
        
                             Eduard von Keiserling
                                     Wellen
                                  Erstes Kapitel
Die Generalin von Palikow und Fräulein Malwine Bork, ihre langjährige
Gesellschafterin und Freundin, kamen in das Wohnzimmer. Sie wollten sich ein
wenig erholen. Die Generalin setzte sich auf das Sofa, das frisch mit einem
blanken, schwarz und roten Kattun bezogen war. Sie war sehr erhitzt und löste
die Haubenbänder unterm Kinn. Das lila Sommerkleid knisterte leicht, die weissen
Haarkuchen an den Schläfen waren verschoben und sie atmete stark. Sie schwieg
eine Weile und schaute mit den ein wenig hervorstehenden grellblauen Augen
kritisch im Zimmer umher. Das Zimmer war weiss getüncht, wenig schwere Möbel
standen an den Wänden umher und über die Bretter des Fussbodens war Sand
gestreut, der in der Abendsonne glitzerte. Es roch hier nach Kalk und Seemoos.
    »Hart,« sagte die Generalin und legte ihre Hand auf das Sofa.
    Fräulein Bork neigte den Kopf mit dem leicht ergrauten Haar auf die linke
Schulter, blickte schief durch die Gläser ihres Kneifers auf die Generalin, und
das bräunliche Gesicht, das aussah wie das Gesicht eines klugen älteren Herrn,
lächelte ein nachdenkliches, verzeihendes Lächeln. »Das Sofa,« sagte sie,
»natürlich, aber man kann es nicht anders verlangen. Für die Verhältnisse ist es
doch sehr gut.«
    »Liebe Malwine,« meinte die Generalin, »Sie haben die Angewohnheit, alles
gegen mich zu verteidigen. Ich greife das Sofa gar nicht an, ich sage nur, es
ist hart, das wird man doch noch dürfen.«
    Fräulein Bork erwiderte darauf nichts, sie lächelte ihr verzeihendes Lächeln
und schaute schief durch ihren Kneifer jetzt zum Fenster hinaus auf den kleinen
Garten, der davor lag. Salat und Kohl wuchsen dort recht kümmerlich,
Sonnenblumen standen da mit grossen schwarzen Herzen und über alledem lag ein
leichter blonder Staubschleier. Dahinter der Strand grell orange in der
Abendsonne, endlich das Meer undeutlich von all dem unruhigen Glanze, der auf
ihm schwamm, von den zwei regelmässigen weissen Strichen der Brandungswellen
umsäumt. Und ein Rauschen kam herüber eintönig, wie von einem schläfrigen
Taktstock geleitet.
    Die Generalin hatte den Bullenkrug für den Sommer gemietet, um hier an der
See ihre Familie um sich zu versammeln. Vor drei Tagen war sie mit Fräulein
Bork, Frau Klinke, der Mamsell, und Ernestine, dem kleinen Dienstmädchen, hier
angelangt, um alles einzurichten. Es erforderte Arbeit und Nachdenken genug, für
alle diese Menschen Platz zu schaffen und nicht nur Platz, »denn,« pflegte die
Generalin zu sagen, »ich kenne meine Kinder, bei allem, was ich gebe, sind sie
kritisch wie ein Teaterpublikum«. Heute nun war die Tochter der Generalin, die
Baronin von Buttlär, mit, den Kindern, den beiden eben erwachsenen Mädchen Lolo
und Nini und dem fünfzehnjährigen Wedig, angelangt. Der Baron Buttlär sollte
nachkommen, sobald die Heuernte beendet war, und Lolos Bräutigam Hilmar von dem
Hamm, Leutnant bei den Braunschweiger Husaren, wurde auch erwartet.
    »Werden sie auch heute abend alle satt werden?« begann die Generalin wieder.
»Die Reise macht hungrig.« »Ich denke,« erwiderte Fräulein Bork, »da sind die
Fische, die Kartoffeln, die Erdbeeren, und Wedig hat sein Beefsteak.«
    »So, so,« meinte die Generalin, »übrigens der Junge wird es im Leben nicht
leicht haben, wenn er immer sein Beefsteak haben muss.«
    Fräulein Bork zuckte mit den Achseln und sagte entschuldigend: »Er ist so
zart.« Aber das ärgerte die Generalin: »Gewiss, ich gönne ihm sein Beefsteak, Sie
brauchen ihn nicht zu verteidigen. Nur finde ich, liebe Malwine, dass Sie keinen
rechten Sinn haben für das, was man allgemeine Bemerkungen nennt.« Dann
schwiegen die beiden Damen wieder.
    Draussen von der Holzveranda tönte Lärm herüber, Tellergeklapper und hohe
Stimmen. Ernestine deckte dort den Tisch für das Abendessen und stritt dabei mit
Wedig. Auch Lolo und Nini waren erschienen, sie lehnten an der Holzbrüstung der
Veranda schmal und schlank in ihren blauen Sommerkleidern. Der Seewind fuhr
ihnen in das leichte rote Haar und liess es hübsch um die Gesichter mit den fast
krankhaft feinen Zügen flattern. Die Mädchen zogen ein wenig die Augenbrauen
zusammen und schauten mit den blanken braunroten Augen unverwandt auf das Meer
und öffneten die Lippen, als wollten sie lächeln, aber das grosse bewegte
Leuchten vor ihnen machte sie schwindelig. Auch Wedig hatte sich nun zu ihnen
gesellt und schaute auch schweigend hinaus. Das kränkliche Knabengesicht verzog
sich, als täte all dieses Licht ihm weh.
    »So,« sagte die Generalin drinnen zu Fräulein Bork, »das war ein angenehmer
stiller Augenblick. Ich höre, meine Tochter kommt die Treppe herunter, nun kann
es wieder losgehen.«
    Frau von Buttlär hatte ein wenig geschlafen, trug ihren Morgenrock und
hüllte sich fröstelnd in ein wollenes Tuch. Sie mochte früher das hübsche
überzarte Gesicht ihrer Töchter gehabt haben, jetzt waren die Wangen eingefallen
und die Haut leicht vergilbt. Aufgebraucht von Mutterschaft und Hausfrauentum
war sie sich ihres Rechtes bewusst, kränklich zu sein und nicht mehr viel auf ihr
Äusseres zu geben.
    Man setzte sich auf der Veranda zur Abendmahlzeit nieder an den Tisch, über
den das rote Abendlicht hinflutete und der Seewind an dem Tischtuch und den
Servietten zerrte. Das machte die Gesellschaft schweigsam, so das Meer vor sich,
war es, als sei man nicht allein, nicht unter sich.
    »Ich habe mir das Meer grösser gedacht«, erklärte Wedig endlich.
    »Natürlich, mein Sohn«, meinte die Generalin. »Du willst wohl für dich ein
Extrameer.«
    Frau von Buttlär lächelte gerührt und sagte leise: »Er hat so viel
Phantasie.« Fräulein Bork sah Wedig schief durch ihren Kneifer an und meinte:
»An die Phantasie des Kindes reicht selbst das Weltmeer nicht hinan.«
    Nun begann Frau von Buttlär mit ihrer Mutter ein Gespräch über Repenow, ihr
Gut, über Dinge, die sie anzuordnen vergessen hatte, von Gemüsen, die eingemacht
werden sollten, und Dienstboten, die unzuverlässig waren, lauter Sachen, die
seltsam fremd und unpassend in das Rauschen des Meeres hineinklangen, dachte
Lolo. Aber unten am Tisch war ein Streit entstanden zwischen Wedig und
Ernestine. »Ernestine,« sagte Fräulein Bork streng, »wie oft habe ich es dir
nicht gesagt, du darfst beim Servieren nicht sprechen. Oh! Cet enfant!« setzte
sie hinzu und seufzte. Die Generalin lachte. »Ja, unsere Bork hat es mit
Ernestines Erziehung schwer, denkt euch, heute mittag entschliesst sich das
Mädchen zu baden. Sie geht ins Meer nackt wie ein Finger, am hellen Mittag.« -
»Aber Mama!« flüsterte Frau von Buttlär, die Mädchen beugten sich auf ihre
Teller nieder, während Wedig nachdenklich Ernestine nachschaute, die kichernd
verschwand.
    Das Abendlicht legte sich jetzt plötzlich ganz grellrot und unwahrscheinlich
über den Tisch und Fräulein Bork schrie auf: »Seht doch!« Alle fuhren mit den
Köpfen herum. An dem blassblauen Himmel standen riesige kupferrote Wolken und auf
dem dunkelwerdenden Meer schwamm es wie grosse Stücke rotglänzenden Metalls,
während die am Ufer zergehenden Wellen den Sand wie mit rosa Musselintüchern
überdeckten. Wedig blinzelte mit den roten Wimpern und verzog wieder sein
Gesicht, als schmerzte es ihn. »Das ist allerdings rot«, meinte er. Die
Generalin jedoch war unzufrieden: »Sie haben mich erschreckt, Malwine, Sie haben
eine Art, auf Naturschönheiten aufmerksam zu machen, dass man jedesmal
zusammenfährt und glaubt, eine Wespe sitze einem irgendwo im Gesicht.«
    Die Mahlzeit war zu Ende, die Mädchen und Wedig stellten sich an die
Verandabrüstung, um auf das Meer zu starren. Frau von Buttlär hüllte sich fester
in ihr Tuch und sprach mit leiser, besorgter Stimme von ihren häuslichen
Angelegenheiten.
    Die gewaltsamen Farben am Himmel erloschen jäh. Die farblose
Durchsichtigkeit der Sommerdämmerung legte sich über das Land, und das Meer,
jetzt lichtlos, schien plötzlich unendlich gross und fremd. Auch das Rauschen war
nicht mehr so geordnet eintönig und taktmässig; es war, als liessen sich die
einzelnen Wellenstimmen unterscheiden, wie sie einander riefen und sich in das
Wort fielen. Klein und dunkel hockten die Fischerhäuser auf den fahlen Dünen,
hie und da erwachte in ihnen ein gelbes Lichtpünktchen, das kurzsichtig in die
aufsteigende Nacht hineinblinzelte. Auf der Veranda war es still geworden. Das
seltsame Gefühl, ganz winzig inmitten einer Unendlichkeit zu stehen, gab einem
jeden für einen Augenblick einen leichten Schwindel und liess ihn stillehalten,
wie Menschen, die zu fallen fürchten.
    »Wer wohnt denn dort?« begann Frau von Buttlär endlich und wies auf eines
der Lichtpünktchen am Strande.
    »Das dort,« erwiderte die Generalin, »das ist das Haus des Strandwächters.
Eine verwachsene Exzellenz hat sich bei ihm eingemietet. Du kennst ihn auch, den
Geheimrat Knospelius, er ist bei der Reichsbank etwas, er unterschreibt, glaube
ich, das Papiergeld.«
    Ja, Frau von Buttlär erinnerte sich seiner: »So ein Kleiner mit einem
Buckel. Recht unheimlich.«
    »Aber so interessant«, meinte Fräulein Bork.
    »Und die anderen Häuser?« fragte Frau von Buttlär weiter.
    »Das sind Fischerhäuser«, erklärte Fräulein Bork, »das grösste dort ist das
Anwesen des Fischers Wardein und dort, ja, dort wohnt sie doch.«
    »Sie?« fragte Frau von Buttlär, beunruhigt davon, dass Fräulein Bork ihre
Stimme so geheimnisvoll dämpfte.
    »Nun ja«, flüsterte Fräulein Bork, »sie, die Gräfin Doralice, Doralice
Köhne-Jasky, die wohnt dort mit - nun ja, sagen wir mit ihrem Manne.« Frau von
Buttlär verstand noch nicht ganz.
    - »Doralice Köhne, die Frau des Gesandten, das ist doch die, die mit dem
Maler - die wohnt hier, das ist ja aber schrecklich, man kennt sich doch.«
    Doch die Generalin ärgerte sich: »Was ist dabei Schreckliches, man hat sich
gekannt, man kennt sich nicht mehr. Der Strand ist breit genug, um aneinander
vorüberzugehen, eine fremde Frau Grill, nichts weiter. Ihr Maler heisst ja wohl
Hans Grill.«
    »Sind sie wenigstens verheiratet?« klagte Frau von Buttlär.
    »Ja, sie sagen, ich weiss es nicht«, meinte die Generalin, »das ist auch
gleich. Sie wird das Meer nicht unrein machen, wenn sie darin badet. Es ist kein
Grund, liebe Bella, ein Gesicht zu machen, als seist du und deine Kinder nun
verloren.«
    »Und er ist ein ganz gewöhnlicher Mensch«, jammerte Frau von Buttlär weiter.
    »Ja,« sagte Fräulein Bork, sie sprach noch immer leise, aber ihre Stimme
nahm einen zärtlichen, feierlichen Klang an, als rezitiere sie ein Gedicht, »es
ist traurig und doch wieder in seiner Art schön, wie der alte Graf das Talent
des armen Schulmeistersohnes entdeckt, er ihn ausbilden lässt, wie er ihn auf das
Schloss beruft, damit er die junge Gräfin malt, ja und dort - müssen sie sich
eben lieben, was können sie dafür. Aber sie wollen nicht die Heimlichkeit und
den Betrug. Sie treten zusammen vor den alten Grafen hin und sagen: Wir lieben
uns, wir können nicht anders, gib uns frei, und er, der edle Greis - -«
    »Der alte Narr«, unterbrach sie die Generalin. »Wer sagt Ihnen denn, dass es
so gewesen ist, wer ist denn dabei gewesen? Wahrscheinlich sind nicht die beiden
zu dem Alten gekommen, sondern der Alte ist zu den beiden hereingekommen, das
sieht denn anders aus. Köhne war immer ein Narr. Wenn man dreissig Jahre älter
als seine Frau ist, lässt man seine Frau nicht malen und spielt man nicht den
Kunstfreund. Und diese Doralice, ich habe ihre Mutter gekannt, eine dumme Gans,
die nichts zu tun hatte im Leben, als Migräne zu haben und zu sagen: Meine
Doralice ist so eigentümlich! Ja, eigentümlich ist sie geworden, gleichviel, da
ist nichts, um die Augen gen Himmel zu schlagen und zu sagen: Wie schön! Lassen
Sie die Grill Grill sein, liebe Malwine, wenn Sie sie mit Ihren Phantasien zur
Heldin des Strandes machen, verdrehen Sie den Kindern den Kopf. Ernestine läuft
ohnehin alle Augenblicke zum Strande hinunter, um die fortgelaufene Gräfin zu
sehen, das verbitte ich mir. Seien Sie so gut und halten Sie mit Ihrer Poesie an
sich.«
    »Schrecklich, schrecklich«, seufzte Frau von Buttlär. Fräulein Bork aber
schien das Schelten der Generalin nicht zu hören, verträumt schaute sie in die
Dämmerung hinein, sah, wie die Dämmerung sich sacht aufhellte, der Mond war
aufgegangen, Silber mischte sich in das Dunkel der Wellen und der Strand lag
hell beleuchtet da.
    »Da sind sie!« schrie Fräulein Bork auf.
    Erschrocken fuhren alle herum. Am Rande der Düne zeichneten sich gegen den
hellen Himmel deutlich die Figuren eines grossen Mannes und einer Frau ganz nahe
beieinander ab. »Dort stehen sie jeden Abend«, flüsterte Fräulein Bork
geheimnisvoll.
    Frau von Buttlär starrte angstvoll zu dem Paare auf der Düne hinüber, dann
rief sie erregt: »Kinder, ihr seid noch da, warum geht ihr nicht schlafen? Ihr
seid müde, nein, nein, geht, gute Nacht«, und beruhigte sich erst, als die
Kinder fort waren. Da sah sie sich noch einmal das Paar an da drüben, das jetzt
eng aneinander geschmiegt den Strand entlang ging, seufzte tief und sagte
kummervoll:
    »Das ist allerdings unerwartet, unerwartet fatal. Wenn ich mich auf etwas
freue, kommt immer so etwas dazwischen. Schon der Kinder wegen ist es mir
unangenehm.«
    »Ich weiss, ich weiss«, meinte die Generalin. »Du musst immer etwas haben, das
dich quält, sonst ist dir nicht wohl. Schon als kleines Mädchen, wenn alles sich
auf einen Spaziergang freute, sagtest du: was hilft es, es werden doch Steinchen
in die Schuhe kommen. Unsere Mädchen! Die haben genug Disziplin im Leibe. Sag'
ihnen, da ist eine Frau Grill, die nicht gekannt wird, und ich sehe es, wie Lolo
und Nini die Lippen zusammenkneifen und gerade vor sich hinsehen, wenn sie an
Madame Grill vorübergehen.«
    »Ja und dann«, begann Frau von Buttlär wieder leise, »offen gestanden, es
ist auch wegen Rolf. Die Person ist sehr hübsch, solche Personen sind immer
hübsch und Rolf, du weisst -.«
    Die Generalin schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Natürlich, das
musste kommen, du bist jetzt schon auf Madame Grill eifersüchtig. Aber liebe
Bella, so ist dein Mann denn doch nicht. Na ja, immer die eine alte Geschichte
mit der Gouvernante, die könntest du auch vergessen. Ab und zu mal im Frühjahr
regt sich in ihm noch der Kürassieroffizier, das ist eine Art Heuschnupfen. Aber
ihr Frauen bringt durch eure Eifersucht die Männer erst auf unnütze Gedanken.
Nein, liebe Bella, wozu ist man, was man ist, wozu hat man seine
gesellschaftliche Stellung und seinen alten Namen, wenn man sich vor jeder
fortgelaufenen kleinen Frau fürchten sollte. Du bist die Freifrau von Buttlär,
nicht wahr, und ich bin die Generalin von Palikow, nun also, das heisst, wir
beide sind zwei Festungen, zu denen Leute, die nicht zu uns gehören, keinen
Zutritt haben; so, nun wollen wir ruhig schlafen gehen, als gäbe es keine Madame
Grill. Wir dekretieren einfach, es gibt keine Madame Grill.«
    Alle erhoben sich, um in das Haus zu gehen. Fräulein Bork warf noch einen
Blick zum Meer hinab und sagte in ihrem mitleidig singenden Ton: »Die Gräfin
Doralice war einst auch einmal solch eine arme kleine Festung.«
    Die Generalin wandte sich in der Tür um: »Bitte, Malwine, meine Vergleiche
nicht mit Ihrer Poesie zu umspinnen, dazu mache ich sie nicht. Und dann noch
eines, ich bitte, ferner Madame Grill nicht zum Gegenstand Ihres
Verteidigungstalentes zu machen, Madame Grill wird nicht verteidigt.«
    Oben in der Giebelstube, Lolos und Ninis Schlafzimmer, standen die beiden
Mädchen noch am Fenster und schauten hinaus. Das mondbeglänzte Meer, das
Rauschen und Wehen da draussen liess ihnen keine Ruhe, es erregte sie fast
schmerzhaft, und das Paar, das dort unten an den blanken Säulen der brechenden
Wellen hinschritt, gehörte mit zu dem Erregenden und Geheimnisvollen da draussen,
das den beiden Mädchen ein seltsames Fieber in das Blut legte.
    Unten auf der Bank vor der Küche sass Frau Klinke und kühlte im Seewinde ihre
heissen Köchinnenhände. Vor ihr stand Ernestine, wies zum Strande hinunter und
sagte: »Nee, Frau Klinke, dass die beiden verheiratet sind, das glaube ich
nicht.«
    Hans Grill und Doralice gingen am Meeresufer entlang. Es ging sich gut auf
dem feuchten, von den Wellen glattgestrichenen Sande. Zuweilen blieben sie
stehen und schauten auf den breiten, sich sacht wiegenden Lichtweg hinab, den
der Mond auf das Wasser warf.
    »Nichts, heute nichts«, sagte Hans und machte eine Handbewegung, als wollte
er das Meer beiseite schieben. »Es ziert sich heute, es macht sich klein und
süss, um zu gefallen.«
    »So lass es doch«, bat Doralice.
    - »Ja, ja, ich lasse es ja«, erwiderte Hans ungeduldig.
    Als sie weiter schritten, hing Doralice sich ganz fest in Hansens Arm. Sie
konnte sich ja gehen lassen, dieser Arm war stark und sie dachte flüchtig an
einen anderen zerbrechlichen und zeremoniösen Arm, der ihr feierlich gereicht
worden war und auf den sich zu stützen sie nie gewagt hatte.
    »Du bist müde?« fragte Hans.
    »Ja,« erwiderte sie nachdenklich, »diese langen hellen Tage, glaube ich,
machen müde.«
    »Viel haben wir an diesen langen hellen Tagen nicht getan«, bemerkte Hans.
    »Getan,« fuhr Doralice fort, »nichts. Im Sande gelegen und auf das Meer
gesehen. Aber gleichviel, ich konnte doch alles mögliche tun, Dinge, die ich
sonst nie getan, unerhörte Dinge, nichts hindert mich. Auf der Reise war das
anders, da tut man die Dinge, die im Reisebuch vorgeschrieben sind, aber hier
muss das Neue kommen und das macht vielleicht müde.«
    »Gewiss, gewiss,« begann Hans in seiner eifrigen Art, »Möglichkeiten,
natürlich Möglichkeiten, das ist es, was der freie Mensch hat, es ist gleich, ob
er etwas tut, aber nichts zwingt ihn, nichts schiebt ihn; nichts bindet ihn, was
er tut und nicht tut, tut er auf eigene Verantwortung, und das kann müde machen,
o ja, das kann müde machen«, und Hans lachte ein lautes Ha! Ha! auf das Meer
hinaus, »freie Menschen, freie Liebe, denn das ist ja gleich, ob ein alter
Engländer in London uns durch die Nase etwas gesagt hat, was wir nicht
verstanden haben, das bindet nicht. Also freie Menschen, freie Liebe, freie -«
Er hielt plötzlich inne und fragte: »Warum lachst du?«
    Doralice hatte ihren Kopf zurückgebogen, um zu Hans hinaufzusehen, und sie
lachte. Die schmalen, sehr roten Linien der Lippen öffneten sich ein wenig,
liessen im Mondschein für einen Augenblick das Weiss der kleinen Zähne
durchschimmern. So hell beschienen war das Gesicht sehr hübsch mit seinem
kindlichen Oval, den graublauen Augen, in die das Mondlicht ein seltsam farbiges
Schillern legte, und dem hellblonden Haar, an dem der Wind zauste. Ja, Doralice
musste immer lachen, wenn Hans seine grossen Worte hersagte, jene Worte, die
klangen, als hätten sie in Zeitungen oder langweiligen Büchern gestanden, aber
wenn Hans sie aussprach, bekamen sie etwas Junges, etwas Lebendiges, sie
klangen, als schmeckten sie ihm gut, wenn er sie so zwischen seinen gesunden
weissen Zähnen hervorzischte.
    »O nichts,« sagte Doralice, »sprich nur weiter von deinen freien Menschen.«
Allein Hans war empfindlich geworden: »Meine freien Menschen, da ist doch nichts
zu lachen«, dann schwieg er.
    »Du hast ja ganz recht,« meinte Doralice, um ihn zu versöhnen, »vielleicht
macht das müde, wenn nichts einen bindet. Bei uns auf dem Lande dort bei der
Roggenernte gehen hinter den Mähern Mädchen her, welche die Ähren zu Garben
binden. Das ist sehr anstrengend. Um weniger zu ermüden, binden sie sich Tücher
ganz fest um die Taille. So war es vielleicht dort, und jetzt, wo mich nichts
festbindet -«
    - »Unsinn,« unterbrach sie Hans, »ich sehe nicht ein, warum du deine
Vergleiche von dort hernimmst, von dort sprechen wir doch nicht.«
    »Nein, von dort sprechen wir nicht«, wiederholte Doralice.
    Sie kamen am Strandwächterhäuschen vorüber. Durch das geöffnete Fenster
scholl eine laute Männerstimme, und ihr antwortete eine Frauenstimme
leidenschaftlich und scheltend. Unten am Strande stand der Geheimrat Knospelius,
eine kleine, wunderlich verbogene Gestalt, er stand so nah am Wasser, dass sein
unförmlicher Schatten sich in den Wellen badete. Als Hans und Doralice sich
näherten, grüsste er, zog seinen Panama sehr tief ab, das graue Haar flatterte im
Winde, er lächelte und das regelmässige, bartlose Gesicht sah aus wie ein grosses,
bleiches Knabengesicht. »Guten Abend«, sagte Hans. Der Geheimrat lachte lautlos
in sich hinein und zeigte mit einem merkwürdig langen, dünnen Finger zum Hause
des Strandwächters hinauf. »Die streiten wieder«, bemerkte Hans.
    - »Dort ist immer reger Betrieb«, erwiderte der Geheimrat geheimnisvoll,
»die arbeiten am Leben, bis ihnen die Augen zufallen. So was höre ich gern.«
    »Ja, hm!« sagte Hans, »guten Abend«, und sie gingen weiter.
    »Was sagte er?« fragte Doralice ängstlich. Hans zuckte die Achseln.
»Verrückt wahrscheinlich. Solche kleinen Ungetüme sind gewöhnlich ein wenig
verrückt. Kennst du ihn denn?«
    Doralice dachte nach. »Gewiss, ich kenne ihn. Ich erinnere mich, auf einer
grossen Gesellschaft war es, es war spät, alle waren müde und warteten auf die
Wagen. Da sass plötzlich dieser kleine Mann neben mir. Seine Füsse reichten nicht
an den Fussboden, sondern hingen wie bei Kindern frei vom Stuhle herunter. Er sah
mir ganz frech in die Augen, wie man das sonst nicht tut, und sagte: Es fällt
mir auf, Frau Gräfin, dass jetzt, wo alle schon schläfrig sind, Ihre Augen noch
so wach sind; die warten noch. Ich machte wohl ein sehr dummes Gesicht und
fragte: Worauf? Da lachte er ganz so, wie er jetzt eben lachte, und sagte: Nun
darauf, dass was geschieht, dass was kommt. O, die geben nicht nach, die stehen
auf ihrem Posten. - Mir war das unheimlich, ich war froh, als in dem Augenblick
der Wagen gemeldet wurde.«
    - »Ich weiss nicht, was du noch immer an allen diesen Erinnerungen hast,
erquicklich sind sie nicht«, versetzte Hans verstimmt.
    »Was kann ich dafür«, verteidigte sich Doralice, »ich habe doch noch keine
anderen Erinnerungen, und dann, sie kriechen einem doch überall nach. Da steht
der Geheimrat Knospelius plötzlich am Strande, drüben im Bullenkrug zieht die
Generalin von Palikow und die Baronin Buttlär ein, auf Schritt und Tritt das
alte Leben. Weisst du, was ich möchte? Dort drüben über dem Meer müsste man eine
Hängematte aufhängen können, gerade so hoch, dass die Wellen sie nicht erreichen,
aber doch so, dass, wenn ich die Hand herabhängen lasse, ich den Wellen in die
weissen Bärte fassen kann, und so, siehst du, könnten, glaube ich, keine
Erinnerungen kommen und keine Knospelius und Palikows könnten einem begegnen.«
    Hans blieb nachdenklich stehen: »Du,« sagte er, »das wollen wir machen.« Er
ergriff Doralice, legte sie auf seine Arme: »Lieg,« rief er, »wie ein Kind auf
den Armen des Paten während der Taufe«, und nun begann er langsam in das Meer
hineinzugehen. Regungslos lag Doralice da und schaute hinauf in den Himmel, der
bleich von Mondenschein war. Das Wehen, das vom Meere kam, das Rauschen unter
ihr, das goldene Fliessen und Flimmern ringsumher, all das schien sie zu zwingen
und zu schaukeln, und dann war es ihr, als fiele sie, fiele sie in einen Abgrund
von Licht, das sie dennoch trug und hielt.
    »So, so, weiter, weiter, jetzt sind wir ganz bei ihnen, mitten unter ihnen,
das dumme Land ist fort.« Doralice sprach mit einer Stimme, wie Schlafende es
tun, lachte ein leises, ganz helles Lachen wie Kinder, die auf einer Schaukel
sitzen. Sie liess ihre Hand herabhängen, griff in den Schaum der Wellen,
schnalzte mit den Fingern, als wollte sie kleine Hunde springen lassen. »Wie sie
zu mir heraufwollen«, rief sie, »kommt, kommt, nein, das ist zu hoch.« Hans
stand bis über die Knie im Wasser und lächelte, das Gesicht rot vor Anstrengung.
Aber allmählich wurde er müde, es war nicht leicht, sicher im Wasser zu stehen,
und langsam zog er sich an das Ufer zurück. Mit einem befriedigten: »So, das war
eine Leistung«, setzte er Doralice auf den Sand zurück. Sie schwankte ein wenig
auf ihren Füssen wie berauscht, sie legte die Hand auf die Augen, alles um sie
her schien noch sacht zu schwanken. Sie musste sich an Hans anlehnen. »Du
siehst«, sagte sie, »ich vertrage dies dumme Land nicht mehr.«
    - »Das kommt noch«, meinte er, »das Land wird uns jetzt sehr gut schmecken.
Eine warme Stube und Rotwein, ich bin nass und mich friert.« - »Ja, gehen wir«,
sagte Doralice kleinlaut, »wir gehören ja doch nicht zu denen dort. Aber wie
stark du bist, dass du mich so halten konntest.«
    - »Nicht wahr«, erwiderte Hans stolz, »und weisst du, wie ich dich so hielt,
wenn ich denke, das war eigentlich symbolisch, mitten in den Wellen, und ich
halte dich.«
    Aber Doralice sagte müde: »Ach nein, lass es lieber nicht symbolisch sein.«
    Hans schaute sie verwundert an und murmelte dann ein wenig empfindlich: »Nun
dann auch nicht.«
    Um den Hof des Wardeinschen Anwesens standen die niedrigen strohgedeckten
Häuser, der Schuppen, der Stall, der Speicher, in dem jetzt die Familie des
Fischers wohnte, und das Wohnhaus, das Hans Grill gemietet hatte. Hier schien
die Hitze des Tages noch eingeschlossen zu sein, die Luft war schwer von den
Gerüchen des Strohs, der an Schnüren trocknenden Fische und feuchter Netze. Man
hörte durch die kleinen geöffneten Fenster den Atem schlafender Menschen,
irgendwo schlug ein Hahn auf seiner Stange mit den Flügeln und im Schuppen
grunzte ein Schwein im Traum. Und hier fiel von Doralice der Rausch der Weite
und des Lichtes ab, ganz jäh, es schmerzte fast körperlich, und als sie durch
die Tür traten, die so niedrig war, dass Hans sich tief bücken musste, sagte
Doralice klagend: »So schlüpfen wir denn auch in unser Loch.« - »Ja, ja« meinte
Hans eifrig, »das wird gut tun.« In dem kleinen Wohnzimmer brannte eine
Petroleumlampe auf dem Tisch, und es fiel Doralice auf, wie hässlich unrein
dieses Licht war, mit welch schläfriger Alltäglichkeit es den weissgetünchten
Raum füllte. Hans war ganz geschäftig. »Köstlich, köstlich«, sagte er, »setz' du
dich dort in den Korbstuhl, ich bin gleich wieder da.« Er verschwand, kam dann
in weichen Filzschuhen zurück, ging ab und zu, holte Gläser, den Rotwein,
schenkte die Gläser voll, setzte sich endlich Doralice gegenüber an den Tisch,
rieb sich die Hände und lachte über das ganze Gesicht. Er sah sehr jung aus, das
Gesicht von der Luft gerötet und der Bart und das kurzgelockte Haar honiggelb,
die braunen Augen blinzelten blank vor Freundlichkeit. »Köstlich«, wiederholte
er, »das nenne ich eine Lebenslage, man sitzt so beieinander und die Lampe
brennt, man hat seinen Rotwein und dazu sein wunderschönes Weib.«
    Doralice lehnte sich in ihren Korbstuhl zurück und schloss die Augen. »Ach,«
sagte sie müde, »nenne mich, bitte, nicht Weib, das klingt so, ich weiss nicht,
nach losen blauen Jacken mit weissen Punkten und Kartoffelsuppe.«
    Hans errötete: »Nein, nein«, sagte er, »also nicht Weib. Weib ist ein
schönes deutsches Wort, aber wie du willst, bitte.«
    Sie schwiegen beide eine Weile. Aus dem Nebenzimmer hörte man deutlich das
Schnarchen der alten Agnes, einer fernen Verwandten von Hans Grill, die ihm
jetzt die Wirtschaft führte. Agnes hatte eine seltsame, kummervolle und
missmutige Art des Schnarchens. Am Tage versah sie still und pünktlich ihren
Dienst, aber das alte Gesicht, in dem die Fältchen wie Sprünge in einem gelben
Lack standen, trug stets den Ausdruck einer geduldigen, hochmütigen Ergebenheit.
Jetzt schien es Doralice, als käme mit den verschlafenen Lauten alle Bitterkeit
heraus, welche die Alte gegen sie hegte. Doralice presste die schmalen zu roten
Lippen fest aufeinander, und wie sie dalag in dem dunkelblauen Kleide mit dem
grossen weissen Matrosenkragen, die Stirn ganz verdeckt von dem feuchtgewordenen
blonden Haar, sah sie aus wie ein kleines Mädchen, das gescholten wird. Nein,
auf die Dauer war es unerträglich, dem Murren dort im Nebenzimmer zuzuhören.
Alles, alles wurde traurig, wurde sinnlos, sie wusste nicht mehr, warum sie hier
sass, warum -. Und Hans, sie öffnete die Augen und schaute ihn an. Er hatte den
Kopf auf die Brust sinken lassen, rauchte aus seiner kurzen Pfeife und trank ab
und zu in hastigen kleinen Zügen den Wein.
    »Bist du noch böse, weil du nicht Weib sagen sollst?« fragte Doralice und
versuchte zu lächeln. Hans hob schnell den Kopf, er begann zu sprechen, aber er
musste einige Male dazu ansetzen, denn eine Erregung schnürte ihm die Kehle
zusammen. »Weib oder nicht Weib, das ist doch gleich, der Ton ist es, der Ton.
Wenn du den hast, dann bist du mir plötzlich ganz weit, ganz fremd, der streicht
plötzlich alles aus, was wir miteinander erlebt haben. Ich freue mich darauf,
dass es gemütlich sein wird, man wird beieinander sitzen, man wird lachen, man
wird glücklich sein und dann sagst du etwas und dieser Ton ist da und es wird
sofort kalt und fremd und peinlich, als setzten wir uns drüben im Schloss vor den
weissen Serviettenzeltchen mit dem alten Grafen zum Frühstück nieder.«
    Doralice hörte ihm gespannt zu, diese erregte Stimme, die sich
überstürzenden Worte erwärmten sie. Er sollte weiter sprechen. »Wie ist dieser
Ton?« fragte sie.
    »Wie? Wie?« fuhr Hans leidenschaftlich fort. »Wenn dir etwas nicht schmeckt,
dann schiebst du den Teller fort und sagst feindselig: Das will ich nicht. So,
so ist dieser Ton, als ob du mich und unsere ganze gemeinsame Geschichte
fortschiebst. Das kannst du ja auch, es ist ja auch dein Recht, sag es doch.«
    Doralice lächelte jetzt ihr hübsches, strahlendes Lächeln. Sie hob die Arme
in die Höhe und reckte sich: »Ach, Hans, das ist ja Unsinn, ich bin einfach
müde. Glaubst du, das strengt nicht an, so zwischen Himmel und Meer zu
schweben?«
    Hans schaute sie erstaunt an, dann begann auch er zu lachen, sein lautes,
ein wenig unerzogenes Lachen. »Also das strengt dich an und ich - glaubst du, es
ist leicht, fest im Wasser zu stehen und eine Frau über den Wellen zu halten,
die Hängematte zu spielen?«
    »Du,« meinte Doralice, »du bist ja so stark.«
    Befriedigt lehnte Hans sich in seinen Stuhl zurück, goss sich Wein ein, er
schüttelte sich vor Gemütlichkeit, als sei eine Gefahr glücklich
vorübergegangen.
    »Und all das kommt daher«, erklärte Hans und stach dozierend mit seiner
Pfeife in die Luft hinein, »uns fehlt eine gewisse Enge, eine Gebundenheit,
Form, Form, Form, das ist es, das macht reizbar und unsicher. Von
Unendlichkeiten kann man nicht leben. Immer kann der eine nicht stehen und den
anderen zwischen Himmel und Meer in den Mondschein hineinhalten. Also wir müssen
unser Leben einteilen, regelmässige Beschäftigung, Haushalt, eine Alltäglichkeit
müssen wir haben, der ewige Feiertag macht uns krank.«
    »Du könntest ja wieder malen«, warf Doralice hin.
    »Das werde ich auch«, rief Hans hitzig, »glaubst du, ich werde ruhig
dasitzen und von deinem Gelde leben?«
    - »Ach was, das dumme Geld.«
    »Gleichviel, ich werde arbeiten, ich weiss auch, was ich zu malen habe, ich
studiere meine Modelle, euch beide.«
    - »Uns beide?«
    »Ja, dich und das Meer. Ihr beide müsst zusammen auf ein Bild und eine
Syntese von dir und dem Meer, verstehst du?«
    - »Ja so«, bemerkte Doralice, »ob du nicht versuchst, zuerst das Meer zu
malen. Du sagtest doch, dass du mich nicht malen kannst.«
    Das ärgerte Hans wieder. »Ja dort, dort konnte ich dich allerdings nicht
malen. Ich war berauscht von dir. Man muss doch seinem Modell auch einigermassen
objektiv gegenüberstehen.«
    - »Stehst du mir jetzt objektiv gegenüber?« fragte Doralice verwundert.
    »Ja,« meinte Hans, »es kommt wenigstens allmählich und das haben wir nötig,
etwas Nüchternheit, so eine selbstgeschaffene Bürgerlichkeit, in die man sich
fest einschliesst. Du sprachst da vorhin wegwerfend von Kartoffelsuppe, ich
möchte sagen, kein Leben, auch das idealste, ist möglich, in dem es nicht einige
Stunden am Tage nach Kartoffelsuppe riecht.« Er lachte und sah Doralice
triumphierend an, stolz auf seine Bemerkung.
    Doralice seufzte: »Uff, wenn man da nur atmen kann, ganz eng, fest
eingesperrt und riecht nach Kartoffelsuppe. Eine Welt, als ob Agnes sie
geschaffen hätte.«
    »Bitte,« sagte Hans empfindlich, »wer da nicht atmen kann, darf hinaus, wir
sind freie Menschen, dass wir uns selbst binden, ist unsere Freiheit, aber keiner
von uns ist gebunden.«
    Doralice zog die Augenbrauen in die Höhe und sagte ziemlich schläfrig: »Ach,
lassen wir doch die alte Freiheit. Es ist ja ganz hübsch, wenn eine Tür immer
offen steht, aber man braucht doch nicht beständig drauf hinzuweisen. Die
Freiheit wird dann fast ebenso langweilig wie das tenue ma chère dort, du
weisst.«
    Hans schaute Doralice bestürzt an. Er wollte etwas sagen, verschluckte es
jedoch. Er erhob sich und begann im Zimmer auf- und abzugehen, er ging schnell,
stapfte stark mit seinen Filzschuhen auf den Boden. Doralice folgte ihm
neugierig mit den Blicken. Jetzt war er zornig, jetzt würde er leidenschaftlich
losbrechen, sie freute sich darauf, sie liebte es, wenn er die Worte so heiss
hervorsprudelte und ein Gesicht machte wie ein zorniger Knabe. Das hatte ihr an
ihm gefallen dort in der Welt der beständigen Selbstbeherrschung. Aber es wollte
nicht kommen, immer noch ging er schnell und schweigend in dem engen Raum umher.
Plötzlich blieb er vor Doralice stehen, kniete nieder mit beiden Knien hart auf
den Boden schlagend und legte seinen Kopf auf Doralicens Knie und so begann er
zu sprechen leise und klagend: »Wie kannst du das sagen, ich - ich - ich weise
auf die Tür hin. Aber wenn du zu dieser Tür hinausgingst, dann wäre es aus, dann
hätte nichts mehr einen Sinn, dann hätte ich keinen Sinn, dann hätte die ganze
Welt keinen Sinn.«
    Doralice strich mit der Hand ihm leicht über das krause Haar. »Nein, nein«,
sagte sie und das klang müde und mitleidig zugleich, »zusammen, wir bleiben
zusammen, wir beide sind ja doch miteinander ganz allein.«
    Hans richtete sich auf, er lachte wieder, zuversichtlich und triumphierend,
indem er Doralicens Arm fasste und ihn schüttelte: »Das will ich meinen und ich
werde auch dafür sorgen, dass niemand an dich herankommt.« Dann nahm er ihre
kleine Gestalt auf seine Arme, wie man ein Kind nimmt, und trug sie in das
Schlafzimmer hinüber.
 
