimmelwallach, mit dem der Lenz ins Holz gefahren war, hatte den Krampf in den
Muskeln und legte sich, kaum dass es in den Stall zurückgekommen war, matt auf
die Seite.
    Der Hansgirgl, der sich auf die Sachen gut verstand, schüttelte bedenklich
den Kopf und meinte, es könnte die schwarze Harnwinde sein. Er wollte gleich zum
Tierarzt fahren, aber in der Nacht würde der haute kaum mehr kommen, und bis zum
andern Tag könnte es lang zu spät sein.
    Nun beratschlagte er mit dem Bauern, was für die nächste Zeit zu tun sei;
und auch aus der Nachbarschaft kam der Deindl hinzu, ein Mann, der viel
Erfahrung hatte, und der Schmied Finkenzeller, ein Meister im Hufbeschlag. Die
Männer umstanden den Gaul, und der matte Schein der Stallaterne fiel auf recht
besorgte Gesichter.
    »Schormoar, es steht it guat,« sagte der Schmied; »'s Ross is hartleibi und
rüahrt si kalt o.«
    »Kreuzteufi, dass ma dös g'schehg'n muass! I ho da 's g'sagt, Lenz: lass ma'r
an Schimmi koan Tag im Stall steh! Wann s' bei dera Kält'n aussi kemman, is
schnell was g'schehg'n. Jetz hamm ma 's.«
    »Dös bescht waar, mi holet de alte Metzin«, sagte der Deindl.
    »I waar der Meinigung, mi wickeln 's Ross recht warm ei und wasch'n 's mit 'n
hoass'n Wassa«, schlug der Hansgirgl vor.
    »Dös is dös allererscht,« bestätigte der Schmied, »und bal's d' mir
folgscht, Schormoar, nacha lasst d' an Baldriantee siad'n. I hätt' oan dahoam.«
    »Den muass d' Zenzi hol'n, und du, Lenz, gehst umi und sagst zu da Urschula,
sie soll Wassa kocha, so viel als geht. Hansgirgl, hol amal d' Zenzi!«
    Der Schormayer befahl alles bedächtig und griff selber fest an, wie sie das
kranke Tier in Decken einhüllten.
    »No was!« sagte der Schmied. »Lasst's an etla rupfane Säck' hoass macha; de
leg'n mir nach'n Wachen üba.«
    »Dös bescht waar, mi tat de alt Metzin hol'n«, liess sich der Deindl wieder
hören.
    »Z'weg'n was denn?«
    »Schormoar, dö ko'n a niade Kranket bered'n. I ho 's selm bei meina Kuah
ausprobiert. Sie hat ihran Spruch to, und an andern Tag is d' Kuah wieda frisch
g'wen.«
    Der Schormayer schaute den Schmied fragend an.
    »Schad'n ko 's nia,« sagte der, »und bal mir sinscht nix vasamma, kinnan mir
ja der Metzin ihran Spruch drei'geb'n.«
    »Du werscht segh'n, dös hilft alloa.«
    »Is na scho recht.«
    Zenzi kam hinter dem Hansgirgl in den Stall. Ihr Gesicht war gerötet, und
ihre Haare schienen in Unordnung zu sein; auch waren die Augen etwas
geschwollen, wie vom Weinen. Aber darauf achtete jetzt niemand.
    »Du gehst jetzt glei' zum Schmied abi und sagst, sie soll'n da'r an
Baldriantee geb'n. Ko'scht da dös mirka?«
    »Jo«, antwortete die Zenzi mit weinerlicher Stimme.
    »Laff no, und den Tee gibscht da Ursula, dass s' 'n auf da Stell kocht!«
    Zenzi schaute den Schormayer erschrocken an.
    »Hoscht mi vastanna?«
    »Jo«, sagte sie noch gedrückter.
    »Na mach und steh it lang umanand!«
    »Und de alt Metzin soll s' hol'n«, mahnte der Deindl.
    »Ja so! Vom Schmied ummi gehst aa zu'n Metz und sagst, de Alt' soll glei
kemma. Jetzt g'schwind a wengl! Schleun' di bessa!«
    »Jo.«
    Sie ging zögernd weg; und wenn der Bauer gesehen hätte, wie sie einen
Schritt für den andern setzte und auch stehen blieb und aufschnupfte, hätte er
ihren Eifer nicht gelobt.
    Er sah es nicht und hatte einen anderen Grund zum Ärger.
    »Wo bleibt denn der Lenz?«
    »Do bin i.«
    »Was is mit 'n Wassa? Und schaug, dass d' a paar Säck herbringscht; de soll
d' Urschula hoass macha.«
    »D' Urschula is it do; i ko s' it find'n.«
    »Brav! Dös mag i! Müass'n mir wart'n, bis sie mit 'n Ratsch'n firti is.
Hansgirgl, schaut zu da Zollbrechtin umi; ganz g'wiss hockt s' wieda dort.«
    Die Vermutung war richtig.
    In der niedrigen, rauchgeschwärzten Küche der Nachbarin sass die Ursula beim
Herd und erzählte der teilnehmenden Person ihr heutiges Abenteuer mit der
scheusäligen Zenzi.
    »Woasst, am Dreikinitag hot da Vata an ihra Kammatür aa'r an Kaschpa,
Melchior und Baltasar mit da g'weicht'n Kreid'n aufig'schrieb'n, und mi hat dös
scho so vadross'n, dass i dir's gar it sag'n ko.«
    »Mi schreibt 's aba überall'n.«
    »Dera g'hört 's it zua; und vo mir aus is da Brauch, was da will, i leid 's
amal it; und heut a da Fruah bin i herganga und ho de Schrift mit an nass'n
Hadern ausg'wischt, und sie kimmt grad dazua und fangt 's mamms'n o und hoasst mi
a boshaft's Luada; und hoscht scho amal so was g'hört, wia frech dass so oani
waar? Woasst, sag i zu ihr, du sündigscht auf dös, hab i g'sagt, dass du a Hilf
hoscht, aba du muasst it moa'n, sag' i, dass i vielleicht auf dös aufpass, oda
mögst eppa gar, hab' i g'sagt, dass da'r i schö tua? A so waar 's ja recht, sag
i, dass d' Tochta an sellan Schlampn nachlaffa müasst, hab i g'sagt, und mi
ko'scht du gnua vaklamperln, weil i auf dös gar it aufpass, und na hon i ihr den
nass'n Hadern um 's Mäu uma g'haut.«
    »Da hoscht amal recht g'habt«, lobte die Zollbrechtin.
    »I hon ihr den Hadern schö' eini g'haut, und net grad oamal, dös sell derfst
ma glaab'n; und, sag i, jetza stellst die wieda an 's Fenschta und jammerscht,
dass da gar a so schlecht geht, und da hoscht no oani, hon i g'sagt, dass d' di
auskennst, sag i.«
    »De hoscht d' amal schö' herg'richt'!«
    »Dös glaab i, und 's letztmal is dös it g'wen, und a so geh i scho um mit
dera, dass s' g'wiss koa Freud it hat.«
    »Dera g'hört 's it anderst, und du derfst as scho scharf o'pack'n, sinscht
bringst d' de it aus 'n Haus. Dös sell sag da 'r i.«
    »Ah, de bring i scho aussi!«
    »Woasst, Urschula, mi g'fallt de G'schicht gar it. Wia'r i 's selbigsmal beim
Fenschta hibei g'sehg'n ho, is mir a Liacht aufganga; und bal's d' ma du aa it
all's sagscht, desz'weg'n kenn i mi do aus, aba du derfst mir all's sag'n, weil
i bei dir steh, vastehst; und vo mir derfragt neamd was.«
    »Bal's d' ma d' Hand drauf gibscht, Zollbrechtin, dass d' nix weita sagst
...!«
    »Auf Ehr und Seligkeit it, und über dös brauchst da koan Kumma gar it z'
macha, weil i dös überhaupts it mag, de Tratscherei ...«
    Die Zollbrechtin rückte ganz nahe zur Ursula hin, und in ihren Augen war
eine lebhafte Freude zu lesen, dass ihr nun etwas Neues offenbar werden sollte;
aber leider kam es nicht dazu, weil heftig an das Fenster geklopft wurde.
    »Wer isch draussd?«
    »I bin 's, da Hansgirgl.«
    Die Zollbrechtin riegelte die Türe auf, und da bestellte der Knecht seine
Botschaft, dass die Ursula auf der Stelle und geschwind heim kommen müsse.
    »Was geit 's denn scho wieda?«
    »An Schimmi feit was, und da muasst Wassa hoass macha, und vielleicht werst d'
ins na was z' ess'n geb'n aa. Mir san grad hoam kemma.«
    »I kimm scho.«
    »Tua no a wengl g'schwind, da Vata is it gar z' guat aufg'legt.«
    »Mir werd aa'r amal in Hoamgart'n geh derfa, bal mi an ganz'n Tag alloa
g'wen is ...«
    »Es pressiert weg'n an Schimmi. Geh zua!«
    Ursula band ihr Tuch um den Kopf und nahm Abschied von der Nachbarin, die um
eine Hoffnung betrogen war.
    »Pfüad di Good, und i kimm scho amal wieda.«
    »Adjä! Und pass auf, Urschula, bal's du morg'n koa Zeit it hoscht, dass d' zu
mir umakimmst, na geh'n i zu dir, und na vazählst ma dös sell ...« - »Is scho
recht.«
    »Und du derfst g'wiss glaab'n, dass vo mir neamd nix dafragt, weil i dös scho
gar it mag.«
    »I glaab da 's scho, pfüat di ...«
    »Du, dös sagscht ma no g'schwind! Gel, es handelt si vo dem Mensch und dein
Vata, und ...?«
    »Ja, ja, aba i muass jetzt geh.«
    »Siehgst d' as, i ho ma 's do glei denkt, und g'fall'n hat mi da gar nix,
scho von O'fang it, weil d' Muatta no krank g'wen is ...«
    Ursula eilte weg und wurde daheim hart angelassen.
    »Du tuast da ganz leicht, du! Bal mir vo da Arbet hoam kemman, hockst du in
da Nachbarschaft umanand! Hoscht du nix herz'richt'n für ins?«
    »Ös habt's enka Sach noch allemal kriagt, und mi is do aa koa Hund, dass mi
it von Haus wega geh' derf!«
    »Halt 's Mäu und marsch di in d' Kuch'l und mach 's Wassa hoass und warmst a
paar Säck!«
    »I geh scho, aba mi werd do it oiwei dahoam hocka müass'n.«
    Der Schmied hatte unterweilen den Schimmel aufstellen lassen, und alle
Mannsbilder halfen zusammen und stützten ihn.
    Die alte Metzin war auch gekommen, und sie schaute mit ihrem scharf
geschnittenen, hagern Gesicht in dem Halbdunkel wie eine richtige Hexe aus.
    Der Deindl redete eifrig mit ihr.
    »I ho 's an Schormoar g'sagt: bal wer helfa ko, bischt as du, und du woasst
no de alt'n Sprüch.«
    »I woass scho oan.«
    »Da Schimmi werd de Harnwind'n hamm, sagt da Schmied; und hoscht du eppas
für dös?«
    »Freili hon i eppas.«
    »Du, Schormoar, sie werd 's glei hamm«, schrie der Deindl eifrig. »Lass amal
de Alt zuawi!«
    »Dös kimt auf d' letzt; z'erscht müass'n mi an Gaul wasch'n. Zenzi, geh umi
und hol 's Wassa!«
    Die Magd zupfte den Bauern am Ärmel und winkte ihm.
    Er wandte sich unwillig zu ihr.
    »Was hoscht 'n scho wieda?«
    »Geh, schick wen andern in d' Kuch'l, i trau ma'r it ...«
    »Herrgott ... ah was! Jetzt vazählst ma nix! Hansgirgl, geh du! Dera is
heunt it guat, und sie kunnt 's Schaffl it trag'n. Geh du in dein Stall, oda leg
di in 's Bett!« fuhr er die Magd an. »Du gehst ins do im Weg um!«
    Zenzi liess den Kopf hängen und machte sich langsam davon.
    Wie dann der Hansgirgl mit dem dampfenden Wasser ankam, wusch der Schmied
den Gaul sorgfältig, und hinterher deckte er ihn mit heissen Säcken zu und sagte
dem Lenz, er solle das noch einigemal tun. Wie er aber dem Schimmel heissen
Baldriantee eingab und alles das ziemlich lange dauerte, sagte die Metzin, sie
könne auch gehen, wenn man sie nicht brauche, und sie wäre nur dem Schormayer zu
Gefallen gekommen und hätte wohl lieber geschlafen.
    Da schaute der Deindl alle Anwesenden vorwurfsvoll an und meinte, man sollte
die Leute nicht holen, wenn man ihre Hilfe nicht annehme, und es würde aber den
Bauer noch lange reuen.
    Der Schormayer musste der Alten gut zureden, bis sie sich dazu hergab, als
letztes Mittel noch ihren Spruch zu geben.
    Sie stellte sich neben den zitternden Gaul und lispelte mit ihrem zahnlosen
Mund den Vers:
»Jerusalem ist eine schöne Stadt,
Darinnen Jesus Christus gekreuzigt ward.
Er ward gekreuzigt mit Wasser und Blut,
Das ist für Würmbeissen und Darmgicht gut.«
    Und dreimal wiederholte sie:
    »Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!«
    dabei strich sie jedesmal mit der Hand über den Rücken des kranken Tieres.
    Alle sahen voll Scheu zu, und indes sie die Hüte abnahmen, machten sie auf
Stirn, Mund und Brust das Zeichen des Kreuzes.
    »Amen!« sagte der Deindl mit tiefer Stimme. »Und jetzt feit nix mehr,
Schormoar; werst d' as sehg'n.«
    »Hoffatli. Und i dank da recht schö, Metzin, dass d' kemma bischt.«
    Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche, aber die alte wehrte ernstaft ab.
    »Lass guat sei! I nimm nix für dös!«
    »No, nacha schick i dir scho was abi, Schmalz und an Loab Brot.« - »Dös
braucht 's it. Guat Nacht beinand!«
    Sie humpelte aus dem Stall, und auch die andern richteten sich zum Gehen.
    »Oana muass halt Wacht halt'n,« sagte der Schmied, »und wenn's grad waar, dass
a si schlechta herschaugt, na müasst's mi halt aus 'n Bett aussa hol'n. I kimm
gern wieda.«
    »Es werd it schlechta; jetzt is 's scho g'wunna«, versicherte der Deindl.
    Sie gingen, und in der stillen Winternacht hörte man noch von weit her ihre
Stimmen, indem der Deindl die tiefe Wissenschaft der Metzin lobte und der
Schmied seine Ansicht über die Krankheit äusserte.
    
    Der Schormayer schaffte noch an, dass sich der Lenz und der Hansgirgl bei der
Nachtwache ablösen sollten, und wollte über den Hof ins Haus.
    Da trat ihm die Zenzi in den Weg.
    »I muass da was sag'n, Baua.«
    »Sag ma 's morg'n; jetzt is koa Zeit.«
    Sie fing zu weinen an.
    »Jetzt woass i ma koa Hilf gar nimma; und mi is do koa Stück Viech, dass ma si
umanand schlag'n lass'n muass ...«
    »Wer hat di g'schlag'n?«
    »D' Urschula, und an Hadern hot s' ma um 's Mäu uma g'haut, dass i no
g'schwoll'n bi ...«
    »Habt's halt wieda streit'n müass'n, ös damischen Weibsbilda!«
    »Wer hot g'stritt'n? Koa Wort hon i g'sagt, und g'rad desz'weg'n hot si mi
g'schlag'n, weil's d' ma du die heilinga drei Kinni auf d' Kammatür aufi
g'schrieb'n hoscht ...«
    »Z'weg'n nix andern?«
    »Na, bal i d' as amal sag', und an nass'n Hadern haut s' ma'r um 's Mäu, dass
ma's Feua vo de Aug'n wega ganga is ...«
    »Dös sagst d' ma all's morg'n!«
    »Ja, morg'n! Ös fahrt's wieda mit 'n Holz, und i waar alloa mit ihr!«
    »De werd di it fress'n!«
    »I trau ma nimma z' bleib'n. I sag d' as, wia's is; de tat ja mit mir, was
s' gern möcht, und i lass all's lieg'n und steh' und laff davo.«
    »De zwoa Wocha bis Liachtmess werst d' as no aushalt'n.«
    »I trau ma nimma, und i muass da'r a so was sag'n.«
    »Wos denn?«
    Zenzi presste beide Arme vors Gesicht und weinte und schluchzte jämmerlich.
    »Ja, red halt!«
    Da schnupfte die Magd auf und sagte zögernd und mit leiser Stimme.
    »I glaab, i bi in da Hoffnung.«
    »Wos? Wia dös?«
    »Ja, woasst as scho!«
    »Himmisaggera! Du, pass auf, mach mi da koan Pflanz it vor!«
    »Was brauch i dir denn vorz'macha! Dös sell werd si scho aufweis'n, und bal
mi so beinand is, haut oan de ander wia'r a Stuck Viech!«
    »Kreuz Teufi! Wia ganga nacha dös, dass du ...«
    »Vata!« Die Stimme der Ursula gellte vom Hause her, und aus der offenen Tür
drang ein Lichtschein in den Hof.
    »Geah zua! Sinscht siecht s' mi«, flüsterte Zenzi und huschte weg. -
    »Vata! D' Supp'n is firti!«
    »Plärr' it a so, du Loas!« schrie der Schormayer zornig zurück und ging auf
das Haus zu.
    »I hon it g'wisst, dass du im Hof umanand stehst, sinscht hätt i wohl it so
g'schrie'n,« sagte Ursula.
    »I steh dir scho umanand, dir! Wo hoscht mei Ess'n?«
    »In da Kuch'l halt.«
    »Tragst d' as in d' Stub'n eini!«
    »Warum nacha?«
    »Weil i di net sehg'n will, du grob's Viech, du!«
    Er schlug die Türe hinter sich zu.
    »Hat s' scho wieda g'ratscht? Dös zahl a da hoam!« sagte Ursula vor sich
hin, indes sie Schüssel und Teller in die Stube trug und einen Löffel klirrend
daneben auf den Tisch warf.
    Der Schormayer hörte sie nicht.
    Er stand in seiner Kammer und schaute zum Fenster in die Nacht hinaus.
    Der Mondschein lag voll auf den verschneiten Feldern, und sie glitzerten,
als hätten alle Engel Diamanten darauf gestreut.
    »I glaab, i bin in da Hoffnung.«
    So is recht!
 
                                Zehntes Kapitel
Am andern Tag klingelte zeitig in der Früh ein sauberes Schlittengespann durch
Kollbach; und wer gerade am Fenster stand, schaute ihm gerne nach. Die Pferde
hatten blaue und rote Federbüsche aufgesteckt und ein hell tönendes Geläute
umgehängt und gingen auch darum einen stolzen und vornehmen Trab.
    Im Schlitten sass ein aufgeputztes Frauenzimmer, von dessen seidenem
Kopftuche stattliche Zipfel in die Luft hineinflatterten; auch war es in einen
feiertäglichen Schal gehüllt und so vermummt, dass man es nicht erkennen konnte;
daneben sass ein junger Bauernmensch von hagerem Gesicht, aus dem eine scharfe
Hakennase vorsprang, und er trug auf dem Hute ein buntes Sträussel.
    Beim Schormayer bog der Schlitten in den Hof ein und hielt, und derselbige
junge Mensch knallte stolz mit der Peitsche, dass die Anfahrt ein nobles Ansehen
hatte.
    Da kam auch gleich der Lenz, der wegen des kranken Gauls daheim geblieben
war, aus dem Stalle, und die Ursula trat unter die Haustüre.
    Ihr Gesicht zog sich in Fröhlichkeit auseinander, als sie die Gäste
erkannte: das Basel, die Schneiderbäuerin von Arnbach, und den jungen
Prücklbauern, Kaspar Eichinger von Hirtlbach.
    Die Ursula tat, sie sich 's gehörte, geschämig und erstaunt und nicht
wissend, warum diese zwei willkommenen Menschen auf Besuch erschienen.
    »Ja, Basel, bischt du do? Was treibt denn di daher?«
    »I ho 's geschting aa no it an Sinn g'habt, aber der sell hot ma koan Ruah
it lass'n, und i muass mit eahm uma fahr'n.«
    Sie deutete lachend nach dem Kaspar hin, der mit Hilfe des Lenz seine Pferde
ausspannte.
    »Aba geh no grad eina in d' Stub'n, Basel, und warm di auf! Du muasst it
schlecht g'fror'n hamm.«
    »Es is heunt nimma so kalt, aba beim Ofa is bessa dischkrier'n. Du, Kaschpa,
i geh dawei mit da Urschula eini; du kimmst nachi.«
    »I kimm scho«, sagte der Kaspar mit Ruhe und führte hinter dem Lenz einen
Gaul in den Stall.
    Sie hingen hier die Pferde an, versorgten das Geschirr; und erst als die
Arbeit getan war, fragte der junge Prücklbauer:
    »Du bischt da Ursula ihr Bruada? Gel?«
    »Ja. Und wo bischt du her?«
    »Vom Prückl z' Hirtlbach. Du werst d' as scho denk'n kinna, z'weg'n was dass
i do bin?«
    »A wengl was hat ma d' Urschula g'sagt.«
    »Bal allssammete stimmt, kunnt'n mi heunt richti wer'n.«
    »Ja - ja.«
    »Is dei Vata dahoam?«
    »Na, der is ins Holz aussi, Bamm fahr'n. I muass dahoam bleib'n, weil ins a
Gaul krank wor'n is.«
    »Der da?«
    Sie standen vor dem Schimmel, der noch in Decken eingehüllt war.
    »Ja. Heunt schaugt a sie bessa her; geschting hot ma graust.«
    »Er werd scho wer'n. Wann moanst denn, dass dei Vata hoam kimmt?«
    »An Namittag amal kimmt a scho.«
    »Saggera, dös werd lang! No, heunt is nia nix mehr vosamt.«
    Der Prückl Kaspar biss mit starken Zähnen die Spitze seiner Zigarre ab, und
indes er sie ausspuckte, fragte er:
    »Du, pass auf, vielleicht ko'scht ma du an Auskunft geb'n, wia vui dass d'
Urschula kriaget?«
    Lenz kam mit einer zögernden und bedächtigen Antwort.
    »G'nau woass i 's wohl it. So um a'r a fufzehntausad March umanand.«
    »Baar und auf d' Hand?«
    »I moan scho. Von da Muatta her hat s' sieb'ntausad, und dös ander legt
vielleicht da Vata zua. Aba da muasst d' scho eahm selm frag'n.«
    »Dös is g'wiss. Es is grad, dass ma si a wengl auskennt.«
    »Ja - ja.«
    »Vo da Schneiderin hon i 's aa scho beiläufi g'hört.«
    »Passt 's da nacha?«
    »Ja. Wann sie fufzeh'tausad auf d' Hand kriagt, mag i.«
    Der Lenz kaute an einem Strohhalm und war nachdenklich.
    »Du,« fragte er, »hoscht du dahoam 's Anwes'n scho übanomma?«
    »No it. Wann i an Eh'vatrag protakallier, kriag i aa'r an Hof.«
    »Wia alt bischt denn?«
    »Achtazwanz'g wer i.«
    »Du hoscht as schö!« Der Lenz seufzte, wie er das sagte.
    »Aa'r it schöna wia du. Bei dir werd 's wohl aa nimma lang hergeh'!«
    »Recht lang werd 's nimmer hergeh'!«
    Der Prückl Kaspar lachte.
    »I woass scho: es is it gar so leicht, bis ma de Alt'n zu da Ruah bringt; i
ho de letzt'n Jahr her aa g'stritt'n und g'mammst grad gnua.«
    »Han? Hoscht d' aa z' toa g'habt?«
    Lenz drehte sich lebhaft seinem Gast zu.
    »It z' weni; dös derfst d' g'wiss glaab'n.«
    »Aba do is ganga?«
    »Sinscht waar i heut it da. Freili is 's ganga. Was woll'n denn de Alt'n
macha? Amal müassen s' geh'.«
    »Aba wann halt!«
    »Um dös handelt 's a si. No, mir hat dös g'holfa, dass an Vata a Schlagl
g'stroaft hot, und d' Muatta hot si auf mei Seit'n g'schlag'n.« - »Nacha is
freili leicht!«
    »Sag dös it! Der Alt hot si no ei'gespreizt, als wia, und halt gar it
glaab'n hat er's woll'n, bis i eahm anderst kemma bi. Auf 's Fruhjahr, hon i
g'sagt, heiret i und übanimm, oda du stellst da no an Knecht ei'. I mach dir
koan mehr.«
    »A niada gibt it nach auf dös.«
    »Was woll'n s' macha? So lang kinnan s' do aa'r it wart'n, bis mir kitzgraab
san und 's Heiret'n vasammt hamm!«
    »A Muatta is halt da dös best!« sagte Lenz und seufzte wieder. »De kunnt
drauf drucka.«
    »Dös muasst halt jetz selm toa.«
    »Da schaug 's schiach aus, und vadriasst an Alt'n.«
    »Dös sell gib i zua; aba wann 's da'r a Hochzeiterin woasst, nacha kunnt'n ja
dera ihre Leut a bissel umrühr'n.«
    »Von an fremd'n Mensch'n lasst sie oana it gern was drei'red'n.«
    »Ja no! Du muasst halt wart'n; recht lang werd 's nia nimma dauern; und bal
d' Urschula aus 'n Haus is, werd dei Vata schnell zeiti wer'n.«
    »Ko sei; bal 's dir recht is, genga ma jetzt zu de Weibsbilda umi.«
    Als sie über den Hof kamen, stand die Zenzi am Brunnen und pumpte Wasser in
einen Trankkübel. Der Kaspar musterte sie mit einem schnellen Blick.
    »Was habt's denn da für oani?« fragte er.
    »D' Kuahdirn; auf Liachtmess marschiert s'«, sagte Lenz kurz und ein wenig
verächtlich.
    »Saggera Hosenzwickl, de hätt' Hax'n!«
    »I ho s' no it o'g'schaugt auf dös.«
    »Geh, hör auf!« lachte der Kaspar und drückte ein Auge zu. »Dass du so was it
sehgast!«
    »I mag 's Hausbrot it.«
    Es lag in der Antwort des Lenz eine sonderbare Schärfe, die sein Gast wohl
bemerkte; jedennoch, er kümmerte sich nicht viel darum und dachte so obenhin, es
werde schon irgendwie einen Grund haben.
    Unter der Haustüre warf er verstohlen noch einen Blick auf das saubere
Frauenzimmer, das ihm neugierig nachschaute.
    Für einen ledigen Burschen wär 's kein übler Brocken gewesen, so um die
Zeit, da er noch beim Leibregiment war.
    In der Stube hatte das Basel einen argen Jammer.
    »Dös hamm ma dumm darat'n, Kaschpa! Da Vetta kimmt erscht uma drei hoam; i
hab da 's glei g'sagt, mi hätt'n eahm was z' wiss'n macha soll'n. Wos tean mir
jetzt?«
    »Jetzt müass'n ma scho wart'n, bis er hoam kimmt; no amal umafahr'n waar aa
z'wida.«
    »Ja, freili; mi vasammt ja sei Zeit, und i ko aa net oiwei von dahoam furt.«
    »Bleibt's halt do!« schlug Ursula vor. »Mir dischkrier'n mitanand, und na
werd d' Zeit scho vageh'.«
    »I woass scho, was i tua,« sagte der Kaspar, »mir hot da Plank vo Bruckberg
g'sagt, dass er a Rossg'schirr zum vokaffa hätt'. Da geh i umi dazua; is eh grad a
kloane Stund zu'n geh'.«
    »Geh weita!« bat Ursula. »Werst do it glei wieda davo renna?«
    »Wos tat i denn do? I ko do net fünf Stund herhocka!«
    »Schaugst d' halt insern Hof o!«
    »Den siech i danach aa; bis um oans bin i wieda z'ruck, und na werd mi d'
Zeit do it gar z' lang.«
    »Eigatli hot a recht,« sagte die Schneiderbäuerin, »für was soll a
herwart'n, wann er dawei a G'schäft o'macha ko? I und d' Urschula, mi untahalt'n
uns scho, und da Lenz werd a so im Stall bleib'n müass'n; na vasammst d' nix,
Kaschpa, wann's d' auf Bruckberg gehst; aba dass d' it z' spat kimmst!«
    »Um oans bin und z'ruck. Pfüad Good beinand!«
    Ursula lief zur Haustüre und rief ihm nach:
    »Kimm fei bald z'ruck, Kaschpa!«
    »Gilt scho!« sagte er gerade hin, ohne sich umzudrehen, und ging weiter.
    »An dem kriagst d' amal an richtinga Mo,« sagte die Schneiderbäuerin zur
Ursula, »werst as sehg'n.«
    »Bal 's g'wiss is, dass i 'n kriag'.«
    »Warum it? Bal da Vata a bissel mag, werd de Sach heut richtig.«
    »Ob er it z' viel valangt?«
    »Na, na, was i eahm so beiläufi g'sagt hab', dös sell is eahm Sach gnua
g'wen.« - »Moanst do?«
    »Freili! Lass di no nix bekümmern, Urschula! Hoscht 'n denn in da Tomasnacht
it g'sehg'n?«
    »Wia dös?«
    »Ös junge Mad'ln wisst's ja nix mehr, weil's koan recht'n Glaab'n aa nimma
habt's. In da Toamsnacht hättst d' as leicht dafragt, ob's d' in dem Jahr de
Prücklbäurin werst.«
    »Ah, dös san so Abaglaub'n!«
    »Weil's no ös all's bessa wisst's! Aba dös derfst g'wiss glaab'n: bal si oani
in da Tomasnacht ganz nackert auf 'n Schemmi vor's Bett stellt und sagt den
selbinga Spruch, nacha siecht s' den Bursch'n, der wo s' heiret.«
    »Glaabst du dös?«
    »Und g'wiss glaab i 's, weil 's amal wahr is!«
    »Wia hoasst na der Spruch?«
    »Pass no auf!
Betscheml, i tritt di,
Heiliger Tomas, i bitt di,
Lass mich sehgen den Herzallerliebsten meinigen
Diese heitige Nacht!
    Und nacha kimmt a dem Madl im Traam für.«
    »Mir waar liaba, i wissat an Spruch, dass da Vata rechtsinnig waar geg'n
meina.«
    »Dös werd a schon sei; was will a denn mehra? Koa besserne G'leg'nheit
find't a gar it für di.«
    »O mei, Basel!« sagte Ursula und seufzte recht tief auf.
