
        
                               Rainer Maria Rilke
                  Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
                                                     11. September, rue Toullier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe
sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen
Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um
ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob
sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete,
wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter?
Ich suchte auf meinem Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden -
man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein grosses Gebäude mit einer Kuppel.
Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich
nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu
riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden liess, nach Jodoform, nach dem Fett
von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein
eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über
der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren
die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
    Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich
und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und
tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, pommes
frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, dass man lebte. Das war
die Hauptsache.
    Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische
Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür
fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre grossen Scherben
lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener
Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt,
kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Strasse.
Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz
erregt heran, darüber fort, fort über alles. Jemand ruft. Leute laufen,
überholen sich. Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund. Gegen
Morgen kräht sogar ein Hahn, und das ist Wohltun ohne Grenzen. Dann schlafe ich
plötzlich ein.
Das sind die Geräusche. Aber es gibt hier etwas, was furchtbarer ist: die
Stille. Ich glaube, bei grossen Bränden tritt manchmal so ein Augenblick
äusserster Spannung ein, die Wasserstrahlen fallen ab, die Feuerwehrleute
klettern nicht mehr, niemand rührt sich. Lautlos schiebt sich ein schwarzes
Gesimse vor oben, und eine hohe Mauer, hinter welcher das Feuer auffährt, neigt
sich, lautlos. Alles steht und wartet mit hochgeschobenen Schultern, die
Gesichter über die Augen zusammengezogen, auf den schrecklichen Schlag. So ist
hier die Stille.
Ich lerne sehen. Ich weiss nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich
ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich
habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dortin. Ich weiss
nicht, was dort geschieht.
    Ich habe heute einen Brief geschrieben, dabei ist es mir aufgefallen, dass
ich erst drei Wochen hier bin. Drei Wochen anderswo, auf dem Lande zum Beispiel,
das konnte sein wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich will auch keinen Brief mehr
schreiben. Wozu soll ich jemandem sagen, dass ich mich verändere? Wenn ich mich
verändere, bleibe ich ja doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas anderes
als bisher, so ist klar, dass ich keine Bekannten habe. Und an fremde Leute, an
Leute, die mich nicht kennen, kann ich unmöglich schreiben.
Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch
schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.
    Dass es mir zum Beispiel niemals zum Bewusstsein gekommen ist, wieviel
Gesichter es gibt. Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter,
denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang,
natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es
weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind
sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal
reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil
nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun
sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es
kommt auch vor, dass ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist
Gesicht.
    Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem
andern, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten für immer, aber
sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik.
Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen
durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach
und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit herum.
    Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornüber in
ihre Hände. Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs. Ich fing an, leise zu
gehen, sowie ich sie gesehen hatte. Wenn arme Leute nachdenken, soll man sie
nicht stören. Vielleicht fällt es ihnen doch ein.
    Die Strasse war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt
unter den Füssen weg und klappte mit ihm herum, drüben und da, wie mit einem
Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so
dass das Gesicht in den zwei Händen blieb. Ich konnte es darin liegen sehen,
seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen
Händen zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir
graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich fürchtete mich doch noch viel
mehr vor dem blossen wunden Kopf ohne Gesicht.
Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muss man etwas tun, wenn man sie einmal hat.
Es wäre sehr hässlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins
Hôtel-Dieu zu schaffen, so würde ich dort gewiss sterben. Dieses Hôtel ist ein
angenehmes Hôtel, ungeheuer besucht. Man kann kaum die Fassade der Katedrale
von Paris betrachten ohne Gefahr, von einem der vielen Wagen, die so schnell wie
möglich über den freien Plan dort hinein müssen, überfahren zu werden. Das sind
kleine Omnibusse, die fortwährend läuten, und selbst der Herzog von Sagan müsste
sein Gespann halten lassen, wenn so ein kleiner Sterbender es sich in den Kopf
gesetzt hat, geradenwegs in Gottes Hôtel zu wollen. Sterbende sind starrköpfig,
und ganz Paris stockt, wenn Madame Legrand, brocanteuse aus der rue des Martyrs,
nach einem gewissen Platz der Cité gefahren kommt. Es ist zu bemerken, dass diese
verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende Milchglasfenster haben, hinter
denen man sich die herrlichsten Agonien vorstellen kann; dafür genügt die
Phantasie einer Concierge. Hat man noch mehr Einbildungskraft und schlägt sie
nach anderen Richtungen hin, so sind die Vermutungen geradezu unbegrenzt. Aber
ich habe auch offene Droschken ankommen sehen, Zeitdroschken mit aufgeklapptem
Verdeck, die nach der üblichen Taxe fuhren: Zwei Francs für die Sterbestunde.
Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt, schon zu König Chlodwigs Zeiten starb
man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben. Natürlich
fabrikmässig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut
ausgeführt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wer gibt
heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen,
die es sich doch leisten könnten, ausführlich zu sterben, fangen an, nachlässig
und gleichgültig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer
seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben.
Gott, das ist alles da. Man kommt, man findet ein Leben, fertig, man hat es nur
anzuziehen. Man will gehen oder man ist dazu gezwungen: nun, keine Anstrengung:
Voilà votre mort, monsieur. Man stirbt, wie es gerade kommt; man stirbt den Tod,
der zu der Krankheit gehört, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt,
weiss man auch, dass die verschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten
gehören und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun).
    In den Sanatorien, wo ja so gern und mit so viel Dankbarkeit gegen Ärzte und
Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der Anstalt angestellten
Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu Hause stirbt, ist es natürlich,
jenen höflichen Tod der guten Kreise zu wählen, mit dem gleichsam das Begräbnis
erster Klasse schon anfängt und die ganze Folge seiner wunderschönen Gebräuche.
Da stehen dann die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist
natürlich banal, ohne alle Umstände. Sie sind froh, wenn sie einen finden, der
ungefähr passt. Zu weit darf er sein: man wächst immer noch ein bisschen. Nur wenn
er nicht zugeht über der Brust oder würgt, dann hat es seine Not.
    Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich, das muss
früher anders gewesen sein. Früher wusste man (oder vielleicht man ahnte es), dass
man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen
kleinen in sich und die Erwachsenen einen grossen. Die Frauen hatten ihn im
Schoss und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine
eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.
    Meinem Grossvater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an, dass er
einen Tod in sich trug. Und was war das für einer: zwei Monate lang und so laut,
dass man ihn hörte bis aufs Vorwerk hinaus.
    Das lange, alte Herrenhaus war zu klein für diesen Tod, es schien, als müsste
man Flügel anbauen, denn der Körper des Kammerherrn wurde immer grösser, und er
wollte fortwährend aus einem Raum in den anderen getragen sein und geriet in
fürchterlichen Zorn, wenn der Tag noch nicht zu Ende war und es gab kein Zimmer
mehr, in dem er nicht schon gelegen hatte. Dann ging es mit dem ganzen Zuge von
Dienern, Jungfern und Hunden, die er immer um sich hatte, die Treppe hinauf und,
unter Vorantritt des Haushofmeisters, in seiner hochseligen Mutter Sterbezimmer,
das ganz in dem Zustande, in dem sie es vor dreiundzwanzig Jahren verlassen
hatte, erhalten worden war und das sonst nie jemand betreten durfte. Jetzt brach
die ganze Meute dort ein. Die Vorhänge wurden zurückgezogen, und das robuste
Licht eines Sommernachmittags untersuchte alle die scheuen, erschrockenen
Gegenstände und drehte sich ungeschickt um in den aufgerissenen Spiegeln. Und
die Leute machten es ebenso. Es gab da Zofen, die vor Neugierde nicht wussten, wo
ihre Hände sich gerade aufhielten, junge Bediente, die alles anglotzten, und
ältere Dienstleute, die herumgingen und sich zu erinnern suchten, was man ihnen
von diesem verschlossenen Zimmer, in dem sie sich nun glücklich befanden, alles
erzählt hatte.
    Vor allem aber schien den Hunden der Aufentalt in einem Raum, wo alle Dinge
rochen, ungemein anregend. Die grossen, schmalen russischen Windhunde liefen
beschäftigt hinter den Lehnstühlen hin und her, durchquerten in langem
Tanzschritt mit wiegender Bewegung das Gemach, hoben sich wie Wappenhunde auf
und schauten, die schmalen Pfoten auf das weissgoldene Fensterbrett gestützt, mit
spitzem, gespanntem Gesicht und zurückgezogener Stirn nach rechts und nach links
in den Hof. Kleine, handschuhgelbe Dachshunde sassen, mit Gesichtern, als wäre
alles ganz in der Ordnung, in dem breiten, seidenen Polstersessel am Fenster,
und ein stichelhaariger, mürrisch aussehender Hühnerhund rieb seinen Rücken an
der Kante eines goldbeinigen Tisches, auf dessen gemalter Platte die
Sèvrestassen zitterten.
    Ja, es war für diese geistesabwesenden, verschlafenen Dinge eine
schreckliche Zeit. Es passierte, dass aus Büchern, die irgend eine hastige Hand
ungeschickt geöffnet hatte, Rosenblätter heraustaumelten, die zertreten wurden;
kleine, schwächliche Gegenstände wurden ergriffen und, nachdem sie sofort
zerbrochen waren, schnell wieder hingelegt, manches Verbogene auch unter
Vorhänge gesteckt oder gar hinter das goldene Netz des Kamingitters geworfen.
Und von Zeit zu Zeit fiel etwas, fiel verhüllt auf Teppich, fiel hell auf das
harte Parkett, aber es zerschlug da und dort, zersprang scharf oder brach fast
lautlos auf, denn diese Dinge, verwöhnt wie sie waren, vertrugen keinerlei Fall.
    Und wäre es jemandem eingefallen zu fragen, was die Ursache von alledem sei,
was über dieses ängstlich gehütete Zimmer alles Untergangs Fülle herabgerufen
habe, - so hätte es nur eine Antwort gegeben: der Tod.
    Der Tod des Kammerherrn Christoph Detlev Brigge auf Ulsgaard. Denn dieser
lag, gross über seine dunkelblaue Uniform hinausquellend, mitten auf dem Fussboden
und rührte sich nicht. In seinem grossen, fremden, niemandem mehr bekannten
Gesicht waren die Augen zugefallen: er sah nicht, was geschah. Man hatte zuerst
versucht, ihn auf das Bett zu legen, aber er hatte sich dagegen gewehrt, denn er
hasste Betten seit jenen ersten Nächten, in denen seine Krankheit gewachsen war.
Auch hatte sich das Bett da oben als zu klein erwiesen, und da war nichts
anderes übrig geblieben, als ihn so auf den Teppich zu legen; denn hinunter
hatte er nicht gewollt.
    Da lag er nun, und man konnte denken, dass er gestorben sei. Die Hunde hatten
sich, da es langsam zu dämmern begann, einer nach dem anderen durch die
Türspalte gezogen, nur der Hartaarige mit dem mürrischen Gesicht sass bei seinem
Herrn, und eine von seinen breiten, zottigen Vorderpfoten lag auf Christoph
Detlevs grosser, grauer Hand. Auch von der Dienerschaft standen jetzt die meisten
draussen in dem weissen Gang, der heller war als das Zimmer; die aber, welche noch
drinnen geblieben waren, sahen manchmal heimlich nach dem grossen, dunkelnden
Haufen in der Mitte, und sie wünschten, dass das nichts mehr wäre als ein grosser
Anzug über einem verdorbenen Ding.
    Aber es war noch etwas. Es war eine Stimme, die Stimme, die noch vor sieben
Wochen niemand gekannt hatte: denn es war nicht die Stimme des Kammerherrn.
Nicht Christoph Detlev war es, welchem diese Stimme gehörte, es war Christoph
Detlevs Tod.
    Christoph Detlevs Tod lebte nun schon seit vielen, vielen Tagen auf Ulsgaard
und redete mit allen und verlangte. Verlangte, getragen zu werden, verlangte das
blaue Zimmer, verlangte den kleinen Salon, verlangte den Saal. Verlangte die
Hunde, verlangte, dass man lache, spreche, spiele und still sei und alles
zugleich. Verlangte Freunde zu sehen, Frauen und Verstorbene, und verlangte
selber zu sterben: verlangte. Verlangte und schrie.
    Denn, wenn die Nacht gekommen war und die von den übermüden Dienstleuten,
welche nicht Wache hatten, einzuschlafen versuchten, dann schrie Christoph
Detlevs Tod, schrie und stöhnte, brüllte so lange und anhaltend, dass die Hunde,
die zuerst miteulten, verstummten und nicht wagten sich hinzulegen und, auf
ihren langen, schlanken, zitternden Beinen stehend, sich fürchteten. Und wenn
sie es durch die weite, silberne, dänische Sommernacht im Dorfe hörten, dass er
brüllte, so standen sie auf wie beim Gewitter, kleideten sich an und blieben
ohne ein Wort um die Lampe sitzen, bis es vorüber war. Und die Frauen, welche
nahe vor dem Niederkommen waren, wurden in die entlegensten Stuben gelegt und in
die dichtesten Bettverschläge; aber sie hörten es, sie hörten es, als ob es in
ihrem eigenen Leibe wäre, und sie flehten, auch aufstehen zu dürfen, und kamen,
weiss und weit, und setzten sich zu den andern mit ihren verwischten Gesichtern.
Und die Kühe, welche kalbten in dieser Zeit, waren hülflos und verschlossen, und
einer riss man die tote Frucht mit allen Eingeweiden aus dem Leibe, als sie gar
nicht kommen wollte. Und alle taten ihr Tagwerk schlecht und vergassen das Heu
hereinzubringen, weil sie sich bei Tage ängstigten vor der Nacht und weil sie
vom vielen Wachsein und vom erschreckten Aufstehen so ermattet waren, dass sie
sich auf nichts besinnen konnten. Und wenn sie am Sonntag in die weisse,
friedliche Kirche gingen, so beteten sie, es möge keinen Herrn mehr auf Ulsgaard
geben: denn dieser war ein schrecklicher Herr. Und was sie alle dachten und
beteten, das sagte der Pfarrer laut von der Kanzel herab, denn auch er hatte
keine Nächte mehr und konnte Gott nicht begreifen. Und die Glocke sagte es, die
einen furchtbaren Rivalen bekommen hatte, der die ganze Nacht dröhnte und gegen
den sie, selbst wenn sie aus allem Metall zu läuten begann, nichts vermochte.
Ja, alle sagten es, und es gab einen unter den jungen Leuten, der geträumt
hatte, er wäre ins Schloss gegangen und hätte den gnädigen Herrn erschlagen mit
seiner Mistforke, und so aufgebracht war man, so zu Ende, so überreizt, dass alle
zuhörten, als er seinen Traum erzählte, und ihn, ganz ohne es zu wissen,
daraufhin ansahen, ob er solcher Tat wohl gewachsen sei. So fühlte und sprach
man in der ganzen Gegend, in der man den Kammerherrn noch vor einigen Wochen
geliebt und bedauert hatte. Aber obwohl man so sprach, veränderte sich nichts.
Christoph Detlevs Tod, der auf Ulsgaard wohnte, liess sich nicht drängen. Er war
für zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und während dieser Zeit war er mehr
Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein König, den
man den Schrecklichen nennt, später und immer.
    Das war nicht der Tod irgendeines Wassersüchtigen, das war der böse,
fürstliche Tod, den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und
aus sich genährt hatte. Alles Übermass an Stolz, Willen und Herrenkraft, das er
selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen können, war in seinen Tod
eingegangen, in den Tod, der nun auf Ulsgaard sass und vergeudete.
    Wie hätte der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt hätte,
er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen schweren Tod.
Und wenn ich an die andern denke, die ich gesehen oder von denen ich gehört
habe: es ist immer dasselbe. Sie alle haben einen eigenen Tod gehabt. Diese
Männer, die ihn in der Rüstung trugen, innen, wie einen Gefangenen, diese
Frauen, die sehr alt und klein wurden und dann auf einem ungeheueren Bett, wie
auf einer Schaubühne, vor der ganzen Familie, dem Gesinde und den Hunden diskret
und herrschaftlich hinübergingen. Ja die Kinder, sogar die ganz kleinen, hatten
nicht irgendeinen Kindertod, sie nahmen sich zusammen und starben das, was sie
schon waren, und das, was sie geworden wären.
    Und was gab das den Frauen für eine wehmütige Schönheit, wenn sie schwanger
waren und standen, und in ihrem grossen Leib, auf welchem die schmalen Hände
unwillkürlich liegen blieben, waren zwei Früchte: ein Kind und ein Tod. Kam das
dichte, beinah nahrhafte Lächeln in ihrem ganz ausgeräumten Gesicht nicht davon
her, dass sie manchmal meinten, es wüchsen beide?
Ich habe etwas getan gegen die Furcht. Ich habe die ganze Nacht gesessen und
geschrieben, und jetzt bin ich so gut müde wie nach einem weiten Weg über die
Felder von Ulsgaard. Es ist doch schwer zu denken, dass alles das nicht mehr ist,
dass fremde Leute wohnen in dem alten langen Herrenhaus. Es kann sein, dass in dem
weissen Zimmer oben im Giebel jetzt die Mägde schlafen, ihren schweren, feuchten
Schlaf schlafen von Abend bis Morgen.
    Und man hat niemand und nichts und fährt in der Welt herum mit einem Koffer
und mit einer Bücherkiste und eigentlich ohne Neugierde. Was für ein Leben ist
das eigentlich: ohne Haus, ohne ererbte Dinge, ohne Hunde. Hätte man doch
wenigstens seine Erinnerungen. Aber wer hat die? Wäre die Kindheit da, sie ist
wie vergraben. Vielleicht muss man alt sein, um an das alles heranreichen zu
können. Ich denke es mir gut, alt zu sein.
    Heute war ein schöner, herbstlicher Morgen. Ich ging durch die Tuilerien.
Alles, was gegen Osten lag, vor der Sonne, blendete. Das Angeschienene war vom
Nebel verhangen wie von einem lichtgrauen Vorhang. Grau im Grauen sonnten sich
die Statuen in den noch nicht entüllten Gärten. Einzelne Blumen in den langen
Beeten standen auf und sagten: Rot, mit einer erschrockenen Stimme. Dann kam ein
sehr grosser, schlanker Mann um die Ecke, von den Champs-Elysées her; er trug
eine Krücke, aber nicht mehr unter die Schulter geschoben, - er hielt sie vor
sich her, leicht, und von Zeit zu Zeit stellte er sie fest und laut auf wie
einen Heroldstab. Er konnte ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken und
lächelte, an allem vorbei, der Sonne, den Bäumen zu. Sein Schritt war schüchtern
wie der eines Kindes, aber ungewöhnlich leicht, voll von Erinnerung an früheres
Gehen.
Was so ein kleiner Mond alles vermag. Da sind Tage, wo alles um einen licht ist,
leicht, kaum angegeben in der hellen Luft und doch deutlich. Das Nächste schon
hat Töne der Ferne, ist weggenommen und nur gezeigt, nicht hergereicht; und was
Beziehung zur Weite hat: der Fluss, die Brücken, die langen Strassen und die
Plätze, die sich verschwenden, das hat diese Weite eingenommen hinter sich, ist
auf ihr gemalt wie auf Seide. Es ist nicht zu sagen, was dann ein lichtgrüner
Wagen sein kann auf dem Pont-neuf oder irgendein Rot, das nicht zu halten ist,
oder auch nur ein Plakat an der Feuermauer einer perlgrauen Häusergruppe. Alles
ist vereinfacht, auf einige richtige, helle plans gebracht wie das Gesicht in
einem Manetschen Bildnis. Und nichts ist gering und überflüssig. Die
Bouquinisten am Quai tun ihre Kästen auf, und das frische oder vernutzte Gelb
der Bücher, das violette Braun der Bände, das grössere Grün einer Mappe: alles
stimmt, gilt, nimmt teil und bildet eine Vollzähligkeit, in der nichts fehlt.
Unten ist folgende Zusammenstellung: ein kleiner Handwagen, von einer Frau
geschoben; vorn darauf ein Leierkasten, der Länge nach. Dahinter quer ein
Kinderkorb, in dem ein ganz Kleines auf festen Beinen steht, vergnügt in seiner
Haube, und sich nicht mag setzen lassen. Von Zeit zu Zeit dreht die Frau am
Orgelkasten. Das ganz Kleine stellt sich dann sofort stampfend in seinem Korbe
wieder auf, und ein kleines Mädchen in einem grünen Sonntagskleid tanzt und
schlägt Tamburin zu den Fenstern hinauf.
Ich glaube, ich müsste anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne.
Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen. Wiederholen wir:
ich habe eine Studie über Carpaccio geschrieben, die schlecht ist, ein Drama,
das »Ehe« heisst und etwas Falsches mit zweideutigen Mitteln beweisen will, und
Verse. Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man
sollte warten damit und Sinn und Süssigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein
langes womöglich, und dann, ganz zum Schluss, vielleicht könnte man dann zehn
Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen,
Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen
muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man
muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die
kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in
unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange
kommen sah, - an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die
man kränken musste, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht
(es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam
anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen,
verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an
Reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, - und es ist
noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben
an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von
Kreissenden und an leichte, weisse, schlafende Wöchnerinnen, die sich schliessen.
Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in
der Stube mit dem offenen Fenster und den stossweisen Geräuschen. Und es genügt
auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es
viele sind, und man muss die grosse Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen.
Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht.
Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu
unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr
seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus
ihnen ausgeht.
    Alle meine Verse aber sind anders entstanden, also sind es keine. - Und als
ich mein Drama schrieb, wie irrte ich da. War ich ein Nachahmer und Narr, dass
ich eines Dritten bedurfte, um von dem Schicksal zweier Menschen zu erzählen,
die es einander schwer machten? Wie leicht ich in die Falle fiel. Und ich hätte
doch wissen müssen, dass dieser Dritte, der durch alle Leben und Literaturen
geht, dieses Gespenst eines Dritten, der nie gewesen ist, keine Bedeutung hat,
dass man ihn leugnen muss. Er gehört zu den Vorwänden der Natur, welche immer
bemüht ist, von ihren tiefsten Geheimnissen die Aufmerksamkeit der Menschen
abzulenken. Er ist der Wandschirm, hinter dem ein Drama sich abspielt. Er ist
der Lärm am Eingang zu der stimmlosen Stille eines wirklichen Konfliktes. Man
möchte meinen, es wäre allen bisher zu schwer gewesen, von den Zweien zu reden,
um die es sich handelt; der Dritte, gerade weil er so unwirklich ist, ist das
Leichte der Aufgabe, ihn konnten sie alle. Gleich am Anfang ihrer Dramen merkt
man die Ungeduld, zu dem Dritten zu kommen, sie können ihn kaum erwarten. Sowie
er da ist, ist alles gut. Aber wie langweilig, wenn er sich verspätet, es kann
rein nichts geschehen ohne ihn, alles steht, stockt, wartet. Ja und wie, wenn es
bei diesem Stauen und Anstehn bliebe? Wie, Herr Dramatiker, und du, Publikum,
welches das Leben kennt, wie, wenn er verschollen wäre, dieser beliebte Lebemann
oder dieser anmassende junge Mensch, der in allen Ehen schliesst wie ein
Nachschlüssel? Wie, wenn ihn, zum Beispiel, der Teufel geholt hätte? Nehmen wirs
an. Man merkt auf einmal die künstliche Leere der Teater, sie werden vermauert
wie gefährliche Löcher, nur die Motten aus den Logenrändern taumeln durch den
haltlosen Hohlraum. Die Dramatiker geniessen nicht mehr ihre Villenviertel. Alle
öffentlichen Aufpassereien suchen für sie in entlegenen Weltteilen nach dem
Unersetzlichen, der die Handlung selbst war.
    Und dabei leben sie unter den Menschen, nicht diese »Dritten«, aber die
Zwei, von denen so unglaublich viel zu sagen wäre, von denen noch nie etwas
gesagt worden ist, obwohl sie leiden und handeln und sich nicht zu helfen
wissen.
    Es ist lächerrlich. Ich sitze hier in meiner kleinen Stube, ich, Brigge, der
achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand weiss. Ich sitze hier
und bin nichts. Und dennoch, dieses Nichts fängt an zu denken und denkt, fünf
Treppen hoch, an einem grauen Pariser Nachmittag diesen Gedanken:
    Ist es möglich, denkt es, dass man noch nichts wirkliches und Wichtiges
gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit
gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man die
Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot
isst und einen Apfel?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur,
Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es
möglich, dass man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre,
mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so dass sie aussieht wie
die Salonmöbel in den Sommerferien?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, dass die ganze Weltgeschichte missverstanden worden ist? Ist
es möglich, dass die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren Massen
gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen
erzählte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden, weil er fremd
war und starb?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, dass man glaubte, nachholen zu müssen, was sich ereignet hat,
ehe man geboren war? Ist es möglich, dass man jeden einzelnen erinnern müsste, er
sei ja aus allen Früheren entstanden, wüsste es also und sollte sich nichts
einreden lassen von den anderen, die anderes wüssten? Ja, es ist möglich. Ist es
möglich, dass alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz
genau kennen? Ist es möglich, dass alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; dass
ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer -?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, dass man von den Mädchen nichts weiss, die doch leben? Ist es
möglich, dass man »die Frauen« sagt, »die Kinder«, »die Knaben« und nicht ahnt
(bei aller Bildung nicht ahnt), dass diese Worte längst keine Mehrzahl mehr
haben, sondern nur unzählige Einzahlen?
    Ja, es ist möglich.
    Ist es möglich, dass es Leute gibt, welche »Gott« sagen und meinen, das wäre
etwas Gemeinsames? - Und sieh nur zwei Schulkinder: es kauft sich der eine ein
Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie
zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergibt sich, dass sie
sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen, - so verschieden haben sie sich in
verschiedenen Händen entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu: wenn ihr auch
gleich immer alles abnutzen müsst. -) Ach so: Ist es möglich, zu glauben, man
könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
    Ja, es ist möglich.
    Wenn aber dieses alles möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeit
hat, - dann muss ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nächstbeste, der,
welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muss anfangen, etwas von dem
Versäumten zu tun; wenn es auch nur irgend einer ist, durchaus nicht der
Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge, belanglose Ausländer,
Brigge, wird sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben, Tag und
Nacht. ja er wird schreiben müssen, das wird das Ende sein:
    Zwölf Jahre oder höchstens dreizehn muss ich damals gewesen sein. Mein Vater
hatte mich nach Urnekloster mitgenommen. Ich weiss nicht, was ihn veranlasste,
seinen Schwiegervater aufzusuchen. Die beiden Männer hatten sich jahrelang, seit
dem Tode meiner Mutter, nicht gesehen, und mein Vater selbst war noch nie in dem
alten Schloss gewesen, in welches der Graf Brahe sich erst spät zurückgezogen
hatte. Ich habe das merkwürdige Haus später nie wiedergesehen, das, als mein
Grossvater starb, in fremde Hände kam. So wie ich es in meiner kindlich
gearbeiteten Erinnerung wiederfinde, ist es kein Gebäude; es ist ganz aufgeteilt
in mir; da ein Raum, dort ein Raum und hier ein Stück Gang, das diese beiden
Räume nicht verbindet, sondern für sich, als Fragment, aufbewahrt ist. In dieser
Weise ist alles in mir verstreut, - die Zimmer, die Treppen, die mit so grosser
Umständlichkeit sich niederliessen, und andere enge, rundgebaute Stiegen, in
deren Dunkel man ging wie das Blut in den Adern; die Turmzimmer, die hoch
aufgehängten Balkone, die unerwarteten Altane, auf die man von einer kleinen Tür
hinausgedrängt wurde: - alles das ist noch in mir und wird nie aufhören, in mir
zu sein. Es ist, als wäre das Bild dieses Hauses aus unendlicher Höhe in mich
hineingestürzt und auf meinem Grunde zerschlagen.
    Ganz erhalten ist in meinem Herzen, so scheint es mir, nur jener Saal, in
dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten, jeden Abend um sieben Uhr.
Ich habe diesen Raum niemals bei Tage gesehen, ich erinnere mich nicht einmal,
ob er Fenster hatte und wohin sie aussahen; jedesmal, so oft die Familie
eintrat, brannten die Kerzen in den schweren Armleuchtern, und man vergass in
einigen Minuten die Tageszeit und alles, was man draussen gesehen hatte. Dieser
hohe, wie ich vermute, gewölbte Raum war stärker als alles; er saugte mit seiner
dunkelnden Höhe, mit seinen niemals ganz aufgeklärten Ecken alle Bilder aus
einem heraus, ohne einem einen bestimmten Ersatz dafür zu geben. Man sass da wie
aufgelöst; völlig ohne Willen, ohne Besinnung, ohne Lust, ohne Abwehr. Man war
wie eine leere Stelle. Ich erinnere mich, dass dieser vernichtende Zustand mir
zuerst fast Übelkeit verursachte, eine Art Seekrankheit, die ich nur dadurch
überwand, dass ich mein Bein ausstreckte, bis ich mit dem Fuss das Knie meines
Vaters berührte, der mir gegenübersass. Erst später fiel es mir auf, dass er
dieses merkwürdige Benehmen zu begreifen oder doch zu dulden schien, obwohl
zwischen uns ein fast kühles Verhältnis bestand, aus dem ein solches Gebaren
nicht erklärlich war. Es war indessen jene leise Berührung, welche mir die Kraft
gab, die langen Mahlzeiten auszuhalten. Und nach einigen Wochen krampfhaften
Ertragens hatte ich, mit der fast unbegrenzten Anpassung des Kindes, mich so
sehr an das Unheimliche jener Zusammenkünfte gewöhnt, dass es mich keine
Anstrengung mehr kostete, zwei Stunden bei Tische zu sitzen; jetzt vergingen sie
sogar verhältnismässig schnell, weil ich mich damit beschäftigte, die Anwesenden
zu beobachten.
    Mein Grossvater nannte es die Familie, und ich hörte auch die andern diese
Bezeichnung gebrauchen, die ganz willkürlich war. Denn obwohl diese vier
Menschen miteinander in entfernten verwandtschaftlichen Beziehungen standen, so
gehörten sie doch in keiner Weise zusammen. Der Oheim, welcher neben mir sass,
war ein alter Mann, dessen hartes und verbranntes Gesicht einige schwarze Flecke
zeigte, wie ich erfuhr, die Folgen einer explodierten Pulverladung; mürrisch und
malkontent wie er war, hatte er als Major seinen Abschied genommen, und nun
machte er in einem mir unbekannten Raum des Schlosses alchymistische Versuche,
war auch, wie ich die Diener sagen hörte, mit einem Stockhause in Verbindung,
von wo man ihm ein- oder zweimal jährlich Leichen zusandte, mit denen er sich
Tage und Nächte einschloss und die er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art
zubereitete, so dass sie der Verwesung widerstanden. Ihm gegenüber war der Platz
des Fräuleins Matilde Brahe. Es war das eine Person von unbestimmtem Alter,
eine entfernte Cousine meiner Mutter, von der nichts bekannt war, als dass sie
eine sehr rege Korrespondenz mit einem österreichischen Spiritisten unterhielt,
der sich Baron Nolde nannte und dem sie vollkommen ergeben war, so dass sie nicht
das geringste unternahm, ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie
seinen Segen einzuholen. Sie war zu jener Zeit ausserordentlich stark, von einer
weichen, trägen Fülle, die gleichsam achtlos in ihre losen, hellen Kleider
hineingegossen war; ihre Bewegungen waren müde und unbestimmt; und ihre Augen
flossen beständig über. Und trotzdem war etwas in ihr, das mich an meine zarte
und schlanke Mutter erinnerte.
    Ich fand, je länger ich sie betrachtete, alle die feinen und leisen Züge in
ihrem Gesichte, an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie mehr recht hatte
erinnern können; nun erst, seit ich Matilde Brahe täglich sah, wusste ich
wieder, wie die Verstorbene ausgesehen hatte; ja, ich wusste es vielleicht zum
erstenmal. Nun erst setzte sich aus hundert und hundert Einzelheiten ein Bild
der Toten in mir zusammen, jenes Bild, das mich überall begleitet. Später ist es
mir klar geworden, dass in dem Gesicht des Fräuleins Brahe wirklich alle
Einzelheiten vorhanden waren, die die Züge meiner Mutter bestimmten, - sie waren
nur, als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischen geschoben hätte,
auseinandergedrängt, verbogen und nicht mehr in Verbindung miteinander.
    Neben dieser Dame sass der kleine Sohn einer Cousine, ein Knabe, etwa
gleichaltrig mit mir, aber kleiner und schwächlicher. Aus einer gefältelten
Krause stieg sein dünner, blasser Hals und verschwand unter einem langen Kinn.
Seine Lippen waren schmal und fest geschlossen, seine Nasenflügel zitterten
leise, und von seinen schönen dunkelbraunen Augen war nur das eine beweglich. Es
blickte manchmal ruhig und traurig zu mir herüber, während das andere immer in
dieselbe Ecke gerichtet blieb, als wäre es verkauft und käme nicht mehr in
Betracht.
    Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines Grossvaters,
den ein Diener, der nichts anderes zu tun hatte, ihm unterschob und in dem der
Greis nur einen geringen Raum einnahm. Es gab Leute, die diesen schwerhörigen
und herrischen alten Herrn Exzellenz und Hofmarschall nannten, andere gaben ihm
den Titel General. Und er besass gewiss auch alle diese Würden, aber es war so
lange her, seit er Ämter bekleidet hatte, dass diese Benennungen kaum mehr
verständlich waren. Mir schien es überhaupt, als ob an seiner in gewissen
Momenten so scharfen und doch immer wieder aufgelösten Persönlichkeit kein
bestimmter Name haften könne. Ich konnte mich nie entschliessen, ihn Grossvater zu
nennen, obwohl er bisweilen freundlich zu mir war, ja mich sogar zu sich rief,
wobei er meinem Namen eine scherzhafte Betonung zu geben versuchte. Übrigens
zeigte die ganze Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem
Grafen gegenüber, nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit
mit dem greisen Hausherrn; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche Blicke
des Einverständnisses mit ihm, die ebensorasch von dem Grossvater erwidert
wurden; auch konnte man sie zuweilen in den langen Nachmittagen am Ende der
tiefen Galerie auftauchen sehen und beobachten, wie sie, Hand in Hand, die
dunklen alten Bildnisse entlang gingen, ohne zu sprechen, offenbar auf eine
andere Weise sich verständigend.
    Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draussen in den
Buchenwäldern oder auf der Heide; und es gab zum Glück Hunde auf Urnekloster,
die mich begleiteten; es gab da und dort ein Pächterhaus oder einen Meierhof, wo
ich Milch und Brot und Früchte bekommen konnte, und ich glaube, dass ich meine
Freiheit ziemlich sorglos genoss, ohne mich, wenigstens in den folgenden Wochen,
von dem Gedanken an die abendlichen Zusammenkünfte ängstigen zu lassen. Ich
sprach fast mit niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den
Hunden hatte ich kurze Gespräche dann und wann: mit ihnen verstand ich mich
ausgezeichnet. Schweigsamkeit war übrigens eine Art Familieneigenschaft; ich
kannte sie von meinem Vater her, und es wunderte mich nicht, dass während der
Abendtafel fast nichts gesprochen wurde.
    In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich Matilde
Brahe äusserst gesprächig. Sie fragte den Vater nach früheren Bekannten in
ausländischen Städten, sie erinnerte sich entlegener Eindrücke, sie rührte sich
selbst bis zu Tränen, indem sie verstorbener Freundinnen und eines gewissen
jungen Mannes gedachte, von dem sie andeutete, dass er sie geliebt habe, ohne dass
sie seine inständige und hoffnungslose Neigung hätte erwidern mögen. Mein Vater
hörte höflich zu, neigte dann und wann zustimmend sein Haupt und antwortete nur
das Nötigste. Der Graf, oben am Tisch, lächelte beständig mit herabgezogenen
Lippen, sein Gesicht erschien grösser als sonst, es war, als trüge er eine Maske.
Er ergriff übrigens selbst manchmal das Wort, wobei seine Stimme sich auf
niemanden bezog, aber, obwohl sie sehr leise war, doch im ganzen Saal gehört
werden konnte; sie hatte etwas von dem gleichmässigen unbeteiligten Gang einer
Uhr; die Stille um sie schien eine eigene leere Resonanz zu haben, für jede
Silbe die gleiche.
    Graf Brahe hielt es für eine besondere Artigkeit meinem Vater gegenüber, von
dessen verstorbener Gemahlin, meiner Mutter, zu sprechen. Er nannte sie Gräfin
Sibylle, und alle seine Sätze schlossen, als fragte er nach ihr. Ja es kam mir,
ich weiss nicht weshalb, vor, als handle es sich um ein ganz junges Mädchen in
Weiss, das jeden Augenblick bei uns eintreten könne. In demselben Tone hörte ich
ihn auch von »unserer kleinen Anna Sophie« reden. Und als ich eines Tages nach
diesem Fräulein fragte, das dem Grossvater besonders lieb zu sein schien, erfuhr
ich, dass er des Grosskanzlers Conrad Reventlow Tochter meinte, weiland Friedrichs
des Vierten Gemahlin zur linken Hand, die seit nahezu andertalb hundert Jahren
zu Roskilde ruhte. Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle für ihn, der Tod
war ein kleiner Zwischenfall, den er vollkommen ignorierte, Personen, die er
einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte, existierten, und daran konnte ihr
Absterben nicht das geringste ändern. Mehrere Jahre später, nach dem Tode des
alten Herrn, erzählte man sich, wie er auch das Zukünftige mit demselben
Eigensinn als gegenwärtig empfand. Er soll einmal einer gewissen jungen Frau von
ihren Söhnen gesprochen haben, von den Reisen eines dieser Söhne insbesondere,
während die junge Dame, eben im dritten Monate ihrer ersten Schwangerschaft,
fast besinnungslos vor Entsetzen und Furcht neben dem unablässig redenden Alten
sass.
    Aber es begann damit, dass ich lachte. Ja ich lachte laut und ich konnte mich
nicht beruhigen. Eines Abends fehlte nämlich Matilde Brahe. Der alte, fast ganz
erblindete Bediente hielt, als er zu ihrem Platze kam, dennoch die Schüssel
anbietend hin. Eine Weile verharrte er so; dann ging er befriedigt und würdig
und als ob alles in Ordnung wäre weiter. Ich hatte diese Szene beobachtet, und
sie kam mir, im Augenblick da ich sie sah, durchaus nicht komisch vor. Aber eine
Weile später, als ich eben einen Bissen in den Mund steckte, stieg mir das
Gelächter mit solcher Schnelligkeit in den Kopf, dass ich mich verschluckte und
grossen Lärm verursachte. Und trotzdem diese Situation mir selber lästig war,
trotzdem ich mich auf alle mögliche Weise anstrengte, ernst zu sein, kam das
Lachen stossweise immer wieder und behielt völlig die Herrschaft über mich.
    Mein Vater, gleichsam um mein Benehmen zu verdecken, fragte mit seiner
breiten gedämpften Stimme: »Ist Matilde krank?« Der Grossvater lächelte in
seiner Art und antwortete dann mit einem Satze, auf den ich, mit mir selber
beschäftigt, nicht achtgab und der etwa lautete: Nein, sie wünscht nur,
Christinen nicht zu begegnen. Ich sah es also auch nicht als die Wirkung dieser
Worte an, dass mein Nachbar, der braune Major, sich erhob und, mit einer
undeutlich gemurmelten Entschuldigung und einer Verbeugung gegen den Grafen hin,
den Saal verliess. Es fiel mir nur auf, dass er sich hinter dem Rücken des
Hausherrn in der Tür nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und zu meinem
grössten Erstaunen plötzlich auch mit winkende und nickende Zeichen machte, als
forderte er uns auf, ihm zu folgen. Ich war so überrascht, dass mein Lachen
aufhörte, mich zu bedrängen. Im übrigen schenkte ich dem Major weiter keine
Aufmerksamkeit; er war mir unangenehm, und ich bemerkte auch, dass der kleine
Erik ihn nicht beachtete.
    Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer, und man war gerade beim
Nachtisch angelangt, als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und
mitgenommen wurden, die im Hintergrund des Saales, im Halbdunkel, vor sich ging.
Dort war nach und nach eine, wie ich meinte, stets verschlossene Türe, von
welcher man mir gesagt hatte, dass sie in das Zwischengeschoss führe, aufgegangen,
und jetzt, während ich mit einem mir ganz neuen Gefühl von Neugier und
Bestürzung hinsah, trat in das Dunkel der Türöffnung eine schlanke,
hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu. Ich weiss nicht, ob ich eine
Bewegung machte oder einen Laut von mir gab, der Lärm eines umstürzenden Stuhles
zwang mich, meine Blicke von der merkwürdigen Gestalt abzureissen, und ich sah
meinen Vater, der aufgesprungen war und nun, totenbleich im Gesicht, mit
herabhängenden geballten Händen, auf die Dame zuging. Sie bewegte sich indessen,
von dieser Szene ganz unberührt, auf uns zu, Schritt für Schritt, und sie war
schon nicht mehr weit von dem Platze des Grafen, als dieser sich mit einem Ruck
erhob, meinen Vater beim Arme fasste, ihn an den Tisch zurückzog und festielt,
während die fremde Dame, langsam und teilnahmlos, durch den nun freigewordenen
Baum vorüberging, Schritt für Schritt, durch unbeschreibliche Stille, in der nur
irgendwo ein Glas zitternd klirrte, und in einer Tür der gegenüberliegenden Wand
des Saales verschwand.
    In diesem Augenblick bemerkte ich, dass es der kleine Erik war, der mit einer
tiefen Verbeugung diese Türe hinter der Fremden schloss.
    Ich war der einzige, der am Tische sitzengeblieben war; ich hatte mich so
schwer gemacht in meinem Sessel, mir schien, ich könnte allein nie wieder auf.
Eine Weile sah ich, ohne zu sehen. Dann fiel mir mein Vater ein, und ich
gewahrte, dass der Alte ihn noch immer am Arme festielt. Das Gesicht meines
Vaters war jetzt zornig, voller Blut, aber der Grossvater, dessen Finger wie eine
weisse Kralle meines Vaters Arm umklammerten, lächelte sein maskenhaftes Lächeln.
Ich hörte dann, wie er etwas sagte, Silbe für Silbe, ohne dass ich den Sinn
seiner Worte verstehen konnte. Dennoch fielen sie mir tief ins Gehör, denn vor
etwa zwei Jahren fand ich sie eines Tages unten in meiner Erinnerung, und
seiter weiss ich sie. Er sagte: »Du bist heftig, Kammerherr, und unhöflich. Was
lässt du die Leute nicht an ihre Beschäftigungen gehn?« »Wer ist das?« schrie
mein Vater dazwischen. »Jemand, der wohl das Recht hat, hier zu sein. Keine
Fremde. Christine Brahe.« - Da entstand wieder jene merkwürdig dünne Stille, und
wieder fing das Glas an zu zittern. Dann aber riss sich mein Vater mit einer
Bewegung los und stürzte aus dem Saale.
    Ich hörte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen; denn auch
ich konnte nicht schlafen. Aber plötzlich gegen Morgen erwachte ich doch aus
irgend etwas Schlafähnlichem und sah mit einem Entsetzen, das mich bis ins Herz
hinein lähmte, etwas Weisses, das an meinem Bette sass. Meine Verzweiflung gab mir
schliesslich die Kraft, den Kopf unter die Decke zu stecken, und dort begann ich
aus Angst und Hülflosigkeit zu weinen. Plötzlich wurde es kühl und hell über
meinen weinenden Augen; ich drückte sie, um nichts sehen zu müssen, über den
Tränen zu. Aber die Stimme, die nun von ganz nahe auf mich einsprach, kam lau
und süsslich an mein Gesicht, und ich erkannte sie: es war Fräulein Matildes
Stimme. Ich beruhigte mich sofort und liess mich trotzdem, auch als ich schon
ganz ruhig war, immer noch weiter trösten; ich fühlte zwar, dass diese Güte zu
weichlich sei, aber ich genoss sie dennoch und meinte sie irgendwie verdient zu
haben. »Tante«, sagte ich schliesslich und versuchte in ihrem zerflossenen
Gesicht die Züge meiner Mutter zusammenzufassen: »Tante, wer war die Dame?«
    »Ach«, antwortete das Fräulein Brahe mit einem Seufzer, der mir komisch
vorkam, »eine Unglückliche, mein Kind, eine Unglückliche.«
    Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente, die mit
Packen beschäftigt waren. Ich dachte, dass wir reisen würden, ich fand es ganz
natürlich, dass wir nun reisten. Vielleicht war das auch meines Vaters Absicht.
Ich habe nie erfahren, was ihn bewog, nach jenem Abend noch auf Urnekloster zu
bleiben. Aber wir reisten nicht. Wir hielten uns noch acht Wochen oder neun in
diesem Hause auf, wir ertrugen den Druck seiner Seltsamkeiten, und wir sahen
noch dreimal Christine Brahe.
    Ich wusste damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wusste nicht, dass sie vor
langer, langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war, einen Knaben
gebärend, der zu einem bangen und grausamen Schicksal heranwuchs, - ich wusste
nicht, dass sie eine Gestorbene war. Aber mein Vater wusste es. Hatte er, der
leidenschaftlich war und auf Konsequenz und Klarheit angelegt, sich zwingen
wollen, in Fassung und ohne zu fragen, dieses Abenteuer auszuhalten? Ich sah,
ohne zu begreifen, wie er mit sich kämpfte, ich erlebte es, ohne zu verstehen,
wie er sich endlich bezwang.
    Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war auch
Fräulein Matilde zu Tische erschienen; aber sie war anders als sonst. Wie in
den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie unaufhörlich ohne bestimmten
Zusammenhang und fortwährend sich verwirrend, und dabei war eine körperliche
Unruhe in ihr, die sie nötigte, sich beständig etwas am Haar oder am Kleide zu
richten, - bis sie unvermutet mit einem hohen klagenden Schrei aufsprang und
verschwand.
    In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkürlich nach der
gewissen Türe, und wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein Nachbar, der Major,
machte eine heftige, kurze Bewegung, die sich in meinen Körper fortpflanzte,
aber er hatte offenbar keine Kraft mehr, sich zu erheben. Sein braunes, altes,
fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum andern, sein Mund stand offen, und
die Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zähnen; dann auf einmal war dieses
Gesicht fort, und sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und seine Arme lagen wie
in Stücken darüber und darunter, und irgendwo kam eine welke, fleckige Hand
hervor und bebte.
    Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt für Schritt, langsam wie eine
Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger wimmernder Laut
hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob sich links von dem grossen
silbernen Schwan, der mit Narzissen gefüllt war, die grosse Maske des Alten
hervor mit ihrem grauen Lächeln. Er hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und nun
sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel
vorüberkam, nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine
Handbreit über den Tisch hob.
    Und noch in dieser Nacht reisten wir.
                                                         Bibliotèque Nationale.
Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt
sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern,
wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut
ist es doch, unter lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du
kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts. Und stösst du
einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er
nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet sich dir zu
und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden. Wie wohl
das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter. Was für ein Schicksal. Es sind
jetzt vielleicht dreihundert Leute im Saale, die lesen; aber es ist unmöglich,
dass sie jeder einzelne einen Dichter haben. (Weiss Gott, was sie haben.)