                                Zweites Kapitel
Der Morgen dämmerte, als Doralice erwachte. So war es jetzt immer, wenn sie sich
niederlegte, schlief sie schnell und tief ein, aber lange vor Sonnenaufgang
erwachte sie, und es war mit dem Schlaf zu Ende. Dann lag sie da, die Arme
erhoben, die Hände auf ihrem Scheitel gefaltet, die Augen weit offen und schaute
der graublauen Helligkeit zu, wie sie durch die weiss-und rotgestreiften Gardinen
in das Zimmer drang, den Waschtisch, die beiden plumpen Stühle, den grossen
gelben Holzschrank aus der Dämmerung herausschälte, das Zimmer erhellte, ohne es
zu beleben, gleichsam ohne es zu wecken. Und dieses Zimmer, klein wie eine
Schiffskabine, erschien Doralice als etwas ganz und gar nicht zu ihr Gehöriges.
Sie lag da wohl in dem schmalen Bett unter der hässlichen rosa Kattundecke, aber
sie hatte nicht die Empfindung, als sei dieses die Wirklichkeit, wirklich für
sie war noch die Welt des Traums, aus der sie eben emportauchte. Jede Nacht
führte er sie in ihr früheres Leben zurück, jede Nacht musste sie ihr früheres
Leben weiter leben. Am besten war es noch, wenn sie sich in dem alten
Heimatshause ihrer frühen Jugend dort in der kleinen Provinzstadt befand. Ihre
Mutter lag wieder auf der Couchette, hatte Migräne und eine Kompresse von
Kölnischem Wasser auf der Stirn. Sie hörte wieder die klagende Stimme: »Mein
Kind, wenn du verheiratet sein wirst und ich nicht mehr sein werde, dann wirst
du an das, was ich dir gesagt habe, oft zurückdenken.« Und dieses Wort »wenn du
verheiratet sein wirst«, das in den Gesprächen ihrer Mutter immer wiederkehrte,
gab Doralice wieder das angenehme, geheimnisvolle Erwartungsgefühl. Draussen der
schattenlose Garten lag gelb vom Sonnenschein da, die langen Reihen der
Johannisbeerbüsche, das Beet mit den Chrysantemen, die fast keine Blätter und
stark geschwollene bronzefarbene Herzen hatten. Auf der Gartenbank schlummerte
Miss Plummers. Das gute alte Gesicht rötete sich in der Mittagshitze. Doralice
ging unruhig in Kieswegen auf und ab, das eintönige sommerliche Surren um sie
her kam ihr wie die Stimme der Einsamkeit und der Ereignislosigkeit vor. Aber
gerade hier in dem alten Garten fühlte sie es stets am deutlichsten, dass dort
jenseits des Gartenzaunes eine schöne Welt der Ereignisse auf sie wartete. Sie
fühlte es körperlich als seltsame Unruhe in ihrem Blut, sie hörte es fast, wie
wir das Stimmengewirr eines Festes hören, vor dessen verschlossenen Türen wir
stehen. Nun und dann war diese Welt gekommen, in Gestalt des Grafen Köhne-Jasky,
des hübschen älteren Herrn, der so stark nach new mown hay roch, Doralice so
verblüffende Komplimente machte und so unterhaltende Geschichten erzählte, in
denen stets kostbare Sachen und schöne Gegenden vorkamen. Dass Doralice eines
Tages ihr weisses Kleid mit der rosa Schärpe anzog, dass ihre Mutter sie weinend
umarmte und der kleine kohlschwarze Schnurrbart des Grafen sich in einem Kusse
auf ihre Stirn drückte, war etwas, das selbstverständlich notwendig war, etwas,
auf das Mutter und Tochter ihr bisheriges Leben über gewartet zu haben schienen.
    Am häufigsten aber befand Doralice sich im Traum in dem grossen Salon der
Dresdner Gesandtschaft. Immer lag dann ein winterliches Nachmittagslicht auf dem
blanken Parkett. In den süssen Duft der Hyazinten, die in den Fenstern standen,
mischten die grossen Ölbilder an der Wand einen leichten Terpentingeruch. Von der
anderen Seite des Saals kam ihr Gemahl entgegen, sehr schlank in seinen
schwarzen Rock geknüpft, die Bartkommas auf der Oberlippe hinaufgestrichen. Ein
wenig zu zierlich aber hübsch sah er aus, wie er so auf sie zukam, die glatte
weisse Stirn, die regelmässige Nase, die langen Augenwimpern. Allein der Traum
spielte ein seltsames Spiel, je näher der Graf kam, um so älter wurde dies
Gesicht, es welkte, es verwitterte zusehends. Er legte den Arm um Doralicens
Taille, nahm ihre Hand und küsste sie. »Scharmant, scharmant«, sagte er, »wieder
eine reizende Aufmerksamkeit. Wir haben unsere Ausfahrt aufgegeben, weil wir
wussten, dass der Gemahl heut nachmittag ein Stündchen frei hat. Da wollen wir ihm
Gesellschaft leisten und ihm selbst den Tee machen. Gute Ehefrauen habe ich
schon genug gesehen, Gott sei Dank, es gibt noch welche, aber ma petite comtesse
ist eine raffinierte Künstlerin in Ehedelikatessen.« Doralice schwieg und presste
ihre Lippen fest aufeinander und hatte das unangenehm beengende Gefühl, erzogen
zu werden. Natürlich hatte sie ausfahren wollen, natürlich hatte sie gar nicht
gewusst, dass der Gemahl heute eine Stunde frei hatte und hatte auch gar nicht die
Absicht gehabt, ihm Gesellschaft zu leisten. Allein das war seine
Erziehungsmetode, er tat, als sei Doralice so, wie er sie wollte. Er lobte sie
beständig für das, was er doch erst in sie hineinlegen wollte, er zwang ihr
gleichsam eine Doralice nach seinem Sinne auf, indem er tat, als sei sie schon
da. Hatte sich Doralice in einer Gesellschaft mit einem jungen Herrn zu gut und
zu lustig unterhalten, dann hiess es: »Wir sind ein wenig vielverlangend, ein
wenig sensibel, man kann sich die Menschen nicht immer aussuchen; aber du hast
ja recht, der junge Mann hat nicht einwandfreie Manieren, aber soviel es geht,
wollen wir ihn fernhalten.« Oder Doralice hatte im Teater bei einem Stück, das
dem Grafen missfiel, zu viel und zu kindlich gelacht, dann bemerkte er beim
Nachhausefahren: »Wir sind ein wenig verstimmt: schokiert, wir sind ein wenig zu
streng, aber tut nichts, du hast ganz recht, es war ein Fehler von mir, dich in
dieses Stück zu bringen. Ich hätte ma petite comtesse besser kennen sollen,
vergib dieses Mal.« Und so war es in allen Dingen, diese ihr aufgezwungene
fremde Doralice tyrannisierte sie, schüchterte sie ein, beengte sie wie ein
Kleid, das nicht für sie gemacht war. Was half es, dass das Leben um sie her oft
hübsch und bunt war, dass die schöne Gräfin Jasky gefeiert wurde, es war ja nicht
sie, die das alles geniessen durfte, es war stets diese unangenehme petite
comtesse, die so sensibel und so reserviert war und ihrem Gemahl gegenüber immer
recht hatte. Wie eine unerbittliche Gouvernante begleitete sie sie und
verleidete ihr alles.
    Als der Graf Köhne seinen Abschied nahm, als er, wie er es nannte, gestürzt
wurde, und sich gekränkt und schmollend auf sein einsames Schloss zurückzog, um
sich fortan damit zu beschäftigen, die Geschichte der Köhne-Jaskys zu schreiben
und melancholisch zu altern, da war es eine neue Doralice, die Doralice dort auf
dem alten Schloss erwartete. »Ah, ma petite châtelaine ist hier endlich in
ihrem wahren Elemente, stille, ruhige, etwas verträumte Beschäftigungen, der
wohltätige Engel des Gemahls und des Gutes, das hat uns gefehlt.« Und der stille
wohltätige Engel, der sie nun plötzlich war, drückte auf Doralice wie ein
bleiernes Gewand.
    Da kam Hans Grill ins Schloss, um Doralice zu malen, Hans mit seinem lauten
Lachen und seinen knabenhaft unbesonnenen Bewegungen und seiner unbesonnenen
Art, noch alles, was ihm durch den Kopf ging, unvermittelt und eifrig
auszusprechen. »Ich empfehle dir meinen Schützling«, hatte der Graf zu seiner
Frau gesagt, »gewiss, als Gesellschafter kommt er nicht in Betracht, du hast ja
ganz recht, ihn sehr à distance zu halten, aber dennoch empfehle ich ihn deinem
Wohlgefallen.« Es begannen nun die langen Sitzungen in dem nach Norden gelegenen
Eckzimmer des Schlosses. Hans stand vor seiner Leinwand, malte und kratzte
wieder ab. dabei sprach er stets, erzählte, fragte, liess grosse Worte klingen.
Doralice hörte ihm anfangs neugierig zu, es war ihr neu, dass jemand so sorglos
sein innerstes Wesen heraussprudelte. Er sprach stets von sich, zuweilen mit
ganz kindlicher Zufriedenheit und Prahlsucht, dann vertraute er Doralice
gutmütig an, was ihm an sich selber bedenklich schien. »An Charakter fehlt es
zuweilen«, sagte er, »ei, ei!« Was aus diesen Reden aber am stärksten
hervorklang, war ein unbändiger Lebensappetit und ein unumschränktes Vertrauen,
alles zu erreichen, wonach er greifen würde. »Oh, ich werde es schon machen, da
ist mir nicht bange«, hiess es. Doralice tat das wohl, es erregte auch in ihr
wieder Lebenshunger, es erweckte in ihr etwas, das sie fast vergessen hatte,
ihre Jugend. Von distance war eigentlich nicht mehr die Rede, die allzu sensible
châtelaine fiel ganz von ihr ab und es ging jetzt dort in dem Eckzimmer oft sehr
heiter und kameradschaftlich zu. Aber zuweilen, wenn sie gerade recht laut
lachten, hielten sie plötzlich inne, horchten hinaus. »Still,« sagte Hans, »ich
höre seine Stiefel knarren« und es war, als sei eine geheime Zusammengehörigkeit
zwischen ihnen beiden eine selbstverständliche Sache. Hans verliebte sich
natürlich in Doralice und war diesem Gefühle gegenüber ganz hilflos. Er zeigte
es ihr, er sagte es ihr mit einer naiven, fast schamlosen Offenheit und Doralice
liess es geschehen, es war ihr, als fasste das Leben sie mit starken, gewaltsamen
Armen und trug sie mit sich fort. Da begann in diesen Späterbsttagen Doralices
Liebesgeschichte. Helle, kalte Tage und dunkle Abende, auf den Beeten, die von
dem Nachtfrost gebräunten Georginen und in den Alleen des Parkes welkes Laub,
das auch beim vorsichtigsten Schritte raschelte. Wenn Doralice an diese Zeit
dachte, empfand sie wieder das seltsame schwüle Brennen ihres Blutes, empfand
sie die stete Angst vor etwas Schrecklichem, das kommen sollte, das jeder
Liebesstunde auch ihr furchtbar erregendes Fieber beimischte. Wieder empfand sie
jenes wunderlich lose, verworrene Gefühl, jenen Fatalismus, der so oft Frauen in
ihrem ersten Liebesrausch erfüllt. Dennoch trug Doralice leichter an den
Heimlichkeiten und Lügen als Hans. »Ich halte es nicht mehr aus«, sagte er,
»immer einen so vor mir zu haben, den ich betrüge, wir wollen fortgehen, oder es
ihm sagen.«
    »Ja, ja«, meinte Doralice. Es wunderte sie selbst, wie gering die
Gewissensbisse waren über das Unrecht, das sie ihrem Manne antat, ja, es war
fast nur so wie damals, wenn sie Miss Plummers hinterging. »Und er ahnt es«,
sagte Hans, »er bewacht uns, man begegnet ihm überall, hast du es bemerkt? Seine
Stiefel knarren nicht mehr, wir müssen ihm zuvorkommen.«
    Allein der Graf kam ihnen zuvor. Es war ein grauer Nebeltag, Doralice stand
im grossen Saal am Fenster und schaute zu, wie der Wind die Krone des alten
Birnbaums hin- und herbog und die gelben Blätter von den Zweigen riss und sie in
toller Jagd durch die Luft wirbelte. Es sah ordentlich aus, als freuten sich
diese hellgelben kleinen Blätter, von dem Baume loszukommen, so ausgelassen
schwirrten sie dahin. Doralice hörte ihren Gemahl in das Zimmer kommen. Er
machte einige kleine knarrende Schritte, rückte den Sessel am Kamin, setzte
sich, nahm ein Schüreisen, um, wie er es liebte, im Kaminfeuer herumzustochern.
Als er mit einem »ma chère« zu sprechen begann, wandte sie sich um und es fiel
ihr auf, dass er krank aussah, dass seine Nase besonders bleich und spitz war. Er
schaute nicht auf, sondern blickte auf das Kaminfeuer, in dem er stocherte. »Ma
chère«, sagte er, »ich habe deine Geduld bewundert, aber lassen wir es genug
sein, ich habe mit Herrn Grill eben vereinbart, dass er uns heute verlässt. Mit
dem Bilde wird es ja doch nichts und von dir ist es zu viel verlangt, dich noch
der Langeweile dieser Sitzungen und dieser - Gesellschaft zu unterziehen. So
werden wir wieder entre nous sein. Recht angenehm, was?«
    Doralice war bis in die Mitte des Zimmers gekommen, da stand sie in ihrem
schieferfarbenen Wollenkleide, die Arme niederhängend, in der ganzen Gestalt
eine Gespannteit, als wollte sie einen Sprung tun, in den Augen das blanke
Flackern der Menschen, die vor einem Sprunge von einem leichten Schwindel
ergriffen werden.
    »Wenn Hans Grill geht, gehe ich auch«, sagte sie und im Bemühen ruhig zu
sein, klang ihre Stimme ihr selbst fremd.
    - »Wie? Was? Ich verstehe nicht, ma chère.« Das Schüreisen fiel klirrend aus
seiner Hand und Doralice sah wohl, dass er sie gut verstand, dass er längst
verstanden haben musste. Um seine Augen zogen sich viele Fältchen zusammen und
die Bartkommas auf seiner Oberlippe zitterten wunderlich.
    »Ich meine«, fuhr Doralice fort, »dass ich nicht mehr deine Frau bin, dass ich
nicht mehr deine Frau sein darf, dass ich mit Hans Grill gehe, dass, dass -« sie
hielt inne, Schrecken und Verwunderung über den Anblick des Mannes dort im
Sessel liessen sie nicht weiter sprechen. Er knickte in sich zusammen und sein
Gesicht verzog sich, wurde klein und runzlig. War das Schmerz? War das Zorn? Es
hätte auch ein unheimlich scherzhaftes Gesichterschneiden sein können. Mit
grossen angstvollen Augen starrte Doralice ihn an. Da schüttelte er sich, fuhr
sich mit der Hand über das Gesicht, richtete sich stramm auf. »Allons, allons«,
murmelte er. Er erhob sich und ging mit steifen zitternden Beinen an das Fenster
und schaute hinaus. Doralice wartete angstvoll, aber auch sehr neugierig, was
nun kommen würde. Endlich wandte sich der Graf zu ihr um, das Gesicht
aschfarben, aber ruhig. Er zog seine Uhr aus der Westentasche, wurde etwas
ungeduldig, weil die Kapsel nicht gleich aufspringen wollte, schaute dann
aufmerksam auf das Zifferblatt und sagte mit seiner diskreten, höflichen Stimme:
»Fünf Uhr dreissig geht der Zug.« Er sah auch nicht auf, als Doralice jetzt
langsam aus dem Zimmer ging.
    »Mein Herz schlug dabei sehr stark«, hatte später Doralice zu Hans Grill
gesagt, »ich hörte es schlagen, es schien mir das Lauteste im Zimmer. Ich weiss
nicht, was es war, vielleicht war es plötzlich eine sehr starke Freude.«
    »Natürlich, natürlich«, meinte Hans Grill, »was sollte es denn anderes
gewesen sein.« -
 
                                Drittes Kapitel
Im Wardeinschen Anwesen erwachte das Leben, eine Stalltür knarrte, nackte Füsse
stapften die Holzstufen am Hause auf und ab. Doralice fuhr aus ihrem Sinnen auf,
aus dem Weiterleben des nächtlichen Traumes. Das Zimmer war jetzt ganz hell, die
Decke mit den grossen Streckbalken, die Möbel in ihrer robusten Hässlichkeit
liessen sich nicht mehr wegdenken wie vorhin in der wesenlosen Dämmerung, sie
riefen Doralice zu ihrer Wirklichkeit zurück, mahnten sie, dass sie zu ihnen
gehörte. Die Tür zum Nebenzimmer stand offen, dort schlief Hans. Doralice sah
ihn, wie er in seinem Bette auf dem Rücken lag, die Wangen rot, das gelbe Haar
wirr in die Stirn fallend, die Lippen halb geöffnet. Er atmete tief und laut,
seine breite Brust hob und senkte sich, die Augenbrauen zog er ein wenig
zusammen, was dem Gesicht einen Ausdruck verlieh, als sei das Schlafen eine
ernste, schwere Arbeit, der er sich mit ganzer Anstrengung widmete. »Der wird's
schon machen«, dachte Doralice, »wer so schlafen kann, wer so dabei ist, ist
seiner Sache sicher.« Das tröstete sie ein wenig in der unklaren Traurigkeit
ihrer Morgenstunden. Aber sie wollte nicht wieder schlafen, sie fürchtete sich
davor, zu träumen, wieder hinüberzugleiten in ihr früheres Leben. Sie sprang aus
dem Bette und kleidete sich an.
    Als sie draussen auf die Düne hinaustrat, wehte ein lebhafter, kühler Seewind
ihr entgegen. Über einen blassblauen Himmel zogen eilige hellgraue Wölkchen und
auf dem Meere hoben sich die Wellen ohne Schaum, gross und grüngrau, ein
mächtiges stilles Atmen, erst näher dem Strande wurden sie lebhafter und liessen
die weissen Schaumtücher flattern. Dieses Atmen des Meeres erinnerte Doralice an
etwas, was war es? Ach ja, an Hans, an seine Brust, die sich dort in dem Zimmer
eben ruhig und kraftvoll hob und senkte. Sie begann am Strande entlang zu gehen,
der Wind fuhr ihr in die Röcke, er trieb sie, sie spürte es deutlich, wie er zu
kleinen Stössen ausholte, bald von hinten, bald von der Seite sie anfiel und das
war ein köstlich erfrischendes Spiel, so muss es den Wellen zumute sein, sie
wiegte sich im Gehen; es war ihr, als wogte sie, jetzt fuhr ihr ein stärkerer
Windstoss in die Haare, schüttelte sie. Doralice machte einen Satz, stiess einen
lustigen kleinen Schrei aus. »Jetzt brande ich, jetzt brande ich«, dachte sie.
Über ihr antwortete ein schriller Ruf, eine grosse weisse Möwe hing über dem
Wasser, sie schlug mit den Flügeln, warf sich wie von plötzlicher Lust berauscht
auf das Wasser nieder und schwamm dort, ein kleiner weisser Punkt auf dieser
wogenden grüngrauen Seide. Vor den Fischerhäusern auf der Düne standen
Fischerfrauen, ihre grauen Röcke, ihre roten Tücher flatterten und sie schützten
die Augen mit der Hand und schauten auf das Meer hinaus nach den Männern, die in
der Nacht zum Fischfang hinausgefahren waren.
    Als Doralice um den Vorsprung einer Düne bog, sah sie den Geheimrat von
Knospelius, der vor ihr her den Strand entlang ging. Im gelben Leinenanzug, den
Panama im Nacken, einen schönen gelben Setter neben sich, holte er mit dem
dicken Spazierstock weit aus, machte grosse Schritte, warf sich in den Schultern
hin und her, hatte, wie es Verwachsene lieben, die Bewegungen starker, grosser
Leute. Als er Schritte hinter sich hörte, wandte er sich um, er grüsste sehr tief
und das grosse, bleiche Knabengesicht lächelte. Da es schien, als wolle er etwas
sagen, blieb Doralice stehen. »Guten Morgen, gnädige Frau«, begann er und
schaute mit seinen stahlblauen Augen scharf und aufmerksam hinauf in Doralicens
Gesicht, »schon vor Sonnenaufgang auf dem Posten?«
    Doralice errötete und lachte: »Es ist Ihnen wohl entfallen, Exzellenz, dass
das letztemal, als wir uns sprachen, Sie mir dasselbe sagten, auch so etwas von
auf dem Posten stehen.«
    »So so«, meinte Knospelius, »möglich, ich interessiere mich für diese
Sachen. Sie haben ein gutes Gedächtnis. Darf ich Sie einige Schritte begleiten,
gnädige Frau?«
    Sie nickte, obgleich es ihr nicht recht war, dieses kleine Ungeheuer neben
sich zu haben, das sie von unten auf ansah, unbekümmert, wie man einen
Kupferstich, nicht wie man einen Menschen anschaut. Im Gehen sprach er mit
tiefer Stimme, deren Metall ihm selbst zu gefallen schien. »Mit dem Schlafen,
meine Gnädige, scheint es Ihnen hier auch nicht recht gelingen zu wollen.«
    »Doch,« meinte Doralice, »nur die anderen alle sind so früh auf, die
Fischersleute, die Hähne, nun und das Meer schläft ohnehin nicht.«
    Knospelius lachte jetzt sein lautloses Lachen: »Ja, ja, hier ist Betrieb,
hier kann man was lernen. Denn, sehen Sie«, er wurde ernst, sein Gesicht nahm
einen bösen, fast hasserfüllten Ausdruck an, »sehen Sie, es gibt nichts Dümmeres,
nichts Sinnloseres als die Schlaflosigkeit, als im Bett zu liegen, auf den
Schlaf zu warten und nicht schlafen zu können. In solchen Stunden komme ich mir
vor wie meiner Menschenrechte beraubt. Ich tue nicht meine Pflicht als Mensch.«
    »Pflicht als Mensch«, wiederholte Doralice etwas zerstreut.
    »Ja, gerade so«, fuhr der Geheimrat fort, zänkisch als hätte jemand ihm
widersprochen, »meine Pflicht als Mensch ist, zu schlafen oder mein Handwerk als
Mensch zu treiben, zu arbeiten wie da die Fischer oder zu lieben wie Sie und der
Herr Maler oder zu streiten wie meine Hausleute, gleichviel, eben
Menschengeschäfte zu treiben und können wir das nicht, so haben wir zu schlafen.
Das weiss mein Karo auch, kann er den Aufgaben seines Hundelebens nicht
nachgehen, dann schläft er. Aber was wir in einer schlaflosen Nacht denken und
fühlen, ist ganz unnütz, gar nicht zu brauchen, weggeworfenes Leben. Sehen Sie,
ich habe viel zu rechnen, das ist mein Beruf, aber in schlaflosen Nächten muss
ich auch rechnen, Rechnungen, die nie stimmen, die keinen Sinn und kein Resultat
haben, das ist doch menschenunwürdig. Wenn Karo mal so daliegt und mit der Nase
im Buche der Natur liest, dann wittert er wirkliche Hasen und wirkliche Hühner,
nicht sinnlose Tiere, die es gar nicht gibt; nein, nein, ich sage, nicht
schlafen können ist ein Skandal und dürfte einem gar nicht passieren.«
    Knospelius schwieg und schaute ärgerlich auf das Meer hinaus.
    Doralice tat der kleine Mann leid. Es war doch eine Qual, die zu ihr
gesprochen hatte, sie wollte ihm etwas Freundliches sagen. Es kam ihr jedoch
kühl und flach heraus: »Ich hoffe die Seeluft wird Ihnen gut tun, Exzellenz.«
Knospelius begann wieder weiter zu gehen und murmelte: »Ich, ach, es ist nicht
das, ich sage es so im allgemeinen. Wenn man wacht, muss man was erleben können
und wenn man schlafen will, muss man schlafen können. Das dürfen wir verlangen.«
Plötzlich lächelte er, ein hübsches, fast schüchternes Lächeln. »Na ja, wenn es
bei dem einen oder anderen so 'ne Bewandtnis hat, wenn da Hindernisse sind, nu
so müssen wir uns an die Erlebnisse der anderen halten. Ich interessiere mich
sehr für die Erlebnisse der andern, ich kümmere mich hier stark um die
Angelegenheiten meiner Nebenmenschen. Ja, ja, was Leben betrifft, bin ich
Kommunist, ich leugne das Privateigentum, ha, ha!«
    - »Erleben denn die Leute hier so viel?« fragte Doralice.
    »O genug«, erwiderte der Geheimrat, »sehen Sie die Fischer, die Kerls haben
sich mit dem Meere eingelassen, und das hält in Atem, das können Sie mir
glauben. Und dann die Weiber, wie sie dort oben stehen und warten. So zu stehen
und auf den Mann oder Sohn zu warten, das spannt an. Haben Sie die Augen dieser
Frauen beobachtet? Das sind Blicke, die nicht so planlos an den Dingen
herumwischen, das sind Blicke, die ohne Umweg gerade auf den Punkt treffen, der
ihnen wichtig ist, wie der Hammer in der Hand eines guten Handwerkers gerade und
hart immer auf den richtigen Fleck schlägt. Und Sie sollten mal diese Augen
sehen, wenn so 'n Mann oder Sohn nicht zurückgekehrt ist und die Frau dann
tagelang am Strande hin- und herläuft und jeden dunklen Punkt auf dem Wasser
oder auf dem Strande erspäht und mit furchtbarer Aufmerksamkeit beobachtet. Das
sind Augen, die ihr Handwerk verstehen. Übrigens hat es mich sehr interessiert,
dass Sie hergezogen sind. Sie werden schon Farbe in den Betrieb bringen. Es würde
mich freuen, den Herrn Maler kennen zu lernen. Es scheint ein lebensvoller Herr
zu sein. Das sehe ich gern. Ha, ha, das sehe ich ebenso gern, wie der
Bauernfänger den Herrn mit der dicken Brieftasche gern sieht.« Und er lachte
lautlos und andauernd über seinen Witz.
    Der Himmel wurde jetzt farbig, die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene
Säume und eine Welle von Rot übergoss den Himmel. Auch in das Graugrün des Meeres
mischten sich blanke Fäden, und die Höhlungen der brechenden Wellen am Strande
füllten sich mit Rosenrot, und plötzlich begann das Meer weiter dem Horizonte zu
ganz in Rotgold zu brennen. Knospelius blieb stehen und machte mit seinem langen
Arm eine grosse Bewegung auf das Meer hinaus, als wollte er das Meer vor Doralice
ausbreiten.
    »Sehen Sie«, sagte er, »das ist nun der allmorgendliche Farbenspektakel.
Eine hygienische Massregel. Die Natur wird ganz rücksichtslos da mit all diesem
Rot und Gold überschüttet. Das soll anregen wie uns die Morgendusche oder der
Morgenkaffee. Wenn Sie noch einige Schritte weiter gehen wollen, so können wir
einen hübschen, ja ich sage geradezu einen hübschen Anblick haben.«
    So gingen sie denn weiter. Sie kamen an eine Stelle des Ufers, wo eine hohe
Sanddüne ganz nah bis an das Wasser herantrat, die Wellen unterspülten sie so,
dass die Sandwand teilweise eingestürzt war. Bei hohem Seegang waren grosse Stücke
des Erdreichs abgebröckelt und fortgerissen worden, überall klafften Höhlen und
Risse, das alles triefte jetzt von rotem Morgenlicht. Hie und da ragte aus dem
hellbeschienenen Sande morsches Holzwerk hervor, das metallisch glänzte, und
weisse Stücke, die - »Aber,« rief Doralice, »das ist dort eine Hand.«
»Allerdings,« erklärte der Geheimrat, »das da ist eine Hand und ein Arm und dort
ist ein Schädel hübsch rosa angeleuchtet und in dem verfallenen Sarge dort ein
ganzer Mann. Wie Sie sehen, ist dies ein Friedhof, mit dem das Meer langsam
aufräumt. Für Friedhofsromantik und Friedhofschauer habe ich wenig übrig, die
sind billig. Dies aber gefällt mir. Ein Friedhof, von dem jede Sturmnacht ein
Stück abschneidet, wie von einem Kuchen, und aus dem Sande gucken dann all diese
Stillen heraus und lassen sich den Seewind um die Knochen wehen. Sehen Sie, wie
kokett sie sich im Morgenrot färben, die blühen wie die Rosen. Und dann kommt
die Sturmnacht und holt sie ab, dann geht es auf die Reise ins Meer hinaus. Aus
dem denkbar Engsten und Stillsten in das Weiteste und Lauteste hinein. Das
gefällt mir. Wie auf einer Landungsbrücke stehen die hier und warten auf das
Schiff, das sie abholt. Das könnte mich reizen. Da ist doch Betrieb. Dem Tode
wird hier das Muffige genommen, mit dem man ihn zu umgeben liebt. Nicht?«
    Knospelius schaute zu Doralice auf. Sie war ein wenig bleich geworden, sie
presste die Lippen aufeinander und zog die Augenbrauen zusammen. Es sah aus, als
sei sie böse. »Nun, es scheint Ihnen nicht zu gefallen«, bemerkte der Geheimrat,
»fürchten Sie sich vielleicht? Wir werden ja zur Furcht vor diesen Dingen
erzogen.«
    - »Nein,« erwiderte Doralice, »ich fürchte mich nicht. Dies hier ist sehr
seltsam. Nur, ich weiss nicht, ich hätte es vielleicht heute morgen lieber nicht
gesehen.«
    »So, so«, meinte der Geheimrat, »dann können wir ja gehen. Sie haben
übrigens recht, über den Tod und was mit ihm zusammenhängt nachzudenken ist wohl
augenblicklich ganz und gar nicht Ihr Beruf.«
    Auf dem Rückweg war Doralice schweigsam. Knospelius plauderte behaglich vor
sich hin. Die Generalin Palikow, ja, die kannte er. Eine kluge alte Frau, ein
wenig laut, und liebte es, die Angelegenheiten anderer Leute fest in ihre Hand
zu nehmen. Sie fühlt sich stets verantwortlich für die Angelegenheiten anderer.
Der Baron Buttlär, nun - der hat einen wunderschönen blonden Schnurrbart. Wenn
er nach Berlin kam, da brauchte er viel Sekt und suchte Abenteuer. Solch ein
Schnurrbart verpflichtet eben und macht auch den christlichen Hausvater und
Gatten oft unruhig. Die Töchter, übrigens hübsche Mädchen, schmal und biegsam
wie Weidenruten. Das ist die moderne Fasson. Junge Mädchen mussten jetzt aussehen
wie Arabesken. Er, Knospelius, zog das frühere, das dreidimensionale Format dem
heutigen Stile vor.
    Doralice hörte ihm mit Abneigung zu. Sie fand jetzt ihren Begleiter
unheimlich und er verdarb ihr den schönen Morgen. Was ging sie die Welt der
Buckligen an, sie sehnte sich nach Menschen mit geradem Rücken. Dazu hatte er
eine unangenehme Art, so von unten herauf ihr scharf auf die Lippen zu sehen.
Doralice verzog die Lippen, als schmeckte sie etwas Bitteres.
    Nach Sonnenaufgang hatte sich der Wind gelegt. Das Meer glättete sich und
glitzerte weit hinaus. Viele Fischerboote kehrten heim. Von den Dünen liefen die
Fischerfrauen zum Strande hinab, schürzten ihre Röcke hoch auf und wateten in
das Wasser, um den Männern behilflich zu sein die Boote auf den Sand zu ziehen.
Mitten im Brandungsschaum standen alle diese Menschen blank von Wasser und
Sonnenschein. »Ah, unsere Fischer«, sagte der Geheimrat. Er trat an eins der
Boote heran, begrüsste die Fischer, die er kannte: »Guten Morgen, Andree, guten
Morgen, Wardein, nun, hat es sich gelohnt?« - »Bisschen was ist da«, sagte
Wardein und wischte sich den Wellenschaum aus dem grauen Bart. Knospelius beugte
sich über den Bootsrand, um die Fische zu sehen, die auf dem Boden des Bootes
lagen. Er streifte sich den Rockärmel auf und fuhr mit seinen langen Fingern
mitten hinein zwischen die Dorsche mit ihren bleichen Silberleibern, die Butten,
die aussahen wie bräunliche Bronzescheiben, an denen wunderlich verzerrte
Gesichter sitzen und die Fülle der kleinen Brätlinge, die blank waren wie
frischgeprägte Markstücke. Knospelius kniff ein Auge zu und lachte das Lachen
eines ausgelassenen Schuljungen. »Betrieb, auch Betrieb«, sagte er.
    Doralice sah ihm einen Augenblick zu, dann wandte sie sich mit einem kurzen
»guten Morgen« ab und ging schnell weiter. Jetzt hatte sie Eile, bei Hans Grill
zu sein. Da kam er ihr schon entgegen in seinem weissen Leinenanzug, das Badetuch
über der Schulter, das Gesicht rot und über und über lächelnd. Wie er sich
freut, mich zu sehen, dachte Doralice, und sie fühlte diese Freude wie etwas,
das sie plötzlich erwärmte. Hans legte seinen Arm um ihre Taille, nahm sie an
sich, wie man sein Eigentum an sich nimmt. Er hatte schon gebadet, er roch nach
Seewasser. »Kalt war's«, berichtete er, »aber das liebe ich, wenn die Wellen
einen ins Fleisch zwicken, willst du nicht auch baden?« Nein, Doralice wollte
später baden.
    »Ich weiss, ich weiss,« meinte Hans, »du liebst es, wenn das Meer eine
lauwarme Tasse Tee ist. Schön, schön. Aber hungrig sind wir, ich habe Agnes
gesagt, dass sie für jeden von uns wenigstens vier Eier bereitalten soll.«
    »Was sagte Agnes?« fragte Doralice. Hans lachte. »O die, ihr Gesicht
versteinerte sich und sie meinte, sie habe nicht gewusst, dass adlige Damen so
viel essen müssen.«
 
                                Viertes Kapitel
Der Tag war sehr heiss. Die Generalin hatte die Strandkörbe auf die Düne stellen
lassen. Dort sassen sie und ihre Tochter und machten Handarbeit. Fräulein Bork
ruhte vor ihnen im Sande und zeichnete das Meer. Sie zeichnete immer das Meer,
lange leichtgewellte Linien, am Horizont ein Segelboot. Wedig sass neben seiner
Mutter und musste aus Fénélons »Télémaque« vorlesen. Er las ganz eintönig in
einer Art klagender Melodie, die wie das Schlummerlied für diese heisse Stunde
klang. Er selbst fühlte sich ganz hoffnungslos, sein Feriengefühl war ihm
abhanden gekommen. Dieses ewig glitzernde Meer, dieser heisse Sand, der sich an
die Finger hing und sie nervös machte, die Ereignislosigkeit, all das schien
Wedig gewöhnlicher Alltag und machte ihn weltschmerzlich. Dazu noch dieser
Mentor mit seinen endlosen Reden. Wedig wünschte, er hätte ihm die Nase abreissen
können. Frau von Buttlär hörte der Vorlesung nur unaufmerksam zu, nur mechanisch
warf sie hin und wieder ein zerstreutes »faites les liaisons, mon enfant« hin.
Oft griff sie nach ihrem Opernglase, um zum Strande hinabzusehen, wo Lolo und
Nini auf- und abgingen und sich abkühlten, bevor sie in das Wasser gingen. In
den roten Badeanzügen, weisse Stoffkappen auf dem Kopf, sahen sie wie sehr
schlanke Knaben aus und sie gingen ganz aufrecht, die Beine ihrer Freiheit
ungewohnt ein wenig befangen und steif bewegend.
    »Sagen Sie, Malwine,« fragte die Generalin, »sahen wir in unserer Jugend
auch so aus, wenn wir badeten?«
    Fräulein Bork kniff das eine Auge zu und lächelte gefühlvoll: »Ach, das ist
so hübsch«, meinte sie, »wie kleine rote Silhouetten auf einem grünen
Lampenschirm sehen sie aus.«
    »Ja, o ja«, versetzte die Generalin, »dass das, was wir in unserer Jugend
Hüften nannten, immer mehr abkommt!«
    Jetzt gingen die Mädchen in das Wasser, vorsichtig wateten sie durch die
Brandungswellen, verschwanden zuweilen ganz im weissen Schaum und warfen sich
endlich auf das Wasser, um zu schwimmen, zwei rote Striche, in dem weisslichen
Grün, das heute die Farbe des Meeres war. Sie waren gute Schwimmerinnen, aber
Lolo überholte Nini weit, wunderbar leicht und schnell schoss sie vorwärts,
geradeaus, als habe sie ein Ziel.
    »Aber wohin will sie«, rief Frau von Buttlär, »warum bleiben sie nicht
beisammen? Ich habe ihnen gesagt, sie sollen beisammen bleiben, ich habe ihnen
verboten, bis zur zweiten Sandbank zu schwimmen. Lolo! Lolo!« Frau von Buttlär
rief und winkte mit ihrem Taschentuche, aber der rote Strich dort drüben fuhr
immer weiter ins Meer hinaus. »Ich sage es immer«, klagte Frau von Buttlär,
»Lolo hat einen schwierigen Charakter, sie kann nicht gehorchen, ihr Mann wird
es schwer haben. Lolo! Lolo!«
    »Wer geht denn dort ins Meer?« fragte Wedig und zeigte zum Strande hinab.
    »Das«, sagte die Generalin, »muss die Köhne sein.«
    »Wo? Was?« rief Frau von Buttlär. »Ach, nenne sie doch nicht Köhne, Mama,
sie heisst doch nicht so.«
    »- Ach was,« meinte die Generalin, »wenn die Leute beständig ihren Namen
ändern, kann mein alter Kopf es nicht behalten, und Grill, wer kann sich das
merken, das ist nichts.«
    Einen Augenblick schwiegen alle und schauten gespannt auf das Meer hinab.
Wedig hatte den Télémaque fortgeworfen und legte sich platt in den Sand, lag da
wie eine Robbe und starrte vor sich hin. Jetzt kam vielleicht doch ein Ereignis.
    »Reizend,« bemerkte Fräulein Bork, »marineblau und einen kleinen gelben
Dreimaster und wie sie schwimmt!«
    »Sehr schick«, brummte Wedig. Das jedoch erregte aufs neue Frau von Buttlärs
Aufregung. »Schweig,« herrschte sie ihren Sohn an, sie stand auf, schwenkte ihr
Tuch, rief wieder: »Lolo! Lolo! Aber sie schwimmen ja aufeinander zu, auf der
Sandbank müssen sie sich ja treffen. Ach Gott, mein armes Kind!«
    »Na, setz' dich, Bella,« beruhigte die Generalin ihre Tochter, »jetzt ist es
nicht zu ändern. Sie wird Lolo auch nicht gleich anstecken.«
    »Muss man so etwas erleben«, seufzte Frau von Buttlär und setzte sich
kummervoll in den Stuhl zurück. Gespannt folgten alle mit den Augen dem roten
und dem marineblauen Punkte dort auf der lichtüberglitzerten Fläche.
    »Die Dame ist doch zuerst da«, rief Wedig triumphierend.
    »Lolo scheint müde, sie schwimmt langsam«, bemerkte Fräulein Bork; »ah, ah,
die Gräfin geht ihr entgegen, sie will ihr helfen.«
    »Unerhört«, stöhnte Frau von Buttlär.
    »Jetzt reicht sie Lolo die Hand«, meldete Wedig, »ah, jetzt steht Lolo, die
Dame legt ihr den Arm um die Taille und Lolo stützt sich auf ihre Schulter.«
    »Dem setzt man sich aus, wenn man so ohne weiteres ins Meer hinausschwimmt«,
klagte Frau von Buttlär. Aber die Generalin ärgerte sich: »Bella, du übertreibst
wieder, wenn das Kind müde ist vom Schwimmen, so ist es gut, dass jemand ihr die
Hand reicht, und das Kind nimmt die Hand und fragt nicht erst: Sind Sie Ihrem
Manne auch treu gewesen!«
    Lolo stand drüben auf der Sandbank, sie war bleich geworden und atmete
schnell. »Oh, ich halte Sie schon«, sagte Doralice, »legen Sie den Arm auf meine
Schulter, so wie man beim Tanzen den Arm auf die Schulter des Herrn legt - so.
Es war doch ein wenig zu weit, Sie sind das nicht gewohnt.«
    »Danke, gnädige Frau«, sagte Lolo und errötete, »jetzt ist mir besser, ich
bin das Meer nicht gewohnt und ich wollte dort immer im Blanken schwimmen und
das war ein wenig zu weit.«
    »Nun erholen wir uns noch«, fuhr Doralice fort. »Ja, im Blanken schwimme ich
auch gern, die Sonnenstrahlen fahren einem dann so über die Haut wie kleine
warme Fische, das liebe ich. Aber wie Ihr Herz schlägt. Zurück schwimmen wir
geradeaus, da ist es nur eine kleine Strecke bis zur ersten Sandbank.«
    Lolo antwortete nicht, sie dachte nur, würde sie doch noch sprechen. Nach
der Anstrengung des Schwimmens kam ein köstliches Behagen über sie. Gern wollte
sie lange noch so stehen in dem lauen Wasser, sich schwesterlich an diese schöne
geheimnisvolle Frau lehnend, diese seltsam schimmernden Augen, diesen Mund mit
den schmalen, zu roten Lippen ganz nahe haben. Doralice sprach jetzt von
gleichgültigen Dingen, von dem heissen Tage und dass es am Bullenkruge wenig
Schatten gebe und vom Schwimmen und Lolo hörte ihr zu wie etwas Erregendem,
Verbotenem, dessen Schönheit sie, sie allein jetzt plötzlich erkannt hatte.
    »Jetzt, denke ich, schwimmen wir«, schlug Doralice vor und sie warfen sich
in das Wasser, schwammen dicht nebeneinander, wandten zuweilen die Gesichter
einander zu, um sich anzulächeln. »Geht es?« rief Doralice. »Wir sind gleich
da.«
    »Oh, es geht, es geht schön«, antwortete Lolo.
    Es war fast so bequem, dachte Lolo, als lägen sie beide auf einer grünen
Atlascouchette und könnten sich unterhalten. Ja, das war es, sie wollte sich
unterhalten. Sie fühlte sich nicht mehr so befangen wie dort auf der Sandbank.
Sollte sie fragen, ob es bei Wardeins sehr eng sei? Nein, das war zu
unpersönlich, so sagte sie denn: »Gnädige Frau, ich sehe Sie jeden Abend von
meinem Fenster aus im Mondschein spazierengehen.«
    »So,« erwiderte Doralice und legte sich auf die Seite, um Lolo ansehen zu
können, ihr Gesicht war über und über mit flimmernden Tropfen übersät, »das ist
dann wohl Ihr Fenster oben im Giebel, in dem ich jeden Abend Licht sehe?«
    »Ja«, rief Lolo begeistert zurück. Es freute sie, dass Doralice zu ihr
hinaufgeschaut hatte. Nun waren sie angekommen und gingen ans Ufer.
    »Es ist hübsch«, meinte Doralice, »so zu zweien zu schwimmen«, und sie
reichte Lolo die Hand. Lolo nahm diese kleine feuchte Hand, hielt sie einen
Augenblick und führte sie dann schnell an ihre Lippen. »Ich - ich danke Ihnen,
gnädige Frau«, sagte sie leise.
    »Nicht doch«, wehrte Doralice, beugte sich vor und küsste Lolo auf den Mund.
    Von der Düne her aber bewegte sich ein Zug eilig auf Lolo zu. Voran Frau von
Buttlär, die unausgesetzt »Lolo!« rief und mit dem Taschentuch winkte, ihr
folgte Fräulein Bork mit dem Badetuche, dann Wedig die Hände in den Hosentaschen
und ein ironisches Lächeln auf den Lippen und zuletzt die Generalin erhitzt und
ganz ausser Atem. Lolo ging dem Zuge ein wenig zögernd entgegen. »Da bist du
endlich«, rief Frau von Buttlär, »du bringst mich noch um mit deinen
Geschichten.« Lolo liess sich schweigend in das Badetuch hüllen, man sah ihrem
eigensinnigen Gesicht sofort an, dass sie nichts zu ihrer Entschuldigung anführen
wollte. Während sie jetzt alle wieder zum Badehause zogen, ging Frau von Buttlär
hinter ihrer Tochter her und schalt unausgesetzt: »So etwas kann nur dir
passieren, gerade dieser Person in die Arme zu laufen und geküsst hat sie dich.
Wie kommt sie darauf, die freche Person? Und du lässt das geschehen. Von wem
wirst du dich nicht noch alles küssen lassen.«
    Da wandte Lolo ein wenig den Kopf und sagte entschlossen und eigensinnig:
»Sie hat mich geküsst, weil ich ihr die Hand geküsst habe.«
    »Du hast ihr die Hand geküsst«, rief Frau von Buttlär, »hat man so etwas
gehört und warum? ich bitte dich. Diese Person, sie ist ja halbnackt, keine
Ärmel und die Dekolletage! Aber du hast keinen Stolz, du bist verlobt, du sollst
eine ehrliche Frau werden; wir ehrliche Frauen müssen doch Front machen gegen
diese Damen und du küsst ihnen die Hände. Dein Bräutigam wird sich freuen. Ach
Gott, mir ist ganz übel, so schäme ich mich.«
    Da legte sich die Generalin ins Mittel, sie schob Lolo in das Badehaus und
sagte: »Für jetzt ist es genug, Bella, das Kind ist angegriffen, geschehen ist
geschehen, wir werden ihr mit etwas Baldriantee den Kuss der Jasky wieder
wegkurieren.«
    Zu Hause schickte Frau von Buttlär Lolo sofort zu Bett, sie selbst legte
sich auch hin und Ernestine lief mit Baldriantee treppauf, treppab.
    Lolo lag oben in ihrem Zimmer auf ihrem Bett noch immer bleich und schaute
mit ihren erregten Augen nachdenklich zur Decke auf. Nini sass neben ihr, sie
sprach nichts, sondern schaute Lolo nur wartend an. Endlich begann Lolo zu
sprechen, langsam und versonnen: »Ja, sie war herrlich, aber das wusste ich, und
dass ich sie werde lieben müssen, das wusste ich auch, aber ich wusste nicht, dass
sie etwas an sich hat, das einen weinen machen könnte. Ich hatte so das Gefühl
im Halse wie bei ganz rührenden Stellen in Romanen, das ist natürlich deshalb,
weil alle so schlecht von ihr sprechen, weil alle so gegen sie sind. Aber ich
bin für sie.« - »Ich auch«, sagte Nini.
    »Du?« fragte Lolo verwundert. »Du kennst sie ja gar nicht.«
    - »Das tut nichts«, meinte Nini, »ich war schon für sie den ersten Abend,
als ich sie im Mondschein spazieren gehen sah. Aber was wirst du jetzt tun?«
    »Ich weiss, was ich tun werde«, sagte Lolo ernst. Sie stand auf, setzte sich
an ihren Schreibtisch und begann einen Brief zu schreiben. Nini wartete geduldig
und fragte dann: »Hast du an sie geschrieben?«
    »O nein«, antwortete Lolo überlegen. »Ich habe mir aus der Stadt sehr viel
rote Rosen kommen lassen, die werde ich ihr abends durch das Fenster in ihr
Zimmer werfen.«
    »Und ich«, beschloss Nini, »werde mich so lange üben, bis ich auch zur
zweiten Sandbank schwimmen kann, und wenn ich dabei auch ertrinke.«
 