    »Was is jetza dös? Lebt's ös schlecht mitanand, seit d' Muatta g'storm is?«
    Und war der Ursula beinahe ihr Geheimnis über die Lippen gesprungen bei der
Zollbrechtin, weil ihr Herz zum Überlaufen voll war, so konnte sie es jetzt
schon gar nicht mehr zurückdrängen in Gegenwart dieser nahen Verwandten, die ihr
stets Freundlichkeit bezeigt hatte und ihr jetzt einen Mann zubringen wollte.
    Das Wasser schoss ihr in die Augen, und sie sagte unter Schluchzen:
    »Na, Basel, mi leb'n gar it guat mitanand!«
    »Was waar denn jetzt dös! Aba i ho ma 's oiwei denkt: d' Muatta hat z' fruah
von enk weg müass'n.«
    Ursula wischte hastig ihre Tränen ab.
    »Na, Basel, sie is it z' fruah weg! Tröst s' da liabe Good, aba mi müass'n
allsammete froh sei, dass s' no bei Zeit'n g'storm is!«
    »Was sagscht ma denn jetzt da?«
    »Sie hätt nix schön's mehr dalebt; es is g'scheita, sie liegt an Grab.«
    »Geah! Was is denn dös?«
    Ursula rückte näher zur Base hin, dann stand sie auf und schaute auf das
Flötz hinaus, ob keine Horcherin in der Nähe sei, und setzte sich wieder.
    »Woasst, mi hamm da a ganz a schlecht's Mensch für a Kuahdirn, und mit dera
hot si da Vata ei'lass'n.«
    »Dös glaab i do it! Vielleicht moanscht as grad?«
    »Bal i 's do selm g'hört hab, wia'r a aus ihra Kamma aussa is; und er hat 's
aa gar it g'laugn't.«
    »De Mannsbilda! Na! Na! Je älta dass s' wer'n, desto dümmer wer'n s'!«
    Die Schneiderbäuerin hatte die Hände zusammengefaltet und schüttelte den
Kopf.
    »Wer hätt' dös vom Schormoar glaabt, und hat so guat g'haust mit deine
Muatta!«
    »Ja, und an dem Tag, wo ma s' ei'grab'n hamm, hat a scho o'gfangt mit dem
Schlamp'n.«
    »Geah, Madl, i ko 's völlig it glaab'n!«
    »Wia'r i vom Leich'ntrunk hoam kemma bi, is sie bei eahm in da Stub'n herin
g'hockt und is aufg'sprunga, und ganz vahofft is s' g'wen.«
    »Am Gräbnistag?«
    »Ja, Basel!«
    »Dös sell is a bissel viel g'sagt; da möcht mi scho ganz vazag'n.«
    Die Schneiderbäuerin kam nicht aus ihrer erschrockenen Verwunderung heraus.
    »Jessas, Marand Josef! Wos mi all's daleb'n muass! Ja, wos sagt nacha da
Lenz?«
    »Der derf it viel sag'n. Oamal hot a 's probiert, und na hot eahm da Vata
glei an Strohsack vor d' Tür hi'g'schmiss'n.«
    »Sein' eig'na Kind?«
    »Was glaabst denn, dass er mi allssammete hoasst? Grad oa Viech hi und her;
und bal i 's Mäu it halt, sagt a, muass i auf da Stell aus'n Haus, wia da
schlechtest Deanstbot, und koa Grüassgood und Pfüadgood mehr, und grad d' Tür'n
schmeisst a zua, und koa Freundlichkeit siecht mi de ganz Woch it.«
    »Da bedauert's mi scho all zwoa recht.«
    »Mi san aa zu'n bedauern. Dass so was fürkemma kunnt, hätt jo koa Mensch it
glaabt.«
    »I amal g'wiss it. Jetzt sag ma no grad amal, Urschula, wo geht denn dös
aussi?«
    »Dös kon i dir it sag'n, da bin i ma it g'scheidt gnua. Auf Liachtmess, hat a
g'sagt, muass der Schlamp'n weg, aba i glaab gar nix mehr, weil a mir erscht
geschting wieda an Krach g'macht hat z'weg'n dera.«
    »O mei, o mei! Is a ganz in ihra G'walt?«
    »Da hoscht recht! Woasst, bal amal a paar Täg a Ruah waar, na spinnt sie
wieda was z'samm und hetzt 'n auf; und glei ans Fenschta vo seine Schlafkamma
stellt si dös Luada hi und red't vo drausst eina.«
    »Aba woasst, Madl, da muasst du scho koa Schneid gar it hamm; dös lasset i mir
it g'fall'n; und de nächst Pfann nahm i her und schlaget ihr an Kopf ausanand.«
    »I ho s' scho umanandlass'n, de Loas!« sagte Ursula, und ihre Augen
blitzten. »Geschting hon i s' it schlecht herg'schlag'n.«
    »Und da Lenz? Warum haut s' der it glei ganz aussi, bal da Alt amal it dahoam
is?«
    »Der traut eahm it, Basel. Da Vata muass eahm ganz grob kemma sei, weil er so
dasig is.«
    »No, vielleicht is g'scheita, er schaugt no a weng zua; aba bal s' auf
Liachtmess it aus 'n Haus kimmt, na soll er amal fescht o'packa.«
    »Ja, nacha kenn i aa nix mehr.«
    »Urschula, bal i 's recht übadenk, na is g'scheidta, du hebscht di jetzt
ganz staad und heiredtst, so g'schwind, als geht, an Kaschpa, und na bischt du
in dein Haus und ko'st zuaschaug'n.«
    »Bal no dös g'wiss waar!«
    »Lass mi macha, i red' an Vata guat zua ...«
    »Aba koan Schnaufa derfst d' it toa, dass da'r i was g'sagt hab!«
    »Waar 's it g'scheita, i redat frischweg mit eahm und saget eahm pfeigräd,
was mi si denkt üba so was?«
    »Na, Basel, da kunnt 's g'feit sei. Da Vata waar imstand und tat ma 's
Heiratguat kürz'n.«
    »Dos is scho weit kemma, bal mi so was fercht'n muass; aba du hoscht recht:
es is aa z'weg'n an Kaschpa bessa, bal's koan Streit it gibt.«
    »Jessas, bal er 's dafragt: moanst d', er stand z'ruck?«
    »Z'weg'n dem it. Was kümmert eahm dös, was da'r Alt in sein Haus tuat; aba
bal's heunt an Krach gab, kunnt er leicht moan, dass na mit 'n Geld it all's in
Ordnung waar.«
    »Lass da no grad nix mirka, Basel! Schaug, i ho dir 's sag'n müass'n, weil 's
mi gar so viel druckt hot; aba jetz derfst d' ma dös it o'toa, dass d' an Vata in
d' Hitz'n bringscht.«
    »Dös derf dir da g'ringst Kumma sei, i bring de heiret it ausanand. Wos
hoscht 'n?«
    Ursula war aufgesprungen und schaute auf den Hof hinaus.
    »Schaug aussi!« sagte sie aufgeregt. »Do is sie jetzt; sie fahrt an Mischt
aussa!«
    Die Schneiderbäuerin schaute lange und forschend das starke Weibsbild an,
welches mit aufgeschlagenen Röcken auf dem Dunghaufen stand.
    »Dös is s'?« fragte sie mit gedehntem Ton. »Wos a no grad an dera find't? De
tat jetzt mir gar it g'fall'n, a so a grob's G'stell, wia de hot!« - »Gel, sagst
d' as aa?«
    »De hot ja do scho nix fein's gar it! Ja, de Mannsbilda! Da muass ma si scho'
frag'n, wo de oft d' Aug'n hamm!«
    Vor der Essenszeit ging die Schneiderbäuerin mit der Ursula in den Stall, um
Kühe und Hennen zu mustern. Und das hätte sie zu keiner Zeit unterlassen; denn
was eine gute Hauserin ist, hält fleissig Umschau in anderer Leute Wirtschaft,
weil es dabei was zum Lernen und noch mehr zum Kritisieren gibt. Aber hier und
heute hätte es die Schneiderin schon gar nicht übers Herz gebracht, von der
Gewohnheit abzulassen, weil sie das Weibsbild, die Magd, in der Nähe sehen
wollte.
    In zwei langen Reihen stand das liebe Vieh und schaute gedankenlos auf die
Eintretenden, indes es an seinem Futter kaute. Es waren Kühe wie andere auch,
einfarbig oder gefleckt, mit stark oder schwach gebogenen Hörnern; und alle
hatten an den Seiten ziemlich viel Schmutz. Die eine und andere streckte wohlig
den Buckel auf, hob den Schweif und liess ihr Wasser rinnen, von einer andern
platschte es anders zu Boden, und die Ketten klirrten und wetzten sich an den
Barren. Der unkundige Betrachter wäre vermutlich vorne an den hübschen Tieren
vorbeigewandelt und hätte ihre Köpfe gestreichelt und jeder Kuh in die
treuherzigen Augen geschaut.
    Was aber die Schneiderbäuerin war, die ging hinten herum und übersann sich
lange bei jedem Stück.
    »Mi kemman s' so maga für,« sagte sei zur Ursula, »so ei'g'fall'n san s' auf
da Seit'n. Es muass mit 'n Fuatta it all's richti sei.«
    »Dös sag i ja scho lang, dass s' lüaderli g'halt'n san«, antwortete die
Haustochter sehr laut.
    So laut, dass es Zenzi, die etwas entfernt davon stand und mit der Mistgabel
die Streu auseinander teilte, hören musste.
    Sie schnupfte jedoch nur verächtlich auf und stocherte emsig auf einem Fleck
herum.
    Kopfschüttelnd schritt die Schneiderin weiter.
    »Drecki san s'. Auf dös solltst wohl schaug'n, Urschula, dass dös it übahand
nimmt; guat putz'n is halbat g'fuattert.«
    »Ja, da schaug, bal mi sellane Deanstbot'n hot! De wo grad was anderst's an
Sinn hamm als wia d' Arbet!«
    Die Zenzi steckte den Kopf tiefer zwischen die Schultern. Eine Antwort wäre
ihr schon eingefallen, und schnell auch noch; aber dann war der Streit fertig,
und sie war mutterseelenallein. Und das war leicht zu erraten, dass die grobe
Kotzen sie bloss herauskitzeln wollte vor der Fremden.
    Was das für eine war, und wie sich die aufspielte und überall was
auszusetzen wusste!
    Sie räusperte sich und stach die Zinken heftiger ins Stroh.
    »A was! Red's, was mögt's, i hör 's it.«
    »De wella is jetzt de Bescht?« fragte die Schneiderbäuerin.
    »De dritt von vorn eina«, antwortete Ursula; »mi hamm s' vom Schiessl z'
Eisenhofa kafft.«
    »De braung'fleckelte?«
    Die Schneiderin ging ein paar Schritte zurück und musterte die Kuh auf ein
neues.
    »So, dös is enka Beschte? Wia viel geit na de Milli?«
    »Du, hoscht as g'hört?« schrie Ursula grob zur Zenzi hinunter. »Wia viel d'
Schiesslin Milli geit?«
    »A zwölf Lita«, brummte die Magd.
    »Zwölf grad?« sagte die Schneiderin. »Dös is amal gar it viel auf de Bescht.
Dös gibt bei mir a mitter'ne.«
    
    »Bei dir werd halt a bessa aufpasst auf 's Sach; wia ma s' kriagt hamm, hat
de aa mehra geb'n.«
    Die Ursula hatte einen schneidigen Ton an sich; aber diesmal verblieb die
Zenzi nicht in Stillschweigen.
    »De hot no nia mehra geb'n«, sagte sie kratzig.
    »So? Muasst du dös wiss'n? Unta da'r andern Dirn hamm mi vo da Schiesslin
vierzeh' Lita kriagt.«
    »Wer 's glaabt!«
    »Wos? Wia red'st denn du? Derfst du frech sei do herin, du ... du?«
    Die Schneiderin hielt Ursula zurück und winkte ihr mit den Augen.
    »Lass guat sei!« hiess das.
    Und noch ein bedeutsamer Blick sagte der Erzürnten, dass es an diesem Tag
keine Aufregung geben dürfe, wegen des Alten, wegen des Kaspar, wegen alles
möglichen.
    Ursula verstand die Base und knurrte etwas Unverständliches vor sich hin,
und es war ganz gewiss etwas Beleidigendes.
    »Übahaupts is dös gar it de Bescht,« fing die Zenzi wieder an; »de da geit
mehra.« Sie stiess mit dem Gabelstiel eine Kuh an, die näher bei ihr stand.
    Die Schneiderin schaute aber nicht das Tier, sondern die Magd prüfend von
der Seite an und drehte sich geringschätzig weg, ohne eine Antwort zu geben.
    Sie ging die andere Reihe entlang und fand immer wieder einen Grund, den
Kopf mit Missbilligung zu schütteln.
    »Mi siecht aa, dass 's Auter it ganz sauba g'halt'n is, und do bin i hoakli.
Bal i dös dahoam mirk, jag i oani auf da Stell davo'; und red'n lass i übahaupts
meinen Deanstbot'n gar nix. I valang d' Arbet, und firti!«
    »Waar no i Herr, nacha waar 's bei ins g'rad a so!« sagte Ursula.
    »Aba du bischt it Herr!« dachte sich die Zenzi. »Und red't's no zua, weg'n
meina. I pass auf dös gar it auf.«
    Nach dem Essen setzten sich die zwei einträchtigen Frauenzimmer zu einem
langen Diskurse in die Küche; es fehlte nicht an Nudeln und Kaffee, und auch
nicht am Gegenstande, über den sich vieles sagen liess.
    »Siehgst, Urschula, jetzt weil's d' ma du mehra vazählt hoscht, moan i, es
waar it gar so weit g'feit. Dös war a b'suffane Gaudi, und es waar g'schaidta
g'wen, du hättst nix dagleicha to.«
    »Mi ko do aa 's Mäu it halt'n, bal mi so was spannt ...«
    »Freili kunnt ma 's halt'n, aba du bischt halt no it alt gnua und kennst di
no z' weng aus in da Welt. Mi wundert 's gar it so viel, dass dei Vata de
Dummheit g'macht hot.«
    »Du bischt guat troffa, Basel! Z'erscht hoscht aba ganz anderst g'red't.«
    »I lob 's jetz aa it, und koa richtiga Mensch werd da anderst g'sinnt sei.
Bal so was vorkimmt, is ja scho da Respekt bei de Deanstbot'n nimma vorhand'n.«
    »No also!«
    »Aba wundern tuat 's mi it, sag i, weil d' Mannsbilda allsammete so san, bal
s' z' viel Bier hamm.«
    »Von dem dein' glaabst d' na so was do it?«
    »Moanscht?«
    »I möcht di it sehg'n, wann du an sellan Vadacht hättst.«
    »An Vadacht hon i koan, und i glaab it, dass was fürkimmt, aba trau'n tua'r i
eahm gar it.«
    »Geah?«
    »Na, gar it. Freili, unta da Woch und bei da Arbet und so, da woass i scho,
dass si nix feit, aba bal a grad am Sunntag a wengl rauschi hoamkam und stand
eahm so a schlecht's Luada hi, na waar glei was g'schehg'n.«
    »Da waar mi ja oiwei in da G'fahr!«
    »Mi muass halt Obacht geb'n, Urschula.«
    »Na, dös sag i glei, bal i so was glaabet, laffet i auf und davo.«
    »Mi lafft it so g'schwind.«
    »I scho; und bal i dös wissat, dass da Kaschpa aa'r auf dera Seit'n waar, na
möcht i liaba it heiret'n.«
    »Na muasst d' ledi bleib'n, weil oana is wia da'r ander.«
    »Du sagscht ma was schön's!«
    »Schaug, Urschula, i will da was vazähln; i hon den mein aa'r amal dawischt,
wiar' a so schö staad b'suffa bei da Mitterdirn hibei g'stanna is und a weng
deutli mit die Händ' g'red't hot. G'rad liab waar er g'wen!«
    »Aba da bischt drei'g'fahrn?«
    »Na, dös sell hon i gar it to. I ho mi g'stellt, als wenn i gar nix g'sehg'n
hätt, und hon eahm schö to, als wia'r an Krank'n, und hon an in 's Bett eini
bracht, und da hot a sein Rausch und sei Dummheit ausg'schlafa; sie san ja gar
it so scharf, als wia s' tean, und de mehra Zeit san s' froh, bal s' eahnan Ruah
hamm.«
    »Da müasst inseroans oiwei auf da Pass steh?«
    »A bissel Obacht geb'n braucht 's scho; und de G'leg'nheit auf d' Seit'n
ramma, dös is a Hauptsach.«
    »Jetzt muass i dir scho sag'n, Basel, dass mei Freud g'ringa wor'n is.«
    »Ja, g'rad weg'n an schö' hamm und weg'n da Luschtbarkeit braucht ma'r it
heiret'n, mei liab's Madl; do werd da no viel untakemma, was da'r it g'fallt. 's
Kinda kriag'n is it luschti, und 's Kinda wart'n aa it; aba 's muass amal sei,
und ledi bleib'n is dös alleschlechtast. Da woass oans auf oamal nimma, wo 's
hi'g'hort; und als Bäurin auf seine Sach hocka, is it zu'n varacht'n.«
    »Aba bal's was werd mit 'n Kaschpa, na muass a am an eigna Schwur ableg'n,
dass er nia an anderne o'schaugt.«
    »Da wurd' a bald meineidi. No, gar z' schiach derfst d' as aa it fürstell'n.
Bei an junga Bauern is de G'fahr it so gross; dö sell'n hamm mehra Stolz und
mehra Eifa zu'n regier'n, aba bal's amal über 'n vierzga umi gengan, nacha muass
mi guat aufpass'n. Do kemman s' in zwoat'n Saft und schlag'n no mal aus, und
g'schleckig waarn s' nacha'r aa, und passet eahna so a bissel an Abwechs'lung.
Do kam 's eahna glei für, als wenn s' scho lang gnua bei oane blieb'n waar'n,
und sie san viel dümma. Bal sie da oani o'schmeichelt glaab'n s' ihr mehra und
hör'n 's gern, dass s' no' was taug'n.«
    »Auf dös pass i amal guat auf.«
    »Aba'r it grob sei und it streit'n, sinscht bild'n s' eahna an Stolz ei, dass
sie 's erscht recht tean. Übahaupts, mirk da dös: de Mannsbilda muass mi oiwei
auf 'n Glaab'n lass'n, dass all's nach eahnan Kopf geht. Mi tean ja do de mehra
Zeit, was mi mög'n; aba zoag'n derfen mi dös it, und d' Nas'n derf'n mi eahna it
drauf stöss'n. Vo selm sehg'n s' as it, weil s' so viel ei'bilderisch san und
moanan, es ko gar it anderst sei, als dass sie allssammete regier'n. De Freud
muass mi eahna lass'n, und na red'n s' recht g'scheit an Wirtshaus und in da
Gmoa, aba staad und hoamli hamm mi 's Heft in da Hand.«
    Die Schneiderin zwinkerte bedeutsam ihrem Schützling zu und tauchte eine
Nudel in den Kaffee; die Ursula aber hielt sich die Hand vors Maul und lachte
voll Verständnis und sah die Zukunft wieder in schöneren Farben.
    Indem warf sie aber einen Blick auf die Uhr und rief:
    »Jessas, jetzt is scho zwoa, und da Kaschpa is no it da!«
    »Der bleibt it aus, und mi hamm ins glei bessa untahalt'n, weil er it da
war.«
    »Genga ma füri, na sehg'n ma 'n vielleicht kemma.«
    »Vo mir aus!« sagte die Schneiderin, und sie gingen in die Stube und
schauten vom Fenster aus in den Hof.
    Es war wieder Trankzeit, in der die Kühe Wasser zu kriegen hatten, und darum
stand Zenzi wieder am Brunnen und pumpte mit kräftigen Armen.
    »Siehgst d', Urschula,« sagte die Base, »dös leid i net, dass sie de
Weibsbilda d' Röck gar so hoch aufischlag'n.«
    »So oane schamt sie ja it!«
    »De amal g'wiss it! Schaug s' no grad o! Bis zu de Strumpfbandln siecht ma'r
ihr aufi.«
    »Wart', i schrei ihr g'schwind!«
    Ursula wollte das Fenster öffnen, aber die Schneiderin hinderte sie daran.
    »Lass 's guat sei jetz; da kimmt grad da Kaschpa eina.«
    Der Prücklbauer schlenkerte gemächlich durch die Einfahrt; und wie er die
Zenzi sah, schob er den Hut zurück und pfiff lachend durch die Zähne.
    Er trat von hinten an sie heran und klopfte ihr mit dem Stecken derb auf die
Waden.
    Sie fuhr herum:
    »Du hoscht mi aba daschreckt!«
    »Bischt du so g'schrecki, Madl? Siechst gar it aus danach.«
    »Bal's d' ma du auf d' Hax'n haust!«
    »I ho g'rad sehg'n woll'n, ob s' it ausg'stopft san.«
    »Ja freili, i wer s' ausstopfa.«
    »Saggera Hos'nzwickel!« lachte der Kaspar und schob den Hut verwegen aufs
Ohr.
    Aber die Zenzi hatte mit einem schnellen Blick die zwei Frauenzimmer am
Fenster gesehen.
    »Geah zua!« sagte sie. »Lass mi mei Arbet toa; i ho koa Zeit it für
Dummheit'n.«
    Da besann sich der junge Prücklbauer, dass er auf fremdem Grund und auf
Freiersfüssen stehe, und ging von ihr weg dem Hause zu.
    Die Ursula atmete schwer, und ihre Augen funkelten.
    »Hoscht d' as g'sehg'n, Basel?«
    »Ja no, jetzt sei no staad! Mit an Krach derfst d' it o'fanga; bei'n
Hoamfahr'n sag i 's eahm na scho, dass a si schama soll.«
    »So a Schlamp'n!« schnaufte die Ursula und hatte grosse Mühe, ein
freundliches Gesicht aufzusetzen.
    Und setzte es aber doch auf, wie nur ihr Zukünftiger eintrat.
    Der Schormayer war mit seiner Arbeit im Holz fertig und machte sich auf die
Heimfahrt. Seine Gäule zottelten Schritt für Schritt durch den Wald, schläfrig
und faul; aber der Bauer trieb sie nicht an, sondern ging tiefsinnig hinter dem
Schlitten her.
    Das Geständnis der Zenzi hatte ihn den ganzen Tag nicht losgelassen.
    Das ging schon mit dem Teufel zu, dass eine allereinzige Dummheit gleich
solche Folgen hatte.
    Er sah es deutlich und unschön vor sich, wie es nun kommen werde. War sie
bei andern Leuten im Dienst, hernach brachten ein paar Weibsbilder das Geheimnis
schnell genug heraus, und jeder hatte Verdacht auf ihn. Hinterdrein kam das Kind
zur Welt und musste vor Gericht einen Vater haben; und was sollte das
Frauenzimmer abhalten, den zahlungsfähigen Schormayer anzugeben, wenn es
obendrein nicht mehr in seinem Dienst war?
    Heilig's Kreuzdonnerwetter! Wie sie in der Gemeinde zahnen würden, wenn sie
's für gewiss hatten, dass ein alter Esel aufs Eis gegangen war! Stichelreden im
Wirtshaus und Gezänk daheim, und Alimenten zahlen als Austrägler.
    Der Handgaul fuhr erschrocken in die Höhe, weil ihm der Bauer in seiner
stillen Wut eins überzog.
    Und die ganze Verwandtschaft rundherum hatte ihre Unterhaltung über ihn.
    Gelt, das war Zeit, dass der Schormayer abdankte, wenn er zu seinen Ehhalten
in die Kammer schlich und den Respekt nicht mehr aufrechtalten konnte?
    Wie oft sie die Schormayerin im Grabe umdrehen würden, damit sie seine
Schlechtigkeit in der ganzen Grösse ausmalen könnten! Das war eine liebe Zukunft,
die sich da zusammenzog.
    »Du Kramp'n, du vadächtiga, ko'scht du it aufpass'n? Fall am ebna Weg z'samm
vor lauta Faulheit!«
    Diesmal bekam der stolpernde Sattelgaul einen saftigen Peitschenhieb.
    Aber vielleicht war es nur eine Ängstlichkeit von der dummen Person. Sie
glaubt es, dass sie in der Hoffnung ist, sie glaubt es bloss; also war es noch
nicht gewiss?
    Nix! In der Sache kennt sich die Dümmste aus und wird ehender zu wenig als
zu viel sagen. Mit dem Trost war es nichts, Saggeradi! Wenn er der Dumme war,
der für einen andern zahlen sollte? Aber nie war ein Sterbenswörtel davon laut
geworden, dass es die Zenzi mit einem Burschen in Kollbach hatte, und nicht
einmal die Ursula hatte in der grössten Wut eine Andeutung gemacht, und der wär
's doch gewiss nicht ausgekommen.
    Es bleibt schon an dir hängen, Schormayer, und das Netz hat kein Loch. Da
war guter Rat teuer.
    Das nächste musste sein, einmal ausführlich mit der Zenzi zu reden; und sie
fragen, wie sie 's selber im Sinn hatte mit der Sache da, mit der Angabe von der
Vaterschaft, und auch, wohin sie in Dienst gehen wolle.
    Ja, das war das nächste.
    Vielleicht liess sich das Mensch überreden, weit fort zu gehen und für ein
paar hundert Mark sich einzulassen, dass es überhaupt keinen Vater nannte.
    Das gab es doch auch, dass eine dem Gericht nichts sagte; und bei der ersten
Fuhr nach Dachau wollte er einen Advokaten fragen. So, als wenn es sich um einen
andern handeln würde.
    Also, das war jetzt einmal zu tun, und hernach konnte man sehen, wie das Rad
weiter lief.
    Er war schon nahe am Dorfe, und der Moosrainer Simon, ein Kleingütler, kam
ihm mit seinem Ochsenschlitten entgegen.
    »Grüss di Good, Schormoar!«
    »'s Good«, brummte der Bauer.
    »Fahrst d' oiwei no Bamm für 'n Maier z' Dachau?«
    »Ja.«
    »Heunt hoscht an B'suach kriagt, gel?«
    »I?«
    »Freili; an Vormittag scho.«
    »Da woass i nix; i bin an Holz draussd g'wen.«
    »D' Leut sag'n, es waar g'wiss a Hochzeita für dei Urschula?«
    »De wiss'n na mehra wia'r i.«
    »Mi moant halt, wei' s' gar so a nobles Zeug'l g'habt hamm.«
    »Vo mir aus!«
    »Di bekümmert dös gar it viel, han?«
    »I wer' 's scho sehg'n, bal i hoam kimm.«
    »No ja, freili! Du bringscht dei Tochta leicht a. Pfüat di!«
    »Adjes!«
    Es bekümmerte den Schormayer wirklich nicht viel, ob die Ursula ein halbes
Jahr früher oder später aus dem Haus kam; er hatte andere Sorgen. Er ging
deswegen um keinen Schritt schneller; und wie er daheim angelangt war, spannte
er ohne Übereilung die Gäule aus.
    Der Lenz half ihm dabei und sagte:
    »Vata, 's Basel vo Arnbach is scho seit a'r a fünf Stund do.«
    »So?«
    »Und da Prückl vo Hirtlbach is bei ihr.«
    »So? Was macht denn da Schimmi?«
    »I moan, es gang eahm bessa.«
    »Is da Dokta it da g'wen?«
    »Jo. Er sagt, er kimmt scho durchi.«
    »I wer 'n amal o'schaug'n.«
    Der Schormayer ging zu dem kranken Gaul und fühlte ihn an.
    »Mir kimmt für, dass a nimmt so hart waar.«
    »Es is guat g'wen, dass ma 'n glei warm ei'geb'n hamm, sagt da Dokta.«
    »Pass no weita guat auf! Du bleibscht morg'n no dahoam, und i fahr wieda n 's
Holz aussi.«
    Er ging gemächlich dem Hause zu; unterwegs blieb er stehen und schaute zum
Kuhstall hinüber.
    »I wer' s' morg'n in 's Holz aussi kemma lass'n, da hamm ma na nacha Zeit
zu'n Dischk'rier'n«, brummte er vor sich hin, und dann stampfte er vor der Türe
den Schnee von den Schuhen.
    Im Flötz kam ihm Ursula entgegen.
    »Vata, es waar a B'suach da.«
    »Is scho recht.«
    »Soll i da'r an Kaffee in d' Stub'n eini bringa; du werst was Warms mög'n?«
    »Du bischt ja heunt ganz ausnahmsweis freundli.«
    Es konnte ihm schon auffallen, dass er nach langer Zeit wieder ein lachendes
Gesicht daheim sah.
    »I ho da'r oan aufg'hob'n«, sagte Ursula zuckersüss.
    »Bring an no eina!«
    Wie der Schormayer in die Stube eintrat, stand die Schneiderin von der
Ofenbank auf, und der Prückl Kaspar räkelte sich langsam in die Höhe.
    »Du werscht it schlecht schaug'n, dass du ins da auftriffst?« sagte die
Schneiderin.
    »Mi is ganz recht, dass d' amal kemma bischt.«
    »I ho oan bei mir, an Prückl Kaschpa vo Hirtlbach.«
    Der Schormayer nickte dem fremden Menschen zu.
    »So? Du bischt da jung Prückl? An Vata kenn i wohl.«
    »Er hot ma 's g'sagt.«
    »A G'schäft hätt' a mit dir«, fiel die Schneiderin ein.
    »Was für oans?«
    Der Kaspar räusperte sich und fuhr sich mit der Hand über den Kopf.
    »I«, sagte er, »soll an Fruhjahr an Hof übanehma, und durch dös sollt i
heiret'n, indem dass de Alt'n aa nimma weita macha woll'n, und weil na do a
Bäurin in 's Haus muass, und durch dös hon a ma denkt, ob's d' ma du it dei
Urschula geb'n kunntst.«
    »So?«
    Der Schormayer holte sein rotes Sacktuch hervor und schneuzte sich erst
einmal.
    »Mhm!« sagte er. »I sag it na, und üba de Sach lasst si red'n. Hock di no
hi!«
    Der Kaspar liess sich auf die Ofenbank nieder, und der Bauer setzte sich an
den Tisch.
    »So, so? Mei Urschula mögst du heiret'n? Wia viel moanst d', dass s' nacha
kriag'n sollt?«
    Kaspar sah zur Schneiderbäuerin hinüber, und sie nahm für ihn das Wort.
    »A tausend a fufzehni, hon i eahm g'hoassn.«
    »Fufzehni?«
    Der Schormayer schaute nachdenklich auf den Boden.
    »Bal's mehra san, macht 's aa nix«, sagte der Kaspar fröhlich.
    »Mehra wer'n 's kaam, mei Liaba. Aba auf fufzehni kunnt 's nausgeh.«
    »Do waar er scho z'fried'n«, fiel die Schneiderin ein.
    »Dös hoasst, bal sie 's baar kriaget«, sagte Kaspar.
    »Baar oiwei; de Hypatek'ng'schicht mag i selm it, und 's Geld liegt auf.