Dreihundert Dichter gibt es nicht. Aber sieh nur, was für ein Schicksal, ich,
vielleicht der armsäligste von diesen Lesenden, ein Ausländer: ich habe einen
Dichter. Obwohl ich arm bin. Obwohl mein Anzug, den ich täglich trage, anfängt,
gewisse Stellen zu bekommen, obwohl gegen meine Schuhe sich das und jenes
einwenden liesse. Zwar mein Kragen ist rein, meine Wäsche auch, und ich könnte,
wie ich bin, in eine beliebige Konditorei gehen, womöglich auf den grossen
Boulevards, und könnte mit meiner Hand getrost in einen Kuchenteller greifen und
etwas nehmen. Man würde nichts Auffälliges darin finden und mich nicht schelten
und hinausweisen, denn es ist immerhin eine Hand aus den guten Kreisen, eine
Hand, die vier- bis fünfmal täglich gewaschen wird. Ja, es ist nichts hinter den
Nägeln, der Schreibfinger ist ohne Tinte, und besonders die Gelenke sind
tadellos. Bis dortin waschen arme Leute sich nicht, das ist eine bekannte
Tatsache. Man kann also aus ihrer Reinlichkeit gewisse Schlüsse ziehen. Man
zieht sie auch. In den Geschäften zieht man sie. Aber es gibt doch ein paar
Existenzen, auf dem Boulevard Saint-Michel zum Beispiel und in der rue Racine,
die lassen sich nicht irremachen, die pfeifen auf die Gelenke. Die sehen mich an
und wissen es. Die wissen, dass ich eigentlich zu ihnen gehöre, dass ich nur ein
bisschen Komödie spiele. Es ist ja Fasching. Und sie wollen mir den Spass nicht
verderben; sie grinsen nur so ein bisschen und zwinkern mit den Augen. Kein
Mensch hats gesehen. Im übrigen behandeln sie mich wie einen Herrn. Es muss nur
jemand in der Nähe sein, dann tun sie sogar untertänig. Tun, als ob ich einen
Pelz anhätte und mein Wagen hinter mir herführe. Manchmal gebe ich ihnen zwei
Sous und zittere, sie könnten sie abweisen; aber sie nehmen sie an. Und es wäre
alles in Ordnung, wenn sie nicht wieder ein wenig gegrinst und gezwinkert
hätten. Wer sind diese Leute? Was wollen sie von mir? Warten sie auf mich? Woran
erkennen sie mich? Es ist wahr, mein Bart sieht etwas vernachlässigt aus, und
ein ganz, ganz klein wenig erinnert er an ihre kranken, alten, verblichenen
Bärte, die mir immer Eindruck gemacht haben. Aber habe ich nicht das Recht,
meinen Bart zu vernachlässigen? Viele beschäftigte Menschen tun das, und es
fällt doch niemandem ein, sie deshalb gleich zu den Fortgeworfenen zu zählen.
Denn das ist mir klar, dass das die Fortgeworfenen sind, nicht nur Bettler; nein,
es sind eigentlich keine Bettler, man muss Unterschiede machen. Es sind Abfälle,
Schalen von Menschen, die das Schicksal ausgespieen hat. Feucht vom Speichel des
Schicksals kleben sie an einer Mauer, an einer Laterne, an einer Plakatsäule,
oder sie rinnen langsam die Gasse herunter mit einer dunklen, schmutzigen Spur
hinter sich her. Was in aller Welt wollte diese Alte von mir, die, mit einer
Nachttischschublade, in der einige Knöpfe und Nadeln herumrollten, aus
irgendeinem Loch herausgekrochen war? Weshalb ging sie immer neben mir und
beobachtete mich? Als ob sie versuchte, mich zu erkennen mit ihren Triefaugen,
die aussahen, als hätte ihr ein Kranker grünen Schleim in die blutigen Lider
gespuckt. Und wie kam damals jene graue, kleine Frau dazu, eine Viertelstunde
lang vor einem Schaufenster an meiner Seite zu stehen, während sie mir einen
alten, langen Bleistift zeigte, der unendlich langsam aus ihren schlechten,
geschlossenen Händen sich herausschob. Ich tat, als betrachtete ich die
ausgelegten Sachen und merkte nichts. Sie aber wusste, dass ich sie gesehen hatte,
sie wusste, dass ich stand und nachdachte, was sie eigentlich täte. Denn dass es
sich nicht um den Bleistift handeln konnte, begriff ich wohl: ich fühlte, dass
das ein Zeichen war, ein Zeichen für Eingeweihte, ein Zeichen, das die
Fortgeworfenen kennen; ich ahnte, sie bedeutete mir, ich müsste irgendwohin
kommen oder etwas tun. Und das Seltsamste war, dass ich immerfort das Gefühl
nicht los wurde, es bestünde tatsächlich eine gewisse Verabredung, zu der dieses
Zeichen gehörte, und diese Szene wäre im Grunde etwas, was ich hätte erwarten
müssen.
    Das war vor zwei Wochen. Aber nun vergeht fast kein Tag ohne eine solche
Begegnung. Nicht nur in der Dämmerung, am Mittag in den dichtesten Strassen
geschieht es, dass plötzlich ein kleiner Mann oder eine alte Frau da ist, nickt,
mir etwas zeigt und wieder verschwindet, als wäre nun alles Nötige getan. Es ist
möglich, dass es ihnen eines Tages einfällt, bis in meine Stube zu kommen, sie
wissen bestimmt, wo ich wohne, und sie werden es schon einrichten, dass der
Concierge sie nicht aufhält. Aber hier, meine Lieben, hier bin ich sicher vor
euch. Man muss eine besondere Karte haben, um in diesen Saal eintreten zu können.
Diese Karte habe ich vor euch voraus. Ich gehe ein wenig scheu, wie man sich
denken kann, durch die Strassen, aber schliesslich stehe ich vor einer Glastür,
öffne sie, als ob ich zuhause wäre, weise an der nächsten Tür meine Karte vor
(ganz genau wie ihr mir eure Dinge zeigt, nur mit dem Unterschiede, dass man mich
versteht und begreift, was ich meine -), und dann bin ich zwischen diesen
Büchern, bin euch weggenommen, als ob ich gestorben wäre, und sitze und lese
einen Dichter.
    Ihr wisst nicht, was das ist, ein Dichter? - Verlaine... Nichts? Keine
Erinnerung? Nein. Ihr habt ihn nicht unterschieden unter denen, die ihr kanntet?
Unterschiede macht ihr keine, ich weiss. Aber es ist ein anderer Dichter, den ich
lese, einer, der nicht in Paris wohnt, ein ganz anderer. Einer, der ein stilles
Haus hat im Gebirge. Der klingt wie eine Glocke in reiner Luft. Ein glücklicher
Dichter, der von seinem Fenster erzählt und von den Glastüren seines
Bücherschrankes, die eine liebe, einsame Weite nachdenklich spiegeln. Gerade der
Dichter ist es, der ich hätte werden wollen; denn er weiss von den Mädchen so
viel, und ich hätte auch viel von ihnen gewusst. Er weiss von Mädchen, die vor
hundert Jahren gelebt haben; es tut nichts mehr, dass sie tot sind, denn er weiss
alles. Und das ist die Hauptsache. Er spricht ihre Namen aus, diese leisen,
schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen
Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer älteren Freundinnen, in denen schon
ein klein wenig Schicksal mitklingt, ein klein wenig Enttäuschung und Tod.
Vielleicht liegen in einem Fach seines Mahagonischreibtisches ihre verblichenen
Briefe und die gelösten Blätter ihrer Tagebücher, in denen Geburtstage stehen,
Sommerpartien, Geburtstage. Oder es kann sein, dass es in der bauchigen Kommode
im Hintergrunde seines Schlafzimmers eine Schublade gibt, in der ihre
Frühjahrskleider aufgehoben sind; weisse Kleider, die um Ostern zum erstenmal
angezogen wurden, Kleider aus getupftem Tüll, die eigentlich in den Sommer
gehören, den man nicht erwarten konnte. O was für ein glückliches Schicksal, in
der stillen Stube eines ererbten Hauses zu sitzen unter lauter ruhigen,
sesshaften Dingen und draussen im leichten, lichtgrünen Garten die ersten Meisen
zu hören, die sich versuchen, und in der Ferne die Dorfuhr. Zu sitzen und auf
einen warmen Streifen Nachmittagssonne zu sehen und vieles von vergangenen
Mädchen zu wissen und ein Dichter zu sein. Und zu denken, dass ich auch so ein
Dichter geworden wäre, wenn ich irgendwo hätte wohnen dürfen, irgendwo auf der
Welt, in einem von den vielen verschlossenen Landhäusern, um die sich niemand
bekümmert. Ich hätte ein einziges Zimmer gebraucht (das lichte Zimmer im
Giebel). Da hätte ich drinnen gelebt mit meinen alten Dingen, den
Familienbildern, den Büchern. Und einen Lehnstuhl hätte ich gehabt und Blumen
und Hunde und einen starken Stock für die steinigen Wege. Und nichts sonst. Nur
ein Buch in gelbliches, elfenbeinfarbiges Leder gebunden mit einem alten
blumigen Muster als Vorsatz: dahinein hätte ich geschrieben. Ich hätte viel
geschrieben, denn ich hätte viele Gedanken gehabt und Erinnerungen von Vielen.
    Aber es ist anders gekommen, Gott wird wissen, warum. Meine alten Möbel
faulen in einer Scheune, in die ich sie habe stellen dürfen, und ich selbst, ja,
mein Gott, ich habe kein Dach über mir, und es regnet mir in die Augen.
Manchmal gehe ich an kleinen Läden vorbei in der rue de Seine etwa. Händler mit
Altsachen oder kleine Buchantiquare oder Kupferstichverkäufer mit überfüllten
Schaufenstern. Nie tritt jemand bei ihnen ein, sie machen offenbar keine
Geschäfte. Sieht man aber hinein, so sitzen sie, sitzen und lesen, unbesorgt;
sorgen nicht um morgen, ängstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hund,
der vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille noch grösser
macht, indem sie die Bücherreihen entlang streicht, als wischte sie die Namen
von den Rücken.
    Ach, wenn das genügte: ich wünschte manchmal, mir so ein volles Schaufenster
zu kaufen und mich mit einem Hund dahinterzusetzen für zwanzig Jahre.
Es ist gut, es laut zu sagen: »Es ist nichts geschehen.« Noch einmal: »Es ist
nichts geschehen.« Hilft es?
    Dass mein Ofen wieder einmal geraucht hat und ich ausgehen musste, das ist
doch wirklich kein Unglück. Dass ich mich matt und erkältet fühle, hat nichts zu
bedeuten. Dass ich den ganzen Tag in den Gassen umhergelaufen bin, ist meine
eigene Schuld. Ich hätte ebensogut im Louvre sitzen können. Oder nein, das hätte
ich nicht. Dort sind gewisse Leute, die sich wärmen wollen. Sie sitzen auf den
Samtbänken, und ihre Füsse stehen wie grosse leere Stiefel nebeneinander auf den
Gittern der Heizungen. Es sind äusserst bescheidene Männer, die dankbar sind,
wenn die Diener in den dunklen Uniformen mit den vielen Orden sie dulden. Aber
wenn ich eintrete, so grinsen sie. Grinsen und nicken ein wenig. Und dann, wenn
ich vor den Bildern hin und her gehe, behalten sie mich im Auge, immer im Auge,
immer in diesem umgerührten, zusammengeflossenen Auge. Es war also gut, dass ich
nicht ins Louvre gegangen bin. Ich bin immer unterwegs gewesen. Weiss der Himmel
in wie vielen Städten, Stadtteilen, Friedhöfen, Brücken und Durchgängen.
Irgendwo habe ich einen Mann gesehen, der einen Gemüsewagen vor sich herschob.
Er schrie: Chou-fleur, Chou-fleur, das fleur mit eigentümlich trübem eu. Neben
ihm ging eine eckige, hässliche Frau, die ihn von Zeit zu Zeit anstiess. Und wenn
sie ihn anstiess, so schrie er. Manchmal schrie er auch von selbst, aber dann war
es umsonst gewesen, und er musste gleich darauf wieder schreien, weil man vor
einem Hause war, welches kaufte. Habe ich schon gesagt, dass er blind war? Nein?
Also er war blind. Er war blind und schrie. Ich fälsche, wenn ich das sage, ich
unterschlage den Wagen, den er schob, ich tue, als hätte ich nicht bemerkt, dass
er Blumenkohl ausrief Aber ist das wesentlich? Und wenn es auch wesentlich wäre,
kommt es nicht darauf an, was die ganze Sache für mich gewesen ist? Ich habe
einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich gesehen.
Gesehen.
    Wird man es glauben, dass es solche Häuser gibt? Nein, man wird sagen, ich
fälsche. Diesmal ist es Wahrheit, nichts weggelassen, natürlich auch nichts
hinzugetan. Woher sollte ich es nehmen? Man weiss, dass ich arm bin. Man weiss es.
Häuser? Aber, um genau zu sein, es waren Häuser, die nicht mehr da waren.
Häuser, die man abgebrochen hatte von oben bis unten. Was da war, das waren die
anderen Häuser, die danebengestanden hatten, hohe Nachbarhäuser. Offenbar waren
sie in Gefahr, umzufallen, seit man nebenan alles weggenommen hatte; denn ein
ganzes Gerüst von langen, geteerten Mastbäumen war schräg zwischen den Grund des
Schuttplatzes und die blossgelegte Mauer gerammt. Ich weiss nicht, ob ich schon
gesagt habe, dass ich diese Mauer meine. Aber es war sozusagen nicht die erste
Mauer der vorhandenen Häuser (was man doch hätte annehmen müssen), sondern die
letzte der früheren. Man sah ihre Innenseite. Man sah in den verschiedenen
Stockwerken Zimmerwände, an denen noch die Tapeten klebten, da und dort den
Ansatz des Fussbodens oder der Decke. Neben den Zimmerwänden blieb die ganze
Mauer entlang noch ein schmutzigweisser Raum, und durch diesen kroch in unsäglich
widerlichen, wurmweichen, gleichsam verdauenden Bewegungen die offene,
rostfleckige Rinne der Abortröhre. Von den Wegen, die das Leuchtgas gegangen
war, waren graue, staubige Spuren am Rande der Decken geblieben, und sie bogen
da und dort, ganz unerwartet, rund um und kamen in die farbige Wand
hineingelaufen und in ein Loch hinein, das schwarz und rücksichtslos ausgerissen
war. Am unvergesslichsten aber waren die Wände selbst. Das zähe Leben dieser
Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen. Es war noch da, es hielt sich an den
Nägeln, die geblieben waren, es stand auf dem handbreiten Rest der Fussböden, es
war unter den Ansätzen der Ecken, wo es noch ein klein wenig Innenraum gab,
zusammengekrochen. Man konnte sehen, dass es in der Farbe war, die es langsam,
Jahr um Jahr, verwandelt hatte: Blau in schimmliches Grün, Grün in Grau und Gelb
in ein altes, abgestandenes Weiss, das fault. Aber es war auch in den frischeren
Stellen, die sich hinter Spiegeln, Bildern und Schränken erhalten hatten; denn
es hatte ihre Umrisse gezogen und nachgezogen und war mit Spinnen und Staub auch
auf diesen versteckten Plätzen gewesen, die jetzt blosslagen. Es war in jedem
Streifen, der abgeschunden war, es war in den feuchten Blasen am unteren Rande
der Tapeten, es schwankte in den abgerissenen Fetzen, und aus den garstigen
Flecken, die vor langer Zeit entstanden waren, schwitzte es aus. Und aus diesen
blau, grün und gelb gewesenen Wänden, die eingerahmt waren von den Bruchbahnen
der zerstörten Zwischenmauern, stand die Luft dieser Leben heraus, die zähe,
träge, stockige Luft, die kein Wind noch zerstreut hatte. Da standen die Mittage
und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiss,
der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht, und das Fade aus
den Munden und der Fuselgeruch gärender Füsse. Da stand das Scharfe vom Urin und
das Brennen vom Russ und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte Gestank
von alterndem Schmalze. Der süsse, lange Geruch von vernachlässigten Säuglingen
war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen, und das Schwüle
aus den Betten mannbarer Knaben. Und vieles hatte sich dazugesellt, was von
unten gekommen war, aus dem Abgrund der Gasse, die verdunstete, und anderes war
von oben herabgesickert mit dem Regen, der über den Städten nicht rein ist. Und
manches hatten die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in derselben
Strasse bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man den Ursprung
nicht wusste. Ich habe doch gesagt, dass man alle Mauern abgebrochen hatte bis auf
die letzte -? Nun von dieser Mauer spreche ich fortwährend. Man wird sagen, ich
hätte lange davorgestanden; aber ich will einen Eid geben dafür, dass ich
zulaufen begann, sobald ich die Mauer erkannt hatte. Denn das ist das
Schreckliche, dass ich sie erkannt habe. Ich erkenne das alles hier, und darum
geht es so ohne weiteres in mich ein: es ist zu Hause in mir.
    Ich war etwas erschöpft nach alledem, man kann wohl sagen angegriffen, und
darum war es zuviel für mich, dass auch er noch auf mich warten musste. Er wartete
in der kleinen Crémerie, wo ich zwei Spiegeleier essen wollte; ich war hungrig,
ich war den ganzen Tag nicht dazu gekommen zu essen. Aber ich konnte auch jetzt
nichts zu mir nehmen; ehe die Eier noch fertig waren, trieb es mich wieder
hinaus in die Strassen, die ganz dickflüssig von Menschen mir entgegenrannen.
Denn es war Fasching und Abend, und die Leute hatten alle Zeit und trieben umher
und rieben sich einer am andern. Und ihre Gesichter waren voll von dem Licht,
das aus den Schaubuden kam, und das Lachen quoll aus ihren Munden wie Eiter aus
offenen Stellen. Sie lachten immer mehr und drängten sich immer enger zusammen,
je ungeduldiger ich versuchte vorwärts zu kommen. Das Tuch eines Frauenzimmers
hakte sich irgendwie an mir fest, ich zog sie hinter mir her, und die Leute
hielten mich auf und lachten, und ich fühlte, dass ich auch lachen sollte, aber
ich konnte es nicht. Jemand warf mir eine Hand Confetti in die Augen, und es
brannte wie eine Peitsche. An den Ecken waren die Menschen festgekeilt, einer in
den andern geschoben, und es war keine Weiterbewegung in ihnen, nur ein leises,
weiches Auf und Ab, als ob sie sich stehend paarten. Aber obwohl sie standen und
ich am Rande der Fahrbahn, wo es Risse im Gedränge gab, hinlief wie ein
Rasender, war es in Wahrheit doch so, dass sie sich bewegten und ich mich nicht
rührte. Denn es veränderte sich nichts; wenn ich aufsah, gewahrte ich immer noch
dieselben Häuser auf der einen Seite und auf der anderen die Schaubuden.
Vielleicht auch stand alles fest, und es war nur ein Schwindel in mir und ihnen,
der alles zu drehen schien. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ich war
schwer von Schweiss, und es kreiste ein betäubender Schmerz in mir, als ob in
meinem Blute etwas zu Grosses mittriebe, das die Adern ausdehnte, wohin es kam.
Und dabei fühlte ich, dass die Luft längst zu Ende war und dass ich nur mehr
Ausgeatmetes einzog, das meine Lungen stehen liessen.
    Aber nun ist es vorbei; ich habe es überstanden. Ich sitze in meinem Zimmer
bei der Lampe; es ist ein wenig kalt, denn ich wage es nicht, den Ofen zu
versuchen; was, wenn er rauchte und ich müsste wieder hinaus? Ich sitze und
denke: wenn ich nicht arm wäre, würde ich mir ein anderes Zimmer mieten, ein
Zimmer mit Möbeln, die nicht so aufgebraucht sind, nicht so voll von früheren
Mietern wie diese hier. Zuerst war es mir wirklich schwer, den Kopf in diesen
Lehnstuhl zu legen; es ist da nämlich eine gewisse schmierig-graue Mulde in
seinem grünen Bezug, in die alle Köpfe zu passen scheinen. Längere Zeit
gebrauchte ich die Vorsicht, ein Taschentuch unter meine Haare zu legen, aber
jetzt bin ich zu müde dazu; ich habe gefunden, dass es auch so geht und dass die
kleine Vertiefung genau für meinen Hinterkopf gemacht ist, wie nach Mass. Aber
ich würde mir, wenn ich nicht arm wäre, vor allem einen guten Ofen kaufen, und
ich würde das reine, starke Holz heizen, welches aus dem Gebirge kommt, und
nicht diese trostlosen têtes-de-moineau, deren Dunst das Atmen so bang macht und
den Kopf so wirr. Und dann müsste jemand da sein, der ohne grobes Geräusch
aufräumt und der das Feuer besorgt, wie ich es brauche; denn oft, wenn ich eine
Viertelstunde vor dem Ofen knien muss und rütteln, die Stirnhaut gespannt von der
nahen Glut und mit Hitze in den offenen Augen, gebe ich alles aus, was ich für
den Tag an Kraft habe, und wenn ich dann unter die Leute komme, haben sie es
natürlich leicht. Ich würde manchmal, wenn grosses Gedränge ist, einen Wagen
nehmen, vorbeifahren, ich würde täglich in einem Duval essen... und nicht mehr
in die Crémerien kriechen... Ob er wohl auch in einem Duval gewesen wäre? Nein.
Dort hätte er nicht auf mich warten dürfen. Sterbende lässt man nicht hinein.
Sterbende? Ich sitze ja jetzt in meiner Stube; ich kann ja versuchen, ruhig über
das nachzudenken, was mir begegnet ist. Es ist gut, nichts im Ungewissen zu
lassen. Also ich trat ein und sah zuerst nur, dass der Tisch, an dem ich öfters
zu sitzen pflegte, von jemandem anderen eingenommen war. Ich grüsste nach dem
kleinen Buffet hin, bestellte und setzte mich nebenan. Aber da fühlte ich ihn,
obwohl er sich nicht rührte. Gerade seine Regungslosigkeit fühlte ich und
begriff sie mit einem Schlage. Die Verbindung zwischen uns war hergestellt, und
ich wusste, dass er erstarrt war vor Entsetzen. Ich wusste, dass das Entsetzen ihn
gelähmt hatte, Entsetzen über etwas, was in ihm geschah. Vielleicht brach ein
Gefäss in ihm, vielleicht trat ein Gift, das er lange gefürchtet hatte, gerade
jetzt in seine Herzkammer ein, vielleicht ging ein grosses Geschwür auf in seinem
Gehirn wie eine Sonne, die ihm die Welt verwandelte. Mit unbeschreiblicher
Anstrengung zwang ich mich, nach ihm hinzusehen, denn ich hoffte noch, dass alles
Einbildung sei. Aber es geschah, dass ich aufsprang und hinausstürzte; denn ich
hatte mich nicht geirrt. Er sass da in einem dicken, schwarzen Wintermantel, und
sein graues, gespanntes Gesicht hing tief in ein wollenes Halstuch. Sein Mund
war geschlossen, als wäre er mit grosser Wucht zugefallen, aber es war nicht
möglich zu sagen, ob seine Augen noch schauten: beschlagene, rauchgraue
Brillengläser lagen davor und zitterten ein wenig. Seine Nasenflügel waren
aufgerissen, und das lange Haar über seinen Schläfen, aus denen alles
weggenommen war, welkte wie in zu grosser Hitze. Seine Ohren waren lang, gelb,
mit grossen Schatten hinter sich. Ja, er wusste, dass er sich jetzt von allem
entfernte nicht nur von den Menschen. Ein Augenblick noch, und alles wird seinen
Sinn verloren haben, und dieser Tisch und die Tasse und der Stuhl, an den er
sich klammert, alles Tägliche und Nächste wird unverständlich geworden sein,
fremd und schwer. So sass er da und wartete, bis es geschehen sein würde. Und
wehrte sich nicht mehr.
    Und ich wehre mich noch. Ich wehre mich, obwohl ich weiss, dass mir das Herz
schon heraus hängt und dass ich doch nicht mehr leben kann, auch wenn meine
Quäler jetzt von mir abliessen. Ich sage mir: es ist nichts geschehen, und doch
habe ich jenen Mann nur begreifen können, weil auch in mir etwas vor sich geht,
das anfängt, mich von allem zu entfernen und abzutrennen. Wie graute mir immer,
wenn ich von einem Sterbenden sagen hörte: er konnte schon niemanden mehr
erkennen. Dann stellte ich mir ein einsames Gesicht vor, das sich aufhob aus
Kissen und suchte, nach etwas Bekanntem suchte, nach etwas schon einmal
Gesehenem suchte, aber es war nichts da. Wenn meine Furcht nicht so gross wäre,
so würde ich mich damit trösten, dass es nicht unmöglich ist, alles anders zu
sehen und doch zu leben. Aber ich fürchte mich, ich fürchte mich namenlos vor
dieser Veränderung. Ich bin ja noch gar nicht in dieser Welt eingewöhnt gewesen,
die mir gut scheint.
    Was soll ich in einer anderen? Ich würde so gerne unter den Bedeutungen
bleiben, die mir lieb geworden sind, und wenn schon etwas sich verändern muss, so
möchte ich doch wenigstens unter den Hunden leben dürfen, die eine verwandte
Welt haben und dieselben Dinge.
    Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein
Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben
heissen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit der
anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben,
und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen. Bei
aller Furcht bin ich schliesslich doch wie einer, der vor etwas Grossem steht, und
ich erinnere mich, dass es früher oft ähnlich in mir war, eh ich zu schreiben
begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden. Ich bin der Eindruck, der
sich verwandeln wird. Oh, es fehlt nur ein kleines, und ich könnte das alles
begreifen und guteissen. Nur ein Schritt, und mein tiefes Elend würde Seligkeit
sein. Aber ich kann diesen Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich
nicht mehr aufheben, weil ich zerbrochen bin. Ich habe ja immer noch geglaubt,
es könnte eine Hülfe kommen. Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift, was
ich gebetet habe, Abend für Abend. Ich habe es mir aus den Büchern, in denen ich
es fand, abgeschrieben, damit es mir ganz nahe wäre und aus meiner Hand
entsprungen wie Eigenes. Und ich will es jetzt noch einmal schreiben, hier vor
meinem Tisch kniend will ich es schreiben; denn so habe ich es länger, als wenn
ich es lese, und jedes Wort dauert an und hat Zeit zu verhallen.
    »Mécontent de tous et mécontent de moi, je voudrais bien me racheter et
m'enorgueillir un peu dans le silence et la solitude de la nuit. Âmes de ceux
que j'ai aimés, âmes de ceux que j'ai chantés, fortifiez-moi, soutenez-moi,
éloignez de moi le mensonge et les vapeurs corruptrices du monde; et vous,
Seigneur mon Dieu! accordez-moi la grâce de produire quelques beaux vers qui me
prouvent à moi-même que je ne suis pas le dernier des hommes, que je ne suis pas
inférieur à ceux que je méprise.«
»Die Kinder loser und verachteter Leute, die die Geringsten im Lande waren. Nun
bin ich ihr Saitenspiel worden und muss ihr Märlein sein.
    ... sie haben über mich einen Weg gemacht...
    ... es war ihnen so leicht, mich zu beschädigen, dass sie keiner Hülfe dazu
durften.
    ... nun aber geusset sich aus meine Seele über mich, und mich hat ergriffen
die elende Zeit.
    Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allentalben; und die mich jagen,
legen sich nicht schlafen.
    Durch die Menge der Kraft werde ich anders und anders gekleidet; und man
gürtet mich damit wie mit dem Loch meines Rocks...
    Meine Eingeweide sieden und hören nicht auf; mich hat überfallen die elende
Zeit...
    Meine Harfe ist eine Klage worden, und meine Pfeife ein Weinen.«
    Der Arzt hat mich nicht verstanden. Nichts. Es war ja auch schwer zu
erzählen. Man wollte einen Versuch machen mit dem Elektrisieren. Gut. Ich bekam
einen Zettel: ich sollte um ein Uhr in der Salpêtrière sein. Ich war dort. Ich
musste lange an verschiedenen Baracken vorüber, durch mehrere Höfe gehen, in
denen da und dort Leute mit weissen Hauben wie Sträflinge unter den leeren Bäumen
standen. Endlich kam ich in einen langen, dunklen, gangartigen Raum, der auf der
einen Seite vier Fenster aus mattem, grünlichem Glase hatte, eines vom anderen
durch eine breite, schwarze Zwischenwand getrennt. Davor lief eine Holzbank hin,
an allem vorbei, und auf dieser Bank sassen sie, die mich kannten, und warteten.
Ja, sie waren alle da. Als ich mich an die Dämmerung des Raumes gewöhnt hatte,
merkte ich, dass unter denen, welche Schulter an Schulter in endloser Reihe da -
sassen, auch einige andere Leute sein konnten, kleine Leute, Handwerker,
Bedienerinnen und Lastkutscher. Unten an der Schmalseite des Ganges auf
besonderen Stühlen hatten sich zwei dicke Frauen ausgebreitet, die sich
unterhielten, vermutlich Conciergen. Ich sah nach der Uhr; es war fünf Minuten
vor Eins. Nun in fünf, sagen wir in zehn Minuten, musste ich drankommen; es war
also nicht so schlimm. Die Luft war schlecht, schwer, voll Kleider und Atem. An
einer gewissen Stelle schlug die starke, steigernde Kühle von Äter aus einer
Türspalte. Ich begann auf und ab zu gehen. Es kam mir in den Sinn, dass man mich
hierher gewiesen hatte, unter diese Leute, in diese überfüllte, allgemeine
Sprechstunde. Es war sozusagen die erste öffentliche Bestätigung, dass ich zu den
Fortgeworfenen gehörte; hatte der Arzt es mir angesehen? Aber ich hatte meinen
Besuch in einem leidlich guten Anzuge gemacht, ich hatte meine Karte
hineingeschickt. Trotzdem, er musste es irgendwie erfahren haben, vielleicht
hatte ich mich selbst verraten. Nun, da es einmal Tatsache war, fand ich es auch
gar nicht so arg; die Leute sassen still und achteten nicht auf mich. Einige
hatten Schmerzen und schwenkten ein wenig das eine Bein, um sie leichter
auszuhalten. Verschiedene Männer hatten den Kopf in die flachen Hände gelegt,
andere schliefen tief mit schweren, verschütteten Gesichtern. Ein dicker Mann
mit rotem, angeschwollenem Halse sass vorübergebeugt da, stierte auf den Fussboden
und spie von Zeit zu Zeit klatschend auf einen Fleck, der ihm dazu passend
schien. Ein Kind schluchzte in einer Ecke; die langen magern Beine hatte es zu
sich auf die Bank gezogen, und nun hielt es sie umfasst und an sich gepresst, als
müsste es von ihnen Abschied nehmen. Eine kleine, blasse Frau, der ein mit
runden, schwarzen Blumen geputzter Krepphut schief auf den Haaren sass, hatte die
Grimasse eines Lächelns um die dürftigen Lippen, aber ihre wunden Lider gingen
beständig über. Nicht weit von ihr hatte man ein Mädchen hingesetzt mit rundem
glatten Gesicht und herausgedrängten Augen, die ohne Ausdruck waren; sein Mund
stand offen, so dass man das weisse, schleimige Zahnfleisch sah mit den alten,
verkümmerten Zähnen. Und viele Verbände gab es. Verbände, die den ganzen Kopf
Schichte um Schichte umzogen, bis nur noch ein einziges Auge da war, das
niemandem mehr gehörte. Verbände, die verbargen, und Verbände, die zeigten, was
darunter war. Verbände, die man geöffnet hatte und in denen nun, wie in einem
schmutzigen Bett, eine Hand lag, die keine mehr war; und ein eingebundenes Bein,
das aus der Reihe herausstand, gross wie ein ganzer Mensch. Ich ging auf und ab
und gab mir Mühe, ruhig zu sein. Ich beschäftigte mich viel mit der
gegenüberliegenden Wand. Ich bemerkte, dass sie eine Anzahl einflügeliger Türen
entielt und nicht bis an die Decke reichte, so dass dieser Gang von den Räumen,
die daneben liegen mussten, nicht ganz abgetrennt war. Ich sah nach der Uhr; ich
war eine Stunde auf und ab gegangen. Eine Weile später kamen die Ärzte. Zuerst
ein paar junge Leute, die mit gleichgültigen Gesichtern vorbeigingen,
schliesslich der, bei dem ich gewesen war, in lichten Handschuhen, Chapeau à huit
reflets, tadellosem Überzieher. Als er mich sah, hob er ein wenig den Hut und
lächelte zerstreut. Ich hatte nun Hoffnung, gleich gerufen zu werden, aber es
verging wieder eine Stunde. Ich kann mich nicht erinnern, womit ich sie
verbrachte. Sie verging. Ein alter Mann kam in einer fleckigen Schürze, eine Art
Wärter, und berührte mich an der Schulter. Ich trat in eines der Nebenzimmer.
Der Arzt und die jungen Leute sassen um einen Tisch und sahen mich an, man gab
mir einen Stuhl. So. Und nun sollte ich erzählen, wie das eigentlich mit mit
wäre. Möglichst kurz, s'il vous plaît. Denn viel Zeit hätten die Herren nicht.
Mir war seltsam zumut. Die jungen Leute sassen und sahen mich an mit jener
überlegenen, fachlichen Neugier, die sie gelernt hatten. Der Arzt, den ich
kannte, strich seinen schwarzen Spitzbart und lächelte zerstreut. Ich dachte,
dass ich in Weinen ausbrechen würde, aber ich hörte mich französisch sagen: »Ich
hatte bereits die Ehre, Ihnen, mein Herr, alle Auskünfte zu geben, die ich geben
kann. Halten Sie es für nötig, dass diese Herren eingeweiht werden, so sind Sie
nach unserer Unterredung gewiss imstande, dies mit einigen Worten zu tun, während
es nur sehr schwer fällt.« Der Arzt erhob sich mit höflichem Lächeln, trat mit
den Assistenten ans Fenster und sagte ein paar Worte, die er mit einer
waagerechten, schwankenden Handbewegung begleitete. Nach drei Minuten kam einer
von den jungen Leuten, kurzsichtig und fahrig, an den Tisch zurück und sagte,
indem er versuchte, mich strenge anzusehen: »Sie schlafen gut, mein Herr?«
»Nein, schlecht.« Worauf er wieder zu der Gruppe zurücksprang. Dort verhandelte
man noch eine Weile, dann wandte sich der Arzt an mich und teilte mir mit, dass
man mich rufen lassen würde. Ich erinnerte ihn, dass ich auf ein Uhr bestellt
worden sei. Er lächelte und machte ein paar schnelle, sprunghafte Bewegungen mit
seinen kleinen weissen Händen, die bedeuten wollten, dass er ungemein beschäftigt
sei. Ich kehrte also in meinen Gang zurück, in dem die Luft viel lastender
geworden war, und fing wieder an, hin und her zu gehen, obwohl ich mich todmüde
fühlte. Schliesslich machte der feuchte, angehäufte Geruch mich schwindlig; ich
blieb an der Eingangstür stehen und öffnete sie ein wenig. Ich sah, dass draussen
noch Nachmittag und etwas Sonne war, und das tat mir unsagbar wohl. Aber ich
hatte kaum eine Minute so gestanden, da hörte ich, dass man mich rief. Eine
Frauenperson, die zwei Schritte entfernt bei einem kleinen Tische sass, zischte
mir etwas zu. Wer mich geheissen hätte, die Türe öffnen. Ich sagte, ich könnte
die Luft nicht vertragen. Gut, das sei meine Sache, aber die Türe müsse
geschlossen bleiben. Ob es denn nicht anginge, ein Fenster aufzumachen. Nein,
das sei verboten. Ich beschloss, das Aufundabgehen wieder aufzunehmen, weil es
schliesslich eine Art Betäubung war und niemanden kränkte. Aber der Frau an dem
kleinen Tische missfiel jetzt auch das. Ob ich denn keinen Platz hätte. Nein, den
hätte ich nicht. Das Herumgehen sei aber nicht gestattet; ich müsste mir einen
Platz suchen. Es würde schon noch einer da sein. Die Frau hatte recht. Es fand
sich wirklich sogleich ein Platz neben dem Mädchen mit den herausdrängenden
Augen. Da sass ich nun in dem Gefühle, dass dieser Zustand unbedingt auf etwas
Fürchterliches vorbereiten müsse. Links war also das Mädchen mit dem faulenden
Zahnfleisch; was rechts von mir war, konnte ich erst nach einer Weile erkennen.
Es war eine ungeheuere, unbewegliche Masse, die ein Gesicht hatte und eine
grosse, schwere, reglose Hand. Die Seite des Gesichtes, die ich sah, war leer,
ganz ohne Züge und ohne Erinnerungen, und es war unheimlich, dass der Anzug wie
der einer Leiche war, die man für den Sarg angekleidet hatte. Die schmale,
schwarze Halsbinde war in derselben losen unpersönlichen Weise um den Kragen
geschnallt, und dem Rock sah man es an, dass er von anderen über diesen
willenlosen Körper gezogen worden war. Die Hand hatte man auf diese Hose gelegt,
dortin wo sie lag, und sogar das Haar war wie von Leichenwäscherinnen gekämmt
und war, wie das Haar ausgestopfter Tiere, steif geordnet. Ich betrachtete das
alles mit Aufmerksamkeit, und es fiel mir ein, dass dies also der Platz sei, der
für mich bestimmt gewesen war, denn ich glaubte nun endlich an diejenige Stelle
meines Lebens gekommen zu sein, an der ich bleiben würde. Ja, das Schicksal geht
wunderbare Wege.
    Plötzlich erhoben sich ganz in der Nähe rasch hintereinander die
erschreckten, abwehrenden Schreie eines Kindes, denen ein leises, zugehaltenes
Weinen folgte. Während ich mich anstrengte, herauszufinden, wo das könnte
gewesen sein, verzitterte wieder ein kleiner, unterdrückter Schrei, und ich
hörte Stimmen, die fragten, eine Stimme, die halblaut befahl, und dann schnurrte
irgend eine gleichgültige Maschine los und kümmerte sich um nichts. Jetzt
erinnerte ich mich jener halben Wand, und es war mir klar, dass das alles von
jenseits der Türen kam und dass man dort an der Arbeit war. Wirklich erschien von
Zeit zu Zeit der Wärter mit der fleckigen Schürze und winkte. Ich dachte gar
nicht mehr daran, dass er mich meinen könnte. Galt es mir? Nein. Zwei Männer
waren da mit einem Rollstuhl; sie hoben die Masse hinein, und ich sah jetzt, dass
es ein alter, lahmer Mann war, der noch eine andere, kleinere, vom Leben
abgenutzte Seite hatte mit einem offenen, trüben, traurigen Auge. Sie fuhren ihn
hinein, und neben mir entstand eine Menge Platz. Und ich sass und dachte, was sie
wohl dem blöden Mädchen tun wollten und ob es auch schreien würde. Die Maschinen
dahinten schnurrten so angenehm fabrikmässig, es hatte gar nichts Beunruhigendes.
    Plötzlich aber war alles still, und in die Stille sagte eine überlegene,
selbstgefällige Stimme, die ich zu kennen glaubte:
    »Riez!« Pause. »Riez. Mais riez, riez.« Ich lachte schon. Es war
unerklärlich, weshalb der Mann da drüben nicht lachen wollte. Eine Maschine
ratterte los, verstummte aber sofort wieder, Worte wurden gewechselt, dann erhob
sich wieder dieselbe energische Stimme und befahl: »Dites-nous le mot: avant.«
Buchstabierend: »a-v-a-n-t«... Stille. »On n'entend rien. Encore une fois:....«
    Und da, als es drüben so warm und schwammig lallte: da zum erstenmal seit
vielen, vielen Jahren war es wieder da. Das, was mir das erste, tiefe Entsetzen
eingejagt hatte, wenn ich als Kind im Fieber lag: das Grosse. Ja, so hatte ich
immer gesagt, wenn sie alle um mein Bett standen und mir den Puls fühlten und
mich fragten, was mich erschreckt habe: Das Grosse. Und wenn sie den Doktor
holten und er war da und redete mir zu, so bat ich ihn, er möchte nur machen,
dass das Grosse wegginge, alles andere wäre nichts. Aber er war wie die andern. Er
konnte es nicht fortnehmen, obwohl ich damals doch klein war und mir leicht zu
helfen gewesen wäre. Und jetzt war es wieder da. Es war später einfach
ausgeblieben, auch in Fiebernächten war es nicht wiedergekommen, aber jetzt war
es da, obwohl ich kein Fieber hatte. Jetzt war es da. Jetzt wuchs es aus mir
heraus wie eine Geschwulst, wie ein zweiter Kopf, und war ein Teil von mir,
obwohl es doch gar nicht zu mir gehören konnte, weil es so gross war. Es war da,
wie ein grosses totes Tier, das einmal, als es noch lebte, meine Hand gewesen war
oder mein Arm. Und mein Blut ging durch mich und durch es, wie durch einen und
denselben Körper. Und mein Herz musste sich sehr anstrengen, um das Blut in das
Grosse zu treiben: es war fast nicht genug Blut da. Und das Blut trat ungern ein
in das Grosse und kam krank und schlecht zurück. Aber das Grosse schwoll an und
wuchs mir vor das Gesicht wie eine warme bläuliche Beule und wuchs mir vor den
Mund, und über meinem letzten Auge war schon der Schatten von seinem Rande.
    Ich kann mich nicht erinnern, wie ich durch die vielen Höfe hinausgekommen
war. Es war Abend, und ich verirrte mich in der fremden Gegend und ging
Boulevards mit endlosen Mauern in einer Richtung hinauf und, wenn dann kein Ende
da war, in der entgegengesetzten Richtung zurück bis an irgendeinen Platz. Dort
begann ich eine Strasse zu gehen, und es kamen andere Strassen, die ich nie
gesehen hatte, und wieder andere. Elektrische Bahnen rasten manchmal überhell
und mit hartem, klopfendem Geläute heran und vorbei. Aber auf ihren Tafeln
standen Namen, die ich nicht kannte. Ich wusste nicht, in welcher Stadt ich war
und ob ich hier irgendwo eine Wohnung hatte und was ich tun musste, um nicht mehr
gehen zu müssen.
    Und jetzt auch noch diese Krankheit, die mich immer schon so eigentümlich
berührt hat. Ich bin sicher, dass man sie unterschätzt. Genau wie man die
Bedeutung anderer Krankheiten übertreibt. Diese Krankheit hat keine bestimmten
Eigenheiten, sie nimmt die Eigenheiten dessen an, den sie ergreift. Mit einer
somnambulen Sicherheit holt sie aus einem jeden seine tiefste Gefahr heraus, die
vergangen schien, und stellt sie wieder vor ihn hin, ganz nah, in die nächste
Stunde. Männer, die einmal in der Schulzeit das hülflose Laster versucht haben,
dessen betrogene Vertraute die armen, harten Knabenhände sind, finden sich
wieder darüber, oder es fängt eine Krankheit, die sie als Kinder überwunden
haben, wieder in ihnen an; oder eine verlorene Gewohnheit ist wieder da, ein
gewisses zögerndes Wenden des Kopfes, das ihnen vor Jahren eigen war. Und mit
dem, was kommt, hebt sich ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhängt
wie nasser Tang an einer versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren
hätte, tauchen empor und mischen sich unter das, was wirklich gewesen ist, und
verdrängen Vergangenes, das man zu kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt,
ist eine ausgeruhte, neue Kraft, das aber, was immer da war, ist müde von zu
oftem Erinnern.
    Ich liege in meinem Bett, fünf Treppen hoch, und mein Tag, den nichts
unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding, das lange
verloren war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt, geschont und gut, neuer
fast als zur Zeit des Verlustes, ganz als ob es bei irgend jemandem in Pflege
gewesen wäre -: so liegt da und da auf meiner Bettdecke Verlorenes aus der
Kindheit und ist wie neu. Alle verlorenen Ängste sind wieder da.
    Die Angst, dass ein kleiner Wollfaden, der aus dem Saum der Decke
heraussteht, hart sei, hart und scharf wie eine stählerne Nadel; die Angst, dass
dieser kleine Knopf meines Nachtemdes grösser sei als mein Kopf, gross und
schwer; die Angst, dass dieses Krümchen Brot, das jetzt von meinem Bette fällt,
gläsern und zerschlagen unten ankommen würde, und die drückende Sorge, dass damit
eigentlich alles zerbrochen sei, alles für immer; die Angst, dass der Streifen
Rand eines aufgerissenen Briefes etwas Verbotenes sei, das niemand sehen dürfe,
etwas unbeschreiblich Kostbares, für das keine Stelle in der Stube sicher genug
sei; die Angst, dass ich, wenn ich einschliefe, das Stück Kohle verschlucken
würde, das vor dem Ofen liegt; die Angst, dass irgendeine Zahl in meinem Gehirn
zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat in mir; die Angst, dass das
Granit sei, worauf ich liege, grauer Granit; die Angst, dass ich schreien könnte
und dass man vor meiner Türe zusammenliefe und sie schliesslich aufbräche, die
Angst, dass ich mich verraten könnte und alles das sagen, wovor ich mich fürchte,
und die Angst, dass ich nichts sagen könnte, weil alles unsagbar ist, - und die
anderen Ängste... die Ängste.
    Ich habe um meine Kindheit gebeten, und sie ist wiedergekommen, und ich
fühle, dass sie immer noch so schwer ist wie damals und dass es nichts genützt
hat, älter zu werden.
    Gestern war mein Fieber besser, und heute fängt der Tag wie Frühling an, wie
Frühling in Bildern. Ich will versuchen, auszugehen in die Bibliotèque
Nationale zu meinem Dichter, den ich so lange nicht gelesen habe, und vielleicht
kann ich später langsam durch die Gärten gehen. Vielleicht ist Wind über dem
grossen Teich, der so wirkliches Wasser hat, und es kommen Kinder, die ihre
Schiffe mit den roten Segeln hineinlassen und zuschauen.
    Heute habe ich es nicht erwartet, ich bin so mutig ausgegangen, als wäre das
das Natürlichste und Einfachste. Und doch, es war wieder etwas da, das mich nahm
wie Papier, mich zusammenknüllte und fortwarf, es war etwas Unerhörtes da.
    Der Boulevard St-Michel war leer und weit, und es ging sich leicht auf
seiner leisen Neigung. Fensterflügel oben öffneten sich mit gläsernem Aufklang,
und ihr Glänzen flog wie ein weisser Vogel über die Strasse. Ein Wagen mit
hellroten Rädern kam vorüber, und weiter unten trug jemand etwas Lichtgrünes.
Pferde liefen in blinkernden Geschirren auf dem dunkel gesprjetzten Fahrdamm, der
rein war. Der Wind war erregt, neu, mild, und alles stieg auf: Gerüche, Rufe,
Glocken.
    Ich kam an einem der Caféhäuser vorbei, in denen am Abend die falschen roten
Zigeuner spielen. Aus den offenen Fenstern kroch mit schlechtem Gewissen die
übernächtige Luft. Glattgekämmte Kellner waren dabei, vor der Türe zu scheuern.
Der eine stand gebückt und warf, handvoll nach handvoll, gelblichen Sand unter
die Tische. Da stiess ihn einer von den Vorübergehenden an und zeigte die Strasse
hinunter. Der Kellner, der ganz rot im Gesicht war, schaute eine Weile scharf
hin, dann verbreitete sich ein Lachen auf seinen bartlosen Wangen, als wäre es
darauf verschüttet worden. Er winkte den andern Kellnern, drehte das lachende
Gesicht ein paarmal schnell von rechts nach links, um alle herbeizurufen und
selbst nichts zu versäumen. Nun standen alle und blickten hinuntersehend oder -
suchend, lächelnd oder ärgerlich, dass sie noch nicht entdeckt hatten, was
Lächerliches es gäbe.
    Ich fühlte, dass ein wenig Angst in mir anfing. Etwas drängte mich auf die
andere Seite hinüber; aber ich begann nur schneller zu gehen und überblickte
unwillkürlich die wenigen Leute vor mir, an denen ich nichts Besonderes
bemerkte. Doch ich sah, dass der eine, ein Laufbursche mit einer blauen Schürze
und einem leeren Henkelkorb über der einen Schulter, jemandem nachschaute. Als
er genug hatte, drehte er sich auf derselben Stelle nach den Häusern um und
machte zu einem lachenden Kommis hinüber die schwankende Bewegung vor der
Stirne, die allen geläufig ist. Dann blitzte er mit den schwarzen Augen und kam
mir befriedigt und sich wiegend entgegen.