                                Fünftes Kapitel
Es folgten sich Tage mit unbewölktem Himmel und unerbittlichem Sonnenschein.
Überall lag dieses heisse grelle Licht, es schwamm und zitterte auf dem Wasser,
es sprühte auf dem Sande, erweckte Funken auf den Kieseln und auf den harten
Stengeln des Strandhafers und der Seggen.
    »Man kann sich vor Licht nicht mehr retten«, sagte Hans Grill. Aber auch die
Abende und Nächte brachten weder Kühlung noch Dunkel. Ein leichter Westwind
bewegte die Schwüle nur, ohne sie zu mildern. In einem dunstigen violetten
Gewölk wetterleuchtete es jeden Abend am Horizont und dann kam der Mond fast
voll und das Glitzern und Sprühen begann wieder allerorten.
    »Man möchte zu dieser ewigen Helligkeit sagen«, bemerkte wieder Hans Grill,
»ich will meine Ruhe.«
    Allein auch in den Stuben war diese Ruhe nicht zu finden, dort war es zu eng
und zu heiss, und die Dunkelheit legte sich über den Schläfer wie eine dicke
schwarze Decke. Selbst die Fischer, die sonst mit einbrechender Dunkelheit in
ihre Hütten zu verschwinden pflegten, sassen vor ihren Häusern und starrten auf
das Meer hinaus. So sassen die Wardeins auf der langen Bank vor ihrer Haustür,
alle waren sie da nebeneinander aufgereiht wie Seevögel auf einer Klippe. Die
achtzigjährige Grossmutter, gross und knochig wie ein Mann, legte ihre seltsam
knorrigen Hände flach auf die Kniescheiben, um sie zu kühlen. Wardein rauchte
seine Pfeife; seine bleiche Frau hielt das Jüngste an der Brust und die anderen
Kinder sassen da im Hemde und wiegten unruhig die nackten Füsschen. Keiner sprach
ein Wort, und alle, auch die Kinder, schauten ernst und geduldig gerade vor sich
hin. Wenn das Wetterleuchten drüben eilig den Horizont erhellte, wies Wardein
stumm mit der Pfeife zu ihm hinüber. Unten am Strande gingen ganz stille
Liebespaare hin, sie gingen mit herabhängenden Armen nebeneinander her, träge
die Füsse über den Sand ziehend. Was sollten sie sich sagen, hier hatte immer
seit Menschengedenken das Meer das Wort und wozu ihm unnütz dreinreden.
    Doralice und Hans wohnten jetzt fast den ganzen Tag in einer Einsenkung der
Düne. Hans spannte dort seinen Malschirm aus, breitete eine Decke über den Sand,
auf der Doralice liegen konnte, er selbst sass vor seiner Staffelei und malte das
Meer. »Das ist das einzige«, behauptete Grill, »wir müssen es machen wie die
Hühner, die sich Erdlöcher machen und sich kühlen.«
    Doralice schloss die Augen und murmelte, fast zu faul um die Lippen zu
bewegen: »Ganz still liegen, sich nicht bewegen, denn, spürst du das auch? in
uns da zittert und flackert es immer so wie der Sonnenschein auf dem Wasser. Das
macht müde.«
    »Gut, gut, lieg nur still«, sagte Hans väterlich und beruhigend. Sie
schwiegen sie eine Weile, bis Hans seinen Pinsel fortwarf und sich auch auf den
Sand ausstreckte.
    »Es will und will nicht werden«, sagte er ärgerlich. Doralice öffnete die
Augen und schaute das Bild auf der Staffelei an und meinte: »Warum, es ist ja
ganz gut, das ist durchsichtig, das ist grün.«
    Hans fuhr auf erregt und eifrig: »Durchsichtig und grün. Ein Stück Glas ist
auch durchsichtig, ein Stück Stoff kann grün sein. Nein, das ist noch kein Meer.
Das Meer muss gezeichnet werden, siehst du, nur die Linie hat Bewegung und Leben.
Ich kann dein blaues Kleid malen, nichts leichteres als das, aber es so zu
malen, dass jeder sieht, du steckst da drin unter dem Blauen, das ist die Kunst.
Im Meer steckt eben auch unter dem Durchsichtigen und Grünen etwas, das lebt und
sich bewegt, und das ist eben das Meer.«
    »Ah, so ist es«, sagte Doralice wieder mit geschlossenen Augen, »mach' das
doch, Lieber.«
    »Machen, machen«, wiederholte Hans, »das ist es eben. Ich möchte wissen, wo
zum Teufel mein Talent hingekommen ist, es war doch da.«
    »Bin ich daran schuld?« fragte Doralice ruhig und schläfrig.
    Hans antwortete nicht sogleich. Er lag da und starrte zum Himmel auf und
dachte nach. Ja, wie war das denn? Und er begann langsam zu sprechen, wie zu
sich selber: »Schuld, eine Schuld kann da nicht sein, aber das ist es, du nimmst
jetzt in mir einen so grossen Raum ein, dass das Talent nicht mehr Platz hat.
Natürlich, das ist es. Du bist doch in mein Leben hereingekommen wie ein Wunder
und noch bist du jeden Augenblick ein unbegreifliches Wunder. Wie soll da etwas
anderes Platz haben. Immerfort ein Wunder zu erleben, strengt an.«
    - »Und glaubst du«, unterbrach ihn Doralice ein wenig gereizt, »es strengt
nicht an, immer, den ganzen Tag, ein Wunder zu sein?«
    Hans lachte gutmütig: »Lass es gut sein, ich gewöhne mich schon an das
Wunder.«
    - »O wirklich, du gewöhnst dich dran«, warf Doralice hin.
    »Sicher,« fuhr Hans fort, »alles, was uns jetzt selbstverständlich scheint,
ist einmal ein Wunder gewesen. Du wirst mir auch selbstverständlich werden.
Warte nur, bis wir in unserer Ordnung sind.«
    Doralice hob ihre Arme hoch über den Kopf empor und streckte sich: »Ach ja,
deine Ordnung, nun also erzähle von deiner Ordnung. Ein Häuschen, nicht wahr,
damit fängt es doch an?«
    »Allerdings ein Häuschen«, begann Hans gereizt, »ein Häuschen irgendwo,
sagen wir in einem Vorort von München, ein Häuschen, das deine eigenste
Schöpfung ist, der Ausdruck deines Wesens, dort waltest du. Mein Atelier ist
natürlich in der Stadt, ich komme zu Mittag heim und du erwartest mich -«
    - »Das weiss ich alles schon«, unterbrach ihn Doralice, »nur möchte ich
wissen, was ich den ganzen Vormittag allein gemacht habe.«
    »Du hast eben deinen Wirkungskreis«, erklärte Hans, »du hast dein Hauswesen,
dem du dein Gepräge gibst.«
    Doralice zuckte mit den Achseln: »Ach Gott, ich kann doch nicht den ganzen
Vormittag allein dasitzen und dem Hauswesen mein Gepräge geben.«
    Hans errötete und machte ein Gesicht, wie jemand, dem es in allen Gliedern
ruckt, weil er einen Knoten nicht aufbringen kann: »Allein, warum allein? Da
werden doch Menschen sein, wir schaffen uns unseren Kreis, unsere Gesellschaft,
wir sind an keine Gesellschaft gebunden, wir sind die Schöpfer unserer
Gesellschaft, das ist es.«
    Doralice richtete sich ein wenig auf und sah Hans an und ihre Augen wurden
gross und bekamen einen hilflosen, angstvollen Ausdruck: »Menschen,« sagte sie
leise, »du weisst doch, ich fürchte mich vor den Menschen.«
    Hans konnte sich vor dem schmerzhaften Mitleid, das diese Augen in ihm
erregten, nur retten, indem er sich in Zorn redete. Er schrie ordentlich:
»Fürchten, das sollst du nicht, das darfst du nicht, wenn ich da bin, das ist
eine Beleidigung für mich, und wir können nicht immer in einer Einsamkeit leben.
Ich will nicht, dass wir Ausnahmen sind. Du sollst nicht für mich das
Ausserordentliche bleiben, nein, du musst mein Alltag sein, mein tägliches Brot,
dann erst besitze ich dich ganz. Und wir müssen leben wie die anderen Menschen
und mit den anderen Menschen. Die Welt ist voll guter herrlicher Menschen, du
wirst Frauen finden, grosszügige, freidenkende, edle Frauen.«
    Doralice hatte sich wieder ruhig zurückgelehnt und die Augen geschlossen:
»Diese Frauen kenne ich«, bemerkte sie, »sie tragen Velveteen-Reformkleider und
sprechen von objektiv und subjektiv. Zwei frühere Schülerinnen besuchten einmal
Miss Plummers, die waren so und Miss Plummers nannte sie: very clever indeed!«
    Hans hatte die Hände voll Strandhafer, den er in seinem Zorn ringsumher
ausriss: »Das ist immer so«, sagte er, »du willst mich nicht verstehen. Weil du
deine Gesellschaft verlassen hast, glaubst du, es gäbe keine deiner würdigen
Menschen mehr. Das ist Hochmut, oder schämst du dich meiner vor den Menschen?
Sag, schämst du dich meiner?«
    Doralice lächelte mit geschlossenen Augen: »Nein, du bist gut«, erwiderte
sie, »du bist mir schon recht, nur deine Frau Grill mit dem Gepräge, die ist mir
nicht sympatisch, die möchte ich lieber nicht kennenlernen.«
    »Aber du musst sie kennenlernen«, rief Hans, »wenn du mich willst, musst du
auch Frau Grill wollen, ich trete für sie ein, ich werde nicht erlauben, dass du
sie hochmütig beiseite schiebst. Aber so geht es immer, wir reden und reden, als
ob der eine auf der ersten Sandbank steht und der andere auf der zweiten. Und
keiner versteht, was der andere sagt, und wir rufen uns nur immer: was? was?
zu.«
    Hans war aufgesprungen, er stand vor Doralice und sah sie an. Wie ruhig sie
dalag in ihrem gelben Sommerkleide, das heisse Gesicht ganz umflimmert von dem
blonden Haar, wie ein friedlich schlafendes ganz junges Mädchen sah sie aus. Nur
das Zucken des Mundes mit den schmalen zu roten Lippen sprach von einer
Erregung, die in ihr wach war. Weiss sie denn nicht, was ich leide? dachte Hans.
Er drückte seinen Strohhut tiefer in die Stirn und lief die Düne hinab an das
Meer. Ins Wasser gehen, schwimmen, das war in solchen Augenblicken noch das
einzige, was er tun konnte.
    Hans Grill hatte nie erwartet, dass das Leben ihn verwöhne, er hatte sich
tapfer genug mit Not und Widerwärtigkeiten herumgeschlagen; aber er hatte ihm
vertraut, er hatte es zuweilen hart gefunden, aber nie unverständlich. Alles
Unklare in der Welt wurde sofort klar, wenn Hansens zwanzigjähriger Egoismus es
zu sich selbst in Beziehung brachte, und alle Rätsel lösten sich, wenn er ihnen
die Frage stellte: bist du für oder gegen Hans Grill? Jetzt aber verstand er
nicht mehr. Etwas war in sein Leben gekommen, das es ihm selber fremd machte,
als lebte es ein anderer für ihn. Mädchen, und was man so Liebe nennt, waren ihm
schon früher begegnet, und so etwas verwirrt zuweilen, man begeht Torheiten,
aber verständlich war das und ging schliesslich hübsch glatt in das allgemeine
Erleben auf. Man musste nur fest und ein wenig rücksichtslos zugreifen. »Stramm
halten, dann verfjetzt es sich nicht«, pflegte Hansens Grossmutter zu sagen, die
für Geld Strümpfe strickte, wenn der kleine Hans vor ihr sass und die
Baumwollsträhnen zum Abwickeln hielt. Aber diese Frau hier, warum musste er sie
so schmerzhaft begehren, jetzt, wo er sie besass? Warum hatte er nie das ruhige,
glückliche Gefühl des Besitzes, warum musste er, wenn er sie am festesten hielt,
stets fürchten, sie zu verlieren? Alles in ihm war voll von dieser Frau und doch
war sie ihm fern. Er verstand nicht, er verstand nicht, und es blieb ihm nichts
übrig, als wie ein Raubtier knurrend seine Beute festzuhalten, damit niemand sie
ihm entreisse. Hans hatte sich entkleidet und ging langsam durch die Brandung in
das Meer hinein. Ich will es schon erzwingen, dachte er ingrimmig, ich will sie
schon in das Hans Grillsche umrechnen.
    »Ich habe die Ehre«, hörte er eine Stimme neben sich. Unter einer brechenden
Welle wie unter einer grünen Glaswölbung stand Knospelius in gelbem Badetrikot.
Nun ging die Welle über ihn nieder, verbarg ihn hinter einem weissen
Schaumvorhang, gleich darauf tauchte er wieder auf, schüttelte sich, nickte und
sagte: »Von Knospelius. Ich habe schon die Ehre gehabt, Ihre Frau Gemahlin zu
begrüssen.« Hans verbeugte sich steif.
    »Heisse Tage«, fuhr der Geheimrat fort, »man kann nicht genug vom Baden
haben. Sonst ein hübscher Aufentalt hier. Nur ein wenig mehr Geselligkeit wäre
zu wünschen. Es fängt doch an, sich zu beleben hier. Baron Buttlär kommt
nächstens mit seinem künftigen Schwiegersohn.«
    »Ach, meine Frau und ich sind nicht eben gesellig«, erwiderte Hans und
schaute neugierig auf das grosse, bleiche Knabengesicht nieder. Knospelius
lachte. »Ich weiss, ich weiss, Flitterwochen, les jeunes mariés. Einer scharmanten
Frau dienen, das ist die Beschäftigung der Beschäftigungen. Jeder normale Mensch
hat sie oder sucht sie. Alles andere ist daneben nur Nebenbeschäftigung. Aber
ein alter Junggeselle wie ich, der nur Nebenbeschäftigungen hat, muss sich an die
Geselligkeit halten. So ein winziges Nordernei sollten wir hier gründen. Ich
erlaube mir, bei Ihnen nächstens meine Aufwartung zu machen.«
    »Ich glaube«, meinte Hans, »die meisten suchen hier die Einsamkeit.« Während
er sprach, verschwand der Geheimrat unter einer Welle, wie eine Maus in der
Ackerfurche. Als er wieder auftauchte, hob er dozierend seinen langen Finger und
sagte: »Das sind immer die heitersten Gesellschaften, die aus lauter Leuten
bestehen, welche die Einsamkeit suchen. Jetzt muss ich hinaus, mein Klaus
erwartet mich bereits.«
    Er verbeugte sich förmlich und ging dem Strande zu, wo ein sehr grosser,
ernster Mann mit einem Badetuche seiner harrte.
    Hans zuckte die Achseln. Was will der wieder? dachte er. Lauter ganz
unwahrscheinliches Zeug hängt sich jetzt an einen. Er ging weiter, begann dann
zu schwimmen, schwamm weit auf das Meer hinaus. Das tat wohl. Da war nichts
Unverständliches, man regt kräftig Arme und Beine, durchschneidet das Wasser und
bleibt immer oben und kümmert sich um all die dunklen Tiefen nicht, die unter
einem liegen.
    Das Bad hatte Hans gut getan; er fühlte sich seiner selbst sicherer und
hatte wieder das Vertrauen, dass er es schon machen würde. Als er zur Düne
emporstieg, fand er Knospelius bei Doralice. Er hörte schon von weitem, wie sie
lachten. Wieder der, dachte Hans mit jenem ärgerlichen Gefühl, das wir zu haben
pflegen, wenn eine Fliege sich uns immer wieder auf die Nase setzt. Der
Geheimrat sass auf Hansens Malstuhl und sprach angeregt. Doralice hatte sich
aufgerichtet, stützte sich auf ihren Ellenbogen, das Gesicht über und über rosa,
hörte ihm zu mit dem liebenswürdigen, ein wenig befangenen Ausdruck, den junge
Frauen haben, die zum ersten Male in ihrem Salon empfangen.
    »Sie sehen«, rief der Geheimrat Hans entgegen, »ich mache mit der
Geselligkeit gleich den Anfang. Ich habe Ihrer Frau Gemahlin eben ein Kompliment
über die Lebenslage gemacht. Famos! Für einen Maler geradezu unbezahlbar. Der
gelbe Sand, der gelbe Batist des Kleides, das goldene Haar, eine Symphonie in
Blond. Nicht?« »Ja, hm«, knurrte Hans.
    - »Jetzt aber muss ich gehen«, fuhr Knospelius fort und kletterte von seinem
Stuhl herab. »Ich will noch einen Besuch bei Buttlärs machen. Zum Abschied noch
un mot pour rire. Die Frau von Lossow mit den sieben Töchtern, Sie kennen sie,
sagte mir, als Karoline, die dritte, sich mit dem nationalliberalen Doktor Krapp
verlobte: Es tut mir leid, wir Lossows waren immer konservativ, aber wenn man so
viel Töchter zu verheiraten hat, kann man sich nicht nur an eine Partei halten.
Was? Nett? Blockpolitik in der Familie.« Er lachte selbst herzlich über seine
Anekdote und, was Hans wunderte, Doralice lachte auch darüber. Konnte sie das
unterhaltend finden?
    Als der Geheimrat gegangen war, streckte Hans sich schweigend auf dem Sande
aus. Auch Doralice schwieg eine Weile. Sie starrte zum Himmel auf und lächelte
noch immer das liebenswürdige Gesellschaftslächeln.
    Lächelt sie noch immer über die Geschichte des Buckligen? dachte Hans.
Endlich sagte sie: »Warum bist du so unfreundlich gegen den Kleinen?«
    »Was will er denn von uns?« fragte Hans verdriesslich.
    - »O nichts, glaube ich«, meinte Doralice, »er will sich unterhalten. Bist
du eifersüchtig auf ihn? Er ist doch nur eine groteske Nippfigur.«
    Hans fuhr auf: »Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig. Das gibt es unter
freien Menschen nicht. Für eine Liebe, die ich bewachen muss, danke ich. Nein,
aber diese kleine Exzellenz ist für mich ein Stück deiner Vergangenheit, deiner
Gesellschaft, die sich wieder an dich herandrängen, sich wieder zwischen dich
und mich stellen will, das ist es.«
    »Meine Gesellschaft«, erwiderte Doralice, etwas Müdes in der Stimme, »die
drängt sich gewiss nicht an mich heran. Die kleine Buttlär dort auf der Sandbank,
welch ein seltsames Gesicht sie machte, ein Gesicht, als habe sie ein ganz
verwegenes, ganz verbotenes Abenteuer zu bestehen.«
    - »So lass sie doch alle«, rief Hans, fasste Doralice bei den Schultern und
drückte sie an sich mit einer zornigen Leidenschaftlichkeit, »die gehen uns alle
nichts mehr an.«
    »O ja«, erwiderte Doralice, »ich lasse sie und sie lassen mich.«
    Die Sonne ging unter, das strenge Licht schmolz, wurde zu roten und
violetten Dunstschleiern, ehe es erlosch. Dann gab es, ehe der Mond höher stieg,
eine kurze Zeit des Zwielichts, das den Augen wohltat. Aber diese bleiche
Dämmerung legte über das grauwerdende Meer eine unendliche Einsamkeit, das Meer
wurde ernst und traurig.
    »Warum sprichst du nicht?« fragte Hans Doralice, während sie wie jeden Abend
Arm in Arm den Strand entlang gingen.
    »Ich weiss nicht«, antwortete Doralice, »um diese Zeit ist die Luft immer so
sorgenvoll.«
    »Wir haben keine Sorgen«, entschied Hans mit Nachdruck.
    »Nein, wir haben keine Sorgen«, wiederholte Doralice, »ich fürchtete schon,
du würdest sagen: Freie Menschen haben keine Sorgen.«
    »Und wenn ich das gesagt hätte?« Doralice lachte: »Du siehst, heute ist kein
glücklicher Sprechtag. Sobald wir zu sprechen anfangen, streiten wir uns.«
    »Oh, das tut nichts«, erklärte Hans, »was in uns ist, muss heraus, das gibt
Vertrauen.«
    Doralice wiegte müde den Kopf. »Ach, das ist so umständlich. Weisst du, um
sich ganz zu verstehen, müssen wir es so machen wie die da vor uns.« Sie wies
auf ein stilles Liebespaar hin. Der Bursch und das Mädchen wiegten ihre schweren
Körper wohlig hin und her, schwenkten taktmässig die herabhängenden Arme.
Doralice liess Hansens Arm los: »Ganz so wie die«, sagte sie. Und nun gingen sie
auch nebeneinander her, wiegten sich in den Hüften, schwenkten die Arme und
schwiegen. Allein, als sie eine Weile so gegangen waren, blieb Hans stehen.
»Nein, das geht nicht«, sagte Hans, »wenn du so still neben mir gehst, glaube
ich, du denkst etwas Unfreundliches von mir oder du hast etwas gegen mich.«
    »Schade,« meinte Doralice, »es war so schön. Ich fing schon an zu fühlen,
dass ich ganz so wurde wie das Mädchen da. Gerade als du zu sprechen anfingst,
wollte ich stehenbleiben, den Mund weit aufmachen und auf das Meer hinausgähnen,
ho ho ho, ganz wie das Mädchen vorhin. Denken, man denkt ja überhaupt nicht,
wenn man so geht, und daher versteht man sich.«
    Nein, nein, Hans wollte das nicht. »Tun wir etwas«, schlug er vor, »da ist
der Mond. Soll ich dich wieder nehmen und über die Wellen halten oder sollen wir
aufs Meer hinausfahren, oder sollen wir heute nacht Wardein auf den Fischfang
begleiten? Tun, tun, siehst du, das fehlt uns.«
    Aber Doralice hatte heute zu nichts Lust und so schlugen sie den Heimweg
ein.
    Als sie zu Hause in ihr Wohnzimmer traten, fanden sie, dass Agnes die Lampe
nicht angezündet hatte. Das Zimmer war voller Mondschein und ein starker, sehr
süsser Duft schlug ihnen entgegen. Auf dem hellbeschienenen Fussboden aber lag es
wie eine dunkelrote Lache. »Sieh doch, Rosen, lauter Rosen«, rief Doralice. Sie
kniete vor den Rosen nieder, beugte sich ganz auf sie hinab, griff nach ihnen,
hatte beide Arme voll von ihnen, drückte ihr Gesicht in sie hinein, als wollte
sie sich in ihnen baden. An einem der Sträusse hing ein Papierstreifen, auf dem
»Lolo« stand.
    »Oh, sieh doch«, sagte Doralice, »die kleine Lolo hat mir all die Rosen
durch das Fenster geworfen, das gute Kind.« Da fühlte sie, dass Hans sie von
hinten um die Taille fasste, sie emporhob, sie heraushob aus allen Rosen und sie
hörte ihn leise und grimmig sagen: »Jetzt kommen sie durch alle Fenster zu uns
herein. Lass sie und ihre dicken Rosen, was sollen wir damit.« Doralice lehnte
ihren Kopf gegen seine Schulter: »Ach ja«, sagte sie wie mutlos, »nimm mich fort
von ihnen«, und aus ihren schlaff werdenden Armen fielen die Rosen wie ein
dunkelroter Strom schwer auf den Fussboden nieder.
 
                                Sechstes Kapitel
Im Bullenkruge waren die Herren angekommen: »Jetzt wird das Leben bei uns ganz
freiherrlich«, sagte Ernestine. Die grosse Abendtafel auf der Veranda nahm einen
feierlichen Anstrich an. Fräulein hatte sie mit einem Strauss ein wenig sandiger
Ziererbsen und Mohnblüten geschmückt. Die Generalin ging aufgeregt ab und zu und
fragte immer wieder: »Liebe Malwine, wird mein Schwiegersohn auch Eis für seine
Erdbeerbowle haben? Werden die Spargeln auch weich genug sein? Sie kennen doch
meinen Schwiegersohn.« Fräulein Bork lächelte ihr geheimnisvolles, zerstreutes
Lächeln und erwiderte: »Frau Generalin, die Spargeln sind himmlisch.« Bei der
Mahlzeit sass der Baron Buttlär zwischen seiner Schwiegermutter und seiner Frau,
er strich seinen langen blonden Schnurrbart, schüttelte vor Behagen leicht seine
breiten Schultern und war sehr liebenswürdig, sehr anregend, erzählte mit
lauter, klingender Stimme Geschichten, die allgemein interessieren sollten, und
Frau von Buttlär interessierte sich sehr angelegentlich für diese Geschichten.
Die eingefallenen Wangen leicht gerötet war sie heute nicht mehr nur die
besorgte Mutter, die sich selber ganz vergisst, etwas von der Gesellschaftsdame,
ja fast etwas Kokettes war heute in ihrem Wesen. Unten am Tisch sass die Jugend
und Leutnant Hilmar erzählte Geschichten, über die Wedig und Nini so laut
lachten, dass Frau von Buttlär ein strenges »Aber Kinder!« hinüberrufen musste.
Hilmar schlank und schmalschultrig im hellen Sommeranzug sah fast wie ein Knabe
aus, allerdings wie ein auffallend hübscher Knabe. Durch das sehr dichte
schwarze Haar bahnte sich der Leutnantsscheitel nur mühsam seinen Weg. Über der
Stirn sass eine dicke schwarze Locke, wie neapolitanische Burschen sie zu tragen
pflegen. Die regelmässigen Züge des bräunlichen Gesichtes hatten das zu Scharfe,
ein wenig Gespannte, wie es sich bei sehr alten Rassen zuweilen findet. Die
dunklen Augen waren sehr lebhaft, es ging beständig in ihnen etwas vor, es
sprühte zuweilen in ihnen so, dass man deutlich goldene Pünktchen über den
schwarzen Sammet der Iris hinfahren sah. »Keine Disziplin in den Augen«, hatte
der Onkel General von dem Hamm gesagt.
    Als die Erdbeerbowle kam, wurde Baron Buttlär ganz der feine Geniesser. Er
zündete sich seine Havanna an, trank einen Schluck Bowle, warf einen Blick auf
das mondbeglänzte Meer, liess ein jedes verständnisvoll auf sich wirken. Er wurde
gefühlvoll: »Mondschein und Meer, Mondschein und Meer«, sagte er und wiegte
sachte seinen Kopf, »da kann man gefühlvoll werden, ja da muss man gefühlvoll
werden. Das Meer macht immer Eindruck. Die Unendlichkeit ist eben die
Unendlichkeit, nicht wahr?« Alle schwiegen einen Augenblick und sahen das Meer
an. Dann aber lenkte Frau von Buttlär das Gespräch auf ihr Gut zurück. Sie
sprach so gern von ihrem Vieh, ihren Milchmädchen, ihren Hühnern und ihrer
Butter. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dieser fetten Wohlhabenheit
zurück.
    Unten am Tische wurde die Jugend unruhig. Nini und Wedig erklärten, auf die
Düne gehen zu wollen, und sie taten geheimnisvoll. Sie hatten eine neue
Beschäftigung gefunden. Jeden Abend machten sie, wie sie es nannten, Jagd auf
die Gräfin. Es kam darauf an, Doralice zu begegnen. Auch das Brautpaar wollte
zum Meere hinabgehen: »Ich muss Steine auf dem Meere springen lassen«, sagte
Hilmar, »erst wenn ich ihm ein Dutzend Steine ins Gesicht geworfen habe, kriege
ich ein Verhältnis zu ihm.«
    »Der hat keine Ruh, der muss immer etwas vorhaben«, sagte Baron Buttlär und
schaute dem Brautpaar wohlwollend nach. Frau von Buttlär jedoch seufzte und
meinte: »Das macht mir oft Sorge, er ist so waghalsig. Beim letzten Rennen ist
er doch wieder gestürzt.«
    »Hitzig ist er«, bestätigte der Baron, »er reitet gut und anfangs auch
vernünftig, aber dann kriegt er es mit der Leidenschaft, die teilt er dem Pferde
mit, das Pferd übernimmt sich und der Unfall ist da.«
    »Ich kann mir wohl denken, dass der Leutnant seine Leidenschaft anderen
mitteilen kann«, liess Fräulein Borks verträumte Stimme sich vernehmen, allein
die Generalin wies sie zurecht: »Von Pferden ist die Rede, Malwine, bitte.«
    Frau von Buttlär machte noch immer ihr besorgtes Gesicht und sagte: »Ich
habe Hilmar verboten, ein Pferd oder ein Auto mitzubringen, und wenn er segelt,
fährt Lolo nicht mit. Solange ich über das Kind zu wachen habe, soll er es nicht
umbringen.«
    »Umbringen,« rief der Baron gutgelaunt, »sag, Mama, als du mir Bella gabst,
hattest du auch das Gefühl, dass du sie sozusagen in einen Abgrund
hinabstürztest?«
    »Abgrund vielleicht nicht«, erwiderte die Generalin, »aber dass ich sie auf
einen Luftballon setze, von dem man nicht weiss, wohin der Wind ihn wehen wird.«
    »Bitte, bitte«, rief der Baron Buttlär, »ein sehr lenkbarer Luftballon, das
weiss Bella gut«, und er lachte über seinen Witz sehr laut und sehr lange, länger
vielleicht als es nötig gewesen wäre. Allein das Gefühl, das geistvolle Haupt
der Familie zu sein, das Heiterkeit um sich verbreitet, tat ihm wohl.
    Fräulein Bork hatte nicht mitgelacht, sie schaute noch immer nachdenklich
dem Brautpaare nach und sprach dann aus ihren Gedanken heraus: »Ich finde den
Leutnant herrlich, er sieht aus wie der Page einer spanischen Königin oder wie
der Page in dem Lied, der am Brunnen auf die Königstochter wartet: Ich bin vom
Stamme jener Asra, die da sterben, wenn sie lieben.«
    »Was? Was?« fuhr die Generalin auf »Was ist das, Asra? Wer stirbt, wenn er
liebt? Die Hamms nicht. Die kenne ich, die gewiss nicht. Liebe Malwine, reden Sie
solches Zeug der Lolo nur nicht vor, das Kind neigt ohnehin zur Überspannteit.«
    »Ach ja«, klagte Frau von Buttlär, »auch wieder eine grosse Sorge. Denke dir,
Buttlär«, und nun berichtete sie mit bekümmerter Stimme die Geschichte von
Doralice, der Sandbank und dem Kuss. »Was sagst du dazu, Buttlär«, schloss sie,
»ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können.«
    Der Baron wurde ernst und zog sinnend seinen Schnurrbart durch die Finger.
»So, hm! Die Gräfin Köhne hier, eine süperbe Frau übrigens. Das war eine böse
Geschichte. Der Graf hat einen Schlaganfall gehabt und seine Schwester, die
Gräfin Benedikte, pflegt ihn. Sehr traurig! Nun, gesellschaftlich kommt diese
Dame nicht mehr in Betracht, aber sie hat uns einen Dienst erwiesen, so kann ich
ihr gelegentlich dafür danken.«
    »Du?« rief Frau von Buttlär. »Warum? Wozu?«
    »Höflich kann man trotz allem gegen sie sein«, wandte der Baron ein, aber
seine Frau war sehr erregt: »Ich habe es gleich gewusst«, sagte sie, »diese
Person ist als schwere Prüfung für mich hergesandt.«
    Unten am Strande liess Hilmar unermüdlich Kieselsteine über das Wasser
springen. Lolo stand dabei und schaute ihm mit ernsten, blanken Augen zu. Als er
endlich müde war, nahm er Lolos Arm und sie schlenderten langsam das Meeresufer
entlang.
    »So,« sagte Hilmar, »jetzt verstehe ich das Meer. Es ist heute übrigens mit
seinem Mondschein und allem dem sehr programmässig und du, Schatz, bist erst
recht programmässig.«
    »Schade,« meinte Lolo, »ein Programm ist nie was Überraschendes.« Hilmar
lachte: »Willst du mich überraschen? Wozu? Nein, unsere Bräute sollen nicht
Überraschungen sein, sondern hübsche Notwendigkeiten.«
    Als sie an den Fischerhäusern vorübergingen, begann auch Lolo von Doralice
zu sprechen, erzählte ihr Abenteuer, erzählte von dem Kuss und den roten Rosen.
»Ach, die durchgebrannte kleine Gräfin ist hier«, sagte Hilmar, »nun, es ist
gut, dass sie dich gerettet hat, aber sag, warum sprichst du von ihr mit einer so
gerührten Stimme, als sei sie etwas Heiliges? Durchgebrannte Gräfinnen sind doch
wohl nichts besonders Heiliges.«
    »Weil sie mich rührt«, entgegnete Lolo erregt. »Ich weiss selbst nicht warum.
Vielleicht weil sie so schön und doch nicht gut ist. Vielleicht aber, wenn
jemand so schön ist, muss man ihn lieben, aber sie tut etwas weh, diese Liebe.
Ich glaube, wenn einer sich in die Gräfin verliebt, dann muss es schmerzen.«
    »Nun, nun«, beruhigte Hilmar sie, »wird es denn so arg sein mit dieser
Schönheit?«
    »So zum Beispiel«, fuhr Lolo fort, »mich zu lieben ist da nichts, gar nichts
Schmerzhaftes dabei, sag?«
    »Nein, gar nichts«, versicherte Hilmar, »im Gegenteil, wenn man dich liebt,
fühlt man sich riesig gut, riesig vornehm. Ich merke das jedesmal, ich werde da
fast verlegen vor mir selber. Als Kind wurde mir am Sonntage ein blauer
Sammetkittel angezogen, ein weisser Spitzenkragen umgelegt und das Haar wurde mit
einer Pomade glatt gestrichen, die stark nach Orangenblüten duftete. Und wenn
ich so angezogen war, fühlte ich mich so fein, so vornehm, dass ich mich vor
Andacht vor mir selber kaum zu rühren wagte.«
    »Und ich«, rief Lolo enttäuscht, »ich bin für dich wie der blaue
Sammetkittel und die Orangenblütenpomade.«
    »Und der Sonntag«, ergänzte Hilmar, »ja, so ähnlich. Aber wer kommt denn
dort?«
    »Das ist sie«, flüsterte Lolo.
    Ihnen entgegen kamen Hans und Doralice. Als sie aneinander vorübergingen,
nickte Doralice lächelnd Lolo zu, die beiden Herren grüssten förmlich. »Nun?«
fragte Lolo, sobald sie vorüber waren.
    »Gewiss, allerdings«, sagte Hilmar, »ein schönes Kindergesicht mit einem
merkwürdig schicksalsvollen Munde.«
    Lolo schwieg eine Weile, dann wiederholte sie sinnend: »Ein schicksalsvoller
Mund, das hast du gut gesagt, ich suche lange schon einen Ausdruck für diesen
Mund. Es muss seltsam sein, einen schicksalsvollen Mund zu haben, ich kann mir
das denken, ja ich fühle das jetzt so deutlich, so stark, dass ich überzeugt bin,
ich habe in diesem Augenblicke auch einen schicksalsvollen Mund. Küsse mich
jetzt und du wirst sehen.« Sie blieb stehen und hielt ihr ernstes, vom Monde
hellbeschienenes Gesicht hin und als Hilmar sie geküsst hatte, fragte sie
gespannt: »Nun?«
    Hilmar schüttelte den Kopf: »Von Schicksal keine Spur. Mehr ein friedlicher
Pfingstsonntag auf dem Lande.« Lolo zuckte die Achseln und seufzte. »Nein,
warte«, fuhr Hilmar fort, »es ist doch anders, dich hier vor dem Meere zu
küssen, kommt mir wie eine kolossale Frechheit vor. Es ist so, als sähen alle
fünf Weltteile uns zu, das ist ein eigentümliches Gefühl.«
    »Nein, das will ich nicht«, rief Lolo und machte sich von ihm los.
 