Nach da Hozet wurd' 's auszahlt.«
    Die Schneiderin stiess ihren Schützling mit dem Ellenbogen an.
    »No also! Nacha seid's ja scho handeloans, braucht's grad ei'schlag'n.«
    Aber der Kaspar räusperte sich doch noch einmal.
    »Wia is na dös? Tat sie na was irb'n aa no?«
    Ursula hörte die Frage, denn sie brachte gerade den Kaffee herein; und
nachdem sie ihn auf den Tisch gestellt hatte, blieb sie erwartungsvoll stehen.
    Der Schormayer rührte den Zucker um und überlegte sich die Antwort.
    »Irb'n?« fragte er. »Ko sei, aba hoass'n tua'r i nix g'wiss; und bal nix
dazwisch'n kimmt, bis i stirb, kriagt s' scho no a Brocka.«
    Ursula hatte wirklich ihren freundlichsten Tag, und mit der mildesten Stimme
sagte sie:
    »Was soll si denn do dazwisch'n kemma, Vata? Do kimmt si do nia nix
dazwisch'n.«
    »Dös woass mi it.«
    »Aba Vata, woasst do, dass mi di in Ehr'n hamm; und übahaupts brauchst d' koa
Kumma üba dös gar it hamm.«
    »I ho scho koan; und bal all's mit Recht'n geht, werst d' scho was kriag'n.
Aba dös is mei guata Will'n, was i hint lass; und vasprecha tua'r i nix.«
    Die Schneiderbäuerin wollte noch hilfreich sein.
    »'s Heiret'n hoscht d' do nimma'r an Sinn?«
    »Heunt net. Aba woass i, was morg'n is?«
    »Geah zua! Du werst üba Nacht it anderst g'sinnt wer'n.«
    »I glaab 's selm it; aba dös is schö' gnua, wann i fufzehtausad baar
auszahl, und auf nix anders lass i mi net ei.«
    Kaspar hörte es am Ton, dass weiterreden keinen Wert hatte.
    Er patschte aufs Knie und sagte frischweg mit lauter Stimme:
    »Alsdann is mi a so aa recht; und dös ander werd scho amal kemma, wia 's
Recht und G'setz is.«
    Er hielt dem Schormayer die Hand hin, und dieser schlug ein.
    »Du hoscht as g'hört, dass er di heiret'n möcht; vo mir aus liegt nix an
Weg«, sagte er zur Ursula.
    Sie strich die Schürze hinunter und hielt den Kopf gesenkt.
    »Ja no ...« Sie stockte und schaute den Zukünftigen von unten herauf an ...
»Mi is na aa gleich.«
    »Gilt scho!« sagte Kaspar und gab auch ihr die Hand darauf.
    »I mach mei Gratalation; und ös zwoa werd's it schlecht mitanand haus'n, und
ös hockt's enk aa'r in a schön's Sach. Du kennst an Hof, Schormoar?« fragte die
Schneiderin.
    »I kenn an scho. Wia werd denn da Austrag für de Alt'n, Kaschpa?«
    »Sie halt'n si scho a Geld z'ruck und nehma si it z' weni aus. Aba'r i tua
ma'r it hart.«
    »Dös is na enka Sach. Und wos i sag'n will: mit 'n Aufgebot und mit 'n Lad'n
und mit dera ganz'n G'schicht kon i mi net befass'n, dös müasst's selm macha.«
    »I hilf scho, und übahaupts geh'n i da Urschula an d' Hand, weil d' Muatta
nimma do is.«
    »I dank da schö, Basel.«
    »Dös tua'r i gern, und wann moant's dass d' Hozet sei kunnt?«
    »Oiwei no vor die Fascht'n«, schlug Kaspar vor.
    »Dös waar in a vier Wocha? I moan, dös liass si richt'n, Schormoar?«
    »Richt's as no. Herwart'n hot aa koan Sinn.«
    »Kimmst d' vielleicht morg'n auf Arnbach umi, Urschula?«
    »Bal's an Vata recht is?«
    »Mi is gleich. I bin a so in Holz draussd.«
    »Also no geh'n i morg'n zu dir, Basel.«
    »Dös is des G'scheidtest; da macha mi allssammete aus; und was beim Pfarra
und an Bezirksamt sei muass, dös sell trifft an Kaschpa, und mit 'n Hozetlada
kinna mir red'n, und ...«
    »Jetzt is aba Zeit, dass ma gengan,« drängte Kaspar, »mi hockan scho den
ganz'n Tag her.«
    »Spann no ei; i bin glei g'richt'«, sagte die Schneiderin.
    Der junge Prücklbauer nahm seinen Hut von der Ofenbank und ging hinaus.
    Im Stall fand er den Lenz auf ein paar Strohbündeln liegend im festen
Schlaf.
    »Hö, Lenz!«
    Der fuhr auf und rieb sich die Augen.
    »Wos is?«
    »Ei'spanna hilf ma; i fahr.«
    Lenz gähnte.
    »So, du fahrst scho weg? Was is nacha wor'n?«
    »Mi san richti.«
    »Is a so g'wen, wia'r i g'sagt hab? Fufzehntausad?«
    »Ja. No, mi wer'n na scho z' toa kemma, und d' Urschula is ja a guate
Hauserin.«
    »Do feit dir nix. Wiah! Geht's aussa!« Er koppelte einen Gaul ab, den andern
nahm Kaspar. Als sie eingespannt hatten, zündeten sie die Laternen an, denn es
wollte schon dunkel werden.
    Die Pferde scharrten ungeduldig mit den Hufen, und es dauerte eine Weile,
bis die Schneiderin noch dies und das gesagt hatte.
    Endlich stieg sie ein. Der Kaspar setzte sich neben sie und grüsste ein
letztes Mal seine Hochzeiterin, die mit verschränkten Armen unter der Türe
stand.
    »Adjäs beinand! Hü!«
    Die Gäule zogen scharf an, und klingelnd ging es zum Tor hinaus.
    »Pfüad di Good, Kaschpa!« klang die Stimme der Ursula nach.
    Schier fein und lieblich.
 
                                 Elftes Kapitel
Mit rot gefrorenem Gesicht kam die Zenzi ins Möselholz, wohin sie der Bauer
bestellt hatte, damit sie Daxen zusammenklauben sollte. Aber sie dachte sich
gleich, dass noch ein anderer Grund dabei sein werde. Ein Holzknecht zeigte ihr,
wo sie den Schormayer antreffen könnte; und als sie ihn sah, ging sie, zögernd
und von allerlei Bedenken beschwert, auf ihn zu.
    »Wo soll i na Dax'n z'sammklaab'n?« fragte sie schüchtern.
    »Dös pressiert it. I ho mit dir was z'red'n.«
    »Wos nacha?«
    »Dös werst d' glei hör'n.«
    Der Schormayer machte erst die Zugstränge von den Wagscheiteln los, damit
die Gäule nicht anziehen konnten; dann schaute er die Person, die ihre Hände
schützend unter ihr Tuch versteckt hatte, scharf an.
    »Du hoscht ma vorgeschtan was g'sagt. Wos soll denn dös sei?«
    »Ja no.«
    »Dass du in da Hoffnung waarst?«
    »J-ja.«
    »Wia kam denn dös?«
    »Woasst as ja so!«
    Die Zenzi gab ihre Antworten in weinerlichem Ton, denn die Fragen des Bauern
kamen grob und misstrauisch daher, und von Mitleid war nichts darin zu spüren.
    »Woasst as ja so!«
    »Nix woass i. Und dass vo dem oa'mal, vo dera Dummheit, so was kam, dös sell
glaab i dir no lang it. I bin ja volla Rausch g'wen.«
    »Gar so b'suffa werst d' it g'wen sei.«
    »Da hon i Zeug'n dafür, mei Liabi; de müass'n dös aufweis'n, dass i durchaus
rauschi g'wen bi.«
    »Wos ko denn i dafür, dass du kemma bischt? I ho da 's ja g'sagt, du sollst
dös it toa, und ho no mei Tür vor deina zuag'spirrt, und hoscht ma s' schier
ei'tret'n mit de Stiefeln.«
    »So g'stellt si a jede; dös kennt mi guat.«
    »I ho mi durchaus gar it g'stellt. Mi is selm it recht g'wen.«
    »Ja, mei Liabi! Net recht g'wen! Weil dös it a jede daher bringt! Und bal's
d' as it an Sinn g'habt hättst, nacha hättst ja d' Tür zualass'n kinna. I bi
halt in Rausch a weng hi'g'falln.«
    Zenzi verzog ihr Gesicht schmerzlich und fing zu weinen an.
    »I ho ma 's scho glei denkt, dass d' di weglaugna willst, weil i jetzt an
Elend do hock, und weil i mir selm nimma z'helfa woass.«
    »Plärr it a so! Dös sell hot jetz gar koan Wert.«
    »Da sollst d' it woana, bal's du a so daher kummst und sagst, i war schuld.«
    »Dös sag i pfeigräd. Z'weg'n was bischt denn du daher kemma im Hemmad? Hot
dir dös wer g'hoass'n?«
    »I hon a Untarock aa'r o'ghabt!«
    »Ja. Aba ob'nauf hoscht di sehg'n lass'n und hoscht d' as mit Fleiss recht
herzoagt. Und bal mi b'suffa is, na is schnell was g'schehg'n.«
    »Is vielleicht it a so?« fragte er barsch, weil Zenzi schwieg und vor sich
bin schluchzte.
    »I sag gar nix mehr, wei i dös scho siech, dass di du weglaugna willscht.«
    »Ja no! Moanst, i zahl für an andern?«
    Zenzi hob den Kopf rasch in die Höhe.
    »Wos für an andern?«
    »Werst scho anort mit oan z' toa g'habt hamm! Was woass i?«
    »Bal's d' as it woasst, muasst d' as aa'r it sag'n.«
    »Weil i 's net glaab, dass i mit mein Rausch do auf 's erstmal scho da Vata
sei müasst.«
    »Dös werd si wohl aufweis'n, weil mi d' Zeit aa woass.«
    »Vo dem is nix bekannt, dass mi 's auf oan Tag sag'n ko.«
    »Bring ma halt oan her, der wo dös mit Recht'n behaupt'n ko, dass i mit eahm
beinand g'wen bi.«
    »Zenzi, valass di it z' viel auf dös! So was kimmt gern auf.«
    »Bei mir kimmt gar nix auf, weil nix aufkemma ko.«
    »Net, moanst d'?«
    »Na, durchaus gar it, und da kon i a niad'n Eid schwiarn.«
    »Aba meini Zeug'n kinnan aa schwiarn, dass i durchaus b'suffa g'wen bi.«
    »Dös werd na 's G'richt scho ausmacha; und jetzt geh'n i, und i ho ma 's
glei denkt, dass 's a so kimmt ...«
    Zenzi wandte sich langsam um und ging erst zögernd und dann schneller den
Waldweg hinunter.
    Sie war nicht weit gekommen, als der Schormayer laut pfiff und sie beim
Namen rief.
    Da blieb sie stehen und schaute rückwärts.
    »Wos willscht no?«
    »Geh nomal her!«
    »Z'weg'n wos denn?«
    »Geh no her! I sag da 's scho.«
    Seine Stimme klang ruhiger, und sie kam gehorsam zurück. Er hatte den Fuss
auf einen Baumstamm gestellt und schaute in Gedanken verloren zu Boden.
    Schüchtern fragte sie wieder.
    »Was willscht d' ma denn no sag'n?«
    Der Schormayer redete nun beinahe sanft und mit Güte.
    »Siehgst, i will koan Prozess g'wiss it, und i moan, wir kinnan da aa'r in
Guat'n ausanand kemma. Aba dös derfst d' ma'r it übl nahm, dass mi dös vadriasst,
wann i z'weg'n dera oan' Dummheit ganz und gar an Vata macha müasst.«
    Zenzi gab keine Antwort.
    Er stimmte seinen Ton noch um eins milder.
    »Schaug, für di is dös aa koa Vorteil, bal's du g'rad an alt'n Mensch'n
hernimmscht, und no dazua dein Bauern, weil dir dös d' Leut ganz schlecht
ausleg'n. Bal's du aba an junga Bursch'n aufweist, na is dös für di vui bessa;
wei' di der villeicht aa heiret', und wei' dös übahaupts schöna ausschaugt.
Hoscht d' denn gar koan?«
    »Na, Baua! G'wiss it! Bal i da 's amal sag.«
    »Du b'stehst ma 's halt net ei! Aba du moasst it moan, dass i di zu dein'
Schad'n frag, und dass i nacha bei'n G'richt den selbinga o'gab. Dös is durchaus
net da Fall. Dös sell ko'scht da leicht ei'bild'n, dass i mi it für 's G'richt
hi'stell und üba d Vataschaft streit wia'r Deanstknecht. I moan da 's guat, und
is ja besser aa, wann mir zwoa z'sammhelfan, dass si de G'schicht no guat
ausgeht. Du derfst ma 's g'wiss sag'n, was für an Bursch'n dass d' g'habt hoscht.«
    Zenzi schaute ihren Herrn ehrlich an und gab aufrichtig Antwort:
    »Siehgst, i tat da 's gern sag'n, bal i oan g'habt hätt'. Aba es hot si it
auftroffa ...«
    »Geah zua, so a sauber's Madl wia du werd na leb'n wia'r an alta
Betschwesta!«
    »Mi sagt it vo dem, und dös laugn' i aa gar it, dass i früherszeit'n mit an
Bursch'n was z' toa g'habt ho, aba dös is scho a guate Zeit her, und in Kollbach
übahaupts it ...«
    »Wia lang is na dös her?«
    »Ja, weit über 's halbi Johr, und der lasset si 's wohl net g'fall'n, bal i
eahm o'geb'n tat.«
    »B'sinn di no a wengl, vielleicht is 's do it so lang her.«
    »Bal i da 's sag, Baua, dass 's a so is. I bin unta'n Johr bei dir
ei'g'stanna, in der Arndt, und seit dera Zeit woass i von koan' Mannsbild nix
mehr.«
    »Du moanst vielleicht, i möcht mi von Zahl'n drucka, Zenzi. Dös is aba it
wohr. I zahl scho, und i tat glei an schön Betrag auf oamal hergeb'n, und na
kunntst d' mit dem Geld heiret'n aa ...«
    »Dös waar mir freili dös liaba.«
    »I sag da 's aufrichti; i hoass da'r an g'wiss'n Betrag, und du gibst den
richtinga Vata o und sagst eahm, dass du a bissel a Vermög'n aa hoscht; und bal
er g'scheit is, na heiret a liaba, als dass er si bucklat zahlt.«
    »Aba, Baua, es is koana do!«
    »Herrgottsaggerament, jetzt fangst d' ma wieda'r a so o!«
    »I muass sag'n, wia 's is. Was hoscht 'n du davo, bal i di o'lüag?«
    »Du lüagst mi scho o!«
    »Auf Ehr und Seligkeit it! Auf da Stell sollt' i tot umfall'n, bal's it wahr
is!«
    »A!«
    »Siehgst d', Baua, i waar ja selm froh, wann i an ledinga Bursch'n aufweis'n
kunnt. Wei' de ganz Sach anderst waar, und bal er mi aa net heiret'n tat, auf
dös gang 's it z'samm, aba 's G'redt waar it so viel, und da Vadruss a it ...«
    Der Schormayer schaute nachdenklich vor sich hin; er kratzte mit dem Fuss den
Schnee zusammen und wieder auseinander. Es war still um sie herum.
    Ein Nusshäher, der in ihrer Nähe aufbaumen wollte, flog erschrocken und
schimpfend weg.
    Von weiter klang eine Säge, und dazwischen auch der Ruf eines Holzknechts.
    Da fragte der Bauer vor sich hin, ganz leise, als wenn er mit sich selber
redete:
    »Wia denkst dir nacha du, dass dös werd?«
    »I woass wohl it.«
    »Hoscht du scho an Platz auf Lia'mess?«
    »Beim Untaburger kunnt' i ei'steh'.«
    »Wos? Bei ins in Kollbach? In da näscht'n Nachba'schafft?«
    
    »Er hat mir sag'n lass'n, dass i zu eahm kemma sollt.«
    »Und du hoscht di scho vadingt?«
    »Na. I ho de Botschaft erscht gesting kriagt.«
    Der Schormayer redete wieder laut und befehlshaberisch:
    »Aus dem werd nix! Dös sag' i da glei.«
    »Was will i macha? I muass do an Deanst hamm!«
    »Ja, muasst d' hamm! In an etla Monat woass dös ganz Dorf, wia 's bei dir
steht. Dös sell geht it.«
    Die Zenzi schaute ihren strengen Herrn ganz und gar hilflos an. Aber der
fuhr eifrig fort:
    »Und wia lang ko'scht d' denn dei Arbet richti macha? Mitt'n an Summa muasst
d' weggeh'. Na, dös passt mi gar it.«
    »Leb'n muass mi na do und si was vodean.«
    »Aba'r it bei ins in Dorf. Du bischt vo Wolnzach umanand dahoam, gel?«
    »J-ja.«
    »Warum gehscht na it dort hi? Du werscht dort aa'r an Platz find'n.«
    »Bal i neamd mehr kenn', und meine Leut' leb'n nimma. Da bin i ganz fremd,
und auf's Grat'wohl hi'laffa kon i do it!«
    Der Schormayer dachte nach; und da fiel ihm sein Freund Tretter ein. Der war
für so eine Sache zu brauchen.
    
    »Vielleicht kunnt da i an Platz zuabringa«, sagte er.
    »Wo nacha?«
    »Dös woass i jetzt an Aug'nblick aa it, aba i bi mit an Handler bekannt, der
wo weit umadum kimmt, und dem selln reib' i a bissel was ei', dass a für di an
Deanst ausfindi macht. Ja, dös tua i.«
    »Werd' na do scho a richtiga Platz sei?« fragte die Zenzi kleinlaut.
    »Warum it? Anderst wo is aa net schlechta wia'r in Kollbach.«
    »Aba bis er oan findt?«
    »Bis a'r oan findt, bleibscht bei mir! Jetzt geht 's auf a paar Wocha nimma
z'samm, und vielleicht kimmt ins scho bis Lia'mess was passet's unta. Is da recht
a so?«
    »Mi muass 's scho recht sei.«
    »Na red'n ma nix mehr drüba. Und was i no sag'n will: i befrag mi bei an
Advikat'n z' Dachau, ob dös it glei g'scheita waar, bal's du koan Vatern
überhaupts gar it o'gibscht.«
    »Na! Dös sell möcht i net!«
    »Z'weg'n wos net?«
    »A niad's Kind muass do an Vatern hamm!«
    »Wo steht dös g'schrieb'n? Dös, glaab i, liass si ganz guat macha.«
    »Na! Wia schaugst denn dös aus, bal dös Kind vo gar neamand waar?«
    »Auf dös geht 's wohl net z'samm, wann 's amal a ledig's is.«
    »Na, auf dös sell lass i mi it ei ...«
    »Spreiz di no it gar a so! Bal da Advikat sagt, dass so was nach 'n G'setz
geht, z'weg'n wos soll'n denn mir nacha so a Blamaschi hermacha?«
    »An Vatern muass a niad's Kind hamm, und dös waar ja grad, als wenn 's vo da
Strass'n aufklaubt waar.«
    »Mein Nama ko 's nia kriag'n.«
    »Aba dös wurd' geschrieb'n, vo wem dass er is, und bal a grössa wurd, na
wisset a do, wer'n herg'setzt hot ...«
    »Du red'st g'rad, als wann's d' an Buam scho do hättst.«
    »Bal's a Madl werd, is aa it anderst.«
    »Pass auf, Zenzi! Und tua no it glei ob'n aussi fahr'n! I woass ja heunt aa net
mehra wia du. Aba bal da Advikat ins den Rat gab, g'setzt den Fall, dass er 'n
gab, na is do g'scheidta, mir tean, wos er sagt, indem dass a 's do bessa
vasteht. Es is ja g'rad z'wenga dem.«
    Zenzi gab keine Antwort. Zwischen den Augenbrauen sass ihr eine Falte, und in
ihrem Schweigen lag ein trotziger Widerstand.
    »Red amal a Wort!« mahnte der Schormayer gutmütig.
    
    »Da wissat ma'r amal gar nix vo eahm, bal nix g'schrieb'n werd, und d' Leut
kunnt'n moana, woass Gott wos das fürkemma is ...«
    »Dös is a G'red't, dös koa Hoamat it hot. Du muasst do vui g'scheidta sei. Mi
kunnt'n mit anand an Hand'l macha. Bal da'r i an achtundert, a tausad March
gab, nacha hättst du an auflieget's Geld, und waar it schlecht spekaliert, indem
dass ja dös Kind sterb'n ko.«
    »Aba'r a niad's muass an Vatern hamm!«
    »Geah zua! Mi red'n heunt nix mehr üba dös, und übalegst da de Sach amal
richti, na kimmst scho auf 'n Vastand, dass i 's g'rad guat moan. Und bal di oana
heiret, der sell kunnt ja dös Kind o'nehma. Waar dös it des allabescht?«
    »Aba ...«
    »Na, jetzt gehst hoam, und lass da nix o'kenna; und bal da Untaburga no mal
was sagt, nacha lasst d' eahm wiss'n, dass du it mogst, oda sagst glei, du
bleibscht bei mir in Deanst.«
    »Dass i bei dir bleib?«
    »Ja. No hoscht dein Ruah. Und jetzt pfüad di!«
    »Pfüa Good!«
    »So a Weibsbild is scho wirkli was Dumm's«, sagte der Schormayer zu sich
selber und schaute der Zenzi nach. »Auf dös kimmt oana gar it vo selm, wos dena
all's eifallt. 's Kind muass an Vatern hamm, sagt s', und ganz wehleidi tuat s',
als wann dös wos davo hätt', bal s' mi ins Protakoll eini schreib'n! Na! Es is
wirkli a so: sie san abscheuli dumm! Wiah! Steh um, Bräundl! Öh! ...« - Aber gar
so einfältig waren die Gedanken der Magd nicht, als sie durch den stillen Wald
ging und über lauter Sinnieren ihre Schritte langsamer werden liess.
    Die letzte Meinung des Bauern hatte sich fest bei ihr eingehakt.
    Geld haben und einen heiraten, das wäre freilich das Beste und Schönste. Und
als richtiges Frauenzimmer wusste sie alsobald, wer derselbige sein könnte. Eine
Viertelstunde ausserhalb Kollbach stand in einer Waldecke das kleine Haus, in dem
tausend bare Mark eine gute Hilfe gewesen wären. Und es gehörte der alten
Holzweberin, die zwei Kühe hatte und einen Sohn. Über den Winter verdingte er
sich als Holzknecht, und im Sommer taglöhnerte er, wenn daheim die Arbeit getan
war, die nicht viel hiess bei den etlichen Tagwerken Acker und Wiesen. In der
letzten Ernte hatte er beim Schormayer ausgeholfen, und sie waren oft beisammen
gesessen in der Mittagzeit auf einem Feldrain oder im Schatten einer
Haselnussstaude. Er war ein lustiger Mensch, der keck zu reden wusste mit jedem
Mädel; und auch der Zenzi hatte er diesmal was gesagt, das ihr jetzt einfiel.
    Vorhin, auf ihrem Weg zum Bauern, hatte sie ihn von weitem gesehen, und er
hatte die Axt niedergestellt und herüber geschaut. Wenn es der für gewiss hätte,
dass sie tausend Mark kriegen könnte, liesse er vielleicht mit sich reden. Sie
blieb stehen; seitab von ihr rief jemand in langgezogenem Ton, und dann fiel
krachend ein Baum zu Boden.
    Wie sie hinschaute, sah sie etliche Leute an der Waldlichte stehen; einer
wischte sich mit dem Ärmel den Schweiss von der Stirne, und ein anderer trank
lange und herzhaft aus einer Bierflasche.
    Das war der Holzweber Simmerl.
    Die Zenzi erkannte ihn gleich mit scharfen Augen, und schier von selber
tappte sie vom Weg ab in den Schnee und ging auf die Holzknechte zu.
    »Guat Morg'n beinand!« sagte sie und lachte den Simmerl freundlich an. »Is
insa Hansgirgl it bei enk?«
    Der Simmerl wischte sich den Schnurrbart ab.
    »Na. Is er enk valor'n ganga? Der kimmt scho wieda, bal 'n hungert.«
    »Geah weita!«
    »Lang gnua is er do beim Schormoar, dass a wieda hoam find't.«
    »Du bischt oana!«
    »Hoscht an Strick bei dir, dass d' 'n glei o'hängscht, bal a dir untakimmt?«
    »I ho ma grad denkt, ob er it do is, wei' i eahm wos sag'n möcht.«
    »Du muasst vui Zeit hamm, bal's du zu'n Dischkriern do aussa gehscht?«
    »I bi ja beim Baua'n hint'n g'wen.«
    »I woass scho; mi hamm di scho g'sehg'n.«
    Der Simmerl drückte ein Auge zu und lachte.
    Und da sagte die Zenzi eifrig:
    »Du muasst dir nix denka dabei.«
    »Mit 'n denka hob 's i übahaupts it.«
    »Ja no, weil's d' a so lachst. I ho grad Daxn z'sammklaab'n müass'n.«
    »So, Daxn? Dö hoscht aba g'schwindi beinand g'habt. Und buckt hoscht di aa
it viel, wos ma g'sehg'n hot.«
    Er blinzelte lustig zu seinen Kameraden hinüber.
    »Geah zua, du lachst oiwei!« sagte Zenzi schmollend. »I woass it, wos du zu'n
lacha hoscht.«
    »I wer halt mein luschtinga Tag hamm.«
    »Du bischt wohl it oft trauri, han?«
    »Net leicht, so lang i mir no a Mass Bier kaffa ko.«
    »Dass ma di gar nia siecht?«
    Zenzi schaute bei der Frage den Simmerl ganz freundlich an.
    Er nahm wieder einen Schluck aus der Bierflasche und sagte:
    »Muasst halt öfta zu'n Daxn klaab'n kemma, na siechst mi scho.«
    »Du tatst mi jetzt grad dablecka.«
    »I? Ja, was moanscht denn? I dableck koa Madl g'wiss it.«
    »Du net?«
    »Na! D' Madln san für was anders do.«
    »Ah du! Jetz red amal g'scheidt: kimmscht d' gar it amal zu'n Hoamgart'n?«
    Zenzi fragte leise, dass es der andere nicht hören konnte; aber Simmerl
dämpfte seine Stimme nicht.
    »Mögst d' ma was vazähln?«
    »Vielleicht woass i was.«
    »Wos nacha?« - »A so halt.«
    Da lachte der Bursche wieder kreuzvergnügt.
    »I wer amal schaug'n,« sagte er, »bal i an Weg find', kimm i vielleicht.«
    »Du find'st 'n scho.«
    »It allmal. Bei da Nacht is gar finschta.«
    »Gehscht halt beim Mo'schei.«
    »Dös is wohr. Heunt schaug i amal glei an Kalenda nach.«
    »Vielleicht g'freut 's di, wos i dir sag?«
    »Warum it? Mir g'freut so wos schnell.«
    »Nacha pfüat di, Simmerl.«
    »Adjes, Zenzi! Und kimm vielleicht wieda ins Daxn klaabn!«
    »N ... du!«
    Sie stapfte durch den Schnee zurück, und am Weg schaute sie noch einmal
freundlich lachend herüber. Aber sie konnte nicht sehen, was für ein Gesicht der
Simmerl machte, denn er stand zurückgebogen da und trank den Rest aus der
Flasche.
    Und sie war ausser Hörweite, wie der andere Holzknecht sagte:
    »Mit dera kunntst d' bal glückli wer'n.«
    »Moanscht?«
    »De hot si ja d' Aug'n aussakegelt vo lauta Gernmög'n.«
    »Vo mir aus!«
    »Du tuast it feini um?«
    »Na.«
    »I möcht g'rad wiss'n, was de bei'n Schormoar hint to' hot.«
    »Hoscht as ja g'hört. Daxn hot s' klaabt.«
    Da lachten alle zwei, und der Simmerl nahm seine Axt und ging daran, den
Baum zu putzen. Nach ein paar Hieben fiel ihm ein alter Vers ein:
»He, ös meine Menscher,
Enk darf 's net vadriass'n,
De Manner zahl'n sauren Wein,
D' Jungg'sell'n an süass'n!«
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Lichtmesstag hatte sich, wie es die Bauernregel lobt, mit Schnee und Wind
eingestellt; und aus der Kirche, worin heute das heilige Wachs geweiht worden
war, ging die ehrengeachtete Brautperson Ursula Glas nach Hause. In Händen trug
sie einen roten Wachsstock, der nach altem Brauche dieser baldigen Ehefrau zukam
und ihr als hoffentlicher Wöchnerin gute Dienste leisten konnte. Denn, um Hand
und Fuss gewunden, wehrte er bösen Zauber von Mutter und Kind ab.
    In der Stube sass die Näherin, die mit flinker Nadel und klappernder Schere
hantierte und an der Ausstattung arbeitete. Da gab es Allerwichtigstes zu reden,
und Ursula war schier unwillig, als ihr der Lenz zur Tür hineinrief, dass sie nur
gleich in die Küche kommen solle.