    Ich erwartete, sobald mein Auge Raum hatte, irgendeine ungewöhnliche und
auffallende Figur zu sehen, aber es zeigte sich, dass vor mir niemand ging, als
ein grosser hagerer Mann in einem dunklen Überzieher und mit einem weichen,
schwarzen Hut auf dem kurzen, fahlblonden Haar. Ich vergewisserte mich, dass
weder an der Kleidung, noch in dem Benehmen dieses Mannes etwas Lächerliches
sei, und versuchte schon, an ihm vorüber den Boulevard hinunter zu schauen, als
er über irgend etwas stolperte. Da ich nahe hinter ihm folgte, nahm ich mich in
acht, aber als die Stelle kam, war da nichts, rein nichts. Wir gingen beide
weiter, er und ich, der Abstand zwischen uns blieb derselbe. Jetzt kam ein
Strassenübergang, und da geschah es, dass der Mann vor mir mit ungleichen Beinen
die Stufen des Gangsteigs hinunterhüpfte in der Art etwa, wie Kinder manchmal
während des Gehens aufhüpfen oder springen, wenn sie sich freuen. Auf den
jenseitigen Gangsteig kam er einfach mit einem langen Schritt hinauf. Aber kaum
war er oben, zog er das eine Bein ein wenig an und hüpfte auf dem anderen einmal
hoch und gleich darauf wieder und wieder. Jetzt konnte man diese plötzliche
Bewegung wieder ganz gut für ein Stolpern halten, wenn man sich einredete, es
wäre da eine Kleinigkeit gewesen, ein Kern, die glitschige Schale einer Frucht,
irgend etwas; und das Seltsame war, dass der Mann selbst an das Vorhandensein
eines Hindernisses zu glauben schien, denn er sah sich jedesmal mit jenem halb
ärgerlichen, halb vorwurfsvollen Blick, den die Leute in solchen Augenblicken
haben, nach der lästigen Stelle um. Noch einmal rief mich etwas Warnendes auf
die andere Seite der Strasse, aber ich folgte nicht und blieb immerfort hinter
diesem Manne, indem ich meine ganze Aufmerksamkeit auf seine Beine richtete. Ich
muss gestehen, dass ich mich merkwürdig erleichtert fühlte, als etwa zwanzig
Schritte lang jenes Hüpfen nicht wiederkam, aber da ich nun meine Augen aufhob,
bemerkte ich, dass dem Manne ein anderes Ärgernis entstanden war. Der Kragen
seines Überziehers hatte sich aufgestellt; und wie er sich auch, bald mit einer
Hand, bald mit beiden umständlich bemühte, ihn niederzulegen, es wollte nicht
gelingen. Das kam vor. Es beunruhigte mich nicht. Aber gleich darauf gewahrte
ich mit grenzenloser Verwunderung, dass in den beschäftigten Händen dieses
Menschen zwei Bewegungen waren: eine heimliche, rasche, mit welcher er den
Kragen unmerklich hochklappte, und jene andere ausführliche, anhaltende,
gleichsam übertrieben buchstabierte Bewegung, die das Umlegen des Kragens
bewerkstelligen sollte. Diese Beobachtung verwirrte mich so sehr, dass zwei
Minuten vergingen, ehe ich erkannte, dass im Halse des Mannes, hinter dem
hochgeschobenen Überzieher und den nervös agierenden Händen dasselbe
schreckliche, zweisilbige Hüpfen war, das seine Beine eben verlassen hatte. Von
diesem Augenblick an war ich an ihn gebunden. Ich begriff, dass dieses Hüpfen in
seinem Körper herumirrte, dass es versuchte, hier und da auszubrechen. Ich
verstand seine Angst vor den Leuten, und ich begann selber vorsichtig zu prüfen,
ob die Vorübergehenden etwas merkten. Ein kalter Stich fuhr mir durch den
Rücken, als seine Beine plötzlich einen kleinen, zuckenden Sprung machten, aber
niemand hatte es gesehen, und ich dachte mir aus, dass auch ich ein wenig
stolpern wollte, im Falle jemand aufmerksam wurde. Das wäre gewiss ein Mittel,
Neugierige glauben zu machen, es hätte da doch ein kleines, unscheinbares
Hindernis im Wege gelegen, auf das wir zufällig beide getreten hätten. Aber
während ich so auf Hülfe sann, hatte er selbst einen neuen, ausgezeichneten
Ausweg gefunden. Ich habe vergessen zu sagen, dass er einen Stock trug; nun, es
war ein einfacher Stock, aus dunklem Holze mit einem schlichten, rund gebogenen
Handgriff. Und es war ihm in seiner suchenden Angst in den Sinn gekommen, diesen
Stock zunächst mit einer Hand (denn wer weiss, wozu die zweite noch nötig sein
würde) auf den Rücken zu halten, gerade über die Wirbelsäule, ihn fest ins Kreuz
zu drücken und das Ende der runden Krücke in den Kragen zu schieben, so dass man
es hart und wie einen Halt hinter dem Halswirbel und dem ersten Rückenwirbel
spürte. Das war eine Haltung, die nicht auffällig, höchstens ein wenig übermütig
war; der unerwartete Frühlingstag konnte das entschuldigen. Niemandem fiel es
ein, sich umzusehen, und nun ging es. Es ging vortrefflich. Freilich beim
nächsten Strassenübergange kamen zwei Hüpfer aus, zwei kleine, halbunterdrückte
Hüpfer, die vollkommen belanglos waren; und der eine, wirklich sichtbare Sprung
war so geschickt angebracht (es lag gerade ein Spritzschlauch quer über dem
Weg), dass nichts zu befürchten war. Ja, noch ging alles gut; von Zeit zu Zeit
griff auch die zweite Hand an den Stock und presste ihn fester an, und die Gefahr
war gleich wieder überstanden. Ich konnte nichts dagegen tun, dass meine Angst
dennoch wuchs. Ich wusste, dass, während er ging und mit unendlicher Anstrengung
versuchte, gleichgültig und zerstreut auszusehen, das furchtbare Zucken in
seinem Körper sich anhäufte; auch in mir war die Angst, mit der er es wachsen
und wachsen fühlte, und ich sah, wie er sich an den Stock klammerte, wenn es
innen in ihm zu rütteln begann. Dann war der Ausdruck dieser Hände so
unerbittlich und streng, dass ich alle Hoffnung in seinen Willen setzte, der gross
sein musste. Aber was war da ein Wille. Der Augenblick musste kommen, da seine
Kraft zu Ende war, er konnte nicht weit sein. Und ich, der ich hinter ihm
herging mit stark schlagendem Herzen, ich legte mein bisschen Kraft zusammen wie
Geld, und indem ich auf seine Hände sah, bat ich ihn, er möchte nehmen, wenn er
es brauchte.
    Ich glaube, dass er es genommen hat; was konnte ich dafür, dass es nicht mehr
war.
    Auf der Place St-Michel waren viele Fahrzeuge und hin und her eilende Leute,
wir waren oft zwischen zwei Wagen, und dann holte er Atem und liess sich ein
wenig gehen, wie um auszuruhen, und ein wenig hüpfte es und nickte ein wenig.
Vielleicht war das die List, mit der die gefangene Krankheit ihn überwinden
wollte. Der Wille war an zwei Stellen durchbrochen, und das Nachgeben hatte in
den besessenen Muskeln einen leisen, lockenden Reiz zurückgelassen und den
zwingenden Zweitakt. Aber der Stock war noch an seinem Platz, und die Hände
sahen böse und zornig aus; so betraten wir die Brücke, und es ging. Es ging. Nun
kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei Schritte, und nun stand er.
Stand. Die linke Hand löste sich leise vom Stock ab und hob sich so langsam
empor, dass ich sie vor der Luft zittern sah; er schob den Hut ein wenig zurück
und strich sich über die Stirn. Er wandte ein wenig den Kopf, und sein Blick
schwankte über Himmel, Häuser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab er
nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er auffliegen wollte,
und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und bog ihn vor und riss ihn zurück
und liess ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter
die Menge. Denn schon waren viele Leute um ich, und ich sah ihn nicht mehr.
    Was hätte es für einen Sinn gehabt, noch irgendwohin zu gehen, ich war leer.
Wie in leeres Papier trieb ich an den Häusern entlang, den Boulevard wieder
hinauf.
1Ich versuche es, Dir zu schreiben, obwohl es eigentlich nichts gibt nach einem
notwendigen Abschied. Ich versuche es dennoch, ich glaube, ich muss es tun, weil
ich die Heilige gesehen habe im Panteon, die einsame, heilige Frau und das Dach
und die Tür und drin die Lampe mit dem bescheidnen Lichtkreis und drüben die
schlafende Stadt und den Fluss und die Ferne im Mondschein. Die Heilige wacht
über der schlafenden Stadt. Ich habe geweint. Ich habe geweint, weil das alles
auf einmal so unerwartet da war. Ich habe davor geweint, ich wusste mir nicht zu
helfen.
    Ich bin in Paris, die es hören freuen sich, die meisten beneiden mich. Sie
haben recht. Es ist eine grosse Stadt, gross, voll merkwürdiger Versuchungen. Was
mich betrifft, ich muss zugeben, dass ich ihnen in gewisser Beziehung erlegen bin.
Ich glaube, es lässt sich nicht anders sagen. Ich bin diesen Versuchungen
erlegen, und das hat gewisse Veränderungen zur Folge gehabt, wenn nicht in
meinem Charakter, so doch in meiner Weltanschauung, jedenfalls in meinem Leben.
Eine vollkommen andere Auffassung aller Dinge hat sich unter diesen Einflüssen
in mir herausgebildet, es sind gewisse Unterschiede da, die mich von den
Menschen mehr als alles Bisherige abtrennen. Eine veränderte Welt. Ein neues
Leben voll neuer Bedeutungen. Ich habe es augenblicklich etwas schwer, weil
alles zu neu ist. Ich bin ein Anfänger in meinen eigenen Verhältnissen.
    Ob es nicht möglich wäre, einmal das Meer zu sehen?
    Ja, aber denke nur, ich bildete mir ein, Du könntest kommen. Hättest Du mir
vielleicht sagen können, ob es einen Arzt gibt? Ich habe vergessen, mich danach
zu erkundigen. Übrigens brauche ich es jetzt nicht mehr.
    Erinnerst Du Dich an Baudelaires unglaubliches Gedicht »Une Charogne«? Es
kann sein, dass ich es jetzt verstehe. Abgesehen von der letzten Strophe war er
im Recht. Was sollte er tun, da ihm das widerfuhr? Es war seine Aufgabe, in
diesem Schrecklichen, scheinbar nur Widerwärtigen das Seiende zu sehen, das
unter allem Seienden gilt. Auswahl und Ablehnung gibt es nicht. Hältst Du es
für einen Zufall, dass Flaubert seinen Saint-Julien-l'Hospitalier geschrieben
hat? Es kommt mir vor, als wäre das das Entscheidende: ob einer es über sich
bringt, sich zu dem Aussätzigen zu legen und ihn zu erwärmen mit der Herzwärme
der Liebesnächte, das kann nicht anders als gut ausgehen.
    Glaube nur nicht, dass ich hier an Enttäuschungen leide, im Gegenteil. Es
wundert mich manchmal, wie bereit ich alles Erwartete aufgebe für das Wirkliche,
selbst wenn es arg ist.
    Mein Gott, wenn etwas davon sich teilen liesse. Aber wäre es dann, wäre es
dann? Nein, es ist nur um den Preis des Alleinseins.
Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft. Du atmest es ein
mit Durchsichtigem; in dir aber schlägt es sich nieder, wird hart, nimmt spitze,
geometrische Formen an zwischen den Organen; denn alles, was sich an Qual und
Grauen begeben hat auf den Richtplätzen, in den Folterstuben, den Tollhäusern,
den Operationssälen, unter den Brückenbögen im Nachherbst: alles das ist von
einer zähen Unvergänglichkeit, alles das besteht auf sich und hängt,
eifersüchtig auf alles Seiende, an seiner schrecklichen Wirklichkeit. Die
Menschen möchten vieles davon vergessen dürfen; ihr Schlaf feilt sanft über
solche Furchen im Gehirn, aber Träume drängen ihn ab und ziehen die Zeichnungen
nach. Und sie wachen auf und keuchen und lassen einer Kerze Schein sich auflösen
in der Finsternis und trinken, wie gezuckertes Wasser, die halbhelle Beruhigung.
Aber, ach, auf welcher Kante hält sich diese Sicherheit. Nur eine geringste
Wendung, und schon wieder steht der Blick über Bekanntes und Freundliches
hinaus, und der eben noch so tröstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand von
Grauen. Hüte dich vor dem Licht, das den Raum hohler macht; sieh dich nicht um,
ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem Aufsitzen aufsteht wie dein Herr.
Besser vielleicht, du wärest in der Dunkelheit geblieben und dein unabgegrenztes
Herz hätte versucht, all des Ununterscheidbaren schweres Herz zu sein. Nun hast
du dich zusammengenommen in dich, siehst dich vor dir aufhören in deinen Händen,
ziehst von Zeit zu Zeit mit einer ungenauen Bewegung dein Gesicht nach. Und in
dir ist beinah kein Raum; und fast stillt es dich, dass in dieser Engheit in dir
unmöglich sehr Grosses sich aufhalten kann; dass auch das Unerhörte binnen werden
muss und sich beschränken den Verhältnissen nach. Aber draussen, draussen ist es
ohne Absehen; und wenn es da draussen steigt, so füllt es sich auch in dir, nicht
in den Gefässen, die teilweis in deiner Macht sind, oder im Phlegma deiner
gleichmütigeren Organe: im Kapillaren nimmt es zu, röhrig aufwärts gesaugt in
die äussersten Verästelungen deines zahlloszweigigen Daseins. Dort hebt es sich,
dort übersteigt es dich, kommt höher als dein Atem, auf den du dich
hinaufflüchtest wie auf deine letzte Stelle. Ach, und wohin dann, wohin dann?
Dein Herz treibt dich aus dir hinaus, dein Herz ist hinter dir her, und du
stehst fast schon ausser dir und kannst nicht mehr zurück. Wie ein Käfer, auf den
man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein bisschen obere Härte und
Anpassung ist ohne Sinn.
    O Nacht ohne Gegenstände. O stumpfes Fenster hinaus, o sorgsam verschlossene
Türen; Einrichtungen von alters her, übernommen, beglaubigt, nie ganz
verstanden. O Stille im Stiegenhaus, Stille aus den Nebenzimmern, Stille hoch
oben an der Decke. O Mutter: o du Einzige, die alle diese Stille verstellt hat,
einst in der Kindheit. Die sie auf sich nimmt, sagt: erschrick nicht, ich bin
es. Die den Mut hat, ganz in der Nacht diese Stille zu sein für das, was sich
fürchtet, was verkommt vor Furcht. Du zündest ein Licht an, und schon das
Geräusch bist du. Und du hältst es vor dich und sagst: ich bin es, erschrick
nicht. Und du stellst es hin, langsam, und es ist kein Zweifel: du bist es, du
bist das Licht um die gewohnten herzlichen Dinge, die ohne Hintersinn da sind,
gut, einfältig, eindeutig. Und wenn es unruhigt in der Wand irgendwo, oder einen
Schritt macht in den Dielen: so lächelst du nur, lächelst, lächelst durchsichtig
auf hellem Grund in das bangsame Gesicht, das an dir forscht, als wärst du eins
und unterm Geheimnis mit jedem Halblaut, abgeredet mit ihm und einverstanden.
Gleicht eine Macht deiner Macht in der irdischen Herrschaft? Sieh, Könige liegen
und starren, und der Geschichtenerzähler kann sie nicht ablenken. An den seligen
Brüsten ihrer Lieblingin überkriecht sie das Grauen und macht sie schlottrig und
lustlos. Du aber kommst und hältst das Ungeheuere hinter dir und bist ganz und
gar vor ihm; nicht wie ein Vorhang, den es da oder da aufschlagen kann. Nein,
als hättest du es überholt auf den Ruf hin, der dich bedurfte. Als wärest du
weit allem zuvorgekommen, was kommen kann, und hättest im Rücken nur dein
Hereilen, deinen ewigen Weg, den Flug deiner Liebe.
Der Mouleur, an dem ich jeden Tag vorüberkomme, hat zwei Masken neben seiner Tür
ausgehängt. Das Gesicht der jungen Ertränkten, das man in der Morgue abnahm,
weil es schön war, weil es lächelte, weil es so täuschend lächelte, als wüsste
es. Und darunter sein wissendes Gesicht. Diesen harten Knoten aus fest
zusammengezogenen Sinnen. Diese unerbittliche Selbstverdichtung fortwährend
ausdampfen wollender Musik. Das Antlitz dessen, dem ein Gott das Gehör
verschlossen hat, damit es keine Klänge gäbe, ausser seinen. Damit er nicht
beirrt würde durch das Trübe und Hinfällige der Geräusche. Er, in dem ihre
Klarheit und Dauer war; damit nur die tonlosen Sinne ihm Welt eintrügen,
lautlos, eine gespannte, wartende Welt, unfertig, vor der Erschaffung des
Klanges.
    Weltvollendender: wie, was als Regen fällt über die Erde und an die
Gewässer, nachlässig niederfällt, zufällig fallend, - unsichtbarer und froh von
Gesetz wieder aufsteht aus allem und steigt und schwebt und die Himmel bildet:
so erhob sich aus dir der Aufstieg unserer Niederschläge und umwölbte die Welt
mit Musik.
    Deine Musik: dass sie hätte um die Welt sein dürfen; nicht um uns. Dass man
dir ein Hammerklavier erbaut hätte in der Tebaïs; und ein Engel hätte dich
hingeführt vor das einsame Instrument, durch die Reihen der Wüstengebirge, in
denen Könige ruhen und Hetären und Anachoreten. Und er hätte sich hoch geworfen
und fort, ängstlich, dass du begännest.
    Und dann hättest du ausgeströmt, Strömender, ungehört; an das All
zurückgebend, was nur das All erträgt. Die Beduinen wären in der Ferne
vorbeigejagt, abergläubisch; die Kaufleute aber hätten sich hingeworfen am Rand
deiner Musik, als wärst du der Sturm. Einzelne Löwen nur hätten dich weit bei
Nacht umkreist, erschrocken vor sich selbst, von ihrem bewegten Blute bedroht.
    Denn wer holt dich jetzt aus den Ohren zurück, die lüstern sind? Wer treibt
sie aus den Musiksälen, die Käuflichen mit dem unfruchtbaren Gehör, das hurt und
niemals empfängt? da strahlt Samen aus, und sie halten sich unter wie Dirnen und
spielen damit, oder er fällt, während sie daliegen in ihren ungetanen
Befriedigungen, wie Samen Onans zwischen sie alle.
    Wo aber, Herr, ein Jungfräulicher unbeschlafenen Ohrs läge bei deinem Klang:
er stürbe an Seligkeit oder er trüge Unendliches aus und sein befruchtetes Hirn
müsste bersten an lauter Geburt.
Ich unterschätze es nicht. Ich weiss, es gehört Mut dazu. Aber nehmen wir für
einen Augenblick an, es hätte ihn einer, diesen Courage de luxe, ihnen
nachzugehen, um dann für immer (denn wer könnte das wieder vergessen oder
verwechseln?) zu wissen, wo sie hernach hineinkriechen und was sie den vielen
übrigen Tag beginnen und ob sie schlafen bei Nacht. Dies ganz besonders wäre
festzustellen: ob sie schlafen. Aber mit dem Mut ist es noch nicht getan. Denn
sie kommen und gehen nicht wie die übrigen Leute, denen zu folgen eine
Kleinigkeit wäre. Sie sind da und wieder fort, hingestellt und weggenommen wie
Bleisoldaten. Es sind ein wenig abgelegene Stellen, wo man sie findet, aber
durchaus nicht versteckte. Die Büsche treten zurück, der Weg wendet sich ein
wenig um den Rasenplatz herum: da stehen sie und haben eine Menge durchsichtigen
Raumes um sich, als ob sie unter einem Glassturz stünden. Du könntest sie für
nachdenkliche Spaziergänger halten, diese unscheinbaren Männer von kleiner, in
jeder Beziehung bescheidener Gestalt. Aber du irrst. Siehst du die linke Hand,
wie sie nach etwas greift in der schiefen Tasche des alten Überziehers; wie sie
es findet und herausholt und den kleinen Gegenstand linkisch und auffällig in
die Luft hält? Es dauert keine Minute, so sind zwei, drei Vögel da, Spatzen, die
neugierig heranhüpfen. Und wenn es dem Manne gelingt, ihrer sehr genauen
Auffassung von Unbeweglichkeit zu entsprechen, so ist kein Grund, warum sie
nicht noch näher kommen sollen. Und schliesslich steigt der erste und schwirrt
eine Weile nervös in der Höhe jener Hand, die (weiss Gott) ein kleines Stück
abgenutzten süssen Brotes mit anspruchslosen, ausdrücklich verzichtenden Fingern
hinbietet. Und je mehr Menschen sich um ihn sammeln, in entsprechendem Abstand
natürlich, desto weniger hat er mit ihnen gemein. Wie ein Leuchter steht er da,
der ausbrennt, und leuchtet mit dem Rest von Docht und ist ganz warm davon und
hat sich nie gerührt. Und wie er lockt, wie er anlockt, das können die vielen,
kleinen, dummen Vögel gar nicht beurteilen. Wenn die Zuschauer nicht wären und
man liesse ihn lange genug dastehn, ich bin sicher, dass auf einmal ein Engel käme
und überwände sich und ässe den alten, süsslichen Bissen aus der verkümmerten
Hand. Dem sind nun, wie immer, die Leute im Wege. Sie sorgen dafür, dass nur
Vögel kommen; sie finden das reichlich, und sie behaupten, er erwarte sich
nichts anderes. Was sollte sie auch erwarten, diese alte, verregnete Puppe, die
ein wenig schräg in der Erde steckt wie die Schiffsfiguren in den kleinen Gärten
zuhause; kommt auch bei ihr diese Haltung davon her, dass sie einmal irgendwo
vorne gestanden hat auf ihrem Leben, wo die Bewegung am grössten ist? Ist sie nun
so verwaschen, weil sie einmal bunt war? Willst du sie fragen?
    Nur die Frauen frag nichts, wenn du eine füttern siehst. Denen könnte man
sogar folgen; sie tun es so im Vorbeigehen; es wäre ein Leichtes. Aber lass sie.
Sie wissen nicht, wie es kam. Sie haben auf einmal eine Menge Brot in ihrem
Handsack, und sie halten grosse Stücke hinaus aus ihrer dünnen Mantille, Stücke,
die ein bisschen gekaut sind und feucht. Das tut ihnen wohl, dass ihr Speichel ein
wenig in die Welt kommt, dass die kleinen Vögel mit diesem Beigeschmack
herumfliegen, wenn sie ihn natürlich auch gleich wieder vergessen.
Da sass ich an deinen Büchern, Eigensinniger, und versuchte sie zu meinen wie die
andern, die dich nicht beisammen lassen und sich ihren Anteil genommen haben,
befriedigt. Denn da begriff ich noch nicht den Ruhm, diesen öffentlichen Abbruch
eines Werdenden, in dessen Bauplatz die Menge einbricht, ihm die Steine
verschiebend.
    Junger Mensch irgendwo, in dem etwas aufsteigt, was ihn erschauern macht,
nütz es, dass dich keiner kennt. Und wenn sie dir widersprechen, die dich für
nichts nehmen, und wenn sie dich ganz aufgeben, die, mit denen du umgehst, und
wenn sie dich ausrotten wollen, um deiner lieben Gedanken willen, was ist diese
deutliche Gefahr, die dich zusammenhält in dir, gegen die listige Feindschaft
später des Ruhms, die dich unschädlich macht, indem sie dich ausstreut.
    Bitte keinen, dass er von dir spräche, nicht einmal verächtlich. Und wenn die
Zeit geht und du merkst, wie dein Name herumkommt unter den Leuten, nimm ihn
nicht ernster als alles, was du in ihrem Munde findest. Denk: er ist schlecht
geworden, und tu ihn ab. Nimm einen andern an, irgendeinen, damit Gott dich
rufen kann in der Nacht. Und verbirg ihn vor allen.
    Du Einsamster, Abseitiger, wie haben sie dich eingeholt auf deinem Ruhm. Wie
lang ist es her, da waren sie wider dich von Grund aus, und jetzt gehen sie mit
dir um, wie mit ihresgleichen. Und deine Worte führen sie mit sich in den
Käfigen ihres Dünkels und zeigen sie auf den Plätzen und reizen sie ein wenig
von ihrer Sicherheit aus. Alle deine schrecklichen Raubtiere.
    Da las ich dich erst, da sie mir ausbrachen und mich anfielen in meiner
Wüste, die Verzweifelten. Verzweifelt, wie du selber warst am Schluss, du, dessen
Bahn falsch eingezeichnet steht in allen Karten. Wie ein Sprung geht sie durch
die Himmel, diese hoffnungslose Hyperbel deines Weges, die sich nur einmal
heranbiegt an uns und sich entfernt voll Entsetzen. Was lag dir daran, ob eine
Frau bleibt oder fortgeht und ob einen der Schwindel ergreift und einen der
Wahnsinn und ob Tote lebendig sind und Lebendige scheintot: was lag dir daran?
Dies alles war so natürlich für dich; da gingst du durch, wie man durch einen
Vorraum geht, und hieltst dich nicht auf. Aber dort weiltest du und warst
gebückt, wo unser Geschehen kocht und sich niederschlägt und die Farbe
verändert, innen. Innerer als dort, wo je einer war; eine Tür war dir
aufgesprungen, und nun warst du bei den Kolben im Feuerschein. Dort, wohin du
nie einen mitnahmst, Misstrauischer, dort sassest du und unterschiedest Übergänge.
Und dort, weil das Aufzeigen dir im Blute war und nicht das Bilden oder das
Sagen, dort fasstest du den ungeheuren Entschluss, dieses Winzige, das du selber
zuerst nur durch Gläser gewahrtest, ganz allein gleich so zu vergrössern, dass es
vor Tausenden sei, riesig, vor allen. Dein Teater entstand. Du konntest nicht
warten, dass dieses fast raumlose von den Jahrhunderten zu Tropfen
zusammengepresste Leben von den anderen Künsten gefunden und allmählich
versichtbart werde für einzelne, die sich nach und nach zusammenfinden zur
Einsicht und die endlich verlangen, gemeinsam die erlauchten Gerüchte bestätigt
zu sehen im Gleichnis der vor ihnen aufgeschlagenen Szene. Dies konntest du
nicht abwarten, du warst da, du musstest das kaum Messbare: ein Gefühl, das um
einen halben Grad stieg, den Ausschlagswinkel eines von fast nichts beschwerten
Willens, den du ablasest von ganz nah, die leichte Trübung in einem Tropfen
Sehnsucht und dieses Nichts von Farbenwechsel in einem Atom von Zutrauen: dieses
musstest du feststellen und aufbehalten; denn in solchen Vorgängen war jetzt das
Leben, unser Leben, das in uns hineingeglitten war, das sich nach innen
zurückgezogen hatte, so tief, dass es kaum noch Vermutungen darüber gab.
    So wie du warst, auf das Zeigen angelegt, ein zeitlos tragischer Dichter,
musstest du dieses Kapillare mit einem Schlag umsetzen in die überzeugendsten
Gebärden, in die vorhandensten Dinge. Da gingst du an die beispiellose Gewalttat
deines Werkes, das immer ungeduldiger, immer verzweifelter unter dem Sichtbaren
nach den Äquivalenten suchte für das innen Gesehene. Da war ein Kaninchen, ein
Bodenraum, ein Saal, in dem einer auf und nieder geht: da war ein Glasklirren im
Nebenzimmer, ein Brand vor den Fenstern, da war die Sonne. Da war eine Kirche
und ein Felsental, das einer Kirche glich. Aber das reichte nicht aus;
schliesslich mussten die Türme herein und die ganzen Gebirge; und die Lawinen, die
die Landschaften begraben, verschütteten die mit Greifbarem überladene Bühne um
des Unfasslichen willen. Da konntst du nicht mehr. Die beiden Enden, die du
zusammengebogen hattest, schnellten auseinander; deine wahnsinnige Kraft
entsprang aus dem elastischen Stab, und dein Werk war wie nicht.
    Wer begriffe es sonst, dass du zum Schluss nicht vom Fenster fortwolltest,
eigensinnig wie du immer warst, Die Vorübergehenden wolltest du sehen; denn es
war dir der Gedanke gekommen, ob man nicht eines Tages etwas machen könnte aus
ihnen, wenn man sich entschlösse anzufangen.
Damals zuerst fiel es mir auf, dass man von einer Frau nichts sagen könne; ich
merkte, wenn sie von ihr erzählten, wie sie sie aussparten, wie sie die anderen
nannten und beschrieben, die Umgebungen, die Örtlichkeiten, die Gegenstände bis
an eine bestimmte Stelle heran, wo das alles aufhörte, sanft und gleichsam
vorsichtig aufhörte mit dem leichten, niemals nachgezogenen Kontur, der sie
einschloss. Wie war sie? fragte ich dann. »Blond, ungefähr wie du«, sagten sie
und zählten allerhand auf, was sie sonst noch wussten; aber darüber wurde sie
wieder ganz ungenau, und ich konnte mir nichts mehr vorstellen. Sehen eigentlich
konnte ich sie nur, wenn Maman mir die Geschichte erzählte, die ich immer wieder
verlangte -.
    - Dann pflegte sie jedesmal, wenn sie zu der Szene mit dem Hunde kam, die
Augen zu schliessen und das ganz verschlossene, aber überall durchscheinende
Gesicht irgendwie inständig zwischen ihre beiden Hände zu halten, die es kalt an
den Schläfen berührten. »Ich hab es gesehen, Malte«, beschwor sie: »Ich hab es
gesehen.« Das war schon in ihren letzten Jahren, da ich dies von ihr gehört
habe. In der Zeit, wo sie niemanden mehr sehen wollte und wo sie immer, auch auf
Reisen, das kleine, dichte, silberne Sieb bei sich hatte, durch das sie alle
Getränke seihte. Speisen von fester Form nahm sie nie mehr zu sich, es sei denn
etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war, zerbröckelte und Krümel
für Krümel ass, wie Kinder Krümel essen. Ihre Angst vor Nadeln beherrschte sie
damals schon völlig. Zu den anderen sagte sie nur, um sich zu entschuldigen:
»Ich vertrage rein nichts mehr, aber es muss euch nicht stören, ich befinde mich
ausgezeichnet dabei.«
    Zu mir aber konnte sie sich plötzlich hinwenden (denn ich war schon ein
bisschen erwachsen) und mit einem Lächeln, das sie sehr anstrengte, sagen: »Was
es doch für viele Nadeln gibt, Malte, und wo sie überall herumliegen, und wenn
man bedenkt, wie leicht sie herausfallen...« Sie hielt darauf, es recht
scherzend zu sagen; aber das Entsetzen schüttelte sie bei dem Gedanken an alle
die schlecht befestigten Nadeln, die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen
konnten.
Wenn sie aber von Ingeborg erzählte, dann konnte ihr nichts geschehen; dann
schonte sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie in der
Erinnerung an Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen, wie schön Ingeborg
gewesen war. »Sie machte uns alle froh«, sagte sie, »deinen Vater auch, Malte,
buchstäblich froh. Aber dann, als es hiess, dass sie sterben würde, obwohl sie
doch nur ein wenig krank schien, und wir gingen alle herum und verbargen es, da
setzte sie sich einmal im Bette auf und sagte so vor sich hin, wie einer, der
hören will, wie etwas klingt: Ihr müsst euch nicht so zusammennehmen; wir wissen
es alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es kommt, ich mag nicht
mehr. Stell dir vor, sie sagte: Ich mag nicht mehr; sie, die uns alle froh
machte. Ob du das einmal verstehen wirst, wenn du gross bist, Malte? Denk daran
später, vielleicht fällt es dir ein. Es wäre ganz gut, wenn es jemanden gäbe,
der solche Sachen versteht.«
    »Solche Sachen« beschäftigten Maman, wenn sie allein war, und sie war immer
allein diese letzten Jahre.
    »Ich werde ja nie darauf kommen, Malte«, sagte sie manchmal mit ihrem
eigentümlich kühnen Lächeln, das von niemandem gesehen sein wollte und seinen
Zweck ganz erfüllte, indem es gelächelt ward. »Aber dass es keinen reizt, das
herauszufinden; wenn ich ein Mann wäre, ja gerade wenn ich ein Mann wäre, würde
ich darüber nachdenken, richtig der Reihe und Ordnung nach und von Anfang an.
Denn einen Anfang muss es doch geben, und wenn man ihn zu fassen bekäme, das wäre
immer schon etwas. Ach Malte, wir gehen so hin, und mir kommt vor, dass alle
zerstreut sind und beschäftigt und nicht recht achtgeben, wenn wir hingehen. Als
ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und keiner hat sich etwas
gewünscht. Vergiss nie, dir etwas zu wünschen, Malte. Wünschen, das soll man
nicht aufgeben. Ich glaube, es gibt keine Erfüllung, aber es gibt Wünsche, die
lange vorhalten, das ganze Leben lang, so dass man die Erfüllung doch gar nicht
abwarten könnte.«
    Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekretär hinauf in ihr Zimmer stellen lassen,
davor fand ich sie oft, denn ich durfte ohne weiteres bei ihr eintreten. Mein
Schritt verging völlig in dem Teppich, aber sie fühlte mich und hielt mir eine
ihrer Hände über die andere Schulter hin. Diese Hand war ganz ohne Gewicht, und
sie küsste sich fast wie das elfenbeinerne Kruzifix, das man mir abends vor dem
Einschlafen reichte. An diesem niederen Schreibschrank, der mit einer Platte
sich vor ihr aufschlug, sass sie wie an einem Instrument. »Es ist so viel Sonne
drin«, sagte sie, und wirklich, das Innere war merkwürdig hell, von altem,
gelbem Lack, auf dem Blumen gemalt waren, immer eine rote und eine blaue. Und wo
drei nebeneinanderstanden, gab es eine violette zwischen ihnen, die die beiden
anderen trennte. Diese Farben und das Grün des schmalen, waagerechten
Rankenwerks waren ebenso verdunkelt in sich, wie der Grund strahlend war, ohne
eigentlich klar zu sein. Das ergab ein seltsam gedämpftes Verhältnis von Tönen,
die in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen, ohne sich über sie
auszusprechen.
    Maman zog die kleinen Laden heraus, die alle leer waren.
    »Ach, Rosen«, sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den trüben Geruch
hinein, der nicht alle wurde. Sie hatte dabei immer die Vorstellung, es könnte
sich plötzlich noch etwas finden in einem geheimen Fach, an das niemand gedacht
hatte und das nur dem Druck irgendeiner versteckten Feder nachgab. »Auf einmal
springt es vor, du sollst sehen«, sagte sie ernst und ängstlich und zog eilig an
allen Laden. Was aber wirklich an Papieren in den Fächern zurückgeblieben war,
das hatte sie sorgfältig zusammen gelegt und eingeschlossen, ohne es zu lesen.
»Ich verstünde es doch nicht, Malte, es wäre sicher zu schwer für mich.« Sie
hatte die Überzeugung, dass alles zu kompliziert für sie sei. »Es gibt keine
Klassen im Leben für Anfänger, es ist immer gleich das Schwierigste, was von
einem verlangt wird.« Man versicherte mir, dass sie erst seit dem schrecklichen
Tode ihrer Schwester so geworden sei, der Gräfin Öllegaard Skeel, die
verbrannte, da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar
anders anstecken wollte. Aber in letzter Zeit schien ihr doch Ingeborg das, was
am schwersten zu begreifen war.
    Und nun will ich die Geschichte aufschreiben, so wie Maman sie erzählte,
wenn ich darum bat.
    Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von dem
Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den Giebel des
Erbbegräbnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es war so gedeckt worden,
als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch gesessen hätte, und wir sassen auch
alle recht ausgebreitet herum. Und jeder hatte etwas mitgebracht, ein Buch oder
einen Arbeitskorb, so dass wir sogar ein wenig beengt waren. Abelone (Mamans
jüngste Schwester) verteilte den Tee, und alle waren beschäftigt, etwas
herumzureichen, nur dein Grossvater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin.
Es war die Stunde, da man die Post erwartete, und es fügte sich meistens so, dass
Ingeborg sie brachte, die mit den Anordnungen für das Essen länger drin
zurückgehalten war. In den Wochen ihrer Krankheit hatten wir nun reichlich Zeit
gehabt, uns ihres Kommens zu entwöhnen; denn wir wussten ja, dass sie nicht kommen
könne. Aber an diesem Nachmittag, Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen
konnte -: da kam sie. Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben wir sie
gerufen. Denn ich erinnere mich, dass ich auf einmal dasass und angestrengt war,
mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es war mir plötzlich nicht
möglich zu sagen, was; ich hatte es völlig vergessen. Ich blickte auf und sah
alle andern dem Hause zugewendet, nicht etwa auf eine besondere, auffällige
Weise, sondern so recht ruhig und alltäglich in ihrer Erwartung. Und da war ich
daran - (mir wird ganz kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott behüt mich,
ich war daran zu sagen: »Wo bleibt nur -« Da schoss schon Cavalier, wie er immer
tat, unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen, Malte,
ich hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam; für ihn kam sie.
Wir begriffen, dass er ihr entgegenlief. Zweimal sah er sich nach uns um, als ob
er fragte. Dann raste er auf sie zu, wie immer, Malte, genau wie immer, und
erreichte sie; denn er begann rund herum zu springen, Malte, um etwas, was nicht
da war, und dann hinauf an ihr, um sie zu lecken, gerade hinauf. Wir hörten ihn
winseln vor Freude, und wie er so in die Höhe schnellte, mehrmals rasch
hintereinander, hätte man wirklich meinen können, er verdecke sie uns mit seinen
Sprüngen. Aber da heulte es auf einmal, und er drehte sich von seinem eigenen
Schwunge in der Luft um und stürzte zurück, merkwürdig ungeschickt, und lag ganz
eigentümlich flach da und rührte sich nicht. Von der andern Seite trat der
Diener aus dem Hause mit den Briefen. Er zögerte eine Weile; offenbar war es
nicht ganz leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm
auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber nun ging er
doch hin, langsam, wie mir schien, und bückte sich über den Hund. Er sagte etwas
zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges. Ich sah, wie der Diener
hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da nahm dein Vater selbst das Tier und
ging damit, als wüsste er genau wohin, ins Haus hinein.
Einmal, als es über dieser Erzählung fast dunkel geworden war, war ich nahe
daran, Maman von der »Hand« zu erzählen: in diesem Augenblick hätte ich es
gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da fiel mir ein, wie gut ich
den Diener begriffen hatte, dass er nicht hatte kommen können auf ihre Gesichter
zu. Und ich fürchtete mich trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht, wenn es
sehen würde, was ich gesehen habe. Ich holte rasch noch einmal Atem, damit es
den Anschein habe, als hätte ich nichts anderes gewollt. Ein paar Jahre hernach,
nach der merkwürdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster, ging ich tagelang
damit um, mich dem kleinen Erik anzuvertrauen. Aber er hatte sich nach unserem
nächtlichen Gespräch wieder ganz vor mir zugeschlossen, er vermied mich; ich
glaube, dass er mich verachtete. Und gerade deshalb wollte ich ihm von der »Hand«
erzählen. Ich bildete mir ein, ich würde in seiner Meinung gewinnen (und das
wünschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm begreiflich machen
könnte, dass ich das wirklich erlebt hatte. Erik aber war so geschickt im
Ausweichen, dass es nicht dazu kam. Und dann reisten wir ja auch gleich. So ist
es, wunderlich genug, das erstemal, dass ich (und schliesslich auch nur mir
selber) eine Begebenheit erzähle, die nun weit zurückliegt in meiner Kindheit.
    Wie klein ich damals noch gewesen sein muss, sehe ich daran, dass ich auf dem
Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf dem ich zeichnete.
Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre, in der Stadtwohnung. Der Tisch
stand in meinem Zimmer, zwischen den Fenstern, und es war keine Lampe im Zimmer,
als die, die auf meine Blätter schien und auf Mademoiselles Buch; denn
Mademoiselle sass neben mir, etwas zurückgerückt, und las. Sie war weit weg, wenn
sie las, ich weiss nicht, ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang, sie
blätterte selten um, und ich hatte den Eindruck, als würden die Seiten immer
voller unter ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte Worte, die sie nötig
hatte und die nicht da waren. Das kam mir so vor, während ich zeichnete. Ich
zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene Absicht, und sah alles, wenn ich nicht
weiter wusste, mit ein wenig nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel mir immer am
raschesten ein, was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd, die in die
Schlacht ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel einfacher, weil
dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einhüllte. Maman freilich
behauptet nun immer, dass es Inseln gewesen waren, was ich malte; Inseln mit
grossen Bäumen und einem Schloss und einer Treppe und Blumen am Rand, die sich
spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube, das erfindet sie, oder es muss
später gewesen sein.
    Es ist ausgemacht, dass ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete, einen
einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkwürdig bekleideten Pferd. Er
wurde so bunt, dass ich oft die Stifte wechseln musste, aber vor allem kam doch
der rote in Betracht, nach dem ich immer wieder griff. Nun hatte ich ihn noch
einmal nötig; da rollte er (ich sehe ihn noch) quer über das beschienene Blatt
an den Rand und fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir vorbei hinunter und war
fort. Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es war recht ärgerlich, ihm nun
nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war, kostete es mich allerhand
Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine schienen mir viel zu lang, ich
konnte sie nicht unter mir hervorziehen; die zu lange eingehaltene knieende
Stellung hatte meine Glieder dumpf gemacht; ich wusste nicht, was zu mir und was
zum Sessel gehörte. Endlich kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich
auf einem Fell, das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da
ergab sich eine neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da oben und
noch ganz begeistert für die Farben auf dem weissen Papier, vermochten meine
Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen, wo mir das Schwarze so
zugeschlossen schien, dass ich bange war, daran zu stossen. Ich verliess mich also
auf mein Gefühl und kämmte, knieend und auf die linke gestützt, mit der andern
Hand in dem kühlen, langhaarigen Teppich herum, der sich recht vertraulich
anfühlte; nur dass kein Bleistift zu spüren war. Ich bildete mir ein, eine Menge
Zeit zu verlieren, und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie bitten,
mir die Lampe zu halten, als ich merkte, dass für meine unwillkürlich
angestrengten Augen das Dunkel nach und nach durchsichtiger wurde. Ich konnte
schon hinten die Wand unterscheiden, die mit einer hellen Leiste abschloss; ich
orientierte mich über die Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine
eigene, ausgespreizte Hand, die sich ganz allein, ein bisschen wie ein
Wassertier, da unten bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, weiss ich
noch, fast neugierig zu; es kam mir vor, als könnte sie Dinge, die ich sie nicht
gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenmächtig herumtastete mit Bewegungen, die
ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie, wie sie vordrang, es
interessierte mich, ich war auf allerhand vorbereitet. Aber wie hätte ich darauf
gefasst sein sollen, dass ihr mit einem Male aus der Wand eine andere Hand
entgegenkam, eine grössere, ungewöhnlich magere Hand, wie ich noch nie eine
gesehen hatte. Sie suchte in ähnlicher Weise von der anderen Seite her, und die
beiden gespreizten Hände bewegten sich blind aufeinander zu. Meine Neugierde war
noch nicht aufgebraucht, aber plötzlich war sie zu Ende, und es war nur Grauen
da. Ich fühlte, dass die eine von den Händen mir gehörte und dass sie sich da in
etwas einliess, was nicht wieder gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf
sie hatte, hielt ich sie an und zog sie flach und langsam zurück, indem ich die
andere nicht aus den Augen liess, die weitersuchte. Ich begriff, dass sie es nicht
aufgeben würde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam. Ich sass ganz
tief im Sessel, die Zähne schlugen mir aufeinander, und ich hatte so wenig Blut
im Gesicht, dass mir schien, es wäre kein Blau mehr in meinen Augen.
    Mademoiselle -, wollte ich sagen und konnte es nicht, aber da erschrak sie
von selbst, sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben den Sessel und rief
meinen Namen; ich glaube, dass sie mich rüttelte. Aber ich war ganz bei
Bewusstsein. Ich schluckte ein paarmal; denn nun wollte ich es erzählen.
    Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht
auszudrücken, so dass es einer begriff. Gab es Worte für dieses Ereignis, so war
ich zu klein, welche zu finden. Und plötzlich ergriff mich die Angst, sie
könnten doch, über mein Alter hinaus, auf einmal da sein, diese Worte, und es
schien mir fürchterlicher als alles, sie dann sagen zu müssen. Das Wirkliche da
unten noch einmal durchzumachen, anders, abgewandelt, von Anfang an; zu hören,
wie ich es zugebe, dazu hatte ich keine Kraft mehr.
    Es ist natürlich Einbildung, wenn ich nun behaupte, ich hätte in jener Zeit
schon gefühlt, dass da etwas in mein Leben gekommen sei, geradeaus in meines,
womit ich allein würde herumgehen müssen, immer und immer. Ich sehe mich in
meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen und irgendwie ungenau
voraussehen, dass so das Leben sein würde: voll lauter besonderer Dinge, die nur
für Einen gemeint sind und die sich nicht sagen lassen. Sicher ist, dass sich
nach und nach ein trauriger und schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir
vor, wie man herumgehen würde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine
ungestüme Sympatie für die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich nahm mir
vor, ihnen zu sagen, dass ich sie bewunderte. Ich nahm mir vor, es Mademoiselle
zu sagen bei der nächsten Gelegenheit.
Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu beweisen,
dass dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber wühlte in mir und holte
von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewusst
hatte; ich lag da, überhäuft mit mir, und wartete auf den Augenblick, da mir
befohlen würde, dies alles wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der
Reihe nach. Ich begann, aber es wuchs mir unter den Händen, es sträubte sich, es
war viel zu viel. Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich
hinein und presste es zusammen; aber ich ging nicht wieder darüber zu. Und da
schrie ich, halb offen wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing
hinauszusehen aus mir, so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir
die Hände, und eine Kerze war da, und ihre grossen Schatten rührten sich hinter
ihnen. Und mein Vater befahl mir, zu sagen, was es gäbe. Es war ein
freundlicher, gedämpfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin. Und er wurde
ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.
    Maman kam nie in der Nacht -, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte
geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die
Haushälterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da
hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem grossen
Balle waren, ich glaube beim Kronprinzen. Und auf einmal hörte ich ihn
hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, sass und sah nach der Tür. Und da
rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der grossen
Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und liess ihren weissen
Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die blossen Arme. Und ich befühlte,
erstaunt und entzückt wie nie, ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und
die kalten Steine an ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach
Blumen dufteten. Und wir blieben so und weinten zärtlich und küssten uns, bis wir
fühlten, dass der Vater da war und dass wir uns trennen mussten. »Er hat hohes
Fieber«, hörte ich Maman schüchtern sagen, und der Vater griff nach meiner Hand
und zählte den Puls. Er war in der Jägermeisteruniform mit dem schönen, breiten,
gewässerten blauen Band des Elefanten. »Was für ein Unsinn, uns zu rufen«, sagte
er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen. Sie hatten versprochen,
zurückzukehren, wenn es nichts Ernstliches wäre. Und Ernstliches war es ja
nichts. Auf meiner Decke aber fand ich Mamans Tanzkarte und weisse Kamelien, die
ich noch nie gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte, als ich merkte,
wie kühl sie waren.
Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten. Am Morgen
nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn man erwachte und
meinte, nun wäre es wieder früh, so war es Nachmittag und blieb Nachmittag und
hörte nicht auf Nachmittag zu sein. Da lag man so in dem aufgeräumten Bett und
wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken und war viel zu müde, um sich irgend
etwas vorzustellen. Der Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor, und das war
schon alles mögliche, wenn man ihn irgendwie auslegte, unwillkürlich, und die
reinliche Säure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen liess. Später, wenn die
Kräfte wiederkamen, wurden die Kissen hinter einem aufgebaut, und man konnte
aufsitzen und mit Soldaten spielen; aber sie fielen so leicht um auf dem
schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich die ganze Reihe; und man war doch noch
nicht so ganz im Leben drin, um immer wieder von vorn anzufangen. Plötzlich war
es zuviel, und man bat, alles recht rasch fortzunehmen, und es tat wohl, wieder
nur die zwei Hände zu sehen, ein bisschen weiter hin auf der leeren Decke.
    Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Märchen vorlas (zum richtigen,
langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der Märchen willen. Denn
wir waren einig darüber, dass wir Märchen nicht liebten. Wir hatten einen anderen
Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn alles mit natürlichen Dingen zuginge,
so wäre das immer am wunderbarsten. Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft
zu fliegen, die Feen enttäuschten uns, und von den Verwandlungen in etwas
anderes erwarteten wir uns nur eine sehr oberflächliche Abwechslung. Aber wir
lasen doch ein bisschen, um beschäftigt auszusehen; es war uns nicht angenehm,
wenn irgend jemand eintrat, erst erklären zu müssen, was wir gerade taten;
besonders Vater gegenüber waren wir von einer übertriebenen Deutlichkeit.
    Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestört zu sein, und es dämmerte
draussen, konnte es geschehen, dass wir uns Erinnerungen hingaben, gemeinsamen
Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und über die wir lächelten; denn wir
waren beide gross geworden seiter. Es fiel uns ein, dass es eine Zeit gab, wo
Maman wünschte, dass ich ein kleines Mädchen wäre und nicht dieser Junge, der ich
nun einmal war. Ich hatte das irgendwie erraten, und ich war auf den Gedanken
gekommen, manchmal nachmittags an Mamans Türe zu klopfen. Wenn sie dann fragte,
wer da wäre, so war ich glücklich, draussen »Sophie« zu rufen, wobei ich meine
kleine Stimme so zierlich machte, dass sie mich in der Kehle kitzelte. Und wenn
ich dann eintrat (in dem kleinen, mädchenhaften Hauskleid, das ich ohnehin trug,
mit ganz hinaufgerollten Ärmeln), so war ich einfach Sophie, Mamans kleine
Sophie, die sich häuslich beschäftigte und der Maman einen Zopf flechten musste,
damit keine Verwechslung stattfinde mit dem bösen Malte, wenn er je wiederkäme.
Erwünscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie Sophie angenehm, dass
er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie immerzu mit der gleichen, hohen
Stimme fortsetzte) bestanden meistens darin, dass sie Maltes Unarten aufzählten
und sich über ihn beklagten. »Ach ja, dieser Malte«, seufzte Maman. Und Sophie
wusste eine Menge über die Schlechtigkeit der Jungen im allgemeinen, als kennte
sie einen ganzen Haufen.
    »Ich möchte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist«, sagte Maman dann
plötzlich bei solchen Erinnerungen.
    Darüber konnte nun Malte freilich keine Auskunft geben. Aber wenn Maman
vorschlug, dass sie gewiss gestorben sei, dann widersprach er eigensinnig und
beschwor sie, dies nicht zu glauben, so wenig sich sonst auch beweisen liesse.
Wenn ich das jetzt überdenke, kann ich mich wundern, dass ich aus der Welt dieser
Fieber doch immer wieder ganz zurückkam und mich hineinfand in das überaus
gemeinsame Leben, wo jeder im Gefühl unterstützt sein wollte, bei Bekanntem zu
sein, und wo man sich so vorsichtig im Verständlichen vertrug. Da wurde etwas
erwartet, und es kam oder es kam nicht, ein Drittes war ausgeschlossen. Da gab
es Dinge, die traurig waren, ein- für allemal, es gab angenehme Dinge und eine
ganze Menge nebensächlicher. Wurde aber einem eine Freude bereitet, so war es
eine Freude, und er hatte sich danach zu benehmen. Im Grunde war das alles sehr
einfach, und wenn man es erst heraus hatte, so machte es sich wie von selbst. In
diese verabredeten Grenzen ging denn auch alles hinein; die langen,
gleichmässigen Schulstunden, wenn draussen der Sommer war; die Spaziergänge, von
denen man französisch erzählen musste; die Besuche, für die man hereingerufen
wurde und die einen drollig fanden, wenn man gerade traurig war, und sich an
einem belustigten wie an dem betrübten Gesicht gewisser Vögel, die kein anderes
haben. Und die Geburtstage natürlich, zu denen man Kinder eingeladen bekam, die
man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder dreiste, die
einem das Gesicht zerkratzten, und zerbrachen, was man gerade bekommen hatte,
und die dann plötzlich fortfuhren, wenn alles aus Kästen und Laden
herausgerissen war und zu Haufen lag. Wenn man aber allein spielte, wie immer,
so konnte es doch geschehen, dass man diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt
unversehens überschritt und unter Verhältnisse geriet, die völlig verschieden
waren und gar nicht abzusehen.
    Mademoiselle hatte zuzeiten ihre Migräne, die ungemein heftig auftrat, und
das waren die Tage, an denen ich schwer zu finden war. Ich weiss, der Kutscher
wurde dann in den Park geschickt, wenn es Vater einfiel, nach mir zu fragen, und
ich war nicht da. Ich konnte oben von einem der Gastzimmer aus sehen, wie er
hinauslief und am Anfang der langen Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer
befanden sich, eines neben dem anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da
wir in dieser Zeit sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschliessend
an sie aber war jener grosse Eckraum, der eine so starke Verlockung für mich
hatte. Es war nichts darin zu finden als eine alte Büste, die, ich glaube, den
Admiral Juel darstellte, aber die Wände waren ringsum mit tiefen, grauen
Wandschränken verschalt, derart, dass sogar das Fenster erst über den Schränken
angebracht war in der leeren, geweissten Wand. Den Schlüssel hatte ich an einer
der Schranktüren entdeckt, und er schloss alle anderen. So hatte ich in kurzem
alles untersucht: die Kammerherrenfräcke aus dem achtzehnten Jahrhundert, die
ganz kalt waren von den eingewebten Silberfaden, und die schön gestickten Westen
dazu; die Trachten des Dannebrog- und des Elefantenordens, die man erst für
Frauenkleider hielt, so reich und umständlich waren sie und so sanft im Futter
anzufühlen. Dann wirkliche Roben, die, von ihren Unterlagen auseinander
gehalten, steif dahingen wie die Marionetten eines zu grossen Stückes, das so
endgültig aus der Mode war, dass man ihre Köpfe anders verwendet hatte. Daneben
aber waren Schränke, in denen es dunkel war, wenn man sie aufmachte, dunkel von
hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter aussahen als alles das andere
und die eigentlich wünschten, nicht erhalten zu sein.
    Niemand wird es verwunderlich finden, dass ich das alles herauszog und ins
Licht neigte; dass ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; dass ich ein
Kostüm, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin, neugierig und
aufgeregt, in das nächste Fremdenzimmer lief, vor den schmalen Pfeilerspiegel,
der aus einzelnen ungleich grünen Glasstücken zusammengesetzt war. Ach, wie man
zitterte, drin zu sein, und wie hinreissend war es, wenn man es war. Wenn da
etwas aus dem Trüben heraus sich näherte, langsamer als man selbst, denn der
Spiegel glaubte es gleichsam nicht und wollte, schläfrig wie er war, nicht
gleich nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schliesslich musste er natürlich.
Und nun war es etwas sehr Überraschendes, Fremdes, ganz anders, als man es sich
gedacht hatte, etwas Plötzliches, Selbständiges, das man rasch überblickte, um
sich im nächsten Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne eine gewisse Ironie,
die um ein Haar das ganze Vergnügen zerstören konnte. Wenn man aber sofort zu
reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich zuwinkte, sich, fortwährend
zurückblickend, entfernte und dann entschlossen und angeregt wiederkam, so hatte
man die Einbildung auf seiner Seite, solang es einem gefiel.
    Ich lernte damals den Einfluss kennen, der unmittelbar von einer bestimmten
Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzüge angelegt, musste ich mir
eingestehen, dass er mich in seine Macht bekam; dass er mir meine Bewegungen,
meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einfälle vorschrieb; meine Hand, über
die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine
gewöhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich möchte sagen, sie sah
sich selber zu, so übertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen
indessen nie so weit, dass ich mich mir selber entfremdet fühlte; im Gegenteil,
je vielfältiger ich mich abwandelte, desto überzeugter wurde ich von mir selbst.
Ich wurde kühner und kühner; ich warf mich immer höher; denn meine
Geschicklichkeit im Auffangen war über allen Zweifel. Ich merkte nicht die
Versuchung in dieser rasch wachsenden Sicherheit. Zu meinem Verhängnis fehlte
nur noch, dass der letzte Schrank, den ich bisher meinte nicht öffnen zu können,
eines Tages nachgab, um mir; statt bestimmter Trachten, allerhand vages
Maskenzeug auszuliefern, dessen phantastisches Ungefähr mir das Blut in die
Wangen trieb. Es lässt sich nicht aufzählen, was da alles war. Ausser einer
Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen Farben, es gab
Frauenröcke, die hell läuteten von den Münzen, mit denen sie benäht waren; es
gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und faltige, türkische Hosen und
persische Mützen, aus denen kleine Kampfersäckchen herausglitten, und Kronreifen
mit dummen, ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete ich ein wenig; es war
von so dürftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und armsälig da und
schlappte willenlos zusammen, wenn man es herauszerrte ans Licht. Was mich aber
in eine Art von Rausch versetzte, das waren die geräumigen Mäntel, die Tücher,
die Schals, die Schleier, alle diese nachgiebigen, grossen, unverwendeten Stoffe,
die weich und schmeichelnd waren oder so gleitend, dass man sie kaum zu fassen
bekam, oder so leicht, dass sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach
schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie und unendlich
bewegliche Möglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die verkauft wird, oder Jeanne
d'Arc zu sein oder ein alter König oder ein Zauberer; das alles hatte man jetzt
in der Hand, besonders da auch Masken da waren, grosse drohende oder erstaunte
Gesichter mit echten Bärten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte
nie Masken gesehen vorher, aber ich sah sofort ein, dass es Masken geben müsse.
Ich musste lachen, als mir einfiel, dass wir einen Hund hatten, der sich ausnahm,
als trüge er eine. Ich stellte mir seine herzlichen Augen vor, die immer wie von
hinten hineinsahn in das behaarte Gesicht. Ich lachte noch, während ich mich
verkleidete, und ich vergass darüber völlig, was ich eigentlich vorstellen
wollte. Nun, es war neu und spannend, das erst nachträglich vor dem Spiegel zu
entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigentümlich hohl, es legte sich
fest über meines, aber ich konnte bequem durchsehen, und ich wählte erst, als
die Maske schon sass, allerhand Tücher, die ich in der Art eines Turbans um den
Kopf wand, so dass der Rand der Maske, der unten in einen riesigen gelben Mantel
hineinreichte, auch oben und seitlich fast ganz verdeckt war. Schliesslich, als
ich nicht mehr konnte, hielt ich mich für hinreichend vermummt. Ich ergriff noch
einen grossen Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen liess, und
schleppte so, nicht ohne Mühe, aber, wie mir vorkam, voller Würde, in das
Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.
    Das war nun wirklich grossartig, über alle Erwartung. Der Spiegel gab es auch
augenblicklich wieder, es war zu überzeugend. Es wäre gar nicht nötig gewesen,
sich viel zu bewegen; diese Erscheinung war vollkommen, auch wenn sie nichts
tat. Aber es galt zu erfahren, was ich eigentlich sei, und so drehte ich mich
ein wenig und erhob schliesslich die beiden Arme: grosse, gleichsam beschwörende
Bewegungen, das war, wie ich schon merkte, das einzig Richtige. Doch gerade in
diesem feierlichen Moment vernahm ich, gedämpft durch meine Vermummung, ganz in
meiner Nähe einen vielfach zusammengesetzten Lärm; sehr erschreckt, verlor ich
das Wesen da drüben aus den Augen und war arg verstimmt, zu gewahren, dass ich
einen kleinen, runden Tisch umgeworfen hatte mit weiss der Himmel was für,
wahrscheinlich sehr zerbrechlichen Gegenständen. Ich bückte mich so gut ich
konnte und fand meine schlimmste Erwartung bestätigt: es sah aus, als sei alles
entzwei. Die beiden überflüssigen, grün-violetten Porzellanpapageien waren
natürlich, jeder auf eine andere boshafte Art, zerschlagen. Eine Dose, aus der
Bonbons rollten, die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten, hatte ihren
Deckel weit von sich geworfen, man sah nur seine eine Hälfte, die andere war
überhaupt fort. Das Ärgerlichste aber war ein in tausend winzige Scherben
zerschellter Flacon, aus dem der Rest irgendeiner alten Essenz herausgesprjetzt
war, der nun einen Fleck von sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren
Parkett bildete. Ich trocknete ihn schnell mit irgendwas auf, das an mir
herunterhing, aber er wurde nur schwärzer und unangenehmer. Ich war recht
verzweifelt. Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand, mit dem ich
das alles gutmachen konnte. Aber es fand sich keiner. Auch war ich so behindert
im Sehen und in jeder Bewegung, dass die Wut in mir aufstieg gegen meinen
unsinnigen Zustand, den ich nicht mehr begriff. Ich zerrte an allem, aber es
schloss sich nur noch enger an. Die Schnüre des Mantels würgten mich, und das
Zeug auf meinem Kopfe drückte, als käme immer noch mehr hinzu. dabei war die
Luft trübe geworden und wie beschlagen mit dem ältlichen Dunst der verschütteten
Flüssigkeit.
    Heiss und zornig stürzte ich vor den Spiegel und sah mühsam durch die Maske
durch, wie meine Hände arbeiteten. Aber darauf hatte er nur gewartet. Der
Augenblick der Vergeltung war für ihn gekommen. Während ich in masslos
zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich irgendwie aus meiner Vermummung
hinauszuzwängen, nötigte er mich, ich weiss nicht womit, aufzusehen und diktierte
mir ein Bild, nein, eine Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monströse
Wirklichkeit, mit der ich durchtränkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war
er der Stärkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen grossen,
schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich, mit ihm
allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte, geschah das
Äusserste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus. Eine Sekunde lang hatte
ich eine unbeschreibliche, wehe und vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur
noch er: es war nichts ausser ihm.
    Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stiess überall an, er
kannte das Haus nicht, er wusste nicht wohin; er geriet eine Treppe hinunter, er
fiel auf dem Gange über eine Person her, die sich schreiend freimachte. Eine Tür
ging auf, es traten mehrere Menschen heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu
kennen. Das war Sieversen, die gute Sieversen, und das Hausmädchen und der
Silberdiener: nun musste es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und
retteten; ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein
Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske liess die Tränen
nicht hinaus, sie rannen innen über mein Gesicht und trockneten gleich und
rannen wieder und trockneten. Und endlich kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein
Mensch gekniet hat; ich kniete und hob meine Hände zu ihnen auf und flehte:
»Herausnehmen, wenn es noch geht, und behalten«, aber sie hörten es nicht; ich
hatte keine Stimme mehr.
    Sieversen erzählte bis an ihr Ende, wie ich umgesunken wäre und wie sie
immer noch weitergelacht hätten in der Meinung, das gehöre dazu. Sie waren es so
gewöhnt bei mir. Aber dann wäre ich doch immerzu liegengeblieben und hätte nicht
geantwortet. Und der Schrecken, als sie endlich entdeckten, dass ich ohne
Besinnung sei und dalag wie ein Stück in allen den Tüchern, rein wie ein Stück.
Die Zeit ging unberechenbar schnell, und auf einmal war es schon wieder so weit,
dass der Prediger Dr. Jespersen geladen werden musste. Das war dann für alle Teile
ein mühsames und langwieriges Frühstück. Gewohnt an die sehr fromme
Nachbarschaft, die sich jedesmal ganz auflöste um seinetwillen, war er bei uns
durchaus nicht an seinem Platz; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte. Die
Kiemenatmung, die er an sich ausgebildet hatte, ging beschwerlich vor sich, es
bildeten sich Blasen, und das Ganze war nicht ohne Gefahr. Gesprächsstoff war,
wenn man genau sein will, überhaupt keiner da; es wurden Reste veräussert zu
unglaublichen Preisen, es war eine Liquidation aller Bestände. Dr. Jespersen
musste sich bei uns darauf beschränken, eine Art von Privatmann zu sein; das
gerade aber war er nie gewesen. Er war, soweit er denken konnte, im Seelenfach
angestellt. Die Seele war eine öffentliche Institution für ihn, die er vertrat,
und er brachte es zuwege, niemals ausser Dienst zu sein, selbst nicht im Umgang
mit seiner Frau, »seiner bescheidenen, treuen, durch Kindergebären
seligwerdenden Rebekka«, wie Lavater sich in einem anderen Fall ausdrückte.
    2(Was übrigens meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegenüber
vollkommen korrekt und von tadelloser Höflichkeit. In der Kirche schien es mir
manchmal, als wäre er geradezu Jägermeister bei Gott, wenn er dastand und
abwartete und sich verneigte. Maman dagegen erschien es fast verletzend, dass
jemand zu Gott in einem höflichen Verhältnis stehen konnte. Wäre sie in eine
Religion mit deutlichen und ausführlichen Gebräuchen geraten, es wäre eine
Seligkeit für sie gewesen, stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich
recht mit dem grossen Kreuz zu gebärden vor der Brust und um die Schultern herum.
Sie lehrte mich nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine Beruhigung, dass ich
gerne kniete und die Hände bald gekrümmt und bald aufrecht faltete, wie es mir
gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich in Ruhe gelassen, machte ich frühzeitig
eine Reihe von Entwickelungen durch, die ich erst viel später in einer Zeit der
Verzweiflung auf Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, dass er sich
bildete und zersprang, fast in demselben Augenblick. Es ist klar, dass ich ganz
von vorn anfangen musste hernach. Und bei diesem Anfang meinte ich manchmal,
Maman nötig zu haben, obwohl es ja natürlich richtiger war, ihn allein
durchzumachen. Und da war sie ja auch schon lange tot.) Dr. Jespersen gegenüber
konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie liess sich in Gespräche mit ihm ein,
die er ernst nahm, und wenn er dann sich reden hörte, meinte sie, das genüge,
und vergass ihn plötzlich, als wäre er schon fort. »Wie kann er nur«, sagte sie
manchmal von ihm, »herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie gerade
sterben.«
    Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit, aber sie hat ihn sicher nicht
mehr gesehen. Ihre Sinne gingen ein, einer nach dem andern, zuerst das Gesicht.
Es war im Herbst, man sollte schon in die Stadt ziehen, aber da erkrankte sie
gerade, oder vielmehr, sie fing gleich an zu sterben, langsam und trostlos
abzusterben an der ganzen Oberfläche. Die Ärzte kamen, und an einem bestimmten
Tag waren sie alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus. Es war ein paar
Stunden lang, als gehörte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten und als
hätten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich danach verloren sie alles
Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer Höflichkeit, um eine Zigarre
anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb indessen.
    Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder, den Grafen Christian Brahe,
der, wie man sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in türkischen Diensten
gestanden hatte, wo er, wie es immer hiess, sehr ausgezeichnet worden war. Er kam
eines Morgens an in Begleitung eines fremdartigen Dieners, und es überraschte
mich, zu sehen, dass er grösser war als Vater und scheinbar auch älter. Die beiden
Herren wechselten sofort einige Worte, die sich, wie ich vermutete, auf Maman
bezogen. Es entstand eine Pause. Dann sagte mein Vater: »Sie ist sehr
entstellt.« Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es fröstelte mich, da ich
ihn hörte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater sich hätte überwinden
müssen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl vor allem sein Stolz, der litt,
indem er dies zugab.
Mehrere Jahre später erst hörte ich wieder von dem Grafen Christian reden. Es
war auf Urnekloster, und Matilde Brahe war es, die mit Vorliebe von ihm sprach.
Ich bin indessen sicher, dass sie die einzelnen Episoden ziemlich eigenmächtig
ausgestaltete, denn das Leben meines Onkels, von dem immer nur Gerüchte in die
Öffentlichkeit und selbst in die Familie drangen, Gerüchte, die er nie
widerlegte, war geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster ist jetzt in seinem
Besitz. Aber niemand weiss, ob er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch, wie
es seine Gewohnheit war; vielleicht ist die Nachricht seines Todes aus
irgendeinem äussersten Erdteil unterwegs, von der Hand des fremden Dieners
geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner unbekannten Sprache.
Vielleicht auch gibt dieser Mensch kein Zeichen von sich, wenn er eines Tages
allein zurückbleibt. Vielleicht sind sie beide längst verschwunden und stehen
nur noch auf der Schiffsliste eines verschollenen Schiffes unter Namen, die
nicht die ihren waren.
    Freilich, wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr, so erwartete ich
immer, ihn eintreten zu sehen, und mein Herz klopfte auf eine besondere Art.
Matilde Brahe behauptete: so käme er, das wäre so seine Eigenheit, plötzlich da
zu sein, wenn man es am wenigsten für möglich hielte. Er kam nie, aber meine
Einbildungskraft beschäftigte sich wochenlang mit ihm, ich hatte das Gefühl, als
wären wir einander eine Beziehung schuldig, und ich hätte gern etwas Wirkliches
von ihm gewusst.
    Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser
Begebenheiten ganz auf Christine Brahe überging, bemühte ich mich
eigentümlicherweise nicht, etwas von ihren Lebensumständen zu erfahren. Dagegen
beunruhigte mich der Gedanke, ob ihr Bildnis wohl in der Galerie vorhanden sei.
Und der Wunsch, das festzustellen, nahm so einseitig und quälend zu, dass ich
mehrere Nächte nicht schlief, bis, ganz unvermutet, diejenige da war, in der
ich, weiss Gott, aufstand und hinaufging mit meinem Licht, das sich zu fürchten
schien.
    Was mich angeht, so dachte ich nicht an Furcht. Ich dachte überhaupt nicht;
ich ging. Die hohen Türen gaben so spielend nach vor mir und über mir, die
Zimmer, durch die ich kam, hielten sich ruhig. Und endlich merkte ich an der
Tiefe, die mich anwehte, dass ich in die Galerie getreten sei. Ich fühlte auf der
rechten Seite die Fenster mit der Nacht, und links mussten die Bilder sein. Ich
hob mein Licht so hoch ich konnte. Ja: da waren die Bilder.
    Erst nahm ich mit vor, nur nach den Frauen zu sehen, aber dann erkannte ich
eines und ein anderes, das ähnlich in Ulsgaard hing, und wenn ich sie so von
unten beschien, so rührten sie sich und wollten ans Licht, und es schien mir
herzlos, das nicht wenigstens abzuwarten. Da war immer wieder Christian der
Vierte mit der schön geflochtenen Cadenette neben der breiten, langsam gewölbten
Wange. Da waren vermutlich seine Frauen, von denen ich nur Kirstine Munk kannte;
und plötzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an, argwöhnisch in ihrer Witwentracht
und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen Huts. Da waren König
Christians Kinder: immer wieder frische aus neuen Frauen, die »unvergleichliche«
Eleonore auf einem weissen Passgänger in ihrer glänzendsten Zeit, vor der
Heimsuchung. Die Gyldenlöves: Hans Ulrik, von dem die Frauen in Spanien meinten,
dass er sich das Antlitz male, so voller Blut war er, und Ulrik Christian, den
man nicht wieder vergass. Und beinah alle Ulfelds. Und dieser da, mit dem einen
schwarzübermalten Auge, konnte wohl Henrik Holck sein, der mit dreiunddreissig
Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall, und das kam so: ihm träumte auf dem
Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse, es würde ihm statt der Braut ein blosses
Schwert gegeben: und er nahm sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein
kurzes, verwegenes Leben, das mit der Pest endete. Die kannte ich alle. Auch die
Gesandten vom Kongress zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard, die einander ein
wenig glichen, weil sie alle auf einmal gemalt worden waren, jeder mit der
schmalen, gestutzten Bartbraue über dem sinnlichen, fast schauenden Munde. Dass
ich Herzog Ulrich erkannte, ist selbstverständlich, und Otte Brahe und Claus Daa
und Sten Rosensparre, den Letzten seines Geschlechts; denn von ihnen allen hatte
ich Bilder im Saal zu Ulsgaard gesehen, oder ich hatte in alten Mappen
Kupferstiche gefunden, die sie darstellten.
    Aber dann waren viele da, die ich nie gesehen hatte; wenige Frauen, aber es
waren Kinder da. Mein Arm war längst müde geworden und zitterte, aber ich hob
doch immer wieder das Licht, um die Kinder zu sehen.
    Ich begriff sie, diese kleinen Mädchen, die einen Vogel auf der Hand trugen
und ihn vergassen. Manchmal sass ein kleiner Hund bei ihnen unten, ein Ball lag
da, und auf dem Tisch nebenan gab es Früchte und Blumen; und dahinter an der
Säule hing, klein und vorläufig, das Wappen der Grubbe oder der Bille oder der
Rosenkrantz. So viel hatte man um sie zusammengetragen, als ob eine Menge
gutzumachen wäre. Sie aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten; man
sah, dass sie warteten. Und da musste ich wieder an die Frauen denken und an
Christine Brahe, und ob ich sie erkennen würde.
    Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zurückgehen und
suchen, aber da stiess ich an etwas. Ich drehte mich so jäh herum, dass der kleine
Erik zurücksprang und flüsterte: »Gieb acht mit deinem Licht.«
    »Du bist da?« sagte ich atemlos, und ich war nicht im klaren, ob das gut sei
oder ganz und gar schlimm. Er lachte nur, und ich wusste nicht, was weiter. Mein
Licht flackerte, und ich konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht recht
erkennen. Es war doch wohl schlimm, dass er da war. Aber da sagte er, indem er
näher kam: »Ihr Bild ist nicht da, wir suchen es immer noch oben.« Mit seiner
halben Stimme und dem einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf. Und ich
begriff, dass er den Boden meinte. Aber auf einmal kam mir ein merkwürdiger
Gedanke.
    »Wir?« fragte ich, »ist sie denn oben?«
    »Ja«, nickte er und stand dicht neben mir.
    »Sie sucht selber mit?«
    »Ja, wir suchen.«
    »Man hat es also fortgestellt, das Bild?«
    »Ja, denk nur«, sagte er empört. Aber ich begriff nicht recht, was sie damit
wollte.
    »Sie will sich sehen«, flüsterte er ganz nah.
    »Ja so«, machte ich, als ob ich verstünde. Da blies er mir das Licht aus.
Ich sah, wie er sich vorstreckte, ins Helle hinein, mit ganz hochgezogenen
Augenbrauen. Dann wars dunkel. Ich trat unwillkürlich zurück.
    »Was machst du denn?« rief ich unterdrückt und war ganz trocken im Halse. Er
sprang mir nach und hängte sich an meinen Arm und kicherte.
    »Was denn?« fuhr ich ihn an und wollte ihn abschütteln, aber er hing fest.
Ich konnte es nicht hindern, dass er den Arm um meinen Hals legte.
    »Soll ich es sagen?« zischte er, und ein wenig Speichel spritzte mir ans
Ohr.
    »Ja, ja, schnell.«
    Ich wusste nicht, was ich redete. Er umarmte mich nun völlig und streckte
sich dabei.
    »Ich hab ihr einen Spiegel gebracht«, sagte er und kicherte wieder.
    »Einen Spiegel?«
    »Ja, weil doch das Bild nicht da ist.«
    »Nein, nein«, machte ich.
    Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff mich so
scharf in den Oberarm, dass ich schrie.
    »Sie ist nicht drin«, blies er mir ins Ohr.
    Ich stiess ihn unwillkürlich von mir weg, etwas knackte an ihm, mir war, als
hätte ich ihn zerbrochen.
    »Geh, geh«, und jetzt musste ich selber lachen, »nicht drin, wieso denn nicht
drin?«
    »Du bist dumm«, gab er böse zurück und flüsterte nicht mehr. Seine Stimme
war umgeschlagen, als begänne er nun ein neues, noch ungebrauchtes Stück. »Man
ist entweder drin «, diktierte er altklug und strenge, »dann ist man nicht hier;
oder wenn man hier ist, kann man nicht drin sein.«
    »Natürlich«, antwortete ich schnell, ohne nachzudenken. Ich hatte Angst, er
könnte sonst fortgehen und mich allein lassen. Ich griff sogar nach ihm.
    » Wollen wir Freunde sein?« schlug ich vor. Er liess sich bitten. »Mir ists
gleich«, sagte er keck.
    Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen, aber ich wagte nicht, ihn zu
umarmen. »Lieber Erik«, brachte ich nur heraus und rührte ihn irgendwo ein
bisschen an. Ich war auf einmal sehr müde. Ich sah mich um; ich verstand nicht
mehr, wie ich hierher gekommen war und dass ich mich nicht gefürchtet hatte. Ich
wusste nicht recht, wo die Fenster waren und wo die Bilder. Und als wir gingen,
musste er mich führen.
    »Sie tun dir nichts«, versicherte er grossmütig und kicherte wieder.
    Lieber, lieber Erik; vielleicht bist du doch mein einziger Freund gewesen.
Denn ich habe nie einen gehabt. Es ist schade, dass du auf Freundschaft nichts
gabst. Ich hätte dir manches erzählen mögen. Vielleicht hätten wir uns
vertragen. Man kann nicht wissen. Ich erinnere mich, dass damals dein Bild gemalt
wurde. Der Grossvater hatte jemanden kommen lassen, der dich malte. Jeden Morgen
eine Stunde. Ich kann mich nicht besinnen, wie der Maler aussah, sein Name ist
mir entfallen, obwohl Matilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte.
    Ob er dich gesehen hat, wie ich dich seh? Du trugst einen Anzug von
heliotropfarbenem Samt. Matilde Brahe schwärmte für diesen Anzug. Aber das ist
nun gleichgültig. Nur ob er dich gesehen hat, möchte ich wissen. Nehmen wir an,
dass es ein wirklicher Maler war. Nehmen wir an, dass er nicht daran dachte, dass
du sterben könntest, ehe er fertig würde; dass er die Sache gar nicht sentimental
ansah; dass er einfach arbeitete. Dass die Ungleichheit deiner beiden braunen
Augen ihn entzückte; dass er keinen Moment sich schämte für das unbewegliche; dass
er den Takt hatte, nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand, die sich
vielleicht ein wenig stützte -. Nehmen wir sonst noch alles Nötige an und lassen
es gelten: so ist ein Bild da, dein Bild, in der Galerie auf Urnekloster das
letzte.
    (Und wenn man geht, und man hat sie alle gesehen, so ist da noch ein Knabe.
Einen Augenblick: wer ist das? Ein Brahe. Siehst du den silbernen Pfahl im
schwarzen Feld und die Pfauenfedern? Da steht auch der Name: Erik Brahe. War das
nicht ein Erik Brahe, der hingerichtet worden ist? Natürlich, das ist bekannt
genug. Aber um den kann es sich nicht handeln. Dieser Knabe ist als Knabe
gestorben, gleichviel wann. Kannst du das nicht sehen?)
Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen, so versicherte das Fräulein Matilde
Brahe jedesmal, es sei geradezu unglaublich, wie sehr er der alten Gräfin Brahe
gliche, meiner Grossmutter. Sie soll eine sehr grosse Dame gewesen sein. Ich habe
sie nicht gekannt. Dagegen erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines
Vaters, die eigentliche Herrin auf Ulsgaard. Das war sie wohl immer geblieben,
wie sehr sie es auch Maman übelnahm, dass sie als des Jägermeisters Frau ins Haus
gekommen war. Seiter tat sie beständig, als zöge sie sich zurück, und schickte
die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter zu Maman hinein, während sie in
wichtigen Angelegenheiten ruhig entschied und verfügte, ohne irgend jemandem
Rechenschaft abzulegen. Maman, glaube ich, wünschte es gar nicht anders. Sie war
so wenig gemacht, ein grosses Haus zu übersehen, ihr fehlte völlig die Einteilung
der Dinge in nebensächliche und wichtige. Alles, wovon man ihr sprach, schien
ihr immer das Ganze zu sein, und sie vergass darüber das andere, das doch auch
noch da war. Sie beklagte sich nie über ihre Schwiegermutter. Und bei wem hätte
sie sich auch beklagen sollen? Vater war ein äusserst respektvoller Sohn, und
Grossvater hatte wenig zu sagen.
    Frau Margarete Brigge war immer schon, soweit ich denken kann, eine
hochgewachsene, unzugängliche Greisin. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als
dass sie viel älter gewesen sei, als der Kammerherr. Sie lebte mitten unter uns
ihr Leben, ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen. Sie war auf keinen von uns
angewiesen und hatte immer eine Art Gesellschafterin, eine alternde Komtesse
Oxe, um sich, die sie sich durch irgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet
hatte. Dies musste eine einzelne Ausnahme gewesen sein, denn wohltun war sonst
nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder, und Tiere durften nicht in ihre Nähe.
Ich weiss nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde erzählt, dass sie als ganz
junges Mädchen dem schönen Felix Lichnowski verlobt gewesen sei, der dann in
Frankfurt so grausam ums Leben kam. Und in der Tat war nach ihrem Tode ein
Bildnis des Fürsten da, das, wenn ich nicht irre, an die Familie zurückgegeben
worden ist. Vielleicht, denke ich mir jetzt, versäumte sie über diesem
eingezogenen ländlichen Leben, das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu Jahr mehr
geworden war, ein anderes, glänzendes: ihr natürliches. Es ist schwer zu sagen,
ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie es dafür, dass es nicht gekommen
war, dass es die Gelegenheit verfehlt hatte, mit Geschick und Talent gelebt
worden zu sein. Sie hatte alles dies so weit in sich hineingenommen und hatte
darüber Schalen angesetzt, viele, spröde, ein wenig metallisch glänzende
Schalen, deren jeweilig oberste sich neu und kühl ausnahm. Bisweilen freilich
verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld, nicht genügend beachtet zu
sein; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische plötzlich verschlucken auf
irgendeine deutliche und komplizierte Art, die ihr die Teilnahme aller sicherte
und sie, für einen Augenblick wenigstens, so sensationell und spannend
erscheinen liess, wie sie es im Grossen hätte sein mögen. Indessen vermute ich,
dass mein Vater der einzige war, der diese viel zu häufigen Zufälle ernst nahm.
Er sah ihr, höflich vornübergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in
Gedanken seine eigene, ordentliche Luftröhre gleichsam anbot und ganz zur
Verfügung stellte. Der Kammerherr hatte natürlich gleichfalls zu essen
aufgehört; er nahm einen kleinen Schluck Wein und entielt sich jeder Meinung.
    Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin gegenüber
aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte wurde doch noch boshaft
und heimlich weitergegeben; es gab fast überall jemanden, der sie noch nicht
gehört hatte. Es hiess, dass die Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr
über Weinflecke ereifern konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug
gerieten; dass ein solcher Fleck, bei welchem Anlass er auch passieren mochte, von
ihr bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen blossgestellt wurde. Dazu
wäre es auch einmal gekommen, als man mehrere und namhafte Gäste hatte. Ein paar
unschuldige Flecke, die sie übertrieb, wurden der Gegenstand ihrer höhnischen
Anschuldigungen, und wie sehr der Grossvater sich auch bemühte, sie durch kleine
Zeichen und scherzhafte Zurufe zu ermahnen, so wäre sie doch eigensinnig bei
ihren Vorwürfen geblieben, die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen
musste. Es geschah nämlich etwas nie Dagewesenes und völlig Unbegreifliches. Der
Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade herumgereicht worden
war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei, sein Glas selber zu füllen. Nur
dass er, wunderbarerweise, einzugiessen nicht aufhörte, als es längst voll war,
sondern unter zunehmender Stille langsam und vorsichtig weitergoss, bis Maman,
die nie an sich halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach
dem Lachen hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein, und
der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche.
    Später gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Grossmutter. Sie
konnte es nicht ertragen, dass jemand im Hause erkrankte. Einmal, als die Köchin
sich verletzt hatte und sie sah sie zufällig mit der eingebundenen Hand,
behauptete sie, das Jodoform im ganzen Hause zu riechen, und war schwer zu
überzeugen, dass man die Person daraufhin nicht entlassen könne. Sie wollte nicht
an das Kranksein erinnert werden. Hatte jemand die Unvorsichtigkeit, vor ihr
irgendein kleines Unbehagen zu äussern, so war das nichts anderes als eine
persönliche Kränkung für sie, und sie trug sie ihm lange nach.
    In jenem Herbst, als Maman starb, schloss sich die Kammerherrin mit Sophie
Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns ab. Nicht einmal
ihr Sohn wurde angenommen. Es ist ja wahr, dieses Sterben fiel recht unpassend.
Die Zimmer waren kalt, die Öfen rauchten, und die Mäuse waren ins Haus
gedrungen; man war nirgends sicher vor ihnen. Aber das allein war es nicht, Frau
Margarete Brigge war empört, dass Maman starb; dass da eine Sache auf der
Tagesordnung stand, von der zu sprechen sie ablehnte; dass die junge Frau sich
den Vortritt anmasste vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu einem durchaus
noch nicht festgesetzten Termin. Denn daran, dass sie würde sterben müssen,
dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedrängt sein. Sie würde sterben, gewiss,
wann es ihr gefiel, und dann konnten sie ja alle ruhig sterben, hinterher, wenn
sie es so eilig hatten.
    Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte übrigens rasch während
des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch, aber im Sessel sank sie
zusammen, und ihr Gehör wurde schwieriger. Man konnte sitzen und sie gross
ansehen, stundenlang, sie fühlte es nicht. Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur
noch selten und nur für Augenblicke in ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht
mehr bewohnte. Dann sagte sie etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille
richtete, und nahm mit den grossen, frisch gewaschenen Händen ihr Kleid an sich,
als wäre Wasser vergossen oder als wären wir nicht ganz reinlich.
    Sie starb gegen den Frühling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie Oxe,
deren Tür offenstand, hatte nichts gehört. Da man sie am Morgen fand, war sie
kalt wie Glas.
    Gleich darauf begann des Kammerherrn grosse und schreckliche Krankheit. Es
war, als hätte er ihr Ende abgewartet, um so rücksichtslos sterben zu können,
wie er musste.
    Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, dass ich Abelone zuerst bemerkte.
Abelone war immer da. Das tat ihr grossen Eintrag. Und dann war Abelone
unsympatisch, das hatte ich ganz früher einmal bei irgendeinem Anlass
festgestellt, und es war nie zu einer ernstlichen Durchsicht dieser Meinung
gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone für eine Bewandtnis habe, das wäre mir
bis dahin beinah lächerrlich erschienen. Abelone war da, und man nutzte sie ab,
wie man eben konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum ist Abelone da?
Jeder bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu sein, wenn er auch keineswegs
immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die Anwendung des Fräuleins Oxe.
Aber weshalb war Abelone da? Eine Zeitlang war davon die Rede gewesen, dass sie
sich zerstreuen solle. Aber das geriet in Vergessenheit. Niemand trug etwas zu
Abelonens Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruck, dass sie sich
zerstreue.
    Übrigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heisst, es gab Zeiten, wo sie
sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es wahr ist, dass die
Engel männlich sind, so kann man wohl sagen, dass etwas Männliches in ihrer
Stimme war: eine strahlende, himmlische Männlichkeit. Ich, der ich schon als
Kind der Musik gegenüber so misstrauisch war (nicht, weil sie mich stärker als
alles fortob aus mir, sondern, weil ich gemerkt hatte, dass sie mich nicht
wieder dort ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo ganz
ins Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht
aufwärtssteigen konnte, höher und höher, bis man meinte, dies müsste ungefähr
schon der Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte nicht, dass Abelone mir noch
andere Himmel öffnen sollte.
    Zunächst bestand unsere Beziehung darin, dass sie mir von Mamans Mädchenzeit
erzählte. Sie hielt viel darauf, mich zu überzeugen, wie mutig und jung Maman
gewesen wäre. Es gab damals niemanden nach ihrer Versicherung, der sich im
Tanzen oder im Reiten mit ihr messen konnte. »Sie war die Kühnste und
unermüdlich, und dann heiratete sie auf einmal«, sagte Abelone, immer noch
erstaunt nach so vielen Jahren. »Es kam so unerwartet, niemand konnte es recht
begreifen.«
    Ich interessierte mich dafür, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte. Sie
kam mir alt vor verhältnismässig, und dass sie es noch könnte, daran dachte ich
nicht.
    »Es war niemand da«, antwortete sie einfach und wurde richtig schön dabei.
Ist Abelone schön? fragte ich mich überrascht. Dann kam ich fort von Hause, auf
die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche und arge Zeit. Aber wenn ich
dort zu Sorö, abseits von den andern, im Fenster stand, und sie liessen mich ein
wenig in Ruh, so sah ich hinaus in die Bäume, und in solchen Augenblicken und
nachts wuchs in mir die Sicherheit, dass Abelone schön sei. Und ich fing an, ihr
alle jene Briefe zu schreiben, lange und kurze, viele heimliche Briefe, darin
ich von Ulsgaard zu handeln meinte und davon, dass ich unglücklich sei. Aber es
werden doch wohl, so wie ich es jetzt sehe, Liebesbriefe gewesen sein. Denn
schliesslich kamen die Ferien, die erst gar nicht kommen wollten, und da war es
wie auf Verabredung, dass wir uns nicht vor den anderen wiedersahen.
    Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns, aber da der Wagen einbog in
den Park, konnte ich es nicht lassen, auszusteigen, vielleicht nur, weil ich
nicht anfahren wollte, wie irgendein Fremder. Es war schon voller Sommer. Ich
lief in einen der Wege hinein und auf einen Goldregen zu. Und da war Abelone.
Schöne, schöne Abelone.
    Ich wills nie vergessen, wie das war, wenn du mich anschautest. Wie du dein
Schauen trugst, gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es aufhaltend auf
zurückgeneigtem Gesicht.
    Ach, ob das Klima sich gar nicht verändert hat? Ob es nicht milder geworden
ist um Ulsgaard herum von all unserer Wärme? Ob einzelne Rosen nicht länger
blühen jetzt im Park, bis in den Dezember hinein?
    Ich will nichts erzählen von dir, Abelone. Nicht deshalb, weil wir einander
täuschten: weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie vergessen hast,
Liebende, und ich: alle Frauen; sondern weil mit dem Sagen nur unrecht
geschieht.
Es gibt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du bist da,
sechs Teppiche sinds, komm, lass uns langsam vorübergehen. Aber erst tritt zurück
und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind, nicht? Es ist wenig Abwechslung
darin. Da ist immer diese ovale blaue Insel, schwebend im zurückhaltend roten
Grund, der blumig ist und von kleinen, mit sich beschäftigten Tieren bewohnt.
Nur dort, im letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie
leichter geworden sei. Sie trägt immer eine Gestalt, eine Frau in verschiedener
Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr, eine
Dienerin, und immer sind die wappentragenden Tiere da, gross, mit auf der Insel,
mit in der Handlung. Links ein Löwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten
die gleichen Banner, die hoch über ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend,
in blauer Binde auf rotem Feld. - Hast du gesehen, willst du beim ersten
beginnen?
    Sie füttert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist auf der
gekleideten Hand und rührt sich. Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale,
die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu reichen. Rechts unten auf der
Schleppe hält sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man
werde sich seiner erinnern. Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter
schliesst hinten die Insel ab. Die Wappentiere steigen heraldisch hochmütig. Das
Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben. Eine schöne Agraffe hält es
zusammen. Es weht.
    Geht man nicht unwillkürlich leiser zu dem nächsten Teppich hin, sobald man
gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz, eine kleine, runde Krone
aus Blumen. Nachdenklich wählt sie die Farbe der nächsten Nelke in dem flachen
Becken, das ihr die Dienerin hält, während sie die vorige anreiht. Hinten auf
einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat.
Diesmal sollten es Nelken sein.
    Der Löwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn begreift.
    Musste nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon verhalten da?
Schwer und still geschmückt, ist sie (wie langsam, nicht?) an die tragbare Orgel
getreten und spielt, stehend, durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin,
die jenseits die Bälge bewegt. So schön war sie noch nie. Wunderlich ist das
Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und über dem Kopfputz oben
zusammengefasst, so dass es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer
Helmbusch. Verstimmt erträgt der Löwe die Töne, ungern, Geheul verbeissend. Das
Einhorn aber ist schön, wie in Wellen bewegt.
    Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und
goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem fürstlichen
Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst. Die Dienerin
hat eine kleine Truhe geöffnet, und sie hebt nun eine Kette heraus, ein
schweres, herrliches Kleinod, das immer verschlossen war. Der kleine Hund sitzt
bei ihr, erhöht, auf bereitetem Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch
entdeckt auf dem Zeltrand oben? da steht: »A mon seul désir.«
    Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum sieht
man gleich, dass es springt? Alles ist so befangen. Den Löwe hat nichts zu tun.
Sie selbst hält das Banner. Oder hält sie sich dran? Sie hat mit der anderen
Hand nach dem Horn des Einhorns gefasst. Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht
sein, und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser grünschwarze Samt mit den
welken Stellen?
    Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung spielt
dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles für immer. Der Löwe sieht sich fast
drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben sie noch nie müde gesehen; ist sie
müde? oder hat sie sich nur niedergelassen, weil sie etwas Schweres hält? Man
könnte meinen, eine Monstranz. Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn
hin, und das Tier bäumt sich geschmeichelt auf und steigt und stützt sich auf
ihren Schoss. Es ist ein Spiegel, was sie hält. Siehst du: sie zeigt dem Einhorn
sein Bild -.
    Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich denke, du
musst begreifen.
    Nun sind auch die Teppiche der Dame à la Licorne nicht mehr in dem alten
Schloss von Boussac. Die Zeit ist da, wo alles aus den Häusern fortkommt, sie
können nichts mehr behalten. Die Gefahr ist sicherer geworden als die
Sicherheit. Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und
hat das im Blut. Sie sind alle vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre
d'Aubusson, grosser Grossmeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin
vielleicht diese Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben.
(Ach, dass die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wörtlicher, wie
sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.) Nun kommt man
zufällig davor unter Zufälligen und erschrickt fast, nicht geladen zu sein. Aber
da sind andere und gehen vorüber, wenn es auch nie viele sind. Die jungen Leute
halten sich kaum auf, es sei denn, dass das irgendwie in ihr Fach gehört, diese
Dinge einmal gesehen zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.
    Junge Mädchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es gibt eine Menge
junger Mädchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den Häusern,
die nichts mehr behalten. Sie finden sich vor diesen Teppichen und vergessen
sich ein wenig. Sie haben immer gefühlt, dass es dies gegeben hat, solch ein
leises Leben langsamer, nie ganz aufgeklärter Gebärden, und sie erinnern sich
dunkel, dass sie sogar eine Zeitlang meinten, es würde ihr Leben sein. Aber dann
ziehen sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen, gleichviel was, eine
von den Blumen oder ein kleines, vergnügtes Tier.
    Darauf käme es nicht an, hat man ihnen vorgesagt, was es gerade wäre. Und
darauf kommt es wirklich nicht an. Nur dass gezeichnet wird, das ist die
Hauptsache; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich gewaltsam. Sie
sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so
ergibt sich, dass ihr Kleid hinten nicht zugeknöpft ist oder doch nicht ganz. Es
sind da ein paar Knöpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid
gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, dass sie plötzlich allein
weggehen würden. In der Familie ist immer jemand für solche Knöpfe. Aber hier,
lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so grossen Stadt. Man müsste
schon eine Freundin haben; Freundinnen sind aber in derselben Lage, und da kommt
es doch darauf hinaus, dass man sich gegenseitig die Kleider schliesst. Das ist
lächerrlich und erinnert an die Familie, an die man nicht erinnert sein will.