                               Siebentes Kapitel
Der nächste Tag war ein Sonntag. Die Generalin und Frau von Buttlär sassen in
ihren Strandkörben und lasen Andachtsbücher. Zuweilen hob Frau von Buttlär den
Blick und schaute auf den hellbeschienenen Strand und auf das Meer hinab, das
heute blau und golden und ruhig wie ein Teich war. Plötzlich blieben ihre Augen
an zwei bunten Figürchen hängen, die dort an der gelben Dünenwand entlang
gingen. Doralice im türkisblauen Sommerkleide, einige von Lolos roten Rosen im
Gürtel unter einem roten Sonnenschirm ging neben dem Baron Buttlär her. Der
Baron schien lebhaft zu sprechen und seine ganze Gestalt, seine Art zu gehen
drückten höfliche Liebenswürdigkeiten aus. Frau von Buttlär schlug mit der
flachen Hand auf ihr Buch und sagte: »Da haben wir's.« Auch die Generalin hatte
aufgesehen und meinte: »Nun, er hat es eilig mit dem Dank.« - »Dank,« rief Frau
von Buttlär, »der war überhaupt nicht nötig. Ich verstehe Buttlär nicht. Er hat
eine Frau, hat erwachsene Töchter und kompromittiert uns so. Was kann diese
Person ihm bieten? Was will er von ihr?«
    »Nichts, nichts«, beruhigte die Generalin, »er kann eben das Kokettieren
noch nicht lassen. Es ist immer dieselbe Geschichte, wenn ihr heiratet, wollt
ihr hübsche Männer haben, aber ein hübscher Mann konserviert sich länger als
unsereins, der bringt keine Kinder zur Welt, er schont sich mehr und da dauert
die Lust am Kokettieren länger als bei uns.«
    »Aber Mama«, protestierte Frau von Buttlär entrüstet, »die Ehe ist doch zu
heilig, als dass solche Dinge in Betracht kämen.«
    »Die Ehe, meine Liebe«, versetzte die Generalin, »ist vielleicht sehr
heilig, aber unsere Männer sind es nicht. Übrigens wird es da unten immer
bunter.«
    Hilmar und Lolo kamen Arm in Arm von der anderen Seite den Strand entlang
und als sie Doralice und Herrn von Buttlär begegneten, blieben sie stehen und es
fand eine Begrüssung statt. Von einer anderen Seite erschienen Hans Grill und der
Geheimrat und gesellten sich zu der Gruppe. Es war hübsch, wie diese Menschen in
dem grellen Sonnenschein beisammen standen, wie die hellen Farben der Kleider,
das Rot und das Blond der Haare auf dem Hintergrunde der gelben Düne blühten und
leuchteten. Frau von Buttlär fand nicht mehr die Kraft des Zorns, sie war zu
bekümmert: »Was soll man da machen? Mama«, fragte sie kläglich. - »Liebes Kind«,
sagte die Generalin, »da gibt es nichts anderes als die Führung behalten. Du
musst mit dieser Dame in irgendein Verhältnis kommen. Wenn so was Verbotenes, zum
Beispiel eine Dame, von der vor uns nicht gesprochen werden darf, in der Nähe
ist, das macht die Männer toll. Kennen wir diese Dame auch so halbwegs, dann
verliert sie viel von ihrem Reiz. Also.«
    »Ich glaube, ich werde das nie können«, klagte Frau von Buttlär, »bin ich
nicht eine geplagte Frau? Bisher der Kampf mit den Gouvernanten und jetzt
diese.«
    Unten löste die Gruppe sich auf, man grüsste und trennte sich. Frau von
Buttlär sah ihrem Mann ernst und kummervoll entgegen. Als er jedoch vor ihr
stand, schaute sie auf ihr Buch nieder und schwieg. Herr von Buttlär aber fühlte
das Bedürfnis, schnell und gezwungen heiter zu sprechen. Nun hatte er also das
Unglück des Ortes kennengelernt, Gott, es sah nicht so schlimm aus, aber im
Ernst, es war besser so, hier konnte man sich ja doch nicht vermeiden und das
musste auf die Dauer peinlich werden, nun grüsste man sich, sprach miteinander auf
neutralem Boden. Hier in dem weltabgeschiedenen Winkel war das ohnehin nicht
kompromittierend. Von eigentlichem Verkehr ist ja ohnehin nicht die Rede, nicht
wahr? Frau von Buttlär sah jetzt auf und fragte, als hätte sie das Gesagte nicht
gehört: »Lesen wir heute keine Predigt?« - »Gewiss, meine Liebe«, rief Herr von
Buttlär, »ist es denn schon Zeit? Also gehen wir.« Die Familie begab sich in den
Bullenkrug zurück, im Wohnzimmer versammelte man sich und Herr von Buttlär las
eine Predigt vor. Es wurde allgemein bemerkt, dass seine Frau während der Predigt
weinte.
    Während des darauffolgenden Mittagessens drückte eine düstere Stimmung auf
die Anwesenden. Herr von Buttlär musste Anstrengungen machen, um eine Art
Unterhaltung in Fluss zu halten. Er wandte sich dabei ausschliesslich an Fräulein
Bork und sprach über Literatur. Er verurteilte den Realismus in der Literatur.
Kunst soll doch erfreuen, nicht wahr. Das Leben war doch gewiss nicht heiter
genug, um so einfach abphotographiert zu werden. Da seine Frau bei diesen Worten
seufzte, wechselte er schnell das Tema und sprach vom Kaiser.
    Der Sonntagnachmittag war sehr heiss, gelber Sonnenschein in den
weissgetünchten Zimmern und über dem sandigen Gärtchen. Die Damen zogen sich
zurück. Herr von Buttlär sass im Wohnzimmer hinter seiner Zeitung und schlummerte
und das Brautpaar ging auf der Veranda auf und ab.
    »Bitte, Schatz«, sagte Hilmar, »sieh mich nicht so erwartungsvoll an, das
heisst, du hast ein Recht mich so anzusehen, denn du hast ein Recht zu erwarten,
dass ich angenehm und unterhaltend bin. Aber ich weiss nicht, dieser
Sonntagnachmittag lähmt mich.«
    »Armer Hilmar«, meinte Lolo ein wenig spöttisch, »den ganzen Tag im blauen
Sammetkittel zu stecken.«
    »Unsinn, Unsinn«, rief Hilmar, »es ist nur eine Stimmung. Ich habe
Sonntagnachmittage nie recht vertragen. Komm, setzen wir uns in den Schatten und
ich lehre dich Pikett spielen.«
    Erst gegen Abend wurde es im Hause lebhafter. Die Generalin kam in das
Wohnzimmer, liess ihre laute, energische Stimme erschallen und weckte mit ihr das
verschlafene Haus. Dann erschien auch Frau von Buttlär, sie hatte Toilette
gemacht und einen Hut mit Kornähren und Mohnblumen aufgesetzt. Sie war noch sehr
ernst. Sie zog sich ihre Handschuhe an und sagte ihrem Gemahl: »Reich mir deinen
Arm, Buttlär, und wir wollen gehen, den Sonnenuntergang bewundern. Wo sind die
Kinder? Lolo, Nini, Wedig!« Sie mussten alle kommen und die Familie zog paarweise
zum Strande hinab. »Bravo, Bella!« sagte die Generalin. »Immer die Führung
behalten.« Wedig jedoch grollte. »Das soll ein Vergnügen sein. Nicht einmal der
Gräfin werden wir begegnen, die geht um diese Zeit nicht spazieren.«
    Am nächsten Morgen kam Hilmar erhitzt und mit sprühenden Augen zum
Frühstück. Er war schon weit herum gewesen, hatte Bekanntschaft mit den Fischern
gemacht. Famose Leute! Da war ein Andree Stibbe, ein blonder Riese mit ganz
hellblauen Augen, so hell wie schlechte Milch. Wenn der einen anschaute, war es,
als sähe einen ein sehr hochmütiger Dorsch an. Hilmar hatte mit ihm über ein
Boot zum Segeln gesprochen, er wollte auch mit ihm auf den Fischfang
hinausfahren. Übrigens hatte Stibbe für nächste Zeit einen Sturm versprochen.
Auch den Maler hatte Hilmar gesehen, der schien ein braver Bursch zu sein. Seine
schöne Frau ging gerade baden in einem sehr bemerkenswerten marineblauen
Badekostüm. Endlich hatte er noch mit der Exzellenz Knospelius gesprochen, ein
äusserst interessanter Herr. Er interessiert sich sehr für das Gesellschaftsleben
hier; er will ein Fest geben, so was wie eine italienische Nacht. Sein Diener,
ein unheimlich ernster Wiedertäufer, klebt schon die Papierlaternen dazu. »Klaus
ist«, sagt die Exzellenz, »sehr brauchbar für das, was er unsere Sünden nennt.«
Lolo hatte aufmerksam zugehört und sagte ergeben: »Wenn du so viel auf das Meer
hinausfährst, werde ich wohl auf der Düne sitzen müssen und dir nachschauen.«
    »Wieso, wieso?« rief Hilmar. »Das ist doch nur für die Zwischenzeiten und du
weisst, es gibt Zwischenzeiten, Zeiten, in denen ich langweilig bin, in denen du
nichts mit mir anfangen kannst. Dann segle ich hinaus. Übrigens steht schon in
der Bibel so was davon, dass die Frau zu Hause bleibt und der Mann vor den Toren
berühmt ist.« »Dieses Tor merk dir, mein Kind«, meinte die Generalin, »das wird
in deiner Ehe noch oft auftauchen.«
    »Aber ich fahre mit«, meldete sich Wedig unten am Tisch. Seine Mutter sah
ihn mitleidig an. »Du, mein armer Junge, nein, du bleibst zu Hause.«
    Da ging eine seltsame Veränderung in dem Knaben vor. Sein bleiches Gesicht
mit den kränklichen, zu feinen Zügen errötete, seine Augen füllten sich mit
Tränen, und mit leidenschaftlich sich überschlagender Stimme begann er zu
sprechen: »Ich bleibe immer zu Hause, ich darf nie etwas, ich hocke immer
abseits, warum? Was ist mit mir? Bin ich ein Krüppel? Was sollen die Leute davon
denken? Ich bin ja lächerrlich. Gestern begegnete mir die Gräfin, ich grüsse, sie
bleibt stehen und fragt: Baden Sie auch? Ich sage ja, aber ich kann ihr nicht
sagen, ich darf nicht ins Meer hinein, ich nehme warme Seebäder.«
    »Wedig, geh auf dein Zimmer«, sagte Frau von Buttlär. Wedig war wieder sehr
bleich geworden, er stand auf und ging, steifbeinig vor Trotz, hinaus. Am Tische
entstand ein Schweigen, alle waren über den Zwischenfall betroffen. Endlich
sagte Frau von Buttlär sorgenvoll: »Ich weiss nicht, woher meine Kinder alle das
überspannte Wesen haben.«
    »Meine Liebe«, versetzte Herr von Buttlär und legte seine Hand zärtlich auf
die Hand seiner Gattin, »die Genialität haben sie jedenfalls von dir.« Die
Generalin lachte. »Nun ja«, meinte sie, »es ist das Wetter, das euch alle zu
genial macht, aber das Barometer fällt Gott sei Dank.«
 
                                 Achtes Kapitel
Tun, tun, hatte Hans Grill gesagt, und so fuhren sie denn mit Wardein bei Nacht
auf den Fischfang hinaus. Der Mond stand hoch am Himmel, das Meer war ruhig, nur
von einem sanften, langatmigen Auf- und Abschwellen bewegt, wie über ein
gläsernes Hügelland glitt das Boot hin. Wardein sass am Steuer und rauchte. Zwei
blonde rundköpfige Burschen, Maties und Tomas, ruderten; unförmig in ihren
dicken Jacken bogen sie sich taktmässig hin und her. Doralice war auf einem
Klappstühlchen eingerichtet worden, fest in Decke und Mantel gehüllt. Hans sass
neben ihr auf der Bank. Alle schwiegen, nur ab und zu gab Wardein ein Kommando,
das wie ein tiefes Brummen klang. Die Ferne war von einem feinen, silbernen
Lichtnebel verhangen, aber Doralice glaubte diese unendliche Weite zu fühlen,
wie sie die dunkle Tiefe unter sich zu fühlen meinte, und beide, die Tiefe und
die Weite, legten sich bedrückend auf sie, wie etwas, das ihr den Atem benahm,
sie ängstigte, das ihr die Empfindung des Verlorenseins und der Einsamkeit gab.
Warum sprachen alle diese Männer nicht? Warum sassen sie da still in ihre Mäntel
gehüllt, die Hutkrempen auf die Gesichter niedergebogen wie dunkle, fremde
Traumgestalten? Da beugte sich Hans zu ihr nieder, drückte ihre Hand und fragte:
»Wie geht es?« »Gut,« erwiderte sie und lächelte, es sollte niemand wissen, dass
sie sich fürchtete, aber der Händedruck, die ruhige, freundliche Stimme taten
ihr gut, gaben ihr ein wenig Sicherheit wieder. Und Hans, als fühlte er das,
sprach weiter, fragte Wardein: »Fahren wir dort zu den Butten hinüber?« »Ja, ja,
zu den Butten«, brummte Wardein, »die liegen dort unten im Sande.« »Aha,« meinte
Hans, »die wühlen sich dort in den Sand ein und warten auf ihre Beute, die
flachen Luder.« Die Burschen auf der Ruderbank begannen laut und rauh über die
Butten zu lachen, Doralice lachte auch mit. Die Nacht war schwül, Maties wurde
es beim Rudern zu heiss, er wollte sich die Jacke ausziehen. Hans erbot sich für
ihn zu rudern und nun standen sie auf, gingen im Boot hin und her wie in einer
Stube, Maties zog sich die Jacke aus, stand in Hemdsärmeln da, stützte den
einen Fuss auf den Bootsrand, spuckte in das Meer und pfiff leise vor sich hin.
Und wie sie sich alle um sie her so ruhig und gewohnt bewegten, als seien sie
hier mitten auf dem Meer zu Hause, da wich auch von Doralice das bedrückende
Angstgefühl, ja, es war köstlich zu spüren, wie sie allmählich in diese Welt als
etwas Zugehöriges aufgenommen wurde. Es war ihr, als würde etwas in ihrer Brust
sehr weit und sehr stark, als könnte sie ihren Atem auf den Takt des stillen,
flimmernden Wogens um sie her einstellen und ein kindisches Gefühl des Stolzes,
des Hochmutes machte sie froh. Zu denen zu gehören, die hier auf dem Meere zu
Hause sind, die sich nicht fürchten, erschien ihr als etwas sehr Wichtiges und
Grosses. Hier und da tauchten jetzt andere Boote auf, sehr gross und schwarz in
dem unsicheren Lichte. Wardein rief etwas hinüber, von drüben wurde geantwortet,
einer schien sogar einen Witz zu machen, denn Tomas und Maties lachten. Die
Boote waren jetzt einander ganz nahe, es waren drei, die im Halbkreise
hinruderten, die Männer machten sich an den Netzen zu schaffen und sprachen
miteinander von Boot zu Boot. Plötzlich mischte sich in diese Stimmen, die jedes
Wort mit einem tiefen Brummen besser hallen liessen, eine hohe, scharfe Stimme,
die hier seltsam fremd klang, als spräche sie eine andere Sprache. Das ist der
Leutnant von Hamm, sagte sich Doralice, und diese Entdeckung war ihr unangenehm,
es empörte sie fast, als sei ein Unbefugter dort eingedrungen, wo die
Berechtigten beieinander waren.
    Im Boot begannen die Männer sich zu regen, das grosse Netz wurde vorsichtig
in das Wasser hinabgelassen, das andere Boot wurde angerufen und ihm ein Seil
zugeworfen. Im bewegten Wasser sprühte es wie silberne Flämmchen, im Netze
hingen glitzernde Tropfen. Maties hatte sich die Hemdsärmel aufgestreift, um im
Wasser zu arbeiten, wenn er die nackten Arme emporhob, rann es silbern an ihnen
nieder. Doralice wickelte sich fester in ihren Mantel, alle Angst und Erregung
waren fort, sie fühlte sich sicher und behaglich. Eine leichte Müdigkeit machte
ihr die Augenlider schwer und wenn sie die Augen schloss, war es ihr fast wie als
Kind, wenn sie in ihrem Bette lag und im Halbschlaf noch die Erwachsenen um sich
her hantieren oder sprechen hörte, was dem Kinde stets ein wohliges Gefühl der
Geborgenheit gegeben hatte. Schlug sie dann wieder die Augen auf, dann war die
Weite voll weissen Lichtes in ihrer grossen und kühlen Schönheit immer von neuem
wieder eine wohltuende Erschütterung, immer wieder fühlte da Doralice, wie die
engen, heissen Schranken des Ich sich verwischten und lösten, wie es auch in ihr
weit und kühl wurde. Und es war hübsch, dieses Wechseln der Bilder, einmal im
Halbtraum vertraute Gesichter und Räume der Kindheit, dann wieder das
mondbeglänzte Meer. Einmal, als sie die Augen öffnete, waren die anderen Boote
nah herangekommen, die Männer riefen und sprachen, das Netz wurde eingezogen.
Doralice hörte einmal auch wieder die unpassende Stimme des Leutnants, die
Fische schnalzten und klatschten in den grossen Körben im Boot. Es wurde dann
wieder still und man fuhr weiter. Nach einiger Zeit fand Doralice, dass es dunkel
geworden war, der Mond musste untergegangen sein, Sterne standen am Himmel und in
der Finsternis regte sich das Meer wie eine sacht bewegte schwärzere Finsternis.
Doralice wusste nicht, wie lange sie so gefahren waren, aber als sie wieder
einmal die Augen öffnete, stand ein weisser Schein am Horizont und ein graues
Dämmern lag über dem Wasser. Ein stärkeres Wehen liess sie frösteln, alles
Behagen war plötzlich hin, das graue Dämmern machte das Meer und den Himmel
streng und nüchtern. Maties und Tomas ruderten angestrengt, die Jacken über
die Schultern geworfen, die Brust nackt, und stark atmend. Es schien sich um ein
Wettrudern mit dem Boot nebenan zu handeln. In den Körben flüsterten und
schnalzten fette, blanke Fischleiber. Hans stand im Boot, hielt einen grossen
Dorsch an den Kiemen, wog ihn und lachte ihn an. Scharen von Möwen kamen
geflogen, gross und weiss im unsicheren Lichte, und stiessen schrille, gierige Rufe
aus. Wie gewaltsam das alles war. Welch ein starkes, rücksichtsloses Leben das
alles atmete, zu stark für Doralice, es machte sie plötzlich ganz schwach, es
machte sie krank, der Geruch des Seewassers, der Fische, der feuchten
Fischerjacken, all dieses Fleisch der Männer und feisten Fische bedrückte sie,
sie wurde ganz bleich. Da entstand ein Hin- und Herreden zwischen ihrem und dem
Nachbarboot. Die Boote wandten sich einander zu, lagen nah beieinander. Leicht
und gewandt über den Bootsrand balancierend sprang Hilmar in das Boot, stand
neben Doralice und lachte. »Ein Morgenbesuch«, sagte er. Hans nickte ihm zu und
zeigte ihm den Dorsch, den er noch immer an den Kiemen hielt. »Ja, ja, so etwas
ist schön«, meinte Hilmar, »das war ein gesegneter Zug.« Dann setzte er sich auf
die Bank Doralice gegenüber. »Es hat Sie auch ein wenig angegriffen, gnädige
Frau, wie ich sehe.« Doralice zog die Augenbrauen zusammen, als sie abweisend
antwortete: »Das macht wohl die Beleuchtung.«
    »Gewiss, gewiss«, bestätigte Hilmar höflich, »eine kritische Stunde.« Da es
schien, dass Doralice schweigen wollte, schwieg auch er und zündete sich eine
Zigarette an. Unter der niedergebogenen Krempe seines Filzhutes sah sein Gesicht
mit den scharfen, gespannten Zügen, den schwarzen unruhigen Augen sehr bleich,
fast kränklich aus. Es war etwas Überfeinertes, Schwächliches an der ganzen
Gestalt, das Doralice in diesem Augenblick gefiel, das ihr das Gefühl gab, einen
Kameraden der eigenen Schwäche zu haben, und der süsse Duft der ägyptischen
Zigarette schien wie ein Stück Luft einer Welt, die ihr befreundet war. Jetzt
soll er weiter sprechen, dachte sie, daher lächelte sie und sagte: »Sie sehen
übrigens auch ein wenig aus, als hätte es Sie mitgenommen, oder ist es auch die
Beleuchtung?«
    »Nein, nein, es ist schon was daran«, erwiderte Hilmar, »es ist vielleicht
traurig, es sollte vielleicht nicht sein, weil es nicht natürlich ist. Stibbe
fühlt nichts davon, aber die grosse Natur macht uns betrunken und Trunkenheit
greift an, was Sie, gnädige Frau, natürlich nicht wissen können.«
    Doralice nickte: Ja, ja, so was mochte es wohl sein. »Und doch«, fuhr Hilmar
fort, froh darüber, dass er zum Sprechen ermutigt wurde, »es ist nicht nur
Trunkenheit, es ist - - es ist - geradezu eine grosse Verliebteit, was wir
dieser Natur gegenüber empfinden, ganz genau, es ist dieselbe Unruhe, dasselbe
quälende Gefühl, ganz eng dazu zu gehören, und was die Hauptsache ist, der
starke Wunsch zu imponieren, denn, wenn wir verliebt sind, wollen wir
imponieren, das ist symptomatisch für den Zustand. Man hat ja seine
Erfahrungen.«
    »Sie sind ja auch verlobt«, schaltete Doralice ein.
    »Gewiss, das auch«, fuhr Hilmar fort, »aber sehen Sie, gnädige Frau, vorhin
im Boot war der Trieb in mir zu imponieren so stark, dem Meere zu imponieren
oder den Fischern, gleichviel, denn die sind doch die Repräsentanten des Meeres,
dass ich auf die Spitze des Bootes stieg und dort frei balanzierte. Ich bin in
solchen Künsten ziemlich geübt. Meinen Zweck erreichte ich nun zwar nicht, denn
Andree Stibbe sagte trocken: Wenn der Herr bei den Faxen ins Wasser fällt, wer
anders muss ihn herausholen als wir. Mein Effekt war verfehlt. Aber ich habe das
tun müssen.«
    »Das ist seltsam«, sagte Doralice nachdenklich.
    »Nicht so seltsam«, meinte Hilmar, »der Spielhahn, wenn er ein Rad schlägt
und kollert, will auch dem Walde und der Wiese imponieren, ebenso wie der
kleinen grauen Henne und er ist ebenso in den Wald und die Wiese verliebt wie in
die kleine graue Henne.«
    Doralice lachte: »Das ist hübsch, ja, ja, man möchte gern dabei sein,
dazugehören.«
    Hilmar verbeugte sich ein wenig: »Sie, gnädige Frau, sehen ganz aus, als
gehörten Sie hier dazu. Sie sehen in dieser Natur vollständig reçue aus.«
    Doralice errötete und ärgerte sich, dass sie das tat, Hilmar aber schloss mit
einem Seufzer: »Ach ja, wenn alles so schön um uns her ist, fühlen wir ein
brennendes Bedürfnis, auch dekorativ zu sein.«
    Das Boot fuhr jetzt durch die Brandung über weisse Schaumhügel in graugrüne
Wellentäler. Hans kam und setzte sich neben Hilmar auf die Bank. Er rieb sich
die Hände und schien sehr vergnügt. »Das war eine Nacht, herrlich, herrlich, was
sagst du, Schatz? Du frierst, was? Sie scheinen auch zu frieren, Baron, ja, so
ein Morgen auf dem Meere! Zu Hause machen wir uns einen warmen Tee, der wird gut
tun. Trinken Sie nicht mit uns eine Tasse, Baron? Nicht war, Schatz, du machst
uns doch Tee?«
    Doralice schaute Hans ein wenig verwundert an, sagte aber dann: »O gewiss.«
Hilmar verbeugte sich.
    Jetzt stiess das Boot auf den Sand, und man begann auszusteigen. Hans nahm
Doralice auf den Arm und trug sie ans Land. Von den Dünen aber schossen mit
flatternden Tüchern und Röcken wie gierige Möwen die Fischerfrauen auf die Boote
zu.
    In der Wohnstube eilte Hans zur Lampe, um sie anzustecken. »Nur kein
Morgengrauen«, sagte er. Dann richtete er den Teekessel her, trug Tassen, trug
Rum herbei. »So, so, das wird gut tun, warmen Tee, ja, den haben wir verdient,
das will ich meinen, den haben wir redlich verdient.« Er sprach eifrig vor sich
hin, als wollte er mit der Gemütlichkeit seiner Worte sich und die anderen
erwärmen: »Setzen Sie sich, meine Herrschaften, setzen Sie sich.« Sie sassen um
den Tisch herum und hörten schweigend dem Summen des Teekessels zu mit den starr
vor sich hinsehenden Augen sehr müder Menschen. Endlich glaubte Hilmar etwas
sagen zu müssen und bemerkte: »Es war doch wunderschön.« - »Es war so schön«,
erwiderte Doralice und zog ihre Augenbrauen empor, »dass man lieber gar nicht
davon spricht.« Das klang abweisend, fast feindselig. Sie nahm es Hilmar jetzt
übel, dass er ihr dort im Boot so willkommen gewesen war. Hilmar lehnte sich in
seinen Stuhl zurück und rauchte. Aber Hans lachte. »Sehen Sie, so macht es meine
Frau immer, wenn ihr etwas sehr gefällt, dann darf nicht gesprochen werden, das
ist dann heilig und kein anderer darf es berühren. Nun, nun, gib uns Tee.«
    Doralice schenkte die Tassen voll. Der heisse Dampf und der starke Duft des
Tees schienen die Müdigkeit noch schwerer zu machen, alle schwiegen wieder eine
Weile. Endlich seufzte Hans und sagte: »Immerhin ist es schade, dass man nach
einer solchen Nacht eine Art Katzenjammer hat, den Katzenjammer der Weite. Das
Land erscheint einem unerträglich eng. Dann ist es schon besser, seine Höhle
dunkel zu machen und sich darin zu verkriechen.«
    »Naturgesetz dieses Ab und Zu der Gefühle«, murmelte Hilmar zerstreut.
    »Und doch«, fuhr Hans fort, »ich fühle eine seltsame Befriedigung, und
warum? Weil wir so viel Fische gefangen haben. Das ist doch ein greifbares
Resultat einer Arbeit. Wenn ich einen fetten Dorsch halte, so weiss ich, was ich
habe. Wenn ich ein Bild male, weiss ich denn, ob es etwas ist oder nicht?«
    »Und erst ich«, unterbrach ihn Hilmar, »wenn ich eine Stunde Rekruten
gelehrt habe sich wie Holzpuppen zu bewegen, wie soll ich da Befriedigung über
ein Resultat fühlen?«
    »Ach ja«, meinte Hans und gähnte, »es ist schade, dass das Leben so selten
bar zahlt.«
    Es entstand wieder eine Pause. Doralice war auf ihrem Sessel eingeschlafen,
das Gesicht, sehr bleich mitten in den blauen Schatten des Morgens, erhielt von
der friedlichen Hilflosigkeit des Schlafes eine wunderbar kindliche Schönheit.
Die beiden Männer sassen jetzt ganz still da und schauten andächtig auf dieses
schlafende Gesicht. Endlich erhob sich Hilmar, reichte Hans die Hand und
flüsterte: »Ich gehe, die Sonne kommt.« Dann ging er leise hinaus.
    Draussen war es schon taghell, über dem Horizonte schossen die ersten
goldenen Strahlen empor. Hilmar ging sehr schnell, er wollte zu Hause sein, ehe
die Sonne da war. Er wunderte sich über sich selber. Warum fühlte er sich elend?
Die kleine Lolo hatte wohl recht, diese Frau war so schön, dass man traurig
wurde, oder wie sagte doch der Maler: »Katzenjammer der Weite, in dem das Land
und das Tageslicht uns eng scheinen«. Die arme kleine Lolo, Hilmar konnte nichts
dafür, aber wenn er jetzt an sie dachte, schien es ihm, als habe sie etwas vom
Lande und vom Tageslicht an sich.
 