    Er machte zornige Augen, und seine Stimme klang gepresst:
    »Woasst d' as scho? D' Zenzi is doblieb'n!«
    »Mi is gesting scho auffallend g'wen, dass sie si net zu'n geh' richt'.«
    »Du hoscht as g'hört, dass a g'sagt hot, sie muass auf Liachtmess aus 'n Haus?«
    »Freili hot o 's g'sagt.«
    »Also du bischt mei Zeug'n. I wart jetzt grad auf Mittag, und bal s' do it
weg is, nacha frag i 'n schnurgrad. I will sehg'n, wos a sagt.«
    »Du, Lenz, lass 's guat sei!«
    »Wos? Kamst du jetzt aa mit'n guat sei lass'n? I zoag 's enk all mitanand,
dass i net g'rad da Hanswurscht im Haus bi!«
    »Schrei do it a so! Hört 's ja d' Naterin.«
    »Dös is mir ganz wurscht. Moanst, d' Leut' red'n it an ganz'n Dorf? Und
lachan ins aus, den alt'n Depp'n und di, und mi erscht recht? Is ja wohr aa, is
denn dös no a Hauswes'n?«
    »Aba schaug', jetzt mach do koa G'schicht it her, de paar Wocha, wo i no
dahoam bi!«
    »Wos geht denn dös mi o? Du redt'st da leicht! Bal no du in Hirtlbach
hockst, na derf do da grösst' Saustall sei, moanst? Du siechst und hörscht nix
davo.«
    »Es helft dir ja do nix!«
    »Dös wer'n ma sehg'n, ob i da gar neamd bi, und ob ma bei ins auf koa
Ehrbarkeit übahaupts nimma aufpass'n muass. Woasst denn du, wo dös no hi'geht?«
    »Er werd eahm nacha do selm schama!«
    »Der schamt si brav, ja! Jetzt redt'st a so, und z'erscht hättst da liaba 's
Mäu z'riss'n, und hoscht mi grad oiwei g'hetzt.«
    »Wo hon i di g'hetzt? I ho da bloss g'sagt ...«
    »Du hoscht bloss g'sagt, dass der Alt aufischliaft, und dass er in Händ'n vo
dem Himmiherrgottssaggeramentsschlamp'n is, und dass mi gar nix mehr san, und dass
vielleicht no amal alssammete hi' werd, und ...«
    »Lenz, du muasst it a so plärr'n. Lass da no sag'n ...«
    »Nix lass i mar sag'n. Du gangst, und de bleibat, und i waar da Lapp auf und
auf, und bal s' den Lattürl, den damisch'n, ganz rumkriagt, werd s' vielleicht
no Bäurin.«
    »Geah! So muasst jetzt aa it red'n! Dös glaabst je selm it.«
    »Wos is da vui zu'n glaab'n? Hot ma dös no nia g'hört, dass so an Alta dappig
wor'n is und auf gar nix mehr aufpasst?«
    »Scho! Aba ...«
    »Aba dir is wurscht, gel? Du hoscht dei Geld brav ei'g'steckt und bischt
drei Stund weg vo dera Gaudi. Aba'r i müasst s' vor Aug'n hamm, und müasst mi
schind'n und plog'n und z'letzt von Hof geh' wia'r a Handwerksbursch, mit 'n
Stecka in da Hand! Na, mei Liabi, jetzt drah i amal auf.«
    »Da machst d' Sach it bessa.«
    »Ah? So g'scheit bischt du jetz wor'n?«
    »Lass da sag'n ...«
    »Pass auf und lass da sag'n, und grad guat waarst du und grad sanftmassi. Du
redt'st halt aa, wia 's dir g'leg'n is.«
    »Bal's d' ma da it zualus'n willst, nacha geh'n i wieda zu da Naterin
eini.«
    »Auf wos soll i lus'n?«
    »Weil i mit 'n Basel g'redt hab üba dös, und de is do g'wiss auf inserna
Seit'n und hot an Vastand.«
    »Und du hoscht ihr all's g'sagt?«
    »Freili! Wia s' z'letzt do g'wen is, und an andern Tag in Arnbach no'mal.«
    »So? Hot na de aa nix ausz'setz'n an dem Zuastand, an dem abscheilinga?«
    »Gnua hot s' ausz'setz'n, aba sie sagt, es waar übahaupts g'scheidta g'wen,
mi hätt'n gar it dagleicha to.«
    »Sagt sie?«
    »Ja, wei da Vata durch dös erscht recht stützig werd', und indem dass a si
ei'bildt, er derf ins it nachgeb'n, und wei eahm 's Sach z'letzt do no g'hört,
und ...«
    »Hot sie g'sagt?«
    »Ja, und dass 's übahaupt so Leut gibt, de wo si auf dös ei'spreiz'n, dass s'
eahna nix sag'n lass'n. Und durch dös waar 's vielleicht bessa g'wen, bal mi
koan Streit gar it g'habt hätt'n.«
    »Hättst halt dei Mäu g'halt'n, na hätt i nix g'wisst; hintadrei kimmst jetzt
mit da G'scheiteit!«
    »Desweg'n muasst as du it no irga macha; und bal's jetz no mal an Krach gibt,
werst d' sehg'n, da bringst an Vata ganz ausanand.«
    »I ho koa Wort nimma g'sagt, die ganze Zeit her, aba heunt is Liachtmess, und
die Loas muass weg.«
    »Du hoscht ja recht, es is schiach gnua, dass er s' it geh' lasst; aba moanst,
er tuat 's, bal du heunt aufmahrig werst?«
    »Na woass a do, was i mir denk.«
    »Dös woass a'r a so. Wos hoscht denn du davo? Dös geht na wieda, wia 's
letztmal, dass a dir sagt, du bischt it Herr, und bal's da'r it g'fallt, ko'scht
geh.«
    »Also, i muass ma dös g'fall'n lass'n?«
    »Wart'n sollst ...«
    »Bis du aus 'n Haus bischt, gel?«
    »Z'weg'n dem gar it; aba red'st d' halt selm mit 'n Basel.«
    Lenz setzte sich und presste die Hände zwischen den Knien zusammen.
    »Dass i zuaschaug'n muass wia'r a Lausbua, und derf mi net rüahr'n! Liaba waar
i Knecht; na durft' i do' red'n, bal ma wos it g'fallt, und gang mi aa nix o,
kunnt g'schehg'n, wos möcht! So muass i oiwei in da Angst leb'n, dass d' Leut
hinterrucks lacha und dös ganz Haus schlecht macha und a niada mi grad für an
Buam o'schaugt, auf den it aufpasst werd.«
    »Wos kinnan denn d' Leut red'n? De wiss'n ja nix.«
    »Na, gar nix. Dös hoscht scho du g'macht, dass si de guat untahalt'n kinnan
über ins.« - »I?«
    »Jawoi. Wo mi d' Zollbrechtin dawischt, red't s' mi dumm o und hot ihr'n
Jamma und ihr Wehleidigkeit mit mir. Moanst, dass de grad zu mir was sagt?«
    »I hon ihr aba nix vazählt!«
    »Hör ma'r auf! Ös Weibsbilda kinnt's ja 's Mäu it halt'n, aa net, bal's
mögt's.«
    »De soll amal herkemma und soll sag'n, dass i ihr wos vazählt hab. Dös waar
ma scho z'dumm, bal de a so lüagt.«
    »Na hot s' as aus da Luft?«
    »Wos woass denn i, wo s' as her hot? De ko si denka, wos s' mag, aba dös
braucht s' it sag'n, dass i g'ratscht hab. Weil dös durchaus it wohr is. De soll
herkemma und soll dös behaupt'n.«
    »A was! Und is aa ganz wurscht, ob sie 's vo dir oder vo ander Leut hot; aba
mi müass'n staad sei, weil 's wohr is. Vorgeschtern hot s' as daher bracht, dass
dös Mensch bei 'n Alt'n in Holz draussd g'wen is.«
    »Dös hoscht ja du g'wisst.«
    »Scho; aba dass s' zu'n Arbet'n aussi is, glaab'n d' Leut it. Da lachan schö
hoamli.«
    »Jessas na! Wann no dös amal an End' hätt!«
    »Kimmt drauf o, wos für oans. Vielleicht kriag'n ma no a sauberne
Stiafmuatta.«
    »Geah! So was mag i gar it hör'n. Und dös sell muass aa wohr sei, Lenz: sei
den selbinga Mal hon i nia mehr wos g'spannt.«
    »Vielleicht geht a nimma mit de g'nagelt'n aufi, und schliaft strumpfsöckli
umanand.«
    »I höret 'n scho; muasst it moan, dass i dös it spannet.«
    »Treibt a 's, wia'r a mog; umasinscht hot er s' it do lass'n.«
    Ursula horchte. »Sei staad jetzt,« sagte sie hastig, »er kimmt!«
    Der Schormayer war im Hausflötz.
    Da stand Lenz auf und ging ohne Gruss an ihm vorbei in den Hof.
    »Wos hot 'n der?« fragte der Alte. »Macht a G'sicht, als wenn eahm d' Henna
's Brod g'numma hätt'n. Hot 's wos geb'n?«
    »Na!« log die Ursula. »I woass gar nix. Vielleicht is eahm it recht extra.«
    »So?«
    Er holte aus der inneren Rocktasche ein mit Papier umwickeltes Ding: eine
Wetterkerze, die auch am heutigen Tage geweiht worden war.
    Er gab sie der Tochter.
    »Leg ma s' ob'nauf in Kast'n eini.«
    »Is scho recht.«
    »Was i sag'n will: i ho ma 's übalegt, bal's du jetzt nacha aus 'n Haus
gehst, muass i wen hamm.«
    »Wen?« fragte Ursula rasch.
    »A Hauserin. Is, wer da will - wann s' no ihra Sach vasteht.«
    »Hoscht scho oani an Sinn?«
    »Da Wirt hot ma g'sagt, er wisset oani; a seinige Bas'n; sie lebt in
Freising und kennat si guat aus.«
    »Wia alt waar na de?«
    »Dös is wieda de richtige Frag für a Weibsbild und d' Hauptsach.«
    »A junge kunntst do it hamm.«
    »Warum it? Dös is koa Pfarrhof. Aba dass d' schlafa ko'scht heunt nacht, will
i dir 's sag'n: sie hot scho fufzgi am Buckel.«
    »Na is was anders.«
    »So? Sinscht hätt i d' Erlaubnis it kriagt von enk?«
    »Mi sagt it vo dem, Vata. Es is grad weg'n de Leut, und übahaupts waar 's aa
nix für a junge; sie hot ja do koa lang's Bleib'n.«
    »Wos woasst du, wia lang de bleibt?«
    »No, recht lang werd 's nimma hergeh', bis d' übagibscht?«
    Der Schormayer zwickte die Augen zusammen und schaute Ursula forschend an.
    »Aha! Habt's vo dem wieda a guate Untahaltung g'habt. Desweg'n hot da ander
so an Schädel aufg'setzt!«
    »G'wiss it, Vata. Mi hamm vo dem durchaus gar nix g'redt.«
    »Na! Der red't ja nia vo dem! I möcht wiss'n, wos der sinscht an Sinn hot
als wia dös! Von in da Fruah bis auf d' Nacht dankt der an nix anders und macht
a G'friess wia'r a vabrennte Wanz'n.«
    »Er tat si halt leichta wart'n, bal er was g'wiss wissat.«
    »Dös gang mehra Leut so. Aba eppas g'wiss koscht d' eahm sag'n: heuer werd 's
nix. Und wos dös nachst' Johr is, dös sehg'n ma früah gnua. I ko 's dawart'n,
dass i in Austrag kimm.«
    »Z'erscht hoscht d' as aba anderst an Sinn g'habt!«
    »Do wer i da net viel g'sagt hamm vo dem.«
    »Wia d' Muatta g'storm is, hoscht oiwei von Übageb'n gred't, und dass di 's
Regiern gar nimma freut.«
    »Wos ma beim Notari schreibt, dös gilt; dös ander is bloss g'red't. An
Wirtshaus drin hamm scho vui Leut kafft und tauscht und übageb'n.«
    »Mi geht 's ja nix o, und i misch mi a gar it ei'.«
    »Dös werd dös g'scheita sei, und bal's dem andern gar a so pressiert, na
sagst d' eahm, dass i no auf 'n Bock sitz und kutschier, und da Wag'n lafft it
schnella, als wia 's i hamm will.«
    »I brauch übahaupts nix red'n; in an etla Wocha bin i a so nimma do.«
    »Jetz hoscht d' amal recht. Und, dass i net vagiss, i ho da Zenzi g'sagt, sie
ko no bleib'n, bis s' an richtinga Platz kriagt.«
    »Den kriagt ma'r aba sinscht auf Liachtmess.«
    »Ganz richti. Mi waar 's aba it passend g'wen, bal s' jetzt ganga waar.«
    »Geah, Vata!«
    »'s Mäu halt und lus zua! Du werst dir jetzt aa net d' Zeit nehma, dass d' a
neue z' o'richt'n kamst, und de Hauserin kunnt aa it vor an Monat kemma.«
    »I richt liaba a neue o, und is ma koa Müah it z' viel.«
    »Sagst d' jetzt. Und nacha hockst bei da Naterin drin, und gehst auf Dachau
in's Bezirksamt, und muasst zu'n Basel umi, und in mein Stall kunnt 's geh', wia
's möcht.«
    »Bal mi a richtige Dirn hamm, de sell werd ihra Sach' scho vasteh.«
    »Woasst du oani?«
    »N ... na; an Aug'nblick it.«
    »Und i geh it auf d' Suach, grad weil 's dir passend waar. D' Zenzi bleibt,
wia'r i 's ihr g'hoass'n ho.«
    »Aba bal d' Hauserin kimmt, stellst d' da'r an anderne ei; dös muasst ma
vasprecha.« - »Muass i?«
    »Schaug', Vata, i gang viel leichta furt, bal i de G'wissheit hätt.«
    »Du gangst it, wann 's dir net g'freuet. Und bal du amal Prücklin bischt, z'
Hirtlbach drent, na hoscht di du gnua z'kümmern um dei Sach und um dein Bauern,
aba'r it um mi.«
    Ursula hielt ihre Hand hin und lachte so freundlich, als sie konnte.
    »Vata, geah, sei g'scheidt und vasprich ma 's!«
    »Lass ma do mei Ruah mit dein Schmarrn! I ho 's durchaus it an Sinn, dass i d'
Zenzi do g'halt, aba dös is mei Sach. Warum soll i denn dir was vasprecha?«
    »D' Leut kunnt'n dös schlechtast glaab'n, bal de it geht.«
    »Hamm d' Leut in mein Hof herin was z' schmecka? Und muass i auf dös
aufpass'n, wos de alt'n Weiba sag'n?«
    »Du woasst scho!«
    »Nix woass i.«
    »Schaug', es is aa weg'n an Lenz!«
    »Geht da Wind do her? Habt's viel zu'n Dischkrier'n mitanand üba mi? Na, mei
Liabi, i kriach no lang it zu'n Kreuz und vasprich dir und dem andern net, dass i
brav sei will. De G'schicht hot koan Wert it, und bal's d' no so freundli vo
hint'n her kimmst.«
    »I ho 's guat g'moant, Vata.«
    »Du hoscht nix zum moana; ös braucht's mi net bei da Hand führ'n. I ko scho
alloa geh. Dös waar ja de vakehrt Welt! Bal i ...«
    »Du muasst it vazürnt sei üba dös.«
    »Bal i auf enk hätt' wart'n müass'n, na waar i scho lang z' spat dro. Do
seid's ös no Rotzlöffeln g'wen, wia'r i an Hof vorg'stanna bin, und werd koana
sag'n kinna, dass a schlecht beinand is, und derselbige do, der ganz G'scheit',
der hockt si amal in dös Sach eina, dös i herg'richt' hab. I alloa, gel? Und ho
koa Lenz it braucht dazua und koan Vormunda.«
    »Mi sagt it vo dem.«
    »Mi sagt übahaupts gar nix mehr. Mi san schon an etlas Mal z'sammg'ruckt üba
dös, und wann du wirkli g'scheidt bischt, nacha sparst da du deine Wort für 'n
Prückl. Den ziaghst dir, dass er genau a so werd, wia's 'n du hamm mögst, und
bal's d' amal Kinda hoscht, na lernst d' eahna, wos da Brauch is. Da hoscht
Arbet gnua.«
    »G'wiss und wohr, Vata: i hätt it g'redt't, wann du it selm o'g'fanga
hättst.«
    »Und jetz hon i aufg'hört. Und bal dir der ander d' Ohr'n voll blast mit
seine Kümmernis, na gibst d' eahm den guat'n Rat, er soll si sei G'scheiteit
aufheb'n, bis er s' amal braucha ko. Er soll it so umanand schmeiss'n damit, weil
's bessa is, bal ma no was hint hot. Guat Morg'n!«
    Im Rossstall hockte Lenz auf der Habertruhe und biss von etlichen Strohhalmen
Stücke ab, die er grimmig ausspuckte. Nicht weit von ihm stand Hansgirgl im
Sonntagsgewand und schaute behaglich zu, wie seine Gäule mit malmenden Zähnen
aus den Barren frassen.
    »Siehgst, Hansgirgl, i tat glei mit dir tausch'n.«
    »Heunt vielleicht. Aba morg'n wurd'st da 's übaleg'n, wann's d' amal da Herr
bischt.«
    »Ja, morg'n!«
    »Oda übamorg'n. Lass da no daweil! D' Zeit geht vo selm, de braucht ma'r it
treib'n.«
    »D' Zeit vogeht, und de bescht'n Jahr hockt inseroana her.«
    »Du tuast dei Arbet wia'r i.«
    »Um an halb'n Lohn!«
    »Wos da Alt' daspart, kimmt dir amal z'guat.«
    »Hoscht du dös für g'wiss?«
    »Wer soll 's denn kriag'n?«
    »Vielleicht de do drent.«
    Lenz deutete mit dem Kopf gegen den Hof hinaus, und Hansgirgl lachte
gemütlich.
    »Ah! Lass da nix traama!«
    »Du ko'scht leicht lacha; geht 's, wia 's mag, di bekümmert 's nix.«
    »Dös is aa it da Fall.«
    »Du kriagst dein Lohn danach wia davor.«
    »N ... no, Lenz, wann ma lang in an Haus is, hot ma 's gern, bal d' Sach mit
Ordnung geht.«
    »Do werscht jetz it viel Ordnung sehg'n.«
    »I siech nix, üba was i red'n müasst.«
    »Hoscht du it g'spannt, wia d' Leut hinter ins drei red'n?«
    »I hör' hint it.«
    »Dös muasst du it so g'ring schatz'n! Dös is a Schand für ins allsammete.«
    »Wos denn? Bal dös Weibsbild da drent aufdrah'n derfat, und durft si
g'scheidt macha im Haus und o'schaffa, nacha waar 's anderst. Nacha gang i, weil
mi dös vadriass'n tat. Aba i siech ja nix davo. I ho no nix g'mirkt, dass si de
aufmanndeln derf.«
    »Dös sollt aa no sei!«
    »Um dös geht 's aba! So lang ma do nix siecht, feit 's it weit.«
    »Weit gnua, sinscht hätt' er s' it do g'halt'n.«
    »Ja no. Du woasst aa it all's, warum dass er s' da lasst.«
    »Dös is schwar zun Derrat'n; weil sie eahm in Händ'n hot.«
    »Er schaugt it a so aus.«
    »Hilf du aa no dazua! Dös is schö vo dir!«
    »So muasst d' mir it kemma! Mir is a so it recht, wann d' mi du in an sellan
Dischkursi über 'n Bauern einiziagst. Aba bal i dir o'gib, muasst it moana, dass i
dir nach 'n Mäu red'.«
    »Aba dem andern! No ja, hoscht d' ja recht aa; er is da Herr, und auf mi
brauchst du no lang it aufpass'n. Bis i amal dro'kimm, ko'scht di leicht wieda
drah'n.«
    »Dös wart'st amal o, wos i tua. Aba dös trau i mir z' sag'n: bal du Herr
bischt, werst d' aa koan Knecht it mög'n, der bloss dös schlecht an dir siecht.«
    »I schaff mir aa selle o, de mi lob'n, wann i hinta de Weibakitt'l herlaff.«
    »Du woasst heut nimma, was d' sagst.«
    »Aba dös woass i, wia du bischt. Di kenn i jetzt, du Fei'schpinna!«
    »Du brauchst mir koan Nam it geb'n, gel?«
    »A Fei'schpinna bischt.«
    »Ah was! I streit mi mit dir umanand, bal i dumm bi!«
    »Du bischt scho it dumm! Du bischt ganz hell, woasst? Ganz a Feina.«
    »Lass mir halt mei Ruah mit dein G'lump! Jamma ander Leut für, de 's no irga
macha und a rechte Bedauernis hamm mit dir, dass dir dei Vata so schlecht g'rat'n
is. Aba mi lass steh'!«
    »I lass dir steh' und geh'. Derfst aa umiroas'n zu eahm, und koscht eahm
brüahwarm all's sag'n. Derfst mi gern vaklamperln!«
    »Hab' i di scho amal vaklamperlt?«
    »Ja, du!«
    »Bal i umi geh, sag i an Bauern was anders. Er soll si um an Knecht
schaug'n, der 's Hetz'n bessa vasteht.«
    »Du koscht dös it? Du Fei'schpinna!«
    »Du Rotzbua, du trauriga!«
    »Wos?«
    Lenz sprang von der Truhe herunter und wollte sich über den Hansgirgl
hermachen.
    Aber der hatte blitzschnell eine Mistgabel in den Händen und hielt sie
drohend vor sich hin.
    »Geh no her, du! Du bischt ma no lang it z' guat, dass i di net durch und
durch renn.«
    Da wich Lenz zurück.
    »Stell dei Gabl hi! I möcht di gar it o'rühr'n.«
    Und als der Hansgirgl mit zornrotem Kopf aus dem Stall ging, schrie er ihm
höhnisch nach. - »Heut derfst da an extrig's Trinkgeld geb'n lass'n vom Alt'n!«
    Aber wie er dann allein auf der Truhe sass, fing er plötzlich an zu heulen
wie ein Schulbub.
    Hingegen war es dem Hansgirgl nicht weinerlich zumut. Aber zornig! Schon so
zornig, dass es ihm in den Händen juckte, irgend was zu packen, zu zerreissen, in
der Mitte auseinander zu brechen.
    Was? Ein Feinspinner wäre er gar noch, und einer, der das dumme Gered von so
einem jungen hirntappigen Lappen hinterbrächte. Noch jedesmal hatte er seinem
Bauern gut zugeredet, wenn er gegen den Lenz was vorbrachte.
    Der hatte wohl recht, dass er sich dem wetterlaunischen Burschen nicht auf
Gnad und Ungnad auslieferte. Bricht einen Streit vom Zaun, weil man ihm die
Hitze ein wenig löschen möchte, und schimpft einen alten Knecht, der ihm von
jung auf bloss alleweil gefällig war, schimpft ihn wie einen hergelaufenen
Tagedieb und packt ihn gleich gar an.
    Feinspinner! Wenn einen was zu allertiefst wurmen kann, ist es der Name!
Hingestellt werden als ein falscher Kerl, der auf zwei Achseln trägt und kein
Vertrauen wert ist, das brennt und beisst.
    Mit einem beisammen bleiben, der so was sagt? Nein! Es gibt anderswo auch
noch einen Platz, einen stilleren als beim Schormayer, wo der Junge über den
Alten her ist und es für Falschheit ausgibt, wenn man zum Herrn hält. Wie es der
Brauch ist, und wie es recht war in neun langen Jahren. Aus!
    Der Hansgirgl riss die Türe der Wirtsstube so heftig auf, als ging es da
hinein in das neue Leben; und erst ein lustiges Johlen weckte ihn aus seinen
zornmütigen Gedanken auf.
    Das Schreien kam von einem Tische her, an dem etliche junge Burschen sassen
neben einem grauhaarigen Kerl mit spitziger Nase und verquollenen Augen.
    Der war ihm bekannt. Ein alter Dienstknecht und Herumtreiber, der zwei- und
dreimal im Jahr den Platz wechselte, und ganz gewiss einmal in der dringendsten
Arbeitszeit.
    Man hiess ihn den Unterländer Sepp, weil er aus dem Niederbayrischen war.
    Die jungen Burschen trugen Sträusse und bunte Bänder auf den Hüten, zum
Zeichen, dass sie aus dem alten Dienst ausgestanden waren.
    Sie schrien dem Hansgirgl mit lauter Fröhlichkeit zu:
    »Siecht ma di aa'r amal! Da setz di zuawa! Hau di no her, alta Schwed! Mir
san zünfti beinand. Bei oan Bauern strenga ma'r aus und bei'n ander'n ei, aba
dürscht'n tuat ins überall'n!«
    Zu einer andern Zeit hätte es dem Hansgirgl schlecht gefallen, mit dem
Unterländer Sepp beisammen zu hocken; aber zu einer andern Zeit wäre er auch um
Mittag nicht ins Wirtshaus gegangen. Jetzt war es schon gleich!
    Er rückte in die Bank hinein und gab fürs erste einen schweigsamen Zuhörer
ab.
    Sepp war dabei, vieles zu erzählen und gute Lehren zu geben, wozu ihn seine
reichen Erfahrungen gar wohl ermächtigen.
    »Ös Buama,« sagte er, »ös müasst's glaab'n, dass de Deanstbot'n geg'n de
Bauern z'sammhalt'n müass'n, sinscht san mir allsammt vokafft. Als dös erscht
mirkt 's enk: no grad nix übrig's arbet'n; wos ma grad oamal freiwilli tuat,
werd oan' am andern Tag g'schafft. I hon no koan Bauern g'sehg'n, der auf d' Uhr
schaugt, bal ma üba sei Zeit arbet; aba wann's d' am andern Tag wieda eh'nder
aufhörscht, ziahgt a g'wiss sein Prater aussa.«
    »Dös werd da no it oft fürkemma sei?«
    »It leicht, Xaverl, wei' i a Mensch bi, der wo a G'fühl hot für de andern
Deanstbot'n. Und zu'n Beischpiel, bal mir d' Arbet in an halb'n Johr firti
macha, moant's ös, de Bauern fuattern ins de andern sechs Monat? Also muass mi
tracht'n, dass oane übri bleibt.«
    Die Burschen lachten und waren es ganz zufrieden.
    »Nacha mit 'n Essen,« fuhr der Sepp weiter, »do ko ma vui Zeit g'winna. Es
geit Grossknecht, de an Löffi it g'schwind gnua aus 'n Mäu bringa, und no glei
wieda aussi an d' Arbet! Selle Leut san da grösst Schad'n für ins all mitanand;
wos a richtiga Mensch is, der lasst si daweil und braucht zun Löffi o'schlecka a
schöni Zeit.«
    »Du bischt wohl no it Grossknecht g'wen, du Hadalump!«
    »Na, aba o'g'richt' hon i mehra wia'r oan, dass as Ess'n it so eini gruacht
hot wia'r a Hennahund. Und beim Bet'n hon i eahr aa zoagt, dass a rechta Chrischt
langsam tuat; sinscht is ja koa Andacht dabei.«
    Jetzt mischte sich aber doch der Hansgirgl ein.
    »Geh, red' do it a so mit de Buam!«
    »Warum it? Jetzt hamm s' Zeit, dass s' wos lernan.«
    »De schiab'n z'erscht it z' vui o.«
    »Bal s' g'scheit san, it. Aba du bischt aa so oana, der d' Arbet fress'n
möcht. Moanst, du hoscht an Dank davo? Wart no, bis d' älta werst, na zoag'n 's
da de Bauern scho.«
    Da fiel es dem Hansgirgl siedheiss ein, wie sich der Lenz gegen ihn
aufgespielt hatte, und er schlug seine harte Faust auf den Tisch.
    »Z'letzt hoscht glei recht aa,« sagte er, »a Deanstbot'n is grad a Viech.«
    Er schluckte sein Bier hastig hinunter und bestellte lärmend eine neue
Halbe.
    »Oho! Hansgirgl!« lachte der Wirt. »So hon i di no gar nia g'sehg'n.«
    »I mi aa no net,« brummte der Schormayer-Knecht.
    »A Deanstbot is grad a Viech,« fing der Sepp wieder an, »aba oft glei no
dümma. Hot ma scho amal a Ross g'sehg'n, dös no ziahg'n möcht, bal eahm da Baua
Feierabend gibt? Is it a jeda Ochs froh, bal ma 'n ausspannt? Aba selle Knecht
gibt 's, de umanand lins'n, ob s' it no g'schwind wos zun arbet'n find'n, und a
selle, de vor da Zeit aufstengan.«
    »De mogst du it, Sepp?« fragte ein ganz Junger.
    »Na, du Grasteufi, de mog i net; und wann du amal bei neunanneunz'g Bauern
g'wen bischt, werst aa so hell sei.«
    »Bischt du bei so viel ei'g'stanna?«
    »Ja, mei Liaba, und ausg'stanna.« Sepp zog den Hut weiter in die Stirne und
sang mit heiserer Stimme:
    
    »Vo Weichs bis auf Irgertsham
     Kenn i s' schier allesamm,
     Und i ho deraz'weg'n
     Ziemli oa Spitzbuam g'sehg'n.«
    
    
    Alle lachten. Bloss der Hansgirgl schaute finster vor sich hin und krampfte
seine schwielige Hand um den Henkel und trank in kurzen Absätzen.
    Er redete auch mit sich.
    »Ah wos! Dir gib i na scho an Fei'schpinna! Dös wer'n ma ja sehg'n!«
    »Wos sogscht?« fragte ihn sein Nachbar.
    »Nix sag' i.«
    »Lass'n steh'!« schrie der Sepp. »Der hot Zeitlang nach der Arbet, weil scho
zwölf Stund Feiertag is.«
    »Du! Mi muasst it dablecka, sinscht dalebst wos!« knurrte der Hansgirgl.
    »I sag ja, sie soll'n dir an Ruah lass'n. Also, Buam, passt's auf, dass was
kinnt's, bal's jetzt bei an neuch'n Bauern aufziagts. I will enk amal an Kalenda
ausleg'n, denn de Wiss'nschaft kimmt oiwei mehra o, und de Bauern halt'n ganz
weni auf den alt'n Brauch.«
    »Lass di no aussa, Sepp!«
    »Mirkt's enk dös: alle Aposcht'ltäg san halberte Feiertäg; und dös lasst's
enk it nehma, wei' da Mensch a Religion hamm muass. Nacha steht g'schrieb'n: am
Karsamschta soll die Erde ruhen. Ruhen, vasteht's?«
    »Mir vastenga di scho.«
    »Also! Net, dass oana aussi fahrt und ackert! Dös sell war a Frev'l. Und grad
so is am erscht'n April. Da soll ma d' Arbet einschränken, sagt da Kalenda.
Übahaupts an koan Samschtag an Mist fahr'n, sinscht hagelt 's.«
    »Woasst na selle Täg aa, wo ma mehra arbet'n soll?«
    »Na. De hamm si de Bauern g'mirkt, und es waar'n guatding dreihundert.«
    Wie nun alle in ein schallendes Gelächter ausbrachen, kamen etliche Bauern
in die Wirtsstube, der Unterburger dabei.
    Der drehte sich im Vorbeigehen um, ob er auch recht gesehn habe, dass der
Schormayer-Knecht bei den windigen Burschen sass, die wohl seit der Kirche schon
tranken und jetzt die Köpfe zusammensteckten.
    Aber es war so. Der Hansgirgl hockte mitten unter ihnen. Da winkte der
Unterburger, nachdem er am Ofentisch Platz genommen hatte, verstohlen dem Wirt.
    »Wos is denn, dass an Schormoar der sei' bei de andern hibei sitzt?«
    »I woass it; i ho mi selm g'wundert.«
    »Hätt ma'r it denkt, dass si der it z' guat waar.«
    »Er is erscht nach de andern kemma und hot a bissel z'wida drei'g'schaugt.«
    »Dös tuat a no'; da hot 's was geb'n.«
    »Soll i 'n amal schö staad frag'n?«
    »Na, na! Mi geht 's nix o. Bringst ma'r a Halbi!«
    »Beim Untaburga bin i aa'r amal g'wen«, tuschelte der Sepp den Burschen zu.
