
        
                               Grete Meisel-Hess
                              Die Intellektuellen
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
                                 Die Verwandten
 »Gute Gesellschaft hab' ich gesehen, man nennt sie die gute
 Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt.«
                                                                         Goete.
Frau Professor Diamant sass in ihrem grossen Ankleidezimmer, vor einem hohen,
dreiteiligen Spiegel. Sie hatte soeben die Friseurin entlassen. In breiten
Wellen war das stumpfblonde Haar um den Kopf gelegt, von einem mit Wachsperlen
bestickten, schwarzen Sammetband durchschlungen. Der Teint, der im vollen
Tageslicht einen grauen Ton hatte, war jetzt, in der Zimmerwärme des feuchten
Septemberabends, leicht gerötet. Die Augen, vom reinen, tiefen Blau der
Kornblumen, glänzten. Sie erhob sich, reckte die hohe Gestalt, warf den
Frisiermantel ab. Die volle Büste lastete auf den weichen Fischbeinstäben des
niedrigen Korsetts, das die Hüften schlank und fest zueinanderzog. Frau Edda
warf einen Blick auf die Uhr und griff eilig nach dem Kleid, das auf einer
Stuhllehne bereit lag, einem Gewand von weicher chinesischer Seide, mit gewagt
durchbrochenen Spitzenornamenten. Sie liebte es nicht, in den letzten Stadien
des Ankleidens Bedienung um sich zu haben und vollendete ohne Hilfe die
Toilette.
    Ihr Gatte rief aus dem Nebenzimmer: »Sie werden gleich da sein.«
    Frau Edda hatte die letzten Haken geschlossen und hing den Frisiermantel an
seinen Platz in den Schrank. Sie steckte noch vorsichtig, ohne die weisse Seide
ihres Kleides zu gefährden, ein Paar Leisten in die Strassenschuhe, die sie
abgelegt hatte. Dann spülte sie nochmals rasch beim Waschtisch, mit
vorgestreckten Armen und zurückweichender Gestalt, die Hände ab, überrieb flink
mit einem Rehleder die Fingernägel, - der Teint war fertig, - und nahm eine
Stahlschatulle aus dem Wäscheschrank. Sie öffnete sie langsam und begann ihre
Ringe anzulegen. Ringe von verschiedenen bizarren Formen. Ringe in spitzer
Marquisenform, andere wieder, in denen sich die Edelsteine als Blüten hoch über
den Finger rankten, fremdartige, orientalische Ringe mit grossen, dunklen Steinen
und solche mit klaren Solitären. Unbedenklich gestattete ihr ihr sicherer
Geschmack diese Bürde an ihren schlanken Fingern. Sie wusste, dass ihre Hände
davon nicht beschwert erschienen. Sie trat noch einmal vor den grossen
Ankleidespiegel und betrachtete sich einen langen Augenblick, warf dann, mit
einer bei ihr häufigen Bewegung des mit ballmässiger Eleganz bekleideten Fusses,
die Schleppe zurück und verliess das Zimmer. Knisternd in ihrer weissen Seide,
eilte sie an die Tür der Küche, öffnete sie behutsam, lugte hinein, und zog sich
eilig wieder zurück. Weiter raschelte die Schleppe über den langen Korridor und
verschwand hinter der Portiere des Speisezimmers.
    Professor Gustav Diamant hatte in Wien einen guten Namen. Als Student war er
aus der mährischen Provinzstadt, in der sein Vater das Amt eines Sekretärs der
Kultusgemeinde bekleidete, nach Wien gekommen, hatte hier mit dem ansehnlichen
Rest seines mütterlichen Erbes seine Studien vollendet, sich zum Spezialarzt
ausgebildet, eine gute Praxis errungen, die Dozentur früh erworben und sich mit
Fräulein Edda Reisenleitner verheiratet. Fräulein Reisenleitner entstammte einer
Familie, deren Schicksale sich am Fusse des Kahlenberges abspielten, solange man
sich ihres Bestehens erinnerte. Ein einfacher Töpfer war noch der Urgrossvater
gewesen, und in seinem kleinen Kontor, draussen in der Vorstadt, hatte eine schön
bemalte Tafel mit der folgenden Inschrift gehangen:
                                  Töpferlied!
Was für schöne, bunte Sachen
Kann ich mir aus Tone machen,
Wenn ich meine Scheibe dreh',
Meiner Hände Werke seh.
Kachel, Flaschen, Krüge, Kannen,
Tiegel, Tassen, Bratenpfannen,
Kuchenformen, Blumentöpfe,
Schüssel, Teller, Suppennäpfe,
Sauber ausgemalt, glasiert,
Und mit Blümelein geziert.
Meine Ware, sagt der Bauer,
Ist von keiner rechten Dauer,
Ja, der arme Mensch hauptsächlich
Ist vergänglich und gebrechlich,
Darum wundere dich nicht,
Wenn einmal ein Topf zerbricht.
Arm- und Beinbruch ist viel schlimmer,
Darum denk ich, ist doch immer,
Besser mancher Topf zerbrochen
Als auch nur ein einziger Knochen.
Und darum auch bleibt's dabei:
Werft und brecht recht viel entzwei!
Sein Sohn war Künstler. Wohl bediente er Töpferscheibe und Brennofen noch
persönlich, aber nur, um neuartige Formen und Glasuren zu erfinden. Er achtete
die uralte Tradition des Handwerkes und wusste, dass die Kunst die Meisterschaft
darin als Boden brauchte. Er wollte hinter die Geheimnisse der historischen
Keramik kommen, versuchte es, grössere, glasierte Flächen zu beleben und erfand
dabei neue, geschmackvolle Farben; besonders bevorzugte er die kräftigen und
doch zarten Tönungen der Perser. Während er so zwischen alteuropäischer
Handwerkskunst und morgenländischer Farbenkraft eine Einigung suchte, schuf er
einen neuen, keramischen Stil, auf dessen Grundlage später die Moderne weiter
arbeitete. Sein Talent vererbte sich nicht. Sein Sohn, Eddas Vater, war weder
Töpfer noch Künstler, sondern Kaufmann. Er brachte die Firma auf die Höhe der
modernen Ofenfabrikation. Diese Reisenleitnersche Ofenfabrik hatte Eddas Bruder
übernommen.
    Dr. Diamant, damals noch Dozent, war dem Mädchen als ein interessanterer
Freier erschienen als irgendeiner der Fabrikantensöhne oder Leutnants, mit denen
sie auf Bällen tanzte. Ihre Schönheit hatte ihn zu einer Werbung verführt, die
sich jeder Erwägung entzog. Jetzt waren sie seit mehr als fünf Jahren in
kinderloser Ehe zusammen, hatten einander gemessen und begrenzt. Er war vor
kurzem Professor geworden und hastete von morgens früh bis zum späten Nachmittag
einer grossen Praxis nach. Seine übrige Zeit verbrachte er zumeist in seinem
Laboratorium, an das sich ein ausgedehnter Stall schloss, in dem er die Tiere
hielt, an denen er fortgesetzt experimentierte. Bis spät nachts sass er dann zu
Hause noch an seinem Schreibtisch.
    Frau Edda hatte es nicht leicht, ihr Leben in bewegtem Gange zu halten, wie
sie so sehr gewünscht hätte. Sie kämpfte mit ihrem »Laster«, wie sie es selbst
nannte, - mit ihrer Trägheit, - die vielleicht nichts anderes war als grosse
Erschöpfbarkeit, wie sie in alten Familien zu spuken pflegt. Frau Edda, die so
gern auf das Waffengeklirre horchte, das »draussen« die Geister aneinander
geraten liess, die mit Neugier alle Nachrichten verfolgte, die von überwundenen
Widerständen berichteten, - Frau Edda konnte sich aus der Gefangenschaft ihrer
Zimmer nicht frei machen. »Der Tag zerrinnt mir unter den Fingern«, klagte sie,
wenn man ihr vorhielt, dass sie ihr Talent nicht pflege. Denn Frau Edda hatte ein
Talent, vielleicht war es der Grossvater, der ihr das seine, in veränderter Form,
vererbt hatte. Auf der Marmorplatte und in der Lade ihres breiten
Toilettetisches lagen zwischen Elfenbeinbürsten, Kristallflacons, feinen
Stahlscheren, Nägelfeilen, silbernen Schalen - verstreute, einzelne Blätter. Da
sah man mit wenigen, kecken Strichen Motive der weiblichen Kleidung zu neuen
Kombinationen vereint. Fast immer, wenn Edda ihre Entwürfe Modejournalen zur
Verfügung stellte, hatten die Redaktionen darnach gegriffen, ja man hatte
regelmässige Beiträge von ihr erbeten. Aber Frau Edda musste ablehnen, denn sie
konnte, wie sie es nannte, nur »unfreiwillig« arbeiten. Ihre Inspirationen kamen
»in Anfällen«. Plötzlich, wo immer es war, zumeist während einer Stadtfahrt im
Wagen, oder bei der Lektüre eines anregenden Buches, geschah es, dass, wie sie es
nannte, »eine Klappe im Gehirn sich öffnete«, - und dann fiel prompt ein neues
Trachtenmotiv heraus.
    Während der Professor sich morgens früh erhob, sobald der gedämpfte Wecker
seiner Taschenuhr sein leises Surren hören liess und das Morgenlicht durch den
absichtlich freigelassenen kleinen Spalt zwischen Fensterbrett und Jalousie
fiel, sich hastig ankleidete, stehend eine Tasse Tee trank und seiner Klinik
zueilte, lag Frau Edda in den Banden eines Schlafes, die ihr so unzerreissbar
erschienen, dass der Besuch des Kaisers von China sie nicht veranlasst hätte, sie
energisch abzuschütteln. Erst, wenn diese Bande »von selbst fielen«, wendete
sich ihr schlaftrunkenes Gehirn der Tatsache zu, dass ein Stück Leben heute
abzuwickeln sei. Sie trank dann langsam im Bett ihren Kakao, knabberte Zwieback
dazu, durchblätterte die Zeitungen und Modejournale und las ihre Post, die nicht
unbeträchtlich war, da sie gern Korrespondenz pflegte. Langsam und schwer
ordnete sie im Gehirn den Inhalt dieser Briefe und Zeitungen, die sie beinahe
belastend anregten. Ehe sie nicht genau wusste, wie und wo dieses neue Material
unterzubringen sei und wie sie dazu Stellung zu nehmen hätte, fühlte sie sich
nicht »frei« genug, aufzustehen. Sie badete umständlich, pflegte die etwas
schadhaften Zähne mit mehreren Wässern und Pasten, gewann manchmal ein paar
Minuten für den Versuch einiger Freiübungen, überliess sich eine halbe Stunde der
Friseurin, und nur eineinhalb bis zwei Stunden verbrachte sie auf diese Art bei
der Morgentoilette, - für eine Dame gewiss nicht zuviel. Wenn sie fertig war,
machte sie »Ordnung«. Sie konnte sich, wie sie behauptete, nicht ruhig
hinsetzen, wenn nicht alles genau auf seinem Platze lag, und so fand sie sich in
einem ewigen Turnus durch die weitläufige Wohnung. Sie ging den Dienstboten
nach, bemerkte, dass die Stühle nicht so standen, wie sie stehen mussten, dass eine
Decke schief lag, dass etwas Staub zwischen zwei Nippes liegen geblieben war. Der
Professor hatte diese »Ordnungssucht«, wie er es nannte, kaltblütig in die
Patologie verwiesen. Auch Frau Edda gab diese Tätigkeit nicht für
hausfraulichen Antrieb aus. In die Küche wagte sie sich kaum, dort waltete die
Perfekte, und dort wurde jene Arbeit gemacht, vor der Frau Edda Angst hatte,
richtige beklemmende Angst. In verwirrendem Vielerlei lagen da die zahllosen
Ingredienzien, aus denen sich jede einzelne Mahlzeit zusammensetzt. Es roch nach
Fetten, nach blutigem Fleisch, es prasselte, schmorte, dampfte; und mit ihren
langschleppenden, lichten Hauskleidern wusste sie gar nicht, wie sie sich auf den
Fliesen der Küche und zwischen den beladenen Tischen bewegen sollte, wenn eine
neue Köchin sie durchaus einmal hier »brauchte«. Nach dem Mittagessen, wenn der
Professor in seinem Ordinationszimmer verschwand, lag Edda im Schaukelstuhl und
rauchte langsam, ohne Eile, mit dem Behagen der milden Nervenbetäubung, aber mit
wachem, bösen Gewissen, eine, zwei und drei Zigaretten, stand auf, mit schwerem
Kopf, hatte »Luftunger«, klingelte dem Stubenmädchen, das um diese Zeit der
Ordinationsstunde alle Hände voll zu tun hatte, und befahl, ihre Garderobe zum
Ausgehen bereit zu legen. Sorgfältig legte sie Stück für Stück an. Sie
bevorzugte die reiche, französische Mode vor der englischen, schweres Material,
auch zu einfachen Gelegenheiten; besonders liebte sie kostbare, immer etwas
bizarre Mäntel und Hüte von unwahrscheinlichen Dimensionen, die ihr schönes
Gesicht weitausgreifend umrahmten und die hohe Gestalt mit fürstlichem Pomp
stilisierten.
    Diese Erscheinung passte weder auf die Trottoire der grossstädtischen Strassen
unter eine Menge geschäftlich getriebener Menschen, noch in das Gedränge der
öffentlichen Verkehrsmittel; zumeist winkte sie dann auch einem der Fiaker vor
der Türe, die die Frau Professor schon kannten und sie mit lautem »Küss die Hand,
Gnädige, - fahr m'r Euer Gnaden« umdrängten, sowie sie aus dem Hause trat. Und
Frau Edda fuhr dahin, Einkäufe oder Besuche zu machen, oder in einem Café mit
Freunden zu plaudern, am liebsten mit literarischen Freunden. Zumeist begleitete
sie eine Cousine ihres Mannes, Kati Diamant, ein nicht mehr ganz junges
Mädchen, das mit Schwärmerei an Edda hing; überhaupt verkehrte Edda lieber mit
der Familie ihres Mannes, als mit ihrer eigenen, sie liebte die besondere
Färbung der jüdischen Denkweise, welche Juden untereinander oft abstösst. Die
scharf angreifende, geistige Art ihres Mannes war das Lebendige, das sie immer
noch mit ihm verband, - nachdem er sie in eine gefährliche Spannung gebracht
hatte. Lange, nachdem sie Frau geworden, hatte sie nicht verstanden, woher ihr
gegen den Mann, den sie frei gewählt hatte, wie er sie, oftmals dieses grollende
Gefühl kam, dieser sprungbereite Hass, der sich in tausend kleinen Szenen entlud,
- da es zur grossen Aussprache zwischen ihnen niemals kam, - der hundert
eingebildete und konstruierte Vorwände heftiger Entladungen erfand, - - bis der
wahre Grund ihrer geheimen Feindschaft, ihrem bohrenden Spähen, ihrer
wachgehetzten Weibheit klargeworden war: die Versprechungen ihres Körpers
schienen für diesen Mann erfüllt. Bald wusste sie auch, dass nicht sie seine grosse
Leidenschaft war. Er war Forscher. Seine Untersuchungen füllten ihn mit
unteilbarem Interesse. War er in seinen Experimenten vergraben, so schien ihm
sein Haus, sein Vermögen, seine Frau, ja selbst sein Leben gering. Die
gefährlichsten bakteriologischen Untersuchungen beschäftigten ihn fortgesetzt.
Edda hatte ein Grauen vor seiner Tierstation. Aber hier war die Grenze ihrer
Macht.
    Seine drängende Werbung war ihr eine Verheissung gewesen. Wo blieb die
Erfüllung?
    Während am Anfang ihrer Ehe etwas, wie eine frohe Erwartung, sie morgens
aufgetrieben hatte, nahm ihre Trägheit, die ihre Tage tötete, jetzt mehr und
mehr zu. Sie war müde, apatisch, nur »aufgepulvert« in den Stunden im Caféhaus
oder in abendlicher Geselligkeit. Die »Klappe im Gehirn« öffnete sich manchmal,
aber diesem Geschehen auf die Spur zu kommen, die Mechanik dieser Tätigkeit
beherrschen zu lernen, versuchte sie nicht. Immer seltener auch nahm sie sich
die Mühe, ihre Ausgaben zu berechnen. Sie nahm sein Geld mit vollen Händen, sie
forderte immer mehr, und er erfüllte fast demütig jeden ihrer Wünsche.
Diamants erwarteten heute abend Verwandte zu Besuch. Als erste kam die gewohnte
Begleitung Eddas. Kati war offenbar schlecht gelaunt. Mürrisch warf sie den
breiten, geflügelten Hut aufs Klavier, die Handschuhe dazu.
    »Warum hast du denn nicht draussen abgelegt, Kati?« fragte Edda. Sie hatte
einen kleinen Sprachfehler, stiess, ein ganz klein wenig, bei den S-Lauten, mit
der Zunge an die etwas zugespitzten, kurzen Vorderzähne, deren Goldplomben
zwischen den Lippen glänzten; aber ihre Sprache bekam dadurch etwas von jener
»Wiener Gemütlichkeit«, deren Dialekt auch den pompös entfremdenden Eindruck
ihrer Erscheinung aufhob. »Erst wann ich den Mund aufmach', trauen sich die
Leut' an mich heran«, pflegte sie zu sagen.
    Das grosse, überschlanke, dunkle Mädchen stand missmutig in der Tür, zwischen
Salon und Speisezimmer und betrachtete den gedeckten Tisch. Ihr von schwarzem
Kraushaar umrahmtes, beinahe braunes Gesicht, hob sich in scharfem Kontrast aus
dem Schneeweiss des steifleinen Herrenkragens, der die dunkelblaue seidene
Hemdbluse abschloss. Unter dem knappen, fussfreien und festgegürteten blauen
Tuchrock zeichnete sich die schmale Linie der Hüften nach Knabenart.
    »Natürlich, - das echte Damastene, - Silber aus der grossen Kassette, - die
Teller vom 24persönigen Service, - wann dir einer zerhaut wird, was dann?«
    »Geht dich einen Schmarrn an, liebe Kati, - einen - grossen - Schmarrn.«
    »Edl!« Sie warf sich ihr an den Hals, versteckte ihr Gesicht in der weissen
Seide, der der Duft javanischen Puders, eines fremdartigen Parfüms, und der
gepflegten Haut entströmte. Diese Duftwelle kam wie eine täuschende Beruhigung
über das Mädchen.
    »Edl, sei nicht bös! Aber mir is so - so, -«
    »Das weiss ich.«
    Kati warf sich in einen breiten, englischen Klubfauteuil von rotem Leder.
    »Meiner Seel', ich weiss nimmer, was ich anfangen soll. Aus der Haut fahren
möcht ich, wann ich wüsst', dass ich an andere find', die mir gut passt.«
    »Ist es das Bureau?«
    »Keine Idee, - ich vergiss wenigstens die paar Stunden auf mich.«
    »Und der Lohninger?«
    Kati verzog das Gesicht. »Vom Heiraten redet er nix.«
    »Dann schlag dir ihn aus'n Kopf!«
    »Ja aber - an wen soll man eigentlich denken?«
    »Schau, Kati, nimm dich zusamm'! Denk überhaupt nicht immer daran, dass dir
ein Mann fehlt.«
    »Du hast leicht reden.«
    Ein spöttisches Lächeln zuckte, in schneller Heimlichkeit, in den
Mundwinkeln Eddas auf und verschwand sofort. »Schau die Olga an«, sagte sie.
    »Ja, - hast es denn schriftlich, was in der steckt? Glaubst, - damit, dass
sie in Versammlungen Reden schwingt, - ist die erledigt?«
    »Nein, - die ist überhaupt nicht so leicht erledigt; schwerer als du und
ich.«
    »Sie soll schon mal verlobt gewesen sein, mit einem Leutnant, dort in
Schlesien.«
    »Ich hab' was läuten hören.«
    »Der alte Diamant wird überschätzt. Wahrscheinlich hat der Herr Leutnant
mehr erwartet, und wie es zum Rechnen kommen is, wird er zum Rückzug geblasen
haben.«
    Edda zuckte die Achseln. »Nichts Gewisses weiss man nicht; d.h. ich weiss
nichts und der Gustav auch nicht. Meine Schwägerin Geneviève, - die wird's
wissen.«
    »Komisch, dass die sich angefreundet haben, diese zwei Mädchen aus der
Fremde.«
    »Die Geneviève - die Eva - ist prachtvoll, - du kannst sagen, was du
willst.«
    »Ich sag' ja nix. Ich weiss eh, dass sie viel zu schad ist für deinen Herrn
Bruder.«
    »Aber mich interessiert die Olga doch viel mehr.«
    »Geht sie richtig fort von Wien?«
    »Ich denke sicher. Der Stanislaus nimmt sie mit nach Berlin. Ich glaube
sogar, sie werden heute das letztemal hier sein.«
    »Also darum das gute Silber usw. usw.«
    »Und das ärgert dich?«
    »No Gott, ärgern. Ich find', du machst mit denen zu viel Geschichten.«
    »Hat dir der Vortrag vom Stan nicht gefallen?«
    »O ja, - das schon.« Nachdenklich rekapitulierte sie: Probleme der Moderne,
- »stellenweis war mir's zu hoch. Weisst, es ist ein Wunder, - so a Jüngl aus
Polen!«
    Edda lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und streckte die Beine auf ein
maurisch geformtes Taburett.
    »Ihr Juden seid's unverbesserlich.«
    Kati dehnte den mageren, langgliedrigen Leib, stand auf und ging der Wand
zu, an der eine Tapetentür zu sehen war. »Er arbeitet noch?«
    Edda verneinte.
    »Zieht er sich an?«
    »Kannst hineingehen; er ist schon fertig.«
    Kati klopfte kurz und leise, drückte die Türschnalle vorsichtig nieder und
ging mit elastischen Katzentritten in die halbdunkle Studierstube ihres Cousins,
des Professors.
    Edda streckte sich noch bequemer aus. Drinnen hörte sie die Stimme ihres
Mannes und Katis, deren Kopf gleich wieder in der Tapetentür erschien. »Wo ist
die herbstlaubfarbene Krawatte?«
    »Die liegt in seinem Kasten, links unter den Handschuhen.«
    Es klingelte. Edda stand auf. Die Portiere, die vom Korridor zum
Speisezimmer führte, wurde zurückgeschoben, und die erwarteten Gäste traten
unangemeldet ein. Man begrüsste einander verwandtschaftlich. Edda drehte alle
elektrischen Flammen auf.
Die Geschwister sahen einander, flüchtig betrachtet, wenig ähnlich. Stanislaus
in seinem festverknöpften, vielgetragenen, schon etwas glänzenden Rock von
dunkelgestreiftem, dünnen Tuch, mit schlechter, vorgebeugter Haltung, breitem,
gewölbten Rücken, wirkte engbrüstig. Die Beine schienen zu schwach für den
massigen Rumpf. Der grosse Kopf hing der Brust zu, die kurzsichtigen Augen, von
unausgesprochener Farbe, blickten manchmal, besonders wenn er den Kopf neigte,
über den schwarzgeränderten Zwicker weg, was ihm den Ausdruck einer interessiert
aufhorchenden Eule verlieh. In mächtiger Biegung beherrschte die Stirn das
Gesicht. Sehr dichtes, blauschwarzes, an den Spitzen geringeltes Haar bedeckte
den Schädel, fiel in einzelnen, gebogenen Büscheln über die Schläfen und
ziemlich lang hinter den Ohren herab, die es zum Teil wohltätig verdeckte.
Wandte er den Kopf, so kamen sie, in ihrer fledermausartigen Zackung, zum
Vorschein. Gestreckt und schmal dehnte sich die Nase zum Mund nieder, der,
zusammengepresst, eine dünne, gerade Linie zog. Der schwarze Schnurrbart hing
schlaff, in langen, nur wenig aufgebogenen Enden, über die Mundwinkel. Dieser
Kopf sass auf einem zu kurzen Hals, der in einem Umlegekragen steckte, den ein
Mäschchen, kaum gross genug, den Kragenknopf zu decken, abschloss.
    Diese Erscheinung hatte in Frau Edda bei der ersten Bekanntschaft den Trieb
erweckt, physisch zurückzuweichen. Aber ein Gefühl, das mehr als gewöhnliche
Neugier war, - der Hunger ihrer gierigen Intelligenz, - trieb sie mit starkem
Interesse diesen Verwandten ihres Mannes zu.
    Olga kannte sie seit Beginn ihrer Ehe. Gerade damals war die nun
Sechsundzwanzigjährige zu dauerndem Aufentalt nach Wien gekommen. Katis
Eltern, ihre nächsten Verwandten, hatten ihr ein Heim angeboten. Aber der alte
Diamant, der seine Tochter fortgeschickt hatte, während sein Sohn ihn gegen
seinen Willen verliess, sorgte so weit für sie, dass sie vor allem ihrem Bedürfnis
nach Unabhängigkeit folgen konnte.
    Sie besuchte die Universität als Hospitantin, hörte nationalökonomische und
philosophische Kollegien mit Regelmässigkeit. An den Veranstaltungen der
Frauenbewegung nahm sie ständig teil. Bald trat sie aus der Rolle der Zuhörerin
heraus, griff in die Diskussion ein und lenkte die Debatte zumeist in ein
Fahrwasser, das den Strebungen der Wiener Frauenbewegung, die sich auf
politische und wirtschaftliche Erweiterungen des weiblichen Wirkungskreises
beschränken, unwillkommen war. Sie bekämpfte die Tendenzen, die einer Isolierung
der Geschlechter zuzuführen schienen und sah im Kampf um Brotberufe wohl eine
notwendige Etappe, aber nicht die letzten Ziele der Bewegung. Eine eigentliche
berufliche Betätigung vermochte sie in Wien, trotz verschiedener Versuche, nicht
zu finden.
    Auf dem gedrungenen, mittelgrossen Körper des Mädchens sass ein Kopf mit
langem Gesichtsoval, herben, fast eckigen Zügen und einer stark gebogenen,
vorspringenden Nase. Ein rostroter Haarbusch überflammte die ganze Erscheinung.
Die Augen waren blank und schwarz, mit länglichen Pupillen und schienen von den
dünnen, rötlichen Brauen, wie mit eilig schrägem Zug, skizzenhaft überstrichen.
Der Teint war etwas sommersprossig. Der Mund zeigte dieselbe dünne, gerade
Linie, wie bei Stanislaus. Hier glichen sich die Geschwister.
    Und als sie mit Edda lächelnd plauderten, kam mit diesem Lächeln, das die
blanken Zahnreihen freilegte, die Gesichter belichtete, ihre Ähnlichkeit zutage.
    Olga trug ein dunkelbraunes Kleid von billigem Wollstoff. Der Rock bedeckte
die Bluse nicht fest genug, so dass das auf die Bluse genähte Taillenband bei
manchen Bewegungen zum Vorschein kam. Es war ihr alter Schmerz, dass sie es
durchaus nicht vermochte, ihrer Figur jene glatten Flächen zu geben, auf welchen
die Frauenkleider unverrückbar drapiert erscheinen. Aber sie verschmähte jede
Schnürung und konnte sich darum mit der auf diese Schnürung berechneten Kleidung
nicht zurechtfinden.
    Durch das grosse, englisch möblierte Speisezimmer, dessen Wände
ausschliesslich von Aquarellen bedeckt waren, ging Frau Edda, im Elfenbeinschein
ihres weissseidenen, schleppenden Kleides, mit ihren funkelnden Händen, die sich
blütenzart in dem bis zum Ellbogen entblössten Arm fortsetzten, hoch und licht,
zwischen den beiden Geschwistern, dem Salon zu.
    Olga und Stanislaus erzählten von ihrem Besuche in der Heimat. Einmal im
Jahre wünschte der Vater die Tochter zu sehen und duldete es, dass Stanislaus
mitkam.
    »Es ist immer dieselbe alte, traurige und beklemmende Geschichte«, sagte
Stanislaus und senkte den Kopf. Er sprach ein reines, scharf vokalisiertes
Deutsch. Olga warf trotzig die Lippen hoch, und die Falte zwischen ihren
Augenbrauen vertiefte sich.
    »Er sollte stolz sein auf euch«, sagte Edda.
    Olga machte ein finsteres Gesicht. »Ein Mädel, das sich nicht verheiratet,
immer nur Geld braucht, sich mit lauter Dingen befasst, die nichts einbringen«, -
sie lachte rauh.
    Dennoch gab der Alte dieser Tochter den Lebensunterhalt. Mit ihrem
einundzwanzigsten Jahr war eine Versicherungspolice für sie fällig geworden. Die
Zinsen dieses Vermögens gab er ihr, und sie reichten aus, unter Verhältnissen
bescheidenster Art auf einer möblierten Stube zu leben.
    Zu seinem Sohne Stanislaus aber hatte er gesagt: »Für dich hab' ich das
Geschäft geführt. Etwas Fertiges haben - hast du sollen! Weggerannt bist du, - ä
Tagedieb geworden! - - Das Geschäft lasst du mir alten Mann am Hals, - zugrunde
gehen wird's und soll's. Verdien' dir dein Brot, wie du willst, - du bist ä
Mann, - dir geb' ich ka Kreuzer.«
    Im Osten von Österreichisch-Schlesien, unweit der preussischen und russischen
Grenze waren die beiden zuhause. Dort stand auf dem grossen, gepflasterten
Ringplatz das alte, schmutziggraue Haus ihres Vaters, mit einer Wohnung von
grossen, dunklen Zimmern im Stockwerk und einem Kolonialwarengeschäft im
Erdgeschoss. Dieser Laden war aber nur ein Teil des Geschäftes des alten Moses
Diamant. Er lieferte Lebensmittel aller Art waggonweise nach Deutschland. Das
Geschäft war, wie er behauptete, - »ä Goldgrub'«. Nur eine junge, tüchtige Kraft
fehlte. Ein Schwiegersohn, der »nicht ä Paar Hosen« hätte, wäre dem alten
Händler willkommen gewesen, aber, statt dessen - - ä Geschicht' mit ä Leutnant.
Auch gut - - bis - ja bis -! - - Und der Sohn? Der Sohn - ausgerechnet -
studieren hat er wollen. Der Alte widersetzte sich, zwang den Jungen ins
Geschäft.
    Lange Jahre hatte er ausgehalten. Hatte abgewogen, was jeder begehrte, die
Bücher geführt, Geschäfte abgeschlossen. Aber punkt sechs Uhr hatte er abends
Schluss gemacht, zum grössten Verdruss des Vaters, hatte sich eingesperrt in sein
Zimmer und seine Bücher vorgeholt. Eines Tages war er fort, und aus Berlin kam
ein Brief, dass er nach langen Gewissenskämpfen dableiben wollte.
    Er verstand die Wünsche des Vaters, er begriff den angstvollen Trieb des
alten Mannes, den Kindern das Stück Boden, das er mit seiner Lebensarbeit
errafft hatte, zu hinterlassen. Er aber, Stanislaus, er zog aus diesem Boden
nicht das, was er brauchte.
    Berlin hatte ihn hart angefasst, - fast so hart, wie der Alte zuhause. Aber
was er da ausgrub, das war Nahrung für ihn gewesen, und er wusste, dass er in
diesem Boden nicht einsinken würde. Der Vater, der ein begreifender Kopf war,
ergab sich. Aber er half dem Sohne nicht. »Wenn's dir zuviel wird, - wenn du
nicht weiter kannst, - komm zurück, nach Haus. Du bist hier immer zuhause, merk'
dir das, - immer kannst du kommen.«
    Aber der Sohn kam nicht, nur einmal im Jahre, als Besuch. Bitterkeit gegen
die verschlossene Hand des Vaters und Mitleid mit seinem vereinsamten Alter, -
die Mutter war seit langem tot, - ballten sich ihm zu schweren Lasten, so oft er
»zuhause« war. Wochenlang konnte er dann über dem Bild der entfremdeten Heimat
keine Ruhe finden.
    Er schilderte Edda diese Stimmung, die sie, Olga und ihn, diesmal, wie
immer, da oben erwartet hatte. Und während er sprach, empfand er die geheime
Erleichterung des Entronnenen. Das üppige, vornehme Zimmer, der milde Glanz des
elektrischen Lichtes, die vertraut verwandtschaftliche Nähe dieser schönen,
fremdrassigen, liebenswürdigen Frau, die eine absichtsvolle Neigung mit
seinesgleichen verbündet hatte, das alles glitt beruhigend in ihn. Trotzdem er
als Schriftsteller in Berlin seinen umgrenzten, aber geachteten Platz erworben
hatte, war er auf Dürftigkeit und Einsamkeit angewiesen, und erst hier, im Salon
seiner schönen Verwandten, überkam ihn ein Gefühl, dass es die Schicht der
Erhobenen war, der er zugehörte und von der ihn jene andere Welt, der er
entronnen war, unweigerlich getrennt hätte.
    »Wo ist Gustav?« fragte Olga.
    »Er muss jeden Augenblick kommen; ich glaube, er zieht sich an, und Kati
leistet ihm Kammerdienerdienste.«
    Man hörte hinter der Tapetentür Schritte, und gleich darauf trat der
Professor ein, hinter ihm Kati.
    Er lächelte über das ganze, blaurasierte Gesicht, das einen Ausdruck trug,
der landläufig mit »gescheit« bezeichnet wird. Die gelenkige, kaum mittelgrosse
Gestalt - er war bedeutend kleiner als Frau Edda - steckte in einem Gehrock von
elegantestem Schnitt. Er bewegte sich eilig, grazil, geschickt und lebhaft. Das
schwarze, kurzgestutzte, an der Seite gescheitelte Haar war an den Schläfen
stark ergraut. Die Augen blitzten durch den Zwicker.
    »Dass man die hoffnungsvollen Geschwister einmal zusammen da hat, ist ein
besonderes Vergnügen!« Er sprach ein wenig mit singendem Tonfall und näselnder
Pressung der Vokale, die die böhmische Umgebung seiner Kindheit verriet. Seine
Begrüssung galt, nachdem er Olga die Hand geschüttelt hatte, besonders seinem
Vetter Stanislaus.
    »Die Reise nach Hause machst du jedes Jahr, aber warum so selten in Wien?«
Er nahm im Stehen von dem maurischen Rauchtaburett eine Zigarette, steckte sie
zwischen die Lippen und wollte sie anzünden.
    Edda beugte sich zu ihm hinunter und nahm die Zigarette aus seinem Mund:
»Wir essen gleich.«
    Er widersprach nicht.
    »Gott, wie besorgt«, spottete Kati.
    Edda zuckte die Achseln. »Mehr brauchen wir nicht, als dass auch er sich noch
die Nerven ruinniert.«
    Der Professor war mit Stanislaus in ein lebhaftes Gespräch geraten.
    »Bei deinem Vortrage hatte ich das Gefühl,« sagte er und ging, die Hände in
den Hosentaschen, auf und ab - »dass das Beste daran verloren ging. Diese
feingliedrige Ausarbeitung kam vom Rednerpult aus nicht zur Wirkung. Du bist von
dem Blatt nicht losgekommen, und man hätte es lieber selbst gelesen.«
    Stanislaus lächelte, neigte den Kopf und blickte schräg über die schwarzen
Ränder seines Zwickers.
    »Stan ist absolut kein Redner«, sagte Olga. Ihre volle Bruststimme, ihre
sichere Gliederung der Sprache verrieten, dass sie die Eigenschaft, die sie dem
Bruder absprach, selbst besass. »Stan ist ein Schriftsteller« sagte sie bestimmt.
    »Mich hat das gar nicht gestört, dass er las und nicht sprach«, sagte Edda.
»Ich muss sagen, ich hab' die Ohren g'spitzt und bin neugierig geworden auf das
Buch. Wann erscheint es?«
    »Unbestimmt«, sagte Stanislaus. »Es sind zwei, drei Hauptgedanken des Buches
in dem Vortrag verarbeitet. Das Material ist gross, wächst unter den Händen immer
mehr an.«
    »Ha, - weisst du, wie du mir vorgekommen bist, Stanislaus,« sagte der
Professor munter, - »wie - wie so ein verkehrter Mephisto.«
    Stan liess seine Zähne blitzen und fand ein gutes Lachen. »Ist das so zu
verstehen, wie euer Kaffee verkehrt?«
    »Ja, ja, so ähnlich. Der richtige Mephisto wartet darauf, dass Faust - sinkt,
dass er ein Philister wird, dass er zufrieden wird.«
    »Und dann ist er verloren und der Teufel holt ihn,« vollendete Stanislaus,
»aber ich?«
    »Du stehst neben der Moderne wie Mephisto neben Faust, - Mephisto als
Kritiker genommen.«
    »Vor allem als Kritiker, - sehr wahr.«
    »Und wartest auf den Moment, wo dein Faust, deine Moderne, die sich erproben
soll, - nicht sinkt, nicht zur Hölle reif wird, sondern umgekehrt.«
    »Es ist etwas Wahres daran,« sagte Stanislaus mit nachdenklichem Ton, »man
wartet darauf, dass man endlich sagen kann: da ist etwas Positives, etwas was wir
- gut verpackt - weiter geben.« Er wiegte den Kopf.
    »Schade, dass das alles so schnell vorüberzog,« sagte der Professor, »warte,
wie war es doch, - das Bild? Du zeigtest uns nackt«, seine Stimme wurde dunkler
von ironischem Patos, - »am Meeresufer, - alle Schiffe verbrannt, - - in Kampf
mit Wind und Wetter - und fern von jeder neuen Heimstätte.«
    »Und sie sahen, dass sie nackend waren und schämten sich«, kam es aus Katis
Ecke, und die anderen lachten.
    Edda hatte inzwischen dem Stubenmädchen geklingelt und war ins Speisezimmer
gegangen. »Ich bitte zu Tisch«, rief sie in den Salon hinein.
    »Warten wir nicht noch auf Vinzenz und Geneviève?«
    »Sie werden kaum kommen, Geneviève hat mir geschrieben, dass die Kleine
wieder krank ist.«
    »Es ist schade,« sagte der Professor, »du kennst meine Schwägerin noch
nicht, Stanislaus, die Frau des Bruders meiner Frau, - Geneviève, zu deutsch
genannt Eva, geborene Nestor, verehelichte Reisenleitner.«
    »Olga hat mir immer viel von ihr geschrieben.«
    Man ging ins Speisezimmer und setzte sich zu Tisch.
    »Seit Eva da ist, vernachlässigt mich Olga«, sagte Edda. »Man soll seine
Freunde nicht zusammenführen.«
    Kati klapperte mit dem Besteck: »Wird schwer gehen.«
    Olga lächelte, und ihr herbes Gesicht schien licht. »Das ist ein grosses
Geheimnis, diese Vertrauteit zwischen Menschen. Komisch ist das. Zwei zum
Beispiel kämpfen zusammen für eine gemeinsame Sache, -«
    »Schulter an Schulter, wie es in der Frauenbewegung so schön heisst«, warf
der Professor sarkastisch ein.
    »und bleiben sich fremd.« Sie sprach das R mit slawischer Härte. »Und andere
wieder, die scheinbar gar nichts miteinander zu schaffen haben, sind vertraut
beim ersten Blick. Wer kann wissen, warum das so ist?«
    Edda seufzte.
    »Eva ist ein sonderbarer Mensch«, sagte der Professor.
    »In welchem Sinne?« fragte Stanislaus.
    »Es fehlt ihr,- soviel ich beobachtet habe, - etwas, - das an uns allen
deutlich ist.«
    Stanislaus horchte interessiert. »Und was ist das für ein gemeinsames
Merkmal?«
    Der Professor zögerte und krauste die Stirn. »Es ist der Riss, der Bruch, der
irgendwo im innersten Gefaser von jedem von uns drin ist«, sagte er, und sein
Gesicht hatte einen verbissenen Zug. »Zeig mir«, fuhr er, zu Stanislaus
gewendet, fort, »einen modernen Schicksalsträger, - mit normalen Instinkten, -
und mit vernünftigem Selbsterhaltungstrieb! Zeig mir, mit einem Wort, - von den
genialen Praktikern abgesehen, - einen modernen Gedankenheros, - der dabei kein
Narr ist, der sich nicht versteigt auf irgendeine Martinswand der Spekulation, -
von der ihn kein Gott herunterholt.« Er machte eine Pause, und drehte
nachdenklich ein Brotkrümelchen zwischen den Fingern. »Des Menschen Schicksal«,
fuhr er fort und bewegte dozierend die Hand, »ist sein Leib. Nun ist aber unsere
Intellektskultur sozusagen noch nicht leiblich genug geworden, - noch nicht
somatisch, wie wir Ärzte sagen, - unser Wille, aber noch nicht unser Organismus
ist intellektuell. Und darum machen wir zumeist Dummheiten, wo wir glauben,
besondere Taten zu vollbringen.«
    »Ist denn der Wille ein vom übrigen Organismus loslösbares Etwas«, fragte
Olga.
    »Das beweist die Hypnose«, sagte der Professor und nahm von der Hors
d'oeuvre-Platte, die ihm gereicht wurde. »Diese schöne, schlafwandlerische
Sicherheit des Trieb- und Instinktmenschen ist für uns verloren.« Er trank ein
Glas Rotwein durstig mit einem Zuge aus. »Gerade dein Vortrag, Stan, hat das
recht deutlich gezeigt. Die Zeiten aber, wo der intellektuelle Wille so geübt
ist, dass er den Menschen zu derselben fast automatischen Reaktion führt, wie das
der gesunde Instinkt, der Trieb, besorgt, - so dass auch der komplizierte Mensch
ein Ganzes und Deutliches wird, - die sind noch nicht da.« Er sprach jetzt, wie
er es täglich vor seinem Hörerauditorium gewohnt war. »In diesem Sinne können
wir uns als - als Zwischenstufen bezeichnen, - - oder als - schlotternde
Lemuren«, er zog die Vokale sarkastisch in die Länge, - - »aus Bändern, Sehnen
und Gebein geflickte Halbnaturen.«
    Alle hatten aufmerksam zugehört. Frau Eddas Kornblumaugen waren dunkler und
tiefer geworden.
    Das Stubenmädchen kam, räumte die Teller ab und legte neue an deren Plätze.
    Kati sagte: »Darf ich im Konversationslexikon nachsehen, was Lemuren sind?«
    Der gespannte Ernst der Stimmung löste sich. Unter allgemeinem Lachen wurde
die Zustimmung erteilt. Kati sprang auf, lief durch den Salon und von da in des
Professors Studierzimmer. Man sah, durch die offene Tapetentür, das elektrische
Licht drin aufflammen, hörte, wie sie den schweren Wälzer von der Etagere rückte
und darin blätterte.
    »Die - Lemuren - sind - geschwänzte Halbaffen«, rief sie heraus.
    »Aber auch noch etwas anderes«, schrie der Professor zurück.
    Katis Stimme ertönte weiter: »Sie haben Greifhände nach Art der Affen, - -
sie sind Baumtiere mit nächtlichen Gewohnheiten, - - nach Sonnenuntergang
pflegen sie in grösserer Gesellschaft den Urwald zu durchstreifen, - - unter
bedeutendem Geschrei, - - Zähmung gelingt leicht, - haben einen schwächlichen
Körper mit dichtem Haarkleid, - - vordere Gliedmassen kürzer als die hinteren, -
- Grosshirn ohne Windung, - - Blinddarm vorhanden.«
    »Esel, der du bist,« schrie der Professor, »schlag bei Laren nach, bei
Lares.«
    Nun ertönte die Stimme aus der Studierstube:
    »Nächtlich umherschweifende Seelen der Verstorbenen.«
    Der Professor rief: »Nun sieh noch bei Lemuria!«
    »Versunkener Kontinent, ehemals von Halbaffen bewohnt, wird auch als die
wahrscheinliche Wiege des Menschengeschlechtes betrachtet.«
    »Genug, genug,« rief der Professor, »es stimmt! Goete hat für seine Zwecke
das Wort und den Begriff gebildet. Und in unserem Fall stimmt's, - sowohl im
Goeteschen wie im zoologischen Sinne.«
    Kati wollte ihren Vortrag noch ausdehnen, aber der Rest ging in Gelächter
unter, und sie wurde energisch zurückgerufen.
    »Das Roastbeef wartet«, rief Edda.
    Das Licht in der Studierstube wurde abgedreht, und das braune, magere
Mädchen kam hereingewirbelt.
    Der Professor nahm die Unterhaltung in dozierendem Ton wieder auf.
    »Was heisst das Wort: Es irrt der Mensch, solang er strebt. - Es heisst, dass
der strebende Wille - der, der noch bewusst arbeitet, - der noch nicht Instinkt
geworden ist, - unsere grösste Gefahr ist. Wir leisten mit ihm Übermenschliches,
aber zumeist Falsches.«
    »Also Streben, Schaffen, Werden, Wachsen, - ohne es zu wollen?« forschte
Stanislaus.
    »C'est ça! - Das wäre der ganze Kerl, - der von morgen. Wir Heutigen ziehen
uns am Schopfe zu unseren Jdealen von uns selbst.«
    »Dann wäre man ja sehr gut daran, wenn man keine Ideale von sich selbst
hat«, warf Frau Edda ein.
    »Frauen wissen im allgemeinen nichts von solchem Wollen«, erwiderte der
Professor. »Sie haben keine Stellung zur Moral«, fuhr er ruhig fort.
    »Die alten Phrasen«, sagte Edda, und es klang beinahe verächtlich.
    Olga hob den Kopf. »Ich weiss aber von solchem Wollen und andere Frauen
auch.«
    »Das war das Schlimmste, was euch passieren konnte«, sagte der Professor und
schälte gleichmütig seine Birne.
    Edda beugte sich über den Tisch, zu Olga hinüber:
    »Lass dir nichts vormachen, hörst du! Zieh, - zieh dich selbst am Schopf, -
ja, - gerade das!«
    Olga wollte weitere Auslassungen über das Tema vermeiden. Sie wusste, dass
der Professor die Aktivität der Frauen bespöttelte, dass aber Frau Edda
leidenschaftlich und heftig zu werden pflegte, wenn er das tat. Sie, die ein
Leben, ähnlich dem einer Haremsdame führte, war mit ihrer Sympatie und mit
einer Art von persönlich resignierter Sehnsucht auf der Seite jener Frauen, die
das Steuer ihres Schicksals selbst zu lenken suchten.
    Und, als wollte auch Edda das Tema abschneiden, erhob sie sich, läutete dem
Mädchen und gab Befehl, den Kaffee zu servieren. Mit der gewohnten
Beinschwenkung warf sie die Schleppe zurück und ging voran, dem Salon zu.
    »Nun werde ich euch in mein neuestes Laster einweihen«, sagte sie wieder
ruhig und lächelnd und griff nach der Zigarettendose.
    »Welcher Laster beschuldigen - beschuldigst du dich?« fragte Stanislaus.
    Das »du« der schönen Cousine gegenüber, die er nur bei seinen seltenen
Besuchen in Wien gesehen hatte, fiel ihm schwer.
    »Zweier: der Trägheit und - nun wie nennt man das, - wenn jemand sehr gern
gut isst, gut trinkt, gut liegt? - - - Ich glaube, das ist etwas, was unter den
sieben Todsünden aufgezählt wird.«
    dabei nahm sie Besitz vom Schaukelstuhl und wiegte sich darin.
    »Das nennt man Völlerei«, sagte der Professor.
    »Ja? - Ich werde gleich eine neue Probe davon geben.«
    Sie nahm vom Rauchtisch einen kristallenen Parfümflakon, der neben dem
Aschenbecher stand, schraubte den silbernen Verschluss ab und träufelte behutsam
einen einzigen Tropfen auf eine Zigarette. Das Licht fiel auf ihre Hände und
brach sich in den Edelsteinen der Ringe.
    »Ambre Royal, mit türkischem Tabak, - damit kann man stundenlang glücklich
sein.«
    Sie parfümierte mehrere Zigaretten, reichte sie herum, und bald war das
Zimmer von wohlriechendem Dampf erfüllt.
    Kati griff nach dem Flakon und betrachtete, während sie den Rauch durch die
Nase blies, die Etikette.
    »Echtes Ambra, - mindestens 18 Gulden die Flasche, - Gustav, du musst sie
unter Kuratel geben.«
    »Jch überlasse alle notwendigen Arrangements meinen Gläubigern«, sagte der
Professor mit gleichmütiger Stimme. Er hatte die Augen zusammengekniffen und sog
in langen Zügen an der parfümierten Zigarette.
    »Ich muss doch die Bazillen ausräuchern, die er in Bouillon züchtet und
eventuell noch nach Hause bringt«, meinte Edda.
    Ihre frühere Bemerkung über das, was sie ihre Laster nannte, hatte
Stanislaus zu denken gegeben. Er wollte gern erfahren, ob denn hinter dieser
Bemerkung ein Ernst zu suchen sei, und er fragte sie:
    »Was nennst du deine Trägheit, liebe Edda?«
    »Nun denke dir, ich bin so faul. Ich tue nichts den ganzen Tag, als mich an-
und ausziehen und abends mit Leuten plaudern. Ich komme zu nichts anderem.«
    »Man kann auch den Müssiggang wohl ausfüllen,« sagte Stanislaus, - »o ich
kenne das. - Stundenlang gehe ich oft spazieren und denke an nichts. Wenn man
nur ein gutes Gewissen dabei hat!«
    »Er arbeitet aber wie ein Kuli«, warf Olga ein.
    »Das ist es ja gerade,« sagte Edda klagend, - »ich habe kein gutes Gewissen,
- ich leide unter diesem Leben und kann's doch nicht ändern ... Immer ist's
gleich Abend, ehe ich mich recht umschau', besonders jetzt, wo der Tag so kurz
wird. - - dabei scheint das Leben mit diesen Tagen, die einander so schnell
verschlingen, nicht etwa langsam zu vergehen, - nein, - im Gegenteil«, - sie
zögerte nachdenklich - »wie ein rasender Galopp zur Grube ist's, - sinnlos,
sinnlos.«
    Der Professor sagte: »Da ist nichts zu wollen; das ist der eigentliche Sinn
unserer Mobilität: gegen die Verwesung kämpfen - und dabei der Grube zureiten. -
- Wir kämpfen ununterbrochen gegen die Verwesung. Jawohl, hier ist das Um und
Auf unserer Tätigkeit. Jeden Tag ziehen wir los gegen den Staub, unaufhörlich
wirbeln wir ihn auf, verjagen ihn, - und schon setzt er sich wieder fest. Sieh
da!« er fuhr mit der Hand über die Lehne des roten Lederfauteuils und wies
wirklich etwas Staub am Finger vor, - wofür ihn Frau Edda mit einem
missbilligenden Blick bedachte.
    »Dieses tägliche Sich-vom Schmutze-Reinigen, diese immer von neuem
notwendige Aufmachung und Abrüstung, dieser endlose Turnus mit seinem An- und
Auskleiden, - dann diese beständig wirkende Verwesungschemie in unserem
internsten Gedärm und unser Bemühen, uns von ihren Produkten zu befreien, - was
ist das anderes, als ein ununterbrochener Kampf gegen das staubige Ende?! Müde,
natürlich, werden wir davon, - müssen wir werden, - verbraucht und müde; aber
dazu sind wir da.«
    Er schwieg, und Edda nahm wieder das Wort.
    »Und komisch: je leerer die Tage sind, desto deutlicher fühlen wir, -
Galopp, Galopp.« Sie machte eine Pause. »Aber ich glaube nicht,« - sie
schüttelte lebhaft den Kopf, - »dass die, die sich ordentlich rühren und den Tag
mit ihrer Mühsal füllen, - dass die auch das Gefühl haben, dem Grabe zuzureiten.
Da drüben,« fuhr sie fort und deutete zum Fenster hinaus, »vis-à-vis von uns -
wird jetzt gebaut. Zwanzig, dreissig Maurer und Handlanger und eine Menge Weiber
tummeln sich da. Vom frühen Morgen geht das. Da rennen sie durcheinander auf dem
Gerüst, - ich seh's vom Bett aus. - - Und Licht und Luft und Sonne haben sie in
abondance. Gott, wie müssen die diese letzten schönen Spätsommertage genossen
haben! Sie bücken und strecken sich unaufhörlich und reichen die schweren Eimer
hoch,« - sie machte die Bewegung nach, - »tragen Bretter und Ziegel auf den
Schultern und volle Mörteleimer auf dem Kopf, rühren alle Muskeln und Glieder -
und das alles in voller Sonne und freier Luft.« Sehnsüchtig warf sie den Kopf in
den Nacken. »Wer so leben könnte! Da müssten alle Schmerzen im Kreuz vergehen«,
sie stemmte die verschränkten Arme gegen den Rücken, - »und aller Druck im Kopf
und all die Schwere im Leib und alles, alles, was einem das Leben so sauer
macht.«
    Sie schwieg.
    Stanislaus hatte mit schmerzlichem Gefühl der seltsamen Beichte gelauscht.
Unwillkürlich fiel ihm jenes Wort des Artistoteles ein, welches die Passivität,
- die Trägheit, die Schwere, - als das Böse im Menschen bezeichnet, und - als
vom Göttlichen kommend und zum Göttlichen gehend, - nur die tätige Vernunft.
    »Und lässt sich denn gegen diese - diese - Müdigkeit gar nichts machen?«
fragte er.
    Edda zuckte mutlos die Achseln.
    »Mangel an Hämoglobin und eine Gebärmuttersenkung«, murmelte der Professor.
    Langsam, im Vortragston, fuhr er fort: »Die Seele ist wie der Schiffer, der
im Kahn, der durch das Weltmeer zieht, am Steuer sitzt. Das Schiff selbst aber«,
breit und gewichtig dozierte er, - »ist der Körper. Und darum kommt es auf den
so sehr an; denn was nützt alle Fähigkeit des Steuermannes, wenn das Schiff, in
dem er sitzt, nichts taugt?!« - -
    »Ich kämpfe auch mit meiner Gesundheit,« meinte Stanislaus; »ich glaube, ich
könnte mehr leisten, wenn ich in besserer Verfassung wäre.«
    »Dein grosser Vetter Gustav«, sagte der Professor, »ist bereit, dich
aufzuklären, - auf welchem Wege du am kürzesten dahin gelangst, - wohin wir alle
kommen.«
    »Ich danke,« antwortete Stanislaus, »ich brauche das nicht zu wissen;
vielleicht gehe ich dann zufällig den längeren Weg.«
    »Er ist ein Barbar in dieser Hinsicht,« sagte Olga, »eines Tages wird er
stecken bleiben.«
    »Aha, der Wille mit der Peitsche!« Der Professor schüttelte den Kopf. »Na, -
das eine weiss ich: sollte ich mich je an meinen Wurzeln krank fühlen, - lange
Fisematenten gäbe es dann nicht. Als Spezialist für Interna muss ich bekennen, -
dass das verlässlichste Mittel gegen eine Menge jener Leiden, um derentwillen man
zu uns kommt, noch immer eine Browningpistole ist. - - Das hilft auch gegen
andere Unannehmlichkeiten.« Er verzog die Lippen, und um die äusseren Augenwinkel
legte sich die Haut in dichte Fältchen.
    
    Edda trommelte unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte.
    »Gerade der Schriftsteller darf kein Barbar gegen sich selbst sein«, fuhr
der Professor fort. »Er darf nie vergessen, sein Werkzeug zu pflegen. Das
Werkzeug seines Schaffens aber ist er selbst. Er ist sich selbst gleichzeitig
Instrument und Material. Er muss sich die Bedingungen schaffen, unter denen er
sich selbst am besten - fühlt.« Er machte mit der Hand eine Bewegung, als wolle
er die Luft greifen. »Das ist mit eine Seite des Talentes.« In jähem Übergang
fragte er dann Stanislaus: »Wie lebst du eigentlich in Berlin?«
    »Mehr schlecht als recht,« bekannte Stanislaus, »ich schreibe Artikel,
trachte sie unterzubringen und bereite dabei ein Buch vor.«
    »Bei jener Art von Schriftstellerei, die du betreibst, muss es nicht leicht
sein, für Absatz zu sorgen.«
    »Es ist jedesmal ein neuer Kampf; immer als trete man das erstemal in die
Schranken.«
    »Und lebst du von diesen Honoraren?«
    »Ich habe zum Glück noch eine Art von Nebenbeschäftigung gefunden. Ich lese
einem gelähmten, alten Herrn mehrmals der Woche aus philosophischen Schriften
vor.«
    »Und bekommst?«
    »Drei Mark für den Vormittag.«
    Frau Edda machte grosse, erschreckte Augen.
    »Es ist wenig, aber es macht etwas aus; das merke ich, wenn mein Herr einmal
nicht da ist. Manchmal nimmt er mich auch auf Reisen mit. Auf diese Art habe ich
Italien und die Schweiz gesehen. Aber diese Beschäftigung nimmt mir zuviel Zeit
fort, ich würde sie gern aufgeben.«
    Der Professor sagte: »Und gedenkst du - immer so zu leben?«
    In das Gesicht des jungen Mannes stieg ein finsterer Ernst. Die Augenbrauen
rückten drohend zusammen, die Lippen pressten sich aufeinander.
    »Nein«, antwortete er.
    »Sondern?«
    »Ich gedenke zu erben.«
    Das dunkle Wort lastete. Olga blickte kummervoll auf den Bruder.
    »Der Schriftsteller muss sich menagieren«, sagte der Professor. »Er darf sich
nicht ganz ausgeben, - braucht Reserven. Denn was heisst schriftstellern?« Er gab
sich selbst die Antwort. »Es heisst nichts anderes als: Überschüsse ablagern. Da
darf man nicht verschwenden, - hm ja - denn zuzeiten verbraucht man sein bisschen
Kraft zum Leben - und Schreiben wäre dann jämmerlich.« Er beugte sich vor,
wippte die Asche von der Zigarette direkt auf den Teppich und lehnte sich, die
Beine übereinanderschlagend, tief in den Fauteuil zurück, dass die braunen
Hirschledergamaschen, die den Lackstiefel deckten, mit allen Knöpfen sichtbar
wurden.
    »Dein Wort von vorhin lässt sich hier anwenden«, sagte Stanislaus. »Wir sind
Zwischenstufen, - auch im ökonomischen Sinne, - mit unseren Einkünften, die oft
genug hinter denen des Proletariats zurückbleiben, und mit unseren Bedürfnissen,
die wir vom Bürgertum, mit dem wir sonst überquer sind, übernommen haben.
Zwischen den Klassen stehen wir, - und gepresst von beiden Seiten.«
    »Und nirgends fühle ich mich gepresster«, sagte Olga mit gedrückter Stimme,
»als gerade hier.«
    »In Berlin ist das besser,« meinte Stanislaus, »das wirst du bald merken.«
    »Wieso soll das in Berlin anders sein?« fragte Edda in zweifelndem Ton.
    Stanislaus dachte nach und sagte dann entschieden: »Hier in Wien kann das,
was - wir sind, keinerlei deutliche Gestalt annehmen. Eingekeilt sind - wir -
hier, unrettbar eingekeilt, in die Bourgeoisie. Berlin aber,« fuhr er lebhaft
fort, »Berlin gibt unsereinem Zugehörigkeit - und doch auch wieder Isolierung,
die frei aufatmen lässt, - und darum, mit der Zeit, - Gestalt.«
    Edda zuckte die Achseln. »Das kann ich mir nicht denken. - Wann gehst du
nach Berlin?« wandte sie sich dann an Olga. »Fährst du zusammen mit Stanislaus?«
    »Stanislaus reist früher. Ich bleibe noch einige Tage; zum nächsten Ersten
habe ich mein Zimmer gekündigt.«
    »Der deutschschreibende Schriftsteller«, sagte der Professor nachdenklich,
»hat ohne Zweifel von Berlin aus mehr Aktionsfläche und darum mehr Resonanz.
Hier? Wo ist hier das Publikum, mit dem er sich auseinandersetzen soll? Was soll
er von Bosniaken, Kroaten, Slovenen, Magyaren, Italienern für sich erwarten? Nur
das weite, einsprachige Hinterland macht aus der Hauptstadt die Weltstadt, und
dieses Weltstadtgefühl gibt Perspektive.«
    »Der Schriftsteller kann von überall sprechen,« meinte Edda, »die Gedanken
müssen über fremde Sprachen Brücken bauen.«
    »Es ist nicht die Sprache allein, - nicht jene Sprache, die man nach der
Grammatik erlernt, die Gemeinschaft ergibt,« - meinte Stanislaus, »es gibt eine
deutlichere Zugehörigkeit!« Nachdenklich senkte er den Kopf und blickte schräg
über den Zwicker. »Gruppen von Menschen, die nach ähnlichen Zielen ringen,
müssen die Möglichkeit haben, sich nach ihrer besondern Art zu gestalten.«
    »So eine Gruppe ist nicht selten eine Hydra,« sagte der Professor, - »eine
Hydra oder ein Polyp, Köpfe und Glieder spriessen und schwinden.« Er sprang auf,
warf den Zigarettenstummel in die Aschenschale und machte ein paar Schritte
durch den Salon. »Wieder dieses Ringgefühl um den Kopf«, sagte er verdriesslich.
    »Du hast zuviel geraucht, Gustav«, - Frau Edda sah ihn vorwurfsvoll an, -
»eine Zigarette habe ich dir fortgenommen, und drei andere hast du nacheinander
verpafft.«
    »Ich hatte heute keine rechte Bewegung«, sagte der Professor und streckte
ein paarmal die Arme aus. »Kati,« rief er dann dem Mädchen zu, das schweigend
in einer Ecke gesessen hatte, »Kati, hörst du - wir machen nachher den
gewohnten Gang.«
    Kati nickte.
    Stanislaus fühlte plötzlich, dass er sich dem persönlichen Leben seiner
Verwandten gegenüber in einer Reserve gehalten hatte, die missverständlich wirken
konnte. Er begann mit dem Professor über dessen schnelle Karriere zu sprechen.
Er hatte von Geldsorgen gehört, die ihn früher gedrückt hatten, - einmal hatte
auch sein Vater dem Neffen in Wien ausgeholfen. Die grosse Praxis des Professors
musste ihn, ohne Zweifel, von seinen Sorgen befreit haben.
    Ein bekümmerter Zug lagerte um den Mund des Professors. »Wir brauchen noch
immer mehr als ich verdiene, - mehr als wir haben, - samt Eddas Zinsen. Nicht
einmal die Rente für eine anständige Lebensversicherung fällt ab.«
    Edda seufzte unmutig. »Eine anständige Versicherung, - ich danke, was die
kostet; und eine lumpige hat keinen Wert.«
    »Aber, liebes Kind,« entgegnete der Professor, - »du willst doch, - dann, -
wenn ich mich mal zurückziehe oder wenn mir was geschieht, - weiter leben,
nicht? Und sogar ähnlich wie jetzt, - wie? Ich habe dir das doch schon oft
erklärt!« Eine leichte Erregung war in seiner Stimme.
    »Wenn man es aber nicht entbehren kann!« seufzte sie. - - - »Und wie denn,
wenn du mal längere Zeit krank bist und nichts verdienst, - woher dann die Quote
aufbringen?«
    »Das wäre schlimm«, erwiderte er, und seine Stirn zog sich in Falten.
»Krankheit ist in meinem Budget nicht vorgesehen.« Er schien sorgenvoll zu
grübeln. »Na - vor dem Schlimmsten schützt dich ja dein Vermögen.«
    Es war spät geworden, die Geschwister wollten sich verabschieden. Der
Professor hielt sie zurück, sie sollten vorher noch seinen »Gang« mit Kati
ansehen.
    Zu diesem Zwecke begab man sich in das breite Vorzimmer, das mit dicken
Veloursläufern belegt war. Edda und die Geschwister setzten sich auf die runden
Hocker, die hier an den Wänden standen.
    Der Professor warf den Rock und die Manschetten ab. Kati löste den leinenen
Stehkragen von der Seidenbluse, knöpfte die Ärmel am Handgelenk auf und rollte
sie hoch über die Ellbogen. Dann stellten sie sich fest einander gegenüber.
Einen Moment standen sie mit gestreckten Köpfen, - dann fiel sie mit einem
sehnigen Sprung über ihn her. Sie umklammerte seinen Hals und suchte ihn
niederzuziehen. Er parierte den Kopfgriff und stemmte den Ellbogen gegen ihr
Kinn. dabei griff sie ihm unter die Arme, presste seinen Leib und versuchte, ihn
hoch zu heben. Er drückte gegen ihre Brust, dass ihre Arme von ihm abglitten, und
die krausen Stirnhaare den Kopf umflogen. Aber sie schnellte wieder vor. Da
fasste er sie plötzlich am rechten Handgelenk, drehte sich jählings um, zog ihren
Arm über seine Schulter, liess sich auf die Knie fallen und warf sie zur Erde.
Sie versuchte, sich zu erheben, es gelang ihr nicht. Im nächsten Augenblick
lagen sie verknäult auf dem Boden. Seine Muskeln spannten sich stählern, sie
wieder ringelte sich zwischen seinen Armen durch und schnellte halb auf, wenn er
sie vollends niederdrücken wollte.
    Da läutete es an der Korridortür. Der Professor und Kati liessen voneinander
ab und sprangen auf. Das Stubenmädchen kam aus der Küche und eilte zur
Wohnungstür.
    »Sehen Sie erst nach, wer es ist«, rief ihr Edda zu. Nach der »Sperre« war
ein Besuch etwas Ungewohntes. Das Mädchen hatte durchs Guckloch geblickt und
teilte flüsternd mit, es sei der Herr Reisenleitner.
    »Aufmachen«, rief Edda.
    Ihr Bruder trat ein.
    »Servus, Kinder«, begrüsste er Schwester und Schwager. Er schüttelte ihnen
die Hand und begrüsste die anderen mit leichter Verbeugung.
    Der Professor und Kati standen schwitzend und schnaubend; sie streifte ihre
Ärmel herunter, und er schlüpfte in seinen Rock. »Mein Schwager Reisenleitner -
mein Cousin Stanislaus Diamant«, stellte der Professor vor.
    »Aha - der Herr Bruder aus Schlesien, - sehr angenehm.«
    »Aus Berlin«, verbesserte der Professor und dehnte das i.
    »No - erlaub du mir - wie kannst du so was sagen? Wann ich mich morgen in -
sagen wir - in New York ansiedeln tu', bin ich deswegen doch a Weaner.«
    »Sehr richtig«, sagte Stanislaus, senkte den Kopf auf die Seite, lugte
schräg über den Zwicker und zeigte seine Zähne.
    »Was macht's ihr denn da alle im Vorzimmer, - aha - the usual match!« Er
kannte das. »Wer hat g'wonnen? Niemand? Unterbrochen? Schad'.«
    Vinzenz Reisenleitner war ein elegant gekleideter Herr, vollblütig, gross,
kräftig, mit braunem Haar, aufgezwirbeltem Schnurrbart und hellblauen Augen.
Sein von der scharfen Herbstluft angeblasenes Gesicht schien von Gesundheit zu
glühen. Er trug einen braunen Ulster, von weitestem Sackschnitt, der ihm nicht
ganz bis an die Knie reichte, einen sehr hohen Stehumlegekragen, die modernste
Krawatte von zartem Hellgrün und steifen, schwarzen Hut.
    »Alsdann, - wisst's ihr, warum, dass ich da bin?«
    Edda lud ihn ein, ins Zimmer zu kommen.
    »Ja, aber nicht lang, - ich muss gleich wieder weg, - ich hab versprochen,
ich bring euch mit.«
    »Wohin denn?«
    Er nannte ein bekanntes Nachtlokal, einen Champagnerkeller »Zum
Nachtfalter«.
    »Was ist denn dort los?«
    »Los is nix.«
    »Also?«
    »Beim Nachtmahl im Imperial habe ich deinen Famulus getroffen, den Herrn
Pankraz.«
    »Seit wann speist denn der im Imperial?« mischte sich Frau Edda ein. »So
eine Frechheit!«
    »Kannst beruhigt sein, auf seine Kosten tut er das nicht; der klebt schon
die ganze Zeit an dem amerikanischen Doktor.« Er wandte sich zum Schwager: »Du
hast ihn abgetreten an den, - hat er g'sagt, - so lang, dass der da is.«
    »Der Dr. Macpherson nimmt mit ihm die Kollegien durch«, erklärte der
Professor, »und noch andere Sachen, die man in Wien durchnimmt.«
    »Mit dem war er da. Und die zwei gehen heut' noch zum Nachtfalter. - Da
haben's mich heraufgeschickt, ich soll euch hinschleppen.«
    Der Professor sah seine Frau fragend an; er überliess ihr die Entscheidung.
Er für seine Person war zeitweiligen Exzessen nicht abgeneigt.
    »Ich müsst' mich erst anziehen«, sagte Edda zögernd, schien aber doch den
Plan zu erwägen. »Wo ist denn die Eva?« fragte sie.
    »Die sitzt natürlich bei der Kleinen«, antwortete Reisenleitner mit einer
Handbewegung und einem Achselzucken, die Resignation ausdrücken sollten.
    »Deine Frau kommt zu wenig heraus«, sagte der Professor in etwas tadelndem
Tone.
    Vinzenz antwortete ärgerlich: »Erschtens, -« er hielt ihm den Daumen vor die
Augen, - »weisst du nicht, was ein kleines Kind ist«; - er selbst schien von
diesem Wissen sehr durchdrungen; »und zweitens ist die Eva wirklich eine
Hauskatz'. Dass ich mich deswegen einmauern tu', - fallt mir net ein; wann sie so
fad is? - - - In der Beziehung - eine echte Teutsche - obwohl sie flotteres Blut
von ihrer französischen Mutter her haben müsst'.«
    Vinzenz Reisenleitner, der die Fabrik seines Vaters übernommen hatte, liebte
jene Art von Vergnügungen, die man in Wien »a Hetz« nennt, über alles. Besonders
ergeben war er dem Sport. Er verbrachte so ziemlich alle Sonntage und die
zahlreichen katolischen Feiertage, die den Gang des österreichischen
Geschäftslebens so fleissig hemmen, auf dem Semmering oder im Wiener Wald und war
mit seinem Automobil auch mitten im Arbeitsjahr viel unterwegs.
    »Alsdann, geht's ihr oder geht's ihr nicht? - Du, ich sag' dir,« wandte er
sich zu seiner Schwester, - »der Mister Macpherson ist verliebt in dich.«
    Man war in den Salon zurückgekehrt, und Vinzenz sass im Überrock, den Hut in
der Hand, auf einer Fauteuillehne.
    »Wieso, was hat er wieder gesagt«, fragte Edda neugierig und belebt.
    »Alsdann, er hat g'sagt, - your sister, Mrs. Diamond - sprich Deiämönd,«
markierte er, - »is the most elegant type of woman, I ever saw.« Er sprach die
englischen Worte sehr gut, korrekter als die deutschen. Englisch war immer sein
»Talent« gewesen, - und Amerika sein erklärtes Ideal.
    Edda lächelte geschmeichelt, tat aber spöttisch: »Glasige Augen hat er!
Schaut aus, wie a Karpfen.«
    »Ein Verehrer meiner Frau, - da müssen wir hingehen«, sagte der Professor
mit zufriedener Stimme, die Hände in der Tasche. Er besass keine Spur von
Eifersucht. »Gänzlich unbekannter Affekt«, hatte er oft versichert. Und mit
jener Freimütigkeit, die die innersten Seelenzustände preisgibt und die in jener
Schicht der »Intellektuellen« so weit geht, dass sie oft mit Schamlosigkeit
verwechselt werden könnte, - mit jener Freimütigkeit, die sich unbedingt zu
ihrem Empfinden bekennt, hatte er im Freundeskreis einmal gesagt: Wenn seine
Frau einen Geliebten hätte, er würde ihr dieses Erlebnis von Herzen gönnen; eine
solche Tatsache würde zwischen ihm und ihr nichts ändern.
    Frau Edda aber sagte im Kreise ihrer Freundinnen von ihrem Manne: »Er ist
ein schrecklicher Mensch in vielen Sachen, - aber - Hörner aufsetzen?! - Da
müsst einer schon auf'm Kopf Csardas tanzen!«
    In Wahrheit hatte sie ein wählender Trieb zu ihrem Mann gezogen, mit dem sie
auch heute noch nicht fertig war, - trotz allem. Seine »Schnuppigkeit«, wie sie
es nannte, sein auf die Forschung festgelegtes Interesse, das alles reizte sie
zuzeiten in bösem Sinne - und verkettete sie doch auch wieder mit ihm, weil
etwas in ihrem eigenen Wesen diese Art im stillen bewunderte. In hohem Grade
gefallsüchtig, war sie dabei doch unsinnlich, - frigid, hatte der Professor
konstatiert, - und es war ihr noch niemand »gefährlich« geworden. Ihres Mannes
Vernachlässigung verletzte und verärgerte nur ihre weibliche Eitelkeit, nicht
aber ein sinnliches Bedürfnis in ihr. Er selbst wieder fand die kühle Distanz,
in die er zu seiner Frau geraten war, - nachdem er ihren Besitz mit
unbesieglicher Begierde erstrebt hatte, - einerseits in der Gewöhnung der Ehe
und andererseits in der Natur eines angestrengt geistig und physisch arbeitenden
Mannes begründet. »Ich begreife,« sagte er, »dass eine Frau vielleicht mehr
braucht, als ein scharf arbeitender Mann ihr bieten kann, - aber - enfin - da
müsste man Liebhaber züchten, als soziale Klasse, die die Weibchen unterhalten,
während die Männer arbeiten.«
    Er trieb jetzt seine Frau an, in den Keller zum »Nachtfalter« zu kommen.
»Zieh dich an, - wir gehen hin. Einmal in der Zeit muss der Mensch drahn.« - Den
ganzen Monat hatte er jeden Abend, bis tief in die Nacht hinein, an einer
Darstellung der klinischen Frühdiagnose des Krebses gearbeitet.
    Edda zog sich mit Kati ins Ankleidezimmer zurück. Stanislaus und Olga
wollten sich verabschieden, aber der Professor beredete sie lebhaft,
mitzukommen.
    »Übermorgen ist wahrscheinlich Stans letzter Tag hier, - und ich habe auch
noch eine Menge zu tun, vor der Abreise«, wendete Olga ein. Herrn Reisenleitners
Gesellschaft war ihr wenig sympatisch, so stark auch die Hinneigung war, die
sie mit seiner Frau verband.
    Der Professor kannte die mühsam unterdrückte Abneigung seines Schwagers
gegen alles, was das Judentum deutlich repräsentierte. Es amüsierte ihn, - ihm
gerade zum Trotz - den so sehr »rassigen« Stanislaus und die rote Olga
mitzunehmen. Er hatte nicht vergessen, wie Eddas Bruder sich damals gegen die
Verheiratung der Schwester gesträubt hatte und wie nur die Tatsache, dass der
neue Schwager Eddas Geld mit Seelenruhe in der Fabrik liess und es ihm zur
Verfügung stellte, ihn umgestimmt hatte. Ein anderer Gatte, ein Offizier oder
ein Industrieller, wie er ihn für sie am liebsten gewünscht hätte, würde ihm ihr
Geld nicht überlassen haben. Kaum war die Verbindung vollzogen, so war Herr
Reisenleitner auch schon stolz auf den grossen Namen des Schwagers; überall
prahlte er damit, dass seine Schwester den berühmten Dozenten »bekommen« habe.
    »Er is zwar a Jud - no ja, Schattenseiten hat alles - aber wenn man der
Dozent Diamant is, kann man sich das erlauben; passen's auf, - der wird auf ja
und na Professor, - trotz der Strömung!« Er sprach dieses eine Wort respektvoll
in reinem Hochdeutsch, mit zugespitzten Lippen, aus. - Und er hatte recht
behalten. Trotz der »Strömung« war Diamant, dessen Kollegien eine internationale
Hörerschaft nach Wien zogen, in jungen Jahren zur Professur gelangt. -
    Edda kam bald wieder. Sie trug ein graues, langschleppendes Kleid von zartem
Gewebe, unter dem es schwer und starr rauschte. Auf die hochgeschlossene Taille
war in Silberstickerei ein Blumenornament appliziert, das sich um die Büste
schlang und sich flimmernd von dem wolkengrauen Grunde abhob. Ein Hut in der
Form einer riesigen Altwiener Kapotte aus rosa Filz, mit nickenden rosa
Straussfedern, umschloss das runde Gesicht, mit den blauen Blumenaugen. Ein
weisser, burnusartiger Mantel war um die Schultern geworfen.
    Die Weigerung der Geschwister mitzukommen, wurde vom Professor mit guter
Laune abgewiesen. »Ihr müsst mit«, entschied er.
    Die Gesellschaft ging im Licht einer Lampe, die das Mädchen trug, die Treppe
hinab. Der Hausmeister wurde herausgeklingelt und erschien schlaftrunken, ein
Stearinlicht in der Hand, mit den Pantoffeln schleifend, im Nachtemd, mit
halbzugeknöpfter Hose. Er öffnete das Haustor und kassierte von jedem der Herren
einen Obulus. Die breite Strasse war fast leer und schwach beleuchtet. Das Wetter
war nebelig frostig. Man fuhr in zwei Fiakern dem Lokal zu.
    Die Nähe der schönen Frau erfüllte Stanislaus und belebte sein schweres
Temperament. Wie eine Königin erschien sie ihm in ihrer Schönheit; und dass sie
sich vor kurzem selbst als die Sklavin unterjochender Schwere bekannt hatte, war
ihm ein merkwürdiger und schwermütiger Kontrast.
    Man betrat das Lokal. Edda ging voran. Die starre graue Seide des
Unterkleides krachte und raschelte, der Kopf mit dem noch erhöhenden
Federnschmuck war stolz zurückgelehnt, die Augen glitten über den dichtgefüllten
Saal, alle an sie herandrängenden Blicke hochmütig übersehend. So ging sie, der
blendenden Wirkung sicher.
    Es war ein niedriger Saal, die Kellerwände waren mit Fayencefliesen
verkleidet. In dichten Reihen standen die Tische. Ein paar Winkel waren mit
roten Sammetvorhängen logenartig abgeteilt. Die Atmosphäre war dumpfig, voll von
Tabakrauch, schlecht ventiliert. Ein berühmtes Nachtlokal, vom »echten, alten
Schlag«, wie Herr Reisenleitner erklärte. Eine bescheidene Kapelle, - ein paar
Violinen, ein Klavier, ein Cello, - machte auf einer kleinen Galerie Musik.
    Edda führte mitten durch das Lokal, zwischen den Tischen durch. Fast alle
Gäste setzten das Glas hin und dirigierten die Köpfe auf die überragende
Erscheinung. Bewundernde Worte raschelten ihr zu. Neben ihr ging Olga, in ihrem
braunen Wollkleid, den glatten, braunen Filzhut in die Stirn gedrückt. Die
anderen folgten.
    »Da sind sie schon«, rief Reisenleitner und steuerte einer der roten
Sammetlogen zu. Der halbgeraffte Vorhang liess das Innere frei. Man sah zwei
Herren, die sich eilig erhoben, als die Gesellschaft herankam.
    Pankratius Kaff, den Frau Edda gern Kaffer nannte, im braunen Sammetrock,
mit wehendem Schlips, wiegte den haarumwallten Kopf, zog dabei das Gestrüpp
seines Vollbartes durch die hohle Hand und murmelte, mit tief unter den Kehlkopf
gedrückten Tönen, seine »Befriedigung«, dass die »hohe Frau samt Gefolge«
erschienen sei.
    »Seid auch Ihr gegrüsst, nussbraunes Mädchen«, wandte er sich an Kati, die
ihn mürrisch überging. Jeden der Ankömmlinge adressierte Pankratius auf diese
seine Art, welche, wie er wiederholt auseinandergesetzt hatte, nicht der
»flüchtigen Daseinsform«, sondern der »Idee« gelte, die sich in der betreffenden
Person »emaniert« habe.
    Mit korrekten, halben Sätzen erledigte der Amerikaner die Begrüssungsphrasen.
»Glad to see you« und ein mässig kräftiger Händedruck mit den Bekannten, -
Namensgemurmel gegenüber dem Vetter Stanislaus, von dessen Anwesenheit Mr.
Daniel Horatio Macpherson fürder keine Notiz mehr nahm.
    Er überragte selbst Frau Edda um die ganze Höhe seines Kopfes, der mit
seinem schmalen, langgezogenen Gesicht an eine Pferdephysiognomie gemahnen
konnte. Das rötliche Haar, das glatt und gesalbt niedergelegt war, lichtete sich
in der Mitte zu einem breiten Scheitel, der sich am Wirbel zu einer runden,
blanken Fläche verbreiterte. Sein glattrasiertes, rosiges Gesicht war gut mit
Cream gepflegt, die wasserblauen, runden Augen schienen wenig bewegt, fast
starr, und waren die Ursache, dass ihn Frau Edda einen »Karpfen« genannt hatte.
Sein Alter war schwer zu bestimmen. Man hätte ihn für einen ganz jungen Mann
halten können, wären nicht die Furchen gewesen, die sich von der Nase zu den
Mundwinkeln zogen und sich tief in die Wangen gruben. Lang und knochig waren
Arme und Beine, tadellos die hochgewölbten, kunstvoll gepflegten Nägel der
eleganten, warmen und langen Hand. Ein süsslich-herber Duft, derselbe, den Frau
Edda kräftiger anwendete, - Ambre royal - entströmte, wie in vereinzelten
Wellen, dem dicken Homespun seines karierten Anzugs, dessen Muster, auf
dunkelgrünem Grunde, verwandte, gedämpfte Farben verband; der Rand eines
blütenweissen Taschentuches von zartestem Linnon blickte diskret aus der linken
Brusttasche.
    Mr. Macpherson machte den Eindruck eines Mannes, dessen körperliche Kultur
nichts zu wünschen übrig lässt. Eine Atmosphäre erfrischender Sauberkeit umwehte
ihn, erweckte suggestive Vorstellungen, - von einem vollkommen eingerichteten
Badezimmer, von eisernen Hanteln, die morgens nachlässig vom Boden aufgegriffen
und ein paarmal balanciert wurden, von festzupackenden Männerhänden, die den
wagerecht ausgestreckten, hageren Körper massierend durchkneteten und von einem
netten Gibson-Girl, das als Manikure dem Gentleman gegenübersass.
    Macpherson war ein Hörer des Professors. Bei seiner jährlichen Automobiltour
durch Europa hatte er beschlossen, ein paar Wochen Wien einzulegen, um im
Sommersemester die Kurs des Professors zu hören. Nachdem er in den Ferien im
Zickzack durch Europa gefahren war, kam er unerwartet wieder, - um noch weitere
Kurse zu hören. Seine ärztliche Praxis in New York hatte er einem Vertreter
übergeben und sich eines nervösen Leidens wegen einen besonders langen Urlaub
erteilt. Als Sohn des Besitzers einer riesigen Viehplantage in Südamerika hätte
er die ärztliche Praxis überhaupt nicht nötig gehabt, aber als echter Yankee
verschmähte er ein Leben ohne ehrgeizige Ziele. Die Plantage war noch bei
Lebzeiten seines Vaters einem englischen Konsortium unter fabelhaften
Bedingungen verpachtet worden. So konnte Daniel Horatio Medizin studieren, was
er nie getan hätte, wenn das Geschäft - business! - seine persönliche Kraft
erfordert hätte; aber dieser enorme Viehbestand auf den weiten, brasilianischen
Prärien bedurfte keiner Personalleistung seiner Nutzniesser, um sich unaufhörlich
in sich selbst zu vermehren.
    In Daniel Horatio Macpherson wohnten zwei Seelen. Die eine hiess business und
war mit der geschickten Ausnutzung finanzieller Konjunkturen so wohl vertraut,
als mit dem Bemühen, sich als Arzt Erfolge und gesellschaftlichen Rang zu
sichern. Die zweite hiess - romance und war sentimental, mit schwermütigem
Einschlag. Ihr liebstes, erreichtes Ziel war Venedig. Für Macpherson hatte die
Welt nur drei Städte: New York, Paris - als Faubourg davon liess er die Riviera
gelten - und Venice. Alljährlich einmal hielt sein Auto in Mestre, - der letzten
mit dem Car befahrbaren Station vor Venedig. Billie, der schwarze Chauffeur,
bekam Urlaub bis auf Widerruf, und Daniel Horatio bezog für eine Woche ein paar
Zimmer in dem einzigen Hotel am grossen Kanal, in dem es für ihn ein
befriedigendes Lunch gab, - dem wunderbaren, goldbraun getönten, zum Hotel
adaptierten Palazzo, gegenüber vom San Giorgio Maggiore, dem Hotel der Könige
und Millionäre. Die tiefen, venezianischen Nächte verbrachte er in der Gondel,
in Gesellschaft einer Freundin natürlich, - for in Venice you must be wit a
lady, - den Geruch des Wassers begierig atmend, aufgelöst in Stille. So glitten
sie durch den grossen Kanal, vorbei an den fahlen Marmorpalästen, zu deren Füssen
eiserne Kandelaber mattleuchtende Lampen auf ihren gestreckten Armen trugen. Nur
die sehnsüchtig geschwellten Stimmen aus dem Boote der Sänger, das, umsäumt von
roten Lampions, die Gondeln der Gäste verfolgte, zerteilten manchmal das
Schweigen und liessen die lebensdurstigen Melodien des Matchich oder der
Carmagnole über das Wasser rollen. Zum Schluss bog die Gondel, in der Daniel
Horatio - - oft den ganzen Abend ohne ein Wort zu sprechen - lang ausgestreckt
an der Schulter einer Frau lag, in den Canale Piccolo und glitt geisterhaft über
der schwarzen, engen Wasserstrasse, unter den gewölbten Brücken, zwischen
finsteren Palästen, dahin. Nur das Plätschern des eintauchenden Ruders
unterbrach dann diese tiefe Stille, und in der Dunkelheit sah man nichts, als
die im Licht der Gondellaterne erkennbare Gestalt des Gondoliere, wie sie sich
rhytmisch aufrichtete und niederbeugte und an der Spitze der Gondel scheinbar
schwebte. In später Stunde bogen sie dann wieder in den grossen Kanal ein und
legten an der glänzend erleuchteten Steintreppe des königlichen Hotels an.
    In dieser zweiten, romantischen Seele spielte das Weib eine Rolle, die in
das Gebiet der anderen Zone, der des Yankee-Ehrgeizes, hinübergriff. Aber das
Weib, wie es Daniel Horatio als kostbarstes Inventarstück seines Besitzes
erträumte, - dieses Weib wohnte in seiner Vorstellung hoch über jener Welt, aus
der man gefällige Reisefreundinnen für eine Saison bezog: eine glänzende Herrin
- a real lady - war das Ziel seiner Sehnsucht.
    Diese beiden Seelen lagen auf allen übrigen Gebieten in Fehde miteinander;
»when business goes in, romance goes out«, pflegte er zu sagen. Aber es gab
einen Punkt, auf dem sich die beiden Seelen Daniel Horatios mit einem nüchternen
und sich menschlich bescheidenden Ultimatum versöhnten; denn die
Selbsterkenntnis seiner stillsten Stunden, die Bilanz seiner ehrlichsten
Abrechnung mit sich selbst, die unbestochene letzte Wertung, die er sich
zuerkannte und die ihn den Kopf sicher und doch wieder bescheiden tragen liess, -
die formulierte sich in den Worten, mit denen er Frauen über sich zu orientieren
pflegte. Diese Worte lauteten: »I am a gentleman and I am clean.« Es war das
Engste und Letzte, was er über sich auszusagen wusste, - mit dieser Legitimation
warb er um Vertrauen und schränkte dabei, vorsichtig, illusionistische
Voraussetzungen ein.
    Dieser Mann, der ein Gentleman war und rein - ich sterbe als Soldat und brav
- huldigte Frau Edda, in respektvoll distanzierter Art, mit hoffnungsloser
Bewunderung. Hier war ihm sein Ideal leibhaftig vor Augen getreten, - und es war
unerreichbar, wie Ideale zumeist es sind.
    Man verteilte sich, so gut es der knappe Raum der Nische gestattete, um den
Tisch, und der Professor und Mr. Macpherson machten ihre Bestellungen; sie
einigten sich auf eine englische Marke.
    Pankratius Kaff, der auf den belebenden Stoff nicht erst zu warten brauchte,
sein Glas schon fleissig gefüllt und geleert hatte, begann sein »sokratisches
Spiel«, wie er es nannte, das für ihn darin bestand, andere bei »der Idee ihrer
selbst« anzugreifen, zu Bekenntnissen zu reizen, sie herauszufordern, und dabei
Stücke, die er augenblicklich auf seinem geistigen Repertoire hatte, geschickt
auf die Gesprächswalze zu winden. Er nannte Olga und Stanislaus zwei Typen, die
er mit Apollo und Diana des Lucas Cranach verglich, und hatte, als die erwartete
Befremdung über diesen Vergleich eintrat - den man für geschmacklos grobkörnige
Ironie hielt -, Gelegenheit, seine Auffassung dieses Bildes auseinander zu
setzen. Er wollte in den beiden Gestalten des Meisters die Verkörperung
voraussetzungsloser Intellektualität erkannt haben. Er schilderte die strengen,
ganz auf Erkenntnis gerichteten Gesichter, die unpersönliche Haltung der
geschwisterlichen Gotteiten, wie sie Cranach gemalt, und es gelang ihm, diese
neue, und nicht uninteressante Auffassung auch auf die Zuhörer zu übertragen und
seinen Vergleich zu rechtfertigen.
    Pankratius war ein bemoostes Haupt, aber doch nicht ein für alle Zeiten
verlorener Sohn der Fakultät, der er »hauptberuflich« angehörte. Vielmehr war er
entschlossen, eines Tages auch sein letztes medizinisches Rigorosum zu machen
und eine Praxis in einem ihm zusagenden Spezialfach zu eröffnen; er glaubte
auch, dieses Fach schon gefunden zu haben. Der Grund, warum zwischen den
einzelnen Etappen seines Rittes zu einem akademischen Ziel und einer
bürgerlichen Existenz sich weite Landstrecken auszudehnen schienen, lag in der
»Fülle blühender Interessen«, die ihn auf diesem Wege aufhielten. Er war auch
tatsächlich kein echter Müssiggänger. Zumeist waren es die schwebenden Gärten der
spekulativen Philosophie, in denen er sich lustwandelnd verloren hatte, dann
wieder war es eine stramme Wanderung durch das Ackerland der Nationalökonomie,
oder ein Wolkenflug durch die Künste gewesen, die ihn vom vorgeschriebenen Wege
abgelenkt hatten. Aber immer wieder kam er, in gemächlichem Tempo, zu diesem
Wege zurück und bestieg den geduldig da wartenden »Klepper der Karrière«.
    Die Gunst des Professors ermöglichte ihm diese Reisen. Er war sein
Landsmann, und sie hatten in ihrer mährischen Heimat zusammen die Bänke des
Gymnasiums gedrückt. Edda, die den »Kaffer« verachtete, - sie schätzte den Mann,
der dem Tag mit jener Kraft, die sie selbst nicht aufzubringen vermochte,
Ergebnisse abzwang, trotz ihres zeitweiligen Grolles gegen Bazillenkulturen, -
hatte ihrem Mann vorgeworfen, dass er den Kaffer »korrumpiere«, indem er ihm ein
sicheres Brot gab. Der Professor aber war gewöhnt an ihn. Seine
»Paradoxendrescherei«, wie Edda seine geistigen Kundgebungen nannte, störte ihn
nicht, entsprach vielmehr einer gewissen Neigung seiner eigenen Natur, und er
konnte ihn gut brauchen. Er gab ihm, als seinem Sekretär, ein festes Gehalt, zog
ihn bei Operationen zur Assistenz heran, wofür er ihn besonders honorierte und
schob ihn zeitweilig ausländischen Hörern zu, denen Pankratius teils als
Dolmetsch der Kollegien, teils als Führer durch Wien diente. Und da diese
fremden Hörer, wie Macpherson, zumeist mit etwas Deutsch ausgerüstet waren,
vermochten sie die willkürlichen Konstruktionen, die sich Pankratius, in schöner
Unbekümmerteit, in fremden Sprachen leistete, als Krücken zu brauchen.
    Während sich Macpherson mit Edda und Vinzenz Reisenleitner beschäftigte,
kehrte Pankratius sein Interesse vorerst den Geschwistern zu.
    »Sie gehen ohne Zweifel nach Berlin, befreite Dame,« wandte er sich an Olga,
- »um der Einsamkeit näher zu kommen, - ist es so?«
    »Verschonen Sie uns mit verdrehten Reden«, rief Edda unwillig aus ihrer Ecke
herüber.
    »Wieso finden Sie diese Rede verdreht, o Meisterin?« gab er zurück. »Es ist
eine empirisch erprobte Tatsache,« - es klang gut vorbereitet - »dass innere
Einsamkeit heute nicht mehr in äusserer gedeiht. Vergraben Sie sich allein in ein
einsames Nest, zum Zwecke innerer Verdichtung, - und Sie werden alsobald von den
unruhigsten Stimmungen heimgesucht werden, die den geplanten Zweck durchkreuzen
... Der moderne Prophet,« - er drückte die Töne tief in den Schlund, rieb die
Hände ineinander und neigte den Kopf von einer Schulter zur anderen, - »der
moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt. Hier kann er Einsamkeit
erlebenen, wie sie ihn in der Sahara nicht erwarten, - hier kann er Stimmen
hören und Gesichte schauen ...«
    Er fühlte sich rehabilitiert, und, ohne die Stimmung auszunützen, wandte er
sein dickes, rotes Gesicht freundlich zu Frau Edda hin und fuhr, gemächlich
erzählend, fort:
    »Ich war einmal im Mai am Lago Maggiore, mit einem grossen Koffer voll von
Büchern und Skripten, - im Mai, verstehen Sie! Ich hatte es raffiniert so
eingerichtet! Nachdem ich drei Tage lang in dem einsamen, glühend heissen Nest
mit Schlafsucht und Verzweiflung gekämpft hatte, fing ich am dritten Tag an,
laute Selbstgespräche zu halten; am vierten Tag sass ich nachts zehn Uhr in der
Eisenbahn, am fünften hatte ich einen Aufentalt von eins bis vier Uhr morgens
in Feldkirch, am sechsten telegraphierte ich meiner Wiener Zimmerfrau von
Innsbruck: ,Locarno grassiert Typhus Ankunft heute abend.' Der Bücherkoffer
kostete, -«
    »Diesen Streich kennen wir, du brauchst damit nicht zu glänzen«, schnitt ihm
der Professor das Wort ab.
    »Es ist nur, weil ich sagen will - in der Weltstadt wäre ich ohne Zweifel
damals zur, Verdichtung' gelangt, - während mich dort die Stimmen hetzten ...«
    Der Champagner war indessen gekommen und perlte in den Gläsern; Edda
bestellte für sich gesalzene Mandeln, Reisenleitner ein Giardinetto, der
Professor Frankfurter Würsteln. Kati naschte von den petits fours, die auf dem
Tisch standen.
    »Gehen Sie nach Berlin, um ihre Volubilität zu systematisieren?« forschte
Pankrazius weiter.
    »Ich hoffe, in Berlin einen Beruf zu finden«, entgegnete sie.
    »Beruf - o weh«, sagte Pankrazius kläglich. »Eine Massenpsychose hat da die
Frauen überwältigt! Sie, die Symbole von Gottnatur, - vergemeinern sich im
groben Tagwerk.«
    »Symbole von Gottnatur, - was ist das schon wieder für ein geschwollenes
Gerede«, sagte Frau Edda.
    »Bitte sehr, dieses Wort ist nicht mein Eigen, und Sie werden nicht leugnen,
dass das Weib -«
    »Ich leugne,« der stille Stanislaus hatte das Wort, - »ich leugne, dass
irgendeine Frau ihr Leben lang als Symbol herumlaufen kann, - als Symbol morgens
aufstehen und abends sich niederlegen, als Symbol all die Plackerei erledigen,
die der Tag für sie, wie für den Mann bringt.« Er bewegte im Sprechen den Kopf
so hastig, dass die schwarzen Ringel die Stirne schlugen.
    Das Gespräch hatte eine gereizte Wendung genommen.
    Edda rief dem Pankrazius erbittert und höhnisch zu, - und ihr kleiner
Sprachfehler wurde bei diesem schnellen Heraussprudeln der Worte besonders
deutlich. »Glauben Sie nicht, dass eine Frau lieber in einem Beruf rackert, - als
dass sie drauf warten muss, bis irgendeiner - Sie zum Beispiel - ihr Schicksal in
Schlepptau nimmt?«
    Die Stimmen schwirrten erregt durcheinander.
    Mr. Macpherson wunderte sich, dass die Deutschen beim Wein, besonders aber
wenn sie gebildete Reden führten, - intellectual speeches - immer gleich
schrien. Überhaupt fand er diese Art von Konversation schauderhaft. Sein
angelsächsisches Kulturgefühl lehnte sich gegen andere als konventionelle
Gespräche auf. Die höflichen Formeln, hinter denen, in guter Gesellschaft, die
Gesinnungen verborgen blieben, empfand er als Schutzwehr der innersten
Persönlichkeit. Dieses gegenseitige Hineingreifen in die geistige Sphäre der
andern, wie er es hier in diesen Kreisen fand, schien ihm barbarisch und dazu
völlig unfruchtbar. Aber, wie es schien, ging es hier nicht anders. »Tei always
put teir hands into the most interior sphere of each oter«, hatte er gleich zu
Anfang seines Wiener Aufentaltes herausgefunden. Frau Edda bedauerte er. Sie
schien ihm mit Entartung bedroht durch ihr Milieu.
    Pankrazius hatte die Verachtung, die ihm aus Eddas Rede entgegenschlug,
schweigend, mit einem etwas starren Lächeln um den Mund, hingenommen. Er wusste,
wie er diesen Angriff zu parieren habe. Langsam und gewichtig fragte er sie:
»Würden auch Sie, Frau Edda, lieber in einem Beruf rackern, - arbeiten - als -
als ihr Schicksal - in Schlepptau nehmen lassen?«
    Sie fuhr zusammen und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Es war etwas
wie Entsetzen in dem schönen Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, dass die
Straussfedern nickten: »Ich? - Arbeiten? - - Nein, - nein. - Ich nicht! - Aber
die andern, die - die es können, - die tun recht.«
    Pankrazius lehnte sich mit spöttischem Gesicht zurück. »Das nenne ich einen
selbstlosen Eifer; das Recht auf Arbeit - für andere!« Er trank sein Glas aus
und qualmte beruhigt aus seiner Zigarre.
    Edda neigte gedemütigt den Kopf, und es zuckte in ihren Zügen.
    Mr. Macpherson war plötzlich von dem Gespräch gefesselt worden und konnte
nun selbst nicht widerstehen, sich dieser »most interior sphere« eines Menschen
zu nähern.
    »Why so, Mrs. Diamond«, fragte er in seiner gedämpften Art und beugte sich
zu ihr,-»Sie hassen die Arbeit?«
    Edda hob den Kopf und sah schmerzlich grübelnd vor sich hin. Wie für sich
selbst, flüsterte sie: »Ich hasse sie nicht, - ich fürchte sie.«
    Der Professor hatte ruhig seine Frankfurter Würsteln gegessen und sein Glas
geleert. Jetzt scharrte er mit dem letzten Zipfel des Würstels den Rest von
geriebenem Kren zusammen, der noch auf dem Teller lag, und sagte mit seiner
gequetschten, kühlen Stimme und seiner leicht böhmelnden Aussprache:
    »Das ist doch klar, - für dich gibt es nur die Ehe.«
    Eddas Kopf schnellte wieder auf, die Straussfedern tanzten. »Nie, nie!« rief
sie ihrem Mann über den Tisch zu.
    »What does tat mean?« fragte Daniel Horatio, mit verhaltenem Atem.
    »Krächzt der Rabe - nevermore!« deklamierte Pankrazius.
    »Nie mehr würde ich heiraten, - wenn ich noch mal in die Lage käme, - nie.«
    »Da hört's ihr's,« sagte der Professor mit munterer Stimme und guter
Haltung, - »die richtigen Männerhasserinnen sind gar nicht unter den
Emanzipierten. Olga ist gewiss nicht so männerfeindlich, wie du.«
    »Vielleicht nur ehefeindlich«, sagte sie.
    »Sie würden mit keinem Mann mehr leben wollen?« fragte sie der Amerikaner
leise, in seiner Sprache.
    