                                Neuntes Kapitel
Der Geheimrat von Knospelius kam zum Fünfuhrkaffee in den Bullenkrug. Behaglich
sass er an dem langen Tisch auf der Veranda, über dem die Blätterschatten der
rankenden Bohnen flirrten. Es duftete nach den Sträussen von Erbsenblüten und
nach frischem Brot. Schmunzelnd schaute Knospelius auf die Reihe der jungen
Gesichter am unteren Ende des Tisches. »Familienmahlzeit, Familientisch«, sagte
er zur Generalin und sein langer Mund sprach diese Worte aus, als schlürfte er
eine Auster. »Das ist für mich ein seltener, aber exquisiter Genuss. Bei meiner
Schwester in Türingen habe ich zuweilen diesen Genuss. Eine Familienmahlzeit hat
etwas Sakramentales. Sie ist, möchte ich sagen, das Fundament der Familie.
Solange es mit der Familienmahlzeit gut steht, kann es mit der Familie nicht
schlecht stehen.«
    »Nun,« meinte die Baronin Buttlär, »wir haben Gott sei Dank noch andere
Fundamente.«
    »Mein Schwager«, fuhr der Geheimrat fort, »sagte zu meiner Schwester:
Karoline, sollte ich vormittags sterben, so ist gar kein Grund, dass an dem Tage
nicht ebenso pünktlich gegessen wird wie sonst, sonst wird die Verwirrung nur
erhöht. Nicht wahr, ganz wie auf den grossen Passagierdampfern, denen was
zugestossen ist und auf denen bis zum äussersten Augenblick das Diner regelrecht
serviert wird. Es ist gleichsam das Symbol der moralischen Ordnung.« Der Baron
Buttlär nickte ernst und sagte: »Ja, die Familie überhaupt sei doch die
Grundlage des Staates, die Familie und der Grundbesitz«, und er brachte das
Gespräch allmählich auf Steuern und auf Branntwein. Allein der Geheimrat ging
nicht darauf ein, er wollte heute seinen Erfolg am unteren Ende des Tisches bei
der Jugend haben. Er erzählte Anekdoten und schaute dabei zu den jungen Leuten
hinüber, ob sie auch lachten. Später dann kam er mit seinem Anliegen heraus. Er
wollte morgen ein kleines ländliches Fest feiern und hoffte, die Herrschaften
würden vollzählig dazu erscheinen. »Die Veranlassung dieses Festes«, sagte er,
»ist mein Geburtstag. Na ja, das Älterwerden mag ja seine guten Seiten haben,
aber zum Feiern wäre ja schliesslich keine Veranlassung. Diese Welt hier zwar ist
recht fragwürdig, allein besondere Eile herauszukommen hat man nicht, denn
erstens ist das Programm dessen, was nachher kommt, nicht recht klar, und
zweitens bleibt es uns ja ohnehin. Nein, ich feiere das Datum meiner Geburt,
denn das Geborenwerden ist doch der merkwürdigste Augenblick unseres Lebens und
von unübersehbaren Folgen. Sehen Sie, eine Welt ohne Knospelius und eine Welt
mit Knospelius, das ist für mich ein gewaltiger Unterschied.«
    Zufrieden über seine Auseinandersetzung schaute er Nini an, die darüber
errötete.
    »Was Sie da sagen, liebe Exzellenz«, bemerkte die Generalin, »ist gewiss sehr
klug, aber mit der Religion scheint es dabei denn doch auch ein wenig unklar zu
stehen.«
    Knospelius zuckte mit seinen zu hohen Schultern: »Nun, deshalb hat der Staat
mich vielleicht zum Rechnen und nicht zum Predigen eingesetzt. Aber ich komme
auf mein Fest zurück, da ist nämlich ein kleiner Umstand zu erwähnen. Da ist das
Ehepaar Grill. Ich kann es nicht vermeiden, dieses Ehepaar einzuladen. Ich
hoffe, es wird niemanden stören.«
    »Allerdings,« meinte die Baronin Buttlär und zog die Augenbrauen empor,
»dieses Ehepaar scheint für uns unvermeidlich zu sein, unser unvermeidliches
Schicksal.«
    Knospelius lachte. »Schicksal, sehr gut. Nun, diese kleine Frau ist kein
grausames Schicksal. Und dann, wenn wir die Vergangenheit auf sich beruhen
lassen, jetzt sind die Verhältnisse ja korrekt. Sie haben sich in London trauen
lassen.«
    »So? In London«, bemerkte die Generalin, »davon hört man jetzt oft, eine
neue Erfindung. Es scheint, dass in London die Trauungen schneller gemacht
werden, auch so moderne Fabrikware.«
    Knospelius zuckte die Achseln. »Hausarbeit, meine Gnädige, wird eben selten.
Ich darf also annehmen, dass mir meine Grills zugestanden sind.«
    Die Baronin Buttlär lehnte sich in ihren Stuhl zurück und seufzte: »Ich sage
nichts. Achtung vor der Londoner Trauung habe ich nicht und die Vergangenheit
kann ich nicht auf sich beruhen lassen. Aber es scheint, dass das altmodische
Ansichten sind.«
    Der Baron Buttlär ärgerte sich darüber. »Liebe Bella«, sagte er gereizt, »du
musst zugestehen, dass diese Leute uns bisher nicht belästigt haben, einen Gruss,
einmal ein freundliches Wort und dann schliesslich so ein Landpartienverkehr -«
    »Landpartienverkehr, bravo!« rief der Geheimrat, »das ist das Wort, da haben
wir die Formel. Die Hauptsache ist, für jede Lebenslage eine Formel zu finden,
das andere findet sich dann schon. Also mein Fest ist gesichert. Ich darf die
Herrschaften morgen nachmittag erwarten. Im Birkenwäldchen, bei der Zibbe
Waldhüterei. Das Meer ist ausgeschlossen, denn das Meer ist nicht gemütlich. Sie
werden sehen, es wird alles sehr harmonisch verlaufen.« Und vergnügt rieb er
sich die langen, bleichen Hände.
    Am Nachmittage des folgenden Tages zogen die Einwohner des Bullenkruges zur
Zibbe Waldhüterei hinauf. Voran die Generalin im weitläufigen weissen Piquékleide
und einem grossen Strohhut über dem erhitzen Gesicht. Lolo und Nini trugen weisse
Kleider und meergrüne Bänder. Der Sonnenschein vergoldete die weissen
Birkenstämmchen, die vom Seewinde alle landeinwärts gebogen dastanden wie
Jungfrauen, die nach vorn geneigt ihre grünen Schleier über das Gesicht wallen
lassen. Der Geheimrat empfing seine Gäste, für die Generalin und die Baronin
waren Korbstühle da, für die anderen lagen Polster auf der Erde und ein weisses
Tischtuch war über das Heidekraut gebreitet worden. »Nehmen Sie Platz«, sagte
der Geheimrat und rieb sich die Hände, »der Kaffee kommt gleich, die jungen
Damen helfen mir ein wenig bei der Bewirtung, meine Kolombinen, ha, ha!«
    Klaus servierte den Kaffee, sehr korrekt in einen schwarzen Rock geknöpft,
ernst und traurig. Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen; man
sprach von Birken im allgemeinen, dann sprach der Baron Buttlär von Branntwein
und Monopol; Hilmar sass einsilbig und zerstreut neben Lolo und machte Ringe aus
dem Rauch seiner Zigarette. Mücken tanzten im roten Sonnenstrahl und der Duft
des warmen Heidekrautes und der warmen Birkenblätter machte die Menschen
schläfrig. Wedig gähnte und äusserte zu Nini: »Nun könnten sie auch kommen.«
    »Wen erwartest du?« fragte die Baronin Buttlär streng. Allein es war klar,
alle empfanden dies Beisammensitzen nur als Vorspiel. Nun und dann kamen sie den
Hügel herauf, Hans voran, gefolgt von Doralice, die bleich und ernst war. Sie
hatte nicht kommen wollen, aber Hans war heftig geworden. »Wenn sich die Leute
vor uns fürchten, bitte, bitte, wir brauchen uns vor niemand zu fürchten.« So
hatte sie denn ihr blassviolettes Musselinkleid angezogen, das Zeitlosenkleid,
wie sie es nannte, hatte die rote Korallenschnur um den Hals gelegt, den grossen
schwarzen Hut aufgesetzt und war mitgekommen. Der Geheimrat war ein wenig
aufgeregt, als er seine neuen Gäste empfing, sie vorstellte, ihnen Plätze
anwies, nach Kaffee rief. Doralice sass neben der Generalin noch immer sehr
bleich und still wie ein junges Mädchen, das ruhig wartet, bis sie von den
älteren Leuten angesprochen wird.
    »Schönes Wetter«, sagte die Generalin, »es ist gut, dass Sie sich auch
herausgemacht haben. Wir sehen Sie immer baden, Sie schwimmen mir ein bisschen zu
kühn.« Während die Generalin mit ihrer mütterlichen Stimme unbefangen
fortplauderte, schwiegen die anderen, die Baronin Buttlär errötete, Fräulein
Bork lächelte verzückt und die beiden Mädchen richteten ihre grellen braunen
Augen unverwandt auf Doralice, öffneten die Lippen, man sah es, die Bewunderung
für die schöne Frau benahm ihnen ein wenig den Atem. Dann mischte der Baron
Buttlär sich plötzlich in die Unterhaltung, munter und galant. Er wandte sich
ausschliesslich an Doralice und sprach ziemlich unvermittelt von Paris und dem
Bois de Boulogne. Auch Hilmar wurde lebhafter, er erzählte Nini und Lolo etwas,
machte sie lachen; er legte Wert darauf, dass es an seiner Ecke lustig zuging.
Der Geheimrat, der sich mit Hans unterhielt, blickte zufrieden auf die
Gesellschaft, in die jetzt Leben zu kommen schien.
    Hinter den Birken erscholl eine dünne, hüpfende Musik. Der Strandwächter
spielte Harmonika und der lahme Schneider des Dorfes die Geige. Der Geheimrat
sprang auf und rief: »Ich bitte mit dem Tanz zu beginnen. Baron Buttlär, ich
bitte, den Ball, die fête champêtre zu eröffnen. Die Sonne geht unter, also
richtige Beleuchtung. Baron Hamm, bitte nicht zu vergessen, dass die Geselligkeit
des Deutschen Reichs auf dem Leutnant beruht.« Baron Buttlär führte seine Frau
zum Tanz, die sich ein wenig sträubte. »Aber Buttlär, wir, die Alten.« Hilmar
tanzte mit Lolo und Wedig, dunkelrot im Gesicht und so erregt, dass es aussah,
als wollte er weinen, bat Doralice um einen Tanz. Die Paare drehten sich dort
auf einem freien Platz; rotes, sachte zitterndes Licht drang durch die Bäume und
überflutete sie. Hinter den Birken aber schien etwas zu brennen, es war das Meer
im Glanze des Sonnenunterganges.
    »Sehr hübsch«, sagte Knospelius zur Generalin, während er das Bild vor sich
mit einer fast gierigen Aufmerksamkeit betrachtete; »das muss Stimmung in die
Gesellschaft bringen. Nichts taugt besser dazu als der Tanz. Man spricht nicht,
man denkt nicht, man verständigt sich mit den Füssen, das löst die richtige
Elektrizität aus.«
    »Was für eine Verständigung, was für Elektrizität?« meinte die Generalin.
»Ich freue mich, wenn die Jugend heiter ist, aber Ihre Verständigungen und
Elektrizität brauchen wir nicht.«
    »Und dann«, fuhr der Geheimrat sinnend fort, »ich habe bemerkt, wenn in
unsere Gesellschaft mal ein fremdes Element kommt, ein outsider, das wirkt
erregend wie Zitronensäure auf Soda. Ein jeder sieht im Fremden ein Publikum.
Aha! Der Baron tanzt mit unserer Frau Gräfin. Wie siegesgewiss er lächelt. Und
unser Maler macht sich an die Frau Baronin, bravo! Das Brausepulver ist
komplett.«
    »Ihre kleine Köhne«, versetzte die Generalin, »ist soweit ein liebes und
nettes Ding. Schade um sie.«
    »Wieso schade?« fragte Knospelius. »Es wird jetzt vielleicht etwas
Wertvolleres aus ihr, als der alte Köhne je gemacht hätte.« Aber die Generalin
wollte davon nichts wissen. »Ach, liebe Exzellenz, unsere Frauen, wenn die mal
so ganz offen aus Reih und Glied treten, dann finden sie auch keinen Halt mehr.
Das ist so wie bei dem Kettenstich auf der Nähmaschine; trennen Sie einen Stich
auf, dann geht die ganze Naht los.«
    Der Geheimrat lächelte: »Das spricht nicht für den Kettenstich. Aha! Es
kommt zur Quadrille, sehr gut. Der Walzer hat Stimmung gemacht. Sehen Sie doch,
wie ausdrucksvoll, wie vielsagend die Beine der Herren geworden sind.«
    Die Quadrille war allerdings sehr lebhaft. Hilmar tanzte mit Doralice, ihnen
gegenüber Lolo mit ihrem Vater. Doralices Gesicht war ganz rosa und sie lachte,
wenn sie mit Hilmar im carrière, wie er sagte, über den rotbeschienenen Sand
hinliefen. Das Tanzen, diese Menschen, all das gab Doralice das Gefühl, als
stünde sie wieder in jener Welt, die sie jetzt ein Jahr schon nur noch aus ihren
Träumen kannte. Sie vergass, dass sie hier fremd war, und genoss es gedankenlos
lustig zu sein wie einst auf den Gesellschaften, wenn sie sich von ihrem Gemahl
nicht beaufsichtigt fühlte. Und welch ein handlicher, bequemer Kamerad der
Lustigkeit war doch so ein Leutnant, man tanzte mit ihm so selbstverständlich
bequem, als hätte man das ganze Leben schon miteinander getanzt. Man sprach und
lachte mit ihm so mühelos, als hätte man schon ein ganzes Leben miteinander
gesprochen und gelacht.
    »Grand rond, s'il vous plaît«, schnarrte Hilmar. Man fasste sich bei den
Händen, in der Abendsonne schien es, als erröteten alle Gesichter, dann kam die
Promenade, von Hilmar angeführt, eine wilde Promenade zwischen den Birkenstämmen
hindurch, über das Heidekraut hin.
    »Unser Leutnant steht auf der Höhe seiner Aufgabe«, sagte Knospelius, »aber
die Stimmung darf nicht verrauchen. Jetzt muss gleich gesungen werden, ein
Volkslied, etwas ganz Herzbrechendes natürlich.«
    Als die Quadrille zu Ende war und alle wieder auf den Polstern sassen, war
die Sonne untergegangen, unter den Bäumen begann es schnell zu dämmern, von der
Seeseite kam ein Wehen, fuhr in die Birken und liess sie erregt flüstern. Unten
aber rauschte das Meer jetzt lauter. Knospelius erhob sich, streckte seinen
langen Arm aus, schlug den Takt und stimmte mit lauter gefühlvoller Stimme an:
»Mei Mutter mag mi nit
Und kei Schatz hab i nit.
Ei, warum sterb i nit
Was tu i denn?«
    Alle sangen mit, selbst die Generalin, die Mädchen falteten die Hände im
Schoss, schauten mit den blanken Augen gerade vor sich hin und liessen ihre
scharfen Sopranstimmen klagend in die Dämmerung hinausschallen. Doralice tat es
auch wohl, sich von der eigenen Stimme in ein weiches, gedankenloses Behagen
wiegen zu lassen. Ja gedankenlos, denn sie spürte es wohl, da waren so einige
kleine widerwärtige Gedanken, die nur darauf lauerten hervorzukriechen. So der
Gedanke an die verlegene und herablassende Art, mit der die Baronin Buttlär zu
ihr gesprochen hatte, die Art, mit der Familienmütter auf Wohltätigkeitsfesten
zu fremden Schauspielerinnen zu sprechen pflegten, oder der Gedanke daran, dass
der Baron Buttlär während des Tanzes die Augen rollte, wie Herren sonst nicht
die Augen rollen, wenn sie mit fremden Damen tanzen. Nein, daran wollte sie
nicht denken, sie wollte singen. Sie schaute zu Hans hinüber. Der sass ruhig da,
öffnete den Mund weit, ganz damit beschäftigt, seinen schönen Tenor recht laut
erklingen zu lassen. Als das Lied zu Ende war, schwiegen alle eine Weile,
träumten in die Dämmerung hinein, als fürchteten sie etwas zu wecken, das sie
eben in Schlaf gesungen hatten. Endlich verkündete der Geheimrat, die Uhr in der
Hand: »Jetzt bitte zum Feuerwerk, künstliches Feuerwerk habe ich nicht. Mein
Feuerwerk ist der Mond, der gerade jetzt aufgeht. Bitte also mit mir dort
hinaufzugehen.«
    »Meine Tochter und mich lassen Sie hier«, meinte die Generalin, »ich bin alt
und habe daher häufig gesehen, wie der Mond aufgeht.«
    »Wie's beliebt«, erwiderte der Geheimrat, »obgleich ich glaube, dass mein
Mond etwas Besonderes ist. Also wenn ich bitten darf, meine Herrschaften.« Er
übernahm die Führung mit Fräulein Bork. Sie mussten einen Hügel hinansteigen. Der
Baron Buttlär ging neben Doralice her, er sprach mit weicher, singender Stimme
von dem Frieden der abendlichen Natur, von den Mühen und Sorgen der
Landwirtschaft. Ach die Landwirtschaft war ja jetzt eine Industrie und die
Poesie hatte in ihr wenig Raum. Aber wenn er, Buttlär, zuweilen abends auf seine
Felder hinausging, mit seinen Feldfrüchten allein war, dann fühlte er doch
wieder etwas von der Poesie der Natur. Leider sind im heutigen Kampfe des Lebens
die Augenblicke so selten, in denen man sein Herz sprechen lassen darf. Oben auf
dem Hügel stellten sich alle auf und schauten zu dem schwarzen Waldrande
hinüber, über den der Mond gross und rot emporstieg. »Meine Leuchtkugel«, sagte
der Geheimrat und Fräulein Bork meinte, die Natur sei doch schöner als alles
Künstliche. Als man dort eine Weile gestanden hatte und über den Mond doch
nichts Besonderes zu sagen wusste, trat man den Heimweg an. Hilmar nahm
entschlossen Doralice in Beschlag. Der Weg führte an feuchtem Weidenklee
vorüber, der süss duftete. Nebelstreifen lagen über dem Felde, Pferde weideten
da, grosse, dunkle Gestalten in der Dämmerung, und von allen Seiten lockten die
Rebhühner.
    Doralice und Hilmar sprachen von gleichgültigen Dingen, sie sprachen von
Pferden, vom Reiten, aber ihre Stimmen nahmen einen ruhevollen vertraulichen
Klang an, wie es Stimmen an Sommerabenden gern tun. »Und bei dem letzten Rennen
sind Sie gestürzt, nicht wahr?« fragte Doralice, »der Baron Buttlär sprach
davon.«
    »Ja, ach ja«, erwiderte Hilmar, »die, welche es verstehen, stürzen nicht,
die kennen die Leistungsfähigkeit ihrer Pferde, nehmen vorsichtig die
Hindernisse, gehen sicher durchs Ziel. Natürlich war es meine Schuld. Aber ich
muss gestehen, der Genuss, das Erhebende an der ganzen Chose ist gerade der
Augenblick, in dem ich merke, dass alles Vernünftige von mir abfällt, das Blut
singt einem in den Ohren, alles in einem ist kochend heiss und zittert, etwas in
uns, das sonst offenbar in einem Käfig eingesperrt zu sein pflegt, kommt dann
los. Sehen Sie, in solchen Augenblicken ist mir alles gleich, ich würde jedes
Hindernis nehmen, ich würde dem Gaul und mir den Hals brechen. Ich sehe dann nur
eines, ich will dann nur eines, das Ziel. Ich will es so stark, ich will es so
einzig, ich bin so voll davon bis in jeden Nerv, dass ich mich wundere, dass das
Ziel mir nicht entgegenkommt. So nur eins wollen, nur eins sehen und darauf
zujagen, das ist eigentlich die einzige Art, wirklich zu leben.«
    Sie waren stehengeblieben, Doralice schaute vor sich nieder und dachte:
Wovon spricht er denn mit dieser leisen, heissen Stimme, ja so, er spricht von
Pferden, und plötzlich musste sie an Hans Grill denken, wie er einmal drüben im
Schloss zu ihr so begeistert von seiner Kunst gesprochen hatte, dass sie sich
sagte: Jetzt spricht er nicht mehr von seiner Kunst, jetzt spricht er von mir.
Hinter ihnen lachte jemand, es waren Nini und Wedig, die den Hügel heraufkamen.
Doralice wandte sich lebhaft ihnen zu. »Ach,« sagte sie, »kommen Sie, wir wollen
zusammen den Abhang hinunterlaufen.«
    Sie legte den einen Arm auf Wedigs Schultern, den anderen auf Ninis und so
liefen alle drei den Hügel hinab. Hilmar schaute ihnen nach, dann blickte er zum
Monde auf und verzog seltsam sein Gesicht. Als dann auch die anderen kamen, trat
er ein wenig zur Seite, um sie vorüberzulassen, um sich nicht ihnen
anzuschliessen. Lolo ging zwischen ihrem Vater und Hans Grill einher; sie
schienen von Malerei zu sprechen, denn der Baron Buttlär sagte: »Nein, die
moderne Malerei lässt mich kalt. Es mag altmodisch sein, aber ich bin für
Raffael.«
    Ihnen folgten der Geheimrat und Fräulein Bork. Fräulein Borks Stimme klang
sehr lyrisch in die Dämmerung hinaus. »Was ich an Ihnen, Exzellenz, am meisten
bewundere, ist Ihr Humor, Ihr stets gleichbleibender Humor.«
    »Meine Gnädige!« erwiderte Knospelius, »Trübsal blasen wir wohl alle
mitunter, aber Konzerte damit zu geben ist nicht empfehlenswert.«
    Hilmar blieb zurück, Lolo hatte sich nach ihm umgeschaut, aber hatte nichts
gesagt. Er wartete eine Weile, dann ging er ihnen langsam und sinnend nach.
Unten im Wäldchen fand er die Birken voll bunter Papierlaternen, viel farbige
sich sacht wiegende Lichter. Klaus reichte Sandwichs umher, trug eine Bowle auf
und füllte die Gläser. Hilmar sah sich im Kreise um, ging gerade auf Doralice zu
und setzte sich neben sie. Sein Gesicht hatte dabei einen düsteren,
eigensinnigen Ausdruck. Knospelius rief nach seinen Kolombinen, dann sass er
zwischen den beiden Mädchen, schüttelte behaglich seine Schultern wie ein
Frierender, der sich eine warme Decke über die Knie zieht. »Meine lieben Gäste«,
rief er und erhob sein Glas, »auf Ihr Wohl! Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen
sind, jetzt bitte ich zu trinken, dann wollen wir noch die Lorelei singen und
endlich eine Mondscheinquadrille tanzen.«
    »Wie wissenschaftlich er uns behandelt«, sagte Hilmar zu Doralice. »Er
kandiert uns nach allen Regeln.«
    Doralice wollte etwas erwidern, aber der gespannte, fast zornige Ausdruck
auf seinem Gesichte überraschte sie und sie schwieg. »Ach,« fuhr Hilmar fort,
»bei mir hat er es leicht, ich bin gegen die Wirkungen einer Sommernacht
wehrlos. Nun, Soldaten sind immer sentimental, aber bei mir war es von jeher so.
Ich erinnere mich, dass, wenn ich als Kind aus der Sommernacht hereingeholt
wurde, um zu Bett zu gehen, ich wie toll heulte. Wenn meine Mutter mich fragte,
warum ich weine, wusste ich es nicht; ich konnte nur sagen, ich weine, weil
Müller heute so hässlich ist. Müller war meine Kinderfrau, die ich sonst liebte.«
    »Das verstehe ich«, meinte Doralice, »so geht es mir jetzt noch, wenn wir
abends vom Spaziergange nach Hause kommen und Agnes steht da mit der Lampe, dann
ist mir auch zuweilen so, als könnte ich weinen.« Hilmar lachte grimmig: »Ich
begreife, dass man in solchen Augenblicken diese Agnes erwürgen könnte.«
    »O nein«, wehrte Doralice, »Agnes ist eine gute alte Frau, aber in solchen
Augenblicken steht deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen: Was sind Sie denn so
glücklich, es wird gleich wieder alles unangenehm und widerwärtig sein.« Hilmar
beugte sich vor, um Doralice in das Gesicht zu sehen mit Augen, auf deren
pechschwarzem Grunde ganz winzig sich eine rote Laterne spiegelte, ein blutroter
Punkt.
    »Und diese Agnesen haben recht«, sagte er leise, »es wird gleich wieder
alles unangenehm und widerwärtig und daher ist es eine Dummheit, wenn wir
wissen, dass da irgendwo ein kleiner glücklicher Augenblick zu haben ist und wir
irgend etwas anderes tun, als diesem Augenblick nachzujagen.«
    Doralice lehnte sich in den Schatten zurück, um aus dem Bereich der
schwarzen Augen zu kommen, die ihr wehtaten, und fragte, um etwas zu sagen: »Sie
waren als Kind allein?«
    »Ja,« erwiderte Hilmar, »ich bin das einzige Kind meiner Eltern. Es hätte
melancholisch sein können. Vor dem Schloss ging ein Fluss vorüber, der immer
sehr voll von einem trüben grünlichen Wasser war; dort schnalzten in der
Dämmerung die Fische und sangen die Erdkrebse. Aber an Sommerabenden lief ich in
die Dorfstrasse hinunter und dort kamen dann meine Kameraden auf ihren nackten
Füssen, mit ihren grauen Leinwandhosen und fliegenden blonden Haaren, kleine
lustige Teufel der Sommerdämmerung, und dann war es köstlich.«
    »Das muss köstlich gewesen sein«, wiederholte Doralice sinnend. »Ich war an
Sommerabenden in unserem Garten immer allein.«
    »Schade,« rief Hilmar, »dass ich damals nicht zu Ihnen kommen konnte, auch so
als kleiner Dämmerungsteufel.«
    - »Das wäre lustig gewesen«, meinte Doralice, »ich glaube, ich wartete
damals immer auf so etwas.«
    Jetzt stimmte Knospelius die Lorelei an. Er nahm das Tempo sehr getragen,
als wollte er, dass die Seelen seiner Gäste ganz hinschmölzen in den klagenden
Tönen. Kaum war das Lied zu Ende, trieb er zur Quadrille; die Harmonika und die
Geige begannen zu spielen; Hilmar bot, als verstünde es sich von selbst,
Doralice den Arm; der Tanz begann auf dem freien Platz unter den Bäumen. Die
hellen Frauengestalten aus dem unsicheren Lichte der bunten Laternen in einen
Streifen hellen Mondscheins hinein wurden plötzlich durch einen tiefen Schatten
ausgelöscht, um dann wieder aufzutauchen. Knospelius hatte seinen Kneifer
aufgesetzt und betrachtete aufmerksam, als sässe er in seiner Teaterloge, das
Schauspiel.
    »Bitte, zu beachten«, sagte er zu der Generalin, »eine Mondscheinquadrille
wird anders getanzt als eine Sonnenuntergangsquadrille. Die Bewegungen der Damen
sind weicher; da ist so was von angenehmer Mattigkeit drin, ganz wie die
Musselinkleider, die auch abends so eine angenehme Welkheit bekommen.«
    »Ach, gehen Sie«, entgegnete die Generalin ärgerlich, »Sie sehen unsere
Mädchen an, wie man Käfer ansieht, die man sammelt. Oder ist es besonders der
eine fremde Käfer, der Sie interessiert?«
    »Nein, nein, alle«, meinte Knospelius, »ich muss eben die Stimmung meiner
Gäste studieren. Auf einem Feste darf nie der Augenblick kommen, in dem die
Gäste fühlen: bei allem, was wir hier tun, ist doch nichts dahinter.«
    »Was soll denn dahinter sein?« rief die Generalin; »das liebe ich gar nicht,
wenn hinter allem etwas stecken soll, wozu? Ich hatte eine Tante, die war
verrückt. Wenn man gemütlich beisammensass, pflegte sie zu sagen: Es ist aber
doch noch einer im Zimmer, von dem ihr nichts wisst; das war sehr unheimlich.«
    »Nein, es steckt nichts dahinter«, sagte der Geheimrat beruhigend, »ich
meine nur, es ist nicht sehr unterhaltend, gerade daran zu denken. Aber was ist
denn das? Eine Stockung.«
    Er sprang auf, um zum Tanzplatz zu eilen; dort drängten sich alle auf einem
Fleck zusammen und am Boden, hell vom Monde beschienen, lag Lolo bleich mit
geschlossenen Augen. Man rief nach Wasser, Fräulein Bork brachte Riechsalz. Was
war geschehen? Eine Ohnmacht. Lolo hatte mit Hans Grill getanzt und war ganz
still umgesunken. Als sie wieder ein wenig schwankend, sehr weiss im Gesichte,
dastand, auf ihren Vater und Hilmar gestützt, organisierte die Generalin eilig
den Rückzug, Lolo, von den beiden Herren geführt, voran, die anderen folgten,
man nahm sich kaum Zeit, ein Abschiedswort an den Geheimrat zu richten, und die
Baronin Buttlär konnte es nicht lassen, halblaut vor sich hin zu schelten: »Ich
habe mir gleich gedacht, dass nichts Gutes dabei herauskommt. Wenn ein alter Herr
sich amüsieren will, so lass er doch wo anders hingehen; wozu sind meine Kinder
dazu nötig.«
    »Fatal,« sagte der Geheimrat, als er mit Hans und Doralice allein war, »nun,
es wird nichts zu bedeuten haben. Hübsch sah es übrigens aus, wie die Kleine da
so weiss im Mondschein lag. Nerven. Eine Familienverlobung ist immer etwas
Gewaltsames. Ein streng behütetes Mädchen, das nicht einmal einen Roman lesen
darf, wird eines schönen Tages einem Leutnant ausgeliefert. Studiere die Liebe,
heisst es. Ja, das richtet aber in der Seele solch einer kleinen
Familiencolombine zuweilen merkwürdige Verwirrungen an. Na, gleichviel, c'est la
vie. Ich danke Ihnen, meine Herrschaften, dass Sie gekommen sind, Sie waren die
Königin des Festes, gnädige Frau, natürlich.« Er küsste Doralicens Hand und man
trennte sich.
    Auf dem Heimwege sprach Hans heiter und eifrig auf die schweigsame Doralice
ein. Er freute sich, dass sie sich unterhalten hatte; denn sie hatte sich
unterhalten, das hatte er wohl gesehen. »Schön, schön. Teufel, hatten die Herren
um sie her Mondscheinaugen gemacht, alle, vom Familienvater bis zum
Gymnasiasten. O bitte, bitte.« Sie blieben einen Augenblick stehen, um auf das
mondbeschienene Meer hinauszublicken. Hans öffnete seinen Mund, atmete tief.
»Weite einatmen«, meinte er, »dort unter den Bäumen war es ein wenig eng, auch
die Leute dort ein wenig eng, nicht?«
    Zu Hause ging Hans in sein Zimmer. Doralice hörte ihn hin und her gehen, den
Kasten aufschliessen, Stiefel werfen. Sie sass in ihrem Sessel und starrte in das
Licht, lebte in Gedanken mechanisch das eben Erlebte weiter, die Glieder ein
wenig matt von der Bewegung, der Luft und all den Männeraugen, die sie begehrend
angesehen hatten. Endlich kam Hans heraus, in seinen Mantel gehüllt, den Filzhut
auf dem Kopfe, die hohen Stiefel an den Füssen.
    »Ich fahre noch mit Wardein auf den Fischfang hinaus«, sagte er, »für dich
ist das nichts, du bist zu müde.« Er küsste Doralice auf die Stirn. »Gute Nacht.«
    »Gute Nacht, Hans.« Doch als er schon an der Tür war, sagte Doralice: »Du,
Hans!« Er wandte sich um: »Was gibt es?«
    »Du, Hans, bist du eigentlich böse?«
    »Nein, warum?« erwiderte er. Dann kam er wieder an den Tisch heran. Im
Schein der Lampe sah Doralice, dass er errötete. »Nein, ich bin nicht böse. Warum
sollte ich böse sein? Vielleicht weil die da sich möglicherweise in dich
verlieben? Das ist ihr Recht. Das ist erklärlich. Aber das kann doch an uns
nicht heran.« Und er klopfte mit den Knöcheln seiner Hand auf den Tisch. »Nein,
das wirst du nicht erleben, dass ich knurrend um dich herumgehe. Mir würde vor
mir selber ekeln. Wenn du mein bist, weil ich jedem, der mir nahekommt, die
Zähne zeige oder weil ein anderer mir nicht beizeiten die Zähne gezeigt hat,
dann bist du überhaupt nicht mein - und ich will eine Frau, die mich liebt und
nicht eine Beute - und - ich denke, wir gehorchen reineren Gesetzen - und - es
ist auch gar nichts geschehen, warum sollte ich böse sein?«
    Doralice zog die Augenbrauen empor, sie machte, wie Hans Grill es nannte,
ihr Damengesicht und sagte leichtin: »Oh, dann ist es gut, ich wollte nur
wissen, gute Nacht also, Hans.«
    »Gute Nacht«, erwiderte er und ging hinaus, stark mit den schweren Stiefeln
auftretend.
    Doralice schaute noch immer in das Licht. Also, er war doch böse, dachte
sie, sonst wäre er nicht so beredt gewesen. Und es war gut so, es beruhigte sie.
Wenn man geliebt wird, will man festgehalten, will man bewacht werden. Diese
reinen Gesetze, was ist das? Wahrscheinlich wieder diese ewige Freiheit, von der
Hans zu sprechen liebte. Jetzt wollte sie schlafen gehen, wollte in der
Dunkelheit noch ein wenig von all dem träumen, was der heutige Abend in ihr
aufgeregt hatte. Das war vielleicht etwas wie ein Verrat an Hans, aber warum
liess er sie mit ihren Träumen allein?
 
                                Zehntes Kapitel
Knospelius stand im Strandwächterhäuschen am Fenster, ein Opernglas vor den
Augen, und schaute auf den Strand hinab. Er liebte es zu beobachten, wie dort
auf dem gelben Sande die bunten Figürchen hin- und hergingen, sich suchten, sich
trafen, beieinander standen, sich wieder trennten. »Wo die Skorpionen gehen und
die Feldteufel sich begegnen«, zitierte er den Propheten. Der Himmel hing voller
Wolken, die das Morgenlicht dämpften und versilberten. Das graue Meer schillerte
wie die Brust eines Täuberichs. Mitten in dem farbigen Wasser stand Ninis
schmale rote Gestalt und die Baronin Buttlär ging am Strande auf und ab und
beobachtete das Bad ihrer Tochter. »Ei, ei!« dachte Knospelius, »da erscheint ja
die Generalin im weissen Piquékleide, wie ein Schiff, das alle Segel aufgezogen
hat, neben ihr die gute Bork, eine bescheidene, nichtssagende Schaluppe. Wedig,
der Schlingel, treibt sich natürlich an der Wardeinschen Tür herum und wartet.
Aber auch der Baron steht dort einsam herum und stochert im Sande, sollte er
auch warten? Ah, das Brautpaar Arm in Arm. Die kleine Lolo noch etwas bleich,
der Bräutigam sehr lebhaft, zu liebenswürdig, hat vielleicht ein schlechtes
Gewissen wegen gestern. So, nun begegnen sie der Generalin. Man bleibt stehen,
man spricht. Endlich, da ist unsre Doralice, sehr fein im Matrosenkostüm blau
und weiss, den englischen Roman in der Hand. Natürlich, der Baron ist schon bei
ihr. Wie kühl sie nickt. Wie grade und wohlerzogen sie dasteht, jede Linie
höfliche Abweisung. Wie sie langsam weiter geht und ihn stehen lässt. Teufel!
aber das ist stark. Der Leutnant lässt den Arm seiner Braut fahren und schiesst
auf Doralice zu, wie der Hecht auf die Angel. An Hemmungen leidet dieser junge
Mann nicht. Wo ist denn der Maler? Dort steht er ja unten bei den Booten und
spricht mit Stibbe. Warum ist er nicht auf seinem Posten? Der dumme Kerl will
den Grandseigneur in der Liebe spielen.«
    Jetzt aber litt es Knospelius nicht mehr an seinem Fenster; er musste
hinunter, musste mittun. Hinter ihm stand Klaus und hielt schon Hut und Stock.
Als der Geheimrat seinen Hut nahm, schaute er zu Klaus' ernstem Gesicht hinauf
und sagte: »Sie denken wohl, die da unten sind alles Sünder.«
    »Wir sind alle Sünder, wenn Exzellenz gestatten«, erwiderte Klaus, ohne die
Miene zu verziehen.
    »Aber da sind doch Unterschiede«, warf Knospelius ein.
    Klaus zuckte kaum merklich mit den Schultern: »Die einen fürchten sich nicht
davor Sünder zu sein und wir anderen fürchten uns davor.«
    »So, so, ich verstehe«, versetzte der Geheimrat und ging zum Strande hinab.
    Unten machte er sich eifrig an das Begrüssen der Anwesenden, ging zu der
Gruppe der Generalin, fragte, wie man geschlafen hatte, nannte Lolo »unsere
tragische Kolombine«, wandte sich dann zu Hilmar und Doralice, die noch
beieinander standen, rieb sich die Hände, tat, als sei er der Hausherr des
Meeres und habe seine Gäste zu begrüssen. Er winkte Hans Grill zu, der langsam
heranschlenderte. »Guten Morgen, Meister, was? heute nacht auf Fischfang und
jetzt wieder bei den Booten, das heisst ja im Schweisse seines Angesichts leben.«
Ja, Hans Grill wollte hinausrudern, er lachte: »Das Meer hat mich jetzt, wenn
ich nicht was mit ihm zu tun habe, werde ich unruhig. So was wie Säuferdurst.
Fährst du mit, Doralice?«
    Nein, Doralice wollte nicht mitfahren, das Meer war ihr heute zu grau, sie
wollte zu den Birken hinaufgehen und im Heidekraut liegen.
    »Aha,« meinte Knospelius, »ich verstehe, graues Meer ist für Ihre Seele
heute sozusagen nicht die richtige Toilette. Nehmen Sie mich mit, Meister, meine
Seele passt zu jedem Meer.«
    Aus den anderen Gruppen wurde nach Hilmar gerufen, Nini hatte ihr Bad
beendet und man wollte nach Hause gehen. Aber Lolo winkte ihm zu. »Bleibe nur,
du willst segeln, auf Wiedersehen.« Etwas unschlüssig blieb Hilmar zurück,
schaute der abziehenden Familie nach, sah, wie Doralice die Düne hinaufstieg zu
den Birken und wie Hans und der Geheimrat zu den Booten hinabgingen.
Nachdenklich nahm er Kieselsteine auf und begann sie über die Wellen springen zu
lassen. Sein Gesicht hatte wieder den eigensinnig entschlossenen Ausdruck, der
ihm eine finstere Schönheit gab. Plötzlich wandte er sich um und ging schnell
mit leichtem wiegendem Schritt die Düne hinan, mit jenem lustigen,
unternehmungsvollen Schritt, den wohl der kleine Hilmar gehabt haben mochte,
wenn er der Kinderstube entronnen in der Sommerdämmerung zu der Dorfstrasse
hinabflüchtete. Er schlug den graden Weg zum Birkenwäldchen ein.
    Er fand Doralice im Heidekraute sitzend, den Rücken gegen den Stamm einer
Birke gelehnt, das Buch lag aufgeschlagen auf ihrem Schoss, sie schaute nicht
hinein, sondern bog den Kopf zurück und blinzelte mit halbgeschlossenen Augen zu
den Wipfeln der Birken hinauf, das Gesicht ruhig wie das Gesicht eines Menschen,
der einem Schlummerliede lauscht und darauf wartet, dass der Schlaf komme. Und
rings um sie her klang das unablässige und eifrige Schrillen der Feldgrillen.
Hilmar räusperte sich leise. Doralice schaute auf. Sie war nicht besonders
überrascht, sie zog nur leicht die Augenbrauen empor und sagte: »Oh, Sie sind
es. Sind Sie mir hierher nachgekommen? Sie wollten ja segeln.«
    Hilmar war etwas befangen. »Ja, - hm, ich bin Ihnen hierher nachgekommen.
Sie gestatten doch,« und er setzte sich auf einen Baumstumpf Doralice gegenüber.
»Mit dem Segeln war es nichts. Da Sie nicht auf dem Meere waren, schien das Meer
mir so sinnlos.«
    »Ah,« sagte Doralice, die wieder in ihre ruhevolle Stellung zurückgesunken
war. »Mir sagte einmal ein junger Attaché, er halte es für unhöflich, einen
Augenblick mit einer jungen Frau allein zu sein, ohne ihr eine Liebeserklärung
zu machen.«
    Hilmar errötete. »Unsinn,« meinte er. »Mir ist gewiss nicht höflich zumute,
aber gleichviel, ich kam herauf, weil ich glaubte, dass Sie sich langweilen
würden.«
    »Ja, warum glaubten Sie, dass ich mich langweilen würde?« fragte Doralice.
    »Nun, weil«, sagte Hilmar, »weil ich sah, dass Sie nur dieses Buch da mit
hatten und ich annahm, dass an diesem schwülen, etwas traurigen Tage das
Schicksal der Miss mit den zu rosa Wangen und zu goldenen Haaren, die sich einen
ganzen Band darüber kränkt, dass sie sich in einem Park von einem Herrn hat
küssen lassen, Sie auch traurig stimmen würde.«
    Doralice lächelte matt.
    »Sollen wir nicht eine Zigarette rauchen?« schlug Hilmar vor. Ja, Doralice
nahm eine Zigarette an, liess sich Feuer geben und dann rauchten beide und
schwiegen und hörten dem Schrillen der Feldgrillen zu. Endlich bemerkte
Doralice: »Sie wollten mich ja unterhalten?«
    »Ja, ach ja«, erwiderte Hilmar zögernd, als liesse er sich nur ungern im
ruhigen Betrachten der hellen Gestalt vor sich stören. »Aber es gibt
Lebenslagen, die so wohltuend sind, dass man sie mit Sprechen nur verdirbt. So
hätte ich es als Knabe für eine Entweihung gehalten zu sprechen, während ich
einen Kirschkuchen ass.«
    Doralice lächelte nicht darüber. Eine seltsame Erregung machte plötzlich
ihre Augen klar und bog die schmalen roten Linien ihrer Lippen und ihre Stimme
wurde tiefer und zitterte ein wenig, als sie sagte: »Es ist wohl auch, weil es
für Sie nicht leicht ist, mit mir zu sprechen. Wovon sollen Sie sprechen? Hinter
mir sind alle Fäden abgerissen. Da können Sie nur entweder vom Wetter sprechen,
oder mir eine Liebeserklärung machen.«
    Hilmar schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie: »Ich sagte es gleich,
an solch einem verdächtig grauen Tage allein im Heidekraut zu liegen tut nicht
gut. Zu sagen? Eine Welt habe ich Ihnen zu sagen, die unerhörtesten Dinge. Da
brauchen wir nicht davon zu sprechen, wie es der Baronin Marowitz geht und
welche Liaison die Gräfin Patky jetzt hat, aber, wenn Sie wollen, können wir
auch davon sprechen.«
    Doralice schien ihm nicht recht zuzuhören, sie blickte an ihm vorüber,
lauschte ihrem eigenen quälenden Gedanken. »Und,« begann Sie, »was sagen sie
dort von mir - die anderen.«
    »Nichts!« rief Hilmar ungeduldig. »Was sollen sie sagen? Sie sprechen nicht
mehr davon.«
    »Sie sprechen nicht mehr davon«, wiederholte Doralice. »Ich bin also wie
eine, die gestorben ist und die vergessen wird.«
    »Wie man das macht, Sie zu vergessen«, höhnte Hilmar.
    Doralice sann einen Augenblick vor sich hin, bleich und kummervoll, dann
fragte sie leise: »Kennen Sie den Friedhof am Meer?«
    Nein, Hilmar kannte ihn nicht, er interessierte sich nicht besonders für
Friedhöfe. »Der Geheimrat hat ihn mir gezeigt«, fuhr Doralice fort, »ein
Friedhof, von dem das Meer grosse Stücke fortspült. Die Särge und die Toten ragen
aus dem Sande heraus. Der Geheimrat sagt, in Sturmnächten holt das Meer die
Särge ab. Die stillen Herren gehen auf die Reise, sagte er.«
    »Das kleine Ungeheuer«, rief Hilmar, »warum zeigte er Ihnen das? Er will,
dass Sie sich fürchten.«
    »Vor dem Totsein würde ich mich sonst nicht fürchten«, meinte Doralice, »man
braucht ja vielleicht nicht da zu sein. Nur dass das Totsein so furchtbar nach
Alleinsein klingt, und - ich kann nicht allein sein.« Sie sass da, ein wenig
aufgerichtet, die eine Hand in das Heidekraut gestützt, ihr Gesicht war ernst,
obgleich die Lippen jetzt lächelten; ein unendlich einsames, frierendes Lächeln
und die Augen füllten sich mit Tränen.
    »Sie weinen«, stiess Hilmar hervor. Eine plötzliche Ergriffenheit würgte ihn
wie ein Schmerz: »Sie dürfen nicht allein sein.« Er glitt von seinem Sitz in das
Gras nieder, lag ausgestreckt da, wie einer am Bachrande sich ausstreckt, um zu
trinken, und drückte seine Lippen auf Doralicens Hand, die im Heidekraut ruhte.
Einen Augenblick blieb diese Hand unbeweglich, dann wurde sie fortgezogen, eine
leichte Röte stieg in Doralicens Gesicht und ihre Stimme war wieder wach und
lebensvoll, als sie sagte: »Was tun Sie da, stehen Sie doch auf. Ich bin ja gar
nicht allein.«
    Hilmar richtete sich auf, er kniete jetzt im Heidekraute, jede Linie seines
Gesichts und seines Körpers schien gespannt von übergrosser Erregung. »Sie und
allein sein. Jeder Augenblick, den Sie allein sind, ist eine furchtbare
Verschwendung für einen - für einen von uns anderen. Das weiss ich jetzt. Aber
das Leben ist ja reich an solch wahnsinniger Verschwendung. Was ist denn unser
Leben anders, als ein beständig dummes Versäumen der ganz kostbaren
Augenblicke.«
    