»Der teile si 's richti ei: viel Arbet und weng Fress'n. Da Schmalzhafa is dös
kleanst im Haus.«
    »Du g'freust mi, und i kimm zu eahm«, sagte ein junger Knecht, der stark
schielte.
    »Do werst was daleb'n, Toni! Sie is gar a G'naue. Küach'ln bracht s' so
gross, dass ma s' an da Uhrkett'n trag'n kunnt, und bal's d' zwoa g'fress'n
hoscht, fahrt s' mit da Schüssel o.«
    »Dös möcht i sehg'n!«
    »Da siechst it viel, wann's d' a kreuzweis in de andern eahnere Teller
schiagl'n ko'scht. Es is nirgats was drin.«
    Die Unterhaltung wurde am Burschentisch immer lauter, und so oft ein neuer
Gast kam, wusste Sepp etwas über ihn und sein Hauswesen, und zuletzt gab er sich
keine Mühe mehr, leise zu reden, so dass die Bauern aufmerksam wurden und
drohende Blicke hinüberwarfen.
    »Sing amal oans, Sepp! Woasst d' as scho, dös sell vo de Deanstbot'n!« schrie
der Toni; und der alte Vagabund war gleich aufgelegt, alle ehemaligen
Diensterren miteinander zu ärgern.
    Er sang, so laut er konnte, und seine heisere Stimme gellte zum Ofen
hinüber.
»Bauern, enk kenn i gnau,
Enk derf koa Ehhalt trau,
Mit enkern toa und Treib'n
Kon enk koa Ehhalt bleib'n,
Braucht's oi Jahr drei und vier,
Koa richtiga bleibt enk nia,
Alle Tag fangts Jammern an,
Wann Liachtmess kam.«
    Die Bauern wurden unruhig.
    »Wia is denn dös?« schrie der Unterburger. »Derf a so a Kerl ins aussinga?«
    Aber der Sepp liess sich nicht irr machen und sang, dass ihm die Stirnadern
anschwollen.
»An Ehhalt'n schinden s' her,
Dass eahm glei d' Haut werd speer,
Mit lauter Plag'n und Scheern
Muass a sein Lohn vodean,
Z'letzt tean s' oan no betrüag'n,
Tean eahm an Lohn o'ziahg'n,
Grobheit'n kriagst recht schö',
Nacha ko'scht geh'!«
    »Wirt! Der muass aussi!« sagte der Steffelbauer, ein Mann mit breiten
Schultern, und er sagte es im tiefen Bass, ohne Erregung, aber so bestimmt, wie
einer, der nicht viel Widerspruch leidet.
    »Wer muass aussi? Mir zahl'n insa Bier so guat wia ös. Dös woll'n mi sehg'n,
wer ins ausschaff'n ko?« brüllte der Toni.
    »Halt staad!« mischte sich der Wirt ein und stellte sich breitbeinig vor den
Burschentisch. »Dös geht it, Buam! Ös müasst's enka Bier mit Fried'n und Anstand
trink'n, sinscht habt's koa Bleib'n bei mir!«
    »So? Dös is brav! Du leid'st koane Deanstbot'n bei dir herin?«
    »Lüag it, Sepp! Vo dem is koa Red it g'wen. Mir is a jeda Mensch recht, der
bei mir was vazehrt, aba'r a Ruah muass sei.«
    »Und koa Hadalump derf sei Schlechtigkeit do herin ausüab'n«, schrie der
Unterburger.
    »Bin i dei Hadalump?« plärrte der Sepp zurück.
    »Jetzt nimma; aba g'wen bischt da schlechtast.«
    »So? Dös will i sehg'n, ob du dös sag'n derfst.«
    »Sei staad, sag i no'mal!« drohte der Wirt, und den Unterburger
beschwichtigte er: »Lass guat sei jetzt; es kimmt nix mehr für.«
    »Is ja wohr aa!« brummte der Bauer. »Dass so a herg'laff'na Kerl de ganz Gmoa
aussinga derfat.«
    »Der is dir z' weni,« sagte ein anderer, »aba bal a nomal singt, tean ma 'n
aussi, und glei a so, dass a'r in Kollbach koa Bleib'n nimma hot.«
    Es wurde ruhig in der Stube; die Knechte sagten wohl zu einander, dass sie
nicht hätten nachgeben dürfen, aber sie dämpften ihre Stimmen und schauten sich
scheu nach dem Wirt um, der an der Schenke stand und die Augen überall hatte. Am
Ofentisch war der Streit schneller vergessen über Gemeindesachen und anderen
Dingen, um die sich ein gestandener Bauer mehr bekümmern mag als um die
Frechheit eines zugewanderten Dienstboten.
    Aber plötzlich klang vom Burschentisch herüber in die gedämpfte Erregung
hinein eine tremolierende Stimme, die noch einmal den letzten Vers sang:
»Grobheit'n kriagst recht schö',
Nacha ko'scht ge'h!«
    »Ja, Herrgott! Is koa Ruah gar it? Aba jetz is a zeiti wor'n.«
    »Lasst's an Sepp steh'!« schrien die Burschen dagegen. »Hot ja da Hansgirgl
g'sunga!«
    »Wer?«
    »Da Hansgirgl! Jawoi!«
    Und wirklich sass der Schormayer-Knecht mit gläsernen Augen zu hinterst in
der Bank und sang es noch einmal in wehmütig zitternden Tönen:
»Na-cha ko'scht geh'!«
    »Wos waar denn dös, Hansgirgl? Scham di do!«
    »Weil 's wohr is!« schrie der Knecht und schlug in den Tisch hinein. »Do
brauch i mi gar nix z' schama.«
    »Geh zua! Vo dir hot ma no nia an unrecht's Wort g'hört!« sagte der
Steffelbauer.
    »So? Hob i no nia was Unrecht's g'sagt? Für wos bin i nacha a Fei'schpinna?«
    In diesem Augenblick kam der Schormayer zur Türe herein und sah verwundert,
wie die Bauern um den Burschentisch standen, und noch verwunderter, wie da
mitten unter den jungen Leuten sein Hansgirgl sass und betrunken und zornig den
Steffel anstierte.
    Und er hörte ihn noch einmal schreien:
    »Ko'scht ma du dös sag'n, z'weg'n wos i a Fei'schpinna waar?«
    Da trat der Schormayer an den Tisch hin und sagte gutmütig:
    »Grüss di Good, Hansgirgl! Di hätt i do aa it g'suacht.«
    »I pass ganz guat her do; i g'hör zu dena.«
    »Du woasst recht guat, dass da'r i nix ei'red.«
    »Und i g'hör amal zu dena!« schrie der Hansgirgl und nahm seinem Nachbar den
geschmückten Hut vom Kopf und setzte sich ihn mit einem Ruck auf.
    »Mi g'hört 's aa zua, dass i a Sträusserl trag als an ausg'stand'ner Knecht.«
    »No, no! Da müasst i aa was wiss'n.«
    »Aba'r i woass 's.«
    »I vasteh di net, und jetzt sei no wieda guat! Hock di a bissel zu mir uma!«
    »I mog it; i g'hör' amal zu dena do.«
    Dem Rauschigen weicht ein Wagen aus; und der Schormayer sah ein, dass er
jetzt mit seinem Knecht nichts richten konnte.
    »Lasst's 'n geh'!« sagte er zu den andern und setzte sich an den Bauerntisch.
    Es war ihm aber nicht recht und ging ihm nicht aus dem Kopf, dass der
Hansgirgl solche Andeutungen gemacht hatte, als wolle er den Dienst verlassen.
Im Rausch sagt einer erst recht die Wahrheit. Und dass der brave, nüchterne
Mensch, den er in der ganzen Zeit nie betrunken gesehen hatte, jetzt in dem
Zustand dort drüben hockte, musste seine eigene Bewandtnis haben. Er fragte die
Nachbarn.
    »Hot 's do was geb'n? Hot er an Streit g'habt?«
    »Nix, wos i g'sehg'n ho«, antwortete der Unterburger. »I bin selm vahofft
g'wen, wia'r i eina kemma bi und er hockt dort hibei.«
    »Dös ko it sei, dass er si grad a so an Rausch hersauft.«
    »Da Wirt woass aa nix; er sagt, dass da Hansgirgl scho fuchsteufelswild daher
kemma is.«
    »Na kenn i mi net aus«, sagte der Schormayer, und es war ihm nicht wohl
zumut. Denn ganz gewiss hatte es daheim was abgesetzt; irgend was hinter seinem
Rücken, wie er 's ja in der letzten Zeit hie und da erlebt hatte. Am liebsten
hätte er den Hansgirgl gleich herausgerufen und gefragt, aber der war jetzt
schon bockbeinig und wäre ihm doch nicht gegangen. Also abwarten bis zum
Heimweg! Und dazu kam es schneller, als er gemeint hatte, denn plötzlich stand
der Hansgirgl auf und sagte grob zum Nebenmann:
    »Aussi lass mi!«
    Er versuchte, gerade zu stehen, als er zahlte, und ging dann so aufrecht,
als es möglich war, hinaus.
    Der Schormayer trank sein Bier nicht aus, legte das Geld daneben hin und
eilte ihm nach. Auf der Strasse traf er ihn, wie er gerade tiefsinnig stehen
blieb und mit sich selber redete.
    »So, Hansgirgl, jetzt genga ma mitanand hoam.«
    »Han? Wo ... genga ma hi?«
    »Hoam.«
    »I bi nirgats ... dahoam.«
    »Wos hoscht denn du?«
    »An schön Dank hon i ... jawoi ... an schön Dank.«
    »I vasteh di net; red halt amal!«
    »Hoscht it g'hört, wos der g'sunga hot:
Grobheit'n kriagst recht schö',
Nacha ko'scht geh'!«
    »Du, Hansgirgl, schaug mi amal o! Ho da'r i wos Unrecht's to?«
    Der Knecht schaute seinen Herrn bolzengerade an und wurde etwas nüchterner.
    »Na, du hoscht ma nix to«, sagte er kurz.
    »Bischt mit wem andern über 's Kreuz kemma? G'wiss mit 'n Lenz?« - »I red it
davo.«
    »Jo, sag ma 's!«
    »I mag it. Aba ... dös kon i dir sag'n, dass i morg'n geh.«
    »Waar it aus! Du werscht auf Schnall und Fall weglaffa, und mir tatst it
amal an Grund sag'n!«
    »I geh.«
    »Z'weg'n wos denn? Herrgottsaggerament!«
    »I ... i ... bin a Fei'schpinna ... vastehst? So a ... so a schlechta Kerl,
der wo d' Leut verklamperlt ... und an sellan muass ma net halt'n. Vastehst?«
    »Na, i vasteh di gar it. Und des ander wer i na scho morg'n in da Fruah
hör'n. Da red'n ma wieda mitanand.«
    Der Schormayer kehrte um und ging zum Wirtshaus zurück. Aus dem Hansgirgl
war heute nichts mehr heraus zu kriegen; und je länger er ihn gefragt hätte,
desto widerhaariger wäre er geworden. Morgen liess sich das besser an. Aber gewiss
hatte ihm der Lenz da was angerührt. Na! Er wollte ihm hernach schon kommen mit
der Richtung.
    Er schaute zurück und sah in der Dämmerung den Hansgirgl mit den Händen
fuchteln. Der redete heftig mit einem unsichtbaren Feind.
    »Derfst du mi schlecht macha ... du ... aba jetz is aus ... aus!«
 
                              Dreizehntes Kapitel
»Hätt'n ma 's ins geschtan fruah aa'r it denkt, mir zwoa, dass mir heut scho
ausanand kemman, gel, Bräunl?«
    Bei diesen Worten patschte der Hansgirgl seinen Lieblingsgaul zärtlich aufs
Hinterteil.
    »Ja, hätt ma 's it gmoant«, wiederholte er und seufzte. »Aba so geht 's
nimma'r um; der Lalli, der dappige, wurd' jed'n Tag hässlicha auf mi, und beim
Bauern kennt man si aa net recht aus; der woass ja selm it, ob a weita macha soll
oda übageb'n. Und na hocket i do. Z'letzt bracht mi da Lenz no in 's G'redt, als
wann i zu woass Good wos für a Dummheit g'holfa hätt. Na; i mog nimma. In dem
Haus g'winn i nix mehr, und zwisch'n an Alt'n und an Junga steh', passt ma'r it.«
    Er putzte den Stall sauber zusammen, stellte alles an seinen rechten Platz
und legte dann den blauen Arbeitsschurz ab.
    »So! Do waar'n ma wieda'r amal firti; schaug'n ma'r um a Haus weita! Wia mi
da Lenz heunt in da Fruah o'g'schaut hot! Warum i net in d' Arbet fahr', fragt a
mi. Für mi gibt 's do koan Arbet mehr, sag i. Und da lacht a recht drecki. Na,
Bürschei, mit dir mog i nimma z'sammg'spannt sei. Is scho gar wor'n.«
    Der Hansgirgl nahm seinen Janker vom Nagel und schloff hinein. Hernach hielt
er noch einmal Umschau. Es war alles in Ordnung, und kein Mensch konnte ihm
nachreden, dass er seine Sache nicht richtig hinterlassen hätte.
    Im Haus drüben traf er die Ursula in der Küche an.
    »Is da Baua scho in da Höch?«
    »Jo. Er hot grad voring sei Kaffeesupp'n kriagt.«
    »Na wer i eini geh dazua.«
    »Geh no eini! Wos hoscht 'n du heunt, dass du dei guat's G'wand o'g'legt
hoscht?« - »Feierabend hon i.«
    »Wia dös?«
    »Dös siehgst d' scho«, sagte der Hansgirgl und ging in die Stube.
    »Ah, du bischt do!« lachte der Schormayer. »Hoscht dein Sausa vo geschtern
ausg'schlaffa?«
    »Do hon i net vui zu'n Ausschlaffa g'habt.«
    »Öhö, mei Liaba, du bischt guat beinand g'wen.«
    »Zu'n Abschied macht na dös aa nix.«
    »Wos Abschied?«
    »I tat di schö' bitt'n, Baua, dass d' ma'r a Zeugnis schreibst.«
    Der Schormayer sprang vom Stuhl auf.
    »Wos is denn mit dir, Mensch? Is dir de Dummheit net aus 'n Kopf ganga?«
    »I hab 's für koa Dummheit it.«
    »Ah! Dös hoscht do grad im Rausch g'sagt! Bal mi neun Johr auf oan Platz is,
lafft ma'r it ohne Grund weg.«
    »I ho scho mein Grund.«
    »Den tat i halt nacha sag'n; und bal wos feit, ko ma 's ja richt'n.«
    »Do is nix zum Richt'n. I sag da 's glei, Schormoar, i bi liaba auf an
fest'n Plotz, und den hon i bei dir nimma. Du kunnt'st morg'n übageb'n, und i
hängat do.«
    »Wos woasst du vo mein Übageb'n? Hot da ander dumm daher g'redt? Der kunnt
sie aba schneid'n.«
    »Na; der hot nix g'red't. I passet aa net auf.«
    »Wia kimmscht ma nacha mit dem?«
    »Ja no, dös werd amal schnell geh', bal jetzt d' Urschula weg is.«
    »Wos bekümmern di de Sacha? I sag da 's für ganz g'wiss, dass i heuer net
übagib.«
    »Sell mog scho sei, aba i hon an weitschichtinga Vetta in Vierkirch'n drent,
und ... und bei dem kriagat i jetzt an ruhig'n Plotz, und dös mog ma halt do it
auslass'n.«
    »Dös is dir erscht geschtan ei'g'fall'n?«
    »Na, dös woass i scho länga; er hot ma scho auf 's Neujohr g'schrieb'n.«
    »Geh, hör' auf! Dös braucht an stark'n Glaab'n. Dass du de ganz Zeit her koan
Schnaufa it to hätt'st vo dem?«
    »Weil i mir selm it g'scheidt gnua g'wen bi. Aba no, älta werd ma'r aa, und
bal bei dir all's anderst wurd, kunnt i mi aa nimma ei'g'wohna, und drent hätt i
de G'leg'nheit vasammt.«
    »M-hm! Und z'weg'n wos bischt na du geschtan so belzi g'wen?«
    »I?«
    »Es schteht da it guat o, Hansgirgl, dass d' ma du it d' Wahrheit sagst.«
    »I ho nix zu'n sag'n.«
    »Dös hamm mehra Leut g'mirkt, net i alloa, dass du geschtan wos g'habt
hoscht; und mit wem ko'scht d' di denn z'kriagt hamm? Mit mir net. Also hoscht
mit dem Lackl an Streit g'habt. Und i brauch nix z' wiss'n; mir schmeisst d' an
Strohsack hi und gehst, als wia wann mir it neun Johr mitanand g'arbet' hätt'n.«
    Der Hansgirgl war nahe dabei, etwas von seinem Verdruss zu sagen, aber da
fiel ihm das Wort vom Lenz ein, dass er ihn seinetwegen auch verklamperln könne.
    Und die Nachrede wollte er sich nicht verdienen; zu was auch? Gehen musste
er, weil das Bleiben kein gut mehr tat.
    Also kratzte er sich hinter den Ohren und setzte eine längere Rede zusammen.
    »I bi gern bei dir g'wen, Schormoar, dös sell woasst du recht guat, und hot
aa nix geb'n; aba, net, bal ma si nimma aussi siecht, indem dass also du nimma
lang regierscht, und mi werd aa'r älta, und durch dös, dass mir da Vetta
g'schrieb'n hot, i hätt bei eahm 's Bleib'n, derf ma halt so wos it vo da Hand
weis'n; mi lebt it g'rad heut und muass aa'r auf morg'n denka. Dös sell muasst d'
selm sag'n.«
    »Wann's d' it bleib'n willst, - i kon di net halt'n; und i dank da recht
schö, dass d' ma so mit da Tür ins Haus rumpelst. Eh'nder hättst d' ma 's it
sag'n kinna, oda mi glei gar um an Rat frag'n, - dös sell waar gar it ganga!«
    »Ma übalegt si 's halt hinum und herum ...«
    »Und red't hinum und herum. Mei Liaba, für so dumm muasst du mi net kaffa,
dass i gar nix spann. Du hoscht mit 'n Lenz wos g'habt, und i muass 's Bad
aussaufa. Aba dem kimm i, und net schlecht.«
    »Na, dös möcht i fei gor it. I mog it mit an Vadruss wegkemma ...«
    »Dös is na mei Sach. Seit an halb'n Johr hätt i nix als Z'widrigkeit'n mit
dem Kerl, und jetzt vatreibat er mir no d' Leut'!«
    »Dös kam nacha so aussa, dass 'n i schwarz g'macht hätt.«
    »I glaab 's amal net anderst, und i schenk 's eahm it.«
    »Nacha muasst du an Zeug'n macha, bal's hintadrei hoasst, i hätt 'n
vaklamperlt. Du muasst as bezeug'n, dass i vo dem gar nix g'sagt hab.«
    »Vo wos? Gel', dass 's richti is? Jetzt hon i di g'fangt.«
    »I woass nix, Schormoar, und mi waar 's liaba, wann mir jetzt nix mehr red'n
üba dös, und di tatst mir mei Zeugnis schreib'n.«
    »Hoscht d' as fest an Sinn, Hansgirgl?«
    »Jo. Schaug', es is amal it anderst!«
    »Aba bal i ganz auf deina Seit'n steh?«
    »Dös ko'scht d' it. Du muasst mit dein Buam länga haus'n als wia mit mir ...«
    »Wart 's o, wia lang i mit dem no haus'!«
    »I wünsch enk it, dass ös ausanand kemmt's, und z'weg'n meina scho gar it. I
wer an ander'n Platz kriag'n.«
    »I hon g'moant, du hoscht 'n scho bei dein Vetta? Gel, Hansgirgl, hoscht d'
di wieda vared't?«
    »Na, bal i dir 's amal sag; aba du mögst mi so ausfratscheln, und dös hot
koan Wert it. Lass guat sei, Schormoar! Mir gengan in Fried'n und schön
ausanand.«
    »Und i muass schaug'n, wo i an Knecht herkriag.«
    »I woass da'r oa'n. Vom Blank in Neuhof drent an Blasi; der gang gern vo
dahoam weg und hot aa scho öfta g'sagt, dass 's eahm bei dir g'fallat.«
    »Dös is schö! Muass i wiada'r auf a neu's mir oan o'fanga.«
    »Der kennt sei Arbet; an dem hoscht d' it viel z' richt'n, und da Lenz is aa
do.«
    »Red' ma no g'rad net vo dem!«
    »Mogst d' ma 's Zeugnis it schreib'n, Schormoar?«
    »Wanns 's sei' muass, schreib' i s' halt.«
    Der Schormayer ging zur Türe und rief der Ursula.
    »Bring ma'r a Tint'n und a Feda!«
    »Es muass all's drin sei.«
    »Tua 's no her! I mog 's it suacha.«
    Ursula kam in die Stube und fand endlich im Wandschrank hinter alten
Medizinflaschen ein Tintenglas und auch einen Federhalter.
    »Wo is na mei Brill'n?« fragte der Bauer. »Ohne Brill'n kon i it schreib'n.«
    Sie war nicht im Schrank und nicht in der Tischschublade und nicht im
Schubfach unter der Bank, und fand sich zuletzt, in einen Kalender eingeklemmt,
auf dem Fensterbrett. Der Schormayer setzte sie auf, und da wickelte der
Hansgirgl sein Dienstbuch aus allerhand fettfleckigen Papieren und gab es ihm.
    »Ja, geht denn da Hansgirgl?« rief Ursula.
    »Geht a? Freili geht a! Weil ma bei enk it bleib'n ko.«
    »Wos hon eahm denn i in Weg g'legt?«
    »Ma red't net vo dir alloa.«
    »Und i ho vo so was übahaupts nix g'sagt«, fiel der Knecht ein.
    »Also, geh aussi!« befahl der Schormayer seiner Tochter. »Mi braucha'n di net
zu dem G'schäft.«
    Er schlug das Dienstbuch auf und las.
    »Eingetreten bei mir am viert'n Februar neunzehnhundart und oans. Do steht
no mei Untaschrift. Selbig'smal is da Pressl Bürgamoasta g'wen. Dös san jetz
akrat neun Johr.« Er schaute über die Brille weg vor sich hin, als wenn er über
manches nachdächte. »Selbig'smal is no schäna g'wen. De Bäurin guat beinand, und
sinscht aa all's ganz anderst. No ja! Jetz is scho so.«
    Er rückte die Brille näher an die Augen und schrieb es mit kratzender Feder
und nach mehrmaligen Pausen hin, dass Johann Georg Egermayr diese Zeit her bei
ihm in Dienst gestanden und auch seine volle Zufriedenheit durch Treue, Fleiss
und Ehrlichkeit erworben habe.
    »Dös ko ma bei dir mit guat'n G'wiss'n schrei'm«, sagte er.
    Über den Hansgirgl kam es nun doch wie Heimweh, als er sein Büchel in
Empfang nahm und in die Tasche steckte; der Kragen wurde ihm eng, und er zog ihn
auseinander und schluckte ein paarmal.
    »I ho schöne Täg bei dir g'habt, Baua, und i sag dir vagelt's Gott; und des
ander woasst scho.«
    »Und i wünsch dir Glück, Hansgirgl, und auf den selbinga Vetta waar i schier
harb, wenn i dro glaabet«, setzte der Schormayer hinzu, und um seine Mundwinkel
war ein verstecktes Lächeln.
    Aber dann wurde er wieder ernst, als er sagte:
    »Mit dir geht was Guat's vom Hof weg, und i wollt, du waarst blieb'n; aba
geg'n dein Will'n derf i di it halt'n. Pfüat di Good, und lass da 's guat geh'!«
    »Adjes! Und no'mal schön Dank; und bal i auf Kollbach kimm, derf i scho
zuakehr'n?«
    »Allamal, so lang i do bin.«
    Hansgirgl zog den Kopf ein und machte sich still hinaus.
    Eine halbe Stunde später sah ihn der Schormayer vom Fenster aus mit seinem
Koffer über den Hof gehen und unterm Tor sich noch einmal wenden.
    Da schaute er zurück auf neun Jahre Leben und Arbeit.
    »Hö! Is der alt' Spitzbua it dahoam?«
    Vor der Küchentüre stand ein vierschrötiger Mensch und klopfte mit seinem
Stecken ans Fenster.
    Ursula fuhr erschrocken zusammen; sie kannte den Fremden nicht.
    »Wos willst?«
    »Ob der alt Spitzbua it dahoam is?«
    »Wann's d' mein Vata moanst, der is an Rossstall vorn.«
    »Ah, da schaug her; du bischt de Tochta? De jetzt Prücklin vo Hirtlbach
werd?« - »De waar i, ja.«
    »Da gratalier i; kriagst d' an warma Plotz. Feit si nix.«
    »Wer bischt denn du?«
    »I bin da Tretter Jackl vo Pettenbach und hätt' eppas z' red'n mit dein'
Vata. So, so, du bischt an Prückl de sei? Dass ma fei wos z' kaffa kriagt aa aus
enkern Stall!«
    »Dös werd na scho er macha.«
    »Er is a bissel a G'naua.«
    »Werd' scho not toa.«
    »Gar a so brauchat's as it, aba er hot 's vo seina Muatta. Auf de muasst d'
Obacht geb'n, dass s' da'r it z' viel drei'red't.«
    »Sie kimmt ja in Austrag.«
    »Ja mei! Austrag! De alt'n Weiba geb'n si ja nia und lass'n it nach; de hamm
mehra Häut wia'r a Zwief'l. Und de alt Prücklin kenn i, de schliaft da nach in
d' Millikamma und in Kella; und bal's d' dös den erscht'n Tag leid'st, na bischt
vakafft, dös sag da'r i.«
    »I leid 's scho it.«
    »Derfst d' aba'r a guat's Mäu hamm, denn de sell halt 's mit drei
Schaar'nschleifa aus. Und mit 'n alt'n Prückl werst d' aa dei Kreuz hamm; der
fallt in d' Froas, wann a moant, es kunnt um an Pfenning Sach hi'wer'n.«
    »Du g'fallst ma, dass du so daher kimmscht und meine Leut veracht'n tatst.«
    »Sei froh, bal i da'r a bissel an Auskunft gib; es is do bessa, du woasst,
wia's d' di zu'n vahalt'n hoscht; du kriagst it lauta Schön's.«
    »I wer 's scho aushalt'n.«
    »Rühr' di nicht g'rad de erscht'n acht Täg und hau ehr mit 'n Kochlöffi auf
'n Rüass'l, bal's dir z' fleissi in dein' Haf'n einischaug'n. Na wer'n s'
katolisch, bal's sehg'n, dass 's so leicht it geht. Aba wia's d' dös it tuast,
bischt d' scho drunt.«
    »I dank da halt schö für dein guat'n Rat«, sagte Ursula und lachte.
    »Is gern g'schehg'n. I hilf zu de junga Leut, und da Teufi zu de alt'n.
Jetzt muass i aba zu'n Vata.«
    »Geh no umi an Rossstall.«
    Dort steckte der Schormayer Heu in die Raufen und ging mit dem Trankeimer
herum, als der Tretter unter der Türe auftauchte.
    »Herrgott, hoscht du an Eifa!«
    »Wann ma koan' Knecht it hot, muass ma selm o'greifa.«
    »Hoscht du koan?«
    »Na. Der mei is heunt ausg'stanna.«
    »Du, do hätt i oan für di; aba scho an ganz an guat'n.«
    »I kunnt vom Blank in Neuhof oan hamm.«
    »Vo seine Buam? Woass it, ob dös guat is, wann ma si an Deanstbot'n aus da
Nachbarschaft nimmt.«
    Das war eigentlich richtig. Und der Schormayer hatte noch einen besonderen
Grund, dass es ihm nicht lieb war.
    »Da hoscht it unrecht«, sagte er.
    »Nimm den mein'; der ko heunt no ei'steh.«
    »Woher is na der?«
    »Vo mein Nachbar'n in Pett'nbach; er is heunt mit mir umaganga, weil a no
koan Plotz it hot.«
    »Dös sell waar a bissel vadächti, aba schick 'n her! Bal a mir it g'fallt,
brauch' i 'n net nehma.«
    »I mach eahm 's z' wiss'n; er hockt beim Wirt. Und wos willst na du vo mir?
Da Tristl Toni hot ma'r a Botschaft to, dass du mit mir red'n mögst.«
    »Ja. I möcht di was frag'n«, sagte der Schormayer zögernd und bedächtig.
»Bischt du weit umanand mit de Bauern bekannt?« - »I moa' scho.«
    »Pass auf! Wissast du koan Deanst für a Madl, vastehst, für a Dirn? A bissel
an leicht'n Deanst?«
    »An leicht'n?«
    »No ja, im Stall, und dass s' it de schwaarst Arbet hätt'. Und net in da Näh,
sondern a bissel weit weg.«
    »Weit weg?«
    Der Tretter schmunzelte und drückte ein Aug zu.
    »So, so? An leicht'n Deanst, und recht weit weg? Du mei Liaba, wo bischt d'
denn do wieda zuawi kemma?«
    »I frag di ja g'rad. Bal's d' nix woasst, is ma'r aa gleich.«
    »Weg'n an gleich sei hättst d' it umi g'schickt zu mir.«
    »I ho wem an G'fall'n toa woll'n; da brauchscht du mi it auslacha.«
    »Öhö! No net glei ob'n aus! Vielleicht fallt ma wos ei; aba wia steht 's
denn do?«
    Der Tretter rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.
    »Muass ma di für an Auskunft zahl'n?«
    »I will dös it sag'n. Aba oa G'fall'n is den andern wert. Muasst halt an
christlinga Preis macha, wann i da a Stuck Viech o'kaff.«
    »Do wer'n mi schon mitanand red'n kinna.«
    »Jetzt lass mi amal b'sinna. Recht weit weg! Bei Bruck umanand, han?«
    »J-ja, dös gang.«
    »In Olching, moan i, kunnt i wos find'n. Und an leicht'n Plotz, sagst?«
    »Wia s' halt san. Net?«
    »M-hm. Bis auf wann kriagt s' na 's Kind?«
    »Wos Kind?«
    »No, dös is it schwaar zun darat'n, z'weg'n wos oane de schwaar Arbet it toa
sollt?«
    »Du bischt do scho a g'machta Hanswurscht! Kimmt er do mit 'n Kind daher!«
    »I kimm it damit, aba sie werd halt mit oan' kemma.«
    »Kunnt de it a so aa krank sei?«
    »Wann dös is, na muasst du s' in a Krankahaus schick'n, aba'r it in Deanst.«
    »Bal du a so denkst, na lass ma 's bleib'n. Do kam i no in 's G'red' aa.«
    »Mit mir kimmst in koa's; aba i ko do net auf an Plotz, wo i a G'schäft
mach, a Dirn hi'bringa, de vielleicht d' Lunglsucht hot!«
    »Dös is it da Fall.«
    »Se werd scho die Neunmonatkranket hamm! Du Spitzbua, du o'drata!«
    Tretter lachte, dass er ausser Atem kam, und er hätte schier den Schormayer
angesteckt.