    »Wahrscheinlich doch, - aber ich würde nicht mehr heiraten.«
    »In gar keinem Fall?«
    »Doch, - in einem Fall: wenn, - wenn er - nicht drauf einginge, - anders
zusammen zu leben - und ich sonst - arbeiten müsste. - - Aber darauf wird jeder
eingehen«; und wieder glitt ein fast verächtliches Lächeln über ihre Lippen.
    Der Professor klopfte an sein Glas. Alle warteten neugierig.
    »Ich trinke auf das Wohl meiner lieben Cousine«, begann er, ohne
aufzustehen. »Das bist nicht du«, brummte er Kati zu, die vergnügt aus ihrer
champagnerseligen Versunkenheit aufgeschnellt war. - Das ist meine liebe
Cousine, Olga Diamant, die uns ein guter Kamerad war. Nun geht sie weg, - sie
will uns verlassen, - er schien nachzudenken, wie er den Toast vollenden sollte,
und plötzlich verzog er die schmalen Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln und
zwinkerte seitlich nach seinem Schwager Vincenz hin, der beide Backen voll
Krachmandeln und Rosinen hatte, - »und so gebe ich ihr denn ein erprobtes, altes
Sprichwort unserer Väter mit auf den Weg, das da heisst - auf deutsch: Wechsele
den Ort, und du wechselst das Glück! Prosit!'«
    Die Gläser klangen aneinander. Der Amerikaner, der den Toast nicht ganz
verstanden hatte, wollte von Vincenz eine genaue Erklärung haben, aber der
zuckte die Achseln, war reichlich mit seinem Giardinetto beschäftigt und machte
die Gesellschaft auf einen Scherz mit einer Orange aufmerksam. Die lag auf einem
mit einer Serviette bedeckten Glas; Augen, Nase und Mund waren in die Schale
eingeschnitten. Im Spalt, der den Mund vorstellte, stak ein Zahnstecher; er zog
abwechselnd an beiden Seiten der Serviette und der Orangenkopf, mit der
Zahnstecherzigarre im Mund, reckte sich und wackelte hin und her. - - -
    Während Vincenz dann dem Amerikaner die besten »Fressquellen«, wie er es
nannte, aufzählte, - er bezeichnete an den Fingern die einzelnen Firmen und
nannte ihre Artikel - the best fruits, - first rang cakes, - cognac and wine - -
- während Pankrazius sich halb betrunken zu Kati beugte und ihr klar machte,
ihr hoffnungsloser Fall würde damit enden, dass sie ihn heirate, und sie ihn
zischend beschimpfte, - während Frau Edda sich müde zurücklehnte und der
Professor den Zahlkellner heranwinkte, - während Stanislaus und Olga flüsternd
über die Einteilung des morgigen Tages berieten, - - stand vorn auf der Galerie,
auf der die Musiker eine grosse Ruhepause machten, - ein blasser, hochgewachsener
Mensch, mit flackernden, blauen Augen, borstigem, blonden Haar und Spitzbart, im
Frack - und starrte die Gesellschaft in der Loge an. Plötzlich zog er ein
Notizbuch hervor, riss ein Blatt heraus und suchte in seinen Taschen nach einem
Bleistift.
    In diesem Augenblick glitten Stanislaus' Blicke über die Galerie hin und
blieben fest und wie erschreckt an der Gestalt des Mannes hängen. Er wandte sich
zu Olga, schien ihr etwas sagen zu wollen, - besann sich aber anders und
schwieg.
    Der Mann oben hatte einen Bleistift aus der Tasche hervorgeholt und trat von
der Brüstung zurück. - Wenige Minuten später liess der Zahlkellner, der auf den
Wink des Professors endlich herbeikam und sich fest zwischen seinen und Olgas
Stuhl klemmte, - indem er, dem Professor zugewandt, seinen Arm einen Moment
hinter seinen Rücken schob, ein Papierröllchen in Olgas Schoss fallen.
    Nur einer hatte es bemerkt: Stanislaus.
    Verwundert starrte Olga auf das Papier. Es war mit den Fingern symmetrisch
aneinander gedrückt, so dass es von selbst zusammenhielt. Schon wollte sie die
Rolle dem Kellner zurückreichen, als Stanislaus ihr zuflüsterte: »Schweig, -
nimm es.«
    Unter der Tischplatte strich sie das Papier glatt. Die Geschwister
überflogen die wenigen Bleistiftzeilen, die es entielt, und Olga wurde bleich.
In ihr Gesicht, unter dem flammenden Haarbusch, kam ein finsterer Zug, und einen
Augenblick erschien es, wie eine düstere Maske. Um ihren Mund lagerte sich ein
Ausdruck, als ob etwas Bitteres, Übles auf ihrer Zunge zerfliesse und zu
verschlucken sei.
    Stanislaus sah sie fragend an, sie schüttelte kaum merklich den Kopf, das
Papier glitt in ihre Tasche, der rote Haarbusch senkte sich tief, sie stützte
den Kopf auf und verbarg ihr Gesicht, so gut es ging, hinter dem Arm.
    »Meine reizsame Dame,« hörte man den Pankrazius, mit gedämpftem Bierbass, in
den zottigen Bart brummen, - »es wird Ihnen wenig nützen. Sie sind derzeit
verliebt in Ihren Chef, der Sie nicht heiraten wird und für den Sie aus zu
anständiger Familie sind, um mit Ihnen ein Verhältnis anzufangen, wie Sie
wünschen würden. - Ähnliches haben Sie schon öfter erlebt; - - wenn Sie noch ein
paar Jahre Ihre primeurs vergeblich offeriert haben werden«, - hasserfüllt sah
ihn Kati an, - »so werden Sie mich akzeptieren.«
    »Kaffer«, murmelte Kati, - was den Pankratius nicht zu entrüsten schien,
denn er überging ihren Ausruf und fuhr fort, ihr »Karma zu deuten«.
    Vincenz Reisenleitner begann, sehr fidel zu werden. Er war bei »seinem Wean«
angelangt; die Madeln, der Heurige - der Fiaker - - - er bereicherte das
bekannte Repertoire nicht, - und die Operette, - die Weaner Operette - Herr
Gott!
    Die Kapelle oben hatte wieder zu spielen begonnen. Man bekam die dem Ohr wie
im voraus fälligen Rhytmen des »beliebtesten Schlagers« einer neuen Operette,
die schon ihr zweihundertstes Jubiläum erlebt hatte, zu hören. Vincenz sang mit:
»Kitzi, Kitzi, Katzi,
Komm mein süsses Schatzi« - - -
»Mei' Wean, - mei' Wean«, lallte er, breitete die Arme aus und schnalzte mit
Daumen und Mittelfinger. Seine Wangen hingen schon schlaff, und die Augen
bekamen jene verglasende Schicht der Trunkenheit, »'s gibt nur a Kaiserstadt«,
beteuerte er - »und - und«, - er hob den Kopf und nickte dem Amerikaner mit
starrem Blick zu, - »New York - - Mr. Macpherson - New York - is allright -«.
    Die Gäste des Lokals stampften den Musikern Beifall. Ein schwammig-dicker,
bleicher, junger Herr im schwarzen Abendanzug, Brillantringe an den fetten
Fingern, der mit drei »Freundinnen« an einem Tisch sass und die Beine weit von
sich streckte, brüllte auf die Galerie hinauf: »D'r Isidor!« Und, als im
Marschtempo die gewünschte Nummer ertönte, gröhlte der Dicke mit, und die
meisten der Gäste stimmten in den Refrain ein:
»Der Isidor, der Isidor, das is a feiner Mann,
Vom Kopf bis zu die Fiess
Wie Weinbeerstrudel siess ...«
Dann ging die Melodie des Potpourris in sentimentale Rhytmen über, und Vincenz
sang mit, begeistert und bis zu Tränen gerührt:
»Du guater Himmelvater - - -
i brauch ka Paradiiies - - -
i bleib' viel lieber dader - - -
wo der siebente Himmel iiis« - - -
»Ich werde fort sein,« dachte Olga, - »bald.«
    »Wenn ich nur erst in meiner Berliner Bude bin,« dachte Stanislaus, - »noch
vier grosse Kapitel habe ich.« - - -
    »I'll never get her«, seufzte die romantische Seele Daniel Horatios, in
tiefster Heimlichkeit ...
    »Champagner is gut, - die Schulden holt der Teufel«, - so sprach die
verschwiegenste Stimme des Professors.
    Edda dachte: »Wäre ich ausgezogen, - das Korsett los.«
    »Grosser, himmlischer Vatter, - heut' allein - und morgen wieder - ich geh'
auf die Strass' - meinerseel' - - - aber den Kaffer, - na - und wann ich mit ihm
allein auf der Welt wär.« Das war Kati.
    Pankratius: »Sie hat zehntausend Gulden, - das genügt für's erste, - einen
feinen Katzenleib - und kriegt keinen anderen. Ich werde mich etablieren -
Institut für elektrische Terapie«...
    Vincenz dachte: »Amerika - Amerika«, und er lachte plötzlich laut auf und
schlug mit der Hand auf die Tischplatte, mitten hinein in die leeren Schalen der
Krachmandeln.
    Des Pankratius Stimme ergoss sich plötzlich, in ihrem tiefsten Brummbass, in
einen Vortrag, der im Ton des Ausrufers einer Jahrmarktsbude gehalten wurde:
    »Meine Herrschaften!« Er klopfte an sein Glas. »Wir leben in einem Zeitalter
der Surrogate. Für alles Mögliche wird ein Ersatz gefunden. Und zwar scheint
dieser Ersatz«, er wiegte nachdenklich den Kopf, »beliebter und gesünder zu
sein, als das, was er ersetzt.« Er sah sich um, als forderte er die Anwesenden
auf, ihm beizustimmen. »Kaffee-Ersatz, Tee-Ersatz, Leinen- und Fett-Ersatz usw.
usw.... Der Ersatz ist beliebt, denn er eliminiert die Schäden jenes Stoffes,
den er ersetzt, und bietet nur seine angenehmen Wirkungen. Er ist eine bewusste
Auslese des Heilsamen.« Er schien einen sorgfältig ausgearbeiteten Prospekt
aufzusagen. »Sport: Ersatz für körperliche Arbeit, die viel Unangenehmes,
Gefährliches mit sich bringt. Der Sport verdichtet ihr Nützliches und
Angenehmes.« Er machte eine kurze Pause. »So gibt es nun auch, - passen Sie auf,
meine Herrschaften, - einen Ersatz für Liebe ... Ja, meine Herrschaften, staunen
Sie, - einen Ersatz für Liebe, sage ich. Dieselbe beruhigende Wirkung, die von
der befriedigten Liebe ausgeht, meine Herrschaften, - dieselbe Stärkung des
Ich-Bewusstseins und des Gefühles der körperlichen und seelischen Macht, - diese
Festigung der Elastizität des Herzens, - das dadurch in die Lage gesetzt wird,
Gehirn und Extremitäten ausgiebiger mit Blut zu versorgen, - alles dies, meine
Herrschaften, - bietet der Wechselstrom oder der faradische Strom - gleich der
Liebe;... nur dass er«, - ein pfiffiger Zug kam in sein Gesicht, - »ihre
Gefahren, Wirren und Krisen nicht im Gefolge hat. Sollte nicht, meine
Herrschaften, die Elektrizität, das jüngste und wunderbarste Adoptivkind der
Medizin, - sollte nicht die Elektrizität«, - er sank auf ein langsameres Tempo
und schob jedes Wort gewichtig vor, - »eine andere Form der Lebenskraft sein, -
da sie uns zur Seele verhilft?« - - - Er war zu Ende und drehte den zottigen
Kopf von einem zum andern.
    »Halbaff' - - - Lemur'!«, schrie ihm Kati zu.
    »Von wannen kommt Euch solche Wissenschaft, reizsame Dame? Aber Ihr irrt.
Das physiologische Institut dieser Stadt wird Euch über diesen Irrtum eines
Tages belehren, denn ich habe ihm mein Gehirn vermacht. Über den Typus der
lemurischen Primaten dürfte es hinaus sein.«
    Das Lokal dröhnte:
»Drahn m'r um und drahn m'r auf,
Was liegt denn draan, - - -
Weil man auf d'r Wöllt das Gölld
Nicht fressen kaaan - - -«
Es war die letzte Nummer der Kapelle.
Auf der Strasse vor dem Lokal, das sich auf einem grossen Marktplatz Wiens befand,
wartete der hochgewachsene Mensch, mit den flackernden Augen, der auf der
Galerie der Musiker nach der Loge gestarrt und in seinen Taschen nach Papier und
Bleistift gesucht hatte. Er trug einen schäbigen Überrock, einen zerdrückten
Filzhut und hielt in der Hand einen Violinekasten.
    Es war um die Zeit, da die Marktweiber ihre Körbe auszupacken beginnen. Es
wimmelte von vermummten Gestalten, die da zwischen Nacht und Tag
durcheinanderschoben. In der Mitte des Platzes stand, noch verhüllt vom
Morgengrauen, das Radetzky-Monument, wie ein gespenstiger, mit grauen Schleiern
verhängter Koloss.
    Der Professor, seine Frau und Kati bestiegen einen Wagen. Edda beugte sich
noch einmal heraus und deutete auf das Gewimmel der Marktweiber, deren
umfängliche, in dicke Jacken und Tücher gewickelte Gestalten sich in der langsam
vordrängenden Helle des Morgens voneinander abzuheben begannen. »Lauter Symbole
von Gottnatur!« - - Sie rollten fort.
    Mr. Macpherson bog mit Pankratius und Vincenz links in die innere Stadt ein.
    Olga und Stanislaus gingen durch das Gedränge des Platzes, zwischen den
Standkörben, den bepackten Wagen und dem Gewimmel der Gestalten, bis hinüber auf
das jenseitige Trottoir. Der hochgewachsene Mensch folgte ihnen, mit schweren,
wiegenden Schritten.
    »Fräulein Diamant!« -
    Stanislaus wandte sich: »Treten Sie näher, Herr Koszinsky.«
    »Wie geht es Ihnen«, sagte Olga und reichte ihm die Hand, und ihr Gesicht
schien im fahlen Morgenlicht von unsäglicher Traurigkeit.
    »Mache Kapelle mit«, kam es verbissen zurück. »Ja, - Sie waren vorsichtig.
Abwärts - geht unser Weg.«
    »Kasimir Koszinsky,« sagte sie, mit einem Ton so voll tiefen Grames, dass es
sein Herz überschauerte, - »ich war nicht stark genug, - Ihnen zu helfen.«
    »Wer - wer soll es auch tun«, kam es zwischen seinen zusammengepressten
Zähnen hervor.
    »Sie selbst.«
    Er schüttelte den Kopf, wie ein hoffnungslos Überzeugter.
    Sie schwiegen alle drei und standen noch immer auf dem Trottoir, seitab vom
Marktgewimmel. Scharf wehte der frühe Tag über sie hin.
    »Ich bin schon einige Zeit lang hier, - aber ich habe Sie nie gesehen,«
sagte er, - »leben Sie hier?«
    »Bis jetzt; aber ich übersiedele diese Woche nach Berlin.«
    »Nach Berlin - so. Und der Vater?«
    »Alt - allein.«
    »Er hat keinen Schwiegersohn für sein Geschäft bekommen?« kam es heraus.
    »Weder einen fürs Geschäft, - noch sonst einen. Leben Sie wohl!«
    »Olga!«
    »Leben Sie wohl, Koszinsky ...«
    Stanislaus zog sie fort. Sie verschwanden in der nächsten Strassenbiegung.
    Das Firmament wurde lichter, ein Windstoss trieb die Wolken vor sich her, dass
sie gejagt über den Himmel flohen. Ein klarer, sonnengoldener Herbsttag brach
an.
 
                                Zweites Kapitel
                                  Zwei Frauen
 »Frauen! Richtet nur nie des Mannes einzelne Taten!
 Aber über den Mann sprechet das richtende Wort!«
                                                                       Schiller.
Mit einem zur Eile drängenden Gefühl beschleunigte Olga ihre
Reisevorbereitungen. Erst als sie ihre Koffer, die, bis auf geringes Handgepäck,
ihre gesamte nur zu bewegliche Habe bargen, fortgeschickt hatte, wurde ihr
freier zumute.
    Sie wunderte sich selbst, dass sie nichts mit dieser Stadt verband, - dass sie
hier fast so fremd geblieben war, wie »daheim«, in dem schlesischen
Winkelstädtchen. War es die Wurzellosigkeit ihrer Rasse, deren Träger sich
Kulturen zueigen gemacht hatten, die nicht ihrem Blute entstammten, - war es die
besondere Atmosphäre gerade dieser Stadt, die die Konturen der Dinge weichlich
ineinander wob, wie die Formationen der umliegenden Hügellandschaft? - Olga
hatte in den Jahren ihres hiesigen Aufentaltes keinen Kreis gefunden, mit dem
sie echte und notwendige Vertraulichkeit verband. Nur einer einzigen Person war
sie näher gekommen. Gerade heute, am Tage nach der »Abschiedsfeier«, die sie mit
ihren Freunden im Champagnerkeller abgehalten hatte, fühlte sie, wie wenig
lebendig die Beziehungen waren, die sie mit ihnen einten. Und doch war sie
diesen Verwandten gut. Aber es war nicht der starkfliessende Strom verwandter
Willenskräfte, - es war nur, wie eine wachsame Teilnahme an dem noch nicht
erfüllten Mass ihres Geschickes, die sie mit ihnen und wohl auch jene mit ihr
verband.
    Gerade die Öde, mit der der heutige Tag sie umgab, mit der er sie, wie durch
einen luftleeren Raum, fernhielt vom lebendigen Anteil an ihm, war mehr als ein
gewöhnlicher Katzenjammer nach einer durchwachten Nacht. Es war das deutliche
Bewusstsein des inneren Versagens, das uns dort, wo wir gütige Gefühle zu
schulden glauben, peinvoll bedrückt. Der Augenblick, in dem das Gefühl eines
Abschlusses erschreckend deutlich wird, war gekommen. Hier war eine Epoche,
deren verschiedene Etappen dem Gedächtnis, scharf umzeichnet, entsprangen,
deutlich beendet. Ihr war, als wäre der Additionsstrich unter die einzelnen
Posten zu machen und es verbliebe nur noch, die Summe zu ziehen.
    An solchen Tagen, wie dieser, - sie waren in der letzten Zeit immer häufiger
gewesen, - richtete sich ihre Aufgabe riesengross und wie unerklimmbar vor ihr
auf.
    Ihre Aufgabe? Wusste sie sie denn?
    Ohne ein deutliches Lebens- oder gar Berufsprogramm zu haben, fühlte sie
doch, dass es irgendwo in der Zeit ein Feld gab, auf dem sie und gerade sie ihre
Kräfte auszubreiten hätte. Wie dunkle, durch Jahrhunderte vorbereitete
Erfahrungen, drängten Erkenntnisse durch sie ans Licht, - wollten durch sie
Gestalt bekommen.
    Olga war in der verflossenen Nacht durch jene unerwartete und
aussergewöhnliche Begegnung an das schmerzlichste Erlebnis ihrer Jugend erinnert
worden. Diese »Jugend« schien für sie selbst hinter ihr zu liegen, und, was das
Seltsame war, sie beklagte das nicht. Denn ihr war, als hätte sie sich all ihre
»Jugend« hindurch gegen niederziehende, schwerlastende Mächte zur Wehr gesetzt,
als hätte sie ihre ganze, junge Kraft gegen den Druck eines dunklen Schicksals
stemmen müssen, bis es endlich, endlich ein wenig lichter und freier um sie
geworden war. Aber an solchen Tagen wie dieser, - den sie bis zum späten
Nachmittag in ihrem Zimmer verbrachte, abwechselnd mit der Ordnung ihrer letzten
Gepäckstücke beschäftigt, dann wieder auf das harte, steiflehnige Sofa
ausgestreckt und von trübem Erinnern schattenhaft umwebt, - an solchen Tagen
rückten Bilder aus ihrer Jugend dicht an ihre Seele. Sie sah sich wieder, in dem
grauen, alten Haus mit den steinernen Treppen, den fleckigen Wänden und den
tiefen, düsteren Zimmern, in die die Sonne nie recht hineinfiel, deren Fenster
nach Norden auf den Ringplatz hinaus und auf den schmutzigen Hof gerichtet
waren, der vier Hausmauern mit Mühe auseinander zu zwängen schien. Und dieses
Haus stand in einer Provinzstadt, die der Himmel niemals blau und fröhlich
belichtete, in der die Luft zumeist feucht und scharf in die Kehle kroch, wenn
man auf die Strasse trat, - auf diese meist ungepflasterten Wege, wo der Fuss im
nassen Kot einsank. Dieses Städtchen, mit seinen kurzen, dampfend heissen
Sommern, seinem langen, nasskalten, stürmischen Herbst und den eisigen, dunklen
Wintertagen war ihre Heimat. Hohe Schlote, mit langen, im Sturm zur Seite
gebogenen Fahnen von schwarzem Qualm, stiegen ringsherum auf. Kohle und Eisenerz
wurden da zutage gebracht und in den Hütten schlackenfrei gemacht; schwarz
berusste, zerlumpte Gestalten, die beim Ertönen des schrillen Signals der
Arbeitspause aus den Toren der Industriewerke herausströmten, überfüllten die
Stadt; ausser der zumeist slawischen Arbeiterbevölkerung waren die Juden da. Es
schien, als wären es zwei verschiedene Stämme der Rasse, die hier vertreten
waren. Neben den langen, hageren Gestalten, mit schwarzen Ohrlöckchen und
gebogenen Rücken, scharfen Hakennasen und vorspringendem Kinn, steckten auch
sehr blonde, sehr blauäugige Leute im Kaftan, bei denen nur der
charakteristische Gesichtsausdruck, ihr bewegliches Mienen- und Händespiel die
immer wiederkehrenden Vorstellungen ihrer Schicht verrieten und die
Verwandtschaft mit ihren dunkelhaarigen Brüdern zum Ausdruck brachten. Die Juden
hielten den Handel, besonders den Pferdehandel, der hier betrieben wurde, in den
Händen; und dann die Schänken. Und diese Branntweinschänken waren jeden Abend
überfüllt, und der grellbeleuchtete Ringplatz und die grosse »Breslauerstrasse«
hatten ihren Korso von betrunkenen Arbeitern, die von früh gealterten Weibern,
mit verzehrten Elendsgesichtern, in ihre Behausung gezogen wurden. Zwischen
dieser Masse von Juden und Arbeitern verschwanden fast die anderen Einwohner
dieser Stadt.
    Es waren da noch ein paar alte, polnische Familien und einige
Verwaltungsbeamte; auch ein Bataillon Infanterie lag da, dessen Offiziere ihr
Dasein hier als Verbannung trugen. Als Abwechselung gab es im Frühling grosse
Pferdemärkte. Dann waren alle Quartiere voll besetzt, und die grosse Wiese vor
der Stadt, die im Winter als Eisbahn diente, sowie der Ringplatz selbst waren
dann voll von langmähnigen, zu Koppeln zusammengeschirrten Rossen, deren
Gestampfe und Gewieher die Luft erfüllte.
    Olgas Vater gehörte immerhin zu den Honoratioren der Stadt. Er hatte die
Fremde kennen gelernt, hatte in Deutschland »konditioniert«, lange in Breslau
gearbeitet, bis er das Geschäft, das samt dem Haus seit mehreren Generationen
seiner Familie gehörte, übernahm. Den Jargon seiner Heimat hatte er auch in der
Fremde nicht verloren, wohl aber die zelotische Gesinnung, die er vielleicht nie
stark besessen hatte. Er lebte zwar »rituell«, aber ohne die fanatische
Anteilnahme an den »Bräuchen«, die noch seine Eltern mit eiserner Strenge
befolgt hatten. Er trug den Kaftan aus Bequemlichkeit im Geschäft, legte aber
den »europäischen« schwarzen Rock an, wenn er beim »Doktor« oder beim »K.K.
Stationsvorstand« zur Tarokpartie eingeladen war. Er galt als ein Mensch, mit
dem sich ein vernünftiges Wort reden liess, und war besonders dafür bekannt,
geleistete Dienste munifizent zu entlohnen. Seine Kinder liess der alte Diamant
die besten Schulen besuchen, die hier zur Verfügung standen. Stanislaus
absolvierte das Realgymnasium und dann einen Handelskursus. Zum Militär kam er
nicht, und so nahm ihn der Alte dann gleich ins Geschäft. Seine Flucht nach
Berlin beschloss seine geschäftliche Tätigkeit. Erst hatte der Alte gehofft, er
werde dort, von der Entbehrung gezwungen, einen kaufmännischen Posten annehmen
und dann eines Tages wiederkommen, um sein eigener Herr zu sein. Aber als der
Sohn durchaus vom »Kommerziellen« nichts hören wollte, sich in eine armselige
Stube einsperrte und da mit erstaunlicher Beharrlichkeit Bogen um Bogen
beschrieb, - Tagesfragen mit besonderer Betrachtung ihres ursächlichen Wesens
für die Zeitungen bearbeitete, dann sich weiter wagte und Probleme von längerer
Dauer und weiterem Interesse auf seine Art, die den Gegenstand geduldig und
scharf bis an seine Wurzeln blosslegte, zum Stoffe nahm, - dann nach Hause
meldete, er wolle Schriftsteller werden, vielmehr bleiben, und hoffe, von dieser
Tätigkeit leben zu können, - da war es dem alten Händler klar geworden, dass
dieser Sohn den stabilen Grund und Boden, der für ihn bereit lag, nicht zu
schätzen wusste und ihn preisgab.
    Am meisten wunderte es ihn, dass Stanislaus für seine »Schreibereien« Geld
bekam. »Wer gibt für solche Sachen ä Kreuzer?« fragte er sich kopfschüttelnd,
wenn er die Zeitungsblätter, in denen die Artikel des Sohnes erschienen, und die
er sich immerhin erbat, in Händen hielt. - - -
    Was ihm blieb - war die Tochter!
    Wenn Olga an ihre »Jugend« dachte, dann graute ihr besonders vor einer
Erinnerung; die fiel in jene Jahre, die man als die holdesten, blühendsten eines
Mädchens zu bezeichnen pflegt. Mit 15 Jahren war sie zuerst vor ihrem
Spiegelbild stutzig geworden ... Unter den kurzen Backfischkleidern sahen die
Füsse, in plumpen Stiefeln, lang hervor. Die Gestalt schien eckig und stämmig,
nichts sass, wie es sitzen sollte. Die Blutarmut machte das Gesicht blass, den
Teint unrein, häufig von leichten Ausschlägen bedeckt, dazu sommersprossig, wie
bei Rotaarigen gewöhnlich. Eine fast immer gedrückte Stimmung presste die Züge
nieder, senkte die Mundwinkel, liess die Muskeln schlaff hängen und legte um die
Augen etwas Trostloses.
    Mit Grauen gedachte sie immer wieder dieser besonderen Hässlichkeit ihrer
ersten Jugend.
    Später, als ihr Temperament, welches unter einem fast grüblerischen Verstand
seine lebendige, wenn auch verdeckte Strömung hatte, manchmal diese Oberschicht
sprengte, - da hatte es auch dieses Dunkle, Schwere, welches auf ihrem Körper
lag, mitgerissen und fortgeschwemmt. Sie erinnerte sich, wie ein zufälliger
Blick in den Spiegel ihr manchmal ein beinahe fremdes Geschöpf zeigte, das etwas
Strahlendes im Gesicht hatte, - ein Geschöpf, von dem sie verwundert und
frohlockend fragte, - »das bist du?«
    Aber damals, in ihren ersten »Blütejahren«, in dem düstern Haus, - da hatte
sie sich mehr als einmal, weinend und verzagend, mit dem Bibelwort auf den
Lippen gefunden: »Dein Leib ist der Tempel Gottes«. Und ihr schien es, als wäre
es der Verzicht des Lebens, den sie annahm, wenn sie es duldete, dass ihr Leib
diesen Worten Hohn sprach, wenn sie diesen Körper nicht zwang, schöner zu
werden. So sann sie denn oft über die Möglichkeiten günstiger Kleidung, die ihr
aber durch ihr geringes Taschengeld und ihren wenig geübten Geschmack ziemlich
unerreichbar blieben. Auch vermochte sie keinerlei beengenden Zwang an ihrem
Körper zu dulden, und die charakterlose, mitteleuropäische Frauentracht der
bürgerlichen Kreise, Rock, Bluse und Gürtel, passte sich ihren widerspenstigen
Körperformen wenig günstig an.
    Als sie achtzehn und neunzehn wurde, tauchten die ersten Freier auf;
Kaufleute, die in die »Branche« und noch lieber in das gute Geschäft
»einheiraten« wollten. Sie kamen, gewöhnlich Freitag abends, aus irgendeiner
österreichischen Provinzstadt, zumeist aus Schlesien selbst, wurden am Feiertag
- Samstag - im Hause Diamant splendid bewirtet und fuhren Sonntag früh wieder
ab. Das Urteil, das sie über die Tochter des Hauses fast einstimmig abgaben,
lautete ungefähr dahin, - das sei eine »miese Mad«, - dabei arrogant - »tut sich
was« - und, was das Schlimmste sei, - »überbildet«. Keine drei Worte hätte sie
geredet, und gehört hätten sie im Ort, dass sie sich mit lauter »Lesereien« den
»Kopp einnehme«, anstatt sich um die Küche zu bekümmern und ins Geschäft zu
gehen. So mancher äusserte, trotz dieses Eindrucks und dieser wenig empfehlenden
Nachrede, den Mut, »sich das Mädel zu erziehen«.
    Aber die Abwehr der Tochter war unbeeinflussbar, und der Alte zwang sie zu
nichts, ausser zu ihrer Anwesenheit an dem Tage der »Beschau«. Ihrer
flehentlichen Bitte, sie für einige Zeit fort zu lassen, nach Wien oder nach
Berlin, widersetzte er sich mit der Begründung, sie hätte dort »nix zu suchen«.
Sie bat, ein Lehrerinnenexamen machen zu dürfen, er schlug es rundweg ab; das
seien »Flausen«, die seine Tochter »nicht nötig hätte«.
    So verstrichen ihre Jahre, - ohne eine Ahnung, welche Richtung ihr Wille
nehmen sollte, da ihre ganze Umgebung allen seinen Regungen feindlich war; - bis
eines Tages das Schicksal bei ihr deutlich anklopfte.
    Sie war eine hervorragende Eisläuferin und verbrachte im Winter ihre besten
Stunden auf dem grossen Eisplatz, der draussen vor der Stadt lag. Sie besuchte
auch die meisten Feste, die auf dem Eis veranstaltet wurden, - und an denen die
höheren Schichten der Juden, die Beamten, die Familien der polnischen
Industriellen und die Offiziere, die hier in Garnison lagen, teilnahmen.
    Bei einem Maskenfest auf dem Eis erschien sie als Teufelin, in schwarzrotem
Sammetkostüm, die rostroten Haare gelöst über dem Rücken, auf dem Kopf ein
schwarzes Sammetkäppchen, mit zwei festen, kleinen Holzhörnern, dicht verlarvt.
An diesem Abend machte sie die Bekanntschaft eines jungen Offiziers, der
ebenfalls einer der besten Läufer war und mit ihr die schwierigsten Figuren
lief. Er war in Uniform, nicht verkleidet. Sie war schon öfters mit Offizieren
gelaufen, war aber über die flüchtigsten und leersten Reden mit ihnen nicht
hinausgekommen. Anders diesmal. Der hochgewachsene Offizier, mit den feinen
Profillinien, dem blonden Schnurrbart, der hohen, ein wenig zurückweichenden
Stirn und dem etwas nervös schweifenden Blick der blauen Augen, war nicht nur
ein glänzender Eisläufer. Leutnant Koszinsky unterhielt sich mit ihr über Dinge,
die seinen Kameraden sonst fernlagen. Sein heisses Interesse an Fragen der Kunst,
der Literatur, der Philosophie, der Musik, begegnete hier endlich dem ersehnten
Echo. Er hatte von dem Mädchen gehört und ihre Bekanntschaft gesucht. Trotz der
Maske hatte er sie bald herausgefunden, - er kannte sie vom Sehen, - und die
Freiheit des Festes gestattete ihm die schnellste Annäherung.
    Kasimir Koszinsky war Pole, gehörte einer ganz verarmten Familie an und war
als Knabe der Erziehung der Kadettenschule übergeben worden und so dem Militär
»verfallen«, wie er es nannte. Er betrachtete das als ein Unglück. Er hielt sich
für einen geborenen Künstler und hätte sich der Philosophie und der Musik
ergeben, wäre sein Weg frei gewesen. So aber blieb ihm nichts übrig, als die für
ihn bedeutende Mühsal des militärischen Berufes weiter zu schleppen.
    Es dauerte immerhin Wochen, bevor diese beiden jungen Leute aus dem Bereiche
gespanntester, schöngeistiger Interessen in jenes andere der persönlichen
Wünsche zusammen eintraten. Es war fast immer zuviel zwischen ihnen zu
erledigen. In den kurzen Stunden, in denen sie einander sahen, überstürzten sie
sich, um von dem neuesten Buch, von irgendeinem bedeutenden, allgemeinen
Ereignis »aus Europa« zu sprechen und hitzig ihre Meinungen gegeneinander zu
führen. Seine Auffassung der Dinge hatte zumeist etwas Verschlungenes, wogegen
sich ihre direkt auf den Kern der Sache zusteuernde Art nicht selten heftig
auflehnte. So kam es, dass sie sich erst nach Wochen mit entscheidenden Wünschen,
die eine gemeinsame Zukunft suchten, gegenüber standen.
    Diese Wünsche fanden weniger Gegnerschaft, als sie befürchtet hatten. Der
Vater Diamant erklärte sich bereit, die Kaution zu erlegen, falls seine Tochter
sich nicht »schmarren« zu lassen brauchte. Die Heirat eines Offiziers mit einer
ungetauften Jüdin, - in Österreich häufig genug, - liess sich wohl machen. Und
dann war Kasimir auch bereit, wenn es sein müsste, den bunten Rock auszuziehen.
    Der Alte runzelte die Stirn. Wovon gedachte er zu leben? Dass er in sein
Geschäft nicht eintreten würde, war ihm genügend klar.
    Dann zog der alte Diamant den »europäischen« Rock an und ging aus,
»Referenzen« einzuholen über den Leutnant Kasimir Koszinsky. Und damit erst trat
die Angelegenheit in ein unerwartetes Stadium. Denn der Alte hörte Dinge, die
selbst in jenem Winkel der Monarchie, wo die triste Situation die grösste
Duldsamkeit beim Militär mit sich bringt, - die Grenze des »Möglichen«
überschritten.
    Koszinsky hatte den Ruf eines skrupellosen Verschwenders, eines
genusssüchtigen Menschen, der durch immer neue Exzesse seine Situation unhaltbar
gemacht hatte. Der Major versicherte dem alten Juden, dessen Besuch er
huldvollst angenommen hatte, Koszinsky werde demnächst seine Charge »springen«
lassen müssen. Eine nicht ganz aufgeklärte Affäre rückte diese Katastrophe nah.
Koszinsky hatte mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit Wechselschulden auf
Beträge, die er niemals aufbringen konnte, aufgenommen. Die ziemlich
beträchtlichen Summen hatte er, wie ermittelt, in wüstester Gesellschaft in
Krakau verlumpt. Man erzählte von ein paar Variétédamen und deren männlichem
Anhang, die Koszinsky nächtelang traktiert haben sollte, bis der letzte Gulden
fort war. Er habe wahrscheinlich auf einen reichen Schwiegervater gehofft, - den
er ja nun auch gefunden hätte, wie der Major halb bedauernd, halb ironisch
hinzufügte.
    Aber das Schlimmste war damit noch nicht gesagt. Diese Wechsel sollten in
einigen Tagen protestiert werden. Koszinsky hatte, gehetzt von seinen
Gläubigern, seine Zuflucht zu einem Kameraden genommen, zu einem Leutnant Karl
Stiller, der kürzlich etwas Vermögen geerbt hatte und gerade seinen Abschied
nehmen wollte. Stiller, mit dem ihn eine nähere Kameradschaft verband, hatte
sich mit Koszinsky in der Abneigung gegen den militärischen Beruf gefunden; er
wollte den Sprung aus der Bahn wagen. Er arbeitete seit langem, heimlich,
politische Artikel für ein Blättchen seiner Heimat, einer kleinen deutschen
Stadt in Südungarn. Von dort winkte nun ein festes Amt beim Blättchen, und
Stiller wollte die Kette zerbrechen. Zum Unterschied von dem vielseitig
zerstiebenden Koszinsky war Stiller schwer, zäh, bäurisch beharrlich und, vor
allem, emsig auch in seinen literarischen Versuchen. dabei war er eigentlich
»ärarisch« gesinnt, behütete seine Ideale vom frischfröhlichen Krieg trotz
seiner persönlichen Abneigung, beim Militär zu bleiben. Koszinsky hatte ihn Olga
als einen braven Kerl, aber »mit einem flachen Unterbewusstsein« geschildert. Er
war ein Mensch, dem eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen einen besonders
düsteren Gesichtsausdruck gab und der mit redlichen, aber gequälten Blicken
dreinsah. Koszinsky hatte ihn seine bewegliche Geistigkeit reichlich spüren
lassen. Er verhöhnte seine »journalistischen Missetaten«, - er selbst hielte
sich von solchen Sünden wohlweislich fern, - er verspottete Stillers primitive
Ideale, die in einer Gemeinschaft mit Weib und Kind in einer Wohnung von Stube
und Küche - bei sonstiger Unabhängigkeit - gipfelten. So hatte aus der
ehemaligen Freundschaft der beiden Ausnahmsoffiziere manchmal der Hass
herausgeschlagen, - bis Stiller das kleine Kapital erbte, welches seinen
sehnsüchtigen Wünschen nach Freiheit die Wege ebnete.
    Kurz darauf, als die schon einmal prolongierten Wechsel Koszinskys sich dem
Fälligkeitstermin näherten, nicht mehr erneuert werden konnten und er sich von
seinen Gläubigern bedrängt sah, hatte er Stiller, der, wie er sich ausdrückte,
nun »gefasst« habe, bestürmt, er möge in dieser äussersten Not für ihn
einspringen.
    Stiller schlug dieses Ansuchen glattweg ab. Kurz und finster erklärte er,
dass er nicht so töricht sein werde, die geringen Hilfsmittel, die ihm das
Schicksal zugebilligt habe, zu so unwürdigem Zweck, - einen Entgleisten noch
weiter in einer ihm nicht gebührenden Situation zu halten, - zu vergeuden.
    Wenige Tage später ereignete sich ein böser Zwischenfall: aus der
verschlossenen Tischlade Stillers waren einige Wertpapiere verschwunden.
    Diese Affäre war nun gerade in jenes Stadium getreten, in welchem sich eine
Reihe von Verdachtsmomenten so zusammenschloss, dass Koszinsky als der Dieb
angesehen wurde ...
    Ohne einen bestimmten Beweis zu haben, beschuldigte Stiller, fest und
finster, unter vier Augen, den Kameraden der Tat. Koszinsky fuhr auf, - griff an
den Säbel, - liess ihn aber stecken - und gab seiner Empörung über diese
Beschuldigung in einer Flut von Beschimpfungen Ausdruck.
    Stiller liess sich ruhig von ihm Idiot und Schmutzian nennen und sich sein
»primitives Gehirn« von ihm vorwerfen. Er entgegnete dem Tobenden nur, - ob er
denn noch niemals von einer anderen Art von Idiotie als der gewöhnlich so
genannten gehört habe? Und er nahm ein Lehrbuch der Patologie vom Regal und
schlug einen Abschnitt auf: »Über moralische Idiotie, - auch Moral Insanity
genannt.«
    Wieso es ihm denn beliebe, ihn in diese Kategorie einzurangieren, höhnte
Koszinsky. Worauf ihm Stiller trocken erklärte, in diese Kategorie gehörte jene
Sorte von Übeltätern, die, ohne besondere Not und ohne Bedacht der Folgen, mit
Vorliebe solche verfemte und schädliche Handlungen begingen, die unweigerlich
für sie selbst die schlimmsten Folgen haben müssten. Trotz der absoluten
Sicherheit der Entüllung und der Strafe ihres Tuns setzten sie irgendeinen
gierigen, unerlaubten Wunsch, der sich immer fester und zwingender in sie
einbohre, in Tat um. Gewöhnlich ohne jede Rückzugsmöglichkeit den Folgen
gegenüber. An den Augenblick des Sturzes dächten sie kaum, bevor er da sei,
drückten sozusagen ein inneres Auge zu und scheuchten die Gedanken von diesem
sicher daher kommenden Ereignis fort. Auch fehlte ihnen das Gefühl der
Auflehnung gegen das Böse. Ob das nicht mit Recht als eine Art Idiotie
betrachtet werde?
    Koszinsky hatte ausgerast. Stöhnend warf er Arme und Kopf über die
Tischplatte.
    Ob Stiller denn bedacht habe, wie seine, - Koszinskys - Zukunft sich nun
gestalten solle?
    Das habe er wohl, entgegnete der. Er würde es nur für ein Übel halten, wenn
Koszinsky, durch Hilfe von aussen, noch länger beim Militär über Wasser gehalten
würde. Nur das, was er seinen »Sturz« nenne, könne ihn retten. Hinaus in den
Dienst des gemeinen Lebens, - das sei sein Weg.
    »Und Olga«, kam es ächzend zwischen Koszinskys Händen hervor, in denen er
den Kopf vergraben hatte. Stillers Gesicht wurde noch einen Schein dunkler und
ernster. Die Furche zwischen seinen Brauen, die ihm einen so finsteren Ausdruck
gab, vertiefte sich.
    »Frage sie«, gab er zur Antwort. »Sage ihr die Wahrheit von dir, - die ganze
Wahrheit«. Er bohrte seinen finsteren Blick scharf in das flackernde Auge des
anderen, der die Hände sinken gelassen hatte und zu ihm aufhorchte. »Sage ihr
alles - und frage sie, ob sie trotzdem den Mut hat, mit dir zu gehen.«
    Der Trotz rührte sich wieder in Koszinskys Brust. Wenn sie sein war, - ihm
bestimmt, - zu ihm gehörig, - würde sie ihn, trotz alledem, nicht lassen.
Gebeugt, als wäre ihm eine schwere Last auf den Rücken geladen worden, kam der
alte Diamant nach Hause. Vielleicht zum erstenmal geschah es ihm, dass er sich
seinen Kindern gegenüber als besiegt fühlte. Er wusste, - sie gingen ihre Wege
ohne ihn, über ihn, und er hatte keine Macht, in ihre Schicksale einzugreifen.
Auf dem Heimweg war es ihm zur Sicherheit geworden, dass Olga von Koszinsky nicht
lassen werde. So würde er denn sie und den Lumpen zu halten haben, bis - ja bis
- sie alle untergingen. Verloren waren sie alle.
    Er kam nach Hause.
    Die alte Salke, die Wirtschafterin, die die Kinderfrau gewesen war, kam ihm
entgegen. »Gott der Gerechte, - gnädiger Herrleben, - wie sehen Se aus?!«
    Er liess Olga in sein Kontor rufen. Ruhig, mit tonloser Stimme berichtete er
ihr, was er über ihren Freier erfahren hatte. Er ereiferte sich nicht, er
verlangte nichts von ihr, er befahl nicht, - er berichtete. Während sie dem
Vater zuhörte, schien es ihr, als ob seine Gestalt sich vor ihren Augen dehne,
wie ein riesenhafter, dunkler Fleck. Sie sah plötzlich nichts mehr, - sie hörte
nur seine Stimme in dieses tiefe, tiefe Dunkel hinein. - - -
    Er war lange fertig mit seinem Bericht, den er in kurzen, dürftigen Worten
gegeben hatte. Er hatte Koszinskys Treiben nicht schwärzer gemalt, kein
kommentierendes Wort dem nackten Tatsachenmaterial hinzugefügt.
    Mit zitternder Hand strich er sich durch den grauen, wirren Bart. Er sass,
wie gewöhnlich, im schwarzledernen Lehnstuhl am Fenster, vor seinem Schreibpult.
In der Dämmerung schien sein Gesicht grau. Knochig sprang die Nase aus diesem
scharfen Profil. Olga sah ihm ähnlich, - die Nase und die blanken, schwarzen
Augen hatte sie von ihm. Zum erstenmal sah sie, wie alt der Vater wurde, - wie
gebeugt, wie müde sein Rücken schien, wie gramvoll gefurcht sein Gesicht war.
Zum erstenmal erinnerte sie sich, dass er morgens um sieben Uhr schon bei diesem
Pult zu sitzen pflegte und abends um elf noch immer. Und auf dieses Greises
Schultern lag ihre Existenz, - ihre Kraft und Jugend zehrte von dem, was er
erarbeitet hatte und noch weiter für sie erwarb.
    »Nu, mei Kind?« fragte der Alte mit müder, leiser Stimme. Seine Ruhe
erschütterte sie. Sie hatte, als er begann, von Koszinskys Treiben zu berichten,
erwartet, er werde drohen, befehlen, fluchen, wenn sie nicht von ihm liesse. - Er
aber fragte sie mit der Ruhe der Hoffnungslosigkeit, was sie zu tun gedenke. Ob
sie den Menschen sehr liebe, fragte er mit zitternder Stimme, und sie sah die
tiefe Angst in seinem Blick.
    Und sie hörte - zu ihrem Erstaunen, - ihre eigne Stimme - die da antwortete,
- - sie glaube nicht, den Menschen, der ihr da geschildert wurde, zu lieben.
Aber sie wolle noch einmal mit Koszinsky sprechen, - um zu sehen, ob das alles
auch wirklich so sei.
    Der Alte versuchte sie zu hindern: »Mei Kind, - da is ka Broche (Segen)
dabei!« Da erwachte gleich ihr Trotz und rief ihr Herz auf. Sie wolle und müsse
von ihm selbst erfahren, ob das alles wahr sei, - vielleicht war er nur durch
Unglück gesunken, - würde sich erheben, - wenn sie ihm beistünde. Sie begann
sich zu ereifern, als ob sie gegen den Vater zu kämpfen hätte, wie gewöhnlich, -
brach aber plötzlich ab, - als sie bemerkte, dass er in sich zusammengesunken war
und keine Worte gegen sie vorbereitete.
    Schweigend sassen sie eine Weile in der Dämmerung, - - bis der Vater mit der
Hand winkte. Da verliess sie leise das Zimmer.
In der Nacht, die diesem Gespräch folgte, versank für Olga diese neue
Vertraulichkeit, die in ihr Leben gekommen war. Der Mann, mit dem sie so
leichtfüssig dahingeflogen, wurde ihr durch dieses unerwartete Dunkle, das von
ihm kam, fremd, - so fremd, wie die Bewerber, die in das Geschäft hineinheiraten
wollten. - Einsam war sie, wie nur jemals früher. In die warme Nähe ihres
Herzens konnte dieses Dunkle niemals dringen. Und doch war es vielleicht gerade
jenes heimlich in ihm Wirksame gewesen, - jener Trieb, der zur Hemmung und
Störung aller lebenerhaltenden Impulse führte, - der sein Wesen so vielfältig
gegliedert hatte, dass es sie anzog und bannte. - Nein, sie hatte die Liebe nicht
erfahren; schauernd empfand ihr junges Herz diese Erkenntnis in der Einsamkeit
und Finsternis dieser Nacht. Aber es war wie eine Hoffnung in ihr, - als müsste
sich jene Vertraulichkeit wieder einstellen, wenn sie Koszinsky erst wiedersah.
Vielleicht kam dann irgendein Begreifen über sie, - ein Begreifen dessen, was
ihr jetzt so drohend fremd erschien, dass es sie schauern machte.
    Als sie ihn dann am andern Tag traf, in einem Wirtshaus der Umgebung, wo
sie, um allein zu sein, in einem schlecht gelüfteten, ungeheizten, leeren
Tanzsaal sassen, - da wuchs ihre Kenntnis von ihm bis zur Hellsichtigkeit. Mit
vielen, sich überstürzenden Worten bestätigte Koszinsky, dass diese
»Wechselaffäre« über ihm schwebe, - berührte auch die »absurden
Beschuldigungen«, die gegen ihn laut geworden waren und für die er blutige
Rechenschaft fordern werde; aber er zweifle nicht, dass sie trotz allem, was über
ihn hereinbrach, treu zu ihm stehe. Ja, er begrüsse diese Katastrophe als eine
Art Feuerprobe für ihre Liebe.
    Als er diese Worte sagte, durchschoss sie jäh, grell und vernichtend der
Gedanke: Ich weiss genug. Sie lehnte sich in ihre Sofaecke zurück und sah starr
auf diese feinen Profillinien. Die etwas zurückweichende Stirn verbarg sich
unter der Kappe, die er nicht abgenommen und tief ins Gesicht gedrückt hatte; er
hatte auch die schwarze Offizierspelerine nicht abgelegt, wie auch sie in Hut
und Jacke blieb. -
    Er sprach und erklärte. Sie müsse begreifen: wenn er sie gehabt hätte, wäre
nichts von all den Lumpereien geschehen; so aber musste er sich in die Öde des
Soldatenlebens ein wenig Farbe und Freude hineintragen ...
    »Farbe und Freude«, ging es zackig durch ihren Kopf, und sie starrte
unverwandt auf das bekannte Profil.
    So sei es zu diesen leichtsinnigen Streichen, - die Schulden betreffend, -
gekommen. Im übrigen läge ihm nicht so viel daran, seine Charge springen zu
lassen. Freilich, in Ehren müsste es geschehen, schon um ihretwillen. Darum werde
wohl ihr Vater helfend eingreifen müssen; quittieren müsste er dann doch, da der
Karren schon zu tief verfahren war. Aber - - er hätte einen Plan: irgendwohin
wollten sie zusammen gehen, wo man in all diese unreinlichen Beziehungen, -
dabei warf er verächtlich den Kopf zur Seite, - nicht verwickelt werden könnte.
    In diesem Augenblick schoss wieder ein einziges Wort durch ihr Hirn und
brannte darin auf: nie.
    Er fuhr fort: seine Vorfahren wären Grundbesitzer gewesen, - wenn ihnen der
Alte nun ein Stück Geld gäbe, - so - so - - kurz gesagt, - er hätte die Idee,
sich auf einer der kanarischen Inseln, die ein paradiesisches Klima hätten und
wenig besiedelt seien, niederzulassen. Dort könnten sie eine kleine Farm
betreiben. - - Und er malte, - so wie er da sass, verfolgt, in seinen Mantel
gehüllt, in dem dunstigen, leeren Tanzsaal eines Dorfwirtshauses, - während
draussen die nasskalte Nacht des schlesischen Winters lag, - er malte ein
paradiesisches Bild, von einer Insel mit ewigem Frühling, umgürtet vom blauen,
schimmernden Meer, - auf der, in einer stattlichen Ansiedelung, sie und er als
wohlbegüterte Farmer sassen.
    In ihr aber wuchs das Eine, das Deutliche: nie, nie. Nicht eines seiner
Worte führte sie irre. Immer genauer wusste sie, was auch Stiller wusste, - dass
das Leben diesen da erst noch tiefer drücken müsste, bevor er nüchtern würde. Mit
starken, harten Worten sagte sie sich los von ihm.
    Es kam ihm unerwartet, - und er begann sie zu schmähen. Sie stand auf und
ging durch den langen Saal der Türe zu. Er rief ihr immer wildere Worte nach.
Plötzlich schwieg er.
    War es eine Ahnung, die ihren Kopf noch einmal zu ihm zurückwandte? - - -
    Im trüben Schein der Lampe und durch den wolkigen, rötlichen Dunst, der sich
vor ihre Augen legte, - sah sie, - dass er seinen Revolver mit gestrecktem Arm
nach ihr hinhielt. Da durchzuckte es sie mit plötzlicher Klarheit: sie wusste,
dass ihre Hände die Türschnalle nicht berühren durften ... Sie wandte sich ihm
vollends zu und lehnte sich, scheinbar ruhig, - während sie das Pochen ihres
Blutes hörte, - mit gewölbtem Kreuz und vorgedrängter Brust an die Tür, - hob
langsam die Arme zu beiden Seiten und hielt sie wagerecht von sich. - So schien
sie ihrem Schicksal die Brust zu bieten.
    Da zerteilte sich der blutige Nebel vor Kasimirs Augen, und er liess den
Revolver sinken. - - -
Olgas Vater, der im Hause und seinen Kindern gegenüber karg zu sein pflegte, war
in geschäftlichen Angelegenheiten und bei entscheidenden Transaktionen
verschwenderisch. Seine Angestellten kannten diese Munifizenz, die sich ganz
unerwartet dann zu verbreiten pflegte, wenn es galt, rasch »abzuschneiden«,
irgendeine kritische Situation schnell zu erledigen, - und nützten sie tüchtig
aus, konstruierten nicht selten Krisen und Schwierigkeiten, bei deren
Abwickelung dann ein Stück Geld in ihre Taschen floss. Der alte Händler war für
einen Kaufmann beinah zu schnell, zu large mit dem Gelde. Er gab Reisenden
leichterzig Vorschüsse, zahlte an Agenten Provisionen für Aufträge, die sich
oft als faul erwiesen, gliederte seinem Geschäft manches Nebenunternehmen an,
das es schwächte, anstatt es zu fördern, und übte, vor allem, seinen
Angestellten gegenüber nicht genügend scharfe Kontrolle, aus Furcht, Personen,
die er für unentbehrlich hielt, vor den Kopf zu stossen und zu verlieren. Als
rechnerische Kraft hatte Stanislaus Disziplin in das Geschäft gebracht, und, als
er aussprang, verbreitete sich der Mangel einer strammen Geldgebarung immer mehr
in dem sonst so guten Unternehmen. »Ich bin ka Matematiker«, pflegte der Alte
zu sagen, wenn er, bedrückt und hilflos, vor gesunkenen Bilanzen stand, die,
nach einem regen Jahresumsatz, schwer erklärlich schienen. Und in die
Bitterkeit, mit der ihn dieser Rückgang erfüllte, mischte sich ein Gefühl wie
Rache gegen den Sohn. »Warum is er gegangen?! - Ich plag' mich - und fremde
Leit' tragen mich weg.«
    Die Angelegenheit zwischen seiner Tochter und dem Leutnant betrachtete er
als »Transaktion«, die schnell »abgeschnitten« werden müsste und bei der man aufs
Geld nicht sehen dürfte.
    Nachdem er das schriftliche Ehrenwort Koszinskys, - dass er Olga frei gebe
und nichts mehr unternehmen werde, die alten Beziehungen wieder herzustellen, -
in Händen hatte, bezahlte er seine Wechselverbindlichkeiten - und legte noch ein
Stück Geld, mit welchem die geheimnisvoll verschwundenen Wertpapiere Stillers
»auf alle Fälle« ersetzt werden sollten, dazu ...
    Seiner Tochter aber bewilligte er den Aufentalt in Wien, - teils aus
Dankbarkeit, dass sie ihn vor dem gefürchteten Unheil bewahrt hatte, teils weil
er jetzt selbst wünschte, sie solle sich »verändern«, damit sie über das
Vorgefallene leichter hinweg käme.
    Koszinsky musste quittieren und verschwand irgendwo in Österreichs bunter
Provinz.
    So beantwortete das Schicksal Olgas ersten Anruf nach dem ihr gebührenden
Frauenlos. Der Wunsch, der aus dieser Seele herausgebrochen und aufgeflogen war
nach der grossen, hellen Sonne des Glücks, brach, misshandelt und flügellahm, am
Wege zusammen.
Olga hatte keinen Beruf; eine Wirksamkeit im Sinne der grossen Bewegung ihrer
Zeit, welche die Frau auf Selbständigkeit verwies, war ihr verlegt worden, sie
hatte diesen Weg versäumt. Als sie nach Wien kam, hatte sie keine Lust mehr,
jetzt noch eine Lehrerinnenprüfung anzustreben, all die Schulen durchzumachen,
die dazu nötig waren, eine Menge von Lehrstoff, der ihr gleichgültig und
langweilig war, in sich aufzuspeichern. Die Jahre, in denen man gern lernt, -
büffelt, - waren eben vorbei. Sie konnte nichts anderes tun, als hinhorchen, -
und von der Fülle dessen, was sie über die zusammenwirkenden Kräfte des Lebens
erfuhr, das herausgreifen, was den lebendigen Fragen in ihr selbst entgegenkam.
Sie suchte Anknüpfung an die Zeit, Aufschluss über Triebkräfte, die die
Strebungen ihrer Epoche bewegten und das neue Werden entstehen liessen.
    Fast drückend lag die Freiheit vor ihr. Ob sie der ungelösten Kräfte ihrer
Seele jemals habhaft werden und wohin sie sie führen würden, - sie wusste es
nicht. Sie schien sich eingeklemmt zwischen zwei Kulturen, - dem gewöhnlichen
Schicksal anspruchsloser Gatten- und Mutterschaft ebenso verloren, wie dem der
neuen, in sich selbst wurzelnden Weiblichkeit.
    Aber sie ahnte wohl in guten Stunden, dass es ein Mass innerer Sicherheit gab,
welches das Merkmal hoher und freier Menschlichkeit und das Ziel alles
befreienden Strebens war. Mit dieser Sicherheit in sich, blieb man Herr in jeder
Situation, besiegte man jede scheinbare Erniedrigung. Es konnte kein Missbehagen
geben, keine Angst vor dem Dunkel, keinen Ekel vor dem ewig Unzulänglichen,
keine Verlassenheit im unendlichen All, - wenn diese innere Helle erst
erstrahlte. Und glühte nicht der Funke, aus dem diese Flamme, - dieses
organische Verstehen des Lebens, - herausschlagen konnte, zu Zeiten auch in ihr?
    In Wien war sie einer Frau begegnet, die von diesem Licht, das sie, die
Beladene, so sehnsüchtig suchte, erfüllt schien. Frei ging sie, die bewusst
Geborene, - keine Situation, kein Milieu schien diese starke Sicherheit brechen,
dieses innere Leuchten verschütten zu können. Und, wie das Erhabene gewöhnlich
neben Lächerlichkeit und Unwürdigkeit gestellt ist, so war es auch hier. Diese
Frau, die Olga als eine Ganze unter Zerrissenen, als eine naturhaft Starke unter
Verbogenen und Beschädigten erschien, - war die Frau eines Menschen von
unverkennbar geringer Art, des Vincenz Reisenleitner.
    Niemals war Olga bei Geneviève gewesen, ohne gekräftigt, gesammelt, stärker
und sicherer von ihr zu gehen. Sie war eine von jenen, die die Beladenen
erleichtern, die Bedrückten erheben, ohne ihnen bestimmte Tröstungen oder gar
Satzungen auf den Weg zu geben, - einfach durch den Anblick, den sie selbst
bieten.
    Ihre Ehe mit Reisenleitner war das Produkt einer für ihr Wesen sehr
bedeutsamen Absichtslosigkeit, mit der sie sich, ihrem innersten Glauben gemäss,
den Fügungen und Schiebungen des Schicksals überliess, ohne mit gefährlichem
Willensaufwand dem rollenden Rad in die Speichen zu fallen.
    Sie hatte Vincenz Reisenleitner in ihrer Heimat, in Stuttgart, kennen
gelernt, wo ihr Vater ein höheres juridisches Amt bekleidete. Die Mutter
entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie, die, emigriert, in der
Schweiz lebte. In Genf lernte die junge, schöne Tochter dieser Familie den
deutschen Regierungsrat Nestor kennen, der sie bald als seine Frau ins
Schwäbische verpflanzte. Ihr Kind nannten die Eltern, in froher Erinnerung an
den Ort ihres Sichfindens, Geneviève; im täglichen Umgang blieb nur des stolzen
Namens Endsilbe bestehen und ève wurde bald zur deutschen Eva. So wuchs sie auf,
Eva Nestor, ein Schwabenmädel mit normannischem Blut in den Adern - »eine
köstliche Legierung«, wie der Vater stolz zu sagen pflegte.
    Kurz nachdem er gestorben war und die Witwe und Eva mit einer für ihre
bisherigen Lebensgewohnheiten geringen Pension zurückliess, geschah es, dass Eva
die Bekanntschaft des Wiener Fabrikanten Reisenleitner machte, der hierher
gekommen war, um sein bei einer Stuttgarter Fabrik bestelltes Automobil
abzuholen. Reisenleitner verliebte sich stürmisch in das »riesig interessante
Mädel«, und seine Werbung befreite sie von ungewissem Los.
    Es wäre ihr wie eine Vermessenheit erschienen, diese Werbung nicht
anzunehmen. Erwartungsvoll stand sie vor jeder entscheidenden Veränderung ihres
Schicksals, und darum nahm sie auch diese - aufhorchend - hin. Ihr Herz hatte
noch nie seine strenge Gebundenheit erschüttert gefühlt, nichts hinderte sie,
dem fremden Mann zu folgen, und darum erschien es ihr, als ob es sein sollte,
sein dürfte. Was kommen mochte, - es liess sich nicht ergrübeln, - sie würde es
erfahren. Und erfahren hiess - leben.
Zwischen Olga und Eva, die sich bei den gemeinsamen Verwandten, Professor
Diamant und Frau Edda, bald begegneten, hatte sich ein Verhältnis angesponnen,
das eine behütende Reserve nie verlor und doch an unausgesprochenem, aber
deutlich empfindbarem Interesse stetig zunahm. Es war die Zuneigung zweier
Naturen, die die Bestimmung, zu wachsen, aneinander ahnen und dabei von Freude
erfüllt sind über diese Entdeckung. Das Verhältnis behielt alle Formen der
Zurückhaltung, war seinem Wesen nach aber vertraut.
    Olga kam nicht oft hinaus in die Cottage-Villa, die sich Vincenz
eingerichtet hatte, - aber immer wurde ihr froh zumute, wenn das eiserne
Vorgartentürchen, auf ihren Klingeldruck, aufsprang und sie über den
kiesbestreuten Gartenweg dem Hause zuging, während ihr Eva schon vom Fenster
zuwinkte oder ihr entgegenkam, aufrecht und zierlich, mit ihrem leichten,
sichern Gang eines Bachstelzchens.
    Evas Ehe bestand in äusserer Ordnung, aber Olga merkte bald, dass es hier so
war, wie bei einer elektrischen Anlage, in der der Strom fehlt, - tot,
ausgebrannt, durch irgendeinen schlimmen Kurzschluss vernichtet, - ein
komplizierter Apparat ohne die treibende Kraft, um deretwillen er errichtet
wurde.
    Was vorgegangen war, - ob eine wachsende Entfremdung oder eine plötzliche
Katastrophe hier ein Ende gemacht hatte, - das wusste sie nicht und fragte nicht
danach, weil ihr war, als müsste Eva eines Tages selbst ihr diesen Einblick
geben, wenn sie sie wissen lassen wollte, wo ihr Lebensschiff fest lag, - oder
wohin es steuerte. Ein kleines Mädchen, Evas Abbild, war das Licht in diesem
Hause. Eva ging nur selten in die Stadt. Dafür war sie mit dem Kind viel im
Freien draussen, in den Feldern, die sich als riesige Karos auf den Hügeln des
Wiener Waldes, in einer weit übersehbaren, an Höhen und Mulden wechselvollen
Landschaft ausstreckten. Seit längerer Zeit trieb Eva Sprachstudien, die sie
durch Prüfungen abschliessen wollte, - eine »Marott« wie Vincenz sagte, die
seinen Kredit schädigen könne, denn am Ende würde man noch glauben, seine Frau
»habe das nötig.«
    Der letzte Besuch, den Olga in Wien zu machen hatte, galt der Frau, die sie
hier am liebsten sah. Und so fuhr sie denn zum letztenmal hinauf, in das
hochgelegene Cottageviertel. Die Luft war hier frei und frisch, und Olga atmete
immer wohlig auf, wenn sie aus den »Niederungen«, wie sie es nannte, hierher
kam. Die Blätter der Bäume waren nun schon fast gelb, und das dürre Laub
bedeckte die Erde und raschelte unter den Tritten. Aus den Gärten, in deren
Tiefe man hie und da durch ein Gitter einen Blick werfen konnte, strömte der
feuchte, süssliche Duft herbstlichen Welkens, und Olga atmete ihn tief ein. Sie
machte absichtlich einen kleinen Umweg, überstieg den Hügel des
Türkenschanzparkes und kam bei dem Tor, das der Ackerbauhochschule gegenüber
liegt, wieder herunter. Um den stolzen Palast dehnte sich freies Ackerland, nur
ein paar vereinzelte Villen standen da, zumeist ganz neu, im modernen
Landhausstil. An solch einem Häuschen machte sie Halt. Das grosse,
schmiedeeiserne Gartentor, das sich nur öffnete, um das Automobil aus der Garage
oder dahin zurück zu lassen, war verschlossen, und sie klingelte an dem kleinen
Nebenpförtchen. Als sie den Garten durchschritten hatte und auf dem Podest unter
dem Vordach stand, öffnete Eva, - bevor sie noch geklopft hatte, - selbst die
Entreetür der Wohnung.
    Sie war nicht, was man im landläufigen Sinn eine Schönheit nennt, - sie war
weit mehr. Auf dem zarten, in seinen Massen vollkommenen Körper sass ein Kopf, den
die Bildhauer »durcharbeitet« zu nennen pflegen. Im Gegensatz zu der
Verschwommenheit der Züge, die man sonst nicht selten bei hübschen Frauen
findet, waren die Linien dieses Gesichtes deutlich festgelegt. Ein
unverkennbarer Ernst lag auf diesem Gesicht und kontrastierte seltsam mit der
roten Blüte ihres Mundes, der sehr klein war, dessen Oberlippe fast herzförmig
schien, und einen tiefen Schatten, eine Art Furche, in ihrer Mitte barg. In
diese kleine Grube, inmitten der geschweiften Oberlippe, - »in der der Amor
nistet«, wie Herr Reisenleitner festgestellt hatte, - hatte er sich seinerzeit
verliebt ... Sie sah zugleich ernst und klug und dabei pikant und sonnig aus,
mit ihren flimmernden, braunen Augen und dem hellbraunen Haar mit seinen
goldenen Reflexen, das sich in zarten Löckchen an diese gerade, hohe Stirn
schloss und am Wirbel in einen bescheidenen Knoten geschlungen war. Was ihr den
Ausdruck besonderer Frische gab, das war das Aufwärtsstreben aller Linien der
unteren Gesichtspartie. Die Mundwinkel und die Wangenmuskulatur schienen leicht
gehoben, als ob sie die Schläfen und die Augenwinkel suchten, die sich ihnen
zusenkten, während sich die Nase, die mit der Stirn mehr als zwei Drittel des
Gesichtes in Anspruch nahm, - fein und steil abwärts streckte. Von ihrem Ende
bis zu dem kräftig umrissenen Kinn konnte man eine gerade Linie ziehen, die der
zurücktretende Kiefer, trotz der Üppigkeit jener herzförmigen Oberlippe, auch
nicht annähernd berührte. -
    Das Beisammensein der beiden Frauen war heute von besonderer Wärme getragen,
- Olgas Scheiden half ihnen, ihre bisher fast uneingestandene, fein verdeckte
Gefährtenschaft zu klarerem Gefühl zu bringen. Als sie im dämmerigen, traulichen
Zimmer beim Tee sassen, erzählte Eva, dass sie nun, nach nur einjähriger
Vorbereitung, eine Staatsprüfung als französische Lehrerin abgelegt habe. Da
französisch ihre eigentliche Muttersprache war, - zumindest die viel gehörte
Sprache der Mutter, - so hatte die kurze Vorbereitung genügt. Von jetzt ab würde
sie sich eifrig mit der Pflege skandinavischer Sprachen befassen.
    Olga ahnte, dass dieses systematische Vorgehen einen Zweck haben müsste, und
sie fragte danach.
    Eva sah mit ihren braunen Augen ernst vor sich hin. und die Goldpünktchen
hörten auf, darin zu tanzen.
    »Es ist möglich, dass ich einmal mich und mein Kind erhalten muss.«
    Das Wort, das an das Geheimnis ihrer Ehe rührte, war gefallen. Olga fragte
nicht weiter, sie wusste, die Stunde, in der die Freundin sprechen wollte, war
da. Und mit ihrer dunkel gefärbten, unsagbar wohllautenden Stimme, von der
einmal Professor Diamant gesagt hatte, wenn Mutter Natur sprechen könnte, so
würde sie so sprechen, - berichtete Eva, wo und wie ihr Schifflein festlag, wie
gefährlich es aufgefahren war.
    Diese Ehe war bereut worden, und nicht nur auf einer Seite. Eva hatte sich,
ihrem Mann gegenüber, bald vor einer Leere gefunden, die sie nicht unbedingt
erwartet hatte; sie hatte vermutet, dass, weil die Bahnen, in denen sich das
geistige Leben ihres Mannes bewegte, einfache waren, - dass die Fähigkeiten
geheimer Gefühlskräfte bei ihm desto stärker sein müssten. Vincenz aber hatte die
Rolle verborgener Herzensbiederkeit, in welcher er zuerst werbend vor ihr
aufgetreten war, nicht lange gespielt. Das ihm nicht ganz verständliche Wesen
seiner Frau war ihm bald nicht mehr »riesig interessant«, sondern eher unbequem.
Nach und nach konnte er seine Reue über die unüberlegte »Liebesheirat«, die er,
als Geschäftsmann, sich »nicht hätte leisten dürfen«, schlecht verhehlen. Er
klagte über den Mangel einer soliden, metallenen Basis, an dem diese Heirat
litte, und machte sich Vorwürfe, die »nie wiederkehrende Gelegenheit«, sich eine
solche gut gemünzte Fundierung zu verschaffen, verpasst zu haben. - »No ja, -
wann der Amor schiesst, rutscht der Verstand in die entern Gründ'!« erklärte er
sich selbst seine Verirrung. dabei verfügte er über ein gutes, gesundes
Geschäft, das ihm eine sehr auskömmliche Familienexistenz bot, war auch
geschäftlich nicht unfähig, - hatte aber Luxusbedürfnisse, die seine Einnahmen
überstiegen.
    Eva sah ihre Ehe mit nüchternen Augen - und kam mit sich ins Reine: Ihr
Schicksal, so fühlte sie, ruhte in ihr selbst. In ihren Wirkungskreis sollte ja
auch bald eine Aufgabe gestellt werden, die wohl der triebhaft geheime Zweck
dieser scheinbar sinnlosen Verbindung war. In ihrem Schoss regte sich junges
Leben, und fromm erwartete sie die Frucht, für deren Entstehen ihre Ernte an
persönlichem Glück von Mächten, die in ihrem eigenen Willen wirkten, - geopfert
worden war.
    Auch Vincenz war von dieser Hoffnung merkwürdig befeuert. Seine Freude, als
sie ihm die Erwartung mitteilte, überraschte sie. Staunend beachtete sie die
Lehre, die ihr das Leben gab, indem es ihr einen scheinbar »einfachen« Charakter
in unerwarteter Vielspältigkeit zeigte. Aber die Lehre war noch nicht deutlich
genug: sie sollte noch mehr erfahren.
    Seit Vincenz wusste, dass sie guter Hoffnung war, sprach er nur noch von
seinem »Sohn«. In Gesellschaft, im Geschäft, überall erzählte er mit
familienväterlichem Schmunzeln, dass »a Bua« auf dem Weg sei. Sie fand diese
vorzeitige Verkündigung ihres Zustandes wenig geschmackvoll, - die sichere
Erwartung des »Bua'm« aber stellte sich beinah als eine Art fixer Idee dar. Auch
lag kein besonderer Grund vor, warum ein Sohn für Vincenz Reisenleitner so
dringend erwünscht sein sollte; war doch kein noch so bescheidenes Trönchen,
dessen Erbfolge durch das salische Gesetz für Frauen gesperrt gewesen wäre, -
noch auch ein Majorat zu vergeben; das Geschäft sei auch eine Art von Majorat,
erklärte Vincenz. Da er aber die Grundlage dieses ererbten Besitzes durchaus
nicht befestigte, eher durch seine Passionen unterwühlte, erschien diese Sorge
um den Erben wenig natürlich.
    Vincenz aber tummelte sich, nach wie vor, in der Idee, dass ihm ein »strammer
Stammhalter« geboren werden sollte. Er hatte sich in diese feudale Pose förmlich
verrannt. Mit derselben zähen Hartnäckigkeit, mit der er sich bei einem
Automobilrennen oder bei einer Golfpartie ganz in die Situation versenkte,
nichts sah und hörte, als was mit dem Match zusammenhing, - mit diesem
unzugänglichen Furor des Sportsmannes, gemischt mit der Sucht, den »Träger eines
alten Namens« zu spielen, der einen »Erben« dringend brauchte, - verrannte er
sich in die neue Idee von »seinem Sohn«, als ob die Tragik des Gedankens, der
letzte Reisenleitner zu sein, seit jeher seine Hauptsorge gewesen wäre.
    Die Stunde, in der dieser Traum Wirklichkeit werden sollte, kam. Evas
Entbindung ging schwerer vor sich, als man erwartet hatte. Eine halbe Nacht und
einen ganzen Tag schon hatte sich ihr Körper im Krampfe des Gebärens gezerrt und
gekrümmt. Röchelnd lag sie auf ihrem Schmerzensbett, bis wieder eine neue Wehe
ihr gellende Schreie erpresste und sie glauben machte, das Ende sei da. Und noch
immer war die Frucht, die in diesem gemarterten, aufgetriebenen Leibe atmete,
sich bewegte, lebte, - nicht abgelöst vom Stamm.
    Halb sinnlos vor Pein, hörte sie doch, wie man von der Notwendigkeit eines
Einschnittes sprach, und wie die Ärzte zur Narkose rüsteten. Sie vernahm ihr
Geflüster, hörte, wie der Hofrat, - der grosse Accoucheur, der die Prinzessinnen
des kaiserlichen Erzhauses entband, - mit seinem Assistenten und ihrem Schwager
Diamant beratschlagte, ob Äterrausch oder Chloroformnarkose hier vorzuziehen
sei. Und während wieder jene Schmerzen, die ihr das Hirn zu zersprengen drohten,
in breiten Wellen anfluteten und ihr Bewusstsein übergossen, sah sie noch die
Geburtshelferin mit dem intelligenten, kurz geschorenen Kopf und die
Pflegeschwester, - beide, gleich den Ärzten, in weissen Leinenkitteln, - durchs
Zimmer eilen. Und sie sah nun auch, wie durch blutige Schleier, einen Augenblick
lang die Gestalt ihres Mannes, - gerade ihrem Bett gegenüber an der Tür, die ins
Nebenzimmer führte, - sah, wie er die schwarze Sammetportiere hob und gleich
wieder verschwand. Und sie hörte nun auch seine Stimme in dem Geflüster der
Männer, - hörte, wie die Worte fielen - - - »Kind oder Mutter« - - - - - - und
diese Worte streckten und vereisten ihr die Glieder; und unter den Stimmen war
eine, - die, die sie am besten kannte, - und die zischte Worte heraus, die sich
in Schlangen wandelten, in hässliche, geringelte Tiere, die über den Fussboden zu
ihrem Bett krochen ... »das Kind - den Sohn - - - den Sohn« - - sagten diese
Worte, - und es waren abscheuliche, züngelnde, feuchtglatte Schlangen, die nach
der Bettdecke hinaufzischten. - Und plötzlich schien es ihr, als ob die Stimme
des Hofrats sich aus dem Geflüster erhöbe, sich furchtbar und dröhnend darüber
ergoss und die Schlangen, die aus jener andern Stimme gekrochen waren, mit
Abscheu zertrat.
    Dann kamen Schritte an ihr Bett, - ein süsslicher Duft überströmte sie, und
guter, rosiger Friede senkte sich langsam auf sie nieder. - - -
    Als sie erwachte, war das neue Leben aus ihr herausgerettet. Und trotz der
schweren Übelkeiten, trotz der tötlichen Mattigkeit fühlte sie doch, wie leise
und stetig die Kräfte zu ihr zurück rannen ... Die Frau im weissen Kittel, mit
dem kurz geschnittenen Haar und dem klugen Gesicht, beugte sich über sie: »Ein
Mädchen, - und es lebt.«
    Da kam die Erinnerung an jene Stimme, - »der Sohn - - der Sohn.« - - - Hatte
sie jene Worte geträumt, - hatte sie sie wirklich gehört?
    Und ein Glücksgefühl schoss heiss in ihr auf, - dass es ein Mädchen war, - ihr
Kind, ihres allein.
    Und da war der Hofrat mit dem grauen Bart und sah munter durch die
Brillengläser, und neben ihm stand der Schwager, Professor Diamant, mit einem
guten, guten Grinsen in seinem sonst so maliziösen Gesicht, - und sie hörte
seine etwas gequetschte, böhmelnde Stimme ganz glücklich sagen: »No allsso, -
fein heraus hamm' mr ssi!«
    Ihren Mann aber sah sie nicht, und begehrte nicht, ihn zu sehen. - - -
    - - Das hatte Eva erlebt, und sie erzählte es der Freundin in jener
Abschiedsstunde. Es war dunkel geworden, und sie hatte das Licht nicht
aufgedreht. Nun erhob sie sich und liess ein paar matte, elektrische Lampen
aufleuchten.
    Ohne Patos, mit den einfachsten Worten, hatte sie erzählt, und ihr
schlichtes Vertrauen hatte diese Stunde mit wunderbarem Leben erfüllt.
    Olga durfte nun fragen, und sie tat es.
    »Warum sind Sie,« sagte sie, - »nach alldem noch bei Ihrem Mann? Würde er
Ihnen das Kind verweigern, wenn Sie von ihm gehen würden?«
    »Ich glaube nicht«, antwortete Eva und stellte eine Schale mit Früchten auf
das runde Tischchen vor dem Eckdiwan, auf dem sie sassen. »Er hat zu der Kleinen
so gut wie keine Beziehungen, wenn er sie auch ab und zu mal auf seine Knie
setzt, - besonders wenn Gäste dabei sind.« Ein leichtes Lächeln milderte die
Schärfe ihrer Bemerkung. Und dieses Lächeln schien hinein zu leuchten in die
versteckten Tiefen jener fremden Natur, von der sie sprach, und Olga überkam das
Gefühl, dass etwas in dieser Frau lebte, das sie befähigte, die dunklen und
treibenden Mächte in anderer Menschen Seelen zu erkennen, - ahnte, dass sie in
jenen »Abgrund«, in dem die Wahrheit wohnt, unerschrockener und klarer
hineinblickte, als viele andere.
    »Nein, - es ist nicht, weil ich fürchte, dass er mir das Kind nehmen würde.
Es ist etwas anderes, was mich hier festält, etwas viel näher liegendes, das
Ihnen aber vielleicht« - wieder lichtete ein Lächeln ihr Gesicht, und diesmal
war eine Spur von Schalkhaftigkeit darin - »sehr befremdlich erscheinen wird.«
    Olga horchte gespannt.
    »Ich habe geheiratet,« sagte Eva, - »weil ich eine günstige Veränderung
meiner Lage darin sah; und ich werde nicht eher die Ehe lösen, als bis ich
zumindest die Gewissheit habe, nicht in eine schlimmere, schwerer erträgliche
Lage zu kommen, als die es ist, in der ich bin. Das ist alles.«
    In Olgas Gesicht malte sich eine nicht zu verbergende Verblüffung.
    »Ich dachte mir, dass es Sie überraschen würde, diese einfache Tatsache so
unverkleidet aussprechen zu hören.«
    »Ich verstehe Sie wahrscheinlich nicht ganz,« sagte Olga. »Wie - wie - kann
das gemeint sein?«
    Eva sah lächelnd und ruhig vor sich hin. »Sehen Sie,« sagte sie, »es ist so
bezeichnend, dass Sie, als eine rein empfindende Frau, verwundert sind über
dieses Bekenntnis. Es ist bezeichnend, sage ich; denn es gibt jetzt so viele
Menschen, wie mir scheint, - denen - wie soll ich es nennen - bei der Vertiefung
ihres geistigen und moralischen Lebens das abhanden gekommen ist, was nun einmal
die Voraussetzung eines geistigen und nicht geistigen Lebens überhaupt ist -
nämlich -« sie stockte, schien nach dem richtigen Wort zu suchen, - »nämlich der
- Instinkt - gewisse Taten, die einen ins Verderben stürzen, - bleiben zu
lassen;« - und ruhig fügte sie hinzu: »also wohl einfach eine Art von deutlichem
Selbsterhaltungstrieb.«
    Olga horchte verwundert, belebt.
    »Ich weiss nicht,« fuhr Eva fort, - »ob Sie dieses Gefühl kennen - dieses
Gefühl, - dass man gewisse entscheidende, schicksalsschwere Dinge erst dann tun
darf, wenn ihre Notwendigkeit so deutlich geworden ist, dass man sich wahrhaftig
geschoben fühlt, indem man sie tut, - dass es so geschieht - nun so - als ob man
überhaupt nichts zu wollen hätte dabei.« - - Nachdenklich sah sie vor sich hin.
»Ich selbst habe immer nur getan - was ich auf diese Art tun musste.«
    »Und so lange?«
    »So lange? Sie meinen - was zwischen diesen Taten geschieht? Man lebt - man
wartet! Und die grösste Versuchung des Lebens scheint mir, dass es Situationen um
uns aufstellt, die uns dieses Warten lehren sollen, - dass es eine Art von
passiver Energie von uns verlangt, die vielleicht schwerer ist, als die aktive
der Tat.«
    Schritte wurden laut, Eva, hingegeben an das, was aus ihr sprach, überhörte
sie, aber Olga sah durch die halb zurückgezogene Portière ihren Bruder, der sie
abholen sollte, im Nebenzimmer eintreten. Sie wollte das Gespräch nicht
unterbrechen lassen und winkte ihm zu, drin zu bleiben. dabei hatte sie das
Gefühl, dass die Freundin nicht zürnen würde, wenn er mit anhörte, was sie
berichtete.
    In Evas Gesicht war während des Sprechens eine zarte Röte gestiegen, ihre
Augen strahlten in weichem Glanz, und sie sprach weiter, so ernst, als hätte sie
ein Glaubensbekenntnis abzulegen.
    »Sehen Sie - dieses Gefühl, das mich von einem Tun, zu dem mich vielleicht
starke Neigungen drängen, oftmals abhält, habe ich so deutlich, dass ich es in
Worten benennen könnte.«
    »Und diese Worte wären?«
    Sie hob lebhaft den Kopf. Ich möchte sagen: »Wenn - wenn dir zum Zögern
zumute ist - nun, - so zögere!« - - - Sie lachte. »Eine tiefe Weisheit, wie?
aber diese Sentenz ist doch nicht so banal, wie sie klingt.«
    »Nein,« sagte Olga, »das ist sie nicht; denn diese Sentenz ist vernünftig,
und das Vernünftige ist nicht banal.«
    Eva sprach stark und ruhig weiter. »In jede sogenannte kritische Situation
kommt früher oder später eine entscheidende Änderung; sie kommt von innen oder
von aussen, von den Beteiligten selbst oder von seiten Dritter; aber sie kommt.
Und wenn sie kommt, - dann heisst es - hinhören, hinsehen und dann darf man -
tun; und dann - dann ist auf einmal alles, was verworren und schwer zu lösen
schien, - unendlich einfach. Man braucht dann nur nach dem Nächstliegenden zu
greifen, um dort, wo man früher nicht eine Handhabe seines Willens sah, hundert
zu finden.« Und, als müsste sie von diesen Erörterungen, die von der Geschichte
ihres Schicksals scheinbar abzweigten, wieder auf diese Geschichte selbst
zurückkommen, fuhr sie fort:
    »Wenn ich aus meiner Ehe - die freilich keine wahre Gemeinschaft, aber
immerhin ein erträgliches Los bietet, fortgestürmt wäre, hinaus in das Schicksal
einer zum Kampf nicht genügend gerüsteten, »ausgesprungenen« Frau, die sich und
ein Kind ernähren soll, - so wäre mein und des Kindes Schicksal kaum ein
Ungewisses zu nennen; es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich diesen
Weg auszumalen.« Schatten senkten sich über ihr Gesicht, hoben und zerteilten
sich wieder. »So tue ich - was ich tun kann und wohl auch tun soll, - das, was
man, um es recht profan auszudrücken und keine schöneren Worte für mein Tun zu
gebrauchen, als ihm gebühren: profiter de la situation nennt. Ich benütze diese
geschützte Lage, um mir Kenntnisse anzueignen, die mir eines Tages, wenn - wenn
alles so deutlich geworden ist, dass das, was jetzt noch einer Herausforderung
des Schicksals gleichkäme, dann einfache Selbstverständlichkeit wird - weiter
helfen sollen;... heute«, - sie schwieg und blickte nachdenklich vor sich hin -
»heute sehe ich den Weg noch nicht deutlich genug, aber ich glaube,« fügte sie
leise hinzu - »ich werde bald sicherer sein.«
    Olga sass wortlos. Schlicht, alltäglich, ja verdächtig war, was sie gehört
hatte. Warum überwältigte sie diese einfache Geschichte, als wäre sie -
angewandt an dem Schicksal dieses Menschen - der vollkommenste Ausdruck
wunderbarer Wegsicherheit? -
    Die Portière des Nebenzimmers wurde zurückgeschoben. Stanislaus trat ein.
    »Ich darf nicht länger hier Zeuge von Gesprächen sein,« sagte er, während er
die Frauen begrüsste, - »die nicht für mich bestimmt sind, und die ich aus
Furcht, sie zu unterbrechen, dennoch zum Teil gehört habe.«
    »Mein Bruder«, sagte Olga.
    »Wir beide kennen uns schon wohl aus Olgas Erzählungen, und darum hat mich
hier kein Fremder belauscht.«
    Stanislaus fiel es schwer, die richtige Antwort zu finden, - die besagen
sollte, wie sehr er sie belauscht hatte! Und so sagte er nur leise, -
schüchtern, von einem Gefühl der Verehrung durchbebt: »Was ich belauscht habe,
wird in meiner Erinnerung bleiben.«
    Man hörte die Klingel der Gartentür, das elektrische Licht glühte draussen
über dem Kiesweg auf, und die drei sahen durchs Fenster Evas kleine Tochter mit
ihrer Bonne. In ihrem weissen Mäntelchen kam sie durch den Garten dem Hause zu.
Sie hatte denselben Gang wie die Mutter, diese eilige und doch zierliche Art,
die Füsse zu setzen, hielt sich sehr aufrecht und in der Mitte des Weges. Gleich
darauf war sie im Zimmer und brachte einen frischen Luftstrom mit herein. Sie
glich der Mutter in ungewöhnlicher Vollkommenheit, nur war das Haar des Kindes
noch lichter und goldener, das Auge schien dunkler und grösser und das
Gesichtchen rosiger. Vollkommen unbefangen begrüsste sie, nachdem sie die Mutter
umarmt hatte, die Gäste, und ging gleich wieder der Türe zu: sie müsse »auf ihr
Zimmer«, ihre Kleider abzulegen, sie wollte nur erst »Mama sehen«.
    Und Stanislaus, der Lauscher, dachte: wie kann es etwas Falsches sein, was
sie - die Mutter - getan hat? War diese ungleichwertige Vermischung nicht zu
ihrer Zeit gerechtfertigt, da sie so herrliches Leben fortsetzte? Wissen wir
denn, - so dachte er, - warum wir so gehorsam in die Falle gehen, die uns das
Schicksal, in Form einer unausweichlich erscheinenden Verbindung, stellt? Um wie
vielfacher »zureichender Gründe« willen kann dies nicht geschehen! Und wäre
einer dieser Gründe der, ein neues Leben, das ohne diese Verbindung niemals
würde, heil und schön ins Licht zu rufen, so wäre das genug, uns Ergebenheit zu
lehren.
    Ihm war das Kind die wunderbare Erhöhung, die, über das eigene, arme Ich,
der Vollkommenheit näher rückt, - und sein Begehren, ein Kind lieben zu dürfen,
war so stark, dass er oftmals glaubte, ohne diese Liebe nicht leben zu können.
Und gerade über dieses Begehren hatte er strenges Gericht gehalten - und sein
Urteil selbst gesprochen.
    Die Erkenntnis, die ihm Vernunft und Gewissen mit unbarmherziger
Nüchternheit diktierten, sprach zu ihm, - dass er selbst verzichten müsste, die
ewige Substanz des Lebens weiter zu bauen. Er durfte nicht aus dem Schoss eines
geliebten Weibes einen Menschen erwachsen lassen, der die Lasten seiner eigenen,
beladenen Körperlichkeit mitbekam; er war streng und unerbittlich in diesem
Punkt. Sollte er in edles Ackerland kümmerlichen Samen streuen?
    Gerade er träumte - zart, heiss und in gebändigter Begier, - von einer jener
heilen, arttüchtigen Frauen, die ihr Geschlecht stolz verpflanzen, und in seinen
einsamen Träumen sank er vor dieser unbekannten Gestalt, als vor dem
hochgelobten Bildnis der Anbetung, in die Knie. Er träumte, - ohne zu begehren.
Es wäre ihm auch ein müssiges Begehren erschienen; denn würde je ein Weib, das er
lieben könnte - ihn lieben? Aber er verehrte. Er erglühte in Ehrfurcht, wenn ihm
ein Weib »bestimmt zur Hochzucht«, wie er es nannte, begegnete; und er erkannte
solche Art scharf und schnell.
    Wunderbar war die kurze Zeit gewesen, die er hier im Nebenzimmer verbracht
hatte, während diese Frauenstimme, voll und dunkel, wie gedämpfter Glockenklang,
zu ihm geklungen war. Und was sie sprach, - es schien ihm wie die Weisheit der
Fruchtbaren, der auf Erhaltung Bedachten. Ihr starkes Herz hatte er hören
dürfen, und, wie die grünen Pflanzenblätter der Sonne zuwachsen, sich ihr
zubiegen und -dehnen, so hatte er heile Instinkte dem Lichte arterhaltender
Vernunft sich zuwenden sehen, jener tiefsten Vernunft der Natur, die, ohne
zweckhaft zu sein, mit unberechenbarem Drang den Weg der Erhaltung der
tauglichen Arten sucht, Sonne, Regen und Wind zu ihnen dringen lässt und, in
geheimnisvoller Chemie, das Böse und das Gute tief im Kelch dieser Wesen
verarbeitet, zu keinem andern »Zweck«, als um neue Nahrung, neues Wachstum für
sie daraus zu gewinnen.
    Eine tiefere Logik als die durch Ideenreihen zu beweisende, ein unbewusstes,
aber instinktstarkes Vertrauen in den logischen Sinn des eigenen Seins, war ihm
aus diesen Frauenworten gekommen, - und so unvollkommen der Teil des
Gesprochenen gewesen, den er belauschen durfte, so vollkommen klar war ihm der
Zusammenhang dessen, was er hörte, mit dem, was ihm seine Schwester berichtet
hatte, und liess ihn die scharf umrissenen Linien eines Schicksals und einer
Persönlichkeit erkennen.
    Die Geschwister blieben nicht mehr lange. Evas Gatte wurde zum Abend zuhause
erwartet, und keiner von den dreien empfand den Wunsch, ihr Beisammensein in
seiner Gegenwart fortzusetzen. So schieden sie.
    Schweigend gingen die Beiden durch die Anlagen des Villenviertels, das in
tiefer Abendstille, die nur selten vom Rollen eines vereinzelten Wagens
unterbrochen wurde, dalag. Ihr Sinn war erfüllt von dem Bilde der Frau, der sie
heute nahe gekommen waren, um, vielleicht für immer, von ihr zu scheiden.
    Und Stanislaus schien es, als ob diese Frau ihre grosse Prüfung schon
bestanden hätte, und als ob ihr das ausgleichende Schicksal nun die Erfüllung
schulde - die Erfüllung ihrer persönlichen, noch verdeckten Bestimmung. Denn
musste nicht solcher Art, wie dieser, Verstärkung werden? Hatte sie nicht die
verschleierte Versuchung mit ahnendem Auge erkannt und überwunden? War sie
nicht, indem sie, unanfechtbar von triebhaftem Drang, und nüchtern bedacht,
äusserlich in der Falle einer misslichen Situation verblieb, an der wahren Falle
vorbeigegangen, - jener, die ihrer letzten zweckhaften Bestimmung vielleicht
gesetzt war? Und diese Bestimmung, sie konnte bei ihr, wie bei jedem andern, der
da auf dem Weltplan seine Rolle bekam, keine von aussen gesetzte sein, - es war
nichts, als die letzte, unerbittlich logische Folge der Wirkung der gestalteten
Substanz, gemäss jener Gesetze, die ihr jeweilig eigneten.
    Tief in solche Gedanken verloren, ging Stanislaus wortlos neben der
Schwester des Weges; und ihr Herz war ähnlich erfüllt wie das seine und sandte
stumme Fragen in das Dunkel, das über jener Frau - wie über ihnen selbst lag.
 