    Es lässt sich ja nicht vermeiden, dass man während des Zeichnens zuweilen
überlegt, ob es nicht doch möglich gewesen wäre zu bleiben. Wenn man hätte fromm
sein können, herzhaft fromm im gleichen Tempo mit den andern. Aber das nahm sich
so unsinnig aus, das gemeinsam zu versuchen. Der Weg ist irgendwie enger
geworden: Familien können nicht mehr zu Gott. Es blieben also nur verschiedene
andere Dinge, die man zur Not teilen konnte. Da kam dann aber, wenn man ehrlich
teilte, so wenig auf den einzelnen, dass es eine Schande war. Und betrog man beim
Teilen, so entstanden Auseinandersetzungen. Nein, es ist wirklich besser zu
zeichnen, gleichviel was. Mit der Zeit stellt sich die Ähnlichkeit schon ein.
Und die Kunst, wenn man sie so allmählich hat, ist doch etwas recht
Beneidenswertes.
    Und über der angestrengten Beschäftigung mit dem, was sie sich vorgenommen
haben, diese jungen Mädchen, kommen sie nicht mehr dazu, aufzusehen. Sie merken
nicht, wie sie bei allem Zeichnen doch nichts tun, als das unabänderliche Leben
in sich unterdrücken, das in diesen gewebten Bildern strahlend vor ihnen
aufgeschlagen ist in seiner unendlichen Unsäglichkeit. Sie wollen es nicht
glauben. Jetzt, da so vieles anders wird, wollen sie sich verändern. Sie sind
ganz nahe daran, sich aufzugeben und so von sich zu denken, wie Männer etwa von
ihnen reden könnten, wenn sie nicht da sind. Das scheint ihnen ihr Fortschritt.
Sie sind fast schon überzeugt, dass man einen Genuss sucht und wieder einen und
einen noch stärkeren Genuss: dass darin das Leben besteht, wenn man es nicht auf
eine albere Art verlieren will. Sie haben schon angefangen, sich umzusehen, zu
suchen; sie, deren Stärke immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.
    Das kommt, glaube ich, weil sie müde sind. Sie haben Jahrhunderte lang die
ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog gespielt, beide Teile.
Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht. Und hat ihnen das Erlernen
schwer gemacht mit seiner Zerstreuteit, mit seiner Nachlässigkeit, mit seiner
Eifersucht, die auch eine Art Nachlässigkeit war. Und sie haben trotzdem
ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen
sind, unter dem Druck endloser Nöte, die gewaltigen Liebenden hervorgegangen,
die, während sie ihn riefen, den Mann überstanden; die über ihn hinauswuchsen,
wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin, die nicht
abliessen, bis ihre Qual umschlug in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht
mehr zu halten war. Wir wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie
durch ein Wunder sich erhielten, oder Bücher mit anklagenden oder klagenden
Gedichten, oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen
durch, das dem Maler gelang, weil er nicht wusste, was es war. Aber es sind ihrer
zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt haben, und andere, die
keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben. Greisinnen, die verhärtet waren, mit
einem Kern von Köstlichkeit in sich, den sie verbargen. Formlose, stark
gewordene Frauen, die, stark geworden aus Erschöpfung, sich ihren Männern
ähnlich werden liessen und die doch innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe
gearbeitet hatte, im Dunkel. Gebärende, die nie gebären wollten, und wenn sie
endlich starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte
von Mädchen, die sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben neben Tobenden
und Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in sich so weit von ihnen zu
sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter die Leute, so konnten sie nicht
verhalten und schimmerten, als gingen sie immer mit Seligen um. Wer kann sagen,
wie viele es waren und welche. Es ist, als hätten sie im voraus die Worte
vernichtet, mit denen man sie fassen könnte.
    Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu verändern?
Könnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren Anteil
Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach? Man hat uns alle ihre
Mühsal erspart, und so ist sie uns unter die Zerstreuungen geglitten, wie in
eines Kindes Spiellade manchmal ein Stück echter Spitze fällt und freut und
nicht mehr freut und endlich daliegt unter Zerbrochenem und
Auseinandergenommenem, schlechter als alles. Wir sind verdorben vom leichten
Genuss wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft. Wie aber,
wenn wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne begännen die
Arbeit der Liebe zu lernen, die immer für uns getan worden ist? Wie, wenn wir
hingingen und Anfänger würden, nun, da sich vieles verändert.
Nun weiss ich auch, wie es war, wenn Maman die kleinen Spitzenstücke aufrollte.
Sie hatte nämlich ein einziges von den Schubfächern in Ingeborgs Sekretär für
sich in Gebrauch genommen.
    »Wollen wir sie sehen, Malte«, sagte sie und freute sich, als sollte sie
eben alles geschenkt bekommen, was in der kleinen gelblackierten Lade war. Und
dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier gar nicht
auseinanderschlagen. Ich musste es tun jedesmal. Aber ich wurde auch ganz
aufgeregt, wenn die Spitzen zum Vorschein kamen. Sie waren aufgewunden um eine
Holzwelle, die gar nicht zu sehen war vor lauter Spitzen. Und nun wickelten wir
sie langsam ab und sahen den Mustern zu, wie sie sich abspielten, und erschraken
jedesmal ein wenig, wenn eines zu Ende war. Sie hörten so plötzlich auf.
    Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zähe Stücke mit ausgezogenen
Fäden, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich wie in einem
Bauerngarten. Dann war auf einmal eine ganze Reihe unserer Blicke vergittert mit
venezianischer Nadelspitze, als ob wir Klöster wären oder Gefängnisse. Aber es
wurde wieder frei, und man sah weit in Gärten hinein, die immer künstlicher
wurden, bis es dicht und lau an den Augen war wie in einem Treibhaus: prunkvolle
Pflanzen, die wir nicht kannten, schlugen riesige Blätter auf, Ranken griffen
nacheinander, als ob ihnen schwindelte, und die grossen offenen Blüten der Points
d'Alençon trübten alles mit ihren Pollen. Plötzlich, ganz müde und wirr, trat
man hinaus in die lange Bahn der Valenciennes, und es war Winter und früh am Tag
und Reif. Und man drängte sich durch das verschneite Gebüsch der Binche und kam
an Plätze, wo noch keiner gegangen war; die Zweige hingen so merkwürdig abwärts,
es konnte wohl ein Grab darunter sein, aber das verbargen wir voreinander. Die
Kälte drang immer dichter an uns heran, und schliesslich sagte Maman, wenn die
kleinen, ganz feinen Klöppelspitzen kamen: »Oh, jetzt bekommen wir Eisblumen an
den Augen«, und so war es auch, denn es war innen sehr warm in uns.
    Über dem Wiederaufrollen seufzten wir beide, das war eine lange Arbeit, aber
wir mochten es niemandem überlassen.
    »Denk nun erst, wenn wir sie machen müssten«, sagte Maman und sah förmlich
erschrocken aus. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ertappte mich
darauf, dass ich an kleine Tiere gedacht hatte, die das immerzu spinnen und die
man dafür in Ruhe lässt. Nein, es waren ja natürlich Frauen.
    »Die sind gewiss in den Himmel gekommen, die das gemacht haben«, meinte ich
bewundernd. Ich erinnere, es fiel mir auf, dass ich lange nicht nach dem Himmel
gefragt hatte. Maman atmete auf, die Spitzen waren wieder beisammen.
    Nach einer Weile, als ich es schon wieder vergessen hatte, sagte sie ganz
langsam: »In den Himmel? Ich glaube, sie sind ganz und gar da drin. Wenn man das
so sieht: das kann gut eine ewige Seligkeit sein. Man weiss ja so wenig darüber.«
Oft, wenn Besuch da war, hiess es, dass Schulins sich einschränkten. Das grosse,
alte Schloss war abgebrannt vor ein paar Jahren, und nun wohnten sie in den beide
engen Seitenflügeln und schränkten sich ein. Aber das Gästehaben lag ihnen nun
einmal im Blut. Das konnten sie nicht aufgeben. Kam jemand unerwartet zu uns, so
kam er wahrscheinlich von Schulins; und sah jemand plötzlich nach der Uhr und
musste ganz erschrocken fort, so wurde er sicher auf Lystager erwartet.
    Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin, aber so etwas konnten
Schulins nicht begreifen; es blieb nichts übrig, man musste einmal hinüberfahren.
Es war im Dezember nach ein paar frühen Schneefällen; der Schlitten war auf drei
Uhr befohlen, ich sollte mit. Man fuhr indessen nie pünktlich bei uns. Maman,
die es nicht liebte, dass der Wagen gemeldet wurde, kam meistens viel zu früh
herunter, und wenn sie niemanden fand, so fiel ihr immer etwas ein, was schon
längst hätte getan sein sollen, und sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu
ordnen, so dass sie kaum wieder zu erreichen war. Schliesslich standen alle und
warteten. Und sass sie endlich und war eingepackt, so zeigte es sich, dass etwas
vergessen sei, und Sieversen musste geholt werden; denn nur Sieversen wusste, wo
es war. Aber dann fuhr man plötzlich los, eh Sieversen wiederkam.
    An diesem Tag war es überhaupt nicht recht hell geworden. Die Bäume standen
da, als wüssten sie nicht weiter im Nebel, und es hatte etwas Rechtaberisches,
dahinein zu fahren. Zwischendurch fing es an, still weiterzuschneien, und nun
wars, als würde auch noch das Letzte ausradiert und als führe man in ein weisses
Blatt. Es gab nichts als das Geläut, und man konnte nicht sagen, wo es
eigentlich war. Es kam ein Moment, da es einhielt, als wäre nun die letzte
Schelle ausgegeben; aber dann sammelte es sich wieder und war beisammen und
streute sich wieder aus dem Vollen aus. Den Kirchturm links konnte man sich
eingebildet haben. Aber der Parkkontur war plötzlich da, hoch, beinahe über
einem, und man befand sich in der langen Allee. Das Geläut fiel nicht mehr ganz
ab; es war, als hängte es sich in Trauben rechts und links an die Bäume. Dann
schwenkte man und fuhr rund um etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt
in der Mitte.
    Georg hatte ganz vergessen, dass das Haus nicht da war, und für uns alle war
es in diesem Augenblick da. Wir stiegen die Freitreppe hinauf, die auf die alte
Terrasse führte, und wunderten uns nur, dass es ganz dunkel sei. Auf einmal ging
eine Tür, links unten hinter uns, und jemand rief: »Hierher!« und hob und
schwenkte ein dunstiges Licht. Mein Vater lachte: »Wir steigen hier herum wie
die Gespenster«, und er half uns wieder die Stufen zurück.
    »Aber es war doch eben ein Haus da«, sagte Maman und konnte sich gar nicht
so rasch an Wjera Schulin gewöhnen, die warm und lachend herausgelaufen war. Nun
musste man natürlich schnell hinein, und an das Haus war nicht mehr zu denken. In
einem engen Vorzimmer wurde man ausgezogen, und dann war man gleich mitten drin
unter den Lampen und der Wärme gegenüber.
    Diese Schulins waren ein mächtiges Geschlecht selbständiger Frauen. Ich weiss
nicht, ob es Söhne gab. Ich erinnere mich nur dreier Schwestern; der ältesten,
die an einen Marchese in Neapel verheiratet gewesen war, von dem sie sich nun
langsam unter vielen Prozessen schied. Dann kam Zoë, von der es hiess, dass es
nichts gab, was sie nicht wusste. Und vor allem war Wjera da, diese warme Wjera;
Gott weiss, was aus ihr geworden ist. Die Gräfin, eine Narischkin, war eigentlich
die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die jüngste. Sie wusste von nichts
und musste in einem fort von ihren Kindern unterrichtet werden. Und der gute Graf
Schulin fühlte sich, als ob er mit allen diesen Frauen verheiratet sei, und ging
herum und küsste sie, wie es eben kam.
    Vor der Hand lachte er laut und begrüsste uns eingehend. Ich wurde unter den
Frauen weitergegeben und befühlt und befragt. Aber ich hatte mir fest
vorgenommen, wenn das vorüber sei, irgendwie hinauszugleiten und mich nach dem
Haus umzusehen. Ich war überzeugt, dass es heute da sei. Das Hinauskommen war
nicht so schwierig; zwischen allen den Kleidern kam man unten durch wie ein
Hund, und die Tür nach dem Vorraum zu war noch angelehnt. Aber draussen die
äussere wollte nicht nachgeben. Da waren mehrere Vorrichtungen, Ketten und
Riegel, die ich nicht richtig behandelte in der Eile. Plötzlich ging sie doch
auf, aber mit lautem Geräusch, und eh ich draussen war, wurde ich festgehalten
und zurückgezogen.
    »Halt, hier wird nicht ausgekniffen«, sagte Wjera Schulin belustigt. Sie
beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person nichts zu
verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters an, eine Nötigung
meiner Natur hätte mich an die Tür getrieben; sie ergriff meine Hand und fing
schon an zu gehen und wollte mich, halb vertraulich, halb hochmütig, irgendwohin
mitziehen. Dieses intime Missverständnis kränkte mich über die Massen. Ich riss
mich los und sah sie böse an. »Das Haus will ich sehen«, sagte ich stolz. Sie
begriff nicht.
    »Das grosse Haus draussen an der Treppe.«
    »Schaf«, machte sie und haschte nach mir, »da ist doch gar kein Haus mehr.«
Ich bestand darauf.
    »Wir gehen einmal bei Tage hin«, schlug sie einlenkend vor, »jetzt kann man
da nicht herumkriechen. Es sind Löcher da, und gleich dahinter sind Papas
Fischteiche, die nicht zufrieren dürfen. Da fällst du hinein und wirst ein
Fisch.«
    Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da sassen sie
alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an: die gehen natürlich
nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich verächtlich; wenn Maman und ich hier
wohnten, so wäre es immer da. Maman sah zerstreut aus, während alle zugleich
redeten. Sie dachte gewiss an das Haus.
    Zoë setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein gutgeordnetes
Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit erneute, als sähe sie
beständig etwas ein. Mein Vater sass etwas nach rechts geneigt und hörte der
Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin stand zwischen Maman und seiner Frau und
erzählte etwas. Aber die Gräfin unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.
    »Nein, Kind, das bildest du dir ein«, sagte der Graf gutmütig, aber er hatte
auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte über den beiden
Damen. Die Gräfin war von ihrer sogenannten Einbildung nicht abzubringen. Sie
sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der nicht gestört sein will. Sie machte
kleine, abwinkende Bewegungen mit ihren weichen Ringhänden, jemand sagte »sst«,
und es wurde plötzlich ganz still.
    Hinter den Menschen drängten sich die grossen Gegenstände aus dem alten
Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber glänzte und wölbte sich, als sähe
man es durch Vergrösserungsgläser. Mein Vater sah sich befremdet um.
    »Mama riecht«, sagte Wjera Schulin hinter ihm, »da müssen wir immer alle
still sein, sie riecht mit den Ohren«, dabei aber stand sie selbst mit
hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.
    Die Schulins waren in dieser Beziehung ein bisschen eigen seit dem Brande. In
den engen, überheizten Stuben kam jeden Augenblick ein Geruch auf, und dann
untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung ab. Zoë machte sich am Ofen zu
tun, sachlich und gewissenhaft, der Graf ging umher und stand ein wenig in jeder
Ecke und wartete; »hier ist es nicht«, sagte er dann. Die Gräfin war
aufgestanden und wusste nicht, wo sie suchen sollte. Mein Vater drehte sich
langsam um sich selbst, als hätte er den Geruch hinter sich. Die Marchesin, die
sofort angenommen hatte, dass es ein garstiger Geruch sei, hielt ihr Taschentuch
vor und sah von einem zum andern, ob es vorüber wäre. »Hier, hier«, rief Wjera
von Zeit zu Zeit, als hätte sie ihn. Und um jedes Wort herum war es merkwürdig
still. Was mich angeht, so hatte ich fleissig mitgerochen. Aber auf einmal (war
es die Hitze in den Zimmern oder das viele nahe Licht) überfiel mich zum
erstenmal in meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, dass
alle die deutlichen grossen Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht
hatten, gebückt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem beschäftigten; dass
sie zugaben, dass da etwas war, was sie nicht sahen. Und es war schrecklich, dass
es stärker war als sie alle.
    Meine Angst steigerte sich. Mir war, als könnte das, was sie suchten,
plötzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann würden sie es sehen und
nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman hinüber. Sie sass
eigentümlich gerade da, mir kam vor, dass sie auf mich wartete. Kaum war ich bei
ihr und fühlte, dass sie innen zitterte, so wusste ich, dass das Haus jetzt erst
wieder verging.
    »Malte, Feigling«, lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber wir liessen
einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir blieben so, Maman und ich,
bis das Haus wieder ganz vergangen war.
Am reichsten an beinah unfassbaren Erfahrungen waren aber doch die Geburtstage.
Man wusste ja schon, dass das Leben sich darin gefiel, keine Unterschiede zu
machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem Recht auf Freude auf, an dem
nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich war das Gefühl dieses Rechts ganz früh in
einem ausgebildet worden, zu der Zeit, da man nach allem greift und rein alles
bekommt und da man die Dinge, die man gerade festält, mit unbeirrbarer
Einbildungskraft zu der grundfarbigen Intensität des gerade herrschenden
Verlangens steigert.
    Dann aber kommen auf einmal jene merkwürdigen Geburtstage, da man, im
Bewusstsein dieses Rechtes völlig befestigt, die anderen unsicher werden sieht.
Man möchte wohl noch wie früher angekleidet werden und dann alles Weitere
entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft jemand draussen, die Torte sei
noch nicht da; oder man hört, dass etwas zerbricht, während nebenan der
Geschenktisch geordnet wird; oder es kommt jemand herein und lässt die Türe
offen, und man sieht alles, ehe man es hätte sehen dürfen. Das ist der
Augenblick, wo etwas wie eine Operation an einem geschieht. Ein kurzer,
wahnsinnig schmerzhafter Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut, ist geübt und
fest. Es ist gleich vorbei. Und kaum ist es überstanden, so denkt man nicht mehr
an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die anderen zu beobachten, ihren
Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer Einbildung zu bestärken, dass sie alles
trefflich bewältigen. Sie machen es einem nicht leicht. Es erweist sich, dass sie
von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind, beinahe stupide. Sie bringen es
zuwege, mit irgendwelchen Paketen hereinzukommen, die für andere Leute bestimmt
sind; man läuft ihnen entgegen und muss hernach tun, als liefe man überhaupt in
der Stube herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu. Sie
wollen einen überraschen und heben mit oberflächlich nachgeahmter Erwartung die
unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter nichts ist als
Holzwolle; da muss man ihnen ihre Verlegenheit erleichtern. Oder wenn es etwas
Mechanisches war, so überdrehen sie das, was sie einem geschenkt haben, beim
ersten Aufziehen. Es ist deshalb gut, wenn man sich beizeiten übt, eine
überdrehte Maus oder dergleichen unauffällig mit dem Fuss weiterzustossen: auf
diese Weise kann man sie oft täuschen und ihnen über die Beschämung fortelfen.
    Das alles leistete man schliesslich, wie es verlangt wurde, auch ohne
besondere Begabung. Talent war eigentlich nur nötig, wenn sich einer Mühe
gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutmütig, eine Freude, und man sah schon
von weitem, dass es eine Freude für einen ganz anderen war, eine vollkommen
fremde Freude; man wusste nicht einmal jemanden, dem sie gepasst hätte: so fremd
war sie.
Dass man erzählte, wirklich erzählte, das muss vor meiner Zeit gewesen sein. Ich
habe nie jemanden erzählen hören. Damals, als Abelone mir von Mamans Jugend
sprach, zeigte es sich, dass sie nicht erzählen könne. Der alte Graf Brahe soll
es noch gekonnt haben. Ich will aufschreiben, was sie davon wusste.
    Abelone muss als ganz junges Mädchen eine Zeit gehabt haben, da sie von einer
eigenen, weiten Bewegteit war. Brahes wohnten damals in der Stadt, in der
Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie abends spät hinauf in ihr
Zimmer kam, so meinte sie müde zu sein wie die anderen. Aber dann fühlte sie auf
einmal das Fenster und, wenn ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der
Nacht stehn, stundenlang, und denken: das geht mich an. »Wie ein Gefangener
stand ich da«, sagte sie, »und die Sterne waren die Freiheit.« Sie konnte damals
einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen passt
nicht für dieses Mädchenjahr. Schlaf war etwas, was mit einem stieg, und von
Zeit zu Zeit hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberfläche, die
noch lang nicht die oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im Winter,
wenn die anderen schläfrig und spät zum späten Frühstück kamen. Abends, wenn es
dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter für alle, gemeinsame Lichter. Aber
diese beiden Kerzen ganz früh in der neuen Dunkelheit, mit der alles wieder
anfing, die hatte man für sich. Sie standen in ihrem niederen Doppelleuchter und
schienen ruhig durch die kleinen, ovalen, mit Rosen bemalten Tüllschirme, die
von Zeit zu Zeit nachgerückt werden mussten. Das hatte nichts Störendes; denn
einmal war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, dass man manchmal
aufsehen musste und nachdenken, wenn man an einem Brief schrieb oder in das
Tagebuch, das früher einmal mit ganz anderer Schrift, ängstlich und schön,
begonnen war.
    Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Töchtern. Er hielt es für
Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen. (»Ja, teilen
-«, sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die Leute ihm von seinen
Töchtern erzählten; er hörte aufmerksam zu, als wohnten sie in einer anderen
Stadt.
    Es war deshalb etwas ganz Ausserordentliches, dass er einmal nach dem
Frühstück Abelone zu sich winkte: »Wir haben die gleichen Gewohnheiten, wie es
scheint, ich schreibe auch ganz früh. Du kannst mir helfen.« Abelone wusste es
noch wie gestern.
    Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett geführt, das im
Rufe der Unzugänglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in Augenschein zu
nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen über an den Schreibtisch,
der ihr wie eine Ebene schien mit Büchern und Schriftstössen als Ortschaften.
    Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, dass Graf Brahe seine
Memoiren schriebe, hatten nicht völlig unrecht. Nur dass es sich nicht um
politische oder militärische Erinnerungen handelte, wie man mit Spannung
erwartete. »Die vergesse ich«, sagte der alte Herr kurz, wenn ihn jemand auf
solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht vergessen wollte, das war seine
Kindheit. Auf die hielt er. Und es war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach,
dass jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, dass sie, wenn er
seinen Blick nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen
Sommernacht, gesteigert und schlaflos.
    Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, dass sie flackerten.
Oder ganze Sätze mussten wieder durchgestrichen werden, und dann ging er heftig
hin und her und wehte mit seinem nilgrünen, seidenen Schlafrock. Während alledem
war noch eine Person zugegen, Sten, des Grafen alter, jütländischer
Kammerdiener, dessen Aufgabe es war, wenn der Grossvater aufsprang, die Hände
schnell über die einzelnen losen Blätter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf
dem Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, dass das heutige
Papier nichts tauge, dass es viel zu leicht sei und davonfliege bei der
geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange obere Hälfte sah,
teilte diesen Verdacht und sass gleichsam auf seinen Händen, lichtblind und ernst
wie ein Nachtvogel.
    Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu lesen,
und niemand von der Dienerschaft hätte je sein Zimmer betreten mögen, weil es
hiess, dass er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern
gehabt, und Sten war für diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt. Seiner
Mutter war etwas erschienen in der Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte grosse,
runde Augen, und das andere Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den
er damit ansah. Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst
jemanden nach seinen Angehörigen fragt: »Kommen sie, Sten?« sagte er
wohlwollend. »Es ist gut, wenn sie kommen.«
    Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte Abelone
»Eckernförde« nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie hatte ihn nie
gehört. Der Graf, der im Grunde schon lange einen Vorwand suchte, das Schreiben
aufzugeben, das zu langsam war für seine Erinnerungen, stellte sich unwillig.
    »Sie kann es nicht schreiben«, sagte er scharf, »und andere werden es nicht
lesen können. Und werden sie es überhaupt sehen, was ich da sage?« fuhr er böse
fort und liess Abelone nicht aus den Augen.
    »Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?« schrie er sie an. »Haben wir
Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der Marquis von Belmare.«
    Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell weiter,
dass man nicht mitkonnte.
    »Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber mich nahm
er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in seine Diamantknöpfe
zu beissen. Das freute ihn. Er lachte und hob mir den Kopf, bis wir einander in
die Augen sahen: Du hast ausgezeichnete Zähne, sagte er, Zähne, die etwas
unternehmen... - Ich aber merkte mir seine Augen. Ich bin später da und dort
herumgekommen. Ich habe allerhand Augen gesehen, kannst du mir glauben: solche
nicht wieder. Für diese Augen hätte nichts da sein müssen, die hattens in sich.
Du hast von Venedig gehört? Gut. Ich sage dir, die hätten Venedig hier
hereingesehen in dieses Zimmer, dass es da gewesen wäre, wie der Tisch. Ich sass
in der Ecke einmal und hörte, wie er meinem Vater von Persien erzählte, manchmal
mein ich noch, mir riechen die Hände davon. Mein Vater schätzte ihn, und Seine
Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie sein Schüler. Aber es gab natürlich
genug, die ihm übelnahmen, dass er an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in
ihm war. Das konnten sie nicht begreifen, dass der Kram nur Sinn hat, wenn man
damit geboren wird.«
    »Die Bücher sind leer«, schrie der Graf mit einer wütenden Gebärde nach den
Wänden hin, »das Blut, darauf kommt es an, da muss man drin lesen können. Er
hatte wunderliche Geschichten drin und merkwürdige Abbildungen, dieser Belmare;
er konnte aufschlagen, wo er wollte, da war immer was beschrieben; keine Seite
in seinem Blut war überschlagen worden. Und wenn er sich einschloss von Zeit zu
Zeit und allein drin blätterte, dann kam er zu den Stellen über das Goldmachen
und über die Steine und über die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden
haben? es steht sicher irgendwo.«
    »Er hätte gut mit einer Wahrheit leben können, dieser Mensch, wenn er allein
gewesen wäre. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein mit einer solchen.
Und er war nicht so geschmacklos, die Leute einzuladen, dass sie ihn bei seiner
Wahrheit besuchten; die sollte nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr
Orientale. Adieu, Madame, sagte er ihr wahrheitsgemäss, auf ein anderes Mal.
Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas kräftiger und ungestörter. Ihre
Schönheit ist ja doch erst im Werden, Madame, sagte er, und das war keine blosse
Höflichkeit. Damit ging er fort und legte draussen für die Leute seinen Tierpark
an, eine Art Jardin d'Acclimatation für die grösseren Arten von Lügen, die man
bei uns noch nie gesehen hatte, und ein Palmenhaus von Übertreibungen und eine
kleine, gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten,
und er ging herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz für seine
Gäste da.«
    »Eine oberflächliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine Ritterlichkeit
gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei konserviert.«
    Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die er
vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und warf herausfordernde Blicke
auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen Augenblicke sich in den verwandeln,
an den er dachte. Aber Sten verwandelte sich noch nicht.
    »Man müsste ihn sehen«, fuhr Graf Brahe versessen fort. »Es gab eine Zeit, wo
er durchaus sichtbar war, obwohl in manchen Städten die Briefe, die er empfing,
an niemanden gerichtet waren: es stand nur der Ort darauf, sonst nichts. Aber
ich hab ihn gesehen.«
    »Er war nicht schön.« Der Graf lachte eigentümlich eilig. »Auch nicht, was
die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer Vornehmere neben ihm. Er
war reich; aber das war bei ihm nur wie ein Einfall, daran konnte man sich nicht
halten. Er war gut gewachsen, obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte
damals natürlich nicht beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf
Wert gelegt wird -; aber er war.«
    Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas in
den Raum hinein, was blieb.
    In diesem Moment gewahrte er Abelone.
    »Siehst du ihn?« herrschte er sie an. Und plötzlich ergriff er den einen
silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.
    Abelone erinnerte sich, dass sie ihn gesehen habe.
    In den nächsten Tagen wurde Abelone regelmässig gerufen, und das Diktieren
ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf stellte nach
allerhand Papieren seine frühesten Erinnerungen an den Bernstorffschen Kreis
zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle spielte. Abelone war jetzt so gut
auf die Besonderheiten ihrer Arbeit eingestellt, dass, wer die beiden sah, ihre
zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht für ein wirkliches Vertrautsein nehmen
konnte.
    Einmal, als Abelone sich schon zurückziehen wollte, trat der alte Herr auf
sie zu, und es war, als hielte er die Hände mit einer Überraschung hinter sich:
»Morgen schreiben wir von Julie Reventlow«, sagte er und kostete seine Worte:
»das war eine Heilige.«
    Wahrscheinlich sah Abelone ihn ungläubig an.
    »Ja, ja, das gibt es alles noch«, bestand er in befehlendem Tone, »es gibt
alles, Komtesse Abel.«
    Er nahm Abelonens Hände und schlug sie auf wie ein Buch.
    »Sie hatte die Stigmata«, sagte er, »hier und hier.« Und er tippte mit
seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflächen.
    Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen, dachte sie;
sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hören, die ihr Vater noch gesehen
hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht am nächsten Morgen und auch
später nicht. -
    »Von der Gräfin Reventlow ist ja dann oft bei euch gesprochen worden«,
schloss Abelone kurz, als ich sie bat, mehr zu erzählen. Sie sah müde aus; auch
behauptete sie, das Meiste wieder vergessen zu haben. »Aber die Stellen fühl ich
noch manchmal«, lächelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah
neugierig in ihre leeren Hände.
Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war nicht mehr in
unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer Etagenwohnung, die mir
feindsälig und befremdlich schien. Ich war damals schon im Ausland und kam zu
spät.
    Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen. Der
Geruch der Blumen war unverständlich wie viele gleichzeitige Stimmen. Sein
schönes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden waren, hatte einen Ausdruck
höflichen Erinnerns. Er war eingekleidet in die Jägermeisters-Uniform, aber aus
irgendeinem Grunde hatte man das weisse Band aufgelegt, statt des blauen. Die
Hände waren nicht gefaltet, sie lagen schräg übereinander und sahen nachgemacht
und sinnlos aus. Man hatte mir rasch erzählt, dass er viel gelitten habe: es war
nichts davon zu sehen. Seine Züge waren aufgeräumt wie die Möbel in einem
Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war zumute, als hätte ich ihn
schon öfter tot gesehen: so gut kannte ich das alles.
    Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses
bedrückende Zimmer, das Fenster gegenüber hatte, wahrscheinlich die Fenster
anderer Leute. Neu war es, dass Sieversen von Zeit zu Zeit hereinkam und nichts
tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte ich frühstücken. Mehrmals wurde mir
das Frühstück gemeldet. Mir lag durchaus nichts daran, zu frühstücken an diesem
Tage. Ich merkte nicht, dass man mich fortaben wollte; schliesslich, da ich nicht
ging, brachte Sieversen es irgendwie heraus, dass die Ärzte da wären. Ich begriff
nicht, wozu. Es wäre da noch etwas zu tun, sagte Sieversen und sah mich mit
ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas überstürzt, zwei Herren
herein: das waren die Ärzte. Der vordere senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als
hätte er Hörner und wollte stossen, um uns über seine Gläser fort anzusehen: erst
Sieversen, dann mich.
    Er verbeugte sich mit studentischer Förmlichkeit. »Der Herr Jägermeister
hatte noch einen Wunsch«, sagte er genau so, wie er eingetreten war; man hatte
wieder das Gefühl, dass er sich überstürzte. Ich nötigte ihn irgendwie, seinen
Blick durch seine Gläser zu richten. Sein Kollege war ein voller, dünnschaliger,
blonder Mensch; es fiel mir ein, dass man ihn leicht zum Erröten bringen könnte.
Darüber entstand eine Pause. Es war seltsam, dass der Jägermeister jetzt noch
Wünsche hatte.
    Ich blickte unwillkürlich wieder hin in das schöne, gleichmässige Gesicht.
Und da wusste ich, dass er Sicherheit wollte. Die hatte er im Grunde immer
gewünscht. Nun sollte er sie bekommen.
    »Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte.«
    Ich verneigte mich und trat zurück. Die beiden Ärzte verbeugten sich
gleichzeitig und begannen sofort sich über ihre Arbeit zu verständigen. Jemand
rückte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der Ältere machte nochmals ein paar
Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen Nähe streckte er sich vor, um das
letzte Stück Weg zu ersparen, und sah mich böse an.
    »Es ist nicht nötig«, sagte er, »das heisst, ich meine, es ist vielleicht
besser, wenn Sie...«
    Er kam mir vernachlässigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und eiligen
Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, dass ich mich schon
wieder verneigte.
    »Danke«, sagte ich knapp. »Ich werde nicht stören.«
    Ich wusste, dass ich dieses ertragen würde und dass kein Grund da war, sich
dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen müssen. Das war vielleicht der
Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie es ist, wenn jemand durch
die Brust gestochen wird. Es schien mir in der Ordnung, eine so merkwürdige
Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie sich zwanglos und unbedingt einstellte. An
Enttäuschungen glaubte ich damals eigentlich schon nicht mehr; also war nichts
zu befürchten.
    Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das
Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt, die
sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man über sie weg und merkt nicht,
dass sie fehlen, schnell wie man ist. Die Wirklichkeiten aber sind langsam und
unbeschreiblich ausführlich.
    Wer hätte zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die breite,
hohe Brust blossgelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon die Stelle heraus,
um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte Instrument drang nicht ein.
Ich hatte das Gefühl, als wäre plötzlich alle Zeit fort aus dem Zimmer. Wir
befanden uns wie in einem Bilde. Aber dann stürzte die Zeit nach mit einem
kleinen, gleitenden Geräusch, und es war mehr da, als verbraucht wurde. Auf
einmal klopfte es irgendwo. Ich hatte noch nie so klopfen hören: ein warmes,
verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein Gehör gab es weiter, und ich sah
zugleich, dass der Arzt auf Grund gestossen war. Aber es dauerte eine Weile, bevor
die beiden Eindrücke in mir zusammenkamen. So, so, dachte ich, nun ist es also
durch. Das Klopfen war, was das Tempo betrifft, beinah schadenfroh.
    Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er war
völlig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der gleich weiter
musste. Es war keine Spur von Genuss oder Genugtuung dabei. Nur an seiner linken
Schläfe hatten sich ein paar Haare aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt.
Er zog das Instrument vorsichtig zurück, und es war etwas wie ein Mund da, aus
dem zweimal hintereinander Blut austrat, als sagte er etwas Zweisilbiges. Der
junge, blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in seine Watte
auf. Und nun blieb die Wunde ruhig, wie ein geschlossenes Auge.
    Es ist anzunehmen, dass ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal recht
bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein zu finden.
Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und das weisse Band lag
darüber wie vorher. Aber nun war der Jägermeister tot, und nicht er allein. Nun
war das Herz durchbohrt, unser Herz, das Herz unseres Geschlechts. Nun war es
vorbei. Das war also das Helmzerbrechen: »Heute Brigge und nimmermehr«, sagte
etwas in mir.
    An mein Herz dachte ich nicht. Und als es mir später einfiel, wusste ich zum
erstenmal ganz gewiss, dass es hierfür nicht in Betracht kam. Es war ein einzelnes
Herz. Es war schon dabei, von Anfang anzufangen.
Ich weiss, dass ich mir einbildete, nicht sofort wieder abreisen zu können. Erst
muss alles geordnet sein, wiederholte ich mir. Was geordnet sein wollte, war mir
nicht klar. Es war so gut wie nichts zu tun. Ich ging in der Stadt umher und
konstatierte, dass sie sich verändert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel
hinauszutreten, in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, dass es nun eine Stadt
für Erwachsene war, die sich für einen zusammennahm, fast wie für einen Fremden.
Ein bisschen klein war alles geworden, und ich promenierte die Langelinie hinaus
bis an den Leuchtturm und wieder zurück. Wenn ich in die Gegend der Amaliengade
kam, so konnte es freilich geschehen, dass von irgendwo etwas ausging, was man
jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da
gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wussten und
damit drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und liess sie fühlen, dass ich im Hotel
»Phönix« wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber mein Gewissen
war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf, dass noch keiner dieser
Einflüsse und Zusammenhänge wirklich bewältigt worden war. Man hatte sie eines
Tages heimlich verlassen, unfertig wie sie waren. Auch die Kindheit würde also
gewissermassen noch zu leisten sein, wenn man sie nicht für immer verloren geben
wollte. Und während ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, dass
ich nie etwas anderes haben würde, mich darauf zu berufen.
    Ein paar Stunden täglich brachte ich in Dronningens Tværgade zu, in den
engen Zimmer, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in denen jemand
gestorben ist. Ich ging zwischen dem Schreibtisch und dem grossen weissen
Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere des Jägermeisters. Ich hatte
begonnen, die Briefschaften, so wie sie zusammengebunden waren, ins Feuer zu
werfen, aber die kleinen Pakete waren zu fest verschnürt und verkohlten nur an
den Rändern. Es kostete mich Überwindung, sie zu lockern. Die meisten hatten
einen starken, überzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als wollte er auch in
mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es geschehen, dass
Photographien herausglitten, die schwerer waren als das andere; diese
Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich weiss nicht, wie es kam,
plötzlich bildete ich mir ein, es könnte Ingeborgs Bild darunter sein. Aber
sooft ich hinsah, waren es reife, grossartige, deutlich schöne Frauen, die mich
auf andere Gedanken brachten. Es erwies sich nämlich, dass ich doch nicht ganz
ohne Erinnerungen war. Genau solche Augen waren es, in denen ich mich manchmal
fand, wenn ich, zur Zeit da ich heranwuchs, mit meinem Vater über die Strasse
ging. Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick umgeben,
aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wusste ich, dass sie mich damals mit ihm
verglichen und dass der Vergleich nicht zu meinen Gunsten ausfiel. Gewiss nicht,
Vergleiche hatte der Jägermeister nicht zu fürchten.
    Es kann sein, dass ich nun etwas weiss, was er gefürchtet hat. Ich will sagen,
wie ich zu dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner Brieftasche befand sich
ein Papier, seit lange gefaltet, mürbe, gebrochen in den Bügen. Ich habe es
gelesen, bevor ich es verbrannte. Es war von seiner besten Hand, sicher und
gleichmässig geschrieben, aber ich merkte gleich, dass es nur eine Abschrift war.
    »Drei Stunden vor seinem Tod«, so begann es und handelte von Christian dem
Vierten. Ich kann den Inhalt natürlich nicht wörtlich wiederholen. Drei Stunden
vor seinem Tod begehrte er aufzustehen. Der Arzt und der Kammerdiener Wormius
halfen ihm auf die Füsse. Er stand ein wenig unsicher, aber er stand, und sie
zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an. Dann setzte er sich plötzlich vorn an das
Bettende und sagte etwas. Es war nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu
seine linke Hand, damit der König nicht auf das Bett zurücksinke. So sassen sie,
und der König sagte von Zeit zu Zeit mühsam und trübe das Unverständliche.
Schliesslich begann der Arzt ihm zuzusprechen; er hoffte allmählich zu erraten,
was der König meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der König und sagte auf
einmal ganz klar: »O, Doktor, Doktor, wie heisst er?« Der Arzt hatte Mühe, sich
zu besinnen.
    »Sperling, Allergnädigster König.«
    Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der König, sobald er hörte, dass
man ihn verstand, riss das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit auf und sagte
mit dem ganzen Gesicht das eine Wort, das seine Zunge seit Stunden formte, das
einzige, das es noch gab: »Döden«, sagte er, »Döden.«3
    Mehr stand nicht auf dem Blatt. Ich las es mehrere Male, ehe ich es
verbrannte. Und es fiel mir ein, dass mein Vater viel gelitten hatte zuletzt. So
hatte man mir erzählt.
    Seitdem habe ich viel über die Todesfurcht nachgedacht, nicht ohne gewisse
eigene Erfahrungen dabei zu berücksichtigen. Ich glaube, ich kann wohl sagen,
ich habe sie gefühlt. Sie überfiel mich in der vollen Stadt, mitten unter den
Leuten, oft ganz ohne Grund. Oft allerdings häuften sich die Ursachen; wenn zum
Beispiel jemand auf einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu,
und er war schon über das Fürchten hinaus: dann hatte ich seine Furcht. Oder in
Neapel damals: da sass diese junge Person mir gegenüber in der Elektrischen Bahn
und starb. Erst sah es wie eine Ohnmacht aus, wir fuhren sogar noch eine Weile.
Aber dann war kein Zweifel, dass wir stehenbleiben mussten. Und hinter uns standen
die Wagen und stauten sich, als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter. Das
blasse, dicke Mädchen hätte so, angelehnt an ihre Nachbarin, ruhig sterben
können. Aber ihre Mutter gab das nicht zu. Sie bereitete ihr alle möglichen
Schwierigkeiten. Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und goss ihr etwas in den
Mund, der nichts mehr behielt. Sie verrieb auf ihrer Stirn eine Flüssigkeit, die
jemand gebracht hatte, und wenn die Augen dann ein wenig verrollten, so begann
sie an ihr zu rütteln, damit der Blick wieder nach vorne käme. Sie schrie in
diese Augen hinein, die nicht hörten, sie zerrte und zog das Ganze wie eine
Puppe hin und her, und schliesslich holte sie aus und schlug mit aller Kraft in
das dicke Gesicht, damit es nicht stürbe. Damals fürchtete ich mich.
    Aber ich fürchtete mich auch schon früher. Zum Beispiel, als mein Hund
starb. Derselbe, der mich ein- für allemal beschuldigte. Er war sehr krank. Ich
kniete bei ihm schon den ganzen Tag, da plötzlich bellte er auf, ruckweise und
kurz, wie er zu tun pflegte, wenn ein Fremder ins Zimmer trat. Ein solches
Bellen war für diesen Fall zwischen uns gleichsam verabredet worden, und ich sah
unwillkürlich nach der Tür. Aber es war schon in ihm. Beunruhigt suchte ich
seinen Blick, und auch er suchte den meinen; aber nicht um Abschied zu nehmen.
Er sah mich hart und befremdet an. Er warf mir vor, dass ich es hereingelassen
hatte. Er war überzeugt, ich hätte es hindern können. Nun zeigte es sich, dass er
mich immer überschätzt hatte. Und es war keine Zeit mehr, ihn aufzuklären. Er
sah mich befremdet und einsam an, bis es zu Ende war.
    Oder ich fürchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrösten die
Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wärme erholten. Sie
waren merkwürdig vertrocknet und erschraken bei ihrem eigenen Summen; man konnte
sehen, dass sie nicht mehr recht wussten, was sie taten. Sie sassen stundenlang da
und liessen sich gehen, bis es ihnen einfiel, dass sie noch lebten; dann warfen
sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und
man hörte sie weiterhin niederfallen und drüben und anderswo. Und endlich
krochen sie überall und bestarben langsam das ganze Zimmer.
    Aber sogar wenn ich allein war, konnte ich mich fürchten. Warum soll ich
tun, als wären jene Nächte nicht gewesen, da ich aufsass vor Todesangst und mich
daran klammerte, dass das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei: dass Tote
nicht sassen. Das war immer in einem von diesen zufälligen Zimmern, die mich
sofort im Stich liessen, wenn es mir schlecht ging, als fürchteten sie, verhört
und in meine argen Sachen verwickelt zu werden. Da sass ich, und wahrscheinlich
sah ich so schrecklich aus, dass nichts den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen.
Nicht einmal das Licht, dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte, es
anzuzünden, wollte von mir wissen. Es brannte so vor sich hin, wie in einem
leeren Zimmer. Meine letzte Hoffnung war dann immer das Fenster. Ich bildete mir
ein, dort draussen könnte noch etwas sein, was zu mir gehörte, auch jetzt, auch
in dieser plötzlichen Armut des Sterbens. Aber kaum hatte ich hingesehen, so
wünschte ich, das Fenster wäre verrammelt gewesen, zu, wie die Wand. Denn nun
wusste ich, dass es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging, dass auch
draussen nichts als meine Einsamkeit war. Die Einsamkeit, die ich über mich
gebracht hatte und zu deren Grösse mein Herz in keinem Verhältnis mehr stand.
Menschen fielen mir ein, von denen ich einmal fortgegangen war, und ich begriff
nicht, wie man Menschen verlassen konnte.
    Mein Gott, mein Gott, wenn mir noch solche Nächte bevorstehen, lass mir doch
wenigstens einen von den Gedanken, die ich zuweilen denken konnte. Es ist nicht
so unvernünftig, was ich da verlange; denn ich weiss, dass sie gerade aus der
Furcht gekommen sind, weil meine Furcht so gross war. Da ich ein Knabe war,
schlugen sie mich ins Gesicht und sagten mir, dass ich feige sei. Das war, weil
ich mich noch schlecht fürchtete. Aber seitdem habe ich mich fürchten gelernt
mit der wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie
erzeugt. Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft, ausser in unserer Furcht.
Denn so ganz unbegreiflich ist sie, so völlig gegen uns, dass unser Gehirn sich
zersetzt an der Stelle, wo wir uns anstrengen, sie zu denken. Und dennoch, seit
einer Weile glaube ich, dass es unsere Kraft ist, alle unsere Kraft, die noch zu
stark ist für uns. Es ist wahr, wir kennen sie nicht, aber ist es nicht gerade
unser Eigenstes, wovon wir am wenigsten wissen? Manchmal denke ich mir, wie der
Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, dass wir unser Kostbarstes von uns
fortgerückt haben, weil noch so viel anderes zu tun war vorher und weil es bei
uns Beschäftigten nicht in Sicherheit war. Nun sind Zeiten darüber vergangen,
und wir haben uns an Geringeres gewöhnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr
und entsetzen uns vor seiner äussersten Grossheit. Kann das nicht sein?
Ich begreife übrigens jetzt gut, dass man ganz innen in der Brieftasche die
Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trägt durch alle die Jahre. Es müsste
nicht einmal eine besonders gesuchte sein; sie haben alle etwas fast Seltenes.
Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden vorstellen, der sich abschreibt, wie
Felix Arvers gestorben ist. Es war im Hospital. Er starb auf eine sanfte und
gelassene Weise, und die Nonne meinte vielleicht, dass er damit schon weiter sei,
als er in Wirklichkeit war. Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus, wo
das und das zu finden wäre. Es war eine ziemlich ungebildete Nonne; sie hatte
das Wort Korridor, das im Augenblick nicht zu vermeiden war, nie geschrieben
gesehen; so konnte es geschehen, dass sie »Kollidor« sagte in der Meinung, es
hiesse so. Da schob Arvers das Sterben hinaus. Es schien ihm nötig, dieses erst
aufzuklären. Er wurde ganz klar und setzte ihr auseinander, dass es »Korridor«
hiesse. Dann starb er. Er war ein Dichter und hasste das Ungefähre; oder
vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun; oder es störte ihn, als
letzten Eindruck mitzunehmen, dass die Welt so nachlässig weiterginge. Das wird
nicht mehr zu entscheiden sein. Nur soll man nicht glauben, dass es Pedanterie
war. Sonst träfe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de Dieu, der in seinem
Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam, im Garten den eben Erhängten
abzuschneiden, von dem auf wunderbare Art Kunde in die verschlossene Spannung
seiner Agonie gedrungen war. Auch ihm war es nur um die Wahrheit zu tun.
Es gibt ein Wesen, das vollkommen unschädlich ist, wenn es dir in die Augen
kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber
unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehör gerät, so entwickelt es sich dort, es
kriecht gleichsam aus, und man hat Fälle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang
und in diesem Organ verheerend gedieh, ähnlich den Pneumokocken des Hundes, die
durch die Nase eindringen.
    Dieses Wesen ist der Nachbar.
    Nun, ich habe, seit ich so vereinzelt herumkomme, unzählige Nachbaren
gehabt; obere und untere, rechte und linke, manchmal alle vier Arten zugleich.
Ich könnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren schreiben; das wäre ein
Lebenswerk. Es wäre freilich mehr die Geschichte der Krankheitserscheinungen,
die sie in mir erzeugt haben; aber das teilen sie mit allen derartigen Wesen,
dass sie nur in den Störungen nachzuweisen sind, die sie in gewissen Geweben
hervorrufen.