    »An leicht'n Platz braucht a! Ha - - ha - - ha! Bis ans End weit weg! H ...
ha ... ha ... ha! Bis ans End der Welt? O du Tropf, du schei'heiliga!«
    »Jetzt sag amal g'scheit: woasst an Deanst, oda woasst koan?«
    »Auf da Stell it. I muass in Olching nachfrag'n, ob wos Passat's do is ...
für a ... ha ... ha ... ha! ... für a Wöchnerin.«
    »Vo dir lass i mi lang für 'n Narr'n hamm, gel? Geh weita, i brauch di it.«
    »Sei no net glei so harb! I find scho wos. Muass ... ha ... ha! Muass 's
g'schwind sei?«
    »Pressiert gar it.«
    »Nacha frag i a wengl nach und kimm wieda her. Wer is na de selbige?«
    »Dös sag' i dir, wann's d' wieda kimmst.«
    »Vo mir aus! I bi net neugieri.«
    Dem Schormayer kamen allerlei Bedenken, weil der Mensch gar so lustig war.
Er hielt ihm die Hand hin und sagte ernst:
    »Tretta, bal's d' ma du in dera Sach an G'fall'n tuast, werst d' mi aa
find'n, wann du wos brauchscht.«
    »Gern, sag i. Du kennscht mi ja.«
    »Ja, ja. Aba mach koa Gaudi it draus! Und dös sag' i dir g'schwind: wann i
hör, dass du's Mäu it haltst und selle Spassetln umanand bringst, na san mir
z'kriagt.«
    »I red g'rad di a bissel dumm o«, sagte der Tretter und kam wieder ins
Husten und Schnaufen und Lachen. »I sag 's g'rad zu dir, weil's d' ma du gar so
guat g'fallst als barmherziga Bruada.«
    »Mi reut 's schier, dass i di um de G'fälligkeit o'ganga hab.«
    »Warum nacha?«
    »I trau dir net.«
    »O jessas! Mir derfst du gnua trau'n. I bring di net a so in Valeg'nheit als
wia du mi.«
    »I di?«
    »Ja, g'stell di no recht unschuldi! Wos moanst denn? I derf mi ja nimma in
Weichs sehg'n lass'n, sinscht reisst si de Kaltnerin vo da Kett'n los!«
    »A mei! De Dummheit!«
    »Du redtst da leicht, aba i hon an schön Dank dafür, dass i dir 's guat
g'moant ho.«
    »Geh weita! Hoscht du dös an Ernscht glaabt, dass i dös alt Reibeis'n möcht?«
    »Hätt'st ma 's g'sagt, aufrichti und wia 's a si g'hört, na waar 's anderst
g'wen.«
    »Dös koscht du da ei'bild'n, wann d' ma du auf'n Weg untakimmst, und mir
genga Spass halba wo hi, dass i nacha glei hänga bleib.«
    »Es waar dei Schad'n nit g'wen. Für wos sollst denn du it heiret'n?«
    »Aba de it. So a Kloahäuslerin, so an armselige!«
    »Du hättst as bei a'r a andern g'rad a so g'macht.«
    »Dös woass i no lang it.«
    Es war etwas in der Stimme des Schormayer, was den Tretter stutzig machte.
    »Es is ja no it z' spat, wann du an Ernscht macha mögst.«
    »Dös lasst si im Voraus it sag'n; ma muass do oiwei z'erscht wiss'n, wen ma'r
ins Haus kriag'n kunnt.«
    »I ho da selbig'smal a paar g'sagt. Beim Eberl in Asbach waar oani do, und
beim Prantner im Eckhof, und da Sedlmoar vo Arnzell hätt oani, und ...«
    »Öh! No staad! Wann ma mog, g'langt oani, aba auf 's Mög'n kimmt 's o.«
    »Siehgst, jetz redt'st wieda'r a so.«
    »Pass auf, Tretta, i sag' da wos; und bal's d' g'scheid bischt, red'st nix
davo, sinscht kam dir dös G'schäft ganz g'wiss aus.«
    »Red' no!« drängte der Viehhändler.
    »D' Urschula heiret, und i haus' it guat mit mein Sohn. G'rad heunt hon i
wieda an Vadruss, dass i 'n am liabst'n nimma o'schaug'n möcht.«
    »Dein Buam?«
    »Ja, mein Buam. Er kennt si nimma aus vo lauta Gier auf 'n Hof und z'kriagt
si mit Good und da Welt. Geschtan hot a ma mein Knecht, der neun Jahr bei mir
g'wen is, so ausanand bracht, dass a ma aufg'sagt hot. Übageb'n mag i net, und
als Lediga dahocka und mit eahm furt haus'n, dös g'freut mi gar nimma. I siech
mir bald nimma anders aussi: heiret'n oda z'trümmern.«
    »Dös sagst d' jetz aus Zorn! und wann i wos o'band'l, nacha mogscht wieda
nimma.«
    »Ja no, dös passt mir gar it, dass i ganz öffatli auf d' Brautschau geh'; do
bin i z' alt dazua und mog aa den Krach dahoam it. Dös müasst oiwei staad geh und
it auffällig, und bal i oane sehg'n tat, de mir guat o'stand und de do her
passet, na sag' i net na, aba'r aa net so g'schwind ja.«
    »Geh mit mir umi auf Arnzell!«
    »So mach ma de G'schicht nimma! I müasst unta da Hand dafrag'n, wia 's mit 'n
Geld steht und ob s' a Hauswes'n führ'n kunnt; und bal's do koa Ausstellung it
gab, nacha kunnt i s' amal o'schaug'n, aba alloa, und so, dass koa Mensch nix
dabei denk'n müasst.«
    »De Auskunft bring i dir schnell gnua her.«
    »Lass da Zeit! Vor da Urschula ihra Hozet hot 's jetz koan Wert it, und nacha
möcht i aa dös mit dera Dirn z'erscht in Ordnung hamm.«
    »Ja so, de gang da sinscht im Weg um?«
    »Mir?«
    »I will di it ausfrag'n. Obwoi dass 's bessa waar, wann i a bissel wos inne
wurd. Weil i nacha do leichta mit der Leut in Olching red'n kunnt.«
    »Du fragscht, ob s' a richtige Person brauch'n kinna, und vo mir sagst d'
gar nix.«
    »Dös tat i a so net; aba bal nacha dös auftrifft?«
    »Wos?«
    »No, dös sell halt!«
    »Ah so! Dös werd it auftreffa, und für den Fall, dass also ... a ... für den
Fall is ander Leut aa'r it bessa ganga, und du ko'scht hintadrei sag'n, du
hoscht dös it schmecka kinna.«
    »Is recht. I wer mei möglich's toa. Und vo Arnzell, do bring i dir a ganz a
g'naue Beschreibung.«
    »Dös sehg'n ma nacha scho.«
    »Es muass dir ernscht sei, Schormoar!«
    »Jetz is mir ernscht; aba bal i morg'n anderst g'sinnt bi, nacha heiret i
dir z'liab it, dös ko'scht glaab'n.«
    »Dös lasst si denga; aba entschädinga müasst d' mi für meine Gäng.«
    »I mog nix umasunst. Und jetz pfüad di Good und halt 's Mäu.«
    »Is scho recht. Adjä! Und pass auf, i schaug dei Viech a wengl o. Hoscht d'
nix zum vokaffa?«
    »A paar Kaibln stenga do. Schaug da s' o und mach an Preis!«
    Das hatte nun der Schormayer zu wenig bedacht, dass im Stall drüben die Zenzi
war.
    Der Tretter musterte alles Vieh und fand auch Gefallen an den Kälbern, mehr
aber noch an dem stattlichen Weibsbild, das sich ihm zeigte.
    Weil aber in ihm sogleich ein Verdacht aufstieg, wollte er sich Gewissheit
holen.
    Er fing damit an, die Zenzi ausbündig zu loben.
    »Du hoscht dein Stall sauber beinand, g'rad sauba. Ma siecht it viel
solchene. Bischt d' g'wiss scho lang auf 'n Hof?«
    »Na. Erscht seit 'n Juli.«
    »Mit dir is oana aufg'richt'. Du haltst dei Viech, wia 's a si g'hört.«
    »Mi tuat halt sei Arbet.«
    »A jede vasteht 's it a so; mit 'n Arbet'n alloa is it g'macht. Wann's d'
amal nimma do bleibn mogscht, na lass d' ma 's wiss'n. Für di hätt i an
ausnehmend guat'n Plotz.«
    »Hoscht du a grösser's Sach?«
    »Es waar it bei mir. Aba no, du werst da so schnell it geh'.«
    »Wo waar denn nacha dös?«
    »Bei Bruck umanand. Aba i möcht di fei ja it wegred'n; dös tat i scho net
z'weg'n an Schormoar.«
    »Um dös brauchscht di it kümmern; an Baua waar 's aa ganz recht.«
    »Bal du wegkimmscht?«
    »Ja, weil a halt a Hauserin her tuat, und übahaupts.«
    »So ... so?«
    »Hab i di!« dachte sich der Tretter. »Also, de is? No, da G'schmack waar gar
it so schlecht!«
    Und laut sagte er:
    »Nacha sollt' i dir an guat'n Deanst varat'n?«
    »Waar ma scho recht.«
    »Du muasst ma halt a wengl schö toa; du Fackei, du mollet's!«
    »Geah, wos hoscht denn!«
    Sie wich den derben Händen des Tretter aus.
    »Tua no it so! I reiss da nix oba vom Fleisch.«
    »Wos fallt dir denn ei?«
    »Unseroana werd aa'r amal was sauber's o'rühr'n derf'n?«
    »I mag dös it.«
    »Hot bloss da Schormoar 's Recht dazua?«
    »Wos red'st denn du daher?«
    »Geh, hör auf, du Sukei, du g'schmach's! Bal an oa'schichtiga Mensch so was
mollet's in Haus hot, no woass ma 's scho.«
    »Du bischt guat troffa!«
    »Herrschaftseit'n überanand, bal i di no bei mir ei'stell'n kunnt, mi
vastand'n ins bald.«
    »Glaab dös it! I mag so was net.«
    »Gar net?«
    »Na!«
    »Da waar i wieda anderst.«
    Er griff noch einmal unzart nach ihr, aber sie kam ihm mit einer schnellen
Wendung aus. Und sie war nicht dazu aufgelegt, mit dem wüsten Menschen einen
Spass zu haben.
    Überhaupt war sie nicht lustig gestimmt.
    Ihr Zustand und die Ungewissheit, und auch dass der Holzweber Simmer gar nicht
dergleichen tat, und alles mitsammen machte ihr zuwidere Tage.
    »Hör de Sach'n auf!« sagte sie unwirsch. »I bi koa Handtuach, wo dir du d'
Händ' o'putz'n koscht.«
    »Deifi überanand! So stolz! Vielleicht gibst du 's billiga, wann i di auf
den sell'n Plotz bring.«
    »I brauch di net dazua.«
    »Selm suacha werd da halt oiwei härta o'kemma.«
    »I vasteh di net; und jetz geh amal zua!«
    »Adjä, schönes Mädichen, und grüass ma'r an Jungfernbund; und bal's d' in dem
Jahr no an Schnulla brauchscht, schick i da'r oan.«
    »Gel, du mogscht it so frech sei?«
    Aber der Tretter war schon lachend zur Türe hinaus und schlenkerte pfeifend
über den Hof. Er suchte den Bauern auf.
    »Was kost'n de Kaibln?«
    »Wos willst d' geb'n?«
    »Fufzgi, wia da Preis is.«
    »'s Pfund gilt jetz oansafufz'g, hot ma g'hört.«
    »Da hoscht falsch g'hört.«
    »Also nimm s' im fufzgi!« sagte der Schormayer. »Es gilt na für des ander
aa.«
    Der Tretter gab den Handschlag, und listig blinzelnd, sagte er:
    »A Kalbin hoscht in dein Stall, a recht a foaschte.«
    »Da is mir nix bekannt.«
    »No de sell, de wo i auf Olching umi treib'n soll.«
    »Geh, lass de G'spass! Dös stimmt gar it.«
    »Net? No, nacha sag i halt Pfüat Good; de Kaibln lass i hol'n, und den Knecht
schick i her.«
    Auf der Strasse blieb der Tretter noch öfter stehen und lachte vor sich hin.
    »Mi möcht' a o'drah'n! O du Bauernspitzbua!«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Aus den Fenstern des Hirtlbacher Wirtshauses klangen Bombardon und Klarinette,
einmal tief hinunter und einmal hoch hinauf, und lockten immer neue Gäste herein
zur Hochzeit des Kaspar Prückl.
    Über die Stiege gingen Mädeln mit hochroten Gesichtern und wischten sich die
Schweisstropfen ab; Burschen in Hemdärmeln riefen ihnen Spässe zu; Teller
klirrten, und die Deckel der frisch eingeschenkten Krügel klapperten, und der
Bierschlegel schlug dröhnend den Hahn in ein neues Fass.
    Fröhlichkeit und Lärm verrieten schon in den Vorräumen ein reiches Fest. Im
Saale aber schleiften die Paare, tauchten im Lampenlicht auf und verschwanden
drehend in dämmerigen Ecken.
    Aus einer Wolke von Rauch und Dunst schoben sich allmählich bekannte
Gesichter vor.
    In der Mitte am Ehrentisch das der wohlgezierten Hochzeiterin Ursula
Kiening, nunmehrigen Prücklbäuerin; sie sass neben dem hochwürdigen Herrn
Pfarrer; daneben war das Elternpaar des Hochzeiters, zwei Leute, denen Sparen
und Arbeit anzukennen war.
    Da sah man auch die Fischerbäuerin von Neuried und den gewichtigen Schneider
von Arnbach und, etwas entfernt von ihnen, am bescheidenen Platze die Asamin,
die mit flinken Augen alle Leute beobachtete, alle, die sassen und standen und
tanzten, und der gar nichts auskam.
    Sie hatte es mit der Grieblerin, einer armen Verwandten des Hochzeiters,
getreulich ausgerechnet, was die Sache kosten könne, und alle zwei waren der
Meinung, dass es ungeheuer viel sei, und dass diese Verschwendung sich abscheulich
unterscheide von der Sparsamkeit gegen Verwandte, die es brauchen könnten.
    Und die Asamin war nebenher noch angefüllt mit Schmerz darüber, dass man noch
nicht ein halbes Jahr nach dem Tode ihrer Schwester, der Schormayerin, eine
Hochzeit abhielt.
    »Do ko nix Guat's aussakemma,« sagte sie, »und mi g'fallt dös amal gar it,
dass ma'r an Tot'n so schnell vagisst.«
    »Hoscht dös it g'sehg'n,« fragte die Grieblerin, »dass si d' Hochzeiterin
umdraht hot, wia s' in d' Kircha ganga san; wer dös tuat, sagt an alta Spruch,
der schaugt si nach an andern Ehstand um.«
    »Bei der Schormayerisch'n tat mi gar nix wundern, dös sag i dir.«
    »Is it all's richti dabei?«
    »O mei! Da mag mi gar it o'fanga. Vom Alt' sag'n d' Leut allahand.«
    »Wos denn?« Die Grieblerin rückte näher.
    »Der is auf d' Weibaleut aus, dass 's a wahre Schand is. Ganz bocknarrisch is
a, sag'n s'.«
    »Geah? Der Alt?«
    »Zu dem is a no it z' alt. Hinta a jed'n Weibakitt'l is a her.«
    »Gel? Gel? Ja, wann eahr d' Weiba ster'm, wern s' ganz bärig. Dös hört ma'r
oft sag'n.«
    »Und zuageh' muass bei eahm! Oiwei Krach und Unfried'n. De Zollbrechtin, sei
Nachbarin, hot ma vazählt, dass ma 's oft weitum hört.«
    »Dös lasst si denga.«
    »Mi sagt aa, dass a desz'weg'n sei Urschula so g'schwind ausg'heiret hot; und
do hot ma freili net wart'n kinna bis auf 'n Hirgst. D' Schwesta wann 's halt no
wissat!«
    »Good schenk ihr de ewig Ruah!«
    »De braucht s'. Chrischtlich's O'denk'n hat s' net viel bei ihre Leut. Wann
inseroans it a diam dafür bet'n tat, kriaget s' net viel Vaterunsa.«
    »Da tuast d' freili a guat's Werk.«
    »Obwoi dass i gar nix kriagt ho vo ihran Sach. It an Spensa oda'r an Rock oda
sinscht wos. Liaba lasst ma 's in Schrank dafäul'n, als dass mi da Schwesta wos
gab.«
    »Selle Leut kinnan koa Glück hamm, Asamin.«
    »Na, und mi wern 's aa daleb'n. Jessas, is dös a Spektakl!«
    Die Klarinettentöne stiegen kreischend in die Höhe, hielten sich gellend
oben und kletterten wieder herunter, wo sie ein gumpender Bass auffing im
lustigen Takte, dass die Röcke schwenkten.
    Die Fischerbäuerin rückte ihren Stuhl etwas näher zum hochwürdigen Herrn
Pfarrer Kern und hub mit ihm und der tugendsamen Hochzeiterin ein Gespräch an.
    »Dös hot ins scho alle mitanand g'freut, Herr Pfarra, dass S' vo da Urschula
ihra Muatta so schön g'red't hamm; i ho woana müass'n.«
    »Das ist recht,« sagte der geistliche Herr, ein vergnügter alter
Junggeselle; »bei einer Hochzeit soll 's nass hergehen. Regnen soll 's, weil das
ein Glück bedeut', weinen sollen die braven Frauenzimmer, weil 's ihnen ja so
net hart ankommt; und beim Mahl, da soll 's dann was Ordentlich's zum Trinken
geb'n. No, das is ja auch vorhand'n.« Und er nahm einen braven Schluck.
    »D' Muatta hätt 's halt daleb'n soll'n«, meinte die Fischerin immer noch
wehleidig.
    »Ja no, das lasst sich nicht ändern. Sterb'n ist unser aller Los. Der eine
früher, der andere später. Wo hat denn übrigens die Wirtin das Kochen gelernt.
Das war ja heute ausgezeichnet.«
    »I glaab, in Dachau«, sagte Ursula.
    »So? Da war sie in einer guten Schule. Ganz delikat war alles zubereitet.«
    »Sie hot si übahaupt a Müah geb'n.«
    »Und hat sich ausgezeichnet und bewährt als eine gute Regentin in ihrer
Küche.«
    »Sie sollt' halt do bei ins hocka«, sagte die Fischerbäuerin.
    »Rufen wir sie herauf!«
    »Na, i moan ja da Urschula ihra Muatta ...«
    »Ach so! Das lasst sich nun freilich nicht machen. Gönnen wir ihr den
Frieden; und überhaupts, net wahr, sitzen wir da bei einer Hochzeit und haben
die Hoffnung, dass wieder neues Leben daraus spriesst. Ja.«
    Und nachdem er eine Prise genommen hatte, legte er die Dose wieder neben das
Schnupftuch und sagte mit einem gutmütigen Lachen: »Der Kaspar scheint mir schon
der Mann zu sein, auf den man gewisse Erwartungen setzen kann, und auch die
Hochzeiterin ist vertrauenerweckend.«
    Die Nächstsitzenden lachten noch herzhafter, weil der Spass von ihrem
geistlichen Herrn kam; und die Ursula wusste, was geziemend war, und schaute
verlegen in den Schoss.
    »Da werd nix fei'n,« sagte die Fischerin, »mi g'fallt scho dös, dass de Hozet
bei zuanehmad'n Mond g'wen is. Dös hot mi gern; denn bei'n abnehmad'n Mond, sagt
mi, bleib'n d' Kinda aus. Is it wohr, Herr Pfarra?«
    »Jawohl, das ist ein alter Glaube; ob er richtig ist, können wir nicht
wissen. Aber es g'hört halt noch was andres dazu als wie der zunehmende Mond.«
    Er zwinkerte lustig, und alle lachten wie auf Befehl.
    »Dös werd' na scho aa vorhand'n sei.«
    »Hoffentlich, Fischerin; mich freut's, wenn ich Arbeit krieg in dreiviertel
Jahr, und wir wollen uns den Taufschmaus gut schmecken lassen.«
    »Bal amal wos um an Weg is, kimm i zu dir, Urschula,« sagte die
Schneiderbäuerin, »denn die junga wiss'n it, wia ma si vahalt'n muass. Dass mir
vor da sieb'nt'n Wocha koa Kindswasch ins Freie hänga derf, und dass mi ja nix
davo ausleicha sollt, und dass d' Wöchnerin sechs Wocha lang in koan Kella it
geh' derf, dös san lauta Sacha, auf de mi guat aufpass'n muass.«
    »Z'weg'n wos sollt' oans it in Kella geh?«
    »Z'weg'n de Hex'n, Fischerin. Hoscht du dös no nia g'hört?«
    »Na, aba dös woass i, dass a Wöchnerin it von Haus weg geh' soll, so lang s'
net in da Kircha war.«
    »Und dass mi in da Schwangerschaft net über an Pfluag steig'n derf, und üba
koa Loata, sinscht gibt 's a harte Geburt.«
    »Dös hon i aa scho g'hört, und drei Oar soll ma siad'n und 's Wassa
trink'n.«
    »Oda drei Nüss' ess'n.«
    »Das sind weise Lehren,« sagte der Pfarrer lachend, »und diesmal kommt der
gute Rat nicht zu spät.«
    »Aba Sie müass'n do selm sag'n, Hochwürd'n, dass mi auf de alt'n Bräuch wos
halt'n muass?«
    »Freilich, und auf die alten Weiber, denn die wissen mehr wie die Gelehrten.
Aber jetzt muss ich mich verabschieden.«
    »Bleib'n S' wirkli nimma, Herr Pfarra?«
    »Es geht leider nicht, Hochzeiterin, und ich wünsch also einen guten Anfang.
Gute Nacht beieinander!«
    Die Ehrengäste begleiteten den geistlichen Herrn zur Türe; und wie alles
wieder Platz nahm, setzte sich der Schormayer zum alten Prückl.
    »Sitz' ma'r a bissel z'samm!« sagte dieser. »Mi wer'n jetz bal Kamarad'n si'
im Austrag.«
    »Woass i no it.«
    »Wos ko'scht d' macha? De Junga druck'n nach, bal eahna Zeit kemma is.«
    »Ob 's halt scho so viel g'schlag'n hot?«
    »A diam is g'scheidta, ma ruckt d' Uhr füri und hört eh'nder auf. In da
letzt'n Viertlstund richt ma nimma viel aus.«
    »Es is it bei an jed'n gleich, Prückl.«
    »Freut di halt aa net, gel? Mir is selm it leicht wor'n, vom Sach weg geh'
und vo da'r Arbet. Weil mi g'rad zuaschaug'n muass, geht 's krumm oda g'rad, und
bal da d' Händ jucka, koscht d' halt 's Loatsoal nimma nehma.«
    »Drum muass ma si 's übaleg'n, vor ma 's hergibt.«
    »No, i ho koan Angst it bei'n Kaschpa; er hot 's Haus'n von jung auf
g'lernt.«
    »Seid's guat ausanand kemma bei'n Austrag?«
    »Mi san handeloans wor'n; g'stritt'n hamm ma freili a weng, aba dös g'hört
dazua; wer leicht wos vaspricht, dem is mit 'n Halt'n net ernscht.«
    »Und dei Urschula hat dös bessa Mäu g'habt,« sagte die Prücklin, »dö
vahungert it, wo ma si mit'n Red'n a Geld vodeana ko.«
    »Is s' a bissel a scharfe? Gel? Dös hon i dahoam aa g'spannt.«
    »Scharf sei' schad't it. Es braucht 's scho bei de Zeit'n und mit de
Deanstbot'n«, sagte die Alte.
    »Und da Kaschpa werd ihr scho a Beisskorb o'leg'n.«
    »So is, und d' Schneid valiert si a wengl im Ehstand. Wos tuast jetzt du,
weil d' Urschula weg is?«
    »I wer a Hauserin ei'stell'n.«
    »A junge?«
    »Jetz muass i do lacha,« sagte der Schormayer, »dös is wirkli de erscht Frag
von a niad'n Weibats. D' Urschula, d' Schneiderin und du, a jede hot dös gleich
g'fragt.«
    »Mi woass scho, warum.«
    »Ja, i woass 's aa. Is aba koa Grund it vorhand'n, denn sie is scho
übastandi.«
    »G'halt s' no it z' lang, denn dös derfst glaab'n, ea selle haust oiwei in
ihr'n Sack.«
    »I muass s' halt g'halt'n, bis amal a Bäurin aufziagt.«
    »Hoscht d' scho oane für'n Lenz?«
    »Na. Mi pressiert aa nix.«
    »Moanst d' nimma in dem Johr?«
    »In dem Johr amal g'wiss it, Prücklin.«
    »I kenn 's,« fiel der alte Prückl ein, »i woass guat, wia dös is. I hätt ma
's aa no a Johr übalegt, bal sie it a so bengst hätt'.«
    »Auf mi muasst d' as it schiab'n. Wann di da Schlag net g'stroaft hätt', na
hätt' i wohl nix g'sagt.«
    »Dös sell muass aa wieda wohr sei. Mi hot 's bös g'habt an Ausgang Novemba,
Schormoar, und a Wocha, a drei hon i gar nix mehr glaabt.«
    »Dass i net vergiss,« sagte der Schormayer, »i ho g'hört, ös seid's
weitschichti vawandt mit'n Sedlmoar vo Arnzell. Is vo dena wer do?«
    »Er it, aba sie; er hot dahoam bleib'n müass'n, weil a'r an Wehdam hot.
Schaug no umi, an dem Tisch sell hockt s', neb'n an Schuasta vo Pellhamm; kennst
d' 'n scho mit seina Platt'n.«
    »So, de is? San Kinda do bei'n Sedlmoar?«
    »Zwoa Töchta. Die oa is vaheiret in Sulzemoos, und de ander is dahoam; de
hot an krumb'n Hax'n.«
    »Krumb is s'?«
    »Vo Kind auf scho. Sie hot desweg'n it g'heiret.«
    »Aha!«
    »Wia kimmscht du auf 'n Sedlmoar? Hoscht du g'moant weg'n Lenz? De waar nix
für eahm; sie is scho bald dreiss'g Johr alt und muass vui doktern, weil s' a
G'schwär aa hot am Hax'n.«
    »Von heiret'n und von Lenz hon i nix g'moant. I ho g'rad a so g'fragt, weil
z'nachst oana g'sagt hot, dass a'r eahm a Holz vokaffa kunnt.«
    »Do hot s' koa G'fahr it; zahl'n tuat a guat, da Sedlmoar; no, dass ziemli oa
Schuld'n do san, is ja richti, aba er haut si scho durch.«
    »Mi geht 's übahaupts nix o«, sagte der Schormayer gleichgültig, nahm sich
aber vor, den Tretter schön hinauszuwerfen, für den Fall, dass dieser
unverschämte Mensch zu ihm kommen werde. Vor ein paar Tagen hatte ihm der einen
Brief geschrieben, und da war kein Wort darin gestanden von dem Olchinger Platz
für die Zenzi, aber drei Seiten lang Lobsprüche über die Tugenden und Reichtümer
der Sedlmayertochter von Arnzell. Und wie man nur ein wenig genauer hinschaute,
waren es lauter Lügen. Der hatte sich 's rein vorgenommen, ihm eine
übriggebliebene anzuhängen und sich noch brav zahlen zu lassen.
    »Bischt d' it guat aufg'legt?« fragte die alte Prücklin.
    »I? Mir feit gar nix.«
    »Werst d' halt heut oft an dei Bäurin denga müass'n? Dös ko ma sich
ei'bild'n.«
    »Ja ... ja. Aba jetzt wer i mi a bissel zu'n Burgamoaschta umi hocka. Pfüad
Good dawei!« -
    »G'freut di 's Tanz'n gar it?« fragte die Schneiderin den Lenz, der mit
finsterem Gesicht seinen Stuhl zwischen sie und die Ursula geschoben hatte.
    »Na, zu so wos bin i net aufg'legt.«
    »Lass da 's do it gar a so o'kenna!« mahnte die Ursula.
    »Sei no du z'fried'n; du hoscht jetzt dein' Will'n und ziagst als Bäurin
auf. Da ko'scht du g'scheit red'n.«
    »I sag 's grad, wei da Vata scho a paarmal herg'schaugt hot.«
    »Lass'n herschaug'n! Muass i G'sichta schneid'n, wia 's eahm passt?«
    »I vasteh an Lenz guat«, sagte die Schneiderin.
    »Woasst, d' Urschula is guat troffa; de helfat jetzt bald zu'n Alt'n.«
    »I helf gar it zu eahm; dös muasst d' it sag'n; aba 's z'kriag'n hot a koan
Wert it.«
    »Du hoscht recht; und vo Hirtlbach bis auf Kollbach umi braucht ma'r aa net
streit'n.«
    »Pst!« machte die Schneiderin. »Gebt's auf d' Leut Obacht!«
    »Und auf meina Hozet werst d' ma na do koan Krach it macha?«
    »I mach da koan; und dös liabst waar ma, i waar gar it herganga.«
    »Do hättst d' überalln an Vadruss aufg'hob'n«, begütigte die Schneiderin.
    »Auf a bissel mehra geht 's nimma z'samm. Und, is wohr aa, i pass gar it her.
Zu de Bursch'n mog i net, und zu den Bauern g'hör i net.«
    »No, Lenz, in dein' Alta müass'n de mehrer'n dahoam an Deanstbot'n macha.«
    »Ja, aba sie sehg'n an Ehrbarkeit und hamm a G'wissheit, dass s' scho amal dro
kemma.«
    »Dös hoscht du aa.«
    »An Dreck hon i.«
    »Pscht! D' Asamin schaugt scho oiwei umma!«
    »Ah wos! Dös, wos mir hoamli red'n, pfeifan morg'n d' Spatz'n vom Dach.«
    »Is wos neu's?«
    »Na, lauta alt's; bei ins braucht 's nix neu's mehr. Jetz hot a dös Mensch
scho als Hauserin ei'g'stellt.«
    »De Zenzi?«
    »Jawoi.«
    »Dös is it wohr, Lenz,« sagte die Ursula, »dös muasst d' it sag'n.«
    »Net is wohr? Wer is na in da Kuch'l?«
    »Sie is grad zu da Aushilf drin.«
    »So? Woasst du dös?«
    »Ja, dös woass i. Pass auf, Schneiderin, de G'schicht is a so: er hot eahm a
Hauserin dunga, de eahm da Wirt zuabracht hot, aba de sell is krank worn und ko
erscht in a Wocha oda zwee vo Freising her kemma. Und weil d' Zenzi a wengl wos
vasteht vom Kocha und scho länga do is, muass sie dawei' aushelfa, und für d'
Stallarbet hot a'r a Taglöhnerin.«
    Der Lenz lachte höhnisch und sagte:
    »Dös hört si ganz unschuldi o, gel, Schneiderin? Aba ganz so dumm bin i net,
dass i 's glaab. Dös geht, wie 's de ganze Zeit her ganga is. Da vageht oa Wocha,
und zwoa Wocha, und deselbige Hauserin werd oiwei no mehra marodi, und der
Schlamp'n bleibt.«
    Die Schneiderin machte ein sorgenvolles Gesicht.