                                Drittes Kapitel
                                     Berlin
                                     Motto:
 »Freiheit ist eine kräftigere Herzstärkung als Tokayer.«
                                                                   Schopenhauer.
Immer, wenn Olga nach Berlin gekommen war, so war ihr, wenn der Bahnzug die
äussersten westlichen Vororte durcheilte, freier zumute geworden. Mit fröhlichen
Augen hatte sie aus dem Fenster des Coupés die Villenkolonien, die zur Weltstadt
gehören, begrüsst, und auch diesmal war dieses bekannte Wohlgefühl in ihr
aufgestiegen, als die Perrontafel mit der Aufschrift »Gross-Lichterfelde« mit
Eilzugsgeschwindigkeit am Coupéfenster vorüberraste und sie im funkelnden
Vormittagslicht jener sonnigen Oktobertage, an denen das Berliner Klima so reich
ist, draussen die Villen, die Gärten, die freien Felder des Vorortes und die
dunkle Linie des Grunewaldes vorüberfliegen sah.
    »Wechsle den Ort und du wechselst das Glück«, hatte Cousin Diamant
getoastet. Und wahrhaftig, sie konnte es brauchen. Gespannt, gequält, oft voll
mühsam unterdrückter Ungeduld, so war ihr in letzter Zeit immer öfter zumute
gewesen. Und sie hatte oft das Gefühl gehabt, als müsse sie irgend etwas
zerschlagen, etwas, das sie von ihrem Schicksal fern hielt, das ihr verwehrte,
sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen, das Gute in ihnen aufzufinden.
Und sie wusste nicht, was es war. Der Gedanke, ihre gebundenen Willensgeister in
eine Stätte zu verpflanzen, wo sie sich freier tummeln, wo sie in irgendeiner
Weise ihrer Wirkung zuwachsen konnten, war immer stärker in ihr geworden. So
hatte sie sich für Berlin entschlossen. Eigentlich programmlos kam sie in die
Weltstadt, die ihr wie ein wunderbar weites Asyl für die »Obdachlosen« erschien,
- für die, die nicht in irgendeiner Tradition wurzelten, die keinem geliebten
Boden verpflichtet waren, die keine andere Nationalität verkörperten, als die
des Weltbürgers deutscher Sprache und nichts wollten, als sich tummeln und ihre
Kräfte regen. Bedrängt von Verwandtenfürsorge, beengt von schematischen
Konventionen, begrenzt und beobachtet, misstrauisch belächelt, zu Verformungen
gezwungen, die sie belästigten, - so hatte sie in Wien gelebt, und darum hatte
die Luft dieser als so anmutig und gemütlich geltenden Stadt sie bedrückt; und
immer hatte sie gedacht: da draussen im Reiche, in dieser grossen Hauptstadt, da
sind die Wege weiter. Da finden sich Wäge- und Prägestätten für Willenskräfte,
und da kann man besser - untergehen, weniger begafft, wenn es zum Bestehen nicht
reicht. Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der diese weite Stadt deinen
Untergang duldet, lässt sie dir auch alle ihre Wege offen, die zu deinem Ziele
führen. Rühre dich, werde oder vergehe, so spricht diese Stadt. Nicht wie jene
andere, die sie verlassen hatte, die da sprach: - friste dich ...
    Es war ihr geglückt, für einige österreichische Blätter zu zeitweiliger
Berichterstattung über die deutsche Frauenbewegung, wenn auch auf unverbindliche
Art, aufgefordert zu werden. Sie sollte Versammlungen und Kongresse besuchen und
darüber referieren. So unverbindlich dieses Engagement auch war, - es war doch
ein kleiner Verbindungsweg, der aus der Isolierung hinüberleitete in die Fülle
des Zusammenklangs sozialer Kräfte und sie gerade hineinführte in die Sphäre,
mit der sie sich durch Strömungen bedeutender Art verbunden fühlte. So war ihr
Programm dieses: äusserlich die Wege zu suchen, die für diese Bewegung die
wichtigsten Bahnen bedeuteten, genaue Kennerschaft auf diesem Gebiet zu erwerben
und so, neben äusserer Tätigkeit, mehr und mehr auch zu innerer Deutlichkeit über
ihre eigene Stellung zu diesem Phänomen zu gelangen, über die Gründe ihrer
Auflehnung gegen so manches Dogma jener neuen Anschauung, welche mit der Frau
als einem selbstverantwortlichen und selbsttätigen Wesen rechnete, und über ihre
Ahnungen, die sie manchmal mehr beunruhigten, als befreiten. Der Schwerpunkt der
ganzen Frage schien ihr nicht im Brotkampf zu liegen, - wenn auch dieser Kampf
unvermeidlich war. Es schien ihr vielmehr, als bedürfte es einer sozialen
Gestaltung, die vor allem mit dem Muttertum rechnete, - freilich noch in einem
anderen Sinn, als dies bisher geschehen war, wonach die hohe, wirtschaftliche
Belastung des Mannes vorausgesetzt und damit die Frau zur Unfreien und Werbenden
gemacht wurde. Der Kern der ganzen Frage lag für sie in dem noch ungelösten
Problem einer Vereinigung des der Frau, insbesondere der Mutter, notwendigen
Schutzes mit der ihr ebenso notwendigen Freiheit der Selbstbestimmung. In dieser
Syntese sah sie die wichtigste Aufgabe der Bewegung. Zag lagen diese Gedanken
in ihr, warteten auf das entscheidend Gestaltende, das ihnen Wachstum und
Deutlichkeit bringen sollte.
    Und dann war noch manches in ihr, das sie selbst betraf, so manche Unruhe,
von der sie sich hier frei machen wollte, mit all der Kraft, mit der sie das
Schicksal bedacht hatte. Da war die Angst vor der Armut, die sie sich selbst
kaum eingestand, die Angst vor irgendeinem obskuren Schicksal, das den Willen
kleinlich in eine Ecke drückte. Da war die Sehnsucht, irgend einmal festen Grund
unter die Füsse zu bekommen, irgendeinen Platz im Leben deutlich zu besetzen,
irgendwo Zugehörigkeit zu erwerben, Besitzrechte, Pflichten. Sonderbar erschien
es ihr manchmal, dass sie mit ihrem persönlichen Schicksal so vollkommen in der
Luft hing, dass es sich ihr noch in keiner Weise geoffenbart hatte. Ihre äussere
Existenz lastete auf den Schultern eines Greises; aber sie trug nicht die
finstere Sicherheit des Bruders in sich, die düstere Überzeugung - zu erben. Sie
war länger zu Hause geblieben als er und teilte seinen Optimismus über die Lage
des Vaters nicht. Auch die für ihre Grossjährigkeit versicherte Summe, deren
Zinsen ihr der Vater auszahlte, hatte er ihr nicht ausgeliefert; sie wagte
nicht, danach zu fragen, aber sie fürchtete, dass auch dieser kleine Betrag in
seinem Geschäft angelegt war. Sie wusste, dass der alte Mann weniger und weniger
seinen Besitz mit der starken Hand zusammenzuhalten vermochte, die notwendig
war, ihn vor Räubern zu schützen. Und so war immer die Bangigkeit in ihr,
vielleicht auch das Wenige zu verlieren, das sie bis jetzt hatte, ohne irgendwie
zur Selbsterhaltung gerüstet zu sein, - in die typische Elendsituation der
»allgemein gebildeten« Frau gestürzt zu werden, die dann eine Stelle sucht, als
Gesellschafterin »oder« Erzieherin »oder« Kontoristin »oder« Reisebegleiterin,
die bettelnd vor den Wohnungen der Stabilen, Gesicherten steht, um ihnen
irgendwelche sehr ersetzbare und wenig notwendige Dienste zu leisten. Lähmende
Furcht überkam sie, wenn sie an solche Möglichkeiten dachte. Ach, - nur so viel
erringen mit freier Arbeit, um in einem Stübchen bescheidenster Art sich täglich
einmal satt zu essen, - aber frei bleiben, reinlich für sich, ohne auf das
Sklavenbrot in fremden Familien angewiesen zu sein oder in der Tretmühle eines
Geschäftshauses verbraucht zu werden.
    Neben dieser Angst vor der Armut überwallte sie so manches Mal ein heisser
Gram über ihr erdrücktes Frauenschicksal, dieses eisige Nichts, das ihre Wünsche
schwer umschloss, dass sie hart und starr eingekapselt blieben, wie feste, grüne,
unerschlossene Knospen, denen kein Sonnenstrahl dazu verhilft, sich zu öffnen
und zu blühen. Manchmal tauchten ihr Zusammenhänge auf, die ihr plötzlich die
Gründe dieser seltsamen Lage deutlich erscheinen liessen und die merkwürdig mit
jenen Ahnungen zusammentrafen, die ihr, unabhängig von ihrem persönlichen
Erleben, die tiefsten Motive der Frauenbewegung erhellten. Aber sie fürchtete
sich, über ihr persönliches Schicksal zu grübeln. Noch war sie stark genug,
diese dunkeläugigen, düster umwallten Fragen fortzudrängen, wenn sie sich, wie
Phantome, an sie herandrängten. Noch war sie stark genug, zu sagen: rege dich,
rühre die Hände, greife nach dem Nächsten, wenn diese Dämonen dich bedrängen.
Und sie schob sie immer wieder von sich, mit starker Hand, in der der Wille noch
wirkte.
Eine Menge peinlicher Beschwerden erwarteten sie bei den ersten Versuchen ihrer
Niederlassung. Mit ihren knappen Mitteln konnte sie nur schwer ein besseres
Mietszimmer finden, und in der Berliner »möblierten Wirtin« lernte sie eine
Spezies kennen, die sie bald fürchtete. Da wurde jeder Handgriff, jede Kanne
heissen Wassers, jede abgespülte Teetasse separat auf Rechnung gesetzt. Dann
musste sie Tag für Tag ausgehen und in den Restaurationen nach billigen Menus
suchen, die noch immer für sie viel zu teuer waren. Auch Stanislaus hatte erst
nach längerem Aufentalt in Berlin eine Stube gefunden, deren Wirtin ihm ein
geniessbares Essen zu einem erschwinglichen Preise bot. Bei dieser Frau konnte
Olga nicht mehr unterkommen, auch liebte sie die Gegend nicht, das weite
Strassenmeer von Charlottenburg mit seinen langen und breiten Strassenzügen und
den riesigen Plätzen, bei deren Überquerung man müde wurde. Viel besser gefiel
es ihr in den westlichen Villenvororten, und sie beschloss, so bald als möglich
in eines jener landhausartigen Mietshäuser zu ziehen, die mit ihren einfachen
Fassaden und der raumgebenden, offenen Bauweise, welche zwischen Haus und Haus
Gartenflächen legt, so anziehend wirkten. Freilich war sie, wenn sie da
hinauszog, dem Tiergarten entrückt, in dessen Nähe sie vorderhand wohnte. Alle
ihre Wege »nach der Stadt« wie sie, nach Wiener Art, immer noch die Hauptstrassen
Berlins nannte, nahm sie zu Fuss durch den Tiergarten, und dieser grosse,
wunderbare Park, der da mitten im Herzen der Weltstadt wie eine grüne Zuflucht
liegt, entzückte sie, wie niemals eine Wiener Parkanlage. Sie liebte diesen
reichen, wechselvollen Baumbestand, diese gebogenen Fusswege, diese zahlreichen
Wasserflächen, die die Luft so zart, so durchsichtig und frisch erhielten, ja,
sie liebte vor allem diese Luft, dieses Klima von Berlin und besonders die
Atmosphäre des Tiergartens. Und dass er so mitten drin in der Stadt lag, schien
ihr das Schönste. Denn was hat man von einem Park, dachte sie, zu dem man erst
eine lange Reise unternehmen muss.
    Trotz ihres Alleinseins in ihren ersten Berliner Wochen fühlte sie sich doch
nicht einsam. Auch den Bruder, der mit der Fertigstellung seines Buches
beschäftigt war, sah sie nur selten. Sie hatten verabredet, dass sie vorderhand
voneinander nicht mehr Notiz nehmen wollten, als gute Bekannte, die zufällig in
derselben Stadt sind, dass keiner dem anderen durch seine Anwesenheit
Verpflichtungen auferlegen sollte. Und er hatte ihr erklärt, dass es mit der Zeit
hier in Berlin ein ganz anderes Ding sei, als in Wien. Die Menschen verteidigten
hier ihre Zeit viel schärfer. Durch die grossen Entfernungen sei die Zeit hier
ein kostbares Gut, auf das man sehr gut achten müsse, damit es einem nicht unter
den Fingern zerränne. Die Leute, die hier arbeiten wollten, hatte er gesagt, die
sässen nicht täglich nachmittags im Kaffeehaus und machten einander nicht
wöchentlich ein paarmal Besuche. »Mitten im Gewimmel verkapselt sich jeder, der
etwas leisten will, in eine viel dichtere Einsamkeit, als du es von Wien aus
gewohnt bist.« - Und in diesen ersten Wochen dachte sie manchmal an den
patetischen Pankratius, wie er mit seinem tiefen Bass weintrunken verkündet
hatte: »Der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt.«
    Und so lernte sie es, allein zu sein und auch Mussestunden allein zu
geniessen. Neugierig durchstreifte sie manchmal die Strassen und immer hatte sie
das fröhliche Gefühl: allein, allein, - keine Seele erwartet dich, niemand
kritisiert deine Kleidung, findet dich zu wenig modern kostümiert, zu wenig
»adrett«, zu bequem. Du hast hier keine überflüssige, zeit- und geldraubende
steeple-chase eines konventionellen Geschmackes mitzumachen, kannst hier
umherlaufen, wie du bist und als was du bist. Und sie summte so manches Mal,
mitten im Getriebe der Strasse, ein altes Couplet vor sich hin, dass sie draussen,
in Grinzing, von Volkssängern gehört hatte:
»Und sollte auch mein Hemd
Durch tausend Löcher schimmern,
So hat sich doch kein Mensch, - kein
Mensch darum zu kümmern.
Und sollte ich dereinst
Auch in der Hölle wimmern,
So hat sich doch kein Mensch, - kein
Mensch darum zu kümmern.« - - -
Wenn sie ordentlich gebummelt und sich ganz berauscht hatte an diesem Gefühl der
Geborgenheit, das ihr die Fremde der Weltstadt gab, dann landete sie gern im
»Erfrischungsraum« eines grossen Warenhauses, vergönnte sich da Kaffee und Kuchen
und setzte sich dann ins Lesezimmer des Hauses. Eine Menge Zeitungen standen da
zur Verfügung. Am liebsten sass sie am Fenster, - an einem jener hohen Fenster,
die von aussen wie ohne Brüstung scheinen, durchgehend aus Spiegelscheiben
bestehen, über alle Stockwerke hinweg nur durch die Zwischendecken getrennt sind
und wie Schaufenster wirken. Dort sass sie, hoch oben im dritten Stock, bequem in
einen grossen Klubfauteuil gedrückt, und blickte hinunter, in die jetzt schon
zeitig beleuchtete Strasse, in der das Leben auseinanderfloss und sich doch wieder
verknüpfte, mit scheinbar nie stillstehender Hast und doch ohne Gedränge, doch
geordnet, als wäre hier alles auf Geleise geleitet, auf denen es seiner
Bestimmung und seinem Ziele zurollte. Diese grosse, elegante Korsostrasse des
Westens gefiel ihr gut, wie sie, von modernen Mietspalästen flankiert, breite
Trottoire bot, - Bürgersteige hiess es hier, - neben denen blanke Asphaltstriche
liefen, auf denen sich der Wagenverkehr mit gedämpftem Geräusch abwickelte, die
wieder von je einem Geleise für die elektrische Bahn begrenzt waren; und ganz in
ihrer Mitte wurde die Strasse zur Doppelallee, die auf der einen Hälfte ein
breiter Fusspfad, auf der andern ein Reitweg war. Ein Ziergitter, von Weinranken
und roten Geranien umschlungen, wie man sie hier auch im Herbst noch als
hängende Riesenbuketts auf den Balkonen sah, zog sich, in geschmeidiger Linie,
zwischen den Bäumen. Tunnelartige Höhlen, aus denen die Hoch- und
Untergrundbahn, die streckenweise unter der Erde blieb, aus der Tiefe heraufkam,
durchbohrten das Niveau der Strasse. Wie herausgeschleudert aus der Versenkung
schoss sie auf ihre Brücke hoch in die Luft, während ihr eine andere entgegenkam,
von der Höhe heruntersauste und unter dem Pflaster verschwand.
Von Stanislaus kam eine gute Nachricht. Sein Buch war vollendet, und er bat die
Schwester, jetzt über ihn zu verfügen. Er hatte sie, solange er in diese Arbeit
versponnen war, auf sich selbst verwiesen. Nun war das Werk vollbracht, er war
erleichtert und lobte im Stillen ihre brave Zurückhaltung. Er bat sie nun, ihn
bald aufzusuchen. Sie war froh, sich ihm anschliessen zu dürfen, und froh vor
allen Dingen, zu hören, dass die grosse Arbeit vollendet war.
    Stans Stübchen trug nicht mehr so sehr den Stempel des Provisorischen. Man
sah, dass er hier schon längere Zeit wohnte. Eine grosse Büste Schopenhauers und
jenes Bildnis des schon mit Wahnsinn geschlagenen Nietzsche, mit dem
erschütternden, gebrochenen Blick, nahmen dem Zimmer seinen Charakter als
möbliertes Wechselquartier. Neben dem Nietzsche hing freilich ein gewöhnlicher
Druck, der »Die Jagd nach dem Glück« darstellte.
    »Warum hast du das dagelassen?« fragte Olga.
    Stan lächelte. »Ich habe eine Vorliebe für primitive Genrebilder, die, in
populärem Geschmack, typische Vorstellungen veranschaulichen.« So standen sie
beide vor dem Bild und besahen es gedankenvoll.
    »Es hätte wohl auch Überritten heissen können«, meinte Olga.
    Das Ross, dass das Glück trug und mit wehender Mähne und irrsinnigen Augen
dahinraste, liess Menschenleiber hinter sich und unter sich liegen, und mit den
Hufen seiner Vorderbeine berührte es fast den stolzen Körper einer Frau, die
niedergestreckt, aber noch mit begierig erhobenem Arm, auf dem Boden lag.
    Stanislaus führte sie zu seinem Schreibtisch, einem bequemen Möbel, das
einen beträchtlichen Teil des kleinen Zimmers in Anspruch nahm, und zeigte ihr
freudig die ordentlich aufgeräumte Platte.
    »Da war bis vor wenigen Tagen ein Wirrwarr von Papieren und Büchern, an
denen nicht gerührt werden durfte. Aber jetzt habe ich endlich - buchstäblich -
tabula rasa gemacht. Heute habe ich geräumt«, sagte er, »und den Tisch
abgestäubt. Das ist die Ernte«, und er wies auf einen grossen, sauber
aufgeschichteten Manuskriptstoss, eine Maschinenabschrift seines Werkes. »Und
hier«, er deutete auf einen zusammengescharrten Haufen beschriebener und
durchgerissener Zettel, »ist der Abfall. Weisst du, was eine der - reinsten
Freuden des Schriftstellers ist? Das Zerreissen und Wegwerfen dieser Zettel. Es
ist, wie wenn man ein Gerüst einreissen darf, weil endlich der Bau fertig ist.
Das hier«, - er deutete auf den Papierkorb, - »ist mein bester Freund.« Und er
nahm den grossen Stoss zerrissener Zettel und stopfte ihn, mit vergnügtem Lächeln,
seinem Freunde in den Schlund. »Ich habe die gute Idee gehabt,« erzählte er,
»mich auch in letzter Zeit von meinem Herrn im Grunewald, zu dem ich sonst fast
täglich gehe, um ihm vorzulesen, zu beurlauben. Und in den vierzehn Tagen, die
er mir als Pause bewilligt hat, konnte ich meinen Gedanken freie Audienz geben,
- eine feine Sache das.«
    »Hast du denn schon einen Verlag für das Buch?« fragte Olga.
    »Ich habe beinahe abgeschlossen«, erwiderte er.
    Sie setzten sich auf das ripsbezogene, grüne Familiensofa, hinter den runden
Tisch, und er erzählte von den Verlagsverbindungen, die er angeknüpft hatte. Ein
polemisch-essayistisches Buch, wie das seine, war kein so beliebter
Verlagsartikel wie ein guter Roman. Und nun dieses Buch, das alle Torheiten,
alle Verirrungen der Moderne registrierte, - und das doch an ihre Zukunft
glaubte, aus dem neben einer Kritik, die die Stoffe fast mit chemischer
Präzision auseinander löste, doch eine grosse Liebe sprach, eine Liebe zu diesen
Ringenden, die an ihrer Übergangsmission litten, - dieses Buch hatte es nicht
leicht.
    Nun wusste er es in den Händen eines vornehmen Verlages und sollte eine für
seine Verhältnisse ansehnliche Summe als à Conto-Zahlung für die erste Auflage
vorausbekommen. Diese klingende Anerkennung trug auch dazu bei, den sonst so
stillen Menschen in fröhliche Laune zu bringen.
    Sie sprachen von den verschiedenen materiellen Aussichten der
Schriftsteller.
    Stanislaus meinte: »Da kann man schön saubere Kategorien machen. Es gibt
Schriftsteller, die enorm verdienen. Dann gibt es solche, - die verdienen, dann
solche, die etwas verdienen - und zu denen gehöre ich - dann kommt eine
Kategorie von denen, die wenig verdienen.«
    »Das ist also die letzte Schicht«, meinte Olga.
    »O nein,« entgegnete Stanislaus, »jetzt kommt Abschnitt zwei: da sind
erstens die, die nichts verdienen, aber auch nichts bezahlen. Dann zweitens die,
die viel bezahlen dafür, dass ihre Werke gedruckt werden, und drittens endlich
jene, die, trotzdem sie bezahlen möchten, dennoch abgewiesen werden.«
    »Das ist ja eine prachtvolle Einteilung. Aber wie willst du alle diese Leute
nach ihrer inneren Bedeutung kategorisieren?«
    »Wenn wir jetzt öfters ausgehen, mal abends ins Café, wo ich Bekannte
treffe, da wirst du sie alle finden, - solche, die etwas zu sagen haben, was die
anderen angeht, was vielleicht die Zukunft angeht, andere, die nur dem Tag
geben, was des Tages ist, und wieder andere, die sich überhaupt nicht mitteilen,
die nur für sich schreiben, unbekümmert um alles, was in der Zeit kämpfend
aneinander klirrt, die nichts brauchen von dieser Zeit, von ihr nicht belehrt
werden, ihr nichts zu geben haben und im Stübchen Blatt um Blatt füllen, mit
Eingebungen, für welche sie selbst nicht das Interesse der Zeit anwerben,
zumindest nicht nach einigen erfolglosen Versuchen.«
    »Und du?«
    »Ich? Ich sehe mit sehr viel Interesse auf das Bild um uns, wie es sich
durcheinanderschiebt, verdichtet, ergänzt, auflöst oder erneut. Und ich habe
Beziehungen zu diesem bewegten Bilde.«
    Er bereitete den Tee, holte Tassen aus der Kommode, Olga deckte den Tisch,
und so sassen sie, wie gute Freunde und echte Lebenskameraden, die es wohl
miteinander meinen, ihre Pläne voreinander entwickeln, zusammen.
    »Übrigens habe ich bei dem Verlag einen Menschen kennen gelernt, der mich
sehr interessiert und mit dem ich nun öfters zusammenkommen werde. Er hat hier
Brot gefunden, - es ging ihm früher schlecht, - sehr schlecht.« Sein Gesicht
verdüsterte sich. »Trotzdem wir eigentlich auf zwei ganz verschiedenen Lagern
stehen, hat er sich sehr an mich angeschlossen. Seit ich mit dem Buch fertig
bin, kommt er fast täglich abends, mich zum Spazierengehen abzuholen.«
    »Und ist dir das recht?«
    »Nun, ich kann viel allein sein; ich brauche die tägliche Aussprache
weniger, als dieser Mann.«
    »Und warum braucht er sie?«
    Stanislaus lachte. »Wenn du ihn erst kennen wirst, wirst du das nicht mehr
fragen.« Und er berichtete ihr, was er von Werner Hoffmann wusste. Trotz der
kurzen Bekanntschaft hatte der ihm nicht nur seine äusseren Lebensschicksale
erzählt, sondern ihm, mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit, in die Konflikte
seiner Seele Einblick gegeben. Ein besonderer Kampf war es, der seine Kräfte vor
allem beanspruchte. Eine scharf ausgeprägte Doppelseitigkeit der Instinkte
erschwerte ihm die planvolle Gestaltung seiner Gaben und den Ausbau seines
Lebens. Er, der jede Beschränkung des Einzelichs, zum Wohl der Gesamteit,
abwies, der am liebsten sagte: »was habe ich mit der Gesellschaft zu tun«, hätte
persönlich jene Einrichtungen, die sich aus sozialisierenden Strebungen ergeben,
am nötigsten gebraucht. Stipendien und volkstümliche Sanatorien hatten ihm
wiederholt weiter geholfen, wenn er, wundgeschlagen, im Getümmel
zusammengesunken war. Aber er erkannte nicht die Zusammenhänge
gesellschaftlicher Vorkehrungen mit den Prinzipien der Behütung der
Persönlichkeit. Er nannte sich einen Ichlichen, der »sein Sach' auf nichts
gestellt« habe, - ohne zu wissen, wie sehr er selbst auf dem Boden stand, der
allen gehörte. In sozialer Reformarbeit sah er nur eine Verflachung des Daseins,
ohne die Ahnung, dass die Gesellschaft diese Organisationen erschuf, - um dem
Einzelnen Luft zu machen. Widerspruchsvoll, wie in allem, hielt er sich für
einen »Einsamen« - und entbehrte doch schwerer als sonst jemand, wenn er auch
nur einige Zeit lang ohne den Anschluss an ähnliche blieb. Zweiseitig war er auch
in seinen Begierden. Ein fast fanatischer Trieb führte ihn zeitweilig zu
scharfer Selbstzucht und Busse, - »zur Übung wider sich«, wie er es nannte, - zur
Askese; er züchtigte sich dann mit diesem Trieb, wie der Mönch, mit der
siebenfachen Knute. Dann wieder stieg die Verachtung vor solchem »Unterliegen«
in ihm auf, und nur der »Herr« schien ihm der Berechtigte dieser Erde, - nur
der, der kaltblütig den Genuss als sein Erbe kassierte. So lockte ihn die
Verführung von ihren beiden entferntesten Polen, liess ihn unendliche Strecken
immer wieder neu durchmessen und narrte ihn mit zwiespältigen Süchten. - In
diesem Sinn hatte er auch das Weib erlebt: bald suchte er den »Dämon«, der durch
Wollust vernichten und erlösen sollte, - bald sah er sein Ideal in der »Witwe«
im Sinne des Tertullian, - »durch Glauben schön, durch Armut ausgesteuert, durch
Alter besiegelt,« - weise, streng und »fromm« im unerbittlichen Lebensernst. So
schwankte er zwischen den Idealen von äusserster Freiheit und strengster
Überwindung und hatte in keinem Zustand ein gutes Gewissen.
    So erzählte Stanislaus seiner Schwester. Es war dunkler geworden, die
Wirtin, ein alleinstehendes, altes Fräulein, hatte die Lampe auf den Tisch
gestellt, und die »Schwester« verstohlen von der Seite betrachtet. Hätte sie
ihren Mieter nicht als den solidesten möblierten Herrn gekannt, der jemals ihre
gute Stube bewohnt hatte, - sie wäre misstrauisch geworden.
    Olga hatte der Schilderung ihres Bruders mit grossen Augen gehorcht.
    »Und sein Beruf?«
    »Seine Stelle als Lektor gibt ihm wenig Befriedigung.«
    »Warum bleibt er dann dort?«
    »Er war dem Verhungern nahe, als er endlich diese Stelle bekam.«
    »Und was ist er - eigentlich?«
    »Er unterbrach sein Studium der Philosophie, als sein Vater starb und ihn
arm zurückliess; er begann dann zu schreiben; aber trotzdem er sogar Beachtung
fand, - als einer, der das Wort eng und tief fasste, - fristete er sich damit nur
eine Zeitlang; eines Tages konnte er nicht weiter, - erschöpft, mit überhetztem
Gehirn, brach er zusammen.«
    Erregt ging Stanislaus in der Stube auf und ab. »Wer hilft einem
verhungerten Schriftsteller? Der Lohnarbeiter ist organisiert, hat Kranken- und
Streikkassen, klebt Marken für Alter und Invalidität; aber unsereins kann an
Hungertyphus zugrunde gehn, wenn der Betrieb mal stockt.«
    »Ich möchte ihn kennen lernen«, sagte Olga.
    »Er geht jetzt nur selten unter neue Menschen. Wie er sagt, fühlt er sich
momentan zu geschwächt, um sich an andern zu behaupten.«
    »Und er schreibt nicht mehr?«
    »Soviel ich weiss, - kann er es nicht mehr.«
    »Kann er es nicht, da er es früher konnte?« Sie sah den Bruder fragend an. -
»Wie ist das zu verstehen? Hat er keine Ideen, keine Stoffe mehr?«
    »Im Gegenteil«... Stanislaus schwieg, als suche er für das, was er berichten
wollte, die eindringlichste Erklärung. Nachdenklich fuhr er dann fort: »Im
Gegenteil; eigentlich ist Hoffmann zum Schriftsteller berufen; fast täglich
kommt er mit neuen Plänen, und zahllose Stoffe drängen sich im Vorbezirk seiner
Phantasie.«
    »Aber?«
    »Aber - da ist irgendwo ein Hindernis. Denn diesem Gedränge steht - wie soll
ich sagen - eine Art von unnachgiebiger Hemmung gegenüber, ein unbesiegliches
Unvermögen, sich dem Stoff auch nur zu nähern. Er müsste, wenn er seiner
Tintenscheu überhaupt Herr würde, unbedingt immer beginnen: Zögernd ergreife ich
die Feder.«
    »Und was geschieht mit diesen zurückgedrängten Ideen? Verpufft das alles in
nichts?«
    »Nicht ganz. Manchmal kommt es unter der Einwirkung von starkem Kaffee,
Nikotin, Menschen- und Zigarrendampf und einer auf die Nerven tastenden
Geselligkeit zur Entladung. Im Caféhaus turnen dann die Energien, und dem
Expansionsdrang des geistigen Gewebes wird da genügt. - - Ein solcher Exzess,
vereinzelt, wäre noch nicht schlimm; geschieht das aber regelmässig, so treten
bald alle Merkmale einer schlecht funktionierenden Phantasie auf, - die entweder
leer ist, oder so überfüllt, dass sich ihr Inhalt verknäuelt.«
    »Du sagtest da vorhin etwas von Tintenscheu, - wie meinst du das?«
    »Nun, zuzeiten laufen die Gedanken, - wenn man es unternimmt, sie bis zur
Spitze der Feder zu treiben, - auseinander, wie eine Schar Gänse, in die ein
Hund hineinspringt ... der Tintentegel wirkt dann so unheimlich, wie ein
Instrument der schwarzen Magie;... ein Zustand, den jeder Schriftsteller kennt;
- nur darf er, wie gesagt, nicht chronisch werden, und der Bann dieser Magie muss
sich rechtzeitig sprengen lassen.«
    Olga dachte, dass sie diese Angst vor der Tinte - was sie selbst betraf -
recht gut begreifen könnte; hatte sie doch immer ein Widerstreben dagegen, auch
nur die Hauptgedanken eines Vortrags aufs Papier zu bringen. Ihr Mittel war das
gesprochene Wort; aber bei einem, der schreiben wollte und sollte, musste das
doch anders sein.
    »Vielleicht fehlt es deinem Freund vorübergehend an Stimmung«, meinte sie.
    Stanislaus lächelte. »Um sich selbst ganz zu besitzen, - also zur
produktiven Arbeit, - braucht man nicht so sehr eine besondere, positive
Stimmung.«
    »Was sonst?«
    »Ein gewisses Mass von Freiheit; und dies fehlt ihm.«
    »Du meinst Freiheit von - Bedrängnissen? Seelischen, moralischen und
vielleicht auch ökonomischen Bedrängnissen?«
    Zögern sagte er: »Ja, - ein gewisses Mass von innerer Freiheit braucht man.«
Und leise, dumpf, fügte er hinzu: »Vielleicht auch von sinnlichen
Bedrängnissen.« Er schwieg, blickte nieder, und die Hand schob unruhig den
Teelöffel am Tischtuch hin und her, dass er leise gegen die Tasse klirrte.
    Es läutete. Draussen wurde die Korridortür geöffnet, und gleich darauf
klopfte es an die Tür von Stanislaus Zimmer.
    Einen breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt, in eine
Lodenpelerine gehüllt, so trat der, von dem die Rede gewesen, ein. Er war nur
wenig über Mittelgrösse und von gedrungenem Wuchs; das Gesicht war bleich,
länglich, bartlos, und grosse, dunkle, beinah kindliche Augen blickten sanft und
traurig unter dem weissen Bogen der Stirn. Die Mundwinkel hingen ein wenig müde
herunter, und die breite Unterlippe schien beim Sprechen manchmal zu zittern.
    Stanislaus hatte ihm von der Anwesenheit seiner Schwester in Berlin erzählt;
aber Hoffmann hatte das, nach Art stark mit sich selbst beschäftigter Menschen,
überhört. Nun begrüsste er sie unfrei und schien von ihrer Anwesenheit beengt.
    Stanislaus lenkte das Gespräch sogleich auf ein Gebiet, das einen Plan
betraf, den er für Hoffmann ausgedacht hatte. Da dieser als Lektor eines grossen
Verlages Gelegenheit hatte, eine Menge literarischer Arbeiten von Interesse und
Wert, die aber für die nach festen Plänen begrenzten Ziele des Verlages nicht
geeignet waren, kennen zu lernen, so hatte ihm Stanislaus geraten, aus diesem
Material, das ihm da von selbst zufloss, solche Arbeiten auszuwählen, die sich
unter einem besonderen Gesichtspunkt als einheitliche Serie sammeln liessen, und
diese Sammlung systematisch zu ergänzen. Er dachte an eine Ausgabe verschiedener
Kulturdokumente, die für das Wesen der Epoche bezeichnend waren. Diese Serie
sollte etwa unter dem Titel »Stimmen der Zeit« fortlaufend erscheinen, und der
Herausgeber würde so Gelegenheit zu einheitlicher redaktioneller Tätigkeit
finden und auch seine Einnahmen wesentlich vermehren.
    Hoffmann hatte im Caféhaus mit Interesse den Plan aufgenommen und darüber
nachzudenken versprochen. Mit einer müden Handbewegung lehnte er nun ab. »Wozu
noch eine Brockensammlung mehr«, meinte er. »Den Snobismus zu mehren, wird
gerade genug getan. Warum auch da mitmachen?« - - -
    »Solche Brocken, wie Sie es nennen, sind nicht immer das Schlimmste. Sie
können solchen, die von manchem Strom, der durch die Gegenwart drängt, erfahren
möchten, - ohne Zeit, oder Kraft, oder Schulung genug zu haben, zu allen Quellen
selbst herabzutauchen, - helfen, ihr Wissen in Parentese zu ergänzen oder
anzuregen, und das ist schliesslich kein Übel.«
    »Eine Wirkung auf das Volk, die allein eine solche auszugartige Bearbeitung
des Materials rechtfertigen würde, ist durch diese Publikationen nicht gegeben,
weil sie nur die Sprache der Informierten sprechen.«
    Überrascht blickte Stanislaus über den Tisch in das bleiche, nervöse
Gesicht. Seit wann wollte Hoffmann etwas für das Volk?
    »Ich staune über ihre Verkennung der Wege der Wirkung«, sagte er dann.
    »Wieso?«
    »Nun, es gibt doch offenbar zwei solche Wege: den direkten, kürzeren,
jäheren; und den andern, - dessen Linien sich sozusagen serpentinenartig nach
unten verbreitern und der vielleicht die echtere Destillation verspricht. Sie
können direkt zum Volk sprechen, in seiner Sprache, - können es mit Resultaten
überfallen, ihm ausgefüllte Werttabellen in die Hände stecken; oder aber - der
andere Weg, der serpentinenartige: jeder »Informierte« spricht zu der ihm
nächsten Schicht, und sobald der Stoff nur die gehörige Beweglichkeit hat, -
dringt er weiter, tiefer, und nähert sich allmählich der tiefsten und breitesten
Schicht des Volksbewusstseins; und das, was auf diesem Wege endlich da hinunter
gelangt, - ist wohl eine Art Auslese in bezug auf Stosskraft und Beweglichkeit;
was nicht so weit kam, blieb wohl oben - auf den Kehren - liegen.«
    Mit Hoffmann horchte auch Olga, und in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass
auch das, was sie vielleicht zu sagen haben würde, diesen weiteren, mühsameren
und gefährlicheren Weg passieren musste.
    Hoffmann blickte ernst, und seine dunklen, tiefen Augen leuchteten in ihrem
sanften Glanz.
    »Und doch geht auf dem andern, dem jäheren, direkteren Wege - nicht nur der
derbere Tritt«, sagte er.
    »Sondern?«
    »Sondern auch die Liebe. Die ganz einfache, ganz direkte Liebe zu den
Massenhaften - zu denen, die da sind, - wie immer sie da sind.«
    »Und Sie, - seit wann wissen Sie von dieser Liebe?« fragte Stanislaus.
    »Ich weiss von ihr, wie von einer unbegreiflichen Erscheinung. Kein grösseres
Wunder weiss ich, als dass es solche Liebe gibt.«
    Olga beugte sich vor: »Warum, - warum ist Ihnen Menschenliebe so
unbegreiflich, so wunderbar?«
    »Das ist sie«, entgegnete er und blickte die Fragende voll an. »So sehr ich
begreife, dass man die Idee liebt, die Idee vom schönen und vollkommenen
Menschen, - so rätselhaft erscheint es mir, dass es Herzen gibt, die warm und
hingebend schlagen für das, was da ist, wirklich da ist, unschön und mangelhaft
da ist, - für all das Unzulängliche und Elende. Und es gibt solche Herzen, -
Christus war - er ist kein Märchen.«
    Er schwieg, und seine Augen verschleierten sich tief. Dann fuhr er fort:
»Auch das Unzulängliche lieben, - nicht nur sich seiner erbarmen, - nein es
lieben, - ohne Blindheit - in heller Erkenntnis - - das - das ist das
Mysterium.«
    »Und wie lässt es sich, Ihrer Meinung nach, deuten«, fragte Olga gespannt.
    Hoffmann dachte nach und sagte dann: »Christus - oder unsere Vorstellung von
ihm - war vollkommen an Leib und Seele. Wäre ich wie er, - ich liebte die
Elenden auch. Aber da ich das Unzulängliche, als mein eignes Erbe, schleppe,« -
seine Lippen bebten, - »wie kann ich es lieben? Beschäftigt, beladen bin ich mit
mir,« fuhr er fort, wie gequält, als müsse er sich rechtfertigen, »und dem
Grauen der Unendlichkeit steht für mich nur eins gegenüber - dieses: Ich bin.
Für mich zumindest - bin ich.«
    Stanislaus warf ein: »Der alte, egozentrische Aberglaube; richtiger wäre es,
wenn Sie weiter gingen und sagen würden: ich - oder die Gattung.«
    »Oho!«
    »Jawohl, ich schmälere mich durch jede Abgabe an sie, - habe nichts zu
geben,« - seine Stimme sank herab, - »bin ein armer Teufel.«
    »Solch armer Teufel gibt es freilich genug,« erwiderte Hoffmann, - »und doch
ist Ihr Axiom falsch; passt nur für das dürftig Geborene ...«
    »Das ist durchaus nicht so sicher«, wandte Stanislaus ein und blickte
bedächtig über den schwarzumränderten Zwicker hinüber; »Hirn und Keimplasma
bauen sich bekanntlich aus denselben Stoffen auf. Ein Mehr auf der einen Seite
bedingt darum nicht selten ein Manko auf der andern; und so wären es nicht nur
die Dürftigsten, die in diesem Sinn wenig Tribut zu zollen haben.«
    Olga glaubte etwas Entscheidendes sagen zu müssen; aber kaum wollte sie es
aussprechen, so verschloss ihr ein scheues Zögern den Mund; und so sagte sie nur:
»Zumindest für die Frau liegt die Frage so, - dass auch die, die nicht
überreichlich - Tribut zollen will, - doch zur Erfüllung ihres weiblichen
Dienstes gelangen muss; denn dieser Dienst ist Notwendigkeit, - und nicht nur für
die Gattung, - auch für sie selbst.«
    Hoffmann hob seinen Blick zu Olga und liess ihn ohne Scheu auf ihr ruhen.
Seine anfängliche Beengteit schien verschwunden. - Statt einer Antwort sagte
er: »Wie alt sind Sie, Fräulein Diamant?«
    So unvermittelt kam die Frage, dass sie in ihr Blut stürzte, es aufjagte und
es hoch in ihr Antlitz trieb. »Sechsundzwanzig«; der Ton wurde, ohne dass sie es
wollte und wusste, - bang.
    Hoffmann sagte, wie zu sich selbst: »So, so; ein Mädchen von
Sechsundzwanzig; ich dachte mir solch ein Mädchen anders.«
    Olga raffte sich zusammen. Trotzig fragte sie: »Und wie dachten Sie sich
solch ein altes Mädchen?«
    Ernstaft schüttelte Hoffmann den Kopf. »Nicht alt, o nein, das ist eine
falsche Überlieferung; aber fertig, - im guten oder im schlimmen Sinn. Aber Sie
- Sie wollen ja erst beginnen?«
    Sie warf den Kopf, mit den schweren, roten Haarmassen, tief atmend zurück
und fühlte plötzlich eine Welle über sich hinfluten, die einen Augenblick alles
Schwere von ihrer Seele nahm. »So ist es,« flüsterte sie, »beginnen.«
Stanislaus kam von zuhause. Es war gegen Abend, und die Gaslaternen wurden eben
angezündet. Langsam ging er, im abendlichen Zwielicht, die Kantstrasse hinauf,
diese breite und lange Zeile, die geradewegs aus dem menschendichten,
wegeverknüpfenden Berlin hinauszurennen schien, in die weite Mark.
    Er ging etwas vornüber gebeugt, in schlechter Haltung - und mit schlecher,
sorgenvoller Miene. Er hatte noch keine neue Arbeit begonnen und ging viel
spazieren. Und seit einer Reihe von Abenden immer nach demselben Ziel. - Vor
einer eleganten Papierhandlung, - nicht mehr weit von der Einmündung der Strasse
an jenem Punkt des Westens, der »Am Zoo« heisst, - stand er still. Jeden Abend
stand er lange vor diesem von gelbem Bremerlicht grell beleuchteten
Schaufenster, in dem alle Utensilien seines Handwerks zwischen Luxusdingen, in
prunkvoller Anordnung, ausgestellt waren; hier waren hochaufgeschichtete
Briefkartons, glänzende, kristallene Tintenfässer, lederne Schreibmappen mit
blanken oder matten Metallbeschlägen, kunstvoll arrangiert. Auch heute stand er
vor diesem Schaufenster, warf aber, so oft er konnte, einen Blick durch die hohe
Spiegelscheibe der Ladentür, ins Innere des Geschäftes. Er sah die grosse,
überschlanke, blonde Verkäuferin, im schwarzen, knappen Kleid, mit weissen
Manschetten an den Händen, hinter dem Ladentisch stehen, sah, wie sie lächelnd
einem Herrn ein Päckchen reichte, das Geld entgegennahm, auf die Taste der
automatischen Kontrollkasse drückte, und dem Käufer den kleinen Karton der
Quittung übergab. - Mit Augen, die ihm brannten, sah er, über den Kneifer
hinweg, auf dieses Ladenfräulein, mit den flüchtigen Zügen in dem zu kleinen
Gesicht, dem nur die weit gebauschte Haarfrisur normalen Umfang gab.
    Der Käufer trat aus der Tür, der Laden war von Kunden leer. Stanislaus trat
ein.
    Fräulein Miezes Gesicht verzog sich, und sie erwiderte unfreundlich seinen
ergebenen Gruss. Stanislaus lehnte ihr gegenüber am Ladentisch.
    »Darf ich Sie heute abend erwarten?«
    »Mutter hat jesacht, das Spazierenjehn auf der Döberitzer Heerstrasse muss 'n
Ende haben.«
    »Ich habe Sie ja oft gebeten, mir die Ehre zu schenken und mit mir in ein
Restaurant zu kommen.«
    Fräulein Mieze lachte höhnisch. »Das wäre noch schöner. Ein armes Mädel hat
nischt wie sein' Ruf, - und der wird nich besser vons Restaurangjehn.«
    Er blickte sie wehmütig an.
    »Warum sind Sie so scharf, Fräulein Mieze? Sie wissen doch, dass ich nichts
will, was Ihnen schaden könnte,... wir wollten uns doch ein wenig kennen lernen,
- nicht?«
    »Ich will Ihnen mal was sajen, Herr Doktoor.«
    »Nur Diamant«, warf er ein.
    »Wie Sie mir damals die scheenen Rosen schickten und dann selber ankamen und
mich dann abends zum Spazierenjehn holten, - da dacht ich mir auch nischt Böses.
Ich dachte mir, - der Mann hat ernste Absichten.« - - - - - - Sie sah ihn
herausfordernd an, und als er schwieg und sie nur traurig anblickte, rötete,
sich ihr kleines, gelbliches Gesicht, und die hellen Äuglein blitzten zornig.
»So'n Rumziehn habe ich nicht nötig, verstehn Se!«
    »Warum, Fräulein Mieze,« er suchte schwer nach Worten, - »wollen Sie etwas -
das erst langsam, - nach und nach - werden kann - - übereilen?«
    »So! Nu wird's Tach!! Hat der Mensch Tööne?! Übereilen!« Sie ahmte seine
Aussprache nach. - »Dass Sie's nur wissen, - mein Bräutjam is zurückjekommen.«
    »Ihr Bräutigam? Meinen Sie den jungen Mann aus dem Milchgeschäft, von dem
Sie mir erzählten?«
    »Jawoll, - der bei Bolle war. Er is vom Militär zurück und macht sich
selbständig; er hat jeerbt.«
    Stanislaus streckte ihr, mit freundlichem Lächeln, die Hand hin. »Dann
meinen herzlichsten Glückwunsch, Fräulein Mieze! Aber ist das ein Grund, böse zu
sein?«
    Sie nahm seine Hand und hielt sie fest. »Ich will Ihnen was sajen: ich hätte
Sie - lieber jenommen wie den Aujust.« Fragend sah sie ihn an.
    Er machte sacht seine Hand los. »Ich kann Ihnen das, was Sie wünschen -
nicht versprechen.«
    »Adschö, Adschö, Herr Doktoor!« kam es zornig vom Ladentisch.
    »Adieu, Fräulein Mieze.« Er ging, gesenkten Kopfes, hinaus ...
    Auch dieser »blonde Traum«, wie er sein kleines Erlebnis vor sich selbst
genannt hatte, war nun auf grobe Art beendet. - - -
    Seine Wünsche, das wusste er, fingen an, dunkle Wege zu gehn. Die geheime
Entaltsamkeit, in der er lebte, - derer er sich wie einer Schwäche schämte, die
er nur einem Bruder anvertraut haben würde, wenn er einen besessen hätte, - fing
an, ihn als etwas Unerträgliches zu bedrücken, - lockte ihn zu verwegenen
Freibeutereien, die seiner Art nicht entsprachen. In diesem Mann, der sich bis
heute des Weibes entalten hatte, weil ihn der Unzucht gegenüber unüberwindliche
Hemmungen schreckten, - mangelnde Triebkraft nannte er es bitter vor sich
selbst, - glühte die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung.
    Abends nahm er sein Tagebuch vor. Er führte dieses Heft auf unregelmässige
Art, schrieb niemals Tatsachen ein, sondern, zeitweilig, die letzten Gefühle und
Bekenntnisse, die ihm die Tatsachen vermittelten.
    An diesem Abend schrieb er: »..Mein Schmerz gilt nur unmittelbar der
Verfehlung meines eignen Lebens; in Wahrheit ist es der Schmerz des aus der
Reihe Geworfenen. Und so suche ich das stärkste Willenserlebnis, - das mich über
mich, als Einzelheit, beruhigen, mich von mir selbst, als isolierte Form,
erlösen und mich, mit meiner Person, in Reih und Glied stellen würde ...«
    Er warf die Feder fort, verwühlte die Hand in die überfallenden, langen
Haarsträhnen und starrte lange, grübelnd, vor sich hin.
 
                                Viertes Kapitel
                                    Menschen
 »Trahit sua quemque voluptas.«
                                                                         Virgil.
Olga ging durch die Strassen des neuen Westens dem Tiergarten zu und wollte von
da zur Stadt. Sie ging zu einer öffentlichen Versammlung eines »Bundes«, dem sie
sich angeschlossen hatte. Diesem Bunde, der auf eine Veränderung der moralischen
Wertungen des Sexuallebens hinarbeitete, gehörten Männer und Frauen in fast
gleicher Zahl als Mitglieder und Gäste an, - intellektuelle Streiter, die die
Frage, für deren voraussetzungslose Neudurchforschung sie sich verbündet hatten,
als die verhängnisvollste für die Gesellschaft betrachteten. Die Gesetze der
geschlechtlichen Sitten, aus deren Übung das menschliche Leben sich erneut,
unter zwei Hauptgesichtspunkten zu revidieren, - das war die Aufgabe, die sich
diese Vereinigung gestellt hatte. Diese führenden Gesichtspunkte galten dem Wohl
der Generation, der Rasse im weiteren, - den natürlichen Antrieben des
Individuums im engeren Sinne. Und die Fragen, die es zu erwägen galt,
untersuchten die Bedingungen, die der Betätigung des Trieblebens des normalen
Menschen in den Hochjahren seiner Zeugungskraft, innerhalb der gegebenen Ordnung
geboten waren, - die Schäden und Leiden die sich aus der Missachtung und
Verformung dieser natürlichen Antriebe der normalen Geschlechtsnatur ergaben, -
so wie die Ziele, denen zuzustreben war, um dem einzelnen ein normales Schicksal
zu verbürgen und um der Gesellschaft die Erzeugung eines hochwertigen
Nachwuchses zu sichern.
    Alles öffentliche Durchsprechen sozialer Probleme hatte Olga bisher meist
unbefriedigt gelassen; sie hatte die letzte, rückhaltlose Ehrlichkeit, die dem
Menschen zeigt, was er wahrhaft ist, will und braucht bislang in allen
»Vereinen« vermisst. Hier, zum erstenmal, war sie in einen Kreis getreten, der
sich, wie es ihr schien, um die Erörterung auch dieser innerlichsten
Willensantriebe des Menschen und der Gesellschaft nicht herumdrückte. Ärzte,
Soziologen, Gelehrte, Schriftsteller und Dichter, Vertreterinnen der
Frauenbewegung und Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften, Künstler und
Laien, - sie alle waren im »Bunde« vertreten. Die Fragen der Ehe, der
Prostitution, des unfreiwilligen Zölibats, der Lage des Kindes, besonders des
unehelichen Kindes, des Schutzes der Mutterschaft, für den der Bund vor allem
eintrat, und der ihm die grosse Bedingung einer planmässigen Züchtung vollwertiger
Lebensmassen bedeutete, - das waren die Fragen, die hier besprochen wurden, die
von hier aus weiter drangen, bis sie sich zu sachlich begrenzten Forderungen
verdichteten, zu denen Stellung zu nehmen, auch die Behörden sich immer öfter
genötigt sahen.
    Unablässig hatten sich die Vorstellungsreihen, die für Olga die
Frauenbewegung mit der allgemeinen Entwicklung verbanden, - gerade zu diesem
Problem gedrängt, auch ihr war es als der Mittelpunkt jeder sozialen Reform
erschienen. Denn hier handelte es sich um das Werden des Menschen, des Trägers
der Weltkultur, von dessen Beschaffenheit alles andere abhing. Die
Geschlechtssitten der Gesellschaft liessen ihn entstehen, darum, so war es ihr
immer erschienen, hing es gerade von diesen Sitten ab, wie die Welt selbst
wurde. Als sie von diesem Bunde hörte, hatte sie eine grosse Freude erfüllt. Hier
also war eine Gemeinschaft, innerhalb welcher sie aussprechen durfte, was
anderwärts befremdend und anstössig gewirkt hatte, hier wurden diese grossen
Fragen, als solche anerkannt, freimütig erörtert und zu festen Zusammenhängen
verknüpft.
    Von Zielfreude erfüllt, war sie durch die Strassen des neuen Westens
gegangen, vorbei an den Fassaden modernster Mietspaläste, die mit ihrem
gedämpften Luxus, ihrem wohlabgetönten Putz den Strassen dieses Viertels
stilvolle Einheit gaben. Um in den Frieden des Tiergartens einzutreten, musste
sie durch das dichteste Verkehrsgewühl, am Bahnhof »Zoo« vorbei, wo sich oben,
auf dem hochgelegenen Bahnsteig, Fernzüge mit den Vorortzügen treffen, während
unten, auf dem Niveau der Strasse, zahllose elektrische Linien sich kreuzen,
Automobile mit sausenden Stössen ihr Benzin in Kraft verwandeln, die Berliner
Droschken in ihrem unbeirrbar gemächlichen Hottetrott auf ihre Art mit ihnen
konkurrieren und die Passanten sich auf Strassenübergängen und Bürgersteigen
drängen. Die weiten Prachtstrassen, die den Berliner »Westen« mit Charlottenburg
und Wilmersdorf verbinden, gehen strahlenförmig von hier ab. Drüben aber, auf
der anderen Seite, wo die Gärten den Verkehr in ruhigere Wege leiten, glüht, mit
farbigen, eingelegten Kuppeln, bauchigen Türmchen, bizarren Schnörkeln, Pagoden,
fratzenhaften Emblemen und unperspektivischen, ägyptischen Fresken, - ein Stück
Morgenland, in den Gebäuden des Zoologischen Gartens. Über diesem bunt
aufeinander getürmten Gemisch steigt, schmal und hochgestreckt, fast kahl gegen
die orientalische Fülle, der romanische Turm der Gedächtniskirche auf; und das
goldene Kreuz, an seiner Spitze, flammte im Schein einer kupferroten Wolke, die
auf dem schiefergrauen Himmel erglüht war.
    Die herbstliche Abendsonne warf ihre Lichter auf die grosse, ebene Fläche
aufgeworfener Erde, die, mit Sand vermengt, ganz hellbraun erschien, und vom
Zoologischen Garten aus den Eingang zum Tiergarten bildet. Schon der Weg, der
noch an den Toren des Bahnhofs vorbei und eng zwischen Droschkenstandplatz und
dem Endgeleise der elektrischen Bahn hindurch führt, ist nicht viel mehr, als
ein sandig-erdiger Reitweg. Er weitet sich zu einer Art Riesenmanège unter
freiem Himmel, die sich links, tief hinein, unter die Unterführungsbogen der
Stadtbahn streckt, rechts eine breite Allee zwischen die Bäume des Tiergartens
entsendet. Hier wurde geritten, und die Fussgänger hatten sich, beim Übergang zu
der schmalen, dunklen Wasserstrasse des Landwehrkanals, zwischen den geschickt
gelenkten, gut gepflegten Tieren der Reiter und Reiterinnen durchzuwinden. Diese
fröhliche Kavalkaden, die da zwischen den schon entblätternden Bäumen
hinsprengten, gefielen Olga. Voll Erquickung ging sie nun am Wasser entlang,
vorbei an der brausenden Schleuse, bei der Freiarchenbrücke, am Garten- und
Lützowufer herunter.
    Ihr starkes Naturgefühl antwortete auf die zarten Reize dieser
Parklandschaft, und ihre Blicke nahmen alle Bilder mit seltener Eindringlichkeit
auf. Sie sah alles: die breiten, langen, meist mit Kohlen beladenen Kähne mit
den kleinen Überbauten am Bug, deren winzige, gardinenverhängte Fensterchen
verrieten, dass die Schiffer hier ihre Wohnstätte hatten; die zierlichen Dampfer
mit den buntfarbigen Ringen um den rauchenden Schlot, - die einen, zwei und mehr
der breiten Kähne durch den Kanal schleppen, bis hinaus auf die Wasser der
Spree, deren grosse Biegung der Kanal verbindet. Sie sah, auf dem Wasser, die
buntgezeichneten Enten ihr Spiel treiben, und besonders ein Pärchen fiel ihr
auf; er, herrlich von Gefieder, in Farben strahlend, sass still und vornehm
unbeweglich auf einem Fleck; sie, die Entin, graubraun wie ein Spatz, unterhielt
sich dicht vor seinem Schnabel auf besondere Art: immer wieder tauchte sie mit
Kopf, Hals und Brust senkrecht ins Wasser und streckte den Rest ihrer
Leiblichkeit, das breite Bürzel mit den flossenhaften Pfoten, steil in die Höhe,
dem Gatten, der diesem Spiel mit vollendeter Ruhe zusah, dicht unter den
Schnabel. So tauchte sie aus und ein, wohl einhundertmal, - das Ende der
Prozedur war jedenfalls noch nicht gekommen, als Olga, nachdem sie eine Weile
dieser Gymnastik zugesehen, weiter ging. Und sie sah die Bäume an, diese alten,
jetzt farbig belaubten, schon entblätternden Eichen, Ulmen, Buchen. Sie stand
still vor dem Stamm eines alten Prachtkerls von Baum und sah, zum erstenmal,
eine Rinde, die fast vollkommen regelmässige, zylindrische Einkerbungen zeigte,
genau an; ja sie sah die Böschungen des Ufers, wie sie, niedrig und schräg
zurückweichend, bei der Freiarchenbrücke begannen und da noch ganz mit Rasen
bewachsen waren, wie sie aber immer höher und steiler wurden, der Rasen immer
mehr und mehr zurückwich und die glatte, steinerne Kaimauer darunter sichtbar
wurde, bis, von der Korneliusbrücke an, der Kanal nur noch zwischen diesen
schwarzen, steinernen Mauern durchfloss, in denen ab und zu ein paar Stufen
sichtbar wurden, die von dem immer höher ansteigenden Promenadenweg zum Wasser
herunterführten.
    Und sie bog ab und ging über die Brücke, tiefer hinein in den Tiergarten. Am
Neuen See war es, an dessen sich immer wieder biegenden Ufern sie jetzt ging.
Sie war müde und strebte einer Bank zu. Sie wusste, dass sie um jene Ecke herum
eine finden würde, beschleunigte ihre Schritte, wandte sich, wie der Weg es
wollte, - stand vor der Bank.
    Die war besetzt. Und der darauf sass, den kannte sie.
    Er sprang auf und stand vor ihr, in seiner ganzen Länge. »Sie?« Einen
Augenblick war die Erinnerung angstvoller Zeiten schreckhaft in ihr aufgefahren.
    »Warum nicht?«
    »Was - führte Sie - hierher?«
    »Nichts. Mich führt seit langem nichts. Aber manchmal jagt es mich - von
irgendwoher nach irgendwohin.«
    »Und können Sie - so beliebig gehen, wohin Sie wollen?«
    »Überallhin, wo man sich nachts mit der Geige ernähren kann.«
    »Noch immer - das?«
    »Was sonst?«
    Sie gingen nebeneinander her. War es die Friedensfülle der Landschaft, die
sie so eindringlich aufgenommen hatte, und die jetzt diese dunklen
Gefühlswellen, die in ihr aufgestiegen waren, in sich zusammensinken liess, dass
sie wesenlos zerflossen?... Er erkundigte sich nach ihrem Leben hier, und sie
berichtete. Sie sagte ihm sogar, wohin sie ging, - zu der Versammlung des
»Bundes«; und, wie einst, hörte er ihr mit verstehender Fühlung ihres Wesens zu.
Die Erquickung des milden Abends erfüllte beide, und es war vielleicht im
gleichen Augenblick, dass die beiden Menschen wussten, dass hier ein banges Stück
Vergangenheit von einer neuen, vernunftstarken Gegenwart hochgehoben,
umgewandelt und zu einem brauchbaren Stück Leben verändert worden war.
    Als sie sich, am Ende des Tiergartens, zu Beginn der Bellevuestrasse, die, an
den modernsten Hotelpalästen vorbei, in das Innere des Westens zum Potsdamer
Platz führt, trennten, waren sie sich klar geworden und hatten es ausgesprochen:
dass sie sich wieder sehen würden und dass sie es durften; dass das »Alte« nimmer
aufleben würde und konnte, - dass aber eine gute Freiheit zwischen ihnen war, die
die Fremdheit hob und ihnen gewährte, einander sonder Scheu zu berichten, durch
welche Tage ihre Wege sie führten.
An diesem Abend nahm sie an der Diskussion teil, trat zum erstenmal in Berlin
als Rednerin auf. Man kannte in der Frauenbewegung ihren Namen. Sie griff in
einer Art in die Polemik ein, die nicht gewöhnlich war; gerade an jenen Stellen
des Referates, - das ein holländischer Gelehrter über das Problem des
Neomaltusianismus gehalten hatte, - gerade an jenen Stellen, welche
mehrdeutiger Auslegung unterlagen, setzte sie ein, hob das einzig Wesentliche
heraus, trassierte mit schnellen, kräftigen Zügen die unausgesprochenen
Voraussetzungen und Folgerungen des Vortrages und leitete so, aus
materialreicher Fülle, zu den reinen Linien der Idee, der diese Fülle nur
Gewandung gab. Sie sprach, - im Gegensatz zu der gewöhnlichen Art der
»Rechtlerinnen« - vollkommen phrasenfrei, beinahe nüchtern; ihr grosses und doch
gedämpftes Organ, das glatt, schallend, mühelos den Saal beherrschte, diente ihr
wie ein willfähriges, zureichendes, nie versagendes Instrument. Sie gewann,
sowie sie das Podium betrat, auch an physischer Persönlichkeit. Die Gestalt, in
einem dunkelblauen Kleid von modernem Reformschnitt, den sie erst in Berlin
genau kennen gelernt hatte, schien kräftig und beweglich; das Gehäuse des
Kopfes, unter dem Minervahelm ihres kupfernen Haares, zeichnete sich in
bedeutenden Konturen; die dunklen Augen, die bei der ersten Anregung des
Sprechens aufleuchteten, sich dann mählich tief umflorten, bekamen eine Art von
gläubigem Ausdruck.
    Am Schluss der Versammlung lernte sie die führenden Personen der Bewegung
kennen: neben ihnen auch andere. Ein vornehmes Ehepaar fiel ihr auf, das mit
drei blühenden, schönen Töchtern zwischen 16 und 22 Jahren hier anwesend war;
dann eine alte, kleine Dame, die auf Krücken ging; sie erzählte ihr von ihrem
Sohne, der mit seiner Frau in einem Dorf in den Appeninen lebt; er sei
Schriftsteller. Sie, die Mutter, hatte sich bis zu einer schweren Krankheit, die
sie der Bewegungsfreiheit beraubte, niemals wesentlich um Fragen der
Allgemeinheit bekümmert; sie war früher leidenschaftliche Skatspielerin gewesen;
aber als sie nicht mehr ihre gewohnten Wege gehen konnte, mehr als ein Jahr
gelähmt ans Zimmer gefesselt war und die früheren Skatgenossen ausblieben, da
habe der Sohn, der damals noch zu Hause war, sie mit Büchern versorgt, die ihr
Interesse für diese Fragen so geweckt hatten, dass sie nun, in ihren alten Tagen,
fast einen neuen Lebensinhalt gewonnen hatte; der Sohn selbst hatte sich einer
ihm heiligen Dreieinigkeit verschrieben: seiner Frau, - Italien - und der
Dichtkunst, vor allem der Lyrik, die er fast ausschliesslich pflegte. Frau
Ullmann erzählte das alles in ihrer schnellen, etwas monotonen Art, während sie
schon das schwarze Kapottütchen auf dem spärlichen Scheitel hatte, und sich
fest auf ihre Krücken stützte. - - - Eine Dame von bräunlichem Teint,
gelbgefärbtem Kraushaar, kleiner Gestalt, mit Geschmack gekleidet - Fräulein
Gerber - stellte sich Olga als »Kampfgenossin« vor.
    An der Plauderstunde im Café, die den Abend beschloss, nahm noch ein
Reichtagsabgeordneter, ein freigesinnter Pastor, und der Vortragende selbst
teil, - ein seit Jahren in Holland ansässiger Deutscher, mit
scharfgeschnittenem, grauhaarigem Charakterkopf. Nicht mehr mit ins Café
gegangen war die Vorsitzende. Diese alte Frau war es, deren Erscheinung Olgas
tiefstes Interesse wachgerufen hatte, seit sie sie zum ersten Mal in dieser
Vereinigung erblickte. Erst heute hatte sie Frau Dr. Wallentin persönlich kennen
gelernt. Sie mochte von den Siebzig nicht mehr weit sein; die zarte, fast
mädchenhafte Gestalt war in ein schwarzes Samtkleid gehüllt, das in antikem
Schnitt an ihr herabfloss; weisse, beinahe jugendliche Arme sahen aus den weiten
Ärmeln hervor, nur an den Händen sah man das Alter wieder. Die grossgeschnittenen
Züge waren von dem erfüllten Blick leuchtender, blauer Augen durchstrahlt;
silbrigweisses Haar fiel, in langen Locken, frei auf die Schultern herab. Diese
Frau, die Vorsitzende des Bundes, war die Gattin eines verstorbenen Forschers,
Dr. Wallentin, Weltreisenden und Entdeckers unbekannter Erdstriche, gewesen. Sie
war die Mutter dreier Söhne, von denen nur einer in Berlin war und zeitweilig
mit seiner Frau, einer schwedischen Dichterin, im Bunde erschien. Die beiden
anderen Söhne, - der älteste, der als Soziologe einen bedeutenden Ruf hatte und
der jüngste - befanden sich, wie man hörte, auf einer Weltreise, deren Zweck
nicht bekannt war. Die Gattin des ältesten Sohnes, Frau Lucinda Wallentin, lebte
in Berlin, stand aber den Bestrebungen ihrer Schwiegermutter und ihres Gatten so
fern, wie nur irgend denkbar; sie führte ein Haus, in dem lediglich
formalästetische, sowie okkulte und mystische Interessen gepflegt wurden. Die
Wallentins galten als reich, und Mutter und Söhne verwendeten, so hiess es, ihre
Mittel vor allem für ihre grossen, sozialpolitischen Pläne.
    Ihre aktive Teilnahme an der Versammlung brachte Olga in Beziehung zu all
diesen verschiedenen Menschen und erweckte ihr Interesse an ihnen in hohem
Grade.
    Am Ende der »Tafel«, die durch das Aneinanderrücken einiger runder
Kaffeehaustische entstanden war, sass, zwischen Fräulein Gerber und einer Dame,
die eindringlich, ja fast aufgeregt auf ihn einsprach, der holländische
Professor. Obwohl er eine verbindliche Miene beibehielt, rückte er doch
unbehaglich auf seinem Platz hin und her und liess den Blick über die
Tischgesellschaft wandern, als erwarte er von da Ablösung von seinem Posten.
Denn sowohl Fräulein Gerber, die mit süsslichem Lächeln, das keinen Moment von
ihren Lippen wich, da sass, als auch die andere Nachbarin liessen den Gast keinen
Augenblick locker. Während aber Fräulein Gerber meist persönliche Bemerkungen,
in Form schmeichelhafter Phrasen, von sich gab, sprach die Dame, die sich an der
anderen Seite des Professors niedergelassen hatte, über das Tema des Abends mit
dem Rüstzeug einer Ausdrucksweise, die einen wissenschaftlichen Anklang hatte;
besonders solche Ausdrücke, die dem Gebiet der Physiologie entnommen waren,
wendete sie häufig an. Sie war den meisten der Anwesenden nicht bekannt, hatte
sich als Frau Dr. Bergmann vorgestellt. Offenbar war sie der Vorsitzenden nicht
fremd, da ihr Frau Dr. Wallentin beim Verlassen des Versammlungslokals
freundlich die Hand gedrückt hatte. Sie unterschied sich von den anderen Damen
wesentlich durch ihre Kleidung. Denn während die meisten der anwesenden Frauen
im Stil der neuen Frauentracht, die von Berlin aus langsam ihren Weg ins Gebiet
der konventionellen Mode nahm, gekleidet waren, - farbensatte Stoffe trugen, von
einem Gürtel unterhalb der Büste gerafft, deren Blusenteil häufig mit jenen
neuartigen, dichten Handstickereien, in farbiger Seide oder in metallischen
Borten, bedeckt war, die diesen fliessenden Gewändern den Eindruck leichter
Konfektion benahmen, - trug Frau Dr. Bergmann einen schweren, grauen Lodenrock,
in dem eine gewöhnliche, herrenhemdartige, gestreifte Bluse steckte, dazu einen
steifleinenen Stehkragen und einen schwarzen Ledergürtel. Auf dem Kopf, um den
das natürlich gekräuselte, hellbraune Haar herumstand, sass ein grünes
Jägerhütchen, dessen kurzflügeliger Federnschmuck hinten hochstand und der noch
jugendlichen Frau mit den nicht unsympatischen Zügen einen Stich ins Komische
gab.
    Frau Dr. Bergmann hatte sich am Schluss der Versammlung auch Olga vorgestellt
und nickte ihr nun wiederholt mit der Miene einer alten Kameradin, die ihrer
Befriedigung mit ihr Ausdruck geben wollte, zu. Olga sass am anderen Ende des
Tisches mit dem Ehepaar, das ihr mit seinen drei schönen, lebhaften Töchtern
aufgefallen war, - es war die Familie eines Hamburger Grosskaufmanns, der sich
ins Privatleben zurückgezogen hatte. An derselben Ecke sassen auch das
Reichstagsmitglied und der graubärtige, revolutionärgesinnte Pastor. Olga
wunderte sich über die vertraulich erscheinende Art, mit der ihr Frau Dr.
Bergmann zunickte, und betrachtete, von ferne, interessiert ihr Gesicht. Aus dem
Oval sprang eine Nase heraus, die sich stark zum vorgerückten Kinn herabbog;
auffällig war eine kleine Unregelmässigkeit der braunen Augen, deren eines ein
wenig höher sass, auch etwas kleiner war, als das andere. Diese Augen verrieten
eine Unruhe, die der freundlich lächelnde, schmallippige Mund nicht zu
bestätigen geneigt schien. Die Muskulatur der einen Gesichtshälfte, in der das
grössere, tiefergelagerte Auge sass, war etwas kräftiger entwickelt, als die der
anderen. Trotz dieses Mangels an Symmetrie war das Gesicht nicht ohne Reiz.
    Kurz vor Abgang der letzten Vorortzüge brach die Gesellschaft auf. Man sagte
sich draussen, vor dem Portal des grossen Cafés, in dessen Sälen sich die Menschen
noch stauten, Adieu. Der Potsdamer Platz war überfüllt vom Verkehr; ein dünner,
linder Regen fiel, und der nasse Asphalt glänzte in der Lichtflut.
    Olga strebte an der Kreuzung der Königgrätzer Strasse mit dem Potsdamer Platz
über den Fahrdamm.
    Drüben angelangt, bedachte sie sich einen Augenblick, ob sie in eine
elektrische Bahn einsteigen sollte. Aber nach dem langen Aufentalt in den
rauchigen Sälen, war das Bedürfnis nach frischer Luft zu stark in ihr. Sie
beschloss, aus dem Trubel heraus, in die ruhige Tiergartenstrasse abzubiegen und
zu Fuss zu gehen. Sie wohnte in der Nähe des Lützowplatzes, den sie durch den
Tiergarten auf gutbeleuchteten Wegen erreichen konnte. Während sie durch die
kurze, verbindende Bellevuestrasse ging, vorbei an den glänzend erleuchteten
Hotelvestibulen, schien es ihr, als folge ihr jemand mit leichten, eiligen
Schritten dicht auf dem Fuss. An der Ecke, an welcher die Bellevuestrasse in den
Tiergarten einmündet, gerade da, wo sich vor etwa sechs Stunden Koszinsky von
ihr verabschiedet hatte, war es, dass sie von hinten ihren Namen rufen hörte.
    »Fräulein Diamant!« Es war eine Frauenstimme, in hohem, scharfem Diskant,
die sie anrief. Die Stimme betonte und verlängerte das i und hackte, nach
norddeutscher Art, die Vokale ohne verbindenden Hiatus scharf auseinander, so
dass es klang »Dii-amant.«
    Die Angerufene blieb stehen, wandte sich um und fand sich Frau Dr. Bergmann
gegenüber.
    »Ich bitte Sie, - - mich nicht der Dreistigkeit zu zeihen, - aber es drängte
mich, Ihnen Aug' in Aug' gegenüberzustehen; auch haben wir, denke ich, ein gut
Teil Weges gemeinsam.«
    »Zeihen - - Aug' in Aug« - - Olga fielen sowohl die Stimme als auch diese
Wendungen auf.
    Frau Dr. Bergmann trabte nun, die Hände in die schrägen, tiefen Taschen
ihrer Lodenjoppe versenkt, ohne Schirm, mit ihren kurzen, eiligen Schritten
neben ihr her. Olgas Einladung, mit unter ihren Schirm zu kommen, lehnte sie ab.
Sie bediene sich nie eines Schirmes.
    »Als ich Sie heute sprechen hörte,« begann sie nach kurzer Pause, - - »da
hatte ich den Eindruck: voilà, hier steht ein Mensch.«
    Olga wusste nichts zu erwidern, und Frau Dr. Bergmann fuhr fort.
    »Und weil ich nach einem Menschen - - dürste, so sagte ich mir, - - eh bien,
Erika, fasse Mut! - - Und darum bin ich jetzt hier, - neben Ihnen.« Sie legte
den Kopf auf die Seite und wandte Olga, mit eindringlichem Lächeln, ihr Gesicht
zu, so dass sie im Schein der Gaslaterne das Flackern ihrer Augen sehen konnte.
    Ihr Interesse an Frau Dr. Bergmann wurde durch deren Bemerkungen nicht
gerade verstärkt. Die manirierte Art ihrer Ausdrucksweise empfand sie als
peinliche Reizung ihrer Nerven, die sie nach dem lebhaften Abend mit besonderem
Unbehagen erfüllte; sie hätte jetzt gerne Ruhe gehabt. Aber es wäre ihr ganz
ungehörig erschienen, irgendeine Seele, die sich, um menschlichen Anteil
bittend, an sie wandte, abzuweisen. Und so sagte sie: »Es soll mich freuen, wenn
ich Ihnen nützen kann.«
    »Nützen - - o du grundgütiger Gott! Ich brauche keinerlei Nutzen von irgend
jemand.«
    »Der Verkehr von Menschen, der für alle Teile ganz nutzlos bleibt, kann wohl
als sinnlos und überflüssig gelten.«
    »Da haben Sie recht, meine sehr Verehrte«, rief Frau Dr. Bergmann lebhaft
und es klang aufgeregt, bestärkend. »Ja, ja, - - selbst eine Beziehung, die der
ganzen Welt sinnlos scheint, braucht es nicht zu sein, wenn - - wenn - - dieser
heilige Nutzen für die Seele da ist, von dem Sie wohl sprechen; o davon wüsste
ich viel zu sagen, - - viel, viel.«
    Da Olga schwieg, fuhr sie fort: »Und gerade Ihnen möchte ich das alles
sagen, - - denn Sie, - - Sie unter allen, werden verstehen, was den anderen -
über den kleinen Horizont geht.«
    »Ich bin dessen nicht ganz so sicher«, meinte Olga, als wolle sie sich den
Bekenntnissen, die nun offenbar folgen sollten, entziehen.
    Aber vergebens. Frau Dr. Bergmann kam jetzt in immer stärkere Erregung, sie
schien sich an ihren eigenen Worten zu entzünden, - beinahe gewaltsam, als wolle
sie sich Gehör und Verständnis erzwingen, rüttelte sie an der Zurückhaltung der
anderen: - - - - - »Das einfache Wesensgeschehen - - dass eine Frau einen
Menschen findet, - - bei dem sie das Gefühl hat - - dass er ihr das Paradies,
Leben zu erschliessen vermag, - - dass sie zu diesem Manne strebt, - ohne Besinnen
- - unter vollständiger Preisgabe von allem, was sie bisher besass, - - dass sie
an die Macht ihres Willens unfehlbar glaubt,- dass sie ihre Liebe hegen will,
solange ein Atemzug in ihr ist - - solange noch eine Nervenfaser in ihr vibriert
- - dass sie glaubt, ja weiss - -«, hier zuckte ihr Gesicht, wie vom Krampfe
verzerrt, - - »dass er dieser Liebe folgen muss, - - das - das ist es, was die - -
Geringen, - die Kreaturen des Alltags - - nicht begreifen wollen, - - wofür sie
sie gequält haben, mit lächerlichen Fragen. - -« Und angstvoll drang sie in sie
ein: »Aber Sie - - Sie begreifen?!«
    »Es ist nichts Neues und nichts Unbegreifliches, dass eine Frau, um der Liebe
willen, alles preisgibt, was sie bisher besass.«
    »Sehen Sie, - - sehen Sie - - ich wusste, Sie würden mich verstehen!«
frohlockte Erika.
    »Aber - - Sie sagten da etwas von der Macht des Willens, - derer es bedarf,
dass der Mann dieser Liebe folge, - - und das ist mir nicht ganz klar, meinte
Olga.«
    »Er wird, - - er wird, - - er muss ja«, stiess die andere hervor.
    »Er muss, - wie ist das zu verstehen? Will er denn nicht dasselbe wie Sie?«
Unwillkürlich war sie stehengeblieben. Der Regen rauschte auf die Blätter der
Bäume nieder.
    Unruhig warf Erika den Kopf zurück. »Ach Gott, - - dass sind diese Fragen,
die mir so - - so überflüssig erscheinen.«
    »Verzeihen Sie - aber wenn Sie selbst sich so weit mitteilen, - so sind
solche Fragen wohl unvermeidlich.«
    »Vergeben Sie, - o vergeben Sie! Sie haben ganz recht! Ich meinte nur, - ein
Weib von Delikatesse bedarf nicht erst der Versicherung eines Mannes, - - dass -
- er - - sie liebe.«
    »Nicht in Worten, gewiss nicht, - - aber in Taten.«
    »Auch das nicht.«
    Olga sah sie erstaunt, beinahe erschrocken an.
    Geheimnisvoll, im Flüsterton, fuhr Erika fort: »Ein grossgeartetes Weib - -
wissen Sie - - wird hingehen - - wird ihm tief ins Auge blicken - - wird
vielleicht - - sagen: - - ich liebe Sie,« - - die Stimme hob sich wieder zum
schrillsten Diskant, - - »ich liiiebe Sie - - und muss darum meinen Mann und mein
Kind verlassen.«
    »Und was ist's mit dem Manne, dem diese Frau ihre Liebe auf solche Art
bekennt?«
    Erika zuckte scheinbar gleichmütig die Achseln, aber aus ihrem gehetzten
Blick kroch Qual über ihr ganzes Gesicht. »Er, mein Gott - - er handelt, wie ein
Mann seiner Art eben handeln muss, er - - er - -« es schien, als grabe sie
angstvoll in sich selbst nach, - - und dann kam es wieder, geheimnisvoll und
überzeugt, von ihren Lippen: »Er prüft mich.«
    »Wodurch?«
    »Ja sehen Sie, eine andere würde - - wankend werden, wenn - - wenn er - - so
tut - - als - - als ob er nichts von ihr wissen wollte ... aber nicht ich.«
    »Wenn er was tut?«
    »Nun - - wenn er sich scheinbar nicht um mich bekümmert ...«
    »Wie? Sie haben Mann und Kind verlassen, und er bekümmert sich nicht um
Sie?«
    »Offen - - darf er es nicht. Aber«, sie blickte sich scheu um, - - »Sie
müssen wissen - - er verliert mich nicht aus den Augen.«
    »Wo und wie verkehren Sie mit diesem Manne?«
    »Ich verkehre nicht direkt mit ihm, - aber, - - aber, er lässt mich ständig
beobachten.« Wieder blickte sie sich um, aber weit und breit war niemand zu
sehen. - - »Oh - - das habe ich herausbekommen!«
    »Und ihn selbst, - - wann sehen Sie ihn?«
    »Er sieht mich nicht, - - er begegnet mir nicht ... das - - das ist ja eben,
- die Prüfung.«
    Tief betroffen wandte ihr Olga den Blick zu. »Worauf bauen Sie?« fragte sie
gespannt.
    »Auf die Macht meines Willens«, sagte Erika mit funkelnden Augen. »Oh, ich
werde ihn zwingen. Unablässig sende ich ihm - - Strömungen - - meines Willens.«
    »Was hat er Ihnen gesagt, - - damals, als Sie Ihre Familie verliessen«,
beharrte Olga.
    »Ach, - - das kümmert mich nicht«, sagte Erika in wegwerfendem Ton, aber
ihre Stimme zitterte. »Er tat natürlich, als wäre er sehr erstaunt über meinen
Entschluss, - - redete Worte, die nichts bedeuteten, - - ich hätte auf ihn keine
Hoffnungen zu setzen, - - sagte meinem Mann, meine - - Ideen - - wären ihm
unbegreiflich, - - und er habe mit alledem - nichts zu schaffen ... aber was
kümmert mich das?« stiess sie leidenschaftlich hervor. Und hartnäckig fuhr sie
fort: »Ich weiss ja doch, dass das nur Prüfungen sind. Habe ich sie alle
bestanden, - -« ein fanatisch verklärter Schein kam in ihr Gesicht, - - »dann
wird es angefahren kommen, - das Glück.«
    Olga hatte begriffen. Sie schlug nun die einzige Metode ein, diesen
Vorstellungen auf den Grund zu kommen, - sie fragte mit ernstafter
Sachlichkeit:
    »Warum glauben Sie das?«
    »Weil ich das Glück ersehnte, wollte, - -, - - wie ein Verhungernder die
Nahrung, - - all die Jahre lang. Ich wartete darauf in meiner Ehe, - - ich rief
es! Ich gebar vier Kinder, von denen eines lebt, - - aber ich hungerte und
suchte; eines Tages fand ich, was ich suchte und sagte mir: jetzt ist es Zeit.
Um alles zu gewinnen - - musste ich alles wagen, - alles aufs Spiel setzen.«
    »Wollte - - ergierte - - suchte - - wagte ...« Olga verstand nun ganz. Eine
Gewalttat am Schicksal, eine Erpressung an der Vorsehung, das war es, was sich
ihr entüllte. Wie musste die Busse sein, die auf diese Tat gesetzt war! Und
plötzlich tauchte, wie eine Vision, das Bild einer anderen Frau vor ihr auf, - -
die nichts ergierte, die nichts tat, was das Verderben lockte, - - die trug und
wartete. Eva Nestors Bild stand plötzlich vor ihrem inneren Auge.
    Erika fuhr indessen fort, von den Prüfungen zu erzählen, die ihr auferlegt
seien. Der Geliebte - - er wäre ihr scheinbar nie näher getreten als ein
gewöhnlicher Bekannter - - tat, als kümmerte er sich nicht um sie, aber sie
wusste - oh, sie wusste!... In harter Mühsal verdiente sie sich, seit sie ihren
Mann verlassen, als Kontoristin ihr Brot; aber davon wolle sie Olga ein andermal
erzählen. - Und wenn er ihre Liebe noch hundertmal stärker auf die Probe
stellte, - ihr sollte es nur recht sein. Oh, dass sie leiden durfte, um ihrer
Liebe willen, - - das war ihres Daseins »bittersüsse Wonne«.
    Wortlos folgte Olga den exstatischen Ausbrüchen dieser modernen Griseldis.
    Sie waren nun an der Friedrich-Wilhelm-Strasse angelangt, die von der
Tiergartenstrasse zum Lützowplatz hinaufführt. Olga blieb einen Augenblick
stehen, um auszuruhen. Sie sah die nächtlichen Portale der Villen, die Gärten,
deren gelbes, regennasses Blattwerk hinter den eisernen Gartengittern raschelte;
sie sah die Biegung der einsamen, regenglänzenden Strasse, über welcher die hohen
Bogenlampen schwebten, und das tiefe Dunkel des Tiergartens, das, wie ein
schwarzer Wall, die Strasse auf der anderen Seite begrenzte. In all seinen
Einzelheiten drang das nächtliche Bild in ihre Seele. Schweigen war ringsum. Nur
oben vom Lützowplatz drang gedämpftes Wagenrollen bis hierher.
    Das Gesicht der Frau Erika Bergmann war bleich, und ihre Augen irrten
unstet. Das grüne Hütchen hatte sich verschoben und sass ein wenig schief auf der
Seite. Schweigend gingen sie bis zum Lützowplatz. Als Olga in eine Seitenstrasse
einbog und bald vor dem Hause stand, in dem sie wohnte, sagte ihr Frau Erika
Bergmann in ihrem hohen, scharfen Diskant »Auf Wiiiedersehen« - - und mit ihren
kurzen, eiligen Schritten trabte sie, in Nacht und Regen, davon.
Eines Tages erhielt Olga einen Brief aus Dresden, mit unbekannter Handschrift.
Als sie den Umschlag öffnete, fielen zwei dichtbeschriebene Bogen heraus. Die
Schrift, die diese Blätter bedeckte, war dick, fast ohne Haarstriche, die
Buchstaben enganeinander und steil. Der Brief war von Werner Hoffmann.
Stanislaus hatte ihr kürzlich erzählt, dass er in einem Sanatorium in der Nähe
Dresdens sei; eine schwere Erschöpfung hatte ihn gezwungen, um einen Urlaub
einzukommen. Auf Empfehlung eines Arztes war er in der Anstalt unter Bedingungen
aufgenommen worden, die ihm den Aufentalt da ermöglichten.
    Der Brief trug keine Überschrift.
    »Ich muss sprechen und wissen, dass ich gehört werde. Darum schreibe ich. Wenn
ich alles gesagt haben werde, was in dieser Stunde zu sagen ist, - dann werde
ich nachdenken, ob ich auch adressiere - und ich werde es sehr schnell wissen.
Auf die Gefahr hin, eine falsche Adresse gewählt zu haben, werde ich den Brief
dann absenden.
    Das wird kein Liebesbrief, dazu ist meine eigene Verwirrung zu gross.
Verwirrung im Felde der Voraussetzung, - Verwirrung im Gebiete der Objekte. So
sieht die Sache erkenntnisteoretisch aus. Aber aus dem Mannigfaltigen und
Hemmenden wächst das Einfältige und Eindeutige und treibt und schiebt zur Tat.
Es wächst der Wunsch; mit ihm nicht - der Mut. Natürlich wage ich nichts, - was
sich nicht, im gegebenen Falle, als missverständlicher Unsinn deuten liesse, wert,
einer freundlichen Ofenflamme überliefert zu werden.
    Und doch ist es eine Tat. Hervorgelockt aus dem grotesken Gestrüpp der -
Begier ist ein kleines, schwaches, schlechtes Wort. Aber Wunsch nach jenem
Zustand, in dem Ich überwunden wird. Dass es gelänge, - dass es vernichtet würde.
Ich ist ein sonderbares Ding: immer allein und doch tausendfältig gebunden.
    Vielleicht reizt Sie das Problem?
    Ein Wort der Erwiderung erbitte ich. Denn hat je einer weniger gelogen als
ich? Man sage mir ein Wort. Und sei es nur - Sei still mein Freund - wenn man
nicht sagen kann:
Hier blüht das schwere Schweigen, -
Hier findest du, was dich dir nimmt.
Hier wallt, in rotem Purpur,
Vergessenheit und blickt dich an,
Zerstäubt zu Millionen Kräften,
Löst sie dein Schicksal von dir ab,
Trägt es dahin, von wo es kam. - -
                                          Natürlich Ihr sehr ergebener Hoffmann.
Nachschrift vom Tage:
    Frau Baronin v. Kellenberg wird Sie aufsuchen; sie hat ihre Gedichte unserm
Verlag angeboten. Ich sende Ihnen mit gleicher Post das Manuskript. Mein Urteil:
eine respektable Kraft, im Rhytmus der Nüchternheit, die letzten Wünsche der
Exstase ausdrücklich zu machen. Ihre Meinung, bitte!«
    Nach zwei Tagen erwiderte Olga:
    »Es gibt Briefe, denen man es ansieht, dass sie erst nach zehnmaligem
Versuche der Abfassung entstanden sind. So verräterisch war mir der Ihre. -
    Was man sucht, glaube ich zu erkennen: Man sucht eine brauchbare Form. Form
sein, heisst Weib sein, - zugegeben. Aber diese Form erwartet einen bestimmten
Inhalt, - der das Gewebe ihrer selbst durchdringe und erfülle, ohne dass es
Störung, Zerstörung bedeute; der also vom selben Stoff sei, wie sie, nur
fliessender, füllender. Vergessenheit - lädt mich nicht ein. Für mich ist -
Deutlichkeit. Nur was deutlich in mir ist, gibt mir Fülle. Ich will nicht
taumeln, - will gehen, mit sicheren Schritten und offenen Augen; will wissen.
Verwirrung im Felde der Voraussetzung, ja der Objekte? - - - Das ist, als trüge
ein werdender Keim schon sein Todesbewusstsein in sich. Und doch - eine Tat?
    Aber Sie verdienen Freundesvertrauen. Und so hören Sie denn das Bekenntnis
meines frömmsten Glaubens: Ich glaube, dass es eine Stunde geben kann, die das
Ich, - dieses tausendfältig gebundene und einsame, - aller seiner Bande
entbindet, - die es frei macht, für immer. Das ist die Stunde, in der es dem
einzigen Genossen begegnet - dem Zugedachten - und ihn erkennt, in voller
Deutlichkeit. Aber ich glaube nicht, dass zu dieser Stunde und über diese Stunde
ein ebener, grader Weg führt, - das mit dieser Begegnung und mit dieser
Erkenntnis auch ein Besitz verbunden sein müsse, der aus zweien wahrlich eines
macht ... Wäre ich teosophisch veranlagt, - ich hoffte auf die immer
wiederkehrende Begegnung, bis, auf höherer Bahn, die Wege sich so einen, dass es
kein Verlieren mehr gibt.
    Aber ich hoffe nicht - in diesem Sinne. Nur dass Begegnung möglich sei, -
wenn auch ohne Erfüllung - das ist mein Glaube. Und ich weiss auch, - das andere,
- das Allzuirdische: dass Hunger und Wegemüdigkeit ihre Rechte verlangen ... und
Kompakte schliessen heissen.
    Dies, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich lese die Gedichte der Baronin;
verweile gern auf den Worten, solange ich die Blätter vor mir habe.
Leben Sie wohl und ruhig.
                                                                  Olga Diamant.«
Darauf kam noch ein Brief:
    »Ich bin froh, wenn ich an Sie denke! Nicht wie in die rote Glut, nicht wie
in ein Chaos zuckender Blitze, - nein, - wie in ein helles, weites, edles
Gemach, so blicke ich in Ihre Seele. Vielleicht werde ich bald schuldig werden
an Ihnen. Verlassen Sie mich nicht - wie immer es sein wird zwischen uns! Ich
mag Sie nicht verlieren, - wie immer es sein mag zwischen uns. Sie dürfen mich
nicht verlassen, - denn ich bin ein Unglücklicher, einer der am Lichte der Sonne
und an den Freuden des Weibes schuldig wird, schuldig an seinen Liedern,
schuldig an seinen Küssen.
    Aber meine Wünsche sagen ja. Und meine Wünsche küssen Sie. Und bald werde
ich sagen: hier bin ich. Ich bin nicht die Begegnung, - nein. Aber ich bin ich,
und ich bin hier - werde ich sagen.
    Leben Sie mir wohl, Liebe, Schöne. Ich komme bald, denn ich sehne mich nach
Ihnen. Meine Leiden haben mich demütig gemacht, darum küssen meine Wünsche nur
scheu Ihre edlen Hände.
                                                                Werner Hoffmann.
P.S. Die Gedichte der Baronin senden Sie, wenn Sie damit fertig sind, bitte
direkt an den Verlag; ich habe die Annahme veranlasst.«
So war sie, wie es ihr Geschick schien, die Freundin der Umhergetriebenen, der
Unbehausten, derer, die, wenn auch nur im Schatten eines fremden Daches, rasten
möchten. War es die Wirkung ihres eigenen Schreitens, ihrer gebändigten Kraft,
die diese Zusammengebrochenen anzog, die die Entgleisten und Ausgesprungenen mit
wärmendem Frieden füllte?
    Sie fühlte sich ihnen gegenüber bettelarm. Was konnte sie ihnen geben, - was
wollten sie von ihr?! Eine schmerzliche Neigung, gemischt mit einem herben
Verzicht, verband sie mit diesen Zerstörten. Einem Heilen, einem Ganzen, einem
glücklichen Starken begegnen und sich ihm verbünden dürfen, - das war die
Sehnsucht, von der ihre stillste Stimme sprach. Und dieser Stimme galt ihr
bewusster Verzicht.
    Koszinsky besuchte sie. Es schien ihr, als wäre sie für ihn die
Repräsentantin einer Schicht, für die er verloren war, zu der durchzudringen es
ihm an genügend unnachgiebigen Antrieben mangelte. Während seiner
Zigeunerfahrten waren sie gebrochen worden. Mit dem selbständigen Spürsinn des
weiblichen Gemütes fühlte sie das sehr bald deutlich; sie fühlte, ohne dass er es
aussprach, dass er von ihrer Weiblichkeit nichts mehr für sich erwartete, noch
begehrte. Ihre einstige nahe Begegnung lag zwischen ihnen wie eine Brücke, die
um eines lebhaften Gewässers willen geschlagen worden war; der Fluss aber war
versiegt, seine Quellen waren verschüttet, - nur die Brücke war noch da. Und sie
führte immerhin über die Niveauhöhe des gemeinen Tages und wölbte sich gangbar
über die trockene Erdfläche, die das einstige Flüsslein ihrer Liebe mit
lebendigem Geplätscher erfüllt hatte.
    Sie wusste, dass die wenigen Stunden, die er bei ihr zubrachte, für ihn
friedvoll waren, und sie gönnte sie ihm. Aber nur, wenn ihn während dieser Rast
nichts an sein eigenes, dunkles Dasein mahnte, bewahrte sie für ihn den Frieden.
Er kam wie einer, der sich von einer ihm nicht zugänglichen Welt erzählen lassen
will, - der der beste Hörer und ein kluger Versteher ist, ohne von sich selbst
auch nur ein Geringes preiszugeben. So war er das gerade Widerspiel zu Hoffmann,
der, von sich selbst übermächtig erfüllt, formende Aufnahme suchte. - Wäre ein
anderer vor jeder Berührung seines Schicksals so zurückgewichen, wie Koszinsky
es tat, - es hätte ihr Misstrauen erregt und sie zu gleicher Verschanzung
gemahnt. Hier aber wusste sie, dass es das Hoffnungslose war, das sich scheu vor
Berührung barg. Seine Augen, deren Flackern stiller wurde, wenn er längere Zeit
bei ihr sass, entzündeten sofort, wenn sie an das gefährliche Tema seiner
Existenz auch nur rührte, ihre unruhig tanzenden Funken. Das gefasste Lächeln
verschwand, der Mund wurde hilflos und eckig. Sie solle ihn nicht verscheuchen,
- indem sie ihm »helfen« wolle, - um Gottes willen nicht! Er sprang auf und
begann in dem kleinen Stübchen, dass er mit seinen langen Schritten schnell
durchmass, hilflos, wie ein gefangenes Tier, auf und nieder zu gehen. So war es
gewesen, als sie ihm einmal, mit gutbedachten Worten, zuzureden begann, dass er
versuchen möge, seine musikalische Kaffeehausexistenz durch eine andere
abzulösen.
    »Was soll ich Ihnen darauf antworten?« fuhr er gequält auf.
    »Warum Ihnen das so unmöglich scheint. Sie sprechen mehrere Sprachen, Sie
könnten eine Stellung suchen, wo Sie die verwerten können, - vielleicht vorher
noch etwas Kaufmännisches dazu lernen -«
    »Buchhaltung, Stenographie, - wie Ihre famose, davongerannte Erika, wie?«
Sie hatte ihm von ihr erzählt. - »Den Kontorstuhl drücken, - dass wäre ein Heil,
- was?«
    Sie schwieg, traurig. Und sie brachte es fertig, ihm unter der schwersten
Bedingung, die einem Weibe gestellt ist, ihre Güte zu wahren: wissend, dass sie
sie einem gab, über den sie jede Macht verloren, zu dem weder Wunsch noch Rat
von ihr einen Weg hatten. -
»Meine Liebe und Verehrte! Haben Sie die Güte und lassen Sie mich auf
einliegendem Bogen wissen, ob ich den morgigen Nachmittag mit Ihnen verleben
kann. Es würde mich über die Massen freuen, dies im Anschluss an ein
interessantes, wenn auch nicht schmerzloses Ergebnis tun zu dürfen. Morgen ist
nämlich mein letzter Scheidungstermin. Ausserdem trifft es sich glücklich, dass
ich im Kündigungsmonat bin und gleichzeitig eines rheumatischen Anfalls halber
Krankenurlaub geniesse. So habe ich sattsam Zeit, erstens für meine
Privatangelegenheit, und zweitens für Sie, meine sehr Verehrte! Meine neue
Stellung, die ich auf Grund von neunundsechzig beantworteten Annoncen errungen
habe, scheint leidlich zu sein. Vielleicht ist sie sogar angenehm. Nur zu lange
Bureauzeit, - von morgens 1/2 8 bis abends 1/2 8, in einer Orgelfabrik in
Lichtenberg. (Kennen Sie es? In der Richtung Hoppegarten - Osten!) Mein
Wohnungsumzug dahin wurde opportun. Und so kam es, dass ich nicht eher Zeit fand,
mich hier bei Ihnen zu präsentieren; die Stellungsuche, dann der Umzug,
dazwischen die Verhandlungen mit Herrn Dr. Bergmann belegten mich mit Beschlag.
Sogar meine Passion litt unter diesen turbulenten Störungen, - missverstehen Sie
mich nicht, ma chérie, nicht die grosse Passion, jamais de la vie, - die kleine,
ich meine mein Geklimper. Mein Handgelenk war steif vom Schreiben der Offerten,
und meine Füsse waren wund gelaufen. So wurden sogar meine allmittäglichen und
allabendlichen Etüden vernachlässigt. Sollte ich Sie morgen, gegen 4 Uhr
nachmittags, nicht antreffen,
    so bin ich,
    nach wie vor -
    mit herzlichsten Grüssen von Haus zu Haus
                              Ihre allerergebenste
                                                                 Erika Bergmann.
P.S. Rückporto einliegend. -
    Est-ce que je pourrais venir vous prendre, sinon demain, - - dimanche
prochain? Toute à vous.
                                                                           E.B.«
Wenn Koszinsky von Olgas neuer Freundin hörte, so murmelte er immer, mit
spöttischem Gesicht, vor sich hin: »Die Äffin halb, halb Heldin war.« Und indem
er sie auf diese Art boshaft zu einer neuartigen, mytologischen Erscheinung
machte, traf er beinahe das Richtige.
    »Es ist das grosse, lemurische Zwischenreich, dem sie angehört«, warf Olga
hin, in Erinnerung an jenes letzte Gespräch mit dem Wiener Cousin. Und, da er
eine Erklärung forderte, gab sie sie:
    »Es fehlt irgendwo - an entscheidender Stelle - ein entscheidendes Etwas.
Irgendeine Kraft, die zur vollen Bewältigung einer höheren Lebensform unbedingt
nötig ist, ist nicht da, oder nicht genügend entwickelt; darum ein Versagen an
wichtigen Stellen; dabei eine absolute Auflehnung gegen primitivere -
gewöhnlichere - Daseinsformen, die als überwunden empfunden werden. - - - So
ungefähr verstand mein Cousin Art und Schicksal jener Schicht, die er lemurisch,
gespenstig, halbäffisch nannte.«
    »Also eine Rückbildung - bis in die Nähe vom Gorilla?«
    »Falsch verstanden. Unter den Ganzaffen, die noch hinter den Lemuren zu
denken sind, meinte er natürlich nicht unsere braven, zoologischen Ahnen.«
    »Sondern?«
    »Sondern die überwundene Bürgerschicht, - deren nächste Fortsetzung, jene
intellektuell Gesteigerten sind, bei denen aber die wichtigsten Impulse, die zur
Orientierung der ganzen Art unentbehrlich sind, - noch nicht im gleichen Grade
mit gesteigert sind.«
    »Und was würde das alles bedeuten? Denn kein Sein ist ohne Bedeutung.«
    »Vorderhand: ein Sichaufbrauchen zwischen zwei Existenzstadien.«
    »Und nachher?«
    Sie sah gedankenverwoben vor sich. Ihre Augen bekamen einen nebligen
Schleier.
    »Es muss einen Weg geben aus diesem - Zwischenreich,« sagte sie suchend,
»einen Weg, der wahrhaftig - ja wahrhaftig - hinausführt.«
    »Und wohin sollte dieser Weg wohl führen?«
    Erstaunt sah sie ihn an. »Wohin anders als zum Menschen? - Zum gesteigerten
Menschen? - - - Wohin anders?!« - - -
    Und der neblige Schleier über ihrem Blick zerteilte sich, und ihr Auge
strahlte klar.
Erika war als junges Mädchen bei einem älteren Arzt und Witwer als Erzieherin
seiner Kinder im Hause gewesen.
    Nach kaum einem Jahr hatte ihr der stattliche Herr, der sich den Sechzig
näherte, Herz und Namen geboten. Stabsarzt Dr. Bergmann war eine echt
militärische Erscheinung, gross und massig, mit vollem fleischigen Gesicht, das
die etwas ins Bläuliche spielende Röte des Zechers zeigte, weissen
Bartkoteletten, schwer und stapfend im Tritt, mit einer Atmosphäre um sich, die
an einen leichten Dampf und an den Geruch von Juchten erinnerte. Überzeugt, dass
sie seinen Antrag als unverhofft glückliche Wendung ihres Gouvernantendaseins
betrachte, hatte er ihre Antwort kaum abgewartet und sie gleich bei seiner
Werbung kräftig an sich gezogen.
    Während der folgenden Monate, in denen die junge Frau Stabsarzt ihr Kind
erwartete, glaubte auch sie an das unverhoffte Glück. Zwar entsprach der
massige, ältliche Herr nicht ganz den Träumen, die ihr in ihrer Mädchenzeit das
Bild des künftigen Gatten umwoben hatten. Dass er um 35 Jahre älter war, als sie,
beängstigte sie ein wenig. Aber sie war schon bange gewesen, ihr Frauenschicksal
zu versäumen ... Mit all ihrer Begier nach dem »Wunderbaren« erwartete sie nun
das Kind. Es kam, - und kam zu früh und starb, nachdem es wenige Tage in
künstlicher Wärme vom rauhen Leben abgesperrt gehalten wurde, an den Folgen
eines Luftzuges. Eine zweite Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt, eine
dritte brachte ein dürftiges Geschöpfchen, das drei Jahre seine Mutter in Atem
hielt, bis es seinen Geschwistern folgte. Dann kam noch ein viertes Kind, ein
kleines Mädchen. Es wurde mit Widerwillen empfangen und ausgetragen und in
Erbitterung geboren. Aber es fristete sich am Busen einer kernigen Amme weiter
und blieb am Leben, ohne dass seine Mutter sich wesentlich um seine Existenz
mühte.
    Indessen begehrte der Fünfundsechzigjährige noch immer Zutritt zur Tür
seiner Frau. Aber während sie sich seiner greisen Begier überliess, arbeitete die
misshandelte, schwer vergewaltigte Phantasie mit krankhafter Hartnäckigkeit ein
Bild aus, dass der masslos gereizte Glückshunger gewalttätig ins tatsächliche
Schicksal seiner Trägerin projizierte. Zug für Zug erweiterte sie dieses
Tableau, schweifte dabei umher, glücksbegierig, lebenshungrig - und suchte das
Modell für die Hauptgestalt. Einen jungen Arzt, der auf der Fläche ihres Lebens
irgendwo auftauchte, erwählte sie sich endlich. Sie stellte ihn an den grossen,
freien Platz in ihrem Bild - und sich selbst, in entsprechender Pose, daneben.
Ganz im Bann ihrer Manie, begann sie jetzt die Aktion. Aus der Welt des Wahnes
ging es nun heraus in die der harten Tatsachen, - zum gewaltsamsten Zusammenstoss
mit der Wirklichkeit.
    Er begann damit, dass sie plötzlich jeden Zusammenhang mit der Familie
unerträglich fand. Sie sperrte sich stundenlang ein, liess sich ihr Essen auf ihr
Zimmer bringen. Die blosse Nähe ihres Mannes verursachte ihr physische Störungen,
- sie konnte, wie sie sich ausdrückte, das Essen, das sie in seiner Gegenwart
einnahm, nicht mehr verdauen. Eines Tages war sie entschlossen. Unter Mitnahme
ihrer geringen Ersparnisse verliess sie das Haus. Dann trat sie vor den
unfreiwilligen Helden ihrer Träume und sagte ihm unverzagt: »Ich liiiebe Sie!«
    Dass der Erwählte sich gegen jede Beziehung zu ihr verwahrte, störte nicht
den Ablauf ihres Wahns.
    Frohlockend erzählte sie Olga, an die sie sich mit derselben Energie
anschloss, mit der sie ihre Liebe gegen alle Bedenken verteidigte, - wie »seine«
Boten und Späher jeden ihrer Schritte bewachten. Der Geliebte sorge auch dafür,
dass sie ihn nicht vergesse. - Wie er denn das mache? fragte Olga. Nun, - sie
wurde ernst und geheimnisvoll - heute sei ihr ein Mann gefolgt, der ihm
entschieden ähnlich sah. - Was sie denn damit sagen wolle? - Nun, das sei doch
klar zu durchblicken. Er sei reich, für Geld sei alles zu haben, und so habe er
Sorge getragen, einen Detektiv ausfindig zu machen, der ihm ähnlich sei, - damit
sie sich seiner erinnere, wenn sie jenem begegnete .... Ein andermal zeigte sie
einen Brief vor, den sie an den Geliebten geschrieben und der mit dem Vermerk
»Retour, nicht angenommen« an sie zurückgelangte. »Sehen Sie,« sagte sie
leuchtenden Auges, - »das hat er selbst geschrieben, - damit ich seine
Handschrift sehen soll ...«
    Und diese Frau war nicht wahnsinnig, wie Olga zuerst glaubte; ihr Geist war
- bis auf dises eine, geheimnisvolle Gespinst, das ihr verfehltes, schwer
lädiertes Frauenschicksal in ihrem Hirn erzeugt hatte, - nicht umnachtet, ihr
Orientierungsvermögen nicht gestört. Wunderbar aber war, was aus dem
erschütterten Boden dieser Seele, aus der undämmbaren Lava ihres Wahnes, die
sich aus den Tiefen undurchdringlich und schwarz über sie gebreitet hatte, - an
Tatkraft erwuchs. Gerade jenes Kampfes, in dem sie sich als Heldin bewährte,
schien sich Erika am wenigsten bewusst. Es war ihr Kampf um Brot, von dem sie
Olga zwar mit der gewohnten, freundlichen Bereitwilligkeit auf ihr Befragen
berichtete, den sie selbst aber nur als nebensächlich, - als eine kleine
Schwierigkeit, die eben zu bewältigen war, - betrachtete.
    An jenem Nachmittag, zu dem sie sich angesagt hatte, - an dem sie vor ihrem
letzten Scheidungstermin kam, beide Arme mit Blumen für Olga beladen, die die
Freude über ihre »Freiheit« ausdrücken sollten, - berichtete sie, in bester
Laune, und in einer Darstellung, die die scharfe Beobachtung nicht verkennen
liess, von den »kleinen Plackereien«, mit denen sie zu schaffen hatte, seit sie
dem Gehege der versorgten Ehefrau, vollkommen ungerüstet, entsprungen war.
    Ganz unvermittelt begann sie, nachdem sie sich an einer Tasse Tee gelabt
hatte, von der Anomalie ihrer linken Gesichtshälfte zu sprechen.
    »So wurden die Hexen dargestellt,« bemerkte sie, nicht ohne Stolz, - »auch
grosse Künstlerinnen zeigen zuweilen solche Unregelmässigkeiten. - Haben Sie mal
ein Bild der Lagerlöf gesehen? Nun, da finden Sie das eine Auge in derselben
Art, wie bei mir, ein wenig höhergestellt.« Und dabei lugte sie in den Spiegel
und funkelte ihr eigenes, pikantes Hexengesichtchen herausfordernd an. »Aber ich
bin auch linkshändig,« fuhr sie fort und verrührte mit der Linken den Zucker in
der Teetasse, - »wie die meisten künstlerisch begabten Menschen oder doch
solche, die - mit künstlerischen Anfechtungen« - sie zögerte und schloss dann,
mit munterer Entschiedenheit, - »sagen wir belastet sind.« »Und Ihre -
Belastung?«
    »Ich habe eine unglückliche Liebe zum Klavier, - das ist meine kleine
Passion«; und sie berichtete, dass sie, trotz ihres Mangels an Zeit, regelmässig
in den zwei Stunden ihrer Mittagspause und jeden Abend von 9 bis 10 Uhr auf
einem gemieteten Pianino übe.
    »Wann treten Sie Ihre neue Stellung an?«
    »Zum Ersten natürlich, und bis dahin geniesse ich meinen Kündigungsurlaub.«
    Was denn das für ein Urlaub wäre.
    »Das ist eine Freiheit von zwei Stunden täglich, die jedem Angestellten im
Kündigungsmonat gewahrt werden muss, damit er sich eine neue Stellung suchen
kann. Ausserdem habe ich mir meine Neuralgie mal ausnahmsweise nicht verkniffen
und habe mich für ein paar Tage krank gemeldet. Scheidung und Offertenschreiben
- das nahm viel Zeit weg.«
    Und als Olga Näheres über die Art, wie sie sich ernähre, wissen wollte,
erfuhr sie von einer seltsamen Odyssee, die wohl geeignet war, ihr Schauer
einzuflössen.
    Als Gouvernante, wie zu ihrer Mädchenzeit, mochte sie nicht ihr Brot suchen.
Die vollkommene Abhängigkeit im Hause einer fremden Familie wäre ihr jetzt
unerträglich gewesen, auch hätte sie in ihrer Lage einer in Scheidung
befindlichen Frau kaum eine solche Stellung gefunden. Sie hatte sich also,
nachdem sie ihr Haus verliess, mit ihren Ersparnissen in eine einfache Pension
eingemietet; hier bezog sie das billigste Zimmer - die Mädchenkammer. Wenn man
hier auch von dem Brausen der Wasserleitung und anderen unangenehmen Geräuschen
des benachbarten Raumes gestört wurde, so konnten einem solche Kleinigkeiten, -
wenn man sie für eine grosse Liebe erlitt, - nichts anhaben ... Hals über Kopf
stürzte sie sich in einen Kursus für Buchhaltung, Stenographie und
Schreibmaschine. Daneben trieb sie, allein, an der Hand kaufmännischer
Sprachbücher, französische und englische Handelskorrespondenz. Sie hatte
berechnet, dass ihre Mittel für ein Vierteljahr reichten. Nach sechs Wochen war
der »Handelskursus« beendet, und sie ging auf die Stellungssuche. Sie schrieb,
lief, annoncierte. Bei einer neugegründeten Zeitung »zur Verbesserung des
Wohnungswesens« fand sie ihre erste Stellung. Hier sollte sie die Bücher
einrichten. Nachdem sie dies mit Hilfe ihrer jungfräulichen Kenntnisse getan,
wurde ihr vom Fünfzehnten zum Ersten gekündigt. Mit grosser Freundlichkeit
erklärte ihr der Chef, ein blutjunges, korpulentes Herrchen, dass der noch kleine
Betrieb es ihm ermögliche, die Bücher nun selbst weiter zu führen. Aber er werde
auf sie »zurückkommen«, wenn er ihrer bedürfen sollte.
    Bei der »Deutschen Stahlzentrale für die gesamte Metallwaren-Industrie« war
ihr nächster Posten. In einem kleinen, schmalen Zimmerchen eines Hinterhauses
wurde der stolz betitelte Betrieb geführt. Die Zentrale der
Metallwaren-Industrie lieferte während ihres Dortseins einige Roststäbe für eine
Gasanstalt. Nach kurzer Zeit erklärte der Chef, er habe sie unter der stillen
Voraussetzung engagiert, dass sie sich mit etwas Betriebskapital beteiligen
werde; Heirat nicht ausgeschlossen. - Sie ging.
    Ein neuer Posten fand sich in einer »Fabrik zur Verwertung von Sägespänen«.
Eine neuerfundene Maschine, die den märkischen Sand und die Sägespäne zusammen
zu Bausteinen presste, sollte hier verwertet und vertrieben werden. Die
märkischen Gutsbesitzer sollten die Maschine kaufen, weil sie sowohl Sand als
Sägespäne hatten. Der Chef hatte Verbindungen in aristokratischen Kreisen,
besonders in denen des Landadels. Er sah sehr stattlich aus, glich einem
Offizier in Zivil, war gross und kräftig, trug ein feines, englisches Bärtchen,
einen sorgfältig geglätteten Offizierscheitel, eine diskrete Perle in
einfarbiger Krawatte, hatte ein schneidig schnarrendes Organ und besass einen
kapitalen, echt russischen Windhund »Barseu« - dessen Leben auf 5000 Mark
versichert war und mit dem er täglich mittags und abends persönlich auf den
belebtesten Korsostrassen des feinen Westens spazieren ging, um auf diese Art für
den »Barseu« eine seiner Rasse würdige Gefährtin zu finden. - Es waren noble,
grosse Räume in einer Prachtstrasse, die er gemietet hatte. Das Direktionsbureau
sollte romanisch eingerichtet werden; vorderhand war es allerdings noch fast
leer, - ein alter Tisch, zwei Hocker, eine Kiste und eine Matratze für den
»Barseu« bildeten das Inventar ... Erikas Kündigung erfolgte hier, weil sie
angeblich zu langsam stenographierte und ungenügend die Schreibmaschine
beherrschte. Die letzten vierzehn Tage peinigte sie der Chef, so erzählte sie,
mit Vorsatz. Er diktierte viel zu schnell, zankte mit ihr, wenn sie die Sätze
mit dem richtigen Kasus schrieb, während er Akkusativ und Dativ manchmal
verwechselte. Zum Schluss kam es zu einer heftigen Szene. Als sie einem
galoppierenden Diktat seiner schnarrenden Stimme nicht folgen konnte und er sie
auf der Stelle zu entlassen drohte, empfahl sie ihm, sich einen
Reichstagsstenographen zu engagieren. Der schneidige Chef erklärte ihr wütend,
die Geschichte mit ihr sei »mau«, - worauf sie ihm erwiderte, sein Geschäft sei
mau.
    Er wies ihr auf der Stelle die Tür. Sie klagte vor dem Kaufmannsgericht um
den Restgehalt und »verglich« sich mit ihm auf zwanzig Mark.
    Damit stand sie im Monat Juli auf der Strasse. Eine neue kaufmännische
Stellung konnte um diese Zeit nicht gefunden werden, trotzdem sie täglich im
Zigarrenladen, an der Ecke, die Zeitung durchsah und Annoncen herausschrieb, was
ihr der Besitzer des Ladens gutmütig gestattete. Natürlich befragte er sie um
den Zweck dieses Tuns, und sie klagte ihm ihr Leid. Nachdem sie immer elender
aussah und schliesslich auf seine Frage gestand, dass sie hungerte, bot er ihr
einen Ausweg aus ihrer Lage. Seine Familie sei auf dem Lande, er sei Strohwitwer
und entbehre »seine Ordnung«, besonders aber die gewohnte »Hausmannsküche«. Ob
sie denn kochen könnte? - Nun, wenn man acht Jahre Hausfrau gewesen war, so sei
das wohl selbstverständlich. - Ob sie täglich zu ihm kommen wolle, für ihn und
sich zu kochen? Natürlich müsste sie gleichzeitig das Aufräumen der Wohnung
besorgen, denn »zwei zu halten«, würde nicht lohnen. Dafür wolle er ihr die Kost
und drei Mark wöchentlich geben. - - - Als sie das erstemal mit dem Mülleimer in
den Hof ging, begegnete ihr die Portierfrau und sah ihr misstrauisch nach. Am
anderen Tag, als sie früh in den Hausflur des Vorderhauses trat und eben die
Treppen hinaufgehen wollte, vertrat ihr die Portierfrau den Weg: »Wenn Se hier
oben Aufwartefrau sind, denn jehen Se man hintenrum!« Und sie ging hintenrum. -
- - Der neue Herr erzählte ihr, während der Mahlzeiten, die sie mit ihm zusammen
einnahm, vertrauensvoll seine Geschichte. Er hätte einmal studieren wollen, für
die Gewerbeakademie. Leider habe er seine Kariere durch Heirat zerstört. Seine
Geliebte, eine Blusennäherin, sei in andere Umstände gekommen, und da habe er
als »Schentelmann« gehandelt, als »Kavalier« und sie geheiratet. »Ein Kavalier
ist kess«, schloss er. - Sein Äusseres schilderte Erika als das eines Menschen von
»zwerghaftem Typ« mit O-Beinen, einer »Stubsnase«, in die es hineinregnen konnte
und bürstenartig geschorenem Haar. Eines Abends, als sie sich nach dem Abendbrot
anschickte, nachhause zu gehen, und ihm vorher noch das Bett abdeckte, begann
er, wie sie sich ausdrückte, - »sexuelle Gespräche zu führen«. Wie eine Frau in
ihren Jahren denn ohne Mann leben könne, - was ihn betreffe, so leide er unter
der Abwesenheit seiner Frau schon so, »dass es nicht mehr schön sei« usw. Sie,
mit ihrer naiven Art, alles buchstäblich und ernst zu nehmen, antwortete ihm in
wohlwollend aufklärender Weise »wissenschaftlich« und hielt eine Abhandlung über
die Phänomene geschwächter Willenskraft, die dazu angetan wären, Libido zu
steigern.
    Die Stubsnase blieb verblüfft und behandelte sie aus Verlegenheit grob.
    Mitten in diese Situation, an der sie täglich immer schwerer schleppte, kam
eine Wendung, die sie als das »Wunderbare« empfinden musste.
    »Zum Ordnen der Bibliotek wird gebildete Dame gesucht.« Sie ging an die
Adresse.
    Es war ein vornehmes Grundstück im Grunewald, das sie betrat. In einem
weiten Park, in dem ein kleiner See eingeschlossen war, auf welchem Schwäne und
wilde Enten schwammen, und an dessen Ufern graue und rosenrote Flamingos
spazierten, - inmitten eines kleinen Haines herrlicher Kiefer mit pinienartigen
Kronen, zwischen denen vereinzelte Buchen rauschten, - lag ein schlossartiges,
altes Landhaus. Hier wohnte die Herrschaft, die eine gebildete Dame zum Ordnen
der Bibliotek suchte.
    Sie war in ungewöhnlich zeitiger Morgenstunde gekommen, um die erste der
Bewerberinnen zu sein. Betaut lag der Park, und zart und morgenfrisch wölbte
sich der Himmel über dem märkischen Walde. Der frische, leichte Wind spielte mit
dem Kiefernduft, trug ihn bald stärker vorwärts und wehte ihn dann wieder
zurück. Auf dem Wasser kräuselten sich kleine, silbrige Wellen ...
    Während sie in der Halle wartete, fürchtete sie schon, zu so früher Stunde
nicht angenommen zu werden.
    Aber da kam der Diener zurück und forderte sie auf, ihm zu folgen. Sie wurde
in einen weiten Bibliotekssaal geführt. Während sie mit vor Erwartung
gespannten Nerven um sich blickte, trat aus der Portiere des Nebenzimmers eine
alte Frau, im dunklen Morgenkleid, mit geradem, strengen Faltenwurf, - mit
weissen Locken, die silbrig schimmernd bis zur Schulter fielen und leuchtenden
Blauaugen, die sie auf Erika ruhen liess, - der unter diesen Blicken leichter
zumute wurde.
    Und Frau Dr. Wallentin fand Gefallen an Erika und behielt sie zum Ordnen der
Bibliotek ...
    Einen ganzen Monat lang durfte sie ihr neues Amt versehen. Es galt, den
Inhalt der grossen Bücherkisten, welche die beiden Söhne von Frau Dr. Wallentin
nach Hause sandten, zu ordnen. Weit über Meere und Länder kamen diese Kisten;
und sie brachten nicht nur Bücher, sondern Aufzeichnungen, Aktenmaterial,
photographische Aufnahmen, Sammlungen aller Art. Manfreds Material sammelte
Tatsachen der sozialen Kultur in Indien, Japan, Amerika, Neuseeland, - Florian,
der Jüngere, sandte neue Kundschaft aus den dunklen Gegenden der Erde,
berichtete über unzivilisierte und halbzivilisierte Völkerstämme. Die beiden
Brüder, der älteste und der jüngste, waren auf Weltreisen, - jeder auf einer
anderen Tour. Der eine durchforschte an den Rändern der Erdteile fremde
Kulturen, der andere drang mit einer Expedition ins Innere zu Naturvölkern. Der
mittlere Sohn, Justus, war zu Hause, als Rechtsanwalt in Berlin tätig und
überwachte mit seiner Mutter und seiner Frau, einer schönen Schwedin, die
Sendungen. Es schien Erika, als würde da ein gewaltiges Werk vorbereitet, - und
ihre geschickten Hände griffen zu, ohne dass sie die Bestimmung ihres Tuns und
jenes, dem sie diente, überblickte. Sie hörte nur, dass Manfred, der Älteste,
bald erwartet wurde.
    Als in einem Monat die Arbeit getan war, sie nicht mehr, allmorgendlich, als
Helferin der Familie hinaus, nach dem Grunewaldhaus, pilgern durfte, - da führte
sie ihr Schicksal wieder in die Wüste. Wie ein wunderbarer Traum, geträumt im
Schatten eines spendenden Baumes, von zärtlichen Lüften umweht, - so blieb ihr
die Erinnerung an das Eiland der Schönheit, auf dem sie auf ihrer Wanderung
hatte rasten dürfen.
    Frau Wallentin hatte ihr beim Abschied freundlich über das Haar gestrichen,
das so spröd und eigenwillig um die Stirn herumstand. Sie kannte ihr Schicksal,
- auch hier hatte es sich aus dem gepressten Herzen über die Lippen gedrängt, -
und sah ihr ernst und still in das tieferrötende Gesicht. - - Sie lud sie ein,
im Herbst die Versammlungen des »Bundes« zu besuchen, und gab ihr die
Eintrittskarte für das nächste Jahr. - Ihre Mitilfe am ordnenden Werk entlohnte
sie so reichlich, dass Erika ruhig und vorsichtig ihre neue Stellung suchen
konnte.
    Zum Unterschied von ihren bisherigen Posten kam sie nun in einem
Riesenbetrieb unter. Es war ein Hüttenwerk, »Zum Eisenhammer«, in dessen Bureau
sie aufgenommen wurde. Sie sah sich da einer komplizierten Buchführung gegenüber
und hatte grosse Mühe, sich zwischen Wechselklagen, Zollberechnungen und
komplizierten Kalkulationen zurechtzufinden. Ein Recambio, das ihr präsentiert
wurde, machte sie ratlos. Seitenlange Zinszahlenauszüge bekam sie von ihrem
unmittelbaren Chef, dem Prokuristen, durchrissen zurück. Dieser Chef behandelte
das ganze Personal mit einer Grausamkeit, die Erika »sadistisch« nannte. (Sie
wendete mit Vorliebe der Patologie entlehnte Ausdrücke an, die ihr, als
Arztesfrau und als langjähriger Leserin medizinischer Zeitschriften, geläufiger
waren als die doppelte Buchführung.) Dieser sadistische Chef überhetzte das
Personal, peinigte es auf jede Art. Nach ihrer Beschreibung hatte er ein
mächtiges, brutales Gesicht, einen Schädel, dessen Dimensionen dazu
herausforderten, sich über die Grenzverhältnisse von Genie und Wasserkopf zu
unterrichten, - und kleine, scharfe Augen, die sich in die Opfer einbohrten. Er
beobachtete die neue Buchhalterin genau. Nach einiger Zeit bemerkte sie, zu
ihrem Staunen, eine Veränderung seines Verhaltens. Er sah ihre Fehler beinah
milde nach und half ihr über die Schwierigkeiten durch Belehrung. Es traf sich
auch, dass er manchmal, nach Bureauschluss, ein Stück Weges mit ihr zusammenging.
    »Ach, - hätte ich mich nur in ihn verlieben können«, berichtete sie
seufzend. »Aber ich kann nicht, - kann nicht!« Es lag so wenig Entrüstung oder
Widerwillen in diesem Teile ihrer Schilderung, der sich mit den Annäherungen des
Prokuristen befasste, - dass man an ihrem guten Willen, ihn zu lieben und »jenen
anderen zu vergessen«, nicht zweifeln konnte. In ihrer überstürzten Art verriet
sie mehr, als sie wollte. »Schliesslich - bei einem Ausflug an den Scharmützelsee
- sagte ich Ihnen das? - wollte er mich küssen - - aber - er roch so wild, so
animalisch - - - oh, es war unmöglich. - - - Zudem sah ich plötzlich, - im
freien Feld - ein Auto stehen - - und da wusste ich gleich, - dass ich von da aus
beobachtet wurde.« - -
    Nach ihrer fluchtartigen Rückkehr vom Scharmützelsee war ihre Stellung im
Bureau des »Eisenhammers« unmöglich geworden. Der Prokurist behandelte sie
wieder mit Grausamkeit, - was blieb ihr übrig, als wieder zahllose Offerten zu
schreiben, - jedes handschriftlich, sauber und akkurat. Endlich kamen zur
näheren Auswahl zwei Stellungen in Betracht. Bei einer Versicherungsgesellschaft
sollte sie mit dem Gehalt von 130 Mark pro Monat angestellt werden, - als
Agentin. Dafür war sie verpflichtet, für 13000 Mark monatlich Geschäfte
abzuschliessen;
    für jedes Tausend, das von dieser Summe fehlte, sollten zehn Mark abgezogen
werden. Dieser Honorarsatz galt aber nur für die Erwerbung von Policen für
direktes Ableben. Bei Er- und Ableben (Lebensfall) musste sie um ein Drittel mehr
Geschäfte machen.
    Sie wählte die zweite Stelle, in einer Orgel- und Harmoniumfabrik in
Lichtenberg. Beim Engagement sagte ihr der Chef, ein kleiner, dicker
Ostberliner:
    »Det sach ich Ihnen jleich - pünktlich müssen Se sind.«
    Erika: »Wir leben in einer Grossstadt, - die Elektrische kann doch mal
überfüllt sein.«
    Er: »Wenigstens müssen Se Jrund haben.« Morgens um halb acht Uhr hatte sie
anzutreten, die Orgeln und Harmoniume abzustäuben, - dann die Abzahlungskunden
zu besuchen, um »Reste anzumahnen«. Nachmittags waren die Bücher und die
Kontorarbeiten zu erledigen. Sie bekam 120 Mark Gehalt, ausserdem zahlte der Chef
die Krankenkasse und die Invalidenmarken. Um auch die Fahrkarte nach dem
äussersten Osten zu sparen, war sie dahin - in den düstersten Proletarierbezirk
Berlins, - übersiedelt.
    Hier hielt sie jetzt.
Die Abende begannen lang und trüb zu werden. Olga verbrachte sie zumeist
zuhause, in ihrer Mietsstube. Sie hatte einen Plan gefasst, der einen Versuch
darstellte, sich eine Existenz zu schaffen. Sie wollte eine Korrespondenz für
die Frauenbewegung herausgeben. Hoffmanns Chef war als Verleger für den Plan
gewonnen worden und hatte sich bereit erklärt, den Druck zu besorgen. Den
Vertrieb sollte sie selbst übernehmen. Zu diesem Zweck würde ihr Zimmer nicht
genügen und eine eigene, kleine Wohnung notwendig werden. Sie suchte schon
fleissig, natürlich im Vorort, da sie nicht zwischen den vier Mauern eines
Gartenhauses, das in Berlin selbst allein in Frage kam, leben wollte. Im Vorort
konnte sie wohl eine kleine Wohnung mit freierem Ausblick finden.
    Der Vater war von dem Plan verständigt worden, und sie hatte um eine Summe
gebeten, mit der sie die ersten Unkosten und die einfachste Einrichtung der
Wohnung bestreiten konnte. Ohne weiteres hatte er das Geld gesandt. Es war ein
Geschäft wie jedes andere, das sie begann, - warum ihr nicht helfen? Ja, zu
ihrem Erstaunen war er erfreut gewesen von dem Plan, denn es hatte ihn gequält,
dass das Mädchen, ohne verständlichen Zweck, fern von zuhause, in der fremden
Grossstadt sass. Nun hatte ihr Dortsein einen Zweck, und darum half er ihr, ihren
Plan auszuführen.
    Sie begann Verbindungen mit Autoren und Redaktionen anzuknüpfen, wollte
nicht eher beginnen, bevor ein fester Kreis von Mitarbeitern und auch von
»Abnehmern« gewonnen war. dabei hiess es erkennen, was die Tagespresse brauchte,
vielleicht neue Anregungen geben und Bedürfnisse wecken; andererseits galt es,
die Autoren zu interessieren, sie zur Arbeit anzuregen, sie auf Probleme der
Frauenkultur, wie sie sich in der Zeit meldeten, aufmerksam zu machen, mit
Geschick die geeigneten Persönlichkeiten heranzuziehen. Die Korrespondenz, wie
sie ihr vorschwebte, sollte nicht wahllos Artikel, die der Zufall auf den Tisch
wirbelte, aneinanderreihen, - sie sollte der Ausdruck einer in sich
geschlossenen Anschauung werden. Bei dieser Arbeit half ihr Lore Wigolski. Lange
hatte sie eine passende Helferin für die Erledigung der vielen schriftlichen
Arbeiten gesucht. Und da sie noch keine eigene Schreibmaschine besass, war es
schwer geworden, eine Kraft zu finden, die ihr nur stundenweise und doch sicher
zur Verfügung stand, so oft sie sie brauchte. Sie hatte es mit verschiedenen,
kleinen Tippmädchen versucht, - aber die pünktliche und sichere Lieferung der
zumeist eiligen Briefe klappte nicht, wie sie musste. Auf gut Glück war sie,
begleitet von Stanislaus, auf eine Annonce hin, auch zu Frau - oder Fräulein -
Wigolski gegangen. In einer kleinen Gartenhauswohnung in Schöneberg, vier
Treppen hoch, wohnte sie. Ein junges, eben schulentlassenes Dienstmädchen
öffnete und führte die Besucher gleich in eine grosse, lichte Stube, die mit
behaglichem Altväterhausrat ausgestattet war. Da standen prächtige, alte
Biedermeierkommoden, tiefe Fauteuils und ein bequemes Sofa, wie es in die »gute
Stube« einer alten Berliner Familie gehörte, aber mit braunem Tuch neu bezogen;
da war auch ein grosser, moderner Arbeitstisch, von rotgebeiztem Holz, fast so
gross wie ein Zeichentisch, mit Papieren und Maschinenschriftmanuskripten
bedeckt. Daneben war ein kleines Tischchen, auf dem, auf einem dicken
Schalldämpfer von Kork, die Schreibmaschine stand. Und da war noch ein
Möbelstück, das eigentlich nicht in dieses Zimmer passte:
    ein weisses Kinderbett, mit einem Bettimmel von hellblauem Tüll, stand nahe
einer schmalen Tapetentür in der Ecke. Über das ganze, behagliche Zimmer waren
Blumen verteilt, - auf den Kommoden standen Vasen mit Herbstlaub, Astern und
Georginen, und grüne Blattpflanzen reckten sich im Erker der Sonne zu.
    Eine schlanke Frau, in knappem, dunklen Tuchkleid, trat ein. Ihr Kopf
erinnerte Stanislaus an die Modelle moderner Maler: grosse, scharfgezeichnete
Züge, ein etwas breiter Mund mit zwei prächtigen Zahnreihen, lebhafte, graue
Augen, deren äussere Winkel etwas schräg gestellt waren und einen wendischen
Einschlag im Blute verrieten, dem man in alten Berliner Familien oft begegnet.
Sie sprach mit kräftiger, sicherer Stimme, und der reservierte Zug in ihrem
Gesicht verschwand bald. Zwischen den beiden Frauen spann fast augenblicklich,
über die geschäftlichen Beziehungen, die sie anknüpften, ein persönliches
Interesse seine Fäden, - es war wie eine Ahnung, die die kämpfenden Frauen
dieser Zeit oft blitzschnell zu schwesterlichem Erkennen fühlt.
    Man einigte sich rasch. Lore Wigolski sollte schon am nächsten Tage zum
Diktat kommen. Stanislaus und Olga erhoben sich.
    Da hörte man Kinderweinen im Nebenzimmer. Die Tapetentür wurde geöffnet, und
das kleine Dienstmädchen rief herein: »Ach bitte, - Frolain, - kommen Se doch
mal! Lörchen is so unnütz!«
    Aber da drängte es sich schon durch die Tapetentür, - das unnütze Lörchen, -
vierjährig mochte es sein - schön,wie ein kleiner Cherub, mit roten Bäckchen,
grossen, grauen Strahlenaugen und dunkelblonden Locken.
    »Mutti - is will mal die Leute sehen«, - damit zappelte sie geradewegs auf
die Geschwister zu.
    Lore Wigolski lächelte. Es war, als ob über die herben Züge eines
Kliemtschen Kopfes das uralte, das ewige Licht - aus dem Antlitz der
Kindesmutter genommen - gebreitet würde. So lächelt - besitzfroh - die Mutter,
Madonna divina - die das Pfand empfangen, geboren, gerettet weiss ...
    Freundlich beugte sich Olga zu dem Kind. Für Stanislaus aber war die Stube
mit dem Altväterhausrat verwandelt. Flammend hatte das Licht hineingeschlagen,
und im göttlichen Glanz sah er das Püppchen, das Lörchen, die Arme breiten, sah
er ein Kind auf kleinen Beinchen schwanken, hörte er das Stammeln der jungen
Sprache ... Er durfte die Verklärung erleben, die den Frommen und Gläubigen
wird, wenn sie der Mutter mit dem Kinde begegnen, - denn er war einer von ihnen.
In diesen langen, einsamen Herbstabenden, die Olga allein verbrachte, irrten
ihre Gedanken, wandermüde, als wollten sie rasten, zu den Bildern der Freunde,
die vor ihre sehnsüchtig ausblickende Seele traten. Aber da war keines, dem sie
hätte frohlockend zuwinken mögen: Tritt näher - du bist es - ich erkenne dich!
    Hoffmann hatte wieder geschrieben und seine nahe Rückkehr angezeigt. Als er
eines abends bei ihr eintrat und sie sein Gesicht wiedersah - bleich, länglich,
bartlos, mit dem sanften und doch glühenden Blick der dunklen Augen, - schien er
ihr, wie ein alter Bekannter. Er warf die Lodenpelerine und den Filzhut ab und
berichtete, dass er sich erholt hatte, weil er sein Gehirn so richtig hatte
ausschlafen lassen. Willig hatte er sich in das Räderwerk des Sanatoriums gefügt
und hatte den Tag abschnurren lassen, wie das Uhrwerk es wollte. Ein immer
gleicher Turnus von physischen Aktionen, bestimmt, die Muskeln zu üben, die Haut
anzuregen, die Gewebe zu festigen und das Blut zu erneuen, - das waren diese
Wochen für ihn gewesen; und sie hatten ihr Werk gut getan. So war das Leben eine
Weile überlistet worden, man hatte Ohren und Augen verschlossen, um nicht zu
merken, wie es hinging.
    Aber in den kurzen Intervallen des wachen Wissens - war sie dagewesen, war
plötzlich und immer wieder vor ihm gestanden. Und diese sehnsüchtige Spannung,
in die ihn dieses Bild, das ihre Züge trug, versetzte, war immer stärker
geworden. Dennoch ... er stockte, zögerte, bangte, - senkte den Blick, der sie
heischend umfasst hatte.
    Sie begriff - und wie Nebelschwaden, die immer dichter, trüber, schwerer,
aus abendlichen Auen steigen, - so stieg Schwermut aus ihrer Seele und breitete
sich aus. Wie waren die Worte seines ersten Briefes gewesen?... »Verwirrung im
Felde der Voraussetzungen, - Verwirrung im Gebiete der Objekte«. - Und dann war
das Einfältige und Eindeutige dennoch gekommen: die Wünsche, die Wünsche ...
Scheu nahten sie sich, - wie er es verheissen - doch unabweislich in ihrem
Fordern. Ja, diese scheuen, begierlichen Wünsche umrankten sie liebkosend, - und
weckten sie stärker als Taten. Und auch sie hatte Wünsche: - einschläfern, was
immer wach lag, sich durchdringen lassen mit jenem köstlichen Frieden der halben
Betäubung, den ihr einmal, als sie schwer krank gelegen, das Morphium gebracht,
- zum Schweigen bringen, alles - was nicht lügen konnte, - alle diese
gesprächigen Zellen ihres so wahrhaftigen Leibes, - die da riefen: »Nein,
nein!«... Diese Rufenden - überschütten - mit einer einzigen, schweren, roten
Welle - dass sie verstummten ... Sie sprach mit ihm, ohne den Rhytmus der Stunde
zu beschleunigen, und sie fühlte, wie sie mit jedem ihrer gedämpften Worte die
Hecke der Wirrnis verdrängte, die sie beide schied. Und sie fühlte, dass sie ihn
in Bande schlug ...
    Es war tiefe Nacht geworden. Das breite Fenster des Berliner Zimmers war
geöffnet, denn der Tag war mild gewesen. Ein paar Strassen weiter war eine
Hauptstrasse; gedämpft, durch die Gruppen der Häuser, drang ein leises Brausen
durch die stille Nacht, - der Atem der nächtlichen Stadt.
    Sie traten zum Fenster. Vom blauschwarzen, mondbeleuchteten Himmel hoben
sich die dunklen Massen der Dächer ab, und an einigen Stellen flimmerten die
Schiefer, wie die vom Mondlicht übersilberte Fläche eines nächtlichen Sees. Man
hörte einen verspäteten Singvogel unten im Garten einen kurzen Ton aus der Kehle
stossen, wie im Schlaf.
    Hoffmann sagte: »Welch ein seltsames Ding ist es doch, - eine Melodie oder
eine Dichtung, eine Skulptur oder ein Gemälde zu finden! Zu finden, jawohl«,
wiederholte er. »Denn sie sind da, diese Harmonien ... Im Weltenraum warten sie
unser. Im All wartet eine Harmonie, - wie die Figur im Block; und es heisst:
wegsprengen, was sie birgt ... Dazu bedarf es - bezauberter Hände,« - seine
Stimme sank in ein weiches Geflüster, - »bezauberter Hände!... Wie schön ist
diese Nacht, meine Liebe!... Ja, - wegbeschwören - - was eine Harmonie verbirgt,
- das ist es - - was auch wir tun müssen ... « Sein Arm bebte, als er ihn zagend
um ihre Schultern schlang. Er begann leise die Melodie der Baccarole aus
»Hoffmanns Erzählungen« zu pfeifen ... die in die Nacht hinein schwoll und
wiegend in Dunkel und Schweigen glitt ...
Als er sie im Morgengrauen verliess, blieb sie in den Kissen wach. Ermattende
Schwere lag über ihren Gliedern ... Und was sie in die entlegensten Winkel der
Seele gedrängt, - es meldete und regte sich und kroch heran. Das Bewusstsein, das
stark, wie das helle Licht des Tages, über ihren Weg geleuchtet und ihr
unzweifelhaft gezeigt hatte, dass er es nicht war, den sie erwarten sollte, - sie
hatte es fortgeschoben, verschüttet, mit ihren und seinen Wünschen; - ja vor
allem mit seinen Wünschen, die ihre reife Jungfräulichkeit begehrten ...
Bedrängt von Scham, gestachelt von stolzem Trotz, der ein ihr bisher
unbekanntes, fast verächtliches Gefühl resignierten Ergebens in ihr schuf,
versank sie endlich, als der Tag anbrach, in unruhigen Halbschlaf. Sie hörte, im
Traum, ein Gefährt rasseln und träumte, dass es auf einer breiten, einsamen,
nächtlichen Strasse dahinfuhr, und sie dachte, - im Traum - es müsse jene
Charette sein, die die Verdammten zum Richtort führte. Und dieses Rasseln
erschien ihr, im Traum, in unlöslichem Zusammenhang mit der gespenstigen
Verlassenheit ihres Lebens. - -
    Sie erwachte, am späten Vormittag, als ihre Wirtin ihr das Frühstück
brachte. Und da lag auf dem Tablett ein Rohrpostbrief. Hastig strich sie mit
einem in Wasser getauchten Lappen den Schlaf aus den Augen und las, am Bettrand
sitzend, Hoffmanns Brief:
    Mädchen! Du weisst nicht, was Du mir gegeben hast. Du tatest das Herrliche,
ohne darum zu wissen. Und auch ich werde eines Tages vielleicht nicht mehr darum
wissen, werde es, mit Blindheit geschlagen, vielleicht vergessen können, eines
Tages. Aber heute weiss ich ... Und so sei es gesagt, - wie glitzernd ich bin und
befreit und sprudelnd, wie ein Bach, der im ersten Frühling durch den Tannenwald
jagt ... Seine Wellen überspringen einander und verstäuben Diamantengesprühe in
die selige Luft. Mädchen, das hast Du mir gegeben, Du stolze Spenderin; mir, dem
Gedemütigten, der bislang nur, mit verbissenen Zähnen und schamrotem Gesicht, im
Schösse der Schande von seiner Mannheit erfuhr ... Nun bin ich so ohne Sorge!
Warum bist du nicht da, dass diese Herrlichkeit über Dich auch käme? Und denke
ich an Dich, so mahnt es mich, an den Duft der schwarzen, bergenden
Frühlingserde, an das Flüstern der bedächtigen Blätter, wenn der Wind über sie
streicht, - an das Klirren der weissen Kieselsteine, am Grunde des Baches, wenn
die frohen, stürmenden Wasser sie überfluten ... Ach und nie - nie noch war das
alles in mir - wie jetzt! - - - Vergiss es nicht, Mädchen, was heute in mir ist,
- auch wenn ich es vergesse! Vergiss es nie, - dass heute meine Seele fromm in der
Deinen war ...
    Ich küsse Deine Lippen, Deine Hände, Deine Knie ... Werner.
 