    Ich habe unberechenbare Nachbaren gehabt und sehr regelmässige. Ich habe
gesessen und das Gesetz der ersten herauszufinden versucht; denn es war klar,
dass auch sie eines hatten. Und wenn die pünktlichen einmal am Abend ausblieben,
so hab ich mir ausgemalt, was ihnen könnte zugestossen sein, und habe mein Licht
brennen lassen und mich geängstigt wie eine junge Frau. Ich habe Nachbaren
gehabt, die gerade hassten, und Nachbaren, die in eine heftige Liebe verwickelt
waren; oder ich erlebte es, dass bei ihnen eines in das andere umsprang mitten in
der Nacht, und dann war natürlich an Schlafen nicht zu denken. Da konnte man
überhaupt beobachten, dass der Schlaf durchaus nicht so häufig ist, wie man
meint. Meine beiden Petersburger Nachbaren zum Beispiel gaben nicht viel auf
Schlaf. Der eine stand und spielte die Geige, und ich bin sicher, dass er dabei
hinübersah in die überwachen Häuser, die nicht aufhörten hell zu sein in den
unwahrscheinlichen Augustnächten. Von dem anderen zur Rechten weiss ich
allerdings, dass er lag; er stand zu meiner Zeit überhaupt nicht mehr auf. Er
hatte sogar die Augen geschlossen; aber man konnte nicht sagen, dass er schlief.
Er lag und sagte lange Gedichte her, Gedichte von Puschkin und Nekrassow, in dem
Tonfall, in dem Kinder Gedichte hersagen, wenn man es von ihnen verlangt. Und
trotz der Musik meines linken Nachbars, war es dieser mit seinen Gedichten, der
sich in meinem Kopfe einpuppte, und Gott weiss, was da ausgekrochen wäre, wenn
nicht der Student, der ihn zuweilen besuchte, sich eines Tages in der Tür geirrt
hätte. Er erzählte mir die Geschichte seines Bekannten, und es ergab sich, dass
sie gewissermassen beruhigend war. Jedenfalls war es eine wörtliche, eindeutige
Geschichte, an der die vielen Würmer meiner Vermutungen zugrunde gingen.
    Dieser kleine Beamte da nebenan war eines Sonntags auf die Idee gekommen,
eine merkwürdige Aufgabe zu lösen. Er nahm an, dass er recht lange leben würde,
sagen wir noch fünfzig Jahre. Die Grossmütigkeit, die er sich damit erwies,
versetzte ihn in eine glänzende Stimmung. Aber nun wollte er sich selber
übertreffen. Er überlegte, dass man diese Jahre in Tage, in Stunden, in Minuten,
ja, wenn man es aushielt, in Sekunden umwechseln könne, und er rechnete und
rechnete, und es kam eine Summe heraus, wie er noch nie eine gesehen hatte. Ihn
schwindelte. Er musste sich ein wenig erholen. Zeit war kostbar, hatte er immer
sagen hören, und es wunderte ihn, dass man einen Menschen, der eine solche Menge
Zeit besass, nicht geradezu bewachte. Wie leicht konnte er bestohlen werden. Dann
aber kam seine gute, beinah ausgelassene Laune wieder, er zog seinen Pelz an, um
etwas breiter und stattlicher auszusehen, und machte sich das ganze fabelhafte
Kapital zum Geschenk, indem er sich ein bisschen herablassend anredete:
    »Nikolaj Kusmitsch«, sagte er wohlwollend und stellte sich vor, dass er
ausserdem noch, ohne Pelz, dünn und dürftig auf dem Rosshaarsofa sässe, »ich hoffe,
Nikolaj Kusmitsch«, sagte er, »Sie werden sich nichts auf Ihren Reichtum
einbilden. Bedenken Sie immer, dass das nicht die Hauptsache ist, es gibt arme
Leute, die durchaus respektabel sind; es gibt sogar verarmte Edelleute und
Generalstöchter, die auf der Strasse herumgehen und etwas verkaufen.« Und der
Wohltäter führte noch allerlei in der ganzen Stadt bekannte Beispiele an.
    Der andere Nikolaj Kusmitsch, der auf dem Rosshaarsofa, der Beschenkte, sah
durchaus noch nicht übermütig aus, man durfte annehmen, dass er vernünftig sein
würde. Er änderte in der Tat nichts an seiner bescheidenen, regelmässigen
Lebensführung, und die Sonntage brachte er nun damit zu, seine Rechnung in
Ordnung zu bringen. Aber schon nach ein paar Wochen fiel es ihm auf, dass er
unglaublich viel ausgäbe. Ich werde mich einschränken, dachte er. Er stand
früher auf, er wusch sich weniger ausführlich, er trank stehend seinen Tee, er
lief ins Bureau und kam viel zu früh. Er ersparte überall ein bisschen Zeit. Aber
am Sonntag war nichts Erspartes da. Da begriff er, dass er betrogen sei. Ich
hätte nicht wechseln dürfen, sagte er sich. Wie lange hat man an so einem Jahr.
Aber da, dieses infame Kleingeld, das geht hin, man weiss nicht wie. Und es wurde
ein hässlicher Nachmittag, als er in der Sofaecke sass und auf den Herrn im Pelz
wartete, von dem er seine Zeit zurückverlangen wollte. Er wollte die Tür
verriegeln und ihn nicht fortlassen, bevor er nicht damit herausgerückt war. »In
Scheinen«, wollte er sagen, »meinetwegen zu zehn Jahren.« Vier Scheine zu zehn
und einer zu fünf, und den Rest sollte er behalten, in des Teufels Namen. Ja, er
war bereit, ihm den Rest zu schenken, nur damit keine Schwierigkeiten
entstünden. Gereizt sass er im Rosshaarsofa und wartete, aber der Herr kam nicht.
Und er, Nikolaj Kusmitsch, der sich vor ein paar Wochen mit Leichtigkeit so
hatte dasitzen sehen, er konnte sich jetzt, da er wirklich sass, den andern
Nikolaj Kusmitsch, den im Pelz, den Grossmütigen, nicht vorstellen. Weiss der
Himmel, was aus ihm geworden war, wahrscheinlich war man seinen Betrügereien auf
die Spur gekommen, und er sass nun schon irgendwo fest. Sicher hatte er nicht ihn
allein ins Unglück gebracht. Solche Hochstapler arbeiten immer im grossen.
    Es fiel ihm ein, dass es eine staatliche Behörde geben müsse, eine Art
Zeitbank, wo er wenigstens einen Teil seiner lumpigen Sekunden umwechseln könne.
Echt waren sie doch schliesslich. Er hatte nie von einer solchen Anstalt gehört,
aber im Adressbuch würde gewiss etwas Derartiges zu finden sein, unter Z, oder
vielleicht auch hiess es »Bank für Zeit«; man konnte leicht unter B nachsehen.
Eventuell war auch der Buchstabe K zu berücksichtigen, denn es war anzunehmen,
dass es ein kaiserliches Institut war; das entsprach seiner Wichtigkeit.
    Später versicherte Nikolaj Kusmitsch immer, dass er an jenem Sonntag Abend,
obwohl er sich begreiflicherweise in recht gedrückter Stimmung befand, nichts
getrunken habe. Er war also völlig nüchtern, als das Folgende passierte, soweit
man überhaupt sagen kann, was da geschah. Vielleicht, dass er ein bisschen in
seiner Ecke eingeschlummert war, das liesse sich immerhin denken. Dieser kleine
Schlaf verschafte ihm zunächst lauter Erleichterung. Ich habe mich mit den
Zahlen eingelassen, redete er sich zu. Nun, ich verstehe nichts von Zahlen. Aber
es ist klar, dass man ihnen keine zu grosse Bedeutung einräumen darf; sie sind
doch sozusagen nur eine Einrichtung von Staats wegen, um der Ordnung willen.
Niemand hatte doch je anderswo als auf dem Papier eine gesehen. Es war
ausgeschlossen, dass einem zum Beispiel in einer Gesellschaft eine Sieben oder
eine Fünfundzwanzig begegnete. Da gab es die einfach nicht. Und dann war da
diese kleine Verwechslung vorgefallen, aus purer Zerstreuteit: Zeit und Geld,
als ob sich das nicht auseinanderhalten liesse. Nikolaj Kusmitsch lachte beinah.
Es war doch gut, wenn man sich so auf die Schliche kam, und rechtzeitig, das war
das Wichtige, rechtzeitig. Nun sollte es anders werden. Die Zeit, ja, das war
eine peinliche Sache. Aber betraf es etwa ihn allein, ging sie nicht auch den
andern so, wie er es herausgefunden hatte, in Sekunden, auch wenn sie es nicht
wussten?
    Nikolaj Kusmitsch war nicht ganz frei von Schadenfreude: Mag sie immerhin -,
wollte er eben denken, aber da geschah etwas Eigentümliches. Es wehte plötzlich
an seinem Gesicht, es zog ihm an den Ohren vorbei, er fühlte es an den Händen.
Er riss die Augen auf. Das Fenster war fest verschlossen. Und wie er da so mit
weiten Augen im dunkeln Zimmer sass, da begann er zu verstehen, dass das, was er
nun verspürte, die wirkliche Zeit sei, die vorüberzog. Er erkannte sie förmlich,
alle diese Sekündchen, gleich lau, eine wie die andere, aber schnell, aber
schnell. Weiss der Himmel, was sie noch vorhatten. Dass gerade ihm das widerfahren
musste, der jede Art von Wind als Beleidigung empfand. Nun würde man dasitzen,
und es würde immer so weiterziehen, das ganze Leben lang. Er sah alle die
Neuralgien voraus, die man sich dabei holen würde, er war ausser sich vor Wut. Er
sprang auf, aber die Überraschungen waren noch nicht zu Ende. Auch unter seinen
Füssen war etwas wie eine Bewegung, nicht nur eine, mehrere, merkwürdig
durcheinanderschwankende Bewegungen. Er erstarrte vor Entsetzen: konnte das die
Erde sein? Gewiss, das war die Erde. Sie bewegte sich ja doch. In der Schule war
davon gesprochen worden, man war etwas eilig darüber weggegangen, und später
wurde es gern vertuscht; es galt nicht für passend, davon zu sprechen. Aber nun,
da er einmal empfindlich geworden war, bekam er auch das zu fühlen. Ob die
anderen es fühlten? Vielleicht, aber sie zeigten es nicht. Wahrscheinlich machte
es ihnen nichts aus, diesen Seeleuten. Nikolaj Kusmitsch aber war ausgerechnet
in diesem Punkt etwas delikat, er vermied sogar die Strassenbahnen. Er taumelte
im Zimmer umher wie auf Deck und musste sich rechts und links halten. Zum Unglück
fiel ihm noch etwas von der schiefen Stellung der Erdachse ein. Nein, er konnte
alle diese Bewegungen nicht vertragen. Er fühlte sich elend. Liegen und ruhig
halten, hatte er einmal irgendwo gelesen. Und seiter lag Nikolaj Kusmitsch.
    Er lag und hatte die Augen geschlossen. Und es gab Zeiten, weniger bewegte
Tage sozusagen, wo es ganz erträglich war. Und dann hatte er sich das ausgedacht
mit den Gedichten. Man sollte nicht glauben, wie das half. Wenn man so ein
Gedicht langsam hersagte, mit gleichmässiger Betonung der Endreime, dann war
gewissermassen etwas Stabiles da, worauf man sehen konnte, innerlich versteht
sich. Ein Glück, dass er alle diese Gedichte wusste. Aber er hatte sich immer ganz
besonders für Literatur interessiert. Er beklagte sich nicht über seinen
Zustand, versicherte mir der Student, der ihn lange kannte. Nur hatte sich mit
der Zeit eine übertriebene Bewunderung für die in ihm herausgebildet, die, wie
der Student, herumgingen und die Bewegung der Erde vertrugen.
    Ich erinnere mich dieser Geschichte so genau, weil sie mich ungemein
beruhigte. Ich kann wohl sagen, ich habe nie wieder einen so angenehmen Nachbar
gehabt, wie diesen Nikolaj Kusmitsch, der sicher auch mich bewundert hätte.
Ich nahm mir nach dieser Erfahrung vor, in ähnlichen Fällen immer gleich auf die
Tatsachen loszugehen. Ich merkte, wie einfach und erleichternd sie waren, den
Vermutungen gegenüber. Als ob ich nicht gewusst hätte, dass alle unsere Einsichten
nachträglich sind, Abschlüsse, nichts weiter. Gleich dahinter fängt eine neue
Seite an mit etwas ganz anderem, ohne Übertrag. Was halfen mir jetzt im
gegenwärtigen Falle die paar Tatsachen, die sich spielend feststellen liessen.
Ich will sie gleich aufzählen, wenn ich gesagt haben werde, was mich
augenblicklich beschäftigt: dass sie eher dazu beigetragen haben, meine Lage, die
(wie ich jetzt eingestehe) recht schwierig war, noch lästiger zu gestalten.
    Es sei zu meiner Ehre gesagt, dass ich viel geschrieben habe in diesen Tagen;
ich habe krampfhaft geschrieben. Allerdings, wenn ich ausgegangen war, so dachte
ich nicht gerne an das Nachhausekommen. Ich machte sogar kleine Umwege und
verlor auf diese Art eine halbe Stunde, während welcher ich hätte schreiben
können. Ich gebe zu, dass dies eine Schwäche war. War ich aber einmal in meinem
Zimmer, so hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Ich schrieb, ich hatte mein Leben,
und das da nebenan war ein ganz anderes Leben, mit dem ich nichts teilte: das
Leben eines Studenten der Medizin, der für sein Examen studierte. Ich hatte
nichts Ähnliches vor mir, schon das war ein entscheidender Unterschied. Und auch
sonst waren unsere Umstände so verschieden wie möglich. Das alles leuchtete mir
ein. Bis zu dem Moment, da ich wusste, dass es kommen würde; da vergass ich, dass es
zwischen uns keine Gemeinsamkeit gab. Ich horchte so, dass mein Herz ganz laut
wurde. Ich liess alles und horchte. Und dann kam es: ich habe mich nie geirrt.
    Beinah jeder kennt den Lärm, den irgendein blechernes, rundes Ding, nehmen
wir an, der Deckel einer Blechbüchse, verursacht, wenn er einem entglitten ist.
Gewöhnlich kommt er gar nicht einmal sehr laut unten an, er fällt kurz auf,
rollt auf dem Rande weiter und wird eigentlich erst unangenehm, wenn der Schwung
zu Ende geht und er nach allen Seiten taumelnd aufschlägt, eh er ins Liegen
kommt. Nun also: das ist das Ganze; so ein blecherner Gegenstand fiel nebenan,
rollte, blieb liegen, und dazwischen, in gewissen Abständen, stampfte es. Wie
alle Geräusche, die sich wiederholt durchsetzen, hatte auch dieses sich
innerlich organisiert; es wandelte sich ab, es war niemals genau dasselbe. Aber
gerade das sprach für seine Gesetzmässigkeit. Es konnte heftig sein oder milde
oder melancholisch; es konnte gleichsam überstürzt vorübergehen oder unendlich
lange hingleiten, eh es zu Ruhe kam. Und das letzte Schwanken war immer
überraschend. Dagegen hatte das Aufstampfen, das hinzukam, etwas fast
Mechanisches. Aber es teilte den Lärm immer anders ab, das schien seine Aufgabe
zu sein. Ich kann diese Einzelheiten jetzt viel besser übersehen; das Zimmer
neben mir ist leer. Er ist nach Hause gereist, in die Provinz. Er sollte sich
erholen. Ich wohne im obersten Stockwerk. Rechts ist ein anderes Haus, unter mir
ist noch niemand eingezogen: ich bin ohne Nachbar.
    In dieser Verfassung wundert es mich beinah, dass ich die Sache nicht
leichter nahm. Obwohl ich doch jedesmal im voraus gewarnt war durch mein Gefühl.
Das wäre auszunutzen gewesen. Erschrick nicht, hätte ich mir sagen müssen, jetzt
kommt es; ich wusste ja, dass ich mich niemals täuschte. Aber das lag vielleicht
gerade an den Tatsachen, die ich mir hatte sagen lassen; seit ich sie wusste, war
ich noch schreckhafter geworden. Es berührte mich fast gespenstisch, dass das,
was diesen Lärm auslöste, jene kleine, langsame, lautlose Bewegung war, mit der
sein Augenlid sich eigenmächtig über sein rechtes Auge senkte und schloss,
während er las. Dies war das Wesentliche an seiner Geschichte, eine Kleinigkeit.
Er hatte schon ein paar Mal die Examen vorbeigehen lassen müssen, sein Ehrgeiz
war empfindlich geworden, und die Leute daheim drängten wahrscheinlich, sooft
sie schrieben. Was blieb also übrig, als sich zusammenzunehmen. Aber da hatte
sich, ein paar Monate vor der Entscheidung, diese Schwäche eingestellt; diese
kleine, unmögliche Ermüdung, die so lächerrlich war, wie wenn ein Fenstervorhang
nicht oben bleiben will. Ich bin sicher, dass er wochenlang der Meinung war, man
müsste das beherrschen können. Sonst wäre ich nicht auf die Idee verfallen, ihm
meinen Willen anzubieten. Eines Tages begriff ich nämlich, dass der seine zu Ende
sei. Und seiter, wenn ich es kommen fühlte, stand ich da auf meiner Seite der
Wand und bat ihn, sich zu bedienen. Und mit der Zeit wurde mir klar, dass er
darauf einging. Vielleicht hätte er das nicht tun dürfen, besonders wenn man
bedenkt, dass es eigentlich nichts half. Angenommen sogar, dass wir die Sache ein
wenig hinhielten, so bleibt es doch fraglich, ob er wirklich imstande war, die
Augenblicke, die wir so gewannen, auszunutzen. Und was meine Ausgaben betrifft,
so begann ich sie zu fühlen. Ich weiss, ich fragte mich, ob das so weitergehen
dürfe, gerade an dem Nachmittag, als jemand in unserer Etage ankam. Dies ergab
bei dem engen Aufgang immer viel Unruhe in dem kleinen Hotel. Eine Weile später
schien es mir, als trete man bei meinem Nachbar ein. Unsere Türen waren die
letzten im Gang, die seine quer und dicht neben der meinen. Ich wusste indessen,
dass er zuweilen Freunde bei sich sah, und, wie gesagt, ich interessierte mich
durchaus nicht für seine Verhältnisse. Es ist möglich, dass seine Tür noch
mehrmals geöffnet wurde, dass man draussen kam und ging. Dafür war ich wirklich
nicht verantwortlich.
    Nun an diesem selben Abend war es ärger denn je. Es war noch nicht sehr
spät, aber ich war aus Müdigkeit schon zu Bett gegangen; ich hielt es für
wahrscheinlich, dass ich schlafen würde. Da fuhr ich auf, als hätte man mich
berührt. Gleich darauf brach es los. Es sprang und rollte und rannte irgendwo an
und schwankte und klappte. Das Stampfen war fürchterlich. Dazwischen klopfte man
unten, einen Stock tiefer, deutlich und böse gegen die Decke. Auch der neue
Mieter war natürlich gestört. Jetzt: das musste seine Türe sein. Ich war so wach,
dass ich seine Türe zu hören meinte, obwohl er erstaunlich vorsichtig damit
umging. Es kam mir vor, als nähere er sich. Sicher wollte er wissen, in welchem
Zimmer es sei. Was mich befremdete, war seine wirklich übertriebene Rücksicht.
Er hatte doch eben bemerken können, dass es auf Ruhe nicht ankam in diesem Hause.
Warum in aller Welt unterdrückte er seinen Schritt? Eine Weile glaubte ich ihn
an meiner Tür; und dann vernahm ich, darüber war kein Zweifel, dass er nebenan
eintrat. Er trat ohne weiters nebenan ein.
    Und nun (ja, wie soll ich das beschreiben?), nun wurde es still. Still, wie
wenn ein Schmerz aufhört. Eine eigentümlich fühlbare, prickelnde Stille, als ob
eine Wunde heilte. Ich hätte sofort schlafen können; ich hätte Atem holen können
und einschlafen. Nur mein Erstaunen hielt mich wach. Jemand sprach nebenan, aber
auch das gehörte mit in die Stille. Das muss man erlebt haben, wie diese Stille
war, wiedergeben lässt es sich nicht. Auch draussen war alles wie ausgeglichen.
Ich sass auf, ich horchte, es war wie auf dem Lande. Lieber Gott, dachte ich,
seine Mutter ist da. Sie sass neben dem Licht, sie redete ihm zu, vielleicht
hatte er den Kopf ein wenig gegen ihre Schulter gelegt. Gleich würde sie ihn zu
Bett bringen. Nun begriff ich das leise Gehen draussen auf dem Gang. Ach, dass es
das gab. So ein Wesen, vor dem die Türen ganz anders nachgeben als vor uns. Ja,
nun konnten wir schlafen.
Ich habe meinen Nachbar fast schon vergessen. Ich sehe wohl, dass es keine
richtige Teilnahme war, was ich für ihn hatte. Unten frage ich zwar zuweilen im
Vorüber gehen, ob Nachrichten von ihm da sind und welche. Und ich freue mich,
wenn sie gut sind. Aber ich übertreibe. Ich habe eigentlich nicht nötig, das zu
wissen. Das hängt gar nicht mehr mit ihm zusammen, dass ich manchmal einen
plötzlichen Reiz verspüre, nebenan einzutreten. Es ist nur ein Schritt von
meiner Tür zu der anderen, und das Zimmer ist nicht verschlossen. Es würde mich
interessieren, wie dieses Zimmer eigentlich beschaffen ist. Man kann sich mit
Leichtigkeit ein beliebiges Zimmer vorstellen, und oft stimmt es dann ungefähr.
Nur das Zimmer, das man neben sich hat, ist immer ganz anders, als man es sich
denkt.
    Ich sage mir, dass es dieser Umstand ist, der mich reizt. Aber ich weiss ganz
gut, dass es ein gewisser blecherner Gegenstand ist, der auf mich wartet. Ich
habe angenommen, dass es sich wirklich um einen Büchsendeckel handelt, obwohl ich
mich natürlich irren kann. Das beunruhigt mich nicht. Es entspricht nun einmal
meiner Anlage, die Sache auf einen Büchsendeckel zu schieben. Man kann denken,
dass er ihn nicht mitgenommen hat. Wahrscheinlich hat man aufgeräumt, man hat den
Deckel auf seine Büchse gesetzt, wie es sich gehört. Und nun bilden die beiden
zusammen den Begriff Büchse, runde Büchse, genau ausgedrückt, einen einfachen,
sehr bekannten Begriff. Mir ist, als entsänne ich mich, dass sie auf dem Kamin
stehn, die beiden, die die Büchse ausmachen. Ja, sie stehn sogar vor dem
Spiegel, so dass dahinter noch eine Büchse entsteht, eine täuschend ähnliche,
imaginäre. Eine Büchse, auf die wir gar keinen Wert legen, nach der aber zum
Beispiel ein Affe greifen würde. Richtig, es würden sogar zwei Affen danach
greifen, denn auch der Affe wäre doppelt, sobald er auf dem Kaminrand ankäme.
Nun also, es ist der Deckel dieser Büchse, der es auf mich abgesehen hat.
    Einigen wir uns darüber: der Deckel einer Büchse, einer gesunden Büchse,
deren Rand nicht anders gebogen ist, als sein eigener, so ein Deckel müsste kein
anderes Verlangen kennen, als sich auf seiner Büchse zu befinden; dies müsste das
Äusserste sein, was er sich vorzustellen vermag; eine nicht zu übertreffende
Befriedigung, die Erfüllung aller seiner Wünsche. Es ist ja auch etwas geradezu
Ideales, geduldig und sanft eingedreht auf der kleinen Gegenwulst gleichmässig
aufzuruhen und die eingreifende Kante in sich zu fühlen, elastisch und gerade so
scharf, wie man selber am Rande ist, wenn man einzeln daliegt. Ach, aber wie
wenige Deckel gibt es, die das noch zu schätzen wissen. Hier zeigt es sich so
recht, wie verwirrend der Umgang mit den Menschen auf die Dinge gewirkt hat. Die
Menschen nämlich, wenn es angeht, sie ganz vorübergehend mit solchen Deckeln zu
vergleichen, sitzen höchst ungern und schlecht auf ihren Beschäftigungen. Teils
weil sie nicht auf die richtigen gekommen sind in der Eile, teils weil man sie
schief und zornig aufgesetzt hat, teils weil die Ränder, die aufeinander
gehören, verbogen sind, jeder auf eine andere Art. Sagen wir es nur ganz
aufrichtig: sie denken im Grunde nur daran, sobald es sich irgend tun lässt,
hinunterzuspringen, zu rollen und zu blechern. Wo kämen sonst alle diese
sogenannten Zerstreuungen her und der Lärm, den sie verursachen?
    Die Dinge sehen das nun schon seit Jahrhunderten an. Es ist kein Wunder,
wenn sie verdorben sind, wenn sie den Geschmack verlieren an ihrem natürlichen,
stillen Zweck und das Dasein so ausnutzen möchten, wie sie es rings um sich
ausgenutzt sehen. Sie machen Versuche, sich ihren Anwendungen zu entziehen, sie
werden unlustig und nachlässig, und die Leute sind gar nicht erstaunt, wenn sie
sie auf einer Ausschweifung ertappen. Sie kennen das so gut von sich selbst. Sie
ärgern sich, weil sie die Stärkeren sind, weil sie mehr Recht auf Abwechslung zu
haben meinen, weil sie sich nachgeäfft fühlen; aber sie lassen die Sache gehen,
wie sie sich selber gehen lassen. Wo aber einer ist, der sich zusammennimmt, ein
Einsamer etwa, der so recht rund auf sich beruhen wollte Tag und Nacht, da
fordert er geradezu den Widerspruch, den Hohn, den Hass der entarteten Geräte
heraus, die, in ihrem argen Gewissen, nicht mehr vertragen können, dass etwas
sich zusammenhält und nach seinem Sinne strebt. Da verbinden sie sich, um ihn zu
stören, zu schrecken, zu beirren, und wissen, dass sie es können. Da fangen sie,
einander zuzwinkernd, die Verführung an, die dann ins Unermessene weiter wächst
und alle Wesen und Gott selber hinreisst gegen den Einen, der vielleicht
übersteht: den Heiligen.
Wie begreif ich jetzt die wunderlichen Bilder, darinnen Dinge von beschränkten
und regelmässigen Gebrauchen sich ausspannen und sich lüstern und neugierig
aneinander versuchen, zuckend in der ungefähren Unzucht der Zerstreuung. Diese
Kessel, die kochend herumgehen, diese Kolben, die auf Gedanken kommen, und die
müssigen Trichter, die sich in ein Loch drängen zu ihrem Vergnügen. Und da sind
auch schon, vom eifersüchtigen Nichts heraufgeworfen, Gliedmassen und Glieder
unter ihnen und Gesichter, die warm in sie hineinvomieren, und blasende Gesässe,
die ihnen den Gefallen tun.
    Und der Heilige krümmt sich und zieht sich zusammen; aber in seinen Augen
war noch ein Blick, der dies für möglich hielt: er hat hingesehen. Und schon
schlagen sich seine Sinne nieder aus der hellen Lösung seiner Seele. Schon
entblättert sein Gebet und steht ihm aus dem Mund wie ein eingegangener Strauch.
Sein Herz ist umgefallen und ausgeflossen ins Trübe hinein. Seine Geissel trifft
ihn schwach wie ein Schwanz, der Fliegen verjagt. Sein Geschlecht ist wieder nur
an einer Stelle, und wenn eine Frau aufrecht durch das Gehudel kommt, den
offenen Busen voll Brüste, so zeigt es auf sie wie ein Finger.
    Es gab Zeiten, da ich diese Bilder für veraltet hielt. Nicht, als ob ich an
ihnen zweifelte. Ich konnte mir denken, dass dies den Heiligen geschah, damals,
den eifernden Voreiligen, die gleich mit Gott anfangen wollten um jeden Preis.
Wir muten uns dies nicht mehr zu. Wir ahnen, dass er zu schwer ist für uns, dass
wir ihn hinausschieben müssen, um langsam die lange Arbeit zu tun, die uns von
ihm trennt. Nun aber weiss ich, dass diese Arbeit genau so bestritten ist wie das
Heiligsein; dass dies da um jeden entsteht, der um ihretwillen einsam ist, wie es
sich bildete um die Einsamen Gottes in ihren Höhlen und leeren Herbergen, einst.
Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man meint, die
Leute wüssten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es nicht. Sie haben nie
einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehasst, ohne ihn zu kennen. Sie sind
seine Nachbaren gewesen, die ihn aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer,
die ihn versuchten. Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, dass sie lärmten
und ihn übertönten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind
war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie spürten ihn
auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und seine lange Jugend war ohne
Schonzeit. Und wenn er sich nicht erschöpfen liess und davonkam, so schrieen sie
über das, was von ihm ausging, und nannten es hässlich und verdächtigten es. Und
hörte er nicht darauf, so wurden sie deutlicher und assen ihm sein Essen weg und
atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut, dass sie ihm widerwärtig
würde. Sie brachten Verruf über ihn wie über einen Ansteckenden und warfen ihm
Steine nach, damit er sich rascher entfernte. Und sie hatten recht in ihrem
alten Instinkt: denn er war wirklich ihr Feind.
    Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich. Sie ahnten, dass sie ihm
mit alledem seinen Willen taten; dass sie ihn in seinem Alleinsein bestärkten und
ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen für immer. Und nun schlugen sie um und
wandten das Letzte an, das Äusserste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei
diesem Lärmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.
Diese Nacht ist mir das kleine grüne Buch wieder eingefallen, das ich als Knabe
einmal besessen haben muss; und ich weiss nicht, warum ich mir einbilde, dass es
von Matilde Brahe stammte. Es interessierte mich nicht, da ich es bekam, und
ich las es erst mehrere Jahre später, ich glaube in der Ferienzeit auf Ulsgaard.
Aber wichtig war es mir vom ersten Augenblick an. Es war durch und durch voller
Bezug, auch äusserlich betrachtet. Das Grün des Einbands bedeutete etwas, und man
sah sofort ein, dass es innen so sein musste, wie es war. Als ob das verabredet
worden wäre, kam zuerst dieses glatte, weiss in weiss gewässerte Vorsatzblatt und
dann die Titelseite, die man für geheimnisvoll hielt. Es hätten wohl Bilder drin
sein können, so sah es aus; aber es waren keine, und man musste, fast wider
Willen, zugeben, dass auch das in der Ordnung sei. Es entschädigte einen
irgendwie, an einer bestimmten Stelle das schmale Leseband zu finden, das, mürbe
und ein wenig schräg, rührend in seinem Vertrauen, noch rosa zu sein, seit Gott
weiss wann immer zwischen den gleichen Seiten lag. Vielleicht war es nie benutzt
worden, und der Buchbinder hatte es rasch und fleissig da hineingebogen, ohne
recht hinzusehen. Möglicherweise aber war es kein Zufall. Es konnte sein, dass
jemand dort zu lesen aufgehört hatte, der nie wieder las; dass das Schicksal in
diesem Moment an seiner Türe klopfte, um ihn zu beschäftigen, dass er weit von
allen Büchern weggeriet, die doch schliesslich nicht das Leben sind. Das war
nicht zu erkennen, ob das Buch weitergelesen worden war. Man konnte sich auch
denken, dass es sich einfach darum handelte, diese Stelle aufzuschlagen wieder
und wieder, und dass es dazu gekommen war, wenn auch manchmal erst spät in der
Nacht. Jedenfalls hatte ich eine Scheu vor den beiden Seiten, wie vor einem
Spiegel, vor dem jemand steht. Ich habe sie nie gelesen. Ich weiss überhaupt
nicht, ob ich das ganze Buch gelesen habe. Es war nicht sehr stark, aber es
standen eine Menge Geschichten drin, besonders am Nachmittag; dann war immer
eine da, die man noch nicht kannte.
    Ich erinnere nur noch zwei. Ich will sagen, welche: Das Ende des Grischa
Otrepjow und Karls des Kühnen Untergang.
    Gott weiss, ob es mir damals Eindruck machte. Aber jetzt, nach so viel
Jahren, entsinne ich mich der Beschreibung, wie der Leichnam des falschen Zaren
unter die Menge geworfen worden war und dalag drei Tage, zerfetzt und zerstochen
und eine Maske vor dem Gesicht. Es ist natürlich gar keine Aussicht, dass mir das
kleine Buch je wieder in die Hände kommt. Aber diese Stelle muss merkwürdig
gewesen sein. Ich hätte auch Lust, nachzulesen, wie die Begegnung mit der Mutter
verlief. Er mag sich sehr sicher gefühlt haben, da er sie nach Moskau kommen
liess; ich bin sogar überzeugt, dass er zu jener Zeit so stark an sich glaubte,
dass er in der Tat seine Mutter zu berufen meinte. Und diese Marie Nagoi, die in
schnellen Tagreisen aus ihrem dürftigen Kloster kam, gewann ja auch alles, wenn
sie zustimmte. Ob aber seine Unsicherheit nicht gerade damit begann, dass sie ihn
anerkannte? Ich bin nicht abgeneigt zu glauben, die Kraft seiner Verwandlung
hätte darin beruht, niemandes Sohn mehr zu sein.
    (Das ist schliesslich die Kraft aller jungen Leute, die fortgegangen sind.)4
    Das Volk, das sich ihn erwünschte, ohne sich einen vorzustellen, machte ihn
nur noch freier und unbegrenzter in seinen Möglichkeiten. Aber die Erklärung der
Mutter hatte, selbst als bewusster Betrug, noch die Macht, ihn zu verringern; sie
hob ihn aus der Fülle seiner Erfindung; sie beschränkte ihn auf ein müdes
Nachahmen; sie setzte ihn auf den Einzelnen herab, der er nicht war: sie machte
ihn zum Betrüger. Und nun kam, leiser auflösend, diese Marina Mniczek hinzu, die
ihn auf ihre Art leugnete, indem sie, wie sich später erwies, nicht an ihn
glaubte, sondern an jeden. Ich kann natürlich nicht dafür einstehen, wie weit
das alles in jener Geschichte berücksichtigt war. Dies, scheint mir, wäre zu
erzählen gewesen.
    Aber auch abgesehen davon, ist diese Begebenheit durchaus nicht veraltet. Es
wäre jetzt ein Erzähler denkbar, der viel Sorgfalt an die letzten Augenblicke
wendete; er hätte nicht unrecht. Es geht eine Menge in ihnen vor: Wie er aus dem
innersten Schlaf ans Fenster springt und über das Fenster hinaus in den Hof
zwischen die Wachen. Er kann allein nicht auf; sie müssen ihm helfen.
Wahrscheinlich ist der Fuss gebrochen. An zwei von den Männern gelehnt, fühlt er,
dass sie an ihn glauben. Er sieht sich um: auch die andern glauben an ihn. Sie
dauern ihn fast, diese riesigen Strelitzen, es muss weit gekommen sein: sie haben
Iwan Grosnij gekannt in all seiner Wirklichkeit, und glauben an ihn. Er hätte
Lust, sie aufzuklären, aber den Mund öffnen, hiesse einfach schreien. Der Schmerz
im Fuss ist rasend, und er hält so wenig von sich in diesem Moment, dass er nichts
weiss als den Schmerz. Und dann ist keine Zeit. Sie drängen heran, er sieht den
Schuiskij und hinter ihm alle. Gleich wird es vorüber sein. Aber da schliessen
sich seine Wachen. Sie geben ihn nicht auf. Und ein Wunder geschieht. Der
Glauben dieser alten Männer pflanzt sich fort, auf einmal will niemand mehr vor.
Schuiskij, dicht vor ihm, ruft verzweifelt nach einem Fenster hinauf. Er sieht
sich nicht um. Er weiss, wer dort steht; er begreift, dass es still wird, ganz
ohne Übergang still. Jetzt wird die Stimme kommen, die er von damals her kennt;
die hohe, falsche Stimme, die sich überanstrengt. Und da hört er die
Zarin-Mutter, die ihn verleugnet.
    Bis hierher geht die Sache von selbst, aber nun, bitte, einen Erzähler,
einen Erzähler: denn von den paar Zeilen, die noch bleiben, muss Gewalt ausgehen
über jeden Widerspruch hinaus. Ob es gesagt wird oder nicht, man muss darauf
schwören, dass zwischen Stimme und Pistolenschuss, unendlich zusammengedrängt,
noch einmal Wille und Macht in ihm war, alles zu sein. Sonst versteht man nicht,
wie glänzend konsequent es ist, dass sie sein Nachtkleid durchbohrten und in ihm
herumstachen, ob sie auf das Harte einer Person stossen würden. Und dass er im
Tode doch noch die Maske trug, drei Tage lang, auf die er fast schon verzichtet
hatte.
Wenn ichs nun bedenke, so scheint es mir seltsam, dass in demselben Buche der
Ausgang dessen erzählt wurde, der sein ganzes Leben lang Einer war, der Gleiche,
hart und nicht zu ändern wie ein Granit und immer schwerer auf allen, die ihn
ertrugen. Es gibt ein Bild von ihm in Dijon. Aber man weiss es auch so, dass er
kurz, quer, trotzig war und verzweifelt. Nur an die Hände hätte man vielleicht
nicht gedacht. Es sind arg warme Hände, die sich immerfort kühlen möchten und
sich unwillkürlich auf Kaltes legen, gespreizt, mit Luft zwischen allen Fingern.
In diese Hände konnte das Blut hineinschiessen, wie es einem zu Kopf steigt, und
geballt waren sie wirklich wie die Köpfe von Tollen, tobend von Einfällen.
    Es gehörte unglaubliche Vorsicht dazu, mit diesem Blute zu leben. Der Herzog
war damit eingeschlossen in sich selbst, und zuzeiten fürchtete ers, wenn es um
ihn herumging, geduckt und dunkel. Es konnte ihm selber grauenhaft fremd sein,
dieses behende, halbportugiesische Blut, das er kaum kannte. Oft ängstigte es
ihn, dass es ihn im Schlafe anfallen könnte und zerreissen. Er tat, als bändigte
ers, aber er stand immer in seiner Furcht. Er wagte nie eine Frau zu lieben,
damit es nicht eifersüchtig würde, und so reissend war es, dass Wein nie über
seine Lippen kam; statt zu trinken, sänftigte ers mit Rosenmus. Doch, einmal
trank er, im Lager vor Lausanne, als Granson verloren war; da war er krank und
abgeschieden und trank viel puren Wein. Aber damals schlief sein Blut. In seinen
sinnlosen letzten Jahren verfiel es manchmal in diesen schweren, tierischen
Schlaf. Dann zeigte es sich, wie sehr er in seiner Gewalt war; denn wenn es
schlief, war er nichts. Dann durfte keiner von seiner Umgebung herein; er
begriff nicht, was sie redeten. Den fremden Gesandten konnte er sich nicht
zeigen, öd wie er war. Dann sass er und wartete, dass es aufwachte. Und meistens
fuhr es mit einem Sprunge auf und brach aus dem Herzen aus und brüllte.
    Für dieses Blut schleppte er alle die Dinge mit, auf die er nichts gab. Die
drei grossen Diamanten und alle die Steine; die flandrischen Spitzen und die
Teppiche von Arras, haufenweis. Sein seidenes Gezelt mit den aus Gold gedrehten
Schnüren und vierhundert Zelte für sein Gefolg. Und Bilder, auf Holz gemalt, und
die zwölf Apostel aus vollem Silber. Und den Prinzen von Tarent und den Herzog
von Cleve und Philipp von Baden und den Herrn von Château-Guyon. Denn er wollte
seinem Blut einreden, dass er Kaiser sei und nichts über ihm: damit es ihn
fürchte. Aber sein Blut glaubte ihm nicht, trotz solcher Beweise, es war ein
misstrauisches Blut. Vielleicht erhielt er es noch eine Weile im Zweifel. Aber
die Hörner von Uri verrieten ihn. Seiter wusste sein Blut, dass es in einem
Verlorenen war: und wollte heraus.
    So seh ich es jetzt, damals aber machte es mir vor allem Eindruck, von dem
Dreikönigstag zu lesen, da man ihn suchte.
    Der junge lotringische Fürst, der tags vorher, gleich nach der merkwürdig
hastigen Schlacht in seiner elenden Stadt Nancy eingeritten war, hatte ganz früh
seine Umgebung geweckt und nach dem Herzog gefragt. Bote um Bote wurde
ausgesandt, und er selbst erschien von Zeit zu Zeit am Fenster, unruhig und
besorgt. Er erkannte nicht immer, wen sie da brachten auf ihren Wagen und
Tragbahren, er sah nur, dass es nicht der Herzog war. Und auch unter den
Verwundeten war er nicht, und von den Gefangenen, die man fortwährend noch
einbrachte, hatte ihn keiner gesehen. Die Flüchtlinge aber trugen nach allen
Seiten verschiedene Nachrichten und waren wirr und schreckhaft, als fürchteten
sie, auf ihn zuzulaufen. Es dunkelte schon, und man hatte nichts von ihm gehört.
Die Kunde, dass er verschwunden sei, hatte Zeit herumzukommen an dem langen
Winterabend. Und wohin sie kam, da erzeugte sie in allen eine jähe, übertriebene
Sicherheit, dass er lebte. Nie vielleicht war der Herzog so wirklich in jeder
Einbildung wie in dieser Nacht. Es gab kein Haus, wo man nicht wachte und auf
ihn wartete und sich sein Klopfen vorstellte. Und wenn er nicht kam, so wars,
weil er schon vorüber war.
    Es fror diese Nacht, und es war, als fröre auch die Idee, dass er sei; so
hart wurde sie. Und Jahre und Jahre vergingen, eh sie sich auflöste. Alle diese
Menschen, ohne es recht zu wissen, bestanden jetzt auf ihm. Das Schicksal, das
er über sie gebracht hatte, war nur erträglich durch seine Gestalt. Sie hatten
so schwer erlernt, dass er war; nun aber, da sie ihn konnten, fanden sie, dass er
gut zu merken sei und nicht zu vergessen.
    Aber am nächsten Morgen, dem siebenten Januar, einem Dienstag, fing das
Suchen doch wieder an. Und diesmal war ein Führer da. Es war ein Page des
Herzogs, und es hiess, er habe seinen Herrn von ferne stürzen sehen; nun sollte
er die Stelle zeigen. Er selbst hatte nichts erzählt, der Graf von Campobasso
hatte ihn gebracht und hatte für ihn gesprochen. Nun ging er voran, und die
anderen hielten sich dicht hinter ihm. Wer ihn so sah, vermummt und eigentümlich
unsicher, der hatte Mühe zu glauben, dass es wirklich Gian-Battista Colonna sei,
der schön wie ein Mädchen war und schmal in den Gelenken. Er zitterte vor Kälte;
die Luft war steif vom Nachtfrost, es klang wie Zähneknirschen unter den
Schritten. Übrigens froren sie alle. Nur des Herzogs Narr, Louis-Onze zubenannt,
machte sich Bewegung. Er spielte den Hund, lief voraus, kam wieder und trollte
eine Weile auf allen Vieren neben dem Knaben her; wo er aber von fern eine
Leiche sah, da sprang er hin und verbeugte sich und redete ihr zu, sie möchte
sich zusammennehmen und der sein, den man suchte. Er liess ihr ein wenig
Bedenkzeit, aber dann kam er mürrisch zu den andern zurück und drohte und
fluchte und beklagte sich über den Eigensinn und die Trägheit der Toten. Und man
ging immerzu, und es nahm kein Ende. Die Stadt war kaum mehr zu sehen; denn das
Wetter hatte sich inzwischen geschlossen, trotz der Kälte, und war grau und
undurchsichtig geworden. Das Land lag flach und gleichgültig da, und die kleine,
dichte Gruppe sah immer verirrter aus, je weiter sie sich bewegte. Niemand
sprach, nur ein altes Weib, das mitgelaufen war, malmte etwas und schüttelte den
Kopf dabei; vielleicht betete sie.
    Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich. Dann wandte er sich
kurz zu Lupi, dem portugiesischen Arzt des Herzogs, und zeigte nach vorn. Ein
paar Schritte weiterhin war eine Eisfläche, eine Art Tümpel oder Teich, und da
lagen, halb eingebrochen, zehn oder zwölf Leichen. Sie waren fast ganz entblösst
und ausgeraubt. Lupi ging gebückt und aufmerksam von einem zum andern. Und nun
erkannte man Olivier de la Marche und den Geistlichen, wie sie so einzeln
herumgingen. Die Alte aber kniete schon im Schnee und winselte und bückte sich
über eine grosse Hand, deren Finger ihr gespreizt entgegenstarrten. Alle eilten
herbei. Lupi mit einigen Dienern versuchte den Leichnam zu wenden, denn er lag
vornüber. Aber das Gesicht war eingefroren, und da man es aus dem Eis
herauszerrte, schälte sich die eine Wange dünn und spröde ab, und es zeigte
sich, dass die andere von Hunden oder Wölfen herausgerissen war; und das Ganze
war von einer grossen Wunde gespalten, die am Ohr begann, so dass von einem
Gesicht keine Rede sein konnte.
    Einer nach dem anderen blickte sich um; jeder meinte den Römer hinter sich
zu finden. Aber sie sahen nur den Narren, der herbeigelaufen kam, böse und
blutig. Er hielt einen Mantel von sich ab und schüttelte ihn, als sollte etwas
herausfallen; aber der Mantel war leer. So ging man daran, nach Kennzeichen zu
suchen, und es fanden sich einige. Man hatte ein Feuer gemacht und wusch den
Körper mit warmem Wasser und Wein. Die Narbe am Halse kam zum Vorschein und die
Stellen der beiden grossen Abszesse. Der Arzt zweifelte nicht mehr. Aber man
verglich noch anderes. Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver des
grossen schwarzen Pferdes Moreau gefunden, das der Herzog am Tage von Nancy
geritten hatte. Er sass darauf und liess die kurzen Beine hängen. Das Blut rann
ihm noch immer aus der Nase in den Mund, und man sah ihm an, dass er es
schmeckte. Einer der Diener drüben erinnerte, dass ein Nagel an des Herzogs
linkem Fuss eingewachsen gewesen wäre; nun suchten alle den Nagel. Der Narr aber
zappelte, als würde er gekitzelt, und schrie: »Ach, Monseigneur, verzeih ihnen,
dass sie deine groben Fehler aufdecken, die Dummköpfe, und dich nicht erkennen an
meinem langen Gesicht, in dem deine Tugenden stehn.«
    5(Des Herzogs Narr war auch der erste, der eintrat, als die Leiche gebettet
war. Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis, niemand konnte sagen, wieso.
Das Bahrtuch war noch nicht übergelegt, und so hatte er den ganzen Eindruck. Das
Weiss des Kamisols und das Karmesin vom Mantel sonderten sich schroff und
unfreundlich voneinander ab zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager.
Vorne standen scharlachne Schaftstiefel ihm entgegen mit grossen, vergoldeten
Sporen. Und dass das dort oben ein Kopf war, darüber konnte kein Streit
entstehen, sobald man die Krone sah. Es war eine grosse Herzogs-Krone mit
irgendwelchen Steinen. Louis-Onze ging umher und besah alles genau. Er befühlte
sogar den Atlas, obwohl er wenig davon verstand. Es mochte guter Atlas sein,
vielleicht ein bisschen billig für das Haus Burgund. Er trat noch einmal zurück
um des Überblicks willen. Die Farben waren merkwürdig unzusammenhängend im
Schneelicht. Er prägte sich jede einzeln ein. »Gut angekleidet«, sagte er
schliesslich anerkennend, »vielleicht eine Spur zu deutlich.« Der Tod kam ihm vor
wie ein Puppenspieler, der rasch einen Herzog braucht.)