    »Mi g'fallt aa nix mehr. Hot a denn gar i denkt, wos d' Leut jetza scho
red'n?«
    »Na tuat a 's erscht recht. Aba'r i schaug den Saustall it o, i geh nimma an
d' Stub'n eini, i iss nimma'r am Tisch.«
    »Sagt's ma no grad, wo dös no hi'geht!«
    »Dös kon i dir g'nau sag'n, Basel. Vor a Johr um is, derfst d' wieda in a
Hozet geh, in a ganz luschtige, da heiret a schlecht's Mensch an alt'n Depp'n.«
    »Jessas na! Es wer 's do scho insa Herrgott it zualass'n!« -
    »Höhö! Was macht's denn ös für G'friess her? So möcht i 's net bei meina
Leich'!«
    Der Hochzeiter kam von seinem Rundgang bei den Gästen zurück und setzte sich
mit lauter Fröhlichkeit neben seine junge Bäuerin.
    »Da, trink amal, Lenz, dass d' a Schneid kriagst! Flankl a weng umanand! San
ja sauberne Madl gnua do.«
    »I reiss mi it um dös.«
    »Bischt denn du aa'r a Kerl? Wann i net scho o'g'hängt waar, heunt kunnt'st
was sehg'n.«
    »Ja, red' no zua! Du ko'scht di leicht prahl'n.«
    »Ah! Mach' do koa G'schicht it her! Pass no auf, wia'r i auf deina Hozet amal
tanz.«
    »So is recht, Buam!« schrie er den Burschen zu, die zum Zwiefach mit ihren
Mädeln antraten. »Helft's ma mein' Jungherrnstand schö' ei'grab'n. Auf geht 's!«
    Und das wirbelte durcheinander, schob links und rechts und drehte sich, die
Burschen jauchzend und lachend, die Mädchen mit ernsten Gesichtern und
niedergeschlagenen Augen.
    Der Schormayer, der manchen tiefen Schluck getan hatte, ging ein wenig
unsicher an den Tanzenden vorbei zum Ehrentisch und wurde vom Kaspar herzlich
begrüsst.
    »Jetz is amal recht, Vata; den ganz'n Tag san ma no it viel z' red'n kemma.
Ko'scht ma glei helf'n, dass ma'r an Lenz a weng aufriegeln.«
    »Lass 'n do trauri sei, den Lapp'n! Mi bekümmert dös ganz weni.«
    Er schaute seinen Sohn an, und einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke;
Zorn und Verachtung blitzten darin auf. Aber während Lenz sich zur Ruhe zwang,
überkam den Alten eine wilde Lust, den Sohn zu reizen.
    »Wia kimmscht da denn für als junga Baua?« fragte er den Kaspar. »Gel, dös
is wos schön's, wann ma d' Arm rühr'n ko, und muass si nimma ducka und sein
hoamlich'n Zorn vastecka und braucht sein Vata nimma schö toa ins G'sicht?«
    »Dös hon i nia to.«
    »Net? Na bischt du an Ausnahm. Aba selle gibt 's gnua, de si gar nimma
auskenna vor lauta Sucht nach'n Regiment, dena d' Zung aussahängt, woasst, und
möcht'n an Alt'n liaba vagift'n, als dass s' 'n no o'schaug'n, und derfen 's aba
it zoag'n, vastehst? Und müass'n schö toa und g'rad falsch sei, und kusch macha,
kusch! sag i.«
    »Geh, Vata, wos hoscht 'n?« fiel Ursula ein.
    »Nix hon i. I vazähl g'rad dein' Kaschpa, was ma siecht, wann ma länga lebt.
Setz eahm no Kinda her, na werd a no öfta an mi denka.«
    »De ziag i mir scho«, sagte der junge Prückl.
    »Ziag dir s' no, und schaug, dass du zu'n o'kratz'n kimmscht, vor s' gross
san. Na hoscht d' lauta Freud g'habt, und d' Kinda aa.«
    »Schormoar, jetz san ma no g'müatli!« rief der Schneiderbauer, der sah, wie
der Lenz in verhaltner Wut käsweiss wurde.
    »Freili san ma g'müatli! Warum soll'n ma 's denn it sei, so lang ma g'sund
san? Und scho so g'sund, dass ma'r auf und auf koa Kranket it g'spüarn und halt
scho gar it vareck'n kinnan.«
    »Gib nach, Vata, es horch'n d' Leut scho!«
    »Lass s' horcha, Urschula! Da sehg'n s' amal, dass da Schormoar luschtig is
auf deine Hozet. So luschti bin i scho lang nimma g'wen. Geh her, du junga Baua,
und stöss amal o! Mi g'freut 's, bal i an Junga regiern siech. Dös is was anders
als wia so a Lapp, der bloss möcht und net derf!«
    »Vata!«
    Lenz war aufgesprungen und beugte sich keuchend vor, und seine Faust presste
sich auf den Tisch.
    »Han?« fragte der Schormayer wegwerfend.
    »Du ... du muasst 's it übatreib'n.«
    »Red i mit dir?«
    »Allssammete geht it, Vata!«
    »Kusch! sag i.«
    »Lenz, b'sinn di, wo's d' bischt!« beruhigte Kaspar den vor Wut Zitternden
und fasste ihn beim Arm.
    Der schaute wild um sich und sah neugierige Gesichter sich näher schieben
und spürte ihre Blicke.
    Da drehte er sich schweigend um und ging hinaus.
    Der Schormayer patschte sich in die Hände.
    »Heunt g'freut mi amal s' Leb'n, und hoam geh' tua i no lang it. Wos steht's
denn ös da?« fragte er barsch die jungen Leute, die sich an den Tisch
herangedrängt hatten. »Tanz'n sollt's und it Maulaff'n fei'halt'n! Aufg'spielt!
sag i.«
    Er warf einen Taler auf den Tisch. »Da gebt's 'n de Musikant'n, und i will
an recht an schiaberisch'n Landla hör'n. So, Kaschpa, jetzt trink' i; mir
schmeckt 's glei bessa, weil i mi a bissel ausdischkriert ho.«
    »I misch mi in de Sach it, Schormoar.«
    »Do hoscht recht, und es hot 's aa it notwendi. I brauch koan Helfa, und dem
andern nutzet's nix.«
    Er griff nach einem Masskrug und trank in langen Zügen.
    »Hätt' mi schier gar trucka g'red't«, sagte er, und wischte sich das Maul
ab.
    Wie er am Tisch herumschaute, sah er viele erschrockene Gesichter und
merkte, dass die Frauenzimmer einander was zuflüsterten.
    »Habt's no koane Hoamli'keiten!« schrie er. »I sag mei Sach aa, wia'r i mir
's denk, und schneid' it lang um. I ho ma durchaus nix z' fercht'n, und bal an
etla Weibaleut in Kollbach de Köpf' z'sammsteckan, dös macht mir gar nix. I bin
da Schormoar.«
    Der alte Prückl trat hinter ihn und klopfte ihm auf die Schulter. Er wandte
sich hastig um.
    »Ah! Du bischt aa no do? Hock di her zu mir, alta Austragla, und vazähl ma
wos vo dein Zuastand, dass 's ma no bessa graust davor.«
    »Wos hoscht denn du?«
    »I? Mein ganz Sach' hon i no, und i gib 's so schnell it her.«
    »Hoscht ja recht, bal's d' it mogscht, aba jetz red'n ma vo was andern!«
    »Moanst?«
    »Freili! Wer werd si denn an Zorn ei'bild'n auf a Hozet?«
    »I bi kreuzluschti, und mir feit nix. Aba scho gar nix!«
    »Dös is a Wort!«
    Der alte Prückl ging mit dem Aufgeregten so vorsichtig um wie mit einem
geschürften Ei und fragte ihn viel nach früheren Zeiten, nach Arbeit und
Wirtschaft und nach bekannten Leuten.
    Und der Schormayer wurde ruhig und betrunken und schläfrig.
    Die Asamin an der unteren Tischecke hatte alles gehört und jedes Wort
richtig gedeutet.
    »Hoscht d' as g'sehg'n, Griablerin, wia de anand g'sinnt san, da Jung und da
Alt? De hätt'n si liaba o'packt vor de Leut!«
    »Mi is scho ganz anderst wor'n.«
    »I hätt' aa koan Tropf'n Bluat nimma geb'n! Pass auf, da daleb'n ma no wos,
und nix schön's it.«
    »Wia hart dass 'n da Alt' g'red't hot!«
    »Der gibt eahm an Hof it; und wer woass, was da no g'schiecht!«
    »Und Aug'n hot da Jung' g'macht!«
    »Da siecht ma 's wieda, Griablerin, es is it all's, bal ma'r a Geld hot, und
a Religion muass vorhand'n sei in an Haus, sinscht is koa Glück it dabei.« - »Dös
is amal wahr.«
    »Und bal mi a Religion hot, na gibt mi an arma Mensch'n wos, der wo a tote
Schwesta in Ehr'n halt und fleissi bet' dafür.«
    »Sell is g'wiss, Asamin.«
    Noch manches gute Wort der Frommen wurde übertönt von stampfenden Füssen.
Drei Paar lederne Strümpf,
Und zwoa dazua san fünf,
Hot ma mei Vata a Kart'n kafft,
San nix wia lauta Trümpf.
    Die rindsledernen Stiefel wurden gar ausgelassen, und die Röcke schlugen an
runde Waden bis tief in die Nacht hinein. Am Ehrentisch war es leer geworden;
die Brautleute hatte man schon lange mit schmetternder Musik hinausgeblasen, die
Eltern des Bräutigams und fast alle Verwandten hatten sich auf den Heimweg
gemacht, da legte sich der Schormayer müd in den Tisch hinein und schlief, bis
ihn der Wirt aufrüttelte.
    »He! Schormoar!«
    »Mei Ruah lass ma!«
    »Wach auf! Du werst hoam woll'n!«
    Der Schormayer schaute mit blinzelnden Augen über die leeren Stühle hin.
    »Ja no, fahr ma halt hoam! Da Lenz soll ei'spanna.«
    »Der is scho lang furt.«
    »Furt? Ah so! Nacha spannst halt du ei!«
    Schläfrig erhob er sich und ging mit unsicheren Schritten über die Stiege
hinunter. Neben der Haustüre lehnte er sich an die Wand; der Kopf fiel ihm nach
vorne, und die Arme liess er schlaff herunterhängen, bis ihn der Hausknecht zum
Wagen führte und ihn hinaufschob. Er drückte sich in die Ecke und liess den
Bräundl nach seinem Willen gehen, bergauf und bergab, und im langsamsten
Schritt.
    Ein zorniger Föhnwind heulte hinter dem Wagen her und stürzte sich wütend in
die Bäume, die am Wegrande standen; der Schormayer hörte ihn nicht, und der Gaul
ging mit flatternder Mähne ruhig fürbass.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
»Dei Vata is schö' vo da Hozet hoamkemma«, sagte Christl, der neue Knecht vom
Schormayer, ein rotaariger, aufgeschossener Bursche, in dessen sommersprossigem
Gesicht ein paar freche Augen sassen. »I hon eahm im Wagl drin aufwecka müass'n.«
    Lenz gab keine Antwort; er putzte an einem Rossgeschirr herum, bloss um irgend
etwas zu tun; es hätte Arbeit auf dem Feld draussen gegeben aber es hielt ihn
etwas daheim, und er schickten nun den Knecht hinaus und war erst recht
missmutig, dass er im Hof die Zeit vertragen sollte. - Aber hatte er überhaupt
noch etwas zu arbeiten?
    »Wos is?« fragte er nun den Knecht, der fortgeredet hatte.
    »Lacha hon i müass'n, wia'r i an Bauern g'fund'n ho. I hon an Gaul g'hört
und mach 's Tor auf, do steht 's Wagl drauss'n, und da Bräunl scharrt mit 'n
Huaf, und na hör' i schnarcha, und wia'r i nachschaug, flackt dei Vata im Wagl
und schlaft. Der waar jetza no it aufg'wacht.«
    »Schleun di a weng, dass d' mit n' Dunga aussi fahrst!«
    »I spann glei ei. Woasst, na hon i dein Vata aufg'weckt und hon eahm ins Haus
umig'führt, und na hon i an Schlüss'l g'sucht, aba dawei is scho enka Hauserin
kemma und hot an Bauern einizarrt.«
    »Wos für a Hauserin?« - »De Zenzi halt.«
    »Is de vielleicht insa Hauserin?«
    »Vo mir aus is s', wos mog. I vazähl bloss, dass s' aufg'macht hot, und sie
bringt 'n scho in d' Stub'n, hat s' g'sagt, und hoffentli hot eahm de Kält'n it
g'schadt. Sie werd' eahm nacha scho aufg'warmt hamm.«
    Christl hatte ein schmutziges Lachen in den Mundwinkeln, wie er das sagte.
    »Mach amal, dass d' weita kimmscht mit 'n Fuhrwerk!« befahl der Lenz barsch
und liess den Knecht stehen.
    Er war müde und abgeschlagen und wurde nicht fertig mit dem, was ihm gestern
geschehen war. Vor allen bekannten und fremden Leuten hatte ihm der Vater
Feindschaft angesagt, und aus jedem Wort war es nicht bloss für ihn deutlich zu
hören gewesen, dass es aus sei zwischen ihnen; und die Hoffnungen, die schon so
gewiss waren, dass er sie mit Händen hätte greifen können, hatten keinen Boden
mehr. In einem kurzen halben Jahr war alles verändert. Warum? Das konnte ihm
doch niemand weismachen, dass es von dem selbigen Streit herkam! Ein paar heftige
Worte, wie sie anderswo genug fallen, die hatten das nicht gemacht. Aber er
hatte es ja deutlich genug sehen müssen, wie der Vater von einem Tag zum andern
gehässiger auf ihn wurde; und da war jemand dahinter; ja, ganz gewiss war eines
dahinter und hetzte und schürte. Und niemand anders wie das verfluchte
Weibsbild, das sich an den Alten hingemacht hatte, schon den allerersten Tag,
nachdem die Mutter aus dem Haus war.
    Die verstand es! Ganz fein ging sie es an und schob sich heimlich auf den
Ehrenplatz im Hause. Dass es die Ursula nicht wahr haben wollte und das nicht
sah, was doch so deutlich war! Die hatte halt mit Ruhe wegkommen wollen, weil
sei es doch nicht ändern konnte; und jetzt war vielleicht an ihm die Reihe, zu
gehen, aber anders: in Feindschaft und Hass.
    Lenz wischte sich über die Stirne; der Schweiss stand ihm darauf. Herrgott!
Wenn er 's überdachte, - das konnte ja gar nicht sein, dass ihn der Vater wegen
der hinausjagte, und alle Leute müssten auf seiner Seite stehen und es dem Alten
sagen, was es für ein Unrecht sei.
    Vielleicht, wenn er selber mit ihm reden würde, ganz ruhig, und würde es ihm
vor Augen stellen, dass es die Jahre her nie etwas gebraucht hätte zwischen
ihnen, und dass die Mutter verstorben sei im festen Glauben, dass ihr Sohn einmal
das Sach in Händen haben werde, und dass jetzt eine fremde Person ihm Lügen
erzähle, damit sie ihren Vorteil davon habe, dann müsste doch der Vater auf das
Rechte kommen.
    Und das sollte nun gleich sein und nicht aufgeschoben werden, denn der
Zustand war nicht mehr zum Aushalten. Wie ein Knecht herumstehen, dem man das
Davonjagen angetragen hat, und der nicht weiss, ob es noch der Mühe wert tut,
eine neue Arbeit anzufangen, das war das allerschlechteste.
    Dem Lenz war sonderbar zumut, wie er sich auf den schweren Weg machte. Es
war ihm, als sei er über Nacht fremd geworden daheim, als gingen ihm die
altvertrauten Dinge, die er um sich herum sah, nichts mehr an, oder als müsste er
von neuem ein Recht darauf suchen.
    Zögernd trat er ins Haus. Im Flötz stand Zenzi vor einem offenen Schrank und
kramte in der Wäsche herum. Oft hatte Lenz seiner Mutter zugeschaut, wenn sie
die sauber gewickelten Leinwandrollen umschichtete oder ein weisses Linnen
zusammenlegte und mit der Hand sorgsam glättete; und von klein auf hatte er
Respekt gehabt vor diesem bunt bemalten Kasten, über den die Mutter eifersüchtig
wachte.
    Jetzt langte das Weibsbild mit frechen Händen hinein und warf die alte
Ordnung über den Haufen. Er gab ihm seinen Gruss nicht zurück, und wie es fragte,
ob er zum Vater hinein wolle, hörte er nicht und ging ohne Antwort in die Stube.
    Da setzte er sich an den Tisch und überlegte sich, wie er am besten seine
Rede anfangen könne.
    Wenn der Alte im Stuhl sitzen würde, ihm gegenüber, und er würde dann sagen:
»Schau, Vata, des sell hat jetzt koan Wert gar it, dass mir da aufanand hässlich
san. Also, net wahr? Jetzt hamm ma so lang mitanand g'haust, und z'weg'n wos
soll'n denn nacha mir auf oamal z'kriagt sei? I tua mei Sach', und du werscht
g'wiss it sag'n kinna, dass i net gern arbet, und du muasst it sag'n dass mir d'
Zung aussahängt vo lauta Gier nach 'n Sach. Dass i gern auf 'n Hof kam, dös sell
is amal g'wiss, und weil mi aa gar nia was andersts g'wisst hot, und weil dös aa
da Brauch is, dass mi 's Sach' vo de Eltern kriagt, und hot mi aa seine bescht'n
Johr' dahoam zuag'setzt, durch dös, dass ma 's gar it anderst g'moant hot, aba
desweg'n is durchaus it da Fall, dass i di mit G'walt weg hamm möcht', oda dass i
dir dei G'sundheit it vagunn, und bal's du wos sogscht, nacha muass dir dös wer
anderna ei'g'red't hamm, und dös is amal frech g'log'n von dera
Herrgottsaggerament ...«
    Lenz redete immer lauter in seiner Erregung und schlug mit der Hand auf den
Tisch.
    Da hörte er in der Nebenkammer husten und räuspern und gleich darauf den
Vater rufen:
    »Wer red't denn da draussd?«
    »I bin 's, Vata.«
    »Mit wem streit'st denn?«
    »I ho g'rad a so für mi hi'g'redt.«
    »So? Sag' der andern, sie soll an Kaffee in d' Stub'n bringa.«
    »I hätt' nacha aa mit dir wos z' red'n.«
    »Wos denn?«
    »Z'weg'n da Arbet, und a so halt.«
    »Do bin i gar it aufg'legt dazua; dös sogscht d' ma spata.«
    »Wann nacha?«
    »Dös wer'n ma scho sehg'n; aber jetz lass mir mei Ruah!«
    »Sollt' i in a Stund wieda kemma?«
    »Na, sog i. Du werst scho wart'n kinna!«
    Mit der Rede war es vorläufig nichts, und Lenz ging verdrossen aus der
Stube.
    Er sah Zenzi in der Küche arbeiten und sagte, so grob er s' herausbrachte,
zur halbgeöffneten Türe hinein:
    »An Kaffee sollscht d' eahm bringa!«
    Das Frauenzimmer war in seiner wichtigen Stellung mitteilsam geworden und
rumorte mit der ungewohnten Arbeit mehr im Hause herum, als gerade notwendig
war. Und jetzt wollte es auch arglos sich vor dem Sohn ein wenig prahlen und
geschäftig zeigen.
    »Hoscht d' an Vata aufg'weckt? Dös hättst it toa soll'n.«
    »Hätt' i di frag'n müass'n?«
    »Na, aba weil a halt so spat hoam kemma is, und i ho scho a weng Angst
g'habt, dass a si wos to hot, weil a no im Wagl draussd g'schlafa hot, und i hon
an aa so lang it g'hört, bis da Christl nacha aussi is ...«
    Lenz unterbrach die gesprächige Person, die er mit zugekniffenen Augen
feindlich ansah.
    »Du! Gel, du bild'st da wos ei? Aba dös is no lang it da Fall! Vastehst d'
mi?«
    Nein, die Zenzi verstand ihn und seinen Hass wirklich nicht.
    »Wos tat i mir ei'bild'n?«
    »Dös, was nia werd. Gar nia! Für dös steh da'r i guat, du Schlamp'n, du
vadächtiga!«
    Und da war er weg und liess das Weibsbild in wirklicher Traurigkeit zurück;
denn es schmerzt, mit einem friedfertigen Sinn und der allerbesten Meinung einen
solchen Schlag auf den Kopf zu kriegen. Man grübelt darüber nach, und weil man
keinen Grund zu dieser besonderen Roheit finden kann, glaubt man bald an die
Schlechtigkeit der Welt oder daran, dass man sterbensverlassen der Gegenstand des
allgemeinen Unwillens ist. Und hernach steht das hilflose Weibsbild mit
tränenden Augen am Herd und wischt sich mit russigen Fingern übers Maul und
schaut aus wie ein Haufen Unglück.
    »Wos feit denn dir?« fragte der Schormayer, wie ihm Zenzi mit stillem
Schmerz den Kaffee hinstellte.
    »Nix«, sagte sie.
    »Weg'n nix werst d' na do it trenz'n?«
    »Mi feit nix.«
    »Vo mir aus! I brauch 's it z' wiss'n.«
    Sie zog die Türe still hinter sich zu; und in dem Gefühl, das unschuldigste
Opfer einer ganz abscheulichen Grobheit gewesen zu sein, tröstete sie sich nach
und nach.
    Der Schormayer löffelte im dumpfen Bewusstsein, dass hier wieder einmal eine
Ursache zum Ärger vorhanden sein könnte, seinen Kaffee aus.
    »Der werd all Tag bessa,« sagte er vor sich hin, »mit alle Leut is er
saugrob, und mir schneid't er a G'sicht hi' wia neun Tag Reg'nwetta. An
Hansgirgl hat a vatrieb'n, de ander trenzt im Haus umanand, und nacha wer i
dro'kemma. Bal's d' di no it schneid'st, du Grobian, du haglbuachana!«
    Wenn es einmal so weit ist, dass sich zwei Leute, die zueinander gehören
nicht mehr verstehen, dann helfen die besten Meinungen nichts. Lenz hatte mit
sich selber eine grosse Erbarmnis, dass ihm sein anerkennenswerter Versuch
sogleich misslungen war, und in der dummen Geschäftigkeit der Zenzi sah er nichts
als wohl angelegte Boshaftigkeit.
    Und da er seinen Charakter behaupten und keine Arbeit angreifen wollte vor
der Unterredung mit dem Alten, ging er am frühen Vormittag ins Wirtshaus. Als
einziger Gast an diesem föhnwarmen Werktag, der jeden Pflug auf den Acker rief,
erregte er das gerechte Aufsahn der Wirtin, und sie setzte sich mit einem
dicken Knäuel Wolle neben ihn und hub ein Stricken und Fragen an, dass es dem
verdrossenen Menschen zu eng in seiner Haut ward. Er gab mürrische Antworten,
und gab keine Antworten; aber das war für die kluge Frau erst der rechte
Ansporn, von allen Seiten und hinten herum anzugreifen, denn das war doch einmal
nicht natürlich, dass der Schormayer-Lenz nach der gestrigen Hochzeit mit einem
solchen Gesicht herumging; und da war irgend etwas geschehen, was sich aus einer
halben Antwort auf drei Fragen am Ende schon erraten liess.
    Ausserdem war ja die Unterwirtin nicht gerade auf den Kopf gefallen, hatte
auch schon einiges läuten hören und wusste deswegen, wo sie das Brett lupfen
musste, um auf den Boden zu sehen.
    Nach einigen Stunden wusste sie ungefähr, wie der Lenz über die Verhältnisse
daheim gesonnen war, und wusste gewiss, dass er acht Halbe abgestandenes Bier
getrunken hatte.
    Beim Schormayer daheim war die Stimmung auch nicht viel schöner. Als er sah,
dass die Pferde müssig im Stall standen, wurde er verdriesslich; und wie der
Christl heimkam und sagte, dass weiter nichts angeschafft sei für den Tag, merkte
er gut, dass ihm der Lenz trotzen wolle. Beim Mittagessen wollte er ihn schon zur
Rede stellen, ob das eine Manier sei, am schönsten Tag alles liegen und stehen
zu lassen; aber der Lenz blieb aus, und der Schormayer musste seinen Ärger
aufsparen.
    Es kam auch gleich ein neuer hinzu, wie er seine Kommandogewalt ausübte und
dem Christl befahl, noch diesen selbigen Nachmittag nach dem Scharrerwinkel
auszurücken und frischweg draufloszuackern. Ja, das ginge nicht! Der eine Pflug
sei noch beim Schmied, und bei dem andern müsse auch erst das Streichbrett
gerichtet werden.
    Kreuzteufel! Ob da keine Zeit dazu gewesen wäre den ganzen Winter? Und
jetzt, wo jeder Nachbar auf dem Feld sei, dächte man erst daran, das Zeug
herzurichten?
    Es war gut, dass der Schormayer wieder einmal selber zum Rechten schaute, und
er machte sich auch gleich auf den Weg in die Schmiede. Bei der ersten
Strassenbiegung wäre er beinahe an seinen Sohn hingerumpelt, der im eifrigen
Selbstgespräch um die Ecke kam.
    Oha!
    Der Lenz schaute seinem Vater, der an ihm vorbeiging, verblüfft nach und
richtete erst einmal seine Gedanken auf, die ein wenig übers Kreuz stolperten.
Dann lief er dem Alten nach und pfiff ihm.
    »Halt a wengl! Vata!«
    Der Schormayer blieb stehen.
    »Dös is grad recht, dass i di siech,« sagte der Lenz, »und jetzt möcht i amal
wiss'n, wann mir mit anand z' red'n kemman.«
    »Vielleicht spata, wann's d' nimma b'suffa bischt.«
    »Wo bin i b'suffa?«
    »Na, gar it! Stinkst auf drei Schritt nach 'n Bier.«
    »Dös is it wahr!«
    »I streit vielleicht mit dir auf da Strass'n? Mach', dass d' hoam kimmscht,
und schlaf dein Rausch aus! Dös is schö, beim bescht'n Wetta blitz'n und in
Wirtshaus hocka, wia'r a Handswerksbursch!«
    Lenz schaute den Vater mit aufgerissenen Augen an, und plötzlich liefen ihm
die Tränen die Backen herunter.
    »Du ... du willscht mi ja it arbet'n lass'n, und hoscht ma 's vor alle Leut
g'sagt, dass i a ... a Lapp bi, hoscht g'sogt ...«
    »Geh jetzt zua, und scham di! I red' da nix mehr.«
    Der Schormayer ging weg und schaute sich um, ob niemand sie beobachtet habe.
    Das war noch das allerschönste! Mit einem Rausch am hellichten Werktag
durchs Dorf gehen und mitten am Weg einen Streit anfangen. Und doch tat ihm der
Bursch wieder leid, dass er sich aufführte wie einer, der ganz aus dem Geleise
geworfen war; und es war etwas in seiner Stimme, und auch, wie er so zu weinen
anfing, was ihn unruhig machte.
    Er drehte sich um und sah, dass der Lenz noch immer auf dem gleichen Fleck
stand und ihm nachstierte. Das ärgerte ihn wieder, und er brummte im Gehen: »De
b'suffene Sau!«
    Lenz ging mit zögernden Schritten heim; aber bevor er an den Hof kam, packte
ihn die Scheu, geradeswegs hineinzugehen, und er schlich hinter den Stallungen
vorbei in die Wagenremise. Hier setzte er sich auf eine alte Kiste und brütete
lange vor sich hin.
    Es war ihm zumute, als wenn er nicht mehr auf das Anwesen gehörte, und als
wenn hier feindselige und fremde Menschen das Recht hätten, ihn fortzuweisen.
Draussen rieselte in allen Furchen das Schneewasser, und starker Erdgeruch drang
zu ihm herein. Er frischte ihn nicht auf, sondern machte ihn müde und schläfrig.
Von der Dachrinne tropfte es in regelmässigen Pausen, und es war wie eine
eintönige Musik zu seinen wirren Gedanken.
    Es fiel ihm nur immer wieder ein, dass ihn der Vater zum zweitenmal
abgewiesen hatte.
    »Er mag it red'n, sagt a. In da Fruah is eahm it recht g'wen, jetzt is eahm
it recht g'wen; i bi' neamd mehr dahoam.«
    Der Kopf sank ihm tiefer, und er schlief ein.
    Erst nach etlichen Stunden wachte er auf und fuhr fröstelnd zusammen; als
die Sonne hinter den Hügeln verschwand, blies eine kalte Luft über die Felder.
    Lenz musste sich erst besinnen, wie er da in sein Versteck hereingekommen
war; und alles, an was er sich erinnerte, machte ihn zornig gegen sich und die
andern. Einen Tag so dumm verhockt und verfaulenzt, bloss weil er in der Frühe
nicht hatte reden dürfen!
    Aber jetzt wollte er's herunter haben, was ihn drückte; und, gern oder
ungern, der Alte sollte ihn heute noch anhören. Er wollte sich nicht mehr
abweisen lassen wie ein Bettelmann, dem man die Tür vor der Nase zuschlägt, und
vielleicht morgen wieder ums Haus herumschleichen und warten aufs gnädige Gehör.
Am End hatte er doch auch ein Recht, das er behaupten konnte.
    Er horchte. Im Hof klangen Schritte, und dann hörte er den Vater rufen:
»Chrischtl! Woasst du aa nix, wo da Lenz is?«
    »Na; i hon an den ganz'n Tag it g'sehg'n.«
    Lenz schlich zur Remise hinaus, ging um die Stallung herum und kam nun mit
festen Schritten auf das Haus zu.
    »Bischt du amal dahoam?« fragte ihn der Schormayer, als sie nun in der Stube
einander gegenüberstanden. »Hoscht dein Rausch ausg'schlaffa?« - »I woass nix von
an Rausch.«
    »No, da red'n ma'r it lang drüba. Aba dös sell sagst d' ma vielleicht, wos
dir du ei'bild'st? Selm nix arbet'n, an Knecht nix o'schaff'n, 's Zeug net
beinand hamm, dass mi zuaschaug'n muass, wia d' Nachbarn aufs Feld aussifahr'n -
werd dös de neu Modi auf mein Hof?«
    »Da bischt du schuld, Vata.«
    »I?«
    »Vielleicht woasst du dös nimma, was d' ma du geschtan g'sogt hoscht vor alle
Leut?«
    »Und desweg'n saufst du heut umanand?«
    »Wann du sogscht, dass i für nix bin!«
    »I wer schon wiss'n, wos i sog'n derf; und di wer i no kaam frag'n müass'n.