    Doralice hörte ihm zu, sie hörte ihm wohlwollend zu, die Leidenschaft seiner
Worte erwärmte sie angenehm. Dann sagte sie in einem mütterlichen Tone: »Stehen
Sie auf, gehen Sie nach Hause. Ich muss auch gehen; Hans erwartet mich.« Hilmar
gehorchte. Er stand einen Augenblick unschlüssig da, etwas arbeitete und kämpfte
in ihm, dann wandte er sich kurz um und lief den Abhang hinab. Doralice
lächelte, als sie ihm nachschaute. Sie erhob sich, fuhr sich mit der Hand über
die Augen und trat den Heimweg an, jetzt wieder ruhig und getröstet.
    Hans wartete schon ungeduldig auf Doralice. Mit grossen Schritten ging er um
den gedeckten Mittagstisch herum und schalt leise vor sich hin ... »Ich komme zu
spät, bist du böse?« sagte sie, als sie eintrat. Er lächelte gutmütig: »Ja, ich
war sehr böse, aber jetzt, wo du da bist, hat das keinen Sinn mehr. Agnes! die
Suppe. Ich habe einen Hunger, komm, setzen wir uns.« Agnes brachte die Suppe,
sehr ernst, denn sie hatte Doralicens Zuspätkommen nicht verziehen. Sie füllte
die Teller und stellte sich dann wie jeden Tag neben dem Tische auf, um
aufmerksam zuzusehen, wie Hans ass.
    »Nun also«, begann Hans gut gelaunt die Unterhaltung, »wie war deine
Einsamkeit oben im Heidekraute?«
    »Hübsch war es dort«, antwortete Doralice, »der Baron Hamm kam vorüber und
plauderte einen Augenblick.«
    - »Ah!« Hans schien ganz von seiner Suppe hingenommen. »Was sagte er denn?«
    »O nichts!« meinte Doralice, sie könnte ja erzählen, was sich dort droben
zugetragen, dachte sie, aber wozu, Hans würde doch nur sagen, das reiche nicht
an sie heran, und würde von reineren Gesetzen und von Freiheit sprechen. Hans
lehnte sich in seinen Stuhl zurück und begann: »Ja, das verstehen diese Leute,
zu sprechen und nichts zu sagen. Das ist mir auch gestern aufgefallen. Einmal
ein guter Witz, eine gute Bemerkung, aber meist nur Füllnis, wie bei jungen
Taubenbraten, wenig Fleisch und viel Farce.«
    »Ja, belehrend sind sie natürlich nicht«, bemerkte Doralice ein wenig
gereizt.
    »Nein, das verlange ich auch nicht«, sagte Hans beruhigend. »Ich greife die
Leute übrigens nicht an. In ihrer Art sind sie gewiss nette, kluge Leute, man muss
sich vielleicht an ihre Art gewöhnen.«
    Doralice erwiderte nichts; es ärgerte sie, dass er plötzlich den Abgeklärten
und Gerechten spielte. Warum schalt er nicht drauf los wie früher? Agnes nahm
die Teller und ging hinaus, um das Bratuhn zu holen.
    »Muss Agnes hier stehen und bewachen, wie du isst?« fragte Doralice.
    »Stört dich das?« sagte Hans. »Ich müsste vielleicht sagen, dass sie es lässt,
aber ich fürchte, es ist die grösste Freude ihres Lebens, mich essen zu sehen.« -
»O dann«, meinte Doralice und nachdenklich fügte sie hinzu: »Mich liebt sie
nicht, sie sieht nie hin, wie ich esse.« Hans lachte: »Die arme Agnes braucht
eben ihre ganze Liebesfähigkeit für mich auf, aber sie wird doch fest zu dir
halten, wie zu allem, was mir gehört. Sie ist wie ein Hund, dem der Stock seines
Herrn auch nicht sympatisch ist und der ihn doch bewacht und verteidigt.«
    »Es ist nicht besonders angenehm, dein Stock zu sein«, bemerkte Doralice.
Dann kam Agnes zurück und brachte das Huhn. Die Unterhaltung geriet ins Stocken.
Doralice fragte nach der Bootfahrt und was der Geheimrat gesagt hatte. »Der
Geheimrat sprach von mir«, erwiderte Hans. »Er sagte mir, wie ich bin.«
    »Wie bist du denn?« Doralice schaute neugierig auf.
    »Es scheint, ich bin sehr gut«, berichtete Hans, »aber wie alle sehr guten
Menschen lebe ich von Missverständnissen.«
    »Ach was, der Knirps«, meinte Doralice ungeduldig. Als dann beim Kaffee Hans
sich eine Zigarette anzündete, wurde er schläfrig. Er reckte sich, gähnte
diskret, die Nacht auf dem Meere lag ihm doch noch in den Knochen. Endlich stand
er auf. Es sei doch das beste, er lege sich noch ein wenig nieder, meinte er.
    Doralice rückte ihren Sessel an das geöffnete Fenster. Draussen hatte es zu
regnen begonnen, ein feiner, dichter Regen, der einen bleifarbenen Vorhang vor
das Fenster zog. Das Zimmer füllte sich mit einem grauen nüchternen Lichte.
Agnes räumte das Geschirr ab, stapfte ab und zu, schlug die Türen, dann war auch
sie fort. Doralice bewegte ihren Kopf langsam auf der Rücklehne des Stuhles hin
und her, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie sich einsam fühlte. Gewiss, dieser
Regen, dieses graue Licht im engen Zimmer, dieses Mittagessen bewacht von Agnes'
freudlosen Blicken, diese ganz aussichtslose Alltäglichkeit, all das war traurig
und Doralice wusste, dass sie auch gleich traurig werden würde, noch aber fühlte
sie sich von alledem seltsam losgelöst. Es war eine Traurigkeit und
Alltäglichkeit, die nicht zu ihr gehörten, die an ihr vorübergingen. Sie kam
sich vor wie ein Reisender, der auf irgendeiner kleinen verschollenen Station
liegen bleibt und nun in dem hässlichen Stationszimmer sitzt und sich für eine
Weile von der Melancholie eines Lebens eingefangen sieht, das nicht zu ihm
gehört. Denn der Zug würde kommen und die kleine Station mit ihrer grauen
Langeweile würde hinter ihm versinken und vergessen werden. Und doch, was sollte
kommen! In Doralice klangen die Worte wieder, die sie heute morgen gehört:
»Jeder Augenblick, den Sie allein sind, ist für einen von uns anderen eine
wahnsinnige Verschwendung«. Hans fürchtete sich vor dieser Verschwendung nicht,
er fürchtete nicht, etwas zu versäumen, er ging schlafen. Wie sicher er ihrer
war! Wie sicher, dass er ein ganzes Leben vor sich hatte, um mit ihr zusammen zu
sein, ein ganzes Leben. Ein ganzes Leben! klang es eintönig in ihr wider nach
dem Takte des Regens, der da draussen mit seinem flachen Plätschern eifrig in die
grosse, schicksalsvolle Stimme des Meeres hineinplauderte. Wie er dort oben vor
ihr gekniet hatte. Wie hatte er doch von seinem Reiten gesagt? »Man denkt nur
eins, man will nur eins, so stark, dass man sich wundert, dass das Ziel einem
nicht entgegenkommt.« Es war doch ein seltsam starkes Leben, wenn man fühlte,
wie ein fremdes Begehren und Wollen wild an einem zog. Das hatte sie auch bei
Hans dort auf dem Schloss empfunden, damals, als er noch nicht abgeklärt war,
als er über sie kam wie ein Sturm und wie ein unwahrscheinliches, köstliches
Wagnis. Und jetzt war wieder so etwas nahe. Aber nein, das konnte sie nicht
wollen, sie würde sich sehr wundern, wenn sie so wäre, dass sie das wollen
konnte. Jetzt plötzlich quälte sie das Alleinsein, der graue Tag mit seiner
Ereignislosigkeit und die fremden Möglichkeiten, die sie in sich empfand. Etwas
tun, dachte sie, und dann sprang sie auf, sie wusste schon, was sie zu tun hatte.
Sie ging in ihr Schlafzimmer hinüber, wo die grossen Koffer standen, die Graf
Köhne ihr nachgesandt hatte. Sie öffnete einen derselben, ein schwüler
Jasminduft strömte ihr entgegen, das war das Parfüm gewesen, das der Graf Köhne
an ihr geliebt hatte. »Je mehr ich in Jahren vorrücke«, pflegte er zu sagen, »um
so mehr gehe ich in meiner Vorliebe für Düfte in den Jahreszeiten zurück. Jetzt
bin ich beim Frühsommer angelangt.« Da lagen nun all die Kleider, an die
Doralice seit einem Jahre nicht mehr gedacht hatte. Sie blätterte nachdenklich
in ihnen, strich mit der Hand über den Sammt, den Krepp, die Seide, und diese
Berührung erregte so etwas wie ein festliches Gefühl in ihr. Da war das blaue
Kleid, das sie so geliebt hatte. Sie nahm es heraus, weiche pfauenblaue Seide,
eine alte Stickerei als Brusteinsatz, grünliche und rötliche Goldfäden auf
rahmfarbenem Grunde. Doralice breitete es auf einem Stuhle aus, betrachtete es,
dann begann sie langsam sich auszukleiden, legte das Kleid, das sie trug, ab und
legte das pfauenblaue an. Jetzt war sie fertig, stand da in dem grauen Lichte
und das sanfte Schimmern der Seide, des Goldes an ihr gab ihr eine angenehme
Erregung. Sie ging wieder in das Wohnzimmer hinüber, setzte sich auf ihren
Sessel und wartete auf Hans. Das musste auch auf ihn wirken, das musste auch ihm
etwas von früheren Tagen zurückgeben. Sie wartete lange, Hans nahm es gründlich
mit seiner Nachmittagsruhe und es begann bereits zu dämmern, als Doralice hörte,
dass er sich im Schlafzimmer regte. Endlich kam er. Er machte einige Schritte und
fragte: »Warum duftet es hier so süss? so schwül nach Schlössern?« Als er sie
dann anschaute, meinte er: »Oh! Du hast dich schön gemacht. Dieses Kleid kenne
ich.« Das klang ein wenig trocken und Doralice wurde befangen. Sie entschuldigte
sich: »Es war hier so grau und hässlich und da zog ich es an, ich dachte, es
würde dir auch gefallen.«
    Hans setzte sich auf einen Stuhl, zerrte an seinem Bart und schaute an
Doralice vorüber zum Fenster hinaus. »O gewiss, sehr schön, sehr schön«, sagte er
zerstreut. »Nur, sag' mal, willst du die Erinnerungen, von denen dieses Kleid
voll ist?«
    »Ich will überhaupt keine Erinnerungen«, erwiderte Doralice und das Weinen
war ihr nahe. Hans sann noch vor sich hin: »Ja, ja«, murmelte er, »dir war es
hier grau und hässlich und du wolltest etwas Schönes haben, natürlich, ich
verstehe. Schön, schön.«
    Beide schwiegen nun eine Weile und Doralice empfand, dass das bisschen
Festlichkeit, welche das Kleid ihr gegeben hatte, fort war. Hans erhob sich und
ging nervös im Zimmer auf und ab, dann blieb er stehen und fragte:
    »Wirst du das Kleid anbehalten?«
    »Ich kann es ja wieder ausziehen«, erwiderte Doralice kleinlaut.
    »Ja,« fuhr Hans fort, »es ist nämlich hier in diesem Zimmer etwas fremd. Ich
habe das Gefühl, als ob ein Modell bei mir wäre.«
    »Ein Modell«, wiederholte Doralice gekränkt.
    »Nein, nein, nicht ein Modell«, beruhigte Hans sie, »es war dumm, dass ich
das sagte. Höre, ich werde es dir erklären. Es war in München, ich wohnte im
vierten Stock, in einem sehr hässlichen Zimmer natürlich. Da verliebe ich mich
beim Kunständler in eine französische Glasschale, ein hübsches Ding wie aus
rosa und grünem Eis, für mich viel zu teuer. Gut. Aber ich bin verliebt und als
ich für ein Bild etwas Geld bekomme, kaufe ich sie und trage sie nach Hause. Ich
stelle sie auf meinen Tisch. Der Tisch hat eine scheusslich gelbe Decke mit
blauen Blumen. Nein das geht nicht. Ich stelle sie auf den Kasten, einen
plumpgebeizten gelben Kasten. Aber das geht noch weniger. Ich stelle sie auf den
Waschtisch, auf das Fenster - na, was soll ich dir sagen, wo diese Schale auch
steht, überall gibt es einen falschen Ton, quält mich wie Zahnweh. Ich bin
glücklich, als das Ding wieder beim Kunständler ist. Siehst du, so.«
    »Bin ich diese Schale?« fragte Doralice. - »Nicht du, dein Kleid, dein
Kleid.« Hans stand vor Doralice und wartete gespannt, was sie sagen würde. Sie
jedoch sagte nichts, erhob sich und ging in ihr Schlafzimmer hinüber, um sich
umzukleiden. Er aber begann wieder im Zimmer auf- und abzurennen, er war wütend.
Also er hatte sie wieder einmal gekränkt, aber das schien jetzt nicht anders
sein zu können. Sah es nicht aus, als sei die Liebe eine Einrichtung, die zwei
Menschen aneinander bindet, damit sie einander quälen? Wahrhaftig, so sah es
aus. Aber es sollte anders werden und als Doralice in ihrem dunkeln Kleide
zurückkehrte, um sich wieder still in ihren Sessel zu setzen, brach er los: »Du
bist gekränkt, ich weiss, ich weiss. Aber du wirst sehen, ich werde dir einen
Rahmen schaffen, in dem du dich anziehen kannst wie eine Königin.«
    »Ah, das kleine Häuschen«, warf Doralice hin.
    »Nun, etwas viel Schöneres«, fuhr Hans ungeduldig fort. »In München lässt
sich jetzt viel machen. Ich werde eine Malschule gründen und dann werde ich
arbeiten, ich bin voller Ideen, ich habe ja so viel in mir aufgespeichert, ich
bin geladen wie eine Bombe, und wenn ich da einschlage in diese Welt abgelebter
Grossstadtleute, die werden Augen machen. Ich freue mich schon drauf. Wir wollen
die Lampe anstecken und gleich zusammen einige Briefe nach München schreiben.«
Er rieb sich die Hände und lachte, er war ganz Eifer, ganz Tatendurst. Aber
Doralice sagte müde: »Ach nein, nur nicht die Lampe.«
    Hans stand einen Augenblick da und sann, dann setzte er sich langsam auf
einen Stuhl, zündete sich eine Zigarette an und rauchte. Beide schwiegen, es
dunkelte immer mehr, die Dämmerung schien mit dem Regen auf das Land
niederzufliessen, der Wind verfing sich irgendwo im Hause und es gab einen Ton
wie ein trauriges Lachen. Doralice fühlte wohl, dass Hans dort neben ihr in der
Dämmerung mit sich kämpfte, das Bewusstsein dieser Erregung, die Erwartung, dass
es vielleicht einen leidenschaftlichen Auftritt geben würde, tröstete sie in der
Melancholie dieser Stunde. Da begann Hans wieder ruhig, freundlich: »Sieh, das
kommt daher.«
    »Was denn?« fragte Doralice. - »Dass wir hier so zusammensitzen und nicht
zueinander sprechen, als seien wir verfeindet. Wir sind nicht miteinander
verfeindet und wir haben uns sehr viel zu sagen, aber das kommt daher, dass etwas
in unserer Liebe zu Ende ist und etwas Neues anfangen muss. Jetzt haben sich die
feinsten, empfindlichsten Teile unserer Seelen auseinanderzusetzen, jetzt fängt
die ganz komplizierte Rechnung an, so eine Art Ausziehen von Kubikwurzeln, das
ist immer so, das muss so sein. Ich kann nicht immer wie damals ein Ereignis
sein.«
    »Ich habe gar nicht verlangt von dir, immer ein Ereignis zu sein«, meinte
Doralice.
    - »Ich weiss, ich weiss, und ich weiss auch, was wir zu tun haben, um jetzt
dieser jämmerlichen Stunde ein Ende zu machen. Wir müssen hinausgehen ans Meer.
Es ist dunkel und es regnet, das macht nichts, das Meer wird uns kurieren, das
Meer kann immer ein Ereignis sein und da wollen wir uns anschliessen und du wirst
sehen, dort werden wir uns wieder einander befreundet fühlen und dann wirst du
auch wieder die Lampe ertragen können.«
    Er holte Doralicens Mantel, hüllte sie fest ein, nahm sie und zog sie mit
sich hinaus.
    Draussen mussten sie gegen einen starken Wind ankämpfen, das Meer rauschte
sehr laut, ein Durcheinander grosser Stimmen, die sich überschrien und einander
ins Wort fielen. Und in der Dämmerung hoben sich die Wellen wie grosse weisse
Gestalten, die sich aufrecken, sich neigen, niederfallen. Zuweilen standen Hans
und Doralice plötzlich wie auf einem weissen kalten Tuche, das war dann eine
brandende Welle, die bis zu ihnen heraufgelaufen war. Beide lachten, drückten
sich fest aneinander und Hans fragte laut in das Rauschen hinein: »Fühlst du es,
fühlst du es schon, wie wir einander wieder befreundeter werden?«
    »Ja, ja«, erwiderte Doralice atemlos von all der mächtig bewegten Luft, die
sie atmen musste. - - -
    Im Bullenkrug drückte der Regennachmittag auch auf die Stimmung. Es lag
ohnehin eine Spannung in der Luft, welche die Menschen mit einer gereizten und
freudlosen Unruhe in den engen Räumen herumtrieb. »Meine Schar«, sagte die
Generalin zu Fräulein Bork, »geht hier heute umher wie die Eisbären im Käfig.
Lassen Sie alle Lampen anstecken, nur keine Dämmerung, die ist gefährlich. Und
dann viel und gutes Essen. So kommen wir am leichtesten über die Schwierigkeiten
hinweg.« Das Haus wurde sehr hell, die Generalin setzte sich mit Fräulein Bork
auf das Sofa und legte Patience. Sie sprach mit ihrer lauten, beruhigenden
Stimme, lachte über ihre Patience. Das Brautpaar zwang sie, miteinander Pikett
zu spielen. »Nichts Besseres für nervöse Liebe«, meinte sie, »als Karten.« Wedig
und Nini spielten Dame und stritten sich, und Herr von Buttlär ging mit kleinen
nervösen Schritten im Zimmer auf und ab und sah immer wieder nach dem Barometer.
Da erschien seine Frau in der Esszimmertür und sagte: »Bitte, Buttlär, auf ein
Wort.«
    »Gewiss, meine Liebe«, erwiderte er und richtete sich mit einem Ruck strammer
auf, »was gibt es denn?« Er folgte seiner Frau ins Esszimmer und die Tür fiel
hinter ihnen ins Schloss. Die Generalin schüttelte unzufrieden den Kopf und
bemerkte: »Bella überschätzt von jeher die Wirkung von Auseinandersetzungen.«
Das Gespräch des Ehepaares dauerte ziemlich lange. Man hörte die Stimme des
Barons, die patetisch wurde, und Wedig flüsterte Nini zu: »Hör', eben hat der
Papa gesagt: poetisches Bedürfnis.«
    Hilmar und Lolo wurden sehr zerstreut bei ihrem Spiel. Endlich ging die
Esszimmertür wieder auf, Frau von Buttlär kam in das Wohnzimmer, setzte sich
schweigend an den Tisch und nahm ihre Häkelarbeit auf. Sie war blass, man sah es
ihr an, dass sie geweint hatte. Der Baron aber war in der Tür stehen geblieben
und sagte feierlich: »Hilmar, bitte auf ein Wort.«
    »Zu Befehl«, erwiderte Hilmar und sprang auf. Er zog dabei die Augenbrauen
zusammen und sein Gesicht nahm einen Augenblick einen so zornigen Ausdruck an,
dass Lolo ihn erschrocken anschaute. Dann verschwanden die beiden Herren hinter
der Esszimmertür. Die Generalin zog die Augenbrauen hinauf und sagte: »Wozu diese
Konferenzen gut sind, weiss ich nicht, zur Gemütlichkeit tragen sie nicht bei.« -
»Nein, liebe Mutter«, erwiderte die Baronin, indem sie eifrig fortäkelte, »ich
bin ungemütlich und prosaisch, das habe ich eben gehört. Andere können gemütlich
und poetisch sein, ich nicht. Ich bin wie der Gendarm, den jeder braucht und den
keiner mag.«
    »Aber Bella«, wandte die Generalin ein. Fräulein Bork jedoch fand das schön.
Sie fand das schön, die Mutterliebe als die Polizei für das Glück der anderen.
    »Sie haben gut reden, liebe Bork«, meinte die Baronin und die Generalin
wurde ärgerlich: »Ich sage nicht, dass einmal tüchtig dreinfahren nicht ganz
nützlich sein kann, aber immer besser kurz und scharf, als lang und sauer.«
    »Wer ist denn sauer?« fragte die Baronin, worauf die Generalin nichts
erwiderte. Lolo ging währenddessen im Zimmer unruhig auf und ab, blieb an der
Glastür stehen und schaute in die Dunkelheit hinein, dann öffnete sie die Tür
und trat auf die Veranda hinaus. Der Wind, als hätte er auf sie gewartet, fiel
sie sofort an, zerrte an ihrem Kleide, wühlte in ihrem Haar. Lautes Tönen flog
durch die Finsternis wie Sausen grosser, hastiger Flügel, ein hastiges,
ausgelassenes Leben trieb hier in der Nacht sein Wesen und Lolo stand da und
atmete tief und angestrengt. Sie litt, aber da drinnen im Schein der Lampe war
ihr Schmerz eine unerträglich nagende Qual gewesen, hier draussen konnte sie ihn
als gross, fast als schön empfinden. Als sie dann hörte, dass die Esszimmertür ging
und die beiden Herren wieder in das Wohnzimmer gekommen waren, öffnete sie ein
wenig die Glastür und rief Hilmar. Hilmar trat zu ihr auf die Veranda hinaus.
Sie standen einen Augenblick im Dunkeln still beieinander, Lolo hatte Hilmars
Arm genommen und lehnte sich fest an ihn. Endlich sagte sie leise: »Hat er dir
meinetwegen Vorwürfe gemacht?«
    »Ach, er hat ja recht«, erwiderte Hilmar und seine Stimme klang gepresst und
mutlos. »Alle haben sie recht, wenn du um meinetwillen leidest, dann bin ich ein
gemeiner Hund. Ich durfte nicht zu dir kommen, du musst sicher und glücklich
sein.«
    Lolo begann jetzt wieder zu sprechen ganz sanft und tröstend: »Nein, du
kannst nichts dafür, wir können beide nichts dafür. Es gibt manches in der Welt,
das stärker ist als wir beide. Ich habe das jetzt verstanden. Oh, ich habe jetzt
sehr viel verstanden. Früher glaubte ich, sich lieben ist Hand in Hand sitzen
und sich lange Briefe schreiben. Aber jetzt weiss ich, sich lieben ist eine
furchtbar grosse Sache und da muss man auch die ganz grossen Dinge tun können und -
warum soll ich nicht auch leiden? Du leidest auch und so viele, viele leiden.
Nein, mein armer Hilmar, wenn ich auch keinen schicksalsvollen Mund habe, mit
dem blauen Sonntagskittel ist es doch nichts. Aber sei ruhig, wir werden schon
den richtigen Weg finden.« Und sie strich sanft mit der Hand über seinen Ärmel
hin.
    »Lolo! Lolo!« rief die Baronin und der Baron klopfte an die Fensterscheiben.
»Sie rufen, wir müssen hinein«, sagte Lolo.
    »Da hinein kann ich jetzt nicht«, stöhnte Hilmar, »aber du, du musst sicher
und glücklich sein und ich - ich bin ein gemeiner Hund.« Dann beugte er sich
über sie und drückte seine heissen, trockenen Lippen fest auf ihre Augen, schob
sie dann von sich und lief in die Dunkelheit hinaus. Lolo stand noch einen
Augenblick da, sie legte beide Hände auf ihre Brust und schaute mit heissen,
fanatischen Augen in die Nacht hinein und berauschte sich an ihrem grossen
Schmerz.
    Aus der Küchentür an der Schmalseite des Hauses schlichen drei in Mäntel
gehüllte Gestalten dem Strande zu. Es waren Nini und Wedig, die sich aus dem
Wohnzimmer fortgestohlen hatten und nun unter Ernestinens Führung ihrem
Lieblingsabenteuer nachgingen, die Gräfin sehen. Dazu mussten sie die Düne
hinaufsteigen, um auf der Rückseite des Wardeinschen Anwesens an das rechte
Fenster zu gelangen. Es war ein Genuss, aus der dumpfen Luft der Wohnstube
herauszukommen, die heute ohnehin schwer von Missstimmung und Langeweile war, und
sich mit dem Winde herumzuschlagen, die steilen Sandwände hinanzuklettern,
mitten durch die nassen Wacholderbüsche hindurch und sich vor allem zu fürchten,
was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte. Jetzt sahen sie schon das kleine
helle Viereck des Fensters, sie brauchten nur noch vorsichtig die Sandlehne
herunterzusteigen, um dann leise heranzuschleichen, als Ernestine Alarm zischte.
Sofort duckten alle drei hinter einem Wacholderbusche nieder. Dort vor dem
kleinen hellen Viereck stand schon einer, eine kleine, schiefe Gestalt und ein
langes, regelmässiges Profil hob sich scharf von den gelbbeleuchteten
Fensterscheiben ab. »Exzellenz,« flüsterte Ernestine. Sie wagten sich nicht zu
regen. Dieser kleine Mann dort in der Dunkelheit vor dem Fenster stehend
erschien ihnen entsetzlich unheimlich. Dann plötzlich war er nicht mehr da, war
in die Nacht untergetaucht. Aber die drei Kinder wagten sich noch nicht vor,
sondern kauerten still hinter ihrem Wacholderbusch. Und wieder tauchte eine
Gestalt aus der Nacht auf und stand vor dem Fenster, eine schmale Gestalt, ein
dunkler Kopf, ein feines Profil, das wie ein Schattenriss gegen die helle Scheibe
stand. »Hilmar,« erklärte Wedig. Es schien ihnen, dass sie dieses Mal lange
warten mussten, bis auch diese Gestalt in der Dunkelheit verschwand. Da erst
trauten sie sich aus ihrem Verstecke heraus, an das Fenster heran und sahen Hans
Grill am Tische sitzen und einen Brief schreiben, sahen Doralice in ihrem
Sessel, den Kopf zurückgelehnt, mit weit offenen Augen verträumt vor sich
hinsehend. Als Nini später oben in ihrem Schlafzimmer im Bett Lolo ihre
Erlebnisse erzählte, sagte sie: »Weisst du, sie sah aus, als machte es sie
furchtbar müde, so schön zu sein.«
    »Ja, weil es eine furchtbare Verantwortung ist, so schön zu sein«, klang es
feierlich und weise aus Lolos Bett zurück.
 
                                 Elftes Kapitel
Um Mitternacht war ein Gewitter niedergegangen und ein plötzlicher Sturm hatte
sich erhoben, stossweise sich um sich selber drehend, als käme er von allen
Seiten zugleich, so dass die Wellen sich hoch aufreckten und wie betrunken
taumelten. Allein es dauerte nicht lange. So plötzlich wie er gekommen war, liess
der Sturm nach, von Westen her kam ein sanftes Wehen, das die Wellen streichelte
und beruhigte. Ein wolkenloser Tag brach an, die Sonne schien auf ein prächtig
grünes Meer nieder, der Strand war von dem ausgeworfenen Seetang überdeckt wie
von schwarzer Seide und die Luft war ganz voll vom scharfen salzigen Dufte des
Meeres.
    Hans und Doralice waren schon zeitig am Vormittage zu ihrem Platz auf der
Düne hinaufgezogen. Doralice lag dort auf ihrer Decke im Sande und sah auf das
Meer hinaus. Hans malte, und zwar malte er die Grossmutter Wardein, die
regungslos auf einem Stuhle dasass, die Hände im Schoss gefaltet. Die harte,
runzelige Haut des Gesichtes glänzte in der Sonne, als sei noch eine Spur alter
Vergoldung an ihr haften geblieben, und die trüben gelben Augen schauten in die
Weite mit einem Blick, der starr auf eine sehr grosse gleichgültige Ferne
hinaussieht. Hans sprach während des Malens über seine Kunst. Seit gestern
sprach er viel und eifrig über seine Kunst und ihre praktischen Aussichten: »Es
geht famos. Sie sind ein glänzendes Modell, Mutter Wardein. Einleuchtender kann
ein Menschenschicksal nicht in Linien aufgehen, als in Ihrem Gesicht. Na ja,
natürlich, ein Porträt muss in uns die Vorstellung eines individuellen Lebens
hervorbringen. Deshalb muss man auch Menschen malen, die man nicht kennt, sonst
will man da zu viel hineinlegen. So zum Beispiel ist es mir deshalb schwer, dich
zu malen, weil ich zu gut in dir Bescheid weiss.«
    »Du weisst in mir Bescheid?« fragte Doralice. - »Natürlich.«
    »Da weisst du mehr als ich«, meinte Doralice.
    Hans legte seinen Pinsel fort und schaute Doralice verwundert an: »Sag' mal,
seit einiger Zeit jetzt hast du zuweilen solche Aussprüche unangenehmer
Lebensweisheit wie der Geheimrat.«
    Doralice seufzte: »Ach ja, angenehm ist es nicht, die Ähnlichkeit mit dem
Geheimrat in sich wachsen zu fühlen.«
    Hans zuckte mit den Achseln und griff nach dem Pinsel. Jetzt schwiegen sie.
Doralice spähte aufmerksam zum Strande hinunter, als könnte dort unten etwas
sich ereignen, das sie anginge. Karren standen dort unten und kleine struppige
Pferde und Fischer, die den Seetang aufluden, um ihn auf ihre Äcker zu führen.
Und eine kleine graue Gestalt mit wehendem Kopftuche ging ruhelos am Meere hin
und her, zuweilen stehenbleibend, um auf die See hinaus zu schauen. »Unser
Steege ist noch nicht zurück?« fragte Hans. »Ich sehe die Frau dort unten noch
immer hin und her laufen.«
    »Ob der nun auch kommen wird«, antwortete die Alte mit einer Stimme, die
tief wie eine Männerstimme klang, »ob er nun mit dem Boot kommen wird oder ob er
ohne Boot kommen wird, das kann man nicht wissen. Der Matties, mein Mann, kam
am zweiten Tage dort nicht weit vom Friedhofe ohne Boot heraus. Der Ernst, mein
Sohn, kam gar nicht heraus. Na ja, so ist der Steege, wenn keiner fahren will,
dann fährt er, dann glaubt er, dass er alle Fische allein haben wird. Hässlich
blies es schon, als ich um Mitternacht nachsehen ging. Ich gehe immer um
Mitternacht nachsehen, das ist noch von der Zeit, als ich auf Meine wartete.«
Die tiefe heisere Stimme sprach ruhig vor sich hin, nicht, als spräche sie für
die anderen, sondern als könnte sie einmal in Schwung gebracht nicht sogleich
wieder verstummen. Doralice richtete sich ein wenig auf, um die Fischersfrau am
Strande besser sehen zu können, die rastlos an dem Saum der brandenden Wellen
entlang irrte und wartete, auf das Schreckliche wartete, und was die Mutter
Wardein da erzählte, war es nicht auch ein endlos langes Leben, in dem sie immer
wieder auf das Schreckliche gewartet hatte? Doralice zog die Augenbrauen
zusammen, sie hätte weinen können, nicht aus Mitleid, sondern weil all dieses
Dunkle plötzlich so nah an sie herankam. Der Morgen mit seinem Licht, seinem
Duft, seinem Wehen hatte ihr voller Versprechungen geschienen. Das war
vielleicht sinnlos, aber es tat wohl. Nun war all das vorüber. Mutlos warf sie
sich zurück, sie mochte nicht mehr sehen und hören. Dennoch trieb es sie bald
wieder die Augen zu öffnen, um zu sehen, ob die graue Gestalt unten noch da sei.
Sie war da. Aber etwas anderes kam noch durch den Sonnenschein, Hilmar, im
blauen Flanellanzuge, die rote Krawatte leuchtete von weitem; er ging schnell
mit wippendem Schritt, wiegte sich leicht in den Schultern, und jede Linie in
der blauen Gestalt, die sich lustig gegen das grüne Meer abhob, war so voll
unternehmenden Leichtsinns, dass Doralice lächeln musste. Hilmar ging zu den
Booten hinab, wo er den jungen Stibbe fand. Er befahl, ihm das Segelboot
herzurichten, heute musste gesegelt werden, solch ein Wetter kommt nicht wieder.
Hilmar wollte segeln, aber es war noch ein anderer Wunsch, der heute mit ihm
aufgestanden war, einer jener Wünsche, die wie ein Fieber in ihm brannten, er
wollte mit Doralice segeln. Ganz gleich, ob das wahrscheinlich, ob das möglich
war, er wusste nur das eine, er musste mit Doralice segeln. So ging er denn
geradeswegs die Düne zum Ehepaar Grill hinauf.
    Er kommt geradesweges zu uns, dachte Doralice, ein toller Junge. Auch Hans
sah ihn kommen und das Blut stieg ihm heiss in die Schläfen. Als jedoch Hilmar
vor ihnen stand und grüsste, sagte Hans ruhig und freundlich: »Guten Morgen, Herr
Baron, schöner Morgen.«
    »Guten Morgen«, erwiderte Hilmar, ein wenig atemlos vor Erregung, »die
Herrschaften sind schon fleissig. Ah, Mutter Wardein, ja, die würde ich auch
malen, wenn ich könnte. Es muss sein, als ob man die Ewigkeit malt.«
    »Gutes Segelwetter«, bemerkte Hans. -
    »Glänzend!« beteuerte Hilmar, »das Meer ist heute wie eine Wiege. Ja, und da
wollte ich fragen«, er wandte sich an Doralice, »ob Sie, gnädige Frau, nicht
mitfahren wollen? Für drei ist im Boote Platz und Stibbe und ich sind sichere
Segler.«
    Doralice schaute überrascht zu ihm auf und dann musste sie über den
eigensinnigen, entschlossenen Ausdruck seines Gesichts lächeln. »O, ich«, sagte
sie, »ich glaube nicht, dass mein Mann das gestattet.«
    Hans hatte mit dem Pinsel voll Zinnober einen so kräftigen Hieb gegen das
Bild geführt, dass die Wange der Mutter Wardein eine breite rote Schramme
erhielt, und es wunderte ihn, als er seine eigene Stimme ruhig und überredend
sagen hörte: »Warum nicht? Heute ist wohl keine Gefahr dabei. Wenn es dir
Vergnügen macht, der Baron ist ja ein sichrer Segler.«
    Es war ein seltsam erstaunter und kalter Blick, mit dem Doralice Hans ansah:
»Das ist etwas anderes«, sagte sie, »dann also wollen wir fahren. Kommen Sie,
Baron.« Sie erhob sich, nickte Hans kurz zu, dann gingen sie die Dünen hinab.
    Hans sass noch einige Augenblicke da und kratzte den roten Strich vom Gesicht
der Mutter Wardein ab. Plötzlich warf er alles fort, stellte sich auf den Rand
der Düne und schaute den beiden nach. Die waren schon bei den Booten, er sah
Doralice einsteigen, sah Stibbe und Hilmar das Boot flott machen, nun sassen sie
alle drei darin und wunderbar leicht klomm das Fahrzeug die ersten grünen
Wellenberge hinauf. Ohne sich um die Mutter Wardein zu kümmern, stürmte Hans die
Düne hinab an das Meer, dort begann er auf und ab zu gehen, zuweilen
stehenbleibend, dem Segel nachzuschauen, und, wenn er da stand und an seinem
Barte zauste, sah er aus wie ein schöner gewalttätiger Bauernbursche. Am
liebsten hätte er auf das Meer hinausgebrüllt und ihn fror hier in der heissen
Mittagsonne. Für wen spielte er denn diese dumme Komödie des Vertrauens und der
grossmütigen Gelassenheit? Vertrauen? Was wusste er denn von dieser Frau? Er wusste
nur, dass gegen den Gedanken sie zu verlieren sich jeder Tropfen seines Blutes
sträubte. Er war ja keine bucklige Exzellenz, um abgeklärt und skeptisch zu
sein. Aber das war es, diese Eifersucht schmerzte ihn wie eine Schande, sie
demütigte ihn, zerbrach den Stolz und die Selbständigkeit, ohne die er nicht
leben zu können meinte. Nein, das musste anders werden, sonst war es aus mit ihm,
sonst war er sein ganzes Leben hindurch nichts weiter mehr, als der Herr, der
die Gräfin Köhne entführt hat und sie nun bewacht. »Ich sehe immer noch nichts«,
hörte er eine klagende Stimme neben sich. Die Frau des Fischers Steege stand
neben ihm und schaute mit müden Augen in das Flimmern des Meeres. Weiter fort
aber auf der Düne erschienen Frauengestalten, das weisse Piquékleid der Generalin
wehte im Winde, Fräulein Bork war dort und die Baronin Buttlär. Sie hielten sich
Operngläser vor die Augen und schauten auf das Meer, dem weissen Segel nach, das
lustig in das Mittagglitzern der Sonne hinausglitt. Dort aber bei dem weissen
Segel sass Hilmar Doralice gegenüber und schaute sie an. Doralice war ernst, sie
hatte die unklare Empfindung, als sei sie von Hans gekränkt worden; als sei es
treulos von ihm, dass er sie so ruhig fahren liess. Aber Hilmars Gesicht lachte
ein so glückliches, so ausgelassenes Lachen, das Lachen eines Knaben, der der
Schule entlaufen ist, um sich einen unerlaubten Feiertag zu machen, so dass sie
mitlachen musste und plötzlich auch die ausgelassene Ferienlustigkeit in sich
aufsteigen fühlte. Und der junge Stibbe, der an der andern Seite des Bootes sass,
um das Segel zu bedienen, verzog auch sein braunes mit weissblondem Flaum
bedecktes Gesicht zu einem breiten Lachen. »Sehen Sie«, sagte Hilmar, »wenn Sie
nicht gefahren wären, wenn Sie nicht hier sässen, ich weiss nicht, was ich getan
hätte. Aber ich wusste, es muss geschehen.«
    »Gut, gut, ich sitze ja hier«, antwortete Doralice, »aber sprechen Sie jetzt
nicht solche - - solche heisse Sachen.«
    »O nein! Gewiss nicht«, rief Hilmar begeistert, »es ist auch gar nicht nötig,
es ist gar nichts mehr zu sagen. Sie sitzen da, Worte können da nicht mehr
heran. Gespräche haben überhaupt für mich in letzter Zeit etwas Fatales.
Miteinander sprechen, das kann jeder, miteinander sein, das ist die Kunst. Also,
wenn Sie vielleicht müde sind, hier ist eine Decke, hier ist ein Polster, Sie
können ein wenig schlafen. Es würde doch die unterhaltendste Stunde meines
Lebens sein. Sie wollen nicht? Nun, legen Sie sich dieses Polster in den Rücken
und dieses hier unter die Füsse, so - nun wäre nichts mehr zu bemerken, ausser
vielleicht, dass Sie noch ein wenig zufriedener aussehen könnten. Haben Sie
bemerkt, wenn ein Kind etwas ganz Süsses isst, dann wird es ernst und die Augen
werden gross und füllen sich etwas mit Tränen. So sollten Sie aussehen.«
    
    »Ach,« meinte Doralice ungeduldig, »wollen Sie mir auch sagen, wie ich bin?«
    »Nein, nein«, versicherte Hilmar, »ich meine nur, in Ihren Augen ist noch
ein ganz klein wenig von dem Blick von gestern abend zurückgeblieben.«
    »Was ist das für ein Blick?« fragte Doralice.
    - »Nun, als Sie gestern abend bei der Lampe auf Ihrem Sessel sassen und vor
sich hinsahn«, erklärte Hilmar. »Ja, ich habe durch Ihr Fenster zu Ihnen
hineingeschaut; ich tue das immer, natürlich, was soll ich anderes tun? Sie
finden das unerhört. Es ist vielleicht unerhört, aber ich würde noch viel
unerhörtere Dinge tun. Sind Sie böse?«
    »Ach ja«, sagte Doralice langsam und träge, »gewiss bin ich böse, aber
später, nicht jetzt.«
    - »Gut, später«, schloss Hilmar die Unterhaltung. »Rauchen wir eine
Zigarette.« Die Sonne schien heiss auf das Meer nieder, ihr gelber Glanz floss wie
Öl an den Wellen herab, Möwen flogen ganz niedrig und langsam über das Wasser
und wie leichtes Flügelschlagen klang das Segel in dem schwächer werdenden
Winde.
    Als die Fahrt zu Ende war, als Doralice und Hilmar am Strande
niedergeschlagen einander gegenüberstanden, reichte Doralice Hilmar die Hand und
sagte: »Danke.« Hilmar zog die Augenbrauen zusammen. »Das Land«, versetzte er
grimmig, »das Land ist eine Gemeinheit.« Dann trennten sie sich. Doralice ging
lässig und zögernd nach Hause. Der Gedanke an das Mittagessen, an den Dampf der
grossen Kartoffeln, an Agnes' strengen, wachsamen Blick und etwas anderes noch
kam unerwartet, um sie zu quälen, ein Gefühl des Mitleids für Hans. Sie war die
ganze Zeit über so weit fort von ihm gewesen, mit keinem Gedanken war sie zu ihm
zurückgekehrt. Nun, wenn sie ihn jetzt zu Hause traurig oder böse oder
unangenehm finden würde, so wollte sie liebenswürdig sein und diese gute Regung
tat ihr wohl.
 