    Man tut gut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr ändern werden, einfach
festzustellen, ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu beurteilen. So
ist mir klar geworden, dass ich nie ein richtiger Leser war. In der Kindheit kam
mir das Lesen vor wie ein Beruf, den man auf sich nehmen würde, später einmal,
wenn alle die Berufe kamen, einer nach dem andern. Ich hatte, aufrichtig gesagt,
keine bestimmte Vorstellung, wann das sein könnte. Ich verliess mich darauf, dass
man es merken würde, wenn das Leben gewissermassen umschlug und nur noch von
aussen kam, so wie früher von innen. Ich bildete mir ein, es würde dann deutlich
und eindeutig sein und gar nicht misszuverstehn. Durchaus nicht einfach, im
Gegenteil recht anspruchsvoll, verwickelt und schwer meinetwegen, aber immerhin
sichtbar. Das eigentümlich Unbegrenzte der Kindheit, das Unverhältnismässige, das
Nie-recht-Absehbare, das würde dann überstanden sein. Es war freilich nicht
einzusehen, wieso. Im Grunde nahm es immer noch zu und schloss sich auf allen
Seiten, und je mehr man hinaussah, desto mehr Inneres rührte man in sich auf:
Gott weiss, wo es herkam. Aber wahrscheinlich wuchs es zu einem Äussersten an und
brach dann mit einem Schlage ab. Es war leicht zu beobachten, dass die
Erwachsenen sehr wenig davon beunruhigt wurden; sie gingen herum und urteilten
und handelten, und wenn sie je in Schwierigkeiten waren, so lag das an äusseren
Verhältnissen.
    An den Anfang solcher Veränderungen verlegte ich auch das Lesen. Dann würde
man mit Büchern umgehen wie mit Bekannten, es würde Zeit dafür da sein, eine
bestimmte, gleichmässig und gefällig vergehende Zeit, gerade so viel, als einem
eben passte. Natürlich würden einzelne einem näher stehen, und es ist nicht
gesagt, dass man davor sicher sein würde, ab und zu eine halbe Stunde über ihnen
zu versäumen: einen Spaziergang, eine Verabredung, den Anfang im Teater oder
einen dringenden Brief. Dass sich einem aber das Haar verbog und verwirrte, als
ob man darauf gelegen hätte, dass man glühende Ohren bekam und Hände kalt wie
Metall, dass eine lange Kerze neben einem herunterbrannte und in den Leuchter
hinein, das würde dann, Gott sei Dank, völlig ausgeschlossen sein.
    Ich führe diese Erscheinungen an, weil ich sie ziemlich auffällig an mir
erfuhr, damals in jenen Ferien auf Ulsgaard, als ich so plötzlich ins Lesen
geriet. Da zeigte es sich gleich, dass ich es nicht konnte. Ich hatte es freilich
vor der Zeit begonnen, die ich mir dafür in Aussicht gestellt hatte. Aber dieses
Jahr in Sorö unter lauter andern ungefähr Altersgleichen hatte mich misstrauisch
gemacht gegen solche Berechnungen. Dort waren rasche, unerwartete Erfahrungen an
mich herangekommen, und es war deutlich zu sehen, dass sie mich wie einen
Erwachsenen behandelten. Es waren lebensgrosse Erfahrungen, die sich so schwer
machten, wie sie waren. In demselben Masse aber, als ich ihre Wirklichkeit
begriff, gingen mir auch für die unendliche Realität meines Kindseins die Augen
auf. Ich wusste, dass es nicht aufhören würde, so wenig wie das andere erst
begann. Ich sagte mir, dass es natürlich jedem freistand, Abschnitte zu machen,
aber sie waren erfunden. Und es erwies sich, dass ich zu ungeschickt war, mir
welche auszudenken. Sooft ich es versuchte, gab mir das Leben zu verstehen, dass
es nichts von ihnen wusste. Bestand ich aber darauf, dass meine Kindheit vorüber
sei, so war in demselben Augenblick auch alles Kommende fort, und mir blieb nur
genau so viel, wie ein Bleisoldat unter sich hat, um stehen zu können.
    Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab. Sie
beschäftigte mich in mir und erfüllte mich mit einer Art endgültiger Frohheit,
die ich für Kümmernis nahm, weil sie weit über mein Alter hinausging. Es
beunruhigte mich auch, wie ich mich entsinne, dass man nun, da nichts für eine
bestimmte Frist vorgesehen war, manches überhaupt versäumen könne. Und als ich
so nach Ulsgaard zurückkehrte und alle die Bücher sah, machte ich mich darüber
her; recht in Eile, mit fast schlechtem Gewissen. Was ich später so oft
empfunden habe, das ahnte ich damals irgendwie voraus: dass man nicht das Recht
hatte, ein Buch aufzuschlagen, wenn man sich nicht verpflichtete, alle zu lesen.
Mit jeder Zeile brach man die Welt an. Vor den Büchern war sie heil und
vielleicht wieder ganz dahinter. Wie aber sollte ich, der nicht lesen konnte, es
mit allen aufnehmen? Da standen sie, selbst in diesem bescheidenen Bücherzimmer,
in so aussichtsloser Überzahl und hielten zusammen. Ich stürzte mich trotzig und
verzweifelt von Buch zu Buch und schlug mich durch die Seiten durch wie einer,
der etwas Unverhältnismässiges zu leisten hat. Damals las ich Schiller und
Baggesen, Öhlenschläger und Schack-Staffeldt, was von Walter Scott da war und
Calderon. Manches kam mir in die Hände, was gleichsam schon hätte gelesen sein
müssen, für anderes war es viel zu früh; fällig war fast nichts für meine
damalige Gegenwart. Und trotzdem las ich.
    In späteren Jahren geschah es mir zuweilen nachts, dass ich aufwachte, und
die Sterne standen so wirklich da und gingen so bedeutend vor, und ich konnte
nicht begreifen, wie man es über sich brachte, so viel Welt zu versäumen. So
ähnlich war mir, glaub ich, zumut, sooft ich von den Büchern aufsah und hinaus,
wo der Sommer war, wo Abelone rief. Es kam uns sehr unerwartet, dass sie rufen
musste und dass ich nicht einmal antwortete. Es fiel mitten in unsere seligste
Zeit. Aber da es mich nun einmal erfasst hatte, hielt ich mich krampfhaft ans
Lesen und verbarg mich, wichtig und eigensinnig, vor unseren täglichen
Feiertagen. Ungeschickt wie ich war, die vielen, oft unscheinbaren Gelegenheiten
eines natürlichen Glücks auszunutzen, liess ich mir nicht ungern von dem
anwachsenden Zerwürfnis künftige Versöhnungen versprechen, die desto reizender
wurden, je weiter man sie hinausschob.
    Übrigens war mein Leseschlaf eines Tages so plötzlich zu Ende, wie er
begonnen hatte; und da erzürnten wir einander gründlich. Denn Abelone ersparte
mir nun keinerlei Spott und Überlegenheit, und wenn ich sie in der Laube traf,
behauptete sie zu lesen. An dem einen Sonntag-Morgen lag das Buch zwar
geschlossen neben ihr, aber sie schien mehr als genug mit den Johannisbeeren
beschäftigt, die sie vorsichtig mittels einer Gabel aus ihren kleinen Trauben
streifte.
    Es muss dies eine von jenen Tagesfrühen gewesen sein, wie es solche im Juli
gibt, neue, ausgeruhte Stunden, in denen überall etwas frohes Unüberlegtes
geschieht.
    Aus Millionen kleinen ununterdrückbaren Bewegungen setzt sich ein Mosaik
überzeugtesten Daseins zusammen; die Dinge schwingen ineinander hinüber und
hinaus in die Luft, und ihre Kühle macht den Schatten klar und die Sonne zu
einem leichten, geistigen Schein. Da gibt es im Garten keine Hauptsache; alles
ist überall, und man müsste in allem sein, um nichts zu versäumen.
    In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal. Es war so
glücklich erfunden, gerade dies zu tun und genau so, wie sie es tat. Ihre im
Schattigen hellen Hände arbeiteten einander so leicht und einig zu, und vor der
Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her, in die mit tauduffem Weinblatt
ausgelegte Schale hinein, wo schon andere sich häuften, rote und blonde,
glanzlichternd, mit gesunden Kernen im herben Innern. Ich wünschte unter diesen
Umständen nichts als zuzusehen, aber, da es wahrscheinlich war, dass man mirs
verwies, ergriff ich, auch um mich unbefangen zu geben, das Buch, setzte mich an
die andere Seite des Tisches und liess mich, ohne lang zu blättern, irgendwo
damit ein.
    »Wenn du doch wenigstens laut läsest, Leserich«, sagte Abelone nach einer
Weile. Das klang lange nicht mehr so streitsüchtig, und da es, meiner Meinung
nach, ernstlich Zeit war, sich auszugleichen, las ich sofort laut, immerzu bis
zu einem Abschnitt und weiter, die nächste Überschrift: An Bettine.
    »Nein, nicht die Antworten«, unterbrach mich Abelone und legte auf einmal
wie erschöpft die kleine Gabel nieder. Gleich darauf lachte sie über das
Gesicht, mit dem ich sie ansah.
    »Mein Gott, was hast du schlecht gelesen, Malte.«
    Da musste ich nun zugeben, dass ich keinen Augenblick bei der Sache gewesen
sei. »Ich las nur, damit du mich unterbrichst«, gestand ich und wurde heiss und
blätterte zurück nach dem Titel des Buches. Nun wusste ich erst, was es war.
»Warum denn nicht die Antworten?« fragte ich neugierig.
    Es war, als hätte Abelone mich nicht gehört. Sie sass da in ihrem lichten
Kleid, als ob sie überall innen ganz dunkel würde, wie ihre Augen wurden.
    »Gieb her«, sagte sie plötzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus der
Hand und schlug es richtig dort auf, wo sie es wollte. Und dann las sie einen
von Bettinens Briefen.
    Ich weiss nicht, was ich davon verstand, aber es war, als würde mir feierlich
versprochen, dieses alles einmal einzusehen. Und während ihre Stimme zunahm und
endlich fast jener glich, die ich vom Gesang her kannte, schämte ich mich, dass
ich mir unsere Versöhnung so gering vorgestellt hatte. Denn ich begriff wohl,
dass sie das war. Aber nun geschah sie irgendwo ganz im Grossen, weit über mir, wo
ich nicht hinreichte.
    Das Versprechen erfüllt sich noch immer, irgendwann ist dasselbe Buch unter
meine Bücher geraten, unter die paar Bücher, von denen ich mich nicht trenne.
Nun schlägt es sich auch mir an den Stellen auf, die ich gerade meine, und wenn
ich sie lese, so bleibt es unentschieden, ob ich an Bettine denke oder an
Abelone. Nein, Bettine ist wirklicher in mir geworden, Abelone, die ich gekannt
habe, war wie eine Vorbereitung auf sie, und nun ist sie mir in Bettine
aufgegangen wie in ihrem eigenen, unwillkürlichen Wesen. Denn diese wunderliche
Bettine hat mit allen ihren Briefen Raum gegeben, geräumigste Gestalt. Sie hat
von Anfang an sich im Ganzen so ausgebreitet, als wär sie nach ihrem Tod.
Überall hat sie sich ganz weit ins Sein hineingelegt, zugehörig dazu, und was
ihr geschah, das war ewig in der Natur; dort erkannte sie sich und löste sich
beinah schmerzhaft heraus; erriet sich mühsam zurück wie aus Überlieferungen,
beschwor sich wie einen Geist und hielt sich aus.
    Eben warst du noch, Bettine; ich seh dich ein. Ist nicht die Erde noch warm
von dir, und die Vögel lassen noch Raum für deine Stimme. Der Tau ist ein
anderer, aber die Sterne sind noch die Sterne deiner Nächte. Oder ist nicht die
Welt überhaupt von dir? denn wie oft hast du sie in Brand gesteckt mit deiner
Liebe und hast sie lodern sehen und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine
andere ersetzt, wenn alle schliefen. Du fühltest dich so recht im Einklang mit
Gott, wenn du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest, damit doch alle
drankämen, die er gemacht hatte. Es kam dir armsälig vor, sie zu schonen und
auszubessern, du verbrauchtest sie und hieltest die Hände hin um immer noch
Welt. Denn deine Liebe war allem gewachsen.
    Wie ist es möglich, dass nicht noch alle erzählen von deiner Liebe? Was ist
denn seiter geschehen, was merkwürdiger war? Was beschäftigt sie denn? Du
selber wusstest um deiner Liebe Wert, du sagtest sie laut deinem grössesten
Dichter vor, dass er sie menschlich mache; denn sie war noch Element. Er aber hat
sie den Leuten ausgeredet, da er dir schrieb. Alle haben diese Antworten gelesen
und glauben ihnen mehr, weil der Dichter ihnen deutlicher ist als die Natur.
Aber vielleicht wird es sich einmal zeigen, dass hier die Grenze seiner Grösse
war. Diese Liebende ward ihm auferlegt, und er hat sie nicht bestanden. Was
heisst es, dass er nicht hat erwidern können? Solche Liebe bedarf keiner
Erwiderung, sie hat Lockruf und Antwort in sich; sie erhört sich selbst. Aber
demütigen hätte er sich müssen vor ihr in seinem ganzen Staat und schreiben was
sie diktiert, mit beiden Händen, wie Johannes auf Patmos, knieend. Es gab keine
Wahl dieser Stimme gegenüber, die »das Amt der Engel verrichtete«; die gekommen
war, ihn einzuhüllen und zu entziehen ins Ewige hinein. Da war der Wagen seiner
feurigen Himmelfahrt. Da war seinem Tod der dunkle Mytos bereitet, den er leer
liess.
Das Schicksal liebt es, Muster und Figuren zu erfinden. Seine Schwierigkeit
beruht im Komplizierten. Das Leben selbst aber ist schwer aus Einfachheit. Es
hat nur ein paar Dinge von uns nicht angemessener Grösse. Der Heilige, indem er
das Schicksal ablehnt, wählt diese, Gott gegenüber. Dass aber die Frau, ihrer
Natur nach, in Bezug auf den Mann die gleiche Wahl treffen muss, ruft das
Verhängnis aller Liebesbeziehungen herauf: entschlossen und schicksalslos, wie
eine Ewige, steht sie neben ihm, der sich verwandelt. Immer übertrifft die
Liebende den Geliebten, weil das Leben grösser ist als das Schicksal. Ihre
Hingabe will unermesslich sein: dies ist ihr Glück. Das namenlose Leid ihrer
Liebe aber ist immer dieses gewesen: dass von ihr verlangt wird, diese Hingabe zu
beschränken.
    Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden: die beiden ersten
Briefe Heloïsens entalten nur sie, und fünfhundert Jahre später erhebt sie sich
aus den Briefen der Portugiesin; man erkennt sie wieder wie einen Vogelruf. Und
plötzlich geht durch den hellen Raum dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt,
die die Jahrhunderte nicht fanden, da sie sie im Schicksal suchten.
Ich habe niemals gewagt, von ihm eine Zeitung zu kaufen. Ich bin nicht sicher,
dass er wirklich immer einige Nummern bei sich hat, wenn er sich aussen am
Luxembourg-Garten langsam hin und zurück schiebt den ganzen Abend lang. Es kehrt
dem Gitter den Rücken, und seine Hand streift den Steinrand, auf dem die Stäbe
aufstehen. Er macht sich so flach, dass täglich viele vorübergehen, die ihn nie
gesehen haben. Zwar hat er noch einen Rest von Stimme in sich und mahnt; aber
das ist nicht anders als ein Geräusch in einer Lampe oder im Ofen oder wenn es
in eigentümlichen Abständen in einer Grotte tropft. Und die Welt ist so
eingerichtet, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang in der Pause
vorbeikommen, wenn er, lautloser als alles was sich bewegt, weiter rückt wie ein
Zeiger, wie eines Zeigers Schatten, wie die Zeit.
    Wie unrecht hatte ich, ungern hinzusehen. Ich schäme mich aufzuschreiben,
dass ich oft in seiner Nähe den Schritt der andern annahm, als wüsste ich nicht um
ihn. Dann hörte ich es in ihm »La Presse« sagen und gleich darauf noch einmal
und ein drittes Mal in raschen Zwischenräumen. Und die Leute neben mir sahen
sich um und suchten die Stimme. Nur ich tat eiliger als alle, als wäre mir
nichts aufgefallen, als wäre ich innen überaus beschäftigt.
    Und ich war es in der Tat. Ich war beschäftigt, ihn mir vorzustellen, ich
unternahm die Arbeit, ihn einzubilden, und der Schweiss trat mir aus vor
Anstrengung. Denn ich musste ihn machen wie man einen Toten macht, für den keine
Beweise mehr da sind, keine Bestandteile; der ganz und gar innen zu leisten ist.
Ich weiss jetzt, dass es mir ein wenig half, an die vielen abgenommenen Christusse
aus streifigem Elfenbein zu denken, die bei allen Altändlern herumliegen. Der
Gedanke an irgendeine Pietà trat vor und ab -: dies alles wahrscheinlich nur, um
eine gewisse Neigung hervorzurufen, in der sein langes Gesicht sich hielt, und
den trostlosen Bartnachwuchs im Wangenschatten und die endgültig schmerzvolle
Blindheit seines verschlossenen Ausdrucks, der schräg aufwärts gehalten war.
Aber es war ausserdem so vieles, was zu ihm gehörte; denn dies begriff ich schon
damals, dass nichts an ihm nebensächlich sei: nicht die Art, wie der Rock oder
der Mantel, hinten abstehend, überall den Kragen sehen liess, diesen niedrigen
Kragen, der in einem grossen Bogen um den gestreckten, nischigen Hals stand, ohne
ihn zu berühren; nicht die grünlich schwarze Krawatte, die weit um das Ganze
herumgeschnallt war; und ganz besonders nicht der Hut, ein alter, hochgewölbter,
steifer Filzhut, den er trug wie alle Blinden ihre Hüte tragen: ohne Bezug zu
den Zeilen des Gesichts, ohne die Möglichkeit, aus diesem Hinzukommenden und
sich selbst eine neue äussere Einheit zu bilden; nicht anders als irgendeinen
verabredeten fremden Gegenstand. In meiner Feigheit, nicht hinzusehen, brachte
ich es so weit, dass das Bild dieses Mannes sich schliesslich oft auch ohne Anlass
stark und schmerzhaft in mir zusammenzog zu so hartem Elend, dass ich mich, davon
bedrängt, entschloss, die zunehmende Fertigkeit meiner Einbildung durch die
auswärtige Tatsache einzuschüchtern und aufzuheben. Es war gegen Abend. Ich nahm
mir vor, sofort aufmerksam an ihm vorbeizugehen.
    Nun muss man wissen: es ging auf den Frühling zu. Der Tagwind hatte sich
gelegt, die Gassen waren lang und befriedigt; an ihrem Ausgang schimmerten
Häuser, neu wie frische Bruchstellen eines weissen Metalls. Aber es war ein
Metall, das einen überraschte durch seine Leichtigkeit. In den breiten,
fortlaufenden Strassen zogen viele Leute durcheinander, fast ohne die Wagen zu
fürchten, die selten waren. Es musste ein Sonntag sein. Die Turmaufsätze von
Saint-Sulpice zeigten sich heiter und unerwartet hoch in der Windstille, und
durch die schmalen, beinah römischen Gassen sah man unwillkürlich hinaus in die
Jahreszeit. Im Garten und davor war so viel Bewegung von Menschen, dass ich ihn
nicht gleich sah. Oder erkannte ich ihn zuerst nicht zwischen der Menge durch?
    Ich wusste sofort, dass meine Vorstellung wertlos war. Die durch keine
Vorsicht oder Verstellung eingeschränkte Hingegebenheit seines Elends übertraf
meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung begriffen gehabt
noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite seiner Lider ihn fortwährend zu
erfüllen schien. Ich hatte nie an seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie
die Öffnung eines Ablaufs. Möglicherweise hatte er Erinnerungen; jetzt aber kam
nie mehr etwas zu seiner Seele hinzu als täglich das amorphe Gefühl des
Steinrands hinter ihm, an dem seine Hand sich abnutzte. Ich war stehngeblieben,
und während ich das alles fast gleichzeitig sah, fühlte ich, dass er einen
anderen Hut hatte und eine ohne Zweifel sonntägliche Halsbinde; sie war schräg
in gelben und violetten Vierecken gemustert, und was den Hut angeht, so war es
ein billiger neuer Strohhut mit einem grünen Band. Es liegt natürlich nichts an
diesen Farben, und es ist kleinlich, dass ich sie behalten habe. Ich will nur
sagen, dass sie an ihm waren wie das Weicheste auf eines Vogels Unterseite. Er
selbst hatte keine Lust daran, und wer von allen (ich sah mich um) durfte
meinen, dieser Staat wäre um seinetwillen?
    Mein Gott, fiel es mir mit Ungestüm ein, so bist du also. Es gibt Beweise
für deine Existenz. Ich habe sie alle vergessen und habe keinen je verlangt,
denn welche ungeheuere Verpflichtung läge in deiner Gewissheit. Und doch, nun
wird mirs gezeigt. Dieses ist dein Geschmack, hier hast du Wohlgefallen. Dass wir
doch lernten, vor allem aushalten und nicht urteilen. Welche sind die schweren
Dinge? Welche die gnädigen? Du allein weisst es.
    Wenn es wieder Winter wird und ich muss einen neuen Mantel haben, - gieb mir,
dass ich ihn so trage, solang er neu ist.
Es ist nicht, dass ich mich von ihnen unterscheiden will, wenn ich in besseren,
von Anfang an meinigen Kleidern herumgehe und darauf halte, irgendwo zu wohnen.
Ich bin nicht so weit. Ich habe nicht das Herz zu ihrem Leben. Wenn mir der Arm
einginge, ich glaube, ich versteckte ihn. Sie aber (ich weiss nicht, wer sie
sonst war), sie erschien jeden Tag vor den Terrassen der Caféhäuser, und obwohl
es sehr schwer war für sie, den Mantel abzutun und sich aus dem unklaren Zeug
und Unterzeug herauszuziehen, sie scheute der Mühe nicht und tat ab und zog aus
so lange, dass mans kaum mehr erwarten konnte. Und dann stand sie vor uns,
bescheiden, mit ihrem dürren, verkümmerten Stück, und man sah, dass es rar war.
    Nein, es ist nicht, dass ich mich von ihnen unterscheiden will; aber ich
überhübe mich, wollte ich ihnen gleich sein. Ich bin es nicht. Ich hätte weder
ihre Stärke noch ihr Mass. Ich ernähre mich, und so bin ich von Mahlzeit zu
Mahlzeit, völlig geheimnislos; sie aber erhalten sich fast wie Ewige. Sie stehen
an ihren täglichen Ecken, auch im November, und schreien nicht vor Winter. Der
Nebel kommt und macht sie undeutlich und ungewiss: sie sind gleichwohl. Ich war
verreist, ich war krank, vieles ist mir vergangen: sie aber sind nicht
gestorben.
    6(Ich weiss ja nicht einmal, wie es möglich ist, dass die Schulkinder aufstehn
in den Kammern voll grauriechender Kälte; wer sie bestärkt, die überstürzten
Skelettchen, dass sie hinauslaufen in die erwachsene Stadt, in die trübe Neige
der Nacht, in den ewigen Schultag, immer noch klein, immer voll Vorgefühl, immer
verspätet. Ich habe keine Vorstellung von der Menge Beistand, die fortwährend
verbraucht wird.)
    Diese Stadt ist voll von solchen, die langsam zu ihnen hinabgleiten. Die
meisten sträuben sich erst; aber dann gibt es diese verblichenen, alternden
Mädchen, die sich fortwährend ohne Widerstand hinüberlassen, starke, im
Innersten ungebrauchte, die nie geliebt worden sind.
    Vielleicht meinst du, mein Gott, dass ich alles lassen soll und sie lieben.
Oder warum wird es mir so schwer, ihnen nicht nachzugehen, wenn sie mich
überholen? Warum erfind ich auf einmal die süssesten, nächtlichsten Worte, und
meine Stimme steht sanft in mir zwischen Kehle und Herz. Warum stell ich mir
vor, wie ich sie unsäglich vorsichtig an meinen Atem halten würde, diese Puppen,
mit denen das Leben gespielt hat, ihnen Frühling um Frühling für nichts und
wieder nichts die Arme auseinanderschlagend bis sie locker wurden in den
Schultern. Sie sind nie sehr hoch von einer Hoffnung gefallen, so sind sie nicht
zerbrochen; aber abgeschlagen sind sie und schon dem Leben zu schlecht. Nur
verlorene Katzen kommen abends zu ihnen in die Kammer und zerkratzen sie
heimlich und schlafen auf ihnen. Manchmal folge ich einer zwei Gassen weit. Sie
gehen an den Häusern hin, fortwährend kommen Menschen, die sie verdecken, sie
schwinden hinter ihnen weiter wie nichts.
    Und doch, ich weiss, wenn einer nun versuchte, sie liebzuhaben, so wären sie
schwer an ihm wie Zuweitgegangene, die aufhören zu gehn. Ich glaube, nur Jesus
ertrüge sie, der noch das Auferstehen in allen Gliedern hat; aber ihm liegt
nichts an ihnen. Nur die Liebenden verführen ihn, nicht die, die warten mit
einem kleinen Talent zur Geliebten wie mit einer kalten Lampe.
Ich weiss, wenn ich zum Äussersten bestimmt bin, so wird es mir nichts helfen, dass
ich mich verstelle in meinen besseren Kleidern. Glitt er nicht mitten im
Königtum unter die Letzten? Er, der statt aufzusteigen hinabsank bis auf den
Grund. Es ist wahr, ich habe zuzeiten an die anderen Könige geglaubt, obwohl die
Parke nichts mehr beweisen. Aber es ist Nacht, es ist Winter, ich friere, ich
glaube an ihn. Denn die Herrlichkeit ist nur ein Augenblick, und wir haben nie
etwas Längeres gesehen als das Elend. Der König aber soll dauern.
    Ist nicht dieser der Einzige, der sich erhielt unter seinem Wahnsinn wie
Wachsblumen unter einem Glassturz? Für die anderen beteten sie in den Kirchen um
langes Leben, von ihm aber verlangte der Kanzler Jean Charlier Gerson, dass er
ewig sei, und das war damals, als er schon der Dürftigste war, schlecht und von
schierer Armut trotz seiner Krone.
    Das war damals, als von Zeit zu Zeit Männer fremdlings, mit geschwärztem
Gesicht, ihn in seinem Bette überfielen, um ihm das in die Schwären
hineingefaulte Hemde abzureissen, das er schon längst für sich selber hielt. Es
war verdunkelt im Zimmer, und sie zerrten unter seinen steifen Armen die mürben
Fetzen weg, wie sie sie griffen. Dann leuchtete einer vor, und da erst
entdeckten sie die jäsige Wunde auf seiner Brust, in die das eiserne Amulett
eingesunken war, weil er es jede Nacht an sich presste mit aller Kraft seiner
Inbrunst; nun stand es tief in ihm, fürchterlich kostbar, in einem Perlensaum
von Eiter wie ein wundertuender Rest in der Mulde eines Reliquärs. Man hatte
harte Handlanger ausgesucht, aber sie waren nicht ekelfest, wenn die Würmer,
gestört, nach ihnen herüberstanden aus dem flandrischen Barchent und, aus den
Falten abgefallen, sich irgendwo an ihren Ärmeln aufzogen. Es war ohne Zweifel
schlimmer geworden mit ihm seit den Tagen der parva regina; denn sie hatte doch
noch bei ihm liegen mögen, jung und klar wie sie war. Dann war sie gestorben.
Und nun hatte keiner mehr gewagt, eine Beischläferin an dieses Aas anzubetten.
Sie hatte die Worte und Zärtlichkeiten nicht hinterlassen, mit denen der König
zu mildern war. So drang niemand mehr durch dieses Geistes Verwilderung; niemand
half ihm aus den Schluchten seiner Seele; niemand begriff es, wenn er selbst
plötzlich heraustrat mit dem runden Blick eines Tiers, das auf die Weide geht.
Wenn er dann das beschäftigte Gesicht Juvenals erkannte, so fiel ihm das Reich
ein, wie es zuletzt gewesen war. Und er wollte nachholen, was er versäumt hatte.
    Aber es lag an den Ereignissen jener Zeitläufte, dass sie nicht schonend
beizubringen waren. Wo etwas geschah, da geschah es mit seiner ganzen Schwere,
und war wie aus einem Stück, wenn man es sagte. Oder was war davon abzuziehen,
dass sein Bruder ermordet war, dass gestern Valentina Visconti, die er immer seine
liebe Schwester nannte, vor ihm gekniet hatte, lauter Witwenschwarz weghebend
von des entstellten Antlitzes Klage und Anklage? Und heute stand stundenlang ein
zäher, rediger Anwalt da und bewies das Recht des fürstlichen Mordgebers,
solange bis das Verbrechen durchscheinend wurde und als wollte es licht in den
Himmel fahren. Und gerecht sein hiess, allen recht geben; denn Valentina von
Orleans starb Kummers, obwohl man ihr Rache versprach. Und was half es, dem
burgundischen Herzog zu verzeihen und wieder zu verzeihen; über den war die
finstere Brunst der Verzweiflung gekommen, so dass er schon seit Wochen tief im
Walde von Argilly wohnte in einem Zelt und behauptete, nachts die Hirsche
schreien hören zu müssen zu seiner Erleichterung.
    Wenn man dann das alles bedacht hatte, immer wieder bis ans Ende, kurz wie
es war, so begehrte das Volk einen zu sehen, und es sah einen: ratlos. Aber das
Volk freute sich des Anblicks; es begriff, dass dies der König sei: dieser
Stille, dieser Geduldige, der nur da war, um es zuzulassen, dass Gott über ihn
weg handelte in seiner späten Ungeduld. In diesen aufgeklärten Augenblicken auf
dem Balkon seines Hôtels von Saint-Pol ahnte der König vielleicht seinen
heimlichen Fortschritt; der Tag von Roosbecke fiel ihm ein, als sein Oheim von
Berry ihn an der Hand genommen hatte, um ihn hinzuführen vor seinen ersten
fertigen Sieg; da überschaute er in dem merkwürdig langhellen Novembertag die
Massen der Genter, so wie sie sich erwürgt hatten mit ihrer eigenen Enge, da man
gegen sie angeritten war von allen Seiten. Ineinandergewunden wie ein
ungeheueres Gehirn, lagen sie da in den Haufen, zu denen sie sich selber
zusammengebunden hatten, um dicht zu sein. Die Luft ging einem weg, wenn man da
und dort ihre erstickten Gesichter sah; man konnte es nicht lassen, sich
vorzustellen, dass sie weit über diesen vor Gedränge noch stehenden Leichen
verdrängt worden sei durch den plötzlichen Austritt so vieler verzweifelter
Seelen.
    Dies hatte man ihm eingeprägt als den Anfang seines Ruhms. Und er hatte es
behalten. Aber, wenn das damals der Triumph des Todes war, so war dieses, dass er
hier stand auf seinen schwachen Knieen, aufrecht in allen diesen Augen: das
Mysterium der Liebe. An den anderen hatte er gesehen, dass man jenes Schlachtfeld
begreifen konnte, so ungeheuer es war. Dies hier wollte nicht begriffen sein; es
war genau so wunderbar wie einst der Hirsch mit dem goldenen Halsband im Wald
von Senlis. Nur dass er jetzt selber die Erscheinung war, und andere waren
versunken in Anschauen. Und er zweifelte nicht, dass sie atemlos waren und von
derselben weiten Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem jünglinglichen Jagdtag
überfiel, als das stille Gesicht, äugend, aus den Zweigen trat. Das Geheimnis
seiner Sichtbarkeit verbreitete sich über seine sanfte Gestalt; er rührte sich
nicht, aus Scheu, zu vergehen, das dünne Lächeln auf seinem breiten, einfachen
Gesicht nahm eine natürliche Dauer an wie bei steinernen Heiligen und bemühte
ihn nicht. So hielt er sich hin, und es war einer jener Augenblicke, die die
Ewigkeit sind, in Verkürzung gesehen. Die Menge ertrug es kaum. Gestärkt, von
unerschöpflich vermehrter Tröstung gespeist, durchbrach sie die Stille mit dem
Aufschrei der Freude. Aber oben auf dem Balkon war nur noch Juvenal des Ursins,
und er rief in die nächste Beruhigung hinein, dass der König rue Saint-Denis
kommen würde zu der Passionsbrüderschaft, die Mysterien sehen.
    Zu solchen Tagen war der König voll milden Bewusstseins. Hätte ein Maler
jener Zeit einen Anhalt gesucht für das Dasein im Paradiese, er hätte kein
vollkommeneres Vorbild finden können als des Königs gestillte Figur, wie sie in
einem der hohen Fenster des Louvre stand unter dem Sturz ihrer Schultern. Er
blätterte in dem Kleinen Buch der Christine de Pisan, das »Der Weg des langen
Lernens« heisst und das ihm gewidmet war. Er las nicht die gelehrten Streitreden
jenes allegorischen Parlaments, das sich vorgesetzt hatte, den Fürsten ausfindig
zu machen, der würdig sei, über die Welt zu herrschen. Das Buch schlug sich ihm
immer an den einfachsten Stellen auf: wo von dem Herzen die Rede war, das
dreizehn Jahre lang wie ein Kolben über dem Schmerzfeuer nur dazu gedient hatte,
das Wasser der Bitternis für die Augen zu destillieren; er begriff, dass die
wahre Konsolation erst begann, wenn das Glück vergangen genug und für immer
vorüber war. Nichts war ihm näher, als dieser Trost. Und während sein Blick
scheinbar die Brücke drüben umfasste, liebte er es, durch dieses von der starken
Cumäa zu grossen Wegen ergriffene Herz die Welt zu sehen, die damalige: die
gewagten Meere, fremdtürmige Städte, zugehalten vom Andruck der Weiten; der
gesammelten Gebirge ekstatische Einsamkeit und die in fürchtigem Zweifel
erforschten Himmel, die sich erst schlossen wie eines Saugkindes Hirnschale.
    Aber wenn jemand eintrat, so erschrak er, und langsam beschlug sich sein
Geist. Er gab zu, dass man ihn vom Fenster fortführte und ihn beschäftigte. Sie
hatten ihm die Gewohnheit beigebracht, stundenlang über Abbildungen zu
verweilen, und er war es zufrieden, nur kränkte es ihn, dass man im Blättern
niemals mehrere Bilder vor sich behielt und dass sie in den Folianten festsassen,
so dass man sie nicht untereinander bewegen konnte. Da hatte sich jemand eines
Spiels Karten erinnert, das völlig in Vergessenheit geraten war, und der König
nahm den in Gunst, der es ihm brachte; so sehr waren diese Kartons nach seinem
Herzen, die bunt waren und einzeln beweglich und voller Figur. Und während das
Kartenspielen unter den Hofleuten in Mode kam, sass der König in seiner
Bibliotek und spielte allein. Genau wie er nun zwei Könige nebeneinander
aufschlug, so hatte Gott neulich ihn und den Kaiser Wenzel zusammengetan;
manchmal starb eine Königin, dann legte er ein Herz-Ass auf sie, das war wie ein
Grabstein. Es wunderte ihn nicht, dass es in diesem Spiel mehrere Päpste gab; er
richtete Rom ein drüben am Rande des Tisches, und hier, unter seiner Rechten,
war Avignon. Rom war ihm gleichgültig, er stellte es sich aus irgendeinem Grunde
rund vor und bestand nicht weiter darauf. Aber Avignon kannte er. Und kaum
dachte er es, so wiederholte seine Erinnerung den hohen hermetischen Palast und
überanstrengte sich. Er schloss die Augen und musste tief Atem holen. Er fürchtete
bös zu träumen nächste Nacht.
    Im ganzen aber war es wirklich eine beruhigende Beschäftigung, und sie
hatten recht, ihn immer wieder darauf zu bringen. Solche Stunden befestigten ihn
in der Ansicht, dass er der König sei, König Karl der Sechste. Das will nicht
sagen, dass er sich übertrieb; weit von ihm war die Meinung, mehr zu sein als so
ein Blatt, aber die Gewissheit bestärkte sich in ihm, dass auch er eine bestimmte
Karte sei, vielleicht eine schlechte, eine zornig ausgespielte, die immer
verlor: aber immer die gleiche: aber nie eine andere. Und doch, wenn eine Woche
so hingegangen war in gleichmässiger Selbstbestätigung, so wurde ihm enge in ihm.
Die Haut spannte ihn um die Stirn und im Nacken, als empfände er auf einmal
seinen zu deutlichen Kontur. Niemand wusste, welcher Versuchung er nachgab, wenn
er dann nach den Mysterien fragte und nicht erwarten konnte, dass sie begännen.
Und war es einmal so weit, so wohnte er mehr rue Saint-Denis als in seinem Hôtel
von Saint-Pol.
    Es war das Verhängnisvolle dieser dargestellten Gedichte, dass sie sich
immerfort ergänzten und erweiterten und zu Zehntausenden von Versen anwuchsen,
so dass die Zeit in ihnen schliesslich die wirkliche war; etwa so, als machte man
einen Globus im Massstab der Erde. Die hohle Estrade, unter der die Hölle war und
über der, an einen Pfeiler angebaut, das geländerlose Gerüst eines Balkons das
Niveau des Paradieses bedeutete, trug nur noch dazu bei, die Täuschung zu
verringern. Denn dieses Jahrhundert hatte in der Tat Himmel und Hölle irdisch
gemacht: es lebte aus den Kräften beider, um sich zu überstehen.
    Es waren die Tage jener avignonesischen Christenheit, die sich vor einem
Menschenalter um Johann den Zweiundzwanzigsten zusammengezogen hatte, mit so
viel unwillkürlicher Zuflucht, dass an dem Platze seines Pontifikats, gleich nach
ihm, die Masse dieses Palastes entstanden war, verschlossen und schwer wie ein
äusserster Notleib für die wohnlose Seele aller. Er selbst aber, der kleine,
leichte, geistige Greis, wohnte noch im Offenen. Während er, kaum angekommen,
ohne Aufschub, nach allen Seiten hin rasch und knapp zu handeln begann, standen
die Schüsseln mit Gift gewürzt auf seiner Tafel; der erste Becher musste immer
weggeschüttet werden, denn das Stück Einhorn war missfarbig, wenn es der
Mundkämmerer daraus zurückzog. Ratlos, nicht wissend, wo er sie verbergen
sollte, trug der Siebzigjährige die Wachsbildnisse herum, die man von ihm
gemacht hatte, um ihn darin zu verderben; und er ritzte sich an den langen
Nadeln, mit denen sie durchstochen waren. Man konnte sie einschmelzen. Doch so
hatte er sich schon an diesen heimlichen Simulakern entsetzt, dass er, gegen
seinen starken Willen, mehrmals den Gedanken formte, er könnte sich selbst damit
tödlich sein und hinschwinden wie das Wachs am Feuer. Sein verminderter Körper
wurde nur noch trockener vom Grausen und dauerhafter. Aber nun wagte man sich an
den Körper seines Reichs; von Granada aus waren die Juden angestiftet worden,
alle Christlichen zu vertilgen, und diesmal hatten sie sich furchtbarere
Vollzieher erkauft. Niemand zweifelte, gleich auf die ersten Gerüchte hin, an
dem Anschlag der Leprosen; schon hatten einzelne gesehen, wie sie Bündel ihrer
schrecklichen Zersetzung in die Brunnen warfen. Es war nicht Leichtgläubigkeit,
dass man dies sofort für möglich hielt; der Glaube, im Gegenteil, war so schwer
geworden, dass er den Zitternden entsank und bis auf den Grund der Brunnen fiel.
Und wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom Blute. Zur Zeit seiner
abergläubischen Anwandlungen hatte er sich und seiner Umgebung das Angelus
verschrieben gegen die Dämonen der Dämmerung; und nun läutete man auf der ganzen
erregten Welt jeden Abend dieses kalmierende Gebet. Sonst aber glichen alle
Bullen und Briefe, die von ihm ausgingen, mehr einen Gewürzwein als einer
Tisane. Das Kaisertum hatte sich nicht in seine Behandlung gestellt, aber er
ermüdete nicht, es mit Beweisen seines Krankseins zu überhäufen; und schon
wandte man sich aus dem fernsten Osten an diesen herrischen Arzt.
    Aber da geschah das Unglaubliche. Am Allerheiligentag hatte er gepredigt,
länger, wärmer als sonst; in einem plötzlichen Bedürfnis, wie um ihn selbst
wiederzusehen, hatte er seinen Glauben gezeigt; aus dem fünfundachtzigjährigen
Tabernakel hatte er ihn mit aller Kraft langsam herausgehoben und auf der Kanzel
ausgestellt: und da schrieen sie ihn an. Ganz Europa schrie: dieser Glaube war
schlecht.
    Damals verschwand der Papst. Tagelang ging keine Aktion von ihm aus, er lag
in seinem Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis der Handelnden,
die Schaden nehmen an ihrer Seele. Endlich erschien er, erschöpft von der
schweren Einkehr, und widerrief. Er widerrief einmal über das andere. Es wurde
die senile Leidenschaft seines Geistes, zu widerrufen. Es konnte geschehen, dass
er nachts die Kardinäle wecken liess, um mit ihnen von seiner Reue zu reden. Und
vielleicht war das, was sein Leben über die Massen hinhielt, schliesslich nur die
Hoffnung, sich auch noch vor Napoleon Orsini zu demütigen, der ihn hasste und der
nicht kommen wollte.
    Jakob von Cahors hatte widerrufen. Und man könnte meinen, Gott selber hätte
seine Irrung erweisen wollen, da er so bald hernach jenen Sohn des Grafen von
Ligny aufkommen liess, der seine Mündigkeit auf Erden nur abzuwarten schien, um
des Himmels seelische Sinnlichkeiten mannbar anzutreten. Es lebten viele, die
sich dieses klaren Knaben in seinem Kardinalat erinnerten, und wie er am Eingang
seiner Jünglingschaft Bischof geworden und mit kaum achtzehn Jahren in einer
Ekstase seiner Vollendung gestorben war. Man begegnete Totgewesenen: denn die
Luft an seinem Grabe, in der, frei geworden, pures Leben lag, wirkte lange noch
auf die Leichname. Aber war nicht etwas Verzweifeltes selbst in dieser
frühreifen Heiligkeit? War es nicht ein Unrecht an allen, dass das reine Gewebe
dieser Seele nur eben durchgezogen worden war, als handelte es sich nur darum,
es in der garen Scharlachküpe der Zeit leuchtend zu färben? Empfand man nicht
etwas wie einen Gegenstoss, da dieser junge Prinz von der Erde absprang in seine
leidenschaftliche Himmelfahrt? Warum verweilten die Leuchtenden nicht unter den
mühsamen Lichtziehern? War es nicht diese Finsternis, die Johann den
Zweiundzwanzigsten dahin gebracht hatte, zu behaupten, dass es vor dem jüngsten
Gericht keine ganze Seligkeit gäbe, nirgends, auch unter den Seligen nicht? Und
in der Tat, wieviel rechtaberische Verbissenheit gehörte dazu, sich
vorzustellen, dass, während hier so dichte Wirrsal geschah, irgendwo Gesichter
schon im Scheine Gottes lagen, an Engel zurückgelehnt und gestillt durch die
unausschöpfliche Aussicht auf ihn.
Da sitze ich in der kalten Nacht und schreibe und weiss das alles. Ich weiss es
vielleicht, weil mir jener Mann begegnet ist, damals als ich klein war. Er war
sehr gross, ich glaube sogar, dass er auffallen musste durch seine Grösse.
    So unwahrscheinlich es ist, es war mir irgendwie gelungen, gegen Abend
allein aus dem Haus zu kommen; ich lief, ich bog um eine Ecke, und in demselben
Augenblick stiess ich gegen ihn. Ich begreife nicht, wie das, was jetzt geschah,
sich in etwa fünf Sekunden abspielen konnte. So dicht man es auch erzählt, es
dauert viel länger. Ich hatte mir weh getan im Anlauf an ihn; ich war klein, es
schien mir schon viel, dass ich nicht weinte, auch erwartete ich unwillkürlich,
getröstet zu sein. Da er das nicht tat, hielt ich ihn für verlegen; es fiel ihm,
vermutete ich, der richtige Scherz nicht ein, in dem diese Sache aufzulösen war.
Ich war schon vergnügt genug, ihm dabei zu helfen, aber dazu war es nötig, ihm
ins Gesicht zu sehen. Ich habe gesagt, dass er gross war. Nun hatte er sich nicht,
wie es doch natürlich gewesen wäre, über mich gebeugt, so dass er sich in einer
Höhe befand, auf die ich nicht vorbereitet war. Immer noch war vor mir nichts
als der Geruch und die eigentümliche Härte seines Anzugs, die ich gefühlt hatte.
Plötzlich kam sein Gesicht. Wie es war? Ich weiss es nicht, ich will es nicht
wissen. Es war das Gesicht eines Feindes. Und neben diesem Gesicht, dicht
nebenan, in der Höhe der schrecklichen Augen, stand, wie ein zweiter Kopf, seine
Faust. Ehe ich noch Zeit hatte, mein Gesicht wegzusenken, lief ich schon; ich
wich links an ihm vorbei und lief geradeaus eine leere, furchtbare Gasse
hinunter, die Gasse einer fremden Stadt, einer Stadt in der nichts vergeben
wird.
    Damals erlebte ich, was ich jetzt begreife: jene schwere, massive,
verzweifelte Zeit. Die Zeit, in der der Kuss zweier, die sich versöhnten, nur das
Zeichen für die Mörder war, die herumstanden. Sie tranken aus demselben Becher,
sie bestiegen vor aller Augen das gleiche Reitpferd, und es wurde verbreitet,
dass sie die Nacht in einem Bette schlafen würden: und über allen diesen
Berührungen wurde ihr Widerwillen aneinander so dringend, dass, sooft einer die
schlagenden Adern des andern sah, ein krankhafter Ekel ihn bäumte, wie beim
Anblick einer Kröte. Die Zeit, in der ein Bruder den Bruder um dessen grösseren
Erbteils willen überfiel und gefangenhielt; zwar trat der König für den
Misshandelten ein und erreichte ihm Freiheit und Eigentum; in anderen fernen
Schicksalen beschäftigt, gestand ihm der Ältere Ruhe zu und bereute in Briefen
sein Unrecht. Aber über alledem kam der Befreite nicht mehr zur Fassung. Das
Jahrhundert zeigt ihn im Pilgerkleid von Kirche zu Kirche ziehen, immer
wunderlichere Gelübde erfindend. Mit Amuletten behangen, flüstert er den Mönchen
von Saint-Denis seine Befürchtungen zu, und in ihren Registern stand lange die
hundertpfündige Wachskerze verzeichnet, die er für gut hielt, dem heiligen
Ludwig zu weihen. Zu seinem eigenen Leben kam es nicht; bis an sein Ende fühlte
er seines Bruders Neid und Zorn in verzerrter Konstellation über seinem Herzen.
Und jener Graf von Foix, Gaston Phöbus, der in aller Bewunderung war, hatte er
nicht seinen Vetter Ernault, des englischen Königs Hauptmann zu Lourdes, offen
getötet? Und was war dieser deutliche Mord gegen den grauenvollen Zufall, dass er
das kleine scharfe Nagelmesser nicht fortgelegt hatte, als er mit seiner berühmt
schönen Hand in zuckendem Vorwurf den blossen Hals seines liegenden Sohnes
streifte? Die Stube war dunkel, man musste leuchten, um das Blut zu sehen, das so
weit herkam und nun für immer ein köstliches Geschlecht verliess, da es heimlich
aus der winzigen Wunde dieses erschöpften Knaben austrat.
    Wer konnte stark sein und sich des Mordes entalten? Wer in dieser Zeit
wusste nicht, dass das Äusserste unvermeidlich war? Da und dort über einen, dessen
Blick untertags dem kostenden Blick seines Mörders begegnet war, kam ein
seltsames Vorgefühl. Er zog sich zurück, er schloss sich ein, er schrieb das Ende
seines Willens und verordnete zum Schluss die Trage aus Weidengeflecht, die
Cölestinerkutte und Aschenstreu. Fremde Minstrel erschienen vor seinem Schloss,
und er beschenkte sie fürstlich für ihre Stimme, die mit seinen vagen Ahnungen
einig war. Im Aufblick der Hunde war Zweifel, und sie wurden weniger sicher in
ihrer Aufwartung. Aus der Devise, die das ganze Leben lang gegolten hatte, trat
leise ein neuer, offener Nebensinn. Manche lange Gewohnheit kam einem veraltet
vor, aber es war, als bildete sich kein Ersatz mehr für sie. Stellten sich Pläne
ein, so ging man im grossen mit ihnen um, ohne wirklich an sie zu glauben;
dagegen griffen gewisse Erinnerungen zu einer unerwarteten Endgültigkeit.