Und moanst du ...«
    »Du derfst aa it all's sag'n ...«
    »Lass mi ausred'n, gel! Muass i no freundli sei, wann d' ma du an Knecht
vatreibst, der neun Johr bei mir g'wen is?«
    »I hab an Hansgirgl it vatrieb'n.«
    »Na, du bischt ganz unschuldi. Dem is vo selm ei'g'fall'n, dass a ganga is.«
    »Bal a g'sagt hot, dass 'n i vatrieb'n ho, na lüagt a. Soll a hergeh', und
soll ma dös in 's G'sicht eini sag'n, bal a ko. Der Leutverhetza!«
    »Der hot it g'hetzt und hot nix g'sagt. Aba gar so alt und so dumm, wia's d'
mi du gern hätt'scht, bin i halt no net, und sehg'n tua'r i aa no, und durch dös
woass i, dass da Hansgirgl bloss weg'n deine ganga is.«
    »Ander Leut sehg'n aa, Vata, und kinnan glaab'n, dass da Hansgirgl weg'n wos
andern nimma bleib'n hot mög'n.«
    »Weg'n wos?«
    Lenz zuckte die Achseln.
    »Allssammete passt it an jed'n.«
    Der Schormayer hatte in Erinnerung an den Nachmittag ruhiger geredet, aber
jetzt fuhr er wieder zornig auf.
    »Wann du wos zum sag'n hoscht, nacha kimm net vo hint' uma, und bring' dei
Sach für! De vasteckt'n G'schicht'n hamm bei mir gar koan Wert.«
    »Es is it leicht, vo so was red'n.«
    »Na muasst d' gar nix sag'n, aba so hoamli muasst d' as it o'bringa woll'n.«
    Lenz gab sich einen Ruck und sagte dann, indem er es vermied, den Vater
anzuschauen. »Es is wohr! Amal muass g'redt wer'n, und i bi ja desweg'n kemma.«
    »No aussa damit!«
    Der Schormayer stellte sich ans Fenster mit dem Rücken gegen seinen Sohn,
und so war der eher imstand, alles vorzubringen, was er sich die langen Tage her
ausgedacht hatte.
    »Siehgst d', Vata, a so geht 's nimma um. D' Leut veracht'n ins ...«
    »Wen?«
    »Ins all mitanand, weil ... weil ...«
    »Red no weita!«
    »Weil 's amal a Schand is, und so dumm san d' Leut it, dass s' dös it mirka,
z'weg'n was d' Zenzi üba Liachtmess bleib'n hot derfa ...«
    »Wos is denn dei Meinung, z'weg'n wos de bleib'n hot derf'n?«
    Lenz stockte und wandte den Kopf nach rechts und links und zog sich den
Hemdkragen weiter und sagte dann:
    »No ja! Z'weg'n dem halt ...«
    »Dass du gar so g'schamig bischt, und sagscht zu mir it dös nämli, wia zu de
Leut?«
    »I ho no nia wos g'redt üba dös.«
    »Woher woasst na du, dass a G'redt umgeht?«
    »Dös sag'n oan' d' Leut, ohne dass mi fragt.«
    »No also, wos sag'n s' denn?«
    »Dass ... dass du 's hoscht mit da Zenzi.«
    »Und du glaabst dös aa?«
    Lenz zuckte die Achseln.
    »I muass scho glaab'n. Du hoscht d' as ja it g'laugn't, wia dir 's d'
Urschula fürg'hebt hot!«
    »Na, i ho 's it g'laugn't.«
    »Is dös na koa Schand it, dass du so oane im Haus haltst?«
    »I halt s' net z'weg'n dem. Ja, da muasst du it lacha! Dös steht dir gar it
o, dass d' mi du o'bleckst!«
    »Da soll ma'r it lacha. Oamal hoscht d' as, und 's andermal hoscht d' as
it!«
    »Bal mir mit anand red'n soll'n, tua mi net Lüag'n straffa. Sinscht hamm ma
glei ausg'redt!«
    »Ja no, na hör i halt nimma richti.«
    »Wiss'n tuast d' nix, und ei'bild'n tuast da z' vui!«
    »Wos is da no zu'n ei'bild'n?«
    »I sag da jetz dös, und du ko'scht glaab'n oda it, dös is dei Sach: i ho
oamal im Rausch a Dummheit g'macht, und es ko sei, dass 's mi danach net g'freut
hot. Üba dös gib i dir koa Rech'nschaft; aba mit dem oanmal is 's aus g'wen.«
    »Dös lasst si denga!«
    »Du brauchst as net glaab'n, und brauchst net so zahna!«
    »Für so dumm muasst d' mi na do scho it o'schaug'n! Z'weg'n wos hättscht du
nacha dös Mensch als Köchin her to und hoscht d' as üba Liachtmess g'halt'n?«
    »Dös hat an andern Grund.«
    »Aha!«
    »Gar nix aha! Weil 's mi g'freut hot, hab i s' g'halt'n; weil 's mi g'freut
hot, is s' in da Kuch'l; und bal 's mi freut, nacha geht s'.«
    »Und weil 's di g'freut hot, bischt d' mit ihr im Holz draussd z'sammkemma.«
    »Bischt du dös inne wor'n? Do schaug her! Hon i an Schpion im Haus!«
    »Dös hamm scho d' Holzknecht vazählt und hamm di brav dableckt.«
    »Fremde Leut kon i 's net vabiat'n, aba du reisst 's Mäu it auf geg'n meina!«
    »I sag da 's g'rad, dass d' siehgst, wia'r i all's woass.«
    »An Dreck woasst!«
    »Ja, dreckig is 's, do hoscht recht!«
    »Ah! Bischt du a Pfarra dazua zu'n Schpion?«
    »Du muasst ma'r it all's sag'n, Vata! Mi geht 's a so durch 'n Kopf, dass i mi
nimma auskenn!«
    »Bischt d' vielleicht no bsuffa?«
    »Na! Bsuffa bin i gar it! I woass grad, dass dös nimma sei derf, dass du a
Luadaleb'n führscht mit dem Schlamp'n, und i leid 's nimma!«
    »Kimmscht wieda mit de Schandarm?«
    »I brauch koan. I wer scho selm firti mit dem Hadern!«
    »Trau da! Du Lausbua, du nixiga! Rühr g'rad an Finga, sag i, und du flackst
draussd auf da Strass'n!«
    »Dös sogscht du zu mir? Und tatst dir it Sünd'n fercht'n? Und tatst 's
O'denk'n it fercht'n vo da Muatta?«
    »De müasst si z'erscht schama mit dir, du Tagdiab!«
    »I kunnt dir aa Nama geb'n, Vata!«
    »Gib s'! Scheuch di net lang! Und weil's d' ma so kimmscht, sag i dir wos! I
mog di nimma! Scho lang mag i di nimma, weil i di kenna g'lernt hob! Du tatst
oan' mit Füass'n tret'n, wann's d' kunntst und an Herrn spiel'n derfast. Aba du!
Du hoscht di g'schnitt'n! Da Herr bischt net und werst net! Du bischt grad da
Hanswurscht do herin!«
    Sinnlos vor Wut, die ihm die Augen verdunkelte, trat Lenz auf seinen Vater
zu und packte ihn an der Brust.
    Der riss sich heftig los und wich einen Schritt zurück und schrie mit
gellender Stimme:
    »Oho! Bürschei! An Vata o'greif'n! San ma scho so weit? Du Hund!«
    Lenz griff sich an den Kopf. Der Atem ging ihm schwer.
    »Schimpf zua!« sagte er dumpf.
    »I schimpf di nimma. Mit ins zwoa is 's aus. Suach da'r an Plotz und geh, je
eh'nder, desto liaba! I will di nimma sehg'n.«
    »So hat 's ausgeh' müass'n, dass ma sei eigen's Kind vajagt!«
    »A sellas, dös sein Vata schlag'n möcht!«
    »I hab nimma g'wisst, wos i tua.«
    »Na b'sinn di bei fremde Leut; und weil's d' so guat predinga koscht, richt
d' a'r amal dös z'samm, wos in viert'n Gebot steht!«
    Lenz ging mit käsweissem Gesicht an die Türe; seine Lippen waren blass, als
wäre kein Tropfen Blut mehr in ihm.
    Keuchend fragte er noch einmal:
    »Is dös dei letzt's Wort, dass i koa Hoamat nimma hab?«
    »Mei letzt's Wort!«
    »Dass i Platz macha muass für de? Für de da draussd?«
    »Fangst d' wieda o?« schrie der Schormayer und ging mit schnellen Schritten
in seine Kammer und schlug die Türe hinter sich zu.
    Lenz blieb ein weniges stehen, als wartete er auf ein versöhnendes Wort.
    Aber es blieb still.
    Und da schlich er zum Hause hinaus.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Es war an Kunigund, den 3. März, und ein Tag, so fein wie Seide, warm und
sonnig. Über die Berge, die ganz ferne wie weisse Streifen die Ebene abgrenzten,
war der Frühling gekommen und schritt über die braunen Moore die dunkeln Äcker
her. Der Schormayer trat unter die Türe und atmete mit vollen Zügen die
Morgenluft ein.
    Eine lange Nacht lag hinter ihm, in der er wenig geschlafen hatte. Zornige
Gedanken, schlechte und gute Gedanken hatten ihn wach gehalten, und zuletzt
hatte er doch den Weg gefunden, den er gehen musste.
    So viel er dagegen suchen mochte, stellte sich doch immer klarer die Mahnung
vor ihn hin, dass es den ganzen Verdruss nicht gebraucht hätte, wenn er von Anfang
beim Rechten geblieben wäre.
    Alles hätte sich vernünftig und redlich schichten lassen. Und war der Fehler
auch nicht gar zu gross gewesen, so wuchs er doch jetzt mächtig an und bedrohte
sein Hauswesen und seine Ehrbarkeit mit grossem Schaden.
    Das war ja unmöglich, dass er alle Fäden zerschneiden sollte, die ihn an der
Vergangenheit festielten.
    Die Erinnerung wurde in ihm lebendig, wie er die ersten Jahre mit seiner
Bäuerin gehaust hatte, wie dann die Kinder kamen und als fröhliche Hoffnungen
heranwuchsen, die Erinnerung an das Siechtum der armen Frau, an manchen Blick,
der eine Bitte gewesen war, an den letzten Händedruck, der als treues
Versprechen hatte gelten müssen. Und jetzt sollte er das alles wegwerfen und
vergessen; und jetzt, wo er zu altern anfing, sollte er den Versuch machen, eine
neue Zukunft zu gründen?
    Das war ja dumm! Das konnte sich einer bloss im Zorn auf eine kleine Weile
einbilden. In Ehrbarkeit die letzten Jahre leben und bei der alten Sitte
bleiben, darin lag Vernunft; und bloss das konnte ihm Ruhe und Glück versprechen.
Und wegen was sich Unrast auflegen und Feindseligkeit und Missachtung?
    Er dachte doch in seinem Herzen nicht daran, auf die Freite zu gehen; und
nicht eine halte Stunde weit hätte ihn die Lust getrieben, sich ein Weibsbild
daraufhin anzuschauen.
    Selbst wenn er frei von allen Pflichten gewesen wäre, hätte er lieber als
Wittiber fortgehaust, als wie in diese zweifelhafte Lotterie gesetzt. So was
sagt man nur und tut es nicht. Und gar in seinen Umständen! Mit den erwachsenen
Kindern uneins werden, ihre bitterste Feindschaft erregen, die ganze
Verwandtschaft rundum in Bewegung setzen!
    Und alles fürs Ungewisse?
    Noch einmal: das war unnützes Zeug und war so schnell vergessen, wie es
gesagt war. Aber noch ein paar Jahre neben dem Lenz hausen und dermaleinst einen
vernünftigen Austrag machen und die müden Füsse in Behagen ausstrecken und mit
Zufriedenheit zurückschauen auf vergangene Mühsal, das war gescheit und war der
Brauch.
    Und so wollte er es machen.
    Es war ihm völlig leicht zumut, wie er den Entschluss gefasst hatte.
    Teufel übereinander, er hatte lang genug gebraucht und wüstes Zeug geredet
und gedacht, bis er so weit war.
    Aber nun war's vergangen, und mit dem Lenz wollte er bald übereins kommen.
    Der würde Augen machen nach dem gestrigen Verdruss!
    Und wenn man's recht bedachte, war der Schaden nicht so gross für später,
wenn der heftige Mensch gesehen hatte, dass der Alte auch noch auf seinen Füssen
stand.
    Freilich, dass der Bursch seine Ruhe so ganz verloren hatte und ausser Rand
und Band geraden war, das lag nicht bloss an ihm.
    Und brauchte es gute Worte, um wieder ins alte Gleichmass zu kommen, so
wollte er sie suchen und finden.
    Und hernach war es auch nicht übel, wenn er in Güte ihm das noch zusichern
konnte, dass das Weibergeschwätz über ihn und die Zenzi schiech übertrieben war.
    »Heda! Du!«
    Er schrie dem Knecht, der einen Gaul aus dem Stall führte.
    »Guat' Morg'n, Baua!«
    »Is da Lenz no drin?«
    »Wo drin?«
    »Ob a im Stall is, frag i.«
    »Na. Er is übahaupts it drin g'wen.«
    Christl schaute den Schormayer lauernd an, in Hoffnung auf ein paar
Hindeutungen.
    Er hatte gestern wohl etwas von dem Lärm in der Stube gehört, aber leider zu
wenig.
    Aber er täuschte sich in seinen Erwartungen. Der Schormayer blieb
gleichmütig und sagte:
    »Na is a vielleicht in alla Fruah scho auf Arnbach umi, wia ma 's ausg'macht
hamm.«
    »Da hätt' i 'en do' sehg'n müass'n.«
    »Du werscht aa it all's sehg'n, bal's d' schlafst; und jetzt roas' aussi in
Scharrerwinkl! I kimm glei nach mit 'n zwoat'n G'spann.«
    »Mir kimmt 's a so für, als wann er gar it in sein Bett g'wen waar!«
    »Herrgott! Kümmer di du um dei Bett, wann d' mit da Arbeit firti bischt! Auf
geht 's, sag i, und a wengl g'schwind!«
    Christl war noch nicht lange aus dem Hof, da hatte der Schormayer schon
seine zwei Bräundl angeschirrt und fuhr mit dem Pflug weg. Einmal fest
geschnalzt und noch einmal! Es war schon ein Staat, zum erstenmal wieder
hinausziehen hinter dem klirrenden Eisen.
    Eine Amsel flog zwitschernd durch die Stauden hinter einer andern her.
    »So is recht! Treibt 's o fleissi! Es is nimma z' fruah!«
    Beim letzten Haus überkam ihn der Gedanke an den Lenz.
    Hätte er nicht warten sollen und gleich reden? A was! Soll er noch ein paar
Stunden bocken! Vielleicht kam er aufs Feld hinaus; und da hätt man 's gleich am
leichtesten, den ganzen Verdruss zu begraben.
    Wie der Schormayer mit Ross und Pflug einen Hohlweg hinaufschepperte, trat
aus des Zollbrechts Stadel der Lenz heraus und schaute ihm nach.
    Und schaute aus hohlen Augen ihm lange nach.
    Dann, wie einer plötzlichen Eingebung folgend, wandte er sich rasch um und
lief heim zu.
    Der Bursch sah schlecht aus, übernächtig, verstört; die Haare hingen ihm
wirr und ungekämmt in die Stirne herein, und seine Stimme hatte einen heiseren
Klang.
    Im Hof blieb er öfter stehen, als hätte er was zu überlegen, und seine
Blicke hefteten sich auf den Boden, wenn er zögernd weiter schritt. Er schlich
sich in den Viehstall und suchte die Aushelferin, die erst seit etlichen Tagen
eingestanden war.
    Sie sass hinter einer Kuh und melkte, und er trat leise an sie heran.
    »Liesi!«
    Sie fuhr herum und wäre bei seinem Anblick schier noch mehr erschrocken.
    »Bischt du krank?«
    »Na; g'rad a weng hoaser bin i.«
    »Und de Hoor san voll Heu.«
    »Is ma's a Schüppl aufig'fall'n. Pass auf, du sollscht aufs Feld aussigeh.«
    »Wia kon i dös? I muass do melka.«
    »Dös macht scho d' Zenzi. Da Vata hat g'sogt, du muasst glei aussi zu eahm.«
    »Bis an Scharrerwinkl hintri?«
    »Er hat 's amal g'sagt, du muasst unbedingt kemma.«
    »Jetzt kenn i mi gar it aus. Was soll i denn da draussd toa?«
    »Vielleicht muasst d' no wohi' geh. I woass gar nix.«
    »Ja, dass a ma 's it selm g'sogt hot?«
    »Da frogscht mi umasinscht. Er hot ma g'schriean, wia'r a hint aufi is; und,
sogt a, d' Liesi soll in halb'n Stund aussikemma und soll bei'n Wirt a paar
Flasch'n Bier mitnehma.«
    »Vielleicht moant a d' Zenzi?«
    »Na! Bal i dir 's amal sag. Er hot 's no ausdrückli g'sagt, d' Zenzi soll
daweil aushelfa im Stall.«
    »No ja, na geh'n i halt.«
    Da sie gerade mit dem Melken fertig war, stellte sie den Stuhl auf die Seite
und strich den Rock herunter.
    »Dös woass i gar it, was dös is.«
    »Vielleicht hoscht dir eppas z'schuld'n kemma lass'n«, sagte Lenz und ging
ein paar Schritte weg.
    »Da müasst i scho aa wos wiss'n, und dös kunnt ma'r oan' dahoam sog'n!«
    »Tua, was d' mogscht! I ho da 's ausg'richt', und do hoscht 's Geld für 's
Bier. Dös hot a ma no eigens geb'n.«
    »Muass i mitt'n vo da Arbet weg, und 's Bier hätt' da Chrischtl leicht gnua
mitnehma kinna, und ...«
    »Wo san denn de Kaiblstrick?« fragte Lenz kurz.
    »Hinta da Trucha, beim Fenschta.«
    »Ah, da san s' ja; de kunnt ma'r aba bessa aufheb'n.«
    »Brauchst as du?«
    »Na, mi is g'rad ei'g'fall'n, wei' d' Kaibln erscht furtkemma san.«
    Lenz hatte einen von den fettigen, dick gedrehten Stricken genommen und
strich mit der Hand darüber hin.
    Nach einigem Hin- und Herreden war Liesi so weit, dass sie gehen wollte.
    »I muass aba jetzt da Zenzi sag'n, dass d' Scheckin und d' Blass no it g'molka
san.« - »Dös sag scho i.«
    »Aba mirk dir 's: d' Scheckin und d' Blass.«
    »I woass scho; und jetz geh amal zua!«
    Kopfschüttelnd ging die Taglöhnerin weg und drehte sich noch ein paarmal um.
    Was einem alles angeschafft wird!
    Lenz schaute ihr nach; und als sie durchs Tor verschwunden war, lief er mit
langen Sprüngen dem Haus zu.
    Zenzi spülte in der Küche Geschirr ab und verzog das Gesicht, als sie den
Burschen sah. Sie hatte ihm die letzte Grobheit noch nicht vergessen.
    Aber heute redete er freundlich; mit rauher Stimme, die ihm ein paarmal
schier in der Kehle steckenblieb, aber recht freundlich.
    »Du, Zenzi, da Vata hat g'sagt, du sollscht in Stall aussi geh.«
    »Wos tat i denn im Stall?«
    »Ja, woasst d', wei' d' Liesi furt hat müass'n, solltst du aushelfa, und de
Blass is no it g'molka, und g'fuattert is aa no it ...«
    »Dass de vo da Arbeit weglafft?«
    »Sie hot müass'n; bei ihr dahoam is was auskemma, und da Vata hot 's ihr
verlaabt und hot g'sagt, du bischt scho so guat und machst heunt amal firti im
Stall ...«
    »Dass sie nix sagt zu mir?«
    »Vielleicht hot 's a so pressiert ...«
    »Hoscht denn du an Baua no g'sehg'n? Er hot di g'suacht.«
    »I bin grad bei'n Hof eina, wia d' Liesi furt is und er aa; da hot a ma dös
o'g'schafft.«
    »Na wer i halt umi geh' müass'n.«
    »Sie werd da nacha scho aa'r amal an G'fall'n toa; und bal i dir a wengl
helfa ko, hilf i dir gern.«
    »Du?«
    »Warum it? Im Rossstall is nix zu'n Arbet'n, und aufs Feld geh'n i erscht in
an Stund.«
    Der Zenzi kam die Freundlichkeit auffallend vor, aber sie dachte nicht viel
darüber nach und band sich die Schürze ab und ging über den Hof.
    Lenz ging einen Schritt hinter ihr drein.
    Im Stall wollte Zenzi gleich die Blass melken, aber wieder hatte der Bursche
eine freundliche Bitte an sie.
    »Geh, du kunnt'st in d' Tenn aufisteig'n und Heu obaschmeiss'n, na gib i de
Küah vor, wann du melkst.«
    Sie wandte den Kopf nach ihm; in einem halben Jahr hatte er nicht mit ihr
geredet, und ganz gewiss nie ein gutes Wort. Aber Lenz hatte sich umgedreht und
ging langsam den Barren entlang.
    Wenn er freundlich war, konnte er schon einen Grund haben; und es tat ihr
wohl, ihn auch einmal handsam zu finden.
    »Is scho recht,« sagte sie, »i wer' glei drob'n sei.«
    Sie ging zur Türe hinaus, die nach dem Heuboden führte, und stieg die Leiter
hinauf.
    Sowie Lenz allein war, griff er nach der Tasche. Das Seil war darin.
    Mit ein paar Sprüngen war er an der Leiter und kletterte hastig nach.
    Dann kam ein gellender, markerschütternder Schrei, der über den Hof weg
klang und einen Flug Tauben aufscheuchte.
    Und ein paar gurgelnde Laute.
    Und dann war es still.
    Kurze Zeit später schlich Lenz aus dem Stall, horchte, sah sich um und
horchte wieder.
    Und dann lief er zum Brunnen und pumpte und wusch sich die Hände.
    Und wusch sich in fieberiger Hast die Hände.
    Am Scharrerwinkel hatte der Schormayer erst etlichemal gewendet; und wie er
wieder auf der Höhe des ansteigenden Ackers angelangt war, musste er sich
verschnaufen, denn bei der ersten Arbeit wird einer gern kurzatmig.
    Wohlgefällig sah er, wie in dem prallen Sonnenschein alle Ackerkrummen
aufweichten, und wie sich förmlich sichtbar überall das neue Leben regte,
während in einer schattigen Waldecke Schnee und Eis noch den Platz halten
wollten. Er setzte sich auf einen Ranken und indes er den Hut abnahm, schaute er
fröhlich gegen Kollbach hinunter auf die breiten Dächer seiner Scheunen und
Ställe.
    Da drunten sollte nun wieder nach dem faulen Winter der rührigste Fleiss
obenauf kommen, und Ordnung.
    Ja, Ordnung, die er heute schon in sich selber geschaffen hatte, und mit ihr
auch wieder die Lustigkeit. Denn eigentlich war es doch ein jämmerliches Ding um
das versteckte Streiten, wenn kein Gruss mehr galt und jedes Wort einen
Widerhaken hatte.
    Aber jetzt konnte es anders werden unter den grauen Schindeln, die sich in
der Wärme zu strecken schienen.
    »Hoppla! Was hamm denn de Taub'n?«
    Er sah den Schwarm aufsteigen und über die Häuser wegflattern.
    Als wenn eine Katze drein gesprungen wäre.
    Ihre weissen Federn glitzerten in der Sonne, und sie strichen weit hinaus in
die Felder und wollten lange nicht zur Ruhe kommen.
    Jetzt sah er unten ein Weibsbild auf dem Feldweg mit eiligen Schritten
gehen.
    Sein rotes Kopftuch leuchtete wie Feuer.
    Wahrscheinlich eine Magd aus dem Dorfe, die was zu bringen hatte. Und Leute
gab es ja genug rundum auf allen Äckern; überall sah man Gespanne bergauf und
bergab wandeln, und auf allen Seiten blitzten weisse Hemdärmel und flatterten im
Frühlingswind.
    Das war ein anheimelndes Bild vom Wiederaufwachen der Arbeit.
    Jetzt kam die Weibsperson näher heran und winkte herauf.
    Ging ihn das an?
    Doch wohl nicht; aber sie nahm den Weg gerade zu ihm her.
    Der Schormayer stand auf und wollte den Pflug aus der Furche heben, da hörte
er seinen Namen rufen.
    Er hielt ein und schaute noch einmal schärfer hin, und dann ging er dem
Frauenzimmer entgegen.
    Die Liesi war's.
    Schon auf zehn Schritte rief er sie an:
    »Wos willscht ma denn du?«
    »I will da nix, aba was willscht denn du?«
    »Han?«
    »Für wos mi du hol'n hoscht lass'n?«
    Er schaute erstaunt in ihr gerötetes Gesicht.
    »I hab di hol'n lass'n?«
    »No freili! Da Lenz hot ma 's ausg'reicht', i soll auf da Stell zu dir aussa
kemma und soll a Bier mitbringa.«
    dabei langte sie ihm zwei Flaschen hin.
    »Wos soll denn dös für a G'spass sei, dass er di do aussa sprengt?«
    Liesi schaute nun auch hilflos ihren Bauern an.
    »Hoscht eahm du dös it o'g'schafft?«
    »Ah! I hon an Lenz heut no it g'sehg'n.«
    »Jessas na! Jetz hot 's ma völli an Stich geb'n!«
    »Dass der heunt zu sellane Dummheit'n aufg'legt is, hätt i net glaabt.«
    »I woass it, Schormoar, ob da a G'spass dabei is; mir is scho den ganz'n Weg
her it recht g'wen, weil a gar so schiach drei'g'schaugt hot.«
    »Was soll 's denn sei?«
    »I woass wohl it.«
    Der Schormayer wurde unruhig und liess sich von der Liesi den ganzen Hergang
erzählen. Und dass sie nicht einmal hatte ausmelken dürfen und auf der Stelle
hatte fortgehen müssen.
    »Und d' Zenzi, hot a g'sagt, muass dei Arbet firti macha?«
    »Ja! De Blass und d' Scheckin san no it g'molka g'wen, und dös macht scho d'
Zenzi, hot a g'sagt, und du hoscht as ausdrückli o'g'schafft, sagt a ...«
    »Jetz g'fallt ma selm nix mehr«, sagte der Schormayer vor sich hin.
    »I spann aus und geh mit dir hoam«, setzte er entschlossen bei, und gleich
darauf schritt er mit den zwei Gäulen hinter der Magd her.
    Dass er gerade die Zenzi zu der Arbeit hinstimmen wollte? Und nach dem Krach
von gestern? Und daheim hatte er gar nicht geschlafen, wie der Christl meinte?
    »Liesi!«
    Die Taglöhnerin blieb stehen.
    »Is dir wos auffallat g'wen? Wei's du sogscht, dass a so schiach
drei'g'schaugt hat?«
    »Freili bin i an eahm ganz vahofft g'wen. D' Hoor san eahm einig'hängt, und
so bloach is a g'wen wia'r a Krank's, und auf'm G'wand und auf'n Kopf is eahm 's
Heu g'hängt, als wann a in an Schober übanacht hätt, und d' Aug'n hot 's eahm
ganz aussa trieb'n ...«
    »Vielleicht is eahm grad a weng schlecht g'wen, und junge Leut übanacht'n
oft auf g'spassige Platz. Aba geh a weng g'schwinda!«
    Nach einer Viertelstunde, die ihm recht lange vorkam, war der Schormayer
daheim.
    Der Hof lag still im tiefsten Frieden.
    »Lenz!«
    Es kam keine Antwort.
    »Geh in Stall und hol d' Zenzi! I bring dawei d' Ross eini.«
    Schnell hatte der Bauer die Pferde angebunden, den Kummet nahm er ihnen
nicht ab. Und dann lief er wieder ins Freie.
    Drüben kam die Liesi aus dem Stall.
    »D' Zenzi is it do«, schrie sie.
    »Ja, Herrgott!«
    In starker Unruhe eilte er ins Haus und gleich in die Küche.
    »Zenzi! Zenzi!«
    Nichts rührte sich.
    Der Schormayer stellte sich ins Hausflötz und schrie noch lauter.
    »Zenzi!«
    Niemand gab Antwort.
    Aber da war es, als ob ein Brett droben knarrte. Und nun lief der Bauer die
Stiege hinauf und nahm drei Stufen auf einmal.
    Im Gang hinten, neben dem Fenster, lehnte in der Ecke, die Schultern
zusammengezogen und mit Augen wie ein scheues Tier, der Lenz.
    »Lenz, was is denn?«
    Der sagte nichts und streifte den Vater nur mit einem Blick von unten
herauf.
    »Mensch, was tuast denn?«
    Jetzt redete er endlich, mit zusammengepressten Zähnen.
    »Mei Sach pack i.«
    »Mach koana Dummheit'n, Lenz! Es is it so g'moant g'wen, und mir lass'n de
G'schicht guat sei'!«
    »Es wird nix mehr guat!«
    »Warum denn it? Do hoscht d' mei Hand drauf!«
    Lenz fuhr zurück.
    »Na! Na! I gib da mei Hand it! I gib da s' it!«
    »Geh, Lenz!«
    »Bitt' di gar schö! Rühr mi net o!«
    Dem Schormayer griff es ans Herz, den armen verstörten Menschen zu sehen,
und er wollte ihm wieder zureden.
    Da drang über den Hof ein langgezogener Schrei an sein Ohr.
    Erschrocken horchte er.
    Und wieder schrie es, unten an der Türe:
    »Baua! Baua! D' Zenzi hot si aufg'hängt!«
    In fürchterlichem Entsetzen warf der Schormayer einen Blick auf seinen
Buben.
    Der zog den Kopf zwischen die Schultern, und ein Zittern lief über ihn hin.
    Da brachen dem Alten die Knie.
    »Jesus, Maria und Josef!«
    Das Anwesen des Sebastian Glas, zum Schormayer in Kollbach, ist im Herbst
des selbigen Jahres zertrümmert worden, nachdem sein Sohn Lorenz zur schwersten
Zuchtausstrafe verurteilt worden war.
    Der Vater bewohnt in Dachau ein kleines Haus und ist durch starkes Trinken
in seiner Gesundheit sehr zurückgekommen.
 
    