                                Zwölftes Kapitel
Hans sass am gedeckten Mittagstisch und las. Als Doralice eintrat, schaute er auf
und sagte mit seiner gewöhnlichen ruhigen Stimme: »Nun, hast du dich gut
unterhalten?«
    - »Ja, sehr gut!« erwiderte sie.
    »Das ist ja schön«, meinte Hans, »ich werde auch das Segeln lernen, damit du
dieses Vergnügen auch ohne fremde Leutnants haben kannst. Aber jetzt wollen wir
essen.«
    Während der Mahlzeit schien Hans sich behaglich zu fühlen, er sprach wieder
viel von seinen Plänen, er hatte einen Brief aus München bekommen, die
Aussichten schienen gut. Es war dort der rechte Augenblick, um etwas zu
unternehmen. Zuweilen sah er Doralice an und erwartete eine Antwort, und sie gab
diese Antwort, allein sie klang abweisend und gereizt. Doralice glitt immer mehr
in die Stimmung des Gekränktseins hinein. Hans schien das nicht zu bemerken, er
war nur besonders rücksichtsvoll, stimmte ihr eifrig zu und beihandelte sie wie
jemanden, der geschont werden muss. Der Nachmittag kam dann und füllte das Zimmer
mit seinem gelben Sonnenschein. Hans sprach noch immer weiter von all diesen
Dingen, die, wie es Doralice schien, nichts mit ihr zu tun hatten. Immer wieder
hiess es: »Wenn wir in München sein werden«, so dass Doralice ungeduldig ihn
unterbrach: »In München? aber das wird noch lange nicht sein.« Hans blieb vor
ihr stehen: »Nicht? So, hm. Gut also, dann bleiben wir hier.«
    Nachdenklich zerrte er an seinem Barte und nahm wieder seinen Gang durch das
Zimmer auf. »Das ist nur«, begann er endlich, »etwas muss der Mensch zu tun
haben. Ich fürchte, wenn wir länger hier bleiben, werde ich noch ganz zum
Fischer. Ich träume des Nachts schon von Fischen.«
    »Das ist ja gut«, meinte Doralice.
    - »Vielleicht!« fuhr Hans fort. »Fährst du heute Nacht mit uns aufs Meer
hinaus?«
    Nein, sie mochte nicht. »Dann etwas anderes«, schlug Hans vor. »Es würde
dich vielleicht unterhalten, bei Agnes ein wenig kochen zu lernen.«
    - »Bei Agnes?« Nein, dazu hatte Doralice gar keine Lust. Nun ja, das fand er
am Ende verständlich, aber da hatte dieses Fräulein Bork ihm von den
Fischerkindern vorgesprochen. Sie hatte gemeint, so eine Art Unterricht könnte
viel Segen stiften; man könnte sich liebevoll mit diesen Armen beschäftigen.
    »Willst du mich beschäftigen?« fragte Doralice.
    »Ich suche nach etwas, das dir gut tut«, erwiderte Hans, aber sie fuhr
gereizt fort: »Soll das so etwas wie der Anfang einer Erziehung für mich sein?«
    Hans errötete: »Nein, nein, gar nichts soll es sein.« Er wandte Doralice den
Rücken und schaute zum Fenster hinaus. Draussen von der Düne her kamen ein Mann
und eine Frau herauf, der Fischer Steege, der endlich doch heimgekommen war, und
seine Frau. Er ging breitbeinig und gemächlich einher, als sei nichts geschehen,
und die kleine Frau trottete hinter ihm her, alle Aufregung war von ihr gewichen
und wie sonst schaute sie mit mürrischer Geduld vor sich nieder auf ihre nackten
Füsse, um die grossen Kieselsteine zu vermeiden. Dieser Anblick gab Hans wieder
ein wenig guter Laune zurück. »Der Steege ist doch wieder heimgekommen«, meldete
er, »und die Frau, wie sie hinter ihm hergeht. Sie macht ein Gesicht wie ein
verdriesslicher Gläubiger, dem ein säumiger Schuldner endlich doch seine Schuld
bezahlt hat. Sie kassiert ihren Mann ein.« Dann wandte er sich zu Doralice um,
lächelte gutmütig und sagte: »Ich denke, wir machen einen Spaziergang. Draussen
werden wir vielleicht auch wieder so selbstverständlich nebeneinander hergehen,
wie die Steeges da.«
    Sie machten den Spaziergang landeinwärts an der Zibbel Waldhüterei vorüber
zur Föhrenschonung hinauf. Die jungen Bäume standen dort in gleichen Abständen
voneinander da, rosa Stämme und blaugrüne Schöpfe, schnurgerade gelbe Wege
durchschnitten den Bestand. Hier war die Luft heiss und schwer von Harzduft. Hans
versuchte sich zu begeistern: »Wunderbar! Farbe, Farbe! Und was für eine! Daraus
kann man hunderttausend Mäntel für venezianische Madonnen schneiden.«
    - »Ich finde, es sieht hier aus wie in einer Schulstube während der
Nachmittagstunde«, sagte Doralice abweisend. Hans lachte darüber sehr laut, denn
er hoffte, Doralice würde mitlachen: »Schulstube! Sehr gut, aber was für eine.
Grünblaue Wände und goldener Fussboden und der Duft. Wenn wir in solchen
Schulstuben gesessen hätten, dann wären wir andere Kerle.« Doralice lachte nicht
mit. Es fiel sie hier plötzlich ein unerträglich starkes Verlangen nach dem
Meere im Mittagsonnenschein, nach dem Segelboot, nach Hilmar, nach dem jungen
Stibbe an, wie es ja zuweilen geschieht, dass die Sehnsucht nach einer
vergangenen glücklichen Stunde uns so stark anpackt, dass es schmerzt, und sie
musste davon sprechen: »Der Baron Hamm sagt«, begann sie, »das Meer sei heute
grün, durchsichtig und süss wie russische Marmelade.«
    »So, sagte er das?« meinte Hans wegwerfend. »Ja, so ein Leutnant hat immer
was mit Süssigkeiten zu tun. Und dann isst er sie und dann schenkt er sie und dann
sagt er sie und er ist nicht eher zufrieden, als bis er das ganze Meer zu
Marmelade gemacht hat.«
    Doralice erwiderte nichts und schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander
die geraden Wege entlang. Als die Sonne rot durch die Birkenstämme schien,
schlugen sie den Heimweg ein. Sie begegneten Arbeitern vom Felde zurückkehrend,
Männer in weissen Leinwandhosen, hinter ihnen her die Frauen mit dem Grützespann
in der Hand. Hie und da blieb ein Paar an einer der kleinen Katen stehen; der
Mann öffnete die Tür, bückte sich, um hindurch zu gehen, die Frau folgte ihm; so
verschwanden sie in dem schwarzen Loche und mit einem knarrenden Ton fiel die
Tür ins Schloss. Und als Hans und Doralice an ihrer Wohnung angekommen waren und
er voran durch die Tür ging, sich ein wenig bückend, seufzte Doralice und
dachte: »Das ist so wie bei den kleinen Katen; man verschwindet still in dem
schwarzen Loch, die Tür knarrt, die Welt voll schöner, erregender Möglichkeiten
bleibt draussen.«
    Das Abendessen kam mit seinen Flundern und grossen Kartoffeln, Hans ass eilig
und viel, er sprach aufgeräumt mit Agnes und schien sich auf das Hinausfahren
zum Fischfang zu freuen. Bald stand er vom Tische auf um sich umzukleiden und
ging dann fort. »Gute Nacht, schlafe wohl«, sagte er und küsste Doralice auf die
Stirn. Agnes brummte etwas von »in der Nacht fortrennen« und dass das keine
Manier sei.
    Die Nacht brach herein, Agnes hatte die Lampe gebracht und sich mit einem
mürrischen Gute Nacht entfernt. Doralice rückte den Sessel näher nach dem zum
Meere geöffneten Fenster und streckte sich behaglich in ihm aus. Es schien ihr,
dass da Bilder und Träume waren, die den ganzen Nachmittag über schon auf sie
gewartet hatten, nun konnten sie kommen. Draussen war es sternhell, ein sanfter
Landwind brachte von den Kleefeldern und Föhrenwäldern Düfte herüber. Das Meer
hatte heute ein seltsam zögerndes, lässiges Rauschen. Zeitweise schien es zu
schweigen, dann fuhr eine Welle auf und murmelte etwas und nach einer Weile erst
erwachte eine andere und antwortete verträumt und auf den Kieseln des Strandes
klapperten die schweren Schritte der stillen Liebespaare. Doralice hatte die
Augen geschlossen und wollte ihren Gedanken nachhängen, allein aus den Gedanken
wurde ein Traum und sie schlief ein. Sie träumte von dem Garten des Schlosses,
sie ging mit Hilmar einen der geraden, endlosen Wege entlang und zu beiden
Seiten auf den Beeten standen Gladiolen, ganz hohe feuerrote Gladiolen. Und
plötzlich stand der alte Graf da mitten in einem der Beete, knietief in den
Gladiolen. Sein Gesicht war klein, grau und kraus von Fältchen. Er stand da und
schaute auf seine Uhr, die er in der Hand hielt. »Nun sieht er uns«, sagte
Hilmar, »nun ist es gleich« und er beugte sich über sie und küsste sie. Und dann
wusste Doralice, dass sie nicht mehr schlief, dass Hilmar da war, dass sie die ganze
Zeit über auf ihn gewartet hatte und dass er sie küsste. Sie hielt die Augen noch
geschlossen, erst als Hilmar ihre Hände nahm und sagte: »Wie kalt Ihre Hände
sind, Sie frieren vor Einsamkeit«, da öffnete sie die Augen. Hilmar kniete neben
ihr und seine Augen ruhten wieder auf ihr mit jenem eigensinnigen, gewaltsamen
Begehren, das sie schwach machte, sie fast schmerzte. »Warum sind Sie hier?«
fragte sie.
    »Warum?« erwiderte Hilmar ungeduldig, »wo soll ich denn anders sein? Zu den
anderen gehöre ich nicht mehr, das wissen Sie ganz gut, Doralice.«
    - »Nein, das ist schlecht«, erwiderte Doralice.
    »Schlecht, vielleicht«, erwiderte Hilmar, »aber unsere Schlechtigkeit, Ihre
und meine. Und wenn die anderen verfluchen und verfemen, dann sind wir erst
miteinander allein, so wie heute mittag auf dem Meer. Dann können wir uns ein
Leben erfinden, das ganz unser Leben ist. Es ist ja zu dumm, immer das Leben zu
leben, das die anderen sich für uns ausdenken. Nein, hören Sie, Sie können nicht
das Leben des Herrn Grill leben, und ich kann nicht der Bräutigam meiner kleinen
Heiligen sein, das ist doch verständlich. Also, morgen soll ich zu meinem
Regiment zurück, um mich zu bessern. Aber Sie werden sagen, dass ich bleiben
soll, und ich bleibe und das Regiment und die Uniform und alles, alles zählt
nicht. Und Sie, Doralice, werden Herrn Grill entlassen.«
    - »Sprechen Sie nicht so«, unterbrach ihn Doralice. »Er ist gut.«
    »Gut! Gut!« rief Hilmar, »natürlich ist er gut, alle sind sie gut, die
anderen, nur wir sind nicht gut, wir können nicht gut sein, daher sollen sie uns
unseren eigenen Weg gehen lassen.«
    Doralice seufzte, seufzte ganz tief und sagte dann leise: »Jetzt müssen Sie
gehen.«
    »Ja, jetzt, jetzt«, wiederholte Hilmar. Er schüttelte Doralices Hände, die
er fest in den seinen hielt, und ein ausgelassener Triumph leuchtete aus seinen
Augen: »Sie sagen jetzt, aber ich kann kommen und dann - dann -«
    Am Fenster, das nach der Düne hinausging, stand einen Augenblick Lolo und
das weisse Gesicht schaute ernst in das Zimmer hinein.
    Lolo war, wie jeden Abend, mit Nini in ihre Giebelstube hinaufgestiegen und
hatte sich zu Bett gelegt. Dort lag sie wach da und schaute mit weitoffenen
Augen in das Dunkel hinein. Sie dachte ihren einen grossen, unklaren Gedanken,
den sie all diese Tage über mit sich herumgetragen hatte, der in ihr gewachsen
und mächtig geworden war. Ein Opfer, ein Opfer wollte sie bringen. Die wirren
Qualen und Enttäuschungen ihrer Liebesgeschichte ertrug sie nicht länger, so
flüchtete sie sich denn in den Rausch, wie ihn so stark nur der Wille zum Opfer
einem Frauenherzen gibt. Das war jetzt ihr Erlebnis und es erfüllte sie ganz mit
Andacht vor der eigenen Seele. Sterben war leicht. Sie wollte in das Meer
hinausschwimmen weit, weit über die Sandbank hinaus. Sie wollte schwimmen, bis
diese Müdigkeit kam, die sie kannte, in der wir nichts anderes wünschen, als uns
willenlos und untätig auf dem Wasser auszustrecken. Ja, und dann würde es sich
vollziehen, das dunkle Ruhevolle, und all die furchtbare Spannung des Fühlens
und Wollens würde sich lösen. Sobald es im Hause still war, stand Lolo auf. Sie
kleidete sich in ihren Badeanzug, hüllte sich in ihren Mantel und schlich
hinaus. Draussen die Nacht schwarz und warm, am Himmel grosse, sehr helle Sterne.
So hatte sie es erwartet, das war in Ordnung. Als sie in Wardeins Anwesen noch
Licht im Fenster sah, wollte sie herangehen und hineinschauen aus unklarem
Verlangen nach noch mehr Bitterkeit und Schmerz. Sie sah Doralice im Sessel
sitzen und Hilmar neben ihr knien, allein das erschütterte sie nicht stark, sie
hatte das erwartet, auch das musste so sein. Ruhig stieg sie zum Meere hinunter.
Dort legte sie ihren Regenmantel, ihre Schuhe ab und ging in das Wasser. Kleine
laue Wellen sprangen an ihr empor. Sie begann zu schwimmen, ein unendliches
Wohlbehagen durchrieselte ihren Körper. Schwarze Wellenhügel, in denen die
Sterne sich spiegelten wie rege goldene Pünktchen, hoben sie sanft empor und
liessen sie wieder sanft in schwarze, goldbestirnte Wellentiefen gleiten. All das
Heisse, Enge, Drückende fiel von ihr ab, sie wusste nicht mehr, warum sie hier
war, sie wusste nur, dass sie glücklich war und dass sie weiter hinaus musste.
Zuweilen legte sie sich auf den Rücken und schaute hinauf und es war ihr dann,
als fiele sie in einen schwarzen Abgrund, in dem goldene Sterne durcheinander
wirbelten. Und weiter ging es, einmal schien es ihr, als stünde dort schwarz in
all dem Schwarzen wie eine Vision ein Boot regungslos auf dem Wasser. Ihr
Schwimmen wurde eiliger, angestrengter, als gäbe es ein Ziel für sie, das sie zu
erreichen hatte. Und dann plötzlich lähmend überkam sie das Bewusstsein der
furchtbaren Weite um sie her, der furchtbaren Tiefe unter sich. Angst benahm ihr
den Atem, alles wurde feindlich, alles war gegen sie und sie musste kämpfen mit
diesen Wellenhügeln, die ihr jetzt hart und kalt wie schwarzes Metall
erschienen. Sie rief einige Male in die Nacht hinein und arbeitete dann weiter,
schlug sich herum mit etwas, das sie niederdrücken und niederziehen wollte, und
dann schien alles fort.
    »Nu haben wir den kuriosen Nachtfisch«, sagte Stibbe und hob Lolo in sein
Boot hinein; »dacht's mir, das ist die Marjell vom Bullenkruge. Wasser hat sie
schon geschluckt. Nimm du sie, Andree, du weisst ja mit Marjellen umzugehen.«
    Andree nahm Lolo in Empfang, die wie leblos dalag, hüllte sie in seinen
Mantel, redete ihr zu: »Immer nur das Wasser ausspucken, Fräuleinchen, immer nur
ausspucken.« Ärgerlich machte Stibbe sich ans Rudern: »Jetzt schnell nach
Hause«, brummte er, »sonst verfriert sie uns. Das sind so die städtischen
Dummheiten, ins Wasser zu gehen! Wen es will, den holt es sich schon selber. Wir
wollen die Marjell zu Wardein bringen, dahin ist es näher. Lass die Städter dann
ihre Dummheiten miteinander ausmachen.«
    Doralice war wieder allein in ihrem Zimmer, als die Männer zu ihr eintraten.
Sie verstand nicht gleich. Da stand der Fischer Stibbe und noch einer und Stibbe
trug jemand, er trug Lolo, die ganz bleich war und die Augen geschlossen hielt,
ihr Haar schwer und feucht hing lang über den Arm des Fischers herab.
    »Die haben wir nun aufgefischt«, sagte Stibbe, »da weit draussen, die wollte
nicht mehr zurück. Was ist denn das für ein Nachtfisch, sagte ich zu Andree, und
wir sind ihr nachgefahren. Ach, die lebt schon, die lebt ganz gut. Nur Wasser
hat sie geschluckt. Wo soll ich sie hinlegen? Aha, da drin aufs Bett. Andree ist
zum Bullenkrug hinauf, es der Mamsell zu sagen, damit sie sie holt.«
    Lolo wurde auf das Bett gelegt, Stibbe wiederholte noch einmal: »Die lebt
ganz gut«, dann gingen die Männer. Der Lärm hatte Agnes herbeigerufen und sie
übersah sofort die Lage, machte sich über Lolo her, entkleidete sie, hüllte sie
in Decken, rieb sie, immer schweigsam und mürrisch, nur einmal bemerkte sie:
»Sie macht die Augen nicht auf, nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie
nicht will.« Endlich beschloss sie einen heissen Tee zu kochen, Doralice sollte
nur weiter reiben.
    Doralice kniete am Bett und rieb die Glieder des regungslos daliegenden
Mädchens. Lolo seufzte, schlug die Augen auf und schaute Doralice ernst an. Das
schmale Gesicht hatte in seiner Ruhe etwas Strenges, Ältliches.
    »Wie - wie ist Ihnen jetzt?« fragte Doralice.
    - »Gut,« sagte Lolo mit einer Stimme, als antworte sie auf eine müssige,
gleichgültige Frage. Aber Doralice beugte sich leidenschaftlich über sie, als
wollte sie sie erwärmen und beschützen. »Wie konnten Sie das tun?« flüsterte
sie.
    Lolo zog ein wenig die Augenbrauen empor und sagte in demselben kühlen,
überlegenen Tone: »Er kann nichts dafür. Das wusste ich, als ich Sie sah, er wird
nicht anders können und Sie - Sie können nichts dafür, dass Sie so schön sind.«
    »Nein, das will ich nicht«, rief Doralice fast zornig. »Er soll bei Ihnen
bleiben, er soll Sie lieben, er soll, soll.«
    Lolo wandte den Kopf zur Seite und schloss die Augen, als wollte sie Ruhe
haben, und sagte kummervoll und müde: »Ja, jetzt, jetzt weiss ich nicht.«
    Doralice wagte nicht mehr zu sprechen. Sie kniete dort vor dem Bett und ein
unerträgliches Gefühl der Demütigung machte sie elend. Im Nebenzimmer wurde es
wieder lebhaft. Die laute Stimme der Generalin liess sich vernehmen: »Wo ist sie?
Wo liegt sie? Heissen Tee haben Sie da, liebe Frau, das ist gut.« Dann erschien
die Generalin in der Schlafzimmertür, sie hatte ihren Strohhut über ihre
Nachtaube aufgesetzt und ihren Regenmantel über ihr Nachtkleid angezogen. Sie
war rot und atemlos: »Kind! Kind!« rief sie, »was sind das für Geschichten! Hat
man je so was gehört! Dass ich so was erleben muss. Wo ist der heisse Tee, liebe
Frau?«
    Fräulein Bork und Ernestine waren auch da mit Tüchern und Mänteln beladen
und nun begann ein Kommandieren und Hin- und Hergehen und dazwischen schalt die
Generalin immer weiter: »Das ist die Buttlärsche Übertriebenheit, die dummen
Buttlärschen Herzen. Von mir habt ihr das nicht. Liebe Köhne, geben Sie ein
Handtuch her, wir müssen das Haar noch trocknen. Zu meiner Zeit verlobte man
sich auch und verliebte sich auch und war eifersüchtig, denn die Männer taugten
damals auch nicht viel, aber gestorben sind wir daran nicht. Aber die heutige
Jugend, die ist ja wie betrunken!«
    Lolo liess alles willenlos wie eine Puppe mit sich geschehen. Endlich stand
sie in Tücher und Mäntel gehüllt da, von Fräulein Bork und Ernestine gestützt.
»Geht jetzt nach Hause«, befahl die Generalin, »aber leise, dass meine Tochter
nicht aufwacht, es ist genug, wenn morgen das Gerede anfängt. Steckt das Kind
ins Bett, eine Wärmflasche und Baldriantee, also vorwärts, ich bleibe noch einen
Augenblick hier. Sie erlauben schon, meine Liebe«, wandte sie sich an Doralice.
    So wurde Lolo fortgeführt.
    »Kommen Sie, liebe Köhne«, sagte die Generalin, nahm Doralices Arm und
führte sie in das Wohnzimmer; »setzen Sie sich, Sie sind ja weiss wie ein Tuch.
Ich will mich auch ein bisschen hersetzen, so was fährt einem in die alten
Knochen.« Seufzend nahm sie in einem Sessel Platz und sann eine Weile schweigend
vor sich hin. Das grosse Gesicht war jetzt bleich und sah alt und kummervoll aus.
    »Nein!« begann sie dann wieder, »das habe ich nicht vorausgesehen. Ich bin
sonst nicht dumm, aber das habe ich nicht erwartet. Mit unserem Aufentalte hier
wird es wohl nun zu Ende sein. Schade. Sie, meine Liebe, habe ich immer
verteidigt. Meine Tochter tat so, als seien Sie ein reissendes Tier, aber ich
habe Sie verteidigt. Nun ja, Sie sind Ihrem alten Grafen davongelaufen. Das muss
man nicht tun, schon wegen der Moral, aber es war eine dumme Heirat und Sie
haben sich von Ihrem Maler entführen lassen, nun gut. Aber jetzt, meine Liebe,
ist es doch genug, man kann sich doch nicht immerfort entführen lassen. Vom
Sichentführenlassen kann doch keiner leben. Und dann, die Kleine hat nun mal
diesen Bräutigam, ich habe ihn ihr nicht ausgesucht, aber er ist ihr gegeben
worden und sie hat sich in ihn verliebt. Die Buttlärs besorgen so etwas immer
gründlich. Sie können ihn ihr doch lassen.« Die Generalin hielt einen Augenblick
inne, um Atem zu schöpfen, Doralice sass regungslos da und über ihr bleiches
Gesicht rannen unablässig Tränen herab. »Sie sind bildhübsch, meine Liebe«, fuhr
die Generalin fort, »aber was hilft das? Versuchen Sie doch mit Ihrem Maler
ordentlich zu leben, er scheint ja ein ganz guter Mensch zu sein. Sich entführen
lassen, das geht schnell. Mich hat zwar nie jemand entführt, ich hatte es auch
nicht nötig, ich war mit meinem Palikow immer recht zufrieden, aber ich denke
mir das so nach dem, was ich um mich sehe. Aber mit dem Herrn, der einen
entführt, leben, das ist die Kunst. Glauben Sie mir, man kann sehr gut leben,
auch ohne dass ein Mannsbild immer vor einem auf den Knien liegt. Und dann noch
eins. Wenn der junge Mensch morgen zu Ihnen herrennt, sagen Sie ihm ein
vernünftiges Wort. Sie haben ihn unvernünftig gemacht, machen Sie ihn auch
wieder vernünftig. So, und nun will ich gehen. Sie, meine Liebe, müssen
schlafen, sonst werden Sie krank und davon hat auch keiner was.«
    Die Generalin erhob sich, streichelte mütterlich Doralices tränenfeuchte
Wangen und ging hinaus. Doralice blieb auf ihrem Platze sitzen und starrte mit
angstvollen Augen vor sich hin. Sie zog die Füsse auf den Sessel hinauf,
umschlang ihre Knie mit den Armen, kroch ganz in sich zusammen. War sie das, von
der die alte Frau so gesprochen hatte? Sahen die Leute sie so? Sah sie so aus?
Widerwille und Furcht stiegen in ihr auf, es war, als klebe etwas Unreines und
Hässliches ihr an, das sie verzerrte und gespenstisch machte.
    Agnes kam herein und brachte Tee: »Den müssen Sie jetzt trinken«, sagte sie
barsch. Doralice gehorchte, Agnes stand dabei, schaute aufmerksam zu und
murmelte: »Das kommt davon, Hans ist auch schuld. Ich habe es ihm gesagt, was
rennt er immer fort. Man passt doch auf, wenn man eine hat, die schon einmal
einem fortgelaufen ist. Na, aber die alte Frau hat hier bei uns auch nichts zu
predigen. Sie soll ihre Marjellen und Jungherrn strammer halten. Und jetzt
müssen wir schlafen gehen.«
    Sie fasste Doralice an beide Arme, um sie aus dem Sessel zu heben, führte sie
in das Schlafzimmer, kleidete sie aus, wie man ein Kind auskleidet, half ihr in
das Bett hinein und deckte sie fest zu. »Jetzt schlafen«, sagte sie, »das kann
nie schaden«, und löschte das Licht aus.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Als Doralice erwachte, hörte sie, dass im Nebenzimmer gesprochen wurde. Hans
musste von seiner Nachtfahrt zurück sein und Agnes erzählte ihm etwas flüsternd,
so dass es wie ein fortgesetztes Zischen klang. Nur selten warf Hansens tiefe
Stimme Worte mit hinein. Das dauerte ziemlich lange, plötzlich brach das
Gespräch ab, eine Tür ging und es wurde ganz still. Draussen war es sonnig und
ein Wind schien zu gehen, denn die Netze, welche vor Doralices Fenster zum
Trocknen aufgehängt waren, wiegten sich hin und her. Auf dem Zaun sassen zwei
Kinder, trommelten mit den nackten Füsschen an die Bretter und sangen mit den
schrillen Stimmen in den Wind hinein: »Henne, henne, helle, helle, ho, ho!«
Doralice drückte sich fest in ihre Kissen. In ihren Gedanken begann die
peinvolle Arbeit, den vergangenen Tag an den beginnenden zu knüpfen. Die
Ereignisse der Nacht kamen, sie meldeten sich wie Gläubiger, die ihre Rechnung
präsentieren. Vor allem aber meldete sich jene unheimliche, gespenstische
Doralice, von der die Leute wie von einem reissenden Tiere sprachen, die davon
lebte, sich entführen zu lassen, und die junge Mädchen in den Tod trieb. Zum
ersten Male in ihrem Leben empfand Doralice sich selbst als eine Qual.
    Agnes kam herein und brachte den Tee, Doralice sollte ihn heute im Bett
trinken. Agnes stand dabei und berichtete, Hans war zurück, sie hatten viele
Fische gefangen. Vom Bullenkruge war zum Strandwächter geschickt worden nach den
Pferden, sie sollten das Gepäck zur Bahn bringen. Ja, und dann war der junge
Herr vom Bullenkruge dagewesen, er wollte die Gnädige sprechen: »Was soll ich
ihm sagen, wenn er wiederkommt?« schloss Agnes ihren Bericht und in den trüben
Augen der alten Frau entzündeten sich grünliche Funken wie in den Augen böser
Hunde. Doralice errötete unter diesem Blicke und es klang gequält und zornig,
als sie hervorstiess: »Ich will ihn nicht sehen. Sag ihm, er soll abreisen. Ich
will ihn nicht sehen, nie.«
    »Werd' es ausrichten«, brummte Agnes und ging.
    Eine Weile später, als Doralice gerade vor dem Spiegel sass, ihr Haar kämmte
und ihr Gesicht im Spiegel aufmerksam betrachtete, als wäre es ihr neu, da
wurden im Nebenzimmer Stimmen laut. Agnes sprach mit tiefer Stimme deutlich und
langsam, wie sie am Sonntagmorgen sich selbst ihre Bibel vorzulesen pflegte:
»Die Gnädige sagt, sie will den Herrn nicht sehen. Der Herr soll nur abreisen.
Sie sagt, sie will ihn nicht sehen, nie. So sagte sie.«
    Hilmars ein wenig schnarrende Stimme liess sich vernehmen und Agnes begann
wieder: »Die Gnädige sagt, sie will den Herrn nicht sehen, der Herr soll nur
abreisen. Sie sagt, sie will ihn nicht sehen, nie, so sagte sie.«
    Einen Augenblick wurde es ganz still, dann klirrten Sporen, eine Tür ward
zugeschlagen. Doralice trat an das Fenster, sie sah Hilmar die Düne
hinabsteigen. Er war in Uniform. Anfangs ging er langsam und zögernd, den Kopf
ein wenig gebeugt. Unten am Strande jedoch kam in seinen Gang wieder das
hübsche, leichtsinnige Sichwiegen. Die Sonne erweckte in den Sporen, in den
Knöpfen und Schnüren der Uniform helle Funken, überstreute die ganze Gestalt mit
kleinen, unruhigen Lichtern: »O nein!« dachte Doralice, »es ergreift mich nicht,
das zu sehen.« Allein eine ferne Kindererinnerung kam, Doralice konnte nichts
dafür, die Erinnerung kam, wie Träume ohne unser Zutun kommen und uns rühren.
Ein Frühlingsabend im alten Garten zu Hause, die kleine Doralice steht einsam
auf dem breiten Kieswege und sieht trübselig in den gelben Abendhimmel hinein.
Da kommt eine Schar wandernder Musikanten, Männer mit blanken Hörnern und
Trompeten. Sie stellen sich vor der Treppe auf und beginnen zu blasen, und
sofort erfüllt sich der ganze stille Garten mit so köstlich lustiger
Ausgelassenheit, dass Doralice mitsingen möchte und auf dem Kieswege zu tanzen
beginnt. Da erscheint Miss Plummers auf der Treppe und winkt den Musikanten ab,
sie sollen nicht spielen, die gnädige Frau hat Migräne. Es wird still, die
Männer packen ihre Hörner und Trompeten ein und ziehen ab, ziehen die Landstrasse
hinunter dem schwefelgelben Abendhimmel entgegen und die Strahlen der
untergehenden Sonne funkeln in den grossen Hörnern. Die kleine Doralice steht am
Gartengitter und schaut ihnen mit schwerem Herzen nach. Ungeduldig wandte sich
Doralice vom Fenster ab und kleidete sich an. Etwas Schweres und Wichtiges musste
sich heute noch begeben, sie musste Hans begegnen. Unruhig schritt sie im
Wohnzimmer auf und ab, allein es schien ihr, als sei es hier kalt. Sie wollte
sich erwärmen. Sie ging hinaus und setzte sich auf die Bank, auf der die
Wardeins am Abend zu sitzen pflegten. Jetzt sass nur die alte Mutter Wardein da,
sonnte sich und schaute auf das Meer hinaus. Sie rückte ein wenig, um Doralice
Platz zu machen, und murmelte nur ein »Warm«. So sassen sie nebeneinander und
Doralice wartete. Sie tat nichts als warten, denn es gibt Ereignisse, die erst
gekommen sein müssen, damit wir weiter denken können.
    Endlich kam Hans die Landstrasse herauf. Er ging langsam und sah müde und
angegriffen aus, als hätte er einen weiten Weg gemacht. Als er an der Bank
vorüberging, nickte er: »Guten Morgen, Mutter! Guten Morgen, Doralice!« und ging
gerade in das Haus. Doralice folgte ihm. Im Wohnzimmer lehnte sie sich mit dem
Rücken gegen die Wand, legte auch die Flächen der Hände an die Wand, als ob sie
sie kühlen wollte. Hans war zu seinen Malgeräten gegangen und beschäftigte sich
mit den Pinseln. Beide schwiegen eine Weile, bis es wie ein Stöhnen aus Doralice
hervorbrach: »Mein Gott, so sprich! so sage doch etwas.«
    Hans wandte sich ihr zu, er steckte beide Hände in die Rocktaschen, stand
ein wenig gebeugt da. Wenn ihn etwas drückte oder stark hinnahm, dann konnte
seine schöne Gestalt zuweilen das Schwere, Ungelenke eines Dorfburschen
bekommen, der müde von der Feldarbeit ist. »Was kann ich sagen«, versetzte er,
»was habe ich für ein Recht? Das Recht, das du mir gegeben hast, kannst du mir
nehmen und dem anderen geben. Wie du es dem alten Herrn genommen und es mir
gegeben hast, anders ist es nicht. Wir Bauern können gut rechnen.«
    Doralice hob die Arme empor und legte die ineinander gerungenen Hände auf
ihren Scheitel: »Du bist sehr gerecht«, stiess sie hervor und es klang wie Zorn,
»aber so ist es nicht. Da ist kein anderer. Er ist fort, ganz fort. Er hat kein
Recht. Ich brauche keinen, der vor mir kniet«, sie brach ab und die
aufsteigenden Tränen machten ihre Stimme unsicher und leise, als sie hinzufügte:
»Was hilft das? Was soll ich jetzt tun?«
    Hans wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus. Einen Augenblick war es
wieder ganz still im Zimmer. Draussen auf dem Zaune sangen noch immer die Kinder
ihr: »henne, henne, helle, helle, ho, ho!« in den Wind hinein. Endlich wandte er
sich um, ging langsam zu Doralice hin, strich vorsichtig mit der Hand über ihr
Haar und sagte: »Was kannst du tun? Jetzt wird es hier wohl einsam werden. Wir
können ja eine Weile still nebeneinander hergehen. Hier tut keiner dir was. Und
dann vielleicht besinnen wir uns wieder aufeinander.«
    Doralice antwortete nicht, stumm und verschüchtert stand sie da. Das »stille
Einhergehen« neben diesem starken, sanften Manne erschien ihr jetzt wie
Geborgenheit und in der Angst ihrer Seele, in der Angst vor sich und den anderen
glaubte sie, Geborgenheit sei es, was ihr nottat.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Septembertage waren hell, dabei wehte ein frischer Nordost. Die Wolken
ballten sich zu grossen weissen Inseln zusammen und zogen schnell über den Himmel
und ihre Schatten liefen dunkelgrün über das grüngraue Meer. Am Ufer war alles
in beständiger Bewegung, die harten Halme auf den Dünen zitterten, die zum
Trocknen aufgehängten Netze und Fische wiegten sich und die Röcke und Tücher der
Fischersfrauen flatterten.
    »Ich habe, wie Sie wissen, meinen Abschied genommen«, sagte der Geheimrat
Knospelius zu Hans, während sie langsam dem Winde entgegen am Meere
spazierengingen, »ich habe genug gerechnet, und ich finde, dass meine Tage
vollkommen befriedigend mit dem Kämpfen gegen den Wind ausgefüllt werden.«
    »Mich ärgert dieser Wind«, meinte Hans. »Sie wissen, ich male das Meer, ich
male es den ganzen Tag, wenn ich es nicht gerade studiere. Nun, bei diesem Winde
sitzt das Meer schlecht, es hat alle fünf Minuten ein anderes Gesicht.«
    »Das kann ich mir denken«, bemerkte Knospelius. »Die Mutter Wardein ist
bequemer, die sitzt da wie eine aus Holz geschnittene heilige Anna.«
    Hans, von seinen Gedanken hingenommen, fuhr eifrig fort: »Überhaupt eine
verteufelte Geschichte mit diesem Meere, es lässt sich nicht fassen, ich kriege
die Logik seiner Linien und Bewegungen nicht heraus, sein Durchschnittsgesicht,
wissen Sie, denn bei dem Porträt muss ich mir in dem Modell ein
Durchschnittsgesicht konstruieren, das die Möglichkeit aller
Augenblicksgesichter in sich schliesst. Nun, bei dem Meere bringe ich es nicht
fertig, und ich studiere es doch in- und auswendig. Ich schwimme Stunden in ihm
herum, ich fahre auf ihm bei Tag und bei Nacht, ich beschleiche es zu allen
Tageszeiten. Wahrhaftig, es wird für mich zu einer Art Besessenheit.«
    »So, so«, murmelte Knospelius und sah Hans schlau von der Seite an, »das
also ist jetzt Ihre Besessenheit. Na ja, es ist ganz bequem, eine Besessenheit
zu haben. Man braucht da nicht nachzudenken, was man tun soll, man muss etwas
tun, ob man will oder nicht. Das ist so wie bei einer Staatsanstellung, man muss
in das Bureau, ob man will oder nicht. Ich habe meiner Besessenheit jetzt den
Abschied gegeben.«
    Sie mussten stehen bleiben und nach ihren Hüten greifen, die ein Windstoss
ihnen vom Kopfe reissen wollte. Dann wies Knospelius zur Düne hinüber und sagte:
»Ihre Frau Gemahlin sitzt dort oben schon neben der Staffelei und näht, glaube
ich.«
    »Ja, sie näht Hemden für Fischerkinder«, erwiderte Hans zerstreut. Aber
Knospelius' grosses, bleiches Knabengesicht schaute forschend und aufmerksam zu
ihm auf: »So, das ist neu.«
    »Ja, das ist neu«, bestätigte Hans obenhin. »Übrigens gehe ich auch jetzt
arbeiten; auf Wiedersehen«, und er stieg die Dünen hinauf.
    Knospelius stand noch da, schaute zu Doralice hinüber und murmelte: »Ja, das
ist neu.« -
    Doralice sass da und nähte. Das tat sie jetzt gern, denn es sah beruhigt aus,
sah aus, als sei alles in Ordnung. Nur hielt sie es nicht lange aus, das Säumen
der Leinwand machte ihre Finger nervös. Bald warf sie die Arbeit fort und
streckte sich auf ihrer Decke aus, um zu den Wolken hinaufzustarren. Sie hörte
Hans zuweilen zu seiner Malerei sprechen. »Was ist denn das?« rief er plötzlich,
»etwas ganz Neues.« - »Was denn?« fragte Doralice. - »Sehr merkwürdig«, sagte
Hans, »mit einem Male auf jeder Welle ein kleiner Heiligenschein. Es sieht aus,
als ob jeder Wellenkamm mit einem Lichtstifte übergangen worden wäre.«
    »Ja, da kommt alles Mögliche vor«, bemerkte Doralice, ohne sich
aufzurichten.
    »Sehr merkwürdig«, fuhr Hans fort, »einmal habe ich schon etwas Ähnliches
gesehen, als ich als Knabe einmal die Schafe hütete, da hatten all die kleinen
Hügel plötzlich diese Heiligenscheine.«
    Ach, dachte Doralice, jetzt hat er noch die Schafe gehütet. In letzter Zeit
kamen in Hansens Bemerkungen immer wieder das Dorf und das Bauernblut und die
Feldarbeit vor. Das klang fast wie ein Vorwurf gegen sie und als Hans
hinzufügte: »Ja, auf der Schafweide lernt man manches«, konnte sie sich nicht
entalten, gereizt zu antworten: »Ich kann doch nichts dafür, dass ich nicht die
Schafe gehütet habe.«
    Hans machte sofort sein förmlich freundliches Gesicht, mit dem er in letzter
Zeit ihr zu begegnen pflegte, und sagte höflich: »Gewiss, das verlangt niemand
von dir. Du hast auch sicherlich in deinen Verhältnissen manches Wertvolle
gelernt, das man auf der Schafweide nicht lernen kann.«
    Doralice seufzte, und es entstand wieder eines dieser langen Schweigen, das
jetzt häufig zwischen ihnen herrschte. Sie hatte nicht gewusst, dass zwei Menschen
so viel miteinander schweigen könnten, wie Hans und sie es taten. Plötzlich warf
Hans seinen Pinsel fort und meinte, diese Erscheinung müsse er näher beobachten,
er wolle auf das Meer hinausfahren. Dann lief er zum Meere hinab. Doralice blieb
ruhig liegen, bei diesem Winde nahm er sie ja doch nicht mit. Das war also das
stille Nebeneinanderhergehen. Anfangs war es Doralice wie Friede und Sicherheit
erschienen. Sie war ja ganz verlassen inmitten einer feindlichen, unheimlichen
Welt, nun aber wurde es zu einer sehr erregenden Sache. Wenn Hans da schweigend
vor seiner Staffelei stand, dann wusste Doralice doch, dass er innerlich mit ihr
sprach, dass er ihr Vorwürfe machte, dass seine stolze und verwundete Liebe sich
mit der ganzen heissen Beredsamkeit über sie ergoss, die Hans eigen war. Sie war
dessen so gewiss, als sähe sie, wie einer zu ihr sprach, nur dass er noch zu fern
war, dass sie ihn hörte. Sie sprach ja auch beständig in Gedanken zu Hans,
rechtfertigte sich, beschuldigte ihn, demütigte sich. Einmal jedoch musste der
Augenblick kommen, dass sie beide zu voll von dem, das sie einander zu sagen
hatten, waren, und es heraussagten, dann kam die Stunde der grossen Aussprache,
der Versöhnung. Das gab es doch, das stand doch in allen Büchern, das sah man
auf allen Teatern, das musste kommen. Auf diese Stunde zu warten war Doralices
Beschäftigung in den langen ereignislosen Tagen. So viel sie konnte, war sie bei
Hans, um den richtigen Augenblick nicht zu versäumen, bei jedem seiner Worte
horchte sie auf, ob es nicht der Beginn der Aussprache sei. Genau wusste sie, was
sie dann sagen würde, und fühlte schon im voraus den Schmerz und die Wonne des
unendlich starken Empfindens. Aber auch Ungeduld quälte sie dann, warum kam es
nicht? Wie lange sollte es noch dauern? Sie konnte nicht mehr ruhig auf der Düne
liegen, sie wollte hinuntergehen und vor dem Hause sitzen, auf das Meer
hinaussehen und sich vorstellen, was Hans dort in dem Boot zu ihr sprach.
    Heiss schien die Sonne auf die Bank. Die Mutter Wardein nickte und rückte zur
Seite, als Doralice sich zu ihr setzte. Vor ihnen auf dem Sande trieben sich
magere Hennen umher und piepten freudlos und ergeben. Durch das geöffnete
Fenster hörte man das Klappern von Löffeln, die Familie Wardein sass dort
schweigend bei ihrem Mittagsmahl. Auch aus den Schornsteinen der anderen kleinen
Katen stieg der Rauch und auch dort wurde geschwiegen. Diese Häuschen standen ja
meist schwarz und still da, höchstens dass sich einmal bei Steeges eine gellende
Frauenstimme vernehmen liess, wenn Steege betrunken nach Hause kam, oder dass oben
beim Strandwächter Lärm entstand, wenn der Strandwächter seine Frau schlug. »Die
schlagen sich«, hätte der Geheimrat gesagt, »weil sie ineinander verliebt sind.«
Nun, dachte Doralice, das mochte ja eine bequeme Art sein, eine Aussprache
herbeizuführen, allein Hans und sie verstanden das nicht. Doralice schaute auf
das Meer hinaus, um Hansens Boot zu entdecken. Sie liebte das Meer nicht mit
seinem stetigen, schläfrigen Glitzern. Immer war es da, von überall her sah man
es, überall hörte man es, ein jeder sprach von ihm; die einsilbigen Fischer,
wenn sie sprachen, sprachen sie vom Meere, der einsilbige Hans, wenn er sprach,
sprach er vom Meere. Für sie aber schien es eine unendliche, erdrückende
Einsamkeit auszuatmen. Und unten am Strande ging noch immer in seinem grauen
Paletot mit seinem grauen Hut der Geheimrat Knospelius auf und ab wie das kleine
Gespenst der Einsamkeit. Das alles war freudlos, schläfrig und alltäglich und
dennoch, wenn Hans jetzt nach Hause käme, konnte es ja geschehen, konnte es
plötzlich alles anders werden und das legte für Doralice in alle Schläfrigkeit
und Alltäglichkeit etwas wie das geheime Fieber einer Erwartung.
    Zum Mittagessen kehrte Hans nach Hause zurück. Bei Tische sprach er wieder
vom Meere, sprach von Zibbe Waldhüter, der von einem Wilddiebe einen Schrotschuss
in das Bein bekommen hatte, und vom Bilde der Mutter Wardein, das zu einer
Ausstellung geschickt werden sollte. Sobald er mit dem Essen fertig war, stand
er auf, er behauptete, viel zu tun zu haben, die Bilderkiste musste zugenagelt
werden und dann wollte er mit einer Anweisung zur Post gehen.
    »Hast du Bilder verkauft?« fragte Doralice. Ja, er hatte Bilder verkauft,
das Geschäft ging gut. In der Tür wandte er sich noch einmal um und fügte hinzu:
»Wenn du etwas nötig hast, brauchst du es nur zu sagen, ich komme schon dafür
auf.« Damit ging er.
    Er kam dafür auf. Immer gerecht und billig, allein Doralice fand, dass mit
dieser Gerechtigkeit und Billigkeit sie noch sehr weit vom grossen Gespräche
entfernt war, welches sie so sehnsüchtig erwartete. Jetzt hallte das Haus von
lauten Hammerschlägen wider. Hans schien den Hammer mit rechter Begeisterung zu
führen. Doralice glaubte aus diesen Schlägen etwas wie Zorn und Leidenschaft