                                Fünftes Kapitel
                              Versuche und Kämpfe
 »Nur der Irrtum ist das Leben,
 Nur die Fülle birgt die Klarheit,
 Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.«
                                                                         Goete.
Werner Hoffmann hatte mehrere Wochen im Sanatorium zugebracht. Nach dem
aufreibenden Existenzkampf vieler Jahre waren diese Monate die erste Erholung
gewesen. dabei hatte er diese Ruhepause seinen Verhältnissen nicht in einer
Weise abgezwungen, die ihren Genuss mit neuer Sorge beladen hätte. Er zehrte
nicht von irgendeinem zu diesem Zweck mühsam aufgetriebenen Gelde, er bangte
nicht, was »dann« werden sollte, - wie die meisten seiner Kreise, die, ohne ein
wirtschaftlich gesichertes Endziel ihres Strebens zu sehen, auch zu einer
beruhigten und gesicherten Rast keine Gelegenheit haben. Seine Stellung im
Verlag, die ihm erst wenig Befriedigung gegeben hatte, festigte sich immer
besser, und es lockte sein Interesse, als Hüter an einem jener Tore zu sitzen,
durch welches das, was der persönlichsten Erkenntnis des einzelnen geworden, in
die Fülle der Gemeinschaft drängte, in ihr zur Wirkung zu gelangen. Dieser
Gedanke, den er in seinem Amt ausgedrückt fand, hatte in ihm den ersten Zweifel
erweckt, über das Wort, das bisher seine trotzige Parole gewesen:
    »Was habe ich mit der Gesellschaft zu tun?«
    Der Chef seines Verlages hatte ihm bereitwillig den Urlaub zur Herstellung
seiner Gesundheit gewährt. Durch Empfehlung war ihm zu sehr ermässigtem Preise
Aufnahme in einer Anstalt geworden, in der die jüngste Heilweise der Moderne,
die physikalisch-diätetische Terapie ihre Wunder tat. Müde, unfrei, beladen war
er hingegangen, und unbewusst und ungefühlt ging bei einer höchst einfachen, aber
glücklich zusammengestellten Lebensweise, bei der besten Ausnutzung von Licht,
Luft, Wasser, Elektrizität und bedächtiger Auswahl der Nahrungsstoffe jene
Erneuerung mit ihm vonstatten, die zwar nicht den organischen Defekten, wohl
aber den von der steeple chase des modernen Lebens an den Nerven Geschundenen
wieder zur Häufung neuer Energien verhilft und ihre zeittypisch gewordenen
»funktionellen Störungen« behebt.
    Er hatte nicht »gedacht« in diesen Wochen, hatte mit vollem Willen alles
Grübeln und Sinnieren ausgeschaltet. Ja, er hatte auch nur wenig gelesen, - die
Gedichte der Baronin, um ihren Verlagsantrag zu erledigen, sonst fast nichts;
und geschrieben hatte er eigentlich nur an Olga, da, fast ohne Willen und
Absicht, ihr Bild, in dieser Zeit der Ruhe, stark und fest umrissen vor seine
Seele getreten war. Ja, - er sah sie: in ihrem reifen, reinen Werden, sah sie,
wie eine Erscheinung, die, hart an der Grenze der zeitlichen Gegenwart, wach und
zielsicher in die Zukunft schritt, - eine Wegebahnerin der Kommenden, jener
Frauen, die mit instinktstarkem Willen ein ganzes Menschtum forderten, die nicht
mehr satt wurden in generativer Beschränkung, die es aber auch nicht ertragen
mochten, aus dem Zauberkreis der Gattung ausgeschlossen zu bleiben. So war sie
plötzlich vor ihm gestanden, so hatte er sie »gewusst« - erlebt, - ohne über sie
viel gedacht zu haben. Wie schon manchmal in seinem Leben war hier ein Bild, ein
Gefühl, ein Gedanke entstanden, an dem sein Bewusstsein kein Teil hatte,
zumindest nicht das Bewusstsein, wie es deutlich der Tag gibt. So war über ihn
auch manchmal, wie eine wahrhaftige Offenbarung, ein Rhytmus, ja ein
Gedankenkomplex gekommen, war mit erstaunlicher Deutlichkeit plötzlich vor ihm
gestanden; aber nur in guten Zeiten, in denen seine Kräfte geheimnisvoll sich
erneuten und häuften, geschah ihm, - wie allen Findern, Erfindern, Propheten und
Dichtern geschieht. Darum auch hatte er erkannt - in jener Nacht: die Harmonie -
die geschlossene Einheit ist da, - sie wartet im All, wegsprengen, was sie
birgt, das ist es. Und in begnadeten Zeiten geschah es, dass die chaotischen
Massen, die irgendeine geheimnisumwobene Einheit umgaben, - die zu finden
vielleicht einem einzigen Gehirn bestimmt war, - von selbst auseinander rückten,
wie Kulissen, die auf den Wink der entscheidenden Hand auseinanderweichen, zur
Seite rücken, in die Erde versinken, als Vorhang in die Höhe gehen - und das
geordnete Bildnis in ihrer Mitte freigeben.
    So war ihm in jenen Wochen geschehen - ohne Wissen und Willen. Die eine
Erkenntnis, die er »erfahren«, war Olga. Aber da war noch eine andere, und sie
überraschte ihn tief, als sie plötzlich, in unerwarteter Helle, vor seinem Auge
stand.
    Im Sanatorium selbst hatte er »geschlafen«. Aber schon als er im Bahnzug
sass, der ihn fortführte, war eine wundervolle geistige Lebendigkeit über ihn
gekommen. Es war, als ob die Energien, die die Kur mit Absicht zum Stillstand
verurteilt hatte, nun tausendfältig hereinbrächen; und nicht versplitternd,
auseinanderstrebend, - nein, sie fügten sich leichtin zusammen, tummelten sich,
wie feurige Genien, die zum Werke strömen. Das fruchtbare Land, das kluge
Absicht für eine Weile vollkommen brachgelegt hatte, begann nun zu treiben, die
Aussaat, die vordem ermattet in seinem Schoss gelegen, keimte in neuer Frische
und trieb ihre Schösslinge - herauf - ans Licht.
Mit Stanislaus sprach er sich zuerst über die neugewonnene Erkenntnis aus.
    »Sie erinnern sich an unser letztes Gespräch, - damals bei Ihnen - als - als
Ihre Schwester hier war? Wir sprachen von - Menschenliebe, wissen Sie es noch?«
    Stanislaus lächelte. Er sah friedlich und ruhevoll drein, in letzter Zeit.
»Was geht nun wieder in jenem Kopf vor«, dachte er.
    »Gewiss erinnere ich mich. Sie vertraten die Ansicht, dass man die Menschen,
wie sie da sind, nicht lieben könne.«
    »Nicht in Bausch und Bogen.«
    »Haben Sie Ihre Ansicht geändert?«
    »Nein.« Hoffmann sah ihn ruhig an. In seinem Blick brannte wieder jene
sanfte Glut, aber die Schatten, die sonst sein Gesicht verdeckten, waren
verscheucht.
    - »Nein, ich glaube nach wie vor nicht an die Liebe zur Menschheit, - wie
sie da ist, wie sie kreucht und fleucht. Das ist - abgesehen von jenen seltenen
Erbarmern, die über die Erde gingen, von jenen grossen Gnadenherzen, - ein
Demagogenbetrug.«
    »Wollen Sie leugnen, dass diese Masse, wie sie da kreucht und fleucht, mit
Edelstoffen durchsprengt ist, die nur der richtigen Chemie bedürfen, um frei zu
werden?«
    »O nein, das leugne ich nicht. Das ist's ja eben. Der richtige Lösungsprozess
- das ist hier die Aufgabe.« Und da er sah, dass der andere gespannt horchte,
fuhr er, mit frohem Feuer im Auge, fort: »Hören Sie! Auf das wertvolle
Individuum kommt es an, nicht wahr? Darüber sind wir doch einig.«
    »Immerhin auch auf die bestmögliche Gestaltung der Masse.«
    »Die ist nur möglich - durch ihre Zusammensetzung aus wertvollen und
tauglichen einzelnen. Und diese Möglichkeit ist es, an die ich glaube, die ich
liebe - und der ich dienen möchte.«
    »An dieser Möglichkeit arbeitet eine starke Partei.«
    »Ist sie auf dem Weg?« Gedankenvoll ging er auf und ab. »Ich glaube es
nicht. Diese Partei identifiziert sich mit der Masse. Aber nur Münchhausen kann
sich selbst beim Schopf aus dem Sumpfe ziehen.«
    »Sie wollen sagen -«
    »Dass das Volk, die Masse, - wie sie ist, - sich unmöglich über sich selbst
erheben kann.«
    »Die Masse hat Führer.«
    »Ich weiss es. Aber ich vermisse unter ihnen ein Element, das in voller
Wirksamkeit bei diesem Werk am Platze sein müsste.«
    »Und wer sollte das sein?«
    »Das sind - wir.«
    »Wir?«
    »Ja wir, - die - Intellektuellen.«
    »Und warum halten sie - uns - da für so unentbehrlich?«
    »Die Intellektuellen müssen den Sozialismus auf ihre Weise mitgestalten; die
zerebrale Klärung wird ihn wuchtiger trassieren, als die Tatsachenpropaganda der
Masse.«
    »Das Volk vertraut sich - uns - aber nicht an; es vertraut sich denen am
liebsten, die aus ihm hervorgegangen sind.«
    »Zu Unrecht. Ein Hirn, das sich in schwerer, physischer Fron verbraucht, das
aus Erbmassen stammt, die durch Generationen diese Übertäubung ihres geistigen
Teiles erfahren haben, - wie könnte es schöpferisch neue Gestaltung rufen, - -
wegsprengen, was eine Harmonie verbirgt,« fügte er, wie für sich selbst, hinzu.
    »Das Volk hat übrigens heute nicht nur Führer, die es aus sich selbst
gezeugt hat, es hat auch andere, in Ihrem Sinne.«
    »Ja, ich weiss; die Akademiker fehlen nicht. Aber sie wirken noch nicht ihrer
selbst gemäss, - nicht als Intellektuelle stehen sie am Kampfplatz, - sie ebnen
sich zum Volk herab.« Er ging mit erregten Schritten auf und ab: »Stanislaus:
ich träume von einer Partei der - der Tauglichsten - der Besten.«
    »Und zu diesem Traum brauchen sie -« fragend sah ihn Stanislaus an.
    »Die Sozialisierung, ja gewiss, geebnetes Ackerland - als Boden für das
Wachstum des einzelnen. Sehen Sie, da bin ich. Nicht aus Liebe, - aus Unliebe
bin ich hierher gekommen. Aus Unliebe zum Vorhandenen und - aus heisser Sehnsucht
nach - nach einer höheren Möglichkeit des Menschen.« Erregt, mit flammendem
Blick, feurig, tief verwühlt in seiner Erlebnis, ging er auf und nieder.
    »Ich bin schon lange da«, erwiderte Stanislaus bedächtig und wiegte den
Kopf. »Und aus sehr naheliegender Einsicht. Denn gehören nicht gerade wir zu den
Besitzlosen? dabei sind wir nicht eins mit der Armut, wie der Proletarier, nicht
gestählt durch sie. Mit unseren vielverzweigten Bedürfnissen sind wir in eine
Situation gestellt, die es uns implicite verwehrt, gegen diese fremde und
furchtbare Macht, die Armut, Front zu machen, - robust Gewinn zu suchen. Wer
sonst als wir müsste ein heisseres Interesse daran haben, auf eine Gestaltung der
menschlichen Gesellschaft hinzuwirken, die - Unfallstationen errichtet an allen
Stellen, an denen sie gebraucht werden?! Wer sonst?«
    Hoffmann schwieg, in Gedanken versunken.
    Nach einer Weile sagte er: »Ich will versuchen, mich anzuschliessen, - da, wo
ich glaube, - dass es gut und nötig wäre.«
    »Versuchen Sie es«, sagte Stanislaus. »Ich fürchte nur, dass man es - da -
nicht für nötig hält.«
    Beide schwiegen. Dann fuhr Stanislaus fort: »Da ist etwas, das ich nicht
genau - wahrnehme, nicht ich und nicht Sie. Es ist - wie eine verschleierte
Gestalt. Ich sehe die Erscheinung, aber ich könnte die Formen ihres verhüllten
Leibes nicht mit scharfen, wahren Linien umreissen ... nicht ich und nicht Sie.
Da ist - glaube ich - ein Letztes, das fehlt, Ihnen und mir fehlt - ein letztes,
notwendiges Wissen um dieses Ding.«
    Hoffmann blieb still. Dann sagte er: »Wer weiss denn um dieses Ding? Wer kann
diese Gestalt - kennen? Ahnung - das ist alles.«
    »Ahnung - gewiss. Aber Ahnung, die am Wege wird, genügt nicht - fürchte ich,
ist nicht die richtige Weiserin.«
    »Sondern?«
    »Es gibt ahnend Geborene, - Freund, -und das sind nicht Sie und nicht ich.
Deren Ahnung wächst dann mit ihnen auf, wird immer leuchtender, - und eines
Tages ist sie Wissen geworden. Vielleicht lebt auch der, der um dieses Ding -
mit dem wir ringen - weiss, der dann spielend löst, worüber wir grübeln. Solche
Gutgeborene sind öfters gekommen!«
    »Und zu denen gehören - nicht Sie und nicht ich«, wiederholte Hoffmann
Stanislaus' frühere Worte, und eine leise Bitterkeit zitterte über seine Lippen.
    »Wir tun das Unsere, auch das ist nötig.«
    Es war still und dunkel im Stübchen. Stanislaus holte die Lampe von der
Kommode. »Seit wann sind Sie zurück?«
    Hoffmann hatte seinen Hut ergriffen. »Seit zwei Wochen bin ich hier.«
    »So lange? Ich bildete mir ein, Sie würden mich nach Ihrer Rückkehr früher
finden«, fügte er, gutmütig lächelnd, hinzu. »Haben Sie Olga gesehen?«
    »Ich sehe sie jeden Abend«, sagte Hoffmann mit leiser Stimme und blickte zu
Boden.
    Stanislaus, der eben den Zylinder auf die brennende Lampe presste, - wandte
sich jäh und sah ihn an. »Sie sehen sie -«
    »jeden Abend«, sagte Hoffmann und hob den Blick voll zum Gesicht des andern.
    Der Lampenschirm von weissem Milchglas schlug klirrend an den Zylinder, als
Stanislaus jetzt die Lampe fertig machte.
    »Leben Sie wohl, Stanislaus.«
    »Gehen Sie schon?«
    »Ich gehe ... sie erwartet mich.«
In Olgas möbliertes Zimmer trat die Wirtin ein. Es war eine noch junge Frau, von
kümmerlichem Aussehen, blass, mager, dürftig, die immer mit einem schwer
verärgerten und fast lauernden Gesichtsausdruck umherging. Sie besorgte, ohne
Dienstmädchen, die grosse Wohnung, deren einzelne Zimmer sie bis auf eines, in
dem sie mit Mann und Kindern wohnte, alle vermietete, kochte daneben und gab
ihren Mietern neben dem Frühstück auch einzelne Mahlzeiten. Besonders wünschte
sie, dass man »das Mittag« bei ihr abonniere. Da dieses »Mittag« aber zumeist aus
mehlig wässrigen Büchsengemüsen mit zweifelhaften Fleischbrocken bestand, hatte
sich Olga dazu nicht entschliessen können. Man hörte den ganzen Tag Frau
Schöcherts Stöhnen, - schwere Seufzer, die an ein Erbrechen gemahnten. Sie war
melancholisch veranlagt, misstrauisch bis zu Verfolgungsideen und schon einmal in
einer Heilanstalt interniert gewesen. Die Familie war erst vor kurzem aus der
Provinz nach Berlin übersiedelt. Der Mann war in einem Inseratenbureau
angestellt, wo er Adressen schrieb, Kuverts zuklebte und Briefe frankierte.
Seine Frau hörte es gern, wenn sie mit ihrem vollen Titel angesprochen wurde:
Frau Expeditor. Drei kümmerliche Kinder krochen in der sonnenlosen Hinterstube,
in Küche und Korridor auf ihren dünnen Beinchen, die an gestreckte
Froschschenkel erinnerten, umher, und zumeist hörte man ihr Schreien und Weinen;
auch pflegten sie der Mutter, wenn sie in eines der Zimmer ihrer Mieter trat,
nachzudrängeln, und schloss sich vor ihnen die Tür, so brach draussen ein
ohrenbetäubendes Geschrei aus.
    Als Frau Expeditor Schöchert bei Olga eintrat, zog sie die Nase kraus: »Ich
rieche Spiiiritus«, sagte sie und blickte sich misstrauisch um. Olga legte eben
die Brennschere, mit der sie ein paarmal durch ihr Haar gefahren war, das in
weiten und weich sich biegenden Wellen ihr Gesicht umrahmte, aus der Hand.
    »Ich habe nichts gekocht, Frau Schöchert; Sie wissen ja, dass ich morgens
mein warmes Wasser von Ihnen bekam.«
    Frau Schöchert hatte ihr nicht gestattet, sich selbst Wasser zu wärmen, und
nahm ihr für ein Kännchen heissen Wassers zehn Pfennige ab. Tief aufseufzend
stellte sie das Tablett mit dem Frühstück, - dünnem Kaffee von graubrauner Farbe
und einer kaum be-strichenen »Schrippe« - auf den Tisch; auch Olgas Post lag
darauf.
    »Mit dem Spiiiritusbrennen werden Sie mir noch die Politur ruinieren«, sagte
sie weinerlich und strich mit den Fingerspitzen untersuchend über die
Tischplatte.
    »Das ist unmöglich, Frau Schö - - Frau Expeditor, - sehen Sie, die Maschine
steht ja auf dem starken Nickeltablett.«
    »Man braucht sich nicht die Haare zu brennen«, meinte Frau Schöchert, deren
Stirnsträhne, in papierne Haarwickel eingerollt, um ihren Kopf gepresst waren.
    Olga war die Reden der Frau schon so gewöhnt, dass sie ihr nicht einmal
antwortete; dieses möblierte Elend, das sie in der kurzen Zeit ihres Berliner
Aufentaltes schon in allen möglichen Variationen erfahren hatte, dauerte ja
nicht mehr lange. Seit sie hier gekündigt hatte, war es am schlimmsten geworden.
Sie griff nach ihrer Post, nahm die Briefe nacheinander zur Hand, ohne sie noch
zu öffnen, und betrachtete die Poststempel. Es war wiederholt vorgekommen, dass
ihre Briefe, anstatt ihr übergeben zu werden, in der Küche liegen geblieben
waren. Als sie einmal, zu bestimmter Zeit, einen Brief erwartet hatte und,
nachdem sie den Postboten kommen gehört, nach der Küche gegangen war, ihn zu
holen, hatte ihr Frau Schöchert gesagt: die Mieter hätten in ihrer Küche nichts
zu suchen, und sie habe zu warten, bis sie ihr die Post bringe. Auch heute
wieder fand sie zwei Briefe, die schon am vorigen Abend angekommen waren. Es
waren Nachrichten, die ihre Zeitung betrafen, auf die sie ungeduldig wartete.
Der Unmut stieg in ihr auf. Trotz ihres Entschlusses, die Frau in der kurzen
Zeit, in der sie noch auf eine Gemeinschaft mit ihr angewiesen war, durch nichts
zu reizen, konnte sie die Beobachtung, die sie da wieder machte, nicht
unterdrücken.
    Sofort stieg der Frau die helle Zornesröte in das verzogene Gesicht. »Na nu,
wollen Se mir in meinem Hause Vorschriften machen?«
    »Meine Post gehört nicht zu Ihrem Hause. Entweder Sie weisen den Postboten
direkt zu mir, oder, wenn Sie meine Briefe übernehmen, ist es Ihre Pflicht, sie
sofort abzuliefern.«
    »Haha! Das wäre ja noch schöner. Übrigens Ihre Post! Da kann sich mancher
was denken, wenn ein Fräulein, was anständig sein will, so viele Briefe auf
einmal bekommt.«
    »Frau Schöchert, nehmen Sie sich in acht!«
    »Und überhaupt: Sie haben sich hier als Fräulein angemeldet, - in Ihrem
Meldezettel haben Sie geschrieben unverehelicht - - und hier - hier - - -« sie
wies auf einen Brief, - »hier steht Frau Olga Diamant! - - - Nu ja, in Berlin
kommt eben alles Mögliche vor, - auch Falschmeldungen - alle Tage kommt das hier
vor, - wo so viel Schwindler sind.«
    Die rabiate Dummdreistigkeit der Frau machte es Olga schwer, sie nicht
tätlich hinauszubefördern.
    »Wie kommt das, wie denn?« bohrte sie weiter, - »nu, geben Se doch
gefälligst Auskunft, sonst sage ich das augenblicklich meinem Mann.«
    »Mein Mann,« pflegte sich vor seiner keifenden und stöhnenden Lebenshälfte
in alle Winkel zu verkriechen; aber den Mietern gegenüber wurde das
zusammengedrückte Kerlchen als »mein Mann« und damit als autoritative Instanz
dieses Hauses ins Treffen geführt.
    Olga hatte die kindliche Idee, die Frau belehren zu wollen. »Sehen Sie, Frau
Schöchert - wenn ich Sie und Ihre Verhältnisse vielleicht nicht genau kennen
würde, so könnte ich ja ebenfalls einen Brief an Sie schreiben mit der
Aufschrift: Fräulein Schöchert; dann würden Sie eben einen solchen Brief
bekommen. Wären Sie deswegen eine Schwindlerin?«
    »Gelungene Ausrede!« war die Antwort, und ein verzweifelter Seufzer, der aus
der Tiefe des Magens zu kommen schien, folgte.
    »Übrigens hat das Wort Frau hier auch noch darin seinen Grund, dass man
heutzutage auch selbständige Mädchen mit dem Titel Frau anzureden pflegt.«
    »Eine schöne Mode wäre mir das! Haha! Wenn ein Mädel, das sich mit allen
möglichen Ker ... Herren abgibt, noch eine gnädige Frau vorstellen wollte!«
    »Frau Schöchert«, sagte Olga warnend.
    »Und dass ich's Ihnen nur sage,« brüllte die Wütende, -
    »Ihre Herrenbesuche dulde ich nicht.«
    »Ich habe Ihnen beim Mieten dieses Zimmers gesagt, dass ich Bekannte
empfange; und meine Nachbarin hier, das Barfräulein, gibt in ihrem Zimmer einem
Mann, der gar nicht einmal gemeldet ist, - Unterkunft, - das wissen Sie sehr
wohl.«
    »Das geht Sie einen Dreck an. Das ist dem Fräulein ihr Bräutjam! Aber Sie -
Sie haben keinen Bräutjam, - zu Ihnen laufen alle möglichen Mannsleute - am
hellichten Tag!«
    Von dem nächtlichen Besuche Hoffmanns wusste die Wütende nichts, sie hatte
nur Koszinsky und Stanislaus kommen sehen. - »Und alle möglichen Frauenzimmer
dazu! - Wer weiss, was da vorgeht, - man kennt das schon!«
    »Hinaus!« Olga wies, mit funkelnden Augen, auf die Tür und trat dicht vor
die Frau, die plötzlich Angst bekam und hinausrannte. Gleich darauf hörte man
ihr Gezeter im Nebenzimmer, wo es aber bald von einer brutalen Männerstimme
übertönt wurde.
    Mit vor Ekel und Erregung zitternden Händen öffnete Olga ihre Post. Nein,
das wäre so nicht weiter gegangen. Aber was lag ihr jetzt daran! Die kleine
Wohnung im Vorort war gemietet, und am nächsten Ersten zog sie in ihr Heim.
    Nachmittags - es war Sonntag - kamen bei den Wirtsleuten Verwandte zu
Besuch. Eine jüngere Schwester der Frau, die »Lehrdame« bei einer Schneiderin
war, und der Bruder des Mannes, der eine »Besohlanstalt« besass; ein anderer
Bruder der Frau war »Kammerjäger«, das heisst, er besass ein »Institut zur
untrüglichen und radikalen Vertilgung von Schwaben (Russen, Franzosen), Wanzen,
Ratten, Motten«... Die Gevatterschaft rückte mit Kind und Kegel zum Kaffee an,
und den ganzen Nachmittag quietschte das Grammophon durch die dünnen Wände.
Gemartert, musste Olga zu Hause bleiben, bis Hoffmann sie abholte; dann flohen
sie die gastliche Stätte. Er tröstete sie; was lag ihnen jetzt an diesen
Widerwärtigkeiten.
Wenige Wochen später stand sie, in ein Tuch gehüllt, auf dem kleinen Balkon
ihrer Wohnung; die lag voll nach Süden. Die Häuser gegenüber waren durch Gärten
voneinander geschieden. Diese Villengärten hatten auch jetzt, zum Winter, noch
grüne Rasendecken, von denen sich der ockergelbe Kies farbenfröhlich abhob.
Gegen Westen war die Gegend noch unbebaut, und sie konnte weitin über freie
Felder sehen. Immer hatte sich, wenn sie einem Stückchen freier Natur
gegenüberstand, ein Glücksgefühl bei ihr eingestellt. Sie bedurfte auch nicht
der grossen Effekte. Sie hatte wohl die Berge, aber noch nicht das Meer gesehen.
Schon wenn sie, in ihrer Heimat, aus dem schmutzigen Städtchen in die dürftige
nähere Umgebung, mit ihrem heidenartigen Charakter, herausgeeilt war, hatte sie
sich freier gefühlt. In ihrem Vaterhaus waren nur düstere Räume gewesen, und
alle Fenster gingen nach dem Marktplatz mit seinem widerlich belebten Getriebe
und seinen Schmutztümpeln zwischen dem schlechten Pflaster oder aber, noch
schlimmer, - in einen erbärmlichen Hof, mit nassem, kotigem Grund, der von allen
Seiten von russigen Mauern umragt war. Heraus, heraus, - so hatte alles in ihr
drängend gerufen, wenn ihr Blick auf diese Umgebung fiel. Und dieser Ruf in ihr
hatte sie gedrängt, getrieben, - bis sie wirklich heraus war.
    Und nun stand sie hier, auf dem Balkon ihrer Wohnung und blickte in die
gepflegten, zierlichen Bauten, die die Weltstadt bis hier heraus schob, -
blickte in die freien Felder hinüber. Diese letzten Herbsttage waren feucht und
für Berlin ungewöhnlich stürmisch. Manchen Augenblick, wenn der Wind um sie
herum blies, glaubte sie, so ähnlich, nur noch kräftiger und deutlicher im
Geruch, müsse die Luft sein, die über die See strich. Die See! In vier Stunden
konnte man sie von hier erreichen! Diese Nähe beglückte sie.
    Durch die kahlen Zweige einer Allee, die drüben den Weg begrenzte, sah sie
die braune Erde sich ins Weite strecken. Über die Landschaft spannte sich,
flach, ein verdunkelter, regenschwerer, herbstlicher Himmel, der, nahe dem
Horizont, mit einer Geraden abschnitt. Von da an schlossen sich zarte, hellgelbe
Lichtstreifen an das dunkle Grau der Wolkenballen, die in eine breite,
gelbleuchtende Fläche, die wie geschmolzenes Gold glühte, einmündeten.
Stellenweise war diese leuchtende Masse zerrissen und, flimmernd umrahmt,
schimmerten diese Stellen in zartestem Blau. Sie atmete die bewegte, feuchte
Luft ein und blickte in den Glanz, bis der Himmel abendlich erlosch. Dann ging
sie in ihre Wohnung, die aus zwei Zimmern und Nebenräumen bestand, und mit
einfachen, hellen Möbeln, im modernen Geschmack eingerichtet war. Sie
betrachtete alles noch einmal, und Dankbarkeit für dies bescheidene Eigentum war
in ihrem Herzen. Draussen die blanke Emaillewanne, in die das heisse Wasser
sprudelte, so oft man den Hahn aufdrehte, hatte sie ebenso entzückt, wie die
Heizung, die ein Handgriff an den weisslackierten Rohren bediente und wie die
elektrischen Flämmchen, die sie überall aufblitzen lassen mochte, wo es ihr
gefiel; beinahe zärtlich streichelten ihre Blicke das Telephon, den kleinen,
zierlichen Tischapparat, - an dessen unsichtbaren Enden die Welt hing ...
    Aber nun zur Arbeit. Fräulein Wigolski sollte heute Abend kommen. Wichtige
Briefe und ein paar kurze Artikel waren zu diktieren. Auch diese Arbeit, dachte
sie, während sie ihre Mappe öffnete, danke ich dir, Weltstadt, du Strenge, du
Inspiratorische, du dem Suchenden Gnädige; ich glaube, ich verstehe dich, -
Berlin.
Zwischen Lore Wigolski und den Geschwistern war bald Freundschaft geschlossen
worden. Mit dem ruhigen Freimut, der ihr eigen war, hatte sie ihnen beiden ihr
Schicksal erzählt, - ihre Schicksalslosigkeit, wie sie es nannte. Denn sie sah
in dem, was ihr begegnet war, keine Entscheidung. Was sie in vollem Bewusstsein
gewagt, - es hatte sie aus der Linie der bürgerlichen Sphäre, der sie
entstammte, herausgeschoben, aber es hatte ihrem Leben nicht Ziel und Abschluss -
sei es durch Erfüllung oder durch Entsagung, - zu geben vermocht.
    Das Verhältnis, dem ihr Kind entstammte, war nicht einer unbesieglichen
Leidenschaft entsprungen; ihrem heiter-klaren Wesen lag nichts ferner, als sich
in einem »Rausch« zu »vergessen«. Die Ruhe, mit der sie das ihren Freunden
bekannte, war ihnen beiden ein Neues. Gerade als sie Lores Geschichte erfuhr,
grübelte Olga manchmal bis zur Selbstpeinigung über ihr Verhältnis zu Werner.
Hier aber hatte ein Weib die Bestimmung seines fruchtbaren Leibes unter
bedrohlichen Verhältnissen erfüllt, ohne im Gleichgewicht ihrer in sich selbst
wurzelnden Natur erschüttert zu werden.
    »Ich habe jahrelang niemanden kennen gelernt«, erzählte sie den
Geschwistern. »Niemanden, mit dem auch nur im mindesten eine andere als eine
konventionelle Beziehung möglich gewesen wäre. Sollte man das wohl glauben? Ist
es nicht die landläufige Meinung aller Leute, Liebe, ja sogar Ehe, sei das
selbstverständliche Geschick, das alle hübschen Mädchen erwarte? - Und dabei
lebte ich immer in Berlin« Ihr Vater war ein kleiner Kaufmann gewesen, nun tot.
Die Mutter lebte bei einem älteren Bruder in Königsberg. Sie hatte der Tochter
mit einem Teil ihrer Einrichtung ein eigenes Heim gründen helfen, - da nun, nach
dem »Unglück«, an eine normale »Versorgung« nicht zu denken war. Das »Unglück«
bestand darin, dass dem einsamen Mädchen, das schon im Hause der Eltern an der
Schreibmaschine sein Brot verdiente, eines Tages ein Mann begegnete, der ein
freundliches Gefühl für sie fasste. Es war ein Ingenieur, deutscher Abkunft, der
seit Jahrzehnten in Amerika lebte. Zu kurzem Aufentalt in Deutschland, suchte
er eine Privatsekretärin und fand sie in Lore. Schon sein Äusseres gewann sie,
mehr noch sein fröhliches Wesen. Von hohem Wuchs, mit dichtem, rötlichen
Bartgestrüpp, klug, klar und ehrlich, - so trat er in ihr Leben. Dass der Mann
sie begehrte und dass er vor dem Antrieb seiner Gefühle nicht »floh«, wie alle
anderen, die sie kannte, - die, wenn nicht alles »stimmte«, keinen Glücksversuch
mehr wagten, - das hatte Lore, die »Glücksjägerin«, als die sie sich selbst,
wenig schonend, bezeichnete, mit einer starken, neuen Freude erfüllt. Mr.
Shubert - wie er sich amerikanisiert nannte - war verheiratet, Vater dreier
Kinder, und lebte in zufriedener Ehe. Seine Frau, eine Irin, war, nach seiner
Erzählung, eine gute Genossin für ihn. Und obwohl Lore wusste, dass Mr. Shubert
bald zu den Seinen zurückkehren werde und dass er ihr nichts weiter zu bieten
hatte als eine freilich zärtliche Neigung, - ein Gefühl, das er selbst erotische
Freundschaft nannte, - gab sie sich ihm.
    Als das Kind geboren wurde, war er weit fort. Sie waren in Korrespondenz
geblieben, in die zuzeiten grosse Pausen eingestreut waren, die aber nicht
abbrach und die freundschaftliche Herzlichkeit nicht verlor. Als er von ihrer
Schwangerschaft und dann von der Geburt des Kindes erfuhr, war der Ton seiner
Briefe noch wärmer und herzlicher geworden. Nun hatte er das bisher als
Geheimnis gehütete deutsche Erlebnis auch seiner Frau anvertraut. Trotz des
Schmerzes, der über sie, wie über jede natürlich empfindende Frau, bei dem
Gedanken gekommen war, dass er eine andere begehrt, - in seiner Art geliebt - und
besessen hatte, war diese Ehe nicht erschüttert. Denn dieser Mann mit seiner
fröhlichen, tüchtigen und starken Art, das Leben zu bewältigen, der ihr nie eine
Stunde des Unwillens bereitet hatte, - dieser Mann, das fühlte sie, hatte ihr
durch die Hinneigung zu einer anderen Frau nichts genommen. Und um eine Geringe
konnte er die immer gewahrte Treue nicht gebrochen haben. Ihn hatte Lores Art an
seine Frau gemahnt. Und das Mädchen, das anfing zu verbittern, weil es keinem
begegnete, der so aussah wie man sich gemeinhin einen »Mann« vorstellt, - sie
hatte dem deutlich frohen Gefühl, das sie zu ihm zog, mit keiner Faser ihres
bewussten Willens widerstrebt. - Er sorgte treulich für das Kind. Ein Mehr lehnte
sie ab, da sie für sich selbst arbeiten konnte.
    Sie erzählte den Geschwistern an einem Abend, an dem sie in Olgas Heim
zusammensassen, dieses so seltsam scheinende und doch so schlichte Begebnis ihres
Lebens.
    »Wie vielfältig ist alles Sollen, Wollen und Müssen in Fragen des
Geschlechtsschicksals eines Menschen«, sagte Olga. »Wie kann man in feste Regeln
zwängen wollen, was in unendlichen Formen immer wieder sich offenbart.«
    Stanislaus hatte mit glänzenden Augen, in tiefem Schweigen auf Lores
Erzählung gehorcht.
    »Und nun? Sind Sie froh?« Er fragte es gespannt, mit verhaltenem Atem, als
erwarte er eine Entscheidung.
    »Sie meinen mit dem Kind? Wie sollte ich da nicht froh sein?«
    »Das ist gut, das ist gut«, sagte er freudig und erfasste unwillkürlich ihre
Hand, die sie ihm, mit freundlichem Blick, überliess. »Denn es ist wirklich ein
Gutes, ein unzweifelhaft Gutes aus Ihrem Erlebnis geworden, - da Sie es so ganz
und heil überstanden haben! Kennen Sie Ardinghello?« fuhr er fort. »Das ist eine
kostbare Geschichte von Heinse, einem Zeitgenossen Goetes; da wird von einer
ähnlichen - Verirrung etwas Rechtes gesagt.«
    Er trat ans Bücherbrett, fand das Buch und die Stelle, die er suchte, und
las:
    »Und so ward ein süss verlassen Weib glücklich gemacht, und es lebt ein
himmlisch Geschöpf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzücken.«
    Er liess das Buch sinken und sah sie mit freudigen Blicken an. Olga nahm das
Buch, das ihr der Bruder einmal geschenkt hatte, aus seiner Hand, blätterte
darin, vertiefte sich in einen anderen Satz und las auch den. »Ein Weib ist doch
das armseligste Ding auf Erden ... Gefesselt auf allen Seiten, dürfen wir keinen
freien Schritt tun, wo uns der Geist hinleitet, - ohne Schmach und Schande.«
    Lore blickte ruhig vor sich hin, ihre grossen, grauen Augen leuchteten auf,
und sie schüttelte leise den Kopf.
    Stanislaus betrachtete sie. Er sah, wie der lichte Schein sich über die
strengen Züge ihres Gesichts breitete, die herben Linien des dunklen Teints
weich erscheinen liess. Er sah, wie sich ein Lächeln ihrer Seele offenbarte, ohne
eine Bewegung der Lippen, - ein Lächeln, das auf dem Strahl des Auges
herangeschwebt kam, aus der Tiefe.
    Olga sagte: »Und hat Sie dieses Erlebnis niemals um Ihre Ruhe gebracht?«
    Nun ergriff das Lächeln Besitz vom Munde, streckte die breitgezeichneten,
geraden Lippen und liess die weissen Zahnreihen fröhlich blinken. Sie schüttelte
den Kopf. »Um meine Ruhe? - so manches Mal. Aber es war immer ein gutes,
herzliches und glückliches Gefühl dabei«, sagte sie einfach, mit ihrer starken
Stimme.
    »Und Sie haben sich nie - unfrei gefühlt?«
    »Liebe - und was ihr verwandt ist - darf nie unfrei machen.«
    »Und wenn sie es doch tut?«
    »Dann muss man laufen, - fortlaufen über alle Berge!«
    »Und wenn Sie der Mann im Stich gelassen hätte?« »Nun, rein äusserlich,
sozusagen lokal«, sie lachte kräftig, - »hat er mich ja im Stich gelassen. Und
innerlich -«
    »Nun?«
    »Innerlich war ich nie verkettet«, fügte sie leise, bekennend hinzu.
    »Er hat aber nie etwas getan, - was Sie schwer enttäuschte«, fuhr Olga fort,
und ein fremder, schmerzlicher Zug, den Stanislaus mit Bangen betrachtete, lag
auf ihrem Gesicht.
    Lore schüttelte den Kopf. »Alles war klar und kam, wie erwartet.«
    »Und wenn er Sie getäuscht hätte?«
    »Dann hätte ich, da ich ja doch das Lörchen davontrug, - mich wohl von ihm,
aber nicht vom Schicksal betrogen gefühlt.«
    »Das Lörchen, das liebe Lörchen! - Das ist freilich ein reeller Besitz«,
sagte Stanislaus. »Aber das Kind hat viel verloren durch die Trennung der
Eltern, durch die Vaterlosigkeit.«
    »Ich weiss nicht, ob das so schlimm ist, wie es erscheinen könnte. Der Vater
hilft mir ja, dafür zu sorgen.«
    »Doch - doch! Es ist nicht gut für das Kind, - glauben Sie es mir! Und nicht
etwa aus konventionellen Gründen. Ein Kind braucht einen Vater, - einen ihm
immer nahen, dauernden Freund, der ihm hilft, sich zurecht zu finden, in diesem
Wirrwarr.«
    »Aber ist denn jeder Vater ein solcher Freund?« meinte Olga, »ich zweifele
daran.«
    »Ich zweifele sicherlich nicht minder,« sagte Stanislaus lächelnd, »ich sage
nur: schlimm ist's für jedes Kind, das solchen Freund, der über seine Jugend
wacht, nicht neben der Mutter noch hat ... Nicht gerade der Vater muss es sein«,
fuhr er nachdenklich fort. »Der Erzeuger ist wohl der erste für dieses Amt. Aber
ist er nicht zur Stelle« - er blickte grübelnd vor sich hin, - »dann kann es
auch ein anderer sein.«
    »Welcher andere«, meinte Lore, seufzend, »wird wohl gern und dauernd dieses
Amt übernehmen.«
    Gedämpft, mit schamhaftem Gesicht, erwiderte Stanislaus: »Das wird einer
tun, - der - der sein Schicksal mit dem der Mutter verbindet.«
    »Der Stiefvater also«, sagte Lore und sah ihn, mit lächelnden Augen, voll
an.
    »Der Stiefvater - ganz recht!« erwiderte Stanislaus, über dessen Gesicht
sich Röte verbreitet hatte, - brach ab und schien seine Gedanken weiter zu
spinnen.
    Die drei schwiegen. Nach einer Weile fuhr Stanislaus fort: »Es müsste
interessant sein, das zu erforschen.«
    »Was denn?« fragte Olga.
    »Das Schicksal der unehelichen Kinder. - Hier müsste man nach zwei
Gesichtspunkten untersuchen«, fuhr er fort, vertieft in sein Tema, - als
zeichne er eine Disposition. »Man müsste erstens« - er schob den Daumen vor -
»die Entwickelung jener Kinder verfolgen, deren Mütter ledig blieben, - und
zweitens«, der Zeigefinger folgte, »die der anderen, deren Mütter später noch
zur Ehe gelangten.«
    »Du meinst die, die schliesslich den Vater ihres Kindes heiraten?«
    Zögernd und gedehnt, kam es heraus: »Die meine ich eigentlich nicht, - das
heisst auch, aber hier liegt nicht das wesentliche Problem.«
    »Sondern?«
    »Ich meine - mich interessiert eine besondere Gruppe - - ich meine die -
eben die Familie, - in der der Gatte nicht der Vater des Kindes ist, das das
Mädchen schon vor der Ehe besass ... Diese - diese Stiefvaterfamilie, die
erscheint mir sehr merkwürdig und sehr beachtenswert«
    »Sieh da, - das klingt ja wie ein Plan! wie ein neues Buch!«
    »Das wäre schon ein Stoff«, erwiderte er lächelnd, und gedankenvoll vor sich
hinblickend, fuhr er fort:
    »Einer, der einen fein herausbrächte aus der sterilteoretischen Zerfaserung
der Nervenstränge der Moderne - hinein, ins Lebendigste. - -«
Einige Wochen später schrieb Lore an Olga:
    »- - Wer ist ein Freund? Der, dem wir die peinlichsten Erfahrungen mitteilen
können, ohne die Befürchtung, in seinen Augen geringer zu werden oder seine
Schadenfreude zu erregen. Darum werde ich mit einer Beichte morgen zu Ihnen
kommen. Ich habe eine Menge Komisches und eigentlich Trauriges erlebt, - das
durchaus erzählt werden will. Also, ich komme morgen, eine Stunde vor Beginn der
Arbeit, um Ihnen Dinge zu berichten, - Dinge, über die sich ein zartes
Inwendiges (sprich: Inwenjes) um und um wenden könnte.
    Um Sie schonend auf das Tema vorzubereiten: ich bin und bleibe eine
unverbesserliche Glückssucherin, die sich noch die Nase platt schlagen wird,
wenn nicht ein glücklicher Zufall verhindert, dass sie auf besagte Nase fällt, -
das heisst irgendein fester Griff die Herunterrutschende auffängt, was nicht
erhofft
                                                                            Ihre
                                                                          Lore.«
Sie kam und erzählte:
    »Das Alleinsein ist schwer, - darüber sind Sie mit mir einer Meinung, nicht
wahr?«
    »Auch Ihnen?«, sagte Olga überrascht. »Jeder jungen Frau; sagt eine es
anders, so lügt sie. Allgemein wird in diesem Punkte gelogen.«
    »Aber Sie sind doch schon - nicht allein gewesen!«
    »Kurze Zeit lebte ich so, wie ein jugendlicher Mensch, dessen Herz und Blut
in normaler Verfassung sind, leben soll. Zu schnell war ich wieder allein - und
doppelt schwer lagen die Tage und die Nächte auf mir.« Sie schwieg und atmete
schwer, und das erstemal sah Olga, wie in dem stolzen, strengen Gesicht die Züge
sich senkten, die Schatten sich breiteten, wie die Lippen, in herber
Verächtlichkeit, sich aufwarfen. »Mein Leben lang«, fuhr sie fort, - »habe ich
niemanden kennen gelernt, - in dem Sinne, wie es ein Mädchen erwartet, - wie man
es ein Mädchen als Selbstverständliches erwarten lehrt. Torheit, überlieferte
Lüge, verhängnisvoller Betrug!... Keiner tritt so vor diese Mädchen, wie sie es
erwarten, nichts dergleichen. Auf der Strasse dreht sich ab und zu einer um,
folgt einige Schritte, murmelt schamlose Worte ... Endlich kommt einer - durch
den Beruf. Wäre der nicht, so hätte der Heiratsvermittler einige zwanglose
Bekanntschaften vermittelt, - vorausgesetzt, dass er auf dem Folio der Kundschaft
eine Zahl hätte notieren können; sonst auch nicht. - Also bei mir war's der
Beruf, der mir endlich, zufällig, einen Mann präsentierte; und
selbstverständlich scheint mir's, dass auch dieser einzige Fall der gegenseitigen
Anziehung nicht glatt lag. Selbstverständlich, dass der Mann längst vergeben war,
so dass er nur durch einen - Seitensprung -« ein gewaltsames Lächeln bedrängte
ihren Mund, - »für kurze Zeit an meine Seite kam ... ein Wunder war's dass alles
schön war und blieb, - ein wahres Wunder!« Über ihrem gesenkten Kopf, der von
den braunblonden Flechten fast gänzlich bedeckt war, lagerte tiefe Traurigkeit.
    »Ein Wunder - das Ihre vornehme Selbstbescheidung ermöglichte.«
    »Aber was nun!« stiess Lore heraus.
    »Sie haben das Kind.«
    »Sagen Sie das im Ernst? Sie? Soll das als letzte und endgültige
Abschlagszahlung gelten? Für mich rangiert dieser Wert auf einem anderen - ganz
anderen - Konto, der das andere, leere Blatt in der Bilanz nicht füllen kann.«
    »Sie sind nicht eine, an der das Schicksal vorbeigeht, - es wird Ihnen
früher oder später deutlichen und dauernden Besitz geben.«
    Lore lachte, mit ihrer tiefen Kraftstimme, aber es klang rauh und unfroh.
»Sie zählen also auch zu jenen bequemen Fatumsgläubigen. Es wird schon kommen, -
natürlich! Ohne dass wir den Finger rühren, - wird das Wunderbare - welches das
Natürliche in dieser Welt der Unnatur schon geworden ist - das Notwendige - vor
uns treten! Haha!« -sie stiess, mit finsterem Gesicht, ein Lachen aus - »wer's
glaubt, wird selig!«
    »Nicht ganz, ohne dass wir den Finger rühren«, sagte Olga, mit Bedeutsamkeit.
    »Sehen Sie, das meine ich auch. Ich weiss, dass nichts von selbst kommt - und
darum - habe ich mich aufgerafft und - und habe alles - Eklige, das dabei ist, -
überwunden - - und habe - was - getan.« Sie betonte und zog das »getan« mit
Selbstironie, hinter der schon wieder ihre ursprüngliche, kraftvolle Heiterkeit
hervorkam. »Ich hab's getan«, sagte sie nochmals, warf sich auf das Sofa und
lachte tief, laut, aus voller Brust, mit einem Gesicht, aus dem alle Bitternis
verschwunden war; nur noch bedingungsloser Lachreiz machte sich geltend. Der
Antrieb, die Welt und ihre misslich-komischen Konstellationen mit Humor zu
nehmen, der der stärkste ihres Wesens war, hatte sich auch jetzt wieder über
ihre Verdüsterung hochgeschwungen. »Ich hab's getaan«! Sie vergrub das lachende
Gesicht in die Kissen.
    Olga setzte sich belustigt in den Schreibtischsessel. »Erzählen Sie Ihre
Schandtaten, ich möchte schon gern etwas davon hören.«
    Noch immer lachend übers Sofa geworfen, zog Lore einen Brief aus der Tasche
und reichte ihr ihn hin. Es war ein Schreibmaschinendurchschlag. Olga überflog
ihn:
    »Sehr geehrter Herr! Ihre Annonce hat mir, ich muss es gestehen, Eindruck
gemacht. Ganz zufällig blieb mein Blick an diesen grossen Typen hängen, und je
weiter ich las, desto mehr interessierte mich der Inhalt.«... Die Schreiberin
ging dann auf diesen Inhalt - den einer Annonce, in welcher sich der Inserent
als ein Herr vorgestellt hatte, der von »traditionellen Moralwerten« nichts
wissen wollte, - des näheren ein. Als Antwort hatte sie ein Billett erhalten,
das sie in den Wartesaal des Potsdamer Bahnhofs bestellte. Nachdem sie dort
dreiviertel Stunden vergeblich gewartet, ohne einen Herrn von der beschriebenen
Signatur eintreten zu sehen, - war sie fortgegangen, zur nächsten Filiale eines
grossen Blattes und hatte da selbst inseriert, dass sie die Bekanntschaft eines
gebildeten Mannes suche. »Unabhängige junge Dame usw.« Hierauf hatte sie mehr
als dreissig Briefe erhalten, von denen nur einige zur Auswahl in Betracht kamen.
Diese Rendezvous' hatte sie absolviert.
    So traf sie, am ersten Tag, einen kleinen, kurzbeinigen Herrn, der ihr
gleich versicherte, er wisse, dass der Verkehr mit einer Frau Geld koste; darüber
seien die Gelehrten einig; auf ein warmes Abendbrot und eine Flasche Wein käme
es ihm auch nicht an. »Das, was Sie sind,« sagte der Kurzbeinige, indem er sie
musterte, - »suche ich schon - seit Wochen.« - - Am anderen Tag kam sie mit
einem Herrn, in der Uniform eines Freiwilligen, in einer kleinen Konditorei
zusammen. (Sie hatte die Rendezvous' so eingeteilt, dass sie binnen einer Woche
die »Reflektanten« kennen lernen konnte.) Beim Zahlen meinte der Freiwillige,
ohne besondere Verlegenheit, er habe die Börse vergessen und ersuchte sie
»auszulegen«. Auch erbat er, zum Abschied, ihre altmodische, goldene Brosche, -
als Pfand, dass sie wiederkomme, wie er scherzhaft meinte. Sie stammelte, es
handle sich um ein Familienerbstück, dessen sie sich nicht entäussern könne und
machte, dass sie fortkam. - - Ein schneidiger, junger Arzt war der Dritte. Er war
brünett, korpulent, unternehmend. »Sie sind pervers, - das kann ich als Arzt auf
den ersten Blick konstatieren«, meinte er und zwinkerte sie an; darauf folgte
eine Abhandlung, die sich der Wiedergabe entzog. Er bestellte sie »für
nächstens« in seine Wohnung, da er lange »Fisematenten« nicht liebe. - Als sie
an jenem Nachmittag wieder zuhause war, empfand sie die Einsamkeit wie ein
Glück. Dennoch wollte sie noch einmal den Versuch machen und fand sich am
nächsten Tag vor einem Postamt ein, wohin sie einen der Unbekannten bestellt
hatte.
    Ein grosser, schlanker, feingekleideter, junger Herr trat bald aus der Tür
des Amtes und ging auf sie zu. Er hatte angenehme, ebenmässige Züge. »Pardon -
Lagerkarte 32?« Und, als sie bejahte: - »Ich bitte um Entschuldigung, aber drin
im Postamt begegneten mir zwei Kameraden, die ich leider nicht abwimmeln
konnte.« Dann traten sie auch schon aus der Tür, und es schien ihr gar nicht so
zufällig, dass sie hier waren.
    »Welchen Namen, bitte?«
    »Weissmann«, sagte sie.
    »Zur Leiden«, flüsterte er.
    Die beiden Herren traten langsam heran und massen sie dabei mit langen
Blicken. Der eine war ein blonder, grosser, massiger Kerl, mit brutalem Gesicht.
Der andere - eine Karikatur für den Simplizissimus. Schlotterig, klappernd, mit
dandyhafter Eleganz gekleidet, mit verlebtem, verfältetem Gesicht, das nie jung
gewesen zu sein schien, das Monokel ins Auge gekniffen. Ein kleines, steifes
Hütchen sass ihm auf der Schädelspitze; darunter sahen semmelblonde, kindlich
weiche Härchen hervor, - das einzige Erbteil seiner Rasse, das er, in seinen
letzten Resten zumindest, bewahrt hatte. Beide hatten Operngläser umgehängt; sie
wurden als Kollegen - Assessoren - vorgestellt.
    »Loge im Apolloteater,« schnarrte der Klapprige, - »gehst du mit?«
    Herr zur Leiden meinte, er würde kaum mitalten, aber vorher könne man noch
in ein Café gehen. Sie traten in das Romanische Café und fanden mit Mühe einen
Tisch. - Was sie mit den drei Fremden reden sollte, wusste Lore nicht. Man sprach
über das Café, die Bedienung.
    Herr zur Leiden steckte den Zucker in die Tasche. »Den muss ich meinem Koko
mitbringen«, meinte er.
    »Haben Sie einen Papagei?« fragte Lore, der schwül zumute geworden war,
hilflos.
    »Ich habe einen kleinen Vogel, - ist aber kein Papagei.«
    Der massige Assessor schlug sich auf die Knie und brach in brüllendes
Gelächter aus. - »Nen kleinen Vogel, famos! Pruh!!« Er schüttelte sich, unter
schnaubendem Gelächter. - »Sein kleiner Vogel« - er stiess prustend dem
Klapprigen in die Seite, - »is ein möchtjes Biest, mein Fräulein«...
    Die Redensart: seinen Ohren nicht trauen - erlebte Lore in diesem Augenblick
buchstäblich. Sie traute nicht - ihren Ohren. Sie musste misshört haben. Aber da
grölte der Massige noch einmal: »Ein möchtjes Biest, mein Fräulein ...«
    Nach diesem letzten Rendezvous gab Lore die Versuche dieser Art auf.
In niedergeschlagener Stimmung kam Werner. Der frische Zug, den er aus dem
Sanatorium mitgebracht, war aus seinem Gesicht schon wieder gewichen. Um die
Lippen lag Enttäuschung, und die Augen hatten den frohen, sammetnen Glanz nicht
mehr, den sie damals gehabt. Sein Gesicht schien wie ausgebleicht.
    Er liess sich schwer auf einen Lehnstuhl fallen.
    »Die sauersten Jahre liegen noch vor uns, meine Liebe.«
    »Wieso«, fragte sie.
    »Hast du noch Sehnsucht nach einer Zuflucht in einen Glauben? Willst du dich
unter das Dach eines Dogmas verkriechen? Schlag dir das aus dem Kopf! - Aber es
ist schwer; denn in diesem Lebensalter will sich der Wahn, als müsse man Ziel
und Mündung finden, nicht zufrieden geben.« Nervös sprang er auf und ging auf
und ab. - »Unsinn, Täuschung, eingeborene Verstellung der inneren Optik!...
Ziel- und uferlos ist alles, alles. Eine Weltanschauung - haha - das ist die
drolligste Pygmäenerfindung der zweibeinigen Aufrechtgeher. Das Weltbild auf
eine Formel bringen wollen! Und dieser Wahn wird in die Gehirne gepresst und da
aufgezogen, - gezüchtet, vererbt, - ein Verbrechen!«
    Wie der Wahn in die Gehirne der Mädchen, das Wunderbare müsse kommen, -
dachte Olga.
    »Die sauersten Jahre«, wiederholte er, - »sind die, die man durchmachen muss,
um diesen eingezüchteten Talmiglauben loszuwerden.« Sein Gesicht verfinsterte
sich. »Aus dem kommt alle falsche Begeisterung, - die man dann tappend,
irrlichternd wieder an falsche Adressen richtet.«
    Und er erzählte, wie er zu dem hervorragendsten Führer der sozialistischen
Partei gekommen war.
    »Ich sage dir - ein Mensch, ein Mann! Eine Ruhe, eine Wurzelsicherheit, die
- einen - wie mich - erschüttern muss. Kein Genie, kein Feuergeist, ein
nüchterner Rundkopf,« - er formte mit hohlen Händen die Konturen, - »klar wie
der helle Tag. Sein Wesen - nur mit dem griechischen Wort wiederzugeben:
Sophrosyne; Gestalt gewordene Besonnenheit. Der ganze Mann: Balance. Und der
Mann kennt nur eine Liebe: die Proles, das Volk, die Masse. Reagiert auf Leute
wie mich - mit automatischer Ablehnung; natürlich. Will die Güter der Welt, um
sie aufzuteilen, wenn's sein muss, auf die magerste Einheit bringen; nicht zwecks
Akkumulation der Kräfte an besonderen Stellen, - zu einem neuen Adel der
Persönlichkeit - nein, ganz regelrecht, wie sich der kleine Moritz den
Sozialismus vorstellt: verteilen, - - weil alle gleich sind.«
    »Alle sind ungleich, sage ich, - das ist das Stupendeste, in die Augen
Springendste, Unübersehbarste!«
    »Was wollen Sie mit dieser Gesinnung bei uns?«
    »Gerade deswegen bin ich hier. Weil alle ungleich sind, müssen
Verfälschungen der Erhebung - durch die Verschiedenheit des ursprünglichen
Standplatzes - ausgeschlossen sein; ebenes Terrain für alle - zwecks Erkenntnis
der verschiedenen Höhen.«
    »Sehr gut« sagt er und lächelt - wie der Chirurg, der im Seziersaal, am
zerlegten Gehirn, die vermutete kranke Windung findet, - »ausgezeichnet und
dann?«
    »Dann? Dann, - nach unverfälschter Erkenntnis verschiedener Höhen -
verschiedene Verteilung der Güter, Adelsklassifikation, ja nennen Sie es
meinetwegen Kastenbildung, bestimmt von der verschiedenen Leistung; - aber - auf
nivelliertem Terrain! von Haus aus: gleiche Chancen für alle - beim Auslaufen;
ungleiche Chancen, verschiedene Preise - je nach der Tüchtigkeit im Rennen, - am
Ziel!«
    »Sie kommen mit einem aristokratischen Prinzip und - als Mann von Geist«,
sagt er mit dem höflichsten Gesicht.
    »Ich komme als natürlicher Verbündeter. Wir Intellektuellen sind längst
nicht mehr die Schmarotzer der Teorie; wir sind Arbeiter, wie die Ihren!
Stellen Sie uns auf den Posten, - wir gehören zu ihnen. Wir sind es, wir waren
es, - die die Massen ursprünglich beunruhigten und damit in Bewegung brachten.
Unser Gehirn hat die Hände zur Tat gelenkt. Die blosse Politik des derben
Trittes, wie sie heute geübt wird, tut es nicht mehr allein. Stellen Sie uns ein
in die Reihen!«
    Er antwortet: »Der Sozialismus fusst allerdings auf wissenschaftlichen
Teorien, indessen - gerade die verschiedenen Teorien haben sich zu Hypotesen
- unsere Feinde sagen: Utopien - zurückentwickelt. Wahr und unanfechtbar,
einleuchtend auch für unsere Gegner ist nur eines« - sein Gesicht wird eisern -:
»die Politik des derben Trittes«, - - jetzt lächelt er wieder, mit dieser
verfluchten Höflichkeit, - »die wir machen und die Ihnen missfällt.« Hoffman
schwieg.
    »Und somit?« sagte Olga.
    »Somit - gezählt, gewogen und zu leicht befunden; das ist alles.«
Versuche und Kämpfe überall. Es war, als stünden alle die Ihren jenseits der
Zone der Beruhigten und Gesicherten. Der Briefwechsel mit den Wiener Freunden,
der in den ersten Berliner Wochen, da sie zu tun hatte, sich hier einzufinden,
gestockt hatte, war wieder aufgenommen worden. Auch von da kamen Nachrichten der
Unruhe. Professor Diamant war mit seiner grossen Arbeit über Krebsforschung
hervorgetreten. Nach der ersten Pause der Verblüffung, die seine durchaus neue
Metode der Diagnose, die fast einer Entdeckung glich, erzeugt hatte, brach der
Sturm der Gegner los. Seine Metode bezog sich auf die frühzeitige Erkennung
innerer Krebsleiden, mittels gewisser Reaktionen. Ja, seine Diagnose ging noch
weiter als über die blosse Feststellung des schrecklichen Leidens im
Anfangsstadium. Sie unterschied zwischen heilbarem und unheilbarem Karzinom, gab
eine kombinierte neue Behandlungsmetode durch Lichtbogenoperation, Fulguration
und Radium für die heilbaren Krankheitsformen - und wollte auch die unheilbare
in ihren ersten Anfängen erkennen. Den heftigsten Kampf aber rief seine Teorie
von der Übertragbarkeit des Krebses durch Infektion hervor.
    Edda schrieb noch mehr. Sie sprach von ihrem Bruder Vinzenz, dessen
geschäftliche Transaktionen sie und Eva sorgenvoll machten. Eva selbst aber
deutete kommende Änderungen an und meinte, es sei nicht unmöglich, dass sie sie
bald in Berlin sehen würde.
Hoffmanns starke und friedensfrohe Stimmung, mit der er sie werbend umschlossen
hatte, wich mehr und mehr einer wachsenden Verdüsterung. Eines Abends bekam sie
einen Brief von ihm. Er schrieb von der Baronin, deren Gedichte sein Verlag
brachte. »Diese Frau - der Edeltypus der Kaukasierin - verbindet die pompöse
Wucht der Sphinx mit der strahlenden Kraft eines befeuerten Ingeniums. Freilich
glüht dieses Feuer in tiefster Seelenstille, denn da sprüht und knattert nichts
... Ihren Mann kenne ich nicht, wohl aber einen Verwandten, mit dem sie meist
zusammen ist, ein Diplomat und Philosoph. Ich wünsche sehr, Dich den beiden
näher zu bringen. Sie haben die Leere, die schon wieder ihre Fänge um mich
wirft, verscheucht.«
    Wie der Alp einer überschweren Last senkte es sich auf Olgas Seele; als ob
sie, über ihre Tragefähigkeit beladen, einen Berg überklimmen sollte, so schien
sie sich. Glückshungrig hatte sie den gefährlichen Einsatz gewagt, gefährlich -
weil sie sich gab mit ihrer Weiblichkeit; nun wuchs in ihr das Bangen.
    Der Brief bat sie, an einem bestimmten Tag im Café zu sein, um die Baronin
und ihren Verwandten kennen zu lernen.
Das Café, in das sie Werner Hoffmann bestellt hatte, war ein Sammelpunkt nicht
nur der Literaten und gewisser Erscheinungen der Bohème, sondern auch der
Zugehörigen anderer intellektueller Zonen, - junger Rechtsanwälte und Ärzte, die
meist Publizisten »dazu« waren, akkreditierter Pressevertreter, erfolgreicher
und erfolgloser Teaterdichter, studierender Japaner, die weiter drin, in
Charlottenburg, siedelten; und da im Gebiet dieses Strassensternes einige
exotische Gesandtschaften lagen, fand man hier auch junge Diplomaten, zumeist
romanischer Nationen, Hispanier, Argentinier, Chilenen. Am Nachmittag war das
Bild hier belebt von den beweglichen Gesichtern dieser verschiedenen geistig
»Hauptberuflichen«. Gegen acht Uhr abends änderte sich die Szenerie: die
»Intellektuellen« gingen, und die begüterte Bourgeoisie von »Berlin W.W.« kam
hier herein zum »warmen Abendbrot«; die Herren - stämmige Geschäftsleute, die
Damen - zu sehr nach den allerneuesten Moden kostümiert, um elegant zu sein, wie
wandelnde Schaufensterpuppen der Warenhäuser anzusehen, - mit reichbelockten
Frisuren, riesigen, beladenen Hüten, enggearbeiteten Kleidern, auf verschnürten
Formen, mit ihren sämtlichen Schmuckstücken, von nachweislich legitimer
Herkunft, bedeckt. Gegen zehn Uhr sassen jene noch hier, - und die »anderen«
kamen zurück von den »Stullen«, die sie zwischendurch an minder kostspieligen
Stellen genommen, - sie kehrten wieder, zum Café, zu einem Gläschen Curaçao oder
zum halben Eis. Und unter die Tiergärtnerinnen und die Zoopuppen mengten sich
nun äterische Gestalten, die mit tiefen, tiefen Blicken zwischen den zwei
Zopfschnecken, die die Ohren aus der Welt schaffen sollten, hervorsahn. Da kam,
weiss geschminkt, die dämonische »Aspasia«, von der es hiess, sie sei »erotisch
unempfindlich«, aber sie inspiriere die sie umgebenden Künstler trotzdem oder
gerade deswegen. Mit ihr schritt ein von wildem Locken- und Bartgestrüpp
umwallter Feind des Staatsgedankens und zwei Dichter aus der Schule der
»Teuflischen«, der eine von satanischer Hagerkeit, der andere kompromittierend
dick und gemütlich. Kurz geschorene, reizende, blonde Schwedenmädchen, die in
Berlin studierten, flatterten auf und hüllten sich mit Kolleginnen aus dem
Zarenreich und deren Genossen in dichte Dampfwolken. Backenbärtige, gelbliche
Tartarengesichter mit dem finsteren Blick der russischen Intelliguenza waren da
zu sehen und, ein wenig weiter von ihnen, am gemeinsamen, langen Tisch, - mit
lauernd beobachtenden Forscherblicken, den Mund zu süsslich feindseligem Lächeln
verzogen, - die asiatischen Mongolen, denen die Zoopuppen ungenierte Blicke
zuwarfen. Die äterischen Mädchen in phantastischen Hängern studierten die
Kunstzeitschriften, von denen sie ab und zu, wie entgeistert, emporblickten und
nur, wenn ein Dichter oder Denker an ihren Tisch trat, hoben sie die Lider und
schienen sich mit tiefem, tiefem Blick in dieser Welt zurecht zu finden. Auch
ein paar energisch dreinblickende Frauen, die weder zu den Äterischen noch zu
den Zoopuppen gehörten, sassen da, sprachen von Versammlungen und verlangten
weniger die Kunstblätter als die literarischen und politischen Monatsschriften.
    Olga, die selten hierher kam, hatte in einer Ecke Platz gefunden und wartete
auf Hoffmann und die von ihm Angekündigten; auch Stanislaus sollte kommen. Sie
trug ihr neues, blaues Tuchkleid, dessen rechteckiger Halsausschnitt mit einer
bunten, türkischen Borte abschloss, und, inmitten der breiten, kupfrig
schimmernden Wellen ihres Haares, ein rundes Astrachankäppchen, das sie seit
Jahren besass. - Sie liess die Blicke wandern und sah sich die Leute an.
    Nahe der Kasse, am »Privattisch«, sass der Cafetier, ein Mann, dessen Kopf an
den eines Spanferkels erinnerte und der, wann immer man in das Café kam, sei es
am frühen Vormittag, mittags oder spät nachts, zur Stelle war. Man sah es ihm
an, wie sein Beruf ihm schmeckte, wie er sich in Gewissensruhe sonnte, weil, im
Café zu sitzen, für ihn im »Geschäft« sein hiess. - Nicht weit davon sass ein
schwarzhaariger Literat mit grossem, bleichem Gesicht; er hatte hier »warm
gegessen« und schwelgte, wie nur je einer am Zahltag. Von weitem sah seine Stirn
hoch und blank aus, aber es war nur der ungewöhnlich weit hinten beginnende
Ansatz der Haare, die in Büschen bis zu den Schultern hingen, der ihr
Dimensionen gab. Die leere Schnitzelplatte stand noch vor ihm, und schon war er
dabei, den Kaffee mit reichlichen Mengen Kuchens sich schmecken zu lassen. Er ass
mit Wohlbehagen, wie einer, der auf solche Tafelei im Geiste vorbereitet war; er
hatte erst kürzlich eine Abfindungssumme von einem Verleger erhalten dafür, dass
er von dem Vertrag über die Drucklegung seines philosophisch-lyrischen Werkes
»An die Ewigkeit« zurücktrat ...
    Im goldstrahlenden Licht, das den weissgetäfelten, mit roten Plüschbänken
möblierten, vielfach abgeteilten Saal erfüllte, erschienen Olga plötzlich alle
diese bewegten Figuren silhouettenhaft, wie skizzierte und nicht ausgezeichnete
»interessante« Schattenrisse; aber nirgends, nirgends - ein wirkliches Porträt,
nirgends ein durcharbeiteter Kopf, mit grossen, deutlichen Linien, ein echtes
Antlitz ...
    Plötzlich blieb ihr Blick hängen: wem gehörte nur dieses braune,
schwarzbärtige Gesicht mit den eckigen, fast verzerrt erscheinenden Zügen, die
an primitive Holzschnitzerei erinnerten. Halt - diesen selben Vergleich hatte
sie schon einmal gemacht, als sie, bei einem Sommeraufentalt bei Verwandten in
Böhmen, an allen Kreuzwegen des Dorfes den Statuen des örtlichen Schutzpatrons,
des heiligen Nepomuk, begegnete. Der holzgeschnjetzte Märtyrer, mit dem in
frommem Leiden verzogenen, viereckigen Gesicht, hatte sie an jemanden erinnert,
- dem sie einstmals - flüchtig - - begegnet war, - - damals zuhause, als sie
Koszinsky fand und verlor. Es war Koszinskys ehemaliger Kamerad, Karl Stiller,
der hier sass. Seine magere, starkknochige Gestalt stak in einem vertragenen,
buntkarierten Anzug; er hatte eine Zeitung in der Hand und sah, über das Blatt
weg, starr und müd ins Leere. Unwillkürlich blieb Olgas Blick fest an seinem
Gesicht hängen; nach einer Weile drehte er den Kopf, und sah nun plötzlich auch
sie. Seine Stirn zog sich gleich in grüblerische Falten und erschien, unter der
starren, schwarzen Haarbürste, finster wie ein Wald, über den sich abendliche
Gewitterwolken sammeln. Sekundenlang sahen sie einander an, dann wandte sie den
Kopf und überliess es ihm, sich zu erinnern. Er grübelte; wo hatte er dieses
stark ausgeprägte Mädchengesicht mit den Haaren, die den Kopf umbogen, wie
geschmiedetes Kupfer, dieser gebogenen Nase, die doch in diesem Gesicht nicht
störte und den klugen, schwarzen Augen schon gesehen? Und er erinnerte sich
dunkel, diese selben Augen auch schon wie hinter Schleiern, die sich über ihnen
verwebten, erblickt zu haben ... Auf einmal fuhr die Erinnerung durch ihn, wie
ein Riss. Die Augenbrauen wurden hoch zur Stirn gezogen, die verkniffenen Lippen
lösten sich, ein gutes Lächeln kroch aus den bartumwallten Mundwinkeln und
verscheuchte, für einen Moment, die Düsterheit der Stirne.
    Entschlossen ging er an sie heran.
    »Freil'n Diamant?«
    »Herr Leutnant Stiller?«
    »Ich bin doch ka Preuss', Freil'n, dass ich mir den ehemaligen Titel in Zivil
konservier'! Wir Deutsch-Magyaren kokettieren nicht mit sowas ... aber was
machen's hier?« Er schüttelte ihr kräftig die Hand und setzte sich, auf ihre
Aufforderung, zu ihr.
    Sie berichtete ungefähr, was sie hier trieb.
    »Und Koszinsky?« fragte er geradezu, obwohl er die Lösung der Beziehung noch
mit erlebt hatte. »Verfluchte G'schicht' war das damals.«
    »Er ist auch in Berlin.«
    Er dachte nicht anders, als dass sie wieder zusammen waren. »So? Haben's sich
also ausg'söhnt?«
    Nun berichtete sie, wie und wo sie Koszinsky in Wien und dann wieder hier
begegnet war und wie sie miteinander standen.
    »Armer Teufel, armer Teufel«, murmelte er. »Im Grund ein Kerl, dem man die
eine Dummheit nicht ankreiden dürft', auch nicht in Gedanken. - Wie kann es
sein,« fuhr er fort - »dass sich in Ihrem Herzen so - so gar nichts mehr regt für
ihn?« Und, als sie schwieg und nur mit wehmütigem Lächeln die Achseln hob,
begann er, wie in Erinnerung verloren, mit hellem, gutem Gesicht zu erzählen -
von damals. Er schilderte, wie Koszinsky, im Rausch der ersten Leidenschaft,
fiebernd vor Erwartung nach ihren Briefen, immer aufs Postamt gestürmt war.
Manchmal hatte er ihm auch gezeigt, was er ihr schrieb. »Bitt' Sie, - er war
schon so ein Mensch und hat nix Böses dabei g'sehn ...« Stiller sprach noch
immer im österreichischen Dialekt, mit der speziellen, slawisierten Rauheit der
Provinzoffiziere der Monarchie.
    Ich erinner' mich noch, wie er einmal, statt der Überschrift, nur ein Motto
oben g'schrieben hat, - aus - aus dem Westöstlichen Divan war es, wie mir
scheint: »Sieh, da war -« - er zog die Worte ehrfürchtig auseinander, - »meine
Chiffre leis' gezogen ... komisch, komisch,« schloss er nachdenklich, - »wie so
einem Menschen, wie er, - so was hat passieren können.«
    »Ich glaube,« meinte sie, »es gibt in den Seelen der meisten von uns
Heutigen - mancherlei Bewegung gegeneinander, - Strömungen vom und zum Ufer.«
    »Kann sein - kann sein. Dem Koszinsky fehlt vor allem - das Weib, wissen's,
- so eine ganz eine einfache, schlichte Häuslichkeit, mit Frau und Kindern, -
ohne die ein Mann wie unsereiner nicht sein soll, wenn er sich nicht ruinieren
will in Mark und Gehirn.«
    »Und Sie?« sagte sie lächelnd.
    »Ich hab' ein Weib, - natürlich«, sagte er. »Is ein armes Madel, das an mir
hängt und ich an ihr. Nächstens lass ich mich mit ihr trauen, - wegen die Kinder,
wissen's. Is schon a jahrelange G'schicht. Wir haben drei Kinder. Zwei sind bei
die Eltern untergebracht, zuhaus in Ungarn; und das dritte« - die Stirn verzog
sich sorgenvoll - »is vor a paar Tagen angekommen.«
    »Hier?«
    »Ja, es is ein Elend. - - Wann sie gesund is, die Meine, schneidert sie;
jetzt soll ich uns alle ernähren, - furchtbare G'schicht is das.« Er ballte
unwillkürlich die Fäuste, unter der Tischplatte.
    »Sie hatten dort eine Stellung bei einer deutschen Redaktion - zuhause?«
    »Bitt' Sie, wie kann sich da eine deutsche, literarische Zeitschrift halten!
Die kleine, deutsche Insel da unten, - die Sachsen in Siebenbürgen und die
Schwaben im Banat - das is alles. Die sogenannten Deutschen da oben - Budapest,
Raab, Pressburg, - die G'sellschaft zählt bei so was wie das, um was wir kämpfen,
nicht mit. Denn erschtens sind's verjudet (pardon) und zweitens spielen's die
Magyarenpatrioten; da heisst einer, zum Beispiel, Salomon Bauchspeck und
magyarisiert sich auf Andrassy oder Hunyady oder sonst auf den Namen irgendeines
alten Fürsten- oder Grafengeschlechtes. - Den Idealismus da unten im Rassenkampf
haben nur wir dort, in der südöstlichen Ecke.« Er machte eine Pause und starrte
finster vor sich hin. »Das Blatt'l«, fuhr er fort, »is bald eingegangen, und so
bin ich nach Berlin. Leb' hier als freier Schriftsteller«, - er verzog die
Lippen, fletschend, - »saubere Freiheit das. Herumhausieren mit Artikeln - und
davon soll man Weib und Kinder und sich selbst ernähren. Nun, ein Glück is
zweierlei: erschtens, dass ich meine Spezialität hab' - die Geschichte der
Deutschen in Ungarn, - das interessiert hier, gibt noch viel unbekannten Stoff
und findet Abnehmer, wissen's; und zweitens -« und jetzt hob er unwillkürlich
die geballten Fäuste aus ihrem Versteck, unter der Tischplatte, und hielt sie in
Kopfeshöhe hoch, - »meine zwei Arbeiterhänd'! Sehen's, - was ich mir mit'm Kopf
nicht d'rspekulier' und mit'm Hintern - pardon - beim Schreibtisch nicht d'r =
sitz', das schaffen meine Pratzen, - meine echten deutschen Faust'! Die können
arbeiten und zugreifen, - wo's a Brot gibt.« Er liess die Arme langsam sinken ...
»Sehen's, wenn die Not da in der Wohnung von Küche und Kammer im Quergebäude
gross wird, - sehr gross - wie jetzt, wo a Kind nach Milch schreit und a arm's
Weib daliegt und sich nicht rühren kann, - sehen's, da geht man halt taglöhnern,
- wo's was gibt.« Es war trotzig gesagt, fast prahlerisch herausgestossen; aber
der Kopf hatte sich unwillkürlich gesenkt, die Lider beschatteten die ehrlichen
Augen, die eben noch wild dreingeblickt hatten, und es schien, als verbreite
sich über das braune Gesicht, langsam steigend, eine Blutwelle ... »Aber
glauben's nicht, dass meine Arbeit - die eigentliche - deswegen zurückbleibt, -im
Gegenteil: wenn ich auf solche Art hab' schuften müssen, - sag' ich mir -
justament weiter - durch musst und wirst! - - Ich schreib' jetzt ein Drama, -
wissen's, so was Urdeutsches.«
    »Ein historischer Stoff?«
    »Den hab' ich auch angefangen, - hab'n aber inzwischen weggelegt. Er is aus
der Geschichte der Sachsen - und bei historischen Sachen is der Erfolg riskiert,
wissen's, der Aufführungs- und der Gelderfolg, und den brauch' ich. Nein, - ich
mach' jetzt was anderes, was Aktuelles. Ihnen kann ich's ja sagen - Sie werden
mir's nicht stehlen, - also hören's: ein urdeutsches Stück aus der Gegenwart.
Ein neuer, nationaler Held -« er machte eine geheimnisvolle Miene - »denken's,
es wär' der Graf Zeppelin - steht im Mittelpunkt. In einem echt deutschen
Stück«, fuhr er lebhaft fort, »darf aber neben dem heroischen auch das komische
Motiv nicht fehlen, wissen's! Nehmens' an - dazu lang' ich mir den Zeitgenossen
vom Grafen, - den Schuster Voigt, genannt Hauptmann von Köpenick; fein, was?
Natürlich werden die zwei Helden in einen Zusammenhang gebracht ... dazu hat man
ja seine Phantasie! Und da gibt's Episoden - urdeutsch, sag' ich Ihnen. Erinnern
Sie sich an den Meister Hilbrecht, der den Sträfling bei sich aufgenommen hat, -
den echten, deutschen Meister Hilf - recht, der so recht und ganz half, - bis
die Polizei kam und das Wild weiter jagte?« Er war ganz heiss und froh geworden
bei seiner Schilderung. »Und über all dem - der Adler - der greise Graf. - Er
flog - flog über Luzern - mit Adlern um die Wette,« - zitierte er ein Gedicht
aus der »Jugend«, - »er flog über die Berge der Schweiz; ein Augenblick, wert,
miterlebt und« fuhr er patetisch fort, »auf der Schaubühne dem deutschen Volke
erhalten zu werden.« Er war ganz verklärt. - »Wär' was für unseren Schiller
gewesen; aber so was interessiert natürlich die richtigen modernen Literaten
nicht« - schloss er mit gereizter Betonung.
    In seiner Kraft, die manchmal von naiver Roheit nicht fern schien, mit
seinem dampfenden Schnauben, seinem Lebens- und Siegeswillen schien er ihr wie
ein echter Nachkomme jener Berserker, die sich durch die deutschen Urwälder Wege
gehauen und dem Feind nackt und mit wildem Geheul entgegengestürmt waren ...
    Ein langer, hagerer Herr mit schmalem, gelblichem Gesicht und schwarzem
Knebelbart, dessen Kopf an die Männerporträts des Velasquez erinnern konnte,
drängte sich zwischen den Tischen durch, sah dabei Olga und grüsste sie; zögernd
blieb er stehen und kam dann, auf ihren freundlichen Gegengruss, heran.
    »Stiller.«
    »Doktor Emmerich.«
    Es war einer der Ärzte aus dem Sanatorium, in dem sich Hoffmann aufgehalten
hatte. Er war mit ihm gleichzeitig abgereist, da er von seiner Stellung
zurücktrat und sich selbständig niederlassen wollte. Olga hatte ihn einmal bei
Werner angetroffen. Beide hatten erraten, dass er ihre Beziehung erkannte, ohne
dass sie sich dadurch beunruhigt fühlten.
    Olga interessierte ihn, und so wollte er nicht vorbeigehen, ohne sie zu
begrüssen.
    »Und unser Freund? Kommt er nicht auch? Ich sehe ihn öfters hier.«
    »Doch, ich erwarte ihn hier. Wollen Sie Platz nehmen?« Und sie bog einen der
Stühle, die sie umgelehnt hatte, um sie zu reservieren, zurück.
    »Wenn Sie gestatten, bleibe ich gern einen Augenblick.«
    Misstrauisch blickte Stiller nach dem neuen Tischgenossen, und seine Stirn
war wieder gefältet und finster.
    Doktor Emmerich war ein Apostel der lichten Lebensauffassung. Einer, der die
Menschen, wie er sagte, liebte; der alle moralischen Mängel als Entartung und
Entartung als Krankheit erklärte. »Der ganz gesunde Mensch ist gut und heiter«,
- das war sein Glaube; aber freilich, wo gab es solche ganz Gesunde? Auf Olgas
Frage nach seinen nächsten Plänen, von denen er bei Werner in ihrer Gegenwart
gesprochen, erwiderte er, es schreite alles zur Zufriedenheit und programmässig
fort. Ein passendes Haus für sein neu zu gründendes Sanatorium habe er bereits
gefunden, - im Süden, in herrlicher Lage, ganz wie er sich's gewünscht, - in
einer Gegend, in welcher sich auch schon Menschen von besonderer Art angesiedelt
hatten, in Askona bei Locarno, am Lago Maggiore. Schon nächster Tage reise er
dahin ab.
    Er erzählte von der Kolonie der Weltflüchtigen, die da in den Bergen
verstreut ihre Hütten gebaut hatten. Sie alle hatten sich von den
Überlieferungen der Kultur losgesagt. Sie lebten dort als eine besondere Sekte,
den Dorfbewohnern bekannt unter dem Namen »Vegetarii«, - fast ohne Geld, im
Tauschverkehr mit den Einwohnern des Dorfes, denen sie ihre selbstgezogenen
Früchte brachten, wenn sie von ihnen etwas brauchten. In ihren Hütten und Gärten
gingen sie meist nackt. Es gab Leute unter ihnen, die früher mitten am
Kampfplatz der Intellekte gestanden - und sich dann weiter und weiter
zurückgezogen hatten, scheu und beängstigt zurückweichend vor diesem Getümmel,
in dem die Gedanken nicht leicht beieinander wohnten, sondern sich fast so hart
stiessen, wie die Sachen ... Die meisten waren jetzt religiösen Problemen
ergeben.
    Olga schüttelte den Kopf.
    »Diese Menschen leben doch zumeist von Renten, die ihnen solche, die sich
vom Kampfplatz nicht drückten, - übersenden. Heisst das nicht, sich's recht
bequem machen? Ihr Tauschverkehr, den Sie da schildern, ist meines Erachtens
eine Torheit. Frau Gräser bringt, wie Sie erzählen, dem Zahnarzt Äpfel oder
singt ein Lied als Gegengabe, wenn sie einen Zahn gezogen haben will; wenn der
Zahnarzt darauf eingeht, ist das seine persönliche Kulanz. Logisch und
berechtigt ist der Vorgang nicht, - denn wie, wenn der Zahnarzt keinen Bedarf an
Äpfeln oder an Liedern hat?... Wie kann man leugnen wollen, dass das Geld, diese
universelle Einheit, durch die alle materiellen Werte ausdrückbar sind, das
logischste Medium beim Austausch der Güter ist? - - Oder wenn diese Menschen da
unten alles, was sie brauchen, selbst verfertigen, - welches Dilettieren in
allem Handwerk, welche Vergeudung an Kraft und welcher Missbrauch des Materials!«
    Doktor Emmerich erklärte: »Der Glaube - oder der Wahn - der zu solcher
Sektenbildung führt, - liegt vielen Gemütern gänzlich fern, aber nur mit dem
Gemüte lässt er sich begreifen ... Glauben Sie aber ja nicht, dass ich etwa im
Geiste jener Sekte dort hausen werde«, fuhr er lächelnd fort. - - »Das Plätzchen
ist wundervoll gewählt. Mit den Leutchen da werde ich mich wohl anfreunden - wie
sollten gerade sie den Arzt und Psychologen nicht interessieren, - im übrigen
aber will ich solche Menschen heranziehen, die sich in einem köstlichen Klima,
in einer gutgeführten Anstalt physisch und seelisch erholen wollen; und
besonders zu dieser seelischen Erholung ihnen zu verhelfen, - soll mir am
meisten am Herzen liegen.«
    »Aha, - eine Terapie, deren Kurmittel nicht nur Diät, Wasser, Luft, Sonne,
farbige Bestrahlung, faradische und andere Ströme, sondern auch seelische
Kräftigung umfassen soll, umfasst Ihr Heilprogramm?« bemerkte Stiller mit
gallbitterem Gesicht.
    »Ganz genau das ist es«, meinte Doktor Emmerich ruhig. »Die Zukunft des
Arztes«, fuhr er fort, »begreift auch diese Mission.«
    »Der Arzt als Heiland«, knurrte Stiller ironisch.
    »Nicht gerade als Heiland, aber, sagen wir, als der moderne Stellvertreter
des Priesters, den die heutige Menschheit sehr notwendig hat, - den
Stellvertreter nämlich, nicht den Beamten des Klerus.«
    »Also wieder ein neuer Weg zum Heil«, meinte Stiller. »Hirsebrei,
Obstbaumzucht, Atmungsgymnastik, mystische Übungen und Nacktkultur - das alles
tut's nicht mehr, es muss auch der ärztliche Seel-Sorger über all dem wachen.«
    »Nacktkultur ist durchaus nichts Lächerliches. Nackt laufen in freier Luft,
nackt baden, turnen und tanzen würde bald aus unserem Volk etwas anderes machen,
als es zum grossen Teil heute ist; lächerrlich wird die Sache erst, wenn nackte
Menschen auf Möbeln in Salons sitzen und da Tee trinken und ästetische
Gespräche führen.«
    Stiller beachtete diese Erklärung nicht, die erste Mitteilung Doktor
Emmerichs hielt ihn in Atem. »Nach welchen Gesichtspunkten, Herr Doktor
Emmerich, wollen Sie für seelische Kräftigung Honorar nehmen?«
    Doktor Emmerich hatte keinen Augenblick sein heiteres Lächeln verloren. Er
erwiderte: »Vor allem will ich ein materiell sehr leistungsfähiges Publikum da
hinunterziehen. Als langjähriger Arzt in einem grossen Sanatorium habe ich
Fühlung mit dieser Klientel.«
    Stillers braunes Gesicht war gefältet, wie ein entrollter Fächer und ganz
von drohenden Schatten bedeckt. »So, so«, knurrte er.
    »Ja; dieses Publikum wird dann da unten in Atem gehalten. Sie zählten ja
vorhin schon die Metoden auf: elektrische Ströme, Wasser- und Sonnenbäder, und
was sonst noch drum und dran hängt. Besonders mit den billigen Kurmitteln des
Wassers, der Sonne und einer entwöhnenden Diät rechne ich. Eine heilsame
Frugalität der Ernährung ist aber den Patienten nur dann vertrauenswürdig, wenn
man die höchsten Preise dafür nimmt.«
    »Wunderbares Prinzip«, kam es pfauchend zwischen Stillers Zähnen hervor.
    »Das Haus wird natürlich sehr gut ausgestattet: modernes Inventar, gute,
hygienische Betten, W.C., - das fehlt da unten. Und wenn mir das glückt, wie ich
es meine,« fuhr Doktor Emmerich fort, und seine bebrillten Augen wurden licht, -
»dann kann ich - sozusagen - die leitende Idee meines Lebens endlich ausführen.«
    »Und die ist?« fragte Olga.
    »Sehen Sie, dann - dann schaffe ich da unten nach und nach eine Einrichtung,
die uns fehlt, - eine sehr notwendige Einrichtung: eine Erholungsstätte grossen
und vornehmen Stils für geistig Arbeitende, - die kein Geld für Erholungsreisen
übrig haben und die das völlige Ausspannen bei sehr gutem und sorglosem Leben
notwendiger brauchen, wie alle anderen. Denn hier, in ihnen, sind die Kapitalien
der Zukunft; das Material, aus dem sie gebaut wird, sind aber diese Menschen
selbst. Sie haben nicht ihr Arbeitsmaterial neben sich, wie Tischler und
Schuster, - in sich haben sie es, sie selbst sind es, ihr eigener Leib ist die
Möglichkeit ihres Wirkens, aus sich selbst heraus holen sie alles. Diese
Menschen leben gehetzter und aufreibender wie alle anderen, ihre Existenz
bedingt ein ewiges Hasard, wie die des Spielers, nur dass sie positive Leistungen
daneben noch erübrigen müssen. Er - übrigen,« demonstrierte er, - »das heisst, -
ein Mehr, ein Übriges muss da sein, ein Übriges an Kraft. Darum bedürfen sie -
gerade sie - aller Akkumulatoren der Kraft, der Schonung, der Pflege, der Ruhe
und - ja und« mit verbindlichem Lächeln wandte er sich zu Stiller - »und der
günstigen seelischen Beeinflussung.«
    »Das also wollen Sie«, kam es, nach kurzem Schweigen, aus Stillers Munde,
und sein Gesicht war glatt und licht, wie ein Sommertag
    »Ich habe mir die Sache gut ausgerechnet«, sagte Doktor Emmerich. »Ein
reicher Patient - das gibt, bei Weglegung der nötigen Reserven für das Haus, -
zwei, vielleicht auch drei Plätze für meine anderen Invaliden. Das Unternehmen
ist zwar mein privater Besitz, soll aber verwaltet werden, als ob es einer
Genossenschaft diente: alles, was erübrigt wird, kommt dem Hause selbst und dem
einen Teil der Insassen wieder zugute.«
    Olga hatte fast vergessen, wo sie war, - einen Augenblick war ihr, als ob
das Dunkelblau des italienischen Sees, das strahlende Licht jener Landschaft vor
ihre Seele getreten wäre.
    »Diese Stürmenden, - wollen Sie einfrieden,« sagte sie, »diesen ewig
Unsicheren - eine Spanne Sicherheit gewähren. Aber glauben Sie, dass die wirklich
- Tüchtigen, die Echten und Starken, die mit dem grossen Können und Wollen, -
solche Hilfe auch brauchen?«
    »Blicken Sie um sich«, sagte Emmerich und senkte unwillkürlich die Stimme.
»Nicht gerade hier«, fügte er lächelnd hinzu, da sie die Augen über das Lokal
schweifen liess, »blicken Sie im Leben, in Ihren Kreisen um Sich! Sie werden
echtes Können und manches edle Wollen sehen. Aber Sie werden auch sehen, dass
dieser Wille fast überall gegen Nervenohnmacht kämpft und sich dabei
versplittert und verstäubt, wie Wellen, die auf Felsen schlagen. Daher sind
unter diesen geistig Ringenden jene so selten, die - wie soll ich es richtig
sagen, - grossen Lebenszuständen gewachsen sind: der Liebe, dem sozialen Kampf,
dem Erwerbsleben mit seinem brutalen Gedränge, der Anpassung an das Milieu und
den Krisen der eigenen Brust in Sachen der Kunst, der Weltanschauung, des
inneren Dogmas und der Bedrängung durch eigene Triebe. Darum sehen Sie die einen
zu Sklaven ihrer Begierden werden, - andere wieder, die ihre Triebschwäche
lähmt.«
    Er unterbrach sich. Olga grüsste nach der Tür hin, durch deren Rondell eben
Stanislaus eingetreten war. »Der schöne Mensch«, fuhr Doktor Emmerich fort,
»wird immer seltener: das ist der, der Gefühlsströme zwischen sich und andere zu
leiten vermag, der die Freude in der Welt mehrt. Denn aus der Freude kommt die
Kraft und die Tat über sich selbst hinaus ...« ...«
    Er machte eine Pause und nickte, wie für sich selbst: »Darum will ich -
helfen, soweit ich kann.«
    Stanislaus war herangekommen. Der Begrüssung folgte der Aufbruch Stillers.
    »Ich muss nach Hause schauen,« sagte er, - »aber ich komm' dann wieder und
find' Sie dann gewiss noch hier«, fügte er, zu Olga gewendet, hinzu. »Ihnen dank'
ich - dank' ich, Herr Doktor, - für das, was ich von Ihnen hab' hören dürfen.«
    Er ging. Olga erzählte Stanislaus, der sich seiner nicht gleich erinnerte,
wer er war, und berichtete den beiden Männern von seinem Leben.
    »Einer von meinen künftigen Gästen, - von denen, die ich vorzumerken habe«,
meinte Emmerich.
    »Ich fürchte, Ihre Liste wird lang werden«, antwortete Olga.
    »Ihren Namen lese ich jetzt oft«, sagte Doktor Emmerich, zu Stanislaus
gewandt.
    »Im Zusammenhang mit der alten Sache. Mich interessiert die aber momentan
nicht mehr. Mein Herz gehört - der neuen.«
    »Schriftsteller sind immer um eine Nasenlänge über sich selbst hinaus«,
sagte Doktor Emmerich.
    Man sprach von Werner Hoffmann. »Kennen Sie ihn?« sagte Stanislaus, mit
eindringlicher Betonung.
    »Ich glaube,« erwiderte Emmerich und zog sein schwarzes Knebelbärtchen
nachdenklich durch die Hand; - »ein möglicher Christus. Kompromisslos wie Ibsens
Brand. Eigentlich ein Mystiker, - der nicht weiss, dass er es ist, sehr zum Heil
seiner suchenden Seele. Ein Mensch mit heftigen Tatinstinkten, denen sich
tausend ererbte Hemmungen entgegenstellen, die ihn hindern, sich selbst auf die
Spur zu kommen; der sich suchen wird sein Leben lang; einer, dem jeder Irrtum
zur Sünde wird,... ein Beladener.«
    Die Geschwister horchten. Das Gesumme des überfüllten Saales umgab sie, ohne
dass sie es hörten. Sie sahen auch nicht mehr die Einzelnen; nur noch die Fülle
der bewegten Figuren, die sich im bläulichen Zigarrendampf und im gelben
Kunstlicht bewegten, schob sich vor ihren Blicken, wie im Spiegel hin. Die
gelben Gardinen des einen Fensters waren noch nicht vorgezogen. Draussen
schimmerte die tiefe Nacht, blau, zwischen den fahlen Lichtkreisen der
Gaslaternen, dicht und blendend fiel der Schnee, legte sich an die grossen
Spiegelscheiben, bildete da kristallene Sterne und schimmernde Ballen.
    Plötzlich sahen sie Werner, in Begleitung zweier Fremder, über die Strasse
kommen. Werner, wie immer, in der Lodenpelerine, den weiten Schlapphut tief in
die Stirn gedrückt. Gleich darauf waren sie eingetreten und bei ihnen.
    »Herr von Bredow, - Baronin Kellenberg«, sagte Werner, nachdem er die
Geschwister und Doktor Emmerich vorgestellt hatte.
    Die hohe Gestalt der Dame war ihnen schon draussen aufgefallen. Nun, da sie
ihren Pelzmantel ablegte und in ihrem breiten Federnhut und im tiefschwarzen,
fliessenden Sammetkleid vor dem Tisch stand, erschrak Olga beinahe über ihre
Schönheit. Auf der hohen, üppigen, von keinem Mieder verschnürten Gestalt sass
ein Kopf, mit vollendet ebenmässigen, ruhigen, grossgezeichneten Zügen. »Der
Edeltyp der Kaukasierin«, so hatte Werner sie geschildert, und Olga hatte sich
dabei nichts denken können. Nun, als sie dieses Gesicht sah, wusste sie, was er
meinte. Das war das Antlitz der Europäerin, wie sie ursprünglich gewesen, bevor
sie durch gefährliche Kreuzungen das ruhige, grosse Ebenmass der Züge verlor und
soubrettenhaft verniedlicht, wo nicht verhässlicht wurde. Kühle, blaue Augen
beherrschten das Gesicht, dessen Teint etwas blass war, ohne dass die zarte
Frische des Fleisches davon beeinträchtigt wurde. Die Augenbrauen waren
hellbraun, wie das Haar, und lagen als vollendet geschwungene Bogen über den
Augen, ja sie schienen etwas hochgezogen, was dem Gesicht den Ausdruck des
Staunens, fast der Einfalt, gab, - eine Einfalt, an welche Olga nicht glaubte,
und deren Schein ihr nur durch diese Bogen der Brauen erzeugt schien. In diesen
Augen aber war noch etwas anderes: ein unaufhörliches Irisieren, das zu der
sonstigen Ruhe des Antlitzes nicht passte und wie künstlich ins Auge gebannt
wirkte.
    Stanislaus war beim Anblick der Baronin das Wort von der ochsenäugigen Hera
in Erinnerung gekommen, - ganz in jenem ehrfürchtigen, mytologischen Sinn, der
das grosse Auge der Göttin durch den Vergleich nicht erniedrigen, nur
charakterisieren wollte. Er dachte an die Antiken, die er in Rom gesehen, an
Kameen, in die die mächtigen Züge der Hera eingeschnitten waren; aber als er das
Profil der Baronin sah, kamen ihm die geheimnisvollen, geradlinigen Züge in den
Sinn, die man an uralten, ägyptischen Torsen fand, diese Profile, die
tausendjährig und ewig jung, - unbeweglich und doch faszinierend erschienen.
    Herr von Bredow war so gross wie die Baronin. Sein Kopf sah eckig und fest
aus. Die zierlichen Ohren, deren Knorpelgewinde besonders fein und verschlungen
war, sassen tief, dicht über dem Winkel der Kiefer; die Augen, von klarem Grau,
lagen unter einer Spur hellblonder Brauen. Der Blick war durchdringend. Die
kurzverschnittene Schnurrbartbürste sträubte sich steif und borstig, das
gewaltige Gebiss war etwas vorgeschoben und ungleichmässig. Als er den Hut abnahm,
sah man einen fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen. Steil wie ein
Dachgiebel, stieg die Stirn auf; die tiefsitzenden Ohren liessen sie, seitlich
besehen, von mächtiger Weite und Breite erscheinen, - von vorn betrachtet
schwang sie sich, in überraschend reiner Linie, wie ein romanischer Bogen. Ohne
Hut sah er ganz verändert aus. Olga dachte: wie eine Taschenuhr, wenn der
goldumränderte Glasdeckel aufspringt und das Zifferblatt in seiner Kahlheit und
Weite sich präsentiert.
    Die Baronin sprach wenig, aber mit grosser Verbindlichkeit. Sie begleitete
ihre Worte mit einem anmutvollen Lächeln und dem Irisieren ihrer Augen. Werner
Hoffmann, Herr von Bredow und Dr. Emmerich bestimmten die Konversation, in die
Stanislaus und Olga ab und zu eingriffen.
    Herr von Bredow, der in diplomatischen Diensten war, sollte in den nächsten
Tagen als Gesandtschaftssekretär nach Genua abreisen.
    »Habe mir eben Reiselektüre besorgt«, sagte er und zog ein Heft aus der
Tasche.
    Voll Interesse streckte Werner die Hand darnach aus. Es war eine spanische
Grammatik.
    »Gibt es eine bessere Gelegenheit, sich Verben einzupauken, als während
einer Bahnfahrt?«
    Mit bewunderndem Blick gab ihm Werner das Heft zurück. Herr von Bredow liess
sich gleich darauf vom Kellner das Kursbuch geben und sah die Züge nach.
Stanislaus bot ihm einen Bleistift und riss ein Blatt aus seinem Notizbuch.
    »Danke, ich notiere mir nichts«, meinte Herr von Bredow.
    Stanislaus fragte, ob dies aus prinzipiellen Gründen unterbliebe.
    »Allerdings«, erwiderte Herr von Bredow. »Die Sinne müssen wach und scharf
bleiben, - man darf sie nicht einschläfern, darum auch nicht das Gedächtnis
durch Notizen erleichtern. Ich weiss meine Züge«, fügte er lächelnd hinzu ...
»Übrigens habe ich keinerlei Grundsätze über das Positive, - über das, was zu
tun ist; ich übe mich nur, - soweit ich kann, - im Unterlassen des
Überflüssigen.«
    »Wenn ich nicht irre, - so haben wir es hier mit einer vorsätzlichen
Selbstverordnung zu tun?« meinte Dr. Emmerich forschend.
    »Sehr richtig«, gab Herr von Bredow zurück. »Wenn man ein Mensch ist, der
seiner Natur nach am liebsten Tat auf Tat setzen möchte, - vielleicht Untat auf
Untat« - ein heiseres Lachen klang auf, - »so muss man sein bisschen Moral dahin
kommandieren, - das Seinlassen zu lernen ... Kontra dem Impuls - das ist wohl
die einzige Erziehung von Menschen mit überschüssigem Aktivitätstrieb.«
    »In welcher Schule, wenn ich so fragen darf«, forschte Dr. Emmerich weiter,
- »haben Sie dies gelernt?«
    »Dieses Axiom ist durch eigene Erfahrung erworben. Die Lehren asiatischer
Lebensweisheit, denen ich später begegnet bin, haben mich dann in dieser Meinung
bestärkt. Dem Bushido der Japaner, den Schriften des neueren Buddhismus danke
ich so manches; freilich bin ich nur ein zerebraler Jünger dieser Schule, - denn
aus seiner eigenen Haut kann man leider doch nicht heraus. - - Alle diese Lehren
der Lebenskunst,« fuhr er fort, da niemand sprach, »wie sie die moderne,
asiatische Philosophie lehrt, laufen darauf hinaus: besser zu leben; nicht etwa
edler, nein, - besser. Das alles ist klarste Weisheit der Selbsterhaltung.«
    »Warum sollte ein Mensch, der immer kontra seinem eigentlichen Wollen
handelt, so viel besser daran sein, als andere«, meinte Werner.
    Herr von Bredow sah ihn mit seinem durchdringenden Zentralblick an. »Weil es
einem Menschen von direktem Wollen, der die Verhältnisse aller Dinge schändlich
missachtet und immer mit dem Kopf durch die Wand rennt, - schlimm ergeht. Dieser
aufs Positive gerichtete Wille wird gestraft, und seine Strafe besteht zumeist
darin,« fügte er leise, fast geheimnisvoll hinzu, »dass alle seine Wünsche in
Erfüllung gehen, - dass er wirklich alles durchsetzt ... Wünsche sind wie
Sklaven, die sich abarbeiten, - bis alles vollbracht ist. Etwas Schlimmeres aber
kann einem nicht passieren.«
    Herr von Bredow stützte seinen mächtigen Kopf in die Hand und sah mit seinen
klaren, grauen Augen vor sich hin. »Dieser gierige, europäisch-amerikanische
Willenstrieb ist der Grund, warum uns die Orientalen gering schätzen; ihre
durchaus nüchterne Moral verlangt vor allem: innere Abrüstung. Wir - sind dazu
zu aggressiv, zu diesseitig, zu selbstgefällig und, vor allem, zu hungrig. Darum
erscheinen wir den Völkern des Ostens zerrissen, verschwommen - und immer
getäuscht.«
    Werner horchte hingegeben. »Ich wusste nicht, dass die buddhistische Lehre im
Grunde auf Vernunftsschlüsse hinzielt«, sagte er.
    »Die vollkommene Reinigung von sentimentalen Motiven hat die modernisierte
Schule des Buddhismus erbracht. Es ist ein nüchterner Kodex edler Lebensführung,
den sie umschliesst. Milde, Verstand und Wissen, logische Ergebung sind ihre
Ziele. Untätigkeit bringt sie nur im Sinne einer Loslösung vom Gemenge
weltlichen Getümmels mit sich, - dafür rastlose innere Mission an sich selbst.
Das ist ihr Sinn. Und ihr letzter Schluss: das Seelenheil - erreichbar hienieden,
- durch Verstand und Mass. Keine geheimnisvollen Riten, keine mystische, sondern
eine vernünftige Ergebungsteorie, keine Gottgläubigkeit und auch keine
Spekulation auf Nirwana mehr. Eine hochherzige, von Aberglauben gereinigte,
vorwiegend intellektuelle Lehre.«
    »Geben Sie mir mehr, - noch mehr davon«, stiess Hoffmann hervor, und sein
Auge hing, wie der Blick eines Verdurstenden an der labenden Frucht, am Mund der
Erzählers.
    Mit ernster Freundlichkeit erwiderte Herr von Bredow: »Sie haben mich
darnach schon so oft gefragt, mein Freund, und ich konnte Ihnen immer nur
Stückwerk geben. Aber es existiert jetzt eine von der buddhistischen
Gesellschaft Grossbritanniens und Irlands ins Leben gerufene Aktion, die die
Verbreitung des modernen Buddhismus bezweckt. Einzelne von ihr entsandte
Propagandisten sollen auch schon auf dem Kontinent sein. Ich werde mich
erkundigen, wo sie zu finden sind und es Sie wissen lassen. Sie können dann dort
direkten Anschluss suchen.«
    Hoffmann versank in tiefes Sinnen ...
    Olga wandte sich an die Baronin. »Ich habe Ihre Verse im Manuskript lesen
dürfen. Ich glaube, Sie sind stark in der Anschauung und ruhig und klar im Wort,
- trotz der leidenschaftlichen Gefühle, die Sie ausdrücken.«
    Die Baronin neigte dankend den Kopf. Die grossen Pupillen, mit der
flimmernden Iris, begegneten einen Augenblick den dunklen und doch so klar
durchleuchteten Augen des Mädchens.
    Herr von Bredow sprach mit Stanislaus über das Problem der
Stiefvaterfamilie, das ihn beschäftigte. Er riet ihm eine Reise durch
Deutschland und empfahl genaue, statistische Untersuchungen.
    Olga sah, wie Stiller wieder eintrat. Er nickte ihr, zu, legte seinen
Sommerüberzieher und das steife, schäbige Hütchen ab und nahm in einer
entfernten Ecke Platz, wo er einen Berg von Zeitungen vor sich auftürmte.
    Als die Baronin und Herr von Bredow aufbrachen, lud die Baronin die
Geschwister, Dr. Emmerich und Werner Hoffmann ein, sie zu besuchen. »Sie sind
uns ja kein Fremder mehr«, sagte sie zu Werner.
    Werners Blicke umglitten scheu die Hoheit ihrer Gestalt. Er neigte den Kopf,
wie in Ergebung, als leiste er, einer höheren Macht gegenüber, keinen Widerstand
mehr ... Dann ging er an den Kleiderständer und holte den Pelzmantel der
Baronin.
    Olgas Blick folgte ihm. Plötzlich überkam sie ein Gefühl, wie einen
Menschen, den, im Meer, eine hohe Welle erfasst, die er herankommen sieht, bis
sie ihm den Atem und die Besinnung nimmt, während sie ihn brausend überflutet:
sie glaubte eine Sekunde lang gesehen zu haben, als streiche Werners Hand, -
heimlich und zitternd, - über das schimmernde, schwarze Sealfell des Pelzes, den
er dann langsam vom Haken hob ...
    Als sie gegangen waren, sprach man von der Ehe der Baronin.
    »Sie war die Tochter einer verarmten Offiziersfamilie«, berichtete Werner
»und ernährte sich durch Bureauarbeit. Die Entbehrung zwang sie auch, im
Kabarett aufzutreten, wo sie ihre Gedichte vorlas. Hier sah sie Baron von
Kellenberg. - Sie leben nicht gut zusammen«, fügte er kurz hinzu.
    »Woraus schliessen Sie das«, fragte Stanislaus.
    »Sie sagte mir einmal,« entgegnete Werner nachdenklich, »sie wäre oft böse
und gereizt gegen ihren Mann, und darum« - es kam fast drohend über seine Lippen
- »möchte sie ihn lieber verlassen.«
    »Weil sie böse gegen ihn ist, möchte sie ihn verlassen?« fragte Stanislaus.
    »Leuchtet Ihnen das nicht ein,« antwortete Werner, ungewöhnlich schroff,
»Menschen, die unser Wesen reizen, passen nicht für uns.«
    Niemand hatte etwas zu sagen. Nach einer beklommenen Pause fragte Werner
nach Olgas Zeitung; ob denn gute Beiträge zu beschaffen seien. - Sie nannte
einige Namen.
    »Zuviel vom Frauenklub«, meinte er stirnrunzelnd.
    »Welchen Frauenklub meinen Sie?«
    »En bloc gesprochen. - - Sie müssen vor allem trachten, - moralische
Probleme zu erörtern; aber freilich, hier versagen die Frauen.«
    Ein kalter Glanz kam in ihre Augen. Der Kopf, der trübe und schwer gesenkt
gewesen, hob sich.
    »Dann müssen Sie noch weiter gehen«, sagte sie, mit bebender Stimme, - »und
behaupten, dass Frauen auch niemals im Sinn einer tieferen Moral zu verfügen
wissen.«
    »Wie - persönlich«! Er hob wie abwehrend die Hand.
    »Um Phrasen so allgemeiner Art ins rechte Licht zu setzen, ist das
notwendig.« Sie rang sich die Worte ab.
    »Falsch - falsch«, sagte er und machte wieder die abwehrende Geste.
    Ein Schauer überlief sie. Von der fröstelnden Haut drang diese Kälte in ihr
Innerstes. »Wie spät ist's?«, sagte sie müd.
    Es war über Mitternacht.
    Drüben sah sie Stiller aufstehen und sich ankleiden. Da er zögernd zu ihr
hinblickte, verliess sie ihren Platz und ging zu ihm hinüber.
    »Auf Wiederschaun, Freil'n! Ich geh jetzt ein paar Stunden schlafen.«
    »Für mich wird's auch Zeit«, sagte sie. »Aber warum nur ein paar Stunden?
Sind Sie ein Vormittagsarbeiter? Da dürften Sie nicht so spät im Café sitzen.«
    »Bewahre,« sagte er, »ich schlaf wie a Ratz', wann ich kann. Aber morgen
früh,« - er blickte hinaus in das Schneegestöber, - »morgen früh heisst's, am
Platz sein.« Und mit gedämpfter Stimme fügte er, da er ihren fragenden Blick
sah, hinzu: »Jawohl, so is es. Da tritt man im Morgengrauen beim Magistrat von
Charlottenburg an und lasst sich Schaufel und Besen geben.«
    Sie starrte ihn an ...
    »Ja, ja,« sagte er, hielt ihren Blick standhaft aus und nickte, - »das ist
der gute, liebe Schnee, - der gibt Brot«... Und er drückte ihr die Hand und ging
dem Ausgang zu. An der Tür wandte er sich noch einmal um, als hätte er etwas
vergessen und kam zurück. Sie stand noch immer regungslos an seinem Tisch.
»Richtig! Wann's den Koszinsky sehen, Freil'n, - sagen's ihm, ich bitt' Sie, er
soll nicht bös an mich denken. Ich bitt' Sie, - sagen's ihm's«
    »Ich habe ihn lange nicht gesehen. Seine Konzerttruppe gastiert irgendwo in
der Provinz.«
    »Also, wann's ihn sehen, - ich bitt' Sie!« Und er drückte ihr noch einmal
die Hand, schlug den Mantelkragen hoch und stapfte hinaus, in die Winternacht.
    Olga ging zurück zu ihrem Tisch. Sie setzte sich nicht mehr. Sie nahm ihre
schwarze Jacke von schwerem Tuch, die für den strengeren, österreichischen
Winter passte, vom Haken und legte sie mechanisch über einen Stuhl. Einen weissen
Seidenschal steckte sie über den Ausschnitt ihres Kleides fest und schlüpfte
dann in die Jacke, die der Kellner bereit hielt. Man brach auf.
    Stanislaus, der sich an dem letzten Gespräch zwischen Werner und Olga nicht
mehr beteiligt hatte, verabschiedete sich hastig. Doktor Emmerich und Werner
boten ihr ihre Begleitung an, sie aber dankte und meinte, sie ginge gut und gern
allein das kleine Stück Weges zur Hochbahn, die sie dann zum Vorortbahnhof
bringe.
    Sie eilte davon ... Sie versuchte, ihren schweren Atem niederzuhalten ...
Licht, silberig, friedlich fielen die Flocken, legten sich auf ihre Kleider, auf
ihr Haar, auf die Brauen und Wimpern ihrer Augen, und sie fühlte, wie sie da
zerflossen und kühl ihre brennenden Lider deckten. Und auf einmal kam es heiss
und salzig aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens und schoss ihr aus den Augen,
- strömte unaufhaltsam. - - Schwer hoben sich die schneebedeckten Füsse und
setzten sich, in einförmigem Marsche, voreinander. Sie ging am Hochbahnhof
vorüber, weiter und weiter, planlos durch die nächtlichen, einsamen Strassen. Und
laut aufstöhnend, barg sie manchmal ihr heiss überflutetes Gesicht in dem
Astrachan ihres alten, kleinen Kindermuffes ...
 