Abends, am Feuerplatz, meinte man sich ihnen zu überlassen. Aber die Nacht
draussen, die man nicht mehr kannte, wurde auf einmal ganz stark im Gehör. Das an
so vielen freien oder gefährlichen Nächten erfahrene Ohr unterschied einzelne
Stücke der Stille.
    Und doch war es anders diesmal. Nicht die Nacht zwischen gestern und heute:
eine Nacht. Nacht. Beau Sire Dieu, und dann die Auferstehung. Kaum dass in solche
Stunden die Berühmung um eine Geliebte hineinreichte: sie waren alle verstellt
in Tagliedern und Diengedichten; unbegreiflich geworden unter langen
nachschleppenden Prunknamen. Höchstens, im Dunkel, wie das volle, frauige
Aufschaun eines Bastardsohns.
    Und dann, vor dem späten Nachtessen diese Nachdenklichkeit über die Hände in
dem silbernen Waschbecken. Die eigenen Hände. Ob ein Zusammenhang in das Ihre zu
bringen war? eine Folge, eine Fortsetzung im Greifen und Lassen? Nein. Alle
versuchten das Teil und das Gegenteil. Alle hoben sich auf, Handlung war keine.
    Es gab keine Handlung, ausser bei den Missionsbrüdern. Der König, so wie er
sie hatte sich gebärden sehn, erfand selbst den Freibrief für sie. Er redete sie
seine lieben Brüder an; nie war ihm jemand so nahegegangen. Es wurde ihnen
wörtlich bewilligt, in ihrer Bedeutung unter den Zeitlichen herumzugehen; denn
der König wünschte nichts mehr, als dass sie viele anstecken sollten und
hineinreissen in ihre starke Aktion, in der Ordnung war. Was ihn selbst betrifft,
so sehnte er sich, von ihnen zu lernen. Trug er nicht, ganz wie sie, die Zeichen
und Kleider eines Sinnes an sich? Wenn er ihnen zusah, so konnte er glauben,
dies müsste sich erlernen lassen: zu kommen und zu gehen, auszusagen und sich
abzubiegen, so dass kein Zweifel war. Ungeheuere Hoffnungen überzogen sein Herz.
In diesem unruhig beleuchteten, merkwürdig unbestimmten Saal des
Dreifaltigkeitshospitals sass er täglich an seinem besten Platz und stand auf vor
Erregung und nahm sich zusamm wie ein Schüler. Andere weinten; er aber war innen
voll glänzender Tränen und presste nur die kalten Hände ineinander, um es zu
ertragen. Manchmal im Äussersten, wenn ein abgesprochener Spieler plötzlich
wegtrat aus seinem grossen Blick, hob er das Gesicht und erschrak: seit wie lange
schon war Er da: Monseigneur Sankt Michaël, oben, vorgetreten an den Rand des
Gerüsts in seiner spiegelnden silbernen Rüstung.
    In solchen Momenten richtete er sich auf. Er sah um sich wie vor einer
Entscheidung. Er war ganz nahe daran, das Gegenstück zu dieser Handlung hier
einzusehen: die grosse, bange, profane Passion, in der er spielte. Aber auf
einmal war es vorbei. Alle bewegten sich ohne Sinn. Offene Fackeln kamen auf ihn
zu, und in die Wölbung hinauf warfen sich formlose Schatten. Menschen, die er
nicht kannte, zerrten an ihm. Er wollte spielen; aber aus seinem Mund kam
nichts, seine Bewegungen ergaben keine Gebärde. Sie drängten sich so
eigentümlich um ihn, es kam ihm die Idee, dass er das Kreuz tragen sollte. Und er
wollte warten, dass sie es brächten. Aber sie waren stärker, und sie schoben ihn
langsam hinaus.
Aussen ist vieles anders geworden. Ich weiss nicht wie. Aber innen und vor Dir,
mein Gott, innen vor Dir, Zuschauer: sind wir nicht ohne Handlung? Wir entdecken
wohl, dass wir die Rolle nicht wissen, wir suchen einen Spiegel, wir möchten
abschminken und das Falsche abnehmen und wirklich sein. Aber irgendwo haftet uns
noch ein Stück Verkleidung an, das wir vergessen. Eine Spur Übertreibung bleibt
in unseren Augenbrauen, wir merken nicht, dass unsere Mundwinkel verbogen sind.
Und so gehen wir herum, ein Gespött und eine Hälfte: weder Seiende, noch
Schauspieler.
Das war im Teater zu Orange. Ohne recht aufzusehen, nur im Bewusstsein des
rustiken Bruchs, der jetzt seine Fassade ausmacht, war ich durch die kleine
Glastür des Wächters eingetreten. Ich befand mich zwischen liegenden
Säulenkörpern und kleinen Altaeabäumen, aber sie verdeckten mir nur einen
Augenblick die offene Muschel des Zuschauerhangs, die dalag, geteilt von den
Schatten des Nachmittags, wie eine riesige konkave Sonnenuhr. Ich ging rasch auf
sie zu. Ich fühlte, zwischen den Sitzreihen aufsteigend, wie ich abnahm in
dieser Umgebung. Oben, etwas höher, standen, schlecht verteilt, ein paar Fremde
herum in müssiger Neugier; ihre Anzüge waren unangenehm deutlich, aber ihr
Massstab war nicht der Rede wert. Eine Weile fassten sie mich ins Auge und
wunderten sich über meine Kleinheit. Das machte, dass ich mich umdrehte.
    Oh, ich war völlig unvorbereitet. Es wurde gespielt. Ein immenses, ein
übermenschliches Drama war im Gange, das Drama dieser gewaltigen Szenenwand,
deren senkrechte Gliederung dreifach auftrat, dröhnend vor Grösse, fast
vernichtend und plötzlich massvoll im Übermass.
    Ich liess mich hin vor glücklicher Bestürzung. Dieses Ragende da mit der
antlitzhaften Ordnung seiner Schatten, mit dem gesammelten Dunkel im Mund seiner
Mitte, begrenzt, oben, von des Kranzgesimses gleichlockiger Haartracht: dies war
die starke, alles verstellende antikische Maske, hinter der die Welt zum Gesicht
zusammenschoss. Hier, in diesem grossen, eingebogenen Sitzkreis herrschte ein
wartendes, leeres, saugendes Dasein: alles Geschehen war drüben: Götter und
Schicksal. Und von drüben kam (wenn man hoch aufsah) leicht, über den Wandgrat:
der ewige Einzug der Himmel.
    Diese Stunde, das begreife ich jetzt, schloss mich für immer aus von unseren
Teatern. Was soll ich dort? Was soll ich vor einer Szene, in der diese Wand
(die Ikonwand der russischen Kirchen) abgetragen wurde, weil man nicht mehr die
Kraft hat, durch ihre Härte die Handlung durchzupressen, die gasförmige, die in
vollen schweren Öltropfen austritt. Nun fallen die Stücke in Brocken durch das
lochige Grobsieb der Bühnen und häufen sich an und werden weggeräumt, wenn es
genug ist. Es ist dieselbe ungare Wirklichkeit, die auf den Strassen liegt und in
den Häusern, nur dass mehr davon dort zusammenkommt, als sonst in einen Abend
geht.
    7(Lasst uns doch aufrichtig sein, wir haben kein Teater, so wenig wir einen
Gott haben: dazu gehört Gemeinsamkeit. Jeder hat seine besonderen Einfälle und
Befürchtungen, und er lässt den andern so viel davon sehen, als ihm nützt und
passt. Wir verdünnen fortwährend unser Verstehen, damit es reichen soll, statt zu
schreien nach der Wand einer gemeinsamen Not, hinter der das Unbegreifliche Zeit
hat, sich zu sammeln und anzuspannen.)
    Hätten wir ein Teater, stündest du dann, du Tragische, immer wieder so
schmal, so bar, so ohne Gestaltvorwand vor denen, die an deinem ausgestellten
Schmerz ihre eilige Neugier vergnügen? Du sahest, unsäglich Rührende, das
Wirklichsein deines Leidens voraus, in Verona damals, als du, fast noch ein
Kind, teaterspielend, lauter Rosen vor dich hieltst wie eine maskige
Vorderansicht, die dich gesteigert verbergen sollte.
    Es ist wahr, du warst ein Schauspielerkind, und wenn die Deinen spielten, so
wollten sie gesehen sein; aber du schlugst aus der Art. Dir sollte dieser Beruf
werden, was für Marianna Alcoforado, ohne dass sie es ahnte, die Nonnenschaft
war, eine Verkleidung, dicht und dauernd genug, um hinter ihr rückhaltlos elend
zu sein, mit der Inständigkeit, mit der unsichtbare Selige selig sind. In allen
Städten, wohin du kamst, beschrieben sie deine Gebärde; aber sie begriffen
nicht, wie du, aussichtsloser von Tag zu Tag, immer wieder eine Dichtung vor
dich hobst, ob sie dich berge. Du hieltest dein Haar, deine Hände, irgendein
dichtes Ding vor die durchscheinenden Stellen. Du hauchtest die an, die
durchsichtig waren; du machtest dich klein; du verstecktest dich, wie Kinder
sich verstecken, und dann hattest du jenen kurzen, glücklichen Auflaut, und
höchstens ein Engel hätte dich suchen dürfen. Aber, schautest du dann vorsichtig
auf, so war kein Zweifel, dass sie dich die ganze Zeit gesehen hatten, alle in
dem hässlichen, hohlen, äugigen Raum: dich, dich, dich und nichts anderes.
    Und es kam dich an, ihnen den Arm verkürzt entgegenzustrecken mit dem
Fingerzeichen gegen den bösen Blick. Es kam dich an, ihnen dein Gesicht zu
entreissen, an dem sie zehrten. Es kam dich an, du selber zu sein. Deinen
Mitspielern fiel der Mut; als hätte man sie mit einem Panterweibchen
zusammengesperrt, krochen sie an den Kulissen entlang und sprachen was fällig
war, nur um dich nicht zu reizen. Du aber zogst sie hervor und stelltest sie hin
und gingst mit ihnen um wie mit Wirklichen. Die schlappen Türen, die
hingetäuschten Vorhänge, die Gegenstände ohne Hinterseite drängten dich zum
Widerspruch. Du fühltest, wie dein Herz sich unaufhaltsam steigerte zu einer
immensen Wirklichkeit und, erschrocken, versuchtest du noch einmal die Blicke
von dir abzunehmen wie lange Fäden Altweibersommers -: Aber da brachen sie schon
in Beifall aus in ihrer Angst vor dem Äussersten: wie um im letzten Moment etwas
von sich abzuwenden, was sie zwingen würde, ihr Leben zu ändern.
Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr. Ach, dass sie sich überstünden und
Liebende würden. Um die Liebenden ist lauter Sicherheit. Niemand verdächtigt sie
mehr, und sie selbst sind nicht imstande, sich zu verraten. In ihnen ist das
Geheimnis heil geworden, sie schreien es im Ganzen aus wie Nachtigallen, es hat
keine Teile. Sie klagen um einen; aber die ganze Natur stimmt in sie ein: es ist
die Klage um einen Ewigen. Sie stürzen sich dem Verlorenen nach, aber schon mit
den ersten Schritten überholen sie ihn, und vor ihnen ist nur noch Gott. Ihre
Legende ist die der Byblis, die den Kaunos verfolgt bis nach Lykien hin. Ihres
Herzens Andrang jagte sie durch die Länder auf seiner Spur, und schliesslich war
sie am Ende der Kraft; aber so stark war ihres Wesens Bewegteit, dass sie,
hinsinkend, jenseits vom Tod als Quelle wiedererschien, eilend, als eilende
Quelle.
    Was ist anderes der Portugiesin geschehen: als dass sie innen zur Quelle
ward? Was dir, Heloïse? was euch, Liebenden, deren Klagen auf uns gekommen sind:
Gaspara Stampa; Gräfin von Die und Clara d'Anduze; Louise Labbé, Marceline
Desbordes, Elisa Mercoeur? Aber du, arme flüchtige Aïssé, du zögertest schon und
gabst nach. Müde Julie Lespinasse. Trostlose Sage des glücklichen Parks:
Marie-Anne de Clermont.
    Ich weiss noch genau, einmal, vorzeiten, zuhaus, fand ich ein Schmucketui; es
war zwei Hände gross, fächerförmig mit einem eingepressten Blumenrand im
dunkelgrünen Saffian. Ich schlug es auf: es war leer. Das kann ich nun sagen
nach so langer Zeit. Aber damals, da ich es geöffnet hatte, sah ich nur, woraus
diese Leere bestand: aus Samt, aus einem kleinen Hügel lichten, nicht mehr
frischen Samtes; aus der Schmuckrille, die, um eine Spur Wehmut heller, leer,
darin verlief. Einen Augenblick war das auszuhalten. Aber vor denen, die als
Geliebte zurückbleiben, ist es vielleicht immer so.
Blättert zurück in euren Tagebüchern. War da nicht immer um die Frühlinge eine
Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf? Es war Lust zum
Frohsein in euch, und doch, wenn ihr hinaustratet in das geräumige Freie, so
entstand draussen eine Befremdung in der Luft, und ihr wurdet unsicher im
Weitergehen wie auf einem Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber (das war es),
ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr; für euch war es bestenfalls eine
Fortsetzung. Während ihr wartetet, dass eure Seele teilnähme, empfandet ihr
plötzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die Möglichkeit, krank zu werden,
drang in euer offenes Vorgefühl. Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid, ihr
spanntet den Schal um die Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Schluss: und
dann standet ihr, herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem
einig zu sein. Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch. Ach,
hättet ihr müssen gestorben sein?
    Vielleicht. Vielleicht ist das neu, dass wir das überstehen: das Jahr und die
Liebe. Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die Tiere fühlen sich und
finden sich zueinander und sind es zufrieden. Wir aber, die wir uns Gott
vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden. Wir rücken unsere Natur
hinaus, wir brauchen noch Zeit. Was ist uns ein Jahr? Was sind alle? Noch eh wir
Gott angefangen haben, beten wir schon zu ihm: lass uns die Nacht überstehen. Und
dann das Kranksein. Und dann die Liebe.
    Dass Clémence de Bourges hat sterben müssen in ihrem Aufgang. Sie, die ohne
gleichen war; unter den Instrumenten, die sie wie keine zu spielen verstand, das
schönste, selber im mindesten Klang ihrer Stimme unvergesslich gespielt. Ihr
Mädchentum war von so hoher Entschlossenheit, dass eine flutende Liebende diesem
aufkommenden Herzen das Buch Sonette zueignen konnte, darin jeder Vers
ungestillt war. Louise Labbé fürchtete nicht, dieses Kind zu erschrecken mit der
Leidenslänge der Liebe. Sie zeigte ihr das nächtliche Steigen der Sehnsucht; sie
versprach ihr den Schmerz wie einen grösseren Weltraum; und sie ahnte, dass sie
mit ihrem erfahrenen Weh hinter dem dunkel erwarteten zurückblieb, von dem diese
Jünglingin schön war.
Mädchen in meiner Heimat. Dass die schönste von euch im Sommer an einem
Nachmittag in der verdunkelten Bibliotek sich das kleine Buch fände, das Jan
des Tournes 1556 gedruckt hat. Dass sie den kühlenden, glatten Band mitnähme
hinaus in den summenden Obstgarten oder hinüber zum Phlox, in dessen übersüsstem
Duft ein Bodensatz schierer Süssigkeit steht. Dass sie es früh fände. In den
Tagen, da ihre Augen anfangen, auf sich zu halten, während der jüngere Mund noch
imstande ist, viel zu grosse Stücke von einem Apfel abzubeissen und voll zu sein.
    Und wenn dann die Zeit der bewegteren Freundschaften kommt, Mädchen, dass es
euer Geheimnis wäre, einander Dika zu rufen und Anaktoria, Gyrinno und Attis.
Dass einer, ein Nachbar vielleicht, ein älterer Mann, der in seiner Jugend
gereist ist und längst als Sonderling gilt, euch diese Namen verriete. Dass er
euch manchmal zu sich einlüde, um seiner berühmten Pfirsiche willen oder wegen
der Ridingerstiche zur Equitation oben in weissen Gang, von denen so viel
gesprochen wird, dass man sie müsste gesehen haben.
    Vielleicht überredet ihr ihn zu erzählen. Vielleicht ist die unter euch, die
ihn erbitten kann, die alten Reisetagebücher hervorzuholen, wer kann es wissen?
Dieselbe, die es ihm eines Tags zu entlocken versteht, dass einzelne
Gedichtstellen der Sappho auf uns gekommen sind, und die nicht ruht bis sie
weiss, was fast ein Geheimnis ist: dass dieser zurückgezogene Mann es liebte,
zuzeiten seine Musse an die Übertragung dieser Versstücke zu wenden. Er muss
zugeben, dass er lange nicht mehr daran gedacht hat, und was da ist, versichert
er, sei nicht der Rede wert. Aber nun freut es ihn doch, vor diesen arglosen
Freundinnen, wenn sie sehr drängen, eine Strophe zu sagen. Er entdeckt sogar den
griechischen Wortlaut in seinem Gedächtnis, er spricht ihn vor, weil die
Übersetzung nichts gibt, seiner Meinung nach, und um dieser Jugend den schönen,
echten Bruch der massiven Schmucksprache zu zeigen, die in so starken Flammen
gebogen ward.
    Über dem allen erwärmt er sich wieder für seine Arbeit. Es kommen schöne,
fast jugendliche Abende für ihn, Herbstabende zum Beispiel, die sehr viel stille
Nacht vor sich haben. In seinem Kabinett ist dann lange Licht. Er bleibt nicht
immer über die Blätter gebeugt, er lehnt sich oft zurück, er schliesst die Augen
über einer wieder gelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut.
Nie war er der Antike so gewiss. Fast möchte er der Generationen lächeln, die sie
beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel, in dem sie gerne aufgetreten wären.
Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung jener frühen Welteinheit, die
etwas wie ein neues, gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen Arbeit war. Es
beirrt ihn nicht, dass jene konsequente Kultur mit ihren gewissermassen
vollzähligen Versichtbarungen für viele spätere Blicke ein Ganzes zu bilden
schien und ein im Ganzen Vergangenes. Zwar ward dort wirklich des Lebens
himmlische Hälfte an die halbrunde Schale des Daseins gepasst, wie zwei volle
Hemisphären zu einer heilen, goldenen Kugel zusammengehen. Doch dies war kaum
geschehen, so empfanden die in ihr eingeschlossenen Geister diese restlose
Verwirklichung nur noch als Gleichnis; das massive Gestirn verlor an Gewicht und
stieg auf in den Raum, und in seiner goldenen Rundung spiegelte sich
zurückhaltend die Traurigkeit dessen, was noch nicht zu bewältigen war.
    Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt und einsieht, bemerkt
er einen Teller mit Früchten auf der Fensterbank. Unwillkürlich greift er einen
Apfel heraus und legt ihn vor sich auf den Tisch. Wie steht mein Leben herum um
diese Frucht, denkt er. Um alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
    Und da, über dem Ungetanen, ersteht ihm, fast zu schnell, die kleine, ins
Unendliche hinaus gespannte Gestalt, die (nach Galiens Zeugnis) alle meinten,
wenn sie sagten: die Dichterin. Denn wie hinter den Werken des Herakles Abbruch
und Umbau der Welt verlangend aufstand, so drängten sich, gelebt zu werden, aus
den Vorräten des Seins an die Taten ihres Herzens die Seligkeiten und
Verzweiflungen heran, mit denen die Zeiten auskommen müssen.
    Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz, das bereit war, die ganze
Liebe zu leisten bis ans Ende. Es wundert ihn nicht, dass man es verkannte; dass
man in dieser überaus künftigen Liebenden nur das Übermass sah, nicht die neue
Masseinheit von Liebe und Herzleid. Dass man die Inschrift ihres Daseins auslegte
wie sie damals gerade glaubhaft war, dass man ihr endlich den Tod derjenigen
zuschrieb, die der Gott einzeln anreizt, aus sich hinauszulieben ohne
Erwiderung. Vielleicht waren selbst unter den von ihr gebildeten Freundinnen
solche, die es nicht begriffen: dass sie auf der Höhe ihres Handelns nicht um
einen klagte, der ihre Umarmung offen liess, sondern um den nicht mehr Möglichen,
der ihrer Liebe gewachsen war.
    Hier steht der Sinnende auf und tritt an sein Fenster, sein hohes Zimmer ist
ihm zu nah, er möchte Sterne sehen, wenn es möglich ist. Er täuscht sich nicht
über sich selbst. Er weiss, dass diese Bewegung ihn erfüllt, weil unter den jungen
Mädchen aus der Nachbarschaft die eine ist, die ihn angeht. Er hat Wünsche
(nicht für sich, nein, aber für sie); für sie versteht er in einer nächtlichen
Stunde, die vorübergeht, den Anspruch der Liebe. Er verspricht sich, ihr nichts
davon zu sagen. Es scheint ihm das Äusserste, allein zu sein und wach und um
ihretwillen zu denken, wie sehr im Recht jene Liebende war: wenn sie wusste, dass
mit der Vereinigung nichts gemeint sein kann, als ein Zuwachs an Einsamkeit;
wenn sie den zeitlichen Zweck des Geschlechtes durchbrach mit seiner unendlichen
Absicht. Wenn sie im Dunkel der Umarmungen nicht nach Stillung grub, sondern
nach Sehnsucht. Wenn sie es verachtete, dass von Zweien einer der Liebende sei
und einer Geliebter, und die schwachen Geliebten, die sie sich zum Lager trug,
an sich zu Liebenden glühte, die sie verliessen. An solchen hohen Abschieden
wurde ihr Herz zur Natur. Über dem Schicksal sang sie den firnen Lieblinginnen
ihr Brautlied; erhöhte ihnen die Hochzeit; übertrieb ihnen den nahen Gemahl,
damit sie sich zusammennähmen für ihn wie für einen Gott und auch noch seine
Herrlichkeit überstünden.
Einmal noch, Abelone, in den letzten Jahren fühlte ich dich und sah dich ein,
unerwartet, nachdem ich lange nicht an dich gedacht hatte.
    Das war in Venedig, im Herbst, in einem jener Salons, in denen Fremde sich
vorübergehend um die Dame des Hauses versammeln, die fremd ist wie sie. Diese
Leute stehen herum mit ihrer Tasse Tee und sind entzückt, sooft ein kundiger
Nachbar sie kurz und verkappt nach der Tür dreht, um ihnen einen Namen
zuzuflüstern, der venezianisch klingt. Sie sind auf die äussersten Namen gefasst,
nichts kann sie überraschen; denn so sparsam sie sonst auch im Erleben sein
mögen, in dieser Stadt geben sie sich nonchalant den übertriebensten
Möglichkeiten hin. In ihrem gewöhnlichen Dasein verwechseln sie beständig das
Ausserordentliche mit dem Verbotenen, so dass die Erwartung des Wunderbaren, die
sie sich nun gestatten, als ein grober, ausschweifender Ausdruck in ihre
Gesichter tritt. Was ihnen zu Hause nur momentan in Konzerten passiert oder wenn
sie mit einem Roman allein sind, das tragen sie unter diesen schmeichelnden
Verhältnissen als berechtigten Zustand zur Schau. Wie sie, ganz unvorbereitet,
keine Gefahr begreifend, von den fast tödlichen Geständnissen der Musik sich
anreizen lassen wie von körperlichen Indiskretionen, so überliefern sie sich,
ohne die Existenz Venedigs im geringsten zu bewältigen, der lohnenden Ohnmacht
der Gondeln. Nicht mehr neue Eheleute, die während der ganzen Reise nur
gehässige Repliken für einander hatten, versinken in schweigsame
Verträglichkeit; über den Mann kommt die angenehme Müdigkeit seiner Ideale,
während sie sich jung fühlt und den trägen Einheimischen aufmunternd zunickt mit
einem Lächeln, als hätte sie Zähne aus Zucker, die sich beständig auflösen. Und
hört man hin, so ergibt es sich, dass sie morgen reisen oder übermorgen oder
Ende der Woche.
    Da stand ich nun zwischen ihnen und freute mich, dass ich nicht reiste. In
kurzem würde es kalt sein. Das weiche, opiatische Venedig ihrer Vorurteile und
Bedürfnisse verschwindet mit diesen somnolenten Ausländern, und eines Morgens
ist das andere da, das wirkliche, wache, bis zum Zerspringen spröde, durchaus
nicht erträumte: das mitten im Nichts auf versenkten Wäldern gewollte,
erzwungene und endlich so durch und durch vorhandene Venedig. Der abgehärtete,
auf das Nötigste beschränkte Körper, durch den das nachtwache Arsenal das Blut
seiner Arbeit trieb, und dieses Körpers penetranter, sich fortwährend
erweiternder Geist, der stärker war als der Duft aromatischer Länder. Der
suggestive Staat, der das Salz und Glas seiner Armut austauschte gegen die
Schätze der Völker. Das schöne Gegengewicht der Welt, das bis in seine Zierate
hinein voll latenter Energien steht, die sich immer feiner vernervten -: dieses
Venedig.
    Das Bewusstsein, dass ich es kannte, überkam mich unter allen diesen sich
täuschenden Leuten mit so viel Widerspruch, dass ich aufsah, um mich irgendwie
mitzuteilen. War es denkbar, dass in diesen Sälen nicht einer war, der
unwillkürlich darauf wartete, über das Wesen dieser Umgebung aufgeklärt zu sein?
Ein junger Mensch, der es sofort begriff, dass hier nicht ein Genuss aufgeschlagen
war, sondern ein Beispiel des Willens, wie es nirgends anfordernder und strenger
sich finden liess? Ich ging umher, meine Wahrheit beunruhigte mich. Da sie mich
hier unter so vielen ergriffen hatte, brachte sie den Wunsch mit, ausgesprochen,
verteidigt, bewiesen zu sein. Die groteske Vorstellung entstand in mir, wie ich
im nächsten Augenblick in die Hände klatschen würde aus Hass gegen das von allen
zerredete Missverständnis.
    In dieser lächerlichen Stimmung bemerkte ich sie. Sie stand allein vor einem
strahlenden Fenster und betrachtete mich; nicht eigentlich mit den Augen, die
ernst und nachdenklich waren, sondern geradezu mit dem Mund, der dem offenbar
bösen Ausdruck meines Gesichtes ironisch nachahmte. Ich fühlte sofort die
ungeduldige Spannung in meinen Zügen und nahm ein gelassenes Gesicht an, worauf
ihr Mund natürlich wurde und hochmütig. Dann, nach kurzem Bedenken, lächelten
wir einander gleichzeitig zu.
    Sie erinnerte, wenn man will, an ein gewisses Jugendbildnis der schönen
Benedicte von Qualen, die in Baggesens Leben eine Rolle spielt. Man konnte die
dunkle Stille ihrer Augen nicht sehen ohne die klare Dunkelheit ihrer Stimme zu
vermuten. Übrigens war die Flechtung ihres Haars und der Halsausschnitt ihres
hellen Kleides so kopenhagisch, dass ich entschlossen war, sie dänisch anzureden.
    Ich war aber noch nicht nahe genug, da schob sich von der andern Seite eine
Strömung zu ihr hin; unsere gästeglückliche Gräfin selbst, in ihrer warmen,
begeisterten Zerstreuteit, stürzte sich mit einer Menge Beistand über sie, um
sie auf der Stelle zum Singen abzuführen. Ich war sicher, dass das junge Mädchen
sich damit entschuldigen würde, dass niemand in der Gesellschaft Interesse haben
könne, dänisch singen zu hören. Dies tat sie auch, sowie sie zu Worte kam. Das
Gedränge um die lichte Gestalt herum wurde eifriger; jemand wusste, dass sie auch
deutsch singe. »Und italienisch«, ergänzte eine lachende Stimme mit boshafter
Überzeugung. Ich wusste keine Ausrede, die ich ihr hätte wünschen können, aber
ich zweifelte nicht, dass sie widerstehen würde. Schon breitete sich eine
trockene Gekränkteit über die vom langen Lächeln abgespannten Gesichter der
Überredenden aus, schon trat die gute Gräfin, um sich nichts zu vergeben,
mitleidig und würdig einen Schritt ab, da, als es durchaus nicht mehr nötig war,
gab sie nach. Ich fühlte, wie ich blass wurde vor Enttäuschung; mein Blick füllte
sich mit Vorwurf, aber ich wandte mich weg, es lohnte nicht, sie das sehn zu
lassen. Sie aber machte sich von den andern los und war auf einmal neben mir.
Ihr Kleid schien mich an, der blumige Geruch ihrer Wärme stand um mich.
    »Ich will wirklich singen«, sagte sie auf dänisch meine Wange entlang,
»nicht weil sie's verlangen, nicht zum Schein: weil ich jetzt singen muss.«
    Aus ihren Worten brach dieselbe böse Unduldsamkeit, von welcher sie mich
eben befreit hatte.
    Ich folgte langsam der Gruppe, mit der sie sich entfernte. Aber an einer
hohen Tür blieb ich zurück und liess die Menschen sich verschieben und ordnen.
Ich lehnte mich an das schwarzspiegelnde Türinnere und wartete. Jemand fragte
mich, was sich vorbereite, ob man singen werde. Ich gab vor, es nicht zu wissen.
Während ich log, sang sie schon.
    Ich konnte sie nicht sehen. Es wurde allmählich Raum um eines jener
italienischen Lieder, die die Fremden für sehr echt halten, weil sie von so
deutlicher Übereinkunft sind. Sie, die es sang, glaubte nicht daran. Sie hob es
mit Mühe hinauf, sie nahm es viel zu schwer. An dem Beifall vorne konnte man
merken, wann es zu Ende war. Ich war traurig und beschämt. Es entstand einige
Bewegung, und ich nahm mir vor, sowie jemand gehen würde, mich anzuschliessen.
    Aber da wurde es mit einemmal still. Eine Stille ergab sich, die eben noch
niemand für möglich gehalten hätte; sie dauerte an, sie spannte sich, und jetzt
erhob sich in ihr die Stimme. (Abelone, dachte ich. Abelone.) Diesmal war sie
stark, voll und doch nicht schwer; aus einem Stück, ohne Bruch, ohne Naht. Es
war ein unbekanntes deutsches Lied. Sie sang es merkwürdig einfach, wie etwas
Notwendiges. Sie sang:
»Du, der ichs nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?
(kurze Pause und zögernd):
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.«
Wieder die Stille. Gott weiss, wer sie machte. Dann rührten sich die Leute,
stiessen aneinander, entschuldigten sich, hüstelten. Schon wollten sie in ein
allgemeines verwischendes Geräusch übergehen, da brach plötzlich die Stimme aus,
entschlossen, breit und gedrängt:
»Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.«
Niemand hatte es erwartet. Alle standen gleichsam geduckt unter dieser Stimme.
Und zum Schluss war eine solche Sicherheit in ihr, als ob sie seit Jahren gewusst
hätte, dass sie in diesem Augenblick würde einzusetzen haben.
    Manchmal früher fragte ich mich, warum Abelone die Kalorien ihres
grossartigen Gefühls nicht an Gott wandte. Ich weiss, sie sehnte sich, ihrer Liebe
alles Transitive zu nehmen, aber konnte ihr wahrhaftiges Herz sich darüber
täuschen, dass Gott nur eine Richtung der Liebe ist, kein Liebesgegenstand? Wusste
sie nicht, dass keine Gegenliebe von ihm zu fürchten war? Kannte sie nicht die
Zurückhaltung dieses überlegenen Geliebten, der die Lust ruhig hinausschiebt, um
uns, Langsame, unser ganzes Herz leisten zu lassen? Oder wollte sie Christus
vermeiden? Fürchtete sie, halben Wegs von ihm aufgehalten, an ihm zur Geliebten
zu werden? Dachte sie deshalb ungern an Julie Reventlow?
    Fast glaube ich es, wenn ich bedenke, wie an dieser Erleichterung Gottes
eine so einfältige Liebende wie Mechtild, eine so hinreissende wie Terese von
Avila, eine so wunde wie die Selige Rose von Lima, hinsinken konnte, nachgiebig,
doch geliebt. Ach, der für die Schwachen ein Helfer war, ist diesen Starken ein
Unrecht; wo sie schon nichts mehr erwarteten, als den unendlichen Weg, da tritt
sie noch einmal im spannenden Vorhimmel ein Gestalteter an und verwöhnt sie mit
Unterkunft und verwirtt sie mit Mannheit. Seines starkbrechenden Herzens Linse
nimmt noch einmal ihre schon parallelen Herzstrahlen zusamm, und sie, die die
Engel schon ganz für Gott zu erhalten hofften, flammen auf in der Dürre ihrer
Sehnsucht.
    8(Geliebtsein heisst aufbrennen. Lieben ist: Leuchten mit unerschöpflichem
Öle. Geliebtwerden ist vergehen, Lieben ist dauern.) Es ist gleichwohl möglich,
dass Abelone in späteren Jahren versucht hat, mit dem Herzen zu denken, um
unauffällig und unmittelbar mit Gott in Beziehung zu kommen. Ich könnte mir
vorstellen, dass es Briefe von ihr gibt, die an die aufmerksame innere
Beschauung der Fürstin Amalie Galitzin erinnern; aber wenn diese Briefe an
jemanden gerichtet waren, dem sie seit Jahren nahestand, wie mag der gelitten
haben unter ihrer Veränderung. Und sie selbst: ich vermute, sie fürchtete nichts
als jenes gespenstische Anderswerden, das man nicht merkt, weil man beständig
alle Beweise dafür, wie das Fremdeste, aus den Händen lässt.
Man wird mich schwer davon überzeugen, dass die Geschichte des verlorenen Sohnes
nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. Da er ein Kind
war, liebten ihn alle im Hause. Er wuchs heran, er wusste es nicht anders und
gewöhnte sich in ihre Herzweiche, da er ein Kind war.
    Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen. Er hätte es nicht sagen
können, aber wenn er draussen herumstrich den ganzen Tag und nicht einmal mehr
die Hunde mitaben wollte, so wars, weil auch sie ihn liebten; weil in ihren
Blicken Beobachtung war und Teilnahme, Erwartung und Besorgteit; weil man auch
vor ihnen nichts tun konnte, ohne zu freuen oder zu kränken. Was er aber damals
meinte, das war die innige Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal früh in
den Feldern mit solcher Reinheit ergriff, dass er, zu laufen begann, um nicht
Zeit und Atem zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in dem der Morgen
zum Bewusstsein kommt.
    Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens breitete sich vor ihm aus.
Unwillkürlich verliess er den Fusspfad und lief weiter feldein, die Arme
ausgestreckt, als könnte er in dieser Breite mehrere Richtungen auf einmal
bewältigen. Und dann warf er sich irgendwo hinter eine Hecke, und niemand legte
Wert auf ihn. Er schälte sich eine Flöte, er schleuderte einen Stein nach einem
kleinen Raubtier, er neigte sich vor und zwang einen Käfer umzukehren: dies
alles wurde kein Schicksal, und die Himmel gingen wie über Natur. Schliesslich
kam der Nachmittag mit lauter Einfällen; man war ein Bucanier auf der Insel
Tortuga, und es lag keine Verpflichtung darin, es zu sein; man belagerte
Campêche, man eroberte Vera-Cruz; es war möglich, das ganze Heer zu sein oder
ein Anführer zu Pferd oder ein Schiff auf dem Meer: je nachdem man sich fühlte.
Fiel es einem aber ein, hinzuknien, so war man rasch Deodat von Gozon und hatte
den Drachen erlegt und vernahm, ganz heiss, dass dieses Heldentum hoffährtig war,
ohne Gehorsam. Denn man ersparte sich nichts, was zur Sache gehörte. Soviel
Einbildungen sich aber auch einstellten, zwischendurch war immer noch Zeit,
nichts als ein Vogel zu sein, ungewiss welcher. Nur dass der Heimweg dann kam.
    Mein Gott, was war da alles abzulegen und zu vergessen; denn richtig
vergessen, das war nötig; sonst verriet man sich, wenn sie drängten. Wie sehr
man auch zögerte und sich umsah, schliesslich kam doch der Giebel herauf. Das
erste Fenster oben fasste einen ins Auge, es mochte wohl jemand dort stehen. Die
Hunde, in denen die Erwartung den ganzen Tag angewachsen war, preschten durch
die Büsche und trieben einen zusammen zu dem, den sie meinten. Und den Rest tat
das Haus. Man musste nur eintreten in seinen vollen Geruch, schon war das Meiste
entschieden. Kleinigkeiten konnten sich noch ändern; im ganzen war man schon
der, für den sie einen hier hielten; der, dem sie aus seiner kleinen
Vergangenheit und ihren eigenen Wünschen längst ein Leben gemacht hatten; das
gemeinsame Wesen, das Tag und Nacht unter der Suggestion ihrer Liebe stand,
zwischen ihrer Hoffnung und ihrem Argwohn, vor ihrem Tadel oder Beifall.
    So einem nützt es nichts, mit unsäglicher Vorsicht die Treppen zu steigen.
Alle werden im Wohnzimmer sein, und die Türe muss nur gehn, so sehen sie hin. Er
bleibt im Dunkel, er will ihre Fragen abwarten. Aber dann kommt das Ärgste. Sie
nehmen ihn bei den Händen, sie ziehen ihn an den Tisch, und alle, soviel ihrer
da sind, strecken sich neugierig vor die Lampe. Sie haben es gut, sie halten
sich dunkel, und auf ihn allein fällt, mit dem Licht, alle Schande, ein Gesicht
zu haben.
    Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen, das sie ihm zuschreiben,
und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden? Wird er sich teilen
zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen Betrug, der
sie ihm selber verdirbt? Wird er es aufgeben, das zu werden, was denen aus
seiner Familie, die nur noch ein schwaches Herz haben, schaden könnte?
    Nein, er wird fortgehen. Zum Beispiel während sie alle beschäftigt sind, ihm
den Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht erratenen Gegenständen, die
wieder einmal alles ausgleichen sollen. Fortgehen für immer. Viel später erst
wird ihm klar werden, wie sehr er sich damals vornahm, niemals zu lieben, um
keinen in die entsetzliche Lage zu bringen, geliebt zu sein. Jahre hernach fällt
es ihm ein und, wie andere Vorsätze, so ist auch dieser unmöglich gewesen. Denn
er hat geliebt und wieder geliebt in seiner Einsamkeit; jedesmal mit
Verschwendung seiner ganzen Natur und unter unsäglicher Angst um die Freiheit
des andern. Langsam hat er gelernt, den geliebten Gegenstand mit den Strahlen
seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren. Und er war
verwöhnt von dem Entzücken, durch die immer transparentere Gestalt der Geliebten
die Weiten zu erkennen, die sie seinem unendlichen Besitzen wollen auftat.
    Wie konnte er dann nächtelang weinen vor Sehnsucht, selbst so durchleuchtet
zu sein. Aber eine Geliebte, die nachgibt, ist noch lang keine Liebende. O,
trostlose Nächte, da er seine flutenden Gaben in Stücken wiederempfing, schwer
von Vergänglichkeit. Wie gedachte er dann der Troubadours, die nichts mehr
fürchteten als erhört zu sein. Alles erworbene und vermehrte Geld gab er dafür
hin, dies nicht noch zu erfahren. Er kränkte sie mit seiner groben Bezahlung,
von Tag zu Tag bang, sie könnten versuchen, auf seine Liebe einzugehen. Denn er
hatte die Hoffnung nicht mehr, die Liebende zu erleben, die ihn durchbrach.
    Selbst in der Zeit, da die Armut ihn täglich mit neuen Härten erschreckte,
da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen, da sich
überall an seinem Leibe Geschwüre aufschlugen wie Notaugen gegen die Schwärze
der Heimsuchung, da ihm graute vor dem Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte,
weil er seinesgleichen war: selbst da noch, wenn er sich besann, war es sein
grössestes Entsetzen, erwidert worden zu sein. Was waren alle Finsternisse
seiter gegen die dichte Traurigkeit jener Umarmungen, in denen sich alles
verlor. Wachte man nicht auf mit dem Gefühl, ohne Zukunft zu sein? Ging man
nicht sinnlos umher ohne Anrecht auf alle Gefahr? Hatte man nicht hundertmal
versprechen müssen, nicht zu sterben? Vielleicht war es der Eigensinn dieser
argen Erinnerung, die sich von Wiederkunft zu Wiederkunft eine Stelle erhalten
wollte, was sein Leben unter den Abfällen währen liess. Schliesslich fand man ihn
wieder. Und erst dann, erst in den Hirtenjahren, beruhigte sich seine viele
Vergangenheit.
    Wer beschreibt, was ihm damals geschah? Welcher Dichter hat die Überredung,
seiner damaligen Tage Länge zu vertragen mit der Kürze des Lebens? Welche Kunst
ist weit genug, zugleich seine schmale, vermantelte Gestalt hervorzurufen und
den ganzen Überraum seiner riesigen Nächte.
    Das war die Zeit, die damit begann, dass er sich allgemein und anonym fühlte
wie ein zögernd Genesender. Er liebte nicht, es sei denn, dass er es liebte, zu
sein. Die niedrige Liebe seiner Schafe lag ihm nicht an; wie Licht, das durch
Wolken fällt, zerstreute sie sich um ihn her und schimmerte sanft über den
Wiesen. Auf der schuldlosen Spur ihres Hungers schritt er schweigend über die
Weiden der Welt. Fremde sahen ihn auf der Akropolis, und vielleicht war er lange
einer der Hirten in den Baux und sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht
überstehen, das mit allem Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen
seines Sterns nicht zu bezwingen vermochte. Oder soll ich ihn denken zu Orange,
an das ländliche Triumphtor geruht? Soll ich ihn sehen im seelengewohnten
Schatten der Allyscamps, wie sein Blick zwischen den Gräbern, die offen sind wie
die Gräber Auferstandener, eine Libelle verfolgt?
    Gleichviel. Ich seh mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals die lange
Liebe zu Gott begann, die stille, ziellose Arbeit. Denn über ihn, der sich für
immer hatte verhalten wollen, kam noch einmal das anwachsende Nichtanderskönnen
seines Herzens. Und diesmal hoffte er auf Erhörung. Sein ganzes, im langen
Alleinsein ahnend und unbeirrbar gewordenes Wesen versprach ihm, dass jener, den
er jetzt meinte, zu lieben verstünde mit durchdringender, strahlender Liebe.
Aber während er sich sehnte, endlich so meisterhaft geliebt zu sein, begriff
sein an Fernen gewohntes Gefühl Gottes äussersten Abstand. Nächte kamen, da er
meinte, sich auf ihn zuzuwerfen in den Raum; Stunden voller Entdeckung, in denen
er sich stark genug fühlte, nach der Erde zu tauchen, um sie hinaufzureissen auf
der Sturmflut seines Herzens. Er war wie einer, der eine herrliche Sprache hört
und fiebernd sich vornimmt, in ihr zu dichten. Noch stand ihm die Bestürzung
bevor, zu erfahren, wie schwer diese Sprache sei; er wollte es nicht glauben
zuerst, dass ein langes Leben darüber hingehen könne, die ersten, kurzen
Scheinsätze zu bilden, die ohne Sinn sind. Er stürzte sich ins Erlernen wie ein
Läufer in die Wette; aber die Dichte dessen, was zu überwinden war, verlangsamte
ihn. Es war nichts auszudenken, was demütigender sein konnte als diese
Anfängerschaft. Er hatte den Stein der Weisen gefunden, und nun zwang man ihn,
das rasch gemachte Gold seines Glücks unaufhörlich zu verwandeln in das klumpige
Blei der Geduld. Er, der sich dem Raum angepasst hatte, zog wie ein Wurm krumme
Gänge ohne Ausgang und Richtung. Nun, da er so mühsam und kummervoll lieben
lernte, wurde ihm gezeigt, wie nachlässig und gering bisher alle Liebe gewesen
war, die er zu leisten vermeinte. Wie aus keiner etwas hatte werden können, weil
er nicht begonnen hatte, an ihr Arbeit zu tun und sie zu verwirklichen.
    In diesen Jahren gingen in ihm die grossen Veränderungen vor. Er vergass Gott
beinah über der harten Arbeit, sich ihm zu nähern, und alles, was er mit der
Zeit vielleicht bei ihm zu erreichen hoffte, war »sa patience de supporter une
âme«. Die Zufälle des Schicksals, auf die die Menschen halten, waren schon
längst von ihm abgefallen, aber nun verlor, selbst was an Lust und Schmerz
notwendig war, den gewürzhaften Beigeschmack und wurde rein und nahrhaft für
ihn. Aus den Wurzeln seines Seins entwickelte sich die feste, überwinternde
Pflanze einer fruchtbaren Freudigkeit. Er ging ganz darin auf, zu bewältigen,
was sein Binnenleben ausmachte, er wollte nichts überspringen, denn er zweifelte
nicht, dass in alledem seine Liebe war und zunahm. Ja, seine innere Fassung ging
so weit, dass er beschloss, das Wichtigste von dem, was er früher nicht hatte
leisten können, was einfach nur durchwartet worden war, nachzuholen. Er dachte
vor allem an die Kindheit, sie kam ihm, je ruhiger er sich besann, desto
ungetaner vor; alle ihre Erinnerungen hatten das Vage von Ahnungen an sich, und
dass sie als vergangen galten, machte sie nahezu zukünftig. Dies alles noch
einmal und nun wirklich auf sich zu nehmen, war der Grund, weshalb der
Entfremdete heimkehrte. Wir wissen nicht, ob er blieb; wir wissen nur, dass er
wiederkam.
    Die die Geschichte erzählt haben, versuchen es an dieser Stelle, uns an das
Haus zu erinnern, wie es war; denn dort ist nur wenig Zeit vergangen, ein wenig
gezählter Zeit, alle im Haus können sagen, wieviel. Die Hunde sind alt geworden,
aber sie leben noch. Es wird berichtet, dass einer aufheulte. Eine Unterbrechung
geht durch das ganze Tagwerk. Gesichter erscheinen an den Fenstern, gealterte
und erwachsene Gesichter von rührender Ähnlichkeit. Und in einem ganz alten
schlägt plötzlich blass das Erkennen durch. Das Erkennen? Wirklich nur das
Erkennen? - Das Verzeihen. Das Verzeihen wovon? - Die Liebe. Mein Gott: die
Liebe.
    Er, der Erkannte, er hatte daran nicht mehr gedacht, beschäftigt wie er war:
dass sie noch sein könne. Es ist begreiflich, dass von allem, was nun geschah, nur
noch dies überliefert ward: seine Gebärde, die unerhörte Gebärde, die man nie
vorher gesehen hatte; die Gebärde des Flehens, mit der er sich an ihre Füsse
warf, sie beschwörend, dass sie nicht liebten. Erschrocken und schwankend hoben
sie ihn zu sich herauf. Sie legten sein Ungestüm nach ihrer Weise aus, indem sie
verziehen. Es muss für ihn unbeschreiblich befreiend gewesen sein, dass ihn alle
missverstanden, trotz der verzweifelten Eindeutigkeit seiner Haltung.
Wahrscheinlich konnte er bleiben. Denn er erkannte von Tag zu Tag mehr, dass die
Liebe ihn nicht betraf, auf die sie so eitel waren und zu der sie einander
heimlich ermunterten. Fast musste er lächeln, wenn sie sich anstrengten, und es
wurde klar, wie wenig sie ihn meinen konnten.
    Was wussten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und er
fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht.
                            Ende der Aufzeichnungen
 
                                    Fussnoten
1 Ein Briefentwurf.
2 Im Manuskript an den Rand geschrieben.
3 Der Tod, der Tod.
4 Im Manuskript an den Rand geschrieben.
5 Im Manuskript an den Rand geschrieben.
6 Im Manuskript an den Rand geschrieben.
7 Im Manuskript an den Rand geschrieben.
8 Im Manuskript an den Rand geschrieben.
 
    