herauszuhören, sie sprachen mit ihr, sie machten ihr Vorwürfe, sie schienen ihr
zu verraten, was in Hansens Seele vorging, und sie war enttäuscht, als es
plötzlich stille wurde und Hans fort war. Sie nahm den englischen Roman und eine
Zigarette und beschloss zu ruhen, wirklich zu ruhen, wie sie es einst im Schloss
konnte, wenn die Zimmerflucht still wurde, die Düfte des Gartens heiss und süss
durchs Fenster hereinströmten und sie sich in dem grossen Voltairesessel
zusammenkauerte und gedankenlos und wunschlos dort verharrte. Glücklich war sie
damals nicht gewesen, aber zu Hause. Warum kam dieses Gefühl nie mehr über sie?
Vielleicht wenn alles klar zwischen ihr und Hans sein wird, wenn Hans gesprochen
haben wird, vielleicht wird sie dann wieder zu Hause sein. Ungeduldig warf sie
das Buch und die Zigarette fort und lief zum Meere hinab. Sie konnte Hans ja
entgegengehen und im Gehen arbeiteten ihre Gedanken wieder an der grossen Szene
der Rechtfertigung, der Demütigung und der Versöhnung; ohne dass sie es wusste,
sprach sie laut, redete die Wellen an, welche weiss und zischend den Strand
hinaufliefen bis zu Doralicens Füssen: »Ich dachte, du wirst mir tragen helfen an
der Verantwortung, aber du wolltest immer nur gerecht und abgeklärt sein. Ich
war allein in meiner Not, und dann diese Freiheit, das mit der Freiheit klingt
so schrecklich nach Alleinsein.« Im Sprechen war sie an die Stelle gelangt, wo
die Düne in scharfer Spitze nah an das Meer heranrückt, hinter ihr führte der
Weg zum Dorf hinauf und dort, vom Dünenvorsprung verdeckt, hörte Doralice eine
Männerstimme, die laut und eifrig etwas sprach. Es war Hansens Stimme. Doralice
blieb stehen und lauschte, da bog er schon um die Ecke. »Oh, du bist es«, sagte
Hans. Doralice errötete: »Ja, ich wollte dir entgegengehen«, erwiderte sie, »mit
wem sprachst du eben?«
    Hans zuckte die Achseln: »Mit niemand; ich rezitierte nur so für mich den
Homer.«
    Das war natürlich gelogen, dachte Doralice, sie glaubte wohl zu wissen, was
und zu wem er da gesprochen hatte. »Machen wir noch einen Spaziergang?« fragte
sie. Sie bogen um die Dünenspitze die Dorfstrasse hinauf, gingen an den
Kartoffelfeldern und Stoppelfeldern entlang und gelangten endlich auf die
geraden Wege der Föhrenschonung. Hans sprach wieder von Farben und von Licht,
behauptete, dass die jungen Föhren in den rötlichen Sonnenstrahlen violett
würden. Das alles war Doralice unendlich gleichgültig, sie wünschte einen
Gesprächsstoff, in dem sie vorkam, sie und Hans. Der beste Ausweg waren dann in
letzter Zeit gemeinsame Reiseerinnerungen gewesen. »Erinnerst du dich«, fragte
sie, »der Engländerin in den Uffizien, die zwei Kneifer auf der Nase hatte,
einen hinter dem anderen?«
    Ja, Hans erinnerte sich ihrer, »und,« meinte er, »war es nicht der Tag, an
dem wir nach Fiesole hinaufstiegen, und auf den Ziegelstufen sassen, die zu dem
antiken Teater hinabführen? Ich glaube, es war der heisseste Sitz, auf dem ich
je gesessen habe.«
    »O nein«, sagte Doralice, »wir haben einmal noch heisser gesessen. Das war in
Padua auf dem Rasenplatz vor der Arena-Kirche; wir assen Kirschen, der Rasen war
heiss wie ein Bügeleisen, du fingst einen Zitronenfalter und behauptetest, seine
Flügel seien warm wie frische Semmeln.«
    Hans lachte, diese Erinnerungen erheiterten ihn stets. »Ach ja, und ich übte
mich, ein Gesicht zu machen wie Giottos Verzweiflung drinnen in der Kirche.«
    Mit Sonnenuntergang traten sie den Rückweg an und an einem geschützten
Plätzchen an der Düne erwarteten sie die Dunkelheit. Hans schwieg und Doralice
dachte über Hansens Schweigen nach. Dann tauchte wohl in der Finsternis der rote
Punkt einer brennenden Zigarre nicht eben hoch über dem Erdboden auf und
Knospelius' tiefe Stimme sagte: »Guten Abend.« Der Geheimrat setzte sich zu den
beiden und sprach in seiner langsamen Weise von fernen beruhigenden Dingen. Er
sprach von alten Ministern, die lächerliche Angewohnheiten gehabt hatten, oder
von einem stillen Café in Konstantinopel, in dem er mit schweigenden Türken
gesessen hatte und geraucht, während sie durch die geöffnete Tür alle die weissen
turbangeschmückten Grabsteine eines kleinen türkischen Friedhofes nachdenklich
betrachteten. Oder er sprach von einer ganz rosa Wüste und von Arabern, die alle
geistvolle, ernste Gesichter hatten und doch Dummköpfe waren. Wenn das Licht des
fernen Leuchtturmes deutlich zu sehen war, trennte man sich.
    Da der Nordostwind das Hinausfahren zum Fischfang verhinderte, musste Hans zu
Hause bleiben, Doralice und er sassen bei der Lampe, sie versuchte zu nähen, er
las. »Willst du nicht laut lesen?« fragte Doralice.
    »O gewiss, wenn dir das angenehm ist«, erwiderte Hans höflich, »aber es ist
Homer.«
    »Das tut nichts«, meinte Doralice.
    Hans las die Beschreibung von Alkinoos' Garten:
»Birnen reifen auf Birnen, auf Äpfel röten sich Äpfel,
Trauben auf Trauben erdunkeln, und Feigen schrumpfen auf Feigen.«
    Er gab dem Klang der Verse ein eintöniges Rollen, ein wellenhaftes Auf- und
Abschwellen, das Doralice in eine köstliche Ruhe wiegte. Sie warf ihre Arbeit
fort, lehnte sich in den Sessel zurück und schloss die Augen. Sie erwachte davon,
dass Hans ihr leicht über das Haar strich. »Du bist müde, Kind, du musst
schlafen«, sagte er. Seine Stimme klang seltsam weich und ergriff Doralice so
stark, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten. Hans bemerkte es nicht, er
zündete die Kerzen an, löschte die Lampe aus und sagte gute Nacht.
    Doralicens Nächte waren in letzter Zeit unruhig. Sie lag lange wach und
horchte auf all die Töne, die durch das Haus liefen, und wenn dann eine Tür
knarrte, wenn sie Schritte vernahm, dann wusste sie, dass Hans hinausging an das
Meer. Er tat das jetzt öfters des Nachts, er wollte das Meer studieren, allein
Doralice wusste es wohl, auch er konnte nicht schlafen, auch er litt und darin
lag etwas, das sie ganz heiss und unruhig vor Freude machte.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Am Morgen flaute der Nordostwind ab und um die Mittagzeit legte er sich ganz.
Gegen Abend frischte ein leichter Westwind auf, der grosse weisse Wolken
herantrieb.
    Hans und Doralice kehrten von ihrem Abendspaziergange zurück und sahen am
Horizonte riesige, kupferfarbene Wolkenberge sich aufbauen. Das Meer war voll
roter und violetter Wellen. Hans und Doralice setzten sich auf ihren gewohnten
Platz auf der Düne und starrten in das Flackern und Verlöschen der Farben
hinein. Die bunten Wolkenberge wurden allmählich grau, über dem Lande dunkelte
es und das Meer glich endlich nur noch einer bewegten Dämmerung. Am Himmel hing
ein Stück Mond weiss und strahlenlos. Vor der Hütte des Fischers Stibbe sassen
Frauen, reinigten Fische und sangen eine träg sich wiegende Melodie:
»Sonnchen wollt im Meere schlafen,
Schwarze Wasser sind die Decken,
Hecht, du grüner Offizier,
Laufe schnell, es aufzuwecken.
Raderi, raderi, raderidira.«
    Der Geheimrat Knospelius erschien auch wie gewöhnlich, klein und grau, die
grosse Zigarre zwischen den Lippen. »Guten Abend«, sagte er, »also wir kriegen
ein Gewitter.« Hans protestierte eifrig: »Nicht vor morgen früh. Stibbe weiss das
ganz genau, er fährt daher heute nacht hinaus. Ich fahre mit Steege; weit da
draussen soll es eine Stelle geben, an der bei solchem Wetter die Butten so fest
liegen, dass man sie im Netz wie Kartoffeln aus dem Sande pflügen kann.«
    »So, so«, meinte Knospelius, »also Tatendurst, Tatendurst.« Sie schwiegen
eine Weile und hörten dem klagenden Gesange der Fischersfrauen zu:
»Hecht, du grüner Offizier,
Laufe schnell, es aufzuwecken.«
    »Wie diese Melodie sich Zeit nimmt«, bemerkte Doralice.
    »Wer nimmt sich hier nicht Zeit?« sagte Knospelius. Er liebte es, langsam
und sinnend in die Dunkelheit hineinzusprechen, mit seiner tiefen Stimme die
Worte klingen zu lassen; »aber die Zeit ist hier auch sozusagen langsamer, die
Tage und die Stunden und die Minuten sind hier länger. Wie fern erscheint es
mir, dass ich heute morgen geweckt wurde von dem Gesangbuchvers, den mein
Wiedertäufer jeden Morgen im Nebenzimmer zu singen pflegt.«
    »Ach ja«, seufzte Doralice, »hier geht alles langsam, langsam.«
    »Dafür werden wir gründlich, meine Gnädige«, meinte Knospelius. »In der
Stadt, da lebte ich von zerhackten Erlebnissen, von zerhackten Geschichten und
Gedanken, hier erzählt man jede Geschichte ganz bis zu Ende, denkt jeden
Gedanken bis in seine letzten Tiefen.«
    »Und wird nie mit ihm fertig«, warf Hans ein.
    »Das kommt vor«, bestätigte Knospelius, »sehen Sie unsere Liebespaare, die
da im Dunkeln so still nebeneinander hergehen; sie sprechen am Abend vielleicht
drei Worte miteinander; sie haben eben Zeit, sich auszusprechen. Temposachen.
Der Inhalt der Liebesgeschichten ist ja immer derselbe, sie verteilen ihn auf
einige Jahre, andere müssen in wenig Tagen fertig werden. Temposache, nichts
weiter. Da gibt es so ein indisches Märchen von einer seligen Insel; den Leuten
dort geht es gut, wie das auf solchen Inseln zu sein pflegt; sie haben alles,
was sie wünschen können. Charakteristisch für die Natur dieser schönen Insel ist
es, dass die Bäume Mädchen tragen, schöne Mädchen, die am Morgen erblühen und am
Abend welken und sterben. Jetzt sage ich mir, pflückt ein Insulaner sich am
Morgen solch eine schöne Frucht, so hat er für seine Liebesgeschichte bis zum
Abend Zeit, und doch glaube ich, dass diese Liebesgeschichte ebenso reich sein
wird, wie zum Beispiel die Liebesgeschichte des Zibbelsohnes mit der
Stibbetochter, die bereits sieben Jahre jeden Abend am Strande schweigend
nebeneinander hergehen. Und dabei wird mein Inselliebespaar kaum das Gefühl
haben, als würde es zu besonderer Hast getrieben. Temposache.« Der Geheimrat
hielt inne und sog stark an seiner Zigarre.
    Da liess Doralice sich vernehmen, klagend und zugleich gereizt, als stritte
sie mit jemand: »Ach ja, die Mädchen, die werden es ja wohl verstehen, ihre
ganze Liebe in einen Tag zu legen, aber die Männer verstehen so schrecklich
langsam. Wenn da am Morgen etwas vorkommt zwischen ihnen, dann werden diese
armen Mädchen sterben müssen, ohne dass die Männer sich ausgesprochen haben.«
    Knospelius kicherte und Hans meinte: »Auf seligen Inseln kommt vielleicht
nie etwas zwischen Liebenden vor.«
    »Doch, doch«, widersprach Knospelius, »das ist unvermeidlich. Ich bin zwar
in diesen Sachen keine Autorität, in mich hat sich nie jemand verliebt. Ich
meine aber, das muss eine verantwortungsvolle Lebenslage sein. Jemand also
verliebt sich in mich, sieht in mir sein Ideal und ich bin gleichsam das Depot
für diesen idealen, herrlichen Knospelius, ich verwalte ihn. Da ist es dann
natürlich, dass beständig Missgriffe vorkommen. Ich würde ein Gefühl haben, als
hätte mir jemand einen selten kostbaren Prachtband geliehen, und ich müsste in
steter Sorge leben, dass dem wertvollen Buche nicht etwas passiert. Aber es ist
immerhin möglich, dass die Männer auf der seligen Insel schneller von Begriff
sind und die Mädchen weniger durstig nach Aussprachen. Das wäre dann, was man
ein abgekürztes Verfahren nennt.«
    Das Licht des Leuchtturms war in der Ferne schon deutlich zu sehen und Hans
trieb zum Heimgehen, da er ja noch mit Steege hinausfahren wollte. Zu Hause
hatte Agnes schon die Mahlzeit bereitgestellt. Hans nahm sich kaum die Zeit zum
Essen und eilte in sein Zimmer, um sich umzukleiden. Doralice stand am Fenster
und schaute in das weisse Aufdämmern des Mondes hinaus. Sie hörte, dass Hans
wieder in das Zimmer kam; er trat an sie heran, umfasste mit seinen Händen ihre
beiden Schultern: »Verstehe ich so langsam?« fragte er. Das klang weich, fast
schüchtern. Doralice bog ihren Kopf zurück, so dass er sich gegen Hansens Brust
lehnte. Ihr Herz klopfte sehr stark und die Augen wurden ihr heiss von Tränen.
»Du verstehst nicht«, sagte sie kummervoll, »du sprichst nicht, du sagst nicht.«
    »Ach Kind«, erwiderte Hans, »mit dem Sprechen ist es so eine Sache, man
spricht und es klingt hart und sauer und hässlich und ist ungerecht und
rücksichtslos und ist doch nicht das, was man sagen wollte.«
    »Es kann hart sein, es kann ungerecht und rücksichtslos sein«, rief Doralice
leidenschaftlich, »nur nicht so, nur nicht so! An dieser Gerechtigkeit und an
dieser Rücksicht stirbt man.«
    Hans beugte sich über sie und küsste sie fest auf die Lippen: »Gut, gut«,
sagte er in seinem gewohnten freundlichen, eifrigen Ton, »so wollen wir uns denn
morgen alles sagen, was wir heute dem Meere zugeschrien haben. Für heute gute
Nacht.«
    Doralice stand noch lange am Fenster und die Tränen, die warm über ihre
Wangen niederrannen, taten ihr wohl wie eine gütige Liebkosung. Endlich beschloss
sie schlafen zu gehen; sie freute sich auf den Schlaf, sie war müde, als läge
eine schwere, glücklich vollbrachte Arbeit hinter ihr.
    Um Mitternacht erwachte Doralice von einem starken Geräusch, das im Zimmer
um sie her sich vernehmen liess. Das Meer rauschte stark, so stark, als stünde
das Häuschen mitten in den Wellen. Dazu war es, als ob alle Gegenstände im
Zimmer sich bewegten, die Sachen auf der Toilette klirrten, der Waschkrug
schnurrte leise vor sich hin, die Tür klapperte. Draussen aber über dem Dache
schienen schwere Gegenstände sausend durch die Luft zu fahren, zuweilen kam ein
Pfeifen, ein ausgelassenes, höhnisches Pfeifen, als jagte dort irgendwo ein
Gassenbube durch die Luft. Oder ein Klagelaut kam schrill und verzweifelt, und
plötzlich wurde all das übertönt von dem mächtigen Rollen und Krachen des
Donners. Doralice sprang aus dem Bett und lief an das Fenster des Wohnzimmers.
Die Nacht war ganz schwarz und schien voll wilden Getümmels, ein Blitz zuckte
auf und zeigte für einen Augenblick in einem blauen Lichte das seltsam
veränderte Meer. Es erhob sich dort wie grosse schwarze Mauern, Mauern, die
schwankten und stürzten und überall lag es auf ihnen wie bläulicher Schnee.
Doralice hatte Angst, nur das, keinen anderen Gedanken als nur diese Angst, die
uns treibt, uns zu verbergen, zu verkriechen, nach Hilfe zu rufen. Das Zimmer
wurde hell, Agnes stand da, die Lampe in der Hand und die gelben Augen der alten
Frau sahen Doralice starr und böse an. Da begriff Doralice. »Hans,« murmelte
sie.
    »Ja, bei diesem Wetter auf dem Wasser zu sein«, sagte Agnes scheltend, »hat
man so was gehört, und mit diesem Saufaus von Steege, der zu faul ist, um sein
Boot ordentlich zu halten.« Agnes wurde dann sehr geschäftig, leise
fortscheltend ging sie ab und zu, holte einen Mantel, hüllte Doralice in ihn
ein, zwang sie, sich in einen Sessel zu setzen, holte eine Decke, um sie damit
zu bedecken, und als das getan war, setzte sie sich selbst auf einen Stuhl,
faltete die Hände im Schoss, schaute starr und böse in das Licht der Lampe und
wiegte den Oberkörper sachte hin und her. Zuweilen murmelte sie vor sich hin:
»Nun muss er gleich kommen, der tolle Junge. Als ob wir nicht Fische genug
hätten, und noch mit dem Steege.«
    So still zu sitzen und hinauszuhorchen war furchtbar qualvoll, Doralice
ertrug das nicht, sie musste etwas tun. »Ich gehe zu Wardeins«, sagte sie. Agnes
zuckte die Achseln. »Was können die tun?« meinte sie. Aber Doralice ging doch
hinaus, schlich sich an der Mauer hin, um von dem Sturm nicht umgeworfen zu
werden, und trat in die Stube der Wardeins. Die Wardeinin hatte eine kleine
Lampe angesteckt und ging nur mit einem kurzen Rocke bekleidet im Zimmer umher,
befestigte die Fensterläden, löschte die letzte Glut auf dem Herde, rückte an
den klappernden und schnurrenden Geräten auf dem Bord. Als Doralice eintrat,
schaute die Wardeinin sie ruhig und ernst an und wandte sich wieder schweigend
ihrer Hantierung zu. Doralice stand da, atemlos von dem Gang durch den Sturm,
und sagte leise: »Ach, Frau Wardein, dieser Wind.«
    »Der ist nicht gut«, antwortete die Wardeinin, »aber was kann man machen?«
    Doralice setzte sich auf einen Stuhl und wartete, dass die Frau noch etwas
sagen würde, etwas, das wie Trost klang. Da liess sich von dem grossen Bett her
Wardeins tiefe Stimme vernehmen: »Ich hab's gesagt, aber die wollen ja klüger
als der Wardein sein. Nun, der Stibbe hat das neue grosse Boot, der schlägt sich
wohl durch, und der Steege - na ja, dem hat mit seinem alten Kasten von Boot der
Teufel schon früher mal herausgeholfen.«
    Diese rauhe Stimme, die grob und vertraulich von dem Furchtbaren da draussen
sprach, tat Doralice wohl. Die Kinder begannen im Bett zu weinen und die Mutter
musste sie schelten und schlagen. Die Grossmutter hatte sich in ihren Kissen
aufgerichtet und starrte auf das Fenster, als könnten ihre Augen sehr weit in
die Dunkelheit hineinsehen. »Schlechter Wind, schlechter Wind«, murmelte sie.
Doralice sass noch immer da, sie konnte sich nicht entschliessen zu gehen. Die
enge Stube mit ihrem alltäglichen Leben mitten in all dem Furchtbaren da draussen
war etwas wie Geborgenheit. Allein die Wardeinin schien mit ihren Geschäften
fertig zu sein, sie stand vor ihrem Bett, gähnte und sah Doralice an. Doralice
musste gehen, hier wollte man sie nicht mehr. Und sie ging wieder in das
Wohnzimmer hinüber, wo Agnes vor der Lampe sass und den Oberkörper sachte hin und
her wiegte.
    Fröstelnd drückte sich Doralice wieder in den Sessel und hüllte sich in ihre
Decken. Es war qualvoll und furchtbar anstrengend, beständig auf die wirren Töne
da draussen zu hören, diese Töne, die, je länger sie ihnen lauschte, um so
ausdrucksvoller wurden, sich in gespenstische Gestalten wandelten. Wenn das
höhnische Gassenjungenpfeifen erscholl, sah sie deutlich ein kleines Ungetüm mit
gelbem Gesicht voller Sommersprossen, mit rotem Haar, in grauen, zu weiten
Kleidern, das die Hände in den Hosentaschen unendlich frech durch die dunkle
Luft hinschlenderte. Die lauten Klagelaute gehörten einer grossen Frau mit lang
niederhängendem, grauen Haar. Die Augen waren hellgelb wie Meersand, den Mund
öffnete sie weit - ein grosses schwarzes Loch in dem weissen Gesicht. Und mitten
in allem diesen Spuk und Schrecken, in dieser Finsternis und diesem Geheul war
Hans, dort mussten ihr Denken und ihr Warten ihn suchen. Doralice fuhr empor, als
wollte sie eine unerträgliche Last von sich abschütteln. Auch Agnes wurde
unruhig, sie begann auf dem Spirituskocher Tee zu kochen. Das interessierte
beide. Und das Teetrinken dann, das Anzünden einer Zigarette gaben einen kleinen
flüchtigen Augenblick des Vergessens und sehr durchdringenden Behagens. Aber die
schwere Arbeit des Wartens und Bangens musste gleich wieder aufgenommen werden.
Wenn Doralicens Gedanken, der Spannung müde, kraftlos wurden, waren sofort
Bilder da, farbige, belebte Traumbilder. Sie sah den Strand gelb von
Sonnenschein, die Generalin im weissen Piquékleide kämpfte mit dem Winde, Lolo
stand, ein schmaler roter Strich, in einem grünblauen Meere und Hans kam langsam
durch den Sonnenschein auf Doralice zu. »Schön, schön«, sagte er in seiner
herzlichen, eifrigen Weise, »du hast auf mich gewartet, schön, schön.« Und
Doralice fühlte, dass nun alles wieder gut sei, fühlte das mit einer so starken
und heissen Erschütterung der Freude, dass sie mit einem Ruck aus ihrem Sessel
auffuhr und das bleiche sich sachte hin und her wiegende Gesicht Agnes'
verständnislos anschaute. Nein, diese Traumbilder waren Leben und dieses Zimmer
mit der bleichen Agnes und der heulenden schwarzen Nacht draussen, das waren nur
die Schrecken eines unbegreiflichen Traumes. Und sie flüchtete wieder zu den
Traumbildern, lebte mit ihnen, bis die Freude, die sie brachten, sie wieder
weckte.
    Der Tag graute, zögernd und schäbig. Ein heftiger Gewitterregen ging nieder;
er hüllte das Land und das Haus wie in undurchdringliche staubgraue Spinnweben
ein. Da hatte das Licht einen schweren Stand. War das überhaupt ein Tag, dachte
Doralice, dieses müde, kummervolle Hindämmern, unterbrochen von dem jähen
Aufschrecken, wenn das deutliche Bewusstsein des jammervollen, unfassbaren Wartens
kam. Sie kleidete sich an wie sonst, Agnes kochte wieder Tee, später machte sie
Spiegeleier, denn sie meinte, des Sturmes wegen würde man nicht so leicht Feuer
auf dem Herde machen können. Leute kamen, die Wardeins und die Steege; sie
standen da im Zimmer und sprachen laut miteinander. Die Steegin mit
rotverweinten Augen, ungekämmtem Haar, bleich und übernächtig, weinte ganz laut:
»Hu, hu, hu« und redete wie im Fieber. Natürlich, wenn man alles Geld ins
Wirtshaus trägt, kann man sich kein neues Boot kaufen, dann kann man kaum das
alte instand halten. Aber auf sie hörte er ja nicht. Noch gestern morgen hatte
sie ihm gesagt, dass sie einen schlechten Traum gehabt hatte; ihr hatte geträumt,
Steege stünde in seinem Boot und das Boot war ganz voll mit Dorschen gewesen,
bis zum Rande voll. Von Dorschen aber zu träumen ist schlecht, von Butten gut.
Aber auf sie hörte er ja nicht.
    »Von Dorschen zu träumen ist schlecht und von Butten gut«, wiederholte die
Mutter Wardein ernst, »das ist richtig.« - Als die Frauen gegangen waren, kam
der Geheimrat; er war steif und offiziell, dabei hatten seine Züge etwas
Gekniffenes und Verzerrtes, als schmerze ihn sein Gesicht. Er sagte, Doralice
könne sich auf ihn verlassen, alles Nötige würde geschehen. Sobald es möglich
wäre, würden Leute hinausfahren. Einen Mann zu Pferde hatte er den Strand hinab,
dem Leuchtturme zu, geschickt. Dann sass er da, trommelte mit den Fingern auf
sein Knie, suchte nach etwas, das er sagen könnte, etwas, das zu Herzen geht, er
fand jedoch nichts. So bemerkte er nur: »Sie sollten sich einen Pelzmantel
umnehmen, in solchen Zeiten friert man.« Nachdem er schweigend eine Weile
gesessen, ging er.
    Gegen Abend verbreitete sich das Gerücht, der Fischer Stibbe sei zurück.
Wieder war das Zimmer voller Frauen; die Stibbin erzählte, ihr Mann habe sich
bald von Steege getrennt, da ihm das Wetter verdächtig erschienen sei. Unterwegs
habe das Gewitter ihn noch erwischt, es sei dunkel geworden, dass er nicht die
Hand vor Augen sah, und der Sturm! Es war noch gut gewesen, dass er bald in die
Bucht hinter den Leuchtturm geraten war und dann - ein gutes Boot war eben ein
gutes Boot. Wenn er das neue Boot nicht gehabt hätte, wer weiss, wie es ihm dann
ergangen wäre. Von Steege und Hans wusste er nichts. Die Frauen sprachen alle zu
gleicher Zeit, die Steegin weinte wieder: »Hu, hu, hu«, endlich schickte Agnes
sie alle hinaus.
    Der Abend brach herein; Doralice und Agnes sassen sich gegenüber; Agnes
wiegte sich sachte und jammerte leise; Doralice versuchte es mit ihren Gedanken,
sich in irgendwelche ferne, friedliche Erinnerungswinkel zu flüchten, oder sie
hörte gedankenlos dem Sturm und dem Meere zu. Die Nacht kam, Agnes brachte
Doralice zu Bett und Doralice versank in einen schweren Schlaf; durch den tiefen
Schlaf ging zuweilen etwas, das zu schwer zu tragen war, und das Erwachen wurde
dann zur einzigen Zuflucht. Doralice schlug die Augen auf. Das Zimmer war hell;
auf dem Stuhl am Fussende des Bettes sass Agnes in Tücher gewickelt; das kleine
gelbe Gesicht schaute seltsam friedlich, fast heiter drein, die weiche Linie des
zahnlosen Mundes zuckte in einem verhaltenen Lächeln. Als Agnes sah, dass
Doralice wach wurde, fing sie an zu sprechen. Sie sprach so, als fahre sie in
einer begonnenen Erzählung fort: »Und damals, als wir die Hochzeit für die Base
Anne ausrichteten, nein, dieser Schlingel! Also wir hatten eine schöne, grosse
Gans, die war in das Rohr geschoben und bret dort. Unterdessen war vieles andere
zu tun und als wir nun denken, die Gans muss fertig sein, und nachschauen, da ist
die Gans fort. Das war nun ein Geschrei und Suchen, aber fort war fort, wie ein
Wunder kam es uns vor. Mir fiel es wohl einen Augenblick auf, dass der Hans und
die anderen Jungen für eine Weile nicht zu sehen waren, rein zu verschwunden,
wie der Jude zu Michaelis. Nun aber ich dachte mir nichts dabei. Erst später,
lange hernach, hat der Hans es mir gesagt, hat der verfluchte Schlingel die Gans
aus dem Rohr gestohlen und zusammen mit den anderen Jungen oben auf dem Heuboden
aufgefressen. Ich habe ihm versprechen müssen, es keinem zu sagen, und bis heute
habe ich es keinem gesagt. Aber so was, die Gans aus dem Rohr zu stehlen und
aufzufressen!«
    Agnes' Lachen klang herzlich und behaglich in das Pfeifen und Stöhnen des
Windes hinein. -
    In der Nacht hatte sich der Sturm gelegt. Der Regen dauerte noch den ganzen
Vormittag des nächsten Tages an, erst am Nachmittage hörte er auf. Doralice ging
zum Strande hinab, eilig, als warte dort jemand auf sie, die Wellen hatten den
Sand aufgepflügt, ihr Fuss sank tief in Algen und Seetang ein. Unter dem
eisengrauen Himmel lag das Meer weiss von Schaum wie kochende Milch. Sehr
aufgeregt waren die Möwen, sie schossen hin und her und stritten sich mit ihren
schrillen, keifenden Stimmen. Das war wild und grausam, aber man konnte hier
wenigstens atmen. Doralice hörte hinter sich eilige Schritte nackter Füsse über
den Seetang laufen. Die Steegin war es, die sie einholte und sich ihr anschloss.
Sie sprach und klagte unausgesetzt: »Nein, die kommen nicht mehr heraus, die
Mutter Wardein sagt das auch. Dort weit muss eine Stelle sein, von der sie nicht
mehr zurückkommen. Dort unten müssen Spalten und Höhlen sein oder, was kann man
wissen, was sie dort hält. Der Wardein Maties kam auch nicht heraus.« Und
während die beiden bleichen Frauen eilig am Strande hingingen, schauten sie mit
weitoffenen Augen suchend und angstvoll auf das Meer hinaus. Mit einbrechender
Dunkelheit musste die Steegin heim zu ihren Kindern. Doralice entschloss sich nur
schwer, ins Haus zu gehen, das Gewaltsame hier draussen erdrückte die Gedanken,
dort drinnen wartete das Vermissen auf sie, die Enttäuschung jeden Augenblickes,
wenn sie immer wieder aufhorchte und meinte, die bekannte Stimme, der bekannte
Schritt müssten sich vernehmen lassen. Und immer wieder war es ihr, als griffe
sie nach einer vertrauten warmen Hand und musste es mit Entsetzen fühlen, dass
diese Hand kalt und fremd geworden war.
    Agnes trug das Essen auf, stand dabei und sah zu, wie Doralice ass, und
beiden rannen dabei die Tränen über die Wangen. Spät am Abend kam noch der
Geheimrat, dessen Diener Klaus mit einer grossen Stallaterne leuchtete.
Knospelius sass Doralice gegenüber, er wusste nicht viel zu sagen. Von alten
Ministern und türkischen Cafés durfte er hier nicht sprechen. Aber Doralice
konnte dann klagen und weinen und das tat ihr wohl: »Auf morgen also, sagte er
mir, als er fortging, alles wollte er mir dann sagen, alles, was er mir die
ganze Zeit über verschwiegen hatte - und nun -«
    »Mein Gott«, sagte Knospelius und zog die Augenbrauen empor: »was wir auch
sagen, wir nehmen unser Geheimnis ja doch mit.«
    »Welches Geheimnis?« fragte Doralice und ihre Augen wurden gross und rund vor
Erstaunen.
    Knospelius verzog ärgerlich sein Gesicht: »Nichts, nichts, das war nur so
ein Ausspruch, und Sie wissen, wenn man nichts Rechtes zu sagen weiss, so tut man
einen Ausspruch. Übrigens«, fuhr er zögernd fort: er war es nicht gewohnt zu
trösten und auch nicht gewohnt so starkes Mitleid zu empfinden, »übrigens«, fuhr
er fort, »von denen, die uns nahe stehen, wollen wir doch nichts Neues erfahren,
sie sollen sich immer wieder so bestätigen, wie wir sie kennen. Wir wollen
nichts bei ihnen entdecken, was wir nicht schon wissen.«
    »Ich wollte wissen, ob er mich noch so liebt wie früher«, sagte Doralice
einfach. Darauf fand der Geheimrat keine Antwort. Er bog den Kopf zurück und
schloss die Augen, das schöne, tränenüberströmte Gesicht ihm gegenüber ergriff
ihn zu stark.
    Von der Küche her klang Klaus' laute, predigende Stimme herüber, er las
Agnes aus der Bibel vor.
    Am vierten Tage nach der Sturmnacht kam die Nachricht, bei dem Fischerdorf
hinter dem Leuchtturm sei ein Boot an das Ufer gespült worden. Die Steegin zog
ihr Sonntagskleid an und fuhr mit dem Strandwächter hin. Spät am Nachmittag
kehrte sie zurück und berichtete, es sei ihr Boot gewesen, übel zugerichtet, sie
habe es dort gleich an einen Fischer verkauft. Sie wischte sich mit dem
Zeigefinger die Tränen aus den Augenwinkeln, war aber ruhig und sachlich. Da sie
nun mal ihr gutes Kleid anhatte, wollte sie zum Schullehrer hinaufgehen, um die
Glocke für ihren Mann läuten zu lassen und weil morgen Sonntag war, konnte der
Schullehrer in der Kirche die Totenpredigt lesen, denn der Pastor war für eine
Woche in die Stadt verreist. Agnes sagte, sie würde sie begleiten.
    Der Sonntagmorgen war sonnig und der sandige Weg, der zur Kirche führte,
belebt von Kirchengängern. Als Doralice und Agnes die kleine Kirche betraten,
fanden sie alle Bänke dicht besetzt. An den teilnahmsvollen Blicken, die auf sie
gerichtet waren, merkten sie, dass auf sie gewartet worden war, und auf der
vordersten Bank neben der Steegin und ihren drei Kindern waren für sie Plätze
frei gehalten worden. Der weissgetünchte Raum war voller Sonnenschein und das
Altarbild, Christus Petrus über das Wasser geleitend, mit seinen giftgrünen
Wellen, seinen rot und gelben Gewändern schrie ordentlich in die weisse
Helligkeit hinein. Ein Choral wurde gesungen von lauten, heiseren Frauenstimmen,
dann las der Schullehrer eine Predigt vor, sein bleiches, gedunsenes Gesicht
verzog sich zu einer traurigen Miene, sein Tonfall war singend und eintönig. Auf
allen Bänken begannen die Frauen zu seufzen, die Steegin und ihre Kinder weinten
laut, auch Agnes weinte. Doralice jedoch konnte nicht weinen und weil sie
fühlte, dass die Frauen sie deshalb verwundert und missbilligend ansahen, zog sie
sich ihren Schleier vor das Gesicht. Sie hatte nicht die Empfindung, dass diese
singenden und seufzenden Frauen, dass die Worte, die dieser hässliche Mann dort
auf der Kanzel vorlas, irgend etwas mit ihr und ihrem Schmerze zu tun haben
könnten. Der Gottesdienst war zu Ende, die Fischerfrauen standen noch auf dem
sonnigen Kirchenplatz beisammen und sprachen. Die Steegin war sehr umringt, man
versprach ihr bei der Kartoffelernte zu helfen, doch die Stibbin meinte, sie
solle zum Fischreinigen zu ihr herüberkommen, dafür würde sie dann einige Fische
kriegen. Der Steegin schien die allgemeine Teilnahme wohlzutun und sie machte
fast ein zufriedenes Gesicht, als sie mit ihren drei Kindern durch die niedrige
Tür in ihrer Kate verschwand. Ihr Unglück war von heute ab eine Einrichtung
ihres Lebens geworden, mit der sie sich abzufinden hatte. Von nun ab irrte sie
auch nicht mehr am Strande umher.
    Doralice ging jetzt allein am Strande hin, sie ging täglich stundenlang, das
war der Inhalt ihres Lebens. Sie wollte Hans dienen, wollte bei ihm sein, wollte
ihm treu sein. Dort auch vermochte sie ihren Schmerz tief zu fühlen, konnte um
ihre Liebe trauern, konnte unglücklich sein, denn, wenn sie das nicht konnte,
was hatte sie dann, was war sie dann? Und dann war um sie und in ihr alles leer.
Etwas anderes noch war es, was sie auf ihren Wanderungen begleitete. Wenn sie so
an den Wellen entlang ging, die weiss mit leisem Prickeln über den Sand bis zu
ihr hinaufliefen, da schien es ihr, als wollte das Meer sie zu etwas überreden,
zu etwas, gegen das sie sich sträubte, gegen das sie stritt, zuweilen so heftig
stritt, dass sie laut vor sich hin ein »nein, nein« in das Rauschen der Wellen
hineinsprach. Allein dieser Streit mit dem Meere hatte für sie eine furchtbar
erregende Anziehung. Zu Zeiten jedoch entglitt ihr all das, dann versank sie
gedankenlos in die Betrachtung der feinen Linien, die das Wasser auf den Sand
geschrieben hatte, in den Anblick der zitronengelben, hellblauen und hellrosa
Muscheln, welche wie kleine Blumen über das Ufer gestreut waren. Oder sie folgte
mit den Blicken den Wellen, die eilig hintereinander herliefen, ohne dass je eine
die andere erreichte. Der zu Ende gehende September hatte sommerwarme Tage
gebracht, Doralice ging weit weit hinaus dem Leuchtturme zu, sie ging, bis ihr
die Füsse schwer vor Müdigkeit wurden. Dort weiter fort trat der Hochwald bis
dicht an den Dünenrand heran, riesige rote Föhrenstämme mit wirren dunklen
Schöpfen, hier und da stand eine Birke oder eine Espe zwischen ihnen, das Laub,
schon herbstlich gelb, stand da wie ein goldenes Gerät in einer grossen
Säulenhalle. Die Moosdecke des Bodens war bunt von Herbstschwämmen und
Preiselbeeren, Sonnenschein und die Schatten der Baumzweige trieben dort ihr
stummes Spiel. Das musste gut tun, dort auszuruhen, dachte Doralice. Sie stieg
hinauf und streckte sich auf einem Mooshügel aus.
    Wir können einen sehr grossen Schmerz haben, wir können sehr unglücklich sein
und doch hält all das nicht stand vor der Wonne, nach einer langen ermüdenden
Wanderung wohlig die Beine von sich zu strecken. Sie sah hinauf in die Wipfel
der Föhren, hoch oben revierte ein Falke metallblank in all dem Blau. Neben ihr
stand eine Espe und flüsterte unablässig. Wie war es hier gut, über alles
Wünschen hinaus gut. Doralice fielen die Augen zu, das letzte, was sie mit
halbgeschlossenen Lidern noch sah, war ein Sprung Rehe, der von der Höhe
niederstieg. Vorsichtig hoben die Tiere ihre dünnen Läufe über das hohe
Farnkraut. Sie gingen bis an den Rand der Düne vor, blieben dort stehen und
äugten regungslos auf das Meer hinaus.
    Doralice schlief so süss, dass, als der Schlaf vorüber war, sie doch noch
dalag ohne sich zu bewegen, in der Hoffnung, noch ein wenig dieses gedankenlose
Glück halten zu können. Allein dann war das Erwachen endlich unwiderruflich da,
sie richtete sich auf, sass da und dachte nach. Wie wohl sie sich gefühlt hatte,
wie wohl sie sich immer noch fühlte; wie war das? Sie hatte doch ihren grossen
Schmerz, ihr Unglück. Wo waren sie? Hatte sie sie verloren? Nein nein, das
nicht. Angstvoll sprang sie auf und eilte zum Meere hinab, dort ihren Schmerz
wiederzufinden.
    Die Nächte waren wieder mondhell. Knospelius und Doralice sassen an dem
gewohnten Platz auf der Düne, ihnen zu Füssen schlief Karo der Hühnerhund. Das
Meer war tief beruhigt, sachte wiegte sich der Mondglanz auf dem Wasser, nur an
der Brandung schnurrten kleine silberne Wellen behaglich vor sich hin. Vor
Stibbes Hütte wurden wieder Fische gereinigt und die Frauen sangen ihr altes
klagendes Lied:
»Sonnchen wollt im Meere schlafen,
Schwarze Wasser sind die Decken,
Hecht, du grüner Offizier,
Laufe schnell es aufzuwecken,
Raderi raderi raderira!
Sonnchen wollt im Meere schlafen,
Wo mein Junge schlafen muss.
Butte, kleines braunes Frauchen,
Bringe beiden meinen Gruss.
Raderi raderi raderira!«
    »Karo schläft jetzt viel«, sagte der Geheimrat, »er ist verstimmt, das Meer
interessiert ihn nicht, daher will er träumen, er jagt im Traum, seine Träume
sind grün oder korngelb.«
    »Ja,« meinte Doralice, »ich habe es bisher auch nicht gewusst, wie wichtig
Träume werden können.«
    Der Geheimrat zog eine Weile sinnend an seiner Zigarre: »Ich weiss, ich
weiss«, begann er dann wieder, »hab' auch solche Zeiten gehabt, an der
Wirklichkeit liegt einem dann nichts und die Träume werden einem dann wichtig.
In solchen Zeiten muss man den Träumen entgegenkommen; man muss Orte aufsuchen,
die den Träumen förderlich sind oder sie nicht stören. Solche Orte gibt es, dort
unten in Italien oder auf den griechischen Inseln. Ich habe gedacht, wenn Sie
von hier fortgehen ...«
    - »Wohin soll ich gehen?« unterbrach ihn Doralice leidenschaftlich. »Sie
wissen doch, der einzige Ort, an dem mein Leben einen Sinn hat, ist hier.«
    »Natürlich, natürlich«, brummte Knospelius, »ich sage nur, wenn Sie
fortgehen. Schliesslich kommt der Winter, dann ist das Land hier auch nicht mehr
dasselbe; dann wäre so eine stille südliche Bucht empfehlenswert, blau,
Sonnenschein, die Luft weich wie eine Puderquaste; das Leben so
selbstverständlich, dass man nicht darüber nachdenkt, ob man es leben soll oder
nicht. Man denkt überhaupt nicht nach, oder wenn man denkt, so komponiert man an
seiner Vergangenheit, denn unsere Gegenwart können wir wohl verachten, aber von
seiner Vergangenheit will jeder etwas haben. Ich meine also, wenn Sie von hier
fort können, so sollten wir an solch eine stille Bucht gehen.«
    - »Wir?« fragte Doralice.
    »Ja, ich sage wir«, erwiderte Knospelius, »denn Sie müssen einen haben, der
Sie begleitet und beschützt und, sehen Sie, ich bin der geborene Begleiter, der
geborene Beschützer, sozusagen der geborene Vormund, ich kompromittiere niemand,
mein Wiedertäufer von Diener sagte mir einmal: Exzellenz haben es leichter, der
Welt zu entsagen, denn Gott gab Exzellenz ein Extrakreuz.« Knospelius kicherte
leise in sich hinein. »Solch eine Zeit würde Ihnen gut tun«, fuhr er dann fort,
»ruhig abwarten, wie das Leben weiter geht, denn bei Ihnen wird es weiter gehen.
Sehen Sie die Wellchen dort, jetzt ist die eine oben im Licht, dann geht's
herunter in den Schatten - gut, gut - ich bin der geborene Kamerad des
Wellentals. Wenn es dann wieder aufwärts geht, können Sie mich stehen lassen,
daraus mache ich mir nichts, das bin ich gewohnt. Man hat mich mein ganzes Leben
hindurch stehen lassen. Ein netter, interessanter Herr, sagten die Menschen von
mir und liessen mich stehen. Aber das ist ganz gleich. Es ist auch ganz gleich,
dass das Zusammensein mit Ihnen für mich ein Erlebnis wäre; es hätte auch nicht
das geringste zu bedeuten, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte; man kann
ein gekrümmtes Rückgrat und doch seine Sentiments haben, aber die gehen einen
dann ganz allein etwas an. Ich sage das nur, damit Sie nicht glauben, ich bin
ein Opfer, im Gegenteil, - aber wie gesagt, das ist egal. Die Hauptsache ist,
dass es für Sie das Richtige wäre.«
    »Ich danke Ihnen«, sagte Doralice leise, »aber ich kann jetzt von hier nicht
fort.«
    »Freilich, freilich«, sagte Knospelius heiter, »wir haben Zeit, wir haben
hier gelernt, Zeit zu haben, wir warten, wir warten ruhig ab, bis das Meer uns
freigibt.« -
    So kam es denn, dass, als der Oktoberwind die gelben Birkenblätter von der
Zibbehöhe auf das Meer hinaustrieb und das blassere Gold der Oktobersonne über
den Wellen lag, das wunderliche Paar noch immer Tag für Tag am Strande entlang
ging, die schöne, bleiche Frau mit den wehenden Trauerschleiern und der kleine,
verbogene Herr im langen grauen Paletot, gefolgt von seinem Hühnerhunde, der
missmutig und gelangweilt auf das Meer hinausgähnte. Sie warteten alle drei
darauf, dass das Meer sie freigäbe.
 
    