                                Sechstes Kapitel
                                   Finsternis
 »So du hundert Meter gehest ohne Liebe,
 gehst du in deinem eignen Sterbehemd,
 zu deinem eignen Begräbnis.«
                                                                   Walt Whitman.
Die indischen Puris haben nur ein Wort für gestern, heute und morgen. Und so wie
dem wunschlos Weisen die Zeit nur ein ungegliedertes Einziges ist, das zu
überwinden er eingesetzt wurde, - so dem, dem das Leid die wechselnde Gestalt
der Stunden und Tage verwischt. Nichts geschieht in solchen Tagen, auch dann
nicht, wenn sie ihre Forderungen mit fest gegen die Erde gestemmten Beinen uns
in den Weg stellen, nichts geschieht für unser Bewusstsein, - als dass wir älter
werden und täglich dem Dunkel näher kommen. Wozu die Pein, denkt dann das
leidende Herz, wozu die Freude, wozu die Tat, da dieses Dunkle dich bald
verschlingt, wie alle, alle ...
    Die Mächte der Finsternis griffen nach dem getäuschten, einsamen Mädchen.
Sie umklammerten sie mit bohrenden Fingern und erschütterten sie bis zu den
Wurzeln, aus denen die starke und edle Fügung ihres Wesens erwachsen war. Die
gleichende Kraft ihrer Seele, das Schwergewicht, das die Natur ihr, vor vielen
anderen, gegeben, das die Gaben ihres Herzens und ihrer Vernunft niemals
verflattern liess, sondern immer stärker und dauernder das Passende
zusammengefügt, das triebhaft Wuchernde ausgeschieden hatte, - diese gleichende,
schwerende Kraft war aufgehoben, die strengen Bande ihres Seins gelockert und
gelöst und ihre Seele preisgegeben dem »dunkelnächtigen Getier«, - den Dämonen,
die sie immer enger umzingelten.
    Da waren sie alle, die dunklen Gesellen, und stritten um die Herrschaft auf
der neu erstürmten Feste. Da war der Zweifel, - an sich selbst und an denen, auf
die man vertraut; da war das Übelwollen und sein stärkerer Bruder, der Groll; da
war die beleidigte Liebe, mit dem finster verzerrten Gesicht, das sie ihrem
Todfeinde, dem Hass, so erschreckend ähnlich machte; da war die Busse und
Selbsterniedrigung, der giftrot schillernde Hohn und die Furcht, die gespenstig
fahle. Und sie lagerten sich um ihr Herz und drängten hinein, - bis der Dämon
mit dem Medusenantlitz, der Liebeshass, triumphierend als der Mächtigste darin
sass ...
    Und er zog die Gedanken aus ihrem hellen Reich hinab, in das nächtliche
Herz, spannte sie in seinen Dienst, liess sie unendliche Lasten immer aufs neue
wälzen und heben und peitschte sie wirbelnd im Kreise, bis sie der Wirrnis so
nahe waren, dass keiner mehr von sich und vom anderen wusste. - - -
Werner hatte sich seit jenem Abend nicht wieder blicken lassen, und sie wusste,
dass er eine andere liebte und dass sie ihn verloren hatte. Zuzeiten, wenn die
Besonnenheit sich über den Aufruhr ihres Herzens schwang, fragte sie sich, warum
sie darüber verbittert und verzweifelt war, warum der Groll in ihr wühlte. Aber
wie sehr sie sich auch selbst zusprach, wie einer fremden, zweiten Person, die
sie von der Notwendigkeit dieses Geschehens zu überzeugen hatte, - es nützte
nichts. Die Stunden, wo sie, fahlen Gesichtes, zusammengekauert, frierend, trotz
voller Heizung und warmer Tücher, in einer Ecke sass und die bösen Gefühle in ihr
hin und her strömten, vom Gehirn zum Herzen und wieder dahin zurück, - häuften
sich mehr und mehr. Sie sass da, eine Beute trostloser Gedanken, verwühlt in
bohrendes Grübeln und hielt im Geiste jene furchtbarste Zwiesprache, die der
machtlos Verirrte mit seinem entdoppelten, zerspaltenen Selbst führt.
    Verklagte sie mit dem einen Ich den Mann, bezichtete ihn elender
Gefühlsschwäche, des Unvermögens zur Gestaltung und Festigung eines guten
Empfindens, der Beeinflussbarkeit von jedem neuen Reiz, der sein Hirn traf, der
Beirrbarkeit der Anschauung, der Direktionslosigkeit, des Mangels an seelischem
Orientierungsvermögen, an wegeweisenden, heilen Instinkten, der Triebschwäche,
die das Begehren missleitet und hemmt, kurz des Mangels an starker
Menschlichkeit, an ungebrochener Männlichkeit, - so ging sie mit sich selbst
nicht schonungsvoller um. Sie nannte sich eine Stümperin, die plump geradeaus
ging, die zu schwer und zu ahnungslos war, aus den gewundenen Wegen des
Irrgartens der Liebe herauszufinden ins beglückende Freie, - dahin, wo es keinen
Zweifel mehr gab, kein quälendes Suchen nacheinander, - wo die Sonne der vollen
Gewissheit schien, der ruhenden Zuversicht, der Geborgenheit. Dort war die
Heimat, der das Weib zustrebte, - von allem Anfang an bis zu allem Ende, -
mochte sich seine Stellung zur Welt durch die Jahrtausende immer wieder
verändern, mochte es Sklavin oder Herrin sein, als Traumwesen dämmern oder
wachsamen Auges am Strome stehen, mochte es, pflanzenhaft verwurzelt, in seinen
Trieben weben oder frei sich sein Teil nehmen am Rechte der Selbstbewegung, -
dort, unter jener Sonne friedvoll erfüllter Gefährtenschaft war immer seine
Heimat, dortin, durch alles hindurch, führte sein Weg.
    Mit halben Gefühlen, bedrückt von Zweifeln, hatte sie dieses Verhältnis
begonnen. Sie war hineingeraten, fast gegen ihren Willen und Vorsatz. Aber dann
hatte es sie immer fester gefasst, - es war ihr gegangen, wie den Frauen zumeist:
so, dass sie erst »über der Situation« gestanden, dann mehr und mehr in sie
hineingeraten, und sich schliesslich von ihr überwältigen lassen. Die »Situation«
ist die Liebe ...
    Vielleicht, so grübelte sie, hatte sie zu viel verlangt - und darum nichts
erlangt? Vielleicht auf falsche Art gegeben, - so gegeben, dass sich darin
zeigte, dass sie selbst etwas wollte und brauchte? Hatte gegeben, hingegeben, wie
ein Mensch, der in Abhängigkeit geraten ist, - anstatt stolz zu spenden?
    Zum erstenmal zeigte sich ihr, wie unter vergrössernder Linse, das, was sie
bisher für ein Einziges und Einheitliches gehalten, als hundertfältig
zusammengesetzt und gegliedert. Das eigene, leidvolle Erlebnis hatte ihr das
Auge geschärft für diese geheimnisvollen, vielfältigen Windungen, die den Boden
der Menschenseele durchziehn und im Liebeskampf bestimmend wirken. Schonungslos
fragte sie sich, was sie denn, mit bangen Ahnungen von Anfang an, dazu
getrieben, sich in die Gefahr zu stürzen. Ja, es war mehr als Ahnung, es war, zu
Anfang, manchmal ein erschreckend klares Wissen gewesen, - dass dieses Erlebnis
ein Abbiegen von ihrem Wege sei; freilich, der Weg war versandet und einsam, und
um die Biegung herum lockte das ewige Grün. - - -
    Und der Groll ihrer bittersten Stunden wechselte mit der wehen Sensucht, ihn
wiederzusehen. Zärtlichkeit hatte sie gelabt, - nun dürstete sie.
    Durfte sie ihn beschuldigen, sie verraten zu haben? Sie gab sich die
Antwort: Verrat kann nur begangen werden an dem, der alles gab. Sie, ja sie
hatte gegeben - aber nicht alles, was sie zu geben hatte. Niemals hatte sie ihr
Wesen sich auflösen gefühlt in Werners Nähe, und sie wusste, dass das grosse
Fühlen, dieses bis an die Wurzeln Erschütternde, nie über sie gekommen war, -
nie, dieses Erbeben, das die restlose Wonne begleitet und das der Jubel des
Herzens übertönt: - er ist's, er ist's!...
    Und so hielt sie zwischen Groll und Weh und Sehnsucht - Abrechnung mit sich
selbst. Sie beschuldigte sich des verirrten, selbstsüchtigen Wollens, an dessen
Unreinheit, Verschwommenheit und Schwächlichkeit sie nun scheiterte. Gerecht und
billig war, was ihr geschah, - so sagte sie sich, während sie tatenlos in ihrer
Ecke zusammengesunken sass und fror und grübelte, und die Gespräche, hinter ihrer
Stirn, sich endlos spannen. Sie sah ihr blasses, wie erloschenes, verweintes
Gesicht im Spiegel und fand es hässlich. Sie litt unter der zunehmenden Kürze der
Tage, dem Mangel an Sonne. Unmöglich schien es ihr, ihre berufliche Arbeit zu
leisten und, wie sie es bisher getan, ihre kleine Wohnung in Ordnung zu halten;
auch zum Mittagessen auszugehen war ihr unerträglich. Sie ertappte sich auf
leisem Gemurmel:.. »der Intellekt ist ein Stück weiter als der Wille, - als die
moralische Kraft, - das ist's - - - darum ist alles verzerrt ...«
    So suchte sie einen geistigen Schlüssel zu ihrem Erlebnis, weil sie nicht
vermochte, es rein als Erfahrung zu bewältigen, - wie der Organismus der
Einfachen, für den es geheissen hätte: darüber hinweg - oder daran zugrunde.
    Mit stachelnder Selbstverhöhnung rief sie sich die Hindernisse in
Erinnerung, die sie bisher überklommen hatte, - um ihren Weg zu gehen, wie sie
geglaubt. Sich allen hemmenden Anklammerungen entziehen, sich herauswinden aus
allem, was einen lahm legen wollte, - das war, unbewusst vielleicht, der Antrieb
ihres Tuns gewesen. Nun wurde sie selbst auf diese Art erledigt. Sie hatte sich
hartnäckig und energisch aus ihrer heimatlichen Umgebung losgemacht. Das Bild
des einsamen Greises, der ihr Vater war, stieg vor ihr auf und erfüllte ihr
geschwächtes Gewissen mit Bangen. Und der drohende Schatten war nicht allein, -
die Erinnerung an Koszinsky kam dicht hinter ihm vor ihre erschreckte Seele ...
Der hatte sich an sie klammern wollen, dass sie ihm helfen möge, - aber sie - sie
hatte ihn fortgeschoben, - er taugte ihr nicht auf ihrem Wege. Nun war er ein
Lebendigtoter.
    Immer dichter drängten sich die Halluzinationen der Gewissensangst.
Vergebens rief die Stimme ihrer Vernunft in das chaotische Wogen ab und zu ihr
bannendes Wort: »Du hast getan, wie du musstest und solltest!« Vergebens, - denn
das auf den Tod verwundete Geschlecht hatte die Seele zum Tummelplatz gemacht
für die Fiebervisionen der Busse.
    Und sprach die Stimme: »Wer sonst hätte dir am Wege helfen sollen, wenn
nicht du selbst? Nur indem du dich hieltest gegen alles und alle, konntest du
weiter, - in die Nähe deiner wahren Pflichten,« - so stöhnte sie sich die
Antwort zu: »Aber dann habe auch die Kraft, die Folgen zu tragen - ohne Reue!«
    »Feige wärest du gewesen,« sagte die verteidigende Stimme, »wärest du vor
dem Erlebnis, das deiner reifen Weiblichkeit gebührte, gewaltsam geflohen.«
    »Feige bist du,« erhob sich die zornige Antwort, - »weil du nun, zu Tode
geschwächt, zerbröckelt, gedemütigt bist, - wo du ruhiger und stärker weiter
müsstest.«
    Bis in die Nächte hinein drängten sich die schreckhaften Bilder. Ihre Träume
bekamen eine Lebendigkeit, vor der ihr graute. Sie sah sich auf einer
Wanderschaft im Wiener Wald. Hochsommer war's, und der dichte Laubwald stand in
bleierner Schwüle. Sie suchte ein entlegenes Dorf und war vom Wege abgekommen.
Das charakteristische Scenarium der Wiener Waldlandschaft entrollte sich hier,
zu ihrem Entsetzen. Immer neue Talmulden und Hügelketten breiteten sich vor ihr
aus, so oft sie stöhnend eine Höhe überklommen hatte. Immer dichter verschlangen
sich die belaubten, sich hoch oben bogenförmig ineinander verflechtenden Äste;
niedriges Gestrüpp hemmte den Weg und schlug ihr ins Gesicht. Wie eine ferne
Vision stieg in diesem von Hitze dampfenden Laubwald - die Vedute der märkischen
Landschaft, die sie liebte, vor ihr auf. Während sie sich, keuchend, weiter
rang, vom glühend heissen Sirokko umstrichen und fühlte, wie der Schweiss auf
ihrem ganzen Körper immer stärker ausbrach, - dachte sie an die weiten Seen, in
deren dunklem Glanz milde das Sonnenlicht spielte, dachte an die Erquickung
dieser durchfeuchteten Luft im märkischen Kiefernwalde ... Sie dachte an das
Haus der alten Frau Wallentin, die sie manchmal besucht hatte, an dieses Haus im
Park, mit den pinienartigen Kiefern, - wie an ein ewig verlorenes Bild. Aber sie
musste weiter, durch eine von Hitze verbrannte Hecke hindurch, die sich ihr immer
enger an den Leib drängte und ihr Kleid in Stücke riss ... Schweissgebadet und
zitternd erwachte sie.
    Bei Tage quälten sie böse Erinnerungen. Es kam ihr ins Gedächtnis, wie sie
einmal, in einer Wiener Vorstadt, in einem bescheidenen Schusterladen ein Paar
schöne, gute Schuhe gekauft hatte. Sie kaufte sonst nur in grossen Geschäften,
aber der billige Preis und die schöne Form der Schuhe lockten sie. Sie trat ein,
liess sich ihre Schuhe vom Schuster, einem alten Mann mit sanftem Gesicht,
aufschnüren. Seine Augen hatten erfreut aufgeleuchtet, als die Kundin den Laden
betrat. Während er ihr die neuen Schuhe probierte, wurde ihr klar, dass sie so
viel, wie die Schuhe kosteten, jetzt gerade doch nicht ausgeben durfte. Sie
begann, etwas vom Preis herunterzuhandeln. Es glückte ihr. Sie erhielt die
Schuhe. Aber als sie ihm das Paket abnahm, sah sie, dass der alte Mann enttäuscht
und niedergeschlagen aussah ...
    Ohne jeden bewussten Zusammenhang erinnerte sie sich eines Bahnhofsgedränges,
in das sie einmal geraten war, - und wie sie dabei, zum Waggon drängend, wie die
anderen, einem Buckligen, der neben ihr stand, unbewusst die Ellbogen so fest an
die verwachsene Brust gebohrt, dass jener laut aufgeschrieen hatte und ihr
klagend, mit weinerlicher Stimme, zurief, er sei eben erst von einer schweren
Krankheit aufgestanden ... Warum quälten sie diese Bilder der Busse? - -
Schwer und beladen, ging sie über die Strasse. Sie schlich gebeugt, in ihrer
alten, schwarzen Jacke, dicht an den Gittern der Vorgärten entlang. Manchmal
blieb sie stehen, atmete erschöpft; sie ging, als zöge sie die Schwere der Erde
nieder. Sie fuhr in die Stadt, um da Besorgungen zu erledigen. Als eine Wüste an
Verlassenheit erschien ihr auf einmal das grosse Berlin, dessen Gleichgültigkeit
sie zuerst so deckend und schirmend empfunden. Und was ihr an den Menschen, mit
denen sie hier zu tun hatte, früher als beruhigende Sachlichkeit wohlgetan,
empfand sie jetzt als Mangel an Wärme und an lebhaftem Gefühl. Und diese
Restaurants, - wie hatten sie ihr nur anfangs gefallen können? Sie wich den
weiten Speisesälen mit den Plüschmöbeln aus und trat gegen Nachmittag, als es
schon zu dämmern begann, in das kleine, schlecht ventilierte Lokal eines
vegetarischen Speisehauses, das in einer breiten, vom Verkehr überfüllten
Geschäftsstrasse des alten Westens lag. Die Luft war hier muffig und dumpf, und
es roch nach fetten Gemüsen. Ausser ihr waren nur noch wenige Leute hier, einsam
an ihren Tischen, wie sie. Ein altes, verwelktes Mädchen sass da, das schäbige
Hütchen nach Männerart tief in die Stirn gedrückt, auf der kein Löckchen sich
kräuselte, - wohl eine Lehrerin, da sie einen Stoss Hefte neben sich hatte; dann
eine alte Dame in Schwarz, die ganz vertieft war in die Lektüre eines
teosophischen Blättchens, das hier aushing, und ein dürftig gekleideter junger
Mensch, anscheinend ein Student, der eine Portion Gemüse mit Heisshunger
verschlang und einen ganzen Korb voll Brot dazu ass.
    Die Lampe wurde schon angesteckt, als sie ihr Gericht erhielt. Sie ass und
griff dann müde nach einer Zeitung, die neben ihr auf dem Stuhle lag. Das
Feuilleton feierte einen Gedenktag, der dem amerikanischen Apostel, dem Dichter
Walt Whitman galt. Sie las, worüber er geschrieben, und sie fand auch den Satz:
»So du hundert Meter gehest ohne Liebe, gehst du in deinem eigenen Sterbehemd,
zu deinem eigenen Begräbnis.«
    Da erschrak sie, - und das Blatt entglitt ihren erkalteten Fingern. - - -
Eine Schreckensbotschaft rüttelte sie auf. Sie kam aus Wien, von Eva. Im Hause
von Gustav Diamant, dem Professor und Krebsforscher, bereitete sich eine
Katastrophe vor. Professor Diamant war nicht nur in bezug auf die Frühdiagnose
und die Behandlung des Krebses zu neuen Metoden gelangt, sondern er trat auch
als Verfechter der sogenannten parasitären Teorie auf. Er behauptete, im
Widerspruch zu der grossen Mehrheit seiner Kollegen, dass das Karzinom durch einen
Parasiten hervorgebracht werde. Seit Jahren machte er Tierexperimente. Es war
ihm gelungen, Krebsgeschwülste von einem Tier auf das andere, besonders bei
Mäusen, zu übertragen. Die meisten Forscher betrachteten aber auch diesen
Vorgang nicht als Infektion, sondern als Fortzüchtung, Transplantation. Das
schlimmste aber war nicht die wissenschaftliche Ablehnung seiner Hypotese, -
sondern die furchtbare Tatsache, dass er, Gustav, sich selbst krank fühlte, - -
und den Verdacht eines Krebsleidens an sich selbst ausgesprochen hatte. »Er
behauptet,« schrieb Eva, »mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen zu müssen, dass
schmerzhafte Druckzustände im Kopf Symptome des schrecklichen Leidens wären und
sieht in sich selbst ein Opfer seiner Untersuchungen und einen Beweis für seine
Teorie. Er nimmt mit Bestimmteit an, sich die Krankheit durch Infektion
zugezogen zu haben.« Und sie schilderte die ergreifende Tragik seiner Haltung,
berichtete, wie der Mann, der sich für todgeweiht hielt, sein Schicksal heroisch
trug, in der Hoffnung, dass sein eigener »Fall«, wie er es kaltblütig nannte, das
entscheidende Licht in die noch ungelöste Frage bringen und die Wissenschaft
überzeugen werde. »Ich habe den Eindruck,« schrieb Eva, - »dass Gustav unter dem
Bann eines Gedankens, der sich seiner mehr und mehr bemächtigt, sich zu einer
furchtbaren Opferung vorbereitet. Er meint, - es überlief mich kalt, als er
davon sprach, - dass gerade in dem Stadium, in dem die Krankheit, seiner Diagnose
nach, sich bei ihm befindet, - die mikroskopische Untersuchung von
Geschwulstteilen die volle Klarheit geben müsse. Er bedauerte«, schrieb sie, -
»in seiner gewohnten kühlen, trockenen Art, dass der Sitz des Leidens nicht in
der Bauchhöhle oder in der Niere sei, - denn diese könne man freilegen, und den
Patienten dennoch retten, - sondern im Gehirn ...«
    Ein Schauer kroch unter Olgas Haar und hob es hoch. Sie stürzte ans
Telephon, sie wollte Stanislaus rufen. Aber wie sollte sie das, da er
telephonisch nicht erreichbar war? Sofort musste es geschehen, denn einer von
ihnen musste nach Wien. Sie entschloss sich, Werner anzurufen. Sie vergass es in
diesem Augenblick, vergass es vollständig, wie sie zu ihm stand. Jetzt war er ihr
nur der nächste, der Stanislaus, in dessen Nähe er wohnte, schnell holen konnte.
    Sie rief ihn an, in seinem Verlagsbureau. Als er ihre Stimme erkannte und
sie sich nannte, antwortete er mit fremdem, eisigem Ton, durch den Furcht und
Abwehr durchklangen. Aber als er ihre Gleichgültigkeit für ihn selbst aus dem
Gespräch erfuhr, - in dem sie ihm kurz mitteilte, was man ihr aus Wien
geschrieben und ihn bat, Stanislaus sofort aufzusuchen und zu ihr zu senden, -
da wurde seine Stimme voll und warm, und er sprach zu ihr mit innerster
Teilnahme, wie einer, der ihr ein Freund war.
    In einer Viertelstunde rief er sie an. Er berichtete, er sei soeben in
Stanislaus' Wohnung gewesen, aber er habe ihn nicht gefunden. Die Wirtin hatte
ihm gesagt, Stanislaus hätte vor etwa einer halben Stunde ein Telegramm erhalten
und sei fortgestürzt, zu seiner Schwester. Ob er selbst nicht kommen solle?
    Sie wusste genug. Sie bat ihn, nicht zu kommen. Kaum hatte sie den Hörer
angehängt, als es klingelte. Stanislaus trat ein, mit verstörtem Gesicht, das
zerknitterte Telegramm in der Hand:
    gustav hat sich erschossen steht mir bei edda
In jenen schweren, schmerzlichen Tagen, die nun folgten, erblasste ihr eigenes
Weh. Das, was sie erlebt, - es hatte ja nicht die letzte, die hoffnungslose
Nacht über sie gesenkt, die dort über einen gekommen war. Das Grauen vor dem
Selbstmord griff an ihr Herz, - und alles in ihr lehnte sich auf gegen diese
Tat, die die letzten Ziele selbst setzte, die das dunkle Tor, das zu seiner Zeit
sich dem Wanderer ladend erschliesst, gewaltsam aufstiess ... Nur einen Grund gab
es für solches Tun: hoffnungsloses Siechtum. Aber war das wirklich Diamants
Schicksal gewesen? Hatte er selbst sich für unheilbar gehalten, oder, - sie
wagte nicht, es auszudenken, - hatte er an mögliche Heilung geglaubt, er, der so
manchen von demselben Leiden geheilt, - und trotzdem die Tat getan, - - die
Geschwulst in seinem Gehirn darzubieten, - als Triumph für seine Teorie?...
Aber über dieser vernichtenden Frage lagerte das Schweigen. Ob er sich für
heilbar oder unheilbar gehalten, verlautete nie. Er hatte keine Zeile darüber
hinterlassen, kein Wort mit jemandem darüber gesprochen. Hier war sein
Geheimnis.
    Stanislaus war nach Wien gereist. Olga kam nicht mit, denn sie fühlte sich
jetzt arm an Kraft, sie hatte nichts zu geben. Bangen Gemüts erwartete sie seine
Rückkehr. - Sie war ruhiger geworden in diesen Tagen. Ihr eignes Leid hob nicht
mehr so sehr seine düstere Gestalt vom hellen Tage ab, - denn noch Dunkleres
hatte sich darum gelagert.
    Und sie glaubte, überwunden zu haben.
    Aber als eines morgens Werner sie zum Telephon rief und sie drängend um eine
Unterredung bat, - da merkte sie, dass die dumpfe Stille, die sich über den
Aufruhr gelegt, noch nicht dicht und tief genug war. Sie fühlte, als sie seine
bittende und warme Stimme hörte, wie erst ein erstarrender und dann ein
glühender Hauch ihren Körper überflog, wie das Herz stillstand und der Puls
sank, wie das Blut, dumpf aufrauschend, an ihre Stirne schlug. Das »Du«, mit dem
er sie ansprach, beleidigte sie, und sie hätte es am liebsten zornig
zurückgewiesen. Und während sie seine Bitte ablehnte, fühlte sie, dass sie log, -
dass sie selbst ihn sehen und sprechen wollte.
    Da sie sich nicht nachgab, so schrieb er ihr:
    »In einer grossen Not nach Ausdruck hat der Mensch die Sprache erfunden.
Entsetzen fasst einem manchesmal darüber, wie hilf- und machtlos dieses Symbol
ist. Wie alle Worte und Begriffe versagen, um Gefühle zu klären und wie, wie wir
sehen, keinerlei Klärung, Aufklärung, Erklärung durch Worte etwas erzielt, - die
nicht durch übereinstimmende Gefühle gegeben ist. Fast könnte es scheinen, als
vermöchte dieses Symbol, die Sprache, nichts, als vorhandene Ahnung zu klären,
Gleiches Gleichem zu nähern, Ungleiches noch weiter zu trennen ... Und doch muss
man trachten, voneinander zu erfahren, - was es auch sei. Erfahren - das ist das
höchste erreichbare Ziel, damit sich finde und stärke, was seiner Wesenheit nach
zusammengehört.
    Unser wesentlich Letztes, Olga, gehört zusammen. Fürchte nicht, dass ich zur
Umkehr locke, dass ich zurückbiegen will, was auseinander kam. Ich würde Dich
nicht kennen, wenn ich solches versuchte, oder ich würde Dich wissentlich
betrügen. Nein, ich sage Dir, wie ich in jenem ersten Briefe sagte: dies wird
kein Liebesbrief. Aber schrieb ich Dir damals nicht auch, - verlasse mich nicht,
was immer geschehen mag, auch dann nicht, wenn ich eines Tages schuldig werde an
Dir? - - -
    Und so komme ich jetzt, ein Schuldiger und doch noch Fordernder, - von dem
zu holen, was ich Dich bat, mir ewig zu wahren. Keine und keinen wüsste ich, dem
ich dieses Unversiegliche so vertrauen wollte, wie Dir. Nun, da wir geschieden
sind, nun weiss ich genau, was das Unvergängliche ist zwischen uns. Und ich kann
nicht eher ruhig werden, bevor nicht auch Du friedlichen Herzens bist und
erkennst, dass unser vermeintliches Irren doch eine volle Frucht trug, - dass uns
also doch eine uns verborgene Wahrheit führte. Denn die Früchte des Irrtums sind
leer und taub. Das aber, was wir nun heimsen sollen, ist echte und edle Nahrung.
Lass mich kommen, damit ich nicht Worte hier aufbauen muss, damit wir uns
verstehen durch unsere Nähe, - nun, da wir aus einer Gasse, die nicht ins Freie
führte, zurückgefunden haben auf den Weg.«
    Sie lachte schmerzlich auf, da sie gelesen hatte;... und sie konnte nicht
verhindern, dass die Tränen wieder heiss aus ihren Augen stürzten ... Er hatte ihr
reifes Weibtum begehrt, - und hatte es erhalten. Nun wollte er - wie sagte man
doch - ihre »Freundschaft!«
    Noch einen Tag lang bäumte sich ihr beleidigtes Geschlecht. Dann war sie
ergeben. Mochte denn auch dies noch getan werden.
So sassen sie sich denn gegenüber und sie sah, wie schwer er nach Worten suchte.
Er war bleicher und schmäler geworden, der sanfte Glanz war nicht mehr in seinen
Augen, aber in der Tiefe seines Blickes brannte eine Flamme, die sie bisher
nicht gekannt.
    Er sagte ihr, dass ihm sein Gewissen ihr gegenüber keine Ruhe liesse.
    Sie hatte sich vorgenommen, sich in strenger Zucht zu halten, ihm weder
beleidigt noch gebrochen, weder scharf und bitter, noch etwa klagend zu
begegnen. Mit starkem Geiste musste hier gelöst und gehoben werden.
    Und so fragte sie, warum er denn ein böses Gewissen habe. Was geschehen sei,
war notwendig und darum gut.
    Er lächelte wehmütig: »Weisst du nicht, dass ich zu denen gehöre, die auch,
wenn sie das Richtige und Notwendige tun, - oder erleiden, - nicht ruhig sind?
Immer quält sie der Gedanke: vielleicht hätte es doch auch anders getan - oder
erlitten - werden müssen.«
    »Es ist gefährlich und unfruchtbar, seinem Ich auf diese Art nachzuspüren.
Was geschieht, ist darin beschlossen. Wir entrinnen uns selbst doch nicht.«
    »Aber man weiss so wenig von diesem Ich, in dem alles beschlossen ist, wie du
mit Wahrheit sagst. Und das ist das Schaurige daran. Denn was ich von mir weiss,
das bin nicht Ich, - mein Ich, jenes, das mein Schicksal macht,« - ein hilfloses
Lächeln glitt über sein Gesicht, - »ist dort, wohin ich nicht ausblicken kann.
Und diese vergebliche Suche ist's, an der man sich verbraucht.«
    Er atmete tief, und sein Kopf sank. In diesem Augenblick empfand sie, dass er
weinte, wenn auch keine Träne in sein Auge kam. Sie wusste nun, dass er in
schweren Banden war.
    »Erzähle«, sagte sie.
    Und er erzählte. Es kam aus ihm heraus, ohne jeden Rückhalt. Er sprach vom
Tode seiner Liebe zu ihr, als spräche er zu einer dritten Person, die das alles
nicht betraf. Mit jener naiven Grausamkeit dessen, der übervoll ist von sich und
seinem beständigen Kampf, berichtete, klagte er, - warb er um Trost.
    Draussen lagerte sich die Nacht in die Nebel. Wie eine Decke fiel der Schnee
über sie, weich, dicht und feucht. Die Finsternis drang immer tiefer in den
Raum, in dem die beiden sassen, und verhüllte ihnen ihre Gestalten. Olga
entzündete ein Lämpchen auf dem Schreibtisch, das sein Licht unter grünem Schirm
sammelte und es schwach in jene Ecke entliess.
    Er sprach von der plötzlichen Wandlung seines Herzens. Eines Morgens wachte
er auf - und liebte nicht mehr. Es war »abgerissen«, - so nannte er es. Er
begriff nicht, warum, und litt darunter. Dieses Magische kam über ihn, und alles
war aus. Da trat in dieser Dämmerung seiner Seele, strahlend hell, jene andere
Frau. Und er sprach von seiner Leidenschaft, - er schilderte, wie sie jedes
andere Gefühl in ihm übertäubte. Nur der Gedanke wuchs und wuchs in ihm, diese
Liebe zu erfüllen. Er berichtete auch von seiner Hoffnung. Er glaubte, dass er
nicht unerwidert liebe.
    Scharf und grell, wie eine moderne Lichtmaschine, die Überhelle verbreitet,
so leuchtete er hinein in das Chaos seiner Gefühle. Ein einziges Mal unterbrach
ihn Olga. Sie fragte ihn, ob er seiner Gefühle diesmal denn so sicher sei, ob er
nicht glaube, sich zu täuschen. Da sagte er ihr, - er hätte nur einen Wunsch:
sich zu binden mit allen Fesseln. Er wollte kein »Freier« mehr sein. Er
wünschte, dass sein Wille ewig so gebunden bliebe, wie jetzt.
    Sie fragte ihn, ob er dann an Ehe dächte, und er sagte, dass es seiner
Wünsche höchstes Ziel wäre, die geliebte Frau frei zu wissen von den sie jetzt
fesselnden Banden und sich ihr zu verschreiben auf Leben und Tod. Da rüttelte
der Gram an ihrem Herzen und liess sie erschauern, und Scham überflammte sie,
weil er solches von ihr niemals begehrt hatte.
    Und dann sprach er davon, dass die Frauen die Grösseren und Stärkeren wären.
Und als sie wehmütig den Kopf schüttelte, da fasste er ihre Hand und sah ihr ins
Auge: »Nie bist du mir so gross erschienen, - nie so weit die Grenzen deiner
Persönlichkeit, - als eben jetzt, - heute.« - - Und er fuhr fort: »Glaube mir,
wenn ich dir sage, dass wir zusammen bleiben müssen, - auch weiterhin.«
    Sie senkte den Kopf. »Und wenn es keine Freude für mich ist?«
    »Du kannst es jetzt noch nicht als Freude empfinden; aber ich glaube, dass es
gar nicht von deinem freien Willen abhängt, ob wir verbunden bleiben oder nicht.
Für Menschen unserer Art ist es bezeichnend, - dass sie immer wieder
zusammentreffen. Die Leidenschaft kann da eine kurze Unterbrechung bringen. Dann
zieht sich der betroffene Teil für eine Weile schmerzlich zurück ... Aber der
Kreis, der Menschen unserer Art verbindet, schliesst sich immer wieder, - trotz
aller Kreuz- und Quersprünge darin. Glaube mir das!«
    Einen Augenblick meinte sie den Boden unter den Füssen zu verlieren. Sie hob
die Hand an die Augen, und über ihre Lippen stahl sich flüsternd das Wort:
»Einsam, einsam«. Und dieses Wort durchflog die Wälle seiner Selbstsucht und
schlug da eine schwere Bresche.
    Scheu erfasste er ihre Hand: »Das ist jetzt dein Los. - Gehe nur weiter, -
immer weiter!«
In der Nacht, die diesem Gespräch folgte, kam das Bewusstsein ihrer Verlassenheit
wieder aus der Tiefe herauf. Riesenhaft, schwer, kalt und hart wie Erz, fahl wie
der Tod, - so stand es über ihr. Jammer durchfrass ihr Inneres, und eine
schwählende Begier kam über sie, - eine Begier, hinaus auf die Gasse zu laufen
und sich dem ersten Besten in die Arme zu werfen. Plötzlich hatte sie die Vision
der nächtlichen Friedrichstrasse, - sie sah sie, wie sie den Tag vortäuschte, mit
ihrem Menschengewühl, im Lichte der Bogenlampen. Und diese Vision genügte, um
sie vor Ekel frieren und zittern zu machen. Aber - verzehrend, versengend, - -
jagte es sie aus dem Bett.
    Mitten im Zimmer stand sie. Im grossen Spiegel sah sie sich selbst, im
Mondlicht irrend, als weissen gespenstigen Schatten. Das Bett in der Ecke
leuchtete herüber; die Decke hatte sie mit zu Boden gerissen, als sie
heraussprang, und so sah sie das weisse Laken fest ausgespannt, und es schien ihr
starr, wie ein Bahrtuch und das ganze Lager wie ein Totenbett. Endlich legte sie
sich auf den Divan nieder; noch grübelnd, verfiel sie in Halbschlaf. Sie sah
sich auf der Erde kauern, vor einer schwarzen, verhüllten Gestalt, und jeden
Augenblick erwartete sie, getreten zu werden. Und sie spürte die Furcht und die
Erniedrigung im Traum. - Wie gelähmt, vermochte sie am anderen Morgen nicht den
Tag zu beginnen und suchte ihr Bett auf.
    Nein, sie hatte sich getäuscht, sie kam darüber nicht weg. Verlassen und
einsam - für ewig ... Und sie war keine von den Frauen, die, mit trockenen
Lippen, still und allein durchs Leben gingen und irgendeiner fremden Sache
fleissig und nüchtern dienten, mit kühlem Kopf und selbstlos resigniertem Gemüt.
Nein, so war sie nicht. Sie - sie war eine Fordernde, eine Begehrende; und
gerade darum war sie gezüchtigt worden ... Sie lehnte sich auf, sie stöhnte
unter ihrem Geschick. Geistig lösen und heben -, das hatte sie noch gestern
gewollt. Und heute, da sie sich hier, bei hellem Tag, ohne krank zu sein, ohne
Schlaf zu suchen, auf ihrem Lager hin und her warf, - wie stand es heute mit
ihrer Macht, geistig zu lösen und zu heben? Überrädert war sie. Wie konnte sie
je wieder aufstehen, heil, mit gesunden, regen Gliedern?
    Und dabei war sie sich doch klar geworden, dass Werner für sie nicht der war,
der die letzten Bande ihres Wesens gelöst hatte. Er war es nicht - und doch
verzweifelte sie, da sie ihn verlor, - denn die Verlassenheit öffnete sich vor
ihr, wie ein dunkler Abgrund, gespenstisch und unentrinnbar, wie das Grab. - - -
    Am selben Tag kam Stanislaus zurück. Er war erstaunt und besorgt, als sie
ihm erst nach zweimaligem Läuten, in eine Decke gewickelt, mit hängendem Haar,
öffnete, und als er sah, dass sie aus dem Bett kam.
    »Es ist nichts«, sagte sie und kleidete sich hastig an, während er in ihrem
Arbeitszimmer wartete. Auch der staubbedeckte Schreibtisch mit den unberührten
Papieren, den uneröffneten, dicken Manuskriptbriefen, den ungelesen aufgehäuften
Zeitschriften, sagte ihm mehr als genug. Er beschloss, diesmal nicht
zurückzuweichen und mutig an die Wunde zu rühren.
    Sie kam herein, und ungeduldig und angstvoll fragte sie ihn, wie die Dinge
in Wien ständen.
    Er berichtete, dass gestern Gustavs Begräbnis war.
    Und er erzählte von der Panik, die er da angetroffen hatte. Mit dem Tode
Gustavs war Eddas ganze Existenz zusammengestürzt.
    »Vermögen hat der Professor, wie du weisst, nie gehabt. Was er verdiente -
und darüber hinaus, - wurde verbraucht. Versichert war er nicht. Die einzige
Geldquelle war seine tägliche Arbeit. Alles, was die Ordination, die Visiten,
die Kollegien und die glänzend bezahlten Operationen einbrachten, - das alles
musste hineingeschüttet werden in den Rachen, der alles verschlang: den
Hausbrauch.«
    »Aber Eddas Vermögen?«
    »Ja, - hier liegt der Hase im Pfeffer. Damit hat der arme Gustav auch
gerechnet. In seinem Testament bittet er sie um Verzeihung, dass er ihr den
Ernährer nehme ... er empfiehlt ihr, von den Zinsen ihres bei ihrem Bruder
angelegten Vermögens bescheiden zu leben, - bis sie in anderer, besserer Obhut
sei, als die seine war.«
    »Nun - und?«
    »Ja - die Sache liegt so: der Bruder Vinzenz scheint bedenklich zu wackeln.
Er hat die Zinsen, die Edda immer persönlich einkassierte, schon in letzter Zeit
sehr unregelmässig bezahlt; Gustav wusste nichts davon. Sie verlangte nun jetzt,
er solle ihr das Vermögen herauszahlen, - und das kann oder will er nicht.«
    »Wie soll das nun werden mit ihr?«
    »Ich habe ihr geraten, vor allem dem Moloch ihres Haushalts keine weiteren
Opfer zu bringen. Verkaufen, auflösen, einschränken.«
    »Und dann?«
    »Dann - muss sie einen Erwerb suchen. Und da für sie Arbeit zu finden in Wien
besonders schwer sein dürfte, so soll sie nach Berlin kommen. Hier wird sich
schon etwas Passendes für sie bieten.«
    »Sie kann zeichnen,« sagte Olga bekräftigend, - »sehr gut und sehr originell
Moden zeichnen, aber -« forschend wandte sie sich dem Bruder zu, - »du erzählst
mir diese Geldgeschichten, die zwar wichtig für Edda sind, - indessen« - -
    »Ich kann mir wohl denken, was du sonst noch erfahren willst;... was ich da
zu berichten habe, - ist so schwer zu fassen, dass ich kaum weiss, wie ich es
schildern soll.«
    Eine Weile blieben sie stumm, dann fragte Olga mit leiser Stimme:
    »Was sagt man über Gustavs Tod?«
    »Das Motiv ist ja allbekannt, - - - aber - du willst wissen, - wie nun die
Wissenschaft Stellung nimmt zu - zu seiner Krankheit?«
    Sie nickte stumm.
    »Man hat ihn seziert«, berichtete Stanislaus; seine Stimme wurde plötzlich
flüsternd und hob doch jedes Wort scharf heraus.
    »Natürlich,« sagte sie, - »und man hat gefunden, dass er recht hatte? Man hat
das Karzinom untersucht, - vielleicht sogar den Parasiten gefunden?«
    Eine lange Pause folgte diesen Fragen ...
    »Man hat - sein Gehirn - - untersucht,« - Stanilaus stockte.
    »Nun - und?«
    »Und hat gefunden, - dass es ein Irrtum war.«
    »Ein Irrtum - seine Teorie? Nun, darüber werden seine Kollegen wohl noch
lange weiter streiten, das dachte ich mir. Also an seinem eigenen Karzinom war
auch nicht mehr zu erkennen, als an anderen Krebsgeschwülsten?«
    »Es ist noch anders, als du glaubst, - aber -« er sah sie fest an - »das ist
ein Geheimnis, hörst Du?«
    »Was für ein Geheimnis, was meinst du?« fragte sie.
    Stanislaus schwieg, als sammle er sich für das, was er zu berichten
hatte;... endlich sagte er: »Sein Famulus - wie heisst er doch?«
    »Du meinst den Pankratius - Pankratius Kaff?«
    »Ja den ... also der hat mit einem anderen Arzt, - einem Freund und Kollegen
von Gustav, einem Professor, der in dem ganzen Kampf auf Gustavs Seite war, -
die Sektion vorgenommen, und sie haben gefunden,« - seine Stimme formte die
Worte mit spitzer Eindringlichkeit, - »sie haben gefunden - dass - dass überhaupt
kein Karzinom und auch kein Tumor da war - - -.«
    In erstarrendem Schweigen sassen beide.
    »Wie ist das zu verstehen?« sagte sie endlich. »Das ist nicht anders zu
verstehen, als dass Gustav, der doch ein tüchtiger Arzt war, der als
hervorragender Diagnostiker sich wiederholt bewährt hat, - sich in seinem
eigenen Fall so tief verirrt hat, dass man nicht mehr weiss, ob man diesen Irrtum
nicht als fixe Idee bezeichnen soll.«
    »Kein Karzinom, - kein Tumor, - überhaupt keine Geschwulst -« flüsterte
Olga, - »was sonst?« »Nichts - nichts ... ein etwas blutarmes Gehirn, - eine
nicht bedeutende Degeneration des Nervensystems, konstitutioneller Art, - wie
mir gesagt wurde; es hat sich um ein Druckgefühl im Kopf bei ihm gehandelt, um
Schwindelzustände; und nicht eine Geschwulst war die Ursache, - sondern
Nervosität, - Erschöpfung, hervorgerufen durch Überarbeitung. Es soll das
richtige Ringgefühl gewesen sein, an dem er litt, das manche Neurasteniker auch
um den Leib herum spüren; andere wieder im Kopf; zu denen gehörte er;... vier
Wochen völliger Rast und guter Erholung, und die Symptome, die er - verkannte, -
wären fort gewesen.«
    In langem Schweigen verblieben beide. Nach einer Weile nahm Stanislaus das
Abendblatt vom vergangenen Tag, das unberührt auf den anderen Zeitungen lag, zur
Hand.
    »Im Abendblatt von gestern, da muss vom Begräbnis berichtet sein.«
    Und kaum hatte er das Blatt entfaltet, so fand er die gesuchte Nachricht
unter den Telegrammen.
    »...Der Selbstmord des verdienstvollen Forschers hat schmerzliches Aufsehen
erregt. Am offenen Grabe sprach, ausser den ersten Kapazitäten der Wiener
Fakultät, auch Professor Vacheron vom Institut Pasteur in Paris, neben anderen
ausländischen Kollegen des Verstorbenen. Unter allgemeiner Spannung, -« so
lautete das Telegramm des Wiener Korrespondenten, »trat dann auch Professor
Petersen vom Krebsinstitut in Kopenhagen an das offne Grab und feierte den zu
früh Verstorbenen als den Begründer der experimentellen Krebsforschung. Die
Witwe, deren Schönheit viel bemerkt wurde, stammt aus hochangesehener Wiener
Fabrikantenfamilie. Sie lebte mit dem grossen Gelehrten in glücklichster Ehe und
brach unter dem unerwarteten Unglück beinahe zusammen. Beileidsdepeschen aus
allen Teilen der zivilisierten Welt trafen im Trauerhause ein. Die amerikanische
Kolonie, unter der der verstorbene Forscher zahlreiche Schüler besass, hatte eine
Deputation zum Begräbnis entsandt.«
    Olga unterbrach sein Vorlesen: »War Mr. Macpherson auch unter der
amerikanischen Deputation?«
    »Du meinst den Amerikaner, der damals abends mit im Champagnerkeller war?«
    »Ja, den langen Amerikaner, Mr. Macpherson, den der Kaff in Wien
herumführte.«
    »Von Mr. Macpherson war die Rede; aber er war nicht beim Begräbnis, er ist
längst wieder in Amerika.«
    »Sage doch,« fuhr Olga nachdenklich fort, »wie ist das möglich, - dass man
hier den Toten so feiert als Begründer der Krebsforschung, - da doch - -« sie
stockte.
    »Der war er,« sagte Stanislaus, er hat die hervorragendsten Tierexperimente
gemacht, die ganz Neues brachten. Hier steht es ja, - höre weiter, was Professor
Petersen sprach:
    »Ihm ist es nach rastloser, teoretisch-hypotetischer Forschung als erstem
gelungen, aktiv und passiv Mäuse zu immunisieren und zu heilen, und ich habe auf
seiner Klinik auch bei Menschen Erfolge gesehen, die, - neben manchen Versagern
- nur durch die ungewöhnlich sichere und frühe Diagnose erzielt werden konnten.«
    Stanislaus liess das Blatt sinken.
    »Neben manchen Versagern«, flüsterte Olga ... »Weiss man denn - das Resultat
- der Sektion?«
    »Das soll Geheimnis bleiben«, erwiderte Stanislaus und sah sie ernstaft an.
- - -
Der Bruder blieb zum Abendessen bei ihr. Sie holte aus ihrer kleinen
Speisekammer Wurst, Brot und Butter und kochte Tee. Er bewunderte, wie immer,
ihr hübsches Junggesellinnenheim, wie er es nannte, und liess ihr trauriges
Kopfschütteln unbeachtet.
    »Hast du Frau Lore, - ich meine Fräulein Wigolski,
    - nicht gesehen?«
    Sie gab zu, in den letzten Tagen nicht gearbeitet zu haben und auch sonst
mit Lore nicht zusammen
    gekommen zu sein.
    »An Lore hättest du dich aber halten müssen in dieser Zeit,« sagte er, »nur
an sie; sie wäre dir zur Seite gestanden.«
    Als sie sah, dass er so unvermittelt an ihr Erlebnis rührte, ging sie darauf
ein, es so mit ihm zu besprechen, als hätte sie sich ihm längst anvertraut.
    Er meinte, Werners Gefühlsumschwung überrasche ihn nicht; er sei einer, der
von Weib zu Weib müsse, und zwar nach ähnlichen Gesetzen, wie jene es waren, die
Hegel geformt: so, dass immer Tese und Antitese aufeinander folgten. Nur die
gegensätzlichsten Typen würden ihn anziehen, und so würde er zwischen den
Extremen seiner eigenen Begier hin und her schwanken. Aber warum sollte sie sich
von dieser wilden Beweglichkeit seiner Natur aus den Angeln heben lassen? Warum
die natürliche Schwerkraft ihres eigenen Wesens ins Unrecht setzen?
    Seine Ratschläge wiesen sie auf völlige Lösung. Neuen Büchern, neuen
Menschen, neuen Hoffnungen sollte sie sich eröffnen und, da der Verkehr mit
einfachen, starken und organisch weisen Naturen das Heilsamste in solchen
Kämpfen, wie in jeder Lebenslage sei, so hätte er gedacht, dass sie sich Loren
anvertrauen würde. Er wenigstens empfange im Verkehr mit solchen Menschen etwas
wie Ahnungen seiner eigenen Kraft und wie die Hoffnung eines endlichen Einklangs
aller Strömungen des Willens und des Intellektes. »Nur ein Mensch, der solche
Gefühle in uns löst,« sagte er mit Nachdruck, »ist unser echter Gesellschafter.
Werner aber hat das Gegenteil an dir getan,« fuhr er fort; »er hat von Anfang an
deine Kräfte nicht nur nicht gelöst, sondern im Gegenteil gehemmt, ins Stocken
gebracht, angezweifelt und damit paralysiert. Dieses Panikhafte des
Entwurzelten, das sein eigenes Geschick ist, hat er auch über dich gebracht.«
    Es schien ihr, als ob Stanislaus mit diesem Worte eine Schuld auf Werner
wälzen wollte, und unabweislich kam das Gefühl über sie, ihn vor dem Bruder zu
verteidigen, sich selbst zu beschuldigen. Und sie breitete die Ergebnisse der
zerfleischenden Selbstverwühlung ihrer letzten Tage vor ihm aus. Sie schilderte,
wie sie den Boden unter den Füssen verloren, und sprach von den Qualen ihrer Tage
und Nächte, aber nur, um ihre eigene Haltlosigkeit daran zu schildern; sie
erzählte von der schwarzen Angst, in der sie sich verloren hatte.
    Nachdenklich erwiderte er, ob sie denn dieses Erlebnis für einen Zufall
halte, und, ohne ihre Antwort abzuwarten, sprach er davon, dass auch in diesem
erschütternden Auf und Nieder der menschlichen Gefühle ein periodisches Gesetz
vorwalte. »In Abständen, deren Spatien seit Urzeiten festgelegt sind, - sowie
die Perioden, in denen sich Jahr und Tag, Werden und Vergehen, Blühen und Welken
abspielen, - in solchen Spatien, deren Höhepunkte miteinander im Zusammenhang
stehen wie die höchsten Flächen kommunizierender Gefässe, erneuern sich Hoffnung
und Entsagung, Verzweiflung und Lebenskraft. Alles kommt und geht in Takt und
Rhytmus, und was du für Unordnung und Chaos hältst, ist nur der Auftakt zu
neuer Einheitlichkeit. Darum, wenn wir dieses wissen, kann es nicht allzu schwer
sein, aus der Verschüttung sich selbst wieder zu erheben.« Und nachdenklich
flocht er in seine Rede die ewigen Zeilen: »Denn so lang du das nicht hast, -
Dieses Stirb und Werde, - Bist du nur ein trüber Gast, - Auf der dunklen Erde.«
    Aufmerksam, hingebend hatte sie gehorcht. Es schien ihr, als hätte sie ihn
niemals besser überblickt, als wäre sie bislang vor ihm gestanden wie vor dem
Gestrüpp eines Baumes, den man, auf seinen Wurzeln stehend, nicht in seiner Form
erkennen kann. Nun aber hatte sie erhöhten Grund unter den Füssen, und sie sah
den Baum, ein wenig von der Höhe, ein wenig von der Weite; sie sah, wie rund und
voll seine Krone war, wie geschlossen und dennoch frei sein Geäste, sie sah das
frische, dichte Blattwerk, das ihr von unten nur wie Gestrüpp erschienen war,
glänzend und wohlgereiht an den Zweigen, und sie sah die Knospen, die aus dem
Holze hervordrängten und Früchte versprachen.
    »Ich glaube, ich habe dich verstanden«, sagte sie mit leiser, aber fester
Stimme. »Nur so lange, meinst du, können wir uns empören, uns aufbäumen und
verzweifeln, als wir glauben, Zufälligem ausgeliefert zu sein, von irgendeinem
unberechenbaren, feindlichen Willen niedergetreten zu werden. Sobald wir aber, -
so meinst du doch wohl, - die logische Notwendigkeit unseres Erlebens begreifen,
dann müssen wir es als ein Verdientes und Gerechtes empfinden.« Fragend sah sie
ihn an.
    Er nickte ihr zu. »So ist es.«
    »Aber du hast eines vergessen«, sagte sie.
    »Und das wäre?«
    »Das ist jene Ergebung, zu der zu gelangen eines gehört, was über aller
Vernunft und aller Logik steht, - und«, sie zögerte einen Augenblick, »was mir
fehlt.«
    Er blickte sie fragend an und wartete darauf, dass sie ihr Bekenntnis
vollende. Sie fuhr fort:
    »Ich habe oft darüber nachgedacht, was wohl das Wort des Evangeliums
bedeuten mag: So dir jemand einen Streich auf die linke Backe gibt, reiche ihm
auch die andere dar. Und ich weiss, dass dieses Wort nur der verstehen kann, der
das eine hat, was zu jeder Ergebung gehört: die Demut, - die mir fehlt.«
    »Du irrst,« fiel er ihr ins Wort, »auch der Sinn dieses Spruches ist logisch
erschliessbar, und selbst die Gnade der Demut kann über ein Herz kommen, das die
Dinge restlos vernünftig anschaut.«
    »Und wie willst du diesen Spruch mit Vernunft erschliessen?«
    Er schob die geleerte Teetasse zurück und sah sie voll an.
    »Der logische Sinn ist so augenfällig, dass ich darüber staune, dass er es für
dich nicht ist. Die Mahnung kann natürlich nichts anderes bedeuten, - als: lass
es nicht als Übel gelten, was jener tut, - denn«, er suchte nach Ausdruck, -
»denn - der Augenblick tut das mit ihm, - sein unsterblich Teil ist nicht dabei.
Dieses Unsterbliche aber«, seine Stimme hob sich energisch, »dieses sollst du
schauen. Und zum Zeichen, dass du sein Ewiges nicht vergessen hast, - trotzdem er
selbst es verleugnet, - so hebe seine eigene Tat auf - und«, seine Stimme war
stark und streng geworden, »reiche ihm auch die andere Wange dar. Damit sprichst
du zum Schicksal: wie es ist, ist es gut.« Überzeugt sah er sie an.
    Einen Augenblick hatte Olga die Empfindung, als wäre sie bei dieser
seltsamen Zwiesprache mit dem Bruder von unsichtbaren Händen erfasst und
gerüttelt worden. Wie gelähmt war das lebendigste Organ ihrer Seele, - ihre
Vernunft, - in ihr gelegen, und in wuchernder Wildnis war das Zaubergeranke der
Triebwelt immer dichter darüber gewachsen. Der Bruder aber hatte sie gefasst und
hatte sie gerüttelt, - wie man einen Menschen rüttelt, der eben ertrinken wollte
und den man aus dem Wasser rettete ... Sie hatte zutiefst begriffen, was er ihr,
in knappen Andeutungen, gegeben. Sie verstand auf einmal, - dass Resignation und
Demut wohl Erscheinungen der Gnade sind, aber keiner überirdischen Gnade. Sie
verstand, dass es Begnadung der höchsten Vernunft war, zu sagen: wie es ist, ist
es gut ... Aus der neuen Bewegung, die endlich die Erstarrung in ihr gelöst
hatte, hob sich, mit junger Kraft, der Antrieb, der einzig das Leben erhält: das
Vertrauen zu dem eigenen Schicksal, die Überzeugung, dass es nach logischen
Gesetzen abgelebt wird, dass der Sinn der eigenen Bestimmung sich unweigerlich
erfüllt. Sie begriff, dass der Kampfplatz, auf dem ihre Kräfte sich würden
bewähren müssen, nicht draussen, sondern drinnen lag. Mit blitzartiger Schnelle
dachte sie in diesem Augenblick daran, dass es Menschen gab, die ihr Schicksal
sofort verstanden, die seine Hand sogleich erkannten, sowie sie von ihr berührt
wurden. Solch eine war Eva Nestor und auch Lore Wigolski. Jene waren mit
Widerständen, die sich um sie türmten, fertig geworden, ohne einen Tropfen ihrer
Kraft einzubüssen, sie aber hatte sich beim ersten Zusammenstoss beinahe
verblutet, - weil sie mit sich noch nicht fertig gewesen, wie jene anderen, die
in besserem Gleichgewicht geboren waren.
    Sie wollte nun noch erfahren, ob Stanislaus es verurteilte, dass sie sich in
diese Gefahr begeben, dass sie mit dem Feuer so gefährlich gespielt hatte, trotz
aller warnenden Mahnungen ihrer Seele.
    »Mädchen,« sagte er, »wie sehr hast du die Orientierung verloren! Nun siehst
du gar ein Unrecht darin, dass du dich in den Frühling hinauswagtest? Wie feige
müsste man sein, sollte einen die Gefahr schrecken, wenn auch nur ein einziger
solcher Frühlingstag winkt. Ich war einmal in Dresden«, fuhr er fort, und
natürlich auch in dem berühmten Zwinger, dem grossen Barockpalast. Die weiten,
wundervollen Gärten standen gerade in voller Blüte, und man bekam da hübsche
Ansichtskarten, die den »Zwinger im Frühling« darstellten. Später habe ich oft
an diese Worte denken müssen, nur dass ich sie verkehrte - auf den Kopf stellte:
denn überall, wo ich um mich blickte, sah ich, wie die Blüte gehemmt, wie die
frohen Triebe der Jugend gefesselt waren, überall sah ich - den Frühling im
Zwinger. Wohl dir, dass du einen einzigen Frühling diesem Zwinger entronnen bist!
    »Wenn du so denkst, dann musst du auch meinen Gram begreifen darüber -, dass
ich diesen Frühling verloren, - verloren, - vielleicht verscherzt habe.«
    »Dieser Ausspruch lässt erkennen, dass du noch immer glaubst, dass es irgendwie
in deiner Macht gelegen hätte, das Verhältnis zu erhalten und zu einem
glücklichen Ende zu führen. Das ist aber falsch, durchaus falsch; denn so wenig
praktische Erfahrung ich auch habe,« er lächelte, während sich sein Gesicht mit
dunkler Röte überzog, - »so bestimmt kann ich dich versichern, dass man sich die
Liebe von niemandem erobern oder verscherzen kann. Denn die Zellen lieben sich
und nicht die Willen, die Zellen ziehen sich an oder stossen sich ab! - - Auch
ist zwischen zweien immer ein bestimmter Vorrat zu verbrauchen. Du kannst ihn
nicht erneuern, um länger zu fesseln, und du kannst keine Bande lösen, solange
dieses Quantum nicht verbraucht ist ... Warum aber sollst du«, fuhr er lebhaft
fort, »an solchen Erfahrungen verlieren, anstatt zu gewinnen, einschrumpfen,
anstatt zu wachsen? Warum dich verbittern und verringern lassen?«
    
    »Weil sich nicht leugnen lässt, dass bei solchen Erfahrungen, sie mögen nun
erlaubt sein, im höheren Sinne, oder nicht, und sie mögen so logisch und
notwendig sein, wie sie wollen, - Verschiedenes angeflogen kommt, was beschmutzt
und erniedrigt.«
    »So? Du magst recht haben. Aber dann musst du dich erst recht rühren, musst
dich fleissig um deine eigene Achse drehen, darfst das, was dir angeflogen kam,
nicht auf dir fest und starr werden lassen. Du willst doch leben bleiben, oder
nicht?«
    Da rüttelte er schon wieder, sie fühlte, wie es ihr durch und durch ging.
    »Ja, ich will leben!« rief sie mit leidenschaftlicher Inbrunst.
    »Nun, wenn man überhaupt leben bleiben will, dann muss man sich auch rühren.
Sich benehmen wie eine Leiche und doch leben bleiben wollen, doch - wie soll ich
sagen, - weiter konsumieren, - das geht nicht an, das erscheint mir geradezu
inkorrekt.«
    Da lachte sie, und sie hörte dieses Lachen, und sie fühlte es auch. Sie
fühlte, wie diese Welle von Fröhlichkeit plötzlich aus ihrer Seele herausschoss,
wie ein starker Sprudel, Schlacken und Steine mitreissend und herausschleudernd.
    Er sprach weiter. »Wenn du in diesen Tagen so verstimmt warst, so war es -
weil dich der Mut verliess. Es gibt keinen andern Grund für uns Menschen,
zusammenzubrechen. Jede Art von Trauer, von Angst, ja selbst von physischer
Schwäche, die zum Zusammenbruch führt, ist Mutlosigkeit, Mutlosigkeit des
Körpers oder der Seele; und nicht an Todesangst leiden wir so sehr wie an dieser
bleichen Furcht vor dem Leben. Diese Angst aber ist der Todfeind des Menschen.
Da kenne ich ein tiefes Wort von Maxim Gorki: Sobald die Menschen sich fürchten,
verfaulen sie, wie die Birken im Sumpf. - Darum heisst es gerade im kritischen
Moment, gerade wenn es schief geht, - sich doppelt zusammenraffen und so
handeln, als ob wir sehr mutig wären. Die Menschen stürzen und verfaulen am
ersten, wenn sie sich nach einer Katastrophe verkriechen, sich seelisch
verlumpen.« Ernstaft sah er sie an: »Man muss sich erziehen, so zu handeln, -
als ob alles glatt gegangen wäre. Das ist eine Suggestion, die man dem Schicksal
gibt, - und das Schicksal ist suggestibler, als wir glauben.« Er ging auf und ab
und fuhr nachdenklich fort:
    »Du leidest jetzt? Das ist nur richtig und begreiflich. Warum aber dich
unter deinem Leid verkriechen? Dieses Leid ist eine Frucht, die du ernten
musstest, - das ist immer noch besser,« fügte er leiser hinzu, »als wenn auf
deinem Acker überhaupt nicht gesät worden wäre.«
    Er zog aus der Tasche seines Rockes ein Heft der »Jugend« und warf es auf
den Tisch.
    »Da, - das war heute nacht, im Bahnzug, meine Lektüre, und da ist etwas
drin, was für dich passt. Hör' gut zu!« Und er las ihr vor:
                                  »Die Zeche«1
Und hast du's verschuldet, dass Reue dich zwickt -
Nur nicht um die Zeche herumgedrückt!
Und krallt dir Vergeltung durch Panzer und Hemd,
Eine Bärenbrust büssend entgegengestemmt!
Sei lederzäh, keine wimmernde Puppe!
Ei, wer sie verzehrte, berappt auch die Suppe.
Wie den Kellnern nach eingenommenen Mahlen,
Ruf' ehrlich dem Schicksal: »Bitte! Zahlen!«
So sprach Stanislaus an diesem Abend zu seiner Schwester, und noch als er ging,
mahnte er sie eindringlich: »Also vergiss nicht, - sei lederzäh, keine wimmernde
Puppe! Eine Bärenbrust - du weisst schon.«
    Er ging und nahm die Gespenster mit; ihr Heim war frei. Sie irrte nicht mehr
darin, wie eine hilflose Gefangene. Die Dämonen waren wie ausgeräuchert. Was für
Kräfte waren es doch, die das Gift aus ihr herausgeholt hatten? Die Welt war ihr
in Finsternis gehüllt gewesen, wie in einen undurchdringlichen, schwarzen
Mantel. Nun aber schien es ihr, als wäre der Mantel abgeglitten.
    Ruhig und friedlich ging sie zu Bett. Zum erstenmal dachte sie wieder an
ihre Freunde. Sie wollte Lore bald wiedersehen. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie
von Erika wochenlang nichts gehört hatte. Sie hatte sich auch nicht um sie
bekümmert. Wie, wenn sie ihr helfen könnte, wie heute der Bruder ihr geholfen?
Freilich hatte die dort dem Schicksal noch mehr zu bezahlen als sie, - mehr
vielleicht, als sie besass, - war überverschuldet, vielleicht bankerott. Und an
den anderen dachte sie, dessen Zeche auch nicht im reinen war. Weder Erika noch
Koszinsky wussten von ihrer neuen Wohnung. Koszinsky war verreist, auf der
Tournee mit seiner Kapelle, aber Erika hätte sie nicht ganz vergessen dürfen,
auch wenn sie sich selbst nicht meldete. Sie beschloss, ihr am nächsten Tag zu
schreiben.
    Der nächste Tag kam. Olga hatte, nach langer Zeit, tief und traumlos
geschlafen. Sie erhob sich und fühlte ihre Kraft und fühlte, dass sie des Lebens
froh war. Sie ordnete ihre Wohnung und wirbelte all den Staub auf, den sie in
den letzten Tagen hatte liegen lassen. Dann setzte sie sich an ihren
Arbeitstisch und öffnete die angesammelte Post. Sie beschloss, Lore noch für den
heutigen Tag zu sich zu rufen. Auch erinnerte sie sich, dass sie den Brief an
Erika sofort schreiben müsste. Da klingelte es, es war der Telegraphenbote. Von
Edda, dachte sie, und riss das Telegramm eilig auf. Sie erschrak, als sie das
Bild der geschriebenen Worte erfasst hatte, sie erschrak tief. Das Telegramm war
von der alten Wirtschafterin des Vaters. Es meldete seine schwere Erkrankung und
forderte sie auf, nach Hause zu kommen.
    Dortin also sollte sie jetzt. Ihre erste Verwirrung klärte sich schnell.
Sie erkannte, dass es notwendig war, dass sie zu dem Vater reiste, wenn er,
schwerkrank, sie rief. Diese verlassene Heimat, dieser Greis, das war mit ihr
verbunden, das ging sie an. Alles in ihr drängte zu schneller Erfüllung ihrer
Pflicht. Ihr bangte vor Taten oder Unterlassungen, die die Reue mit sich
führten. Sie begann sofort, zu packen. Einen Augenblick dachte sie daran, ihr
ganzes Arbeitsmaterial mitzunehmen, gab aber diesen Gedanken schnell auf und
beschloss, für die Zeit ihrer Abwesenheit die Redaktion ihrer Zeitung in Lores
Hände zu legen.
    Nachdem sie eingepackt hatte, fuhr sie zu Stanislaus, um ihm die neue, trübe
Nachricht zu bringen und das Nötige mit ihm zu besprechen.
Zu eben dieser Zeit, da Olga daran dachte, sich nach Erika umzusehen, suchten
auch die Gedanken Erikas wieder den Weg zu ihr. Es waren keine besonderen
Gründe, die Menschen, die einander nahegekommen waren, hier wochenlang trennten,
- es war Berlin. Wer in dieser riesigen Maschinerie seinen Platz hatte, mit dem
machte der Apparat seine Bewegungen, und in seinen weitausgreifenden Umdrehungen
enfernten sich jene Teile, die sich eben noch berührt hatten, nicht selten weit
voneinander. In Berlin hatte jeder einen ausgefüllten Tag, selbst Müssiggängern
wäre hier die Zeit nicht immer reichlich geworden. Dazu taten schon die grossen
Entfernungen das Ihre. Wer nun aber hier einem Erwerb nachging, wer irgendwie in
der Kette eingeschaltet war, der konnte nur nach genauer Berechnung zu
Begegnungen gelangen.
    Erika sass fest in dem Räderwerk, und ihre Tage vergingen wie Umdrehungen,
von denen eine der anderen gleicht,- »Mahle, Mühle, mahle.« Aber während sie mit
der äussersten Schicht ihres Wesens das Gewinde, dessen Bedienung ihr zufiel, um
Brot zu erlangen, regelmässig und sorgfältig abhaspelte, wuchs in ihrem Innern
alles weiter, was sie dahin verpflanzt hatte. Hier war üppiger Boden für wilde
Schösslinge, die wurzellos aufsprossten, keimlos und unfruchtbar, groteskes,
gezacktes Gewächse, jenen Kakteen zu vergleichen, die nur mit dem Blattstiel in
der Erde stecken und blinde Triebe hervorbringen und wuchernde Säfte.
    Sie plante Veränderungen; in ihrer neuen Stellung fand sie keine Ruhe. Sie
hörte auch nicht auf, die Annoncen in den Zeitungen zu verfolgen und schrieb ihr
regelmässiges Quantum von Offerten. Schon war sie auf dem Sprunge, mit einem
Ingenieur, der eine »Hausdame« suchte, in die Tropen zu gehen, wo er ein
Flussgebiet regulieren und Brücken bauen sollte. Erika verfolgte solche
Möglichkeiten fast bis zum letzten Abschluss, um sich dann, scheinbar ganz
plötzlich, zu besinnen, dass sie hier ihre »Hoffnung« festielt, dass hier ihr
»Glück« wohnte. - - - Mit einem Teil ihres Wesens wagte sie die verschiedensten
Versuche, Betäubung zu finden, wenn sich der Hunger meldete, der echteste
Hunger, der nicht zu verleugnende, - der Hunger des jungen Weibes.
    Dann folgte sie diesem Betäubungstrieb mit demselben automatischen Eifer,
mit dem sie ihre Offerten schrieb und auf ewiger Stellensuche war. Sie machte
Sonntags einsame Ausflüge in die Umgebung Berlins, kehrte dann nicht selten in
irgendeinem ländlichen Wirtshaus ein, aus dem Musik herausklang, und sass da, ein
weiblicher Sonderling, trank ein Gläschen Bier und mengte sich schliesslich unter
die Tanzenden. In ihrem Lodenrock und ihrer leinenen Hemdbluse, das Jägerhütchen
auf dem Kopf, so drehte sie sich unter den Bauern. Sie tanzte mit allen
Burschen, die sie neugierig aufforderten, und bemühte sich, an jedem etwas
Besonderes zu sehen. Sie vergass aber nie, wann der letzte Zug oder das letzte
Schiff ging, die sie wieder nach Berlin zurückbrachten und enteilte,
geheimnisvoll, wie Aschenbrödel.
    Dann gab es Sonntage, wo sie keine Ausflüge machte; sie hatte noch eine
andere Zufluchtsstätte in letzter Zeit gefunden. Sie ging zu den Versammlungen
der Heilsarmee. Ernstaft hörte sie dem Vortrag zu. Und mit einer Inbrunst, die
sich von der ihrer Umgebung wenig unterschied, sang sie im Chorus mit:
»Und nach vollbrachtem Kampfe
Tragen wir die Kron'
Im neuen Je-ru-sa-lem.
Mit unserem treuen Jesus,
Mit unserem Gottessohn
Im neuen Je-ru-sa-lem.«
Und sie hatte sich sogar eine Brosche mit dem Bildnis des himmlischen Bräutigams
angeschafft. - - -
    Aber diese Mittel versagten. Die Stunden, wo die bleiche Verzweiflung sie
umklammerte, wurden immer häufiger. »Ich bin krank,« dachte sie dann, »ich muss
zum Arzte gehen.«
    Eines Tages führte sie diesen Vorsatz aus. Sie hatte manches von einem
besondern Verfahren gelesen, durch welches kranke Seelen geheilt, wankende ins
Gleichgewicht gebracht werden sollten. Und es war eine Art von Neugierde, die
sie immer heftiger trieb, sich diesem psycho-analytischen Verfahren zu
unterwerfen. Wenn es wirklich wahr war, dass Unbewusstes, Unterbewusstes auf diese
Art ans Licht gehoben würde, dann würde sie ja erfahren, was auf dem tiefen,
dunklen Grunde lag, dessen Strömungen sie trieben. - Sie ging zu einem berühmten
Psychiater.
    Durch eine lange Flucht von Räumen, die in ihrer ausstellungsmässigen Eleganz
einen fast unbewohnten Eindruck machten, wurde sie von einem ältlichen, hageren
Fräulein in schwarzseidenem Kleid bis an die Tür des Ordinationszimmers geführt.
»Herein«, rief eine scharfe, helle Männerstimme auf ihr zaghaftes Klopfen.
    Der Doktor sass an seinem Schreibtisch. Er funkelte sie mit seinen bebrillten
Augen an und strich ein paarmal, mit gefälteter Stirn durch den grauen
Knebelbart, ehe er sie Platz nehmen hiess. Dann machte er eine ermutigende
Handbewegung und forderte sie auf, alles zu erzählen, was sie auf der Seele
habe.
    Eine Erleichterung kam über sie, dass sie endlich einmal wieder sprechen
durfte. Sie mischte mit einem beinahe freudigen Gefühl die mannigfaltigen
Farben, die sie für ihr Gemälde auf der Palette hatte. Der Doktor hörte genau
zu.
    »Sie haben,« - sagte er, als sie mit hastigen, beteuernden Worten geendet
hatte, - »Sie haben - peinliche, geschlechtliche Erlebnisse verdrängt, ohne sie
restlos bewältigt zu haben.« Er machte eine Pause. Sie hing atemlos an seinem
Mund. »Sie haben sozusagen - die inneren Augen über diesen Erlebnissen
zugedrückt, - nicht wahr?«
    Sie senkte den Kopf.
    »Es gilt, - Ihnen die Augen zu öffnen, - und das verdrängte Erlebnis in
seiner wahren Gestalt ans Bewusstsein zu rufen. Da Sie gewisse Eindrücke nicht
auf gründliche Art abreagieren konnten,« fuhr er nun geläufig fort, - »setzten
sich diese in Vorstellungen um, die der Wirklichkeit nicht entsprachen.« Er
begann sie nach einer besonderen Technik auszufragen, über wichtige und
unwichtige Ereignisse, kreuz und quer, er zog in seine Fragen die Träume mit
hinein und notierte sorgfältig, was sie ihm berichtete.
    »Die Zwangsneurose, an der Sie leiden, hängt nicht selten auch mit
Verlagerungen der geschlechtserregbaren Körperzonen zusammen«, sagte er, und
untersuchte sie auch nach Art des Frauenarztes.
    »So weit ist alles in Ordnung,« konstatierte er, ich werde Sie also nur
psycho-analytisch zu behandeln haben. Der Symptomkomplex ist deutlich; aber die
hysterische Affektpsychose ist heilbar. Er betonte das Wort. »Ich werde Ihnen
ein paar Suggestionen geben.«
    Er liess sie dann in einem tiefen Fauteuil Platz nehmen, umklammerte ihre
Arme und drückte sie fest an die Lehne des Sessels.
    »Sie sind ganz ruhig, Sie werden müde werden, Sie werden schlafen wollen.«
    dabei begann er mit leisen, weichen Griffen über ihre Stirn zu streichen.
    »Ihre Glieder werden schwer, - Sie sind müde, - Sie schlafen schon, - - Sie
werden die Augen nicht wieder öffnen, bevor ich es nicht befehle. Sie werden gut
aufhorchen jetzt!«
    Seine Stimme stieg an, wurde noch heller und stärker.
    »Sie sind im Grunde ganz gesund, - Sie haben nur durch Verschweigung und
durch Verheimlichung Ihrer Unlustgefühle in der Ehe sich in einen krankhaften
Zustand gebracht, - verstehen Sie? Ihre Psyche neigt zu Verheimlichungen vor
sich selbst, zu Täuschungen, die Sie sich selbst vorspiegeln.«
    Gedämpfter, milder fuhr er fort: »Sie haben die Neigung, sich interessant zu
machen, und es wird Ihnen immer schwer, objektiv die Wahrheit zu sagen, - aber
Ihr Charakter, Ihre Intelligenz sind intakt,« er sprach wieder scharf und
überzeugt, - »darum werden Sie den Wahn aufheben.«
    Und nun begann er, mit eindringlichen Worten, die ganze, aus der Luft
gegriffene Phantasterei ihrer sogenannten grossen Liebe ihr klar zu machen. Dann
machte er eine lange Pause.
    »Schlafen, - schlafen Sie«, sagte er leise und strich unaufhörlich über ihre
Stirn.
    Unendlich wohl taten ihr diese weichen Striche und diese Stimme, die erst so
energisch hell gesprochen, und die sich dann in weichem Geflüster verlor ...
    »Sie sind jetzt wach, - obwohl Sie schlafen, Sie sind jetzt wahr, obwohl Sie
schweigen«; raunte die Stimme. »Die Lüge, an der Sie sich selbst berauscht
haben, ist fort. - Sie wissen jetzt ganz gut,« die Stimme stieg an, wurde
kräftig, befehlend, »dass Sie zu dem betreffenden Herrn in Wahrheit gar keine
Beziehungen haben, - gar - keine - Beziehungen! - Sie öffnen die Augen!«
    Er strich ihr fest über die geschlossenen Lider, »Sie erwachen, - Sie stehen
auf!«
    Die Sitzung war beendet, der Arzt entliess sie. Sie sollte widerkommen, wenn
sie ihn brauchte.
    Es war ihr leicht und frei zumute, als sie hinaustrat. - - - Dieses Gefühl
der Leichtigkeit blieb ihr noch einige Tage. Sorgsam bewahrte sie alles im
Gedächtnis, was der Arzt gesagt hatte. Es war also ein Wahn, ein Selbstbetrug,
eine Phantasterei gewesen, das Ganze, das sagte sie sich nun stündlich vor.
    Aber während ihr Verstand immer wieder den Inhalt dieser Vorstellungen
betrachtete, wuchs aus jenem dunklen Grunde, mit dessen Strömungen sie verbunden
war, ein Schwarzes und Namenloses. Die Kur war glänzend geglückt, der grosse
Psychiater hatte den Wahn verdrängt, was zurückblieb, war - die Wahrheit.
    Und sie sah nun die Wahrheit. Sie sah, wo sie stand, sie sah die Sackgasse,
in die ihr Leben eingelaufen war. Wie hohe, graue Mauern umstarrte sie die
Hoffnungslosigkeit. Grosser Gott, wohin war sie geraten! Wo war ein Ausgang?
Nirgends, nirgends; denn ein Zurück gab es nicht, auch graute ihr jetzt noch
deutlicher wie bisher vor ihrer früheren Heimat, aus der sie entlaufen war.
Warum, o Allmächtiger, hatte sie sich dort zugrunde richten lassen, warum musste
erst diese wahnwitzige Ausgeburt ihrer kranken Seele kommen, um sie von da
herauszuführen, - als es viel zu spät war. Mit Schrecken und Grauen trat sie
jetzt die täglichen Sklavendienste an, zu denen sie verurteilt war. An die
Galeere geschmiedet, hoffnungslos, auf ewig. Es gab kein Wunderbares, an dessen
Phantom sie sich, wie früher, bis zu wilden Rauschzuständen betäuben konnte. Es
gab nichts als die Öde für sie, für immer und ewig. Ja, der Wahn war
»verdrängt«, - sie sah klar.
An einem schönen Sonntagnachmittag machte sie sich auf, Olga aufzusuchen. Es war
ihre letzte Zuflucht. Sie fuhr aus dem Osten, der am Sonntag seine Stimme nicht
hatte, die Stimme der Arbeit, aus diesem Osten, mit seinen grauen
Proletarierhäusern, zwischen denen sie nun seit Monaten lebte, mit seinen
Butterläden und Destillen, mit seinen breiten, staubigen Alleen, mit seinen
Fabrikschloten und eisernen Krähnen fuhr sie hinüber, in das schönere Berlin.
Als sie von der Höhe der Stadtbahn die grüne Quadriga des Brandenburger Tores
und die goldleuchtende Statue der Göttin hoch oben auf dem Siegesdenkmal sah,
die ihren Kranz triumphierend zum Himmel schwingt, da schien es ihr, als käme
sie aus einer Verbannung, ein fremder Gast. Es dämmerte schon, als sie am
Bahnhof Tiergarten ausstieg. Sie wollte, nach langer Zeit, wieder einmal zu Fuss
durch den Tiergarten gehen, bis hinüber zum Gartenufer. Sie dachte immer noch,
Olga wohnte in der stillen Seitenstrasse in der Nähe des Lützowplatzes.
    Es war ein klarer, milder Wintertag ohne Schnee, die Luft hatte etwas
Erquickendes in ihrer reinen Frische. Sie kam zum Landwehrkanal, auf dem die
kleinen Dampfer mit der Schlepperflotille lagen und blieb einen Augenblick auf
der Brücke stehen und sah in das Wasser, das unter der Freiarchenbrücke tobend
aus der Schleuse strömt. Plötzlich dachte sie, dass alle Not ein Ende hätte, -
wenn - wenn sie es nur wagte; es brauchte ja nur einen einzigen, kleinen
Schwung. Sie erschrak vor der Gefahr dieses Gedankens und eilte hastig fort.
Aber ihr Gehirn arbeitete weiter. - - Ich werde einen Zettel hinterlassen, wenn
ich Olga nicht finde, und darauf werde ich schreiben: »Ich konnte nicht anders.«
Sie wiederholt immerwährend diese patetische Formel. »Ich konnte nicht anders,
- ich konnte nicht anders, - wenn ich Olga nicht finde. - - -«
    Aber warum sollte sie sie denn nicht finden? Da war sie schon in der Strasse,
in der sie wohnte. Das Treppenhaus war schon erleuchtet, aber die Fenster von
Olgas Zimmer waren dunkel. »Finsternis«, dachte sie, und es wallte wieder
schwarz in ihr auf, und ihr war, als sei sie nun an der Grenze ihres Lebens.
Aber hinauf, hinauf.
    Während sie dem Haustor zuschritt, folgte ihr jemand dicht auf den Fersen.
Und diesmal war es keine Wahnvorstellung, sondern Wirklichkeit. Beim Haustor
bemerkte sie ihn. Und gleich zuckte die alte Idee in ihr auf: »Er lässt mich
beobachten.« Wieder vermengten sich Wahn und Klarheit. Sie ging weiter, stieg
langsam die Treppen hinauf. Der ihr auf den Fersen folgte, blieb unten im
Hausflur stehen.
    Er war aus einer Nebenstrasse auf den Lützowplatz getreten, als er auf dem
breiten Weg, der quer über den Platz führt, Erika vor sich gehen sah. Er
erkannte sie sogleich, nach der Schilderung, an ihrer Lodenjoppe, ihrem
Jägerhütchen. Ihre Bewegungen erschienen ihm charakteristisch, es war etwas
Hastendes und doch Tapferes darin. Da wandelte sie, - die Äffin halb, halb
Heldin war, und hatte denselben Weg wie er. Koszinsky war von seiner Tournee
zurückgekehrt, und diese Stunde führte ihn, wie Erika, zu Olga. So musste er ihr
auf dem Fusse folgen, bis sie in das Haustor eintrat; unwillkürlich blieb er
unten stehen; er erwog, ob er hinaufgehen sollte, trotzdem jene da war. Da hörte
er, wie sie oben läutete. Er hörte die Stimme der Wirtin, die ihr an der Tür
mitteilte, dass Fräulein Diamant längst nicht mehr hier wohne; und die die neue
Adresse nannte, draussen im Vorort, in Friedenau.
    Und da kam sie auch schon über die Treppe zurück; langsam und schwer ging
sie; im Schatten des Treppenhauses verborgen, sah er, im Licht der elektrischen
Lampen, voll ihr Gesicht, und er erschrak über das, was darin eingezeichnet war.
Sie trat aus dem Hause, und er folgte ihr. Folgte ihr, quer über den
Lützowplatz, über den breiten Weg. Nun trat sie in die dunkle Allee längs des
Kanals. Sie bog ab, nach links, ging mit immer schnelleren Schritten bis
hinunter zur Freiarchenbrücke, - dort stand sie zögernd still. Dann ging sie auf
die Brücke. In der Mitte blieb sie stehen und beugte sich über die Brüstung. Und
auch er stand, wie gefesselt, verborgen in der Dunkelheit. Nachdem sie eine
Weile bewegungslos gestanden und ins Wasser gestarrt, ging sie weiter, - bog nun
auf der anderen Seite des Ufers nach rechts hinauf. Ihr Gang wurde leichter, sie
hastete vorwärts. Jetzt ging sie so schnell, dass er Mühe hatte, ihr zu folgen;
sie lief ja beinahe, hier in der Finsternis. Längst waren sie an jenen Stellen
des Kanals vorbei, wo die Böschung weich und niedrig, mit Rasen bewachsen,
abfällt; hier war schon der steinerne Quai, von dem, in bestimmten Entfernungen,
Treppen zum Wasser hinunterführen.
    Und da - auf einmal - da setzte sie über das niedrige Gitter und lief flugs
auf die Treppe zu. Ehe er recht begriff, ob er auch richtig gesehen, war sie
unten. Er sah im Schein der Laterne die erhobenen Arme, er hörte den
klatschenden Aufschlag, mit dem der Körper ins Wasser fiel. Da war auch schon
sein Mantel zur Erde geworfen, er folgte ihr, - aber nicht auf dem Wege über die
Treppen, er lief direkt über die glatte, steinerne, gewölbte Böschung, lief mit
den grossen Sprüngen des Militärs und sprang, mit gestreckten Armen, ihr nach.
Und kaum schlug er ins Wasser, so sah er auch schon, dicht neben sich, ihren
Kopf auftauchen, vollbelichtet vom Schein der Laterne, - sah das Gesicht, -
unkenntlich geworden vom Krampf der Todesangst. Sie war ein einziges Mal erst
untergetaucht, als er sie erfasste. In der Sekunde, da sie unter Wasser gewesen
und dann wieder an die Oberfläche gekommen war, hatte sie den Himmel gesehen mit
den schimmernden Sternen - - - leben, leben! Da erfasste sie eine Hand. War das
die Rettung?! - - - Sie umklammerte seinen Hals, sie umschlang ihn mit den
Beinen, und er fühlte, wie sie beide untergehen mussten, auf diese Art. Er rief
ihr zu, sich ruhig aufs Wasser zu legen und sich ihm zu überlassen, aber sie
umstrickte ihn nur um so wilder. Schon erwog er, ob er nicht zu dem letzten
verzweifelten Mittel, das die Rettung möglich machte, greifen und ihr jenen
Schlag auf den Kopf geben sollte, der Ertrinkende in Betäubung versetzt und es
dem Schwimmer dann möglich macht, sie herauszuziehen. Aber es kam nicht so weit.
Plötzlich lockerten sich ihre ihn fest umschnürenden Glieder. Sie war bewusstlos
geworden. Da kam es über ihn wie Glück, - nun konnte es gelingen. Neue Kräfte
strömten ihm in die Glieder, stählten und streckten sie. Er machte kräftige
Tempi mit den Beinen und dem einen Arm, fasste sie mit der anderen Hand im
Genick, an den Kleidern, und schleifte sie behutsam übers Wasser. Keinen
Augenblick sank ihr Kinn bis in die Flut, so fest und stark hielt er sie hoch.
    Und sie nahmen alles mit, diese dunklen Wasser, alle Sünden der
Vergangenheit. Der Mensch, der da mit zwei Beinen und einem Arm die schwarze
Fläche teilte und mit dem anderen Arm seine Beute hielt, dem der Krampf schon
langsam in diesen Arm kroch, und der nun glücklich die Stufen wieder erreicht
hatte, - für den war dieses nächtliche Bad ein heiliger Zauber, wohl heiliger
noch, als es die Wasser des Jordans waren, wenn sie die Sünden der Getauften mit
sich nahmen und sie fortspülten, ins Meer der Vergessenheit. - - -
    Er trug sie über die Stufen hinauf und legte sie bei der Laterne, die das
Bild ihres Kampfes beschienen hatte, zur Erde.
    Sie hatte nicht viel Wasser geschluckt. Dennoch reinigte er mit dem vom
Taschentuch umwickelten Finger kräftig den Rachen. Dann setzte er sich auf das
niedrige Geländer der Rasenfläche und legte die leichte Gestalt quer über seine
Knie, auf den Bauch, so dass Kopf und Rumpf nach unten hingen. Das Wasser tropfte
ab. Er drückte regelmässig gegen ihren Rücken. Nachdem er dies rhytmisch einige
Minuten lang getan hatte, legte er sie auf die Erde nieder, holte den Mantel,
der ein Stück weiter unten so da lag, wie er ihn abgeworfen hatte, schob ihn ihr
als Rolle unter den Kopf. Dann führte er ihre Arme langsam nach oben - führte
sie wieder zurück und drückte sie kräftig aber schonend gegen den Brustkorb.
Zischend hörte er die Luft in die Lungen einströmen.
    Als er diese Bewegungen etwa dreissigmal ausgeführt hatte, begann sie zu
atmen und schlug die Augen auf.
    Nun zog er den Mantel vorsichtig unter ihrem Kopf weg und hüllte sie hinein.
Dann hob er die leichte Gestalt, ohne Mühe, auf seine Arme. Während er mit ihr
weiterging, fielen ihr die Augen wieder zu, und er fühlte, wie sie zitterte.
    Niemand war in der ganzen Zeit durch die nächtliche Allee gekommen. Der
Himmel schien glänzend, wie schwärzlich-violettes Glas und wölbte sich über den
Bäumen. Der abnehmende Mond lag, als blanke Sichel, schräg zwischen unzähligen
Sternen.
    Die nächste Brücke führte hinüber auf den Lützowplatz. Dort standen
Automobile. Er blieb diesseits, im Dunkel, und pfiff. Sofort kam eine
Autodroschke heran. Er stieg ein und bettete sie bequem. Keinen Augenblick
dachte er daran, irgend jemand zu alarmieren. Er brachte sie zu sich, auf seine
Stube, entkleidete sie vorsichtig und hüllte sie in einen Bademantel; dann trug
er sie in sein Bett, rieb ihre eisigkalten Glieder, bis sie warm wurden; aber er
duldete nicht, dass sie sprach. In nassen Kleidern, wie er war, nur mit dem
trockenen Mantel darüber, entzündete er einen Spirituskocher auf dem Tisch und
kochte Punsch; sorgfältig hielt er die Tasse an ihre Lippen und liess sie in
kleinen Schlucken davon trinken. Dann hiess er sie schlafen. Erst als er ihre
tiefen Atemzüge hörte und ihre Stirn feucht wurde von Schweiss, während die
Wangen sich röteten, zog er sich um. Dann trank er ein Glas Punsch und legte
sich in warmen, trockenen Kleidern auf das schmale Sofa zum Schlafen nieder. - -
-
 
                               Siebentes Kapitel
                                  Erfüllungen
 »Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit,
 Sie nimmt mit einer, gibt mit einer;
 Ist heute dein Besitz auch kleiner -
 Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit.«
                                                                           Halm.
Olga reiste in dem schlesischen Winter, an das Krankenlager ihres Vaters. Lang
und ermüdend war die Nachtfahrt in der dritten Klasse. Während der kleinen
Strecke, von der österreichischen Grenze an, war die Reise am unerträglichsten.
Seit sie in Deutschland lebte, hatte sie vergessen, dass es solche Eisenbahnwagen
gab. In dem schlechtgeheizten, übelriechenden, engen und dunstigen Coupé war sie
erst mit einer Schar slovakischer Bauern zusammengepresst. An einer
Umsteigestelle wurde das Coupé leer. Sie fand aber auch dann keine Ruhe, da ein
unaufhörliches Getöse von aneinander klirrenden Metallteilen den Raum erfüllte.
In ihrer Verzweiflung rief sie den Schaffner und bat ihn, zu untersuchen, woher
dieser wahnwitzige Lärm käme. Der Mann kroch unter die Bänke und probierte an
verschiedenen Schrauben herum, dann erklärte er ihr, dass eiserne Bestandteile
des Wagens, welche durch Schrauben gehalten würden, lose seien und bei jeder
Umdrehung der Räder donnernd an die Schienen schlügen.
    Im Morgengrauen kam sie an. Die lehmigen, ungepflasterten Strassen waren von
dicken Kotwällen verbarrikadiert. Die von Kohlenstaub und Fabrikrauch verdorbene
Luft kroch ihr bei jedem Atemzug beissend in die Kehle. Ihre kleine, verschabte
Reisetasche in der Hand, eilte sie, mit angstvoll klopfendem Herzen zu Fuss ihrem
Vaterhause zu, das ihr noch finsterer als sonst seine trübe Front wies. Die alte
Salke wusste, dass sie mit dem Frühzug kommen würde, und presste wartend den Kopf
an die Fensterscheibe. Olga erkannte trotz des Zwielichtes, unter dem wollenen
Kopftuch das gespenstig verschrumpfte Gesicht der Alten. Sie winkte hinauf, und
gleich antwortete ihr ein deutliches Nicken. Bald hörte sie die schweren,
schleifenden Schritte, der Schlüssel wurde knarrend herumgedreht, und das Tor
wich zurück, in den finsteren Flur.
    »Olgaleben!« - - - Die knochige Hand tastete nach der ihren. »Gelöbt is Gott
- Se sind daham!« - - - Und dann stiegen sie zum Krankenzimmer des Vaters
hinauf.
    Sie erkannte nicht gleich, ob er lag oder sass. Er war in einen tiefen
Fauteuil gebettet. Eine Menge Kissen stützten den Rücken, die Beine lagen, in
der Höhe des Sessels, ausgestreckt, auf hoch aufgetürmten Matratzen. Seit das
Wasser in ihnen war, konnte er sie nicht mehr hängen lassen und hielt es auch
liegend im Bett nicht aus. Seine ehemals so lange Gestalt schien
zusammengeschrumpft, der Rest seines grauen Haares war schneeweiss geworden und
hing lang und wirr unter dem schwarzen Sametkäppchen hervor; die wie mit einem
grauen Hauch überdeckten Augen flackerten hilflos, und alle Züge des Gesichtes
verliefen spitz in tiefen Furchen.
    »Gut, du kommst«, sagte er mit fremder, hohler Stimme.
    Er fasste krampfhaft ihre Hand und liess sie eine ganze Weile nicht wieder
los.
    »Ich hätt' ka Ruh' gehabt, mei' Kind,« flüsterte die hohle Stimme, - »wenn
du nicht gekommen wärst.«
    Sie versicherte ihm, während sie sein abgezehrtes Gesicht küsste und die
Tränen herunterwürgte, dass sie schon längst gekommen wäre, wenn er sie nur hatte
früher rufen lassen. Sie erzählte auch, dass Stanislaus in wenigen Tagen
nachkäme. Der Alte nickte nur, apatisch, mit dem Kopf. -
    Olga sah sogleich, dass die mühevolle Pflege des Schwerkranken von ihr und
der alten Salke allein nicht geleistet werden könnte. So besorgte sie einen
Wärter. Der war nun Tag und Nacht um den Kranken, gab bei jedem Besuch des
Arztes seine Meinung ab und hörte nicht auf, täglich den immer näher rückenden
Termin des Endes zu prophezeien. Die alte Salke bemerkte auch, dass er sich
Kleinigkeiten aus dem Besitze des Kranken nach und nach aneignete und erzählte
es Olga klagend. Auf die Wäsche des Kranken schien er es abgesehen zu haben, die
Taschentücher wurden immer weniger. Auch die Tabakpfeifen, die auf einem Brett
aneinandergereiht waren, verschwanden nach und nach; und eines Tages war sogar
das Gebiss des alten Mannes, dass er sich manchmal noch einsetzen liess, nicht zu
finden. Dieser schwarzhaarige Wärter, mit dem gleichzeitig schlauen und
verdrossenen Gesichtsausdruck, mit der kolossalen Hakennase, unter den
dichtbebuschten Augen, erinnerte an eine unheimliche Dohle, die hier auf die
letzte Beute lauerte.
    »Weggetragen haben se euch alles, - grad' wie der do - - -« sagte die alte
Salke, mit wiegendem Kopf und blickte Olga vorwurfsvoll an. Dann hob sie die
Achseln, spreizte die Finger mit dem Ausdruck von Hilflosigkeit und wiederholte
nachdrücklich: »Weggetragen - alles ...«
    Schwer und bang waren besonders die Nächte. Der Kranke kam fast nicht mehr
zu Ruhe. Unablässig verlangte er seine Lage zu verändern, musste immer wieder vom
Bett in den Lehnstuhl und von da wieder zurück getragen werden. Die Tochter
stand am Fussende des Bettes. Ab und zu sah er sie mit starren, umflorten Augen
an und sagte dann erkennend: »Mei Kind ...« Im übrigen fragte er nach nichts,
was ihn sonst interessiert hatte. Mit keinem Wort fragte er nach dem Leben der
Kinder, während der letzten Zeit.
    So ist es, wenn es zur letzten, dunklen Reise geht, dachte Olga, - da hat
kein anderer Gedanke mehr Platz.
    Der alte Mann starb schwer. Angstvoll wehrte er sich gegen den Tod. In den
letzten Nächten stiess er immer wieder einen Klagelaut hervor »o je, o je« -
dessen dumpfe Monotonie Olga mit Grauen erfüllte. Einmal erfasste er ihre Hand
und sagte: »Verzeih' mir.« Es überlief sie kalt; was hatte sie ihm denn zu
verzeihen? Sie küsste die fahle Stirn, auf der die Schweisstropfen perlten und
deren eisige Kälte sie mit ihren Lippen fühlte. »O je, o je!« sagte der Kranke.
Es war keine Auflehnung mehr in diesem Klagelaut; er klang so abgewandt von
allem, so wissend hoffnungslos, so sterbensbang ... Als der Morgen dieses Tages
graute, floh sie aus dem Krankenzimmer. Sie lief durch das Städtchen, bis hinaus
auf die öde Heide und dann im selben Tempo wieder zurück. An diesem Morgen kam
Stanislaus an. Der Vater erkannte ihn nicht mehr. Er lebte noch einen Tag und
noch einen Teil der Nacht. Die Kinder wichen nicht von seinem Lager. Um jene
Stunde, da Tag und Nacht miteinander ringen, führte seine Seele den letzten
Kampf. Im Morgengrauen sahen sie, dass eine völlige Veränderung der Gesichtszüge
des Kranken eintrat. Die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen, der
Unterkiefer sank herab, das Atmen wurde röchelnd, es klang, als ob zwischen zwei
Mühlsteinen etwas Sprödes zermahlen würde. Der übermüdete Wärter lag und
schlief, die alte Salke sass zusammengebrochen in einer Ecke, und die Tränen
strömten endlos aus ihren halbblinden Augen. Endlich stiess der Kranke einen
tiefen Seufzer aus, hob noch einmal mit letzter, krampfhafter Anstrengung den
Unterkiefer, formte die Lippen, über die ein letzter Laut kam, - ein hohles O,
und der Ansatz des Wortes »je« - dann streckten sich seine Glieder, der Atem
wurde schwächer, die Augen drehten sich in den Höhlen, - der Kiefer fiel herab.
Aus dem unerwartet schneidenden Weh, das durch das Sterben des Vaters über die
Geschwister gekommen war, rüttelte sie die Notwendigkeit, eine Menge von
Entschliessungen zu treffen. Sie verkauften den ganzen Besitz dem Prokuristen,
der das Geschäft in letzter Zeit allein geführt hatte. Von dem ehemals grossen
Vermögen war nur noch ein Rest vorhanden, der unbegreiflich gering schien.
Stanislaus versuchte es, aus den Büchern über das Zusammenschmelzen des
Vermögens Aufschluss zu erlangen, aber, was in den Büchern stand, das stimmte. Er
begriff, dass der Verlust in jenen Posten steckte, die hinter den Büchern
geblieben waren. Diese Unterschlagungen waren in so vorsichtigen Tritten
ausgeführt, dass sie keine Spuren hinterliessen, auf denen man ihnen hätte
nachgehen können. Und auch von diesem Vermögensrest, der als Buchwert vorhanden
war, mussten sie sich, beim Verkauf, noch grosse Abzüge gefallen lassen. Der Vater
hatte ein Testament hinterlassen, des Inhalts, dass bei der Realisierung des
Vermögens Olga bis zur Höhe ihrer Versicherungssumme die Erbin sei. Der Rest
sollte zwischen ihr und dem Bruder geteilt werden. Diese Summe kam immerhin bei
der Erbschaft heraus. Was darüber hinaus jedem als Anteil zufiel, war nicht viel
mehr, als Stanislaus für sein Buch eingenommen hatte; und so sah er, dass er mit
seiner Arbeit doch auf einem festeren Grunde stand, als mit der ehemals
ausgesprochenen Absicht - zu erben.
    Nachdem die peinlichen Verhandlungen des Geschäfts- und Hausverkaufes
überstanden waren und hier alles aufgelöst war, was sie jemals mit diesem
Städtchen verband, nachdem sie auch noch die alte Salke bei einer ihrer Nichten
untergebracht und ihr für den Rest ihres Lebens eine bescheidene Leibrente
gesichert hatten, zogen sie wieder fort, - und die letzte Spur des Nestes, dem
sie entstammten, war nun für sie verweht.
    Olga fuhr nach Berlin zurück. Stanislaus beschloss, eine Reise durch
Deutschland zu machen, um in verschiedenen grösseren Städten, wie auch auf dem
flachen Lande, statistisches Material über die Lebens-und Sterbeverhältnisse der
unehelichen Kinder zu sammeln und besonders unter den verschiedenen Gruppen der
Unehelichen zu unterscheiden. Vor allem war es die soziale Gruppe der
Stiefvaterfamilie, deren Struktur er untersuchen wollte.
Viel Arbeit erwartete sie in Berlin. Ruhiger, sicherer, stärker als früher, nahm
sie sie auf. Sie wusste nun, dass sie hier zuhause war. Zum erstenmal hatte sie
das Gefühl einer klaren Lebenslage.
    Bald nach ihrer Rückkehr erhielt sie einen unerwarteten Besuch. Koszinsky
und Erika standen zusammen an ihrer Tür, und sie hörte, was sich zwischen ihnen
begeben hatte. Sie sah in Erikas freudestrahlende Augen - und erkannte, dass das
Wunderbare dicht neben der Finsternis seinen Platz hat. Seit jener Nacht, da
Erika in dem schwarzen Wasser des Landwehrkanals den Tod gesucht und auf so
wunderbare Art zu neuem Leben bestimmt wurde, waren der Retter und das gerettete
Geschöpf verbunden geblieben. Es wäre ihm unsinnig erschienen, sie wieder aus
den Augen zu verlieren. Er betrachtete sie wie ein ihm anvertrautes Gut, wie ein
letztes Pfand des Schicksals, mit dem es ihn noch einmal erproben wollte; in
seinem schon wie erstorbenen Willen war eine neue Saat aufgegangen, - ihm war,
als verpflichtete ihn dieses Vertrauen des Schicksals fest auf sich selbst. Sie
wieder fühlte, wie ihr geknebelter, mit den Füssen getretener Liebeswille befreit
war. Nun endlich hatte er ein Objekt, das kein Phantom war und sich ihr nicht
entzog. Sie ging seit jener Nacht wie eine Verklärte. Der Wahn, den ihr schon
der Psychiater ausgetrieben, hatte nun den letzten Boden verloren, und die
schwarzen Wasser des Landwehrkanals hatten nicht nur ihn, sondern auch sie
gereinigt. Da sie dem Tode so nahe gewesen, genoss sie nun das neugeschenkte
Leben mit jedem Atemzug. Sie betrachtete sich als sein Geschöpf, als ihm
gehörig, in jedem Sinn. Er hatte nach kurzem, leisen Sträuben, - nach dem
schwachen Versuch männlicher Defensive - nach und nach jeden »Widerstand«
aufgegeben. Dieses Geschöpf, das er sich da aus dem Wasser gezogen, das sich nun
in seinem Leben fest einnistete und den leeren Platz in seinem Schicksal keck
besetzte, dieses Geschöpf war ihm offenbar bestimmt. Mehr und mehr schien es
ihm, als ob sie ihm auf rätselhafte Weise teuer geworden wäre. Immer wieder
tauchte die Erinnerung an das Köpfchen mit dem verzweifelten Ausdruck der
Ertrinkenden, das sich damals aus der dunklen Wasserfläche hob, vor ihm auf, und
um nichts in der Welt hätte er diesen Ausdruck je wieder an ihr sehen mögen.
Wenn sie nur durch ihn und bei ihm glücklich sein konnte - wie sie nicht
aufhörte zu beteuern, - so mochte es denn so sein. Und er ertappte sich darauf,
wie er manchmal, wenn er, spät nachts, allein von seiner musikalischen
Kaffeehaustätigkeit nach Hause kehrte und an sie, - die ihm zugeworfen worden,
durch rätselhafte Fügung, - dachte, wie er dann jene Worte vor sich hinsummte,
die seine erste Sehnsucht begleitet hatten: - - - »Sieh, da war - meine Chiffre
leis' gezogen.«
    Mit dieser Kaffeehaustätigkeit waren Erika und Olga gleichermassen
unzufrieden. Eifrig beratschlagten sie zusammen, wie man den Mann aus dieser
Lebenslage in eine andere bringen könnte. Olga berichtete, dass sie das schon
vergeblich versucht hatte. Sie sagte, ihre Meinung ginge dahin, dass Koszinsky
mit seinen grossen Sprachkenntnissen sich durch kaufmännische Tätigkeit ganz gut
nach und nach eine Stellung im Leben schaffen könnte. Aber es sei vergebene
Liebesmüh, ihm in dieser Hinsicht zuzureden, denn er wolle davon nichts wissen.
    Der Gedanke an eine kaufmännische Tätigkeit Koszinskys schlug sofort bei
Erika ein.
    »Und was wetten Sie, meine Liebe, dass ich ihn dazu bringe«, rief sie und war
gleich Feuer und Flamme für diese Idee.
    Sie gab nicht nach, sie belagerte und bedrängte ihn, sie verfolgte ihn mit
Annoncen, die sie aus Zeitungen herausschnitt und die er schliesslich, von ihr
gedrängt, durch Offerten beantwortete. Sie blieb bei ihm, wenn er sie schrieb
und liess nichts passieren, was nicht »tadellos korrekt« war. Der Erfolg blieb
nicht aus. Eine grosse Zuckerfabrik, die nach dem Auslande exportierte und einen
Korrespondenten fremder Sprachen brauchte, stellte ihn in ihre Dienste. Erika
jubelte: das hatte sie erreicht!
    Und so taten diese beiden, diese Törichten, diese Verirrten, diese beiden
Sündhaften und Entgleisten, - so taten sie aneinander, was keiner der Gerechten
und Klugen an einem von ihnen vermocht hatte. - - -
    Da war noch ein anderer Gast, der sich meldete: Werner kam zu Olga als
einer, der ihrer bedurfte. Sie erschrak, als sie ihn wiedersah; es schien, als
wäre jeder verbindende Strang zwischen seinen vielfachen Willensstrebungen
durchschnitten. Er kam zu ihr, wie ein Flüchtiger.
    In langer, wirrer Rede erzählte er ihr wieder von seiner Leidenschaft. Aber
er hatte nicht mehr als einziges Willensziel den Wunsch, verkettet zu bleiben.
Die Gunst der schönen Frau hatte ihm nicht die erhoffte Seligkeit gebracht; denn
da war etwas - Dunkles - Ungreifbares. Sie, die er besass, schien ihm immer
wieder in neue, rätselhafte Fernen zu entgleiten. Oft, während er durchglüht,
fiebernd, aufgelöst in seiner Leidenschaft, zu ihren Füssen sank, begegnete er,
wenn er die Stirn aus den Falten ihres Kleides hob, einem eisigen, in die Ferne
gerichteten Blick, der über ihn hinweg sah, weit hinweg. - - - dabei drängte sie
ihn zu einer entscheidenden Aussprache mit ihrem Gatten. Er schreckte davor
zurück, weil er wusste, dass, wenn der Ehebruch zwischen ihnen beiden zugegeben
würde und als Grund der Scheidung festgestellt war, sie keine Ehe miteinander
schliessen konnten.
    »Ich wünsche auch gar nicht, dass der Ehebruch zugegeben wird«, sagte sie,
und in ihren irisierenden Augen tanzten geheimnisvolle Fünkchen. »Nein, ich
wünsche nur einen endgültigen Abschluss dieser Ehe. Man kann ja die Eifersucht
des Barons heraufbeschwören: dann wird er selbst die Scheidung wollen. Bei der
Scheidungsverhandlung kann man ja den Ehebruch immer noch in Abrede stellen.«
    »Meineid?« flüsterte er und sah sie starren Blickes an. Sie lächelte nur,
hob gleichmütig ihre tief abfallenden, romanischen Schultern und strich ihm mit
den langen, weissen Händen übers Haar.
    »Eines Tages wird er dich bei mir attrappieren, mein Guter, - und dann muss
die Situation noch anders gelöst werden.«
    Mehr und mehr empfand Werner den Unsegen dieser Leidenschaft, aber er fühlte
sich gebannt, und seine Fluchtversuche endeten kläglich.
    Da kam Olga zurück nach Berlin. Als er ihr wieder gegenüber sass, in ihr
tiefes Auge blickte, ihre reife Seele wieder fühlte, da war ihm zumute, wie
jenem Peer Gynt, der sein Kaiserreich, das er verlassen hat, zu spät erkennt.
    Er kam wieder, öfter und öfter. Der Winter ging zu Ende, da stürzte er eines
Abends zu ihr, wie ein Verzweifelter, der den letzten Versuch der Befreiung
macht. Er erzählte ihr, dass er manchmal das Gefühl habe, in die Fänge eines
abenteuerlichen Fabelwesens geraten zu sein, das mit ihm ein behexendes Spiel
trieb. Er dächte schon an Opium oder an Haschisch, denn so ginge das nicht
länger. Nur eine Rettung gäbe es für ihn: dass sie ihn wieder aufnähme! Und nicht
nur als Freundin, als teilnehmender Mensch, - nein, - wieder ganz an ihr Herz, -
an ihr reines, grosses Frauenherz.
    »Nur du bist meine Zuversicht«, sagte er mit beschwörender Stimme.
    Da war sie wieder in dem gefährlichen Wirbel, da rauschte und brauste es um
sie herum, und sie fühlte, wie es zur Tiefe zog ...
    Sie beschloss, jede Entscheidung abzulehnen und ihn mit ihrer ganzen Kraft
dazu zu bringen, diese Verbindung zu lösen, ohne sich wieder in neue Gefahren zu
stürzen; denn eine Gefahr war für ihn, das wusste sie nun, jede Hingabe an ein
anderes, menschliches Ich.
    Dieser da hätte allein sein müssen.
    Sie sassen zusammen in ihrem Zimmer; nebenan stand die Balkontür offen. Es
war einer jener ersten, verfrühten Vorfrühlingstage im Februar, denen oft noch
Schnee und Regen folgt. Plötzlich, gegen zehn Uhr, abends, hörten sie beide,
unten vor dem Hause, - Werners Namen rufen. Eine Frauenstimme rief, gedämpft und
doch deutlich, zu den erleuchteten Fenstern hinauf: »Werner!« Und dann klang es
noch einmal, stärker: »Werner!« Er erschrak und wurde totenbleich. Olga trat
hinaus auf den Balkon, der im Dunkel lag. Unten, in der einsamen, fast ländlich
stillen Strasse sah sie, im Schein der Strassenlaterne, die Baronin stehen. Sie
trug einen langen Mantel, von weich fliessendem, schwarzen Samet. Der weisse
Hermelin des Kragens und der breiten Armstulpen leuchtete. Der Kopf war in einen
schwarzen Schleier gehüllt, und ihr blasses, grosses Heraantlitz schimmerte
marmorweiss daraus hervor. Hoch aufgerichteten Hauptes, in befehlender Haltung
stand sie unter der Laterne und rief immer wieder zu den erleuchteten Fenstern
hinauf - »Werner! Werner!«
    Gebannt stand Olga auf dem finsteren Balkon und starrte hinunter. Dann hörte
sie, wie unten das Haustor aufgeschlossen wurde. Die Männergestalt, die
heraustrat, blieb im Dunkel stehen. Die Baronin wandte langsam den Kopf und
streckte den Arm aus. Olga sah, wie der Mann danach griff und sie an sich riss,
dann verschwanden sie beide im Dunkel.
    Und sie kehrte vom Balkon in ihr leeres Zimmer zurück. - - -
Frau Edda, in Wien, rüstete zum Abbruch. Als sie die Katastrophe, die so
plötzlich über sie gekommen war, begreifen lernte, - da fasste sie einen
Entschluss: sie wollte vergessen. Nicht das Gehirn, nicht die wache Vernunft
konnten solch letztes Vergessen üben; aber in der abgründigsten Tiefe der Seele
sollte versenkt und begraben sein, was ihr Leben zerstören musste, wenn es
gespenstig durch ihr Erinnern wandelte ... Sich zusammenraffen, frei von
lähmendem Gedenken, - das war das einzige, was sie tun durfte, wollte sie nicht
zugrunde gehen.
    Ihre Lage war schlimmer, als sie im ersten Augenblick ausgesehen hatte. Ihr
letzter Rückhalt war ihr Vermögen, welches in der Fabrik ihres Bruders Vinzenz
angelegt war. Vinzenz aber machte kein Hehl daraus, dass er in kritischer Lage
sei. Eines Tages fuhr er »zur Auffrischung seiner Nerven« wieder einmal mit
seinem Automobil davon. Er wollte in zwei bis drei Tagen zurück sein; er kam
nicht wieder. Dafür, an seiner Statt, nach einigen Wochen ein Brief aus Amerika,
- wohin er sich »zurückgezogen« hatte. Fabrik und Villa wurden versteigert und
der Konkurs über sein Vermögen verhängt. Eddas Geld war fort, wie das vieler
anderer. Reisenleitners Frau, Eva, ging fürs erste mit ihrer kleinen Tochter zu
ihrer Mutter, die wieder in Genf lebte. Edda sah nun keinen anderen Ausweg als
den, zu dem ihr Stanislaus geraten hatte.
    Sie verkaufte ihre Möbel und den grössten Teil ihres Schmuckes. Die Summe,
die sie dadurch in die Hände bekam, war ihr einziger und letzter Besitz. Dann
bereitete sie sich vor, nach Berlin zu fahren, um da »einen Beruf zu suchen«,
wie sie ihren Bekannten erzählte, während sie hilflos und ungläubig den schönen
Kopf schüttelte.
    Pankratius riet ab; es sei ein hoffnungsloses Experiment. Sie solle hier
abwarten, bei ihm und Kati, bis sich ihr Schicksal - woran er nicht zweifle, -
wieder günstig wende.
    Er hatte sich mit Kati verlobt; trotz ihres anfänglichen Sträubens war sie
ihm, nach und nach, sanfter entgegengekommen. Sie war ihrer aufgedrungenen
Mädchenschaft herzlich müde ... »Mein ganzes Leben lang hab' i' mi g'forchten,
dass i' den da krieg - und jetzt sag i' richtig - von selber - ja.«
    »Par dépit,« dachte Edda, - »so geht es.« Sie hätte es als Demütigung
empfunden, die Gastfreundschaft des Pankratius, mit dem sie immer auf Kriegsfuss
gestanden, anzunehmen und blieb bei ihrem Berliner Plan.
    Kurz bevor sie reiste, erhielt sie einen Brief aus Amerika; der war nicht,
wie sie zuerst dachte, von ihrem Bruder, - es war Mr. Daniel Horatio Macpherson,
der ihr schrieb. Vincenz hatte ihn aufgesucht, und er versprach, für ihn zu tun,
was in seiner Macht lag; vor allem aber - der Brief wand sich nicht eben
geschickt um das, was er im Grunde sagen wollte, herum, - vor allem aber legte
er sich ihr zu Füssen. Wann und wo immer sie über ihn verfügen wollte, - er wäre
bereit. Nachdenklich hatte Edda gelesen. Sie rümpfte die Nase und schüttelte den
Kopf. Ihre im Grunde durchaus unsinnliche Natur, deren Neigungen in blosser
Gefallsucht gipfelten, - die vielleicht auch noch durch ihr dürftiges Eheleben
stumpfer geworden war, - sträubte sich gegen die Wünsche des Amerikaners.
    Und so kam auch sie nach Berlin. Olga hatte sie gebeten, bei ihr zu wohnen,
aber nachdem sie ihr kleines Logis besehen hatte, lehnte sie ab, weil da doch
kein Platz war. Man mietete sie auf einem möblierten Zimmer ein. Jetzt hiess es,
Brot für Edda zu finden. Die Geschwister gingen systematisch ans Werk. Man
sandte ein gutverfasstes Rundschreiben an alle Redaktionen, welche Modeberichte
und Modebilder brachten, legte einige frühere Veröffentlichungen von Eddas
Entwürfen bei und betonte diskret die Tatsache, dass es sich um die Witwe des
jüngst verstorbenen grossen Gelehrten handle. Neben mancher Ablehnung, - weil der
Posten schon besetzt sei, - kam auch hier und da eine halbe Zusage. Die Dame
wurde gebeten, sich um eine bestimmte Stunde in der Redaktion einzufinden. Da
diese Stunde gewöhnlich am Vormittag lag, so war das Problem für Edda nicht
leicht zu lösen. Sie lag in dem schlechten Bett der Berliner möblierten Stube, -
oh, wie bereute sie, nicht wenigstens ihr Bett aus dem Schiffbruch gerettet zu
haben! - sie lag da, und die Sonne funkelte durch die Jalousienstäbe, ihre
Strahlen brachen sich im Messingleuchter auf dem Nachttischchen; aber Frau Edda
umklammerte, halb schlafend, ihre kleine Uhr, öffnete ab und zu die wie
zugeklebten Augenlider und warf einen Blick auf das Zifferblatt in ihrer
krampfhaft geballten Hand. Endlich entwand sie sich, matt und gequält, dem Bett.
Das tägliche Bad, die Übungen, das alles musste entfallen. In dieser »Hetzjagd«
war dazu keine Zeit. Sie sollte sich selbst frisieren, und es fiel ihr schwer
und machte sie nervös. Trotzdem warf sie, wenn sie mit der Toilette fertig war,
einen befriedigten Blick in den Spiegel, denn die schleppenden, schwarzen
Kleider und der wallende Witwenschleier liessen sie noch schöner erscheinen.
    Ratlos, mit einem Gefühl des Unbehagens und der Ablehnung stand sie vor dem
Phänomen: Berlin. Diese grässlichen Entfernungen, dieser beängstigende Verkehr,
diese nach ihren Begriffen geschmacklos gekleideten Frauen und vor allem die
Hast, mit der hier jeder seinen Geschäften nachjagte, - das alles flösste ihr
Widerwillen ein. Ach, wie sehnte sie sich nach Wien! Nach dieser eleganten
Residenz, die Grossstadt war und in der doch alles im behaglichen Tempo der
Kleinstadt vor sich ging. Nach diesem Wien, wo man sich kannte, wo man sich zu
bestimmter Stunde mit Sicherheit im Café traf, wo die Bezirke, in denen man »zu
tun hatte«, so hübsch eng arrondiert waren, dass man sie bequem erreichte, - nach
Wien, wo sie ihren Fiaker und ihr elegantes Heim besessen hatte. Es war ihr ganz
schrecklich, sich durch das Gedränge der Berliner Hauptverkehrsstrassen zu Fuss
durchzuwinden, oder gar die gefährliche Jagd auf einen Omnibus zu machen, auf
den sie so schlecht hinaufspringen konnte, weil der Zugang nicht, wie sie es von
Wien gewohnt, seitlich, sondern hinten war. Wie schwer war es, die nötige
Beweglichkeit aufzubringen, um hier die Verkehrsmittel richtig zu benutzen, - wo
sie doch ihre lange Schleppe zu halten, dabei ihre Pakete selbst zu tragen
hatte. Sogar das Telephon war ihr hier, wo sie auf die öffentlichen
Sprechstellen angewiesen war, ein Greuel. Sie fand sich in der Zelle beengt,
wusste nicht, wohin sie den Schirm, das Täschchen, die Pakete legen und wie sie
es vermeiden sollte, mit dem riesigen Hut, den sie auch in der Trauer trug, an
allen Seiten anzustossen. Es kamen ihr Tränen in die Augen, wenn sie sich
erinnerte, wie sie zuhause telephoniert hatte, - an dem kleinen, maurischen
Taburett, auf dem der Tischapparat stand, behaglich im Schaukelstuhl
zurückgelehnt, oder im Bett, wohin ihr das Mädchen den Apparat mit der
entsprechend langen Schnur bringen musste. Oh, wie sie die Armut hasste und
fürchtete! Nein, Armut und Frau Edda, - das waren zwei Dinge, die nur das
grausamste Schicksal zusammengepresst hatte. Sie lehnte sich gegen diese neue,
harte Armut mit der ganzen Revolution der Dame auf, - der Dame, wie sie als
höchstes Zuchtprodukt europäischer Höflichkeit geworden war. Ihre tausend
wirklichen Bedürfnisse, ihre physische Konstitution, ihre Rasse, ihr
persönlicher Habitus konnten sich mit den Forderungen der Entbehrung und der
Beschränkung nicht abfinden. Wenn sie sich auch, da sie ihre Lage ja genau
überblickte, so weit einschränkte, als sie nur irgend konnte, so blieben doch
eine Menge Bedürfnisse, denen sie, wie sie glaubte, überhaupt nicht ausweichen
konnte, so zum Beispiel ihr ständiger Verbrauch an Toiletteartikeln, welcher
regelmässige Einkäufe in der Drogerie mit sich brachte. Auch konnte sie doch
nicht anders, - wenn sie sich so elend fühlte, dass sie nicht mehr weiter konnte,
- als eine Droschke heranrufen, oder ab und zu in ein Café gehen. Das »deutsche
Essen« hatte sie anfangs, mit Ausrufen des Widerwillens, als minderwertig,
geschmack- und reizlos abgelehnt. Sie behauptete, hier zum Hungern verurteilt zu
sein. Nach und nach aber lernte sie die grossen Restaurants kennen, die
»Fresstempel«, wie sie sie nannte. Sie sah da, zu ihrem Staunen, eine Auswahl an
Gerichten geboten, von der man in einem Wiener Restaurant keine Ahnung hatte.
Sie wunderte sich über die kleinen Preise, mit denen diese Gerichte angeboten
waren. Es wurde für sie eine Art von heimlichem Vergnügen, die Mahlzeiten, die
sie ursprünglich bei ihrer Zimmerwirtin abonnieren wollte, in jenen Restaurants
zu nehmen. Wenn sie durch das Vestibül eines solchen »Tempels« rauschte, kam das
Behagen der früheren Wohllebigkeit über sie. Sie bestellte auserlesene, feine,
kleine Gerichte, - es war ja alles so billig! Dann staunte sie, wenn die
Rechnung immerhin sechs bis sieben Mark betrug.
    Mit ihrer Suche nach einer Existenz hatte sie bis jetzt noch keinen Erfolg
gehabt.
    Der Frühling sollte bald kommen. Edda war gewohnt, ihn im Süden zu erwarten.
Sie war schon als Mädchen mit ihrer Mutter regelmässig gereist. Sie hatte
Italien, Dalmatien, die französische und die österreichische Riviera kennen
gelernt. Ja einmal hatte sie eine Seereise gemacht, die sie bis nach
Konstantinopel führte und hatte da mit den türkischen Frauen zusammen gebadet.
Sie hatte erfahren, dass nichts ihrem geschwächten Körper so wohl tat, wie das
Klima dieser südlichen Striche und vor allem die milden Bäder jener Meere. Und
während sie jetzt den Vorfrühling in Berlin verbringen musste, in der Hetzjagd
nach Arbeit, im Gedränge der Armut, dachte sie, mit fast krankhafter Sehnsucht,
an die flimmernde Luft von Fiesole und Capri, an die linden Wellen im Bosporus
und im Seebad von Rimini. - - - Und trotzdem sie nicht die geringste Möglichkeit
hatte, zu reisen, liess sie sich von vielen Pensionen und Badeorten des Südens,
die nun täglich in den grossen Tagesblättern ihre Annoncen erscheinen liessen,
Prospekte kommen. Gierig las sie diese verlockenden Schilderungen und stapelte
alle diese Drucksachen sorgfältig auf, als dächte sie, sie vielleicht doch noch
gebrauchen zu können.
    Sie klagte Olga und Stanislaus ihr Leid, und die beiden seufzten darüber.
Aber was sollten sie ihr raten? Olga versuchte, wenigstens ihre Antipatie gegen
Berlin zu verscheuchen, indem sie sich Mühe gab, sie Berlin verstehen zu lehren.
Sie führte sie in die Umgebung hinaus, an die Seen, in die frühlingshaften
Wälder. Sie besuchte mit ihr Versammlungen und Veranstaltungen, in denen um neue
Kulturforderungen leidenschaftlich gerungen wurde. Sie machte sie, an einem
Abend in der Dämmerung, auf den einzigen Stimmungszauber aufmerksam, der über
einem der stärksten Verkehrspunkte der Stadt lag: sie zeigte ihr den Potsdamer
und Leipziger Platz zur Zeit, da die ersten Lichter entzündet wurden, mit seinen
in weiter Runde aufgebauten Palästen, - wies sie hin, auf jene kolossalen, mit
Ornamenten stilisierten Pfeilerfassaden des Domes einer modernen Gotteit, den
Messel dahin gestellt hatte, - sie deutete hinüber auf das massige Gebäude des
Potsdamer Bahnhofes mit seiner Flankierung der Vorort-, Ring- und Wannseebahn,
liess sie die lange Kette von Gartenorten ahnen, die sich von hier aus nach
Südwesten zogen und dem Grossberliner ermöglichten, draussen im Freien und doch
auf der Höhe der Wohnungskultur sein Heim zu besitzen. Sie zeigte ihr das
vergessene Stück Romantik, das da, mitten im Getöse des Potsdamer Platzes, lag,
jene Mauern, hinter denen der flüchtige Passant sicherlich nicht das vermutete,
was sie bargen, - den alten Dreifaltigkeitskirchhof, dieses verschonte
Kirchengelände, das sich gegen profane Bebauung noch siegreich gewehrt hatte.
    In Edda aber drangen diese Reize nicht ein. Nur in einem Punkte
interessierte sie Berlin: als Hochburg der Frauenbewegung. Ihre Bewunderung
hatten jene Frauen, die um Unabhängigkeit kämpften. Und dieser Kampf erregte ihr
zugleich auch Schauer. Arbeiten, - das wollten diese alle. Sie begriff die
Motive vollkommen. War man stark genug für den Kampf da draussen, - dann freilich
brauchte man nicht irgendeinem Daniel Horatio gefällig zu sein ...
    Aber mit der grossen Ehrlichkeit ihrer Natur gestand sie sich, dass es für sie
nur einen Beruf gab: eben den, - gefällig zu sein, den Glanz ihrer Reize
verschwenderisch leuchten zu lassen, und dafür entgegenzunehmen, was sie so
reichlich an irdischen Gütern brauchte. Erst Berlin hatte ihr die Augen
geöffnet, was es für sie bedeutete, von der Teilnahme am Getümmel der Strasse
befreit zu sein. Immer würde es Frauen geben, - so sagte sie sich, wenn sie,
nachdenklich, von einer Versammlung jener anders Gearteten nachhause kam, -
immer würde es Frauen geben, wie sie, beladen mit allen Schwächen und gerüstet
mit allen Reizen des Geschlechtes, weder fähig noch geeignet, in robuster Arbeit
verbraucht zu werden, sondern dazu da, - pour faire plaisir aux hommes, wie der
Franzose es artig nannte ... Schon wenn sie in einer Droschke rollte, deren vier
Räder sie über das Niveau der Strasse hoben und sie durch das Chaos sicher zu
ihrem Ziel dirigierten, - schon dann empfand fand sie diese starke
Erleichterung, nicht mitten drinnen zu sein, - im Fussvolk. Und nach und nach, je
mehr sie litt, - schien ihr kein Preis zu hoch, diesen Zustand zu erkaufen. - -
-
    Eines Tages hatte sie sich wieder in einem Verlag vorzustellen. In der
Gegend des Alexanderplatzes lag das Bureau.
    Es wurde ihr übel und schwindelig zumute, als sie durch das Volksgedränge
dieses Riesenplatzes durchsteuerte. Das brauste und wogte um das kupferne Koloss
der »Berolina« herum, - vor den breiten Fronten des Polizeipräsidiums und eines
populären Kaufhauses - und war doch die Öde selbst. Endlich war sie bei der
grossen Querstrasse, die sie suchte. Erst weit unten fand sie die Nummer.
Erschöpft ging sie die dunkle Treppe eines alten Hauses hinauf und stand bald im
Bureau.
    Ob der Herr, zu dem sie geführt worden war, der Chef oder nur ein
Stellvertreter des Chefs war, wusste sie nicht. Es war ein Herr in dunklem
Salonrock, mit langem, braunen Vollbart und etwas bleichem, gedunsenen Gesicht.
Er schielte ein wenig, und seine Blicke bohrten sich, mit gekreuzten Strahlen,
auf ihre Erscheinung. Er bot ihr einen Stuhl an; sie dankte, blieb stehen und
reichte ihm eine Mappe, die ihre Modezeichnungen entielt; während er darin
blätterte, durchrieselte sie Entsetzen: die Hände, die in ihrer Mappe
blätterten, waren Missgeburten. Die linke Hand hatte vier Finger von abnormer
Länge und Dicke, krallenartig gekrümmt, und einen verstümmelten Daumen; von den
Fingern der rechten Hand waren die mittelsten kürzer als die äusseren, und sie
lag auf dem Papier der Mappe, wie ein groteskes Gewächs aus dem Meeresgrund. Und
was das Schrecklichste war, - diese beiden entsetzlichen Hände waren überladen
mit Ringen. Da war ein grosser Siegelring, ein goldener Trauring, ein
Doppelreifen mit Brillanten besetzt und noch andere. Ein krampfhaftes Gelächter
wollte aus ihrer Kehle heraus, wenn sie sich erinnerte, dass auch sie einst viele
Ringe anzustecken geliebt hatte.
    Der Herr hob den schwammigen Kopf, mit dem wallenden Bart, von der Mappe,
und wieder zuckten die schielenden Blicke an ihr herum.
    »Sie sind die Witwe des Professors Diamant?«
    Sie neigte den Kopf.
    Ohne die Blicke von ihr zu lassen, deutete er auf die Mappe. »Es sind da
sehr talentvolle Sachen darunter, - Ihrer Anstellung wird nichts im Wege stehen,
gnädige Frau. Welches Honorar beanspruchen Sie?« dabei sass er noch immer in
seinem Sessel, während sie, in ihrer ganzen Höhe, blendend schön in der dunklen
Umrahmung ihrer Trauerkleider, vor ihm stand. Sie sagte, sie wüsste nicht,
welches Honorar angemessen sei, er möchte das doch selbst bestimmen.
    Der Herr erhob sich und reichte ihr die zugeklappte Mappe. »Ich werde Ihnen
die Honorarvorschläge und die Arbeitsbedingungen, die Bureaustunden usw. in
einem Briefe mitteilen lassen. Immerhin«, - seine etwas krächzende Stimme wurde
glatter, - »hängt das doch auch sehr von Ihnen ab.« Er trat noch einen Schritt
näher auf sie zu, - es wurde ihr bang und unheimlich zumute. Das düstere
Berliner Zimmer war von einer einzigen Auerlampe erhellt, die an einem Wandarm
über dem Schreibtisch hing und von einem grünen Papierschirm bedeckt war. Das
Licht sammelte sich auf der Platte des Schreibtisches und hatte da die
grässlichen Hände beleuchtet. »Es hängt von Ihnen ab«, sagte der Herr, - trat
noch näher auf die langsam Zurückweichende zu, und da, - da ereignete sich das
Entsetzliche: er hob die Hand, - eine dieser beiden Missgeburten, - er hob sie
bis zur Höhe ihres Antlitzes - und fuhr ihr damit ins Gesicht. Ehe sie es
verhindern konnte, war die Hand, die grässliche, streichelnd an ihrer Wange
herabgeglitten, und sie hörte die krächzende Stimme: »Es hängt von Ihnen ab.« -
- -
    Sie floh die Treppe hinunter, warf sich in das nächste Automobil, das ihr
begegnete, und raste ihrer Wohnung zu. Dort stürzte sie zum Waschtisch und rieb
mit aller Kraft ihr Gesicht ab, während die Tränen ohnmächtigen Zornes aus ihren
Augen schossen. - -
    Einige Tage später kam ein Brief - aus Amerika. Ein kindischer und
unbeholfener Brief; ein Brief, der davon sprach, dass unten, an der Côte d'Azur,
nahe von Beaulieu, eine Villa stehe, eine zumeist vereinsamte, aber ganz
reizende und komplett möblierte Villa, und dass der Schreiber des Briefes der
Glücklichste wäre, diese Villa dazu verwenden zu dürfen, ihr, - Mrs. Diamond, -
einen bescheidenen Frühlingsaufentalt zu bieten. Würde sie es dann gestatten
und hätte sie nichts dagegen, so würde er, - Daniel Horatio, - sich irgendwo in
der Nähe niederlassen und ebenfalls die Reize des südlichen Frühlings geniessen.
Wenn sie ihn Ärmsten nicht vergessen habe, - »if you have not forgotten poor
me,« - dann möge sie ihm doch ein Kabeltelegramm senden, - ein Ja oder ein Nein.
Sei es ein Ja, - »which would bring the happiest hour of my life,« - so würde
sie umgehend weitere telegraphische Nachrichten von ihm erhalten. - -
    Bald darauf gab es in New York einen Glücklichen. -
    Frau Edda aber erhielt die angekündigte telegraphische Nachricht und, zehn
Tage später, ein Reisebillett von Cook für den Luxuszug Berlin-Genua.
Gleichzeitig überbrachte der Bote einer deutschen Grossbank ein grosses,
versiegeltes Leinenkuvert, an dessen Kopf eine vierstellige Zahl prangte, - die
nötigen Mittel für die Vorbereitungen zur Reise.
    Und so sagte sie dem grausamen Berlin und den Verwandten ihres verstorbenen
Mannes Lebewohl. Sie besorgte noch schnell die wichtigsten Einkäufe - neue,
helle Kleider, die die Witwentracht ablösen sollten - und Mantel und Mütze fürs
Automobil ...
    Sie fuhr über München, und die Nacht im Schlafwagen des Luxuszuges war die
erste, in der sie wieder fest und glücklich schlief. Am anderen Tag sauste sie
über den Brenner, hinunter zur italienischen Grenze, und blickte befriedigt
hinaus auf die Berge Tirols, die stellenweise noch von Schnee bedeckt waren,
über denen sich aber ein klarer, verheissender Himmel spannte. Dann kam die grosse
Grenze zwischen Winter und Frühling: der lange Tunnel vor Genua. Und als aus der
runden Höhle des Berges der Luxuszug herausschoss, da war er auch schon
mittendrin im goldensten Glanze. Strahlendes Wetter erwartete sie in Genua. Ein
kleines Appartement, bestehend aus zwei Zimmern mit Bad, war im Palastotel für
sie reserviert. Die wenigen Tage, bevor das Schiff aus New York kam, verbrachte
sie mit Einkäufen und mit Ausflügen in die Umgebung. Ganz glückselig genoss sie
alles, was sie so schmerzlich entbehrt hatte. In grossen Garben kaufte sie Blumen
ein, Magnolien, Gardenien und Rosen und füllte damit alle Vasen ihrer Zimmer.
Die Zeit wurde ihr gar nicht lang, während sie in alten Palästen herumstrich
oder in der eleganten Viktoria des Hotels hinausfuhr nach Pegli oder nach Nervi.
    Als das Schiff ankam, wartete sie an der Landungsbrücke. Sie erkannte
sofort, als der Ozeandampfer, mit auslaufenden Turbinen, in den Hafen einfuhr,
die hagere Gestalt, die an Grösse selbst die ihre überragte, mit dem
langgezogenen, schmalen Kopf. Er lehnte an der Reling des Promenadendecks. Unter
seiner Reisemütze zeigten sich die rötlichen Haare, und sein fast geschabt
rasiertes, schmales Gesicht mit den wasserblauen, runden Augen schien ihr wie
eine gute Erinnerung, die heute zu den ihr am meisten vertrauten gehörte.
    Mit Mister Macpherson wurde auch the Car und dessen Bedienung ausgeschifft.
Mit breitem Grinsen, das über seinem schwarzen Gesicht aufging, wie der Mond
über der dunklen Erde, verneigte sich Billie vor der neuen Herrin. - -
    Sie fuhren sofort von Genua weiter. Und als der Kraftwagen auf die Höhe der
schönsten Strasse der Welt, - der Corniche, - hinaufgesaust war, als sie unten,
glatt und weit, in goldfunkelnder Bläue das Mittelmeer liegen sahen, während
über ihnen die breiten Wipfel der Pinien rauschten, - da kam eine so helle
Freude über Frau Edda, dass sie sich unwillkürlich dankbar, und glücklich, in den
auf der Lehne ihres Sitzes breitliegenden, langen und knochigen Arm
hineinbettete. Köstlich empfand sie den scharfen Anhauch der Luft, die sie
sausend durchschnitten. Ihr Gesicht glühte, und eine wohlige Müdigkeit kam über
sie. Daniel Horatio nahm mit der Linken aus der Tasche seines Mantels eine
Automobilbrille, schob sie ihr, geschickt, auf die Nase und wagte es dabei, die
Hand jenes Armes, in dem sie ruhte, sanft gegen ihre Schulter zu drücken.
»Sleep, dear, - you will be tired.« Um sie vor dem scharfen Luftzug zu schützen,
hob er die Hand dann von ihrer Schulter und hielt sie dicht vor ihre Wange. Und
während sie ihr Gesicht mit Behagen an das weiche Wildleder seines Handschuhes
schmiegte, verfiel sie tatsächlich in leichten Schlummer und hörte noch, im
Halbschlaf, die Worte, die Daniel Horatio, indem er sein Gesicht zu dem ihren
neigte, zärtlich in ihr Ohr flüsterte: - »I am a gentleman and I am clean.«...
 
                                 Achtes Kapitel
                                  Begegnungen
 »Wie konnt ich ahnen,
 Dass seine Bahnen,
 Sich einen sollten
 meinen Wegen?...«
                                                                        Rückert.
Mit einer grossen Aktenmappe unter dem Arm ging Stanislaus eines abends nach
Schöneberg. Er hatte nun das Material für seine Untersuchung über die
Stiefvaterfamilie beisammen. Nun ging er mit einem grossen Stoss Notizen, die er,
nach seiner neuen Gewohnheit, verarbeiten wollte, indem er daraus einen ersten,
zusammenhängenden Entwurf diktierte. Und zu wem anders hätte er gehen sollen,
wenn er diktieren wollte, - als zu Lore Wigolski?...
    Ein Lächeln ging licht über ihrem Gesicht auf, als sie ihm die Tür öffnete.
Er fragte gleich nach Lörchen! Aber die war mit ihrer Duenna auf Reisen, zu
Besuch bei der Grossmutter in Königsberg. Lore war allein zu Hause.
    »Wollen Sie nicht erst ein wenig von Ihrer Arbeit erzählen, bevor Sie Wort
für Wort diktieren?« fragte sie. Das frohe Lächeln hielt noch immer ihre Lippen
geöffnet.
    »Gerne, gerne«, sagte er, presste seine Aktenmappe gegen die Brust und dachte
nach.
    Es war gegen Abend, und sie zündete die Petroleumlampe an, die, verhängt von
einem gelben Schirm, mildes, gedämpftes Licht verbreitete.
    »Ich habe drei Gruppen von unehelichen Kindern gefunden, - verstehen Sie!...
Da sind erstens solche, die bei Verwandten der Mutter, etwa in der Familie der
Grosseltern, untergebracht werden; die Sterblichkeit, - und diese war der Massstab
meiner Untersuchung, - ist hier nicht viel anders, wie bei den ehelichen
Kindern.«
    Sie sass lächelnd, horchend und nickte leise.
    »Dann sind solche, die zu fremden Familien in Pflege kommen, - und diese,«
er zog die Stirn in Falten, »diese haben eine doppelt so grosse Sterblichkeit.«
    »Gibt es noch unglücklichere Würmer?« fragte Lore.
    Er sah sie ernstaft an. »Ja, Frau Lore, es gibt Kinder, die noch schlimmer
daran sind, als solche, die zu fremden Familien in Pflege kommen.«
    »Das sind wohl die, die in Findel- und Waisenhäusern untergebracht werden?«
    Er schüttelte den Kopf. »O nein, die sind verhältnismässig sogar sehr gut
dran. Wissen Sie - welche Kinder das schlimmste Loos haben?« Und zaghaft, als
habe er Angst, sie zu verwunden, - brachte er es heraus: »Das sind die Kinder -
die allein unter der Fürsorge der Mutter aufwachsen ... aus ihren Reihen kommt
das grosse Heer der ungelernten Arbeiter und der Kriminellen, - sie weisen die
grösste Sterblichkeit und die geringste Militärtauglichkeit auf.«
    »Wie kommt das?« fragte Lore, und ihr Gesicht hatte einen bestürzten
Ausdruck.
    »Das kommt daher,« sagte er erklärend, »dass es eine zu grosse Aufgabe für die
Mutter ist, das Kind ohne jede Hilfe durchzubringen. Wenn sie fort muss, um zu
erwerben, so bleibt das Kind natürlich allein ... ausserdem ist es doch natürlich
- dass - hm, hm,« er hüstelte verlegen, - »dass der Vater des Kindes - im Leben
einer vereinsamten Frau - nicht der letzte - Geliebte bleibt ... da kommt sie
denn, ehe sie sich's versieht ... von einer Hand in die andere ... und wenn sie
nun auch wirtschaftlich keinen Boden unter den Füssen hat - so lässt es sich
denken, dass sie nicht selten in immer tiefere Lebenslagen gedrückt wird.«
    Lores Gesicht glühte, dunkler Purpur war ihr bis unter die Haare gestiegen.
Sie atmete schwer. Endlich sagte sie leise, flüsternd: - »Das ist dann freilich
schlimm für die armen Kinder«...
    »In der Tat,« sagte Stanislaus, »ich habe hier eine umfangreiche Statistik
gemacht«, - - er zog einen Stoss Blätter aus der Aktenmappe, suchte darin und
legte ein mit Ziffern beschriebens Blatt heraus. »Sehen Sie, ich habe hier
statistische Aufzeichnungen, die noch mehrere Gruppen umfassen als die
hauptsächlichsten, die ich Ihnen eben aufgezählt habe, - hier haben Sie zum
Beispiel«, er deutete auf eine Ziffer, »die Gruppe der Kinder, deren Mutter
stirbt. Das sind Vollwaisen. Sehen Sie hier deren Sterblichkeitsziffer,« - er
fuhr mit dem Finger über das Papier, - »und hier jene andere, - die der Kinder,
welche allein der Mutter überlassen bleiben. Sie sehen: Die Vollwaisen haben
eine geringere Sterblichkeit, - als die der Mutter allein überlassenen Kinder.«
    Sie blickte schweigend auf die Ziffern. »Das ist schwer begreiflich«, sagte
sie dann. »Die Mutter gilt doch als die beste Pflegerin des Kindes; sie soll es
doch auch nähren.«
    »Ja - wenn sie ihr Kind nährt und pflegt, ist das freilich das Beste! Mutter
und Kind sollen zusammen bleiben, - natürlich, - das ist das grosse Gebot; aber -
es muss ausserdem noch einer da sein, der das Futter heranbringt für beide ...
Freilich«, fügte er dann nachdenklich hinzu, »steht es nicht für alle Zeiten
fest, dass das gerade der Vater tut ... Es könnte wohl so kommen, dass die
Gesellschaft ihren grossen Vorteil darin sieht, sich dieses kostbare Material zu
retten und der Mutter mit dem Kinde direkt beizuspringen ... Aber die Mutter
allein - die Schwangere, die kürzlich Entbundene, die Nährende, die oft zu
keinem Beruf Vorgebildete, - die kann nur in seltenen Fällen für alles das
aufkommen, was einem Kinde gebührt, damit es heil in die Höhe wachse.« Und mit
sachlich ruhiger Stimme fuhr er fort: »Infolge unserer guten Waisenpflege ist
für die ganz verwaisten Kinder tatsächlich besser gesorgt als für die meisten
von denen, die eine verlassene Mutter hilflos durchs Leben schleppt.«
    Sie blickte traurig, hob dann langsam den Kopf und sah ihn voll an. »Da ist
wohl mein armes Lörchen auch sehr schlimm dran?«
    Er stutzte erschrocken, dann schüttelte er hastig den Kopf. »Aber Frau Lore
- wie können Sie das alles - so persönlich nehmen! Bei Ihnen liegt doch die
Sache ganz anders. Hier,« er deutete auf die Akten - »hier diese Untersuchungen,
die sind an der Masse der Halt- und Hilflosen gemacht ... Sie, Sie stehen doch
ruhig und sicher, Ihrem Lörchen wird ein Heim und ein Halt nicht fehlen; -
freilich«, fügte er zaghaft hinzu, - »der Vater fehlt auch ihm, und das ist
immerhin schlimm für ein Kind; aber das kann ja auch sein, wenn die Mutter
verwitwet.«
    Lore fuhr sich mit der Hand über die Stirn. » Sehen Sie, ich habe mir gerade
im Gegenteil gedacht: die Kinder, die ausserhalb jener - anerkannten Ehe geboren
werden, welche doch oft aus allen möglichen Gründen, die mit - mit der freien
Wahl zweier Menschen nichts zu schaffen haben, - geschlossen wird, - sehen Sie,
- ich dachte mir, diese Ausserehelichen, die so der freien Wahl ihr Leben
verdanken, - gerade das ist eine besondere, - wie soll ich sagen - eine
besondere ...«
    »Auslese,« fiel er ihr ins Wort - »das ist es auch. Die Unehelichen sind oft
biologisch das wertvollste Material, und dass sie in so hohem Prozentsatz
zugrunde gehen, ist meist nur die Schuld der Verhältnisse, in die sie nach ihrer
Geburt gestossen werden. - - Wissen Sie aber, Frau Lore,« fuhr er lebhaft fort, -
»welches die wirkliche Elite unter den Unehelichen und unter den Geborenen
überhaupt ist?«
    »Nun?« fragte sie gespannt.
    »Das sind die Kinder, - die, trotzdem sie unehelich geboren werden, - doch
noch in einer Familie aufwachsen, in einer Familie von Vater und Mutter - -
nämlich - in der Stiefvaterfamilie.«
    »So,« sagte sie und horchte hoch auf.
    »Ja,« fuhr er fort, »wenn die Mutter später einen anderen Mann heiratet,
dann ist das Kind zumeist geborgen. Hier liegen tatsächlich«, er fuhr mit den
Fingern über seine Statistik, »die günstigsten Verhältnisse.« Er blickte in
seine Akten: »Was Berufsausbildung und Militärtauglichkeit betrifft, so kommt
diese Gruppe den Ehelichen am nächsten.«
    »Aber, warum sagen Sie,« meinte Lore nachdenklich, - »dass diese Kinder
zumeist auch eine biologische Elite darstellen?«
    Er lächelte ... »Liebe Frau Lore, - denken Sie doch mal, - was für ein
Prachtweib muss so eine Frau sein, die - die, - trotzdem sie nach unseren
heutigen verschrobenen Moralbegriffen eine - Gefallene ist,« - er sagte es
lachend und ohne Scheu, - »die also, trotzdem sie eine - solche - Gefallene
ist,« - nun lachten beide, - »doch noch geliebt und geheiratet wird.«
    »Eine grosse Ehre,« sagte sie, noch immer lachend, - »und welche eine
Hoffnung für so eine arme Gefallene!« Das Lachen verschwand nicht von ihrer
beider Gesichtern.
    Er fuhr fort: »Und selbstredend hat so eine Prachtfrau wieder ein
Prachtkind, - es ist da also eine Art Auslese - sozusagen automatisch wirksam.«
    »Und es entsteht nicht selten eine Prachtfamilie auf diese Art, nicht wahr?«
    »Na,« meinte er mit verlegenem Gesicht, und griff nachdenklich an sein
Ohrläppchen, »manchmal kann sich der Herr - Stiefvater - was biologische Pracht
anbelangt, nicht gerade als Mehrer der Familienschönheit betrachten ... - aber -
das ist ja auch gar nicht seine Aufgabe.«
    »Und was ist seine Aufgabe?« forschte Lore. »Oh - das ist eine feine Sache.«
Er stützte den Kopf in die Hand und blickte ein wenig über die Ränder des
Zwickers. »Bedenken Sie, wie viel mehr dieser - Wahlvater - für die Mutter
zumeist empfindet, als der wirkliche Vater des Kindes. Ich habe hier auch
Material gesammelt,« er drückte mit der Hand gegen die Akten, - »darüber, wie
die Ehen mit dem sogenannten Schwängerer ausgehen, - der irgendwie gezwungen
oder beeinflusst wird, das schwangere Mädchen zu heiraten. Zumeist tut er das, um
die Alimentation zu ersparen. Diese erzwungenen Ehen« fuhr er ernstaft fort -
»werden zumeist sehr unglücklich. Das Kind wird da sehr oft als Last empfunden,
man hasst es, als die unglückliche Ursache der ganzen, erzwungenen Situation.
Ganz anders aber liegt die Sache in den Ehen mit dem - Wahlvater, dem
Stiefvater. Er ist der Mutter mit dem Kinde begegnet -«, seine Stimme wurde tief
und war von einem fremden Ton, den sie noch nie an ihm gehört, durchbebt, - »und
hat beide - frei gewählt. Er liebt nicht nur die Mutter, - nein, er liebt auch
das Kind.«
    Mild und lösend drangen diese Worte in sie. Ihr war auf einmal, - als wäre
sie nicht mehr allein, nicht mehr suchend, nicht mehr zu neuer, abenteuerlicher
Fahndung genötigt. Und das Gefühl wurde in ihr stark: hier ist Schutz, - guter,
guter Schutz. Sie schloss die Augen und ihr war, als hätte sie eine Vision: sie
sah sich im Gedränge, - geschoben, gestossen, hastend, suchend, - und da kam
einer - ein einziger unter allen - und bot ihr seinen Arm. Sie sah den tiefen
Ernst auf seinem Gesicht, sie fühlte, wie er ihren Arm leise gegen seine Brust
drückte, und auf einmal wusste sie, dass er ihr diesen Arm nicht nur geliehen,
sondern gegeben hatte. Sie schlug die Augen auf und sah, im Schein der Lampe,
voll in sein Gesicht. Sie sah, wie seine Augen auf ihrem Antlitz ruhten und sie
sah, wie sein Gesicht durchleuchtet war von Liebe. Oft hatte sie, in letzter
Zeit, vergeblich versucht, sich an sein Gesicht genau zu erinnern, nun war es
ihr, als ob sie ihn - erkannte. Einen Augenblick schien es ihr, als wäre sie ihm
schon einst - irgendwo - irgendwann einmal begegnet, - als hätte sie das alles
schon erlebt, - was sie eben jetzt erlebte, - und sie hätten sich jetzt - nach
langer, langer Trennung - wiedergefunden und hätten sich, in vielen
Verhüllungen, entdeckt, - erkannt. Sie sah die mächtige Biegung der Stirn, sah,
wie edel und steil die Nase sich zum Munde streckte, sah, wie verschönt das
Gesicht von dem grossen Gefühle war, das es durchleuchtete, wie eine Flamme ein
transparentes Gehäuse durchschimmert, - und sie erkannte ihn ...
Als er diesmal von Schöneberg nach Hause ging, hatte er nichts diktiert; aber
sie hatten ernstaft beschlossen, das am nächsten Tag nachzuholen; heute -
hatten sie Besseres zu schaffen gehabt ...
    Mit glücklichem Gesicht ging er durch die nächtlichen Strassen. Eine Melodie
summte ihm durch den Kopf, und er suchte Worte als Text. »Wenn ich bei meiner
Christel bin«, so hatte Goete gesungen, - wie wird mir da so froh zu Sinn.
    Erlöst fühlte er sich, - erlöst von dem Druck, der auf seiner Mannheit
gelastet hatte. Dass ihm dieses je beschieden sein konnte, - nie hatte er es
gedacht. Und dass er nicht nur eine Frau bekam, eine Frau von edler Art, - nein,
auch eine Frau, die einen solchen Schatz, eine solche Mitgift ihr eigen nannte:
ein wirkliches, lebendiges, fix und fertiges, wohlgeratenes Kind. Oh, was
bedeutete dieser Schatz, diese Mitgift gerade für ihn! Er hatte es ihr schon
heute gesagt, - ernst - Aug' in Aug' - nach der ersten, grossen, seligen Freude,
nachdem er das Wunderbare, das unsagbar Herrliche erlebt hatte ... Er hatte ihr
gesagt: »Wir werden kein Kind haben, - denn ich habe nichts zu vererben.« Da
hatte sie mit ihrem kräftigen, frohen Lachen geantwortet und hatte gesagt: »Wir
haben ja ein Kind.«
    »Ein richtiges, lebendiges Kind«, flüsterte er jetzt vor sich hin. »-
Lörchen Wigolski,« - so konnte sie nicht auf die Dauer heissen; das tat nicht
gut; »Lörchen Schubert,« - ein Lächeln glitt über sein Gesicht, - »Gott sei
Dank, ausgeschlossen; aber Lörchen Diamant, - das mochte taugen.« - - -
    An diesem Abend sass er wieder vor seinem Tagebuch. Er schlug das Heft auf -
und kaute an der Feder. Sein Gesicht, von dem das Lächeln nicht wich, hatte
einen verlegenen Zug. Hin und her drehte er den Federstiel in den Händen, -
wahrhaftig, er schämte sich vor dem Buch, - er wusste nicht, wie er es - gestehen
sollte. Aber ein Vers wollte ihm nicht aus dem Sinn, er flüsterte ihn immer
wieder vor sich hin: »Durchsüsset und geblumet ...« Dann ging er zum Bücherregal,
um den Vers auch wörtlich zu finden. Freund Walter von der Vogelweide, der
wusste doch, wie man - solche Dinge - - sagte. Er legte das Buch vor sich hin und
schrieb:
    »Durchsüsset und geblumet sind die reinen Frauen.« Hier stock' ich schon, - -
sollte er nicht besser schreiben: die neuen Frauen? - - Pfui, Pharisäer! Nun
gerade:
    »Durchsüsset und geblumet sind die reinen Frauen«, - die Feder kratzte
eifrig, und Blicke ins Büchlein wurden geworfen, - »So Wonnigliches gab es
niemals anzuschauen«, - sein selig verklärtes Gesicht beugte sich fast zärtlich
zu dem Papier, - und weiter kritzelte die Feder, - »In Lüften noch auf Erden, -
noch in allen grünen Auen«...
Während nun hier ein Schicksal in freundliche Bahnen bog, wurde ein anderes an
gefährliche Klippen gedrängt.
    Eines Tages kam Werner zu Olga, - bleich, verstört, zerrüttet.
    »Es ist geschehen«, sagte er dumpf und presste hilfesuchend ihre Hände.
    »Was ist geschehen?« fragte sie, von banger Ahnung erfüllt.
    Stammelnd berichtete er ... Der Gatte der Baronin habe das Verhältnis
entdeckt.
    »Wie konnte das sein, - und was soll nun werden?«
    »Wie es sein konnte, das weiss ich nicht. Es war gestern in meiner Wohnung.
Sie sagte, - wir wären in voller Sicherheit. Plötzlich - spät abends, wird an
der Glocke gerissen - gegen die Tür geschlagen ... Wir schaffen kaum die
nötigste - Ordnung, - als er auch schon an der Tür des Zimmers steht und Einlass
erzwingt.«
    »Und nun?«
    »Er hat mich gefordert ... morgen früh ...«
    »Du sollst -?!«
    Er lachte krampfhaft auf und fuhr sich mit der Hand in die Haare. »Ja, ja -
bei der Tragödie darf das Satyrspiel nicht fehlen. Ich soll mich mit ihm
schiessen, - jawohl.«
    »Willst du das wirklich?«
    »Was bleibt mir andres übrig?« Und finster fügte er hinzu: »Mir kann es
recht sein.«
    »Werner,« sagte sie angstvoll - »du hast doch nicht die Absicht - den Mann
der Baronin wie - wie einen Feind - aus der Welt zu schaffen?«
    Starren Blickes sah er sie an. Dann schüttelte er den Kopf und sagte mit
fester Stimme ... »Nein, ich habe nicht die Absicht, kann sie auch nicht haben,
denn ich weiss nur schlecht Bescheid mit der Pistole.«
    »Und er,« flüsterte sie, »wird er? - - «
    »Das bleibt ihm überlassen«, sagte er fest.
    Dunkel - wie ein schon vergessener Traum - stieg die Erinnerung in ihr auf:
wie auch sie einmal einer Pistole mutig die Brust geboten ...
    Am nächsten Tag, um die Mittagsstunde, als sie schon lange angstvoll
wartete, stand er an ihrer Tür. Er war heil und unversehrt. Aber sein Gesicht
schien blutlos, und sein Auge flackerte irr.
    »Werner,« flüsterte sie, »ist es vorbei?«
    »Es ist vorbei«, sagte er mit fremder, heiserer Stimme. »Es ist alles
vorbei.«
    Und dann erfuhr sie, was geschehen war ... Werner hatte in die Luft schiessen
wollen ... Aber als der Pulverdampf sich zerteilte, da sah er, drüben, den
Gegner zurückgesunken, in den Armen seiner Zeugen.
    »Ich habe ihn getötet«, flüsterte er. Und dann erzählte er noch mehr. Wie
ein Gezeichneter war er durch die Strassen getaumelt, - hin, zu ihr, der
Geliebten. Er traf sie und sagte ihr, was geschehen war, - sagte ihr, - dass sie
nun frei war ... wie sie es gewollt. Da war in ihren grossen Sphinxaugen ein
Feuer entbrannt.
    War es ihr Wille gewesen, - der in ihm gewirkt, - gegen den seinen ... oder
war es doch auch sein Wille gewesen - verborgen dem wachen Sinn und nur wirkend
in jener dunkelsten Tiefe, in die kein Auge blickt?...
    »Geh jetzt,« hatte sie ihn gebeten, »und komm wieder - in zwei Stunden, nach
meiner Wohnung.«
    Zwei Stunden war er in den Strassen umhergeeilt - und dann in das Haus
gegangen, - in dem der Tote schon lag. Als er sich scheu der Tür näherte, da
hatte ihm, bevor er noch die Klingel berührte, die Jungfer der Baronin geöffnet
und ihm einen Brief hinausgereicht ... Er öffnete die zur Faust geballte Hand.
Hier - hier - war der Brief.
    Sie strich die zerdrückte Papierkugel glatt und las: »Die Tat ist geschehen,
die geschehen musste und doch nicht geschehen durfte. Ich eile zu dem - der
solche Taten nicht setzt - und den ich liebe.«
    Sie begriff nicht. Stumm hielt sie das rätselhafte Papier in der Hand. Da
brach es aus ihm heraus. »Oh, verstehst du nicht - verstehst du nicht?! Ich -
ich musste die Tat begehen, - - - damit sie frei wurde - für einen anderen.«
    »Aber du wolltest ihn doch nicht töten«, sagte Olga.
    »Nein, ich wollte es nicht, - ich weiss nicht, - ich glaube, ich wollte es
nicht ... Aber hätte ich ihn nicht getötet, so wäre ich doch derjenige gewesen -
durch den ihre Ehe gelöst wurde - und der Name des - anderen - wäre frei
geblieben. Kein Gesetzesparagraph hätte verhindert, dass eine neue Ehe - dort -
geschlossen wurde. Keine Schmach hätte diese neue Ehe befleckt, und keine Bürde
wäre auf sie geladen worden.«
    Wie ein schwerer, wallender Vorhang, - so rauschte das Geheimnis zurück. Sie
begriffen beide. Sie wussten alles, - auch wer jener andere war. Sein Bild stand
in diesem Augenblick vor ihrer beider Seelen. Sie sahen ihn, wie sie ihn damals
gesehen, - an jenem Abend, da er mit der Baronin und mit ihnen zusammen war. Wie
wenn auf eine dunkle Bühne plötzlich, auf eine einzige Stelle, volles Licht
fällt und eine Gestalt beleuchtet, die hier im Dunkel gestanden und nun allen
sichtbar wird, - so sah ihn Olga. Sie erinnerte sich an den fast kahlen Schädel
von ungeheueren Dimensionen, an jene Stirn, die steil, wie ein Dachgiebel,
aufstieg und sich schwang, wie ein romanischer Bogen. Sie erinnerte sich an den
durchdringenden Blick - und an die Worte, die jener Mann über das Wollen
gesprochen und über die Wünsche, die sich abarbeiten für dieses gefährliche
Wollen, wie die Sklaven. Sie erinnerte sich, was er über die Orientalen gesagt,
- über ihre nüchterne und entsühnende Moral der inneren Abrüstung.
    Und sie wusste, dass sich ihre und Werners Gedanken an diesem Bilde, das
plötzlich, im vollen Licht, inmitten der dunklen Szene stand, begegneten ...
    Sie war es, die aus dem betäubungsähnlichen Zustand zuerst erwachte. Sie
raffte sich auf.
    »Jetzt gilt es zu retten - was noch zu retten ist.«
    »Und was sollte das sein, was hier noch zu retten wäre?« fragte er, mit
verzerrtem Lächeln.
    »Das bist du«, sagte sie. »Du musst fort und sogleich.«
    »Fort, warum?« Langsam nur drang durch die Nebel die Vorstellung zu ihm, die
sie ihm klar machte: dass er verfolgt würde, - wegen Totschlags im Duell, - und
dass er darum fort müsste, heute noch, sofort.
    Er weigerte sich, vor den Folgen der Tat zu fliehen.
    »Willst und kannst du denn bleiben, - jetzt, - hier - wo du solches erlebt
hast?«
    Die Scham des Missbrauchten stieg ihm glühend zu Gesicht. »Fort, fort«,
dachte nun auch er. Aber wohin? Nach der Schweiz, nach Italien, Amerika? Und
ohne Mittel?
    Sie grübelten beide. Plötzlich durchschoss sie ein Gedanke. »Ich weiss, wohin
du gehst!« Und entschlossen teilte sie ihm ihren Plan mit. Er sollte zu Doktor
Emmerich nach Ascona. Dort war er geborgen und konnte abwarten, bis er sich
selbst wieder helfen konnte. Doktor Emmerich würde ihn aufnehmen.
    Er liess alles geschehen, wie sie wollte. Er blieb in ihrer Wohnung, während
sie hastig den Hut aufsetzte und forteilte zu der Bank, bei der sie ihr Depot
hatte. Sie hob einen Betrag ab. Die Filiale, bei welcher ihr Depot lag, war in
einem grossen Kaufhaus. Gerade gegenüber den Schaltern der Bank waren jene des
Reisebureaus. Hier erfuhr sie, wann der nächste Zug ging, der nach der Schweiz
Anschluss hatte. Dann nahm sie ein geschlossenes Automobil, fuhr zu ihrer Wohnung
zurück und hiess den Chauffeur warten. In wenigen Minuten kam sie mit Werner
wieder. Er hatte seinen breiten Filzhut tief in die Stirn gedrückt. Sie fuhren
direkt zur Bahn. Ohne Gepäck reiste er ab.
Noch lag der Schreck über dieses gewaltsame Ereignis in Olgas Seele. Aber sie
hatte keine Zeit, sich ihren bangen Gefühlen hinzugeben. Die Arbeit an ihrer
Korrespondenz häufte sich immer mehr, und Lore musste jetzt täglich kommen, ihr
zu helfen. Und Lores Augen wurden immer froher und ihr tiefes Lachen immer
herzlicher. Stanislaus kam, mit merkwürdiger Zufälligkeit, immer gerade dann,
wenn Lore gehen sollte, - die er dann natürlich begleitete ... Der Bruder
erschien ihr plötzlich sonderbar jung und lebhaft, elastisch und verschönt.
Seine Kleidung wurde sorgfältig, beinahe elegant; er hatte sich einen neuen,
dunkelblauen Anzug bei einem teueren Schneider machen lassen.
    »Ist er auch richtig, - sitzt er gut?« fragte er die Schwester, als er sich
darin präsentierte.
    »Aber sehr«, sagte sie und wunderte sich nicht wenig. »Warum denn nicht
schwarz, jetzt, in der Trauer?«
    »Dafür genügt die Florbinde um den Arm,« meinte er, - »übrigens habe ich mir
ausserdem - auch noch einen schwarzen Anzug bestellt; Smoking«...
    Bald wusste sie, wie es mit beiden stand.
    »Nur noch ein wenig sicherer stehen,« sagte Stan, - »soweit wir Freien es
überhaupt können; nur noch mehr Überblick über die Einnahmen, - geregelte
Mitarbeit da und dort - Vollendung des Buches - ein neues Auflagenhonorar, dann
sei es gewagt.« Und er arbeitete mit »Dampfkraft«, wie Lore erzählte, und stiess
die Kapitel seines neuen Buches eines nach dem anderen heraus.
    Nachdem Olga so viel über die Lage der Unehelichen zu hören bekam, fiel ihr
ein, dass das Tema sich vorzüglich für einen Vortrag im »Bunde« eigne.
Stanislaus war einverstanden und bat sie, sich für ihn mit Frau Dr. Wallentin in
Verbindung zu setzen. Er hatte, solange er arbeitete, keine Zeit, irgendwelche
»Schritte zu unternehmen« - ausser die täglichen Schritte nach Schöneberg.
    »Wie ein Kokon muss man sich einspinnen,« sagte er, - »will man ein Buch
herausbringen.« Und er spann sich ein, und es gab jemanden - in Schöneberg - der
ihm dabei half.
    Olga schrieb an Frau Dr. Wallentin und erhielt bald Antwort.
    »Sehr liebes Fräulein Diamant, ich möchte über die Arbeit Ihres Bruders, die
mich in hohem Grade interessiert, recht ausführlich mit Ihnen sprechen, und vor
allem möchte ich Sie endlich einmal wiedersehen. Es ist schon eine kleine
Ewigkeit her, seit wir uns zuletzt begegnet sind. Vielleicht kommen Sie beide
eines Nachmittags zu mir heraus in den Grunewald?«
    Und da Stanislaus noch immer keine »Schritte unternahm«, so ging sie allein.
    Es war richtiger Frühling geworden, auch in Berlin. Der Park um die Villa
blühte ... Der See funkelte in goldenen Reflexen, als hielte er alle Strahlen
der Sonne gefangen.
    Olga sass mit Frau Wallentin auf der Terrasse, unter dem Dach der Markise, am
runden Teetisch, und sie blickten in die wiegenden Wipfel der Kiefern und in das
zarte Laub der Buchen.
    »Ich habe mich in letzter Zeit dem Bunde wenig widmen können«, sagte die
alte Frau. Sie schenkte selbst den Tee ein. Wie liebte Olga diese edlen,
durchstrahlten Hände, wie dankte sie im Herzen dieser alten Frau dafür, dass sie
ihr und allen, die sie kannten, ein wunderbares Märchen kündete, - dass sie ihnen
allen zeigte, wie schön das Alter sein kann. Selten nur war sie herausgekommen,
trotzdem sie wusste, dass sie kommen durfte. Zuviel der Störung und der Verstörung
hatte sie erlebt in all der Zeit, und schamhaft hatte sie sich dann vor dieser
Lichten verborgen.
    Jetzt, wo sie wieder bei ihr sass, dachte sie, dass man immer nur zu den
Menschen gehen sollte, in deren Nähe man selbst schöner würde, - ruhiger und
reiner in der Linie. Hier schien es ihr, als ob ihre Seele mit gebändigtem
Feuer, wie ein Vogel, der sich sicher in reinen Lüften wiegt, frei und leicht
ihres Weges flöge ... Und so, wie es Menschen gab, - so dachte sie, - die alle
Schichten eines anderen Seins in wilde Wirbel brachten, bis es Aufruhr und Lava
gab, - so andere, die die Elemente sänftigten, die Dämonen bannten, - in deren
milder Sphäre Vollbringen wohnte. Und Goetes erhaben-demütiges Danklied kam ihr
in den Sinn: »... Spähtest, - wo die reinste Nerve klingt.«
    Sie hatte Frau Wallentin nicht gesehen, seit sie nach Hause gereist war, und
auch vorher, während der Bitternisse, die sie erlebt, - nur selten. Sie erzählte
ihr, dass der Vater nun tot war.
    »Und nun bleiben Sie hier - bei uns. Denn wir brauchen Sie«; und mit innigem
Lächeln nickte sie ihr zu.
    Olga berichtete von Stanislaus und seinem neuen Buch. Frau Wallentin riet,
den Vortrag bis zum Herbst zu verschieben. Denn da er das Buch noch nicht
abgeschlossen habe, so würde es zu spät in der Jahreszeit werden, um mit einem
Vortrag herauszutreten. Aber sie wollte erfahren, was er gesammelt hatte, und
Olga musste ihr versprechen, dem Bruder zuzureden, dass er sie bald aufsuchen
möge.
    Dann erzählte Olga von Erika, - der einstigen Helferin beim Ordnen der
Bibliotek. Stumm und bang horchte die alte Frau, als sie von jenem Abend
sprach, an dem Erika sterben wollte, und ein grosses Leuchten brach aus ihren
Augen, als sie hörte, was dann geschehen war.
    »Die Welt ist voll von Wundern,« sagte sie leise, - »ihr Glücklichen - ihr
Jungen, vergesst das nie.« Ein wehmütiges Lächeln umschattete ihren Mund.
    In Olga stieg die Sorge auf, ob die alte Frau sich gesund fühle, und sie
fragte, warum sie sich dem Bunde weniger gewidmet habe. »Es ist doch nicht -
weil Sie behindert waren?«
    »Ich war behindert - aber durch etwas sehr Glückliches«, sagte Frau
Wallentin. Ihre blauen, tiefen Lichtaugen strahlten auf. »Mein Sohn Manfred ist
endlich gekommen.«
    Und sie erzählte ihr von ihm.
    Sie berichtete - nicht als ob sie die Mutter wäre. Sie sprach mit der
glücklichen Begeisterung, mit der ein junges Mädchen von dem Manne spricht, der
seine Träume verwirklicht. Sie erzählte, - dass er ein Mensch war, der nach einem
vorgefassten, festen Plan systematisch ein Lebenswerk baute. Er hatte ein
Programm von Taten, für deren Beendigung ein Menschenleben nicht ausreichte.
    »Aber was tut dies,« warf sie mit frohem Lächeln ein. - Sind wir denn nicht
da, um unsere Taten an andere weiter zu geben? Und nun gar er! Sobald seine
Pläne selbständig laufen, wie er es nennt, dann überlässt er sie ihrem Schicksal
und nimmt das nächste Werk in Angriff.
    Manfred hatte erst Medizin und dann Nationalökonomie und Philosophie
studiert. »Und doch ist er kein Gelehrter - wie Erasmus von Rotterdam«,
berichtete die Mutter, lächelnd. Und ernst fügte sie hinzu: »Er ist ein
Organisator ... Ihn beschäftigte alles, was die Welt vollkommener macht. Zehn
Jahre hat er damit zugebracht, die Erde zu bereisen. Und während er wanderte und
das Leben der Völker durchforschte - ging er zu den Einzelnen - zu den Grossen,
zu denen, die die Welt vorwärtsrücken. Diese Grössten - ob sie Einsame waren oder
Gefeierte, - die hat er in aller Herren Länder aufgesucht, - und hat sie
verknüpft - zu einheitlicher Tat.«
    Es war eine Organisation gewaltiger Namen, eine Organisation der bewegenden,
geistigen Kräfte dieser Welt, die er, in aller Stille, geschaffen hatte. Eine
Zentralstelle zur Durchforschung der Probleme der Entwickelung sollte gegründet
werden. Jetzt erst, nach zehnjähriger Vorbereitung, ausgerüstet mit diesem Stabe
glänzender Namen, die allein jene Autorität erringen konnten, die notwendig war,
um der Organisation zur Macht zu verhelfen, - sollte das Zentralkomitee
öffentlich begründet werden. Und Frau Wallentin erzählte, dass das Unternehmen
eingeteilt war in die verschiedensten Kulturkreise, mit einzelnen, stofflich
verschiedenen Arbeitsbezirken. Die bewegenden Probleme der Welt galt es, nach
dem Standpunkt internationaler Kenntnis, zu sichten. Auf dem Gebiete der
sozialen Gestaltung, der Organisation der Völker, der Verbindung der Intellekte,
der Revision der moralischen Gesetze, auf denen die Menschheit fussen konnte,
galt es, zu wirken. Und im Mittelpunkt der ganzen, globisschen Zentralisation
stand ein Komitee zur Erforschung der Gesetze der Deszendenz und der Variation,
- eine wissenschaftliche Kommission, die die sozialen und die biologischen
Gesetze untersuchte, durch welche die Erzeugung hochwertiger Menschen gesichert
schien. Von diesem Zentralgedanken ausgehend, hatte auch die Mutter jenen Bund
begründet. Der Grundgedanke, der sie und die Söhne leitete, war der, dass alle
Kulturtaten unendliche Zersplitterung der Kräfte, solange mit sich bringen
müssten, - solange nicht der Mensch selbst auf der Höhe der Art stand. Aus dem
Bereiche des Zufälligen, des oftmals Schädlichen und die Entwickelung der Art
Hemmenden, - sollte die Zeugung des Menschen zu einer Tat werden, aus der immer
wieder nur höheres Leben entstehen konnte. Die Gesetze der Hygiene mussten zu
diesem Zweck ebenso revidiert werden, wie die der sozialen Bedingungen,
innerhalb welcher Menschen aufwuchsen. Die Abschaffung schädlicher
Fortpflanzungssitten und die Festigung der Rechte, die eine gesunde Selektion
verbürgten, standen an erster Stelle des Arbeitsprogramms.
    Und die Mutter sprach auch von den Ahnen ihres Sohnes. Zwei Varianten waren
es, die in dieser Familie immer wiederkehrten; die Bedenklichsten und die
Waghalsigsten. Gelehrte und Revolutionäre wurden in dieser Familie immer wieder
geboren. Manchmal auch schlossen sich diese Strebungen in einer Gestalt
zusammen, und es entstand einer, der sich auflehnte und dennoch bedenkend seine
Taten formte, den das Feuer der eigenen Seele nicht über die wahre Natur der
Dinge hinwegtäuschen konnte, der sie ansah mit der nüchternen Ruhe des Forschers
und sich doch nicht beruhigte darüber, dass sie so waren, wie sie waren, -
sondern, - in Ahnung ihrer höheren Formen - weiter und immer weiter ging ...
    Olga hatte gehorcht; sie hatte alles umschlossen, alles geborgen. Die Stunde
war glücklich. Nicht immer war die Seele so weit, so frei, so hingegeben, - dass
sie horchen konnte, wie heute, an diesem goldenen Tag.
    »Da kommt Manfred«, sagte die alte Frau. Die Gittertür zum Park war geöffnet
worden, er kam über den Weg dem Hause zu.
    »Ein hoher Mann«, dachte Olga. Er grüsste hinauf. Sie sah, dass sein blondes
Haar schon silbern schimmerte. Sie sah, als er näher kam, dass er die blauen,
tiefen Lichtaugen der Mutter hatte. Dann verschwand er im Haus und stand bald
darauf bei ihnen, auf der Terrasse.
    »Ein hoher Mann«, dachte sie ... Seine Augen - wie liegen sie sehend auf den
Dingen - auf den Bildern dieser schönen, rätselvollen Welt. - - - Und wie
gläubig sind seine Augen - als ahnten sie die letzten Dinge, - die letzten, -
leuchtenden Dinge, - - die diese rätselvolle Welt durchstrahlen ...
    Die Stunde war glücklich, golden war der Tag. Die Seele so weit, so frei, so
hingegeben, - als flöge sie, in gebändigtem Feuer, frei durch den unendlichen
Raum, - als wiege sie sich, wie der sichere Vogel, im goldenen, goldenen
Himmelsblau ...
    Sie blieben zu Dritt. Sie sprachen. Sie sah seinen Mund, von keinem Bart
verborgen, sie sah diese reinen Linien um den Mund. Wie klar, wie licht war es
um diesen Mund ... Die Stunde war glücklich, - sie verstand, sie verstand. Sie
erkannte: Das vollendete Ebenmass; die ausgewogene Kraft; nichts schwankte,
nichts taumelte. Sie verstand diesen Blick, - diesen Ruf im Auge, - der die
Gedanken der anderen beschwingte ... Das war ein gütiges Rufen und ein mildes
Horchen im Auge ... Wie hob es die arme, erdenschwere Seele, - machte sie mutig,
wissend um sich selbst, mutig und frei, - frei, dass sie sich wiegte, - wie der
Vogel im goldenen Äter. Es war ein glücklicher Tag. - - -
Stanislaus erfuhr von ihr, wem sie begegnet war, und ihre Schilderung machte ihn
hochaufhorchen. Wenige Tage später erhielt sie eine Nachricht von Frau
Wallentin, die für Stanislaus von grosser Bedeutung war. Frau Wallentin teilte
ihr mit, dass Manfred seinem Unternehmen ein publizistisches Organ angliedern
müsse und dass er ihrem Bruder den Vorschlag machen wollte, in diese Redaktion
einzutreten. Nun setzte sich Stanislaus mit Dr. Wallentin in Verbindung und
besuchte ihn bald darauf.
    Er hatte ihr versprochen, sie gleich nach seiner Rückkehr aus dem Grunewald,
noch am selben Abend, aufzusuchen. Sie sass in ihrer Wohnung und wartete. Was
würde er sagen? Ob er so dachte wie sie, ob er erkannte, wie sie, - dass hier
einer war, wie sie noch keinem begegnet waren? Manfreds Bild stand vor ihrer
Seele - die hohe Erscheinung, - das blondsilberne Haar, - dieses Leuchten um den
Mund ... sie presste die Hand auf ihr Herz. Dieses Bild wich nicht aus ihrem
Erinnern; immer wieder sah sie ihn und hörte im Geist, wie er mit seiner Mutter
und mit ihr gesprochen, - deutlich stand sein Wesen vor ihr, in seiner klaren
Ruhe, mit seiner menschlich gütigen Verbindlichkeit, die sich mit dem edlen
Stolz seiner Haltung so seltsam einte. Wie eine sanfte Glut strömte es ihr aus
dieser Vision entgegen, als hätte das innere Feuer, das von ihm ausstrahlte, sie
ergriffen. Und je mehr sie sich in dieses Erinnern verlor, desto mehr empfand
sie eine fremde, süsse Auflösung, die sie bis heute nicht gekannt, - eine junge
und jubelnde Sehnsucht ...
    Stanislaus kam. Sie sah an seinen glänzenden Augen, dass er Gutes erlebt
hatte. Er erzählte ihr freudig, dass Dr. Wallentin ihn als Redakteur für das neue
Blatt, das in Form einer Monatschrift erscheinen sollte, verpflichtet habe. Es
war ein Triumph für sie, dass der Bruder auf dieser für ihn so unverhofft
glücklichen Tatsache nicht lange verweilte und von dem Manne sprach, - von dem
er erfüllt war, wie sie.
    »In ihm«, sagte er, »sehe ich zum erstenmal den vollkommenen Weltmann, -
natürlich nicht im Sinne jenes Salonwortes, das heute jeder Geck für sich in
Anspruch nimmt. Nein, er ist,« - vertieft ging er im Zimmer auf und ab, - »er
ist der Mann der grossen, weiten Welt.« - - - - Er ging, mit gesenktem Kopf, die
Hände in der Tasche, mit eiligen Schritten durch das Stübchen, als rekonstruiere
seine Phantasie das Bild, das sie empfangen. »Einen solchen Mann«, sagte er,
»muss man vor allem an seinem Werke sehn. Er ist einer der Helden, die man bei
ihrer Arbeit aufsuchen muss.« Er blieb stehen und hob den Kopf.
    »Ich habe mit ihm mehr als zwei Stunden über sein Werk gesprochen. Er setzte
mir auseinander, in welchem Sinne er das Blatt leiten will. Die Dinge sollen
untersucht werden, - auf ihre Natur hin - verstehst du wohl.« Er sah die
Schwester fragend an und fuhr eindringlich fort: Das heisst: wir wollen in diesem
Blatt nicht uns selbst und unsere Nuancen entfalten, - die Objekte sollen darin
ausgebreitet werden, treulich und ihrer Natur gemäss. Und es soll untersucht
werden, wohin wir auf Grund der vorhandenen Tatsachen zu steuern haben. Die
Mitarbeiter gehören allen Kulturländern an; Persönlichkeiten, - aus aller Welt,
- bilden den Ausschuss dieser internationalen Liga. Es sind Staatsmänner und
Schriftsteller, Naturforscher, Soziologen, Philosophen; und ausser den
europäischen Staaten sind Indien, China, Japan, Amerika, Neuseeland vertreten.
    Olga fragte, auf welche Art diese Liga in der Öffentlichkeit auftreten
wolle.
    Zuerst werden eine Reihe von Vorträgen und internationalen Kongressen
veranstaltet. Die Gesellschaft tritt in Aktion mit der ausgesprochenen Absicht,
alle Ziele zu verfolgen, welche zur Hervorbringung eines menschlichen
Leistungsadels führen. Man geht politisch vor: wenn man durch grosse Kongresse
die öffentliche Meinung beeinflusst hat, so tritt man an die Körperschaften
solcher Staaten heran, die für kulturelle Reformen in Frage kommen. Man gründet
überall Zentralstellen zur Verständigung der Kulturvölker, zum Zwecke
gemeinsamen Vorgehens; anstatt der groben Partei- und Nationalpolitik, die heute
zumeist getrieben wird, will man den Gedanken einer intellektuellen Weltpolitik
durchzusetzen suchen. Die Staatsgewalt soll diesem Gedanken erobert werden.
Darum musste diese erlesene Schar verbündet zusammentreten ... Und er nannte ihr
die Namen der grossen Dichter und Künstler, der grossen Staatsmänner, der Forscher
... ...
    »Übrigens hat Dr. Wallentin noch einen jüngeren Bruder, der Antropologe ist
und gleichzeitig auf anderen Wegen eine Weltreise machte, aber zu demselben
Zweck. Während Wallentin, der ältere, soziale Tatsachen sammelte und gruppierte,
hat der jüngere Wallentin das Problem von der etnischen Seite untersucht. Die
Lebensverhältnisse auch noch unbekannter Völker soll er untersuchen, - auch das
wird zu dem Werke gebraucht.« Er schwieg eine Weile, in Gedanken tief
versponnen, dann fuhr er fort: »Dieses Werk zu erdenken, ist allein schon ein
Wunder. Scharf umgrenzt steht das Ziel da, -« er sprach wie für sich selbst und
blickte ins Weite, als sähe er eine noch ferne Gestalt, - »das Ziel, welches
heisst - die Welt politisieren, in dem Sinne, dass menschlicher Adel erwachsen
kann ... Mehr schöne Menschen, - das ist die Forderung, an deren Nichterfüllung
die Welt krankt. Von hier aus muss das Werk der Reformation einsetzen.«
    Wie? In Olga drängte eine Erinnerung ans Licht, und sie sprach sie aus. War
das nicht derselbe Gedanke, der einstmals Werner zum Sozialismus geführt hatte?
Ersehnte nicht auch er eine Gestaltung der Dinge, die, indem sie das Terrain für
alle ausglich, - scheinbar nivellierte, - gerade dadurch eine individuelle
Wertung ermöglichte, indem die Besten und Tauglichsten erst auf diesem
nivellierten Boden in ihren verschiedenen Höhen erkennbar wurden? Die
Bedingungen, unter denen ein generativer Adel der Menschheit sich bilden konnte,
systematisch schaffen zu helfen, - war das nicht auch sein Gedanke gewesen?
    Und auch Stanislaus entsann sich; ja, es war ein Gedanke, der in der Zeit
lag; auf verschiedenen Wegen drängte man dahin, - den Menschen zu heben, - seine
Person selbst, - vom Keim an. Er erinnerte sich, wie sie sich beide, suchend,
tastend um das Problem gemüht hatten, das ihnen erschienen war, wie ein
verschleiertes Bildnis, und wie er, Stanislaus, zu Werner gesagt hatte: »Nicht
ich und nicht Sie können die Gestalt dieser verhüllten Erscheinung erkennen ...
da ist ... ein letztes, das fehlt ... Ihnen und mir fehlt ... ein letztes Ahnen,
- ein Wissen um dieses Ding«... Und wie sie vom ahnend Geborenen gesprochen, -
auch daran erinnerte er sich, - der allein löste, worüber sie grübelten.
    Und beide, Olga und Stanislaus, sprachen es fast im gleichen Augenblick aus,
- dass Werner hierher gehört hätte, - hierher als Schüler, hierher zu Manfreds
Werk. Werner - wo war er? Gelandet, - gestrandet?
    Aber sie wollte noch mehr hören von dem, was Stanislaus heute erfahren
hatte. Und er erzählte von der imposanten Kleinarbeit, die als Mittel zum grossen
Zweck hier im Gange war: »Durchforschen und erfahren, sichten, gruppieren,
registrieren, - die Dinge ansehen, rein auf ihr Wesen hin, mit Zurücksetzung
aller subjektiven Färbung. Eine systematische Riesenuntersuchung der Tatsachen;
und dann die Gruppierung dieser Tatsachen, die Schichtung, - immer höher und
höher,« - er machte mit der Hand ansteigende Bewegungen, - »wie eine Pyramide
sich verjüngend, - bis hinauf zur Spitze der Forderung: des positiven
Programms.«
    Er konnte kein Ende finden, - und sie horchte.
    »dabei ist diesem Manne alles Schwelgen im Unklaren, alles romantische
Träumen zuwider.«
    »Diese Abneigung soll ja auch seine Ehe geschieden haben«, sagte Olga.
    »Seine Ehe?«
    »Ja, er ist verheiratet, und jetzt, als er zurückkam, hat man sich
beiderseits zur Scheidung entschlossen.« Sie erzählte, was sie im Bunde von der
Gattin Dr. Wallentins gehört hatte. Wie hiess sie doch? - Frau Lucinda Wallentin.
    Stanislaus fuhr fort: »In dieser romantischen Selbstbenebelung der
Menschheit sieht Dr. Wallentin das Hauptindernis ihres Fortschreitens. Dieser
dämmernde Selbstbetrug, in dem sich ganze Zeiten gefallen, die sich in
verschleierter Unklarheit über das Wesen der Tatsachen hinwegtäuschen wollen,
ist für ihn der Wegebahner der furchtbaren Machterrschaft des Unsinns. Seiner
Meinung nach ist dies der Grund, warum die Menschheit als grosses Ganzes noch
immer dumpf ist, dumpf und verschlafen, - und warum es nur wenige gibt, die die
Wege erkennen, die sie gehen muss. Freilich, um diese dämmerigen Schleier
entbehren zu können, bedarf es der Gehirne, die in gutem Zustand geboren sind
... Durch diese Riesenuntersuchungen, die fortlaufend und systematisch über alle
Tatsachen der Entwickelung geführt werden sollen, soll die intellektuelle
Weltanschauung aus der Zone der grünen Teorien herausgelöst und praktisch
vollstreckbar werden.« Und begeistert fuhr er fort: »Mit diesem Manne zu
sprechen, - welch ein Glück! Es war einer der seltenen Fälle, dass zwei Menschen,
ohne jede Unterstreichung, ja ohne jeden Nachdruck, fast ohne Kommentierung,
sich aussprechen und verständigen konnten.« Er blieb vor der Schwester stehen.
    »Im übrigen ist Dr. Wallentin selbst kein Agitator. Denn Agitation ist nicht
zu denken, ohne dass die persönliche Ansicht die besprochenen Fragen tendenziös
färbt, - und ohne dass man das vorhandene Publikum auf irgendeine Weise zu Taten
drängt, deren Notwendigkeit zu begreifen es meist noch nicht Zeit gehabt hat. -
Das ist nicht seine Sache. Er sammelt ruhig sein Riesenmaterial und spannt das
Netz seiner Erkenntnis weiter. Diese anschauliche Ausbreitung überhebt der
Agitation. - Sie wirkt von selbst, wirkt durch ihr tatsächliches Material und
wirkt um so stärker, je weniger demagogisch sie auftritt. - Sie wendet sich
nicht an das momentan und zufällig vorhandene Publikum, - sondern an jenes - das
später - und nicht zufällig - vorhanden sein wird. - Welch eine Tat,« fuhr er
fort, »welch ein Wunder des Willens, - des geschulten Willens, der« -
nachdenklich suchte er im Gedächtnis, - »der die Aufträge der Intelligenz auch
zu erfüllen vermag, - wie es bei Feuchtersleben heisst.« - - -
    Das Erlebnis dieser letzten Tage war so gross für Olga, dass ihr die Welt
darin versank. Es war ihr endlich ein Mensch begegnet, - - dem nichts mehr
»fehlte«, um ein Mensch zu heissen ... Hier also war die Grenze des
Zwischenreichs - nach oben - überschritten ... Hier waren keine
Absonderlichkeiten, hier waren die urtümlichen Eigenschaften hoher Menschenart
voll entwickelt, durchbildet und funktionsfähig. Hier waren Instinkte, die zur
Erhaltung des Lebens strebten, und ein Heroentum, das sich über die staubige
Erde schwang, vereint. Plötzlich erinnerte sie sich der Worte, die ihr Cousin,
Professor Diamant, bei jenem letzten Mahle in Wien gebraucht hatte. »Zeig' mir
einen modernen Gedankenheros,« so ungefähr hatte er wohl gesagt, - »der sich
nicht versteigt auf irgendeiner Martinswand, - von der ihn kein Gott
herunterholt!...« Gerade diese Gegenwart, in der sie lebte, war überfüllt von
solchen, die tollkühn ins felsig Zerklüftete kletterten, - ohne die Führung
wegeweisender Instinkte; die dann hilflos irgendeinen spitzen Grat umklammerten,
- nicht weiter konnten, - stürzten, - spurlos verschwanden. Hier aber war einer,
der sich ins Unwegsame gewagt hatte und sich doch nicht - verstieg.
Nach einigen Wochen, während welcher Stanislaus, der sein Buch beendet hatte,
mit Dr. Wallentin das Bureau der Redaktion organisierte und auch Olga öfters
hinausgekommen war zu ihrer alten Freundin, - während das Bild ihrer erfüllten
Sehnsucht sich immer stärker in ihrem Herzen festigte, kam die erste Nachricht
von Werner; seltsam mutete an, wovon er berichtete.
    Kurz nachdem er nach Askona gekommen war, wo er im Hause Dr. Emmerichs alles
fand, um die betäubten Kräfte seiner Seele wieder zu beleben, hatte er eine
Nachricht erhalten - von einem, von dem er sie am wenigsten erwartete. Herr von
Bredow hatte ihm geschrieben. Auf Umwegen, da er seine direkte Adresse der
Berliner Post nicht angab, erreichte ihn der Brief. Bredow schrieb ihm, - er
habe, teils aus den verdeckten Reden der Baronin, teils durch direkte
Nachforschungen, erfahren, was sich zwischen ihm und jener Frau begeben, in
welcher Weise die Baronin über Werner einen Weg gesucht hätte, der zu einem mit
Bredow vereinten Leben führen sollte. Er habe sie geliebt, aber niemals daran
gedacht, sie aus ihrer Ehe an sich zu reissen. Da sie nun kam und frei war, so
hätte er freilich geglaubt, am Ziel seiner Wünsche zu stehen, bis - bis er
erfuhr, mit welchen Mitteln dieser Weg geebnet worden sei. Als er endlich die
volle Wahrheit, nach langem Forschen, herausgefunden, da hatte die Vereinigung
mit jener Frau aufgehört, für ihn ein Glück zu bedeuten. Er habe, sobald er
alles gewusst, nicht anders gekonnt, als sich von ihr zu trennen, und es sei für
ihn ein moralisches Müssen, Werner dies mitzuteilen. Gleichzeitig gab ihm Herr
von Bredow noch eine andere bedeutsame Nachricht. »Sie haben mir seinerzeit«, so
schrieb er ihm, - »von Ihrer Sehnsucht nach einem gedanklich-religiösen Ziel
gesprochen, nach einer Art philosophisch vernünftiger Andachtslehre. Ihre
Sehnsucht nach Gott kann keine der europäischen Kirchen, - die mit einem
persönlichen Gotte rechnen, - Ihre Sehnsucht nach einem moralischen Dogma, in
dem alles beschlossen ruht und aus welchem heraus die Lösungen menschlicher
Wirrnisse erwachsen, konnte auch keine der modernen, reformatorisch-sozialen
Bewegungen stillen. Und waren Sie schon damals eines solchen Glaubenszieles
bedürftig, so wird es heute, wo Sie schwere Verwundung erlitten haben, ein noch
stärkeres Bedürfnis für Sie sein, im Schoss einer Lehre, die hohe
Vernunftausblicke mit religiöser Sammlung eint, Frieden zu finden. Das
philosophische Kloster ist übrigens nicht nur Ihrer Sehnsucht ein Ziel, sondern
es ist eine Art Zeitbedürfnis für alle die, die mit den Riten der bestehenden
Kirchen nichts mehr zu schaffen haben und dennoch nach einer Stätte suchen, wie
sie bisher nur die Klöster boten. Für alle die muss ein neues Klosterleben
geschaffen werden, das als Zuflucht, als Stätte der Andacht für sie bereit
steht, - in welchem die leidende Seele Genesung und Frieden findet, sich aus dem
Getümmel des weltlichen Kampfes zurückziehen kann und doch keinerlei Dogmen, die
gegen die klare Vernunft verstossen, sich verschreiben muss. Hoch ist der Wert der
Andacht. Das Gebet ist eine Sammlung der innersten Kräfte, eine Dämpfung
gefährlicher Wünsche, - denn nur der erlaubte Wunsch wagt es, Gebet zu werden.
Sie fragten mich damals, als wir uns in Berlin begegneten, wie und wo Sie an die
europäische Sekte des Neubuddhismus, von welcher ich Ihnen berichtete, Anschluss
finden könnten? Ich wusste Ihnen damals nichts Genaues zu sagen. Heute, da wir
uns wieder begegnen - - kann ich Ihnen die gewünschte Mitteilung geben. Drei
Deutsche, die in Indien das gelbe Kleid der Buddhistenmönche nahmen, haben in
der Nähe von Lugano das erste europäische Buddhistenkloster gegründet. Suchen
Sie diese Männer auf, es wird Ihnen nicht schwer fallen, sich ihnen
anzuschliessen, - denn die Fäden Ihres Schicksals laufen, wenn mich nicht alles
trügt, gerade dahin ...« Der Luganer See war in der nächsten Nähe von Werners
jetzigem Aufentaltsort Ascona, am Lago Maggiore, und er hatte nicht gezögert,
die Besiedelung bald aufzusuchen. Von den strahlenden Gestaden des Sees ein
wenig entfernt, verborgen im Gebirge, standen einige Blockhütten - die erste
Niederlassung des indo-europäischen Ordens. Die gewünschte Aufnahme war ihm
bewilligt worden, - in wenigen Tagen wollte er ganz dahin übersiedeln.
    »Wie bedeutsam ist es doch,« schrieb er, »dass gerade die Hand jenes Mannes,
die unsichtbar und ohne ihren Willen beteiligt war, mich in den Abgrund zu
stossen, dass gerade jene Hand mir den Weg weisen muss zu neuem Leben!«... Dann
berichtete er über die Hauptgedanken der Lehre, wie sie ihm in Novaggio bei
Lugano von den deutschen Buddhisten erläutert worden war. Vor allem erkenne
diese Lehre keinen persönlichen Gott an. Es wäre kaum irgendein Grund, sie
überhaupt als Religion zu bezeichnen, sondern es gebührte ihr der Name einer
rein philosophischen Weltanschauung, wäre nicht der Umstand, dass der Geist, der
in diese Lehre hinabtaucht, geläutert und erhoben, von religiöser Andacht dem
Dasein gegenüber erfüllt, sich aus ihr erhebt. Die drei deutschen Mönche sind
Kolonisten eines Vereins, der seinen Sitz in London hat und sich »Te followers
of the Buddha« benennt. Kein geheimnisvolles Ritual sei vorgeschrieben; die
Erörterung philosophischer Fragen und die moralische Selbsterziehung seien die
wichtigsten Prinzipien des Vereins. Dieser modernistische Buddhismus trage einen
wissenschaftlich-rationalistischen Zug, den eine starke, sozialistische
Unterströmung begleite. Die Übersetzung alter, orientalischer Texte, sowie
religiös-philosophischer Vorträge und gewisse Übungen der Versenkung der Seele
in sich selbst gehörten mit zu der Beschäftigung der Kolonisten. Der zentrale
Glaube, nach welchem die Lebensführung gerichtet werde, sei die altarische
Lehre: dass das Seelenheil nur durch die höchste Entwickelung des Verstandes zu
erreichen sei, dass nur die Unwissenheit von der richtigen Vorstellung der Dinge
trenne und jene Disharmonien erschaffe, an denen sich die Menschheit verblute.
Diese Erziehung des Geistes sei die eigentliche Tugend, die hier gepflegt werde;
ein Leben in Zurückgezogenheit, in andächtiger Vertiefung in die höchsten
Gedanken, - das sei der Weg zu diesem Ziel. Die wahren Strebungen dieser Lehre
seien also gerade entgegengesetzt jener gewöhnlichen, europäischen Auffassung,
die da behauptet, der Buddhismus erstrebe den geistigen Tod. Schon der
beständige Kampf, die moralischen Grundprobleme der Welt zu vertiefen, erfordere
unausgesetzte Übung der Vernunft, die von jenem Zustande seelischen Verdämmerns,
den man hinter dem Buddhismus vermute, am sichersten bewahre. Der Neu-Buddhismus
kenne auch kein Nirwâna, wie es die Europäer verstehen; die stille Andacht,
welcher die Seele sich ergibt, bringe sie allerdings einem Zustand näher, der
die Bilder der Welt und ihre lauten Kämpfe zurückweichen lasse. »Geh' an der
Welt vorbei - es ist nichts«... Über dieses Nichts, als endliches Ziel,
schwankten die Meinungen der verschiedenen Sekten. Jedenfalls sei der Begriff
ein so transzendenter, dass er das Streben der Jünger nach Vervollkommnung nicht
beeinflusse.
    Ursprünglich sei ein einziger, deutscher Mönch an das Ufer des Luganer Sees
gekommen. Eine kleine Blockhütte war für ihn errichtet worden; dann aber hatte
er zwei seiner Schüler deutscher Abstammung zu sich kommen lassen, und nun
wurden noch einige Holländer und Engländer erwartet. Die Blockhütten würden denn
auch vermehrt. So scheine sich diese Niederlassung in Mitteleuropa zu festigen
und zu verbreitern. Er selbst sei bereit, in diese Gemeinde als Kolonist
einzutreten. Kein Gelübde werde ihn binden. Wohl werde von ihm erwartet, dass er
sich zum Buddhismus ausdrücklich bekenne, aber erst nach einer vorbereitenden
Zeitspanne, die er als Schüler in der Gemeinde verbringe. Um die mönchischen
Grade zu erringen, müsste er später nach Indien gehen und dort, in alten
Klöstern, den Buddhismus an seinen Quellen studieren; aber so weit sei es noch
lange nicht; immerhin - so schrieb er - fühle er sich heute freier, als er
jemals war; Beruhigung habe sich über ihn gebreitet. Seit der Zeit, da er den
Brief des Herrn von Bredow erhalten, habe die böse und giftige Wunde aufgehört
zu schwären, - er fühle, wie sie sich schliesse ... Und dass ihm hier, in der
Sonne des Südens, eine solche Zuflucht beschieden sei, in der sein bestes Teil
sich weiter zu entwickeln vermöge und Friede und tiefste Stille, fern vom Getöse
der Städte, fern vom Kampfplatz sozialen Ringens, ihn erwarte, das sei für seine
Seele heute ein überaus glückliches Wissen. Ob es wohl immer so sein würde? Ob
er vom Schüler zum Jünger und vom Jünger zum Mönch weiter steigen würde, - er
wisse es heute noch nicht ...
    Als sie den Brief gelesen hatte, blieb sie lange in Gedanken versunken. Dann
schüttelte sie den Kopf. Dass ihm diese Zuflucht, diese Weltflucht, jetzt
erwünscht war, begriff sie wohl. Aber ihr war, als dürfte gerade er dem
Kampfplatz nicht für immer entweichen. Und es war ein tröstlicher Gedanke für
sie, - dass zum mönchischen Grad noch ein weiter Weg war, - und dass sie wusste,
dass Werners Seele ein neues Kleid nicht allzu lange trug ...
    Dann beantwortete sie seinen Brief. Auch sie hatte eine Begegnung zu melden,
- und wem hätte sie sie freier bekennen dürfen, als gerade ihm? Mit dem durch
den erhobenen Zustand geschärften Blick ihrer Erkenntnis schilderte sie die
teure Gestalt.
    »...Weisst Du noch, wie ich Dir in jenem ersten Brief das Bekenntnis meines
frömmsten Glaubens schrieb? Ich ahnte, dass es ein Begegnen gibt, welches das
Ich, das tausendfältig gebundene, aller seiner Bande entbindet, weil es den
einzigen Genossen sah ... Diese Begegnung war nun in meinem Leben ... Und die
stillste Ahnung der Seele, - vom Bild des Einzigen, der für sie die Höhe des
Geschlechtes bedeutet, - sie ist erfüllt. Ich schrieb Dir damals, dass kein
Besitz, ja kein Begehren diese Begegnung begleiten müsse. Heute? Denke ich an
ihn, so kommt es aus meinem Herzen wie ein unaufhaltsames, süsses Verströmen ...
Ich schliesse die Augen, und sein Bild steht vor mir. Und sehe ich im Geist sein
schimmerndes Haar, die lichte Klarheit, die um seine Lippen lagert, die tiefe
Bläue seines Auges, - vernehme ich, mit geschärften Sinnen, die gütigen Rufe
seiner Blicke, so scheint es mir, als wäre ich fern von allem Wünschen, und nur
ein Glück, das ich bestaune, ist dann in mir: meine Wege führten mich in den
Kreis seiner Bahn ... Wohl frage ich mich wie Du: wird es immer so sein? Wird
die Seele von dem Erlebten dauernd erhoben bleiben? Oder wird sie wieder dem
Dunkel verfallen, - dem dunklen Zwange der Leidenschaft?... Wer kann darüber
grübeln?« - - -
    Sie schloss den Brief. Sie schauerte; eine Seligkeit, die ihr unendlich
schien, ergoss sich in ihr Herz; wie Ewigkeitsahnen überkam es sie ...
 
                                Neuntes Kapitel
                               Der Kreis Lucinda
                                (Ein Intermezzo)
 »Herbei, Herbei! Herein, herein!
 Ihr schlotternden Lemuren, -
 Aus Bändern, Sehnen und Gebein
 Geflickte Halbnaturen.«
                                                                         Goete.
In Dr. Wallentins Organisation bildete sich ein Arbeitsausschuss, dem auch die
Geschwister angehörten. So kamen sie viel hinaus in die Villa im Grunewald und
lernten nach und nach auch die andern Mitglieder der Familie kennen. Eine
fröhlich-freundschaftliche Beziehung entspann sich zwischen Olga und Manfreds
jüngerem Bruder, - dem mittleren der drei, Dr. Justus Wallentin. Justus und
seine schöne Frau, Inge Brénhoff, fanden Gefallen an ihrer klaren Art, an der
Logik ihres Wesens, die unbestechlich ihre Wege ging, was immer sich auch auf
ihnen verwirrend aufpflanzen mochte. Justus war Rechtsanwalt und Helfer seines
Bruders. In seinen scharfen, klugen Augen glänzte das Weisse wie blankes
Porzellan, darüber zog sich die Stirn, mit immer gespanntem, interessiertem
Ausdruck. Inge, seine Frau, eine Dichterin des jungen Schwedens, war eine grosse,
schlanke Blondine mit hellen Augen, die mutig in die Welt strahlten. Sie galt in
Schweden als die Vertreterin der radikalen Bewegung im Frauenlager und als die
erklärte Bekämpferin der erotischen Doppelmoral. Durch ihr Wirken war sie,
gleich den Geschwistern, mit der alten Frau Wallentin in Berührung gekommen. Der
»Bund« hatte sie seinerzeit zu einem Vortrag nach Berlin geladen, und bei diesem
Berliner Aufentalt hatten sich Justus und das schöne Mädchen gefunden.
    Eines Tages war Olga wieder bei Manfred Wallentin. Sie hatten in längerer
Aussprache festgelegt, in welchem Umfange und in welcher Weise das Material, das
die Bewegung der Frauen betraf, in dem neuen Blatt vertreten sein sollte.
    Manfred deutete auf einen grossen Stoss von Zeitungsausschnitten.
    »Es ist unmöglich, mit alledem fertig zu werden. Das alles geht uns an,
müsste geordnet und bearbeitet sein.« Dieses Ausschnittmaterial war zudem aus
Zeitungen verschiedener Sprachen. Manfred hatte schon öfter erwähnt, dass er eine
weibliche Kraft, die dem Bureau ganz zur Verfügung stände, für diese und
ähnliche Arbeiten aufnehmen möchte; so gross die Verlockung für Olga war, sich
ihm zu jeder Hilfe bei seinem Werk anzubieten, so konnte und wollte sie doch
nicht ihre Korrespondenz im Stich lassen, auch war sie nicht sprachkundig genug,
um diesen Platz vollkommen auszufüllen. Inge, die Schwägerin, half fleissig, aber
sie war nebstdem Gattin, Hausfrau im entfernten Berlin und vor allem
Schriftstellerin, die den grössten Teil ihrer Zeit über ihrem eignen Werk
verbrachte. Da war Olga ein Gedanke gekommen: hier war ein Platz für Eva, - Eva
Nestor. Seit sie in Genf lebte, hatten sie schon mehrere Briefe gewechselt, und
erst vor kurzem hatte Eva sie gebeten, für sie eine Annonce aufzugeben, durch
die sie in Berlin eine passende Stellung suchen wollte, von der sie mit ihrem
Kinde leben konnte. Olga hatte dies noch nicht getan, weil sie noch nicht ganz
klar wusste, was sie eigentlich für Eva suchen sollte. Hier war ein Platz für
sie. Heute hatte sie Manfred diesen Plan mitgeteilt, hatte ihm Eva geschildert.
Erfreut, bat er sie, ihr gleich zu schreiben. Da sie ihm Evas Lage nicht
vorentielt, setzte er auch gleich die Höhe des Gehaltes fest. Sorglos konnte
nun Eva mit ihrer Kleinen leben, und sie würde diesen Platz vortrefflich
ausfüllen, - das wusste Olga.
    Eine leise Wehmut beschlich ihr Herz, als sie in Manfreds Arbeitszimmer über
diesem Plan einig wurden. Nun würde also nicht mehr sie, nun würde eine andere -
Eva, - hier an diesem Tisch sitzen, der schräg gegenüber von Manfreds
Schreibtisch stand; nun würden die Blicke einer anderen auf seinem Gesichte
ruhen. Während sie so dachte, trug Manfred einige Notizen in ein Heft ein, und
ihre heimlichen Blicke konnten sich nicht losreissen von dem Glanz seines Haares,
der da über der dunklen Platte des Schreibtisches lag. Sie sah sein
halbbelichtetes, geneigtes Gesicht, die Augen blieben unter den gesenkten
Lidern; und klopfenden Herzens wartete sie darauf, dass er den Kopf heben und
seinen Blick, dessen tiefes Strahlen sie immer wieder erschütterte, ihr zuwenden
würde. Eine andere sollte hier sitzen ... war es nicht gut so? Sie fühlte, dass
sie sich nicht ruhig an die Arbeit verlieren konnte, - hier, in seiner Nähe.
    Als sie Manfreds Arbeitszimmer verliess, ging sie hinüber, in den Salon der
alten Frau. Frau Wallentin erwartete sie, wie immer, am Teetisch. Justus war da,
und Inge, und auch Stanislaus wartete hier auf eine Unterredung mit Manfred.
    Es war da noch eine Dame, die sie bisher nicht hier gesehen hatte. Diese
Dame wurde als Frau Wallentin vorgestellt. Es war eine grosse, schlanke
Erscheinung mit blassem, ovalem Gesicht, das einen gespannten, matten Ausdruck
hatte, der an übernächtliche Ermüdung erinnerte. Ein irritierter, beinahe
gekränkter Zug lag um den Mund. Das Gesicht mochte einst reizvoll gewesen sein;
besonders rein war die Profillinie. Sie war schwarz gekleidet, das Kleid zeigte
einen streng stilisierten Schnitt, die Ärmel flatterten weit, fast flügelartig.
Auf dem Kopfe trug sie eine runde, schwarze Kappe, auf der zwei Rabenflügel,
weit auseinandergefaltet, flach auflagen.
    Während Olga zum Büffett ging, um von da eine Teetasse für sich zu holen,
folgte ihr Justus und flüsterte ihr zu: »Lucinda«.
    Frau Lucinda Wallentin verabschiedete sich bald. Bevor sie ging, lud sie die
Geschwister dringend ein, sie zu besuchen. »Jeden Donnerstag Abend«, sagte sie
mit ihrer flüsternden Stimme, die sich nie zu voller Kraft erhob.
    Als sie gegangen war, sagte die alte Frau: »Das ist die Gattin meines Sohnes
Manfred ... vielmehr die einstige Gattin, denn sie sind jetzt geschieden.«
    »Sie müssen wissen,« fügte Justus hinzu, »dass diese Scheidung nichts anderes
bedeutet als eine Formalität; denn die beiden waren schon, bevor Manfred noch
auf Reisen ging, auseinander. Lucinda legt aber grossen Wert darauf, den Verkehr
mit der Familie aufrecht zu erhalten, - sie hat auch eine Anhänglichkeit an
meine Mutter, die von ihrer Entfremdung mit Manfred unberührt blieb.«
    »Arme Frau«, dachte Olga. »Sie hat diesen Mann besessen und hat ihn wieder
verloren.«
    Sie erfuhr an demselben Abend, woran diese Ehe gescheitert war. Als sich
Manfred und Lucinda kennen lernten, - im Hörsaal für Philosophie - waren sie so
nahe aneinander, als junge Menschen, die ihre wahre Gravitation noch nicht
wissen und die eine Neigung zueinander fassen, es sein können. Dann waren sie
allmählich gewachsen - und jeder in einer anderen Richtung. Zusammen gedachten
sie in ihren Studien weiter zu gehen und rückten nur immer ferner voneinander
ab. Beide glaubten an einen sinnvollen Weltplan, nur hiess er für Lucinda
»Bestimmung, Fatum,« - für Manfred »Notwendigkeit«; wo sie Zwecke sah, erkannte
er Ursachen. Und in aller Zwecklosigkeit sah er dennoch ein Erhabenes, weil in
seinen Folgen Berechenbares. Diese seine Überzeugung von der Zwecklosigkeit,
aber strengen Folgerichtigkeit allen Geschehens, von dem Fehlen eines
absichtsvollen Weltgeistes, - liess sie schauern und fliehen. Ihm bedeutete der
Naturgeist - Gott, erhaben in seiner Kälte und Absichtslosigkeit, in seiner
ehernen Folgerichtigkeit, die denen, die ein Vertrauen zur Logik der Tatsachen
gewannen, ein sicheres Welt-und Lebensgefühl übermittelte; sie konnte nicht
bestehen, ohne an Determinationen zu glauben, die apriorisch die Erscheinungen
schoben.
    So erzählte die alte Frau Wallentin von den Kämpfen, die Manfreds und
Lucindas Jugend erfüllt hatten. Mehr und mehr hatte sich ihrer beider Wahl als
ein Irrtum entüllt. Dazu kam noch eines: Lucindas Unvermögen zur Produktion der
stärksten weiblichen Gefühle. Frauenliebe war ihr fremd. Nur in eine geistige,
von den Nerven abgestimmte Beziehung konnte sie überhaupt zu Menschen geraten;
aber Affekte der Leidenschaft, des Gemütes oder der Sinnlichkeit vermochte sie
in sich nicht zu erzeugen, - eine Erscheinung, die indirekt auf eine Verbildung
des sympatischen Nervensystems zurückgeführt wurde. Dazu kam noch, ihre
Vorliebe zu solchen, die gleich ihr, an einem Defekte litten, der sich in einer
Verbildung des geistigen und seelischen Lebens kund gab, die ein Manko oder eine
Wucherung in ihrem innersten Nerven- und Seelenleben bargen.
    Als Olga dies hörte, war sie verblüfft: dieser Zustand bedeutete ja eine
Reinkultur dessen, was ihr Cousin Diamant - in freier Bildung des Begriffes -
als - - lemurisch bezeichnet hatte.
    Sie müsste Lucindas Einladung annehmen, meinte Justus; in ihrem Salon würde
sie erst sehen, - wie notwendig Manfreds Werk sei, - wie notwendig es ist, die
Gesetze festzulegen, die die Entstehung von mehr normalen, tauglich-ganzen
Menschen gewährleisten.
    »Die Überladung der Gesellschaft mit Minderwertigen, Lächerlichen, in ihren
vitalsten Instinkten Zerbrochenen, - dort, im Salon Lucinda, finden Sie sie aufs
lebendigste veranschaulicht.« So lockte sie Justus. »Freilich ist dort nur eine
gewisse Auslese jener Minderwertigen und Verbogenen zu finden, - nämlich die
intellektuelle Auslese. Die brutalen, gefährlichen Entartungen, - Verbrecher und
Ganznarren - finden Sie natürlich dort nicht; nur jene, die, in ihrem
Instinktleben lädiert, dabei dennoch - zu denen gehören, deren Leben unter dem
Zeichen irgendeiner geistigen Strebung steht. Kommen Sie doch am Donnerstag, ich
führe Sie dahin, - Sie werden Wunder sehen! Wir bleiben nicht lange, - ist auch
nicht nötig. Ich führe Sie im Flug durch den Salon Lucinda, - erkläre Ihnen
alles und alle, denn ich kenne sie; ich führe Sie, - wie Mephisto den Faust
durch die Walpurgisnacht!«
    Bis spät nachts dachte Olga über diese Einladung nach. Schon im Bette
liegend, wollte ihr das Bild Lucindas und ihres mutmasslichen Kreises nicht aus
dem Sinn ... »Warum nicht hingehen«, dachte sie, - »auf nach Lemuria!« - - -
    Es war ein Donnerstag, und sie standen vor dem Eingang eines eleganten
Mietshauses am Kurfürstendamm, wo Lucinda wohnte. Sie erwarteten Justus.
Stanislaus hatte seine Braut mitgebracht, worum er gleich bei der Einladung
gebeten worden. Da kam auch Justus mit Inge, die schon von fern ihnen zulachte.
    Während sie über die breite Treppe des Vorderhauses hinaufgingen, fragte
Justus: »Sie haben gewiss von den Polizeihunden gehört, nicht wahr?« Und, als man
bejahte, fuhr er fort: Natürlich, - die Welt ist jetzt voll von deren Ruhm. Von
diesen genialen Züchtungsprodukten biologisch hochwertiger Paarungen habe ich
unter der Bezeichnung reden hören: »Hunde von Blut und Passion.«
    Man war zwei Treppen hoch gestiegen und stand still, um Atem zu schöpfen.
    »Und diese Bezeichnung trifft den Nagel auf den Kopf. Sie werden gehört
haben, wie diese Tiere von Blut und Passion selbst dann, wenn Schüsse und
Keulenhiebe sie bedrohen, nicht abzuschrecken sind von den Taten, zu denen ihre
genialen Instinkte, ihre hochentwickelten Sinne sie führen.«
    Man stand oben im Flur der dritten Etage.
    »Und wissen Sie, warum ich Ihnen das sage? Weil Sie jetzt das gerade
Widerspiel davon sehen werden. Sie werden hier Wesen sehen, - scheinbar ohne
Blut, ohne Passion, ohne echten Affekt und erschreckbar selbst durch jeden
Alarmschuss, den das Leben abgibt.«
    Er hatte inzwischen geklingelt, und ein Diener öffnete. Man legte in der
Garderobe ab. Trotz der vorgerückten Jahreszeit schien der Jour Lucindas sehr
gut besucht, denn die Garderobe war voll von Hüten, Schirmen, Stöcken, leichten,
sommerlichen Umhüllen.
    Sie traten in einen grossen Salon, der eine Art von Ateliereinrichtung hatte.
Verschiedene antike Stücke waren da zusammengestellt, verschleierte Ampeln
beleuchteten die Szenerie. Auf einem Sockel, in der Mitte des Saales, tronte
ein indisches Götzenbild, von grotesker Scheusslichkeit, mit glühenden
Smaragdaugen. An einer Wand hing, allein für sich, ein riesiges Pentagramm, aus
schwarzem Tuch geschnitten. Der Diener ging herum und reichte auf einem Tablett
Gläser, die mit einer grünlichen Flüssigkeit, in der ein Strohhalm steckte,
gefüllt waren. »Man trinkt hier Absint«, flüsterte Justus.
    Lucinda stand in einer fernen Ecke des Salons und nickte den Eintretenden
flüchtig zu.
    »Es darf Sie nicht wundern, wenn sie Ihnen nicht entgegenkommt, das tut man
hier nicht. Jeder bleibt sich selbst überlassen, und es ist seine Sache,
Anschluss zu finden oder auch nicht; es bilden sich hier zumeist Kreise, in die
Aufnahme zu finden man versuchen kann; jeder kann das halten, wie er will; in
dieser Beziehung ist man hier gänzlich ungeniert.«
    Lucinda war diesmal in einem weissen Gewand, von mönchischem Schnitt, das mit
einem schwarzen Strick gegürtet war. Das Haar hing in zwei Zöpfen, die seitlich
über den Ohren geflochten waren, vorn über die Schultern herunter. Um die Stirn
war eine schwarze Binde gelegt und fest um den Kopf gespannt. Ein grosser,
dunkler Edelstein, von tropfenförmiger Gestalt, - es mochte eine schwarze
Granate sein, - war an die Binde genäht und hing auf der Stirn bis zur
Nasenwurzel herab.
    An den ersten Salon schloss sich noch eine Flucht von Zimmern, die alle
ähnlich möbliert waren; nirgends sah man ein modernes Möbelstück. Alte, zum Teil
sehr kostbare Stücke aus vergangenen Epochen füllten die Räume. Das letzte
Zimmer hatte keine Einrichtung. Die Wände waren mit schwarzem Samt, der Boden
mit einem weichen, schwarzen Veloursteppich bespannt. Die Decke schien in
Flammen zu stehen: sie war mit einem blutroten, schleierartigen Gewebe verhängt,
hinter dem rote Lichter magisch glühten. Einige Gestalten, in wallenden
Gewändern, hielten sich da an den Händen und bildeten einen Kreis, in dessen
Mitte eine in rote Schleier gehüllte Frau einen phantastischen Tanz vollführte
... Im übrigen sassen und standen die Gäste in Gruppen herum.
    Seltsam unwirklich schien Olga das Ganze ... es sah dem Lebendigen ähnlich,
- aber so, wie etwa die Vorgänge, die sich auf der Leinwand des Kinematographen
abspielen ...
    Die Neuangekommenen gingen zwanglos durch die Zimmer. »Sehen Sie dort unter
der grossen Palme, umgeben von Freunden, jenen dicken, blassen Herrn mit dem
langen, wirren Haar, im Frack? Es ist - der Dichter des Schreckens und - des
guten Tons.«
    »Wie ist das zu verstehen?«
    »Er schildert Visionen, in denen grauenhafte Vorgänge der menschlichen
Seele, durch absonderliche Vorkommnisse gespenstiger Art, dargestellt sind;
daneben verherrlicht er in langen, philosophischen Artikeln gewisse
Gepflogenheiten des guten Tons, der Konvention. Zum Beispiel hat er neulich ein
langes Feuilleton über die Sitten geschrieben, die den Frack und die Schleppe
als Gesellschaftstoilette vorschrieben; - - sein Kreis fusst auf der Überzeugung,
dass es vor allem die Reize der verschiedenen Torturen sind, aus welchen die
höchsten, menschlichen Offenbarungen kommen. Man bedauert in diesem Kreis die
Abschaffung der wirklichen Tortur und macht flagellantische Übungen; böse
Lästerzungen haben dafür einen anderen Namen ... Diese Gesellschaft bildet einen
geschlossenen Zirkel, der sich die Gestrengen nennt. Dann gibt es noch eine
andere Sekte, deren Mitglieder diesen Salon besuchen. Sie nennen sich die
Gläubigen und sitzen dort auf jenem Divan - dicht unter dem Pentagramm.« Eine
Schar weiss gekleideter Männer und Frauen lagerte hier auf Schemeln, Matten und
Kissen.
    »Es ist eine Sekte, die sich zur Wiederbelebung mystisch religiöser
Ritualien zusammengefunden hat. Wohl gemerkt: es handelt sich nicht etwa um alte
religiöse Ideen, - sondern um religiöse Gebräuche , die hier, in geheimnisvollen
Sitzungen, geübt werden; sie machen - bei Musik - gymnastisch-religiöse Übungen;
ihr Programm ist die Wiederbelebung jener Kulte, die von Körperverrenkungen
begleitet sind.«
    Im nächsten Salon sass, in der Mitte des Zimmers, ein junger Herr. Er trug
einen Samtrock, eine kostbare Brokatweste und gestreifte Hosen; ein Backenbart
umrahmte sein gerötetes Gesicht. Der Herr hatte drei Tischchen vor und neben
sich. Auf dem mittleren lag ein Prachtband, aus dem er Gedichte vorlas. Auf dem
Tischchen links stand ein Glas Absint und ein Armleuchter mit sieben brennenden
Wachslichtern; auf dem Tischchen, das er zur rechten Seite hatte, lagen noch
mehr Prachtbände aufgestapelt.
    »Dieser Herr liest hier seine Gedichte im Manuskript«, erklärte Justus.
    »Im Manuskript? - Das sind ja dicke Bände?«
    »Ja, diese Gedichte gelangten nicht zum Druck, - die Zeit ist nicht reif
dafür. Das Innere der Prachtbände sind weisse Blätter, auf denen die Gedichte
eigenhändig vom Verfasser niedergeschrieben sind.«
    Die Gesellschaft setzte sich in die Nähe des Dichters und hörte dem Vortrag
zu. Die alltäglichsten Worte waren da seltsam verbogen. Hatte die eine Zeile
eine lange Reihe von Versfüssen, so war die nächste nur von einem Ausruf
gebildet. Zwischendurch gab der Dichter Kommentare. »Der Reim ist, wie Sie
wissen, eine gemeine - oh, eine gemeine Sache, darum wird der Dichter ihm aus
Leibeskräften ausweichen ...« Nicht weit von dem Dichter sass eine schöne, junge
Frau, die ihm mit grossen, hingegebenen Augen lauschte.
    »Viktoria,« sagte der Dichter und räusperte sich, »ein Glas Tee.«
    Die schöne, junge Frau stand eilends auf, winkte dem Diener und brachte das
Gewünschte.
    »Das ist seine Frau«, erklärte Justus.
    »Wie ist es möglich,« sagte Olga, »dass dieses herrliche Geschöpf so -
hingegeben lauscht?«
    »Das hat einen geheimnisvollen Grund«, sagte Justus.
    »Wollen Sie uns den nicht anvertrauen?«
    Justus neigte sich vor und flüsterte, hinter der verhaltenen Hand: »Sie ist
dumm.«
    In einer andern Gruppe sassen junge Damen mit glatt gescheitelten Haaren, die
über den Ohren in riesigen Schnecken lagen, mit weit aufgerissenen, extatisch
funkelnden Augen, von dürftigem, fast schwindsüchtigem, körperlichen Habitus.
Zwischen ihnen ein junger Mann, der ein Buch vor sich liegen hatte, das er Seite
für Seite mit ihnen durchging. Die Damen machten sich Notizen. »Kiebitze der
Literatur«, erklärte Justus. »Selbst steril, verfolgen sie, bis in die kleinste
Zuckung, das Schaffen der anderen.«
    Einsam in einer Ecke sass eine lange, hagere, düster drapierte Gestalt. Erst
bei näherem Hinblicken merkte man, dass es eine Dame war. Ein riesiger, schwarzer
Kater sass auf ihrem Schoss, und sie streichelte ihn, während sie vor sich
hinstarrte.
    »Eine archaistische Malerin«, erklärte Justus. »Sie haust allein in einer
Villa, mit allerlei abenteuerlichem Getier, Katern, Uhus, Affen, man spricht
sogar von Schlangen. Sie hat einen Kreis von Anhängern, die sich zur Bekämpfung
der konstruktiven Perspektive in der Malerei und zur gesellschaftlichen
Rehabilitierung der Perversionen zusammengetan haben ... sie stellen eine
Sezession aus dem Zirkel der Gestrengen dar.«
    Man ging weiter, in das nächste Zimmer. »Dort drüben«, Justus deutete in
eine Ecke, in der eine Gruppe von Divans stand, auf denen Gestalten lagerten, -
»sehen Sie in jener üppigen Blondine im weissen, griechischen Kleid eine Dame,
deren Ehrgeiz es ist, - Hetäre zu sein. Sie wird von der jüngeren Literatur
adoriert. Sie akzeptiert aber nur Liebhaber, die unter unmissverständlichem
Panier ihr nahen. Die Herren, die um sie herumliegen, sind augenblicklich ihre
Günstlinge. Es sind dies: ein Anarchist (jener Herr mit dem wirren Bart, der die
Hand, als Faust geballt, in der Hosentasche hält), ein Nazarener (der junge Mann
mit den dünnen, braunen Locken und dem verklärten Blick), ein Wanderdichter
(jener stattliche, stramme Bursche, der keine Einkünfte hat, weil er nichts tut,
als seine Gedichte abzufassen, und der daher als Logierbesuch bei seinen
verschiedenen Bekannten lebt, was ihm den Namen Wanderdichter eintrug), und
schliesslich ist da noch ein vierter Freund jener göttlichen Aspasia -«
    »Und wer ist dieser Herr? Er gleicht nicht den anderen Freunden der Dame?«
    »Aber er ist ihre Voraussetzung: es ist ein wohlsituierter Weinhändler aus
dem Osten.«
    Ein einsamer, junger Mann vergnügte sich in einer Ecke damit, buntfarbige
Glaskugeln in die Luft zu werfen. »Dieser Mann hat eine interessante
Geschichte«, erzählte Justus. »Hören Sie: Er ist der Sohn eines vielfachen
Millionärs, und er ist an einem sonderbaren Leiden erkrankt. Es überkam ihn ein
Zustand völliger Wunschlosigkeit - es gab nichts mehr in der Welt, was diesem
jungen Mann noch wünschenswert schien. Darüber verfiel er in schwere
Melancholie. Zeitweise hat er die Vorstellung, als wäre er in einen luftleeren
Raum gebannt und muss dann eine Heilstätte aufsuchen; nach einigen Wochen wird er
dann immer wieder, auf seinen Wunsch, entlassen, da er ja nicht gemeingefährlich
ist. - Das Spiel mit gläsernen Kugeln, - diese Illusion des Farbigen und
Glänzenden, - - ist das einzige, was ihm blieb.«
    In diesem Augenblick rauschte eine hohe Frauengestalt durch den Saal, in
schwarzen, schleppenden Gewändern.
    Olga erschrak, das war, - das war ja die Baronin ...
    »Diese Dame ist zum Kabarett zurückgekehrt, - ihr Gatte, ein ältlicher
Aristokrat, wurde kürzlich im Duell erschossen. Seitdem tritt sie, wie früher,
als Diseuse im Kabarett die Unterwelt auf ...«
    Bei einem Kreise, in dem es laut und gesprächig zuging, sass, etwas abseits,
ein jüngerer Herr, der eine grosse Schale mit Nüssen vor sich hatte, die er
schweigend knackte und verzehrte. Ein grosser Stoss von Nussschalen häufte sich vor
ihm auf einem Tisch.
    »Dieser Herr wird der tiefe Schweiger genannt. Er mischt sich fleissig in
Gesellschaft, gibt aber nirgends seine Meinung ab. Das hat ihm den Ruf grosser
Weisheit eingetragen. Im übrigen geht von ihm die Märe, dass er ein kolossales
Werk - zwar nicht schreibt, aber - denkt: die Metaphysik der Ellipse; die
letzten Lebensrätsel sollen in dem, was er darüber - denkt, gelöst sein ... Im
Gegensatz zu ihm sehen Sie dort diesen jungen Mann, der begeistert von seiner
Arbeit erzählt. Er hat kürzlich ein dickes Buch veröffentlicht, in dem er ein
durchaus neues, philosophisches System darstellt. Das Buch ist mit den
merkwürdigsten Zeichnungen, die der Laie überhaupt nicht versteht,
ausgestattet.«
    
    »Und was ist das für ein System?« »Dieser Mann hat eine merkwürdige Dreiheit
im Weltall beobachtet, die sich schon in der Gestalt des Menschen ausdrückt. Er
sieht drei Symbole am Körper des Menschen: Antlitz, Herz und Hinterteil. Im
Gesichte sieht er die Reflexionsfläche, im Herzen die grosse Leitungszentrale und
in jenem anderen Körperteil die magische Sammelstelle der Schwerkraft. Von
überall her strömen ihm Beweise, die diese Offenbarung bestätigen. Er hat dieses
System durchaus komplett aufgebaut. Nachdem er nun das philosophische Werk
veröffentlicht hat, schreibt er noch an einem dreiteiligen Roman, in dem diese
Idee in menschlichen Schicksalen symbolisiert werden soll.« - - -
    Man ging weiter. »Sehen Sie dort jenes hagere Paar,« fuhr Justus fort, -
»Mann und Weib? Diese beiden Leute haben sich in einem Sanatorium für
Magenkranke kennen gelernt. Sie sind philosophische Prediger, und sie predigen:
Brechung des Willens, - Befreiung vom Triebleben ...«
    »Wo haben sie sich kennen gelernt?« fragte Stanislaus, der nicht genau
verstanden hatte.
    »In einem Sanatorium für Magenkranke. Sie leiden beide an schweren
Verdauungsstörungen.« Man ging weiter.
    »Diese zwei langen, schlanken Burschen da drüben sind Zwillinge, ein
Malerpaar; gänzlich arme Jungens. Sie konnten ihre Studien nur fortsetzen und
Maler werden, weil sie in bürgerlichen Kreisen eine ganz seltene
Gastfreundschaft genossen; eine ganze Schar von Leuten sorgte für sie und hielt
sie über Wasser.«
    »Wieso erfreuten sie sich solcher Beliebteit?«
    Diese beiden Brüder sind Mystiker. Will man sich auf billige Art mit dem
Sirius in Verbindung setzen, - so verhelfen sie einem dazu. Das Bürgertum, das
es liebt, ab und zu in höhere Sphären gehoben zu werden, ohne doch zu
aufreizenden Konflikten oder zu schwerem Kopfzerbrechen genötigt zu sein, -
schätzt die Richtung, in der sich diese beiden bewegen, über alles.
    »Jene hübsche, junge Dame dort«, er deutete weiter, »hat erst kürzlich ein
schweres Unglück zu verwinden gehabt - und sucht hier Trost.«
    »Was ist ihr zugestossen?«
    »Ihr Geliebter hat sie verlassen.«
    »Und warum das?«
    »Er entdeckte bei ihr einen Pickel auf der linken Lende; es war im
Frühling.«
    »Dieser Pickel war wohl das Anzeichen einer bösen Krankheit?«
    »I bewahre, ein ganz harmloser Pickel, wie man sie im Frühling dutzendweise
hat, aber ihr Geliebter war eine so feinfühlige Natur, dass er über diesen Pickel
nicht hinweg kam; er verliess sie.«
    Sie waren beim Tanzsaal angelangt. Einsam drehte sich darin ein Fräulein,
das aussah, wie die Verkörperung des letzten Erschöpfungsseufzers einer zum Ende
ihrer Kraft gelangten Epoche. Ein junger Mann mit finsterem Gesichtsausdruck sah
ihr zu.
    »Sind Sie zufrieden, Gregers?« flötete die tanzende Dame.
    »Nicht intensiv genug«, antwortete der Finstere, der, in vernachlässigter
Kleidung, mit langen Haaren und wirrem Bart dastand.
    »Er nennt sich Gregers, obwohl er Grünemann heisst. Sein Ehrgeiz aber ist -
ein anderer Gregers Werle zu sein und überall auseinander zu sprengen, was
Menschen verbunden hält. Der Dreizehnte bei Tisch zu sein, das befrachtet er als
seine Mission; Situationen, in denen es nichts zu sprengen gibt, erscheinen ihm
höchst banal.«
    Eine Dame trat an den Flügel. Sie sang mit voller, tiefer, gut geschulter
Stimme; aber es war schauerlich, sie anzusehen; denn ihr Kopf glich einem
Totenschädel, über den nur die Haut gespannt war. Herrlich war ihr Gesang, -
aber ihr weit geöffneter Mund, aus dem die Töne drangen, bot einen
erschreckenden Anblick.
    »Was bedeutet das alles?« fragte Olga.
    »Wir haben heute den dreizehnten Mai,« erklärte Justus, mit einer Stimme,
die plötzlich prophetisch erhoben klang, - »das ist jener Tag, den die Römer
feierten, um die Seelen jener wesenlosen Geister, die als Gespenster umherirrten
und die Lebenden beunruhigten, - zu beschwören ... es ist heute das Fest der
Lemuren ...«
    Olga war es, als sei jede Kraft in ihr vernichtet, als wäre jede Energie
verzehrt, - als hätte diese Atmosphäre sie in sich aufgesogen ... Der
Angstschweiss stand ihr auf der Stirn. »Was bedeutet das?« fragte sie nochmals.
Wieder erhob sich die Stimme des Justus zur Deutung, aber die Sängerin mit dem
Totenkopf sang immer lauter, immer stär-ker - - - bis Olga erwachte.
    Sie rieb sich die Augen, sprang aus ihrem Bett; eilig zog sie die Jalousien
hoch. Draussen strahlte die Maiensonne, und ihr Gold floss in breiten Strömen in
den jungen Morgen ...
 
                                Zehntes Kapitel
                                   Prüfungen
 »Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drückte.«
                                                                         Kleist.
Olga hatte sich beeilt, Eva die gute Mitteilung zu machen. Sie schrieb ihr von
der Stellung, die sich ganz ohne Mühe für sie gefunden hatte. Eva brach sogleich
ihren Aufentalt in Genf ab und eilte, mit kurzem Aufentalt in Stuttgart, ihrer
Vaterstadt, nach Berlin. In Stuttgart brachte sie bei nahen Verwandten vorläufig
ihre kleine Tochter unter, die sie holen wollte, wenn sie in Berlin erst sesshaft
war.
    Sie war dieselbe. Die Grazie ihres Wesens strahlte unverändert aus jeder
ihrer Gesten, - die heitere Freiheit ihres Gemütes aus all ihren Worten. Von
ihrer Ehe und deren jähem Abschluss sprach sie mit der überzeugten Beruhigung
eines Menschen, der eine lösende Katastrophe erwartet hat, ohne sie zu
beschleunigen, und der erleichtert aufatmet, als sie endlich eintrifft.
    »Wissen Sie noch, wie wir davon sprachen, dass man bei solchen entscheidenden
Lösungen etwas - wie eine unzweideutige Erlaubnis abwarten müsse, bevor man sie
unternähme?« fragte sie und wandte ihr ruhig heiteres Antlitz der Freundin zu.
»Zu gross wären sonst die Selbstvorwürfe. Nur, was man tun muss - darf man tun ...
Da haben Sie wieder meine grosse Weisheit.« Und sie erhob sich, und die schlanken
zierlichen Glieder schienen sich zu strecken, - wie erlöst.
    Es war der Tag, an dem die erste Sitzung der redaktionellen Kommission
stattfand. Man sollte im reservierten Klubzimmer eines Cafés zusammenkommen.
Olga ging nicht mit Eva zusammen, - denn sie hatte eine Karte erhalten, auf
welcher Dr. Wallentin sie bat, eine Stunde vor Beginn der Sitzung ihn in jenem
Café zu treffen, nicht im reservierten Klublokal, sondern vorn, im allgemeinen
Saal des Cafés. Sie ging also früher fort, und Eva, die vorläufig bei ihr
wohnte, sollte zur Stunde der Sitzung nachkommen und auf diese Art gleich in ihr
neues Amt eingeführt werden.
    Diese Karte war schon am Morgen gekommen und hatte ein brausendes Frohgefühl
in die Seele des Mädchens ergossen. Ihr war, als ob ihr Blut mit wunderbarer
Leichtigkeit durch ihre Adern perlte ... Länger als sonst dauerte es, bevor sie
sich nachmittags zum Ausgehen fertig machte. Sie hatte sich für die Zeit der
Trauer zwei schwarze Kleider machen lassen, und nun zog sie das schönere
bedächtig an. Die weiche Seide, von mattem, glanzlosen Schwarz schmiegte sich,
in fliessenden Falten, die schleppend zur Erde fielen, an ihren Leib. Aus dem
viereckigen Ausschnitt hob sich der schlanke, sehnige, edel geschwungene Hals,
vom leuchtenden Weiss der Rotaarigen. Das Gesicht war in letzter Zeit voller
geworden, die scharf geschwungene Nase war nun entsprechend umrahmt, und der
Kopf schien, gerade durch sie, von unverkennbarer Bedeutung. Die schwarzen Augen
glänzten, als wäre frischer Tau auf sie gefallen. Das Haar trug sie schon
längere Zeit nicht mehr schlicht geknotet, sondern in breiten Flechten, unter
denen hervor sich schimmernde Wellen um das Gesicht drängten. Wenn ihr dieses
Spiegelbild jetzt zulachte, so konnte es an jenes andere ihrer frühen Jugend nur
gemahnen, wie an eine dürftige Skizze ihres eigenen Wesens, die nun endlich
Bildnis geworden, reif in Form und Farbe, durchleuchtet vom Glanze frauenhafter
Blüte.
    Sie kam noch vor der festgesetzten Zeit. Aber das schadete nichts, sie
konnte ja warten. Sie setzte sich in eine Ecke des kleinen Saales, nahm
Zeitungen zur Hand und behielt dabei die Tür fest im Auge. Warum, warum hatte er
sie hierher gebeten? Sie allein, bevor man sich mit den anderen traf? Durch jene
Tür würde er nun gleich eintreten. Ihre Nerven spannten sich in Erwartung, ihre
geschärften Blicke würden seinen Schatten erkannt haben, wenn er an den hellen
Gardinen, die die Spiegelscheiben verhüllten, vorübergeeilt wäre. Das Rondell
drehte sich fast unaufhörlich, Leute traten ein, - Leute ... Nie war es ihr so
klar geworden, wie übervoll die Welt von hässlichen und dürftigen Menschen war,
als heute, wo sie in dem Dreieck des Rondells die eine Gestalt sehen sollte, -
die keiner zu vergleichen war. Da kam ein Herr, der hatte freundliche und kluge
Augen von ähnlichem Blau, wie er, aber die Lippen des Mundes waren wulstig
aufgeworfen und von den gewöhnlichsten Trieben geformt. Da kam ein anderer, -
die Konturen seines vollen, grauen Haares unter dem weiten Filzhut, erinnerten,
einen schattenhaften Augenblick lang, an jenen anderen Kopf, - aber wie hätte
der auf solcher Gestalt wohl sitzen können? Es kamen Leute - kurze und lange,
dünne und dicke, blonde, schwarze und graue, aber keiner, keiner- von seiner
Art. Es schien ihr, als gehöre er einem Geschlecht an, das die Merkmale des
lichten Rassenideals mit reinster Vergeistigung gepaart hatte, und nun, wie eine
fremde Art, herausleuchtet aus der Menge. Und eine bedrückende Angst senkte sich
plötzlich auf sie: - wie würde sie die Hässlichkeit, die Dürftigkeit dieser Welt
ertragen, wenn - wenn jenes Bild - ihr wieder daraus entschwand? Ein namenloses
Bangen erfasste sie und machte sie schwindeln. Jenes Bild aber - sie hatte es
gesehen! War denn das nicht schon ein Wunderbares, - - war denn das nicht eine
seltene Erfüllung? Musste man nicht am Leben irre werden, wenn man dem Bildnis
seiner Sehnsucht in eben diesem Leben niemals begegnete? Wenn es aber geschah, -
wenn diese wunderbare Bestätigung einem wurde, - musste dann nicht der Glaube
kommen, der grosse Glaube an die Idee der Möglichkeit höchster Vervollkommnung?
Und hatte man erst diesen Glauben - war man denn da nicht frei geworden, -
losgelöst vom zufälligen Spiele des Schicksals, das einem in diesem einen,
kleinen Leben herumwirbeln mochte auf krause und scheinbar sinnlose Art? Nur der
bestätigte Glaube an das Idol der eigenen transzendenten Sehnsucht, - nur der
war der sichere Wegweiser im Labyrint.
    Sie hatte die Blicke von der Tür gewendet und sie auf eine illustrierte
Zeitung gesenkt, die sie in Händen hielt. Plötzlich fiel ein Schatten auf das
Blatt, - wie ein glückliches Erschrecken ging es durch ihr Wesen, wie ein Riss
vom Herzen in die Glieder ... Manfred stand an ihrem Tisch. Sein Gesicht lachte
ihr zu, und während er seinen Mantel ablegte und dem wartenden Kellner übergab,
entschuldigte er sich für die kleine Verspätung.
    Er hatte sie hierher gerufen, um mit ihr einen Plan zu besprechen, der schon
geklärt sein sollte, wenn die Sitzung zusammentraf: er wünschte möglichst bald
in dem neuen Blatt einen Artikel von ihr zu bringen, betitelt »Die Freiheit der
Frau«.
    Sie horchte und wurde nachdenklich. Dieses Tema, - - war sie wohl diesem
Tema gewachsen? Sie bat ihn, ihr das Tema deutlicher zu machen.
    »Die Freiheit, die ich meine - - Sie können sich denken, dass es nicht etwa
die Freiheit ist, mit der man auf Frauenversammlungen irgendein politisches
Recht im Schweisse seines Angesichtes erkämpft ... obwohl die Erkämpfung solcher
Rechte auch zur Sache gehört. Aber die Freiheit, die ich meine,« er stockte, und
sein vollkommen geformtes Antlitz, dem ihren so nahe, blieb ihr einen Augenblick
nachdenklich zugewendet, - »die ist eine, die alle jene Kämpfe um positive,
materielle Güter erst sinnvoll machen soll.« Und ernst und aufmunternd forderte
er sie auf: »Umgrenzen Sie mir das Problem.«
    Er neigte ihr den Kopf zu, und die Lichtströme seiner Augen nahmen
ungehindert den Weg in die ihren. Er fuhr fort: »Gestalten Sie das Problem der -
fast möchte ich sagen, der esoterischen Frauenbewegung wenn das Wort esoterisch
nicht gerade für mich«, er seufzte - »einen unerquicklich mystagogischen und
anrüchigen Klang hätte. Aber abgesehen von dieser suggestiven Färbung, die das
Wort gerade für mich hat, - hat es hier Geltung. Jawohl, - umgrenzen Sie mir das
Problem der esoterischen Freiheitsregung der neuen Frau!«
    »Und warum - ich?«
    »Sie - nur Sie. Denn wer sonst? Da wäre noch meine Mutter, aber sie kann
diesen Gedanken nicht mehr das Blut der Jugend geben. Neben ihr sind nur Sie -
die einzige, - - die davon etwas weiss, die einzige, die darüber etwas sagen
kann.«
    Sie lächelte: »Sagen kann; das vielleicht, aber schreiben, ich?« Und fast
schamhaft wiederholte sie: »Sagen könnte ich es vielleicht.«
    Er lachte, - ein herzliches, vollkommenes, von keinem verdeckten Geheimnis
verfärbtes Lachen. »Nun dann sagen Sie es, - und dann - dann können wir ja
stenographieren.«
    So gingen sie in die Heiterkeit ein. Aber im Ernst sagte sie dann wieder:
»Ich darf das heute noch nicht versprechen, - denn ich weiss nicht«, ihre Augen
bekamen plötzlich wieder jenen Schleier, der sich manchmal, wenn sie die Fährte
ihrer Gedanken suchend verfolgte, über sie senkte, - »ich weiss nicht, - ob ich
selbst in dieser Freiheit bin ... Erst - wenn ich das deutlich fühle, - dann
erst werde ich Worte finden dafür.«
    Also darum hatte er sie gerufen. Auch er glaubte, dass dies der wahre Grund
gewesen, warum er sie hier, eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen, sehen
wollte. War es aber auch der einzige Grund? War es nicht vielleicht auch, weil
er sich freute, sie zu sehen, weil es ihn lockte, dieses Mädchen näher zu
kennen? Er wusste schon viel von ihr; mit seinem erkennenden Auge, seiner inneren
Erfahrung, die die Seele der Organismen ahnte, - verstand und ahnte er auch sie.
Er erkannte: sie ist durch Kampf geworden, - so wie sie ist. Gekämpft hat sie
auf allen Linien ihres Lebens. Und es war edle Art, die solche Kämpfe - so
bestand. Wäre sie ihm doch vor Jahren begegnet! Da hätte dem Kampf seine ganze
Seele gehört. Heute - heute hatte seine Seele ein anderes Ziel, heute, da die
Stürme hinter ihm lagen. Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war,
seit er diese unerträglich zweideutige Atmosphäre aus seinem Leben gebannt
hatte, da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm, - nach der heiteren
Vollendung des harmonisch Geborenen. Dies hier, was er vor sich sah, - war
vielleicht ein Grösseres. Auf einen anderen, - einen jüngeren vielleicht, - und
doch ihm ähnlichen - musste jenes Mädchen wie eine lebendige und feurige Lehre
wirken, eine grosse und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen, noch
geheimnisvollen Weiblichkeit, die da in die Zeit hineinwuchs ... Und plötzlich
dachte er an seinen Bruder Florian, - den jüngsten ... Er aber?... Es lag wohl
an ihm. Vielleicht konnte seine Sehnsucht überhaupt nicht mehr jung und
leidenschaftlich emporschlagen. So stark, so jung, wie sie es einzig musste,
sollte er sich die letzte Sehnsucht erfüllen dürfen, - seine Art zu bewahren, im
Schosse eines Weibes ...
    Zu schnell verflog diese Stunde. Er sprach mit ihr über die grosse Aufgabe,
die er sich und anderen gestellt hatte. Die Macht des Unsinns, der sieghaft noch
immer seine Herrschaft übte, zu brechen oder doch zu schwächen. Dazu bedarf es
eines Hochdrucks von Intelligenz. Und da der Grad der intellektuellen Potenz
sowohl im Komplex des Individuums als in dem der Art beschlossen lag, hiess es,
die Vorgänge des körperlichen Lebens ganz ebenso ergründen, wie jene des
sozialen und des immateriellen Gefüges der Welt. Nun, da der Stab der Helfer
gebildet war, nun schien das Werk keine Utopie mehr. -
    Die Uhr war acht. Manfred grüsste zur Tür. Einer der Herren, die zur Sitzung
kamen, war eingetreten. Man erhob sich und ging hinauf in das reservierte
Klubzimmer. Im Verlauf einer Viertelstunde waren die Erwarteten fast vollzählig
zur Stelle.
    Da war ein Gelehrter, ein älterer Mann, der ein grosses Werk über soziale
Ökonomie geschrieben hatte, dann ein Physiologe, der für die Regeneration der
Menschen durch Verbreitung einer Ernährungswissenschaft auf chemischer Grundlage
kämpfte ... Justus war gekommen und Stanislaus. Nachdem der Arzt und der
Nationalökonom ihr Programm entwickelten, ging man zur Abteilung für Technik
über. Hier war alles schon beschlossen. Ein junger Mann mit grossem, kahlen Kopf
und heiterem Gesicht, sehr hellblond, stellte den Antrag, eine Rubrik des
Blattes zu bennenen: »Register des Unsinns«. Hier sollte jeder Unsinn, der die
soziale, generative, moralische und ästetische Entwicklung der Menschheit
bedrohte, gleich in seinen ersten Äusserungen eingefangen und gespiesst werden.
Die barbarischen Atavismen der Zeit, - hier wollte man sie ins Netz kriegen und,
entsprechend präpariert, zur Schau stellen.
    Stanislaus übernahm die Redaktion des Blattes und sollte später als
Herausgeber zeichnen. Es war beinahe ein zu grosses Amt, das auf ihn gelegt
wurde, wenn er daneben auch noch weiter produktiv bleiben wollte. Hier wäre ein
Platz für Werner gewesen, dachte er, für Werner, der ein scharfer Leser war.
Aber der sass nun im gelben Kleid und grübelte über den Rätseln des Daseins. -
Besondere Beachtung sollte, neben allen anderen Künsten, der Schauspielkunst
geschenkt werden. Und neben deren Kritik sollten von Zeit zu Zeit Aufsätze über
das Wesen dieser Kunst von einem der ihrigen veröffentlicht werden. Auch er war
da: ein so vollkommener Schauspieler, dass er nichts mehr Teatralisches in
seinem Wesen hatte; dieser schlanke, kaum über Mittelgrösse ragende Körper, der
wie ein dämonisches Instrument des Geistes schien, - wie der wahre Mittler
zwischen Geist und Erscheinung, - hatte die freie Gebärde des vollkommen
vergeistigten Instinktes. Dieser Mann, den die Gegenwart als den grössten seiner
Zunft pries, und der die beherrschte Haltung des immer Gefeierten hatte, war in
enger Fühlung mit Manfreds Lebensplan. Manfred erklärte, warum die
Schauspielkunst hier besonders beobachtet werden sollte: »Diese Kunst
veranschaulicht den äusseren Adel der menschlichen Erscheinung, - die höchste
Möglichkeit der menschlichen Gestalt - und die reine Idee aller Affekte.«
Vergleichende Sprachforschung sollte gepflegt werden, und, vor allem,
vergleichende Völkerkunde. Hier fehlte noch Florian. Seine Rückkehr wurde
erwartet. Aber nicht nur der Etnologe der Gesellschaft sollte Florian sein, -
nein, er würde in diesem Blatt die Stimme der Zukunft, die Stimme der
Forderungen, die Stimme kosmopolitischer Wünsche laut werden lassen. Denn dieses
war die wahrhafte Stimme jenes jüngsten Bruders, Florian. An dieser Stelle
sollte sie - neben seinen Erfahrungen - hörbar werden.
    Olga erinnerte sich, was ihr die Mutter der Wallentins von Florian erzählt
hatte: Er hatte nicht aus eigenem Antrieb daran gedacht, Antropologe zu werden.
Mit revolutionärem Ansturm war er nach vollendeten Studien, ein Jugendlicher, zu
des Bruders reifem Werk gestürmt. Der aber hatte ihm geboten: erst das Auge zu
schärfen, für die Dinge, die sind, bevor er an die Propaganda der Dinge, die
werden sollten, denken dürfe. »Das Auge schulen, - es ruhen, ruhen lassen - die
Erscheinung ergründen, die da ist«. Und darum hatte er ihn dahin gesandt, wo es
zu schauen gab, wo alles, was er sah, mit ursprünglichem Blicke gefasst und
gewertet werden musste.
    Zum Schlusse wies Manfred auch Olga ihren Platz an. Frau Wallentin und sie
sollten über jene Fragen berichten, die grosse Schichten der Frauen bewegend
hoben. Besonders sollte diese Frauenfrage unter dem Gesichtspunkt der
Weibesfrage und ihres Zentralsten: des Mutterproblems, erörtert werden.
    Für die Strebungen der Frauenbewegung trat Manfred nur bedingungsweise ein;
er wünschte die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau - aber - ergänzt durch
Frauenschonung und Frauenschutz, zur Zeit der Belastung durch die Vorgänge der
Fortpflanzung. Ja, er verlangte die gesellschaftliche Sicherung der Frau als
Pflegerin und Erzieherin der Generation. Natürlich sollte die Frau ihr Leben
nicht etwa nur auf ihren Gattungszweck einstellen, - da das höchste Gut der
organischen Welt: das Gehirn, auch bei ihr entwicklungsfähig und vielfach
hochentwickelt war. Nur vor der Schädigung durch grobe Brotfrohn wollte er sie
behütet wissen. Die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form, die besonders die
Kräfte der Proletarierfrau zerrieb, betrachtete er wie ein gefährliches
Medikament, das man einem kranken Gesellschaftskörper zuführt, weil man die
eigentliche Metode seiner Heilung noch nicht weiss. Diese Metode aber würde
dahin streben, - dass das echteste Recht des Weibes, das Recht auf Mutterschaft,
jedem dazu tauglichen Weibe gesichert würde. Dann erst wird die Frau nur zu
jenen Berufen streben, die ihre Lebenskraft und ihre Lebensfreude erhöhen,
anstatt sie zu zermürben.
    Olga erwiderte: »Das war von jeher, wenn auch unbewusst, die geheimste
Strömung der Bewegung. Um bewusst zu werden, musste sich die Bewegung im Kreise
drehen: sie ging aus - von der Stellung der Frau als Weib, gelangte zu ihrer
Situation als Erwerbende und geistig und wirtschaftlich Selbständige und kehrte
zurück - zum Mutterproblem.«
    Nun war noch über die Technik der Redaktion zu sprechen. Hier hätte man die
neue Helferin gebraucht. Wo war sie? Olga machte sich Vorwürfe, in der frohen
Hast, mit der sie vom Hause weggeeilt war, Eva nicht deutlich genug über den Weg
zum Vorort hierher unterrichtet zu haben. Nun hatte sie sich verspätet, weil sie
den Weg nicht kannte, und würde wohl kaum noch kommen. Ihr Blick glitt über die
Runde von Männern, unter denen sie die einzige Frau war. Sie sass Manfred
gegenüber. Plötzlich, zum erstenmal, überkam sie der Gedanke: Warum - warum ist
er allein? Seine Verbindung mit Lucinda war längst ein leerer Schein gewesen.
Warum fehlte diesem Mann bis heute die Gefährtin? Auf seinen weiten Reisen in
allen Zonen der Kultur, hätte er sie da nicht finden müssen? Ihre Gedanken waren
plötzlich versponnen in diese Frage. Die eigentliche Sitzung war beendet, aber
man blieb noch zusammen. Sie grübelte ... Warum war er - allein? Aber freilich,
wo war die Gefährtin für ihn? Diesen Mann konnte zum zweitenmal kein Missgriff
beirren. Wo war die Ergänzung für ihn, - wo eine Weiblichkeit, rhytmisch in
Blut und Geist, wie sie allein neben ihm zu denken war?...
    Es klopfte. Ein bescheidenes, aber doch ein deutliches Klopfen war es.
Manfred ging zur Tür und öffnete.
    Eva Nestor stand vor ihm, und Olga sah sie - sah sie, mit grossen,
erstaunten, mit wissenden Augen, - als hätte sie sie das erstemal gesehen, - sah
sie neben jenem Manne, der für sie der vollkommenste des Geschlechtes war ...
Der Sommer war vergangen, für Olga - überwunden. Stanislaus und Lore hatten
kürzlich geheiratet, und Stanislaus verwurzelte sich tief in sein Gatten- und
Vaterglück. Jetzt rüsteten auch noch zwei andere zu dauernder Bindung. Koszinsky
sollte für seine Firma nach Buenos Aires gehen, um eine deutsche Filiale des
Geschäftes da zu leiten. Er nahm Erika mit. Und da sie drüben keinen Anstoss
erregen wollten, so gingen sie vorher, brav, zum Standesamt. Olga, Stanislaus
und seine Frau wohnten der Zeremonie bei. Nachher ging man zu fünft in ein
kleines Restaurant, zum gemeinschaftlichen Mittagessen.
    Erika strahlte vor Glück. In ihrem neuen, grauen Kleid sah sie wirklich wie
eine Jungvermählte aus. Es war, als ob alles, was vordem ihr Leben bedrängt
hatte, in dem schwarzen Wasser des Kanals geblieben wäre. Aus Koszinskys Gesicht
war der unstäte Zug gewichen. Seine Miene war ernst, zufrieden, und um seinen
Mund, verborgen in dem blonden Spitzbart, lagerte ein Zug von heimlicher
Heiterkeit, den er früher niemals gehabt.
    Erika war entzückt von der neuen überseeischen Aussicht.
    »Nach Buenos Aires - denken Sie nur, in dies herrliche Klima, diese fremden,
interessanten Verhältnisse!« Sie schwärmte begeistert.
    »Erinnern Sie sich, Koszinsky,« - sagte Olga - »wie es einstmals ein - Traum
von Ihnen war, sich irgendwo auf einer grünen Insel im blauen Meer
niederzulassen - irgendwo fern von Europa - und dort als Farmer zu leben?«
    Woher nahm sie den Mut, ihn an jene Stunde zu mahnen?! Die Gegenwart war es,
die ihr diesen Mut gegeben. Ungescheut durfte sie jetzt, heute, auch dieses Bild
heraufbeschwören. War denn das nicht wirklich sein Schicksal gewesen? War er
nicht erst hinausgeschleudert worden ins Uferlose und hatte sich dann doch auf
einem Stückchen grünenden Landes gerettet?...
    Koszinsky nickte, mit rückschauendem Erinnern ...
    »Das schönste ist doch - dass Kasimir« - Erika behandelte den Namen als ihr
unzweifelhaftes Eigentum - »in ganz selbständiger Stellung da hinüber kommt. Er
soll ja nicht nur die Filiale leiten, sondern den Austausch der Produkte
vermitteln - sein Chef will seiner Fabrik ein Ex- und Importgeschäft anschliessen
und lässt ihm freie Hand. Und denken Sie,« fuhr sie eifrig fort, »wie man dabei
den deutschen Interessen dient!«
    Koszinsky dämpfte ihre kühnen Hoffnungen. »Wenn es mir nun nicht gelingt,
Erika?« Und ernstaft setzte er hinzu: »Dann bleibt mir nichts anderes übrig,
als zu den Siouxindianern überzugehen, um mich im blutigen Krieg gegen die
Bleichgesichter auszuzeichnen. Es ist nicht unmöglich, dass ich es vom
gewöhnlichen Krieger dann bis zum Häuptling bringe und etwa als grosse Wolke viel
von mir reden mache. Auf diese Art wirst du dann doch noch die Frau eines
angesehenen Mannes.«
    »Sehen Sie, so spottet er immer. Aberich mache mir nichts daraus, und es ist
doch gut, dass er auf dem - Wege ist. Und sicher ist es auch kein Unsinn, dass er
sich als Kaufmann da drüben auch noch spezifisch deutsche Verdienste erwerben
kann,« sie blieb dabei, - »die auf solchen Plätzen auch anerkannt werden«... Mit
dieser immer gleichen Beharrlichkeit ihres Wesens, mit der sie jetzt diese
neueste Idee verfolgte, hatte sie den Mann auf die Linie einer bürgerlichen
Existenz gebracht.
    »Sie sieht sich im Geist schon als Frau Generalkonsul«, erklärte Koszinsky.
- - -
    So schloss sich überall zusammen, was sich im Leben ergänzen, vielleicht
vollenden konnte. Nur sie, sie allein stand ausserhalb all dieser Ringe. So hatte
auch das Schicksal - wenn man jene geheimnisvolle Schiebung einer höchsten
Logik, die die Dinge in sich tragen, und die in ihren Geschicken fortwirkt, so
nennen wollte - jene bedeutsame Konfrontation herbeigeführt - zwischen Manfred
und Eva. Mit erkennenden Augen, mit der sich selbst hochhaltenden Art der
seltenen Persönlichkeit, so waren sie einander damals gegenübergestanden. Welch
Rätselvolles lag doch in solcher Begegnung. Zwei kreuzen ihre Wege zur
bestimmten Sekunde, und diese wird ihr Schicksal. Sie kann aber auch das
Schicksal eines Dritten werden, - des Ausgeschlossenen ... Olga wusste, dass, da
sie diesem Mann begegnet war, - kein Mensch von anderer Art als von seiner,
jemals die Einsamkeit von ihr nehmen konnte. - Und da dieser Eine die Genossin
gefunden, die nicht sie war, so betrachtete sie ihr Urteil als gesprochen. Seine
schnelle Entscheidung für Eva, die Olga in der Minute ihrer ersten Begegnung
erkannt hatte, - sie war den Instinkten höchsten Lebenstriebes entsprungen. Denn
unter allen Frauen, wahrlich, war diese eine, die er spät gefunden, die einzige,
die das angestammte Seine vollenden, erhöhen konnte. Im Sturm einer Minute
hatten sie einander erkannt ... diese beiden, von der Natur so wohl Erdachten.
    Einmal, bald nach dieser Begegnung, da hatte Manfred ihr - Olga - sein Herz
ausgeschüttet, hatte ihr bekannt, wie er Eva sah. »Ich hörte einmal eine tiefe
Deutung der Gestalten der Sixtinischen Kapelle. In den Figuren unterhalb der
Bilder der Schöpfungsgeschichte, - in den Dreiecken zwischen den einzelnen
Tableaus - waren Sie schon in Rom? Nein, das müssen Sie nachholen, - - in jenen
vermittelnden Figuren sah der Kritiker die Freudigkeit der Götter, die Weisheit
der Propheten, die Tiefe der Sybillen, und die Liebe der Mütter gestaltet. Und
sie, Eva, - hat sie nicht die Freudigkeit der Göttin, die Tiefe der Sibylle und
das Herz einer Frau?«
    Aber sie war nicht nur freudig, tief und liebreich, sondern die hohe
Vernunft, die all ihr Leben sie getragen, führte sie auch hier. Als er sich ihr
mit junger Sehnsucht näherte, vergass sie doch nicht, was ihr fast erratendes
Wissen um die Dinge ihr mitgeteilt hatte, - dass dieses Mannes Erlebnis mit dem
Weibe sich unterordnen müsse seinem Erleben am Werke. Und sie wusste, dass sie nur
dann sein werden und sein bleiben dürfte, wenn seine Bestimmung zum Werke
darunter nicht litt. -
    Unter all den Halben, Geborstenen, Geschwächten, die ihm im Leben begegnet
waren, faszinierte ihn diese einzige durch die hohe Vernunft, die aus ihrem
Wesen strahlte. Wie waren hier selbst jene Triebe, deren Wesen Begierde ist,
geedelt und hochgezogen, wie war sie doch so »berechnend« im sibyllinischen
Sinn! Glücklich ergab sie sich seinem und ihrem Begehren, - sah sie doch darin
ihre endliche Bestimmung. Aber über allen Leidenschaften, die ihrer
starkströmigen Natur fröhlich entsprangen, stand, wachsam, eine erhabene
Besonnenheit, die das Leben beschützt und mehrt. -
    Von diesem Schauspiel, das sich vor Olgas Augen abspielte, drohte ihr der
Fall. In tiefem Bangen sah sie sich vor ein Schicksal gestellt, das ihren Willen
überwuchs, und das Dogma dieses Willens, - den Pfeiler, an den sie sich,
lebendig rankend, immer gehalten, - zum Sturze brachte. Dieser Grundpfeiler
ihres Willens war der Antrieb - zu wachsen, bis an die letzten Grenzen des
Masses, das die Natur ihr zugebilligt. Darum durfte sie - so hatte sie in Zeiten
schwerster Not erkannt - nicht sinken durch dunkle Erlebnisse. »Sinke nicht -
und wenn der ganze Orkus auf dich drückte.« Dieses Wort der Amazone Pentesilea
war auch das ihre. Und - horch! - war hier nicht die wahre Prüfung der Frau, -
jener Frau, die der Zukunft gehörte, - war dies nicht die wahre Freiheit der
Frau - dass sie eine Ungebrochene bleiben musste, und eine Wachsende, so schwer
und dunkel auch ihr Weibesschicksal sich über ihr zusammenballte? Ach, wie war
sie dieser Freiheit doch so fern. In schmerzlichem Erleben glitten die Kräfte.
Aber sie eilte ihnen nach, raffte sie zusammen; brauchte sie denn nicht ihre
ganze Seelenmacht, da doch an jedem Wegende ein Schicksal von ihr besiegt sein
wollte?
    Sie rang mit sich, - diese beiden ihr teueren Menschen - beide lieben zu
können. Aber es schien, als wäre die Stunde, wo solches Lieben freien Herzens
möglich war, noch nicht gekommen. Der Ertrag ihres heldenmütigen Versuches aber
war, dass sie, wenn auch nicht die Vereinigung der beiden, so doch jeden
einzelnen weiter liebte, sie beide weiter sah, im Licht ihrer besonderen Art. -
- - »Liebe darf niemals unfrei machen«, so hatte einst Lore, die ja auch zu
jenen gehörte, die ihre Füsse sicher setzen, gesagt. Sie lächelte schmerzlich,
wenn sie dieses Wort überdachte. Jene höchste Weiblichkeit, die ein Dichter der
Zeit auf den Mars verlegt hatte, jene Numenfrauen, - die vielleicht konnten dies
Wort zur Wahrheit führen. Sie aber fühlte sich als Übergangene, - dies war ihr
wiederkehrendes Los; auf totem Gleise fuhr ihr Leben dahin, und ihr war, als
müsse sie dieses Todesbewusstsein erdrücken.
    In dieser Zeit hatte sie eine dichterische Offenbarung. Da das gesprochene
Wort und nicht die Feder ihr Instrument war, blieb diese Offenbarung als reines
Erlebnis in ihr. Es war dieses: Sie erlebte neu die tiefe Idee, die sich an der
Myte von Königin Dido erhalten hat. - - -
    - - - Unter die geringe Art der Phönizier, die am nordafrikanischen Strande
siedelt, tritt der Held, - eine Gestalt des Lichtes, der Sohn aus edlem Stamme,
- Aeneas. Die Königin - Dido, die Städtegründerin, die Selbsteigene - die
Emanzipierte! - wird von der Liebe getroffen. Dass sie es bis heute nicht war, -
es hatte seinen Grund darin, dass sie edler Mannheit nicht begegnete. In Didos
Seele wohnt der Frohsinn, die Tapferkeit, die Tatkraft, und wie eine rote,
blätterreiche, tief in ihren Kelch hinein verdunkelte Rose ist ihr Herz. Nicht
umsonst heisst sie die »vollherzige Dido«. Sie reitet mit Aeneas zur Jagd, sie
gibt sich ihm hin - oh, die Welt ist ein Strahlenmeer geworden für die Königin
Dido. »Brennend vor Liebe durchschweift sie ... die Stadt.« Und nun erlebt sie -
die Königin: das schwärzeste Weibeslos. Der Held verlässt sie, - überlässt sie
denen, die um sie sind - den Geringen. Über die zur Tat geborene, selbsteigene
Dido, kommt das Leid, das zermalmende. Das Leben bedroht sie mit der Schmach der
Lächerlichkeit. Ein nomadischer König, Jarbas, strebt nach ihrer Hand. Der
Geringe, den sie verschmäht, soll sich wieder in ihren Umkreis wagen dürfen, da
sie dem Hohen so nahe, so nahe war? - Unter der Sonne Afrikas friert die Königin
Dido, eisige Verzweiflung durchdringt sie immer tiefer.
    »Wäre zum wenigsten mir ein Denkmal unserer Liebe, Ehe du fliehest, gewährt,
und spielte ein kleiner Aeneas Mir im Palaste herum, der dir doch gliche von
Antlitz, Ach, nicht schien ich mir ganz die Gefangene oder die Witwe!«
    Aber ohne ein Pfand ihrer Liebe ihr zu lassen, ist der Held enteilt, - für
immer. Nur, weil sie so friert, weil sie sich langsam zu Tode friert, kann es
geschehen, dass sie den Scheiterhaufen für sich errichten lässt, Dido, die Königin
, die Städtegründerin, die herrlich Selbsteigene, - die ein zu Tode frierendes
Weib ward, da der Held sie verliess ...
    Olgas Traumleben hatte alle ihre Schicksale begleitet. Was dunkel oft in
ihrer Seele noch war - der Traum erschloss es zu letzter Klarheit. So träumte sie
auch jetzt: Dido stand auf dem Scheiterhaufen, den sie zu magischem Gebrauch
errichten liess. Und sie - sie selbst war die brennende Königin. Kaum fassten die
Flammen ihre Kleider, so entfloh sie. Sie sah sich im Traum, flammenlohend, über
einen Hügel laufen; immer näher kam sie der Klippe am Gipfel, und von da
erblickte sie das Meer, das rettende Meer, in das sie sich stürzte. Nicht, dass
sie ertrinken musste, dachte sie, - nein, nur, dass die Glut gelöscht wurde, das
war es, was sie wusste, als sie jenen Sprung tat, im Traume. - - -
    Sie erwachte, mitten in der Nacht, allein, mit ihrer Herzensnot. Draussen
spannte sich ein sternenklarer Sommernachtshimmel. Sie blickte von ihrem Bett
aus in das blaue Feuer der Venus; nicht ihr, nicht ihr schien dieser Stern. - -
-
    Eva, die jetzt mit ihrem Töchterchen nahe dem Grunewald wohnte, besuchte
sie. Wie immer, so wirkte die Heilsamkeit ihres Wesens auch heute. Sie hob ihren
Mut, ihren Glauben an ein logisches Geschick, das auch ihr bestimmt sei. Sie
sänftigte den Aufruhr, und als sie sie friedlicher wusste, umschlang sie sie, und
wagte es, zu gestehen, was Olga doch bald erfahren musste: dass sie von Manfreds
Liebe ein Pfand trug.
»Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drückte«, - das sprach die
irrende, einsame Stimme. Stirb, du begehrendes Ich, stirb und werde - ein
anderes. Auf, du entbehrende Seele - auf zur heldischen Tat: zur Tat der Freude
darüber, dass die Art, die du als die höchste kennst, unter dem Herzen einer Frau
geborgen liegt. Auf zur Freiheit, du Ringende, zur höchsten Freiheit. Stirb und
werde. - - -
    Hier war eine glückliche Mutter: Eva. Aber auch eine verlassene Mutter - die
vom Elend spricht, welch ein Hohn, welch eine Lüge. War nicht jede Verlassene,
eine kaiserlich Besitzende, die vom Geliebten das Kind empfangen? Verlassen, -
das war nur jene, die so stand - wie sie stand. Und wusste sie denn, wohin sie
noch musste? Auf welche fremde, öde Strassen mochte sie ihr Weg noch führen, - -
ehe sie an einem Punkt, der fern in der Ewigkeit lag - den Geliebten wiedersah.
    Wie? Verirrten sich ihre Träume? War die Seele so geschwächt, dass sie sich
dennoch an das Märchen klammerte, an das Märchen vom ewigen Begegnen, vom ewigen
Wiedersehen, bis es, im Stadium der Vollendung, Vereinigung wurde?
    Sie wollte fort. Stanislaus und Lore hatten ihr zugesprochen, eine
Italienreise zu machen. Auch Manfred hatte ja gesagt, dass sie dieses nachholen
müsste. Ihre Korrespondenz warf ihren Lebensunterhalt ab; sie konnte wohl ihr
kleines Vermögen jetzt angreifen und das Blatt, mit Lores Hilfe, eine Zeitlang
auch von ferne leiten. Fluchtgedanken trieben sie nach Italien, aber es war
keine Lust und keine Sehnsucht dabei. Auch fürchtete sie sich, im geheimen, vor
dieser geplanten Reise. Die Worte des Antonius, die er zu Tasso spricht, kamen
ihr in den Sinn: »Schmerz, Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich ...«
Sollte sie fort? War es geboten, war es erlaubt? War es Feigheit, dass sie
fliehen wollte, oder war es Feigheit, dass sie blieb, - weil sie nicht fort
wollte, ohne - ihn - noch einmal gesehen zu haben?
    Sie konnte ihn jetzt nicht sehen. Manfred war auf einer Reise nach London.
Dortin hatte er einen internationalen Kongress einberufen. Abend- und
morgenländische Gelehrte, vorwiegend Physiologen und Staatsmänner, sollten auf
diesem Kongress über jene Probleme beraten, welche eine internationale
Intellektspolitik forderten, und deren Verwirklichung durch die Verschiedenheit
der Rassen verhindert war; ohne die überragende biologische Position der weissen
Rasse durch Mischung zu gefährden, musste doch eine verbindende Brücke über diese
verschiedenen Völker geschlagen werden.
    Sollte sie fort? Trübsinn harrt in Rom auf dich ... War es Feigheit, wenn
sie reiste, Mut, wenn sie blieb, - oder umgekehrt? Sie war beirrt und sah den
Weg nicht klar.
- - - Im Unwetter eilt Olga über die Strassen. Grosse Wassermengen bedecken die
Wege. Der Regen strömt im Wolkenbruch. Die Blitze, diese flinken, funkelnden,
zornigen Gesellen, stürmen im Zickzack über das Firmament. Jeder tritt,
angekündigt von einem Donnerschlag, einen Augenblick lang, zackig und glühend,
in Erscheinung und verschwindet wieder, als stürme er durch den Weltenraum.
    Diese Regenmassen der letzten Tage hatten einen Damm unterwaschen, - einen
Damm, auf dem ein Eisenbahnzug - von Vlissingen nach Berlin fuhr. Der Damm war
zusammengebrochen und jener Zug entgleist ... Sie jagt über die Wege, sie watet
durch das Wasser. Die tiefer gelegenen Plätze in Friedenau sind überschwemmt.
Sie wird nass bis zu den Knieen hinauf, sie schürzt das Kleid, so hoch sie kann,
und watet weiter, um nur den Bahnhof zu erreichen. Endlich ist sie im Zug. Am
Bahnhof Grunewald angelangt, sieht sie sich vergebens nach einem Wagen um. Es
ist keiner da. Im Unwetter verfolgt sie die Spuren des verwüsteten Weges durch
den Wald. Und dann, dann steht sie endlich am Hause. In ihren nassen, triefenden
Kleidern eilt sie hinauf. Frau Wallentin kommt ihr entgegen, - gebeugt - eine
alte, alte Frau. Sie zieht sie in die Arme, und das Mädchen lässt hier ihre
Tränen fliessen. Dann nimmt sie die Mutter an der Hand und führt sie hin, bis an
die Tür jenes Zimmers, - in dem Manfred den Tod erwartet ...
    Der Zug, der einige Teilnehmer des Kongresses von Vlissingen nach Berlin
bringen sollte, war entgleist. Als man Manfred nach Hause brachte, war er ein
verlorener Mann. Äusserlich unverwundet, hatte er innere tödliche Verletzungen
davongetragen. »Hoffnungslos«, sagten die Ärzte.
    Die Mutter hat leise die Tür geöffnet, aber Olga tritt nicht ein. Sie bleibt
im Nebenzimmer, hinter der Portiere, die sie behutsam beiseite schiebt. Sie will
sich nicht an sein Lager drängen, dort ist nicht ihr Platz. An seinem Bett sitzt
Eva. Sie will nur noch einmal die geliebten Züge schauen. Und zum zweitenmal
sieht sie einen Menschen sterben. Sie sieht, wie er die Augen aufschlägt und wie
ein letzter, goldener Strahl daraus zu Eva gleitet. Sie sieht, wie Eva sich über
ihn beugt, wie er seine Hände hebt, - wie sie auf ihrem Leibe ruhen ...
    So steht sie an der Tür, so blickt sie, zum letztenmal, in das Antlitz, -
über das sich die Schatten lagern, die bald für immer bedecken, was sie geliebt.
- - -
Manfreds sterbliche Reste wurden in das Krematorium von Gota überführt und dort
verbrannt. Dann wurde die Urne mit seiner Asche provisorisch beigesetzt, -
verwahrt. Die endgültige Bestattung sollte von einer besonderen Manifestation
der Kulturwelt begleitet sein. Noch waren die Teilnehmer des Kongresses, den
Manfred einberufen, in Europa, als die Kunde von seinem plötzlichen Tode bekannt
wurde. Sofort bildete sich ein Komitee, welches sich die Aufgabe stellte, die
Mitglieder des Kongresses in möglichst grosser Zahl zu Manfreds Begräbnis zu
führen.
    Und sie kamen. Sie strömten herbei - hunderte von Menschen, die an den
Spitzen der geistigen Entwicklung der Welt standen. Hunderte von Trägern
internationaler Kulturgedanken kamen, seine Asche zu bestatten. Es war ein Zug,
wie man ihn noch nie gesehen, - ein Zug von Menschen, deren Haltung und Antlitz
der Geist die entscheidende Form gegeben, deren Stirne vom Werke leuchteten. Ein
Teil des grossen Parkes war von einem Gitter umfriedet und bestimmt worden, die
Urne zu bergen. Ohne jede religiöse Zeremonie bewegte sich der Zug vom Hause bis
zu jenem Teil des Parkes.
    Das Unwetter hatte ausgerast, und einer jener goldenen Oktobertage
überleuchtete Himmel und Erde. Unter einer breitkronigen Rotbuche war ein
überwölbter Sockel, von weissem Marmor, errichtet worden, einer Art von
steinernem Schrank, in dem die Asche in einer antiken Urne, die Manfred selbst
von einer Weltreise mitgebracht, und deren schwärzliche Bronze die Jahrtausende
patiniert hatten, beigesetzt wurde. Es war dies in jenem Teil des Parkes, der an
herrlichen Gewächsen am reichsten war. In edler Anlage schloss sich hier dichtes
Baumwerk zusammen, Kiefern, Taxus, Lebensbäume, und Zypressen; Kirschlorbeer und
Rhododendron rankten sich in geschützten Lagen. Neben jungen Blautannen glühten
die granatroten Beeren des Ilex. Moos bedeckte die Erde und den Ansatz der
Bäume, und hohe Farne schmiegten, wie tröstend, ihre zärtlichen Spitzen an das
marmorne Gehäuse, das in tiefer Nische die Urne barg. Hier rankte echter Wein,
von dichten Büscheln roter Kletterrosen durchglüht. Bunte Nesseln leuchteten
neben den Farnen und eilten von hier den Sträuchern zu. Weisse Palmlilien hoben
sich in schlanker Schwermut aus dem dichten Dunkel des Gartens, und auf
kletterndem Gesträuch, wiegten die Passionsblumen ihre rosa, lila und weissen
Köpfe, mit ihren sechs-und achtblättrigen Blüten schimmernd, wie entflohene
Sterne,
    Ein grosser Dichter trat vor. Sein bartloses, feierliches Antlitz, mit der
gewaltigen Stirn, erinnerte an das Haupt eines jungen, geistlichen Sehers, dem
in der Stille seiner Zelle Offenbarung wurde. Mit schöpferischen Worten zauberte
er das Bildnis des Toten herauf. Er sprach von den erschliessenden Augen, die
liebreich auf den Dingen geruht. Er stellte sein festliches Wesen vor die Seele
der Trauernden. In dem jähen Tode des Freundes sah er ein Symbol, wie es das
Schicksal nicht sinnfälliger erdenken konnte: ein Symbol für den tollen Zufall
der Vernichtung, der das Hohe auf dem Wege zur Vollendung immer wieder
zerschmettert. »Der Neid der Götter schlug hier wieder einen nieder, der die
Menschheit in ihre Nähe zu rücken sich vermass. Ein Ritter, der den leuchtenden
Degen schwang, ward hier niedergestreckt. Er starb in der letzten Stunde vor der
wohlbereiteten Tat, nachdem er den Ertrag seines Lebens in von ihm gewählte und
geeinte Hände gelegt. Von hier aus wird das verwahrte Pfund erwachsen, bis es
jene Gestalt erreicht, die die Sehnsucht des Toten war, die ihm vorgeschwebt,
deren Bild ihn auf langer Wanderschaft geführt ... Wie eine sagenhaft
ritterliche Gestalt, so wird uns, im trüben Tag irdischen Wirkens, sein Bild
umschweben ...« Als die letzten Worte verhallten, fluteten aus der Verborgenheit
des Parkes die erhabenen Klänge des Trauermarsches, der Siegfrieds Tod
begleitet. Und die Töne folgten dem Zug, als er sich langsam in Bewegung setzte
und dem Hause zuging. - - -
    Einsam, in der strahlenden Herbstsonne, blieb die Urne in ihrem steinernen
Gehäuse, und die Buche liess das Blut ihrer Blätter über dem weissen Marmor
rauschen. Zärtlich schmiegten die Farne ihre gefiederten Spitzen an den
leuchtenden, kalten Stein; der frische Herbstwind strich durch die bunten
Nesseln und fuhr flüsternd weiter, bis er die Sterne der Passionsblumen wiegte
und dann aufstieg, in die Kronen der Bäume, denen er raunend erzählte, was sich
unten, an dem einsamen Stein, begeben ...
Tage verstrichen, Tage, in denen die Seele sich tief und willig ihrem Weh
verkettet ... Da kam ein Brief von Werner.
    Er erzählte von seinem Leben in der Blockhütte ... Zwei Stunden täglich
arbeitete er auf dem Acker- und Gartenland, das die Hütten einte, und dessen
Ertrag die Ansiedler zum grössten Teil nährte. Reichte die Ernte nicht aus, so
half der europäische Verein, denn Bettelmönchtum lag nicht im Sinne
neubuddhistischer Reform. Vor der Aufnahme hatte er ein tiefschürfendes
philosophisches Verhör zu bestehen gehabt. Wie er jetzt erfuhr, hatte ein
besonderes Schreiben des Herrn von Bredow seine Aufnahme begünstigt. Die ganze
übrige Zeit - ausser jener zweistündigen Gartenarbeit, - gehörte den Jüngern, zur
Versenkung und zum Gespräche über die tiefsten Fragen. So hatte er den Sommer
verbracht, und geistliche Stille hatte sich über seine Seele gebreitet. Manchmal
freilich geschah es, dass es wie ein Aufschrecken, wie eine plötzliche Unruhe
immer noch über ihn kam; er glaubte dann hinhorchen zu müssen, - hin, nach der
Welt des Kampfes, in der die Musse nur in spärlichen Mengen gewährt ist und in
der die höchsten Preise andere sind als die, die ihm jetzt beschieden sein
mochten ... Dann fragte er sich wohl, ob nicht seinem scheinbar so einfachen
Leben, doch ein Gedanke von Künstlichkeit, ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag, -
ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Möglichkeiten des Glückes, -
dieses ängstliche Erdrücken aller Wunschkeime - - eine Gewalttat war, die dem
Gang des Lebens in die Zügel fiel?... Gewiss, das Ziel war ein hohes: Ruhe des
Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern; so wurde man frei ...
    Hier sank der Brief aus Olgas Händen. Ein Gedanke durcheilte sie, liess sie
den Kopf starr aufrichten, als lausche sie einer verborgenen Stimme ... Wie? War
denn nicht gerade das auch die Freiheit, um die sie rang, - hier, mitten am
Kampfplatz? »Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern« - war das
nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau? Jahrtausendelang hatte die Frau nur
dann im Frieden geruht, wenn ihr das Schicksal zuteil wurde, ihr Leben mit
anderem Leben aufs engste zu verknüpfen. Ausserhalb dieser Ruhe war für sie -
Vogelfreiheit gewesen, Verfolgung, Rastlosigkeit und Gram. Aber die neue Frau -
die auf ihr Selbst verwiesene, - die hatte eine neue Ruhe zu erobern, deren
Seele musste es lernen, stille und friedlich zu sein, regsam und frei zu bleiben,
- auch ohne die Mitwirkung anderer ...
    Werner sprach auch über das Geheimnis, das ihm ihr letzter Brief vertraut
hatte. Es schien, dass die Gestalt Manfreds - das Schriftbild des teuren Namens
grub sich brennend in ihr mühsam bezwungenes Herz, - stark vor sein inneres Auge
getreten war ... »Ein vollkommener Mensch ist der,« - so schrieb er - »dessen
Erscheinungsform dem Urbild seiner Idee am nächsten kommt. Denn die Urbilder
allein sind die letzten Wesenheiten der Dinge. Die Vielen und Meisten, in sich
selbst Zerstückelten, in sich selbst Vielfachen, entfernen sich mehr und mehr
von ihrem eigenen Urbild, von dem letzten Gedanken, der ihrer Erscheinung
zugrunde liegt; selten taucht Einer empor, der den Sinn seines Wesens erfüllt.
Ist Dir das unsagbare Glück begegnet, die Gestalt Deiner Sehnsucht leibhaftig zu
sehen, Deinen Weg mit dem jener Erscheinung zu kreuzen, so vergiss niemals dieses
wunderbare Geschehen immer nur als Glück zu werten. Einerlei ob der Besitz der
geliebten Person damit verbunden ist oder nicht. Öffne diesem einzigen Gedanken
Dein Herz, und alles triebhaft Undeutliche wird friedlich und deutlich werden,
und alle verstreuten und spukenden Kräfte werden das Zentrum suchen. Du wirst
Dich dann stark fühlen - Du wirst Dich fühlen. Du bist dann. Es ist Dir, als
müsstest Du Dich einer Führung überlassen, die als höhere empfunden wird. Du bist
scheinbar unbeteiligt mit dem Willen, das heisst, Du spürst ihn nicht. Du
gelangst in einen wahrhaft seligen Zustand, - wenn selig als das Wort gefasst
wird, das von Seele stammt ... Nur jene Reinigung des Herzens lässt Dir das
geliebte Bildnis so hell erstrahlen, dass es Dein bleibt auf allen Wegen ...
    Gedanken der innigsten Versöhnung mit dem Leben sind in diesen Zeiten, die
ich hier verbringe, über mich gekommen. Ich sehe einen beruhigenden Sinn in
allem mir früher so sinnlos scheinenden Walten, und einzig der Glaube an diese
kristallene Vernunft, die auf dem Grunde der Dinge wirkt, - einzig dieser
Gedanke lässt mich das Leben ertragen - ja lieben. Es ist die Flucht vor den
Irreführungen des Treibens der Welt, die diese beglückende Hellsichtigkeit in
mancher Stunde im Gemüt entstehen lässt - ich weiss es. Aber manchmal überkommt
mich dennoch, - ich nach sagte es Dir schon, - etwas wie bange Sehnsucht nach
jenem verwirrenden Brausen, - nach der dumpfen Musik des tätigen Lebens. Fast
sehne ich mich dann, den geraden und glatten Weg, den ich nun wandle, wieder zu
verlassen und an jenen vielfach verkreuzten Pfaden, - von neuem - irrend - die
Richtung zu suchen. Stimmen erheben sich, Stimmen der Verführung, Stimmen, die
zur Unrast der Welt hinlocken und zu wagemütiger Beteiligung an den Gefechten
des Tages. Dann sage ich mir wohl: ist das eine Antwort, die ich hier erhielt, -
oder ist es nicht eine neue Frage jener ewigen Sphinx?... Weisst Du, was die
Koralle im Meer bedeutet? Darwin erzählt, dass jene Korallenriffe die letzten
Anstrengungen untersinkender Kontinente sind, - ihre Häupter über Wasser zu
halten. Und ich? Habe ich nicht das Atmende und Lebende und Zuckende meiner
Seele zu rosiger Versteinerung gerüstet? Eine letzte Anstrengung untersinkender
Kontinente?... Die Sphinx blickt mich an mit toten, steinernen Augen ...«
    Und Olga dachte: Weit - weit ist der Weg nach Indien. Die gelbe, mönchische
Toga, die er jetzt nur geliehen, - sie zu erwerben wird ihn einer hindern: sein
Genius, - sein Dämon? Wer wollte das entscheiden. - - -
 
                                 Elftes Kapitel
                                    Sammlung
 »Wer frei von hinnen geht,
 Der ist's in Ewigkeit.«
                                                                        Rückert.
Die goldenen Oktobertage waren vorüber. Der November war da, und dicht lagen die
milchweissen Nebel vor den Fenstern und machten sie undurchsichtig. Für kurze
Minuten nur hob und verteilte sich diese brauende Nebelmasse. Und wenn Olga
jetzt an Italien dachte, so wuchs ihr die Sehnsucht danach, die Sehnsucht und
der Mut. Jetzt band sie hier nichts mehr, - jetzt war sie frei. Wohl war diese
Freiheit noch nicht jene fröhliche, jene warme, die neue Gestaltung ruft. Es war
eine Freiheit, die sich manchmal wie Eis um das Herz legte, - niemandem gehörig,
von niemand gefesselt und durch keinerlei menschliche Bande mit einem bestimmten
Orte verknüpft, - so mochte sie gehen oder bleiben, - so war sie frei. Das war
freilich noch nicht jene Freiheit, - von der er gesprochen. Mit wehmütiger
Inbrunst barg sie das Bild, dessen Glanz auf ihr Leben gefallen war, tief in
ihrem Herzen. Sie verschloss es da so fest, wie jene uralte, bronzene Urne
verschlossen war. Leuchtend und unnahbar baute sie in ihrem Herzen, weiss und
steinern, ein Grabmal um diesen teuren Überrest ihres Glückes, und ihr rotes
Blut rauschte darüber, - wie das Laub einer einsamen Buche ...
    Wenn sie jetzt an Rom dachte, so war es nicht mehr mit den Worten aus dem
Tasso: »Schmerz, Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich.« So hatte sie nur
denken können, solange es hier Stunden gegeben, auf denen das Licht ihrer Liebe
lag. Jetzt? Wo konnte sie einsamer sein, wo konnte die Trübsal sie schneller
erreichen als hier? Sie dachte jetzt mit anderen Worten Goetes: »Trübe der
Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte, - farb- und gestaltlos die
Welt um den Ermatteten lag ...« Und eine unüberwindliche Sehnsucht nach dem
»Glanz des helleren Äters« wurde immer stärker in ihr.
    Stanislaus riet dringend zur Reise. Er ahnte, was sie hier gelitten, und er
wusste, dass ihre empfängliche Seele jetzt Sonne und wieder Sonne brauchte, um
aufzuleben; und da es nicht die Sonne eines glücklichen Schicksals sein konnte,
so mochte es der Glanz der südlichen Landschaft sein, von dem er für sie
Erweckung zu neuem, starkem Lebenskampf erwartete. Sie sollte sich um die
Führung ihrer Korrespondenz keine Sorgen machen, Lore war gut informiert, würde
ihr die wichtigsten Einläufe nachsenden und den Vertrieb geschickt besorgen. Sie
sollte nicht zögern und reisen, nicht für wenige Wochen, nein, dem ganzen,
deutschen Winter sollte sie entfliehen und erst im Frühling oder im Sommer, mit
neuen Kräften, wiederkehren. Olga meinte, es sei nur selbstverständlich, dass
Lore unter solchen Verhältnissen Mitbesitzerin der Korrespondenz würde.
Stanislaus schob jede endgültige Regelung dieser Frage hinaus; nach ihrer
Rückkehr würde sich das finden.
    Der Plan der Reise gewann immer festere Gestalt. Wenn Olga zu ihren Wegen
nach der Stadt meist nur die Mittagsstunden benutzen konnte, nach Hause kam, mit
kalten, nassen Füssen und bald nach dem Mittagessen die Lampe anzünden musste, da
schoben sich ihr zauberhafte Szenerien, wie Luftspiegelungen, vor die Seele. Da
war das Meer, das sie nie gesehen, - tiefblau funkelnd, mit zart bewegten
Hügeln, aus deren geborstenem Kamm es weisslich schäumte, - mit Dampfern und
Seglern auf dem Rücken und Vogelscharen über sich, deren geschlossenen Flug sie
wie eine dunkle, sich bewegende Linie zu sehen glaubte. Sie sah eine Küste, mit
hellen, flachgedeckten Häusern, frohlockend im Sonnenlicht. Die schlanken Kegel
der Zypressen und die raumheischenden Kronen der Pinien, die nachbarliche
Verschlingung nicht dulden, hoben sich vom Horizont. Sie sah Oliven und Reben
flinkfüssig über wellige Hänge klettern und über allem, zitternd und schwingend,
das weisse, durchsichtige Licht des Südens.
    Und dabei sass sie in einer Berliner Vorortsstube bei der Lampe oder eilte,
in Nässe und Kälte, mit schweren Kleidern, durch die Strassen. Und sie blickte
auf einen kleinen Sonnenfleck, der manchmal längere Zeit auf dem Boden der
Loggia blieb, und ihre Phantasie weitete ihn und spannte ihn über das Firmament.
Die Sonne, die Sonne - das war jetzt für sie das gelobte Land. War es Manfreds
Tod, oder waren es die Worte aus Werners Brief, die ihre Seele gereinigt hatten
von jenem »dunklen Zwang«, die sie hochgehoben hatten über das wühlende Leid,
welches vordem ihren Lebenswillen zu begraben drohte? Über dem Leid, das sie
jetzt empfand, lag ein Hauch von Frieden, - Wehmut war gekommen und hatte
Erbitterung, Auflehnung und den finsteren Gram verdrängt. Nur für Stunden kam
noch diese Bitterkeit über sie, die einem Schicksal galt, das sich durch keinen
Besitz gefestigt fühlte. Sie ging nun diesen Winter nach Italien, - wie sie im
vorigen nach Schlesien gereist war. Ob ihr Weg sie in Schnee und Winter oder zum
Lichte des Südens führte, - wen ging es an, wer fragte danach! Verlassen damals,
vereinsamt heute und niemand gehörig, heute wie damals. Aber mit wiederkehrender
Kraft schwang sie sich mutig über solche Stimmungen, die sie verdüsterten. Sie
bemühte sich, die Wohnung zu vermieten, und nach kurzer Zeit gelang es ihr. Nun
hiess es, die Möbel in Aufbewahrung geben. Ein Teil kam zu Stanislaus und Lore,
der Rest, für den dort kein Platz war, zum Spediteur. Es war eine lästige Arbeit
für sie, all ihre Habe vom kleinsten bis zum grössten Gegenstand, durch ihre
Finger gehen zu lassen und bei jedem Stück zu überlegen: wohin damit, - was
brauche ich davon, was kann ich entbehren, wohin lege ich dies und wohin jenes,
damit ich es auch seinerzeit wiederfinde. Ihre überflüssige Garderobe verpackte
sie in Koffer, und als sie nach einiger Zeit merkte, dass sie doch noch manches
Stück daraus brauchte, da lagerten die Koffer schon im Keller des Spediteurs,
und sie musste hinuntersteigen und allein in dem weiten, dunklen Keller in ihren
Koffern nach den gewünschten Sachen suchen; und weil ihre Seele noch wund und
empfindlich war, so prägten sich solche Szenen der Düsterheit, die Zeugnis
ablegten von zerrissenem Besitz, von Mühsal und Einsamkeit, schmerzlich in sie
ein.
    Aber trotz aller Bedenken und Beschwerden sollte die Reise angetreten
werden, - denn sie schien »erlaubt« - in dem Sinne, wie Eva das Wort verstand;
ja sie erschien geboten.
    Sollte sie über Genua, Mailand oder Verona fahren, die Strecke über den
Simplon, den Gottardt oder den Brenner wählen? Fuhr sie über den Gottardt, so
war sie den italienischen Seen nicht fern. Sollte sie Werner aufsuchen? Auch
diese Frage tauchte auf, aber sie verneinte sie schnell. Der musste noch lange
sich selbst allein überlassen bleiben, und ihr Erscheinen wäre ein heftiger
Eingriff in den geschlossenen Zustand seines jetzigen Daseins gewesen. Wäre Edda
noch in Genua gewesen oder selbst an der azurischen Küste, so würde sie den Weg
über Genua gewählt haben, um sie hier zu treffen. Aber Edda lebte in Paris, wo
Mr. Macpherson sie im Frühling abzuholen pflegte, um dann bis zum Herbst mit ihr
im Car durch Europa zu reisen. In seine Heimat war sie ihm nicht gefolgt, denn
es hätte weder seinen noch ihren Wünschen entsprochen, in Heimlichkeit neben der
gesellschaftlichen Sphäre, in der er zuhause war, sich zu verbergen ... So traf
sie ihn nur, wenn er in Europa war und lebte in der übrigen Zeit in Paris, im
Rahmen der Gesellschaft, die der Witwe des berühmten Gelehrten Tür und Tor
geöffnet hatte. Ihre sehr diskret gepflegten Beziehungen zu dem amerikanischen
Millionär, von denen man munkelte, begegneten hier gefälliger Nachsicht und
vollem Begreifen. Man fand sie »belle à miracle«, und das vornehme, kleine
Hotel, das sie mit ihrer Dienerschaft bewohnte, wurde von den Angehörigen der
besten Kreise, in die sie die Familien hervorragender Ärzte eingeführt hatten,
gern besucht. So war auch dieses Leben - nach zwei Seiten hin, - befriedigend
geordnet ...
    Eva wohnte nun nicht mehr in der Nähe des Grunewalds, sondern war mit ihrem
Töchterchen ganz ins Haus von Frau Wallentin übersiedelt, deren letztes Sehnen
an der Heimkehr ihres Sohnes Florian und dem werdenden Leben hing, das Eva unter
dem Herzen trug.
    Als Olga abreiste, war ihr Zustand schon weit vorgeschritten und das Bildnis
der hoffenden Frau, die auf dem Bahnsteig stand und so lange mit dem Tuche
winkte, als der Zug zu sehen war, war das letzte, das Olga aus jener Stadt, die
ihr fast eine Heimat geworden, mitnahm.
Noch in München, wo scharfe Herbststürme wehten und der Regen täglich ein
paarmal den Menschen auf die Köpfe fiel, wollte die Schwermut nicht von ihr
weichen. Aber als sie sich am ersten Morgen in Florenz die Augen rieb, - das
Licht in klarer Stärke durch die Fenster hereinbrach, und über dem lauten,
bunten Strassenleben die Sonne so festlich glänzte, als hätte sie sich zu ihrem
besonderen Willkomm gerüstet, da fiel mit einem Schlage alles, was ihr Wesen
bedrückt und niedergeschwert hatte, von ihr ab. Die Reaktion ihrer Natur auf die
Atmosphäre des Südens, auf dieses Klima, diese Luft, dieses Licht, diese starken
Farben und scharf umrissenen Formen, war eine vehemente.
    Stufenweise begann sie sich in den grossen Kunstepochen, deren Monumente
Florenz umschloss, zurechtzufinden. Sie begann mit Giotto, stieg weiter hinauf zu
den Entzückungen des Fra Angelico, schwang sich in die reineren Höhen des
Ghirlandajo; von Bruneleschi kam sie zu Michelozzo, und von da erst näherte sie
sich zagend den Höhen Michelangelos. Hier, in Florenz, sah sie zum erstenmal die
Entwürfe zur Sixtinischen Kapelle, und ihr Herz klopfte höher, wenn sie an Rom
dachte. Aber mehr noch als die Schätze der Museen und die Wucht der Paläste gab
ihr die Umgebung. Dieser Kranz von Bergen, dicht mit kleinen Dörfern und Villen
besäet, überragt vom alten Fiesole, von Obst, Oliven und Reben beladen, die
jetzt in herbstlicher Glut standen, von Zypressen und Pinien gekrönt, - dieser
Kranz, der sich da um die Stadt herumschloss, übertraf all ihr Erwarten. Als sie
hoch oben in Fiesole, auf dem uralten Platze stand, auf dem das Etruskische
Museum steht, vor sich die grosse Treppe sah, über welche gerade ein
Kapuzinermönch hinunterging, als sie diese weite Hügellandschaft in deren Mulden
Florenz liegt, überblickte, da schien sie sich selbst wie von einem Alpdruck
erlöst. Sie war den ganzen Nachmittag in den etruskischen und römischen Ruinen
und in dem kleinen antiken Museum da oben herumgestiegen, und der Sinn, der sie
befähigte, diese alten Schätze zu betrachten, war ihr ein durchaus neuer.
Niemals hatte sie gedacht, dass man einen versteckten Sinn für Archäologie
urplötzlich in sich entdecken könnte. Vielleicht war es nur ein hohes
körperliches Wohlbefinden, das sie befähigte, ihre Augen auf den Dingen ruhen zu
lassen und liebevoll ihren Formen nachzugehen. Manchmal war ihr, als sähe sie
das helle Antlitz Manfreds, welches sie mahnte: betrachte - betrachte liebevoll
die Erscheinung ... Wenn sie nun an ihn dachte - wie er gelebt und wie er
gestorben, - dann war es ihr, als ob auch über diesem jähen Verschwinden eine
geheimnisvolle Logik des Schicksals läge ... Denn von dem bestehenden Heute zum
kommenden Morgen, zu seiner Zeit, war - so schien es ihr - ein zu weiter Weg, um
ohne Stufen genommen zu werden. Zwischen der Gegenwart und zwischen dem neuen
Tag, den er sah, mussten Übergänge liegen, damit sein Werk zu reiner Wirkung
gelange.
    Und seine Erscheinung war aufgeleuchtet und verschwunden, wie die Fata
Morgana eines möglichen Zieles, zu dem der Weg noch weit war ...
Sie hatte das Weihnachtsfest in Rom verlebt. Die Regenzeit verbrachte sie mit
der Besichtigung der Sammlungen, der Raffaelischen Loggien und Stanzen und -
immer wieder - der Sixtinischen Kapelle. Träumend stand sie vor der Weisheit der
Sibyllen, oder betrachtete, mit dem Spiegel über dem Kopf, die Anmut Evas, die
Gottvater, mit gnädiger Erlöserhand, aus der Rippe des schlafenden Adam
herauswinkt. Und Adam selbst, - wie liegt er leblos auf der Böschung der runden
Welt, ein armer Koloss, bevor ihn nicht der ausgestreckte Finger des
heranschwebenden Herrn berührt und er, noch verfangen im Schlafe des Unbewussten,
langsam zur Welt erwacht.
    Einmal, als sie hier stand und wanderte, wurde gerade ein Trupp Engländer
hereingeführt. Noch bevor das Pfefferminzplätzchen, das sie zur Erfrischung
genommen hatte, auf ihrer Zunge zerschmolz, gingen sie, mit dem Urteil »a nice
place« und unter Mitnahme einiger Steinchen aus dem »Müsaik«, die sie von dem
Fussboden, der gerade restauriert wurde, emsig auflasen, wieder dem Ausgang zu
... Zu längerem Aufentalt hatte sie sich in einer Pension eingemietet. Wäre sie
nicht ganz allein hier gewesen, so hätte nichts sie vermocht, sich täglich
mehrmals mit dieser fremden Schar zu Tisch zu setzen. Hier in dieser göttlichen
Stadt - hier hätte man mit einem Gefährten wandern müssen ... Wie hätte man dann
in den kleinen Trattorien, draussen vor den Toren, festlich speisen können! Ein
Greuel waren ihr diese von maskenhaftem Lächeln begleiteten Gespräche, die an
der Table d'hôte geführt wurden und allesamt zu dem einen Zweck verschworen
schienen: nichts zu sagen. Ihre Nachbarin bei Tisch, eine ältere Tochter
Albions, fragte, als sie hörte, sie sei Österreicherin, nach der Affäre Vecsera
... »oh - she was a girl witout principles«... Nach und nach erschien sich
diese Intellektuelle geistig wie ein Fisch auf trockenem Sande und sehnte sich
manchmal nicht wenig, nur eine Stunde mit einem Menschen so reden zu können, wie
sie es gewohnt war; hier in der Ferne erst, erhielt die deutsche Metropole, die
Hochburg geistigen Ringens, für sie die rechte Perspektive.
    Freilich, - im Sonnenglanz auf dem Forum umherzuwandern und da mit dem »neu
entdeckten Sinn« das alte Rom im Geist aufzubauen, das war freilich auch ein
ganz besonderes Glück. Sie durchquerte die weiten Stätten mit den erhabenen
Trümmern. Von hoch oben - durch den Titusbogen - waren die Sieger eingefahren.
Stehend lenkten sie das Gespann über die alte, heilige Strasse. Das Haus der
Vestalinnen, klosterhaft abgeschlossen, ragt noch als grosse, runde
Backsteinruine. Die Marmorblöcke weiter oben - Trümmer des Augustustempels.
Links haftet das Auge an den acht Säulen des Saturntempels, alle ähnlich
verfallen, als hätten sie am selben Tage zu bersten begonnen. Von ihren plumpen,
jonischen Kapitalen flüchtet der Blick auf das edle, korintische Gebälke der
drei verschwisterten Säulen, die vom Tempel des Kastor und Pollux geblieben
sind. Mächtige Tuffquadern liegen unter einem Bretterdach geborgen, wie Blöcke,
mit denen Riesen gespielt, - Reste des Altares des Vulkanus; und im Comitium der
alten, republikanischen Gerichtshalle sind noch die Bogenfenster, zugemauert,
erhalten. Noch leuchtet auch der köstliche Marmorboden der Basilica Aemilia..
Schmale Durchgänge und Pfade führen durch alle diese Trümmer immer wieder zur
Via Sacra ...
    Hier ging sie Stunden und Stunden. Sie lehnte sich an die Rostra, die
Rednerbühne, welche Cäsar errichten wollte und die Augustus ausgeführt. Hier
stand sie, nahm mit den Augen das im Lichte strahlende Bild, diesen ungeheuren
Platz voll von Ruinen, zwischen denen sich ihr immer geübterer Blick immer
besser zurechtfand. Nicht selten dachte sie dann auch an das, was sie zu sagen
hatte, später sagen würde, - zuhause. Und an die Brüstung der Rostra gelehnt,
formte die Rednerin der jungen Zeit manchmal halblaut ihre Gedanken, - über die
mögliche Freiheit des weiblichen Schicksals. - - -
    Sie war erfreut, als sie endlich einen längeren Brief von Stanislaus
erhielt. Bisher hatten sich seine Nachrichten auf kurze Mitteilungen beschränkt.
Das Erscheinen seines Buches über die Stiefvaterfamilie und der neuen, von
Manfred gegründeten Zeitschrift, deren Chefredakteur er war, hatten ihn voll in
Anspruch genommen. Der freundliche Hafen, in den sein Schicksal eingelaufen war,
bot aber wohl eine gute Stätte für ihn, denn schon bereitete er wieder ein neues
Werk vor.
    Er berichtete, dass sein erstes Buch über die Probleme der Moderne bald in
neuer Auflage erscheinen sollte, und dass er eben dabei war, diese Neuauflage zu
bearbeiten. »Es muss eine verbesserte Ausgabe werden«, schrieb er; denn wo er in
der ersten Bearbeitung angegriffen hatte, musste er erklären und ergänzen. Man
hatte sein Buch als eine Absage an die Moderne aufgefasst. Dieser Meinung musste
er entgegentreten. Klarer als früher erkannte er die tiefsten Werte jener neuen
Epoche. Hinter der angeblichen Ziellosigkeit, die panikartig heute diese
Streiter durcheinandertrieb, erkannte er doch ein starkes Zielwandern, eine
unaufhaltsame Bewegung, die den Weg zur Höhe suchte. »Wo wäre eine Epoche,« so
schrieb er, - »in der eine ganze, grosse Schicht so sehr gegen sich selbst rang,
wie unsere Schicht - in unserer Gegenwart. Diese Halbnaturen«, so schrieb er,
»sind heute so zahlreich, weil in einer Generation Erfüllung nicht möglich ist.
Aber Bewegung ist da, die vorwärts schiebt, verdrängt und ausliest. Und wenn man
genau hinsieht und hinhorcht, so merkt man ordentlich, wie es in den Gelenken
dieses grossen Lebewesens - welches eine Generation einer bestimmten
Kulturschichte respräsentiert - kracht, wie es sich dehnt, wie es wächst ... Es
bleibt noch das schwerste Bedenken: dass die Intellektualität auf Kosten der
Instinktkraft steigt. Das wäre freilich schlimm. Denn kein Homunkulus, und sei
er noch so kunstvoll gegliedert, ersetzt die Weisheit von Fleisch und Blut. Aber
ich - glaube - kann ich nur sagen, denn zum Wissen dieses Dinges ist noch weit,
- ich glaube und ahne, dass auch dies nur ein Übergangsstadium, eine aufhaltende
Biegung des Weges ist, und dass der vollkommene Intellekt überhaupt nur durch das
Medium hochentwickelter Instinktkraft wird. Darum Züchtung und Förderung dieser
Kraft, - - doch hier beginnt ein neues Lied - Manfreds grosse Lehre.« - - - Dann
sprach er von seinem neuen Buche. Diesmal waren es Gestalten, die ihm
vorschwebten und ihre lebendigen Schicksale von ihm verlangten. »Als Träger der
Handlung sehe ich Einen aus der jungen Generation hochassimilierter,
weltbürgerlich freier Juden. Ich sehe ihn als eminenten Vertreter
intellektuellen Ringens. Sein Herz birgt noch die alte Inbrunst vom Sinai -
seine Seele liebt vielleicht die Gesänge, zu denen an den Wassern des Euphrat
die Harfen tönten, - von Tränen betaut, - aber seine Vernunft klettert kühn auf
die Gipfel westlicher Kultur, bis zu Darwin, Nietzsche und Kant.«
    So schrieb er, glühend von Plänen. Und dieser Ausdruck geistigen Ringens -
er war einzig auch ihre Sprache und lockte ihre Sehnsucht, wieder dort zu
stehen, wo der berauschende Kampf mit den eigenen Kräften ihrer wartete. Dort
war die Sphäre, in der sie wurzelte, - nur dort. Die Skrupel, die die geistig
Arbeitenden fast nie verlassen, wenn sie auf dem Wege sind, auszuruhen, zu
geniessen, meldeten sich; aber sie war klug genug, um zu wissen, dass ihre
Energie, die über ihre Kraft von den Vorgängen der letzten Zeit beladen gewesen,
erst noch schlafen musste, ruhig liegen, wachsen, sich im Schlafe erneuern und
vor allem - reifen, ohne aktives Tun, wie die Frucht am Baum reift, während sie
sich der Sonne überlässt. Auch sie musste sich noch hier der Sonne des Südens
überlassen, bevor sie, eine stärkere, heimwärtszog.
Es ging schon zum Frühling zu, als sie wirklich das blaue Meer sah. Auf der
Felseninsel öffneten sich schon die Knospen der Kakteen und Agaven, die aus dem
Gestein wuchsen, Limonen- und Orangenbäume standen im neuen Grün und rüsteten
für die Blüte; die Pinien hatten zarte, helle Spitzen. Hier auf Capri wollte sie
noch längere Zeit bleiben.
    Am liebsten stieg sie vom hochgelegenen Ort hinunter, kletterte gewandt über
den Rücken der Berge, bis ganz dicht ans Meer heran.
    Und hier sah sie eines mittags, während sie sich sonnte, einen jungen Mann,
dessen Gesicht eine Ähnlichkeit mit irgend jemand hatte, den sie kannte, ohne
dass sie sich besinnen konnte, wer es war. Dieses ovale, gebräunte Gesicht, mit
dem schwarzen Spitzbart und den sanften, mandelförmigen, dunklen Augen,
erinnerte sie an - - - Sie suchte in ihrem Gedächtnis. Und plötzlich wusste sie
es: an die alte Frau Ullmann, die auf Krücken ging, und die sie im Bunde
getroffen. Der junge Mann ging; aber wenige Tage später traf sie ihn wieder, -
an der Seite einer zierlichen, kleinen Frau, mit runden, geröteten Wangen und
einem Paar Augen, die ordentlich wild funkelten, ohne den friedlichen Ausdruck,
den das Gesicht sonst trug, zu gefährden. Wenige Tage später erhielt sie ein
Kärtchen: »Gnädiges Fräulein! Ich habe erfahren, dass Sie hier sind. Verzeihen
Sie uns, meiner Frau und mir, die Kühnheit der Annäherung. Aber wir kennen seit
langem Ihren Namen und würden es zu schätzen wissen, Sie begrüssen zu dürfen.
Bruno Ullmann.«
    Zwischen Olga und diesem jungen Paar entspann sich nun ein reger Verkehr.
Das also war der einzige Sohn Frau Ullmanns, von dem jene ihr erzählt hatte.
Bald erfuhr sie die Geschichte dieses Paares und wurde Zeugin ihrer Lebensweise.
Sie hatten lange in einem Dorf in den Apeninnen gelebt, - aus dem einfachen
Grunde, weil sie nur ein Einkommen besassen, von dem anderwärts kaum ein Mensch,
wenn auch auf die bescheidenste Art, leben konnte. Erst in letzter Zeit hatte
die Mutter ihr Vermögen besser angelegt und konnte dem Sohn eine grössere Rente
gewähren. Nun lebten sie auf Capri, unten an der Marina piccola, in einem
Häuschen, dicht am Meer. Sie hatten da eine winzige Wohnung gemietet und mit dem
allernotwendigsten Hausrat ausgestattet. Seltsam erschien es Olga, dass dieser
junge Mann sich von der Heimat fernhielt, ohne den Versuch zu machen, einen
Erwerb zu finden. Aber als sie das Paar längere Zeit beobachtet hatte, wusste
sie, dass er zu jenen gehörte, an welche normale Forderungen zu stellen anormal
wäre. Stundenlang lag Bruno am Balkon im Streckstuhl, oder er lagerte zwischen
den Klippen. Langweile kannte er nicht. Seine Seele war friedlich. Ab und zu
schrieb er ein Gedicht nieder, mit dem er keinerlei Absichten hatte, wie sie
Schriftsteller sonst zu haben pflegen. Und dann war er ein Freund der Vögel. Sie
hatten einige Käfige, voll dieser bunten Sänger, die Bruno zum Teil vor den
Capresen gerettet hatte; wenn im Netz, das die Insel umspannte, die Wachteln
schluchzten, oder gar die Höheren aus dem geflügelten Reich, Lerche und
Nachtigall, ihre klagenden Stimmen hören liessen, so war er eifrig dabei, sie zu
befreien, sie für einige Tage in sein Vogelhaus zu bringen und sie dann
auffliegen zu lassen, wie weiland Lionardo da Vinci ...
    Seine Frau Susanne war vor allem Hausfrau. Sie räumte, kochte und schaffte
den ganzen Tag. In der kleinen Wohnung herrschte eine Ordnung, die in Wahrheit
das gewöhnliche Beiwort »peinlich« verdiente. Wenn sich ein Gegenstand im
Gebrauch auch nur im mindesten verschob, gleich musste er wieder in die
einmalfestgesetzte Lage gebracht werden. Diese peinliche Hausfrau hatte
Schicksale hinter sich, die nichts weniger als geeignet schienen, sie zu dem zu
machen, was sie war. Als Kind schon wurde sie in die Tiefe gestossen. Aus
ursprünglich wohlhabend bürgerlicher Familie, war sie durch den Tod der Eltern
früh verwaist. Eine Tante in Amerika hatte sie zu sich genommen. Dort, wo die
Kinderarbeit erlaubt ist, hatten die kleinen Finger der kaum Zwölfjährigen in
einer Zündhölzerfabrik ihr Brot verdient. Aber das kleine Geschöpf dachte nicht
daran, sich hier zufrieden zu geben. Sie hatte Talent für Gesang und Tanz und
arbeitete sich aus der Fabrik zum Variété hinauf. Hier hatte sie einmal eine
mimische Szene, in der eine so starke dramatische Begabung sich ausdrückte, dass
ein einflussreicher Teatermann, der zugegen war, sie von da fortnahm und sie für
die Bühne ausbilden liess. Susanne war ein überwacher Intellekt, ein
ungebärdiges, unbeeinflussbares Temperament und zum übrigen von einer Art
Exakteitswahn beschwert. Mit all diesen Eigenschaften zusammen vermochte sie
sich am Teater nicht zu halten. In schweren Zeiten, da sie ohne Brot war,
geriet sie auf dunkle Wege, -schliesslich in die Hände eines Mädchenhändlers, der
sie in ein Haus nach Tunis brachte. Von hier entfloh sie, auf einem europäischen
Schiff, dessen Kapitän sie sich zu Füssen geworfen hatte. Bruno hatte sie in
Berlin kennen gelernt. Dort war sie im Geschäft eines Tapazierers und
Dekorateurs untergekommen. Mit augenblicklichem Entschluss hatte er in ihr seine
Herrin und darum seine Gefährtin erkannt und gefunden. Und wirklich war diese
Ehe eine selten glückliche. Es fehlte ihr nur eines, um vielleicht ganz eine Ehe
zu heissen, - die Reibung der Persönlichkeiten aneinander, die die beste Schule
des Lebens ist, für die - die sie bestehen. Diese beiden Leutchen tolerierten
gegenseitig alle ihre Sonderlingsgewohnheiten. Susanne hatte niemals, auch in
der tiefsten Tiefe, in die sie das Schicksal gestossen, ihre kompromisslose
Herrschsucht eingebüsst, die sich mit vollkommener Güte in ihr einte. Sie hatte
auch nie ihre exakte Hausfrauennatur verleugnen können. Nie die Umständlichkeit,
mit welcher sie von kleinen Dingen sich grosse Wege versperren liess. Hier, als
unbedingte Herrscherin eines Mannes, dessen Leben sie, mit seinen Neigungen
rechnend, leitete, als absolute Regentin einer winzigen Häuslichkeit, war sie an
ihrem Platz. Zwischen all den vielen kleinen Obliegenheiten, mit denen sie ihr
Leben belud, verfolgte sie zeitweilig auch Pläne grösserer Art; so war sie jetzt
entschlossen, den Haushalt auf Capri bald aufzugeben und nach Berlin
zurückzukehren. Hier wollte sie sich in der Kunstfertigkeit der Dekorateurin
weiter bilden und mit der ihr eigenen Geschicklichkeit im Arrangieren von
Stoffmassen Brot für sich und Bruno schaffen.
    Da waren sie wieder, denen Olga entflohen zu sein glaubte, - jene, die
innerhalb der Zone der bürgerlichen Welt doch ihre eigenen Wege liefen, -
manchmal krumme und absonderliche Wege, - die nicht mitten durchs Leben durch,
sondern neben dem Leben lagen ... Und doch - sie waren ihr verwandter als
andere, und sie hatte sie auf ihrer Wanderschaft schon ehrlich entbehrt.
    Die Ostertage waren vorbei. Olga genoss noch, im April, die phantastische
Pracht der Rosenblüte, die in riesigen, leuchtenden Büschen stand. Duftströme
überfluteten Campanien. Über den Mauern der Gärten, zwischen denen sich die
engen, krummen Gässchen durchwinden, reckten und rankten sich Wein und Lorbeer,
Kaktus und Myrte. Der Himmel hing hoch, und war nächtlich besternt, dass er
erschien, wie ein schimmerndes Riesennetz, auf dunklem Grunde.
    Da kam ein Brief von Frau Wallentin. Ob sie denn nicht bald wiederkäme? Und
Eva habe einen Sohn geboren, ein schönes, starkes Kind; und beide wären wohl.
    Und da war auch in ihr, in Olga, etwas, das geboren werden wollte, - aber
nicht in diesem Blütenlande; eine andere Wiege brauchte das. Jener Gedanke, den
Manfred in sie versenkt hatte, - war langsam, keimend, in ihr gewachsen, - und
wollte zutage treten.
    So entsagte sie dem südlichen Frühling, der ihre Seele in Träumereien hielt
und rüstete zur Heimkehr.
Wie Bangigkeit kam es über sie, als sie in München wieder auf deutscher Erde
stand. War sie auch stark genug, - zurückzukehren? Ihr war, als brauchte sie
noch einige Tage einsamer Sammlung.
    Sie fuhr über Türingen und unterbrach hier ihre Reise. Sie wanderte von der
Bahnstation, auf der sie ausgestiegen war, bis zu dem Städtchen, in dem sie
nächtigen wollte; über ein weites Hügelland, mit flachen Mulden, Schonungen,
Wiesen und Wäldern, wanderte sie; Gold und Sonne, in frischer Waldluft war
alles. Die Zweige der Birken schienen in der feuchten Luft rötlich-violett und
hoben sich von dem herben Grün der Tannen. Zeitweilig schwieg der Tannenduft,
und der der Kräuter wurde stark. So wanderte sie einen halben Tag.
    Sie begegnete einer Schule, einer Kinderschar, die von ihren Lehrern
hinausgeführt wurde. Und die Kinder sangen das erwartende Lied:
»Lasset uns singen,
Lasset uns springen,
Frühling - Frühling - wird es nun bald!«
Am Abend in ihrem Zimmer trat sie ans offene Fenster. Mild und duftschwer
strömte ihr die Luft entgegen. Sie blickte hinaus in die Tannen, die das Haus im
Halbkreis umgaben. Am Nachmittag waren die Stämme und die Kronen in eins
geschlossen gewesen. Abends aber waren die Stämme wie verschwunden und nur die
Wipfel rotgolden überstrahlt, dass alle Zweige sich gesondert in die Stille
streckten. Jetzt, in der Nacht, erschienen die Tannen, die das Haus in
entferntem Bogen umgaben, wie ein dunkler, hoher Wall, aus dem sich nur der
Zackenrand ihrer Spitzen heraushob. Vom Fenster aus blickte sie auf eine kleine
Wiese, die von den Tannen umgeben war. Links drüben war eine Fahrstrasse, auf
deren anderer Seite ein weiter Bergrücken anstieg, ein sanfter Hang, über den
das Städtchen hinaufkroch; da lehnten sie dicht aneinander, die spitzgiebeligen
Türinger Häuschen, kletterten aus ihrer Mulde heraus, beengt, als suchten sie
sich übereinander herauszudrängen, bis sie, in immer schmäleren Reihen, immer
vereinzelter, an dem Berghang den Atem verloren und stillehielten; über ihnen
aber stieg, wie eine hochgewölbte Riesenbrust, die Wiese auf, die sich auf der
Höhe in den Tannen verlor.
    ...Und während sie so am Fenster lehnte, hinaushorchend in den nächtlichen
Wald, eins mit ihrer Einsamkeit, da kam es wie Wehmut über sie, - Wehmut aus dem
weiten All. War denn Leid das ewige Erbe der Welt? Und ihre innerste Stimme
wurde laut und rief ihr die Antwort zu: Die Freude ist die Seele der Welt.
Dieses Leid überwinden, überwachsen, - das ist die Aufgabe der ringenden
Kreatur. Wann wird sie gelöst sein, diese Aufgabe?...
    Horch, - das war Gesang. Das scholl aus der Weite gedämpft, verschleiert,
kam näher und näher, wurde lauter und heller. Und da - drüben auf der
Fahrstrasse, - da schob sich ein Trupp kleiner Leutchen durch die Dunkelheit und
an den Stöckchen, die die Kinder hoch hielten, hingen bunte Papierlampions. Die
Kinder waren es, die Schulkinder, die nach Hause zurückkehrten. Und sie sangen
das Lied, - das Lied der Jugend, - der wachsenden Zukunft ... »Frühling -
Frühling - wird es nun bald ...«
Wie war sie froh, ihr Inkognito los zu sein, nicht mehr, wie unter fremdem
Namen, als Pensionsgast an langen Tischen zu sitzen, leere Gespräche höflich
anhören und die eigenen Gedanken verbergen zu müssen. Als sie Berlin wieder
betrat, - da staunte sie: das war ja etwas wie Heimatsgefühl, das sie hier
empfand. Nie vorher hatte sie gedacht, dass es irgend wo ein »Zuhause« für sie
gab. Sie wohnte zuerst bei Stanislaus und Lore. Erst später wollte sie wieder
eine eigene Wohnung nehmen, ihre sieben Sachen zusammensuchen und wieder
aufstellen. Sie fand Stanislaus in gefesteter Stimmung, in zärtlicher und
heiterer Vereinigung mit seiner Frau und, - wie er sagte, - »dick befreundet«
mit Lörchen. Lore hatte wie früher ihr gutes, kräftiges Lachen. Der Glanz ihrer
grauen Augen war noch heller geworden, wie ihr ganzes, brünettes Gesicht. Sie
war üppiger und frauenhaft ruhig. Sie ging, wie vorher, ihrem Beruf nach, und
die Sorge für das Familieneinkommen verteilte sich auf sie beide. Zufrieden
waren diese beiden, dass sie zusammensassen, fest verbunden und verbündet, dass sie
sich verständigten in gemeinsamer Sprache, und dass sie in diesen lieben,
heimischen Winkel alles hineintragen konnten, was sich von aussen zu ihnen
drängte, was sie empfingen und sammelten wie die Fischer, die ihre Netze ins
Meer werfen.
    Und dann gab es ein Wiedersehen draussen im Grunewald. Mit grosser Sehnsucht
strebte Olga ihrer alten und ihrer jungen Freundin zu.
    Sie war noch immer schön und licht, die alte Frau, nur in ihren Augen lag
gebannt ein Leid, - dem sie nicht vergönnte, überzuströmen, - denn Florian
sollte heimkehren!... Sie dachte jetzt viel an das Dunkle ... Olga fand sie bei
der Lektüre eines teosophischen Werkes.
    »Es ist gut gemeint«, sagte die alte Frau und deutete auf das Buch, - »es
ist wunderbar erfunden: das Leben eine Sparkasse, deren Einlage man bei der -
Wiederkehr als Kapital vorfindet und behebt ... Ausgestattet mit dem früher
erreichten Entwicklungsgrad, tritt man ein neues Leben an ... Die Vergangenheit,
die man im Verlaufe seiner früheren Lebensläufe erwarb, - entscheidet über die
Qualifikation der Materie, die gegenwärtig der Träger des Ich ist ... Sehr gut
gemeint, - sehr wunderbar ausgedacht! Wer nur daran glauben könnte! Schade,
schade ... ich kann es nicht.«
    So war nicht einmal ihre heisse und bange Liebe zum Leben imstande, diese
greise Denkerin zu dem Selbstbetrug zu verführen, dem sich so mancher junge
Geist als einer genehmen Benebelung wollüstig ergibt.
    Und da war noch eine Begrüssung. Im Hause Frau Wallentins wohnte Eva mit
ihrer Tochter - und mit ihrem jüngst geborenen Sohn. Ein schönes Kind, das aus
blauen Augen lachte ...
    »Der kleine Aeneas«, schoss es Olga durch den Sinn, als sie Manfreds Sohn
sah. Eva hob das Kind aus der Wiege und reichte es ihr. Und da - da - als sie
den kleinen Manfred in den Armen hielt - da überstürzte sie eine heisse Freude,
die sie nie für möglich gehalten: die Freude, dass dieses Kind geboren war. Sie
dachte an die einsame Urne im weissen Stein, und Inbrunst kam in ihr Herz, dass
dieses warme Leben gerettet war, aus dem Dunkel. Geborgen war es, das kostbare
Erbe. Sie presste ihre Lippen auf die kühlen, zarten Wangen des Kindes, die sich
anfühlten, wie das Fleisch einer jungen Frucht. Zärtlich atmete sie den warmen
Duft ein, der diesem kleinen Körper entströmte.
    Und nun wusste sie auch, dass sie selbst genesen war, dass sie frei war, -
endlich frei.
 
                                    Fussnoten
1 E. R. Gehre
 
    